

Vorwort.










Wie komme ich wohl dazu, dem Publikum zuzumuthen, daß es sich meine Erlebnisse erzählen lassen soll? Und worauf gründe ich denn die Meinung, daß meine Persönlichkeit ein öffentliches Interesse haben könne? Diese Fragen zu beantworten, ist ein Vorwort nöthig, welches zugleich ein Fürwort sein soll.
Es ist wahr, die Natur hat mich nicht mit einem glänzenden Talente begabt und es ist mir nicht gelungen, etwas Außerordentliches zu leisten. Aber meine Eigenthümlichkeit besteht in einer nicht ganz gewöhnlichen Temperatur einiger Anlagen, vermöge deren meine Leistungen auch nicht dem Gemeinen und Alltäglichen angehören. Durch ein gewisses Gleichgewicht unter den geistigen Richtungen auf das Einzelne und auf das Ganze, unter den empirischen und den rein wissenschaftlichen Bestrebungen, ist es mir möglich geworden, einige Arbeiten zu liefern, die mir in der Literargeschichte unseres Jahrhunderts einen ziemlich ehrenvollen Platz zusichern, so daß wohl auch der spätere Literator gern etwas Näheres über meine Persönlichkeit erfahren wird. Auch bin ich so glücklich gewesen, durch ein gewisses Ebenmaß von Urtheilskraft und Gemüth, sowie von Beachtung des geistigen Gehaltes und der sinnlichen Form manchen Freund sowohl in der Nähe als auch in der Ferne zu gewinnen, der nach meinem Tode gern etwas von mir über mich[1]  hören wird; und da meine schriftstellerischen Arbeiten zurückbleiben, so darf ich hoffen, daß sie mir auch künftig noch hin und wieder ein gleiches Wohlwollen zuwenden werden.
Was sodann das praktische Leben anlangt, so bin ich nicht zu großen Dingen gemacht, habe sie auch nicht erstrebt, eben so wenig bin ich durch die Umstände in eine dazu erforderliche Stellung gebracht worden, sondern habe, wie es die an sich unscheinbare Lage eines akademischen Lehrers mit sich bringt, mehr ein Stillleben ohne beträchtliche Verwickelungen geführt. Doch ist meine Lebensbahn auch nicht ganz einförmig gewesen, vielmehr bin ich in mannichfaltige, zum Theil selbst interessante Verhältnisse gekommen. Können meine Schilderungen sich nicht in die Reihe der Memoiren stellen, so werden sie doch einzelne Züge zu einem Bilde der Zeit und der Oertlichkeiten darbieten, wie man sie aus dem Fenster eines bescheidenen Wohnstübchens erschaut. Ich bin mit manchem bedeutenden Manne zusammengetroffen, und es wird, glaube ich, nicht ganz gleichgültig sein, wenn auch ich berichte, wie er mir erschienen ist. Was aber diejenigen Personen betrifft, deren Namen hier zuerst zu literarischer Oeffentlichkeit kommen, so sind es mehr oder weniger ausgezeichnete Charaktere, deren Bekanntschaft interessiren wird.
Mag nun, zumal da selbst mein inneres Leben wenig Schwankungen darbietet, vielmehr als die einfache Entwickelung des natürlichen Keims sich darstellt, meine Biographie einem kleinen Genrebilde gleich gesetzt werden, so bemerke ich, daß ja auch ein solches zwischen großen historischen Gemälden auf seinem bescheidenen Plätzchen geduldet wird, falls es nur das Gepräge der Wahrheit trägt. Ich glaube aber in der That, durch ein richtiges Verhältniß zwischen Selbstgefühl und idealer Anschauung in den Stand gesetzt zu sein, mich zum Gegenstande wirklicher Erkenntniß zu machen und mich, wenigstens im Wesentlichen, wahrhaft zu schildern, wie ich bin. Denn bei einer sehr mäßigen Eitelkeit macht es die Selbstachtung mir zur Ehrensache, meine Mängel eben so offen zu bekennen, als meine guten Seiten unbefangen zu schildern. Mein Ehrgefühl gebot mir, mich immer so zu geben, wie ich war, damit man nicht[2]  eine bessere Meinung von mir hege, als ich zu verdienen glaubte; ein zu günstiges Urtheil hat mich stets unangenehm berührt, weil ich mich dabei vor mir selbst schämen mußte. Eben so habe ich ungerechte Urtheile über mich mit ziemlichem Gleichmuthe ertragen: galten sie meinem wissenschaftlichen Wirken, so stützte ich mich auf das Bewußtsein, das Rechte gewollt und so viel ausgerichtet zu haben, als mir unter den gegebenen Verhältnissen möglich gewesen war und verließ mich darauf, daß Andere über den Werth oder Unwerth meiner Leistungen mit Unbefangenheit urtheilen würden; traute man mir aber im geselligen Leben etwas zu, was meiner unwürdig war, so konnte ich meinen Stolz nur schwer überwinden, um etwas zu meiner Rechtfertigung zu sagen. Bei solcher Sinnesweise bin ich wohl befähigt, einen wahrhaften Bericht über mich abzustatten, wobei eine reichhaltige Sammlung von Briefen meinem Gedächtnisse zu Hülfe kommt, und wie ein Bild, selbst von einem gleichgültigen Gegenstande und von keiner Meisterhand gezeichnet, nicht werthlos ist, sobald es nur das volle Gepräge der Wahrheit trägt, so wird auch die treue Schilderung meines Lebens nicht ohne Interesse für Den sein, der die mannichfaltigen Charaktere und die Wendungen ihres Geschickes zu beobachten gewohnt ist, um dadurch seine Ansichten vom Menschenleben zu vervollständigen: das lebenstreue Bild einer Menschenseele hat immer etwas Anziehendes, und im Knäuel der Ereignisse den fortlaufenden Faden des Lebensganges zu erkennen, gewährt große Befriedigung. Indem ich nun meine, daß meine Selbstbiographie für den Psychologen einigen Werth haben wird, sehe ich nicht ein, warum nicht Mancher auch Nutzen daraus schöpfen und aufgefordert werden könnte, in der einen Hinsicht meinem Beispiele zu folgen und in der andern sich dadurch warnen zu lassen.

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Daß man nicht Worte von sich macht, während man noch Kraft zu wirken hat, und sein Leben nicht beschreibt, ehe man dem Ziele nahe ist, scheint mir ganz natürlich. Deßhalb konnte ich dem Professor Friedländer nicht willfahren, als er im Jahre 1832 Materialien zu meiner Biographie für das Conversationslexikon[3]  der Gegenwart von mir verlangte; ja, sein von Wohlwollen dictirtes Unternehmen war mir unangenehm, wie ich denn auch den Artikel ungelesen ließ, bis mich fünf Jahre später der Verleger meiner Anthropologie nöthigte, von ihm, als einem diesem Buche vorausgeschickten Empfehlungsbriefe, Kenntniß zu nehmen. Erst jetzt, wo nur noch die Erinnerung mich an das Leben bindet, bin ich in der Verfassung, dasselbe zu beschreiben. Diese Beschreibung soll aber erst nach meinem Tode veröffentlicht werden, damit ich ganz unbefangen über mich sprechen kann; denn wer wird wohl den Menschen, unter denen er noch lebend einher wandelt, sich ganz rücksichtslos preisgeben wollen?
Diese Behauptungen und Versicherungen mögen zu meiner vorläufigen Legitimation hinreichen; die Schrift selbst muß beweisen, ob ich Beruf dazu gehabt oder sie nur abgefaßt habe, um nach meinem Tode in der literarischen Welt noch eine Zeit lang spuken zu gehen.
Vor Grübeleien über den Gang meiner Geistesbildung werde ich mich hüten, da ich weiß, wie leicht man sich hier täuscht, indem man von seinem gegenwärtigen Standpuncte aus auf frühere Zustände schließt; ich werde vielmehr eine einfache Erzählung geben und am Schlusse eine Darstellung meiner gesammten Individualität versuchen.
Daß ich nicht bisweilen zu weitschweifig sein werde, will ich nicht verbürgen. Denn bisher ist mir zwar dieser Fehler fremd gewesen; wenn aber ein Alter über seine Jugend spricht, wird es ihm oft zu schwer, zu unterscheiden, ob etwas, das für ihn großes Interesse hat, Andern nicht langweilig vorkommt, zumal wenn er als Psycholog erkennt, daß manche kleine Züge auch zur vollständigen Schilderung des Charakters gehören und daß unbedeutend scheinende Umstände auf die Bildung und den Gang des Lebens oftmals großen Einfluß ausüben. Hat also der Leser mir einmal ein günstiges Ohr geliehen, so möge er auch die vielleicht hin und wieder auftretende Geschwätzigkeit mit schonender Nachsicht beurtheilen.[4] 



1. Abstammung.










[5] Es liegt im Geiste unserer Zeit, daß man es dem Adel, als dem gebornen Vertreter des conservativen Princips, überläßt, das Andenken seiner Vorfahren zu erhalten. Man ist nämlich zu viel mit der Gegenwart beschäftigt, zu sehr im Fortschreiten begriffen, als daß man sich um die guten Alten, die im Vergleiche mit uns so weit zurück waren, viel bekümmern könnte; was aber die Nachkommen betrifft, so denkt man nur an ihr Fortkommen, hält es also auch nicht der Mühe für werth, die Erinnerung an ihre Voreltern auf sie fortzupflanzen. Vormals war es viel häufiger, daß auch der Bürgerliche etwas von seinen Ahnen wußte, und es ist auch, wie mich dünkt, sehr erklärlich, daß der Mensch, wie er überall von den Erscheinungen auf die Ursachen zurückgeht, auch so viel als möglich von seiner Abstammung zu erfahren begehrt. In Esthland hatten die Bauern nur Vornamen, denen zur nähern Bezeichnung statt der Familiennamen der Name des Gutes, zu welchem sie gehörten, oder des Platzes, wo ihre Hütte stand, zugesetzt wurde. Mein Freund, Probst Roth zu Kannapäh, stellte seiner Gemeinde vor, daß es des Menschen würdiger sei, das Andenken der Vorfahren durch Vererbung ihrer Namen zu ehren, als sich gleich einer Sache nach den zufälligen äußeren Verhältnissen nennen zu lassen, und diese Vorstellung war für die Leute so[5]  einleuchtend, daß sie sämmtlich Familiennamen verlangten, die sie jedoch nicht selbst sich beizulegen wagten, sondern die sie nur von Dem, der ihnen das Reich des Uebersinnlichen aufschloß, empfangen wollten, wo denn der gute Probst Mühe hatte, aus der Naturgeschichte genug Namen für sie in der esthnischen Sprache zu finden. Wie nun der Mensch beim ersten Schritte zur Cultur es zur Bezeichnung seiner Persönlichkeit für nothwendig erachtet, den Namen seines eigenen Stammes zu tragen und fortzupflanzen, so wird er beim Fortschreiten in der Bildung auch dessen Geschichte zu erfahren und auf die Nachkommen überzutragen suchen. Im vorigen Jahrhunderte besaßen manche Familien eine große Bibel, in welcher der Hausvater den Tag der Geburt, der Verheirathung und des Todes der Seinigen verzeichnete, da er mit allen diesen Ereignissen religiöse Vorstellungen verband, und mit der Bibel wurde diese Sammlung von Nachrichten auf die Kinder vererbt; dies hat jetzt aufgehört, da das Erbstück einer solchen Familienbibel verschwunden, auch die Beziehung menschlicher Schicksale auf die Religion seltner geworden ist. Sodann wurden vormals Begebenheiten von besonderer Wichtigkeit, namentlich Promotionen, Hochzeiten und Todesfälle häufig durch gedruckte Gedichte oder auch Reden gefeiert, so daß dadurch eine Urkundensammlung für die Familiengeschichte gewonnen wurde. Dergleichen Carmina schrumpften aus ihrem anfänglichen Folio nach und nach in Quart, dann in Octav zusammen und wichen endlich den simpeln prosaischen Anzeigen auf offenen Karten, welche in neuester Zeit, ohne darum an Inhalt zu gewinnen, wieder zu Octavdoppelblättern sich ausdehnen und das, was sie veröffentlichen sollen, in Form eines versiegelten Billets der Person, auf welche die Adresse lautet, anvertrauen: jene Karten finden neben den Besuchskarten ihren Platz und verschwinden mit diesen, wenn die Ueberfüllung aufzuräumen gebietet; die Billets aber gehen nebst den ähnlichen Einladungen zu einem Diner, wenn dieses vorüber ist, noch früher im Strome der Zeit unter.
Ich habe nun vor den meisten meiner Zeitgenossen, namentlich vor den Jüngern derselben, den Vortheil voraus, daß[6]  ein vom Jahre 1638 anhebendes Geschlechtsregister und eine mit dem Jahre 1723 beginnende Sammlung von Familiengedichten mir vorliegt. Hiernach hatte denn Simon Burdach, ein Bauer zu Rußdorf bei Crossen, einen Sohn, Namens Andreas, welcher 1638 geboren, 1665 Pfarrer zu Kohlo in der Niederlausitz wurde und 1723 starb. Als Probe der damals üblichen Formen setze ich von einem der vier dem Verstorbenen gewidmeten Gedichte den Titel mit Hinweglassung der Lapidarform her: »Mit seiner erwiesenen Freudigkeit im Tode wolte Tit. pleniss. Herr Andreas Burdach, Hochverdienter Seelen-Sorger der Christlichen Kirch-Gemeinde zu Kohlo bei Guben, und der gesambten Priester-Fraternitaet in der Gubenschen Dioecese würdiger Senior, bei seinem vorhin sehnlichst verlangten und nun nach bereits zurückgelegten 85sten Jahre seines rühmlichen Lebens und 58sten seines treu geführten Ambtes auf eine dreitägige Niederlage d. 13. Januar. Anno 1723 erfolgten seligen Ausgange aus dieser Welt seine hinterlassene betrübte Wittwe und sämbtlichen Kinder auffrichten, auch unter diesen besonders seinen Amts-Substitutum und Sohn befriedigen, welches zum Ruhm des selig Verstorbenen hierdurch entdecket wird von dem letzerwehnten«.

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Der Verfasser dieses Gedichtes, Johann Christian, der sechs Brüder und vier Schwestern hatte, wurde der Nachfolger seines Vaters, feierte 1761 sein Amtsjubiläum, wobei außer zwölf andern Gedichten auch eines von ihm selbst erschien, hatte zehn Kinder und starb 1770. Sein Sohn Johann, Andreas Gottfried folgte ihm im Amte, und auch dieser hatte nach seinem 1804 erfolgten Tode wieder einen Sohn, Christian Gottfried Heinrich, der 1823 starb, zum Nachfolger im Amte, so daß die Pfarre zu Kohlo 158 Jahre hindurch durch die Familie Burdach besetzt war und vom Vater auf den Sohn überging.
Mein Vater, Daniel Christian, Sohn des Pfarrers Johann Christian, 1739 geboren, studirte 1761 bis 1766 in Leipzig und 1767 in Berlin (unter Meckel, Walter und Gerhard) Medicin, habilitirte sich hierauf als Docent an der[7]  Universität Leipzig durch Vertheidigung seiner Dissertation de vi aeris in sono und wurde 1768 Doctor der Medicin; seine Inauguraldissertation, de laesione partium foetus nutritioni inservientium, abortus causa, mit zwei Kupfertafeln, ist in Schlegels sylloge operum minorum praestantiorum ad artem obstetrtiam spectantium (Vol. II. p. 195-222) abgedruckt. Nach Allem, was ich von seinen Collegen und sonst im Publikum über ihn gehört habe, war er wegen seiner Rechtschaffenheit und Geschicklichkeit hoch geachtet. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, daß er ungemein wohlwollend, in hohen Grade uneigennützig, Andern nach Kräften zu helfen stets bereit war und nicht selten durch die Folgen seiner Gutmüthigkeit in Verlegenheit gesetzt wurde; so z.B. wurde er eines Tages, als er auf dem anatomischen Theater allein arbeitete, von einem preußischen Soldaten, der, um zu desertiren, sich nach einem Verstecke umsah, flehentlich um die Erlaubniß gebeten, sich hier verbergen zu dürfen, indem die Truppen, welche Leipzig besetzt gehalten hatten, am folgenden Tage abmarschiren würden; er gab aus Mitleid nach, mußte aber, da die Truppen wider Erwarten noch mehrere Tage in Leipzig blieben und den zahlreichen Deserteurs streng nachgeforscht wurde, in großer Besorgniß, sein Geheimniß zu verrathen, den Menschen so lange eigenhändig verpflegen. Ebenso erfuhr ich, daß er mit einem heitern Sinne und mit Empfänglichkeit für die Freuden des Lebens ein tiefes religiöses Gefühl verband, auch von einem, dem Verstande unbegreiflichen, innern Zusammenhange der scheinbar von einander ganz unabhängigen Begebenheiten überzeugt war, wie er denn namentlich über bestimmte Vorzeichen von Ereignissen mehrere Erfahrungen gemacht zu haben glaubte; daß er endlich sowohl im Studium seiner Wissenschaft sehr eifrig, als auch in seinem Wirkungskreise als Lehrer und Arzt außerordentlich thätig war. Er beschäftigte sich unter Anderem auch viel mit Anatomie und hielt über diese, sowie über Geburtshülfe, Vorlesungen, in welchen er als Privatdocent freilich nur Chirurgen (damalige Barbiergesellen) zu Zuhörern haben konnte. Auch gab er (Leipzig 1776) »Levrets Versuch über[8]  den Mißbrauch der allgemeinen Grundsätze und wider die Vorurtheile in der Hebammenkunst« und »Paulins Beobachtungen aus der Arzneikunst« übersetzt und mit Anmerkungen versehen heraus.
Im Jahre 1768 verheirathete er sich mit Karoline Sophie Koch, Tochter eines Pächters, nachmaligen Gutsbesitzers in dem drei Meilen von Leipzig gelegenen Städtchen Brehna.
Unter den beiden Familien, die hierdurch mit einander in Verbindung traten, fand eine bedeutende Verschiedenheit Statt. Die Burdachs, deren Geschlecht seinen Wohnsitz meist in solchen Gegenden der Niederlausitz hatte, deren sandiger Boden nur spärliche Früchte gewährt und der Entwickelung körperlicher Stärke weniger günstig ist, waren meist nur von mittlerer Größe, schmächtig, nicht muskelstark, aber rührig, von mildem, freundlichem Sinne; bei geistiger Regsamkeit strebten sie nicht nach Reichthum und blieben den Welthändeln fremd; die Begabteren unter ihnen richteten ihr Studium vornehmlich auf Religion und Naturwissenschaft und wurden meist Geistliche oder Schullehrer, Aerzte oder Apotheker, während die minder Fähigen mit einem bescheidenen Handwerke sich begnügten. Das Kochsche Geschlecht dagegen, meist in einer fruchtbaren Ebene mit reichem Weizenboden lebend, zeichnete sich im Ganzen genommen durch hohen Wuchs, kräftigen Körperbau, eine gewisse Derbheit und Lebhaftigkeit, die leicht in Heftigkeit überging, und Tüchtigkeit für das Geschäftsleben aus; die Mehrzahl seiner Glieder bestand aus Landwirthen, Rechtsgelehrten und Beamten. Konnte dieses Geschlecht von ersterem einer leidenschaftlichen Hitze und Unzartheit beschuldigt werden, so durfte es demselben dagegen einen Mangel an Energie vorwerfen. Ich finde die Grundzüge meiner Individualität in der väterlichen Abstammung, unter dem Einflusse des Familiencharakters von mütterlicher Seite.


Die glückliche Ehe meiner Eltern dauerte nur acht Jahre. Mein Vater hatte eine Wunde an seinem Fuße vernachlässigt, die zu einem bösartigen Geschwüre ausartete und ein Brustleiden zur Folge hatte, zu welchem ein zu frühzeitiges und zu lebhaft[9]  betriebenes Flötenblasen den ersten Grund gelegt haben mochte. Seine Collegen riethen, wie mir einer derselben bekannte, den damals in der Medicin gangbaren Grundsätzen gemäß, nur zu Blut reinigenden, Säfte verdünnenden und schwächenden Mitteln, unter deren fortgesetztem Gebrauche sich die Hektik ausbildete. Er starb als Weiser. Am Abende des dritten Juni 1777 sagte er meiner Mutter, daß er in dieser Nacht noch sterben werde, tröstete sie durch Hinweisung auf ein höheres Leben und beruhigte sie wegen ihres Schicksals, indem er über ihre Hülfsquellen sprach, ihr Rathschläge in Betreff ihrer künftigen Einrichtung ertheilte und sie zu Vertrauen ermahnte; er ging dann noch auf Kleinigkeiten über, fragte, ob für die Nacht ausreichende Lichter im Hause wären und gab an, welcher Lohndiener am folgenden Morgen mit dem Ansagen seines Todes beauftragt, zu welchen Personen überhaupt und zu welchen er zuerst geschickt werden sollte. Gegen 4 Uhr Morgens verschied er, in einem Alter von 38 Jahren, während sein Vater 82, sein Großvater 85 Jahre alt geworden war.
Nachdem vier Kinder dieser Ehe in ihrem ersten Lebensjahre gestorben waren, hatte meine Mutter, einer mir mitgetheilten vertraulichen Aeußerung gegen einen Freund zufolge, sich von Neuem nach Mutterglück gesehnt, und besonders, da das beginnende Kränkeln meines Vaters sie an die Möglichkeit, ihn zu verlieren, hatte denken lassen, sich einen Sohn gewünscht, um eines Gegenstandes für ihr der Liebe bedürftiges Herz gewiß zu sein. Und ihr Wunsch wurde erfüllt, indem sie mich am 12. Juni 1776 gebar. Ich kam des Morgens um 4 Uhr zur Welt, als eben die Reveille, freilich nur von den Leipziger Stadtsoldaten, unter den Fenstern wirbelte.
Mein Vater hatte sich in seinem Wirkungskreise Achtung und Vertrauen erworben; eine einträgliche Praxis und eine Professur war ihm gewiß. Aber noch war er Privatdocent und seine Praxis besonders nur unter den Unbemittelten ausgebreitet gewesen, auch in dem letzten Jahre durch die Krankheit die Einnahme vermindert und die Ausgabe vermehrt worden. So war denn bei seinem Tode meine Mutter ohne alles Vermögen,[10]  da ihre Mitgift schon in den ersten Jahren ihrer Ehe mit zu Bestreitung der häuslichen Bedürfnisse hatte verwendet werden müssen. Bei ihrem Vater fand sie keine Hülfe: es war ihm verdrießlich, daß ein Theil des von ihm erworbenen Vermögens in ihrer Mitgift darauf gegangen war, und noch mehr an sie zu wenden, fand er sich nicht berufen; in sein Haus würde er sie wohl aufgenommen haben, allein meine Mutter wollte weder ihre Selbstständigkeit aufgeben, noch auch den Ort verlassen, wo mehr für meine Erziehung geschehen konnte und blieb in Leipzig. Hier erhielt sie denn aus der Universitätscaffe eine Wittwenpension, die, so viel ich mich erinnere, nicht viel über 60 Thaler jährlich betrug; zwei vormalige Collegen und Freunde meines Vaters, Prof. Gehler und Dr. Börner, gaben ihr auch einen kleinen Jahrgehalt, so daß ihre bestimmten Einkünfte zusammen gegen 100 Thlr. ausmachten. Zu einem anständigen, ihren früheren Verhältnissen angemessenen Leben und besonders auch zu Bestreitung der Kosten, welche sie für mich und meine Erziehung verwendete, reichte dies natürlich bei Weitem nicht hin und sie mußte das Fehlende durch weibliche Handarbeit erwerben. Dabei erleichterte sie ihren Haushalt theils durch Vermiethung einiger zu ihrer Wohnung gehörigen Zimmer, theils dadurch, daß sie Studirende gegen ein billiges Kostgeld an ihrem Tische speisen ließ. Zuweilen erhielt sie zu Neujahr durch Vermittelung von Freunden meines Vaters ein Geschenk von der Loge Minerva. An ihrer Mutter aber fand sie die beste Stütze, wenn es nicht materiell möglich war, so doch geistig. Sie unterhielt mit ihr einen ununterbrochenen wöchentlichen Briefwechsel: jeder Freitag Nachmittag wurde in freudiger Erwartung zugebracht, bis der Brehnische Bote mit einem Briefe, zuweilen noch mit einem Päckchen Victualien erschien, in welchem dann und wann, besonders vor Festtagen, auch einige Thaler versteckt waren. Denn meine Großmutter hatte, da ihre übrigen Kinder in guten Umständen sich befanden, keine anderen Sorgen, als für die geliebte Tochter, die allein arm war, und wendete ihr, soviel sie vermochte, an Unterstützung zu, was sie nicht allein vor ihrem Gatten, sondern meist auch vor ihren[11]  übrigen Töchtern verheimlichen mußte; wo sie aber nichts geben konnte, tröstete sie und erleichterte zugleich ihr Herz durch Klagen über die Rauheit und Härte meines Großvaters, wo sie denn wieder in den Briefen meiner Mutter Trost fand. Dies schöne Verhältniß zwischen Tochter und Mutter bestand bis zum Tode der letzteren und gewann noch dadurch an Interesse, daß es von Niemandem ganz durchschaut wurde.

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Meine Mutter, von kleinerem Wuchse und zarterem Körperbaue als ihre Geschwister, hatte feine Gesichtszüge, eine schön gewölbte Stirn, sprechende hellblaue Augen, blondes Haar. Die geistige Lebendigkeit, welche sich schon in ihrem Aeußern ankündigte, lernte man in ihrem Umgange bald näher kennen. Sie liebte die Lectüre und den Umgang mit gebildeten Männern; bei ihrem scharfen Verstande wußte sie auch in beiderlei Hinsicht die rechte Wahl zu treffen. Schon im väterlichen Hause hatte sie fleißig gelesen und bei ihrem treuen Gedächtnisse unter Anderem aus den »Gesprächen im Reiche der Todten« sich viel Kenntnisse in der Geschichte verschafft, die sie auch späterhin durch Aufmerksamkeit auf die jedesmaligen Zeitereignisse vermehrte, wobei denn natürlich auch das Familienverhältniß der Regentenhäuser besonders von ihr beachtet wurde. Hatte sie ein gutes Buch, so war sie unermüdet im Lesen, und da sie dabei stricken konnte, so war ihr auch diese Arbeit am liebsten. Die Tischgesellschaft war ihr, abgesehen von dem kleinen ökonomischen Vortheile, wegen der dabei geführten Gespräche viel werth und sie nahm, so lange dieselbe nicht auf einen reinwissenschaftlichen Gegenstand sich richtete, fortwährend den lebhaftesten Antheil. Sie war von ächter Religiosität durchdrungen und verlangte bei ihren aufgeklärten Begriffen zu ihrer Erbauung immer etwas Geistreiches. Einen vorzüglichen Genuß gewährte ihr daher eine den Verstand wie das Herz beschäftigende Predigt; gewöhnlich besuchte sie die Universitätskirche, wo die akademischen Docenten der Theologie abwechselnd predigten, traf aber hier noch eine strenge Auswahl; während sie z.B. eine Predigt von Morus nie versäumte, ließ sie manchen andern Professor ungehört und suchte dafür Erbauung in[12]  der Thomaskirche bei Rosenmüller, oder in der reformirten bei Zollikofer, noch häufiger aber in der katholischen bei Pater Schneider, der durch Verbindung von Gedankenreichthum mit einem lebhaften, von klangvoller Stimme und treffender Declamation unterstützten Vortrage so sehr ansprach. – Sie war durchaus menschenfreundlich und freute sich, wenn sie Jemandem nützlich werden konnte. Bei treuer Liebe gegen Eltern und Geschwister, insbesondere gegen ihre beiden jüngsten Brüder, die während ihrer Studienzeit bei ihr wohnten, bewies sie anfangs einigen Lehrern, nachmals einigen Freunden von mir unter den Studirenden die aufrichtigste Theilnahme, indem sie ihnen sowohl mütterlichen Rath ertheilte, als auch, wo sie konnte, half. Ein junges, durch angenehme Bildung und Sittlichkeit ausgezeichnetes Mädchen, welches sie in ihren Dienst genommen hatte, erwarb sich ihre Gunst in dem Grade, daß sie es als ihre Pflegetochter behandelte und erzog, wofür sie denn auch die Freude hatte, es nachmals als Gattin eines geachteten und wohlhabenden Mannes zu sehen. – Da sie bei diesen Eigenschaften noch eine große Arbeitsamkeit besaß, so lebte sie in ihrem beschränkten Verhältnisse im Ganzen sehr heiter. Sie stand des Morgens früh, den ganzen Sommer über um 4 Uhr, auf und ging sogleich an die Arbeit, wobei sie zuerst ein geistliches Lied halb laut sang oder las, was sie für den ganzen Tag erheiterte und stärkte. Lectüre und Gespräche halfen die Arbeit erleichtern. Vor Schlafengehen pflegte sie ihr Pensum für den folgenden Tag sich aufzugeben, indem sie soviel Garn abgewickelt auf dem Tische ausbreitete, als sie morgen aufzustricken glaubte, wobei sie denn gemeiniglich die Freude hatte, ihre Forderungen an sich durch die Leistung noch zu übertreffen. Sonntags setzte sie die Arbeit nur bis zur Kirchenzeit fort; beim Mittagsessen besprach sie die gehörte Predigt, je nach ihrem Gehalte, mit mehr oder weniger Interesse, und den Nachmittag brachte sie bei ihrer Schwester, der Gattin des Advocat Hänsel, zu, wo denn zuerst ebenfalls über die heutige Predigt berichtet wurde.[13] 



2. Vorschule.
(Bis 1785.)










[14] Aus der mythischen Zeit meines Lebens erinnere ich mich dunkel, daß meine Mutter mir, als ich drei Jahre alt war, erklärte, ein vorüberreitender blasender Postillon bringe die Nachricht von dem eben geschlossenen Frieden. Es war freilich nur der Teschner Friede, mit welchem ein Krieg endete, der gar nicht zum Ausbruche gekommen war; indeß prägte mir meine Mutter dadurch die Erinnerung an das erste Weltereigniß, das ich erlebte, ein, und der Schall des Posthorns klang mir schon bedeutungsvoll, ehe es mir deutlicher wurde, daß er die Ankunft von Nachrichten verkündet, welche vielleicht große Begebenheiten melden, Freude oder Leid verbreiten, und noch in dem geheimnißvollen Felleisen eingeschlossen sind, dessen Inhalt dem Ueberbringer unbekannt ist und ihn auch gar nicht kümmert. Eine noch deutlichere Erinnerung aus der frühesten Zeit meines Lebens betrifft einen Wunderdoctor im Scharlachkleide mit Goldtressen, der, auf einem Schimmel sitzend, neben seinem ebenfalls berittenen Hanswurste zum versammelten Volke sprach.
Meine Mutter hatte den Vorschlag, in das elterliche Haus zurückzukehren, abgelehnt; sie, die von Jugend auf an Wohlstand gewöhnt war, zog dem sorgenfreien Leben unter dem Schutze ihrer Eltern eine Lage vor, wo Kummer, Noth und tausendfache Sorge ihrer wartete, um nur mich besser erziehen zu können; denn ich war der Gegenstand ihrer innigsten Liebe. Noch schwebt mir aus meinen Kinderjahren die Erinnerung vor, wie ich in der Abenddämmerung, wo sie ein Viertelstündchen von ihrer Arbeit ruhte, auf ihrem Schooße saß, Erzählungen und gute Lehren vernahm, sie küßte und fragte; Abends um 9 Uhr ging sie mit mir zu Bett, schlang ihren Arm um mich, sprach mit mir von Gott und lehrte mich aus dem Herzen beten; des Morgens stahl sie sich von meiner Seite und gönnte mir noch eine oder zwei Stunden Ruhe.
Das beschränkte Verhältniß ihrer Lage durfte nicht beengend auf meine Entwickelung einwirken; sie war karg gegen sich,[14]  um für mich freigebig sein zu können. Sie kleidete mich anständig und nett, so daß meine äußere Erscheinung mir auch den Zutritt zu Personen aus den gebildeten Ständen, sowie den Umgang mit Knaben wohlhabender Eltern erleichterte. Vornehmlich sparte sie nichts, um ausgezeichnete Männer zu Hauslehrern für mich zu gewinnen, unterstützte sie aus allen ihren Kräften und arbeitete noch einmal so emsig, um ihnen eine Freude machen zu können, wenn sie sah, daß sie mich mit wahrem Interesse unterrichteten und ich mit Liebe an ihnen hing. Da kamen die lieben Verwandten und schalten sie eine Thörin, die ihr weniges Geld für meine Lehrer und meine Kleidung wegwürfe. Sie ließ sich aber, wie tief sie auch dadurch gekränkt wurde, nicht irre machen, schwieg lieber von ihrer Armuth, verbarg ihre Sorgen, arbeitete für mich und fand sich durch den Erfolg ihrer Bemühungen belohnt. Jeder Fortschritt, den ich machte, war ihr interessant und es machte sie sehr glücklich, wenn ich gute Zeugnisse erhielt und sie mich erfreuen konnte. Dabei verstand sie auch zu strafen; doch waren ihre Strafen selten und nur durch ihre Seltenheit hart.
Ich muß wohl ein aufgeweckter Knabe gewesen sein und meine Mutter sich gefreut haben, wenn ich bei fremden Leuten Beifall fand, denn ich knüpfte allerhand Bekanntschaften in der Nachbarschaft an. Unter Andern fanden die Töchter des uns gegenüber wohnenden Dr. Sammet Gefallen an mir und hatten mich, da ich etwa 6 Jahre alt war, viel um sich; sie machten sich allerhand Spaß mit mir, setzten mich z.B. im großen Auditorium ihres Vaters (dem ehemaligen Leipziger Concertsaale in den drei Schwanen im Brühle), als die Studenten schon im Begriffe waren, zur Vorlesung zu kommen, auf das Katheder, führten mich auch zu ihrem Vater, der sich mir nicht abgeneigt zeigte und, was ich mir sehr wohl merkte, meinte, ich würde ein ganz gescheidter Mensch werden. Uebrigens wurde ich in dieser Familie schon mit einem furchtbaren Schicksale bekannt. Dr. Sammet hatte als juristischer Docent durch seine Gelehrsamkeit, seinen lebhaften Vortrag und seine rücksichtslose Freimüthigkeit in Bezug auf öffentliche Angelegenheiten außerordentlichen[15]  Beifall gefunden, durch seine Vorlesungen ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben und im Vertrauen auf die Fortdauer einer so reichlichen Einnahme ein ansehnliches Landgut gekauft. Allein das Glück war nun von ihm gewichen: eine Ueberschwemmung hatte auf dem zu theuer gekauften Gute großen Schaden angerichtet und er mußte es den Gläubigern überlassen, da sich sein akademischer Beifall gemindert hatte und seine Hoffnung auf eine Professur wegen seiner freimüthigen Aeußerungen über die Regierung unerfüllt geblieben war. Seine Frau, die durch den früheren Wohlstand übermüthig geworden, war über diesen Wechsel des Glückes in Wahnsinn verfallen; sie stand gemeiniglich unter der Hausthüre und bat die Vorübergehenden um eine Stecknadel, deren sie in großer Menge an sich trug, um sich auf diese Weise einen Schatz zu sammeln. Kam sie zu den Töchtern ins Zimmer, so wurde sie von diesen herausgewiesen, was mir denn sehr wehe that, wiewohl mir die Befreiung von der unheimlichen Erscheinung angenehm war. Später gerieth Sammet durch Abnahme seiner Zuhörer in die bitterste Armuth; erst bei der Feier seines Doctorjubiläums konnte die Regierung sich überwinden, die vor mehreren Jahrzehenden erfahrene Beleidigung zu vergessen und die Noth des greisen Privatdocenten durch eine kleine Pension einigermaßen zu lindern.

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Außerdem lebte ich viel unter Studenten, die mancherlei Scherz, dessen ich mich noch erinnere, mit mir trieben. Die nächste Veranlassung hierzu war mein Onkel, Friedrich Leberecht Koch, der Theologie in Leipzig studirte und bei meiner Mutter wohnte. Er war ihr der liebste unter ihren Brüdern und in der That ein ausgezeichneter Mann. Mit trefflichen wissenschaftlichen Talenten verband er Biederkeit und Festigkeit des Charakters; seiner Gelehrsamkeit ging Weltklugheit zur Seite, und bei dem Eifer, seine Berufspflichten auf das Gewissenhafteste zu erfüllen, bewegte er sich eben so gern als auch mit großer Gewandtheit und Anmuth in andern Lebensverhältnissen; bei einer stattlichen, kräftigen Gestalt verschaffte ihm der Verein von lebhafter Phantasie und vielseitiger Bildung,[16]  von treffendem Urtheile und ausgebreiteten Kenntnissen, von edlem Selbstgefühle und schnellem Ueberblicke der Verhältnisse einen ehrenvollen Platz in jeder Gesellschaft, und dabei that die Schärfe seines Verstandes der Wärme keinen Eintrag, womit er sowohl dem Wahren und Guten nachstrebte, als auch die, welche ihm näher standen, liebte. Unter den mancherlei Gaben, mit welchen das Geschick mich beglückt hat, steht die Liebe dieses meines Onkels mit in der ersten Reihe. Er nahm sich meiner Kindheit freundlich an und legte den Grund zu meiner Erziehung, überwachte dann mit liebevoller Sorge den Gang meiner Bildung im Knabenalter, wurde mir in den Jünglingsjahren ein trefflicher Rathgeber, bemühte sich dann, mir günstige Verhältnisse für meine bürgerliche Laufbahn zu verschaffen, stand mir in der Bedrängniß bei und bewährte sich mir als der theilnehmendste Freund bis zu seinem Tode. Mit inniger Verehrung habe ich immer an ihm gehangen und das Glück, welches mir die Natur durch diesen Bruder meiner trefflichen Mutter geschenkt hatte, jederzeit lebhaft erkannt. Die Briefe, die er von meinem achten bis zu meinem sechzigsten Jahre an mich gerichtet hat und die ich treulich aufbewahrt habe, geben mir noch jetzt ein rührendes Bild seiner treuen Liebe. Ja, die Blutsfreundschaft ist kein leeres Wort! Ein Freund, den uns die Natur in dem geistigverwandten Stammgenossen gegeben hat, ist der köstlichste, sicherste und dauerhafteste Besitz.
Meine Mutter war sehr glücklich in der Wahl meiner Lehrer, aber darin unglücklich, daß diese meinen Unterricht erst kurz vor ihrem Abgange von Leipzig begannen. Der erste war Ludwig Heimbach, welcher als Secretär des deutschen Ordens ein ziemlich hohes Alter erreicht hat; ihm folgte Schwennicke, ein frommer und liebevoller Mann, der 1783 eine Lehrerstelle am Philanthropin zu Dessau annahm, dann als Erzieher eines Herrn von Zimmermann nach Liefland ging, wo er nach wenigen Jahren starb und meiner Mutter, die er sehr hochachtete, ein kleines Legat vermachte; hierauf der gelehrte, etwas pedantische Christian Heimbach, der nachmals Rector zu Schulpforte wurde; endlich dessen geistvoller Bruder, [17]  August Heimbach, der von Leipzig nach Weißenfels in das Haus des Salinendirectors von Hardenberg kam, daselbst Erzieher von Novalis wurde und gleich diesem seinem berühmten Zöglinge frühzeitig starb. An diesen Abberufungen meiner Lehrer hatte hauptsächlich der Kreissteuereinnehmer Weiße Antheil, der als einer der Chorführer der neuern Pädagogik einen so ausgebreiteten Ruf erlangt hatte, daß aufgeklärte und mit ihrem Zeitalter fortschreitende Familien in der Nähe und Ferne sich die Erzieher ihrer Kinder von ihm wählen ließen.
Meine gute Mutter, die mir den ersten Elementarunterricht gegeben hatte, gab auch jetzt ihr Lehramt noch nicht ganz auf, sondern war mir, namentlich auch beim Lateinlernen, behülflich, wie ich mich denn erinnere, daß sie sich in die ersten Sätze des Cornelius Nepos einstudirt hatte. Die Lehrer bewiesen durch ihr Wohlwollen, daß sie mit meinen Fortschritten nicht unzufrieden waren; nur zeigte sich hin und wieder schon, daß ich für Manches, was mir zu trocken vorkam, wenig Gebächtniß und wenig Lust, es auswendig zu lernen, zeigte, wo ich denn auch hart behandelt wurde, wie denn z. B. August Heimbach mich eines Tages die Treppe herabwerfen wollte, da ich ein Verbum in μι nicht ordentlich conjugiren konnte.
Schwennicke war zugleich Lehrer des jungen Heinrich Clodius, mit dem ich bald eine vertraute Freundschaft schloß. Da er vier Jahre älter als ich, lebhaft, talentvoll und wohl unterrichtet war, so mußte es wohl eine eigene Zuneigung sein, was ihn bewog, sich zu mir herabzulassen. Ich kam dadurch in das Haus seiner Eltern, welches ein Sammelplatz von Schöngeistern und Elegants war und dessen Glanz mir sehr wohl gefiel. Die Mutter, Julie, die als eine schöne und feinsinnige Frau die Seele dieses Kreises war und auch als Schriftstellerin bekannt geworden ist, behandelte mich sehr gütig. Der Vater, Christian August, Professor der Dichtkunst und Beredtsamkeit, war ein feuriger und hochtrabender Mann, gewöhnlich von Wein erhitzt, und setzte mich in nicht geringes Staunen, wenn ich ihn auf Spazierfahrten zur Kühlung ganze[18]  Citronen ohne Zuthat aussaugen sah. Seinen Sohn, der bei der Taufe den akademischen Depositionsschein erhalten hatte, behandelte er als Studenten und fuchtelte ihn mit dem Degen, wenn er ihn strafen wollte. Auch ich wurde von der Einbildung, nicht viel weniger als ein Student zu sein, angesteckt. Unser Lehrer wohnte in dem Hause des Professors der Theologie, Dr. Dathe, der als ein ungeheurer Esser bekannt war; eines Tages, da wir uns selbst überlassen waren, benutzten wir die Gelegenheit, bei der Köchin desselben genauere Erkundigungen darüber einzuziehen: ich fragte, ob denn der gelehrte Herr wirklich einen ganzen Hasen bei einer Mahlzeit aufzehre, und Clodius, der gründlicher zu Werke ging, wollte wissen, wieviel Marktgeld sie wöchentlich erhalte. Die verrätherische Köchin hinterbrachte diese Nachforschung unserem Lehrer, der unsern Vorwitz dadurch bestrafte, daß er am folgenden Tage jeden von uns einzeln vornahm und mit strenger Ahndung der beleidigten Würde eines Professors bedrohte. Ich kam von dieser Lection ganz zerknirscht nach Hause, warf mich auf einen Stuhl und stützte mein sorgenbelastetes Haupt; auf die Frage meiner Mutter, was dies bedeute, versetzte ich in tragischem Tone: Clodius sitzt im Carcer und ich komme morgen auch hinein! Meine Mutter mußte laut auflachen und ich war völlig erstarrt, als ich, der ich die zärtlichste Theilnahme erwartet hatte, sie bei dem höchst traurigen Schicksale ihres Sohnes eine solche Schadenfreude äußern sah. – Ich genoß mancherlei Vergnügen in der Familie Clodius, namentlich kam ich dadurch, daß sie für immer eine Loge im Theater hatte, zuweilen in die italienische Oper der damals unter Guardasoni in Leipzig spielenden Gesellschaft. Auch führte mich mein Freund im Hause eines italienischen Kaufmanns ein, wobei er mir aber im Voraus die Weisung gab, daß er die größere Tochter des Hauses, Marthe, liebe, ich mich also nur um die Gunst der kleineren, Josephe, zu bewerben habe, welchem Rathe ich denn auch mit großem Eifer folgte, da ich ihn meinem Geschmacke ganz entsprechend fand. Ich gefiel mir sehr wohl in dieser Vorschule der Galanterie, und wenn wir die interessantesten Scenen aus [19]  Figaro's Hochzeit aufführten, nahm ich mit der mir zugetheilten Rolle des Pagen gern vorlieb, da sich dann Josephe als Susanne so lieblich mit meiner kleinen Person zu schaffen machte. – Bekanntlich bemerken Kinder sehr leicht die Schwachheiten der Erwachsenen, besonders da diese sich vor ihnen nicht in Acht nehmen zu müssen glauben. Wie wir durch unsere Erkundigung über Dathens colossale Eßlust unser Interesse an Entdeckung solcher Merkwürdigkeiten bewiesen hatten, so wurde ich auch die Schwächen des Professors Clodius trotz seines pathetischen Auftretens bald gewahr und fühlte nur gegen dessen Gattin noch Achtung. Mein Freund dachte nicht viel anders: an dem Morgen, an dem sein Vater gestorben war (im November 1784), schrieb er mir, ich möchte sogleich zu ihm kommen und, da er nicht ausgehen dürfe, den Tag über bei ihm bleiben, damit er sich zerstreue; wir benutzten auch diesen unerwarteten Feiertag aufs Beste und trieben in ungestörter Fröhlichkeit unsere Spiele, so daß am Ende mir selbst der Gleichmuth des verwaisten Sohnes unangenehm auffiel. Sein Leichtsinn ging so weit, daß er von mir verlangte, ich sollte nach dem Begräbnisse an das Haus seines Vormundes kommen, um mich an dessen Stelle zu ihm in den Wagen zu setzen und noch ein Stück mit ihm zu fahren, was mir doch zu sehr mißfiel, als daß ich hätte einwilligen können. – Bald nachdem ich auf die Schule gekommen war, bezog er die Universität, und da sich auf diese Weise eine zu große Ungleichheit unter uns herausstellte, löste sich unsere Freundschaft auf; erst später als akademische Docenten kamen wir wieder zusammen, ohne daß sich eine Spur der früheren Vertraulichkeit gezeigt hätte: unsere Wege waren zu weit auseinander gegangen.
Andere Vergnügungen wurden mir in Brehna zu Theil, wohin ich öfters auf den von Getreidefuhren aus Leipzig zurückkehrenden Wagen abgeholt wurde. Der Großvater, der hier auf einem kleinen Gute mit einem ansehnlichen Wohnhaufe residirte und dem ganzen Städtchen als Respectsperson galt, war ein kräftiger und verständiger Mann. Als ihm einst in seinem hohen Alter auf dem Felde ein Paar Pferde, die er an einer[20]  um den Daumen gewickelten Leine hielt, beim Durchgehen den ganzen Daumen ausgerissen hatten, sagte er zu dem von einem ihm ertheilten Auftrage zurückkehrenden Knechte ganz gleichgültig: »der Zeterdaumen ist mir abgegangen«, und ging dann eben so kaltblütig nach Hause, um sich eine aus der Wunde herausragende Flechse abschneiden zu lassen. Mit solcher Härte in Betreff körperlicher Eindrücke stimmte auch die des Charakters überein: nur selten, und vorzüglich nur gegen meinen Onkel (ich nenne ihn so schlechthin, da ich die übrigen Brüder meiner Mutter hier nicht erwähne), zeigte er ein lebhaftes Gefühl; er war stolz auf ihn, da ihm sein durchaus männliches Wesen zusagte und zugleich seine hohe geistige Kraft Achtung einflößte; gegen seine übrigen Hausgenossen war er gewöhnlich rauh und unfreundlich, so daß ihn Alles fürchtete. Auch mir war er nicht gewogen, weil ich ihm nicht wild genug war. Die Großmutter, die, was erst späterhin für mich Bedeutung hatte, aus der Familie des großen Bernhard Siegfried Albinus abstammte, bildete den Gegensatz zu ihm. Bei hohem Wuchse wohlge nährt und noch als Mutter einer zahlreichen Nachkommenschaft im zweiten Gliede mit unverkennbaren Spuren vormaliger Schönheit, war sie ungemein ruhig und sanft, litt viel unter der Härte ihres Gatten und suchte die Ihrigen dagegen möglichst zu schützen. Ihre Liebe zu meiner armen Mutter trug sie auf mich über: kam ich in der Nacht von Leipzig an, so mußte sie geweckt werden, um sich, neben mir sitzend, noch ein Stündchen über das Befinden meiner Mutter erzählen zu lassen und am folgenden Morgen mußte ich beim Frühstücke noch umständlicher über unser Leben berichten, worauf sie mich mit dem Stande der Brehnaschen Angelegenheiten bekannt machte, indem sie mir gewöhnlich Spannungen zwischen einzelnen Zweigen der Familie zu melden hatte, die ich bei den nun abzustattenden Besuchen berücksichtigen mußte. Dann offenbarte sie mir auch, wo ich, wenn es Herbst war, die für mich aufbewahrten Aprikosen und Pfirsichen finden würde, an welchem Stocke schon die Trauben reiften, in welchem Schubkasten des Wirthschaftsschrankes der Kuchen läge und wo das Töpfchen[21]  zum Abschöpfen der Sahne in der Milchkammer stünde; dies waren aber geheime Mittheilungen, und wenn ich Gebrauch davon machte, mußte ich vor Onkel und Tanten wohl auf der Hut sein, da sie, wenn sie mich dabei erwischten, bei allem sonstigen Wohlwollen sich über das Muttersöhnchen weidlich lustig machten. Wahrscheinlich gewann ich das Herz meiner Großmutter dadurch, daß ich bei einem gewissen sanften, vielleicht sittigen Wesen, welches dem Großvater mißfiel, doch auch ein ganz munterer Junge war, wie sie denn unter Anderem von mir rühmte, daß ich besser als ihre anderen Enkel zu Pferde säße.
War der Onkel auch in Brehna, so ertheilte er mir Unterricht und ließ mich unter seiner Aufsicht arbeiten, wobei immer noch Zeit übrig blieb, mich in Haus und Hof, in Ställen und Scheunen herumzutreiben; bald war ich in der Wirthschaft, z.B. beim Ein- und Austreiben der Heerden, oder im Garten behülflich, bald ritt ich mit dem Knechte aufs Feld; jetzt wurden Sprenkel gestellt oder Vögel geschossen, wobei ich meist so ungeschickt war, welche zu entdecken und somit schon meinen Mangel an Scharfblick verrieth; ein anderes Mal ging ich mit zum Lerchenstreichen, – kurz, ich tummelte mich tüchtig herum. Auch beschäftigte ich mich gern mit der Beobachtung von Thieren, richtete z.B. Ziegen ab, daß sie mich grüßten, sprach laut zu Schafen und Kühen, um zu sehen, wie ich ihre Aufmerksamkeit fesseln könnte u.s.w.
Einen andern ländlichen Aufenthalt fand ich in Gaschwitz, einem etwa drei Stunden von Leipzig gelegenen Landgute eines Baron von Leyser, Chefs einer bedeutenden Wollhandlung. Meine ehemalige Amme nämlich, welche daselbst mit sehr viel Verstand und Eifer die Wirthschaft führte, bewies mir noch eine große Anhänglichkeit und bat sich öfters, namentlich zu den Feiertagen, meinen Besuch von meiner Mutter aus. Hier athmete Alles Reichthum und Geschmack, Ordnung und Sauberkeit, Fleiß und Wohlbehagen; überall begegnete man verständigen Einrichtungen für den Erwerb, sowie für feinsinnigen Lebensgenuß. Der den Ueberfluß bezeugende Glanz stach gegen den schlichten Wohlstand im großelterlichen Hause bedeutend ab[22]  und gefiel mir nicht wenig. Wenn ich mit dem Baron in seinem Phaeton nach Gaschwitz fuhr; wenn am Feiertagsmorgen die Böller dem Herrenhause gegenüber abgefeuert wurden; wenn wir dann nach Deuben zu der saubern Kirche fuhren, wo über dem Altare das von einem dabei liegenden Wasser zurückgeworfene Sonnenlicht die sich kräuselnden Wellen abbildete und wo der auch als homiletischer Schriftsteller bekannte Pfarrer Oehler, auf dessen Meßgewande eine brennende Kerze als Symbol der Aufklärung gestickt war, mit großer Beredtsamkeit predigte; wenn nach der Kirche die Bauern Audienz beim Barone erhielten und im Vorübergehen bisweilen wohl gar mich um Fürsprache baten; wenn dann nach der Tafel wieder eine Fahrt durch die Felder gemacht wurde, – so hatte dies Alles viel Reiz für mich, wiewohl mir die Freiheit, die ich in Brehna genoß, hier fehlte. Hier in der glanzvollen Nähe eines gnädigen Herrn war das höchste Gesetz Artigkeit und ich bekam gar ernste Gesichter zu sehen, wenn einmal meine Knabenlaune ausschlug, wie ich z.B. ertappt wurde, als ich einem Gänsejungen seine blaue und rothe Livrée abgeschwatzt hatte und einen damit, so gut es ging, bekleideten Ziegenbock auf Steinhaufen herumklettern ließ. Ich strich viel allein herum, meinen Phantasien oder Faseleien mich überlassend, denn an Arbeiten wurde hier nicht gedacht; unter Anderem fuhr ich oft auf einem Teiche und maß zum Behufe einer eingebildeten Seekarte überall die Tiefe des Wassers, wobei ich zu meinem Leidwesen nirgends Klippen oder Untiefen fand. Auch versuchte ich Reime; als ich eines Tages zu Weihnachten bei gelinder Kälte durch den Park strich, kam ich auf den Einfall, den Winter zu besingen und setzte mich hierzu mit meiner Schreibtafel auf einen gefrornen Bach, bemerkte aber, nachdem ich auf die gehoffte Begeisterung eine Zeitlang gewartet hatte, daß das Eis unter mir thaute und fand mich nun so lächerlich, daß ich ein Spottgedicht auf mich verfertigte, dessen Anfang mir noch erinnerlich ist:[23] 
Es war einmal ein Dichterlein,
Das wollt' den Winter singen;
Es lief wohl auf und ab im Hain,
Doch wollt's ihm nicht gelingen.

Ich habe eine glückliche Kindheit verlebt und es hat nichts gefehlt, was zu freier Entwickelung meiner Anlagen erforderlich gewesen wäre. Die erste Erziehung meiner einsichtsvollen Mutter und meinem trefflichen Onkel verdankend, genoß ich den ersten Unterricht bei trefflichen Lehrern, und ungeachtet der beschränkten häuslichen Verhältnisse trat schon das Leben nach seinen mannichfaltigen Gestalten in meinen Gesichtskreis; auch blühte mir überall Freude. Das Glück hat mich verwöhnt: indem ich von so vielen Seiten her Liebe gewann, wurde zum Bedürfnisse derselben für spätere Zeiten der Grund gelegt. Die Frauen hatten bedeutenden Einfluß auf mich; aber es lag wohl auch ursprünglich in meinem Wesen, mich ihnen anzuschließen; wie meine Mutter erzählte, machte ich als Kind meine ersten Ritte auf dem Steckenpferde nie, ohne meiner durch eine Puppe repräsentirten Dame zum Abschiede und bei der Rückkehr die Hand geküßt zu haben.



3. Niederes Schulleben.
(1785 bis 1790.)










[24] Dieser Zeitraum der Flegeljahre bietet gar manche Erinnerung dar, welche bittere Reue weckt, indem ich beim Mangel strenger Aufsicht nicht selbst Kraft genug besaß, den Verlockungen der Trägheit zu widerstehen.
August Heimbach rieth meiner Mutter bei seinem Abgange von Leipzig, mich nun eine öffentliche Schule besuchen zu lassen. Die Nikolaischule stand in guten Rufe, da sie tüchtige Lehrer hatte, nicht überfüllt war (sie zählte noch nicht 200 Schüler) und meist nur von Söhnen aus den gebildeten Ständen besucht wurde. Heimbach selbst führte mich zum Rector [24]  Martini, um mich zur Aufnahme daselbst prüfen zu lassen. Er staunte nicht wenig, als dieser am Schlusse der Prüfung erklärte, daß ich nach Quinte gesetzt werden sollte, entgegnete, daß ich seiner Meinung nach eher einen Platz in Tertie verdiene. Bei näherer Ueberlegung mit meiner Mutter fand er jedoch, daß man nachgeben müsse und ich kam Ostern 1785 als Quintaner auf die Schule.
Es war gewiß, daß Martini, vornehmlich weil er an meiner Tracht Anstoß nahm, mir keine höhere Stelle anwies. Meine Mutter nämlich, überhaupt der neuern Zeit angehörend, bewies ihre Aufklärung auch bei meiner Erziehung und kleidete mich unter Anderem, wie damals wenig Knaben meines Alters: nie kam eine Pelzmütze, dergleichen andere Kinder trugen, auf meinen Kopf; ich ging mit bloßem Halse und offener Brust, einem breiten Hemdenkragen (Hamlet geheißen), natürlich herabhängendem Haar, Strohhut und leichter Kleidung. Wiewohl ich nun die wohlthätigen Folgen dieser Tracht noch jetzt in meinem Alter fühle, indem ich die freie Luft genießen kann, ohne mich ängstlich verwahren zu müssen, so schadete mir doch dieses Basedow-philanthropinische Aussehen in den Augen des alten Rectors und ich konnte ihn durch die nun nothwendig gewordene Anlegung von Zopf und Halsbinde um so weniger aussöhnen, da sie einigermaßen illusorisch war und meine Mutter den Zwang solcher Kleiderordnung möglichst minderte: denn anstatt der steifen, hinten zugeschnallten Binde schlang sich ein schmaler Streifen von Batist, vorne mit einer Schleife von buntseidenem Bande zusammengehalten, um meinen Hals, und während das Haar im Nacken sich in ein bescheidenes Zöpfchen mußte zusammenschnüren lassen, durfte es an den Seiten und über die Stirne frei herabhängen.
Das Vorurtheil Martini's hatte aber schlimme Folgen für mich. Was in Quinte gelehrt wurde, war mir bekannt und langweilte mich; ich war also der Arbeit überhoben und ließ mich gehen; als ich eines Tages ein Pensum nicht auswendig wußte, wurde ich zum Ultimus in Sexte herabgesetzt, wo ich eiligst das Aufgegebene lernte und so noch in derselben Stunde[25]  meinen vorigen Platz wieder erhielt, auch bald höher aufstieg. Zu Michaelis war öffentliches Examen. Hierzu ordnungsmäßig mit Haarbeutel und dreieckigem Hute ausgestattet, wollte ich, da ich in diesem ganz ungewohnten Glanze auf offener Straße mich nicht sicher genug fühlte, durch die Durchhäuser mich schleichen; als ich aber im Joachimsthale an die enge Passage nach der Katharinenstraße zu, wo zwei Personen neben einander nicht füglich Platz haben, gelangt war, hielt ich es im Gefühle der Größe meines Hutes nicht für möglich, unbeschädigt durchzukommen und kehrte zurück, um nun meinen Weg auf der Straße muthig zu verfolgen. Das Examen selbst konnte mich nicht in eine gleiche Enge führen und ich wurde darauf nach Quarte versetzt. Doch damit war mir auch nicht geholfen: theils war mir auch hier die Lection noch zu leicht, theils war ich der ernsten Arbeit schon etwas entwöhnt, und da die Lehrart nicht ansprechend genug war, so wurde ich recht herzlich faul. Als ich im folgenden Jahre nach Zerbst zu meinem Onkel kam, fand dieser, daß ich in der Schule gar keinen Fortschritt gemacht hatte, war jedoch mit dem, was ich während meines vierwöchentlichen Aufenthaltes neben seinen Zöglingen bei ihm lernte, zufrieden; da war aber auch der Vortrag der Geographie, Geschichte, Antiquitäten und Naturgeschichte so lebendig und die Erklärung der griechischen und lateinischen Autoren so interessant, daß es eine Freude war, zu lernen. Nach Leipzig zurückgekehrt, erkaltete dieser Eifer sehr bald wieder, da mir die Schule nun um so trockener vorkam. Dasselbe Verhältniß wiederholte sich 1788, als ich wieder einige Wochen in Zerbst war. Belletristische Lectüre und jugendliche Vergnügungen zogen mich an sich, da mir die Art des Schulunterrichtes zu uninteressant war. Unter Anderem wurde auf der Schule die griechische Grammatik auf eine geschmacklose Weise behandelt und die fatalen Verba in μι, die mich schon unter Heimbach mit einem Sturze bedroht hatten, brachten mich jetzt wirklich zum Falle: ich sollte nämlich eines Tages mit einem andern Schüler, Namens Weigel (nachmaligem Buchhändler) im Vor- und Rückwärtsconjugiren eines solchen Verbums »certiren«;[26]  mein Gegner übertraf mich an Geläufigkeit, mit welcher er die Aufgabe von der dritten Person Pluralis des zweiten Aoristos im Passivum an bis zur ersten Person Singularis des Präsens im Activum durchführte und wurde über mich gesetzt. Ich fühlte mich tief beschämt, gewann aber nicht die Ueberzeugung, daß ein solcher Mechanismus des Gedächtnisses für das Studium wesentlich sei und da das Interesse für dergleichen Uebungen fehlte, so wurde ich darin immer nachlässiger. Meiner guten Mutter habe ich wohl manchmal Kummer verursacht, wenn sie von den Lehrern, bei denen sie sich nach meinem Fleiße erkundigte, keine erwünschte Nachricht erhielt. Wegen Beschaffenheit der Lehrgegenstände konnte sie mich nicht so streng beaufsichtigen und wenn sie mir mehr Freiheit gestattete, als in dieser Hinsicht gut sein mochte, so geschah dies weniger aus einer zu weit getriebenen Nachsicht, als aus den Grundsätzen, welche sie sich von der Erziehung gebildet hatte. Unter väterlicher Zucht würde ich allerdings mehr gelernt haben. Indeß sind mehrere meiner Mitschüler, die immer pünctlich leisteten, was man von ihnen forderte und wegen ihres regelmäßigen Fleißes als Muster aufgestellt wurden, nachmals nicht in gleichem Maße vorgeschritten, sondern ganz gewöhnliche Menschen geblieben, wie denn überhaupt die strengen Schul- und Prüfungsgesetze besonders der Alltäglichkeit Vorschub zu thun pflegen.

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Ich verbrachte viel Zeit mit belletristischer Lectüre. Ich las die Gedichte von Geßner, Gleim, Uz, Wieland und Andern; mehr interessirte mich Göthe's Egmont, aber Schillers Räuber rissen mich hin: der hohe, sittliche Ernst, mit dem heißen Blute einer lebenskräftigen Jugend gepaart, er füllte mich mit Begeisterung. Während meines Aufenthaltes in Brehna hatte ich eine zahmere Lectüre, die dafür auch nur fragmentarisch blieb: Grandison, Clarisse, die schwedische Gräfin, Sophiens Reisen waren mir zu langweilig; Werthers Leiden, Siegwart und dem ähnliche Klostergeschichten machten wenig Eindruck auf mich; mehr interessirte mich die Schilderung der Gebrechen des gesellschaftlichen Zustandes im Karl von[27]  Karlsberg; dagegen verschlang ich die Ritterromane von Schlenkert, Wächter (Veit Weber), der Naubert, gebornen Hebenstreit (Hermann von Unna u.s.w.).
Der Geist der Ritterschaft spukte auch in meinem und meiner Gespielen Kopfe und der Rudolphsche Kaffeegarten mit der angränzenden Wiese und Waldung wurde der Schauplatz unserer Thaten. Friedrich Treitschke, der sich als entomologischer Schriftsteller bekannt gemacht, auch einige dramatische Arbeiten geliefert hat und als Secretär beim Wiener Hoftheater gestorben ist, spielte hier eine bedeutende Rolle. Er beschäftigte sich damals schon viel mit dem Fange von Schmetterlingen und mit Poesie; indeß ertappten wir ihn einst als Plagiarius, als er ein uns schon bekanntes Gedicht als das seinige vorlas, und überhaupt erkannten wir ihn als Intrigant, der heimlich seine Zwecke verfolgte und uns gern als Mittel dazu gebrauchte, wie er denn von den Balgereien, die er anstiftete, sich weislich fern zu halten wußte. An dem Orden, den er errichtete und der mit Kreuzen gehörig geschmückte Komthure und Ritter nebst Knappen zu Mitgliedern hatte, nahm ich vorzüglichen Antheil; den Bedrängten beizustehen, war eine der ersten Ordenspflichten und ich bestand in diesem Sinne manchen Straus, denn ich war ein beherzter Junge, nahm es, wenn es galt, eine Ungebühr zu ahnden, auch mit viel Größeren, als ich war, auf, wußte durch einige Gewandtheit oft auch den Stärkeren zu besiegen und hielt es für kein Unglück, wenn ich auch einige blaue Flecken oder eine blutende Nase davon trug. Auch machte ich andere phantastische Kindereien mit: bald bildeten wir uns ein, daß sich Räuber im Walde aufhielten, gegen die wir mit mancherlei Zurüstungen und in großer Aufregung auszogen; bald nahmen wir von einer zwanzig Fuß langen, allerdings unbewohnten Insel, die wir in der Parde entdeckt hatten, Besitz und dergleichen mehr.
Bei der Freiheit, die mir meine Mutter ließ, kam ich hin und wieder auch in schlechte Gesellschaft; da ich aber ihre Gemeinheit bald erkannte und von mir fern hielt, so konnten die[28]  kleinen Flecken, die an mir hafteten, den durch diese Freiheit gewonnenen Vortheil nicht überwiegen.
Die Söhne der Schwester meiner Mutter, die etwas jünger als ich waren, standen unter einer strengeren Zucht und wurden bloß von Hauslehrern unterrichtet. Da ich nun weiter vorgerückt war und mich schon freier in der Welt bewegte, so schlossen sie sich an mich an und fügten sich mehr oder weniger meiner Leitung. Der ältere, Philipp Hänsel, der jetzt Stadtgerichtsrath in Leipzig ist und ausgezeichnete Kenntnisse besitzt, griff Alles im Sturme an und betrieb jede Beschäftigung mit Leidenschaft: wie er eine Zeit lang in alle Kirchen lief und zu Hause einen guten Theil des Tages über predigte; dann in einer andern Periode keine Parade und keinen Zapfenstreich versäumte und bis zum Unteroffizier herab das Personal des Leipziger Militärs namentlich kannte; dann wieder lauter Criminalprocesse spielte und, in Ermangelung anderer Delinquenten, Fliegen in großen Schaaren enthauptete und aufs Rad flocht, – so stürzte er auch über Romane und Schauspiele her, bemächtigte sich, sie durchfliegend, zuerst ihres Hauptinhaltes, um dann in demselben Maße, in welchem sich die Hitze allmälig legte, immer mehr in die Einzelnheiten einzugehen, und mit gleicher Heftigkeit warf er sich späterhin dem Studium der alten Classiker in die Arme. Gustav Hänsel unterschied sich von seinem feurigen Bruder durch mehr Ruhe und Tiefe; feinsinniger, eroberte er sein Wissen nicht wie jener mit stürmender Hand und bei gleicher Energie des Charakters bewies er dieselbe mehr in ausdauerndem Festhalten an dem, was er bei seinem eindringenden Verstande als wahr und bei der Lebendigkeit seines Gefühls als gut erkannt hatte. Er ergab sich mir mit mehr Innigkeit und so wurde der Grund zu einer Freundschaft gelegt, die in unseren Mannesjahren eine höhere Bedeutung gewann. Mit beiden Brüdern trieb ich nun allerhand: bald tummelten wir uns im Rudolphschen Garten um, zogen auf der Wiese gegen die Saracenen aus oder fielen auch als Raubritter in ein Möhrenfeld ein; bald schrieben wir alle drei neben einander Ritterschauspiele oder Robinsonaden und lasen[29]  wenn wir des Schreibens überdrüssig waren, unsere Werke einander vor; der Ueberdruß an der Ausführung pflegte aber frühzeitig einzutreten, so daß nicht selten von den Schauspielen nur die hochklingenden Namen der Personen und von den Abenteuern des Seefahrers nur die Abbildungen der verschiedenen Situationen zu Tage kamen.


Mein Onkel, der 1785 die Stelle eines Erziehers im Hause des Kaufmanns Schindler in Zerbst angenommen hatte, bemühte sich auch von da aus, auf mich zu wirken. Die Briefe, die er an mich schrieb, geistreich und heiter, athmen herzliche Liebe und väterliche Sorge; außer guten Rathschlägen, freundlichen Aufmunterungen und ernsten Mahnungen enthalten sie auch milde Zurechtweisungen, wie ich denn namentlich zu meiner Beschämung es getadelt finde, daß ich ihm in meinen Briefen zu viel Neuigkeiten gemeldet und zu wenig über meine Fortschritte geschrieben hatte, wovon ich freilich, leider! auch nicht viel zu berichten haben mochte. Eben so liegen seine Briefe an meine Mutter vor mir, in welchen seine Liebe gegen uns Beide auf eine rührende Weise sich ausspricht.
Er hatte durch seine geistige und sittliche Kraft wie auch durch sein Talent, dieselbe im geselligen Leben auf eine geschmackvolle Weise zu bethätigen, sich in seinem neuen Wirkungskreise Achtung und Vertrauen in hohem Grade erworben, und da er von mir gesprochen hatte, wie es seine väterliche Zuneigung mit sich brachte, so wünschte man am Ende im Schindlerschen Hause mich kennen zu lernen, worauf er es unstreitig angelegt hatte. Um ihn und unser Verhältniß zu charakterisiren, setze ich eine Stelle aus dem Briefe an meine Mutter her, worin er sie überredete, mich nach Zerbst reisen zu lassen.
»Ich habe Dich hier im Hause als Mutter von einer Seite geschildert, daß Du mit Ehre und Reputation Deinen Fritz uns nicht verweigern kannst, ohne in der guten Meinung und Achtung, die man für Dich hat, gewaltig zu sinken. Sie ist eine zärtliche Mutter, sagte ich, zärtlich wie nur immer eine Mutter gegen ihren einzigen Sohn, der ihr Alles ist, sein kann.[30]  Aber ihre Zärtlichkeit ist nicht Schwachheit: sie ist von Vernunft geleitet. Weit entfernt vor bloß möglichen Gefahren zu zittern, ist sie vielmehr stark genug, ihren Sohn sich manchen Beschwerlichkeiten aussetzen zu sehen, durch die sein Körper fest und stark, seine Gesundheit gesichert wird, und wodurch seine Manieren immer mehr sich von denen des Muttersöhnchens, des Stubenhockers, entfernen.«
Diese Vorstellungen verfehlten ihre Wirkungen nicht, und ich wurde im Herbste 1786 richtig nach Zerbst geschickt. Eine von der Leipziger Messe zurückkehrende Kürschnerin hatte den Auftrag, mich unbeschädigt dahin zu führen. Mittags ausgefahren, übernachteten wir in Delitzsch, wo der Wirth sich nicht wenig über den winzigen Gast wunderte, für den von Zerbst aus ein eigenes Zimmer sammt übriger Bewirthung bestellt war. Am Abende des folgenden Tages kamen wir am Thore von Zerbst an, und während der Wagen vom Visitator untersucht wurde, schallte mir aus der Dunkelheit die wohlbekannte Stimme entgegen: »ist er da?« Es war der Onkel, der mit seinen zwei Zöglingen mir entgegen kam. Sie nahmen mich in Empfang und führten mich, da die Schindlersche Familie gerade an einem Pickenick in einem benachbarten Garten Theil nahm, dahin. Hier sah ich mich mit einem Male in einem hell erleuchteten Saale unter einer großen Gesellschaft von Herren und Damen, und ging nun von Hand zu Hand, denn »der kleine Neffe des Herrn Koch« war ein willkommener Gegenstand der Unterhaltung für die Damen, die dabei den »Herrn Koch« selbst viel mehr im Auge haben mochten. So ungemein freundlich, wie die erste Aufnahme gewesen war, blieb nun auch der ganze Aufenthalt in Zerbst, da ich hier Alles fand, was ich nur wünschen konnte. Das Schindlersche Haus war eines der angesehensten in der Stadt; die ganze Einrichtung und Lebensweise hatte den Charakter der Behaglichkeit und der Fülle, während die verständige Ordnung und Maaßhaltung gleichsam die Sicherheit des Besitzes verbürgten. Der Anstand und die feine Sitte, die hier herrschten, flößten mir Achtung ein, und dabei machte das mir überall entgegentretende[31]  Wohlwollen, daß ich mich in dieser mir neuen Umgebung sogleich sehr wohl befand. Der Hausherr, wohl beleibt und mit bedächtiger Langsamkeit sich bewegend, hatte die ganze Gravität eines seine Bedeutung fühlenden reichen Kaufmanns der damaligen Zeit. Seine Gattin, eine geborne Schlegel aus Hannover, war dagegen voller Geist und Leben, heiter und liebreich, die Schöpferin der geschmackvollen und höchst saubern Einrichtungen im Hause, die stets sorgsame Pflegerin der Ihrigen, der belebende Mittelpunkt einer feinen Gesellschaft. Die Tochter vom Hause, die damals etwa fünfzehnjährige Karoline, zog durch Schönheit und Freundlichkeit mich an, während sie durch höhere Bildung und jungfräuliche Zartheit mir Achtung gebot. Darauf folgte Wilhelm, der nur um einen Tag älter als ich, an Kenntnissen aber mir in ungleich höherem Maaße überlegen war, übrigens ganz mit mir übereinstimmte, und mit welchem ich eine innige Freundschaft knüpfte. Ich erinnere mich noch, wie wir einige Jahre später in Brehna, wo wir zusammengekommen waren, beim bevorstehenden Abschiede weinend einander im Arme lagen, und der Großvater, dem solche Zärtlichkeit ein Greuel war, hereinbrummte: »Habt Ihr nicht bald genug gedahlt?« – In Zerbst theilte ich mit ihm seine Lehrstunden, und lernte hier ungleich mehr als in meiner Leipziger Schule, und, was noch wesentlicher war, ich gewann mehr Geschmack am Lernen, da durch die Behandlung meines Onkels Geschichte und Geographie einen neuen Reiz für mich erhielt, selbst die trockne Grammatik genießbarer wurde, Naturgeschichte, Archäologie und Literargeschichte aber, in die ich hier zuerst eingeführt wurde, mich lebhaft interessirte. Ich wetteiferte mit meinem Freunde, und mein Onkel war mit mir zufrieden. Wie nun die Lehr- und Arbeitsstunden mir wahre Freude machten, so wurde auch die Zeit der Erholung auf das Fröhlichste verlebt. Im obersten Stockwerke des Hauses war ein Zimmer mit einer Naturaliensammlung, welche öfters zu unserer Unterhaltung diente; auf dem anstoßenden großen Bodenraume war ein recht hübsches Theater errichtet, und oft luden wir Karolinen nach dem Mittagsessen ein, ein Schauspiel[32]  anzusehen, wozu wir eine Stunde vor dem Essen den Plan gemacht und die Probe gehalten hatten. Unter unsern Altersgenossen waren die beiden Söhne des als Rationalist, beredter Kanzelredner und moralischer Schriftsteller bekannten Consistorialraths Sintenis uns die liebsten, von denen besonders der ältere, Fritz, durch sein Feuer sich auszeichnete.

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Da mein Freund Wilhelm recht innig an mir hing, und die übrigen Glieder der Familie auch sehr gütig gegen mich gesinnt waren, so baten sie in einem gemeinsamen Schreiben meine Mutter um die Einwilligung, daß ich ein Vierteljahr länger, als ausgemacht war, in Zerbst bleiben dürfe. Dabei bot der Onkel in seinen Briefen alle Beredtsamkeit auf, um die Gewährung meiner Mutter zu erlangen. Als Alles vergeblich war, schrieb er ihr unter Anderem:
»Nun endlich kann ich Dir einen Brief schreiben, der Deinen Schmerzen Linderung geben wird: morgen bringe ich Fritz nach Dessau, setze ihn, so viel mir möglich, wohl verwahrt auf die Post, und schicke ihn auf gut Glück nach Holzweißig; ich wünsche, daß Alles gut gehen und Du ihn glücklich wieder bekommen mögest. Am letzten Posttage schrieb ich Dir ab sichtlich nicht: ich war ärgerlich über die mir überspannt vorkommenden Aeußerungen von Muttergefühl in Deinem Briefe; aber ich ward unwillig, als ich die Briefe las, die Du an Fritz selbst geschrieben hattest. Wie kann eine Mutter wie Du gegen ihre Sohn, sei er auch der einzige, sei er auch ein Sohn von Verstand und vom besten Herzen, wie kann sie sich so bloß geben? Verlangt die Mutter bloß Gegenliebe, und will sie nicht auch auf Achtung und kindliche Ehrfurcht Ansprüche machen? Wie ist dies aber möglich, wenn sie ihm die ganze Größe ihrer Liebe, ihrer Schwachheit zeigt? Aber merke wohl, liebe Schwester! nicht daß Du einen solchen Grad von mütterlicher Liebe gegen Fritz fühlst, nicht dies ist es, was ich an Dir tadle: ich schließe von meiner Liebe für ihn sehr leicht auf den Grad der Deinigen; nur die Aeußerung derselben gegen Deinen Sohn will mir nicht gefallen« u.s.w.
Dieselbe Scene wiederholte sich, als ich das zweite Mal[33]  in Zerbst war, und zwar in noch stärkern Zügen. Ich erwähne diese Aeußerungen nicht bloß, weil die Erinnerung an mein Jugendglück mir so theuer ist, sondern auch, weil mancher Zug in meinem spätern Leben dadurch erklärt wird.



4. Höheres Schulleben.
(1789 bis 1793.)










[34] In den beiden höhern Classen, welche sowie Tertie und Quarte gemeinschaftliche Lehrstunden hatten, begann ich fleißiger für die Schule zu werden, da theils die Gegenstände des Unterrichts interessanter waren, theils der treffliche Forbiger hier lehrte. Forbiger war ein Mann, der einen hellen Verstand und geläuterten Geschmack mit großer Gelehrsamkeit verband, ein tüchtiger Grieche, ein eleganter Lateiner, ein gründlicher Historiker und ein freisinniger Theolog. Außer den öffentlichen Lehrstunden hatte ich mit mehrern meiner Mitschüler auch Privatunterricht bei ihm, wo wir Classiker lasen, Ausarbeitungen lieferten und Disputirübungen hatten. Am wenigsten sprachen uns seine Vorträge über alte Geographie an, da er diese zu seinem besondern Studium gemacht hatte und sie deshalb mit erschöpfender, für uns nicht ganz passender Umständlichkeit vortrug – ein Fehler, den auch Universitätslehrer nicht selten begehen, indem sie nicht gehörig unterscheiden, was für diejenigen Zuhörer, die einen einzelnen Zweig der Wissenschaft ex professo studiren, sich eignet, und was zur Uebersicht des ganzen Gebietes für das gesammte Auditorium Interesse hat.
Der Rector Martini war ein gelehrter Pedant, und von seinem Unterrichte interessirte uns am meisten der über römische und griechische Alterthümer. Er war schwerhörig, und da er mancherlei pedantische Schwächen zeigte, auch im Deutschen geschmacklos, oft geradezu lächerlich sich ausdrückte, reizte er unsern Muthwillen, und hierbei glaubten wir ganz in unserm Rechte zu sein, da er durch Parteilichkeit und Ungerechtigkeit gegen einzelne Schüler, sowie durch eine gewisse Gehässigkeit[34]  gegen den von uns verehrten Conrector Forbiger sich von einer schlechten Seite zeigte. Beide Classen führten mit halb lauter Stimme, welche er nicht vernahm, während seines Unterrichts gemeinschaftliche Gespräche, deren Gegenstand oftmals er selbst war, und trieben allerlei Unfug, wodurch wir seine Unbill gegen unsern Forbiger rächen zu müssen meinten. Ich will nur einen Streich, den ich ihm spielte, erwähnen, weil er mir leicht hätte schlecht bekommen können. Einer von uns, der Sohn eines Rathsherrn, hatte aus Langeweile auf einen Bogen Papier mit großen Buchstaben vive la liberté! geschrieben, und ich hatte nach dem Schlusse der Nachmittagsstunden dieses Blatt an die schwarze Tafel geheftet, um den Rector, der des Morgens vor Anfang der Lection die Classen zu besuchen pflegte, zu erschrecken. Die Fopperei gelang: Mar tini kam am folgenden Tage bleich und aufgeregt zum Morgengebete, setzte seine Frühstunden aus, und eilte zum Burgemeister, um ihm das Blatt als Ankündigung der ausbrechenden Revolution zu überbringen. Wiewohl er nun hier beruhigt wurde, so stellte er doch eine geheime Criminal-Untersuchung an, und diese hatte keine weitern Folgen, da es sich ergab, daß der Sohn eines Rathsherrn Schreiber des Aufrufs zur Freiheit war.
Der Unterricht auf der Leipziger Nicolaischule war allerdings nicht so umfassend, wie er es gegenwärtig auf unsern Gymnasien ist. Außer Geschichte, Geographie und Logik (nach Ernesti's initia doctrinae solidioris) waren die alten Sprachen Hauptgegenstand, und da man uns im Griechischen nur bis zum Lesen der Classiker führte, ohne uns zum Schreiben in dieser Sprache anzuleiten, so blieb allerdings das Latein die Hauptsache. Diese Beschränkung, die gegenwärtig als eine crasse Barbarei betrachtet wird, läßt sich einigermaaßen wohl vertheidigen. Es ist für die Bildung gewiß von Wichtigkeit, wenigstens eine Sprache gründlich zu erlernen, und zwar vorzüglich eine solche, die den Gipfel ihrer Ausbildung schon erreicht und eine feste, unwandelbare Gestalt gewonnen hat: im Organismus der Sprache spiegeln sich die Gesetze des Denkens und mit der Grammatik lernt man die Logik. Den Geist des[35]  Alterthums faßt man nur, wenn man die Werke desselben in der Ursprache lieset. Das Lateinische aber steht uns näher als das Griechische: es war die gemeinsame Sprache der Gelehrten aller Nationen bis in das achtzehnte Jahrhundert herein, und welche Wissenschaft ist es wohl, deren Studium nicht auf diese frühern Jahrhunderte zurückführte? So wird auch die Erlernung der neuern romanischen Sprachen durch Kenntniß der lateinischen erleichtert u.s.w.
Daß man auf meiner Schule nur in den untern Classen Rechnen lehrte und gar kein öffentlicher Unterricht in der Mathematik ertheilt wurde, war freilich zu tadeln, und doch kein großer Schaden. Die, welche Neigung zu diesem Studium hatten, nahmen Privatstunden bei dem Cantor Behringer, und wie das Talent auch bei einer mittelmäßigen Anleitung sich seine Bahn bricht, so machte bei diesem Unterrichte einer meiner Mitschüler, Namens Burkhard, solche Fortschritte in der Mathematik, daß er eine ehrenvolle Anstellung an der Pariser Sternwarte unter Lalande erhielt. Ich fühlte mich nicht zur Mathematik berufen, und bei einen Versuche, mich durch einen Freund darin unterrichten zu lassen, überzeugte ich mich, daß es mir an allem Talente dazu fehle. Man weiß sich in solchen Fällen zu trösten, und auch mir fehlte der Trost nicht: ich habe nämlich ganz fähige, ja ausgezeichnete Köpfe kennen gelernt, die gleich mir in dieser Hinsicht von der Natur verwahrloset waren, und dagegen gute Mathematiker gefunden, die eine sehr beschränkte Urtheilskraft besaßen. Die Natur pflegt die Anlagen, die sie vertheilt, bis auf die speciellsten Richtungen zu vereinzeln, und es giebt eben so wenig eine allein den Geist bildende Wissenschaft als eine allein seligmachende Kirche.

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Wir erhielten auch keinen Unterricht in der deutschen Sprache, sondern mußten die Gesetze derselben beim Lesen vaterländischer Schriftsteller entdecken, und wer Neigung dazu hatte, studirte nebenbei die deutsche Grammatik; solch freiwilliges Studium ist aber nicht selten erfolgreicher als ein genöthigtes.
Naturwissenschaften wurden ebenfalls nicht gelehrt, und in der That läßt sich auch Einiges dafür sagen, daß derjenige,[36]  welcher späterhin die Universität bezieht, sie erst hier zum Gegenstande eines ernstern Studiums macht, nachdem er sie im Umrisse schon beim Elementarunterrichte kennen gelernt hat. Werden sie nämlich recht bearbeitet, so geben sie mit einer Uebersicht der Einzelheiten auch Einsicht in den Zusammenhang des Ganzen: einerseits führen sie dann alle Mannichfaltigkeit auf ein höchstes Princip zurück, bringen also dieselbe Gesetzmäßigkeit, die in den äußern Erscheinungen sich kund giebt, auch in der Innenwelt des Menschen zur Anschauung; andrerseits fassen sie die Verschiedenheit alles Gegebenen nach ihren wesentlichen Momenten scharf auf, und leiten sie aus der Einheit des obersten Princips ab. Eine solche ganz eigentlich wissenschaftliche oder philosophische Bearbeitung der gesammten Naturkunde unterscheidet sich sehr von den Constructionen, welche man uns unter dem Namen von Systemen der Naturphilosophie gegeben hat, und ist allerdings noch nicht gewonnen; aber hin und wieder zeigt sich ein Ringen darnach, und indem wir immer vorwärts blicken müssen, dürfen wir auch erwarten, daß künftig der Vortrag eines solchen Stammes allen Wissens möglich sein wird. Hier wird eine umfassende Ansicht der Natur als Physikotheologie, nicht in der bisherigen kleinlichen, auf Beweisführung für kirchliche Dogmen ausgehenden, sondern in freier, vernunftgemäßer Gestalt auftreten, und durch Darlegung der Allgewalt des Geistigen einen unwandelbar festen Standpunkt in der Welt nachweisen, so daß die auf oberflächlicher Kenntniß beruhende Negation in ihrer Blöße erscheint und das Gemüth vor dem nagenden Gifte der Irreligiosität geschirmt wird. Und so wird insbesondere der Theolog durch die Uebereinstimmung der Naturwahrheiten mit der reinen Lehre Christi eine festere Basis für sein Lehramt gewinnen. Die Psychologie ist selbst nur ein integrirender Theil der Naturwissenschaft, und Moral, Aesthetik, Pädagogik und Politik finden in derselben ihre Grundlage; daß die Geographie vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus zu bearbeiten ist, wird anerkannt; eben so aber muß auch Geschichte, Gesetzgebung, Sprachforschung etc. von da ausgehen. Daß der Gymnasiast zu Auffassung dieser[37]  Beziehungen noch nicht reif ist, daß ihn sein Alter nicht befähigt, die Erscheinungen der Natur in ihrem Zusammenhange mit dem großen Ganzen ernst anzuschauen, leidet keinen Zweifel. Wohl mag er hierzu vorbereitet werden durch die speciellen, hauptsächlich das Gedächtniß beschäftigenden Vorträge der Botanik, Zoologie, Physik etc. Dies hat aber leicht den Nachtheil, daß er darüber das Interesse verliert, diese Disciplinen auf der Universität noch zum Gegenstande eines umfassendern Studiums zu machen, und daß er, schon im Besitze alles Wissens sich wähnend, gegen eine wissenschaftliche Erkenntniß der Natur gleichgültig ist. Hierzu kommt, daß die meisten Gymnasiallehrer die Naturwissenschaft nur zu einen Nebenstudium gemacht haben: solche Männer sind aber auch geneigt, nichts von ihrem Wissen zurück zu behalten, und indem sie somit Alles, was sie gelernt haben, zu Markte bringen, ermüden sie die Schüler mit einem unfruchtbaren Detail. Nur wer einer Wissenschaft sich ganz gewidmet und durch philosophische Auffassung sich seines Gegenstandes ganz bemächtigt hat, vermag eine gedrängte, allgemein verständliche und anziehende Darstellung der Resultate des Forschens zu geben, und wenn die Universität einen solchen Lehrer für die Naturwissenschaft besitzt, so werden dessen Vorlesungen auch eben so allgemein zu besuchen sein, wie jetzt die über Logik und Metaphysik, wobei der letztern nur noch eine historisch-kritische Stellung bleiben würde. – Dagegen ist es ganz zweckmäßig, daß die Bürgerschulen, die nicht zu höhern Bildungsanstalten vorbereiten, ihren Zöglingen die nöthigen Kenntnisse der Natur beibringen.
Auch neuere Sprachen wurden auf meiner Schule nicht gelehrt, und ich bekam im Französischen, Italienischen und Englischen Privatunterricht, da meine gute Mutter allen zu meiner Erziehung nöthigen Aufwand zu bestreiten wußte.
An dem dürftigen Unterrichte im Singen nahmen die obern Classen keinen Theil, und ich hatte, als ich in diese aufgerückt war, auch en Privatunterricht im Claviere schon abgethan, da ich wenig Talent dafür bewiesen und die Lust dazu bald verloren hatte, woran der Lehrer wohl auch einige Schuld haben mochte.[38] 
Der öffentliche Unterricht hatte also damals bedeutende Lücken. Vergleiche ich aber die Studirenden meiner Zeit mit denen der Gegenwart, so kann ich Letztern in Hinsicht auf allgemeine Bildung und wissenschaftlichen Sinn keineswegs einen Vorrang zugestehen; die Früchte des vervollkommneten Gymnasial-Unterrichts und der strengen Abiturienten-Prüfungen habe ich daher nicht zu erkennen vermocht. Auch spricht für die Leistungen meiner Schule die Zahl wissenschaftlicher Männer, die aus ihr hervorgingen. So waren unter meinen 30 Mitschülern in den zwei obern Classen mehrere, die als Schriftsteller und akademische Lehrer einen Namen erlangt haben: Heinroth als Professor der psychischen Medicin in Leipzig; Schwägrichen als Professor der Naturgeschichte, und Kuhl als Professor der Chirurgie daselbst; Weber als Professor der Cameralwissenschaften zu Breslau, und Hayner als Arzt an den Irrenanstalten in Waldheim und Kolditz. Ob vielleicht eben der Umstand, daß die Schule nicht den ganzen Menschen ihrem Zwange unterwarf, sondern dem eigenen Willen mehr Raum gab, zu Beförderung des Privatstudiums beigetragen hat?


Mein Onkel, der 1791 seiner Candidatenprüfung wegen nach Dresden ging, daselbst Vorlesungen über Literargeschichte, akademische Propädeutik u.s.w. hielt, 1792 den damaligen Präsidenten des Ober-Consistoriums, nachmaligen Minister von Burgsdorf (dessen Sohn er für die Universität vorbereitete) auf seinen Reisen zur Revision der beiden sächsischen Universitäten begleitete, 1793 mit der Familie von Lieven, welcher er ebenfalls Lehrer und Hausfreund war, die böhmischen Bäder besuchte, und dann Archidiakonus in Mittweide wurde, nahm an meiner Erziehung fortwährend warmen Antheil. Er unterhielt einen lebhaften Briefwechsel mit mir, ertheilte mir Rath für den Gang meiner Studien, leitete meine wissenschaftliche Lectüre und ließ sich meine Privatarbeiten schicken; auch gab er mir ein Taschengeld. Außer der persönlichen Zuneigung zu mir bestimmte ihn die Dankbarkeit gegen meine Mutter, deren Geist und Charakter er hoch achtete, und deren schwesterlicher Liebe er während seiner Schul- und Universitätsjahre viel schuldig[39]  zu sein bekannte. Jetzt nach seinem Tode erkenne ich gegen seine Hinterlassenen freudig an, wie sehr ich ihm verpflichtet bin: so pflanzt sich Liebe und Dankbarkeit in lebendiger Wechselwirkung fort, und macht uns glücklich im Empfangen und Geben.
Manchen Dogmen der Kirche hatte mein Verstand von Anfang an widerstanden, und der Confirmanden-Unterricht, den ich im Jahre 1791 erhielt, war auch nicht geeignet, den Ketzergeist in mir zu überwinden. Ich hatte ein Vorbild echter Religiosität in meiner trefflichen Mutter vor mir, und war religiös gesinnt, wenn auch der öffentliche Gottesdienst mich wenig ansprach, indem er mich zu kalt ließ. Dagegen befriedigten mich Forbigers Vorträge über die vornehmsten Beweise der Wahrheit und Göttlichkeit der christlichen Religion, die er aus dem Inhalte derselben schöpfte. Er erklärte, wie das mir vorliegende Heft vergegenwärtigt, daß viele Dogmen der Kirche spätere Zusätze sind, die dem Geiste der christlichen Religion zuwiderlaufen, so wie daß selbst in den Lehren Jesu und der Apostel Stellen vorkommen, welche mit den Principien der Vernunft und sogar mit dem Neuen Testamente im Widerspruche stehen, und nur auf Accommodation nach den damals unter den Juden herrschenden Vorstellungen beruhen. Die Dreieinigkeit, der Teufel, die Erbsünde und der Versöhnungstod gehörte nach Forbigers Lehre zu den vom wirklichen Christenthume zu unterscheidenden Dogmen.
Die französische Revolution ließ mich nicht unberührt; seit ihrem Beginnen hatte ich mich lebhaft für sie interessirt, indem auch Deutschlands Freiheitsdichter einen tiefen Eindruck auf mich machten: ich konnte Schuberts Fürstengruft und die prägnantesten Fabeln Pfeffels auswendig; vor Allem aber war Schiller mit seinem hohen Sinne für die Menschheit, für Gerechtigkeit und Freiheit, der Gegenstand meiner enthusiastischen Verehrung, wie ich denn auch immer in seinen Werken Erhebung gefunden habe, während Goethe's Poesie mich ergötzt und meinen Verstand beschäftigt hat. Eine nähere Bekanntschaft mit der französischen Revolution erhielt ich durch[40]  einen gewissen Polyzc aus Thessalien, der eine Zeit lang bei meiner Mutter speiste. Er hatte sich von Jena, wo er wegen eines an dem Amicisten-Orden begangenen Verraths gemishandelt worden und selbst in Lebensgefahr gewesen war, nach Leipzig geflüchtet, wo er vorzüglich mit revolutionären Plänen umging und Medicin nur darum studirte, um einst als Arzt von Constantinopel aus für die Befreiung seines Vaterlandes wirken zu können. Feurig, für politische Freiheit glühend, in hohem Grade beredt, wirkte er sehr stark auf mich, ohne mich zum Jakobinismus hinreißen zu können; vielmehr behauptete ich eine gewisse Selbstständigkeit und Mäßigung des Urtheils. So erinnere ich mich, im Herbste 1792 in einer Ferienarbeit bei Vergleichung der französischen Revolution mit der Einführung der Republik in Rom die Franzosen einer feigen Rachgier beschuldigt zu haben, da sie meiner Meinung nach gleich den Römern die königliche Familie nur hätten vertreiben und die modernen Porsennas muthig erwarten sollen. Als ich in der Niederlausitz preußische Truppen gegen Frankreich ziehen sah, hatte ich in Widerspruche zu meiner Umgebung die feste Zuversicht, daß sie gegen die Freiheitshelden nichts ausrichten würden. Wahrend aber die Anerkennung der Menschenrechte, die Bekämpfung der Tyrannei und die Abschaffung schreiender Ungerechtigkeiten mich begeisterte, war der Republikanismus bei mir nur sehr oberflächlich. Dies erfuhr ich z.B., als ich den Kurfürsten von Sachsen bei seiner Anwesenheit in Leipzig bei mir vorüber nach der Kapelle im Schlosse gehen sah und ihm mit dem Volke wie begeistert zujauchzte, ohne zu wissen, warum; wie dunkel immer die Vorstellungen sein mögen, die Heiligkeit der gesetzlichen Ordnung tritt lebendig vor unsere Seele, wenn wir das Oberhaupt des Staats erblicken; in ihm erscheint uns das Vaterland in persönlicher Gestalt, und indem die Gefühle, die wir diesem widmen, hier einen sinnlichen Haltpunct finden, durch den sie sich concentriren, flammen sie zu einer Art Begeisterung auf, von welcher die Fürsten doch ja nicht glauben sollten, daß sie ihrer Persönlichkeit gelte.

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Zu Michaelis 1792 reiste ich zur Schwester meines Vaters,[41]  welche an den Amtsverwalter Hänsel zu Golzen in der Niederlausitz verheirathet war. Daß ich hier zu Personen kommen sollte, die mir persönlich noch ganz unbekannt waren, daß ich mit der Post bis Luckau reiste, daselbst den gehofften Wagen nicht antraf, durch einen expressen Boten meine Ankunft melden, unterdeß in einem Gasthofe mich einlogiren mußte und dabei kleine Abenteuer hatte, war mir sehr interessant, indem es mir die erlangte Selbstständigkeit anschaulich machte. Meine alte Tante, von beinahe zwerghafter Kleinheit, war sehr freundlich gegen mich, ich aber konnte kein Herz zu ihr fassen, und wenn sie in den Erzählungen von den Verhältnissen unserer ausgebreiteten Familie unerschöpflich war, so bestand Alles, was ich dabei thun konnte, in geduldigem Ausharren mit der Zuversicht, daß ich kein genealogisches Examen zu bestehen haben würde; wiewohl sehr karg, beschenkte sie mich doch, als ich nach einigen Wochen wieder abreiste, was sie meiner Meinung nach um so eher thun konnte, da ich wußte, daß sie meinen Vater bei der elterlichen Erbschaft übervortheilt hatte. Der Amtsverwalter, ein tüchtiger und wohlhabender Landwirth, war ein lebenslustiger Mann, an den ich mich mehr anschloß, indem ich mit ihm die Felder beging und Besuche im Städtchen machte. Uebrigens behagte mir seine Wohnung in dem gräflichen Schlosse, worin mir ein ansehnliches Zimmer eingeräumt war, von wo aus ich in einer Reihe ähnlicher Zimmer mich ergehen konnte; während der ersten Tage nach meiner Rückkehr fühlte ich mich sogar in meinem und meiner Mutter bescheidenen Stübchen sehr beklommen, weßhalb ich mir Vorwürfe machen mußte, indem ich wohl einsah, wie schwach es von mir war, durch eine stattliche Umgebung schon binnen wenigen Wochen verwöhnt worden zu sein.
Noch erwähne ich, daß ich in dieser Periode von Zerbst aus den Auftrag erhielt, einer Schwester der nachmals berühmten Gebrüder Schlegel bei ihren kurzen Aufenthalte in Leipzig als Attaché zu dienen. Ich kam dadurch auch in Berührung mit Friedrich Schlegel, der mir doch damals schon bedeutsam genug erschienen sein muß, da sein Bild als das[42]  eines zarten, schwärmerischen, in sich versunkenen Jünglings mir noch lebhaft vorschwebt. Ich erneuerte 1810 seine Bekanntschaft in Wien, wo sein fettes, glänzendes Gesicht mit der pfäffischen Salbung, von welcher er zu triefen schien, mir so unheimlich vorkam, daß ich es beim ersten Besuche bewenden ließ.
Zu Michaelis 1793 verließ ich die Schule mit einer Abschiedsrede über das Thema: ἰατρὸς γὰρ ἀνὴρ πολλῶν ἀντάξιος ἄλλων, denn Medicin studiren zu wollen, stand schon seit längerer Zeit bei mir fest, ungeachtet mein Gönner, Dr. Börner, mich davon abmahnte. Ob ihn hierzu die Meinung bestimmte, daß ich wegen Mangels eines imponirenden Aeußern und eines Zuversichtlichkeit verkündigenden Benehmens als Arzt kein Glück machen könnte, und ob andrerseits der Wunsch meiner Mutter, mich in die Fußstapfen des Vaters treten zu sehen, auf meinen Entschluß den meisten Einfluß hatte, kann ich nicht bestimmen. Das aber weiß ich gewiß, daß der Gedanke der wohlthätigen Wirksamkeit des Arztes den vorzüglichsten Antheil an der Wahl meines Berufs hatte, sowie meine Mutter gewiß auch nur darum wünschte, daß ich dem Beispiele meines Vaters folgte, weil ihr an ihm die sittliche Bedeutung des ärztlichen Standes recht klar geworden war. Für das Wohl Anderer wirken zu wollen, mußte ja nothwendig in meiner Sinnesweise liegen, da der Keim menschenfreundlicher Gesinnung von den Eltern her mir angeerbt, durch die liebevolle Behandlung, die ich fortwährend genossen, entwickelt und durch das von Dichtern angeregte ideale Streben genährt worden war; die Unmittelbarkeit der Hülfe, welche der Arzt gewährt, mußte mich aber bei meinem Verhältnisse und beschränkten Gesichtskreise am meisten ansprechen. Ich habe hiermit die Grundzüge meines Charakters angedeutet: eine überwiegende Regsamkeit des Gefühls in idealer Richtung, ein lebendiger Sinn für Sittlichkeit in ihren großartigen Erscheinungen, eine zuweilen an das Phantastische gränzende Neigung zu Aufopferungen für das Gemeinwohl, aber mit beschränkter Kraft und großer Empfänglichkeit für angenehme Aeußerlichkeiten.
Daß ich schon in früher Zeit die Absicht hatte, mich zum[43]  akademischen Gelehrten auszubilden, entnehme ich aus einem Briefe meines Onkels von 1793, worin er mir schrieb: »möchte es Dir, mein Fritz! vorbehalten sein, in der Wissenschaft, der Du Dich widmen wirst, eine der Fackeln vorzutragen, die die Mitwelt und Nachwelt erleuchten sollen!« So dachte er denn an die Möglichkeit, daß ich einst Großes leisten könnte: hatte er ja doch für eine solche Möglichkeit gethan, was er konnte, und bei seiner Liebe zu mir war er um so geneigter, sie sich zu denken.
Mit tiefer Bewegung habe ich die Liebe, die meine Jugend beglückte und meine Erziehung leitete, jetzt in frisches Andenken zurückgerufen und einige Züge davon in Vorstehendem erzählt. Diese Erinnerung ist nicht ohne Schmerz, denn ich sehe ein, daß ich unter dieser Leitung gründlichere und ausgebreitetere Kenntnisse hätte erlangen müssen, wenn ich mich mehr angestrengt hätte. Ich gehörte nicht zu den Trägen und in der Bildung Zurückbleibenden, wurde aber von einigen meiner Mitschüler an Fleiß und Fortschritten übertroffen, indem ich mannichfaltigen Zerstreuungen zu viel einräumte. So schrieb ich z.B. eine Zeit lang eine humoristisch sein sollende Schulzeitung unter dem Titel: der von St. Nicolao ausgesandte Mercurius die satyrische Aufsätze, Berichte über Ereignisse in den verschiedenen Classen, Ankündigungen der Kuchenfrau und ähnliche Schnurren enthielt; sie circulirte während der Lehrstunden des Rectors, fand natürlich Beifall, raubte mir jedoch mehr Zeit, als der Scherz werth war, da ich jeden Montag einen halben Bogen lieferte. Unter strengerer Aufsicht würde ich allerdings mehr Fortschritte im Wissen gemacht, an längere Ausdauer im Studiren mich gewöhnt und größere Gründlichkeit mir angeeignet haben. Ob ich indeß an geistiger Kraft wirklich gewonnen und nicht an Lebensfrische und Lebensmuth eingebüßt hätte, bleibt immer die Frage, und so beschwichtige ich denn die Vorwürfe, die ich mir wegen meiner Versäumung mache, mit dem Gedanken, daß auch diese bei meiner Individualität nicht hat ausbleiben können und dürfen.

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Eine Bestätigung der Meinung, daß ich das geworden bin, was ich meinen natürlichen Anlagen nach gerade werden[44]  konnte, finde ich in dem Zustande meiner gesellschaftlichen Bildung. Ich hatte in meiner Jugend so viel Freiheit genossen, war mit so vielen Menschen beiderlei Geschlechts aus verschiedenen Ständen und Lebensverhältnissen in Berührung gekommen und überall aufmunternd behandelt worden; gleichwohl hatte ich mir nicht die nöthige Zuversichtlichkeit und Dreistigkeit erworben, um mich in der Gesellschaft geltend machen zu können. In jedem Kreise, wo ich Ueberlegenheit an Geist oder Gelehrsamkeit, an gesellschaftlichem Talente oder äußerlicher Begabung wahrnahm, hatte ich zu wenig Selbstvertrauen, um mich frei darin bewegen zu können: der Eindruck eines solchen Uebergewichtes war zu lebhaft und lähmte meine Einbildungskraft so, daß mir nichts einfiel, was ich werth gefunden hätte, auszusprechen und mir auch zu den Plaudereien, welche in gemischten Gesellschaften gemeiniglich die Unterhaltung ausmachen, die Zunge versagte. Ich erinnere mich, daß ich noch als Student in den Tanzgesellschaften, an welchen ich einen Winter über im Hause eines angesehenen Kaufmanns Theil nahm, eine schlechte Rolle zu spielen pflegte. Einigen Antheil daran hatte allerdings die geringe Spannung meiner Geisteskräfte, wegen deren mir nicht Alles augenblicklich zu Gebote stand, wo ich es brauchte; wie ich denn bemerkte, daß ich zuweilen bei einem angehenden Katarrh durch den stärkeren Andrang des Blutes nach dem Kopfe ein ungleich lebhafterer Gesellschafter wurde, als ich gewöhnlich war. Neben dem deutlicheren Bewußtsein meiner Schwächen wirkte auch meine Abneigung gegen allen Zwang, welche auch da hervortrat, wo ich glaubte, um des Scheines willen zu Führung eines mich nicht interessirenden Gespräches genöthigt zu sein. Ich hielt es für unwürdig, nach dem Scheine zu streben und glänzen zu wollen, während zu gleicher Zeit mir das Geschick dazu fehlte und so mußte ich denn wohl hin und wieder einfältiger erscheinen, als ich wirklich war.
Uebrigens hatte ich eine solche Sensitivennatur, daß die bloße Vorstellung, man könne mir eine Schlechtigkeit zutrauen, mich mit Schamröthe übergoß; ich erinnere mich z.B., daß, als ein Mann mir einst zu verstehen gab, er nehme meine[45]  blasse Gesichtsfarbe für ein Zeichen heimlicher Sünde, ich über und über roth wurde und keinen Versuch machte, den schimpflichen Verdacht von mir abzuwälzen.



5. Universitätsleben.
(1793 bis 1797.)










[46] Mit frischem Sinne und den besten Vorsätzen ging ich zu den akademischen Studien über und widmete mich ihnen mit regem Eifer, wenn auch nicht immer mit ausdauerndem Fleiße.
Bei Raabe hörte ich Encyklopädie der Wissenschaften, bei Eck Literargeschichte.
Heydenreich, ein scharfsinniger Denker und guter Dichter, lehrte Philosophie nach Kantischen Grundsätzen. Ich hörte bei ihm Fundamentalphilosophie und Naturrecht. Sein Vortrag war lebendig, anziehend, klar und ganz geeignet, in das Studium der Philosophie einzuführen. In dieses versuchte ich auch tiefer einzudringen und beschäftigte mich viel mit philosophischer Lectüre; doch reichte meine Bemühung, die in der Art der Darstellung liegenden Schwierigkeiten des Verständnisses zu überwinden, nicht hin, um mir alle Stellen, namentlich in Kants Werken, völlig klar zu machen und ich mußte mich mit Dem begnügen, was mir zu verstehen gelungen war, indem ich mich damit tröstete, daß manche meiner Freunde nicht glücklicher waren, andere, im Besitze der Terminologie, sich einbildeten, mehr zu verstehen, als wirklich der Fall war und selbst philosophische Schriftsteller einander oft das Nichtverstehen vorwarfen.
Platner, ein Mann von classischer Bildung, war mehr Philosoph für die Welt, als der Speculation mächtig. Seine äußere Erscheinung imponirte; eine ansehnliche Gestalt, eine ausdrucksvolle Physionomie, eine sonore Stimme, eine stolze, etwas steife Haltung bezeichnete eine vornehme Persönlichkeit, und da er bei seinen lebhaften Geiste und seinem Reichthume an Witz auch einen feinen Geschmack und viel Sinn für äußeren[46]  Glanz hatte, so nahm er in den höheren Zirkeln einen der ersten Plätze ein. Um den hierzu erforderlichen Aufwand bequemer bestreiten zu können, wollte er sich das Honorar von seinen Vorlesungen sichern und doch des unanständigen Verhältnisses beim Einziehen desselben überhoben sein: so gab er denn seine Vorlesungen seinem Famulus, Schubert, in Pacht. Dieser, der mit ihm studirt hatte und ihm auf das Treueste ergeben war, bewachte die zwei- bis dreihundert Zuhörer seines Patrons mit Argusaugen und ließ keinen ohne Zahlung durchkommen; er erlegte jährlich die stipulirte Summe und erwarb sich dabei ein nicht unbedeutendes Vermögen, welches er bei seinem Tode den Platnerschen Erben hinterließ. Platner hatte die Sprache in hohem Grade in seiner Gewalt und sprach besonders das Latein mit seltener Gewandtheit und Eleganz. Sein Hörsaal, großartig und geschmackvoll, wie ein Salon für die feinste Gesellschaft ausgestattet, war, besonders in den Vorlesungen über Anthropologie, Moralphilosophie und Aesthetik, zahlreich besucht, namentlich von der Gesammtheit des studirenden Adels, da der freie, geistreiche Vortrag des beredten Mannes höchst interessant war und zum Denken anregte, ohne ernste Anstrengung zu fordern. Er bestritt die kritische Philosophie; indeß war sein Kampf mehr ein Plänkeln und beruhte vorzüglich wohl auf Mißverständniß. Ich erinnere mich, daß er eines Tages in einer Gesellschaft, wo die Rede auf die neueste Philosophie kam, sagte, man habe ihm von einem Bär erzählt, der die schönsten Melodien pfeife und ihn, da er es nicht hätte glauben können, zum Käfig eines Gimpels geführt, mit der Erklärung, dies Thier verstehe man jetzt unter dem Namen Bär: es lag darin das Bekenntniß, welche Schwierigkeiten er in der Kantischen Terminologie gefunden hatte.
Bei Carus hörte ich Geschichte der Philosophie. Er las sein mit der gewissenhaftesten Sorgfalt ausgearbeitetes Heft wörtlich ab und bemühte sich, den mangelnden Reiz eines freien Vortrags durch einen sehr geglätteten blumenreichen Stil zu ersetzen. Uebrigens flößte er bei näherer Bekanntschaft durch die lauterste Sittlichkeit und ungeheuchelte Beschei denheit hohe[47]  Achtung ein, wie er denn auch sein stilles Leben in unbefleckter Würde bis zum Ende führte, während meine beiden anderen Lehrer der Philosophie unglücklich endeten: denn Heydenreich stürzte sich durch grobe Ausschweifungen in das tiefste Elend, und Platner gab nicht nur durch seinen Stolz mancherlei Blößen, sondern hatte auch in seinem Alter das Unglück, wahnsinnig zu werden.
Zu Fortsetzung meiner philologischen Studien hörte ich die Erklärung des Theokrit bei Eichstädt, der sich eben als Privatdocent in Leipzig habilitirt hatte, und des Pindar bei Beck. Letzterer war ein grundgelehrter Mann, dessen blitzendes Auge von hoher geistiger Regsamkeit zeugte, während sein steifes, ängstliches Auftreten bewies, daß sein Reich nur in der Studirstube war. Späterhin war ich einmal in einer Gesellschaft, wo der Doctor der Theologie, Wolf, klagte, daß er bei den Diners der Minister in Dresden durch die Leipziger Priesterkrause, in welcher er doch erscheinen müsse, im Kauen bedeutend gehindert werde, worauf Beck versetzte, daß er bei solcher Gelegenheit andere Beschwerden zu ertragen habe, indem es keine Kleinigkeit sei, drei Stunden lang den Chapeaubas mit dem linken Arme an den Leib geklemmt zu halten und dabei zu speisen. – Ich hörte noch seine Vorlesungen über Universalgeschichte, die von Gelehrsamkeit strotzten, übrigens sehr trokken waren, wozu noch ein monotoner, stoßweise durch ein fast rhythmisches Knurren unterbrochener Vortrag kam. Dagegen wohnte ich mit großem Interesse den Vorlesungen über die Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts bei, welche Dr. Hommel, ein junger, lebhafter, liebenswürdiger Mann, späterhin Justizrath in Dresden, hielt.
Ludwig, bei dem ich allgemeine Naturgeschichte, Zoologie, eine Art vergleichender Anatomie, Naturgeschichte des Menschen und Mineralogie hörte, vereinigte den Weltmann mit dem Gelehrten, was gerade nicht zum Vortheile des Letzteren ausfiel. Ein für einen Privatmann ansehnliches Naturaliencabinet, verbunden mit einer beträchtlichen Bibliothek und Sammlung von naturhistorischen Abbildungen unterstützte ihn bei seinen Vorträgen.[48]  Bei einer bequemen Wohlhabigkeit hielt er sich mehr an der Oberfläche seiner Wissenschaft, wie denn eines Tages Reinhold Forster, als er seine Mineralien besah und mehrere Seltenheiten darunter entdeckte, von denen Ludwig gar nichts wußte, ihn deßhalb ausschalt und grob genug war, ihm zu sagen, er verdiene gar nicht, dergleichen schöne Sachen zu besitzen. Indessen wußte er Interesse für die Naturgeschichte zu wecken, unter Andern auch durch Stiftung der Linnéschen Gesellschaft, in welche er seine ihm Ehre machenden Schüler, wie Freiesleben, Fischer (von Waldheim), Tilesius u.s.w. und, um einen gewissen Glanz darüber zu verbreiten, Studirende von Adel aufnahm.

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Der berühmte Hedwig war in seiner Persönlichkeit und für den eigentlichen Botaniker interessanter, als in seinen Vorträgen für den Anfänger. Ich weiß noch sehr gut, wie ich gehofft hatte, über die Natur der Gewächse im Allgemeinen und über die Eigenschaften und Kräfte der einzelnen belehrt zu werden und mich daher nicht wenig wunderte, als zuerst mehrere Wochen mit einer ermüdenden Aufzählung der Namen für die verschiedenen Formen der Pflanzentheile zugebracht wurden, worauf die Erklärung des Linnéschen Systems folgte, so daß dann für die Abhandlung der eigentlichen Phytologie, als für einen Anhang, nur wenig Zeit übrig blieb. Für die Trockenheit der Vorträge entschädigten uns die Vertheilungen frischer Pflanzen zum Herbarium und die wöchentlichen Excursionen, besonders die nach dem Universitätsholze, die von Sonnabend Mittag bis Sonntag Abend dauerten und wo außer dem Botanisiren auch commercirt und allerhand Kurzweil getrieben wurde.
Unser Lehrer in der Chemie und Pharmacie war Eschenbach, der in der literarischen Welt nur als Uebersetzer aufgetreten ist. Er las nach des alten Gmelins Handbuche, sehr faßlich, und erläuterte das Wichtigste durch wohlgelingende Experimente; aber von den neueren Fortschritten in seiner Wissenschaft nahm er keine Notiz. Auch in dieser alten Form zog mich die Chemie sehr an: ich studirte sie emsig und fing auch an zu experimentiren. Um so mächtiger wirkte das antiphlogistische[49]  System auf mich, wo das ganze Reich der Mischung in großartiger Einfachheit so klar dem Blicke vorlag: das Studium desselben war mir eine Art geistiger Eroberung, die einen eigenen Genuß mit sich führte. Es ist daher wohl erklärlich, daß ich auch späterhin bei dieser Lehre stehen blieb, da die neuerdings entdeckten Thatsachen dem Gedanken sich noch nicht fügten und nicht abzusehen war, wie man hier zu wissenschaftlicher Einheit werde gelangen können; in den neueren Bearbeitungen der allgemeinen Chemie glaubte ich zu wenig philosophischen Geist zu finden und in dem speciellen Theile eine mikrologische Zersplitterung zu sehen. Die wissenschaftliche Chemie unserer Tage aber war mir wegen ihrer mathematischen Form unzugänglich.
Auch Hindenburgs Vorlesungen über Mathematik blieben für mich ohne Nutzen, so daß ich denn auch in seinen ausgezeichneten Vorträgen der Physik die schwierigeren Rechnungen bei Seite ließ. Dieser berühmte Erfinder der combinatorischen Analysis führte trotz einiger Unbeholfenheit seine Experimente in der Regel gut aus, wie er denn auch nur in seiner äußeren Haltung als ein pedantischer Stubensitzer er schien, in er Gesellschaft aber Witz und Laune bewies.
Haasens Ruf als Anatom überstieg sein Lehrtalent bedeutend. Er las sein altes lateinisches Heft ab und demonstrirte dann das Vorgetragene an Präparaten, aber oft so zerstreut, daß Niemand außer ihm selbst das zu Zeigende sehen konnte, wie er denn wohl auch naiv genug bisweilen sagte: »sehen Sie, wie ich das schön sehen kann!« Er hatte manche Lächerlichkeiten, die wir zu unserer Ergötzlichkeit aufzufassen nicht unterließen. Als Beispiel seiner Urtheilskraft führe ich an, daß er, wenn der Oberconsistorial-Präsident bei Revision der Universität seine Vorlesung besuchte, den ganzen Sectionstisch mit Schädeln bedeckte, sich mit einer Menge von Skeleten umgab und einen eigenen Vortrag für den hohen Gast über die Eintheilung der Kopfknochen hielt, womit er sonst die Osteologie einleitete. – Ich hörte die Anatomie auch bei Ludwig, der sie nach Sömmerring, also mehr den Zeitalter gemäß vortrug,[50]  wobei er nach trockenen Präparaten und Kupfern demonstrirte.
In der Physiologie (die ich zuerst bei Kreyßig gehört hatte, welcher mit diesen Vorlesungen seine akademische Laufbahn eröffnete), Pathologie, Semiotik, Arzneimittellehre, allgemeinen und speciellen Therapie und Chirurgie hatten wir einen trefflichen Lehrer an Hebenstreit. Er war ein scharfsinniger, gelehrter und überaus thätiger Mann, der jede auch noch so kurze Pause von Geschäften wissenschaftlich zu benutzen im Stande war. Bei seinen ausgebreiteten Kenntnissen in allen Zweigen der Naturwissenschaft und der Medicin war er als Stadtphysikus ein selten erreichtes Muster für solche Beamte. Er hatte eine nicht unbedeutende Praxis und beschäftigte sich dabei viel mit literarischen Arbeiten, wie er denn Uebersetzungen der Schriften von Hunter, Fontana, Gardiner, Gilibert, Bell, von Marum lieferte. Außer seinem Lehrbuche über medicinische Polizeiwissenschaft hat er kein eigenes Werk herausgegeben; jedoch hat ihm besonders seine Dissertation über den Lebensturgor eine ehrenvolle Stelle unter den Physiologen des achtzehnten Jahrhunderts gesichert. Wir widmeten ihm eine unbedingte Verehrung und hielten unter seiner Leitung ein Disputatorium, welches großes Interesse für uns hatte.
Außerdem hörte ich Vorlesungen bei Koch über Formulare, bei Dehn über die Salze, bei Kühn über Mineralwasser, bei Richter über Geburtshülfe.
Klinische Anstalten gab es damals noch nicht in Leipzig. Indeß erhielten wir klinischen Unterricht durch den Candidat Braune, der als Famulus des Dr. Geyer die Stelle des Arztes am Jakobsspitale versah. Da er ein heller Kopf und guter Beobachter war, der schon eine ziemliche Erfahrung sich angeeignet hatte, so war seine Klinik sehr lehrreich, und zwar um so mehr, da er noch jung, nicht promovirt und ohne Anmaßung war, so daß wir ohne allen Rückhalt gegen ihn uns äußern, unsere Bedenklichkeiten ihm mittheilen und nähere Belehrung von ihm verlangen konnten. Bei dem Umfange des Hospitals fehlte es auch nicht an Gelegenheit, viele Kranke zu[51]  sehen. Dem Wundarzte des Hospitals, dem Dr. Eckoldt, machte ich auch eine Zeitlang die Visite, wiewohl ich eben so wenig Neigung als Geschick zur Ausübung der Chirurgie hatte.


Eine Gelegenheit, mich in der ärztlichen Praxis zu üben, fand ich, da ich Amanuensis bei Professor Ludwig wurde, insofern dieser die ihm als Amtsphysikus bisweilen zufallenden Behandlungen von Kranken mir übertrug. Uebrigens war dieses mein Amanuensen-Amt wenig vortheilhaft für mich: das Stuhlgeld, welches ich von den Zuhörern der Ludwigschen Vorlesungen einnahm, mußte ich mit großem Zeitaufwande erkaufen, indem ich dafür die Naturaliensammlung in gehörigem Stande zu erhalten, die Bibliothek zu katalogisiren, die Meßkataloge zu excerpiren und ähnliche Arbeiten zu besorgen hatte. Dabei mußte ich mich jeden Mittag bei meinem Patrone nach Aufträgen erkundigen, und er hatte die vornehme Unart, mich oft ohne alle Ursache halbe Stunden und länger auf Bescheid warten zu lassen; indessen ist mir die Unbilligkeit eines solchen Verfahrens dadurch so einleuchtend geworden, daß, als ich in die Lage gekommen war, wo ich Leute auf mich konnte warten lassen, ich auch den Geringsten zur Schonung seiner Zeit immer sogleich abgefertigt habe.
In den letzten Jahren zog mich das Brownsche System sehr an. Von Girtanner, der mir als Schriftsteller über die französische Revolution sehr widrig geworden war, aber mich zuerst mit der durch Lavoisier in der Chemie bewirkten Revolution bekannt gemacht hatte, ließ ich mich gern über die Revolution unterrichten, welche John Brown in der Medicin hervorgebracht hatte. Hier war in der Anerkennung der im gesammten Leben herrschenden einen und untheilbaren Grundkraft ein oberstes Princip für die Medicin aufgestellt; diese Begründung durch eine philosophische Auffassung und die große Einfachheit, welche diese Lehre auszeichnete, sagte mir in hohem Grade zu. Indeß war ich theils durch meine bisherigen Studien, namentlich durch Hebenstreits Vorträge, theils durch die Beobachtungen, die ich unter Braun am Krankenbette machte, vor der Gefahr, ein blinder Anhänger der neuen Schule[52]  zu werden, gesichert. Ich sah ein, daß die Brownsche Lehre weder für die Erkenntniß des gesammten Lebens, noch auch für die Grundsätze der Heilung erschöpfend sei, wohl aber ein Element für eine bestimmte Sphäre der Heilkunst abgebe.
Es fehlte mir nicht an werthen Freunden, in deren Gemeinschaft ich sowohl meine Studien betrieb, als auch die Freuden des Jugendlebens genoß. Oben an standen zwei, die schon auf der Schule mir sehr befreundet gewesen waren, und jetzt mit mir zusammenwohnten, Schwägrichen und Hayner, zu denen sich noch Constantin gesellte. Wir harmonirten vortrefflich. Schwägrichen betrieb mit großem Eifer die Naturgeschichte, und zwar vorzüglich Kryptogamie und Entomologie, wie er denn auch als der vorzüglichste Schüler Hedwigs späterhin dessen Werk über die Gattungen der Laubmoose herausgegeben und fortgesetzt, auch in der Wildenowschen Ausgabe des Linnéschen Systems die Laubmoose abgehandelt, so wie ein Lehrbuch der Naturgeschichte für Schulen geschrieben hat; übrigens vernachlässigte er dabei das Studium der Medicin keinesweges, indem er namentlich daran dachte, dereinst auf Reisen in ferne Länder sich durch Ausübung der Arzneikunst die Hülfsmittel zu verschaffen, deren der Naturforscher bedarf. In der Aussicht auf weite Reisen hatte er es sich zum Gesetze gemacht, sich durch Entbehrungen aller Art abzuhärten. Da ihm in Hause seines Vaters, eines begüterten, aber keinesweges auf großem Fuße lebenden Kaufmannes, die Lebensweise doch zu üppig schien, zog er es vor, mit uns zu wohnen, wo wir ihm zu Liebe wenigstens auf Matratzen, die auf dem Fußboden lagen, unsere gemeinschaftliche Lagerstätte hatten, aber seinem Beispiele nicht folgten, wenn er kein anderes Frühstück als ein Glas Bier mit einem Stück Schwarzbrod nahm und weite Excursionen, z.B. auf den Harz, mit unglaublich geringen Kosten machte. Aller Weichlichkeit feind, fand er es unwürdig, wenn Männer sich küßten, und konnte durch nichts mehr erzürnt werden, als wenn wir aus Neckerei mit ihm um einen Kuß rangen. Aeußerlich so kalt, daß wir ihm zuweilen eine Froschnatur zuschrieben, hatte er das wärmste Gefühl und war er der herzlichste Freund;[53]  dabei der lebhafteste und unterhaltendste Gesellschafter, auch im Kreise von Frauen, übrigens ein guter Musiker.
Hayner hatte auf der Schule die Absicht, nach dem Wunsche seiner Mutter Theolog zu werden gehabt, aber, besonders durch seine Neigung zum Theater bestimmt, diesen Vorsatz aufgegeben. In der That hatte er ein großes Talent zum Schauspieler: ein tüchtiger Musiker und ein vortrefflicher Bassist, hatte er, von Schocher, dem ersten Begründer einer auf bestimmten Grundsätzen beruhenden Declamationskunst, unterrichtet, bei der Richtigkeit seines Urtheils und der Lebhaftigkeit seiner Phantasie eine ausgezeichnete Declamation; und da er vermöge des Hanges zu Sonderbarkeiten und einer Vorliebe für das Pikante, dergleichen bei geistreichen Männern, die zur Hypochondrie hinneigen, nicht selten vorkommt, vorzüglich gern sich in die Rolle eines Intrigants oder eines Buffo dachte, so würde er in diesem Fache gewiß Großes geleistet haben. Da er aber, um seine Mutter nicht zu betrüben, anfänglich nur bei ihren Lebzeiten die Bühne nicht zu betreten beschlossen und das Studium der Medicin begonnen hatte, so widmete er sich diesem auch in vollem Ernste, und, je weiter er darin fortschritt, mit desto größerem Interesse, denn etwas halb zu treiben lag nicht in seiner Natur; die Opernmusik blieb nur zur Ergötzung in müßigen Stunden.
An uns schloß sich besonders Constantin an, der uns Alle an Feuer übertraf, die Poesie wie das ernste Studium mit ungemeiner Lebhaftigkeit auffaßte und bei einer tüchtigen Gesinnung die Freuden des Lebens mit jugendlicher Unbefangenheit genoß. Es war die Zeit, wo man fühlte, daß die Medicin auf Physiologie sich stützen, diese aber die vergleichende Anatomie mehr benutzen müsse. So wendete denn Constantin sein Studium neben der praktischen Medicin vornehmlich auf Zootomie und wählte zum Gegenstande seiner näheren Untersuchung die Leber, die er, da damals der Bau der wirbellosen Thiere noch zu wenig beachtet wurde, vor der Hand nur an den Wirbelthieren emsig untersuchte.

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Mit diesen drei Freunden lebte ich in glucklicher Vertraulichkeit[54]  und ungestörter Harmonie. Ich fand an ihnen Muster des Fleißes; wir arbeiteten tüchtig und unterhielten uns in den Feierstunden über die Gegenstände unserer Studien. Eben so waren wir Genossen bei mancherlei Vergnügungen, von denen sich nur Schwägrichen zurückzuziehen pflegte, da er theils bei seiner Strenge sie sich nicht erlaubte, und sie halb im Scherze, halb im Ernste Ausschweifungen nannte, theils im Kreise seiner Familie Erholung fand. An Energie stand ich ihnen allen offenbar nach, und während Jeder von ihnen durch die Eigenthümlichkeit seiner Richtung ein besonderes Interesse erweckte, hatte ich allein nichts Ausgezeichnetes. Dies Verhältniß erstreckte sich über den ganzen Charakter. Als wir eines Tages in einer recht vertraulichen Stunde unsere Urtheile über einander freimüthig aussprachen, und die Reihe an mich kam, erklärten sie einstimmig, daß sie keinen Fehler an mir zu rügen hätten, was mich empfindlich schmerzte, denn ich fühlte es und sprach es auch aus, daß sie mit diesem Urtheile meine Mittelmäßigkeit ausgedrückt hatten. Darin lag offenbar etwas Wahres; da ich aber mir dessen bewußt war und durch dies Urtheil mich verletzt fühlte, so war darin auch der Beweis enthalten, daß meine Mittelmäßigkeit nicht mit Gemeinheit identisch war. Mein reger Sinn für Wissenschaft und Kunst, mein warmes Gefühl für das Gute und Schöne, meine offene und ehrliche Gemüthsart erwarb mir ihre Achtung, und wenn auch meine Leistungen nicht so bedeutend waren, so wurde ich ihnen um so werther, da ich bei meiner Temperatur das verbindende Mittelglied unter ihnen bildete.
Demnächst wurde ich mit Johann Christian August Clarus innig befreundet, der in Hinsicht auf Geist, Bildung, wissenschaftlichen Eifer und sittlichen Werth keinem jener Freunde nachstand, aber durch ein festeres Auftreten die innere Würde mehr nach außen legte. Dieser Stolz, wie fremd er mir auch war, verletzte mich keinesweges: ich sah in ihm nur den Ausdruck eines kräftigen Selbstgefühls. Dagegen wurde meine Freundschaft mit Wilhelm Schindler etwas kühler, da er, nach dem Abgange meines Onkels von Zerbst auf dem Carolinum[55]  in Braunschweig ferner gebildet, nun auf der Universität vornehmlich mit Edelleuten und den an diese sich anschließenden Reichen umging, weshalb ich mich mehr zurückzog.
Mir fehlte es nicht an einer mich ansprechenden Gesellschaft, da ich einen ziemlich guten Namen unter meinen Commilitonen hatte, so daß hin und wieder meine Freundschaft von ganz tüchtigen Leuten gesucht wurde. Ich mußte mehrmals bei medicinischen Promotionen und juristischen Disputationen opponiren, auch öfters, wiewohl ungern, den Aufforderungen nachgeben, akademische Gelegenheitsgedichte zu machen, die demnach auch ziemlich schlecht ausfielen. Dabei war ich kein Stubenhocker: ich focht, ritt und tanzte, zwar Alles nur mittelmäßig, aber hinreichend, um mir Vergnügen zu machen und hinter meinen Commilitonen nicht ganz zurück zu bleiben. Da ich bei meiner Mutter Wohnung, Tisch und andere Unterstützung genoß, auch ein kurfürstliches und ein Magistratsstipendium bezog, so war es mir möglich, mit meinen Freunden mancherlei Vergnügungen zu theilen, unter welchen das Theater eine vorzügliche Stelle einnahm. Das Leipziger Parterre war, da es keine Sitze hatte, vornehmlich zum Besuche von jüngeren Männern geeignet, und unter diesen gehörte die entschiedene Oberhand den Studirenden, die denn in Hinsicht auf irgend ein Lautwerden das übrige Publikum beherrschten, jede Anmaaßung der Logen schonungslos rügten, jede Aeußerung der Gallerie augenblicklich unterdrückten und über ihr Recht, das Signal zum Lobe oder Tadel zu geben, eifersüchtig wachten. Da außerdem auch gereifte Kunstkenner das Theater besuchten, so hatte dasselbe die Bedeutung eines ästhetischen Tribunals, die es jetzt ganz verloren hat. Man sah sich darin im Ganzen unter lauter gebildeten, kunstsinnigen Männern, unter denen Personen, die aus Langeweile oder um der Mode willen das Theater besuchten, gleichgültig zuschauten oder nur eines geschmacklosen Urtheils fähig waren, nicht laut werden durften; und indem man nicht auf gemächlichen Sitzen Platz nahm, sondern dicht gedrängt auf dem stark abhängigen Fußboden stehend, den Kunstgenuß mit einiger Unbequemlichkeit erkaufen mußte, wurde die Lebhaftigkeit[56]  der Theilnahme selbst durch organische Aufregung unterstützt. Eine Begeisterung, mit welcher wir der Aufführung einer Shakspearschen Tragödie, eines Schröderschen Schauspiels, einer Mozartschen Oper, eines Barghiellischen Ballets beiwohnten und nachher die vorzüglichsten Künstler beim Ausgange aus dem Theater oder auch noch an ihrer Wohnung begrüßten, ist mir nie wieder vorgekommen.
Zu meinen liebsten Vergnügungen gehörten ferner kleine Ausflüge, dergleichen ich namentlich nach Zeiz zu Constantins Familie und nach Mittweide zu meinem Onkel machte, der jetzt glücklicher Gatte seiner liebenswürdigen Schülerin, der Schwester meines Freundes Schindler war. Im Frühjahre 1797 machte ich mit Constantin und einem anderen Freunde, Lossius, eine Fußreise nach dem Harze, wo ich unter Anderem die Dampfmaschine bei Hettstädt, die erste in Deutschland, sah, die Roßtrappe und die Baumannshöhle besuchte, bei Goslar und Clausthal die Gruben befuhr u.s.w.
Diese Reise aber hatte ganz unerwartete Folgen und wurde ein Ereigniß für mich. Nämlich einige Zeit nach meiner Rückkunft suchte mich ein ehemaliger Schulkamerad, Namens Meißner, auf, der sich eben als Buchhändler etablirt hatte, und verlangte eine Beschreibung meiner Reise für seinen Verlag. Ich war ganz erstaunt über den Antrag und lehnte ihn ab, denn wiewohl ich mich durch Lectüre auf die Reise vorbereitet, auch unterwegs Alles, was mir merkwürdig schien, gesehen und Einiges darüber aufgezeichnet hatte, so war ich doch lediglich zu meinem Vergnügen gereist und hatte also durchaus kein Material, welches einer öffentlichen Bekanntmachung werth gewesen wäre. Indeß die Verführung siegte und ich beging die erste literarische Sünde: wo der Stoff zu dürftig war, suchte ich die Lücken durch humoristische Tiraden auszufüllen. So erschien denn das Büchlein zu Michaelis 17971. Nachdem ich es 40 Jahre lang nicht gesehen hatte, habe ich es mir vor[57]  Kurzem wieder verschafft und es von Neuem kennen gelernt. Ein frischer Sinn spricht sich darin wohl aus, und wenn der Witz lahm, die Bemerkung platt, der Ausdruck incorrect ist, so entschuldige ich es damit, daß mir dieser erste Versuch der Schriftstellerei abgedrungen war. Besonders beruhigt es mich, zu finden, wie sorgfältig ich mich zu maskiren gesucht habe: meine Unterschrift ist – – H.; anstatt Leipzig wird B. als mein Wohnort bezeichnet; anstatt meiner bleibenden Reisegefährten werden nur zufällig für eine Strecke Weges sich zu mir gesellende Wanderer erwähnt, und daß ich an einigen Orten bei Freunden oder Bekannten länger verweilte, wird ebenso wie das, was ich daselbst erlebte, verschwiegen; ich habe also von Anfang an die Gehaltlosigkeit des Machwerks erkannt und mich dessen geschämt. – Bald mußte ich die Folgen davon erfahren, daß ich in dem Netze eines industriösen Buchkrämers mich hatte fangen lassen. Um dem Buche mehr Ansehen zu geben, ließ Meißner eine kleine Karte von einem Theile des Harzes mit meiner Reiseroute dazu stechen. Beging er aber damit eine bloße Albernheit, die mich nicht weiter berührte, so that er bald einen Schritt weiter, indem er eine Zeichnung von mir forderte. Alle Vorstellungen, daß sein Verlangen ganz unsinnig sei, waren fruchtlos; der Industriemann versicherte, daß ein Kupferstich zum Absatze des Buchs unumgänglich nöthig sei, und da ich nun einmal schon in der Arbeit begriffen war, so gab ich endlich nach, indem ich eine Zeichnung vom Eingange in die Baumannshöhle lieferte, wie er mir in der Erinnerung ungefähr vorschwebte. Da eine Staffage nicht fehlen durfte, so ließ ich in den Vordergrund vier Figuren kritzeln, mich mit meinen beiden Reisegefährten und dem begleitenden Bergmanne darstellend. Dies Bild, wie wenig es auch der Natur getreu sein konnte, wurde einige Jahre später die Beute eines anderen Industriemannes: als nämlich im »Museum des Wunderwollen« eine Beschreibung der Baumannshöhle erschien, ließ der Verleger, Baumgärtner, eine Copie meiner Zeichnung beifügen, so daß ich denn zuerst im »Museum des Wunderwollen« abgebildet erschienen bin, glücklicherweise so, daß man mich eben so wenig,[58]  als die Baumannshöhle selbst darin zu erkennen vermochte. Das Schicksal eines armen Schriftstellers in den Händen hungeriger Buchhändler mußte aber an mir noch weiter in Erfüllung gehen. Meißner schickte im Jahre 1800 das Buch mit einem neuen Titel als neue Ausgabe wieder in die Welt und kündigte es mit einer lächerlichen Lobpreisung an, die so anfängt: »Diese in einem äußerst brillanten Stile geschriebene Reise begreift, außer einer Menge Vorzüge vor den gewöhnlichen Reisen, noch einen Aufwand von natürlichem Witz, der außerordentlich ist und den Leser unwiderstehlich mit sich fortreißt« u.s.w. Bei aller nöthigen Unverschämtheit aber hatte Meißner doch nicht den rechten Tact für sein Gewerbe und machte bald bankerott; indeß war vielleicht nur der Mangel an Geldmitteln, um die Marktschreierei lange genug fortsetzen zu können, an seinem Untergange Schuld.
Im Anfange des Jahres 1798 lieferte ich im Namen des unter Hebenstreit sich übenden Disputatoriums eine Gratulationsschrift zur Promotion eines Mitgliedes der Gesellschaft; der Inhalt war eine im Hospitale gemachte Beobachtung einer unstreitig auf einem Extravasate in der einen Hemisphäre des großen Hirns beruhenden Hemiplegie, die durch einen epileptischen Anfall mit einem Male völlig gehoben wurde2. – Auch finde ich unter meinen Papieren aus diesem Zeitraume einen vollständigen Plan zu einer Leipziger Gesundheitszeitung als erstes Symptom literarischer Projectmacherei.
Fußnoten

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1 Bemerkungen und Gefühle auf einer Reise über den Harz. Mit einer karte und einem Kupfer. Leipzig 1798. 8.

2 Apoplexiae per epilepsiam solutae observatio. Lipsiae 1798. 8.




6. Candidatenleben
(1798. 1799.)










[59] Nachdem ich im Juni 1798 meine geliebte Mutter verloren hatte, that ich die ersten Schritte zum Eintritte ins bürgerliche Leben, und eine von meinem Großvater mir zufallende[59]  Erbschaft von einigen hundert Thalern schaffte mir die Mittel dazu.
Im August wurde ich Doctor der Philosophie. Die deshalb angestellte Prüfung war ganz nach den alten Formen. Nachdem ich des Morgens eine eidliche Versicherung über mehrere Puncte, namentlich auch über meine eheliche Abkunft abgegeben hatte, mußte ich in einem verschlossenen Zimmer eine Chrie über ein gegebenes Thema nach allen Regeln der Kunst ausarbeiten, und Nachmittags war das mündliche Examen über Physik, Geschichte und Philologie. In der Pause ergötzte es mich, wie meine Examinatoren über die Geringfügigkeiten des Lebens im steifen Tone der Zunftgelehrten sich unterhielten, wo unter Anderem Hindenburg an den zeitigen Decan Beck, der ein kleines Landgut besaß, die Frage richtete: »Sind bei Eurer Spectabilität die Kartoffeln gut gerathen?«
Hierauf habilitirte ich mich als Privatdocent. Wie späterhin immer, so betrachtete ich schon jetzt eine zu liefernde Dissertation als eine vorschriftsmäßige Arbeit von blos ephemerer Bedeutung, auf welche ein Mann, der als freier Schriftsteller aufzutreten gedenkt, nicht mehr Feiß zu verwenden hat, als gerade nöthig ist, um sie mit Ehren vertheidigen zu können. Ich wählte also ein Thema aus dem Kreise meiner bisherigen Privatstudien, nämlich einen Commentar über ein Buch des Hippokrates1, und ich ward bald damit fertig, so daß ich schon in der ersten Hälfte Septembers disputiren konnte. Von Professoren opponirte mir nur mein Freund, der Jurist Hübner, dieser aber etwas unfreundlich: ihn ärgerte nämlich eine, ich weiß nicht in welchem Anfalle von Uebermuth, mir entschlüpfte Aeußerung, daß ich lieber auf einem neuen, noch ungebahnten Wege fallen, als auf der Heerstraße sicher einher wandeln wolle, – zu welchem kecken Ausspruche die vorliegende Leistung allerdings nicht paßte.
Für meine ärztliche Bildung mußte ich mir noch den Unterricht[60]  von einem großen klinischen Lehrer wünschen, dergleichen Leipzig nicht besaß; auch schien es ganz passend, daß ich von den Zuhörerbänken erst nach einem Umwege auf den Lehrstuhl überging. Nun waren zwar Jena durch Hufeland, Stark, Loder und Halle durch Reil damals berühmte Bildungsanstalten für Aerzte; aber noch höher stand Wien, welches, seinen alten Ruhm und seine großartigen Krankenanstalten abgerechnet, einen Peter Frank besaß, dessen bewährter Ruf durch seine Befolgung der Brownschen Grundsätze am Krankenbette für mich noch bedeutungsvoller wurde; hierzu kam, daß mein Sinn in die Ferne stand, daß das lebensfrohe Wien mich lockte, und daß, wie ich nachmals berichten werde, mein Herz mich dahin zog. So war es denn gar keine Frage: ich mußte nach Wien, und das Bedenken, daß ich einen großen Theil meiner kleinen Erbschaft darauf würde verwenden müssen, hatte für mich durchaus kein Gewicht. Der Mann meiner Mutterschwester, Advocat Hänsel, meinte zwar, ein armer Teufel, wie ich, habe doppelt Ursache, seine paar hundert Thaler recht sicher unterzubringen; doch ich fühlte mich so wenig als armen Teufel, daß mich dies gar nicht traf und ich unbekümmert alle Anstalten zu der Reise traf, auf welcher die Gelegenheit, mein Geld unterzubringen, nicht fehlen würde.

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Wenige Tage nach meiner Disputation machte ich mich auf. Zunächst wanderte ich nach Mittweide, um noch einige Tage bei meinem Onkel zu verleben. Schwägrichen geleitete mich bis zum Johanniskirchhofe, wo er in Erwartung eines frohen Wiedersehens von mir schied; ich ging zum Grabe meiner Mutter, weinte mich da noch einmal aus, und schritt dann unter Sturm und Regen wohlgemuth fort. Ich beschäftige mich mit heiteren Bildern meiner Zukunft, ohne mich durch Weg und Wetter in meiner frohen Laune stören zu lassen, und als ich vor Rochlitz durch einen Wald ging, wo der schmale Fußpfad das Bett eines Baches geworden war, der unter meinen Füßen der Stadt zurauschte, die Gesträuche zu beiden Seiten ihre großen Regentropfen an mir abwischten und ich von oben her den Regen theils aus erster, theils aus zweiter Hand bekam,[61]  indem der Wind den Bäumen das kaum empfangene Wasser wieder abjagte, mußte ich über die allseitige Anfeuchtung herzlich lachen. So frohen Muthes ging ich einer verhängnißvollen Zukunft entgegen!
Nach sechstägigem Aufenthalte in Mittweide wanderte ich nach Dresden, und als ich am Tage nach meiner Ankunft daselbst zufällig auf die Kurfürstliche Bibliothek gerieth, traf ich unerwartet und zu beiderseitiger großer Freude mit meinem Freunde Schindler zusammen, der mich zu seinem Verwandten, dem Landrentmeister Weiße, führte. In diesem Hause verlebte ich nun mehrere sehr frohe Tage; auch versäumte ich nicht, mich dem Minister von Burgsdorf und den übrigen Männern vorzustellen, die ich für meine künftige akademische Laufbahn, so wie zunächst für Erlangung einer Unterstützung zu einer größeren wissenschaftlichen Reise zu Gönnern gewinnen wollte: sie nahmen mich freundlich auf und machten mir Hoffnungen. Diesen vertrauend, reiste ich fröhlich nach Wien, wo ich am 7. October eintraf und sogleich von einem barmherzigen Bruder, vormaligen Tyroler Jäger, der von Prag aus mit mir gereist war, in den Wirthshäusern getanzt oder zum Tanze aufgespielt, Juden geneckt und allerhand Possen getrieben hatte, in seinem Kloster herum geführt wurde.
Einer meiner ersten Gänge war zu Peter Frank. Ich fand an ihm einen Mann von ansehnlicher Größe, würdevoller Haltung, hoher, stark gewölbter Stirne, scharfem Blicke; in seinem ganzen Wesen sprach sich hohe Ruhe und Sicherheit aus. Er klagte über die Mängel der Wiener Universität, wo noch die Boerhaave'schen Lehren vorgetragen würden, so daß die Studirenden erst späterhin die Medicin in ihrem dermaligen Zustande kennen lernen, also doppelte Studien machen müßten; er erklärte, daß er selbst der Humoralpathologie ein gewisses Feld einräume und sie nur als umfassende Theorie der Arzneikunst nicht gelten lassen könne. In seinen klinischen Vorträgen fand ich, daß er allerdings die Zöglinge der Wiener Universität als mit der neuern Medicin noch unbekannt und überhaupt noch ziemlich unwissend behandelte, indem er Sätze aus den Anfangsgründen[62]  der Physiologie und Pathologie für seine Zuhörer aus dem nördlichen Deutschland viel zu weitläufig erörterte. Was aber seine Rücksicht auf Humoralpathologie anlangte, so konnte ich davon am Krankenbette nichts bemerken. Wiewohl er einzelne Ansichten Browns verwarf, so wurden doch fast alle vorkommenden Krankheitsfälle für asthenisch erklärt und als solche gemeiniglich mit Glück behandelt: ich staunte nicht wenig, als ich in den ersten Tagen meines Besuchs der Klinik bei einer heftigen Pneumonie blos Senega und Valeriana geben und dabei den Kranken ohne Aderlaß und Salpeter genesen sah, oder als bei blos reizender Methode gastrische Beschwerden verschwanden und die mangelnde Leibesöffnung ohne Abführmittel von selbst eintrat etc. Aber es kamen auch Fälle vor, wo die reizende Methode trotz ihres offenbar übeln Erfolgs consequent durchgeführt wurde, wie wir denn z.B. eine Dysenterie unter fortgesetztem Gebrauche von China und Campher dem tödtlichen Ausgange entgegen gehen sahen. Es war uns Norddeutschen deutlich, daß in solchen Fällen zu weit gegangen war, – aber wie weit man gehen dürfe, blieb unentschieden. – Wenn man aus der Dunkelheit plötzlich in die Helle tritt, so wird man geblendet, und wenn einem Jünglinge bisher nur eine veraltete Lehre vorgetragen worden ist, so begrüßt er die entgegengesetzten neuen Ansichten als den Gipfel der Weisheit und als das Heil der Welt. So waren es denn unter Franks Zuhörern vornehmlich mit der sogenannten Solidarpathologie noch unbekannte Oesterreicher, welche blinde Anhänger des Brownianismus wurden; diesen machte nichts mehr Freude, als in Krankenexamen zu hören, daß der bisherige Arzt Blut gelassen oder Abführmittel gegeben hatte; ja der Kranke brauchte blos zu sagen, daß er ein Tränkchen bekommen und Stuhlgang gehabt habe, so galt dies als Beweis, daß er schwächend behandelt worden sei und in Folge davon an einem Typhus leide. Abgesehen vom Brownianismus gab Frank aus dem reichen Schatze seiner Erfahrung und seiner Belesenheit immer noch gehaltvolle Belehrung genug. Uebrigens war er eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung, wenn er am Krankenbette über die in dichten[63]  Kreisen ihn umstehenden Aerzte hervorragend mit einer vornehmen Kälte und hohen Würde in fließendem, wenn auch nicht immer correctem Latein die Krankheit erklärte und auf seine vielfältige Erfahrung sich berief. Seine Vorlesungen über Therapie der chronischen Krankheiten waren weniger interessant, indem er nur dictirte und kaum mehr als den Inhalt seiner Epitome vortrug. Er verschmähte den Weihrauchdampf der Schmeichler nicht, und sein Selbstgefühl sprach sich zuweilen etwas stark aus, wie er denn seine Vorlesung im Anfange des Semesters mit den Worten begann: »mementote, juvenes! quam magnum et gravem finem vobis adsequendum proposueritis, quo ut potiamini omnes vires intendere oportet. Ego vero securo brachio vos per tortuosam istam viam, per tot tantosque labyrinthos tutos perducam.«


Franks Assistent, Cappelini, machte gewöhnlich die Abendvisite im Klinikum, simulirte dabei die Belesenheit seines Meisters, gegen den er die tiefste Unterwürfigkeit zeigte, machte sich aber durch die vielfachen Blößen, die er gab, lächerlich. Dabei radebrechte er das Deutsche wie das Lateinische; so fragte er eines Tages einen Kranken, der am hitzigen Fieber darnieder lag: »sind Sie stark schwach, wenn Sie spazieren?« und erhielt zu unserem Vergnügen die trockene Antwort: »ich spaziere nicht.«
Joseph Frank, ein blühender, feuriger, lebenslustiger junger Mann, der sich viel mit Musik und Theater beschäftigte, war Primärarzt in einer Abtheilung des allgemeinen Krankenhauses, wo er den geistvollen Malfatti zum Secundärarzte hatte. Seine Visiten waren sehr expedit: das Krankenexamen wurde schnell abgemacht, da Nachforschung über Jugendkrankheiten und dergleichen mehr für eine lächerliche Weitläufigkeit galt; die Diagnose ging im Wesentlichen auf Sthenie und Asthenie hinaus und bestimmte demgemäß die einfache Heilanzeige. Dabei scheute er sich sehr vor Ansteckung: während seiner Anwesenheit in einem Saale mußten die Fenster auch bei ziemlicher Kälte geöffnet bleiben, und das mit kölnischem Wasser getränkte Schnupftuch vor Nase und Mund haltend, fühlte er den Puls aus möglichster Entfernung. Er hielt Vorlesungen[64]  über Physiologie und Pathologie, und erklärte in der Einleitungsrede, das Einzige, was man mit Grund gegen die Einrichtung der Universitäten einwenden könne, bestehe darin, daß jeder einzelne Zweig der Wissenschaft von einem eigenen Lehrer vorgetragen werde; er wolle daher mit der gegenwärtigen Vorlesung einen vollständigen Cursus der Medicin eröffnen. Ich begnügte mich, in seinen Vorlesungen, so wie bei seinen Krankenvisiten, einige Mal zu hospitiren.
Fleißiger wohnte ich den Visiten eines anderen Primärarztes im allgemeinen Krankenhause, des Dr. Nord, bei. Er war ein Schüler Stolls und befolgte eine, der Brownschen in Hinsicht auf Einfachheit verwandte, an sich aber entgegengesetzte Methode, indem er vor allem gewaltsamen Eingreifen in den Gang der Krankheit sich hütete, mehr beobachtete und das Meiste der Heilkraft der Natur überließ, wobei ich denn auch grobe Vernachlässigungen kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Ueberhaupt fand ich bei mehreren Aerzten Wiens einen Geist des Skepticismus, dadurch hervorgerufen, daß sie die Herrschaft so verschiedener Heilmethoden und die nicht immer rühmlichen Kämpfe, die deshalb geführt worden waren, erlebt hatten. – An Nords Besuchen im Narrenthurme nahm ich ebenfalls Theil.
Bei Beer und Boer hospitirte ich blos, da ich für Augenoperationen und Geburtshülfe keinen Beruf in mir fühlte; eben so ließ ich die von meinen Freunden veranlaßten Uebungen in chirurgischen Operationen unter Dr. Hirtels Leitung unbenutzt. Solche Enthaltsamkeit gehört zu denjenigen meiner Eigenthümlichkeiten, die ich nur entschuldigen kann: Dinge, für die ich keine Anlage zu haben glaubte, interessirten mich nicht, und im Bewußtsein der Beschränktheit meiner Kräfte mochte ich keine Zeit darauf verwenden.
In meinem Privatstudium beschäftigte ich mich besonders mit Franks Epitome, Reils Fieberlehre, von welcher eben der erste Band erschienen war, und Röschlaubs Pathogenie.
Von älteren Aerzten lernte ich den Baron Quarin kennen, einen wohlgenährten, mit beträchtlicher Unterkehle begabten[65]  munteren Mann, der seinen größten Ruhm darein setzte, ein vollkommener Hofmann zu sein. Er bewirthete oft und vortrefflich, weßhalb auch eine Menge gnädiger Herren in großer Unterthänigkeit sich um ihn drängte. Mit der Wissenschaft hatte er seine Rechnung geschlossen. Um so lebhafter war seine Unterhaltung über andere Dinge; unter Anderem erzählte er gern vom Kaiser Jo seph, der ihm besonders wohl wollte und, um ihm mehr Ansehen beim Publikum und dadurch eine reichere Praxis zu verschaffen, so oft er zu Pferde ihm auf der Straße begegnete, anhielt und über irgend etwas Gleichgültiges mit ihm sprach. – Plenck erzählte mir seine Lebensgeschichte zu Erklärung seiner drei Porträts, wo er zuerst als junger Professor in Tyrnau, dann als Professor in Wien und endlich als Feldstabschirurgus dargestellt war; er zeigte sich ganz als Militärchirurg der alten Schule. – Interessanter war Dr. Careno, der früher schon mit dem Gedanken, die Pocken auszurotten, sich beschäftigt hatte und eben im Begriffe stand, Jenners große Entdeckung in Deutschland bekannt zu machen.

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Von Nichtärzten, mit welchen ich bekannt zu werden Gelegenheit hatte, nenne ich vor Allen den Freiherrn von Sonnenfels. Ich erkannte in ihm den Biedermann, der für das Rechte und Gute warm fühlte, für das Gemeinwohl uneigennützig wirkte, einfach in seinen Sitten war, offen und freimüthig sich äußerte. Er war für die Brownsche Lehre eingenommen und wollte sie auf die Staatswissenschaft angewendet wissen, wo es auch Princip sein müsse, ein Gleichgewicht und ein gehöriges Verhältniß der Erregung herzustellen. Uebrigens fand ich auch in seinem Urtheile über Frank, wie die alten Wiener Aerzte dessen Ruf beim Publikum untergraben hatten. – Er sprach gern von dem neuen Criminalgesetzbuche, an dessen Ausarbeitung er eben Theil nahm; er vermißte Strafbestimmungen gegen Medicinalvergehen und tadelte die preußische Gesetzgebung wegen ihrer Principien, ihrer Weitläufigkeit und ihrer theilweisen Härte, z.B. in Verschärfung der Todesstrafe und in Betreff der Verheimlichung unehelicher Schwangerschaft. – Einen sehr liebenswürdigen Mann, ebenfalls aus der Zeit[66]  Josephs II., lernte ich in der Person des Freiherrn von Retzer kennen, der sein fortdauerndes Interesse für Freimaurerei nicht verleugnete.
Unter den vielen jungen Aerzten, die aus allen Gegenden Deutschlands sich um Peter Frank, Beer und Boer geschaart hatten, waren mehrere, die späterhin durch literarische Verdienste sich ausgezeichnet haben, wie Froriep, Wendt und Doutrepont. Die liebsten Freunde waren mir J.F. Hensler aus Schleswig und C.W. Heyck aus Holstein, zwei Männer von höchst ehrenwerthem Charakter und universeller Bildung: Ersterer mehr ein philosophischer Kopf, der in seinen Studien sich so vertiefen und mit solcher Ausdauer sich ihnen dahin geben konnte, daß er alles Andere darüber vergaß und deßhalb oft mehrere Tage hintereinander uns unsichtbar blieb; Letzterer ein mehr poetisches Gemüth, herzig und voll kindlichen Vertrauens. Mit diesen und andern Freunden verlebte ich recht frohe Stunden in dem freundlichen Wien: Vormittags im Krankenhause, Mittags im Wirthshause, fanden wir uns oft Abends im Schauspielhause oder im Weinhause wieder zusammen; nicht selten wurde auch nach dem Leopoldsberge und Kahlenberge gewandert. Die Polizei hatte ein Augenmerk auf die fremden Aerzte und ihre Zusammenkünfte, verfuhr aber mit aller Vorsicht, um kein Aufsehen zu erregen, denn den éclat zu vermeiden, war schon damals österreichisches Princip. So wurde auf einem Kaffeehause in der Alstergasse, wo wir nach dem Mittagsessen zusammen Kaffee zu trinken und Literaturzeitungen zu lesen pflegten, die Haltung der Letzteren verboten; da aber der Kaffee erlaubt blieb, so blieben wir auch. Wir wollten auf dem Leopoldsberge einige Theaterstücke aufführen, und als wir mit den »beiden Billets«, worin ich den Barbier Schnaps spielte, den Anfang machten, hatten sich auch einige ungebetene Zuschauer eingefunden, und unter diesen wurde ein geheimer Polizeibeamter aufgespürt, der denn sogleich als ein ehrenwerther Gast mit Artigkeiten überhäuft, reichlich bewirthet und aufgefordert wurde, ganz unbesorgt zu sein, da er sich hier unter lauter Ehrenmännern befinde, die keinen Spion unter sich duldeten;[67]  es dauerte nicht lange, so schlich sich der saubere Gast davon. Schlimmer ging es einem ähnlichen Beamten, der in einem Gasthause einen kürzlich erst angekommenen Mediciner auszuforschen suchte und, um ihn dreister zu machen, auf den Kaiser schimpfte: der Wirth und die Gäste, die ihn früher schon erkannt und beobachtet hatten, fielen unter der Maske patriotischer Entrüstung über ihn her, bezahlten seinen Frevel reichlich mit Ohrfeigen und ließen ihn von herbeigerufenen Polizeisoldaten verhaften, so daß er wenigstens in diesem Gasthause sich nicht wieder zeigen durfte.
Fußnoten

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1 Commentarii in Hippocratis librum primum de morbis epidemicis specimen. Lipsiae 1798. 4.




1. Heirath.










[69] Ich war von Natur mit einem eben sowohl für weibliche Reize als für weibliche Würde sehr empfänglichen Sinne begabt und diese in meiner psychischen Complexion gegründete Hinneigung zum andern Geschlechte war von meiner frühesten Jugend an durch die Verhältnisse genährt worden. Ich mußte sehr bald den hohen geistigen und sittlichen Werth meiner guten Mutter erkennen, die im Kampfe mit der Armuth sich frisch und von aller Gemeinheit frei erhielt, nur in geistiger Beschäftigung und im Wohlthun die Freude ihres Lebens fand, für mich kein Opfer scheute und am Wohle ihrer Freunde den wärmsten Antheil nehmend, dasselbe auf alle ihr mögliche Weise zu fördern sich bemühte. Eben so flößten mir die Matronen, denen ich für ihr Wohlwollen Dank schuldig war, hohe Achtung ihres Charakters ein: in meiner vormaligen Amme erschien mir ein Muster von unermüdlicher und einsichtsvoller Thätigkeit, von hoher Ordnung und Anständigkeit; dem harten und rauhen Großvater gegenüber stand meine sanfte, wohlwollende, den eigenen Druck still ertragende und den fremden überall zu milde sich bemühende Großmutter; und neben dem steifen, überall[69]  den kaufmännischen Sinn bekundenden Herrn Schindler erblickte ich dessen geistvolle, liebreiche Gattin als das wahrhaft belebende Princip des Hauses. So keimte die hohe Achtung für ächte Weiblichkeit in mir auf, welche ich stets behalten und z.B. bei der Charakterschilderung der Geschlechter in meiner Physiologie ausgesprochen habe. Andrerseits wurde ich als Knabe von mehreren jungen Frauen, die sich mit mir unterhielten und mich zu ihrer Kurzweil als ihren Liebhaber betrachteten, an diese Rolle so gewöhnt, daß ich sie auch späterhin zu spielen geneigt blieb und ein freundliches Entgegenkommen als eine Aufforderung betrachtete, welcher zu entsprechen ich für eine Ehrensache und angenehme Pflicht hielt.
Eine ernstere Liebe entwickelte sich in mir um die Zeit, als ich daran denken mußte, eine selbstständige Stellung im Leben einzunehmen. Der russische Collegienassessor Hager aus Chemnitz, welcher, bestimmt eine Thierarzneischule in Rußland zu errichten, in Wien die Thierarzneikunst studirt und daselbst mit der Tochter des Gastwirths Pichler auf dem Leopoldsberge sich verheirathet hatte, kam im Herbste 1797, an der Lungensucht leidend, nach Leipzig, wurde von dessen Jugendfreunde, dem Professor Hübner, in einer Gartenwohnung, die ich mit diesem gemeinschaftlich inne gehabt hatte, einquartirt und starb nach wenigen Wochen. Hübner verschaffte der jungen Wittwe mit ihrem halbjährigen Kinde eine Wohnung bei seiner Hauswirthin und meine Mutter machte ihre Bekanntschaft, zunächst aus rein menschlicher Theilnahme an ihrem Schicksale, sah sie, um sie aufzuheitern, öfters bei sich, gewann sie mit jedem Tage mehr lieb und wurde bald ihre warme Freundin. Madame Hager war recht hübsch, bewies viel gesunden Verstand, warmes Gefühl und einen festen, ehrenwerthen Charakter; unter Anderem bezahlte sie von der geringen Verlassenschaft ihres verstorbenen Mannes alle Schulden desselben, ungeachtet man ihr vorstellte, daß sie nicht dazu verpflichtet sei. So wuchs denn unsere Achtung gegen sie, und da sie hierbei sich in unserem Hause sehr wohl fühlte, so erwachte bald ihre muntere Laune und ihre liebenswürdige Wienerische Naivetät gab dem Umgange[70]  mit ihr großen Reiz. Ihr Kind erkrankte und ich war so glücklich, es herzustellen, sowie mir den lebhaftesten Dank seiner liebenswürdigen Mutter zu erwerben. Indeß machte ihr Hübner den Hof und fühlte sich sehr verletzt, als seine Bemühung ungünstig aufgenommen wurde; andererseits bemerkte seine Hauswirthin, ebenfalls eine junge Wittwe, feine Bewerbungen mit großem Mißfallen und suchte nun dem Gegenstande ihrer Eifersucht das Leben möglichst zu verbittern. Da schlug sich meine Mutter ins Mittel und nahm die Fremde, die ihr so werth geworden war, zu sich, um sie von diesen Quälereien zu befreien, und ich war damit ganz einverstanden. Indeß hörten die Anfeindungen von Seiten des verschmähten Liebhabers und der eifersüchtigen Dame nicht auf, ja es kam selbst noch Bigoterie hinzu, indem unsere Hauswirthin darüber aufgebracht war, daß wir eine Katholikin in ihr unbefleckt lutherisches Haus aufgenommen hatten. Ich mußte nun als Beschützer der Angefeindeten auftreten und hielt mich zugleich für verpflichtet, Alles aufzubieten, um ihr Leben zu erheitern. Da war es denn aber auch um mein Herz geschehen: ihr Charakter hatte mir Achtung abgenöthigt, die Annehmlichkeit ihres Umganges hatte mich angezogen und gegen ihre körperlichen Reize konnte ich auch nicht unempfänglich sein; das erhebende Gefühl, ihr Beschützer zu sein, hatte mein Interesse für sie erhöht und ihr Dank war so schmeichelhaft. Es war Weihnachten 1797, als ich ihr meine Liebe erklärte; daß die junge Wittwe den nicht übel aussehenden und auch Aussichten gewährenden Burschen, den sie von ganz guten Seiten hatte kennen lernen und dem sie Dank schuldig war, nicht zurückwies, war natürlich, daß aber die herzlichste Liebe daraus sich entwickelte, ist gewiß. Ich war hoch beglückt und sie war sicher auch recht zufrieden. In dieser Stimmung lebten wir denn heiter beisammen bis zum 19. Mai 1798, wo sie nach Wien zu ihren Eltern abreiste. Ich begleitete sie bis Borsdorf und gab ihr beim Abschiede (was ich erwähne, weil es theils charakteristisch ist, theils später bedeutungsvoll wurde) ein kleines Päckchen mit der Bitte, die darin enthaltene Chocolade an ihrem übermorgenden Geburtstage zu genießen, wobei sie mir[71]  aber ihr Wort darauf geben mußte, das Packet nicht eher zu eröffnen. Sie hat, und ich war im Voraus davon überzeugt, ihr Wort gehalten. Sie betrachtet das Päckchen: es hat die Form von Chocoladentafeln, ja es riecht nach Chocolade, aber es ist doch nicht zu glauben, daß ich ihr zu solchem Tage, und noch dazu so geheimnißvoll, sollte Chocolade gegeben haben. Sie legt am 20sten Mai in Dresden beim Schlafengehen das mysteriöse Päckchen neben sich, erwacht in der ersten Dämmerung, verschiebt ihr Morgengebet, löst die Siegel und findet – Chocolade; wie gelähmt, sinkt sie auf ihr Lager zurück; aber solche Trivialität ist doch unmöglich; sie nimmt das Päckchen wieder, um es näher zu besehen, und siehe da! ein Gedicht; das ist recht artig und versöhnend, – aber die letzten Zeilen sind unverständlich; der Schlüssel dazu muß doch noch gesucht werden, und richtig wird er gefunden, indem die zwei Tafeln getrennt werden und ein in sie eingegraben gewesener Ring mit meinen Haaren, mit den vereinten Anfangsbuchstaben unserer Namen auf einem Schilde und innen mit dem Worte: Wiedervereinigung herausfällt.
Meiner Mutter hatte das Verhältniß nicht verborgen bleiben können, aber sie hatte dazu geschwiegen. Nur einmal ließ sie sich den Wunsch merken, daß es nicht zu einer Verbindung fürs Leben führen möge, da sie voraussehen konnte, wie sehr ich mir meine Laufbahn dadurch erschweren würde, und da sie in dieser Hinsicht wohl eine Schwiegertochter aus einem angesehenen und wohlhabenden Hause Leipzigs sich wünschen mochte. Doch sie schätzte meine Geliebte hoch, vertraute meinen Kräften und störte mich nicht durch Warnungen, von denen sie voraussehen konnte, daß sie nur schmerzlich sein und doch nicht befolgt werden würden. Sie wurde in der zweiten Hälfte des Mai von einem unregelmäßigen schleichenden Nervenfieber befallen. In dieser Zeit sagte sie einmal zu mir: »ob ich wohl den Todestag Deines Vaters erleben werde?« Zwei Tage war sie bettlägerig, dann besserte sich ihr Zustand; gleichwohl äußerte sie, sie könne einmal plötzlich sterben, während ihre beiden Aerzte mit mir jetzt an keine Gefahr mehr dachten. Am 3ten Juni[72]  war sie, wie Tages zuvor, heiter und von dem früheren Schwindel und Kopfweh befreit, hatte nur etwas kurzen Athem, aß mit mir am Tische, ließ sich von mir ein Schauspiel vorlesen und theilte mir ihr Urtheil darüber mit. Als sie Abends zu Bette ging, nahm ihre Kurzathmigkeit zu und die mancherlei Mittel, die ich ihr dagegen gab, halfen nichts; endlich schlief sie nach elf Uhr ein, nachdem sie gesagt hatte, sie werde mich morgen recht früh wecken, damit ich bei Zeiten könne Kaffee machen lassen. Früh um drei Uhr weckte sie mich, da ich mein Lager an den Füßen ihres Bettes hatte und sagte mir, daß ich Kaffee bestellen solle. Ich stehe an ihrem Bette; da höre ich ein leises Rasseln auf ihrer Brust; ich rufe zur Thüre hinaus, daß Thee aufgegossen werden solle; wie ich wieder an ihr Bett trete, fängt ihr Auge an zu brechen: es währt keine Minute, und sie war entschlummert, ohne Röcheln, ohne Stöhnen, ohne das leiseste Zucken. Sie war am Todestage meines Vaters und in derselben Tagesstunde gestorben. Das war es unstreitig, was sie sich gewünscht hatte, und ihre lebhafte Phantasie, die Herrschaft ihres Geistes über den Körper hatte die Erfüllung dieses Wunsches vermittelt, während eine ungestörte Seelenruhe nichts davon ahnen ließ. Sie war mit demselben heitern Bewußtsein gestorben, wie mein Vater; aber als liebende Mutter hatte sie mich durch obige Aeußerungen auf ihren Tod vorbereiten und doch mir die Schmerzen eines Abschiedes ersparen wollen: war ja doch jeder Gedanke an mich ein Segen. Was mag sie wohl in ihrem letzten Schlafe geträumt haben?! – Indem ich meiner Geliebten schilderte, wie dieser Tod offenbar den Charakter des Ueberganges zu einem bessern Leben an sich trug, setzte ich hinzu: »was wären wir für jämmerliche Geschöpfe, wenn wir nur für diese Erdenwelt lebten und uns mit jedem Tage unserer gänzlichen Zerstörung näherten! Wenn diese fromme Dulderin mit solchem Heldenmuthe ihre Leiden bekämpft, ihre Freuden so willig für das Wohl Anderer aufgeopfert, ihren Geist so gebildet, ihr Herz so veredelt, alle ihre Pflichten so gewissenhaft erfüllt hätte, um – vernichtet zu werden, so möchte ich dies Leben nicht des kleinsten Wunsches mehr werth achten,[73]  und wahrlich! das erste, beste Messer müßte mich von dieser verächtlichen Erde befreien. Nein, wir sind unsterblich! Dies allein ist das Band, das denkende und fühlende Menschen an dies Leben ketten kann. Woher nähme ich sonst Trost beim Tode meiner Mutter? Und wie würde ich die Leiden, die meiner noch warten, ertragen können, wenn ich nicht jene feste Ueberzeugung hätte?«

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Wenn theure Menschen von unserer Seite gerissen sind, genügen uns schon die Beweise der Liebe nicht, die wir ihnen gegeben, und wir möchten gern ihnen noch viel mehr wohl gethan haben. Um so schmerzlicher ist es, wenn wir uns eines an ihnen begangenen Unrechts bewußt werden, und habe es auch nur darin bestanden, daß wir das uns durch Irrthum zugefügte Unrecht nicht mit Sanftmuth, sondern im Zustande der Aufregung zurückgewiesen haben. Wohl muß ich mir dergleichen Vorwürfe machen. Besonders erinnere ich mich eines Umstandes, durch den ich meine gute Mutter einige Zeit vor ihrem Tode kränkte: ich hatte ihr von der erfolgten Auszahlung des ersten schriftstellerischen Honorars nichts gesagt und sie erfuhr dieselbe auf anderem Wege. Ob ich aus Leichtsinn davon zu sprechen unterlassen, oder um eine Ueberraschung vorzubereiten davon geschwiegen habe, ist mir entfallen, nur die Erinnerung, daß ich meine Mutter gekränkt habe, ist mir geblieben.
Von meinem damaligen Zustande mag noch eine andere Stelle aus jenem Briefe an meine Geliebte zeugen: »Jetzt bin ich also allein und leer ist es um mich her. So manche gute Menschen stehen neben mir, und doch ist es mir bei ihrem Anblicke so todtenkalt im Herzen; unter meinen Freunden ist es mir beklommen; vor einer größeren Gesellschaft ekelt mich; selten spreche ich mit Jemandem von meiner Mutter, – die Meisten verdienen es nicht; nur bei der Arbeit werde ich zufrieden. – Hannchen! Du hast eine schwere Aufgabe: unter allen Lebenden sollst Du die einzige Nachfolgerin meiner Mutter in meinem Herzen sein; von Dir erwarte ich alle eigentlichen Freuden meines Lebens; Du sollst mich aufrichten, wenn ich matt werde im Kampfe für Menschenwohl, matt im Kampfe gegen[74]  das widrige Geschick; die Freuden, die aus mir selbst hervorgehen, sollst Du mir würzen; in Dir will ich auf dieser Erde meine Belohnung finden, denn von anderen Menschen erwarte ich keine. – Und wenn Du das Alles nicht könntest! – Auch dann würde ich handeln, wie mein Herz es mich lehrt und Gutes stiften, soviel ich vermag Sonst dachte ich anders; ich meinte, wenn mich einst kein liebendes, braves Weib beglücken, wenn nicht meine Kinder einst meine grauen Locken bekränzen sollten, so wollte ich lieber gar nicht leben. Allein über diesen Gedanken habe ich mich jetzt erhoben: ich bin hier zu handeln, nicht zu genießen. Freilich wäre ein herziges Weib das einzige äußere Glück, das meinen Muth zum Handeln belebte, meine Kräfte erhöhte; doch auch mit meinem Innern, mit dem Bewußtsein meines Willens könnte ich mich begnügen. – Aber nein! nein! nein! Du wirst mich beglücken und als treue Gefährtin auf dem Wege durchs Leben begleiten« u.s.w.
Ich brachte zunächst einige Wochen in Mittweide zu, wo ich bei einer bedeutenden Krankheit der Tante Trost und Beistand gewährte und beschloß zu Anfange Juli's, nachdem ich mich habilitirt haben würde, nach Wien zu gehen. Der Onkel war etwas bedenklich, doch widersprach er nicht. Daß an meinem Entschlusse die Liebe ihren gehörigen Antheil hatte und daß ich nach meiner Ankunft in Wien alsbald nach dem Leopoldsberge zu meiner Geliebten eilte, versteht sich von selbst. Ich fand hier eine interessante Familie, aus deren Geschichte ich einige Momente herausheben will.
Ignaz Pichler, ein durchaus rechtschaffener, thätiger und verständiger Mann von sanguinischem Temperamente und leichtem Sinne, unternehmend, lebhaft, lebensfroh, war ein wohlhabender Leinwandshändler in Ottensheim bei Linz gewesen. Seine älteste Tochter, Kathrine, eine schwarzäugige Schönheit, war an einen Negocianten in Wien, Namens Gaugler, verheirathet, welcher mit Juwelen handelte, Geldgeschäfte machte, mit dem hohen Adel viel verkehrte und auf einen großen Fuße lebte. Sie hatte gewünscht, ihre zweite Schwester, Johanna, bei sich zu sehen und der Vater hatte gern eingewilligt, da ihm[75]  dies als ein Glück für dieselbe erschienen war. Die arme, etwa zehn Jahre alte Johanne war aber von der hochmüthigen, dabei bigoten Schwester und deren Gemahl hart, ja tyrannisch behandelt worden, hatte wie eine Magd sie bedienen, schwere Arbeiten verrichten und wegen kleiner Versehen die empfindlichsten Scheltworte erdulden müssen. Indeß hatte Pichler, nachdem er in seinem ausgebreiteten Geschäfte viel Glück gehabt, sein Haus durch eine Feuersbrunst verloren, dann aber durch einen zweiten Brand mit einem neu aufgebauten Hause ein ansehnliches Waarenlager und somit den größten Theil seines Vermögens eingebüßt. Als nun auch Gaugler durch gewagte Speculationen und durch Fallissements bedeutende Verluste erlitten hatte, beredete dieser seinen Schwiegervater 1785, das Handelsgeschäft aufzugeben und eine Gastwirthschaft auf dem Kahlenberge anzulegen, wo Joseph II. das daselbst befindliche Camaldulenser-Kloster eben aufgehoben hatte. Pichler wendete den Rest seines Besitzthums dazu an und gab Johannen nach Wien in Pension, wo sie in der fürstlich Paarschen Küche die Kochkunst erlernte. Gaugler gab größere Summen zur Einrichtung her und bedang sich außer hohen Zinsen einen bedeutenden Antheil an dem Gewinne aus, richtete aber hinterlistiger Weise die Berechnungen und Contracte so ein, daß er als der alleinige Eigenthümer der ganzen Wirthschaft erschien und die rückständigen Schulden nur seinem Schwiegervater zufielen, denn da er außer Stand war, sein Geschäft in der Stadt in früherer Weise ferner zu betreiben, ging er darauf aus, sich in den alleinigen Besitz der Wirthschaft auf dem Kahlenberge zu setzen. Pichler, der ihm ein zu großes Vertrauen geschenkt und, einzig mit der Anordnung und Verwaltung beschäftigt, sich gar nicht gesichert hatte, erkannte zu spät, daß er schändlicher Weise betrogen war; er mußte weichen und beschloß nun, sich auf eigene Rechnung auf dem angränzenden Leopoldsberge zu etabliren. Um sich die nöthigen Summen zu Befriedigung der Gläubiger und zu dem neuen Etablissement durch Eintreibung von seinem Leinwandsgeschäfte her außenstehender Schulden zu verschaffen, reiste er nach Polen und nahm Johannen[76]  mit, die er zu einem Oheim in Pogoce bei Krakau brachte; durch seine Abwesenheit gab er nun Gauglern freien Spielraum, Alles an sich zu reißen und Kathrine half auf die empörendste Weise ihre Eltern plündern. So kam es denn, daß Johanne, als sie nach etwa einem Jahre nach Wien zurückkehrte, zu ihrem Schrecken Mutter und Geschwister auf dem Leopoldsberge in der dürftigsten Lage, mit einem ärmlichen Mobiliar und ohne alle Vorräthe, den Vater aber im Schuldthurme fand. Da entwickelte das neunzehnjährige Mädchen eine bewundernswürdige Entschlossenheit und Thätigkeit und wurde die Retterin der Familie. Sie fing damit an, mit dem baaren Gelde, welches ihr die Verwandten geschenkt hatten und wozu sie noch den Erlös aus dem Verkaufe ihrer entbehrlichen Kleidungsstücke nahm, das Nöthigste an Mobiliar, Geschirr und Vorräthen anzuschaffen und sich bei den Verkäufern dieser Dinge Credit auszumachen; dann ging sie zu einigen Familien in Wien, die öfters auf den Kahlenberg gekommen waren und lud sie auf den Leopoldsberg ein; sie kamen auch in größeren Gesellschaften, anfangs aus Neugierde und Theilnahme und mit Victualien, die hier zubereitet wurden, fanden Alles sauber und nett, die Speisen vortrefflich bereitet, die Bedienung durch Franz, Johannens Bruder, zu ihrer Zufriedenheit und wiederholten nun die Besuche zu ihrem Vergnügen. Mit dem ersten Erwerbe ging Johanne zum Vater ins Gefängniß, um ihn zu trösten, ihm den glücklichen Anfang ihrer Wirthschaft zu berichten und Taschengeld zu Bestreitung seiner kleinen Bedürfnisse zu bringen; so besuchte sie ihn nun jede Woche und schaffte ihm Schnupftabak, mit dem er, um auch etwas Beschäftigung und Erwerb zu haben, einen kleinen Handel unter seinen Mitgefangenen trieb. Johannens unermüdliche und verständige Thätigkeit ermangelte nicht des Segens, und als ihr Vater seine Freiheit wieder erlangte, konnte sie ihn schon in eine ganz gut eingerichtete Wirthschaft einführen, in der sie auch ferner die Hauptperson blieb. Wöchentlich ein- oder zweimal ging sie bei früher Tageszeit, einfach, aber äußerst sauber und geschmackvoll gekleidet, nach der Stadt, kaufte die nöthigen Victualien und[77]  kehrte sammt der damit beladenen Magd noch Vormittags auf den Berg zurück. Hier begann nun ihr Geschäft am Herde und nach dessen Beendigung bedurfte sie nur einer kleinen Veränderung im Anzuge, um anständig unter den Gästen zu erscheinen, wenn solche, die sie für werth hielt, da waren, während der joviale Vater gewöhnlich mit den Gästen sich unterhielt, den Keller besorgte, den Kellner beaufsichtigte und die Zahlungen einnahm. So wie die Gesellschaft fort war, ließ Johanne schon wieder für den folgenden Tag Alles ordnen, reinigen und waschen, that aber selbst das Meiste dabei, da die Dienstleute es ihr immer nicht ordentlich und rein genug machen konnten. War sie auch nach der Verbindung mit Hager einige Jahre aus dem väterlichen Hause entfernt gewesen und durch ihre jüngeren Schwestern vertreten worden, so hatte sie, wiewohl von diesen unterstützt, nach ihrer Rückkehr diese Geschäfte wieder übernommen und so ward ich noch Zeuge ihres emsigen Wirkens zu Unterstützung ihres Vaters. Dieser ehrliche, kluge und heitere Alte flößte Achtung ein, so wie seine beiden jüngsten, schönen Töchter, die blonde, ungemein witzige Therese und die brünette, muntere Clara eine interessante Unterhaltung gewährten, so daß denn der Leopoldsberg mit seinen herrlichen Aussichten und lieblichen Spaziergängen mir in jeder Hinsicht ein höchst anziehender Aufenthalt wurde. Der benachbarte Kahlenberg wurde auch öfters besucht, hatte aber wegen der Familienverhältnisse etwas sehr Unheimliches für mich. Gaugler nämlich hatte bei seinem Hochmuthe es nicht ertragen können, aus seiner frühern, gewissermaßen glänzenden Stellung in die eines Traiteurs versetzt zu sein; er war in gänzlichen Stumpfsinn verfallen und lebte wie ein Einsiedler im abgelegensten Theile des Hauses; seine Gattin, die früher von ihm ganz unterjocht gewesen und mit Argusaugen bewacht worden war, ihm aber bei Beraubung des Vaters treulich beigestanden hatte und in Anfeindung der Familie noch immer ihre Mißgunst bewies, führte die Alleinherrschaft im Hause. Ein junger Arzt, der zu gleicher Zeit mit mir in Wien war, versprach ihr die Ehe; später hat seine Wortbrüchigkeit sie in[78]  Wahnsinn gestürzt und sie hat im Irrenhause geendet, wo sie, da der Rest ihres Vermögens aufgegangen war, noch durch ihre Schwestern unterstützt worden ist.


Der Egoismus war mir seit jeher ganz besonders verächtlich erschienen, und da die natürliche Selbstliebe nur zu leicht in ihn übergeht, so hatte ich ein Asyl dagegen nur in der Familienverbindung erkannt. Ich hatte mit Betrübniß gesehen, wie die Theilnahme an dem Schicksale Anderer in so enge Grenzen eingeschlossen ist, und hatte es eingesehen, wie Jeder für sich am meisten zu sorgen hat und wie die Freundschaft durch die gebieterische Rücksicht auf das eigene Wohl gehindert werden muß, sich in ihrem ganzen Umfange zu äußern. Es hatte sich bei mir festgestellt, daß für mich nur da Glück erblühe, wo ich es mit einem andern Wesen theile, und daß nur ein Verhältniß mich befriedigen könne, ähnlich dem, in welchem ich zu meiner Mutter gestanden hatte: eine innige Verbindung, wo nur ein einiges, gemeinsames Interesse herrscht, wo eine Seele nur in der andern ihr Glück findet. Ohne eine solche unbedingte, das ganze Wesen durchdringende Liebe deuchte mir das Leben gehaltlos und fade. Meine Mutter, deren unbegrenzte Liebe ich genossen hatte, war mir entrissen; meinen trefflichen, mir so herzlich zugethanen Onkel sah ich im vollen Genusse des eigenen Familienglücks; und mich quälte im Gefühle meines Alleinstehens eine unüberwindliche Sehnsucht nach gleichem Glücke. Für die Möglichkeit aber, eine Familie zu ernähren, fehlte es mir nicht an Aussichten.
Einerseits hatte mein Gönner, Dr. Börner, mir seine Famulatur versprochen, da sein bisheriger Famulus (so hießen in Leipzig die Assistenzärzte) Müller einem vortheilhaften Antrage, sich in einer andern Stadt niederzulassen, folgen wollte. Da Börner einer der angesehensten und beschäftigtsten Aerzte Leipzigs war, so konnte es mir unter seiner Aegide nicht fehlen, bald zu einer reichlichen Praxis zu gelangen. Als ich ihn von Wien aus gebeten hatte, nach meiner Rückkehr die mir gemachten Hoffnungen zu erfüllen, antwortete er mir im December 1798: »Herzlich soll es mich freuen, wenn ich Gelegenheit finde,[79]  Ihre Wünsche zu befriedigen. Allem Ansehen nach dürfte Herr Müller noch bis zu Michaelis k.J. in Leipzig bleiben: die Fortschritte zur Promotion gehen langsam von Statten. Ob Sie dies gleich nicht abschrecken soll, früher nach Leipzig zu kommen, so wünschte ich dennoch, daß Sie Herrn Müller freundschaftlich schrieben und ihn bäten, seine studia zu absolviren, da er Ihnen Hoffnung gemacht, daß sein Abgang Ihnen dessen Besorgung meiner Patienten verschaffen sollte«. Die zarte und selbst ängstliche Rücksicht, welche Börner gegen Müllern durch diese Wendung bewies, machte mir bei der Kenntniß seines Charakters keine Sorgen.
Andererseits hatte ich Hoffnung, ein kurfürstliches Reisestipendium zu erhalten, welches mir nicht nur die Möglichkeit gewährte, mich noch auf andern Lehranstalten weiter auszubilden, sondern auch die Aussicht auf baldige Beförderung bei der Universität mit sich führte, indem Der, welcher auf Kosten der Regierung eine wissenschaftliche Reise gemacht hatte, von ihr gemeiniglich auch ferner berücksichtigt wurde. Auf die von meinem Onkel deßhalb privatim gemachten Anträge schrieb der Minister von Burgsdorf, daß jetzt zwei Mediciner mit höchster Unterstützung reisten und ich an die Stelle eines von ihnen treten könne, indem die zweijährige Genußzeit für den einen mit Anfang, für den andern mit Ende des Jahres 1799 ablaufe; er gab dabei den Gang des Geschäftes an und gestattete mir, das Gesuch an ihn einzusenden. Eben so bezeugte er noch im Januar 1799, als mein Onkel ihn in Dresden besuchte, alle Bereitwilligkeit, mein Gesuch zu unterstützen.
So hielt ich mich denn schon für geborgen. Ich besaß die Gewogenheit Börners, die ich seiner Freundschaft mit meinem Vater verdankte, und die Gunst des Ministers, die mein Onkel mir zugewendet hatte. Die Hoffnung auf die daraus sich ergebenden glücklichen Verhältnisse gestaltete sich in meinem jugendlichen Sinne unter Hinzutritt eines lebhaften Gefühls meiner Kräfte und eines reinen Bewußtseins meines Willens zur Gewißheit und im Vertrauen auf meine Zukunft[80]  schloß ich das mich beglückende Ehebündniß mit meiner geliebten Johanne.
Aber es währte nicht lange, so zeigte es sich, daß meine Hoffnungen gescheitert waren. Börner schrieb mir im Februar 1799, daß er seit vier Monaten unpaß und im kommenden Sommer ins Bad zu gehen genöthigt sei; daß die Familien, deren ärztliche Besorgung er Müllern übertragen habe, von diesem ferner behandelt zu werden wünschten, und daß er, falls er diesem Wunsche nicht entspräche, einen bedeutenden Verlust in seiner Praxis zu besorgen habe, da Müller in Leipzig bleiben werde. »Bei diese Lage der Umstände«, schrieb er, »leide ich in Ihrer Seele; ich kann diese aber, besonders bei fortdauernder Kränklichkeit, nicht ändern. Indessen werde ich zu ihrem Besten alles Mögliche beizutragen suchen. Mit wahrer Ergebenheit verbleibe ich unausgesetzt der Ihrige«. Dieser tröstende Zusatz war mir nur ein Beweis von dem Wohlwollen, welches der brave Mann in der Erinnerung an die Freundschaft meines Vaters mir schenkte und späterhin bethätigte, konnte aber die geschwundene Hoffnung, unter seiner Führung zur Praxis zu gelangen, nicht wieder beleben.
Noch schmerzlicher war mir die abschlägliche Antwort, die ich von der sächsischen Regierung erhielt, denn sie gründete sich auf ein ungünstiges Urtheil über mich. Die medicinische Facultät zu Leipzig nämlich hatte auf Befragen erklärt, sie finde mich nicht so ausgezeichnet, daß nicht mancher andere Mediciner auf solche Vergünstigung Ansprüche zu machen in gleichem oder auch höherem Grade berechtigt wäre. Ich hatte mich um die Gunst der Facultät nicht besonders beworben und sie im Gegentheile durch verschiedene Umstände verscherzt. Platner, der so viel auf elegantes Latein hielt war, als ihm meine oben angeführte Gelegenheitsschrift zur Censur vorgelegt worden war, über die Nachlässigkeit meines Stils ganz entrüstet gewesen und hatte sie mir mit Unwillen zu nochmaliger Durchsicht zurückgegeben. Hebenstreit war ein lebhafter Gegner der Brownschen Lehre und ich hatte durch öftere Vertheidigung derselben in dem unter ihm bestehenden Disputatorium[81]  mir seine Unzufriedenheit zugezogen. Ludwig hatte an mir nicht die erwartete Dienstwilligkeit zum Skeletiren und zu ähnlichen Arbeiten gefunden und obendrein seinen Zorn erregt, indem er mich eines Tages ertappte, daß ich über einen gezierten Ausdruck in seiner Vorlesung lachte. Die übrigen Mitglieder der Facultät waren zu wenig mit mir bekannt und wohl indifferent. – Daß Platner und Ludwig (Hebenstreit starb bald) nach ihrer Ueberzeugung geurtheilt haben, geht daraus hervor, daß sie späterhin, ohne daß ich irgend einen Schritt zu Erlangung ihrer Gewogenheit gethan hätte, mich zu sich zogen und meine Gönner und Freunde wurden.
So waren denn die Stützen, die fremdes Wohlwollen mir gewährt und auf die ich vertraut hatte, mit einem Male mir entzogen. Doch ich verzagte nicht im Mindesten und schwankte keinen Augenblick, die Bahn, die ich durch Bildung zum praktischen Arzte und zum akademischen Lehrer sowie durch meine Verheirathung eingeschlagen hatte, zu verfolgen. Der Gedanke, daß ich mich nun bloß auf die eigenen Kräfte verlassen müsse, hatte selbst etwas Reizendes; einen ehrenvollen Wirkungskreis zu gewinnen und dabei ein glücklicher Familienvater zu sein, war ein begeisterndes Ziel; das jugendliche Kraftgefühl gab mir Muth und mein leichter Sinn schätzte die Schwierigkeiten, die ich zu besiegen übernahm, bedeutend geringer, als sie wirklich waren.

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Ich reiste im Mai 1799 von Wien ab und zunächst nach Mittweide zu meinem theuren Onkel (der einen Augenblick daran gedacht hatte, ich sollte mich daselbst niederlassen) und dann erst nach Leipzig.
Jetzt galt es vor allen Dingen, mir hinlängliches Geld zu verschaffen, um die nöthigen häuslichen Einrichtungen machen zu können und meine Existenz für die erste Zeit zu sichern. Dies konnte ich nur von meinen väterlichen Verwandten durch mündliche Besprechung und unter Verschweigung meiner Verheirathung erlangen. Ich reiste also zu Anfange Juni's nach der Niederlausitz, wo ich auf das Freundlichste aufgenommen wurde. Gegen zwei Monate verlebte ich daselbst und arbeitete fleißig[82]  in den Stunden, wo mich die Gesellschaft meiner Verwandten nicht in Anspruch nahm. Mit allerhand Geschenken von meines Vaters Schwester und mit 300 Thalern, welche mir deren Gatte, der Amtsverwalter Hänsel und der Bruder meines Vaters, Apotheker in Lieberose, geliehen hatten, kam ich im August wieder nach Leipzig. Hierzu nahm ich die von der mütterlichen Erbschaft mir noch übrigen 500 Thaler, schaffte davon Alles, was zu Einrichtung einer Wirthschaft nöthig war, an, zahlte für eine kleine, aber saubere Familienwohnung, die ich gemiethet hatte, den Zins auf ein halbes Jahr voraus und vertheilte den Rest des Geldes in wöchentliche Rationen für die Wirthschaftsführung, so daß ich mich auf beinahe ein Jahr für geborgen hielt.
Mein Onkel, den ich von Wien aus von meiner Lage und meinem Vorhaben benachrichtigt hatte, war, wie mir Hayner (der sich in Mittweide niedergelassen hatte) meldete, dadurch auf das Tiefste erschüttert, und hielt es anfänglich nicht für möglich, daß ich in solcher Weise mich würde behaupten können. Nachdem ich ihn darauf in Mittweide mündlich zu beruhigen gesucht und dann wieder von Leipzig aus schriftlich um seinen Rath wegen meiner Promotion gebeten hatte, schrieb er mir: »Du hast viel über Dich genommen; es wird die ganze Anstrengung eines Mannes dazu gehören, Dich durchzuarbeiten. Es muß jetzt Dein Trost sein, daß Viele schon durch ähnliche Anstrengungen zum Ziele gekommen sind. Möchtest Du mir bald schreiben können, daß auch für Dich solche Aussichten sich zeigen! Leider kann ich vor der Hand nichts als Dich bedauern und eine baldige Verbesserung Deiner Lage Dir wünschen.«
Ich war indeß ganz wohlgemuth. Die ersten Andeutungen, daß meine Frau guter Hoffnung war, hatten mich, den Hoffnungsreichen, entzückt. Es war bei mir ausgemacht, daß mir der Himmel eine Tochter schenken werde; bei meiner Ansicht von dem Werthe des Weibes gingen alle meine Wünsche dahin, eine Tochter zu besitzen und darüber wachen zu können, daß sie zu edler Weiblichkeit sich entwickele. Sie sollte meine Mutter zum Vorbilde haben und so auch nach ihr Karoline[83]  heißen. So sprach ich denn nach meiner Abreise von Wien so zuversichtlich von »unserer Karoline« in den Briefen an meine Frau, daß diese am Ende ganz besorgt wurde und mich auf die Geburt eines Sohnes vorzubereiten suchte, indem sie angab, nach den Bewegungen, welche sie fühle, zu urtheilen, sei das unter ihrem Herzen lebende Kind für ein Mädchen zu wild. Ich schwieg darüber, um sie nicht zu beunruhigen, ließ mich aber nicht irre machen und deutete die lebhaften Bewegungen dahin, daß Karoline in freudiger Ungeduld den Augenblick erwarte, wo sie zu ihrem Vater kommen werde. Mein Vertrauen wurde durch den Erfolg gerechtfertigt.
Meine Frau sollte im August ihre Reise nach Leipzig antreten. Durch liebevolle Rücksicht auf die Verhältnisse ihres Vaters wurde sie bestimmt, ihre Abreise bis gegen Ende Septembers zu verschieben. Sie reiste über Prag, und als sie von da aus am 4. October das erste Nachtquartier im Dorfe Klitzram erreicht hatte, meldeten sich Wehen an. Kaum konnte sie in dem Gasthofe eine eigene Stube für sich gewinnen, und da hier Regen und Wind hereindrang, mußte sie selbst heraufsteigen und die zerbrochenen Fensterscheiben mit den aus ihrem Koffer ausgepackten Decken verhängen. Das Einzige, wodurch die unfreundliche böhmische Wirthin eine Theilnahme bewies, bestand darin, daß sie ein altes Hirtenweib als Hebamme schickte. Meine Frau entsetzte sich beim Anblicke dieses Weibes und wies solchen gefährlichen Beistand zurück; sie vertraute auf die Naturkräfte und wurde nicht getäuscht: sie gebar Morgens um 4 Uhr die gehoffte Karoline. Die Männer, die von Prag aus mit ihr in derselben Lohnkutsche gefahren waren, kamen vor ihrer Abreise an ihr Lager, um sich zu erkundigen, was sie für sie thun könnten; meine Frau konnte nichts von ihnen verlangen, als daß sie einen Brief, den sie nun an mich schrieb, auf der nächsten Station zur Post gäben. Nun lag aber die Aermste ganz verlassen in dem Hause, dessen Bewohner das Deutsche nicht verstanden oder, wie es in Böhmen nicht selten ist, es nicht zu verstehen vorgaben; als sie ihr Verlangen, etwas Warmes zu genießen, durch Zeichen ausdrückte, brachte man ihr eine Wassersuppe[84]  mit Brod, Pfeffer und Salz. In diesem Augenblicke trat ein Frachtfuhrmann in die Stube und sagte, er habe von ihrer Noth gehört, und wolle, da der Schmidt an seinem Wagen etwas auszubessern habe, nach dem etwa drei Meilen entfernten Prag, von wo er gekommen, zurück reiten, um ihr die Hülfe, deren sie bedürfe, zu bringen. In freudigem Erstaunen nahm sie sein Anerbieten an und fragte, wie viel er dafür fordere, und da er lächelnd versetzte, er wisse, was Christenpflicht sei, habe übrigens auch Weib und Kinder, für die er den Segen des Himmels erflehe, so gab sie ihm meine Adresse mit der dringenden Bitte, wenn ihn sein Weg nach Leipzig führe, zu mir zu kommen, damit ich ihm danken könne. Der Mann nahm den Brief, den nun meine Frau an die Seilermeisterin Wagner in Prag schrieb, und bestellte ihn richtig, – aber vor uns hat er sich nicht wieder sehen lassen. – Frau Wagner, die meine Frau auf der gemeinschaftlichen Reise von Wien nach Prag kennen gelernt hatte, kam gegen Abend in Begleitung eines Arztes an, führte sie, in Betten soviel als möglich gehüllt, sammt ihren beiden Kindern nach Prag, nahm sie in ihrem Hause auf und pflegte sie, abwechselnd mit ihrer Tochter auf das Liebevollste. Die Wöchnerin und die Neugeborene legten durch ihr vortreffliches Befinden nach dem, was sie überstanden hatten, ein vollgültiges Zeugniß von ihrer guten Constitution ab. Die Neugeborene wurde schon am 6. October getauft, und meine Frau konnte die Taufe ganz nach meinen Wünschen einrichten: daß das Mädchen Karoline hieß, wußte sie längst, und zu Taufzeugen nahm sie außer der menschenfreundlichen Frau Wagner einen Kaufmann Meisner, an den, als einen ehemaligen Schulkameraden von mir, ich für den Fall, daß sie bei ihrer Durchreise durch Prag eines Beistandes bedürfte, sie adressirt hatte, und in Abwesenheit meinen Onkel.
Schon am 31. kam meine Frau in Dresden an, wohin ich ihr unser Dienstmädchen mit gehörigen Instructionen entgegen geschickt hatte. Am dritten November harrte ich ihrer in Borsdorf. Mit hoch klopfendem Herzen trat ich an den Wagen,[85]  der sie mir zuführte, küßte sie flüchtig, empfing mein Kind aus ihren Armen, und trug es eilig ins Gasthaus, legte es auf den Tisch, löste die Bänder, welche es in seinem Bettchen hielten, war im Anschauen des wohlgebildeten, lieblichen, kräftigen und munteren Mädchens ganz selig, und stürzte dann erst in die Arme meiner Frau, die in stolzer Mutterfreude sich an dem Anblicke weidete, und dann mußte ich wieder mein holdes Kind betrachten. Was kümmerten mich die Menschen umher! Was kümmerte mich die ganze Welt! Ich war überglücklich. So gönnte ich auch meinen Reisenden nur eine kurze Rast, denn ich konnte ja nicht früh genug mein Eigenthum in Sicherheit bringen. Als ich nun meine Frau in die freundliche Wohnung, die der Schauplatz meines häuslichen Glückes werden sollte, einführte und sie über die Einrichtungen, die ich getroffen hatte, sich lebhaft freute, fand ich darin große Genugthuung und blickte so heiter in die Zukunft, als ob meine äußere Lage völlig gesichert wäre.



2. Erste Wirksamkeit
(1799. 1800.)










[86] Indem ich mein häusliches Glück in vollem Maße genoß, schienen mir zum Anfange meiner Laufbahn ganz glückliche Sterne leuchten zu wollen.
Mein Hausgenosse für den Winter 1799/1800 war der als ästhetischer Schriftsteller bekannte Methusalem Müller, ein Mann von vielseitiger, namentlich philosophischer Bitdung und strenger Sittlichkeit. Er war erst seit einem Jahre verheirathet, lebte von literarischen Arbeiten, also auch in ziemlich beschränkter Lage, und hatte wenig Umgang; seine Frau, eine geborne von Bose, war von feiner Bildung, und fühlte sich neben ihrem Manne in einem nichts weniger als glänzenden Verhältnisse recht glücklich. Sie nahmen meinen ärztlichen Rath in Anspruch, und bald wurden wir mit ihnen vertraut, so daß wir den ganzen Winter hindurch die meisten Abende mit einander[86]  zubrachten, sie entweder bei uns oder wir bei ihnen. Eben so hatten wir Umgang mit den Familien zweier Schulfreunde, Wichmann und Schönherr, bei denen ich ebenfalls Arzt wurde, und die mir wieder einige Gelegenheit zu ärztlicher Praxis verschafften.
Zu meinen für das Winterhalbjahr angekündigten Vorlesungen hatten sich Zuhörer gefunden, und ich las mit großem Interesse.
Börners Krankheit dauerte fort und nahm zu. Er bewies mir immer gleiches Wohlwollen und gab mir mancherlei Rathschläge, wie ich mir mit meiner Familie forthelfen könne, die ich, wenn sie auch für mich nicht annehmbar waren, doch als sehr wohlgemeint schätzte. Ich war viel bei ihm, in der letzten Zeit seines Lebens auch mehrere Nächte über. Er starb in der Mitte des März 1800 und vermachte mir seine medicinische Bibliothek aus etwa 400 Bänden und 3000 Dissertationen bestehend und 100 Thaler. Diese mir ganz unerwartete Erbschaft war für mich von großer Wichtigkeit, indem sie mich in den Stand setzte, die medicinische Doctorwürde zu erlangen; ich wüßte in der That nicht, wie ich ohne diese unerwartete runde Summe die Promotion, die doch für meine weitere Laufbahn so nöthig war, hätte möglich machen können. Mit dankbarem Herzen eilte ich auch, diese Wohlthat zu benutzen und ging am 2. April, wo ich des Vormittags meine ersten akademischen Vorlesungen geschlossen hatte, des Nachmittags in das Examen, worauf ich am 27. Juni promovirte. In Leipzig bestand noch die Einrichtung, daß man »ad facultatem disputiren«, d.h. bei Erlegung höherer Promotionsgebühren sich Ansprüche auf dereinstiges Einrücken in die Facultät erwerben konnte; ich verzichtete darauf in der Hoffnung, einmal Professor und dadurch Mitglied der Facultät zu werden. Auch kostete es mehr, wenn man ohne Präses seine Dissertation vertheidigen wollte; diese Kosten ersparte ich mir ebenfalls, und nahm getrost den Präses, den unter den Mitgliedern der Facultät gerade die Reihe traf.
An literarischer Thätigkeit ließ ich es nicht fehlen. Schon[87]  im Jahre vorher während meines Aufenthaltes in der Lausitz hatte ich den Plan zu einer Arbeit entworfen und den Verlag derselben der Nicolaischen Buchhandlung in Berlin angetragen. Ich setze die Ankündigung, welche dem Erscheinen der Schrift vorausgehen sollte, wörtlich her, weil sie meine Richtung überhaupt, meinen damaligen Standpunct und meinen literarischen Muth bezeichnet.
»Nirgends finden wir in der Geschichte der Ausbildung der Wissenschaft irgend eine erhebliche Reform, die schon in ihren ersten Wirkungen so wohlthätig für das menschliche Geschlecht gewesen wäre, als sie es ihrem Zwecke nach sein sollte und ihrem Wesen nach sein konnte. Stürmisch und wild greifen diese Revolutionen um sich; unter der Larve der Wahrheitsliebe zieht unseliger Parteigeist Tausende an sich und blendet ihre Augen, daß sie die Labyrinthe nicht wahrnehmen, wohin der Fanatismus sie führt. Aehnlicher Sectengeist beseelt ihre Gegner, und bitterer Groll muß ihnen die Waffen reichen. Erst allmälig tritt kältere Ueberlegung an die Stelle leidenschaftlicher Hitze, leitet beide Parteien auf den Mittelweg, welchen die Schwärmerei flieht, indem sie wahre Aufklärung als Siegerin zurück läßt, und jetzt erst erscheint die Heilsamkeit jener Reform in vollem Glanze.«

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»Diesem wünschenswerthen Zeitpunkte scheint die Brownsche Theorie der Heilwissenschaft in unserem Vaterlande nahe zu sein. – Je dunkler der Ort ist, desto stärker sind die Wirkungen des Lichts: in einigen Gegenden Deutschlands, wo mehr Schatten war, wurde diese Theorie mit Begierde aufgenommen und mit Leidenschaftlichkeit vertheidigt; in anderen hingegen mit Hitze bestritten. Jetzt stimmen, des scheinbaren Widerspruchs ungeachtet, alle denkenden Aerzte darin überein, daß die Materialien zu dem Systeme und seine Principien längst bekannt, von Brown aber zu einem wissenschaftlichen Ganzen vereinigt worden sind, daß dieser originelle Denker in den meisten Stellen eine gute Methode gezeigt habe, die Phänomene der lebenden Natur zu erklären, daß er aber auch in sehr vielen Fällen aus leidenschaftlicher Uebereilung und parteiischer Einseitigkeit oder[88]  aus Mangel an Erfahrung offenbare Fehler begangen und Lücken im Systeme gelassen hat. Jetzt ist es also Zeit, daß Deutschlands Aerzte mit vereinten Kräften an der Ausbildung einer Theorie ihrer Kunst arbeiten, zu welcher der Britte ihnen die Idee, aber nur eine mangelhafte Skizze geliefert hat. Browns System werde nicht mehr verehrt, noch auch bestritten: unser gemeinschaftlicher Zweck sei der, eine Theorie unserer Kunst auszubilden, welche von den unumstößlichen Grundsätzen der Erregung, von denen sie ausgeht, die Erregungstheorie heißen mag.«
»Dies ist der Zweck einer Schrift, welche jetzt erscheint unter dem Titel: Versuch einer neuen Darstellung der Stufenleiter des Lebens. Ein Beitrag zur Erregungstheorie. Der Verfasser bemüht sich, das reine Gold des Brownschen und der bisherigen Systeme der Arzneikunde zu einem Ganzen zu vereinigen. Doch verfährt er hierbei keineswegs als bloßer Eklektiker: er geht vielmehr nach seinen eigenen Ideen zu Werke und stellt die Grundsätze des Brownschen Systems so, daß sie eine ganz neue Ansicht gewähren. Er geht keinen Schritt, den er sich nicht von der Erfahrung führen läßt, sucht aber einen Gesichtspunkt aufzustellen, in welchem alle diese Erfahrungen, als in ihrem Mittelpunkte, zusammenlaufen. Auf diese Art liefert er eine Skizze von den Grundsätzen einer geläuterten Physiologie, Pathologie, Materia medica und Therapie zu einem Ganzen vereinigt.«
»Sehr gern bescheidet sich der Verfasser, mit diesem Werke nichts als einen Versuch, vielleicht nur einen mangelhaften, geliefert zu haben: allein durch mannichfaltige Versuche gewinnen die Wissenschaften endlich, und ein vollendetes System der Heilkunde wird auch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch zu den frommen Wünschen gehören.«
Daß ich über das Gelingen des dreisten Unternehmens keineswegs sicher war, geht auch daraus hervor, daß ich an Nicolai schrieb, ich wolle nicht gleich anfänglich als Verfasser der Schrift bekannt werden. Mein Antrag wurde abgelehnt und das Unternehmen blieb unausgeführt.[89] 
Unter meinen Papieren aus dieser Zeit finde ich auch den Plan eines »Handbuchs der praktischen Symptomatologie in alphabetischer Ordnung oder der Lehre von den Symptomen in inneren und äußeren Krankheiten nach ihren Ursachen, Wirkungen und Heilarten.« Außer den schon in medicinischen Werken vorkommenden Bemerkungen sollten von Aerzten, die nicht als Schriftsteller auftraten, Erfahrungen über die Bedeutung und Behandlung von Krankheitserscheinungen eingesammelt werden, da dergleichen in Werken über specielle Therapie nicht ihren Platz finden, sondern eher einen Theil der generellen Therapie ausmachen. Noch jetzt glaube ich, daß ein solches Werk sehr verdienstlich sein würde: unsere medicinischen Wörterbücher lösen die Gegenstände, die nur in systematischem Zusammenhange gründlich erörtert werden, aus ihrer wissenschaftlichen Verbindung, und können höchstens als Sammlungen von Monographien Werth haben; ein symptomatologisches Wörterbuch hingegen würde ein eigenthümlicher nützlicher Rathgeber für den Arzt sein, indem es ihm die kleinen Vortheile und Kunstgriffe, die sonst nirgends beisammen zu finden sind, so an die Hand gäbe, wie der Zufall oder ein glücklicher Griff sie entdeckt und die Wissenschaft sie theoretisch zu begründen versucht hat.


Um diese Zeit erschien meine Schrift über Asklepiades und Brown1, die mir einen guten Namen in der gelehrten Welt verschaffte. Die Salzburger medicinisch-chirurgische Zeitung, die Erlanger, Jenaische und Salzburger Literaturzeitung, das Leipziger Jahrbuch der Literatur, die Fränkische Staats- und gelehrte Zeitung und das medical and physical journal sprachen sich sehr günstig darüber aus. Ich hatte meine Schrift Niemandem geschickt, auch Sprengeln nicht. Dieser bat sie sich von mir aus, »um sie in der zweiten Ausgabe seiner Geschichte der Medicin zu benutzen.« Indeß fand ich, daß er dies[90]  nicht gethan hat, und kam auf die Vermuthung, er sei durch Röschlaub verstimmt worden, der in seinem Journale erklärt hatte, in meinem Schriftchen sei mehr Geist, als in Sprengels dickleibigem Werke. Ich vergleiche darin Asklepiades und Brown zuerst nach ihrer Individualität, wie dieselbe in den natürlichen Anlagen, dem moralischen Charakter, der Weltklugheit und der wissenschaftlichen Bildung sich ausspricht; untersuche dann die Veranlassung zu Errichtung neuer Systeme, welche sie erstlich im damaligen Zustande der Heilkunst überhaupt und einzelner Lehren derselben insbesondere, zweitens in den äußeren Verhältnissen gefunden haben; stelle hierauf die Grundlinien beider Systeme auf, und schließe mit Fragmenten zur Geschichte derselben.
Zum Gegenstande meiner Inauguraldissertation wählte ich eine kritische Prüfung der Quellen für unsere Kenntniß von Asklepiades2. Ich bekenne, daß mir diese Dissertation noch jetzt gar nicht mißfällig ist, aber durch eine Unbedachtsamkeit, die ich mir dabei hatte zu Schulden kommen lassen, zog sie mir viel Verdruß zu. Als ich nämlich von Wien zurück kam, hatte ich das Material zu meiner Dissertation bereits gesammelt, und erfuhr nun, daß während meiner Abwesenheit mein Freund Clarus denselben Gegenstand bearbeitet und zum Behufe der Habilitation eine Dissertation über die Uebereinstimmung der methodischen und der Brownschen Schule vertheidigt hatte. Ich las diese Arbeit sogleich, fand aber darin nichts Eigenthümliches und für mich Neues. Als ich nun nach Jahresfrist promovirte, dachte ich aus diesem Grunde in Wahrheit nicht mehr an die Arbeit meines Freundes und unterließ es, sie zu citiren, was ich aus Artigkeit allerdings hätte thun sollen, wiewohl ich sie in der Vorrede zu meiner zugleich erschienenen deutschen Schrift wirklich angeführt hatte. Clarus gewährte meine Bitte, mir zu opponiren, entschuldigte sich aber im Voraus, daß er meine Einladung zum Mittagsessen anzunehmen[91]  durch praktische Geschäfte verhindert werde. Mich befremdete diese Weigerung allerdings, doch hatte ich weiter kein Arg. Wie staunte ich nun, als er im Auditorium öffentlich erklärte, er könne seine Opposition nur gegen die angehängten Thesen richten, da ich in der Dissertation selbst ein Plagiat an ihm begangen und noch dazu seine Abhandlung, aus der ich geschöpft, nicht genannt habe. Ich erwiderte, aus meiner Dissertation gehe klar und unwidersprechlich hervor, daß ich nur aus den Quellen selbst geschöpft und über den Asklepiades ungleich mehr gesagt habe, als er in seiner Abhandlung. Er blieb bei seiner Behauptung und sagte endlich, ich hätte ja sogar seine Worte abgeschrieben. Wenig fehlte, daß ich hierbei alle Fassung verlor. Aufgefordert, dies zu beweisen, gab er die Worte an: Asclepiadem spretis pollicitationibus Mithridatis. Glücklicherweise erinnerte ich mich, daß dies die eigenen Worte des Plinius waren, von dem Clarus wie ich sie entlehnt hatte; dies konnte er nicht leugnen und andere Beweise eines Plagiats vermochte er nicht anzuführen: vor den Zuhörern war ich also wohl gerechtfertigt. Was kann aber einem angehenden akademischen Docenten Schlimmeres widerfahren, als die Beschuldigung eines literarischen Diebstahls?! Ich war entsetzt, kehrte in großer Aufregung nach meiner Wohnung zurück, nahm, sobald meine Gäste weggegangen waren, die Dissertation meines Gegners, deren Detail mir nicht mehr gegenwärtig war, vor und überzeugte mich, daß jeder Unparteiischer bei Vergleichung beider Dissertationen einsehen müßte, mir sei Unrecht geschehen. Ich schrieb an Clarus, bei ruhiger Ueberlegung werde er sich überzeugen, daß ich seine Arbeit wirklich nicht benutzt habe; er möge daher zu Wiederherstellung meiner gekränkten Ehre dies durch einen Anschlag am schwarzen Brete erklären und seine Behauptung eines Plagiats zurücknehmen, widrigenfalls ich mir selbst Satisfaction verschaffen würde. Es war eine große Unvorsichtigkeit, mich dieses Ausdrucks zu bedienen; ich meinte nichts Anderes damit, als daß ich meine Ehre durch eine mittels des Druckes zu veröffentlichende Widerlegung jener Beschuldigung retten würde. Ich erhielt eine sehr kluge Antwort,[92]  die mit folgenden Worten anhebt: »Ich habe in meiner Opposition erklärt, daß Deine im ersten Capitel Deiner Dissertation geäußerten Muthmaaßungen über das wahrscheinliche Zeitalter des Asklepiades größtentheils« (unterstrichen) »mit demjenigen übereinstimmen, was ich in meiner Abhandlung über den nämlichen Gegenstand gesagt habe, dasjenige, was aus dem Sextus Empirikus angeführt wird und die sich von selbst ergebende Bestimmung der Jahreszahlen ausgenommen.« Hiermit leugnete er nun die mir zugefügte Beleidigung, setzte aber hinzu, er habe »Satz für Satz die Uebereinstimmung unserer Behauptungen gezeigt«, und ich habe bei meiner Vertheidigung mich gar nicht auf Widerlegung des Factums(?) eingelassen, sondern es nur zu entschuldigen gesucht; übrigens verachte er meine Drohung, bringe die Angelegenheit vor den Richterstuhl der medicinischen Facultät, und gehe, dem Hofrathe Platner die nähere Anzeige zu machen. – Bald darauf ließ mich Platner zu sich rufen und redete mich damit an, daß er mich vor Studentenstreichen warnen müsse, da ich Clarus habe herausfordern wollen. Ich war über diese Denunciation empört, sprach meine Indignation über die erlittene Beleidigung aus, und erklärte, daß ich meine Rechtfertigung drucken lassen und nächstens zur Censur bei ihm einreichen werde. Ich brachte ihm auch nach einigen Tagen einen ausführlichen Aufsatz mit dem Motto aus Cicero: qui stadium currit, eniti et contendere debet, quam maxime possit, ut vincat; supplantare eum, quicum certet, aut manu depellere nullo modo debet. Ich wartete eine Weile vergebens auf die Rückgabe des censirten Aufsatzes, um ihn drucken zu lassen; allmälig legte sich meine Aufregung; Platner erwähnte nichts mehr von dem Streite; ich regte die Sache auch nicht mehr an, da ich etwas Besseres zu thun hatte, und nach einigen Jahren vermittelte Schwägrichen meine Versöhnung mit Clarus, mit dem ich seitdem auch immer in einem freundschaftlichen Verhältnisse gestanden habe.

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In diesem Jahre erschien auch meine Propädeutik3, ein[93]  Lehrbuch, das ich für meine Vorlesungen ausgearbeitet hatte. Ich gab darin eine Kritik der Heilkunst, wie sie sich für den angehenden Arzt eignet, nämlich eine kurze, bündige, verständliche Belehrung über Bedürfniß, Begriff, Gegenstand, Quellen, Gewißheit, Schwierigkeiten, Gränzen und Bearbeitungsart derselben; dann eine Encyklopädie, in welcher ich den organischen Zusammenhang der verschiedenen Disciplinen darzulegen mich bemühte; hierauf folgen Erklärungen über den Stand des Arztes und über die bei dessen Wahl zu beobachtenden Bedingungen, endlich die leitenden Momente bei der geistigen, körperlichen, menschlichen, wissenschaftlichen und praktischen Bildung des Arztes, verbunden mit einer auserlesenen Literatur, nämlich mit Angabe eines Handbuchs und eines Hauptwerks für jede Disciplin und mit einer Uebersicht der klinischen Anstalten inner-und außerhalb Deutschlands. Ich halte es für ein gutes Buch, das dem angehenden Arzte gewiß einen sehr zweckmäßigen Wegweiser für sein Studium darbietet, wie denn auch auf einigen Universitäten darüber gelesen worden ist. Ich bedauere, daß es nicht mehr Auflagen erlebt hat, in denen das Lückenhafte ergänzt, das Irrige berichtigt, das Neue nachgetragen hätte werden können. Indeß dünkt mich, daß es vermöge seiner logischen Gliederung noch jetzt als Grundlage zu Vorlesungen dienen könnte, indem der mündliche Vortrag die Mängel des Details beseitigen müßte.
Ich beschäftigte mich nebenbei schon mit Vorarbeiten zur Diätetik; so erschien in Jahrgange 1800 der deutschen Monatsschrift ein anonymer Aufsatz von mir über langes Leben und Lebensgenuß. Auch wurde ich ein sehr fleißiger Mitarbeiter der Leipziger Literaturzeitung, die damals unter dem Titel: teutsche Fama der neuesten Literatur von Höpfner redigirt wurde.
Fußnoten
1 Asklepiades und John Brown. Eine Parallele von K.F. Burdach, der Philosophie Doctor und Privatdocenten auf der Universität Leipzig. Leipzig 1800 bei Meisner 170 S. 8.

2 Scriptorum de Asclepiade index. Dissertatio, quam praeside Birkholz d. 27. Junii 1800 publice defendet auctor C.F. Burdach. Lipsiac 35 S. 4.

3 Propädeutik zum Studium der gesammten Heilkunst. Ein Leitfaden akademischer Vorlesungen, entworfen von Dr. K.F. Burdach, Privatlehrer an der Universität zu Leipzig. Leipzig bei Breitkopf und Härtel. 1800. XII und 206 S. 8.




A. Erstes Stadium.
(1798 bis 1800.)













1. Heirath


2. Erste Wirksamkeit


3. Christian Friedrich Schwägrichen und Christian August Fürchtegott Hayner






1. Wissenschaftliche Thätigkeit.










[111] Neben mannichfaltigen Studien so wie neben auf Erwerb gerichteten Arbeiten beschäftigte mich in diesem Zeitraume vornehmlich die Diätetik für Gesunde, für die ich einen eigenen Namen, Hygiastik, gebildet hatte und deren Druck im October 1804 beendigt wurde1.
Nach einer langen Reihe von Jahren nehme ich jetzt diese Schrift wieder vor und bin mit ihr ganz zufrieden. Es spricht sich im Ganzen ein ernster, wissenschaftlicher Sinn, ein freier Geist und ein warmes Gefühl aus; der Vortrag ist da, wo er nicht demonstrativ sein soll, lebhaft und wird an manchen Stellen rednerisch, ohne gekünstelt zu sein; der Inhalt beweist universelle Bildung und eine Belesenheit, die sich nicht prunkend zur Schau stellt, sondern nur da, wo es nöthig ist, sich zu erkennen giebt. Es springt in die Augen, ich wollte keine Katechismusmilch für geistig Unmündige, keine Recepte zum Wohlbehagen für den großen Haufen, sondern ein Werk liefern, welches durch wissenschaftlichen Gehalt, durch Aufstellung umfassender Ansichten und durch Sammlung gediegener Erfahrungssätze eine Lectüre für gebildete Geister werden sollte. Ich finde, daß schon damals die Ansichten der Natur, die noch jetzt die meinigen[111]  sind, ihren Grundzügen nach sich in mir entwickelt hatten. Ich versuche, die Principien der allgemeinen Hygiastik aus den Gesetzen, welche die Lebensthätigkeiten und ihren Zustand bestimmen, abzuleiten; aber ich entferne mich dabei bedeutend von der Brownschen Erregungstheorie, indem ich theils die Erregbarkeit nicht für das Charakteristische des Lebens, sondern für eine auch dem Unorganischen zukommende Eigenschaft erkläre, theils bei Reizen und Erregung außer der Quantität überall auch die Qualität beachte. Eben so zeige ich mich, ungeachtet einiger Uebereinstimmung meines Standpunctes mit der Schellingschen Naturphilosophie, keineswegs als Anhänger derselben, denn ich verwerfe geradezu die Methode derselben. Ich bezeichne die Natur als das Product der höchsten Vernunft, erkenne den Organismus des Universums, das allgemeine Leben der Natur, die Einheit des leiblichen und psychischen Lebens, als der verschiedenen Formen eines höheren Begriffes an. Im Widerspruche zur Naturphilosophie nehme ich in allem Endlichen die Herrschaft des Gegensatzes und die Dichotomie an und sage in Bezug auf die gangbare Eintheilung der Lebensthätigkeiten in Sensibilität, Irritabilität und Reproduction: die Vernunft bestimmt uns nothwendig zur Reduction dieser Trinität auf die Einheit, welche unter der Form der Duplicität sich offenbart. Ich erkläre die Psychologie für einen integrirenden Theil der Naturwissenschaft und behaupte, daß sie nicht mehr von unseren Philosophen bearbeitet werden sollte. Indem ich annehme, daß die Seele auch die Fähigkeit besitzt, von in Raum und Zeit entfernten Verhältnissen afficirt zu werden, und daß der Instinct auf Ahnung beruht, sage ich: »der Mensch, als Individuum und als Geschlecht, beschreibt in Rücksicht auf den Glauben einen Cyklus. Das kindliche Gemüth nimmt die Ahnung von Gott und Unsterblichkeit willig an und geht, von ihr geleitet, einen sicheren Pfad. Die erwachende Kraft verschmäht den Glauben und will der Schöpfer ihres Schöpfers werden; was sie nicht begreifen und verstehen, was sie nicht beherrschen kann, leugnet sie; sie will die Tiefen und die Höhen des Universums messen und mißt nur die eigene Schwäche, bis[112]  sie endlich bei höherer Bildung zu der kindlichen Reinheit des Sinnes zurückkehrt, die sich nicht schämt, sich dem Glauben hinzugeben, der allein selig macht, d.h. dem Vertrauen auf die durch die Vernunft nicht erweislichen, wichtigsten Wahrheiten, welches einzig und allein im Stande ist, die gestörte Harmonie im Innern des Menschen, die Einheit mit sich selbst und den Frieden seiner Seele herzustellen.« – Mit diesen Worten, die, um nicht mißverstanden zu werden, eigentlich wohl bezeichnender hätten sein müssen, gebe ich zugleich den Gang an, den meine eigene religiöse Ueberzeugung genommen hatte. – Ich bekämpfe das Princip der damals hochgefeierten Makrobiotik und leite den Beweis, daß möglichste Verlängerung des Lebens nicht der Zielpunct des diätetischen Verhaltens sein kann, mit den Worten ein: »Wer wird nicht lieber im sechzigsten Jahre mit dem Bewußtsein, seine Kräfte genutzt, sich veredelt, kräftig und wohlthätig in seinem Kreise auf die Menschheit gewirkt zu haben, die morsche Hülle der mütterlichen Erde zurückgeben, als noch im neunzigsten Jahre ein mattes, egoistisches Leben fortschleppen, welches in seinem ganzen Laufe keine Anstrengung, keinen bedeutenden Aufwand von Kraft und keine der Auszeichnung werthe That enthält?«

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Der Verleger des Buches, August Wichmann, war von der Schule her ein genauer Freund von mir, ein Mann von vielen Kenntnissen und gebildetem Geschmacke, nicht allein Polyhistor, sondern auch Polytechniker. Nachdem er in Königsberg den Buchhandel erlernt hatte, ging er als Commis nach Triest, wo er sich in politische Händel verwickelte und eine Zeit lang im Gefängnisse zubringen mußte. Im Jahre 1804 nach Leipzig zurückgekehrt, etablirte er sich, gab aber bald den Buchhandel auf und privatisirte, dichtete, schrieb einige Romane, z.B. den Palmsonntag, malte und dergleichen mehr. Dann arbeitete er als Commis in einigen großen Leipziger Wollhandlungen und machte als solcher Reisen nach Frankreich und den Niederlanden. Durch die Gunst des Leipziger Magistrats (der damals namentlich durch Apel, Stieglitz, Gehler, Blümner ein seltener Verein geistreicher und hochgebildeter, kunstsinniger[113]  Männer war) wurde er Steuereinnehmer, verlor nach wenigen Jahren wegen Unordnungen in seinem Amte diese Stelle, privatisirte wieder und verließ endlich Leipzig, um Schauspieler zu werden; als solcher ist er frühzeitig in Mannheim gestorben. – Nachdem er den Buchhandel aufgegeben hatte, kam meine Diätetik in den Besitz der Hinrichsschen Buchhandlung, welche sie im Jahre 1811 als »neue unveränderte Ausgabe« noch einmal auf den Markt gebracht hat.
Uebrigens fing ich um diese Zeit bereits an, Beobachtungen zur pathologischen Anatomie des Gehirns zu sammeln und für das Buch, welches ich zwei Jahre später herausgab, zu verarbeiten.
Fußnoten
1 Die Diätetik für Gesunde, wissenschaftlich bearbeitet von Dr. K.F. Burdach. Leipzig, bei Wichmann. 1804. XXIV u. 296 S. 8.




2. Literarische Industrie.










[114] Neben meinen wissenschaftlichen Arbeiten mußte ich auch auf literarischen Erwerb Bedacht nehmen.
In dem Hause, welches ich 1800 bezog, wohnte Wolff, der berühmte Verfasser der Geschichte der Jesuiten, der jetzt Buchhändler war. Es war ein Mann von ernstem Charakter, dem die erlittenen Verfolgungen ein düsteres Gepräge aufgedrückt hatten; er lebte bloß für sein Geschäft, sein Studium und seine Familie und hatte weiter keinen Umgang. Nur durch die Freundschaft seiner Frau, einer ächt biedern Schweizerin, mit meiner Frau kam er mir näher und das deßhalb mir zugewendete Wohlwollen hatte wohl einen vorzüglicheren Antheil daran, daß er mir die Uebersetzung einer Schrift von Lefebure über den schwarzen Staar übertrug, die ich, wie ähnliche Arbeiten, der Vollständigkeit wegen anführe1. Lefebure, ein Ignorant und vollkommener Charlatan, kam auf seinen augenärztlichen Zügen durch Deutschland, bald darauf nach Leipzig, fand sich durch die Verdeutschung seines Werkes sehr geschmeichelt[114]  und drängte sich sehr an mich. Er gab mir sein französisches Manuscript über die Augenentzündung zu übersetzen2; ich hatte Mühe, ihn zu bereden, daß er auf dem Titel den Zusatz: ouvrage classique wegließ, denn er meinte, dies heiße ein Buch, über welches in den Classen der Studenten Vorlesungen zu halten wären.
Der Buchhändler Hinrichs, ein industriöser, übrigens auch ganz guter, aber in kleinlichem Sinne handelnder Mann, ward ebenfalls mein Gönner, indem er mir die Uebersetzung einiger Schriften auftrug, die ich mit der größten Bereitwilligkeit fertigte, ohne mich durch die Beschaffenheit des Inhalts abhalten zu lassen. So lieferte ich ihm denn ein Paar technologische Abhandlungen3 und Laforgue's Zahnarzneikunst, wobei ich auch die Zusätze redigirte4.
Erwünschter war mir der Auftrag, das Handbuch der Arzneimittellehre von Segnitz zu beendigen. Der Verfasser hat den Zweck gehabt, für den Bedarf von Aerzten, denen es an literarischen Hülfsmitteln fehlt, eine Auswahl wirksamer Mittel mit besonderer Rücksicht auf Einfachheit und Wohlfeilheit zu geben. Durch Krankheit von Beendigung des Werkes abgehalten, schickte er der Verlagshandlung Manuscript zum zweiten Theile des zweiten Bandes, soweit er es ausgearbeitet, mit dem Wunsche, es von einem anderen Arzte in Ordnung gebracht und ergänzt zu sehen. Ich unterzog mich gern dieser Arbeit, gab zu den schon ausgearbeiteten Artikeln hin und wieder Zusätze[115]  und verfaßte mehrere Artikel selbst, die ich in der Vorrede angab. Den meisten Fleiß verwendete ich auf den Artikel: Blei; das Streben, deutliche Begriffe und klare Ansichten zu gewinnen, ist, glaube ich, nicht zu verkennen. Uebrigens habe ich mit der ganzen Arbeit nicht viel länger als vier Wochen zugebracht (vom 17. März bis 19. April), da der Verleger drängte, um das Werk vollständig auf die Ostermesse bringen zu können5.

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Mein Freund Schindler war zu Weihnachten 1798 in eine Melancholie verfallen. Als ein junger, wohlgestalteter Mann von Kopf und ausgebreiteter wissenschaftlicher Bildung, der bei dem bedeutenden Vermögen seines Vaters und bei ansehnlichen Familienverbindungen alle Aussichten zu einer glänzenden Laufbahn hatte, schien er keinen äußern Anlaß zur Schwermuth gehabt zu haben. Mir gab man als Grund seiner Krankheit verletzten Ehrgeiz an, indem er in den belebten eleganten Zirkeln von Dresden durch Zerstreutheit und eine gewisse Unbeholfenheit bisweilen Gegenstand des Muthwillens geworden war. Auffallend war mir schon ein Brief, den er mir im November nach Wien schrieb und der bloß die Aufzählung genossener Lustpartieen und die ernste Warnung, mich ja nicht zum Uebertritte zur kathol. Confession verleiten zu lassen, enthielt, wozu ich dadurch Veranlassung gegeben, daß ich einen in munterer Laune an ihn geschriebenen Brief vom Tage aller Heiligen datirt hatte. Er wurde krank zu meinem Onkel nach Mittweide gebracht, wo er nach einer kurzen scheinbaren Besserung immer tiefer in Melancholie versank, unter Anderem mit dem Gedanken, ich sei wegen politischer Aeußerungen in die Hände der Wiener Polizei gefallen, sich ängstigte und im Mai 1799 an Auszehrung starb. Im letzten Jahre seines Universitätslebens hatte er sich mit[116]  einer Uebersetzung des Persius beschäftigt, und noch in der Krankheit hatte er seinen Schmerz darüber geäußert, daß er sie nicht werde vollenden und herausgeben können. Nach seinem Tode wünschten die Angehörigen das Erscheinen derselben, und da mein Onkel bei seiner im Jahre 1801 erfolgten Berufung zur Superintendur in Torgau gehindert war, die Herausgabe zu besorgen, so wurde sie mir übertragen6. Ich erinnere mich, die Anmerkungen größtentheils und ein Stück der Uebersetzung geliefert zu haben; Naheres weiß ich darüber nicht anzugeben und so ist mir auch das Schicksal des Buches ganz unbekannt geblieben.
Außerdem beschäftigten mich allerhand literarische Pläne. Für die oben erwähnte »Darstellung der Stufenleiter des Lebens« fand ich an Härtel einen Verleger; aber ich selbst fand das Unternehmen zu gewagt und stand davon ab. Dagegen brachte mich die Meinung, daß man durch Redaction einer periodischen Schrift sich sowohl einen größeren Ruf, als auch eine reichere Einnahme verschaffen könne, auf den Gedanken, eine Zeitschrift von derselben Tendenz mit Hülfe von Mitarbeitern unter dem Titel: Journal für rationelle Heilkunst herauszugeben. In der nicht übel geschriebenen Ankündigung, die noch vor mir liegt, erkläre ich die große Zahl wissenschaftlicher Zeitschriften unseres Jahrhunderts für die Folge des freien, durch keine Autorität der Vorwelt mehr gebundenen Forschungsgeistes und des Bedürfnisses eines lebhafteren Umtausches der Gedanken und einer schnelleren Mittheilung der Erfahrungen, als der Eigenthümlichkeiten unseres Zeitalters. Daraus aber, daß die bisherigen medicinischen Journale vorzüglich nur entweder rein empirisch oder rein theoretisch sind, beweise ich die Nothwendigkeit des beide Standpuncte vereinenden Journals für rationelle Heilkunst u.s.w. In der Angabe des Inhalts[117]  führe ich unter Anderem an »Aufsätze über einzelne Heilstoffe, deren Wirkungen zuerst auf andere leblose Körper, also in chemischer und mechanischer Hinsicht, sodann auf den todten menschlichen Körper, ferner auf den Menschen im gesunden Zustande und endlich in den verschiedenen Krankheitszuständen, sowohl in welchen sie vortheilhaft, als in welchen sie nachtheilig sind, dargestellt werden.«


In ähnlicher Weise sollte nach einem Plane, den ich unter meinen Papieren finde, eine andere Zeitschrift als Centralpunct für die weitere Ausbildung der Heilmittellehre vorschreiten, namentlich die eigenthümlichen Wirkungen und den specifischen Charakter der einzelnen Heilmittel aufhellen und für jedes derselben, anstatt allgemeiner, vager Andeutungen, genau bestimmte und sichere Indicationen gewinnen.
Einmal wollte ich auch die Redaction der Leipziger Literaturzeitung an Höpfners Stelle übernehmen und entwarf einen Plan dazu.
Möge man mich wegen der verschiedenen, unausgeführt gebliebenen Projecte nicht zu streng beurtheilen! Ich suchte eine fortdauernde literarische Thätigkeit, die mit dem nöthigen Erwerbe verbunden wäre; aber, gezwungen für den nächsten Tag zu sorgen, hatte ich nicht Zeit, weitläufige Vorbereitungen zu treffen. Hätte ich einen Sosius gefunden, der auf meine Pläne eingegangen wäre und im Vertrauen auf den zu erwartenden Erfolg mich sorgenfrei gestellt hätte, so würde ich sie nach Kräften sicher ausgeführt haben. Daß ich mir die Ausführung so leicht dachte, beweist freilich wiederum meinen leichten Sinn; aber dieser ist es auch allein, wodurch ich in einer mißlichen Lage mich aufrecht erhielt; und wenn ich mit Projectmachen einige Zeit verlor, so fand ich dabei ein Vergnügen, welches belebend auf mich wirkte.
Bei einem Plane nahm die Ausführung wenigstens einen Anfang. Es war ein periodisches Werk, welches ich unter dem Titel einer Realbibliothek der Heilkunst in Verbindung mit Dr. Leune herausgeben wollte. Es sollte jeden Gewinn der Heilkunst im neunzehnten Jahrhunderte an neuen Ansichten sowohl,[118]  als an Thatsachen, in der Kürze, jedoch so vollständig und deutlich darstellen, daß der Leser, auch ohne die Originalwerke zu Rathe zu ziehen, darüber vollkommen belehrt würde. Die erste Abtheilung sollte die Schriften, welche der Heilkunst und ihrer Theorie ausschließlich gewidmet sind, mit literarischer Genauigkeit vorzeichnen und ihrem Inhalte nach darstellen. In der zweiten Abtheilung sollten aus den neuesten Schriften anderer Fächer solche Stellen ausgehoben werden, welche auf die Heilkunst Bezug haben. »Die Realbibliothek«, sage ich in der Vorrede, »soll ein treues und vollständiges Bild der neuesten Fortschritte der Heilkunst liefern; sie soll nur das Nützlichste aufsuchen und darstellen, ohne die literarischen Schwächen der Individuen zu rügen, ohne die Lücken in den Einsichten oder Kenntnissen mancher Schriftsteller zu erwähnen, ohne die Schlacken gereizter schriftstellerischer Eitelkeit zu berühren. In ihrem ernsten und ruhigen Gange soll sie selbst den Mangel an Ordnung und Zusammenhang in der Darstellung, die Verstöße gegen die Gesetze der Sprache und die Fehler der Uebersetzer stillschweigend verbessern«. So erschien denn zu Ostern 1803 der erste Band7, der von mir ausgearbeitet und von Leune revidirt sowie mit einigen Anmerkungen versehen war. Ich glaube, wenn das Werk nur einige Zeit lang hätte fortgesetzt werden können, so würde sein Bestand gesichert gewesen sein. Leider trat aber eben jetzt eine Verwirrung in den Vermögensumständen des Verlegers ein, die ihn hinderten, den zweiten Band drucken zu lassen und somit hatte das ganze Unternehmen sein Ende erreicht.
Außerdem wurde ich Mitarbeiter an der Salzburger medicinisch-chirurgischen Zeitung (1801), sowie an der Leipziger[119]  (1804), Hallischen (1804) und Jenaischen Literaturzeitung (1805), für die Leipziger habe ich die meisten Beiträge geliefert.
Fußnoten

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1 Ueber den schwarzen Staar und die neu entdeckte Heilart desselben mittels des Wasserstoffgases, von Le Febure. A.d. Franz. Leipzig bei Wolff. 1801. 184 S. 8. Mit 3 Kupfern.

2 Theoretisch-praktische Abhandlung über die Augenentzündung, von Le Febure. A.d. Franz. Frankfurt a.M. bei Eßlinger. 1802. 8.

3 Allgemein faßliche Anleitung, Garn, kurze baumwollene Waaren nach den neuesten chemischen Grundsätzen zu bleichen. Leipzig, bei Hinrichs. 1804. gr. 4. – Die Branntweinbrennerei nach den neuesten chemischen Grundsätzen vervollkommnet. Zum Gebrauche für Branntweinbrenner und Destillateurs. Leipzig, 1804. gr. 4.

4 Handbuch der Zahnarzneikunst oder vollständiger theoretischer und praktischer Unterricht über die an den Zähnen vorkommenden chirurgischen Operationen u.s.w., von Laforgue. Mit Zusätzen, Anmerkungen und 2 Kupfertafeln vermehrt von Angermann, sächsischem Hofchirurgus und Zahnarzt. Leipzig, bei Hinrichs. 1803. II Theile. 8.

5 Handbuch der praktischen Arzneimittellehre in al 
phabetischer Ordnung für angehende Aerzte und Wundärzte auf dem Lande und in kleinen Städten, von F.L. Segnitz. II. Theils 2r Bd., herausgeg. von Dr. K.F. Burdach, praktischem Arzte und Privatdocenten zu Leipzig. Leipzig bei Hinrichs. 1801. XIV u. 383 S. 8.

6 Die Satyren des A. Persius in einer metrischen Uebersetzung und mit erläuternden Anmerkungen von Phil. Wilh. Schindler. Nach dessen Tode herausgegeben von K.F. Burdach. Leipzig, bei Sommer 1803. 8.

7 Realbibliothek der Heilkunst, oder Darstellung der Fortschritte der praktischen Arzneikunst und Wundarzneikunst im neunzehnten Jahrhunderte. Herausgegeben von Dr. J.K.F. Leune und Dr. K.F. Burdach, praktischem Arzte und akademischem Lehrer zu Leipzig. I. Jahrg. 1r Bd. Mit 1 Porträt (von P. Frank) und 1 Kupfertafel. Leipzig, bei Jacobäer. 1803. XIV u. 496 S. 8.




3. Amtsbewerbungen.










[120] Bei meinen Bemühungen, mir durch literarische Arbeiten das Nöthige zum Unterhalte meiner Familie zu erwerben, war ich auch in der Bewerbung um Anstellung nicht träge.
Der Oberhofprediger Reinhard, dessen Gunst ich vor allen Andern zu erlangen suchte, nahm meine Zusendungen sehr freundlich auf und äußerte sich (November 1802), daß er, indem er sich nicht anmaße, über medicinische Schriften zu urtheilen, doch erkenne, daß mir die Gabe einer deutlichen Darstellung und eines guten Vortrages eigen sei. Superintendent Tittmann, das zweite wissenschaftliche Mitglied des Oberconsistoriums, als der obersten Behörde für die sächsischen Universitäten, schrieb mir (März 1803) sehr verbindlich, eröffnete mir, daß Kreyßig von Wittenberg nach Dresden berufen werde und gab mir die Schritte an, die ich thun müsse, um die dadurch erledigt werdende Professur zu erlangen; außerdem rieth er mir, wenn ich vier Jahre Collegia gelesen hätte, um eine außerordentliche Professur in Leipzig anzuhalten, wovon er einen guten Erfolg hoffe. Der Hofrath Leonhardi, welcher die vor Jahren bekleidete Professur in Wittenberg auch als Leibarzt in Dresden noch inne hatte und an jener Universität durch einen Substituten vertreten wurde, meldete mir (April 1803), daß die medicinische Facultät in ihrem Probuleuma meine Kenntnisse, Talente und Fleiß gerühmt habe, gestand aber, daß das Urtheil, welches die medicinische Facultät zu Leipzig bei Gelegenheit meines Gesuches um ein Reisestipendium über mich gefällt, mir geschadet habe und rieth mir, wenn ich etwa ein Mitglied derselben beleidigt hätte, mich um dessen Gunst wieder zu bewerben; übrigens versicherte er, wie bisher, auch ferner mich empfehlen zu wollen. Der Historiker Schröckh vertraute mir (im Mai), daß in dem Probuleuma der Facultät Voigt, Seiler, Clarus und Neumann der Universität zur Denomination vorgeschlagen, [120]  Erdmann, ich und Leune empfohlen, Kühn, Hecker, Suckow und Horn übergangen worden seien; und Professor Langguth zeigte mir (im Juni) an, daß die Universität zur dritten Stelle in der medicinischen Facultät 1) Voigt, 2) Seiler, 3) mich, 4) Suckow denominirt habe, wobei er versicherte, daß die Universität wegen der großen Zahl der Bewerber in Verlegenheit gewesen sei und sonst wohl gern mich mehr berücksichtigt habe. – Dabei hatte ich nicht versäumt, meine kleinen Verbindungen in Dresden zu benutzen und die Mitwirkung eines Universitätsfreundes, des Dr. Flemming, der jetzt Schwiegersohn des Hofraths Leonhardi geworden, und des Landrentmeisters Weiße, in dessen Hause ich so gastlich aufgenommen worden war, in Anspruch zu nehmen. Vor Allem hatte sich auch hierbei mein theurer Onkel bewährt. Bei Uebersendung seiner theologischen Inauguraldissertation (1802) schrieb er mir: »Es thut mir äußerst wehe, daß wir einander seit einiger Zeit so fremd geworden sind. Sei nicht ungerecht gegen mich und schreib es nicht auf Rechnung meiner Gesinnung, wenn Du glaubst, daß ich zu dieser Entfernung beigetragen habe. Gott weiß, wie sehr es mich schmerzt, wenn ich daran denke, daß wir einander das nicht mehr sind, was wir uns sonst waren. Meine Verhältnisse entschuldigen mich vor mir selbst; aber dennoch bleibt es sehr kränkend für mich, wenn ich denken muß, daß sie mich vielleicht nicht eben so in Deinen Augen rechtfertigen.«

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Ueber die Vacanz in Wittenberg hatte er genaue Nachrichten eingezogen, und indem er sie (April 1803) mir mittheilte, setzte er hinzu: »Ich glaube, in Deinem letzten Briefe eine mißmuthige Laune zu bemerken. Das wäre in der That das Schlimmste, was Dir widerfahren könnte. Du brauchst heitern Sinn und Muth. Laß Dich durch eine vereitelte Hoffnung nicht niederwerfen! Wie Mancher mußte erst mit harten Stürmen des Schicksals kämpfen, ehe er in den Hafen des Glücks einlaufen konnte! Deine gegenwärtige Lage ist das Werk Deines Entschlusses: zeige Dich nun auch als ein Mann, der seines Entschlusses Meister ist!« – Seine Verwendung beim[121]  Minister konnte keinen Erfolg haben, da ich nur tertio loco denominirt war.
Gegen Ende des Jahres 1804 trat wiederum eine Vacanz in Wittenberg ein. Reinhard, an den ich mich deßhalb auch gewendet hatte, schrieb mir (November 1804), indem er mein Gesuch zu unterstützen versprach: »Sehr leid sollte mir's thun, wenn sich Ew. Hochedelgeboren entschließen wollten, das Vaterland zu verlassen. Es kann freilich nicht immer so freigebig und dankbar sein, wie zu wünschen wäre, aber es erkennt und schätzt doch wahre Verdienste und belohnt sie, sobald es eine Gelegenheit dazu findet.« – Langguth äußerte in einem Briefe in sehr herzlicher Weise sein Bedauern, daß auch diesmal keine Aussichten für mich seien; »mir thut es bitter leid,« schrieb er, »daß ich ziemlich gewiß voraussehen kann, auch Sie werden Ihr besseres Fortkommen im Auslande erwarten müssen. Ich wünschte, eine andere Gesinnung höhern Orts veranlassen zu können.« Im Januar 1805 meldete er mir, daß die Facultät 1) Seilern in Wittenberg, 2) Erdmannen daselbst, 3) mich, 4) Bartels in Helmstädt denominirt, Weigeln in Dresden und Heckern in Erfurt übergangen habe.
Außerdem richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Rußland und die von Alexander gestifteten oder neu organisirten Universitäten. Professor Erhard, der vom Curator der Universität Charkow, Grafen Potocki, beauftragt worden war, ihm Professoren vorzuschlagen, empfahl mich, und so erwartete ich denn mit einiger Zuversicht einen Erfolg; auch suchte Schwägrichen durch seinen Freund de la Vigne, Professor der Botanik in Charkow, die Sache zu fördern. Später schrieb mir Meiners in Göttingen, daß er ähnlichen Aufträgen Potocki's zufolge ihm vierzehn Gelehrte empfohlen, aber keine Antwort erhalten habe, dann aber von der Universität Charkow selbst beauftragt worden sei, zweien der Empfohlenen Vocationen anzubieten. – Auch wollte Karl Heun (nachmaliger Clauren) durch seine Verbindungen in Petersburg mir zu einer Berufung auf eine russische Universität behülflich sein. Eben darauf bezog es sich, daß ich meine Diätetik dem Kaiser dedicirte.[122] 


Ferner wendete ich mich mit Uebersendung der Diätetik wegen Würzburg an den Minister Thürheim und wegen Heidelberg an den Minister Edelsheim. Die freundlichen Antworten lauteten, daß vor der Hand keine Vacanz sei.
Wie unwahrscheinlich auch der Erfolg war, so bat ich doch (1803) den nachmaligen Baron Stifft um seine Mitwirkung zu einer Anstellung in Wien. Er erwiderte bei übrigens sehr artigen Aeußerungen das, was ich freilich ohnedies wußte: »es gehört ein Zusammenfluß sehr außerordentlicher Umstände dazu, daß ein Fremder berufen werde. Ueberdies ist die Anzahl der Aerzte in Wien und in der österreichischen Monarchie übermäßig angewachsen, die alle nach Anstellungen seufzen.«
Unter Uebersendung der Diätetik hatte ich mich Hufelanden in Berlin und Reiln in Halle genähert und freundlich anerkennende Antworten erhalten.



B. Zweites Stadium.
(1801 bis 1804.)













1. Wissenschaftliche Thätigkeit


2. Literarische Industrie


3. Amtsbewerbungen


4. Finanzspeculationen






1. Familienleben.










[138] Ein Mann, der in seiner Individualität mehr Genüge gefunden, sein Hauptaugenmerk auf das Verhältniß in der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet und dem Aeußeren jede andere Richtung untergeordnet hätte, würde nicht so unklug gewesen sein, sich in die Lage zu versetzen, in welcher ich mich befand; aber in derselben würde er sich auch nicht so haben behaupten können, wie ich. Bei mir war das Gemüth vorwaltend und entscheidend. Bürgerlicher Wohlstand und bürgerliches Ansehen hatten allerdings auch für mich großen Werth, und ich ließ es nicht an Thätigkeit fehlen, um sie zu erlangen; aber sie waren mir nicht das Höchste und Letzte; ich blickte vielmehr darüber hinaus in die rein menschliche Sphäre, suchte und fand mein höchstes Glück in der liebenden Vereinigung der Herzen, und dachte mich endlich als Bürger einer geistigen Welt, in welcher die Satzungen der Convenienz schwinden. So fühlte ich mich denn wahrhaft glücklich in meiner Familie; ich hatte Sorgen, aber sie traten mir nicht ans Herz, sondern blieben nur im Kopfe, und auch aus diesem schlug ich sie, sobald ich mich aus einer augenblicklichen Verlegenheit gezogen hatte: daß ich ganz heiter und froh lebte, bezeugt der Sinn, der sich in meiner Diätetik ausspricht; man sieht es dem Buche gewiß nicht an, in welcher äußeren Bedrängniß es geschrieben ist. Mein Freund Hübner gestand mir, er bewundere meine Philosophie, die mich in den Stand setze, das schwere Loos so muthig zu ertragen: aber es war gar keine andere Philosophie als die des Herzens; es war keine Stärke des Willens, sondern blos die Befriedigung des Gefühls, was mich die Beschwerden des äußeren Lebens ertragen ließ. Meine frühe Heirath zu bereuen, ist mir nie in den Sinn gekommen; ich habe von selbst nicht einmal an die Möglichkeit solcher Reue gedacht.[138] 
Voll Vertrauen auf den Erfolg meiner Anstrengungen zur Verbesserung meiner Lage, suchte ich mit dem Genusse meines Familienglücks auch den der Natur, der Geselligkeit und der Kunst zu verbinden, und die Liebe zu den Meinigen brachte es natürlich mit sich, daß ich mich bemühte, ihnen das Leben, so viel in meinen Kräften stand, zu erheitern. Ich wußte selbst das, was durch die Noth geboten war, dafür zu benutzen: als ich zu Ostern 1804 meine bisherige Wohnung verlassen mußte und wegen einer anderen verlegen war, miethete ich eine nette Sommerwohnung im Kohlgarten, wo wir öfters Freunde bei uns sahen und wo unsere Kinder das Landleben recht genossen; eben so benutzte ich 1806 den Wechsel der Wohnung, um mir und den Meinigen das Vergnügen eines Sommerlogis im Bose'schen Garten zu verschaffen. Da meine Frau gut sang, so wurde bei uns auch viel musicirt, und in dem einen Winter gaben wir einige musikalisch declamatorische Soirées.
Meine Frau hatte mir im Jahre 1801 einen Sohn geboren, der mit den beiden anderen Kindern zu unserer Freude heranwuchs unter der sorgsamen Pflege und eben so verständigen als liebevollen Behandlung ihrer Mutter, wobei ich den mir gebührenden Antheil an der Erziehung nahm. Indem ich erst zu gehöriger Zeit und vor Uebereilung mich hütend ihnen Lehrer gab, sorgte ich fortwährend für ihre freie Entwickelung durch Förderung ihrer Gesundheit und ihres Frohsinnes. Meine Frau machte mit ihnen öfters kleine Reisen zu Freunden und Verwandten, von wo ich sie meist abholte, und wo die Wiedervereinigung immer ein frohes Fest war. An Gespielen durfte es ihnen nicht fehlen, und wie ich kein Vergnügen ohne meine Frau genoß, so waren gemeiniglich auch unsere Kinder dabei, denn bei meiner Liebe zu ihnen gehörte ihre Theilnahme wesentlich zu meiner Befriedigung. Wenn ich, z.B. in dem Sommer, wo wir im Kohlgarten wohnten, aus der Stadt zu meinen Kindern zurückkehrte, war alle Noth vergessen, und wenn sie dann fröhlich und lieblich um mich her spielten, während ich, ins Gras gelagert, in den blauen Himmel schaute, die Herrlichkeit der Schöpfung und die ewige Liebe mir denkend, da[139]  fühlte ich mich so selig, daß mir nichts zu wünschen übrig blieb.

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Wie viel Freude machte es mir nicht, wenn die Meinigen durch ihr gefälliges Wesen sich Freunde erworben hatten, die ihnen wiederum mancherlei Vergnügen verschafften! Und wie glücklich war ich wieder, wenn ich selbst ihnen eine Freude bereiten konnte! Die hohen Familienfeste der Geburtstage und des Weihnachtsabends nahmen meinen Erfindungsgeist schon geraume Zeit vorher in Anspruch. Am bedeutendsten war natürlich das Weihnachtsfest, da hier Alle beschenkt werden mußten, und da mahnte denn spätestens der erste December, auf die nöthigen Mittel zu sinnen. Zwei Schriftchen verdanken diesem Umstande ihren Ursprung, oder entschuldigen vielmehr ihr Erscheinen mit diesem Umstande. Um nämlich zu Weihnachten 1805 eine Bescheerung mir möglich zu machen, wurde in aller Eile eine Abhandlung über den Schlagfluß geschrieben, indem ich meine für die Pathologie des Gehirns gesammelten Materialien benutzte. Ich halte das Büchelchen, wenn ich auf seine causam occasionalem billige Rücksicht nehme, nicht für ganz schlecht. Von dem Principe ausgehend, daß alle Lebendigkeit in Expansion sich äußert, sucht es den Grund des Schlagflusses in beschränkter Expansion des Gehirns, entweder von Collapsus der von Compression herrührend. Mein industriöser Verleger erlaubte sich, auf dem Titel hinzuzusetzen: nach neuen Ansichten bearbeitet, und setzte allen meinen Protestationen eine unbezwingliche Zähigkeit entgegen, so daß ich, da ich nun einmal von ihm abhängig war, am Ende doch nachgeben mußte1. – Im folgenden Jahre mußte ich, um für Frau und Kinder Weihnachtsfreuden bereiten zu können, ebenfalls ein Schriftchen fabriciren, und da ich um diese Zeit besonders mit Arzneimittellehre mich beschäftigt hatte, so kam als Abfall davon diesmal ein[140]  Recepttaschenbuch an die Reihe2. Ein Leipziger Arzt, Brückner, hat in seiner Receptirkunst das Büchelchen streng kritisirt; ich gestehe, daß es nach Weihnachten mich wenig mehr interessirt hat, und ich daher auch um diese Kritik mich gar nicht bekümmert habe; indeß habe ich seine Brauchbarkeit loben hören, auch wurde ich späterhin aufgefordert, eine neue Auflage zu besorgen, was ich aber ablehnte.
Besonders erfinderisch war ich in Hinsicht auf die Wahl der Geschenke, um den Kindern etwas zu gewähren, was sie im Stillen gewünscht oder zu wünschen kaum gewagt hatten, oder ihnen etwas ganz Neues darzubieten, was ihnen großes Vergnügen machen konnte; das Interessante war aber dabei, daß ich mit geringen Mitteln etwas für sie Wichtiges herzustellen suchen mußte. So baute ich ihnen in dem einen Jahre ein kleines Theater, zu welchem einige Freunde die Decorationen und mehrere Freundinnen allerliebste Puppen lieferten; als ich nun am Weihnachtsabende ein Stück aufführte, waren die Kinder ganz erstaunt über diese Zauberwelt und rückten der Bühne immer näher, um den niedlichen Männchen, die so verständig und so spaßhaft sprachen, die Worte vom Munde abzulauschen. An einem solchen Abende hatte ich bis zum Anzünden der Lichter noch keine Ruhe; da genügte mir das Vorbereitete immer noch nicht, und indem ich Eines oder das Andere vermißte, oder zu bemerken glaubte, daß das eine Kind etwas weniger bedacht wäre, als die übrigen, lief ich noch fort und schaffte herbei, um mir selbst Genüge zu leisten. Wenn in den Wochen vorher meine Frau nach dem Schlafengehen der Kinder an deren Weihnachtsgeschenken arbeitete, saß ich neben ihr, mein Vorlesen durch Berathen und Helfen oft unterbrechend, während Jedes von uns seine eigenen Geheimnisse hatte, um dem Anderen zum festlichen Abende eine Ueberraschung zu bereiten.[141] 
Am meisten hing unser Herz an unserer Tochter. Ihr ganzes Wesen war reine Harmonie. Lieblich gestaltet, von kräftiger Gesundheit, stets fröhlich, mit herzlicher Liebe den Ihrigen zugethan, freundlich und wohlwollend gegen Jedermann, anmuthig in allen ihren Bewegungen, mit ungekünstelter, natürlicher Sittsamkeit in ihrem ganzen Benehmen, empfänglich für Ausbildung ihres Geistes, bot sie mir das ersehnte Bild einer freien Entwickelung edler Weiblichkeit. Sie wurde nicht verzärtelt; ihre kleinen Unarten blieben nicht unbestraft und es wurden ihr keine äußeren Vorzüge vor ihren Brüdern eingeräumt; aber diese fühlten sich durch ihre Liebenswürdigkeit gezwungen, ihr den Vorrang einzuräumen und unterwarfen sich in fröhlichem Spiele willig ihrer anmuthigen Herrschaft. Ich genoß das Glück ihres Besitzes mit vollem Bewußtsein seines Werthes, betrachtete sie mit Wonne und war entzückt, wenn ich wieder einen neuen Zug eines schönen weiblichen Gemüthes an ihr beobachtete. Sie erkannte, auch bei ernster Behandlung, die ganze Tiefe meiner Liebe, vergalt sie mit inniger Anhänglichkeit und forderte sie mit muthwilligen Scherzen heraus: so hatte ich von ihren ersten Jahren an sie des Morgens gern aus ihrem Bettchen gehoben, und als sie schon acht Jahre alt war, stand sie oft von selbst auf, klopfte an das Glasfenster der in meine Arbeitsstube führenden Alkoventhüre und huschte schnell wieder in ihr Bett, um, wenn ich nun hinzukam, mit herzlichem Lachen sich in meine Arme zu werfen und sich von mir herausheben zu lassen, oder sie schlich sich hinter meinen Stuhl, stieg, während ich mich in meine Arbeit vertieft stellte, hinter meinem Rücken herauf, um dann jauchzend mir um den Hals zu fallen. Ich muß es mir versagen, von ihrer liebenswürdigen Kindlichkeit mehr zu erwähnen: sie war der schönste Schmuck meines Lebens und in ihrem Besitze fühlte ich mich bei aller Finanznoth unendlich glücklich.


Dabei hatte ich einen Freund im höhern Sinne des Worts, der Zeuge meines häuslichen Glückes war und an meinem Geschicke den wärmsten Antheil nahm. Gustav Hänsel war mir schon als Knabe sehr zugethan gewesen und beim Fortschreiten[142]  unserer Ausbildung hatte die Uebereinstimmung der Gesinnungen einen Keim der Freundschaft erzeugt, der während meiner Universitätsjahre in seiner Entwickelung nur etwas gehemmt worden war, um dann desto kräftiger sich zu entfalten. Hänsel hatte an mir, der ich nicht nur an Alter und an Kenntnissen, sondern auch, durch ein freieres Verhältniß meiner Erziehung, an Gesammtbildung etwas voraus hatte, ein Muster gefunden, an dem er sich emporrankte. Das Band war etwas lockerer geworden in dem Zeitraume, wo der Unterschied von einigen Jahren am meisten ins Gewicht fällt, wo ich im Kreise von Studirenden mich bewegte, während er mit seinen Brüdern immerfort nur von Hauslehrern unterrichtet wurde. Nach meiner Verheirathung hatte er anfänglich unter dem Einflusse seiner Eltern und Geschwister mein Wagestück mit Bedenklichkeit betrachtet, allmälig aber, durch seine frühere Zuneigung geleitet, sich mir genähert und für mein Verhältniß Interesse gewonnen, während die übrigen Verwandten sich aus Vorsicht fernerhin von mir entfernt hielten, wie ich mich denn auch nicht um sie bekümmerte. Bei der Bekanntschaft mit meiner Frau legte er das Vorurtheil gegen sie, welches ihm eingeflößt worden war, bald ab; er lernte sie hoch achten und, sie immer mehr erkennend, wurde er ihr wärmster Freund. Er sah unsere Kinder, wie sie, in zwangloser Sittlichkeit heranwachsend, gute Anlagen zeigten und gewann sie sämmtlich lieb, während meine holde Karoline ihm besonders werth wurde. Zugleich achtete er meinen Muth, meine Freudigkeit und Zuversicht in schwieriger Lage, mein emsiges Streben in der Wissenschaft. So schloß er sich fest und innig an meine Familie an. Ich lernte ihn nun auch kennen, wie er in der Zeit, wo wir einander nicht so nahe gestanden, sich ausgebildet hatte. Bei seltener Klarheit des Geistes und Schärfe des Verstandes verband er mit Weichheit des Gemüthes eine ungemeine Festigkeit des Willens. Philosophisch gebildet, hatte er einen lebendigen Sinn für Poesie, und die reinste Sittlichkeit, im Bunde mit ächter Religiosität, bezeichnete jeden seiner Schritte. Mit Freuden erkannte ich es an, daß er sich auf eine Höhe der Bildung emporgerungen[143]  hatte, die ich nicht erreichte. Er ward Advocat und zeichnete sich als solcher bald aus, insbesondere durch gediegene Defensionen. Seine Praxis wurde immer ausgebreiteter; dabei betrat er auch die akademische Laufbahn und las zunächst über Polizeiwissenschaft. Bei seiner Sinnesart mußte ihn das Criminalrecht besonders ansprechen und für sein Streben, dasselbe wissenschaftlich zu bearbeiten, zeugt seine Inauguraldissertation de natura delicti, so wie seine Schrift »über das Princip des Strafrechts« (Leipzig 1811). In unseren Unterhaltungen über wissenschaftliche Gegenstände tauschten wir unsere Gedanken aus, und ihn interessirten namentlich auch meine Ansichten von der Natur, die er mit philosophischem Geiste prüfte. Ich theilte ihm meine literarischen Pläne mit und er erzählte mir von seiner Wirksamkeit als Sachwalter. Er ergötzte sich mit mir und meiner Frau an den besseren Leistungen des Theaters und an den neueren Erzeugnissen der Poesie; durch die Gemeinsamkeit des Genusses erhöhten wir den Reiz unserer Vergnügungen und mit gleich warmem Eifer wirkten wir drei, Jeder auf seine Weise, zusammen, wo wir einer bedrängten Familie zu Hülfe kommen konnten. Er war leicht zu verletzen durch Alles, was den Schein der Gemeinheit an sich trug und zeigte sich hier nicht selten intolerant; er wollte alles Unwürdige von mir entfernt wissen und im Bewußtsein seines Werthes konnte er zürnen, wenn wir Jemanden, der in geistiger und sittlicher Hinsicht auf einer niedern Stufe stand, in unserer Nähe litten. So hatte er einige Zeit sich zurückgezogen, als er im December 1808 mir schrieb: »Ich fühle es lebhaft, daß es leichter ist, Lasten allein zu tragen, als im Glücke sich nicht mitzutheilen. Ich glaubte, meine Freundschaft, die freilich oft sehr zudringlich war, von Dir gering geschätzt: aber jetzt, wo mich die Liebe des reinsten weiblichen Gemüths beglückt, finde ich für diese Meinung keine zureichenden Gründe mehr.« – Im Juli 1810 schrieb er mir nach Wien: »Das Wesen meines Seins gehört mit zu dem Deinen. Wie lebhaft habe ich nicht schon unsere Trennung gefühlt, wenn ich in den Besten meiner Bekannten so[144]  zerstreut und so unvollkommen wiederfand, was mir nur aus Dir so voll und so lebendig wiedertönt!« –

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Meine Karoline wurde gegen Ende des Jahres 1807 von einer Krankheit befallen, die anfangs die Form eines rheumatischen Fiebers hatte. Mein Freund Clarus behandelte sie. Ihr Zustand wurde bedenklicher und räthselhaft; Dr. Kapp wurde zur Consultation gezogen. Bei ihrem körperlichen Leiden war ihre geistige Thätigkeit ungeschwächt und ihre kindlichen Aeußerungen hatten oft einen ernsteren Sinn; als sie mich z.B. eines Tages zu meiner Frau sagen hörte, ich würde durch Erlangung einer Collegiatur ein gemachter Mann sein, rief sie unwillig: »Vater, wie kannst Du doch so närrisch reden, als ob Du nicht ein wirklicher Mann wärst!« – Ihre Sensibilität war widernatürlich erhöht: als eine Dame, die in hohem Grade hysterisch und etwas widerlich war, sich theilnehmend an ihr Bett setzte, sah man ihr an, welchen Zwang sie sich anthat, die widrige Nähe mit Freundlichkeit zu dulden; aber plötzlich versagte ihr die Kraft und sie mußte sich mit einem heftigen Schrei Luft machen, wo sie denn nach Entfernung der Dame sich wieder erholte; eine Büste von Schiller erregte ihr Grauen und mußte entfernt werden. In den ersten Tagen des neuen Jahres sehnte sie sich besonders lebhaft nach Hänsel, an dem sie überhaupt mit großer Liebe hing und der zu Weihnachten verreist war. Am 7. Januar 1808 Morgens trug ich sie auf meinem Arme herum und erzählte ihr von Wien, von ihren Großeltern und wie wir einmal dahin reisen würden. Nachdem ich sie so eine Weile unterhalten hatte, mußte ich mich mit ihr zu ihren Brüdern setzen, da sie zusehen wollte, wie diese frühstückten. Dann verlangte sie ins Bett, und kaum hatte ich sie darein gelegt, so richtete sie sich hastig auf mit dem Rufe: »ich kriege keine Luft!« und sie sank zurück: sie war todt. – Die Blüte meines Lebens war dahin. Die schönste, reinste Freude war mir erloschen. Ich hatte mir sie gewünscht und der Himmel hatte mich erhört, – hatte sie mir gegeben, ausgestattet mit allen den Anlagen, die mich zum glücklichsten Vater machten. In ihr die Erfüllung meiner heißesten Wünsche findend,[145]  hatte ich mir gedacht, es sei mir nicht möglich, diese Tochter zu überleben. Aber ich ertrug den Schmerz an der Seite meiner braven Frau in frommer Ergebung, im Vertrauen auf Wiedervereinigung. Ich ließ einen Gipsabguß vom Gesichte der theuren Tochter nehmen zu Fertigung einer Büste, die seitdem immer über meinem Arbeitstische ihren Platz gehabt hat. Die Entschlafene lag im Sarge unter Blumen, Kränzen und Bändern mit sinnigen Worten, von zahlreichen Freunden und Freundinnen dargebracht. Denn von Jedem, der in ihre Nähe kam, war sie geliebt worden, und da ihre Liebe zu Hänsel so innig gewesen war und so ganz in jungfräulichem Geiste sich kund gegeben hatte, so erkannte ich an ihrem Sarge, daß ihr auch das Vorgefühl bräutlichen Glückes zu Theil geworden war, während ihre Träume von Mutterglück in den Spielen mit ihrem jüngern Bruder und mit ihren Freundinnen auf die ergötzlichste Weise hervorgetreten waren. Dabei hatte sie die Lehren von Gott und Tugend mit lebendigem Sinne in sich aufgenommen, so daß ihr von den besten Gütern des Lebens keines fremd gewesen war. – Ich und Hänsel, wir trugen den Sarg aus unserer Wohnung in den Wagen und aus diesem zum Grabe, während beim Aufgange der Sonne Klopstocks: »Auferstehen, ja auferstehen!« gesungen wurde. Es war das Grab, in welchem bereits die Leichen meiner Eltern lagen und zu welchen ich auch meine Karoline geführt hatte, ihr von ihrer Großmutter erzählend. Von nun an besuchte ich mit meiner Frau das theure Grab noch tiefer gebeugt. Unsere Freunde kannten unsern Schmerz: am nächsten Geburtstage unserer Tochter fanden wir auf ihrem Grabe ein tröstendes Gedicht mit der Ueberschrift: »Karoline im Himmel an ihren guten Vater auf Erden«; und an meinem letzten Geburtstage, den ich vor unserer Abreise nach Dorpat in Leipzig verlebte, lag eben so eine schriftliche Versicherung, daß auch in unserer Abwesenheit über das Grab sorglich gewacht werden sollte, daselbst. – Wie mein Schmerz vermöge meines ganzen Charakters nicht in wildes Toben ausbrach und auch durch religiöse Gesinnung so gesänftigt wurde, daß er nicht an meinem Leben zehrte, so ist[146]  er darum auch desto tiefer und bleibender. Dreißig Jahre hindurch sind wenig Tage vergangen, an welchen ich nicht wenigstens einmal mit Innigkeit meiner Karoline gedacht hätte. Durch den Tod meiner Frau ward dieser Schmerz allerdings zurückgedrängt, doch jetzt tritt er wieder um so nagender hervor, indem ich den ganzen Umfang meines Verlustes mir vergegenwärtige.
Fußnoten

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1 Die Lehre vom Schlagflusse, seiner Natur, Erkenntniß, Verhütung und Heilart. Nach neuen Ansichten bearbeitet von Dr. K.F. Burdach. Leipzig 1806 bei Hinrichs XIV und 177 S. 8.

2 Neues Recepttaschenbuch für angehende Aerzte oder Anleitung zur Verordnung der Arzneimittel in alphabetischer Ordnung, durch Beispiele erläutert, von Dr. K.F. Burdach. Leipzig bei Sommer. 1807. VIII und 312 S. 8.




2. Meine Wirksamkeit.










[147] Meine ärztliche Praxis blieb ziemlich beschränkt, wiewohl ich als Armenarzt für das eine Stadtviertel angestellt war. Ich trieb sie aber mit lebhaftem Interesse, insbesondere zu Zeiten, wenn ich gerade mehr Kranke hatte, so daß ich der Besorgung derselben mich mehr hingeben mußte, ohne durch anderweitige Beschäftigungen zu sehr zerstreut zu werden. Während ich erfahrungsmäßig nach den Vorschriften der speciellen Therapie die Krankheitsformen behandelte, suchte ich die allgemeinen therapeutischen Grundsätze in mir auszubilden; insbesondere bemühte ich mich, einerseits mir Ansichten über das eigentliche Wesen der specifischen Krankheitszustände so wie der specifischen Wirkungen der Heilmittel zu schaffen, andererseits durch die dem jedesmaligen Zustande angemessene Steigerung oder Herabsetzung der Gaben das Maß der Erregung gehörig zu stimmen. Ich war oft recht glücklich, und wo ich es nicht war, konnte ich mich damit trösten, daß ich nichts versäumt hatte. Nur einmal fehlte mir dieser Trost: in der Stube eines blutarmen Tischlers, die auch dessen Werkstatt so wie die Lagerstätte der ganzen Familie enthielt und voller Unrath war, lagen im Winter sechs Kinder an den Blattern krank, und als der Ausschlag abheilte, zeigte es sich, daß das eine, das neben einem andern an der Wand lag und das ich dieserhalb nicht hinlänglich untersucht hatte, erblindet war; es war mir eine Beruhigung, daß das Kind nach wenigen Wochen starb. – Die Schutzblatternimpfung veranlaßte einen Briefwechsel mit Dr. Bremer, der mir eine[147]  schauderhafte Schilderung von dem damals in Berlin herrschenden Elende gab.
Als Docent war ich ununterbrochen thätig. Ich las Propädeutik, Anthropochemie, Physiologie, Pathologie, Arzneimittellehre und Nosologie, letztere mehr fragmentarisch und eigentlich bloß als Mittheilung meiner Studien. Ich hatte im Durchschnitte 15 Zuhörer; daß unter diesen Puchelt, Niemeyer, Carus, Stapf waren, gereicht nicht zu meinem Ruhme, da ich nicht sagen kann, ob sie etwas von meinen Lehren angenommen haben.
Noch im Jahre 1805 beendigte ich den ersten Theil meiner Beiträge zur nähern Kenntniß des Gehirns, dem bald auch der zweite Theil folgte1.
Um mit seinem Zeitalter an Förderung der Wissenschaft Theil nehmen und in den lebendigen Gang ihrer Entwicklung auch mit eingreifen zu können, ist es natürlich die erste Bedingung, daß man weiß, was gerade an der Zeit ist, und voraus sieht, welche Richtung jetzt eben eingeschlagen werden wird; daß man erkennt, sowohl welcher Gegenstand einer weitern Bearbeitung bedarf und schon dazu reif ist, als auch, in welchem Sinne die Behandlung desselben vor sich gehen muß, auf daß sie mit den in der nächsten Zukunft zu erwartenden oder doch zu wünschenden Bestrebungen der Zeitgenossen zusammenstimmt. Es ist dies das Bewußtsein des Gelehrten, als eines Gliedes im lebendigen, auf der Bahn seiner Entwicklung fortschreitenden Organismus der Wissenschaft; und dies Bewußtsein war mir nicht fremd. Ich sah sehr wohl ein, daß ich, um etwas Tüchtiges zu leisten, bei Gewinnung eines umfassenden Gesichtskreises zugleich die genaue Untersuchung eines speciellen Gegenstandes unternehmen müsse, und daß insbesondere die Lehre vom Gehirne einer weitern Bearbeitung eben sowohl bedürfe, als auch[148]  entgegensehe. In meiner damaligen Lage aber konnte ich an Bearbeitung der Hirnlehre nur insofern Theil nehmen, daß ich aus den bisher gemachten Beobachtungen über das Zusammentreffen von bestimmten Abnormitäten des Gehirns mit bestimmten Krankheitszuständen Resultate zu ziehen suchte, welche die Basis für weitere Forschungen abgeben könnten. Ich studirte also mit großem Fleiße die Beobachtungen von Chirurgen über Kopfverletzungen, und von Aerzten über Seelenkrankheiten und Sectionsbefunde. Vorzüglich kam mir die reichhaltige Bibliothek des Dr. Kapp zu Statten, aus der ich, nachdem Dr. Schlegel in Merseburg sie an sich gebracht hatte, die gewünschten Werke kistenweise geliehen bekam. Meine Excerpte schwollen zu einem ansehnlichen Ballen an, der mich nach Dorpat und endlich auch nach Königsberg begleitete, um hier zehn Jahre später ausgearbeitet zu werden. Eine Uebersicht der Abnormitäten der Hirnhäute macht den Inhalt der beiden Theile aus, die von dem weit aussehenden Werke erschienen sind. – Ich hatte um diese Zeit die Bekanntschaft des Dr. Tobias gemacht, und war mit demselben in ein freundschaftliches Verhältniß getreten, das mich sehr interessirte, dabei aber in eine ganz eigene Lage versetzte. Tobias nämlich, ein geübter Anatom und trefflicher Zeichner, lebte damals ganz für Untersuchung des Gehirns und besaß außer einer schönen Sammlung menschlicher und thierischer Schädel eine Menge Zeichnungen vom Gehirne; er schien in Umständen sich zu befinden, wo er dem Studium ungehindert sich hingeben konnte, wie er denn eine eigene Reise nach Krain und Steiermark unternahm, um den gefährlichen Versuch zu machen, ob er nicht Leichen von Cretins zur Zergliederung sich verschaffen könne. Wie begierig war ich nun von den Ergebnissen seiner Forschungen etwas zu erfahren! Mit welch gespannter Aufmerksamkeit betrachtete ich das, was er von seinen Zeichnungen mich sehen ließ! Er sprach von den gewonnenen Ansichten im Allgemeinen mit einer Bestimmtheit und Sicherheit, die mich in die größte Unruhe versetzte, da ich in ihm den Inhaber des goldenen Vließes zu sehen glaubte, zu dessen Eroberung ich auf unsicherem Meere herumtrieb. Ueber seinen[149]  eigentlichen Fund war er verschwiegen wie das Grab, und ich vermied jeden Schein eines Verlangens, ihn auszuforschen, aus Discretion, zum Theil auch, weil ich versuchen wollte, was ich mit eigener Kraft ausrichten könne. Tobias ist 1813 zu Dresden am Typhus gestorben, ohne der Welt seine Bemerkungen mitgetheilt zu haben. Medicinalrath Seiler, an den ich mich deshalb wendete, hatte in seinem Nachlasse nichts Schriftliches darüber gefunden, und vom Prof. Kühn erfuhr ich nur so viel, daß er eine materialistische Erklärung der Seelenthätigkeiten versucht, besonders die Zahl der Hirnwindungen mit dem Grade der geistigen Kräfte verglichen, und davon 60 Zeichnungen entworfen, übrigens auch eine noch unbekannte Hirnhöhle entdeckt zu haben geglaubt hatte.

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Auch hinsichtlich der Tendenz glaubte ich, die Forderungen des Zeitalters verstanden zu haben. Die Schelling'sche Naturphilosophie hatte mich vermöge ihrer Aufgabe im höchsten Grade interessirt, und der in ihr waltende lebendige, frische Sinn hatte auch auf mich anregend gewirkt, aber mit der Methode hatte ich mich nicht befreunden, noch auch von der Richtigkeit der allgemeinsten Sätze über die Naturkräfte mich überzeugen können. So dachte ich denn auch an eine philosophische Bearbeitung der Naturwissenschaft, blickte aber über die damals herrschende Schule der Naturphilosophie schon hinaus in eine künftige Bildungsperiode, und legte im ersten Bande der genannten »Beiträge« Proben davon vor. In dem hier gegebenen »ersten Umrisse eines psychologisch deducirten Systems der Naturwissenschaft« gehe ich von dem Principe aus, daß der Theil den Grundcharakter des Ganzen an sich tragen, und, wenn er in seiner Reinheit und Vollständigkeit erkannt werde, auch über das Wesen des Ganzen Aufschluß geben müsse; da nun das Leben unsres eigenen Ich's das Einzige ist, was wir unmittelbar, mit voller Sicherheit und in seinem ganzen Umfange kennen, so müßten wir aus demselben die allgemeinen Formen altes Bestehens und Wirkens abzuleiten vermögen. Was ich hier gab, sind eigentlich nur Studienblätter, die unzeitig und an einer unpassenden Stelle – unmittelbar vor einer[150]  Aufzählung von Abnormitäten der Hirnhäute – veröffentlicht wurden; sie hatten bei weiterer Ausarbeitung einer der Psychologie parallel laufenden Physiologie des Gehirns zur Einleitung dienen sollen.
Ziemlich zu gleicher Zeit gab ich einen Nachtrag zu der Segnitzischen Arzneimittellehre heraus2. In der vorausgeschickten Abhandlung suchte ich darzuthun, wie, abgesehen von rein chemischen und mechanischen Wirkungen, die specifische Kraft der Heilmittel auf deren Affinität zur Lebensthätigkeit bestimmter Organe beruht, welche nach Maasgabe der Dosen in verschiedenen und selbst entgegengesetzten Erscheinungen sich äußert, so daß darin das ursprüngliche Princip der Homöopathie seine Erklärung findet. In Bezug auf die specielle Heilmittellehre legte ich die Lehre vom Gegensatze, als von der Bedingung aller Thätigkeit, zum Grunde, und theilte die dynamisch wirkenden Heilmittel in solche mit vorstechendem Sauerstoffe, welche specifische Reize für das Muskelsystem sind, und in solche mit prävalirenden brennbaren Stoffen, die ihre Wirkung auf die Nerventhätigkeit richten. In der Vorrede äußerte ich, aus Achtung für das Publikum hätte ich eigentlich diese Abhandlung noch länger zurückbehalten wollen, um sie in der Folge weniger unvollkommen bekannt machen zu können; doch scheine es mir auf der andern Seite zu egoistisch, eine Idee dem Publicum nicht eher mittheilen zu wollen, als bis man sie in ihrem ganzen Umfange zu vertheidigen sich getraue, und schloß mit folgenden Worten: »Die gegenwärtige Generation der Naturforscher schreibt nicht für die Unsterblichkeit, nicht für die kommenden Jahrhunderte, greift aber desto kräftiger in den gegenwärtigen Zustand der Wissenschaft ein; das Individuum leistet Verzicht darauf, vollkommne Werke zu liefern, trägt aber dadurch[151]  um so mehr zur vollkommnern Organisation der ganzen Wissenschaft bei; und daher kommt es denn, daß, indem wir selten ein einzelnes classisches Werk erhalten, ein classischer Geist sich in der Gesammtheit unserer literarischen Tendenzen regt.« – Unter den einzelnen Heilmitteln ist der Galvanismus am umständlichsten (auf 130 Seiten) und, wie mich dünkt, für die damalige Zeit erschöpfend abgehandelt.
In den folgenden Jahren lieferte ich nun das System der Arzneimittellehre, welches im Ganzen genommen die in der oben erwähnten Abhandlung angedeuteten Principien zur Grundlage hat3. – Die Arzneimittel streben in chemischer Richtung auf den menschlichen Organismus zu wirken; ihre Kräfte liegen also in ihrem Mischungsverhältnisse, welches in seiner allgemeinsten Beziehung auf der Proportion der Grundstoffe beruht. Nun ist, wie alle Thätigkeit, so auch die chemische, durch den Gegensatz bedingt, der hier am durchgreifendsten in Sauerstoff und Brennstoff erscheint. Diesen Grundstoffen müssen Grundkräfte entsprechen. Da nun die Welt die Offenbarung des absoluten Seins unter der Form der Besonderheit und Mannichfaltigkeit ist, so muß es zwei Grundkräfte geben, wovon die eine auf Entwickelung der Mannichfaltigkeit aus der Einheit ausgeht und im Reiche der Stoffe durch den Wasserstoff repräsentirt wird, die andre auf Zurückführung der Mannichfaltigkeit zur Einheit gerichtet ist und dem Sauerstoffe entspricht. Der Organismus stellt diese Grundkräfte dar im Gegensatze der nach Mannichfaltigkeit strebenden Muskelthätigkeit und der auf Einheit gerichteten Nerventhätigkeit. In der galvanischen Kette verhält sich der Muskel als das positive, brennstoffige Glied, der Nerve als das negative, sauerstoffige; da nun jede Thätigkeit nur durch Gegensetzung erregt wird, so muß der specifische Reiz für den Nerven in den Brennstoffen, der für den Muskel im Sauerstoffe enthalten sein. Zwischen dem organischen Gegensatze von Nerven und Muskeln steht als Indifferenz[152]  und Grundlage die Plasticität; dies bildet den eigenen Körper aus fremden Stoffen, vermag solches aber nur, wenn diese durch gegenseitige Mäßigung oder Bindung der in ihnen wirkenden Grundstoffe indifferenzirt sind, so daß denn auch dergleichen indifferente Substanzen als specifische Reize für das plastische Leben wirken. – Dies ist das Gerippe meines Systems, wie ich es namentlich in der zweiten Ausgabe dargelegt habe, und welchem man wissenschaftlichen Charakter und Consequenz nicht absprechen kann. Es ist dabei ausgesprochen, daß das aufgestellte oberste Gesetz nicht als eine einfache Formel gelten kann, nach welcher die Wirksamkeit jedes Arzneimittels ohne Weiteres zu bestimmen wäre, sondern daß vermöge der überall vorkommenden Mannichfaltigkeit in der Mischung der Arzneimittel, so wie in der Natur der organischen Theile das Princip auch überall modificirt sich darstelle. Im Speciellen habe ich mich überall rein an die Erfahrung gehalten, und wenn ich diese unter den Gesichtspunct meines Princips zu stellen mich bemühte, so ist mir dies, wenigstens hin und wieder, offenbar gelungen. Uebrigens ist meine Arbeit von Manchem meiner Nachfolger, der entweder das Wissenschaftliche abstreifte und sich rein an das Empirische hielt, oder auf eine den Fortschritten der Chemie angemessne höhere Stufe der Wissenschaftlichkeit sich stellte, wohl benutzt worden.


Im Jahre 1808 erschien mein Handbuch der Pathologie4, welches durch eine streng systematische Anordnung, so wie durch die Bemühung, Speculation und Empirie zu vereinen, das Gepräge meiner geistigen Individualität trägt, dessen Unvollkommenheiten ich aber nach den in der Vorrede gegebenen Erklärungen schon bei der Herausgabe lebhaft fühlte. In der Pathogenie oder Lehre von den Elementen der Krankheit stelle ich als Abnormitäten der Reizbarkeit Pyrexie und Paralysis, als die des[153]  Wirkungsvermögens Sthenie und Asthenie auf, und erkläre, wie Pyrexie und Paralysis Formen sind, denen bald Sthenie, bald Asthenie zum Grunde liegt; die Abnormitäten der Bildung theile ich in die der Mischung, wobei ich die Humoralpathologie nach chemischen Ansichten abhandle, und in die der Form. In der Aetiologie weiche ich von der herrschenden Ansicht ab, nach welcher der Organismus im Kampfe mit einer auf seine Zerstörung ausgehenden Außenwelt begriffen sein soll, und erkenne eine Harmonie der Natur an, als des Gesammtorganismus, der sich selbst unbeschränkt, die individuellen Organismen aber einen ihrem Wesen proportionirten Zeitraum hindurch zu erhalten strebt; die Potenzen aber, welche, im Gleichmaße wirkend, das Leben fördern, werden, wenn sie entweder an sich davon abweichen oder im Mißverhältnisse zum gegenwärtigen Zustande des Organismus stehen, zu Schädlichkeiten. Darauf folgt die Lehre von der Anlage, dann die Symptomatologie und endlich die allgemeine Nosologie, in welcher die Natur und der Gang der Krankheit betrachtet wird. – Vermöge seiner systematischen Gliederung könnte das Buch vielleicht jetzt noch einen schicklichen Leitfaden für Vorlesungen abgeben, da es eine leichte Uebersicht des Ganzen gewährt und manche der darin auseinander gesetzten Ansichten wohl beachtet zu werden verdienen. Uebrigens finde ich im Hinrichsschen Bücherkataloge von 1808 zum Titel meines Buchs den Zusatz: »nach eigenen Ansichten zum praktischen Gebrauche entworfen«; und da derselbe auf dem in Kupfer gestochenen Titel meines Exemplars fehlt, so habe ich allen Grund, anzunehmen, daß der Verleger mich hintergangen, wider meinen Willen jene Worte zugesetzt, und um meinen Protestationen vorzubeugen, ein Titelblatt hat in Kupfer stechen lassen, da es ihm weniger Kosten verursacht hat, als der Umdruck eines ganzen Bogens.
Im Sommer 1809 arbeitete ich mein Lehrbuch der Physiologie aus5. In den an der Spitze stehenden allgemeinen[154]  Betrachtungen ist ebenfalls der Gegensatz als die Form alles Erscheinens und die Bedingung aller Thätigkeit dargestellt, aber dabei die Synthesis als Eigenes, die entgegengesetzten Richtungen Umfassendes betrachtet, und so überall das Princip der Triplicität durchgeführt. Hier stand ich offenbar unter dem Einflusse der Schellingschen Lehre; indeß bewies ich dabei immer meine Selbstständigkeit. Die Ansicht nämlich, daß das Wesen der Natur und des Organismus in einer nothwendigen und unzertrennlichen Verbindung von Vielheit, Einheit und Allheit bestehe, leitete ich nach dem oben (S. 150 fg.) aufgestellten Grundsatze aus der Beschaffenheit unseres Erkenntnißvermögens ab, welches Sinn, Verstand und Vernunft in sich schließt; auch nahm ich das Axiom der Schellingschen Schule von dem dreifachen Naturprocesse in Magnetismus, Elektricität und Chemismus nicht an. Ueberall leuchtet die Ansicht von der Herrschaft des ideellen Princips durch. In der allgemeinen Physiologie ist der Organismus in seiner mechanischen, chemischen und dynamischen Seite aufgefaßt und in letzterer Beziehung eine Entwickelung der jetzt so vernachlässigten Gesetze der Erregung gegeben. Darauf folgt eine Betrachtung der allgemeinen organischen Thätigkeiten, Sensibilität, Irritabilität und Reproduction, welche letztere einen indifferenzirenden, auf Blutbildung ausgehenden und einen differenzirenden, in Nutrition und Secretion bestehenden Proceß in sich begreift.
Im speciellen Theile nahm ich die Lehre vom thierischen Magnetismus und die Gallsche Schädellehre zuerst in den Vortrag der Physiologie auf, und suchte beiden Gegenständen eine wissenschaftliche Begründung zu geben.
Bei meiner Sinnesweise hatten mich die Beobachtungen von Gmelin, Wienholt, Petzold und Anderen sehr interessirt. Die Mondsucht hatte ich an mir selbst kennen gelernt; nachdem ich früher bisweilen im Schlafe Verschiedenes handthiert hatte, wurde ich in meinem 29sten Jahre auf einer solchen Wanderung mit der Frage, was ich suche, geweckt, und nun ging das Bewußtsein des somnambulen Zustandes zum Theil in das Wachen über: zunächst fand ich die Frage sonderbar, da[155]  der Zweck klar sei, meinte jedoch, ich dürfe diesen nicht verrathen; sogleich aber, indem ich zu wachen begann, fragte ich mich, worin derselbe bestehe und mußte, da nun der somnambule Zustand vorüber war, mir die Antwort schuldig bleiben. Dann beobachtete ein Freund von mir, Dr. Redlich, die Erscheinungen des thierischen Magnetismus an seiner Gattin, und diese stattete mir selbst Berichte darüber ab. Durch solche Veranlassungen auf diesen Gegenstand aufmerksam gemacht, bildete ich mir folgende Theorie. Die animalischen Organismen stehen ohne unmittelbare Berührung vermittelst der Wirkung ihrer Nervensysteme in die Ferne (der sogenannten sensiblen Atmosphäre) unter einander in Verkehr; beim Magnetisiren verschmelzen die Nervensysteme zweier Individuen dynamisch zu einem Ganzen, es ist Neurogamie: der Magnetiseur (Neurander) knüpft durch seine Manipulationen die peripherischen Enden seines Nervensystems an das der Magnetisirten (Neurogyne), so daß diese nun ganz peripherisch, mithin durch Vorherrschen des Gangliensystems sich ihrer leiblichen Zustände heller bewußt, und vermöge prädominirender Receptivität von dem Neurander, der das Centrale ihres Nervensystems darstellt, abhängig wird.
Was die Gallsche Lehre anlangt, so schien mir das Thatsächliche derselben zu bedeutend, als daß man es in der Physiologie ignoriren könnte. Einerseits traten mir Beobachtungen entgegen, welche diese Lehre bestätigten: die Schädelsammlung von Tobias lieferte mehrere Belege dazu; Graf Harrach suchte sich in Taubers physikalischem Magazine, wohin ich ihn bei seinem Aufenthalte in Leipzig begleitete, eine Brille aus, und da von den meisten die Bügel ihm zu weit, dem Magister Tauber aber zu eng waren, fand er dies sehr natürlich, da das mechanische Talent, welches Letzterer in hohem Grade besaß, ihm ganz abgehe; als er hierauf im weiteren Gespräche über Galls Lehre meinen Kopf untersuchte, schrieb er mir ein ausgezeichnetes Inductionsvermögen, eine eigene Mischung von Circumspection mit Unüberlegtheit und viel Familienliebe zu, was ich Alles willig unterschrieb. – Andererseits fand ich in den vereinzelten, rein empirischen Aussprüchen Galls einen systematischen[156]  Zusammenhang und suchte sie demnach wissenschaftlich zu deuten. Ich ging davon aus, daß, wie überall in der Natur, so auch im ganzen Organismus das Ideelle mit dem Materiellen verknüpft, und das Seelenorgan nur der Punkt ist, wo das persönlich gewordene Ideelle, die zu Freiheit und Bewußtsein gesteigerte Psyche in das Materielle eingreift und hinwiederum von ihm bestimmt wird. Dieser Punkt könne, meinte ich, nur in den Hirnhöhlen mit ihrem Gas sich finden, da sie die Einheit der verschiedenen Hirntheile darstellen; bei der Seelenthätigkeit trete eine Wechselwirkung dieses Gas mit der Höhlenwandung, also eine Expansion des Gehirns ein, welche nach Beschaffenheit der Seelenthätigkeit diese oder jene Richtung nehme, und indem eine solche Richtung habituell werde, treibe sie bestimmte Gegenden des Gehirns, dadurch aber auch des Schädels hervor. Hiernach nahm ich nun eine Region des Geistes an der vorderen und eine des Gemüths an der hinteren Fläche des Schädels, dazwischen aber Seitengruppen für gemischte Thätigkeiten an, in jeder dieser Regionen aber der Höhe nach verschiedene Zonen, von denen jede höhere einer gesteigerten, edleren Seelenthätigkeit entspreche; ich zeigte nun, wie die empirischen Sätze Galls mit dieser Theorie übereinstimmen.

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Mein Buch fand im Ganzen eine nicht ungünstige Aufnahme. Unter Anderem legte es Rudolphi eine Zeitlang seinen physiologischen Vorlesungen zum Grunde, wobei er denn freilich manchen Anstoß finden mußte an der streng systematischen Anordnung, nach welcher die Thätigkeit des rechten Herzens bei dem indifferenzirenden, die des linken bei dem differenzirenden Bildungsprocesse abgehandelt wurde, so wie an den speculativen Sätzen, dergleichen er überhaupt von sich fern hielt, und an der Neurogamie und Kranioskopie, die er beide für leere Fictionen erklärte. – Eine schnöde Recension, welche Oken in der Jenaischen Literaturzeitung gab, erwähne ich, weil sie die einzige in meinem Leben ist, die mich geärgert hat und die ich ihrem Verfasser trotz meiner sonstigen Versöhnlichkeit nie ganz verziehen habe, so daß sie wohl einigen Antheil an der Bitterkeit hat, mit welcher ich mich späterhin in meinem größeren physiologischen[157]  Werke über Oken erklärt habe. Er sagte nämlich in jener Recension, »mein Buch habe gar keine wissenschaftliche Bedeutung, und eigne sich nur zum Unterrichte von Chirurgen; ich würde besser thun, wenn ich, ohne mich in höhere Sphären zu wagen, bei pharmakologischen Arbeiten bliebe.« Einige Zeit darauf besuchte er mich, wo ich ihn denn sehr kalt aufnahm; da ich auf seine Einladung, bald einmal nach Jena zu kommen, erwiderte, ein von der Jenaischen Literaturzeitung in den Lehrkreis für Barbiergesellen verwiesener Schriftsteller passe nicht in die Gesellschaft wissenschaftlicher Männer, versetzte er, solch eine Aeußerung könne nicht so ernsthaft gemeint sein. – Als 1831 P.F. von Siebold durch Königsberg ging, erzählte er, mein Lehrbuch der Physiologie sei ins Japanische übersetzt. Ich nahm dies anfänglich als einen Pendant zur Aufnahme meines Bildes in das Museum des Wundervollen; späterhin fiel mir eine Beziehung jenes Urtheils der Jenaischen Literaturzeitung auf die holländischen Chirurgen in Japan ein. –
Gegen Ende des Jahres 1808 schrieb mir Brockhaus von Amsterdam aus, er trage sich seit langer Zeit mit dem Gedanken, ein encyklopädisches Handbuch der gesammten Arzneikunde in höchstens vier Bänden zu verlegen, forderte mich auf, ihm meine Meinung darüber zu eröffnen und mich zu erklären, ob ich die Redaction und außerdem die Bearbeitung der einen oder der anderen Abtheilung übernehmen wolle. Da nun systematische Einheit, Ordnung, Consequenz und Vollständigkeit immer das Ziel meiner literarischen Thätigkeit gewesen war, so sprach ein solches Unternehmen mich sehr an. Ich theilte Brockhausen den Plan zu einem solchen Werke ausführlich mit, und er antwortete mir unterm 20. März 1809, er sei ganz mit mir einverstanden, namentlich auch darin, daß erst in kommendem Jahre der Anfang mit der Herausgabe gemacht werden sollte, übrigens rechne er auf das Vergnügen, mich zur Ostermesse zu sprechen und sich noch über andere Pläne, z.B. zu einer deutschen médecine domestique und zu einem Handwörterbuche über die gesammte Arzneikunst mit mir zu unterhalten. Aber zu derselben Ostermesse brachte er bereits den ersten Band jenes[158]  Werkes, von Sprengel bearbeitet, unter dem Titel: institutiones medicae. Wie dies zusammenhing, habe ich nicht erfahren, auch mich nicht darum bekümmert. Indeß hatte ich mich einmal in den Plan hinein gedacht, und wollte ihn darum nicht aufgeben, indem ich meinte, auch gegen Sprengel wohl in die Schranken treten zu können. So war es denn eigentlich eine Buchhändler-Speculation, was mich zu dem Wagestücke bestimmte, die Encyklopädie der Heilkunst auszuarbeiten6. Ich erdreistete mich, hier zuvörderst einen Umriß der gesammten Naturwissenschaft als der Grundlage des ärztlichen Wissens zu liefern. In der allgemeinen Naturwissenschaft gehe ich davon aus, daß in den Erscheinungen der Welt die Vielheit, im Gesetze derselben die Einheit sich darstellt, und daß das gemeinschaftliche Band beider sich als das dritte Princip, die Allheit, darstelle. Die Einheit ist geistig und das Urprincip, aus welchem die Vielheit (die Materie) so wie die Allheit (das Naturganze) hervorgeht, wie Antithesis und Synthesis erst durch eine Thesis möglich werden. Das Ideelle ist also der höchste Grund des All, das Materielle, Erscheinende ist seine Außenseite, und die Natur ist der Inbegriff des Erscheinenden sammt seinem Grunde. Von dieser Ansicht ausgehend, verfolge ich die allgemeinsten Prädicate der Natur in den Gesetzen des Seins und der Thätigkeit. Hierauf trage ich in der Phänomenologie im Umrisse zunächst die Mechanik vor, worin das Sein der Materie und ihre Thätigkeit (Bewegung) betrachtet wird. Zweitens die Dynamik, die Lehre vom Magnetismus als der Entzweiung eines Körpers in seine beiden Factoren ohne Störung seiner materiellen Existenz; von der Elektricität, wo zwei Körper durch Wechselwirkung dynamisch eins werden, so daß die Factoren an beide vertheilt sind; und von den drei in stetem Flusse befindlichen[159]  Erscheinungen der Expansivkraft: dem Schalle, als der innerlichen Bewegung eines Körpers; der Wärme, als der aus dem Conflicte mit Contractivkraft hervortretenden und den Cohäsionsgrad bestimmenden Expansivkraft; und dem Lichte, als der höchsten Aeußerung freier Expansivkraft, bei welcher die Contractivkraft in anderer Beziehung herrschend wird. Drittens folgt die Chemie. – Jedenfalls zeigt es sich, daß ich das Lückenhafte und Ungenügende in der bisherigen Physik, die ihren Ruhm vorzüglich nur in Berechnungen sucht, erkannt und mich bemüht habe, durch Zusammenfassung der betreffenden Thatsachen bestimmte Begriffe vom Wesen der Erscheinungen zu erlangen: ist dieser Versuch zum Theil oder auch ganz mißlungen, so muß er meines Erachtens von denkenden Physikern so lange wiederholt werden, bis eine vollgültige Ansicht gewonnen ist. – Die besondere Naturwissenschaft begreift Kosmologie, Geologie und Biologie. – Im zweiten Bande wird der Mensch zuerst im Allgemeinen nach seinen Verhältnissen zum Weltorganismus und in der Reihe der organischen Wesen betrachtet; darauf werden die Erscheinungen seines materiellen und animalen Lebens einzeln durchgegangen, worauf eine Geschichte des Individuums und der Gattung folgt. – Der dritte Band war zum vereinten Vortrage der Pathologie und allgemeinen Therapie bestimmt. Die erste Abtheilung begreift 1) Pathogenie und Hygeiogenie, indem allgemeine Begriffe vom Erkranken (absoluter und relativer Gesundheit, Anlage und Schädlichkeit, Abnormität, Krankheit und Krankheitsform) und Genesen (Heilkraft der Natur und Heilkraft der Kunst, sich bethätigend in Erkenntniß, Festsetzung eines Heilplans und Behandlung), von den allgemeinsten Verschiedenheiten, so wie vom Gange der Krankheit und der Heilung gegeben werden. 2) Die Aetiologie mit Jamatalogie verbunden, betrachtet die Einflüsse, insofern sie bald als krankmachende Schädlichkeiten, bald als Mittel der Heilung wirken. 3) Die Lehre von den Abnormitäten und den ihnen entgegen zu setzenden Heilarten blieb wegen meines Wegganges von Leipzig ungedruckt, so wie aus demselben Grunde die Fortsetzung des Werks unterblieb. – Ich war vielleicht nicht der Mann dazu,[160]  dies Unternehmen zu Stande zu bringen; indeß glaube ich, daß der Plan, namentlich der, welcher dem dritten Bande zum Grunde liegt, wohl verdiente, in umfassendem, wissenschaftlichem Sinne ausgeführt zu werden.
Daß es mir um Förderung des ärztlichen Wissens Ernst war, und daß ich den genannten Arbeiten in wahrhaft wissenschaftlichem Interesse meine Kräfte widmete, liegt wohl vor Augen. Freilich hätte ich lieber meine Kräfte concentrirt und mich der gründlichen Untersuchung einzelner Gegenstände hingegeben: allein meine Umstände erlaubten es mir nicht, und ich mußte an allgemeine Darstellungen (wozu ich allerdings auch überwiegendes Talent hatte) mich halten, welche durch Verwebung einer Masse fremder Beobachtungen mit meinen Gedanken die gehörige Breite erhielten; und diese Darstellungen mußte ich auch um des Erwerbs willen früher herausgeben, als ich zu ihrem Vortheile gewünscht hätte. Ich finde noch einen Bogen, auf welchem ich mir im Winter 1810 bis Juni 1811 anmerkte, wie viel Seiten Manuscript vom zweiten und dritten Bande der Encyklopädie ich an jedem Tage geschrieben hatte, und woraus ich meine Emsigkeit erkenne. Das Blatt ist mir, im Vorbeigehen gesagt, darum noch lieb, weil meine Frau, im Begriffe auf einige Tage zu meinen Verwandten aufs Land zu gehen, heimlich darauf geschrieben hatte: »mein guter Burdach, Du mußt recht hübsch viel an mich denken.«
Fußnoten

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1 Beiträge zur nähern Kenntniß des Gehirns in Hinsicht auf Physiologie, Medicin und Chirurgie, von Dr. K.F. Burdach. Leipzig bei Breitkopf und Härtel 1806. I. Theil XX und 292 S. II. Theil VIII und 295 S. 8.

2 Handbuch der neuesten Entdeckungen in der Heilmittellehre. Nebst einer Abhandlung über die Principien dieser Disciplin, von Dr. K.F. Burdach. Leipzig bei Hinrichs 1806. 372 S. 8. – Auch unter dem Titel: Handbuch der praktischen Arzneimittellehre u.s.w. von F.L. Segnitz. Dritter und letzter Band.

3 System der Arzneimittellehre, von K.F. Burdach. Leipzig bei Dyck. I. Bd. 1807. 570 S. II. Bd. 1808. 502 S. III. Bd. 1809. 484 S. 8.

4 Handbuch der Pathologie von Dr. K.F. Burdach. Leipzig bei Hinrichs 1808. XXVIII und 426 S. 8.

5 Die Physiologie, bearbeitet von K.F. Burdach. Leipzig in der Weidmannschen Buchhandlung. 1810. XX und 867 S. 8.

6 Encyklopädie der Heilwissenschaft von K.F. Burdach. Leipzig bei Mitzky und Compagnie. I. Band. Die Propädeutik der Heilwissenschaft und die Natur 
wissenschaft. Mit 2 Kupfertafeln 1810. XXIV und 634 S. II. Band. Die Naturwissenschaft des Menschen. 1811. X und 746 S. III. Band. Krankheit und Heilung. 1. Abtheilung 1812. 368 S.




3. Literarische Betriebsamkeit.










[161] Aber auch um diese Bücher nur so weit, wie sie wirklich erschienen sind, ausarbeiten zu können, war ich genöthigt, schriftstellerischen Handarbeiten mich zu unterziehen. So fertigte ich einige Uebersetzungen, aus deren unten stehendem Verzeichnisse1[161]  man sehen wird, daß ich nicht ekel war, sondern Alles übersetzte, was mir aufgetragen wurde; aber meine Bemühungen, fortwährend dergleichen Aufträge zu erhalten, waren, wie ich schon oben bemerkte, vergeblich. Ich galt einmal für einen Scribenten, nicht für einen Uebersetzer; hin und wieder machte ich selbst Anträge, medicinische Werke zu übersetzen: man lehnte sie ab und wollte nur Eigenes von mir. Die Menschen rangiren gern: haben sie Einen in einer gewissen Kategorie untergebracht, so bleiben sie dabei; das Urtheil steht fest, ac si papa locutus esset. Das habe ich oft erfahren, und nicht blos bei Buchhändlern: ich war den Literaten als Sammler und logischer Ordner bekannt geworden, und nun blieb manche mir eigenthümliche Ansicht oder Erfahrung unbeachtet. Zum Theil hatte ich freilich selbst dazu beigetragen, indem ich den Samen einer Ansicht oder die Spur einer Erfahrung bei meinen Vorgängern nachzuweisen pflegte, anstatt etwas Unerhörtes vom Dache auszurufen.
Ich muß noch erwähnen, wie die sächsische Regierung mir Anlaß zu einer Uebersetzung und ein Beispiel von ihrem damaligen Gange ab. Im Jahre 1798 hatte ein Arzt in Lübben vorgeschlagen, in Ermangelung eines eigenen Dispensatoriums das von Pfingsten in der Niederlausitz einzuführen, aber das sächsische Sanitäts-Collegium hatte sich dagegen erklärt und dafür Piderits Pharmacia rationalis dem Ministerium (geheimen Consilium) vorgeschlagen, worüber sich jedoch dieses nicht entschied. Nachdem nun acht Jahre verflossen und seitdem mehrere zeitgemäße Dispensatorien, namentlich auch das preußische, erschienen waren, kam der Entschluß des sächsischen Ministeriums[162]  wirklich zur Reife und, ohne daß das Sanitätscollegium deshalb befragt worden wäre, wurde in der Zuversicht, daß doch binnen acht Jahren sich in der Literatur nichts verändert haben könnte, Piderits Pharmacia rationalis, deren erste Auflage 1779 erschienen war, bis zur Herausgabe eines sächsischen Dispensatoriums interimistisch im ganzen Lande eingeführt. Als aber zu Anfange des Jahres 1806 diese Verordnung erschien, hatte Piderit die Unzulänglichkeit seines Buchs selbst eingesehen und eine Umarbeitung desselben vorbereitet, die eben unter der Presse war, so daß also die Regierung der noch unbekannten Schrift eines hessischen Arztes gesetzliche Geltung für Sachsen gab. Der Buchhändler, der das Interim deutscher Regierungen kannte, übertrug mir die Uebersetzung, die ich denn in Dienstbeflissenheit prompt lieferte und auf deren, von der Industrie meines Sosius ein neues Zeugniß ablegendem Titel2 auch mein Name prangen mußte. Es war allerdings eine Schwäche, daß ich mir marktschreierische Zusätze auf dem Titel gefallen ließ, aber die Hartnäckigkeit, mit welcher Hinrichs darauf drang, besiegte meinen Widerstand, indem sie mich ermüdete und ich am Ende auch seine Kundschaft nicht verscherzen durfte.

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Mit größerem Interesse vollzog ich den Auftrag einer anderen Buchhandlung, die durch Hebenstreits Tod unterbrochene Herausgabe der dritten Auflage von Bells Chirurgie zu beendigen3. Ich brachte die von Hebenstreit gelieferten[163]  Zusätze in eine bessere Ordnung, trug die neueren Erfahrungen und Heilmethoden nach und gab ein reichhaltiges Register über das ganze Werk.
Im Jahre 1805 wollte ich eine Zeitschrift unter dem Titel: »Neue Paradoxieen aus dem Gebiete der Naturwissenschaft und der Heilkunst« herausgeben und hatte mich deßhalb schon mit mehreren Aerzten in Verbindung gesetzt, auch schon einige Mitarbeiter gewonnen, namentlich den trefflichen Professor Winkelmann in Braunschweig und den genialen Dr. Wetzel, damals in Dresden, dessen poetisch-phi losophische Natur sich späterhin der Sache der politischen Freiheit zuwendete. Der näheren Umstände, welche die Ausführung des bereits öffentlich angekündigten Unternehmens hinderten, erinnere ich mich nicht mehr.
In Hildburghausen sollte ein »Vereinigungsblatt der kritischen Literatur« erscheinen und Aufsätze von Schriftstellern zu Vertheidigung ihrer Schriften gegen unbillige Kritiken enthalten, und das Directorium lud mich 1807 zur Theilnahme ein. Hufeland forderte mich im März 1808 von Königsberg aus auf, eine Darstellung der Naturphilosophie für seine Bibliothek der praktischen Heilkunde zu liefern. Vom Dresdener Stadtphysikus, Dr. Röber, erhielt ich Ende 1808 die Einladung zur Theilnahme an einer Zeitschrift, die den Titel führen sollte: »Sammlung praktischer Beobachtungen sächsischer Aerzte.« Im folgenden Jahre verlangte die Redaction der Heidelberger Jahrbücher meine Theilnahme an diesem Institute, eben so Hofrath Wildberg an seinem Universitätsalmanach und Hofrath Pierer an seinen medicinischen Annalen. Ich habe keiner dieser Aufforderungen Folge geleistet.
Nicht minder passiv verhielt ich mich gegen die physikalisch-medicinische Societät zu Erlangen, welche mich 1809 zu ihrem correspondirenden Mitgliede ernannte und gegen die medicinisch-chirurgische Gesellschaft des Cantons Bern, welche mir 1810 die gleiche Ehre erzeigte. Schon 1806 war ich Ehrenmitglied der ökonomischen Gesellschaft zu Leipzig geworden; ich finde unter meinen Papieren zwei Aufsätze, die ich derselben mitgetheilt[164]  habe: der eine betrifft die Ursachen des geringen Fortganges der Schutzblatternimpfung in Leipzig; der andere, der, wie ich mich erinnere, einige Sensation erregte, enthält Bemerkungen und Vorschläge zur körperlichen Beschäftigung der Wahnsinnigen.
Fußnoten


1 Pitou's Leben und Verweisung nach Cayenne, nebst Reisen durch das Innere von Amerika und authentischen Nachrichten von den dortigen Wilden oder Menschenfressern. Leipzig bei Hinrichs 1805.
J.B. Gariot's System der Physiologie, Pathologie und Therapeutik des Mundes u.s.w. für Deutschland bearbeitet, mit Anmerkungen und Zusätzen versehen von etc. Angermann. Leipzig bei Hinrichs 1805.
Magazin der berühmtesten See- und Landreisen, Entdeckungen und Schiffbrüche, 7ter Band. Leipzig bei Sommer 1805.
Palmer's ökonomische Abhandlungen und Entdeckungen eines Löschmittels. Leipzig bei 1806 bei Wolff.

2 Dispensatorium für die Kursächsischen Lande oder P.J. Piderit's Pharmacia rationalis, aus dem Lateinischen übersetzt und vornehmlich zum Gebrauche der Aerzte, Wundärzte und Apotheker in den kursächsischen Landen bearbeitet und in medicinischer, sowie in pharmaceutisch-praktischer Hinsicht erläutert von Dr. K.F. Burdach. Leipzig bei Hinrichs 1806. – Nachtrag zum Dispensatorium für die Königl. sächsischen Lande. Leipzig bei Hinrichs 1807.

3 Benj. Bell's Lehrbegriff der Wundarzneikunst. Aus 
dem Englischen mit einigen Zusätzen und Anmerkungen. Dritte vermehrte Ausgabe. Leipzig in der Weidmannschen Buchhandlung. V. Theil 1809. XVI und 486 S. VI. Theil 1809. VIII und 647 S. VII. Theil 1810. VI und 890 S. 8.




4. Amtsbewerbungen.










[165] Ich ließ nichts unversucht, um zu einer festen Anstellung zu gelangen, und ich war so glücklich, Gönner zu haben, die nach Kräften für mich wirkten: aber ein Gelingen dieser Bemühungen blieb im Reiche der Wünsche.
Ich hoffte noch auf Wittenberg. Oberhofprediger Reinhard und Leibarzt Kreyßig bewiesen mir jetzt, wie immer, das aufrichtigste Wohlwollen, verwendeten sich auf das Lebhafteste für mich und suchten, wenn ihre Bemühungen fehlschlugen, mich zu trösten und meinen Muth aufrecht zu halten. Aber der Minister v. Burgsdorf, ein wohlgesinnter, braver, aber hyperorthodoxer und grämlicher Mann, hatte Zweifel an meiner Rechtgläubigkeit, und so kam es denn, daß Dr. Kletten in Greifswalde auf Befehl des Ministeriums von der Universität Wittenberg zu der vacanten Professur daselbst denominirt wurde, die er natürlich auch erhielt.
Man ging damit um, neben den Zuchthäusern in Torgau oder Waldheim eine Irrenheilanstalt anzulegen, und auf Veranlassung meines Onkels, der mich bei sich zu haben wünschte, bewarb ich mich, da der bisherige Arzt am Torgauer Zuchthause, Dr. Michaelis, pensionirt werden sollte, um dessen Stelle, die jedoch dem Dr. Autenrieth, der sie interimistisch verwaltet hatte, ertheilt wurde. Indeß entschloß sich das Ministerium auch, die Irrenanstalt nicht in Torgau, sondern in Waldheim zu errichten, und nach dem Berichte eines Vertrauten schwankte Burgsdorf wegen Besetzung dieser Stelle zwischen mir und – Haynern, der schon 1801 seine Apotheke verkauft und sich wieder nach Mittweide gewendet hatte. Ich hatte dem Minister auf Kreyßigs Anrathen meine Beiträge[165]  zur Kenntniß des Gehirns dedicirt und mir dadurch sehr geschadet, indem er mich darin als einen Anhänger der ihm verhaßten Naturphilosophie zu erkennen glaubte. Kreyßig gab sich alle Mühe, ihm vom Gegentheile zu überzeugen und ihm zu beweisen, daß ich meinen Beruf zum Irrenarzte documentirt hätte. Indeß blieb der Minister bei seiner Meinung und gab die Stelle Haynern, woran er auch, freilich aus unrechten Gründen, ganz recht that.
Ich wurde nun zum außerordentlichen Professor ernannt und ich beschloß, zum Antritte dieses Amtes einen Beweis zu liefern, daß ich auszufüllende Lücken der Wissenschaft aufzufinden verstünde, mich gern einer empirischen Forschung dahingäbe und dabei auch Opfer zu bringen bereit wäre. Die Betrachtung, daß die Aetzmittel, vermöge der Verschiedenheit ihrer Mischung, auch in ganz verschiedener Weise auf die Substanz des menschlichen Körpers wirken müßten, folglich auch nicht in jedem Krankheitszustande ohne Unterschied angewendet werden dürften, bestimmte mich, eigene Untersuchungen darüber anzustellen. Ich zeichnete auf der Streckseite meines linken Unterarmes verschiedene Felder ab, auf deren jedes ich ein eigenes Aetzmittel anbrachte: Aetzkali, Schwefelsäure, salpetersaures Silber, salzsaures Spießglas, beobachtete genau die Erscheinungen und untersuchte die sich bildenden Schorfe; zum Vergleiche applicirte ich dieselben Aetzmittel auf dem Arme eines Leichnams von einem gesunden Manne, der sich das Leben genommen hatte. In meinem Eifer der Beobachtung ertrug ich die Schmerzen der völligen Zerstörung jener Hautstellen mit Freuden; nur die eine, dem Handgelenke zu nahe, über Flechsen liegende Stelle wurde brandig, so daß ich bei hinzutretenden Fieberbewegungen mit fernerem Aetzen einhalten mußte. In meinem Antrittsprogramme1 habe ich über diese Versuche berichtet. – Unter den Narben, die ich zu Ehren der mir ertheilten außerordentlichen Professur[166]  mit ins Grab nehme, zeichnet sich die zwei Zoll breite und drei Viertel Zoll lange, brandig gewesene Stelle dadurch aus, daß sie nur am Umkreise so kreideweiß wie die übrigen Narben, in der Mitte hingegen blaulich roth ist.

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Im August 1807 trat durch den Tod des Professors Vogt eine neue Vacanz in Wittenberg ein und ich wieder als Candidat dazu auf. Vom 7. December desselben Jahres erhielt ich folgendes Schreiben.

»Unsre freundlichen Dienste zuvor.«
»Hochgelahrter,«
»Günstiger Herr und guter Freund.«

»Se. Königliche Majestät von Sachsen etc. Unser allergnädigster Herr, haben Uns in dem wegen Wiederbesetzung der durch Herrn Dr. Vogts Ableben erledigten ordentlichen Professur der Anatomie und Physiologie auf hiesiger Universität untern 20sten v.M. an Uns erlassenen höchsten Rescripte unter andern huldreichst anbefohlen, daß wir dem Herrn Doctor Allerhöchst Dero gnädigste Zufriedenheit mit seinen zeitherigen Bemühungen, und daß Allerhöchstdieselben vorkommenden Falls auf Seine weitere Beförderung und Unterstützung besonders Rücksicht nehmen zu lassen geneigt wären, zu erkennen geben sollten. Wir eröffnen dahero hierdurch dem Herrn Doctor diese Uns bekannt gemachte allergnädigste Willensmeinung und sind denselben übrigens jederzeit freundlich und angenehm zu willfahren bereit. Datum Wittenberg den 7. December 1807.«

»Pro-Rector, Magistri und Doctores der Universität allda.«

Zu Ende 1807 wurde eine Collegiatur bei der Leipziger Universität erledigt, welche 300 Thaler eintrug und nach der alten Eintheilung der Docenten Einem der Meißner Nation gebührte, zu welcher ich als geborner Leipziger gehörte. Indem ich mich nun darum bewarb, traf ich unterwegs mit dem Hofrathe Wenck zusammen, der in seiner plumpen Aufrichtigkeit sich[167]  folgendermaßen ausließ: »Nun, lieber Herr Doctor, das ist recht, daß Sie auch um die Collegiatur anhalten; Sie sind ein braver Mann und verdienten sie; – aber Sie bekommen sie nicht, Magister Schäfer bekommt sie.« Mich verdroß dies nicht wenig und ich beschloß, den Wahlherren die Ausführung ihres Vorsatzes wenigstens gehörig zu erschweren. Ich ging also in meinem Anhaltungsschreiben davon aus, daß das löbliche Collegium bei der bevorstehenden Wahl unstreitig Bedacht nehmen würde, das erledigte akademische Beneficium nur einem Manne zuzuwenden, der durch seinen Eifer als akademischer Docent und durch seine Bemühung zu Förderung der Wissenschaft beizutragen sich der Universität nützlich bewiesen habe und daß ich in dieser Hinsicht auf die Gewährung meines Gesuches hoffen dürfte, indem eine noch so große, aber nicht zum Ruhme der Universität angewendete und nicht in eigenen Schriften bewiesene Gelehrsamkeit hier wohl nicht in Betracht kommen könnte, – Schäfer nämlich, als mein einziger Rival, war weder als Schriftsteller bekannt, noch auch las er Collegia. Ich richtete durch mein Schreiben so viel aus, daß beim Votiren die Stimmen getheilt waren und Professor Ludwig durch seine Stimme den Ausschlag zu geben hatte; er war mein Gönner, aber um Niemanden zu verletzen, begab er sich seiner Stimme und ließ über uns loosen. Das Loos entschied für Schäfer. So nahe dem Ziele, war ich also doch wieder auf die alte Lage zurückgewiesen.
Nach Burgsdorfs Tode wurde von Nostitz und Jänckendorf Minister: ein Mann, welcher der neueren Zeit angehörte, vielseitig gebildet, höchst human, ein geschätzter Dichter. Auch ich gewann an ihm einen Gönner; in seinen Briefen an mich bewies er die edelste Theilnahme, indem er rieth, tröstete, ermunterte und von dem Wohlwollen der Regierung versicherte. Durch seine Vermittelung erhielt ich im Januar 1808 eine Gratification von 100 Thalern und im Juni einen Jahresgehalt (oder, wie es bei außerordentlichen Professoren hieß: eine Pension) von 150 Thalern. Der Minister war so freundlich, mir dies in einem Privatschreiben selbst zu melden,[168]  in welchem er sagte: »Zum ausgezeichneten Vergnügen gereicht es mir, durch diese Benachrichtigung meine vorhin Ihnen geäußerten Hoffnungen einigermaßen bestätigen zu können. Nie beunruhigt mich die Unzulänglichkeit unserer durch die Zeitverhältnisse beschränkten Fonds lebhafter, als dann, wenn es auf Belohnung und Aufmunterung verdienter akademischer Lehrer ankommt. Fahren Sie, werthester Herr Professor! in Ihrer uns erprobten nützlichen Thätigkeit fort; die Wissenschaften und ihre nie dankbar genug zu würdigenden Heiligthümer und Asyle, – die deutschen Universitäten – bedürfen jetzt mehr als je der Theilnahme und Mitwirkung Aller, die sich ihrem Dienste mit Vorliebe weihen.«


Während dieses ganzen Zeitraums hatte es mir nicht an Aussichten, auf andere Universitäten zu kommen, gefehlt und meine Freunde waren in dieser Beziehung thätig für mich gewesen.
Der Jurist Hübner, Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten in Chemnitz, hatte als außerordentlicher Professor in Leipzig ein mühevolles Leben, indem er den größten Theil des Tages über privatissima (besonders als Vorbereitungen zum Examen) gab, die allerdings gut honorirt wurden. Seine Gesundheit litt bei dieser Lebensweise, und durch die Hülfe, die ich ihm als Arzt leistete, war das schon seit mehreren Jahren bestandene freundschaftliche Verhältniß unter uns immer enger geworden. Er folgte im Jahre 1804 einem Rufe nach Jena, und da er von einer Gelbsucht eben erst wieder hergestellt war, so geleitete ich ihn dahin und war also mit ihm in dem solennen Zuge des Comitats, welches ihm die Studirenden bis Markranstädt gaben: wie wünschte ich mir ein ähnliches Glück! – Sobald er in Jena festen Fuß gefaßt hatte, sann er darauf, mich ebenfalls dahin zu ziehen. Eichstädt äußerte sich gegen ihn günstig über mich, was freilich nicht hoch angeschlagen wurde, da derselbe für einen Intrigant galt. Als im Sommer 1805 Ackermann von Jena plötzlich nach Heidelberg ging, bewarb ich mich um seine Stelle und hatte einige Hoffnung, als ich hörte, daß man Fuchs in Würzburg vorgeschlagen[169]  hatte, der bloß Anatom, nicht Physiolog war. Allein ich erfuhr durch Eichstädt, daß Ackermann bloß für Anatomie und Chirurgie angestellt gewesen war, welche beide Fächer an Fuchs und Stark den Jüngern vertheilt werden sollten, und der Geheime Rath von Voigt ließ mir melden, daß ich vor der Hand nur auf eine unbesoldete Extra-Professur in Jena rechnen dürfe.
Scherff empfahl mich dem Präsidenten von Vincke zu einer Professur an der neu zu errichtenden Universität zu Münster; doch die Universität kam nicht zu Stande. 1807 ließ er sich von Hufelanden, mit dem er in Pyrmont zusammen kam, auf Ehre und Freundschaft versprechen, sich bei der ersten Vacanz einer Professur der Physiologie oder Pathologie auf einer preußischen Universität aus allen Kräften für mich zu verwenden. Vielleicht bezog sich darauf, was mir 1814 Berends (damals in Breslau), mit welchem ich wegen eines andern Geschäftes in Briefwechsel gekommen war, meldete: »vor mehreren Jahren gab ich mir alle Mühe, Ihnen eine Lehrstelle auf der Universität Frankfurt zu verschaffen, correspondirte deßhalb mit dem verehrungswürdigen Platner, der sich für Sie auch sehr interessirte. Das damalige Ober-Curatorium der Universität, auf dessen Veranlassung ich handelte, würde Ihnen auch gewiß schon damals die Vocation gesendet haben, wenn es nicht am Ende demselben an Fonds gefehlt hätte. Um desto größer ist nun meine Freude, daß Sie doch dem preußischen Staate geschenkt worden sind.«
Der Geheime Justizrath Schmalz, mit welchem ich durch die Freimaurerei bekannt geworden war, versicherte mich zu Anfange des Jahres 1808, daß er es sich angelegen sein lasse, meine Anstellung bei der Universität zu Berlin zu bewirken. Vielleicht war dies keine Lüge, denn Hecker, der dahin berufen wurde, glaubte, als ich ihn 1811 in Berlin besuchte, ich sei für dasselbe Lehrfach neben ihm bestimmt.
Hofrath Vogel machte auf seiner Durchreise durch Leipzig meine persönliche Bekanntschaft und versprach mir, Alles thun zu wollen, um mich zu seinem Collegen an der Universität[170]  Rostock zu gewinnen. Im Mai 1806 meldete er mir, daß die Besetzung der daselbst vacant gewesenen Professur während seiner Abwesenheit und auf einem nicht gewöhnlichen Wege erfolgt sei und wiederholte seine Zusicherungen, wobei er meine Propädeutik rühmt mit dem Zusatze: »meine eigene Encyklopädie hat keinen Werth dagegen, obgleich sie gut aufgenommen worden ist. Haben Sie nur noch ein wenig Geduld: es kann und wird Ihnen sicher nicht fehlen«. 1807 empfahl er mich auf das Dringendste zum Nachfolger des verstorbenen Professors Weber; da aber der Krieg dazwischen kam, ließ man diese Professur vor der Hand unbesetzt.

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Der Kanzler Niemeyer, mit dem ich beim Leipziger Jubiläum persönlich bekannt geworden war, versprach mir 1810 in einem Briefe, den westphälischen Minister, Staatsrath von Leist, auf mich aufmerksam machen zu wollen.
Dr. Rehmann, der kurze Zeit nach mir in Wien Franks Klinik besucht, 1802 einige vergnügte Tage bei mir in Leipzig verlebt und eine Freundschaft mit mir geschlossen hatte, die immer gleich warm geblieben ist, war 1803 als Leibarzt des Grafen Alexis Rasumowski nach Rußland gegangen und 1805 mit der nach China bestimmten Gesandtschaft unter Golofkin durch Sibirien und in das Innere der Mongolei gereiset. 1807 knüpfte er von Moskau aus den früheren freundschaftlichen Verkehr mit mir wieder an und erbot sich zu Dienstleistungen in Rußland. Im Anfange des Jahres 1811, wo er in Petersburg lebte und Rasumowski Minister geworden war, versprach er mir, bei dem Grafen Severin Potocki meine Berufung nach Charkow zu bewirken. Hofrath Dreyßig meldete mir von da aus im Juni, daß der akademische Senat mich zum Professor der Arzneimittellehre und medicinischen Literatur gewählt, aber Rasumowski die Wahl nicht bestätigt hatte, da nach seinem Willen nur Russen oder doch in Rußland geborne Deutsche zur Besetzung medicinischer Lehrstühle gewählt werden sollten.
Endlich erfolgte auch ein Antrag, der mich aus der akademischen Laufbahn entfernen sollte. Professor Suckow war[171]  im Jahre 1808 durch eine bedeutende Erbschaft bestimmt worden, seine bisherige Stellung als Leibarzt in dem Gräflich Hochbergschen Hause in Schlesien aufzugeben und trug mir, vielleicht auf Veranlassung meines Freundes Hübner, diese Stelle an mit 500 Thaler festem Gehalte, einem Getreidedeputat, freier Wohnung, 60 Scheffeln Steinkohlen, 6 Klaftern Holz, freier Equipage in herrschaftlichen Angelegenheiten und Freiheit, in der umliegenden Gegend zu prakticiren. – Als hochgräflicher Leibarzt zu dienen, war ich nun von Anfang an nicht gesonnen, denn wiewohl ich hier vor Nahrungssorgen gesichert gewesen wäre, so glaubte ich doch nicht, daß ich an dem kleinen Hofe mich glücklich fühlen könnte und mußte dabei fürchten, für das wissenschaftliche Leben ganz verloren zu sein. Ich war also nur bedacht, mir Vortheile in Leipzig durch diesen Antrag zu verschaffen und meldete denselben dem Minister von Nostitz mit der Bitte, meinen Gehalt auf 300 Thaler zu erhöhen, damit ich in Leipzig bleiben könne. Ich fühlte sehr wohl, wie unverschämt es war, gerade jetzt, unmittelbar nachdem ich so überzeugende Beweise erhalten hatte, daß der Minister das Mögliche für mich thue, ihn mit einer solchen Forderung zu belästigen. Allein ich konnte mir nicht anders helfen und wurde auch von dem humanen Manne nicht mißverstanden. Er antwortete mir unterm 30. Juni 1808 sehr ausführlich, machte mich aufmerksam auf die Nachtheile des Vertauschens eines akademischen Lehramtes mit der Anstellung bei einem Privatmanne und auf die Schwierigkeiten eines Rücktrittes aus solcher Zurückgezogenheit in öffentliche Dienste; er deutete darauf hin, daß die Annahme der angebotenen Stelle unter den gegenwärtigen Umständen nicht ohne Bedenklichkeit sei, bemerkte nämlich, daß Graf Hochberg neuerlich sich die Königliche Erlaubniß zum Verkaufe von Gütern erbeten habe. Er forderte mich auf, mir eine Bedenkzeit bis Michaelis auszubedingen und erklärte, daß es vor der Hand nicht möglich sei, mir einen Gehalt von 300 Thalern zu verschaffen, daß aber jede mögliche Maßregel ergriffen werden solle, um mein Verbleiben auf der Universität Leipzig sicher zu stellen. Er schloß mit den Worten:[172] 
»Mir wäre der Fall Ihrer Entfernung von da überaus empfindlich, und ich müßte ihn, wenn er wider Verhoffen einträte, unter die unabwendbaren Unfälle zählen, die oft eben in dem Zeitpuncte, wo man sie am wenigsten besorgt, die mit Vorliebe entworfenen Pläne zerrütten.«
Es war allerdings ein ausgezeichnetes Glück, daß mir eine so warme Theilnahme des Ministers, so wie die Gunst der ganzen Reihe von vorher genannten Männern geschenkt wurde; ich hatte sie nicht durch Kriecherei und Schmeichelei erworben, wie sie denn auf diesem Wege sich gar nicht hätte erlangen lassen, sondern sie war eine Gabe des Geschicks, welche die Redlichkeit meiner Bestrebungen belohnte.
Um meine Angelegenheit persönlich betreiben zu können, und kostenfrei nach Dresden zu kommen, beredete ich eine Familie, deren Arzt ich war, eine Reise dahin in ihrer Equipage mit mir und meiner Frau zu machen. Ich konnte daselbst nichts ausrichten, zumal da meine Gönner, Nostitz und Reinhard verreist waren. Der eine Minister aber, dem ich mich vorstellen mußte, um ihm mit der Möglichkeit meines Weggehens bange zu machen, erschrak so wenig darüber, daß er mir ganz treuherzig rieth, ich möchte mir die schöne Gelegenheit einer Anstellung doch ja nicht entgehen lassen, sondern in Gottes Namen nach Schlesien ziehen. Meine Reise wurde auf diese Weise zu einer bloßen Lustpartie. Zu Ende des Jahres 1809 ertheilte das Ministerium mir wieder eine Gratification von 100 Thalern. – 1810 wurde durch Erdmann's Abgang nach Kasan die Substitutenstelle des Hofraths Leonhardi bei der Wittenberger Universität erledigt; als ich aber erfuhr, daß die Einkünfte derselben ungefähr 250 Thaler betrügen, gab ich den Gedanken, nach Wittenberg zu gehen, auf. 1811 erhielt ich wieder eine Gratification von 100 Thalern.
Im Vorbeigehen bemerke ich, wie auch in den Titulaturen, die mir in den officiellen Schreiben beigelegt wurden, die Umwandlung zu erkennen war, welche durch Napoleon, diesen Sohn der Revolution, in die Verwaltung von Sachsen gekommen war, wobei die altväterische Schwerfälligkeit sich nicht[173]  mehr halten konnte. Im Jahre 1807 lautete die Anrede der Universität Wittenberg: Edler und Hochgelahrter! die des im Auftrage des Ministeriums 1808 an mich schreibenden Freiherrn von Ferber: Hochedelgeborner, Hochgeehrter Herr Doctor und Professor! und die des eben falls officiell schreibenden Freiherrn von Manteuffel 1809: Wohlgeborner Herr, hochgeehrtester Herr Professor!
Fußnoten

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1 Quaestionum de natura causticorum specimen. Scripsit et ad audiendam orationem, qua munus professoris medicinae extraordinarii d. 17. Julii a. 1807 auspicabitur humanissime invitat C.F. Burdach, 29. p. 4.




5. Geselliges Leben.










[174] Wenn sieben Achtel der Tageszeit den Arbeiten gewidmet waren, so blieb immer noch ein Achtel für die Freuden der Familie und der Geselligkeit.
Den Schmerz über den Verlust meiner über Alles geliebten Tochter trug ich mit meiner Frau in frommer Ergebenheit, und der Gedanke, daß sie mir nicht ewig verloren sei, unterhielt meinen Lebensmuth. Die Nahrungssorgen, die zwar früher zuweilen mich hart belastet, aber auch nie wund gedrückt hatten, waren noch unbedeutender geworden, und bei der Wirthlichkeit meiner Frau vermochte ich den Aufwand eines durchaus anständigen Haushaltes zu bestreiten, wenn ich auch hin und wieder noch ein Anlehen machen mußte, wie mir namentlich mein theurer Onkel ein solches gewährte. Unsre Wünsche in Betreff der Vergnügungen waren mäßig, und wir durften sie uns nicht versagen. Dahin gehörten namentlich kleine Ausflüge, dergleichen wir z.B. das eine Mal nach Waldheim machten. Ich kann mich nicht enthalten, einige darauf bezügliche Stellen aus den Briefen meines originellen Hayner hier einzurücken.
»Den 19. Februar 1809.«

– – – »Mit dem Frühlinge naht Dein Leipziger Ostermarkt. Die Gegenden um Waldheim sind leidlich in der bessern Jahreszeit, und es giebt manche hübsche Spaziergänge. Da kannst Du nun freilich viel klügere und für Dich amusantere[174]  Dinge, aber nur für mich nichts Erfreulicheres thun, als wenn Du Dich entschließen solltest, mit Deiner lieben Frau und Deinen Goldsöhnen in den Ferien hierher zu segeln und 8 oder 14 Tage mit mir und meiner Ehehälfte in ländlicher Einsamkeit zu verleben. Du schreibst mir dann den Tag, an dem Du kommen willst, denn die hiesigen Lohnkutscher sind weit wohlfeiler als die Leipziger, und ich schicke Dir zum Transport so ein Waldheimer Genie. Thue mir den Gefallen und glaube, daß Du mich recht glücklich machen wirst. Ach lieber Burdach! mache es möglich.«

»Den 19. März 1809.«

»Seit gestern gehen bei uns die alten Crusten von den Fluren; da ist mir's denn wie Jedem um die Zeit, als ob ich da capo zu leben anfinge, und ich empfinde die Sehnsucht stärker nach Dem, was mir lieb und doch nicht bei mir ist. Dein Brief ist mir ein Unterpfand, daß Du nicht zum Lügner werden kannst. Wir freuen uns herzlich, in Compagnie auf die Burg Kriebstein, nach der Schinderkluft u.s.w. mit Euch zu wallfahrten. Ueber die Bedingungen der hiesigen Lohnkutscherei sei unbesorgt; in kleinen Städten giebts lauter Freundschaft, Bekanntschaft, Gevatterschaft mit dem Arzte, und ich will meine Sache schon machen. Schreib Du mir nur die Stunde oder Minute, wenn ein viersitziger Wagen vor Deiner Pforte halten soll, und vergiß mir nicht, Dein Logis für die Kutschermemorie anzugeben. Ich freue mich innig auf Dich und die Deinigen. Laß meine Hoffnung nicht zu Schanden werden; denn ich habe Dich herzlich lieb.«

»Den 18. April 1809.«

»Mißmuthig sehe ich einen Posttag nach dem andern verstreichen, und Du schreibst nichts vom Kommen. Erhöre mein Flehen; mache Dich auf mit den lieben Deinigen, die Fluren werden grün, die Luft wird mild, auch Bernadotte ist heute durchpassirt, und der Weg wird rein. Vor den Austriacis sind[175]  wir sicher in hiesiger fester Burg. Festina, aber nur nicht lente. Tausend Grüße und Küsse. Oder lieber zum Feste des heiligen Geistes? Nun dann will ich mich bis dahin gedulden, aber nur ein Wort des Trostes und wenigstens auf 8 Tage Aufenthalt zugeschickt. Ist Schwägrichen hin zu dem Meursius?1 Nun Gott sei seiner Seele gnädig! Laß ihn steuern, lieber Bruder, Du aber steure ins Tollhaus zu

Deinem Hayner.«


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Ich fand Haynern als Arzt ganz an seinem Platze, so wie mit seiner guten und lieben Frau recht glücklich lebend, und es waren genußreiche Tage, die wir bei ihnen zubrachten. Bei allen Hindernissen, welche die unvollkommne Einrichtung der noch mit dem Zuchthause verbundnen Irrenanstalt ihm in den Weg legte, leistete er Ausgezeichnetes. Ich sah wie er die verschiednen Seelenstörungen in hoher Einfachheit auffaßte und behandelte, und er erschien mir wahrhaft groß. Es lag in seiner Eigenthümlichkeit, in schlichter Weise das Trefflichste zu leisten; alles Ueberspannte, Phantastische war ihm fremd und zuwider. Bei aller Lebendigkeit seiner Phantasie, bei allem Reichthume seines Geistes wußte er sich der gebieterischen Wirklichkeit zu fügen, und dadurch eben gelang es ihm, die Verhältnisse zu beherrschen; indem er ganz in der Prosa des Lebens untertauchte, geschah dies mit völliger Freiheit des Geistes, so daß sein ganzes Leben und Wirken den Charakter einer humoristischen Poesie gewann.
Einen Gegensatz zu ihm bildete ein gemeinschaftlicher Universitätsfreund von uns, mit dem ich auch in dieser Periode in vielfacher Berührung stand. Bernhard hatte Theologie studirt, aber sich mit der Dogmatik nicht befreunden können; die Fesseln der Satzungen abschüttelnd, faßte er das Christenthum von der poetischen Seite auf; ein Prediger nach der Augsburgschen Confession zu sein, widerte ihn an: er wollte Volkslehrer in freierem Sinne werden. Die Unmöglichkeit[176]  hiervon begreifend, ging er auf das Theater, für welches er durch eine unter Schocher kunstmäßig erworbene Declamation und durch eine gute, musikalisch ziemlich ausgebildete Stimme vorbereitet war, und ward unter dem Namen: Blumauer Mitglied der Bühnen in Königsberg, Dresden, Leipzig, Prag, Darmstadt u.s.w. Die Prosa nämlich, die er auf dem Theater und vollends hinter den Coulissen fand, ward ihm, als einem ästhetischen Pedanten, überall lästig, und da er in jeder Gesellschaft in unbedachtem Eifer als Sittenprediger und Lehrer der Aesthetik sich geltend machen wollte, zog er sich überall Verdrießlichkeit und Anfeindung zu. Daher ging er denn eine Zeit lang damit um, die Bühne zu verlassen, und suchte eine Anstellung als Dorfschulmeister, was ihm zu seinem Glücke nicht gelang. Er gehörte zu den Menschen, die bei sehr mäßigen Geisteskräften der Idee, welche sie ergriffen hat, nicht gewachsen sind, aber warm fühlen und es ehrlich meinen. Ich bethätigte meine Freundschaft, indem ich eine Zeitlang seine Frau, und späterhin seine Tochter unter meine Obhut und in mein Haus nahm. Auch hiervon abgesehen, unterhielt er einen ziemlich lebhaften Briefwechsel mit mir, und schickte mir öfters Gedichte. Zuletzt zog er sich vom Theater zurück, und lebte meist von pädagogischer Schriftstellerei.
Unter den größern Kreisen, in welchen die feine Welt Leipzigs sich versammelte, standen die Assembléen, welche Professor Erhard gab, oben an, wo conversirt, declamirt, musicirt und endlich auch getanzt wurde. Erhard, ein feinsinniger, geistreicher, gewandter, liebenswürdiger Mann, der in einem Strudel von Geschäften und Vergnügungen sich wohl befand, seine reichliche Einnahme durch einen mit Eleganz verbundenen Aufwand überbot, und durch die Bedrängnisse des Deficits sich in seiner Laune nicht stören ließ, hatte mir sein Wohlwollen geschenkt besonders seit ich ihm durch die Loge Minerva näher gekommen war.
Der Buchhändler Beygang machte eine seltne Ausnahme von seinen Collegen, indem er, von Ehrgeiz und Gemeinsinn beseelt, großartige Unternehmungen zum Besten des literarischen[177]  Publicums von Leipzig machte, in durchaus nobler Weise verfuhr und auf seinen Vortheil weniger bedacht war. Früher hatte er eine an wissenschaftlichen Werken reiche Leihbibliothek in Hohmanns Hofe, in welcher zu gewissen Stunden einige Gelehrte zu literarischen und politischen Discussionen sich einfanden; die gewöhnlichsten und beredtesten Gäste waren die Polyhistoren Pölitz und Bergk. Dadurch wurde Beygang veranlaßt, indem er die Leipziger Literaturzeitung stiftete, zugleich ein mit jener Leihbibliothek verbundenes Museum in einem für Leipzig und die damalige Zeit prachtvollen Locale zu errichten, wo man die wissenschaftlichen, politischen und ästhetischen Journale und Zeitungen Deutschlands in ziemlicher Vollständigkeit, sowie die wichtigsten periodischen Blätter Englands und Frankreichs, ferner die wichtigsten Erzeugnisse der neuesten Literatur, auch Prachtwerke und Kupferstiche fand. – Es gewährt einen rührenden Anblick, wenn ein schlichter, aber verständiger und tüchtiger Mann sich einem höher strebenden Freunde zu Ausführung von dessen Plänen in treuer Ergebenheit anschließt und diesem seinen ganzen Lebenszweck unterordnet. Ein solcher war hier der Buchhalter Herrmann, der mit größter Pünctlichkeit der Leihbibliothek vorstand, deren Ertrag einen guten Theil der bedeutenden Kosten des Museums decken mußte, und in der Mitwirkung für die Anstalt sein einziges Glück fand. Im Winter gab Beygang bisweilen Soiréen für die Mitglieder des Museums, wo auch Vorträge gehalten und Concerte aufgeführt wurden. In einer solchen Versammlung trat auch ich im Januar 1806 einmal auf mit einem Vortrage über den Einfluß der Freude auf die Gesundheit, der zu meinen Vorarbeiten für die Fortsetzung der Diätetik gehörte. Rochlitz, der mit unter den Zuhörern war, bat mich um diesen Aufsatz zur Aufnahme in das »Journal für deutsche Frauen. Besorgt von Wieland, Rochlitz und Seume« wo er auch (II. Jahrgang. 1806. 3. Heft. S. 51-71) erschienen ist.


Am 4. December 1809 sollte die Universität Leipzig das Fest ihrer vor 400 Jahren erfolgten Stiftung feiern. Der Gedanke dieser Feier ergriff mich so lebhaft, daß ich mich gedrungen[178]  fühlte, sie auch meinerseits zu begehen: ich entwarf demnach eine encyklopädische Uebersicht der Wissenschaften und Künste als eines organischen Ganzen in Gemäßheit meiner naturwissenschaftlichen Ansichten, und brachte diese Schrift der Universität als Weihgeschenk dar2. Die Dedication schloß ich mit folgenden auf die damaligen Zeitverhältnisse bezüglichen Worten: »Am Scheidepuncte des Jahrhunderts ergreift uns mächtiger der Gedanke der Vergangenheit und der Zukunft, und unser individuelles Dasein schwindet vor unsern Blicken, so wie die irdische Natur Derer vorüber gegangen ist, welche an den vorigen Säcularfesten die Stelle einnahmen, auf welcher wir jetzt stehen. Aber die Idee, die in ihnen lebte, ist nicht mit ihren Leibern versunken, sondern zu einer höhern Verklärung in der Nachkommenschaft emporgestiegen, und sie selbst sind durch sie schon bei uns, im Reiche der Sterblichkeit, unsterblich geworden. In dieser feierlichen Stunde weihen wir uns denn auch von Neuem dem Unvergänglichen, um es darzustellen in der Wissenschaft und es zu verkündigen durch Thaten. Möge dieser heilige Bund nicht gestört werden in seinem freien Wirken durch die grausenvollen Zeiten, wo glühende Selbstsucht, die kräftigste Intelligenz entwürdigend und zum Gemeinen herabziehend, den eisernen Scepter führt! Möge der Vater des Volks stets die Freiheit der Geister ehren, und ihrem Streben nach Wahrheit keine Fesseln anlegen! Möge fernerhin Männern mit Kraft und hohem Sinne, mit Einsicht und mit Muth, die oberste Leitung der Akademie anvertraut sein! Möge ein gemeinschaftliches Streben nach einem Ziele die Glieder der Akademie selbst immer zu einem lebendigen Ganzen vereinen, damit auch jede kommende Säcularfeier derselben ein Fest der Menschheit und der Wissenschaft sei!«
Die Leipziger Universität, die einer alten Reichsstadt glich und mehr durch die Macht der Gewohnheit, als durch die[179]  Kraft des Willens ihre alten Einrichtungen und Rechte behauptete, feierte auch dieses ihr Fest mit mancher steifen Förmlichkeit. Unter Anderen hatte sie angeordnet, daß nicht nur die Praktiker und Privatgelehrten Leipzigs, sondern selbst die akademischen Privatdocenten von dem großen Festmahle und von dem am dritten Festtage zu gebenden Balle ausgeschlossen blieben, und es wurde der Wunsch laut, daß auch diese ehemaligen Zöglinge das Jubiläum ihrer alma mater in froher und würdiger Weise möchten begehen können. Ich suchte dies zu verwirklichen, besprach mich mit einigen Freunden, und die Subscription, die wir hierauf in der Stadt herum gehen ließen, ergab 89 Theilnehmer an dem für ehemalige Studirende überhaupt bestimmten Feste. Nun wollte ich, daß das gemeinsame Fest auch als ein gemeinsames Werk sich arten sollte, und machte dabei eine Erfahrung, durch die ich leider! nicht klüger wurde, – denn noch in meinem hohen Alter habe ich sie wieder machen müssen, – daß man nämlich bei einer gemeinsamen Unternehmung die Deliberation nicht zu frei sich ergehen lassen darf, wenn man sie nicht zu beherrschen versteht. Es wurden eine Menge Zusammenkünfte gehalten, und mit jeder neuen mehrten sich die unpassenden Vorschläge, deren hartnäckige Vertheidigung meine Geduld auf eine harte Probe stellte, bis endlich in der Versammlung acht Tage vor dem Feste die Meinungen so auseinander gingen, daß ein gemeinschaftliches Resultat nicht zu erlangen war, und ich aus Verdruß mich von dem ganzen Unternehmen lossagen wollte. Durch Erhards Vermittlung wurde ich ausgesöhnt, und ordnete nun in Verbindung mit meinem Hänsel und einigen andern Freunden das Fest an, wie es nachmals auch beschrieben worden ist3. Es wurde am Abende des 4. Decembers im Klassigschen Kaffeehause gegeben. Außer den Subscribenten und deren männlichen und weiblichen Gästen nahmen als Ehrengäste daran Theil der Rector der[180]  Universität, die beiden Königlichen Commissarien, die beiden Burgemeister, die beiden Commandeurs des zu dem Feste der Universität beorderten Militärs, die fünf Anführer des Aufzugs der Studirenden, Repräsentanten der Künstler, der Kaufmannschaft und der übrigen Bürgerschaft. Unter einem von Friedrich Schneider componirten und dirigirten Marsche trat in den festlich geschmückten Saal ein Zug ein, in welchem ich als Sprecher der Wissenschaft, Heinroth als Sprecher der Kunst, Hans Dippold, zwei Knaben als Repräsentanten des kommenden Geschlechts führend, als Sprecher der Geschichte, Methusalem Müller als Dichter, Friedrich Rochlitz als Componist, Andere als Directoren der Musik, des Gesanges und des Tanzes, Alle geführt von Marschällen und Ehrenbegleitern erschienen. Der Zug ordnete sich in einem Halbkreise um den unter einem Baldachin zwischen den Königlichen Commissarien sitzenden Rector, und die Sprecher hielten ihre Reden. Nachdem die Gesellschaft hierauf sich in den anstoßenden, zum Theil sinnig decorirten Zimmern vertheilt hatte, sammelte sie sich wieder zum Abendessen in zwei Sälen an vier Tafeln, wobei von Heinroth und von Müller gedichtete, von Rochlitz componirte Gesänge, und von Dippold, Ferdinand Hand, Heinroth und Rochlitz ausgebrachte Toaste zur Belebung der Gesellschaft beitrugen. Die Tafel wurde mit dem Gaudeamus und das ganze Fest mit Tanz geschlossen. – Von dem schönen Feste hatte ich häßliche Nachwehen. Es waren 314 Thaler durch die Subscription eingekommen und 435 Thaler (z.B. für Decoration des Locals 150 Thaler) ausgegeben. Als ich nun in einem Circulare den Theilnehmern die Rechnung vorlegte und sie, um das Deficit zu decken, zu einer beliebigen Nachzahlung aufforderte, kamen Gesinnungen zum Vorschein, die der Feier allerdings nicht entsprachen. 34 Theilnehmer, und unter ihnen wirklich reiche Männer, weigerten sich, etwas nachzuzahlen, da die Ordner des Festes die Ausgabe nach der Einnahme hätten einrichten sollen; Einige fügten noch Beschwerden hinzu, als: die ganze Einrichtung sei schlecht, die Wagen seien übermäßig[181]  theuer, die Kutscher grob gewesen; die Besetzung der Aemter und der Tafeln, so wie die Einrichtung der Oekonomie sei willkürlich gewesen u.s.w. Ich wies das Unsinnige dieser Beschwerden in einem neuen Circulare nach und mußte mit einigen Freunden, welche nächst mir die meiste Mühe bei den Anordnungen gehabt hatten, wie billig, die fehlenden 17 Thaler zuschießen, da nur 104 Thaler eingingen.
Fußnoten

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1 Nach Holland. Beziehung auf einen Spaß von der Schule her.

2 Der Organismus menschlicher Wissenschaft und Kunst. Dargestellt von K.F. Burdach. Leipzig bei Mitzky und Compagnie. 1809. XII und 70 S. 8.

3 Erinnerung an die Feier des Säcularfestes der Universität Leipzig am Abende des 4. Decembers 1809. Mit einem Musikblatte. Leipzig in Commission bei Mitzky und Compagnie, 32 S. 8.




6. Der Krieg.










[182] Es gehörte mit zur Eigenthümlichkeit meines mich überall vom Ungemeinen abhaltenden und auf ein gewisses Mittelmaß verweisenden Schicksals, daß ich, der ich bei meinem hohen Interesse für das Geschick der Völker die Ereignisse des Krieges so gern in der Nähe gesehen hätte, immer nur am äußersten Saume seines Schauplatzes blieb und meinem eifrigen Verlangen, dabei auf irgend eine Weise der Sache Deutschlands dienen zu können, durch Gelegenheit zur allerunbedeutendsten Theilnahme gleichsam nur eine Probe von Genugthuung gegeben wurde. Ich sah jetzt wie späterhin den Krieg nur im Kleinen und vermochte meinen guten Willen nur durch Kleinigkeiten zu beweisen; diese aber waren mir, da ich darauf beschränkt war, bedeutend, und so erzähle ich sie denn auch, wie Jeder, der bei einem merkwürdigen Ereignisse, auch nur von der Ferne her, Zeuge war, gern erzählt, wie es ihm erschienen ist.
Bis zur Schlacht von Ulm interessirte ich mich mit manchem meiner Freunde noch auf das Lebhafteste für Napoleon, als den Helden des Jahrhunderts, der die Revolution von ihren Flecken reinigte und ihre Segnungen verbreiten wollte: in seinen Siegen triumphirte ja das Genie über das in thörichter Einbildung aufgeblähte Herkommen und der Fortschritt der neuen Zeit über das Veraltete; in seinem Heere wehte der Geist der Freiheit, vor dessen lebendigem Odem der todte Mechanismus zusammenstürzen mußte. Die Bewunderung seiner Kraft ließ auch seine Gewaltthaten als Maßregeln betrachten, zu welchen er bei der Geneinheit der Menschen gezwungen war, um seine Pläne zum Heile der Welt ausführen zu können, und Deutschland[182]  konnte durch die Wunden, die er ihm beibrachte, zu seiner Verjüngung gelangen.
Das Ende des Feldzuges von 1805 sammt seinen Folgen, den deutschen Königstiteln, dem Rheinbunde u.s.w., öffnete uns die Augen und ließ hinter der Maske des Weltverbesserers den herrschsüchtigen Despoten erkennen. Mit Enthusiasmus sahen wir daher im Herbste 1806 die Rüstungen Preußens und freuten uns über die nothwendige Theilnahme Sachsens; so lasen wir am 9. October voller Hoffnung die preußische Kriegserklärung vom vorigen Tage. Schon am 11. October, es war Sonnabend, wußten wir nicht, wie uns geschah, als am Abende Leute vom sächsischen Fuhrwesen mit verhängtem Zügel von Zeiz her ansprengten; sie hatten, als ein Trupp Franzosen zwischen Zeiz und Gera die Bagage überfiel, die Stränge ihres Gespannes durchhauen und jagten noch durch Leipzig, als ob ihnen der Feind im Nacken wäre, so daß sie uns ein mehr lächerliches, als schreckendes Schauspiel gewährten. Am folgenden Tage wurde die Sache ernster, als einzelne verwundete Dragoner vom Regimente Johann aus dem Treffen von Saalfeld kamen und ihnen Nachmittags Truppe von alten Grenadieren folgten, deren düstere Gesichter den Schmerz und die Scham des besiegten Soldaten ausdrückten und in deren gänzlich heruntergekommenem Zustande man sah, wie schon ein Rückzug von nicht mehr als acht Meilen nach einem verlornen Treffen die Kräfte aufzureiben vermag: wir trösteten uns damit, daß dies einer der im Kriege nicht ausbleibenden partiellen Wechselfälle sei, die auf das Ganze keinen Einfluß haben. – Als ich am 13. October Morgens um 5 Uhr an meinem Fenster stand, sah ich einen in meiner Nähe wohnenden Rathsherrn vom Rathhause her nach Hause gehen: in der Nacht waren 50 französische Chasseurs von Zeiz her nach der Stadt und auf das Rathhaus gekommen, hatten von dem eiligst zusammenberufenen Magistrate 100,000 Franken in Wechseln als Contribution erhoben, als Gratial für sich 200 Louisd'or und einen Schein über den der Stadt Leipzig abgestatteten Besuch sich eben lassen und waren, nachdem sie noch in den Ställen der[183]  Vorstadt sich einige gute Pferde ausgesucht hatten, wieder davon gezogen. Alles war empört über diese Unverschämtheit und nicht minder verwundert, als um 2 Uhr Nachmittags gegen 100 Mann französische Husaren von Lützen her durch die Stadt kamen und neben der nach Zeiz führenden Straße in der Lehmgrube absaßen, indem sie nach allen Richtungen hin Vedetten ausstellten. Sie wurden sogleich ihrem Verlangen gemäß mit Wein und kaltem Braten bewirthet. Ich und Hänsel waren, wie bei den folgenden militärischen Scenen, zugegen. Die Vedetten, in der linken Hand Zügel und Pistole, in der rechten die Weinflasche haltend und unverwandten Auges auf die Landstraße blickend, standen uns nicht Rede; die abgesessenen Husaren hingegen waren nicht zurückhaltend und sagten, sie stünden unter Bernadotte und würden nach acht Tagen in Berlin sein, erzählten dies aber so ernst und ruhig, daß wir uns wunderten, an den Gascognern gar nicht das Aeußere von Windbeuteln zu finden. Um 6 Uhr zogen sie auf der Straße, von wo sie gekommen waren, wieder ab, und nun schien es uns klar, sie waren durch preußische Truppen von ihrem Corps abgeschnitten, wußten jedoch in ihrer Rathlosigkeit sich ganz gut zu benehmen; als sie ihren Weg durch die Vorstadt nahmen, rief die sie begleitende Volksmenge wie auf ein gegebenes Signal: die Preußen kommen! und da die Husaren sich nun sogleich in scharfen Trab setzten, so war für uns die Sache entschieden und wir gingen wie nach einem Siege fröhlich nach Hause. Der Magistrat warnte jedoch am folgenden Tage in einer Bekanntmachung vor ähnlichen Uebereilungen, welche zu einer feindlichen Behandlung Anlaß geben könnten und bedrohte die Theilnehmer an solchen Unruhen mit nachdrücklicher Bestrafung. An diesem Tage hörte man des Morgens von Naumburg her eine Kanonade, die den ganzen Tag über dauerte. Wir waren wieder auf der Landstraße, horchten mit klopfendem Herzen auf den Donner der fernen Schlacht, fanden keinen Reisenden, der uns irgend eine Nachricht darüber hätte geben können, kehrten jedoch Abends beruhigt heim, da der Kanonendonner aus immer größerer Ferne zu tönen schien, wo denn[184]  also die Franzosen auf dem Rückzuge sein mußten. Am 15ten sagte man, Bernadotte sei geschlagen und am 16ten hieß es dasselbe von Murat. An letzterem Tage rückte des Morgens ein preußisches Infanterieregiment, zur Reserve unter Eugen von Würtemberg gehörig, aus Halle kommend, in der Stadt ein, besetzte die Thore und führte Kanonen auf. Wir begrüßten diese erwünschten Gäste mit Herzlichkeit und suchten von den Officieren nähere Kunde über die Verhältnisse zu erhalten, konnten aber nichts erfahren. Abends wurde Generalmarsch geschlagen; das Regiment sollte nach Halle zurück; ich war wieder auf dem Platze, fand die Leute in ernster, düsterer Stimmung, suchte sie durch meine Zuversicht zur preußischen Tapferkeit zu ermuntern, theilte meine Baarschaft aus, ging aber selbst trübe gestimmt nach Hause. Erst am 17ten verbreitete sich die Nachricht, die Preußen seien geschlagen. Es ist kaum begreiflich, wie der Ausgang der acht Meilen von Leipzig vorgefallenen Schlacht drei Tage lang dem hiesigen Publikum unbekannt bleiben konnte, – aber es war so. Hätten die Behörden Nachricht davon gehabt, so wäre die schleunigste Bekanntmachung derselben für Leipzig höchst wichtig gewesen, damit die englischen Waarenhändler ihre Maßregeln darnach hätten nehmen können; übrigens verbreitet sich eine solche Nachricht auch durch noch so fest verschlossene Thüren. Wir lebten in banger Erwartung, als am 18ten (Sonnabend) Nachmittags zwei französische Husaren, die Pistole in der Rechten, unter meinen Fenstern vorbei nach dem Rathhause trabten, um die Ankunft von 42,000 Mann unter Davoust anzukündigen; eine Escadron hielt vor dem Thore; gegen Abend rückten ein Regiment Husaren und zwei Regimenter Infanterie in die Stadt. Ich sah dem Zuge mit Ingrimm zu: die schrillenden Molltöne der Musik, die Mohren mit der großen Trommel und Becken, die Kanonen, an welchen halbe Rinder aufgehängt waren, das wilde Aussehen der Sappeurs mit ihren auf die Brust herabreichenden Bärten und die rohe, räuberische Physiognomie der mit Staub bedeckten Davoustschen Infanteristen, dies Alles zusammen, verbunden mit dem Gedanken, daß die letzte Schutzwehr gefallen sei, machten einen furchtbaren[185]  Eindruck. Die Truppen bivouakirten bei Wachtfeuern auf dem Markte; Davoust nahm sein Hauptquartier auf der Funkenburg und ging am folgenden Tage nach Wittenberg. In der Nacht wurden die Firmas der englischen Waarenhandlungen überpinselt, so wie auf den Comptoirs die Correcturen der Handlungsbücher eiligst begonnen und Briefschaften beseitigt, bei manchen Capitalisten aber die Baarschaften im Keller vergraben. Am 19ten wurde eine Proklamation an den Straßenecken von Leipziger Beamten unter französischem Trommelschlage verlesen und angeschlagen, die so anhebt (das mir jetzt vorliegende Exemplar habe ich des Abends abgerissen):

»Der General Macon, Unter-Gouverneur der Tuilerien, Commandant der Ehren-Legion, Großkreuz des Löwen-Ordens und Commandant der Stadt Leipzig, den Banquiers, Negocianten und Kaufleuten der besagten Stadt.«

»Messieurs, das Glück der Waffen hat Leipzig in die Hände Napoleons des Großen gegeben. Ihre Stadt ist in Europa als eine Haupt-Niederlage englischer Waaren bekannt, und in dieser Hinsicht Frankreichs gefährliche Feindin. Der Kaiser und König befiehlt mir Folgendes.«

Dies bestand in dem Befehle, alle englischen Waaren anzuzeigen, verbunden mit der Ankündigung von deßhalb anzustellenden Haussuchungen und von Beschlagnahme von Militär-Magazinen und Pulvervorräthen u.s.w. – Den ganzen Tag über zogen fliehende Landleute mit ihrer besten Habe und Haufen französischer Soldaten mit Gänsen und Hühnern auf den Bajonetten oder mit geraubten Kleidungsstücken zur Stadt. Die Zeitung vom 20sten klärte uns über das Unglück Preußens auf, wiewohl es uns schwer fiel, den Berichten darüber Glauben beizumessen. – Die Franzosen hielten gute Mannszucht; Macon suchte alle Erpressungen zu verhüten; indeß war er schon kränklich angekommen und die ihm von der Stadt dargebrachten Summen konnten ihr wenig Früchte bringen, da er[186]  schon am 27. October starb. Bei der großen Leichenprocession ging die Universität unmittelbar hinter den französischen Generalen und Adjutanten, und da diese auf dem Rückwege sich dem Zuge nicht mehr anschlossen, so kam der Rector mit den Professoren, unter welchen ich zufällig einer der Ersten war, unmittelbar hinter den französischen Tambours zu marschiren; auch war uns schon auf dem Kirchhofe die Bedeutung unserer Lage recht anschaulich geworden, indem nach der Generalsalve noch einzelne Soldaten die aus der Schlacht ihnen übrig gebliebenen Patronen verschossen, ohne es mit der Richtung des Gewehres so genau zu nehmen, und es war ein Glück, daß wir mit heiler Haut davon kamen.
Der Volksgeist sprach sich auf die unzweideutigste Weise aus, namentlich in Betreff der gefangenen Preußen. Da anfänglich denen, welche nicht in Preußen geboren waren, gestattet wurde, nach ihrer Heimath zu gehen, so nahm ich selbst einen geborenen Oesterreicher in mein Haus, der mir, freilich in seiner naiven Weise, über Alles, was er erfahren, genau berichten mußte. Als späterhin für Gefangene vom Blücherschen Corps Stroh und Holz zum Bivouak auf dem Felde zusammengefahren wurde, entstand ein solch' allgemeines Murren, daß man von dieser Maßregel bald abstand und die Gefangenen in Kirchen einquartierte; hier brachte man ihnen Speisen und Getränke in reichem Maße, besuchte sie zahlreich, unterhielt sich mit ihnen, ihre Tapferkeit anerkennend, und vertröstete sie auf bessere Zeiten; viele Bürger kamen mit Mänteln und darrunter verborgenen Mützen, um beides Gefangenen zu geben, die, damit bekleidet, in ihrer Gesellschaft durch die Wachen entkamen. Das Corps, welches ein Fürst Isenburg vornehmlich aus versprengter Mannschaft des preußischen Heeres für den französischen Dienst gebildet hatte, war allgemein verachtet; die Soldaten des Rheinbundes, die eine völlig undeutsche Gesinnung bewiesen, wurden verabscheut. In welcher Stimmung am Neujahrstage 1807 die Erhebung Sachsens zum Königreiche gefeiert wurde, kann man schon daraus abnehmen, daß in dem von der Universität deßhalb gegebenen Programme gesagt[187]  wurde, »man hoffe, daß Niemand der Eingeladenen, der seinen König redlich liebt, ohne wichtige Abhaltung verfehlen werde, der dem Vater des Vaterlandes geweihten Feier beizuwohnen,« und daß man die Studirenden ermahnte, »während der Erleuchtung der Stadt sich aller zahlreichen öffentlichen Vereinigungen und sonst jeder Veranlassung zu Excessen und Unordnungen zu enthalten«.
Am 20. Juli 1807 wollte Napoleon aus Dresden durch Leipzig gehen und Alles war hier zu seinem Empfange bereit: sehr geschmackvolle Ehrenpforten mit dichtem Laubwerke, eine elegant uniformirte Garde der jungen Kaufmannschaft und Deputationen der verschiedenen Behörden erwarteten ihn. Ich war unter den Deputirten der Universität, welche hier eine Hauptrolle spielen sollte: denn der Professor der Astronomie, Rüdiger, hatte, freilich auf Kosten anderer Sternbilder, dem Kaiser zu Ehren ein neues Sternbild geschaffen und wollte ihm die Zeichnung, die seinem Ruhme einen Platz an Himmel anwies, überreichen. Wir waren den 20. Juli fast den ganzen Tag über bei Ehrhard, der die Anrede an den Kaiser halten sollte, – aber dieser kam nicht. Eben so verstrich der 21ste und 22ste: wir waren fortwährend in unserem Costüme, jeden Augenblick bereit, zu erscheinen, wie denn auch ganz Leipzig feierte und die junge Garde wenig vom Pferde kam. Indessen machten die Ehrenpforten bedenkliche Miene und es mußten Feuerspritzen zu Hülfe genommen werden, um dem verdorrenden Laube sein Scheinleben zu fristen; die Menschen waren nicht weniger abgespannt und suchten die Ruhe. Da kommt am 23sten des Morgens um 4 Uhr der Kaiser unerwartet durch das letzte Dorf vor der Stadt; die daselbst aufgestellte Wache bemerkt ihn nicht eher, als bis der Wagen dicht vor ihr ist und feuert in demselben Momente ihre Kanone ab. Der Schuß, dessen Bedeutung dem Reisenden nicht klar sein mochte, erregte als Signal beim Triumphbogen Allarm und es wurden nothdürftig einige Deputirte herbeigeholt, insbesondere auch der eine in der Nähe wohnende Burgemeister. Dieser geht nach dem vor der Post zum Wechseln der Pferde haltenden Wagen: er sieht den[188]  Kaiser, in einen Winkel gelehnt, ein Tuch über das Gesicht gebreitet, und will herantreten, aber Rustan donnert ihm entgegen: retirez-vous! Die Pferde sind gewechselt, der Wagen rollt fort, und wie er zum andern Thore hinaus ist, beginnt das Festgeläute aller Glocken, die jungen Kaufleute warfen sich aufs Pferd, die Deputirten in ihre Gallatracht, – und Er ist vorüber. Nachdem ich mich beruhigt hatte, dauerte es nicht mehr lange, so meldete mir der Pedell: »Seine Magnificenz lassen bitten, um 10 Uhr ins Thomäsche Haus zu kommen!« Ich hatte so wenig Scharfsinn, daß ich nicht errieth, was diese Einladung zu bedeuten habe: ich glaubte, es sei eine Conferenz im Werke, freilich sonderbarer Weise in dem Hause, welches der König, wenn er nach Leipzig kam, bewohnte und wo auch der Kaiser hatte absteigen sollen. Es galt aber, die Deputirten durch den Genuß der für den hohen Gast bestimmt gewesenen Delicatessen einigermaßen zu entschädigen. Die Gesellschaft war sehr munter und ließ es sich vortrefflich schmecken. Am ergötzlichsten waren zwei Männer, die bei der beabsichtigten Feier im Vordergrunde hatten stehen sollen: der Burgemeister, der die kurze Unterredung mit Rustan gehabt hatte, war überglücklich, daß Alles so gut abgelaufen war, zumal als der Kaufmann Gerhard mit blankem Säbel in gestreckter Carrière ankam und meldete, daß er den Kaiser bis nach Markranstädt begleitet und von da abfahren gesehen habe und trank sich ein kleines Räuschchen; der Astronom aber, im Bewußtsein, dem Kaiser an den Himmel verholfen zu haben, musterte tiefsinnig die Confituren und packte davon fleißig in die weiten Taschen seines altväterischen Rockes, was denn einige Spaßvögel veranlaßte, ihm unbemerkt erst ein halbes Hühnchen, dann etwas Gelée, endlich eine gute Portion Crême in seine gähnenden Taschen zu practiciren. So verbrachten wir einen guten Theil des Tages in Lust und Freude über das glückliche Durchpassiren des zu feiernden Kaisers. Spöttereien konnten nicht fehlen; unter Anderem erschien folgende Parodie des Monologs der Jungfrau von Orleans.


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Der Kaiser kehrt zurück: die Stürme schweigen
Des wilden Kriegs; es folgt Gesang und Tanz;[189] 
Durch Leipzigs Straßen tönt der muntre Reigen,
Die Esplanade prangt in Festes Glanz,
Und Pforten bauen sich aus grünen Zweigen,
Und um die Latten windet sich der Kranz.
Die große Stadt faßt kaum die Zahl der Gäste,
Die wallend strömen zu dem Völkerfeste.
Und einer Freude Hochgefühl entbrennet,
Und ein Gedanke schlägt in jeder Brust;
Was sich noch jüngst in blutgem Haß getrennet,
Franzos und Sachse theilt die hohe Lust;
Wer nur zum rheinischen Bunde sich bekennet,
Der ist des Namens stolzer sich bewußt:
Erneuert ist der Glanz der Kaiserkrone,
Auch Leipzig huldiget Fortuna's Sohne!
Doch Er, der so viel Herrliches vollendet,
Er achtet diesen frohen Jubel nicht:
Gott Morpheus hat ihm Träume zugesendet,
Ein neidisch Tuch bedeckt sein Angesicht.
Die Herzen Aller sind ihm zugewendet
(Die Kürassiere kennen ihre Pflicht);
Der Kaufmann nur muß aus dem Kreis sich stehlen,
Die schwere Schuld des Schlafens zu verhehlen.

Weh mir! ruft er – welche Töne,
Wie erschrecken sie mein Ohr!
Bringt mein Pferd mir und die schöne
Blaue Uniform hervor!
Daß der Sturmwind doch mich faßte,
Trüge mich vors Grimmsche Thor,
O! so käm' ich doch den Andern
Und dem Kaiser selbst zuvor.
Dies Getrommle, dies Getöne –
Ach! es fällt mir schwer auf's Herz,
Denn ich hab' die Zeit verschlafen
Und vergeblich ist mein Sehnen –
Er ist fort! Fließt hin, ihr Thränen!

(Er versinkt in stille Wehmuth.)
Fromme Elle, hätt' ich nimmer
Mit dem Schwerte Dich vertauscht!
Hätt' es nie in Deinem Laube,
Ehrenpforte! mir gerauscht!
Wärst Du nimmer uns erschienen,[190] 
Einziger Napoleon!
Ach! so trüg' ich, Dir zu dienen,
Nicht so bittern Spott davon!

Ja, ich sah im Geist schon offen
Dir ins ernste Angesicht:
Doch im Bette blieb mein Hoffen
Und vor'm Thore war es nicht.
Warum blieb ich nicht im Laden
Beim einträglichen Beruf!
Konnte dieser Scherz gerathen,
Da Gott schläfrig uns erschuf?

Willst Du glänzend Dich verkünden,
Leipzig! wähle die Geschwinden,
Welche stehn im Schilderhaus:
Die Soldaten wähle aus,
Die stets Wachenden, die Braven,
Die nicht gähnen, die nicht schlafen!
Nicht den zarten Stutzer wähle,
Nicht des Kaufmanns müde Seele!

Im März 1808 wurde ich eines Tages eiligst zu Methusalem Müller gerufen: französische Gensd'armen hatten ihn verhaftet und seiner Papiere sich bemächtigt, um sie an die französischen Militärbehörden nach Berlin zu schicken. Erst später erfuhr man den Grund: Müller hatte auf die Aufforderung von August Kuhn, Beiträge für den »Freimüthigen« zu liefern, einen vor mehreren Jahren geschriebenen Aufsatz demselben zugeschickt, ohne ihn nochmals durchzulesen und ohne sich seines Inhalts genau zu erinnern. Der Aufsatz war überschrieben: Nemesis, und endete mit dem Ausspruche, daß, wenn in unserer Zeit ein zweiter Cäsar dem Volke seine Freiheit rauben wollte, auch ein zweiter Brutus nicht fehlen würde. Er hatte dies zu einer Zeit geschrieben, wo nicht im Entferntesten daran zu denken war, daß eine Napoleonsche Behörde ihn deshalb zur Rechenschaft würde ziehen können, und jetzt war er trotz seiner Aengstlichkeit und gewohnten Vorsicht durch Zufall ein politischer Verbrecher geworden, da sein unschuldig gemeinter Aufsatz in Berlin unter den Augen der französischen Behörden[191]  die Censur passirt und gedruckt worden war. Ich und August Mahlmann, als Müllers genaueste Freunde, beriethen uns über die zu ergreifenden Maßregeln, kamen überein, daß derselbe, vor allen Dingen, um ihn vor Transportirung zu sichern, als akademischer Bürger in die Gewahrsame der Universität zu bringen sei, und gingen deshalb zum dermaligen Rector, Professor Ludwig, der auch sogleich Befehl gab, daß Müller ins Carcer abgeführt würde. Froh, meinen Freund fürs Nächste sicher gestellt zu wissen, wollte ich ihn des Abends in seiner neuen Behausung besuchen, wurde aber vom Gefangenwärter nicht zugelassen, was ich um so mehr von einem bloßen Mißverständnisse ableiten zu müssen glaubte, da ich in diesem Halbjahre gerade Beisitzer des Universitätsgerichtes (Concilium perpetuum) war. Zu meinem Erstaunen erklärte mir aber der Rector, dem ich diese absurde Weigerung berichtete, daß zu einem politischen Gefangenen allerdings Niemand zugelassen werden dürfe, worauf ich erwiderte, Müller sei notorisch der ruhigste, politischen Händeln fremdeste Mann, und könne nur vermöge irgend eines Irrthums, nicht wegen eines Verbrechens, verhaftet sein; eine strenge Behandlung, insonderheit die Untersagung eines Zutrittes von mir, als seinem Arzte und Freunde, sei nicht blos ganz unnöthig, sondern bei seiner schwachen Constitution, seiner großen Empfindlichkeit und seiner lebhaften Phantasie auch gefährlich, so daß der Rector dadurch eine schwere Verantwortlichkeit auf sich laden würde. In der am folgenden Tage gehaltenen Sitzung des Conciliums erfuhr ich erst den ganzen Umfang der in Betreff Müllers getroffenen Maßregeln: er solle durchaus Niemanden sehen dürfen, außer, falls er ärztlicher Hülfe bedürfe, den Universitätsphysikus, Professor Rosenmüller, auch sollen ihm Bücher und Schreibmaterialien nicht gestattet sein. Ich war empört über die niederträchtige, knechtische Furcht vor dem französischen Machthaber, welche den Syndikus Bahrdt zu diesen Maßregeln, die von dem schwachen Rector genehmigt worden waren, bestimmt hatte; unterstützt von den übrigen Beisitzern des Gerichts setzte ich es durch, daß dem Gefangenen der Gebrauch von[192]  Büchern und Schreibmaterial, sowie der Besuch von seiner Frau, seinem Kinde und mir gestattet wurde. Der Magistrat und die Kaufmannschaft schickten Schreiben an Marschall Ney, in welchen sie Müllern das Zeugniß eines streng rechtlichen, allen politischen Umtrieben fremden Mannes ertheilten und um seine Loslassung baten; dem sächsischen Ministerium wurde von der Universität und privatim auch von mir über die Sache berichtet. Aber es verstrich eine Woche nach der anderen: die französische Behörde ließ nichts von sich hören, und das sächsische Ministerium rührte sich auch nicht. In jeder Sitzung des Conciliums suchte ich meinem Freunde eine weitere Vergünstigung auszuwirken, namentlich daß er mehr Besuch, insbesondere von Hofrath Mahlmann erhalten und sich Bewegung in freier Luft machen dürfe, da er sonst seiner Gesundheit wegen täglich einen Spaziergang zu machen pflegte; aber wie dringend auch bei dem immer bedenklicher werdenden Gesundheitszustande des Gefangenen meine Anträge waren, sie blieben unerfüllt. Eine deutsche Behörde, und zwar eine akademische, wollte in feiger Unterwürfigkeit ihre Dienstbeflissenheit für den französischen Zwingherrn, der sich den Protector des Landes nannte, dem Verstande zum Trotze aufs Aeußerste treiben, wenn auch Gesundheit und Leben eines ihrer Bürger auf dem Spiele stand. Ich beschloß die Verständigkeit eines französischen Beamten gegen die unverständige und verächtliche Feigheit meines Collegiums zu Hülfe zu rufen, denn ich war so sehr gegen dasselbe erbittert, daß ich seine Erniedrigung durch einen fremden Unterbeamten als eine Genugthuung betrachtete. Ich schrieb also an den Capitain der in Leipzig stationirten französischen Gensd'armen, – er hieß, wenn ich nicht irre, Deshayes, – den ich in der Loge hatte kennen lernen, da er aus allen Umständen wohl ersehe, daß Müller kein Criminalverbrecher sei, und da dessen Gesundheit im akademischen Gefängnisse leide, so möge er die Gewogenheit haben, ihm bloßen Stubenarrest zu geben. Am folgenden Tage – es war Sonntag – wurde eine außerordentliche Sitzung des Conciliums gehalten, in welcher der Rector ein Billet des Capitains vorlas, welches ungefähr so[193]  lautete: »Mein Herr! Ich habe, wie Sie es gewünscht, Ihnen die Aufbewahrung des Herrn Müller anvertraut. Da ich jetzt anders disponirt habe, so bitte ich, mir ihn wieder auszuliefern. Gruß und Achtung.« – »Was soll«, hieß es nun im Concilium, »mit Müllern geschehen? Soll er etwa nach Frankreich transportirt, oder sonst wo vor ein Kriegsgericht gestellt werden?« Ehe wir die Versicherung erhalten, daß er nicht auf solche Weise gefährdet wird, müssen wir seine Auslieferung verweigern: das ist unsere Pflicht, das sind wir dem Könige, dem Lande, unserem Mitbürger schuldig. Zwei Deputirte sollten diese heroische Erklärung dem Capitain überbringen: Professor Diemer und – ich erhielten diesen Auftrag; die übrigen Glieder des Conciliums blieben indeß beisammen. Wir suchten den Capitain auf, und richteten unseren Auftrag aus; er stellte sich, wie ich erwartete, als kenne er mich nicht, und erwiderte übrigens mit großer Artigkeit, er sei erstaunt über die Zumuthung, eine solche Erklärung abzugeben, und könne sich derselben durchaus nicht fügen, da Herr Müller auf Befehl des Marschalls Ney verhaftet worden, von einer anderen Gerichtsbehörde also auch gar nicht die Rede sein könne. Unsere Einwendungen blieben fruchtlos, und so luden wir ihn denn ein, mit uns vor das Concilium zu kommen, was er auch sehr gern that. Das Concilium wiederholte seine Forderung; der Capitain dagegen verweigerte unter den höflichsten Formen jede Erklärung über seine ferneren Dispositionen auf das Bestimmteste, und äußerte, bei aller Achtung für den König von Sachsen müsse er sagen, daß dieser der gegenwärtigen Angelegenheit ganz fremd sei; hier handle es sich um einen Arrestanten der französischen Behörde, die ihn einstweilen in die Gewahrsame der Universität gegeben und ihn jetzt zurückfordere, da sie allein das Recht habe, über ihn zu verfügen; weigere man sich, so werde er es auf der Stelle dem Marschall Ney melden, und einige Tage später werde er dann einige Arrestanten mehr haben. Nachdem dies noch eine Zeitlang hin und her besprochen worden, übergab das Concilium seinen Gefangenen – gegen einen Empfangschein des Capitains! Ich war in der peinlichsten[194]  Lage; mit tiefer Verachtung sah ich auf das Concilium, und konnte vor Scham den Capitain nicht anblicken. Dieser führte Müllern ab und nahm auf der Straße von ihm Abschied mit der Bitte, sich von Leipzig nicht weiter als zehn Meilen zu entfernen. Hiermit hatte die ganze Sache ein Ende, und meine Intrigue blieb verschwiegen. Mein armer Freund aber, der hier von seiner Behörde auf schmachvolle Weise preis gegeben worden war, und nur von einem feindlichen Beamten eine verständige und ehrenhafte Behandlung erfahren hatte, ist späterhin ein Opfer seiner loyalen Gesinnungen geworden: er war nämlich im Jahre 1830 politischer Censor, und da er den Ausbrüchen des Radicalismus die Aufnahme in die Leipziger Blätter versagte, erlitt er vielfältige Anfeindungen, und als man ihm zuletzt in anonymen Briefen drohte, man werde sich an dem, was ihm das Liebste sei, rächen, so sah er darin seine Tochter bedroht, und verfiel darüber in Wahnsinn, in welchem er auch gestorben ist.


Der Haß gegen die französischen Gewalthaber verbreitete sich immer weiter, und machte sich unter dem Volke bei mancher Gelegenheit Luft. So wurde ein französischer Oberst, der, im Schlitten fahrend, einem auf der Straße an einem Wagen beschäftigten Aufläder, da dieser nicht alsbald Platz gemacht, einen Schlag mit der Peitsche gegeben hatte, von diesem und seinen Gehülfen durchgeprügelt; die Franzosen scheuten sich, das Volk aufzubringen, und die Sache blieb ungeahndet.
Die Störung des Wohlstandes durch Einquartierung, Contribution und Handelssperre war freilich ein Hauptgrund zu solchen feindseligen Gesinnungen. Aber bei vielen Sachsen, Gebildeten und Ungebildeten, hatte auch das Gefühl der verletzten Nationallehre vorzüglichen Antheil daran; man vergaß die sonstigen Particularansichten, interessirte sich, dem scheinbar befreundeten Frankreich gegenüber, für Oesterreich und Preußen, und der Sinn für Deutschland, als das gemeinsame Vaterland, wurde immer mehr wach. So wurde man auch mit dem Gedanken einer Theilnahme des Volks an dem künftigen Kampfe gegen die Fremdherrschaft immer vertrauter, und es gab selbst[195]  Hausväter, die zu solchem Zwecke im Stillen sich in Führung der Waffen übten. Verzweigungen des Tugendbundes in den vormals preußisch gewesenen Ländern hatten auch einige Reiser in Sachsen getrieben, aber hier nicht sowohl die Wiederherstellung von Preußens Größe, als vielmehr die Befreiung Deutschlands zum Ziele gesteckt und in überspannten Köpfen rein demokratische Tendenzen angenommen. Deutschland sollte eine Republik werden; auf dem Fichtelgebirge, als seinem Centrum, wo die Flüsse entspringen, die den Rhein, die Elbe und die Donau bilden helfen, wollte man die befestigte Hauptstadt erbauen; dem Könige von Preußen gedachte man die Stelle eines Oberfeldherrn zuzuwenden u.s.w. An diesen Schwindeleien, die mir anvertraut wurden, nahm ich keinen Theil, war aber mit meinem Hänsel bereit, wenn die Zeit käme, für die Befreiung von Deutschland mit zu kämpfen. Wir blickten im Anfange des Jahres 1809 mit frohen Hoffnungen auf die Rüstungen Oesterreichs; jubelnd empfingen wir im April die Nachricht vom Aufbruche seines Heers; mit Begeisterung lasen wir den Armeebefehl des Erzherzogs Karl, die Aufforderung desselben zu freiwilligen Kriegsdiensten und seine Proclamation an die deutsche Nation, wir jauchzten über sein Einrücken in Baiern, über die Fortschritte des Erzherzogs Johann in Italien und über den Aufstand in Tyrol; die Ankunft des Königs von Sachsen in Leipzig am 16. April ließ uns hoffen, daß Dresden bald in österreichischen Händen sein würde; wir erfuhren Dörnbergs Versuch in Hessen; wir erhielten Schills feurigen Aufruf an die Deutschen, und erwarteten sehnlichst seine Ankunft in Leipzig, da seine Mannschaft sich schon bei Schkeuditz gezeigt hatte. Unsere Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Die Niederlagen der Oesterreicher bei Eckmühl und Regensburg wurden am 26. April durch eine Proclamation des Königs verkündet und mit verbissenem Grimme durch eine Illumination gefeiert, wobei eine Fensterscheibe in der Wohnung des Königs eingeworfen wurde. Mit einer Schnelligkeit, als ob sie durch Telegraphen verbreitet wurde, kam die Nachricht von den Schlachten bei Aspern und Eßlingen nach Leipzig, und wurde mit Enthusiasmus[196]  aufgenommen. Daß der König am 13. Juni von Leipzig nach Frankfurt am Main ging, bestärkte unsere Hoffnung einer baldigen Befreiung vom französischen Joche. Die Anhänglichkeit seiner Unterthanen war schon sehr vermindert, und wurde es noch mehr durch sein Patent von Frankfurt den 18. Juni. Nachdem er darin gesagt hatte, er habe seine schon verlorenen Staaten von dem großmüthigen Sieger zurück erhalten, fuhr er fort: »noch theurer sei ihm das dadurch erlangte Glück, da die persönliche Bekanntschaft mit jenem großen Manne zu den Gefühlen der Rührung und Dankbarkeit auch die der aufrichtigsten Bewunderung und Verehrung seiner nie genug erkannten Eigenschaften gesellt habe«; er sprach die Hoffnung aus, »das Vaterland bald vom Feinde befreit zu sehen«, äußerte aber zugleich, daß er wisse, »es gebe in Sachsen noch einige, theils Schwache und Verführte, theils aber auch Boshafte, welche seinem Systeme, seinen Regierungsgrundsätzen, seinen von seinem Standpunkte aus richtigen Ueberzeugungen, nicht allein entgegen denken, sondern auch sich erdreisten, ihnen entgegen sich zu äußern, oder wohl gar ihnen entgegen zu handeln.« Er befahl allen Behörden, auf der gleichen Personen, so wie »auf die Verbreiter von Nachrichten, durch welche wohlgesinnten Bürgern des Staats Besorgnisse erweckt werden, eine verdoppelte Aufmerksamkeit zu richten.« Es war betrübend, von dem früher so aufrichtig verehrten Könige eine Sprache zu hören, die das deutsche Vaterlandsgefühl empören mußte. Um so begieriger faßten wir die Gerüchte über das Vorrücken österreichischer Truppen über die böhmische Gränze auf; die Straße nach Dresden war jetzt täglich mit Leipzigern übersäet, die beim Zusammentreffen, wenn sie mit einander nicht vertraut waren, sagten, das schöne Wetter habe sie zu diesem Spaziergange veranlaßt. Am 22. Juni holte mich Hänsel in aller Frühe ab, um mit ihm Zeuge der erwarteten Ereignisse zu sein, da der österreichische General am Ende und der Herzog von Braunschweig von Dresden her im Anzuge waren. Wir brannten vor Ungeduld, die Kämpfer Deutschlands zu bewillkommnen, ja wir waren nicht abgeneigt, falls die Sachsen die[197]  Stadt vertheidigen wollten, die Bürger zu Oeffnung der Thore aufzufordern. Indeß vermochte das kleine Detachement sächsischer Truppen, welches unter den Mauern der Stadt aufgestellt war, uns keine Besorgnisse einzuflößen, und, gleichgültig bei ihm vorübergehend, blickten wir mit gespannter Erwartung nur in die Ferne; da erschien am Horizonte auf einer kleinen Anhöhe ein Reiter mit einem Fähnchen: es war offenbar ein österreichischer Uhlane, und entzückt drückten wir einander die Hand. Wir gingen weiter; blanke Waffen blitzten hin und wieder in der Morgensonne; endlich zeigte sich eine Abtheilung von der schwarzen Schaar des Herzogs von Braunschweig, die sich vor den Kohlgärten aufstellte, und bald sprengten kleine Truppen hervor gegen die Sachsen an. Wir standen nahe am Wege, dem Geplänkel zuschauend und gingen mitunter auf den Weg selbst, jetzt um den Sachsen, die mit einem gefangenen Braunschweiger zu ihrem Corps zurückkehrten, vorzustellen, daß ein Ehrenmann einen gefangenen deutschen Bruder nicht plündern dürfe; ein anderes Mal, um einem verwundeten Braunschweiger Hülfe zu leisten, der aber leider betrunken war und uns beschuldigte, ihm seinen Säbel gestohlen zu haben. Endlich gingen wir, während das Plänkeln fortdauerte, zu der vor dem Dorfe haltenden Schwadron selbst über, konnten aber mit Begrüßungen und Versicherungen von der Gesinnung der sächsischen Bürger uns nicht lange aufhalten, denn da die übrigen Truppen auf der Dresdener Straße vorrückten, mußten wir eilen, um bei ihrer Ankunft in der Stadt zugegen zu sein. Wir eilten über die Landstraße herüber, bei den auf den Seitenwegen langsam vorrückenden Vedetten vorbei, stiegen unter gegenseitiger Hülfeleistung über die Mauer des Bose'schen Gartens und kamen gerade noch zu rechter Zeit unter das Grimmaische Thor, als der Herzog von Braunschweig an der Spitze seiner Truppen einritt und von Deputationen der Stadt und der Universität erwartet wurde. Die versammelte Menge jauchzte ihm ein Lebehoch zu und ich glaubte, der Erste gewesen zu sein, der seine Stimme dazu erhob; eben so rief dann mit mir die Menge dem Erzherzoge Karl ein Lebehoch. Späterhin fiel mir doch[198]  ein, daß man mir mein Jauchzen über den Einzug eines »Feindes« übel deuten könne; doch ich überzeugte mich bald, daß bei der allgemeinen Aufregung Keiner den Andern beachtet hatte. Ich folgte den Truppen in der Stadt; man hörte vom Ranstädter Thore her, durch welches die Sachsen abgezogen waren, ein lebhaftes Gewehrfeuer; sie hatten die Elsterbrücke, deren voreilige Sprengung dem Rückzuge der Franzosen nach der Leipziger Schlacht so verderblich geworden ist, durch umgestürzte Wagen barrikadirt, und feuerten vom andern Ufer. Ein Braunschweiger Adjutant sprengte bei mir vorüber und rief die Schützen vor. Unter freudigem Hurrah setzten sich diese in raschen Lauf, und hinter ihnen rasselten die Kanonen in scharfem Trabe vorbei. Der Gedanke, daß jetzt Kämpfer für Deutschlands Befreiung Deutschen in ernstem Gefechte gegenüber stünden, erschütterte mich so, daß ich, um mich aufrecht zu halten, an eine Mauer mich lehnen mußte; es war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich erfuhr, wie man sich bei Anwandlung einer Ohnmacht fühlt. Ich schlich nach Hause, sah noch ein Regiment böhmische Landwehr, aus jungen schwächlichen Leuten bestehend, deren Anblick bei dem Gedanken, daß auch sie gegen den mächtigen, schlachtgewohnten Feind fechten sollten, rührend war; dann aber ein Regiment österreichischer Uhlanen, deren kriegerische Haltung wieder Vertrauen einflößte. Am Nachmittage und am folgenden Tage besuchten wir mit meiner Frau das Lager der Oesterreicher. Unsre Freude war von kurzer Dauer. Am 24. Juni Abends traten die Truppen unerwartet ihren Rückmarsch an: trauernd nahmen wir von den Officieren, deren Bekanntschaft wir gemacht hatten, Abschied; den böhmischen Landwehrknaben brachten die Einwohner in ähnlicher Stimmung allerhand Lebensmittel, und luden ihnen so viel auf, als sie nur immer zu tragen vermochten. Am folgenden Tage mußten wir den König Jerome mit einigen Tausend Westphalen und den General Thielemann mit sächsischen Truppen einrücken sehen.

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Am 26. Juli wurde ich in der Nacht durch Schüsse geweckt. Ich wohnte im Bose'schen Garten, und eilte auf die[199]  Treppe eines Lusthauses an der Gartenmauer, von der man auf das Feld sehen konnte. Es waren die Braunschweiger auf ihrem kühnen Rückzuge nach der Küste der Nordsee, denen ein schwaches Corps Sachsen den Weg nach Leipzig versperren zu wollen sich stellte, indem es zurückweichend noch etwas Krieg spielte. Einige Flintenkugeln, die durch das Gebüsch vorüber pfiffen, ruften mich von meiner Warte ab; doch nach Anbruch des Tages war ich bald im Bivouak auf der Promenade am Hallischen Thore, wo der Herzog, nachdem er Ordres gegeben und Rapporte empfangen hatte, ein Kriegsgericht über einen Stötteritzer Gastwirth hielt, der den Braunschweiger Vortrab durch Verleugnung der im Dorfe im Hinterhalte liegenden Sachsen verrathen hatte. Am interessantesten war mir der Augenblick, als ein Landkartenhändler heran trat und der Herzog sich von demselben eine Landkarte geben ließ, in deren Beschauung er eine lange Weile versank: es war die Karte von Niedersachsen. Sonderbarer Weise waren so wenig Neugierige da, daß ich diese Scenen mit Gemächlichkeit ganz in der Nähe ansehen konnte. Am Abende brachen die Truppen nach Halle auf, und ließen den mit der angedrohten Todesstrafe geängstigten und stündlich mit einer Tracht Prügel versehenen Delinquenten laufen.



7. Reise nach Wien.










[200] Im Juli 1810 sollte die goldne Hochzeit meiner Schwiegereltern, die jetzt das Badehaus in Rodaun bei Wien gepachtet hatten, gefeiert werden. Natürlich wünschte ich meiner Frau das Glück, dabei zugegen sein und ihre Eltern und Geschwister wieder sehen zu können; ich selbst hätte auch gern das freundliche Wien noch einmal besucht. Aber wie war das in meiner Lage möglich zu machen? Mein gutes Glück, mein Fleiß und mein leichter Sinn kamen miteinander überein, diese Frage zu beantworten.
Im Sommer 1808 nämlich führte Heinroth den Buchhändler Justus Perthes aus Gotha zu mir, der mir den[200]  Antrag machte, eine Anleitung zur medicinischen Bücherkenntniß für seinen Verlag auszuarbeiten, da Hecker ein solches Buch bei ihm herauszugeben beabsichtigt, aber, nachdem etwa zehn Bogen gedruckt waren, das Unternehmen aufgegeben hatte. Sogleich stand der Gedanke vor mir, daß dies eine zwar mühselige, aber schnell zu liefernde Arbeit sei, die so viel einbringen müßte, um die gewünschte Reise ausführen zu können. Ich versprach, mir die Sache zu überlegen, und schrieb nach einiger Zeit an Perthes, daß ich Heckers Werk, wie dieser es angefangen, nicht fortsetzen könne, wohl aber ein eigenes nach einem Plane, den ich vorlegte zu liefern bereit sei. Perthes war damit zufrieden, und bestimmte ein anständiges Honorar. – Der Mechanismus meiner Arbeit bestand darin, daß ich zuvörderst die literarischen Zeitschriften durchging und den Titel jedes darin angezeigten medicinischen Buchs mit dazu gehörigen Notizen auf ein eigenes Blatt schrieb; so dienten mir für den Zeitraum von 1679-83 die nouvelles découvertes von de Blegny, von 1731-45 das commercium literarium von Trew, von 1744-74 Hallers Recensionen in den Göttinger gelehrten Anzeigen, 1757-90 die Commentarii de rebus in medicina gestis; 1790-1808 die Salzburger medicinische Zeitung; außerdem die unter dem Titel medicinischer oder chirurgischer Bibliotheken von Vogel, Richter, Murray, Tode, Blumenbach herausgegebenen Journale, die Gazette salutaire, das Giornale per servire alla storia etc., Duncans medical commentaries, das Repertorium der Literatur von Ersch und ähnliche Werke. Nachdem so das Material zusammengetragen war, galt es, die Bücher in eine systematische Ordnung zu bringen, was denn allein der einigermaßen unterhaltende Theil der Arbeit war, und hierauf wurden die Werke über gesammte medicinische Literatur von Haller, Kühn und Ludwig, so wie der Katalog der ehemaligen Kappschen Bibliothek durchgesehen und die dabei bemerkten Lücken ausgefüllt. Im Jahre 1809 gab ich den dritten Band de Arzneimittellehre heraus, schrieb die Physiologie, den ersten Band der Encyklopädie der Heilwissenschaft, den Organismus[201]  menschlicher Wissenschaft und Kunst, bearbeitete den siebenten Theil von Bells Chirurgie, las meine Collegia, besorgte meine kleine Praxis, und trieb noch Allotria, wie beim Säcularfeste der Universität: man kann sich denken, wie wenig Zeit mir für dieses Werk über Literatur übrig blieb, und wie sehr ich mich anstrengen mußte, um es zur rechten Zeit beendigen zu können; ich arbeitete mit leidenschaftlicher Hitze, ich möchte sagen: mit Wuth; um nach dem Mittagsessen eine Viertelstunde ruhen zu können, mußte ich meine Schreibereien zudecken, denn ihr Anblick regte mich auf. Am 23. Mai 1810 war das Buch fertig1, und am 27. trat ich mit Frau und Kindern die Reise an. Viele meiner Bekannten fanden es unglaublich, daß ich um der Pietät und des Vergnügens willen mit meiner Familie auf ein halbes Jahr nach Wien reiste, meine Collegia aussetzen, meine Praxis versäumen und meinen Erwerb vernachlässigen sollte, und glaubten an meine Rückkehr nicht eher, als bis sie mich wirklich wieder in Leipzig sahen.
Um recht gemächlich und genußreich reisen zu können, hatte ich einen Lohnwagen bis Wien gemiethet, und mein Vorhaben ging auch ganz in Erfüllung. Wie ich die Stadt im Rücken hatte, athmete ich freier auf: ich mußte aus dem Wagen springen und eine Strecke jubelnd darneben gehen. Nach dem Mittagsessen in Frohburg ließ es uns im Gasthause keine Ruhe: ich ging mit Frau und Kindern eine Strecke voraus bis zu einer Anhöhe, welche die Gegend beherrscht und wo wir uns lagerten. Abends bei guter Zeit in Penig angelangt, bestiegen wir einen Berg am schönen Muldenthale, lagerten uns und sangen im Chore. Und mit gleicher Freudigkeit und Dankbarkeit für unser Glück machten wir die ganze Reise.
In Prag war uns das Wichtigste, in der St. Heinrichskirche an dem Taufsteine, wo meine Tochter getauft, und an dem Altare, wo meine Frau als Wöchnerin eingesegnet worden[202]  war, unser Gebet zu verrichten. Hatte ich hier mit Inbrunst gebetet, so war der Dank nicht minder innig, den wir hierauf der braven Familie des Seilermeisters Wagner darbrachten, die meiner Frau so liebreich beigestanden hatte.
Uebrigens erlebte ich als Schriftsteller ein Paar unerwartete und zum Theil lächerliche Scenen. Zuerst auf der Mauth bewies sich der mein Gepäck untersuchende Beamte sehr freundlich, bedauerte, daß ich erklärt hatte, Bücher bei mir zu haben, musterte sie, und schob mir eines heimlich zu, mit der Aeußerung, das sei verboten, ich solle es verbergen: es war mein unschuldiger Organismus menschlicher Wissenschaft und Kunst. – Sodann kam ich, nachdem ich das Militärhospital und das allgemeine Krankenhaus besehen und die dabei angestellten Aerzte zum Theil kennen gelernt hatte, zum Professor der Chirurgie Fritz; da ich sehr heiser war, so verstand er meine Anrede nicht, sondern hielt mich für einen Patienten, der seine Hülfe suchte, bat mich nieder zu sitzen, und wollte mir in den Mund sehen; als ich mich nun verständlich machte, gerieth der junge, phantasiereiche Mann in die lebhafteste Ekstase: so sehr hatte meine Physiologie, die aufgeschlagen auf seinem Arbeitstische lag, seinen Beifall gefunden. Ich war aber noch viel mehr überrascht, so aufgenommen zu werden, als er es war, in dem heisern Patienten einen ihm bekannten Schriftsteller zu erkennen, denn in meiner Naivetät war es mir nicht im Entferntesten eingefallen, daß ich auf dieser Reise auf Freunde meiner literarischen Thätigkeit stoßen könnte. Uebrigens wurde mir Fritz mit seiner Kunstliebe durch mannichfaltige Mittheilungen sehr interessant, indem er sich besonders hütete, der heilenden Natur durch Afterkunst in den Weg zu treten, aber ihr darum nicht alle Unterstützung entzog.

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Hatte ich in Prag eine vorwaltend militärische Stimmung, feindselige Gesinnung gegen Frankreich und Erbitterung über die Erfolglosigkeit der österreichischen Siege gefunden, so war auch in Mähren und Oesterreich der letzte Krieg der gewöhnliche Gegen stand der Unterhaltung, und es zeigte sich, welch lebhaften Antheil das Volk daran genommen, und mit welch freudiger Ungeduld ihn[203]  Bürger und Bauern erwartet hatten; auf dem Schlachtfelde von Znaim erzählte man mir mit bittrem Unmuthe, wie in dem zweitägigen Kampfe die Angriffe der Franzosen fortwährend zurückgeschlagen worden wären, bis der Waffenstillstand den Vortheilen des österreichischen Heers ein Ende gemacht hätte. Um des grellen Contrastes gegen die herrschende vaterländische Gesinnung willen interessirte mich die Erzählung eines reichen Gastwirths in Iglau, wie er mit den Franzosen sehr zufrieden gewesen sei, da sie das, was sie seinen Landsleuten geraubt, um ein Spottgeld an ihn verkauft hätten; es war ein robuster Mann, und er rühmte sich, daß er einen Räuber, der ihn hatte angreifen wollen, mit gebundenen Armen einige Meilen laufen lassen, ihm dann hundert Stockschläge auf Schenkel und Schienbeine gegeben und ihn endlich gebunden in einen tiefen Graben geworfen habe, wobei er noch bemerkte, er würde ihn ganz anders zugedeckt haben, wenn nicht so viele Menschen zugegen gewesen wären.
Nach meiner Ankunft in Wien ging es natürlich zuerst nach Rodaun, um meinen Schwiegereltern im dasigen Badehause ihre Tochter und ihre beiden Enkel zuzuführen, wodurch die Familie vollständig vereint wurde, da der Sohn vom Hause, mein Schwager, nachdem er seit 1794 alle Feldzüge, zuletzt als Rittmeister, mitgemacht hatte, seit einigen Jahren bei der deutschen Garde in Wien stand. Außer der braven Familie, die nach vielfachem Ungemach sich jetzt so glücklich fühlte, fanden wir hier mehrere Badegäste, die eine sehr angenehme Gesellschaft bildeten, und unter welchen besonders Fräulein Müllbauer durch ihre Geistesbildung hervorragte und unsere warme Freundin wurde. Rodaun selbst, am Fuße eines Bergzuges gelegen, der zu den Wien nach Südwesten in einem Halbkreise umgürtenden und vom Leopoldsberge bis zur Briel sich erstreckenden Bergen gehört, bot durch seine herrliche Lage viel Annehmlichkeiten dar. Indessen verließ ich es bald, da ich mir einbildete, ich müsse auch in Wien recht fleißig sein und die dasigen Anstalten zu meiner Belehrung benutzen. Ich miethete mir also ein Zimmer an der Glacis in der Nähe der Alstergasse,[204]  und fing an, das allgemeine Krankenhaus, den Narrenthurm und die Josephinische Akademie zu besuchen, den Ordinationen daselbst beizuwohnen und dann in meiner Wohnung das Erlernte aufzuzeichnen. Das war eine Art Studentenleben, aber ohne seine heitre Seite. Ich war schon zu sehr an das Familienleben gewöhnt, als daß mir in den unbeschäftigten Stunden die einsame Wohnung nicht hätte Grauen erregen sollen. Eine Zeitlang quälte ich mich mit dem Versuche, meinen Vorsatz durchzuführen, bis ich einsah, daß er meiner Natur widerstrebte und das mir auferlegte Joch abwarf, worin denn auch Hänsel mich bestärkte, indem er mir um diese Zeit Folgendes schrieb: »Weil ich empfinde, was Du empfindest, fühle ich einen Mißklang in mir, wenn ich Deine Briefe kälter und ruhiger finde, als sie in diesen für Dich so belohnenden Augenblicken sein sollten. Wahrlich, giebt es eine Poesie des Lebens, so muß sie sich jetzt in Dir, mein Burdach! aussprechen. Und wie? Nicht in inhaltsleeren Aufwallungen, in Gefühlen, die ihren Gegenstand noch nicht kennen, nur ahnen; nein! in lebendiger Kraft, aufgeklärt durch das Streben des Geistes, befruchtet durch ein nimmer laß gewordenes Handeln, mit einem Worte, wie sie erscheint in einem Genius, der die Bürde, den Schmerz des Lebens gefühlt hat, und durch irdische Qual zu einem reinen Sein durchgedrungen ist.«
Ich lebte nun in der Regel in Rodaun, genoß die Schönheiten der Natur, den Reiz des Familienlebens und die Freuden der Geselligkeit, wobei die wissenschaftliche Beschäftigung für den Augenblick etwas Untergeordnetes war.
Unter den Männern, deren freundschaftlichen Umgang ich zu genießen das Glück hatte, nahm der Graf Karl von Harrach den ersten Platz ein. Er hatte Jurisprudenz und außerdem auch Medicin studirt, und war als Regierungsrath in Prag angestellt worden, hatte aber diese Laufbahn aufgegeben, um sich der medicinischen Praxis zu widmen, und sich dazu unter Frank sowie in Frankreich und England ausgebildet. Während sein älterer Bruder als Majoratsherr seinen großen[205]  Reichthum immer vermehrte – der jüngere Bruder war der Vater der nachmaligen Fürstin Liegnitz – blieb er als Comthur des deutschen Ordens unverheirathet, und verwendete seine mäßigen Einkünfte von 6000 Gulden, um seinem Sinne für Literatur und Wohlthätigkeit zu genügen. Er war kaiserlicher Kammerherr, doch weiß ich nicht, ob er als solcher jemals fungirt hat; dagegen war seine medicinische Doctorwürde kein leerer Titel. Er behandelte aber nur Arme, besonders solche, die von den Aerzten aufgegeben oder vernachlässigt wurden, Krüppel, Gelähmte, Epileptische u.s.w. Die Wirkung der von ihm gegebenen Arzneimittel unterstützte er durch seine Wohlthaten: dem Einen erleichterte er die Last der Sorgen durch Geldgeschenke; dem Andern schaffte er eine gesündere Wohnung; dem Dritten ließ er Wein aus dem eigenen Keller reichen u.s.w. Ich traf ihn oft von einer Schaar chronischer Kranker oder dankbarer Genesener umringt, und sah, mit welch liebenswürdiger Einfachheit er gegen die armen Leute sich benahm; eines Tages meldete man ihm, daß ein ehemaliger Domestik von ihm Schaden genommen habe, und er schickte ihm sogleich seine Equipage. Im Kriege von 1809 widmete er sich anfänglich der Heilung der erkrankten französischen Soldaten mit aller möglicher Hingebung; als aber unter den Oesterreichern, die als Kriegsgefangene nach Wien gebracht worden waren, Krankheiten ausbrachen, lebte er ganz unter ihnen, und kam nicht eher aus dem Krankenhause, als bis er selbst am Typhus erkrankte. Er ließ sich von einem jungen Arzte behandeln und verweigerte jede Consultation; als er nun zu sterben glaubte, besorgte er, daß sein Tod dem jungen Manne zur Last gelegt werden könne; und um ihn für den dadurch möglichen Verlust an Praxis zu entschädigen, vermachte er ihm eine beträchtliche Summe, die er ihm aber auch nach seiner Genesung auszahlte, da es ihm widersinnig dünkte, daß er nur die mißlungene, nicht auch die gelungene Kur so belohnen sollte. – Bei einem hellen Verstande, einer umfassenden Bildung und einer großen Menschenfreundlichkeit betrachtete er das Leben aus einem höhern Standpuncte, und ließ sich über die Widersprüche desselben gern[206]  in sarkastischer Laune aus. Erhaben über seinen Stand, scherzte er oft über die Vorurtheile der großen Welt und über seine eigene Erziehung, die er nur eine Verziehung nannte. Philosophie und Naturwissenschaften machten neben praktischer Medicin seine Hauptstudien aus, und man fand bei ihm immer die neuesten Werke aus allen Zweigen der Wissenschaft, indem er von allen wenigstens Notiz nehmen wollte. Um allen diesen Aufwand bestreiten zu können, mußte er sehr frugal leben; er äußerte einigemal wie im Scherze und in Beziehung auf sich selbst, es sollten für ehrenwerthe Leute, die das Ihrige ausgegeben hätten, eigene Spitale existiren. Eine seiner Sonderbarkeiten war, daß er nie aus der Stadt kam. Die Gräfin Dietrichstein, deren Einladungen, sie in ihrem Sommeraufenthalte nahe bei Wien zu besuchen, er immer ausgeschlagen hatte, ließ ihm eines Tages sagen, sie sei gestorben und er möge zu ihrer Section kommen, denn dieser Einladung könne er gewiß nicht widerstreben. – Seine Freundschaft gehört zu den theuersten Gütern, die mein günstiges Geschick mir zugewendet hat.


Andre werthe Freunde, mit denen ich manchen heitern Tag oder Abend auf dem Lande oder in der Stadt verlebte, waren die Professoren an der Josephinischen Akademie, der Geburtshelfer Wilhelm Schmitt, der Chirurg Zang, dessen Eigenthümlichkeiten damals noch nicht bis zur Bizarrerie gesteigert waren, und Isfordink, mit welchem ich in ein um so innigeres und angenehmeres Freundschaftsverhältniß trat, da sich unsre beiderseitigen Frauen recht herzlich einander anschlossen. Wenn ich zur Stadt kam, benutzte ich das ein für allemal gemachte gastfreundliche Anerbieten des Dr. Friedrich, welcher als Nachfolger seines berühmten Lehrers, Adam Schmidt, einer sehr besuchten Augenheilanstalt vorstand, eine bedeutende Praxis hatte, und seine Mußestunden vornehmlich dem Genusse der Poesie widmete; ich war bei ihm ganz heimisch, und verlebte frohe Tage in seinem Hause.
Unter den damaligen ärztlichen Notabilitäten Wiens machten sich die beiden klinischen Lehrer, Hildebrand und Kern,[207]  besonders bemerklich; ich machte die Bekanntschaft von Beiden, und wohnte ihren klinischen Vorträgen bei, fand mich aber durch sie wenig befriedigt. Hildenbrand war aus Krakau berufen worden, um einen gewissen Beutl zu ersetzen, der, früher in Olmütz, Nachfolger von Frank geworden war, sich aber als untüchtig erwiesen hatte; er bewies eine große Sicherheit in seinem Verfahren, aber der damit verbundenen Ruhe fehlte der Ausdruck geistiger Lebendigkeit, so daß sie in eine gewisse Schläfrigkeit überging, die sich über das ganze Auditorium verbreitete. Größere wissenschaftliche Regsamkeit und gespanntere Aufmerksamkeit herrschte im Hörsaale von Kern, der in seinen Lehren origineller war, indem er gegen die bisherige Künstelei in der Chirurgie eiferte und den Grundsatz hatte, die Wirksamkeit der Natur im Heilungsprocesse nicht zu stören, vielmehr ihn nur durch Wasser, als den indifferentesten Körper, zu unterstützen. So sah ich in seiner Klinik nicht nur die bloß mit kaltem Wasser befeuchteten syphilitischen Geschwüre bei Quecksilbereinreibungen am Schenkel heilen, sondern auch bei zwei Menschen die beim Steinschnitte gemachten Wunden unter Umschlägen von kaltem Wasser ohne weitern Verband verheilen. Wie interessant es mir aber auch war, Augenzeuge davon zu sein, wie weit die Zuversicht zur Heilkraft der Natur gehen darf, so war mir doch Kerns Eitelkeit zuwider, indem er die trivialsten Dinge mit breiter Ruhmredigkeit vortrug und den starken Weihrauchdampf seiner Zuhörer mit Wohlgefallen einathmete. – Von den übrigen Aerzten im allgemeinen Krankenhause lernte ich nur den Dr. Eysel kennen, der mit seinem Vorgänger, Nord, viel Aehnlichkeit hatte.
Ich hörte, daß ein Dr. Zschepold im Fürstlich Lichtensteinschen Palais ein magnetisches Baquet zur Heilung von allerhand Uebeln anwende, ohne etwas Näheres darüber erfahren zu können. Meine Neugierde machte mich zum Zeugen und zugleich zum Gegenstande einer lächerlichen Scene. Ich begab mich zu dem genannten Doctor, und erfuhr von ihm, daß er einen gewissen Chirurgen, gewöhnlich durch Manipulation, sonst aber auch aus der Ferne durch Fixiren mit den[208]  Gedanken und durch die Kraft des Willens in somnambulen Zustand versetzen könne, in welchem derselbe jedoch erkläre, er gebe sich ungern und nur um des Geldes willen (5 Gulden) dazu her. Ich war bereit, die 5 Gulden daran zu setzen, und erhielt ein Billet: »an Herrn Chyrurg Langguth auf der Wiesen im Einhorn.« Ich fand die Wiesen, das Einhorn und den Chyrurgen, einen ziemlich vierschrötigen Menschen; er fragte nach »der Herrschaft,« die ihn sehen wollte, und stellte sich zur bestimmten Stunde mit einem Dr. Lettel bei Zschepold ein. Das Baquet, ein hölzernes Gerüste, auf gläsernen, in eisernen Gefäßen stehenden Säulen ruhend, hatte in seinem mit Eisenblech beschlagenen und mit einer gleichen Thüre versehenen Innern sechs Sitze, von welchen drei hohe eiserne Lehnen, gleich Großvaterstühlen, hatten, über denen von der Decke eiserne Schilder und unter diesen eiserne Ketten herabhingen. Wir setzten uns auf das Baquet, gaben einander die Hände, und ließen nach Vorschrift das magnetische Fluidum von der Linken zur Rechten strömen, indem Jeder mit dem Daumen seiner rechten Hand auf die Spitze des Daumens der linken Hand seines Nachbars zur Rechten tupfte. Nach ungefähr zehn Minuten setzte sich Langguth bequem, machte unvollständige Versuche zu gähnen, schloß die Augenlider und ließ darunter die Augäpfel recht geschickt herum rollen; zugleich gerieth er in Schweiß. Zschepold vollendete nun die Krisis, indem er in der Nähe einige Striche vom Kopfe zur Brust, und durch abwechselndes Beugen und schnelles Ausstrecken der Finger Sparsionen gegen den Kopf machte. Ich setzte mich mit dem Somnambulen in Rapport, und nun begann folgendes Gespräch:
Ich. Wie fühlen Sie sich jetzt?
Er. Ich habe anfangs eine Beklemmung in der Herzgrube, mein Puls ist beschleunigt und zusammengezogen.
Ich. Wie ist jetzt das Verhältniß der Nervenknoten zum Gehirne bei Ihnen?
Er. Reizbarer. Es geht mehr Blut nach dem Gehirne, und mein Gesicht ist daher auch röther.
Ich. Wie verhält sich Ihr jetziger Zustand zum Schlafe?
[209]  Er. Der Schlaf ist bloß körperliche Ruhe.
Ich. Was geschieht für eine Veränderung in Ihren Nerven, wenn Sie einen äußen Eindruck percipiren?
Er. Es ist dies wie ein Antupfen.
Ich. Was spricht jetzt aus Ihnen? Geist, Seele oder körperliches Gemeingefühl?2

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Er. Der Geist.
Ich. Kann der Geist selbstständig existiren ohne Körper?
Er. Der Körper existirt nicht ohne Geist, und der Geist nicht ohne Körper.
Ich. Die Seele erlischt bei dem Tode?
Er. Nein, die Seele ist eigentlich das unsterbliche Wesen.
Zschepold, der sich bisher sehr zufrieden bewiesen hatte, wurde etwas verlegen, wiederholte die Frage, indem er sie etwas anders stellte, und als der Somnambule auf seiner ketzerischen Behauptung beharrte, meinte er, Einige nähmen Geist und Seele auch in umgekehrter Bedeutung wie Andre.
Ich. Wie ist mein Gesundheitszustand?
Er. Melancholisches Temperament, etwas schwache Brust, reizbare Nerven, Anlage zu Gallenstoff. Sie haben in der Jugend viel gesessen, und müssen sich deshalb mehr Commotion machen.
Ich wußte nun mehr als genug. Zschepold fragte noch allerhand, unter Andrem: »wird meine Reise glücklich sein? Wird nicht etwa meine Gesundheit Schiffbruch leiden?« Antwort: »Ach! Sie haben ja einen guten Wagen.« Nach Aufhebung des somnambulen Zustandes und Empfang des Honorars machte sich Langguth schnell davon; meine Langmuth hielt aber noch eine Weile aus, als Zschepold mir erzählte, daß er nach der Anweisung von Somnambulen mit vieler Mühe das Baquet errichtet habe, daß die Somnambulen das circulirende magnetische Feuer sähen u.s.w. Den meisten Spaß hatte mir der Ausspruch über meinen Gesundheitszustand gemacht.[210] 
Ein fröhlicher Abend brachte mir ein andres Beispiel meiner Gutmüthigkeit zum Bewußtsein. Ungeachtet ich nämlich mich immer modern kleidete, war es mir doch nicht in den Sinn gekommen, den Zopf abzulegen, da ich einen sehr armen Friseur hatte, den abzudanken ich für ein Vergehen gehalten hätte, und den ich ohne Zopf doch gar nicht brauchen konnte. Als mich nach meiner Ankunft in Wien ein junger Arzt im Krankenhause gesehen, hatte er auf die Frage eines Andern nach meinem Aussehen geantwortet: »er hat einen Zopf.« Nun hatte ich in Gesellschaft meiner Frau, meiner Schwägerin und des Fräuleins Müllbauer einen herrlichen Tag auf einer Bergwanderung über Hitzing, Kahlenberg und Leopoldsberg zugebracht, und wir saßen Abends im Kloster Neuburg im Keller. Da that der alte Oesterreicher seine Wirkung, und die Frauen brachten in ihrem Muthwillen die Rede auf meinen Zopf: sie führten mir zu Gemüthe, daß ich meine Berühmtheit nicht im Zopfe suchen dürfe, und da es mir nun klar wurde, daß ich ihn wirklich entbehren könne, so gelobte ich feierlich an, daß er am folgenden Tage fallen solle. Die Frauen waren übrigens gleich mir sehr munter, so daß sie, als wir in Wien aus dem Wagen stiegen, den Fiacre fragten, wo er zu finden sei, denn er habe sie so vortrefflich gefahren, daß sie künftig keinen andern Fiacre haben wollten.
An 31. Juli wurde die goldne Hochzeit meiner Schwiegereltern gefeiert. Ich war dabei Festordner, Decorateur, Redner und Dichter. Die Feier war, wie mich dünkt, recht sinnig, und machte auf die anwesenden Gäste einen guten Eindruck; eine ausführliche Beschreibung davon gab ich auf Verlangen in den »vaterländischen Blättern für den österreichischen Kaiserstaat« vom 14. September 1810. Einige Tage darauf überbrachte ein Kammerherr dem Jubelpaare ein Paar goldne Medaillen vom Kaiser. Meine Schwiegereltern erhielten die Erlaubniß, dem Kaiser ihren Dank persönlich abstatten zu dürfen, mein Schwager begleitete sie, und ich schloß mich ihnen an. Am 23. August fuhren wir zusammen nach Laxenburg, wo wir Audienz erhalten sollten. Während der Kaiser in seinem Kabinet[211]  mit dem Grafen Wrbna arbeitete, unterhielt uns in dem unmittelbar daran stoßenden Vorzimmer der Leibbüchsenspanner auf die freimüthigste Weise und ohne die Stimme zu dämpfen über die kaiserliche Familie; besonders sprach er seine Unzufriedenheit mit der Erziehung des Kronprinzen im Sinne eines Büchsenspanners auf das Lebhafteste aus, und meinte, wenn der künftige Regent, anstatt sich beim edeln Waidwerke Rüstigkeit zu erwerben, immer nur unter geistlichen Herren im Zimmer hockte, so sei das ganz verfehlt. – Der Kaiser empfing uns mit der ihm eigenen Leutseligkeit, wünschte den Eltern Glück, erkundigte sich nach einigen Umständen ihres Lebens, erinnerte sich, sie vormals auf dem Leopoldsberge gesehen zu haben, richtete einige Fragen an mich, und billigte es, daß ich zu diesem Feste gekommen sei. – An demselben Vormittage war Probe zu einem Turniere, welches dem bevorstehenden Geburtstage der Kaiserin zu Ehren gegeben werden sollte, und wir sahen von der Gallerie der Rennbahn zu. Die Ritter, in bürgerlicher Kleidung, mit Lanzen bewaffnet, waren der Kaiser, die Erzherzöge und einige junge Männer von hohem Adel. Sie ritten zuerst einzeln herein und in der Bahn herum; da außer uns fast gar keine Zuschauer zugegen waren, so bemerkte uns der Kaiser im Vorüberreiten und grüßte freundlich herauf. Sie bildeten dann vier Quadrillen; in der ersten war Erzherzog Karl der Führer, und es war komisch zu sehen, wie der neben ihm reitende Kaiser auf ihn genau Acht gab, um die Manoeuvres mit der Lanze im rechten Tempo zu machen. – Von der Ungezwungenheit am Hofe sah ich in Laxenburg noch ein andres Beispiel: auf einem Spaziergange im Parke begegnete mir die Kaiserin in Begleitung einiger Herren; Baron Stifft, der unter ihnen war, erkannte mich, da ich ihn in Wien besucht hatte, und verließ die Gesellschaft, um einige Worte mit mir zu wechseln.
Napoleon hatte beim Abschiede von Wien durch Sprengung eines Theils der Wälle ein Andenken hinterlassen und dadurch die an dieser Stelle späterhin erfolgte Anlage des sogenannten Volksgartens vorbereitet; außerdem waren keine Veränderungen[212]  sichtbar, auch sonst nicht merklich. Die Schrecken der angedrohten Beschießung der Stadt hatten bei einigen empfindlichen Personen Nervenleiden hervorgebracht; aber in Sitten und Gesinnungen war durch den Krieg nichts verändert worden. Die Wiener Bürger hatten sich unter dem Drucke der siegenden Feinde durchaus ehrenhaft benommen; auch die Vermählung Napoleons mit Marien Louisen hatte keine andere Stimmung hervorgerufen, und ich hörte noch sagen, es sei immer Schade, »daß das saubre Maderl an den rußigen Buben gekommen sei«. Nur eine Spur des Continentalsystems, das aber hier eine eigene Form annahm, erinnerte an Napoleons Herrschaft. Die österreichische Regierung hatte 1808 die Aerzte aufgefordert, ihre Erfahrungen über inländische Arzneimittel, welche die Stelle von ausländischen vertreten können, bekannt zu machen und dabei mehrere der letzteren, unter Andern auch Quassia, Senega, Serpentaria und Zitwersamen für ganz entbehrlich erklärt. Nur im Fortschreiten auf dieser Bahn konnte das Continentalsystem hier vollzogen werden, da Oesterreich bei seiner ausgebreiteten Industrie die englischen Fabrikwaaren entbehren konnte und ihre Einfuhr längst verboten war. So kam denn während meines Aufenthaltes in Wien eine monströse Verfügung heraus: Verbot des Kaffees. Von einem bestimmten Tage an sollte der öffentliche Verkauf desselben aufhören und der noch übrige Vorrath an die kaiserlichen Magazine abgeliefert werden; künftig solle man nur in den Apotheken, und zwar nur auf ärztliche Verordnung, Kaffee kaufen dürfen. Acht Tage lang vor dem bestimmten Termine sah man nun die Einwohner wenigstens auf einige Zeit sich damit versorgen: alle Commis in den Materialwaarenhandlungen hatten bis spät in die Nacht mit dem Verkaufe zu thun; da in den Läden der Platz nicht hinreichte, so standen die großen Kaffeefässer auf der Straße, aus denen, da das Wägen zu lange dauerte, der Kaffee nach dem Maaße verkauft wurde. Auf den Kaffeehäusern erhielt man aber unter dem Namen: Surrogat, den besten Kaffee.
Um mir die Thaten der deutschen Kämpfer von 1809 soviel[213]  wie möglich zu vergegenwärtigen, machte ich unter Andern die Bekanntschaft von Hormayer. Zuerst suchte ich ihn auf seinem Sommersitze im Kloster Neuburg vergeblich, da er gerade auf die Berge gegangen und es, wie man mir sagte, in solchem Falle ganz ungewiß war, wann er zurückkehren werde. Ich sprach ihn nachher in einer bedeutungsvolleren Umgebung, – im kaiserlichen Archiv, wo er mir eine lebhafte Schilderung vom Kampfe in Tirol machte und es unter Andrem rühmte, daß der Aufstand in Deutsch-Tirol ein volles Jahr vorher vorbereitet worden war und kein Verräther sich gefunden hatte. – Auf einem andern Wege bekam ich mehrere Originalbriefe von Andreas Hofer in die Hände und nahm davon Facsimiles, die ich meinem Hänsel mitbrachte; leider besitze ich keine Abschrift davon.
Kurz vor meiner Abreise im October besuchte ich noch das Schlachtfeld von Aspern und Eßlingen, ließ mir von den Bewohnern der Umgegend, die beim Anfange der Schlacht noch einheimisch gewesen waren, beschreiben, wie sich ihnen die Ereignisse dargestellt hatten; suchte dann Bauern von Aspern auf, die in einem von meinem Schwager geführten Bataillon der Landwehr auf ihrem eigenen Grund und Boden gekämpft hatten und sammelte von den Ueberbleibseln französischer Montirungs- und Bewaffnungsstücke, die noch zwischen der Donau und den Dörfern in Menge zerstreut lagen, einige Reliquien für meinen Hänsel.
Fußnoten

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1 Die Literatur der Heilwissenschaft. Von K.F. Burdach. Gotha bei Justus Perthes. I. Bd. XVI und 662 S. II. Bd. VIII und 972 S. 8.

2 Zschepold hatte mir gesagt, sein Somnambuler nehme gleich Andern außer der Seele einen unsterblichen Geist an.




C. Drittes Stadium.
(1805 bis 1810.)













1. Familienleben


2. Meine Wirksamkeit


3. Literarische Betriebsamkeit


4. Amtsbewerbungen


5. Geselliges Leben


6. Der Krieg


7. Reise nach Wien






1. Berufung.










[215] Ich kam Ende Octobers nach Leipzig zurück und fing meine Vorlesungen sogleich wieder an, die letzten in Leipzig, denn in diesem Winterhalbjahre entschied sich mein Schicksal. Nämlich am 27. Januar 1811 fragte Professor Rosenmüller bei mir an, ob ich die durch Isenflamms Abgang vacant gewordene Professur der Anatomie, Physiologie und gerichtlichen Medicin in Dorpat übernehmen wolle, in welchem Falle er, dem sie angetragen worden sei, mich in Vorschlag bringen werde. Natürlich nahm ich sein freundschaftliches Anerbieten mit der herzlichsten Dankbarkeit an, und nachdem er deßhalb die nöthigen Schritte gethan, schrieb ich an den Curator der Universität, General Klinger, daß ich bereit sei, die Professur bei einem Gehalte von 3000 Rubel anzunehmen. Der Professor Grindel, als damaliger Rector, antwortete mir, daß kein Professor in Dorpat mehr als 2500 Rubel erhalte, eine Familie bei diesem Gehalte anständig leben könne, indeß nach den Statuten eine Erhöhung des Gehalts im Jahre 1812 mit Sicherheit zu erwarten sei; übrigens meldete er mir, daß ich vom Conseil gewählt sei und daß es nur noch auf meine bestimmte Zusage[215]  ankomme, um die Bestätigung des Ministers sammt dem Passe zu erhalten. Professor Deutsch, als damaliger Decan der medicinischen Facultät, meldete mir die Wahl amtlich und fügte hinzu: »so sehr ich es als Ihr künftiger Facultätscollege wünsche, daß es Ihnen conveniren möge, diesen Ruf anzunehmen, so sehr scheue ich mich auch, durch Ueberredung oder erregte Hoffnungen Sie bestimmen zu wollen«. Das klang nun freilich unheimlich, auch hatte Isenflamm auf seiner Durchreise durch Leipzig sich sehr unzufrieden mit Dorpat geäußert; doch ich mußte es schon wagen und gab dem Rector Grindel meine Zusage. Dieser fing seinen nächsten Brief mit den Worten an: »Empfangen Sie unsern innigsten Dank für Ihren festen Entschluß, zu uns zu kommen. Sie gehören uns und wir freuen uns, Sie bald in unserer Mitte zu sehen«. – Ich kam nun um Entlassung aus meinen bisherigen Amtsverhältnissen ein und schloß mein deßhalb an das Ministerium gerichtetes, Schreiben mit den Worten: »Nie wird es den sächsischen Akademieen an Männern fehlen, welche an Kraft mich übertreffen; mögen diese Institute auch viele Häupter zählen, die an reinem Sinne und redlichem Willen für Wissenschaft und Vaterland mir gleich sind!« – Der Minister Graf Hohenthal antwortete: »Recht von Herzen bedaure ich, daß der Drang der Umstände Ew. Hochedelgeboren nöthigt, Leipzig mit Dorpat zu vertauschen. Lipsia vult expectari ist ein altes Sprüchwort. Möchte es sich doch nicht an Ew. Hochedelgeboren bestätigt haben! Mein Vaterland und die Universität bedaure ich, daß Letztere Sie nicht mehr besitzen soll« u.s.w. Dem Oberhofprediger Reinhard war ich es schuldig, meinen Entschluß vor ihm besonders zu rechtfertigen und schrieb ihm unter Anderem: »Die Art, wie ich seit zwölf Jahren meine Laufbahn als akademischer Docent unter Ihren Augen verfolgt habe und der Sinn, der sich in meinen Schriften ausspricht, bewähren es, wie mich dünkt, daß weder eine glänzende Carrière, noch Erwerb von Mitteln sinnlichen Genusses den Zielpunct meiner Thätigkeit ausmacht. – Um aber meinem Ideale näher kommen zu können, verlange ich die Freiheit und Selbstständigkeit[216]  in meiner bürgerlichen Existenz, die mir gegenwärtig nicht zu Theil wird. Ich habe keinen Amtsgehalt vom Staate, der mich in den Stand setzt, für ihn und für höhere Zwecke frei zu wirken, sondern beziehe nur einen Gnadengehalt, der mir kaum den Boden sichert, den ich bewohne; so habe ich den Schmerz, in meine wissenschaftlichen Bemühungen überall ökonomische Hinsichten einmengen, oft flüchtig da vorüber gehen zu müssen, wo mein Geist tiefer einzugehen lechzt und es nie zu einer vollkommen freien Gestaltung dessen, was in mir lebt, zu bringen. Aber nicht bloß ökonomische Sicherstellung ist es, was ich begehre: auch diejenige bürgerliche Achtung im Staate, welche meinem Streben nach dem Höhern entspricht, gehört zu den Bedingungen meiner Selbstständigkeit. Ich will wirkliches Glied sein des Körpers, für den ich zunächst wirke, will die Rechte genießen, die der Staat denen ertheilt, die dem Fortschreiten der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Bildung künftiger Staatsbürger ihr Leben widmen. Wer mag mich tadeln, daß, nachdem ich zwölf Jahre für die Akademie gewirkt, nachdem ich in diesem Zeitraume zwar noch fern von meinem Ziele geblieben bin, aber mehr geleistet habe, als Viele, die nach mir diese Laufbahn betraten und bereits auf dem Puncte stehen, den ich vom Staate mir wünsche, – daß ich jetzt nicht mit Hoffnung mich begnüge, sondern nach Wirklichkeit trachte? Die bedeutendsten Jahre meines Lebens sind herangerückt, in welchen die Bildung meines Selbsts frei fortschreiten muß, wenn ich nicht umsonst gelebt haben will. – Mein Vaterland Sachsen kann gegenwärtig eine angemessene Lage mir nicht gewähren. – Das größere Vaterland, das ich habe und dessen Gränzen alle die Länder umfaßt, in denen die wissen schaftliche Cultur des Zeitalters verbreitet ist, weist mir einen anderen Platz an.« – Der Ton in diesem Schreiben beruhte eigentlich auf dem Unwillen darüber, daß die hohen Staatsbeamten, welche der Universität mehr Mittel wünschten, es unterließen, auf deren Gewährung beim Könige zu dringen, weil sie in hergebracht knechtischer Gesinnung die Unzufriedenheit des »Herrn« dadurch zu erregen fürchteten.[217] 
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Ich war in lebhafter Aufregung. Vom Grabe meiner Eltern und meiner Tochter so wie von meinem Hänsel mich trennen zu müssen, war schmerzlich; doch das Gefühl des Glücks, fortan frei wirken zu können, war überwiegend. – Ein braver, junger Mediciner, Namens Pietsch, aus Schönberg, erbot sich, als Amanuensis mit mir zu gehen, und da sein Vater einwilligte, nahm ich sein Anerbieten mit Freuden an, wie er mir denn sowohl auf der Reise als auch in Dorpat sehr nützlich geworden ist. – Am 9. August verließen wir meine Vaterstadt; Hänsel begleitete uns eine halbe Meile weit; auf einer Anhöhe trennten wir uns; der Abschied war stürmisch: es war, als wüßten wir, daß wir in diesem Leben nie wieder zusammen kommen würden.
In Berlin blieben wir vier Tage. Ich besuchte die Thierarzneischule, auf deren anatomischem Theater ich nicht viele, aber einige recht hübsche Präparate vorfand. Die Waltersche Sammlung konnte ich nicht zu sehen bekommen. Auf der königl. Bibliothek vermißte ich einen allgemeinen Katalog, Numerirung der Bücher und eine übersichtliche Ordnung; das naturwissenschaftliche Fach war sehr schwach besetzt, indem, wie man mir sagte, die meisten dahin gehörigen Bücher in die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften gekommen waren. – Ich wohnte einem klinischen Vortrage des Prof. Fritze in der Charité bei. Er nannte sich einen Eklektiker, ließ aber den Stollianer überall hervorblicken und gab einiges Absonderliche zum Besten, wie er denn bei einer galligen Pneumonie es aussprach, das erste Blasenpflaster müsse unterhalb der schmerzhaften Stelle, das zweite oberhalb und das dritte auf derselben applicirt werden. Er fragte seine Zuhörer zuweilen, und wenn sie etwas wußten, so antworteten sie im Chore. Uebrigens war in den Krankenzimmern die Luft sehr unrein; eines mit drei Fenstern faßte zwölf Betten; mehrere Kranke, besonders Melancholische, lagen in Zimmern mit frisch gemauerten, noch nicht mit Kalk beworfenen Mauern. – Prof. Gräfe ersuchte mich, ihn zur Professur der Chirurgie in Dorpat vorzuschlagen; ich erkannte meinen Mann und sagte, wenn er seinen Wunsch, dieselbe anzunehmen,[218]  mir schriftlich erklärte, so würde ich nicht unterlassen, davon Gebrauch zu machen. Mehr befreundete ich mich mit Rudolphi, in dessen zootomischer Vorlesung ich hospitirte, und Rosenthal; mit Beiden verlebte ich einen interessanten Abend.
Beim Blättern in dem nach den Ständen geordneten Adreßbuche fand ich hinter den Schriftsetzern auch die Schriftsteller Berlins aufgeführt, und unter diesen auch den Oberst Boguslawski, Verfasser des Xantippus. Da ich dies von der reinsten Vaterlandsliebe begeisterte und auf Ermuthigung von Preußens Kriegern in der damaligen Zeit berechnete epische Gedicht mit großer Theilnahme gelesen hatte, so suchte ich den Dichter auf. Die Entrée und der alte dienstthuende Dragoner, der mir wie eine Reliquie aus dem siebenjährigen Kriege vorkam, ließen mich schon befürchten, daß ich mich zu irgend einem alten martialischen Prosaiker verirrt hätte; doch ich war wirklich bei dem Dichter und fand an ihm den liebenswürdigen, fein gebildeten und gemüthlichen Mann, wie ich mir ihn gedacht hatte.
Auf der weiteren Reise kamen wir unglücklicher Weise zu spät am Abende nach Küstrin, wo die Thore der Festung schon gesperrt waren, so daß wir in der Vorstadt übernachten und am folgenden Morgen die Salven und die Militärmusik der französischen Besatzung zur Feier von Napoleons Geburtstage anhören mußten. Mir that es in diesem Augenblicke wohl, mich als Bürger eines Staats zu fühlen, der von keinem fremden Eroberer unterjocht war, und als Deutscher freute ich mich, daß auf dem Markte, wo die große Militärmusik aufgeführt wurde, kein einziger Bürger zu sehen war.
Wir erreichten Königsberg kurze Zeit nach dem großen Brande. Die von Dünsten verhüllte Sonne erschien wie eine gelbe Scheibe und bei dem traurigen Anblicke der in Trümmern liegenden Vorstadt machte sich die sengende Hitze dieses Kometenjahres, durch welche eben die Feuersbrunst veranlaßt worden war, nur noch merklicher. Wie man nun geneigt ist, einen Gegenstand nach dem momentanen Eindrucke, den er auf uns[219]  macht, zu beurtheilen, das Oertliche mit dem Zeitlichen zu verwechseln und den gegenwärtigen Zustand eines Ortes als seine bleibende Beschaffenheit zu betrachten, so erschien uns auch Königsberg düster und widrig und wir äußerten uns, daß wir hier doch nicht leben möchten; – drei Jahre später fühlten wir uns sehr glücklich, zu den hiesigen Einwohnern zu gehören. Ich machte nur die Bekanntschaft der Professoren Remer und Kelch; von Letzterem suchte ich die Erlaubniß, das anatomische Theater zu sehen, vergeblich nach; unstreitig schämte er sich des dürftigen Zustandes, in welchem es sich noch befand. Die gegen funfzehn Meilen lange kurische Nehrung zwischen Königsberg und Memel war damals noch viel öder, als sie es jetzt ist, und eine reine Sandwüste, gegen welche die trostlose Tuchelsche Haide anmuthig erschien. Auf dem größten Theile derselben erblickte man nur Sand und Wasser, keine Spur von Vegetation, außer Möven und Libellen kein Thier; ich stieg auf den Kamm des Sandgebirges, welches sich längshin zieht, und sah so zugleich links die Ostsee, rechts das kurische Haff; wir mußten fünf Pferde nehmen und mit diesen kamen wir nur dadurch etwas rascher fort, daß wir mit den Rädern der einen Seite im Saume der See auf dem feuchten Sande fuhren; einige Stationen bekamen wir gar nicht zu sehen, indem zu Ersparung des Weges der Postillon mit den Pferden dahin ritt, um abgelöst zu werden, indeß wir am Strande auf frische Pferde warteten. Mehr als merkwürdig war uns der Mangel an Nahrungsmitteln: auf den meisten Stationen war nur Brod und Wasser zu haben, aber Beides war als das, was es sein sollte, nicht zu erkennen: das aus gestampftem Roggen gebackene Brod bestand aus Klumpen, die beim Drücken Wasser in Tropfen gaben, mit Spelzen gemengt, und das Wasser war undurchsichtig, braungelb. Nachdem wir den ganzen Tag geschmachtet hatten, brachte uns am Abende Pietsch, der mit dem Postillon und meinem älteren Sohne nach der Station geritten war, Weißbrod, reines Wasser und Milch. Das war ein Jubel! Auf einer uns von Isfordink in Wien geschenkten Maschine wurde Kaffee gekocht und unter Abfeuern meiner Doppelpistolen[220]  fröhlich verzehrt. Ein junger Postschreiber war mit den Pferden von der Station gekommen und erklärte auf meine Bemerkung über die furchtbare Oede, er lebe in einem recht interessanten Verhältnisse, denn von Zeit zu Zeit kämen Reisende vorbei, die er zu sehen Gelegenheit erhielte, und im Winter gehe er auf die Jagd, da auf dem gefrornen Haff sich öfters Hasen sehen ließen. Ich freute mich über die Genügsamkeit, in welcher er mich noch weit übertraf, wenn er nicht etwa was verschwieg, das für ihn noch interessanter war, als die Reisenden und Hasen.


Am folgenden Nachmittage kamen wir über die Gränze und hörten nicht ohne einige Beklemmung den verhängnißvollen Schlagbaum hinter uns zufallen. Der Gränzort Polangen war mir grauenvoll: denn außer den habsüchtigen Zollbeamten umgab uns eine Schaar Juden, die des Schmuggelns wegen hier lebten, mit gierigen Blicken; meine Hausapotheke fiel ihnen zuerst auf, und da nun Jeder sogleich etwas zu klagen hatte, so glaubte ich wohlfeilen Kaufes wegzukommen, indem ich Arznei austheilte; doch genügte das nicht und ich mußte mich von den Plackereien doch noch mit Baarem loskaufen.
Zwei Tage später kamen wir nach Riga, wo wir aus purer Oekonomie in einem Privathause abstiegen und stärker geprellt wurden, als im ersten Hotel. Ein Diner in einem Kaufmannshause, an welches ich adressirt war, bot wenig Interessantes dar; desto wohler befanden wir uns im Hause des trefflichen Predigers Collins.
Der Anblick der Bauern, insbesondere der esthnischen Postillons in dunkelbraunen Kutten, mit lang herabhängenden Haaren, statt der Strümpfe und Stiefeln Lappen und Bast um die Füße gewickelt, war nicht tröstlich. Bald lernten wir die Jämmerlichkeit, zu welcher diese Menschen durch den Druck der Sklaverei herabgesunken waren, näher kennen. Aus Mitleid gab ich ihnen verhältnißmäßig große Trinkgelder und sah zu meinem Erstaunen, daß sie mit Achselzucken in demüthiger Stellung um mehr bettelten; da versuchte ich es, ihnen ein Paar Kopeken zu geben, und wenn ich auf ihr Betteln dann noch[221]  einige Kopeken zulegte, waren sie eben so froh, als da ich ihnen fünfmal soviel gegeben hätte. – Eines Tages vermochte der Postillon nicht, uns einen Hügel herauf zu fahren, holte Vorspann aus dem nächsten Dorfe und fand uns schon oben, da wir unterdeß die Pferde mit Leichtigkeit heraufgetrieben hatten; nach einer Weile kamen wir wieder an einen Hügel, und der Postillon, der sich wieder nicht helfen konnte, mußte, während Pietsch vom Sattelpferde aus flink herauffuhr, sich auf den Bock setzen, wo er nun in sicherer Erwartung tüchtiger Prügel sich wie ein Wurm krümmte, als ob er an Kolik litte, um unser Mitleid rege zu machen.
Indessen ließen wir uns nicht verstimmen: war uns ja doch der Hafen geöffnet, der uns vor den Stürmen, dergleichen wir bisher ausgestanden, bergen sollte. Und unser Muth wurde besonders durch einen Unfall gestärkt. Ich hatte einen Brief von Methusalem Müller an einen seiner Freunde, Herrn von Mengden, in Walk abzugeben. Als wir dahin gekommen waren, ließ ich den Wagen vor dem Städtchen halten und ging, meinen Auftrag auszurichten, fand einen Mann dieses Namens, aber nicht den, an welchen der Brief gerichtet war, und während des Gespräches steckte ich meine Brieftasche in der Zerstreuung statt in die Brusttasche, in die gewöhnliche Rocktasche. Zu meinem Wagen zurückgekehrt, setzte ich mich auf den Bock, und indem ich in der Unterredung mit meiner Familie mich herumdrehte, verlor ich die Brieftasche. Etwa tausend Schritte von Walk bemerkte ich meinen Verlust, ging sogleich dahin zurück und fragte, da auf der Straße nichts zu finden war, nach dem Bauer, der mir allein auf dieser Strecke Weges begegnet war. Der Ordnungsrichter Burchard kam hinzu, schickte sogleich in alle Wirthshäuser, traf, da der Bauer nirgends zu finden war, weitere Anstalten, denselben auszumitteln und gab mir für meine weitere Reise eine Bescheinigung, daß mein Paß und Podoroschna (Berechtigung zu Forderung von Postpferden) verloren gegangen sei. Ueber diese Gefälligkeit erfreut, wurde ich überrascht, als der Syndikus Glaser mich bei Seite zog und in der Voraussetzung, daß ich auch[222]  einen Verlust an Geld erlitten, mich fragte, mit welcher Summe er mir dienen solle; ungeachtet ich noch soviel Gold bei mir führte, um die Reisekosten bestreiten zu können, so mußte ich doch seinen dringenden Bitten, ein kleines Anlehen anzunehmen, nachgeben und kehrte, durch diese Beweise des Vertrauens erfreut, zu den Meinigen zurück, um mit ihnen desto getroster nach der künftigen Heimath zu ziehen.
Am 31. August Nachmittags langten wir in der Nähe von Dorpat an. Während die in der Tiefe liegende Stadt noch nicht zu sehen war, erkannte ich nach der mir gemachten Beschreibung die auf einer Anhöhe sich erhebende Rotunde als das anatomische Theater, den Schauplatz meiner künftigen Wirksamkeit.

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Grindel hatte sich in seinen Briefen angeboten, mir eine Wohnung zu miethen und wiederholt mich eingeladen, bei ihm abzusteigen und die ersten Tage bei ihm zu wohnen. Ich hatte seine beiden Anerbietungen mit Dank angenommen, ihm von Riga aus Tag und Tageszeit meiner zu erwartenden Ankunft angezeigt und fuhr bei seiner Wohnung vor. Da erfuhr ich von seiner Schwiegermutter, die allein zu Hause war, daß er in einer Kaffeegesellschaft im botanischen Garten sei und mich bitten ließe, mit meiner Familie auch dahin zu kommen. Nach einer Reise von zweihundert Meilen, im künftigen Wohnorte eben angelangt, in eine Kaffeegesellschaft eingeladen zu werden, war mir, zumal nach jenen Anerbietungen, so unerwartet, daß ich einige Augenblicke ganz betroffen da stand. Da fragte die gute Frau, unstreitig aus Verlegenheit über mein bedenkliches Schweigen, ob ich nicht eine Pfeife rauchen wollte? Dies brachte mich zum Lachen und zugleich zur Besinnung. Ich ließ meine Familie unter dem Schutze von Pietsch nach der gemietheten Wohnung fahren und ging nach dem botanischen Garten, um mich doch meinem Rector vorzustellen. Ich fand mehrere Professoren sammt ihren Damen versammelt; man nahm mich recht freundlich auf; Professor Balk schloß sich besonders an mich an, um mir die Größe seiner Verdienste, den Umfang seiner Leistungen und die Höhe seines Ansehens auseinander[223]  zu setzen; Grindel entschuldigte sich, daß er uns diesen Abend nicht bei sich sehen könne, da er zum »Fuchscommerce« nach Tegelfer müsse, lud uns aber auf Morgen Mittag ein. Ich war nun schon etwas orientirt und ging, ohne den heranrückenden Grog abzuwarten, nach der für uns bestimmten Wohnung. Hier fand ich meine Frau in Thränen: die Wohnung war auf ebener Erde und ein Haufen Jungen auf der Straße sah neugierig in die Fenster; die Zimmer waren schlecht, die Küche eng und dunkel, außer drei ordinären Bettstellen war kein Hausgeräthe da. Ich beruhigte meine Frau sogleich durch die Versicherung, daß wir hier nicht wohnen würden, ging sogleich, um mich nach einem Gasthause umzusehen und führte dann meine Familie in das nicht üble hôtel de Péterbourg, wo wir denn den Abend unter uns zubrachten und uns wegen der gefundenen burschikosen Aufnahme zu trösten suchten, so gut wir konnten.
Am folgenden Morgen wollte ich mit meiner Frau die Familie des praktischen Arztes, Dr. Lehmann, besuchen, der aus der Lausitz und dessen Gattin eine geborne Leipzigerin war, trafen sie aber nicht zu Hause. Ich stattete dann Visiten bei mehreren Professoren ab und als ich Mittags bei Grindels mich einstellte, fand ich meine Frau schon anwesend und sehr heiter: sie hatte sich in dieser Familie nicht heimisch gefühlt und trübsinnig am Fenster gestanden, als sie einen Mann von blühendem Aussehen in lebhafter Bewegung auf das Haus zugehen gesehen und ihr eine Ahnung gesagt hatte, daß dies unser Landsmann sei. Er war es wirklich gewesen, hatte sie mit der größten Theilnahme begrüßt und uns auf den Nachmittag zu sich eingeladen. In seinem Hause fanden wir nun zunächst einen äußeren Stützpunct. Er schaffte uns eine anständige Wohnung am Markte, die wir am 6. September fröhlich bezogen, indem ich die halbjährige Miethe für das von Grindel gemiethete Quartier mit 2121/2 Rubel bezahlte.
Am 11. September (30. August alten Stils) wurde das Namensfest des Kaisers von der Universität gefeiert und ich hielt meine Antrittsrede »über das Verhältniß des Menschen[224]  zur Welt, vom Standpuncte der Naturwissenschaft aus betrachtet.« Am 16ten fing ich meine Vorlesungen an.



2. Amtliche Wirksamkeit.










[225] Mein Hauptcollegium war Anatomie. So lange ich mich wieder in sie einstudiren mußte, trug ich nach ausgearbeiteten Heften einzelne Sätze vor, über die ich dann Demonstrationen hielt. Da nach der dasigen Einrichtung der akademische Cursus mit der bürgerlichen Einrichtung übereinstimmte, so daß jedes Semester ein Sommer- und ein Wintervierteljahr in sich schloß, so richtete ich mich so ein, daß ich im zweiten Semester des Jahres (vom 1. August bis Ende Decembers) mit allgemeiner Anatomie, Osteologie und Syndesmologie begann und mit Myologie schloß, dann im ersten Semester des folgenden Jahres (vom 1. Februar bis Ende Juni's) zuerst Splanchnologie, dann Neurologie und Angiologie vortrug. – Der Prosector, Prof. Cichorius, war, wie ich weiter unten auseinandersetzen werde, für mich gänzlich unbrauchbar. Zu meinem Glücke war mein Amanuensis Pietsch geschickt, eifrig und mir ergeben: er präparirte an den Leichnamen die zu demonstrirenden Organe, lieferte manch' hübsches Präparat zu der von Isenflamm durch Ankäufe und eigene Arbeiten angelegten, für den Anfang nicht unbedeutenden Sammlung, stellte eigene Untersuchungen für sich an und war mir bei den meinigen behülflich. Während des Jahres, wo ich ihn an meiner Seite hatte, führte ich ein ausführliches Tagebuch über die Verwaltung des anatomischen Theaters; wir zergliederten in dieser Zeit dreißig Leichname, brachten die Präparatensammlung in eine bessere Ordnung, fertigten einen nach dem Locale ihrer Aufstellung geordneten Katalog derselben und vermehrten sie nicht ganz unbedeutend. – Nach Pietschens Abgange stand ich in Bezug auf die anatomische Anstalt allein und konnte für diese seitdem weniger leisten.
Ferner las ich medicinische Propädeutik, Physiologie, Geschichte[225]  des Lebens, und (im zweiten Semester von 1813) Bildungsgeschichte des Embryo.
Ich fand Beifall: in meinen Vorlesungen über Geschichte des Lebens hatte ich 60 Zuhörer aus verschiednen Facultäten, was nicht unbedeutend war, da die Gesammtzahl der Studirenden nur 255 betrug; in den anatomischen und physiologischen Vorlesungen waren 23 bis 26 Zuhörer. Die sogenannten Kronstudenten, die zum großen Theile wenig gebildet waren, abgerechnet, fanden sich unter den Medicinern viel talentvolle oder doch für wissenschaftliche Bildung sehr empfängliche junge Männer, die ein sehr dankbares Auditorium bildeten und mir mit Wärme zugethan waren. Eine Zahl von ihnen begleitete mich täglich aus der Vorlesung nach meiner Wohnung, und ich meiner Seits stieg jedesmal, mochte der Schnee noch so hoch liegen, mit Vergnügen auf den Domberg zum anatomischen Theater, denn ich hatte nicht nur an den Vorträgen selbst, sondern auch an dem, worüber mein Vorgänger am meisten geklagt hatte, an dem zu ersteigenden Berge meine Freude: hatte ich ja doch von da aus eine freie Aussicht, so daß ich Bergluft zu athmen glaubte. Ich verwendete allen Fleiß auf die Vorbereitung zu meinen Vorlesungen, und da ich mich jetzt bei gesicherter Existenz von den früher getragenen Fesseln befreit fühlte, mochte mein Vortrag lebendiger und anziehender sein; auch hatte die Philosophie und Naturwissenschaft in Dorpat damals noch nichts von dem Einflusse Schellings und seiner Schule erfahren, und mein Streben, der Empirie einen tiefern Sinn abzugewinnen, fand bei den einer höhern Bildung fähigen jungen Männern viel Anklang. Es war die schönste Periode in meinem akademischen Docentenleben.

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Um meinen Zuhörern mehr zu nützen, kam ich auf den Gedanken, ein Conversatorium und Journalisticum für sie zu stiften. Ich beabsichtigte damit, das angeregte geistige Leben unter ihnen zu fördern, daß es nicht allein in ihrer Studienzeit, sondern auch in ihrer Laufbahn als Praktiker sich erhalte und Frucht bringe. Wissenschaftlicher Ernst sollte hier herrschen, gegenseitiges achtendes Vertrauen sollte zu freien Mittheilungen[226]  ermuntern, und durch die Form eines geschlossenen Vereins sollte auch der jugendlichen Phantasie etwas gewährt und das Interesse erhöht werden. Die Theilnahme sollte eine Ehrensache sein, und zu Vermeidung von Störungen der Rohe und Unfähige davon abgehalten werden. – Mein Plan wurde von denjenigen Studirenden, die mir näher gekommen waren, mit Freuden angenommen, und ich entwarf die »Statuten der ärztlichen Gesellschaft.« Nach diesen war der nächste Zweck: Beförderung ärztlich wissenschaftlicher Bildung, – der spätere: Unterstützung gemeinnütziger Wirksamkeit für das öffentliche Gesundheitswohl und für die Wissenschaft. Die ordentlichen Mitglieder sind ein Professor als Vorsteher und Studirende. Zur Aufnahme der Letztern wird erfordert: Sinn für die Wissenschaft und Fleiß, anständiger Lebenswandel und humanes Betragen gegen die Commilitonen. Ueber die Aufnahme wird durch Abgabe von weißen oder schwarzen Zetteln gestimmt; wer einen schwarzen Zettel giebt, muß seine Gründe dem Vorsteher im Vertrauen anzeigen, der, wenn er sie unstatthaft findet, die Aufnahme beschließt; sind aber drei oder mehr schwarze Zettel eingegangen, so ist die Verweigerung der Aufnahme entschieden. Bei einem mit den Zwecken der Gesellschaft in Widerspruch stehenden Benehmen kann ein Mitglied ausgeschlossen werden, und zwar so, daß es ersucht wird, die Gesellschaft nicht mehr zu besuchen, und sein Austritt freiwillig zu sein scheint, wie denn auch die Verweigerung der Aufnahme als Geheimniß behandelt werden muß. Der Vorsteher leitet den Gang der Unterhaltung, sorgt für Stoff derselben, stellt Probleme auf, macht auf Gegenstände, die noch einer besondern Untersuchung bedürfen, aufmerksam, und besorgt die allgemeinen Geschäfte der Gesellschaft. Von den übrigen ordentlichen Mitgliedern sind zwei Secretäre, welche über die Verhandlungen ein ausführliches Protokoll führen; ein Bibliothekar, der periodische und andre Schriften circuliren läßt und aufbewahrt; und ein Cassirer. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder darf nicht über zwanzig sein; sind mehr annehmbare Competenten gemeldet, so werden sie aggregirte Mitglieder, die an den Debatten und am Lesen der circulirenden[227]  Schriften keinen Theil nehmen. Außerordentliche Mitglieder sind geachtete, wissenschaftlich gebildete Männer. Durchreisende können auf vorherige Meldung die Gesellschaft besuchen. In Dorpat wohnende Personen können nicht hospitiren. – Die Gesellschaft versammelt sich wöchentlich einmal. Die Unterhaltung beginnt mit einer Disputation, deren Zweck aber nicht in Darlegung dialektischer Gewandtheit, vielmehr in Begründung einer festen Ueberzeugung durch Betrachtung eines Gegenstandes von verschiednen Seiten her besteht. Daran knüpft sich freie Unterhaltung über das Thema der Disputation oder über einen andern Gegenstand, der zur Sprache gebracht wird. Hierauf folgt Mittheilung von schriftlichen Aufsätzen, entweder eigenen Arbeiten oder Auszügen aus gelesenen Schriften, was wieder zu gemeinsamen Erörterungen Anlaß geben kann. – Für die weitern Zwecke in der Zukunft, wo die Gesellschaft auch für die Beförderung des öffentlichen Gesundheitswohls und für die Fortschritte der Wissenschaft in Wirksamkeit treten sollte, waren ebenfalls Bestimmungen getroffen.


Die Gesellschaft kam zu Stande, und zählte außer zwanzig ordentlichen und elf aggregirten Mitgliedern fünf außerordentliche, nämlich den Professor Styx, den Oberpastor Lenz, den Gymnasiallehrer und Lector Rosenberger, den Doctor Lehmann und den Medico-Chirurg Löffler. Zu meiner großen Freude herrschte in unserem Vereine ein frischer, ernster Sinn und ein reger Eifer. Von ihrer Hingebung gaben mir die Studirenden unter Andrem bei folgendem Ereignisse einen Beweis. In den Statuten war festgesetzt: »Die Mitglieder der Gesellschaft verpflichten sich als Männer, in dem Falle, daß einem Studirenden die gewünschte Aufnahme versagt wird, weder gegen denselben, noch auch gegen irgend Jemanden von der geschehenen Abstimmung sich etwas merken zu lassen; auch wird im Protokolle der Name des Erstern nicht angegeben, und überhaupt das ganze Ereigniß nicht mehr erwähnt. Der Vorsteher giebt dem Bewerber gar keine Antwort, oder sagt ihm, wenn er darum fragt, daß seine Aufnahme vor der Hand nicht[228]  vor sich gehen könne.« Als nun ein solcher Fall vorgekommen und gegen einen Studirenden, der beizutreten gewünscht hatte, abgestimmt worden war, erfuhr ich eines Tages, daß derselbe den ganzen Hergang wußte. Sogleich rufte ich alle ordentlichen Mitglieder der Gesellschaft zusammen, stellte ihnen – ich glaube mit lebendiger Beredtsamkeit – vor, daß wenn demjenigen, der die Aufnahme gewünscht, die Verweigerung derselben und der Name derjenigen, die gegen ihn gestimmt hätten, bekannt würde, Streitigkeiten daraus entspringen müßten, bei denen die Gesellschaft nicht bestehen könnte; im Vertrauen, daß sie als Männer verschwiegen sein würden, hätte ich ihnen das Abstimmen über ihre Commilitonen übertragen; das Gesetz müßte durch Ausschließung Dessen, der es übertreten, aufrecht erhalten werden, und ich forderte ihn auf, als Ehrenmann, der sein begangenes Unrecht einsehe, sich mir zu erkennen zu geben und die Exclusion über sich ergehen zu lassen; solange dies nicht geschehen, bleibe die Gesellschaft ausgesetzt. Einige Stunden darauf kam der, welcher die Unvorsichtigkeit begangen hatte, zu mir, um reuig sein Geständniß abzulegen.



3. Wissenschaftliche Thätigkeit.










[229] Hatte ich meine wissenschaftliche Thätigkeit bisher auf die Bearbeitung der von Andern gelieferten Thatsachen beschränkt, so war dies blos durch meine Verhältnisse geboten gewesen. Jetzt erst war ich in einer Lage, welche es mir gestattete, eigene empirische Forschungen anzustellen, und ich fühlte mich dabei glücklich. Ich stellte mir zwei Hauptaufgaben, die ich als zeitgemäß und als meiner geistigen Individualität besonders zusagend erkannte: die Bearbeitung der Lehren vom Gehirne und von der Erzeugung.
Ich stellte genaue Zergliederungen des Gehirns an, wobei ich die individuellen Verschiedenheiten zu bemerken und mit eingezogenen Erkundigungen über die Lebensverhältnisse zu vereinen mich bemühte; ich untersuchte die Veränderungen, welche die verschiedenen chemischen Agentien in der Substanz des Gehirns[229]  hervorbringen, besonders insofern sie die Erkenntniß seiner Textur erleichtern, wobei ich selbst die Schimmelarten, die nach Maasgabe der Umstände darauf wachsen, beachtete; auch fing ich an, das Gehirn von Embryonen und einigen Thieren zu untersuchen.
Eben so bereitete ich mich zu Bearbeitung der Entwicklungsgeschichte vor, zergliederte Embryonen und studirte die bisherigen Beobachtungen, insbesondere die von Harvey und Autenrieth. Unter meinen Zuhörern waren Pander und von Baer, welche Beide späterhin durch ihre trefflichen Forschungen die erste Grundlage dieser Lehre in ihrem gegenwärtigen Zustande geschaffen haben.
Außerdem benutzte ich jede Gelegenheit, die sich mir darbot, meine Kenntnisse zu erweitern, versuchte mannichfaltige Injectionsmethoden, bemühte mich, den Bau der Blutganglien zu erforschen, war auf die krankhaften Veränderungen des Gewebes aufmerksam, untersuchte das Verhältniß der Blutgefäße zu den anliegenden Scirrhen, und nahm überall chemische Mittel zu Hülfe.
Durch den Leichnam eines Mädchens mit hermaphroditischen Formen, namentlich mit einer noch nicht beobachteten Einmündung der Vagina in die Urethra, veranlaßt, machte ich die abnormen Bildungen dieser Art zum Gegenstande meines Studiums, sammelte dahin gehörige frühere Beobachtungen, und stellte selbst dergleichen an, namentlich an einem Kryptorchiden, einem Epispadiäus, einem solchen mit Harnblasenspalte und einer Virago, indem ich kleine Reisen zu derartigen Individuen in der Umgegend von Dorpat machte, die mir durch meine Zuhörer ausgekundschaftet waren. Ich stellte diese Beobachtungen unter allgemeine Gesichtspuncte, vereinte sie mit mei nen physiologischen und morphologischen Ansichten, und schrieb eine Abhandlung unter dem Titel: »Die Metamorphose der Geschlechter, oder Entwicklung der Bildungsstufen, durch welche beide Geschlechter in einander übergehen.«

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Ungeduldig, diese Arbeit bekannt zu machen, beschloß ich, sie als den Anfang einer Reihe von Abhandlungen, in welchen ich die Resultate meiner Untersuchungen niederzulegen gedachte,[230]  herauszugeben. Hiernach mußten einige andre Aufsätze, welche die Früchte meiner Studien während des ersten Jahres meines Aufenthaltes in Dorpat waren, hinzugefügt werden, und so war denn das erste Heft dieser Sammlung noch im Jahre 1812 druckfertig, erschien aber wegen Verspätigung des Kupferstechers erst im folgenden Jahre1.
Ein zweiter Aufsatz, mit der Ueberschrift: »Untersuchung unverwester Leichname« war dadurch veranlaßt, daß ich in der Sammlung des anatomischen Theaters die mumienartig ausgetrockneten Leichname von zwei 1652 verstorbenen Gliedern der Familie von Groot vorfand und durch Vermittlung von Freunden einen erst kürzlich bemerkten ähnlichen Körper aus Lauenhof erhielt, wobei ich mein Augenmerk besonders auf die Beschaffenheit des Gewebes und der Mischung der einzelnen Organe richtete.
Ferner gab ich in »Fragmenten über die Verhärtung der Organe« einige Beobachtungen über Scirrhen, Knochenconcremente und Verhärtung von Lymphganglien.
Zur Einleitung schrieb ich den »Umriß einer Methodik der Morphologie des menschlichen Körpers.« Auch hier sprach ich das Thema meines geistigen Lebens aus. Unter Anderem sagte ich: »Wie die Natur in einem ewigen und innigen Bunde von Innerem und Aeußerem, Ideellem und Materiellem besteht, so beruht auch der Werth des Menschen und alles seines Schaffens nur auf der harmonischen Beziehung wie zu seinem Innern, so zum Aeußern. Jedes innere Streben, das außer aller Beziehung zur Welt steht, macht den Menschen, der nur in der Gemeinschaft mit den ihm beigeordneten Gliedern des Weltalls seine Existenz hat, sich selbst verlieren und gebiert einen Fiebertraum, welcher die Menschenkraft ins Bodenlose versinken läßt und die Natur zu einem Mährchen macht. Und alles Ringen nach dem Aeußern, was nicht auf ein Inneres sich gründet, ist ein fader, hohler Schein, welcher vor dem Glanze des Weltlichtes in sein Nichts zerfließt. Keine rein menschliche und[231]  des allgemeinen Interesses würdige Disciplin kann es demnach geben, welche nicht die Doppelseite des Menschen berührte, und in der einen Richtung auf sein inneres Leben, die Wissenschaft, und in der andern auf sein äußeres Wirken und Handeln sich bezöge.«
Um meinem Versprechen nachzukommen, arbeitete ich in den Ferien zu Anfange des Jahrs 1812 die zweite Abtheilung des dritten Bandes der Encyklopädie aus, welche ungedruckt geblieben ist, da der Verleger seine Handlung aufgegeben und das Werk einer andern Buchhandlung überlassen hatte, welche sich für die Fortsetzung nicht besonders interessirte, wie denn dies auch meinen Wünschen vollkommen entsprach.
Fußnoten


1 Anatomische Untersuchungen, bezogen auf Naturwissenschaft und Heilkunst, von K.F. Burdach. Erstes Heft mit 4 Kpfrn. Leipzig 1814, bei Hartmann, IV u. 81 S. 4.




4. Häusliches und geselliges Leben.










[232] Das Glück, von ökonomischen Sorgen befreit zu sein, genoß ich in vollem Maaße, indem ich möglichst wenig mich mit Geld abgab. Ich machte bloß den Einnehmer in unserer Oekonomie, überließ meiner Frau die ganze Verwaltung, und wie ich mich gar nicht mehr darum bekümmerte, so trug ich auch fast nie Geld bei mir, denn öffentliche Gesellschaften und Ressourcen besuchte ich gewöhnlich nicht, Schauspiele und Concerte kamen selten vor, Karten spielte ich nicht, und den Domestiken der Familien, von denen man bewirthet worden war, Trinkgelder zu geben, war nicht gewöhnlich. Es war mir dabei ganz paradiesisch zu Muthe. Meine Einnahmen reichten vollkommen hin, denn einerseits kamen zu meinem Gehalte (der allerdings, da die Banknoten nur 25 Procent standen, nicht mehr als 625 Rubel Silber betrug) die Facultätseinkünfte von den Promotionen, so wie das Honorar von einer kleinen Praxis, die ich nicht suchte, aber auch nicht zurückwies; andrerseits waren die gewöhnlichen Lebensmittel so wohlfeil, daß auch die Bewirthung von unerwarteten Gästen gar kein Gegenstand war, und in Hinsicht auf Kleidung und Hausgeräthe zeigte man sich so genügsam in seinen Ansprüchen und so tolerant in Beurtheilung Andrer, daß auch ein sehr mäßiger Aufwand hinreichte. Der günstige Einfluß dieser Verhältnisse[232]  auf den geselligen Umgang, wo man, ohne das Materielle in Betracht ziehen zu müssen, Freunde bei sich aufnahm und wieder von ihnen aufgenommen wurde, zeigte sich auf die erfreulichste Weise.
Den meisten Umgang hatten wir mit der Lehmannschen und Glamaschen Familie, in deren Söhnen die meinigen Freunde und Schulkameraden fanden. Doctor Lehmann war der angesehenste Arzt in Dorpat und der Umgegend, ein braver, lebenslustiger Mann, höchst beweglich, leicht aufsprudelnd und ekstatisch, während seine Frau, in guter Gesinnung und Verständigkeit ihm gleichend, durch ihre Sanftmuth und unter dem Scheine von Phlegma sich äußernde Ruhe nicht sowohl mit ihm contrastirte, als vielmehr das ergänzende Glied eines liebenswürdigen Ehepaars darstellte. Beide, zunächst durch Landsmannschaft sich uns näher fühlend, wurden unsre herzlichsten Freunde; alle Sonntage brachten wir bei ihnen oder auf Spazierfahrten nach Jama, Lunia, Sadief, Kabbina, Wassula u.s.w. mit ihnen zu, und es gab keine Freude in ihrem Hause, an der wir nicht hätten Theil nehmen müssen; für Alles, was uns betraf, interessirten sie sich auf das Wärmste, wie sie denn eben sowohl uns in allen häuslichen Angelegenheiten behülflich waren, als auch in jeder meiner Streitigkeiten für mich Partei nahmen.
Herr Glama, ein Portugiese von Geburt und Consul seines Landes in Riga, hatte sich wegen der Zeitumstände mit seiner Familie nach Dorpat begeben, und wohnte in einem Hause mit mir. Am Tage unseres Einziehens kam meine Frau mir zuvor, einen Besuch abzustatten, und wurde von ihm selbst mit Artigkeit empfangen, und, da er nicht deutsch sprach, französisch angeredet; sie, nicht wissend, daß er stocktaub war, entschuldigte sich mit ihrer Unkenntniß der französischen Sprache, was er, da er seine Taubheit nur ungern eingestand, für eine Antwort hielt, die er wieder mit Galanterie aufnahm, und so dauerte die scheinbare Conversation, peinlich und lächerlich zugleich, eine lange Weile fort, bis Frau von Glama als Vermittlerin erschien. Diese war eine geborne Petersburgerin, und[233]  als solche für das Scheinloben gebildet; aber unter der Form der Sitten hatte sich bei ihr ein sittlicher Fonds erhalten, und sie war bei aller gewohnten Aufmerksamkeit auf den äußern Anstand auch für eine mehr geistige Anregung empfänglich, so daß sie vermöge dieses Vereins eine anmuthige Erscheinung war. Wir wurden ihr sehr befreundet, und sahen uns fast täglich, während ihr Gemahl, schon um seines Gehörs willen, sich von der Gesellschaft fast gänzlich zurückzog.

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Unter meinen Collegen waren es besonders die Professoren Styx und Deutsch, mit denen ich auf einem freundschaftlichen Fuße stand: Ersterer ein herzensguter, aber die Kleinlichkeit liebender Mann, ein wohl unterrichteter, aber ziemlich beschränkter Kopf; Letzterer tüchtig, von herber Verständigkeit und einem vertraulichen Verhältnisse für mich unzugänglich.
Sein Freund, der Professor der Zeichnenkunst, Senff, sammt seiner Gattin aus Halle gebürtig, war das treue Bild eines deutschen Hausvaters, in dessen Familie wir uns recht heimisch fühlten. Da gaben wir uns denn, wie es unter den aus Deutschland nach Dorpat versetzten Professoren, wenn sie auf vertrautem Fuße mit einander standen, gewöhnlich war, der sehnsüchtigen Erinnerung an das Vaterland hin, bei dankbarem Genusse der durch die hiesige Anstellung gewährten Vortheile, doch nicht ohne die stille Hoffnung einstiger Rückkehr.
Einen recht herzlichen Freund gewann ich an dem einzigen Russen unter meinen Collegen, dem Professor Kaysarow. Er war ein edler Mensch und gehörte zu den jungen Russen, welche, von Vaterlandsliebe begeistert, es sich zum Ziele gesetzt hatten, die slawische Nationalität in ihrer freien, selbsteigenen Entwickelung höher zu stellen: Rußland sollte nicht mehr den germanischen und romanischen Völkerschaften nachäffen, nicht mehr mit den Formen einer ihm fremden Cultur sich schmücken, sondern durch sich und in seiner Eigenthümlichkeit dem Ideale allgemein menschlicher Bildung nachstreben. Er hatte in Göttingen studirt, zu seiner Promotion eine den Kaiser Alexander gewidmete Dissertation de manumittendis in Rossia servis geschrieben, dann Reisen gemacht, um die verschiedenen Völkerschaften[234]  slawischer Abstammung näher kennen zu lernen und einen Umriß der slawischen Mythologie herausgegeben. Dabei war er nichts weniger als einseitiger, patriotischer Enthusiast, empfand vielmehr lebhaft für Menschenwohl überhaupt. Unter Anderem bewirkte er die Begnadigung eines Mannes, der in seinem sechszehnten Jahre wegen einer aus kindischem Uebermuthe gefertigten und in der Einbildung auf solche Geschicklichkeit an der Theatercasse ausgegebenen Banknote von fünf Rubeln nach Sibirien verbannt worden war und nach zwanzig Jahren seinen Verwandten in Dorpat wieder die erste Nachricht von sich gab, indem er ihnen meldete, wie er lange Zeit in dumpfes Hinbrüten versunken gewesen, dann durch seine Fertigkeit im Zeichnen zur Bekanntschaft mit wohlwollenden Menschen und in einen erträglichen Zustand gekommen, endlich aber zur Lecture des Don Carlos gelangt sei, die sein Gemüth so erhoben habe, daß sie fortan eine nie wankende Stütze für sein inneres Leben sei, woran er die Bitte knüpfte, ihm auch ein anderes Drama Schillers, von dem er gehört, die Jungfrau von Orleans, zu schicken. Diese Aeußerungen reichten hin, um Kaysarow zu einer lebhaften und wirksamen Verwendung für den Verbannten zu vermögen; Letzterer kam noch zu meiner Zeit in seine Vaterstadt zurück; die Spuren Sibiriens waren an ihm nur zu deutlich.
Sehr werth war mir Professor Ewers der ältere, nicht wegen seiner Orthodoxie, durch welche er sich von seinen sämmtlichen rationalistischen Collegen unterschied, sondern wegen seiner mit sittlicher Würde vereinten und durch heitere Menschenfreundlichkeit sich bethätigenden ächten Religiosität. Er war schwedischer Abkunft, früher Schullehrer gewesen und durch Armuth gehindert worden, zu heirathen. Als er eine Professur der Theologie erhalten hatte, war dieser Grund weggefallen; gleichwohl hatte er das Glück des Ehestandes, welches so großen Reiz für ihn hatte, sich versagt, um nicht, da er schon bejahrt war und sich die Möglichkeit eines baldigen Todes dachte, durch die seiner Wittwe zu zahlende Pension die Universität mit einer Ausgabe zu belasten. Er gebrauchte den größeren Theil seiner[235]  Einkünfte, um Armen wohl zu thun und Andere zu erfreuen. Er ging z.B. im Winter, ehe der Morgen graute, in einen dürftigen Mantel gehüllt, auf dem gefrornen Embach den mit Holz zur Stadt fahrenden Bauern entgegen, kaufte von ihnen, führte sie dann zu den Häusern, wo sie abladen sollten und zog sich, ohne von den Beschenkten gewahrt zu werden, zurück. Seine Schwerhörigkeit gehörte zu den Ursachen, wegen deren er meist einsam lebte; war er aber in eine Gesellschaft gezogen, die ihm wohlwollende Nachsicht mit der Schwäche seines Gehörs bewies, so entwickelte er die liebenswürdigste Heiterkeit und war besonders gegen die Damen sehr aufmerksam, denen er auch gern durch kleine Geschenke Freude zu machen suchte; als wir ihn einmal vermocht hatten, eine Landpartie mit uns zu machen, waren wir so glücklich, den lieben Greis in dem ihm schon ungewohnt gewordenen Genusse der Natur und der Geselligkeit so froh zu sehen, daß er an allen munteren Spielen Theil nahm und selbst es nicht verschmähte, den nachkommenden Freunden in groteskem Festzuge und auf dem Trichter statt der Trompete blasend entgegenzureiten. Späterhin hat er sein Gewissen wegen Belästigung des Universitätsfonds beruhigt und sich eine Dame zur Gefährtin in den letzten Jahren seines Lebens gewählt, um ihr durch die Pension, welche sie als seine Wittwe zu erwarten hatte, ein sorgenfreies Alter zu sichern. So genossen wir manche frohe Stunde auch im Hause des Burgemeisters Linde, des Apothekers Weger, der Familie v. Löwenwolde und der verwittweten Gräfin Mengden. Letztere, eine geborne Gräfin Solms, war durch den Verein feiner Bildung mit Offenheit des Charakters und herzlichen Wohlwollens mit großer Entschiedenheit interessant; ungeachtet ihres hohen Alters ritt sie täglich aus oder fuhr auf einer Droschke ohne Federn spazieren, wovon sie durch Regen, Sturm und Gewitter sich nicht abhalten ließ.


Mein günstiges Geschick verschaffte mir die Freundschaft von vier würdigen Geistlichen. Der erste derselben war Oberpastor Lenz an der deutschen Kirche in Dorpat, ein Mann, der mit philosophischem Forschungsgeiste und der vollsten Klarheit[236]  des Denkens einen gebildeten Geschmack und eine liebenswürdige Feinheit in seinem Erscheinen verband. Er erhielt späterhin eine Professur in Dorpat und ging vor Antritt derselben noch auf ein halbes Jahr nach Heidelberg, um mit Daub, dessen Schriften ihn sehr anzogen, auch in persönlichen Verkehr zu treten.
Ihm sehr ähnlich war der gemüthvolle und gelehrte Pastor Lorenz in Niggen, bei dem wir öfters einen sehr heitern Aufenthalt fanden. Ich ward auch sein Arzt, vermochte aber nicht, ihn, als er 1813 in ein Nervenfieber verfallen war, zu retten; noch in den Delirien verkündigte sich seine geistige Natur: nachdem er nämlich den Fiebersturm in seinem Blute als das wüste Toben eines aufrührerischen Pöbels angeklagt hatte, schilderte er seinen Zustand beim beginnenden Erlöschen der Lebenskräfte als den Alles beruhigenden Sieg der heiteren Engel des Lichts.
Diesen beiden gelehrten, forschenden, zartfühlenden Freunden standen zwei andere gegenüber, die vornehmlich als Praktiker sich auszeichneten.
Propst Roth in Kannapäh, ein Mann von kleinem, gedrungenem Wuchse und großer Lebendigkeit, war durch und durch Verstandesschärfe und Thatkraft. Beim ersten Zusammentreffen gewahrte ich an ihm nur eine schneidende Kälte, die mich zurückstieß. Dann lernte ich seine Wirksamkeit und durch diese ihn selbst kennen, wo ich denn sein warmer Freund wurde. Früher war er, da sein rastloser Geist durch die Amtsführung in seiner großen Gemeinde immer noch nicht hinlänglich Beschäftigung fand, auf Finanzunternehmungen verfallen und hatte sich mit Ausleihen von Capitalien abgegeben, dadurch hin und wieder sich zu strengen Maßregeln genöthigt gesehen und an seinem Vermögen, aber auch an seinem Rufe verloren. Da war er denn auf den Gedanken gekommen, das geistige Leben seiner Gemeinde, dessen Förderung bei den Verhältnissen des esthnischen Bauers auf so bedeutende Hindernisse stößt, in einigen Individuen der heranwachsenden Generation so auszubilden, daß es von diesen aus künftig sich weiter verbreiten könne.[237]  Der durchaus praktische Mann hatte also auf seinem Pastorate unter dem Namen einer Parochialschule eine Erziehungsanstalt für zwölf Bauernsöhne errichtet, welche in steter Beziehung auf ihr künftiges Lebensverhältniß eine allgemein menschliche Bildung erhielten, damit sie einst als Bauern Muster, Lehrer und Rathgebr für Andere sein könnten. Da er aber weder selbst fortwährend den Unterricht ertheilen, noch auch einen eigenen Lehrer anstellen konnte und wollte, so erfand er, ohne von Bell und Lancaster etwas zu wissen, die Methode des gegenseitigen Unterrichts und führte sie mit dem besten Erfolge ein, so daß jeder neu aufgenommene Zögling von seinen älteren Schulkameraden unterwiesen wurde und sie dann gemeinschaftlich nach der Vorschrift des Propstes arbeiteten. Von der ganzen Anstalt wurde nicht viel Redens gemacht und so wußte ich auch noch kein Wort davon, als ich am Morgen nach meiner Ankunft in Kannapäh mit der Familie beim Frühstücke saß. Da trat ein junger Mensch, etwa 17 Jahre alt, in gemeiner, aber sauberer Bauerntracht, mit langem, blondem Haare, blauen Augen, angenehmer Gesichtsbildung und gefälligem Anstande ein, stattete in wohltönender Sprache einen Bericht ab und ging, nachdem ihm der Propst in seiner festen und entschiedenen Weise Befehle ertheilt hatte, davon. Auf meine neugierigen Fragen nach diesem jungen Menschen erhielt ich nur die kurze Antwort, es sei der Schulmeister, und als ich darüber meine Verwunderung äußerte, hieß es, ich könne ihn in seinem Amte in der Parochialschule alsbald sehen. Welch' frohe Ueberraschung wurde mir da gewährt! In dem reinlich gehaltenen Hause fand ich die jungen Leute beisammen, in streng geordnetem Verhältnisse, und doch so zwangslos und frohsinnig. Sie lasen fertig, schrieben eine gute Hand, rechneten mit großer Gewandtheit aus dem Kopfe, sangen vollkommen richtig, bewiesen ihre Kenntniß der biblischen Geschichte, ertheilten passende Antworten über das Wachsthum der Pflanzen und das Leben der Thiere und gaben die gegenseitige Lage der verschiedenen Welttheile und der größeren Länder Europa's an. An einem kleinen Stücke Land, welches von ihnen allein bearbeitet wurde, lernten sie die verschiedenen[238]  Zweige des Feldbaues praktisch kennen; die dazu erforderlichen Werkzeuge fertigten sie, mit Ausnahme der Schmiedearbeit, selbst; sie machten Zeichnungen von Häusern und Mühlen und bauten darnach kunstgerechte Modelle. Außerdem mußten sie, um sich nicht in einem einförmigen Mechanismus betten zu können, vielmehr Gewandtheit und vielseitiges Geschick zu erlangen, von Zeit zu Zeit ein Handwerk lernen und, wenn sie sich eine gewisse Fertigkeit darin erworben hatten, wieder zu einem andern übergehen; so hatten sie das gemeine Buchbinden erlernt und die ganze Gemeinde mit ihrer Arbeit an Bibeln und Gesangbüchern versorgt; jetzt hatten sie mit Flechten von Körben, der dauerhaftesten wie der feinsten Art, sich beschäftigt, und ich besitze noch Proben davon zum Andenken. In den Feierstunden wurden allerhand Spiele und gymnastische Uebungen im Klettern, Laufen, Werfen, Ringen, Schwimmen vorgenommen und Lieder gesungen; ich ließ mir einige ihrer Volkslieder von ihnen aufschreiben und verwahre jetzt noch eines davon. – Die esthnischen Hütten haben (oder hatten?) keine Schornsteine, und wenn durch die Oeffnungen, welche die Stelle der Fenster vertreten, der stärkste Rauch vom Heerdfeuer ausgezogen ist, verschließt man dieselben mit Brettern, so daß der ganze von Menschen und Vieh gemeinschaftlich bewohnte Raum mit Rauch gefüllt und nur für die Spinnenden und Webenden mit Kienspänen nothdürftig erleuchtet ist. Unter diesen Umständen ist nun besonders das Loos der Kinder im Winter beklagenswerth. Um diesem Uebel so weit als möglich abzuhelfen, bewog Propst Roth die Gutsbesitzer im Kirchspiele, bei dem Pastorate ein Haus zu erbauen, in welchem den Winter hindurch einige hundert Kinder unterhalten wurden. Sie wurden mit Flechten von Strohbändern zu gröberen und feineren Hüten beschäftigt und lieferten davon so viel, daß der Ertrag die Kosten der Anstalt deckte; während der Arbeit hatten sie stundenweise andere Unterhaltung, indem sie Unterricht in der Religion erhielten, Sprüche oder Lieder auswendig lernten oder sangen. Auch dieses menschenfreundliche Institut sah ich zu meiner Freude in voller Thätigkeit.[239] 
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Gleich praktischen Sinn mit höherer Kraft und Bildung des Geistes besaß der General-Superintendent Sonntag. Er war während der Kriegsunruhen von Riga nach Dorpat gezogen und ich betrachtete es als ein Glück, die genaue Freundschaft dieses ausgezeichneten Geistlichen zu gewinnen. Auch er verstand bei regem Eifer für religiöse Aufklärung und sittliche Bildung überall die schicklichsten Mittel für seine Zwecke zu wählen, unterschied sich aber von Roth durch Wissenschaftlichkeit und Wärme des Gefühls. So war er denn sowohl ein trefflicher Kanzelredner, als auch ein tüchtiger Geschäftsmann, der den Muth hatte, seine freisinnigen Ansichten überall geltend zu machen und der durch seine Willenskraft einerseits dem finstern Dogmenwesen entgegen zu wirken, andererseits den Eingriffen des Despotismus in kirchliche Angelegenheiten Gränzen zu setzen vermochte.



5. Petersburg.










[240] Im Sommer 1813 dachte ich mir die Möglichkeit, Rußland bald zu verlassen, sehr lebhaft und hatte wohl Lust, zuvor noch Petersburg zu beschauen; dazu kam, daß Rehmann und Hauenschild mich dringend dahin einluden und mir sammt meiner Familie ihre Wohnungen anboten; endlich fand ich auch eine angenehme Reisegesellschaft, nämlich Frau von Glama, einen meiner bisherigen Zuhörer, Dr. Melart und den Kaufmann Ehlert. So fuhren wir denn am 17. Juli in drei Wagen aus.
Auf unserer Reise bekamen wir hinter Torma zuerst den Peipussee zu sehen, an dessen westlichem Ufer die Landstraße eine Strecke lang sich hinzieht. Bei Fockmhof eröffnete sich uns eine herrliche Aussicht über den finnischen Meerbusen. Dann überraschte uns das alterthümliche Narwa, dessen ganz eigenthümliche Bauart uns für rein russisch galt und von wo wir nach Jola gingen, um den hübschen Wasserfall der Narowa zu sehen. Wir passirten Jamburg mit seinen prächtigen, für eine von Colonisten zu betreibende große Fabrik erbauten, meist[240]  nur noch in Ruinen bestehenden Gebäuden, in deren Zimmern jetzt Schafe weideten, und nahmen unser Nachtquartier in Oranienbaum, in dessen Schlosse man uns die von Peter III. unmittelbar vor seiner Ermordung bewohnten Zimmer zeigte.
Am folgenden Morgen schwebten wir bei köstlichem Wetter voller Lust und Freude in einer zwölfruderigen Schaluppe von der kaiserlichen Marine auf dem Meere, der Inselfestung Kronstadt zu. Die aus mächtigen Quadersteinen aufgethürmten Festungswerke, die in den Docks auf dem Trocknen ruhenden, gigantischen Kriegsschiffe, das Getümmel von Fremdlingen aus den verschiedensten Ländern, unter denen die Eingebornen kaum hervortauchten, der Reichthum an Früchten, Gemüsen und Fleisch auf dem nichts von dem Allem producirenden Eilande – dies machte zusammen den lebhaftesten Eindruck. Ein portugiesischer Viceconsul, Herr Fereira, führte uns in seiner Gondel im Hafen herum; während er uns seine ungetheilte Aufmerksamkeit zu widmen schien, machte er, wie nebenbei, seine Geschäfte ab, und während er mit uns das Deutsche so sprach, als ob es seine Muttersprache wäre, redete er mit gleicher Fertigkeit hier englisch, dort französisch, dort wieder russisch. Hier lag ein russisches Schiff an einem portugiesischen, und während die Matrosen beider Nationen die Maderafässer herauf, herüber und herab hißten, ließen sie wechselsweise ihre Stimmen in ihren Landessprachen erschallen; dort gingen wir auf ursprünglich republikanischen Boden, den die Amerikaner aus ihrem freien Vaterlande in die Nähe der Zaarenstadt geführt hatten; überall aber, in den Läden und Gasthäusern, deckten englische Formen den russischen Geist. Dies an Contrasten reiche Bild regen Lebens hatte uns in eine große Aufregung versetzt, die noch ihre Wirkung zeigte, als wir nach tüchtiger Bewirthung in einem englischen Hause gegen Abend unsere Rückfahrt antraten. Schwere Wetterwolken stiegen auf und ich hielt die Fahrt für bedenklich; aber meine des Russischen kundigen Gesellschafter ließen sich von dem Steuermanne und seinen zwölf Matrosen die Gefahrlosigkeit versichern und versicherten hinwiederum, daß man sich auf diese Mariniers ganz verlassen könne, worauf ich[241]  mich denn auch fügen mußte. Ein scharfer Ostwind erhob sich; eine Menge kleiner Fahrzeuge eilte in den Hafen; wir fuhren heraus. Auf der See wurde der Wind stärker; die betrunkenen Matrosen mußten die Segel einziehen, dann den Mastbaum niederlegen, auch das ausgespannte Zelt einpacken, waren aber dabei munter und lustig. Da begann der Sturm zu wüthen, das Gewitter brach los, unsere Schaluppe wurde herumgeschleudert, die Wellen, die sich über uns stürzten, wurden immer mächtiger, die Matrosen beteten und kreuzten sich; auf einen Augenblick war sogar das Steuerruder ausgehakt und nur durch einen Glücksfall kam es wieder in seine Angel. Wir hatten den Tod vor Augen: den Blick auf jede hohe Welle gerichtet, die sich, um unser Grab zu werden, heranwälzte, hielt ich Frau und Kinder fest umschlungen, denn Keiner von uns sollte den Andern auch nur einen Augenblick überleben; bleich und stumm starrten unsere Reisegefährten in den Sturm, und bisweilen mußte ich bei dem Jammergekreische des einen, abwechselnd in Krämpfen liegenden Fräuleins in rauhen Tone Ruhe gebieten. Allmählig waren unsere Matrosen nüchtern geworden; ganz in ihrer Hand, wie wir waren, hatte Keiner von uns bemerkt, daß sie unsinniger Weise, statt zu laviren, geradezu gesteuert und dem Sturme die volle Flanke des Fahrzeugs Preis gegeben hatten. Das Gewitter ging vorüber und wir langten in Oranienbaum an, wo man mit Fernröhren uns beobachtet hatte, um Zeuge unsere gewiß scheinenden Unterganges zu sein. Nach dem Sturme hatten wir, so lange wir noch auf der See waren, uns vorgenommen, die Matrosen wegen ihres unverantwortlichen Benehmens bestrafen zu lassen; als wir aber wieder festen Boden unter uns hatten, ließ uns die Freude über die Rettung unseres Lebens nicht mehr an eine solche Ahndung des an uns verübten Unrechts denken.

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Wir besuchten am folgenden Morgen das pompöse Peterhof, welches so sinnig sich verkündet, indem es den Glanz der Goldmassen an seiner Außenseite trägt, nahmen die einfachen Reliquien Peters des Großen in Augenschein und fuhren dann von Strelna aus längs der Kette eleganter Landhäuser,[242]  die sich bis zur Hauptstadt hinzieht, in welcher ich mit meiner Familie bei Rehmann abstieg.
Joseph Rehmann aus Donaueschingen war einer der gediegensten Männer, die mir auf meiner Lebensbahn begegnet sind. Ein scharfsinniger und glücklicher Arzt, ein vollkommener Weltmann und ein lebensfroher Mensch, hatte er zugleich ein lebhaftes Interesse für die Wissenschaft, ein warmes Herz und einen ernsten, offenen, durchaus biederen Charakter. Er bewegte sich in jedem Kreise leicht, ohne Zwang, mit dem Anstande und der Zuversicht, welche die feine Sitte und die Gewohnheit an den Umgang mit der großen Welt, verbunden mit dem Gefühle der Superiorität gewährt; ich sah ihn im Umgange mit den Ministern Grafen Rasumowski, Grafen Kotschubec und Fürsten Kurakin: von einer Verschiedenheit des Standes war keine Spur zu bemerken; es war der Adel seines Geistes, was Achtung und Vertrauen einflößte, so daß auch die Hochgestellten sich gezwungen fühlten, ihn als auf gleicher Stufe mit ihnen stehend zu betrachten. In der Zerstreuung übertrat er bisweilen die Regeln der Artigkeit, und Niemand nahm es ihm übel; so war er z.B., wie Rasumowski selbst lachend erzählte, als dessen Leibarzt eines Morgens bei ihm eingetreten, hatte aber sogleich englische Zeitungen auf einem Seitentische bemerkt, sich daran gesetzt und, nachdem er eine halbe Stunde gelesen, den Hut genommen und sich ganz ruhig wegbegeben, ohne mit dem Minister gesprochen zu haben. Eine reiche Einnahme als Folge seiner ausgebreiteten Praxis betrachtete er, als ob sie sich von selbst verstünde und gebrauchte sie ohne Verschwendung, aber in großartiger Weise. – Von seiner bis zur chinesischen Gränze ausgedehnten Reise mit der nach Peking bestimmten Gesandtschaft hatte er eine reichhaltige Sammlung von naturhistorischen, medicinischen und ethnographischen Notizen, so wie von trefflichen Zeichnungen, die er zum Theil schon hatte in Kupfer stechen lassen, mitgebracht; es ist ein Verlust, daß sie nicht veröffentlicht worden ist und es gehört zu den Sonderbarkeiten, dergleichen in Rußland vorkommen, daß er trotz seiner Verbindungen eine Herausgabe auf kaiserliche Kosten[243]  nicht bewirken konnte: in einem der letzten Jahre seines Leben stand er deßhalb noch mit Cotta in Unterhandlung. – Als Rasumowski Minister geworden war, folgte er 1811 der Einladung desselben nach Petersburg mit Aufopferung einer sehr reichen Praxis in Moskau, bloß in der Absicht, eine Verbesserung des Medicinalwesens in Rußland zu bewirken. Allein bald sah er ein, daß dies bei dem Egoismus und der Macht von Wylie und Crichton unausführbar sei. »Die Chicane bornirter Hofärzte,« schrieb er mir noch in demselben Jahre, »ist zu mächtig. Mit Rasumowski stehe ich auf gutem Fuße; er ist aber nicht der humane, aufgeklärte Mann, der es verdiente, daß ich ihm meine Zeit und meine häusliche Unabhängigkeit länger opferte. Bloß die Möglichkeit, Gutes zu stiften, hätte mich hier zurückhalten können.« Er wollte also nach Moskau zurück; indeß begaben sich viele Große beim Ausbruche des Krieges frühzeitig von da weg und unterdeß fesselte ihn die immer bedeutender werdende Praxis an Petersburg. Noch im September 1812 klagte er mir das Mißlingen seiner Pläne. »Ich habe mich vielfältig überzeugen müssen, daß es unmöglich ist, hier eine allgemeine Verbesserung des Medicinalwesens zu bewirken und eine wahre Medicinalpolizei, auf Grundsätze gestützt, einzurichten. Die Menschen, denen die Verwaltung dieses Departements jetzt anvertraut ist, sind kurzsichtige Egoisten, die theils zu bequem, theils zu wenig unterrichtet sind, um etwas wahrhaft Gutes begründen zu können.« – Im folgenden Jahre sah ich ihn nun in Petersburg. Er hatte eine Sommerwohnung auf der Apothekerinsel und räumte mir samnt den Meinigen seine Wohnung in der Stadt ein; am Tage vor unserer Ankunft hatte er noch das eine Zimmer mit Ansichten von Wien und seinen Umgebungen geschmückt. Stundenweise kam er zu mir, oft erst am frühen Morgen, als dem Ende seines gestrigen Tagewerkes, wo er mich denn weckte und bei einem Glase Punsch mit mir plauderte, bis er endlich auch Ruhe auf seiner Insel suchte. Da nämlich, den großen Umfang der Stadt abgerechnet, die reichen Petersburger, die nicht durch Geschäfte gebunden sind, den Sommer über auf ihren Landsitzen leben,[244]  die zerstreut und zum Theil ziemlich entfernt liegen, so mußte er nicht selten Wege von zehn bis funfzehn deutschen Meilen den Tag über zurücklegen, um alle seine Kranken zu sehen. Deßhalb machte er auch seine Lectüre von Zeitungen und Flugschriften im Fahren ab, und wenn ich ihn begleitete, so fand ich, während er bei einem Kranken war, immer hinreichenden Vorrath zu literarischer Unterhaltung in den Wagentaschen. Natürlich waren zu seinem Gebrauche zwei Postzüge mit eben so viel Kutschern und Vorreitern nöthig; seine Frau bedurfte einer dritten Equipage, und nach diesem Maßstabe war der ganze Haushalt eingerichtet, so daß die bedeutende Einnahme beinahe ganz auf derlei Aeußerlichkeiten darauf ging und ihm für das mühevolle, anstrengende Geschäft durchaus keine hinreichende Entschädigung bot. – Als ich nach Dorpat zurückgekehrt war, schrieb er mir: »Wie sehr bedaure ich, daß ich Ihnen so wenig angehören konnte, so sehr auch mein Gefühl immer bei Ihnen war und immer mit Ihnen sein wird. – Daß weder mein Geist noch mein Herz im Reiche der Illusionen lebt, werden Sie bemerkt haben und daher gern meine Ihnen für das Leben geweihte Freundschaft für etwas Reelles nehmen.«


Ein anderer recht lieber Freund, wenn auch von ungleich geringerem Gehalte, war Professor Hauenschild, aus Ungarn gebürtig. Er hatte in den Sommerferien 1812 Dorpat besucht, sich mit großer Liebe mir angeschlossen und seitdem einen lebhaften Briefwechsel mit mir unterhalten. Er war Philolog und Belletrist, bei seinem Reichthume an literarischen Kenntnissen und der Eleganz seiner Unterhaltung war er bei mehreren Großen, namentlich auch bei einigen Ministern beliebt. Wohlwollend und gern in angenehmen Vorstellungen sich wiegend, sah er Alles im schönsten Lichte und meinte von Jedem das Beste; seiner poetisch üppigen Sinnlichkeit war eine hinlängliche Portion Leichtsinn beigesellt; man behauptete späterhin auch, daß er die Gunst des Ministers, Fürsten Galizin, seinem Eingehen in religiöse Schwärmerei verdankte. Er leistete mir in Petersburg häufig Gesellschaft und ich brachte auch einige Tage bei ihm in Zarsko Selo zu, wo er an einer[245]  Erziehungsanstalt junger Edelleute, die sich vornehmlich dem Staatsdienste im Civil widmen sollten, lehrte. Außerdem wollte er ein eigenes Institut in dem nicht weit davon liegenden Sofia errichten. – Er sehnte sich sehr nach dem Süden und hoffte, durch seine Verbindungen einst als Legationsrath dahin zu kommen. Sein Schicksal führte ihn späterhin (nachdem ich Rußland längst verlassen hatte) auf einem anderen Wege zu demselben Ziele. Ein Herr nämlich suchte ihn zu stürzen, bloß um seinem Gönner, dem Fürsten Galizin, den er selbst anzugreifen nicht wagte, wehe zu thun, und die Gelegenheit dazu fand sich, als Kaiser Alexander die Anstalt unvermuthet besuchte und unter den Zöglingen Insubordination bemerkte. Hauenschild wurde auf der Stelle entlassen, aber – Dank seinen Gönnern – mit einem ansehnlichen Gehalte auf Reisen geschickt; er wurde österreichischer Generalconsul in Corfu und starb als Gubernialrath in Ungarn, wo denn seiner Wittwe, einer Tochter des russischen Generals Elsner, – die Pension einer russischen Beamtenwittwe zu Theil wurde.
Meine Hauptbeschäftigung während des fünfwöchentlichen Aufenthaltes in Petersburg war das Studium der anatomischen Präparate in der sogenannten Kunstkammer, die mir auf Befehl des Ministers offen stand und wo ich die meisten Tage von 9 bis 3 Uhr zubrachte. Eine kurze Beschreibung davon habe ich in der »russischen Sammlung« (Bd. I. S. 423-456) gegeben. – Demnächst besuchte ich die medicinisch-chirurgische Akademie, wo mich besonders die reichhaltige Bibliothek und die vorzüglich durch schöne Präparate von Cruikshank und Thomas ausgezeichnete anatomische Sammlung interessirte; die Zahl der Zöglinge wurde mir auf 200 angegeben, und auf meine Frage, ob immer genug Competenten zu Besetzung der erledigten Stellen sich fänden, erfuhr ich, daß nach Entlassung einer gewissen Zahl eine angemessene »Remonte« verlangt und durch die Popen die geforderte Zahl von Zöglingen aus den Schulen ausgesucht würde; schlügen sie nicht ein, so würden sie unter die Soldaten gesteckt. – Außerdem nahm ich mehrere Hospitäler in Augenschein.[246] 
Daß ich die übrigen Merkwürdigkeiten, das kaiserliche Palais mit seinen Kunstschätzen, das taurische Palais, das von Kaiser Paul als eine kleine Festung erbaute und für einen Ueberfall mit verborgenen Thüren und Ausgängen versehene Michaelowsche Palais, in welchem er dennoch ermordet wurde, u.s.w. nicht ungesehen ließ, brauche ich kaum zu erwähnen. Auch in dem herrlichen Parke von Pawlowsk war ich; als ich mich aber dem einen Flügel des Schlosses nähern wollte, um die Wandgemälde zu betrachten, brüllte mich eine Schildwache an, und durch Verdeutschung erfuhr ich, daß man nur mit entblößtem Haupte den Mauern sich nähern durfte; wenn ich auch nicht genug gesehen hatte, so hatte ich doch nun zur Genüge gehört und kehrte bescheiden um.
Uebrigens hatte ich noch manchen interessanten Umgang. Dahin gehörte der Leibarzt der Kaiserin, der hochgebildete Stoffregen, und der Leibarzt der Herzogin von Würtemberg, der botanisch-trockne und doch poetische, das Leben ganz in Göthe's Sinne beschauende Trinius: beide Leibärzte verehrten ihre Fürstinnen wie höhere Wesen. In dem curiosen Tilesius fand ich einen alten Bekannten wieder. Zwei Wilnaer Professoren, die sich des Krieges wegen hierher geflüchtet hatten, der wackere Lobenwein und der überall klare Bojanus, waren mir sehr schätzbar. Auch machte ich die Bekanntschaft von Ellisen, Scherer, Orlay, Kaydanow, Zagorski und Andern.

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Der wohlmeinende Kaiser Alexander hatte der Dorpater Universität eine berühmten deutschen Dichter zum Curator gegeben. Aber in Klinger war der Deutsche verrußt und der Dichter zum dienstthuenden General erstarrt. Ich fand bei ihm eine kalte und steife Aufnahme; unsere trockene Unterredung wurde nach einiger Zeit durch einen Soldaten unterbrochen, der in voller Armatur in das Zimmer trat, ohne ein Wort zu sagen Gewehr beim Fuß vor dem Dichter-Curator sich hinstellte, der ihm nun eben so stumm eine Depesche unter dem Brustriemen vorzog, einige Worte darein schrieb und sie ihm wieder an der Brust befestigte, worauf der Soldat[247]  rechtsum machte und abmarschirte. Ich dachte an die atheistische Physiologie: l'homme machine, und machte, daß ich auch bald davon kam. – Vor meiner Abreise mußte ich meinen Paß in Klingers Bureau visiren lassen; der Dirigent sagte mir, ich möge morgen wieder kommen; ich kam und er hatte gerade keine Zeit. Nun verstand ich ihn wohl, wollte aber doch in einer so einfachen Angelegenheit mich nicht zu den gewöhnlichen Mitteln herablassen, sondern bat den Minister um Vermittelung und nach einer Stunde brachte mir ein Feldjäger meinen Paß, ich aber dachte dabei: im Bureau spiegelt sich das Cabinet.
Von Staatsmännern lernte ich den Staatsrath Turgenew kennen, den gleichgesinnten Freund von Kaysarow, der die Idee einer Regeneration Rußlands noch nährte und, in den Unruhen nach der Thronbesteigung des Kaisers Nikolaus compromittirt, nach Amerika gegangen sein soll; den Saatsrath Uwarof und den Minister Rasumowski. Letzterer, der durch Rehmann und Hauenschild für mich eingenommen worden war, wollte mich nun befördern und von Dorpat versetzen. Denn das russische Ministerium der Aufklärung, oder richtiger: das Ministerium der russischen Aufklärung war das Huhn, welches in der Universität Dorpat ein Entchen ausgebrütet hatte, das aus dem wohlberechneten Abrichtungssysteme hinaus und in das freie Element deutscher Wissenschaft sich tauchen wollte. Kaiser Alexander hatte selbst und unmittelbar für diese Universität sich interessirt und namentlich dem Professor Parrot bei Entwerfung ihrer Statuten viel freien Willen gelassen, so daß sie ganz in deutschem Sinne organisirt, ja mit größeren Vorrechten als irgend eine deutsche Universität ausgestattet worden war, mithin in das russische System nirgends einpaßte, weßhalb man sie in Petersburg mit Mißfallen betrachtete. Der Minister ließ mir durch Rehmann und Hauenschild die durch Sablers Tod erledigte Professur der Pathologie und Therapie in Moskau antragen und sprach, da ich es abgelehnt hatte, noch persönlich mit mir darüber, wobei er denn namentlich die große[248]  Praxis, die er mir durch seinen Einfluß zu verschaffen versprach, sehr in Anschlag brachte. Zuletzt fragte er noch, ob ich nicht in Petersburg leben wolle, und da ich, um nicht unartig zu sein, ausweichend antwortete, es sei keine für mich passende Stelle jetzt erledigt, erwiderte er: das wird sich finden. Als ich schon nach Dorpat zurückgekehrt war, machte Rehmann mir nochmals denselben Antrag: zunächst wollte man für mich zwei Stellen schaffen, die dritte würde sich dann gewiß von selbst finden. »Niemand,« setzte er hinzu, »würde dabei mehr gewinnen, als ich selbst. Denn, glauben Sie mir, ich fühle zuweilen das Bedürfniß, mein Gemüth in der Nähe einer tiefen und freundlichen Seele zu erholen. Das Zerstreutsein meines hiesigen Berufes, meine Reisen, so manche andere Umstände haben mich von einer festen, ernsten, auf einen Punct hingerichteten geistigen Thätigkeit abgezogen. Allein, das hindert nicht, daß ich Ihr herrliches, standhaftes Streben zu schätzen verstehe. Die Außenwelt, die Geschichte unseres Lebens bestimmt unsere Form: unser Selbst ist davon unabhängig und ich bin zufrieden, wenn Sie der Freund des meinigen sind.« Als ich ihm darauf geantwortet hatte, daß ich nach Königsberg gehen würde, schrieb er mir: »Ich dachte in dieser Zeit oft und viel an Sie und Ihre nahe Trennung von uns, die aber gewiß zwischen unseren Seelen nicht eintreten wird. Mich freut es für Sie und die Wissenschaft, daß Sie in ein Land, an einen Ort und zu einer Regierung ziehen, wo Sie leichter, freier, muthiger und ungestörter forschen und arbeiten können.« In meinem nächsten Briefe redete ich ihn mit »Du« an, indem ich mich darüber wunderte, daß wir der im Geiste längst bestandenen Brüderschaft nicht schon früher ihr Losungswort gegeben hatten.



6. Streitigkeiten.










[249] Gewiß, ich hatte alle Ursache, mit meinem Verhältnisse in Dorpat zufrieden zu sein; aber ich war es auch in der That; ja, ich erkenne meinen Aufenthalt daselbst in Betreff der amtlichen Wirksamkeit und des geselligen Verkehrs als die glücklichste[249]  Periode meines Lebens an. Die warme Anhänglichkeit einer großen Zahl talentvoller Zuhörer, die allgemeine Achtung von Seiten des Publikums und die Freundschaft vieler trefflichen und dabei doch in Stand, Bildung, Charakter und Lebensansicht ganz verschiedener Menschen – die jetzt, wo ich auf der Höhe des Lebens in voller Kraft der Gesundheit stand, wo ich frei von allen Sorgen meinem Ziele nachstreben und die früher gehegten Pläne wirklich zur Ausführung bringen konnte, und bei dem Genusse meines Familienglücks mir nichts zu wünschen übrig ließen.
Doch auch die Schattenseite durfte nicht fehlen. Zwar war ich aller Anmaßung fremd und verfolgte meine Bahn, ohne Andere zu stören; aber daß ich eben, meine Selbstständigkeit behauptend, mich den Parteien nicht anschloß, erschien als Anmaßung, die unangenehm empfunden wurde, und legte man mir etwas in den Weg, so trat ich Dem im Bewußtsein meiner reinen Absichten mit Ernst entgegen, wobei meine natürliche Unbesonnenheit mich bisweilen zu Extremen hinriß, – denn wie gerade die ruhigsten Menschen, wenn einmal der Affect über sie kommt, die ihnen ungewohnte Heftigkeit nicht zu zügeln verstehen, so war es auch bei mir der Fall.
Die erste Mißhelligkeit entstand wegen der ärztlichen Gesellschaft. Am 3. November 1811 sendete ich folgendes Schreiben:

»An Se. Magnificenz den Herrn Rector, Etatsrath und Professor Grindel.«

»Es ist mir gelungen, einen Verein unter hiesigen Studirenden zu wissenschaftlicher Mittheilung und allgemeiner Beförderung des medicinischen Studiums zu bewirken. Da nun dieser Verein die in den praktischen Geschäftskreis tretenden und wirkliche Staatsbürger werdenden Glieder auch in Zukunft noch verknüpfen soll; da ferner einige ausgebildete Aerzte als außerordentliche Mitglieder an den wissenschaftlichen Unterhaltungen, so wie an der Lecture der circulirenden Journale und anderer Schriften Theil nehmen wollen; da ferner dieser Verein als[250]  solcher in Zukunft die etwa gewonnenen Resultate seines Wirkens zum Besten des Publikums und der Wissenschaft öffentlich bekannt zu machen gesonnen ist; da endlich derselbe durch die angegebenen Momente bestimmt wird, den Namen der ›ärztlichen Gesellschaft zu Dor pat‹ anzunehmen: so ist es meine Pflicht, Ew. Magnificenz diese Veranstaltung bekannt zu machen und Dieselben um deren Genehmigung gehorsamst zu ersuchen, indem ich mir es vorbehalte, wenn es nöthig sein sollte, auch höhern Orts um eine Concession nachzusuchen. Zu diesem Ende habe ich die Ehre, Ew. Magnificenz die Statuten der Gesellschaft im Originale zur Prüfung vorzulegen. Wollen Dieselben, um Sich von der Art, wie die Gesellschaft ihrem Zwecke nachstrebt, zu überzeugen, die Versammlungen, welche Sonnabends Abends von 6 Uhr an im alten Universitätsgebäude im Senfschen Hörsale gehalten werden, bisweilen besuchen, so wird die Gesellschaft diese Ehre mit ergebenstem Danke erkennen. In hochachtungsvoller Ergebenheit« u.s.w.

In unseren Tagen müßte allerdings ein Verein von Studenten, die auch als »Staatsbürger«! demselben noch angehöre sollten, Verdacht erregen; aber 1811, wo das Zeitalter noch nicht zu der Höhe vorgeschritten war, auf welcher demagogische Umtriebe zu wittern sind, schien mir mein Verfahren ganz unverdächtig. Am 6. November machte ich der medicinischen Facultät ebenfalls Anzeige von der Gesellschaft unter Vorlegung der Statuten und erhielt unterm 7ten eine belobende Antwort, wobei jedoch die Unterschrift des Prof. Balk fehlte. In einem Schreiben vom 8. November setzte ich nun dem General Klinger die Ansichten, die mich dabei leiteten, auseinander, legte ihm die Statuten vor, bat um Genehmigung und allerhöchste Bestätigung und erwähnte, daß ich bereits dem Rector die Statuten überreicht hatte, auch in einigen Tagen dem Minister mein Gesuch ebenfalls vortragen würde, was auch wirklich geschah. Hierauf, am 11. November, wurde die erste Sitzung gehalten, Klinger antwortete unterm 14 November, er setze voraus, daß ich den Plan dem Universitäts-Conseil schon vorgelegt hätte[251]  oder noch vorlegen würde, nur wenn dieses ihn empfehle, könne er für die höhere oder allerhöchste Bestätigung sich verwenden und fuhr fort: »Dieses erfordert die gesetzliche, vorgeschriebene Form durchaus, daß ein Mitglied eines Collegiums durch seine Behörde an die Obern gehe, und das hier um so mehr, da von einer Verbindung zu einer Gesellschaft die Rede mit Ausgabe ist, die Genehmigung erfordert. Mit diesen allgemein bekannten Regeln kann ich nun nicht ausgleichen, daß Ew. Hochwohlgeboren directe an den Herrn Minister den Plan schicken wollen, wie Sie belieben zu schreiben. In diesem Falle, wenn es Ihnen der Vorschrift und Ordnung gemäß scheint, wäre es überflüssig gewesen, vorher um eine Genehmigung nachzusuchen. Indessen ist es zu erwarten, daß der Herr Minister, wenn ihm der Plan nicht durch den Curator vorgestellt wird, ihm denselben zusenden würde, und ich müßte ihn doch der Universität zusenden, um ihre Meinung wegen der weiteren Beförderung zu vernehmen. Ohne Ihnen aber wegen der Wahl Ihres Verfahrens etwas vorschreiben zu wollen, so sehr es mir auch bei einer solchen Angelegenheit zukommen mag, überlasse ich Ihnen dieselbe völlig. Nur glaube ich nicht, daß es in der Ordnung ist, daß ein Mitglied des Universitäts-Conseils eine Verbindung zu einer Gesellschaft, deren Mitglieder von der Universität abhängen, treffe, und kann es auch wegen der Folgen, die daraus entstehen könnten, nicht anders zugeben, als daß dieses Conseil davon unterrichtet sei und nach Ermessen verfahre.« Uebrigens schloß dieses offenbar in sehr gereiztem Zustande dictirte Schreiben mit einigen Lobsprüchen. Ich erwiderte, wenn man die nächst vorgesetzte Behörde gebeten habe, sich in einer Angelegenheit bei der höheren Behörde zu verwenden, man dieser sein Gesuch auch vortragen dürfe; dem gemäß hätte ich nicht eher an den Curator mich gewendet, als nachdem ich bei dem Universitäts-Conseil durch den Rector eingekommen sei, und erst nachdem ich dem Curator mein Gesuch vorgelegt, wäre ich auch den Minister deshalb angegangen; daß ich aber zu eilig verfahren wäre und bei der höhern Behörde mein Gesuch eingereicht hätte, ehe sie dasselbe von der ihr untergeordneten erhalten,[252]  erkennte ich allerdings als einen Fehler, den ich in sofern zu verzeihen bäte, als er von meiner Gewohnheit herrührte, officielle Geschäfte hintereinander abzumachen, um dann ungestört meinem eigentlich akademischen Berufe leben zu können.
Die Statuten circulirten unter den Mitgliedern des Conseils, damit dieses hernach einen Beschluß fassen könne; aber trotz aller meiner Erinnerungen erfolgte kein Bescheid, bis ich denn am 21. März 1812 eine Beschleunigung auf entschiedene Weise forderte: »Mir scheint,« schrieb ich dem Conseil, »eine weitere Verzögerung bedenklich. Ist nämlich mein Unternehmen für den Staat gefährlich, oder für die Universität nachtheilig, oder für die Wissenschaft vererblich, so würde es sehr unrecht sein, wenn man nicht eilte, die jetzt bestehende Gesellschaft zu unterdrücken; kann hingegen diese Societät in der Folgezeit nützlich werden, oder ist sie wenigstens unschädlich, so scheint es nicht wohlgethan, sie so lange Zeit auf eine illegale Weise existiren zu lassen, woran ich durchaus keine Schuld haben mag.« Am 13. April schickte mir das Conseil die von dessen Mitgliedern gegebenen Abstimmungen mit der Aufforderung, mich darüber zu erklären, damit alsdann ein definitiver Beschluß gefaßt werden könne.

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Zunächst reichte ich unterm 14. April meine Erklärung über den Antrag der Professoren Huth und Ledebour ein, nach welchem mir nur ein gewöhnliches Disputatorium und Conversatorium zu halten gestattet werden sollte, und zwar unter der Bedingung, »daß der Rector der Universität dasselbe, so oft er es für gut hält, besuche und den darin wehenden Geist bemerke.« – »Also soll,« schrieb ich dem Conseil, »ein ordentlicher Professor, um ein Disputatorium halten zu dürfen, einer besonderen Erlaubniß vom Conseil bedürfen? Gehören denn nicht alle die praktischen Uebungen, als Examinatorien, Disputatorien, homiletische und katechetische Uebungen, Relatorien, Klinika etc. zu den allgemein erlaubten Mitteln der wissenschaftlichen Bildung auf Akademieen? Ich erkläre also jene Aeußerung für ein Attentat gegen die Freiheit und gegen die in den von Sr. Kaiserlichen Majestät bestätigten Statuten ausgedrückten[253]  Rechte eines ordentlichen Professors. – Nach der dabei gemachten Bedingung soll ich unter die Surveillance des jedesmaligen Rectors gesetzt werden. Wenn es nothwendig ist, daß mein Disputatorium von Zeit zu Zeit visitirt werde, so wird natürlich dieselbe Maßregel auch in meinen übrigen Vorlesungen nöthig sein: denn dieselben Ansichten und Grundsätze, die ich im Disputatorium vortrage, begleiten mich auch auf dem physiologischen Lehrstuhle, so wie an das zu demonstrirende Cadaver. Ein Professor soll also den andern in seinen Vorlesungen überraschen, um zu hören, ob diese mit seinen eigenen Ansichten übereinstimmen, und widrigenfalls ihn denunciren. Welche Ansichten über die Würde eines akademischen Lehrers! So tief soll also die Universität erniedrigt werden, damit alle die kleinlichen Leidenschaften, die das Gefolge der Gemeinheit ausmachen, freien Spielraum gewinnen? Ich klage die Herren Professoren Huth und Ledebour an, daß sie durch diesen Vorschlag die Universität herabzuwürdigen gesucht haben. – Hat man mich einmal so unter Aufsicht gesetzt, so wird man unstreitig weiter gehen und auch diesen oder jenen meiner Herren Collegen auf ähnliche Weise bevormunden. Aber warum soll mit dieser Anstalt gerade bei mir der Anfang gemacht werden? Dies wird beantwortet durch die Worte des Herrn Prof. Huth: ›denn es kann nicht gleichgültig sein, wie in einer solchen Gesellschaft die Zöglinge geleitet und für die gemeinsame Bildung zur Brauchbarkeit gestimmt oder verstimmt werden‹. Also, gerade heraus gesagt: das Gespenst der Naturphilosophie ist es, was die Herren durch Exorcismen vertreiben wollen. Allein man hat in neueren Zeiten eingesehen, daß Exorcismen und Bannstrahlen nicht hinreichen, die Gespenster zu vertreiben. Auf ein unbestimmtes Gerücht hin, vom Stuhle der Autorität aus über einen Ketzer das Anathema auszurufen, ist freilich viel bequemer, obschon nicht gerade rühmlicher, als sich genauer mit den Ansichten und der Lehrmethode desselben bekannt zu machen. – Die Universität hat mir bei meiner Verpflichtung keine Glaubensartikel über die Wissenschaft vorgelegt, die ich hätte beschwören müssen; sie hat daher auch nicht[254]  das Recht, zu bestimmen, welche Ansicht ich haben soll oder nicht. Sollten die Herren Huth und Ledebour noch dergleichen Glaubensartikel abfassen, so könnte ich wohl im Voraus versichern, daß ich sie nicht annehmen würde, denn schon ihre Vota belehren mich, daß ihre Ansichten vom Leben und von der Wissenschaft von den meinigen gänzlich verschieden sind.« Ich schloß mit der Bitte, das Conseil möge entweder, falls ich das Vertrauen desselben verloren hätte, ein Commité niedersetzen, welches theils meine Amtsführung, theils meine wissenschaftlichen Ansichten prüfte, namentlich untersuchte, ob durch meine Lehren die Studirenden von der Beobachtung und Erfahrung abgezogen und für das wirkliche Leben unbrauchbar gemacht würden, ob ich überhaupt solche Ansichten hätte, die zu Phantasten, nicht aber zu praktischen Aerzten bilden könnten; – oder, falls ich das frühere Vertrauen desselben noch besäße, seine Indignation über die mir zugefügte Beleidigung zu äußern und die Professoren Huth und Ledebour zu bestimmen, daß sie ihren Antrag förmlich zurücknähmen und mich um Vergebung bäten. Bis meine Ehre wieder hergestellt sei, würde ich keine Vorlesungen halten. Denn »ich will diese Universität nicht beschimpfen; beschimpft würde sie aber, wenn sie einen Docenten hätte, welchen zu bevormunden man im Conseil vorschlagen könnte.« So lautete die in der ersten Hitze aufgesetzte und an das Conseil eingesendete Erklärung, welche an eine frühere Uebereilung erinnert. Als ich ruhiger wurde, sah ich das Uebertriebene dieser Forderungen ein, begriff, daß ich damit im Conseil nicht durchkommen würde, gab daher den Vorstellungen des Rectors, der zu mir kam und mich um Zurücknahme meines drohenden Begehrens bat, nach und ließ es dabei bewenden, daß ich mich ausgesprochen hatte, weßhalb denn auch mein Schreiben sich nicht in den Acten des Conseils finden wird. Die Durchsicht jener Abstimmung ließ mich auch erkennen, daß die entschiedenen Stimmen für meinen Plan in der Minorität waren, daß daher das Endurtheil wenigstens sehr unbestimmt ausfallen, die Genehmigung sehr beschränkt und die Empfehlung sehr kühl sein, übrigens aber ich eine Menge Kränkungen noch[255]  zu erdulden haben würde. Eine zweite Eingabe vom 15. April, in welcher ich die vom Professor Balk gegen meine Statuten erhobenen Einwendungen ausführlich zu widerlegen suchte, schloß ich mit folgenden Worten: »Diese Einwendungen sind also von der Art, daß sie mich nicht abhalten könnten, Ein Hochverordnetes Conseil um Unterlegung meines Planes bei Sr. Excellenz dem Herrn Curator und Sr. Erlaucht dem Herrn Minister zu bitten. Allein, ich sehe voraus, daß die heimlichen Reactionen gegen diese Gesellschaft nie aufhören und mich auf eine unangenehme Weise stören würden. Ich gebe daher lieber meinen Plan auf und beschränke mich fortan auf die Functionen meiner Nominalprofessur. Indem ich meiner Wirksamkeit für das gemeine Wohl der Universität engere Gränzen ziehe, gewinne ich mehr Muße, für die Wissenschaft zu arbeiten, und hier habe ich den Vortheil, mit keinen anderen Waffen, als wissenschaftlichen Gründen angefochten zu werden. Uebrigens statte ich Einem Hochverordneten Conseil meinen gehorsamsten Dank dafür ab, daß Dasselbe die meinem Plane zu Grunde liegende gute Absicht und meinen Eifer für die Universität in dem Schreiben, womit ich beehrt worden bin, anerkannt hat.«
Am 20. April hielt ich die fünfundzwanzigste und letzte Sitzung der Gesellschaft, und am 22sten – es war zweiter Osterfeiertag – wurde ich durch eine öffentliche Ehrenbezeigung überrascht: bei hellem Tage, ohne Sang und Klang, ernst und ruhig, kamen über hundert Studenten paarweise vor meine Wohnung gezogen, um mir ein Lebehoch zu rufen. Dem General Klinger hatte ich die Auflösung der Gesellschaft mit den Motiven, die mich dazu bestimmt hatten, gemeldet und dabei über die Wirksamkeit des Vereins berichtet. Ich erhielt darauf eine Antwort, welche die Verzichtleistung auf meinen Plan rechtfertigte und die ich hier unverkürzt mittheile, weil man sie bei Vergleichung mit dem früher Mitgetheilten merkwürdig genug finden kann:[256] 


»Hochwohlgeborner«

»Hochzuverehrender Herr Professor!«

»Als mir Ew. Hochwohlgeboren den 8. November v.J. Ihren Plan zu einer besonderen ärztlichen Gesellschaft zusandten, antwortete ich Ihnen, daß keine besondere Gesellschaft, welcher Art und welches Zweckes sie auch sei, ohne Genehmigung des Herrn Ministers in Dorpat Statt finden könnte, und daß, um diese Genehmigung zu erhalten, Sie Ihren Plan dem Conseil vorlegen sollten1, damit mir dasselbe ihn nach Prüfung unterlegen möchte, worauf ich ihn zur Genehmigung an den Herrn Minister befördern würde. Jetzt schreiben Sie aber, daß Sie gleichwohl vorläufig, also gegen meine Weisung2, die Gesellschaft errichtet haben und schicken mir einen Bericht von Ihren Arbeiten unterzeichnet von Beamten verschiedener Art. Da ich nun gar nichts von einer solchen Gesellschaft weiß und sie nicht anerkenne, da mir von der Universität auch kein Bericht über diesen Gegenstand eingesandt worden ist, so schicke ich diesen Bericht nicht allein Ihnen zurück, sondern untersage Ihnen auf Ihre Verantwortung ohne erhaltene Erlaubniß der höhern Behörde, Versammlungen einer solchen Gesellschaft zu halten3. – In Ihrem Schreiben bezeigen Sie mir Ihr Mißvergnügen über die Abstimmung einiger Mitglieder bei der Conseil-Sitzung4 über Ihre zu errichtende Gesellschaft. Darüber ist mir von Seiten der Universität nichts zugekommen, aber sollte es geschehen, so würde ich natürlich sagen, daß, wenn mit Erlaubniß des Herrn Ministers eine besondere Gesellschaft bei der Universität Dorpat errichtet werden würde, der Rector oder Chef der Universität zu jeder Zeit das Recht haben müßte, sie zu besuchen,[257]  da er für Alles, was sich bei der Universität ereignet, verantwortlich ist. Indem ich aber dieses als richtig annehme, lasse ich mich nicht auf die besondern Ausdrücke des Voti ein5, welche Sie anführen. Ich werde ferner sagen, daß dadurch Niemand beleidigt werden kann, der eine solche Gesellschaft errichtet, weil er unmöglich durch die Errichtung einer besonderen Gesellschaft sich über die Universität oder außer dieselbe zu constituiren denken oder für möglich halten kann; daß durch eine solche gesetzliche Verfügung6 Niemandes Ehre beleidigt werden kann; daß aber diejenigen, welche die Sache allenfalls nicht so nehmen möchten, die Errichtung solcher Gesellschaften, die nur gesetzmäßig und im Geiste der Regierung des Landes7 Statt haben können und dürfen, unterlassen können. – Ich kann Ihnen meine Achtung nicht desser beweisen, als daß ich Ihnen gerade so schreibe, wie ich denke. Erlauben Sie mir, Ihnen die gemeine Bemerkung zu machen: es ist nicht genug, daß man das öffentliche Gute zu befördern sucht, man muß es auch auf die Weise thun, die der Staat um der Ordnung willen vorzuschreiben für nöthig gefunden hat. Ich sagte Ihnen in meinem frühern Schreiben: es kann sich keine Gesellschaft ohne Genehmigung der Obern bilden8, und ganz natürlich, denn könnte es eine ärztliche, so könnte es auch jede andere. – Ich habe die Ehre mit der vollkommensten Hochachtung zu sein

Ewr. Hochwohlgeboren
gehorsamer Diener
Klinger.«

St. Petersburg den 26. April 1812.[258] 
Mit dieser meiner Rectification hatte die Angelegenheit erst ihr völliges Ende erreicht.
Eine andere Unannehmlichkeit hatte ich wegen des Reisegeldes. In den Unterhandlungen über meine Berufung nach Dorpat hatte ich 200 Ducaten zur Reise verlangt und der Rector Grindel schrieb mir unterm 10. April 1811: »Ihr Reisegeld ist Ihnen schon zugestanden. Sollten Sie aber zu kurz kommen, so werden wir es möglich zu machen suchen, Ihren Schaden zu ersetzen.« Nun erst erklärte ich ihm bestimmt, daß ich die Berufung annähme und suchte meine Entlassung bei dem sächsischen Ministerium nach. Als ich mich nun schon zur Reise anschickte, schrieb mir Grindel unterm 1. Mai: »In meinem letzten Schreiben war ich der Meinung, daß das Conseil schon 200 Ducaten zu Ihrer Reise bestimmt habe; und weil ich wünschte, daß Sie soviel bekämen, schrieb ich so bestimmt; allein jetzt findet sich, daß wir unmöglich mehr als 125 Ducaten geben können.« Ich erwiderte, daß es jetzt zu spät sei, darüber zu verhandeln und daß ich nach meiner Ankunft in Dorpat mein Recht würde geltend machen. Ich war um so mehr genöthigt, dies wirklich zu thun, da die Reise von 205 Meilen und der Transport von 13 Centnern an Effecten mir auf 800 Thaler zu stehen kam. Gleichwohl wollte das Conseil auf Antrieb des Professors Parrot seinen Rector desavouiren, und ich hatte viel zu streiten, bis mir endlich im Juni 1812 die Nachzahlung von 75 Ducaten bewilligt wurde, was ich vorzüglich dem Beistande meines Freundes Kaysarow verdankte, der bei dieser Gelegenheit eine ungesetzliche Begünstigung eines Anhängers von Parrot entdeckt hatte.
Parrot, ein guter Mathematiker, scharfsinniger Physiker und ausgezeichneter Geschäftsmann, der sich bei dem Vertrauen, das ihm Alexander schenkte, um die Universität Dorpat die größten Verdienste erworben hatte, deßhalb auch in großem Ansehen stand und dasselbe überall geltend zu machen wußte, war nicht mein Freund, vorzüglich wohl darum, weil ich ihm für einen ausgemachten Naturphilosophen galt. Ich vermied ihn; aber unglücklicher Weise kam ich mit ihm in Differenz[259]  und zwar – am Krankenbette. Professor Müthel nämlich, ein allgemein hochgeachteter Mann, erkrankte im Mai 1812 an einem Nervenfieber, welches er durch Gram über den Tod seiner Gattin und durch eine in dieser Verstimmung gewählte und Monate lang fortgesetzte, rein vegetabilische Kost und Enthaltung von allen bisher gewohnten nährenden und geistigen Getränken sich zugezogen hatte. Dr. Lehmann, der ihn behandelte, verlangte ein Consilium mit Professor Styx und mir. Als wir in das Haus des Kranken kamen, fanden wir unerwartet Parrot da, der uns auseinander setzte, daß die Nervenfieber auf einem Uebermaße von Galle, also von deren Natrum und von dem durch faule Gährung entwickelten Ammonium beruhen, also nur durch Essig geheilt werden. Ohne auf seine Theorie im Allgemeinen einzugehen, entgegneten wir ihm, daß im vorliegenden Falle weder ein galliger noch ein fauliger Zustand sich auf irgend eine Weise offenbare, noch auch bei der beobachteten Diät sich habe entwickeln können, und behandelten den Kranken nach der gewöhnlichen Methode, aber ohne ihn retten zu können. Darauf trug Parrot in den »Rigaischen Stadtblättern« vom 22. October seine Theorie vor, und erzählte dabei Folgendes: »Einer meiner Freunde wurde von einem Nervenfieber schnell und heftig befallen. Am dritten Tage waren die Petechien da, am sechsten die Diarrhöe, am siebenten der Tod. Die Erregungsmethode wurde unausgesetzt angewandt, meiner Bitten ungeachtet, die ich am dritten und vierten Tage mit aller Wärme der theilnehmendsten Freundschaft vortrug und mit allen Gründen der Theorie und meiner wenigen Erfahrungen unterstützte. Der Gang der Krankheit war so rasch und so bestimmt, daß ich versichern konnte, daß der Patient den neunten Tag nicht erleben würde; er starb zu Ende des siebenten.«

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Ich konnte hierzu um so weniger schweigen, da ich erfuhr, daß Parrot seine angebliche Entdeckung noch zu weitern Zwecken benutzen wollte. Ich bewies also in denselben Blättern (vom 19. November), daß in dem erzählten Falle der Essig durchaus nicht anwendbar gewesen war, beleuchtete die[260]  von ihm als Beweise für seine Theorie angeführten Erfahrungen, und berichtete, daß nach den eingezogenen Erkundigungen in dem einen Falle, wo das Nervenfieber durch Essig geheilt worden sein sollte, außer China, Moschus, Campher, Aether nicht mehr als eine halbe Unze, nicht Essig, sondern Gewürzessig gegeben worden war, und daß in einem andern Falle man zwar Essig gebraucht hatte, aber weder ein Nervenfieber vorhanden gewesen, noch auch der Kranke geheilt worden war. Parrot ließ nun einen Aufsatz unter der Ueberschrift: »Berichtigung der Thatsachen des Herrn Professor Burdach in Nr. 47. der Rigaischen Stadtblätter« drucken, worin er meinen Angaben über jene Krankheitsfälle widersprach, dann es rügte, daß ich gegen seine Theorie nichts eingewendet hätte, und schlüßlich erklärte, er nehme gar keine reinen Nervenfieber, sondern nur Gallen- und Faulfieber an, und behaupte, daß das Heilmittel derselben Essig sei. Darauf erschien von mir im Januar 1813 unter dem Titel: »Auflösung eines Räthsels vom Essig« eine allerdings sehr bittre Entgegnung, in welcher ich 1) meine Angaben über die von Parrot zur Unterstützung seiner Theorie angeführten Krankheitsfälle durch Auszüge aus den Tagebüchern der Professoren Deutsch und Balk, als der ordinirenden Aerzte, nachwies; 2) die Parrotsche Theorie wegen des darin bewiesenen Mangels an Sachkenntniß persiflirte und das Unlogische und Unwissenschaftliche derselben als etwas Räthselhaftes darstellte; 3) voraussetzte, Parrot habe die Studirenden nur auf die bekannte Wahrheit aufmerksam machen wollen, daß vegetabilische Säuren bei galligen und fauligen Krankheiten heilsam sind, und um ihnen dies mehr einzuschärfen, eine auffallende Form gewählt und jene Krankheiten Nervenfieber genannt. – Parrot ließ dann ein Blatt drucken mit der (sinnlosen) Ueberschrift: »Lösung des Burdachschen Räthsels.« Er sagt darin: »Der Herr Professor Burdach hat das sicherste Mittel gewählt, den Streit, den er mit mir angefangen hat, zu beendigen: er macht einen Spaß daraus, da er wohl weiß, daß ich weder Zeit noch Lust habe, einem Spaßmacher zu antworten, und daß ich keine Possen achte, sie[261]  mögen in der Faschings-Jacke oder in gravitätischer Amtskleidung des Zunftmeisters erscheinen.« Hierauf war nichts zu erwidern, und ich betrachtete den Streit als geendigt. Indeß war Parrot im November 1812 nach Riga gegangen, und hatte daselbst in einem Militärhospitale vom 12. bis 20. November unter dem Oberarzte Meinshausen 13 Kranke mit Essig behandelt, von denen nach seiner gedruckten Anzeige 6 vom Typhus, Diarrhöe oder Ruhr in wenig Tagen geheilt waren, 3 merklich sich besserten, 1 noch sehr schwer krank und 2 gestorben waren. In einem Briefe vom 17. December meldete mir Meinshausen, daß »verschiedene Subjecte, die damals in der Besserung sich befunden hätten, nachher dennoch gestorben wären.« Indessen wurden durch den General Klinger und durch den Generalgouverneur von Riga officielle Berichte über Par rots Entdeckung und den glücklichen Erfolg seiner Behandlung der 13 Kranken dem Minister abgestattet, mit dem Antrage, ihm eine Belohnung vom Kaiser auszuwirken. Die Prüfung des Berichts wurde dem Medicinalrathe übertragen, und da dieser ein ungünstiges Urtheil fällte, so blieb die Belohnung weg. – Daß auch dieser Vorfall zu der Kälte beitrug, mit welcher mich nachher General Klinger aufnahm (S. 547), ist wohl klar.
Als im Jahre 1810 der Professor der Chirurgie Kauzmann sein Amt niedergelegt hatte, war eben ein gewisser Jochmann, der in Würzburg Chirurgie studirt hatte, nach Dorpat gekommen, und man hatte ihm in Ermangelung eines Andern die Vorlesungen über Chirurgie übertragen, ihm die Doctorwürde ertheilt, einen Gehalt von 1500 Rubeln gegeben und die Theilnahme an den Emolumenten der medicinischen Facultät gewährt. Er war faul und dem Trunke ergeben, aber bei Grindel, Parrot und Balk beliebt. Gegen Ende des Jahrs 1812 forderte er eine ordentliche Professur, und da besonders Parrot sich seines Gesuchs mit vieler Wärme annahm, so war die Gewährung desselben schon höchst wahrscheinlich. Meine Collegen schwiegen, und so mußte ich denn dagegen auftreten. Ich leitete meine schriftliche Erklärung darüber[262]  mit folgenden Worten ein: »Indem ich mein Votum über die Wahl des Herrn Dr. Jochmann zum ordentlichen Professor der Chirurgie hiermit niederlege, sehe ich sehr wohl voraus, daß es mich in unangenehme Verhältnisse setzen wird; indeß will ich doch lieber diese Unannehmlichkeit übernehmen, als aus Feigheit und Liebe zur Bequemlichkeit meine Ueberzeugung verschweigen.« Ich erklärte mich gegen seiner Wahl, weil sie in den dermaligen Kriegszeiten, wo man keine andern Candidaten aufstellen könne, nicht frei sein würde, und weil er auch die vorschriftsmäßige Dissertation noch nicht geliefert hatte. Parrot suchte meine Einwendungen zu beseitigen, und nöthigte mich dadurch zu Angaben über die Nachlässigkeit, mit welcher Jochmann sein Lehramt verwaltete, wobei ich hinzusetzte: »ich weiß nicht, ob alle Studirende, bei welchen ich mich nach ihren chirurgischen Studien erkundigte, Feinde des Herrn Dr. Jochmann sind und ihn etwa verleumden; daher schlage ich vor, daß ein Comité vom Conseil ernannt wird, um seine Zuhörer zu vernehmen, wobei ich mir ausbitte, davon Zeuge zu sein.« Man ließ sich weislich auf diesen Vorschlag nicht ein; die Wahl unterblieb; Jochmann starb 1814 an den Folgen der Trunksucht, und der treffliche Maier wurde Professor der Chirurgie.
Unzählige Plackereien hatte ich mit meinem Prosector, dem außerordentlichen Professor Cichorius. Er war ein geborner Leipziger, hatte auf der dasigen Universität sich viel mit Philosophie und schöner Literatur beschäftigt, dadurch ein gewisses Ansehen erlangt und, als ich erst auf die Universität kam, schon Privatissima über Anatomie gelesen, dann eine Stelle als Erzieher in Liefland einige Jahre verwaltet, hierauf das Amt des Prosectors in Dorpat erhalten und nach Isenflamms Abgange um dessen Professur sich beworben, die mir aber ertheilt worden war. So war das Verhältniß zu meinem Prosector nicht angenehm. Noch ungünstiger wurde es aber für die Verwaltung meines Amtes durch seinen Charakter. Cichorius war schon in Leipzig als ein eigensinniger Sonderling bekannt; hierzu kam noch, daß er in Dorpat ein starker Trinker geworden und die[263]  meiste Zeit über benebelt war. So betrachtete er sein Wissen als geschlossen, arbeitete auf der Anatomie mit großem Aufwande an Zeit und Mühe, aber einzig und allein für feine Demonstrationen, ohne irgend eine Untersuchung anzustellen, oder auch nur ein Präparat für die Sammlung zu fertigen. Von seinem Leben in der Zeit, die ihm von seinen Vorlesungen und den Vorbereitungen dazu übrig blieb, erzählte man die wunderlichsten Dinge. Als Gehülfe konnte er mir unter diesen Umständen gar nicht dienen; ich vermied daher so viel als möglich jede Berührung mit ihm, übertrug die Vorarbeiten für meine Vorlesungen meinem Amanuensis Pietsch und besorgte sie nach dessen Abgange selbst, so daß Cichorius fast nie etwas für mich zu thun hatte. Aber fortwährend hatte ich mit unverständigen Anmaßungen und Beschwerden zu kämpfen.
Die junge Universität, eiligst organisirt, zählte zu ihren Mitgliedern noch manches andere durch Sonderbarkeiten ausgezeichnete Individuum. Ich nenne hier nur noch den juristischen Professor Köchy. Er hatte neun Jahre in Leipzig als Repetent, dann drei Jahre als Privatdocent in Jena, endlich vier Jahre als Professor am Gymnasium in Mitau gelebt, als er 1807 nach Dorpat berufen worden war. Hier war er, als ich hinkam, fast ohne allen Umgang, in einen ärgerlichen Proceß mit seiner Frau und deren Vater, dem Professor Hezel, verwickelt, und gab ungeachtet seiner Einsamkeit genug Stoff zu Stadtgesprächen. Als ich nach meiner Ankunft ihm meinen Besuch machte, erhielt ich ein Bild von seiner Lebensweise; ich fand ihn halb angekleidet, die Guitarre im Arme, auf einer Matratze an der Erde liegend; auf dem Tische eine Flasche, Butter, Brod, Schuhschmiere und Schuhbürsten; die Stühle mit allerhand Kleidungsstücken belegt u.s.w. 1818 wurde er nebst seinem Collegen Stelzer abgesetzt, da auf ihre Veranlassung ein Moskauer Schneider in Dorpat die juristische Doctorwürde erhalten hatte. Er lebte darauf anderthalb Jahre in London, dann neun Monate in Montpellier, ging von da nach Madrid, um daselbst zu bleiben, wurde aber als verdächtig von der Polizei vertrieben, lebte sodann zwei Jahre in Paris[264]  von schriftstellerischen Arbeiten, seit 1823 aber in Wolfenbüttel als Landgerichtsadvocat. Im Vertrauen auf die bei dem erwähnten Besuche gemachte Bekanntschaft wendete er sich 1824 an mich, um ihm zu rathen, wie er zu einer Professur in Königsberg, sei es auch nur eine außerordentliche, gelangen könne.
Fußnoten

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1 was ich, wie ich Sr. Excellenz am 8ten meldete, bereits am 3ten gethan hatte.

2 der ich nachgekommen war, ehe ich sie erhalten hatte.

3 Ich hatte eben Sr. Excellenz angezeigt, daß keine Versammlungen mehr gehalten würden.

4 soll heißen: in einem Circular.

5 welche eben am meisten beleidigend waren.

6 so lange sie nicht für ein besonderes Institut allein bestimmt, sondern allgemein gültig ist.

7 Die ärztliche Gesellschaft konnte sich freilich nicht rühmen, im Geiste der russischen Regierung zu sein.

8 was ich auch vorher keinen Augenblick aus den Augen gesetzt hatte.




A. Erstes Stadium. Dorpat.
(1811 bis 1814).













1. Berufung


2. Amtliche Wirksamkeit


3. Wissenschaftliche Thätigkeit


4. Häusliches und geselliges Leben


5. Petersburg


6. Streitigkeiten


7. Krieg






1. Berufung nach Königsberg.










[276] Wenige können sich rühmen, einen Freund gewonnen zu haben, wie mir Hänsel war; deren zwei zu besitzen, übersteigt das Maß menschlichen Glücks. Hänsels Tod war ein unersetzlicher Verlust für mich: mit dem Manne, dessen Freundschaft in den Ahnungen der frühesten Kindheit wurzelte und, unserer geistigen Entwickelung entsprechend, immer inniger und kräftiger sich ausgebildet hatte, war mir ein wesentlicher Schmuck meiner Jugend geraubt und ich trat nun in einen neuen Abschnitt meiner Bahn. Das Leben wurde ernster; es begann der Zeitraum von 25 Jahren, in welchem meine Kraft zu voller Reise gelangte und ich die Aufgabe meines Lebens zu lösen hatte: ein Zeitraum, noch reich an Freuden, doch nicht mehr an solchen, welche nur das trauliche Zusammenleben mit Jugendgenossen gewährt.
Ich war durchaus dankbar gegen Dorpat. Es hatte mir den freien Gebrauch meiner Kräfte möglich gemacht und mir ein angenehmes Lebensverhältniß dargeboten. Die Universität bewegte sich ziemlich frei; ich hatte zwar den Corporalstock des Curators erblickt, doch hatte die Krone während des Krieges zu sehr au ihre eigene Sicherheit zu denken, als daß sie sich viel um die Universität hätte kümmern können. Eigenmacht und Dünkel einiger Collegen hatte mir zwar Unannehmlichkeiten bereitet, doch billig Denkende blieben mir gewogen und der Beifall meiner Zuhörer, so wie das Wohlwollen vieler achtbaren Männer gewährten mir Ersatz für den über mich verhängten Verdruß. Unter den Eingeborenen waren Viele von feiner Bildung[276]  und die geselligen Verhältnisse waren daher uns unter Zutritte der herrschenden Gastfreiheit sehr angenehm. Kamen die Erzeugnisse der neuesten Literatur auch etwas spät an, so blieben sie doch nicht aus. Das Klima übte auf meine und meiner Familie Gesundheit keinen nachtheiligen Einfluß aus, war auch nicht so rauh, daß es mir besonders unangenehm gewesen wäre, und die Art, wie man sich gegen seine Rauheit zu schützen wußte, verschaffte eine besondere Behaglichkeit. Und hatte man nicht dieselbe Auswahl von Früchten wie im Herzen Deutschlands, so mangelte es doch nicht an schmackhaften Nahrungsmitteln. – Späterhin haben mehrere Gelehrte, an die ein Ruf nach Dorpat gelangt war, sich bei mir nach den dasigen Verhältnissen erkundigt und ich habe immer erklärt, daß ich mit meinem Aufenthalte daselbst vollkommen zufrieden gewesen bin.
Befand ich mich aber in diesem Verhältnisse auch ganz wohl, so trat doch die Sehnsucht nach Deutschland mächtig in mir hervor, als dessen Fürsten mit ihren Völkern gemeinschaftliche Sache machten und sie zu einer neuen Ordnung der Dinge für reif erklärten. Der Kriegstyphus, der mir in Finnland meinen braven Amanuensis Pietsch, in Sachsen meinen Hänsel geraubt hatte, machte in Preußen eine meinen Wünschen entsprechende Stelle leer; und mein warmes Interesse an der Befreiung Deutschlands wurde der Anlaß, mich mit dieser Vacanz bekannt zu machen.

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Gegen einen meiner Zuhörer hatte ich den Wunsch geäußert, durch seinen Vater, einen Kaufmann in Riga, deutsche Zeitungen zum Lesen zu bekommen. Dem zufolge erhielt ich am 13. März 1813 ein Blatt von der Königsberger Zeitung und fand darin die Anzeige vom Tode des dasigen Professors der Anatomie, Kelch. Ich schrieb Tages darauf an den Professor Remer daselbst, dessen Bekanntschaft ich auf meiner Durchreise gemacht hatte, um mich nach den Verhältnissen zu erkundigen und erfuhr von ihm, daß Kelch einen Gehalt von 300 Thalern gehabt, für seine Vorträge über Anatomie ein entsetzliches Locale benutzt und von der Regierung wenig Unterstützung gesunden habe. Weit entfernt, mich dadurch abschrecken[277]  zu lassen, trug ich dem Minister von Schuckmann meinen Wunsch vor, auf eine preußische Universität zu kommen und namentlich die Professur der Anatomie in Königsberg zu erhalten, wenn die Regierung mir 1000 Thaler Gehalt und den Hofrathstitel geben und eine den gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechende anatomische Anstalt errichten wolle. Der Minister antwortete, mein Antrag sei ihm sehr willkommen, nur könne er in Betreff der Anstalt erst nach einiger Zeit eine definitive Antwort ertheilen, indessen solle ich den Betrag des mir zu bewilligenden Reisegeldes vorschlagen. Staatsrath Nicolovius, der sich damals in Königsberg aufhielt, trug am 4. Juni Remern auf, mir zu melden, daß das Ministerium meine Berufung beim Könige beantragen werde. Remer bewies große Freundlichkeit und erbot sich, alle Aufträge für meine vorläufige Einrichtung zu besorgen. »Sind wir auch vielleicht,« schrieb er, »in unseren Ansichten der Kunst nicht einer Meinung, so sind wir es doch in redlichem Streben nach der Wahrheit und der Erfüllung unseres Berufes, so wie im Gefühle fürs Rechte und Schöne.« – Sehr bedeutungsvoll für mich war es, daß der König mein Patent in meiner Vaterstadt zwei Tage nach der Leipziger Schlacht unterzeichnete.
Am 4. Januar 1814 schloß ich meine Vorlesungen in Dorpat, und nachdem ich die anatomische Sammlung abgegeben hatte, erhielt ich meinen Abschied, jedoch nur unter der Bedingung, daß ich mich wegen eines während meines Decanats eingetretenen Deficits bei der Universitäts-Casse für verantwortlich erklärte. Der damalige Rentmeister, ein geachteter und begüterter Mann, war nämlich, ohne daß etwas davon ruchtbar wurde, in Unordnung seiner Finanzen gerathen und hatte dem Professor Parrot und mir, ais Revisoren der Casse, Pakete mit Staatspapieren vorgelegt, die wir nach ihrer Aufschrift als richtig angenommen hatten, ohne uns von ihrem Inhalte zu überzeugen; bei seinem Tode hatte sich das Deficit und die Unzulänglichkeit seines Vermögens erwiesen. Da unser Versehen hauptsächlich dem Professor Parrot, als Rector, zur Last fiel und ich überzeugt war, daß er die Niederschlagung schon[278]  bewirken würde, so betrachtete ich meine Ausstellung eines Reverses als eine leere Formalität, der ich mich ohne Weigern unterzog.


Ich reiste mit meiner Familie am 12. Februar von Dorpat ab und hatte wieder das Glück, einen jungen Mann, der sich zu meinem Amanuensis für Königsberg erboten hatte, mit mir zu nehmen, während noch Dr. Struve, nachmaliger Professor der Klinik in Dorpat, uns bis Riga begleitete. Die Hülfe dieser jungen Männer war uns in der That höchst nöthig, da sie Menschen und Pferde aus den nächsten Dörfern herbeischaffen mußten, wenn, was oft geschah, unsere Equipage in dem tiefen Schnee sitzen blieb oder bei dem furchtbar schlechten Wege etwas daran zerbrochen war. Unter fortwährenden heftigen Erschütterungen, indem unser Schlitten abwechselnd bergan stieg und in eine Grube herabstürzte, brachten wir fünf Tage und Nächte auf dem Wege nach Riga zu. Hier erholten wir uns wahrend eines neuntägigen Aufenthaltes und genossen sehr viel Güte von den dasigen Einwohnern, so daß wir nicht Zeit hatten, allen freundlichen Einladungen zu genügen. Eine eben so gütige Aufnahme fanden wir in Mitau, wo wir zwei Tage verweilten. Erst von hier aus wurde unsere Fahrt so bequem, daß wir die Lieder anstimmen konnten, welche meine Söhne für diese Reise gesammelt hatten. Mein Amanuensis hatte Dorpat verlassen, ehe sein Paß von Petersburg angelangt war und ihn in Riga vergeblich erwartet; er mußte daher als Contrebande über die Gränze geschafft werden, welches Geschäft ein russischer Zollbeamter gern übernahm. – In Memel hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als mich mit der russischen Nationalkokarde zu schmücken.



2. Amtliche Thätigkeit.










[279] Königsberg nannte sich noch die Haupt- und Residenzstadt von Preußen, ungefähr wie eine verstoßene Geliebte ihr kümmerliches Dasein noch durch die Erinnerung an ihre glänzende Vergangenheit zu schmücken sucht. Es war in Vergleich mit[279]  den dem Herzen Deutschlands näher gelegenen Theilen der Monarchie sehr vernachlässigt worden; namentlich hatte man auch die Universität mehr als billig sich selbst überlassen und sie verdankte ihren Ruf allein der Tüchtigkeit der ihr zugewachsenen Lehrer: die Zahl der Professoren war gering, der Gehalt dürftig und besondere akademische Institute fehlten gänzlich. Erst als nach dem Tilsiter Frieden der Staat sich neu zu gestalten begann, fing man an, auch der Königsberger Universität eine den Bedürfnissen der Zeit gemäße Organisation zu geben: mehrere ausgezeichnete Männer wurden als Professoren berufen; es wurde eine Sternwarte unter Bessel errichtet, ein botanischer Garten unter Schweigger angelegt, eine klinische Anstalt, freilich noch ohne eigenes Local, eröffnet, und die aus einigen Hundert alten, meist theologischen Büchern bestehende Universitätsbibliothek durch die bisher auf dem Schlosse aufgestellte königliche Bibliothek verstärkt und in ein eigenes Gebäude verlegt. 1814 mußte natürlich da noch viel zu thun übrig sein. Das Universitätsgebäude hatte ganz das Aussehen eines alten, armen Klosters; das düstere Senatszimmer schloß hinter einer Barrière, vor welcher die Studenten bei Vernehmungen oder Stipendiatenprüfungen standen, einen langen Tisch ein, über welchen einige Klingelschnuren mit großen Muscheln und Stücken Bernstein geschmückt, herabhingen und hinter welchem die Senatoren auf ungeheuer breiten und hohen Lehnstühlen saßen; der große Hörsaal war lang, niedrig, dunkel, von eckigen, hölzernen Pfeilern gestützt, an Wänden und Decke mit dunkelbraunem Tafelwerke und alten geschwärzten Oelgemälden von Fürsten bekleidet, dicht vor dem Katheder mit einer Barrière versehen, innerhalb welcher bei Promotionen außer den Opponenten auch Stadtpfeifer saßen, die zum Anfange und Ende des Actus auf herzzerreißende Weise bliesen; im oberen Stocke waren zum Theil mit Ziegelsteinen gepflasterte Wohnungen für Studenten und sogenannte Collegienbursche, d.h. arme Knaben aus Masuren, welche, um einst in ihrem Vaterlande Schullehrer oder Geistliche zu werden, die Schule besuchten, den Studenten zur Aufwartung und respective Erziehung beigegeben waren und mit[280]  dem, was diese von der Mahlzeit im Convicte übrig ließen, gespeist wurden.
Was die anatomischen Studien betrifft, so hatte die erste. Gemahlin des Herzogs Albrecht, die sich für die Wissenschaften sehr interessirte und zur Stiftung der Universität viel beitrug, nach Angabe von Pisansky (Entwurf einer preußischen Literargeschichte S. 169) besonders für Anatomie und Botanik viel Liebhaberei »und sich solche Kenntniß darin erworben, daß sie davon gründlich zu urtheilen im Stande war.« Nach den Statuten sollte von den zwei ordentlichen Professoren der Medicin der Eine practia mit Einschluß der Chemie, der Andere isagogica, nämlich Physik und im Sommer Botanik, im Winter Anatomie lesen, wobei er in Ermangelung menschlicher Leichname auch Thiere, nur keine Hunde! zu seinen Demonstrationen benutzen durfte. 1581 war in einem Dorfe unweit Königsberg eine menschliche Mißgeburt vorgekommen, die aber nicht zum Gegenstande der Anatomie, sondern zu einem der Poesie gemacht wurde, indem Professor Limdarsen eine lange Elegie darüber dichtete, in welcher er Krieg, Hunger, Pest und obendrein den baldigen Einbruch des jüngsten Tages daraus weissagte (Pisansky a.a.O. S. 295). Im Jahre 1728 bat Prof. Boretius um Errichtung eines anatomischen Theaters, welches, wie er sagte, die Vorfahren des Königs bereits vor hundert Jahren versprochen hätten und schlug vor, falls keine Fonds dazu vorhanden wären, ein Local im Hospitale dafür einzurichten und Stipendiengelder dazu zu verwenden. Die Regierung verwarf diesen Vorschlag, da das Hospital für Kranke und die Stipendiengelder für Studenten bleiben müßten und forderte Bericht, ob nicht im Universitätsgebäude »eine Stube oder Kammer« zur Anatomie eingerichtet werden könne. In der That legte die medicinische Facultät einen solchen Plan vor; da jedoch der Pedell, dessen Wohnung dazu verwendet werden sollte, dagegen protestirte und der Inspector des Albertinums ihm beipflichtete, so ging die Regierung nicht darauf ein, sondern schlug »einen wüsten Thurm« (der nachmals unter dem Namen des blauen Thurms zum Gefängnisse eingerichtet wurde)[281]  dazu vor und ließ es dabei bewenden. 1737 erbot sich Büttner, damals noch außerordentlicher Professor, ein Gebäude auf einem wüsten Platze aus eigenen Mitteln aufführen zu lassen und daselbst die Anatomie zu lehren, falls sein Nachfolger verpflichtet würde, die auf 500 Thaler angeschlagenen Kosten seinen Erben zu ersetzen. Dies wurde endlich genehmigt und Büttner erbaute 1745 ein anatomisches Gebäude auf dem Weidendamme mit einem Aufwande von 1077 Thalern. Nach seinem Tode trug die Universität 1776 darauf an, das Haus für 500 Thaler und die von Büttner hinterlassenen Präparate für ebenfalls 500 Thaler zu kaufen. Ersteres geschah, aber die Präparate, welche die Erben für 200 Thaler ablassen wollten, wurden, da Metzger ihren Werth nur auf 170 Thaler schätzte, späterhin nach Berlin verkauft, wo sie die Grundlage zu dem großen Wallerschen Museum bildeten. Metzger bat 1787 um Anstellung eines Prosectors; anfangs wurde nur für den nächsten Winter ein Student mit diesem Geschäfte beauftragt, indem man in jedem Jahre beurtheilen wollte, ob auch die Zahl der Studirenden einen Prosector erheische. Erst 1795 wurde Dr. Karl Metzger und nach dessen Tode 1799 Dr. Kelch als permanenter Prosector angestellt, und Letzterer verwaltete dieses Amt auch ferner, nachdem er 1805 Professor der Anatomie geworden war. Im Jahre 1809 erklärte das Ministerium seine Absicht, eine anatomische Anstalt zu errichten, sobald es die Verhältnisse des Staats gestatten würden.
So standen die Angelegenheiten, als ich nach Königsberg kam. Alles, was ich zur Anatomie gehörig vorfand, war ein dem Einsturze drohendes Gebäude mit zwei alten defecten Skeleten und einer zur Uebung im Bandagiren von den Ehirurgen geschenkten Puppe: im Erdgeschosse wohnte ein Schuster, der für freie Wohnung ohne Gehalt als Aufwärter diente.
Vor allen Dingen machte ich die zum Antritte meines Amtes nöthige Formalität ab. Aus diesem Gesichtspuncte die Angelegenheit betrachtend, schrieb ich in aller Eile eine Dissertation1,[282]  die ich bereits am 11. April, vier Wochen nach meiner Ankunft in Königsberg der medicinischen Facultät im Manuscripte einreichte und am 2. Mai öffentlich vertheidigte. Ich betrachtete sie gleich von Anfang an als eine unzeitige Geburt, die dem Gesetze geopfert wurde, und habe sie, wenn ein auswärtiger Gelehrter sie verlangte, nicht ausgeliefert.

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Hierauf reichte ich im Juni dem Ministerium einen ausführlichen Aufsatz über die Errichtung der anatomischen Anstalt ein. »Ich könnte glauben,« sagte ich in der Einleitung, »jetzt, unmittelbar nach einem die höchste Anstrengung fordernden Kriege, sei es noch zu früh, eine bedeutende Summe für das Institut zu verlangen. Allein mich dünkt, daß ich bei dieser Besorgniß die Aeußerungen eines hohen Departements des öffentlichen Unterrichts mißverstehen würde. Jene Erklärungen, daß die Errichtung eines neuen anatomischen Instituts für den Augenblick nicht thunlich sei, wurden in einer Zeit gegeben, wo der Staat von der Gefahr bedroht wurde, seine Selbstständigkeit zu verlieren; wo er alle seine Kräfte concentriren mußte, um die zu ihrer Sicherung nöthigen Mittel vorzubereiten; wo er endlich einen Kampf für seine Existenz gegen eine furchtbare Uebermacht begann. Jene Zögerung mußte daher dem Sinne jedes Vaterlandsfreundes entsprechen. – Aber jetzt, wo die Vorsehung die einmüthigen Anstrengungen des Monarchen und der Nation mit einem glücklichen Erfolge gesegnet hat, wo Preußen nach dem ruhmvollsten Kampfe unerschütterlich und groß dasteht, größer als je: jetzt ist gewiß die Zeit gekommen, wo ein bisher vernachlässigter Zweig der Wissenschaft seine Ansprüche auf die Unterstützung des Staats geltend machen kann. Und wenn dies in ähnlichem Falle von jedem Lande gelten würde, so gilt es doppelt von Preußen: Preußen überragt in Würdigung der Wissenschaft alle Staaten Europa's: es betrachtet dieselbe nicht als ein fremdes Gewächs, dessen Anbau der Staat erst nach Befriedigung aller materiellen Bedürfnisse[283]  vom Ueberschusse seiner Kräfte als eine gleichgültige Zierde besorgen dürfe; es erkannte, daß der Geist es ist, weicher lebendig macht, daß die wahre Kraft des Staats in dem Sinne und der intellectuellen Bildung der Nation liegt; und dem gemäß verwendete es auch in jener verhängnißvollen, trüben Zeit, die vor uns vorübergegangen ist, was es vermochte, auf die Unterstützung der Wissenschaft. – So kann ich denn gar nicht wähnen, daß der Staat erst dann auf das meiner Leitung anvertraute Institut Rücksicht nehmen werde, nachdem alle für die Geldkräfte nachtheiligen Folgen des Krieges gänzlich beseitigt sind« u.s.w.
Der Plan, welchen ich vorlegte, wurde genehmigt, seine Ausführung aber vor der Hand noch aufgeschoben. Nicolovius schrieb mir in seiner freundlichen Weise: »ich hoffe, daß Sie auch ferner mit Nachsicht, Genügsamkeit und Geduld den Zeitpunct erwarten wollen, wo der Zustand der öffentlichen Cassen die Ausführung Ihrer Wünsche gestatten wird«. Inzwischen wurde das alte Anatomiegebäude verkauft und mir im Albertinum (dem Universitätsgebäude) ein Locale eingeräumt: das ehemalige Convictorium wurde mein Hörsaal, in welchem zugleich die anatomischen Präparate des Prof. Kelch aufgestellt wurden; in einem daneben befindlichen Stübchen, welches bisher der akademische Scriba (ein Student, welcher gegen Gewährung von Wohnung und Freitisch die Geschäfte eines Copisten für den akademischen Senat besorgte) inne hatte, wurden die Leichname secirt und demonstrirt; im Erdgeschosse wurde eine Wohnung für den Aufwärter eingerichtet. Drei Jahre lang mußte ich mich so behelfen und konnte für den anatomischen Unterricht nur das Nothdürftigste thun. Dabei bewies ich denn allerdings nicht die erwünschte Geduld, sondern bestürmte die vorgesetzten Behörden fortwährend mit Anträgen, die ich, da mir das Curatorium zu lau schien, meist unmittelbar an das Ministerium richtete, welches denn bei aller Humanität nicht unterließ, mich auf die Regelmäßigkeit des Geschäftsganges zu verweisen.
Da man eine Sternwarte hatte haben wollen, so war es unvermeidlich gewesen, eine solche zu bauen, aber den übrigen[284]  neu errichteten Instituten waren nur bereits vorhandene Häuser eingeräumt worden: eigene Gebäude für sie auszuführen, war für die damaligen Verhältnisse von Königsberg ein zu kühner Gedanke, und so wurde auch mir angedeutet, daß ich entsprechende Vorschläge zu machen habe. Ich war zuerst dreist genug, ein königliches Gebäude, welches späterhin die Wohnung des commandirenden Generals geworden ist, für die Anatomie zu fordern, hatte jedoch die Vorsicht, diesen Wunsch nur dem Staatsrathe Nicolovius vorzutragen, der mir auf zarte Weise die Unmöglichkeit der Erfüllung bewies, indem er bemerkte, daß der zu diesem Grundstücke gehörige Garten ein Lieblingsaufenthalt der verstorbenen Königin gewesen wäre. Ich schlug ein für 12,000 Thaler käufliches Privatgebäude (das Schorlemmersche) vor, welches aber vom Baurathe für nicht dauerhaft erklärt wurde. Das Ministerium brachte hierauf einen früheren Plan zur Sprache, nach welchem ein Theil des Albertinums für die anatomische Anstalt ausgebaut werden sollte, wozu die Kosten auf 4000 Thaler angeschlagen worden waren; doch wurde dieser Plan aufgegeben, da ich die Unzweckmäßigkeit und Unzulänglichkeit desselben darzuthun mich bemühte. Nun schlug ich den Ankauf eines baufälligen Hauses (des Oyschen) vor, welches vorläufig benutzt werden könnte, während auf dem dazu gehörigen Raume ein neues Gebäude aufgeführt würde. Das Curatorium wollte jedoch ein anderes Grundstück (das Schafstädtische) gekauft wissen; ich widersetzte mich dem nach Kräften, stellte Anfang Juni's 1815 dem Ministerium vor, daß dieses Haus weder dauerhaft, noch auch so eingerichtet sei, daß es anders als einstweilen gebraucht werden könnte; bat zu Ende Juni's nochmals, dieses Grundstück nicht zu kaufen, sondern ein neues Gebäude aufführen zu lassen, da ein Privathaus für die anatomische Anstalt nicht brauchbar und ein Umbau in finanzieller Hinsicht ohne Vortheil sei. Dasselbe wiederholte ich im October und schrieb zugleich an Nicolovius: »Ihnen darf ich es wohl gestehen, daß ich bisweilen verzagen möchte, wenn ich bedenke, wie viel Schritte ich schon gethan habe, um der Anstalt, der ich vorstehen soll, eine Begründung zu verschaffen,[285]  ohne etwas Anderes bewirkt zu haben, als daß mir Verweise wegen meiner Ungeduld ertheilt worden sind.« Allein der Kriegsrath Scheffner, der auf das Curatorium großen Einfluß hatte und für den Ankauf des (Schafstädtischen) Grundstücks wegen eines darauf stehenden Capitals sich sehr lebhaft interessirte, sagte mir im Vertrauen, daß, wenn ich darauf nicht einginge, ich auf die Erfüllung meiner Wünsche noch lange würde warten müssen. – So mußte ich mich denn fügen, jedoch nur unter der Bedingung, daß das Gebäude nach meinen Angaben zweckmäßig eingerichtet und ein Hörsaal angebaut würde, wie denn dies auch bewilligt und ausgeführt wurde.
Meine zweite Sorge betraf die Gewinnung eines tüchtigen Prosectors. Ich verhandelte zuvörderst durch Rosenmüller mit dem Anatomen Bock in Leipzig und trug auf dessen Anstellung mit einem Gehalte von 500 Thalern nebst freier Wohnung, Heizung und einigen Nebeneinkünften beim Curatorium an, indem ich vorstellte, daß eine schon bestehende anatomische Anstalt sich ihren Prosector erziehen könne, eine neu zu errichtende aber eines bereits ausgebildeten Prosectors bedürfe, der nur bei einem ansehnlichen Gehalte zu gewinnen sei; allein diese Forderung wurde als extravagant zurückgewiesen, da mancher ordentliche Professor keinen größeren Gehalt bezöge. Bock erhielt in Leipzig eine Zulage von 200 Thalern und lehnte nun meine Anträge ab. Dr. Siegel, den mir Rosenmüller empfahl, konnte nicht berücksichtigt werden, da er 500 Thaler verlangte. Dasselbe war der Fall mit Herold in Marburg, der, durch Prochaska veranlaßt, sich dazu gemeldet hatte. Ich wirkte nur einen Gehalt von 300 Thalern für den Prosector aus, unterhandelte deßhalb durch Isfordink mit Hermann aus Straßburg, damaligem Custos am zoologischen Cabinet in Wien, gab dies aber auf, als er zur Annahme der Stelle nur für den Fall sich bereit erklärte, wenn er hauptsächlich mit Zoologie und Zootomie sich beschäftigen und nur nebenbei für Anthropotomie Arbeiten liefern dürfe. Durch den Dr. von Baer, der sich damals in Würzburg aufhielt, trat ich nun in Unterhandlung mit Hesselbach dem Sohne; dieser nahm auch die[286]  angebotene Stelle an, kam um seinen Abschied bei der baierschen Regierung ein und bereitete sich, nachdem ich ihm Reisegeld geschickt hatte, zur Reise nach Königsberg vor, als plötzlich sein Vater starb und ihm dessen Stelle ertheilt wurde. Ich trug hierauf im August dem Dr. von Baer selbst das Prosectorat an. Er antwortete mir aus dem Hause von Nees v. Esenbeck in Sickershausen: »Ihre Worte müssen der Ausdruck Ihrer Liebe zu mir gewesen sein, denn sie drangen mir tief ins Herz; – und ehe ich auf Ihre Anfrage antworte, – bejahend oder verneinend – empfangen Sie aus dem Innersten meiner Seele meinen Dank – mehr noch für die Art und Weise Ihrer Aufforderung, als für diese selbst. Es konnte mich der Glaube nicht täuschen, daß, so wie ich gern an Ihrer Seite arbeiten möchte für die Wissenschaft, auch Sie gern dem jüngern Freunde die Hand bieten würden zu seinem Streben. Was kann schöner sein, als die länger und inniger fortgesetzten Verhältnisse des Lehrers und Schülers – Verhältnisse, um die ich die alten Völker, besonders die Griechen, schon oft beneidet habe und die den Deutschen durch ihr systematisches, ich möchte sagen starres Erziehungssystem so fremd sind.« Er bat sich noch Bedenkzeit aus, da er theils an eine Reise nach Frankreich und England, theils an eine Anstellung als russischer Feldarzt dachte und auch den Rath seines Vaters hören wollte. Im November sagte er nur zu. Sogleich trug ich auf seine Anstellung an, indem ich schrieb: »Dieser durch Talent und Kenntniß ausgezeichnete, die Naturforschung, namentlich den anatomischen und zootomischen Theil derselben, zum vorzüglichsten Gegenstand seines Studiums machende junge Mann würde nicht allein der anatomischen Anstalt, sondern auch der gesammten Universität in höherem Grade nützlich, er würde eine Zierde derselben sein.« Mein Antrag wurde genehmigt.


Nicht minder war ich auf Anlegung einer anatomischen Sammlung bedacht. Ich hatte 1810 in Wien durch den Grafen Harrach bie Bekanntschaft des trefflichen Prochaska gemacht und seine ausgezeichneten mikroskopischen Injectionspräparate gesehen. In Dorpat verschrieb ich von ihm eine Sammlung[287]  von solchen Präparaten für die dasige Universität, und da die Genehmigung ihres Ankaufs sich verzögert hatte, so bot ich sie bei meiner Berufung nach Königsberg dem dasigen Curatorium für die zu errichtende anatomische Anstalt an, wo sie denn auch für 154 Rubel Silber gekauft wurde. Auch brachte ich gegen 50, theils von Pietsch, theils von mir gefertigte Präparate aus Dorpat mit. Sodann wurde die vom Professor Kelch hinterlassene Sammlung von 880 Nummern für 1200 Thaler gekauft. Endlich wurde für einen gleichen Preis die Sammlung des verstorbenen Professors Senff in Halle erworben, die unter den 530 durchaus sehr saubern Präparaten auch 106 vom menschlichen Eie und Embryo enthielt, wobei ein schätzbarer, zum Theil räsonnirender Katalog sich fand. Noch erhielt ich einige pathologische Präparate von Remer und vom Medicinalrathe Hirsch. Die Regierung überwies mir einige vorgekommene anatomische Merkwürdigkeiten und versprach, die Physiker zu Einsendung von dergleichen aufzufordern, so wie den Abdeckern zu befehlen, mir die verlangten thierischen Körper verabfolgen zu lassen. Ich sicherte der Anatomie die Erlangung von Leichnamen aus den Krankenhäusern, verzichtete aber auf die Leichname von Delinquenten, um nicht dem Vorurtheile des Volkes gegen Leichenöffnungen Nahrung zu geben.
Außer den nicht unbedeutenden Baukosten wurden mir 1415 Thaler zu Ausstattung der Anstalt bewilligt, nämlich 420 Thaler zu Aufstellung und Aufbewahrung der Präparate, 141 Thlr. zu Hausgeräthe, 154 Thlr. für anatomische Geräthschaften, 200 Thlr. für Instrumente und 500 Thaler zu Gründung einer Bibliothek. Eben so wurde auf meinen Antrag der jährliche Etat der Anstalt auf 1150 Thlr. festgestellt, nämlich an Gehalt des Prosectors 300 und des Aufwärters 100 Thlr., zu Brennholz für die Anstalt, den Prosector und den Aufwärter 220, für Anfahren von Leichnamen und Ankauf von Thieren 60, für Präparate 200, zu Einspritzungen und dergleichen 50, zu Aufstellung und Aufbewahrung von Präparaten 100 und zum Ankaufe von Büchern 150 Thlr.
Nachdem Alles vorbereitet war, kündigte ich die neue Anstalt[288]  durch ein Programm an2. Ich bin mit dem wissenschaftlichen Theile dieser kleinen Schrift noch heute ganz zufrieden und bekenne zu glauben, daß es gut wäre, wenn in den kommenden Jahrzehenden die Morphologie nach den hier dargelegten Principien bearbeitet würde. Im historischen Theile gab ich eine kurze Beschreibung von der Einrichtung des Gebäudes und von der Anordnung der Sammlung. Zum Schlusse fügte ich noch einige Worte über unsern Lehrplan hinzu.
Der 13. November 1817 war der Tag der feierlichen Einweihung der Anstalt. In Gegenwart des Curators, der übrigen obern Behörden und einer zahlreichen Versammlung aus den gebildeten Ständen Königsbergs hielt ich und nach mir von Baer eine Rede, woraus wir die Anwesenden einluden, die sämmtlichen Zimmer und die darin ausgestellte Sammlung in Augenschein zu nehmen. Das Ganze war so sauber und selbst geschmackvoll eingerichtet, daß es den günstigsten Eindruck machte. Mein Zweck, dem hiesigen Publikum die wissenschaftliche Bedeutung der Anatomie begreiflich zu machen und Interesse so wie eine gewisse Achtung für die ihrer Bearbeitung gewidmete Anstalt einzuflößen, blieb nicht unerreicht. Einer der Anwesenden, der Musiklehrer Kanter, ein vielseitig gebildeter Mann, wurde wenige Wochen darauf von einer auf einem Bruchschaden beruhenden Krankheit ergriffen und verordnete in seinem Testamente, daß sein Vermögen der hiesigen Freimaurerloge zu den drei Kronen zufallen, sein Leichnam aber in das Anatomiegebäude gebracht, zu einer öffentlichen Demonstration der Schenkel- und Leistenbrüche verwendet und dann mir zur Verfügung gestellt werden sollte. Er unterlag der Krankheit, und am Abende des 23. Dec. wurde der Leichnam in feierlichem Zuge nach dem Gebäude der anatomischen Anstalt gebracht und von den maurerischen Brüdern des Verstorbenen, die ihm in[289]  achtzehn Wagen gefolgt waren, mir übergeben. Der folgende Morgen wurde von mir und Baer zur vorläufigen Präparation und Injection des Leichnams benutzt, worauf wir den heiligen Christabend mit dem frohen Bewußtsein des Gelingens unserer Bestrebungen in meiner Familie feiern konnten. Das Skelet, an welchem ein guter Theil der Muskeln und Nerven dargelegt ist und die Gefäßstämme injicirt sind, wurde in einem Glasschranke aufgestellt und ein Abdruck vom Gesichte des Verstorbenen dabei gelegt.
Nach Eröffnung der Anstalt begann nun eine heitere wissenschaftliche Regsamkeit, während der hergestellte Friede auch die Zahl der Zuhörer vermehrte. Ich las Anatomie mit einem Repetitorium verbunden, Physiologie, Propädeutik, die Lehre vom Fötusleben und gerichtliche Medicin. Als ich den Dr. von Baer zu Annahme des Prosectorats zu bestimmen suchte, hatte ich ihn theils auf die sich ihm dabei darbietende Gelegenheit zu eigenen Untersuchungen aufmerksam gemacht, theils aufgefordert, gleich von Anfang an Vorlesungen zu halten und folgende Antwort vom 6. December 1816 bekommen: »Freudig soll man jeden Abschnitt des Lebens beginnen, und doch auch kräftig gefaßt auf das Ungewünschte sein, was er bringen kann. So ist, glaube ich, gerade die Stimmung, mit der ich mein Engagement in Königsberg betrachte. Ihre mir bezeigte Freude macht mich stolz, da ich sie nicht nur auf den Prosector, sondern auch auf mein Ich beziehe. Eine schöne Zukunft lächelt mir entgegen, wenn ich mich an Ihrer Seite mit naturhistorischen Untersuchungen beschäftigt denke. Alles, was ich früher zu sehen, zu ergründen wünschte und aus Mangel an Zeit und Gelegenheit in die Vorrathskammer für künftige Arbeiten verweisen mußte, alles das ist ordentlich rebellisch geworden und zieht in wilder Unruhe vor meiner Phantasie vorüber. Wie würden Sie lachen, wenn Sie in diese Laterna magica schauen könnten. Da giebts Vivisectionen von Kaninchen, um den Arterien die Contraction abzusprechen, Eier werden ausgebrütet und Pflanzen ausgesäet, Infusionen gemacht und Eiter untersucht, Hunde werden verbrannt, um sie mit kaltem Wasser zu begießen, und Katzen müssen[290]  Pupillen sich in die Sklerotika schneiden lassen; Elektrometer und Zambonische Säulen stehen wie Kommata und Gedankenstriche zwischen den einzelnen Bildern. Wenn aber der Fieberparoxysmus vorüber ist, hält mir Frau Besonnenheit das Fernglas vor und zeigt mir einen Prosector in Königsberg, der manche liebe Woche in seinem Kämmerlein sitzt und den nervus facilas präparirt, um zu zeigen, daß dieser heut zu Tage gerade so aussieht, wie er vor hundert und mehr Jahren aussah. Kaum kann ich mich des Lachens enthalten, wenn ich mich als Docenten denke. Bestimmen soll ich, was ich lesen werde? Als Prosector werde ich ja wohl anatomische Vorträge, entweder in cursorischer Kürze oder als Repetitorien halten müssen. Nächst diesen möchte ich am liebsten Zootomie, oder, wenn Sie wollen, Morphologie der thierischen Organismen, oder vielleicht noch besser Zoosomatologie demonstriren. Auch pathologische Anatomie, sobald das Museum nur einigen Vorrath an krankhaften Bildungen besitzt, wäre mir ein angenehmer Vortrag. Auf diese Weise käme ich ganz in Ihr Gehege; aber ich denke, vor einem solchen Rival wird Ihnen nicht bange sein« u.s.w. Ich behandelte ihn als einen werthen Collegen. Er las Zootomie, wobei ich selbst sein Zuhörer war, und neben mir Anatomie des Menschen und Physiologie des Fötus. Dabei nahm die Sammlung bedeutend zu und wurde in den ersten vier Jahren mit 490 Präparaten vermehrt. Ich gab Jahresberichte heraus3 und wollte, daß, wie überhaupt zwischen mir und Baer als wissenschaftlichen Genossen und Mitarbeitern, so weit als möglich Gleichheit in der Stellung statt finden sollte, wir wechselsweise die beizufügenden wissenschaftlichen Abhandlungen lieferten;[291]  indeß ließ es Baer bei der zum zweiten Berichte bewenden.

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Was meine übrige akademische Wirksamkeit anlangt, so veranlaßte ich im Jahre 1816 als Decan die Abfassung eines Studienplans für Mediciner, die halbjährliche Berathung sämmtlicher medicinischer Docenten über die anzukündigenden Vorlesungen, die Uebertragung der Prüfung von Inauguraldissertationen an den Professor desjenigen Faches, zu welchem der Gegenstand gehört, und die Erlangung eines eigenen Zimmers im Albertinum für die medicinische Facultät. Anderweitige Anträge, als zu Anstellung eines Professors der Medicin bei der Universitätsbibliothek, zu besonderen Stipendien für Medicin Studirende und zu Gestattung, daß die sogenannte Staatsprüfung (wegen Befugniß zur ärztlichen Praxis) auch in Königsberg gehalten werden könne, gingen nicht durch.
Nachdem Remer im Jahre 1815 nach Breslau gegangen war, hatte Elsner, der Sohn, die Professur der Klinik vom Ministerium erhalten, ohne daß die Facultät deßhalb befragt worden war. Elsner hatte bei allen seinen Talenten und Kenntnissen sehr viel Barokkes und mehr Interesse für die Praxis, als für wissenschaftliche und akademische Thätigkeit, so daß die klinische Anstalt unter ihm sehr in Verfall gerieth und endlich 1817 von den Studirenden wegen einer ihnen zugefügten Beleidigung gar nicht mehr besucht wurde. Ich konnte dies unmöglich gleichgültig mit ansehen. Auf meine dem Staatsrathe Nicolovius deßhalb gemachte Vorstellung erhielt ich von diesem den Auftrag, Elsnern auf das, was dem Klinikum Noth thue, aufmerksam zu machen und die Differenz mit seinen Zuhörern zu heben, falls er aber resigniren wolle, einen andern Gelehrten in Vorschlag zu bringen. Die ersten Puncte ließ ich, als meiner Ueberzeugung nach unzureichend, ganz unberücksichtigt und hielt mich an den letzteren. Ich fragte zunächst Raimann in Wien, ob er einen Ruf nach Königsberg annehmen wolle, da ich seine persönlichen Verhältnisse nicht kannte. Elsner wollte wirklich resigniren, aber zuvor durch die zum Antritte seiner Professur erforderliche Dissertation beweisen, daß[292]  er dieses Amtes würdig gewesen wäre. Er blieb bei diesem Vorsatze bis zum Jahre 1831, wo er starb, ohne die Dissertation geliefert zu haben und das Ministerium sah sich 1818 genöthigt, den Studirenden den Besuch seiner Klinik zur Bedingung der Promotion zu machen.
Im Jahre 1818 ernannte mich das Ministerium zum Mitgliede einer zu Entwerfung neuer Universitätsstatuten niedergesetzten Commission. Diese wich durch prompte Erfüllung ihres Auftrages von anderen Gesetzgebungs-Commissionen ab; allein die eintretenden Untersuchungen demagogischer Umtriebe hinderten das Ministerium, unsern Entwurf dem Könige zur Bestätigung vorzulegen. Späterhin wurden die 1843 sanctionirten Statuten ausgearbeitet, an denen ich keinen Theil zu haben mich rühmen kann.
Auch wurde ich zum Censor der in Königsberg erscheinenden medicinischen Schriften ernannt. Niemand hat durch mich Anlaß gefunden, über Preßzwang zu klagen.
Im J. 1815 wurde mir die durch Remers Abgang erledigte Stelle in der damals bestehenden »technischen Commission für das Medicinalwesen« bei einem Gehalte von 50 Thalern angetragen und von mir angenommen. Im folgenden Jahre wurde ich bei dem neu errichteten Medicinalcollegium mit 100 Thalern Gehalt angestellt. Ich habe dies Amt treulich verwaltet, und wenn ich auch die in meinem Patente mir auferlegte Pflicht, »die im Collegio vorkommenden Berathschlagungen, abgegebenen Vota, gefaßten Beschlüsse oder was sonst dazu gehört, zu verschweigen und bei mir zu behalten« nicht immer erfüllt habe, so kann ich mir unmöglich Vorwürfe deßhalb machen, da weder für die Amtsführung, noch auch für irgend ein Individuum ein Nachtheil daraus hat erwachsen können. – In der Geschäftsvertheilung fiel mir zu. 1) die Abfassung der von den Justizbehörden geforderten Superarbitrien; 2) die Bearbeitung der Sanitätsberichte nach den von den Physikern gelieferten Materialien; 3) die Sorge für chirurgische Lehranstalten; 4) Vorschläge zu Verbesserung der Medicinal- und Sanitätspolizei; 5) Theilnahme an den zu veranstaltenden Prüfungen.[293] 
Für den ersten dieser Puncte habe ich das Meiste gethan; die Abfassung der Superarbitrien war mir ein in wissenschaftlicher Hinsicht interessantes und wegen des Einflusses auf die Rechtspflege dankbares Geschäft, dem ich auch noch als Dirigent, wo ich nicht mehr zu solchen Arbeiten verpflichtet war, mich gern unterzog; ich habe über 280 Superarbitrien geliefert.
Was den zweiten Punct betrifft, so bemerkte ich sehr bald, wie ungenügend und unzuverlässig die meisten von den Aerzten eingereichten Krankenlisten waren; ich fing daher an, meine eigenen, darauf sich stützenden Sanitätsberichte zu persifliren und es bemerklich zu machen, daß hier nur leeres Stroh gedroschen würde, um dieser Arbeit überhoben zu werden, was mir denn auch gelang. In der neuesten Zeit sind die Forderungen an die Aerzte zweckmäßiger und daher auch die Berichte gehaltreicher geworden.
Den dritten Punct anlangend, so reichte ich einen ausführlichen Aufsatz über eine in Königsberg zu errichtende chirurgische Schule ein. Späterhin interessirte sich Rust für einen solchen Plan, doch konnte er die dazu nöthigen Fonds nicht erlangen, und das Unternehmen blieb unausgeführt.
Für den vierten Punct habe ich gar nichts geleistet, denn da das Medicinalcollegium als eine rein consultative Behörde constituirt und von der administrativen (durch den Regierungs-Medicinalrath repräsentirten) ganz getrennt wurde, so habe ich mich mit solchen Vorschlägen nicht befaßt.
Fußnoten
1 Dissertatio de primis momentis formationis foetus. Auctore C.F. Burdach. Regiomonti 1814. 20 p. 4.

2 Ueber die Aufgabe der Morphologie. Bei Eröffnung der königlichen anatomischen Anstalt in Königsberg geschrieben und mit Nachrichten über diese Anstalt begleitet von K.F. Burdach. Leipzig, in der Dykschen Buchhandlung 1817. 64 S. 8.

3 Berichte von der königlichen anatomischen Anstalt zu Königsberg. Leipzig, in Commission der Dykschen Buchhandlung. Erster Bericht. Mit einer Beschreibung des unteren Endes des Rückenmarkes, von K.F. Burdach. 1818. 34 S. 8. – Zweiter Bericht. Mit Bemerkungen aus dem zootomischen Tagebuche, von K.E.v. Baer. 1819. 48 S. – Dritter Bericht. Mit Bemerkungen über den Mechanismus der Herzklappen, von K.F. Burdach. 1820. 45 S. 8.




3. Literarische Thätigkeit.










[294] Rehmann hatte seit längerer Zeit den Plan gehabt, eine »russische Sammlung auserlesener Abhandlungen für praktische Aerzte« herauszugeben und ließ 1811 den ersten Band auf eigene Kosten drucken, forderte mich aber auf, mich für die folgenden Bände mit ihm zu verbinden, einen Verleger zu verschaffen und die Redaction zu übernehmen. Indeß mußte dieser Plan eine Aenderung erfahren. Kaum war nämlich jener erste[294]  Band gedruckt, als eine darin enthaltene Notiz über den Gebrauch von Bleiweiß in Sibirien zu Verhütung der Empfängniß und zu Bewirkung des Abortus ein böswilliges Geklätsch veranlaßte, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Da Rehmann in seiner Stellung diesen Beschuldigungen nicht mit Anstand öffentlich entgegentreten konnte, so wollte er den Bogen, der die anstößige Notiz enthielt, umdrucken lassen; allein in ganz Petersburg war nichts mehr von demselben Papiere zu haben, und da nun hinzukam, daß er unser gemeinschaftliches Unternehmen im Sinne hatte, so unterdrückte er den ersten Baud ganz. Er gewann für die herauszugebende Zeitschrift die wenigstens nominelle, Theilnahme des Leibarztes Crichton, der an der Spitze des Civil-Medicinalwesens stand, lieferte eigene und fremde Arbeiten; ich übernahm die Redaction und bemühte mich ebenfalls, Beiträge von Aerzten in Rußland zu gewinnen. Die Herausgabe verzögerte sich bis nach meiner Anstellung in Königsberg und erst im November 1814 schickte ich das Manuscript zum ersten Hefte in die Druckerei; der Druck ging aber so langsam vor sich, daß der erste Band erst im Jahre 1816 beendigt wurde1. Rehmann konnte in Petersburg Niemanden finden, der im Stande und willig gewesen wäre, medicinische Schriften aus dem Russischen ins Deutsche fehlerfrei zu übersetzen und ich mußte mich entschließen, in Königsberg das Russische zu erlernen, wozu ich in Dorpat gar keine Veranlassung gefunden hatte; indeß habe ich in diesem Studium solche Mäßigung bewiesen, daß meine Kenntniß nur eben hinreichte, einige Uebersetzungen für die Zeitschrift zu liefern und darauf mir völlig entschwunden ist. Crichton wollte anfänglich 1000 Rubel als Preis für den besten Aufsatz in jedem Bande aussetzen; Rehmann und ich sollten den Preis zuerkennen. Ich lehnte dies ab, weil es eines Theils mißlich war, Abhandlungen über ganz verschiedene Gegenstände nach ihrem allgemeinen[295]  Werthe unter einander zu vergleichen, andern Theils Männer von Ehre uns ihre Beiträge würden entzogen haben, da sie weder öffentlich als Preisbewerber hätten auftreten, noch auch unserem Urtheile sich unterwerfen wollen; »die Theil nahme an unserem Unternehmen,« fügte ich in der deshalb gegebenen Erklärung hinzu, »muß frei und unbeschränkt sein, denn nur in der Freiheit gedeiht die Wissenschaft, und nur das Publikum darf hier Richter sein.« Dagegen trug ich darauf an, daß Preisfragen in gewöhnlicher Form gestellt würden; wirklich wurden auch zwei solcher Aufgaben im zweiten Bande angekündigt, nämlich über russische Volksmittel und über die Typhusepidemie in Rußland von 1812 und 13.

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Es waltete aber kein günstiges Gestirn über der Zeitschrift. Es fehlte nicht an Materialien, und eben so wenig an meiner Bearbeitung derselben; aber der Druck schritt äußerst langsam vor, und der Verleger verzögerte ihn wegen des geringen Absatzes, der doch durch eine rasche Förderung wohl stärker würde geworden sein. Er verlangte, daß Crichton die russischen Aerzte zum Ankaufe aufmuntern sollte. Crichton seiner Seits schrieb mir im November 1816, daß er mit dem Journale nicht zufrieden sei und bedaure, seinen Namen mit auf dem Titel zu sehen, da er sehr unbedeutende Aufsätze darin finde; außerdem beschwerte er sich darüber, daß ihm und den Subscribenten die Hefte nicht regelmäßig zukämen, und schob die Schuld auf Rehmann »qui pour un médicin de 40 ans a une tête assez legère.« Dann ließ er mir durch den Leibarzt der Kaiserin Staatsrath Rühl erklären, er könne für die Verbreitung des Journals unter den russischen Aerzten deshalb nichts thun, weil es nicht russisch geschrieben sei. – An eine kaiserliche Belohnung hatte ich von Anfang an nicht gedacht, und meine Ueberraschung war um so größer, als ich 1820, wo ich das ganze Unternehmen beinahe schon vergessen hatte, einen Brillantring erhielt, und zwar, wie der Minister Galitzin schrieb, als Beweis des Allerhöchsten Wohlwollens für die Herausgabe eines Werkes, »dont le principal but est, de faire connaître dans l'étranger les services importans rendus à la médicine[296]  par la Russie.« Diese Behauptung war unstreitig erfunden, um mir den Ring zu verschaffen; sie erklärte übrigens, weßhalb das Gouvernement für eine von deutschen Aerzten in Rußland gelieferte Zeitschrift sich nicht interessirte.
Eine andre von meinem eigentlichen Ziele seitwärts liegende Arbeit war die Besorgung einer zweiten Ausgabe meiner Arzneimittellehre. Wenn ein Buch über diese Disciplin schnellen Absatz findet, so hat der Verfasser noch wenig Grund, darauf stolz zu sein, da diejenigen Aerzte, denen die Kunst bloß auf dem Besitze von vielem Handwerkszeuge zu beruhen scheint, nach jedem neuen Buche dieser Art gierig greifen. Indessen dauert es wenigstens einige Zeit, ehe er sich von dieser herben Wahrheit überzeugt; und so nahm denn auch ich die Forderung einer zweiten Auflage als die thatsächliche Anerkennung der Vortrefflichkeit meines Systems, und dieses noch fester zu begründen, hielt ich für ein schuldiges Opfer der Dankbarkeit. Ich arbeitete also im Jahre 1816 den allgemeinen Theil desselben ganz um, so daß er einen eigenen Band ausmacht, und revidirte im folgenden Jahre das Uebrige des Werkes2.
Eine andere Art von Dankbarkeit war es, welche mich verpflichtete einzuwilligen, als Perthes der Sohn einen Nachtrag zu meiner »Literatur der Heilwissenschaft« als dritten Band derselben von mir forderte, um dieses Werk von Neuem in Gang zu bringen, da nicht mehr als 220 Exemplare davon abgefetzt waren, woran der durch den splendiden Druck bedeutend gewordene Preis einige Schuld haben mochte. Ich übernahm es in dankbarer Erinnerung an die 1810 in Wien genossenen Freuden, zu welcher mir die von Perthes dem Vater aufgetragene, allerdings mühselige Arbeit den Weg gebahnt hatte. Um mich aber von dieser Last bald zu befreien, arbeitete ich in möglichster Eile, so daß das ganze Buch, die Literatur der letzten zehn Jahre und ein Sachregister über alle drei Bände[297]  enthaltend, binnen zehn Wochen fertig wurde. Dem dritten Bande wurde noch ein eigener Titel beigegeben3.


Der Buchhändler Rücker wünschte eine zweite Auflage von meinem Recepttaschenbuche; da ich indeß nicht mehr, wie damals, als ich dies Büchelchen zusammenschrieb (S. 141), wegen eines Weihnachtsgeschenks für meine Kinder verlegen war, so ließ ich mich nicht daraus ein.
Ersch forderte mich auf, Mitarbeiter an seiner großen Encyklopädie zu werden; ich lieferte ihm einige Artikel für die ersten Bände, und kam dadurch mit dem vielgeschäftigen Manne in einen lebhaften Briefwechsel, sagte mich aber bald von der fernern Theilnahme an jenem Werke los.
Pierers Aufforderung, an der Bearbeitung seines anatomisch-physiologischen Wörterbuchs Theil zu nehmen, lehnte ich ad.
Noch weniger konnte ich mich dazu verstehen, die mir 1819 angetragene Redaktion der Königsberger Kriegs- und Friedenszeitung zu übernehmen, ich weiß nicht, ob ich der Versuchung widerstanden haben würde, wenn der Antrag nach 1840 an mich gelangt wäre.
Meine Hauptarbeit war die Untersuchung des Gehirns. Ich beschrieb im ersten Berichte von der anatomischen Anstalt das untere Ende des Rückenmarks; meine Angaben über dessen Endfaden wurden von Bock bestätigt. Noch zu Ende des Jahrs 1818 beendigte ich den ersten Band meines Werks über das Gehirn4. Ich habe darin unter Anderem eine morphologische Ansicht vom Nervensysteme der wirbellosen Thiere aufgestellt, von der ich mir einbilde, daß sie zu wenig beachtet und nicht widerlegt worden ist.
Außerdem lieferte ich in den zweiten Band der »russischen Sammlung« Aufsätze über die Ansichten der Natur (S. 13-63),[298]  über einige in Hinsicht auf Bildung der Stimme von mir angestellte Versuche (S. 149-160) und über die Haargefäße (S. 401-433).
Schon im August 1817 hatte mir Langermann freundschaftlich anvertraut, daß man mir in Berlin nachsagte, meine Vorlesungen trügen das Kleid und die Fesseln der Zeit, wären nur reich an modischen Constructionen, Parallelismen u.s.w. und gäben nicht den einfachen Vortrag des Faktischen, wie er in Berlin gefordert würde. Nun hatte ich zwar allerdings in meinen ersten Vorlesungen über Physiologie in Königsberg die Erfahrung gemacht, daß allgemeine Ansichten meine Zuhörer nicht ansprachen; aber ich war weit entfernt, sie ihnen aufdringen zu wollen, und trug daher schon im Winter 1816/17 die Physiologie zweimal vor, einmal rein empirisch für Chirurgen und Studirende, und sodann für Letztere allein nach den aus der philosophischen Behandlung der Empirie sich ergebenden wissenschaftlichen Ansichten. Indeß wenn einmal ein solches Urtheil gefällt ist, bleibt man gern dabei stehen. In der 1817 geschriebenen Vorrede zur zweiten Auflage meiner Arzneimittellehre nahm ich auch eine billige Beurtheilung meiner Individualität in Anspruch mit den Worten: »jeder Einzelne wirke, wie seine besondere Wesenheit es verlangt: der Eine fasse die Erscheinungen selbst scharf auf; der Andere, dem diese Gabe versagt ist, sammle die Beobachtungen zu Erkenntniß des Begriffs; beide in vereintem Wirken leiten zum Wissen. So tritt ein reines Bild hervor, nachdem das Licht durch zerstreuende und sammelnde Medien hindurchgegangen ist.« Als ich dann dem Minister von Altenstein mein Programm über die Aufgabe der Morphologie geschickt hatte, äußerte er in dem Antwortschreiben sein Bedenken darüber, daß ich nach Seite 64 im Vortrage für diejenigen Studirenden, welche die gesammte Anatomie bereits erlernt hätten, »die allgemeinen Bildungsgesetze aufstellen, die Bedeutung jedes einzelnen Gebildes entwickeln und die mannichfaltigen Formen, unter welchen dasselbe in der gesammten Thierreihe erscheint und fortschreitend sich entwickelt,« nachweisen wollte; er besorgte nämlich, daß dadurch[299]  »bei den jungen Leuten Hypothesensucht und vages Raisonnement veranlaßt werden könnte.« Ich begriff, daß unter den jungen Leuten ich selbst gemeint werde, und daß unter dem Herrn Minister Professor Rudolphi zu verstehen sei. Ich antwortete darauf in der Vorrede zum ersten Berichte von der anatomischen Anstalt, die ich mit den Worten schloß: »Das bequeme Kopfschütteln einzelner Herren wird die fortschreitende Gestaltung der Morphologie wahrlich nicht aufhalten.«
Ich wurde 1814 von der physikalisch-ökonomischen Gesellschaft zu Königsberg, 1817 von der deutschen Gesellschaft hierselbst und von der kaiserlichen Gesellschaft der Naturforscher zu Moskau zum ordentlichen, dann von der menschenfreundlichen Gesellschaft in Petersburg und 1818 von der Akademie der Wissenschaften daselbst zum correspondirenden Mitgliede ernannt. 1819 wählte mich die deutsche Gesellschaft zu ihrem Director; als solcher trug ich im folgenden Jahre die Geschichte derselben vor, schilderte ihren gegenwärtigen Zustand ohne alle Schmeichelei, und veranlaßte Beschlüsse zu ihrer neuen Belebung, namentlich durch gesellige Zusammenkünfte zu freiem Austausche der Gedanken, durch Stellung öffentlicher Preisaufgaben, und durch Herausgabe von Abhandlungen.
Fußnoten

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1 Russische Sammlung für Naturwissenschaft und Heilkunst, herausgegeben von Dr. Alexander Crichton, Dr. Joseph Rehmann und Dr. K.F. Burdach. Riga und Leipzig, in der Hartmannschen Buchhandlung. I. Bd. 1816. X u. 680 S. – II. Bd. XII u. 764 S. 8.

2 System der Arzneimittellehre von K.F. Burdach. Zweite umgearbeitete Ausgabe. Leipzig in der Dyk'schen Buchhandlund. I. Bd. 1817. XVI und 278 S. – II. Bd. 1818 XIII und 564 S. – III. Bd. 1819. XX und 572 S. – IV. Bd. 1819. XVI und 423 S. 8.

3 Handbuch der neuesten in- und ausländischen Literatur der gesammten Naturwissenschaften und der Medicin und Chirurgie, bearbeitet von K.F. Burdach. Gotha bei Perthes 1828. XVI und 329 S. 8.

4 K.F. Burdach, vom Bau und Leben des Gehirns. Leipzig in der Dyfschen Buchhandlung. I. Bd. mit zwei Kupfern. 1819. IV und 283 S. 4.




4. Theilnahme an städtischen Angelegenheiten.










[300] Die Zahl der Medicin Studirenden war im Jahre 1814 auf 9 herabgesunken, und nur durch den Zutritt von Chirurgen wurde mein Auditorium etwas verstärkt. Daß ich mir einen größern Wirkungskreis wünschte, war natürlich. Nun dachte man im Jahre 1816 bei Besetzung des Stadtphysikats an mich, und da ich mancherlei Mängel der hiesigen Medicinal- und Gesundheitspolizei bemerkt hatte, malte mir die Phantasie ein Bild schöner gemeinnütziger Wirksamkeit in diesem Amte, so daß ich mich verleiten ließ, mich darum zu bewerben; meine Einkünfte dadurch zu erhöhen, hatte einigen, jedoch untergeordneten Antheil an dieser Bewerbung, denn allerdings war der bisherige Gehalt noch nicht ganz hinreichend, um davon alle[300]  Bedürfnisse zu bestreiten. Die Regierung trug wirklich auf meine Ernennung zum Stadtphysikus an. Aber das Ministerium schrieb mir, es trage Bedenken, ob nicht das Physikat mich von meinen akademischen Geschäften ablenken würde, theilte mir die Dienstinstruktion des Berliner Stadtphysikus mit, und forderte mich auf, nach deren Erwägung mich zu erklären, ob ich die Stelle annehmen wolle oder nicht. Diese Warnung vor einem salschen Schritte, den ich in meinem Streben nach gemeinnütziger Thätigkeit zu thun im Begriffe war, brachte mich zur Besinnung; ich antwortete mit wahrhafter Dankbarkeit, daß ich mein Gesuch zurücknehme.
In der Zeit nun, als ich noch mit dem Gedanken umging, Physikus zu werden, gab ich eine Brochüre1 heraus, in welcher ich die traurige Lage der unehelichen Kinder schilderte und den Vorschlag machte, daß die wahrend des Kriegs gebildeten Frauenvereine fortbestehen und die Aufsicht über die Verpflegung dieser armen Waisen in ihren ersten Lebensjahren übernehmen möchten, indem ich es besonders zur Sprache brachte, daß Leute, die ein Gewerbe daraus machen, uneheliche Kinder in die Pflege zu nehmen, dieselben öfters durch mangelhafte oder ungesunde Nahrung oder auch durch schlafmachende Mittel krank machen, und, da sie bei öfterem Wechsel ihren Vortheil finden, den Tod derselben gern sehen, weshalb sie vom Volke mit dem Namen der »Engelmacher« belegt werden. Das Armendirektorium erklärte, daß dies nur von denjenigen unehelichen Kindern gelten könne, die von pflichtvergessenen Müttern ohne Vorwissen der Behörde bei bösartigen Verpflegern untergebracht würden; daß dagegen jedes Kind, dessen Mutter ihr Unvermögen, dasselbe zu ernähren, anzeige, von der Behörde einen Vormund erhalte, unter dessen Aufsicht es bei einer bekannten Person gegen ein Monatsgeld von 3 bis 4 Thalern verpflegt werde. Um mich hiervon zu überzeugen, wurde ich eingeladen, einer Revision sämmtlicher Pfleglinge beizuwohnen. Ich nahm[301]  diese Einladung dankbar an, indem ich übrigens erwiderte, daß ich die günstigen Ergebnisse dieser Untersuchung mit Freuden anerkennen würde, aber mir auch dann nicht den Vorwurf machen könne, von der bedauernswürdigen Lage unehelicher Kinder eine übertriebene Schilderung gegeben zu haben. Denn was ich darüber aus eigener Beobachtung, so wie aus den Mittheilungen anderer hiesiger Aerzte erfahren habe, werde durch die Todtenliste bestätigt; wenn es sich nun herausstelle, daß eine bedeutende Zahl solcher Kinder unter der vom Armendirektorium veranstalteten Pflege gedeihe, so müsse bei den übrigen, welche dieser Wohlthat nicht theilhaftig werden könnten, die Sterblichkeit im Verhältnisse zu den ehelichen Kindern noch größer sein; durch ein günstiges Ergebniß jener Untersuchung könne ich also nur bestimmt werden, ein gleich glückliches Verhältniß den von der Armenanstalt nicht verpflegten Kindern um so dringender zu wünschen. Eben so dürfe ich mich von dem Vorwurfe freisprechen, als hätte ich es geflissentlich versäumt, der Anstalt rühmlich zu gedenken, welche in Bezug auf einzelne hülfsbedürftige Kinder das schon verwirkliche, was ich in Bezug auf alle ausgeführt zu sehen wünsche, denn ich habe zwei Monate vor dem Erscheinen meiner Schrift mir von dem Vorsitzenden des Armendirektoriums unter Anzeige meines Vorhabens Nachrichten über die in dieser Beziehung getroffenen Einrichtungen ausgebeten, aber nicht erhalten. – Ich wohnte nun den 5 Tage dauernden Revisionen bei; das Resultat war, daß von 795 verpflegten Kindern nur 493 vorgestellt, und unter diesen 42 als kränklich befunden wurden. – Mein Plan war sehr einfach. Ich wollte, daß kein Kind ohne Anzeige bei der Polizei einer fremden Pflege übergeben würde, daß niemand ohne besondere Erlaubniß dieser Behörde eine solche Pflege zu übernehmen berechtigt wäre, daß dann diese Pflege unter Leitung des Frauenvereins, welchem ein Geschäftsführer beigeordnet wäre, von hiesigen achtbaren Frauen beaufsichtigt würde, deren jede ungefähr 20 Kinder unter ihre Aufsicht nähme. Die Regierung billigte meine Vorschläge, und forderte mich auf, an deren Verwirklichung thätig Theil zu nehmen, namentlich das[302]  projectirte Amt eines Geschäftsführers bei dem Frauenvereine zu verwalten. Ich mußte diese Aufforderung ablehnen, denn ich hätte ihr nur als Stadtphysikus genügen können; nur wenn ich in diesem Amte mich den Angelegenheiten des städtischen Gemeinwesens mehr hingegeben hätte, würde ich Gelegenheit gehabt haben, die nöthige Aufsicht über die Verpflegung elternloser Kinder zu führen und dahin gehörige Nachrichten einzuziehen; auch würde ich nur in dieser Stellung manche Hindernisse zu besiegen und manchen Maaßregeln Nachdruck zu geben vermocht haben. – Sodann wurde ich wegen der in meinem Schriftchen gemachten Aeußerung, daß nicht nur in den kleinen Gassen, sondern auch in mehrern größern Straßen die schmutzigen Geschirre alltäglich unmittelbar vor den Häusern ausgegossen würden, vom Polizei-Präsidium in Anspruch genommen. Ich entgegnete, es sei von mir in jener Schrift nicht ausgesprochen, werde aber übrigens erkannt, daß Königsberg in Hinsicht auf Reinlichkeit unter den großen Städten Deutschlands unten an stehe, und gab zwei Beispiele zu Bestätigung meiner obigen Behauptung an. Die damalige Unsauberkeit der Stadt hat nachher aufgehört, und es wäre möglich; daß die Polizei unter Anderem auch durch meine Aeußerungen bestimmt worden wäre, dies zu bewirken.
Fußnoten
1 Ueber Weisenpflege, zunächst in Beziehung auf Königsberg. Von K.F. Burdach. Königsberg bei Nicolovius 1816. 56 S. 8.




5. Theilnahme an vaterländischen Angelegenheiten.










[303] Mein Geschick hatte mich von Leipzig abgerufen, ehe Sachsen, wieder deutsch geworden, dem Kampfe gegen Frankreich sich angeschlossen hatte, und mich dann erst nach Königsberg geführt, als dem Bürgersinne kaum noch etwas übrig blieb für diesen Kampf zu leisten. Da kam im April 1815 die Nachricht vom neuen Ausbruche des Kriegs, und sogleich erbot ich mich, als Feldarzt zu dienen. Der Generalstabsarzt Gräfe nahm mein Anerbieten mit Freuden an und forderte mich auf, nach Berlin zu kommen, um daselbst weitere Ordre zu erhalten; allein der Minister beschied mich unterm 20. April, daß ich bei der Universität bleiben müsse, wo ich nützlicher werden[303]  könne Auch für diese Entscheidung, so unerwünscht sie mir auch damals war, hatte ich alle Ursache dankbar zu sein, da ich als Feldarzt doch verhältnißmäßig nur wenig hätte wirken können, und jedenfalls viel versäumt haben würde.
Am 18. Januar 1816 war das Friedensfest, und da ich gerade Prorector war, konnte ich die akademische Feier desselben ganz nach meinem Sinne anordnen. Am Vorabende wurde dem General Grafen Bülow ein solennes Vivat von der gesammten Universität gebracht, indem der Prorector mit den vier Decanen den Zug der Studirenden eröffnete. Meine Anrede an den General leitete ich mit folgenden Worten ein:
»Als in den Tagen unserer Jugend die Geschichte der Vorwelt sich uns aufthat und uns die glorreichen Kämpfe für Freiheit und Recht kund wurden, da glühte unser Herz für des Alterthums Heldengröße, und wir wünschten uns, Genossen einer Vorzeit gewesen zu sein, wo ein höherer Sinn waltete, der mächtige Kräfte weckte und unsterbliche Thaten gebar. Siehe! da erwachte solch hohes Leben in unserem eigenen Geschlechte, und der Genius, von dem es ausging, hieß: Begeisterung für Freiheit, Wahrheit und Recht. Der einmüthige, feste und starke Wille des Volks, seine Selbstständigkeit zu behaupten und seines Königs Würde aufrecht zu halten, – – gibt unserer Zeit vor einer langen Reihe von Jahrhunderten den Preis. – Ja, nun schätzen wir uns glücklich, so große Tage erlebt zu haben, glücklich auch, die Führer des Volks von Angesicht zu schauen, deren Namen in den Jahrbüchern der Geschichte, wie in den Gesängen der Dichter ewig leben wird. – – Wir, die wir unser Leben der Wissenschaft geweiht haben, die wir das Wandellose und Ewige zu erschauen streben, und deren freier Sinn nur dem wahrhaft Großen und Idealen huldigt, wir fühlen uns durch eine heilige Stimme in unserem Innern getrieben, vor Allem unser Dankgefühl auszusprechen und so das Fest zu beginnen, welchem der morgende Tag geweiht ist.«
Am Festtage selbst war ein großes Mahl der Professoren und der als Gäste eingeladenen 44 Studirenden, welche aus dem Kriege zurückgekehrt waren. Ich konnte das früher bewiesene[304]  Talent zu einem akademischen Festordner (S. 181) hier freier entwickeln, und wiewohl ich auch diesmal mich in der Rechnung geirrt hatte, so wurde mir doch kein Vorwurf deshalb gemacht, sondern die Nachzahlung von der Regierung auf das Willigste geleistet. Professor Delbrück schilderte den Eindruck, den das Fest auf ihn gemacht hatte, in einem Dankschreiben an mich mit folgenden Worten: »Der stete Wechsel höchst würdiger, bald froher, bald ernster Gedanken und Empfindungen, den Sie in Ihren Gästen zu unterhalten wußten, die Trinksprüche, die Sie ausbrachten, die angestimmten Gesänge, die anständige Vertraulichkeit, welche alle Anwesende, Lehrer und Lernende, die Angehörigen unserer Universität und die Fremden verbrüderte, das beständig Gemeinsame der Unterhaltung, welches, wie es in echter Gesellschaft sein soll, kein abgesondertes Gespräch zwischen Einzelnen aufkommen ließ, die sinnige Ausschmückung der Tafel und des Saals – dies Alles bildete ein Ganzes, welches mich, so oft ich daran denke, in eine Art von süßer Betäubung versetzt. Zeichnet, wie die Alten sagen, den Wohlerzogenen nichts so sehr aus, als dieses, daß er verstehe, sich gehörig zu freuen und zu betrüben, so dürfen wir gewiß auf das gestrige Fest stolz sein, denn man wird behaupten können: es war seines großen Gegenstandes würdig. Was Platon meint, wenn er zweckmäßige Einrichtung festlicher Zusammenkünfte unter die vornehmsten Sorgen eines weisen Gesetzgebers rechnet, und wenn er den Werth wohlgeordneter Trinkgesellschaften so hoch anschlägt, hat mir zwar schon längst eingeleuchtet, doch nie heller als am gestrigen Tage, der jene Lehren und Satzungen meines Herrn und Meisters so schön bestätigt.«

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An dem beginnenden Aufschwunge der auf die Angelegenheiten des Friedens sich richtenden vaterländischen Gesinnungen nahm ich warmen Antheil. In einer öffentlichen Versammlung der deutschen Gesellschaft hielt ich einen Vortrag über öffentliches Leben; das Manuscript ist mir weggekommen, und ich kann daher nichts daraus anführen. Dafür gebe ich einen Toast, den ich bei einem durch Geheimen Rath Frey, Director Struve und mich am 31. März 1818 zum Gedächtniß der[305]  Einnahme von Paris veranstalteten Festmahle, welchem sämmtliche obern Behörden Königbergs beiwohnten, sprach: »Die Vergangenheit hat hohe Kriegstugend erzeugt: der Zukunft Aufgabe ist es, große Bürgertugend zu entwickeln. Haben Gemüth und Kraft nach außen hin siegreich gewirkt, so mögen sie nun mit gleichem Er folge nach innen ihre Richtung nehmen. Auch hier ist mit Ernst und Nachdruck zu bekämpfen, was des Vaterlandes wahres Wohl gefährdet; auch hier ist ein Montmartre zu erstürmen, auch hier eines neuen Babels Macht zu brechen. Heil denen, die in solchem Kampfe gegen das Schlechte frei und kühn vorangehen, die von echtem Gemeinsinne begeistert, von Weisheit geleitet, des Vaterlandes Stützen werden!«
In solchem Sinne bildete sich auch auf unserer Universität die Burschenschaft, und mit ihr wurde ein durchaus ehrenwerther Geist hier herrschend: wissenschaftlicher Ernst, sittliche Reinheit, und Tüchtigkeit des Charakters war es jetzt allein, was dem Studirenden die Achtung seiner Commilitonen erwarb. So bildete sich denn auch ein vertrauliches Verhältniß zwischen Professoren und Studenten, wie es vorher nicht gewesen war und auch nicht wieder geworden ist. Ich nahm 1818 mit meinen Collegen Mühlenbruch, Drumann und von Baer und dem Director Struve Theil an der erhebenden Feier des 18. Juni, welche die Studirenden auf der herrlichen Höhe des Galtgarb begingen, und wovon die Beschreibung in der Universitätsbuchdruckerei erschien. Im Winter errichtete ich in Gemeinschaft mit Mühlenbruch und Lobeck eine »akademische Muße« für Professoren und Studenten; man kam alle 14 Tage Abends um 6 Uhr in einem Gasthause zusammen; der öffentlichen Unterhaltung durch Aufführung von Tonstücken und Vorträge verschiedener Art folgte gesellige Unterhaltung; sechs Ordner, zu welchen außer uns drei Studirende gehörten, besorgten alles Erforderliche.
Der beginnende Verdacht auf demagogische Umtriebe machte diesen schönen und schuldlosen Verbindungen bald ein Ende. Unter Andrem erfuhren wir durch das Ministerium, daß der König bei Gelegenheit der politischen Schrift eines Professors[306]  durch Cabinetsordre vom 11. Januar 1819 erklärt habe, er fei zwar nicht geneigt, die freie Discussion zu beschränken, könne aber keinen Lehrer auf den preußischen Universitäten dulden, der solche Grundsätze aufstellen und solche unschickliche und unnütze Dinge vortragen werde, wie diese Schrift enthalte. Der Minister verschwieg den Titel dieser Schrift, und forderte die Professoren bloß im Allgemeinen auf, sich den nichtigen Schriftstellern des Tages nicht gleich zu stellen, sondern nur gelehrter Forschungen sich zu befleißigen. – An Stelle eines Curators erhielt die Universität einen Regierungsbevollmächtigten in der Person des Präsidenten Baumann. Als ich erst spät und nur wegen eines Amtsgeschäftes ihm einen Besuch machte, entschuldigte ich mein spätes Erscheinen damit, daß der Anlaß seiner Anstellung zu betrübend sei, um eine freudige Bewillkommnung von Seiten eines akademischen Lehrers möglich zu machen. Elsner, der Vater, schrieb am 7. April 1820, zwölf Tage vor seinem Tode in das Tagebuch der medicinischen Facultät: »his peractis imminutam et oppressam universitatum dignitatem lugens munus Decani depono.«


Wenn ich darauf bedacht gewesen war, in den Studirenden diejenige Gesinnung zu beleben und zu stärken, vermöge deren sie einst als Staatsbürger zu Vertheidigung von Recht und Wahrheit sich aufgefordert fühlten, hatte es mir nicht an Anlaß gefehlt, das Bedürfniß solcher Vertheidiger einzusehen. Als Beispiel führe ich folgende Erfahrung an.
Kotzebue hatte, da er als russischer Generalconsul nach Königsberg gekommen war, einen gewissen Loenich hier gefunden, der, aus Schlesien gebürtig, 1792 als Handelsmann nach Petersburg gegangen, 1800 auf Denunciation eines seiner Schuldner, als habe er den Kaiser Paul geschmäht, nach Aufschlitzung der Nase und Knuten nach Sibirien geschickt, dann unter Alexanders Regierung nach Petersburg gebracht, als unschuldig erkannt, reichlich beschenkt und durch eine Pension von 500 Rubel ausgesöhnt worden war, die er in Schlesien hatte verzehren wollen. Dieser Loenich war, da ihm diese Pension seit 1805 nicht mehr ausgezahlt worden, um diese wieder zu[307]  erlangen, nach Königsberg gegangen, wo er bei dem russischen Consulate Anträge deshalb ge macht und sich indessen als russischer Dolmetscher und Frachtbestätiger genährt hatte. So war er denn auch Kotzebue bekannt und von ihm, wie von dessen Vorgänger, zu manchen kleinen Diensten gebraucht, unter Andrem im Anfange des Jahres 1814 beauftragt worden, von hiesigen Accisbeamten die Beihülfe zu Ausfindigmachung einiger des Diebstahls verdächtiger russischer Marketender, unter Versprechung eines Geldgeschenkes zu fordern. Mit einem Male war er von Königsberg verschwunden; Kotzebue erkundigte sich überall nach ihm, in seiner Wohnung, in den Gasthäusern, bei der Polizei, bei der Regierung, Niemand wollte etwas von ihm wissen; er forderte in der Zeitung Jeden, der von Loenich etwas wisse, auf, sich zu melden; Alles vergebens. Da erschien Loenich im November 1815 bei mir, da er gehört hatte, daß ich aus russischen Diensten hierher gekommen sei, und Kotzebue Königsberg schon verlassen hatte. Nach seiner Erzählung war er am 16. April 1814 durch den Lohnbedienten Rennau aufgefordert worden, mit ihm Nachmittags 4 Uhr nach dem benachbarten Dorfe Ponnarth zu gehen, um beim Kaufe russischer Pferde den Dolmetscher abzugeben. Auf dem Wege dahin hatte ihn der Polizeiinspector Schwedau verhaftet, von drei Soldaten, die aus einem Graben hervorgesprungen waren, binden und auf einen bereit stehenden Wagen werfen lassen, auf dem er, von einem Husaren zu Pferde begleitet, nach Graudenz geschafft worden war. Hier hatte er, ohne verhört zu werden, neun Monate in den Kasematten gesessen, als man ihn am 26. Januar 1815 nach Colberg gebracht hatte. Hier war ihm denn am 28. April zum ersten Male das Glück geworden, verhört zu werden, und zwar vom Garnisonsauditeur Haenisch, im Beisein des Commandanten Obersten von Streit und des Platzmajors von Holstein. Durch dies Verhör hatte er denn nun auch erfahren, daß er des Verbrechens beschuldigt worden war, dem russischen Consul gedient zu haben, um den Schleichhandel preußischer Kaufleute nach Rußland auszukundschaften. Am 24. Juli war er aus dem Gefängnisse entlassen,[308]  vom Commandanten mit 12 Thalern Reisegeld versehen und vom Auditeur mit 10 Thalern beschenkt worden. Er übergab mir folgendes Protokoll:


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»In Gegenwart 1) des Herrn Obersten und Commandanten von Streit, 2) des Kriegsraths und Dom-Syndikus Haenisch als interimistischen Garnison-Auditeurs.

Actum Colberg,
am 24. Julius 1815.

Da der Staatsgefangene Loenich seiner bisherigen Haft entlassen und in Freiheit gesetzt werden soll, so verfügten sich die oben benannten Personen, die ihn gestern gleich nach Ankunft der Post vorläufig davon benachrichtigt hatten, heute zu ihm in seinen bisherigen Aufenthaltsort und kündigten ihm an: er sei seiner Haft entlassen und in Freiheit gesetzt, man müsse ihn aber bedeuten, daß er durch seine Auskundschaftung des von königlichen Unterthanen nach auswärtigen Staaten betriebenen Handels, durch die Angabe dieser Unterthanen und durch die gemachten Versuche, königliche Officianten in sein Interesse zu ziehen, worüber seines beharrlichen Leugnens ungeachtet die überzeugendsten Beweise vorhanden seien, seine Verhaftung sich lediglich zugezogen habe; daß er gegenwärtig in der Voraussetzung entlassen werde, daß er diese bisher erlittene Haft sich zur Besserung und Warnung vor ähnlichen Vergehungen um so mehr werde gereichen lassen, als er unter genauer Beobachtung werde gehalten werden und bei der ersten Wiederholung seines Vergehens ganz unfehlbar noch strengere Maßregeln zu gewärtigen habe. Sodann wurde dem etc. Loenich seine Brieftasche mit dem, was darin enthalten gewesen, zugestellt und er aufgefordert, seinen Aufenthaltsort, den er künftig machen werde, anzuzeigen.«
»Er erklärte: Es thut mir sehr wehe, daß man mich auf eine ganz falsche Denunciation nicht nur so strenge behandelt, sondern noch fortwährend in dem Verdachte hat, als ob ich mir die oben benannten Vergehungen hätte zu Schulden kommen[309]  lassen. Ich bin durch meine plötzliche Arretirung am 16. April 1814 aus allen meinen Verhältnissen gerissen. Ich weiß nicht, was aus meinen Sachen und Privatangelegenheiten, namentlich aus meiner Pensionssache geworden ist und welcher Nachtheil für mich durch das mir zubereitete funfzehnmonatliche Verschwinden aus der bürgerlichen Gesellschaft erwachsen ist, weßhalb ich mir meine Regreßforderungen ausdrücklich vorbehalte. Diese Umstände nöthigen mich auch, wiederum nach Königsberg zu gehen. Da es mir an den dazu nöthigen Mitteln fehlt, so bin ich gezwungen, mich zuerst nach Elbing zu wenden, um die Mittel zu erhalten, mich mit angemessenen Kleidungsstücken zu versehen, die ich in meinem harten Arreste, soweit sie mir nicht vom Leibe gefallen sind, so zerrissen habe, daß ich vor anständigen Personen damit nicht erscheinen kann. In Elbing hoffe ich, von dem königl. preußischen Geheimen Rathe Abegg, der mich kennt, das nöthige Geld zu erhalten, womit ich denn, wenn es meine Gesundheitsumstände erlauben, mich nach Königsberg begeben, meine Privatangelegenheiten untersuchen und meine Rechte gegen den mir wohl bekannten falschen Denuncianten, der aus Privatabsichten und Brodneid gegen mich so schrecklich gehandelt hat, verfolgen und meine Unschuld an den Tag bringen werde.«

»Da der etc. Loenich ein weiteres zur Sache Gehöriges nicht anzuführen hatte, so ist dies Protokoll nach geschehener Vorlesung und Genehmigung eigenhändig unterzeichnet und geschlossen worden a.u.s.

Streit.
Haenisch.«

»Vorstehende Abschrift dieses Protokolls ist dem Joseph Loenich zu seiner Nachricht und Achtung für sein künftiges Betragen ertheilt und wird die Richtigkeit der Abschrift hierdurch attestirt. Colberg, am 24. Julius 1815.

Haenisch,
K. Rath und Dom-Syndikus,
als interimistischer Garnisons-Auditeur.«[310] 
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Ich entwarf in seinem Namen und mit seiner Einwilligung ein von der Erzählung seiner Schicksale begleitetes Schreiben an den Justizminister, 1) wenn noch ein Verdacht gegen ihn wäre, die strengste Untersuchung deßhalb anstellen zu lassen; 2) das gegen ihn verübte rechtswidrige Verfahren der ihm unbekannten Behörde, die ihn hatte einkerkern lassen, zu untersuchen und zu bestrafen; 3) endlich ihm für erduldete Mißhandlungen und erlittenen Verlust eine angemessene Schadloshaltung zuzuerkennen. – Er brachte mir die von ihm gefertigte Reinschrift zur Durchsicht, und als ich ihn einige Tage darauf aufforderte, sie zu unterzeichnen und abzuschicken, erklärte er, er wolle die Sache lieber liegen lassen. Ich war nicht wenig darüber aufgebracht; aber er erwiderte, wenn er bei der Erinnerung dessen, was er in Petersburg und Sibirien, in Graudenz und Colberg erlitten, den Muth verloren habe, sein Recht zu suchen, so könne ich ihn deßhalb nicht verdammen. Ich sah es ein, daß man ihm nicht zumuthen konnte, das Gefühl der Unsicherheit zu überwinden und die Behörden durch seine Beschwerden zu belästigen. Ich ließ ihn gehen und suchte bei zwei befreundeten Rechtsgelehrten Mittel zur Sühnung der verletzten Gerechtigkeit: der Eine, ein wohlerfahrener Praktiker, schüttelte den Kopf und versicherte, daß in dieser Sache durchaus nichts zu thun sei; der Andere, ein gelehrter und scharfsinniger Romanist, schüttelte nicht einmal den Kopf. So mußte ich denn schweigen, indem ich mich mit der Hoffnung tröstete, daß die neue Generation von Rechtsgelehrten auch aus wärmeren Rechtsfreunden bestehen würde.



6. Privatverhältnisse.










[311] In Königsberg hatte ich eine wohlwollende Aufnahme gefunden und einen guten Ruf gewonnen.
Zuvörderst hatte ich noch von Dorpat her Beziehungen zu den damals in Königsberg residirenden russischen Behörden. Dem Gouverneur, Grafen Sievers, war ich durch seinen mir sehr wohlwollenden Oheim auf Warrol bei Dorpat empfohlen,[311]  und der Commandant von Königsberg war der Oberst Baron Elsner, der ein Jahr früher als Professor der Kriegswissenschaften noch mein College in Dorpat gewesen war. Dieser freute sich meiner Ankunft besonders, da ich in seinen Streitigkeiten bei der Universität, namentlich mit Parrot und Grindel, mich nicht bewogen gefunden hatte, Partei zu nehmen; unter Anderem machte er sich ein Vergnügen daraus, wenn er mich und meine Familie zu sich eingeladen hatte, uns unter Escorte eines Kosaken zu Pferde abholen zu lassen. Er war ein Schlesier von Geburt, focht unter Koscziusko für Polen, gerieth in russische Gefangenschaft, diente dann im russischen Heere, wurde bei der Stiftung der Universität Dorpat Professor, ging 1812 wieder ins Feld und wurde späterhin General und Director des Cadettencorps in Petersburg. – Auch wurde ich mit Kotze bue nicht minder als früher in Dorpat mit seinem bittern Feinde Merkel befreundet, wozu besonders die Freundschaft seiner liebenswürdigen Frau mit der meinigen viel beitrug.
Was die Königsberger Familien anlangt, so hatten wir vorzüglich mit denen der Bankiers Oppenheim und Warschauer, des Medicinalrathes Hirsch, des Postdirectors von Madeweis, des Geheimen Raths Gervais einen ausgezeichnet interessanten Umgang, indem in ihren zum Theil sehr glänzenden Zirkeln es an geistreichen Personen nicht fehlte. Eben so kam ich auch in die geselligen Kreise des Kriegsraths Scheffner und des Bankiers Deetz, welche ebenfalls interessante Männer um sich her sammelten.
Mit eigentlicher Freundschaft war ich minder glücklich. Mühlenbruch, den ich recht lieb gewonnen hatte, blieb zu kurze Zeit in Königsberg. Inniger durch höhere Achtung war mein Verhältniß zu Friccius. Ich hatte von ihm gehört, wie er beim Ausbruche des Kriegs 1812, wie früher 1806, seine Stellung beim Oberlandesgerichte aufgegeben, an Organisation der Landwehr den thätigsten Antheil genommen, in beiden Feldzügen sich ausgezeichnet hatte, namentlich bei der Erstürmung von Leipzig an der Spitze seines Bataillons zuerst in[312]  die Stadt gedrungen war. Am 18. October 1816 ließ es mir keine Ruhe: ich mußte das Andenken an die Leipziger Schlacht mit einem ihrer Helden feiern und ging daher ohne Umstände zu Friccius, der ganz vor Kurzem als Oberlandesgerichtsrath nach Königsberg zurückgekommen war, um seine Bekanntschaft zu machen, ihm meine Achtung zu bezeigen und ihn zum Mittage zu mir zu bitten. Die enthusiastisch angeknüpfte Bekanntschaft wurde bald zu einer herzlichen Freundschaft, die auch nie erkaltete, nachdem er zunächst als Geheimer Rath beim Rheinischen Revisions- und Cassationshofe nach Berlin berufen worden war.

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In Rußland stand ich in diesem Zeitraume noch in gutem Andenken, und war ich auch gegen die gelehrten Gesellschaften daselbst, die mich zu ihrem Correspondenten ernannt hatten, durchaus schweigsam, so war der Verkehr mit meinen dasigen Freunden um so lebhafter.
Als ich meinen Rehmann gescholten hatte, daß er vier ganzer Monate meine Briefe unbeantwortet gelassen, gab er mir im April 1814 die Ursache seines Schweigens an und setzte hinzu: »Grolle mir nicht mehr, mein theurer Freund! Traue und baue auf die herzlich liebende Freundschaft, die für das Leben in meinem Herzen für Dich wohnt und zu den besseren und glücklicheren Empfindungen desselben gehört! Du hast mir durch Deinen freundlichen Erguß nach dem neuen Jahre ein herrliches und kostbares Ge schenk gemacht, wofür ich Dir warm und aufrichtig die Hand drücke. Laß uns für die Ewigkeit einander angehören und nie störe Mißverständniß die Einigkeit unserer Seelen!« – Er war mit Praxis überladen; einmal schrieb er mir: »Gottlob! seit einigen Tagen bin ich krank und kann nun mit einiger Muße an Dich schreiben.« Aber leider hatte er auch körperlich schwere Leiden zu ertragen. Ein nagendes und bohrendes Gefühl in der Lebergegend, welches nach einer übel behandelten Gelbsucht zurückgeblieben war, kündigte ihm Gallensteine an, von denen dann bisweilen auch einzelne unter langwierigen und furchtbaren Kopfschmerzen abgingen. Dazu kamen noch starke Gichtschmerzen. Im Juni 1816 suchte[313]  er in Karlsbad und Wiesbaden Hülfe gegen diese Uebel; auf seiner Durchreise brachte er einige Tage in meinem Hause zu, während derer ich nicht von seiner Seite kam; von Karlsbad aus schrieb er mir: »so wohl ist es mir lange nicht gewesen, als bei Euch«. – Kaltes und regnerisches Wetter vereitelte die Wirkung der Bäder und zog ihm einen heftigen und hartnäckigen Anfall von Gicht zu, der ihn bis in den März 1817 in Wiesbaden zurückhielt. Im elterlichen Hause zu Donaueschingen fand er manchen Kummer, und da ihm überhaupt »das, was er in Deutschland sah und erfuhr, nicht gefallen wollte,« so sehnte er sich nach Petersburg zurück und lehnte einen vortheilhaften An trag des Großherzogs von Baden ab. Den einen Winter brachte er in Paris zu, wo er viel Praxis bekam. Im Herbste 1820 kehrte er nach Petersburg zurück.
Nächst ihm erwähne ich den Generalsuperintendenten Sonntag, welcher, der ewigen Plackereien überdrüssig und über die Verweigerung einer ihm früher zugesicherten Arrende unwillig, sich aus dem russischen Dienste sehnte. Zuerst interessirte ich mich dafür, daß er Consistorialrath in Danzig würde; die Stelle wurde ihm auch angetragen, aber er lehnte sie nach einigem Bedenken ab. Dann wünschte ich ihn 1817 für die hiesige Universität zu gewinnen, aber die geringe Besoldung hinderte ihn, darauf einzugehen.


Bojanus, der mich in Petersburg weniger angesprochen hatte, trat 1815 von Wilna aus in näheren Verkehr mit mir, der immer lebhafter und zutraulicher wurde. Als im März 1817 der Minister von Schuckmann mir auftrug, mich über die Qualification des Professors Pilger in Charkow zu einer Professur der Zootomie und Veterinärwissenschaft in den preußischen Staaten, wozu er sich gemeldet hatte, gutachtlich zu äußern und ihm eine Reihe wissenschaftlicher Fragen vorzulegen, empfahl ich Bojanus, der eine solche Stelle anzunehmen bereit war, auf das Dringendste; da er aber in Wilna einen Gehalt von 2500 Rubel Silber mit freier Wohnung hatte und schon 11 Jahre im Amte stand, mithin auch bald auf eine ansehnliche Pension rechnen durfte, so konnte ihm Preußen keinen[314]  hinreichenden Ersatz bieten. Er reiste in diesem Sommer nach Deutschland, vorzüglich auch in der Absicht, sich einen geschickten Kupferstecher für sein Werk über die Anatomie der Schildkröte zu engagiren und ging auf seiner Rückreise über Königsberg, wo wir nun auch persönlich einander lieb gewannen. Im Januar 1818 erhielt er den Ruf an die Berliner Thierarzneischule mit einem Gehalte von 1800 Thalern und 300 Thalern für Wohnung; er nahm ihn jedoch nicht an, indem er sich seinem Berufe für Zootomie nicht entziehen wollte. 1819 wurde sein Werk über die Schildkröte fertig; es hatte ihm außer 3000 Thalern, die ihm weder von der Regierung, noch auch durch den Buchhandel ersetzt wurden, unsägliche Mühe gekostet; denn da er hier etwas in jeder, auch in künstlerischer Hinsicht Vollendetes liefern wollte, so mußte er nicht nur den Stich der gefertigten Zeichnungen unzähligemal corrigiren, sondern auch den Kupferdruck erlernen, um ihn, da er keinen geschickten Kupferdrucker in seiner Nähe hatte, lehren und leiten zu können, mußte eine Presse bauen, Firniß kochen u.s.w.
Einiges Verdienst hatte ich um die Berufung des Dorpater Oberlehrers Struve zum Director am altstädtischen Gymnasium in Königsberg. Bald nach meiner Ankunft hierselbst sollte diese Stelle besetzt werden und ich befleißigte mich, die seltene Tüchtigkeit dieses Mannes den Mitgliedern des Magistrats und des Schulcollegiums zu schildern. Es wurde indeß bekannt, daß er ein leichtsinniger Wirth und schlechter Bezahler war, was denn von denjenigen, welche promte Zahlung als die Cardinaltugend betrachten, als Gewissenlosigkeit und Unrechtlichtkeit geschildert wurde. Deßhalb verlangte der Oberburgemeister Horn am Morgen des Wahltages (29. März 1814) von mir eine schriftliche Erklärung über Struvens moralischen Charakter, und darauf wurde er gewählt. Ich sprach mich nämlich dahin aus, daß die bisherige Unordnung in seinen Finanzen die Folge der geringen Besoldung sei und bei einem bessern Gehalte aufhören würde. Darin hatte ich mich nun freilich geirrt, denn die Zerrüttung seiner ökonomischen Angelegenheiten dauerte, selbst wachsend, bis zu seinem Tode fort; wenn ich ihn[315]  aber als einen redlichen und wohlgesinnten Mann schilderte, so hat sich dies wohl bewährt. Uebrigens stand er als Philolog, Historiker, Mathematiker und Dichter auf einer hohen Stufe und hat in den zwanzig Jahren seiner Amtsführung in Königsberg durch seinen Geist ungemein wohlthätig gewirkt. Wir waren einander auf das Freundschaftlichste zugethan: leider vermochte ich, als sein Arzt, nie eine dauernde Veränderung in seiner Diät zu bewirken und ich mußte in den letzten Jahren seines Lebens meine Verbindung mit ihm loser werden lassen.

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Meine Dorpater Zuhörer sandten mir einen silbernen Pocal, auf welchem das anatomische Theater von Dorpat gravirt war, nach Königsberg, und einige von ihnen schrieben mir von Zeit zu Zeit. Am treuesten bewies sich Lerche, der zuletzt, 1837, als wirklicher Staatsrath von einer Reise nach Petersburg zurückkehrend, einige Stunden bei mir zubrachte.
Der Verkehr mit meinen Freunden in Sachsen war durch meine Uebersiedelung auch erleichtert und ich freute mich, wenn ich ihnen gefällig werden konnte. Als mir daher im Januar 1815 Kotzebue erzählte, daß sein Sohn auf Kosten des Grafen Romanzow eine Entdeckungsreise machen und Ledebour von Dorpat ihn als Naturforscher begleiten werde, äußerte ich, daß Letzterer meiner Ueberzeugung nach sich nicht dazu eigne, daß dagegen Schwägrichen ganz der Mann dazu sei. Kotzebue faßte dies mit Lebhaftigkeit auf; ich schrieb an Schwägrichen, und, da derselbe sich als bereit erklärte, an Rehmann, um mit Romanzow zu unterhandeln, erhielt aber von diesem die Antwort, Krusenstern, dem die ganze Einrichtung übertragen sei, habe bereits Ledebour engagirt und für zwei Naturforscher biete das Schiff (der Rurik) nicht hinlänglichen Raum, denn da es besonders zu Untersuchung der Nordwestküste von Amerika bestimmt sei, mithin den Küsten möglichst sich nähern und auch in kleinere Flüsse einlaufen müsse, so sei es klein, leicht und flach gebaut. Uebrigens machte Schwägrichen an Romanzow selbst Bedingungen, die zum Theil nicht erfüllt werden konnten, namentlich gleichen Rang mit dem Capitän und Unabhängigkeit von demselben, eine ansehnliche Bibliothek[316]  und eine Menge Instrumente. Indeß trat Ledebour zurück und Romanzow bot nun Schwägrichen die Stelle auf dem Rurik mit einem jährlichen Gehalte von 2500 Rubel an. Als mir Rehmann am 23. März dies meldete, setzte er hinzu: »Du kannst es Dir nicht vorstellen, wie sehr es mich freut, daß diese Sache gelungen ist, da wir hierdurch der Wissenschaft und Rußland wirklich einen großen Dienst geleistet haben.« Aber die Freude wurde uns zu Wasser. Schwägrichen erhob Bedenklichkeiten und lehnte endlich wegen Amtsverhältnisse und literarischer Arbeiten die Stelle ab, die dann Chamisso übernahm.



7. Wanderungsgedanken.










[317] Königsberg hat vermöge seiner Lage eine eigenthümliche Stellung, die vormals nur schärfer hervortrat: dem Wesen nach durch und durch deutsch, gehört es doch nicht zu Deutschland. Wie man auf den meisten Karten von Deutschland sich jenseit der nordöstlichen Ecke die Stelle denken muß, an welcher Königsberg aufgezeichnet sein sollte, so sprachen die Königsberger zu meinem großen Mißfallen von einer Reise nach Deutschland als von einer Wanderung in die Fremde. In der That war es auch sehr isolirt: auf dem Wege nach Berlin dehnte sich bei fast gänzlichem Mangel an Chausséen die Tuchelsche Haide eine so lange Strecke aus, daß man ziemlich 8 Tage zu dieser Tour nöthig hatte, wie ich denn bei meiner Reise nach Dorpat mit vier Pferden Extrapost 51/2 Tage und 5 Nächte darauf zubrachte. Die Reiselust war in Königsberg zu Anfange unseres Jahrhunderts ein noch unbekannter Trieb; man sagt, wer damals Berlin zu besuchen Willens gewesen sei, habe zuvor sein Testament gemacht, und wer die Reise dahin zurückgelegt habe, sei als eine merkwürdige Person betrachtet worden. Königsberg hat kein deutsches Hinterland, es ist die Sackgasse von Deutschland, und wer von da aus nicht nach Rußland wollte, kam nicht dahin; aber darum fehlte es nicht an Fremden: zur See kamen Engländer und Holländer, Schweden und Dänen u.s.w.,[317]  so daß es den Einwohnern keineswegs an Gelegenheit fehlte, ihren Gesichtskreis zu erweitern. Der Staat that ungleich weniger für die Provinz Preußen, als für andere Theile der Monarchie; dies war so auffallend, daß oft die Meinung auftauchte und im Vertrauen selbst von Regierungsbeamten ausgesprochen wurde, man betrachte das Land als einen verlornen Posten, der über kurz oder lang an das seine Gränze bis zur Weichsel vorzuschieben bedachte Rußland fallen würde; die treue Gesinnung gegen das angestammte Fürstenhaus wurde dadurch nicht erschüttert, aber das Gefühl des eigenen Werthes und das Vertrauen zur eigenen Kraft fand darin mehr Nahrung. Bei der Abgeschlossenheit entwickelte sich eine gewisse Selbstständigkeit, und man legte einen hohen Werth daraus, ein Altpreuße zu sein, und die Isolirung gegen Deutschland führte zu höherer Schätzung des Heimathlichen, so wie zu einer Vorliebe für das Hergebrachte, Alte. Dabei konnte der Sinn für den Luxus der Künste nur sehr mäßig sein, zumal da die Regierung denselben wenig förderte, wie denn noch jetzt die königliche Familie bei uns keine anderen bewohnbaren Zimmer findet, außer in dem einen, nicht völlig und zum Theil von den Russen im siebenjährigen Kriege ausgebauten Flügel des Schlosses. Der Sinn für Solidität und die Verachtung des leeren Scheins gaben sich überall kund: die reichsten Königsberger bewohnten bescheidene Häuser von nicht mehr als drei Fenster Breite, aber von bedeutender Tiefe; nur wenige besaßen anständige Landhäuser, und diese fast nur von der Straße abgelegen, im Walde. Man blieb überhaupt in Hinsicht aus die Aeußerlichkeiten zurück, und die der neuern Zeit eigenen Richtungen, z.B. der Sinn für Genuß der schönen Natur, trat erst spät hervor, wie denn bei meiner Ankunft in Königsberg der Sommeraufenthalt auf dem Lande noch sehr sparsam war, der Gebrauch des Seebades eben erst begann, die schönen Strandgegenden erst entdeckt werden mußten und Fußreisende daselbst in Gefahr geriethen, als Vagabonden oder gar als Spione verhaftet zu werden.

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Dies Alles hat sich gegenwärtig geändert, wo der erleichterte und vervielfältigte Verkehr die Eigenthümlichkeiten aller[318]  Orte mehr oder weniger verwischt hat. Die bei den Ostpreußen nicht seltene Kraft des Geistes und Tüchtigkeit der Gesinnung hat sich seither und noch in den neuesten Zeiten in den durch diese Verhältnisse gegebenen Richtungen und Formen bewährt. Damals aber mußte Derjenige, der an die vorgeschrittenen Verhältnisse in andern Gegenden Deutschlands gewöhnt war, hier manches veraltet, beschränkt und dürftig finden und sich in solcher Umgebung gedrückt fühlen. Daher hat wohl auf wenigen Universitäten, vielleicht auf keiner, ein so häufiger Wechsel im Personal Satt gefunden, als auf der hiesigen, seitdem man angefangen hatte, Fremde hierher zu berufen. In den 23 Jahren, von 1815 bis 1838, gingen von Königsberg ab: 5 ordentliche Professoren der Theologie (Krause nach Weimar, Vater nach Halle, Hahn nach Leipzig, Giehlow nach Marienwerder, Olshausen nach Erlangen), 5 ordentliche Professoren der Jurisprudenz (Hasse nach Jena, Mühlenbruch nach Halle, Abegg nach Breslau, Albrecht nach Göttingen, Dirksen nach Berlin) und drei außerordentliche ( Rogge nach Tübingen, Sietze nach Naumburg, Nicolovius nach Bonn), 3 ordentliche Professoren der Medicin (Remer nach Breslau, von Baer nach Petersburg, Klose nach Breslau), von der philosophischen Facultät 3 ordentliche Professoren (Hüllmann nach Bonn, Graff nach Berlin, Herbart nach Göttingen) und 4 außerordentliche (Delbrück nach Bonn, Lachmann und Dowe nach Berlin, Ellendt nach Eisleben), zusammen 23, so daß auf jedes Jahr Einer kam, der seine Stelle hier niederlegte, während in diesem Zeitraume 19 starben.
Nicolovius schrieb mir 1814: »Die Erfahrung hat gezeigt, daß es Ausländern anfangs schwer wird, sich an Königsberg zu gewöhnen, daß aber nach einiger Zeit bei ihnen Liebe zu dem Orte und zu den Einwohnern entsteht und immer Bestand behält.« Und bei seiner günstigen Meinung von mir schrieb er 1816: »Mir liegt es am Herzen, Sie an Königsberg fest zu binden; daher wird es mir ein eigennütziges, treues Bemühen sein, Alles, was dazu beitragen kann, zu befördern.« Ich fand aber in Königsberg eine bedeutende Theuerung, so[319]  daß ich einsah, ich würde mit dem mir bestimmten Gehalte nicht auskommen. Nun äußerte ich gegen Isfordink, mit dem ich noch einen Briefwechsel unterhielt, meine Unzufriedenheit über die Verzögerung der Errichtung einer anatomischen Anstalt. Da meldete er mir im October 1814, er sei durch den Congreß in den Stand gesetzt worden, mir »in der Umgebung des Königs einen Weg zu bahnen,« den ich später erfahren sollte. »Ich bin aufgefordert,« schrieb er, »Sie zu bitten, in einem Schreiben an den Fürsten Hardenberg vorzustellen, daß man Ihnen in Königsberg Ihre Bedingungen in Betreff des anatomischen Theaters nicht hält. Wollen Sie nach Halle, welches vom Könige große Unterstützung zu erwarten hat, so bemerken Sie dies in Ihrem Schreiben. Säumen Sie keine Stunde, dies Schreiben an mich zu schicken.« Ich stand nicht an, seiner Weisung zu folgen und er berichtete mir im December. »Ihre Vorstellung an den Fürsten ist äußerst gnädig aufgenommen worden.« Der Fürst selbst schrieb mir unterm 5. December: »Auf Ewr. Wohlgeboren gefällige Zuschrift vom 11. v.M. habe ich mit Vergnügen Veranlassung genommen, mich für die von Ihnen gewünschte Versetzung und Verbesserung Ihrer ökonomischen Verhältnisse bei dem königlichen Ministerio angelegentlichst zu verwenden.« Sehr überrascht war ich daher, vom Minister von Schuckmann unterm 30. December ein sehr ungnädiges Schreiben zu erhalten, worin er mir meine Ungeduld verwies und hinzusetzte, mein Wunsch, nach Halle versetzt zu werden, könne »den Schein erregen, als sei es mir bei meinem Gesuche um die Stelle in Königsberg nur darum zu thun gewesen, kostenfrei um eine Station meinem Ziele näher zu kommen.« Ohne mich gegen den Minister zu rechtfertigen, wies ich diese kränkende Behandlung in folgendem Schreiben zurück:


»Wenn ich erkenne, daß ich so unglücklich gewesen bin, mir das Mißfallen Eines Hochverordneten Ministeriums zuzuziehen, so kann ich mich doch nicht überzeugen, dasselbe in so hohem Grade zu verdienen, als das unterm 30. December erlassene Schreiben es ausdrückt. Ich will mir keineswegs erlauben, der[320]  Beurtheilung meiner Schritte die Ansichten, die mich dabei geleitet haben, entgegenzusetzen; aber ich müßte des Ehrennamens eines preußischen Staatsdieners unwürdig sein, wenn ich über den einen Punct mein Gefühl ebenfalls unterdrückte. Sollte nämlich Jemand durch den Verdacht mich entehren wollen, als habe ich bei der Bewerbung um meine gegenwärtige Professur bloß kostenfrei um eine Station meinem Ziele näher kommen wollen, so würde ich ihm entgegnen, daß ich ein Ziel habe, das eben so wenig in Halle, als in Petersburg, noch irgendwo ist; daß aber, wenn die Verhältnisse in Königsberg mich hindern sollten, meiner Bestimmung gemäß für die Wissenschaft zu wirken, ich um eine gute Station und nicht kostenfrei von meinem Ziele abgekommen sein würde. Hätte ich übrigens einen Streich der erwähnten Art im Kopfe gehabt, so würde ich nicht so voreilig und ungeduldig Alles versucht haben, um der hiesigen anatomischen Anstalt eine möglichst vollkommene und zweckmäßige Einrichtung zu verschaffen.«
Gegen den humanen Nicolovius rechtfertigte ich mich durch Erzählung des ganzen Herganges und ich erhielt eine Ehrenerklärung durch ein Schreiben des Fürsten Hardenberg vom 16. Januar 1815, worin derselbe mich versicherte, »daß das Ministerium meinen Bemühungen um die Wissenschaft volle Gerechtigkeit widerfahren lasse und gern jede Veranlassung wahrnehmen werde, meinen Wünschen, in soweit es die Lage des Staats erlaube, zu entsprechen.« Auch Nicolovius beschwichtigte mich in seiner freundlichen Weise. – Im Jahre 1816 wurde mir eine Gehaltszulage von 200 Thalern ertheilt.
Im Mai 1817 ließ mir der Graf Lieven, damaliger Curator der Dorpater Universität, durch Professor Ewers die Professur der medicinischen Methodologie, Pathologie und allgemeinen Therapie antragen und mich fragen, welchen Gehalt ich begehre, indem er mir einen größeren als den gewöhnlichen zu bewilligen geneigt sei. Ich schickte diesen Brief an das Ministerium mit dem Vorstellen, daß meine ökonomische Lage noch immer nicht so sei, wie ich es wünschen müsse; da nun[321]  dasselbe sein Vorhaben, eine chirurgische Schule zu errichten, geäußert hatte, so bat ich um Anstellung an derselben mit einem Gehalte von 500 Thalern. Die Antwort lautete dahin, daß über Errichtung dieser Anstalt noch kein Beschluß gefaßt sei; indeß habe man das Vertrauen zu mir, daß ich die Aufmerksamkeit und Bereitwilligkeit, die ich gefunden, zu schätzen wisse und nicht in eine Lage zurückkehren werde, in der ich früher so wenig Zufriedenheit gefunden. Indeß hielt ich mir noch eine Zeitlang den Weg nach Dorpat offen und machte endlich Bedingungen, die nicht erfüllt werden konnten, ich forderte nämlich einen Gehalt von 2000 Rubel Silber und daß die drei Jahre, die ich in Königsberg verlebt, für meine dereinstige Pensionirung zu meiner Dienstzeit gerechnet würden.

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Nicht ohne Widerstreben hatte ich die Versuche, nur ein größeres Einkommen zu verschaffen, unternommen, da sie meinem Gefühle von Dankbarkeit gegen die Regierung nicht entsprachen. War aber diese Pflicht durch die Nothwendigkeit, mehr für meine Familie thun zu können, besiegt worden, so wurde sie zwar durch eine im Januar 1819 mir ertheilte Gehaltszulage von 130 Thalern noch verstärkt, aber durch die Liebe zur Heimath überwunden. Ich hätte nicht ein geborener Leipziger sein müssen, wenn nicht die im März 1820 eintreffende Nachricht von des Anatomen Rosenmüller Tode den Wunsch, dessen Nachfolger zu werden, hätte wecken sollen. Als ich mich dazu meldete, erhielt ich im Mai vom damaligen Präsidenten des Oberconsistoriums, Herrn von Ferber, ein sehr freundliches Schreiben, worin er unter Anderem sagte: »Mit Bedauern hatte man Sie vor mehreren Jahren von Leipzig abgehen sehen und ich erinnere mich sehr wohl, daß dies Bedauern allgemein war. Um so größer war also auch meine Freude bei der mir sich zeigenden Möglichkeit, Sie für die Universität wieder zu gewinnen.« Er verlangte übrigens meine Bedingungen zu wissen. Auch der Minister, Graf Hohenthal, äußerte sich sehr günstig und die medicinische Facultät denominirte mich primo loco, dann den Professor Jörg und den Dr. Weber. Daß Letzterer die Stelle erhielt, war vielleicht[322]  durch meine zu hohen Forderungen veranlaßt, aber jedenfalls die glücklichste Wahl.
Indessen ging Professor Vater im Herbste 1820 von Königsberg weg und die bisher von ihm verwaltete Stelle eines Inspectors des Kypkeschen Stiftes wurde von meinen Collegen mir übertragen. Hier hatte ich nun für die Pflicht, die in neun Stuben unentgeltlich wohnenden Studirenden zu beaufsichtigen und die Geschäfte der Anstalt überhaupt zu besorgen, eine angemesse Wohnung mit Hof und Garten, so wie einen Gehalt von 110 Thalern. Ich ließ bei einem nothwendig gewordenen Reparaturbaue die häuslichen Einrichtungen ganz nach meinem Geschmacke machen, und da nun auch im folgenden Frühjahre mein älterer Sohn heirathete und Compagnon in der Handlung seines Schwiegervaters wurde, so war ich für meine Lebenszeit an Königsberg gebunden.



1. Amtliche Thätigkeit.










[323] Jetzt erst befand ich mich in einer meinen wissenschaftlichen und ökonomischen Bedürfnissen genügenden Lage und ich habe meiner Ueberzeugung nach es nie unterlassen, meine Dankbarkeit dafür zu äußern und zu bethätigen. Nicolovius schrieb mir 1821: »Die Nachricht von dem glücklichen Gedeihen der Ihrer Leitung anvertrauten Anstalt mußte mir sehr erfreulich sein; mehr aber noch und in großem Maße der Ausdruck Ihrer Zufriedenheit mit Ihrer Lage. Selten wird dem Minister bei aller unermüdlichen, redlichen Vorsorge solche Freude zu Theil, und eine solche Bezeigung von Zufriedenheit ist doppelt willkommen, wenn sie von einem hochgeachteten Manne ausgeht, dessen Lage und Wirkungskreis man vorzüglich gern seinen Wünschen entsprechend und von Sorgen und Störungen befreit wüßte.«[323] 
Auch bewies mir das Ministerium fortwährend Wohlwollen und Vertrauen. So forderte der Minister von Altenstein 1822 mein vertrauliches Urtheil über die Wirksamkeit und Qualification des Professors Sachs, so wie 1825 auch über den Charakter und die ganze Haltung desselben, wobei er offenbar dessen Verhältnisse zu dem Mystiker Ebel im Sinne hatte, und Sachs wurde hierauf ordentlicher Professor. Ich kann mir das Zeugniß geben, daß ich hier wie bei allen anderen Veranlassungen mein Urtheil nie durch persönliche Verhältnisse habe bestimmen lassen.
Dabei habe ich auch nicht angestanden, gegen ungerechte Maßregeln mit allem Ernste zu protestiren, z.B. wegen des Dr. Jacobson. Dieser sehr geschickte Arzt wollte im Jahre 1822 als Privatdocent sich habilitiren; er bekam von den Behörden die Erlaubniß dazu, hielt vor der medicinischen Facultät über ein wenige Stunden vorher ihm gegebenes Thema eine Probevorlesung, die ungemeinen Beifall erhielt und ließ eine Dissertation drucken und vertheilen. Am 20. December, als dem Tage vor der Disputation, wurde diese untersagt, weil das Gesetz, welches den jüdischen Glaubensgenossen die Erlangung akademischer Lehrämter gestattete, eben aufgehoben worden war. Diese Eile der Reaction – Fürst Hardenberg war am 26. November in Genua gestorben – erschien mir ebensowenig würdig, als die Zurücknahme eines gegebenen Versprechens gerecht und ich machte kräftige Vorstellungen. Das Ministerium ließ hierauf den Dr. Jacobson durch die Facultät auffordern, anzugeben, wieviel er zur Entschädigung für Abfassung und Druck seiner Dissertation verlange und verschaffte mir wenigstens die Genugthuung, das Schreiben, in welchem er dieses Anerbieten mit der gebührenden Indignation zurückwies, im Originale dem Ministerium zu überschicken. So habe ich auch sonst die Rücksicht auf Verschiedenheit der Confession bei der Universität, als die Ausschließung katholischer Gelehrter vom akademischen Lehramte und katholischer oder jüdischer Studenten vom Freitische nach Kräften bekämpft.

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Ich mußte aber doch auch in Königsberg einen collegialischen[324]  Kampf bestehen und dazu gab mir mein Protectorat im Winter 1821/22 (ich war 1821, da Schweigger auf seiner Reise in Sicilien ermordet worden war, auch schon Senior der medicinischen Facultät geworden) hinreichenden Anlaß. Zuerst kündigte ich nämlich meinen Collegen durch ein Circular an, daß am 18. Januar, als am Krönungsfeste, der neue große akademische Hörsal feierlich eingeweiht werden solle und setzte hinzu: der nun beendigte Ausbau des Albertinums drückt der Reihe von bedeutenden Verbesserungen, welche die Universität der Gnade des Königs zu verdanken hat, den Stempel auf, und mit der Einweihung unseres Hörsaales feiern wir zugleich die sämmtlichen Dotationen, welche wir seit Herstellung des Friedens erhalten haben. So ziemt es sich denn wohl, daß wir unsere Dankbarkeit durch die feierlichste Begehung dieses Festes an den Tag legen. Ich erlaube mir daher den Vorschlag, an diesem Tage ein Festmahl zu veranstalten, welches die sämmtlichen akademischen Docenten geben und wozu die hiesigen höheren Beamten als Gäste eingeladen werden. Ich rechne, daß 20 Gäste einzuladen sind und daß 30 zahlende Theilnehmer sich finden, deren Jeder einen Beitrag von 10 Thalern giebt. Der Vorschlag fand nur bei wenigen Professoren Beifall; Herbart aber erklärte: »ich bin gänzlich gegen ein Festmahl; es ist meine Ueberzeugung, daß großen Aufwand zu zeigen sich für eine Universität, die nur eine gelehrte Existenz hat, nicht wohl schicke.« Dies stimmte allerdings ganz mit der Ansicht überein, welche dieser Philosoph immer, namentlich auch in Göttingen den Septemvirn gegenüber befolgt und in der nach seinem Tode erschienenen Broschüre ausgesprochen hat, daß der Bearbeiter der Wissenschaft sich mit dem öffentlichen Leben nichts zu schaffen machen dürfe. Wiewohl ich nun, trotz der Verschiedenheit unserer Ansichten, bisher einen freundschaftlichen Umgang mit ihm gehabt hatte, so mochte ich mir doch jene Aeußerung nicht von ihm gefallen lassen und erließ nun folgendes Circular an den akademischen Senat:
»Da mehrere meiner verehrten Herren Collegen an dem für den 18. Januar vorgeschlagenen Gastmahle nicht Theil nehmen[325]  wollen, so muß dasselbe unterbleiben, und da hierbei Niemand mehr gewinnt als ich, indem ich außer 10 Thalern noch eine undankbare Mühe und ziemlichen Zeitverlust mir erspart sehe, so ist mir dies auch sehr lieb. Indessen ist mein Vorschlag nicht bloß verworfen, sondern auch als unschicklich bezeichnet worden und dagegen muß ich mich erklären. – Es ist gesagt worden, ›daß großen Aufwand zu zeigen sich für eine Universität, die nur eine gelehrte Existenz hat, nicht wohl schicke.‹ Dagegen läugne ich



1) daß die Universität nur eine gelehrte  Existenz hat. Sie hat auch eine bürgerliche Existenz, bildet eine eigene Corporation und ist eine vom Staate angeordnete Behörde, nimmt daher eine bestimmte Stellung in Hinsicht der bürgerlichen Verhältnisse ein und steht mit andern Behörden in mancherlei Beziehung. Sie muß, dünkt mich, auch darnach trachten, daß dem Publikum das Dasein eines akademischen Gemeinwesens offenbar werde und daß sie die ihr zukommende Stellung gegen die übrigen Behörden behaupte.
2) Ich läugne ferner, daß bei dem vorgeschlagenen Feste ein großer Aufwand würde gezeigt worden sein. Dieser Aufwand wäre nicht zu groß gewesen
a) für uns. Freilich, wenn wir alle Wochen oder alle Tage 10 Thaler für ein Mittagsessen ausgeben wollten, so würde dies ein großer Aufwand zu nennen sein. Aber hier galt es ein Fest, welches in unserer ganzen Lebenszeit nicht wieder kommt: die Feier der Restauration der Universität. Daran konnte Jeder von uns 10 Thaler setzen. Wenn man es nicht unziemlich findet, daß Privatgesellschaften von uns gegeben werden, die ungleich mehr Kosten verursachen, so konnte auch ein solches gemeinsames Fest nicht den Vorwurf der Verschwendung auf sich ziehen.
b) Für unsere Gäste wäre der Aufwand auch nicht zu groß gewesen. 50 Thaler würden etwa für Musik, Decoration etc. verwendet worden sein; die Bewirthung[326]  von 50 Personen für 250 Thaler wäre anständig, aber keineswegs luxuriös gewesen.
3) Ich läugne endlich, daß, wenn auch eine Universität eine bloß gelehrte Existenz hätte und wenn sie großen Aufwand zeigen könnte, Letzteres sich  für sie nicht schicken würde. Mir kommt die äußere Form bloß dann nichtig vor, wenn kein beseelender Geist zum Grunde liegt. Wo innerer Gehalt ist, da ziemt sich auch ein würdiges und, wenn die Verhältnisse es gestatten, selbst ein kostbares Aeußere. Wenn also ein solcher wissenschaftlicher Verein, seinen eigenthümlichen Zweck verfolgend, nebenbei großen Aufwand zeigte, um durch die Gaben der Künste das Leben zu verschönern, so würde dies nichts weniger als unpassend sein.«

War nun hiermit die Sache abgemacht, so gerieth ich bald darauf in einen weitläufigen Streit mit Herbart wegen Ernennung eines Studirenden zum Redner bei der Gedächtnißfeier von Kants Sterbetage. Ich fand in Herbarts leidenschaftlichem Benehmen, daß er, wie überall Wissenschaft und Leben streng scheidend, die Philosophie für das Katheder aufsparte und im Geschäftsverhältnisse nichts davon spüren ließ. Die Angelegenheit war aber zu kleinlich und die Verhandlung zu weitläufig, als daß ich meine Leser mit dem Detail behelligen dürfte. Eine vollständige Erzählung mit beweisenden Belegen habe ich dem akademischen Senate vorgelegt und von demselben für meine in diesem Streite bewiesene Ruhe und Mäßigung Dank empfangen.

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Um neben den Leiden des Protectorates auch die Freuden desselben nicht unerwähnt zu lassen, bemerke ich noch, daß mir kurz nach diesem Streite ein feierliches Vivat gebracht wurde. Wie hoch ich dies aufnahm, bewies ich dadurch, daß ich den Studirenden, die ich an demselben Abende bewirthete, ein Lied widmete, das nach der Melodie: mihi est propositum gesungen wurde.[327] 



2. Wissenschaftliche Thätigkeit.










[328] Ich setzte in diesem Zeitraume die Berichte über die anatomische Anstalt unausgesetzt fort.
Mir ist es schon vorgekommen, daß Reisende auf die Sottisen stolz waren, die ihnen Göthe in ihr Stammbuch geschrieben hatte. Nach diesem Beispiele habe ich mich auch eines von dem Dichterkönige mir bezeigten ernsten Mißfallens bisweilen gegen einen Verehrer desselben gerühmt und ich will es auch hier nicht verschweigen. Ich hatte ihm nämlich mein Programm über die Aufgabe der Morphologie, wo in der Vorrede seine Beiträge zur Morphologie erwähnt waren, geschickt und folgende Antwort vom 25. Januar 1818 erhalten:
»Ew. Wohlgeboren gehaltvolle Sendung kommt mir gerade in dem Augenblicke zu gute, als ich mich eben bereite, ältere Arbeiten zusammenzustellen und bei mir jede Betrachtung im Einzelnen wieder anzuknüpfen, die ich im Aligemeinen niemals unterbrochen habe. – Ich schätze mich glücklich, zu erleben, daß eine so bedeutende Anstalt wie die Ihrige auf Grundsätzen aufgebaut wird, die ich immer für die rechten gehalten habe, und nun fühle ich mich versichert, daß eine glückliche Methode die Erfahrung erweitern und zugleich erleichtern kann, welches Beides zu verbinden bisher unmöglich schien. – Die großen Vortheile der vergleichenden Anatomie, für deren Grund und Resultat wir die Morphologie wohl ansprechen dürfen, sehe ich täglich vor mir, indem unter Direction des Herrn Professors Renner eine Veterinärschule gedeiht, die in fünf Vierteljahren, vom ersten Augenblicke bis jetzt, mannichfache Erfahrung über die Thierkunde verbreitet, von den nothwendigsten und nützlichsten Geschöpfen ausgeht und, um zum vollständigen Begriffe derselben zu gelangen, über alles Lebendige sich ausbreiten muß. Nach den geförderten Präparaten, die sich schon gesammelt haben, gab es auch Gelegenheit, dergleichen von weiter verwandten Geschöpfen auszuarbeiten und es wird immer augenfälliger, daß eines auf das andere hindeutet, daß, wenn[328]  wir den Hauptgedanken festhalten, selbst die größte Mannichfaltigkeit uns nicht mehr irre machen kann. – Ew. Wohlgeboren sehen hieraus, mit welchem Eifer ich Ihr Programm lesen und wieder lesen mußte, da ich es durchaus mit meiner Sinnesweise übereinstimmend fand. Sie haben sich ganz im Allgemeinen gehalten, ich glaube aber, Ihrem Vortrage einen Theil des Besonderen unterlegen zu können, dessen Fülle Sie nach und nach reichlich entwickeln werden. Zwar ist nicht zu läugnen, daß die Ausbildung der Morphologie, wenn man von der menschlichen Anatomie ausgeht, schon schwieriger wird. Man hat immer nur mit Abweichung der Gestalt zu thun, aber nicht mit Gegensätzen (Weib und Mann allenfalls). Der Menschenzergliederer scheint irre zu werden, wenn er auf die Thiere hinblickt, der Zootom hingegen sieht in der menschlichen Gestalt das vereinigte Ziel aller seiner Wünsche. Da er nun sogar aus Beruf mehrere von einander unterschiedene, ja einander entgegengesetzte Geschöpfe, wie Pferd, Stier, Schaf, Hund behandeln und erforschen muß; so ist er immerfort zu bedeutenden Vergleichungen genöthigt, die ihn früher dem allgemeinen Begriffe entgegenführen. Und so glaube ich denn auch aus Ihrem Programme gesehen zu haben, wie Sie mit Klugheit zu Werke gehen, um aus der höchst geheimnißvollen Beschränkung menschlicher gesunden, ja kranken Bildung in die leichter faßlichen thierischen hinüberdeuten, um nach der Stellung, die ihnen akademisch angewiesen ist, auch an das von vielen Seiten zugängliche Ziel gelangen zu können. Wenn ich hier nichts weiter sage, als was Sie schon denken mußten, ehe Sie Ihr Programm schrieben, so sehen Sie doch daraus den Antheil, den ich an allem zu nehmen genöthigt bin, was Ihre neue und große Anstalt der Wissenschaft gewiß bedeutende Vortheile bringen muß. Haben Sie die Güte, mir von Zeit zu Zeit von Ihren Fortschritten Nachricht zu thun, und schreiben Sichs zu, wenn ich in meinen öffentlichen Mittheilungen vielleicht schneller verfahre, ats ich ohne Ihre Anregung würde gethan haben.«
Ich hatte diesen Brief, ohne darauf stolz zu sein, mit derjenigen[329]  Achtung aufgenommen, welche einem solchen Genius gebührt und ihm nun auch meine Berichte geschickt. Im vierten dieser Berichte1 suchte ich nun den Faseleien über Wirbeltheorien dadurch zu begegnen, daß ich den Begriff eines Wirbels aufstellte als eines Knochens, der nach der einen Seite hin das Centralorgan des Nervensystems einschließt; ich konnte hiernach nur drei Schädelwirbel anerkennen und stellte übrigens nicht uninteressant scheinende Untersuchungen über die Halsrippen an. Göthe, dessen Annahme von Antlitzwirbeln dadurch angegriffen wurde, schrieb mir darauf unterm 21. Juli 1821 folgenden Brief:
»Ew. Wohlgeboren diesmalige Sendung hat mich, wenn ich es gestehen darf, wirklich betrübt, indem ich aus Ihrem Hefte ersehe, daß Sie das, was ich zur Morphologie zweites Heft S. 251, 1820 über diesen Gegenstand geäußert, entweder nicht gekannt oder nicht geachtet haben, welches ich mir denn freilich muß gefallen lassen. – Sie sagen S. 45: vor dem Keilbeine giebt es keinen Wirbel mehr, und sprechen hierdurch den Irrthum aus, an welchem die Wissenschaft schon seit zwölf Jahren leidet. Vor dem vorderen Keilbeine, behaupte ich, liegen noch drei Wirbel, die sich auch wohl nach und nach dem Auge und Geist der Naturforscher entfalten werden. Unsere tüchtige Urmutter konnte ihr herrlichstes Werk nicht mit dem Gehäuse, Gewölbe, dem Wohnsitze der Intelligenz, stumpf abschließen; sobald dies nach Innen geschehen war, mußte sie Verhältnisse, Bezüge, Verbindung nach außen erschaffen und da brauchte sie keinen geringen Apparat; diesen legte sie, dem Einsehen, dem Wollen als dienende Glieder vor und bedurfte hierzu abermals einige Lebenskeimpuncte. Betrachten Sie, was Sie S. 48 dem dritten Wirbel aufbürden und überzeugen Sie sich, daß die Natur nicht so verfährt. – Ich weiß recht gut, woher das Unheil kommt. 1807 sprang dieses so edle Geheimniß unvollständig[330]  ans Licht, man suchte die empfundenen aber nicht eingesehenen Mängel mit falschen Beziehungen zu decken und so pflanzte sich von den Aelteren auf die Jüngeren eine unrichtige Behandlung fort, an welcher auch Sie leiden. Alle die Jahre her hoffte ich, es werde ein lebhafter Geist sich aus diesen Fesseln befreien, allein vergebens. Spix bearbeitete seine Tafeln in eben dem bornirten Sinne; wer fühlt sich nicht verworren, indem er sie studirt; früher oder später wird man ihre Unbrauchbarkeit einsehen; ich verlange es nicht zu erleben, aber den Nachkommen will ich wenigstens auf die Spur helfen. – So viel für diesmal; Verzeihung dem unfreundlichen Lakonismus, denn eben im Begriffe, in die böhmischen Bäder zu gehen, war ich zweifelhaft, ob ich schreiben sollte oder nicht. Zu Letzterem hätte ich mich beinahe entschieden, da ich mir seit mehreren Jahren zum Gesetze gemacht, kein unangenehmes Wort in die Ferne zu senden. Weil ich aber in meinem nächsten morphologischen Hefte mich über diese Angelegenheit auszusprechen gedenke, so hätte es unfreundlicher, ja tückisch ausgesehen, wenn Sie erst öffentlich meine Mißbilligung erfahren hätten. – Möge Ihnen Alles zum Besten gedeihen, und damit das Glück Ihre Bemühungen bis in die späten Jahre begünstigen könne, suchen Sie sich von Zeit zu Zeit von Irrthümern los zu machen, den gefährlichsten Feinden unseres Lebensganges, verschließen das Auge nicht vor Lichtblicken, die gelegentlich auf unsere düsteren Wege fallen. Der beste Kopf ist, auch mit dem besten Willen, in großer Beschränktheit befangen, und wer hat nicht mehr als einmal im Leben sich selbst die angebotene Aufklärung verkümmert? Mit den besten Wünschen und treuesten Gesinnungen


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Weimar, den 21. Juli 1821.
Göthe.

Nachschrift.

Soeben als ich schließe, besucht mich Herr Hofrath Carus von Dresden; derselbe, ein trefflicher Beobachter, geübter Zeichner, stimmt wegen der sechs Hauptwirbel vollkommen mit mir[331]  überein, beruhigt und erfreut mich. Möge ich bald ein Gleiches von Ihnen erfahren.
G.«

Ich habe ein großes Unrecht dadurch begangen, daß ich ihm darauf nicht antwortete: Recht geben konnte ich ihm freilich nicht, aber ich hätte ihn begütigen sollen, und wenn mich die Erwähnung von »bornirtem Sinne« etwas verschnupfte, so erwies ich mich selbst bornirt. Es geschah mir daher ganz Recht, als fünf Jahre später Göthe in Weimar für mich nicht zu sprechen war.
Um mir einen Begriff vom Elektromagnetismus zu schaffen, unternahm ich eine Reihe von Versuchen über die Erscheinungen desselben unter den möglichen Verschiedenheiten der räumlichen Verhältnisse und theilte die Resultate im fünften Berichte mit2; indeß haben die Physiker meine einfachen Versuche sammt den daraus abgeleiteten Ansichten nicht der Beachtung werth gefunden. In diesem Berichte nahm ich Gelegenheit, meine Empfindlichkeit darüber auszusprechen, daß Professor Kühn in einem seiner Programme die Bildung des Wortes: Morphologie unter den Beispielen einer inepta cognitionis graeci sermonis simulatio angeführt hatte. Ich hatte im Jahre 1800 in meiner Propädeutik dieses Wort zuerst gebraucht, es dann in meinen »Beiträgen zur näheren Kenntniß des Gehirns« (Bd. I. S. XII-XIV) so wie in meinen »anatomischen Untersuchungen« (S. 2 fg.) gerechtfertigt; es gehörte also mir und ich war um so mehr aufgefordert, seine Sprachrichtigkeit zu vertheidigen, da es mich allerdings freute, dasselbe von mehreren Männern, welche die Form des organischen Körpers wissenschaftlich behandeln wollten, angenommen zu sehen.
Im sechsten und siebenten Berichte3 gab ich eine Uebersicht[332]  der bisher beobachteten doppelleibigen Misgeburten und bemühte mich, die Grundformen derselben aufzufassen und auf allgemeine Grundsätze der organischen Gestaltungslehre zurückzuführen. Indem ich mich darüber erklärte, warum ich auf die bei Thieren vorgekommenen Misbildungen dieser Art nicht Rücksicht genommen hatte, machte ich meinem Herzen auch Luft über die modische Pedanterie, welche verlangt, daß man niemals vom Menschen spreche, ohne zugleich die ganze Thierreihe vor Augen zu haben, wobei ich eine von Carus gegebene Recension meines Werkes vom Gehirne vor Augen hatte.
Die Ausarbeitung des eben genannten Werkes beendigte ich im J. 18244. Ueber den Bau des Gehirns im Allgemeinen habe ich neue und, wie ich noch jetzt glaube, richtige Ansichten aufgestellt, namentlich durch Unterscheidung des Stammund des Belegungssystems. Was die Einzelheiten anlangt, so habe ich es nicht an Fleiß fehlen lassen; ich bemühte mich, das Stammsystem als eine Entwickelung des Rückenmarkes zu begreifen, also zuvörderst die Stränge des verlängerten Markes aufzufassen und die Faserung derselben in das Gehirn zu verfolgen. Ich arbeitete bei der Zergliederung meist mit bewaffnetem Auge, so daß ich mir dadurch eine frühere Abnahme meiner Sehkraft zuzog; ein fortschreitendes Durchschneiden in dünne Scheiben, um die Verhältnisse von grauer und weißer Substanz zu verfolgen, nahm ich nebenbei zu Hülfe, wovon 147 zwar rohe, aber wahre Zeichnungen, die ich der Bibliothek der anatomischen Anstalt übergeben habe, Zeugniß ablegen. Wenn ich im Einzelnen Manches zuerst erkannt habe, z.B. das Verhältniß der Oliven und ihrer Hülsenstränge, die Linsenkerne und ihre Capseln, die Zwingen-, Haken-, Längen- und Bogenbündel etc., so meine ich doch, durch das Streben nach einer klaren Anschauung von Baue jedes Theiles nach seinem Wesen mir[333]  ein größeres Verdienst erworben zu haben. Daß die in den Anmerkungen gegebene Literargeschichte des Gehirns auf eigenem, sehr ernstem Studium beruht, ist wohl nicht zu läugnen und die freimüthige, rücksichtslose Beurtheilung der Leistungen meiner Zeitgenossen mag wohl beweisen, daß es mir auch hier nur darauf ankam, meine Ueberzeugung auszusprechen, nicht aber mir die Gunst berühmter Männer zu erwerben. Was den dritten Band betrifft, der vom Leben des Gehirns handelt, so schloß ich denselben mit dem Bewußtsein, daß ich redlich, mit Umsicht und mit Benutzung aller mir zu Gebote stehender Hülfsmittel tiefer einzudringen gestrebt, einige sicher scheinende Ansichten gewonnen und auf noch vorhandene Lücken aufmerksam gemacht habe.


Meine Arbeit über das Gehirn brachte mich mit zwei hochverdienten Männern, Carus und Gottfried Reinhold Treviranus, in Verbindung. Carus begann seine Antwort auf die Zusendung meines Aufsatzes über das untere Ende des Rückenmarks mit folgenden Worten: »Wenn eine jede freundliche Berührung gleichgesinnter Menschen im Leben schon anregend und erfreuend ist, so muß dies in wissenschaftlicher Hinsicht unfehlbar in noch höherem Sinne gelten, indem es uns in der Ueberzeugung befestigt, daß die Wahrheit nicht individuelle Anschauungsform sei, sondern daß es eine höchste, ja absolute Wahrheit gebe, die in uns allen wiederhallt und nur Reinigung unseres eigenen Selbsts fordert, um rein und göttlich sich zu enthüllen. Wir fühlen, was Göthe sagt: Die Geisterwelt ist nicht verschlossen! Diese Freude empfand ich bei Empfange Ihrer mir sehr werthen Zuschrift, und gewiß, wir würden Aehnliches öfter empfinden, wofern nicht ein großer Theil der Gelehrten, theils von Selbstsucht umsponnen, den Muth, sich im Ganzen zu fühlen, verloren hätte, theils durch andere Verhältnisse zu sehr eingeengt und isolirt wäre. Mögen Sie dieses offene Aussprechen meiner Gedanken als den Beweis meines lebhaften Wunsches betrachten, auch fernerhin eine freundliche Berührung zwischen uns zu unterhalten!« – Ich erwiderte diese freundliche Aeußerung unter Anderem mit einem von[334]  ihm verlangten freimüthigen Urtheile über seine Zootomie und er schrieb mir darauf am 9. Februar 1819: »Ich bitte Sie, für Ihre so offenen und schönen Mittheilungen über meine Zootomie meinen vollen Dank anzunehmen, ja, soll ich es sagen, selbst daß Sie gerade auf der Seite, wo ich selbst gern mehr gegeben hätte, Manches vermissen, freut mich, indem es mir zeigt, daß der Sinn, in welchem ich arbeitete, auch Andern als der rechte erscheint und mich dieses trösten kann, wenn ich vielleicht von manchen Seiten künftig Tadel erfahren muß, daß ich nicht das Einzelne mehr ausgeführt und zu sehr nach dem Allgemeinen gestrebt habe.« – Wir blieben immer in einem freundschaftlichen Verhältnisse, wenn auch dasselbe später etwas kälter wurde, da unsere Grundansichten mehr auseinander wichen. – Treviranus stimmte von Anfang an in Principien wie im Empirischen weniger mit mir überein und eröffnete mir Alles, was er an meinen Arbeiten auszusetzen fand; wir überzeugten einander nicht und eine mündliche Besprechung, die er immer wünschte, würde auch kein anderes Resultat gehabt haben; indeß wurde, wie es recht ist, das Verhältniß immer freundlich erhalten.
Im Jahre 1820 wurde eine zweite Auflage meiner Physiologie gefordert. Sollte ich dies Lehrbuch, dessen Mangelhaftigkeit ich wohl einsah, umarbeiten? Ein wirkliches Lehrbuch giebt die Ergebnisse der Forschung als etwas Positives in präciser Sprache und in aphoristischer Kürze; ein solches für die Physiologie zu liefern, erkannte ich aber als weder meinen Kräften, noch auch dem gegenwärtigen Zeitpuncte angemessen, vielmehr erschien mir eine ausführlichere Behandlung nöthig, bei welcher die Thatsachen in möglichster Vollständigkeit zusammengestellt werden, sowohl um sichere Resultate dadurch zu gewinnen, als auch, um den Leser von diesen zu überzeugen. Sollte ich nun auf solche Weise als Seitenstück zu meiner Arbeit über das Gehirn eine Entwickelungsgeschichte liefern, die ich längst als den zweiten zeitgemäßen Hauptgegenstand betrachtet hatte? Sollte es indeß nicht angemessener sein, die gesammte Physiologie als ein Ganzes nach einem solchen größeren Maßstabe zu[335]  bearbeiten? Ich war lange Zeit unschlüssig, entschied mich aber endlich für das Letztere und arbeitete seit 1824, nachdem ich die Arbeit über das Gehirn beendigt hatte, mit allem Eifer daran.
Ich stellte mir die Aufgabe, das Menschenleben aus dem durch Betrachtung des gesammten organischen Reiches erkannten Wesen des Lebens überhaupt, dieses aber aus einer durch Zusammenstellung der Erscheinungen und Gesetze des organischen und unorganischen Daseins gewonnenen Anschauung des Naturganzen abzuleiten. Dabei wollte ich aber nie aus den Augen setzen, daß dies nur das höchste endliche Ziel sei, dem man allein durch treue Auffassung der einzelnen Erscheinungen sich nähern könne, und daß hier kein Dogmatismus walten, kein unerwiesener Vordersatz aufgestellt werden dürfe. So dachte ich mir denn die Physiologie als wirkliche Erfahrungswissenschaft darzustellen. Ueberall sollte das Empirische verständig gesammelt und geordnet vorausgehen; über jede einzelne Erscheinung des Menschenlebens sollten alle bekannten Thatsachen erzählt und die ähnlichen oder verwandten Erscheinungen im organischen und unorganischen Reiche nach ihrer Uebereinstimmung oder Abweichung betrachtet werden. Auf diese Weise sollte ein Erfahrungsschatz für die Wissenschaft erwachsen; die durch schlichte Erfahrung gewonnene, naturgemäße, klare Anschauung jeder Art von Erscheinungen nach ihrem allgemeinen Charakter und ihren Modificationen in den verschiedenen Kreisen der Natur sollte als ein Zehrpfennig für die weitere Verfolgung des Weges zum wissenschaftlichen Ziele aufgespart werden, um durch Zusammenstellung mit andern allmälig immer allgemeinere Resultate zu geben und zu umfassenderen Ansichten zu leiten. – Ich wollte das, was als ausgemacht Thatsächliches bekannt ist, vollständig geben und zugleich nach Sichtung der Beobachtungen und Aufstellung von Begriffen darauf hindeuten, wo etwas Ungewisses zu bestätigen oder eine Lücke auszufüllen wäre, so daß das Werk auch ein Zeiger für die Zukunft würde.

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Hatte ich schon sonst mit Träumen von einem wissenschaftlichen Gemeinwesen mich beschäftigt, so wünschte ich, Bearbeiter[336]  der verschiedenen Zweige der Naturwissenschaft zu Theilnehmern an Bearbeitung der Physiologie zu gewinnen. Gern hätte ich die Beihülfe eines Physikers und eines Chemikers angesprochen, hätte ich dazu geeignete und bereitwillige Männer in meiner Nähe gehabt. Ich begnügte mich daher, die Theilnahme des Botanikers Eysenhardt und des Zoologen von Baer nachzusuchen. Ich theilte ihnen also zu Weihnachten 1821 eine schriftliche Auseinandersetzung meines Projects mit: hiernach wollte ich jeden von mir ausgearbeiteten Abschnitt der Physiologie ihnen zur Beurtheilung vorlegen; sie sollten 1) da, wo meine Kenntniß des gegenwärtigen Zustandes ihrer Fächer mangelhaft wäre, meine Irrthümer berichtigen und die Lücken meines Wissens ausfüllen; 2) ihre eigenen Erfahrungen und Ansichten unter ihrem Namen in gehörigen Orts einzuschaltenden Zusätzen mittheilen; 3) über die einzelnen Gegenstände wollten wir uns unter einander besprechen, wobei Jedem von uns das Eigenthumsrecht seiner Ansicht bei Veröffentlichung derselben auf das Strengste gesichert bliebe. Sie gingen aber auf meinen Plan nicht ein, weil sie glaubten, dadurch von den speciellen Untersuchungen, mit denen sie sich nach ihrer eigenen Wahl beschäftigten, zu sehr abgelenkt zu werden. Ueberdies starb Eysenhardt 1824 und es gelang mir nun, in Baer einen gediegenen Mitarbeiter zu gewinnen. Außerdem erhielt ich noch einen wackern Gefährten an einem andern Zoologen, dem Dr. Rathke in Danzig. Ich hatte seine Arbeiten, die Entwickelungsgeschichte betreffend, schätzen gelernt, und als ich zu Anfange 1825 seine Entdeckung der Halskiemen bei Embryonen von Vögeln und Säugethieren erfuhr, trug ich, voll des wärmsten Interesses für diesen großen Fund, ihm die Theilnahme an Bearbeitung der Entwicklungsgeschichte für mein Unternehmen an. Ich wünschte mir Glück, durch seine Zusage eine so treffliche Unterstützung zu gewinnen; er stellte voller Vertrauen seine Aufsätze zu meiner Verfügung, wie ich ihm hinwiederum mein Manuscript schickte und wir correspondirten darüber.
Was die Ausführung des Unternehmens anlangt, so legte ich einen streng systematischen Plan zum Grunde, da ich seit[337]  jeher eine solche Anordnung für allein wissenschaftlich erkannte; damit jedoch das Buch nicht durch die vielen Abtheilungen und Unterabtheilungen ein pedantisches Aussehen bekäme, beschränkte ich die Darlegung des Plans auf die Uebersicht des Inhalts. Ich begann mit der Geschichte des Lebens, also zunächst mit der Lehre von der Zeugung und der Embryonenbildung, weil ich den Materialismus, der das Leben aus der gegebenen Form und Mischung, das Werden aus dem Gewordenen zu erklären meint, im Voraus zurückweisen wollte. Ich konnte mit jener Lehre anfangen, da ich einen Aufbau der Wissenschaft versuchte und nicht für Anfänger schrieb, denn Compendien und akademische Vorträge über Physiologie mit der Entwickelungsgeschichte zu beginnen, halte ich für einen großen Mißgriff. Ueberdies war es gerade an der Zeit für diese Lehre, in einer neuen Gestalt aufzutreten und ein günstiges Geschick hatte mir gerade die beiden vorzüglichsten Forscher auf diesem Gebiete zu Mitarbeitern gegeben. – Nach dem Leben in seinem Fortschreiten sollte dasselbe als ein in der Betrachtung Fixirtes, als Bestehendes und sich gleich Bleibendes untersucht und endlich das Menschengeschlecht in seinem Verhältnisse zum organischen Reiche und zum Planeten, die Bildung der Erde und die Entwickelung so wie das Fortschreiten des Lebens auf derselben betrachtet werden.
Was die Anordnung im Einzelnen anlangt, so mußte dieselbe rein dichotomisch sein, da ich den Gegensatz als den Anfang aller Mannichfaltigkeit und als den Charakter alles Endlichen erkannte und es mir darauf anzukommen schien, zwei einander wirklich und schlechthin ausschließende Sätze als denkbar aufzustellen und die Unmöglichkeit des einen nachzuweisen, um sich von der Gewißheit des andern zu überzeugen. Ferner sollte die Physiologie nicht mehr, wie es meist bis auf diesen Tag der Fall ist, eine Lehre von den Functionen oder vom Nutzen der Theile, sondern von dem Leben und seinen Erscheinungen sein, und z.B. die verschiedenen an den Lungen vorkommenden Thätigkeiten unter den verschiedenen Rubriken der Einsaugung und Aushauchung, des Gemeingefühls und der Bewegung u.s.w. abgehandelt werden. Uebrigens sollte das[338]  Ganze das Mittel halten zwischen compendiarischer Kürze und monographischer Ausführlichkeit, so daß z.B. die Versuche nach ihrem Erfolge, aber nicht mit den Einzelnheiten der Methode und des Apparats angegeben würden und der Vortrag weder eine discursive Breite, noch auch eine aphoristische Kürze hätte.
Endlich versuchte ich solche Abbildungen beizufügen, welche das Schema der organischen Bildung darbieten und die verschiedenen Formenverhältnisse nach ihrem Begriffe anschaulich machen, denn diese Darstellungsweise, welche das Wesentliche der Gestaltung dem Blicke darlegt, schien mir zu Erlangung klarer Begriffe und zur Förderung des wirklichen Wissens ganz geeignet zu sein.
So erschien denn der erste Band zu Anfange des Jahres 18265.
Von Nebenarbeiten aus diesem Zeitraume habe ich nur die Gratulationsschrift zu Blumenbachs Doctorjubiläum zu erwähnen6.
Fußnoten

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1 Vierter Bericht. Mit Nachträgen zur Morphologie des Kopfs. Mit einer Steintafel. Leipzig 1821. 63 S. 8.

2 Fünfter Bericht. Mit Ansichten des Elektromagnetismus. Mit einer Kupfertafel. Leipzig 1822. 50 S. 8.

3 Sechster Bericht. Mit einer Uebersicht von parasitischen und gedoppelten Menschenkörpern. Mit einer Kupfertafel. Leipzig 1823. 96 S. 8. – Siebenter Bericht. Mit dem Beschlusse der Uebersicht von parasitischen und gedoppelten Menschenkörpern. Leipzig 1824. 56 S. 8.

4 Zweiter Band. 1822. IV und 418 S. mit 7 Kupfern. – Dritter Band. 1826. IV und 595 S. mit 1 Kupfer.

5 Die Physiologie als Erfahrungswissenschaft. Erster Band, bearbeitet von K.F. Burdach. Mit Beiträgen von K.E. von Baer und H. Rathke. Mit 6 Kupfertafeln. Leipzig, bei L. Voß. 1826. XXIV und 606 S. 8.

6 Viro perillustri J.B. Blumenbach solemnium, quibus ante hos quinquaginta annos summos in medicinae honores adeptus est instaurationem gratulatur 
academia Regiomontana interprete C.F. Burdach, Regiomonti 1825. 11 S. 4.




3. Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten.










[339] Mit lebhaftem Interesse beobachtete ich das durch die demagogischen Umtriebe zwar verzögerte, aber darum nicht aufgegebene Fortschreiten zu dem verheißenen constitutionellen Leben. Indem ich als Director der deutschen Gesellschaft in den öffentlichen Versammlungen derselben zur Feier des Krönungsfestes und des königlichen Geburtstages eine Einleitungsrede zu halten hatte, fand ich auch Gelegenheit, mich darüber auszusprechen.[339] 
So begann ich meine Rede am 18. Januar 1820 auf folgende Weise: »Jedes thatenkräftige Fortschreiten geistiger Abkunft zieht unsere Theilnahme auf sich und gewährt uns einen erfreulichen und erhebenden Anblick, weil wir es als den Ausdruck regen, naturgemäßen Lebens erkennen. Denn wir fühlen es, daß das Streben, vorwärts zu gehen, den wahren Kern unseres Daseins ausmacht, daß das Ringen nach Vervollkommnung in den Tiefen unseres Gemüthes heimisch ist und allein unsere Kräfte in lebendiger Spannung erhält. Und soweit wir die Natur zu überblicken vermögen, erkennen wir im Ganzen derselben ein stetiges Fortschreiten: wir sehen, wie Alles dahin wirkt, daß das geistige Leben immer vielseitiger, freier und kräftiger in dem Dasein hervortrete und der Leib der Welt immer mehr von Seele durchdrungen werde. Alle scheinbaren Rückschritte in der Natur sind entweder nur Schwingungen, welche ein um so höheres Aufstreben vorbereiten, oder sie sind ein Anheimfallen von Einzelheiten an das Ganze, welches darauf durch neue Einzelheiten in freudiger Kraft sich zu verwirklichen fortfährt.« In der Rede, welche ich zu demselben Feste im folgenden Jahre hielt, sagte ich: »Ist es die Macht des Gedankens gewesen, was Preußen zu seiner Größe erhob und in seiner Größe erhielt; war es der rechte und einmüthige Sinn eines kräftigen Volkes, daß an seiner Felsenbrust das Wüthen der aufgeregten Wogen machtlos sich brach: so wird es auch nur in der höher steigenden, weiter sich verbreitenden Bildung des Geistes und in dem wachsenden, allgemeiner werdenden Sinne für das Gemeinwesen sich befestigen. Nicht im Gängelbande der um Alles sich kümmernden Wärterin erstarket der Geist; nicht im seelenlosen Räderwerke zerbrechlicher Formen waltet das Leben des Staates, und nicht vermag das hohle Machtgebot, noch der Faust rohe Gewalt die schwankenden Gemüther zusammenzuhalten. Nur Erweckung zu geistigen Fortschreiten und Beseitigung seiner Hindernisse; Achtung der Menschenrechte und Freiheit der Gedankenmittheilung; strenge Uebung der Gerechtigkeit und gleiche Herrschaft des Gesetzes über den Mächtigen wie über den Schwachen; Vertrauen zum Volke und Oeffentlichkeit[340]  in der Verwaltung: dies allein giebt Preußen seine unerschütterliche Grundfeste. Darum begehen wir im Hochgefühle ernster Freude den heutigen Festtag, denn wir blicken entgegen den verheißenen Gaben der Verfassung und Volksvertretung. Sie werden neues Leben verbreiten über alle Glieder des Staates, den Gemeinsinn steigern und das Volk mit seinem Herrscher und dessen Stellvertretern noch inniger verknüpfen, daß das Königreich mächtig bleibt in des Friedens Segnungen, unerschütterlich in des Kampfes Gefahr.«

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Was die städtischen Angelegenheiten anlangt, so nahm ich 1823 mit meinen Collegen Baer und Hahn an Errichtung eines »Privatwohlthätigkeitsvereines« Theil. Der Hauptzweck dieser Anstalt war, solchen Personen aufzuhelfen, die bei sittlicher Unbescholtenheit, bei Kraft und Trieb zur Arbeit durch ungünstige Verhältnisse in Noth gerathen waren, aus welcher sie durch eine angemessene Hülfe, auch bei nur mäßigen Mitteln, gerettet und in Wohlstand gebracht werden konnten, z.B. durch einen Vorschuß zu Bezahlung von Schulden oder zu Eröffnung einer neuen Erwerbsquelle, durch Verschaffung von Handwerkszeug oder von Vorrath an Arbeitsmaterial, durch Zuweisung von Arbeit oder von Absatz der gefertigten u.s.w. – Untergeordnet war die Rücksicht auf solche Hülfsbedürftige, deren Verhältnisse so ungünstig waren, daß ihnen durch den Verein nicht gänzlich geholfen werden konnte, sondern die einer fortlaufenden Unterstützung bedurften: Alte und Schwache, ferner solche, denen die Art von Arbeit, welche allein sie zu betreiben im Stande waren, nicht hinlänglichen Unterhalt verschaffe u.s.w. Ganz ausgeschlossen blieben Alle, die durch Gewöhnung an Müßiggang und Liederlichkeit so tief gesunken waren, daß jede versuchte Aushülfe ihnen nur für den Augenblick Erleichterung verschafft und sie übrigens in ihrem Verderben bestärkt haben würde. Die Hauptsache war also, den Zustand jedes Hülfsbedürftigen genau und allseitig zu untersuchen und die rechte Weise der zu gewährenden Hülfe auszumitteln. Dies Geschäft wurde von denjenigen 30 Mitgliedern des Vereins besorgt, welche als »thätige Theilnehmer« sich dazu verstanden[341]  hatten. Der Obervorsteher empfing die Anmeldung der Hülfsbedürftigen und wies jeden derselben an den in dessen Nähe wohnenden thätigen Theilnehmer, der mit dem Vorsteher seines Bezirkes die nöthigen Untersuchungen vornahm. Die 10 Vorsteher berichteten in den Sitzungen des Vorsteheramtes über die von ihnen untersuchten Armen und machten deßhalb Anträge, über welche nach gemeinschaftlicher Discussion ein Beschluß gefaßt wurde. Zwei Männer, welchen eine Besoldung und dadurch eine Unterstützung, deren sie bedürftig waren, gewährt wurde, besorgten die Geschäfte eines Secretärs und eines Boten.
Bei Eröffnung der Anstalt wurde eine öffentliche Versammlung gehalten, in welcher ich eine Rede über den Zweck des Vereins hielt, die auch gedruckt wurde1. Es zeigte sich eine rege Theilnahme und für das erste Jahr wurden 2324 Thaler unterzeichnet. Im folgenden Jahre übernahm ich das Amt eines Obervorstehers und verwaltete es mit Eifer. Namentlich suchte ich der Anstalt einen bleibenden Fonds zuzuwenden, und es gelang mir auch, auf einem weiter unten anzugebenden Wege von der königlichen Immediatcommission zu Vertheilung von Preisen 1000 Thaler Staatsschuldscheine zu erlangen, womit ich, da ich diese Angelegenheit ganz insgeheim betrieben hatte, den Verein nicht wenig überraschte. Indessen kam der Rendant Matthis in das Vorsteheramt, den ich wegen seiner großen Hingebung für die Interessen der Anstalt und wegen seiner unermüdlichen Thätigkeit hochschätzte, aber auch in seinen für die Kräfte des jungen Vereins zu weit gehenden Projecten bekämpfen mußte, indem er namentlich die Chimäre nährte, durch denselben die Leinwandfabrication in unserer Provinz auf eine gleiche Stufe mit der schlesischen zu bringen. Ich hatte nachgegeben, daß von den 1000 Thalern, die das Stammcapital bilden sollten, 200 Thaler zu Errichtung einer Erwerbschule[342]  verwendet wurden; als man jedoch weiter gehen wollte, widersetzte ich mich auf das Entschiedenste. Indeß wurde die Mehrzahl der Vorsteher durch allerhand Mittel für das Project gewonnen, und da ich mich überstimmt sah, so erklärte ich, daß ich zu Ende des Jahres 1825 mein Amt niederlegen würde. Ehe es dazu kam, erfuhr ich in der Mitte Decembers, daß ohne mein Wissen Versammlungen gehalten und Verabredungen getroffen worden waren, wo ich denn auf der Stelle ausschied. Das Vorsteheramt ersuchte mich in einem schmeichelhaften Schreiben, für das nächste Jahr Obervorsteher zu bleiben, oder, »wenn ich mich außer Stand befände, dieser Bitte Gewährung zuzusagen, wenigstens an der Wahl eines neuen Obervorstehers Theil zu nehmen.« Ich erklärte mit meiner gewohnten Offenheit, daß ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen dies Amt nicht annehmen könne, »denn,« sagte ich, »passiv könnte ich mich nicht verhalten: ich würde es für Unrecht halten, aus Persönlichkeit (d.h. aus Liebe zur Ruhe und Gemächlichkeit und um andere Personen zu schonen und ihnen gefällig zu werden) die Sache aufzuopfern, ich würde es für gewissenlos halten, zuzusehen, wie das zur Unterstützung von Armen uns anvertraute Geld zu Erreichung eines uns fremden und für unsere Lage ganz chimärischen Zweckes verwendet wird; ich würde es für pflichtwidrig halten, ruhig anzusehen, wie der Verein, der so Manches geleistet hat und noch viel Gutes würde haben stiften können, auf diesem Wege seinem Untergange entgegeneilt. Activ aber könnte ich mit Erfolg auch nicht sein, das hat die Erfahrung hinreichend bewiesen: wo ein unüberwindlicher Starrsinn seine besonderen Zwecke verfolgt und in Ueberredung unermüdlich ist, auch willige Ohren findet, da strecke ich die Waffen. Die Wahl eines neuen Obervorstehers kann ebenfalls von mir nicht geleitet werden, denn ich müßte mit Liebe für das Bestehen unserer wohlthätigen Anstalt daran Theil nehmen: sollte ich aber dies, so müßte ich zuvor auf eine neue Besetzung der bisher von Herrn Rendant Matthis verwalteten Stelle antragen und dies würde bei dessen persönlichen Freunden im Vorsteheramte einen Widerspruch finden, der leicht einen verderblichen Zwiespalt herbeiführen[343]  könnte. Darum entsage ich diesem Gedanken und wünsche dem neuen Vorsteher-Amte Klarheit, Muth und Kraft zu Erhaltung eines in menschenfreundlicher Absicht gestifteten Vereins.«
Auf Anlaß dieses Vereins ereignete sich noch ein Vorfall, der ein Beispiel abgibt, wie ein kluger Mann, der nur aus Ehrgeiz Gutes thut, durch Egoismus zu einer unbesonnenen und schlechten Handlung verleitet werden kann, die allein ihm selbst zum Nachtheile ausschlägt. Der Oberburgemeister Horn, ein Mann durch Einsicht, Kenntniß und Energie ausgezeichnet, aber von Hochmuth besessen, interessirte sich für alle gemeinnützigen Unternehmungen, sobald er dabei an der Spitze stand, und legte dem Wohlthätigkeitsvereine, der ohne seine Mitwirkung errichtet war, allerlei Hindernisse in den Weg. Zuletzt suchte er beim Ministerium die Vorsteher als Revolutionäre zu verdächtigen, die sich durch Wohlthaten einen Anhang unter dem Volke zu verschaffen suchten. Diese Anklage, welche vornehmlich gegen die im Vorsteheramte sitzenden vier Professoren (Kähler, Hahn, Baer und mich) gerichtet war, konnte leicht als unsinnig erkannt werden, da der Polizeipräsident Schmidt zu den Vorstehern, der commandirende General von Borstell zu den thätigen und der Oberpräsident von Auerswald zu den zahlenden Mitgliedern des Vereins gehörte. Horn erhielt vom Minister von Schuckmann eine strenge Zurechtweisung, und fiel bei der bald darauf erfolgten Wahl des Oberburgemeisters für die nächsten sechs Jahre durch.
Fußnoten
1 Einige Worte über den Privatwohlthätigkeitsverein in Preußen. Bei Eröffnung desselben gesprochen und mit Nachrichten über den gegenwärtigen Zustand begleitet von Prof. Burdach. Königsberg 1823. In Commission der Bornträgerschen Buchhandlung. 26 S. 8.




4. Lebensfreuden.










[344] Zufrieden mit meiner ökonomischen Lage, glücklich in meiner Familie, mit Lust arbeitend in meinem Fache, meinen Geist durch Nebenbeschäftigungen, die auch das Gemüth ansprachen, frisch erhaltend, von meinen Mitbürgern geachtet, – lebte ich heiter und froh, so daß mir kleine Neckereien von werthen Collegen nur für einen Augenblick weh thaten.
Ich war weit entfernt, vom literarischen Publikum allgemeinen Beifall zu erwarten, und mein Gleichmuth wurde nicht[344]  im Mindesten gestört, wenn z.B. einem Göttinger Anatomen durch meine morphologischen Tendenzen die seltene Gelegenheit verschafft wurde, witzig zu werden. Aber die Anerkennung gleichgesinnter Männer hatte desto höhern Werth für mich.
Ich nahm es mit Dank an, als 1821 die naturforschende Gesellschaft zu Danzig und 1825 die zu Halle mich zu ihrem ordentlichen Mitgliede ernannte. Indeß wußte ich längst, daß der Werth einer solchen Mitgliedschaft sehr mäßig sei, indem man, um dazu zu gelangen, nur seine Schriften einzusenden braucht. Während ich es daher verschmähte, diesen so betretenen Weg einzuschlagen, machte ich eine einzige Ausnahme in Bezug auf die Josephinische Akademie in Wien, da sie, wie Oesterreich überhaupt, mit ihren Ehrenbezeigungen nicht so freigebig ist, diese also um so ehrenvoller sind. Doch gehörte noch ein besonderer Zufall dazu, mich zu einem solchen Schritte zu veranlassen. Isfordink nämlich schrieb mir, als er oberster Feldarzt und Director der Akademie geworden war, er werde seinen ganzen Einfluß aufbieten, um mir, falls ich seinem Wunsche gemäß darauf einginge, eine Professur an diesem Institute zu verschaffen. Da ich nun dies ablehnte, fiel es mir ein, daß ich von der hohen Stellung meines Freundes doch wohl einen Vortheil ziehen könnte, und bat ihn, mir die Ernennung zum correspondirenden Mitgliede der Akademie auszuwirken, was er denn auch that. Ich gewann dadurch das Vergnügen, nachher meinen Namen im österreichischen Staatskalender zu finden.
Große Freude machte mir das Schreiben eines Dr. Eblin in Chur, worin derselbe durch Lesung meiner Schriften eine höhere Ansicht des Lebens und der Kunst gewonnen zu haben versicherte. Er schickte mir eine nette und nicht unbeträchtliche Sammlung von Graubündner Alpenpflanzen, und bemerkte dabei: »Dies kleine Herbarium soll ein Beweis sein, wie gern ein Schweizer seine Erkenntlichkeit an den Tag legen möchte, aber nichts Anderes darzubieten vermag, als was ihm seine heimathlichen Berge gewähren.« Solch stille, unaufgeforderte Aeußerung des Wohlwollens aus weiter Ferne, solch freundlicher[345]  Händedruck eines Unbekannten, der nichts weiter von mir begehrt, hat mir immer unendlich mehr wohl gethan, als eine öffentliche Ehrenbezeigung.
Ich gedenke dabei aus dieser Periode noch eines andern mir sehr werth gewordenen Schweizers, Namens Kaßler. Daß er aus seinem Vaterlande nach Königsberg kam, um bei mir Anatomie und Physiologie zu hören, verschaffte ihm natürlich eine sehr gute Aufnahme in meinem Hause; aber auch ganz abgesehen von meiner Professoren-Eitelkeit, wurde er mir durch seinen Gehalt und seine warme Anhänglichkeit sehr schätzbar.
Zu angenehmem, geselligem Umgange und zu Freuden an der Natur kam noch ein mannichfaltiger Kunstgenuß, mir das Leben zu erheitern, wie ich denn auch gerade jetzt mehr als sonst mit kleinen Gedichten, sowohl für Familienfeste, als auch bei öffentlichen Veranlassungen hervorgetreten bin, so daß ich, wie untergeordnet auch meine Poesie war, dies doch meine poetische Periode nennen möchte.
Im Jahre 1821 gab die treffliche Milder in Königsberg Gastrollen, bei deren Schlusse sie auf meine Veranlassung feierlich bekränzt wurde und ein Gedicht von den Studirenden, wie auch eins von mir, erhielt. Wir wurden ihr näher befreundet; unter Anderem belohnte sie mich für die Mühe, die ich mir gegeben hatte, um ihr zu Veranstaltung eines geistlichen Concerts die Benutzung der Domkirche zu verschaffen, dadurch, daß sie in der geschlossenen Kirche, bloß im Beisein meiner Familie, unter der trefflichen Orgelbegleitung das salve regina sang, unsere Wünsche errathend, es wiederholte und dann noch ein andres Lied vortrug. Sie ist uns bis zu ihrem Ende eine treue Freundin geblieben, und – ich schäme mich nicht, auch hier zu bekennen, was ich nie verheimlicht habe, – ich benutzte ihre Freundschaft, um einen hohen Staatsbeamten zu bestimmen, daß er dem Privatwohlthätigkeitsvereine die oben erwähnten 1000 Thaler zukommen ließ.
1824 kam die große Sophie Schröder her, und wurde ebenfalls unsere Freundin, da wir sie im Umgange eben so interessant, als in ihren Kunstleistungen unübertrefflich fanden.[346]  Am Schlusse ihrer Gastrollen sprach sie einen von mir verfaßten und ihre Individualität genau bezeichnenden Epilog, den ich hier einschalte, um doch auch eine Probe von meiner schwachen Poesie zu geben.


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Geschlossen ist der Kreis der Kunstgebilde,
Die hier zu schaffen mir vergönnet ward,
Und schon ertönt des Scheidens ernste Stunde:
Da weil' ich noch, und sinne über das,
Was mein Beruf geboten, mein Geschick gewährt.

Des Dichters Werk ins Leben einzuführen,
Mit leidlicher Gestalt es zu bekleiden
Und durch des Wortes Macht es zu beleben –
Das ist des Mimen hoher Kunstberuf.

Nicht kann er dies durch eigne Kraft erreichen:
Es muß ein Gott in seinem Busen wohnen,
Der ihm des Lebens höh're Deutung zeigt,
Der ihm der Dichtung tiefern Sinn erschließt
Und sein Gemüth mit Lebensglut durchdringt;
Es muß die schöpferische Phantasie
Mit ihrem Zauberstabe in ihm walten;
Es muß der Leib der Seele fügsam folgen,
Ein klarer Spiegel innern Lebens sein.

Allein der holden Musen freie Gabe
Ist nur der Keim der Kunst, den wir empfahn:
Ihn auszubilden gilt's ein ernstlich Mühen.
Des Dichters Sinn, ein Ganzes, aufzufassen
Und zu verstehn, was sinnig er verschweigt;
Für jede Sinnesart und jegliches Gefühl
Den rechten Ausdruck wählend anzueignen
Und ihn zu modeln, wie ihn des Jahrhunderts,
Der Nation und der Umgebung Geist gebeut,
Des Ausdrucks Wahrheit dem Gesetz des Schönen
Mit sichrer Hand befriedigend zu einen,
Und die Bewegung, die das Innre künde,
Dem Geiste immer mehr zu unterwerfen:
Dies Alles ist des Fleißes schweres Werk.[347] 
Und wenn das Schicksal noch die Kunst will fördern,


So legt's dem Künstler schwere Prüfung auf,
In seine Brust des Schmerzes Stachel schlagend,
Denn nur das Herz, das selbst im Sturm gelitten,
Kann fremdes Leid in seiner Tiefe fassen.

Was lohnet nun dem Mimen seine Mühe?
Und was erheitert seine dornenvolle Bahn?
Es schaut der Dichter und der Bildner auf sein Werk,
Und was dem ernsten Streben ist gelungen,
In festen Zügen steht's vor ihnen da.
Des Mimen Kunst gehört dem Augenblicke,
Und sein Gebilde schwindet wie's entsteht.
Wenn er in trüben Stunden an sich zweifelt,
Wenn er voll Sehnsucht nach dem Ideal
Sich selbst nicht gnügt und, was sein Innerstes bewegt,
Nicht würdig zu gestalten fürchtet, –
Ach! nichts steht tröstend dann zu seiner Seite,
Denn sein Gebilde ist bereits entflohen
Und er allein hat's nicht geschaut.

Nur in dem Wiederklange fremder Herzen
Erkennet er, was seine Kunst vermocht,
Und in dem Pulsschlag seines Lebens
Erblühet ihm des flücht'gen Werkes Lohn.
Doch mit Begeisterung ergreift es ihn,
Wenn, von der Dichtung hohem Geist durchdrunge
Der Kunstfreund freudig Beifall ihm gewährt,
Und ewig lebt in seinem Herzen fort,
Was ihm des Augenblickes Gunst geschenkt.

Solch hoher Lohn ist mir bei Euch geworden.
Ihr habt die Fremde freundlich aufgenommen
Und liebevoll auf ihrer Bahn begleitet.
Nehmt meinen Dank, den tiefgefühlten Dank!
Die Blumen, die so sinnig Ihr, so schön
In meines Lebens Kranz geflochten,
Sie werden nimmer mir verwelken.

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Und denket Ihr auch freundlich noch der Fernen,
Steht lebenskräftig die Idee vor Eurem Sinn,
Die, von der Dichter Genius erfaßt,
Der Wirklichkeit zu schenken ist versucht, –
Dann sagt in freud'gem Stolze das Bewußtsein mir:
Ich habe nicht umsonst gelebt![348] 
Im folgenden Jahre trat auch die Tochter der Schröder mit ihrem Gemahle, Karl Devrient, auf der hiesigen Bühne auf. Das junge liebenswürdige Ehepaar war während seines ganzen Hierseins viel in unserem Hause.
An der hiesigen Liedertafel nahm ich von ihrer Errichtung an als »Dichter« Theil. Wie ich überhaupt nur Gelegenheitsgedichte aus Gefälligkeit, wenn kein Dichter von Beruf sich dazu verstand, verfertigt habe, so habe ich auch hier einige Mal nur zu Erfüllung von Aufträgen dergleichen geliefert.
Auch veranlaßte ich es, daß die deutsche Gesellschaft am 2. Juli 1824 das hundertjährige Gedächtnißfest von Klopstocks Geburt öffentlich feierte. Nach einer poetischen Einleitung von mir folgten Reden von Lucas und Struve, dann ein Gedicht von Hagen, abwechselnd mit Klopstockschen Gesängen.



5. Reise.










[349] Zwölf Jahre hatte ich in Königsberg gelebt und nach Kräften gewirkt: da durfte denn wohl im Jahre 1826 die alte Reiselust wieder einmal Befriedigung fordern. Außerdem daß mir eine längere Erholung von der Arbeit recht ersprießlich sein konnte, mußte meine Frau zu einer Brunnencur nach Marienbad gehen, und mein jüngerer Sohn, der eben seine Staatsprüfung in Berlin ablegte, sollte, ehe er in das ärztliche Geschäft trat, doch auch einige deutsche Universitäten besuchen. Es war also hinlänglicher Grund zur Reise vorhanden. Für eine materielle Grundlage war auch gesorgt; das Ministerium, welches mir 1823 zum Beweise seiner Zufriedenheit eine Gratification von 100 Thalern gegeben hatte, bewilligte mir auch einen Zuschuß zu den Reisekosten von 300 Thalern; ich aber hatte ein hübsches Sümmchen für diesen Zweck zurückgelegt, welches ich auch brauchte, denn um nur Eins zu erwähnen, so reiste ich, um Zeit zu gewinnen und an keinem Orte mich länger aufhalten zu müssen, als er mich gerade interessirte, in eigenem[349]  Wagen mit Postpferden, und legte einen Weg von 767 Meilen zurück, während zum Theil meine Frau und mein Sohn eine andere Tour nahmen.
Schon am 3. März reiste ich mit meiner Frau ab. Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich wir uns fühlten, wie überaus froh und dankbar wir waren. Unter Anderem war ich auch darüber vergnügt, daß diese Reise mir Gelegenheit geschafft hatte, einige lästige Nebenämter, nämlich die Direction der deutschen, der physikalisch-ökonomischen und der physikalisch-medicinischen Gesellschaft, so wie eines akademischen Lesevereins niederlegen zu können.
Uns interessirte zunächst der herrliche Dom zu Frauenburg mit dem Andenken an Copernicus und an den Sieg der Erkenntniß über den Trug der sinnlichen Erscheinung; dann das Schloß Marienburg, eben erst von dem Schmutze gesäubert, mit welchem die Rohheit eines unpoetischen, engherzig ökonomischen Zeitalters es verunehrt hatte. Es hatte ein sehr lebhafter Enthusiasmus dazu gehört, die Schwierigkeiten zu überwinden, welche sich der Wiederherstellung dieses herrlichen Denkmals der Vorzeit entgegenstellten, ich lernte aber diesen achtungswerthen Enthusiasmus auf eine für mich sehr komische Weise von seiner groben Seite kennen. Ich hatte nämlich gehört, daß der Schuldirector Häbler zu Marienburg, der die Geschichte des Schlosses auf das Sorgfältigste studirt und für die Restauration desselben mit großem Eifer gewirkt hatte, der beste Führer darin, aber auch über alle Maaßen weitläufig und minutiös dabei sei. Ich hatte nun meine Sachen recht klug angefangen zu haben geglaubt, indem ich seine Ernennung zum Ehrenmitgliede der deutschen Gesellschaft veranlaßt und bei Uebersendung des Diploms ihn für meine bevorstehende Durchreise um seine Führung im Schlosse gebeten, aber hinzugesetzt hatte, daß ich leider nur einige Stunden mich daselbst würde aufhalten können. Er antwortete mir über diesen Punct: »Es wird sich zuerst fragen, ob Sie die Marienburg gründlich kennen lernen, oder sie nur obenhin anschauen wollen? Im ersten Falle, was sollen dazu ein Paar Stunden? und im letztern[350]  Falle gehe ich gar nicht mit. Wer dem Ordenshause nur ein Paar Stunden widmen will, für den ist der Schloßwart gut genug, oder es müßte einer von den Herren und Fürsten sein, die denn doch Alles nur obenhin besehen. Ein Paar Tage, das lasse ich mir für wissenschaftliche Männer gefallen.« Ich begnügte mich nun wirklich mit der Leitung des Schloßwarts und lernte den Enthusiasten, dessen Grobheit mich sehr belustigt hatte, erst später persönlich kennen, wo ich ihn dann recht lieb gewann.
Danzig unterscheidet sich wesentlich von Königsberg durch den Besitz von Kunstwerken, als Denkmälern einer bedeutenden Vorzeit, und durch seine reizenden Umgebungen. Während wir diese seine Eigenthümlichkeiten mit großem Genusse kennen lernten, blieben wir von jeder widrigen Berührung mit dem hier herrschenden Kaufmannsgeiste befreit, da die hiesigen Aerzte mit ihren Familien uns die freundlichste Aufmerksamkeit bewiesen.
Während meines vierwöchentlichen Aufenthaltes in Berlin, wo ich das anatomische Museum, so wie die zootomische Sammlung der Thierarzneischule genau besichtigte, war ich oft bei Rudolphi, der als ein vielwissender, lebenskräftiger, heiterer, in der Unterhaltung frei und leicht beweglicher Mann mich sehr ansprach. Auf der Jagd nach Büchern seines Fachs war er zufällig zum Besitze einer Sammlung Bildnisse von Aerzten gelangt, und indem er diese zu vergrößern suchte, mußte er hin und wieder auch solche auf Medaillen zu Hülfe nehmen, was ihn denn endlich zum gelehrten Numismatiker und Besitzer eines Münzkabinets machte; ich sah in dieser Neigung, Einzelheiten zu sammeln, den Charakter des Empirikers ausgeprägt. – An Prosector Schlemm fand ich einen einfachen, tüchtigen Mann, der (wiewohl früher Chirurg) in der Zoologie wohl bewandert war. – In der Thierarzneischule waren Lehrer von ähnlicher Tüchtigkeit: Gurlt, ein geschickter Zootom, für Physiologie sich wenig interessirend, nicht ohne ziemliches Selbstgefühl, scharf urtheilend und das, was er nicht selbst gesehen, kurzweg abweisend, und Hertwig, kenntnißreich, lebhaft und thätig; sie stellten auf meinen Wunsch einige Experimente[351]  an Hunden und Pferden an, und machten mir manche interessante Mittheilung; hin und wieder trat ein Anklang von Rohheit hervor, namentlich in Späßen und Gelächter beim Tödten der Thiere.
Das Gegenstück zur Nüchternheit dieser Anatomen und Zootomen bot sich mir bei Wolfart dar, der gegen mich unter vier Augen zwar noch mit einiger Zurückhaltung über das Unbegreifliche in der Natur sich äußerte, aber in der Gesellschaft seiner Freunde, in die er mich zog, sich mehr gehen ließ, wo denn Ludwig von Voß seine Faseleien über die Ereignisse, die ihm ohne Gebrauch der äußern Sinne kund geworden, auskramte; unter Andrem erzählte er, er habe eines Tages erkannt, daß seine Lungenarterie durch Vollblütigkeit aneurysmatisch ausgedehnt und ihm nur durch einen Aderlaß von 27 Tassen Blut zu helfen sei, was auch durch die Erfahrung bestätigt worden. Anderweitige Versuche, mich zu unterrichten, blieben aus andern Gründen erfolglos. Von Horkel hätte ich, da er der Schriftstellerei entsagt hatte, gern einzelne Bemerkungen oder Resultate seiner vieljährigen Untersuchungen für die Wissenschaft erhalten, und bei meiner Bearbeitung der Physiologie benutzt; ich konnte aber von dem literarischen Eremiten nichts erlangen, und mußte nach seinen Angaben glauben, er habe desultorisch und wie bloß zu seinem Zeitvertreibe sich mit Untersuchungen beschäftigt. Das umgekehrte Verhältniß war bei Weiß, der mich gern belehren wollte, aber einen ungelehrigen Schüler an mir fand; er trug mir nämlich die Grundzüge seiner Lehre von den Krystallen vor; aber dieser Vortrag war so schwer verständlich für meinen unmathematischen Kopf, und entsprach so wenig meinen Erwartungen von klaren Gesetzen, daß ich es bei zwei Stunden bewenden ließ.
Bei Hegel machte ich mich durch Unkenntniß seiner damaligen Richtung lächerlich; ich glaubte nämlich, daß er auf der Schellingschen Bahn fortgehe und in diesem Sinne Naturphilosoph sei, wiewohl sein Aussehen auf nichts weniger als auf eine üppige Phantasie hindeutete. Als er nun das Gespräch auf den Zustand der Philosophie in Königsberg brachte,[352]  äußerte ich, es sei wünschenswerth, daß der Vortrag derselben mehr das Gemüth ergreifen, nicht bloß Verstandesbildung, sondern auch Tüchtigkeit der Gesinnung bezwecke und für das Leben und Wirken fruchtbarer werde. Er nahm sich nicht die Mühe, mich zu widerlegen, wurde aber so auffallend kalt, daß ich bald merkte, es sei Zeit, mich davon zu machen. Einige Tage darauf speiste ich mit ihm bei Madame Milder, und erstaunte, den mir grämlich erschienenen Mann so galant zu finden, und zu sehen, wie der tiefe Denker in der geselligen Unterhaltung so wohlgefällig Trivialitäten abhandelte. – Auch beim Staatsrathe Süvern wurde ich veranlaßt, die Meinung auszusprechen, daß neben der Herbartschen Philosophie eine andre, auch das Gemüth in Anspruch nehmende für Königsberg wohlthätig sein würde, zog mich aber bescheiden auf mein Gebiet zurück, als mir die unwillige Frage gestellt wurde, ob etwa der Schwindelgeist der Naturphilosophie daselbst eingeführt werden sollte.
Mit Rust hatte ich wenig Berührungspunkte; aber die Offenheit, mit welcher er sich über seine Zwecke erklärte und das Gefühl seiner Kraft aussprach, so wie die Verständigkeit, mit welcher er den Widerspruch aufnahm, machte nur ihn achtungswerth. Mußte ich, um ihn so zu finden, von seiner Derbheit und seinem Hochmuthe absehen, so mußte ich bei Hufeland erst die Steifheit überwinden, welche die Vormauer seiner feinen Bildung und seiner wohlwollenden Gesinnung war. Indessen hatten seine Gesellschaften bei aller Feinheit doch einen etwas höfischen Ton, der für immer ächt philiströser Natur ist. Ungleich mehr sagten mir die freien Gesellschaften zu, in welche ich durch meinen trefflichen Freund Friccius, durch den herzigen Criminaldirector Hitzig und durch den launigen Buttmann eingeführt wurde, und wo ich Stägemann, Schleiermacher, Zelter und andere interessante Männer fand. Dasselbe war der Fall bei Dieffenbach, der unter meinen ehemaligen Zuhörern mir immer die treueste Anhänglichkeit bewies und sich jetzt bereits einen bedeutenden Ruf erworben hatte; höchst ergötzlich waren besonders die Abende, an welchen Ludwig Devrient[353]  zugegen war, namentlich wenn er mit wahrer Wonne uns aus Heinrich V vorlas.
Daß wir die Kunstgenüsse, welche Berlin darbietet, nicht versäumten, versteht sich von selbst; unter Anderem hatten wir das Glück, die damals dem Publikum noch nicht offenstehende Sogliesche Gemäldesammlung unter Leitung des Dr. Waagen zu sehen, dessen Erklärung zu einem anziehenden Vortrage der Geschichte der Malerei wurde. Auch besuchten wir die Werkstätten von Wach, Rauch, Tiek, das ägyptische Museum u.s.w.
Von Berlin reisten wir mit unsrem Sohne nach Torgau. Welch glückliche Tage verlebten wir da bei meinem Onkel! Die herzinnige Liebe, die er von meiner Kindheit an mir geschenkt hatte, trug er jetzt auch auf die Meinigen über, die sie nun, wie ich seit jeher, ihm treulich erwiderten. Beide Familien erfreuten sich eines günstigen Geschickes, und jede ergötzte sich am Glücke der andern.

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Auch in Leipzig genossen wir die Freuden des Wiedersehens lieber Verwandten und theurer Freunde in vollem Maaße, unser Erstes und Letztes aber war der Besuch des Grabes unserer Tochter. Zu meiner Belehrung brachte ich einige Stunden bei dem arbeitsamen Prosector Bock auf dem anatomischen Theater und bei Professor Weber zu.
In Halle hatte ich es natürlich besonders auf Meckel abgesehen; wir kamen mit einander in ein recht freundliches, wiewohl nicht vertrauliches Verhältniß; auch hatte ich in wissenschaftlicher Hinsicht wenig Gewinn von ihm. Krukenberg fesselte mich bei meinem ersten Besuche durch die Lebendigkeit seines Geistes und die Fülle seiner Gedanken, während wir aber über die Grundlage der Philosophie nach unserer Weise mit einander verhandelten, wollte der unter den Hallischen Professoren herrschende Hader immer dazwischen treten, indem Mühlenbruch, bei dem ich wohnte und der, wiewohl Jurist, zu Meckels Partei gehörte, einmal über das andere nach mir schickte, damit ich nicht zu lange bei einen Collegen der andern[354]  Partei bleiben sollte. Am andern Tage sah ich mit großem Interesse, wie Krukenberg im Klinikum so lebendig in die Erscheinungen eindrang und die Krankheit mit dem Sinne gleich einem Polypen umklammerte; auch verbrachte ich mit den Meinigen einen angenehmen Abend bei ihm auf Reils Berge, auf dessen Höhe ein altes Hünengrab die Asche Reils einschließt.
Jetzt trennte ich mich von meiner Frau, die, um nach Marienbad zu gehen, zunächst nach Leipzig zurückkehrte, und setzte die Reise in Gesellschaft meines Sohnes weiter fort.
In Jena freute ich mich besonders der persönlichen Bekanntschaft des feinsinnigen K.W. Stark; übrigens lernte ich in der zootomischen Sammlung durch Professor Renner manches Wissenswerthe.
Geheimerath von Schlotheim in Gotha zeigte mir seine reiche und wohlgeordnete Sammlung von Petrefacten in ausgezeichnet schönen Exemplaren, und entwickelte mir seine Ansichten über die Bildung der Erdrinde durch Emporsteigen aus der Tiefe und über die anfänglich überall gleiche Bevölkerung derselben mit organischen Körpern.
Viel Unterhaltung gewährten mir die vier Tage, die ich in Würzburg zubrachte. An Heusinger fand ich einen etwas kränklich und eigensinnig aussehenden Mann, der viel Respect vor sich selbst hatte, übrigens aber die Achtung, die ich ihm schon zuvor zollte, durch Darlegung seiner Leistungen, namentlich im zoologischen Institute, noch erhöhte, und sowohl durch seine wissenschaftlichen Mittheilungen, als auch durch die Aufmerksamkeit, die er mir schenkte, mich zu Dank verpflichtete. Auch interessirte mich Schönlein, in dessen starken Zügen und breitem, gestrecktem Nacken Kraft und Selbstgefühl sich verkündigte, wie denn auch sein festes Auftreten im Klinikum, sein scharfes, zuweilen wie durch Inspiration gegebenes Auffassen der Krankheiten und manche kecke Behauptung damit übereinstimmte; besonders wichtig war seine für mich noch ziemlich neue Lehre von den Darmgeschwüren im Typhus.
Ungleich reiner war der Genuß wissenschaftlichen Umganges[355]  mit Sömmerring in Frankfurt. Der kleine, rührige Greis mit dem silberweißen Haare, den sprechenden Augen und den fein gebildeten Fingern, lebte hier bei anmuthiger und geschmackvoller Umgebung in glücklicher Muße. Mit Zufriedenheit zurückblickend auf seine frühern Leistungen, war er immerfort thätig aus reiner Forschungslust, ohne vom Stachel der Ruhmsucht getrieben zu sein. Ich lernte seine ganze Liebenswürdigkeit kennen; bald zeigte er mir durch das Telescop die Flecken der Sonne und seine nach täglichen Beobachtungen entworfenen Zeichnungen derselben; bald erklärte er mir den von ihm erfundenen elektrischen Telegraphen und operirte mit demselben; bald setzte er mir seinen durch Verdunstung des Phlegma veredelten Wein vor; bald lehrte er mich anatomische Kunstgriffe, bald demonstrirte er mir merkwürdige Präparate aus seiner trefflichen Sammlung; bald wieder theilte er mir interessante pathologische Beobachtungen mit. Ueberall bewies er fremdem Verdienste ernste Achtung, äußerte sich aber auch mit dem lebhaftesten Unwillen über den Dünkel und die Unwissenheit eines Schriftstellers. Es war mir so recht von Herzen wohl bei ihm, und ich brachte auch einen guten Theil der Zeit meines Aufenhaltes in Frankfurt bei ihm zu. Außerdem besichtigte ich daselbst die Sammlung der naturforschenden Gesellschaft und die pathologische Sammlung des Geheimenraths Wenzel, versäumte aber auch nicht, die Werke der schönen Künste in Augenschein zu nehmen, namentlich Danneckers Bilderwerke im Bethmannschen Garten.
Bojanus war 1824 auf der Reise nach dem Bade einige Tage in Königsberg gewesen, leider in einem betrübenden Zustande, mit Hohlgeschwüren am Rücken, die in Folge vernachlässigter rheumatischer Entzündungen entstanden waren und offenbar mit der Brusthöhle in Verbindung standen. Er lebte nun in Darmstadt, und da ich ihm von meiner Reise geschrieben hatte, bat er mich auf das Dringendste, ihn zu besuchen. Ich that es, aber fand ihn in der hülflosesten Lage; seine Frau, die mit einer dem Wundarzte unerreichbaren Zartheit seine Wunden allein behandelt, gereinigt und verbunden, ihn auf das[356]  Sorgsamste selbst gepflegt, und Tag und Nacht mit einer Hingebung, die nur der treuesten Liebe möglich ist, über ihm gewacht hatte, war am Tage vor meiner Ankunft gestorben; in der Erwartung, daß sie mit mir einige heitere Stunden verleben würden, hatte sie schon Alles zu meiner Aufnahme vorbereitet. Mich jammerte der theure Freund, der, selbst nur noch wenige Schritte vom Grabe entfernt, seiner Trösterin beraubt worden war, – ich dachte nicht daran, ob es nicht ein ungleich herberes Loos ist, ohne gleiche Aussicht auf ein nahes Ende die Gefährtin seines Lebens zu verlieren. – Wissenschaftliche Gespräche linderten seinen Schmerz; er sprach es aus, wie er seinen Beruf erkannt hätte, Formenverhältnisse aufzufassen und demnach mit anatomischen Forschungen sich zu beschäftigen, und sagte beim Abschiede: »Wir werden uns nicht wieder sehen. Wenn man mich nach meinem Tode angreifen sollte, so retten Sie meine Ehre! Ich habe Manchen hart getadelt, aber nur Liebe zur Wissenschaft hat mich dabei geleitet.« Seine Besorgniß ist meines Wissens nicht in Erfüllung gegangen, und jener Auftrag ist mir bloß ein Zeugniß seines Vertrauens geblieben.
Meinen Besuch in Heidelberg fing ich damit an, daß ich in den Vorträgen von Tiedemann und Puchelt hospitirte, die ich beide gleich trocken fand; desto interessanter fand ich dann Tiedemanns anatomische und zootomische Sammlung, so wie seinen Schatz an Beobachtungen, wie ich denn auch von Fohmann manches mir Neue, namentlich über das Lymphsystem der Thiere, erfuhr und seine trefflichen Präparate bewunderte, von denen er mir einige schenkte.
In Stuttgart machte ich zunächst die Bekanntschaft von Kielmeyer; ich fand ihn von unerwartet jugendlichem Aussehen mit altmodischem Costüme, sehr artig, aber über alles Wissenschaftliche zurückhaltend; er drang mir, wie es schien, um mich los zu werden, ein Empfehlungsschreiben an Cuvier auf, und schickte mir am Nachmittage ein höfliches Abschiedschreiben. Ich besah das Naturaliencabinet; mehr aber noch zog mich Danneckers Werkstatt an, wo ich namentlich das sinnige Basrelief zu Schillers Denkmal sah. Endlich hatte ich hier[357]  ein ähnliches Glück, wie in Berlin mit Waage. Boisseré fügte sich meinen Bitten, ließ mich, da seine Galerie an diesem Tage dem Publikum nicht offen stand, insgeheim und durch eine Hinterthüre eintreten, und gab sich die Mühe, mir seine Sammlung nicht allein zu zeigen, sondern auch die einzelnen Gemälde zu erläutern.
Tübingen war nach Frankfurt die erste Hauptstation für mich durch Autenrieth, den ich in seinem klinischen Vortrage, bei Musterung der anatomischen Sammlung, bei Besichtigung des Krankenhauses und seiner Präparate, auf Spaziergängen, im häuslichen und geselligen Kreise, überall so geistreich und anziehend fand, wie in seinen Schriften. Auch er machte einen so wohlthätigen Eindruck dadurch auf mich, daß er gleich Sömmerringen, dem er übrigens durch Genialität überlegen war, keine Spur von leidenschaftlichem Ringen nach Ruhme, sondern ein von aller Eitelkeit entferntes, klares und heiteres Selbstbewußtsein zeigte; er scherzte über seine Neigung, die meisten chronischen Krankheiten von Unterdrückung einer Räude abzuleiten; er erzählte, wie er durch Necken seiner theologischen Collegen und durch eine Art Renomiren dazu gekommen, über die Schlange im Paradiese und über das Buch Hiob zu schreiben u.s.w. – Einen traurigen Anblick gewährte dagegen der juristische Professor Rogge, der, früher in Königsberg, sich den dasigen Pietisten beigesellt hatte und in Tübingen immer tiefer in Pietismus versunken war; ich fand ihn leiblich und geistig verkümmert. Im ersten Augenblicke des unerwarteten Wiedersehens rufte mein Erscheinen eine lebendige Erinnerung an seine Heimath hervor, und eine jugendliche Freude blitzte in ihm auf, wich aber bald wieder der vorigen Trübseligkeit.
In Strasburg gewährten mir die Anatomen Lauth, Vater und Sohn, sowohl eine reiche wissenschaftliche Belehrung im anatomischen Cabinet und in der Naturaliensammlung, als auch eine frohe, gesellige Unterhaltung. Auch bot sich mir ein neues Schauspiel in einer medicinischen Disputation dar, wo sechs Professoren in schwarzen, roh aufgeschlagenen Talar mit Halsbinde und rothem Barett in französischer Sprache opponirten[358]  und mir die Ehre erzeigten, mir ein Fauteuil neben sich einzuräumen. – Wenn ich, wie billig, meine Leser mit Schilderung alles dessen, was ich bei Betrachtung von Naturschönheiten und von Kunstwerken auf dieser Reise empfunden habe, verschone, so kann ich doch den Eindruck, den der Münster auf mich machte, nicht unerwähnt lassen. Nie hätte ich geglaubt, daß der Anblick eines Bauwerks so tief mich rühren könnte. Was mich so mächtig ergriff, war die Betrachtung dieses Vereins von Kühnheit und Schönheit, von Erhabenheit und Zierlichkeit; es war die Anschauung der gewaltigen Kraft des Menschengeistes, und zugleich das lebendige Gefühl der unendlichen Naturkraft, welche ihn erzeugt, trägt und hält; es war der Gedanke einer Gottesverehrung, die durch eine bis zur Darstellung eines solchen Riesenwerkes durchgeführte Ausbildung der dem Menschen verliehenen Kräfte in würdiger Weise sich bethätigt; es war Stolz und Andacht, zu einem Gefühle verschmolzen, was mich so ergriff, daß ich Thränen der Wonne vergoß.


An Morgen meines funfzigsten Geburtstages kam ich in Paris an, und da es das erste Mal in meinem Leben war, daß ich an diesem Tage kein Zeichen liebender Theilnahme empfing, so trat der Gedanke vor meine Seele, daß ich einen Wendepunkt meines bisher so beglückten Lebens erreicht haben könnte. Doch wurde jede düstere Laune bald verscheucht. Zunächst fand ich liebe Verwandte und einen eben so gebildeten als herzlichen Familienkreis, indem die älteste Tochter meines Onkels an den hier etablirten Kaufmann Krinitz aus Sachsen verheirathet war, und deren jüngste Schwester sich gegenwärtig bei ihr aufhielt. Bei den Pariser Gelehrten aber fand ich eine so gute Aufnahme, wie ich nie erwartet hatte.
Cuviers Aeußeres, seine stattliche Figur, sein schön geformter Kopf, seine würdevolle Haltung, stimmte vollkommen überein mit der Stellung, die er in der Wissenschaft, wie im Staate einnahm. Er empfing mich auf das Wohlwollendste, sprach mit Sachkenntniß über meine Untersuchungen des Gehirns, bot mir seine Dienste an, führte mich im Cabinet der[359]  vergleichenden Anatomie herum, erklärte mir die Einrichtung desselben, und gab Befehl, mich jederzeit einzulassen. Ich habe auch einen guten Theil meiner Zeit in Paris in diesem Cabinet zugebracht, indem ich die aufgestellten Präparate der Reihenfolge nach aufmerksam betrachtete und meine Bemerkungen darüber aufzeichnete; wollte ich ein in Weingeist aufbewahrtes Präparat näher beschauen, so war Laurillard bei der Hand, mir das Glas zu öffnen. Der Zusammenhang des Cabinets mit Cuviers Wohnzimmern, die zugleich eine reichhaltige Bibliothek darstellten, so wie mit dem großartigen jardin des plantes, der außer den Erinnerungen an Jussieu, Buffon, Daubenton u.s.w. die anmuthigsten Plätze zur Erholung darbot, machte mir den Aufenthalt daselbst um so bedeutungsvoller; ich kam jedesmal mit dem Bewußtsein her, daß ich mich hier auf dem classischen Boden meiner Wissenschaft befand, und genoß das Glück, mich hier als ein Einheimischer frei bewegen zu können, in vollen Zügen. Cuvier benahm sich stets auf das Freundschaftlichste, öfters führte er mich unterm Arme, um mir etwas zu zeigen; so holte er mich eines Tages aus dem Garten herauf, da er eben eine Sendung Fische aus dem Ganges bekommen hatte. Er zergliederte wohl nicht mehr selbst, und als er mich eines Tages, Scalpel und Pincette in der Hand und eine Perca vor sich, empfing, nahm ich dies als eine Ehrenbezeigung an, denn die Paar Schnitte, die ich ihn machen sah, fielen nicht sehr sauber aus. Dafür hatte er seinen Laurillard, diesen treu ergebenen, immerfort fleißigen und sehr geschickten Mann, der für den eigenen Namen nichts that, sondern nur für seinen verehrten Meister arbeitete. Ich wurde einige Mal, wenn ich gerade um diese Zeit hinkam, zum Frühstücke gezogen, welches Cuvier mit Frau und Tochter und mit Laurillard einnahm; das schöne Verhältniß der Vertraulichkeit und der gegenseitigen Achtung in diesem Familienkreise, in welchem die feinste Sitte ohne Zwang und die höchste Bildung ohne Prätension waltete, machte, daß ich immer mit geheimem Entzücken daran Theil nahm. Und wenn ich dann wieder einem Diner in der ausgewähltesten Gesellschaft beiwohnte, wenn wir dann[360]  am späten Abende einen Spaziergang durch den Garten machten, wenn Humboldt beim Condor erzählte, was er in dessen Vaterlande von ihm erfahren, wenn ein Anderer der Gäste Aehnliches beim Zebra, ein Dritter beim Känguruh bemerkte, so schwelgte ich im Gefühle des Glücks, mich in so bedeutender Umgebung zu befinden.
Nächst Cuvier war mir Blainville am wichtigsten. Ich besuchte seine Vorlesungen, die höchst anziehend und geistreich waren; er trug die Zootomie in dem Sinne vor, wie ich mir die Bearbeitung der Morphologie dachte. In seinem Auffassen allgemeiner Ansichten; im weisen Gebrauche der Analogie, wobei die Uebereinstimmung nicht des Untergeordneten der Erscheinung, sondern des Wesentlichen und im Begriffe Beruhenden erkannt wird; in der steten Beziehung der speciellen thierischen Organisation zur Organisation der Welt, und in der Zurückführung der organischen Erscheinungen auf allgemeine Welterscheinungen fand ich meine eigenen Gedanken ausgeführt. Sein cours de physiologie générale ist mir bei Weitem nicht so bedeutend erschienen, wie sein mündlicher Vortrag. Bei diesem wirkte freilich auch seine Beredtsamkeit mit; denn er sprach mit dem Feuer, als ob er eben im Entdecken der Ansichten begriffen wäre, deren Entwicklung ihn beschäftigte. Dazu kam, daß sein Sinn für Formenverhältnisse auch seine Hand beseelte, indem er, um den Uebergang der verschiedenen Bildungsformen in einander und das Zusammenstimmen der Organisation anschaulich zu machen, erst ein Organ bei einem bestimmten Thiere, dann die übrigen dazu im Fluge an die Tafel zeichnete und so Figuren wie hinzauberte, welche zu treffenden Bildern der Thiere, von denen die Rede war, zusammenwuchsen. Im Privatleben zeigte er sich offenherzig und zutraulich, und als ich von ihm Abschied nahm, trat gegenseitige Herzlichkeit hervor.
Die persönliche Bekanntschaft von Magendie, wie wichtig sie auch war, sagte mir doch ungleich weniger zu. Er theilte mir die Resultate seiner neuesten Experimente mit, und wiederholte letztere vor meinen Augen: er zeigte mir an lebenden Thieren die Menge der Cerebrospinalflüssigkeit, das walzenförmige[361]  Rollen eines Thiers bei Verletzung des einen Kleinhirnschenkels, die Wirkungen des Durchschneidens des fünften Hirnnerven innerhalb des Schädels auf die Sinnesthätigkeit, und den Einfluß der Zerstörung der Streifenhügel auf die willkürliche Bewegung. Die ungemeine Geschicklichkeit und Sicherheit, mit welcher er manipulirte, erhöhte meine Achtung für ihn als Experimentator.
Breschet war so gefällig, mich in der anatomischen Sammlung der Ecole de médecine herum zu führen, und erfreute mich durch Mittheilung seiner Beobachtungen über die Venen der Knochen und über die Entwicklung des Embryo, unter Vorzeigung der dazu gehörigen schönen Abbildungen und Präparate.
Weniger konnte ich mich mit Velpeau befreunden. Ich begleitete ihn zuerst bei seiner Visite in der Clinique de perfectionement, wo jedoch, wie es mir vorkam, von perfectionnement nichts zu spüren war. In der Privatunterhaltung fand ich nun einen fleißigen, aber sterilen Bearbeiter der Lehre vom Embryo an ihm; er hatte eine Menge ausgezeichneter Präparate, beschränkte aber sein Urtheil so weit, daß er nichts als wahr annehmen wollte, als was er deutlich gesehen und getastet hatte, oder was, wie er bei seinem Vertrauen auf die Sinne sich ausdrückte, mathematisch gewiß war. So hat er auch späterhin seine Galle über meine »ideologischen Tendenzen« ergossen.
Als ein Gegenstück zu ihm kannte ich Geoffroy Saint Hilaire schon aus seinen Schriften; persönlich erschien er mir noch windiger. Als ich ihm sagte, daß ich in seiner heutigen Vorlesung hospitiren wollte, erwiderte er, das sei ihm eben recht, da er heute einen sehr interessanten Gegenstand abhandeln werde, nämlich die Beutelthiere. Ich ging daher mit einigen Erwartungen hin, fand mich aber sehr getäuscht; er hatte eine Menge ausgestopfter Thiere aufstellen lassen, die er bei seinem Eintritte genau musterte, in dem Vortrage aber zum Theil nicht erwähnte; er fing leise an zu sprechen, stieg dann mit der Stimme, ließ sie wieder sinken, declamirte wie ein Charlatan,[362]  trank dazwischen viel Wasser und sagte dabei über seinen Gegenstand nichts als das Trivialste.
In Chaussier fand ich einen alterschwachen Repuplikaner im grauen Kleide ohne Kragen im Zimmer mit dem breitkrämpigen Hute auf dem Kopfe. Den alten Portal sah ich nur im Nationalinstitute als Erinnerung einer noch früheren Periode, im schwarzen Kleide mit der Stutzperrücke. Adelon erzählte mir, er habe keine neuen Thatsachen entdeckt, sei aber eben deßhalb um so unparteiischer; er sei Idealist, d.h. er erkläre die Lebenserscheinungen nicht aus materiellen Gründen, weil das Organische vom Unorganischen wesentlich verschieden sei, und um dies darzuthun, langweilte er mich eine halbe Stunde durch Vorlesen von Stellen aus seiner Physiologie. Ungleich besser verständigte ich mich mit Virey, dessen Urtheile besonnen und treffend waren. Hipolyte Cloquet lernte ich bloß als einen feinen, artigen Mann kennen.
Mit Gall kam ich in ein näheres, aber sonderbares Verhältniß. Als ich zum ersten Male angemeldet bei ihm eintrat, ließ er sich meinen Namen wiederholen, fragte, ob ich aus Königsberg und ob ich der Verfasser des Buches über das Gehirn sei, und rief dann aus: »und Sie besuchen mich?« Freilich hatte ich in diesem Buche bei Anerkennung seiner übrigen Verdienste von ihm gesagt, er habe sich, indem er den Grund der Erscheinungen aufdecken wollen, in eine ihm fremde Sphäre verirrt, wo denn sein plumper Materialismus eine höchst abenteuerliche Theorie geschaffen habe. So hatte ich mich denn vorläufig ihm nicht besonders empfohlen, indeß besänftigte ich ihn bald, indem ich erklärte, er müsse es nach seinem Systeme selbst sehr begreiflich finden, daß wir bei unserer verschiedenen Organisation nicht in allen Ansichten übereinstimmen könnten, demungeachtet aber als wissenschaftliche Männer einander achten mußten. – »Da bringe ich den teuflischen Burdach!« rief er, indem er mein Buch von seinem Arbeitstische herbeiholte. Er erzählte mir nun, er habe mich im sechsten Bande seines Werkes widerlegt; ich habe mich auf die Experimente von Flourens, Serres u.s.w., die erlogen seien, zu sehr verlassen;[363]  die Transscendentalphilosophie aber sei Unsinn; auch er sei eine Zeitlang solch ein Narr gewesen, aber zur Erfahrung zurückgekehrt. Endlich sagte er, als ich von der Individualität im Berufe für die Wissenschaft sprach und Harrachs Urtheil über meine Schädelbildung anführte, er finde an mir nicht das Organ der Vorsicht, wohl aber die Organe der Schlauheit, des transscendentalen und des mathematischen Sinnes. Konnte mir irgend etwas Zweifel an der Cranioskopie erwecken, so war es dieser Ausspruch, welcher mir gerade diejenigen Eigenschaften beilegte, die mir gänzlich abgingen. Gall wollte offenbar an meinem Schädel das wiederfinden, was er an meinem Buche gefunden zu haben glaubte. Wie er darin auf Schlauheit verfallen ist, bleibt mir freilich ein Räthsel, wenn er nicht etwa die Erklärung, wie ich dazu komme, ihn zu besuchen, für schlau gehalten hat. Daß er aber meine Anschauungsweise transscendent genannt hat, ist begreiflich, und was die Meinung von meinem mathematischen Talente anlangt, so hatte diese folgenden Grund. Von der Ansicht ausgehend, daß das ursprüngliche und wesentliche Leiden eines Hirntheils auch über andere sich ausbreitet und bald diese, bald jene Function derselben mehr oder weniger stört, daß man daher nur aus der größern Häufigkeit des Zusammentreffens eines bestimmten Bildungsfehlers im Gehirre mit einer bestimmten psychischen Abnormität auf ein Causalverhältniß zwischen einem Hirntheile und einer Seelenthätigkeit schließen darf, hatte ich eine Reihe pathologisch-anatomischer Beobachtungen zusammengestellt, die Frequenz einer bestimmten psychischen Abnormität bei dem Leiden eines bestimmten Hirntheils angegeben und die mühsam gefundenen Proportionen in Tabellen zusammengestellt. Durch diese vielen Zahlenverhältnisse, über die Gall öfters seine Verwunderung gegen mich äußerte, war er nun verführt worden, mich für einen Mathematiker zu halten. Er wiederholte seine Behauptung bei unseren weiteren Zusammenkünften, namentlich in einer großen Gesellschaft, die er auf seinem Landsitze auf mont rouge gab, wo auch der preußische und der russische Gesandte zugegen war; er brachte Portraits von Newton, Euler, Laplace und [364]  Lalande herbei, um aus der angeblichen Uebereinstimmung ihres Schädelbaues mit dem meinigen zu beweisen, daß ich ein mathematisches Genie sei. Nun trat er mit dem Wunsche hervor, einen Abdruck meines Schädels für seine Sammlung zu haben; ich verweigerte es, mich dazu herzugeben, da er aber immer dringender wurde und den Dr. Junghans mehrmals deßhalb zu mir schickte, willigte ich endlich ein, um meiner Familie mit meiner Büste eine Freude machen zu können. Die Operation wurde vorgenommen. Madame Gall salbte mir das Gesicht ein und bedeckte den behaarten Theil meines Kopfes mit einer Haube; Gall gab mir eine Federpose in den Mund, um dadurch zu athmen; Dr. Fossati und Dr. Junghans gossen mir den Gips in das Gesicht. Als dieser erstarrte, hatte ich, durch die dicke Erddecke von der übrigen Welt getrennt, ganz eigene Empfindungen, und als mir der Abguß abgenommen wurde, war es, als ob mir die Haut abgerissen würde. Der Abguß wurde einem Bildhauer übergeben, aber der Abdruck, den ich mir als Preis ausbedungen hatte, fiel so grauenvoll aus, daß ich ihn den Meinigen gar nicht gezeigt habe; merkwürdig war es übrigens, daß ich ihn noch theuer bezahlen mußte. – Der Abdruck, den Gall für sich behielt, ist späterhin mit dessen Sammlung in das Cabinet d'anatomie comparée gekommen, in welchem ich einen Platz zu finden mir nie hätte träumen können. Der Katalog sagt zu dieser Nummer: »Les organes du calcul et de la métaphysique sont à la fois très-developpés; Burdach est auteur d'un livre, rempli de chiffres et d'idées de philosophie transcendante.« (Promenades au jardin des plantes par Louis Rousseau et Céran Lemonnier. Paris 1837, p. 127). »Ich bin aber versucht, Galln gegen ihn selbst zu vertheidigen. L'organe de métaphysique,« heißt es ebendaselbst, est formé de deux proéminences placées sur une même ligne horizontale, une de chaque côté de l'organe de sagacité comparative, et qui quelquefois n'en paraissent être qu'une continuité. Nun besteht aber die auffallendste Eigenthümlichkeit meines Schädelbaues in einem bedeutenden Wulst an der Stelle, welche nach Galls Beobachtungen auf [365]  sagacité comparative, oder, wie er es früher ausdrückte, auf Inductionsvermögen hindeutet, und indem ich in dieser Beziehung Talent zu besitzen glaube, bin ich geneigt anzunehmen, daß Gall nur durch ein Vorurtheil verleitet worden ist, die Seitentheile dieser Wulst allein zu berücksichtigen und mir Talent zur Metaphysik zuzuschreiben. – Uebrigens gab er mir zu Ehren in der Salpetrière im Beisein mehrerer Aerzte eine Demonstration des Gehirns nach seiner Weise, sprach dabei, als ob Alles, was man vom Hirnbaue wußte, seine Entdeckung wäre, beschuldigte die Franzosen des Mangels an wissenschaftlichem Sinne und spottete über die Speculation der Deutschen; er nahm endlich eine sogenannte Entfaltung des Gehirns vor, d.h. er walkte es, ungefähr wie man einen Nudelteig auf der Faust in eine dünne Schicht auszieht. Auch fehlte es mir nicht an Gelegenheit, seine Einseitigkeit und Roheit kennen zu lernen: so fand er es unbegreiflich, wie man Autenriethen hoch schätzen könne, da er doch eine flache Stirn habe, und einen jungen Mann, der als Missionär nach Indien gehen wollte und um einen Beitrag zu Anschaffung eines Kelches bat, wies er nicht allein mit der Erklärung ab, daß er ein armer Mann sei, der nichts entbehren könne, da er zu seinem eigenen Auskommen 35,000 Franken jährlich brauche, sondern fügte noch grobe Spöttereien über die Kirche und über Religion überhaupt hinzu.

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Esquirol zeigte sich mir als ein freundlich ernster, gediegener Mann; seine charakteristischen Zeichnungen von Wahnsinnigen, so wie seine Bemerkungen, als er mich in der Irrenanstalt zu Charenton herumführte, waren von hohem Interesse für mich; seine Zöglinge waren wohl unterrichtet und gebildet. Auch Pariset, der mein Führer in der Salpetrière wurde, erschien mir als ein sehr tüchtiger Mann. Georget beklagte sich über die Dunkelheit und das phantastische Wesen seines Uebersetzers Heinroth. Itard, auf dessen Mittheilungen ich mich gefreut hatte, war sehr zurückhaltend; auf meine Bitte um seine Aufsätze über verwilderte Kinder, die ich anderwärts vergeblich gesucht hatte, gab er mir nur den zweiten und erklärte,[366]  er werde den ersten, der vergriffen sei, nicht wieder auflegen lassen und den dritten, noch ungedruckten nicht herausgeben, da man in Frankreich dergleichen Arbeiten nicht achte; ich hatte ihn, ohne es zu wissen, an sehr unangenehme Erfahrungen, die er gemacht, erinnert und ich mußte es büßen, indem ich sein Taubstummeninstitut nicht zu sehen bekam.
Um so gefälliger war Villermé, dessen Untersuchungen über den Einfluß des Klima's, der Witterung, der bürgerlichen Verhältnisse und des psychischen Zustandes auf körperliche Bildung, Gesundheit und Lebensdauer mich sehr ansprachen.
Mehrere Männer, die ich gern hätte persönlich kennen lernen, wie Dutrochet, Desmoulins, Serres, Flourens, fand ich nicht einheimisch.
Eben so leid that es mir, mit dem Leibarzte des Herzogs von Orleans, dem Dr. Marc, nicht in ein näheres Verhältniß treten zu können, da ich ihn bei der ersten Unterredung als einen offenen, biedern und einsichtsvollen Mann erkannt hatte; er war gerade mit praktischen Geschäften überhäuft und insbesondere durch Talma's Krankheit, welche die allgemeinste Theilnahme auf sich zog, sehr in Anspruch genommen. – Rehmann hatte mir eine Adresse an Alibert geschickt und in Bezug darauf geäußert: »er ist ein Narr, aber man muß ihn doch kennen lernen. Ich ging hin, wurde durch die Affiche belehrt, daß ich die rechte Zeit getroffen, wo er aus St. Cloud vom Dienste Se. Majestät nach der Stadt zu kommen pflege und wartete im Vorzimmer, da er eben Consultationen hatte; auf einem Oelgemälde, welches meine Aufmerksamkeit auf sich zog, erblickte ich einen unstreitig sehr weisen Greis, der ein Buch mit der Aufschrift: physiologie des passions par Alibert vor sich hatte und von einem Dinge, welches das menschliche Herz war den Schieier aufhob: ich hatte daran genug, gab meinen Brief ab und machte, daß ich fortkam. – In Dupuytrens Amphitheater schreckte mich zwar die mit ungeheuren Buchstaben an den Wänden sich herumziehende Schrift: Sa Majesté Charles X a visité l'hôtel-Dieu et cet amphithéàtre le 4 Novembre 1824, sammt der Ueberschrift über der Thüre: vivent les[367]  Bourbons! – indeß zog dann der gewichtige Vortrag meine Aufmerksamkeit auf sich. – Breschet ließ mich der Visite in der unter seiner Behandlung stehenden Abtheilung des Hoteldieu beiwohnen. – Von Larrey sah ich im Hospitale der Garde eine Exarticulation des Oberarms mit vielem Geschick machen. Ich wohnte zweien lithontriptischen Operationen von Civiale bei; auch sah ich den Steinschnitt von einem Herrn Souberbielle mit dem haut appareil machen; als nach glücklich beendigter Operation jeder der anwesenden Aerzte das darüber aufgesetzte Protokoll unterschrieb und eine Anzahl Fünffrankenstücke erhielt, glaubte ich mich vor gleicher Ehre nicht sicher und zog mich eiligst zurück.«
Der bekannte Philanthrop Appert Bouché durfte wegen seiner öffentlichen Aeußerungen über den Zustand der Gefängnisse diese nicht mehr besuchen, konnte also auch mich nicht dahin führen, wie ich wohl gewünscht hätte; indeß war mir der Mann selbst schon viel werth. Er lebte ganz seinem menschenfreundlichen Berufe, kam aber dabei häufig in Conflict mit der Regierung und konnte sich daher um so weniger der Theilnahme an den politischen Bewegungen der Zeit entziehen. Ich verlebte einmal einen für mich merkwürdigen Mittag bei ihm: er hatte eine sehr elegante Wohnung, aber fünf Treppen hoch, und das Speisezimmer war eine Treppe höher, so daß wir (es war am Quay Voltaire) die Tuilerieen zu unsern Füßen sahen; die Diener entfernten sich, nachdem sie die Speisen in Casserolen aufgesetzt hatten, und die fünf liberalen Männer, die außer mir die Gesellschaft ausmachten, unterhielten sich nun heiter und ernst, witzig und streng ohne allen Rückhalt, wobei denn freilich die Ueberschrift über der Thüre von Dupuytrens Amphitheater nicht das Feldgeschrei war. Appert bereitete sich zu einer Reise nach dem südlichen Frankreich, wo er insbesondere die Galeeren besuchen wollte. Er hat dies auch ausgeführt und sich auf ganze Tage mit Sträflingen an eine Kette schließen lassen, theils um ihr Vertrauen zu gewinnen und Aufschlüsse über ihren äußeren und inneren Zustand, über ihre Vergangenheit und ihre Aussichten oder Pläne zu erhalten, theils um über[368]  die Schwere der Strafe urtheilen zu können.) Er führte mich noch in eine Sitzung der Société de la morale chrétienne, wo ich den Grafen Lasteyrie kennen lernte und nur die Berathung über Unterbringung einiger verwaister Kinder anhörte.
Zu Gefährten und Führern auf den Excursionen, um die verschiedenen Merkwürdigkeiten von Paris und seinen Umgebungen kennen zu lernen, dienten mir besonders mehrere junge deutsche Aerzte. Außerdem genoß ich den Umgang des Obermedicinalraths Grossi aus München. Dieser treffliche, durch seine 1810 erschienene Krankheitslehre rühmlich bekannte Mann hatte für die Verwaltung der ihm übertragenen Direction einer rein pathologischen Klinik in München ideale Pläne, die er mit bewundernswürdigem Eifer auszuführen suchte: die Pathologie sollte ein integrirender Theil der Naturwissenschaft und mit deren übrigen Zweigen in organischen Verband gesetzt werden. Zu diesem Zwecke sammelte er Beobachtungen in den Hospitälern, hörte Vorträge über Physik, Chemie und Zoologie und studirte im Cabinet der vergleichenden Anatomie. Er betrieb dies mit einer Hast, die beinahe krankhaft schien und mit einer Ausdauer der Kräfte, die mir, da ich es ihm nicht gleich thun konnte, beinahe ärgerlich war. Vom frühen Morgen an war er fortwährend in Hospitälern und Auditorien; die Weite des Weges und die brennende Sonnengluth achtete er nicht; erst um 6 Uhr Abends trat eine Pause ein, wo er speiste; bisweilen, aber nur selten, erlaubte er sich, nach der Mahlzeit noch ein Stündchen spazieren zu gehen, denn gewöhnlich saß er von 7 Uhr an bis spät in die Nacht am Arbeitstische, um die Ausbeute des Tages in die bereits zu hohen Stößen angewachsenen Collectaneen einzutragen. Ein Theater zu besuchen, ein Frühstück im rocher de Cancale einzunehmen oder sich ein Paar Stunden als badaud zu amusiren, zu dem Allem war er nicht zu bringen. Sonntags, wo die Auditorien geschlossen waren, brachte er dafür seinen Tag im Louvre zu, denn er war ein gründlicher Kunstkenner, und wir – denn ich gestehe, ich hielt mich, um Paris von verschiedenen Seiten kennen zu lernen, zu den jungen Leuten – wir feierten unsern einzigen Triumph,[369]  als wir ihn vermochten, an einem Sonntage mit uns einen Ausflug nach Versailles zu machen, wo die Fontainen sprangen.
Nach einem sechswöchentlichen Aufenthalte verließ ich Paris und reiste in der angenehmen Gesellschaft meiner beiden Cousinen nach Straßburg. Hier besuchte ich unter Andern Görres; anfangs sondirten wir einander mit Vorsicht, dann rückten wir näher in Gesprächen über das Scheinleben des Liberalismus, die Mode des Jesuitismus und die Versteinerung der Naturphilosophie; im Ganzen erkannte ich, wie er mit der Welt zerfallen war und auf ihren Lauf nur mit bitterem Spotte blickte.
Von da setzte ich meine Reise mit meinem Sohne fort, der unterdessen in Bonn gewesen war. In dem freundlichen Freiburg brachte ich die meiste Zeit in Gesellschaft des thätigen Professors Schultze zu. In seiner Vorlesung fand ich eine Bestätigung meiner Meinung über den Werth öffentlich angestellter physiologischer Experimente. Er bewies an der Carotis eines Hundes die Expansion und Contraction der Arterien: ein oder zwei Zuhörer konnten sich davon überzeugen, die andern glaubten es. Er wollte den Uebergang des Pigments der in den Magen gebrachten Färberröthe in den Harn zeigen: es war aber nicht übergegangen, und dagegen rat die unerwartete Erscheinung ein, daß die Lungen eines Hundes während des Einathmens aus der geöffneten Brusthöhle hervorquollen und sich während des Ausathmens ganz wieder zurückzogen.
In Basel verlebte ich einen frohen Tag mit Prof. Snell. Er war Advocat im Nassauischen gewesen, wegen Abfassung von Petitionen um Constitution für mehrere Gemeinden abgesetzt, nach herber Noth durch Empfehlung des Freiherrn von Almendingen als Professor des Criminalrechts nach Dorpat berufen, wenige Wochen nach seiner Ankunft daselbst auf eine Anzeige der preußischen Regierung mit einem Jahresgehalte entlassen und mit Reisegeld aus dem Lande gewiesen worden. Auf seiner Durchreise durch Königsberg hatte ich mit meiner Frau den bekümmerten Mann und seine Familie möglichst zu erheitern gesucht und ihm für die weitere Reise einige Empfehlungen[370]  mitgegeben. Jetzt war er durch Verwendung des Staatsraths Merian, dem er mich auch vorstellte, Professor in Basel geworden. Ich verdankte ihm einen genußreichen Nachmittag und Abend auf Tüllenburg beim Pastor Kray, wo ich zum ersten Male die hohen Alpen, namentlich das Schreckhorn nebst der Jungfrau, erblickte und in das liebliche Wiesenthal, den Schauplatz der allemannischen Gedichte, herabschaute, und wo eine bunte Gesellschaft von Gewerbsleuten und Literaten, Philistern und Genialen, Indifferenten und Demagogen, anmuthigen Frauen und Koketten im heiteren Beisammensein ein anziehendes Gemälde bildete.
Eine Beschreibung der Reise nach Lucern, der Fahrt auf dem Vierwaldstädter See, des Aufenthalts auf dem Rigi, der weiteren Reise nach Zürich, Winterthur, Gais, Raggaz, Chur, Tusis (mit der via mala), durch Vorarlberg und Tyrol, so wie eine Erzählung der auf diesem Wege erlebten kleinen Abenteuer würden hier am unrechten Orte sein, und ich erwähne nur meinen Aufenthalt in München, welches mir durch Döllinger, der an Sömmerring, Autenrieth und Cuvier würdig sich anschloß, zur vierten Hauptstation wurde. Ich belauschte ihn zuerst in seiner Vorlesung, in welcher er über das animale Leben sprach; ich freute mich innig, als er mit meinen Ansichten so ganz übereinstimmend sich dahin erklärte, daß bei der Sinnesrührung der äußere Eindruck nicht eine Reaction erregt der überwunden wird, sondern harmonisch eine analoge Thätigkeit im Organismus hervorruft; daß der Schlaf der Urzustand und nicht aus dem Wachen zu erklären, vielmehr dieses aus ihm abzuleiten ist u.s.w. Als ich nach beendigter Vorlesung zu ihm trat, empfing er mich wie einen alten, guten Bekannten, zutraulich und freundschaftlich, zeigte mir die anatomischen Präparate und theilte mir seine bei deren Fertigung gemachten Bemerkungen mit. Von nun an war ich während meines Aufenthalts in München fast unzertrennlich von ihm. Er erzählte, wie er mit Pander und d'Alton das bebrütete Hühnerei ein Jahr lang untersucht und nun erst ein Resultat erhalten hatte, das aber jeder von ihnen sich anders dachte; da[371]  war er auf den Gedanken gekommen, daß statt der bisher angenommenen zwei Sichten des Blastoderma deren wohl drei sein könnten, und in diesem Sinne hatten sie nun die Arbeit von Neuem vorgenommen, wo denn die bisherigen Schwierigkeiten weggefallen waren. Er setzte mir seine nunmehrige Theorie der ersten Bildung des Hühnerembryo auseinander, die jedoch von dem Puncte, auf dem sie durch Baer gebracht wurde, noch weit entfernt war. Blieben aber auch in der Darstellung des ganzen Herganges viel dunkle Stellen, so wußte er doch diese durch eine umfassende Ansicht zu erhellen; er vermuthete z.B., das erste sichtbare Fädchen sei das Vorbild eines Rückenmarkes und verschwinde, um durch ein vollkommneres Rückenmark ersetzt zu werden, wie die weißen Blutkörner den rothen, die Knorpel den Knochen vorangehen und wie in der Weltgeschichte überall ein rohes Volk durch ein edleres verdrängt werde. Am wenigsten genügten mir seine Ansichten von der Embryonenbildung bei Mammalien. – Im Gespräche milderte er die Paradoxie seiner früheren Meinungen über Blutlauf, Haargefäße u.s.w. so, daß ich ihm beistimmen konnte. Eben so einverstanden waren wir in unseren Urtheilen über die Physiologen unserer Zeit. Von Dünkel und literarischer Eitelkeit frei, scherzte er darüber, daß ich in meinem Buche vom Gehirne einige herbe Worte über ihn gesagt hatte und meinte, als die Rede auf eine im Meckelschen Archive befindliche Abhandlung von ihm über die Zeugung kam, einem tüchtigen Manne dürfe es nicht leid thun, auch bisweilen ein ganz unhaltbares Product der Phantasie in die Welt geschickt zu haben. Freigebig beschenkte er mich mit mikroskopische Injectionspräparaten und versprach mir Beiträge zu meiner Physiologie, namentlich Abbildungen von den verschiedenen Typen der Haargefäßbildung.

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Von München reiste ich nach Linz, wo ich mit meiner Frau zusammentraf, um mit ihr ihren Geburtsort Ottensheim zu besuchen und dann nach Wien zu gehen. Hier lebte ich im Ganzen genommen mehr dem Genusse, in Familienkreise und in Gesellschaft von alten und neuen Bekannten, besuchte Theater[372]  und Bildergallerieen, Palais und Kunstsammlungen, machte Ausflüge nach Baaden, Nußdorf, Kloster Neuburg u.s.w. Dazwischen aber hatte ich auch wissenschaftliche Unterhaltung mit dem Anatomen Römer, der mir die Sammlung der Josephinischen Akademie zeigte, mit dem Prosector Czermak, der mich die anatomische Sammlung der Universität sehen ließ, mit dem Primärarzte Schiffner, der mich im allgemeinen Krankenhause herumführte, am meisten aber mit dem Prosector Wagner, mit welchem ich mehrere Nachmittage die ausgezeichnete pathologisch-anatomische Sammlung durchging, während ich Vormittags öfters seinen Untersuchungen am Leichname beiwohnte. – Isfordink ließ als oberster Feldarzt einige Spuren von Flatulenz bemerken, die ich durch ein passendes Benehmen zu beseitigen wußte. Graf Harrach war unverändert; ich war oft bei ihm, und nachdem ich schon Abschied von ihm genommen hatte, brachte er mir noch sein Brustbild zum Andenken: ich sollte ihn nicht wiedersehen, denn er starb 1829. – Einen warmen Freund gewann ich an dem Literator und Dichter Georg von Gaal, welcher Bibliothekar des Fürsten Esterhazy war und späterhin auch noch die Inspection über dessen Gemäldegallerie übernahm. Wir blieben auch späterhin durch Briefwechsel in Verkehr.
In Prag war auch diesmal unser erster Gedanke, am Taufsteine unserer Tochter zu beten, und der zweite, der lieben Familie, die meine Frau nach ihrer Entbindung so menschenfreundlich aufgenommen hatte, unsere fortwährende Dankbarkeit zu bezeigen. Uebrigens sah ich das Nationalmuseum und die anatomische Sammlung; Professor Ilg war ein fleißiger Anatom, zwar von etwas altem Schnitte, aber wegen seiner mühsamen Arbeiten einer größeren Anerkennung werth, als ihm von der Regierung zu Theil wurde.
In Dresden interessirten mich vorzüglich Seiler und Carus, sowohl durch ihre Unterhaltung, als auch durch ihre Präparatensammlungen; der Hauptgegenstand war die Bildung des Embryo, über welche sie freilich noch sehr abweichende Meinungen hatten.[373] 
Von da reiste ich über Bauzen, wo ich einen Tag bei meinem Universitätsfreunde, dem Medicinalrathe Constantin, zubrachte und über Berlin zurück nach Königsberg, wo ich gegen Ende Octobers eintraf, dankbar für das gehabte Glück und froh, wieder an meine Arbeit zu kommen.



1. Amtsverhältnisse.










[374] Es war ein Uebelstand, daß Baer seit 1821 ordentlicher Professor und Mitglied der medicinischen Facultät, dabei noch Prosector war; ich hatte zwar, wie schon (S. 291) gesagt, ihn von Anfang an nicht als einen mir untergeordneten Beamten, sondern als Collegen behandelt und es war in dieser Hinsicht nie eine Irrung unter uns eingetreten, aber schon das nominelle Verhältniß erschien anstößig. Baer legte also 1826, mit mir einverstanden, das Prosectorat nieder, und da dieses 1827 interimistisch, dann definitiv meinem Sohne übertragen wurde, fand ich es nicht mehr passend, die Direction der anatomischen Anstalt zu führen, die denn auch das Ministerium auf meinen Antrag dem Professor von Baer übertrug.
Ehe dieses geschah, hatte ich mit meinem Sohne noch ein schweres anatomisches Geschäft. Ein Hauptmann von Droste hatte vor mehreren Jahren, als er den baldigen Tod seiner Gemahlin befürchtete, bei mir anfragen lassen, ob ich es übernehmen wollte, ihren Leichnam einzubalsamiren. Jetzt aber war er selbst, gegen siebzig Jahre alt, gestorben und seine Gemahlin übertrug mir nun am 11. August 1827 diese Procedur an seinem Leichname, da sie denselben in einem Glaskasten in ihrem Wohnzimmer aufgestellt sehen wollte. Es war ein wohlgenährter Körper von ungewöhnlicher Größe, und man hatte ihn nach[374]  dem Tode zwanzig Stunden lang bei der starken Sommerhitze im Bette liegen lassen, ehe er mir und meinem Sohne in der anatomischen Anstalt übergeben wurde. Nachdem wir ihn exenterirt hatten, spritzten wir eine Kalilauge in die aufsteigende Aorta, die arteri anonyma und die beiden Hüftarterien so lange, bis alles Blut verflüssigt und durch die entsprechenden Venen ausgetrieben worden war, so daß das nunmehr eingespritzte Wasser, welches die Kalilauge selbst hinwegnahm, ungefärbt abfloß. Nachdem diese Operation mit dem vollkommensten Erfolge vor sich gegangen war, spritzten wir eine feine rothe Wachsmasse in beide Carotiden und hatten die Freude, zu sehen, wie das Gesicht seine Falten verlor und die Wangen sich rundeten, den Schein lebendigen Turgors, ja selbst einen leisen Schimmer von Röthe gewannen. Wir wünschten uns Glück und legten den Leichnam in eine Lauge von Aetzsublimat, und da er nicht auf dem Boden der Wanne blieb, was uns freilich etwas stutzig machte, so hielten wir ihn durch aufgelegte große Steine darnieder. Am folgenden Morgen sahen wir zu unserem Schrecken, daß er die Steine abgeworfen hatte und oben schwamm: es war offenbar, daß die Fäulniß mit aller Macht hereinbrach. Wir nahmen durch Trepanöffnungen das Gehirn, in welchem wir die feinsten Haargefäße mit unserer Injectionsmasse gefüllt fanden und, so weit es möglich war, das Rückenmark heraus, exstirpirten die Augen, legten den Leichnam in eine frisch bereitete, stärkere Lauge von Aetzsublimat und beschwerten ihn mit mehreren Centnern schweren Steinen. Demungeachtet schwamm er bald wieder oben und die Fäulniß schritt fort. Wir machten nun an der Rückseite des Rumpfes und der Gliedmaßen tiefe Einschnitte, spritzten von der Sublimatlösung so viel als möglich zwischen die Muskelmasse, machten immer frische und stärkere Lauge, hingen leinene Beutelchen mit Sublimat in Substanz darein, so daß fast der ganze Vorrath davon in den Königsberger Drogueriehandlungen und Apotheken darauf ging: Alles vergeblich; der Leichnam warf die größten Steine herab und schwamm oben auf. Wir bändigten ihn nicht eher, als bis wir ihn durch eine an der Decke[375]  angebrachte Rolle an einem Seile in die Höhe zogen, so in ein über sieben Fuß hohes Faß, mit Sublimatlauge gefüllt, versenkten und mittels eines eingepaßten Deckels darnieder hielten. Die Dauerhaftigkeit, welche er in dieser dreiwöchentlichen Clausur erlangte, stimmte jedoch nicht zu dem, was sich indeß im Hause des Verstorbenen ereignete: die Wittwe nämlich hatte ihr Herz einem jungen Manne zugewendet, und da sie schon zu alt war, um das Gluck der Liebe lange hinausschieben zu können, verlobte sie sich mit ihm, ehe sie noch einen Monat in dem traurigen Wittwenstande zugebracht hatte. Der zum Erben eingesetzte Bräutigam meldete mir schon am 8. September, daß sie gestorben sei und er sie ihrem Wunsche gemäß sammt ihrem Gemahle, dessen Einbalsamirung nun unterbleiben müsse, beerdigen lassen wolle. Ich erwiderte, daß die Einbalsamirung bereits vollbracht sei; der Leichnam wurde vollständig mumificirt herausgehoben, angekleidet und in den Sarg gelegt; die Augenhöhlen wurden mit Baumwolle gefüllt, die Augenlider, Lippen und Wangen durch Drücken und Streichen in die normalen Formen gebracht: unser Werk war auf das Beste gelungen und machte uns nach der vielen Mühe und Sorge nicht wenig Freude. Allein der Erbe war sehr verdrießlich darüber, daß er die Kosten der Einbalsamirung tragen mußte und machte seiner übeln Laune Luft, indem er es sehr unrecht fand, daß wir die Mumie zur Schau ausgestellt hatten, auch behauptete, sie sehe dem alten Herrn nicht ähnlich, was in sofern richtig war, als sie nicht mehr die durch Alter und Krankheit gezogenen Furchen zeigte. Unser Kunstwerk wurde wirklich begraben!

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Baer hatte die ihm angetragene Professur der Anatomie in Dorpat abgelehnt und den Dr. Rathke dazu vorgeschlagen, was aber unberücksichtigt blieb, da man einen Inländer für diese Stelle zu finden hoffte. Im Frühjahre 1828 war aber auch die Professur der Physiologie daselbst erledigt und die Universität erkundigte sich in dieser Beziehung durch Erdmann bei mir nach Rathke. Ich schilderte diesen wie ich ihn kannte dem Dorpater Conseil, damit es ihn berufe, zugleich aber auch dem Ministerium in Berlin, um ihm eine Stellung auf einer[376]  preußischen Universität zuzuwenden. Letzteres gelang nicht, da gerade keine Vacanz war, und Rathke ging 1829 nach Dorpat.
Inzwischen erhielt Baer 1828 einen Ruf an die Petersburger Akademie der Wissenschaften. Er schwankte in seinem deßhalb zu fassenden Entschlusse; er wollte in Königsberg bleiben, wenn man ihm einige Wünsche gewährte, namentlich einen Zeichner und Kupferstecher für zootomische Gegenstände anstellte, und ging mit dem Vorsatze, diese seine Forderungen dem Ministerium vorzulegen, im September nach Berlin, kehrte jedoch zurück, ohne sich bestimmt erklärt zu haben. So blieb es denn nun auch bis gegen Ende 1829: Baer ging dann nach Petersburg ab, wobei es ungewiß blieb, ob er bloß die dasigen Verhältnisse näher kennen lernen, oder sein Amt daselbst sogleich antreten wollte. Ich glaubte Letzteres und trug auf Rathke's Berufung an; das Ministerium hatte die erstere Meinung und hoffte, da es Baers Werth wohl schätzte und allen seinen Wünschen möglichst zu entsprechen bereit war, ihn an Preußen binden zu können. Beides war irrig: Baer trat wirklich im Anfange des Jahres 1830 sein Amt als Akademiker in Petersburg an und reiste im Sommer in Aufträgen der Akademie nach Leipzig; auf der Rückreise durch Berlin aber entschloß er sich, seine Professur in Königsberg wieder anzunehmen. Hier hielt er aber auch nicht lange aus, sondern wurde im Sommer 1834 auf sein Gesuch in die Petersburger Akademie wieder aufgenommen und Rathke nahm seinen Lehrstuhl in Königsberg ein.



2. Literarische Thätigkeit.










[377] Im Frühjahre 1828 beendigte ich den zweiten Band meiner Bearbeitung der Physiologie1, der in der Geschichte dieser Wissenschaft Epoche macht. Denn nach den ersten Versuchen eines Harvey und Malpighi, und nach den trefflichen,[377]  aber dunkeln, zum Theil unverständlichen Arbeiten von Wolff und Pander wurde hier zuerst eine lichtvolle und zusammenhängende Darstellung von der Bildung des Embryo gegeben. Es waren die glücklichen Forschungen von Baer und Rathke, welche über diese Lehre Licht verbreitet hatten; indessen rechne ich es mir zum Verdienste an, diese trefflichen Forscher zu Fortsetzung dieser ihrer Studien angeregt zu haben, und glaube, durch die allgemeinen Ansichten, die sich mir aus ihren und Anderer Untersuchungen ergeben hatten, auch zur Förderung der Wissenschaft beigetragen zu haben, wie denn Baer, als ich ihm mein Manuscript über Einsaat und Brütung mitgetheilt hatte, mir seinen Beifall auf das Wärmste zu erkennen gab.
Indessen mußte ich den Vortheil, die Resultate seiner Untersuchungen benutzen und dem Publikum mittheilen zu dürfen, mit manchem Verdrusse erkaufen. Baer sprach seinen Willen oft ganz unbestimmt und unverständlich, oder auch gar nicht aus, und war dann ärgerlich und argwöhnisch, wenn man nicht dem gemäß gehandelt hatte, was er deutlich verlangt zu haben glaubte; überhaupt aber bewies er eine große Reizbarkeit, und beschwerte sich mit Heftigkeit über mein eigenmächtiges Verfahren, wo ich, um nicht ewige Rückfragen thun zu müssen, in minder bedeutenden Dingen eine Aenderung getroffen hatte. Er war darüber sehr aufgebracht, daß ich seinen Aufsatz über die gesammte Bildungsgeschichte des Hühnerembryo nicht ungetheilt aufgenommen, sondern dem Plane des Werks gemäß seine allgemeinen Bemerkungen, die er in der speciellen Geschichte der Entwicklung eingeflochten hatte, dahin stellte, wo gerade von diesen allgemeinen Beziehungen die Rede war. Er hatte von Bauchplatten und Rückenplatten gesprochen; da nun Bauch den Unterleib, Rücken den hintern Theil der Brust bezeichnet, und andrerseits diese Theile, weil nicht blos vom Menschen, sondern auch von Thieren die Rede war, nicht als vordere und hintere Platten bezeichnet werden konnten, so hatte ich dafür den auf morphologischen Begriffen beruhenden Namen: Visceral- und Spinalplatten gewählt, was mir Baer ebenfalls[378]  nicht vergeben konnte. Ich hatte es mir ferner in der ganzen Arbeit zum Gesetze gemacht, bei jeder neuen Ansicht auch die ersten Andeutungen oder Ahnungen derselben zu bemerken; da ich nun nach demselben Grundsatze die Vorläufer von zwei Entdeckungen Baers angab, nahm es dieser, als wollte ich sein Verdienst schmälern. Diese und Gott weiß, welche andere Mißverständnisse vermochten ihn endlich, während des Druckes vom zweiten Bande der Physiologie seine Arbeit mit Zusätzen ohne mein Vorwissen besonders herausgegeben (über die Entwicklungsgeschichte der Thiere. Königsberg 1828. 4.), wo er auch (S. X) dies dadurch motivirt, daß ich seinen Beitrag nicht als opusculum in opere hätte wollen erscheinen lassen. Hätte ich darauf antworten wollen, so würde ich gesagt haben, daß das opus eben keine Sammlung von opusculis, sondern ein System sein sollte. Ich war mir aber bewußt, jederzeit ehrlich und offen gegen ihn zu Werke gegangen zu sein, und schwieg.

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Lernte ich auf diese Weise die Schwierigkeiten eines literarischen Bündnisses, welches ich mir geträumt hatte, durch die Erfahrung kennen, so belehrte mich das Beispiel von Rathke, daß diese Schwierigkeiten nicht in der menschlichen Natur, sondern in der Persönlichkeit gegründet sind, ein solches Bündniß also nicht an sich unausführbar ist. Zwischen mir und Rathke trat nie ein Mißverständniß ein; ohne irgend einen Rückhalt theilte er mir alle seine Beobachtungen mit, und überließ sie meiner Disposition, indem er, wenn ich sie auch meinen Systeme gemäß verschieden stellte, sein Eigenthumsrecht nicht gekränkt fand; er eröffnete es mir, wenn er eine Sache anders ansah als ich, und duldete es, wenn ich eine von der seinigen abweichende Meinung aufstellte. In der Vorrede zu seiner Schrift über die Bildung des Flußkrebses erwähnt er, daß ich ihn auf das Lagenverhältniß des Dotters beim Spinnenembryo aufmerksam gemacht und ihn aufgefordert hatte zu untersuchen, ob dies von dem der Wirbelthiere abweichende Verhältniß vielleicht auch bei andern wirbellosen, namentlich Gliederthieren, sich finde. Diese mir ganz unerwartete Erwähnung freute mich, und ich[379]  glaubte, mich deren durch ähnliche literarische Gewissenhaftigkeit nicht unwürdig bewiesen zu haben.
Der dritte Band2, den ich ohne fremde Beiträge lieferte, wurde im Jahre 1829 beendigt.
Für den vierten Band3 hatte ich das Glück, Johannes Müller zum Mitarbeiter zu gewinnen. Wir unterhielten deshalb in den Jahren 1830 bis 1832 einen lebhaften Briefwechsel; ich legte ihm meinen Plan und meine Ansichten über die Hauptpuncte der Lehre vom Blute vor; er theilte mir dagegen seine Beobachtungen über einzelne Momente, die ich gehörigen Orts einschaltete, so wie seine ungetheilt aufgenommene Abhandlung über die Formen der Blutbahn in der Thierreihe mit. Zuletzt schickte ich ihm mein Manuscript, damit er sähe, ob er den Gebrauch, den ich von seinen Mittheilungen gemacht, billigen könnte und ob er noch Zusätze nöthig fände; er gab solche Zusätze (S. 103-136), die, da ich um diese Zeit auf einer Reise begriffen war, gedruckt wurden, ohne daß ich sie zuvor gesehen hatte. Bei seiner Beweisführung, daß der Faserstoff in der farblosen Flüssigkeit des Blutes seinen Sitz habe, hätte er anführen können, daß ich ihm in meinen Briefen triftige Gründe dafür angegeben hatte; doch war ich auch ohne dies zufrieden, daß er meine Meinung durch directe Erfahrungen bestätigt hatte. Da er im folgenden Jahre selbst ein ausführliches Werk über Physiologie herausgab, so konnte ich auf seine fernere Theilnahme an meinem Unternehmen keine Ansprüche machen.


1827 ernannte mich die philosophisch-medicinische Gesellschaft zu Würzburg und 1830 die medicinische Facultät an der Universität zu Pesth zum correspondirenden Mitgliede; ordentliches Mitglied wurde ich 1831 von der Gesellschaft für Naturwissenschaft und Heilkunde in Heidelberg und 1832 von dem Vereine für Heilkunde in Preußen. – Das National-Institut[380]  beehrte mich im Juni 1831 mit einer goldenen Medaille für mein Werk über das Gehirn und für meine Bearbeitung der Lehre von der Zeugung. Diese Auszeichnung war mir um so werther, da sie mir durch Cuvier zu Theil wurde. Uebrigens verschaffte mir mein Werk das Vergnügen des Briefwechsels mit mehreren Gelehrten, namentlich mit Blainville, Carus, Seiler, Weber, Heusinger, Purkinje.
Was meine Nebenarbeiten aus diesem Zeitraume betrifft, so gehört dahin zuvörderst meine Theilnahme an der Feier von Sömmerrings Doctor-Jubiläum. Ich sammelte Subscribenten, welche sich 29 auf das Fest geprägte Medaillen kommen ließen und zu Stiftung eines Sömmerringschen Preises 39 Ducaten an die Senkenbergische naturforschende Gesellschaft schickten; im Namen der Universität aber stattete ich dem Jubilar die ihm so wohl gebührenden Glückwünsche in einer von dem Verleger trefflich ausgestatteten Schrift ab4. Ich wußte, daß diese Festgabe seinem anatomischen Schönheitssinne genehm sein würde, wie er denn auch in seinem Danksagungsschreiben die Wahrheit und Schönheit der beigefügten Abbildungen rühmte; er belohnte aber meine herzliche Verehrung reichlich, indem er mir unter Anderem schrieb: »Die persönliche Bekanntschaft mit Ihnen gehört zu den angenehmsten Ereignissen meines Lebens; denn was geht hienieden über geistige Unterhaltung!«
Nicht minder lebhaft bewegte mich die Unternehmung eines Schillern in Stuttgart zu errichtenden Denkmals. In einer Abendgesellschaft in der Loge zu den drei Kronen hielt ich einen nachmals5 gedruckten Vortrag über den Charakter der in Schillers Tragödien auftretenden Frauen, und schloß mit der Aufforderung an deutsche Frauen, zu Schillers Denkmale beizutragen, indem ich sie erinnerte, daß Heinrich Frauenlobs[381]  Denkmal im Dome zu Mainz seit fünf Jahrhunderten verkündigt, wie hochherzige Frauen ihrem Sänger zu lohnen wissen. Die anwesenden Frauen unterzeichneten sogleich 61 Thaler, und ich machte mir die Freude, diese Summe an Dannecker, der sein hohes Kunsttalent am Denkmale seines verewigten Jugendfreundes bewährt hatte, zu senden.
In der deutschen Gesellschaft las ich eine Abhandlung über die Zeitrechnung des menschlichen Lebens vor, die auch gedruckt wurde6. Ich ging davon aus, daß das Leben im Mutterleibe die Wurzel des selbstständigen Lebens sei, mithin die Dauer des letztern eine Potenzirung der Dauer des erstern sein müsse, und leitete daraus ab, daß die normale Lebensdauer 76 Jahre und 241 Tage betrage.
Auch veröffentlichte ich einige von mir ausgearbeitete Superarbitrien7.
Fußnoten

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1 Mit Beiträgen von K.E.v. Baer, H. Rathke und Ernst H.F. Meyer. Mit 4 Kupfert. 1828. VIII und 757 S.

2 1830. X und 817 S. mit 6 Tabellen.

3 Mit Beiträgen von Johannes Müller. 1832. VIII und 495 S.

4 De foetu humano adnotationes anatomicae, quibus praemiss isviro perillustri S.T. de Soemmerring doctoratus in medicina impetrati semisaecularia gratulatur universitas literaria Regiomontana interprete C.F. Burdach. Accedit tabula acnea. Lipsiae prostat apud L. Voss. 1828. 8. p. Fol.

5 Zeitung für die elegante Welt. 1827. Nr. 245-250.

6 Die Zeitrechnung des menschlichen Lebens. Am 3. August 1829 in der öffentlichen Versammlung der königlichen deutschen Gesellschaft vorgetragen von K.F. Burdach, Leipzig. Verlag von L. Voß. 1829. V und 58 S. 8.

7 Hitzigs Zeitschrift für die Criminal-Rechtspflege in den preußischen Staaten. Bd. II. S. 129-143. Bd. VI. S. 409-428. Bd. XX. S. 370-379. Bd. XXIV 
Supplementheft S. 1-35.




3. Versammlung der Naturforscher in Berlin.










[382] Der Minister von Altenstein wünschte, die Versammlung der Naturforscher, die 1828 in Berlin Statt finden sollte, so bedeutend als möglich zu machen, und forderte in einem an Hagen, Baer, Meyer und mich gerichteten Schreiben uns auf, die in der Provinz Preußen lebenden Schriftsteller im naturwissenschaftlichen und ärztlichen Fache, welche uns zur Theilnahme vorzugsweise geeignet schienen, dazu einzuladen. Wir selbst, mit Ausnahme des Medicinalraths Hagen, fanden uns natürlich dabei ein.
In der öffentlichen Versammlung am 22. September hielt[382]  ich einen, nachmals in Heckers Annalen gedruckt erschienenen Vortrag über die Psychologie als Naturwissenschaft, in welchem ich zu zeigen suchte, daß, wie die Physiologie des leiblichen Lebens nur durch Auffassung desselben in allen seinen verschiedenen Formen oder durch die comparative Methode Fortschritte gemacht habe, die Psychologie denselben Weg einschlagen und die Aeußerungen des Seelenlebens auf allen Stufen der Thierreihe nothwendig in ihren Kreis ziehen müsse. Unmittelbar nach dem Vortrage forderten mich die Professoren Purkinje, Lichtenstädt und Beneke auf, die Errichtung einer psychologischen Section der Versammlung zu veranlassen; ich ließ mich dazu bestimmen, und da ich die Genehmigung Humboldts, als vorsitzenden Geschäftsführers sogleich erhielt, so wurde auch noch in derselben Sitzung die neue Section angekündigt. Wir kamen noch am Abende desselben Tages zu einer Berathung zusammen; da die früher errichteten Sectionen die freie Zeit der Versammelten schon in Anspruch genommen hatten, so wurde beschlossen, daß die psychologische Section erst nach Beendigung der öffentlichen Versammlung ihre Sitzungen halten solle, und hierzu wurden die nöthigen Verabredungen getroffen. Am folgenden Tage aber protestirte Oken mit allem Ernste gegen unser Unternehmen, und zwar aus dem Grunde, weil bei den psychologisch-naturwissenschaftlichen Discussionen Aeußerungen hervortreten würden, welche mit den kirchlichen Dogmen in Widerspruch ständen, und dadurch das Institut der Versammlungen der Naturforscher überhaupt bei den Regierungen verdächtigen könnten. Wiewohl nun dieser Grund wenig Eindruck auf mich machte, so gab ich doch das Unternehmen auf, weil bei mir schon die Besorgniß entstanden war, daß die Verhandlungen durch allerhand lästige Theilnehmer gestört und verunstaltet werden könnten, denn schon in den wenigen Stunden seit jener Ankündigung hatte sich ein unreifer Enthusiast und ein überreifer Phantast an mich gedrängt, welche die Eröffnung der psychologischen Sitzungen nicht erwarten konnten.

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Uebrigens schaffte der wissenschaftliche und dabei lebensfrohe Verkehr so vieler interessanter Männer großes Vergnügen.[383]  Unter Andern hatte mein wackerer Freund Dieffenbach, der seine operative Kunst auf physiologisches Wissen basirte, es eines Tages angeordnet, daß ich beim Mittagsmahle mit Tiedemann, Retzius, Rudolphi, Müller, Seiler, Heusinger, Baer, Rathke, Schultze, Weber, Otto, Mänz an einer Tafel saß. Auch fand ich Mehrere, die zugleich oder doch ziemlich zu derselben Zeit mit mir unter Frank in Wien studirt hatten, namentlich den Geheimen Medicinalrath Wendt aus Breslau, den Obermedicinalrath von Froriep aus Weimar, den Regierungsrath Hartmann aus Frankfurt, den Hofrath Seegert aus Berlin und meinen theuren Freund Staatsrath Rehmann aus Petersburg. Letzterer wollte uns zu einem Erinnerungsfeste vereinigen; doch kam es nicht dazu. – Rehmann – um die Nachrichten über ihn zu ergänzen – hatte, seitdem ich ihn nicht gesehen, in mehr als einer Hinsicht ein hartes Loos zu tragen gehabt. Im Herbste 1820 nach Petersburg zurückgekehrt, hatte er die Direction des Civil-Medicinalwesens in Rußland bekommen, und dabei viel Cabale zu bekämpfen gefunden. So hatte er mir 1821 geschrieben: »Ich habe in den letzten fünf Jahren manche moralische Leiden erduldet und viel Philosophie und Standhaftigkeit nöthig gehabt, um das Leben nicht vollkommen zu verachten.« Dazu kamen nun noch unsägliche körperliche Leiden: die Gicht trat bald als Gliederreißen, bald als furchtbare Augenentzündung, bald als Asthma auf, und die Gallensteine verursachten einen sonderbaren beängstigenden Druck im Gehirne. Er besuchte 1828 bis 1830 Karlsbad, Ischl und Marienbad, und starb im folgenden Jahre.



4. Die Cholera.










[384] Als die Cholera-Epidemie, die 1830 in Rußland aufgetreten war, im Anfange des Jahrs 1831 auch im benachbarten Polen sich zeigte, hatten wir sie auch bei uns zu erwarten, und wir Aerzte bereiteten uns durch Studium der bisher bekannt gemachten Beobachtungen über die ostindische Epidemie zu deren Empfange vor. Unterm 5. April publicirte das Ministerium[384]  eine Instruction über das bei Annäherung der Cholera, so wie beim Ausbruche derselben zu beobachtende Verfahren. Dem gemäß wurde in Königsberg außer 8 Sanitäts-Commissionen für die einzelnen Distrikte der Stadt eine Central-Sanitäts-Commission errichtet, bestehend aus dem Oberburgemeister, fünf Stadträthen, dem Polizeipräsidenten, einem Polizeirathe und vier Aerzten, zu welchen auch ich gehörte.
Dem Urtheile der ärztlichen Behörden der Provinz wurde nichts überlassen; das Medicinalcollegium und die medicinische Facultät wurden ganz außer Acht gelassen, weder befragt, noch irgendwie beauftragt, noch auch nur von den Ereignissen in Kenntniß gesetzt. Alle Anordnungen waren im Voraus vom Ministerium gemacht, und die Immediat-Commission zu Abwehrung der Cholera, an deren Spitze der General v. Thile stand, richtete ihre Befehle bloß an die bürgerlichen Behörden; die Cholera wurde als eine entschieden contagiöse, der Pest ähnliche, durch Absperrung zu verhütende Krankheit betrachtet. Im Widerspruche mit den demnach angeordneten Sperrmaaßregeln wurde durch die zu Ueberwindung der insurgirenden Polen nothwendige Verproviantirung des russischen Heers zu Einschleppung der Krankheit vielfacher Anlaß gegeben. Diese Umstände bestimmten mich, der Central-Sanitäts-Commission folgenden Aufsatz zu übergeben: »Da in unserer Provinz keine ärztliche Behörde besteht, welche bei dem zu besorgenden Ausbruche der morgenländischen Cholera die nach Maßgabe der jedesmaligen Umstände erforderlichen gesundheits-polizeilichen Maßregeln zu treffen, oder der Regierung vorzuschlagen, autorisirt wäre, dergleichen es in andern Ländern, welche von dieser Seuche bedroht oder heimgesucht waren, namentlich in Ostindien, Rußland und Polen gab, – so wende ich mich mit den Bemerkungen über das öffentliche Gesundheitswohl, welche ich als Arzt und Bürger mitzutheilen mich verpflichtet fühle, an die gegenwärtige verehrliche Sanitäts-Commission. Denn dadurch, daß ein hochlöblicher Magistrat auch mehrere Aerzte zu dieser Commission berief, sprach derselbe seinen Willen aus, die ärztliche Erfahrung zu benutzen und in Gemäßeit derselben seine[385]  Verfügungen in Betreff des öffentlichen Gesundheitswohls zu treffen.«
»1) Die Disposition zur Cholera besteht hauptsächlich in einer Störung der Verdauung, welche entweder durch Unmäßigkeit, oder durch eine zu dürftige, an Nahrungsstoff zu arme, namentlich rein vegetabilische Kost hervorgebracht wird. Vor Unmäßigkeit kann die Gesundheitspolizei nur warnen; für das reichliche Vorhandensein einer gesunden und kräftigen Nahrung aber kann sie Sorge tragen, und auf die Nothwendigkeit, die Erwerbsquellen der Unbemittelten zu erhalten und zu vermehren, kann sie die Behörden aufmerksam machen. Dadurch, daß man wohlfeile und gesunde Nahrung schafft, den Erwerb erleichtert und dem Arbeitslosen Arbeit giebt, wird in der That zu Steuerung einer solchen Seuche mehr ausgerichtet, als durch Sperrungen, die bei ihrem unbestreitbaren Nutzen1 auch viele Uebelstände für die Gesundheit mit sich führen. Nun ist durch die Verproviantirung des immer näher an unsere Gränzen heranziehenden und dieselben mit seinen Seuchen bedrohenden russischen Heers der Preis der Lebensmittel, insbesondere des Fleisches, bei uns so gestiegen, daß der Aermere sich nicht mehr mit einer kräftigen Kost versehen kann. Auf der andern Seite nimmt die Armuth zu; so sind z.B. in unserer Stadt einige Hunderte von Menschen, die sonst durch Bearbeitung, Umladung, Verschickung etc. der aus Polen kommenden Waaren ihr Brot erwarben, jetzt arbeitslos; mehrere Gewerbe wer den durch die zu Verhütung der Seuche getroffenen Maßregeln beeinträchtigt, und bei eintretender Sperrung wird die Nahrungslosigkeit noch viel allgemeiner werden. Es steht daher sehr zu besorgen, daß die morgenländische Cholera, wenn sie hier ausbricht, sehr weit um sich greifen und eine furchtbare Höhe ereichen wird, so daß die[386]  Atmosphäre bedeutend verunreinigt und dadurch die Gesundheit von Reichen wie von Armen gleich gefährdet wird. Um dem vorzubeugen, dürfte bei der königlichen Regierung darauf anzutragen sein, daß eine hinlängliche Menge Schlachtvieh aus andern gesunden Gegenden uns zugeführt, der nöthige Getreidevorrath aufgespart2, die Schlacht- und Mahlsteuer für den Augenblick suspendirt und überhaupt auf jede Weise auf Ermäßigung der Preise hingewirkt, so wie durch öffentliche Arbeiten dem nahrungslosen Handarbeiter Erwerb verschafft werde. Wir dürfen überzeugt sein, daß ein solcher Antrag, soweit die höhere Behörde ihn als ausführbar erkennt, Berücksichtigung finden wird. Denn wenn es die Nothwendigkeit gebietet, für die Subsistenz des russischen Heers zu sorgen, so wird die königliche Regierung gewiß auch nichts versäumen, was zur Sicherung des Lebens der königlichen Unterthanen nöthig ist.«
»2) Neben schlechten Nahrungsmitteln ist Furcht und Schrecken diejenige Schädlichkeit, welche am meisten zur morgenländischen Cholera disponirt. Daher ist es denn wichtig, daß die Behörden Alles vermeiden, was die Unruhe und Besorgnisse des Publikums unnöthiger Weise vermehrt und der Phantasie grausenhafte Bilder vorführt3; so scheint es mir z.B. sehr bedenklich, wenn Briefe mit der Aufschrift: Pestangelegenheiten durch die Provinz verschickt werden. Die Ansteckungskraft der bösartigen Cholera ist so wenig bedeutend, daß sie von mehrern Aerzten, welche diese Seuche im Großen zu beobachten Gelegenheit hatten, gänzlich geleugnet wird; aber eine verständige Vorsicht gebietet, sich auf jeden Fall möglichst dagegen zu sichern, und so zu handeln, als ob die Ansteckungskraft nicht allein unbezweifelt, sondern auch sehr mächtig wäre. Indem es nun auf der einen Seite nöthig ist, nicht bloß der Form nach und in gewissen Fällen, sondern in der That und[387]  rücksichtslos jede Gemeinschaft mit inficirten Gegenden vollständig aufzuheben, dürfte es andrerseits auch rathsam sein, das Publikum dadurch zu beruhigen, daß man ihm den richtigen Gesichtspunkt, aus welchem diese Maaßregeln zu beurtheilen sind, aufstellte. Ich erlaube mir daher, darauf anzutragen, daß die verehrliche Sanitäts-Commission eine Belehrung des Publikums über das Wesen und die Verhütung der asiatischen Cholera bekannt mache.«

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»3) Es scheint gefährlich, Verordnungen zu erlassen, von welchen vorauszusehen ist, daß sie nicht zur Ausführung kommen; denn indem man ihnen nicht nachkommt, wird man leicht dahin geführt, auch diejenigen zu vernachlässigen, deren Befolgung dringend nothwendig ist. Durch die Verfügung vom 23. Mai werden die Aerzte verpflichtet, ›ohne alle weitere Rücksicht jede ihnen zur Behandlung dargebotene oder übergebene Krankheit, welche den Charakter der Cholera, nämlich öfteres Erbrechen und eben so häufige Darmausleerungen etc. zeigt, so schleunig als möglich dem Polizei-Präsidium anzuzeigen.‹ Die gewöhnliche Cholera komm seit mehreren Monaten häufig in Königsberg vor, so daß mancher Arzt jetzt fünf bis sechs Fälle dieser Art zu behandeln hat; aber sie ist so gutartig, daß die Gefahr leicht beseitigt, ja die Krankheit in manchen Fällen ohne alle Arzneien bloß durch eine zweckmäßige Diät gehoben wird. Sollte man nun alle diese Fälle dem königlichen Polizei-Präsidium anzeigen, so würde dieses nur unnöthiger Weise behelligt, und das Publikum durch etwa dadurch veranlaßte Maaßregeln erschreckt und belästigt werden. Daher wäre wohl das K. Polizei-Präsidium um die Erklärung geziemend zu ersuchen, daß die Aerzte verpflichtet seien, nicht jede ihnen vorkommende Krankheit, welche den Charakter der Cholera zeigt, sondern nur eine solche, die den Charakter der bösartigen asiatischen Cholera an sich trägt, sogleich anzuzeigen.«
»Dies sind die Bemerkungen, welche ich der verehrlichen Sanitäts-Commission zur weiteren Prüfung heute vorzulegen mir erlaube. Weitere Bemerkungen werde ich mit gleicher Freimüthigkeit künftig mittheilen. Denn in Zeiten der Gefährdung[388]  des öffentlichen Gesundheitswohls gebietet die Bürgerpflicht dem Arzte, nicht allein zu handeln, sondern auch zu sprechen.«
Ich erhielt den Auftrag, eine Belehrung für das nichtärztliche Publikum abzufassen und vollzog denselben in möglichster Eile4. Ich erklärte darin unter Anderem, daß, wie jede Krankheit unter gewissen Umständen ansteckend werden könne, so auch die Ansteckungskraft der Cholera möglich, aber nicht hinreichend bewiesen sei.
Daß die Cholera nicht in der Weise ansteckend sei, um durch Sperrung abgehalten werden zu können, war eine Meinung, welche die Königsberger Aerzte mit wenigen Ausnahmen mit mir theilten und die dem Oberpräsidenten von Schön sehr willkommen war, da er den zu Verproviantirung der russischen Truppen nöthigen Verkehr mit den der Cholera verdächtigen Gegenden gegen das darüber erbitterte Publikum nur durch die Behauptung rechtfertigen konnte, es sei keine Gefahr der Ansteckung vorhanden. Er hatte diese Partie ergreifen müssen; denn wenn die Cholera eine abzusperrende, pestartig ansteckende Seuche war, so gab ja der preußische Hof dem russischen zu Liebe das eigene Land durch jenen Verkehr dem Verderben Preis. Indeß verfuhr Herr v. Schön übrigens in demselben Sinne, wie das Ministerium, in sofern er die wegen der Krankheit zu ergreifenden Maßregeln bloß als eine Angelegenheit der Regierungsbeamten behandelte. Die medicinische Gesellschaft, welche seit einigen und zwanzig Jahren hier bestand, bat ihn um Mittheilung der bei ihm eingehenden Berichte und Aufsätze über die Epidemie, erhielt aber zur Antwort, daß er ihren Mitgliedern gestatten wolle, auf seinem Bureau Einsicht in die darüber geführten Acten zu nehmen. Dies konnte nicht genügen und die Gesellschaft beschloß, bei dem Ministerium um einen Befehl an das Ober-Präsidium zu der gewünschten[389]  Mittheilung einzukommen. Da ihr bisheriger Director diesen gegen den Oberpräsidenten zu thuenden Schritt scheute, so trat ich an dessen Stelle und unter meiner Leitung nahm diese Privatgesellschaft während der Epidemie gewissermaßen die Stelle der ärztlichen Behörde ein, da Medicinalcollegium und medicinische Facultät in dieser Angelegenheit so gut wie nicht existirten: sie war eine Schaar patriotischer Freiwilliger ohne Aufgebot. Mit Vergnügen erinnere ich mich meiner Wirksamkeit in diesem aus 23 Aerzten und 3 Apothekern bestehenden Vereine, in welchem ein lebendiger, kräftiger Gemeinsinn und die vollkommenste Eintracht herrschte.
Indeß brach die Krankheit am 28. Mai in Danzig aus; da aber von da aus das auf russischen Fahrzeugen dahin gebrachte Getreide über Königsberg zur russischen Armee geschafft werden sollte, so sah sich der Oberpräsident zu einer doppelzüngigen Sprache genöthigt. Er erklärte unterm 8. Juni dem Königsberger Magistrate, die von demselben für nöthig erachteten Maßregeln gründeten sich auf Voraussetzung einer Seuche, die indeß in Danzig noch nicht anzunehmen sei, da noch immer nur 4 bis 5 (eigentlich 8) Menschen täglich (an der Cholera) stürben; Personen, welche gehörig legitimirt von daher kämen, dürften daher nicht in der Quarantäne aufgehalten werden und die von Danzig kommenden Fahrzeuge zum Transporte von Verpflegungsmitteln für die russischen Truppen sollte man ungestört ihre Ladungen einnehmen und abgehen lassen. In einer Bekanntmachung vom 9. Juni sagt er, an der angeblich mit Symptomen der Cholera in Danzig zum Vorschein gekommenen Krankheit wären vom 29. Mai bis 7. Juni 72 Personen erkrankt und 41 gestorben; es wären die Sperren der betroffenen Stadttheile veranlaßt, und insbesondere gegen die von Rußland und Polen kommenden Fahrzeuge die nöthigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen, so daß in dieser Beziehung eine Landesgefahr nicht zu befürchten stünde.
Im Juli rückte die Seuche, die in Danzig fortwährend herrschte, uns immer näher, indem sie am 12ten in Elbing, am 14ten in Posen, am 17ten in Pillau, am 18ten in Memel und[390]  am 19ten in Neidenburg ausbrach. In der Nacht vom 22/23sten erschien sie in Königsberg: in einem Hause der Vorstadt, in welchem mehrere arme Familien gedrängt beisammen wohnten, erkrankten mit einem Male sieben Menschen daran, während zugleich in der Stadt ein Krankheitsfall vorkam.
Die medicinische Gesellschaft verschaffte sich ein Local, um täglich von 10 bis 12 Uhr zu gegenseitigen Mittheilungen und Berathungen zusammen zu kommen, lud auch die übrigen Aerzte der Stadt dazu ein. Auch traf sie die Einrichtung, daß in jeder Nacht von Abends 10 bis Morgens 6 Uhr zwei Aerzte in einem öffentlich angezeigten Locale wachten und Wagen, von der Communalbehörde geliefert, bereit standen, um sie dahin zu bringen, wo ihre Hülfe verlangt würde. Dadurch wurde die nächtliche Ruhe der übrigen Aerzte, welche gerade nicht auf der Wache waren, gesichert. Ich wollte, wie mich die Reihe träfe, ebenfalls an der Wache Theil nehmen, meine Collegen nahmen es aber nicht an.


Von den Behörden wurden nun Versuche gemacht, die von der Immediatcommission angeordneten Maßregeln in Anwendung zu bringen. Kranke, deren Wohnung nicht geräumig genug sei, um darin gehörig abgesondert zu werden, sollten durch Reinigungsknechte in die Hospitäler gebracht werden, die ein geheimnißvolles Aussehen erhielten, indem die zu ihnen führenden Straßen durch hohe Bretterwände gesperrt waren; das Haus, in welchem ein Mensch an der Cholera erkrankte, sollte von Wachen umstellt und jeder Verkehr mit seinen Bewohnern bei Strafe von 20 Thalern oder achttägigem Gefängnisse bei Wasser und Brod aufgehoben sein u.s.w. Man überzeugte sich bald, daß die Anordnungen sich nicht ausführen ließen; aber die Versuche dazu brachten eine Gährung unter dem Volke hervor, und an Stelle der Krankheit bewies der Unverstand der Anordnungen seine Ansteckungskraft, indem er hin und wieder den wahnsinnigen Gedanken hervorrufte, man gehe damit um, sich der Armen zu entladen, indem man sie theils durch die polizeiliche Hinderung des Eintritts der mit Lebensmitteln zur Stadt kommenden Landleute verhungern, theils durch die Aerzte[391]  in den für jeden Andern unzugänglichen Räumen vergiften lassen wolle. Am 25sten hielt der Oberpräsident in Gegenwart der beiden Abgeordneten, welche die Immediat-Commission hierher geschickt hatte (Major von Below und Prof. Wagner) eine Berathung, in welcher das General-Commando es für unmöglich erklärte, die zu den Absperrungen und Cordons erforderlichen Truppen zu stellen und die Nothwendigkeit anerkannt wurde, für den Unterhalt der Einwohner den Verkehr mehr frei zu geben; das Resultat war die Festsetzung, daß Jeder überall frei passiren könne, wer von der Sanitäts-Commission oder von seiner Ortspolizeibehörde eine Bescheinigung habe, daß er weder der Ansteckung verdächtig sei, noch auch in einem derselben verdächtigen Hause gewohnt habe. Daß diese Bescheinigungen völlig nichtssagend und eine leere Formalität waren, versteht sich von selbst. – An 26sten kam ein engerer Ausschuß zusammen, welchem ich ebenfalls beiwohnte und an dessen Resultaten ich vorzüglichen Antheil gehabt zu haben mich rühmen darf. Es wurde nämlich beschlossen, von Seiten der Regierung bekannt zu machen, daß, da die Erfahrung die zur Abwehr der Cholera getroffenen Maßregeln als im Innern des Landes unzulänglich, Angst und Besorgniß aber als vorzügliche Beförderungsmittel der Krankheit erwiesen habe, – die Thorsperre aufgehoben sei, jeder Kranke, er sei arm oder reich, wenn er wolle, in seiner Wohnung bleiben könne, sein Haus nicht mehr gesperrt werde und die Beerdigung auch auf den gewöhnlichen Begräbnißplätzen gestattet sei. Um diese wesentliche Befreiung durchzusetzen, mußte ich noch in einige Beschränkungen einwilligen, auf welche der anwesende Regierungsrath drang, da sie doch den Schein gaben, als thue man noch etwas gegen die Ansteckung: es sollte nämlich am Hause eines Cholerakranken eine Tafel mit der Aufschrift: Cholera, aufgehängt werden; vor der Krankenstube sollte ein Wächter stehen, der außer den mit der Krankenpflege beschäftigten Personen Niemandem ohne Vorwissen des Arztes den Zutritt gestatten dürfe; auch sollte auf einem Tische eine Schale mit verdünntem Essig stehen, worein das Kaufgeld für empfangene Sachen geworfen würde; die[392]  Leichname endlich sollten nicht abgewaschen und bekleidet, die Särge aber vernagelt und verpicht werden. Diese Vorschriften zu beobachten, ist meines Wissens Niemandem eingefallen. Die Bekanntmachung der Beschlüsse wurde auf der Stelle gedruckt und die obigen Puncte derselben würden das Volk beruhigt haben.
Allein ein Mitglied der Regierung, welches die höhern Orts befohlene Ansteckungstheorie festhielt, auch demgemäß auf dem Walle in eigener Person Wache gestanden hatte, hielt die gedruckten Exemplare zwei Tage lang zurück und unterdessen brach der Unwille des Volkes in Aufruhr aus. Der zusammengerottete Pöbel bemächtigte sich am Morgen des 28. Juli des Polizeigebäudes, plünderte und verwüstete dasselbe und schlug die Scheinangriffe des Militärs mit Steinwürfen zurück. Da das Militär keinen ernsten Gebrauch von seinen Waffen machen durfte, so nahm der Tumult immer mehr überhand, ohne jedoch, da es an Anführern fehlte, zu ernsteren Unternehmungen zu kommen, bis endlich Nachmittags Bürger und Studirende, mit Schießgewehren und andern Waffen versehen, einschritten, das Polizeigebäude in Besitz nahmen und die theils in den Straßen postirten, theils in Branntweinhäuser geflüchteten Tumultuanten ergriffen und verhafteten, einige auch tödteten.
Wir waren am Vormittage dieses Tages an unserem gewöhnlichen Versammlungsorte, als wir von dem Tumulte und von mehreren auf Aerzte gerichteten Angriffen Nachricht erhielten. Zugleich fanden wir im Zeitungsblatte dieses Tages eine Bekanntmachung des Oberpräsidenten, worin es hieß, »es hätten sich Spuren der Cholera in Königsberg gezeigt; es wären am 23sten vier Personen erkrankt und eine derselben gestorben, bei welcher nach dem ärztlichen Gutachten alle Zeichen der gedachten Krankheit zu finden gewesen sein sollten; seitdem wären einige neue Erkrankungen und vier Todesfalle zur Anzeige gekommen; die meisten der Verstorbenen hätten nach den darüber von den Aerzten abgestatteten Gutachten keineswegs an der asiatischen Cholera gelitten, vielmehr wäre ihr unregelmäßiges Leben unter Hinzutreten äußerer Einwirkungen die Ursache[393]  ihres plötzlichen Todes gewesen.« Hierdurch konnte denn der Wahn, als sei die Choleraepidemie eine böswillige Erdichtung der Aerzte, nur noch mehr Nahrung bekommen. Wir eilten also zum Oberpräsidenten und beschwerten uns, daß er durch diese der Wahrheit nicht entsprechende Anzeige die Aerzte bloß gestellt, den Verdacht, welchen der Pöbel auf sie geworfen, bestärkt und somit zu Fortsetzung der Verfolgungen, welchen sie bereits ausgesetzt gewesen, Anlaß gegeben habe. Durch allerhand diplomatische Wendungen wich er unseren Vorwürfen und unserer Forderung eines Widerrufs aus, gab jedoch seine Einwilligung dazu, daß ein von uns abzufassendes Publicandum unter unserem Namen erschiene. Wir erklärten also in der Zeitung vom 29. Juli, daß der gedachte, vom Oberpräsidenten unterzeichnete Zeitungsartikel nicht auf Angaben der Sanitäts-Commission, also auch nicht auf ärztlichen Berichten beruhe; daß alle in das neu eingerichtete Lazareth aufgenommene Kranke nach dem einstimmigen Urtheile aller Aerzte an der asiatischen Cholera gelitten haben, die bei mehreren allerdings in Folge von Unmäßigkeit und ähnlichen schädlichen Einflüssen entstanden sei; und daß die Aerzte nicht angestanden hätten, ihr Urtheil auszusprechen, sobald sie vom wirklichen Ausbruche der Epidemie überzeugt worden wären.
Um aber falschen Gerüchten zu begegnen, so wie etwanige schiefe Berichte der Behörden zu verhüten, entschlossen wir uns zu fortlaufenden öffentlichen Mittheilungen; wir wollten besonders der übertriebenen Besorgniß steuern, welche der Seuche neuen Nahrungsstoff bereitete, zu verderblichen Maßregeln verleitete und dem ärztlichen Wirken störend in den Weg trat. So legte ich am 2. August meinen ärztlichen Collegen in einem Umlaufschreiben den Plan zu Herausgabe einer »Cholerazeitung« vor, welche sowohl Nachrichten über den wahren Stand der Epidemie, als auch Belehrung über die darauf Bezug habenden Verhältnisse enthalten sollte. Der Plan fand Beifall; ich übernahm die Redaction; am 3. August erschien die Ankündigung, schon am 6. August die erste Nummer, und so folgten wöchentlich zwei Blätter, bis zum 28. September, wo die Epidemie[394]  im Erlöschen war, zusammen 16 Nummern. Ich hatte demnach Gelegenheit, auch als Zeitungsredacteur einige Erfahrungen zu machen.

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Am 15. August erhielt ich vom Ober-Präsidium den Auftrag, mich nach Wehlau, Labiau und Tapiau zu begeben, den Stand der Cholera daselbst genau zu untersuchen und mit Hülfe der dasigen Behörden zu erforschen, ob die Krankheit durch Ansteckung dahin gekommen sei und in welchen Fällen sie sich ansteckend gezeigt habe, da die dasigen Einwohner an eine unbedingte Ansteckungskraft glaubten und deßhalb keinen Arzt mehr in ihre Wohnungen lassen wollten. Ich brachte den 16. bis 18. August mit diesem Geschäfte zu und stattete am 19. meinen Bericht ab. Am 28. August wurde ich eben so beauftragt, in Neidenburg, wo bei einer Zahl von 2000 Einwohnern binnen drei Wochen 175 Menschen an Cholera erkrankt und über 90 gestorben waren, die Ursachen dieser großen Ausbreitung und Tödtlichkeit, so wie die Art der Behandlung der Kranken zu untersuchen und alle für nothwendig erachteten Maßregeln sofort anzuordnen. Außer Neidenburg machte ich auf der vom 29. August bis 3. September unternommenen Reise auch Landsberg, Liebstadt, Osterode, Friedland und Allenburg zum Gegenstande meiner Untersuchungen. Im October reiste ich nach Elbing; – die Ausfertigung des Auftrages, die Entstehungsweise der Krankheit in Mühlhausen, Frauenburg und Braunsberg zu untersuchen, kam erst nach meiner Rückkehr in meine Hände, so daß ich dies Geschäft nicht vollziehen konnte.
Es ergab sich nun an keinem dieser Orte irgend ein haltbarer Beweis für die Einschleppung der Seuche und für die weitere Verbreitung derselben durch Ansteckung. Ich machte diese Resultate meiner Untersuchungen in unserer Zeitung bekannt, so wie Baer das gleiche Ergebniß einer sehr genauen Erforschung des Ausbruchs und der Verbreitung der Cholera in Königsberg daselbst mittheilte. Ich lieferte ferner Aufsätze über die Umstände, welche die Entstehung der Cholera begünstigen, namentlich über den Einfluß der Gemüthsbewegungen darauf und bewies aus amtlichen Berichten die Erfolglosigkeit,[395]  Unausführbarkeit und Schädlichkeit der Cholera-Sperre. In demselben Sinne gaben nun auch die Doctoren Motherby, Hirsch, Jacoby u.s.w. schätzbare, der Zeit und der Sache angemessene Beiträge. Die Cholerazeitung bekämpfte fortwährend die Ansichten, von welchen das Ministerium ausgegangen war; die Behörden der Stadt wichen von der gegebenen Instruction gänzlich ab und die Abgeordneten der Immediat-Commission sahen sich zu ihrem Erstaunen außer Stand, hier etwas zu ändern. In Berlin erschien der Widerstand gegen irrige Ansichten und verderbliche Anordnungen als ein frevelhaftes Auflehnen gegen die höchsten Behörden und man schob die Schuld vornehmlich auf den Oberpräsidenten von Schön. Ein höherer Beamter daselbst schrieb zu dieser Zeit in einem vertraulichen Briefe Folgendes: Seit länger als einem halben Jahrhunderte hat sich durch Lage und Verhältnisse, durch Personen und Ereignisse in Ostpreußen, und besonders in Königsberg, ein Geist der Eifersucht und Opposition gegen die Hauptstadt entwickelt, der, so beklagenswerth er an sich ist, doch unstreitig auch viel Gutes zur Folge gehabt hat. Offenbar hat dieser Geist großen Antheil an der Gesetzgebung vom I. 1808 und an der Errichtung der Landwehr, dem Glücklichsten, was für Preußen geschehen konnte. Aber eben so gewiß kann auch dieser Geist die heillosesten Nachtheile erzeugen. Der, welcher jetzt als der Retter und Wohlthäter Königsbergs gepriesen, dessen Name aber hier mit Unwillen genannt wird, – – – – – – ist der Repräsentant dieses Oppositionsgeistes. Diese Aeußerung erscheint heute um so interessanter, da wir die Meinung des Herrn v. Schön über die Beamtenherrschaft aus seinem »Woher und wohin« jetzt kennen. – Da Königsberg gewissermaßen in Belagerungszustand gesetzt worden war, so war auch meine für ruhige Zeiten gültige Censorenmacht suspendirt und das der Cholerazeitung von mir gegebene Imprimatur nicht mehr hinreichend, sondern bedurfte noch der Bestätigung durch ein Mitglied der Regierung. Gleichwohl wurde ich im October mit einem Schreiben beehrt, des Inhalts, das Obercensur-Collegium habe sich[396]  über einen Aufsatz in der Cholerazeitung5 mit der Ueberschrift: zerbrochene Senfschüsseln, mißbilligend geäußert, und erwarte, daß ich in Verwaltung meines Censor-Amtes künftig die gewünschte Aufmerksamkeit und Sorgfalt anwenden werde.
Als die Zeitung nach dem Aufhören der Epidemie ebenfalls aufhörte, wurde der stipulirte Antheil am Gewinne des Verlegers nach Neidenburg als Beitrag zu Unterstützung der Armen, welche durch die Epidemie gelitten hatten, gesendet. Da aber die Zeitung als Stein des Anstoßes für Ansteckungstheorie und Sperrsystem eine geschichtliche Bedeutung gewonnen hatte, so wurde gegen Ende des Jahrs eine neue Auflage veranstaltet welche außer einigen neuen Aufsätzen von andern Verfassern eine Abhandlung über die Verbreitung und Tödtlichkeit der Cholera in Königsberg und einen Beitrag zur Geschichte der Cholera-Epidemie in den nordöstlichen Provinzen des preußischen Staats von mir enthält. Bei dieser Arbeit vertiefte ich mich in statistische Untersuchungen, die mir viel Mühe und Zeit kosteten und wenig Resultate gaben; da die medicinische Gesellschaft ihre Verhandlungen über die Cholera herausgab, so erschien mein Aussatz im zweiten Bande derselben, so wie in einem besondern Abdrucke6. Die letzte Erwiderung auf Professor Wagners Behauptungen über die Verbreitung der Cholera in Preußen findet sich in Clarus und Radius Beiträgen zur medicinischen und chirurgischen Klinik. Bd. II. S. 33-41.
Was mein persönliches Verhalten anlangt, so leistete ich jedem Kranken, der sich an mich wendete, den verlangten Beistand; auch besuchte ich fleißig die Cholera-Hospitäler. Die im Auftrage des Ober-Präsidiums unternommenen kleinen Reisen[397]  boten manches Interessante dar. In dem einen Städtchen begrüßten mich die Väter der Stadt als einen Schutzengel, der gesandt wäre, um bei ihnen zu bleiben, und führten mich zunächst zu einigen Honoratioren, die, ganz gesund, im Angstschweiße das Bett hüteten; in einem andern stellte mich der Burgemeister auf der Straße der versammelten Volksmenge in pathetischer Rede als Helfer und Tröster vor, und nöthigte mich, ebenfalls zum Volke zu sprechen. An Orten, welche von der Epidemie noch verschont waren, verweigerten mir die Postmeister Pferde, respectirten die Ordre des Ober-Präsidiums nicht, weil sie von ihrer höchsten Behörde entgegengesetzte Befehle hatten, und erklärten es für ganz unzulässig, einen königlichen Postillon nach einer verpesteten Stadt fahren zu lassen; in einer Stadt, die ebenfalls von der Krankheit noch unberührt geblieben war und dies ihrer strengen Absperrung zuschrieb, sammelte sich sogleich um meinen Wagen eine Menge Volks, und da es über eine Stunde dauerte, ehe wir frische Postpferde bekamen, ich aber, um keine Verantwortung auf mich zu laden, nicht aussteigen wollte, so hielt ich mit meinem Gefährten aus unserem Magazine unsere Abendmahlzeit, unter fortwährender aufmerksamer Beobachtung von einigen hundert Menschen, die den Wagen umringten. Ich hatte auf dieser Reise einen sehr angenehmen Gesellschafter an dem Dr. Schneemann aus Hannover, der im Auftrage seiner Regierung reiste, um die Cholera näher kennen zu lernen. Wir wurden einander recht befreundet, und da wir auch in Betreff Polens übereinstimmend dachten, so machten wir von Neidenburg aus eine phantastische und nicht ganz gefahrlose Excursion über die streng bewachte Gränze, um, auf polnischen Boden gelagert, von dessen Befreiung zu träumen und Blumen von demselben nach unserer Heimath zu bringen. Uebrigens bot sich mir in dieser Zeit manche Gelegenheit dar, polnischen Flüchtlingen zu dienen, insonderheit solchen, die in Königsberg ihre Studien fortsetzen wollten. Darauf bezog sich ein an mich gerichtetes Schreiben des »National-Comité der polnischen Emigration« von Paris den 8. December 1832, unterzeichnet: »Der Präsident Divisions-General Dwernicky«[398]  folgenden Inhalts: »Mehrere unserer jungen Männer in der Pilgerschaft, welche Ihren Vorlesungen beigewohnt und sich unter Ihnen gebildet haben, erinnern sich Ihrer noch mit Wohlgefallen, und das Ihnen von denselben gegebene Zeugniß der Menschenliebe, davon Sie stets Beweise gegeben, ist die Veranlassung, daß wir uns an Sie wenden, beiliegendes Schreiben Ihren Collegen gütigst vortragen und es bei ihnen unterstützen zu wollen.« Das beigelegte, eben so unschuldige Schreiben enthielt bloß die Bitte um Unterstützung der in Königsberg studirenden jungen Polen, und wurde vom akademischen Senate an unser Ministerium eingesendet!!
Fußnoten

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1 Da der Verkehr mit typhösen Kranken für immer nachtheilig auf die Gesundheit wirken kann, so war auch der mögliche Nutzen einer Verhütung desselben nicht zu bestreiten, besonders nicht, so lange man nicht eigene Erfahrungen darüber gemacht hatte, am wenigsten, da durch eine wirkliche Sperrung den Polen geholfen sein würde.

2 In Königsberg waren große Backhäuser erbaut, in welchen Brot für das russische Heer gebacken wurde.

3 Wie die Immediat-Commission in ihren Bekanntmachungen gethan hatte.

4 Belehrung für Nichtärzte über Verhütung der Cholera. Im Auftrage der Sanitäts-Commission zu Königsberg verfaßt von K.F. Burdach. Königsberg 1831, in der Universitäts-Buchhandlung. IV und 60 S. 8.

5 Cholerazeitung, herausgegeben von den Aerzten Königsbergs. Zweite vermehrte Auflage. Königsberg. Verlag von Paschke, in Commission in Bons Buchhandlung. 1832. 144 S. 4.

6 Historisch-statistische Studien über die Cholera-Epidemie vom Jahre 1831 in der Provinz Preußen, 
insbesondere in Ostpreußen. Von K.F. Burdach. Königsberg 1832. Im Verlage der Gebrüder Bornträger. S. 76. 8.




5. Marienbad und Wien.










[399] Die durch die Epidemie veranlaßte Aufregung und Anstrengung mochte, wiewohl ich mich deren nicht bewußt geworden war, doch wohl Antheil daran haben, daß ich gegen Ende des Jahrs 1831 in ein gastrisch-nervöses Fieber verfiel. Nach den Blattern und Masern war es meine erste Krankheit, und in der Genesung hatte ich noch dasselbe überschwengliche und üppige Gefühl der wiederkehrenden Kraft, wie nach jenen Kinderkrankheiten, wo die materiellen Genüsse einen Werth erlangen, den sie sonst gar nicht haben. So war denn auch für das nächste Jahr Grund genug für mich vorhanden, an einer Badereise Theil zu nehmen, die für meine Frau nöthig war; außerdem aber stand die Versammlung der Naturforscher in Wien bevor, bei der wir Beide nicht fehlen durften. Das Ministerium gewährte mir mit dem Urlaube zugleich einen Beitrag von 150 Thalern zu den Reisekosten.
Wir reisten am 21. Juni (1832) ab, hielten uns acht Tage in Berlin auf, und gingen dann über Dresden und Karlsbad nach Marienbad, wo wir vom 11. Juli bis 18. August blieben. Hofrath Heidler, mit meiner Frau bereits befreundet, nahm uns mit großer Freundlichkeit auf, und die angenehme, zum Theil interessante Gesellschaft von Badegästen, die wir hier fanden, kam zu den Annehmlichkeiten des Orts,[399]  so wie zu dem Gefühle der Gesundheit und dem Bewußtsein der Muße hinzu, um mir den Aufenthalt daselbst sehr genußreich zu machen. Der eminenteste unter den hier anwesenden Männern war der Geheime Rath Speranski. Während meines Aufenthalts in Petersburg hatte man mir erzählt, daß er als Staatssecretär und vertrauter Freund des Kaisers Alexander den bedeutendsten Einfluß auf die Staatsverwaltung ausgeübt und dabei wie ein einfacher Privatmann gelebt hatte; daß aber seine Feinde, über die von ihm eingeführten Reformen erbittert, und wegen Ausführung seines Plans die Leibeigenschaft aufzuheben besorgt, ihn vor dem Ausbruche des Kriegs 1812 eines Einverständnisses mit Napoleon beschuldigt hatten; daß er von Alexander, der bei dem Gefahr drohenden Kriege der Hülfe seiner Großen bedurfte, geopfert und, nachdem man ihn noch Tages zuvor am Arme des Kaisers hatte gehen sehen, in der Nacht als Gefangener auf eine Festung gebracht worden war. Nach einigen Jahren war er wieder angestellt und General-Gouverneur von Sibirien, 1821 aber Mitglied des Reichsraths geworden. Ich lernte ihn im Jahre 1830 auf seiner Durchreise durch Königsberg kennen, da Rehmann, dessen Freund und Gönner er war, ihm einen Brief an mich mitgegeben hatte. Ein hoher Wuchs, ein schön geformter Kopf, eine ausdrucksvolle Physiognomie und eine würdevolle Einfachheit in seinem ganzen Benehmen stimmte mit dem Reichthume seines Geistes zusammen, den er in der Unterhaltung entwickelte und der die höchste Achtung einflößte. Da er auch für Naturwissenschaft, sofern sie zu allgemeinen, das Leben befruchtenden Ansichten führt, sich lebhaft interessirte, so fand ich auch Berührungspuncte mit ihm, und sein Umgang in Marienbad war für mich von großem Werthe. – Nächst ihm ward mir der Oberlandesgerichts-Präsident Kuhn sehr werth; ein reiner Praktiker, aber lebhaft, geisteskräftig und gemüthvoll. Auch mit vielen andern Brunnengästen befreundeten wir uns; Besuche, gesellschaftliche Zusammenkünfte, musikalische und declamatorische Vereinigungen, Spaziergänge, Ausflüge[400]  nach Königswarth, Tepel, Eger und Franzensbrunnen gewährten uns die heiterste Unterhaltung.

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Ueber Prag, wo ich außer der Heinrichskirche und den noch lebenden Gliedern der Wagnerschen Familie die Krankenanstalten besuchte, und auf Veranstaltung des Prof. Krombholz mit einer Abendmusik beehrt wurde, reisten wir nach Wien. Wir bezogen hier die Wohnung einer Verwandten, die vor einigen Wochen an der Cholera gestorben war, und fanden diese Epidemie noch sehr verbreitet, indem sie täglich hundert Menschen wegraffte; aber ungeachtet der vielen Leichenzüge und der Hunderte von Personen in tiefer Trauer, denen man auf der Straße begegnete, hatte die Stadt ihre gewöhnliche heitere Physiognomie, und ich zählte am nächsten Sonntage an den Straßenecken gegen 20 Ankündigungen von Tanzmusik.
Von unserer Freundin, der Hofräthin Dollinger, eingeladen, fuhren wir alsbald nach Heiligen Kreuz, wo sie mit ihrer Familie den Sommer über sich aufhielt, und verlebten hier wieder acht frohe Tage. Wir wohnten im Kloster selbst, und fanden im geselligen Umgange mit den dasigen Cisterciensern, besonders mit Pater Ignaz (Wiedemann, späterhin Erzieher im Hause des Vicekönigs von Italien), Pater Maximilian (Bruck) und Pater Ambrosius, gebildeten, aufgeklärten und lebensfrohen Männern, viel Vergnügen. Unter ihrer Leitung wurden wir dem Herrn Abte vorgestellt, und lernten die Merkwürdigkeiten des Klosters kennen, die mit mancherlei Kunstwerken, vorzüglich von Altomonte und Giuliani geschmückte Kirche, das Begräbniß von Babenbergen und Habsburgen, das von zwanzig Säulen durchzogene Dormitorium der Laienbrüder und der Brüder, die bilderreichen Kreuzgänge, den kunstvollen Springbrunnen, die Schatzkammer, die Bibliothek, das Kunst- und Naturaliencabinet, die Bildergallerie und die sehr ansehnlichen Gastzimmer. Vorzüglichen Eindruck machte auf uns die über dem Thore angebrachte colossale Orgel, welche, wenn ihre Bälge getreten werden, einen C Accord ertönen läßt, der weit in das Thal hinein schallt und so Sonntags früh um 5 Uhr die Gemeinde zur Kirche ruft. Die geistlichen Herren[401]  kamen in der Regel jeden Abend zum Quartett zur Familie Dollinger; bewirtheten uns mit dieser den einen Tag auf ihrem romantisch gelegenen Schlosse Wildenegg, und eines Nachmittags auf ihrem Gute Meierling; begleiteten uns auf unsern Spaziergängen in ihrem lieblichen Thale, welches mit dem Helenenthale zusammenhängt, und machten mit uns die Fahrt nach Gutenstein, wo wir unter Anderm auf dem Berge im Parke, von einem Sitze aus, über welchen der Felsen vierzig Fuß weit herüberragt, die angenehme Landschaft in der Abendbeleuchtung betrachteten; dann im Mondscheine auf der Brücke gingen, welche den zwischen hohen, nicht weit über zehn Fuß weit von einander abstehenden Felsen sich durchdrängenden Fluß Triesting in einer Länge von zweihundert Schritten bedeckt; wo wir ferner am folgenden Morgen den Klosterberg erstiegen, das dasige Servitenkloster besahen, eine Messe hörten und vom Calvarienberge aus die erhabene Aussicht auf den benachbarten Schneeberg und die an seinem Fuße sich hinziehenden Thäler genossen.


Diesem genußreichen, stillen Aufenthalte auf dem Lande folgte ein vielbewegtes Leben in der Stadt selbst. Wir fanden da außer unsern Verwandten alte und neue Bekannte, unter den Wienern sowohl, als unter den herbeiströmenden Naturforschern und Aerzten. Am 18. September war die erste öffentliche Versammlung. Nachdem der Baron Jacquin als erster Geschäftsführer die Eröffnungsrede gehalten und Director Littrow als zweiter Geschäftsführer die auf die Versammlung bezüglichen Nachrichten mitgetheilt hatte, trat ich mit einem Vortrage auf, den ich in Marienbad ausgearbeitet hatte, und der auch alsbald im Drucke erschien1. Der Gegenstand war gut gewählt, die Abhandlung kurz, und so bedurfte es nur einer passenden Art des Vortrags, um einen rauschenden Beifall einzuernten. Meine Vorlesung wurde durch ein Gedicht von [402]  Rupprecht und durch ein Distichon vom Grafen Mailath gefeiert.
Theils aus wirklicher Achtung, theils um meinen Freunden, besonders aber meiner Frau eine Freude zu machen, erbat ich mir die Erlaubniß, dem Kaiser diesen Aufsatz überreichen und ihm den Dank der versammelten Naturforscher darbringen zu dürfen. Ich erhielt diese Audienz am 26. September, und hatte dabei Gelegenheit, von dem wahrhaft väterlichen Benehmen des Kaisers gegen die sich ihm nahenden Unterthanen jedes Standes ein Augenzeuge zu sein.
Spaßhaft war mir der Auftritt bei Wahl des Präsidenten für die anatomish-physiologische Section. Die mir wohlwollenden Wiener Aerzte hatten trotz meines Deprecirens mich dazu ausersehen und dadurch einige Fremde nicht wenig erschreckt, die, um dies zu vereiteln, nun nach Kräften für anderweitige Wahlen warben. So genoß ich denn die mir zugedachte Ehre bloß in der ersten Sitzung, indem jede folgende ihren eigenen Präsidenten erhielt, wobei denn meinem Ehrgeize volle Genüge geschah.
Von meinen alten Freunden fand ich den Hofrath Isfordink in einem traurigen Zustande; er hatte in Folge eines Verdrusses mit Stifft einen apoplektischen Anfall gehabt, wovon eine lähmungsartige Schwäche zurückgeblieben war. Dagegen gewann ich einen neuen Freund am Professor Czermak, den ich früher nur oberflächlich kennen gelernt hatte, und der jetzt mit großer Lebhaftigkeit sich mir anschloß, auch nachher noch eine Zeitlang Briefe mit mir wechselte.
Ueber das Festliche, was für die versammelten Aerzte und Naturforscher bereitet war, über das tägliche Mittagsmahl im Augarten, die abendlichen Zusammenkünfte im Casino, die Soirée am 22. September beim Fürsten Metternich, die Bewirthung von der Stadt Baden am 23., die Festmahle des Kaisers am 25. in Luxemburg, des Oberkanzlers Grafen Mittrowski am 27. und des Fürsten Metternich am 28. habe ich in der Zeitung für die elegante Welt (1832 Nr. 205-207) berichtet.[403] 
Auf der Rückreise mußte ich noch einmal durch die Fratzen der Cholerasperre belästigt werden. Ich hatte mich bei Zeiten an meine Freunde in Dresden gewendet und durch deren Vermittelung war der sächsischen Contumazanstalt zu Höllendorf der Befehl gegeben, mich und meine Frau in Sachsen einzulassen, wenn wir 1) uns in Prag nicht länger als 24 Stunden aufgehalten hätten, und 2) unsere bisherigen Reisekleider in Höllendorf ablegten, um dagegen andere, wenigstens zwei Tage früher dahin geschickte und daselbst desinficirte Kleider anzulegen. Die Prager Polizei gab uns, nachdem wir zwei Tage dagewesen waren, von freien Stücken die Bescheinigung, daß wir ohne Aufenthalt durchpassirt wären; umgekehrt gab man uns in dem von der Cholera freien Teplitz nach einem zweitägigen Aufenthalte das Zeugniß, daß wir fünf Tage daselbst gewesen wären; die Höllendorfer Contumazbeamten aber hatten zu viel Einsicht, als daß sie einen Wechsel der Kleidungsstücke hätten zumuthen sollen, da wir uns gar nicht darauf eingerichtet hatten.
Wir reisten über Dresden nach Leipzig, wo wir vierzehn Tage im Kreise unserer Freunde uns aufhielten, lebten dann noch einige Tage bei meinem theuren Onkel in Torgau und kamen in den ersten Tagen Novembers nach Königsberg zurück.
Fußnoten

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1 Ueber den Schlag und Schall des Herzens. Ein Vortrag in der Versammlung der Aerzte und Naturforscher zu Wien am 18. September 1832, gesprochen von K.F. Burdach. Wien. Becks Universitätsbuchhandlung. 15 S. 4.




1. Beehrungen.










[404] Der letzte Abschnitt derjenigen Lebensperiode, in welcher ich mit voller Kraft zu wirken vermochte, ist von kurzer Dauer und ich habe nicht viel mehr von ihm zu sagen, als daß er mir für meine Anstrengungen einen alle meine Wünsche befriedigenden, zum Theil nicht innerhalb derselben gelegenen Lohn[404]  brachte. Eben durch solche Befriedigung kündigt sich dieser Zeitabschnitt als der letzte jener Periode an, und eben weil er so glücklich war, ist wenig über ihn zu berichten.
Wir waren auf unserer Reise 1832 so ungemein glücklich gewesen, hatten überall so freundschaftliche Aufnahme und so viel unerwartete Auszeichnung genossen, daß wir einen reichen Schatz froher und dankbarer Erinnerungen mit nach unserer Heimath brachten.
Ich war zweimal portraitirt und lithographirt worden, in Berlin von Louis Blanc auf Veranlassung von Dieffenbach und in Wien von Kriehuber, veranlaßt durch Czermak. Rust setzte dem 39sten Bande seines Magazins, den er mir dedicirte, ebenfalls mein Brustbild vor.
Am 18 Januar 1836 wurde ich durch Empfang des rothen Adlerordens IV. Classe überrascht; ich hatte ihn weder erwartet noch gewünscht. Und es war zufällig derselbe Tag im folgenden Jahre, wo mir der Oberpräsident v. Schön in der akademischen Versammlung zur Feier der preußischen Königskrone meine Ernennung zum Geheimen Medicinalrathe ankündigte. Ich gestehe gern, daß ich meinem Subjecte dieses Prädikat längst gewünscht hatte. Denn ich legte einigen Werth darauf, außer der Bezeichnung meines Amtes auch noch einen Titel zu haben, der an sich gar nichts bedeutet und sich eben dadurch als ein bloßes Ehrenzeichen ankündigt. So war es mir gerade recht gewesen, in Dorpat Hofrath zu werden; ich hatte mir bei meiner Berufung den preußischen Hofrathstitel ausbedungen und denselben auch, nachdem ich Medicinalrath geworden, noch beibehalten, ungeachtet er weniger gilt. Diese geringere Geltung, vornehmlich aber der Umstand, daß ich bei meinem Aufenthalte in Berlin unter lauter Geheimeräthe kam, machte mich lüstern, auch ein Geheimer zu werden und in einem traulichen Abendstündchen sagte ich manchesmal meiner Frau voraus, daß sie noch Geheimeräthin werden müßte. So erreichte ich denn den Gipfel meiner Wünsche für das äußere Leben. Ich dachte mir den Gipfel meines Glückes als eine unabsehbare[405]  Hochebene: aber ich legte ihn mit wenigen Schritten zurück!
Eine andere Ehrenbezeigung, die mich sehr erfreute, war, daß mich die Königliche Akademie der Medicin zu Paris 1835 zu ihrem correspondirenden Mitgliede ernannte. Auch wurde ich Ehrenmitglied des Vereins großherzoglich badischer Medicinalbeamter für Beförderung der Staatsarzneikunde 1836 und des Apothekervereins im nördlichen Deutschland 1838. Mit Ende des Jahres 1837 legte ich die Stelle eines Directors der physikalisch-medicinischen Gesellschaft in Königsberg nieder und erhielt von derselben ein ehrendes Abschiedsschreiben.



2. Amtliche und literarische Thätigkeit.










[406] Im Jahre 1835 wurde ich Dirigent im Medicinalcollegium. Auf meinen Antrag wurde Rathke, da er durch seine frühere Stellung als Stadtphysikus in Danzig mit gerichtlicher Medicin vertraut worden war, dann auch, da das Collegium durchaus eines Chirurgen unter seinen Mitgliedern bedurfte, Professor Seerig Medicinalrath. Sachs beschwerte sich darüber, daß er übergangen worden war; nur darum hatte ich mich gegen ihn erklärt, weil ich die vollste Ueberzeugung hatte, daß er der ordnungsmäßigen Lieferung von Arbeiten sich nicht unterziehen würde. – Auch als Dirigent fuhr ich fort, die Superarbitrien in der Regel selbst zu verfassen. – In dem jährlich abzustattenden Verwaltungsberichte fing ich an, dem Ministerium auch in Betreff der Verwaltung gemachte Bemerkungen vorzulegen; da ich aber nicht sah, daß diese beachtet wurden, so lieferte ich späterhin bloß summarische Uebersichten.
Wie ich überhaupt für mein Interesse an Manchem, was nicht zu meinem speciellen Berufskreise gehörte, das: humani nihil a me alienum puto anzuführen habe, so muß ich auch meine Theilnahme an Aeußerung politischer Urtheile durch diesen Ausspruch rechtfertigen. Dies geschah zuerst auf Anlaß der Absetzung der sieben Göttinger Professoren, welche unterm 18. November 1837 gegen das Patent des Königs von Hannover[406]  vom 1. November erklärt hatten, daß sie das Staatsgrundgesetz nicht für rechtlich aufgehoben betrachten könnten. Die philosophische Facultät unserer Universität ertheilte nun Einem von ihnen, dem Professor Albrecht, der vormals unser College gewesen war, elf Tage nach dem Absetzungsbefehle honoris causa et testandae observantiae sincerae die Doctorwürde. Prof. Sachs theilte mir den Gedanken mit, daß die medicinische Facultät, deren Decan ich eben war, einem andern jener Sieben, dem Prof. Wilhelm Weber, wegen seines Werkes über die Gehwerkzeuge des Menschen auch die Doctorwürde ertheilen könnte. Ich stimmte sogleich ein, und da unser College und damaliger Prorector Klose in seiner politischen Unschuld die auf unser Urtheil über das genannte Werk gegründete Promotion billigte, so fertigte ich das Diplom aus, nach welchem die Facultät dem Prof. W. Weber ob praeclara inventa, quae ad explanandam progressus humani rationem contulit honoris causa et testandae observantiae sincerae die medicinische Doctorwürde ertheilte. Die beiden Facultäten erhielten dafür ein zürnendes Schreiben vom Minister von Altenstein, in welchem er uns der Tactlosigkeit beschuldigte. Auch der Kronprinz, als Rector der Universität, bezeigte uns sein ernstes Mißfallen, daß wir die Maßregel eines dem Könige durch Bundesverhältnisse und Verwandtschaft so nahe stehenden Regenten getadelt hätten. Das gemeinschaftliche Antwortschreiben beider Facultäten war nicht ganz nach meinem Sinne abgefaßt, hatte aber die Pluralität für sich.

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Beiträge zu meiner Bearbeitung der Physiologie durfte ich vornehmlich nur von jüngeren Männern verlangen, die sich bereits durch Arbeiten ausgezeichnet hatten, aber erst anfingen, berühmt zu werden und daher die Theilnahme an diesem Werke als ein Mittel, ihren Ruf zu vermehren, betrachteten. Es war also nur ein kurzer Abschnitt ihrer Laufbahn, in welchem ich auf ihre Mitwirkung zählen durfte, und so gelang es mir auch, den rechten Zeitpunct zu treffen. So gewann ich von Rudolph Wagner Beiträge zur Lehre von der Nutrition und[407]  Secretion für den fünften Band meines Werkes1. Auch erlangte ich für die neue Auflage der ersten Bände Beiträge von Valentin, dessen ungemeine und erfolgreiche Thätigkeit mir hohe Achtung eingeflößt hatte und den ich durch seine Briefe recht lieb gewann, so daß ich denn auch über seine persönlichen Verhältnisse und über seine Stimmung mich ohne allen Rückhalt gegen ihn äußerte. Er entsprach auch meinem Vertrauen und zürnte mir nicht, als ich aus seinem Aufsatze über die Entwickelung der Pflanzen, der nicht in den Plan meines Werkes paßte, nur einen Auszug aufnahm. Der fleißige Beobachter, Theodor von Siebold, war, da er einige Jahre als Stadtphysikus in Königsberg lebte, mir persönlich befreundet worden und beschenkte mich mit einigen werthvollen Beiträgen. Mein unermüdlicher Freund Rathke aber fuhr in gleicher Weise fort, mich zu unterstützen. Auch meine Collegen Meyer, Hayn und Moser erfüllten meine Bitte, und so erschien denn die zweite Auflage der ersten drei Bände mit reicher Ausstattung2.
Zum Ruhme eines deutschen Schriftstellers im Fache der Naturwissenschaften gehört nothwendig, daß seine Schriften ins Französische oder Englische übersetzt werden. Von dieser Ehre ist mir wenigstens eine Probe zu Theil geworden, indem Jourdan eine französische Uebersetzung der Physiologie lieferte. Wie sehr ich mich auch dadurch geschmeichelt fühlte, mußte ich doch zweifeln, ob die Franzosen an meiner Arbeit, die für sie des Ideologischen gewiß zu viel enthält, Geschmack finden würden. Die Genauigkeit des Uebersetzers wurde mir sehr zweifelhaft,[408]  da er unter den Mitarbeitern auf dem Titel auch Meyen genannt hat; weitere Untersuchungen darüber anzustellen, bin ich zu indolent gewesen.


Die Balzsche Buchhandlung in Stuttgart hatte Hoffmanns Idealpathologie verlegt und, da sie mich in diesem Buche häufig angeführt gefunden, mich um eine Kritik desselben ersucht, worauf ich nicht hatte eingehen können. Da sie aber einmal auf mich aufmerksam geworden war, trug sie mir den Verlag einer von mir herauszugebenden Anthropologie für das gebildete Publicum an. Mehrere Umstände bewogen mich, darauf einzugehen. Einmal betrachtete ich die Forderung unserer Zeit, die Resultate wissenschaftlicher Untersuchungen zum Gemeingute gemacht zu sehen, als ein erfreuliches Zeichen des Strebens nach universeller Bildung, und glaubte, daß Der, welcher am Anbaue der Wissenschaft selbst Antheil genommen hat, sich zur Mitwirkung um so mehr aufgefordert fühlen muß, je häufiger Unberufene an ein solches Unternehmen gehen und durch dessen ungeschickte Ausführung den Zweck, echte Bildung zu fördern, verfehlen. Sodann schwebte mir der Gedanke vor, daß ich vielleicht nicht im Stande sein würde, meine Bearbeitung der Physiologie nach dem von mir entworfenen Plane zu Ende zu führen; in einer populären Physiologie aber konnte ich über die für die letzten Bände jenes Werkes bestimmten Gegenstände wenigstens einige Ansichten, die mir der Aufbewahrung werth zu sein schienen, vortragen. Da nun auch die Bedingungen, zu welchen sich die Buchhandlung bereit erklärte, sehr anständig waren, so nahm ich das Anerbieten an, und arbeitete mit Lust und Eifer, so daß das Buch 1837 erschien3.
Hierdurch wurde Freiherr von Cotta veranlaßt, mich um eine Schrift für seinen Verlag zu ersuchen. Sein Schreiben war so überaus schmeichelhaft, der Verlag eines Buchs von[409]  mir in seiner berühmten Handlung so ehrenvoll, daß ich ihm eine Schrift, mit deren Plane ich mich schon einige Zeit beschäftigte und die den Titel: »Blicke ins Leben« führen sollte, anbot. Inzwischen kamen im Jahre 1838 einige Umstände zusammen, die außer dem Wunsche, ihm meine Bereitwilligkeit noch früher zu beweisen, mich bewogen, ihm noch einen andern Antrag zu machen. Ich hatte in meinen Superarbitrien sehr oft die falsche Humanität zu bekämpfen, durch welche die Gerichtsärzte sich verleiten lassen, jedes Verbrechen möglichst zu entschuldigen und der Handhabung der Gerechtigkeit in den Weg zu treten, so wie es mich auf der andern Seite schmerzte, zu sehen, wie der Richter, dem todten Buchstaben des Gesetzes folgend, die sittlichen Momente ganz außer Acht läßt, und wie die Strafanstalten geeignet sind, bei Abbüßung eines in sittlicher Hinsicht minder strafbaren Vergehens ein vollständiges geistiges Verderben zu bereiten. In Bezug auf diese Verirrungen und Mißverhältnisse wollte ich eine Reihe von Aufsätzen und Superarbitrien veröffentlichen. – Sodann waren 1838 25 Jahre seit der Leipziger Schlacht verflossen, und wie ich den Jahrestag derselben vor 22 Jahren durch die Bekanntschaft von Friccius gefeiert hatte, so wollte ich diesem zur 25jährigen Feier des Tages meinen Dank für seine treue Freundschaft durch eine Dedication öffentlich an den Tag legen. Dies waren die Gründe zur Herausgabe meiner gerichtsärztlichen Arbeiten4. Sie haben wenig Beifall gefunden, und ihr geringer Absatz mag wohl dazu beigetragen haben, daß die Cotta'sche Buchhandlung sich späterhin gegen meine »Blicke ins Leben« sehr gleichgültig bewies, und mir dadurch gestattete, den Verlag meinem Freunde Voß zu geben.
Ich wurde jetzt wie früher vielfältig aufgefordert, zu encyclopädischen Werken, so wie zu kritischen und andern periodischen Schriften Beiträge zu liefern, die Oekonomie meiner[410]  geistigen Kräfte gestattete mir aber nicht, diesen Einladungen zu folgen; mein systematischer Sinn trieb mich mehr zu Bearbeitung der Wissenschaft im Ganzen hin, und um hier etwas zu leisten, mußte ich haushälterisch mit meinen Kräften umgehen, da diese nicht ausreichten, um vielerlei zugleich treiben zu können.
Fußnoten

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1 Fünfter Band. Mit Beiträgen von Rudolph Wagner. 1835. X und 730 S.

2 Zweite berichtigte und vermehrte Auflage. Erster Band. Mit Beiträgen von Ernst Meyer, Heinrich Rathke und G. Valentin. 1835. XII und 676 S. Mit 6 Kupfertafeln. Zweiter Band. Mit Beiträgen von Heinrich Rathke, Karl Theodor von Siebold und G. Valentin. 1837. VIII und 845 S. Mit 4 Kupfertafeln. Dritter Band. Mit Beiträgen von Albert Hayn und Ludwig Moser. 1838. X und 833 S. Mit 6 Tabellen.

3 Anthropologie für das gebildete Publicum. Von K.F. Burdach. Mit 3 Kupfertafeln. Stuttgart 1837. P. Balzsche Buchhandlung VIII und 787 S. 8. – Auch unter dem Titel: Der Mensch nach den verschiedenen Seiten seiner Natur.

4 Gerichtsärztliche Arbeiten von K.F. Burdach. Erster Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der I.G. Cotta'schen Buchhandlung. 1839. XVIII und 283 S. 8.




B. Zweites Stadium.
(1814 bis 1838.)













a. Erster Abschnitt

1. Berufung nach Königsberg
2. Amtliche Thätigkeit
3. Literarische Thätigkeit
4. Theilnahme an städtischen Angelegenheiten
5. Theilnahme an vaterländischen Angelegenheiten
6. Privatverhältnisse
7. Wanderungsgedanken



b. Zweiter Abschnitt

1. Amtliche Thätigkeit
2. Wissenschaftliche Thätigkeit
3. Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten
4. Lebensfreuden
5. Reise



c. Dritter Abschnitt

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1. Amtsverhältnisse
2. Literarische Thätigkeit
3. Versammlung der Naturforscher in Berlin
4. Die Cholera
5. Marienbad und Wien



d. Vierter Abschnitt

1. Beehrungen
2. Amtliche und literarische Thätigkeit
3. Lebensfreuden







1. Meine Frau.










[416] Vielfaches Glück ist mir zu Theil geworden und mancherlei Freuden habe ich genossen, aber die ganz eigentliche und beständigste Lebensfreude, die mein ganzes Herz ausfüllte und allen übrigen Genüssen erst den rechten Werth gab, war die Verbindung meiner wissenschaftlichen Thätigkeit mit der liebevollen Nähe meiner Frau. Daß ich nach meinem Wunsche arbeiten konnte und ein solches Weib besaß, machte mein höchstes Glück aus. Eines förderte das Andere: mit der Genugthuung, in meinem Berufe nach Kräften gewirkt zu haben, war ich um so empfänglicher für den Genuß des häuslichen Glücks; und in dessen Bewußtsein kehrte ich mit der heitersten Ansicht des Lebens, gestärkt und ermuthigt, wieder zur Arbeit zurück. Mein Leben empfing Licht und Wärme von der vereinten Wirkung des Doppelgestirns, Wissenschaft und Liebe, und mußte welken, als der Tod mein häusliches Glück zerstörte. Ich muß ausführlicher darüber sprechen.
Johanne Marie Pichler (S. 75 ff.) hatte den Schuluntericht genossen, wie er nun eben in einem österreichischen Marktflecken in den siebenziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte sein können. Dagegen verdankte sie[416]  um so mehr der Natur, so daß sie durch eigene Kraft und im Umgange von Menschen, mit denen ihr Geschick sie zusammenführte, geistig und sittlich sich zu vervollkommnen vermochte. Wohl gestaltet und von gesunder Constitution, war sie mit hellem Verstande und frischem Sinne ausgestattet, und sie hatte die Gelegenheit, welche ihr das Schicksal darbot, diese Gaben zu entwickeln, nicht versäumt. Frühzeitig hatte sie die mannichfaltigen Charaktere, Beweggründe und Handlungsweisen der Menschen kennen gelernt, den Hochmuth und die Habsucht sammt deren Folgen, die durch die Verbindung mit Bigoterie nur um so grauenhafter waren, an der eigenen Schwester und deren Gatten erkannt, die Zerrüttung des Wohlstandes durch Unsittlichkeit im Hause ihres Oheims beobachtet, dann wieder an ihrem Vater gesehen, wie unverschuldetes Unglück den frohen Lebensmuth nicht zu beugen vermag, und den Segen, den wohlgesinnte Menschen um sich her verbreiten, erfahren. Die Schule des Lebens, in welche sie kam, war streng, und ihrem reinen Sinne mußte auch ein klarer Verstand zu Hülfe kommen, damit sie in schwieriger Lage die rechten Maßregeln ergreifen, die Rechte des Vaters vertheidigen, seinem gesunkenen Wohlstande als Gastgeber wieder aufzuhelfen, die Armuth der Wirthschaft vor den Blicken des Publicums verdecken, den Leichtsinn einzelner Gäste in Schranken halten und Allen Achtung einflößen konnte. Bei der glücklichen Lösung dieser Aufgaben, unterstützt durch den Umgang ehrenwerther Menschen und durch das Lesen der von denselben ihr empfohlenen Bücher, hatte sich ihr Verstand ausgebildet, ohne von schulgerechten Formen geregelt und mit Kenntnissen, die ihrem Wirkungskreise fern lagen, bereichert worden zu sein. Männer und Frauen von wahrhafter Bildung, vermöge deren man auch den geistigen Flitterstaat richtig zu beurtheilen versteht, achteten sie wegen der Klarheit ihres Verstandes. Sie selbst auch unterschied sehr gut das Wesentliche vom Unwesentlichen; so unterhielt sie sich mit ihren fernen Freundinnen sehr gern schriftlich, ohne sich des Mangels an Orthographie zu schämen, dessen sie sich wohl bewußt war; der Inhalt der zierlichen und kunstgerechten Antworten,[417]  welche darauf eingingen, bewies, daß ihre sorgfältiger erzogenen Freundinnen die herzlichen und verständigen Zuschriften mit Achtung und freudiger Dankbarkeit aufgenommen hatten. Ihr kerngesundes Urtheil kam Manchem, der es hören wollte, zu Statten. So ward sie auch mir eine treffliche Rathgeberin. Sie beurtheilte die Menschen meist ganz richtig, und wenn ich durch den Geistesreichthum eines Mannes von zweideutigem Charakter angezogen wurde, war mir ihre Warnungsstimme sehr nützlich. Nicht nur in Allem, was unser gemeinschaftliches Wohl betraf, sondern auch selbst in meinen eigenen Angelegenheiten, wo ich mich noch nicht entschieden hatte, hörte ich gern ihren Rath. Zum Beispiele will ich nur anführen, daß sie mich im Jahre 1826 bestimmte, nach Paris zu gehen; anfänglich wollte ich nichts davon wissen, weil meine Aussprache des Französischen und das Erscheinen meiner Persönlichkeit nicht so war, daß ich mich nach Paris wagen zu dürfen glaubte, aber sie überwand meine Bedenklichkeiten, und ich dankte es ihr nachher gar sehr, daß sie mich überredet hatte. Ich vergalt ihr diesen Dienst, indem ich meinerseits es veranstaltete, daß wir auf dieser Reise auch ihren Geburtsort besuchten (S. 372), den sie seit ihrer Kindheit nicht wieder gesehen hatte. So bereitete ich ihrem Herzen die Freude einer lebendigen Erinnerung an ihre erste Jugendzeit, indeß sie meinem wissenschaftlichen Interesse eine große Befriedigung verschafft hatte, und in dieser gegenseitigen Sorge mag man ein Bild von unserem Verhältnisse überhaupt erblicken.
Ihr reiner, unverdorbener Sinn war für die Schönheiten der Natur in hohem Grade empfänglich. Wie sie in ihrer Jugend auf dem Leopoldsberge die Anmuth der Landschaft genossen, bei frühestem Morgen die Quelle im Walde besucht, bald dem Gesange der Vögel gelauscht, bald der stillen Emsigkeit der Käfer mit Lust zugesehen hatte, so erhielt sie dies lebendige Gefühl für Naturerscheinungen bis in ihr Alter. An frühem Morgen stand sie gemeiniglich in stiller Betrachtung an ihrem gegen Osten nach Garten und freiem Felde zu liegenden Fenster, und oft holte sie mich von meinem Arbeitstische, um mich[418]  mit ihr über die Pracht des Morgenrothes oder der aufgehenden Sonne zu freuen; und dann ging es in den Garten, um die Pflanzen zu pflegen, die ihr so viel Freude gewährten. Sie versäumte keine Gelegenheit, sich am Anblicke der schönen Natur zu weiden: als sie einst bei der Familie eines Landgeistlichen zum Besuche war, suchte man sie am ersten Morgen zur Frühstückszeit vergeblich auf ihrem Zimmer, denn sie war längst wach und, da sie die Hausthüren verschlossen gefunden, durch das Fenster gestiegen, um im Garten und Feld den jungen Tag zu begrüßen. Jede Reise, die wir unternahmen, war daher auch eine Quelle von Freuden für sie, und am meisten, wenn wir Beide allein oder in einem kleinen Kreise gleichgestimmter Freunde waren; doch im letzteren Falle stahl sie oft auch sich weg, um ungestört den Eindrücken der schönen Landschaft sich hinzugeben, denn ihre Gefühle zur Schau tragen zu wollen, war ihr durchaus fremd. So war denn besonders unsere Reise im J. 1837 genußreich, wo wir unseren Aufenthalt in größeren Städten abkürzten, um der sächsischen Schweiz und den anmuthigen Gegenden Thüringens und Frankens mehr Zeit widmen zu können.
Der Ernst ihrer Liebe zur Natur hatte aber darin seinen Grund, daß sie nicht vom bloßen sinnlichen Reize angezogen wurde, sondern mit frommen Gefühlen an den Urheber dachte. Sie war religiös im wahrhaftesten Sinne des Wortes und in ächt weiblicher Richtung: mit fester Zuversicht auf das, was ihr Herz im Einklange mit ihrem Verstande bei Betrachtung der Natur ihr sagte, ohne über das Unerforschliche grübeln zu wollen. Durch den Umgang mit aufgeklärten Männern und durch das Lesen religiöser Schriften hatte sie auch hier das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden gelernt und vom Zwange ihrer Confession sich befreit, ohne die edleren Formen derselben, die ihr von Kindheit an heilig erschienen waren, hintanzusetzen: sie war Katholikin, aber nicht Papistin, achtete am Geistlichen nur das Geistige und räumte keinem Priester eine Gewalt über ihr Gewissen ein. Wie bei unserer Verheirathung mir weder von der Wiener Geistlichkeit, noch auch von Seiten der Familie wegen meiner protestantischen Confession ein Hinderniß[419]  in den Weg gelegt oder eine Verpflichtung in Betreff der Kindererziehung abgefordert worden war, so vermied ich natürlich auch Alles, was sie in ihrem Glauben hätte stören können, ja, ich ermunterte sie öfters zum Besuche ihrer Kirche. Aber sobald sie in dieser keine Befriedigung fand, suchte sie dieselbe in der meinigen: schon in Leipzig, wie später in Königsberg, pflegte sie, nachdem sie die Messe gehört hatte, in die protestantische Kirche zu gehen, wenn ein geistvoller Mann darin predigte. Jeden Morgen hielt sie, in ihr Schlafzimmer eingeschlossen, vor einem Bilde der Madonna nach Raphael eine halbe Stunde lang ihre Andacht, und beim Schlafengehen küßte sie ein anderes, aber auch vorzügliches Bild der Maria, das über ihrem Bette hing. Ein Rosenkranz kam nie in ihre Hände: das Mahlmann'sche Vaterunser aber wurde ihr tägliches Gebet. In Leipzig konnte sie eines Tages, als sie aus ihrer Kirche kam, ihre Entrüstung über das, was sie im Beichtstuhle hatte hören müssen, nicht verbergen, schwieg aber über den Inhalt, und ich konnte nur aus späteren Aeußerungen vermuthen, daß der Priester ihr wegen meines und ihrer Kinder Ketzerthums Vorwürfe gemacht hatte; seitdem ging sie nicht mehr zur Beichte, wenn sie nicht der vernünftigen Ansichten des Geistlichen im Voraus gewiß war. In Dorpat konnte die Messe der griechischen Kirche wegen der dabei hervortretenden handwerksmäßigen Gemeinheit und Rohheit ihr nur widerlich erscheinen, und da keine katholische Kirche da war, so nahm sie mit mir und einer ihr befreundeten Familie das heilige Abendmahl bei dem verehrten Pastor Lenz in der protestantischen Kirche. Sie verehrte Luthern als heldenmüthigen Kämpfer für die Sache der Freiheit und der Vernunft; da wir nach Eisenach kamen, konnte sie es kaum erwarten, die Wartburg zu besuchen, während ich, wie bei allen ähnlichen Gelegenheiten, sie ganz ungestört ihren eigenen Empfindungen überließ, und als wir in dem uns angewiesenen Zimmer uns fürs Erste etwas eingerichtet hatten, öffneten wir das Fenster, um uns den Marktplatz zu beschauen: in demselben Momente ertönte ein Lutherscher Choral vom Rathhause her, und wie sie die wohlbekannte[420]  Melodie vernahm, stürzten ihr die Thränen aus den Augen; in dieser Stimmung betrachtete sie dann die Andenken an Luther auf der Wartburg als ein Heiligthum. – Daß sie über den Confessionen stand, zeigte sich eines Tages in Königsberg dem Consistorialrath Krause gegenüber; sie besuchte seine Predigten mit großer Erbauung, und da wir freundschaftlichen Umgang mit ihm hatten, so äußerte sie eines Tages gegen ihn, sie wünsche wohl, bei ihm zum Abendmahle zu gehen; als er aber – unüberlegter Weise – darauf versetzte, er freue sich darüber und habe schon längst gedacht, daß sie, von der katholischen Confession unbefriedigt, zur protestantischen übergehen werde, schwieg sie betroffen still, und wiewohl sie nicht weiter darüber sprach, konnte man es ihr doch anmerken, der protestantische Priester hatte bei ihr etwas an Achtung verloren. Ihr Standpunct über den Confessionen verführte sie bisweilen zu einem gänzlichen Vergessen der Gesetze ihrer Kirche, was denn zu Scenen Anlaß gab, die mir heimlich viel zu lachen gaben und ihr nicht den mindesten Kummer machten: der katholische Propst Regenbrecht war nur zweimal bei uns in Gesellschaft, und beide Male fügte es sich, daß, als er die Fleischspeisen unberührt ließ, ich daran dachte, daß es Fasttag war, welche Entdeckung sie keineswegs in Verlegenheit setzte; von Marienbad aus machten wir eines Tages in größerer Gesellschaft eine Lustpartie nach einer benachbarten Pfarre, wo ein ansehnliches Mittagsessen arrangirt war, und als gegen Ende der Tafel der Pfarrer selbst hinzukam und meine Frau sich freundlich mit ihm unterhielt, fragte sie ihn in aller Unschuld, ob sie nicht auch das Vergnügen haben werde, seine Frau Gemahlin kennen zu lernen, wo ich denn mit schlecht verbissenem Lachen schnell andere Fragen an den Pfarrer richtete, um ihm die Antwort zu ersparen.

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Wie sie überall durchaus wahrhaft war, so beruhte auch ihr Interesse für die Werke der schönen Künste keineswegs auf Schein oder Nachahmungssucht, vielmehr vermochte etwas Gelungenes darin sie wirklich zu entzücken. Am meisten war ihr Sinn für Musik entwickelt und ihr Geschmack darin gebildet,[421]  wie sie denn auch in jüngeren Jahren eine gute und kunstgeübte Sängerin war. Hatte sie nun auch für theatralische Darstellung, sowie für Poesie und Malerei ihr eigenes Urtheil, so pflegte sie doch bei einem gemeinschaftlichen Kunstgenusse dieser Art mich zu beobachten, um, wenn ich ein mit dem ihrigen übereinstimmendes Urtheil verrieth, sich desto inniger über die Kunstleistung zu freuen, wie ich denn meinerseits ihr einen Einfluß auf mein Urtheil über Musik einräumte.
Sie bewies ein lebhaftes Interesse für die öffentlichen Angelegenheiten, in sofern diese das Gefühl für Recht in Anspruch nahmen. Daher las sie denn in den Zeitungen die politischen Artikel nicht wie manche Frauen zuletzt, sondern immer zuerst und die Avertissements sehr oft gar nicht. Stimmte ihr Urtheil mit ihrer angebornen Liebe zum Vaterlande überein, so war allerdings ihre Theilnahme am wärmsten; aber wie sehr sie Oesterreich liebte, galt ihr Deutschland doch noch mehr; und als ich von Dorpat aus bei Preußens Rüstung gegen Napoleon eine für unsere Umstände große Summe als Beitrag zu den Kriegskosten einsenden wollte, war sie damit völlig einverstanden. Als Weltbürgerin hatte sie Gefühl für das Geschick jedes Volkes, besonders aber, in sofern eine Beziehung zum Familienleben dabei hervortrat; hatte daher die Julirevolution gleich bei ihrem Ausbruche sie freudig bewegt, so wurde sie eine noch innigere Anhängerin derselben, als ihr Schilderungen vom Familienglücke Ludwig Philipps gemacht wurden.
Was die Aeußerlichkeiten betrifft, so entsprach ihre Kleidung durch Einfachheit, Sauberkeit und guten Geschmack ganz ihrem Charakter, und so bot sie, da sie vorzüglich gut gebaut war, eine angenehme Erscheinung dar. Diese Nettigkeit war aber nicht auf das Erscheinen vor Fremden berechnet, sondern gehörte zu ihrer Persönlichkeit, und wurde nicht erst durch große Veranstaltungen und stundenlange Aufmerksamkeit für gewisse Stunden angenommen, sondern war eins mit ihr und ihrem Negligée, ihrem Nachtkleide und ihrer Bekleidung im Wochenbette eben so eigen, als ihrem Anzuge für die Gesellschaft; auch wenn sie mit mir allein war, war nie etwas Unsauberes, Mißfälliges,[422]  Nachlässiges an ihr zu entdecken, und der Wunsch, mir zu gefallen, war nicht der eigentliche Grund davon; schon um ihrer selbst willen war sie höchst sauber und anständig in ihrem Aeußern: es war ihre sittliche Reinheit und Würde, die sich darin spiegelte und etwas Widerwärtiges ganz unmöglich machte.
Dem entsprechend mußte auch um sie her Alles reinlich und in größter Ordnung sein; nicht bloß die Zimmer waren so, auch die Küche mußte jederzeit sauber, wohlgeordnet, selbst zierlich sein, und wenn noch diese, da sie eben darum in einigem Rufe stand, nicht selten von Gästen mit Vergnügen beschaut wurde, so war es doch auch in der Vorrathskammer, in die kein Fremder trat, nicht anders. Dies Bedürfniß der Ordnung sprach sich unter Anderem auch aus, wenn wir Gäste gehabt hatten: waren auch diese im Verhältnisse zu unserer Einrichtung noch so zahlreich gewesen und bis nach Mitternacht geblieben, so ging sie doch nicht eher zur Ruhe, als bis alles Geschirr gereinigt und sammt dem Geräthe an seinen gehörigen Platz gebracht war, so daß am frühesten Morgen keine Spur der gestrigen Gesellschaft zu bemerken war. Diese Liebe zur Ordnung wie zur Reinlichkeit war nicht das Werk der Erziehung und Angewöhnung, denn sie war weder der Mutter, noch den Schwestern eigen, sondern stammte aus ihrem eigenen Innern, war der Ausdruck eines klaren Verstandes und einer geordneten Gemüthsverfassung.
In ihrer Lebensweise liebte sie die Regelmäßigkeit, ohne jedoch sich von ihr tyrannisiren zu lassen. Sie stand gern früh auf, im Sommer um vier, im Winter um fünf Uhr, in unsern jüngeren Jahren, wenn ich eine dringende Arbeit hatte, noch früher, und ich weiß, daß wir in Leipzig zur Winterszeit eine gute Weile schon nebeneinander gearbeitet hatten, wenn der Thürmer sein Morgenlied anstimmte. Ueberhaupt sehr mäßig, bewies sie ihr treues Halten an der Natur unter Anderem auch in einem Zuge, den ich bei niemand Anderem beobachtet habe: sie fühlte nämlich bei der Mahlzeit den Punct, wo das Bedürfniß befriedigt war, so bestimmt, daß sie dann den schon auf die Gabel genommenen Bissen wieder hinlegte.[423] 
Sie war eine sehr thätige und sehr verständige Wirthin. Die Thätigkeit war ihr Bedürfniß, und ich erachte es für ein großes Glück, daß ich seit 1820 das Kypkesche Stift bewohnte, wo Garten und Hühnerhof ihr auch in späteren Jahren Beschäftigung gewährte. Sie war unermüdlich, aber nicht von einem blinden Drange getrieben, sondern nur um des Zweckes willen und so lange es nöthig schien, um, sobald dies nicht mehr der Fall war, der Ruhe, der Lectüre, dem Umgange, dem Genusse der Natur oder der Kunst sich hinzugeben. Damit hing nun eine andere Eigenthümlichkeit zusammen, die gar manches Mal der Gegenstand meiner Scherze wurde: sie lebte nämlich immer in der nächsten Zukunft und ruhte in ihrer Häuslichkeit nicht eher, als bis Alles im Voraus besorgt war; ehe der Mittag kam, mußte schon alles Geschirr zur Mahlzeit in Bereitschaft stehen; kaum war der Mittag vorüber, so konnte man schon Anstalten für den Abend bemerken, und vor dem Schlafengehen wurde der Tisch zu Bereitung des Frühstücks servirt. Sie befleißigte sich einer strengen Wirthlichkeit, war sparsam, ohne karg zu sein. Sie hielt streng auf Ordnung im Hauswesen, machte es, auch als wir noch in sehr beschränkten Verhältnissen lebten, möglich, jede Schuld zur bestimmten Zeit, wenn auch nur in Abschlagszahlungen, zu berichtigen, hatte daher auch einen Credit, zu dem ich im äußersten Falle selbst meine Zuflucht nehmen konnte. Seitdem ich einen festen Gehalt hatte, überließ ich ihr den ganzen Haushalt und entwarf ihr einen regelrechten, aus mehreren Titeln bestehenden Etat, den ich so reichlich einrichtete, daß mir für weitere Ausgaben nicht viel übrig blieb und ich dafür auf extraordinäre Einnahmen rechnen mußte; ich wußte nämlich, welches Vergnügen es ihr machte, etwas zu erübrigen, was sie nach ihrem Willen verwenden konnte: daraus flossen denn die Mittel zu Geschenken für mich und für unsere Kinder; auch überraschte sie mich eines Tages mit einem artigen Sümmchen, das sie heimlich in der Sparkasse angelegt hatte. Als ich noch in einer bedrängten Lage war, fehlte uns doch nie eine gesunde, kräftige und wohlschmeckende Kost, und als ich ein reichliches Einkommen hatte,[424]  blieb unser Tisch eben so einfach, nur daß die Festgerichte, die auch vormals nicht ganz gefehlt hatten, etwas häufiger zum Vorschein kamen; denn sie war im Kochen wie im Backen nicht nur wohl unterrichtet, sondern auch genial, so daß sie bei aller Achtung vor bewährten Recepten sich doch nicht sclavisch an die Vorschrift band, sondern nach eigenem Urtheile componirte; jedes aber, auch das neu ausgesonnene Gericht, ging schmackhaft unter ihren Händen hervor, und sie freute sich des allgemeinen Wohlgefallens, mit welchem die Werke ihrer Kunst verzehrt wurden. Eben so freute ich mich über ihre Verständigkeit und Menschlichkeit, wenn ich Gelegenheit hatte, sie beim Einkaufe zu beobachten: sie ließ sich nicht übertheuern, drückte aber auch nie einen Armen durch ein zur Gewohnheit gewordenes gedankenloses Abdingen, sondern nahm überall billige Rücksicht.
Sie war heiter und lebhaft, liebte daher auch die Geselligkeit, so wie sie eine angenehme Gesellschafterin war. Waren die häuslichen Geschäfte abgethan, so verlebte sie den Nachmittag gern in Gesellschaft von Freundinnen; ich sah dies gern, da ich wußte, daß es ihr wohl that und munterte sie oft dazu auf, besonders in den Jahren, wo unsere Kinder sie nicht mehr beschäftigten. Sie suchte zu gefallen, wie es ihre Weiblichkeit mit sich brachte, aber sie bediente sich dazu keines andern Mittels, als daß sie mit Unbefangenheit sich gab, wie sie war, das natürliche Wohlwollen, das sie für den Menschen überhaupt fühlte, ungekünstelt äußerte, sich bemühte, angenehme Empfindungen zu erregen, Jeden nach seiner Weise behandelte, verständig urtheilte, bescheiden sich benahm, ihrer etwanigen Vortheile sich nicht rühmte, noch auch einen falschen Schein anzunehmen suchte. Sie beurtheilte die Menschen glimpflich, sträubte sich, ungünstigen Gerüchten Glauben beizumessen und vertheidigte die Beschuldigten; war sie dann von einer wirklichen Schlechtigkeit überzeugt worden, so verabscheute sie dieselbe gründlich, ohne jedoch an der weiteren Verbreitung solcher Nachricht Gefallen zu finden. Durch dies Alles gelang es ihr denn so oft, und insbesondere den höchst Gebildeten und best Gebildeten zu gefallen: die Natürlichkeit ihres Betragens flößte Vertrauen[425]  ein, die Reinheit ihrer Gesinnung nöthigte Achtung ab, und ihr Frohsinn, der immer ein richtiges Urtheil und ein lauteres Gefühl für Sittlichkeit zu Stützpuncten hatte, machte sie beliebt. Meine Verwandten waren anfangs gegen sie eingenommen, da sie fürchteten, daß es mir nicht gelingen würde, aus der schwierigen Lage zu kommen, in die ich mich durch meine frühe Verheirathung gesetzt hatte; aber als sie sie näher kennen lernten, änderten sie bald ihre Gesinnungen, und gerade die, welche ihr aus Liebe zu mir am meisten gezürnt hatten, mein Onkel und mein Hänsel, wurden ihre wärmsten Freunde. Wenn ich mit ihr eine Reise machte, konnte ich mich recht daran weiden, wie sie überall die Herzen gewann: selbst einen guten Theil der freundlichen Aufnahme, die ich da fand, hatte ich ihr zu danken; überall wurde sie als eine seltene, ungemein freundliche Erscheinung erkannt. Ja, es war eine Freude, mit ihr zu leben und eine Wonne, von ihr geliebt zu werden.


Ueberhaupt wohlwollend und dienstfertig, war sie auch sehr gastfreundlich gesinnt; unser kleines Haus war als ein gastliches bekannt, und zwar nicht erst, seitdem meine Lage günstiger geworden war, sondern auch schon, wie diese noch viel zu wünschen übrig ließ, wie ich denn z.B. in Rehmanns Briefen von 1804 den wärmsten Ausdruck seiner Dankbarkeit für die bei uns genossene Gastfreundschaft finde. So fiel es ihr auch in Zeiten günstiger Verhältnisse nicht ein, durch großes Gastiren zu glänzen und sich dadurch Vergeltungs-Einladungen zu erwerben, sondern ihre Gastfreiheit war uneigennützig und nur auf gegenseitige Erheiterung des Lebens berechnet.
Es genügte ihr nicht, die Nähe von Trauernden und Bedrängten nicht zu meiden: sie suchte sie auch wirklich auf und bemühte sich, nach Möglichkeit zu helfen durch Trost, oder durch Rath, oder durch Verwendung, oder durch Gaben. In letzterer Beziehung zog sie Geschenke von Nahrungsmitteln oder Kleidungsstücken den Geldgaben vor und richtete besonders ihre Wintervorräthe darauf ein, daß dergleichen Spenden möglich waren. Wo unsere Kräfte nicht ausreichten, nahm sie die Hülfe der Freunde in Anspruch und ließ sich in solchem Falle keine[426]  Mühe verdrießen; so haben wir in Leipzig, vereint mit unserem Hänsel, im seligen Gefühle des Wohlthuns so manchen armen Familien zu helfen gesucht, und auch in Dorpat, sowie in Königsberg wußte sie immer einige Freundinnen zum Beistande für ihre Armen zu gewinnen.
Dergleichen Bewilligungen vergalt sie aber auch durch die redlichste Freundschaft. In Betreff von Schwächen oder von stillem Kummer einer Freundin war sie offenherzig gegen diese und verschwiegen gegen Andere. Wer ihr ein Geheimniß anvertraute, der konnte gewiß sein, daß es gut aufbewahrt war, und so war sie auch überhaupt mit der Erzählung eines Ereignisses oder mit der Aeußerung eines Urtheils, woraus für den, welchen es betraf, hätte Schaden entstehen können, sehr vorsichtig; nicht selten hat sie mich, wenn ich unbesonnen etwas ausgesprochen hatte, was zum Nachtheile eines Andern gedeutet werden konnte, durch ihr Stillschweigen beschämt.
Eine liebevolle Tochter und Schwester war sie immer, am meisten freilich, wo sie zugleich Achtung fühlte. So war sie von Ehrfurcht gegen ihren braven Vater durchdrungen und brachte ihm gern Opfer, indeß sie mit den Schwächen der Mutter Geduld hatte. Den wackern Bruder liebte sie von ganzem Herzen, indem sie seinen Charakter schätzte; ihren Schwestern aber suchte sie möglichst nützlich zu werden, und sie in günstigere Verhältnisse versetzen zu können, würde sie sehr glücklich gemacht haben. Was sie als Mutter war, brauche ich kaum noch zu berühren. Es war ein reizender Anblick, sie im Wochenbette zu sehen, wie sie mit dem Ausdrucke der Selbstzufriedenheit und des mütterlichen Glückes auf das eben so zierlich wie sie selbst neben ihr liegende Kind blickte, oder zu sehen, wie die Lust des Säuglings an ihrer vollen Brust als Mutterfreude aus ihren eigenen Augen wiederstrahlte.
Und so fand sie auch reichen Lohn in der Liebe ihrer Kinder. Die Dankbarkeit der Tochter sprach sich selbst nach deren Tode in einem lieblichen Bilde aus. Als nämlich meine Frau im Jahre 1826, nachdem ich meine weitere Reise von Halle aus angetreten hatte, ihren Geburtstag in Leipzig erlebte,[427]  ging sie in aller Frühe auf den Kirchhof, um am Grabe unserer Tochter zu beten, und legte auf dasselbe den Blumenkranz, den sie als Gabe einer Freundin beim Erwachen neben ihrem Bette gefunden hatte. Nach einigen Jahren erfuhren wir, daß der Kranz angewachsen war; während die Blumen verwelkt waren, hatte die sie vereinende Epheuranke Wurzel geschlagen und Zweige getrieben, welche vom Grabe zu der dabei stehenden Acacie reichten und an dieser sich empor wanden: die Asche der Tochter hatte das von Mutterliebe dargebrachte Opfer dankbar angenommen.
Mich hat sie wahrhaft beglückt. Unsere Liebe hatte neben sinnlichem Wohlgefallen gegenseitige Achtung und Uebereinstimmung in unseren Gesinnungen zur Grundlage und dadurch eine ernstere Bedeutung, so daß es der hinzutretenden Gewöhnung eines freundlichen und vertraulichen Zusammenlebens ein Leichtes wurde, unsere Herzen auf ewig innigst an einander zu knüpfen.
Wir achteten einander wegen unserer religiösen Gesinnung und unseres sittlichen Charakters; bei aller Vertraulichkeit und Zwanglosigkeit ist daher unter uns nie etwas vorgefallen oder ein Wort gesprochen worden, was die Sittlichkeit auch nur auf das Leiseste verletzt hätte. Wir achteten einander wegen unserer Arbeitsamkeit und unserer Leistungen. Wie Achtung und Liebe einander gegenseitig fördern, so wurde sie auch durch ihre Liebe zu mir bestimmt, sich eine größere Vorstellung von meinen Leistungen zu machen, deren Werth sie nicht zu beurtheilen vermochte; war ich nun zuweilen durch Unzufriedenheit mit meinen Arbeiten oder durch Besorgniß der Abnahme meiner Kräfte niedergebeugt, so trat sie mir mit der heitern Zuversicht entgegen, daß dies nur ein auf vorübergehender Abspannung beruhender Mißmuth sei und daß ich mir nur einige Erholung gönnen müsse, um wieder andern Sinnes zu werden. In der großen Meinung, die sie von meiner geistigen Kraft hatte, war sie wirklich stolz auf mich und dabei so feinsinnig, daß sie es gegen mich nie aussprach; erst durch Andere erfuhr ich, wie sie sich über mich geäußert und von meiner Berühmtheit gesprochen[428]  hatte. So sah ich es auch nur an ihren Mienen, wie es sie freute, wenn ein Vortrag von mir Beifall fand, und wenn ich mir Mühe gab, einen Aufsatz für eine Abendgesellschaft in der Loge auszuarbeiten, so geschah es auch meist nur, um ihr zu gefallen. In der Ueberzeugung von meinem Werthe fand sie sich selbst geschmeichelt, wenn interessante Frauen mich auszeichneten, und suchte ein solches Verhältniß selbst zu fördern, da sie sicher war, nicht darunter zu verlieren. Meine Ehre galt ihr sehr viel, ja um diese zu behaupten, war sie selbst bereit, ihren Wohlstand aufs Spiel zu setzen; dies bewies sie, als ich durch die oben (S. 257) erwähnte Beschuldigung des Ministeriums mich beleidigt fühlte: sie war mit mir einverstanden, daß ich ernsthaft antworten müsse, und erklärte dabei, wenn ich dadurch meine Professur verlöre, so schadete es nicht, ich würde sie doch ernähren, müßten wir uns auch knapp behelfen.
Die Uebereinstimmung in unseren Neigungen war ebenfalls ein Band, welches uns an einander knüpfte, und der Genuß, welchen Jeder von uns an den Schönheiten der Natur und der Kunst fand, wurde durch den Gedanken, daß der Andere sie in gleicher Weise genieße, verdoppelt. Wie glücklich fühlten wir uns, wenn wir zusammen einer ausgezeichneten Vorstellung im Theater beiwohnten, durch Blicke oder Händedruck einander unsere Empfindungen kund gaben, und nachher unsere Urtheile austauschten! Und welch' köstliche Freuden bereitete uns nicht eine gemeinschaftliche Reise! Im Einzelnen fügte sie in ächt weiblicher Weise ihre Urtheile und Neigungen gern den meinigen: mit wem ich mich befreundete, dem wendete auch sie gern ihre Zuneigung zu, und den Dichterwerken, die ich vorzüglich schätzte, suchte auch sie mehr Geschmack abzugewinnen. Ihre Theilnahme an meinem Gefallen oder Mißfallen erstreckte sich oft über das Unbedeutendste, so daß ich z.B. gewiß war, ihr mit einem Male alle Eßlust zu benehmen, wenn ich es mir merken ließ, daß ein Gericht mir nicht schmeckte.
Den Andern zu erfreuen, machte Jedem die größte Freude; wohl ausgesonnene Ueberraschungen fehlten an keinem Geburtsoder[429]  Weihnachtsfeste, und im täglichen Umgange erheiterten wir uns durch kindliche Scherze, wie sie denn z.B. in ihrem letzten Sommer mir, wenn ich Mittags aus meiner Vorlesung kam, einige Schritte entgegen ging, ich aber, wenn sie es einmal vergessen hatte, an das Fenster klopfte und wieder eine Strecke zurück ging, um mein Recht zu behaupten und mich einholen zu lassen.

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Wir konnten nicht lange von einander getrennt sein, gönnten einander zwar die Erholung außer dem Hause und unterwarfen uns der für nothwendig erachteten Trennung, warteten aber dann auch mit Ungeduld auf die Wiedervereinigung. Wenn ich sie im Sommer das Seebad gebrauchen oder in einer befreundeten Familie das Landleben genießen ließ, begann alsbald der lebhafteste Briefwechsel, der nicht eher aufhörte, als bis die darin ausgesprochene Sehnsucht gestillt war, und Jeder von uns hob dann, wie verabredet, die empfangenen Briefe als ein werthes Andenken auf. Ich sah es gern, wenn sie zu ihrer Erheiterung den Nachmittag und einen Theil des Abends in Gesellschaft zubrachte oder das Theater besuchte, und um mich nicht von meiner Arbeit abzuhalten, verzichtete sie auf meine Begleitung; aber ich lauschte auch zur Zeit ihrer Rückkehr auf ihre Frage nach mir, die sie beim Eintritte ins Haus immer that, und wenn ich sie abholte, sah ich, wie bei meiner Ankunft ihr Gesicht sich verklärte. So beredete sie mich oft, des Abends in Gesellschaft zu gehen; wenn ich aber ein Mal ungewöhnlich lange ausblieb, so fand ich sie schlaflos und von Besorgniß erhitzt.
Als wir älter wurden und die Söhne ihren eigenen Hausstand hatten, wurden wir einander immer unentbehrlicher, und wir waren am frohesten, wenn wir allein zusammen waren; jede solche Mittagsmahlzeit gewährte durch Frohsinn im Gefühle unseres Glückes die schönste Erholung, und den Abend, da ich nie spät arbeitete, brachte ich am vergnügtesten mit ihr zu.
Im Alter wurde sie auch noch durch manche außerordentliche Freude erquickt. So war sie 1832 zu Wien schon in den[430]  ersten Tagen der Versammlung der Naturforscher sehr ausgezeichnet worden; als aber bei dem Feste in Luxenburg sie zur Spazierfahrt allein aufgerufen und vom Baron Türkheim zu dem sechsspännigen kaiserlichen Gallawagen geführt wurde, um an der Spitze einer langen Reihe anderer Hofwagen durch den Park zu fahren, mußte sich ihr gepreßtes Herz durch Freudenthränen Luft machen; man denke sich das Glück einer Oesterreicherin auf Befehl des geliebten Kaisers Franz in dessen eigenem Wagen! – Ein stilleres, aber ihrem Herzen unendlich wohlthuendes Fest wurde ihr 1837 an ihrem Geburtstage von unsern Söhnen bereitet: nachdem ich sie, im Garten sitzend, so lange bis alle Veranstaltungen getroffen waren, durch Gespräch fest gehalten hatte, ertönte ein melodischer Gesang aus einer fernen Laube und es traten acht Großkinder hervor, die, paarweise geordnet, singend durch den Garten zogen, um den Sitz der geliebten Großmutter her Stäbe mit Kränzen aufpflanzten, Blumen streuten, den von unserem jüngern Sohne gedichteten sinnigen Text des Gesanges darbrachten und diesen, in einem Halbkreise stehend, nochmals anstimmten. – Endlich rechne ich zu den vorzüglichsten Freuden, die ihr in der letzten Zeit ihres Lebens zu Theil wurden, die in demselben Jahre unternommene Reise, wo sie an meiner Seite die Naturschönheiten der sächsischen Schweiz und Thüringens mit aller ihr eigenthümlichen Wärme genoß und die letzten Liebeszeichen von meinem theuren Onkel empfing, der mit väterlichem Segen für dieses Leben von ihr Abschied nahm.
Bei der Erinnerung an genossene Freuden sinnt man schon wieder auf neue für die Zukunft, und so machte ich nach unserer Rückkehr den Plan, sie in einem der nächsten Jahre nach Schwaben, Baden und der Schweiz zu führen; denn wie sie nicht geruht hatte, bis ich auch nach dem ihr so lieb gewordenen Marienbad gekommen war, so konnte ich es nicht ertragen, daß ich jene herrlichen Gegenden allein sollte gesehen haben. Sehr auffallend war es aber, daß sie, die sonst in unsern Abendunterhaltungen dergleichen Projecte lebhaft auffaßte, diesmal gar nicht darauf eingehen wollte; es war, als ob ihr[431]  ahnte, daß mir jenes Glück nicht gegönnt werden würde; indeß fand ich nachmals unter ihren Papieren Auszüge aus Reisbeschreibungen, die mir bewiesen, daß sie sich doch die Möglichkeit, in jene Gegenden zu kommen, gedacht und sich darauf vorbereitet hatte.
Wenn sie auch trotz allem Ungemach bei und nach der Geburt unserer Tochter gesund geblieben war, so schien doch eine Neigung zu entzündlichen Zuständen der Unterleibsorgane dadurch begründet worden zu sein, die späterhin hartnäckige Verdauungsbeschwerden zur Folge hatten. Sie gebrauchte dagegen das Seebad in drei Sommern, so wie den Kreuzbrunnen zwei Mal in Marienbad selbst und einige Jahre zu Hause; auch benutzte ich jede Gelegenheit, erfahrene Aerzte deshalb zu Rathe zu ziehen, – aber ihre Beschwerden konnten nur durch täglichen Arzneigebrauch gelindert werden. Wie sie indeß bei dem Allem ihren Frohsinn behauptete, so hoffte ich auch, daß ihr vermöge ihrer kräftigen Constitution eine lange Lebensdauer bestimmt sei. Ich rechnete darauf, daß sie mich überleben würde; ich setzte aus einander, wie es eine dem Berufe der Geschlechter angemessene Einrichtung der Natur sei, daß das Weib später sterbe; wenn im Kreise vertrauter Freunde bei mir Gesundheiten getrunken wurden, stieß ich mit ihr darauf an, daß sie ihren Posten behaupten, ihren Beruf völlig durchführen und das Haus schließen müsse; eben so traf ich mit ihr Verabredungen über ihre Einrichtung nach meinem Tode. Zwar befiel mich ein heimliches Grauen, wenn ich zuweilen in ihrer Abwesenheit etwas aus ihrem Verschlusse herausgeben mußte, doch dachte ich mir die Möglichkeit, sie zu verlieren, nie deutlich. Ich hatte ihr dieselbe Meinung über unser Schicksal beigebracht, und vermöge ihrer sittlichen Kraft und ihrer wahrhaften Liebe zu mir hatte sie sich gefaßt gemacht, es zu ertragen; noch wenige Stunden vor dem Eintritte des Fiebers, welches ihrem Leben ein Ende machte, äußerte sie gegen einen Freund, mit welchem sie, da ich nicht zu Hause war, sich unterhielt, sie erkenne es für eine ihrer Pflicht gemäße Bestimmung, mich zu überleben, indem sie den Schmerz, einsam in der Welt zu stehen, mir ersparen müsse.[432]  Eben so hat sie, wie ich ebenfalls nachher erfuhr, früher gegen eine vertraute Freundin sich ausgesprochen, daß es ihre Pflicht sei, dies Loos zu tragen, Und als sie auf ihrem Sterbebette meine Angst bemerkte, sagte sie: »Gott wird mir helfen, Du wärst ja sonst gar zu unglücklich.« So hatte sie bis zu ihrem Tode die feste Ueberzeugung, daß ich sie über Alles liebte, daß sie das wahrhafteste Glück meines Lebens ausmachte, und so sind mir diese Worte so ungemein tröstlich, da in ihnen die Gewißheit liegt, daß ich sie glücklich gemacht habe, – denn das Weib, das mit der Ueberzeugung, so geliebt zu werden, stirbt, ist wohl glücklich.
Im November 1838 wurde sie von einem heftigen Fieber befallen, welches bald einen nervösen Charakter annahm und nach vierzehn Tagen (am 4. December) mit dem Tode endete. Auch auf ihrem Sterbelager bewährte sie ihren Charakter. Eine fortwährende Beklemmung nöthigte sie zum Stöhnen; sie besiegte aber das Gefühl der Schwere ihrer Krankheit, um bis zu den letzten Tagen die Wirthschaftsangelegenheiten anzuordnen, für mich und ihre Söhne fortwährend Sorge zu tragen, ihre zum Weihnachtsfeste bereits getroffenen geheimen Veranstaltungen weiter zu führen, und mich zu trösten. Hierdurch, so wie durch die Erinnerung an alle ihre Lieben und durch die Beweise von Theilnahme ihrer zahlreichen Freunde wurden ihre Leiden gemildert. Zuweilen hatte sie einen schönen Traum; auch glaubte sie eines Tages den zu ihrer Geburtstagsfeier im vorigen Jahre vom Chore der Enkel angestimmten Gesang zu hören, und fühlte sich dadurch belebt. Sie liebte das Leben und fürchtete den Tod nicht; so sagte sie in ihrer Natürlichkeit: »Es wird wohl schön sein, zu meiner Line zu kommen; aber ich möchte doch gern noch bei Euch bleiben.« Am 1. December gestand sie, jedoch nur den Söhnen, ihre Ueberzeugung von ihrem nahen Tode. Am folgenden Tage kam ich auf den Gedanken, ob sie doch nicht vielleicht im Empfange der Sacramente ihrer Kirche einige Beruhigung finden könnte; als ich sie deshalb fragte, erwiderte sie: »Du hast Recht; bei der Spaltung der Kirchen wollen wir uns um so mehr hüten, Anstoß zu geben.«[433]  Und in diesem Sinne nahm sie die Ceremonie auf, die auch in ihrem Seelenzustande durchaus keine Aenderung hervorbrachte: sie bewährte sich als stark, wo ich die Möglichkeit einer Schwäche an ihr vorausgesetzt hatte. Zwei Tage darauf athmete sie in einem sanften Schlummer ihr Leben aus, während ich mit meinen Söhnen in stiller Ergebung an ihrem Lager saß.

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Im Sarge schmückte ich sie mit zwei Dingen, die für sie Kleinodien gewesen waren. An ihre Hand steckte ich den Ring von meinen Haaren, durch den ich mich ihr im Jahre 1798 verlobt hatte (S. 72 flg.); wie damals bei unserer ersten Trennung, so gab ich ihr ihn jetzt bei unserer zweiten mit, und wie das an seiner inneren Fläche eingegrabene Wort: Wiedervereinigung meine damalige Hoffnung ausdrückte, die nachher in Erfüllung ging, so bezeichnete es auch jetzt meine Zuversicht. Um ihren Hals schlang ich eine aus meinem Haare geflochtene Schnur, an welcher ein kleiner Medaillon hing, der auf der einen Seite ein Marienbild, auf der andern eine Locke vom Haupte ihres Vaters enthielt und den ich ihr geschenkt hatte, als wir 1826 in Prag den Geburtstag unserer Tochter feierten (S.373), – denn an diesem Tage pflegte ich alljährlich ihr ein kleines Geschenk mit einem religiösen Buche oder Bilde zu machen –; sie liebte diesen Medaillon sehr und sagte, es sei ihr, als ob er ihr Amulet wäre und ihr, so lange sie ihn auf ihrer Brust trage, nichts Uebles widerfahren könnte.



2. Der Wittwer.










[434] Nur in so fern ich mich eben so geliebt fühlte, als ich mich liebend hingab, hatte seit jeher das Leben für mich Werth gehabt: die Liebe war mir die Lebensluft, ohne die ich im Qualme des Menschengewühls zu ersticken glaubte. Und ein günstiges Geschick hatte dem Bedürfnisse meines Herzens entsprochen: ich hatte als einziger Sohn die ungetheilte Liebe meiner trefflichen Mutter genossen, nach ihrem Tode aber mein Glück in der ehelichen Liebe gefunden, auf diesem Gipfel der Eintracht, wo ein[434]  völlig ungetheiltes Interesse waltet und ein Individuum ganz in dem andern lebt. Jetzt erst, in den späteren Jahren des Lebens, wo ohnedies die Freuden spärlicher werden, wurde ich des bisher gewohnten Glücks beraubt. Gewiß, wer erst im Alter zum Waisenknaben wird, den drückt die Lieblosigkeit der Welt viel härter, als den, der von Geburt an Bewohner des Waisenhauses war.
Glücklich durch Liebe, war ich aber auch liebreicher gegen Andere gewesen, und jetzt, wurde diese Theilnahme viel kälter oder wendete sich mehr von den Individuen ab und dem Allgemeinen zu. Ich bin im Grunde aller wahrhaften, innigen Anhänglichkeit baar geworden: ich hänge an Niemandem und Niemand hängt an mir; ich bin mehreren Personen aufrichtig gewogen und sie sind eben so gegen mich gesinnt, aber wir können einander entbehren und werden uns eben nicht viel vermissen. Ich will noch den Menschen wohl, dem Einen mehr, dem Andern weniger, und bin gern Jedem nützlich, dem Einen, wenn es ohne große Unbequemlichkeit geschehen kann, dem Andern, wenn es auch Aufopferung kostet: aber mein Wohlwollen bleibt kühl, wie das, was jetzt allein mir zu Theil wird. So werde ich auch von einem fremden Verluste weniger gerührt, da ich ihn mit dem meinigen vergleichen muß: Wem sein ganzes Vermögen verloren gegangen ist, der hat weniger Mitleid, wenn ein Anderer ein Zehntheil des seinigen einbüßt. – Die Abnahme der Lebendigkeit des Gefühls, welche mit dem Verluste von dessen persönlichem Hauptgegenstande eingetreten ist, prägt sich auch physisch aus: seit dem Tode meiner Frau fühle ich mein leibliches Herz nicht mehr, während ich sonst in Momenten freudiger Anschauung ihrer Liebenswürdigkeit eine krampfähnliche und doch wonnevolle Empfindung im Herzen hatte; jetzt werde ich nur von einer aus dem Selbstbewußtsein und aus dem Gebiete der Ideen stammenden Vorstellung so lebhaft ergriffen, daß besondere Empfindungen davon entstehen, und diese äußern sich nur als Wirkungen auf das Nervensystem, wie ein über den ganzen Körper gleichförmig sich verbreitender elektrischer Strom, der das Herz insbesondere nicht berührt.[435] 
Vormals fand ich für meine Anstrengungen alsbald einen ermunternden Lohn; konnte ich gegen meine Frau mich rühmen: »ich glaube, es ist mir gelungen,« oder »ich meine, die Arbeit ist gut,« so nahm sie innigen Antheil daran; und konnte ich ihr auch nichts mehr sagen, als: »ich bin fertig,« so war sie auch dessen froh mit mir. Jetzt kann dies Alles Niemandem interessiren, und manche Arbeit, die an sich nicht anziehend ist, wird mir jetzt schwer, während sonst häusliche Freude mir die nöthige Spannkraft gab, um auch auf dem undankbaren Felde freudig und rüstig arbeiten zu können. In der That hatte ich bisher die Bürde des Lebens kaum gefühlt; die Arbeit war mir Freude gewesen, und davon ermüdet, hatte ich mich an ihrer Seite neu gestärkt; in Zeiten aber, wo ich durch das Gefühl der Unvollkommenheit meiner Leistungen und durch Unzufriedenheit mit mir selbst niedergebeugt war, wurde ich durch sie erheitert, ja – ich schäme mich nicht, es zu gestehen – getröstet.

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Wie wir gegenseitig einander zu erfreuen sannen, so wurde sie auch durch jede mir zu Theil gewordene Gunst lebhaft erfreut, und durch diese ihre Freude gewann jene Gunst erst recht hohen Werth für mich. Wenn mir jetzt etwas Angenehmes widerfährt, mischt sich dem Vergnügen eine schmerzliche Empfindung bei, weil ich mich nicht mit ihr freuen kann; so war ich bei den Auszeichnungen, die ich 1840 auf Anlaß der Huldigung erfuhr, in starker Aufregung und stetem Kampfe entgegengesetzter Empfindungen, ja, ich konnte, wenn ich allein war, zuweilen den lauten Jammer nicht unterdrücken. Das Leben ist für mich ernster und strenger, mancher Reiz desselben schaal geworden. Wenn ich nach ihrem Tode mit Schauder an die Einsamkeit meiner Zukunft dachte, so war es nicht, weil ich eintretende Leiden nun allein zu ertragen haben würde, sondern wegen Entbehrung der mir bisher zu Theil gewordenen Freuden.
Selbst das Bild von meinem Sterben, das ich mir so heiter gemalt hatte, ist düsterer geworden: in der Hoffnung, sie stets an meiner Seite zu sehen, hatte ich mir meine letzten Augenblicke von Zeichen unbedingter Liebe verschönert gedacht.
Unsern gemeinschaftlichen Freunden mußte ich eine etwas[436]  ausführlichere Nachricht über meinen Verlust ertheilen, und da sie zu zahlreich waren, als daß ich ihnen einzeln hätte schreiben können, so kam ich auf den Gedanken, ihnen einen gedruckten Aufsatz zu senden. Indem ich nun am Tage nach dem Tode meiner Frau mich damit beschäftigte, den Gang ihrer Krankheit und ihr Benehmen dabei erzählte, so wie das, was sie mir gewesen war, schilderte, ertrug ich meinen Schmerz leichter: die Thätigkeit zeigte schon jetzt ihre wohlthätige Wirkung. Als ich gegen Ende des Jahres einige Tage dem Lesen ihrer Papiere widmete, bemächtigte sich meiner ein so ungeheurer Schmerz, daß ich fühlte, er würde, wenn er in diesem Maße fortdauerte, mich ihr in Kurzem folgen lassen. Der Gedanke, daß ich noch etwas im Leben zu leisten versuchen müsse, ermunterte mich, und der Vorsatz, in kräftiger Wirksamkeit meinen Schmerz männlich zu tragen, begeisterte mich: wissenschaftliche Thätigkeit mußte mich aufrecht halten.
Wie alle Entwickelung im Leben auf fortschreitender Zunahme des Geistigen beruht, so gehört dahin auch der fortgesetzte geistige Verkehr mit der dahin geschiedenen Geliebten. Indem das Bild der Verklärten mir vorschwebt, wird Alles Gute in mir lauterer, ernster und fester. Ich lasse nicht von ihr; mit meiner ganzen Seelenkraft halte ich mich an sie. Wie wir früher bei allem Wichtigern in Ansichten und Empfindungen, Entschlüssen und Handlungen übereinstimmten, so suche ich auch immerfort, mit ihr eins zu sein: ich lausche auf ihr Urtheil, und indem ich es befolge, mildere ich manche Härte, verfahre schonender gegen Andere und freue mich, daß sie zufrieden mit mir ist; das Bewußtsein, etwas Gutes gethan zu haben, wird um so süßer durch den Gedanken, daß ich in ihrem Sinne gehandelt, es ihr recht gemacht habe. Und wenn ich in meinen Arbeiten Glück gehabt zu haben glaube, so schreibe ich es ihrem Einflusse zu und betrachte sie noch ferner als meinen Schutzgeist, wo sie mich ermunterte, beruhigte, stärkte und beglückte; ja, ich überlasse mich gern der süßen Vorstellung von Schutzheiligen, einer Schwärmerei, die dem von Liebe beseelten Menschen in seiner Einsamkeit auf Erden eben so natürlich als[437]  wohlthuend ist und sich ihm durch einfache Deutung der Ereignisse oftmals als wirkliche Erkenntniß darstellt. Im Glauben an Fortdauer nach dem Tode werbe ich um ihren Besitz für ein höheres Leben durch meinen immerwährenden Schmerz, durch meine unendliche Liebe.


Die ganze Stütze meiner Kraft liegt in der religiösen Gesinnung. Durch Vertrauen auf Gott habe ich in frommer Ergebung den Schmerz über den Verlust meiner Tochter ertragen, und eben so traure ich um mein geliebtes Weib. In diesem Sinne hege ich manch tröstliche Vorstellung von den heilsamen Folgen, also auch von dem Zwecke meines Verlustes. In der Trennung erst stellt sich der volle Werth der Geliebten recht lebendig vor Augen, indem eine gewisse Entfernung dazu gehört, um die wohlbekannten einzelnen Momente in einer Gesammtanschauung zu vereinen. Ich las ihr Reisetagebuch, ihre Briefe und sonstigen Papiere; da lag ihre ganze Seele vor mir: ihre unwandelbare Frömmigkeit, die beim Genusse der schönen Natur wie bei jedem wichtigeren Ereignisse in ihrer ganzen Lebendigkeit sich offenbarte; ihre Heiterkeit und frohe Lebenslust; ihr Streben, sich auszubilden und nützliche Kenntnisse zu sammeln; ihre Menschenfreundlichkeit und ihre unbegrenzte Liebe zu mir. – Aus Liebe hatte sie es auf sich nehmen wollen, mich zu überleben, während ich zu solcher Höhe der Entsagung mich nicht hatte erheben können: als aber diese vom Schicksale mir auferlegt worden war, fand ich es schön, daß sie vorausgegangen und ihr der Schmerz, an meiner Bahre zu stehen, erspart worden war. Handelt es sich ja doch nur um die Reihenfolge unseres Sterbens! Das gemeinschaftliche Loos traf zuerst meine herrliche Mutter, dann meine engelreine Tochter, hierauf mein braves Weib, und ich beschließe: wie unglücklich wäre es gewesen, wenn die umgekehrte Ordnung eingetreten wäre und ich den Reigen eröffnet hätte! Bei der Stärke, die das Weib zeigt, wenn Liebe und Pflicht es fordern, würde meine Frau mit noch mehr Fassung mir die Augen zugedrückt haben, als ich es ihr vermochte, auch würde sie gemächlich haben leben können. Aber das Scheiden von Haus,[438]  Hof und Garten, von meinem und ihrem Stübchen, die Entfernung von allen den Räumen unseres glücklichen Zusammenlebens würde sie tief geschmerzt haben; und bei Entbehrung der Thätigkeit in einer größern Wirthschaft würde sie in ihrer stillen Einsamkeit dem Grame mehr preisgegeben sein, während ich demselben durch Fortsetzung meiner gewohnten Thätigkeit begegne. – Und wäre sie erst nach mir gestorben, so wäre sie ja nicht so betrauert worden, denn die Liebe der Kinder kann sich mit der Liebe des Gatten nicht messen. Meine lebenslängliche Trauer ist ihr wohlverdientes Ehrendenkmal. Hatte ich es mir doch immer als das schönste Ziel eines Menschenlebens gedacht, wenn sein Erlöschen eine nie auszufüllende Lücke in einem warm schlagenden Herzen verursacht, wenn nicht blos am offenen Grabe einige Thränen fließen, und dann Alles ungeändert seinen Gang fortgeht, ohne daß man die Persönlichkeit sonderlich vermißt, sondern der Grabhügel noch ferner mit heißen Thränen bethaut, mit immer grünenden Kränzen treuer Liebe geschmückt und zu einem Altare für den im Gebete sich erhebenden Geist wird. Das Glück, das ich mir gewünscht hatte, ist ihr zu Theil geworden, da sie durch die Reinheit ihrer Gesinnung es in vollem Maße verdient, und ich mußte sie überleben, damit ihr Andenken in solcher Weise geehrt werden konnte.

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Bei solchen Tröstungen hat denn keine Trübseligkeit, sondern nur eine heitere Trauer über mich kommen können; der Schmerz schwindet nicht, aber er verdüstert auch nicht das Auge, und hemmt nicht die freundliche Ansicht der Dinge. Wenn ich am Schlusse der Woche, wo wieder ein Theil meiner Arbeit beendigt, eine Strecke meiner Bahn zurückgelegt ist, das Grab besuche, kehre ich heiter und gestärkt unter die Lebenden zurück. Ihre Aeußerungen auf dem Sterbebette, daß sie bei uns zu bleiben wünsche, und daß ihr Tod mich unglücklich machen würde, war ein köstliches Vermächtniß für mich; sie bestätigten, daß sie sich durch mich beglückt fühlte, und daß sie den ganzen Umfang meiner Liebe kannte; dies Bewußtsein aber erhält mich heiter.[439] 
Bei bürgerlichen Sorgen, denen ich in meiner Jugend beim Vollgenusse des Familienglücks hatte Trotz bieten können, würde es schwerer geworden sein, mich aufrecht zu erhalten. Auch hätte ich bei meinem vorgerückten Alter mancherlei Entbehrungen wohl nicht ertragen, denn der Leib merkt, wenn er alt wird, daß nicht viel mehr an ihm ist und daß es bald gar aus mit ihm sein wird; man kann es ihm daher auch nicht verdenken, daß er sich zuletzt noch mehr breit macht, mehr Ruhe und Behaglichkeit fordert. Solche Gemächlichkeit im Aeußern unterstützt denn auch meine innere Kraft. In den ersten Tagen nach dem Tode meiner geliebten Frau wollte ich mich ganz als Junggeselle einrichten, und den bisher genossenen Bequemlichkeiten entsagen; der einfache Gedanke, daß sie dies im höchsten Grade mißbilligen würde, brachte mich sogleich von diesem Vorsatze ab, und ich ließ nun meinen Hausstand unverändert. Da bethätigt sich nun ihre Wirksamkeit fort und fort; nicht allein die Erinnerung an sie lebt in mir, auch ihr wohlthätiges Wirken kommt mir täglich zu Gute. Durch die strenge Ordnung nämlich, die sie einführte, und durch ihre stete Sorge für mich hat sie, ohne es zu wissen, mir die Fortdauer meiner Gemächlichkeit auch nach ihrem Tode verschafft; die Einrichtungen im Hause, die Wahl der Dienstleute, die Abrichtung und Gewöhnung derselben, Alles ist ihr Werk und von der Art, daß ich jeder Entbehrung, jeder Beschwerde, jeder Verdrüßlichkeit überhoben bin; ohne es zu fordern, sitze ich vom Anfange des Frühlings bis zum Ende des Herbstes immer noch unter Blumen, wie sonst, als sie mich damit umgab. Die offenbare Gewißheit, daß mein Schmerz nicht einer sinnlichen, sondern nur der geistigen Entbehrung gilt, ist mir sehr viel werth!



3. Literarische Thätigkeit.










[440] Nun erst, da ich vereinsamt war, trat das mir bisher ganz fremd gebliebene Gefühl des Alters bei mir hervor. Ich bemerkte, daß ich weder so rasch, noch auch so anhaltend zu arbeiten[440]  vermochte, wie sonst, und erkannte, daß meine Kräfte nicht gestatteten, weit aussehende Pläne auszuführen, daß ich vielmehr mich begnügen müßte, von dem, was ich mir als die Aufgabe meines literarischen Lebens gedacht hatte, den wesentlichsten Theil ins Werk zu setzen.
Ich hatte immer einen Gefallen daran gehabt, wenn bei der Verfolgung eines systematischen Plans es sich so fügte, daß auch in der äußern Gestaltung der Arbeit eine architektonische Symmetrie sich zeigte, an die ich anfänglich gar nicht gedacht hatte. Dies war in meiner Bearbeitung der Physiologie nach dem entworfenen Plane (S. 158 flg.) der Fall gewesen. Drei Bände hatten die Geschichte des Lebens behandelt: der erste die Zeugung, der zweite das Fruchtleben, der dritte das selbstständige Leben. Eben so hatten die Gegenstände des bildenden Lebens sich in drei Bände gefügt, indem der vierte Band das Blut, der fünfte die Bildung aus dem Blute, und der sechste die Bildung des Blutes selbst zum Gegenstande hatte. So war es denn natürlich, daß eine dritte Reihe von drei Bänden vom animalen Leben, nämlich der siebente von der Empfindung, der achte von der Bewegung, der neunte von der Seelenthätigkeit handeln sollte. Ein zehnter Band sollte mit Untersuchungen über das Leben des Menschengeschlechts das Werk schließen. Beim Tode meiner Frau war ich mit Ausarbeitung des sechsten Bandes beschäftigt; in demselben Maßstabe mein Unternehmen weiter zu führen und auch an die Herausgabe der vier fehlenden Bände zu gehen, hatte ich nicht mehr Lebensmuth genug. Da nun mit dem sechsten Bande die Lehre vom leiblichen Leben beendigt wurde und das Ganze nun aus zwanzig Büchern bestand, so war ich darauf hingewiesen, den sechsten Band, zu welchem mein Sohn und mein Freund Dieffenbach Beiträge lieferten, zu vollenden, was mich das ganze Jahr 1839 hindurch beschäftigte, und damit meine Arbeit zu schließen1. Ich erklärte mich darüber in einem Schlußworte,[441]  wobei ich erinnerte, daß ich mich auf dem Titel nicht als den Verfasser des ganzen Werks angekündigt, sondern immer nur als den des eben erschienenen Bandes genannt und somit, eingedenk der Ungewißheit menschlicher Dinge, schon von Anfang an die Möglichkeit der Beendigung des Werks durch einen Andern angedeutet hatte. Ich sprach zugleich die Hoffnung aus, einen Nachfolger zu finden, der die noch übrigen Theile der Physiologie bearbeiten würde; ich habe aber vergeblich darauf gehofft.
Hatte ich mich gesehnt, meine Bearbeitung der Physiologie abzuschließen, so war mir nach erfolgtem Schlusse doch ganz eigen zu Muthe; ich hatte nun meiner eigenthümlichen Wirksamkeit für die Zukunft entsagt, war aus einer Laufbahn geschieden, in welcher ich freudig und mit einer gewissen Genugthuung mich bewegt hatte. Was ich fühlte, war zunächst keine Trauer, noch weniger Reue; ich war vielmehr mit dem gethanen Schritte ganz zufrieden, und gleichwohl beklommen; es war die Freude, mich einer Pflicht entledigt zu haben, die mir Freude gemacht hatte und zu deren Erfüllung der nöthige Lebensmuth mir durch meine Vereinsamung geraubt worden war.
Indessen wurde meine Thätigkeit bald von einem andern Unternehmen in Anspruch genommen. Nämlich früher war ich damit umgegangen, meine Ansichten und Erfahrungen des Lebens in Schilderungen von Charakteren und Situationen einzukleiden und unter dem Titel: »Blicke ins Leben« zu veröffentlichen. Ich hatte den Gedanken lieb gewonnen, auch in müßigen Stunden mich mit Composition der Erzählung, in welche jene Gedanken eingewebt werden sollten, beschäftigt, und da ich öfters mit meiner Frau darüber gesprochen hatte, so glaubte ich jetzt, nachdem ich mit der Physiologie abgeschlossen hatte, zu Ausführung dieses Gedankens gewissermaßen verpflichtet zu sein.

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Als Bild der Aufgabe, die ich für den Abend meines Lebens zu lösen versuchen mußte, trat die Erinnerung eines auf meiner Reise durch die Schweiz erlebten Abends, recht lebendig[442]  vor meine Seele. Ich war zwischen Aarburg und Zofingen eingekehrt, und erging mich mit Lust auf den Matten, die trotz der trockenen Witterung in Frische und Saftigkeit grünten und trotz der vorgerückten Jahreszeit noch mit tausend Blüthen geschmückt waren, dann wieder bei den Fabrikhäusern, wo der inwohnende Gewerbfleiß im Hämmern der Messerschmiede, im Rollen der Spinnmaschinen u.s.w. sich von außen vernehmen ließ. Da sank die Sonne, das Geräusch verstummte, die Landschaft erschien in duftigem, blaulichem Grün, und in demselben Maße, in welchem die einzelnen Gegenstände hier immer unkenntlicher wurden, traten die fernen Alpen immer stärker hervor, deren Riesenhäupter, allein noch von der Sonne bestrahlt, erst rosig schimmerten, dann roth glühten, bis sie endlich silberweiß noch aus dem Dunkel hervorleuchteten. Die Sonne hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und schwebte mir jetzt mit besonderer Deutlichkeit vor, da ich auf meiner Lebensbahn einen ähnlichen Punct erreicht hatte. Die hier bereits zu riesiger Größe anwachsenden Schatten mahnten mich, daß mir zu meinem Tagewerke nicht viel Zeit mehr übrig blieb, und indem sich mein Blick für die Einzelheiten der Nähe immer mehr trübte, wurde er um so mehr von den leuchtenden Höhen der Ferne angezogen. So war ich denn meiner Meinung nach darauf hingewiesen, die allgemeinsten Resultate meiner Studien dem größern Publicum vorzulegen, nicht, wie ich es früher gedacht hatte, in Form eines Romans oder einer Novelle, – denn dem Ernste des Inhalts eine angemessene poetische Form geben zu können, durfte ich mir nicht zutrauen, – aber doch in einigermaßen freier Bewegung, den Leser auf dem sichern, von der Naturforschung gebahnten Wege auf einen Standpunct zu führen, von wo aus alles Dasein als ein harmonisches Ganzes erblickt wird, und zu zeigen, wie Religion und Sittlichkeit auf dem festen Boden der Naturwissenschaft ihre Begründung finden, erkannte ich als ein für unser Zeitalter, wo Materialismus und Pietismus um die Herrschaft streiten, verdienstliches Unternehmen, zu dessen Ausführung ich den Beruf zu haben[443]  glaubte. So erschienen denn »meine Blicke ins Leben«2, in denen der Gedanke folgenden Gang nimmt.
Aus den allgemeinsten, erfahrungsmäßig erkannten Merkmalen des leiblichen Lebens ergiebt sich, daß dasselbe auf geistigem Grunde beruht und in Verwirklichung von Gedanken besteht. Nun besitzt die Welt, im Zusammenhange betrachtet, dieselben Eigenschaften, aber nicht, wie das organische Leben, innerhalb gewisser Gränzen und unter Bedingungen, sondern schlechthin; sie ist der absolute Organismus, in welchem der Urgeist sich äußert, das unendliche und ewige Offenbarwerden Gottes. Die Materie ist das Aeußere, Endliche, an welchem der Gedanke zur Erscheinung kommt. Wo sie schlechthin als bloßer Theil des Weltganzen existirt, ist sie unorganisch; wo sie dagegen so zusammengesetzt und geordnet ist, daß sie als Abbild desselben auftritt, d.h. seine Merkmale auf endliche Weise in besondern Formen und gewissem Maße wiederholt und als Ganzes sich darstellt, giebt sie die organischen Körper. Das Lebensprincip ist die solchergestalt an der Materie in der Einzelheit sich verkündende schöpferische Urkraft; wo diese über das materielle Wirken hinausgeht und in sich thätig ist, wird sie zur Seele, als dem im Geschöpfe hervortretenden Abbilde des Schöpfers. Die Elementarthätigkeiten der Seele bestehen im Innewerden und Aeußern, als den höhern Formen der allgemeinen Weltthätigkeiten, Anziehung und Abstoßung. Das Innewerden ist entweder ein unmittelbares, auf das eigene Dasein bezogenes, der Cohäsion des leblosen Körpers und der organischen Einheit des lebendigen Leibes entsprechendes: Gefühl, – oder ein mittelbares, dem Aeußern zugewendetes, eine Steigerung der im leblosen Körper als Adhäsion und Penetration, im lebendigen Leibe als Absorption und Assimilation wirkenden Thätigkeit: Erkenntniß. Das Aeußern, welches in Leblosen als Ausdehnung und Abstoßung, im materiellen Leben als[444]  Egestion vorgebildet ist, besteht in der durch das Innere bestimmten Bewegung; die Abstufungen der Selbstbewegung vom willenlosen, rein organischen Motive zum Instincte, welche die allmäligen Uebergänge aus dem Pflanzenreiche in das Thierreich begründen, deuten sammt den eben so stufenweisen Uebergängen vom Instincte zum bewußten und verständigen Willen auf die Einheit des psychischen und organischen Lebens hin. – Die verschiedenen Zielpuncte der Seelenthätigkeit bilden eine fortlaufende Reihe von Entwicklungsstufen, beginnend mit der Selbsterhaltung, wo die Seele sich durch Gemeingefühl in ihrer Einheit mit dem leiblichen Leben anschaut; fortschreitend im Selbstgefühle, wo sie ihren eigenen Zustand mit Bezug auf die äußern Verhältnisse inne wird; und sich vollendend im Selbstbewußtsein, wo sie sich selbst ihrem Wesen nach Gegenstand wird. Jene beiden ersten, auf den Verkehr mit dem Aeußern gerichteten Stufen geben zusammen die Sphäre der Sinnlichkeit, und umfassen die verschiedenen Bestrebungen, welche das Thierreich mit der Menschheit gemein hat. Die menschliche Vernunft aber tritt im Selbstbewußtsein als Potenzirung des leiblichen Lebens auf, indem sie das, was in diesem als Keim enthalten und materiell angedeutet ist, als Uebersinnliches in seiner Reinheit erfaßt.


Von diesem Standpuncte aus ist denn das Verhältniß der Persönlichkeit zu beurtheilen: die Vervielfältigung der Seelen bei ihrer Untheilbarkeit, die Mehrheit derselben in einem Leibe, und die Mehrheit der Richtungen innerhalb einer und derselben, als einer geschaffenen und doch am Schöpferischen Theil habenden Seele; die Eigenthümlichkeiten des Individuums und seines Geschickes; endlich die Fortdauer desselben nach dem Tode.
Ohne mit dieser Arbeit eigentlich unzufrieden zu sein, fühlte ich doch, daß die Ausführung hinter meiner Idee zurückgeblieben war. Ich hatte früher den Plan gehabt, der comparativen Psychologie einen größern Umfang zu geben und eine Naturgeschichte der Cultur einzuweben, so daß die Formen jeder Seelenthätigkeit nicht nur bei den verschiedenen Thieren, sondern[445]  auch bei den verschiedenen Völkern und Zeitaltern dargestellt würden; indeß bekümmerte es mich wenig, daß ich einer solchen Vollständigkeit hatte entsagen müssen, da sie die Arbeit eines halben Menschenalters erfordert haben würde. Wohl aber würden die Zweifel, ob es mir gelungen sei, meine Grundansichten deutlich und überzeugend genug zu entwickeln, mich betrübt haben, hätte ich nicht bei dem Bewußtsein, für einen großen Zweck nach dem Maße meiner Kräfte gewirkt zu haben, mit Zuversicht gehofft, daß wenigstens Einzelne meiner Zeitgenossen, und zwar einer vorzüglichen Achtung nicht Unwerthe, in diesem Werke Stützpuncte für eine würdige Ansicht des Lebens finden würden.
Nachdem ich im Sommer 1842 meine Darstellung der comparativen Psychologie beendigt und das Manuscript zum zweiten Bande der »Blicke ins Leben« zum Drucke abgeschickt hatte (es war gerade an meinem 66sten Geburtstage), betrachtete ich die Aufgabe meines Lebens für gelöset: ich hatte das, wozu ich Beruf in mir gefühlt, nach dem Maße meiner Kräfte geleistet, und bei deren merklicher Abnahme war es nun die rechte Zeit, einem früher gefaßten Vorsatze gemäß zum Schlusse meiner literarischen Laufbahn meine Biographie zu schreiben. Was mich zu diesem Vorsatze geführt hatte, war zunächst der Wunsch gewesen, durch eine ungeschminkte Darstellung der Verhältnisse zu zeigen, wie der Flecken, der auf meinem Charakter haftete, entstanden war: ich wollte nichts beschönigen, aber man sollte auch nicht an mir irre werden und die Gesinnungen, die ich geäußert, nicht für Heuchelei halten. Demnächst wünschte ich, den Theuren, deren Liebe das Glück meines Lebens ausmachte, durch eine streng wahrhafte Andeutung ihres geistigen und sittlichen Werthes ein Ehrendenkmal zu setzen, wie ich es gerade vermöchte. Diese Lebensbeschreibung sollte meine letzte Arbeit sein, durfte jedoch bei der Ungewißheit der Zukunft auch nicht zu lange verschoben werden. Daß aber ihre Herausgabe erst nach meinem Tode erfolgen sollte, setzte ich fest, um mich ganz unbefangen schildern zu können: dadurch, daß ich mich in Gedanken in das Reich der Todten versetzte, hatte ich einen[446]  besseren Standpunct, mein Ich, wie es sich im Erdenleben gestaltet hatte, zum Gegenstande zu nehmen: gegen Leser, die mich überlebt hatten, daher das letzte Wort, mithin auch Recht behielten, konnte ich offenherziger sein, da sie den Abgeschiedenen milder zu beurtheilen pflegen.
Welch' anziehende Beschäftigung es aber auch war, meine Erlebnisse im Zusammenhange zu überschauen und mir alles Erfahrene zu vergegenwärtigen, so begnügte ich mich doch, vor der Hand einen bloßen Entwurf meiner Biographie geliefert zu haben, da mir die Veröffentlichung einiger Erfahrungen und Ansichten am Herzen lag, die ich zum Inhalte des dritten Bandes der »Blicke ins Leben« machte3.
Eine Sammlung von Erfahrungen über blinde Taubstumme sollte zeigen, wie die Seele zu ihrer Entwickelung der Einwirkung der Außenwelt bedarf und wie weit sie da, wo diese Einwirkung auf ein Minimum beschränkt ist, durch eigene Kraft sich auszubilden vermag. In einer zeitgemäß scheinenden Erörterung mannichfaltiger Sinnesarten und Lebensverhältnisse folgte nach einer Vertheidigung der rechten Mitte eine Betrachtung der Doppelseitigkeit des Menschen, und sodann der Umriß einer auf naturwissenschaftlicher Basis ruhenden Ethik, welche die Selbstliebe als Princip des Lebens überhaupt und somit auch des sittlichen Lebens erkennt; als Seitenstück zu der im zweiten Bande enthaltenen Uebersicht der auf Selbsterhaltung und Selbstgefühl bezüglichen thierischen Bestrebungen wurden einzelne Puncte aus den analogen Richtungen menschlicher Wirksamkeit besprochen und Bemerkungen über das auf Entwickelung der Vernunftthätigkeit beruhende Gemeinwesen beigefügt. Hierauf gab ich eine Ansicht der Geschichte, als des Lebenslaufes der Menschheit und ihrer einzelnen Stämme, welcher nicht minder als der des Menschen überhaupt einen Organismus in der Zeit darstellt, und schilderte den Character[447]  unseres Zeitalters, worauf ich mit Bemerkungen über Lebensweisheit schloß.
Der Druck dieses Bandes mußte gerade um die Zeit des akademischen Jubiläums beendigt werden, und nun kam es mir anstößig vor, wenn ich, an der Spitze der Universität stehend, eben jetzt bloß mit einer populären, die Interessen des Tages berührenden Schrift aufträte; ich fühlte mich gedrungen, der Universität bei diesem Feste durch Widmung einer wissenschaft lichen Abhandlung aus dem Gebiete meines Lehramtes meine dankbare Ergebenheit zu bezeigen. So entschloß ich mich denn schnell, den Anfang einer Physiologie des Nervensystems zu diesem Behufe herauszugeben. Der wissenschaftliche Zielpunct bei dieser Arbeit war die Widerlegung der Nervenpathologie, welche Alles im Leben, was nicht aus nachweisbaren materiellen Gründen zu erklären ist, von einem unerkennbaren materiellen Nervenagens ableitet und somit dem Materialismus eine Aushülfe darbietet, die, eben weil sie rein phantastisch ist, jedem Falle sich anpassen läßt, wie man es gerade verlangt; insonderheit wollte ich die Gehaltlosigkeit der sogenannten Mechanik der Nerventhätigkeit darthun. Ich gedachte, im ersten Bändchen das Nervenleben überhaupt vollständig abzuhandeln; doch die Amtsgeschäfte raubten mir so viel Zeit, daß ich zum Jubiläum nur wenig Bogen liefern konnte4. Indeß benutzte ich die Vorrede, um meine Meinung über die heutige Richtung der Physiologie auszusprechen.
Nachdem ich alle auf das Säcularfest bezügliche Geschäfte abgemacht, namentlich die Beschreibung abgefaßt und versendet hatte, ging ich wieder an meine Biographie, mit welcher ich mich denn im Winter 1844-45 um so mehr beschäftigen konnte, da ich in diesem Halbjahre mich von Vorlesungen frei gemacht hatte.
Fußnoten

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1 Sechster Band. Mit Beiträgen von Ernst Burdach und Johann Friedrich Dieffenbach. 1840. X und 650 S.

2 Blicke ins Leben. Von K.F. Burdach. Leipzig. Leopold Voß. Erster Band 1842. Comparative Psychologie, erster Theil. 263 S. Zweiter Band. Comparative Psychologie, zweiter Theil. 315 S.

3 Dritter Band. Sinnenmängel und Geistesmacht. Lebensbahnen. 1844. 310 S.

4 Umrisse einer Physiologie des Nervensystems. Von K.F. Burdach. Leipzig, Leopold Voß. 1844. XV u. 76 S. 8.




4. Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten.










[449] Meine Frau war Mitglied des Frauenvereins für eine Kleinkinderschule des Dintervereins und vollzog die hierbei übernommenen Pflichten auf das Gewissenhafteste und Liebevollste; weder Witterung noch irgend etwas Anderes konnte sie abhalten, sich, wenn die Reihe sie traf, in der Schule einzustellen, und ihr Erscheinen war eben so ermunternd für die Lehrerin, als erfreulich für die Kinder; Alles bei Zeiten im Voraus berechnend, hatte sie schon vor ihrem letzten Erkranken die Bekleidungen besorgt, die sie zu Weihnachtsgaben bestimmt hatte und deren Vertheilung sie nicht erlebte. Nach ihrem Tode vertrat ich ihre Stelle so lange, bis diese von meiner ältesten Enkelin eingenommen werden konnte. Indem ich mich dann zurückzog, wollte ich noch etwas für den Bestand und die Vermehrung dieser Anstalten thun. Es waren deren jetzt sechs in Königsberg: vier davon waren von dem zu Ehren des um das Volksschulwesen hochverdienten Dinter gestifteten Vereine errichtet worden und standen unter der Leitung von drei aufgeklärten Geistlichen; zwei andere waren von hyperorthodoxen Geistlichen errichtet und geleitet. Diese fünf Geistlichen nebst dem Vorsteher des Dintervereins lud ich nun im Anfange des Jahres 1842 zu einer bei mir zu haltenden Berathung ein und legte ihnen den Plan zu einem Vereine vor, der für die Sicherung und Ausbreitung der Kleinkinderschulen in Königsberg Sorge tragen sollte. Mein Vorschlag fand im Ganzen genommen Beifall und es kam der »Centralverein für die Kleinkinderschulen in Königsberg zu Stande«, dem auch zwei Jahre darauf nach Genehmigung seiner Statuten Corporationsrechte zu Erwerbung von Grundstücken und Capitalien vom Könige verliehen wurden. Um das Interesse des Publicums für diese Anstalten zu beleben, verfaßte ich eine kleine Schrift1, die ich auf[449]  meine Kosten drucken ließ; der Ertrag ihres Verkaufs bildete den Stamm für das Vermögen des Centralvereins. Im Winter 1843-44 veranlaßte ich es, daß drei meiner Collegen sich mit mir verbanden, vier öffentliche Vorlesungen zu halten, welche dem Centralvereine nach Abzug aller Kosten 355 Thaler eintrugen.
Längst hatte ich die Ueberzeugung, daß das Bedürfniß eines die Verhältnisse der verschiedenen Staatsgewalten regulirenden Grundgesetzes und einer an der Gesetzgebung Theil nehmenden so wie die Verwaltung überwachenden Volksvertretung in Preußen vorhanden war; ich erkannte, daß dasselbe nur aus Ehrfurcht gegen den hart geprüften, ursprünglich liberal gesinnten, späterhin aber durch die »demagogischen Umtriebe« verstimmten Friedrich Wil helm III. während dessen Regierung nicht förmlich ausgesprochen wurde, und sah voraus, daß es unter dessen geistreichem Nachfolger gewiß laut genug hervortreten würde. Aber das hatte ich nicht erwartet, daß gerade in der Provinz Preußen die ersten Stimmen dafür sich erheben würden. Bei ihrer Entfernung vom Mittelpuncte des Staats und bei der geringen Aufmerksamkeit, welche dieser ihr schenkte, hatte die Provinz ein gewisses Selbstgefühl in sich entwickelt; bei der einfachern, hauptsächlich aus Landwirthschaft beschränkten Industrie hatten die materiellen Interessen dem gesunden Sinne, der die Forderungen der Zeit erkannte, keinen Eintrag gethan, und bei den schwächeren Beziehungen zum Hofe war auch das Auge in dieser Hinsicht nicht geblendet worden. Die Provinz war die erste, in welcher Friedrich Wilhelm IV. erschien, um die Huldigung anzunehmen, und die Begeisterung, welche er überall erweckte, war hier eine wahrhafte, ihres Grundes sich bewußte, ermuthigte also auch zu einem freien Worte. Die Huldigungsdeputirten trugen auf Veranlassung des Landraths von Auerswald, eines Zöglings der Königsberger Universität, auf eine reichsständische Verfassung an; die Antwort[450]  war ablehnend, jedoch nicht unbedingt verwerfend. Auf dem im folgenden Jahre gehaltenen Landtage sollte dieser Antrag erneuert werden; Dr. Jacoby schrieb seine »vier Fragen,« und es wurde eine Subscription veranstaltet, um diese Schrift mit einer Petition um Beantragung von Reichsständen dem Landtage zu übergeben. Ein Beamter, der zu den höheren Staatsdienern gehört, d.h. ein zu Erreichung des Staatszweckes nöthiges, nur durch freie geistige Thätigkeit zu vollziehendes Geschäft verwaltet, hat meiner Meinung nach das volle Recht eines Staatsbürgers, darf also auch sein Urtheil und seine Wünsche in Betreff der Einrichtungen des Staats öffentlich aussprechen; ja er ist vorzüglich dazu berufen, da er theils als Grundlage der zu seiner Amtsführung nöthigen Kenntnisse allgemeine wissenschaftliche Bildung besitzt, theils dem Staate, dem er dient, noch näher als jeder andere Bürger verpflichtet ist. Ueberzeugt, daß eine Verfassung, welche die persönliche Willkür in der Staatsverwaltung beschränkt und das Beamtenwesen der Controle unterwirft, für Preußen wahrhaft heilsam sein würde, war ich daher auch bereit, an dieser Petition Theil zu nehmen. Zwar hätte ich gewünscht, daß Jacoby's vierte Frage weggeblieben wäre; allein, wo eine gemeinsame Erklärung von einer größern Zahl Menschen zu Stande kommen soll, muß es uns genügen, daß unsere Meinung im Wesentlichen ausgesprochen ist, wenn wir auch mit mancher Einzelheit nicht einverstanden sind; denn wenn Jeder verlangte, daß Alles, was nicht ganz nach seinem Sinne wäre, gestrichen würde, so bliebe am Ende gar nichts davon übrig. Für diese Theilnahme wurde ich von einigen höheren Beamten bestraft, aber nur gelinde und versteckt, indem sie theils mehr zurückhaltend gegen mich wurden und mich mit argwöhnischen Blicken beobachteten, theils bei einer Anwesenheit des Königs mich von der königlichen Tafel ausschlossen, aber so human waren, gegen mich und Andere vorzugeben, es sei nur durch ein Versehen vergessen worden, mich einzuladen. – Da ich bereits in einer Stellung war, wo ich sorgenfrei leben und mich wissenschaftlich beschäftigen konnte, also auch vom Gouvernement nichts mehr wünschte, und da[451]  auch einige meiner Collegen an der Petition Theil nahmen, so hatte ich es vorausgesehen, daß ich mit meiner Unterschrift nicht viel wagte, denn ich wußte wohl, daß man einem freisinnigen Manne sehr unhold war und ihm gern etwas zu Leide that, jedoch den »éclat« scheute: da kein schützendes Gesetz vorhanden war, mußte die öffentliche Meinung, die man zu schonen sucht, Schutz gewähren. Hätte ich noch der Gunst des Ministeriums zu meiner Existenz bedurft und hätte überdies kein anderer akademischer Lehrer an der Petition Theil genommen, so würde auch ich vielleicht zurückgeblieben sein, denn mit meiner Namensunterschrift war zu wenig ausgerichtet, und nur wo man für das Gemeinwohl etwas wirklich zu erreichen hoffen darf, kann man sein persönliches Wohl auf das Spiel setzen. Das Verdienstliche bei meiner Unterschrift beschränkt sich also darauf, daß ich es nicht scheute, die Gunst der Hochgestellten zu verscherzen. Indeß ist auch dies nicht ganz werthlos; denn es giebt nur zu viele unabhängige Männer, die lediglich durch die Besorgniß, in den höheren Sphären zu mißfallen, von jeder freimüthigen Aeußerung zurückgehalten werden.
Die liberale Partei Königsbergs zählte mich nun zu den Ihrigen, irrte sich aber sehr, indem sie meinte, daß ich mich ihr unbedingt anschlösse, und als sie sah, daß ich meinen eigenen Weg ging, beschuldigte sie mich der Halbheit, indeß die stabile Partei mich für einen Radicalen erklärte. Am Krönungsfeste 1843 hielt ich in der öffentlichen Sitzung der deutschen Gesellschaft einen Vortrag über die rechte Mitte (in den dritten Band der »Blicke ins Leben« aufgenommen), und um ihre Vertheidigung zu übernehmen, führte ich zuerst einen Gegner derselben redend an, der lieber einen Marat als einen Casimir Périer haben wollte; die extremen Zuhörer faßten diese Worte allein auf: ein liberaler Zeitungsartikel gab sie als meine eigene heroische Meinung an und die entgegengesetzte Partei konnte mir nicht vergeben, sie auch nur ausgesprochen zu haben. So mußte ich es auch ablehnen, als die Unternehmer des für Herwegh veranstalteten Festmahls mich durch eine förmliche Deputation einladen ließen, dabei den Vorsitz zu führen.[452] 
Dagegen widmete ich einem großartigen vaterländischen Unternehmen im Sinne der rechten Mitte meine eifrigste Theilnahme. Der Oberpräsident von Schön, dieser geniale, wissenschaftlich gebildete und erfahrene Staatsmann, hatte, wie es sein fester, durchaus reiner Charakter mit sich brachte, seit 1840, wo ihm der Titel eines Ministers ertheilt worden war, sich noch bestimmter als früher gegen die Maximen des Ministeriums erklärt, namentlich in dem »woher? und wohin?« überschriebenen Aufsatze seine Ansicht über die einzuschlagenden Wege offen dargelegt, und, da er in einem seiner Ueberzeugung nach allein heilsamen Wirken sich gehemmt sah, die Entlassung aus dem Staatsdienste nachgesucht und erhalten. Eine dankbare Anerkennung seines hohen Verdienstes um das Vaterland, welche zugleich die Trauer über sein Ausscheiden und über die vereitelte Hoffnung, seine Rathschläge befolgt zu sehen, bezeugte, schien Demjenigen, der die Größe des Mannes und die Gediegenheit seiner Principien zu würdigen wußte, eine Pflicht der Staatsbürger zu sein, zu deren Erfüllung dadurch Anlaß gegeben wurde, daß die Zeit herannahte, wo seit seinem Eintritte in den Staatsdienst funfzig Jahre verflossen waren. Als daher im Juni 1842 Herr von Fahrenheid und Generallandschafts-Director von Brandt außer dem Landschaftsrathe Unruh und dem Obervorsteher der Kaufmannschaft Bittrich auch mich zu einer Berathung über eine solche Veranstaltung berief, stimmte ich mit Freuden ein und wurde eines der thätigsten Mitglieder des zu diesem Zwecke gebildeten Comité. Ueber die Art, den Gedanken auszuführen, gab es von Anfang vornehmlich zwei verschiedene Vorschläge: nach dem einen, welcher von den vorsichtigen Conservativen beliebt wurde, sollte eine Denkmünze geprägt, nach dem andern, den die Liberalen vertheidigten, sollte ein Landgut gekauft und als Beweis der Nationaldankbarkeit für ewige Zeiten der Schönschen Familie erhalten werden. Vielfältige Berathungen mit Berücksichtigung der von Vaterlandsfreunden gewährten Geldmittel führten auf einen Mittelweg; von den durch Unterzeichnung zusammengekommenen 16500 Thalern wurden 11760 zu Einlösung der auf[453]  dem Schönschen Gute Arnau haftenden Pfandbriefe, und der Rest zu Errichtung eines Denkmals von Gußeisen auf der Königsstraße verwendet. Der 8. Juni 1843, als der Tag, an welchem von Seiten des Staats das Dienstjubiläum des Herrn von Schön würde gefeiert worden sein, wenn er, um die wohlverdiente höhere Pension zu erlangen, bis dahin in seinem Amte hätte bleiben wollen, wurde nun von seinen Mitbürgern in wahrhaft erhebender Weise gefeiert, wobei die Legung des Grundsteins zu dem Denkmale und die Uebergabe der eingelösten Pfandbriefe die materielle Grundlage ausmachten. Ich mußte einen öffentlichen Bericht über das Fest abfassen.2
Fußnoten
1 Ueber Kleinkinderschulen und die in Königsberg insbesondere. Vom Geh. Med.-Rath Burdach. Zum Besten der Königsberger Kleinkinderschulen. Königsberg 1842. Im Commission der Gebrüder Bornträger. 56 S. 8

2 Die Jubelfeier des Herrn Staatsministers von Schön am 8. Juni 1843. Königsberg 1843 bei G.L. Voigt. 71. S. 8.




5. Amtliche Wirksamkeit.










[454] Von Beschwerden, die über meine Amtsführung angebracht worden wären, ist mir nur eine bekannt geworden, die aber sich ganz grundlos bewies und wohl eigentlich mehr meinen pharmaceutischen Collegen als mir einigen Aerger bereiten sollte. Im Jahre 1839 nämlich waren anonyme Anzeigen bei dem Ministerium eingegangen, daß das hiesige Medicinal-Collegium bei Prüfung von Pharmaceuten durch geringere Strenge in Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen sich Begünstigungen zu Schulden kommen lasse. Bei Wiederholung dieser Anzeigen mit Nennung ihres Verfassers und Anträgen auf Zeugenvernehmung forderte das Ministerium Auskunft von mir über diese Angelegenheit. Das Nächste war, daß eine Vernehmung des Klägers und der angeführten Zeugen von der Regierung veranstaltet werden sollte; aus den von der Polizei dieserhalb vorgenommenen Untersuchungen ergab sich aber, daß sämmtliche Namen fingirt waren und Niemand existirte, der die Anklage hätte behaupten wollen.
In mein Prorectorat während des Winterhalbjahres 1841/42[454]  fiel ein Ereigniß, wegen dessen es mir lieb sein mußte, daß bei dem damals noch geltenden Turnus die Reihenfolge in Verwaltung dieses Amtes gerade jetzt mich getroffen hatte, indem vielleicht mancher Andere an meiner Stelle die Ehre der Universität aufrecht zu halten weniger beflissen gewesen wäre. Professor von Lengerke war wegen eines Gedichtes zum Geburtstage des Dr. Jacoby aus der Liste derjenigen Professoren, die zu einer Gehaltszulage vorgeschlagen waren, gestrichen, und dagegen der in demselben Lehrfache mit ihm arbeitende, aber der altorthodoxen Richtung zugethane Professor Hävernick hierher berufen worden, von dem es bekannt war, daß er als Student an der gegen seine Lehrer Gesenius und Wegscheider erhobenen Anklage der Heterodoxie Theil genommen hatte; als dieser seine erste Vorlesung in einem überfüllten Auditorium eben begonnen hatte, gingen mit einem Male alle Zuhörer heraus, und am Abende desselben Tages brachten die Studirenden dem Professor von Lengerke ein Vivat mit Gesang. Professor Hävernick machte von dem Ereignisse sogleich Anzeige, und es wurde eine Untersuchung von Seiten des akademischen Gerichts eingeleitet, in welcher sich kein Anstifter, überhaupt keine Verabredung zu dem Herausgehen aus der Vorlesung entdecken ließ, der Gesang der Lieder von Uhland und Lengerke auch nicht strafbar gefunden werden konnte, da sie mit Censur gedruckt waren, und die Veranstaltung eines Vivats ohne erbetene Erlaubniß als das Strafbarste erkannt wurde, weshalb denn das Strafurtheil auf 24stündiges bis 3tägiges Carcer lautete. Das Ministerium bestätigte dasselbe zwar, gab aber dabei ein strengeres, bis zum consilium abeundi gehendes Urtheil, welches den Studirenden als das, was sie eigentlich verdient hätten, auch publicirt, gleichwohl nicht vollstreckt werden sollte; dabei erklärte dasselbe, der Senat habe seine Rüge bloß auf minder wesentliche Aeußerlichkeiten gerichtet und die eigentlichen Momente der Strafbarkeit, nämlich 1) die Beleidigung eines akademischen Lehrers, und 2) die politische Manifestation in dem Abendgesange außer Acht gelassen, er werde also künftig sorgfältiger darauf Bedacht nehmen[455]  müssen, die Würde seiner Stellung nach Gebühr zu hehaupten. Der Senat reichte eine recht ernste Gegenvorstellung ein. Was die »politische Manifestation« anlangt, so waren wir allerdings überzeugt, daß die Studirenden sowohl sich wegen des Herausgehens aus dem Auditorium verabredet, als auch die Gesänge für den Abend nach ihrem politischen Inhalte ausgewählt hatten, aber Beides war nicht gerichtlich zu erweisen; man hatte die Untersuchung darauf gerichtet, aber, ohne eine moralische Tortur anzuwenden und den Charakter einer akademischen Rechtspflege auf unheilvolle Weise zu verletzen, nichts ermitteln können. Gegen das Ministerium erklärte nun der Senat, man dürfe ohne gerichtlichen Beweis die Studirenden einer politischen Intention um so weniger beschuldigen, da unsere Universität noch zu keiner Untersuchung der Art Anlaß gegeben habe. Was aber das Weggehen aus dem Auditorium betrifft, so habe die Berufung des Professor Hävernick für ein bereits vorzüglich gut besetztes Lehrfach Aufsehen gemacht, und die Erinnerung an dessen Denunciation, so wie an den bei dieser Gelegenheit von der evangelischen Kirchenzeitung gegebenen Ausspruch, das Vertrauen eines christlichen Theologen zu seinen rationalistischen Lehrern sei sündhaft, habe eine sittliche Entrüstung hervorgerufen; die Studirenden seien in der Erwartung, beim Anfange der ersten Vorlesung eine Erklärung über die wissenschaftliche und akademische Stellung des neuen Docenten zu hören, in das Auditorium gekommen, und da dies nicht der Fall gewesen, wieder davongegangen. Der Senat ersuchte demnach den Minister, die ihm gemachten Vorwürfe zurückzunehmen, und erklärte sich bereit, wenn es sein müßte, dies Gesuch dem Könige vorzulegen. Der Minister erwiderte vier Wochen darauf, der Senat habe die Rüge des Excesses der Studirenden in eine Anklage des beleidigten Lehrers verwandelt und diesen dadurch einer ungerechten Verfolgung bloßgestellt; vierzehn Tage später aber verwies er es einem unserer theologischen Collegen, daß er die Remonstration des Senats mit unterzeichnet habe, die mit dem Geiste und den Grundsätzen der Moral ganz unvereinbar sei. Obwohl ohne Aussicht auf Erfolg thaten wir, was die Ehre gebot:[456]  wir legten dem Könige die ganze Sache vor; erhielten aber den Bescheid, der Minister habe seine Pflicht gethan.
Im folgenden Jahre begann in Folge der neuen Statuten an Stelle des bisherigen Turnus die freie Wahl des Prorectors, gegen welche ich bei den darüber gepflogenen Berathungen immer gestimmt hatte, weil ich an die Möglichkeit von Eifersucht, Parteiungen und Intriguen dachte, und den Einfluß der Persönlichkeit des Prorectors auf die wesentlichen Angelegenheiten der Univesität nur gering anschlug. Um so mehr war ich überrascht, im Anfange des Jahrs 1844 zu erfahren, daß mehrere meiner Collegen damit umgingen, mich für dieses durch die akademische Jubelfeier wichtige Jahr zum Prorector zu wählen. Nun war es allerdings sehr ehrenvoll für mich, durch das Vertrauen meiner Collegen gerade für diesen Zeitraum an ihre Spitze gestellt zu werden, und die Aussicht, die Interessen der Universität unter außergewöhnlichen Verhältnissen nach meinem Sinne vertreten zu können, hatte viel Reizendes; indeß stiegen doch auch Zweifel über die Annehmbarkeit der Wahl in mir auf. Denn abgesehen davon, daß seit einiger Zeit der Gang meiner Gedanken schwerfälliger und das Gedächtniß in Verrichtung seiner Dienste träger geworden war, so hatte ich es auch binnen zwei Jahren zwei Mal erlebt, daß ohne Störung des Bewußtseins das Denkvermögen auf eine Viertelstunde völlig aussetzte, und wenn meine Bewegungskraft überhaupt vermöge des Alters an Sicherheit verloren hatte, so war das Muskelgefühl, dieses Bewußtwerden der Bewegung, in der linken Hand stumpfer geworden. Bei solchen Vorboten des Schlagflusses das Prorectorat in vielbewegter Zeit zu übernehmen, schien bedenklich, – nicht als ob ich besorgt hätte, daß die dabei erforderliche Anstrengung mein Leben verkürzen könnte, denn diese Möglichkeit hatte nichts Furchtbares für mich, sondern nur weil ich es mir als schimpflich dachte, vielleicht gerade in einem Momente, wo die Universität zu repräsentiren wäre, geistig oder körperlich zu erlahmen. Auf der andern Seite aber mochte ich eine ehrenvolle Stellung aus Furcht vor solcher Gefahr nicht ablehnen, und es bedurfte keines[457]  langen Kampfes, um mich muthig für die Annahme zu entscheiden; ich verließ mich darauf, daß die geistige Kraft, wenn sie durch ernste Verhältnisse aufgeregt und in ihrer Aeußerung gesteigert wird, auch das leibliche Leben aufrecht hält, und vertraute übrigens meinen Sternen.

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Die erste Sorge nach Antritt meines Amtes war, eine zweckmäßige Wahl von Rathgebern und Gehülfen zu treffen. Mein Vorgänger hatte bereits eine Commission für die Säcularfeierlichkeiten ernannt, die auch schon einige Mal zusammen gekommen war; ich aber band mich nicht daran, sondern setzte nach eigener Wahl ein Comité zusammen, da ich es hier, wie überall, lieber darauf ankommen ließ, daß einige Personen mir zürnten, als daß bei ungestörter gleichgültiger Freundlichkeit die Sache, auf die es ankam, litte. Ich berief das anfänglich aus fünf, zuletzt aus sieben Mitgliedern bestehende Comité, vertheilte die Geschäfte, trug die zu verhandelnden Gegenstände vor, und gab bei Verschiedenheit der Meinungen den Ausschlag. Uebrigens behandelten wir alle Angelegenheiten als die gemeinsame Sache: Jeder von uns berichtete über das, was er gethan und erfahren hatte, theilte seiner Ansichten mit, prüfte die der Collegen und vollzog den Beschluß. In allen den zwei und zwanzig Sitzungen, die wir während der drei Monate vor dem Feste hielten, herrschte ein gleich lebendiges Interesse und eine freudige Eintracht; dabei rufte ich das Concilium generale in dieser Zeit sieben Mal zusammen, theils um die Gesammtheit der ordentlichen Professoren mit unsern Beschlüssen und Veranstaltungen bekannt zu machen, theils um dessen Entscheidung in Betreff der Beziehung zu den vorgesetzten Behörden zu vernehmen. Auf diesem Wege gingen alle Vorbereitungen zum Feste regelmäßig, ohne Verdruß und, so viel bekannt wurde, zu allgemeiner Zufriedenheit vor sich.
Die getroffenen Anordnungen sind in der Beschreibung des Festes1 angegeben. Hatte ich die Beschreibung des Schönschen[458]  Jubelfestes übernehmen müssen, weil ich den Aufforderungen des Comité mich nicht entziehen konnte, so war ich diesmal vorsichtiger gewesen und hatte bei Zeiten einen meiner Collegen willig gemacht, die Berichterstattung zu übernehmen; da aber dieser vier Wochen nach dem Feste erklärte, daß Kränklichkeit ihn daran hindere, so mußte ich abermals Historiograph eines Festes werden.
Zu Bestreitung der Kosten hatte der König uns 12000 Thaler angewiesen. Je gewisser es nun war, daß, wenn wir mit dieser Summe nicht ausreichten, auch ein bedeutender Nachschuß bewilligt werden würde, so hielt ich es gerade um so mehr für eine Ehrensache, mit jener Summe auszukommen, und ich thue mir etwas darauf zu Gute, daß ich so gut gewirthschaftet habe. Außerdem, daß wir den Studirenden für ihre Feierlichkeiten 1595 Thaler abtraten, mußten wir noch die 698 Thaler betragenden Kosten bei der Feierlichkeit der Grundsteinlegung, die eigentlich dem Baufonds des neuen Gebäudes zufallen sollten und die zufälligen, mit dem Feste in keiner Beziehung stehenden Reparaturkosten des alten Universitätsgebäudes im Betrage von 356 Thalern bestreiten, auch zum Drucke der Schrift eines Privatgelehrten 100 Thaler abgeben, so daß für unsere eigentlichen Zwecke nur 9250 Thaler blieben. Davon wurden nun die für eine Universität allerdings glänzenden Feste gegeben und die vielfachen, bei solcher Gelegenheit nöthigen Ausgaben bestritten, namentlich für die Denkmünze, die an alle Mitglieder der Universität und an die verschiedenen Behörden und Deputirten vertheilt wurde, so wie für ein lithographirtes Blatt als Mnemosynon, welches nebst einem Exemplare der amtlichen Nachrichten zum Danke an die Universitäten, sonstige Behörden und Schriftsteller, welche ihre Theilnahme an dem Feste bewiesen hatten, versendet wurde; endlich blieben noch 160 Thaler übrig, die zu kleinen Gratificationen verwendet werden konnten.
Was nun meinen persönlichen Antheil an dem Feste selbst betrifft, so waren die Reden, die ich im Namen der Universität[459]  an den König zu halten hatte, allerdings vorbereitet; indessen hatte doch auch hier die augenblickliche Geistesstimmung bedeutenden Antheil, denn nach stundenlangem Harren, während dessen sehr verschiedenartige Eindrücke aufgenommen und mannichfaltige Unterhaltungen gepflogen worden waren, konnte ich das, was ich sagen wollte, nicht gerade in derselben Form aussprechen, in welcher ich es mir vorgenommen hatte. Eben so hatte ich mich natürlich auf die bei der Empfangsfeierlichkeit der Deputirten zu haltenden Reden im Ganzen vorbereitet; allein theils erschienen Deputationen, die ich nicht erwartet hatte, theils forderten die verschiedenen Formen, unter welchen sie ihre Glückwünsche darbrachten, auch entsprechende Antworten von meiner Seite, theils konnte es nicht fehlen, daß die durch das, was ich sah und hörte, hervorgerufene Stimmung ihren Einfluß ausübte. Endlich kam ich auch unerwartet in Lagen, wo ich zu reden hatte. Wiewohl mir nun die Gabe, aus dem Stegreife öffentlich zu reden, keineswegs eigen ist, so sprach ich doch bei diesem Feste fließend und angemessen, so daß ich Beifall, ja sogar einige Bewunderung einerntete, über die ich mich selbst wieder verwunderte. Der Grund davon lag zum Theil darin, daß ich nicht mit eiteln Redensarten prunken wollte, sondern Gedanken hatte, die sich schon selbst Worte zu schaffen wissen; vornehmlich aber in der vollkommenen Ruhe und Zuversicht, mit welcher ich jedem Acte des Festes entgegen ging, und diese Gemüthsstimmung selbst, ich gestehe es gern, beruhte wieder darauf, daß ich mich unter den Einfluß des Geistes meiner Frau stellte, die ein so unbegränztes Vertrauen zu mir hatte, daß ihr der Erfolg jeder meiner Unternehmungen, wobei es auf Geisteskraft ankam, gewiß war; ich eignete mir dieses Vertrauen von ihr an, indem ich mir dachte, sie erwarte, daß ich ihr Ehre machen werde. Mit diesem Gedanken ging ich völlig unbekümmert um das, was sich ereignen könnte, in jede Versammlung. Im November 1843 hatten wir den König um Gestattung der Jubelfeier und um seine persönliche Gegenwart dabei gebeten, und im Mai 1844 dieses Gesuch wiederholt. Der Minister ertheilte uns hierauf die Nachricht, daß der König[460]  sich jetzt noch nicht darüber entscheiden, sondern es von den Umständen abhängen lassen wolle, ob er dem Feste beiwohnen werde. Um keinen Zweifel über den Sinn dieser Eröffnungen zu lassen, schrieb er zu gleicher Zeit an den Regierungsbevollmächtigten, es sei ihm noch nicht gelungen, den Eindruck zu verwischen, den die Ereignisse der letzten Jahre auf das der Universität Königsberg sonst mit besonderer Vorliebe zugewendete Gemüth Sr. Majestät gemacht hätten. – Es kam also darauf an, auf irgend eine mit unserer Ehre verträgliche Weise eine Versöhnung zu bewirken. Am geeignetsten schien mir nun hierzu die Absendung einer Deputation, welche dem Könige in Betreff der Lengerke-Hävernickschen Angelegenheit, über welche ihm offenbar ungünstige Berichte abgestattet worden waren, eine der Wahrheit gemäße Erklärung, auch über andere, etwa geforderte Dinge Rechenschaft gäbe; und die durch diese Gelegenheit herbeigeführte persönliche Verhandlung mit dem Könige selbst konnte ein erfolgreiches Ereigniß werden. Allein ich sah unter meinen Collegen keinen, in dessen Hände man diese hochwichtige Angelegenheit mit vollem Vertrauen hätte legen können, dessen Gesinnung mit Geisteskraft, dessen Muth mit Klugheit, dessen Festigkeit mit Gewandtheit in dem zu glücklicher Lösung der schwierigen Aufgabe erforderlichen Verhältnisse gestanden hätte. Diejenigen, die meinen Vorschlag billigten, erklärten es für unzweifelhaft, daß ich diese Mission übernehmen müsse, und dies reichte hin, mich von diesem Gedanken ganz abzubringen, denn es wäre Tollkühnheit gewesen, wenn ich es hätte mit Hofintriguen aufnehmen, dem Mißfallen des Königs mich bloßstellen und die Ehre der Universität auf das Spiel setzen wollen: ich erkannte zu gut, daß mir die Kraft dazu fehlte. Es handelte sich also nur um schriftliche Verhandlung. In der deshalb gehaltenen Berathung wurde der Entwurf eines Schreibens einmüthig angenommen, welcher dahin lautete: daraus, daß der König über seine Gegenwart beim Jubiläum noch nichts bestimmt, auch uns nicht mit einem eigenen Bescheide beehrt hätte, ginge hervor, daß, worin auch immer die Veranlassung dazu liegen möchte, irgend etwas Störendes und[461]  Trübendes das Herz unseres Königs uns entfremdet haben müßte; wir empfänden tief das Drückende der auf uns lastenden Ungnade, und sähen ein, daß, so lange ein solches Mißverhältniß zwischen dem königlichen Rector und seiner treuen Albertina bestünde, für das Gedeihen derselben kein rechtes Heil und vollends für die bevorstehende Jubelfeier keine reine und volle Festfreude zu erwarten wäre; indeß hofften wir, daß der König, »wie gerechten Grund auch er dazu zu haben glaube,« es der Anstalt nicht entgelten lassen würde; wir wären überzeugt, daß, wenn er das Fest inmitten seiner getreuen Universität beginge, dabei uns den Grund seines Zürnens zu erkennen gäbe und uns hinwiederum ein huldvolles Gehör schenkte, »gerade durch diese persönliche Gegenwart, und vielleicht nur durch diese« sicher und vollständig Alles ausgetilgt werden würde, was uns die königliche Huld entfremdet hätte; wir bäten also den König noch einmal auf das Unterthänigste und Innigste um die huldvolle Zusicherung seiner persönlichen Theilnahme an unserem Jubelfeste. – Auf dieses vom 18. Mai datirte Schreiben verhieß uns der König unterm 28. Mai seine persönliche Gegenwart, äußerte inzwischen dabei, wir möchten uns selbst die Frage beantworten, ob wir den wahren Beruf der Universitäten, würdige Träger ächter Wissenschaft, so wie feste Stützen des Throns und reine Quellen der Volksgesittung zu sein, daher auch die göttlichen und die darauf gegründeten menschlichen Ordnungen gegen zügellose Phantasie zu schützen, in der letztverflossenen Zeit überall klar erkannt und mit Kraft erfüllt hätten; er wolle heute des Vergangenen nicht gedenken.


Jenes in treuherzigem Tone und meiner Meinung nach meisterhaft abgefaßte Schreiben des Senats enthielt zwei wesentliche Puncte: erstlich wir lehnen jede Anerkennung von Schuld ab und können uns die Ungnade gar nicht erklären, also auch nicht glauben, daß sie auf die Lengerke-Hävernicksche Angelegenheit sich beziehen sollte; zweitens wir sind überzeugt, daß der König, wenn wir ihm persönlich unsere Angelegenheiten vortragen könnten, unser Verfahren gut heißen würde. Diese beiden Puncte machten nun auch das Hauptthema[462]  meiner Anreden an den König vor und nach dem Feste aus.
In der Audienz, welche er uns unmittelbar nach seiner Ankunft in Königsberg ertheilte, sagte ich ihm, indem ich ihn im Namen der gesammten Universität begrüßte: »wir treten vor Ew. Majestät mit dem unbefleckten Bewußtsein treuer Pflichterfüllung.« Dasselbe sprach ich gegen den Minister aus, als ich seine Anrede im großen Hörsaale beantwortete. Uebrigens wurde der Sache weiter nicht gedacht und uns keine Gelegenheit gegeben, uns über die anstößig gewesenen Ereignisse zu erklären.
In der Abschiedsaudienz am 2. September hielt ich folgende Anrede: »Prorector und Decane Allerhöchst Ihrer Albertina nahen sich Ewr. Majestät mit dem Danke eines redlichen, treu ergebenen Herzens. Wir können unserem Könige und Herrn für die unserer Hochschule bewiesene allerhöchste Gnade nichts Besseres darbringen, als die lauterste Wahrhaftigkeit. Eingedenk, daß die göttliche Vorsehung Ew. Majestät zum Segen Ihres Volkes auf den Thron berufen hat, fühlen wir die heilige Verpflichtung, an den Stufen dieses Thrones so wahrhaftig zu sein, wie vor Gott, dem nichts verborgen ist. Wenn wir in dieser feierlichen Stimmung das Gelübde unverbrüchlicher Treue wiederholen, so möge es uns auch gestattet sein, bei vorkommender Gelegenheit unsere allerunterthänigsten Vorstellungen an Ew. Majestät unmittelbar zu richten, und, da der geschriebene Buchstabe das lebendige Wort nicht ersetzen kann, unsere Angelegenheiten persönlich vortragen zu dürfen. Als wir Ewr. Majestät huldreiche Gegenwart bei unserm Säcularfeste uns zu erbitten hatten, dachten wir schon daran, dies durch Abgeordnete zu thun; die Besorgniß möglichen Mißfallens hielt uns davon ab.« – Der König, der sehr gespannt zugehört hatte, versetzte, daß dies immer geschehen könne, und fragte, ob wir jetzt etwas vorzutragen hätten, worauf ich antworten mußte, daß wir gegenwärtig nur um Erfüllung unserer Wünsche für die akademischen Institute bäten. Ich hatte auch nur die Absicht gehabt, der Universität für mögliche Fälle in[463]  der Zukunft zu einer unmittelbaren Verhandlung mit dem Könige den Weg zu bahnen. Uebrigens bewies sich derselbe, wie während des ganzen Festes, so auch, als wir ihn am Morgen unmittelbar vor seiner Abreise nochmals begrüßten, überaus gnädig gegen mich und reichte mir unter Erklärung seiner vollkommenen Zufriedenheit mit dem »schönen Feste« die Hand.
Am 25. August Vormittags wollte der Tages zuvor in Königsberg angekommene Minister Eichhorn, dem ich des Morgens meinen Besuch abgestattet hatte, sämmtliche Glieder der Universität sich durch den Regierungsbevollmächtigten im großen Hörsaale vorstellen lassen. In gewohnter Sorglosigkeit ging ich dahin, ohne daran zu denken, daß der Minister eine förmliche Rede halten und eine officielle Beantwortung derselben nöthig machen könnte; auch kam ich erst spät in die Versammlung, als mehrere Professoren bereits vorgestellt worden waren. Nachdem die Präsentation in üblicher Weise vor sich gegangen war, hielt der Minister eine Rede, die aus zwei Theilen bestand. Im ersten Theile sagte er dem Wesentlichen nach Folgendes: »Das freundliche Verhältniß der Universität zu ihrem erhabenen Rector, dem Könige, ist in den letzten Jahren gestört worden, denn es hatten Verkennungen und Mißverständnisse Statt gefunden, die ihn tief betrüben mußten: Sie hatte dem Gerüchte von reactionären Tendenzen und Beschränkungen der Lehrfreiheit, die doch mit seiner geistigen Natur ganz unverträglich sind, Glauben geschenkt. Spätere Erklärungen der Universität haben ihn überzeugt, daß sie sich von diesen Mißverständnissen befreit hat und seine edlen Absichten in vollem Umfange zu würdigen versteht. Daher kann ich Ihnen denn die erneuten gnädigen Gesinnungen desselben verkündigen. In der That hatten jene Besorgnisse keinen Grund. Nein, die Lehrfreiheit wird aufrecht erhalten werden; nur muß sie ihr inneres Maß haben, in religiös sittlicher Gesinnung geübt werden, und in den Wissenschaften, die sich auf Staat und Kirche beziehen, das reale Bestehen gehörig berücksichtigen.« – Im zweiten Theile seiner Rede sagte der Minister in Betreff der akademischen Disciplin, er müsse manchen Verbindungen der Studirenden seine Genehmigung[464]  versagen, nicht als ob der ihnen zum Grunde liegende Associationsgeist an sich verwerflich wäre, oder als ob sie dem Staate gefährlich zu werden drohten, sondern weil sie durch Ausartung für die jungen Männer selbst verderblich werden können, was durch Theilnahme und Leitung von Seiten der akademischen Lehrer allerdings zu verhüten wäre.
Durch einen Zufall bei meinem späten Eintreffen in der Versammlung war ich unmittelbar vor dem Katheder zu stehen gekommen; ich fühlte es, daß ich pro ara et foco stand und sonach antworten mußte. Nachdem ich dem Minister für seine Vermittelung bei dem Könige in Betreff des Säcularfestes gedankt hatte, fuhr ich dem Wesentlichen nach so fort2: »Wenn überhaupt die vor uns liegenden Erfolge der in früherer Zeit genommenen Richtungen uns lehren müssen, welche Wege gegenwärtig einzuschlagen sind, um ein erwünschtes Ziel zu erreichen, so deuten auch die in dieser Zeit laut werdenden Aeußerungen der wissenschaftlichen Welt über unsere Universität auf deren Zukunft hin. Wer ihr nur immer bei ihrem Jubiläum seine Theilnahme bezeigt, gedenkt dabei Kants. Ja, die durchaus freie Entwickelung der Philosophie, welche die Nichtigkeit der dogmatischen Metaphysik aufdeckte und ihr Licht auch über die mannichfaltigen Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft verbreitete, ist es, welcher die Albertina vorzüglich ihren Ruhm verdankt, und die Achtung, welche unsere Universität jetzt genießt, läßt sich für die Zukunft nur bei ungestörter Lehrfreiheit erwarten. Daß ein bleibender Rückschritt in Preußen eintrete, haben wir nie befürchtet, denn ein solcher ist in dem Staate, dessen Macht auf geistiger Grundlage beruht, nicht möglich; wohl aber können für einige Zeit einzelne Rückschritte eintreten, und Besorgnisse dieserhalb werden gerade bei reger Theilnahme am Wohle des Vaterlandes am lebhaftesten sein. So stehen[465]  wir auch in dieser Hinsicht mit dem Bewußtsein eines pflichtmäßigen Verhaltens vor Ewr. Excellenz. Die vorgekommenen Mißverständnisse aber haben zum Theil wohl ihren Grund in der großen Entfernung der Residenz von Königsberg, in deren Folge Manches dort anders erschienen oder auch anders dorthin berichtet worden ist, als es sich hier in der Wirklichkeit verhielt. – Was die akademische Disciplin betrifft, so muß sie dem Geiste der Zeit entsprechen. Die Tradition, daß an Befreiung des Vaterlandes von der Fremdherrschaft auch die deutsche Jugend vorzüglichen Antheil hatte, pflanzt sich auf jede neu heranwachsende Generation fort; die Jugend hat jetzt ein höheres Selbstgefühl und einen lebendigeren Vaterlandssinn; sie will, daß ihr Vertrauen geschenkt und eine freiere Bewegung gestattet werde. Dies war in den ersten Jahren nach dem letzten Kriege der Fall, und ich schätze es als ein Glück, daß ich schon in dieser Zeit der Albertina angehörte. Mag die Burschenschaft hin und wieder ausgeartet sein, ja in einzelnen Individuen bis zu hochverrätherischen Träumen sich verirrt haben: bei uns zeigte sie sich nur in wahrhaft edler Gestalt; sie verbannte das kleinliche Treiben der Landsmannschaften, die Rauferei, Völlerei und jede Rohheit; nur Tüchtigkeit der Gesinnung und ernste Vorbereitung zum Dienste für das Vaterland konnte auf Ehre Anspruch machen. Damals schloß ich mich denn auch mit mehreren meiner Collegen den Studirenden bei ihren geselligen Zusammenkünften und Festen an, und wir können nur wünschen, daß die wissenschaftlich-sittlichen Verbindungen der Studirenden künftig nicht mehr mit Argwohn bewacht werden.«
Ich war so kühn gewesen, einen öffentlichen und feierlichen Empfang der zu dem Feste gekommenen Deputationen im großen Hörsaale auf den 28. August zu veranstalten. Ich gestehe, daß ich verwegen genug war, mir insgeheim den König der Franzosen zum Muster zu nehmen, und daß ich mir auf die Art, wie ich meine Rolle durchführte, etwas einbilde, in so fern ich, der ich mit meiner Persönlichkeit gern zurücktrete und von den in Aeußerlichkeiten mir zukonnnenden Vorrechten wenig Gebrauch zu machen pflege, hier, wo es die Ehre der Universität galt,[466]  auch zu repräsentiren verstand. In der für den Prorector vorgeschriebenen Hoftracht stand ich vor dem Katheder, umgeben von meinen Collegen, die einen gegen die Schranken offenen Halbkreis bildeten, in welchen eine Deputation nach der andern eingeführt wurde, während der übrige große Saal von Zuhörern dicht gefüllt war. Ich sprach mit Ruhe und Sicherheit, im Bewußtsein der Würde meiner Stellung, mithin auch ohne mich irgendwie zu brüsten; verbindlich dankend, nicht mit leeren Floskeln, sondern mit Gedanken. Reden und Gegenreden sind in den amtlichen Nachrichten treu wiedergegeben; ich erwähne hier nur die eine, in Betreff deren ich eine Erklärung schuldig bin. Als Deputirter des Provinzialschulcollegiums trat ein Mann vor mir auf, der, eines der eifrigsten Mitglieder der Königsberger Burschenschaft, insbesondere auch ihr Abgeordneter beim Wartburgsfeste gewesen, als Beamter aber den Grundsätzen derselben untreu geworden war. Er rühmte, daß die Universität in den Tagen der Gefahr bewiesen habe, wie sie bereit sei, die höchsten Güter des Lebens mit dem Schwerte ritterlich zu schützen, und der Pathos, mit welchem er, der selbst den Feldzug mitgemacht hatte, dies aussprach, war mir höchst unangenehm, indem ich des Contrastes seiner ehemaligen und jetzigen Sinnesweise gedachte. Ich erwiderte, daß die Zöglinge der Albertina in den Tagen des Friedens eben so ritterlich für Licht und Wahrheit kämpfen müßten; indem ich dem Schulcollegium für seine Glückwünsche dankte, erinnerte ich, daß die Universität mit demselben ehemals durch Dinter in noch näherer Beziehung gestanden hätte, und schloß mit dem Wunsche, daß Dinters unsterbliches Verdienst stets gehörig gewürdigt und die von ihm betretene Bahn nie verlassen werden möge. (Ich dachte dabei an die vor Kurzem an die Schullehrer ergangenen amtlichen Warnungen vor Dinters Schriften.) Der Ton, in welchem ich sprach, mochte wohl etwas Beleidigendes haben, denn ich war aufgeregt. Der Beleidigte erklärte darauf in der Königsberger Zeitung vom 5. September, er habe eine nicht zu erwartende Unfreundlichkeit von mir erfahren und weise, wenn ich ihm eine Art Vorschrift für seine amtliche Thätigkeit[467]  geben wolle, dieselbe entschieden zurück. Ich antwortete darauf weder öffentlich, noch privatim, denn ich konnte und wollte nichts zurücknehmen.
Fußnoten

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1 Amtliche Nachrichten über die Feier des dritten Säcularfestes der Albrechts-Universität zu Königsberg. Königsb. bei Gräfe u. Unzer. 1844. 212 S. 8.

2 Mein Gedächtniß wird hier durch die Mittheilung eines Collegen unterstützt, der unmittelbar nach der Versammlung das Gehörte niedergeschrieben hatte. Zum Theil ist auch in der Königsberger Zeitung vom 14. September 1844 über meine Antwort berichtet.




6. Beehrungen.










[468] In Folge meiner freimüthigen Aeußerungen bei den öffentlichen Amtshandlungen einerseits und der unter den Festgenossen herrschenden Aufregung andrerseits wurde mir am zweiten Tage der Säcularfeier, dem 30. August, die höchste Ehrenbezeigung von meinen Mitbürgern zu Theil. Ich lege der Erzählung davon die Berichte zum Grunde, welche in Nr. 204 und 205 der Königsberger Zeitung darüber abgestattet wurden. In dem ersten Artikel vom 30. August heißt es: »Burdachs Reden am 25. und 28. dieses hatten die Begeisterung aller Commilitonen geweckt. Das Festmahl der ehemaligen Universitätsgenossen am 29. d. gab Veranlassung, der Bedeutung seines Strebens in ihrem vollen Werthe zu gedenken; einstimmig sprach sich der Wunsch aus, ihm die Anerkennung der Commilitonen durch ein akademisches Vivat feierlich darzubringen. Die Anordnungen waren schnell getroffen. Heute Mittag 1 Uhr versammelten sich mehr als tausend ehemalige Universitätsgenossen auf dem Paradeplatze. Dr. Dinters Anrede an die Menge belehrte sie über die Bedeutung der Huldigung und die Art ihrer Ausführung. Paarweise geschaart, Arm in Arm, Männer in der vollen Bedeutung des Wortes, zogen sie hinab zum Albertinum, wo die jetzt studirende Jugend und ein großer Theil der hiesigen Einwohner sich ihnen anschloß. Auch fehlte es in dem begeisterten Zuge nicht an dem Glanze der Waffen.« (Ich erkannte von Männern, die noch im Staatsdienste stehen, unter Andern zwei Obersten und zwei Präsidenten.) »So nahte sich der Zug, lautschallende Musik an der Spitze, der Wohnung des Gefeierten. In ehrfurchtsvollem Schweigen stellte sich die bis dahin laute Menge unter seinen Fenstern auf. Er erschien in würdiger Einfachheit, geschmückt mit dem Albertusbilde. Landrath von Auerswald nahm das Wort.« Er erinnerte an[468]  die Tage der Burschenschaft und an Burdachs Verhältniß zu derselben, versicherte, »in den älteren Söhnen der Albertina sei nicht erloschen jene Flamme der Begeisterung, in welcher die Herzen erglühen für alles Hohe und Edle, und gestählt werden zu jenem einzig wahren Muthe, der früher oder später den Widerstand der stumpfen Welt bezwingt.« Dies, schloß er, sei der Gruß und Dank, den die älteren Söhne Albertinas darbrächten. In deren Namen überreichte hierauf der Burgemeister Sperling einen werthvollen silbernen Pocal nebst einem silbernen Credenzteller, erkauft aus den Beiträgen einer kaum zwölfstündigen Sammlung. Ein donnerndes, sich stets erneuerndes Hoch auf Burdachs Wohl begleitete den Schluß der Rede Sperlings. Die begeisterte Menge bewegte sich alsdann in fast stundenlangem Zuge vor Burdachs Fenstern vorbei.

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Ich konnte mich dieser Ehrenbezeigung nicht ganz unbefangen freuen: welch' hohen Werth immer der Beifall meiner Mitbürger für mich hatte und wie lebhaft ich es auch erkannte, wie höchst ehrenvoll dieser in seiner Art einzige Beweis der öffentlichen Achtung für mich war, so war ich doch von einer so glanzvollen, meinem schlichten Charakter nicht entsprechenden Darlegung zu sehr überrascht, als daß mein Stolz sich so recht hätte daran weiden können. Die mir erwiesene Ehrenbezeigung wurde aber auf eine meinem Herzen wahrhaft wohlthuende Weise zu einer bleibenden gemacht. Der Burgemeister Sperling überreichte mir nämlich außer dem Pocale und Credenzteller eine Brieftasche mit der Aufschrift: Burdach-Stiftung beim Dintervereine, worin 50 Thaler als Ueberschuß von den zum Ankaufe der kostbaren Geschenke zusammengebrachten Gelder enthalten waren; diese Summe vermehrte sich bald auf 105 Thaler, und der Vorstand des Dintervereins zeigte mir unter dem 13. October an, daß dies den Stamm eines Capitals abzugeben bestimmt sei, von dessen Zinsen alljährlich an meinem Geburtstage den Zöglingen der Kleinkinderschulen ein kleines Fest im Freien gegeben werden sollte.[469] 
Bei dem ganzen Jubiläum war ich, wie immer, mei ner Ueberzeugung gefolgt, ohne der einen oder der andern Partei gefallen zu wollen; so hatte ich denn, wo mein Amt mir zu reden gebot, manch freies Wort gesprochen, ohne die Sitte zu verletzen oder gegen die fest begründeten Verhältnisse zu verstoßen. Wenn der Parteigeist sich meiner Aeußerungen für seine Zwecke bemächtigte, hielt ich es in jeder Hinsicht für das Rathsamste, keine Kenntniß davon zu nehmen. Es waren über meine Antwort auf die Rede des Ministers mährchenhafte Berichte in den öffentlichen Blättern erschienen und Großthaten von mir erzählt worden, die mir ganz fremd waren; ich kümmerte mich nicht darum, denn es lohnt nicht, nach Seifenblasen zu schlagen, die bald genug von selbst platzen.
Von der entgegengesetzten Seite erschien ein Artikel in der Allgemeinen Preußischen Zeitung, welcher mehr Aufmerksamkeit verdiente. Durch denselben sollte nämlich, wie es schien, Denen, die meinem offenen, ehrlichen Benehmen ihren Beifall geschenkt und überhaupt den bei unserer Säcularfeier herrschenden Geist mit lebhaftem Interesse beobachtet hatten, die Freude verdorben werden. »Der Prorector,« heißt es darin, »beantwortete die Ansprache des Ministers in der würdigsten Weise. Er dankte dem Minister, daß er nicht bloß durch sein Kommen der Universität seine Theilnahme bewiesen, sondern auch durch seine wohlwollende Vermittelung auf das Verhältniß der Universität zu ihrem erhabenen Rector wohlwollend eingewirkt habe; – woran die Bemerkung geknüpft wurde, daß die Universität fortwährend nur von Ehrfurcht und Liebe zu ihrem erhabenen Rector beseelt gewesen sei« – (hier ist ein Irrthum: eine solche dem Könige gebührende Versicherung an den Minister zu richten, würde ich für sehr unpassend gehalten haben). – »Zugleich äußerte er sich über akademische Disciplin, Burschenschaft u.s.w. ganz so, wie es der Referent in der Kriegs-und Friedens-Zeitung« – (der Königsberger Zeitung, die dem Leser wahrscheinlich nicht zur Hand ist) – »gemeldet hat. Den übrigen Theil der Ansprache des Ministers ließ der Professor Burdach ganz unberührt.« – (Mit diesem unberührt[470]  gebliebenen Theile konnte bloß die Aeußerung über die Unzufriedenheit des Königs gemeint sein; ich glaube aber auch diese, soweit es mir zustand, beantwortet zu haben) – »und überhaupt war die Rede desselben höchst anständig und der Würde des Prorectors durchaus angemessen« – (ein in diesem Zusammenhange gehörig verdächtigendes Lob). – »Bei dem glänzenden Diner, welches der Professor Burdach gab, brachte der Gastgeber einen sehr herzlichen Toast auf den Minister aus, der des Lobes ganz gewiß nicht zu wenig enthielt.« (Diese wie die übrigen auch im Originale mit gesperrten Lettern gedruckten Worte bezeichnen die Tendenz des Aufsatzes sehr deutlich, setzten mich aber in Erstaunen. Daß mein Toast erwähnt wurde, war erklärlich; was aber den Inhalt betrifft, so war ich mir bewußt, daß ich nicht mehr hatte sagen wollen, als was die Pflicht und die Ehre der Universität mir gebot. War mir ein Schmeichelwort wider Willen entschlüpft? ich befragte mehrere meiner Gäste: sie bestätigten es, daß ich nur Wünsche für die rechte Art und den heilsamen Erfolg der Wirksamkeit des Ministers ausgesprochen hatte, und Personen, mit welchen sie noch am Abende desselben Tages gesprochen, bezeugten, daß sie es als eine Feinheit gerühmt, wie ich dem hohen Gaste die ihm schuldige Aufmerksamkeit bewiesen hätte, ohne ihm eine Schmeichelei zu sagen. Unmöglich konnte ich diese Verdächtigung ohne Weiteres auf mir lasten lassen; aber was sollte ich thun? In den Zeitungen widersprechen? Dann wäre eine Replik erfolgt, in welcher der muthmaßliche Verfasser des Artikels mit gleicher Dreistigkeit, vielleicht mit Nennung seines Namens, das Erzählte gehört zu haben bezeugte, und da es sich bloß um ausgesprochene Worte handelte, so wäre ohne protokollarische Vernehmung der Mehrzahl der Anwesenden nichts auszurichten gewesen. Ein werther Freund, der über die Unthulichkeit eines solchen Widerspruchs mit mir einverstanden war, meinte, es würde hinreichen, wenn in der Vorrede zur Beschreibung des Festes erklärt würde, Alles, was mit dem hier Berichteten im Widerspruche stünde, sei erlogen. Dies konnte jedoch nicht genügen, da ich um diese Zeit die Abfassung[471]  der gedachten Beschreibung schon selbst übernommen hatte, und darin vermöge meiner amtlichen Stellung nur einen einfachen Bericht liefern zu müssen, mithin über die geäußerten Gesinnungen, besonders aber über die meinigen, kein Urtheil fällen zu dürfen glaubte, ja es selbst für undelicat hielt, meine Antwort auf die »Ansprache« des Ministers zu veröffentlichen. Ich wendete mich also an meine Collegen und forderte den akademischen Senat auf, den auf meine Ehre gemachten Angriff zurückzuweisen. Ich fand vollkommene Bereitwilligkeit dazu, und nach Berathung über den deshalb einzuschlagenden Weg wurde eine Dankadresse beschlossen, und ich war (denn ich scheute mich nicht, an dieser vorläufigen Deliberation Theil zu nehmen) unter der Bedingung, daß dieselbe in den Zeitungen eingerückt wurde, damit einverstanden. Die hierauf in meiner Abwesenheit berathene, unter dem 16. November von sämmtlichen ordentlichen Professoren unterzeichnete und in die Königsberger Zeitung vom 25. November aufgenommene Adresse sprach »den innigsten und aufrichtigsten Dank aus für die edle und würdevolle Weise, mit welcher ich bei der Feier des Jubelfestes die Universität vertreten hätte.« Dieses Zeugniß der Gesammtheit meiner Collegen mußte hinreichen, jene Verdächtigung zu entkräften, und die Zeit seines Erscheinens während ich noch im Amte war, mußte andeuten, daß es eben diesen Zweck habe.
Gegen Ende Septembers waren in drei Städten Westphalens Adressen an mich erlassen worden, unterzeichnet von Bürgern und Beamten, Juristen und Aerzten, Lehrern und Kaufleuten, Künstlern und Fabrikanten. In der von Bielefeld mit 42 Unterschriften heißt es nach einer Einleitung:
»Unsere Ansicht stimmt mit der Ihrigen überein: auch wir sind fest davon überzeugt, daß ohne die vollständigste Freiheit der Wissenschaft und ihre praktische Bethätigung im Volksleben keine freie menschliche Entwickelung möglich ist. Daß aber ein Mann wie Sie offen für die Freiheit in die Schranken tritt, ist uns die sicherste Bürgschaft für den Sieg der guten Sache. Unser Land muß sich glücklich schätzen, Sie bei der Jubelfeier so vollständig kennen gelernt zu haben. Wir sind überzeugt,[472]  daß die Liebe und der Dank des Volkes für Sie die höchste Belohnung ist; deshalb legen wir denn in dieser Adresse die Gefühle nieder, welche wir für Sie empfinden« u.s.w.
Von den Empfindungen und Besorgnissen, welche diese Zuschrift in mir hervorrief, giebt mein Antwortschreiben ein treues Zeugniß. Es lautete so:
»Meine Herren! Empfangen Sie meinen innigsten Dank für das Schreiben vom 22. September, mit welchem Sie mir die freudigste Ueberraschung gewährt haben! Durch das Maß meiner Kräfte genöthigt, meine Wirksamkeit auf den nächsten wissenschaftlichen Beruf zu beschränken, habe ich bei den Kämpfen der Zeit nicht in der Linie fechten können, und nur wo der heimische Boden angegriffen war, im dritten Aufgebote meinen Mann gestanden. Durch das Vertrauen meiner Collegen für das dreihundertste Jahr der Königsberger Universität an deren Spitze gestellt, habe ich in schlichter Weise gethan, was der Augenblick gebot und was ich bei meiner Ueberzeugung in der mir angewiesenen Stellung nicht unterlassen konnte. An eine Belohnung, insbesondere an eine so hohe, wie der Bürgerkranz ist, den Sie, meine Herren! mir reichen, habe ich nicht gedacht. Um so größer ist mein Dank dafür. Jetzt wünsche ich mir zu meiner Beruhigung nur, daß Sie weder, durch übertriebene Zeitungsberichte bestimmt, eine zu hohe Meinung von meiner Leistung haben, noch auch den boshaften Insinuationen, die mich in den Augen freisinniger Männer herabsetzen wollen, Glauben beimessen. Daß ich nichts Ueberschwengliches gethan, lehren die von mir selbst verfaßten ›amtlichen Nachrichten;‹ daß ich mich aber auch nicht zu Kriecherei erniedrigt habe, bezeugt mir die Dankadresse meiner Collegen.«
Die beiden andern Adressen (von Rheda mit 30 und von Gütersloh mit 20 Unterschriften) waren ähnlichen Inhalts und ich beantwortete sie in gleichem Sinne, wie die Bielefelder, indem ich einen Ruhm ablehnte, den ich weder erworben, noch auch erstrebt hatte und mich gegen den Verdacht der Schmeichelei verwahrte.
Was literarische Beehrungen anlangt, so wurde ich in[473]  dieser Periode Ehrenmitglied der K.K. Gesellschaft der Aerzte in Wien, der Gesellschaft der Hamburger Aerzte, des Vereins für Staatsarzneikunde im Königreiche Sachsen und der Sociedade das sciencias medicas de Lisboa.
Endlich mußte ich es als Belohnung meiner amtlichen Wirksamkeit betrachten, daß der König mir bei der Huldigung die dritte Classe des rothen Adlerordens mit der Schleife und bei dem akademischen Jubiläum die zweite Classe mit Eichenlaub verlieh.



7. Freundschaft.










[474] Die düstere Einsamkeit meines Wittwerlebens wurde fortwährend durch einfallende Strahlen der Freundschaft erhellt, so daß ich mich nie ganz verlassen fühlen konnte. Zwar fand sich unter den mir befreundeten Männern, die mit mir auf gleicher Alterstufe standen, keiner, dessen Ansichten und Grundsätze mit den meinigen so vollständig übereinstimmten, daß es zu einer rechten Innigkeit hätte kommen können; aber auch das Wohlwollen, das Einige derselben mir schenkten, war für mich von Werth, da es zu Erheiterung meines Lebens beitrug. Und was jüngere Personen betrifft, mit denen ich im Verkehre stand, so konnte ich zwar nicht übersehen, daß sie im Umgange mit ihren Altersgenossen sich wohler fühlten, als in dem meinigen; aber ich mußte dies Verhältniß, wenn es mir auch zuweilen etwas wehe that, am Ende doch als naturgemäß respectiren und mich immer noch glücklich schätzen, nicht in dem Grade abgelebt zu sein, daß ihnen meine Nähe ganz uninteressant und unfreundlich gewesen wäre. Indessen fehlte mir neben den Annehmlichkeiten freundschaftlicher Geselligkeit das Glück einer innigeren und edleren Freundschaft auch in dieser Neige meines Lebens nicht ganz. Den ersten Platz nimmt hier Charlotte von Dincklage ein, über die ich bei ihrer ausgezeichneten Persönlichkeit etwas weitläufiger berichten muß, was ich denn auch um so lieber thue, da ich auf ihre Freundschaft stolz bin.[474] 
Als ich 1832 mit meiner Frau nach Marienbad reiste, hatten wir in Dresden einen Lohnwagen nach Karlsbad gemiethet, und, als der Kutscher um die Erlaubniß, noch eine Dame mitnehmen zu dürfen, gebeten hatte, darein gewilligt. Wir fuhren demnach bei unserer Abreise am 6. Juli früh Morgens an dem Hause vor, wo unsere unbekannte Reisegefährtin wohnen sollte. Alsbald erschienen zwei Damen, von denen die Eine im Hauskleide mit den Worten: »ich muß mir doch erst Deine Reisegesellschaft ansehen!« zum Wagen trat, wo ich denn mich und meine Frau zur Beschauung bestens präsentirte. Hiermit war nun schon der Ton für unsere Geselligkeit angegeben, und als die andere Dame, etwa dreißig Jahre alt, von kleinem Wuchse, kräftigem Baue, blond, blauäugig, sich zu uns in den Wagen gesetzt hatte, begann sogleich ein munteres Gespräch; sie sprach so verständig und so ungezwungen, so gebildet und so anspruchslos, daß man vollkommen bestätigt fand, was ihr kluges und gutes Gesicht verhieß. Wir fanden schon, während wir noch durch die Stadt fuhren, so viel Interesse an einander, daß wir mit Spannung unserer Ankunft am Schlage (Barrière) entgegensahen, um durch den dem Beamten zu gebenden Bescheid unsere beiderseitigen Namen zu erfahren. Sie nannte sich Charlotte von Dincklage, Stiftsdame aus Hannover. Auf unserem Wege durch den Plauenschen Grund zeigte sich ihr Sinn für Naturschönheiten ungekünstelt und wahrhaft, und als der Kutscher in Tharand anhielt, um die Pferde zu tränken, sagte sie: »da muß ich auf die Ruine.« Ich fragte sie, ob sie früher schon einmal oben gewesen sei; aber sie lachte mich aus, und versetzte bloß, indem sie aus dem Wagen sprang: »man kann doch nicht da vorbei fahren, ohne sich nochmals an der schönen Aussicht zu ergötzen.« Ich begleitete sie, und beim Herabsteigen vom Berge trat sie einem als Tyroler Jäger gekleideten Forststudenten, der uns begegnete, mit Fragen nach dem kürzesten Wege zum Gasthofe entgegen, gestand mir aber, nachdem sie ausführliche Auskunft erhalten hatte, von freien Stücken: »ich wußte den Weg besser als er, und hielt ihn nur auf, um ihn mir in der Nähe besehen zu können.« In dieser Stimmung[475]  setzte sie nun unsere Unterhaltung fort: vermöge ihrer aus Reinheit des Gemüthes stammenden und durch Verständigkeit gewürzten Heiterkeit war sie ungemein unterhaltend; sie bewies eine Naivetät, welche dadurch so reizend wurde, daß sie mit dem zartesten Gefühle nicht nur für äußern Anstand, sondern auch für wahre Sittlichkeit und mit einem durchdringenden Verstande vereint war; sie hatte die feine Sitte ihres Standes, ohne dessen Vorurtheile und Fesseln. – Nach der heitern Reise folgte in Wiesenbad, wo wir in Gesellschaft noch einer andern Familie übernachteten, ein ungemein fröhlicher Abend, und am nächsten Tage kamen wir nach einer eben so muntern Fahrt gegen Abend in Karlsbad an. Unsere Chanoinesse machte unglaublich schnell ihre Toilette. Unbekümmert um die etwanigen Falten des ungebügelt gebliebenen Mousselinkleides ging sie aus, um eine Freundin zu begrüßen, kehrte aber bald zurück, um uns, die wir indessen uns restaurirt hatten, nach dem Hirschensprunge zu führen. Die Sonne sank schon, aber es half nichts: wir mußten hinauf, um in den letzten Strahlen derselben noch fürs Erste die Gegend zu überschauen, und verweilten uns auch dabei, bis es völlig dunkel geworden war, wo wir denn beim spärlichen Mondenscheine noch bis zum sächsischen Hofe auf den Bergen fortkletterten. Als wir am folgenden Morgen um fünf Uhr aufstanden, war unsere muntere Gefährtin schon beim Brunnen, um mit einigen Freundinnen Verabredungen zu treffen, kam aber bald zurück und verlebte den ganzen Tag in unserer Gesellschaft, meist in der Höhe, denn von sämmtlichen Bergen, die Karlsbad umschließen, durfte keiner unbesucht bleiben, und der Hirschensprung mußte zum Schlusse nochmals bestiegen werden. Nachdem wir so drei Tage in ihrer Gesellschaft zugebracht hatten, schieden wir am Morgen des vierten wie mehrjährige Freunde.
Sie war die Tochter eines Hannöverschen Obersten, und da sie, nachdem dieser seine Gattin verloren, schon in früher Jugend seinem Hauswesen vorzustehen, so wie die Honneurs des Hauses zu machen hatte, so fand ihre Anlage zur Selbstständigkeit hinreichende Gelegenheit sich zu entwickeln. Ein ihr[476]  eben aufblühendes Liebesglück wurde durch die Macht der Verhältnisse zerstört und dies erschütterte ihr Gemüth dermaßen, daß sie in ein Zehrfieber verfiel; erst auf einer Reise, die sie nach dem Rathe der Aerzte unternahm, genas sie. Ihre starke Seele besiegte den Gram, und zeichnete sich einen neuen Lebensplan vor: auf das häusliche Glück, für welches sie so viel Sinn hatte, verzichtend, suchte sie Ersatz in der Freundschaft, in der Anschauung des Menschenlebens und im Genusse der Natur. Die Heimath war ihr werth, und mit herzlicher Anhänglichkeit war sie ihren zahlreichen Verwandten zugethan; doch ihrem Geiste war dieser Kreis zu eng. Sie verlangte reichern, mannichfaltigern Stoff zur Belehrung und zum Nachdenken, und da die Liebe sie nicht beglücken sollte, so fand ihr Herz nur darin Genüge, überall Menschen aufzusuchen, die ihres Wohlwollens und ihrer Freundschaft werth wären. So lebte sie denn fortan auf Reisen, oder, richtiger gesagt, sie wechselte häufig ihren Anfenthalt; denn wo sie hinkam, blieb sie nicht lange fremd, sondern gewann sehr bald und in hohem Grade die Achtung und das Vertrauen der Menschen, die mit ihr in Berührung kamen, so wie sie denen, die ihr zusagten, mit solcher Herzlichkeit sich anschloß, und den Angelegenheiten derselben eine so lebhafte Theilnahme widmete, daß sie als ein Familienglied zu betrachten war; hatte sie aber an einem Orte sich in solcher Weise eingelebt, so trieb es sie fort, um wieder an einem andern Orte heimisch zu werden.
In ihren Briefen gab sie sich ganz so, wie sie im Leben war, und ich fühle mich gedrungen, mehrere derselben hier mitzutheilen, da ihre interessante Persönlichkeit darin in deutlicheren Zügen hervortritt, als ich sie schildern könnte. Sie begann ihre Correspondenz mit folgendem Briefe aus München vom 17. December 1832:
»Wie sehr ich mich auch beeile, diese Zeilen noch vor Weihnachten in Ihre Hände zu befördern, da, wie Sie mir sagten, Sie nur an hohen Festtagen Zeit? – oder Lust zum Beantworten freundschaftlicher Briefe finden, so zweifle ich dennoch am Gelingen, und fürchte, daß der langsamere Postenlauf[477]  dem schnellen Fluge meiner vorauseilenden Wünsche und Gedanken nur zu bedächtig nachfolgt. Von Ihrer Freundlichkeit und Güte muß ich daher erwarten, und – ich gestehe es ehrlich, bin kühn und eingebildet genug es zu hoffen, daß Sie mit mir eine Ausnahme machen; denn, lieber, guter Herr Professor! bis Ostern mich warten zu lassen, wäre doch gar zu lange und sogar etwas ungerecht. Ich möchte Ihnen das gern recht klar und einleuchtend machen, denn, sehen Sie! Ostern kann es sich ereignen, daß ich gar nicht mehr hier bin, – ich vagabondire gar flott in der Welt herum – da müßte ich Ihnen also später noch einmal schreiben, wenn ich Antwort und Nachricht von Ihnen haben wollte, und das will ich nun einmal; ja mein alter Eigensinn, der mir in der Kindheit viel Schläge eingebracht, besteht so fest darauf, daß ich im Stande wäre, Sie mit einem dritten Briefe zu bombardiren. Darum entledigen Sie sich bald dieser Schuld, – Sie kommen doch nicht frei davon – und bedenken Sie, welche Freude Sie mir dadurch machen werden. Gar so oft denke ich der lieben Reisegefährten, die ein freundliches Geschick mir so unverhofft entgegenführte, und die in wenigen Tagen mir so werth wurden. Diese Tage sind mit der lichteste Punct auf dem schönen hellen Gemälde meiner Vergangenheit, und meine Gedanken verweilen bei jedem Rückblicke hierauf am längsten. Der herrliche, feierliche Abend auf dem Hirschensprunge, unsere traulichen Abendunterhaltungen, unsere kleinen Abenteuer in Tharand und bei dem Kohlenschachte – wie gern vergegenwärtige ich mir das alles wieder. Es wird mir immer unvergeßlich bleiben. Könnte ich Ihnen nur sagen, mein herzenslieber Freund, wie oft ich im Geiste Sie aufgesucht und Sie auf Ihrer Reise begleitet habe, wie oft mich das Herz zum Schreibtische zog, und wie sehr ich mich auf den Augenblick gefreut habe, wo ich für einige Monate einen festen Aufenthalt gefunden und Ihnen dann schreiben kann. Nun ist er endlich da, – in diesen Tagen bin ich hier angekommen – und nun erscheint mir die schriftliche Unterhaltung ein recht erbärmlicher Nothbehelf; es ist Alles so kalt, so nichtssagend, wenn es geschrieben ist; es fehlt[478]  der warme, herzliche Händedruck, diese stumme und doch so beredte Sprache, die einen tiefern Blick in's Innere thun läßt und treuer die Gefühle enthüllt. Fügen Sie in Gedanken den todten Buchstaben diese belebende und lebendige Sprache bei, und lesen Sie in meinen Augen und meinem Herzen die wahre, innige, aufrichtige Freundschaft für Sie und Ihre liebe, liebe Frau! Auch von Ihnen hoffe ich, daß sie der kleinen lustigen Reisegefährtin ein bischen gut sind und sie nicht so schnell vergessen haben, – Ihre Worte müßten denn täuschen, und mehr noch Ihr treues, redliches, gutes Gesicht; dessen kann ich Sie nicht fähig halten. Ganz zutraulich, offen und ohne Umstände, wie Sie mich gleich anfangs kennen lernten, und wie ich mir's ausbedungen, bin ich nun auch schriftlich gegen Sie; ich will nun Mal recht gemüthlich mit Ihnen plaudern, und Ihnen meine Reiseabenteuer und Begebenheiten erzählen, als säßen Sie und das liebe Mutterchen gegenüber, von Ihrer Theilnahme überzeugt, daß es Sie doch ein bischen interessirt; – übrigens das, was Sie langweilt, erlaube ich großmüthig, zu überschlagen.«
»Es ist wohl nicht abzuläugnen, daß es für ein einzelnes Fräulein, wenn sie gleich durch Ihre Chanoinessenschaft einen geistlichen Anstrich oder wenigstens doch Namen hat, ein ziemlich kühnes, geniales Unternehmen ist, allein die Schweiz zu bereisen. Genial, aber auch höchst genußreich! Und wie der gute Anfang meiner originellen Reise, den ich Ihrer Bekanntschaft verdanke, gleich eine so erfreuende Vorbedeutung war, so ist auch dieser günstige Stern mir immer treu geblieben, wofür ich Gott recht innig danke; – denn ich vergesse nie über den Gaben den Geber! und wie dankbare Anerkennung immer geneigter stimmt, so besteche ich dadurch den lieben Gott, daß er seine gütig spendende Hand immer offen und schützend über mich hält. Von Karlsbad erreichte ich sehr bald und glücklich München. Wie gleich meine erste Bekanntschaft, Sie, ein Professor war, so schien es dieses Mal meine Bestimmung zu sein; denn hier lernte ich deren gleich vier mit ihren Familien kennen. – – – Von Lindau aus durchwanderte ich zu Fuß ganz idyllisch mit einem Nordländer, einem halben Landsmanne, den[479]  ich auf der Diligence traf, die Cantone Appenzell und St. Gallen, wagte mich dann allein ins Graubündner Land bis auf den Splügen, bis an die Quellen des Rheins. Welch' wilde, erhabene Naturscenen! Ueber Chur und Wallenstadt ging ich nach Glarus. Hier versuchte ich es wieder auf meinem eigenen Rappen, – wenn Sie den Ausdruck kennen, und spazierte recht genialisch, fast studentenmäßig, mit meinem Führer den ersten Tag acht Stunden bis auf den Etzel, den zweiten zehn Stunden über Einsiedeln, den Haken, Schwyz und Goldau den Rigi hinauf. Hier war eine solche Foule von Menschen versammelt, daß der größte Theil die Nacht auf dem Saale verbringen mußte und sich in den drolligsten Gruppirungen auf und unter den Tischen und Stühlen lagerte, so daß ich vor lauter Lachen und Amusement meine eigene hülfsbedürftige Lage und meine Ermüdung ganz vergaß. Ich hatte mich gleich anfangs an vier niedliche junge Schweizerinnen, die Jungfern Hirzel, wie man sie dort titulirt, angeschlossen, deren gemüthlicher, jovialer Vater mich menschenfreundlich für seine fünfte Tochter annahm und väterlich für mich sorgte. Glücklicherweise ertrotzten wir, fünf Jungfern, auch spät ein unterirdisches Gemach mit zwei Betten, wo wir doch nothdürftig unser Haupt niederlegen konnten, wenn gleichwohl an Schlaf nicht zu denken war. So eng vereint, fragten wir uns endlich unsern Namen und unsern ledigen Stand ab. Der herrlichste Sonnenaufgang entschädigte uns für alle Strapazen der Nacht. Beim Händewaschen machte ich die Bekanntschaft der Familie des Staatsraths von Stägemann, und bereiste dann mit derselben fünf Tage hindurch das Reußthal und das Berner Oberland. Von da eilte ich nach Genf, wo ich in einer höchst liebenswürdigen Familie bis jetzt mich aufgehalten, abgerechnet, daß ich von da auf drei Wochen einen kleinen Ausflug nach – Paris gemacht habe. Auch das arrangirte sich sehr schnell und günstig: ich machte eines Tages die Bekanntschaft einer sehr niedlichen Pariserin, die ihrer Angelegenheiten wegen eine Tour dorthin machen mußte; wir wurden bald einig, daß ich sie begleitete, und wenig Tage darauf sitzen wir schon im Eilwagen.[480]  Auf dem Rückwege erlebte ich nun freilich das Abenteuer, daß man mir mein Geld, 25 Napoleonsd'or, stahl. Der Abschied von Genf wurde mir recht schwer, und daher habe ich unvorsichtiger Weise meine Abreise immer weiter, bis in die ungünstigste Jahrszeit, verschoben, so daß meine Rückreise hierher sehr unangenehm war. Jetzt bin ich aber in meinem warmen Winterquartiere schon recht behaglich eingerichtet, und denke den Winter hier recht angenehm zu verleben. Im Frühjahre gehe ich nach Wien, wo ich mich schon auf die Bekanntschaft Ihrer Freundin freue, und nehme meinen Rückweg nach Genf über Salzburg und Tyrol. Im Herbste reise ich den Rhein hinunter in meine Heimath. Es ist wohl Zeit, daß ich dann Mal wieder heimkehre; und alle hohe und herrliche Genüsse des Auslandes können die Vorliebe für das Vaterland und den Wunsch dorthin nicht tilgen. Doch sammelt man freilich in der Fremde die schönsten Früchte ein, sowohl zur Vermehrung der Kenntnisse und zur Ausbildung des Verstandes, als auch zur Veredlung des Herzens; da gilt der Mensch nur seinem innern Werth nach, und alle Vorurtheile und kleinliche Rücksichten fallen weg. Es ist ein großartiges Treiben; alles Kleinliche hört auf, dergleichen mir in den kleinen deutschen Städten so gar zum Ekel geworden war; man findet große Charaktere und söhnt sich mit den Menschen wieder aus. Nun gerathe ich gar noch ins Philosophiren. Zu Ihrem Glücke befreit der kleine Raum des Papiers Sie schnell davon. Leben Sie wohl, meine theuren, herzenslieben Freunde! ich umarme Sie Beide mit aller Innigkeit. Nehmen Sie freundlich diese ungeschmückten Zeilen auf von

Ihrer
treuen
Lotte Dincklage.«

Im Herbste 1833 war sie nach Rössing bei Hildesheim zu ihrer Schwester zurückgekehrt. Von da schrieb sie im Januar 1834:
»So eben beende ich einen Brief nach Wien, an die liebe Hofräthin Dollinger. Dies sagt Ihnen zugleich, daß ich das Recht, ja die Verpflichtung habe, auch Ihnen zu schreiben,[481]  mein theurer, lieber Freund! um Ihnen für diese höchst angenehme Bekanntschaft zu danken. Wie gern macht man sich zur Pflicht, was man so sehr zu thun wünscht! wäre doch jede Pflicht so leicht zu erfüllen! Mein Dank kommt recht von Herzen. Die Bekanntschaft Ihrer Freundin Dollinger ist wirklich ein Gewinn. Wie ist sie liebenswürdig, und gut, und gescheidt! und welch ein hübsches Verhältniß ist in der Familie! Sie wissen wahrscheinlich schon von ihr selbst, daß sie mir das Vertrauen geschenkt hat, mir die Resi zu der hübschen Bergreise mitzugeben. Dies Alles verdanke ich nun Ihren freundlichen Empfehlungen, lieber Herr Professor! Sie müssen mich dort gut herausgestrichen haben. Ich habe aber auch bei dieser Gelegenheit Gottes wunderbare Fügung von Neuem gepriesen, wie sich Eines an das Andere reiht, so Großes oft an so Kleines. – Die kleine Reise nach Gutenstein war höchst angenehm; die Thäler und Berge dabei sind reizend; die Resi und ich haben sie recht con amore bereist. In Heiligen-Kreuz hatten die geistlichen Herren die Güte, ihre geistliche Schwester ins Kloster einzulassen, aber nicht den geraden Weg durch die große Pforte, sondern heimlich durch ein kleines verborgenes Seitenthürchen von der Sacristei aus. Hier habe ich recht erfahren, daß die krummen und verbotenen Wege viel interessanter sind, und Heimlichkeiten einer Sache erst wahren Reiz verleihen. Ich war selig, dort eingedrungen zu sein in diese eingebildeten Geheimnisse, und alle Pracht der Paläste hätte ich nicht dagegen eintauschen mögen. Im Grunde gab es da nicht viel zu sehen, für mich aber sehr viel, denn die bloße Mauer interessirte mich schon. Erklären Sie mir Mal dies Räthsel, dies Widersprechende in der menschlichen Natur! – Könnten doch unsere Gedanken sich kund machen ohne die schwerfällige Hülfe der Feder und der Posten, könnte doch Fragen und Antworten der Wind hinübertragen! Bei den jetzigen Orkanen würde das hübsch schnell gehen. Dann könnte ich hoffen, bald von Ihnen und Ihrer lieben Frau zu hören, wornach mich sehr verlangt. Ich denke mir es zwar nicht anders, als daß Sie mit allen Ihrigen recht wohl sind, daß Sie auch mich noch nicht ganz vergessen[482]  haben. Denn treue Herzen haben Sie gewiß! Aber ich möchte es gern von Ihnen bestätigt sehen. Wahrlich, ich habe recht oft an Sie gedacht. Mein Leben war im letzten Jahre recht mannichfaltig und genußreich. Da meine Genialität, wie Sie so schonend meine Sonderbarkeiten nennen, Gnade und Nachsicht in Ihren Augen gefunden hat, so muß ich Ihnen doch Mal nebst der Skizze meiner Reisen einige meiner genialen Streiche mittheilen, die ich Ihnen volle Erlaubniß gebe, nach Herzenslust zu belachen. – Von München fuhr ich über Salzburg nach Linz und von da mit dem Floß die Donau hinunter nach Wien. Dabei hatte ich schon die Dummheit begangen, mich ganz der schönen Natur hinzugeben und nicht des Magens zu gedenken. Alle Reisende hatten sich mit Lebensmitteln versorgt, nur ich, Leichtsinnige, nicht, und mußte nun von fünf Uhr Morgens bis vier Uhr Nachmittag, wo endlich das Floß Mal anlegte, recht ordentlich hungern. Ich freute mich zwar sehr der schönen Donau-Ufer, sagte mir dann recht vernünftige Betrachtungen vor über die Stärke des Geistes und die Unterthänigkeit des Körpers; aber Alles half nichts: mein Hunger drängte mir bald Betrachtungen über die Abhängigkeit des Geistes vom Körper und dessen Gebrechlichkeit auf. Ich muß wirklich ein recht Mitleid erregendes, hungeriges Gesicht gemacht haben, denn ein armer Schiffer reichte mir ein Almosen und theilte sein Stück trocknes Brod mit mir, welches ich auch mit großem Danke annahm. – In Wien verlebte ich drei recht frohe Wochen, und nahm meinen Rückweg über das schöne Steiermark und das Salzkammergut nach Salzburg und München. Nach einem kurzen Aufenhalte trat ich von Neuem meine Reise durch das baierische Gebirge, durch Tyrol und über Vorarlberg in die Schweiz an. Im Vintzelgau war ich an die Gräfin Mohr, auf dem ganz alten, schon halb verfallenen Schlosse Montani, empfohlen. Die Burg liegt in einer der rauhesten, wildesten Gegenden Tyrols, auf einem hohen, steilen Felsen, von einem wilden Bergwasser bespült. Da kein Fahrweg hinaufführt, so wanderte ich nach Pilgrims Weise zu Fuß hinauf, bat, wie in den alten Ritterzeiten, um ein Nachtlager, und brachte dafür[483]  der einsam trauernden Gräfin, die vor vier Wochen ihren Mann verloren, Kunde aus der Welt und von ihrer fernen Freundin. Sie war recht liebevoll gegen mich und ließ mein Bett neben das ihrige stellen, damit ich in den weiten, öden Gemächern mich nicht fürchten sollte; aber mir war es doch unheimlich, da das dumpfe, schauerliche Rauschen des Waldbachs recht geisterartig aus der Tiefe zu mir heraufdrang. Ich war froh, nicht in dem romantischen Mittelalter geboren zu sein. Tyrol mit seinen pittoresken rauhen Gebirgen und seinen vielen Burgen versetzte mich recht lebhaft dahin, und erschien mir ganz als der eigentliche Schauplatz der Ritter-Romane, wie die Schweiz der der Idyllen. Die Gräfin versorgte mich am andern Tage ganz im Geiste des Mittelalters mit allem Nöthigen zur weitern Reise, und fügte eine Recommandation an einen ihrer Vettern, einen Italiener, bei, der, früher Militär, nach dem Tode seiner Frau Geistlicher geworden und sich mit seinen beiden Töchtern in die tiefste Einsamkeit am Fuße des Oertlisspitz zurückgezogen hatte. Diesen Sonderling kennen zu lernen und daselbst eine zweite abenteuerliche Nacht zuzubringen, war für mich zu reizend. Ich reise also los, fahre die furchtbare Höhe des Wurmser Jochs, 8700 Fuß hinauf, direct in die Wolken hinein, die mir in den Eisregionen als ein heftiges Schneegestöber fühlbar wurden, lange Eiszacken hingen am Geländer der Chaussee, die man als ein wahres Meisterstück bewundern muß. Auf dieser gefährlichen Höhe wirft der Postillon um, und ich falle ganz sanft in den Schnee, er aber citirt in seinem Schreck alle Heiligen herbei, und schreit mir darauf, sehr im Contraste mit seiner rauhen Stimme, so zärtliche Benennungen ins Ohr, daß ich, noch liegend, in lautes Lachen ausbreche, worauf er fast unwillig murmelt: ›da lacht die Frau nun schon!‹ Gegen neun Uhr verkündete uns ein schwacher Lichtschimmer die einsame Wohnung des Geistlichen. Man ließ uns ein, speiste und tränkte, wollte mich aber nicht da behalten. Ich hingegen war fest entschlossen, da zu bleiben; vergebens zeigte er mir seine höchst beschränkte, ärmliche Wohnung; die eine Tochter war abwesend, unverschämt[484]  genug bat ich daher, ihren leeren Platz auf der Bett ähnlichen Stellage der Töchter einnehmen zu dürfen. Dieser Zudringlichkeit wußte er nichts entgegenzusetzen, und meine Unverschämtheit siegte. Wir plauderten bis Mitternacht; der Geistliche gewann Zutrauen, erzählte mir seine Lebensgeschichte, und söhnte sich so vollkommen mit mir aus, daß ich erst um Mittag weg kam und von ihm und seiner Tochter eingeladen wurde, sie doch noch einmal zu besuchen. – Ende Juli langte ich in Genf an, fand da sogleich eine Gesellschaft von Bekannten, eine Partie nach Chamouny zu machen, von da über den Col de Balm nach Martigny und den St. Bernhard hinauf. Letzterer hat mich ungemein interessirt! Alle, fast fabelhaften Erzählungen aus meiner Kindheit standen wieder lebhaft vor meiner Seele; doch auch ohne allen Schmuck der Erinnerungen ist dieses Kloster im höchsten Grade merkwürdig, und nicht ohne wahre Verehrung verläßt man es. Es ist nicht allein der wohlthätige Zweck dieses Etablissements, was die lebhafteste Bewunderung abzwingt, sondern eben so sehr die Aufopferung der Mönche, die noch ganz in dem frommen, edeln Sinne der Stifter fortwirken, und mit ächter Gastfreiheit und liebenswürdiger Freundlichkeit Alle ohne Unterschied der Nation, des Standes und der Religion aufnehmen. Es hat mich tief ergriffen. Tiefen Eindruck machte auch die Messe am frühen Morgen auf mich; der Chor der sonoren Männerstimmen und die vollen Töne der Orgel schallten recht feierlich, und sprachen zum Herzen. – Anfang Octobers trat ich meine Heimreise an, verweilte in Mainz bei Verwandten acht Tage, machte mit dem Dampfboote die Rheinfahrt bis Bonn, und ging mit der Eilpost über Cassel hierher, wo meine Schwester mit ihren sieben Kindern mich nach viertehalbjähriger Trennung mit Jubel empfing. Die Heimath hat doch einen eigenen Reiz: alle Herrlichkeiten der Welt können die Liebe dazu nicht ersticken. Mit welchen Gefühlen ich sie wieder betrat, mit welchen Gefühlen ich die Meinigen wieder sah, das Ihnen schildern zu wollen, würde vergeblich sein. Ich fühle mich jetzt so glücklich unter ihnen!« –

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Auch im folgenden Briefe vom Mai 1835 sprach sie es[485]  aus, wie wohl sie sich in der Heimath fühle. »Welch hoher Reiz,« sagt sie unter Anderem, »liegt nicht in einem glücklichen Familienleben! Nie empfand ich dies so lebhaft, als im vorigen August. Nach fünfwöchentlichem Aufenthalte in Norderney, wo die erfrischenden Seebäder mir eine wahre Erquickung gewährten, kehrte ich in den Kreis der Meinigen zurück, und zwar zu meiner Tante, die ihre acht Kinder und ihre acht Enkel um sich versammelt hatte. Ein glücklicheres Leben kann man sich nicht denken; nichts störte die allgemeine Heiterkeit, als allenfalls die Eifersucht der drei jungen Frauen, die aber nicht auf ihre Männer, sondern auf ihre drei jüngsten Kinder eifersüchtig waren, womit sie alle drei im Frühjahre beglückt worden waren; für uns war es nun eine gefährliche Klippe, das eine vielleicht etwas mehr wie das andere zu loben.« Am Schlusse des Briefes er zählt sie aber, daß sie sich verabredet habe, im Juli mit einer Frau v. Liesingen in Luzern zusammenzutreffen, um von da aus mit derselben eine weitere Reise zu machen. Erst nach vier Jahren erhielt ich wieder einen Brief von ihr, und zwar den folgenden.

»Rössing, den 20. Februar 1839.

Da erscheine ich nach langer Zeit dennoch wieder vor Ihnen, mein sehr lieber Freund! Ja, wer einmal mit mir anbindet, den lasse ich nicht wieder los. Diesmal nahe ich mich Ihnen nun aber mit einem gewissen Selbstgefühle und trage mein kleines Näschen höher wie gewöhnlich, denn – ich kehre von weiten Reisen heim! Da wir nun, was das Reisen betrifft, verwandte Geister sind, so habe ich mich immer schon im Stillen darauf gefreut, Ihnen ausführlich darüber zu berichten, damit Sie und Ihre liebe Frau doch wüßten, wie weit Ihre ›geniale Reisende‹ es in der Welt gebracht hat; und wahrlich, für eine Dame habe ich hoch meine Schwingen erhoben, und bin weit geflogen, über das Meer hinüber bis nach – Egypten vielleicht? ach nein! nur nach Griechenland1. Aber ich[486]  habe Alles gründlich gesehen und recht genossen. Doch ich will dem Gange der Erzählung nicht vorgreifen und durch Herausheben der wichtigsten Begebenheiten die unbedeutenderen nicht uninteressant machen, sondern hübsch in gehöriger Reihenfolge erzählen. Bevor ich aber beginne, mein guter, lieber Freund! lassen Sie mich den Aufforderungen der treuesten Freundschaft genügen und Ihnen aus der Fülle des Herzens die innigsten Grüße zurufen, Ihnen, Ihrer lieben Frau und allen den Ihrigen, Kindern und Enkeln, in deren Kreis Sie mich so freundlich eingeführt haben, so daß ich ihnen schon jetzt keine Fremde mehr bin, – das ist auch ein trauriges Wort, vorzüglich für mich, die ich ein so anhängliches, warmes Gemüth habe. Und doch suche ich so gern die Fremde auf, – sonderbarer Widerspruch des Herzens. – Aber gerade in der Fremde findet man so viele liebe, gute Menschen; verdanke ich doch auch Ihre Bekanntschaft dieser Neigung des Herumstreifens, und wahrlich, in der ganzen Schöpfung ist doch von allem Merkwürdigen und Interessanten der Mensch das Interessanteste, Höchste und mir das Liebste; mit Thränen der Rührung danke ich oft Gott für die vielen angenehmen Bekanntschaften, von denen so manche, wie ja auch die unserige, sich in Freundschaft verwandelt hat; danke Gott, – ich gestehe es Ihnen gern, daß er mir so warmes Gefühl für Freundschaft gegeben, in welchem ich den höchsten Genuß meines Lebens finde. Sie könnten nun glauben, ich ahmte Diogenes nach und reiste umher, Menschen zu suchen. Im Finden bin ich aber glücklicher gewesen als er, weil ich nicht mit der Laterne, sondern mit einem offenen, wohlwollenden Herzen gesucht habe; und wirklich, es giebt mehr Menschen, und gute, vortreffliche Menschen auf Erden, als die kalten Egoisten und Philosophen behaupten, um ihre selbstsüchtigen Maximen damit zu bemänteln. Sie gehören nicht zu dieser Classe, liebster Freund, mögen Sie auch ein Philosoph und, wie man mir sagt, ein berühmter Gelehrter sein. Das ist mir nun recht lieb, daß Sie das sind; aber all' Ihre Gelehrsamkeit wiegt noch nicht halb das auf, was Sie als Mensch sind. Das war es, was mich, unbekannt mit Ihrem[487]  Namen und Stande, gleich so sehr anzog und Ihnen so schnell mein Vertrauen und mein Herz gewann; und noch jetzt, wenn ich mich gegen Andere Ihrer Freundschaft rühme, und wenn diese sich dann in Lobeserhebungen über Ihre Gelehrsamkeit ergießen, so denke ich im Stillen: seinen besten Theil kennt Ihr doch nicht. – Wozu nur diese Eröffnungen, die ich Ihnen hier mache? Will ich Ihnen vielleicht etwas Angenehmes damit sagen? Dazu ist es zu einfach, und das ist auch gar nicht meine Sache. Es ist wohl wieder das Gefühl, was mich hinreißt, wenn ich an recht liebe Menschen schreibe, mit denen ich mich so gern unterhalte; da möchte ich sie denn auch gern einen kleinen Blick in meine innere Welt thun lassen und nicht bloß von der äußern reden; um besser von ihnen verstanden und erkannt zu werden, möchte ich ihnen gern bezeigen, wie lieb Sie mir sind, und Sie und Ihre liebe Frau sind mir recht herzlich lieb! Seit viertehalb Jahren habe ich Ihnen das nicht sagen können: es ist also wohl natürlich, daß heute das Herz voller wie gewöhnlich ist und reichlicher überströmt, als Sie es sonst wohl von mir gewohnt sind. So flüchtig ich auch durch mein unstetes Leben erscheinen mag, so giebt es doch kein treueres, innigeres Gemüth, als das meinige. Vielleicht liegt dies mit in meinem Alleinstehen in der Welt. So viele Verwandte und Freunde ich hier auch habe, so sind sie doch alle in so glücklichen Verhältnissen, daß sie meiner nicht bedürfen; ich selbst bin so einfach und anspruchlos erzogen, daß mein kleines Vermögen mir genügt, meinen Phantasieen zu leben: so treibt denn mein unruhiger Geist mich in der Welt umher. Daß mir dabei nicht manche Stunden werden, wo das Gefühl des Vereinsamtseins mich tief ergreift, verhehle ich nicht; aber habe ich dann wieder eine gleichgestimmte Seele gefunden, die auch mir sich wohlwollend zuwendet, so ist es mir ein doppelt hoher Genuß und ich hänge fest und treu ihr an. – Aber meine zutraulichen Plaudereien gehen doch fast zu weit, daß sie mich sogar eine Beichte ablegen lassen. Ich will also von der inneren Welt mich jetzt zur äußern wenden und Ihnen wenigstens das Wesentlichste von meinen Reisen erzählen. Hören Sie also nun[488]  hübsch geduldig meine Wanderungen von beinahe viertehalb Jahren mit an; zu diesem Zeitpuncte muß ich Sie zurückführen. Ihren letzten lieben Brief erhielt ich noch kurz vor meiner Abreise; es ist wohl schon zu lange her, um noch dafür zu danken, obgleich der freundliche, nette Brief es wohl verdiente. Aber ich wollte ja von der Reise erzählen; immer komme ich wieder auf Sie zurück. Nun auch nichts mehr von Ihnen!«
»Das Rendezvous mit meiner Reisegefährtin, Frau von Liesingen, war auf den 12. August festgesetzt; dennoch konnte ich den Bitten Rössings nicht widerstehen, erst noch am 8. August meinen und meiner Schwester Geburtstag hier zu feiern, den mein Schwager höchst brillant mit einem Ball und Feuerwerk verherrlichte. Als mit der Morgendämmerung die Gäste fortfuhren, reiste auch ich ab, und mit Hülfe der Eilposten langte ich wirklich zum bestimmten Tage in Luzern an. Nach mehreren Kreuz- und Querzügen überstiegen wir den Gotthard, einige Tage später den Splügen, und erreichten so den reizenden Comersee. Dann hielten wir uns einige Zeit in Mailand und später in Venedig auf, eilten hierauf über Bologna, Ancona und Spoleto der einzigen ewigen Roma zu, verließen sie aber schon nach wenigen Tagen, um den schönen Octobermonat in dem nahen Latiner und Sabiner Gebirge zuzubringen. Im November kehrten wir nach Rom zurück. Nun wurden Bücher und Pläne angeschafft; den Tag über wanderten wir umher zu den herrlichen Alterthümern; des Abends wurde Geschichte u.s.w. studirt, auch kam wohl ein Besuch eines bekannten Künstlers. So verging der Winter höchst lehrreich und angenehm. Im Frühjahre wurden wieder Ausflüge ins Gebirge und mit einigen Archäologen in das alte Etrurien gemacht, um die höchst interessanten etruskischen Alterthümer von Ceri, Tarquinia, Vulci, Viletri u.s.w. zu sehen, eine Reise, die mich unendlich unterhalten hat. Im Sommer gingen wir nach Florenz, wo die herrlichen Galerien und freundlichen Gegenden mich sehr ansprachen, schifften darauf im August von Livorno nach Neapel, wo wir einige Wochen in den lieblichen[489]  Umgebungen, Castelamare, Sorent, Capri, Amalfi und Salerno umherstreiften und dann nach Sicilien hinüber segelten. Nur acht Tage hielten wir uns in Messina auf und begannen dann den famösen giro dell' isola, wohl versehen mit Pferden, da es keine Fahrstraßen giebt, ciceroni und Führern: es war eine ordentliche Caravane. Ueber Taormina ging es nach Catanea, Leontini und Syrakus, seiner großartigen Erinnerungen wegen unstreitig dem interessantesten Orte auf dieser schönen Insel. Die Vegetation ist ganz afrikanisch: Cactus und Aloe bilden die Umzäunungen, Myrthen und Fächerpalmen das niedere Gebüsch auf den Bergen; die Thäler sind mit Palmen und Orangenhainen und die Ufer der Bäche mit blühendem Oleander geschmückt. Es ist ein gesegnetes Land, und doch sind die Bewohner unzufrieden und unglücklich, weil die Regierung sie sehr stiefmütterlich behandelt; doch scheint es ja jetzt besser zu werden. Von Syrakus eilten wir dann weiter nach Alicata und Girgente, wo noch die meisten Ruinen (des alten Agrigent) zu sehen sind. Auf einer Hügelreihe nicht fern vom Meere erheben sich aus freundlichem Grün und in den verschiedenartigsten Gestaltungen die Trümmer von fünf Tempeln; die See mit ihrer weiten blauen Fläche bildet den glänzenden Hintergrund, ein wahrhaft ergreifender Anblick! Erinnern Sie sich noch in Karlsbad unseres späten Ausfluges auf den Hirschensprung und der schönen feierlichen Abendstunde? So stand ich jetzt an der südlichen Spitze Europa's, auf den spärlichen Resten eines einst so prachtvollen Jupitertempels, und bewunderte die herrliche Natur in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne und in dem Zauber der Abendröthe. Mein Begleiter war ein freundlicher Herr aus Girgente, an dessen Bruder wir empfohlen waren und der, erstaunt über meine kühne, einsame Wanderung, sich mir wohlwollend zum Führer und Beschützer erbot, mich von der lästigen Schaar neugieriger Kinder befreite und dann mir von der alten Geschichte des Orts berichtete. Ach! wären Sie doch auch dabei gewesen! Es war ein höchst genußreicher Abend. – Nachmittags war ich durch die Güte eines Bekannten in ein Nonnenkloster geführt, wo ich mich über die Unwissenheit, Neugierde[490]  und Gutmüthigkeit meiner lieben geistlichen Schwestern höchlich unterhielt. Es war nicht genug, daß sie mich besahen, befragten und befühlten, ich mußte auch förmlich mein Glaubensbekenntniß ablegen, und als ich nun den Glauben an die Heiligen und an die Unfehlbarkeit des Papstes verneinte, schüttelten sie mitleidig den Kopf und sagten halblaut untereinander: es ist schade; sie scheint eine gute Person zu sein und muß nun doch in die Hölle. Dennoch entließen sie mich mit großer Herzlichkeit. – Ueber Castelvetrano, wo wir den berühmten Tempel von Segeste besahen, der noch fast ganz erhalten ist, und Alcamo setzten wir unsern Weg fort nach Palermo, wo wir nach dreiwöchentlichem Herumziehen wieder einen Ruhepunct fanden. Palermo ist für mich ein wahres Paradies; ich ziehe es beinahe Neapel noch vor, so wie auch die Sicilianer den Neapolitanern: sie sind weit rechtlicher, nicht so niedrig und käuflich wie Letztere. Nachdem wir zwei Monate hier sehr angenehm verlebt, viele Ausflüge in die romantischen Umgebungen gemacht und Faselli's Geschichte Siciliens in sieben dicken Bänden durchstudirt hatten, zeigte sich uns endlich Gelegenheit zur Abreise – es war nämlich durch den Ausbruch der Cholera in Neapel alle Verbindung mit Sicilien aufgehoben. – In ausgezeichnet liebenswürdiger Gesellschaft von 15 Personen, bestehend aus Engländern, Franzosen, Schweizern und Italienern, segelten wir auf einer Brigg nach Civitaveccchia hinüber, wo wir in einem alten verwünschten Thurme auf Klippen am Meere sieben Tage Quarantaine halten mußten. Ein Schauder erregendes Wort, eine Quarantaine in Italien! Hier aber amusirten wir uns so sehr, daß Manche von uns mit Sehnsucht daran zurück denken. Es war nämlich die erste Sängerin Italiens, Mademoiselle Unger, mit uns, die, gleich ausgezeichnet durch Liebenswürdigkeit und Herzensgüte, wie durch Talent, uns unendlich oft durch ihren Gesang und durch ihre dramatische Kunst erfreute. Sie ist mir später eine recht liebe, treue Freundin geworden. – Den Winter verlebte ich wieder in Rom, im Sommer einen Monat in Florenz und einen zweiten in Livorno, um da Seebäder zu nehmen; dann ging ich[491]  eines jungen Freundes und Landsmannes2 wegen, dessen Pflegemamma ich schon in Rom geworden war, nach Pisa. Dieser arme junge Mensch, selbst Arzt, leidet an der Schwindsucht, als einem traurigen Erbtheile seiner früh verstorbenen Mutter, und befand sich seiner Meinung nach schon im dritten Stadium der Krankheit. Nicht daher in der Hoffnung auf Heilung, sondern nur, um sein kurzes Leben um einige Jahre zu verlängern, beschloß er, in Egypten ein für seinen Zustand noch günstigeres Klima aufzusuchen und sich im Herbste dahin zu begeben. Ich begleitete ihn daher später nach Livorno, ihm in Besorgung seiner kleinen Reiseaussteuer behülflich zu sein; auch bedurfte er der Pflege. Seine Abreise verzögerte sich bis Mitte Januar. Der Abschied wurde mir recht schwer! Doch muß ich seinen Entschluß segnen, denn das dortige Klima wirkt recht wohlthätig auf sein Befinden, und seine Krankheit hat bis jetzt noch keine Fortschritte gemacht. Zwei Tage nach seiner Abreise eilte auch ich nach Ancona, um mich auf einem österreichischen Dampfschiffe nach Athen einzuschiffen. Ein sehr lieber Freund von mir aus Rom, Professor Imhoff, hatte mich freundlich dahin eingeladen und mir sogar Obdach in seinem Hause angeboten, was in Athen schon ein Großes ist. Bei der Ueberfahrt war von der ganzen Schiffsgesellschaft der durch seine Schriften bekannte Professor Hedenborg aus Schweden mir der liebste; er nahm sich, da ich die einzige Dame war, höchst menschenfreundlich meiner an.
Griechenland mit seinem classischen Boden und seinen Alterthümern gewährte mir reichen Stoff der Unterhaltung und Belehrung; auch erfreute mich da ein mir sehr zusagendes geselliges Leben durch mehrere sehr angenehme Bekanntschaften, von denen ich vorzüglich die Familien der Professoren Brandis und Ulrichs und den österreichischen Gesandten von Prokesch-Osten nenne. Ich verlebte hier eine recht glückliche Zeit und bestieg oft früh Morgens oder im Mondscheine die[492]  herrliche Akropolis. – Doch mit Athen begnügte ich mich nicht: ich habe, was noch keine Dame gewagt hatte, den ganzen Peloponnes und einige nahegelegene Inseln bereist. Die Beschwerden, Entbehrungen und Gefahren sind unendlich; und dennoch wird man entschädigt. Es giebt da weder Wege, Brücken, noch Gasthäuser: in den elenden Hütten der Landleute, ohne Stuhl, Tisch und Bett, muß man Obdach suchen und findet gewöhnlich nur Brod und Wasser zur Nahrung. Alles muß also auf den Pferden mitgeschleppt werden: Decken zum Schlafen, Provisionen zum Leben, Kaffee, Zucker und Reis, selbst die Geschirre zum Zubereiten; Abends kochten wir uns denn selbst unser frugales Mahl, Reisbrei mit Oel angemacht. In den mit Ungeziefer aller Art überfüllten Hütten war der Raum oft so beschränkt und man kam deßhalb mit den Hausbewohnern in so nahe Nachbarschaft, daß ich mehrere Male, woltte ich mich in der Nacht Mal ausstrecken, mit den Füßen auf allerlei Köpfe stieß und mich schnell wieder wie eine Schnecke zusammenziehen mußte. Auf den öden Bergeshöhen des Taygetos mußten wir eine Nacht sogar unter freiem Himmel zubringen; es war keineswegs die schlechteste: da wir den ganzen Tag auf den schroffen Felsen hatten herumklimmen müssen und unsere armen Füße ganz wund waren, so schliefen wir vortrefflich, nur litten wir sehr Durst, da keine Quelle in der Nähe war. Aber sobald uns am Morgen die helle Sonne und die schöne Natur wieder anlachten, war schnell alles Ungemach der Nachtlager vergessen. Im Osten ist der Peloponnes ein ödes Gebirgsland, im Süden, Westen und Norden aber das Arkadien; das arkadische Schäferleben ist zwar sehr prosaisch, aber wie wundervoll ist die Natur, welch eine üppige Vegetation und welch eine Blumenflor! Hätte ich doch für Sie sammeln können! Zwei junge Landsleute, ein Archäolog und ein Philolog, Beide sehr unterrichtet in Allem, was Geschichte, Alterthümer und Mythologie betraf, begleiteten mich und erhöhten mir sehr den Genuß und Nutzen der Reise, welche fünf Wochen dauerte. Ueber Eleusis, Megara und den Isthmus zogen wir nach Korinth; über Kleone, Mycenä, wo des Atreus und Agamemnons Schatzkammer[493]  und Gräber noch die größte Bewunderung erregen, und Thyrint, die älteste Stadt im Peloponnes, des Perseus Vaterstadt, deren noch sehr erhaltene Cyklopenmauern von den Pelasgern erbaut sind, nach Argos; über Lernä und Tripolizza nach Sparta. – Bezaubernd ist dies hügelige Thal von Lacedämon und die Ufer des Eurotas! – über den Taygetos nach Messene; dann das Thal den Alpheos hinauf nach Olympia; in Achaien bis zum Kloster Megaspylion; zum Wasserfalle des Styx, zum See Stymphalos; über Nemäa nach Nauplia und Epidaurus; dann besuchten wir noch Troezen, Methana und die Inseln Kalauria und Aegina und zogen hierauf wieder nach Athen. Von da vertrieb mich im Juni die Hitze; ich kehrte nach Ancona zurück, und nach vierzehntägiger Quarantaine verlebte ich vier Wochen bei einer Freundin auf ihrer Villa am adriatischen Meere, wo ich zugleich Seebäder nahm. Durch die Abruzzen reiste ich dann weiter nach Neapel; hier fand ich in der mir befreundeten Familie des Cavaliere di Majo die herzlichste Aufnahme und verlebte mit ihr sechs recht glückliche Wochen. Wie wenig auch auf die Dauer das gehaltlose, unruhige Leben der Italiener mir zusagen würde, so interessant war mir doch der Aufenthalt in den beiden eben erwähnten Familien; denn durch bloßes Zusehen kann ein Fremder das Eigenthümliche, Nationelle davon nie ganz kennen lernen, man muß es mitmachen; auch war die erste davon, die des Marchese Errighi, sehr gescheidt und gebildet und vortrefflichen Herzens; in der letzteren dagegen waren wahre Naturkinder, besonders die vier kaum erwachsenen Töchter, mitunter gar hübsche Mädchen, die mich sehr amusirten, übrigens dabei die Gutmüthigkeit und Herzlichkeit selbst waren.«
»Die Hochzeit meiner Nichte, die zu Weihnachten gefeiert werden sollte, bestimmte mich endlich zum Aufbruche nach der Heimath. Ich fuhr in sehr angenehmer Gesellschaft nach Rom, schiffte nach einem Aufenthalte von wenigen Tagen von Civitavecchia nach Livorno, ging über Lucca, wo ich einen Tag bei der Sängerin Unger verweilte, Carara und Sargana, erreichte auf dieser an Naturschönheiten so reichen Gegend Genua und[494]  hatte nun ziemlich die ganze Länge Italiens zurückgelegt, wendete mich dann in das südliche Frankreich über Nizza nach Marseille, und dann über Lyon, Chalons und Dijon schnell nach Paris. Hier, wo ich so viele Freunde und Bekannte wieder sah, blieb ich dennoch nur vierzehn Tage, denn je mehr ich mich der Heimath näherte, desto größer wurde die Sehnsucht nach den Meinigen. Acht Tage hielt ich mich dann noch bei einer Freundin in Belgien auf, der Gräfin Duval de Beaulieu, derselben, deren Mann sich durch die freien Reden im Senate auszeichnet; Beide sind gar liebe, prächtige Menschen. Von Brüssel aus legte ich die 16 Meilen nach Lüttich auf der Eisenbahn in 51/2 Stunden und für 8 Francs zurück: so zu reisen ist doch eine wahre Lust. Dann ging es sonder Rast und Ruhe über Aachen, Cöln und Cassel hierher, wo ich Mitte November endlich anlangte. Von der Freude des Wiedersehens schweige ich: die kann man ja nur fühlen, nicht beschreiben.«
Nachdem sie nun von den frohen Tagen und angenehmen Verhältnissen in ihrem Familienkreise erzählt hat, fährt sie fort:
»So lange diese rauhe Jahreszeit anhält, deren ich mich im Süden fast entwöhnt habe, werde ich noch hier bleiben. Mit dem Frühlinge aber zieht mich's wieder hinaus, nicht in die Ferne, nein, in der Heimath ringsum meine lieben Freunde und Verwandte aufzusuchen, auch in die Nordsee hinein, die erschlafften Nerven und Glieder wieder zu restauriren. Dann komme ich endlich Mal nach Königsberg, wohin Sie mich ja so freundlich eingeladen, mein theurer, lieber Freund! um, wie Sie schrieben, ›nicht etwas Neues zu sehen, sondern etwas Altes, nämlich mich und meine Frau‹; so werden auch Sie etwas recht Altes in mir erblicken. Aber das Herz bleibt doch immer jung und warm, wenn auch wohl der Herbst des Lebens die schwärmerischen Gefühle der Jugend abgestreift hat. Und so hoffe ich, wird mir ein eben so herzlicher Empfang von Ihnen, wenn mir das Schicksal diesen Wunsch des Wiedersehens erfüllt, wie der Abschied herzlich war. Einem Menschen[495]  aus der großen Welt würde die Convenienz nicht erlauben, diese Hoffnungen so zuversichtlich zu äußern, – aber ich lebe jetzt auf dem Lande und bin nun einmal sehr anfrichtig. Auch hat ja mein Vertrauen, welches Sie damals mir eingeflößt, sich nicht betrogen gefunden, ja volle Bestätigung erhalten. So hoffe ich nun ferner, daß Sie mich bald mit einer Antwort erfreuen, ja herzlich erfreuen werden. – – – Und nun, das nenne ich doch geplaudert. Aus der Länge des Briefes können Sie schon ermessen, daß ich alt geworden bin, denn das Alter ist redselig, vorzüglich alte Jungfern, und nun gar geistliche Jungfern. Ich muß aber bitten, in Ihrer Antwort nicht den Jugendlichen zu spielen – nein! das wollte ich nicht sagen, – nur nicht zu kurz sollten Sie sich fassen. Sie sind aber ein Gelehrter und haben Ihre Zeit besser anzuwenden. Nun aber denn doch ein herzliches Briefchen, nicht wahr? an

Ihre
alte treue aufrichtige Freundin
Charlotte von Dincklage.«

In meinem nächsten Briefe meldete ich ihr den Tod meiner Frau und erhielt erst im December folgende Antwort darauf aus Rössing.
»Mein langes Schweigen, theurer Freund! könnte Sie glauben machen, ich verstünde nur mit den Fröhlichen zu lachen, aber nicht mit den Traurigen zu weinen. Dem ist aber wahrlich nicht so; und wenn Sie erst die Schilderung meines vielbewegten Lebens seit dem Empfange Ihres mir so lieben, aber auch so betrübenden Briefes gehört haben, werden Sie selbst einsehen, daß ich wohl ein Stündchen zum Schreiben, aber nicht die gemüthliche Stimmung zu einer traulichen Unterhaltung finden konnte. Ich habe ein sehr lebhaftes Gefühl, welches sich fast unbezähmbar wie der Freude, so dem Schmerze, sei es nun eigener oder der meiner Freunde, hingibt, nicht so lange es noch gilt, zu handeln, – denn dann ist eine moralische[496]  Kraft in mir, die dem Schmerze gebietet, aber da, wo ich nur unthätig beklagen kann. Können Sie es glauben, lieber Freund, daß Ihr Kummer mich so tief ergriff, daß ich den ersten Abend Ihren Brief nicht zu Ende lesen konnte? Erst den andern Tag fand ich Ruhe und Fassung dazu. Wie leer mag Ihnen das Leben jetzt erscheinen, nun die Theure nicht mehr um Sie ist, die mit so ächt weiblicher Liebe und Sorge immer für Sie bemüht war, deren Wünschen und Streben nur dahin ging, Ihnen Freude zu schaffen. Sie waren die Freude ihres Lebens und ihr Stolz; ich entsinne mich noch mit Rührung, wie sie mit liebenswürdigem Stolze mir andeutete, daß Sie ein bedeutender Schriftsteller wären, und wie sie dann doch wieder eine Zurückhaltung darüber bewies, als ob sie sich verpflichtet fühlte, Ihre Bescheidenheit zu theilen. – – – Und Sie, mein theurer Freund! sehnen sich jetzt auch nach diesem Ziele? Ich begreife das wohl, und würde in Ihrer Stelle eben so fühlen. Aber ich hoffe doch, Sie werden uns noch eine Zeitlang erhalten. Sie haben ja noch so viel auf Erden zu wirken. – – Sie muß ich noch wieder sehen, bevor Sie zu der geliebten Vorangegangenen hinüber gehen, und den ewigen Abschied von Ihnen nehmen. – Den ewigen? Ach nein, ich habe die feste Ueberzeugung, wir sehen uns dort wieder, – wenn Sie nicht gar zu hoch über mir Ihren Platz bekommen, – aber dann lassen Sie sich schon Mal zu mir herab – nicht wahr, lieber Freund? Sie halten mich in diesem Augenblicke vielleicht für recht leichtsinnig, daß ich mit so ernsten Dingen scherze. Es ist aber kein Scherz, es ist Ernst. Ich habe schon mehrere, mir sehr nahe und liebe Angehörige so ruhig und freudig sterben sehen, habe selbst auf meinen Reisen dem Tode mehrmals ruhig in's Auge geschaut, – so hat er für mich sein Grauenhaftes verloren. Das wird denen, die mich nur oberflächlich kennen, unglaublich scheinen. Denn es giebt wohl kein heitereres, sich glücklicher fühlendes Wesen, Keine, die ihr Leben mehr genösse, als ich. Immer war es auch nicht so, und gerade erst Leiden haben mich zu dieser innern Heiterkeit und Fassung gebracht; denn da lernte ich erst das Leben seinem wahren Werthe nach schätzen.[497]  Ich sagte vorhin: Sie muß ich noch wieder sehen, auf dieser Welt noch; und damit kündige ich Ihnen gewissermaßen meinen Besuch an. Dies Wort erschreckt Sie wahrscheinlich, und läßt Sie ein Heer von Unruhen und Störungen befürchten. Nur getrost, lieber Freund! Sie haben ja Kinder und Enkel, die werden schon für mich sorgen, und Sie schenken mir nur die Stunden, die Sie sonst den Ihrigen widmen, so daß Sie also meinetwegen von Ihrer Arbeit sich nicht abmüßigen. Mein Plan ist nämlich so: Im Februar gehe ich nach Berlin, um da einige Monate mit einer sehr lieben Freundin zu verleben, und von da ist ja ein Abstecher auf einige Tage nach Königsberg sehr leicht. Meine Gesundheit spricht freilich ein Wörtchen hier mit und muß erst ihre Einwilligung dazu geben; denn das ungewohnte, kalte, nordische Klima zog mir vorigen Winter eine ernstliche Krankheit zu, wovon die Nachwehen fast beständige rheumatische Beschwerden sind. Nun haben mir die Seebäder im vorigen Sommer wohl sehr gut gethan, doch mit dem Herbste und der Kälte stellte auch das Uebel wieder sich ein. Ich werde daher nächsten Sommer ein Seebad besuchen, und im Herbste hoffentlich, wenn nichts Besonderes dazwischen kommt, dem Süden, Italien wieder mich zuwenden, und wenn es mir möglich wird und ich passende Reisegesellschaft finde, hinüber nach Egypten gehen. Ein junger Freund von mir, der seiner Gesundheit wegen früher in Italien, wo ich ihn zufällig kennen lernte und seine Pflegerin wurde, sich aufhielt, und jetzt, ein noch wärmeres Klima aufsuchend, nach Egypten gegangen und dort vom Pascha als Arzt an einer Militärschule zu Tura bei Kairo angestellt ist, – wünscht sehr, seine treue Pflegemama vor seinem Ende noch einmal zu sehen; denn zur Genesung ist keine Hoffnung mehr, und wir können nur erwarten, daß der Aufenthalt in Egypten, der sichtbar vortheilhaft auf sein Befinden wirkt, sein Leben um einige Jahre friste. Ich liebe ihn, wie nur eine Mutter ihren Sohn lieben kann, und doch sehen Sie, mit welcher Ruhe ich von seinem sicher nahen Tode spreche. Sie begreifen aber wohl, wie sehr ich bemüht sein werde, ihm und mir den sehnlichen Wunsch des Wiedersehens[498]  zu erfüllen und ihn in seiner neuen Heimath zu besuchen. So füllen mein ganzes Leben Freundschaft und geistige Genüsse aus, wie sie nur die Ausbildung des Geistes und Gemüthes gewähren können. Bin ich nicht sehr glücklich? – Frühling, Sommer und Herbst zog ich von einer verwandten und befreundeten Familie zur andern, um nach so langer Abwesenheit alle wieder zu sehen, mit Allen mich wieder inniger zu verbinden, und von Neuem in alle Verhältnisse mich wieder einzureihen, damit nichts Fremdes zwischen uns sei. Nicht selten gab man mir zu verstehen, es sei unmöglich, daß ich noch so warmes Interesse, wie früher, für sie habe; doch eine Stunde traulichen Beisammenseins überzeugte sie vom Gegentheile, und sie versicherten mir dann oft: ›ja, Du bist ganz unverändert, Du bist ganz und gar die Alte!‹ Das war dann für mich ein schöner Triumph.«


Im übrigen Theile des Briefs erzählt sie das Nähere über ihre Reisen in diesem Jahre und erwähnt unter Anderem, daß sie in Oldenburg der Großherzoglichen Familie vorgestellt worden sei und dabei ihr der Königin von Griechenland gegebenes Versprechen, ihren Eltern viel von ihrer neuen Heimath zu erzählen, erfüllt habe.
Ich schlug ihr vor, im bevorstehenden Sommer das Seebad in der Nähe von Königsberg zu gebrauchen, damit ich ihren Umgang länger genießen könne, und sie ging gern darauf ein. Aber als sie im Februar 1840 auf der Reise nach Berlin durch Braunschweig ging, machte ihr eine Familie, die sie in Rom hatte kennen lernen, den Antrag, mit ihr im Mai eine Reise durch England und Schottland zu machen, dem sie nicht widerstehen konnte. Da sie nun mit dieser Familie es verabredet hatte, in den ersten Tagen des Mai mit ihr in London zusammen zu treffen, und da sie ihre Freundin in Berlin nicht zu früh verlassen wollte, so blieben für ihren Aufenthalt in Königsberg nur vierzehn Tage (vom 14. bis 27. April) übrig.
Das waren aber auch sehr heitere, für mich höchst wohlthuende Tage, wo ich die Trefflichkeit meiner Freundin von so mancher neuen Seite kennen lernte. Als einen Grundzug ihres[499]  Charakters erkannte ich überwiegende Richtung auf das Praktische, scharfes Auffassen der menschlichen Verhältnisse, klare Anschauung und sichere Beurtheilung derselben. Indem ihr Sinn vorzugsweise dem wirklichen Leben sich zuwendete, hatte sie ausgebreitete Kenntnisse in der Geschichte und Geographie, während ihre Belesenheit im ästhetischen Fache weit geringer war. An den öffentlichen Angelegenheiten nahm sie lebhaften Antheil, und als Hannoveranerin war sie eine warme Anhängerin des Staatsgrundgesetzes. Ihr freier Geist sträubte sich gegen das Joch des Pfaffenthums, und der Eifer der Hyperorthodoxen schaffte selbst der Strauß'schen Lehre Eingang bei ihr. Sie bewies viel Menschenkenntniß, und nachdem sie über Jemanden ein treffendes Urtheil gegen mich ausgesprochen hatte, war es für mich sehr interessant, die große Feinheit zu bemerken, mit welcher sie ihn behandelte, ohne sich einer Falschheit schuldig zu machen. Sie hatte die Schmerzen des Lebens überwunden, und durch die Reinheit ihrer Gesinnungen, durch die Klarheit ihrer Ansichten und durch die Festigkeit ihrer Grundsätze eine stete Heiterkeit gewonnen. Sie fühlte lebhaft, aber die Kraft ihres Verstandes und die Stärke ihres Willens behauptete immer einen entschiedenen Einfluß. Bei aller Entschiedenheit und Selbstständigkeit hatte sie doch durchaus nichts Unweibliches. So interessirte sie sich für die kleinen häuslichen Angelegenheiten und für die ganz speciellen Verhältnisse der Familienkreise; sie gewann meine Großkinder sehr lieb, indem sie für jedes derselben nach dessen Eigenthümlichkeit ein besonderes Interesse faßte, und diese waren ganz glücklich, da sie eines Tages auf einer Spazierfahrt, auf welcher ich sie nicht begleiten konnte, sich mit ihnen allein unterhalten hatte.
Auf ihrer Reise durch England und Schottland schrieb sie mir eine fortlaufende Reihe von Briefen, die aus London vom 17. Mai beginnt und am Bord der Caledonia vom 15. August auf dem Wege nach Cuxhaven endet. Nur mit Widerstreben gebe ich der Besorgniß nach, durch Aufnahme derselben dieser Episode einen zu großen Raum zu geben; sie enthalten des Interessanten und Charakteristischen nicht wenig, außerdem[500]  aber auch die Aeußerungen der wärmsten Freundschaft, die den Freund um Vieles höher stellt, und den geistigen Einfluß, den er während des Zusammenseins ausgeübt, viel höher anschlägt, als er es verdient. Eine Stelle ihres nächsten Briefes aus der Heimath, die in gleichem Sinne anhebt, setze ich hierher, da sie zur Charakteristik gehört.
»Wer immer unter so liebevoller Leitung, wie der Ihrigen, gestanden, dem ist es wohl leicht gemacht, gut zu werden; wer aber, wie ich, seit seinem fünfzehnten Jahre sich ganz selbst überlassen und allen Stürmen des Lebens preisgegeben war, ohne Stütze und Rathgeber, der ist wohl zu entschuldigen, wenn manche schroffe Ecken und harte Seiten des Charakters sich bilden, wie es bei mir der Fall ist. Das Bewußtsein und die Nothwendigkeit, wenn man so früh allein in der Welt da steht, besonnen, entschlossen, fest und selbstständig zu sein, sich nie von seinen Gefühlen zu unbesonnenen Handlungen hinreißen zu lassen, um sich die Achtung der Welt und seines Selbst zu erhalten, bewirken so leicht, daß man sein Hauptaugenmerk darauf richtet, diese Eigenschaften besonders ausbildet, und die andern, die weichen, zarten Seiten des Gemüths, die einem weiblichen Charakter so vielen Reiz verleihen, darüber vernachlässigt.«
Daß sie sich selbst hier Unrecht thut, werden selbst meine Leser erkennen. – Uebrigens ist dieser Brief auch ein Collectivbrief, aus mehreren Landgütern und vom 30. September bis 11. December datirt. Ich kann nicht umhin, noch einige Stellen daraus her zu setzen.
»Erst heute finde ich wieder einige Ruhe zum Schreiben; wenn es nur von langer Dauer sein wird. Es ist ein herrliches, glückliches Leben hier! so ganz der Freundschaft und dem Zusammensein mit den theuren Seinigen sich zu weihen! Aus einer Hand geht man in die andere, und hat man mit dem Einen vertrautes Gespräch kaum beendet, so fängt man mit dem Andern wieder eines an. Dann kommen befreundete Nachbarn, die den heimgekehrten Zugvogel auch Mal wieder begrüßen wollen, oder wir suchen sie auf. So sind die Stunden immer besetzt und ich und meine Zeit in Anspruch genommen. Es heißt[501]  zwar: ›ruhe Dich nun bei Deinen Verwandten von Deinen Reisen aus!‹ Aber nie bin ich weniger ruhig und weniger Herr über meine Zeit, wie gerade hier. Denn da ich nur selten und gewöhnlich nur auf kurze Zeit komme, so wünschen wir, während meines Hierseins, uns auch recht zu genießen, und wir haben ja auch so unendlich viel mit einander zu besprechen und zu überlegen. – – Die junge Frau hier im Hause (obgleich von meinen Jahren, heißt sie noch immer die junge H., da ihre Schwiegermutter noch lebt) ist eine meiner intimsten Freundinnen. – Um recht traulich und ungestört mit einander plaudern zu können, schleichen wir uns in der Dämmerung wie Verliebte heimlich aus der Gesellschaft in ein Hölzchen hinter dem Garten. Es müßte für einen Fremden höchst komisch sein, wenn er den stummen, nur für uns verständlichen Blick belauschte, den wir uns zuwerfen, und wornach wir dann leise, Eine nach der Andern, aus dem Kreise verschwinden, um zum Rendezvous zu eilen. Ein Paar alte Frauen und ein heimliches Rendezvous. Es ist recht lächerlich, und wir lachen selbst herzlich darüber. Ist es nun geglückt, so fassen wir so traulich uns unter, traben so fröhlich und eilig davon, damit uns nur Keiner einholt, und sind bei dem Reize der Heimlichkeit so vergnügt und glücklich, viel mehr, als wenn wir offen davon spazieren könnten. Wir haben aber einander so viel zu sagen und zu vertrauen, wie das nur unter zwei weiblichen Wesen der Fall sein kann. Sie ist mir auch unendlich lieb und theuer; ihre Kinder sind auch gar lieb und gut, und wie vortrefflich erzieht sie sie! Da höre ich ihre Stimme: ›Lotte! Kommst du noch nicht?‹ Adieu also, liebster Freund! Seien Sie froh, daß dieser für Sie doch langweilige Herzenserguß über eine Ihnen Fremde unterbrochen wird!«
»Mit Stolz ergreife ich heute die Feder, Ihnen das schmeichelhafte Compliment mitzutheilen, mit welchem mich so eben das hiesige Dienstmädchen in rührender Einfalt überraschte. Auf ihren Wunsch, ich möchte den ganzen Winter hier bleiben, erwiderte ich: ›dann hättest Du ja noch mehr zu thun!‹[502]  ›O! das thut nichts,‹ sagte sie, ›unsere Gänse sind todt; nun wäre es doch gut, wenn Sie hier blieben.‹ Sie war nämlich die zärtliche Pflegemama dieser holden Naturkinder gewesen, die unter ihrer treuen Sorgfalt herrlich gediehen waren; sie hat sie gestern selbst geschlachtet, und wünscht mich nun zur Stellvertreterin; die leergewordene Stelle in ihrem Herzen soll ich nun einnehmen und der neue Gegenstand ihrer Pflege und Sorgfalt werden.«
Auf meinen herzlichen Wunsch, sie im nächsten Jahre wieder, und zwar auf längere Zeit in Königsberg zu sehen, antwortete sie:
»Ich sinne und sinne, wie sich's mit meinen übrigen Plänen vereinigen läßt. Sehr wahrscheinlich gehe ich im Februar wieder nach Berlin; im Frühjahre gedachte ich dann meine Freunde in Dresden und München zu besuchen, im Sommer hierher zurückzukehren, und im Anfange August eine große Reise nach Italien anzutreten. Dies letztere sind Pläne, die ich für jetzt nur Ihnen mittheile: sie sind noch zu ungewiß, und hängen noch von zu vielen Umständen, selbst auch von Krieg und Frieden ab; und ehe nicht die Ausführung gewissermaßen nahe ist, lasse ich keinen, außer Sie jetzt, einen Blick in mein Chaos von Reiseprojecten thun, denn erstens ist es leichter und sicherer, sie auszuführen, wenn man nicht zu vielen Rath eingeholt hat, zweitens ist mir's schrecklich langweilig, von angekündigten Plänen, die gescheitert oder unausgeführt geblieben sind, zu sprechen, und den Fragenden die Hindernisse und die Ursachen des Nichtausführens zu erklären; und endlich drittens erleichtert es mir überall den Abschied, ich scheide immer mit den Worten: auf hoffentlich baldiges Wiedersehen! Mein Pflegesohn in Egypten fügt jedem Briefe so dringende Bitten bei, doch herüberzukommen, und macht allerlei Vorschläge, wie ich die Reise einrichten könnte. Ich selbst wünsche sehnlich hinüber zu ihm; denn wer weiß, ob ihn nicht sein Schicksal vielleicht bald weiter, nach Indien oder so wohin, entführt, wo ich ihn nicht erreichen kann. Meine ganz heimliche Absicht ist nun, nächsten Herbst nach Egypten hinüber zu segeln; aber das werde ich[503]  erst von Italien aus den Meinigen ankündigen, und zwar kurz vor meiner Einschiffung. – Uebrigens geht es meinem Pflegesohne dort gut: er ist Director des General-Marine-Hospitals in Alexandrien geworden, eine große Auszeichnung für einen so jungen Menschen, der erst achtzehn Monate in des Pascha's Dienste war; er hatte aber durch glückliche Curen sich ausgezeichnet.«
Jeder Versuch, sie von der Reise nach Egypten abzumahnen, wäre offenbar nur eine unnütze Qual gewesen. Indem ich sie damit verschonte, durfte ich sie um so dringender bitten, mich im Sommer 1841 wieder und auf längere Zeit zu besuchen. Sie erfüllte diesen Wunsch, soweit es, ohne ihre übrigen Pläne zu stören, möglich war. Nachdem sie seit dem März in Berlin gewesen war, kam sie am 17. Mai nach Königsberg und blieb hier bis zum 17. Juni. Das war wieder eine köstliche Zeit für mich. Wer mit einem der Liebe unzugänglich gewordenen Herzen den vertraulichen, zwanglosen Umgang einer innigen, theuren Freundin genießt, bei welcher Reinheit der Seele, Wärme des Gefühls und Klarheit des Geistes vermöge der dem weiblichen Charakter eigenen Reize in den anmuthigsten Formen sich kund gibt, ist wohl glücklich zu preisen. Ich erkannte dies Glück und genoß es. Wenn ich, schon um meinem mir so werthen Gaste die gehörige Aufmerksamkeit beweisen zu können, meine Arbeiten in dieser Zeit beschränkte, so gewährte mir dies an sich eine ganz wohlthuende Erholung, aber unendlich wohlthätiger war der lebendige geistige Verkehr, die heitere, ja fröhliche und in ihrem Grunde doch sehr ernste Unterhaltung. Und wenn ich, ohne mich mit pedantischer Strenge abzusperren, einige Tagesstunden mir zur Arbeit vorbehielt, so wurde dadurch theils mir die nachherige Geselligkeit noch mehr gewürzt, theils meiner Freundin die Beruhigung geschafft, daß ihr Besuch mich in meinen Geschäften nicht störe. Im Kreise der Meinigen behauptete sie den früher eingenommenen Platz; außerdem führte ich sie in den mir befreundeten Familien ein und verschaffte ihr die Bekanntschaft von Männern, deren geistige Kraft und Wirksamkeit für sie interessant war. Auch besuchten wir, zum Theil[504]  in größerer Gesellschaft, die schönsten Puncte der Umgegend; besonders ergötzlich war ein Ausflug nach Lithauen, wo wir mit den Meinigen die Pfingstfeiertage zubrachten. – Der Abschied wurde mir dadurch erleichtert, daß sie mit ihrem hiesigen Aufenthalte zufrieden war und ich hoffen durfte, sie würde nach glücklicher Rückkehr von ihrer großen Reise meinen Bitten um einen nochmaligen Besuch nachgeben.
Mit gewohnter Gewissenhaftigkeit gab sie mir von ihrer weiteren Reise fortwährend Nachricht, wobei sie die gesehenen Merkwürdigkeiten nannte, und was sie erlebt, besonders jeden komischen Zug, der ihr vorgekommen war, mit heiterer Laune erzählte. Zunächst reiste sie in Deutschland umher, erst nach Danzig, dann nach Schlesien, hierauf nach Sachsen, theils um Gegenden, die sie noch nicht gesehen, kennen zu lernen, theils um ihre Freunde wiederzusehen. Denn solche hatte sie überall, weil sie überall geneigt war, das Gute an den Menschen anzuerkennen und sich, wo sie es gefunden, mit treuer Anhänglichkeit anzuschließen, und weil andrerseits ihre Natürlichkeit, Gutmüthigkeit und Verständigkeit ihr überall Achtung und Zuneigung erwarb.
Im Anfange des Jahres hatte ihr Dr. Schledehaus geschrieben, daß er wegen der in Alexandrien häufigen Kabalen Egypten zu verlassen und nach Indien zu gehen gesonnen sei, zuvor aber sie noch einmal zu sehen wünsche und sie bitte, entweder Paris oder Wien für diese Zusammenkunft zu bestimmen. Dies war ihr nun gar nicht recht. Denn erstlich wollte sie offenbar ihren Pflegesohn nicht bloß als Reisenden, sondern in seiner ehrenvollen Wirksamkeit, als nützliches Glied der Gesellschaft und geachteten Beamten sehen; sodann aber hatte der Gedanke, nach dem classischen Boden Roms und Griechenlands, auch den des mysteriösen Egyptens zu betreten, schon zu tiefe Wurzel bei ihr geschlagen: es zog sie unwiderstehlich »hinüber« nach dem andern Welttheile. So hatte sie denn dem Dr. Schledehaus für den Herbst (1841) ihren Besuch in Alexandrien angekündigt, und da sie zu Anfange Juli's bei ihrer Ankunft[505]  in Dresden einen Brief von demselben vorfand, in welchem er die Freude schilderte, mit welcher er sie erwartete, so benachrichtigte sie ihre Verwandten gegen ihren früheren Vorsatz schon von hier aus von ihrem Vorhaben, um Credit- und Empfehlungsbriefe zu erhalten. Wie glücklich sie sich fühlte, nach dem Vaterlande europäischer Cultur und – der Pest wandern zu können, ergiebt sich aus dem heitern Tone ihrer beiden – letzten! Briefe, die ich, ohne mir eine Auslassung zu erlauben, hier mittheile.

»Porto Santo Elpidio3 den 28. August 1841.

Mein liebster – meine Feder kann sich noch immer nicht entschließen, Ihren Namen niederzuschreiben: sie hat zu großen Respect vor Ihnen, wie sehr ich mich auch bemühe, ihr den auszutreiben und ihr vorstelle, sie habe gar nicht Ursache dazu, es sei zwischen uns ausgemacht, uns bei Namen zu nennen. Dieses Mal will ich aber doch den Sieg davon tragen, und ist einmal die Bahn gebrochen, so wird es schon gehen; das zweite Mal wird sie schon nicht mehr solch eine respectvolle Scheu haben. Also – liebster Burdach! Nein, ich lasse sie nicht an der Elbe sitzen4. Sie müssen mich über die Alpen, und auch noch über's Meer hinüber in einen fernen, fremden Welttheil begleiten, müssen Freude und Leid, Genüsse wie Beschwerden mit mir theilen. Und so eine geistige Begleitung, hübsch behaglich in ihrem Lehnstuhle, in Ihrer warmen, wohnlichen Stube – das können Sie schon unternehmen, ohne sich zu sehr anzustrengen und ohne daß ich mir den Vorwurf zu machen brauche, Ihnen zu viel zuzumuthen. Für's Erste führe ich Sie in das ächte Reiseleben, in die Eilpost ein, und später in die hiesige Häuslichkeit, eine ächt italienische villeggiatura. – Die Fahrt nach Leipzig, wissen Sie, hatte ich aufgegeben; ich fuhr daher auf der Eisenbahn nur bis – bis – ja, das weiß ich[506]  nicht, – bis dahin, wo der Weg nach Döbeln abgeht. Mein gutes Glück hatte mich mit sehr liebenswürdigen Menschen zusammengeführt, einem norwegischen Consul, bei Christiania wohnhaft, und einem reichen Papierfabrikanten mit seiner Frau, dicht bei Kopenhagen ansässig. Nur zu schnell waren die paar Stunden verstrichen und mir that es leid, meine neuen Bekannten schon so bald zu verlassen, die mich auch schon mit ihren Adressen versehen hatten, um sie einst in ihrem Vaterlande aufsuchen zu können. Zu meinem Schrecken höre ich, daß die Post erst Nachmittags, nachdem der Train von Leipzig auf der Station angekommen ist, nach Döbeln abgeht. Inzwischen erschallt der gellende Pfiff zur Abfahrt; ich eile schnell zurück zu dem wohl bekannten Wagen, der sich mit allen übrigen schon in Bewegung gesetzt hatte: der Consul öffnet den Wagenschlag und ich stürze hinein oder werde vielmehr hineingezogen. So glückte mir es denn, wieder in der mir so angenehmen Gesellschaft zu sein, die mich erst verwundert, dann lachend und jubelnd empfing und mit welcher ich noch einige frohe Stunden in Leipzig zubrachte. Abends erreichte ich noch Döbeln, wo mein unerwartetes Erscheinen freudiges Staunen erregte. Ich habe überhaupt in Sachsen manch frohes Wiedersehen gefeiert, wie auch in München, und wäre gern länger geblieben, aber eingedenk des ersehnten fernen Ziels trieb mich's immer weiter. – In der Reisegesellschaft bis Zittau fand ich unter der großen Menge im wohlbesetzten Eilwagen wieder ein paar liebe Menschen heraus: einen jungen Norweger, der in Leipzig studirte, mit einem so hübschen, ehrlichen, offenen Gesichte, daß man ihm gleich gut sein mußte, – dabei lebendig und frisch in allen seinen Gefühlen, – und mir gefällt gar sehr diese Frische der Jugend, wo Erfahrungen die Gefühle noch nicht abgenutzt haben; der zweite war ein Mediciner, – mit den Medicinern habe ich nun einmal Glück, auch darin, daß ich ihnen nicht mißfalle. Vielleicht oder wohl sehr wahrscheinlich tragen Sie dazu bei, denn ich kann es mir nicht versagen, gelegentlich einfließen zu lassen, daß ich Sie nicht bloß kenne, sondern Ihre Freundin bin, – und welchem Mediciner wäre wohl Ihr Name fremd?[507]  Sogar ein Hiesiger, ein Italiener, sprach in diesen Tagen von Ihnen und Ihren Werken, und nicht etwa, daß ich ihn darauf gebracht hätte; aber wie er einmal Ihren Namen genannt hatte, da sagte ich freilich, Sie wären mein Freund, und zwar mein intimer Freund. Es thut einem gar so wohl, wenn man auf seine Freunde etwas stolz sein und sich ihrer Freundschaft rühmen kann. – Also ein Mediciner: Hofrath Abendroth, der viele Jahre seines Lebens in Rußland, auf Reisen, in England und dann in Odessa zugebracht und seit einem Jahre der Erziehung seiner Kinder wegen sich in Dresden niedergelassen hat, ein gescheidter, interessanter Mann. Auf diesen folgte von Nürnberg bis Augsburg ein Bankier Kalb, der aber vom Kalbe nichts als den Namen hatte. Mit zwei Franzosen, die auf der Eisenbahn von Augsburg nach München hinzukamen, schloß die Reihe interessanter Reisegesellschafter; sie gaben vor, eine Vergnügungsreise zu machen, aber ihre gänzliche Unkenntniß der deutschen Sprache, ihre plötzliche Abreise mit Extrapost, als ihnen die Nachricht gebracht wurde: le Prince va bientôt partir, zeigte deutlich genug, daß ihre Reise einen politischen Zweck hatte, und da ich ihnen dies freimüthig erklärte, gestanden sie mir es auch ein, daß der Eine von lhnen ein politischer Schriftsteller sei und erst kürzlich vierzehn Tage fest gesessen habe, – erst kürzlich noch, – nur vierzehn Tage, – eine Kleinigkeit! so komme ich aus dem Kreise der Politiker gar nicht heraus; es muß doch ein geheimer Magnet sein, der mich immer zu ihnen hinzieht. Uebrigens waren diese Franzosen auch sehr liebenswürdig und interessant. – Wenn an irgend einem Orte das Glück mir günstig war, meine alten Freunde und Bekannten wieder zu finden, so war es in München: solche, die ich gar nicht hoffen konnte, wieder zu sehen, fand ich hier unvermuthet. Es war eine frohe Zeit, wiewohl nur sehr kurz; da jedoch meine dortige Bekanntschaft sich auf sehr wenige, aber sehr liebe Menschen beschränkt, so konnte ich diese wenigen desto ungestörter genießen. Meine Abende waren fast gänzlich zwischen der Förster, Jean Pauls Tochter, und dem Professor Schnorr und dessen Familie getheilt. Ueber Salzburg und[508]  die Gebirge von Kärnthen und Krain ging es dann nach Triest, wo ich erst den 6. August eintraf. Gar herrliche Gebirgspartieen, und ein so gutes, harmloses, ehrliches Volk, ganz verschieden von den Italienern! Ich habe mich an den Naturschönheiten auf diesem Wege recht geweidet, und zwar ganz ungestört meinen Gedanken überlassen, da die Gesellschaft auch nicht das Mindeste Interessante für mich darbot: die Hauptrolle darin spielte ein alter gleißnerischer Dechant, der mir vom ersten Augenblicke an so sehr zuwider war, daß ich mich zusammennehmen mußte, um nicht unhöflich zu sein; zum Glücke brachten ihm meine kurzen, einsilbigen Antworten bald zum Schweigen. Die Fahrt von Triest nach Ancona, von Wind und Wetter begünstigt, war schnell zurückgelegt; auch die Leidensstationen des Ausschiffens waren mit Hülfe eines jungen deutschen Malers glücklich überstanden, – denn baccaroli, facchini und dogana, – mit Allen hat man einen Kampf zu bestehen, ehe sie befriedigt sind und man in das Paradies der locanda einziehen kann; dieses Mal ließ ich den Maler sich für seine Person und für die meinige mit herumzanken. Den 11. fuhr ich von Ancona nach Porto St. Elpidio. Das war aber ein heißer Tag! Ein Unglück folgte dem andern. Das erste war, daß der cameriere versäumt hatte zu wecken und mit ihm zugleich auch der vetturino vor meiner Thüre stand, mich abzuholen. So kam ich schon sehr ungnädig aus dem Hause und hatte die übrige Gesellschaft lange warten lassen. Doch in der Kunst des geduldigen Wartens sind die Italiener musterhaft; sie machen es selbst oft nicht besser; zu große Pünctlichkeit ist nicht ihr Fehler. Aus den Thoren von Ancona ging es rasch hinaus; die dogana war mit einer Kleinigkeit abgefunden. Aber die zweite dogana! Da ging es heiß her. Ein cane di birbone, wie er einstimmig genannt wurde, schnüffelte gewaltig unter unsern Sachen herum und fand denn auch Manches heraus: großentheils Sachen, die ich schon lange mit mir herumführe, Reste von Kleidern, schon gesäumte und gezeichnete Tücher u.s.w. Einem Marchese Quarantolla wurden viel mehr und viel werthvollere Sachen genommen.[509]  Mit Zagen reichte ich meinen Arbeitsbeutel hin, denn darin war ein großes Etui kostbarer Instrumente zu Augenoperationen, welches ich Schledehaus mitbringen sollte; aber der Visitator, zum Glück nicht der birbone hatte in seinen Fingern kein Gefühl dafür, wohl aber für ein Stückchen Münze, welches ich ihm sehr verstohlen in die Hand schob. Ich war seelenfroh, dies gerettet zu haben, und dachte: mag alles Uebrige zum Kukuk, meinetwegen auch zum Teufel gehen! Aber der Muth wuchs mir sehr bald wieder; ich legte mich auf's Bitten und Vorstellen, erklärte mich bereit zu bezahlen, was sein müsse; einer der Herren half mir, und so glückte es mir, das Herz, nicht des birbone – der war felsenhart, sondern des sergente zu erweichen, und er nahm endlich – Vernunft oder Geld an? Keines von beiden! Sondern er nahm einen günstigen Augenblick wahr, wo der Schlimme anderweits zu sehr beschäftigt war, um es zu bemerken, mir stillschweigend zu erlauben, daß ich das Packet vor seinen Augen raubte und entführte: er hatte es schon in dieser Absicht neben sich gelegt; ich begriff sehr schnell seinen menschenfreundlichen Wink, verbarg es unter meiner Schürze und eilte auf einem Umwege auf meinen Platz im Cabriolet, setzte mich darauf und wich und wankte nicht, wie sehr auch die Sonne mir ins Gesicht brannte, bis glücklich der Wagen sich in Bewegung setzte. Nun aber machte Jeder seinem Herzen Luft, nicht eben in Lobeserhebungen; der sergente aber wurde für einen der bravsten galantuomi erklärt; er ist ein Beweis, daß es auch in dem verächtlichsten Stande Ehrenmänner giebt. Dem Marchese war es nicht so gut ergangen, wie mir: er und seine Frau hatten Alles zurücklassen müssen. Eine Stunde mochten wir gefahren sein und die Gemüther fingen an, sich zu beruhigen, als plötzlich – jetzt kommt das dritte und schlimmste Unglück, denn hier handelt sich's nicht mehr um äußere Güter, sondern um heile Knochen und um's Leben. – Indem wir einen Berg schnell herunterfahren, stürzen die Pferde und der Wagen schlägt um. Da ich im Cabriolet saß, so fiel ich vorwärts, so daß einen Augenblick das eine Pferd fast halb auf mir lag; doch erhob es sich zu meinem Glücke schnell wieder,[510]  wodurch ich denn auch frei wurde und mich aus den Trümmern herausarbeiten konnte. Jetzt erschallte ein furchtbares Geschrei aus dem Innern des Wagens, Schimpfen und Klagen mit einander gemischt, denn mehrere Personen waren verwundet und eine leichenblasse Gestalt nach der andern erhob sich mühsam und zitternd; der Marchese blieb lange unsichtbar und lautlos; endlich trat auch sein blutendes Haupt aus dem zerbrochenen Wagenfenster hervor und ergoß einen Strom von Schimpfreden über den unglücklichen Vetturino, der freilich nicht ganz ohne Schuld war. Er hatte dem Schicksale wiederum von Allen das größte Opfer bringen müssen, und ich war wieder mit blauen Flecken und einigen Schmerzen davongekommen: meine Knochen waren alle heil, und das war mir genug. Die Uebrigen gingen in ein nahes Haus; ich aber konnte und mochte meine Sachen nicht verlassen und mußte daher über eine Stunde in der heißen Sonnenglut dabei stehen, bis die alte carozza auf ächt italienische Weise wieder etwas zusammengeflickt war und wenigstens meine Sachen darin Sicherheit fanden. Von der übrigen Gesellschaft wollte Niemand sich dem gefährlichen Fuhrwerke wieder anvertrauen; da sie ihrem Ziele nahe waren, so suchten sie auf Karren, mit Ochsen bespannt, dahin zu kommen; mir aber, die ich weiter mußte, blieb nichts übrig, als die verhängnißvolle Maschine wieder zu besteigen: mein Trost war, daß der Zahl drei ihr Recht bereits widerfahren und also weiter kein Unglück zu erwarten sei. Und so war es auch wirklich: jetzt kam die gute Hälfte des Tages; – die Lichtseite als Gegensatz zur Schattenseite kann ich nicht sagen, denn ich hatte des Lichtes nur zu viel gehabt. Ein vorüberfahrender Vetturino nahm mich in seinen Wagen auf, und da kam ich zu dem General-Secretär der Dogana in Rom mit Frau und Sohn, so lieben, freundlichen, gutmüthigen Menschen, daß ich mich bei ihnen völlig aufheiterte. Nachmittags langte ich hier bei meinen guten Errighis an, innig froh, nach so manchem Ungemach den Hafen der Ruhe erreicht zu haben. – Das italienische Leben und Treiben, wie ich es früher kennen gelernt hatte, fand ich auch jetzt wieder; auch die[511]  italienische Nachlässigkeit. Es heißt: siete padrona di casa! Das muß man in Gedanken behalten; Blöde kommen schlecht weg. Ich wurde sehr herzlich empfangen; doch fiel es Keinem ein, mir ein Zimmer anzuweisen oder irgend etwas vorzusetzen. Siete padrona di casa, sagte ich mir, wählte mir daher selbst meine frühere Wohnung, eine freundliche, kühle Eckstube mit der herrlichen Aussicht auf's Meer, ließ mir das Bett machen, meine Sachen herauf bringen, meine Freundin Nazarene, ein junges Bauernmädchen, das mich zum Baden begleiten sollte, rufen und bat mir ein Abendessen aus. Denn hier wird nur ein Mal gegessen, des Mittags; wer zu andern Zeiten Hunger fühlt, muß zusehen, wo er etwas bekommt, oder vielmehr, muß sich's beim Koch bestellen. Besuche kommen von früh bis spät, die meisten des Abends, oft noch nach zehn Uhr, wenn ich mich schon davon und nach dem Bette schleiche; man kommt und geht, es rührt sich Keiner darum; von Empfangen ist nicht die Rede, eben so wenig von Bewirthen; höchstens wird ein Glas Limonade verabreicht, doch nur selten. Nichts Langweiligeres existirt als diese sogenannten conversazioni für mich, da ich alle die hier besprochenen Stadt- und Landgeschichten nicht kenne. Errighi gestand mir, daß sie ihn selbst langweilen, aber es sei einmal der Gebrauch so. Ich hatte mich neulich verleiten lassen, die Marchese zu einer solchen conversazione nach der eine Stunde entfernten Stadt St. Elpidio zu begleiten; wir kehrten um Mitternacht heim, ich halb todt vor Langeweile, Hunger und Durst, denn nicht Mal einen Tropfen Wasser hatten wir bekommen; seitdem bleibe ich immer mit dem Marchese und seiner Schwägerin zu Hause. Bei den hiesigen Abendgesellschaften kann ich doch wenigstens arbeiten und mich davonschleichen, wenn ich will; denn man kann nirgends ungenirter sein, wie hier; man hat seine volle Freiheit in allen Stücken, und das ist gar angenehm. Was ich vermisse, ist die Gemüthlichkeit, die uns Deutschen so eigen und mir besonders Bedürfniß ist. Ich bin darin verwöhnt worden und muß mich daher erst wieder an das unruhige italienische Wesen gewöhnen. Eine recht hübsche Partie machten wir neulich nach dem vier[512]  Stunden entfernten Macerata, der Vaterstadt der Marchesa, wo wir die schöne Oper Marino Falieri hörten. Am andern Morgen eilten wir sehr bald zurück, da zu dem Volksfeste im nahen Porto Civitanuova viele Personen aus der Nachbarschaft hier zum Essen eingeladen waren; mehrere von ihnen fanden wir schon vor. Bei Tische blieb ein Couvert leer; man fragte sich, wer der ausgebliebene Gast sei: Keiner wußte es, und so wurde seiner nicht mehr gedacht. Nach Tische wurde in vier wohlbesetzten Wagen hinübergefahren; ich blieb weislich zu Hause, denn solche Feste sind nicht meine Liebhaberei. So stand ich allein im Salon am Fenster, ihnen nachschauend, als ein Geräusch mich aus meinen Betrachtungen aufschreckte, – denn außer mir war, soviel ich wußte, Niemand im Hause. Eine Seitenthüre öffnete sich leise, leise und mit großer Vorsicht um sich schauend trat, wie aus einem geheimen Verstecke, ein dicker, bärtiger Capuciner herein; ihm folgte eben so leise ein jüngerer, blaß und mager, beide mit langen Kutten, Sandalen und Geißelwerkzeugen. So fand ich mich diesen geheimnißvollen Erscheinungen allein gegenüber, die allerdings etwas Grauenhaftes hatten; ich ließ mich aber nicht einschüchtern, sondern ging keck auf sie zu und fragte, was sie hier suchten. Sie berichteten nun, daß sie früh Morgens von ihrem Kloster anderthalb Stunden weit her gekommen wären, hier Messe gelesen und darauf, um etwas zu ruhen, in dies Cabinet sich zurückgezogen hätten und daselbst eingeschlafen wären. Im Hause hatte man sie ganz vergessen, sie also auch zum Essen zu rufen versäumt, so daß die armen Schelme um das gute Diner gekommen waren. Dem jüngern sollte ich über eine jetzt lebende Heilige in Tyrol Auskunft geben, die so viele Wunder verrichte und von der er so viel gehört und gelesen habe; ich ließ ihn sehr unbefriedigt. Eben so unbefriedigt kehrte spät Abends die Gesellschaft heim.«

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»Da bin ich nun nach alter Weise wieder ins Plaudern gerathen, und habe mit unnützen Reiseerzählungen den ganzen Bogen gefüllt, so daß kein Raum mehr zu Beantwortung Ihres lieben Briefes bleibt; ich verspare es daher bis zum nächsten,[513]  und werde dieses Blatt, anstatt es, wie ich anfangs beabsichtigte, mit nach Egypten zu nehmen, schon von hier aus Ihnen zusenden, das heißt von Italien aus. Denn übermorgen fahre ich nach Ancona, um mich da den 2. September einzuschiffen. Also das letzte Lebewohl aus Europa, mein herzenslieber Burdach! Aus Africa hören Sie Weiteres von mir. Wenn Sie diese Zeilen lesen, schwimme ich auf dem mittelländischen Meere, nähere mich der Küste Egyptens und dem lieben, lieben Freunde. Sie werden meiner bisweilen gedenken; gedenke ich doch Ihrer so oft: es wäre Unrecht, wenn Sie es nicht auch thäten. Grüßen Sie alle Ihre Lieben in Königsberg recht, recht herzlich von mir, auch die Arnauer! Leben Sie wohl, mein bester, lieber Freund!

Ihre
alte treue Freundin
Lotte Dincklage.«

Ancono, den 2. September.

»Das Dampfschiff ist schon angekommen, das mich, wenn auch nicht nach Egypten, doch nach Griechenland führen wird. Im Piräos hoffe ich französische Schiffe zu finden, die mich dann weiter bringen. Um 4 Uhr Nachmittags geht es fort. Ich bin gutes Muthes; Gott wird mich schon beschützen. Um 4 Uhr rufe ich: lebe wohl, Italien, lebe wohl, Europa und alle ihr Lieben! aber auf Wiedersehen! auf ein recht glückliches, frohes Wiedersehen! Die Freude des Wiedersehens ist schon den Schmerz des Abschiedes werth.«
»Wäre ich doch erst auf dem Schiffe! die Stunden bis dahin scheinen mir so lang. Ich sehne mich dahin, denn hier habe ich keinen Abschied, der mir die Abreise erschwerte. Jubelnd werde ich das Schiff besteigen; doch noch mehr jubelnd das französische Schiff, das mich wirklich zu dem ersehnten Ziele bringt! Können Sie meine Gefühle begreifen? Man muß, wie ich, sich Jahre hindurch mit einem Lieblingsplane im Geheimen beschäftigt haben, um die Freude empfinden zu können, sich endlich dem Ziele so nahe zu sehen.«[514] 
Die folgende – letzte! Sendung der treuen Freundin kündigte schon durch die auf beabsichtigte Desinfection deutenden Schnitte an, von wannen sie kam, und enthielt Folgendes:

Am Bord des Dampfschiffes Giovanni im Hafen
von Corfu den 5. September 1841.

»Zwar nur zwei Worte, aber doch zwei Worte aus dem Hafen von Corfu! Ich habe es Ihnen schon angekündigt, daß Sie mich über's Meer hinüber begleiten müssen, mein bester Freund! Die Stadt Corfu liegt amphitheatralisch vor uns ausgebreitet; das Geläute der Glocken tönt freundlich herüber, und ruft zum Gottesdienste; die meisten Reisenden sind dem Rufe derselben oder den Aufforderungen ihrer Neugierde gefolgt und an's Land gegangen; so befinde ich mich fast allein an Bord. Es läßt sich nicht beschreiben, wie behaglich eine solche Einsamkeit an einem so schönen Sonntage Morgen ist. – Bis hierher sind wir glücklich und schnell gekommen, von Wind und Wetter begünstigt; gestern Nachmittag gegen drei langten wir an, und heute um 1 Uhr Nachmittag geht es wieder weiter. Die Gesellschaft ist aus allen möglichen Nationen zusammengesetzt; es befindet sich darunter manches ganz Passables, ja sogar Gutes; doch bis jetzt habe ich noch nichts herausgefunden, was mich besonders anziehen könnte. Für heute genug! Es wird schon zu lebendig in meiner Nähe, um mit Vergnügen weiter schreiben zu können.«

Am Bord des französischen Dampfschiffes
Scamander im Hafen von Syra, den 11. September.

»Hier aus der Mitte der Cykladen, umringt von den Inseln Tino, Delos, Naxos und Paros, sende ich Ihnen einen Gruß herüber. Die nackten Felsen von Syra, auf deren mittlern niedern Kegel die Stadt sich vom Gipfel bis zum Gestade des Meeres erstreckt, und deren einförmiges Grau in den wenigen Schluchten durch sparsame Olivenbäume unterbrochen ist, erheben sich dicht vor mir, und manche Barke umkreist unser Schiff, deren Inhaber durch mir zwar unverständliche Worte, doch[515]  durch desto verständlichere Gesticulationen, zum Hinüberschiffen einladet; ich konnte mich aber nicht entschließen, diese wohl nicht an Menschen, aber an allem Uebrigen öde Insel zu betreten. Was soll auch eine Dame allein, schutzlos, zwischen dieser Häusermasse und unter diesem schreienden, in Lumpen gekleideten Volke? Die ganze Schiffsgesellschaft ist theils an's Land gegangen, theils hat sie uns verlassen, um auf den nahe liegenden Dampfböten nach Smyrna und Constantinopel sich einzuschiffen. Was wir wieder bekommen werden, ob Ersatz für das Verlorene? Man weiß es noch nicht. War auch unter dem Verlorenen nichts besonders Interessantes, so fanden sich doch darunter zwei ganz nette, junge Italiener und ein armenischer Missionär, mit denen ich mich gut unterhalten habe. Gestern Abend im Piräos nahmen wir den östreichischen Gesandten, Herrn von Prokesch, ein, einen sehr lieben Mann; er hat uns eben wieder verlassen. Auf der Fahrt nach Patras, im Golf von Lepanto bewunderte ich die, sei es nun Geschichte oder Fabel, durch Odysseus interessante Insel Ithaka; man zeigte mir im Mondscheine den Felsen, auf welchem er seinen Palast hatte, von dem Archäologen noch einige Reste gefunden haben wollen, und den Hafen, in welchem er nach seinen langen Irrfahrten endlich gelandet ist. Es ist ein felsiges, ödes Eiland, und seine Bewohner, von denen wir in Patras einige auf's Schiff bekamen, sind keineswegs mehr die frühern Helden. Obgleich wir mehrere Stunden vor Patras stille lagen, so war doch, da ein starker Wind sich erhoben hatte, das Meer so bewegt, daß an Schreiben gar nicht zu denken war. Die ganze Reise war übrigens so glücklich wie möglich. Den 9. früh morgens fuhren wir im Piräos ein. Ich ging mit den jungen Italienern sogleich ans Land, um mir einen Bekannten, den dasigen Apotheker Mahn, einen Harzer, herüber zu holen, der mir beim Ausschiffen behülflich sein und mich in ein Gasthaus spediren sollte; er war verreist, doch seine Frau, auch eine Deutsche, half mir und nahm mich bei sich auf, wofür ich ihr sehr dankbar bin; sie ist eine recht gebildete, liebe Frau, und wir brachten einen sehr gemüthlichen, deutschen Abend mit einander[516]  zu. Den andern Morgen fuhr ich nach Athen, wo ich meine deutschen und griechischen Freunde und Bekannte durch meine unerwartete Erscheinung sehr überraschte. Ich brachte einen sehr glücklichen Tag bei ihnen zu. Am meisten amüsirte es mich, wenn sie ganz erstaunt fragten: ›aber in aller Welt, wo kommen Sie denn her?‹ und ich dann antwortete: ›ich bin auf der Durchreise.‹ ›Auf der Durchreise? Athen liegt doch ziemlich am Ende von Europa,‹ erwiderten sie, noch mehr erstaunt. Die Nacht blieb ich bei einer griechischen Freundin, die an einen Deutschen verheirathet ist, und die mich gestern Morgen zum Piräos begleitete. Gegen Abend segelte der Scamander aus dem Hafen heraus und um das Cap von Sunium herum, wo noch einige Säulen des Tempels zu sehen sind, auf dessen Stufen Plato gelehrt hat. Ich muß schließen, und das ist sehr gut, denn ich kann bei dieser Unruhe und Bewegung doch nur schlechtes Geschmiere hervorbringen.«

»Alexandrien den 30. September.

Schon seit vierzehn Tagen bin ich hier; aber die egyptischen Landplagen, fast noch eben so, wie zu Moses Zeiten, sind so störend, daß man zu keinem Genusse des Lebens kommen kann, viel weniger zu einem gemüthlichen Schreiben. Staub und Hitze quälen sehr; dabei bin ich im steten Kampfe mit Fliegen, Mücken, Ameisen und Ungeziefer aller Art. Wahrlich, man wird hier seines Lebens nicht froh, höchstens Morgens und Abends eine Stunde. Man vertröstet mich zwar, daß es in einigen Wochen, mit Eintritt des Herbstes, besser werden soll. Es ist und bleibt aber doch ein miserables Land, das einst so gepriesene Egypten; wenigstens was ich bis jetzt davon gesehen habe, und das ist freilich nur ein Theil von Alexandrien, obgleich der beste Theil. Die Stadt ist so häßlich wie das Volk, und das Volk ist so dumm, wie es häßlich ist. Letzteres will zwar Schledehaus nicht eingestehen, und behauptet, die Araber seien ein aufgewecktes Volk; aber das Pröbchen, welches wir davon im Hause haben, ein arabischer Diener, übertrifft Alles, was man sich von Dummheit und Phlegma vorstellen kann.[517]  Aehnliches gilt von den Bewohnern des kleinen arabischen Dörfchens, welches ich vom Fenster aus übersehen kann; wenn ich sie und ihr Thun und Treiben beobachte, so scheinen sie mir mehr Thiere als Menschen zu sein. Ihre Hütten sind so niedrig, daß man kaum darin stehen kann; durch die Thüre kann man nur gebückt hinein kriechen; von Schornsteinen und Fenstern ist gar keine Rede. Solch eine Hütte ist dann auch leicht versetzt und umgebaut. So erging vor sechs Tagen der Befehl, das Dörfchen, worin wenigstens 5 bis 600 Menschen Obdach fanden, nach drei Tagen fortzuschaffen, da der Platz zu etwas Anderem benutzt werden sollte. Das schien mir gar hart und grausam; ich glaubte, nun ein noch herzbrechenderes Klagegeschrei zu hören, als das, womit die Klageweiber die Leichen begleiten, und dessen gellende Töne zwar widerwärtig klingen, aber nicht zum Herzen gehen, da sie offenbar auch nicht vom Herzen kommen. Im Dörfchen blieb aber Alles in gewohnter Weise, und ich amüsirte mich jeden Morgen bei Sonnenaufgange mit der allgemeinen Auferstehung, die da vor sich ging, denn die Menschen erhoben sich fast Kopf an Kopf, wie aus ihren Gräbern, nur mit leichten Gewändern behangen. Am dritten Morgen umstellten einige Soldaten das Dörfchen, und gleich darauf sah man an verschiedenen Stellen den Staub vom Einreißen der Häuser aufsteigen. Jetzt wurde es lebendig: Weiber und Männer trugen auf Kopf und Schultern ihre geringen Habseligkeiten und Kinder davon, mit denen die meisten in der Nähe sich niederließen, wo sie nun unter freiem Himmel oder unter einer Strohmatte leben, zum Theil um ihre Hauptreichthümer, die Steine ihrer Häuser, zu bewachen, mit denen sie dann ihre neuen Wohnungen aufführen. Heute, am dritten Tage, sieht man nur noch geringe Ueberreste vom Dörfchen oder vielmehr Städtchen; – denn die Hütten reihten sich zu Straßen an einander, durch kein Gärtchen, keinen Baum unterbrochen. Dennoch wohnen wir hier im Quartiere der Gärten, von denen ich aber nur die Spitzen der Palmen über die hohen Mauern hervorragen sehe. Die ungesunde Luft aber haben wir davon, denn rings um uns her, fast Haus bei Haus, herrschen Fieber.[518]  Unser einer Diener, Constantino, ein Arkadier, der neben seinem Griechisch und Arabisch auch ein nothdürftiges Italienisch spricht, leidet leider auch daran; er ist mein Factotum, denn mit dem Araber, Ibrahim, ist gar nichts anzufangen. Sie sehen daraus, lieber Freund, wie brillant die Bedienung ist, und so ist die ganze häusliche Einrichtung. Es ist keine Burdachsche Wirthschaft, wo Alles so sauber und nett und geregelt sich zeigt; – im Gegentheile eine ächte Innggesellenwirthschaft, bis dahin nur von Männern bedient und folglich sehr im Schmutz verkommen. Ich habe tüchtig putzen und waschen müssen, und zwar mit eigenen hohen Händen, bis ich etwas Grund herausgebracht habe; jetzt ruhe ich aber auch auf meinen Lorbeern. Das Haus ist eigentlich sehr hübsch: ein großer Salon mit einer Stube und Kammer an jeder Seite, in die Schledehaus und ich uns getheilt haben. Das Ameublement entspricht nun freilich nicht der geräumigen Wohnung, doch was braucht man in Egypten gerade viel? Constantino besorgt unsere Küche, und obschon wir bis jetzt noch Tag für Tag das Selbige gehabt haben und wahrscheinlich so fortfahren werden, so ist es doch sehr gut zubereitet und hat mir vortrefflich geschmeckt. Da Schledehaus schon um sechs Uhr zum Hospital reitet, so wird vorher Kaffee getrunken; um acht, zehn oder elf Uhr, je nachdem ihn seine Geschäfte zurückkehren lassen, wird ein derbes Gabelfrühstück genommen, und um drei, vier oder fünf Uhr, abermals wie seine Geschäfte es erlauben, – denn er hat sehr viel zu thun, wird zu Mittag gegessen. Zum Ausgehen komme ich daher fast nie; ich verspare es auch gern auf eine günstigere Jahreszeit.«
»Sie könnten nach diesen Erzählungen nun glauben, ich sei nicht gern hier. Da wären Sie in großem Irrthume, denn ich fühle mich sehr glücklich und zufrieden. Einer meiner Hauptzwecke bei dieser Reise war ja, Schledehaus wieder zu sehen: ihn so wohl wieder zu finden und in so ehrenvollen, wünschenswerthen Berufsgeschäften, kann unter jedem Verhältnisse mich nur glücklich machen; die Beschwerden des Landes werden daher gern ertragen. Uebrigens haben diese vier Jahre ihn sehr[519]  verändert: ich hatte ihn als einen hübschen, jungen Europäer verlassen, und finde ihn als Türken und als häßlich wieder; denn als Angestellter vom Pascha muß er sich türkisch kleiden, welches ihm sehr schlecht steht. Als er mich vom Schiffe abholte, erkannte ich ihn anfangs nicht wieder, suchte hinter dem Türken immer noch den Europäer, und war sehr erstaunt, als der Türke mich so herzlich umarmte. Ich war von der ganzen Schiffsgesellschaft allein zurückgeblieben und vom Commandanten sehr artig in sein Zimmer eingeladen, wo ich ruhig Zeitungen las. Ich habe überhaupt die Artigkeit der Herren Seeofficiere zu loben, vom ersten bis zum letzten herunter. Es ist nicht zu leugnen, daß die Franzosen ein sehr artiges, feines Wesen gegen die Damen beobachten, welches einer Fremden recht wohl thut. Da außer einer jungen Italienerin, die aber von ihrem Manne mit Argusaugen bewacht wurde, ich die einzige Dame auf dem Schiffe war, so nahm ich alle die Huldigungen der Herren Franzosen in Empfang, die sie nun einmal unserem Geschlechte zu bezeigen sich verpflichtet fühlen. Kaum hatte ich mich gegen Abend etwas unter die Gefellschaft gemischt, so fanden sich auch schon zwei Courmacher ein, die mich mit den ihnen so geläufigen Complimenten regalirten: ›Madame n'est pas de ce pays?‹ sagte der Eine. ›Vous serez Allemande ou Anglaise; on le voit à vos beaux cheveux.‹ Mit gleicher Galanterie erwiderte ich: ›je suis charmé de trouver quelqu'un, qui est amateur de cheveux gris.‹ Jetzt kamen die Protestationen, wie sie nicht anders zu erwarten waren, und von meiner Seite die Erklärung, daß der Mißgriff verzeihlich, da es bereits Dämmerung sei. Die Gesellschaft war abermals sehr bunt, aus Personen von allen Nationen und Ständen zusammengesetzt. Es war ein interessantes Gemisch, vorzüglich unterhielt es mich, einige türkische Emire und Ulemas zu beobachten, die mit einem gehörigen Gefolge auf einer frommen Pilgerfahrt nach Mekka und Medina begriffen waren: ihre religiösen Ceremonien Morgens und Abends, ihre Trachten, ihre ganze Wirthschaft, Alles war höchst komisch.«
»Nun wissen Sie das Wesentlichste von meinem Ergehen[520]  und meinen Begebnissen; nur das fehlt noch, daß wir hier auch die Augsburger allgemeine Zeitung haben, die uns Kunde aus der Heimath giebt, worunter ich nun ganz Deutschland verstehe. Vom Jacobyschen Processe habe ich neulich mit großem Interesse darin gelesen. Sie müssen überhaupt nicht glauben, daß wir hier in allen Stücken so ganz zurück sind. Selbst die in Europa so viel besprochenen Operationen der schielenden Augen und der Klumpfüße sind hier, wenn auch noch neu, doch bekannt. Ein östreichischer Arzt trat am Tage meiner Ankunft mit der Augenoperation auf, wobei Schledehaus und mehrere Aerzte assistirten. Schledehaus, obgleich er sie zum ersten Male sah, lud sogleich die Herren auf einen andern Tag zu einer ähnlichen Operation ein, und soll sie, wie man allgemein sagt, mit mehr Geschicklichkeit vollbracht haben, als der Oestreicher. Sie mögen meiner mütterlichen Eitelkeit diese Erwähnung zu Gute halten. An die Operation der Klumpfüße möchte er sich nun gar so gern auch machen, aber leider finden sich deren hier nicht, denn die Araber, wie auch die Neger, haben im Durchschnitte einen gesunden, starken Körperbau; er hat schon viel Geld geboten, daß man ihm einen Klumpfuß auftreibe. –
Mit Reisegeschwätz ist nun wieder der Raum des Papieres gefüllt, und was ich auf Ihren letzten Brief noch zu antworten habe, muß ich wieder bis zum nächsten Male verschieben. Die Ihrigen werden nun schon von ihren Sommerausflügen heimgekehrt sein und ihr Winterquartier bezogen haben. Wenn diese Zeilen in Königsberg anlangen, wird der Spätherbst oder gar Winter bei Ihnen sich einstellen, während wir hier dann erst anfangen des Lebens froh zu werden und die günstige Jahreszeit zu genießen. Es kann unmöglich dieselbe Sonne sein, die hier so brennend heiß Alles durchglüht, und bei Ihnen in so milde erwärmenden Strahlen sich fühlbar macht. Auch der Mond ist hier glänzender und silberner als bei Ihnen.«

Den 7. October.

»Gestern Abend ist endlich das ersehnte Dampfschiff angekommen,[521]  und hat Briefe, für mich aber wenigstens Zeitungen mitgebracht. Da es sehr bald wieder abgeht, so eile ich, diesen Brief zu beenden und auf die Post zu schicken. Grüßen Sie alle, Ihre Kinder, Enkel u.s.w. Ich denke recht, recht oft an Sie Alle, mein herzenslieber Burdach! trotz dem, daß ich hier bei meinem großen Sohne, d.h. bei meinem großen verzogenen Jungen bin, der leider seit einigen Tagen wieder krank ist und daher meiner Pflege und meines Verziehens sehr bedars Er verzieht mich aber auch wieder, wo er nur kann, und sorgt für Alles.

Ihre
alte treue Freundin
Lotte Dincklage.«

Am 10. October trat sie, wie mir nachher Dr. Schledehaus meldete, in Gesellschaft des Dr. Schnars aus Hamburg eine Reise nach den Pyramiden, Theben und den Katarakten an, gelangte aber nur bis Kairo, wo sie erst am 16., und zwar an einem gastrischen Fieber leidend, eintraf, welches schon am dritten Tage der beschwerlichen Fahrt auf dem Nile sich entwickelt hatte. Dr. Schnars behandelte sie in Gemeinschaft mit dem Dr. Pruner. Letzterer, ein sehr einsichtsvoller, seit zehn Jahren in Egypten heimischer Arzt, erkannte bald die typhöse Natur der Krankheit, die Wirkung des Klima's. Die Kranke schrieb von Zeit zu Zeit mit zitternder Hand einige Zeilen an Schledehaus; seit dem 25. vermochte sie es nicht mehr, und äußerte nur ihre Sehnsucht nach Alexandrien. Die Gefahr, in der sie schwebte, ahnte sie nicht; sie sagte immer, sie befinde sich schon wohler und leide nur noch an großer Schwäche. Tag und Nacht hatte sie keinen Schlaf; die meiste Zeit brachte sie auf einem Armstuhle sitzend zu. Uebrigens bewies sie eine bewundernswürdige Standhaftigkeit und Geduld, war mit Allem zufrieden und beklagte nur die Mühe, welche sie der Wirthin und der Wärterin machte, und lohnte bei der kleinsten Dienstleistung mit dankenden Worten. Am 11. November Nachmittags hatte sie, wie sie täglich pflegte, sich waschen und reine[522]  Wäsche anlegen lassen, und ließ sich eben das Haar auskämmen, als sie tief aufathmete und augenblicklich auch verschieden war; ohne Zweifel hatte die brandige Verschwärung des Darmcanals mit einer plötzlichen Zerreißung geendet. Dr. Schledehaus hatte erst am 10. November den Brief erhalten, in welchem ihn Dr. Pruner mit der Gefahr bekannt machte; er eilte, so viel er vermochte, nach Kairo zu kommen, fand aber die Theure nicht mehr am Leben. Er schreibt mir:
»Zu Alt-Kairo, am Ufer des Nils, im Angesicht der ewigen Pyramiden, ist ein Kirchhof, den schismatischen Griechen gehörig. Hohe Mauern schließen ihn ein, Nil-Acacien, Cypressen und Oelbäume beschatten seine Räume. In der Mitte steht die vor zehn Jahren neu erbaute griechische Kirche; neben ihm das hohe griechische Kloster, das der Sage nach schon zu Sesostris Zeiten als Caserne gestanden. Dort ist ihr einsames Grab! – Herr Kruse (protestantischer Bischof in Kairo) zeigte mir die noch frische Erde, als ich Tags nach meiner Ankunft zum Begräbnisse eines Amerikaners ihn begleitete, der neben ihr zu ruhen kam. Derselbe war erst mehrere Stunden nach mir krank in Kairo angekommen, und am nämlichen Abend gestorben. Ich wohnte der einfachen Ceremonie bei, als gälte es der Freundin. Zur andern Seite ruht ein französischer Baron, und neben diesem ein englischer Geistlicher. Auch Deutsche sind in der Nähe, Kinder des genannten Missionärs Kruse, und Griechen fehlen nicht. So hat die Freundin auch im Tode gefunden, was sie im Leben liebte: der Menschenkinder buntes Gemisch. Ich habe Sorge getragen, daß ihr ein einfacher Grabstein gelegt werde der ihren Namen trägt und die Grabstätte sichert. Das ist Alles, was ich in diesem Augenblicke vermag. Ich will aber fleißig und sparsam sein, damit ich bald im Stande sei, ihr ein würdigeres Denkmal zu errichten. – – Am Tage vor ihrer Abreise von Alexandrien sagte mir die Verstorbene beim Einpacken mit übrigens unbefangenem Tone: ›Nun, wenn ich auf dieser Reise sterben sollte, so wissen Sie, wem Sie meinen Tod zu melden haben.‹« Als ich sie etwas verwundert ansah, fuhr sie fort: »nach Rössing,[523]  an Burdach in Königsberg und nach – – – Ich antwortete lächelnd: ›Gut! Gut! ich will das schon machen,‹ nicht ahnend, daß ich dieses traurige Amt zu erfüllen haben würde. – – Soll ich Ihnen noch sagen, wie die Verstorbene meine Schwester, meine Mutter, meine einzigste Freundin gewesen? Keine Klage füge ich bei und will keinen Trost, als meine Traurigkeit. Das Leben will mir nicht gelingen und wenn etwas mich demselben erhalten kann, so ist es nur das Gefühl der Pflicht und der Ehre und die in diesem Lande sichere Hoffnung, daß es eines Tages mir vergönnt sein werde, diesem Gefühle als Opfer zu fallen.«
Wie könnte ich wohl Dem etwas hinzufügen wollen!

Mein Glücksstern führte auch in dieser Periode meines Lebens hin und wieder einen jungen Mann in meine Nähe, der für meine Lehren empfänglich war, und den Eindruck, den ich auf sein Gemüth gemacht, mir mit herzlicher Anhänglichkeit lohnte. Vor Allen nenne ich hier den reich begabten und liebenswürdigen Jüngling, Wilhelm Caspar aus Laptau bei Königsberg, der in den Jahren 1840-42 hier Medicin studirte. Seinen Charakter und sein Verhältniß zu mir wird man am besten aus seinen Briefen erkennen, die ich, als zu meinen edelsten und unvergänglichsten Kieinodien gehörig, hier bekannt mache. Er ging im Herbste 1842 nach Leipzig, um da seine Studien fortzusetzen. Zwei Tage nach seiner Ankunft daselbst (am 7. October) schrieb er mir einen Brief, in welchem er zuerst über die ihm ertheilten Aufträge berichtet und erwähnt, daß er, nachdem der erste Eindruck des Meßgetümmels vorüber ist, sich in der Stadt zu orientiren beginnt. Er fährt hierauf folgendermaßen fort:
»Indem ich, nun weniger von immer neuen Gegenständen beansprucht, mich wieder einer ruhigeren Stimmung überlasse, ergreift mich auch wieder mit aller Stärke das Gefühl des innigsten Dankes für Alles, was ich Ihnen schulde. Indem ich[524]  dies hier ausspreche, mache ich von einem Rechte Gebrauch, das ich mir von der Entfernung ertheilt glaube. Denn mich dünkt, als ob die Entfernung, als kleinen Ersatz für das, was sie nimmt, manche Schranke fallen mache und durch das Siegel der Wahrheit und Aufrichtigkeit, das sie aufdrückt, manchem Worte den Zutritt in das Heiligthum des Vertrauens verschaffe, was sonst wohl als profan zurückgewiesen worden wäre; – mir ist, als ob die Entfernung einen hüllenden Schleier über Aeußerungen breite, die, vom Munde zum Ohre gesprochen, in schamloser Keckheit erschienen wären, eben so entwürdigend für Den, der sie that, als beleidigend für den edleren Sinn dessen, an den sie gethan wurden. – Wohl weiß ich, daß so mich aussprechen, von Neuem Ihre Güte beanspruchen heißt, die ich voraussetzen muß, um dabei nicht Mißdeutung fürchten zu dürfen. Allein ich trage kein Bedenken, diese Aeußerung zu thun. Denn es giebt Menschen, von denen zu empfangen nichts Drückendes hat, weil die einzelne Freundlichkeit, die sie erweisen, uns kaum eine Verpflichtung aufzulegen scheint, so groß ist die Verpflichtung, die sie uns auferlegen durch ihr ganzes Wesen und Sein, also daß jene darüber verschwindet. Wir dürfen auch nicht fürchten, durch die Menge und Größe der Dienste, die sie uns erweisen, mehr in ihrer Schuld zu bleiben, da es nur eine Art giebt, uns erkenntlich zu zeigen für den Schatz, den sie uns schenken durch sich selbst, nämlich als Dank auch wiederum das Beste, was wir haben und sein können, unser ganzes innerstes Wesen ihnen hinzugeben. Diesen Dank abstatten heißt aber nichts Anderes, als die innigste Liebe und Hochachtung zollen, und ihn zu verweigern ist so wenig in unsere Macht gestellt, daß wir uns tief und schmerzlich betrübt fühlen würden, wenn er verschmäht würde. Wie ich gern und freudig in der Liebe und dem Vertrauen, das mir unendlich mehr als ich verdient zu Theil geworden, nicht nur die Hauptquelle meines Glückes, sondern auch die mächtigste Triebfeder zum Vorwärtsstreben erkenne, so ist es wohl kaum möglich, daß ich nicht Ihrer gedächte, wenn ich Erholung bei der Erinnerung oder Ermunterung zu einem Entschlusse bedarf, und zu bedeutsam[525]  für meine ganze Denk- und Fühlweise ist die Auffassung der Welt, wie ich sie von Ihnen und aus Ihren Schriften kennen lernte, geworden, daß, selbst wenn ich jemals aufhören könnte, mich Ihrer zu erinnern, ich nicht selbst in meinem Wesen die Erinnerung an Sie bewahren sollte.

In aufrichtiger Verehrung
W. Caspar.«

»Beiliegend erlaube ich mir, einige Epheublätter vom Grabe Ihrer Tochter zu überschicken. Das Grab ist wohl erhalten und der Epheu hat sich in üppiger Fülle um den Baum geschlungen5.«
Der blühende Jüngling hatte in der letzten Zeit seines Aufenthaltes in Königsberg an Unthätigkeit der Verdauungsorgane gelitten. Sein Uebel bildete sich zur Unterleibsschwindsucht aus, bei deren raschem Fortschreiten er sich nach Halle begab, um in der freundlichen Nähe eines Landsmannes Krukenbergs ärztliche Hülfe zu benutzen. Von da aus schrieb er mir am 30. November:
»Ihr gütiges, liebevolles Schreiben, mein theurer, mir hochverehrter Lehrer! hat mich mit der innigsten Freude erfüllt und mir eine wahre Erquickung bereitet in der nicht sehr heitern Stimmung, in die mich mein gegenwärtiger Zustand versetzt. Denn leider sehe ich mich von dem Ziele meiner Pläne, Wünsche und Hoffnungen durch die anhaltend und mit ziemlicher Schnelligkeit fortschreitende Verschlimmerung meines Gesundheitszustandes plötzlich so weit verschlagen und habe so wenig Aussicht auf eine endliche glückliche Ankunft im Hafen, daß vielmehr der Gedanke eines baldigen, bei dem täglichen Sinken meiner Kräfte vielleicht sehr nahen anderweitigen Endes der[526]  Fahrt, mir zu nahe tritt, um ihn ganz zurückweisen zu können, und so benutze ich denn die Zeit, wo ich noch im Stande bin, dem Bedürfnisse zu genügen, das ich in mir fühle, ehe ich, vielleicht nicht von einem leeren Vorgefühle getäuscht, wirklich scheide, Ihnen meinen heißesten Dank zu wiederholen für das, was ich Ihnen zu verdanken habe, und wohin ich vor Allem zählen muß, daß ich dem letzten Augenblicke mit Ruhe und Heiterkeit, wie ich hoffe, bei seinem wirklichen Eintritte eben so gut als jetzt bei dem Gedanken an ihn entgegen zu treten mich kräftig und befähigt fühle. Denn Fichte's und der von Ihnen mir gegebenen Anschauungsweise vor Allem danke ich dies, und so wird der Gedanke an Sie und das, was ich Ihnen schulde, mit der letzte und die von Ihnen mir erwiesene Freundlichkeit mit die größte Erquickung gewesen sein, die, wenn Sie diese Zeilen erhalten sollten, bis zum letzten Augenblicke erfüllt haben

Ihren
in inniger Verehrung ergebenen
W. Caspar.«

Am 18. December schrieb mir sein Bruder, der Kranke, keine Genesung mehr erwartend, sehe dem Tode mit Ruhe und völliger Ergebung entgegen und, außer Stande, selbst die Feder zu führen, habe er ihm aufgetragen, mir nochmals zu danken. Schon am folgenden Tage starb er, und zwar nach dem Berichte der Wärterin, die allein bei seinem Tode zugegen sein durfte, mit vollem Bewußtsein und unter Beobachtung seines Sterbens: nachdem er den Puls an seinem Handgelenke gesucht hatte, ließ er sich ein Messerchen reichen und versuchte, ob er damit noch ein Zündhölzchen schneiden könne, ließ sich dann die Hand an die Schläfe legen, und als er wahrscheinlich keinen Puls hier gefunden hatte, fühlte er nach dem Herzschlage und verschied.
Die Gewißheit, an diesem Geiste einen Antheil gehabt zu haben, bestärkt die Ueberzeugung, daß ich nicht umsonst gelebt habe![527] 
In ähnlicher Weise wurde meine schriftstellerische Wirksamkeit durch einen anonymen Brief belohnt, den ich im Jahre 1840 erhielt und in welchem es heißt:
»Nur dadurch glaube ich ein Maß für die Größe meines Dankes andeuten zu können, daß ich sage: Ihr Buch ›der Mensch‹ hat ein nach Licht und Wahrheit strebendes Wesen auf die oft so schmerzlich ersehnte Höhe gewiesen, von der aus dem innern Blicke das All in heiliger Harmonie offen liegt, und die Seele, ihrer Unendlichkeit und ihres Seins in der Erscheinung sich bewußt werdend, Geist und Stoff versöhnt sieht und sich ermuthigt fühlt, das Leben zu tragen und zu gebrauchen, so wie dem Tode hoffend entgegen zu gehen.«
Dieses Schreiben, offenbar von einer Frauenhand herrührend, machte einen wohlthuendern Eindruck auf mich, als die günstigste Recension.
Fußnoten

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1 Man sieht, wie lebhaft sie schon damals der Gedanke an Egypten beschäftigte.

2 Des Dr. Schledehaus, den meine Leser noch näher kennen lernen werden.

3 Villa des Marchese Errighi unweit Ancona.

4 Der letzte Brief war von Dresden datirt und kündigte unter Anderem eine Fahrt nach Döbeln an.

5 Er war durch ein in meinem Zimmer hängendes Bild auf dies Grab aufmerksam gemacht und von der Anpflanzungsweise des Epheus (S. 428) auf demselben bei dieser Gelegenheit unterrichtet worden; von einem Besuche desselben war unter uns nicht die Rede gewesen.




1. Geisteskräfte.










[529] Nachdem ich nun erzählt, was ich erfahren und gethan habe, bleibt mir nur wenig, aber doch Einiges über mich selbst zu sagen übrig. Wie ich in dem Berichte von meinen Leistungen über diese gegenwärtig ein richtigeres Urtheil fällen zu können glaubte, weil mir meine Arbeiten, da ich sie selten wieder nachgesehen hatte, einigermaßen fremd geworden sind, so traue ich auch dem Urtheile über mich selbst jetzt um so mehr Unbefangenheit zu, da ich am Ziele meiner Laufbahn stehe und mch als einen bereits Abgeschiedenen anschaue. Wie dort, so werde ich auch hier mich ganz offenherzig aussprechen: ich habe nicht allein den Muth, meine Mängel zu bekennen, sondern auch den größern, mich meiner guten Eigenschaften zu rühmen; und sollte ich mich dabei hin und wieder täuschen, so will ich auch diese Schwäche nicht verhehlen, da sie ebenfalls zu meiner Charakteristik gehört.
Wenn man es ungewöhnlich fand, daß ich von Hämorrhoiden, Hypochondrie und anderen Gelehrtenkrankheiten völlig frei war, oder daß ich auch an manchen nicht-wissenschastlichen Angelegenheiten lebhaften Antheil nahm, so sagte ich bisweilen[529]  wie im Scherze, man müsse dies daraus erklären, daß ich kein rechter Gelehrter sei. Aber auch ganz ernsthaft gesprochen, muß ich bekennen, daß dieses Prädikat mir nicht zukommt, denn wegen zu vieler Kenntnisse werde ich beim Charon keine Ueberfracht zu bezahlen haben. Ein eigentlicher Gelehrter muß ein Polyphag im Lernen sein und alles ohne Unterschied sich einprägen, da auch das an sich Gleichgültige unter gewissen Verhältnissen und Beziehungen wichtig werden kann. Mir aber ging eine solche allgemeine Wißbegierde gänzlich ab: mich interessirten nur solche Dinge, bei welchen ich einen Zusammenhang und eine Beziehung zu allgemeinen Ansichten erkannte; und mir fehlte das Talent, das Bedeutungslose oder vielmehr dessen Bedeutung mir noch nicht einleuchtete, im Gedächtnisse für unvorhergesehene Fälle aufzuspeichern; manche Dinge, bei denen ich mir weiter nichts denken konnte, habe ich immer wieder von Neuem lernen müssen. Ich tröstete mich wegen der Schwäche meines Gedächtnisses damit, daß ich die kleinen Widerwärtigkeiten im Leben eben so leicht vergaß; was aber das Wissenswerthe betraf, so mußten fleißige Notaten aushelfen.
Wie mir nun dabei die Dienstfertigkeit des Erinnerungsvermögens fehlte, vermöge deren man über alles im Gedächtnisse Verwahrte jederzeit gebietet, Alles, was man weiß, immer bei der Hand hat und bei jeder Gelegenheit augenblicklich davon Gebrauch machen kann, so ist mir überhaupt eine größere Beweglichkeit des Geistes nicht eigen gewesen. Zum Theil hinderte die Anschauung des Wesens einer Sache das lebhafte Zuströmen von Vorstellungen über dieselbe; denn die Klarheit ist einfach, und je undeutlicher die Vorstellungen sind, desto größer ist die Mannichfaltigkeit ihrer Formen, welche hin und wieder mit Reichthum an Gedanken verwechselt wird. Aber auch die organischen Verhältnisse hatten ihren Antheil, wie ich denn bei Erhöhung der lebendigen Spannung des Gehirns durch vermehrten Blutandrang in einer gewissen Periode des Schnupfens einen lebhafteren Gesellschafter abgab. Ein gewisses Vorwalten der Receptivität raubte mir ferner das Vermögen, der fremden Meinung triftige, besonders aber scheinbare Gründe rasch entgegenzustellen,[530]  welches doch durch Reibung die gesellschaftliche Unterhaltung elektrisirt. Sodann kommt mein Widerwille gegen den Zwang und gegen das Streben nach dem Scheine hinzu: wo die Unterhaltung ein Wettrennen ist, in welchem der Sporn der Eitelkeit, als geistreich, witzig oder kenntnißreich zu glänzen, sich bemerklich macht, gab ich nur den passiven Zuschauer ab; so war ich auch ein sehr unglücklicher Sprecher, wenn es einer leeren Formalität oder einem Gegenstande galt, für den ich nicht lebhaft empfand. – Zur geringen Agilität meines Geistes gehörte es ferner, daß ich nicht Mehreres zu gleicher Zeit treiben konnte: alles Interesse ward immer vornehmlich von einem Gegenstande absorbirt, so daß für andere wenig oder nichts davon übrig blieb und ich bei lebhafter Beschäftigung mit einer Arbeit von Vielem, was an und für sich auch ganz interessant war, für den Augenblick nur eine flüchtige Notiz nahm; allerdings habe ich durch Concentrirung meiner Kräfte verhältnißmäig mehr ausrichten können, als mir sonst möglich gewesen wäre.

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In Vergleich zur praktischen Urtheilskraft, welche, von allgemeinen Gesichtspuncten ausgehend, die Einzelheiten durchschaut und nach ihren Verhältnissen würdigt, war die theoretische Richtung, welche von Besondern zum Allgemeinen aufsteigt, bei mir überwiegend. Neigung und Talent wiesen mich vorzüglich auf solche combinatorische Arbeiten hin; die Thatsachen zu erwägen, das Gemeinsame derselben zu erkennen und allgemeine Thatsachen daraus zu gewinnen, betrachtete ich als meinen eigentlichen Beruf. – Isolirte Theorieen über einzelne Gegenstände erschienen mir als ungenügende Parzellen der Wissenschaft; vielmehr fühlte ich das Bedürfniß oberster Principien, auf welche die Erklärung aller Einzelheiten sich stützt, und umfassender Ansichten, welche den Zusammenhang des Ganzen betreffen. So machte ich schon in der »Encyklopädie der Heilwissenschaft« einen freilich sehr unvollkommnen Versuch, die Weltkräfte in ihrer Allgemeinheit und die Erscheinungen des Lebens in ihrer Einheit mit denen der unorganischen Natur darzustellen; meine spätern Arbeiten bezeugen die gleiche Tendenz.
Das Vorwaltende in meiner geistigen Thätigkeit war das[531]  Streben nach Gestaltung, als dem Ausdrucke wissenschaftlichen Geistes: meine Arbeiten sollten sich charakterisiren durch streng logische Form, scharf aufgefaßte Begriffe, klare Ansichten, zusammenhängende Gedanken, durchgreifende Ordnung und systematische Gliederung. Solches Gestalten hatte hohen Reiz für mich, und es war vornehmlich die Aufstellung von dergleichen Bauen, was mich noch aufrecht erhielt, als mir die Welt verödet erschien; wenigstens glaube ich nicht, daß das Amtsgeschäft, das immer in gleicher Weise wiederkehrt und sich nie als völlig abgeschlossen zeigt, eben so gewirkt haben würde.
Vermöge meiner geistigen Constitution ging ich nur darauf aus, eine schlichte Anschauung der Natur dadurch zu gewinnen, daß ich ihre Erscheinungen nach dem Gebote der Vernunft im Zusammenhange betrachtete; und man kann mich der Flachheit zeihen, indem ich von spitzfindigen Erörterungen einzelner Gegenstände, so wie von tiefsinnigen Forschungen fern blieb. Ich habe mich mit Kant, Fichte, Schelling, Hegel bekannt gemacht, aber Keinem, und Letzterem am Wenigsten, in die Tiefe der Speculation ganz folgen können; ich eignete mir von ihnen nur das an, was ich verstand und wovon sie mich überzeugten, so daß ich denn auch kein Nachbeter von ihnen geworden bin; zum Beispiel die Kategorieen von Quantität und Qualität, Relation und Modalität habe ich nicht etwa angewendet, weil ich Kanten folgte, sondern ich bin im Laufe meiner Studien und auf empirischem Wege dazu gekommen. Als ich nämlich die Sinne unter einander verglich, um sie als ein Ganzes und dessen Gliederung zu erkennen, überzeugte ich mich, daß sie nicht nach einem einfachen Maßstabe beurtheilt werden dürften, sondern aus verschiedenen Gesichtspuncten zu betrachten wären, und fand nun, daß es solcher Gesichtspuncte nur vier gäbe, diese aber den Kantschen Kategorieen entsprächen (vom Baue und Leben des Gehirns, Bd. III., S. 215-222). Dasselbe bestätigte sich mir in Betreff der Verhältnisse der Befruchtung (Physiologie, Bd. I., S. 286 296) und der Lebensalter (ebendas., Bd. III., S. 644 650). Ueber den Grund der Kategorieen wollte ich eine ausführliche Untersuchung bekannt[532]  machen; indeß habe ich nur eine Andeutung davon gegeben (Blicke in's Leben, Bd. II., S. 174 flgg.).


Sich mit speciellen Untersuchungen beschäftigen, ist eben so angenehm und lohnend: man wählt sich den Gegenstand, der gerade interessirt oder über welchen der Zufall besondere Aufschlüsse gewährt hat, und läßt liegen, was gleichgültig oder unbequem ist; man bewegt sich mit völliger Freiheit, und bei nöthiger Aufmerksamkeit und Ausdauer bleibt es nicht leicht ohne Ausbeute: ut enim naturam novi, vix unquam eum dimittit, a quo consulitur, quin aliquod laboris praemium reddat (Haller opp. min. Tom. II p. 185); das dabei erworbene Verdienst wird endlich von den Zeitgenossen allgemein anerkannt und bleibt als Thatsache auch bei den kommenden Generationen in Ehren. Wer dagegen sich mit Zusammenstellung des Beobachteten beschäftigt, um Resultate daraus zu ziehen, ist mehr gebunden, und seine Arbeit wird, wenn auch gar wohl benutzt, doch verhältnißmäßig gering geschätzt, zumal bei einer erwerbsüchtigen und materialistischen Richtung des Zeitalters. Den Einzelheiten nachjagend, legt man oft nur auf diese einen Werth, indem man meint, denken könne Jeder, und dies sei im Grunde nur eine Art des Müßiggehens, ungefähr wie der Tagelöhner sich nicht davon überzeugt, daß man ruhig am Tische sitzend arbeiten kann. Man will immer mehr Stoff für die Wissenschaft gewinnen und kommt darüber am Ende gar nicht zum Denken, da man es stets verschiebt. Indem man dies nicht achtet, macht man auch keinen Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Combination und einer geistlosen Compilation. Wie eine Opernsängerin es unter ihrer Würde hält, im Schauspiele aufzutreten, weil das Sprechen keine Kunst ist, so fürchtet der wissenschaftliche Detaillist, durch eine systematische Arbeit seinem Rufe zu schaden; wie denn ein geachteter Naturforscher vor Kurzem den Ausspruch that: ein tüchtiger Mann schreibt jetzt kein Buch, sondern nur Abhandlungen. Man bedenkt nicht, daß die Disciplinen auf solche Weise in Gefahr kommen würden, unter der Last des Stoffes zu erliegen; daß eine noch so große Menge vereinzelter Kenntnisse immer noch[533]  keine wirkliche Wissenschaft giebt; daß es nöthig ist, von Zeit zu Zeit in der empirischen Forschung anzuhalten und im Ueberblicke des gegenwärtigen Zustandes der Wissenschaft zu erkennen, was nun noch zu thun ist. – In dem Urtheile über meine Leistungen hat sich jene Einseitigkeit der Detaillisten öfters gezeigt. Ich bin im Gebiete specieller Forschung keineswegs ganz unthätig gewesen. Ich habe die Resultate meiner Untersuchungen über die Formen der Verzweigung der Haargefäße und über den Mechanismus der Herzklappen bekannt gemacht und in Betreff der Centraltheile des Nervensystems Manches entdeckt, z.B. die Textur des Rückenmarkzapfens und seines Endfadens, die Verhältnisse der doppelten Fasern der Pyramiden und des Hülsenstranges, den Zusammenhang der Oliven, die Art, wie die einzelnen Schichten des kleinen Hirns in die verschiedenen Theile des großen Hirns sich fortsetzen, die Vormauer, die Linsenkerne, die Zwingen u.s.w. Auch habe ich über manche meiner physiologischen Experimente berichtet, namentlich über die Bildung der Stimme, über den Herzschlag, über die Bewegung des Gehirns, über den Einfluß des sympathischen Nerven auf die Eingeweide, über die Function des fünften und siebenten Hirnnerven; auch habe ich nicht unterlassen, mich über andere Lebenserscheinungen durch eigene Beobachtung zu unterrichten. Daß ich auf dem Gebiete der empirischen Forschung nicht mehr geleistet habe, hat seinen Grund zum Theil allerdings in der vorwaltenden Neigung zur Theorie; zum Theil aber auch darin, daß meine Lage erst spät mir gestattete, mich eigenen Beobachtungen hinzugeben (S. 161, 229): als ich einmal an einem alphabetischen Register, um bald fertig zu werden, mit großer Emsigkeit gearbeitet hatte, konnte ich mir anfangs zwei Dinge nicht zusammen denken, ohne zugleich der Reihenfolge ihrer Namen im Alphabete mich zu erinnern, – und so mag die Gewöhnung auch in Betreff systematischer Arbeiten ihre Macht über mich bewiesen haben. Nach der Regel: a potiori fit denominatio mußte ich es mir gefallen lassen, daß man mich als Systematiker bezeichnete, wiewohl ich mich nicht überzeugen konnte, daß man darum meine speciellen Untersuchungen,[534]  z.B. über die Halsrippen, über die zweileibigen Mißgeburten u.s.w., ganz übersehen mußte. Wie man aber, um Menschenkenntniß zu erlangen, nicht gerade weit zu reisen braucht, so schien mir eine mäßige Reihe eigener Beobachtungen über die wichtigsten Lebenserscheinungen hinreichend, um unter fleißiger Benutzung fremder Erfahrungen die Physiologie gründlich bearbeiten zu können.

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In der zeitgemäßen Bearbeitung der Physiologie fand ich zunächst zwei große Nebenbuhler, die durch Umfang und Gehalt ihrer speciellen Forschungen ohne allen Vergleich größere Verdienste sich erworben hatten, als ich, in wissenschaftlicher Hinsicht aber nach entgegengesetzten Richtungen hin von mir abwichen: den geistreichen Carus, der mit poetischem Sinne die Idee des Lebens auffaßte, der oft unklar und phantastisch erschien; und den unermüdlichen Johannes Müller, der bei empirischem Reichthume und philosophischem Raffinement in vereinzelten materialistischen Theorieen sich verlor. Ich aber stand zwischen ihnen, indem ich im Geiste wirklicher Erfahrungswissenschaft mich treu an die Erscheinungen hielt, sie jedoch im Zusammenhange betrachtete und dadurch allein die Anschauung derselben nach ihrem Wesen erstrebte. Daß mich frühzeitig die Naturphilosophen als bloßen Empiriker verrufen (S. 162 flg.) und die Empiriker als philosophischen Träumer verdächtigt hatten, habe ich bereits angeführt. Ich ging unbekümmert auf meiner Bahn fort. In der alten Schule erzogen, hindurchgegangen durch die Stadien der Nervenpathologie, des Brownianismus, der Naturphilosophie und der Chemiatrie schien ich mir zu einem unbefangenen Urtheile über die Ereignisse der neuesten Zeit herangereift zu sein. Ich folgte nicht dem Beispiele der Greise, welche das Treiben der neuen Generation, weil es ihnen fremd ist, verdammen, und, wenn sie zu vorsichtig sind, um in offene Opposition zu treten, mit der Gegenwart grollen; vielmehr achtete ich die Bereicherung unserer Kenntnisse, die wir der nach Besiegung der naturphilosophischen Revolution erfolgten Restauration des Empirismus verdanken, konnte mich aber nicht für alle geringfügige Einzelheiten, auf[535]  welche die jüngern Forscher großes Gewicht legen, interessiren, da ich über das Ganze meine Ansicht ausgebildet hatte.



2. Gemüthseigenschaften.










[536] Dem berechnenden Verstande, der in unserem Zeitalter vorwaltet, hat sich die moderne Philosophie beigesellt, um das Gefühl zurückzudrängen, indem sie es als etwas schlechthin Niederes, Naturwüchsiges darstellt, was durch die Eigenmacht des Geistes überwunden werden müsse und dessen Macht nur beim Greise als Folge der Alterschwäche zu entschuldigen sei. Mich hat solche Schwachheit durch das ganze Leben begleitet; nicht die Gefühlseite überhaupt, sondern nur die sinnliche Lust ist mir gleich der sinnlichen Erkenntniß als das Niedere erschienen, und die höheren Gefühle habe ich der Vernunfterkenntniß an die Seite gestellt; auch habe ich nie und in keiner Lage meines Lebens einen Anlaß gefunden, das altkluge Geschlecht mit seinem ausgebrannten Herzen, seinen Weisheitsdünkel und seiner Selbstüberschätzung zu beneiden. Ich gehörte also nicht zu den Göthianern, welche bei einer geistreichen Anschauung der Wirklichkeit einen bequemen Genuß des Lebens durch Weltklugheit zu gewinnen und gegen eine von höheren Bestrebungen zu besorgende Störung zu sichern suchen; sondern schloß mich den Verehrern Schillers an, welche nicht das Leben an sich, sondern die Verwirklichung des Ideals als das Höchste erkennen. Da die Anbeter Göthe's den, der nicht mit ihnen übereinstimmt, wegwerfend zu behandeln und dadurch die anders Gesinnten einzuschüchtern pflegen, so bewunderte ich den Muth, mit welchem ein junger Dichter, Theodor Scherer, in seinem Stauf, dem Antipoden des Faust, ein Bild der auf dem Gebiete der Erkenntniß vergeblich gesuchten und nur in der Sphäre des Gemüths gefundenen Befriedigung eines reinen Sinnes aufzustellen gewagt hatte. Die Schmach, die ihm in den deutschen Jahrbüchern und ähnlichen Blättern widerfuhr, war mit Sicherheit vorauszusehen gewesen, und daß er sich derselben ausgesetzt hatte, bewies die Stärke seiner Ueberzeugung[536]  und die Festigkeit seines Charakters. Ich benutzte die Reise eines meiner Freunde nach Norwegen, ihm, der damals als Hüttenmeister bei einem Kobaltwerke in Fossum lebte, meine Achtung zu bezeigen, und seine Antwort war von der Art, daß es mich freute, mich ihm genähert zu haben.
Eine starke Persönlichkeit, die in jeder Lage des Lebens sich selbst genügt, die auch ohne Familie, ohne Vaterland, ohne Glauben an Gott in hohem Selbstgefühle der Individualität glücklich sein kann, war mir durchaus nicht eigen. – Ein Hauptzug in meinem Charakter war das Bedürfniß der Liebe, nicht jener Alltagsliebe, die auf ein persönliches Wohlgefallen und Gernhaben sich beschränkt, sondern die unbedingte, volle Liebe, die sich mit ihrem Gegenstande völlig eins fühlt. Das Leben, dachte ich mir, geht zunächst auf Selbstbehauptung aus, und das Individuum ist von der Natur darauf hingewiesen, zuvörderst für sich zu sorgen. Indeß ist der Mensch von Anderen abhängig, und damit seine Sorge für sich selbst nicht vereitelt werde, bedarf er auch fremden Wohlwollens, mindestens der Sicherheit vor fremder Störung seines Wohlseins; auf diese Weise gewinnen denn andere Individuen als Mittel seines eigenen Wohlbefindens Werth für ihn, und schon aus gemeiner Klugheit bezeigt er sich freundlich gegen sie. Dann erkennt er die Andern ja auch als Wesen seiner Art, und indem er in ihnen ein ungefähres Bild von sich selbst sieht, verbreitet sich seine Selbstliebe einigermaßen auch über sie: er stellt sich unwillkürlich vor, wie es ihm sein würde, wenn er in der Lage wäre, in welcher er Andere erblickt, und je nachdem diese Vorstellung mehr oder weniger lebhaft ist, drängt sich ihm ein stärkeres oder schwächeres Mitgefühl auf. So wird er denn wohlwollend, jedoch mit Maßen, je nachdem der Andere ihm näher oder entfernter steht; er unterstützt gern, jedoch nur, in soweit er selbst dadurch nichts einbüßt; er weint wohl mit den Leidenden, jedoch ohne übrigens in seinen Freuden sich stören zu lassen, und freut sich sogar über das fremde Glück, jedoch mit philosophischer Fassung und ohne den eigenen Vortheil aus den Augen zu setzen. Solcher Art ist die von einer[537]  gerechten Selbstliebe ausgehende, ganz ehrenhafte Gesinnung der gewöhnlichen Humanität, Freundschaft und Liebe, und wir können es nur mit Dank aufnehmen, wenn Die, mit denen wir verkehren, uns solche Gesinnungen zuwenden. Wie sehr ich aber auch ein Verhältniß der Art schätzte, so genügte es mir doch nicht: meinem weichen Herzen war diese natürliche Temperatur der Gewogenheit zu kühl; es verlangte nach einem innigeren Bunde, in welchem zwei Seelen sich als eins fühlen. Meine Ansichten des Lebens stimmten damit überein. Nach ihnen ist die Individualität das Erscheinen des Geistes in den Schranken der Endlichkeit. Der individuelle Geist findet im Durchbrechen dieser Schranken, in der Rückkehr zum Unendlichen, aus welchem er stammt, seine Seligkeit, und dies geschieht auf ideelle Weise in der Wissenschaft, wo das Denken das dem Sinnlichen zum Grunde liegende Uebersinnliche im Zusammenhange erfaßt; auf intuitive Weise in der Religion, wo das Gemüth seinen Urquell im Unendlichen anschaut und seine Einheit mit demselben herstellt; auf reale Weise endlich in der Liebe, wo zwei Seelen vermöge ihres Ursprunges aus dem All-Einen sich als einig erweisen. – Indem das Bedürfniß der Liebe zu meinem ganzen Wesen gehörte, schwebte mir schon in meiner Jugend das Ideal der Ehe vor, wo es keine getrennten Interessen giebt, sondern, wie in einem organischen Ganzen, nur die Stellungen vertheilt sind, mithin nur ein gemeinsames Glück und ein gemeinsames Wehe möglich ist. Dahin wollte ich mich retten vor dem Froste der Selbstsucht, wie vor der Kühle der Freundschaft. Ich erinnere mich sehr wohl, als Student in mein Tagebuch geschrieben zu haben, daß ich eher auf das Leben selbst, als auf Familienglück verzichten wollte. Wohl mir, daß ich es fand! Begleitet es mich nicht bis zum Grabe, so muß der Schmerz seines Entbehrens durch die dankbare Erinnerung, daß ich es vierzig Jahre lang genossen habe, gemildert werden.

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Die Liebe, die in der Anschauung des Ewigen wurzelt, führt zum Gedanken der Unsterblichkeit, der sie bei den Schmerzen der Trennung aufrecht erhält. Da mir das Gefühl als[538]  gleich wesentlich mit der Erkenntniß und als ergänzendes Glied derselben galt, so achtete ich auf seine Stimme auch in Betreff einer persönlichen Fortdauer nach dem Tode (S. 146), und da der Verstand nach der Analogie die Möglichkeit derselben erwies, so befestigte sich meine Ueberzeugung davon immer mehr. Den starken Geistern, welche den Glauben an ein Jenseits als ein egoistisches Raffinement und als ein Verzichten auf das Diesseits verspotten, muß ich übrigens versichern, daß meine Ueberzeugung mich eben so wenig Gutes aus Speculation auf den Himmel zu üben bestimmt, als für das Leben unthätig gemacht, wohl aber gestützt hat, wo jede andere Stütze fehlte.
Meine Religiosität beruhte auf der Uebereinstimmung meines Denkens und meines Gefühls. Schon beim Uebergange aus dem Alter des Knaben in das des Jünglings kritisirte ich die kirchlichen Dogmen, und überwand auf diese Weise frühzeitig den Skepticismus, indem ich das fest hielt, was eben so wohl den Forderungen der Vernunft als denen des Herzens entsprach. Bald trat das Studium der Natur hinzu, meine Glaubensansichten zu befestigen; in den Naturerscheinungen trat mir ein geistiges Walten entgegen; das Weltganze zeigte sich mir als das Offenbarwerden des unendlichen Geistes, und Gott wurde mir das höchste Princip der Wissenschaft, so daß bei den mich beseelenden religiösen Gesinnungen ein Einklang von Leben und Wissen mich beglückte.
Nur die auf Eigennutz gegründete Alltagsliebe und die in vernunftwidrigen Glaubensartikeln ihr Heil suchende Frömmigkeit kann ohne allgemeine Menschenliebe bestehen. Wahre, ihrer eigenthümlichen Bedeutung entsprechende Liebe hat immer Humanität an ihrer Seite, da sie nur concentrirte und dadurch gesteigerte Humanität ist; diese aber ist nichts Anderes als Bethätigung religiöser Gesinnung, deshalb auch dieser unzertrennlich beigesellt. Dem, was ich in jener Hinsicht über mich ausgesagt habe, darf ich daher ohne Bedenken hinzufügen, daß Humanität einen Hauptzug meines Charakters ausmachte. Wo ich in irgend einer Beziehung ein Uebergewicht über Andere zu haben glaubte, ließ ich es sie nie fühlen, sondern schonte ihre[539]  Schwächen; ich theilte gern mit, war offenherzig und freigebig, und freute mich, wenn ich meinen Einfluß zu Gunsten eines Andern geltend machen konnte, ohne zu berechnen, ob ich nicht dadurch diesen Einfluß so abnutzte, daß er für Fälle, wo ich seiner zu meinem eigenen Vortheile bedürfte, mir fehlen könnte. Ich folgte hierin der Stimme meines Gefühls; recht zu thun ist mir daher eigentlich nicht schwer geworden: hatte ich z.B. Gelegenheit, auf das Schicksal eines Mannes einzuwirken, der mir wehe gethan hatte, so fiel es mir gar nicht ein, daß ich mich rächen könnte, und so übte ich eine Großmuth, die kein eigentliches Verdienst war, da sie keinen Kampf kostete; oft habe ich gewünscht, daß das Geld mir mehr am Herzen liegen möchte, damit die Ausgaben, die ich zur Freude Anderer machte, mehr Verdienstliches hätten. Eben weil ich dabei dem natürlichen Zuge folgte, ging ich darin oftmals zu weit, und sah meine Bemühung für fremdes Wohl vereitelt oder mit Undank belohnt, ohne daß dergleichen bittere Erfahrungen meine Bereitwilligkeit zu helfen geschwächt hätten. Indessen kann ich mich einer zu großen Leichtgläubigkeit und Weichherzigkeit nicht zeihen: nur so lange keine Thatsachen vorlagen, welche die Menschen meiner Theilnahme unwürdig machten, traute ich ihnen das Beste zu; wie ich in meinen gerichtlichen Gutachten die falsche Humanität bekämpfte, welche Alles entschuldigt und den Schuldigen auf Kosten der Wahrheit in Schutz nimmt, so bestimmte mich das Gefühl der Gerechtigkeit, auch in andern Lebensverhältnissen streng zu sein, wo ich mich überzeugt hatte, daß die Ungunst des Schicksals verdient war.
Wer dem natürlichen Gefühle allgemeinen Wohlwollens zu folgen gewohnt ist, übt sich zu wenig in der Selbstbeherrschung, als daß er Aufwallungen des verletzten Gefühls so leicht zu unterdrücken vermöchte, und kann im Widerspruche mit seinem sonstigen milden und sanften Betragen hart und heftig werden. Das war mit mir der Fall, und so wurde denn auch meine glückliche Ehe, namentlich in den ersten Jahren, zuweilen, wenn auch nur selten und nur auf Stunden, durch Mißverständnisse getrübt. Meine Frau war verheirathet gewesen;[540]  ihr Herz hatte bereits vor mir einem Manne geschlagen, auch war sie einige Jahre älter und überhaupt weniger leidenschaftlich als ich; demungeachtet verlangte ich ein dem meinigen gleiches Feuer von ihr, und verkannte auf Augenblicke ihre nicht minder innige, aber ruhigere Liebe. Sodann hatte sie bei dem Bewußtsein ihrer Bemühung, Alles aufs Beste einzurichten, die bei Frauen nicht seltene Schwäche, in keinem Falle an irgend etwas Schuld sein zu wollen, und im Eifer einer ganz unnöthigen Rechtfertigung unklar zu werden und sich in Widersprüche zu verwickeln; ich aber hatte die noch größere Schwäche, mit pedantischer Strenge Alles geregelt zu verlangen und mich über den Mangel an logischem Zusammenhange zu ereifern. Scham und Reue waren die Folgen solcher Unterbrechungen des liebevollsten Einverständnisses, und auch die Erinnerung daran übt noch ihre strafende Gewalt.


Meine Persönlichkeit stellt sich in der Erscheinung unbedeutend dar, und, wie mich dünkt, noch unbedeutender, als sie im Grunde ist. Ich habe öfters beobachtet, daß ich bei der ersten Bekanntschaft, besonders mit Personen, die im bürgerlichen Leben hochgestellt sind, keinen Eindruck machte und kein Interesse für mich erregte; ja selbst Männer, die mich achteten, pflegten meiner Rede ungleich weniger Aufmerksamkeit zu schenken, als der gehaltlosern Anderer. Seitdem ich dies als Thatsache anerkannte, verletzte es mich nicht mehr, doch machte es mich in größern Gesellschaften schweigsamer. Mit der Gabe zu imponiren fehlte mir auch das Glück zu gefallen. Um geliebt zu werden, muß man lieben; um also der Menge liebenswürdig zu erscheinen, muß man die Menge seiner Liebe werth halten; gefällt sie uns nicht, so gefallen wir ihr auch nicht. Ich haßte den Zwang, und fand es unter der Würde des Mannes, scheinen zu wollen; ich war kalt und zurückhaltend gegen die, welche ich nicht achtete, und bildete mir zu viel ein, um Andern das, was Gutes an mir ist, absichtlich vor Augen zu stellen, vielmehr überließ ich ihnen, es selbst zu finden, und glaubte Alles gethan zu haben, wenn ich es nicht verbarg; das war eben mein Stolz, daß ich nicht zu gefallen suchte, sondern mich[541]  zeigte, wie ich war. Auf diese Weise büßte ich durch meinen Trotz manche Annehmlichkeit ein. Ob es übrigens einzig und allein daran lag, daß ich mich nicht geltend machen wollte, weil ich ohnedies gelten zu können glaubte, und daß ich liebenswürdig zu scheinen verschmähte, weil ich der Liebe werth zu sein meinte, muß ich selbst bezweifeln. Der Mangel an Willen läuft dem Mangel an Vermögen parallel, und kann letztern zwar zur Folge haben, aber auch davon herrühren. Also mochte auch eine Schwäche des Selbstgefühls, vermöge deren fremde Eindrücke die freie Bewegung des Geistes hemmen, und eine Unbeholfenheit des Benehmens, die ich nicht zu überwinden vermochte, wesentlichen Antheil haben, so daß ich einen Versuch nur darum aufgab, weil ich mich ihm nicht gewachsen fühlte. Mancher, den ich achtete, und dessen Freundschaft mir sehr werth gewesen wäre, blieb lau, und wurde nicht geneigt, sich mir näher anzuschließen, wie offen ich auch meine Gesinnungen ihm darlegte; ich mußte glauben, daß ich ihm nicht interessant genug war.
Im Fache der Lebensklugheit habe ich es auch nicht weit gebracht. Bei Kleinigkeiten konnte ich lange schwanken, ehe ich zu einem Entschlusse kam, der doch ganz gleichgültig war; und dagegen war ich in wichtigeren Dingen, namentlich wo das Gefühl auf das Urtheil einwirkte, oft zu schnell entschlossen und handelte unüberlegt, indem ich die Rücksichten nicht zu nehmen pflegte, welche der Behutsame für nöthig erachtet; ich habe manches gränzenlos Unbedachtsame zu bereuen, aber auch ungleich mehr Gutes ohne Bedenken vollbracht. Indem ich die Menschen mehr nach ihrem sittlichen Charakter schätzte, gegen Geistesschwache leutselig war, den gemeinen Egoisten verachtete und den, der aus Selbstsucht unrecht thut, von Herzen haßte, vermochte ich meine Gesinnungen zu wenig zu verbergen, und stieß häufig durch freimüthige Aeußerungen an. – Ich war nicht gewohnt, fremde Meinungen zu bekämpfen, sondern mochte zunächst gern ihnen beitreten, so weit es bei meiner Ueberzeugung möglich war, und dann hatte ich nicht die nöthige Gewandtheit, um die Gründe, die ich hätte entgegensetzen können, augenblicklich[542]  zu übersehen und zu ordnen; war mir aber eine Behauptung in zu hohem Grade zuwider, so fiel mein Widerspruch nicht selten zu derb aus. Den gleichen Fehler beging ich in Betreff der Handlungsweise: anstatt von Anfang an den Willen Anderer auf glimpfliche Weise meinen Wünschen gemäß zu lenken, gab ich aus Weichheit nach, und ließ mir bis zu einem gewissen Puncte Manches gefallen, griff aber dann mit leidenschaftlicher Rücksichtslosigkeit und Härte ein; erst vergab ich meinem Rechte etwas, und sodann maßte ich mir ein Recht an, das mir nicht zustand.
Indem ich meine schwachen Seiten sehr wohl erkannte, war das Bewußtsein meiner Kräfte, so wie dessen, worauf sie sich stützten, nicht täuschend, und in dessen Umkreise fehlte es mir auch nicht an Selbstvertrauen. Mein körperlicher Muth hat freilich nur in jüngern Jahren Gelegenheit gehabt, sich durch die That zu bewähren; indessen ist mir doch auch für das Alter ein gewisser Grad von Furchtlosigkeit geblieben, der hin und wieder als Unbedachtsamkeit bezeichnet werden konnte. Auf geistigem Gebiete aber habe ich mich durch Gefahren nie von dem abschrecken lassen, was ich für gut und recht hielt. Es gehörte gewiß ein festes Vertrauen auf meine Kräfte und meine Thätigkeit dazu, um mich zu verheirathen, ehe meine bürgerliche Stellung gesichert war, so wie zu einer Zeit, wo ich noch keine hinreichende feste Besoldung bezog, mit meiner Familie ein halbes Jahr in Wien zu leben. Ich habe den Streit nicht gesucht, bin ihm aber auch nicht ausgewichen; außer Parrot habe ich auch mehrere Königsberger Collegen einige Zeit zu Gegnern gehabt, und mich durch ihre Autorität nicht abschrecken lassen, sie ernstlich zu bekämpfen. Ich habe mich nie gescheut, mein Urtheil, auch über den Angesehensten, unverhohlen zu äußern, gegen die vorgesetzten Behörden mein Recht zu vertheidigen, so wie an Remonstrationen gegen den Mißbrauch der Staatsgewalt Theil zu nehmen. Auch hat es meiner Charakterstärke nicht an Prüfungen gefehlt: ich habe nicht gezittert, als auf der Fahrt von Kronstadt die Wellen mich sammt den Meinigen zu begraben drohten; als mein Untergang[543]  im bürgerlichen Leben gewiß schien, ließ ich mich von der Noth nicht niederbeugen, sondern that getrost und unverzagt das Mögliche, um in eine günstigere Lage zu kommen; und – was mehr als Alles ist, – ich habe mich durch den Schmerz über den Verlust meiner Tochter und meines Weibes, des Schmuckes und der Stütze meines Lebens, nicht zu Boden werfen lassen, und noch in der Vereinsamung und bei den Gebrechen des Alters den heitern Sinn nicht ganz verloren. Ja, ich sage es mit einigem Stolze, ich habe mich im Unglücke bewährt, und im Glücke mich nicht überhoben.

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Gemeinsinn war überhaupt ein hervorstechender Zug in meinem Charakter. So fühlte und betrug ich mich im Gebiete der Literatur immer als ächten Republikaner. Alles Neue, was mir als eine wirkliche Bereicherung der Wissenschaft erschien, nahm ich mit wahrhafter, inniger Freude auf, als ob ich selbst die Eroberung gemacht hätte; und wenn ich dann über mich reflectirte, war ich wieder zufrieden mit mir, daß mir meine Individualität in der Wissenschaft aufging. Freilich galt dies nur von solchen Entdeckungen, die zu allgemeinen Ansichten führen konnten; ein neuer Fund, der bloß eine isolirte Thatsache betraf, wobei ich mir nichts denken konnte, ließ mich allerdings kalt, oder spannte bloß meine Neugierde auf die zu erwartende weitere Entwickelung; auch gestehe ich, daß eine mit Pomp angekündigte Entdeckung einen minder freudigen Eindruck auf mich machte. So betrachtete ich nun auch die wissenschaftliche Thätigkeit aus dem Gesichtspuncte eines literarischen Republikaners. Wie Jeder in der durch seine Individualität bezeichneten Weise mitwirken soll, so fühlte ich mich ungeachtet der Einsicht, daß ich nur eine untergeordnete Stellung dabei einnahm doch glücklich in dem Bewußtsein, nach dem Maaße und der Richtung meiner Kräfte, so wie nach der durch das Schicksal gegebenen Möglichkeit das Meinige zum organischen Aufbaue der Wissenschaft beizutragen. Bei dieser Sinnesweise war ich in meiner Bearbeitung der Physiologie weniger darauf bedacht, zu polemisiren, als vielmehr bei jeder meiner Ansichten diejenigen Schriftsteller anzuführen, welche dieselbe schon ausgesprochen[544]  oder auch nur angedeutet und eine Meinung selbst von bloß entfernter Aehnlichkeit aufgestellt hatten. So bildete ich denn einen starken Contrast gegen diejenigen jungen Physiologen, die mich bloß anführten, wenn sie mich widerlegen zu können glaubten, aber mich nicht erwähnten, wo sie meine Ansichten vortrugen. Durch mein Verfahren habe ich das, was mir eigenthümlich ist, allerdings unkenntlicher gemacht.
Wie meine Persönlichkeit nicht dazu angethan war, sich in der Gesellschaft breit zu machen, so waren auch meine Ansprüche in der literarischen Welt nicht übertrieben. Ich verlangte allerdings Anerkennung meiner wissenschaftlichen Bestrebungen, war mir aber auch meiner Schwächen bewußt und hätte gewünscht, Größeres leisten zu können. Ich arbeitete, um mir selbst Genüge zu leisten, und that nichts, um Ruhm zu erlangen. Ein zu lautes, besonders ein übertriebenes Lob war mir zuwider, und wenn ich es recht überlegte, so fand ich dies Gefühl auch mit der Klugheit ganz übereinstimmend; denn unverdientes Lob reizt den Widerspruch, und giebt nur Anlaß, daß das Gerühmte niedriger gestellt wird, als es in der That verdient. Eine einfache, geräuschlose Aeußerung von Beifall war mir am liebsten, und besonders that es mir wohl, zu erfahren, daß meine Schriften zum Herzen gedrungen waren, und beruhigend, stärkend, erhebend auf eine Seele gewirkt hatten.



3. Gesammtcharakter.










[545] Rosenkranz erwähnte mich in den Hallischen Jahrbüchern von 1840 bei Gelegenheit eines kurzen Berichtes, den er daselbst über die Königsberger Universität abstattete, und da, wie er späterhin selbst sagte, »es ihm auf eine präcise Zusammenfassung meiner hervorstechenden Eigenthümlichkeiten ankam,« so bezeichnete er mich als »einen empirisirten, mit Leipziger Eleganz und freimaurerischer Religiosität schreibenden Schellingianer.« Ich konnte mit dem Epitheton eines empirisirten Schellingianers nicht unzufrieden sein; denn wenn man nicht in der Bildung des Wortes »empirisirt« etwas Nachtheiliges[545]  finden will, so war damit nur ausgedrückt, daß ich mir die allgemeinsten Ansichten der Schellingschen Naturphilosophie angeeignet, die Erscheinungen aber erfahrungsmäßig aufgefaßt habe. Auch die »freimaurerische Religiosität« durfte ich mir gefallen lassen, denn es war doch nichts Anderes darunter zu verstehen, als eine von unhaltbaren Dogmen gereinigte Ansicht, verbunden mit einer entsprechenden, im Leben sich bethätigenden Gesinnung. Nur die »Leipziger Eleganz« verletzte mich, und zwar aus folgendem Grunde. Einige geistreiche Männer, für deren Anerkennung und Beförderung ich als der Aeltere mich auf das Lebhafteste interessirt und auf das Thätigste verwendet hatte, machten Opposition gegen mich, weil ich zuweilen etwas geradezu abmachte, ohne der amtlichen Etiquette vollständig zu genügen, ungeachtet keine Anmaßung, sondern nur Naivetät und Vertrauen daran Schuld hatte, und weil bei ihrem Streben nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ihnen auch das Gefühl von Verbindlichkeit lästig sein mochte, wiewohl ich sie auch nicht im Entferntesten daran erinnert hatte. Da sie nun erkannten, was ich nie zu bestreiten vermochte, daß ich ihnen an geistiger Kraft nicht gleich käme, so untersuchten sie, was mir denn eigentlich zu dem Ansehen, welches ich genoß, verholfen hätte, und da fanden sie, es sei der Styl. So erklärte ich es mir wenigstens, daß ihre Freunde und Verehrer, wenn sie günstig gestimmt waren, von mir rühmten, ich hätte die Sprache in meiner Gewalt, ich besäße Eleganz. Wenn sich meine Collegen durch diese Ansicht beruhigten, so hatte ich meinerseits nichts dagegen einzuwenden; ich war mir bewußt, daß ich keineswegs eine vorzügliche Aufmerksamkeit auf die Form des Vortrags richtete, sondern, wenn ich hin und wieder mich gut ausgedrückt hatte, der Grund davon in dem alten Spruche lag: pectus est, quod disertum facit. Indessen wird ein solches Urtheil leicht zu einer stehenden Formel, die überall angebracht wird; so hatte denn ein sonst wohlwollender Mann, der mich im Zustande tiefster Gemüthsbewegung gesehen, erzählt, ich hätte mich beim Tode meiner Frau mit Eleganz benommen. Wie sehr ich nun auch diese alberne Aeußerung[546]  verachtete, so empörte sie mich doch in solchem Grade, daß die Erinnerung daran durch Rosenkranzens Urtheil mir schmerzlich war.

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Das, wodurch ich mich auszeichne, besteht meines Erachtens darin, daß ich nichts Ausgezeichnetes, sondern nur ein Mittelmaaß der Kräfte, aber in einem gewissen Einklange, besitze. Dem gemäß war mir keine ungewöhnliche Körperkraft eigen, aber ich hatte eine gesunde Constitution, die mir einen freien, durch diätetische Vorsicht unverkümmerten Lebensgenuß, wie auch ziemliche Anstrengungen gestattete. Als in den Jahren 1795/96 ein gastrisch-nervöses Fieber unter meinen Commilitonen herrschte, an welchem von Medicinern, deren Zahl kaum auf 40 sich belief, 5 starben, wachte ich abwechselnd bei den Kranken, ohne angesteckt zu werden, woran meine Furchtlosigkeit wohl auch ihren Antheil hatte. Außer Blattern und Masern hatte mich bis in mein höheres Alter noch keine Krankheit befallen; und ich war schon ziemlich vorgerückt in Jahren, als ich mich noch so gesund fühlte, daß ich keinen Grund einsah, warum ich einst sterben sollte, und mich da bloß auf den Erfindungsgeist des Todes verlassen mußte. Ich folgte in meiner ganzen Lebensweise der Stimme der Natur, und ließ neben der ideellen Bestrebung auch der Sinnlichkeit ihr Recht widerfahren. Waren auch meine Geisteskräfte nur mäßig, so fehlte es mir dafür nicht an lebendiger Gemüthskraft; in meinen Ansichten und Gefühlen, meinen wissenschaftlichen Bestrebungen und meinem Handeln fand ich eine Einheit, die mich glücklich machte, so daß ich selbst eine reichere Begabung gern entbehrte.



4. Fixe Ideen.










[547] Wer mit Ausführung eines Gedankens sich beschäftigt, über dessen Unausführbarkeit der Verstand ihn belehren könnte, und wer eben so wenig durch die Erfahrung sich belehren läßt, vielmehr nach mißlungenen Versuchen immer neue Versuche macht, – der ist von einer fixen Idee besessen, ohne daß er darüber gerade zum Narren zu werden braucht. Auch ich muß[547]  mich zu solchen Phantasten zählen. Die Wurzel meiner fixen Ideen lag in der Lebhaftigkeit, mit welcher ich mich als Glied des Ganzen erkannte und nur als solches mich glücklich fühlte. Gemeinsinn war mir die Lebenskraft der Gesellschaft, und uneigennütziges, gemeinnütziges Wirken mein Ideal (S. 43 flg.).
Wenn in der literarischen Republik der Einzelne für sich etwas schafft, das vermöge der über dem Ganzen schwebenden Idee in den organischen Bau sich einfügt, so erschien mir ein freies, bewußtes Zusammenwirken Mehrerer für einen bestimmten wissenschaftlichen Zweck noch würdiger und erfolgreicher, ja schon an sich, abgesehen vom Erfolge, als eine dem Wesen der Wissenschaft und der Würde ihrer Bearbeiter entsprechende That.
So betrachtete ich die gemeinschaftlichen Arbeiten von Lavoisier und Seguin, Fourcroy und Vauquelin, Parmentier und Deyeux, Humboldt und Provençal, Prevost und Dumas, Breschet und Edwards, Leuret und Lassaigne, Allen und Pepys, Tiedemann und Gmelin, Seiler und Ficinus, Frommherz und Gugert, Purkinje und Valentin u.s.w. mit vorzüglichem Interesse. Ernst Heinrich Weber, der in Gemeinschaft mit seinem Bruder Wilhelm die sinnvolle Wellentheorie geschaffen hatte, sagte (de pulsu cet. annotationes. p. 44): est in animo, de tactu observationes, una cum dilectissimo fratre Eduardo et excogitatas et factas narrare. Qua in re, ut in multis aliis physiologiae et physicae locis communi plurium hominum contentione brevi tempore plus proficitur, quam longo et taedioso labore unius. So freut man sich auch über das schöne Verhältniß der Gebrüder Wenzel, die in ihren vielfältigen Untersuchungen und literarischen Arbeiten so unzertrennlich waren, daß Beide für Einen stehen, ausgenommen bei der Herausgabe ihres letzten Werks (über den Hirnanhang fallsüchtiger Personen), wo der Ueberlebende sich bemühte, nur das Verdienst des dahingeschiedenen geliebten Bruders in ein helleres Licht zu setzen.
Daß ähnliche Bündnisse bei einer größern Zahl von Theilnehmern auch einflußreicher sein würden, leidet keinen Zweifel.[548]  Diese Ueberzeugung rufte, als die zum Charakter der neuern Zeit gehörige regere Gemeinschaft des zuvor mehr Isolirten sich entwickelte, die Akademieen der Wissenschaften hervor. Indessen blieb die Gemeinschaftlichkeit hier meist auf Berathungen über Preisaufgaben und über Angelegenheiten der Corporation beschränkt, und jeder Akademiker arbeitete für sich in seinem Fache, unbekümmert um den Andern, die Muße und die Hülfsmittel benutzend, welche die Regierung ihnen allen zur Förderung der Wissenschaft dargeboten hatte.
Der immer lebendiger werdende Sinn für Vereinigungen veranlaßte ferner die von mehrern Schriftstellern gemeinschaftlich bearbeiteten encyklopädischen Werke. Aber die Gemeinschaft ist hier bloß eine äußere: der Einzelne liefert unabhängig vom Andern seinen Beitrag zur Collection, und der Redacteur, dem hier eine abschlägliche Antwort gegeben, dort ein gegebenes Versprechen nicht erfüllt wird, muß, um nicht eine Lücke zu lassen, die Leser oft mit ungenießbaren Brocken, deren er habhaft werden kann, abspeisen, und mit Fallstaff sagen: »they'll fill a pit as well as better.«
Zu den vielfältigen Associationen der neuesten Zeit gehören auch die Versammlungen der Aerzte und Naturforscher. Wie schätzbar sie aber auch immer sind, indem sie durch gegenseitige Befreundung, Belehrung und Anregung manchen Nutzen gewähren, so sind sie doch gar nicht darauf eingerichtet, etwas Gemeinsames zu Stande zu bringen. Und wiewohl die british association for the advancement of science durch einige Consolidirung und durch Aufstellung von Problemen mehr darauf ausgeht, selbst Resultate zu gewinnen, so dürfte doch die Zahl der Theilnehmer für Discussionen zu groß, ihr Zusammentreffen zu flüchtig, die Versammlung zu geräuschvoll, und die Verbindung zu locker sein, als daß sich unmittelbar ein irgend erheblicher Gewinn für die Wissenschaft davon erwarten ließe.
Ich träumte mir nun einen permanenten Verein von Männern, die nach einem unter ihnen verabredeten Plane die Wissenschaft des organischen Lebens gemeinschaftlich bearbeiteten, so daß Jeder von ihnen dem Studium eines einzelnen Zweiges[549]  vorzugsweise sich widmete und den gerade zu behandelnden Gegenstand der gemeinsamen Untersuchung von seinem Standpuncte aus beleuchtete, um dadurch eine möglichst allseitige Erkenntniß zu gewinnen; ich träumte von einer Gemeinschaft der Geister, wo Jeder in seinem Kreise und auf seine Weise für die Wissenschaft wirkt, aber Alle, auf ein und dasselbe Ziel hinarbeitend und dieses einigen Zieles sich bewußt, in lebendiger Wechselwirkung einander gegenseitig anregen, so daß die von dem Einen gewonnene Ausbeute Gemeingut für Alle, und so auch für jeden Einzelnen förderlich wird, den rechten Gesichtspunct in seinem Wirkungskreise zu finden.
Die erste Aussicht auf Verwirklichung eines solchen Plans glaubte ich in meinem Verhältnisse zu Rußland zu finden, wo ich die Gewogenheit des Ministers Rasumowski zu besitzen meinte, auf den damaligen Präsidenten Uwarof großes Vertrauen setzte, und an meinem Freunde Rehmann den wünschenswerthesten Vertreter der Sache hatte. Letzterem schickte ich im Jahre 1814 einen Entwurf folgenden Inhalts:
»Eine genaue Erkenntniß des innern Baues der Thiere, verglichen mit ihren Kräften, Instincten und äußern Lebensverhältnissen, eine vollständige Uebersicht der Entwicklung der Organisation vom Zoophyten bis zum Menschen herauf, eine Erforschung der Gesetze thierischer Bildung und des innern Sinnes der verschiedenen organischen Formen – ist unstreitig eine der wichtigsten Aufgaben der Naturwissenschaft. Durch ihre Lösung erhalten wir einen tiefern Aufschluß über das Wesen und den Zweck des Lebens, so wie über den Standpunct des Menschen in der Natur. Unser Zeitalter strebt unaufhaltsam nach diesem Ziele, und eine Menge Vorarbeiten sind bereits geliefert; aber noch ungleich mehr bleibt zu thun übrig. Der Einzelne kann hier weniger leisten: es gehört dazu ein Verein von Männern, die ganz diesen Untersuchungen sich widmen und von einem mächtigen Staate unterstützt werden. Nur Frankreich hatte eine solche Anstalt; sie hat Großes geleistet, die Angabe der Gründe, warum sie nicht noch mehr leistete, gehört nicht hierher. Wie Rußland den Ruhm hat, der Welt[550]  Freiheit und Frieden gegeben zu haben1, so kann es auch zu wissenschaftlicher Aufklärung mächtig mitwirken. Möchte es doch auch einen Verein von Gelehrten stiften, der die oben angegebenen Zwecke mit verbündeten Kräften zu realisiren strebte.«
»Ein solches kaiserliches Institut für Zoologie und Anthropologie in St. Petersburg wird 1) an die Akademie der Wissenschaften sich anschließen, jedoch so, daß es von dieser unabhängig und selbstständig wirkt. 2) Es besteht aus fünf ordentlichen Mitgliedern; jeder dieser Gelehrten übernimmt ein besonderes Fach der Zoologie, welches er vorzugsweise bearbeiten und durch eigene Forschungen bereichern will, hat auch einen eigenen Adjunct, der ihm als Prosector dient, und dessen Arbeiten er bestimmt. 3) Die Mitglieder widmen sich ganz der Anatomie und Zootomie, betreiben keine andern Geschäfte, arbeiten also continuirlich für diese Wissenschaft. 4) Durch gemeinsame Berathung wird die Arbeit nach einem bestimmten Plane vertheilt, so daß immer Alle zu einem gemeinsamen Zwecke zusammenwirken, indem sie eine und dieselbe Lebenserscheinung auf den verschiedenen Stufen der Reihe organischer Wesen untersuchen. Uebrigens hat jedes Mitglied volle Freiheit, Gegenstände aus andern Fächern der Zootomie als das seinige zu bearbeiten. 5) Wöchentlich findet eine Zusammenkunft Statt. In dieser trägt regelmäßig ein Mitglied, wie selbiges die Reihe trifft, das Resultat seiner Untersuchungen in den letzten vier Wochen vor, unter Vorzeigung der etwa gefertigten Präparate oder Zeichnungen; außerdem theilt jedes Mitglied nach Befinden die von ihm gemachten Bemerkungen mit; Alle berathen sich gegenseitig über Stoff und Plan vorzunehmender Untersuchungen, und neu erschienene Schriften über Anatomie und Zootomie werden angezeigt und beurtheilt. 6) Außer dem allgemeinen Zwecke, die Wissenschaft überhaupt zu befördern, hat das Institut noch die besondere Bestimmung, die Kenntniß der russischen Fauna zu vervollständigen und zur wissenschaftlichen[551]  Bildung von Naturforschern, Aerzten und Thierärzten in Rußland beizutragen. 7) Das Institut giebt von seinen Verhandlungen jährlich historischen Bericht an das Publicum; seine Arbeiten selbst, welche entweder gemeinschaftliche oder private sind, macht es zu unbestimmten Zeiten nach Maßgabe der Umstände bekannt.«

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Die übrigen Puncte betrafen die Sammlung, die Bibliothek, die Correspondenz und die Reisen. – Ich erhielt von Rehmann folgende Antwort:

St. Petersburg, den 20. August 1814.

»Ich verstehe Dich ganz, mein Theurer! Die Anatomie, auf diese Art und für diese Zwecke bearbeitet, kann und muß zu großen Resultaten führen. Aber leider glaube ich nicht, daß die Ausführung Deines Plans bei uns so bald möglich sein sollte. Dazu gehörten Menschen, die für das reine und höhere Interesse der Wissenschaften tiefer fühlten, als Manche, von denen es abhinge, ein so nützliches Institut zu befördern. – Gegen den Freund halte ich Wahrheit für doppelt Pflicht, daher will ich Dein Kind der Phantasie nicht mit falscher Hoffnung nähren. Nur Rasumowski oder Wylie könnten so etwas realisiren; aber wie wenig sich von diesen erwarten läßt, das müßte ich Dir mündlich erklären. Ich habe mit Ersterem davon gesprochen, und nous verrons – il faudrait voir – avec le tems – peut-être – mais à present ce n'est pas le moment, zur Antwort erhalten. Ich kenne meine Leute zu gut, um nicht zu wissen, was dergleichen Antworten zu bedeuten haben. So, wie die Sachen jetzt stehen, sehe ich daher die Möglichkeit der Ausführung Deines Plans bei uns nicht ein; nur wenn einmal mit der schlummernden Akademie der Wissenschaften eine Reform vorgenommen würde, ließe sich vielleicht mit Ernst daran denken.«
Als ich mich mit dem Gedanken beschäftigte, die Physiologie in größerem Umfange zu bearbeiten, phantasirte ich von der Möglichkeit, meine Arbeit, als Manuscript gedruckt, an die Naturforscher Deutschlands zu versenden, und nach Empfang[552]  ihrer Berichtigungen, Einwendungen und Ergänzungen als Redacteur das Einzelne zu verknüpfen und das Ganze zu ordnen. Ich deutete diese Träumerei in der Ankündigung an, welche am Schlusse des genannten Werks (Bd. VI. S. 613) abgedruckt ist. Aber ganz gab ich darum mein Project nicht auf, sondern suchte es, wie ich bereits (S. 336 flg. 407 flg.) erzählt habe, durch Erlangung von Beiträgen zu verwirklichen. Ein Brief, den ich 1830 an J. Müller geschrieben hatte und der zufällig bei mir liegen geblieben ist, enthält folgende Stelle, als Beweis, daß ich den idealischen Bund für die Wissenschaft als ein Phantom erkannte, ohne ihn vergessen zu haben.
»Eine kritische Revision der Lehre vom Blute ist ein wirkliches Bedürfniß unserer Literatur, da so viele breitmäulige Phantasten ihr Wesen hier so toll getrieben haben. Unsere Literaturblätter sind die wahrhaft unparteiischen Correspondenten, die jeden neuen Nebel als ein Meteor, jeden im Sumpfe der Ignoranz und des Dünkels gebornen Irrwisch als ein Wetterleuchten des Genius verkündigen. Die Tüchtigen haben freilich etwas Besseres zu thun, als den Narren die Röcke auszupochen; aber zum Theil sind sie auch zu bequem, um die Sache ernst ins Auge zu fassen, oder zu höflich, um einem Manne, der einigen Namen hat, die Wahrheit zu sagen. Es fehlt an Gemeingeist und an ächtem Sinne für die Wahrheit. – Eine Akademie der Naturwissenschaften, wo nach einem gemeinsamen Plane mit gegenseitiger Belehrung und Unterstützung, mit gemeinsamer Berathung und Prüfung gearbeitet würde, ist eine alte Phantasie von mir, die im Jahre 2830 wohl realisirt werden wird; dann möchte ich wieder kommen und Secretär bei solcher Akademie werden! Jetzt muß ich die planlos hingeworfenen Brocken sammeln; muß, wenn mein Blut über die aberwitzige Mißhandlung der Blutlehre in Aufruhr kommen will, es mit dem Gedanken temperiren, daß ich selbst gehaltvollere Beobachtungen machen sollte, und wenn mir dazu die Kräfte mangeln, mit dem leidigen Troste: non omnia possumus omnes, mich beruhigen.«[553] 
Als ich 1832 Wien wieder verließ, forderte mich der Fürst Metternich beim Abschiede auf, ihm künftig alle Schriften, die ich herausgäbe, zu schicken. Nun wurde unmittelbar nach meiner Ankunft in Leipzig der Druck des vierten Bandes meiner Physiologie beendigt, und bloß um bei dessen Uebersendung doch irgend etwas zu sagen, äußerte ich in meinem Schreiben an den Fürsten, es würde ihm sonderbar scheinen, daß ich bei einem systematischen Werke mir Mitarbeiter erbeten hätte; ich hätte aber diesen Weg eingeschlagen, um eine wünschenswerthe Vereinigung mehrerer Gelehrter zu gemeinsamer Bearbeitung der Physiologie einigermaßen zu ersetzen. Ich erhielt darauf folgendes Schreiben:
»Ewr. Wohlgeboren Schreiben aus Leipzig habe ich nebst dessen Beilagen mit wahrer Erkenntlichkeit erhalten. Ich besaß bereits die drei ersten Bände Ihrer allgemein für classisch anerkannten Physiologie, und ich werde dem nun erschienenen eben die Aufmerksamkeit widmen, welche ich den früheren zugewendet hatte. Ihre Arbeiten tragen sämmtlich den Stempel ächten Wissens, denn Sie sind deutlich: Sie suchen das Wissen in der That und nicht in den Worten, und so allein soll der Lehrer vorschreiten. Worte decken weit öfter die Leere, als die Fülle, und dies achten eben manche deutsche Schriftsteller nicht: sie überlassen die Entdeckung dem Leser. – Ihr Wunsch für die Schaffung eines Centralpunctes für die Naturwissenschaften muß von jedem Freunde derselben aufrichtig getheilt werden. Kann ich zu dessen Erfüllung ein Scherflein beitragen, so werde ich es sicher thun. Haben Sie die Güte, mir eine nähere Andeutung über die Mittel zum Zwecke zu schicken. Ich werde dieselben reiflich prüfen und Ihnen meine Ansicht ganz unbefangen mittheilen. Empfangen Ewr. Wohlgeboren nebst meinem wiederholten Danke die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung.«

Wien, 7. November 1832.
Metternich.[554] 
Dieses Schreiben versetzte mich in die größte Aufregung: ich sah ganz unerwartet die Ausführung meines Lieblingsprojectes als möglich vor mir! Ich schickte dem Fürsten noch in demselben Monate den folgenden Aufsatz, der den Plan in Form von Statuten enthält.

»I) Plan zu Organisation de Akademieder Naturforscher.

§. 1. Zweck. Die Akademie der Naturforscher ist ein Verein zu Förderung der Naturwissenschaft durch Zusammenwirken sowohl von Gelehrten eines und desselben Faches, welche gemeinschaftliche Untersuchungen anstellen und einander dabei unterstützen, als auch von Gelehrten verschiedener Fächer, die einen Gegenstand von allen Seiten her aufzuklären sich bemühen. Die gemeinsame Bestrebung ist nur darauf gerichtet, in das Thatsächliche der Erscheinungen tiefer einzugehen. Was sich daraus für eine wahrhafte Anschauung der Natur und für das praktische Leben, namentlich für die Heilkunst ergiebt, gehört nicht zum eigentlichen Wirkungskreise der Akademie.
§. 2. Gegenstände. Die Akademie zerfällt in drei Abtheilungen: eine physikalisch-chemische für die Naturlehre der unorganischen Welt; eine physiologische für die Naturlehre des organischen Reichs; und eine pathologische, welche theils den Hergang der Krankheiten, namentlich der krankhaften Bildungen (pathologische Anatomie) und deren Aeußerungen, theils die Wirkungsart äußerer Einflüsse (Schädlichkeiten und Heilmittel) zum Gegenstande hat.
§. 3. Geschäftsgang. a) Reihenfolge. Jede Abtheilung verabredet sich zuvörderst über die systematische Reihenfolge, in welcher sie die einzelnen Theile ihrer Wissenschaft einer Revision unterwerfen und, wo es nöthig ist, von Neuem bearbeiten will. Auf besondere Anträge kann von der festgesetzten Ordnung abgewichen werden, wenn entweder eine neue Entdeckung durch ihr Zeitinteresse oder eine zufällig dargebotene Gelegenheit durch ihr baldiges Vorübergehen eine sofortige Untersuchung nöthig macht. – b) Revision. Ein Mitglied[555]  giebt eine Revision des jedesmal in Frage stehenden Gegenstandes: er schildert in gedrängter Kürze den gegenwärtigen Zustand unseres Wissens darüber; giebt die Methoden und das Resultat der bisherigen Forschungen an; bemerkt die noch vorhandenen Ungewißheiten, Dunkelheiten und Lücken; stellt Aufgaben, welche zu lösen sind, und schlägt die dazu führenden Methoden der Untersuchung vor. – c) Berathung. Diesem Vortrage folgt eine allgemeine Erörterung des fraglichen Gegenstandes, indem die übrigen Mitglieder ihre Bemerkungen über unser bisheriges Wissen, so wie über die Wege zu dessen Bereicherung mittheilen. – d) Commission. Hierauf wird eine Commission zu Anstellung der erforderten Untersuchung ernannt. Sie besteht aus einem Commissär, der sich eigens dazu verpflichtet, die Untersuchung zu Stande zu bringen, und aus einem oder mehreren Adjuncten, welche dem Commissär als Zeugen, Rathgeber und Gehülfen bei der Untersuchung zur Seite stehen und demselben die von ihnen gemachten Erfahrungen mittheilen. Wünschenswerth ist es, daß Mitglieder freiwillig sich erbieten, das Geschäft eines Commissärs oder Adjuncten anzunehmen; wo dies nicht der Fall ist, wird die Commission durch schriftliche Abstimmung erwählt. Wer so erwählt ist, kann den Auftrag nicht ablehnen, wenn er nicht gültige Gründe anführt und nicht ein anderes Mitglied, welches zu Annahme des Auftrags bereitwillig ist, dazu vorschlagen kann. Wenn die Mitwirkung von Mitgliedern einer andern Abtheilung bei der Untersuchung erforderlich ist, so ergeht deßhalb eine Einladung an diese Abtheilung, welche dann auf gleiche Weise eine mit ersterer in Verbindung tretende Commission ernennt. e) Frist. Die Frist, in welcher die Untersuchung zu beendigen ist, richtet sich nach der Beschaffenheit des jedesmaligen Gegenstandes; die längste ist die eines Jahrs. f) Vorläufige Berichte. Im Laufe der Untersuchung berichtet der Commissär in jeder Sitzung seiner Abtheilung, also (§. 5) monatlich, über die von ihm eingeschlagenen Wege und die erlangten Resultate, wobei er gewissenhaft jeden von einem Adjunct gegebenen Beitrag anzeigt. Die übrigen Mitglieder geben ihre Bemerkungen[556]  zu diesen Berichten, theils als Zusätze und Ergänzungen, welche sie aus ihrer Erfahrung schöpfen, theils als Winke zu neuer Prüfung der bisherigen Resultate bei Berücksichtigung übersehener Momente oder bei Anwendung einer andern Methode. g) Endlicher Bericht. Nach beendigter Untersuchung erstattet der Commissär seiner Abtheilung einen vollständigen Bericht, welchem die Adjuncten ihre Zustimmung geben oder nöthigenfalls ihre eigenen Bemerkungen beifügen. Soweit es die Natur des jedesmaligen Gegenstandes gestattet, schafft der Commissär seiner Abtheilung eine unmittelbare Ueberzeugung von der Richtigkeit der ausgemittelten Thatsachen, indem er vor ihren Augen die Experimente, über welche berichtet wird, wiederholt oder Präparate und Zeichnungen vorlegt. h) Bekanntmachung. Sind keine weiteren Erinnerungen zu machen, so genehmigt die Abtheilung den abgestatteten Bericht, der sodann in die im Drucke erscheinenden Verhandlungen der Akademie aufgenommen wird. i) Auswärtige Concurrenten. Um auch von den Talenten und Kenntnissen der außerhalb der Akademie stehenden vaterländischen Naturforscher Gewinn zu ziehen, wird jede Aufgabe, welche die Akademie sich stellt, alsbald zur öffentlichen Kenntniß gebracht, so daß Jeder, der Beruf dazu in sich fühlt, bei der Lösung concurriren kann. Die in solchem Falle gelieferten Arbeiten werden von deren Verfassern unter Nennung ihres Namens an die Akademie eingesendet, von derselben geprüft und in deren Verhandlungen nach Beschaffenheit der Umstände entweder bloß angezeigt, oder auszugsweise mitgetheilt oder vollständig aufgenommen.


§ 4. Personale. a) Präsident. Die Akademie hat an ihrer Spitze einen hohen Staats- oder Hofbeamten als Präsidenten, welcher sie bei der Regierung vertritt, in allen ihren Angelegenheiten, welche nicht rein wissenschaftlicher Art sind, die oberste Leitung hat und Alles beseitigt, was die Wirksamkeit der Akademie hemmen und die Erreichung ihres Zweckes hindern könnte. Er führt den Vorsitz im Verwaltungsrathe (§. 7), in der jährlichen öffentlichen Versammlung (§. 5, c), und, wo möglich auch in den monatlichen allgemeinen Sitzungen (§. 5, b);[557]  er ernennt die Beamten nach den ihm deßhalb gemachten Vorschlägen (§. 6, b) und bewilligt die nöthigen Ausgaben (§. 7). b) Beamte der Akademie. Der Geschäftsführer der Akademie besorgt die allgemeinen Angelegenheiten derselben, ordnet ihre allgemeinen (§. 5, b) und öffentlichen Sitzungen (§. 5, c), trägt in denselben die von den einzelnen Abtheilungen empfangenen Berichte vor, besorgt die Herausgabe der Verhandlungen und unterzeichnet jede im Namen der Akademie oder einer einzelnen Abtheilung zu erlassende Bekanntmachung. Der Secretär der Akademie ist sein Gehülfe und erforderlichen Falls sein Stellvertreter. Er empfängt die an die Akademie gerichteten Zuschriften, theilt sie zuerst dem Geschäftsführer, dann in der monatlichen allgemeinen Sitzung der Akademie mit und beantwortet sie dem gefaßten Beschlusse gemäß; er führt das Protokoll in der allgemeinen Sitzung und verlieft es, nachdem es vom Geschäftsführer mit unterzeichnet ist, beim Anfange der folgenden Sitzung; er legt ein Archiv an und hält dasselbe in Ordnung. c) Abtheilungsbeamte. Jede Abtheilung hat ihren besonderen Geschäftsführer und Secretär, welche ihr dieselben Dienste leisten, wie die (b) angeführten Beamten der Akademie überhaupt. Jeder besondere Geschäftsführer leitet den Gang der Verhandlungen in den Sitzungen seiner Abtheilung, schlägt die Ordnung vor, in welcher die einzelnen Theile der Wissenschaft einer Revision unterworfen werden sollen (§. 3, a) und liefert diese Revisionen (§. 3, b) entweder selbst, oder sorgt dafür, daß andere Mitglieder dies Geschäft übernehmen; er übergiebt endlich die von seiner Abtheilung zum Drucke bestimmten Verhandlungen so wie andere Bekanntmachungen derselben dem Geschäftsführer der Akademie zu weiterer Besorgung. d) Akademiker. Die Akademiker machen den eigentlichen Körper der Akademie aus, welcher in die drei Abtheilungen (§. 2) sich scheidet, jedoch so, daß ein Akademiker auch zweien Abtheilungen angehören kann. Sie verpflichten sich, die von ihrer Abtheilung ihnen übertragenen Arbeiten zu übernehmen; sie berathen sich und entscheiden in allen rein wissenschaftlichen Angelegenheiten der Akademie. e) Aggregirte Mitglieder[558]  sind solche, welche, ohne sich zu bestimmten Leistungen zu verpflichten, die Arbeiten ihrer Abtheilung durch Mittheilungen aus dem Schatze ihrer Erfahrungen und Kenntnisse unterstützen wollen. An Abstimmungen nehmen sie keinen Theil. 1) Auswärtige Mitglieder (§. 6, d) können nur in so fern Theil nehmen, als man sie mit den Verhandlungen der Akademie bekannt macht und sie ihrerseits zu Lösung der gestellten Aufgaben einzelne Beobachtungen und Erfahrungen oder vollständige Abhandlungen einsenden; bei temporärer Anwesenheit steht ihnen der Zutritt zu den Sitzungen frei.
§. 5. Sitzungen. Die Sitzungen folgen einem vierwöchentlichen Turnus, so daß in jeder der drei ersten Wochen die besondere Sitzung einer der drei Abtheilungen, in jeder vierten Woche aber eine allgemeine Sitzung Statt findet. a) Besondere Sitzungen. Die Sitzungen der einzelnen Abtheilungen werden von deren Geschäftsführern und Secretären geleitet. Außerdem, daß hier die eigentlichen Geschäfte der Akademie (§. 3) betrieben werden, finden auch freie Mittheilungen Statt, welche entweder eigene Beobachtungen und Entdeckungen oder neue literarische Erscheinungen betreffen. Die Akademiker der einen Abtheilung können den Sitzungen der beiden andern Abtheilungen beiwohnen, jedoch nur mit den Rechten aggregirter Mitglieder. Bei gehäuften Geschäften oder in dringenden Fällen kann eine Abtheilung auch außergewöhnliche Sitzungen halten, die jedoch mit denen der andern Abtheilungen nicht collidiren dürfen. b) Allgemeine Sitzungen, an welchen alle Akademiker Theil nehmen, werden aller vier Wochen gehalten; hier werden die Arbeiten der einzelnen Abtheilungen angezeigt und die allgemeinen Angelegenheiten der Akademie zur Sprache gebracht. c) Eine öffentliche Sitzung wird jährlich an einem bestimmten Tage gehalten und darin über den Zustand und die Leistungen der Akademie Bericht erstattet.
§. 6. Wahlen. a) Der Präsident wird von der Regierung ernannt. b) Beamte. Zur Stelle des Geschäftsführers und des Secretärs einer Abtheilung schlägt diese zwei aus[559]  ihrer Mitte vor, welche bei Abstimmung durch Zettel die meisten Stimmen haben und von welchen der Präsident einen wählt. Sämmtliche Akademiker schlagen eben so zum Geschäftsführer und zum Secretär der Akademie dem Präsidenten zwei ihrer Collegen vor. Ein und derselbe Akademiker kann zu einem solchen Amte bei einer besondern Abtheilung und zugleich bei der gesammten Akademie berufen werden. c) Einheimische Mitglieder. Sämmtliche Naturforscher und Aerzte, welche an dem Sitze der Akademie ein öffentliches Amt bekleiden, werden zum Beitritte eingeladen, wobei sie zu bestimmen haben, ob sie einer oder zweien Abtheilungen angehören und als Akademiker oder als aggregirte Mitglieder Antheil nehmen wollen. Unter denen, welche daselbst wohnhaft, aber nicht angestellt sind, wählen die Akademiker diejenigen aus, an welche eine gleiche Einladung ergehen soll. d) Auswärtige Mitglieder. Unter Auswärtigen endlich können nur diejenigen einen solchen Antrag erhalten, welche eine von der Akademie gestellte Aufgabe (§. 3, i) gelöset haben oder sonst als gründliche Forscher bekannt sind und ihre Bereitwilligkeit zur thätigen Theilnahme erklärt haben.
§. 7. Der Verwaltungsrath, bestehend aus dem Präsidenten und sämmtlichen Beamten (§. 4, b. c), besorgt die äußeren und finanziellen Angelegenheiten der Akademie. Die Beamten machen die Anträge zu Verwendung der etatsmäßigen Summe, indem sie über die Nothwendigkeit der einzelnen Ausgaben ihr Urtheil abgeben; die Genehmigung und Zahlungsanweisung ist Sache des Präsidenten. Mit Cassenführung und Rechnungsablegung sind die Akademiker verschont, da diese Geschäfte einem öffentlichen Cassenbeamten zufallen.«

»II. Ueber Ausführung des obigen  Plans

Die Akademieen der Wissenschaften, dergleichen die meisten europäischen Staaten besitzen, haben allerdings manchen bedeutenden Fortschritt in der Wissenschaft herbeigeführt, indem sie einzelnen Gelehrten Muße und sonstige Mittel zu ihren Forschungen gewährten, durch Preisfragen gehaltvolle Untersuchungen[560]  veranlaßten, auch zum Theil jährliche Uebersichten von dem neuesten wissenschaftlichen Gewinne gaben. Aber unbezweifelt hätten diese Institute ungleich mehr haben leisten können, wenn ihr Wirken nicht vereinzelt und ohne Bindung geblieben und nicht außer Naturwissenschaft und Medicin auch auf Mathematik, Philosophie, Geschichte und Literatur ausgedehnt gewesen wäre.
Eine Akademie nach dem vorgelegten Plane würde, indem sie auf die Naturwissenschaft sich concentrirte, von allen bisherigen Akademieen sich dadurch wesentlich unterscheiden, daß sie nicht isolirte Beiträge von einzelnen Gelehrten über diesen oder jenen Gegenstand, wie Zufall und Laune es fügen, sondern die Resultate planmäßiger und gemeinschaftlicher Forschung eines Vereins von Gelehrten lieferte, und Oesterreich würde durch Errichtung eines solchen neuen Instituts sich den Dank der wissenschaftlichen Welt erwerben, während es zugleich die geistige Bildung seiner Bürger beförderte, den Forschungsgeist belebte und auf den richtigen Weg leitete, das heranreifende Talent aufmunterte und eine Pflanzschule von Männern bildete, die dem Vaterlande einst wichtige Dienste leisten könnten. Und Oesterreich ist gewissermaßen auch geschichtlich dazu berufen. Kaiser Leopold I. gab 1677 einer in Franken gebildeten Gesellschaft von Aerzten und Naturkundigen Privilegien, welche Kaiser Karl VII. 1742 besonders bestätigte: so wurde denn dieser Verein mit dem Namen einer Römisch Kaiserlichen Leopoldinisch-Karolinischen Akademie geschmückt und ihr jedesmaliger Präses mit einem gewissen Glanze umgeben. Aber einer organischen Bindung noch vielmehr als andere Akademieen ermangelnd und von realen Hülfsmitteln entblößt, mußte sie sich begnügen, Arbeiten von ihren in- und außerhalb Deutschland zerstreuten Mitgliedern in einem Magazine zu sammeln, wobei ihr wenig Auswahl gestattet war; selbst heimathlos, wanderte sie, dem jedesmaligen Präsidenten folgend, von einer Stadt zur andern, so daß sie denn auch dem Schutze einer andern Regierung anheim fiel. An die dankbare Erinnerung der Aufmunterung, welche die römischen Kaiser auf eine den Stempel ihrer[561]  Zeit tragende Weise dem deutschen Fleiße gewährten, würde sich die freudige Anschauung einer licht- und kraftvollern Gegenwart knüpfen, wenn Oesterreichs erster Kaiser eine Akademie der Naturforscher in neuer Gestalt und in innigerer Bindung für seine Staaten hervorrufen wollte.

A) Bedingende Momente von Seitender Regierung.

Man könnte eine solche Akademie mit Pomp auftreten lassen, berühmte Gelehrte aus den verschiedenen deutschen Staaten dazu berufen, ansehnliche Besoldungen aussetzen, ein stattliches Gebäude, große Apparate und Sammlungen geben u.s.w. Dies würde aber sowohl zweckwidrig, als auch überflüssig sein. Denn erstlich folgt einem voreiligen üppigen Aufblühen nur zu oft eine dürftige Frucht; überall bringt nur eine ruhige, allmälig fortschreitende Entwickelung wahrhaftes Heil. So muß denn diese Akademie wenig versprechen und viel leisten; sie muß in einfacher Form als Verein Wiener Naturforscher zu gemeinschaftlichen Untersuchungen auftreten, um dereinst ein Centralpunct der Naturwissenschaften zu werden; ja man könnte aus Vorsicht vielleicht den Anfang damit machen, daß man, ohne den umfassendern Plan kund zu geben, zunächst nur eine einzelne Abtheilung, namentlich die physiologische, auftreten ließe, um den Erfolg zu beobachten und einen Kern für die größere Anstalt zu gewinnen. Zweitens aber ist Wien an naturwissenschaftlichen und ärztlichen Anstalten, wie an eifrigen und geschickten Forschern auch so reich, daß es bei Benutzung der vorhandenen Mittel nur eines mäßigen Aufwandes bedarf, um die Akademie zu Stande zu bringen.
a) Zuvörderst würden die Gelehrten, welche bei der Universität, der Josephinischen Akademie, dem Naturalienkabinete, dem allgemeinen Krankenhause, der Thierarzneischule und dem polytechnischen Institute angestellt sind, zu einer freiwilligen und, in sofern sie schon eine zureichende Besoldung genießen, mit keinem Gehalte verbundenen Theilnahme an der Akademie einzuladen sein. Manche würden, von reinem Eifer für die Wissenschaft[562]  und ächtem literarischen Gemeingeiste bestimmt, mit Freuden beitreten, um sich geistesverwandten Collegen inniger beizugesellen. Wissenschaftlicher Ehrgeiz würde für Andere eine mächtige Triebfeder sein. Daß die Anstalt unter höchster Autorität errichtet wäre, daß die Regierung ihr eine fortdauernde Theilnahme bewiese und ihr einen Präsidenten gäbe, der durch Stellung und Charakter Ehrfurcht einflößte, würde noch Andere ganz vorzüglich zur Theilnahme willig machen. Sicher ist es, daß Einige den Plan mit Wärme ergreifen würden und ihr Beispiel würde manchen sonst Gleichgültigen mit fortreißen. So würde es bald allgemein zur Ehrensache werden, Akademiker zu sein und als solcher die gemeinsamen wissenschaftlichen Zwecke zu verfolgen. Dadurch, daß die Akademie Niemanden bereicherte, würde sich ihr Charakter reiner erhalten können. Indessen dürfte den wirklichen Leistungen doch auch einige pecuniäre Entschädigung zu gewähren sein, indem die Akademie die im Drucke erscheinenden Arbeiten besonders honorirte; auch könnte vielleicht für zehnjährige, der Akademie mit Eifer und Erfolg gewidmete Dienste eine Belohnung ausgesetzt werden. – Uebrigens würde eine Collision mit den Directionen jener Anstalten wohl nicht zu befürchten sein, da die Akademie ihnen auf keine Weise in den Weg träte und den Beamten kein Vorwurf gemacht werden könnte, wenn sie bei Erfüllung ihrer Amtspflicht ihre Mußestunden dem allgemeinern wissenschaftlichen Berufe in einer vom Staate gegründeten Anstalt widmeten.
b) Es wäre möglich, daß für einzelne Fächer nicht die hinreichende Zahl von Akademikern gewonnen werden könnte, entweder weil ein solches Fach bisher noch keinen besondern Gegenstand ausgemacht hätte, wie dies mit der vergleichenden Anatomie der Fall ist, oder weil die in den Anstalten fungirenden Gelehrten dieses Fachs zu sehr mit Amtsgeschäften überladen wären. In solchen Fällen wären allerdings Berufungen tüchtiger Männer nöthig, und die Berufenen müßten, bis ihnen ein einträgliches Amt in Wien angewiesen werden könnte, einstweilen und ausnahmsweise von der Akademie anständig besoldet werden.[563] 
Jedenfalls aber müßten einige durch Talent und Fleiß ausgezeichnete junge Männer, welche nach Beendigung ihrer akademischen Studien entweder noch gar nicht oder doch nicht mit hinlänglicher Besoldung angestellt sind, von Seiten der Akademie in den Stand gesetzt werden, sorgenfrei für die Wissenschaft zu arbeiten. Die Bekanntmachung der Aufgaben (§. 3, i) würde dahin führen, dazu geeignete junge Männer in den verschiedenen Gegenden der Monarchie kennen zu lernen; man müßte sie zunächst nur auf zwei Jahre anstellen und die Verlängerung der Anstellung von der Ausdauer ihres Eifers abhängig machen. – Die Akademie würde dadurch nicht allein eine Bildungsanstalt für wissenschaftliche Forschung werden und dem Staate ausgezeichnete Lehrer und Beamte liefern, sondern auch von der unbedingtern Hingebung dieser ihrer jüngern Mitglieder bedeutende Vortheile bei ihren Untersuchungen ziehen.
d) Was die zu Anstellung von Untersuchungen erforderlichen Hülfsmittel betrifft, so würde wohl ein großer Theil derselben von den erwähnten Anstalten gewährt oder von den Commissären (§. 3, d) auf eigene Kosten angeschafft werden können; wo dies nicht ausreichte, würde beim Verwaltungsrathe auf Gewährung der nöthigen Geldmittel anzutragen und bei deren Auszahlung der gehörige Nachweis beizubringen sein.
e) Es würde auszuwirken sein, daß die Kaiserliche Bibliothek die ihr etwa noch fehlenden Werke, deren die Akademiker benöthigt wären, ankaufte und die neu erscheinenden naturwissenschaftlichen Werke dem Geschäftsträger der Akademie zu ihrer Bekanntmachung (§. 5, a) zuerst auf einige Zeit übergäbe.
f) Zum Locale bedürfte die Akademie nur eines Saals, der ihr mit zwei Nebenzimmern zu den gewöhnlichen Sitzungen und zum Archive für immer eingeräumt würde. Für die jährlichen öffentlichen Sitzungen könnte sie sich die Erlaubniß auswirken, ein anderes dazu geeignetes Locale dazu benutzen zu dürfen.
g) Wiewohl im Voraus, besonders bei Mangel an hinreichender Localkenntniß, kein bestimmter Etat entworfen werden kann, so möchte doch folgende ungefähre Schätzung vor der Hand nicht überflüssig sein.[564] 

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Für den Fall, daß zwei Gelehrte ohne
anderweitige Anstellung zur Akademie
berufen würden, an Besoldung derselben8000Fl. C.-M.
An Besoldung für 8 junge Männer4000Fl. C.-M.
Zu Untersuchungen und Zeichnungen1500Fl. C.-M.
An Honorar für gedruckte Arbeiten1500Fl. C.-M.
Den Secretären für Druck von Bekannt-
machungen, Briefporto und Ausgaben
beim Archiv400Fl. C.-M.
Zu Utensilien und unvorhergesehene
Ausgaben500Fl. C.-M.
Für einen Aufwärter100Fl. C.-M.
16000Fl. C.-M.

B) Bedingende Momente von Seitender Akademiker.

Wenn es nun an äußern Mitteln, eine solche Akademie zu errichten, auf keine Weise gebricht, so ist es noch die Frage, ob sie von dem rechten Geiste beseelt sein wird, um ihre Bestimmung zu erfüllen? ob die Akademiker mit dem Eifer und der Einmüthigkeit, ohne welche der vorgelegte Plan unausführbar bleibt, wirken werden? Daß sie unter gehöriger Leitung der Arbeiten und steter Anregung des wissenschaftlichen Interesse es an Thätigkeit nicht werden fehlen lassen, ist wohl sicher. Darauf aber müßte man sorgfältig Bedacht nehmen, daß jede mögliche Zwietracht unter ihnen verhütet würde.
Damit kleinliche Leidenschaften, Eifersucht und Neid keine Nahrung fänden, müßten einzelnen Mitgliedern so wenig als möglich besondere Begünstigungen eingeräumt werden. Geschäftsführer und Secretäre dürften nicht als Betitelte und bevorrechtete Häupter auftreten, sondern als Mitglieder, welche die durch die Ordnung gebotenen Arbeiten außer ihrer eigentlich akademischen Thätigkeit noch übernehmen. Die nöthigen Falls berufenen und ausnahmsweise aus den Fonds der Akademie besoldeten Gelehrten müßten möglichst bald ein sie ernährendes Amt erhalten, um in die Reihe der übrigen Mitglieder treten und der Akademie unentgeltlich dienen zu können. Alle Arbeiten müßten nach gleichem Maßstabe honorirt werden.[565] 
Dagegen wäre der literarische Ehrgeiz auf alle Weise zu schonen, namentlich das Recht des literarischen Eigenthums und der Priorität auf das Sorgfältigste zu schützen. Jede Bemerkung, die nicht etwas allgemein Bekanntes enthält, jeder noch so kleine Beitrag zu einer Untersuchung wäre in Protokollen und Berichten namentlich anzuführen. Es müßte sich die Ueberzeugung feststellen, daß, wer literarischen Gemeinsinn hat und selbst etwas zu leisten vermag, auch die Leistungen Anderer ehrt, und es müßte dadurch zur Ehrensache werden, das Verdienst der Collegen auf das Gewissenhafteste anzuerkennen.
Zu Geschäftsführern und Secretären wären vorzüglich anspruchlose Männer zu wählen, die ein möglichst allgemeines Vertrauen genießen. Durch reinen Sinn für die Wissenschaft bestimmt, würden sie den Ton der Offenheit und Vertraulichkeit einführen, den Gemeinsinn beleben, den Geist der Eintracht aufrecht halten, Niemandem zu nahe treten, billig im Urtheile, wie schonend und vorsichtig in dessen Aeußerung sein und etwanige Mißhelligkeiten schnell zu beseitigen suchen.
Vorzüglich aber würde auch der Präsident durch seine Autorität den Verein zusammenzuhalten und durch seine Humanität den, der sich etwa für verletzt hielte, zu versöhnen im Stande sein.«

Es hatte mir Vergnügen gemacht, dem Fürsten mein Project auseinandersetzen zu können, ohne daß ich große Hoffnung auf Erfolg gehabt hätte. Denn wie gut bürgerlich auch der Anstrich des Luftschlosses war, so schimmerte doch der phantastische Grund zu deutlich hindurch; und selbst wenn der Lenker der großen Staatsmaschine den ganzen Plan mit seinen Maximen verträglich gefunden hätte, so konnte doch das Räderwerk einen nicht zu besiegenden Widerstand leisten. Indeß gehörte die, wenn auch modificirte Ausführung, nicht geradezu in das Reich der Unmöglichkeit, und erfolgte sie wirklich, so konnte ich vielleicht selbst daran Theil nehmen sollen. Daß ich mir dies als möglich dachte, stammte nicht aus eitler Einbildung, sondern[566]  hatte einigen Grund. Ich war nämlich während meines Aufenthaltes in Wien im Jahre 1832 von den höchsten Staatsbeamten auf eine ausgezeichnete, zum Theil selbst auffallende Weise behandelt worden und der Oberst-Hofcanzler, Graf Mittrowski, hatte sich durch den Vicekanzler von Lilienau erkundigen lassen, welchen Gehalt ich in Königsberg bezöge und ob ich überhaupt mit meiner Stellung daselbst zufrieden oder zu einer Aenderung derselben geneigt wäre? Sodann hatte der Kaiser in der mir ertheilten Privataudienz gesagt, er wisse, daß ich meine Studien in Wien gemacht und eine Wienerin zur Frau hätte, was denn so gedeutet werden konnte, als hätte man ihn durch Anführung dieser Umstände zu Genehmigung meiner Berufung geneigter zu machen gesucht; endlich hatte er mich mit den besonders betonten Worten entlassen: »Sie kommen doch noch einmal nach Wien.«
Zwar hatte ich auf die oben erwähnte Anfrage erwidert, daß ich mit meiner Stellung in Königsberg ganz zufrieden wäre; aber die Aussicht auf eine meinen Wünschen entsprechende Akademie konnte ja eine Aenderung bei mir hervorbringen. Ging nun der Fürst auf meinen Plan ein, so durfte ich nach dem, was vorhergegangen war, es mir wohl als möglich denken, daß er bei der guten Meinung, die er von mir hatte, mich an die neue Anstalt berufen würde. Dieser Gedanke erschreckte mich: aus meiner ruhigen, sichern Lage, die mir hinlängliche Muße für meine Privatarbeiten gewährte, sollte ich in einem Alter von nahe an 60 Jahren in ein Verhältniß treten, wo vielleicht eine Last von Geschäften und gewiß eine Menge von Widersachern und Neidern mich erwartete; ich sollte die gewohnten, mir lieb gewordenen Verhältnisse aufgeben, um mich mannichfaltigen Anfeindungen und Intriguen auszusetzen, die, wie ich die Wiener Aerzte und Consorten kannte, mit Sicherheit zu erwarten waren. Ich hatte Wien auch von seiner Schattenseite kennen lernen, und so konnte es unter diesen Umständen keinen Reiz für mich haben: aber ich entschloß mich, den Ruf, wenn er käme, anzunehmen, weil ich es für eine Ehrensache hielt, an der Ausführung meines Lieblingsplanes Theil zu nehmen.[567]  Ich sah voraus, Anstrengung, Verdruß und Kränkung würden mein Leben verbittern und verkürzen, aber ich hielt es für schimpflich, vor der Gefahr zurückzuweichen. – Indessen sollte meine heroische Gesinnung nicht in Thaten vor die Welt treten und das Stück ging ohne tragische Ende auseinander: Fürst Metternich blieb mir die Antwort schuldig und ich hielt es nicht für angemessen, ihm nochmals zu schreiben, machte also auch von der mir ohne mein Bitten ertheilten Erlaubniß, ihm jede neue Schrift von mir überschicken zu dürfen, keinen Gebrauch. Von Wiener Freunden, gegen weiche ich übrigens das strengste Stillschweigen über die ganze Angelegenheit beobachtet habe, erfuhr ich, daß zu Anfange des Jahres 1833 der Fürst Anstalten getroffen hatte, monatlich eine Versammlung von 15-10 Naturforschern bei sich zu sehen, wobei Littrow, Baumgarten und Czermak als Secretäre fungiren sollten, daß aber die Ausführung von Zeit zu Zeit verschoben worden war. Auch wurde in den öffentlichen Blättern eine Zeitlang von Errichtung einer Akademie der Wissenschaften in Wien mit ziemlicher Bestimmtheit gesprochen, und eine 1837 erschienene Schrift über »die gelehrte Donaugesellschaft in Wien unter Kaiser Maximilian I.« schien mit diesem Plane in Beziehung zu stehen. Endlich kam die »Kaiserlich Königliche Gesellschaft der Aerzte in Wien,« deren Ehrenmitglied ich wurde, zu Stande, – und damit hatte es sein Bewenden. Näheres über Absichten, Vorbereitungen und Hemmungen ist mir nicht bekannt geworden.

Als eine andere fixe Idee dürfte meine Vorliebe für die Freimaurerei zu betrachten sein, in deren Logen ich mir das Bild eines idealen Menschenbundes dachte, in welchem dessen Glieder die Fesseln der bürgerlichen Welt, des materiellen Bedürfnisses und der Leidenschaft, der Ungleichheit nach Rang und Besitz, so wie jedes Vorurtheils abstreifen, um in brüderlicher Eintracht bei heiterem Genusse des Lebens einander gegenseitig in geistiger und sittlicher Vervollkommnung zu unterstützen. Natürlich kommt Alles darauf an, wie man in jedem Logenverbande[568]  und in jeder einzelnen Loge die Idee auffaßt und zu verwirklichen strebt: bei geistvoller Behandlung kann die Freimaurerei etwas wahrhaft Erhabenes sein; wo aber der befreiende Geist oder gar die Wahrheit der Gesinnung fehlt, sinkt sie zu einem nichtigen Formenspiele herab, wo denn die Loge nur noch als Ressource einige Bedeutung behält. Ich ließ mich daher 1806 in Leipzig in einer Loge aufnehmen, welche nur eben errichtet worden war, weil ich hoffte, in diesem jugendlichen Vereine ein frischeres Leben und eine freiere Bewegung zu finden; da ich jedoch mich in meinen Erwartungen getäuscht sah, übrigens auch die Loge von den übrigen Leipziger Logen nicht als rechtmäßig constituirt anerkannt wurde, so trat ich zur Loge Minerva über, in der ich auch 1811 zum Redner erwählt wurde. In Dorpat fand ich an meinen Collegen Kaisarow und Styx, so wie an einigen Bürgern eifrige Freimaurer, die schon daran dachten, eine Loge, die durch den Kaiser Paul aufgehoben worden war, wieder zu errichten. In Königsberg besuchte ich die dasigen Logen bisweilen und schloß mich 1818 der zu den drei Kronen an, verwaltete in derselben einige Jahre das Amt eines Redners und wurde 1825 deputirter Meister, legte aber zwei Jahre darauf dies Amt nieder, da ich durch strenge Rüge der von einem angesehenen Manne begangenen Unschicklichkeit lebhafte Unzufriedenheit erregt hatte. 1834 wurde ich Meister vom Stuhle, und, um nicht in offenbare Opposition zu treten, ließ ich mich bestimmen, auch die höheren Grade anzunehmen, ohne jedoch mich zu einer thätigen Theilnahme an derselben zu verstehen. 1841 legte ich den Hammer nieder, da die von mir getroffene Einrichtung zu Belebung des geistigen Verkehrs weniger Anklang fand, als ich der Würde des Zwecks und meiner eigenen Ehre angemessen erachtete. Uebrigens verdanke ich meiner Theilnahme an der Freimaurerei manchen erhebenden Genuß, und achte die Zeit, die ich ihr gewidmet habe, nicht für verloren.
Fußnoten

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1 Im Jahre 1814 geschrieben.




 Die Neige des Lebens.[569] 1










Im Winter von 1844/45 begann ich Greis zu werden, wie ich denn auch seitdem in dem Greisenthume ganz ansehnliche[570]  Fortschritte gemacht habe. Neben allgemeiner Entkräftung, insonderheit neben Abnahme der Muskelkraft so wie der Sinnesschärfe, haben sich die physischen Eigenthümlichkeiten der Alterschwäche eingestellt: Vergeßlichkeit, Zerstreutheit, Zaghaftigkeit, Unentschlossenheit u.s.w.
Als Physiolog hatte ich die Meinung, daß das hohe Alter wesentlich mit einer kindischen Geistesschwäche verbunden sei, bestritten und behauptet, daß es nur ein krankhafter Zustand wäre, wenn die Alten kindisch würden. Mein eigenes Beispiel bestätigt diese Behauptung, denn es entwickelte sich bei mir ein Leiden, wahrscheinlich eine Erweichung in dem oberen Theile des Rückenmarks, welches sich zuerst durch wiederkehrenden Schwindel und durch ein Stumpfwerden der Empfindung in den Ulnarnerven der linken Hand verkündigte und allmälig zur Lähmung des Arms und Beins der linken Seite stieg. Was die Ursache dieser Uebel betrifft, so war die Alterschwäche nicht als eine durch übermäßige Anstrengung bewirkte Erschöpfung zu betrachten: ich hatte namentlich im Jahre 1844 nicht angestrengt gearbeitet und beim Universitäts-Jubiläum nur eine angenehme Aufregung gehabt; es war also wohl die in der Nähe der siebziger Jahre natürliche Aufzehrung des mir ursprünglich zugetheilten, nicht sonderlich großen Maßes von Lebenskraft. Für die Lähmung und das dieselbe bedingende Nervenleiden könnte ich zwar als Grund anführen, daß ich zur Zeit der Huldigung einige Mal erhitzt und in Schweiß gebadet von einem kalten Luftstrome getroffen und dadurch Andrang und Stockung des Blutes im Rückenmarke bewirkt worden war; die Hauptursache möchte aber doch wohl in heftigen und anhaltenden[571]  Gemüthsbewegungen zu suchen sein. Zunächst nämlich hatte unstreitig einen vorzüglichen Antheil daran das Mißgeschick, von welchem meine Söhne einerseits in ihren bürgerlichen, anderseits in ihren Familienverhältnissen betroffen wurden. Ich segnete den Tod, welcher meiner geliebten Frau den Schmerz, dies zu erleben, erspart hatte; aber mein eigenes Mitgefühl war nicht in dem Grade abgestumpft, daß diese Ereignisse mich nicht sehr schmerzlich hätten berühren sollen. Auch die betrübende und niederschlagende Wirkung, welche der temporäre Zustand der öffentlichen Angelegenheiten hervorbringen mußte, konnte nicht ohne Einfluß auf meine Gesundheit bleiben, zumal da der Verdruß über die zunehmende Entsittlichung, die immer mehr herrschende Heuchelei oder die politische und religiöse Gedankenlosigkeit mir nicht durch die Freuden glücklicher Häuslichkeit verscheucht wurde.
Mein Gesammtzustand erschien mir von Anfang an um so kläglicher, als er meiner Natur ganz zuwider war und mich unvorbereitet befallen hatte. Es war mir empfindlich, die bisher mit Eifersucht überwachte Selbstständigkeit2, wenn auch nur in ihrer Außenseite, aber hier auf entschiedene Weise eingebüßt zu haben, und beim An- und Auskleiden fremder Hülfe, so wie beim Gehen einer Stütze zu bedürfen. Hierbei ist noch in Betracht zu ziehen die Beschwerde, beim Lesen und Schreiben, so wie beim Hervorholen oder Aufbewahren von Papieren,[572]  Acten und Büchern auf den Gebrauch der einen Hand beschränkt zu sein. Ueberhaupt gewinnen durch diese Einarmigkeit die kleinen mechanischen Verrichtungen, die man täglich vollzieht, ohne sich ihrer deutlich bewußt zu werden und während man sich in Gedanken mit andern Gegenständen beschäftigt, eine ihnen nicht zukommende Bedeutung: sie werden aus automatischen Functionen, die nebenbei ausgeführt werden, zu Geschäften, die eine gewisse Aufmerksamkeit erfordern; und hierbei eben komme ich mir recht kleinlich vor. Ich brauche nicht die Entbehrungen zu erwähnen, die mir in Betreff des gesellschaftlichen Lebens und des Naturgenusses durch die halbseitige Lähmung auferlegt sind. Allerdings ist zum Glück die rechte Hand der Herrschaft des Willens gehorsam geblieben, und indem sie das, was in meinem Geiste sich gestaltet hat, in bleibenden äußeren Formen darstellt, könnte ich wissenschaftlich selbstthätig und mich dadurch beglückt, folglich über das körperliche Leiden emporgehoben fühlen; allein die leidende Stelle des Rückenmarks ist dem Gehirne zu nahe, als daß nicht auch die Function dieses letzteren Organs gestört werden sollte. Ein ernstes Nachdenken fällt mir schwer und ermüdet mich sehr bald, ich fühle mich daher auch nicht dazu aufgelegt, und es bedarf eines ernsten Entschlusses, um die Neigung zur Ruhe zu überwinden. Selbst eine nicht streng wissenschaftliche Lectüre fällt mir schwer; ich habe oft Mühe, den Zusammenhang zu fassen und fest zu halten. So bin ich denn nun auch ausgeschlossen von der thätigen Theilnahme an dem, was die Aufgabe der Zeit ist. Von selbst versteht es sich, wie schmerzlich es mir fällt, daß ich meine physiologischen Grundansichten nicht in weiterer Ausführung vertheidigen und den einreißenden groben Materialismus bekämpfen kann. Da gilt es nun standhaft auszuhalten und diese nutzlos scheinende Verlängerung des Lebens mit heiterer Ruhe zu ertragen. Zum Glücke haben meine naturwissenschaftlichen Studien mich zu religiösen Ansichten geführt, welche mir Trost gewähren. Wie Alles in der Natur immer auf einen Zweck gerichtet und für eine Zukunft berechnet ist, so erkenne ich auch in den Beschwerden, welche mich treffen, ein Mittel, mich[573]  zu einem künftigen geistigen Zustande vorzubereiten. Aber wie soll ich nun wohl diese Zeit der Vorbereitung benutzen? Etwa zu metaphysischen Untersuchungen? Das würden nur müßige Grübeleien werden. Die allgemeinen Wahrheiten der Vernunftreligion stehen unerschütterlich fest; das Uebersinnliche an sich hat den Charakter der Allgemeinheit, und ist aller Besonderheit fremd, die eben nur dem Sinnlichen zukommt, so wie unsere Vernunft eben auch nur das Allgemeine und nicht ein Besonderes zu erkennen vermag. Wie könnte ich nun wohl glauben, bei meiner Entkräftung tiefer einzudringen, als es bei voller Lebensfrische einer die meinige weit überragenden Geisteskraft jemals möglich gewesen ist? Nein, den Glauben bewahren, d.h. festhalten an den Wahrheiten, zu deren Anerkennung eine umfassende Naturbeobachtung in Verbindung mit den Gesetzen der Vernunft uns führt, und von deren Gewißheit wir überzeugt werden, nicht durch Thatsachen, sondern durch die Befriedigung, welche sie unserm Gemüthe gewähren!
Durch die Erfüllung mancher Wünsche bestraft das Schicksal die Anmaßung, mit welcher wir bei unserer Kurzsichtigkeit haben bestimmen wollen, was für uns gut sein werde. Wie die Thorheit überhaupt ihre reichste Quelle in der Einseitigkeit hat, so beruht die Thorheit der Wünsche vornehmlich darauf, daß man ein Verhältniß nur von der einen, sich empfehlenden Seite betrachtet, und die übrigen, nachtheiligen Seiten erst bei Erfüllung des Wunsches kennen lernt. Wenn von den verschiedenen Todesarten die Rede ist, hört man es nicht selten aussprechen, man würde, wenn die Wahl frei stände, den Tod aus Alterschwäche vorziehen. Mir war dieser Wunsch ganz fremd, da ein möglichst in die Länge gezogenes Leben mir nie wünschenswerth erschienen ist; allein ich wünschte nicht urplötzlich und bewußtlos hinweggerafft zu werden, sondern mit Verstand und Besonnenheit aus der Welt zu gehen. Dies ist nun aber bei der über mich verhängten Alterschwäche ganz vorzüglich der Fall, und gerade dieses unerträglich langsame Erlöschen des Lebens ist es, worüber ich jetzt klage. Was ist ein Leben ohne Kraft, ohne rüstige Thätigkeit? Wer an ein thätiges[574]  Leben gewöhnt ist, im Bewußtsein seiner Kräfte sich glücklich gefühlt, und in ihrer Uebung seine größte Freude gefunden hat, für den ist die Entkräftung, wenn sie nicht geraden Weges und schnellen Schrittes zum Grabe führt, ein furchtbares Uebel.
Was leben will, muß Kraft besitzen, zu wirken und sich zu behaupten. Ein Leben, das bei eingebrochener Kraftlosigkeit noch bestehen will, erklären wir für eine eitle Anmaßung, für eine hohle Larve; und wenn es uns im Alter, wo wir es so gern mit einem verjüngten Dasein vertauschen möchten, noch als Loos beschieden ist, so giebt es eine schwer, ach! sehr schwer zu tragende Bürde ab. Je mehr wir erkennen, was es mit der Kraft auf sich hat, je höher wir sie schätzen, um so tiefer beugt ihr Verlust uns nieder; ja wir sind geneigt zu murren: warum nicht der Tod statt dieses kläglichen Zustandes, dieses Pflanzenlebens, dieses dem Vegetiren eines Schwammes gleichen Daseins?
Die in dem Benehmen hervortretende Aeußerung der Alterschwäche, welche den Mangel an Energie durch eine gewisse Hastigkeit zu ersetzen sucht, dieses Zappeln, diese Geschäftigkeit, die nichts zu Stande bringt, dieses Anlaufnehmen, welches alsbald nachläßt und nichts ausrichtet, hatte immer einen widerlichen Eindruck auf mich gemacht, und ich muß es jetzt an mir selbst wahrnehmen. Es gehört große Geduld dazu, mich selbst zu ertragen! Der lebensmüde, nur noch auf die Beschäftigung mit den Trivialitäten des Lebens hingewiesene Geist sehnt sich statt dieses schadhaften Gehirns nach einer neuen, bessern Unterlage.
Man will lieber schlecht als schwach erscheinen. Ganz richtig: erscheinen. Ob aber auch sein? – Auf diese Frage antwortet eine Stimme in uns auf das Entschiedenste: nein! Unser Gewissen sagt uns: ja wir sind oft sehr schwach gewesen, aber, Gott sei Dank, nicht schlecht; und wenn wir bisweilen nicht ganz so gehandelt haben, wie wir gesollt hätten, und wie wir gehandelt zu haben jetzt wünschen, so entschuldigen wir es mit unverschuldeter Schwäche, mit dem beschränkten Maaße der uns verliehenen Kräfte. Und diese Entschuldigung ist kein ganz leerer Vorwand der Trägheit, sondern hat allerdings einigen Grund.[575]  Denn wie gewiß auch unsere Verpflichtung ist, die höheren Kräfte, deren Keim in uns liegt, durch freie, vernunftmäßige Uebung zu entwickeln und auszubilden, daß sie stark und fest werden, so ist doch die Möglichkeit hierzu nicht Jedem von uns in gleichem Maaße gegeben. Die dem Menschengeschlechte im Allgemeinen zukommenden Anlagen und Kräfte sind den Individuen in verschiedenen Graden und Proportionen zugetheilt, so daß dadurch auch gewisse Stufen der Entwickelung bestimmt sind, über welche hinaus diese nicht fortschreiten kann. Ueberdies steht sowohl die Energie der Denkkraft, als auch die Stärke des Charakters mit der organischen Constitution des Individuums und der Stärke seiner Lebenskraft in gar innigem Zusammenhange. Der Stamm unserer Kraft ist also eine Gabe des Himmels, und der von unserem Willen durch ihre Uebung bewirkte Zuwachs bleibt immer nur der geringste Theil derselben. Haben wir sie nun unserer Seits nicht vernachlässigt, so wird der Schmerz über die ohne unsere Schuld erfolgende Abnahme derselben durch das Bewußtsein eines wirklich sittlichen Wollens aufgehoben. Bei der Schwäche unserer Individualität kann eine höhere Kraft, die Kraft des Glaubens, sich behaupten, welche hierbei eben in dem festen Vertrauen auf die Alles umfassende Liebe dessen, von welchem alle Kraft stammt, sich bewährt, und jene Schwäche besiegt. – Der gewöhnliche Trost, mit welchem freundliche Gemüther meinen Klagen über Entkräftung zu begegnen suchen, daß ich nämlich genug gearbeitet hätte und nun nach der Ordnung der Natur die Zeit der Ruhe gekommen wäre, schlägt bei mir nicht an. Denn erstlich bin ich mir wohl bewußt, nicht müssig gewesen zu sein, aber meine Leistungen waren nicht so umfassend und so tief eingreifend, daß sie mir hätten genügen können; ich hätte gern dieses oder jenes Feld der Naturwissenschaft noch weiter bearbeitet. – Sodann fordert der ungestörte Genuß solcher Feierstunden am Ende des Lebens eine größere Gemächlichkeit, und deren Bereitschaft setzt wieder voraus, daß an Stelle der erschöpften persönlichen Kräfte die erforderlichen Geldmittel erworben sind, und hierauf hatte ich nicht gedacht. Durch meinen Gehalt in einen mäßigen[576]  Wohlstand versetzt, hatte ich nicht an Sorgen für meine Zukunft gedacht, und war zufrieden gewesen, daß ich, ohne mich bedeutend einschränken zu müssen, in meiner Haushaltung auskam, auch zu meiner und meiner lieben Frau Erholung von Zeit zu Zeit eine Reise unternehmen konnte. Da ich übrigens keinen übermäßigen Aufwand machte, so hatte ich allerdings ein Sümmchen zurückgelegt, um es den Meinigen zu hinterlassen; allein theils war es nicht bedeutend genug, um mir von den Zinsen wesentliche Bequemlichkeiten schaffen zu können, theils traten Verhältnisse ein, welche es mir meinem Gefühle nach zur Pflicht machten, durch diese Ersparniß meinen Verwandten beizustehen. So mußte denn also mancher Wunsch, zu dessen Befriedigung der Gehalt nicht ausreichte, unbefriedigt bleiben. Gegen meine Lähmung hätte ich z.B. gern in einem warmen Bade Hülfe gesucht; aber bei meiner Alterschwäche hatte ich zu wenig Vertrauen darauf, und so hielt ich es für unrecht, für eine ganz unsichere Aussicht die kleine Summe, welche ich den Meinigen hinterlasse, noch mehr zu schmälern. – Endlich sind meine Umgebungen nicht völlig so heiter, wie man wohl sich wünschen muß, um als Greis in Ruhe sich an den Früchten seiner Thätigkeit laben zu können. Man denkt sich den Greis, welcher seine letzten Tage in heiterer Ruhe verlebt, in der Mitte derer, die ihm die Theuersten im Leben waren; und in der That, hätte ich mein theures Weib noch an meiner Seite, so würde ich alle Mühseligkeiten des Alters und der Krankheit viel leichter ertragen. –

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Ein mir befreundeter Geistlicher, der während der akademischen Säcularfeier von Königsberg abwesend gewesen war, ließ sich nach seiner Heimkehr von dieser Feier erzählen, und als man ihm die mir zu Theil gewordenen Beehrungen geschildert hatte, rief er aus: was bleibt diesem Manne nun anders noch übrig, als der Tod! – Ja, das wäre das höchste Erdenglück gewesen, wenn mit dem Schlusse des Jahres 1844 auch mein Leben geendet hätte. Ich war dieses Glückes nicht würdig, sondern mußte noch die Prüfung erfahren, wie ich in einem Zustande körperlicher und geistiger Entkräftung, in einem Zustande[577]  gezwungener Unthätigkeit ein freudenarmes Dasein ertrüge. So weit bestehe ich hierin, als ich in diesem Geschicke die Vorbereitung für eine weitere Zukunft erkenne. Aber in dem Versuche, die auf dieser Lebensstufe mir gestellte Aufgabe zu lösen, zeige ich mich nur stümperhaft. Das durch die Güte des ewigen Vaters verwöhnte Kind findet die Prüfung hart, und wenn es da oft verzagen will, beweiset es eben, daß es noch eines rauhen Schicksals bedarf, um geläutert zu werden, daß es einen höhern, über die Schwäche des Erdenlebens erhebenden Muth sich aneignen muß. Und dazu helfe mein Gott! Aber er gewährt mir ja auch solche Hülfe. Hat er mir doch liebevolle Kinder und Kindes-Kinder gegeben, hat er mir doch das Herz von Menschen zugewendet, deren Geist und Gesinnung mir Achtung einflößt, deren Wohlwollen mir trübe Stunden erheitert, deren Nachsicht mich ermuthigt, deren Zutrauen mein eigenes Selbstvertrauen stärkt, daß ich nicht murre, noch verzage, sondern mit Heiterkeit dankbar für das genossene, so wie das mir jetzt noch zugetheilte Gute, mein Schicksal ertrage, und in unbedingter Ergebung dennoch mich durchaus frei fühle.
Allerdings bin ich noch weit entfernt, mir diese Stimmung völlig zu eigen gemacht zu haben. Ich habe noch keineswegs die Welt überwunden; ja es giebt Stunden, wo meine Phantasie mir Traumbilder äußern Glücks vorgaukelt, die ich als meiner unwürdig verschmähe, was jedoch nicht ohne einige Anstrengung des Willens möglich ist. Bekanntlich sollen auch die tapfersten Kriegshelden nicht zu allen Zeiten und unter allen Umständen gleich tapfer sein; mit dieser Bemerkung suche ich es zu entschuldigen, daß ich, der ich doch keinen äußern, sichtbaren, sondern einen weit gefährlicheren, innern Feind zu bekämpfen habe, keinen ausdauernden Heroismus beweise.
Ich erkenne es mit Dankbarkeit an, daß mein Loos noch um Vieles härter sein könnte, als es wirklich ist. Mein Leiden des Rückenmarks3 scheint, obgleich es nun schon über zwei[578]  Jahre dauert, nicht an Umfang zu gewinnen: meine Lähmung ist in dieser Zeit noch nicht zu einer völligen Fühllosigkeit und Unbeweglichkeit der linken Gliedmaßen gestiegen, sondern mehr eine lähmungsartige Schwäche geblieben, so daß ich mit einiger Unterstützung noch, wenn auch langsam, gehen kann, und mein übriges Handtieren zwar mühsam von Statten geht, aber dann doch nicht ganz ungeschickt ausfällt. Für meine Gesundheit habe ich nie der Leibesbewegung bedurft, kann also diese in diätetischer Hinsicht leicht entbehren. Die Geschäftsgänge, welche mir als Beamten obliegen, sind nicht zahlreich, und da ich einen Garten am Hause habe, so kann ich mit aller Bequemlichkeit mir einige Bewegung in freier Luft machen; unangenehm bleibt es dabei allerdings, daß ich, vorzüglich durch eine Verringerung meiner Einnahme bestimmt, im Jahre 1845 das nette einspännige Fuhrwerk, das ich seit 1836 gehalten hatte, und welches mir jetzt erst recht nützlich gewesen wäre, habe abschaffen müssen. Was die Hände betrifft, so vermag die rechte mit Hülfe einiger kleiner Kunstgriffe viele Geschäfte für sich allein zu verrichten, wie denn das Wichtigste, das Schreiben, wenig gehindert ist. Wo endlich meine Bewegungskraft nicht ausreicht, steht mir fremde Hülfe zu Gebote. Im gelähmten Arme[579]  habe ich Schmerzen, aber weder anhaltend noch häufig, auch nicht heftig, meine leiblichen Functionen sind im Allgemeinen ganz in Ordnung. So kann ich denn mit meinem Loose noch ganz zufrieden sein und der Ruhe pflegen, die meinem Alter angemessen ist, und mir weder durch Beruf noch durch Gesundheitsrücksichten versagt wird. Aber leugnen kann ich es nicht, daß mir auch diese Beschränkung der Freiheit und Sicherheit meiner Bewegungen sehr empfindlich ist. Für einen Mann, der an Rüstigkeit und vollkommene Beherrschung seiner Gliedmaßen gewöhnt war und fremde Hülfe jederzeit verschmäht hatte, kann es nicht anders als ungemein drückend sein, wenn er bei kleinen Verrichtungen, die den Gebrauch beider Hände voraussetzen, fremder Hülfe bedarf; und wenn auch mein Lage nicht so unglücklich ist, daß ich nicht über fremde Hülfe der Art gebieten könnte, so ist doch schon die Nothwendigkeit solches Gebietens lästig genug. Die gewohnte und mit Bewußtsein gehegte Selbstständigkeit, sei es auch nur im Körperlichen, einzubüßen, ist immer schmerzlich.
Ach, Alles sollte gut sein, könnte ich nur über gewohnter wissenschaftlicher Beschäftigung die körperliche Schwäche vergessen! Solche geistige Thätigkeit hatte meinen Muth aufrecht erhalten in der Jugend, als ich in größter ökonomischer Bedrängniß mich befand, so wie im Alter, als die treue Gefährtin meines Lebens von meiner Seite gerissen wurde; jetzt ist sie durch Alterschwäche und organisches Leiden des Nervensystems unzureichend geworden; die Aufmerksamkeit ist schwach, die Einbildungskraft träge, die Combination schwerfällig, die Productivität erloschen, die Ausdauer gering, und die Arbeit, die sonst meine Freude ausmachte, ist mir unbefriedigend und schaal. Mich reizte der Gedanke, meine Anthropologie, von welcher eine neue Auflage gefordert wurde, umzuarbeiten und zu verbessern, doch nur zu bald überzeugte ich mich, daß meine Kräfte nicht mehr hinreichen, und überließ die Arbeit meinem Sohne; ja selbst den Mittheilungen, welche mir dieser über das, was er gearbeitet hatte, machte, konnte ich nicht auf die Dauer mit Aufmerksamkeit folgen.[580] 
So stehe ich denn körperlich wie geistig ermattet in trübseliger Isolirtheit da. Gleichwohl ist dieser Zustand noch zu neu, als daß nicht Reminiscenzen des frühern sich dagegen geltend machen sollten; das Greisenthum ist zu plötzlich über mich gekommen, als daß ich mich recht darein zu schicken vermöchte; und an meine kräftige Gesundheit war ich zu sehr gewöhnt, als daß das Gefühl des damit verbundenen Vermögens so bald hätte erlöschen können. Daher ist es mir denn bisweilen, als ob ein junger, gesunder Kerl in der siechen Maske stäke, und so fehlt es denn auch nicht an mancherlei Widersprüchen mit mir selbst; mich belebt zu Zeiten der Gedanke einer wissenschaftlichen Aufgabe, der Vorsatz einer literarischen Arbeit, und alsbald verscheucht das Bewußtsein meines Zustandes solche Einbildungen.
Habe ich den Tag mit meist einsamer Lectüre verbracht, so ist es mir für den Abend ein Bedürfniß, neben meinen Angehörigen einen Gesellschafter4 bei mir zu sehen, und ich erkenne es dankbar an, wenn sich Jemand aus Wohlwollen dazu versteht. Aber ich begnüge mich, meinen Wunsch solcher Gesellschaft bloß anzudeuten, und mag nicht darum bitten, da ich weder zugestehen will, daß ich mir nicht selbst genug bin und einer Gesellschaft bedarf, noch auch den Gedanken ertragen[581]  kann, daß man mir aus Mitleid ein Opfer bringe. Dazu kommt, daß der Geistesarme mich langweilt, und den Geistreichen, dem ich an Gedankenfülle nicht gleich komme, ich zu langweilen fürchte.
Viel mehr als sonst gebe ich jetzt auf sinnliche Genüsse, ja ich glaube durch dieselben der gesunkenen Kraft zu Hülfe kommen zu müssen. Es scheint nämlich überhaupt, als ob, um mit reger Kraft in das Gebiet des Uebersinnlichen eindringen zu können, man eine tüchtige Sinnlichkeit bedürfe. Unter den Zügen von der Persönlichkeit geistig ausgezeichneter Männer findet man häufig einen guten Magen, eine derbe Sinnlichkeit, starken Knochenbau, ein festes Fleisch u.s.w., und es kann so sein, da das materielle Leben nicht die Verneinung und das Gegentheil des geistigen, sondern nur die Hülle desselben und das Mittel seiner Verwirklichung im Besondern, seines Hervortretens in der Erscheinung ist, das Aeußere aber auf das Innere zurückwirkt. Bei der unerschöpflichen Mannichfaltigkeit der Verhältnisse kommen zwar auch Fälle von hoher Geisteskraft bei körperlicher Schwäche vor, indeß giebt diese doch auch den geistigen Erzeugnissen eine eigene Färbung. Vergleicht man die Werke von Moses Mendelssohn und von Fichte, von Gellert und von Schelling, so zeigt sich die Verschiedenheit auffallend genug; daß aber bei der in Folge des Alters eintretenden Lebensschwäche die geistige Kraft antagonistisch sich steigern könnte, ist nicht denkbar, vielmehr erfahre ich an mir selbst nur ein entsprechendes Sinken derselben. Hatte ich nun früher bei geistiger Regsamkeit auch der Sinnlichkeit ihr Recht widerfahren lassen, und somit ein gewisses Gleichgewicht unter beiden Sphären zu erhalten getrachtet, so ist jetzt die Materialität durch Verminderung des Gegengewichts überwiegend geworden; und da ich an einen gewissen Grad von Wohlleben auch schon früher gewöhnt war, ist jetzt allerdings ein guter Theil meiner Zeit der Auswahl unter den Mitteln der Gemächlichkeit und des materiellen Behagens gewidmet, so daß ich mir bisweilen ein Versinken in gemeine Sinnlichkeit vorwerfe. Allein, was ich derselben eingeräumt habe, ist immer nur mäßig gewesen und[582]  auch jetzt nicht übermäßig geworden, sondern erscheint nur breiter, weil es nicht mehr wie zuvor durch Selbstthätigkeit gehörig gedeckt wird. Es würde daher auch ein ganz unverständiges Beginnen sein, wenn ich dieser sinnlichen Richtung Abbruch thun wollte. Wie durch Abstumpfung der Sinnesorgane die Anschauung des Uebersinnlichen nicht gefördert wird, so würde eine Kasteiung nur mein leibliches Leben noch mehr herabsetzen, ohne dem geistigen aufzuhelfen.
Da man Alles nach dem Grade schätzt, in welchem es seiner Bestimmung entspricht, den ihm angewiesenen Platz ausfüllt und in der durch seine Wesenheit bestimmten Weise wirksam ist, so achtet man den mit Aufgaben des Denkens beschäftigten Menschen nach seiner geistigen Kraft, und sonach müßte ich in meinem jetzigen Zustande der Entkräftung meinen Mitbürgern, ja mir selbst verächtlich vorkommen. Doch bei mir wenigstens kann ein solches Urtheil nicht aufkommen. Denn ich habe die geistige Kraft, welche mir so manchen hübschen Erfolg verschaffte, nie als ein erworbenes Gut betrachtet, worauf ich stolz sein dürfte, sondern darin immer nur eine mit freudiger Dankbarkeit anzuerkennende Gabe des Himmels gesehen. Wie mir diese Gabe nun ohne mein Verdienst durch günstiges Geschick zu Theil geworden war, eben so ist sie mir jetzt ohne meine Schuld vom Schicksale entzogen.
Ein unangenehmer Zustand kann uns dadurch erträglicher werden, daß wir ihn unserer Anschauung unterwerfen, ihn zum Gegenstande machen, und dadurch von uns abrücken, uns als selbstständig ihm gegenüber stellen. Dies ist aber natürlich um so schwieriger, je tiefer das Uebel sitzt, je mehr es unser Ich selbst angreift, je weniger wir uns also von ihm zu scheiden im Stande sind. Dies ist nun mit mir der Fall: meine geistige Thätigkeit ist geschmälert, und ich erkenne, daß ihre Gebrechen meist nur die durch Alter und Nervenleiden bewirkten Steigerungen natürlicher Schwächen sind. In diesem schmerzlichen Zustande würde meine Frau mit ihrer unbegrenzten Liebe, mit ihrer gesunden Anschauung der Verhältnisse, mit ihrer Charakterstärke mich getröstet, aufgerichtet und gestützt haben.[583]  Wie soll ich nun in meiner Vereinsamung die heitere Ruhe gewinnen und behaupten, mit welcher wir unser Selbst gegen das unvermeidliche Uebel behaupten sollen? Wo soll ich die Kraft hernehmen, um das schwerste Unglück, die Kraftlosigkeit selbst zu ertragen? Der Widerspruch, der in dieser Forderung liegt, wird dadurch gehoben, daß ich der individuellen Kraft, deren Verlust ich beklage, eine höhere Kraft entgegensetze: die religiöse Gesinnung, welche im Anschauen des Unendlichen das Gemüth über die Schmerzen der an der gegenwärtigen Individualität haftenden Unvollkommenheiten erhebt. War ja doch, als ich an der Seite meines geliebten Weibes den ökonomischen Sorgen trotz bot, und den Verlust meiner Tochter, in deren Besitze ich das reinste Lebensglück gefunden hatte, mit Ergebung ertrug, diese religiöse Gesinnung der eigentliche Grund, auf welchem mein Muth beruhte, und die Liebe erleichterte uns nur denselben, indem sie diese Gesinnung theilte. Und als ich wissenschaftlicher Beschäftigung es verdankte, daß ich dem Schmerze über den Tod meines Weibes nicht erlag, so war das eigentliche Wirksame wiederum nur die religiöse Gesinnung.


Die Herolde einer modernen Philosophie haben im Sinne eines krassen Materialismus, in welchen ihre transscendentalen Lehren übergehen, von dem Christenthume wegwerfend geäußert, dasselbe sei eigentlich nur für Schwache und Leidende. Ich gedachte, wenn ich solche Aeußerungen vernahm, der im Specke sitzenden Made, die mit dem Diesseits vollkommen sich begnügt, und nur eine Verlängerung des gegenwärtigen Zustandes begehrt.
Meine innere Erfahrung hat solche Behauptung auf das Entschiedenste widerlegt. Mir war die Religion eine stete Begleiterin im Leben gewesen, und gerade in den Momenten des höchsten Glücks und im Vollgenusse der Kraft hatte ich ihre beseligenden Wirkungen erfahren; daß sie aber auch im Unglücke und im Zustande der Schwäche ihre erhebende Kraft mir bewährt, betrachte ich eben als den vollgültigsten Beweis ihrer Erhabenheit.
Wir dürfen wohl mit Recht vom Christenthume die ihm[584]  fremden Zusätze sondern, welche die christliche Mythologie bilden, nämlich die Erzählungen, welche die Kritik als unhistorisch erweiset, und die Dogmen, welche der Vernunft und der Erfahrung widersprechen. Aber auch selbst der Kern des Christenthums behält eine historische Seite, und ist in so fern den Angriffen des Scepticismus ausgesetzt. Denn die Verkündigung seiner Lehren ist das Ereigniß einer vorübergegangenen Zeit, die That einer Person, über welche wir nur Berichte haben, die der Einseitigkeit und Ungenauigkeit beschuldigt werden können, einer Person, deren Glaubwürdigkeit noch bezweifelt werden kann und nicht durch Zeugnisse zu beweisen ist, deren Glaubwürdigkeit selbst wieder erst des Beweises bedarf. – Vermöge unserer Vernunft schließen wir von der sinnlichen Erscheinung auf einen übersinnlichen Grund, und auf diese Weise gelangen wir durch Betrachtung der Natur zur Erkenntniß Gottes. Die so entstandene natürliche Religion hat durchaus nicht den Charakter des Historischen, ist nicht als ein Ereigniß aufgetreten, leitet ihren Ursprung nicht von irgend etwas Einzelnem, von einer einzelnen Zeit und besondern Persönlichkeit ab, sondern ist das Werk des Menschengeistes überhaupt, welcher, wie er seine Gedanken in äußerlichen Anordnungen ausprägt, in der Ordnung der unendlichen Natur das Wirken des unendlichen Geistes und somit diesen selbst erkennt. Sie ist keine vermittelte, an Einzelnheiten geknüpfte, sondern eine unmittelbare, jedem Menschen als solchem zugängliche Erkenntniß. Nur was wir auf diese Weise erkennen, hat für uns unmittelbare und volle Gewißheit, und zu einer solchen Erkenntniß sind wir als mit Vernunft begabte Wesen auch berufen. – Hat sich Gott dem jüdischen Volke durch Jesus Christus geoffenbart, so offenbart er sich der Menschheit und jedem Gliede desselben zu allen Zeiten und an allen Orten unmittelbar. Diese unmittelbare, allgemeine, Jedem von uns zugängliche Offenbarung ist nun auch der Prüfstein der besondern und mittelbaren. Denn die Erkenntniß wird uns nicht als etwas Aeußeres gegeben, sondern von uns, als von Vernunftwesen, nur durch den Gebrauch unserer eigenen Kräfte erworben, und von der Wahrheit der[585]  Lehre Christi gewinnen wir nur dann eine wirkliche Ueberzeugung, wenn wir finden, daß sie mit der natürlichen Religion, d.h. mit den Gesetzen unserer Vernunft und den Thatsachen der Erfahrung im Einklange steht. – Es genügt uns zu erkennen, daß die christliche Religion durch die natürliche bestätigt, wie auch, wo die Berichte über die Aussprüche Christi nicht klar oder nicht vollständig genug erscheinen, erläutert und ergänzt wird, und daß beide nur als die verschiedenen, einander parallel laufenden Quellen einer und derselben Religion sich gegenseitig unterstützen. Ja wir dürfen nicht einmal behaupten, daß die natürliche Religion das Christenthum entbehrlich machte, denn unseres Wissens hat Niemand die ewigen Grundwahrheiten der Religion so klar und bestimmt ausgesprochen, als Christus und die, welche von ihm belehrt waren, und wenn wir diese Wahrheiten aus der Vernunft und der Beobachtung der Natur abgeleitet zu haben glauben, so wäre es immer möglich, daß wir in Hinsicht auf die Quelle uns selbst täuschten, von den durch das Christenthum erlangten Ansichten ausgingen, und sie nicht selbst, sondern nur ihre Bestätigung in der natürlichen Religion fanden.
Die das Verhältniß Gottes zum Menschen betreffende folgenreiche Grundansicht der Lehre Christi ist übrigens derselben ausschließlich eigen und das gültigste Zeugniß für die Erhabenheit seines Geistes.
Trotz meiner gegenwärtigen Schwäche will ich es versuchen, hier die Grundzüge der Ansichten, welche mich durch's Leben begleiteten und in denen ich jetzt meine Beruhigung finde, in klaren Worten anzugeben.
Eine sinnige Anschauung des organischen Körpers nach seinen Theilen und Thätigkeiten, seiner Entstehung und dem Verlaufe seines Lebens, kurz nach der Gesammtheit seiner Erscheinungen führt zu der Erkenntniß, daß derselbe nichts anderes ist, als die fortwährende Verwirklichung von Gedanken; denn Alles ist hier so geordnet, daß es bestimmten Zwecken entspricht, und so geartet, wie es die Zukunft nöthig macht. Der Gedanke erweist sich als das allein Bleibende und Wesentliche,[586]  indem er von Anbeginn immerfort wirkt und die ununterbrochen zerfallenden Gebilde immer wieder von Neuem schafft, während die dazu dienende Materie beständig wechselt, entweicht und durch neue ersetzt wird.
Hierdurch vorbereitet, erkennen wir nun auch das Weltganze als ein Organisches oder vielmehr als das Urbild alles Organischen, als den ursprünglichen und unbedingten Organismus. Die Alles umfassende Macht des unendlichen Geistes bethätigt sich hier darin, daß allen Einrichtungen und Verhältnissen der Welt Zwecke zum Grunde liegen, jedem Dasein also auch eine bestimmte Zukunft vorschwebt. Diese unendliche Weisheit ist zugleich allwaltende Liebe, welche die Erhaltung alles Geschaffenen beabsichtigt, und in den Einrichtungen der Welt, in den Verhältnissen der Dinge einen Einklang setzt, welcher das Bestehen und das Wohl alles Einzelnen möglich macht und dabei auch das Geringste, Kleinste nicht übersieht. Dabei fehlt es im Einzelnen allerdings nicht an Disharmonieen. Wie nämlich die göttliche Idee unendlich ist, so ist auch die aus ihr, als der inneren Einheit, hervortretende Mannichfaltigkeit der Erscheinungen unendlich, und daher der Gang der Welt kein Mechanismus, dessen Räder in strenger Regelmäßigkeit einmal wie allemal in einander greifen, so daß dieselbe Wirkung in trockener Einförmigkeit sich immer nur wiederholt, sondern er ist ein ewig frisches, lebendiges Regen der Kräfte, die in den mannichfaltigsten Verhältnissen zusammenwirken und immerfort neue Erscheinungen darbieten, denn alles Geschaffene soll die ihm verliehene Kraft üben, d.h. das, was der Möglichkeit nach in ihm enthalten ist, zur Wirklichkeit bringen, und was bisher als Inneres bestand, als Aeußeres hervortreten lassen. Indem nun solchergestalt das Einzelne auf das Andere wirkt, kann es bald dasselbe durch sein Uebergewicht unterdrücken, bald unter dessen Uebermacht erliegen, in beiden Fällen aber die Harmonie gestört werden, vermöge deren alles Einzelne besteht. Dieses Mißverhältniß gestaltet sich nun als mannichfaltiges Uebel. Doch die Naturkräfte, die hier in Ungebundenheit ein wüstes Spiel zu treiben scheinen, hören nie auf, Werkzeuge zur Verwirklichung[587]  der göttlichen Idee zu sein. Denn zuvörderst ist das Uebel immer nur einseitig und trifft nur Einzelnes, nicht das Ganze, wie denn die Krankheit immer partiell ist und nur einzelne Momente des Lebens ihrer Bestimmung entfremdet. Ein Verhältniß, welches in der einen Beziehung verderblich ist, wirkt in der andern wohlthuend. Sodann werden die Folgen des Uebels durch Wiederherstellung des Gleichgewichts aufgehoben. Wie im organischen Körper die durch den krankhaften Zustand selbst herausgeforderte Heilkraft der Natur die organischen Thätigkeiten zu der Harmonie zurückführt, bei welcher allein das Leben gedeihlich besteht, so gleichen sich in allen Verhältnissen die Disproportionen aus: auf Hungersnoth folgen fruchtbare Jahre, und nach der Entvölkerung eines Landes durch Krieg oder Pest tritt eine größere Fruchtbarkeit im Volke ein. – Vieles geht zwar unter, ohne sich völlig entwickelt und seine Bestimmung erfüllt zu haben; unzählige Keime, der überschwänglichen Schöpfungskraft entsprossen, unterliegen der Uebermacht der in Beziehung auf sie unharmonisch wirkenden Naturkräfte. Aber dieses Loos trifft eben nur Keime, Körper, welche noch ganz dem äußern Dasein angehören und mit der immerfort wechselnden Materie, aus welcher der in fortwährender Zerstörung und Wiederbildung begriffene organische Körper besteht, auf gleicher Linie stehen. Wo dagegen das Dasein zur Wesenheit gediehen ist, wo die in den ewigen Gesetzen der Natur wirksame Vernunft selbst in individuellen Formen und als besondere Lebensthätigkeit auftritt, wo also der Kern des Lebens, der schöpferische Gedanke in reiner Geistigkeit persönlich wird, da ist solcher Untergang nicht möglich. Wie im organischen Körper bei stetem Wechsel der Materie nur der die Verhältnisse der Einzelheiten bestimmende Gedanke des Organismus das Bleibende ist, wie die einzelnen Pflanzen und Thiere entstehen und untergehen, während ihre Gattungen fortdauern, die eben nicht in der sinnlichen Wirklichkeit in einer gegebenen Zeit und an einem gegebenen Orte existiren, sondern nur Gedankenbilder, Begriffe sind, so muß der persönlich gewordene, selbstbewußte Gedanke den organischen Leib überleben. Der Mensch, der[588]  durch die Idee des Unendlichen, durch die Ideale des Wahren und Guten über das Gebiet des Sinnlichen sich erhoben hat, kann sich nicht in seiner Individualität auf dies Gebiet beschränkt sehen; der Gedanke: Gott, der in ihm lebendig geworden ist, sichert ihm eine höhere Form des Daseins nach seiner irdischen Laufbahn. Ist dies der Fall, so ist letztere nur ein Abschnitt seines Lebens, eine Alterstufe, auf welche noch eine höhere folgt, mithin eine Vorbereitung auf diese, da überhaupt jedes Lebensalter für das nächste berechnet ist, dasselbe vorbereitet und einleitet. Wenn nun der einzelne Mensch vermöge der in ihm persönlich gewordenen Vernunft, die sonst nur in der Gesammtheit der Einzelheiten, z.B. in einer Gattung von Wesen, als wirkend und bestimmend sich zeigt, einer solchen gleich zu achten ist, so muß auch der Gang seines persönlichen Lebens gleich dem allgemeinen für die Individuen einer ganzen Gattung gültigen Lebenslaufe ein Organismus in der Zeit sein, welchem ein bestimmter Plan zum Grunde liegt. Wer findet nicht, wenn er den Gang seiner Erlebnisse überlegt, eine gewisse Einheit darin, so daß ein ganz unerwartetes Schicksal sich durch die spätern Verhältnisse erklärte, auf welche es vorbereitet und zu denen es uns geschickt gemacht hat? Und wenn hier blos einzelne Stellen im Gewebe unseres Geschickes von einem schwachen Lichtschimmer berührt werden, so gewinnen wir dagegen durch die vernunftgemäße, auf Analogie der Naturerscheinungen, als der ewigen Offenbarung Gottes, sich stützende und in unserm innersten Wesen in der Tiefe unseres Gemüths Bestätigung findende Vorstellung von dem Verhältnisse Gottes zum Menschen die Ueberzeugung, daß auch unser persönliches Schicksal von einem liebevollen Vater geordnet ist. Die Ereignisse in der Welt werden durch Umstände herbeigeführt, welche in einem für das menschliche Auge undurchdringlichen Gewirre von Millionen Fäden bestehen, so daß der Verstand es nicht zu fassen vermag, wie die durch das Zusammentreffen zahlloser, einander ganz fremdartiger, in Hinsicht auf Bedeutung und Gewicht durchaus verschiedener Umstände bewirkten, also den Charakter der Zufälligkeit tragenden Schicksale des einzelnen Menschen[589]  von Gott bestimmt sein sollen. In der That muß letztere Ansicht als eitle Einbildung, als leerer Wahn erscheinen, wenn man sich das göttliche Wesen in menschlicher Beschränktheit denkt und ihm eine von uns zu begreifende Handlungsweise zuschreibt, wie dies unsere Altgläubigen in ihren mythologischen Dogmen thun. Aber hier kann eben von einem Begreifen nicht die Rede sein: Die Idee des Unendlichen ist uns nur Gegenstand der Anschauung, nicht der zergliedernden Verstandesthätigkeit und des Begreifens. Die kühnen Bilder, daß die Haare auf unserm Haupte gezählt sind, und daß kein Sperling ohne Gottes Willen vom Dache fällt, bezeichnen auf treffende Weise die Unermeßlichkeit des göttlichen Waltens. Hier ist das Feld des Glaubens. Haben wir nämlich eine solche auf vernunftgemäße Betrachtung der Natur als der ewigen Offenbarung ihres Schöpfers gegründete, in unserem innersten Wesen in der Tiefe des Gemüthes Bestätigung findende Vorstellung von Gott gewonnen, so fühlen wir die Bedürfnisse unseres Herzens befriedigt, und in diesem Gefühle der Seligkeit halten wir daran mit aller Kraft unserer Seele, nehmen die nach den Gesetzen der Vernunft nothwendig daraus sich ergebenden Folgerungen an, auch wo die nähere Erkenntniß unserem Verstande unzugänglich ist, weil eben dessen Ermessen nicht in das Gebiet des Unermeßlichen zu reichen vermag. Diese innerste, dem Gemüthe inwohnende, feste, mit dem Gefühle des eigenen Ichs einige Ueberzeugung ist eben der Glaube, und solcher begreift auch den Gedanken in sich, daß wir, die wir den Unendlichen denken können und deßhalb ihm näher als alle anderen Geschöpfe stehen, eine durch seine väterliche Güte bestimmte Laufbahn vor uns haben, daß unsere Schicksale nicht vom blinden Ungefähr abhängen, sondern einem für die Zukunft berechneten Zwecke entsprechen, einem Zwecke, der kein anderer sein kann, als durch Vorbereitung für einen künftigen vollkommneren Zustand unser wahres Wohl zu fördern, zu unserer Vervollkommnung zu führen.
Sonach beruht denn die Erhebung und der Trost, welche mir die Religion gewährt, auf zwei Grundgedanken, welche sich[590]  aus einer vernunftgemäßen Anschauung der Natur ergeben und in Christi Lehre klar und einfach ausgesprochen sind. Erstlich: in der Ordnung der Welt sind die Verhältnisse so eingerichtet, daß sie das Bestehen aller Wesen gestatten und ihre Entwickelung begünstigen; es ist für das Wohl eines jeglichen Wesens gesorgt, daß es sich ausbilden, den Zweck seines Daseins erreichen und, in sofern es der Empfindung fähig ist, die Lust des Daseins genießen kann. Sinniger und treffender ist dies nicht ausgesprochen worden, als von Christo, indem er den Schöpfer der Welt unter dem Bilde eines liebenden Vaters aller seiner Geschöpfe darstellt. Allerdings gehen unzählige Individuen wieder unter, wie sie aus der überschwänglichen Productionskraft der Natur hervorgebracht sind, ohne ihre Bestimmung erfüllt, ihr Dasein genossen zu haben; aber dies trifft eben nur Individuen: die Gattung besteht, weil sie nichts Einzelnes, Besonderes, sondern etwas Allgemeines, Ideelles, ein Gedanke ist. Im Menschen nun ist die Individualität durch die ihm inwohnende Vernunft zur Persönlichkeit erhoben, indem sie das Allgemeine, Umfassende, Ideelle anschaut. Dadurch wird denn das menschliche Individuum auf die Stufe gestellt, auf welcher von andern organischen Wesen nur die ganze Gattung steht: es hat vermöge seiner Vernunft Antheil an der schöpferischen Kraft, und kann demnach nicht untergehen wie die lebenden Körper.
Der zweite Grundgedanke ist der, daß die Gegenwart überall auf eine Zukunft abzweckt. Was die Natur in der Metamorphose der Insecten mit Fracturschrift aufgezeichnet hat, daß der jedesmalige Zustand nicht um seinetwillen gegeben ist, sondern seine Bedeutung nur darin findet, daß er für einen folgenden Zustand vorbereitet, dieselbe Wahrheit finden wir auch in dem menschlichen Leben, wenn wir es recht betrachten, ausgesprochen. Ja, wer mit reinem Sinne den Zusammenhang seiner Schicksale erwägt, überzeugt sich, daß manches Erlebniß ihn offenbar vorbereitet hat für eine Lage, in welche er späterhin gerathen ist; und er versöhnt sich in dieser Ueberzeugung mit seinem Geschicke, und preiset als wohlthätig in ihren Folgen eine Begebenheit, welche ihn bei ihrem Eintreten schmerzlich[591]  berührt und nur verderblich geschienen hat. Auf solcher Grundlage erhebt sich der Glaube an eine väterlich gütige Vorsehung. Wenn aber die Befangenheit in der sinnlichen Sphäre meint, Gott könne nicht so für jeden einzelnen Menschen sorgen und die Schicksale zu dessen Wohle ordnen, so hat das Christenthum dies Bedenken beseitigt, indem es auf die Unendlichkeit Gottes auch in dieser Hinsicht, vor welcher nichts klein und nichts groß ist, hinweist. –
Welcher Mensch hätte nicht schon die Erfahrung gemacht, daß er aus jedem glücklich bestandenen Kampfe gegen ein Ungemach mit gesteigertem Bewußtsein seiner Kraft, mit lebendigerem Selbstgefühle, mit freudigerem Lebensmuthe hervorgegangen ist? Wenn nun dies Unglück über uns einbricht, und die Freuden unseres Lebens immer mehr schwinden, so muß dies auch einen in unserer Zukunft nach dem Tode liegenden Zweck haben. Diese unsere Zukunft kann nur in einer höheren Entwickelung unserer geistigen Natur, also in einer innigeren Vereinigung mit der Gottheit bestehen. Wie nun schon die normalen Zufälle des hohen Alters durch fortschreitende Ablösung von dem Sinnlichen als Vorbereitung zu einem solchen Zustande dienen, so wird auch die, mir allerdings schmerzliche Lage, in welche ich, während mein Leben sich zum Ende neigt, gerathe, die Vorbereitung zu einem neuen Leben sein, sie wird mich zu diesem geschickter machen, meine Vervollkommnung fördern. Dadurch, daß ich in dieser trüben Zeit mit heiterem Vertrauen auf die auch mich umfassende Vaterliebe Gottes das Uebel ertrage und ohne Ungeduld den Ausgang aus diesem Leben abwarte, werde ich ja von der Kraft Gottes immer mehr durchdrungen, selbst dem Unendlichen immer mehr genähert, mit ihm immer inniger verbunden; und in diesem Bewußtsein liegt eine Seligkeit, welche alle Schmerzen der Erde überwindet! –[592] 


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Karl Friedrich Burdach ist am 16. Juli 1847 gestorben. Während seines letzten Lebensjahres war er in Zwischenräumen von fünf bis acht Wochen durch Anfälle gesteigerter Schwäche heimgesucht worden, welche, den Charakter der passiven Hirncongestion an sich tragend, ihn in dem Zustande eines unruhigen aber schmerzlosen Halbschlafes auf dem Lager zurückhielten. Nach der Anwendung ableitender Mittel pflegten solche Anfälle in zwei bis drei Tagen vorüberzugehen und einem erfrischten Lebenszustande Platz zu machen. Ein ähnlicher, am 10. Juli eingetretener Anfall ließ durch seine Intensität sehr bald die Befürchtung Raum gewinnen, daß er der letzte sein werde. Nachdem der verehrte Greis bis zum 15. Juli seine Umgebungen und die ihn besuchenden Freunde bei einigem Zureden noch erkannt, im Uebrigen aber sich ganz passiv verhalten hatte, trat am 16. um 5 Uhr Morgens Agonie ein, und gegen 11 Uhr entschwand ohne alle Zeichen eines Schmerzenskampfes der letzte Athem aus der oft bewegten Brust.
Schon lange auf den Tod vorbereitet, hatte der Verewigte seinen letzten Willen schriftlich an seine Söhne hinterlassen. Ein solches hinterlassenes Schreiben war folgenden Inhalts:

In Betreff meiner Bestattung und dessen, was sonst meine Persönlichkeit betrifft, setze ich Folgendes fest, in der Erwartung, daß Ihr, meine lieben Söhne, meinen Willen gewissenhaft befolgen werdet.
1) Die Anzeige von meinem Tode in den hiesigen Zeitungen sei so kurz und einfach als möglich, nur von Euch unterschrieben und nur in Eurem Namen. Leichenreden sind als Lügenreden berüchtigt; eben so zweideutig sind die[593]  officiellen Todesanzeigen, deren Verfasser, wenn sie aufrichtig sein wollten, oft vorzüglich nur das an dem Verstorbenen loben würden, daß er endlich Platz gemacht hat. Aehnliches zu vermeiden und überhaupt Niemandem das Recht einzuräumen, daß er mir einige schaale und zweideutige Lobsprüche in den Zeitungen nachschickt, ist mein Wille. Es wird angemessener sein, daß ein Freund deshalb die nöthigen Schritte thut, als daß Ihr Euch damit befaßt; auf beiliegendem Blatte habe ich Herrn Professor Hayn ersucht, durch Uebernahme dieses Geschäfts mir den letzten Freundschaftsdienst zu erweisen.
2) Ich will einen einfachen, schmalen Sarg von gewöhnlichem Holze, in der ursprünglichen einfachen Form eines Sarges, ohne Untersatz, Hohlkehle u. dgl.; schwarz angestrichen oder mit schwarzem Wollenzeuge überzogen, ohne Handhaben, Schild oder irgend eine Verzierung,
3) Ich wünsche bei frühem Morgen, wo noch Alles still ist, begraben zu werden. Nur Ihr mit Euren Kindern sollt mich zum Grabe begleiten; andere Begleitung sollt Ihr nicht bloß verbitten, sondern auch ernstlich abwehren. Wer es für werth hält, mein Andenken in Sinn und Herzen zu bewahren, wird eben dadurch mich ehren und belohnen; eine Leichenbegleitung ist durch Standesverhältnisse, Rücksichten, Eitelkeit und gedankenlose Schaulust überall zu Stande zu bringen, und kann keine Ehre machen.
4) Aus mehreren Gründen, namentlich weil ich im Leben nicht mit vier Pferden gefahren bin, auch kein Pferd meinetwegen Trauer anlegen soll, verlange ich getragen, nicht gefahren zu werden. Damit die Träger den weiten Weg rasch zurücklegen können, kann ihre Zahl vermehrt werden. Daß der Sarg auf der Bahre ohne Schilder und ähnlicher Firlefanz bleibt, brauche ich nicht zu erinnern.
5) Mein Sarg kommt in das Grab meiner lieben Frau, und auf deren Sarg. Der Grabhügel wird dann wieder[594]  eben so aufgeführt, wie er jetzt ist; der aus Leipzig (von dem Grabe der Tochter) erhaltene Epheu daran gepflanzt, wozu aber gute Erde eingegraben sein muß. Die Gedächtnißtafel ist gleich der meiner Frau einzurichten und natürlich ohne Titel; sie wird über der meiner Frau befestigt, wozu sie Raum genug findet, da sie nur zwei Zeilen enthält, also nicht so hoch zu sein braucht.

In dem Schreiben an den Herrn Professor Hayn, welcher ihm nicht nur als Freund und Arzt, sondern auch in seinem Verhältnisse zur Universität, zum Medicinal-Collegium und zur Freimaurerloge nahe gestanden hatte, spricht sich der Verewigte in folgender Weise aus:

»Es ist eine schöne Sitte, den letzten Willen eines Menschen zu ehren. Es liegt darin die Anerkennung, daß der Verstorbene aus der Reihe der geistigen Wesen nicht ausgestrichen ist: man räumt ihm noch die Rechte ein, welche ihm während seines Lebens zugekommen waren; ja man geht weiter, und ist geneigt, etwas ihm zu Liebe zu thun, indem man seine Wünsche in gleichgültigen Dingen, wo er kein Recht zu Forderungen hatte, erfüllt.
In der Meinung, einer gleichen Gunst nicht unwerth zu sein, verbitte ich mir alle und jede Ehrenbezeigungen nach meinem Tode, weil sie meiner Natur ganz zuwider sind. Der äußere Schein hat bei mir seit jeher wenig gegolten, und die Eitelkeit hat nur wenig Herrschaft über mich gehabt. Oeffentliche Auszeichnungen haben auf doppelte Weise mich unangenehm berührt: das eine Mal vergegenwärtigten sie mir meine Schwächen, indem sie mich veranlaßten, meine Leistungen mit dem, was ich eigentlich zu leisten strebte, zu vergleichen; ein anderes Mal drängte sich mir der Gedanke auf, daß ich solche Auszeichnungen dem Zufalle zu verdanken und mit Personen, die ich nicht achten konnte, zu theilen hatte. In beiden Fällen war es Stolz, dort auf mein Streben, hier auf meine Wirksamkeit, was mir jene Aeußerlichkeiten lästig machte. Der schönste Lohn, der mir von außen her kommen konnte, war[595]  der stille Händedruck eines Mannes, der mit meinem Wirken zufrieden war, und die aus der Ferne kommende vertrauliche Aeußerung der Zustimmung.
Dem gemäß wünsche ich nun auch, daß von Seiten des Medicinal-Collegiums, des akademischen Senats und deren Vorständen keine Anzeige meines Todes in den Zeitungen erscheine. Solche Belobungen sind zu abgenutzt, als daß ich nicht gern darauf Verzicht leisten sollte. Wenn die Behörden bei solchen Gelegenheiten sich mit schönen Redensarten in Unkosten stecken, so ist dies eitle Verschwendung; denn sie finden als eingeführte Formalitäten keinen Glauben, dafür aber desto mehr Kritiker und Krittler, bei welchen der Belobte wie der Belobende schlecht zu stehen kommt.
Desgleichen bitte ich die Loge inständigst, mein Andenken mit einer Trauerfeierlichkeit zu verschonen, indem ich nur wünsche, daß es im Herzen der Brüder sich erhalten möge. Haben die Brüder meinen Sinn erkannt, so werden sie den Gedanken aufgeben, mich durch solche Ceremonie ehren zu wollen.
Gemeiniglich findet man sich mit den Todten durch eine Ehrenbezeigung ab: durch Belobung, oder Ceremonie, oder Begleitung zum Grabe. Auch letztere verbitte ich mir; es hat keinen Werth für mich, daß man mich einscharren sieht, denn solche Gunst versagt man auch dem nicht, der uns sehr gleichgültig gewesen ist; vielleicht kommt späterhin Jemand auf den Gedanken, in wohlwollender Erinnerung meinen und meiner Frauen Grabhügel einmal zu besuchen.
Herrn Professor Hayn bitte ich, den genannten Behörden so wie der Loge meinen Wunsch vorzutragen, und dieselben zu dessen Gewährung zu bestimmen. Im Voraus sage ich Ihm für diesen letzten Freundschaftsdienst herzlichen Dank.«

Dem Wunsche des Verewigten entsprechend, ist jede öffentliche Anzeige hinsichtlich seines Todes von Seiten der Behörden[596]  unterblieben; privatim aber hat der Regierungsbevollmächtigte und Curator der Universität die Hinterbliebenen mit folgender, an den Professor Burdach gerichteten Zuschrift beehrt:

Ew. Wohlgeboren gütige Mittheilung über das Absterben Ihres um die Universität und die Wissenschaft hochverdienten Herrn Vaters hat mich mit tiefem Schmerze erfüllt, nicht nur, weil die Universität eine ihrer ersten Zierden in Ihm verloren, sondern auch, weil ich in Ihm stets einen Freund verehrt habe. Ich erfahre durch eine Zuschrift des Herrn Professor Hayn, daß der Verewigte öffentliche, behördenmäßige Bekanntmachungen seines Absterbens nicht gewünscht habe, daher entspreche ich seinem Willen, indem ich das volle Anerkenntniß seiner erfolgreichen Leistungen und den Dank der von mir im Allerhöchsten Auftrage verwalteten Universitäts-Behörde in den Schooß seiner Familie niederlege.

gez. Reusch.

Die Beerdigung wurde natürlich ganz dem Willen des Verewigten gemäß eingerichtet, doch konnte sich's eine große Anzahl von Freunden und Verehrern desselben nicht versagen, am 21. Juli Morgens 6 Uhr sich auf dem altstädtischen Kirchhofe einzufinden, um seiner Bestattung beizuwohnen. Von einem Sängerchore maurerischer Brüder wurde vor, während und nach der Einsenkung ein Choral ausgeführt und ein befreundeter Prediger sprach in wenigen Worten den Segen über den Entschlafenen.
Auch zu der Lebensgeschichte und Charakteristik des Würdigen soll hier nichts mehr hinzugefügt werden.

Sanft ruhe seine Asche!
Fußnoten
1 Der Verfasser dieser Selbstbiographie hatte in dem Gefühle seiner hohen geistigen Kraft nicht nur dem Tode mit seltener Ruhe entgegengesehen, sondern auch die Ueberzeugung gewonnen, daß ihn die letzte Lebensstunde noch bei vollem Bewußtsein finde, er mithin auch bis zu dieser seine Lebensbeschreibung selbst fortzuführen im Stande sein werde. So hinterließ er seinen Söhnen in einem, wahrscheinlich schon im Jahre 1845 aufgesetzten Schreiben die Weisung: »Ihr findet das Manuscript meiner Biographie in zwei versiegelten Paketen, und bitte ich Euch, dieselben uneröffnet an Freund Boß abzuschicken und auszubedingen, daß der Druck alsbald beginne.« – Leider aber hatte der sonst so kräftige und klare Geist, dem Leiden seines Organs zu widerstehen und die letzte selbstgestellte literarische Aufgabe vollständig zu lösen, nicht vermocht: nur der erste Theil der Biographie fand sich vollständig zur Absendung verpackt und versiegelt vor; ein zweiter Theil war zwar auch schon in der Reinschrift vollendet, ließ aber erkennen, daß der Autor noch in seinen letzten Tagen den unglücklichen Versuch gemacht hatte, das früher Niedergeschriebene durchzusehen und zu ordnen; für den dritten, als Neige des Lebens bezeichneten Theil end 
lich wurden nur einzelne zerstreute Blätter vorgefunden. Diese letzteren zeigten deutlich, wie eifrig der Verfasser gegen die durch Alter und Krankheit bedingte Schwäche gekämpft und wie sehr ihm die Vollendung seines Werkes am Herzen gelegen hatte; wie er nämlich überhaupt gewohnt war, streng nach einer vorher entworfenen Disposition zu arbeiten, so hatte er auch über die in dem letzten Abschnitte seiner Biographie abzuhandelnden Gegenstände ein systematisches Verzeichniß (in drei nicht ganz übereinstimmenden Exemplaren) aufgesetzt, und so oft er sich an einem heitern Tage seines Lebensrestes körperlich wohler und geistig kräftiger gefühlt hatte, war er mit Eifer an die Bearbeitung eines solchen Gegenstandes gegangen, bis er ermattet die Arbeit hatte aufgeben müssen, um sie an dem nächsten günstigen Tage von Neuem zu beginnen. So enthielten denn diese zurückgelassenen Blätter viel wiederholt Angefangenes und nur Bruchstücke. Diese sind hier zu einem Capitel zusammengefügt. Die redigirende Hand hat, um die Aechtheit zu bewahren, nichts hinzugethan, als einzelne verbindende Worte, sie hat aber auch außer ganz offenbaren Wiederholungen nicht weggelassen zu dürfen geglaubt, weil all diese aus der Feder des schon im allmäligen Hinscheiden begriffenen Verfassers hervorgegangenen Mittheilungen und Betrachtungen trotz ihrer Mangelhaftigkeit ganz geeignet scheinen, einen richtigen Blick in dessen Charakter und Denkungsweise werfen zu lassen und darnach demselben auch die Herzen derjenigen Leser zu gewinnen, welche bis dahin vielleicht noch kein lebhaftes Interesse für ihn gefaßt haben möchten.

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Dies zur Entschuldigung, wenn der Zusammenhang des in diesem Capitel Enthaltenen etwas locker erscheint und Wiederholungen nicht ganz vermieden worden sind.

2 Diese dem Autor eigen Liebe zur Selbstständigkeit war so groß, daß er nach dem Tode der Gattin durch alles Bitten und Zureden von Seiten seiner Freunde und Verwandten nicht vermocht werden konnte, Jemanden zur Führung der Wirthschaft und zu seiner besondern Pflege ins Haus zu nehmen, vielmehr bis an sein Lebensende sich mit der niedern Dienerschaft behalf, was freilich in den Tagen der Schwäche ihm seine Vereinsamung um Vieles fühlbarer machen mußte. So hatte er auch die ersten Anfänge seines Nervenleidens längere Zeit verborgen gehalten; und bei schon weit vorgeschrittener Lähmung nahm er die angebotene Unterstützung nur nothgedrungen und mit einigem Widerwillen an, ganz besonders unangenehm aber waren ihm immer die sorgliche Aufmerksamkeit und die Hülfsleistungen von Fremden.

3 Das Leiden hatte wohl nicht ursprünglich in dem Rückenmarke seinen Sitz, bestand vielmehr wahrscheinlich in einer örtlichen Hirnerweichung. Dasselbe äußerte sich zuerst durch wiederholte Anfälle von Schwindel mit momentanem Schwinden des Bewußtseins, welche, ohne besondere Veranlassung bei ganz ruhigem Verhalten eintretend und nicht bis zu wirklicher Ohnmacht sich steigernd, von dem Patienten um so leichter vor seiner Umgebung verborgen werden konnten, als Bekannte ihn auch bei der lebhaftestes Conversation zu Zeiten ganz schweigsam zu sehen gewohnt waren. Er selbst hatte lange bevor die unvollkommene halbseitige Lähmung eintrat, gegen seine Angehörigen die Befürchtung ausgesprochen, daß sich eine Hirnerweichung bei ihm entwickele; nachdem aber jene eingetreten war, hatte er diese Meinung aufgegeben, und ein Rückenmarksleiden diagnosticirt. Für die Annahme einer organischen Affection des Gehirns spricht unter andern der Umstand, daß eine mäßige Erschütterung des Körpers beim Fahren auf schlechtem Steinpflaster oder sonst holperigem Wege sich dem Patienten besonders im Gehirne fühlbar machte, er auch öfter einen dumpfen Kopfschmerz bekam, von dem er seit seiner Jugend durchaus frei gewesen war. – Eine Section ist nach dem Tode nicht vorgenommen worden, da kein die practische Heilwissenschaft förderndes Resultat zu erwarten stand.

4 Dank der treuen Anhänglichkeit mehrerer Freunde und Verehrer hat es unserm Autobiographen bis zu seinem letzten Lebenstage nur selten an solcher Gesellschaft gefehlt. Uebrigens werden die gesellschaftlichen Abende in seinem Hause, wenn auch von einer gewissen Seite her öffentlich begeifert, gewiß den Theilnehmern noch lange in lebendiger Erinnerung bleiben; denn sie waren, so lange der von Allen geliebte und dabei doch mit einer, gewisse Schranken aufrecht erhaltenden Ehrfurcht betrachtete Greis noch selbst lebhaften Antheil nahm, die Conversation leitete oder durch einzelne hingeworfene Lichtfunken des Geistes erhellte, wahrhaft genußreich, und auch noch, als die gesteigerte Alterschwäche ihn dabei mehr theilnahmlos erscheinen ließ, konnte wohl der Hinblick auf das, herzliches Wohlwollen und innige Freude über die heitere Umgebung aussprechende, ehrwürdige Antlitz, so wie der ungeheuchelt ausgedrückte Dank beim Abschiede für etwanige Mängel hinlänglich entschädigen.




Rückblick auf mein Leben.
Selbstbiographie von Karl Friedrich Burdach.
Nach dem Tode des Verfassers herausgegeben.













Vorwort


1. Die Bildung

1. Abstammung
2. Vorschule
3. Niederes Schulleben
4. Höheres Schulleben
5. Universitätsleben
6. Candidatenleben



2. Die Prüfung

A. Erstes Stadium
B. Zweites Stadium
C. Drittes Stadium



3. Die Reife

A. Erstes Stadium. Dorpat
B. Zweites Stadium



4. Das Welken

1. Meine Frau
2. Der Wittwer
3. Literarische Thätigkeit
4. Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten
5. Amtliche Wirksamkeit
6. Beehrungen
7. Freundschaft



5. Ich selbst

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1. Geisteskräfte
2. Gemüthseigenschaften
3. Gesammtcharakter
4. Fixe Ideen
Die Neige des Lebens



Namen-Verzeichniß



