
                                 Aston, Louise

                                     Lydia

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                                  Louise Aston

                                     Lydia

 So bitter ist ein ganzes Meer von Galle nicht,
 als eines stolzen Weibes Thrne,
 der eig'nen Schmach geweint!


                                 Erstes Kapitel

Das nenn' ich in der That ein eigenthmliches Spiel des Zufalls, Cornelia, da
ich Sie hier wiedertreffen mu! - rief ein junger Mann in elegantem Reisekostm
auf der Promenade des deutschen Bades Pr---t einer nicht minder elegant, aber
weniger geschmackvoll gekleideten Dame zu, deren ganze Erscheinung den Eindruck
machte, als wollte sie den natrlichen Reiz der Jugend, welcher den Zgen ihres
Gesichts bereits entflohen war, durch knstliche Mittel mit Gewalt an sich
fesseln.
    Des Zufalls, lieber Baron? des Glcks, wollen Sie sagen. - Wahrhaftig des
Glcks, fr mich wenigstens - setzte sie mit halb aufrichtiger, halb ironischer
Stimme hinzu, whrend ein eigenthmliches Lcheln um ihren farblosen, dnnen
Mund spielte.
    Bekanntlich hat der Mensch vor den Thieren - den Affen etwa ausgenommen -
unter vielen anderen Vorzgen hauptschlich zwei, die ihn ganz besonders
charakterisiren: das Lachen und das Weinen. Von diesen ist aber wiederum das
Lachen eine Fhigkeit, die die meisten und mannichfaltigsten Modificationen
besitzt, vom Grinsen des Kretins und des Affen bis zum feinen, viel deutigen und
nichts sagenden Lcheln des Diplomaten, vom einfltig ehrlichen Ausbruch der
derben Frhlichkeit des Bauernsohns bis zum huldreichen Beifallslcheln eines
erhabenen Mcen. In allen diesen verschiedenen Arten und den unzhligen
dazwischen liegenden helleren oder dunkleren, zarteren oder grberen
Schattirungen zeigt sich mehr als in irgend einer andern geistigen Funktion und
Seelenuerung des Menschen das treueste und markirteste Abbild seines
individuellen Geprges, nicht blos in intellektueller, als auch in sittlicher
Beziehung.
    Corneliens Lachen hatte besonders das Eigenthmliche, da die brigen Zge
auer dem Munde meistens ganz unberhrt davon blieben. So zeigte sich auch jetzt
auf ihrem Gesichte nicht die geringste Vernderung weder in Ausdruck noch in der
Farbe.
    Der Baron von Landsfeld - so hie der junge Mann - bot ihr lachend den Arm.
Seid wie lange sind Sie aus Venedig zurck, Cornelia? Ich erinnere mich, da
Sie bei unserem letzten Zusammentreffen dort die Absicht aussprachen, nach
Palermo zu gehen. Er warf einen schnellen, aber stechenden Blick auf sie.
Wirklich schien es, als ob durch die unangenehme Empfindung, welche in Cornelien
durch die Worte ihres Begleiters erregt wurde, die harten steinernen Zge ihres
Gesichts einen noch schrferen Ausdruck annahmen. Sie mochte dies fhlen, denn
sie bemhte sich augenscheinlich, den starren Ernst ihrer Mienen, unter dem sie
die Bewegung ihres Innern zu verstecken pflegte, in ihr gewhnliches Lcheln
umzuschmelzen, welches aber diesmal sich zu einer unheimlichen Grimasse
verzerrte.
    Lassen wir das, Baron - sagte sie freundlich. Ueberhaupt mchte ich Ihnen
einen Kontrakt vorschlagen fr die Dauer unseres hiesigen Beisammenseins, im
Falle Sie nmlich gesonnen sind, lngere Zeit hier zu verweilen. Ich gebe Ihnen
in voraus die Versicherung, da fr das kleine Opfer, welches Sie mir bringen
mssen, Ihnen reichliche Entschdigung werden soll. Es giebt hier unglaublich
viel Namen, resp. Menschen mit Eitelkeit und Pedanterie im Kopfe oder Wrme im
Herzen, an denen Sie Ihr Mthchen khlen knnen. Doch davon spter. Was mich
betrifft, so gestehe ich Ihnen offen, da mir an Ihrer Gesellschaft viel, sehr
viel gelegen ist, da ich trotzdem aber entschlossen bin, sie zu entbehren, wenn
Sie mir nicht das Versprechen geben - mich zu schonen. -
    Die letzten Worte sprach Cornelia mit einem gewissen Zgern, indem sie
zugleich die Stimme etwas sinken lie.
    Der Baron lie ihren Arm los und sah ihr mit unverkennbarem Erstaunen, aber
auch mit unverhehlter Freude in's Gesicht.
    Ist's mglich, Cornelia? Sie fangen an, Empfindung zu bekommen? Sie
gestehen ein, da auch Sie der Schonung bedrftig sind, da Sie folglich
verletzt werden knnen? Nun wahrhaftig, wenn das kein wunderbares Naturspiel
ist, dann wei ich nicht, ob es noch etwas Anderes sein kann, als ein eben so
wunderbares Meisterstck - der Kunst.
    Sie irren sich in Beidem. Ich bin weder aufgelegt, sentimental zu werden,
noch die Sentimentale zu spielen. Die einfache Thatsache ist die, da ich einmal
Vergngen daran finde, aufrichtig zu sein - natrlich nur gegen Sie.
    Sehr verbunden, sagte der Baron, indem er ihren Arm wieder in den seinigen
legte. Und womit habe ich diese unschtzbare Gunst verdient, wenn die Frage
gestattet ist? Es ist weder eine Gunst, lieber Baron, noch wte ich, womit
Sie sie verdient htten, wre es eine. Nein, nein. Sie sind in dieser Rcksicht,
glaub' ich, nicht eitel genug, als da ich Sie mit Erfolg tuschen knnte,
vorausgesetzt, da ich Zwecke durch Sie zu erreichen wnschte, deren Wichtigkeit
mich fr die Mhe eines solchen Tuschungsversuches entschdigte. Alles dies
findet nicht statt; Sie haben also die Gewhr fr meine Aufrichtigkeit. Sind Sie
mit dieser Erklrung zufrieden?
    Allerdings, in so fern ich wohl mit Recht vermuthen darf, da Sie mich in
die weiteren und positiven Zwecke Ihrer Aufrichtigkeit zu mir nicht einweihen
werden.
    Ich bewundere eben so wohl Ihren Scharfsinn, Baron, als Ihr Zartgefhl, und
danke Ihnen, da Sie mir eine abschlgige Antwort erspart haben.
    Gut - erwiederte Landsfeld nach einer kurzen Pause, in der er ber Etwas
nachzusinnen schien - ich nehme die Bedingung an; schon deshalb, weil auch ich
Ihren nhern Umgang schmerzlich vermissen wrde. Aber die Entschdigung -
sprachen Sie nicht davon?
    Cornelia lachte.
    Wie plump gebehrdet Ihr Mnner Euch doch, so bald Ihr zu heucheln versucht.
So haben Sie an meinem Umgange also doch nicht genug? Sie sind so wenig galant,
dafr noch eine besondere Belohnung zu verlangen, da ich Ihnen Gelegenheit
gebe, Ihre malitieuse Natur etwas zu humanisiren, indem ich Sie zu einem
rcksichtsvollen Benehmen gegen mich zwinge? - Sie zucken die Achseln? Gut denn,
aber ich wasche meine Hnde in Unschuld. - Hm! was wrden Sie zum Beispiel zu
der Nachricht sagen - fuhr Cornelia, den Zeigefinger auf die Kinnspitze legend
und mit lauerndem Blicke von unten herauf den Baron fixirend, eine Mischung von
feierlicher Langsamkeit und banaler Gleichgltigkeit im Ton fort - was wrden
Sie dazu sagen, da Alice von Rosen hier ist?
    Cornelia fhlte es an dem leisen Zittern seines Arms, da der abgeschossene
Pfeil sein Ziel nicht verfehlte. In der That wre selbst dem unbefangenen
Zuschauer seine Bewegung nicht entgangen. Sein Gesicht berflog eine schnelle,
fieberhafte Rthe. Doch im nchsten Augenblicke antwortete er mit groer Ruhe:
    Ich wrde sagen, da es eine abscheuliche Lge ist.
    Auch wenn ich Sie versichere -
    Eben deshalb - erwiederte er mit einer Lebhaftigkeit, die ihm von neuem
das Blut in's Gesicht trieb.
    Fangen auch Sie an, Empfindung zu bekommen, Sie armer Freund - sprach
Cornelia in mitleidig ironischem Ton, whrend ihre Zge theils den Ausdruck
tiefen Hasses, theils dmonischer Schadenfreude annahmen.
    Ich habe meine Empfindung - entgegnete der Baron in immer grerer
Aufregung, obwohl er uerlich gefat in die blaue Luft hineinstarrte - noch
nie hinter einer erbrmlichen Maske von Trockenheit und Klte zu verstecken
nthig erachtet, gndiges Frulein, auch nicht nthig gehabt, da sie nicht so
rein aristokratisch ist, wie die Ihrige. - Doch wozu rgern wir einander,
Cornelia? Haben Sie den Kontrakt nur vorgeschlagen, um das wohlfeile Vergngen
zu haben, ihn zuerst brechen zu knnen? Sagten Sie nicht, ich sollte Sie
schonen? Ha, ha! Thor, der ich war, in diese Falle zu gehen. Er fing wieder an
zu lachen.
    
    Wir sind nun quitt, Baron, und bedrfen meines Erachtens jetzt keines
Kontrakts mehr. Inde tuschen Sie sich diesmal ber meine Absicht, wie Sie sich
nachher berzeugen werden. Jetzt aber will ich Ihnen erzhlen, warum ich nicht
nach Palermo gegangen; vielleicht wird das Ihr Blut so weit abkhlen, da Sie im
Stande sind, anderweitige und fr Sie interessantere Mittheilungen anzuhren,
ohne mir den Dank in Sottisen abzutragen. Seien Sie ruhig, ich schweige schon -
fgte sie beschwichtigend hinzu, als sie seine Stirn sich in drohende Falten
legen sah - und nun hren Sie:
    Sie wissen, da ich kein Hehl aus dem eigentlichen Zweck meiner
italienischen Reise machte. Zwei Jahre hatte ich bereits in Berlin geweilt, wo
Schattenfrei bei der franzsischen Gesandtschaft angestellt war, und noch immer
war es mir nicht gelungen, mit ihm zusammen zu kommen, geschweige ihn an mich
von Neuem zu fesseln. Seine Frau, die brigens, wie man so sagt, ein
liebenswrdiges, gutmthiges und harmloses Ding sein soll, war mir sehr im Wege.
Ich zerbrach mir Tag und Nacht den Kopf ber die Auffindung eines geeigneten
Mittels, das ihn veranlassen knnte, mich zu besuchen -
    Man will wissen, da Sie sich einmal doch im Theater trafen, ich glaube der
Liebestrank wurde gegeben - - sagte der Baron mit hervorgehobenem Accent.
    Cornelia warf einen stechenden Blick auf ihren Begleiter Schweigen Sie, bis
ich zu Ende bin. -
    Der Baron lachte. Das sind die Folgen davon, wenn man einen Kontrakt
vorschlgt, und ihn zuerst bricht. Jetzt fahren Sie fort, ich werde Sie nicht
mehr unterbrechen.
    Cornelia unterdrckte eine Antwort, die ihr auf der Zunge lag und erzhlte
weiter:
    Nach vielen vergeblichen Versuchen hatte ich mein Vorhaben fast aufgegeben,
als ich zufllig in einer Gesellschaft davon reden hrte, Schattenfrei werde zur
Wiederherstellung seiner Gesundheit eine Reise nach Palermo machen. Ich forschte
genauer nach. Richtig, in vierzehn Tagen wollte er abreisen und zwar allein,
ohne seine Frau. Mein Plan war kurz gefat. Ich wollte ihm zuvorkommen, ihn in
Venedig, das er doch ohne Zweifel passiren wrde, erwarten und empfangen. In
vier Tagen war ich reisefertig, - in einer Woche war ich in Venedig. Das
Abenteuer, das ich mit dem jungen schwrmerischen Menschen dort hatte, kennen
Sie, es half mir wenigstens die Zeit verkrzen.
    Endlich war meiner Berechnung nach der Zeitpunkt gekommen, an dem
Schattenfrei eintreffen mute. Alle Vorbereitungen waren getroffen. So bald er
das Thor passiren wrde, sollte ich davon benachrichtigt werden. Aber vergeblich
harrte ich auf die frohe Botschaft. Zwei Tage waren schon ber den Termin hinaus
vergangen, da kamen Sie mit Frau von Rosen nach Venedig. Auch Sie wuten mir
Nichts ber den Erwarteten mitzutheilen. Meine Unruhe nahm von Stunde zu Stunde
zu. Sie hielten mich und Alice damals fr die innigsten Freundinnen. -
    Und Sie waren es nicht? - fragte der Baron erstaunt.
    Im gewissen Sinne allerdings, in so fern wir uns redlich in Rcksicht auf
unsere besondern Plne in die Hnde arbeiteten. Auerdem aber haten wir uns
eben so redlich, verleumdeten uns nach Frauenweise und heuchelten einander die
innigste Seelengemeinschaft vor. -
    Und warum das?
    Theils aus rein knstlerischem Vergngen, theils auch, um uns in Uebung zu
erhalten, damit wir uns vor Andern, besonders vor Ihnen, nicht durch ein
unvorsichtiges Wort oder eine impertinente Miene kompromittirten.
    Vor mir?
    Freilich. Hren Sie nur weiter. Alicen lag viel daran, Sie auf eine krzere
oder lngere Zeit aus Venedig zu entfernen.
    Wahrhaftig? - fragte der Baron ironisch - und wozu, wenn ich bitten
darf?
    Einen Augenblick Geduld. Wie war das zu machen, ohne Ihren Verdacht zu
erregen und ohne an Ihrer Weigerung zu scheitern. Alice zeigte sich also sehr
bekmmert ber meine Unruhe, die auf den hchsten Grad gestiegen war, als ich
die Nachricht erhielt, Schattenfrei habe die Tour ber Genua eingeschlagen, um
von dort zur See nach Palermo zu gehen. Zugleich aber war die Nachricht zu wenig
verbrgt, als da ich auf's Gerathewohl Venedig verlassen konnte. In dieser Noth
wandte sich die ber meine verzweifelte Lage sehr betrbte Alice an Sie mit der
Bitte, auf etwa acht Tage nach Genua zu gehen und mich, im Fall Schattenfrei
dort eintreffen sollte, sogleich davon zu benachrichtigen. Durch welche Grnde
Alice Sie von der Nothwendigkeit ihres Zurckbleibens in Venedig berzeugte,
wei ich nicht.
    Sie fhlte die sittliche Verpflichtung, in diesem Falle die Liebe auf kurze
Zeit der Freundschaft zu opfern - und wollte Sie in dieser angstvollen Stimmung
nicht allein lassen.
    Cornelia lachte hhnisch. - Wie waren Sie damals blind, armer Baron. Im
Grunde ihrer Seele war Alice ber Nichts erfreuter, als ber meine Angst, und
sie htte nicht einen Finger gerhrt, mich davon zu befreien, htte es nicht in
ihrem Plan gelegen. - Sie reis'ten ab und kurz nach Ihnen machte Alice mit dem
Herrn Berger, der ihr, unbemerkt von Ihnen, aber nicht von ihr, bis nach Venedig
gefolgt war, einen Ausflug ins Tyroler Gebirge. Beim Abschiede bat sie mich,
alle Briefe an Sie von Venedig aus zu befrdern. So war jeder mglichen
Entdeckung ihrer Entfernung vorgebeugt. Es vergingen abermals acht Tage.
Schattenfrei kam immer noch nicht, Ihnen wurde in Genua die Zeit lang, Alicen
wurde sie in Tyrol kurz: der Augenblick nahte, den wir zur Wiedervereinigung
bestimmt hatten. Aber ich wartete vergeblich. Weder Sie, noch Alice kehrten
zurck. Ueberdies erhielt ich einen Brief aus Deutschland, worin mir mitgetheilt
wurde, da Alice Schattenfrei mit meiner Absicht, ihn in Venedig zu erwarten,
bekannt gemacht und ihm den Rath gegeben, weder ber Venedig noch ber Genua
nach Sd-Italien zu gehen, wenn er berhaupt es nicht vorzge, anders wohin
seine Schritte zu lenken, im Fall er ein Zusammentreffen mit mir vermeiden
wolle. So war ich nun vllig im Unklaren. War er doch nach Palermo gegangen oder
nicht? Sollte ich auf die Ungewiheit hin die weite und gefahrvolle Reise
unternehmen, abgesehen davon, da meine Kasse nicht zum Besten bestellt war? Ich
fate einen schnellen Entschlu und ging nach Deutschland zurck, mit der
Absicht, ihm bei seiner Zurckkunft in den Weg zu treten. Daraus, da Alice mir
diesen hinterlistigen Streich aus Italien, oder wo es sonst sein mag, gespielt
hatte, ersah ich jedoch mit einer Art von Genugthuung, da Sie mein
Leidensgefhrte sein muten, weil sie sonst in Betreff meiner mit mehr Vorsicht
gehandelt htte. - Bei diesen Worten warf Cornelia einen forschenden Blick auf
den Baron und fuhr dann fort: - Es konnte ihr also nichts mehr daran gelegen
sein, ob ich Ihnen die wahre Sachlage mittheilte; folglich mute sie den
Gedanken an eine Wiedervereinigung mit Ihnen schon aufgegeben haben, als sie an
Schattenfrei schrieb. - Ich begab mich bald darauf nach Genua auf den Weg, um
Sie aufzusuchen, fand Sie aber nicht mehr anwesend, da Sie zwei Tage vorher nach
Venedig abgereiset waren. Wahrscheinlich hatten wir uns begegnet und ohne es zu
wissen verfehlt. Die Ironie, mit der die letzten Worte gesprochen wurden,
lieen zweifeln, was der eigentliche Sinn derselben sein sollte.
    Mit dem Baron war whrend dieser Erzhlung eine groe Vernderung
vorgegangen. Zwar schien in diesem Augenblicke keine bestimmte Leidenschaft
seine Seele erfllt zu haben, weder Ha noch Liebe, weder Verachtung noch Hohn
zeigte sich in seinen Mienen, aber eine Todtenblsse hatte seinem Gesicht einen
Ausdruck gegeben, der auf ein tiefes inneres Leiden schlieen lie. Eine Art
geistiger Lhmung schien sich seiner bemchtigt zu haben, als er mit tonloser
Stimme sprach:
    Ich kam nach Venedig an demselben Tage, wie Schattenfrei. Ich suchte ihn
auf, um ihn sogleich zu Ihnen zu fhren; aber vergebens forschte ich nach Ihrer
neuen Wohnung, denn ich konnte nicht auf den Gedanken gerathen, da Sie Venedig
verlassen htten.
    Schattenfrei war erfreut, Sie in Venedig zu wissen, und bedauerte es
ernstlich, da er Sie nicht finden konnte.
    Wie Schade - unterbrach ihn Cornelia in der frheren ironischen Weise.
    Uebrigens beruhigen Sie sich wegen des hinterlistigen Streiches Seitens
Alicens. Die Sache verhlt sich anders. Sie hat mir selber geschrieben, da sie
einen Ihrer beiderseitigen Bekannten in Berlin zu dieser unschuldigen
Mystifikation bereden wolle, um Ihnen dann durch das wirkliche Erscheinen
Schattenfrei's eine desto grere Ueberraschung zu bereiten.
    Und Sie haben es natrlich fr Wahrheit gehalten.
    Warum nicht? - Sie sollten glauben gemacht werden, Alice htte jenen Brief
geschrieben, was aber nicht der Fall war.
    Wre es gewesen, wie Sie sagen, so knnen Sie sich darauf verlassen, da es
aus der Absicht geschehen ist, entweder mich in April zu schicken - oder aber zu
einer Rckkehr nach Deutschland zu veranlassen, die ich nachher zu bereuen
htte, wenn ich die Wahrheit hrte.
    Sie scheinen in der That den Charakter Alicens gut zu kennen sagte der
Baron mit einer tiefen Bitterkeit - und weiter haben Sie Nichts von ihr und -
ihm gehrt?
    Ich habe Ihnen schon einmal erklrt, da sie hier ist.
    Es ist wahr! - rief er mit zitternder Stimme, indem seine Lippen bebten.
    Wahr!
    Und er?
    Auch!
    Mit leuchtenden Blicken sah er umher, als suche er den Gegenstand seiner
Rache. Cornelia fate ihn beim Arm.
    Kommen Sie! - sagte sie leise und bedeutungsvoll.
    Sie fhrte ihn bei diesen Worten in einen schmalen Seitenweg ein, der tiefer
in die Mitte des Parks hineinfhrte. Schweigend und schnellen Schrittes gingen
sie neben einander daher, ohne auf die sie umgebenden reizenden Anlagen auch nur
einen flchtigen Blick zu werfen.
    Ein klarer Bach, dessen Quelle nur einige Stunden weiter im Gebirge hinauf
lag, durchstrmte in mannichfachen Windungen den Park, auf beiden Ufern mit den
herrlichsten Erlen- und Trauerweiden-Gruppen eingefat. Zuweilen schimmerten
auch anmuthig geschwungene Brckenbogen mit durchbrochenem weien Gelnder durch
das grne Laubwerk, oder es klang das eintnige Rauschen einer kleinen bald
natrlichen, bald knstlichen Cascade in das Ohr des einsamen Spaziergngers.
Der grte Reiz aber bestand in der vlligen Zwanglosigkeit und scheinbaren
Unabsichtlichkeit, welche durch smmtliche Anlagen herrschte. Unbefangenen
Gemthern, - das heit solchen, die von der methodischen Entseelung, der wir
durch die Civilisation unterworfen werden, mehr oder minder unberhrt geblieben
sind und die daher das Goldkorn ihrer innersten Menschenwrde noch nicht aus dem
Schacht ihres Herzens heraufgeholt und nach Auen getrieben haben, damit es sich
als werthloser Goldschaum um ihre Oberflche legt, um von denen da drauen
bewundert, betastet und - abgegriffen zu werden, - allen solchen unbefangenen
Gemthern mu der Anblick von Kunstanlagen, bei denen die Kunst gewhnlich eben
solchen entseelenden Einflu ausbt, wie die Civilisation auf die Menschen,
nothwendig ein peinliches, drckendes Gefhl erregen. Die abgezirkelten, mit
gelbem Kies bestreuten Wege, die beschnittenen Hecken, die gespreizten Spaliere,
Alles benimmt der freien Brust den Athem; denn der Geist fhlt sich gerade in
der Freiheit, in der Unendlichkeit und Mannichfaltigkeit verwandt mit der Natur.
Jede Beschrnkung, jedes kleinliche, nach der engherzigen Anschauungsweise
Zugeschnittene in ihr bedrckt auch den Menschengeist und macht den Schmerz der
Natur zu seinem eigenen.
    Ganz anderer Art mochten die Gedanken der beiden schweigenden Wanderer sein,
deren Blicke auf einen Punkt starrten, der stets zwei Schritte von den Spitzen
ihrer Fe entfernt auf dem festgetretenen Boden ihnen voraus zu eilen schien.
    Der Baron von Landsfeld konnte im Sinne gewisser Frauen fr einen schnen
Mann gelten. Hoch und schlank gewachsen, prgte sich in seine ganze Gestalt das
Bewutsein von Mannhaftigkeit aus. Sein schner Kopf, obwohl in diesem
Augenblicke etwas gesenkt, als wenn die Gedanken drinnen durch ihre Last ihn
gebeugt htten, zeigte selbst in dieser Biegung des Nackens die Gewohnheit, ihn
stolz und aufrecht zu tragen. Wenn sein Haar nicht mehr die Elasticitt und
Flle der ersten Jugend besa, so war es doch glnzend und von schner
dunkelbrauner Farbe. Dasselbe Geprge von Energie lag auch auf der breiten
hochgewlbten Stirn und auf der edel, fast zu scharf hervorspringenden Nase. Der
zartgeformte und kleine Mund wurde fast ganz bedeckt von dem krftigen und
sorgfltig gepflegten Barte, unter dessen dunklen Wellen das Kinn vllig
verschwand. Sein Auge war von eigenthmlichem Glanze und tiefer durchdringender
Schrfe. Die Farbe war schwer zu bestimmen, da sie mit der greren oder
geringeren Strke der augenblicklichen Empfindung zu wechseln schien. Im ruhigen
Gesprch htte man es fr ein mattes aber glnzendes Grau gehalten. In solchen
Augenblicken zeigte sein Gesicht einen fast gewhnlichen Ausdruck. - Wenn
dagegen in seiner Seele irgend eine Leidenschaft ihren Sitz aufgeschlagen hatte
- und das war meistens der Fall - so erhielten seine Zge eine so
charakteristische Umgestaltung, da man in Zweifel ber die Identitt der Person
gerathen konnte. Die kurz aber fest zusammengezogenen Augenbrauen drckten dann
eine strenge Bestimmtheit aus und der halbgeffnete Mund mit der aufgeworfenen
Oberlippe, die scheinbar noch schrfer hervorspringenden Linien der Nase und vor
Allem die unter den tiefer herabgezogenen Brauen gro und dunkel
hervorstrahlenden Augen gaben dem bleichen Gesichte einen Ausdruck von
leidenschaftlicher Klte und energischer Entschlossenheit, deren bloer Anblick
einem Geiste von geringerer Intensitt Furcht einflen mute.
    Der Baron trug gegenwrtig einen enganschlieenden Reitberrock von
dunkelgrnem Tuch, der die muskulsen aber biegsamen Formen seines grazis
gebaueten Krpers vortheilhaft hervortreten lie. Seine weien weiten
Beinkleider fielen in natrlichen Falten bis auf den eleganten Stiefel herab,
der eben so wie die eben bezeichneten Kleidungsstcke eine Abneigung gegen die
Herrschaft der Mode bekundete, ohne inde den Geschmack des Trgers irgend wie
zu kompromittiren. Im Gegentheil zeigte sich auch bis in diese scheinbar
unwesentliche Kleinigkeit hinein die in seinem ganzen Charakter begrndete tiefe
Opposition gegen jedwede Autoritt, die in so fern aber ihre eigene
Rechtfertigung in sich trug, als sie den Kampf gegen die Autoritt nur auf
Kosten des einfachen, knstlerischen Geschmacks zu fhren schien. Dieser Zug
seines Charakters, gegen die Willkhr der Menschensatzung, wie immer sie sich
zeigte, zu opponiren und das Schne und Natrliche dagegen geltend zu machen,
stammte bei ihm jedoch nicht sowohl aus einem Enthusiasmus fr die Idee
berhaupt und fr deren Rechte, als aus der selbstgeflligen Freude, da seine
eigene Erkenntni und Anschauungsweise ber die Begriffe der gewhnlichen
verknstelten und kleinigkeitskrmerischen Welt dadurch erhaben sei, da sie
jedes Vorurtheil abgestreift. Aus dieser selbstschtigen Richtung seiner idealen
Erkenntni - weil es ihm weniger um die Schnheit und Wahrheit dessen, was sie
in sich schlo, als um den eigenen Besitz desselben zu thun war, erklrte sich
einerseits die ironische Verachtung, welche er gegen die Menschen im Allgemeinen
hegte, anderseits der Skepticismus, mit dem er jede in der Welt ideale
Erscheinung von vornherein als Heuchelei oder Dummheit betrachtete. Vielleicht
knnte hieraus geschlossen werden, da er den Respekt, welchen er allen Uebrigen
versagte, auf sich selbst beschrnkte, weil er allein seiner Ueberzeugung nach
die richtige Erkenntni von der Unwirklichkeit der Idealitt besa. Allein in
der That schpfte er aus der Verachtung der Uebrigen noch keinen Grund zur
Achtung seiner selbst. Er fhlte wohl, da nur in dem Streben, die Idealitt in
sich selbst zu verwirklichen, etwas Achtungswerthes liegen knnte. Um dies aber
zu versuchen, fehlte ihm die sittliche Kraft, und daher der Glaube an die
Mglichkeit dieser Verwirklichung. Er war also nur in dem egoistischen Irrthum
befangen, da er von der Ueberzeugung ausging, diese Verwirklichung sei nicht
ihm allein, sondern berhaupt unmglich.
    So isolirt er durch diese Richtung seines Innern der Welt berhaupt
gegenber stand, so gab es doch einen Menschen, der mit ihm in diesem sittlichen
Skepticismus sympathisirte und gerade gegen diesen fhlte er sonderbarer Weise
noch grere, noch tiefere Verachtung, als gegen die gewhnlichen Menschen. Aber
diese Verachtung hatte ihren Grund nicht darin, da er das, was er an sich
selbst fr unwrdig hielt, an Andern noch abscheulicher fand - sondern weil
jener Andere ein Weib war; denn beim Weibe schliet die Verachtung der Idealitt
noch grere Wrdelosigkeit in sich, als beim Mann. Auerdem fehlte ihr jede
Spur von Enthusiasmus, der wenigstens beim Baron die Quelle seines Skepticismus
gewesen war. Bei ihr war es reine Freude am Bsen - hmische Zerstrungssucht,
die ihm verchtlicher noch war, als Gemeinheit, Trivialitt und Selbsttuschung.
Dieses Weib war Cornelia.
    Cornelia von Hohenhausen hatte eine kleine, zartgebaute Gestalt. Ihre
Bewegungen waren trotz der Magerkeit ihrer Arme, ihres Nackens und Halses doch
weder eckig steif, noch kokett und manirirt, sondern so durchaus gefllig und
grazis, da man darber bei lngerm Umgange die natrlichen Unvollkommenheiten
leicht vergessen konnte. Der Ausdruck in ihren Zgen war fr gewhnlich nicht
besonders auffallend und charakteristisch. Es giebt jedoch eine Art von
Gesichtern, deren charakteristische Merkmale weniger in den Hauptzgen, als in
scheinbar unwichtigen Nebenlinien liegen, die, weil sie weniger in die Augen
fallen, sich auch unbewachter und gleichsam unabhngiger vom Bewutsein des
Menschen selbst entwickeln und gestalten. Hauptschlich ist dies bei geistig
begabten aber unedlen Naturen der Fall; denn edle Naturen sind zu stolz fr eine
solche Ueberwachung der Mienen Seitens des Bewutseins, und einfltige Menschen
haben nicht die geistige Kraft und Strke der Reflexion dazu. So sprach sich
auch die dmonische Natur Corneliens nicht in dem allgemeinen Schnitt des
Gesichts und in den einzelnen Hauptzgen aus, die vielmehr einen Charakter von
Bonhommie und gutmthiger Freundlichkeit an sich trugen, sondern in den fein
zusammengekniffenen Augenwinkeln, in dem unsichern, mattglnzenden grauen Auge
und in einer schmalen, langen Furche, die sich von beiden Seiten der Nase mit
einer unanmuthigen Wendung um die Mundwinkel herum schlang, aber nur sichtbar
wurde und dann dem Gesicht einen sonderlich unheimlichen Ausdruck verlieh, wenn
sich der untere Theil des Gesichts zu einem Lcheln verzog. Ihr Mund war eher
klein als gro zu nennen, aber sehr dnn, farblos und ohne schnen Schnitt,
whrend die Nase so wie die Stirn keine unedle Bildung zeigte. Der unangenehme
Eindruck, den die wirklich auffallende Magerkeit ihres Gesichts, Halses und
Nackens in Jedem hervorbrachte, der an schnere Formen gewhnt war, wurde noch
durch die dunkle Schattirung ihres Teints erhht, welche vielleicht mit der
Farbe des Pergaments htte verglichen werden knnen, wenn das Gelb des letzteren
mehr Grau und weniger Glanz enthielte. Ihre Kleidung schien zwar im Gegensatz zu
der des Barons jede auffallende Abweichung vom herrschenden Geschmack der Mode
absichtlich zu vermeiden, ohne inde sowohl in Rcksicht auf die Wahl der
Stoffe, als auf deren Zusammenstellung, den reinen Geschmack und den feinen Sinn
fr elegante Einfachheit und ungezwungene Harmonie zu bekunden, worin jener eine
eben so groe Zartheit als Sicherheit besa.
    Cornelia trug an diesem Tage ein Kleid von schwerer hellgrner Seide, dessen
weiter Ausschnitt dem Auge vollkommene Freiheit lie, nach den Reminiscenzen
frherer Flle und Schnheit des Halses zu suchen. Ein italienischer Strohhut,
mit einer Straufeder geschmckt, - Cornelia trug nur diesen Putz - ein
chinesischer Sonnenschirm und eine weie Atlas-Mantille bildeten das brige
Kostm.
    Treten Sie leiser auf - sagte Cornelia zum Baron, als sie eben in eine
Kreisallee eintraten, die, wie man schon aus den hier und dort zwischen den
Gipfeln der Bume durchbrechenden breiteren Lichtstellen schlieen konnte, einen
freien Platz umgab. Nur auf einem schmalen Steige, der die eine Seite der
dichten, aus jungen Buchen bestehenden Allee durchbrach, gelangte man in das
Rondel selbst und berzeugte sich dann, da das, was man fr einen freien Platz
gehalten hatte, ein kleiner Teich war, der von einem in seiner Mitte sich
erhebenden Springbrunnen gespeit wurde. Rings um das Bassin, dessen Ufer nur
mit einer niedrigen Rosenhecke eingefat war, lief ein schmaler Fuweg. An der
ueren Wand der Buchenhecke standen quarreeartig geordnet vier gueiserne, grn
angestrichene Ruhebnke, von denen die einander gegenbergelegenen von dem
breiten pyramidalartig gebaueten Springbrunnen maskirt wurden, so da die auf
der einen Bank sitzenden Personen von denen auf dem jenseitigen Ufer
befindlichen nicht gesehen werden konnten. Cornelia bog vorsichtig ein paar
Zweige auseinander und warf einen forschenden Blick in das Rondel. Sie schien
mit dem Resultate ihrer Beobachtungen unzufrieden, denn sie wandte sich an den
Baron mit den Worten:
    Bleiben Sie hier einen Augenblick stehen und geben Sie mir das Versprechen,
kein Lebenszeichen von sich zu geben, was Sie auch sehen mgen.
    Der Baron nickte mit dem Kopfe. Er hatte jetzt, wo der entscheidende Moment
gekommen war, seine ganze Besonnenheit wieder erlangt. Mit bereinander
geschlagenen Armen stand er an einen Baum gelehnt und wartete, bis Cornelia, die
sich auf die andere Seite begeben hatte, zurck kehrte.
    Mit triumphirender Miene winkte sie ihm.
    Allzugroe Vorsicht ist nicht nthig - sagte sie. Das Gepltscher des
Springbrunnens dmpft jedes Gerusch bis zur Unhrbarkeit. Doch vorher eine
Frage: Was gedenken Sie zu thun?
    Sie werden es sehen, wenn ich gesehen habe Haben Sie inde keine Furcht -
setzte der Baron mit leiser Stimme hinzu. - Sie werden doch nicht glauben, da
mein Ehrgeiz dahin geht, vor Ihnen ein romantisches Spektakelstck aufzufhren?
Verlieren wir keine Zeit mit unntzen Redensarten. - Sie waren unterde ein
Paar Schritte fortgegangen. Hier - sagte Cornelia, indem sie auf eine kleine
Oeffnung zwischen den Blttern wies. Der Baron beugte sich vor.
    Auf der schrg gegenber liegenden Bank sa, halb noch vom Wasserstaub des
Springbrunnens verdeckt, ein junger Mann von sehr einnehmendem blhenden
Aeuern, das echte Bild der jugendlichen Frische und Anmuth. Er starrte jetzt
vor sich auf den Boden nieder, in dem sein Spazierstock allerlei Arabesken und
Namenszge eingrub. Neben ihm sa eine sehr bleiche, nicht mehr ganz jugendliche
Dame, deren schngeformter Kopf von einer Menge kurzer anmuthig geordneter
Locken umgeben war, welche die einzelnen Zge um so weniger klar erkennen
lieen, als sie sich auf ein Buch niederbeugte, aus dem sie dem jungen Manne
etwas vorzulesen schien. Obgleich ihr Oberkrper in halb sitzender halb
liegender Stellung bis an die Rcklehne der Bank zurckgebeugt war, konnte man
doch die grazisen Formen ihrer Gestalt bemerken.
    Sie lie jetzt das Buch sinken und sah den jungen Mann, der diese Bewegung
nicht zu bemerken schien, eine Weile schweigend an.
    Was phantasiren Sie da, Arthur? - sagte sie mit sehr sanftem und
wohllautenden Accent, indem sie auf seine Zeichnungen wies.
    Erschreckt wie aus einem Traume fuhr er empor, dann strich er sich ber die
Augen.
    Ach, Alice - entgegnete er mit einer Art von Wehmuth im Ton, ich dachte
eben darber nach, wie so klein ich Dir erscheinen mu; wie es mglich sei, da
ich Dir, dem hochherzigen, die ganze Menschenwelt mit Liebe umfassenden Weibe
mit meiner engherzigen Empfindung gengen kann. Ich fhle wohl, da gerade in
meiner Verehrung fr Dich, in dem Kultus meines Herzens fr Deine Gre mein
grter Stolz, und in dem Bewutsein, in Deinem schnen Krper Deine ganze
schne Seele zu umfassen, mein hchstes Glck liegen mu - und doch liegt
zugleich mein grter Schmerz darin.
    Schmerz? fragte Alice mit demselben sanften, halb melancholischen Ton, der
ihr eigen zu sein schien.
    Ja, Schmerz, rasender Schmerz - rief der junge Mann aufspringend.
Begreifst Du nicht den Schmerz, welcher in dem Gedanken, ganz Liebe und
Hingebung zu sein, in dem Gedanken, da Du mein Gott, meine Welt, mein All bist,
und Du -
    Nun? und ich? - sagte Alice, ebenfalls sich erhebend.
    Du bist wie ein Frst in seinem Park, wo nur das Ganze, die Harmonie aller
Einzelnen sein Wohlgefallen erregt, whrend er eine einzelne Blume ohne Kummer
zertreten mag. Ich bin wie der Arme, der nur diese Blume hat, und sein Liebstes
verliert, wenn sie ihm verloren geht. Glaube mir, Alice: dieser Gedanke verlt
mich nicht mehr. Wie eine Ahnung Deines Verlustes schwebt es gleich dem kleinen
Sturmwlkchen am fernen Horizont meines Liebehimmels und selbst, wenn Du mich so
innig an Dein liebeglhendes Herz drcktest, blieb jener Gedanke als bittere
Hefe am Rande hngen und verbitterte mir so das schnste Glck, das Glck, Dich
ganz zu besitzen.
    Sie waren inde Beide an das Bassin getreten. Arthurs Gesicht glhte,
whrend er sprach; und Alice ftterte die Goldfische, welche schaarenweise auf
die hingeworfenen Brocken zuschwammen.
    Du bist ungengsam, Freund - sagte sie sanft - und wenn ich so sagen
drfte, undankbar. Soll ich, um Dich von der Wahrheit meiner Liebe zu
berzeugen, Dich an die Opfer erinnern, die ich Dir gebracht, an - -. Verzeih
mir, Verzeihung Alice - rief Arthur mit Thrnen in den Augen, indem er Alicens
Hand heftig an die Lippen prete und dann an die Brust drckte. Du hast Recht.
Ich bin nicht werth, von Dir geliebt zu werden. Aber nimm hier mein Versprechen!
Was Du mir giebst, will ich dankbar hinnehmen, als spendete es mir eine
seegenbringende Gttin. Ich will nicht klagen, selbst dann nicht, wenn Du mich -
nicht mehr liebst - setzte er mit bewegter Stimme hinzu.
    O mein Geliebter - rief pltzlich Alice, indem sie beide Arme um seinen
Hals schlang und seinen Kopf an ihren Busen prete. Ruhig, mein Arthur, ruhig
setzte sie nach einer Pause hinzu, indem sie den Glhenden sanft von sich
abwehrte - wir knnten belauscht werden - gieb mir den Arm. Wir wollen in den
Kursaal gehen. Indem sie ihren Arm in den seinigen legte, traten sie in die
Allee ein.
    Geben Sie mir den Arm, Cornelia, sagte der Baron ruhig. Sie schlugen die
entgegengesetzte Richtung ein, so da sie nothwendig auf der andern Seite der
Kreisallee, an dem Punkte, wo der schmale Ausgang war, zusammentreffen muten.
    Was Teufel, Alice, Du hier? und so gut versehen. - Ich wnsche guten
Appetit, mein Herr!
    Nach diesen, mit launigem Ton und unbefangenem Lachen begleiteten Worten,
welche der Baron dem andern Paare schon auf sechs Schritt zurief, zog er mit
ironischer Courtoisie den Hut und ging mit Cornelia gemchlich, und ohne weitere
Notiz von jenen zu nehmen, voraus.
    Sie sind ein grausamer und, was mehr ist, ein gefhrlicher Mensch, Baron;
die arme Alice! Wie bla wurde sie bei Ihrem Anblick. Und der junge Seladon mit
seinem Liebesschmerz - - haben Sie sein Gesicht gesehen? - hatte es nicht die
frappanteste Aehnlichkeit mit einem Schulknaben, der bei ungerechter Strafe
zwischen seinem Ehrgefhl und der angeborenen Piett schwankt? - - Ich bin
neugierig, ob er die Sache so ruhig nehmen wird. - - - Was gedenken Sie zu thun,
Baron? - Aber mein Gott, so sprechen Sie doch! Warum antworten Sie denn nicht.
Sind Sie etwa gerhrt? Fhlen Sie Gewissensbisse ob Ihrer Barbarei? -
    Schweigen Sie, Cornelia, ich bitte Sie dringend. Was sollen jetzt diese
Kindereien? Denken Sie daran, da wir gehrt und gesehen werden knnen, und da
wir schon in der nchsten Minute einer hflichen Anrede von Herrn Arthur
entgegen sehen drfen.
    Sie haben Recht. Lassen Sie uns von gleichgltigen Dingen sprechen. Blicken
Sie einmal nach dieser Richtung hin. Sehen Sie dort in der Seitenallee die junge
Dame, die eine ltere am Arme fhrt?
    Nun?
    Das ist die Braut Arthurs, der beilufig gesagt ein sehr beliebter
Lieder-Componist, Namens Berger, ist. Merken Sie sich das, verehrtester Freund,
fr vorkommende Flle, und nun sehen Sie einmal dies junge Mdchen genauer an.
Nicht war, eine leibhaftige Hebe?
    Der Baron konnte als Kenner in dieser Beziehung gelten, und doch mute er es
sich selbst gestehen, eine so durchaus anmuthige Erscheinung war ihm noch
niemals zu Gesicht gekommen. Die zarteste Weiblichkeit und gefhlstiefste und
dennoch vllig ahnungslose Unschuld lag ber den lieblichen Zgen dieses
reizenden, halb kindlichen, halb jungfrulichen Gesichts ausgebreitet. Sie
blickte, als der Baron mit Cornelia nahe gekommen war, unbefangen auf, schlug
aber wie innerlich zusammenschaudernd vor dem bleichen, leidenschaftlichen
Ausdruck des Ersteren schnell die Augen zu Boden, whrend eine tiefe Rthe ihr
halbabgewandtes Gesicht und ihren Hals bedeckte.
    Sie liebt ihn, glauben Sie? fragte der Baron.
    Wie es allgemein heit und scheint, ja. - erwiederte Cornelia.
    Desto besser. - Wie heit sie? - Ich will nur den Vornamen wissen.
    Lydia. - Warum wollen Sie nicht ihre Familie kennen lernen?
    Weil es berflssig ist.
    Ueberflssig? Ich sollte meinen, da sie eine so anziehende Persnlichkeit
hat, die schon der Annherung werth ist?
    Eben darum.
    Ich verstehe Sie nicht?
    Ich brauche ihren Familiennamen nicht zu wissen, weil sie ihn nach einem
Vierteljahre doch verlieren wird.
    Sie sprechen in Rthseln.
    Nun, zum Teufel! Sie wird dann meine Frau sein. Ich werde sie heirathen;
rede ich jetzt deutlich genug?
    Cornelia sperrte diesmal vor wirklichem Erstaunen die Augen weiter auf, als
gewhnlich. Indessen blieb ihr keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen, da in
demselben Augenblicke die Stimme des jungen Mannes, dessen Gesprch mit Alicen
sie belauscht hatte, neben ihr sich vernehmen lie.
    Mein Herr, ich wnschte zu wissen, ob Sie die Absicht gehabt haben, die
Dame, welche in meiner Begleitung war, oder mich selbst persnlich zu
beleidigen.
    Haben Sie darin eine Beleidigung gefunden, so kann ich das weder Ihnen,
noch jener Dame wehren. Uebrigens pflege ich meine Absichten fr mich zu
behalten.
    Sehr wohl, mein Herr. - Auf Wiedersehen, mein Herr, sagte der Baron,
sich artig verbeugend, und verlie mit Cornelia den Park.

                                Zweites Kapitel


Das Bad Pr - - - t, welches eine weniger zahlreiche, aber mehr ausgewhlte
Gesellschaft, als die meisten deutschen Bder in seinem lieblichen Thale zu
vereinigen pflegte, hatte eine beraus reizende Lage am obern Abhange des
Gebirges, an dessen Fu es sich gleich einer Perlenschnur hinschlang. Dieser
Vergleich war um so passender, als die meisten der kleinen, durch Grten
getrennten Huser wei angestrichen waren, was dem aus der Ferne kommenden
Reisenden einen gar erquicklich heitern Anblick gewhrte. Es besa nur eine
Strae, die, der Bschung des Gebirges folgend, in mancherlei Windungen zwischen
Grten und Husern hinlief, und etwas aufsteigend zu dem hher gelegenen
eigentlichen Bade hinfhrte, welches aus zwei Brunnenhusern und den dazu
gehrenden Nebengebuden bestand und durch den groen Park, welchen wir schon im
vorigen Kapitel kennen gelernt, von dem noch hher hinauf bis zum Kamm des
Gebirges sich erstreckenden Gebirgswalde getrennt wurde. Landsfeld hatte sich
bald nach der oben erzhlten Scene von Cornelien getrennt. Er lie sie im
Kursaal und begab sich in den Park zurck, um einen Ausgang nach der Seite der
Gebirges zu suchen. Denn er liebte es, auf den unwegsamsten hchsten Abhngen
der Berge umherzuklettern, nur von sich und seiner Gefahr begleitet, in dem
Bewutsein, ein Paar hundert oder tausend Fu erhaben zu sein ber dem
Menschentro da unten. Fand er aber gar durch Zufall eine Stelle, von der er auf
das Ameisentreiben der Ebene, etwa einen hervorspringenden Felsblock, von dessen
Spitze er in's Thal schauen konnte, oder eine tiefe Schlucht, die seinem Blick
einen schmalen Durchgang gewhrte, so konnte er Stunden lang dort sitzen und
beobachten und sich freuen, wie sie doch wirklich so klein seien, diese
Menschen, und nicht verdienten, da man sich mit dem Einzelnen anders
beschftigte, als um ihn zu einem Mittel zu verwenden oder ein Experiment mit
ihm anzustellen. Er verga dabei freilich, da, wenn diese kleinen Menschen, die
er mit einiger poetischer Steigerung mit Ameisen - zuweilen auch wohl, wenn er
gerade bler Laune war, mit Mistkfern verglich, ihn dort oben zufllig
erblickten, er ohne Zweifel von ihnen fr eine Krhe oder sonst ein kleines
Gethier gehalten werden wrde, worin sie sich immer noch gerechter und
toleranter bewiesen als er.
    Langsam und gemchlich schlendernd nach Art anderer Spaziergnger - denn er
wute wohl, da er in einem Bade durch Nichts so sehr die Aufmerksamkeit erregt
htte, als durch einen hastigen Gang - schlug Landsfeld die Richtung nach dem
Rondel ein, was er, durch seinen vorzglichen Ortssinn untersttzt, bald
erreichte. Er schritt durch den kleinen Durchgang und blieb an der Bank stehen,
auf dem das von ihm belauschte Paar gesessen hatte. Darauf setzte er sich selbst
und versank in ein tiefes Nachsinnen. Der Kopf sank ihm auf die Brust, ber der
er die Arme verschlungen hielt; sein Blick ruhte starr und theilnahmlos auf dem
Bassin, aus dessen stets bewegter Oberflche dann und wann ein Goldfisch seinen
kleinen rothen Kopf neugierig oder um Luft zu schpfen herausstreckte. Auer dem
einfrmigen Pltschern des Springbrunnens, dessen herabfallender Wasserstrahl
durch eine schn gearbeitete marmorne Muschel aufgefangen wurde, von der das
Wasser in eine zweite grere einflo, um endlich von dem Bassin aufgenommen zu
werden, hrte man keinen Laut. Die Sonne durchglnzte nur noch die hchsten
Gipfel der Bume, denn obwohl es noch nicht spt war, nahte der Abend diesem
Thale doch frher als selbst den tiefer gelegenen Gegenden, weil das in Westen
sich hineinziehende Gebirge die Strahlen der neigenden Sonne abschnitt.
    Eine Viertelstunde schon mochte Landsfeld in der bezeichneten Stellung
gesessen haben, ohne da irgend eine Bewegung verrieth, da Leben in ihm sei,
htte nicht ein fast unmerkliches krampfhaftes Zucken der rechten Hand, die der
linke Arm umfate, einen Beweis vom Gegentheil gegeben.
    Auch die Weib - murmelte er zwischen den Zhnen, indem er aufsprang. Er
warf einen forschenden Blick umher, als frchtete er beobachtet zu werden. Sein
Gesicht war noch bleicher als sonst, aber in seinen Augen brannte eine dunkle
verzehrende Glut. Wie um die ihn strenden Gedanken zu verscheuchen, strich er
sich das ber die Stirn herabgefallene Haar aus dem Gesicht und richtete sich
frei und hoch auf.
    Als er sich noch einmal nach dem eben verlassenen Sitz umwandte, als wollte
er noch einen letzten Abschiedsblick auf ihn werfen, fiel ihm ein weies Blatt
in die Augen, welches wahrscheinlich zwischen den Fugen der Bank durchgefallen
und beim Fortgehen von einer der hier frher anwesenden Personen vergessen
worden war. Rasch nahm er es auf. Es war ein Billet, wie es schien von einer
Damenhand geschrieben. Die Adresse fehlte. Landsfeld sah nach der Unterschrift.
    Lydia - sagte der Baron. Das ist ein Wink des Schicksals. Nun bei Gott,
der soll mir nicht umsonst gegeben sein. Er schickte sich zu lesen an, als er
pltzlich inne hielt, und, das Billet zu sich steckend, an einer Stelle, die dem
kleinen Durchgange gegenber lag, zwischen den Bumen durchbrechend verschwand.
    Einen Augenblick spter erschien an dem Durchgange der junge Mann, welchen
wir unter dem Namen Arthur Berger kennen gelernt haben. Er schien etwas zu
suchen, denn er bckte sich unter die Bank, die so eben der Baron verlassen
hatte, ging dann noch mit zur Erde gerichteten Blicken um den Teich herum und
verlie endlich auf demselben Wege das Rondel. Landsfeld trat aus seinem
Versteck hervor. Ein triumphirendes Lcheln lag auf seinen Zgen.
    Ich werde Dich lehren, Freund, in meinem Gehege zu jagen sagte er, ihm
nachsehend. Unbegreiflich bleibt es mir doch, da Alice mich um diesen blonden
Schfer aufgeben konnte. Aber sie sollen es Beide ben - setzte er mit einem
Ausdruck innerlicher Wuth hinzu, der seinen Zgen einen wahrhaft unschnen
Charakter verlieh.
    Mit schnellen Schritten verlie er jetzt den Platz und schlug durch den
immer dichter werdenden Park, ohne die gebahnten Fuwege, die in groen
Krmmungen einander durchkreuzten, zu bercksichtigen, die Richtung nach dem
Gebirge ein. Bald hatte er die Grenze des Parks, die durch eine dichte Hecke und
einen hinter demselben strmenden Arm des Bergstroms gebildet wurde, erreicht.
Mit krftiger Hand bog er die Dornstrucher auseinander, um sich einen Durchgang
zu verschaffen, und stand am Ufer des Flchens, das hier ziemlich reiend und
durch mehrtgigen Regen hher als gewhnlich angeschwollen war. Er war deshalb
gezwungen, einige hundert Schritte stromaufwrts zu gehen, wo ein mchtiger
Baumstamm, der theils vom Alter, theils vom Sturm gefllt zu sein schein, sich
wie eine natrliche Brcke ber das unter ihm dahin rauschende Wasser gelegt
hatte. Inde war der Uebergang nicht leicht. Denn durch die Feuchtigkeit von der
Borke entblt, bot die nach Oben gekehrte Seite des Stammes nur eine halbrunde,
schlpfrig glatte Flche dar, welche zu betreten mit nicht geringer Gefahr
verbunden war, da bei dem geringsten Fehltritt ein Sturz in das, wenn auch nicht
tiefe, doch mit einer Menge scharfer Felstrmmer besete Flubett unvermeidlich
war. Landsfeld wurde jedoch von keinem Gefhl weniger beherrscht als von der
Furcht. Im Gegentheil suchte er gerade solche Schwierigkeiten mit einer Art von
Liebhaberei auf, theils weil er in ihrer Ueberwindung die Aufregung fand, die er
zum Gefhl seiner Lebenskraft brauchte, theils auch darum, weil sein
Selbstgefhl durch den Gedanken erhoben wurde, da tausend Andere an seiner
Stelle davor zurck schrecken wrden. Denn das Gefhl der Superioritt war
dasjenige, welches bei ihm der grten und krftigsten Nahrung bedurfte. Htte
er bei solchen Gelegenheiten Zuschauer gehabt, so wrde er ohne Zweifel von dem
Versuch abgestanden sein, denn Nichts erschien ihm erbrmlicher als ein
leichtsinniges Renommiren. Auch achtete er die Menschen, die mit ihm nicht
wetteifern konnten, viel zu wenig, um ihren Beifall nicht widerwrtig, ja selbst
demthigend zu finden. Anders wre es vielleicht gewesen, htte er sich von
Jemandem belauscht und bewundert gewut, der im Glauben stand, von ihm nicht
bemerkt zu werden. In solchem Falle nahm er den Triumph wohl mit, da keine
Demthigung damit verbunden war. Auch htte er dann nach der That nie
zugestanden, von dem Lauscher gewut zu haben, vielmehr versichert, da er sie
gewi unterlassen htte, wenn er sich nicht allein geglaubt.
    Mit sicherem Fu und festen Blick betrat er den schlpfrigen Pfad und ging
ruhig, ohne Zgern und ohne Schrecken hinber. Ohne einen Blick zurck zu
werfen, stieg er nun bergan. Nach halbstndigem Steigen gelangte er auf einen
schmalen, wohl nur von Hirten betretenen Fusteig, der ihn in kurzer Zeit auf
des Berges hchsten Punkt fhrte.
    Eine herrliche Aussicht bot sich hier seinen Blicken dar. Vor ihm lag in
goldig blauen Duft gehllt der Kamm des Gebirges, der von Norden nach Sden sich
hinziehend in den Strahlen der eben von den hchsten Gipfeln verschwindenden
Abendsonne erglhte. Mit gekreuzten Armen betrachtete Landsfeld das feierliche
schne Schauspiel des sinkenden Gestirns, das noch einen letzten Abschiedsblick
und Ku auf die allmhlich zur Ruhe versinkende Erde zu werfen schien. Die Tage
seiner Jugend dmmerten in seiner Erinnerung auf mit allen ihren reinen Freuden,
mit allen schuldlosen Genssen und harmlosen Spielen. Damals auch war er auf dem
Gebirge seines Vaterlandes umhergeklettert, damals auch fhlte er dies
innerliche Sehnen, auf den hchsten Spizzen zu stehen und herabzublicken auf die
Thler, wenn sich die Schatten auf sie lagerten, whrend die Gipfel und er
selbst auf ihnen noch von der dunkelsten Glut der Sonne erleuchtet wurde. Damals
auch kannte er keinen greren Schmerz als den, da er die hchsten,
schneebedeckten Gipfel nicht erreichen konnte, die weit, weit hinter ihm noch
lagen und ihm in ihren weien Huptern bald zu winken, bald zu hhnen schienen.
Damals und heut! -
    Welche Bilder hatten sich seitdem durch seine Seele gedrngt, welche Reihe
von Gedanken seinen Geist bestrmt! - Jene Bilder waren verblichen und
verstmmelt, jene Gedanken hatten sich selbst verzehrt, oder waren von andern
verzehrt worden, von scharfen, bittern, schmerzlichen Gedanken, die seine Brust
ausgehhlt und sein Herz verdorrt hatten.
    Aber die Erinnerung weckte die Leichen in seiner Brust und in seinem Herzen.
Wie Schatten zogen sie vor seinem innern Gesicht her, die heitern Bilder, die
ihn traurig und die dstern, die ihn bitter stimmten. Ein unendliches Gefhl des
Alleinseins ergriff ihn; eine Seele wollte er haben, in die er sich ergieen,
aus der er Hoffnung und Trost schpfen knnte.
    Hoffnung, worauf? Trost, wofr?
    Noch war in Landsfeld die Sehnsucht nach dem lebendigen Ideal nicht
untergegangen. Ja, in dieser Erinnerung an seine Jugend selbst konnte er die
Gewhr dafr schpfen. Aber er sagte zu sich: Wohl ist die Erinnerung das ewig
mit sich selbst ringende, ewig an sich selbst zweifelnde Bewutsein des Ideals,
aber gepaart mit der Ueberzeugung, da seine Erreichung unmglich sei. Denn
warum wre sie sonst schmerzlich, auch bei sogenannten guten Menschen? Sie ist
nicht die Vorstellung eines wirklich gehabten Genusses, sondern das zwecklose
Idealisiren desselben, das unwahre, selbsttrgerische Reinigen desselben von
allem Materiellen, Unbequemen, Hinderlichen, Unangenehmen, - kurz
Schlackenartigen, von dem jeder Genu seinen Theil und jeder Schmerz den
seinigen hat, denn kein Genu ist ohne Sinnlichkeit und kein Schmerz ohne
Egoismus. Darum stimmt uns eine Erinnerung nicht traurig, weil wir fhlen, da
es nichts Wirkliches ist, was wir verloren, auch nicht froh, weil wir fhlen,
da die Vergangenheit eine ewige ist, sondern wehmthig: - Und was liegt mehr
darin, als eine jmmerliche Inkonsequenz, die ohnedies sich durch ihre
Sentimentalitt lcherlich macht? - Mit der Hoffnung bin ich fertig - fuhr er
nach einer Pause, in der er unverwandt nach dem immer tiefer sich frbenden
Gebirgskamm gesehen, als erwartete er noch ein Zeichen von dorther, das seine
Hoffnung noch einmal belebte, fort - und der Trost, der mir werden soll? Er
lchelte bitter - den werde ich mir selber erringen. In der Trostlosigkeit der
Andern werde ich meine Ruhe finden. - O Alice, du hast mich frchterlich
bestohlen.
    Er wandte sich um. Eine Thrne, vielleicht von dem Strahl der jetzt vllig
verschwundenen Abendsonne in sein Auge gelockt, zitterte in seiner Wimper. Mit
Unmuth wischte er sie ab und sah hinab in das Thal. Das Bad lag vor ihm. Er
schritt weiter auf dem Rcken des Berges, zur Rechten den Gebirgskamm, der nur
noch wie eine graue Nebelmasse am Horizonte lag, zur Linken unter sich den Park
und dahinter die weie Huserreihe des Bades, die sich bis zu dem Punkte hinzog,
wo der Berg sich in's Thal hinabsenkte. Er stieg herab. Am letzten Hause, dessen
Dach sich fast unter den hohen mchtigen Kastanienbumen, die es umgaben,
versteckte, blieb er einen Augenblick stehen.
    Wir wollen sehen, Lydia, ob Du mir den Glauben an Weiblichkeit wirst
wiedergeben knnen. Du wirst eine harte Probe zu bestehen haben, armes Kind.
Aber ich kann sie Dir nicht ersparen Mge Dein guter Engel geben, da Du fest
bleibst, so will ich Dich verehren und zu Dir beten. Er zog ein Blatt Papier
aus der Tasche und nahte sich dem hellerleuchteten Fenster, das von auen mit
einem Blumenbrett versehen war, worauf verschiedene Gewchse in zierlich weien
und rothen Tpfen standen.
    An dem hellen Scheine des Lichts schrieb er mit Bleifeder ein paar Worte auf
das weie Blatt, wickelte darin das Billet, welches er heute im Rondel gefunden
hatte, hinein, und schob Beides zwischen zwei Blumentpfe, berzeugt, da die
liebliche Bewohnerin des Hauses, wenn sie am andern Morgen ihre Lieblinge
versorgen wrde, es finden mte.
    Noch einen Blick warf er in das Fenster und entfernte sich dann schnell, um
sich nach seiner Wohnung zu begeben, die einige hundert Schritt tiefer in's Dorf
hineinlag.
    Es hat Jemand nach Ihnen gefragt, Herr Baron - sagte sein Bedienter, indem
er seinem Herrn den rothsammetnen Schlafrock reichte.
    Ein Herr oder eine Dame?
    Ein Herr. Er wrde wieder kommen, meinte er. Hier ist die Karte.
    Arthur Berger sagte der Baron fr sich. Gut. Das Spiel hat begonnen.
Jetzt heit es geschickt die Karten mischen.
    Von dem weiten Spaziergange ermdet und den mancherlei Aufregungen ermattet,
warf Landsfeld sich in die Ecke des Sophas, um durch einige Augenblicke der Ruhe
die Klarheit und Ruhe des Geistes wieder zu erlangen, welche er zum Empfange des
erwarteten Besuchs nthig zu haben glaubte.
    Karl - sagte er zu seinem Bedienten, der eben beschftigt war, einen
brennenden Fidibus an die Cigarre zu halten, deren aromatischen Duft sein Herr
mit sybaritischem Behagen einzog, indem er die Fe auf dem untergeschobenen
Tabouret ausstreckte.
    Was befehlen der Herr Baron?
    Du hast heute Abend und morgen frh Deine fnf Sinne zusammen zu nehmen.
    Sehr wohl, Herr Baron.
    Weder auf ein gutes Trinkgeld noch auf eine hbsche, schnippische
Kammerzofe Jagd zu machen.
    O, Herr Baron. -
    A propos, Karl. Ich glaube bemerkt zu haben, da Du Dir schon ein Liebchen
angeschafft hast. Wie stehts damit?
    Seit gestern schon? Der Herr Baron scherzen?
    Landsfeld fixirte ihn.
    Also nicht? hm, das thut mir leid - sagte er vor sich hinmurmelnd.
    Das heit, gndiger Herr - ich knnte wohl sagen - ich wnschte vielleicht
- hm, hm!! -
    Hast Du den Schnupfen?
    Nein. Ich wollte nur sagen, da ich hier in der Nhe, da am Ende des Dorfes
unten ein allerliebstes Kind -
    Allerliebstes Kind? - fragte Landsfeld, sich halb aufrichtend. - Bist Du
des Teufels, Karl? Du unterstehst Dich? -
    Der Herr Baron befahlen doch - erwiederte kleinlaut der erschreckte
Diener, einen Schritt zurcktretend.
    Du hast Recht, sagte Landsfeld sich besinnend und in seine frhere bequeme
Stellung zurcksinkend. Fahr nur fort, - fahr fort in's Teufels Namen! befahl
er, als Jener zgerte. Du brauchst keine Furcht zu haben. Also das allerliebste
Kind -
    Ja sehen Sie, - gndiger Herr, als ich da so herunterschlenderte, um - um
-
    Um die Gegend etwas anzusehen, half gutmthig der Baron nach.
    Richtig, um mir die Gegend etwas anzusehen, da war ich schon bis an's Ende
des Dorfs gekommen - und wollte eben wieder umkehren -
    Der Baron lachte. Denn auer dem Dorfe gab es natrlich fr Dich keine
Gegend mehr, nicht?
    Nun gut. Also da kam aus dem letzten Huschen, wissen Sie, links, wo die
groen Kastanienbume vor der Thre stehen -
    Schon gut.
    kam eine junge Dame heraus, mit einer Giekanne in der Hand. Aber sie mute
wohl kein Wasser drin haben, denn sie drehte sich wieder um und rief in's Haus
hinein: Linchen, Linchen! - Schn, dachte ich bei mir, jetzt wirst du was zu
sehen kriegen. Und richtig. Ein allerliebstes Kind.
    Wie sah denn die Dame aus?
    Ja, danach habe ich nicht gesehen. Aber Linchen -
    War noch eine andere Dame dabei?
    Ja, eine alte, wahrscheinlich die Mutter der jungen.
    Wahrscheinlich? woraus schliet Du das?
    Nun, sie nannte sie liebes Kind und Lydia. Es mag wohl ihr Vorname gewesen
sein - ein kurioser Vorname - aber das -
    Ich glaube, es hat geschellt; sieh' einmal nach, Carl. - Ist es der Herr
von vorhin, so wird er mir angenehm sein. - Noch Eins. Besorge zwei Flaschen
Rothwein und drei Glser.
    Sie wollen sagen: zwei Glser.
    Thue, was ich Dir befohlen; und schnell.
    Ein Paar Sekunden spter trat Berger ein. Landsfeld sprang vom Sopha auf und
ging ihm einige Schritte entgegen.
    Ich habe bedauert, sagte er mit freundlicher Urbanitt im Ton und Wesen,
da Sie mich schon einmal vergeblich aufgesucht. Darf ich fragen, was mir die
Ehre Ihres Besuchs verschafft?
    Htte die geringste Andeutung von Spott oder Ironie im Tone des Barons
gelegen, so wrde die absichtliche Ignoriren des heutigen Vorfalls ein Grund
mehr fr Berger gewesen sein, auf den frhern Geliebten Alicens erbittert zu
sein. Als er diesen daher mit ruhiger, unbefangener Hflichkeit sich entgegen
treten sah, wute er Anfangs nicht sogleich die rechten Worte zu finden und
gerieth fast in Verlegenheit. - Der Baron konnte sich eines Lchelns nicht
erwehren, welches durch die Leichtigkeit dieses neuen Triumphs seiner
Geistessuperioritt unwillkhrlich hervorgelockt wurde. Berger bemerkte es und
erlangte dadurch seine verlorene Fassung wieder. Mit ernstem Ton wandte er sich
an den Baron:
    Mein Herr, Sie haben heute Morgen mich und noch mehr die Dame, deren
Begleiter zu sein ich die Ehre hatte, beleidigt -
    Landsfeld verbeugte sich schweigend.
    Ich habe kein Recht, nach dem Grunde dieses Betragens zu fragen, obwohl ich
gestehen mu, da es mir um so auffallender war, als ich mich nicht erinnere,
jemals das Vergngen Ihrer Bekanntschaft gehabt zu haben.
    Da bin ich glcklicher gewesen. Denn ich bin der festen Ueberzeugung, da
ich, obwohl unbewut, schon lange der Ehre theilhaftig war, von Ihnen gekannt zu
sein.
    Berger errthete.
    Ich irre wohl nicht, wenn ich bei Ihnen die Absicht, zu beleidigen,
voraussetze?
    Landsfeld verbeugte sich abermals, als ob ihm eben die grte Schmeichelei
gesagt worden.
    Sie sind bereit, mir Genugthuung zu geben?
    Abermalige Verbeugung.
    Bestimmen Sie geflligst die Waffen.
    Erlauben Sie mir eine scheinbar indiskrete, aber, wie ich Sie auf mein
Ehrenwort versichere, in der wohlmeinendsten Absicht gestellte Frage. - Sind Sie
auf Sbel eingeschlagen?
    Nein, - weshalb?
    So wollen wir Pistolen whlen.
    Herr Baron, ich hoffe, da Sie mit neuen Beleidigungen bis nach Tilgung der
ersten warten werden Was soll diese Schonung und Gromuth bedeuten?
    Mein lieber Herr - sprach der Baron mit herzlichem Ton - Sie irren sich
in mir. Ich will Ihnen die Grnde sagen, weshalb ich Pistolen vorziehe. Der
Sbel ist meine Lieblingswaffe. Whlte ich ihn, so wrden Sie den Mangel an
Kunst in der Fhrung durch die Methode zu ersetzen suchen, die man Naturalisiren
zu nennen pflegt. Sie wrden blind darauf los schlagen. Unter solchen Umstnden
ist Hundert gegen Eins zu wetten, da Einer von uns lebensgefhrlich verwundet
wird.
    Glauben Sie denn, da wir ein Possenspiel auffhren wollen?
    Das nicht. Aber ich bekenne Ihnen aufrichtig, da ich weder Lust habe,
einen Stich in den Leib zu bekommen, noch Ihnen einen hnlichen Liebesdienst zu
erweisen.
    Das Gesprch wurde durch das Eintreten des Dieners unterbrochen, der seinem
Herrn einige Worte leise ins Ohr flsterte.
    Gut. - sagte der Baron - Ich lasse bitten, im Vorzimmer einige
Augenblicke zu verziehen. - Sieh' zu, Carl, fgte er leiser hinzu - da dieser
Herr nichts bemerkt. Wenn er fort ist, werde ich rufen.
    Ich mu gestehen - sagte Berger zum Baron - da Sie eine eigenthmliche
Anschauung dieser Angelegenheit haben. Weshalb schlagen wir uns denn?
    Das frage ich Sie. Ich sehe keinen Grund dazu. Aber da Sie behaupten, von
mir beleidigt zu sein, so bin ich bereit, Ihnen das Vergngen zu machen,
vorausgesetzt, da wir es Beide nicht mit zu groen Opfern bezahlen.
    Sie sind ein merkwrdiger Mensch - bemerkte Berger, der nicht wute, was
er dazu sagen sollte, da er sich vergeblich Mhe gegeben hatte, der Sache ein
feierliches Ansehen zu geben, und sein ganzes Vorhaben jetzt fast lcherlich
fand. Am liebsten wre er ganz davon abgestanden, wenn er die Sache nicht noch
zu verschlimmern gefrchtet htte. Auerdem gab es noch einen Gedanken in seiner
Seele, der ihn davon zurckhielt. Alice. Nicht als wenn er durch dieses Duell,
selbst wenn es glcklich fr ihn enden sollte, einem Wunsche von ihr zu gengen
geglaubt htte. Im Gegentheil hatte Alice alle Mittel ihrer Ueberredungskunst
aufgeboten, um ihn davon abzubringen, und hatte zuletzt nur geschwiegen, als er
sie fragte, ob sie den Gedanken ertragen knnte, ihren Geliebten ffentlich und
vor ihren Augen entehrt und beschimpft zu sehen. Hauptschlich und der
vielleicht ihm selbst nicht ganz klar im Hintergrunde seines Bewutseins
schlummernde Grund aber war der Ehrgeiz, vor den Augen seiner Geliebten auch mit
andern Waffen, als denen der Liebe, seine Mannhaftigkeit zu beweisen. - Einen
Augenblick schwebte ihm zwar das Bild der harmlosen Lydia vor, aber so fest und
tief war er bereits in den Liebesbanden Alicens verstrickt, da die Erinnerung
an die Wonne, welche er in ihren Armen gefunden, jenes vorwurfsvolle Bild
schnell in ihm verwischte.
    Gut - sagte er nach einer Pause, whrend deren er von Landsfeld, der dem
Gange seiner Gedanken gleichsam mit den Augen zu folgen schien, scharf
beobachtet wurde - ich nehme Ihren Vorschlag an. Auch steht mir ja ohnehin
keine Wahl zu. Bestimmen Sie das Weitere.
    Dreiig Schritt Distance und zehn Schritt Barrire, wenn's Ihnen so recht
ist. Wir wechseln Jeder zwei Schsse, ob zugleich, ob nach einander, will ich
Ihnen berlassen. Im letzteren Falle bleibt derjenige, welcher den Schu gethan,
stehen, whrend der Gegner das Recht hat, bis an die Barrire vorzuschreiten.
    Und die Sekundanten?
    Ich glaubte, da Sie Ihren eigenen Carteltrger abgaben, wrden Sie auch in
Verlegenheit um einen Sekundanten sein?
    In der That, ich wte nicht -
    Nun wohl. Was bedrfen wir der Zuschauer. Auch ich habe keinen Bekannten
hier, der mir diesen Dienst leisten knnte. Aber was meinen Sie dazu, da wir
unsere beiden Damen, die ohnehin schon Zuschauer der Scene gewesen sind, welche
unseren Kampf hervorgerufen hat, bten, diese Funktion zu bernehmen. Da sie
sich darauf verstehen und ihre Sache gut machen werden, dafr brge ich Ihnen.
-
    Der letzte Zusatz berhrte Berger unangenehm, da er eine Anspielung auf die
frhere genaue Bekanntschaft des Barons mit Alicen enthielt. Inde gab er
freudig seine Zustimmung, weil er dann unter den Augen Alicens kmpfen wrde.
    Nun bleibt noch die Zeit und der Ort zu bestimmen brig.
    Morgen in der Frhe um 6 Uhr, wenn's Ihnen gelegen ist. Wozu langer
Aufschub?
    Berger eilte seiner Wohnung zu, um noch einen Brief an Lydia zu schreiben -
und dann in die Arme Alicens.
    Einen Augenblick blieb Landsfeld, nachdem ihn Berger verlassen, regungslos
auf derselben Stelle sitzen. Dann strzte er schnell ein Glas Wein hinunter und
sprang auf. Nach einigen raschen Gngen durch das Zimmer trat er vor den Spiegel
und studirte einige Sekunden die Zge seines Gesichts. Das Resultat seiner
Forschungen schien nicht allzugnstig zu sein.
    Verdammte Bewegung - murmelte er vor sich hin, die ich noch immer nicht
bemeistern kann. Was ist doch die menschliche Willenskraft fr ein erbrmliches
Ding, wenn sie trotz aller Uebung nicht einmal diesen Linien und Falten gebieten
kann, da sie eine beliebige Form und Wendung nehmen, gleichviel ob es im Innern
strmt oder Windstille ist. Und was bewegt mich so, was weckt in meiner Brust
die schlummernde Windsbraut, da sie die Blutwogen durch die Adern peitscht, als
sollte die rothe Brandung alle Ufer durchbrechen? - Ein Weib - nur ein Weib!
Richard, wie klein bist du. Fhlst du es nicht, da es vom Erhabenen zum
Lcherlichen nur ein Schritt ist? Hte dich vor dem Cothurn, Alicen gegenber;
sonst bist du verloren. - Und doch, zwanzig Kugeln will ich lieber mit dem
blonden Schfer ber dem Schnupftuch wechseln, als einen Kampf der Verstellung
mit Alicen wagen. Genug der Reflexionen. Es ist die hchste Zeit zum Handeln. -
Carl! - rief er mit lauter und ruhiger Stimme. -
    Die Thre ffnete sich. Landsfeld war berrascht, als er statt seiner
frhern Geliebten eine mnnliche Gestalt ber die Schwelle schreiten sah. Ein
zweiter schrferer Blick berzeugte ihn jedoch, da er sich in seiner Erwartung
nicht getuscht habe. Es war Alice. Sie war in Mnnerkleidern, ber die sie
einen weiten, faltigen Mantel geworfen. Schweigend wies Landsfeld auf das Sopha.
Sie lie den Mantel fallen und stand vor ihm da in jener geschmackvoll
phantastischen Tracht, die Landsfeld fr sie in Venedig nach eigener Erfindung
hatte fertigen lassen und in der sie so oft mit ihm Ausflge auf die Lagunen
gemacht.
    Eine dunkelblaue, kurze, mit goldenen Schnren besetzte Sammetkasawaika,
die, durch einen schmalen goldenen Grtel gehalten, den schlanken Leib umschlo,
reichte bis zu dem vollen biegsamen Hals hinauf, der von einem einfach, aber
sehr fein gestickten Brsseler Kragen umschlossen war, und sich glatt, aber
ungezwungen ber das blaue Kleid legte. Weite und faltenreiche weie seidene
Beinkleider fielen bis auf den zartgebauten Fu herab, welcher in einem kleinen
schwarzen Sammetstiefel steckte.
    Als sie die Wachsmaske abnahm, die ihr Gesicht bedeckte, wre ein Maler
vielleicht berrascht worden durch die Bemerkung, da die Schnheit ihrer Zge
keinesweges der Anmuth und antiken Grazie ihrer Formen entsprach, denn sie
zeichneten sich weder durch Regelmigkeit, noch durch eine besonders
auffallende geistige Harmonie aus. Zwar war Alles in diesem Gesicht klein und
zart, aber zugleich von so eigenthmlichem Schnitt, da dadurch, und durch die
Mischung von Sanftheit und Energie in ihren strahlenden Augen, alle ihre Zge
einen etwas unbestimmten, proteuischen Charakter annahmen. Wenn auch die erste
jugendliche Frische dieses Gesicht bereits verlassen hatte, so war es doch von
groer Weie und Feinheit der Zeichnung und gewann durch die an beiden Seiten es
beschattenden kurzen braunen Locken einen hchst interessanten Ausdruck.
    Sie legte die Maske auf den Tisch und folgte der Einladung des Barons,
welcher ihr mit groe Ruhe eine Cigarre bot und ein Glas Wein prsentirte.
    Du hast mich erwartet, Richard? - fragte sie mit dem ihr eigenthmlichen
mollartigen Tone, indem sie die Cigarre in Brand setzte.
    Woraus schlieest Du das? - sagte der Baron schnell, weil sein
Selbstgefhl sich durch den scharfen Blick Alicens, welche seine Ruhe richtig zu
beurtheilen verstand, verletzt sah.
    Sie wies auf die drei Glser. Landsfeld bi sich auf die Lippen.
    Ich habe Cornelien erwartet - sagte er.
    Ich wnsche guten Appetit, mein Herr - lachte Alice, indem sie den Baron
mit seinen eigenen Worten persiflirte. Das war kein kluger Streich von Dir,
Richard - fuhr sie mit melancholischer Stimme fort - den armen Berger so zu
krnken; und inhuman ohnehin.
    Landsfeld zuckte die Achseln.
    Du kennst ja mein aufbrausendes Wesen, Alice. Du httest mich nicht so frh
aus Deiner Schule entlassen sollen, denn wo htte ich die Humanitt besser und
praktischer lernen knnen, als bei Dir?
    Du bist bitter, Richard. Hast Du so wenig Erhabenheit der Seele, um dem
guten Arthur sein kurzes Liebesglck nicht zu gnnen, und was mehr ist - so
wenig Stolz, um in ihm einen wirklichen Nebenbuhler zu sehen? Du bist
eiferschtig, mein Freund, und das ist schmachvoll.
    Du bist hinterlistig, meine theure Freundin, und das ist mehr als
schmachvoll, es ist -
    Sprich nicht aus, Richard, ich bitte Dich. Ich wei ohnehin Alles, was Du
mir sagen kannst, und erwiedere auf dies Alles nur Eins:
    Entweder warst Du ein blinder Thor, als Du mich liebtest, denn ich habe Dir
meine Ansichten ber die Autonomie der Liebe nie verhehlt, ja ich bin berzeugt,
da Du mich dieser Freiheit wegen selbst geliebt hast - oder Du bist ein eitler
Egoist, der nur dann fr allgemeine Ideen sich enthusiasmiren kann, so lange er
sich als den Mittelpunkt dieses Universums wei.
    Vielleicht bin ich Beides, Alice - sagte der Baron mhsam lchelnd, da er
sich getroffen fhlte.
    Was gedenkst Du zu thun? Berger hat Dich gefordert? sagte Alice nach einer
Pause.
    Wir werden uns morgen in der Frhe schlagen. Er wird Dich bitten, ihm zu
sekundiren.
    Das wird nicht gehen. Denn ich habe Cornelien gefordert; wir duelliren uns
um dieselbe Zeit.
    Landsfeld schlug ein schallendes Gelchter auf. - Das ist ja eine
wundervolle Idee. Und Cornelia hat die Forderung angenommen, natrlich.
    Ich habe noch keine Antwort, aber ich zweifle nicht daran.
    O, sie mu. Ich will sogleich an sie schreiben.
    Du kannst sie ja morgen abholen, wenn's Zeit ist.
    Es ist wahr. Womit schlagt ihr euch?
    Auf Hieber. Es war dies eben auch ein Grund, weswegen ich so spt noch zu
Dir komme. Kannst Du mir ein Paar besorgen?
    Leider besitze ich solche nicht, aber ein Paar kurze Storappiere stehen zu
Deiner Disposition.
    Gut, - doch - was gedenkst Du zu thun mit Berger?
    Es thut mir leid, Deine Unruhe nicht beschwichtigen zu knnen. Du wirst es
morgen selbst sehen.
    In der That bin ich in Unruhe um ihn. Denn er ist ein Mensch von seltener
Reinheit und Tiefe des Gemths. Du solltest ihn nher kennen lernen, Richard.
Ich wette, Du wrdest ihn liebgewinnen.
    Mglich - sagte der Baron kalt.
    Kennst Du noch diesen Anzug? - fragte Alice, indem ein pltzliches Feuer
in ihren Augen aufloderte.
    Wie oft hat Dich der blonde Schfer darin bewundert? gegenfragte
Landsfeld, indem er seine Lippen zu einem sybaritischen Lcheln zwang, das
jedoch nicht vllig frei von Bitterkeit war.
    Nie - erwiederte Alice melancholisch - aber ich werde mich morgen darin
schlagen.
    Es lag eine solche Wahrheit in der tragischen Ruhe, mit der Alice diese
Worte aussprach, da selbst Landsfeld einen kurzen Schauer fhlte. - Alice legte
sich in die Ecke zurck und schlo die Augen.
    Sie bot einen verfhrerischen Anblick dar.
    Er warf einen langen, glhenden Blick auf sie. Sein Herz pochte. Er hatte
dies Weib bermenschlich geliebt, er war ein Gott in ihren Armen gewesen. Jetzt
war nur noch die Wahl, ob er den Gttersitz, von dem sie ihn selbst um eines
Andern Willen verstoen - ihn verstoen, wieder einnehmen oder ihn zertrmmern
msse. Es war ein Augenblick des gewaltigsten Kampfes, indem alle Mchte seiner
Seele gleich Titanen gegen den Olymp seiner Energie anstrmten. - Seine Lippe
zitterte, sein Auge glhte und eine fahle Blsse bedeckte sein Gesicht. Er stand
auf. Alice ffnete die Augen, halb trumerisch, halb verlangend war ihr feuchter
Blick auf Landsfeld gerichtet. - Aber der Kampf war in ihm bereits ausgekmpft.
Seine Lippe zitterte nicht mehr und seine Zge hatten ihren gewhnlichen
Ausdruck und ihre natrliche Farbe wieder erlangt. Nur in seinen Augen loderte
noch die Glut des innern Ringens nach.
    Es ist spt, Alice - sagte er mit groer Besonnenheit. Ich habe noch zu
thun. Und auch Du -. Er vollendete nicht die Bitterkeit, welche auf seinen
Lippen lag, als er Alicen erblassen und in einen Strom von Thrnen ausbrechen
sah.
    So ist es wirklich aus? - sagte sie nach einer Weile, indem sie sich
erhob. O Richard. Jetzt, wo mein Stolz sich zwischen uns gelagert hat, kann ich
Dir sagen, da es nur eines Wortes von Dir bedurft htte, um jedes andern
Glckes auer des von Dir mir gewhrten zu entsagen. - Vielleicht aber ist's
besser so. -
    Sie warf den Mantel um und legte die Maske vor das Gesicht.
    Auf Wiedersehen morgen frh, oder vielmehr heute frh, denn Mitternacht ist
wohl lngst vorber. Lebe wohl, Richard. Sie reichte ihm die Hand. La uns
ohne Groll scheiden. - Du hast mir sehr, sehr wehe gethan, aber ich schwre es
Dir bei Gott - nein, das ist eine Redensart - bei der Seele meines Kindes - das
Du so oft auf Deinem Schooe gewiegt, ich werde Dich nie, nie hassen knnen.
Denn Du bist der einzige Mann, den ich als Mann kennen gelernt. Lebe wohl.
    Ehe noch Landsfeld ihren Abschiedsgru erwiedern konnte, hatte sie bereits
das Zimmer verlassen. Er ffnete das Fenster. Eben trat sie auf die Strae. Ihr
faltenreicher schwarzer Mantel, unter dem zuweilen die weien Beinkleider
hervorblickten, flatterte noch lange im Scheine des hellen Mondlichtes und
verschwand endlich den Blicken des Nachsehenden.
    Landsfeld trat vom Fenster zurck. Er fuhr sich mit der Hand ber die Stirn,
als wolle er einen qulenden Gedanken davon verscheuchen. Dann richtete er sich
hoch auf. Ein Siegeslcheln schwebte auf seinen Lippen, aber ein reineres als
jenes hhnische Lcheln triumphirender Schadenfreude, das seinen Mund verzerrte,
als er das Billet Lydia's gefunden.
    Ich will eine Entscheidung - sagte er im lauten Selbstgesprch - der
letzte mgliche Beweis mu geprft werden. Soll ich mich ewig mit der qulenden
Ungewiheit foltern, ob es sich lohnt, an die Menschen zu glauben oder nicht?
Soll ich immer wieder aus der Seelenruhe gleichgltiger Verachtung aufgestrt
werden durch die heuchlerische Hoffnung, es sei doch wohl ein Irrthum von mir,
mit jeder Wahrheit in der Menschenbrust abschlieen zu wollen? - Ich will
Gewiheit haben, ich will ganz vershnt sein mit den Menschen - und ich bin es,
sobald ich Einen finde, von dessen Wahrheit ich so fest berzeugt bin, da auch
die Mglichkeit eines Zweifels undenkbar wird - oder ich will fr immer das
Recht haben, berall Schein zu sehen! - Darum, Alice, muten wir uns trennen, Du
giebst mir nur halben Glauben, bei Dir wird meine Sehnsucht nach der lautern und
ungeschminkten Reinheit des weiblichen Herzens nur brennender und qualvoller.
Aber Du kannst diesen Durst nicht lschen; und ich will nicht lnger drsten;
wie der Wanderer in der Wste suche ich nach der grnenden Oase - ich will nicht
lnger suchen. Noch einen Schritt will ich thun, noch einer Spur will ich
folgen. Fhrt auch diese mich nur in die Irre, so will ich sagen:
    Es giebt keine Quelle der Wahrheit in dem Weibesherzen.
    Er setzte sich, um ein Billet an Cornelien zu schreiben, worin er ihr sagte,
da sie sich um 5 Uhr frh bereit halten sollte. Er siegelte es und rief seinen
Diener.
    Carl, Du gehst sogleich nach dem Gasthof zum weien Strau, weckst den
Portier, wenn er schon schlft, und giebst ihm dieses Billet mit der Weisung, es
entweder gleich oder noch vor Sonnenaufgang an seine Adresse zu geben.
    Dann schrieb Landsfeld noch einen andern Brief, an Lydia, worin er sie bat,
sich um das etwaige Ausbleiben ihres Verlobten nicht zu ngstigen. Er gab als
Grund das Duell an, da sie doch mglicher Weise durch einen Dritten davon hren
knne, und dann ihre Unruhe noch grer sein wrde; versicherte ihr aber auch
zugleich auf sein Ehrenwort, da er fest entschlossen sei, seinem Gegner kein
Haar zu krmmen. Sie knne folglich ohne Sorge sein. Der Ton des Briefes ging in
keiner Weise ber die Forderungen conventioneller Hflichkeit hinaus. Ohne eine
Andeutung ber die Grnde des Duells zu geben, stellte Landsfeld das Motiv
seiner Mittheilung auf kein persnliches Interesse fr die Empfngerin, sondern
stellte als solches einfach seine Pflicht als Mensch und Ehrenmann hin, und
vermied es, ber seine Betheiligung und seine Gesinnung in Rcksicht auf diesen
vorliegenden Fall auch nur entfernt zu berhren.
    Als er mit dem Schreiben und der Schlieung des Briefes fertig war, hatte
sich auch bereits sein Diener des Auftrags an Cornelia entledigt.
    Er hatte die Letztere noch sprechen knnen, und das Billet selbst bergeben.
    Sie wrde zu jeder Stunde bereit sein, da sie sich gar nicht zur Ruhe
begeben wrde - war ihre Antwort.
    Jetzt kannst Du ein Paar Stunden schlafen. Um vier Uhr mut Du bereit sein,
mich auf einem Spaziergange zu begleiten. Gute Nacht.

                                Drittes Kapitel


Schon lange bevor die Sonne am stlichen Horizont, der die in weilich grauen
Dunst eingehllte Ebene begrenzte, ihre ersten Blitzstrahlen gegen die dichte
Nebelmasse ausgesandt und ihr Nahen nur erst durch einen breiten, langen, aber
schwachen Purpurstreifen, der zuweilen durch den, wie zum Widerstande sich
scheinbar immer mehr verdichtenden Nebelflor verwischt wurde, glnzten die im
Westen gelegenen Spitzen des Gebirges in dunkelrother Glut, die sich immer
tiefer und tiefer senkte. Endlich erschien auch auf der entgegengesetzten Seite
ein blutrother feuriger Streifen. Immer hher und hher sich erhebend,
gestaltete er sich zuletzt zum leuchtenden Feuerball, welcher auf der scharf
hervortretenden Linie des Horizonts tanzend zu schweben schien. Es war ein
wundervoller Anblick, wie ihn nur der verstehen und nachempfinden kann, der ihn
einmal in seiner ganzen Gre und Schnheit genossen hat. Jede Beschreibung ist
matt und farblos gegen eine solche Wirklichkeit. Die zuckenden, sprhenden
Strahlen der Sonne, welche wie feurige Pfeile des zrnenden Gottes durcheinander
schieen, bis sie die kmpfenden Nebelmassen zerstreuen, die sich nun fliehend
um die Gipfel der Bume schaaren, als wollten sie im Schatten der Wlder ein
schtzendes Bollwerk gegen die Macht des Lichts suchen - die glhenden
Bergspitzen und vor Allem der frische balsamische Duft, welcher wie ein
phantastischer Traum der halb noch trumenden Erde auf Berg und Thal, auf Wald
und Flur schwebt -: Wer vermag jemals alle die stillen Wonneschauer und die
schweigende Begeisterung zu vergessen, die ihn bei der Feier dieses erhabenen
Naturkultus durchbebte?
    Als die Strahlen des sich hher aufschwingenden Sonnenballs auf die Dcher
des noch grtentheils im tiefen Schlaf ruhenden Dorfes fielen, und nur erst
einzelne Badegste, denen der Arzt einen frhen Spaziergang als Kur verschrieben
hatte, ghnend und frstelnd sich zu diesem unbequemen Geschfte bereit machten,
ffneten sich auch die grnen Lden des letzten weien Huschens, ber dessen
Dach die, uns aus der Beschreibung Carls schon bekannten mchtigen
Kastanienbume ihre schtzenden Zweige ausstreckten.
    Das Fenster war jedoch mit zwei bereinanderstehenden Reihen von
Blumentpfen so bestellt, da man Anfangs nichts von dem menschlichen Wesen
bemerken konnte, das so frh den schnen Morgen begren zu wollen schien, als
eine niedliche, feine Hand und einen runden Arm von berraschender Zartheit und
Weie. Die Lden waren nun wohl geffnet, allein sie muten noch von beiden
Seiten des Fensters befestigt werden. Dies schien auch die Besitzerin der
kleinen Hand und des reizenden Arms fr nothwendig zu erachten, denn sie ffnete
auch den andern Fensterflgel und nahm die oberste Reihe der Blumentpfe
behutsam ab und schien einen nach dem andern auf einen neben dem Fenster
stehenden Tisch zu setzen. Nach Beendigung dieses Geschfts beugte sie etwas den
Kopf vor, indem sie einen schnellen Blick ber den Gartenzaun auf die nchste
Umgebung und seitwrts auf die Strae warf, ob sie auch nicht von einem
unbefugten Zuschauer belauscht werde. Durch die tiefe Stille ringsumher
beruhigt, richtete sie nun ihre Blicke in die Ferne. War es die Glut des
stlichen Himmels, an dem eben die Sonne in ihrer vollsten Pracht sich erhoben
hatte, welche auf ihrem lieblich schnen Gesicht wiederstrahlte, oder war es die
stille Wonne ihres Innern, die halb wehmthige Freude ber die unfabare und
doch die ganze Menschenbrust erweiternde Schnheit der Natur: ihre Wangen
rtheten sich tiefer, ihre Augen wurden glnzend und feucht und ihre Hnde
legten sich unwillkhrlich, wie in lautloser, heiliger Andacht ber dem
schneller wogenden jungfrulichen Busen zusammen. Eine tiefe ruhige Sehnsucht
lag auf ihren Zgen und in dem blauen Auge, das wie in schmerzlich inniger
Empfindung nur halb aufgeschlagen in die Ferne blickte. Es war ein beraus
lieblicher Anblick, ein Anblick, der dem zweifelschtigen Landsfeld gewi den
vollen Glauben an reine Weiblichkeit wiedergegeben htte.
    Sie seufzte tief, ohne wohl zu wissen, warum. Denn was konnte dieses
Kindesherz schon getroffen haben, da es von Schmerz erfllt war? Ein
unbestimmtes Sehnen nur war es, was ihre Brust bewegte und zugleich erweiterte.
Denn es war ihr, als mte sie alles das Schne, Herrliche und Groe, was sich
da drauen vor ihren Blicken entfaltete, hineinziehen in die Brust, oder als
mte sie selbst sich hinausstrzen und sich auflsen in die allgemeine
Seligkeit der Natur. Ein innerlich tiefer, aber lautloser Jubel durchzog
zugleich ihr ganzes Wesen - sie weinte, ob vor Schmerz oder vor Wonne, sie wute
es selbst nicht. Eine Thrne fiel auf ihren vollen, weien Busen herab, der in
ungestmen Wallungen sich unter dem lose befestigten Nachtkleide hervorgedrngt
hatte, als wolle er sich in dem thaufeuchten Balsam der khlen Morgenluft baden.
Unwillkhrlich errthend, obschon sie sich allein und unbelauscht wute, zog
sie, zum schnellen Bewutsein der Wirklichkeit erwachend, das Kleid ber der
Brust zusammen und bog sich, nachdem sie noch eine Thrne aus dem Auge
getrocknet, ber die Blumentpfe hinaus, um die Laden zu befestigen.
    In diesem Augenblicke kam Landsfeld, in Begleitung Corneliens und des
nachfolgenden Dieners, der die Waffen unter dem Mantel trug, um die Ecke. Lydia
sprang schnell vom Fenster zurck, doch hatte bereits der scharfe Blick des
Barons sie erreicht, was er inde durch keine Bewegung verrieth. Vielmehr ging
er ruhig und wie in ein eifriges Gesprch mit seiner Begleiterin versenkt, ohne
einen zweiten Blick nach dem Fenster zu werfen, vor demselben vorber.
    Lydia holte tief Athem, ihre Farbe, die einen Augenblick das Gesicht vllig
verlassen hatte, kehrte allmhlig wieder zurck. Ueber ihren eigenen Schreck
lchelnd, trat sie wieder an das Fenster, indem sie jedoch vorher noch einen
Blick in den Spiegel warf, um sich von der Ordnung ihrer Toilette zu berzeugen.
In der That hatte sie zu einer so ngstlichen Flucht keine Veranlassung, denn
das sehr reizende Morgenhubchen, welche das kindlichreine Oval ihres Gesichts
umschlo, war eben so untadelhaft, wie das lange faltige, blendend weie
Morgenkleid, das bis hoch ber die Schulter hinaufreichte. - Nachdem sie noch
die Vorsicht angewendet, das letztere unter dem Halse mit Hlfe einer Nadel zu
einem festeren Anschlu zu zwingen, wobei sie abermals errthend die Augen
niederschlagen mute, weil ihr einfiel, wie gering der Zeitraum war, welcher
zwischen dem Erscheinen des vorhererwhnten Paares und dem Fall der Thrne, die
sie aus ihrer Trumerei erweckt hatte, lag - trat sie abermals an das Fenster,
um endlich einmal ihr Geschft zu vollenden.
    Diesmal wurde sie von Niemandem beunruhigt. Nachdem die Laden befestigt
waren, begann sie die in die Stube gestellten Tpfe wieder an ihren frheren
Platz zu stellen, als sie zwischen den beiden mittelsten Tpfen der unteren
Reihe ein zusammengewickeltes Blatt Papier bemerkte. Sie zog es neugierig
hervor, und ffnete es. Da erblickte sie auf der Einlage ihre eigene Schrift.
Als sie das Blatt entfaltete, erkannte sie ein Billet, das sie vor einigen Tagen
an ihren Verlobten geschrieben.
    Um so neugieriger ergriff sie nun das andere Blttchen, in dem jenes
eingeschlagen war, und las unter wachsendem Erstaunen folgende mit Bleifeder
geschriebenen Worte:

    Unsere Freuden sind wie Stubchen, die von den Rdern des Lebenswagens
    fliegen, um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln.

Eine ihr selbst unerklrliche Angst ergriff Lydia bei diesen Worten; es war ihr,
als sei ein groes Unglck geschehen, und doch hatte sie keine Vorstellung
davon, was es eigentlich sei, das sie so in Furcht setzte. Es lag in den Worten
des Zettels - das fhlte sie wohl - etwas Dsteres, Unheil Andeutendes, das sie
zur Resignation und Fassung aufforderte. Zuweilen schien ihr eine Art
melancholischen Trostes darin zu liegen, fr einen groen unbekannten Verlust,
der ihr drohte, oder der sie gar schon betroffen hatte. - Eine unnennbare Unruhe
ergriff sie. Sollte sie die mit Bleistift geschriebenen Worte mit dem Inhalt des
Billets in Verbindung setzen, das sie an ihren Verlobten geschrieben? Oder hatte
den Letzteren ein Unfall getroffen? Der Gedanke trieb alles Blut nach ihrem
Herzen. Wieder und wieder las sie die rthselhaften Worte, ohne den tieferen
Sinn, den sie darin vermuthete, zu begreifen. Sie eilte in das Nebenzimmer, um
zu sehen, ob ihre Mutter, zu der sie ein unbedingtes, schrankenloses Vertrauen
hatte, schon wach geworden. Diese wollte sie um Rath fragen.
    Liebes Kind - sagte die wrdige und liebenswrdige Frau, nachdem sie mit
Aufmerksamkeit beide Zettel durchlesen - Du beunruhigst Dich, wie es mir
scheint, mit Unrecht. Was sollte Berger widerfahren sein? Vielleicht haben die
Worte, die Dir solche Angst machen, schon auf dem Zettel gestanden, ehe ihn der
unbekannte Finder des Billets zum Umschlag fr das Letztere gebraucht. Auch mu
es wohl ein Bekannter sein, denn wer anders, als ein solcher, kennt Deinen
Vornamen und Deine Wohnung? - Vielleicht ist es auch ein Scherz von irgend
Jemand. Alles dies scheint mir der Wahrheit nher zu liegen, als Deine gnzlich
unbegrndete Ahnung von irgend einem Unglck. Beruhige Dich deshalb. - Heute
Nachmittag wirst Du ja ohnehin Berger sehen, denn er versprach uns ja zu einem
Spaziergang abzuholen. Theile ihm dann offen die Thatsache, aber auch nur diese,
mit. Er wird Dir gewi gengende Erklrung darber geben knnen.
    Die Ruhe, mit der die Mutter sprach, wirkte auf Lydia wohlthtig ein. Sie
wurde ebenfalls ruhiger und begriff zuletzt nicht, wie sie sich einer so
kindischen Furcht habe hingeben knnen. Bald war von der ganzen Unruhe weiter
kein Gefhl in ihr zurckgeblieben, als das der Erwartung und Neugierde, wie
sich bei Bergers Erscheinen die Sache aufklren wrde. Sie eilte leichten
Schrittes in den Garten hinter dem Hause hinab, um die Blumen zu trnken, ehe
die Sonne zu hoch gestiegen. Mit einem halb wehmthigen, halb freudigen Blicke
sah ihre Mutter ihr nach. Sie war keineswegs so ruhig und unbesorgt, als sie es
Lydien gegenber geschienen hatte. Denn seit einigen Tagen war sie durch
verschiedene Aeuerungen einiger Badegste, die das Verhltni Lydiens zu Berger
nicht kannten, oder nicht zu kennen sich den Anschein gaben, aufmerksam auf das
Betragen des Letzteren geworden. Es hatte ihr geschienen, als wrde sein Name
nicht selten in Verbindung mit dem einer vor einigen Tagen angekommenen Dame
genannt, die durch ihre eigenthmliche Stellung in der Welt, da sie nur in
Begleitung einer jungen Dienerin zu reisen schien, so wie durch die Freiheit und
Selbststndigkeit ihres Benehmens allgemeines Aufsehen erregte. Sie hatte bisher
ihre Vermuthungen und Befrchtungen vor Lydia verborgen, weil sie zuvor klar
sehen wollte, ehe sie das harmlose Kind beunruhigen wollte. Es war zwar mglich,
da Berger auf seiner Reise nach Italien, die er seiner knstlerischen
Ausbildung wegen unternommen, Frau von Rosen irgendwo kennen gelernt und nur die
Bekanntschaft, die vielleicht ganz oberflchlicher Natur war, wieder aufgenommen
hatte. Aber diese Vermuthungen lsten die Bedenken, welche der Mutter Lydiens
aufgestiegen waren, nicht; vielmehr gewannen die letzteren durch den Umstand,
da Berger bisher noch mit keiner Sylbe seiner neuen Bekanntschaft erwhnt
hatte, in ihr ein so groes Gewicht, da sie zuletzt sogar auf den Verdacht
fiel, das Zusammentreffen Bergers mit Frau von Rosen im hiesigen Bade sei nicht
ganz einem glcklichen oder unglcklichen Zufalle zuzuschreiben. Unter diesen
Umstnden mute auch der Vorfall, welcher ihrer Tochter einen so groen Schreck
verursacht hatte, fr sie eine ganz andere und wichtigere Bedeutung gewinnen,
als sie Lydia gegenber ihm beizulegen geschienen hatte. Schon mehrmals hatte
sie den Vorsatz gefat, mit Berger offen ber sein Betragen zu sprechen. Doch da
sie bisher in dem Benehmen gegen Lydia im Grunde nichts auszusetzen gehabt
hatte, vielmehr ber seine achtungsvolle Zurckhaltung nur erfreut sein konnte,
so war sie immer wieder von demselben zurckgekommen, da sie wohl wute, wie
nachtheilig ein solches Gesprch auf die Unbefangenheit und Klarheit des
Verhltnisses wirken mute, im Fall ihre Verdachtsgrnde sich als nichtig
ergeben sollten. Dieser letzte Vorfall aber gab eine gengende und sich durch
sich selbst rechtfertigende Veranlassung, um an Berger eine Frage zur Erklrung
desselben zu richten. So fate sie denn in demselben Augenblicke, als sie nach
Lesung der mit Bleifeder geschriebenen Worte Lydia zu beruhigen versuchte, den
Entschlu, noch heute ber alle ihre Bedenken und Zweifel in's Klare zu kommen;
ein Entschlu, der, je lnger sie darber nachdachte, um so grere Festigkeit
erlangte, als sie in jenen rthselhaften Worten, die an Lydia gerichtet zu sein
schienen, nur eine Art Besttigung ihrer Befrchtungen erblicken zu mssen
glaubte.
    Indessen hatte Lydia ihre Beschftigung im Garten beendet, und war im
Begriff, ihren Vogel, dessen Bauer sie bereits zwischen den Blumentpfen des
nach dem Garten hinaussehenden Fensters aufgestellt hatte, mit Nahrung zu
versehen, als ihre Mutter sie rief.
    Ich glaube, es wird jetzt Zeit sein, da wir uns ankleiden, liebes Kind.
Die Stunde, da ich zur Quelle mu, naht heran, und im Fall Du nicht vorziehest,
zurckzubleiben -
    Ach nein, la mich mit Dir gehen, liebe Mutter. Du wirst so leicht mde,
wenn Du keinen Begleiter hast, auf den Du Dich sttzen kannst. Ich mag auch
heute nicht allein zu Hause bleiben, mir ist so bange, ich wei selber nicht
warum.
    Furchtsames Kind, Du - lchelte die Mutter, der im Grunde nicht minder
bange zu Muthe war.
    Nach einer halben Stunde war die Toilette der Damen beendet. Arm in Arm
traten sie aus dem Hause und begaben sich langsam nach der ziemlich entfernten
Quelle. Da diese an dem entgegengesetzten Ende des Dorfs hher hinauf am Abhange
des Berges gelegen war, so htten sie das Dorf seiner ganzen Lnge nach
durchmessen mssen. Inde fhrte hinter der rechts gelegenen Huserreihe, am
Ufer des Bachs, der nach seinem Austritt aus dem Park an dem Dorfe sich
hinschlngelte, ein schmaler, nur hchstens fr zwei Personen betretbarer
Fusteig, den die beiden Damen sonst wegen seiner Feuchtigkeit des Morgens zu
vermeiden pflegten. Heute jedoch schien die Sonne so warm und erquicklich, da
sie unwillkhrlich, statt die Strae hinabzugehen, um die Ecke des Hauses bogen,
um den erwhnten Fusteig zu gewinnen, auf dem sie in weit krzerer Zeit die
Quelle erreichen konnten.
    Still wanderten sie neben einander her, jede mit ihren eigenen Gedanken
beschftigt. Durch instinktartige Furcht davon abgehalten, vermieden sie es,
ber das heutige Ereigni zu sprechen, obwohl sie Beide ahnen mochten, da dies
gerade der gemeinschaftliche Gegenstand ihres Nachdenkens und die Ursache ihres
Schweigens war. Als sie ber die Hlfte des Wegs zurckgelegt, hrten sie
pltzlich in weiter Ferne einen Schu fallen, der vom Gebirge herabzutnen
schien. Ein schnelles, aber rasch unterdrcktes Zittern des Arms ihrer Mutter,
der sich auf den ihrigen sttzte, bewies Lydia, da ihre Mutter durch den Schu
erschreckt worden war. Sie erblate.
    Mein Gott, liebe Mutter -
    Still, mein Kind. Es war eine bloe Schwche.
    Ein zweiter Schu fiel, aus derselben Richtung herberschallend. Die innere
Aufregung Lydiens nahm zu. Ihre Mutter hatte die Fassung vllig wieder erlangt,
aber nicht ohne eine gewaltsame innere Anstrengung, die dem milden Ernst,
welcher gewhnlich auf ihren regelmigen und feinen Zgen lag, einen Charakter
von Erhabenheit und Seelengre verlieh.
    Nach einer lngern Pause fiel ein dritter und unmittelbar darauf ein vierter
Schu. - Die Schritte der beiden Damen wurden schneller, als wollten sie dem
unheimlichen Eindruck, den das Schieen auf sie hervorbrachte, entfliehen.
Erhitzt und fast athemlos, ob mehr vor innerer Bewegung oder von der
krperlichen Aufregung war schwer zu entscheiden, langten sie im Brunnenhuschen
an, um das sich bereits eine groe Zahl von Trinkenden versammelt hatte. Das
Gerusch und die gleichgltigen, zuweilen vom munteren Gelchter unterbrochenen
Gesprche wirkten beruhigend auf ihre aufgeregten Gemther. Lydia wurde von
einigen jungen Mdchen, die ihr in der Residenz, wo sie mit ihrer Mutter die
letzten beiden Winter nach dem Tode ihres Vaters, des Forstraths von Dornthal,
zugebracht hatte, bekannt waren, umringt und verga bald unter Scherzen und
Lachen ihre eben gehabte Angst. An die Forstrthin von Dornthal schlo sich
ebenfalls ein Bekannter an, ein Freund ihres verstorbenen Mannes, der Hofrath
Rupf, dessen geschftiges, prunksilberartiges Wesen, gepaart mit einer
grenzenlosen Bonhommie und unerschpflichen Laune, ihn zum allgemeinen Liebling
der Badegste und besonders des weiblichen Theils derselben gemacht hatte, weil
er sich nichts mehr angelegen sein lie, als fr das allgemeine Vergngen und
gemthliche Zusammenleben der Badegesellschaft zu sorgen. Wenn man den langen,
aber beweglichen Mann durch die bunten Reihen der jungen Mdchen hpfen sah, um
sich nach dem Befinden der Einen zu erkundigen, oder den Rath der Andern in
Betreff der Arrangirung einer Partie einzuholen, so mute die warme Sympathie
auffallen, die ein so ernster und ruhiger Charakter, wie ihn Frau von Dornthal
besa, gegen den maitre de plaisir an den Tag legte. Auf der andern Seite war
aber auch das Benehmen Rupf's gegen die Mutter Lydiens ein ganz verschiedenes
von dem, was er gegen jede Andere annahm. So bertrieben hflich, fast an's
Geckenhafte streifend, seine Courtoisie gegen die jungen Mdchen war, die ihre
muthwilligsten Launen an ihm auslieen, so zurckhaltend innig und freundlich
warm zeigte er sich gegen die Forstrthin. Diese wute sein treues, biederes
Herz, seine rhrende Anhnglichkeit an ihren verstorbenen Gemahl, und
Aufopferung seiner Interessen fr sie selbst und ihre Angelegenheiten wohl zu
schtzen. Sie verehrte ihn als ihren besten, wahrhaft ergebenen Freund und hatte
ein unbeschrnktes Vertrauen zu ihm. Mit Herzlichkeit erwiederte sie daher auch
jetzt den Hndedruck des Hofraths, der sich mit theilnehmender Besorgni nach
ihrem Befinden erkundigte.
    Kommen Sie, lieber Freund - sagte sie, ihren Arm in den seinigen legend.
Ich mchte Sie um Ihren Rath in einer Angelegenheit bitten, die mir groe Sorge
macht.
    Sprechen Sie, theuerste Rthin, sprechen Sie - mein Rath, meine Hlfe, das
wissen Sie ja, kann Ihnen niemals entgehen, wenn ich sie zu geben im Stande
bin.
    Sie schlugen einen weniger betretenen Seitenweg ein.
    Die Forstrthin theilte ihm unverholen ihre ganze Besorgni in Betreff
Bergers mit, indem sie ihn zugleich bat, ihr Alles, was er aus glaubwrdiger
Quelle, oder aus eigener Wahrnehmung ber die Bekanntschaft zwischen Lydiens
Verlobten mit Frau von Rosen wte, mitzutheilen. Eine halbe Stunde mochten sie
im eifrigsten Gesprch begriffen gewesen sein, das nur durch einen fter
wiederholten Gang zum Brunnen unterbrochen wurde, als sie pltzlich durch ein
lautes Geschrei aufmerksam gemacht wurden, das mitten aus dem Kreise der noch
kurz zuvor heiter lachenden Mdchen hervorzuschallen schien. Voll trber Ahnung
und schon durch das Gesprch aufgeregt, eilte die Forstrthin nach der Stelle
des Tumults. Die Mdchen waren um eine ihrer Gefhrtinnen beschftigt, die eben
in Ohnmacht gefallen war. Es war Lydia. Ihr schner Kopf ruhte bewegungslos in
dem Schooe einer ihrer Freundinnen, die sich auf die Kniee niedergeworfen
hatte. Ihr linker Arm war, wie vor innerm Schmerz, auf die Brust gepret und in
der rechten Hand hielt sie krampfhaft ein zusammen geknittertes Stck Papier.
Eine allgemeine Verwirrung herrschte in der Gesellschaft. Die Mutter Lydiens
warf sich mit einem lauten Schrei auf ihre Tochter und wre selbst bewutlos
hingesunken, wenn nicht die groe Energie ihres Geistes sie aufrecht erhalten
htte. Der Hofrath eilte, ohne sich lange nach der Ursache dieses unglcklichen
Zufalls zu erkundigen, sogleich fort, um einen Wagen zu holen, in dem Lydia nach
Hause gebracht werden konnte.
    In den ersten Minuten war die Forstrthin nicht im Stande, weder eine Frage
zu thun, noch ihrer Tochter eine wirksame Hlfe zu leisten. Glcklicherweise war
der Badearzt in der Nhe. Seinen Bemhungen gelang es bald, Lydia zur Bewegung
und zum Leben zurckzurufen. Aber sie verstand Nichts von dem, was um sie her
vorging. Ihr Bewutsein war mit einem dichten Schleier verdeckt, der wohl das
Licht durchdringen, aber nicht die Form und das Wesen der Gegenstnde erkennen
lt. Matt und willenlos lie sie sich in den inde herbeigekommenen Wagen
heben, in den auer ihrer Mutter auch der Hofrath mit einstieg. Rasch fuhren sie
in's Dorf hinab nach dem Huschen unter den Kastanienbumen.
    Haben Sie Etwas ber die Ursache von Lydiens Unwohlsein erfahren knnen? -
fragte der Hofrath, der zu derartigen Erkundigungen keine Zeit gehabt.
    Es wurde nur von einem kleinen Knaben gesprochen, der auf Lydia zugegangen
sei, als kenne er sie schon lange, und ihr einen Brief berreicht habe. Sie habe
ihn sogleich mit sichtlicher Bewegung erbrochen und, nachdem sie einen Blick
hineingeworfen, sei sie sofort bewutlos niedergesunken.
    Vielleicht ist die der unselige Brief - uerte der Hofrath, auf das
zerknitterte Papier in der rechten Hand Lydiens deutend.
    Rasch griff die Forstrthin danach, nachdem der Hofrath mit Mhe die
zusammengeprete Hand geffnet und den Zettel herausgenommen hatte.
    Gott sei Dank! - athmete die gengstigte Mutter tief auf.
    Ein Thrnenstrom, der ihrer bisher zurckgehaltenen Angst Luft machte,
strzte aus ihren Augen. Lesen Sie - setzte sie hinzu, dem Hofrath das Papier
hinreichend, indem sie sich ermattet in die Wagenecke zurcklehnte.

                                Viertes Kapitel


Als Alice von Rosen nach dem frher geschilderten Gesprch mit dem Baron in
jener Nacht in ihre Wohnung zurckgekehrt war, warf sie hastig die
Mnnerkleidung von sich und rief ihrem Mdchen.
    War Jemand hier, Marie? -
    Nein, gndige Frau - antwortete das junge Mdchen, indem sie ihrer Herrin
das Nachtkleid berwarf.
    Desto besser - sagte Alice zu sich selbst. - Bringe mir ein Glas recht
khles Wasser und eine Cigarre, dann kannst Du zu Bett gehen.
    Als sie allein war, ging sie mit schnellen, aber ungleichen Schritten im
Zimmer auf und nieder. Die dster brennende Lampe warf ein unsicheres Licht auf
die Wand, an der der Schatten Alicens wie ein Nachtgespenst hin und niederfuhr.
    Sollte ich mich diesmal getuscht haben - sprach sie vor sich hin. -
Sollte dieser Mann mir wirklich widerstehen knnen? Es darf nicht sein! - O,
verschmht, verschmht von ihm! Jetzt fhl' ich, was es heit, den Strom der
Sehnsucht zur Umkehr nach der Quelle zu zwingen. -
    Er war kalt, kalt wie Eis. Er kann kein Herz haben, dieser Mann - Herz? -
Sie lchelte bitter. Hab' ich denn ein Herz? - Aber Du tuschest Dich, Richard,
wenn Du meinst, da ich den Kampf schon aufgegeben. - Sie richtete sich stolz
auf bei diesen Worten. Ihre Augen blitzten und eine flammende Rthe bedeckte ihr
Gesicht. - Nach einer Pause, in der sie einigemal durch das Zimmer geschritten
war, blieb sie pltzlich stehen, als htte ein Gerusch ihre Aufmerksamkeit
erregt. Es ist Berger - sagte sie langsam, indem eine Falte des Unmuths auf
ihre Stirn sich lagerte. Du whlst eine unpassende Zeit, lieber Freund.
    Sie warf sich, wie in dumpfer Resignation, auf das Sopha und bedeckte die
Stirn mit der Hand.
    Berger ffnete leise die Thr. Er sah bla und niedergeschlagen aus.
Erstaunt blieb er einen Augenblick auf der Schwelle stehen, als Alice ihm nicht
entgegen kam.
    Bist Du krank, theure Alice? - fragte er besorgt, indem er nher trat.
Dein Gesicht ist erhitzt, Dein Puls fliegt. Was fehlt Dir? sprich. O, sprich
doch! bat er ngstlich, indem er auf das zu ihren Fen stehende Tabouret
niederkniete und ihre Hand von der heien Stirn halb mit Gewalt niederzog und
sie mit Kssen bedeckte.
    Es ist nichts, Arthur; beruhige Dich. Ein wenig Kopfschmerz - die Aufregung
vom Morgen. Sie machte eine Anstrengung, um die verlorene Besonnenheit wieder
zu erlangen. - Weit Du, was ich in Deiner Abwesenheit gethan? fragte sie
pltzlich mit heiterem Ton. Ich habe Cornelien gefordert. Sie fing an zu
lachen.
    Du hast sie wirklich gefordert? Und darber lachst Du?
    Warum soll ich nicht darber lachen? Ich freue mich schon im Voraus auf
einen Gang mit ihr. Uebrigens fhrt sie eine gute Klinge und ist frchterlich
erbittert auf mich. Ach, wenn wir nur erst auf der Mensur stnden - fgte Alice
mit der gewhnlichen melancholischen Weichheit im Ton hinzu, den ihre Stimme
gerade dann am meisten annahm, wenn der Inhalt ihrer Worte ganz
entgegengesetzter Natur war.
    Du bist ein Heldenweib, Alice! - sagte Berger, mit einer Art von
schwrmerischer Andacht zu ihr aufblickend. So gro, so herrlich, wie nie ein
Weib auf Erden war. Wie bin ich stolz auf Deine Liebe. Nicht wahr, Du liebst
mich, Alice? O, sage es mir, da Du mich liebst, denn ohne Deine Liebe bin ich
nichts mehr. An sie glaube ich, denn sie ist meine Seligkeit, meine Ewigkeit,
meine Religion. - Alice, ich liebe Dich unaussprechlich!
    Er verbarg seinen Kopf in ihrem Schooe. Alice sah mit einer Mischung von
Freude und Mitleid auf ihn herab, wie man auf ein gutes Kind herabsieht.
Unmerklich schweiften ihre Gedanken zu Landsfeld; sie verglich seine Klte und
Zurckhaltung mit der tiefen Wrme und Hingebung Bergers. Wunderbar. Ein Gefhl
von Ha und Verachtung durchzuckte ihre Seele, aber dieser Ha traf nicht den,
der sie gekrnkt, sondern den hingebenden, in Liebe fr sie aufgehenden
Schwrmer, der zu ihren Fen lag.
    Als Berger wieder aufsah, fuhr er erschreckt empor ber den Ausdruck von
unheimlicher Klte in ihren Zgen.
    Er erblate.
    La mich - sagte sie halb abgewandt und sich aufrichtend. Ich bin
erschpft. - In einigen Stunden gehen wir auf die Berge. Du wirst mich abholen,
Arthur, nicht wahr? Sie zwang ihre Stimme zu einem freundlichen Accente. Um
fnf Uhr werde ich bereit sein. Und jetzt ist schon die zweite Stunde nach
Mitternacht vorber. La uns scheiden, Arthur, wir bedrfen Beide noch der
Ruhe.
    Wir bedrfen Beide noch der Ruhe - wiederholte er mit tonloser Stimme. Du
hast Recht, Alice. Ruhe! O, wer zur Ruhe kme! - Wohl - sagte er dann mit
stiller Resignation. In drei Stunden werde ich bei Dir sein. Lebe wohl.
    Er sprang auf und wollte forteilen.
    Arthur! - rief Alice, die ber seinen tiefen Schmerz bekmmert war. Sie
breitete die Arme nach ihm aus. Weinend strzte er hinein. Sie drckte einen
heien Ku auf seinen Mund.
    Da brach seine ganze bisher verhaltene Ruhe in lichte Flammen aus. Mit
starkem Arm umfate er sie. Sein Athem glhte, sein Blut strmte durch die
Adern. Immer fester umschlangen sie seine Arme, immer glhender brannten seine
Ksse auf ihren Wangen, auf ihrem Halse, auf ihrem Busen.
    Arthur! - zrnte sie, heftig gegen seine Leidenschaftlichkeit ankmpfend.
Bist Du so wenig Mann, so wenig Herr Deiner Gefhle, da Du Dich nicht
beherrschen kannst, wenn ich Dich um Schonung bitte. - Arthur, ich bitte Dich,
la ab - la ab - zwinge mich nicht, Dich zu verachten. Sie sprang auf und
winkte ihm, wie zum Abschiede. - Er strzte hinaus.

                                Fnftes Kapitel


Als der Baron nebst seiner Begleiterin die Spitze des Berges erreicht hatte,
trafen sie das andere Paar, das, um nicht Lydiens Wohnung passiren zu mssen,
von der entgegengesetzten Seite heraufgestiegen war, schon wartend.
    Entschuldigen Sie unser lngeres Verweilen - sagte Landsfeld, nachdem er
mit seinem Gegner eine stumme Begrung gewechselt. Wir vermutheten nicht, da
Sie uns zuvorkommen wrden. - Darf ich Sie bitten, mir zu folgen - fuhr er
fort. - Wir mssen noch einige hundert Schritte weiter in den Wald hinein, wenn
wir ungestrt sein wollen.
    Schweigend folgten ihm die Andern. Der Thau lag voll und glnzend auf dem
buschigen Haidekraut, das sie durchwaten muten, und drang durch die Schuhe und
Strmpfe der beiden Damen. Landsfeld schien es nicht zu bemerken. Mit langen
Schritten vorausgehend drang er immer tiefer in den Wald ein, bis sie endlich
einen hellen, lnglichschmalen Platz erreicht hatten, der den allgemeinen
Beifall der Theilnehmer an diesem sonderbaren Spaziergange zu haben schien, da
er vllig trocken und eben war.
    Wir sind zur Stelle - sagte Landsfeld. Er nahm dem nachfolgenden Diener
die Waffen ab und legte sie vorsichtig auf einen umgestrzten Baumstamm, der den
Platz der Lnge nach durchschneidend, ihn in zwei fast gleich groe Hlften
theilte. Du kannst jetzt gehen, Carl - wandte er sich an diesen, indem er mit
ihm einige Schritte bei Seite trat. Hier ist ein Brief, den Du sogleich an
seine Adresse abzugeben hast; aber mit Vorsicht, da es nicht zu sehr auffllt.
    Und soll ich nicht wieder herkommen, Herr Baron? - fragte der treue
Mensch, seinen Herrn mit ngstlichen Blicken ansehend.
    Wenn ich in einer halben Stunde nicht zu Hause bin, dann bittest Du den
Brunnenarzt sich hierher zu bemhen und bestellst zugleich einen Wagen. Adieu,
Carl, und da Du nichts auf Deinen Kopf hin thust.
    Da ein doppelter Kampf stattfinden wird - wandte sich Landsfeld an die
Andern, so bleibt uns noch zu bestimmen brig, welche Partei den Anfang machen
soll, die mnnliche oder die weibliche. -
    Wir wollen loosen - bemerkte Cornelia. Diesem Vorschlag wurde allgemein
beigestimmt. Landsfeld nahm zwei Grashalme von verschiedener Lnge als Symbol
der verschiedenen Waffenart und bat Alice zu ziehen. Sie that es mit fester
Hand. Sie hatte den lngern Halm gezogen. Der Baron nahm die Rappiere, trocknete
sie ab und berreichte sie den modernen Amazonen. Sie warfen ihre Mntel ab;
Cornelia erschien in der feinsten Toilette, Alice, wie sie vorausgesagt, in der
phantastischen Mnnerkleidung, in der sie die vergangne Nacht den Baron besucht
hatte. Sie stellten sich einander gegenber. Berger, der bisher stumm und
scheinbar theilnahmlos dagestanden, trat seiner Geliebten zur Seite.
    Ich werde das Zeichen geben - sagte der Baron. Wenn ich das Tuch
schwinge, macht Frulein von Hohenhausen den ersten Ausfall. -
    Auf die Mensur, meine Damen - rief er kommandirend. Die beiden Gegnerinnen
kreuzten die Rappiere.
    Los - rief der Baron das Schnupftuch schwingend. In demselben Augenblicke
flog die Spitze von Alicens Rappier in die Hhe.
    Die Klinge ihrer Gegnerin streifte die linke Seite ihres goldenen Grtels.
    Deine Absicht war solid und gut, theure Freundin - rief Alice, die
blitzschnell ihre Waffe wieder gesenkt hatte. Die Lust des Kampfes brannte jetzt
in ihren Augen, auf ihren Wangen. Corneliens Gesicht zeigte seine gewhnliche
Klte. Nur in den halbgeschlossenen Augen, aus denen zuweilen eine unheimliche
Glut hervorblitzte, und in dem fest zugekniffenen Munde lag eine starre
Entschlossenheit. Mit groer Geschicklichkeit schlug sie einen auf ihre Brust
gerichteten Sto Alicens ab, wobei die Spitze ihres Rappiers sich in den Falten
des Aermels ihrer Gegnerin verwickelte. Ehe sie das unvorhergesehene Hinderni
berwinden konnte, sah sie Alicens Rappier abermals nach ihrer Brust gerichtet.
Da ri sie, ihre ganze Kraft anwendend, ihre Waffe an sich, mit einer Wendung,
wodurch die verhngnivolle Spitze von ihrer Brust abgeschlagen werden sollte.
Wie durch einen Zauberschlag fuhren die beiden Gegnerinnen jetzt auseinander. In
der That mute der jetzt sich darbietende Anblick von der eigenthmlichsten Art
sein, da er auf die beiden Zuschauer in doppelter Rcksicht ganz
entgegengesetzte Wirkungen hervorbrachte. Der besonnene und seiner selbst so
mchtige Landsfeld erbleichte sichtlich, whrend Berger in ein Gelchter
ausbrach, das in diesem Augenblick ganz ungerechtfertigt schien.
    Durch die gewaltsame Art, mit der Cornelia ihr Rappier aus dem Aermel ihrer
Gegnerin herausgerissen, hatte sie denselben von der Schulter an bis zum Knchel
aufgeschlitzt; zugleich aber bemerkte Landsfeld, da der weie Arm, welcher
jetzt vllig entblt war, einen langen blutigen Streifen zeigte.
    Berger, der, auf der andern Seite stehend, die Verwundung Alicens nicht
bemerken konnte, hatte sein Auge auf Cornelien geheftet. In dem Augenblicke, als
es ihr gelungen war, die Spitze ihres Rappiers frei zu machen, war die Waffe
ihrer Gegnerin bereits einige Zoll tief in ihre rechte Brust gedrungen. Als sie
daher durch die erwhnte Wendung die Klinge Alicens fortschlug, trennte ein
langer Schnitt, der sich von rechts nach links ber die ganze Brust der
Unglcklichen erstreckte, ihr Kleid auf, aus dem nun zwar kein Strom warmen
Blutes - - aber eine Menge Watte hervorquoll. Ein Schrei, als htte sie Alicens
Klinge im Herzen gefhlt, entfuhr ihrem Munde, indem sie zwei Schritte
zurcksprang. Mit erneuter Wuth wollte sie jetzt von Neuem auf ihre Gegnerin
sich werfen, als Landsfeld mit eigener Lebensgefahr zwischen die Kmpferinnen
sprang.
    Genug, - rief er mit gebieterischer Stimme. Jetzt kommt die Reihe an uns.
Sie haben beiderseits Wunden empfangen und gegeben. Sie knnen befriedigt sein.
Halb mit Gewalt nahm er Cornelien das Rappier aus der Hand. Fassen Sie sich,
Cornelia, und verderben Sie mir solcher Lappalien wegen das Spiel nicht. Wer
wei, was noch in der Zukunft Schooe schlummert, flsterte Landsfeld seiner
wthenden Freundin zu, indem er einen besondern Nachdruck auf die letzten Worte
legte. Er warf ihr den abgeworfenen Mantel um, und bat sie, sich ruhig auf den
Baumstamm zu setzen.
    Berger hatte inde, so gut es gehen wollte, die Wunde Alicens, welche
durchaus unbedeutend war, da eigentlich nur die Haut geritzt war, mit einem
leinenen Taschentuche verbunden.
    Sehen Sie, meine Herrn - sagte sie, als auch der Baron zu ihr trat, um
sich nach ihrem Befinden zu erkundigen - sehen Sie dort die trauernde Maria auf
den Trmmern Carthago's. Ist es nicht ein tragisches Schauspiel? Sie zeigte auf
Cornelien.
    Spotte nicht, Alice - sagte Berger, whrend Landsfeld die Pistolen aus dem
Kstchen nahm. Er untersuchte die beiden Doppellufe jedes Gewehrs noch einmal
sorgfltig und setzte auf den Piston jedes derselben ein Kupferhtchen. Darauf
ma er in der Mitte des Platzes eine Strecke von dreiig Schritten ab, deren
uerste Enden er durch einen langen Querstrich bezeichnete. Sodann theilte er
diesen Zwischenraum in drei gleiche Theile, welche er auf dieselbe Weise
bezeichnete. Nachdem er dies Geschft beendet, kehrte er zu dem eben verlassenen
Paare zurck.
    Whlen Sie! sagte er zu Berger, indem er ihm die Waffen verkehrt entgegen
hielt. Statt einer Antwort begab sich Berger auf das eine Ende. Alice nherte
sich dem Baron. Sie hielt den Arm in einer improvisirten Binde und sah sehr
bleich und angegriffen aus.
    Was gedenkst Du zu thun? - fragte sie leise den Baron.
    Ich habe Dir schon erklrt, da Du es sehen wirst. Doch da Dir die
Aufregung schaden knnte, so richte Deinen Blick auf jenen Knorren. Er zeigte
auf einen Baum im Rcken Bergers. Das ist mein Ziel. Berger sah anscheinend
theilnahmlos auf die Beiden herber. Aber in seinem Innern erwachte jetzt
pltzlich wieder ein Verdacht, der ihn schon heute Nacht, als er Alicen verlie,
durch die Seele gezogen war, ohne jedoch lnger, als einen Augenblick, darin
gehaftet zu haben. Die gab ihm mit einem Male die Sicherheit und Bestimmtheit
zurck, welche ihn seit dem Gesprch mit dem Baron fast ganz verlassen hatte.
    Ist's gefllig, Herr Baron? - sagte er mit einer ruhigen Klte, die
Landsfeld auffiel.
    Ich bin bereit, mein Herr - antwortete dieser, auf seinen Platz eilend. Er
stellte sich ihm so gegenber, da er den Knorren, auf welchen er Alicen
aufmerksam gemacht hatte, ber der linken Schulter Bergers, etwa fnf Zoll von
seinem Ohr, erblicken konnte.
    Langsam, aber mit festen Schritten, nherte sich Berger dem zweiten Strich,
whrend Landsfeld nur einen Schritt ihm entgegen trat. Fast in demselben
Augenblicke richteten Beide ihre Waffen auf einander. Berger feuerte zuerst. Er
war noch achtzehn Schritte von seinem Gegner entfernt. Der Baron stand
unverrckt. Jetzt ging dieser bis zur uersten Grenze vor. Nur zehn Schritte
lagen zwischen ihnen. Berger kreuzte die Arme.
    Landsfeld drckte los. Alice blickte nach dem Knorren. Er war verschwunden.
Nur einige Holzsplitter zeigten die Stelle, an der die Kugel in den Baum
gedrungen war. Die beiden Kmpfer begaben sich auf ihre Pltze zurck. Abermals
schritten sie langsam auf einander zu. Berger schien warten zu wollen, bis der
Baron gefeuert htte. Dieser aber wnschte gleichfalls den letzten Schu zu
haben. So hatten sich Beide der Grenze genhert. Endlich entschlo sich Berger
zum Feuern. Landsfeld wankte einen Augenblick, fate sich aber sogleich wieder.
Sein rechter Arm hing schlaff herab, das Pistol war auf den Boden gefallen. Er
ergriff es mit der linken Hand. Da er aber mit dieser jenes Kunststck nicht zu
wiederholen wagte, aus Furcht, seinen Gegner zu treffen, was gnzlich auer
seinem Plane lag, so scho er es in die Luft ab und warf es dann von sich.
Berger, der sich diese Schonung nicht erklren konnte, blieb erstaunt und
verwirrt auf seinem Platze stehen. Alice eilte auf den erbleichenden Landsfeld
zu und fhrte ihn zu dem umgestrzten Stamm. Er lie sich darauf nieder.
    Es ist nichts Bedeutendes - sagte er - wenn's nur nicht der rechte Arm
wre. Verdammter Zufall. Er ri die Weste und das mit Blut befleckte Hemd
auseinander. Die Kugel hatte die innere Seite des Arms gestreift und, wie es
schien, eine Sehne zerschnitten. Die Wunde blutete stark. Alice, die ihrer
eigenen Verwundung wegen ihm wenig Dienste leisten konnte, rief Berger. Aber
jener schien, obwohl unverwundet, gnzlich unfhig, irgend wie hlfreiche Hand
anzulegen. Wie im Traum trat er nher und blickte theilnahmlos auf den
Sitzenden. Landsfeld stopfte sich sein Taschentuch unter den Arm und drckte es
fest an, um eine Verblutung zu verhindern.
    Wenn nur der Arzt bald kme - sagte er.
    Cornelia hatte die ganze Zeit ber, in ihren Mantel eingehllt, lautlos
dagesessen. Jetzt sprang sie pltzlich auf. Ich werde ihn zur Eile antreiben!
- rief sie dem Baron zu, indem sie forteilte.
    Ich begleite Sie, Frulein! - rief Berger ihr nach.
    So kommen Sie schnell! antwortete sie, ohne ihre Schritte zu hemmen. Sie
verlieen den Platz und eilten, so schnell sie konnten, den Berg herab.
    Knnen Sie mir darber Aufklrung geben, Frulein von Hohenhausen, - sagte
Berger - aus welchen Motiven der Baron mich beim zweiten Schusse hat schonen
wollen? -
    Beim zweiten? - bei beiden, Verehrtester. Haben Sie nicht bemerkt, da er
nicht nach Ihnen, sondern nach dem hinter Ihnen stehenden Baume zielte?
    Und Alice wute es, wahrscheinlich. - Daraus kann ich mir auch ihre Ruhe
erklren. - Ich habe ihr also doch Unrecht gethan, als ich es fr
Theilnahmlosigkeit hielt.
    Er mag's ihr wohl heute Nacht gesagt haben - bemerkte Cornelia, indem sie
mit Freude die Wirkung dieser Worte beobachtete.
    Heute Nacht? - Der junge Mann erbleichte. - Das ist nicht wahr - sagte
er drohenden Tones.
    Sie mten das besser wissen, meinen Sie - fuhr Cornelia mit einer
Mischung von verhaltener Wuth und cynischer Ironie im Ton fort. Den
Gegenbeweis, mein Herr, wenn ich bitten darf!
    Berger zgerte einen Augenblick. Darauf sagte er ruhig: Ich selbst bin bei
ihr gewesen.
    Ich wei es, mein Herr, um 2 Uhr. Doch mssen Sie am besten wissen, ob Sie
Grund haben, damit zu renommiren. Das Rendezvous war kurz, so viel ich wei.
    Martern Sie mich nicht! - bat Berger. - Sagen Sie es heraus: hat der
Baron Alicen heute Nacht besucht?
    Nein! -
    Nun also! Der junge Mann athmete tief auf.
    Aber sie ist bei ihm gewesen - schlo Cornelia. -
    Das war ein frchterlicher Schlag. Berger schwankte. Jetzt konnte er sich
den Widerstand Alicens erklren. Von innerem Schmerz fast vernichtet, stieg
jetzt nicht mehr der leiseste Zweifel an der Wahrheit des eben Gehrten in ihm
auf.
    Kommen Sie! wir drfen uns nicht aufhalten. - Halb mit Gewalt zog sie
seine Hnde nieder, mit denen er die Augen bedeckt hatte. Mein Gott! so
ermannen Sie sich doch. Wollen Sie ein Zaubermittel, das Ihren Schmerz lindern
und Ihnen die Kraft zurckgeben wird?
    O, fr mich giebt es kein Heilmittel mehr! sthnte Berger.
    Doch, doch - versicherte sie. Ein Wort wird Sie kuriren. Die Wort heit
- sie nherte ihren Mund seinem Ohre, indem sie leise, aber mit energischem
Accent sagte: Rache!
    Berger fuhr empor. Seine Augen rollten. Krampfhaft ergriff er den Arm
Corneliens, so da diese fast aufgeschrieen htte vor Schmerz. Sie haben Recht.
- Rache! Rache! -
    Er sprach dies Wort langsam und mit Nachdruck, als wolle er den Wohllaut
jedes einzelnen Buchstaben genieen. -
    Mit beschleunigten Schritten eilten sie jetzt den Berg hinab. Da erblickten
sie den Wagen, welcher eben gemchlich den Berg hinanfuhr.
    Der Baron ist verwundet! - rief Cornelia dem Diener Landsfelds zu, als sie
den Wagen erreicht hatten, in dem sich der Arzt befand, der nun dem Kutscher
befahl, die Pferde zu grerer Eile anzutreiben. Bald war der Wagen ihren
Blicken entschwunden. Als sie in's Bad kamen, trennten sie sich. Auf
Wiedersehen! - sagte Cornelia beziehungsvoll beim Abschiede, indem sie ihrem
neuen Gefhrten die Hand gab. Vor allen Dingen lassen Sie sich zu keiner
unberlegten Handlung verleiten. Berger eilte nach Hause, um sich zum
Spaziergange mit Lydien umzukleiden. Jetzt, wo er sich von Alicen hintergangen
glaubte, und so seine Leidenschaft zu ihr gleichsam in sich selbst
zurckgeworfen wurde, fiel ihm mit einem Male das ganze Gewicht seines Unrechts
gegen das liebe, harmlose Kind auf die Seele und drckte sie so noch mehr
darnieder. Vielleicht war es dieses Ueberma von innerer Qual, das ihm jede
Energie, seinem Schmerz in gewaltsamen Ausbrchen Luft zu machen, nahm. Eine
trbe Ruhe lag auf seinen Zgen, als er in sein Zimmer trat. Die beiden Briefe,
welche er an seine Mutter und an Lydia geschrieben, lagen vor ihm auf dem
Tische. Er erbrach sie und las sie noch einmal durch, als kenne er ihren Inhalt
noch gar nicht. Darauf warf er sich in dumpfer Verzweiflung auf einen Stuhl und
starrte gedankenlos vor sich hin. Eine grauenvolle Stille herrschte in ihm und
um ihn, so da einen Augenblick die fixe Idee sich seiner bemchtigte, er sei
gestorben und liege im Grabe. Eine Stunde mochte er so gesessen haben, als durch
eine rein mechanische Verbindung seiner Ideen ihm der Gedanke an den Spaziergang
mit Lydia wieder einfiel. Er stand auf und begann seine Toilette. Als er vor den
Spiegel trat, wurde pltzlich durch den Anblick seiner mehr erschlafften als
entstellten Zge sein Bewutsein wieder erweckt und die Erinnerung an die
letzten Scenen trat mit voller Gewalt und so furchtbarer Lebendigkeit vor seine
Seele, da seine Kniee fast unter ihm zusammenbrachen und seine Hand nach der
Stuhllehne griff, um sich daran zu halten.
    O, ich bin unsagbar unglcklich - jammerte er, sein Gesicht mit den Hnden
bedeckend, whrend er in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach. - Warum hast Du
mir das gethan, Alice? Hast Du mich nur so hoch erhoben, um mir den Sturz in die
Tiefe desto fhlbarer zu machen? -
    Wenn ein geistiger Schmerz sich in Thrnen auflset, so wird die Seele milde
gestimmt. Auch Berger fhlte bald den wohlthtigen Einflu solcher Thrnen auf
seine Stimmung. Er wurde still und resignirt. Rasch beendete er jetzt seinen
Anzug und schritt langsam dem Hause unter den Kastanienbumen zu.
    Auch hier war unterdessen der Schmerz eingekehrt, aber ihm fehlte das
bitterste, das qualvollste Element: das Bewutsein der eigenen Schuld. Lydia lag
auf dem Sopha ausgestreckt. Ihre Zge waren durch den pltzlichen Schreck bla
und angegriffen, aber ruhig.
    Als sie jenen Brief, der ihr auf der Promenade zugestellt wurde, erhielt,
war sie zuerst durch die Gleichheit der Schriftzge mit denen des Zettels, den
sie heute Morgen zwischen den Blumen gefunden hatte, berrascht worden. Schnell
hatte sie die Adresse abgerissen und, von bser Ahnung getrieben, einen durch
die Angst unsicher gemachten Blick hineingeworfen. Sie sah nur, da von ihrem
Verlobten und einem Duell die Rede sei. Da fielen ihr die Schsse ein, welche
sie mit ihrer Mutter gehrt hatte. Krampfhaft, als wollte sie ihren Raub
bewahren, ballte sie den Zettel zusammen, denn sie fhlte pltzlich einen
brennenden Stich im Herzen, der ihr das Bewutsein raubte. In diesem Zustande
hatte sie die Mutter getroffen. Als sie, zu Hause angelangt, das Bewutsein
vllig wieder erhalten hatte, hatte die Forstrthin nichts Eiligeres zu thun,
als sie ber ihren Irrthum aufzuklren, was sie durch die Vorlesung von
Landsfeld's Brief bewirkte. Doch hatten alle diese verschiedenen Eindrcke ihre
Seele so erschttert, und ihre Krperkraft so erschpft, da sie zur gnzlichen
Sammlung ihres Geistes nothwendig einige Stunden ungestrter Ruhe bedurfte.
Inde warteten ihre Mutter und der Hofrath vergeblich auf den Besuch des
Badearztes, welcher ihnen, als sie nach Hause fuhren, versprochen hatte, in
einer kleinen halben Stunde ihnen zu folgen, um sich nach dem Befinden des armen
Kindes zu erkundigen, und vielleicht ein beruhigendes Mittel fr sie zu
verschreiben. Endlich kam er.
    Es war ein kleiner, runder Mann, dessen breites, gutmthiges Gesicht, dem
ein Paar kluge graue Augen und ein lebendiges Mienenspiel keinen uninteressanten
Ausdruck verliehen, in diesem Augenblicke dunkelroth glhte. Mit kurzen hastigen
Schritten trat er in das Zimmer und ging, ohne sich durch Gre aufhalten zu
lassen, sogleich auf das Sopha zu, ergriff Lydiens Hand, um ihren Puls zu
fhlen, und sagte nach einer halben Minute, zu ihrer Mutter gewandt:
    Vortrefflich. Hier ist Alles auf gutem Wege. - Inde kann's immerhin nicht
schaden, wenn wir dem Kinde ein khlendes Trnkchen verordnen. Haben Sie Papier
und Dinte, gndige Frau? - Er sah mit bezeichnendem Blicke auf die Thr des
Nebenzimmers. Die Forstrthin verstand ihn.
    Wollen Sie sich hier herein bemhen - sagte sie, die Thre ffnend.
    Der Hofrath stellte sich an's Fenster und trommelte mit dem Finger auf die
Scheiben.
    Sie werden mich entschuldigen, gndige Frau - sagte der Arzt - da ich
nicht frher gekommen. - Ich bin dort oben gewesen. Er wies mit dem Finger auf
die Berge, welche sich auf dem blauen Hintergrunde des Himmels scharf
abzeichneten.
    Ich dachte es mir - erwiederte die Forstrthin. - Sprechen Sie, erzhlen
Sie! Wenn ich mir auch alle Einzelheiten nicht erklren kann, so bin ich doch
ber den Zusammenhang im Allgemeinen nicht mehr zweifelhaft.
    
    Sie wissen also, mit wem sich Berger geschlagen hat? - Mit dem Baron von
Landsfeld - fuhr er fort, als Jene mit dem Kopfe schttelte.
    Und der Grund? - fragte die Forstrthin zgernd.
    Wegen einer Frau von Rosen, die der Baron frher, glaub' ich, gekannt und
in Berger's Gegenwart gestern auf der Promenade beleidigt hatte. Die nhern
Umstnde sind mir unbekannt.
    Also doch - sagte Frau von Dornthal vor sich hin. Fahren Sie fort.
    Das Wichtigste ist, da Berger vllig unverwundet geblieben. Ja, aus einer
Andeutung von Frau von Rosen -
    Sie war auch dort?
    Ein merkwrdiges Frauenzimmer - brummte der Arzt, den Kopf hin und her
wiegend. Sie hat sich auch geschlagen, und zwar auf Stichwaffen.
    Sie scherzen - bemerkte die Forstrthin mit halb erstaunter, halb
unglubiger Miene.
    Nichts weniger, als das - erwiederte er seufzend. Sie hat eine lange
Schramme ber den Arm bekommen. Ein merkwrdiges Frauenzimmer, hm! Ein sehr
merkwrdiges Frauenzimmer. -
    Aber mit wem hat sie sich duellirt? Mit dem Baron natrlich.
    Nein, mit einer anderen emancipirten Dame, - einem Frulein von
Hohenhausen. Aber, was ich sagen wollte - ja, aus einer Andeutung von Frau von
Rosen schlo ich sogar, da der Baron mit Willen fehlgeschossen.
    Das war mir nicht unbekannt - erwiederte sie zum groen Erstaunen des
Doctors. Lesen Sie hier - fuhr sie fort, ihm den Brief Landsfelds reichend.
    Hm, hm - sagte er, seinen Kopf wiegend - ein merkwrdiger Mensch. Es wre
Schade um ihn gewesen.
    Wie? - rief Frau von Dornthal erbleichend, indem sie ngstlich die Hand
des Arztes fate. - Er ist verwundet?
    Der Doctor wollte eben antworten, als der Hofrath an die Thre klopfte.
    Berger kommt eben die Strae herab, sagte er, als er auf das Herein der
Forstrthin eingetreten war.
    Mein Gott! - rief diese - was ist da zu machen? Rathen Sie, helfen Sie
mir! Lydia darf er nicht sehen.
    Ruhig, ruhig, gndige Frau. Uebereilen Sie nichts. Wir kennen die tieferen
Motive bei diesem ganzen Vorfall nicht hinlnglich, um von einer eigentlichen
Schuld des jungen Mannes sprechen zu knnen. Ueberlassen Sie es mir, darber
in's Klare zu kommen. Ist es eine bloe jugendliche Verirrung, die ihn zu diesem
extremen Schritte verleitet, so drfen Sie nicht zu strenge gegen ihn sein;
vorausgesetzt, da Lydia an seinem Gefhle nicht irre, und in dem ihrigen nicht
schwankend geworden. Wenn sie stark genug ist, um ihn jetzt sehen zu knnen, so
mchte ich Sie bitten, einer solchen Zusammenkunft nichts in den Weg zu legen.
Dabei wird die Wahrheit am ersten an's Licht kommen. Nach diesen Worten begab
sich der Doctor, ohne eine Antwort abzuwarten, zu Lydia. Die Andern folgten. In
demselben Augenblicke klopfte es an die Thre. Der Hofrath warf einen fragenden
Blick auf den Doctor, der sich neben Lydia gesetzt hatte, welche sich inde
aufgerichtet.
    Das ist Arthur, sagte sie, indem eine flchtige Rthe ber ihre Wangen
flog. Es ist gut, da er kommt. Ich habe Manches mit ihm zu reden.
    Ein bittender Blick auf die Mutter sagte dieser, da sie allein mit ihm zu
sein wnschte. Auch der Doctor hatte den Blick verstanden. Er bot der
Forstrthin, welche einen Augenblick zgerte, den Arm und fhrte sie in das
andere Zimmer. Der Hofrath folgte.
    Der junge Mann ffnete die Thre und blieb, von innerer Bewegung
berwltigt, einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Lydia hatte sich erhoben.
Im entscheidenden Augenblicke war ihre volle Besonnenheit zurckgekehrt.
    Du hast Dich geschlagen, Arthur - sagte sie, einen Sessel neben das Sopha
stellend, indem sie ihn einlud, sich zu setzen. Jetzt erst sah sie die
Verstrtheit in seinen Zgen. Wieder durchflog eine Ahnung von einem groen
Unglcke, wovon sie sich keine Rechenschaft geben konnte, ihre Seele.
    Sag' mir, Arthur, bat sie mit sanftem Ton, indem sie seine Hand ergriff,
die eiskalt war, warum?
    Du weit also Alles? - fragte er mit zu Boden geschlagenen Augen.
    Nichts wei ich, Arthur, und wrde auch nichts haben wissen wollen, als was
Du mir sagen konntest. Nicht wahr, Du wirst mir Alles erzhlen, Alles aufklren?
Ein Paar Worte werden gengen, um mich zu beruhigen.
    Lydia, ich bin dieses Vertrauens nicht werth. - Verzeihung, stammelte er,
indem er vor ihr auf die Kniee sank und die Hnde Lydiens mit Thrnen und Kssen
bedeckte.
    Was soll ich Dir verzeihen? - sagte sie bebend, indem sie unmuthig ihre
Hand zurck zog. Diese Sprache erschien in ihren Augen, wenn nicht als Zeichen
eines Schuldbewutseins, so doch der Unmnnlichkeit.
    Er sprang auf. Nein, Du kannst mir nicht verzeihen. Ich fhle es - Lebe
wohl, Lydia. -
    Bleib' Arthur! - rief das arme Mdchen, deren Angst zunahm. Beruhige Dich
doch! Was ist denn Grausiges geschehen, da Du es mir nicht sagen kannst. - Hast
Du ihn getdtet? - fragte sie mit bebender Stimme.
    O, htte ich - Er sprach nicht aus. Aber der Ausdruck von Unmuth, welcher
pltzlich ber sein Gesicht flog, ergnzte das Uebrige. - Lydia schauderte, denn
sie dachte an den Edelmuth seines Gegners.
    Eine ungewohnte Klte zog durch ihre Brust. Sie, die so warm und innig mit
jedem Menschen empfand, fhlte mit einem Male die Mglichkeit, da sie hassen
knnte. Stolz und fremd war ihr Ton, als sie mit entschiedener Ruhe sagte:
    Noch einmal, Arthur, frage ich Dich, ob Du mir den Grund sagen willst?
    Ich habe Dich hintergangen - erwiederte er, wie von unsichtbaren Gewalten
gezwungen, mit tonloser Stimme. Ich habe Deine Liebe zu mir entheiligt.
    Lydia fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Einen Augenblick schwankte sie.
    Unsere Freuden sind wie die Stubchen, die von den Rdern des Lebenswagens
fliegen, um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln - sprach sie leise
vor sich hin, indem eine Thrne in ihrem Auge glnzte.
    Verzeihung, Lydia, Verzeihung! - rief Berger mit flehender, gebrochener
Stimme, indem er abermals zu ihren Fen sank und ihre Kniee umklammerte.
    Dies gab dem jungen Mdchen ihre ganze Kraft zurck. Sich losreiend und vom
Sopha aufspringend, trat sie einen Schritt zurck. Eine dunkle Rthe bedeckte
Stirn und Wangen; als sie, sich hoch aufrichtend, mit fester Stimme zu dem
Unglcklichen sprach: Mein Herr, wir haben hinfort Nichts mehr mit einander zu
thun.
    Berger wurde durch die Klte in dem Ton Lydiens noch mehr, als durch die
Worte vernichtet. Eine fahle Blsse berzog sein Gesicht. Vergeblich rang er
nach Worten. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut wurde hrbar. Als knne
er den Anblick Lydiens nicht mehr ertragen, strzte er aus dem Zimmer.
    Die Forstrthin trat, besorgt ber die pltzliche Stille, hinein. Der
Hofrath und der Doctor folgten. Lydia war noch in derselben stolzen Stellung,
den groen kalten Blick auf die Thre gerichtet. Als sie aber den ersten Laut
ihrer geliebten Mutter hrte, knickte sie zusammen. Ein Thrnenstrom entstrzte
ihren Augen. Stumm sank sie an die mtterliche Brust.
    Veruhige Dich, mein theures, mein geliebtes Kind - sagte diese, das junge
Mdchen nach dem Sopha geleitend. Dem Jnger Aeskulaps, welcher das ganze
Gesprch mit angehrt, standen die Thrnen in den Augen. Ein merkwrdiges
Mdchen - bemerkte er, den Kopf schttelnd, indem er nher trat. Lassen Sie
sie nur weinen - fuhr er laut zur Forstrthin gewendet fort. Das erleichtert
ihre Brust. - Kommen Sie, Verehrtester, begleiten Sie mich zu meinem neuen
Patienten. Ein merkwrdiger Mensch - der! - ein hchst merkwrdiger Mensch! Er
nahm den Hofrath ohne Weiteres beim Arm und wollte ihn mit sich fortfhren.
    Lydia machte eine Bewegung, als wollte sie sprechen. Der Arzt wandte sich
wieder zurck.
    Ist er verwundet? - fragte sie leise. Der Doctor verstand sie wohl.
    Allerdings. Ich werde meine Noth mit ihm haben. - Das heit - verbesserte
er sich, da er Lydiens Bewegung wahrnahm - die Wunde ist nicht gefhrlich, kaum
eine Wunde zu nennen. Eine Schramme, weiter nichts, aber am rechten Arm, das ist
freilich fatal. Aber wenn er sich hbsch ruhig hlt, ein Paar Tage, nicht
lnger. - Nun, kommen Sie, Freund, ich versichere Sie, ein hchst merkwrdiger
Mensch. Es thut mir wahrhaftig leid, da die Kur so kurz sein wird. Ah, bah,
wenn er aufhrt, mein Patient zu sein, ist er unterde mein Freund geworden. Da
wette ich Zehn gegen Eins.
    Auf diese Weise schwatzte der Mann fort, bis Beide in's Zimmer des Barons
traten. Sie fanden ihn auf dem Sopha sitzen, den verwundeten Arm in der Binde.
    Nun? - fragte Langhals, dies war, wie durch einen ironischen Zufall, der
Name des kugelrunden Doctors - wie stehts? Sind wir hbsch munter. -
Merkwrdiges Mdchen! - Was sagen Sie dazu, Hofrath?
    Wer ist ein merkwrdiges Mdchen? - fragte Landsfeld.
    Wer wird's sein, als die kleine Lydia - fuhr der redselige Doctor fort,
der erfreut ber die Frage des Barons war, weil sie ihm Gelegenheit zum
Antworten gab. Eine Freude war's, wie sie den winselnden Jungen zu ihren Fen
- hm, ja so. Sie haben Recht, Hofrath, das gehrt nicht hieher.
    Die pltzliche Unterbrechung hatte ihren Grund darin, da der Hofrath, aus
Furcht vor der Indiscretion des Doctors, ihn leise am Rockscho gezupft hatte,
um ihn zum Schweigen zu bewegen. Inde konnte er ihn doch nicht davon abhalten,
das Resultat der Reflexionen und Bemerkungen, die er in Begriff gewesen war, von
sich zu geben, mitzutheilen, was er mit den Worten that: Na, der wagt auch
nicht mehr, den Fu auf ihre Schwelle zu setzen.
    Ein Lcheln der Siegerfreude flog ber das Gesicht des Barons.
    Ich bitte Sie, meine Herren, der Frau von Dornthal nebst ihrer Frulein
Tochter meinen innigsten Kummer darber mitzutheilen, ihnen so viel Sorge und
Unruhe verursacht zu haben. Sobald ich es im Stande bin, werde ich mir die
Freiheit nehmen, sie persnlich deshalb um Verzeihung zu bitten.
    Gut - sagte Langhals. Sie werden wissen, was Sie zu thun haben. Aber der
Berger macht mir Sorgen - wandte er sich zum Hofrath. Ich dchte, wir suchten
ihn auf. Er wird am Ende sonst des Teufels ganz und gar. - Nachmittag bin ich
wieder hier, lieber Baron. Leben Sie wohl.
    Arm in Arm schritten die beiden Freunde zur Thre hinaus.
    Die kurze, runde Figur des Doctors nahm sich neben dem langen, hagern
Hofrath so eigenthmlich aus, da Landsfeld sich eines Lachens nicht erwehren
konnte.

                                Sechstes Kapitel


Mehrere Tage waren seitdem verflossen, als eines Morgens der Doctor Langhals mit
triumphirender Miene zum Baron kam. Endlich habe ich sie so weit gebracht! -
rief er, sich die Hnde reibend und im Zimmer auf und ab trippelnd - aber es
hat Mhe gekostet. - Doch ein prchtiges Mdchen, die Kleine. Was sagen Sie
dazu, Baron?
    Wozu? - fragte dieser zerstreut. Er hatte die Worte des Doctors, an dessen
Art er sich schon gewhnt hatte, ganz berhrt.
    Kleiden Sie sich an, das heit, lassen Sie sich ankleiden, denn aus der
Binde darf der Arm noch nicht heraus. Wir machen heute unsern ersten
Spaziergang, denn wir sind genesen, vollkommen genesen. Nun, was denken Sie
dazu, Verehrtester? -
    Ich denke, da Sie heute etwas stark gefrhstckt haben!
    Fehlgeschossen, theuerster Freund, gnzlich fehlgeschossen. Im Gegentheil,
ich bin so nchtern wie ein Kchlein, das eben das Ei verlt. Bei diesen
Worten schenkte er sich ein Glas Wein ein, das der Baron, der seine Schwachheit
kannte, stets fr ihn bereit hielt. Aber eilen Sie, eilen Sie; sonst kommen wir
zu spt. Die Damen waren schon im Begriff, nach Hause zurckzukehren.
    Die Damen? - fragte Landsfeld mit schlecht verhehltem Interesse, indem er
seinem Diener klingelte.
    Nun freilich, die Forstrthin mit ihrer Tochter. Die verdammte Geschichte
mit dem Berger mu dem armen Kinde doch sehr zu Herzen gegangen sein. Kein
Wunder freilich. Sind mit einander aufgewachsen. Sie wissen wohl, da die Eltern
der beiden Leutchen in demselben Orte wohnten. Bergers Vater war Prediger. Als
der starb, ging seine Mutter mit ihm nach Wien, um ihm Gelegenheit zu geben,
sein wirklich bedeutendes musikalisches Talent auszubilden. Unterde war auch
Lydiens Vater gestorben und die Forstrthin mit ihrer Tochter nach Berlin
gezogen, wohin sich denn auch zuweilen der junge Berger begab. Dort hat er sich
mit ihr vor einem Jahre verlobt. Bald nach der Verlobung begab er sich auf eine
Reise nach Italien, wo er ber ein halbes Jahr blieb, dann noch seiner Mutter
einen Besuch abstattete und endlich hier wieder mit Dornthals zusammentraf. Wann
und wo er zuerst Frau von Rosen kennen gelernt, habe ich nicht erfahren knnen.
Wahrscheinlich in Italien.
    Nein. Schon in Berlin, vor seiner Verlobung - berichtigte Landsfeld, der
mit groem Interesse die Erzhlung des Doctors anzuhren schien. Und Sie
glauben, da Lydia noch immer -
    O - unterbrach ihn Langhals - im Gegentheil! Als ich ihr heute erzhlte,
da ich einen Brief von Berger aus Wien erhalten -
    Was natrlich ein Scherz war - bemerkte der Baron.
    Herr, was denken Sie? Ich scherzen? und auf so profane Weise mit diesem
herrlichen Mdchen!
    Nun, nun - beschwichtigte Landsfeld den Aufgeregten, der wirklich diesmal
bse war. Es war nur ein Scherz von mir.
    Schner Scherz! brummte der Medikus grollend. Nun gut. - Als ich ihr also
das mittheile - was glauben Sie, da sie sagte?
    Nun? - fragte Landsfeld, dem es von Wichtigkeit war, die Gesinnungsweise
und Denkart Lydiens kennen zu lernen.
    Da sagte sie, tief Athem schpfend: Gott sei Dank! und setzte alsbald kalt
hinzu: Ich konnte es mir wohl denken. Er hatte nicht einmal dazu Kraft genug.
- Verstehen Sie etwas davon? Ich habe mir schon den Kopf darber zerbrochen, was
sie eigentlich damit gemeint haben mag. Doch ich sehe eben, da Sie fertig sind.
Nun, lassen Sie uns denn gehen. - Geben Sie mir den linken Arm.
    Als sie auf der Promenade anlangten, richteten sich Aller Blicke neugierig
auf den bleichen jungen Mann, dessen Duellgeschichte bereits allgemein bekannt
war. Als sie in eine Seitenallee einbogen, standen sie pltzlich vor Lydia,
ihrer Mutter und deren unzertrennlichem Begleiter, dem Hofrath. Vielleicht
mochte es gerade in dem scheinbar Unvorbereiteten und Unerwarteten liegen, da
dies erste Zusammentreffen Lydiens mit dem Baron weniger peinlich war, als es
Beide gefrchtet hatten. Zwar frbten sich ihre bleichen Wangen pltzlich mit
einem zarten Roth, das auch nicht wieder verschwand. Aber ohne dies Zeichen
einer innern Bewegung htte man nicht vermuthet, da durch das Erscheinen
Landsfelds irgend eine Vernderung in ihr vorgegangen. Mit unbefangner Anmuth
erwiederte sie die stumme, ernste Verbeugung des Barons, der sich sogleich,
nachdem die Ceremonie der gegenseitigen Vorstellung durch den kleinen Doctor mit
allem ihm mglichen Pathos beendet war, an die Forstrthin wandte.
    Wir schulden Ihnen vielen Dank - sagte diese, nachdem sie einige mehr
gleichgltige, obwohl hier nicht blos conventionelle Fragen nach ihrem
gegenseitigen Befinden gewechselt - da Sie auf Gefahr ihres eigenen Lebens den
jungen Mann verschonten.
    Schlagen Sie mein Verdienst dabei nicht zu hoch an - erwiederte er
bescheiden. Berger war von Leidenschaft verblendet - ich konnte vermuthen, da
er keine sichere Hand haben und wahrscheinlich fehlschieen wrde. Die Krfte
waren also ungleich vertheilt. Auerdem wollte ich mein Bewutsein nicht mit
einer That beschweren, deren Erinnerung nur qualvoll sein kann. Ich hate den
jungen Mann nicht, obwohl mir, als ich unmittelbar nach dem Wortwechsel, der die
Ursache des Duells war, Ihnen und Ihrer Frulein Tochter begegnete, seine
Verirrung unbegreiflich erschien. Denn ich kannte die Dame, welche ihn so
bezaubert hatte.
    Sie kannten sie? - fragte Frau von Dornthal in einem Ton, der wie eine
Aufforderung zur weiteren Erklrung klang. Landsfeld warf einen forschenden
Blick auf die ernsten Zge der Forstrthin. Dann verzog sich die eine Seite
seines Mundes zu einem fast unmerklichen Lcheln. Denn er dachte an den Grund,
den mglicherweise die Mutter Lydiens zu solcher Aufforderung haben konnte,
vielleicht unbewut hatte.
    Schon seit mehreren Jahren - erwiederte er mit ruhiger Unbefangenheit.
Zuerst lernte ich sie in Berlin kennen. Die Richtung, welche damals meine
innere Entwicklung genommen, begnstigte den mchtigen Eindruck, den sie auf
mich machte. Ich glaubte gefunden zu haben, wonach ich mich schon so lange
gesehnt hatte, einen weiblichen Charakter, in dem sich die innerliche Freiheit
des Menschengeistes mit der zarten Selbstbeschrnkung edler Weiblichkeit zur
lebendigsten Harmonie zusammenschlsse, und der Widerspruch zwischen der
Ueberwindung aller Schranken des Vorurtheils und des Aberglaubens mit der
energischen Aufrechthaltung sittlicher Wrde gelst htte. - Landsfeld schwieg.
    Und Sie wurden in Ihrer Erwartung getuscht? - fragte mit sichtbar
wachsendem Interesse die Forstrthin, die selber einen fr die Idealitt
menschlicher Gre und Wrde schwrmenden Sinn besa.
    Mein Bedrfni, sie verwirklicht zu sehen, war zu gro, als da ich nicht
jeden sich allmhlig geltend machenden Zweifel geflissentlich unterdrckt htte.
Ich bin beschmt, es Ihnen gestehen zu mssen, gndige Frau, da ich mich lnger
als ein Jahr in meiner Selbsttuschung so unendlich glcklich fhlen konnte. -
    Landsfeld gehrte zu jenen eigenthmlichen Charakteren, die sich in eine
willkhrlich erzeugte Vorstellung so hinein zu leben im Stande sind, da sie den
Mitteln, welche sie zur Aufrechterhaltung des Scheins in Anwendung bringen,
gegen sich selbst eine Macht einrumen, deren Kraft und Wirkung der der Wahrheit
vllig gleich ist. Als er jene Worte sagte, schlug er unwillkhrlich die Augen
zu Boden und eine flchtige Rthe bedeckte seine Stirn. Es lag eine solche
Wahrheit in dieser scheinbaren Bewegung, da die Forstrthin seine Hand ergriff
und mit Herzlichkeit drckte. Sie glaubte jetzt alles Uebrige zu verstehen, bis
auf die Beleidigung der Dame, welche sie sich bisher nur aus einem unedlen
Charakterzuge des Barons hatte erklren knnen. Sie begriff die Bitterkeit,
welche nach einer solchen Enttuschung die Brust eines Mannes, wie Landsfeld ihr
erschien, erfllen mute, wenn sie auch einen derartigen Ausbruch derselben
nicht billigen konnte. Sie wandelten eine Zeit lang schweigend neben einander
her.
    Landsfeld schien in tiefe Gedanken verloren.
    Als wolle er sich mit Gewalt daraus emporraffen, sagte er pltzlich:
    Ich habe mich noch wegen der unberlegten Art und Weise zu rechtfertigen,
gndige Frau, mit der ich Ihre Frulein Tochter auf die Ihnen Beiden
bevorstehende Gemthsbewegung vorbereiten wollte. Da ich nur die Absicht hatte,
Ihre Besorgni wo mglich zu heben, werden Sie wohl aus der Ungeschicklichkeit,
womit ich die Sache anfing, selbst erkannt haben.
    Jenes Billet, das ich den Abend vorher zwischen die Blumentpfe steckte,
hatte ich unter der Bank gefunden, auf welcher der junge Berger mit Frau von
Rosen kurz vor meinem Zusammentreffen mit ihnen gesessen hatte. Ich wei nicht,
welches Gefhl mich damals zwang, jene Worte auf den Zettel zu schreiben, in den
ich das Billet einwickelte. Es geschah, nachdem ich mich lange Zeit auf den
Bergen umhergetrieben, in dem Augenblicke, als ich an Ihrem Hause vorbei kam.
Erst als ich in meiner Wohnung angelangt war, fiel mir das Unpassende meiner
Handlungsweise ein, und ich war eben im Begriff, wieder umzukehren und den
Zettel zu zerreien, als Berger zu mir kam, um mir in eigener Person seine
Forderung zu berbringen. Da erschienen mir jene, durch den Augenblick
hervorgerufenen Worte wie von einer hhern Ahnung eingegeben und ich beschlo,
an dem, was ich gethan, Nichts zu ndern. Mit dem Briefe, den ich am folgenden
Morgen an Frulein Lydia abschickte, hatte es freilich eine andere Bewandtni.
Sie werden mir aus seinem Inhalt wohl keinen Vorwurf machen, hoffe ich, aber
ohne Zweifel und mit Recht daraus, da ich mich nicht an Sie wandte.
    In der That - sagte die Forstrthin zgernd, der es peinlich war, diesen
Punkt berhrt zu sehen, welcher ihr damals einen noch greren Beweis fr die
Taktlosigkeit des Barons abgegeben hatte, als seine Beleidigung gegen Frau von
Rosen.
    Lassen Sie mich mit einem Worte diese Sache aufklren. Ich wute Ihren
Namen noch nicht, gndige Frau, da ich erst denselben Morgen angekommen. Berger
ging erst gegen eilf Uhr Abends von mir. Erkundigungen konnte ich also nicht
mehr erst einziehen. Am andern Morgen um fnf Uhr war das Zusammentreffen auf
den Bergen angesetzt. Gesprchsweise erfuhr ich von Berger, den ich unmglich
direct danach fragen konnte, den Vornamen Ihrer Frulein Tochter. Sobald er mich
verlassen, schrieb ich jenen Brief an Frulein Lydia und gab ihn am andern
Morgen meinem Diener mit dem Befehl, ihn auf der Promenade abzugeben.
    Lassen wir diese peinlichen Errterungen, Herr Baron - sagte die
Forstrthin, welche durch die gegebene Erklrung befriedigt war, fr die ich
Ihnen jedoch von Herzen dankbar bin. Ohnehin mchte ich eine Bitte an Sie
richten, die Sie mir wohl nicht abschlagen, auch nicht, ich hoffe es, unrichtig
verstehen werden, die nmlich, so wenig wie mglich diese berwundene
Vergangenheit zu berhren, besonders - setzte sie leiser hinzu - im Gesprch
mit meiner Tochter. Nicht wahr, Sie werden mir diesen Gefallen thun? -
    Gndige Frau - erwiederte Landsfeld mit ernster Miene - es wrde mich
tief betrben, sollten Sie das Gefhl, welches mich zu den obigen Aufklrungen
gedrngt hat, mit einem Mangel an Discretion und Zartgefhl verwechseln. Auch
ohne Ihren ausdrcklichen Wunsch wre diese erste Errterung auch die letzte
gewesen, da sie nur den Zweck hatte, mein Benehmen in Ihren Augen zu
rechtfertigen.
    Es war nicht meine Absicht, Sie krnken zu wollen - sagte die Forstrthin
mit halb bittendem Tone. Nicht ein Mitrauen gegen Ihr Zartgefhl, Herr Baron,
nur die Sorge gegen meine schon von so vielen Aufregungen angegriffene Tochter
trieb mich zu jener Bitte, die ich inde sicherlich unterdrckt haben wrde,
htte ich vermuthen knnen, da Sie darin etwas Krnkendes finden knnen.
    Der Baron verbeugte sich, zum Zeichen, da er hierdurch vllig zufrieden
gestellt sei. Und in der That konnte er es auch in anderem Sinne sein. Denn
dadurch, da er die Mutter Lydiens zu einer Art von Entschuldigung gegen ihn
gebracht hatte, war seine Stellung ihr gegenber eine in jeder Beziehung
selbststndige und freie geworden. Da er diese ausgezeichnete Frau richtig
beurtheilt hatte, bewies ihm die ganze Art und Weise, mit der sie ihn
behandelte, jene von einem Dritten gar nicht wahrnehmbare Innigkeit im Tone, wie
sie nur zwischen Charakteren mglich ist, deren gegenseitige Achtung aus einem
innern, auf ideeller Sympathie gegrndeten Verstndni stammt. Und doch ist
gerade hier die Tuschung am leichtesten. Denn Derjenige, dessen Herz von
idealer Schwrmerei erfllt ist, und folglich an sich selbst und an die Wahrheit
seiner Empfindung glaubt, ist gegen Trivialitt und Schlauheit eben so sicher
gewappnet, als gegen die ideellen Phantasiemenschen schutzlos; denn da er nicht
den Unterschied zwischen der ideellen Wahrheit des Herzens und dem ideellen
Schein der Phantasie verstehen kann, so begreift er auch nicht die Mglichkeit
einer Tuschung durch den letzteren. Landsfeld hatte die Hoheit und Reinheit der
Seele von Lydiens Mutter in ihrem ersten, forschend auf ihn gerichteten Blick
gelesen und daraus sofort die Rolle erkannt, welche er ihr gegenber zu spielen
hatte. Die Tuschung war ihm ber Erwarten gelungen, was auch groentheils
daraus zu erklren war, da allerdings ein Theil des Charakters, den er hier
darstellte, in seinem eigenen Wesen begrndet war, nur mit dem Unterschiede, da
er ihn zu einem bestimmten Zweck und durch willkhrliche Mittel nach Auen
kehrte. Lydia war unterde von ihren beiden Begleitern nach Mglichkeit
unterhalten worden. Besonders bot der kugelrunde Doctor seine ganze
Beredtsamkeit auf, um die trben Gedanken, welche noch immer in ihren
niedergeschlagenen Augen zu lesen waren, zu zerstreuen. Sie hatte hiervon den
groen Vortheil, ihren Trumereien ungestrt nachzuhngen, ohne durch offene
Unaufmerksamkeit ihren redseligen Begleiter zu krnken. Denn wenn der Doctor
ber jede an ihn gerichtete Frage die grte Freude empfand, so war er doch
selbstschtig genug, diese Freude selbst keinem Andern zu bereiten; was ihm
jedoch merkwrdiger Weise als eine Liebenswrdigkeit ausgelegt wurde. Auerdem
pflegte er jeden Witz, der seiner beweglichen Zunge entstrmte, nicht blos
nachher, wenn er schon heraus war, durch ein Lachen zu belohnen, sondern auf
dieselbe Weise schon vorher anzukndigen, wodurch seine Zuhrer immer in den
Stand gesetzt wurden, zu beurtheilen, was der Doctor fr einen Witz halte, und
folglich belacht haben wolle. Lydia lchelte auch manchmal, aber weniger ber
die Scherze des unterhaltsamen Jngers Aeskulaps, als ber die komische
Ankndigung derselben, theils auch aus Gutmthigkeit und angeborener
Liebenswrdigkeit. Zuweilen erhob sie ihren Blick so weit, da er den einige
Schritte von ihr neben ihrer Mutter hinwandelnden Baron erreichte. Wenn sie auch
nicht den Inhalt des Gesprchs verstehen konnte, so entnahm sie doch aus dem
ernsten und eindringlichen Tone, mit dem dasselbe gefhrt wurde, da die
Unterhaltung keine blos conventionelle Bedeutung hatte und keinen gleichgltigen
Gegenstand betraf. War es die Nichtbefriedigung des Interesses, das sie selber
an dem Gesprch nahm, oder das peinliche Gefhl, selber Gegenstand einer von
Anderen gefhrten Unterhaltung zu sein, oder war es vielleicht auch eine Art von
Verletztheit ber die scheinbare Nichtachtung des Barons, der sie gar nicht zu
bemerken schien, oder endlich war es Alles dieses zusammen - was wohl das
Wahrscheinlichste sein mochte -: genug, als der Baron stehen blieb, um sich von
ihrer Mutter und den nachfolgenden Dreien zu verabschieden, konnte sie seine
fast herzlichen, obwohl hflichen Abschiedsworte nur mit einer kurzen, kalten
Verbeugung erwiedern. Landsfeld war ein zu feiner Menschenkenner, und verstand
sich besonders auf das weibliche Herz zu gut, war vielleicht auch ein zu groer
Egoist, als da er diese Klte nicht richtig zu seinen Gunsten gedeutet htte.
Wieder schwebte jenes leise Lcheln des Triumphs auf seinen Lippen, als er sich
in Begleitung des Doctors mit raschen Schritten entfernte.
    Ein merkwrdiger Mann - sagte die Forstrthin, wie in Gedanken vor sich
hinsprechend, als sie am Arm ihrer Tochter den Rckweg nach Hause antrat. Warum
lachst Du? - fuhr sie zu Lydia gewandt fort.
    Ich dachte daran, da der Doctor schon fter denselben Ausspruch gethan -
erwiederte diese fast bitter. Dasselbe sagte er aber auch ber Andere. -
    Diese Anspielung auf Frau von Rosen hatte besonders durch den Ton, mit dem
sie gemacht wurde, etwas Verletzendes in sich, welches der Forstrthin wehe
that. Sie schwieg jedoch, weil sie frchtete, da eine Vertheidigung des Barons
das Vorurtheil, welches Lydia gegen ihn zu haben schien, nur verstrken mchte.
    Am folgenden Tage, als sie Beide die Seitenallee langsam auf und ab
wandelten, sagte nach lngerem Schweigen die Forstrthin: Es ist nun Zeit,
liebes Kind, da wir uns bald zur Abreise fertig machen. Meine Kur geht mit
dieser Woche zu Ende. Mich wundert, da sich der Hofrath gar nicht sehen lt,
ich mchte gern mit ihm darber sprechen. Vielleicht begleitet er uns.
    Lydia erschrak ber den Entschlu ihrer Mutter, doch, als wenn sie sich
selber fr diese Bewegung, die sie sich nicht erklren konnte, strafen wollte,
sagte sie schnell: Du hast Recht, liebe Mutter; es ist hohe Zeit, da wir nach
Hause kommen. Es verlangt mich sehr danach. Pr---t hat fr mich auch keinen Reiz
mehr, seit -
    In diesem Augenblicke kam hastigen Schrittes der Doctor auf sie zu. Wissen
Sie schon, Verehrteste - ein merkwrdiger Mensch - der! - hm! Fataler Zufall! -
    Lydia erschrak abermals, aber sie schwieg.
    Was ist's? Wovon sprechen Sie? - fragte die Forstrthin. Der Doctor
lchelte ber das ganze breite Gesicht, denn er hatte eine Frage zu beantworten
und begann mit pathetischem Tone und in seiner gewhnlichen abgebrochenen Weise
zu erzhlen, wie der Baron gestern Nachmittag trotz seines ausdrcklichen
Verbots auf die Berge gestiegen und bis tief in die Nacht in den Wldern
umhergeirrt. Dadurch sei die nur leicht verharrschte Wunde so entzndet worden,
da die ganze Mhe, die er sich mit ihm gegeben, umsonst sei. Nun msse er
wieder die Stube hten, was ihn in die unangenehmste Laune von der Welt gesetzt
habe. Fataler Zufall! - schlo er seine Erzhlung.
    Das thut mir leid - bemerkte die Forstrthin - um so mehr, als wir nun
wohl das Vergngen entbehren werden, ihn noch einmal zu sehen. -
    Lydia befand sich seit mehreren Tagen schon in einer Stimmung, die ihr
selbst unheimlich und drckend war, da sie mit ihrer klaren und tiefen Natur in
vollem Widerspruch stand. Sie war sich selbst ein Rthsel. Dies machte sie
unruhig, und, was ihrem sonstigen Wesen ganz fremd war, launisch. Sie fhlte
ber Bergers Handlungsweise jetzt keinen Schmerz mehr, nur wenn sie in einsamen
Stunden der vergangenen Zeit dachte, an ihre Heimath, an die se Gewohnheit
eines vertraulichen unbefangenen Umgangs mit dem jungen Mann, als sie mit ihrer
Mutter nach Berlin bersiedelt war, an seine Lieder, die er fr sie componirt -
dann berfiel sie wohl ein Gefhl der Wehmuth, und ihre Thrnen strmten die
innere Trauer ihrer Seele aus. Doch bald berkam sie in solchen Augenblicken
eine andere, bittere Empfindung; wie ein frostiger Hauch durchschauerte ihr Herz
der Gedanke an die Zerrissenheit und Unwrdigkeit des frher Geliebten, und eine
trostlose Klte, eine Leere an Empfindung verdrngte die Wehmuth aus ihrer
Brust. Da sie ihn nicht mehr liebte, ja da sie ihn vielleicht nie geliebt
hatte, wurde ihr immer klarer, aber sie hatte noch nicht das Bewutsein, das nur
die Erfahrung giebt, was der Grund dieser Gereiztheit sei, nmlich, da sie im
Begriff sei, einer andern Liebe Raum in ihrem Busen zu geben. Vielleicht ahnte
sie diese Vernderung in sich, wenigstens wehrte sie sich instinktmig dagegen,
aber wenn ihr Jemand den Namen Landsfeld genannt htte, so wrde sie
wahrscheinlich mit Entrstung eine solche Vermuthung von sich abgewiesen haben.
- Was war nun aber die Quelle dieser erwachenden Leidenschaft? Der Baron hatte
eigentlich noch kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum beachtet, gewi aber in
keiner Weise sich ihr genhert. Welcher geheimnivolle Einflu konnte also
seinerseits von ihm ausgebt sein? War es die mnnliche, energische Kraft seines
Geistes, die sich in seiner Handlungsweise gegen Berger ausgesprochen hatte?
Dies hatte ihm wohl Lydiens Achtung erworben, aber wie wre ihre Leidenschaft
dadurch rege geworden. Oder war es die ritterliche Schnheit seiner Gestalt, die
einen Eindruck auf ihre Sinne gemacht htte? Dazu war Lydia noch zu unbefangen
und harmlos. Ihre Sinnlichkeit war eine vllig geschlossene Knospe, der sich
noch kein belebender Sonnenstrahl genaht. Was also war dieser rthselhafte
Grund? Ein einziger Blick war es, der sie in ihrem mdchenhaften Far niente
gestrt, jener Blick, den Landsfeld auf sie geworfen, als er an dem ersten Tage
nach der Scene in dem Rondel ihr begegnet hatte, und den sie nie wieder
vergessen. Eine dmonische Gewalt mute in diesem Blick gelegen haben, denn sie
fhlte, wie er alles Blut ihr nach dem Herzen jagte, und es im nchsten
Augenblicke mit reiender Schnelligkeit durch alle Adern trieb. Dieser eine
Blick ruhte seitdem, ohne da sie es ahnte, im tiefsten Winkel ihres Herzens,
und tauchte nur dann auf, wenn irgend ein groes Ereigni ihre Kraft in Anspruch
nahm. Er hatte ihr den Muth zu jenem Gesprch mit Berger gegeben, er hatte sie
in dem Kampfe der Trennung aufrecht erhalten, aus ihm schpfte sie jetzt ihr
ganzes inneres Leben, dessen Vernderung sie wohl fhlte, ohne ber ihre
geheimnivolle Quelle im Klaren zu sein. - Jetzt, wo die durch die Strme der
vorigen Woche in Bewegung gesetzten Wellen sich allmhlich geebnet hatten,
fhlte sie eine unendliche Leere in ihrer innern Welt. Kalt und theilnahmlos,
aber von steter Unruhe, deren Ursache sie vergeblich nachsann, hin und her
getrieben, suchte sie sich durch mancherlei Beschftigungen zu zerstreuen. Aber
weder ihr Vogel, noch ihre Blumen, ber die sie sich frher wie ein Kind hatte
freuen knnen, waren im Stande, ihr ein Lcheln abzugewinnen. Mit Besorgni
blickte zuweilen die Mutter, der diese gnzliche Vernderung in ihrem Wesen
nicht entging, auf ihre bleichen Wangen und getrbten Augen. Da sie dieselbe
jedoch auf den Eindruck schob, den die peinliche und verletzende Art, in der sie
sich von ihrem Jugendfreunde und Verlobten getrennt hatte, auf sie
hervorgebracht, so vermied sie es, darber zu sprechen, in der Hoffnung, da die
Zeit, wie berall, auch hier als der beste Arzt sich geltend machen wrde.
    Eines Tages, es war der zweite vor ihrer Abreise, als sie eben von ihrer
Morgenpromenade zurckgekehrt waren, klopfte es an der Thre und Landsfeld trat
herein. Sein Arm ruhte noch immer in der Binde und sein Gesicht war noch
bleicher als gewhnlich. Auch Lydia erbleichte, und hatte kaum die Kraft, sich
vom Stuhle zu erheben. Die Forstrthin lud ihn mit groer Herzlichkeit zum
Sitzen ein.
    So sind Sie also noch nicht fort? - sagte er hastig, indem er tief Athem
schpfte. Der Doctor Langhals sagte mir, Sie reisten heute ab. - Sie
entschuldigen meinen Besuch - setzte er alsbald mit einer so natrlichen
Verwirrung ber seine Hast hinzu, da die Forstrthin unwillkhrlich ber den
unbefangenen Ausdruck seiner Theilnahme, die sie darin zu erkennen glaubte,
lcheln mute.
    Wir hatten allerdings die Absicht - sagte sie - aber theils Furcht fr
die noch immer angegriffene Gesundheit meiner Tochter -
    Sie sind unwohl, Frulein? - unterbrach sie Landsfeld, indem er sich mit
einer Mischung von herzlicher Theilnahme und ernster Zurckhaltung an Lydia
wandte. Es waren die ersten Worte, welche er an sie richtete. So allgemein ihr
Inhalt war, so vielbedeutend klangen sie ihr durch den Ton, mit dem sie
gesprochen wurden.
    Sie errthete sanft, indem sie erwiederte, da sie sich bereits krftig
genug fhle, um ohne Gefahr in zwei Tagen die Reise antreten zu knnen.
Ueberdies - setzte sie mit etwas mehr Lebhaftigkeit hinzu - glaube ich, da
die schdliche Nachwirkung von Gemthsleiden durch den Wechsel des Orts an
Strke verliere. Man sagt ja immer, da das Reisen zerstreue, und verordnet es
sogar als Heilmittel bei Gemthsleiden. Das Letztere sprach sie mit einem
Anflug von Bitterkeit im Tone, die jetzt fast immer die wenigen Gedanken
begleitete, welche sie uerte. Landsfeld war berrascht von dem hellen Glanz,
welcher in diesem Augenblick aus ihrem tiefblauen Auge strahlte, und ihrem
reizenden Gesicht einen eigenthmlich fesselnden Ausdruck von geistiger Tiefe
verlieh. Er dachte sich dieses liebliche Wesen als seine Gattin - und fragte
sich, ob er im Stande sein wrde, fest zu bleiben in dem Entschlusse, dem
Scheine der Wahrheit zu trotzen und zu zweifeln - bis zur letzten
unbezweifelbaren Ueberzeugung. Er fhlte die ganze Gefahr des Kampfes, den er
mit sich selbst kmpfen werde. Einen Moment schwankte er. Die Sigkeit
glubiger vertrauender Hingebung zog mit allen Wonneschauern durch seine Brust.
Aber er dachte an Alice. - - Er wollte ja Wahrheit, nichts als Wahrheit. - Mit
fester Hand ri er die jungen Wurzeln des Vertrauens, das sich in seinem Herzen
zu regen begann, heraus, und wiederholte seinen Schwur der Entsagung. - Es war,
wie gesagt, nur ein Augenblick, wo er von diesen hin und her wogenden
Empfindungen durchstrmt wurde, aber ein entscheidender. Sein groer feuriger
Blick bohrte sich tief in den Lydiens ein, als wollte er ihre tiefsten Tiefen
ausmessen. Es war derselbe Blick, dessen Gewalt sie bei seinem ersten Begegnen
gefhlt hatte. Ihr Busen hob sich ber den ungestmen Schlgen ihres Herzens und
eine tiefe Angst durchzitterte ihre Seele. Dieser Mann erschien ihr wie ein
Dmon, welcher mit eherner Faust ihren Geist umklammern wollte, und sie fhlte
klar, da sie ihn entweder lieben oder hassen mte, vielleicht Beides.
    Landsfeld bemerkte die Wirkung, welche er diesmal wider seinen Willen
hervorgebracht. Er wandte seinen Blick von Lydia ab und bemerkte, sich mehr zur
Forstrthin wendend, in ruhigerem Ton: Ich habe mich oft ber die Ansicht
gewundert, da man reisen msse, um sich von seinem Schmerze zu zerstreuen. Aber
ist der nicht glcklicher, welcher bleibt, wenn der Geliebte scheidet? gewi,
denn er hat zu Gefhrten die mitfhlenden Pltze, die Denkmler seiner Liebe.
Unglcklicher der, welcher scheidet, um an fremdem Orte zu erwachen. Er hat nur
sich und seinen Schmerz, in dem er sich ewig spiegelt, in den er, wenn fremde
Mitne sein Herz zerreien, zurckflieht, um ihn ewig wieder auf's Neue zu
fhlen.
    Sie haben Recht - erwiederte Frau von Dornthal - wenn Sie von einer
Trennung sprechen, die durch uere Umstnde oder durch die Gewalt eines Dritten
herbeigefhrt worden, ohne da einer der Getrennten selbst daran Schuld ist.
    Der Baron hatte geflissentlich jede Anspielung auf Berger vermieden, und
Lydia wute ihm Dank dafr. Ich glaube - fuhr er daher fort - da die Ursache
des Schmerzes fr die Wirkung mehr oder weniger gleichgltig ist. Denn die
Erinnerung bleibt doch eine reine, oder ist sie nicht rein, so reinigt sie sich
von selbst im reinen Herzen. Denn ein reines Herz ist ein Luterungsfeuer, in
dem sowohl der Schmerz, wie die Freude von allen Schlacken gereinigt werden.
    Jeder geistige Schmerz - fragte Lydia - wre also nach Ihrer Ansicht
etwas Edles?
    Gewi߫ - erwiederte Landsfeld. Wenigstens wird er es mit der Zeit. Er
trgt sogar immer einen greren Adel in sich, als die Freude, mge diese noch
so schuldlos und rein sein. Wohl Jeder macht wenigstens einmal in seinem Leben
die Erfahrung an sich, da das schmerzliche Gefhl ein wahres Element unserer
geistigen Existenz ist und mit dem Edelsten in unserer Natur harmonirt. Es liegt
ein Genu darin, sich in den Schmerz zu versenken, davon die tiefste Tiefe zu
erschpfen und die bitteren Tropfen mit wehmthiger Wollust zu schlrfen. Der
Schmerz ist das eigentlich geistige Element der Hoffnung oder Erinnerung. Und
jeder ideelle, inmaterielle Genu ist entweder Hoffnung oder Erinnerung. Der
Schmerz ist das Flgelschlagen unserer Seele an die Stbe des Kerkers, die Klage
des gefesselten Prometheus, an dessen Leber der Adler frit; die Rache des
unendlichen Ideals an dem beschrnkten Menschengeist.
    Landsfeld hatte sich in einen Enthusiasmus hineingesprochen, der mehr eine
Rckwirkung des beraus seelenvollen Ausdrucks in den Zgen der jngern seiner
Zuhrerinnen war, als aus seiner momentanen Stimmung hervorging. Mit ruhigerem
Ton fuhr er fort:
    Daher kommt es, da wir weit mehr von den wehmthigen Zgen eines schnen
Gesichts, von der Rhrung der Freude, der die Thrnen an den Wimpern hangen,
angezogen werden, als von dem frhlichen Anblick eines heiter lachenden Profils.
Deshalb dringt das melancholische Moll tief in unsere Empfindung und setzt die
innersten geheimsten Saiten unseres Gefhls in nachhallende Schwingungen,
whrend das hpfende heiter vershnende Dur nur die Oberflche unserer Seele
durchdringt und mehr unsern Geschmack, als unser Herz befriedigt. Ja, in ganzen
Vlkern zeigt sich dieser Drang nach dem Schmerzlichen, vorzglich in der Musik;
z.B. bei den Polen, Ungarn, wogegen den Franzosen und Englndern dieser
Nationalzug ganz fremd ist.
    Woher nun dieser Drang nach dem Wehmthigen, woher die Furcht vor der
Vershnung? Woher dieses Gefhl des Erhabenen, Edlen, Idealen im Schmerze und in
der Wehmuth, welche Nicht ist, als der Genu des Schmerzes. Nur der Mensch ist
der Wehmuth fhig. Das Thier fhlt nur Freude oder Schmerz, im materiellen
Sinne. Woher diese Lust an der geistigen Qual?
    Weil der Mensch nur diese ewig mit sich selbst ringende Natur hat. Habe ich
also nicht Recht, wenn ich behaupte, da der Schmerz ein wesentliches Element
des wahrhaften Menschenseins ist?
    Darum ist er es, weil er etwas Gttliches ist, oder doch aus ihm stammt,
nmlich aus dem unendlichen, nie ganz gestillten Drange nach der Freiheit des
Geistes. Nie gestillt - darin liegt seine Quelle. Denn die Freiheit ist ein
unerreichbares Ideal.
    Der Schmerz ist deshalb etwas Gttliches, weil er die Empfindung ist, da
wir nicht Gtter sein knnen, und doch Gtter sein wollen. - Er ist das Mich
drstet des Gottes, den wir in uns haben, und den wir in uns selbst kreuzigen,
weil wir ihn nicht verstehen.
    Landsfeld sagte diese Worte mit dem Ausdruck einer tiefen Trauer auf seinem
Gesicht, als fhle er den Schmerz der ganzen Menschheit selber in seinem Innern
whlen. Lydia war in eigenthmlicher Bewegung. Als wre pltzlich ihre bisherige
Welt aus ihren Angeln gehoben und eine andere, unendlichere an ihre Stelle
gesetzt, so berwltigend drangen seine Worte in ihre Seele, so tief
erschtterten sie sie bis in ihre letzten Wurzeln. Eine flammende Rthe zog,
whrend Landsfeld sprach, wie der Morgenschein eines neuen Tages auf ihre Wangen
herauf, als sie mit zitternden Lippen und feuchtem Auge an seinen
schwrmerischen Blicken hing; und als er nun schwieg, und sein Auge, das bisher
halb niedergeschlagen war, sich langsam nach dem Auge Lydiens erhob, da schlug
sie die ihrigen zu Boden; aber ihr Errthen wurde noch tiefer und flammender,
als sie, ihre Bewegung bekmpfend, sagte:
    Ihre Anschauungsweise, Herr Baron, ist mir zwar neu, doch glaube ich Sie
vollkommen verstanden zu haben. Ich gebe Ihnen zu, da der geistige Schmerz die
Seele adelt, weil er selbst etwas Edles ist. Auch das glaube ich nicht falsch
aufzufassen, was Sie unter der Idealitt des Genusses begreifen. Wie Sie aber
diese Idealitt nur in der Erinnerung und in der Hoffnung, also immer doch in
der Entbehrung, im Mangel finden, das verstehe ich nicht. Haben Sie nie
Augenblicke gehabt, wo sie, von einer durchaus reinen, edlen Empfindung, oder
einem schnen und groen Gedanken durchdrungen, sich gestehen muten, da die
Gegenwart und ihr Bewutsein auch ideelle Gensse gewhren knne? - Ist dies
aber so, so kann man dem Schmerz wohl nicht allein das Vorrecht zuerkennen,
edler als Empfindungen anderer Art zu sein. Ich meine, da es auch geistige
Freuden giebt, die eben so reinen Ursprungs und eben so idealer Natur sind, als
geistige Schmerzen.
    Eben wollte Landsfeld antworten, als der Hofrath Rupf eintrat. Es ist mir
lieb, da Sie kommen, sagte die Forstrthin zu diesem - ich mchte mit Ihnen
ber unsere Reise sprechen. Sie fhrte ihn in's Nebenzimmer, indem sie den
Baron wegen dieser Unterbrechung um Entschuldigung bat.
    Ich vermuthe - sagte dieser lchelnd zu Lydia, indem er das frhere
Gesprch wieder aufnahm - da Sie in der Vertheidigung der Freude an den
idealen Eindruck denken, den eine groartige oder schne Naturerscheinung auf
uns hervorbringt. Aber denken Sie zurck an die Art dieser Eindrcke? Ist es
wirklich Freude gewesen, nur Freude, was Sie in solchen Augenblicken erfllte?
Hat kein Gefhl der eigenen Beschrnktheit, keine Sehnsucht nach der unendlichen
Freiheit diese Freude getrbt? Ich bezweifle es. Je tiefer sich der Blick in die
Ferne verliert, je hher er in den ewigen Himmel aufsteigt, desto beklemmter
wird die Brust, desto unendlicher die Sehnsucht, die Schranken der Gegenwart zu
durchbrechen und sich in die absolute Tiefe zu versenken.
    Lydia dachte an jenen Morgen, an dem sie mit so wehmthigen Empfindungen den
Sonnenaufgang betrachtet, und eine Thrne trat in ihr Auge. Sie haben doch wohl
Recht - sagte sie fast traurig. - Aber ist es nicht ein entmuthigender
Gedanke, da der Mensch nur durch das Opfer seiner Unbefangenheit und seines
Frohsinns sich dem Ideale nhern kann, da er also nur entweder in der
Erinnerung oder in der Hoffnung leben darf, wenn er sich seines geistigen Wesens
bewut werden will?
    Ich denke nicht, da diese Entbehrung so gro ist. Denn was liegt zwischen
Erinnerung und Hoffnung? Dasselbe, was zwischen Vergangenheit und Zukunft: die
Wirklichkeit, die Gegenwart. So sagt man, ohne zu bedenken, da, wenn man anders
unter Wirklichkeit und Gegenwart das Bewutsein davon versteht, die Wirklichkeit
nicht gegenwrtig und die Gegenwart nicht wirklich ist. Wie die Gegenwart der
Punkt ist, in dem Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen, und der ewig
fliet, so ist die Wirklichkeit der Punkt, in dem sich Erinnerung und Hoffnung
berhren. Dieser Punkt ist aber in der That gleich Null. Alle Gefhle, die
unsere Seele rhrten, alle Empfindungen, die unsern Geist erhoben, beziehen sich
entweder auf etwas hinter ihnen oder vor ihnen Liegendes. Und wollte er auch das
Gegenwrtige sich zum Bewutsein bringen, so wre es doch schon etwas
Vergangenes, ehe es in's Bewutsein kme. So reproducirt jeder hpfende
Pulsschlag ein neues Gefhl und jeder belebende Athemzug ist die Quelle einer
frischen Empfindung. Aber jedes dieser zitternden, rosigen Kinder des Herzens
begeht in seiner Geburt einen Muttermord, um von seinem eigenen Kinde in der
nchsten Sekunde erstickt zu werden. -
    Es lag eine solche Trostlosigkeit in dem leisen und wehmthigen Tone, mit
dem Landsfeld diese Worte sprach, da Lydia ihre Thrnen nicht zurckhalten
konnte. Wie erstaunt und erfreut war sie daher, als pltzlich Landsfelds Blicke
zu leuchten begannen, und eine edle Begeisterung auf seinem Gesichte glnzte,
als er folgendermaen schlo:
    Aber Eines giebt es, was nicht dem Wechsel erliegt, was weder mit der
bloen Wirklichkeit noch mit der Unwirklichkeit im Widerspruche steht, was man
weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft zu suchen braucht: es ist das
Bewutsein dessen, was man will, das Gefhl dessen, was man glaubt, und das
Vertrauen zu dem, was man liebt - und die Quelle von diesen dreien: Die
Ueberzeugung von der Wahrheit des Guten und Schnen in sich selbst und in denen,
die man liebt.
    Er stand bei diesen Worten auf, fate Lydiens Hand und drckte einen warmen,
innigen Ku darauf. Zitternd vor innerer Bewegung hatte sie nicht die Kraft, ihm
ihre Hand zu entziehen.
    Er entfernte sich schnell, als frchte er bei lngerem Bleiben nicht Herr
seiner Empfindung zu bleiben.
    Als Frau von Dornthal wieder eintrat, fiel ihr Lydia weinend um den Hals.
    Was ist's? Was fehlt Dir, Lydia? - fragte sie erschreckt.
    O, Nichts, Nichts, theure Mutter. Aber la uns bald abreisen.
    Beruhige Dich nur. Morgen gehen wir ganz bestimmt. - Der Baron ist schon
fort?
    Er wollte Dich wohl nicht stren. - Lydia errthete ber diese erste
Unwahrheit gegen ihre Mutter. Denn sie glaubte recht wohl den eigentlichen Grund
seines hastigen Abschiedes zu kennen.

                               Siebentes Kapitel


Ein feuchter Nordwestwind wehte die ersten gelben Bltter von den Platanen und
Linden, welche in zwei Doppel-Reihen jene berhmte Strae Berlins, die vom
Opernplatz bis zum Brandenburger Thor sich erstreckt, in eine dreifache Allee
verwandeln. Nur wenige Fugnger lieen sich in der groen Mittelallee
erblicken, welche auch sonst meist nur von Spaziergngern und Obstverkuferinnen
betreten zu werden pflegt. Dagegen drngt es sich auf den an beiden Seiten der
Huser hinziehenden Trottoirs von geschftig Eilenden aller Art, und die Wagen
rasselten daneben.
    Vor einem der Schaufenster der vielen reich ausgestatteten Kunstlden unter
den Linden hatten sich trotz des unfreundlichen Wetters eine Anzahl Neugieriger
versammelt, die mit emporgerecktem Halse die neuen Kupferstiche bewunderten oder
bekrittelten. Unter ihnen stand auch ein Mann mit bleichem, eingefallenem
Gesicht, welches von einem niedrigen, breitkrmpigen Hute fast ganz beschattet
wurde. Er war tief in einen kurzen schwarzen Mantel eingehllt und starrte mit
ausdruckslosem, kaltem Blick auf eine kleine Landschaft, die ziemlich
unscheinbar von den Andern gar nicht bemerkt zu werden schien.
    Das mu sie gemalt haben - murmelte er vor sich hin. - Ich kenne ihre
Manier. Es ist das Haus unter den Kastanienbumen mit der Aussicht auf die
Berge. Kein Zweifel, da sie es gemalt hat. So ist sie also wirklich wieder in
Berlin. Ich mu suchen, ihre Wohnung zu erfahren. Er sprach die letzten Worte
ziemlich laut und wendete sich zum Weitergehen.
    Wenn Sie Frulein von Dornthal meinen, so kann ich Ihnen vielleicht dazu
behlflich sein - redete ihn pltzlich ein elegant gekleideter junger Mann mit
hchst geistvollen und charakteristischen Zgen an. -
    Jener fuhr zurck, als htte er auf eine Schlange getreten. Seine Hand griff
krampfhaft unter die Falten des Mantels und ein Ausdruck unnennbarer sprachloser
Wuth malte sich in seinem Gesicht. - Ein Paar Secunden starrte er so in die
lchelnden Mienen und das ruhige Auge des Andern, der mit gekreuzten Armen vor
ihm stand, um seine Antwort zu erwarten. Eben ffnete er die zitternden Lippen,
aber als besnne er sich eines Bessern, hllte er sich rasch noch tiefer in
seinen Mantel und strzte fort.
    Armseliger Thor - sagte Landsfeld, dem Forteilenden nachblickend, vor sich
hin. Wage es, den Lwen in seinem Lager aufzusuchen. - Festen Schrittes ging
er nach der entgegengesetzten Seite der Strae hinab. Als er das Opernhaus
erreicht hatte, blieb er vor dem unter dem Portal ausgehngten Theaterzettel
stehen, um zu sehen, was gegeben wurde. Othello, der Mohr von Venedig.
    Indem er diese Worte in halb fragendem, halb sinnendem Tone langsam vor sich
hin sprach, klopfte ihn Jemand auf die Schulter.
    Guten Abend, lieber Baron. Es war ein hbscher, mit kleinen schwarzen
Augen heiter in die Welt hineinschauender Mann, von ungefhr 40 Jahren. Sie
berlegen, wie ich sehe, ob Sie in's Theater gehen sollen. Nun, der Mhe lohnte
sich's schon, besonders heute, wo die Rolle der Desdemona und des Mohren - da
fllt mir ein, da heute Salon bei Cornelien ist. Sie wissen, da ich sonst nie
hingehe. Aber wenn Sie von der Partie sind, mchte ich wohl einmal in den sauern
Apfel beien.
    Halten Sie einen solchen Charakter fr mglich? - fragte Landsfeld, der,
die Worte des Andern berhrend, an Desdemona und Lydia dachte.
    Freilich, es gehrt einige Menschenkenntni dazu, um diese seltsame Person
ganz zu ergrnden. Ich habe einen gewaltigen Respect vor ihr, obwohl oder
vielmehr weil sie mir leider vorzugsweise gewogen ist.
    Von wem sprechen Sie denn eigentlich, Schattenfrei? Ich verstehe kein Wort
davon.
    Nun von wem anders, als von Cornelien, zum Henker - setzte er hinzu, als
Jener ihn noch immer verwundert anschaute. Werden Sie nicht auch heute Abend
ihren Salon verherrlichen helfen? - Landsfeld machte eine abwehrende Bewegung.
Schmen Sie sich, Sie fangen wohl auch an, den Sentimentalen zu spielen?
    Wer wird denn dort sein? fragte Landsfeld, um doch Etwas zu sagen. Seine
Gedanken waren noch bei Desdemona und Lydia.
    Schattenfrei nahm seinen Arm. Ich werde Ihnen das unterwegs erzhlen.
Kommen Sie nur. Zuerst - fuhr er fort, nachdem es ihm gelungen war, Landsfeld
in Bewegung zu setzen - Frau von Rosen - fllt Ihnen das auf? Sie ist ja die
vertrauteste Freundin von Cornelien.
    Sodann Salomo nebst seinem Waffentrger; die Sngerin G----z mit ihrem
Geliebten, dem Assessor Tieftrunk; der junge Berger; ferner -
    Berger? - fragte Landsfeld, durch diesen Namen aus seiner Trumerei
emporfahrend. Wissen Sie das gewi?
    Nun ich denke, das versteht sich von selbst, wenn Alice von Rosen da ist.
-
    Weiter haben Sie zu Ihrer Vermuthung keinen Grund?
    Auch sagte er es mir selbst vor ungefhr einer halben Stunde, als ich ihm
im Thiergarten begegnete. -
    Wahrhaftig? - lachte Landsfeld hhnisch. Nun vielleicht hat er seine
Meinung bis dahin gendert -. Er sah nach der Uhr. Leben Sie wohl, - fuhr er
fort, sich halb mit Gewalt losreiend. - Ich habe noch vorher einen
nothwendigen Gang zu thun.
    So werde ich Sie doch aber sicher dort treffen?
    Ja. Aber ich bitte Sie, Nichts davon zu erwhnen. Vielleicht komme ich erst
etwas spt.
    Der ist in kurioser Laune - sagte Schattenfrei, dem Forteilenden
nachblickend. Er hat alle Anlage dazu, den Salon heut' zu einem der
interessantesten Cirkel zu machen. Sich die Hnde vor Vergngen reibend, stieg
er in eine Droschke: Lindenstrae Nr. 45 - sagte er zum Kutscher, indem er
gemchlich die Marke in die Westentasche steckte. Landsfeld verfolgte inde
seinen Weg zu Fu. So sehr er es in jeder andern Beziehung vermied, den
Sonderling zu spielen, so konnte er sich doch nur schwer dazu entschlieen, in
einen Wagen zu steigen, wenn er eilig war. Denn ihm war nichts unertrglicher
als krperliche Unthtigkeit, wenn sein Geist von dem Verlangen, irgend ein Ziel
schnell zu erreichen, bewegt war. Kam es ihm dagegen weniger auf Schnelligkeit
an, dann benutzte er schon ein Fuhrwerk. Am liebsten jedoch ritt er, schon
deshalb, weil das Reiten die beiden Vortheile des Gehens und Fahrens, nmlich
eigene Thtigkeit und Schnelligkeit, vereinigt. Nach einer starken
Viertelstunde, whrend der er mit gleicher Eile durch mehrere Straen und ber
verschiedene Pltze geschritten war, hatte er den Platz vor dem Potsdamer Thor
erreicht, der in fnf verschiedene Straen, einen halben Stern bildend,
auseinander geht. Landsfeld schlug die mittelste ein, in der er nach wenigen
Minuten vor einem kleinen Sommerhause stehen blieb, das sich durch einen
eleganten leichten Balkon, so wie durch einen geschmackvoll angelegten kleinen
Garten auszeichnete. Er ffnete die Gartenthr durch einen Schlssel, den er bei
sich trug und begab sich auf einem Seitenwege nach der Hinterfront, wo er an
eins der niedrigen Parterrefenster anklopfte. Als es sich ffnete, erschien das
gutmthige Gesicht Carls, seines Bedienten. Du mut mir sogleich den Fuchs
satteln, Carl, ich mu noch hinaus. Von neun Uhr an hltst Du Dich ebenfalls
bereit. Du sollst mich dann noch in die Stadt begleiten. Bei diesen Worten
sprang der Baron aufs Pferd. Carl ffnete das Thor. Landsfeld schlug den Weg
nach Schnberg ein. Obgleich er in scharfem Trabe ritt, so dunkelte es doch
schon ein wenig, als er sein Ziel erreichte. Auf der Spitze des Hgels, von dem
sich die lange Strae dieses reizenden Sommeraufenthalts herabzieht, stieg er
vom Pferde und band es an den Gartenzaun des Hauses, dessen Perron er alsbald
mit schnellen Schritten hinaufeilte. Eben wollte er die Klingel ziehen, welche
sich neben der Glasthre des Balkons befand, als sein Blick in das Innere des
Zimmers fiel, und er, die schon ausgestreckte Hand zurckziehend, einige
Augenblicke wie in tiefe Betrachtung versunken stehen blieb.
    An einem mit verschiedenen Zeichnenmaterialen bedeckten Tischchen, das ganz
in der Nhe der Balkenthre stand, sa, dem Baron halb den Rcken zugekehrt, ein
junges Mdchen, das, wie es schien, eifrig mit Zeichnen beschftigt gewesen war,
denn eben legte sie den Zeichnenstift nieder, lehnte sich zurck an den Sessel
und lie den Kopf ein wenig auf die Brust sinken. Doch konnte er nicht erkennen,
ob sie die Zeichnung auf diese Weise besser betrachten, oder ob sie sich ihren
Gedanken berlassen wollte.
    Knnte ich doch in ihr Herz sehen - dachte Landsfeld. Was gb' ich darum,
kennte ich den Gegenstand ihres Nachsinnens. Er sah jetzt, da die Balkonthre
nur angelehnt war. Er ffnete sie leise und trat hinein. Das junge Mdchen
schien ihn nicht zu bemerken.
    Du wirst Dir die Augen verderben, Lydia - sagte er mit sanfter Stimme.
    Wie von freudigem Schreck erbebend, war sie beim Ton seiner Stimme
aufgefahren. Abwechselnd erblassend und errthend, vermochte sie noch nicht zu
antworten. Pltzlich sprang sie vom Stuhle auf.
    Du bist's, mein Richard? - Sie flog an seinen Hals und prete einen
glhenden Ku auf seinen Mund. Aber als schme sie sich selbst wegen ihrer
Leidenschaftlichkeit, fuhr sie, einen Schritt zurcktretend, mit vor Bewegung
zitternder Stimme fort: Wie kannst Du mich so erschrecken, Richard! Du weist
ja, wie mich das angreift.
    Sei nicht bse, mein liebes Kind - erwiederte er liebevoll, indem er sie
an seine Brust zog und, die Locken, welche ber ihr Gesicht gefallen waren, von
der Stirn streichend, einen langen Ku darauf drckte. Wie vor innerer Wonne
schauernd, lie sie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen.
    Aber ich bitte Dich, Lydia - fuhr er fort - nicht mehr so spt zu
zeichnen. Du mut Deine Augen mehr schonen - fr mich - setzte er leise hinzu.
Versprich es mir!
    Ich verspreche es Dir, Richard. - Ich war so sehr einsam und wute nicht,
was ich anfangen sollte. Denn wenn ich spiele, werde ich immer traurig und
mchte weinen.
    Landsfeld zuckte mit der Hand. Er dachte an Berger, mit dem Lydia oft
zusammen gespielt und gesungen. Er war zu stolz zur Eifersucht - wenigstens
glaubte er es zu sein. - Aber in solchen Augenblicken tauchten alle Zweifel
wieder in seiner Seele auf und machten ihn hart und ungerecht gegen die
Geliebte. Ja er freute sich selbst ber diese Hrte, denn sie war ihm Brge
dafr, da er seine Selbststndigkeit noch nicht eingebt. Seine Stimme hatte
ihre Sanftheit ganz verloren, als er, Lydia zum Sopha fhrend, sagte: Traurig?
Warum bist Du traurig? Du hast Anlage zur Sentimentalitt, glaube ich.
    Nichts schrft den Instinkt der Beobachtung mehr, als wahrhafte, tiefe,
leidenschaftliche Liebe. Lydia erschrak ber die Vernderung im Wesen
Landsfelds, aber sie zwang sich zu lcheln:
    Du magst Recht haben, Richard, ich bin ein thrichtes Mdchen. Aber wenn
ich erst immer mit Dir lebe, dann werden diese albernen Launen, die Dich rgern,
ganz verschwinden.
    Landsfeld verstand entweder den Zwang, den Lydia sich anthat, um heiter zu
scheinen und den er wohl herausfhlte, wirklich anders, oder er wollte ihn gegen
seine bessere Ueberzeugung anders verstehen, weil sie doch mglicherweise einen
andern Grund dazu haben konnte. Dem uern Anschein nach, um dem Gesprch eine
andere Richtung zu geben, in der That aber, um jenem Grunde nachzuspren, sagte
er in gewhnlichem Conversationstone: Rathe einmal, wem ich heute begegnet bin?
Ein alter Bekannter von uns, besonders von Dir. -
    Sie sann vergebens nach.
    Der junge Berger - fuhr er in demselben Tone fort, indem er Lydien
forschend ansah.
    Berger! - stammelte sie erschreckt, indem sie das Gesicht mit den Hnden
bedeckte.
    Warum erschrickst Du darber so? -
    Lydia antwortete nicht, aber ein krampfhaftes Schluchzen, das sie vergebens
zu unterdrcken sich bemhte, whlte in ihrer Brust.
    Antworte mir, Lydia - bat er mit seinem frhern sanften Ton, indem er sie
nher zu sich zog. Was frchtest Du von ihm?
    Ach, Richard - sagte sie weinend - Wenn ich nur wte, woher dieser
frchterliche Widerspruch in Dir. Du ahnst nicht die Qualen, welche mich
verzehren, wenn Du so anders bist, als sonst, so fremd Deinem eigenen Wesen. Mir
ist zuweilen, als zweifeltest Du an meiner Liebe. Mein Gott, Richard! Du weit
ja, da ich nur Dir gehre, Dein Geschpf bin, denn Du hast mein ganzes Inneres
wie durch ein Zauberwort umgeschaffen. Wie selbst erschreckend vor dem, was sie
jetzt sagen wollte, fuhr sie leise fort: Manchmal glaube ich sogar, da Du mich
nicht liebst. Denn wie knntest Du sonst zweifeln an meiner Liebe?
    Richard, wre das nicht schrecklich? - Aber nein, nein, verzeih mir,
Geliebter. Ich glaube an Deine Liebe. Denn glaubte ich nicht mehr daran - - Sie
ri sich aus seinen Armen los und sprang auf.
    Nun? - fragte er, ber ihre fast drohende Stellung erstaunt.
    Dann wrde ich an Nichts mehr glauben, denn ich mte Dich verachten. Und
dann, Richard, knnte ich nicht lnger leben.
    Sie sprach diese Worte mit vollkommener Ruhe.
    Landsfeld war von der tiefen Wahrheit, welche in dieser Ruhe lag, tief
erschttert. Mit schwer verhaltener Leidenschaft ergriff er ihre Hand und
bedeckte sie mit Kssen. - Mit einem seelenvollen Lcheln blickte sie auf ihn
herab. Die Gewiheit seiner Liebe kehrte wie ein neuer Frhling in ihre Brust
ein.
    Du bist ein bser Mann, Richard, sagte sie, sich wieder an seine Seite
niederlassend. Warum qulst Du mich so grausam? -
    Er antwortete nicht. Mit einer Heftigkeit, die sie an ihm noch nicht
gekannt, zog er sie an sich. Sie war zu glcklich, als da sie seinen Kssen,
deren Glut sie auf ihrem Nacken und auf ihrem Gesichte fhlte, zu wehren
versucht htte, aber sie zitterte in seinen Armen. Richard, - stammelte sie
endlich mit leisem Vorwurf: Dein Athem fiebert. - Als er, seine Gefhle
niederkmpfend, wieder ruhiger geworden war, fuhr sie fort:
    Ist es wirklich wahr, da Du Berger begegnet bist, Richard?
    Ja, es ist wahr. Ich traf ihn vor Deinem Bilde, das er aufmerksam zu
studieren schien.
    Er erzhlte ihr sein Zusammentreffen mit ihm und fuhr dann fort: Aengstige
Dich nicht, theures Kind. Er ist viel zu feig, um wirklich Etwas zu wagen.
    Lydia schien worber nachzusinnen. Endlich sagte sie: Erklre mir, Richard,
woher es kommt, da der Gedanke an ihn mich immer wieder mit einer mir sonst
ganz fremden Bitterkeit erfllt, obwohl es mir doch schon damals, als ich Dich
im Park erblickte, klar war, da ich ihn nicht liebte, weil ich erst in jenem
Augenblicke berhaupt zu ahnen begann, was Liebe sei. Also woher noch immer
jenes Gefhl der Bitterkeit, wenn ich seinen Namen hre? Sie sah bei diesen
Worten offen und mit kindlichem Vertrauen zu ihm empor.
    Vielleicht daher, da er Dir durch seine Verirrung den Glauben an die
idealen Trume der Jugendzeit geraubt.
    Ich wei nicht, ob das der Grund ist. Vielleicht kommt es auch daher, weil
mir sein ganzes Wesen zu wenig mnnlich und energisch erschien. Denn glaube mir,
Richard, fuhr sie mit wichtiger Miene fort, ein liebendes Weib lt sich von
einem selbststndigen Mann lieber qulen, als von einem unselbststndigen
liebkosen.
    Du bist eine kleine liebenswrdige Philosophin, Lydia - lchelte Landsfeld
gutmthig, indem er einen sanften Ku auf ihren Mund drckte, aber ich glaube,
es wird Zeit sein, da Du Licht anzndest. Es ist dunkel.
    Mein Gott, wie konnt' ich das vergessen - rief sie erschreckt, indem sie,
schnell aufspringend, der Aufforderung Genge leistete. Du weit noch nicht,
Richard, fuhr sie darauf von ihrer Mutter sprechend fort, da der Arzt die
beste Hoffnung giebt. Sie ist heute wieder aufgestanden und ein wenig im Garten
spazieren gegangen, so lange die Sonne schien. Jetzt ruht sie in ihrem Zimmer.
Ich will gleich einmal nachsehen. Sie hatte inde die Lampe angezndet und
schlich, leise die Thr zum Nebenzimmer ffnend und die Hand vor das Licht
haltend, damit der Schein nicht so blendend sei, auf den Zehen hinein. - Bald
kam sie zurck.
    Sie schlft noch - sagte sie flsternd, indem sie die Lampe auf den Tisch
vor dem Sopha stellte. Ich will Dir nun auch zeigen, wie fleiig ich gewesen
bin. Mit diesen Worten trug sie aus ihrem Pult ein Paar Mappen herbei und
ffnete sie.
    Jetzt mu ich aufbrechen - sagte Landsfeld, nachdem er eine geraume Zeit
ihre Zeichnungen besehen, gelobt und getadelt hatte.
    Schon? - fragte Lydia kleinlaut. Es ist noch nicht spt, denke ich.
    Es ist halb zehn Uhr, - Lydia. Hast Du - fuhr er nach einer Pause fort,
mit Deiner Mutter gesprochen?
    
    Sie errthete leicht. Sie will durchaus, da es in nchster Woche sein
soll; ihr Unwohlsein sei zu gering, um ein Hinderni abzugeben, meint sie; und
der Gedanke, da sie dadurch unser Glck verzgere, mache sie nur noch krnker.
    Du hast eine vortreffliche Mutter, Lydia - sagte Landsfeld.
    Ach, ich wei es, Richard. Sie ist unendlich gut; ich verdanke ihr und Dir
Alles, was ich bin. Als wolle sie ihre Rhrung verbergen, fuhr sie, durch die
Thrnen lchelnd, fort: Ich berlasse es Dir, Richard, den Tag zu bestimmen.
Ich bin, Du weit es ja, bereit zu Allem. Sie umschlang seinen Hals.
    So werde ich Dich Morgen abholen, mein Herz, um Dir unsere neue Wohnung zu
zeigen.
    Ach, wie freue ich mich auf unsere Wohnung, Richard - sagte sie, das Wort
mit einem gewissen Pathos wiederholend. - Leb' wohl, mein Richard. Leb' wohl.
Sie begleitete ihn noch bis zum Pferde, das ungeduldig den Boden mit den Hufen
aufscharrte. Er schwang sich auf und sprengte im Galopp davon.
    Als er an seiner Wohnung anlangte, schlo sich ihm Carl an, der schon seit
einer Stunde gewartet hatte. In schnellem Trabe ritten sie durch das Thor in die
Stadt ein und hielten nach einer Viertelstunde vor einem groen Hause in der
Lindenstrae still.
    Fhre die Pferde zum Htel d'Angleterre und bestelle das Zimmer Nr. 19.,
oder wenn das besetzt sein sollte, Nr. 20. fr mich - befahl er. Wenn es
geschehen, so benachrichtige mich davon. Nach diesen Worten sprang er schnell
die Treppe hinauf.
    Frulein Cornelia von Hohenhausen empfing ihn im hchsten Staate und mit
aufrichtiger Freude, da sie in einen Gedanken alle die Verwicklungen und
Verwirrungen zusammenfate, welche das Erscheinen des Barons hervorbringen
konnten.
    Ich habe eben eine heftige Philippika gegen Sie gehalten, mein
Verehrtester. Sie werden sich ber die verlegenen und erstaunten Visagen
wundern, die Ihnen sogleich entgegen treten werden.
    Sie wandte sich an die Gesellschaft. Erlauben Sie, da ich Ihnen einen
meiner ltesten und vertrautesten Freunde vorstelle. Es ist der Baron von
Landsfeld.
    In der That malte sich ein allgemeines Erstaunen in den Gesichtern. Wie
falsch! - Diese Heuchelei bersteigt allen Glauben. So flsterte man einander
zu, denn bei einem Gesprch, dessen Gegenstand Landsfeld gewesen war, hatte
Niemand mehr Bses von ihm zu sagen gewut, als gerade Cornelia.
    Der sogenannte Salon, in den Landsfeld hiermit wieder eingefhrt war,
bestand aus zwei aneinanderstoenden elegant mblirten Zimmern, von denen das
erstere grere durch ein Paar schne Astrallampen sehr hell erleuchtet war,
whrend das zweite vermittelst einer rothen Ampel in ein magisches Halbdunkel
versetzt wurde. In Beiden hatten lebhafte Conversationen stattgefunden, die
durch das Erscheinen des Barons ein paar Minuten unterbrochen, aber nicht
gestrt wurden.
    Landsfeld warf einen raschen Blick ber die Gesellschaft und wandte sich
dann an eine Gruppe, aus jngeren und lteren Mnnern bestehend, die sich um den
Ofen postirt hatten.
    Und worin finden Sie die Unsittlichkeit, ich bitte Sie? Etwa darin, da sie
die Ehe nur als etwas Aeuerliches betrachtet, da sie einmal officiell dazu
gezwungen ist? - sagte ein Mann von etwa 35 Jahren mit interessanten, aber
verlebten Zgen.
    Gewi߫ - antwortete sein Gegner, in dem Landsfeld seinen Freund
Schattenfrey erkannte. Ist nicht ein solches Verhltni, bei dem der Mann nur
eine Nebenrolle spielen darf, ein durchaus widerwrtiges und unsthetisches.
Eben weil es unsthetisch ist, finde ich es unsittlich. Denn die Sittlichkeit
des Weibes liegt mit in seiner Grazie. Verletzt es diese, so hilft ihm alle
Keuschheit Nichts, bewahrt es sie, so kann es sich gar Manches erlauben, was man
ihm fast mideuten wrde.
    Unter der Bedingung, da sie nach ihrem Instinkt handelt und in ihrer
Empfindung Wahrheit ist - fgte Landsfeld hinzu.
    So wre Ihr Ideal etwa eine Isabella oder Lola? - fragte Jener.
    Ob das mein Ideal wre, ist gleichgltig - sagte Landsfeld kalt. Aber fr
sittlicher, als manche andere, ber sie die Nase rmpfende, halte ich die Beiden
allerdings. Ich mchte noch mehr behaupten - fuhr er, seine Stimme erhebend,
fort. - Denn er hatte in einer Fensternische des halb dunklen Nebenzimmers zwei
Gestalten bemerkt, deren eine er als Cornelia erkannte, whrend die andere groe
Aehnlichkeit mit Berger zu haben schien. Alle Gegenstze sind reiner und
tadelloser, als die sogenannten Mittelstraen, mit denen sich nur die Dummen
oder die Heuchler begngen knnen. So ist's beim Mann, so beim Weibe. Sich von
solcher Halbheit zu emanzipiren, gleichviel in welches Extrem man dabei geht,
darin besteht die wahre Emanzipation. Vergleichen wir zum Beispiel einen
durchaus ehrenfesten Mann, der in seiner Ehrenhaftigkeit ehrlich und vor allen
Dingen konsequent ist, mit seinem Gegensatz, einem Menschen, der die Ehre fr
ein bloes Vorurtheil hlt und nun aus Prinzip in seiner Unehrenhaftigkeit eben
so ehrlich und konsequent ist, wie Jener in seiner Ehrenhaftigkeit, so sagt mir
das Letztere doch nimmer noch mehr zu, als ein Mensch, der zur konsequenten
Ehrlichkeit sowohl, so wie zur konsequenten Unehrlichkeit zu feig ist. Nichts
ist erbrmlicher, als ein Mann, der von Gewissensbissen geplagt wird. Was sagen
Sie dazu, Cornelia? - Die Letztere war eben, durch den lauten Ton Landsfelds
aufmerksam gemacht, aus der Fensternische, in der sie mit Berger gestanden,
hervorgetreten.
    Sie wissen, theurer Freund, da wir in allen Dingen sympathisiren. - Sie
lachte. Landsfeld ebenfalls und fuhr fort:
    In der weiblichen Natur findet dasselbe Verhltni statt.
    Wollen Sie dies Verhltni nicht durchfhren? - bemerkte die Sngerin
G----z, eine feine Kokette, welche sehr glnzendes schwarzes Haar, sehr
glnzende Augen, sehr schwellende Lippen und einen sehr schnen Wuchs hatte.
    Von Herzen gern. Nur mssen Sie mir eine bse Angewohnheit zu gute halten,
die nmlich, da ich zuweilen stark individualisire.
    So wird Ihre Vergleichung desto pikanter werden - erwiederte sie muthig.
    Landsfeld lchelte. Es giebt manche Frauen, bei deren erstem Anblick man
bewundernd ausruft: Es giebt nichts Schneres, nichts Verfhrerisches. Aber eine
Schnheit, die verfhrt, ist keine reine, ist eine Unnatur. Es liegt allerdings
etwas Dmonisches, darum Unwiderstehliches in diesem prunklosen Glanz, in dieser
flammenden, eleganten Einfachheit, in dieser frivolen Bescheidenheit und
raffinirten Unschuld. Eine simple jugendliche Landdirne, deren Herz jungfrulich
ist, und deren Gedanken keusch sind - und eine Priesterin der modernen Mylitta
mit unverhlltem Busen und kurzem Rock -. Das sind Extreme, es ist wahr; aber
jede zeigt wenigstens, was sie ist, sie verheimlichen nichts, die Eine, weil sie
nichts zu verheimlichen hat, die Andere, weil sie nichts verheimlichen will.
Denn auch das Verbrechen hat seinen Stolz. Es ist Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit
in Beiden. Engel und Teufel. Gut, aber wenn der Teufel - um christlich zu reden
- seinen Huf und Schweif nicht in moderne Pantalons und Fracks verbirgt, sondern
offen zur Schau trgt, so ist er ohne Gefahr, sollte man meinen. - Wenn nun aber
das Aeuere nicht der Spiegel des Innern ist, wenn sich unter dem harmlosen
lieblichen Bilde einer zchtigen Jungfrulichkeit die Verderbni des Innern
versteckt, wenn fromme Tauben-Augen Mhe haben, die unreine Begierde nicht in
einem unvorsichtigen Strahl zu verrathen - die Sngerin schlug vor dem Blicke
Landsfelds die ihrigen zu Boden - wo zarten frischen Lilienwangen die
Vorstellung einer unkeuschen Umarmung zu einer reizenden Schamrthe verhelfen
mu߫ - die Sngerin errthete - und auf dem rosigen Munde nur der Gedanke eines
buhlerischen Kusses ein bezauberndes Lcheln hervorruft - das Herz aber kalt ist
und besudelt - - ein Engel von Auen, ein Teufel von Innen; und zwar ein Teufel
unter der Hlle eines sanften fhlenden Kindes - - - - entschuldigen Sie, ich
bin aus der Konstruktion gefallen, und schliee daher mit folgender Definition
- fgte er, seinen pathetischen Ton pltzlich in den gewhnlichsten
Conversationston umwandelnd, hinzu -: Ein kokettes Weib, das seine Kunst
versteht, ist weich anzufhlen wie eine Katze, die die Klauen einzieht, wenn man
sie streichelt, aber nach Blut lechzt, wenn sie kosend zu schnurren scheint.
    Landsfeld hatte durch diese Standrede sich vielleicht ein Paar Feinde mehr
in der Welt erworben, aber er machte sich nichts daraus. Indessen war eine
dampfende Bowle aufgetragen worden. Man sammelte sich um den ovalen
Mahagonytisch, der vor dem mit dunkelgrnem Sammet berzogenen geschmackvollen
Rockokosopha stand. In diesem Augenblicke wurde Landsfeld abgerufen. Es war
Carl, der ihn von der Ausrichtung seines Auftrags unterrichten wollte. Als Carl
ihm referirte, da Nr. 19. schon bestellt gewesen sei, sagte Landsfeld zu sich:
Ich dachte es mir wohl, - aber Nr. 20. -
    Ist fr Sie reservirt. -
    Als der Baron wieder eintrat, war bereits die ganze Gesellschaft um den
Tisch versammelt. Auch Berger hatte seine Fensternische verlassen, und neben
Alicen Platz genommen. Der junge Musiker sah geisterhaft bleich aus. Seine
frhere Frische der Farbe und jugendliche Flle war fast ganz verschwunden.
Landsfeld machte ihnen, als er bei ihren Pltzen vorbeikam, eine hfliche
Verbeugung, die von Seiten Alicens durch ein unbefangen freundliches Nicken, von
Seiten Bergers durch eine halb verlegene, halb zornige Wendung des Kopfes
erwiedert wurde. Er rckte sich einen Stuhl neben das Sopha, dessen Ecke die
Sngerin eingenommen hatte, weil es ihm stets groes Vergngen machte, grade
Diejenigen, welche er kurz zuvor absichtlich auf's tiefste gekrnkt und
gedemthigt, mit der zuvorkommendsten Artigkeit zu behandeln, um sich an ihrer
Verlegenheit zu weiden. Zugleich bot ihm dieser Platz den Vortheil dar, da er
das Gesprch zwischen Berger und Alicen, von denen er absichtlich halb
abgewendet sa, hren konnte.
    Herr Assessor Tieftrunk ist, wie ich mit Bedauern bemerkt habe, heute nicht
hier - sagte er mit einschmeichelndem Tone. Oder kommt er vielleicht noch
spter?
    Das kann ich Ihnen nicht sagen, - erwiederte sie kalt, aber freundlich. -
Ich glaube jedoch nicht.
    Darf ich in diesem Falle um die Erlaubni bitten, Sie nach Hause zu
geleiten? fragte er mit Herzlichkeit.
    Sie errthete. Sie sind zu gtig, Herr Baron. Ich habe mich bereits
versagt. Fast htte sie hinzugesetzt leider, aber ein halber Blick auf Berger
setzte ohnehin den Baron sogleich von der Lage der Sache in Kenntni. Er
beschlo einen neuen Sieg ber seinen ehemaligen Gegner zu feiern. Doch gab es
noch einen andern tiefer liegenden Grund, welcher ihn dazu bestimmte. Es htte
ihm in jedem andern Falle vllig gleichgltig sein knnen, ob Berger der
Gnstling dieser ihm gnzlich indifferenten Dame sei oder nicht. Aber da Jener
sie gerade heute nach Hause begleiten wollte, kam ihm deshalb hchst ungelegen;
weil er darauf gerechnet hatte, heute Nacht den Plan, welchen Berger, wie er
berzeugt war, mit Alicen gegen ihn oder Lydia angesponnen, zu ergrnden. Aus
frherer Zeit wute er nmlich, da Alice nach dem Schlu des Salons selten noch
nach ihrer weitgelegenen Wohnung sich begab, sondern es vorzog, die Nacht in
einem Zimmer des nchsten Gasthofs zuzubringen. Sie hatte zu diesem Zweck die
Einrichtung getroffen, da ihr an den Salontagen stets ein bestimmtes Zimmer -
es war Nr. 19. - reservirt wurde. Landsfeld war diese Einrichtung sehr wohl
bekannt, aber er war ungewi, ob es jetzt noch dasselbe Zimmer sei. Deshalb gab
er seinem Bedienten den Auftrag, gerade dies Zimmer fr ihn zu bestellen und, im
Falle es besetzt sei, das Nebenzimmer, aus dem, da es nur durch eine dnne
Bretterwand von jenem geschieden war, man sehr deutlich verstehen konnte, was im
erstern vorging und gesprochen wurde. Wenn nun aber Berger nicht Alicen
begleitete, sondern die Sngerin, so war sein Plan vereitelt. Er mute also vor
allen Dingen dahin zu wirken suchen, da die Sngerin Bergers Begleitung
ausschlug.
    Sie werden mich fr verwegen halten - fuhr er mit leiser Stimme, aber mit
einer Intensitt im Tone, die ihre Wirkung auf das erregbare Temperament der
schnen Sngerin nicht verfehlte, fort, indem er seine Hand, an der ein feuriger
Rubin strahlte, auf die Sophalehne legte - wenn ich dennoch die Ueberzeugung
ausspreche, da Sie mich zu Ihrem Begleiter erwhlen werden.
    Es lag eine solche Sicherheit in dem, was er sagte, und zugleich eine solche
Zartheit in dem, wie er es sagte, da sie einen Augenblick in Verlegenheit
gerieth. Vielleicht trug selbst der Umstand, da er ihr zu trotzen gewagt, dazu
bei, ihm seinen Sieg zu erleichtern. Eben ffnete sie die Lippen, um ihm zu
antworten, als Alice, ihr bis zum Rande geflltes Glas erhebend, die
Gesellschaft folgendermaen anredete:
    Meine Herren und Damen! Es ist so vielfltig und auch heute in unserm
Kreise schon fters von dem wahren Wesen der Frauen-Emanzipation gesprochen
worden, ohne da man, wie es mir schien, eigentlich darber klar gewesen, weder
wozu die Emanzipation diene, noch wozu man darber spricht. Erlauben Sie mir
hierbei die Bemerkung, da gerade der mnnliche Theil der Gesellschaft sich
diese Sache am meisten zu Herzen zu nehmen scheint, das heit, am meisten
darber spricht, vielleicht weil er am wenigsten davon begreift. Mich will es
bednken, als msse der Anfang zur wahren Emanzipation damit gemacht werden, da
man sich vom Hin- und Herreden darber emanzipirt. Zwar hat auch die
Emanzipation des Worts ihr Recht und man mu dafr kmpfen, ich gebe es zu, aber
die wahre Emanzipation ist die Emanzipation der That. - Meine Herren und Damen!
Wir wollen keine Worthelden werden, hoffe ich; geistreich zu sprechen und frei
zu denken, ist ein Kinderspiel gegen geistreiches Handeln und freies Thun. Giebt
es nicht Manche auch unter uns, die hinter dem freien Wort die praktische
Impotenz verstecken? Man schlage an seine Brust und frage sich, ob z.B. die
Furcht vor der Polizei fr uns Alle schon eine berwundene Kategorie ist? Man
schlage zerknirscht an seine Brust und bekehre sich. Ich aber erhebe mein Glas
und rufe mit gutem Gewissen: Die Emanzipation der That soll leben! -
    Ein allgemeiner Jubel folgte diesen mit sanfter Stimme und jenem
melancholischen Pathos, der Alice eigen war, vorgetragenen Worten. Nachdem der
Sturm des Beifalls durch Leerung der Glser etwas beschwichtigt war, fuhr sie in
demselben Tone fort:
    Ich hoffe, da Sie mir nicht den Vorwurf machen werden, als sndige ich
gegen mein eigenes Prinzip, indem ich jetzt doch ber Emanzipation spreche. Es
wre eine Beleidigung, die ich nicht verdiene, denn ich habe, wie gesagt, ein
gutes Gewissen. Meine Herren und Damen, ich glaube mir praktisch das Recht
erworben zu haben, ber Emanzipation zu sprechen. Oder sollte Jemand einen
Zweifel dagegen erheben? - Sie sah mit wahrhaft kniglichem Stolz umher. Eine
feierlich komische Stille herrschte im ganzen Kreise. Gut - fuhr sie fort -
ich sehe, da Sie mich kennen. Lassen Sie sich denn sagen, was ich ber
Emanzipation des Weibes denke. Meine Rede wird kurz, aber inhaltsreich sein:

Des Weibes Glck ist die Liebe,
Aber das Glck der Liebe ist die Freiheit!

Das ist mein Wahlspruch, meine ganze Philosophie. Es wrde mir ein Vergngen
machen, diesen Satz zu vertheidigen, wenn sich ein Angreifer fnde. Sie setzte
sich. Nach einigen Sekunden, whrend welcher die bisher beobachtete Stille nicht
unterbrochen wurde, erhob sich jener Mann mit interessanten Zgen, in dessen
Gesprch mit Schattenfrey sich Landsfeld gemischt hatte.
    Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Zge dieses Mannes
deutlicher beobachten. Es war in Gesicht, von dem man sagen konnte, da jeder
Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor
gestorbener Hoffnungen war.
    Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie sagen, da das Weib nur wahrhaft
lieben kann, wenn und in so fern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist,
wenn es liebt.
    Ja; - doch unter der Bedingung, da Sie unter der Freiheit nicht blos
Freiheit, das heit Unbeschrnktheit in der Empfindung, sondern Freiheit
berhaupt, sociale Freiheit begreifen.
    Was nennen Sie sociale Freiheit?
    Alice dachte einen Augenblick nach: Freiheit der Individualitt - sagte
sie endlich. Vergessen Sie nicht, da wir von der Emanzipation der Frauen
sprechen. Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen, lt sich diese Erklrung
rechtfertigen. - Das wahrhaft Menschliche mu berall triumphiren. Da es nicht
so ist' liegt in der Verkehrtheit unserer socialen Verhltnisse.
    Vielleicht lt sich jene Erklrung eben deshalb nicht auf
Frauen-Emanzipation anwenden, weil sie zu allgemein ist. Denn mir scheint in der
Forderung, die weibliche Individualitt zu emanzipiren, ein Widerspruch zu
liegen.
    So meinen Sie also, da das Weib dazu verdammt ist, ewig in den Fesseln zu
schmachten, die ihnen Willkhr und Herrschsucht der Mnner angelegt.
    Nicht Herrschsucht der Mnner, sondern die Natur - erwiederte er ruhig.
    Das sagen Sie, aber ich fordere einen Beweis. Ist das Weib etwa weniger
Mensch als der Mann, bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe.
Freilich, die Mnner mchten es gern so darstellen.
    Der Mann hat seine Schranke, das Weib die seinige; und in beiden Fllen
fhrt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe.
    Oh, ich ahne, was Sie sagen wollen. Aber ich finde darin keinen Beweis.
Denn da diese Schranke berwunden werden kann, zeigen Beispiele genug.
    Alle Schranken knnen, wenn auch nicht berwunden, so doch durchbrochen
werden, auch die Schranken der Natur. Aber zeigt sich der Barbar als ein Meister
des Kunstwerks, wenn er es zerschlgt?
    So beantworten Sie mir die Frage, woher es kommt, da gerade die edelsten
gebildetsten Frauen die sogenannte Pflicht des Weibes am meisten
vernachlssigen? Nach ihrer Ansicht wre ein recht krftiges Landmdchen, wenn
es die Pflichten der Gattin und Mutter nur recht treu erfllte, und den
Kochlffel und das Waschfa zu regieren verstnde, das hchste Ideal eines
Weibes. Ich wnsche aufrichtig, da dies Ihr Ideal Ihnen bald verwirklicht
werde.
    Ein allgemeines Gelchter belohnte sie fr die argumentatio ad hominem,
welche ihr einen vollkommenen Sieg errungen hatte.
    Denn Frauen knnen im Streite mit Mnnern nur dann siegen, wenn sie entweder
auf ihr Gefhl sich berufen oder aber, wenn sie hierzu zu stolz sind, ihren
Gegner lcherlich machen. Das Letztere ist jedenfalls das Sicherste, weil diese
Waffe nicht gut gegen sie selbst gekehrt werden kann. Alice hatte ihren Gegner
allerdings zum Schweigen gebracht; aber ein kaltes, bitteres Lcheln, woraus
neben dem Bewutsein seiner Ueberlegenheit noch die Ironie ber die Art seiner
Niederlage hervorleuchtete, schwebte auf seinen Lippen, als er, sich tief
verbeugend, sprach: Ich erkenne mich fr berwunden.
    So werde ich Ihren Kampf fortsetzen - sagte pltzlich Landsfeld, der,
bisher mit der schnen Sngerin beschftigt, der Unterhaltung gar keine
Aufmerksamkeit gewidmet zu haben schien.
    Und ich den Ihrigen - nahm Berger, zu Alicen gewendet, das Wort.
    Dann mu ich meinen Vorsatz aufgeben, denn mit ungleichen Waffen schlage
ich mich nicht mehr - erwiederte Landsfeld kalt.
    Berger erblate. Wie verstehen Sie das, Herr Baron? fragte er in
leidenschaftlicher Aufregung?
    Ich frchte einen Kampf mit Ihnen. - Er lchelte zweideutig. Sie mssen
das aus Erfahrung wissen. Ich bitte Sie, mich zu schonen, schon aus
Gegengeflligkeit.
    Berger schwieg, aber die ohnmchtige Wuth, welche, im Gegensatz zu
Landsfelds kalter Ruhe, aus seinem krampfhaft verzogenen Gesicht sprach, hatte
die ganze Gesellschaft hinlnglich ber die tiefe Feindschaft, welche zwischen
diesen beiden Mnnern herrschte, aufgeklrt, und eine allgemeine Verstimmung
hervorgebracht. Man theilte sich wieder in Gruppen.
    Sie sind ein frchterlicher Mensch - sagte die Sngerin, welche mit
Erstaunen diesem kurzen Wortwechsel zugehrt. Was hat Ihnen der arme Mensch
gethan, da Sie ihn so demthigen?
    Er hat es gewagt erwiederte Landsfeld ausweichend, mit verfhrerischem
Lcheln ihre Hand kssend - seine Blicke auf Sie zu werfen. Das verdient noch
weit hrtere Zchtigung.
    Sie sind ein Heuchler - sagte sie halb zornig, halb geschmeichelt.
    Berger war wieder zu Cornelien getreten. Still - sagte diese - wir
sprechen darber weiter. Wollen Sie sie wirklich noch nach Hause begleiten?
    Ich wei es nicht. Es ist ein gttliches Weib. - Aber dieser Mensch, ist er
nicht mein bser Genius? Tritt er mir nicht berall in den Weg, wo ich im
Begriff bin, mein Ziel zu erreichen? Auch Alice -
    Lassen wir das ruhen. Sie wissen, da ich ihn Ihretwegen hasse, mehr als
je. - Wann werden Sie zurck sein?
    Kann man das Glck nach Minuten berechnen? Ich wei es nicht.
    Wenn Laura nun aber ihre Meinung gendert htte? Wenn Landsfeld - fragte
sie leise.
    So ermorde ich ihn in ihren Armen, sagte er flsternd, aber vor Wuth
zitternd.
    Das werden Sie nicht thun. Auch hlfe es uns nichts. Kennen Sie keine
sere Rache? denken Sie an Lydia? -
    Sie haben Recht. Ich werde mich bezwingen. - Betrachten Sie diese
Koketterie, diese lsternen Blicke - fuhr er fort, mit dem Blicke auf Landsfeld
deutend, der zwei Schritte weit von ihnen sich auf die Lehne des Sessels
sttzte, worauf Laura in verfhrerischer Stellung sa.
    Jetzt ist der Augenblick gekommen - flsterte Landsfeld, indem er von
ihrem Stuhle zurcktrat und sich zu einer andern Gruppe gesellte, die das
Gesprch ber Emanzipation fortsetzte, theils die Ansicht Alicens, theils die
ihres Gegners vertheidigte.
    Die Sngerin wandte ihren schnen Kopf nach Berger um und winkte ihn zu
sich. Er setzte sich neben sie. Sie werden bse sein, Arthur - sagte sie leise
- aber ich fordere vor Allem Vertrauen von Ihnen. - Er schwieg. Sie knnen
mich heute nicht begleiten, - fuhr sie, durch sein Schweigen in Verlegenheit
und durch diese Verlegenheit in Zorn gesetzt, fort. Er wollte aufstehen.
Bleiben Sie. Sein Sie kein Thor, Berger. Ich habe wirklich einen triftigen
Grund, den ich Ihnen morgen mittheilen werde.
    Ich zweifle nicht an der Triftigkeit Ihrer Grnde - sagte er bitter.
Laura - fuhr er nach einer Pause, seinen Ton verndernd, fort - seien Sie
barmherzig, haben Sie Mitleid mit mir! Sie werden mich zur Raserei bringen.
    Sie zog den Shawl, der ihr von den Schultern gefallen war, fest zusammen.
    Es hilft Ihnen nichts - flsterte Berger, der diese unwillkhrliche
Bewegung verstand. - Ein Blick aus Ihrem Auge ist hinreichend, um mich in eine
Hlle von Sehnsucht und Verlangen zu strzen. Er ergriff ihre Hand. Laura,
wollen Sie mich in dieser Hlle lassen? Sprechen Sie! - Seine Stimme zitterte.
- Sie schwankte einen Augenblick, aber ein ironisches Lcheln, das sie auf den
Lippen Landsfelds, welcher, von Berger ungesehen, keinen Blick von ihr
verwandte, sich zusammenziehen sah, machte ihrem Schwanken schnell ein Ende. Sie
errthete ber ihre Schwche.
    Es kann nicht sein, Arthur, wirklich nicht. - Glaubst Du denn, da es mich
keine Ueberwindung kostet, zu entsagen?
    Berger lie in tiefer Muthlosigkeit den Kopf sinken. Wohl - sagte er, wie
zu sich selbst sprechend - es wre auch zu viel Seligkeit gewesen. Ein
Wahnsinniger nur konnte das fr mglich halten.
    Sie hatte wirkliches Mitleid mit ihm, aber die Wurzeln, welche das Mitleid
in ihr trieb, verdrngten die, welche die Leidenschaft fr den jungen Mann darin
geschlagen hatten. Jetzt hatte sie nur noch ein Gefhl von peinlicher
Befangenheit, und den Wunsch, dieser unangenehmen Scene bald ein Ende zu machen.
    Landsfeld ahnte ihre Stimmung. Mit groer Leichtigkeit und liebenswrdiger
Courtoisie trat er heran und bot ihr seinen Arm. Wenn's Ihnen jetzt gefllig
ist, mein Frulein, so gehen wir - sagte er, ohne Berger eines Blickes zu
wrdigen.
    Gern, lieber Baron. Ich werde mich sogleich fertig machen. Sie stand auf
und begab sich in das Nebenzimmer.
    Cornelia nahm ihre Stelle ein.
    Nun, habe ich Recht gehabt? fragte sie leise.
    Berger sa noch immer in der zusammengeknickten Stellung, als htte er die
Entfernung Laura's gar nicht bemerkt. Durch den Ton Corneliens aufgeschreckt,
blickte er sie pltzlich wild an, und flsterte ihr in's Ohr: Und ich darf ihn
wirklich nicht ermorden?
    Und Lydia? - fragte sie in derselben Weise.
    Sie haben Recht! er stand auf und wollte forteilen, als Alice auf ihn
zutrat mit der Frage, ob er sie begleiten wolle.
    Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen - sagte sie. Er zeigte sich
bereit. So komm!
    In wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft den Salon verlassen, um sich
nach Hause zu begeben.

                                 Achtes Kapitel


In einem kleinen, aber mit orientalischer Pracht ausgestatteten Zimmer finden
wir nach einer Stunde Landsfeld wieder. Er sa auf einem niedrigen Divan, an der
Seite Laura's, die in reizendem, aber ziemlich ungeordneten Neglige darauf
ausgestreckt lag, und spielte mit ihren seidenen Locken. Ihr voller und blendend
weier Arm ruhte unter ihrem Haupte, das in trumerischem Ermatten
zurckgesunken war.
    Sie sind schlfrig, Laura - sagte Landsfeld. - Es wird Zeit sein, da ich
Sie verlasse.
    Sie ffnete die halbgeschlossenen Augen und lchelte. Noch einen Ku, mein
Geliebter - sagte sie leise, ihren linken Arm um seinen Hals legend. Er bog
sich zu ihr nieder und kte sie. Dein Athem ist glhend wie das Wehen des
Sirokko, Geliebter, sagte sie, indem ein neuer Wonneschauer durch ihren Krper
bebte. Er sprang empor und warf den Mantel um sich. Sie richtete sich ebenfalls
auf.
    Sagen Sie mir nur noch Eins, Baron. - Aber die Wahrheit. Trieb Sie nur die
Lust dazu, ber Berger einen Sieg davon zu tragen, da Sie mir Ihre Begleitung
anboten? - Sie sah mit ihrem groen Auge tief in das seinige.
    Nach einer Pause erwiederte er: Ich will aufrichtig sein, Laura. Anfangs
allerdings. Aber es war nicht der einzige Grund. Ich hatte Sie gekrnkt,
absichtlich gekrnkt, und dazu hatte ich kein Recht. Deshalb nherte ich mich
Ihnen. Spter aber war es weder das Erste, noch das Zweite, sondern Etwas, was
ich seit langer Zeit nicht mehr gekannt: Wrme der Empfindung. Ich bin Ihnen
dankbar dafr, Laura, da Sie mich wieder mit der Liebe vershnt haben.
    Sie lchelte. Es ist gut, da Sie aufrichtig waren. Mehr hiefr, als fr
die Wrme, als deren Urheberin Sie mich darstellen wollen, will auch ich mich
dankbar erweisen. - Mit geheimnivoller Stimme fuhr sie fort: Nehmen Sie Lydia
in Acht!
    Er erschrak. Wie kam dieser Name in dieses Zimmer?
    Es ist etwas im Werke gegen sie. -
    Wer? - Seine Stimme bebte, als er dies Wort sprach.
    Berger! und noch Jemand, den ich nicht kenne.
    Landsfeld sann einen Augenblick nach. Dann kte er herzlich ihre Hand und
sagte mit einer Innigkeit, zu der ihn die schne Sngerin durch ihre sesten
Liebkosungen nicht hatte bringen knnen: Das vergesse ich Ihnen nie, Laura. -
Leben Sie wohl.
    Sinnend ruhte ihr Blick noch einige Minuten auf der Stelle, wo er gestanden.
Ich mchte das Mdchen kennen lernen, das einen solchen Mann so erfllen kann
- sagte sie halblaut, indem sie aufstand, um sich zur Ruhe zu begeben.
    Landsfeld eilte nach dem Gasthofe. Wenn es nur nicht zu spt sein wird -
dachte er. Sollte Alice wirklich so niedrige Gesinnung haben? Ich kann es nicht
glauben. So wenig Herz sie hat, so viel Edelmuth und hohen Sinn traue ich ihr
zu. - Aber wer sollte es sonst sein? - Berger frchte ich nicht. Doch diese
Frauen fhren selbst den Teufel an, wenn sie es darauf anlegen.
    Whrend dieses Selbstgesprchs hatte er den Gasthof erreicht. Schnell lie
er sich den Schlssel zu seinem Zimmer geben. Jede Begleitung zurckweisend,
nahm er dem Kellner das Licht aus der Hand und ging allein die Treppe hinan. Er
ffnete vorsichtig die Thre von Nr. 20. und verriegelte sie eben so vorsichtig,
nachdem er eingetreten war. Als er sich in groer Stille entkleidet, setzte er
sich auf ein Sopha, das neben der Zwischenthre stand.
    Sollten sie ein anderes Zimmer gewhlt haben? fragte er sich, weil sich
nicht das geringste Gerusch hren lie. Oder sollten sie mein Kommen gehrt
haben?
    Nach einiger Zeit schien es, als ob in dem Nebenzimmer eine weibliche Stimme
flsterte. Landsfeld behielt ruhig seinen Platz.
    Ich begreife Deine Verzweiflung vollkommen - sagte die Stimme, und finde
sein Betragen grausam und unedel obendrein. Aber giebt Dir das ein Recht, auch
grausam und unedel zu sein? Und gegen wen? Gegen ein Wesen, das an der ganzen
Sache vllig schuldlos ist. Nein, Arthur, das ist Deiner unwrdig.
    Nenne mir ein anderes Mittel - erwiederte eine dumpfklingende mnnliche
Stimme - so will ich es mit Freuden ergreifen. Wo ist dieser Mensch zu
verwunden? Ich kenne keine Stelle als diese. Und dann, ist sie gegen mich nicht
auch grausam gewesen? Hat sie mich nicht von sich gestoen, als ich verzweifelnd
zu ihren Fen lag?
    Warum wirfst Du nicht alle Schuld auf mich? - fragte sie traurig. O, es
ist mein Schicksal, berall den Saamen des Unheils und des Verderbens
auszustreuen, wo ich beglcken wollte. Alle, denen ich bisher meine Liebe
geschenkt, sind dadurch elend geworden. Auch an Deinem Unglck bin ich schuld.
    Eine lange Pause trat ein. Dann sagte die mnnliche Stimme: So willst Du
also nicht die Hand dazu bieten?
    Nein! -
    So leb' wohl! - Doch noch Eins. Du wirst uns nicht verrathen?
    Uns? -
    Mich - wollt' ich sagen.
    Das hngt von den Umstnden ab. Aber ich werde Euern oder Deinen Plan
vereiteln. -
    Er schlug ein lautes Gelchter auf: Gieb Dir keine Mhe. Es wird Dir zu
Nichts helfen. - Leb' wohl! -
    Landsfeld hrte eine Thre ffnen, schlieen und von Innen verriegeln.
Mnnliche Schritte erschallten auf dem Korridor - die Treppe hinab - die
Hausthre ffnete sich - dieselben Tritte tnten von der Strae herauf - dann
ward's still. -
    Landsfeld erhob sich und ffnete einen Kleiderschrank, der an derselben Wand
stand. Er war leer. Seinen Mantel fest um sich schlagend, so da er nur die
rechte Hand frei behielt, stieg er ganz in den Schrank hinein und tastete wie
suchend an der Hinterwand desselben umher. Endlich schien er gefunden zu haben,
was er suchte. Denn wie durch ein Zauberwort ffnete sich pltzlich die Wand,
welche eine verborgene Tapetenthre war, und lie Landsfeld einen Blick in das
andere Zimmer thun. Es rhrte sich nichts darin. Er ffnete sie so weit, da
sein Krper gerade hindurch konnte und schlo sie dann mit derselben
Behutsamkeit von der andern Seite. Dieses ganze Experiment war so geruschlos
vollbracht worden, da die Inhaberin des Zimmers, in welchem Landsfeld jetzt
war, noch nichts davon merkte, als er schon vor ihr stand. Sie lag auf dem
Sopha, den Kopf nach der anderen Seite gewandt und schien zu schlafen.
    Alice - sagte er sanft.
    Erschreckt hob sie den Kopf und sprang, als sie die verhllte mnnliche
Gestalt erblickte, mit einem Satz empor, indem sie einen raschen Griff in ihren
Busen that.
    La ihn stecken, Alice - er meinte den Dolch, den Alice stets bei sich zu
tragen pflegte - hast Du den Ton meiner Stimme schon vergessen? -
    Du bist's, Richard! Wie bist Du hereingekommen?
    Das will ich Dir ein anderesmal erzhlen. Jetzt hab' ich etwas Wichtigeres.
Berger war bei Dir. Was beabsichtigt er?
    Wenn Du weit, da er bei mir war, so wirst Du auch wissen, was er mir
davon gesagt hat. -
    Nein, ich bin erst vor wenigen Minuten zurckgekommen und habe nur das Ende
Eures Gesprchs gehrt. - Was beabsichtigt er? - Warum antwortest Du nicht? -
    Weil ich nicht will. Du tuschest Dich in mir, Richard, wenn Du glaubst,
ich sei ein Weib, wie andere Weiber, und zu lenken, wie sie. Habe ich
Verpflichtungen gegen Dich? Hast Du noch Ansprche auf meine Erkenntlichkeit? -
Ich sage Nichts. -
    Darauf hatte Landsfeld nicht gerechnet; und doch war es ihm klar, da er um
jeden Preis das Geheimni erfahren mute; aber durch welche Mittel? Durch Furcht
war Alice eben so wenig als durch Versprechungen zu gewinnen, und an seine Liebe
wrde sie nicht glauben.
    Warum willst Du es mir nicht sagen, Alice? fragte er endlich.
    Ich habe keinen Grund fr das Gegentheil, lieber Richard. - Es thut mir
leid, da ich weder einfltig noch gutmthig genug dazu bin, mich als Mittel
brauchen zu lassen; und etwas Anderes wrde ich Dir nie sein knnen. Du achtest
mich - ob mit Recht oder Unrecht, mag dahin gestellt sein - zu wenig, um mich
Deines Vertrauens wrdig zu halten. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, obschon
es mir wehe thut, weil ich fhle, da ich besser bin als Du glaubst. Mich aber
zu den vielen Nullen zhlen zu lassen, zu denen Du die Eins bildest, dazu,
Richard, bin ich zu stolz. - Unterbrich mich nicht! Ich freue mich, da einmal
der Augenblick gekommen, wo ich mich offen hierber gegen Dich aussprechen kann.
Richard, ich halte Dich nicht blos fr einen unglcklichen, sondern auch fr
einen thrichten Menschen, weil Du nach Liebe umhersphest, ohne zu bedenken,
da man selber der Liebe fhig sein mu, wenn man sich in der Liebe Anderer
befriedigt fhlen will. Nur so viel Gefhl man selbst in ein Verhltni
hineintrgt, so viel Glck und Freude trgt es ein. Wrst Du nur Egoist,
Richard, so wre nichts dagegen zu sagen. Jeder schafft sich seine eigene Welt.
Wolltest Du nur Liebe erwecken und Egoist bleiben, so wrde auch dies noch
passabel vernnftig sein. Aber Du willst nicht blos Egoist sein, und geliebt
werden, sondern auch wahrhaft glcklich sein, durch diese Liebe: das, Richard,
nimm es mir nicht bel, ist einfltig - denn es ist eine Unmglichkeit.
    Landsfeld war in tiefe Gedanken versunken, aber er antwortete Nichts. Alice
fuhr fort:
    Sieh, Richard, das ist der Grund, weshalb Du auch mich nicht verstanden
hast. Dein Egoismus wurde durch meine Art zu lieben verletzt; Du begriffst
nicht, da mir die Persnlichkeit des Geliebten nur der zeitweilige Trger
meines Liebeideals sein konnte. So glaubtest Du von mir hintergangen zu sein,
als ich fand, da Du dies Ideal nur nach einer Seite hin verwirklichtest, also
die unbedingte ausschlieliche Liebe, welche Du fordertest, nicht verdientest.
Berger, wie er damals war, sein reines, kindliches Gemth zog mich gerade durch
den Gegensatz zu Dir an. Und dennoch htte ich an Dir festgehalten, wrst Du
nicht kleinlich genug gewesen, auf ihn eiferschtig zu sein. Schon deshalb war
es ein Akt der Humanitt, ihn glcklich zu machen. - Da ich es ohne Dein Wissen
und Willen that, daran warst Du selbst schuld. Du zwangst mich dazu durch Deine
despotische Eifersucht, denn -

   unbedingte Herrschaft kann ich meiner Natur nach keinem Manne einrumen. -

    Doch ich will darber schweigen, denn die Zeiten sind vorbei. Jetzt lieb'
ich weder Dich noch Berger mehr. Aber eben darum wirst Du begreifen, warum ich
Keinen dem Andern aufopfern kann. - Ich bitte Dich aufrichtig, keine Bitte an
mich zu verschwenden. Die Versagung wrde Dich nur gegen mich erbittern, und das
wrde mir leid thun. Denn ich halte Dich noch immer hoch und werth.
    Diese mit vllig leidenschaftsloser Freundlichkeit und ruhiger Herzlichkeit
gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf Landsfelds aufgeregtes
Gemth. Er fhlte sich hier zum erstenmale einem weiblichen Charakter gegenber,
der, an Selbststndigkeit und Festigkeit dem seinen so nahe verwandt, ihm ein
unwillkhrliches Gefhl der Achtung abzwang. Er glaubte merkwrdiger Weise
diesmal an die Wahrheit dessen, was er so eben gehrt, und grade diesmal wurde
er, wenn auch nicht ganz, so doch theilweise getuscht. Alice liebte ihn
wirklich noch, und vielleicht glhender als je; aber mit jenem Scharfblick, der
nur Frauen eigenthmlich ist, hatte sie den einzigen mglichen Weg, auf dem sie
sein Vertrauen, und dadurch vielleicht seine Liebe wieder erwerben konnte,
richtig erkannt und mit groer Selbstverlugnung eingeschlagen. Nur dadurch, da
sie eine vllig unbefangene, selbststndige Stellung ihm gegenber einnahm, war
es mglich - das fhlte sie - ihn zur Verlassung der seinigen, und zur
Annherung an sie zu bewegen. Sie wurde allerdings hierin durch ihren
natrlichen Edelmuth, von dem er sich selbst durch Anhrung jenes Gesprchs
berzeugt hatte, so wie durch den Zufall, der sie in den Besitz eines ihm
wichtigen Geheimnisses gesetzt hatte, von dem sie brigens weniger wute, als er
glaubte, bedeutend untersttzt; aber alle diese Vortheile htten ihr nichts
gentzt, wre sie schwach genug gewesen, ihm ihre vom Erlschen noch sehr ferne
Liebe zu ihm ahnen zu lassen.
    Ich kann Dich nicht zwingen, Alice - sagte er mit einer Art von
Resignation, die diesem starken Menschen einen Ausdruck von Sanftmuth verlieh,
welcher das Herz Alicens zu verdoppelten Schlgen trieb. Doch noch habe ich
selbst Kraft genug, um mein Heiligthum vor Entweihung zu schtzen. Wehe dem, der
es wagt, Lydia mit einem Worte zu verletzen. Wehe auch denen, die schwiegen, als
sie reden konnten.
    Reden werd' ich nicht, Richard. Aber da ich nicht handeln wollte, wenn's
Zeit dazu ist, habe ich Keinem versprochen. - Jetzt lasse mich allein, der
Morgen dmmert schon. Sie reichte ihm die Hand, er drckte sie herzlich.
    Landsfeld eilte in den Hof hinab, bestieg sein Pferd, und trabte, gefolgt
von seinem Bedienten, durch den grauen Herbstnebel, welcher sich dicht auf die
noch menschenleeren Straen gelagert hatte.

                                Neuntes Kapitel


Etwa acht Tage nach den oben erzhlten Scenen standen zwei tiefverhllte
Gestalten an der langen Mauer, welche die eine Seite der Anhalt-Strae bildet
und blickten aufmerksam nach der Bel-Etage eines der reizenden Huser dieser
schnen Strae hinber. Ein dichter feiner Regen verdsterte die Luft und schien
selbst den hellerleuchteten Gaslaternen ihren flammenden Athem zu benehmen. Eben
schlug es eilf Uhr; ein langanhaltendes immer strker werdendes Pfeifen
durchschnitt die Luft. Es war das Ankunfts-Signal des letzten Zuges der
Anhaltischen Eisenbahn. Mit unverwandten Blicken schaueten die Beiden hinber
nach den Fenstern. Endlich sagte die kleinere, dem Anschein nach weibliche
Gestalt:
    Was ntzt es, da wir hier im Regen stehen und uns ennuyiren? Lassen Sie
uns nach Hause gehen! Ich leide ohnehin an Rheumatismus.
    Ein tiefer krampfhafter Seufzer war die Antwort. - Nach einer Pause
erwiederte eine mnnliche Stimme:
    Gehen Sie immer hin, Sie Glckliche, die Sie noch nicht verlernt haben sich
zu langweilen.
    Das tragische Pathos, mit dem diese Worte gesprochen wurden, mute etwas
Komisches enthalten, denn Jene lachte, als sie mit demselben pathetischen Accent
erwiederte:
    Sie Glcklicher, der Sie verlernt haben, sich zu langweilen - und fuhr
dann mit verndertem Tone fort: Aber ernsthaft gesprochen: Sie sind ein Narr,
da Sie sich so selber qulen, nehmen Sie mir den Ausdruck nicht bel. -
Apropos. Wie weit sind Sie mit Laura gekommen? - Es lag ein solcher Ausdruck
von boshafter Schadenfreude in der Art, wie diese Frage gethan wurde, da der
Andere zornig, aber mit leiser Stimme erwiederte:
    Sie sind ein wahrer weiblicher Mephisto, Cornelia; Sie verstehen sich
vortrefflich darauf, den moralischen Henkersknecht zu spielen. -
    Migen Sie sich, theurer Freund, den ich gern meinen Faust nennen wrde,
wre er nicht ungeschickt genug gewesen, sich sein Gretchen fortschnappen zu
lassen. - Sie lachte ber ihren vortrefflichen Witz und wollte fortfahren, als
er ihr in's Wort fiel:
    Schweigen Sie und reizen Sie mich nicht zum Aeuersten! Ich bin gerade in
der Stimmung, um Sie dahin zu schicken, wohin Sie eigentlich gehren: in die
Hlle.
    Das werden Sie bleiben lassen, Berger, erwiederte sie ruhig. Wer wrde
dann den gutmthigen Narren spielen, der seine Pfote hergiebt, Ihnen die
Kartoffeln aus dem Feuer zu holen?
    Es ist wahr! - erwiederte er, ohne daran zu denken, welche arge
Beleidigung er damit sagte.
    Als Erwiederung fr seine Aufrichtigkeit setzte sie hhnisch hinzu: - Aber
nicht eher, mein Freund, nicht eher stecke ich die Pfote in's Feuer, als bis die
Kartoffeln tchtig gebraten und gar sind. Ha, ha!
    Weib! - rief er zhneknirschend, indem er sie wthend an der Schulter
packte. - Bringe mich nicht zum Rasen, sag' ich. Ich mchte bei Gott vergessen,
da - - die Wuth erstickte seine Stimme.
    Da ich Dich noch gebrauchen kann - ergnzte sie ruhig. Meinten Sie nicht
das? - Nun gut; ich will schweigen, unter der Bedingung, da Sie diesen verdammt
langweiligen Ort verlassen.
    Einen Augenblick noch - bat er, indem er seine Aufregung bekmpfte. Sehen
Sie - setzte er zitternd hinzu. Die Lichter werden schon ausgelscht. -
    In der That nahm die Helligkeit drben sichtbar ab. Endlich schien nur noch
ein Licht in dem Zimmer zurckgelassen zu sein. Da trat ein Mann an's Fenster
und blickte hinaus.
    Er ist es - flsterte Berger, den Athem anhaltend.
    Jetzt wandte sich der Mann oben um, als sprche Jemand zu ihm. Gleich darauf
wurde eine weibliche Gestalt sichtbar. Sie lehnte sich an ihn an, er drckte
einen langen Ku auf ihre Stirn.
    Hlle und Teufel - knirschte Berger halblaut.
    Der Mann am Fenster schien etwas gehrt zu haben. Denn noch einmal lehnte er
sich aus dem Fenster und blickte forschend auf die Strae. Aber der Nebel war zu
dick, auch hatte sich Berger mit Cornelien hinter die Gaslaterne postirt, deren
Schein ihn blenden mochte. Er zog den Kopf zurck und schlo das Fenster. Jetzt
schien er, zu der jungen Dame gewendet, etwas zu sprechen. Denn pltzlich fiel
sie ihm um den Hals und verbarg ihren Kopf an seiner Brust. - Gleich darauf
verschwanden sie von dem Fenster und das Licht verlosch.
    Berger starrte noch immer zu dem Fenster empor, als sei er berzeugt, da es
sich noch einmal erhellen msse. Aber er wartete vergeblich. - Wie aus einem
schweren Traum erwachend, fuhr er sich ber die Stirn und sagte mit gebrochener
Stimme:
    Sie hatten doch Unrecht, Cornelia, als Sie mich davon abhielten, ihn zu
ermorden. -
    Morgen werden Sie das Vernnftige meines Raths selbst einsehen.
    Sie ergriff ihn beim Arm und fhrte ihn fast willenlos fort.
    - - - - - - - - - -
    Es war der Hochzeitstag Landsfelds und Lydia's. Sie hatten ihn ganz in der
Stille gefeiert, weil Lydiens Mutter noch zu schwach war, um das Gerusch und
die Aufregung, welche eine groe Gesellschaft stets mit sich bringt, ertragen zu
knnen. Nur der Hofrath und eine Jugendfreundin der Forstrthin, welche zugleich
als Zeugen der Trauungsceremonie beigewohnt hatten, waren bei diesem Feste
zugegen gewesen, hatten sich jedoch bald nach zehn Uhr von der Forstrthin und
dem jungen Paare verabschiedet.
    Ich bin ermdet, lieben Kinder - sagte Frau von Dornthal, welche in einem
bequemen Lehnsessel mehr lag als sa - und werde mich zur Ruhe begeben.
    Landsfeld, welcher fhlte, da er in diesem Augenblick die beiden Frauen
einander berlassen msse, stand auf und ging in das Nebenzimmer, in welchem er
die noch brennenden Lichter eines nach dem andern bis auf's letzte auslschte
und, dann an's Fenster tretend, auf die Strae hinabsah. Lydia folgte ihm nach
einigen Minuten.
    Die Mutter ist nach ihrem Zimmer gegangen - sagte sie, sich an ihn
schmiegend. - Sie grt Dich herzlich.
    So la uns auf die unseren gehen - erwiederte er, sie umfassend. - Komm,
Geliebte, komm, jetzt gehren wir ganz einander an. Verstehst Du, Lydia, was das
heit? -
    Statt aller Antwort umschlang sie weinend seinen Hals und lehnte ihre Stirn
an seine Brust.
    Einen Augenblick betrachtete er sie aufmerksam, und leise den Kopf
schttelnd; dann fhrte er sie mit sich fort, indem er das letzte Licht auf dem
Tische mit sich nahm.
    Das Schlafzimmer der Neuvermhlten lag nach dem Garten heraus. Es war
einfach aber hchst geschmackvoll und behaglich eingerichtet. Durch ein schmales
Kabinet nach der einen Seite von dem Schlaf- und Arbeitszimmer Landsfelds, nach
der andern von dem Speisesaal getrennt, aus dem eine Thr nach dem ebenfalls mit
seinem Arbeitszimmer zusammenhngenden Wohnzimmer Lydiens, die andere nach den
auf der anderen Seite liegenden Gemchern der Forstrthin.
    Um die Mutter nicht zu stren, gingen sie, statt direkt durch den
Speisesaal, durch das Arbeitszimmer Landsfelds.
    Geh', Geliebte - sagte Landsfeld, sie mit Innigkeit umschlingend, nachdem
sie das letztgenannte Zimmer betreten. - Geh', la Dich von Gertrud
entkleiden. -
    Gertrud war Lydiens Amme gewesen und jetzt als Wirthschafterin in den neuen
Hausstand mit eingetreten. -
    Bist Du nicht allzu md', mein Herz, so komme ich noch auf ein paar Minuten
mit Dir zu plaudern.
    Wieder ruhte nach diesen mit unbefangener Herzlichkeit gesprochenen Worten
sein forschender Blick auf dem Gesicht seiner jungen Gattin. Vielleicht hoffte
er, da sie ihm antworten werde, aber auch diesmal umarmte sie ihn nur unter
schamhaftem Errthen und eilte schnell zur Thre hinaus.
    Er blickte ihr lange sinnend nach, als suche er den Grund von Etwas, das er
sich nicht erklren knne.
    Wer mir doch Gewiheit geben knnte - sagte er vor sich hin. Zwar
erstaunte sie nicht ber das, was ich ihr sagte, sie schien es ganz natrlich zu
finden - aber warum errthete sie denn? - Und endlich frage ich: Kann eine
solche Unschuld, wie sie sie zu haben scheint - vielleicht nur scheint - mglich
sein bei einem Mdchen von 19 Jahren? Ist es denkbar, da der Zufall sie vor
jedem zweideutigen Worte, vor jeder verschleierten Anspielung, vor jedem -
Bilde, wollte er sagen, aber er sprach das Wort nicht aus, sondern schlo mit
einem bittern Lachen, da ihm einfiel, da man sich durch dergleichen Fragen in
der keuschen Residenz, dem zchtigen Berlin - nur lcherlich machen knnte. Und
dennoch that er ihr durch diese Zweifel unrecht.
    Lydiens Phantasie war in der That vllig rein und fleckenlos. Noch hatte sie
keine Ahnung - oder doch gewi keine Vorstellung von einer andern als wie
geistigen und gemthlichen Gemeinschaft und Einigung der Gatten. Vielleicht war
es nicht klug gehandelt von der Forstrthin, da sie ihre erwachsene Tochter
ber die Ehe nie aufgeklrt hatte. Aber sie konnte es nicht ber's Herz bringen,
den Kindeshimmel dieses reinen Gemths zu zerstren. Da Lydia durch andere
zufllige Anlsse zu einer Kenntni in dieser Beziehung kommen knnte, ohne da
es von dem mtterlichen Auge wahrgenommen wrde, hielt sie fr unmglich. Denn
sie wute, da, wenn ein jungfruliches Herz seine Reinheit so lange ungefhrdet
erhalten hat, es in dieser Reinheit selbst den besten Schild gegen jede
Verunreinigung besitzt und da brigens, sollte doch ein unvorhergesehener
Zufall eine ihr bisher fremde Vorstellung gleichsam gewaltsam hineinschleudern,
seine Verwirrung und sein Schmerz zu tief und gro sein wrde, als da es ihn
vor dem Scharfblick mtterlicher Liebe verbergen knnte. Die Bedenken, welche
Landsfelds Zweifel gegen die Wahrheit von Lydiens weiblicher Unschuld rege
erhielten, und welche nur bewiesen, da er von der wahren Reinheit des
weiblichen Gemths keinen Begriff hatte, lieen sich smmtlich durch die
einfache Thatsache widerlegen, da Lydiens Ohren und Augen ber solche
Anspielungen und Anschauungen entweder theilnahmlos fortglitten, weil sie sie
nicht verstand, oder aber - waren sie zu deutlich und folglich zu kra - sie von
ihnen, ohne sich eigentlich des Grundes bewut zu werden, nur einen
unangenehmen, wiederwrtigen Eindruck erhielt, den sie so schnell wie mglich
wieder los zu werden suchte. Beunruhigt oder gar erregt wurde sie nicht im
Geringsten dadurch, hchstens wurde ihr Geschmack beleidigt. Aber jetzt war sie
in einer ihr selbst unerklrlichen tiefen Bewegung. Der Gedanke, jener von den
Mdchen eben so ersehnte als gefrchtete Augenblick, welcher die Grenze zwischen
dem Jungfrauen- und Frauenleben bildet, sei jetzt gekommen, setzte sie
vielleicht in desto grere Spannung, und lie ihren Busen vielleicht um so
ngstlicher auf- und abwogen, je weniger sie eine klare Vorstellung von seiner
wahren Bedeutung hatte.
    Ach, Gertrud - sagte sie zu ihrer Amme, sag' mir nur, warum mir so angst
ist. - Fhl' einmal, wie mir das Herz schlgt. Bei diesen Worten nahm sie die
trockene, harte Hand Gertruds, welche sie bereits entkleidet hatte und eben im
Begriff war, ihr das Nachtkleid berzuwerfen, und legte sie unter ihre linke
jugendliche Brust.
    La nur gut sein, Lydchen - erwiederte Gertrud lchelnd, welche das Recht
hatte, ihre junge Herrin noch als ihr Pflegekind zu behandeln. - La nur gut
sein. Ich kenne das, bin auch mal jung gewesen und habe gezittert und gebebt,
als sie mir in der Kammer den Brautkranz aus dem Haare nahmen. Aber 's giebt
sich halt mit der Zeit. - Sie seufzte. Aber sag' mir, Kindchen, warum willst
Du denn noch aufbleiben, warum legst Dich nicht in's Bettchen? -
    Richard kommt ja noch zu mir; Gertrud! -
    Kommt er noch! - erwiederte Gertrud, wie verwundert ber diesen Grund, mit
fast ironischem Tone.
    Freilich, Gertrud. Er hat es mir ja versprochen - sagte Lydia treuherzig.
    Hat er wirklich? - fragte Gertrud wie vorhin, indem sie den Kopf
schttelte.
    Nun ja. Was fllt Dir dabei auf, Gertrud? - ist er nicht mein Mann? - Sie
errthete, als sie mit schamhaftem Lcheln von ihrem Manne sprach. Die Alte
schttelte noch immer fort.
    Du bist ja heut' ganz wunderlich, Gertrud. - Geh' nur - Richard wird gleich
kommen.
    Gertrud drckte sie mit einer Mischung von Zrtlichkeit und Feierlichkeit an
das Herz; - zndete dann die in einer Glocke von rosafarbenem Glase hngende
Nachtlampe an und entfernte sich langsam und leise auftretend durch den Corridor
nach ihrem Schlafzimmer neben dem Zimmer der Forstrthin.
    Lydia hatte sich in die Ecke des kleinen mit weiseidenem Zeuge berzogenen
Sopha's geworfen, und sa, den schnen Kopf in die Hand gesttzt, in Gedanken
versunken da, als ein leises Pochen an der Thre sie emporschreckte.
    Er ist's - sagte sie fast athemlos zu sich, indem sie beide Hnde ber den
ungestm wallenden Busen legte, als frchte sie, die Bewegung mchte ihre Brust
zersprengen. Sie hatte weder die Kraft, zu rufen, noch einen Schritt zu thun.
Ein zweites strkeres Klopfen gab ihr endlich ihre Kraft zurck.
    Richard - rief sie mit bebender Stimme.
    Landsfeld trat herein. Er war mit einem einfarbigen grnen sammetnen
Morgenrock bekleidet, welcher durch eine dicke Seidenschnur von gleicher Farbe
um den Leib gehalten, bis auf die feinen Morgenstiefel herabfiel. Sein Hals war
frei und nur mit einem weien Hemdkragen umgeben, der sich leicht und glatt ber
den Shawlkragen des Morgenrocks legte.
    Du schliefst schon, Geliebte - sagte er lchelnd, auf sie zu tretend,
indem er einen langen aber sanften Ku auf ihre Stirn drckte.
    Ach nein, Richard, ich schlief nicht. Dein Klopfen - ich wei nicht warum -
nahm mir die Kraft - die Stimme versagte mir - Er sah ihr tief, tief in das
glnzende Auge, welches sie mit offner Liebe zu ihm aufgeschlagen hatte.
    Komm', setze Dich zu mir, - sagte er dann hastig, indem er sie zum Sopha
fhrte.
    Er umschlang sie mit der einen Hand und zupfte mit der andern an den Bndern
des zierlich gestickten Nachthubchens, welches Lydiens Haar gefangen hielt.
Ich liebe das nicht - flsterte er kosend - ist nicht die Natur berall
schner als die Kunst, besonders wenn diese dazu dienen soll, die erstere zu
verhllen. Ohne ein Wort zu erwiedern, lste Lydia die Bnder und warf das
Hubchen von sich. Voll und glnzend fielen wie ein dunkelgoldiger Strom die
entfesselten Locken ber ihre Schultern und ihren Nacken.
    Wie weich und elastisch ist Dein Haar, Lydia! - Er lie es spielend durch
die Finger gleiten. Weit Du, wie schn Du bist? Sag' mir das, Lydia!
    Welche Frage, Richard! Wie schn man ist, das kann man wohl nicht wissen,
sollte ich denken. Da ich manchmal, wenn ich vor dem Spiegel gestanden, mich
darauf angesehen, ob ich hbsch bin, will ich nicht lugnen - aber -
    Nun? -
    Aber ich that es doch immer im Gedanken an Dich. Ich dachte dann: kann er
Dich wohl hbsch finden? Und dann freute ich mich; denn Richard, ich will es Dir
nur gestehen, ich antwortete dann gewhnlich ganz leise: Ja. - Meinst Du nun,
da ich eitel bin, Richard?
    Es lag eine solche Kindlichkeit und Harmlosigkeit in dem, was Lydia sagte,
da ein Mann von so eisernem Willen und so titanischer Selbstberwindung, wie
Landsfeld, dazu gehrte, um dem einmal gefaten Entschlu, das hchste Glck
sich zu versagen, so lange treu zu bleiben, bis durch lngere Beobachtung seine
Ueberzeugung von der Wahrheit dieses weiblichen Herzens eine unerschtterliche
Festigkeit erreicht hatte. Je mehr er gerade jetzt geneigt war, zu glauben,
desto mehr fhlte er gegen sich die Verpflichtung, sich nicht eher diesem
Glauben hinzugeben, als bis jede Mglichkeit von Zweifel verschwunden war. -
Aber diese Entsagung wurde ihm schwerer, als er es geahnt hatte. Wre Lydia ein
Weib wie Laura gewesen, so wrde er eine Art egoistischen Triumphs darin
gefeiert haben, ihre Sehnsucht ungestillt zu lassen. Denn die Macht sinnlicher
Reize, obwohl er selbst feurigen und leidenschaftlichen Temperaments war, konnte
doch die Energie seines Geistes, seinen Stolz nicht erschttern. Aber sie war
keine solche Macht, die ihn nur zum Widerstande htte reizen knnen. Ein seiner
Reize selbst unbewutes, sich vertrauensvoll an ihn schmiegendes Kind war es,
was nicht des eigenen Genusses wegen, sondern aus Liebe zu ihm, sich ihm
berlie, auf seinen leisesten Wunsch lauschte, um ihn, kaum ausgesprochen,
erfllen zu knnen. - Darauf war er nicht gefat. - Seine Stimme zitterte fast,
als er auf ihre Frage erwiederte: Ich glaube, da Du ein gutes Kind bist,
Lydia.
    So hltst Du mich also nicht fr eitel? - sagte sie heiter lchelnd, ohne
Ahnung von dem Sturme, der in diesem Augenblick seine Brust durchwhlte. Das
freut mich, Richard. Denn ich glaube, da Du das besser wissen mut, als ich
selbst. Nachdenklich fuhr sie fort: Man wei wohl eigentlich selten, wie es im
Grunde hier aussieht; meinst Du nicht auch, Richard? - Sie legte den
Zeigefinger auf dieselbe Stelle, auf der vorhin Gertruds Hand gelegen. So
strmisch es damals dort pochte, so ruhig war es jetzt.
    Landsfeld wute nur noch zwei Mittel, um den knstlichen Damm, welchen er um
seine Empfindung gezogen hatte, vor dem Durchbruch zu bewahren. Das eine war
schleunige Flucht. Aber er schmte sich vor sich selber, als er daran dachte.
Ich will's wagen - sagte er zu sich, das andere Mittel erwgend.
    Das ist der ewige Widerspruch im Menschen - sagte er ernst. Die Gegenwart
ist gerade das, wovon man am wenigsten wei. Daher frchtet man sich vor der
Gefahr und selbst, nachdem sie schon verschwunden ist, in der Erinnerung weit
mehr, als in dem Moment, wo man mitten darin ist. Wie mit der Furcht, so ist's
auch mit der Hoffnung, mit der Erwartung berhaupt, sei's des Glcks und der
Seligkeit, sei's des Schmerzes und der Trauer. Wie war Dir, Lydia, vor jenem
Augenblicke, wo ich an Deine Thre klopfte? Jetzt bist Du ruhig, warst Du es
damals auch? - Bist Du es jetzt, da Du daran denkst?
    Es ist wahr, Richard - sagte sie erglhend. Welches Gefhl es war,
welches es auch jetzt ist, ich wei es nicht, ich kann es nicht beschreiben -
unnennbar, - berwltigend - tief beseligend - angsterfllend. - - - - Richard!
- Das letzte Wort sprach sie mit einem zugleich flehenden, zugleich hingebenden
Tone.
    Landsfeld hielt mit der Rechten ihre Taille umschlungen. Mit der Linken zog
er die Busennadel, welche ihr Nachtkleid ber der Brust zusammenhielt, heraus. -
Bist Du nicht mein Weib? - flsterte er, sich fester an sie schmiegend, mit
jenem Vibriren der Stimme, das sie nur in der tiefsten Leidenschaft anzunehmen
im Stande ist. Fhlst Du nicht selber Sehnsucht, mein zu sein, Lydia - ganz
mein zu sein? -
    Mit ngstlicher Erwartung blickte er ihr in das Auge, beobachtete er jede
Muskel ihres Gesichts, whrend in seinem Innern der Kampf gegen die Macht der
eigenen Leidenschaft fortwhlte.
    Ein feuchter Glanz schimmerte in ihren Blicken, aber es war nicht jenes
verschwimmende, in eigener Gluth erstickende Feuer des Verlangens, nein, es war
eine reine Thrne, die das ungewisse Bangen der Jungfrulichkeit, die Angst der
mdchenhaften Schchternheit ihr entprete.
    Bin ich nicht ganz Dein - sagte sie bebend - Dein Weib? Kann ich es mehr
sein, als ich es bin? Gehre ich nicht ganz Dir, bist Du mir nicht Alles, mein
Himmel, meine Seligkeit? Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und prete sein
Haupt an ihren Busen. Landsfeld fhlte sein Wogen, er hrte die verdoppelten
Schlge ihres Herzens, und er konnte zu sich sagen:
    Ist das nur Liebe? Sollte kein sinnliches Verlangen in diesem ungestmen
Pochen sprechen? - Der Gedanke machte ihn kalt.
    Er glaubte das richtige Mittel gefunden zu haben. - Sanft lste er ihre Arme
und schaute sie lange, lange an.
    Nicht wahr, Lydia, - sagte er - Du gewhrst mir Alles, warum ich Dich
bitte - und gern?
    Alles, mein Geliebter, Du weit es ja. Was htte ich Dir zu versagen? -
    Und gern? - fragte er dringend.
    Eine flchtige Ahnung durchflog ihre Seele, da sie noch mehr gewhren
knnte, als was sie schon gewhrt hatte. Unter tiefem Errthen senkten sich ihre
Blicke. -
    Und gern? - fragte er noch dringender. -
    Und gern - antwortete sie kaum hrbar, ohne recht zu wissen, was sie damit
sagte. -
    Er erblate, ein Zweifel stieg wieder in ihm auf. Aber er wollte
Ueberzeugung. Seine Hand zitterte, als er leise die ihrige fate, womit sie die
keusche Brust bedeckte, deren strmische Wellen das entfesselte Nachtkleid
fortgeschoben. Sie zgerte. Aber ein Blick aus seinem Auge, worin eine tiefe
innige Bitte glnzte, zwang sie fast wider Willen zum Nachgeben. Sie nahm die
Hand von ihrer Brust und deckte sie vor das Auge. Er beugte sich nieder und
drckte einen langen, glhenden Ku auf ihren Busen. Eine nie geahnte Seligkeit
durchzuckte ihn. Er htte weinen mgen vor unnennbarer Lust. Und was er nie sich
getrumt, vielweniger erlebt: es mischte sich in dieses Gefhl, das ihn bis in
seine innersten Tiefen erschtterte, keine unreine Empfindung, kein sinnliches
Verlangen. Wie gelutert durch diesen Ku, aber vor unsagbarer Wonne erbebend,
blickte er empor. Eine edle Freude lag in seinen Zgen, denn ihm war, als sei er
selbst wieder zum reinen Jnglinge geworden.
    Und Lydia? -
    Als sie seinen heien Athem auf ihrem Busen fhlte, durchrieselte ein
Fieberfrost ihren ganzen Krper. Sie war sich keines bestimmten Gefhls bewut,
sie fhlte auch seinen Ku nicht mehr - nur eine Empfindung hatte sie, die eines
anhaltenden, ihr ganzes Wesen erschtternden Schauers. Als er aufblickte, lag
noch immer die Hand vor ihren Augen und zwischen den Fingern hindurch tropften
einige brennende Thrnen. Als er mit sanfter Gewalt ihre Hand von dem Gesichte
herabzog, erschrak er ber ihre Blsse. Mit einem halblauten Schrei sank sie an
seine Brust.
    Was ist Dir, Lydia? - fragte er weich. -
    Jetzt bin ich Dein - antwortete sie endlich, unter Thrnen zu ihm
aufblickend. Keine Macht der Erde, keine Gewalt des Himmels kann mich von Dir
reien, Richard! - O Richard, sag' mir, welche geheime Macht in Dir ist, die
mich so Dir zu eigen machen kann? Geliebter, weit Du, welchen Wunsch ich in
diesem Augenblick habe?
    Nun? - fragte er, ihre Locken aus dem Gesicht streichend, erwartungsvoll.
Wieder that der Zweifel einen Griff nach seiner Brust.
    Mit Dir, an Deiner Brust zu sterben - sagte sie leise, indem sie
schwrmerisch lchelnd zu ihm aufblickte.
    Und weit Du - sagte er athemschpfend - welchen Wunsch ich habe?
    Vielleicht denselben? -
    Im Gegentheil: Mit Dir, an Deiner Brust zu leben - erwiederte er, sie
kssend. - Jetzt aber - setzte er schnell hinzu, als sie lchelnd die Augen
niederschlug, als frchte er in dem Kampfe, in dem er diesmal glcklich Sieger
geblieben war, zu erliegen: Jetzt wollen wir uns trennen. Vorher aber mu ich
doch die Ordnung, die ich selber gestrt, wieder herstellen. Er versuchte, das
Nachtkleid wieder mit der Nadel zusammenzustecken.
    O - Du stichst mich ja, Unartiger - rief sie, ihm auf den Finger klopfend.
Siehst Du, wie es blutet?
    Sie ffnete jetzt selber mit rhrender Unbefangenheit das Kleid. In der That
quoll an der Stelle, worauf sein Mund so lange geruht, ein Purpurtropfen.
    La ihn mich aufkssen - bat er. Sie erlaubte es lchelnd, indem sie sein
Haupt umschlang und einen Ku darauf drckte.
    Gute Nacht, Geliebter - sagte sie endlich, ihn fortdrngend.
    Noch einen Blick warf er auf sie. Dann entfernte er sich schnell und eilte
nach seinem Zimmer.

                                Zehntes Kapitel


Je tiefer das Gefhl durch eine Idee bewegt wird, desto energischer ist
natrlich auch der Enthusiasmus, desto lebendiger das Interesse fr dieselbe,
aber auch desto leichter die Gefahr der Einseitigkeit im Urtheil ber dieselbe.
Denn Unpartheilichkeit im Urtheil ist selten ein Beweis von Energie und
Interesse, wogegen Einseitigkeit hufig das Merkmal eines energischen,
kraftvollen Charakters ist, und nur ein angeborener Takt des Gefhls kann einen
solchen vor dem Extrem darin bewahren. Klte und Klarheit des Urtheils stehen
sehr hufig in Wechselbeziehung, daher gehrt ein gewisser Fond von Egoismus
dazu, alle Gegenstnde, selbst diejenigen, welche uns selbst alteriren knnten,
in der gehrigen Entfernung und Sehweite festzuhalten, damit sie nicht
verhltnimig zu groe Dimensionen annehmen.
    Landsfeld war Egoist, aber sein Egoismus war von der Art, da er den
Enthusiasmus fr die Idee nicht nur nicht schwchte, sondern da er mit ihm
vllig zusammenflo. Alle Siegeszeichen, die er in dem Kampfe fr die Idee
erworben, hing er in dem Tempel auf, in welchem sein eigenes Ich als Gott
thronte. Seine Schwrmerei fr Lydia - denn es war noch bloe Schwrmerei, was
ihn zu ihr hinzog, noch keine Liebe - hatte indessen seit jener ersten Nacht
nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen, da er selbst fhlte,
wie das Verhltni, in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt
hatte, auf dem Punkte stand, sich umzukehren, so da nmlich in Kurzem er nicht
mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefhl, sondern vielmehr dieses der Idee
zum Opfer darbringen werde: kurz er war auf dem besten Wege, dem Glauben, dem
Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu ffnen. Von Tage zu Tage wurde sein
Benehmen gegen Lydia aufrichtiger, herzlicher und wrmer, obschon er es vermied,
Scenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizufhren. Ja,
er ertappte sich jetzt auf dem Gefhl eines leisen Vorwurfs, wenn er, seinem
Plane gem, zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zgen ruhen lie,
um nach irgend einer Nahrung fr seine Zweifelsucht zu sphen. Lydia hing mit
einer wahrhaft berirdischen Liebe an ihrem Gemahl.
    Die vllig inmaterielle Liebe, welche das Wesen dieses unnatrlichen
Verhltnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte, bte inde einen Einflu auf
ihr Gemth aus, der demjenigen auf Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt
war. Whrend der Letztere durch Beschrnkung seines Egoismus, welche eine
natrliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war, zur Ruhe, zur Einheit mit
sich selbst und zur Vershnung mit der Welt zurckgebracht wurde, versetzte der
feine Aether jener platonischen Seelengemeinschaft Lydia in einen Wechsel
nervser An-und Abspannung, der zuletzt nachtheilig auf ihre Gesundheit wirkte.
Ihre Gesichtsfarbe wurde allmhlich bleicher, der frische Glanz ihres schnen
Auges schwcher: ihr ganzes Wesen erhielt den Ausdruck einer tiefen ihres
eigenen Ursprungs unbewuten Schwermuth, die sich in unbewachten Augenblicken
zuweilen sogar in Thrnen Luft machte.
    Frau von Dornthal beunruhigte sich nicht allzusehr ber diese Vernderung in
Lydiens Wesen, da sie sie aus ganz natrlichen Grnden sich erklrte, und Lydia
berdies, wenn sie von ihrer Mutter gefragt wurde, ob sie sich glcklich fhle,
stets von Verehrung und Liebe fr Landsfeld berstrmte. Landsfeld htte wohl am
ersten durch Lydiens Verstimmung beunruhigt werden knnen, in so fern er darin
einen Beweis gegen ihre weibliche Reinheit und vollkommene Unschuld htte finden
knnen. Allein er fhlte selber zu fein, um sich nicht sagen zu mssen, da,
wenn sein Zweifel sich im Geringsten gerechtfertigt halten drfte, Lydiens Wesen
ein ganz anderes htte sein mssen. Denn es lag weder unwilliges Erstaunen
darin, noch konnte er eine Spur von Stolz an ihr bemerken, wodurch er zu der
Vermuthung htte veranlat werden knnen, sie habe ein klares Bewutsein, ja nur
eine unbestimmte Ahnung ber die Art seiner Vernachlssigung. Vielmehr blieb
ihre mdchenhafte Zrtlichkeit und rhrende zutrauensvolle Hingebung zu ihm
nicht blos gleich, sondern nahm tglich an Tiefe und Leidenschaftlichkeit zu.
Und fragte er sie zuweilen, ob sie sich unwohl fhle, da sie so bleich und
niedergeschlagen ausshe, so pflegte sie nur lchelnd und seufzend zu erwiedern:
    Es mu wohl sein, weil ich Dich zu sehr liebe, Richard. Es ist mir
manchmal, als ob diese Liebe von meinem Herzblut sich nhre. - Sollte man an
Liebe sterben knnen, Richard? - fragte sie einmal, statt auf seine Frage zu
antworten. So ist mir zuweilen.
    Landsfeld machte ihr den Vorschlag, hufiger in Gesellschaften zu gehen.
    Vielleicht wird Dich das etwas zerstreuen meinte er.
    Da sie in Alles willigte, was er ber sie bestimmte, so hatte sie auch
hiergegen Nichts einzuwenden. Aber das Uebel nahm dadurch nur eher zu als ab.
Selbst ihre Freundinnen aus der Pension, von denen einige ebenfalls
verheirathet, und ein Haus machten, konnten in ihr die frhere Sympathie nicht
wieder erwecken. Hufig ereignete es sich auch, da sie Abends, wenn sie mit
Landsfeld in ihrer Behausung wieder angelangt war, noch in sich gekehrter
erschien als gewhnlich. Wenn er sie dann fragte, was der Grund ihrer
nachdenklichen Stimmung sei, so antwortete sie entweder ausweichend oder sie
bekannte selber den Grund davon nicht zu wissen.
    Was ist Dir begegnet, Lydia? - sagte er, in ihr Schlafzimmer tretend, als
sie einmal von der glnzenden Hochzeitsfeier einer ihrer Freundinnen
zurckgekehrt waren. Du bist heute wieder so einsylbig und niedergeschlagen.
    Ich wei es nicht - und suchte eben selbst darber klar zu werden. - Hilf
mir, Richard. Ich verstehe mich selbst nicht mehr und die Andern noch weniger.
    Die Andern? -
    Ja, ich komme mir zuweilen recht albern vor. Ist denn die Welt eine andere
geworden, oder habe ich mich nur so verndert? -
    Erklre Dich deutlicher, Lydia. - Ich verstehe Dich nicht. -
    Das ist's ja eben, was mich drckt. Aber Du, Richard, solltest mich doch
eigentlich verstehen. -
    Sie blickte ihm fast bittend in's Auge. Er verstand sie recht gut, aber sie
ber sich selbst aufzuklren, wagte er kaum noch. Mit einer wahren Angst hatte
er schon oft daran gedacht, wie er in der Schranke, die er willkhrlich zwischen
sich und Lydia gesetzt, sich eine Macht geschaffen, deren Besiegung ihn
vielleicht noch greren inneren Kampf bereiten wrde, als ihm ihre Aufstellung
gekostet hatte. War er vor drei Monaten - - so lange waren sie jetzt
verheirathet - in Verlegenheit um die Mittel gewesen, seiner eigenen
Leidenschaftlichkeit zu widerstehen, so war er es jetzt vielleicht noch mehr um
die Mittel, diesen Widerstand, der fr ihn fast zu einem moralischen Zwange
geworden war, auf geeignete Weise aufzuheben. Und gerade diese ganze Umkehrung
der Verhltnisse hatte seiner allmhlig erwachenden wahrhaften Liebe zu ihr eine
Intensitt gegeben, die ihm jene Schranke zu einer drckenden Fessel umschuf.
Landsfeld war in der That unglcklicher noch als Lydia.
    Sprich, mein theures Kind - sagte er, sich wie an jenem ersten Abende an
sie schmiegend - sprich, ist Dir irgend etwas aufgefallen heute Abend, hast Du
irgend etwas gesehen oder gehrt, was Dir ein peinliches Gefhl erregt htte,
oder was Dir auch nur unklar geblieben wre?
    Das ist's, Richard - ja, unklar geblieben ist mir Manches, schon frher,
aber ich habe es immer meiner eigenen Unwissenheit zugeschrieben; und da es
meistens Dinge betraf, die ich nicht gut - die ich mglicherweise ganz falsch
verstanden - um die ich Dich nicht fragen wollte, aus -
    Nun? aus - -
    Aus Furcht, etwas Unpassendes zu sagen, Richard.
    Daran hast Du unrecht gehandelt, Lydia. - Wie kannst Du so etwas frchten
bei mir? Ich wei ja, da Du Vertrauen zu mir hast, nicht wahr? -
    Unbegrenztes, mein Richard.
    Nun, also -
    Heute zum Beispiel - ich sprach mit Theresen ber unsere husliche
Einrichtung - Du erinnerst Dich wohl, da sie ungefhr eben so lange
verheirathet ist, als ich, etwas lnger noch - da sie jetzt in Potsdam mit ihrem
Manne wohnt, so hatte ich sie seitdem nicht gesehen - heute also fragte sie
mich, ob - ob - - sie verbarg ihren Kopf an seiner Brust.
    Landsfeld erschrak. Es ist die hchste Zeit - dachte er. - Wenn eine
indiskrete Freundin den Schleier lftet, den ich selbst noch nicht gehoben, dann
ist mein ganzes Werk vernichtet. -
    Warum solltest Du mir nicht sagen knnen, was eine Freundin zu Dir zu sagen
wagte? - fragte er laut.
    Miverstehe mich nicht, Richard; Therese meinte es gewi nicht bse. - Sie
fragte, ob - wir ein und dasselbe Zimmer bewohnten? - Eine flammende Rthe
berdeckte ihr Gesicht, als sie nach einem kurzen aber heftigen Kampfe diese
Worte herausgebracht hatte.
    Landsfeld athmete etwas freier.
    Und was weiter? - fragte er mit einem Lcheln, das ihr neuen Muth gab.
    Als ich ihr mein Mifallen ber das Unzarte ihres Benehmens zu erkennen
gab, erwiederte sie: das wre bloe Ziererei und ich thte gerade so, als ob ich
noch ein Mdchen wre. Das krnkte mich, Richard, da ich nicht begreifen kann,
warum eine Frau weniger Zartsinn haben sollte, als ein Mdchen; ich stand auf
und verlie Theresen, um mich zu ihrer lteren Schwester zu setzen. - Aber diese
war mir gefolgt und trug nun wie zu ihrer eigenen Rechtfertigung unser ganzes
Gesprch mit einer mir rthselhaften Unbefangenheit ihrer Schwester vor.
Letztere hrte aufmerksam zu und meinte dann, als ich die Wahrheit der Erzhlung
besttigt hatte: entweder sei ich selbst ein kleiner Schelm, oder mein Herr
Gemahl - wie sie sich ausdrckte - ein groer. - Was sagst Du dazu, Richard? -
    Sie mag wohl nicht ganz unrecht gehabt haben - doch lasse sie reden und
kmmere Dich nicht darum - setzte er schnell hinzu. - Sie haben sich wohl nur
einen Scherz machen wollen.
    Das dachte ich auch anfangs, aber - - Lydiens Stimme drckte von Neuem
eine so mdchenhafte Zaghaftigkeit aus, da Landsfelds Besorgni wieder rege
wurde.
    Noch mehr? fragte er aufmerksam.
    Lydia wollte eben antworten, als sie pltzlich, nach dem Fenster zeigend,
ausrief:
    Mein Gott, was ist das? Sollte die Mutter krnker geworden sein? Was
bedeutet das Licht auf dem Korridor?
    Bleibe hier, liebe Lydia - sagte Landsfeld, sie sanft zurckdrngend, da
sie das Zimmer verlassen wollte. Du bist so leicht bekleidet. Ich werde selbst
nachsehen.
    Bei diesen Worten verlie er das Zimmer und ging leise den Korridor hinab.
Am Ende desselben traf er Gertrud, welche eben im Begriff war, das Zimmer der
Forstrthin zu ffnen.
    Was giebt's, Gertrud? fragte er.
    Ach, gndiger Herr - 's steht gar nicht gut mit der Frau Mutter, glaub'
ich. -
    Still, Gertrud - wir wollen dem Himmel nicht vorgreifen. Und vor allen
Dingen lassen Sie meiner Frau nichts von Ihren Befrchtungen merken! -
    Behte der Himmel, gndiger Herr.
    Landsfeld kehrte zu Lydia zurck, die in ngstlicher Spannung am Fenster
seiner harrte. Nachdem er sie mit einigen Worten beruhigt hatte, drang er von
Neuem in sie, ihre Mittheilungen fortzusetzen.
    Lydia war durch diesen Zwischenfall zu sehr aus ihrer frheren Stimmung
gebracht, als da sie seiner Bitte mit der nthigen Unbefangenheit htte gengen
knnen.
    Morgen - sagte sie bittend.
    Wie Du willst, liebes Kind. Morgen Abend dann; ich reite schon frh fort
und werde nicht zu Tische kommen. Du weit, da ich morgen zur Jagd geladen
bin. - Er drckte einen warmen Ku auf ihren Mund und eilte nach seinem Zimmer.
    Als Karl dem ihm gewordenen Auftrage gem gegen fnf Uhr an die Thre
seines Herrn klopfte, fand er denselben bereits angekleidet am Sekretair mit dem
Siegeln eines Briefes beschftigt.
    Dies Billet - sagte er - giebst Du an Gertrud, um es meiner Frau zu
berreichen, sobald sie aufgestanden.
    Sehr wohl, Herr Baron.
    Jetzt hole mir das Frhstck und dann mach' Dich selbst und die Pferde
fertig.
    Als der Diener das Zimmer verlassen, nahm Landsfeld das Licht vom Tische und
begab sich mit leisen Schritten nach dem Schlafzimmer Lydiens. Behutsam ffnete
er die Thre und schlo sie eben so. Es rhrte sich nichts. Dann stellte er das
Licht auf die Console, und verdeckte es durch einen Lichtschirm, um seinen
hellen Schein etwas zu dmpfen.
    Darauf trat er vor das Lager seiner Gattin, und versank in eine lange und
stumme Betrachtung.
    Lydiens Schlaf schien nicht ruhig gewesen zu sein. Ihr linker Arm hing
unbedeckt ber die Bettlehne heraus, whrend der andere eine Hand breit
unterhalb ihres Busens ruhte. Der kleine weie Fu von vollendeter Schnheit
hatte die rothseidene Bettdecke von sich gestoen. - -
    Landsfelds Blicke ruhten mit stiller Wehmuth auf diesen Reizen, ohne da
sich in ihm ein Verlangen irgend einer Art regte. Fast schmerzlich war der
Ausdruck seines Gesichts, als er, in tiefes Sinnen verloren, vor dem Lager
stand. Pltzlich wurde er aufmerksam. Lydia bewegte die Lippen. Er bog sich
sanft ber sie.
    Richard - sagte sie leise. - Geliebter! warum fliehst Du mich? -
    Vielleicht war es nur im Traume, ohne Bezug und deutungslos. Und dennoch
vernderte sich der Ausdruck in Landsfelds Gesicht; ein freudiges Lcheln
erheiterte seine dsteren Zge.
    Diese Qual soll enden - sagte er halblaut theils zu sich, theils zu Lydia.
- Ja, Lydia, ich werde Dich nicht mehr fliehen. Denn ich glaube an Dich mit
voller Brust, in tiefster Seele. - Nein, unter diesem schnen Busen kann kein
unreiner, kein falscher Gedanke geboren werden.
    Er hatte wie in Selbstvergessenheit bei diesen Worten die Hand auf ihr Herz
gelegt. Sie zuckte einen Augenblick zusammen. Dann zog ein lchelndes Errthen
ber ihre Wangen und Lippen.
    Ich wute es ja - sprach sie im Schlafe fort - Du konntest mich nicht
verlassen.
    Landsfeld war niedergekniet und drckte einen Ku auf ihr Herz. Dann stand
er leise auf, hob die herabgefallene Decke vom Boden und breitete sie leicht
ber den schnen Krper der holden Schlferin. Auch den herabgesunkenen Arm
legte er vorsichtig auf die Decke und verlie dann, nachdem er noch einen Ku
auf ihre Stirn gedrckt hatte, eben so behutsam, als er gekommen war, das
Zimmer. - Rasch verzehrte er sein Frhstck und eilte, als ihn Carl
benachrichtigte, da Alles bereit sei, hinunter. Es war ein kalter, aber heller
Dezembermorgen, obgleich die Sterne noch an dem tiefblauen Himmel funkelten.
Landsfelds Schritte knarrten auf dem festgetretenen Schnee, welcher sich ber
Nacht mit einer leichten, frischen Flockenschicht bedeckt hatte. Er schwang sich
auf's Pferd und ritt, gefolgt von seinem Diener, dem Anhaltischen Thore zu.
    Hier ist ein Brief vom gndigen Herrn, Lydchen - sagte die alte Gertrud,
als sie einige Stunden spter in das Zimmer ihres geliebten Pflegekindes trat,
die eben die Augen aufgeschlagen.
    Gieb schnell - sagte diese, mit der Hand sich ber das vom Schlaf
gerthete Gesicht fahrend - was mag er mir schreiben? Er ist wohl schon lange
fort, Gertrud? - fragte sie, mit dem Erffnen des Briefes beschftigt.
    Was schreibt er Dir denn, Lydchen? fragte die neugierige Alte.
    Da er erst spt wiederkommen werde, wahrscheinlich erst morgen. Ich mchte
mich deshalb nicht ngstigen und die Zeit benutzen, einige Besuche zu machen,
die ich mir schon lange vorgenommen. Sonst nichts von Bedeutung. Was macht die
Mutter, Gertrud? hat sie gut geschlafen? - Ich will gleich hinber zu ihr. Wir
wollen zusammen frhstcken.
    Gegen Mittag, als Lydia mit ihrer Mutter plauderte, trat Gertrud wiederum
mit einem Briefe in der Hand, der abermals an ihre junge Gebieterin gerichtet
war, herein.
    Er ist von Theresen - sagte die letztere, zu ihrer Mutter gewendet. Sie
durchflog das, wie es schien, eilig geschriebene Blatt und sagte dann: Sie
bittet mich, heute nach Potsdam zu kommen. Sie sei unwohl und sehne sich sehr
nach mir. - Was soll ich thun, liebe Mutter? Das geht doch unmglich; auch habe
ich seit gestern alle Lust verloren, unser frheres Freundschaftsbndni zu
erneuern.
    Auf die Frage der Forstrthin, was der Grund dieser pltzlichen Klte sei,
erwiederte Lydia ausweichend und im Allgemeinen, sie habe ihr gar nicht mehr
gefallen; denn sie konnte sich aus einer ihr selbst unerklrlichen Scheu nicht
berwinden, ihrer Mutter das Gesprch mitzutheilen, dessen Anfang sie sogar
ihrem Gatten nur mit groer Selbstberwindung erzhlt hatte.
    Glaubst Du denn, da es Landsfeld nicht angenehm sein wrde, wenn Du allein
hinfhrest? fragte die Forstrthin. Du kannst ja Gertrud mitnehmen.
    O, ich frchte mich nicht, liebe Mutter. Und Richard hat mich ja selbst zu
Besuchen aufgefordert. Auch schreibt mir Therese, da am Bahnhofe ihr Wagen mich
erwarten werde, und da sie darauf rechne, da ich die Nacht bei ihr bleiben
werde. Aber gerade das mchte ich nicht gern.
    Ich sehe wirklich keinen Grund, warum Du diese freundliche Bitte ablehnen
willst, liebes Kind. Ich bin ganz wohl, wie Du siehest, Landsfeld kommt auch
erst morgen. -
    Wahrscheinlich - verbesserte Lydia.
    Nun, das heit wohl diesmal so viel als bestimmt. Es ist auch nicht gut
mglich, da er nach einer ermdenden Jagd noch den weiten Ritt nach Hause
macht, und nicht lieber auf dem Gute seines Freundes bleibt, der ihn
eingeladen.
    Lydia gab zuletzt der Ueberredungskunst der Mutter nach und fuhr in
Begleitung Gertruds nach dem Potsdamer Eisenbahnhofe, ohne eine tief
verschleierte und in einen Pelz gehllte Dame zu bemerken, die ihr mit
ngstlicher Sorgfalt auf dem Fue folgte, und, nachdem der Zug in Potsdam
angelangt war, schnell ausstieg und ohne erst zu suchen, auf eine der eleganten
Equipagen zuging, welche auf dem Bahnhofe hielten. Sie pochte darauf dreimal an
das herabgelassene Seitenfenster des Wagens, worauf es von Innen herabgelassen
wurde.
    Ist sie da? - fragte eine mnnliche Stimme.
    Ja, - aber nicht allein, war die Antwort. Steigen Sie schnell aus.
    Nicht allein? doch er nicht?
    Nein, ein altes Weib. - Ich sehe sie eben auf den Perron treten. Beeilen
Sie sich!
    Der Mann war inde ausgestiegen und befahl dem Kutscher vor dem Perron
vorzufahren, whrend er selbst, sich tief in den Mantel hllend, zu Fu nach der
Stadt eilte.
    Habe ich die Ehre zu Frau Baronin von Landsfeld zu reden? - sagte die
Verschleierte, welche selbst den Wagen bestiegen, zu Lydia, die sich nach allen
Seiten umsah, um die versprochene Equipage ihrer Freundin zu suchen.
    Allerdings - erwiederte Lydia. - Ist dies etwa der fr mich bestimmte
Wagen von Frau von Rebenstock?
    Ja wohl - erwiederte die Erstere. Frau von Rebenstock lt sich
entschuldigen, da sie nicht selbst -
    Ich wei, sie ist unwohl.
    Arglos stieg sie mit Gertrud in den Wagen, dessen Seitenfenster inde wieder
aufgezogen waren. Die Wagenthre wurde zugeworfen, und Lydia rollte an der Seite
der Verschleierten auf dem unebenen Pflaster Potsdams rasch dahin. Anfangs war's
ihr, als htte sie die allerdings durch den Schleier unkenntlich gemachten Zge
der ihr unbekannten Gesellschafterin Theresens - dafr glaubte sie sie halten zu
mssen - schon einmal irgendwo gesehen. Da ihre Stimme ihr aber vllig fremd
erschien, so glaubte sie, es sei eine Tuschung, deren sie sich durch eine
indiskrete Frage nicht versichern wollte.
    Frau von Rebenstock bewohnt also auch im Winter ihr Sommerhaus? fragte
sie, als der Wagen vor einem einzeln stehenden ziemlich eleganten Hause
auerhalb des Thores hielt.
    Sie liebt die Einsamkeit, gndige Frau - erwiederte die Gesellschafterin,
indem sie Lydia beim Aussteigen behlflich war, ironisch, was Jener nicht
entging. Erlauben Sie, da ich vorangehe - fuhr sie fort, indem sie die Treppe
hinauf eilte. Wollen Sie die Gte haben, sich einen Augenblick in diesem Zimmer
zu verweilen, bis ich Frau von Rebenstock Ihre Ankunft mitgetheilt.
    Sie hatten inde ein behaglich erwrmtes und sehr geschmackvoll mblirtes
Zimmer betreten, dessen Fenster auf den Garten hinauslagen, welcher jetzt in
seinem winterlichen Schmuck einen melancholischen Anblick gewhrte. Lydia legte
die warmen Oberkleider ab und fragte nach Gertrud.
    Befehlen Sie, da sie heraufkommen soll - fragte die zuvorkommende
Gesellschafterin, und entfernte sich nach empfangener bejahender Antwort. Bald
darauf lie sich ein leises Klopfen an der Thr vernehmen. Auf Lydiens Herein
ffnete sich die Thre, aber statt der erwarteten Pflegemutter erschien zu ihrem
grten, sprachlosen Erstaunen - - Berger.

                                Eilftes Kapitel


Ich habe der Gesellschaft eine kostbare Ueberraschung bereitet - sagte der
Major von Maienberg, in dessen Wldern die Jagd stattfinden sollte, zu dem eben
angekommenen Landsfeld. Ich verlasse mich auf Deine Diskretion, wenn ich Dir
das Geheimni mittheile. - Frau von Rosen setzte er leise hinzu - wird an
unserer Jagd Theil nehmen. - Sie hat zugesagt und mich wundert nur, da sie noch
nicht hier ist.
    Landsfeld war es nicht unlieb, Alicen, die er lange nicht gesehen, - einmal
wieder zu sprechen, und seine Freude, die er ber dies Geheimni߫ zu erkennen
gab, war diesmal aufrichtig.
    Eure Liaison ist wohl ganz aufgehoben; - fuhr Jener fort. Du warst einmal
verteufelt vernarrt in sie.
    Landsfeld lachte. Wir denken Beide an diese Kinderei nicht mehr.
    Nun, desto unbefangener wird Euer heutiges Zusammentreffen sein.
    Indessen hatten sich die brigen Theilnehmer an der Jagd nach und nach
eingefunden. Nur Alice fehlte noch. Nachdem Herr von Maienberg zwei volle
Stunden auf sie gewartet hatte, gab er, an ihrem Kommen berhaupt zweifelnd, das
Zeichen zum Aufbruch. Als die Sonne ihren hchsten Standpunkt erreicht hatte,
sammelten sich die Jger zu einer kurzen Rast auf einem zuvor dazu bestimmten
Platze und nahmen ein fr die Umstnde ziemlich glnzendes Frhstck ein. Nach
einigen Minuten hrte man ein deutliches Pferdegetrappel, das sich dem
Sammelplatz zu nhern schien.
    Sie ist's - flsterte der Major Landsfeld in's Ohr.
    Er hatte sich nicht geirrt. Im schwarzen Amazonenkleide, den Hut keck in die
Locken gedrckt, sprengte Alice, von einem Reitknecht gefolgt, auf die
Gesellschaft zu. Ihr Gesicht glhte und alle ihre Bewegungen verriethen eine ihr
sonst ungewhnliche fieberhafte Hast.
    Ist der Baron von Landsfeld hier? war ihre erste Frage an Herrn von
Maienberg, nachdem sie die erste Begrung seitens der Gesellschaft leicht und
mit Grazie erwiedert hatte.
    Sehen Sie dort an jenem Baume, Verehrteste. Er ist eben im Begriff
aufzusteigen.
    Alice trat rasch auf Landsfeld zu.
    Ich habe Dir einst gesagt, da ich handeln wrde, wenn's Zeit ist, Richard.
Die Zeit ist da.
    Was ist geschehen, sprich! - fragte er, sich zur Ruhe zwingend.
    Lydia wird oder ist vielleicht schon entfhrt.
    Entfhrt? - fragte er in einem Tone, als verstnde er die Bedeutung des
Worts gar nicht.
    Ja, sie ist durch einen untergeschobenen Brief, der sie zu einer Freundin
nach Potsdam einlud, fortgelockt worden.
    Landsfeld schwieg, aber die fahle Blsse, welche sein Gesicht bedeckte, und
das Zittern, welches durch seinen ganzen Krper bebte, kndeten hinlnglich
seine innere Bewegung an.
    Hre mich ruhig an, Richard - fuhr Alice fort, denn nur durch Ruhe ist
hier Abhlfe mglich zu machen. Du warst gestern mit Deiner Frau auf der
Hochzeit bei Krengs. Dort waren, auer Rebenstocks und andern Bekannten Deiner
Frau, auch einige Freundinnen Corneliens, wovon die eine, zuvor instruirt, das
Geschft bernahm, jedes Gesprch Lydiens zu belauschen. So erfuhr Cornelie, da
Du heute auf der Jagd seiest. Schnell wurde in Theresens Namen ein Brief
geschrieben, der Lydia nach Potsdam einlud. Sobald sie sich auf die Eisenbahn
setzt, folgt ihr Cornelia; am Bahnhofe steht ein Wagen, den sie in der
Eigenschaft einer Gesellschafterin der Frau von Rebenstock, als die fr sie
bestimmte Equipage ausgeben wird, und der sie in eine Wohnung fhren wird, wo
Berger sie erwartet.
    Landsfeld stie einen dumpfen Seufzer aus.
    Noch ist nichts verloren, Richard. Jetzt ist es Mittag. Um zwei Uhr kannst
Du zu Hause sein. Dann kommst Du noch zur rechten Zeit. Sollte sie jedoch schon
fort sein, so komme gleich zurck, dann reiten wir zusammen nach Potsdam; ich
habe eine Vermuthung, wo sie dort sein knnte, aber es ist zu weitlufig, jetzt
alles Einzelne auseinanderzusetzen. Bist Du in vier Stunden nicht wieder hier,
so nehme ich an, da Du Deine Frau noch getroffen hast. Eile, eile so schnell Du
kannst.
    Aber Landsfeld gehorchte nicht. Stumm und mit gebeugtem Haupte stand er
neben Alicen. Seine Kraft schien vllig gebrochen.
    Richard - rief Alice ngstlich - hrst Du nicht. Deine Frau, Lydia, wird
entfhrt, wenn Du zgerst. Sie rttelte ihn am Arme. Berger - rief sie ihm
in's Ohr.
    Als htte ein Blitz vor ihm in den Boden geschlagen, so fuhr Landsfeld bei
diesem Namen in die Hhe. Mit einem Ruck ri er sein erschrecktes Pferd herum,
drckte tief die Sporen in seine Weiche, da es sich zuerst hoch bumte und
sprengte dann in rasender Carriere durch den Wald.
    Lange sah ihm Alice nach, ein tiefer Seufzer drngte sich aus ihrer Brust
empor. Dann wandte sie ihr Pferd nach der entgegengesetzten Seite und ritt
langsam auf der Spur, welche die Jagdgesellschaft auf dem Schnee zurckgelassen
hatte, weiter.
    Nach drei Stunden schon war Landsfeld zurck. Dieser Zwischenfall wre von
der brigen Gesellschaft gar nicht bemerkt worden, wenn nicht die furchtbare
Vernderung in Landsfelds Zgen und sein schweitriefendes Pferd Zeugni
abgelegt, da ihm irgend etwas Bedeutendes zugestoen sein mute.
    Was Teufel ist Dir begegnet? - fragte der Major von Maienberg.
    Nichts - erwiederte er mit harter heiserer Stimme. Ein ander Mal werde ich
Dir ausfhrlich Rede stehen. Jetzt gieb mir ein frisches Pferd. Das meinige hlt
sich kaum noch auf den Fen.
    Nachdem Landsfeld die Pferde gewechselt, suchte er Alice auf.
    Ich bin zu spt gekommen. Sie war bereits auf den Bahnhof gefahren, wo ich
gerade zur rechten Zeit anlangte, um den Zug abfahren zu sehen. - Jetzt lse
Dein Versprechen, Alice.
    Ich bin bereit - erwiederte sie, ihre Reitgerte brauchend und ihr Pferd
umwendend.
    In der ersten halben Stunde wechselten sie kein Wort. Nur das Schnauben der
galloppirenden Rosse, so wie der regelmige Aufschlag ihrer Hufe auf den
harten, nur mit einer dnnen Schneekruste bedeckten Boden unterbrachen die sonst
lautlose Stille.
    Wie erfuhrst Du es? unterbrach endlich Landsfeld das Schweigen.
    Berger war gestern Abend bei mir nebst einigen andern jungen Mnnern, die
ich zum Thee eingeladen, als gegen Mitternacht Cornelie in's Zimmer trat und
Berger einen so siegestrunkenen Blick zuwarf, da ich Verdacht schpfte, der
spterhin noch dadurch verstrkt wurde, da Beide in eine Fensternische traten
und ein eifriges, aber leises Gesprch mit einander fhrten. Wie ich seinen
Inhalt erfahren, Richard, darber lasse mich schweigen; nur das Eine will ich
Dir agen da ich mich diesmal in mehr als einer Rcksicht gedemthigt, vor
Cornelien, vor Berger, am meisten - vor mir selbst. Alice zitterte, als sie
diese Worte sprach, und warf einen trben Blick zu Landsfeld hinber. -
    Nur das Eine wute Berger nicht, wohin Lydia durch Cornelie gebracht werden
sollte. Indessen habe ich, wie schon gesagt, eine Vermuthung, die mich diesmal
wahrscheinlich nicht tuschen wird. Cornelie hat nmlich eine Cousine in
Potsdam, die dort ein einsames Landhaus besitzt, welches ohne Zweifel jetzt leer
steht. Dorthin wird sie gebracht sein. Ist dies aber der Fall, dann mssen wir
die grte Vorsicht anwenden.
    Rede nicht von Vorsicht und Klugheit, Alice. Jetzt habe ich nur noch Einen
Gedanken, die Nichtswrdigen in meine Gewalt zu bekommen.
    Wenn's an der Zeit ist, magst Du handeln. Willst Du aber Alarm schlagen und
Deine Frau zum Stadtgesprch machen?
    Wahr, wahr! - erwiederte Landsfeld.
    Du mut mich allein gehen lassen. Mich werden sie nicht zurckweisen,
theils weil ich einmal um das Geheimni wei, theils weil sie mich frchten.
    Landsfeld reichte Alicen die Hand. Du bist anders, als ich gedacht habe,
sagte er mit herzlicher, aber gebrochener Stimme.
    Verzeihe mir. Eine Thrne glnzte in seinem Auge.
    Alicens Hand bebte in der seinigen. Mich frierts - sagte sie, sie
zurckziehend - la uns eilen, die Sterne stehen schon am Himmel.
    O Gott, rief Landsfeld, wenn's nur nicht zu spt ist - das arme, arme
Mdchen.
    Mdchen? - fragte Alice erstaunt. Von wem sprichst Du?
    Von meiner Frau - gab er rasch zur Antwort. Es ist die gerechte Strafe
fr meinen Unglauben! - Und doch - es wre frchterlich.
    Besinne Dich, Richard, Du sprichst im Fieber.
    Er schttelte den Kopf. Sie ist rein, und unentweiht wie ein ahnungsloses
Kind.
    Der Ausdruck der Wahrheit, welcher in diesen Worten lag, erschtterte Alicen
auf's tiefste.
    Und der Grund? - fragte sie.
    Er lachte bitter. - O, der triftigste - ich wollte den Grad ihrer
Weiblichkeit kennen lernen.
    Jetzt verstand ihn Alice vollkommen.
    Nach einer kurzen Pause sagte sie mit kaltem, ruhigem Ton: Du bist ein
Narr, Richard, ich habe es Dir schon einmal gesagt.
    Ich wei es - erwiederte er in derselben Weise, und schweigend ritten sie
weiter.

                                Zwlftes Kapitel


Als Berger so unvermuthet in das Zimmer getreten war, blieb Lydia anfangs von
Schreck gelhmt ruhig auf dem Sopha sitzen. Sie glaubte in einer heillosen
Tuschung befangen zu sein und fuhr unwillkhrlich mit der Hand ber die Augen,
um das vermeintliche Schattenbild ihrer Phantasie zu verscheuchen. Aber
vergeblich. Als sie die Hand von den Augen nahm, fiel wiederum ihr Blick auf die
unheimliche Gestalt ihres ehemaligen Verlobten.
    Ich bin's wirklich, Lydia - sagte Berger langsam, indem er einen Schritt
auf sie zutrat. Lydia stie beim ersten Laute seiner Stimme einen leisen Schrei
aus; dann sagte sie mit fremdem und kaltem Tone:
    Sie haben sich wohl in der Thre, vielleicht gar im Hause geirrt, mein
Herr.
    Nichts weniger. - Wie sollte ich auch irren knnen, ich habe Sie ja
erwartet.
    Lydia erbleichte, aber noch immer war sie ber die eigentliche Lage, in der
sie sich befand, vollkommen unbewut.
    Ich wte nicht, wie Sie mich hier sollten erwartet haben. - Ich mu Sie
bitten, sich zu entfernen, da ich jeden Augenblick zu meiner Freundin gerufen zu
werden hoffe.
    Berger lachte.
    Mein Herr, was soll das Alles bedeuten? - sagte jetzt Lydia mit wirklicher
Angst. Wo ist Frau von Rebenstock? Ich will zu ihr.
    Bemhen Sie sich nicht. - Er hielt eine Weile, whrend welcher er sich
zugleich an ihrer Angst und ihrer Schnheit zu weiden schien, inne. Dann trat er
noch einen Schritt vor und sagte mit hochmthigem Tone:
    Hier werden Sie keine Freundin, sondern nur einen Freund sehen, der Freund
bin ich.
    Lydia schlo die Augen, denn die ganze Umgebung schien sich pltzlich mit
ihr im Kreise zu drehen. Als sie sie wieder ffnete, war Berger verschwunden.
War es doch nur ein Traum? - fragte sie sich. Ihre Gedanken verwirrten sich
immer mehr. Ihr war, als sei sie pltzlich in ein Labyrinth gerathen, in dem sie
weder Aus- noch Eingang wte. So sa sie eine lange Zeit, den Kopf auf die Hand
gesttzt, am Fenster und starrte bewegungslos auf den Fleck, wo vorhin Berger
gestanden. Dann sprang sie auf und eilte nach der Thre. Aber wie erstarrt blieb
ihre Hand auf der Klinke liegen, als sie die Thre von der andern Seite
verriegelt fand. Da tauchte zum erstenmale der furchtbare Gedanke an die
Wahrheit in ihr auf. - Sie war hintergangen - durch Betrug hierher gelockt -
verrathen, verlassen von Allen - schutz- und machtlos. Ein kurzer, aber
durchdringender Schrei entfuhr ihrer beklemmten Brust, dann sank sie leblos vor
der Thre zu Boden.
    Einige Minuten darauf trat Cornelia ein.
    Bleiben Sie zurck, Berger - sagte sie rckwrts sprechend, als sie Lydia
erblickte, indem sie den linken Arm wie abwehrend nach hinten streckte.
    Was ist mit ihr geschehen? - fragte dieser - ist sie entflohen?
    Nein, wenigstens ihr Krper nicht. - Ein cynisches Lcheln begleitete
diese Worte.
    Lassen Sie mich hinein - rief Berger, sie auf die Seite schiebend.
Himmel, sie ist todt! - setzte er erbleichend hinzu, als auch er Lydiens
ausgestreckten Krper vor sich sah.
    Cornelie knieete nieder und legte ihr Ohr an die linke Seite Lydiens. Berger
harrte in tiefem, angstvollem Schweigen auf ihre Antwort.
    Endlich erhob Cornelia ihren Kopf und sagte: Diesmal kommen Sie mit dem
bloen Schrecken davon. Sie ist nur in Ohnmacht gefallen, doch helfen Sie mir,
es ist keine Zeit zu verlieren.
    Berger richtete Lydia empor und umfate sie mit seinen Armen. Er zitterte
heftig, als er durch die von Cornelien geffnete Thre schreitend sie eine
Treppe hher in ein anderes Zimmer trug, wo er sie auf ein Sopha niederlegte.
    Jetzt entfernen Sie sich, Berger.
    Er warf noch einen Blick auf die bleichen Zge seiner ehemaligen Braut und
entfernte sich schweigend. Cornelie schlo die Thre hinter ihm ab, und lsete
Lydiens Kleider. Die ideale Form dieses schnen Leibes, die seelenvolle Harmonie
des Ganzen, welche ihr daraus wie lebendige Poesie entgegen leuchtete, bte
einen wunderbaren Eindruck auf das verhrtete Gemth Corneliens. Sie konnte ihr
Auge von diesem Anblick nicht losreien. Da strte ein leises Klopfen sie aus
ihrem tiefen Sinnen auf.
    Berger - rief sie wie erwachend aus, indem sie unwillkhrlich eine
Bewegung machte, als wollte sie schtzend zwischen ihn und sein Opfer treten.
Aber schnell besann sie sich.
    Was will ich denn? Freilich, freilich. Dieser Jammermensch verdient es
nicht. - Aber ist meine Rache nicht desto grer? Jetzt sollen Sie erfahren,
Herr Baron, was es heit, um das Ziel seiner Hoffnungen betrogen werden.
    Schnell warf sie einen Mantel ber Lydia und ffnete die Thre. Wie
erstaunte sie, als anstatt Bergers ihr Alicens hohe Gestalt entgegen trat. Ohne
einen Blick auf die erbleichende Cornelia zu werfen, trat Alice zu dem Lager
Lydiens, welche eben die Augen aufschlug. Sie sah die beiden Frauen verwundert
an. Beide Gesichter waren ihr nicht unbekannt, aber sie konnte sich nicht
entsinnen, wo sie sie schon gesehen.
    Wo bin ich? fragte sie mit schwacher Stimme. Was ist mit mir geschehen?
    Beruhigen Sie sich - nahm Alice das Wort. Sie sind bei Freunden.
    Das Wort Freund rief Lydia pltzlich die kurze Scene mit Berger zurck.
Sie fuhr empor und sagte leise, mit scheuem Blick umhersehend:
    Ist er fort? - Als sie Niemand auer den beiden Damen erblickte, fiel sie
wieder ermattet zurck und sagte fast lchelnd und die Augen vor Ermattung
schlieend: Also war es doch nur ein Traum.
    Berger, der das Gesprch gehrt hatte, klopfte abermals. Alicens Herz schlug
hrbar, whrend Cornelia nach der Thre ging. Berger trat strmisch herein.
    Jetzt oder nie gilt es zu handeln - sagte Alice zu sich, indem sie rasch
ihren Dolch zog und den Schlssel der Thre, durch die Berger eingetreten war,
umdrehte und abzog. Ehe es die andern Beiden verhindern konnten, hatte sie eben
so schnell ein Fenster geffnet und ein paar Worte hinausgerufen. Da begriff
Berger, warum es sich handelte. Wie ein Tiger sprang er auf sie zu, aber ruhig
hielt sie ihren Dolch ihm entgegen. Als die beiden Schuldigen die Schritte eines
Mannes auf dem Korridor hrten, da berzog eine Leichenblsse ihre Gesichter.
Fort - rief Alice mit gebietender Stimme, als Cornelia instinktartig auf die
Thre zueilte, whrend Berger, zitternd vor Wuth und Angst, mitten im Zimmer wie
angebannt stehen blieb. Ruhig ging Alice auf die Thre zu, ffnete und verschlo
sie hinter sich, als sie das Zimmer verlassen.
    Komm, Richard - rief sie, seine Hand im Dunkeln ergreifend. Doch halt -
schwre mir, ihn nicht zu tdten.
    Ich werde den Schwur nicht halten knnen - erwiederte er dumpf.
    Du wirst es, wenn Du willst. Schwre!
    Ich schwre es Dir.
    Gut.
    Es war in der That die hchste Zeit. Gegen Alicens Erwartung wollte Berger
die wenigen Augenblicke, aus einer Art von Verzweiflung und im Bewutsein, da
die nchsten Minuten ihm den Tod bringen konnten, ntzen. - Er trat vor Lydia
und sah diese mit verwilderten Blicken an.
    Was wollen Sie von mir? - fragte sie erbebend.
    Dich selbst. - Weit Du nicht mehr, wie Du mich von Dir gestoen, als ich
zu Deinen Fen um Verzeihung flehte, in einen Abgrund. Du hast mein Leben
vergiftet. - So will ich das Deinige vergiften.
    Willst Du mich morden? - Sie bedeckte das Gesicht mit den Hnden.
    Morden? - sagte Berger lachend. Nein. Ich will Dich nicht morden. Mein
sollst Du sein, ganz mein!
    Mein sein, ganz mein - wiederholte sie mechanisch; sie dachte an ihre
Brautnacht und an die Worte, welche damals Richard zu ihr gesprochen.
    Wie damals die rosenfarbene Ampel, so warf jetzt der Mond ein magisches
Licht durch das Zimmer. Ihre Sinne verwirrten sich. Convulsivisch hob sich ihr
Busen, fieberhaft glnzte ihr Gesicht. Sie war dem Wahnsinn nahe.
    Als Berger sich ber sie beugte - fhlte er eine starke Hand auf seine
Schulter, welche ihn rcklings in eine Ecke schleuderte.
    Verruchter - schrie Landsfeld - Du hast es gewagt -
    Er konnte nicht mehr sprechen. Seine keuchende Brust rang vergeblich nach
einem Laute. Endlich rief er mit donnernder Stimme: Hinaus, wenn ich Dich nicht
ermorden soll!
    Berger gehorchte. Die Frauen folgten ihm.
    Ich habe noch eine Schuld an Dich abzutragen, Arthur sagte Alice, deshalb
magst Du gehen, obgleich ich das Versprechen gegeben, Dich nicht fortzulassen.
Jetzt sind wir quitt. Lebe wohl. Sie schlo ihm die Thre zum Corridor auf. Er
strzte hinaus.
    Landsfeld war, nachdem Berger das Zimmer verlassen, schweigend und todesmde
vor dem Lager Lydiens niedergesunken, die beim ersten Laute seiner Stimme aus
ihrer unnatrlichen Scheinohnmacht in wirkliche Bewutlosigkeit zurckgefallen
war. Nach einer langen Pause hob er den Kopf empor; ein unaussprechlicher
Schmerz lag in seinen Zgen. Mit Mhe erhob er sich und setzte sich neben sie.
    Lydia - sagte er mit sanfter Stimme. Geliebte, erwache!
    Wie durch ein Zauberwort ffnete sie ihr Auge. Mit einem lauten Schrei
sprang sie auf an seine Brust und umschlang ihn krampfhaft.
    Ich wute ja, Du konntest mich nicht verlassen, Richard - sagte sie
endlich mit einem wunderbaren Lcheln auf den bleichen Lippen.
    Ein langer tiefer Seufzer hob Landsfelds Brust. So kam ich noch zur rechten
Zeit - sagte er zu sich selbst, indem er aufstand und die Thre ffnete.
Alice! - Alice - ich danke Dir. Ein Thrnenstrom entstrzte seinen Augen.
    Alice zitterte. La es gut sein, Richard. - - Fhre mich jetzt zu ihr. -
Lydia reichte ihr weinend die Hand.
    Wo ist Cornelia? - fragte er.
    Auf ihrem Zimmer, es ist das letzte am Corridor.
    Als er die Thre ffnete und ins Zimmer trat, wurde er durch den Anblick,
der sich ihm darbot, in Verwunderung gesetzt.
    Cornelia sa auf dem Sopha, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, in dem sie
aufmerksam zu lesen schien.
    Ihr Plan ist diesmal gescheitert, verehrte Freundin - sagte er mit der
kalten Ironie, welche ihm gegen Cornelia gelufig war.
    Diesmal - erwiederte sie lakonisch.
    Htten Sie Lust, einige Jahre die innere Einrichtung eines jener
wohlthtigen Staatsinstitute kennen zu lernen, die man im gewhnlichen Leben
Zucht-, respektive Spinnhuser nennt?
    Fr den Fall, da Sie, verehrtester Freund, Sehnsucht danach haben, Ihre
Frau Gemahlin an den Pranger der ffentlichen Meinung zu stellen, mit
Vergngen.
    Landsfeld bi sich auf die Lippen.
    Was hat Sie zu dieser That veranlat? - fragte er ernst.
    Zuerst die reine Idee selbst. Sie mssen gestehen, da sie zu pikant ist,
um nicht zur Ausfhrung zu reizen. Dann - doch wozu soll ich Sie mit meinen
Grnden unterhalten?
    Es wre mir doch interessant.
    Wenn ich Ihnen wirklich damit ein Vergngen mache, von Herzen gern. Also,
wenn Sie es denn wissen wollen - sie stand auf und sagte, ihm starr in's
Gesicht blickend, mit jenem Ausdruck der Wuth, den sie schon bei ihrem ersten
Zusammentreffen mit Landsfeld im Bade gezeigt hatte, leise: Rache!
    Gegen wen, wenn ich fragen darf? - sagte er kalt.
    Gegen Sie; oder halten Sie mich etwa fr so bornirt, um jene Fabel zu
glauben, die Sie mir in Pr--- t erzhlten? so albern, um nicht zu wissen, da
Sie, Sie allein Schattenfrey von meinem Wege in Italien entfernten?
    Sie irren sich, verehrte Freundin - erwiederte er mit derselben kalten
Ruhe. Ich war es nicht. Hab' ich nicht mit Schattenfrey Sie selbst in Venedig
aufgesucht?
    Ja, als Sie wuten, da ich es bereits verlassen.
    Sie sind in einem beklagenswerthen Irrthum, Cornelia.
    Beklagenswerth? fr Sie, das geb' ich zu, und es freut mich, da Sie das
erkennen; aber fr mich? da ich nicht wte.
    Er war im Begriff, noch etwas zu sagen; inde besann er sich und wandte sich
nach der Thre.
    Sie knnen das Haus verlassen, Cornelia.
    Ich wei es, aber ich fhle keine Lust dazu. Dagegen aber mu ich Sie
ersuchen, es so bald als mglich zu verlassen. Denn ich habe hier ber meine
Gesellschaft zu entscheiden.
    Das Weib besitzt eine gttliche Unverschmtheit - sagte er halblaut und
ging hinaus.
    Als er zu Lydia kam, fand er sie bereits vllig angekleidet neben Alicen auf
dem Sopha sitzen. Bist Du stark genug, mein theures Kind, um die Fahrt nach
Hause zu ertragen?
    Zu Allem bin ich stark genug, nur nicht um lnger hier zu bleiben.
    So will ich Alles in Bereitschaft setzen. Wo ist Gertrud?
    Ich wei es nicht.
    Alice ging hinaus und kam bald mit ihr zurck. Sei hatte ruhig wartend in
einem der unteren Zimmer gesessen, verwundert, da sich Niemand um sie
bekmmerte. Sie wurde sogleich nach einem Wagen geschickt. In einer Stunde waren
alle Vier in Berlin. Hier trennte sich Alice von ihnen, weil sie, wie sie sagte,
zu angegriffen sei, um nicht der Ruhe zu bedrfen. Landsfeld fhrte Lydia
sogleich in ihr Schlafzimmer, indem er Gertrud beauftragte, sie bei der
Forstrthin zu entschuldigen.
    Wie ist Dir, meine Lydia? - fragte er liebevoll, indem er sich neben sie
auf das Sopha setzte.
    Richard, es war ein Augenblick, wo ich fhlte, da ich dem Wahnsinn nahe
sei. - Jetzt ist mir besser. Ich bin ruhig sogar, denn ich habe Dich wieder. Das
Erlebte ist nur noch wie ein Traum, oder wie eine lange Vergangenheit in meinem
Gedchtni. Ich bin nur verwirrt und abgespannt, aber nicht unwohl. - Morgen
wirst Du mir Manches erklren mssen, Richard; aber heute nicht - heute nicht
mehr.
    Landsfeld beobachtete sie mit ngstlichem Schweigen. Als Gertrud kam, stand
er auf. Gute Nacht, theure Lydia. - Sie reichte ihm ihren Mund, auf den er
einen herzlichen Ku drckte.
    Was soll ich ihr zur Erklrung sagen? - fragte er sich, als er allein auf
seinem Zimmer war, in dem er mit langen Schritten auf- und abging. Sie wird
mich nicht verstehen. - Sie mu Zeit haben, sich zu erholen.
    Ein Klopfen strte ihn in seinen Reflexionen. Es war Gertrud. Was giebt's?
- fragte er erschreckend ber den Ausdruck von Angst in ihren Zgen. Ist meine
Frau unwohler geworden?
    O nein, gndiger Herr. - Aber die gndige Frau Mutter -
    Meine Schwiegermutter? - Was ist mit ihr?
    Sie wird vielleicht kaum den morgenden Tag erleben.
    Das wolle der Himmel nicht - sagte Landsfeld ernst. Ihre Angst wird wohl
die Gefahr etwas bertreiben, Gertrud.
    Ach nein, gndiger Herr - erwiederte die Alte, sich die Thrnen mit der
Schrze trocknend. Der Herr Doktor haben es auch gesagt. Er ist noch bei ihr.
Sprechen Sie selbst mit ihm.
    Das wrde das Maa von Lydiens Leiden voll machen - sagte Landsfeld laut
zu sich selbst sprechend.
    Bitten Sie den Herrn Doktor auf einige Augenblicke zu mir zu kommen -
sagte er zu ihr.
    Ist wirklich Gefahr, lieber Freund - sagte er zu diesem - sprechen Sie
ohne Hehl.
    Ja, es ist Gefahr und sehr groe. Sie mssen sich auf Alles gefat machen.
Eine Krisis, die ich schon lange befrchtet, ist eingetreten. Es kann sehr
schnell zu Ende sein.
    Ich danke Ihnen. Gehen Sie, ich bitte dringend, zur Kranken zurck. Bieten
Sie Alles auf, was in Ihren Krften steht. Das Leben meiner Frau steht mit auf
dem Spiele. Denken Sie daran. Ich werde Ihnen morgen erklren, was ich damit
sagen will.
    Es gehrte eine krperlich wie geistig so riesenkrftige Natur dazu, wie sie
Landsfeld besa, um den ungeheuren Anstrengungen der letzten 24 Stunden nicht
schon erlegen zu sein. Aber jetzt war auch seine Kraft erschpft. Bis zum Tode
ermattet, war er nicht mehr im Stande, selbst die eigene kritische Lage, den
ganzen Umfang der Gefahren, die sein ganzes Lebensglck in diesem Augenblick
bedrohten, zu ermessen. Er sank unausgekleidet auf das Sopha, und verfiel in
einen tiefen, todthnlichen Schlaf, aus dem ihn erst gegen 6 Uhr ein lautes
Pochen an seiner Thre erweckte.
    
    Karl trat ein. - Gndiger Herr - erschrecken Sie nicht - es ist ein Unglck
- Landsfeld bedeckte sich das Gesicht mit den Hnden. Die gndige Frau Mutter
-
    Ist todt?
    Karl antwortete nicht, aber er trat zu seinem Herrn und kte seine Hand.
Sie mssen nicht den Muth verlieren, gndiger Herr; wenn Sie ihn verlieren, wer
sollte ihn dann noch behalten?
    Diese einfachen Worte enthielten eine Wahrheit, die ihren Eindruck auf
Landsfeld nicht verfehlte. Er drckte seinem treuen Diener die Hand und sprang
auf. -
    Als er in Lydiens Schlafgemach und an ihr Lager trat, sah sie ihn mit groen
Augen an, ohne etwas auf seinen Morgengru zu erwiedern. Auf ihrem Gesicht
flammte eine brennende Rthe.
    Was ist Dir, Lydia? - fragte er, von neuen Ahnungen erschreckt.
    Nicht wahr - erwiederte diese - Therese wird sich freuen, wenn ich sie
besuche. Warum soll ich auch nicht? Richard hat mich selbst dazu aufgefordert.
    Sprachlos starrte Landsfeld auf die Phantasirende. Dann verlie er das
Zimmer, um den Arzt aufzusuchen, als dieser ihm auf dem Corridor begegnete.
    Sie wissen es schon, Herr Baron? - fragte er.
    Ich wei es - sagte Landsfeld tonlos. Aber kommen Sie. Ich glaube meine
Frau bedarf jetzt mehr, als irgend ein Anderer Ihrer Hlfe.
    Sie traten zusammen an Lydiens Bett. Schweigend legte der Arzt den Finger
auf ihren Puls.
    Es ist ein nervses Fieber - sagte er endlich. Vorlufig noch keine
Gefahr, wenn nicht besondere Umstnde hinzutreten.

                              Dreizehntes Kapitel


Wieder waren mehrere Monate vergangen. Lydia hatte inde die langwierige
Krankheit berstanden, welche durch die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter, der
ihr nicht verheimlicht werden konnte, eine gefhrliche Hhe erreicht hatte. Der
Winter hatte bereits den milden Lften des erwachenden Frhlings weichen mssen.
Drauen regte und bewegte sich Alles in neuer Frische und jugendlicher Kraft,
whrend auf den Straen Berlins die weie reinliche Schneedecke mit ihrem
Schlittengelute und geputzten Pferden durch einen dicken Schlammberzug, in dem
sich nur bescheidene Droschken und klappernde Hundekarren hineinwagten, ersetzt
worden war.
    Als Lydia sich stark genug fhlte, bezog Landsfeld auf Anrathen des Arztes
mit seiner jungen Gemahlin das reizende Sommerhaus in Schnberg, das sie am Ende
des vorigen Sommers mit ihrer Mutter bewohnt hatte. Die frische Luft, so wie der
wohlthtige Einflu, den die Natur besonders im beginnenden Frhlinge auf jedes
kranke Gemth und jeden leidenden Krper ausbt, strkten auch Lydia sichtlich
von Tage zu Tage. Zwar kostete es sie noch immer einen Kampf, wenn sie das
frher von ihrer Mutter bewohnte Zimmer betrat, aber ihre Thrnen flossen
sanfter und ihr Schmerz verlor allmhlig an Herbe und Schrfe. Landsfeld widmete
sich ihr ganz. Seit er die tiefe Reinheit ihres Gemths ganz kennen gelernt,
weihte er ihr seine volle Liebe. Ueber jene Scene in Potsdam hatte er noch nicht
mit ihr gesprochen, theils weil er glaubte, da die Aufregung, in die sie
dadurch nothwendigerweise gesetzt wrde, bei ihrem noch nicht ganz befestigten
Gesundheitszustande gefhrlich sein knnte, theils weil er voraussah, da die
Erklrung jener Auftritte andere Erklrungen aus seinem eigenen Leben und ber
seine eigene Stellung zu ihr herbeifhren mten, an die er jetzt nur mit einem
innern Zagen dachte. Denn er fhlte wohl, da dieser Punkt ein Wendepunkt in
seinem Verhltni zu Lydia, und folglich auch in ihrem beiderseitigen Leben
werden mute.
    Vielleicht htte er noch lnger geschwiegen, obwohl er fhlte, da jede
Verzgerung hierin die Schwierigkeit, diesen von ihn selbst geschrzten Knoten
zu lsen, nur vergrerte, ja am Ende eine friedliche Lsung desselben gar
unmglich machte, wenn nicht ein Umstand eingetreten wre, der ihn halb wider
Willen dazu zwang, den Versuch der Lsung zu wagen, wenn er der Gefahr eines
gewaltsamen Zerreiens vorbeugen wollte.
    Gegen Ende des Maimonats war ihre Freundin Therese in Begleitung ihres
Gemahls von Potsdam zum Besuche herbergekommen, um sich nach langer Trennung
persnlich von dem Befinden ihrer Jugendfreundin zu berzeugen. Es war
natrlich, da Lydia jener unglcklichen Fahrt nach Potsdam gegen Niemand, am
wenigsten aber gegen die schuldlose Theilnehmerin an jenem Complott, die
leiseste Erwhnung gethan hatte, und auch fest entschlossen war, darber zu
schweigen. Indessen konnte sie die tiefe Aufregung, in die sie durch den Anblick
Theresens gesetzt wurde, weil ihr pltzlich jene Scene lebendiger in die
Erinnerung zurckkehrte, vor den Blicken der Freundin schwer verbergen. Therese
deutete aber den halb traurigen, halb forschenden Blick, den Lydia auf sie warf,
ganz anders. Sie erwartete in zwei Monaten ihre Niederkunft und glaubte daher
den schmerzlichen Ausdruck im Auge Lydiens aus dem Umstande erklren zu mssen,
da sie selbst sich dieser Hoffnung noch nicht hingeben kne. Mit jener offnen,
fast rcksichtslosen Herzlichkeit, die bei gutmthigen Naturen nicht selten mit
einem Mangel an Zartgefhl verbunden ist, suchte sie daher, sobald die beiden
Frauen allein waren, das Gesprch auf diesen Gegenstand hinzulenken, um einen in
ihrem Sinne wohlgemeinten Trost zu spenden. Da Lydia nicht blos von ganz anderen
Gedanken erfllt war, sondern auch jene Vernderung an ihrer Freundin, wie diese
mit Bestimmtheit voraussetzte, gar nicht bemerkt hatte, so konnte sie anfangs
ihre Andeutungen gar nicht verstehen, trotzdem, da sie ziemlich unverholen und
ungeschminkt waren. Lydiens Erstaunen rief Seitens Theresens eine nicht minder
groe Vernderung hervor, bis die Letztere endlich, nachdem alle ihre Mhe, sich
deutlich zu machen, an der vollkommenen Unwissenheit Lydiens gescheitert war,
begriff, da das, was sie ehemals fr bloe Prderie - gehalten hatte,
wirkliche baare Wahrheit war. Ihr Schreck, ja ihr Zorn gegen Landsfeld
erreichte, als ihr ber das eigentliche Verhltni zwischen den Gatten kein
Zweifel mehr brig blieb, einen so hohen Grad, da sie, jede Rcksicht
vergessend, nicht nur in laute Vorwrfe gegen ihn ausbrach, die Lydia zuerst mit
Befremdung anhrte, dann aber mit Entrstung zurckwies, weil sie sich selbst in
der Seele ihres Gemahls beleidigt und gekrnkt fhlte, sondern auch, um ihre
Heftigkeit selbst zu rechtfertigen, es unternahm, in kurzen, aber nicht
mizuverstehenden Worten den Schleier herabzureien, der bisher Lydiens
kindlichen Sinn bedeckt hatte.
    Aber Lydia war weit entfernt davon, Alles, was sie eben gehrt, fr Wahrheit
zu halten, theils weil die Weise, in der es ihr vorgestellt wurde, ihr reines
Gefhl zu sehr beleidigte, theils weil, wre es ihr auch in anderer zarterer
Weise dargelegt worden, sie nie htte glauben knnen, da Richard, ihr Richard,
dem sie sich mit so grenzenlosem Vertrauen hingegeben, wirklich so htte handeln
knnen, wie es ihre indiskrete Freundin sie glauben machen wollte.
    Mit vor edlem Zorn hochroth gefrbten Wangen sprang sie von der Bank auf,
auf der sie neben Theresen auf dem Balkon gesessen hatte.
    Schweige, ich bitte Dich ernstlich und zum letzten Male - rief sie.
Willst Du, da unsere Freundschaft bestehen soll, so darf ich nie wieder ein
derartiges Wort von Dir hren, Therese!
    Armes verblendetes Kind - entgegnete diese, sie mitleidsvoll betrachtend.
- Doch ich will schweigen, wenn Du es verlangst. Denn Du hast vielleicht jetzt
mehr als je meine Freundschaft nthig. Aber - In diesem Augenblicke kehrten die
Mnner aus dem Garten zurck. Als Landsfeld nher getreten war, bemerkte er die
tiefe Verwirrung in Lydiens Zgen. Wie von einer Ahnung der Wahrheit durchbebt,
erbleichte er. Ein zweiter Blick auf Therese sagte ihm deutlich, da er sich
nicht geirrt. Seine eigene Unvorsichtigkeit, die beiden Frauen allein zu lassen,
und die indiskrete Schwatzhaftigkeit Theresens verwnschend, ging er auf Lydia
zu, die ihn mit starren, fast zweifelnden Blicken ansah. Was fehlt Dir, Lydia?
- fragte er, seine Angst niederkmpfend, indem er ihre Hand ergriff, die eiskalt
war.
    La uns hineingehen, Richard - sagte sie zitternd. Es wird schon khl
drauen.
    Es konnte hierin eine indirekte Mahnung an ihre Gste liegen, da es Zeit
sei, sich zu entfernen. Wenigstens wurden die Worte Lydiens so verstanden. Denn
Therese brach augenblicklich auf, um nach Hause zurckzukehren.
    Als die beiden Gatten allein waren, herrschte eine lange Pause. Lydia rang
vergeblich nach Worten, in denen sie ihr Gefhl htte ausdrcken knnen; und
Landsfeld wagte es nicht, diesem Gefhle, dessen Grund und Wesen er wohl kannte,
Worte zu geben, aus Furcht, da dadurch Lydiens Schmerz nur vergrert werden
wrde, wenn sie she, wie gut sie verstanden werde. Denn wurde sie verstanden,
so hatte auch ihre Freundin Recht und dann - sie schwindelte vor dem Abgrunde
zurck, der bei dem Gedanken, Landsfeld knnte sich nicht aus Liebe mit ihr
verbunden haben, vor ihren Fen aufghnte. Um das peinliche Schweigen zu
durchbrechen, was wie ein Alp auf ihm lastete, sagte endlich Landsfeld:
    Meine theure Lydia, ich glaube, es wird gut sein, wenn Du Dich bald zur
Ruhe legst, Du scheinst sehr angegriffen. Ob es der ungewhnlich lange Besuch
war, der Dich so aufgeregt, oder ob Dich etwas Anderes beunruhigt hat, darber
wollen wir morgen sprechen. Landsfeld stand bei diesen Worten auf und rief
Gertrud, der Lydia auch sogleich fast willenlos in ihr Schlafgemach folgte.
Landsfeld ging mit gesenktem Haupte auf und nieder. Bald wollte er Theresen
nacheilen, um Sie zu fragen, was sie mit Lydia gesprochen, bald legte er die
Hand auf den Griff der Thre, die zu Lydiens Zimmer fhrte, um sie aus dieser
tiefen Niedergeschlagenheit durch die Versicherung seiner unwandelbaren Liebe
herauszureien und in einer vollstndigen innigen Vershnung jeden Nebel, der
sich am Horizonte ihrer gegenseitigen Liebe zu lagern drohte, zu verscheuchen,
und die Morgenrthe der vollen ganzen Einheit wahrhafter Gattenliebe
heraufzufhren. - Aber dann dachte er sich wieder, wie Lydiens zarte
Organisation von langer Krankheit und vielfacher Gemthsbewegung ohnehin in
ihren Grundfesten erschttert, den pltzlichen Ausbruch voller
Leidenschaftlichkeit nicht wrde ertragen knnen, und er trat von der Thre
zurck und schritt von Neuem, sinnend ber das Benehmen, das er nunmehr zu
beobachten habe, auf und nieder. Endlich glaubte er einen Mittelweg gefunden zu
haben. Er konnte das Bewutsein, kein beruhigendes Wort gesprochen zu haben,
nicht aushalten. Ein solches wollte er, wie der Augenblick es ihm eingeben
wrde, noch sagen, und das Uebrige auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschieben.
Als er in Lydiens Zimmer trat, fand er sie, den Kopf in die Hand gesttzt,
nachdenklich auf dem Sopha sitzen. Schweigend setzte er sich neben sie und
ergriff ihre Hand.
    Nicht wahr? - sagte er - Du hast Vertrauen zu mir, Du glaubst an meine
Liebe?
    Gewi, gewi - Richard - rief sie, ihn umschlingend. Den Glauben kann mir
Niemand rauben, als Du selbst.
    Beruhigter fuhr er fort: Und hat ihn Dir Jemand zu rauben versucht, Lydia?
    Sage mir nur Eins, mein Richard - ich frage nur, um mit dem einen Worte,
das Du mir sagen wirst, alle die Angst, die mich durchzittert, entschwinden zu
machen. Richard, bin ich Deine Gattin, Dein Weib im vollsten Sinne des Worts?
    Wie kommst Du auf diese Frage? - fragte er ausweichend.
    Sie schttelte den Kopf, und verbarg das Gesicht in die Hnde.
    Landsfeld wnschte der Wiederholung jener Frage zuvor zu kommen, da er
begreiflicherweise sie weder bejahen, noch verneinen konnte, weil er in dem
einen Falle die Schranke zu einer ewigen gemacht, im andern ihr mit einem Worte
den Glauben an ihn zerstrt htte. Er umfate sie mit tiefer Innigkeit und
prete einen heien Ku auf ihre Lippen. Lydia, konntest Du je an meiner Liebe
zweifeln?
    Verzeih, verzeih, Richard!
    Als ich Dich kennen lernte, Lydia - fuhr er fort, da er jetzt die
Unmglichkeit einsah, die Erklrung, welche er ihr nothwendigerweise einmal
geben mute, aufzuschieben, um jenen Zweifel ganz zu ersticken. - Als ich Dich
kennen lernte, hatte ich den Glauben an weibliche Reinheit und Liebe verloren.
Ich war in meinen liebsten Hoffnungen getuscht, in meinen theuersten Wnschen
betrogen und alle meine Ideale hatten sich als leere Schattenbilder erwiesen. Da
sah ich Dich - und - verzeih' mir, denn jene Zeit des Zweifels liegt jetzt
hinter mir - wollte mich berreden, da auch Du vielleicht nur ein Scheinideal
seiest, das mich in neue Trume von Glck einzuwiegen mir erschienen war. Da
schwur ich, Lydia, nicht eher an Dich zu glauben, nicht eher meiner bereits
erwachten Neigung zu Dir mich ganz zu berlassen, als bis ich eine feste
unumstliche Ueberzeugung von der Wirklichkeit, von der Wahrheit Deiner idealen
Erscheinung gewonnen htte.
    Er schwieg.
    Lydia hrte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, denn Landsfeld hatte
sich ber sein Inneres, ber die Kmpfe, die frher darin getobt hatten, nie
gegen sie so aufrichtig und klar geuert.
    Du warst wohl recht unglcklich damals, Richard - sagte sie liebevoll.
    Sehr unglcklich, ja, das war ich - ja, ich bin es theilweise noch. Denn -
mideute mich nicht, - ich habe ein Unrecht gegen Dich, oder vielmehr gegen mich
zu ben; dies Unrecht war, da ich mich gegen jene Ueberzeugung zu lange
gestrubt habe, da ich fast aus Furcht, mein Ideal wieder zu verlieren, dagegen
angekmpft habe; dies Unrecht lastet auf meiner Seele und lt mich noch heute
mein Glck nicht vollstndig genieen.
    Das schwere Wort war gesprochen. Ob es verstanden war, das war eine andere
Frage. Seine angstvollen Blicke ruhten auf dem Gesicht Lydiens, die ber den
Sinn seiner Rede nachzudenken schien.
    Aber als Du nun jene Ueberzeugung erlangt hattest, Richard, da strubtest
Du Dich doch nicht mehr gegen sie? Wie httest Du sonst Dich entschlieen
knnen, Dich mit mir zu verbinden, wenn nicht jene Ueberzeugung in Dir schon
feste Wurzel geschlagen?
    Diese, den eigentlichen Kern der Immoralitt ihrer bisherigen Ehe berhrende
Reflexion, welche unmittelbar aus Lydiens reinem natrlichen Gefhl stammte,
machte Landsfeld zittern. Gerade diesen Punkt war er zu verdecken bemht
gewesen, und nun wurde er mit Gewalt zur Entscheidung getrieben. Jetzt blieb ihr
nur noch ein Ausweg, um zum Ziele zu kommen, und das war gerade jener, den er am
meisten gescheut hatte: der Weg der Leidenschaft.
    Lydia - rief er, aus tiefster Brust aufathmend, indem er ihren Kopf
zwischen seine Hnde nahm und ihr lange und tief in das blaue Auge schaute.
Seine Stimme versagte ihm fast, als er, halb vor Verzweiflung halb aus
wirklicher, tiefer, berstrmender Liebe, endlich in die Worte ausbrach: Du
weit nicht, wie unendlich, wie unsagbar meine Liebe zu Dir ist.
    Der zitternde Ton, mit dem diese Worte gesprochen wurden, setzte ihre Seele
in eine Schwingung, der ihr ganzes Wesen zu folgen gezwungen war; sie stie
einen leisen aber tiefen Seufzer aus, in dem sich ihre ganze noch nicht
berwundene Beklemmung verhauchte. Ihr schner Kopf sank auf die Sophalehne
herab und ein beraus seelenvolles Lcheln umspielte ihren reizenden Mund.
Landsfeld beugte sich ber sie und kte ihre Augen, die sie geschlossen, als
wolle sie einen entzckenden Traum, in den sie durch Landsfelds Wort und Blick
versenkt war, festhalten. Ihre Wangen, noch kurz zuvor so bleich, frbten sich
unter seinen Kssen tiefer und tiefer, die ein ungekanntes verzehrendes Feuer in
ihrer Brust entzndeten. Landsfeld selbst war von seiner Empfindung bermannt;
er fhlte es, da der Augenblick kommen werde, in dem seine Willenskraft vor der
Gewalt der Leidenschaft werde ohnmchtig zusammensinken. Zagend davor, und sich
doch danach sehnend, schwankte er einige Minuten zwischen glhendem Verlangen
und zitterndem Bangen hin und her, indem er, bald khner werdend, Lydiens sich
an ihn schmiegende Gestalt mit festen Banden umstrickte, bald, wie vor seiner
eigenen Khnheit erbebend, die sie umschlingenden Arme sinken lie. Als er aber
sah, da in Lydiens Seele bereits ein Funke von der Glut, die wie ein Lavastrom
durch seine Adern rollte, gefallen war, der, weiter und weiter glimmend, bald in
leuchtende Flammen ausbrechen mute, so setzte er, jede Bangigkeit und
Unentschiedenheit vergessend, dem tosenden Strome seiner Leidenschaft keinen
Damm mehr entgegen. - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In diesem Augenblicke ging in Lydiens Innern eine ungeheure, ihr ganzes
Wesen bis in die kleinsten Empfindungsfasern tief erschtternde Umwandlung vor,
indem pltzlich die Erinnerung an jene furchtbare Scene mit Berger in ihr
auftauchte. Ein Schauder durchrieselte wie Todesfrsteln ihre Glieder, als der
Gedanke in ihr lebendig wurde, da - Therese Recht gehabt habe. Ihr Herz
durchzuckte der tiefe brennende Schmerz einer unendlichen Trostlosigkeit, die
sie in einem Nu an den Rand der Verzweiflung schleuderte. Er hat Dich nicht
geliebt - so tnte es wieder und immer wieder in ihrer Seele. Du bist Ihm
nichts gewesen als eine Puppe, mit der er gespielt, als ein Instrument, mit dem
er kalte und berechnende Versuche angestellt. Sie fhlte sich erniedrigt,
gedemthigt, bis im innersten Lebenskeime verwundet, und das unnennbare Weh'
betrogner Liebe zog wie Ahnung des Todes durch ihre Brust. Htte sie die
physische Kraft gehabt, so wrde sie den im Taumel schrankenloser Leidenschaft
Fortgerissenen von sich gestoen haben. Aber sie vermochte es nicht. Ihr
weiblicher Zartsinn war emprt ber seine Angriffe, ihr edler Stolz krmmte sich
wie ein ohnmchtiger Wurm unter der grausamen Hand, die den Schleier von dem
Allerheiligsten ihrer Jungfrulichkeit zerri: aber sie vermochte es nicht, ihm
den geringsten Widerstand zu leisten. Wie der Ertrinkende im Todeskampfe
vergeblich die Hnde emporstreckt, so lange er noch Hoffnung auf Rettung hat,
aber endlich eine verzweiflungsvolle Resignation sich seiner bemchtigt, wenn
die Gewiheit, keinen Boden mehr unter seinen Fen und keinen Strohhalm zum
Anklammern zu haben, seinen Geist berwltigt und vernichtet, so kmpfte sich
auch in Lydiens Seele der ungeheure Kampf zwischen der Vernichtung ihres eigenen
Selbst und der Machtlosigkeit eines verzweiflungsvollen Widerstrebens gegen das
blinde Verlangen ungezhmter Leidenschaft in ihr durch - bis zum Wahnsinn.
    Htte sie widerstehen knnen, wre ihr Stolz hinlnglich durch ihre
physische Kraft untersttzt worden, um seine Emprung wenn auch nur durch den
Versuch eines Widerstandes bethtigen zu knnen, dann wrde ihre verrathene
Liebe sie vielleicht einem frhen Tode zugefhrt haben. Aber da Landsfeld,
theils weil er selbst zu sehr durch eigene Leidenschaft verblendet war, theils
weil Lydia seinem Ungestm nicht den geringsten Widerstand entgegen setzte,
besonders aber durch ihre anfngliche Hingebung getuscht jene entsetzliche
Umwlzung in ihr gar nicht bemerkte, vielmehr in ihrer jetzigen, an Apathie
grenzenden Ermattung nur den Widerschein seines Entzckens zu sehen glaubte:
Jetzt mute ihre ganze geistige Existenz aus ihren Fugen gehen. Es war ein
furchtbarer Augenblick. - Ein vierfacher Mord: - an ihrer Unschuld - ihrer Liebe
- ihrem Stolze - ihrer Vernunft. Die vier Elemente ihrer innern Welt, sie
zerfielen mit einem Schlage in Trmmer und der Genius ihrer reinen Seele lschte
klagend die Fackel in seinen Thrnen.
    Als Landsfeld aus seinem Rausche erwachend, den Kopf erhob und sein
liebender Blick den ihrigen suchte, war er durch die fahle Blsse und
ausdruckslose Schlaffheit ihrer Zge berrascht. Ihr Auge war weit geffnet,
aber ohne lebendigen Glanz, ohne jene Bestimmtheit der Richtung und Sehweite,
welche man Blick nennt, starrte es empfindungs- und gedankenlos in ein leeres
Nichts. - Lydia - sagte er sanft und innig. Sie hrte nicht - Lydia
wiederholte er ngstlich flehend. - Vergebens. Dieser Ton, der sie einst aus der
tiefen Bewutlosigkeit geweckt, in welche sie Angst und Abscheu in den Armen
Bergers versenkt hatte, er hatte seine Zauberkraft auf immer fr sie verloren.
Landsfeld sprang auf - sie rhrte sich nicht. Da zuckte pltzlich der Gedanke
ihres Todes durch seine Seele. Ruhig - sagte er leise zu sich selbst - sie
wird erwachen, sie mu erwachen - solch berteuflischer Gedanke kann in keiner
Hlle erfunden werden. Er stand vor ihr, den kalten, sinnenden Blick auf sie
gerichtet. Es war einer jener Augenblicke, in denen der Gedanke an die
Mglichkeit einer ungeheuren That jede Empfindung, jede Bewegung des Innern in
der kalten Resignation absoluter Verzweiflung auslscht. Er durfte nur die Hand
auf das Herz legen, um sich davon zu berzeugen, ob sie lebe. Aber er that es
nicht. Er klammerte sich an die in jeder Mglichkeit liegende Hoffnung vom
Gegentheil an, denn er fhlte, da er jetzt nicht die Kraft habe, diese Hoffnung
vor seinen Augen in Nebel zerflieen zu sehen.
    Schrecklich wr's - fgte er mit furchtbarem Hohn gegen sich selbst nach
einer Pause hinzu, in dem Moment, wo das Glck beginnen soll, den Tod im Arm zu
halten. Ich will Wahrheit - schrie er, den Arm ausstreckend - sein Finger
zuckte - mit abgewandtem Gesicht suchte er die Stelle des Herzens - - -
    Da erhob sich Lydia. Als htte er einen Geist erblickt, so trat Landsfeld
einen Schritt zurck, denn Lydia war aufgestanden und schritt, ohne Landsfeld
anzublicken, auf die Thre zu. -
    Lydia - rief er. Sie zuckte einen Augenblick zusammen, aber sie ging
weiter. Da eilte er ihr nach und umschlang sie mit seinen Armen. Ein
herzzerreiender dumpfer Schrei drang aus ihrer Brust und ls'te sich endlich,
als Landsfeld sie noch heftiger umfate, in lautes Schluchzen auf. Mutter,
Mutter - rief sie mit einer Stimme, die die hchste Angst ausdrckte - Hlfe
-
    Gertrud, die den ngstlichen Hlferuf gehrt hatte, eilte vor Schrecken
bleich herzu. Mit bermenschlicher Kraft ri sich Lydia aus der Umschlingung
Landsfelds und strzte in die Arme ihrer alten Amme. Mutter - rief sie
weinend, indem sie ihr Gesicht an Gertruds Brust versteckte - rette, rette mich
vor ihm!
    Jetzt fate Landsfeld sie mit starken Armen und trug sie auf ihr Lager
zurck. Es wurde sofort ein Wagen nach der Stadt geschickt, um den Arzt
herauszuholen.
    Eine Stunde wohl hatte Landsfeld am Bette Lydiens gesessen und jeder
Bewegung, jedem Athemzuge der Unglcklichen gelauscht. Was in dieser Stunde in
seiner Seele vorging, welche Angst, welche Ahnungen in ihm strmten, kann man
nicht in Worten ausdrcken. Kurz vor der Ankunft des Arztes war Lydia aus ihrer
Ohnmacht erwacht. Mit aufmerksamen, aber wirren Blicken betrachtete sie den noch
immer in derselben Stellung neben ihr Sitzenden, dann stie sie abermals jenen
dumpfen, erschtternden Schrei aus. Sie wollte aufspringen, und verlangte, als
sie von Landsfeld mit Aufbietung aller seiner Krfte daran verhindert wurde -
immer wieder nach ihrer Mutter.
    Whrend eines solchen Kampfes war es, als der Arzt eintrat. Sobald sie ihn
erblickt hatte, strzte sie auf ihn zu, und rief ihm flsternd und geheimnivoll
ins Ohr: Er hat mich nie geliebt. - Ich bin entehrt.
    Landsfeld verbarg sein bleiches Gesicht in die Hnde, und sank
verzweiflungsvoll auf einen Stuhl.
    Ein sanfter Druck auf der Schulter weckte ihn aus seiner Betubung. Sie
armer Mann! - sagte der Arzt, Ihre Frau ist wahnsinnig. -
    Lautlos strzte Landsfeld zu Boden.

                              Vierzehntes Kapitel


Auf dem Balkon eines der geschmackvollen und eleganten Villen, welche das sanft
aufsteigende, mit Reben bedeckte rechte Ufer der Elbe unterhalb Dresden
schmcken, sa an einem milden Juniabend eine Dame von etwa acht und zwanzig
Jahren, den gedankenvollen Blick auf die Zeilen eines Briefes gerichtet, den sie
mit der rechten, sehr zarten und weien Hand hielt, whrend die Linke nachlssig
ber die Balkonlehne hinabhing. Als sie das Ende des Briefes erreicht hatte,
lie sie die Hand auf den Schoo sinken.
    Es konnte nicht anders kommen - sagte sie halblaut. - Und doch - wer
kann's wissen, ob schon alle Hoffnung verloren. Sie oder Ich - vielleicht
Beide.
    Sie seufzte und rief darauf, den Brief zusammenfaltend, in die offene
Salonthre hinein: Marie!
    Mein Gott, gndige Frau, wie bleich sehen Sie aus! Was ist geschehen?
    Wann ist der Brief abgegeben? - fragte die Dame, ohne auf die Aeuerungen
des jungen Mdchens Rcksicht zu nehmen.
    Schon heute Vormittag, als Sie eben fortgeritten waren.
    So kann ich ihn jeden Augenblick erwarten - sagte Jene vor sich hin, indem
eine flchtige Rthe ihre Wangen frbte.
    Einige Minuten spter ffnete ein Mann die Thre des Gartens, auf den der
Balkon hinausging und nherte sich mit langsamen Schritten dem Hause. Die Dame
war aufgestanden, um den Nahenden zu bewillkommnen.
    Ihr Herz schlug fast hrbar, und eine tiefe Beklommenheit schien sich in den
ngstlichen Blicken und dem schnellen Auf- und Abwogen ihres Busens kund zu
geben.
    Endlich standen Beide einander gegenber und betrachteten sich einige
Sekunden mit groer Aufmerksamkeit.
    Du hast Dich sehr verndert, Richard - sagte die Dame sanft.
    Ein bitteres Lcheln flog ber die abgezehrten und bis zur Unkenntlichkeit
gealterten Zge Landsfelds.
    Findest Du das? - Um so mehr freue ich mich darber, wie gut Du Dich
konservirt hast, Alice.
    Nun lud sie ihn zum Sitzen ein. Nach einer langen Pause, whrend welcher
Beide sich ihren Betrachtungen berlassen zu haben schienen, sagte endlich
Landsfeld mit bebender Stimme:
    Ich komme vom Sonnenstein -
    Wie befindet sie sich? - ist keine Aenderung in ihrem Zustande sichtbar?
    Keine - seit zwei Jahren, das heit seit zwei malosen Ewigkeiten - keine!
    Hat sie Dich gesehen?
    Er schttelte den Kopf. Ich htte den Abscheu, der sie bei meinem Anblick
zu ergreifen pflegt, nicht mehr ertragen. - Aber - lassen wir ruhen, was
begraben ist. Ich habe unsagbar gebt, und mu Ruhe haben - Ruhe. - Im Sturm
des Oceans, wenn die Windsbraut die Elemente in einander jagte und ihr Geheul
anstimmte zu der Vermhlung des Himmels mit dem Meere: da war mir auf
Augenblicke wohl - aber nur auf Augenblicke. Ich habe dem Tode in's Angesicht
gesehen, aber die Erlsung fand ich nicht.
    Er schwieg, dann, als besnne er sich pltzlich, weshalb er gekommen sei,
fragte er: Und Du sagst mir nichts von meinem, von - ihrem Kinde.
    Stumm stand Alice auf und fhrte ihn, seine hand ergreifend, in das Haus
hinein. Nachdem sie durch mehrere Zimmer geschritten, ffnete sie endlich durch
den Druck einer verborgenen Feder eine Tapetenthr und sagte, in's Innere
hineinweisend: dort.
    Es war ein kleines, beraus lieblich geschmcktes Gemach, welches durch die
buntgemalten Fenster mit einem sanften warmen Schein erfllt wurde. Gerade der
Thre gegenber stand eine kostbar gearbeitete Wiege, und darin lag, von einer
weiseidenen Decke bis zur Brust verhllt, ein junges, sehr zartes Kind, die
kleinen Hndchen ber der Brust gefaltet. - Landsfeld trat nher. Eine Thrne -
seit zwei langen Jahren die erste - trat in sein Auge, als er sich ber die
Wiege beugte, um einen Ku auf die weie Stirn des schlafenden Engels zu
drcken. Aber als htte er eine Natter berhrt, so fuhr er zurck. Sein Haar
strubte sich, seine Augen rollten frchterlich, als wollten sie ihre Hhlen
verlassen, seine Lippen stammelten unartikulirte Laute.
    Richard - sagte Alice, ihn mit Gewalt aus dem Zimmer ziehend - es ist
Alles, was Du jetzt von Deinem Glcke hast. Sei ein Mann, und fasse Dich. - Wohl
ihm, da es gestorben ist. Was wre sein Leben gewesen, als eine Qual?
    Sie hatte ihn bei diesen Worten in ein anderes Zimmer gefhrt.
    Mit fahlen Zgen und zitternden Lippen, den irren Blick auf einen Punkt
gerichtet, hrte er die Worte Alicens, aber keine Vernderung in seinen Mienen
bewies, da er sie verstanden. Endlich sagte er mit leiser und gebrochener
Stimme, indem er die Hnde verzweiflungsvoll vor das Gesicht schlug: Todt -
todt - Alles gemordet - Alles.
    Alice sah mit kummervollen Blicken auf den Verzweifelnden. Sie fhlte, da
er nie mehr glcklich werden knne, da sein Leben ihm nur eine ewige Last sein
werde.
    Lasse es mich noch einmal sehen, Alice - sagte er endlich - nur einmal
noch, ehe ich scheide.
    Sie zauderte einen Augenblick - dann drckte sie auf's Neue an der Feder und
die Thre ffnete sich wie das erstemal.
    Landsfeld kniete an der Wiege nieder und blickte lange auf das todte Kind.
Endlich stand er auf. Seine Zge waren ruhig, fast heiter, als er zu Alicen
sprach:
    Was wrdest Du an meiner Stelle thun, Alice?
    Sterben - sagte diese ruhig.
    Das dachte ich auch - aber darf ich hier sterben? - Er wies auf die Wiege.
    Ja!
    Alice wandte sich zum Gehen.
    Alice - rief er noch einmal. Er hatte ihr beide Hnde entgegengestreckt.
Da vermochte sie sich nicht lnger zu halten. Weinend strzte sie in seine Arme
und drckte einen langen - langen Scheideku auf seine kalten Lippen.
    Er wandte sich sanft aus ihren Armen und blickte sie flehentlich an.
    Sie strzte hinaus und schlo die Thre, neben der sie sich auf den Boden
niederkauerte.
    Nach einigen Minuten erfolgte eine Explosion. Sie sprang empor und trat ein.
    Landsfeld lag ber der Wiege ausgestreckt. Die Kugel war ihm mitten durch
das Herz gegangen. Alice strzte sich ber ihn.
    O, Richard - sthnte sie schluchzend. - Ich, ich habe Dich allein und
wahrhaft geliebt. -
    Eine tiefe Ohnmacht lagerte sich wie ein Schleier ber ihre Sinne.

                              Fnfzehntes Kapitel


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Eine halbe Stunde lang herrschte in dem kleinen Zimmer eine Todtenstille.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Abermals war eine halbe Stunde verflossen, Alice sa, noch halb betubt, in
ihrem Wagen. Die Fahrt ging zum Sonnenstein. Sie verlangte den Arzt der
Irrenanstalt zu sprechen, welcher Lydia in der Kur hatte. Nach einem langen
Gesprch, whrend dessen der Irrenarzt, ein noch junger, sehr bleicher Mann, mit
raschen Schritten das Zimmer auf- und abgeschritten war, trat eine Minutenlange
Pause ein.
    Sie knnen vielleicht Recht haben - sagte endlich der Arzt, auf dessen
Gesicht sich ein tiefer, innerer Kampf abzuspiegeln schien, zu Alicen.
    Vielleicht! - Aber wer giebt uns die Gewiheit?
    Jetzt erhob sich auch Alice. Auer der Marmorweie auf ihrer Stirn und Wange
deutete keine Spur auf die vergangene furchtbare Scene, die sie kurz zuvor
erlebt. Ihr Auge glnzte mit demselben Feuer wie vorher, und ihre Stimme hatte
ihren gewhnlichen melodischen sonoren Klang.
    Und glauben Sie denn - wandte sie sich zu dem Unentschlossenen - da dies
Wagestck, wie Sie es nennen, wirklich so bedenkliche Folgen haben kann? Ich
glaube es nicht. Gewi wird der Anblick auf sie gar keinen oder einen
wohlthtigen Eindruck hervorbringen.
    Wohlthtig? - Was kann wohlthtiger fr die Arme sein, als der Mangel des
Bewutseins, und vollends jetzt? Inde ist es mglich, da, da sie den Lebenden
nicht kannte, der Todte sie noch weniger erschttern wird. Verweilen Sie hier
einen Augenblick, ich werde sogleich zum Direktor der Anstalt gehen, um
persnlich die Erlaubni auszuwirken.
    Als Alice allein war, lie sie sich wieder auf den Sessel nieder und sttzte
das Haupt leidenschwer auf die Hand. Gedanken der widersprechendsten und
vielfltigsten Art muten sie durchkreuzen, denn bald rollte eine einzelne
Thrne von den gesenkten Wimpern herab, bald strahlte ihr schnes Auge von
tieferem, fast unheimlichem Feuer. Jetzt fuhr sie mit der Hand zum Herzen, als
fhlte sie den groen Schmerz von Neuem, jetzt hob sich ihre Brust wie von
khnen Plnen geschwellt, um dann wieder von Verzweiflung niedergedrckt zu
werden. Sobald sie jedoch die Schritte des Arztes vernahm, gltteten sich ihre
Zge und die frhere Ruhe breitete sich wieder auf ihnen aus.
    Der Direktor hatte die Bitte gewhrt.
    Rasch eilten sie Beide dem Flgel zu, in welchem Lydiens Gemach lag, wie
alle Behausungen dieser Art halb Kerker, halb Krankenstube. Bei ihrem Eintreten
fanden sie die Unglckliche auf dem Boden sitzend, den Schoo mit einer Menge
von Blumen angefllt, aus denen sie Krnze zu flechten versuchte.
    Eine beklemmende Empfindung bemeisterte sich Alicens, als sie auf Lydia
zutrat und einen forschenden Blick auf ihre Zge warf. Es war keine sehr
bemerkbare Vernderung darauf zu sehen. Nur als ihr glanzloser und scheuer Blick
dem Auge Alicens begegnete, las diese darin die Vernichtung dessen, was den
Menschen ber das Thier erhebt - des Bewutseins.
    Ein irres, halb verwundertes Lcheln glitt ber ihre bleichen Lippen, als
sie das fremde Gesicht erblickte, aber sie sagte Nichts. Fast wie ein Schwindel
ergriff es Alicen, als sie dies Lcheln sah, unwillkhrlich streckte sie die
Hand nach dem Arzte aus, der sie sanft nach der Thre fhrte, indem er ihr leise
zuflsterte: Erwarten Sie mich unten. Ihre Bewegung knnte uns stren.
    Nachdem Alice einige Minuten im Wagen zugebracht, erschien Lydia am Arme
ihres Arztes, in der Ferne von einem Wrter gefolgt. Sie stiegen ein und
rollten, nachdem der Wagen fest verschlossen war, auf der Strae nach Dresden
hin. Whrend der ganzen Fahrt sprach Niemand von den Dreien ein Wort, aber als
sie vor der Gitterpforte des Gartens hielten, ergriff Alice des Arztes Hand und
sagte mit bebender Stimme:
    Muth, Muth!
    Langsam gingen sie den Fusteg hinauf, den noch wenige Stunden zuvor
Landsfeld betreten hatte und standen zitternd nach wenigen Schritten vor der
Thre, die die Lsung dieses furchtbaren Rthsels verschlo.
    Jetzt war durch eine merkwrdige Verwandlung, die pltzlich in Alicens Seele
vorgegangen war, ihre ganze geistige Kraft zurckgekehrt. Mit sicherer Hand
drckte sie die Feder, whrend sie mit der andern Lydiens Arm ergriff, um sie
halb mit Gewalt in's Zimmer zu drngen. Eine geraume Zeit herrschte eine
lautlose Stille. Alice und der Arzt standen bewegungslos auf der Schwelle, Lydia
mitten im Zimmer dicht vor der Leiche Landsfelds, dessen Fu fast den ihrigen
berhrte.
    Sein bleiches Gesicht, aus dem der Tod jede Falte des Grams verwischt hatte,
war ihrem Blicke offen zugekehrt.
    In sprachloser Angst starrten die Beiden auf jede ihrer Bewegungen, und es
schien Anfangs nicht, als ob die Befrchtungen des Arztes und die Hoffnungen
Alicens sich verwirklichen wollten. In einem gegenberhngenden Spiegel konnten
sie genau den irren Blicken der Wahnsinnigen folgen, die zuerst wild im Zimmer
umherschweiften und sich endlich auf den Todten senkten.
    Da fuhr es wie ein eisiger Schauer durch ihren Krper, aber kein Schrei,
kein Laut drang aus ihrem Munde und wie gefesselt wurzelten ihre Fe auf dem
Boden, doch in demselben Augenblicke erhielten auch ihre Blicke ihre bestimmte
Richtung wieder, whrend sie immer fest und starr auf die Zge des Todten
geheftet blieben.
    Sehen Sie diesen Blick? - sagte der Arzt zu Alicen. Noch zwei Minuten und
sie ist entweder todt oder bei Bewutsein.
    In der That konnte man fast von Sekunde zu Sekunde wahrnehmen, wie das
erwachende Bewutsein in das immer grer und klarer werdende Auge zurckkehrte.
Ihr Mund ffnete sich allmhlig, Ihr Kopf beugte sich immer weiter und weiter
vor, als wollte sie die geschlossenen Augenlider mit dem Strahl ihres Blicks
durchdringen - - dann pltzlich wurde ihr ganzer Krper wie durch eine
unsichtbare Macht in die Hhe geschnellt - sie fuhr sich, wie aus einem
grausigen Traume erwachend, ber Stirn und Augen und strzte mit einem
furchtbaren herzzerreienden Schrei Richard auf ihren Gatten nieder. - - - - -
    Einen Monat spter fuhr ein schwer bepackter Reisewagen durch das Krnthner
Thor in Wien ein.
    Zwei Frauen in tiefe Trauer gekleidet sahen theilnahmlos aus demselben auf
das frhliche Treiben der Kaiserstadt. - Es waren Alice und Lydia auf dem Wege
nach Italien.
