
                                 Lewald, Fanny

                                    Diogena

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                                  Fanny Lewald

                                    Diogena

                         Roman von Iduna Grfin H.. H..

                                  Erstes Buch

Es ist ein Vorzug alter, adeliger Geschlechter, da sie vermge ihrer Stammbume
zurckblicken knnen in die Vorzeit, die ihnen speciell zugehrt, und da sich
dadurch in dem Bewutsein der Nachkommen die Schicksalsfden zu einem Ganzen
verweben, die fr den Niedriggeborenen nur einzelne zerstreute Thatsachen
bleiben.
    Ueberhaupt, wahre, groartige Schicksale hat nur die Aristokratie! Es gehrt
Mue dazu, ein Schicksal zu haben, es ist eine Vocation, eine Distinction ein
Schicksal! Ein groes Schicksal adelt das Leben eines sonst ganz migen,
eiteln, frivolen Menschen, es fllt vom Himmel herab wie die edlen Prrogative
der Geburt; aber es will nur von feinen Hnden aufgefangen sein, es will nur in
englische Parks und auf persische Teppiche herniederfallen; denn das Schicksal
ist selbst ein Aristokrat des Himmels.
    Oder denkt euch, ein groes, gigantisches, ein exclusiv tragisches Geschick
fiele auf das Leben eines Handwerkers herab! Wie knnte es sich da gestalten?
Noth und Sorgen treten so sehr in den Vorgrund, der Hunger und die Arbeit
ertdten alle Sentimentalitt, die Phantasien, die vaguen Trumereien, die
idealischen Erhebungen fliehen vor dem Klappern der Werkzeuge und das ignoble
Verlangen hungernder Kinder lt den Aeltern weder fr die poetischen Alluren
des Herzens noch des Geistes freien Raum.
    Wie anders gestaltet sich unser Loos, die wir nie arbeiten, die wir nie
hungern und die wir von dem Erdendasein Nichts kennen, als die Salons und die
daran stoenden Bowlinggreens, die Reisekalesche und die eleganten Hotels; die
Armen, denen wir mit graziser Nonchalence ein Almosen zuwerfen, die
Dienerschaft, welche wir mit vornehmer Impertinenz ignoriren und die Frauen
unsers Standes - Rivalinnen, mit denen wir eine Lanze brechen - und die
ebenbrtigen Cavaliere, Sklaven unserer hochadeligen Capricen, Spielblle
unserer phantastischen Herzensunersttlichkeit.
    O! das Leben ist schn auf diesen Hhen der Existenz! Wie die ewig
lchelnden, leichtlebenden Gtter des Olymps leben wir, und heien Dank sollte
das brgerliche Gros der Menschheit Denjenigen zollen, die ihm in ihren Romanen
ein Abbild unsers Daseins gewhrten, die ihm vergnnten die Portieren zu lften,
hinter denen sich unsere aristokratische Existenz, unsere nobeln Passionen
verbergen.
    Ich liebe die Gromuth in dem Charakter des Edelmannes, sie gehrt zu ihm,
wie der Helmstutz in seinen Blason; und ich schtze die Milde in dem Herzen
einer Frau, denn sie kommt ihr zu, wie die blagelben Handschuhe ihren
zierlichen Hndchen. So will ich, obgleich es mein Herz zerreit, untertauchen
in die schmerzlichen Erinnerungen meines Lebens und mich sacrificiren zum Besten
der Roture, die schon seit Jahren mit bldem, adorirendem Staunen den
miraculsen Schicksalen unsers Hauses folgte.
    Ich stamme von einem altgriechischen Hause ab, dessen Uranfnge sich in die
Zeiten des Deukalion verlieren. Der erste Ahne, dessen Name in den Registern
unsers Geschlechtes verzeichnet worden, ist Diogenes; seine Laterne, mit der er
Menschen suchte, leuchtet in unserm Wappen. Er hinterlie keinen mnnlichen
Erben, er selbst hatte in seiner schroffen, gewaltsamen Natur die Kraft ganzer
Generationen verbraucht. Nur eine Tochter blieb von ihm zurck. Ihr vermachte er
seine Laterne, sie segnete er in seiner Sterbestunde mit den Worten: Suche
einen Menschen, bis Du den Rechten findest.
    Dies mysterise Wort ist der Segen und der Fluch unsers Geschlechtes
geworden. An ihm sind die edelsten Herzen gebrochen. Die ganze wandernde
Rastlosigkeit, der ganze cynische Idealismus, oder soll ich sagen, der ideale
Cynismus und alle Abnormitten in dem Behaviour unsers Stammvaters sind auf uns
bergegangen, und machen heute noch die Grundzge unsers Geschlechtes aus, das
sich merkwrdiger Weise fast nur durch die Geburt von Tchtern fortpflanzt. Die
Laterne ist ein Dunkellehn geworden.
    Ich bergehe mit rcksichtsvoller Discretion das Leben der Frauen unsers
Hauses im Mittelalter. Man ist es sich schuldig gards zu nehmen und nicht
freiwillig dem blden Auge der Masse die partie honteuse seiner Familie
preiszugeben. Wie leicht knnten brgerliche Frauen, in deren rothe, von
schwerer Arbeit zerstrte Hnde mein Buch fiele, das edle, unbefriedigte Dasein
meiner Aeltermtter misverstehen. Wie knnte eine Frau, die sich begngt mit der
khlen Liebe eines brgerlichen Regierungsrathes und mit der waschenden und
kochenden Pflichterfllung in ihrer engen Sphre, das groe Leid einer Kaiserin
Messalina, einer Lucrezia Borgia, einer Knigin Johanna von Neapel verstehen!
Wie knnte sie die Schmerzen rastlos suchender, ewig unbefriedigter Liebe
verstehen, die in jenen Frauen so gewaltig wurden, da die glhende Liebe sich
in Ha verkehrte und die Fackel des Hymen sich verwandeln mute in den Dolch und
in das Schwert! O, es gibt furchtbare Sensationen, es gibt tragische Emotionen
in dem Dasein edler adeliger Weiber, von denen ihr Nichts wisset, die ihr in den
Thlern und nicht auf den Hhen des Lebens geboren seid!
    Aber die nivellirende Macht der Zeit hat auch unserm Geschlechte die
Titanenkraft gelhmt. Wir sind nicht mehr, was wir waren. Wir sind nervos
geworden in der engen Atmosphre der Stdte, seit wir herabgestiegen sind von
den Zwingburgen des Mittelalters. Wir haben das heilige Himmelsfeuer in unserer
Brust zu verbergen gelernt, wir mssen uns menagiren. Der Dolch ist unserer Hand
entfallen vor Schreck ber das plebejische Institut der brgerlichen Assisen,
unsere Empfindungen sind dieselben geblieben.
    Wir suchen heute noch das Ideal des Mannes, wie es unserer Phantasie
vorschwebt - und wir finden es nicht; wir drfen die Laterne in unserm Wappen
noch nicht verlschen, der Mann par excellence ist noch nicht in den Horizont
unsers Hauses getreten. Wir suchen ihn durch alle Lnder, durch alle Stnde -
vergebens! Wir finden den Rechten nicht, und doch mu er da sein, denn was
bedeutete sonst die mysterise Laterne unsers Ahnen? Was bedeutete sein Segen,
unsere mystische Devise? Wir, seine unglckseligen Tchter, sind die ewigen
Juden des Herzens; dieses Suchen hat die Herzen meiner nchsten Verwandten
usirt, die edle Toska Beiron, die geniale Faustine, die himmlische Grfin Renate
und meine gttliche Mutter Sibylle hatten ihre Herzen erschpft in vergeblichen
Liebesversuchen und ich - ich verzweifle an der Liebefhigkeit meines Herzens,
und ich mu dennoch die Liebe suchen. Das ist ein groes, tragisches Geschick!
    Das Leben meiner Mutter ist bekannt bis zu dem Zeitpunkte, wo ihr der schne
Engel, ihre Tochter Benevenuta, starb, dies Kind ihrer ersten Ehe. Benevenuta's
Vater, Graf Paul, war gestorben. Meine Mutter hatte den brillanten Grafen Astrau
geheirathet und sich von ihm getrennt, sie hatte gefunden, da er nicht der
Rechte sei. - Vergebens war es gewesen, da der geniale Musiker, der edle
Meister Fidelis, sie liebte, wie man Gott und die Sterne lieben wrde, wenn sie
sich in ihrer Unerreichbarkeit pltzlich als reizende, gefallschtige,
phantastische Weiber zeigten. Weder Astrau's: Sibylle, wach auf! mit welcher
Zauberformel er das Herz meiner Mutter aus seiner unmenschlichen und wohl darum
gttlichen Apathie zu reien strebte; noch Fidelis' tragische, verzweifelnde
Klage: Eine immense Seele, aber leer! hatten in dem Titanenwesen meiner
unglcklichen Mutter einen Funken wahren Gefhls hervorgerufen. Da schien es,
als ob des Jnglings, des Grafen Wilderich Liebe sie erwrmen wolle; aber war es
die Klte der Gletscher, in deren Nhe sie lebten, war es einer der
Zaubersprche, die ber uns schweben, meine Schwester Benevenuta liebte den
Jngling, und meine Mutter fhlte eine edle Aprehension, die Rivalin ihrer
Tochter zu werden. Sibylle resignirte und Benevenuta starb aus Gram, weil
Wilderich Nichts fr sie gefhlt hatte. Vielleicht waren aber auch die ewigen
Reisen meiner Mutter, auf denen Benevenuta sie von Kindheit an begleiten mute,
und der daraus folgende Wechsel des Klimas und der Lebensweise Schuld an meiner
Schwester Nervositt und ihrem frhen Tode.
    Meine Mutter glaubte zu sterben vor Schmerz und Leere. Die Aerzte frchteten
eine Verkncherung des Herzens fr sie, da alle ihre Anlagen sie zu diesem Uebel
prdestinirten. Die Luft Roms lastete erdrckend auf ihr, sie mute fort in die
Welt, wie meine Tante Toska es bezeichnet hatte, als der edle Sigismund Forster
um ihretwillen erschossen worden war. In die Welt, gleichviel wohin! rief
meine Mutter ihrem Couriere zu, als sie im Hotel Meloni an der Piazza di Popolo
zu Rom ihren Reisewagen bestieg; und da ihr Courier eine schne Grisette im
Quartier Latin zu Paris wiederzusehen wnschte, lie er den Wagen nach
Nordwesten fahren.
    Mit geschlossenen Vorhngen, die Fchen auf den Rcksitz gelegt und in
kostbare Kaschmirs gewickelt, ganz allein, so fuhr meine Mutter durch die
blhenden Fluren Italiens. Sie blickte nicht hinaus, denn ihre Seele war in ein
apathisches Hindmmern versunken. Sie sprach kein Wort, weder mit dem Courier
noch mit ihrem Mdchen, das seit zwanzig Jahren in ihren Diensten war. Wie
konnte sie auch sprechen mit Menschen aus jenen Sphren, die von den Elans einer
Seele, wie die immense Seele meiner Mutter, keine Ahnung haben.
    Es war im Sptherbste, als meine Mutter pltzlich das Halten ihres Wagens
bemerkte und, zum ersten Male seit Rom die Augen emporschlagend, sich vor dem
Hotel des Grafen Astrau zu Paris erblickte. Indignirt ber dieses Ereigni,
fragte sie den Courier, wer ihr das gethan habe. Der Courier sah sie ganz
verwundert an, er verstand nicht einmal ihren Zorn. In seiner brgerlichen
Einfalt hatte er gemeint, wenn die Grfin Astrau es ihm berlasse, sie in die
Welt zu fahren, so wrde es wol das Natrlichste sein, da er sie zum Grafen
Astrau bringe, von dem sie nur getrennt, nie geschieden worden war.
    Whrend meine Mutter noch in sich berlegte, was ihr zu thun belieben wrde,
ffnete ein Stallknecht das Portal des Hotels, eine elegante Gigue rollte daraus
hervor. Otbert Astrau in tiefer Trauer, schner und fascinirender als je, sa
darin, an der Seite seines Grooms, der eine Trauerlivre trug.
    Sibylle sehen, herabspringen, ihren Wagen aufreien und sie in seinen Armen
die breiten Treppen des Hotels hinauftragen, war das Werk eines Momentes. Meine
Mutter wute nicht, wie ihr geschah. Willenlos lag sie in den Armen des Grafen.
Seine Augen sprhten flammendes Leben in die erstarrten Glieder der wundervollen
Frau. Er warf sich vor ihr nieder, er strmte alle Glut seiner Phantasie, alle
Poesie seiner Dichternatur vor ihr aus. Er sagte ihr, wie er sie ersehnt seit
lange, er klagte ihr, da auch ihm seine Tochter, Arabella's Kind, pltzlich
gestorben sei. Sibylla's Thrnen um Benevenuta, die zu Eis erstarrt, sich um ihr
Herz gelegt, begannen zu schmelzen und zu flieen vor der Flamme seines Auges.
Sie fhlte ihr grausenhaftes Isolirtsein, der Magnetismus seiner Natur, der
Zauber seines ganzen Wesens begannen eine Reaction in ihr zu erwecken, und von
widerstrebenden Gefhlen angezogen und abgestoen sank sie, instinctiv seine
Hnde ergreifend, an seine Brust.
    Ein kurzes, traumstilles Glck folgte dieser Stunde. Ihm verdanke ich mein
Dasein. Aber kaum war ich geboren, als die Illusionen entschwanden, die sich
verhllend eine Weile, zwischen meine Mutter und die Wirklichkeit gestellt. Sie
hatte an Astrau's Liebe glauben wollen, sie hatte gehofft, er werde dennoch der
Rechte sein, nun das wilde Feuer seiner Jugend verraucht wre. Aber was konnte
fr Sibylle ein Otbert sein, der wie alle Rous, und ein Rou war er immer
gewesen, zu einem entschiedenen Materialisten geworden war. Der Tod seiner
Tochter, das Wiedersehen Sibylla's hatten ihm fr Momente einen Reflex seiner
Jugend gegeben, und blitzschnell hatte er combinirt, welche finanziellen
Resourcen eine Wiedervereinigung mit seiner immens reichen Frau ihm, dem armen
Weltmanne, gewhre. Meine unglckliche Mutter war dupirt, trotz der vielfachen
Erfahrungen, die ihr Leben ihr bereits gegeben hatte.
    Wenig Tage nach meiner Geburt starb mein Vater in einem Duelle, das er wegen
einer hbschen Tnzerin mit dem Redacteur eines oppositionellen Journales hatte.
Meine Mutter war in Verzweiflung, nicht ber den Tod ihres Gatten, denn dieser
erlste sie von einer freiwilligen Abhngigkeit, die sie gerade deshalb wie eine
doppelte Schmach empfand; aber der edle Stolz ihrer Seele war verwundet dadurch,
da der Mann, dessen Namen sie und ihr Kind tragen muten, sich mit einem
Brgerlichen geschlagen hatte. Sie blieb sich gleich in schner Marmorklte in
jedem Moment ihrer Existenz.
    Dieses Evenement rief ihren alten Herzkrampf hervor und in der Alteration
jener Tage verschlimmerte sich das Uebel der Art, da sie starb, noch ehe ich
getauft war. Friede ihrer Asche und Ruhe ihrer Rastlosigkeit!
    Sie hatte verordnet, da ich, zum Andenken an unsern Ahnherrn und als
Bezeichnung unsers tragischen Geschickes, das uns zu suchen und nicht zu
finden verdammt, Diogena heien sollte. O! wie ist der Name mir eine ominse
Vorbedeutung geworden.
    Meine Mutter hatte kurz vor ihrem Tode ein Testament gemacht, in dem sie
bestimmte, da ich, fern von dem Treiben und den Erregungen der groen Welt, auf
unsern Stammgtern im Norden Deutschlands erzogen werden sollte. Einer Freundin,
einem Frulein von Dornefeld, ward meine Erziehung bergeben. Diese wrdige und
treue Pflegerin war der entschiedenste Gegensatz von meiner Mutter. Sie hatte in
ihrer Jugend einen adeligen Referendarius geliebt, der frh gestorben war, noch
ehe er sie zum Altar fhren konnte. In treuer Liebe hatte sie den Witwenschleier
ber ihr Dasein geworfen und war still und einsam durch das Leben gegangen,
Hilfe spendend den Hilfsbedrftigen und berall sich einfindend, wo es irgend
eine Lcke auszufllen gab. Meine Mutter hatte ihre Bekanntschaft im Hause
unsers verehrten Verwandten des Bischofs von Bamberg gemacht, dem sie eine treue
Pflegerin gewesen war bis an sein Lebensende.
    Mit stummer Irritation hatte die gute Dornefeld die Exaltationen, das
Meteorartige in dem Wesen meiner Mutter angestaunt, das ihr bald miraculs, bald
monstrs erschienen war. Aber ihr ngstliches Staunen wich dem Gefhl des
Mitleids, als sie sah, wie unglcklich die Frau war, welche kometenartig die
Bahn an dem Horizont des Lebens durchstrmte. O! meine Grfin! hatte sie oft
gesagt, wie anders wre Ihr Loos geworden, htte man Sie frh an eine treue,
weibliche Brust gelegt; htte eine linde Frauenhand die wilden Strme dieser
Natur durch milde Liebe magnetisch calmirt. Und mit solcher Conviction hatte
sie diese Worte gesprochen, da meine Mutter sich derselben noch auf ihrem
Todtenbette erinnerte und mich der treuen Seele zu bergeben beschlo.
    Meine ersten Erinnerungen knpfen sich an unser Stammgut und an die
Dornefeld. Meine Mutter hatte gewnscht, mich von Allem fern zu halten, was
meine jugendliche Seele exitiren konnte. Sie hatte es der Dornefeld zur Pflicht
gemacht, fr eine krftige Entwickelung meines Krpers zu sorgen, und meinem
Geiste Zeit zu gnnen, sich innerlich zu developpiren, ehe man ihn nach auen
durch Wissenschaft und Kunst zu beschftigen suchen wrde. Nur Frauen sollten
mich unterrichten und in meiner nchsten Umgebung leben, denn meine Mutter
erinnerte sich, wie frh sich ihr Verhltni zu dem Meister Fidelis eigentlich
entfaltet hatte und wnschte mich davor zu bewahren.
    So fhrte ich ein wunderbares Doppelleben. Auf einer Seite klsterliche
Zucht und Einsamkeit, auf der andern ein wahrhaftes Elfenleben in Wald und Feld.
Da mein Krper durch Uebung entwickelt und dennoch mnnlicher Unterricht
vermieden werden sollte, whlte die gute Dornefeld eine Mademoiselle Rosalinde,
die frher Mitglied einer Kunstreitergesellschaft gewesen war, zu meiner
Lehrerin im Reiten, und lie eine Hallorin, Margarethe Feller, kommen, welche
mich im Schwimmen, Turnen und Schlittschuhlaufen unterweisen sollte.
    Rosalinde war eine ganz aparte Erscheinung. Sie war schn gewesen, war
adorirt worden von den brillantesten Cavalieren, bis ein unglcklicher Sturz vom
Pferde ihre ganze Existenz bouleversirte. Sie mute auf ihre Carriere renonciren
und, da in der Zeit, welche sie an das Krankenlager gefesselt verlebte, ihr
Geist sich mit Intensitt nach innen wendete, war der Wunsch nach einem reinen,
moralischen Wandel in ihr rege geworden. Sie hatte einen Geistlichen verlangt,
dieser hatte sie mit seiner Freundin, der guten Dornefeld, in Rapport gebracht
und so war sie von dieser in unser Haus aufgenommen worden, um sich zu erheben
durch ein ruhiges Leben und mich zu bewahren vor einem unruhigen, durch
mnnliche Leidenschaften getrbten.
    An Rosalinde hing ich mit tiefster Inclination. Wenn die gute Dornefeld mich
mit dem Nhzeug beschftigen wollte, so scheiterte ihr Bestreben an meinem
ganzen Naturell. Nicht als ob ich es nicht htte lernen knnen oder wollen; im
Gegentheil, ich begriff Alles spielend, aber die ganze Leidenschaftlichkeit
meiner Natur warf sich bald auf das Stricken, bald auf das Tapisserienhen, und
whrend ich Unerhrtes in Beidem leistete, whrend ich in einem Tage die Arbeit
von drei gebten Frauenzimmern verrichtete, rieb ich meine Krfte auf und
versank am Abend in eine Abspannung, die fast an Somnambulismus grenzte. Es ist
wahr, die Strmpfe, welche ich damals in der bewutlosen Geschftigkeit eines
Kindes strickte, hatten einen unwiderstehlichen Charme, eine Weiche, eine Wrme
und Leichtigkeit, die nie ein Anderer erreichen wrde. Die Blumen meiner
Tapisserie waren von einem Farbenschmelz, ich mchte sagen, einem Dufte, die fr
Naturen, welche mir sympathisch verbunden sein mochten, geradezu berauschend
waren. Meiner Umgebung blieb diese Erscheinung ein Rthsel! Ich begriff es
spter nur zu gut. Es ist gleichviel, auf welche Gegenstnde sich eine immense
Seele, wie die Frauen unsers Hauses sie besitzen, richtet; das Fluidum, das sie
ausstrmt, wirkt berall bezaubernd und dies ist der unglckselige Magnetismus,
der uns die Herzen der Mnner entgegenfhrt, der sie uns unterjocht, ohne unser
Zuthun, zu unserer furchtbaren Pnitenz; wir mssen die fremden Herzen
zertrmmern, weil wir selbst keine haben.
    Hatte ich meinen Tapisserie-Paroxismus ausgetobt, so sank ich mde nieder
und trostlos stand die gute Dornefeld an meiner Seite, denn sie wute in ihrer
Engelsmilde mit solcher impetuosen Natur, wie die meine, Nichts zu beginnen.
Dann kam Rosalinde wie mein guter Engel herbei. Sie hatte Erzhlungen, die mich
ganz anders ablenkten von mir selbst, als die stillen Vergimeinnichtkrnze,
welche die gute Dornefeld zu meiner Zerstreuung fr mich flocht. Sie erzhlte
mir von Paris, vom Cirque Olympique, von Franconi. Sie beschrieb mir ihr Costume
und ihre Triumphe; sie erzhlte mir von den Mnnern, die ihr gehuldigt hatten,
von tollkhnen Kunstreitern und sentimentalen Dichtern, von verschwenderisch
gromthigen Marquis, von knauserigen Bankiers, zrtlichen Offizieren, galanten
Diplomaten und von ganz bezaubernden Grafen. Ach! die Grafen waren von jeher
ihre und meine Passion. Ich wurde ebenso wenig mde zu hren, als sie zu
erzhlen. Ihre weichen, parfumirten Locken, ihre feuchtglnzenden Augen, der
Schmelz ihrer Zhne und das ganz eigenthmliche je ne sais quoi grflichen
Liebreizes schwebte vor meiner Seele und tauchte als festes Bild aus dem
Purpurgewlk der untergehenden Sonne fr mich hervor, wo andere, unbedeutende
Kinder den lieben Gott mit seinen Seraphim und Cherubim erblicken.
    Dann schwand die Abspannung, dann fiel ich meiner Rosalinde um den Hals,
befahl mein Pferd zu satteln und strmte, in dem Sattel stehend, an Rosalindens
Seite hinaus in das Freie, in die Welt, in die schne Welt hinein, wo die
bezaubernden, brillanten, irresistiblen Grafen waren. Mein Herz schlug dann
hrbar, die ganze Glut unsers Familiennaturells klopfte wie Frhlingsahnung in
meinen jungen Adern. Mir war, als msse ich fliegen, weit, weit ber die alten
Eichen hinweg, hinweg ber die Grenzen unsers Gutes, die Grafen zu suchen. So
mag einem jungen Wandervogel zu Muthe sein, den man im Frhling mit gestutzten
Flgeln zurckhlt, in der abominabeln Enge eines Kfigs. Hinter jedem Busche,
hinter jeder Hecke erwartete ich einen jungen Grafen hervortauchen zu sehen, und
wenn es dann ein Bauerbursche oder einer unserer Domestiken war, so vermehrte
dies Desapointement den instinctiven Degout, den ich gegen diese ganze Kaste
schon mit dem Leben von meiner Mutter geerbt hatte.
    Langte ich dann enttuscht und fatiguirt auf unserm Hofe wieder an, so mute
die gute Margarethe kommen, um mit mir zu schwimmen und durch das frische, khle
Element meine erschpften Krfte zu restauriren. Stundenlang hatte ich mich
gewhnt, im Wasser zu leben. Es war mir homogen geworden und ich bewegte mich
darin ganz mit demselben Behagen, mit welchem andere Kinder sich auf der Erde
ergtzen. Oft kehrte ich erst spt nach Mitternacht zu der gengsteten Dornefeld
zurck, die bleich, mit gefalteten Hnden da sa vor den Folianten, welche ber
die Erziehung des weiblichen Geschlechtes geschrieben worden sind, und Gott um
die Weisheit bat, das rechte Buch zu finden, die Zauberformel, einen Charakter
wie den meinen zu domptiren.
    Wenn ich sie dann so vor mir erblickte, mit den Spuren von Thrnen und
liebevoller Sorge um mich, in ihren guten, tristen Augen, dann schwand das wilde
Element in mir dahin. Aufgelst in Thrnen, voll von den besten Resolutionen,
kniete ich vor ihr nieder. Ich gelobte, sie nie wieder durch mein Auenbleiben
zu ngstigen, ich schwor, mich nie wieder dem Tapisserie-Paroxismus zu
berlassen, ich wollte das wilde Reiten, das vehemente Schwimmen und all meine
heftigen Alluren abandonniren. Ich bat sie, mit mir zu beten, damit ich von Gott
die Kraft erhalten mchte, meine Vorstze zu erfllen, und schlief zuletzt in
ihren Armen ein, um von den jungen Grafen zu trumen, die mir von den hchsten
Zweigen unserer uralten Eichen und aus dem Wellengrn unserer stillen Seen mit
feinen aristokratischen Hndchen ihre Liebesgre zuwinkten.
    So schwanden in unserer lndlichen Einsamkeit Tage, Monate und Jahre dahin.
Ein ganzes Corps weiblicher Lehrerinnen war allmlig auf unserm Gute installirt
worden und die Vortrge in den Wissenschaften hatten ihren Anfang, meine
Kenntnisse die rapidesten Fortschritte gemacht. Ich sprach alle lebenden und
todten Sprachen, ich kannte die Geschichte und Geographie wie ein Professor,
machte entzckende Verse und sang, zeichnete und tanzte wie ein Engel. Aber dies
Alles reichte nicht hin, mich auszufllen; in frher Jugend war ich geistig
blasirt, ich verlangte, weil mir das Lernen keine Mhe, sondern nur ein
Zeitvertreib, ein Lckenber war, immer nach mehr und immer nach Neuem. Endlich
fiel ich, als ich eben eingesegnet war und mein funfzehntes Jahr vollendet
hatte, darauf, Heraldik zu studiren. Die gute Dornefeld bernahm es, selbst sehr
bewandert in dieser Branche der Geschichtskunde, mich darin zu unterrichten.
Bald kannte ich alle Wappen aller adeligen Geschlechter der Welt, bis hin zu den
Braminen und Mandarinen Asiens. Ueberall wute meine Lehrerin mir freundlich
Aufschlu und sinnige Deutung zu geben; nur wenn ich sie fragte, was die
frappirende Laterne und die mysterise Devise meines Wappens bedeuteten, so
schlo sie mich mit schwermthigem Air an ihr Herz und sagte: O, meine Diogena,
forsche nicht! Es gibt Geheimnisse, welche Gott mit hoher Clemenz dem Auge des
Menschen cachiren will. Denke, dies sei ein solches und Gott wird Dich davor
bewahren, meine Diogena, da es sich Dir nicht zu Deinem Schaden von selbst
enthlle.
    Dies Mysterium aber ward mir zu einer wahren Tortur. Meine Seele fand keine
Ruhe mehr. Es war mein sechzehnter Geburtstag, als ich aufs neue in die
Dornefeld drang, mir das Geheimni unsers Wappens mitzutheilen. Sei es, da ich
es mit zu vehementer Art gefordert hatte oder auch, da sie durch eine
Entschiedenheit, die auerhalb ihres Naturells lag, mir ein fr allemal
imponiren wollte, sie refusirte es mir mit einer Hrte, die mich tdtlich
reizte. Ich strmte hinaus, warf mich aufs Pferd und jagte, als glte es ein
Fox-hunting, hinaus durch Feld und Wald. Ich hatte der Margarethe Feller, die in
meinem Dienste das Reiten erlernt hatte, befohlen, mich zu begleiten und meinen
Schwimmanzug mit sich zu nehmen.
    Es war bereits Abend, als ich, glhend von der gehabten Scene und dem
starken Ritt, an dem See anlangte. Ich warf mein Reitkleid ab, lie mir den
Schwimmanzug anlegen und strzte mich in die limpide Flut, die mich liebend
umschlo, wie eine Mutter ihr Kind an sich drckt, weich und doch fest und
verhllend. Ein zauberisches Abendroth war ber die frhlingsgrne Erde
ausgebreitet. Wohin man blickte, fielen rosige Streiflichter durch das
Eichengrn und glitzerten goldene Sonnenfunken durch die Luft. Ich schwelgte in
idealischem Naturgenusse, meine Seele hatte ein wunderbares Epanchement gegen
den Schpfer, wahre Jubelhymnen lebenskrftigen Vollgefhls stiegen aus meiner
Brust empor, die bereit war, sich neuen, lngst geahnten ekstatischen
Entzckungen zu erffnen.
    Da pltzlich drang ein unbekannter Ton an mein Ohr. Ich horchte auf! Ein
Posthorn! rief die Feller, welche von Halle her diesen Ton nur zu gut kannte.
Ich hatte in unserm von der Landstrae entfernten Schlosse nie ein Posthorn
erklingen hren. Noch einmal erschallte der Ton und ehe ich es erwartet hatte,
hielt ein eleganter Reisewagen an dem Ufer des Sees.
    Zwei Mnner saen darin. Der Eine, schon ber die Lebenshhe hinaus, trug
den Adel jener indestructibeln Schnheit, welcher der Vorzug aristokratischer
Geschlechter ist. Der Jngere - ach! noch jetzt schlgt mein Herz in schneller
Vibration, wenn ich mir die selige Emotion jenes Momentes vergegenwrtige.
    Beide Cavaliere, denn dies waren sie unwiderleglich, bogen sich weit zum
Wagen heraus, als sie mich erblickten, und der Jngere besonders schien ganz
bewildert durch meinen Anblick zu sein. Auch mochte er etwas sehr Ungewhnliches
bieten. Ich war damals in jener reizenden Periode des weiblichen Daseins, in dem
das Kind urpltzlich zum Weibe geworden, alle Grazie der Kindheit und allen
Zauber des Weibes in sich vereinigt. Der Rosa-Tricot, der mich umhllte,
verrieth, so weit das Wasser mich preisgab, die makellose Schnheit meiner
adeligen Gestalt. Meine goldblonden Locken hingen, wie mit brillantenen Reflexen
berset, auf meine Schultern herab. Die feinen schwarzen Franzen meiner
breiten, mchtigen Augenlider verschleierten die schwarze Iris meines Auges, die
weich wie Sammet, doch so brennende Glut in sich verbarg. Mdchenhafte Scham
trieb mich, mich vom Ufer zu entfernen, und doch hielt der flammende Blick aus
dem Auge des Jnglings mich magisch gebannt in seinem Zauberkreise. Nur mit
langsamen Sten schwamm ich der Mitte des Sees zu, und den Kopf zurckwendend,
sah ich, wie das Auge des jungen Mannes mir folgte, und hrte die Frage des
Aeltern, ob dies der Weg nach dem Schlosse sei?
    Kaum war der Wagen an uns vorber, als ich aus dem Wasser sprang, in
fiebernder Hast mich in die Kleider warf, das Pferd bestieg und in gestrecktem
Galop dem Schlosse zueilte. Als ich dort anlangte, saen die Fremden auf der
Terrasse vor dem Gartensaale. Ich wollte zu ihnen gehen, sie in meinem Hause
willkommen zu heien, als die Dornefeld mir entgegen kam.
    O, meine Diogena! sagte sie, wie glht Dein liebes Antlitz, wie funkelt
Dein Auge! In Dir bebt noch die ganze Erregung unsers heutigen Streites fort und
doch wollte ich, Du wrest jetzt ruhig und mild, denn ein werther, unerwarteter
Besuch ist uns geworden. Graf Mario und sein Sohn Bonaventura sind angelangt und
begierig, Dich zu sehen, mein Engel!
    So la uns zu ihnen gehen, rief ich, und flog mit der Leichtigkeit eines
Vogels die Treppe zur Terrasse empor. Vergebens erinnerte mich die Dornefeld an
die Unordnung meiner Toilette, ich beachtete es nicht. Ich hatte gehrt, da
Graf Mario sich, mde des Reiselebens, in unserer Gegend angekauft hatte,
nachdem seine Gemahlin, die geniale Grfin Faustine in das Kloster der vive
sepolte eingetreten war um anzubeten, immerfort anzubeten, und so dem Drange
ihrer innern Sehnsucht zu gengen. Sie war eine ltere Cousine meiner Mutter
gewesen und der junge Graf Bonaventura also mein Cousin  la mode de Bretagne.
    Ich hatte nie Jemanden von meinen Verwandten gesehen, ich war ohne
jugendliche Gespielen aufgewachsen, welch ein Wunder also, da es mich mit
warmer Sehnsucht den ersten Blutsfreunden entgegenzog, die ich erblickte. Mit
allem grazisen Elan meines Wesens trat ich ihnen entgegen und bot erst Mario
dann Bonaventura die Hand.
    Graf Mario schien bewegt von meinem Anblick. Er fuhr mit der Hand ber Stirn
und Augen und schlo mich dann, wie von unwiderstehlichem Impulse dazu
getrieben, an seine Brust.
    Verzeihen Sie einem Freunde Ihrer Mutter, theure Grfin! sagte er, wenn
die Aehnlichkeit mit dieser und die Aehnlichkeit mit meiner unvergelichen
Faustine mich bermannten. O! Sie haben die magischen Augen dieser Frauen, Sie
haben das unnachahmliche fascinirende je ne sait quoi, das Jenen eine so
zauberische Macht verlieh.
    So lieben Sie mich, Graf Mario! entgegnete ich, wie Sie jene Frauen
liebten. Denken Sie, ich wre Ihre Tochter! Ich habe meine Aeltern nicht
gekannt, ich habe einsam gelebt und ohne Liebe bis auf diesen Tag und ich sehne
mich nach Liebe.
    Ein tiefer Seufzer der armen Dornefeld unterbrach mich und erinnerte mich
daran, da diese Worte ihr wehe gethan haben konnten. Zerknirscht von Reue warf
ich mich an ihr Herz. Meine Dornefeld, rief ich aus, o! Du hast mich geliebt;
Du hast mich geliebt mit jener reinen, unirdischen Engelsliebe, wie die Seraphim
sie fr die Kinder haben, die ihrem Schutze anvertraut sind! Du hast meiner nie
bedurft und mir doch Alles gewhrt, Dich verehre ich, Dich bete ich an, Du bist
zu hoch fr meine Liebe.
    Wunderbares Kind! sagte Graf Mario, indem er mich befremdet betrachtete.
Und was denken Sie sich unter der Liebe, die Sie bis jetzt vermit und ersehnt
haben? Was verlangen Sie von ihr?
    Was ich verlange? wiederholte ich trumerisch und versank in ein
momentanes Nachdenken. Das hatte ich mir selbst niemals klar gemacht, mich
niemals gefragt. Mein ganzes Herz hatte das Wort Liebe wie ein Zauber erfllt;
wie die Gottheit dem Pantheisten das All ist, so war es mir die Liebe gewesen.
Jetzt, da die positive Frage an mich gerichtet wurde, da Bonaventura's Augen mit
sehnschtigem Ausdruck auf mir ruhten, da war es mir pltzlich, als erschlssen
sich die verborgenen Tiefen meiner Seele, als she ich in den aufgethanen
Schachten meines Herzens das funkelnde flammende Gold, die strahlenden
Brillanten und die blutrothen Rubine der Liebespoesie mir entgegenstrahlen, und
das ganze profunde Mysterium der Liebe enthllte sich mir wie durch eine
instantane Revelation.
    Ich schlug die mchtigen Augenlider empor und sagte, indem ich mit
prchtigem Stolze die Grafen abwechselnd anblickte: Was die Liebe sei, das wei
ich durch den Glauben meines Herzens so sicher, wie der Christ vermge des
Glaubens wei, da und was die ewige Seligkeit ist. Die Liebe ist das Einssein
von Zweien; ich hre auf zu sein, um in einem Andern erst wieder zu werden. Es
ist eine Regeneration, es ist ein Aufgehen in dem Geliebten, dessen ganzes Wesen
dafr mein eigen wird, mein eigen ganz und gar. Ein Mensch allein durchdringt
das Geheimni des Daseins nicht; aber Zwei vereint zu einer Liebe, die
durchdringen es. Die wirbeln sich empor mit der Lerche im Frhlicht der Sonne
entgegen, die lauschen dem schweigenden Pulsschlag der Erde in trumerischer
Nacht, die beherrschen mit mchtigem Zauberstab die ganze Skala der Gefhle, da
alle Accorde des menschlichen Daseins sich vor ihrem Willen zusammenfgen zu der
wahren Sphrenharmonie, deren ewiger Text das eine Wort ist Liebe! - O! die
Liebe! rief ich aus und sank todtenbleich auf den Fauteuil, der mir zunchst
stand.
    Der Graf, die Dornefeld eilten mir beizustehen, aber schneller als sie Beide
war Bonaventura zu meinen Fen niedergesunken, und meine Hnde in die seinen
pressend, rief er exstatisch: O, Diogena! Stirb nicht! Stirb nicht! Mein Ideal!
Ehe Du mich mit Dir emporziehst in Deinen Himmel der Liebesseligkeit, wo ich
fortan wohnen mu mit Dir, wenn ich nicht versinken soll in den Tartarus der
Verzweiflung!
    Ich sprang empor, ich warf meine Arme mit Enthusiasmus zum Himmel empor und
sagte: O! das ist der Klang der Stimme, auf den mein Ohr gelauscht, seit Tne
ihm vernehmlich wurden! Das ist sie, das ist seine Stimme, die Stimme par
excellence! -
    Wir lagen uns in den Armen, wir mischten unsere Thrnen miteinander, wir
erbebten unter den sen Schauern des ersten flammenden Kusses. Ein Augenblick
hatte zwei Existenzen indissolible verbunden.
    Graf Mario, die Dornefeld standen wie sprachlos dabei. Eine solche
Precipitation berstieg Alles, was sie je erlebt hatten, was man voraussehen
konnte. Wir knieten vor dem Grafen nieder, wir baten um seinen Segen, er schlo
uns gerhrt an sein Herz. Das ist Naturgewalt! sagte er, mge die Stunde eine
gesegnete sein, die Euch zusammenfhrte.
    Er sprach mit der Dornefeld von biensances, von meinem Vormunde, von der
Nothwendigkeit, ihn zu Rathe zu ziehen, wir hrten es kaum, oder hrten es doch
nur so, wie die seligen Bewohner des Jenseits das unheilige Gerusch des
Erdengetreibes vernehmen mgen.
    Bonaventura hatte mich hinabgefhrt in den Garten zu einer Bank unter dem
Schutze einer mchtigen Linde. Hier warf er sich abermals stumm vor mir nieder.
Hier betrachtete ich zuerst die ganze magnifique Schnheit seiner Erscheinung.
Er zhlte damals etwa zweiundzwanzig Jahre. Hoch und schlank aufgeschossen,
hatte er die ganze Flexibilitt und die wundervolle Eleganz der Jnglinge aus
altadeligen Geschlechtern. Dunkle Locken, schwarz wie die Flgel der
Rauchschwalbe, legten sich weich um seine geniale Stirn, und wie Sonnenstrahlen
aus dem spiegelhellen Blau eines Schweizersees, mit so limpidem Lustre tauchten
seine goldbraunen Augen aus dem verschwimmenden Weiblau der Netzhaut hervor.
Ich legte meine Hndchen auf sein Haupt und wollte den Mund ffnen, um in Worten
die ganze heie Flle meiner Seele auszuhauchen, da prete Bonaventura meine
Hnde urpltzlich fast gewaltsam an sich und sagte leise und mit vor innerer
Emotion fibrirender Stimme:
    O schweig, schweig! meine Diogena! Fhlst Du denn nicht, da die Seele des
Erdgebornen nur gradatim die Wonne des Himmels ertrgt? Fhlst Du denn nicht,
Diogena, da mich heute Dein bloes Anschauen auer mir wirft? Und willst Du
mich vernichten durch Ekstase, indem Du noch den Zauber Deiner Rede gegen mich
benutzest? Sei barmherzig, Himmlische, und schweige!
    Ich bebte vor Wonne, wie er selbst. Die ganze gefhrliche Macht solchen
Schweigens wuchtete sich ber uns und bedrohte mich mit seiner Gewalt. Wie ich
nun so dasa, eingewiegt in die berauschende Wonne seiner Nhe, so fhlte ich
dies Gefhl zu einer so excessiven Hhe erwachsen, da meine junge Natur in ganz
oppositionnelle Empfindung bersprang, und von einem Extrem in das andere
vaguirte. Ich brach in das inertinguibelste Lachen aus, soda Bonaventura mich
erschrocken fragte, was mir begegnet sei?
    O mein Bonaventura! rief ich aus, ist es denn nicht zum Lachen, da zwei
Sprossen altadeliger Geschlechter eine Verlobung feiern, wie die unsere? Wo ist
da eine Spur von Etikette, von Convenienz? Wo sind da alle Prliminarien solcher
Verbindungen? Aber das gerade entzckt mich. Das gerade ist absolut vornehm,
denn es ist ber alle Berechnung erhaben. So, ohne Frage um alle irdischen
Interessen, kann sich nur die Creme der Aristokratie verbinden, die wie die
Lilien auf dem Felde leben, ohne zu denken, da man arbeiten und sich kleiden
msse; dies ist nur der Elite der Menschheit mglich, bei der diese Rcksichten
fortfallen, bei der Reichthum und Adelsgleichheit und Sorgenfreiheit ein cela va
sans dire sind. O mein Bonaventura! La uns Gott danken, da wir zur Creme der
Aristokratie gehren und diese Wonnestunde unsers Lebens ohne arrire-pense
feiern und genieen knnen.
    Bonaventura stimmte mir aus voller Seele bei, als der Graf und die Dornefeld
uns zu suchen kamen und nun selbst lachen muten, da sie uns erblickten; denn
ein wunderlicher ajustirtes Paar hat wol nie in den Regionen, in denen wir uns
bewegten, seine Verlobung gefeiert. Bonaventura, der nach beendigten
Universittsstudien mehre Jahre auf Reisen gewesen war, kehrte jetzt von diesen
zurck. Sein Vater war ihm bis Berlin entgegengefahren, ihn auf seine Gter zu
holen. Bonaventura trug den bequemen sandfarbenen Paletot moderner Touristen,
die ungebleichte Leinwandweste, den grauen breitkrmpigen Filzhut und die
leichten Kamaschen, welche die Englnder, diese Meister des Comforts en vogue
gebracht haben. Ich hatte ein dunkelbraunes Reitkleid, das an einer Seite in die
Hhe geknpft war. Da ich alle Kleinlichkeit und alle Gne in meiner Toilette
hate, so mochte ich von Chemisetts und Cravatten und Manschetten und all den
tausend aimables riens, in denen andere Frauen ihre Freude suchen, Nichts
wissen. Ein breiter weier Kragen, der Hals und Brust frei lie, fiel ber meine
Schultern herab und war halb verdeckt von den Locken, die, durch das Wasser beim
Schwimmen geglttet und durch den Ritt noch nicht ganz getrocknet, in einer
prachtvollen Grazie, wie verdichtete Sonnenstrahlen um mich her funkelten.
    Der Haushofmeister erschien, uns zu melden, da der Thee servirt sei. Ich
hatte in der Wonne meines Herzens nicht gedacht, da es noch eine Theestunde auf
der Welt gbe und da jetzt, da ich so glckselig sei, noch Jemand auf Erden
essen werde. Wie erschrak ich also, als Bonaventura, mir seinen Arm bietend, um
mich in das Haus zu fhren, mit groer Zufriedenheit in die Worte ausbrach: O
vortrefflich, meine Diogena! Du sollst es sehen, wie ich Deine Gastfreiheit
benutzen will. Die lange Fahrt und all die heftigen Emotionen meiner Seele
machen ihr Recht geltend, und ich bringe Dir einen wahren Homerischen Appetit
fr unsere erste gemeinsame Mahlzeit mit.
    Das freut mich fr Dich! sagte ich, aber eine Wolke des Nichtverstehens
legte sich um meine Seele.
    Whrend wir an der Tafel saen, whrend Bonaventura mit groem Eifer der
Mahlzeit zusprach, und, alle leichten Confituren vermeidend, sich die festen,
nahrhaften, kalten Fleischspeisen aussuchte und dazwischen heiter mit seinem
Vater und mit mir von seinem Glcke sprach, weinte mein Herz im stillen Innern
die ersten bittern Thrnen herben Desappointements.
    O, er liebte mich nicht! Wie konnte er hungern und drsten gleich einem
gemeinen Menschen, der Mann, der eben erst von meinen Lippen den Nektar des
ersten Kusses getrunken, der begehrt hatte, ich solle schweigen, damit er nicht
der Wonne, dem Glcke erliege! Und jetzt sprach er selbst ganz heiter von den
gleichgltigsten Evenements, lobte den Thee und erzhlte von seinen Reisen comme
si de rien n'tait, und ich, ich, Diogena, sa an seiner Seite! und ich liebte
ihn! ich glaubte es wenigstens damals. O, was glaubt nicht ein candides Herz mit
sechzehn Jahren; was glaubt nicht eine Diogena, deren Wappen die Laterne ist,
und die den Rechten zu suchen prdestinirt ist von dem unerbittlichen Fatum.
    Thrnen traten mir in die Augen, ich vermochte nicht zu sprechen, ich konnte
Nichts entgegnen auf Alles, was mir Graf Mario Gtiges und Bonaventura
Zrtliches sagten. Was sie von meinem Vormunde, von seiner zu fordernden
Einwilligung zu unserer Verbindung, von meinen Gtern, von meinem Besitz und der
Verwaltung desselben sprachen, das verstand ich nicht. Das war ja auch Alles
ganz unaussprechlich indifferent gegen das groe Eine, unsere Liebe. Aber je
lnger wir beisammen waren, je mehr Graf Mario mit der Dornefeld ber den
Zustand meiner Unterthanen zu sprechen anfing, je eifriger hrte auch
Bonaventura auf diese Unterhaltung. Er sagte, die Leute seien bis jetzt mit
beispiellosem Mangel an Philanthropie, mit Hintausetzung all ihrer Interessen
behandelt; er sehe, da es ihnen an dem Nthigsten fehlen msse; er sprach von
Schulenanlegen, von Hospitlern und Gott wei, wovon noch - und ich sa an
seiner Seite, und all dies wste Gesprch fiel in meinen ersten seligen
Liebestraum hinein, um mich furchtbar schmerzlich zu erwecken. Was kmmerten
mich meine Unterthanen und ihr Elend oder ihr Glck? Was hatte mein prchtiger
aristokratischer Egoismus zu schaffen mit den Thrnen jener uneleganten,
rothhndigen Horden? Wie durften sie es wagen, ihre bleichen Jammergestalten zu
drngen bis in die Seele eines jungen Grafen, eines Bonaventura, der eine
Diogena liebte, dem eine Diogena sich gelobt seit wenig Stunden.
    Ich htte aufschreien mssen, bei dem ersten Versuche zu sprechen, und um
dies zu evitiren, fing ich zu essen an mit einer krampfhaften Vehemenz.
Bonaventura sollte nicht sehen, wie tdtlich ich litt; ich wollte ihm meine
furchtbare Alteration nicht zeigen; ich gnnte ihm nicht, die Regrets zu sehen,
die es mir erregte, da er mich nicht liebte. Aber ich stand noch nicht am Ziele
meiner Deceptionen. Mit Entsetzen ward ich gewahr, da das Essen mir delicis
schmeckte. Ich fhlte, da ich also Bonaventura nicht liebte, da ich ihn nicht
lieben knnte, nie lieben wrde; denn die Liebe, die ich ersehnte, die erhob den
Menschen ber solch niedriges Bedrfni, die emancipirte ihn von allem
Irdischen, so weit es sich nicht auf das geliebte Object bezog - und wir
soupirten Beide, und wir sollten uns heirathen, und ich hatte geglaubt, diesen
Menschen zu lieben.
    Graf Mario und Bonaventura bemerkten das Changement, das sich in mir
apparirt hatte, und mit jenen zrtlichen Soins, deren Naturen wie Bonaventura
capabel sind, drang er in mich, ihm den Grund meiner Verstimmung zu enthllen.
Ich schwieg standhaft. Da ich nicht glcklich sein konnte durch ihn, wollte ich
wenigstens so elend als mglich werden, denn meine immense Seele strebte
instinctiv nach dem Immensen und begehrte alle Radien der Seelenzustnde zu
durchlaufen. So nahm ich meine Resolution, heroisch mit dem Schmerze, statt mit
dem Glcke, den Anfang zu machen.
    Bonaventura war untrstlich ber mein Schweigen, was kmmerte mich das in
meiner Abgeschlossenheit? Ich fhlte, er war nicht der Mann, den ich ersehnt, er
war nicht der Rechte, nicht mein anderes Ich selbst. Er war ein Wesen, von dem
Fatum in meinen Lebensweg lancirt, um mich leiden zu machen. Ich nahm dies
fatalistisch auf mit stolzer Resignation, unbekmmert darum, ob auch Bonaventura
litt. Er war nur Nebenperson in diesen Schicksalswirren, deren Mittelpunkt immer
eine Frau ist, von der Trempe der Frauen unsers Hauses. Sie sind die Axe, um die
sich in stupender Willen- und Anspruchslosigkeit die ganze brige Welt zu drehen
hat.
    Graf Mario von seiner himmlischen Grfin Faustine und von meiner Mutter, der
wunderbaren Sibylle, an diese capricieusen Alluren der Frauen aus unserer
Familie gewhnt, sagte zu Bonaventura: La sie, mein Sohn, und stre sie nicht.
Ihr Geist hat nun einmal seine miraculsen Alluren, und wer eine Diogena zum
Weibe begehrt, mu sich bei Zeiten daran gewhnen. Man mu sie lieben, denn
dompliren kann man sie nicht.
    Oder man mu liebenswerth sein und von ihnen geliebt zu werden verdienen,
rief ich mit prchtiger Impertinenz, und eilte auf mein Schlafzimmer, wo ich in
bittere Thrnen ausbrach.
    Verwundert hatten mir die Grafen nachgeblickt.
    Am Morgen war ich mde und abgespannt von der durchweinten Nacht, das machte
mich anscheinend milder. Ich ging mit Bonaventura spazieren, ich hrte all
seinen Liebesworten, seinen philanthropischen Ideen, die sein ganzes Wesen warm
durchglhten, mit der Ruhe zu, mit der ein hoffnungslos Kranker, der seinen
Zustand kennt und resignirt hat, auf die Trostesworte seiner Freunde hrt. Seine
Liebesworte fand ich kalt, seine Menschlichkeitsprincipien, seine Ideen von der
Gleichheit menschlicher Berechtigung kamen mir wahnsinnig vor. Ich schwieg und
lchelte; der arme Bonaventura glaubte, ich sei glcklich.
    Man hatte einen Erpressen geschickt, um meinem Vormunde das Evenement zu
annonciren und seine Zustimmung zu erhalten. Sie langte am Abende des nchsten
Tages an. Unsere Verbindung war so wohl assortirt, da sie das Entzcken aller
Angehrigen machte. Die Hochzeit sollte in der Mitte des Sommers gefeiert werden
und dann sollten wir reisen, weil doch ein aristokratisches Ehepaar unmglich
ruhig an Ort und Stelle bleiben konnte. Mein Schwiegervater wollte whrend
unserer Abwesenheit die Verwaltung meiner Gter bernehmen.
    Ich bergehe die ersten Tage meines Brautstandes, den Abschied von meinem
Brutigam. Ein Gefhl apathischer Stumpfheit war ber mich gekommen. Manchmal
meinte ich, ich msse Bonaventura schreiben, da ich ihn nicht liebe. Dann nahm
ich die Feder zur Hand; aber kaum war es geschehen, so blickte von dem Papiere
mich sein goldglnzendes Auge an. Mir war, als drnge der Strahl bis tief in
meine Seele, ich fhlte seinen flammenden Athem meine Stirn berhren, seine Arme
mich an sich ziehen und seine Stimme hrte ich die Worte sprechen: Und Du
willst nicht mein Weib werden? Dann schien es mir, als msse ich zu ihm
fliegen, ihn um Verzeihung flehen, da ich ihn nicht anbete. Ich wollte ihn
heirathen, die Seine werden, aber - ich liebte ihn nicht. Ich fhlte mein Herz
klopfen in gesunden, krftigen Schlgen, ich hatte also ein Herz und doch liebte
ich den schnsten Mann nicht, den vielleicht die Erde je getragen hatte. Und
Bonaventura war geistreich, edel, gromthig! Ich war mir selbst ein Rthsel.
    Je nher mein Hochzeitstag kam, je mehr stieg meine Bengstigung. Da fiel
ich in meiner Angoisse darauf, mich an Rosalinde zu adressiren, die mir die
ersten Details ber die Liebe in den hhern Sphren gegeben hatte. Die gute
Dornefeld konnte mir nicht helfen, das fhlte ich klar. Ihre blde, bornirte
Weiblichkeit lag ganz auer den Grenzen einer Diogena; aber Rosalinden klagte
ich meine Noth. Sie hrte mir schweigend zu und sagte: Meine Comtesse! Wie Sie
ein adorabler, schuldloser Engel sind! Aber wer denkt denn daran in der
vornehmen Welt, seinen Mann zu lieben? Darauf konnte nur ein so candides
Geschpf kommen, wie meine holde Comtesse! Man heirathet seinen Mann, man wird
die Mutter seiner Kinder, aber man liebt ihn nicht; im Gegentheil, man findet
ihn unertrglich annuyant und er ist es auch; denn er denkt an materielle
Interessen, er will sich ein Sort machen, das Sort seiner Kinder sichern, den
Namen seines Hauses erheben und dergleichen. Er will ein Staatsbrger, ein
Landstand, oder gar ein Kosmopolit sein - Solch ein Wesen kann man ja nicht
lieben. Solch ein Wesen hat einen Schlafrock.
    Auch in der Aristokratie? fragte ich mit Entsetzen.
    Auch in der Aristokratie! bekrftigte Rosalinde unerbittlich, und fgte
hinzu: Einen Schlafrock und oft sogar Pantoffeln, und es raucht Cigarren am
Morgen und ghnt bisweilen am Abend, und liest Journale und ist in unserer Zeit,
da er gewhnlich Landbesitzer und Landstand ist, der ffentlichen Meinung des
brgerlichen Pbels unterworfen.
    Aber das ist ein Horreur! rief ich und schlug schaudernd die Hndchen
zusammen; aber ein solches Wesen kann man ja nicht lieben, das hat ja kaum Zeit
an die Liebe zu denken.
    Nein! es denkt auch gar nicht daran.
    Aber was soll ich denn anfangen! rief ich in Verzweiflung. Du siehst es,
Rosalinde, ich liebe meinen Brutigam schon jetzt nicht, weil der ganze knftige
Ehemann schon aus seinem Wesen hervorblht. Ich mu ihn ja hassen und
verabscheuen, wenn er wirklich ein veritabler Ehemann geworden sein wird. Was
soll ich dann beginnen? Sieh, meine Verzweiflung, Rosalinde, ist so bermchtig,
da sie meine Natur bouleversirt, da sie mich zwingt, sogar vor dir, die du mir
nicht ebenbrtig bist, mein Herz auszuschtten; fhle die Ehre, die ich dir
thue, hilf mir, rathe mir, wen soll ich lieben? Denn lieben mu ich!
    Ich schwamm in Thrnen. Ich hatte mich auf die braune Sammetcouchette meines
hellblauen Salons geworfen. In dunkelblaue Shawls gehllt, die mir von Schultern
und Armen herabgeglitten waren, sah ich mit meinen goldblonden Locken, wie ich
so auf der braunen Couchette dalag, wie Correggio's bende Magdalene aus, die
sich in bereuendem Schmerze auf den dunkelbraunen Steinen der Felshhle
niedergeworfen hat.
    Rosalinde kniete neben mir nieder, halb zu meinen Fen hingezogen von dem
Dankgefhl ber die Gnade meiner Confidenz, halb berwltigt von dem Zauber
meiner fascinirenden Schnheit. Sie kte meine fabelhaft kleinen Fchen und
sagte: O, Comtesse, menagiren Sie ihren gerechten Schmerz. Das Leben hat
Compensationen. Es ist wahr, es ist ein Horreur, da man einen Ehemann nicht
lieben kann auf jenen aristokratischen Hhen, aber es gibt Liebhaber,
bezaubernde, mige, magnifique Liebhaber, die Nichts thun, Nichts, absolut
Nichts, als lieben und diese Liebhaber liebt man.
    Man hat von Leuten erzhlt, die pltzlich von einem furchtbaren Schmerze
befreit, nach vielen langen, schlaflosen Nchten, mit einer fabelhaften
Spontaneitt in Schlaf versinken, und miraculs geheilt erwachen. So ging es
mir. Jener Revelation Rosalindens folgte seit meinem ganzen Brautstande der
erste ruhige Schlaf. Ich sah einen Hoffnungsstern leuchten durch die Nacht
meines Ehelebens und mit dem Blick auf diesen Stern kam Friede und Freudigkeit
in mein Herz.
    Ich hatte mit Zuversicht mein Jawort am Altare gesprochen, wir waren in die
Reisekalesche gestiegen und in Baden-Baden angelangt, bald der Mittelpunkt der
beau monde geworden, um den sich die Elite dieser Saison bewegte.
    Mein Mann fand viele seiner Reisebekanntschaften in Baden schon anwesend und
sehr begierig, mich kennen zu lernen. Schon am ersten Abend prsentirte er mir
drei junge Mnner, den Frsten Callenberg, einen Vicomte Servillier und einen
Lord Ermanby, mit denen die Ausflge fr die nchsten Tage verabredet wurden.
    Diese drei Mnner waren von sehr divergirenden Charakteren. Frst
Callenberg, der Sohn des Frsten Gotthard von Callenberg und der edeln Cornelie,
Witwe des Grafen Sambach, hatte ganz das wunderbar impassible Temperament seines
Vaters geerbt. Jahre lang hatte Frst Gotthard mit einer instinctiven, nie
encouragirten Treue an Grfin Cornelie gehangen, war ihr instinctiv gefolgt und
hatte constant geschwiegen oder im Halbschlummer vor ihr in den Fauteuils
gelegen, so lange Eustach Graf Sambach lebte. Da er in seinem Leben Nichts
wahrhaft empfunden, Nichts entschieden gewollt hatte, und doch von der
magnetischen Attraction der Grfin jahrelang wie ihr Schatten an sie gebannt
blieb, so prsumirte er, das werde wol Liebe sein. Er heirathete die Grfin nach
dem Tode ihres Mannes und nach der Verstoung ihres Liebhabers, des brgerlichen
Lenor Brand.
    Ich kannte zufllig diese Geschichten und Verwickelungen, und war durch die
superbe Herzensklte seiner beiden Aeltern zu Gunsten des jungen Frsten
prvenirt. Auch entsprach er vollkommen dem edeln Bilde, das ich mir von ihm
gemacht hatte. Stundenlang konnte er mit seiner Gigantentaille mir
gegenberstehen und mich regungslos anstarren, ohne eine Sylbe zu sagen, ohne
durch ein Zeichen zu verrathen, da er mir nur zuhre, wenn ich sprach. Aber so
wie ich mich erhob, stand auch er auf. Er trug meine Echarpe und meine Ombrelle,
er machte meinen Stallmeister, wenn ich reiten wollte, holte mir den Mantel aus
dem Wagen, sobald es khl wurde, und that all die Dienste, die bei ordinairen
Frauen ein indifferenter Lakei verrichtet, mit einer Devotion, mit einem Eifer,
da man sah, er werde durch den Impuls eines tiefen, sich selbst nicht bewuten
Gefhls getrieben.
    Ich kann nicht sagen, da diese Art der stummen Huldigung, so sehr sie bon
genre war, mich wesentlich interessirt htte. Ich gewhnte mich bald daran, den
Frsten mir folgen zu sehen, wie ein Planet seiner Sonne folgt, aber es lie
mich kalt. Nur wenn ich mit andern Mnnern sprach, wenn ich andern, brillantern
Mnnern einen Vorzug vor ihm gab, und eine Wolke schweren Depits sich ber das
impassible Gesicht des Frsten lagerte, dann machte es mir eine Art von Freude,
ihn anzublicken und zu denken, da ich selbst diesem Marmorherzen ein, wenn auch
nur momentanes und factices Leben einzuhauchen verstnde.
    Und brillanter war der Vicomte Servillier allerdings. Feurig,
phantasiereich, petillant und vacillirend, wie alle Kinder der Provence, glich
er auch in seinem Aeuern den sinnigen, glhenden Troubadours der cours d'amour.
Er machte entzckende Verse und sang sie vortrefflich nach selbst erfundenen
Melodien. Gleich, als mein Mann mir ihn vorstellte, sagte er mit einem Blicke,
in dem sich die ganze heie Innerlichkeit seiner Natur enthllte: Um
Gotteswillen, Bonaventura, wie kannst Du in dem Strahlenglanze dieser
Gttererscheinung leben, ohne zu frchten, da sie dich emporwirbelt von der
Erde hinweg in die flammende Sonnenregion, der sie entsprossen ist!
    Es lag allerdings etwas provencalische Jactance in dieser Interjection, aber
der Graf war diese von Servillier gewohnt und mich shnte die Wunderlichkeit der
Begrung mit dem Auffallenden derselben aus. Lord Ermanby sagte gar Nichts,
setzte sich schweigend nieder, den rthlich blonden Lockenkopf gegen einen
Baumstamm, die Fe auf einen Stuhl gelegt, den er hin und her balancirte,
whrend er den Knopf seiner Badine im Munde hielt. Er war ein Typus von good
breeding.
    Mein Leben ging nun seinen ruhigen Gang, wie das Leben aller Neuvermhlten.
Ich hatte Rosalinde mit mir genommen, da sie durch ihre frhere Liaisons mit
Mnnern der beau monde sich eine gewisse elegante Ausdrucksweise angewhnt
hatte, die sie mir ertrglicher machte, als andere gewhnliche Kammerjungfern.
Zudem besa sie aus der Zeit ihrer Seiltnzercarriere eine groe
Toilettengeschicklichkeit, war klug und mir mit vollkommener Treue attachirt und
hatte wirklich alle Qualitten einer ausgezeichneten Kammerfrau.
    Am Morgen ging mein Mann und ich an den Brunnen, wo wir unsere Freunde
trafen, dann pflegte Bonaventura in das Lesecabinet zu gehen und die
Tagespapiere zu durchblttern, auch Lord Ermanby und der Vicomte schlossen sich
ihm an. Nur der Frst besa den Vorzug eines echten, deutschen Cavalieres, sich
nicht im Geringsten um die Vorgnge in der Welt zu bekmmern. Die Welt, die
Tagesereignisse, Politik und Literatur interessirten ihn nicht; seine Gter
verwaltete ein Intendant, seine Revenuen wurden ihm zugeschickt, er fragte nicht
um Politik, nicht um Literatur, er lebte ein durchaus miges und vornehmes
Dasein.
    Diese phnomenal aristokratische Natur fing an, mich allmlig zu
beschftigen. Eines Abends kehrten wir um zwlf Uhr von einem Spaziergange in
unsere Wohnung zurck. Unsere Freunde hatten uns verlassen, wir waren seit
langer Zeit zum erstenmale allein, mein Mann und ich, und ich lie den Thee in
meinem kleinen Boudoir serviren.
    Es war ein comfortables, lauschiges Pltzchen. Grne Weinranken zogen sich
zu den geffneten Fenstern hinein und fielen bis auf den grnen Sammetdivan, auf
dem ich lag. Ich hatte ein weies Negligee bergeworfen, kleine blablaue
Atlaspantffelchen angezogen und lag nun so da, wie eine Nachtviole, die in
holder Schnheit bewutlos blht, unter dem sanften Strahl des Mondes. Eine
Astrallampe mit leichtem Ueberwurf verbreitete ein mildes Licht und unter der
silberhellen Theevase sprhte die kleine rthliche Flamme, in die ich
trumerisch blickte, als Bonaventura hereintrat.
    Er sah mich ganz bezaubert an und knieete zu mir nieder. Wie Du schn bist,
meine Diogena! sagte er, wie Du schn bist! wiederholte er und ergriff meine
Hnde, die er kte.
    Ich lie es schweigend geschehen. Bonaventura setzte sich auf den Divan
nieder und sprach: Nimm nur Deine Fchen in Acht, da ich sie Dir nicht
drcke, denn sie mssen mde sein, meine Diogena! Du bist heute miraculos
umhergewandert und ich selbst fhle mich fatiguirt.
    Ich legte mich schweigend mehr gegen die Wand zurck, um ihm Platz zum
Sitzen zu lassen, da rief er: Aber Diogena! warum antwortest Du mir nicht, mein
Engel! Warum soll ich den sen Ton Deiner Stimme nicht hren?
    Es gab eine Zeit, in der es Dir gengte, mich anzuschauen; eine Zeit, in
der Du zu erliegen frchtetest, wenn ich dies Glck noch durch den Zauber meiner
Stimme erhht htte.
    O, das war damals! sagte er scherzend, nun bin ich aber schon an Deinen
Schnheitszauber gewhnt, er ist mein eigen geworden und Du kannst mir die sen
Worte Deiner Lippen gnnen, ohne Furcht, da ich vor Seligkeit Dir sterbe, so
selig Du mich machst. Darin besteht ja die Wonne der Gewohnheit, meine Diogena!
    Ich bitte Dich, Bonaventura! verschone mein Ohr mit solchen Worten,
erniedrige mich nicht durch solche Reden. Als ob das Schne uns nicht ewig neu,
nicht ewig entzckend bliebe; als ob Sonne und Mond und Sterne, und die Natur
uns nicht ewig die gleiche Sensation einhauchten!
    Sonne, Mond und Sterne wohl, aber vielleicht grade darum, weil sie uns
unerreichbar sind, weil sie trotz unserer Sehnsucht, trotz unsers Verlangens,
nie zu uns herabsteigen. Thten sie dies und wrden sie unser eigen, wie ein
geliebtes Weib, auch der Besitz der himmlischen Gestirne wrde uns zu einer
sen, wenn auch unentbehrlichen Gewohnheit werden, meinte Bonaventura, und
wollte mich zrtlich in seine Arme ziehen.
    Ich machte mich aber mit einer prchtigen Indignation von ihm los und sagte:
Nun, so will ich wenigstens nicht dazu thun, Dir zur sen Gewohnheit zu
werden; ich will Dir lieber entbehrlich sein und ich bin es Dir schon, denn wir
Beide verstehen und verstanden uns nie.
    Diogena! um der Liebe willen, welche Anwandlung! rief Bonaventura, ganz
foudroyirt von meinem wundervollen Zorn.
    Nein, nein, Bonaventura! sagte ich, und schttelte schmerzlich lchelnd
mein Haupt, indem ich die rosigen Hndchen abwehrend gegen ihn bewegte, tusche
Dich nicht, Du liebst mich nicht, ich wei es. Du ermdest an meiner Seite. -
    Aber Diogena! wer kann wie Du Strapazen ertragen, die den strksten Krper
vernichten mten. Du hast heute zwei Stunden am Morgen promenirt mit dem
Vicomte, dann bist Du in brennender Sonnenhitze nach Karlsruhe gefahren, die
Museen in Augenschein zu nehmen, hast das Schlo, die Bibliothek, die
indifferentesten Kirchen durchwandert. Heimgekehrt bist Du auf die Iburg zu
einem Dejeuner geritten, dann zu Fu hinabgegangen. Wir haben in dem wsten
Menschengewhle des Htel d'Angleterre dinirt, haben einen langen Ritt ber
Lichtenthal hinaus in die Berge gemacht, zwei Stunden im Salon der Frstin
Orzelska getanzt, und schon, als wir nach Hause fuhren und ich vor Ermdung
zusammenbrach, hat Deine ble Laune ihren Anfang' genommen. Wohl Dir, da Du
trotz Deiner Irritabilitt und Nervositt dergleichen Fatiguen tglich erdulden
kannst, ich kann es nicht und will es nicht, und Niemand kann das.
    Der Frst Callenberg kann es dennoch, warf ich hin.
    Weil er nur ein Krperleben fhrt, nicht denkt, nicht fhlt und durch dies
wahnsinnig leere Treiben nicht zu Tode gelangweilt wird, wie ich.
    Und was denkst Du? fragte ich.
    Ich denke, da ich Dich davon erlsen, Dich einer edlen Weltanschauung
entgegenfhren mu, weil ich Dich, liebe Diogena! weil ich nicht leben kann ohne
Dein mildes, sonniges Lcheln; weil ich die Ekstase Deines Kusses nicht
entbehren kann! O, Diogena! wende Dich nicht von mir. Denke an den ersten Abend
unsers Begegnens, denke an -
    Spare Deine Worte, ich glaube Dir nicht mehr! sagte ich kalt. Du hngst
an der Erde, an der Zeit und ihren Interessen - die Liebe aber stammt vom Himmel
und ist unendlich. Sie kennt keine Zeit, die Menschheit kmmert sie nicht und
sie hat keinen Zweck als sich selbst. Solch eine Liebe mu ich finden, oder
untergehen; Du hast sie nicht, Du kennst sie nicht und kannst sie nicht bieten,
darum habe ich Nichts mit Dir gemein.
    Mein Busen hob sich in convulsivischem Weinen, meine Augen sprhten in
unerhrtem Lustre, ich glich einer zrnenden Gottheit und war irresistible. Mein
Mann warf sich vor mir nieder, er kte meine Fchen, er versprach, sich von
allen vernnftigen Interessen loszusagen, er wollte seine ganze ernste
Vergangenheit desavouiren und nur ein Leben der Liebe leben fr mich. Seine
Worte lieen mich kalt, seine flammenden Ksse machten mich fast schaudern, ich
war in Desespoir, mir selbst ein Gegenstand des Horreurs. Meine Kraft drohte zu
erliegen, da nahm Bonaventura mich in seine Arme, und leise weinend wie ein
mdes Kind, faltete ich trostlos meine Hndchen zum Gebete und schlief von
seinen Kssen berdeckt, in seinen Armen ein.
    Am Morgen erwachte ich in Zorn gegen mich selbst. Ich hatte keinen Glauben
in die Versprechungen meines Mannes und dennoch sah ich gleich an dem Tage, da
er Ernst mache, sie zu erfllen. Er besuchte das Lesecabinet nicht mehr, er
vermied alle Mnner von geistiger Distinction, mit denen er sonst zu conversiren
pflegte, er wich, wie Frst Callenberg, nicht von meiner Seite.
    Servillier, eitel wie alle Franzosen, hielt dies fr ein Zeichen von
Jalousie, fhlte sich dadurch geschmeichelt und vermehrte seine Attentionen fr
mich. Mich brachte dieses Benehmen meines Mannes in eine wunderbare Position.
Wollte ich nicht das Ridicule ber mich nehmen, von der Laune eines
eiferschtigen Gatten tyrannisirt zu werden, so blieb mir keine Wahl, als zu
zeigen, da ich frei sei, die Huldigung der Mnner anzunehmen. Ich schwankte,
welchen von meinen Adorateuren ich bevorzugen wolle, denn alle Drei waren mir
unaussprechlich indifferent. Da entschied ein Moment, ein Zufall meine Wahl.
    Bonaventura hatte nach wenig Tagen, da ihm seine sogenannten ernsthaften
Occupationen fehlten und ich unmglich in der Laune sein konnte, ihn in seinem
Attachement an meine Person zu encouragiren, angefangen sich furchtbar zu
langweilen. So oft ich nach ihm hinblickte, sa er mismuthig da und schon
mehrmals hatte ich ihn ghnen sehen, das machte ihn mir vollends insupportable.
Ich nahm gar keine Rcksicht auf ihn und es war mir ein Soulagement, als ich
bemerkte, da ein ganz unbedeutendes, schlichtes Frulein von Elsleben, eine
Cousine des Frsten, die mit ihrem Vater, einem preuischen Gutsbesitzer, eben
angekommen war, ihn zu beschftigen anfing. Sie war eine ganz gewhnliche,
weibliche Erscheinung, ein unschuldiges Kind, das fr mich dadurch ein Ridicule
bekam, weil der Vater sie immer meine Mieze nannte. Eigentlich hie sie
Aurora, nach ihrer verstorbenen Mutter; aber auch diese war von dem Vater
Mieze genannt worden und so fhrte er aus Piett den Namen auch in der Tochter
fort.
    Aurora zu Ehren war ein Dejeuner auf dem alten Schlosse veranstaltet worden.
Man ritt theils auf Eseln, theils zu Pferde hinauf. Mein Mann machte den
Cavalier Aurora's und that ngstlich um sie besorgt, whrend ihr Vater ihm
unablssig zurief: Geben Sie Acht, bester Graf! da meine Mieze nicht vom Esel
fllt; halte Dich fest Miezchen! Du bist noch nie geritten, so ein Esel ist eine
eigensinnige Bestie und keine bequeme Familienkutsche, in der man so sicher
sitzt wie in Abrahams Schoos; biege Dich weiter nach hinten, Miezchen! und wie
dergleichen Ermahnungen denn weiter hieen.
    Mich packte ein solcher Degout vor diesen ganz ignobeln Menschen, und vor
Bonaventura, den dies hchlich zu belustigen schien, da ich zu Servillier
sagte, der grade in meiner Nhe war: Um Gottes Willen, Vicomte, lassen Sie uns
absteigen und einen Fupfad einschlagen, denn die Anwesenheit dieser Menschen
macht mich nervos.
    Servillier bot mir die Hand, ich lie mich von meinem Pferde herabheben, und
wanderte mit ihm durch den Baumschatten den Berg in die Hhe; wie immer folgte
der Frst in gewisser Entfernung. Ganz gegen seine Gewohnheit schwieg Servillier
eine Weile, dann sagte er: Wenn ich Sie so ansehe, meine Grfin, so frage ich
mich immer, welch ein splendides Gestirn ber dem Grafen geleuchtet hat, da ihm
eine Diogena zu Theil ward; ja welches Gestirn ber diesem Jahrhundert leuchtet,
da Sie uns gegnnt sind.
    Sie sind grandios in Ihren Exagerationen, Vicomte! warf ich mit der
Gleichgltigkeit hin, mit der man solche banale Phrasen beantwortet und selbst
verschwendet.
    Meine Grfin! rief er aus, o, hren Sie mich an! - Er fhrte mich zu
einer der Bnke, die sich auf dem Wege fanden, nthigte mich darauf
niederzusitzen und legte sich mir zu Fen hin, whrend er anmuthig meine Hnde
hielt und sie mit spielender Grazie an seine Lippen drckte. Dann erhob er sich
etwas und sagte knieend: Madonna! Du mut ein Kind des Sdens sein! Nur der
Sden erzeugt solch glnzend poetische Erscheinungen wie Du! Im schnen
Griechenland stand die Wiege Deiner Ahnen; dort hat der goldene Sonnengott Deine
goldenen Locken angestrahlt, dorthin, nach dem Sden gehrt Deine flammende
Existenz! - O, Madonna! Du httest im Mittelalter leben mssen bei uns in der
schnen Provence, an den Ufern des blauen Meeres, die Knigin der Herzen und der
Cours d'amour!
    Ich hrte ihm schweigend zu und trumte mich zurck in die Tage, von denen
er sprach, in ein Zeitalter, in dem Liebe ein Cultus war, und man die Frauen wie
Gttinnen anbetete aus scheuer, blder Ferne. Ich fragte mich, ob das die Liebe
sei, die ich gesucht? - Servillier blickte mit seinen groen, brennenden Augen
so fest in die meinen, da es schien, als wolle er in den profundesten Tiefen
meiner Seele lesen. Ich empfand Nichts fr ihn, mein Herz war kalt und still,
aber ich erbebte vor seinem fascinirenden Blick, seine Glut dominirte mich. Ich
wollte mich erheben, er lie es nicht zu. Mit festen Armen umschlang er meine
Taille: Diogena! Madonna! rief er aus, nicht diesen kalten, herzlosen Blick,
der in das Weite vaguirt; auf mich, Diogena! wende Deine Augen. Sieh mich zu
Deinen Fen, fhle meine Arme, die Dich enlaciren, die Dich halten, um Dich
Deinem kalten, berechnenden Gatten zu entreien, Dich dem Norden zu entfhren,
wo Schnee und Eis sich um Dich lagern! - Diogena! mein Engel! folge mir in meine
schne Provence, denn Du mut folgen, Du mut mein sein; denn ich lasse Dich
nicht, auf mein Wort, ich lasse Dich nicht! Aber Diogena, Du hast kein Herz!
    Er hatte mich an sich gepret, mir schwindelte, meine Sinne drohten mich zu
verlassen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, ich wute nicht, ob ich trume
oder wache, glcklich oder miserabel sei. Ich empfand eigentlich gar Nichts und
willenlos duldete ich die strmischen Ksse und Schwre des Vicomte.
    Als ich mich erholte, fiel mein erster Blick auf den Frsten Callenberg, der
in einiger Entfernung stehen geblieben war. Mit der ihm eigenen Impassibilitt
und Discretion hielt er meinen Shawl und meinen grnen Fcher, und that, als ob
er sich mit diesem spielend gegen die Sonne schtze, nur um mir durch seine
unvermeidliche Gegenwart nicht  charge zu sein.
    In der Ferne erblickte ich meinen Mann und Aurora. So wenig liebte er mich,
da er mich ruhig den leidenschaftlichen Bewerbungen des Vicomte berlie, die
ihm nicht entgangen sein konnten. Das ganze Gewicht des schmerzlichen Irrthums,
der mich mit ihm verbunden hatte, die trostlose Leere meines Herzens an seiner
Seite, das passionirte Verlangen nach Liebe und Liebesglck standen in
frappirender Deutlichkeit vor meinem innern Auge. Alles, was Bonaventura mir zu
bieten hatte, kannte ich nun  fond, hatte ich ungengend gefunden. Ich wute,
da solche ekstatische Momente, wie er sie in den Stunden unsers ersten
Begegnens gehabt, eben nur Momente waren, die seinen modernen Ideen von der
Pflicht gegen die Zeit und die Menschheit immer weichen muten. Ich mute mir
gestehen, da er in den Augen der Welt ein sehr achtbarer Charakter, das Muster
eines jungen Edelmannes sei, aber er war nicht das Ideal eines Mannes, wie ich
es mir getrumt hatte, wie ich es zu finden berechtigt war. Ich fhlte, es wrde
mir nicht Ruhe lassen, bis ich den Rechten gefunden htte, und in diesem
Augenblicke ward mir, wie durch mysterise Revelation, der Sinn meines Wappens
klar und zum Lebensgesetze.
    Servillier hielt, wie vernichtet durch mein Schweigen, noch immer meine
Hnde in den seinen; eine tiefe Glut lag ber seinem ganzen Wesen ausgebreitet.
Eine dmonische Stimme in mir rief: Versuche, vielleicht ist er es. - Ich
blickte ihn fest an, ich wollte es mit meinem Auge in dem seinen lesen; meine
fascinirende Kraft magnetisirte ihn. Diogena! rief er mit einer solchen Gewalt
und Intensitt der Liebe, da der Ton tief in meinem Innern wiederklang; eine
Ahnung mglichen Erfolges durchzuckte mich, und berwltigt von einer namenlosen
Sehnsucht nach Glck, lehnte ich mein Haupt an ihn und sagte ganz bewildert: O,
wenn Du lieben kannst, lehre mich lieben!
    Und Du hast nie geliebt? fragte er, beseligt von dem Gedanken, der erste
Mann zu sein, der all die seligen Emotionen in mir hervorzurufen erwhlt war,
welche wir Liebe nennen. Du hast nie geliebt? O! Aber das ist ja zu viel Wonne!
zu viel! Madonna!
    Nein! Anatole! sagte ich, nicht zu viel fr das Gut, das ich von dir
erwarte; nicht zu viel, wenn Du ein Mann bist, wie ich ein Weib; wenn Du die
Kraft besitzest, das Perpetuum mobile meines Herzens zu sein, es unablssig in
der immer gleichen Vibration ekstatischen Vollgefhls zu erhalten.
    Und was mu ich dazu thun? Madonna!
    Wie kann ich's wissen, da ich's noch nicht fand?
    O! rief er, nun sollst Du's kennen lernen! Komm! komm! mein Engel! la uns
hinauf zu den hellsten Hhen des Berges! La uns hinauf ins Freie, und wenn die
Erde in ihrer zauberischen Schnheit sich vor dir ausbreitet, wenn die Sonne
Alles goldig beleuchtet, dann denke, da ich der Beherrscher der Welt sein
mchte, um Dir sie zu Fen zu legen, und da ich wollte, meine Liebe wre wie
die Sonne, um Dein ganzes Wesen zu beleben und zu durchleuchten, wie jene die
Welt.
    Mit einem Jubelrufe hob er mich in den Sattel und wir sprengten mit solcher
Eile den Berg hinan, da wir, trotz des Aufenthaltes, oben in den Ruinen vor
allen Andern angelangt waren. Zum ersten Male fehlte der Frst an meiner Seite.
Er war in einen wunderlichen Conflict mit sich selbst gerathen. Als wir seinen
Blicken entschwunden waren, fuhr er sich mit der Hand ber die Stirne, wie
Jemand, der einen wsten Traum getrumt hat.
    Diable! sagte er zu sich selbst! wie ist mir denn? Mir ist so warm, als
htte ich eine Wette gehalten beim Pferderennen, und htte die Partie verloren.
Aber was kmmert mich denn die Comtesse mit ihrer Miene  la sainte N'y touche;
mag sie doch lieben wen sie will, das ist des Grafen Sache. Was kmmert's mich!
Ich liebe sie nicht, aber dieser Servillier ist mir odios! Wo er nur mit ihr
sein mag?
    Verdrielich schlug er mit der Reitpeitsche gegen die zunchst stehenden
Bume und trabte meditirend und bler Laune den Berg in die Hhe.
    Wie im Rausche vergingen mir die nchsten Tage und Wochen. Anatole war wie
ein angezndetes Feuerrad, in rastlos brennender Bewegung. Er liebte mich
wirklich; er begriff die tdtliche Leere meines armen unersttlichen Herzens, er
begriff die Apathie, in die ich versank, wenn ich nicht ewig in immer neuen
Emotionen erhalten wurde. Er war erfinderisch, wie nur die wahre Leidenschaft es
macht. Unablssig hrte ich von ihm sprechen und immer in der Weise, welche fr
uns Frauen so viel Charmes hat. Bald sprach man davon, da er Unsummen an der
Bank pointirt und verloren oder gewonnen habe, bald hatte er, der magnifiqueste
Reiter, ein Racepferd acquirirt, das der Groherzog zu kaufen refusirt hatte,
wegen des enormen Preises. Da ich erklrt hatte, da die impassible Galanterie
des Frsten mir unertrglich sei, und da mich nur eine Huldigung entzcken
knne, die mich wie die Liebe meines Schutzgeistes unsichtbar umschwebe, wute
Anatole tausend Mittel ausfindig zu machen, um in meiner Nhe zu sein und
unbemerkt fr mich zu sorgen.
    Machte man eine Partie auf Eseln, so trat oft der Fhrer desselben, den ich
als einen bezahlten Menschen nicht beachtet hatte, leise an mich heran, als ob
an dem Sattelzeuge Etwas verdorben sei, und aus dem gewaltigen blonden Barte,
der ihn fr Jedermann unkenntlich machte, fragten mich Anatole's blhende
Lippen: Madonna, schlgt Dein Herz? - Aber Anatole's Anbetung fing an, die
allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen, nur mein Mann schien sie nicht zu
bemerken. Frulein Aurora dominirte als Sonne an seinem Horizonte und blendete
ihn so, da er fr mich kein Auge mehr hatte. Mein Stolz war auf das
Empfindlichste verletzt. Eines Tages fand mich Anatole in Thrnen.
    Der Glanz meiner Farben war wie erblichen, mein Antlitz sah wie ein klarer
weier indischer Mousselin aus, den man mit dem zartesten rosenrothen Taffet
gefttert htte; wie leichte blauseidene Plattschnrchen liefen die Adern
darunter hin.
    Du weinst, Madonna? fragte er. Bist Du nicht glcklich durch meine
Liebe?
    Ich liebe Dich nicht, Anatole! sagte ich. Ich kann Dich nicht tuschen.
Du bist brillant, Du bist sublime als Cavalier und Du liebst mich; aber fhle
es, mein Herz klopft ruhig und still. Meine Nerven versinken in ihre frhere
Apathie und in diesem Momente ist es allein der Depit ber meines Mannes
Vernachlssigung, der meinem Dasein noch einen Impuls, einen Anschein von Leben
gibt. Ach, ich fhle es, ich werde sterben, denn mir fehlt die bewegende Kraft
fr meine Existenz. Ich schlafe ein vor Unmglichkeit zu leben.
    Aber Madonna! rief Anatole in Verzweiflung, Du empfindest Nichts, Nichts?
Und ich verzehre mich in Gluten, die Deine Schnheit anfacht, Deine Blicke
nhren! Du erwiederst den Druck meiner Hand, Du duldest meine flammenden Ksse -
und Du liebst mich nicht! Du sagst, Du empfndest Nichts? Aber was soll ich denn
thun, damit Du lebst, statt zu sterben?
    Lehre mich lieben! Lehre mich frchten und hoffen, aufjauchzen und
verzweifeln, la mich die ganze Scala der Sensationen durchlaufen in dem
Gedanken an Dich, und mache, da dies nie, niemals ende und wie eine Sklavin
ihrem Herren will ich Dein eigen sein.
    Anatole kreuzte die Arme ber der Brust, sah mich mit einem langen
desidirten Blicke an, sagte mit gepreter Stimme: Leb' wohl, Diogena! und
sprang vom Balkon, auf dem ich sa, hinunter in den Garten.
    Ein furchtbares Zittern durchflog meine Nerven. Ich schickte, als ich mich
erholt hatte, meinen Diener in die Wohnung des Vicomte, mich nach seinem
Befinden zu erkundigen; man brachte mir die Antwort, er sei heimgekehrt, dann
ausgegangen und seine Domestiken packten seine Sachen, da er in einer Stunde
abreisen werde.
    Ich blieb ruhig und kalt wie immer. Er war mir eine Zerstreuung gewesen,
Nichts mehr, Nichts weniger. Dennoch fehlte er mir am Morgen und die Frage
meines Mannes, wo mein Cavaliere servente geblieben sei? die Auskunft, welche
die Gesellschaft von mir ber sein Verschwinden verlangte, hatten in der That
etwas Embarrassirendes.
    Ich hielt mit aller Sicherheit einer Weltfrau Contenance und Frst
Callenberg und Lord Ermanby benutzten den Zeitpunkt, ihre nicht beachteten
Prtensionen geltend zu machen. Ich war, nicht in der Stimmung, sie zu
encouragiren, dennoch nthigte mich meine wunderbare Position dazu. Von meinem
Manne gnzlich negligirt, von Servillier urpltzlich verlassen, mute ich die
sehr auffallende Lcke durch eine neue Wahl fllen und Servillier's Abreise
dadurch motiviren.
    Des Frsten war ich gewi. Er war eine jener seltenen Naturen, die niemals
ihren Posten verlassen; ich war so gewi ihn zu finden, wie den Reflex meiner
Person in dem ungetrbten Glase eines Spiegels, und zudem lag in dem
wunderlichen Wesen des Lords ein je ne sais quoi, das mich agacirte.
    Er selbst war dermaen ennuyirt und blasirt, da es fast das non plus ultra
dieses Genres war; aber ich habe nie einen Mann besser gekleidet gesehen als
ihn, nie einen Mann gekannt, der so vollkommen Gentleman war als er. Er hatte
nie versucht sich an die Stelle meines Mannes zu drngen, so lange er mich in
gutem Einverstndni mit diesem whnte, nie daran gedacht, die Rechte streitig
zu machen, welche ich Servillier spter zugestand. Dazu war er zu delicat, aber
dennoch glaubte ich, da er sie beneide, da er mich liebe und da ein Blick,
ein Wort von mir ihn glcklich und elend machen knne.
    Als Servillier abgereist war und ich am nchsten Morgen auf der Promenade
des Lords Arm annahm, war er ganz bewildert von diesem Glcke und nahm es als
ein Signal, mir von nun an ausschlielich seine Zeit zu weihen. Anfangs qulte
mich sein Phlegma unbeschreiblich, seine grenzenlose Schweigsamkeit
impatientirte mich, bald aber fand ich darin einen Reiz, den ich nie in der
Impetuositt des Vicomte empfunden hatte. Was kann ein Mann uns sein, der uns
unablssig die Gefhle seines Herzens enthllt, der nichts Verborgenes in seiner
Seele hat, den wir auswendig wissen?
    Mit dem Lord war das ein Anderes. Er sprach halbe Tage lang gar nicht und da
ich dennoch fest von seiner Liebe berzeugt war, so lag ein eigenthmlicher
Zauber fr mich darin, in seinem stillen, kalten Antlitz nach den Gedanken, nach
den Gefhlen zu sphen, von denen er bewegt war. Oft sa er mir dann Stunden
hindurch gegenber und der schaukelnde Stuhl und ein leises Ghnen verriethen
mir, da er lebe. Ich respectirte dies Ghnen; es war nicht, wie bei meinem
Manne, das Ghnen nach der Arbeit und Ermdung des Tages, das Ghnen der
Theilnahmlosigkeit, das mich so unsglich in ihm beleidigt hatte; es war jenes
erhabene Ghnen der Blasirtheit, der Leere, der tdtlichsten Langeweile, das mir
sympathisch war, das ich vollkommen begriff. O! und es ist auch ein Unterschied
zwischen dem Ghnen des Liebhabers und dem Ghnen eines Ehemannes! Das Eine
reizt unsere Eitelkeit, das Andere vernichtet sie; das Eine belebt uns, das
Andere ist der Tod.
    Lord Ermanby's Blasirtheit interessirte mich, denn sie war der Reflex meiner
eigenen Leiden. Ich hatte Erbarmen mit ihm, ich beschlo, Alles daran zu setzen,
diesen Unglcklichen zu galvanisiren durch die Macht meiner Gefhle, ich wollte
ihn glcklich machen und darin vielleicht selbst eine Befriedigung finden.
    Man sprach in jenen Tagen unablssig von Servillier's Verabschiedung und von
meiner neuen Liaison mit dem Lord. Mein Mann mochte es fr angemessen halten
mich darber zur Rede zu setzen und trat eines Abends mit aller Majestt eines
beleidigten Gatten in mein Zimmer, als Rosalinde grade einem neu engagirten
Kellner die Arrangements fr meinen Theetisch zu machen zeigte.
    Der Graf hie die Dienerschaft sich zu entfernen, der Kellner zgerte und es
frappirte mich, da er mit einer Art von Angst abwechselnd den Grafen und mich
betrachtete; indessen whrte das nur einen Moment, da Rosalinde ihn mit sich
hinauswinkte. Kaum waren wir allein, als der Graf sich frmlich in Position
setzte, um mir in aller Form zu imponiren.
    Diogena! sagte er, wir sind kaum zwei Monate verheirathet und schon ist
jedes Band der Liebe zwischen uns zerrissen. Wie soll das werden fr die
Zukunft?
    Handle nach Deinem Belieben, wie Du es ja auch jetzt thust! Oder hindere
ich Dich etwa dem blonden Frulein zu folgen von frh bis spt? sagte ich
stolz.
    Du bist prchtig in diesem Stolze, Diogena! fuhr Bonaventura auf. Du! Du
wagst es mir Vorwrfe zu machen? Und war es nicht Deine caprizieuse Klte, war
es nicht Deine ganz wahnsinnige Exigence, die mich von Dir trieben und meine
Neigung fr Dich erkalten machten? Zwei Monate sind wir verheirathet und schon
ist der Vicomte verabschiedet und der Lord an seine Stelle getreten, des
immobilen Frsten nicht zu gedenken!
    Und wer will es mir verargen, wenn ich in der Immobilitt des Frsten mehr
Reiz finde, als in Deiner Beweglichkeit, die sich durch den geringsten Schatten
am Himmel meiner Liebe verscheuchen lt? fragte ich spttisch, denn es
indignirte mich, da Bonaventura, der mir kein Glck gewhrt hatte, es wagte,
mir Vorwrfe zu machen, weil ich es anderwrts suchte.
    So wirst auch Du es begreiflich finden, da ich, wenn schon nicht Glck, so
doch Zerstreuung suche, und Herrn von Elsleben und Aurora auf einem Ausflug in
den Elsa begleite, bei dem ich Deine Anwesenheit nicht fordere. Auch bist Du ja
unter dem unwandelbaren Schutze des unwandelbaren Frsten, und also besser
geborgen, als durch die Liebe eines wankelmthigen Mannes, wie ich! - Ich reise
morgen frh!
    Mit den Worten verlie er mich und ich trat auf den Balkon hinaus, der in
den Garten ging, da sah ich den Lord lang ausgestreckt auf einer Bank unter
meinem Fenster liegen, das Lorgnon in das rechte Auge geklemmt, die Cigarre im
Munde, sehnschtig nach meinem erleuchteten Fenster emporblicken. Er stand auf,
grte mich und ging von dannen. Der Gru that mir wohl, denn in jener Stunde
bedurfte ich eines Liebeszeichens, weil ich traurig war.
    In der Morgendmmerung hrte ich den Wagen des Grafen ber den Hof rollen
und seine Stimme verschiedene Befehle geben. Nun war ich allein, ich fhlte mich
frei, wie in den Tagen vor meiner Verheirathung und beschlo eine
Morgenpromenade zu machen. Ich schellte nach Rosalinde, der neue Kellner kam mir
zu melden, sie sei in der Nacht erkrankt und der Arzt geholt, der ihr befohlen
habe im Bette zu bleiben. Das desappointirte mich, indessen machte ich selbst
meine Toilette und ging aus, mit dem Befehle, den Lord zum Frhstck zu mir
einzuladen.
    Ich war noch nicht tausend Schritte von unserm Hotel entfernt, als der Frst
erschien, mir seinen Arm und seine Dienste anzubieten. So anerkennenswerth diese
ewig wache, unermdliche Frsorge auch sein mochte, so war es mir in dieser
Stunde fatal, da ich keinen Moment ohne ihn sein konnte, sobald ich mein Zimmer
verlie, und in ziemlich bler Laune, sagte ich: Aber um Gottes Willen, lieber
Frst! sind Sie denn wirklich mein Schatten? Kann ich denn nie sicher vor Ihrer
Begleitung sein? Nie einen Augenblick allein der Natur genieen?
    O! meine Grfin! sagte er, thun Sie als existirte ich nicht. Sie sind
allein, wenn Sie es sein wollen und ich bin da, wenn Sie es begehren.
    Aber werden Sie es denn nicht mde, mir ohne Lohn, ohne Hoffnung zu folgen,
Nichts zu thun, Nichts zu denken, als - -
    O, meine Grfin! ich that und dachte niemals Etwas, auch ehe ich Sie sah,
und jetzt denke ich an Sie.
    Und das befriedigt Sie?
    Vollkommen!
    Und Sie fragen sich nie, ob - -
    Ich frage mich Nichts. Ich sehe Sie an, Sie sind schn, und ich folge
Ihnen, um Sie anzusehen. Der Graf, der Vicomte berauben sich freiwillig dieses
Glckes, so geniee ich es dreifach. Und nun gehen Sie allein spazieren, ich
folge Ihnen in einiger Entfernung, aber nur so fern, da mein Blick Sie
erreichen kann, denn Sie sind schn, meine Grfin!
    Unbegreiflich! sagte ich zu mir selbst. Ich gehe aus, die Liebe zu suchen
und finde die Treue - aber das ist bleiches Silber fr strahlendes Gold! Ich
versank in schwermthige Trumereien und wanderte fort weit ber Lichtenthal
hinaus, dem kleinen Wasserfalle zu, und wieder zurck nach Baden, ohne da der
Frst sich mir genhert oder ein Wort mit mir gesprochen htte. Als ich die
Treppe vor meinem Hotel erreicht hatte, sah ich, wie er, eine starke,
schwerfllige Gestalt, sich mit dem Battisttuche die Stirn trocknete und
erschpft auf einer Bank Platz nahm, von der aus er meine Fenster und die Thre
des Hotels beobachten konnte.
    Ich erkannte mein Zimmer nicht wieder, als ich es betrat. Es war auf das
Eleganteste mit Blumen decorirt und ein superbes Album mit meinem Namen lag auf
meinem Schreibtische. Ich schellte dem Kellner und fragte, wer die Sachen
hierhergebracht htte? Er behauptete, sie wren ihm von einem Grtner gebracht
worden, mit dem Bemerken, ich htte sie gekauft.
    Gleich darauf kam der Lord. Da er gar nicht frappirt schien durch die
Blumenflora, die am Tage vorher nicht vorhanden gewesen war, drngte sich mir
natrlich der Gedanke auf, da es eine Galanterie von ihm sei und ich beeilte
mich, ihm dafr zu danken.
    Er hatte sich in eine Couchette geworfen und sah mich mit seinem gewohnten
kalten Blicke an. Wovon sprechen Sie, theure Grfin! fragte er, ich verstehe
Sie nicht.
    Von der liebenswrdigen Attention, welche Sie fr mich an diesem Morgen
gehabt haben, von den Blumen, welche ich Ihrer Gte verdanke und von dem
superben Album.
    Haben Sie Blumen erhalten?
    Aber mein Gott, Mylord, sehen Sie denn nicht, da mein Zimmer in ein
kleines Indien verwandelt ist?
    Ich habe mich nicht umgesehen und bin Indien sehr gewohnt! antwortete er
ruhig, whrend er sich sein Toast mit Butter bestrich, da man indessen das
Dejeuner servirt hatte.
    So waren Sie es nicht, dem ich die angenehme Ueberraschung verdanke?
    Unmglich, theure Grfin! Ich habe bis jetzt geschlafen.
    Bis jetzt? in diesem wundervollen Wetter?
    Wundervolles Wetter ist mir sehr indifferent, nur schlechtes Wetter ist mir
horrid. Zudem sind die Tage so lang!
    Aber die Welt ist auch gro und schn! sagte ich.
    O, theure Grfin! Ich kenne die Welt schon, ich habe sie schon zweimal
umschifft, habe Alles gesehen, nun kann ich doch nicht immer von Neuem anfangen.
Das ist langweilig fr mich und darum verschlafe ich gern einen Theil des Tages!
Das ist bequem!
    Und Sie sehnen sich nach keiner andern Existenz? fragte ich ihn, frmlich
erschttert durch seine Ruhe.
    Wie kann ich mich nach Etwas sehnen, das ich fr unmglich halte? Aber
lassen Sie den Thee nicht zu lange brhen, theure Grfin! das macht ihn
ungeniebar.
    Ah! rief ich, erfreut davon, da dieser Mann doch wenigstens in dieser
Kleinigkeit die Spur eines Wollens oder Nichtwollens verrieth, so ist Ihnen
doch nicht Alles gleichgltig, Mylord!
    Alles bis auf den Comfort! sagte er, behaglich den Thee schlrfend, den
ich ihm prsentirt hatte.
    Es entstand eine lange Pause, er trank mit groem Genusse und ich
betrachtete ihn mit Staunen. Ich fand die Resignation adorable, mit der er ein
so trostloses Dasein wie das seine ertrug. Ich fing an, ihn zu achten, ihn zu
beklagen; pltzlich fiel mir ein Gedanke sternenhell in die Seele und schnell
sagte ich: Beantworten Sie mir eine Frage. Wenn Ihnen Alles indifferent ist,
wenn Nichts Sie fesselt, welches Interesse haben Sie, mir zu folgen?
    Die Neugier, theuerste Grfin!
    Die Neugier? wiederholte ich.
    Ja! die Neugier zu wissen, wie Sie ein gleiches Schicksal wie meines, dem
Sie entgegengehen, ertragen werden. Es ist langweilig, blasirt zu sein und doch
zu leben, es erfordert Kraft, Heroismus und ich mchte wissen, ob Sie die
haben.
    Und was werden Sie thun, Mylord? fragte ich.
    Leben! antwortete er, und tranchirte ein Cotelett.
    Mir schauderte und der Lord imponirte mir. Ich gestand ihm das freimthig.
    Das wundert mich nicht, entgegnete er, das ist mir schon oft begegnet,
aber es freut mich von Ihnen, dabei empfinden Sie doch Etwas und das gnne ich
Ihnen.
    Und Sie empfinden Nichts? gar Nichts, Mylord? Sie haben keinen Wunsch?
    O doch! Ich mchte mit Ihnen zusammen sterben. Ich dachte mir es gestern,
als ich Sie Abends so schn dastehen sah, in der Lampenbeleuchtung, welche aus
Ihrem Zimmer auf den Balcon fiel. Sie sind die schnste Frau, die ich seit lange
erblickte. Ich mchte wissen, wie dieses schne Antlitz in der Agonie des Todes
aussieht; ich mchte wissen, was ich empfnde, htte ich das schnste Weib
umgebracht, um deren Besitz andere Mnner alle Thorheiten der Welt begehen
wrden - und wte ich das, dann, glaube ich, mchte ich selbst sterben wollen,
weil ich dann Nichts mehr finden mchte, was meine Neugier reizte.
    O! Du bist entsetzlich, Mann! rief ich zitternd vor nie gefhlter Emotion,
aber Du bist ein Mann! Warum fanden wir uns nicht frher? Warum lernte ich Dich
nicht kennen, als Dein Mnnerherz noch nicht alle seine Pulsschlge des Wollens,
des Wnschens und Begehrens verlernt hatte, als noch die Liebe Dir das Leben zur
Lust machen konnte? O, das Fatum ist unerbittlich in diesem entsetzlichen
Zuspt! Eine Gigantenseele eristirte hienieden und ich fand sie zu spt! Aber
warum kamst Du nicht frher, warum fanden wir uns nicht?
    Der Lord sah mich mit starrem, festem Blicke an, setzte die Theetasse nieder
und sagte nach einer Pause innerlicher Meditation: Man hat mir in Kairo von
Saaten erzhlt, die Jahrtausende hindurch in den Pyramiden gelegen hatten und zu
blhen anfingen in Frhlingsfrische, als sie dem Lichte der Sonne wieder
exponirt wurden. Bist Du die Sonne, Diogena, da Du in meinem Herzen ein neues
Blhen hervorrufst? Es wre remarquabel wie jenes!
    Indolent wie immer, blieb er in seiner Couchette liegen, die er bis zu
meinem Sopha heranrollte, dann ergriff er meine Hndchen und zog mich empor, so
da ich vor ihm stand.
    Ich glaube, wir lieben uns! sagte ich, ohne recht zu wissen, was ich
sprach.
    So scheint es mir, entgegnete der Lord, indem er meine Hnde und Arme mit
seinen Kssen bedeckte.
    In diesem Momente erscholl im Nebenzimmer ein heftiges Geklapper, ich fuhr
erschrocken empor und der Lord sagte mismuthig: Aber, theure Grfin! wie
uncomfortable ist Ihr Arrangement, da man durch Gerusch beleidigt wird in
Stunden, in denen die Seele der Ruhe bedarf! Aendern Sie das fr die Zukunft.
    Es war der neue Kellner gewesen, der eine Tablette mit verschiedenen
Gerthschaften zur Erde geworfen hatte. Als ich ihm Vorwrfe deshalb machte,
trat er dicht an mich heran und sagte so leise, da es nur fr mich vernehmbar
war: Madonna! noch ein Wort mehr und Ermanby und ich sind Beide verloren!
    Ich bebte zusammen! Es war der Vicomte, der in dieser mysterisen
Verkleidung sich wieder in meine Nhe introducirt hatte.
    Ich war wie vernichtet, ich wute mir nicht zu helfen, keinen Ausweg zu
finden. Eine innere Stimme sagte mir, opfre den Mann, den Du nicht liebst, fr
den, den Du liebst! Aber das war eben die Verzweiflung, ich liebte sie Beide
nicht, ich sah es mit erschreckender Deutlichkeit in diesem Momente. Und doch
rhrte mich die Devotion des Vicomte, doch interessirte mich Ermanby's Apathie,
doch lag ein belebendes Element in der Gefahr meiner Position, das mich anregte
wie der Schall der Kriegsdrommete den jungen Krieger, der sich thatendurstig
nach Schlachten und Kmpfen sehnt.
    Liebe ist Gehorsam! Liebe ist Glaube! sagte ich leise zu Servillier.
Verlassen Sie mich, Anatole, wenn ich an Ihre Liebe glauben soll.
    Er that, wie ich es verlangte. Ich athmete auf, soulagirt von der Angst
dieses Momentes, und entzckt ber die schne Hingebung des Vicomte. Der Lord
hatte nicht einmal den Kopf gewendet, er sah ruhig auf seine Fuspitzen nieder,
pltzlich fragte er mich:
    Wann wollen wir reisen, Diogena?
    Reisen? wiederholte ich verwundert, und wohin?
    Gleichviel!
    Aber wozu denn?
    Um mit einander zu sein, so lange es uns Freude macht, so lange wir uns
lieben.
    Und dann? Und wenn wir uns nicht mehr lieben?
    Dann trennen wir uns oder versuchen, ob es uns tentirt zusammen zu
sterben! sagte er mit einem Gleichmuth, vor dem ich schauderte. Wie konnte ein
so junger Mann bereits alle Quellen des Lebens erschpft haben! Bot denn das
Leben so wenig oder war er einer der Titanen, die den schumenden Becher schnell
bis auf seine Hefe leeren, um ihn dann mit Degout von sich zu schlendern? Was
fr trostlose Erfahrungen, was fr Deceptionen mute er erlitten haben, um nicht
mehr an Liebe, an Freude zu glauben, um nur im Tode einen neuen Reiz fr seinen
Geist zu finden! Ich dachte an mein eigenes unverstandenes Dasein, ich fragte
mich, wie, wenn wir Beide berufen wren, die trostlose Leere zu fllen, die wir
fhlen? Er fesselte doch wenigstens mein Interesse, er gab meinen Gedanken eine
Richtung, er machte mir Furcht.
    Ich setzte mich an seine Seite und sagte, indem ich zu lcheln versuchte:
Sie erwarten schwerlich, da ich Ihren Reiseplanen beistimme, Mylord! Ich bin
Graf Bonaventura's Frau -
    Das eben reizt mich, meinte Ermanby. Ich mchte wissen, wie er sich dabei
betragen wrde, wenn sein Freund ihm seine Frau entfhrte; die Deutschen sind so
troublesome in diesen Angelegenheiten.
    Und wenn ich nun dennoch fest erklrte, nicht reisen zu wollen?
    So wrde ich nicht weiter darauf bestehen.
    Und Sie behaupten, da Sie mich lieben?
    Ja, Diogena! ich liebe Dich! - O! rief er pltzlich und ein Feuer, wie ich
es nie in ihm gesehen hatte, flammte ber sein ganzes Wesen empor, o, Diogena!
la den Funken unter der Asche schlummern, die sich ber mein Herz gelegt hat.
    Er stand auf, seine Bewegungen waren ganz Nerv und voller Energie. Er ging
heftig im Zimmer auf und ab. Pltzlich blieb er vor mir stehen und sagte: Es
war eine Zeit, in der ich an das Leben glaubte, in der ich die Liebe erstrebte
und die Treue erwartete, weil ich selbst treu war. Damals hatte ich eine Braut,
so rein, so hold, wie das erste Weib, das hervorging aus den Hnden des
Schpfers. Sie war mir verlobt und entfloh mit meinem Bruder, den ich geliebt
hatte mit allen Fibern meines Herzens. Ich gab den Beiden ein Rendez vous auf
der Insel Chios, mein Bruder - - doch wozu dies? rief er und ging wieder mit
groen Schritten auf und nieder. Eine dunkle Wolke hatte sich ber seine Stirne
gelagert, es war etwas Dmonisches in ihm, ich konnte meine Blicke nicht von ihm
wenden.
    Bebend vor angstvoller Erwartung fragte ich leise: Und wo ist Ihr Bruder?
    Er starb auf Chios antwortete er kalt und tonlos.
    Und das Mdchen?
    Ueberlebte ihn nicht lange!
    Eine dumpfe Pause trat ein, whrend welcher der Lord seine heftige Wanderung
in meinem Zimmer fortsetzte. Ich wagte nicht zu sprechen, ich war dominirt von
der miraculsen Empfindung, welche die Vgel zwingt, der Anakonda in den Rachen
zu fliegen, die ihnen todbringend ist. Nach einer Weile setzte sich der Lord so
ruhig neben mich nieder, als wre nie eine Emotion durch seine Seele gegangen.
Er nahm meine Hand und sagte mit seiner gewohnten, glacialen Klte: Diogena!
hre mich recht an; es ist Ernst, was ich Dir sage. Du bist so schn, da Deine
Schnheit wie die Sonne alle Nebel, alle Gewitterwolken zerstreut, die sich ber
mein Leben gelagert haben. Mir ist, als liebte ich Dich, als wre mir Deine
Liebe wirklich noch ein Besitz, welcher der Mhe, ihn zu empfinden, werth wre.
So will ich Dich denn besitzen. - Verstehst Du mich nicht, Diogena? Willst Du
mein sein im Leben? Oder wollen wir sterben zusammen, noch heute, noch in dieser
Stunde?
    Mir war, als ffne sich eine neue Welt meinen Augen. Aber dies war ja ein
Mann, wie ich ihn gesucht hatte; ein Mann, der Nichts verlangte vom Leben, als
Liebe. Ich fragte mein Herz, was es fr ihn empfnde. Es schwieg wie immer.
Meine Phantasie war occupirt durch ihn; ich fhlte, da ich die Seine werden
knne, mit jener horribeln Indifferenz, mit der ich des Grafen Frau geworden
war; aber das war es nicht, was er verlangte, nicht, was ich erstrebte. Ich war
auer mir ber die Klte meines Herzens, ich wollte ja lieben, dies war eine
Natur, weit ber die Grenzen des Gewhnlichen erhaben, warum konnte ich ihn
nicht lieben? Warum fhlte ich keinen Impuls fr ihn zu leben, ihm den Glauben
an Glck wiederzugeben, ohne Egard, ob ich selbst es fnde oder nicht? Ich war
innerlich deprimirt, ich verzweifelte an mir selbst, am Leben. Ich fhlte, es
wrde niemals anders werden und mir immer lstiger; und doch hatte ich die
Apprehension vor dem Tode, die allem Lebenden so tief inne wohnt. Ich war mir
incomprehensible. Aber die innere Wahrheit meiner Natur trug den Sieg auch
diesmal gloris davon. Ich gestand dem Lord, da er mir Staunen, aber keine
Liebe abgewinne.
    Er sah mich mit einem furchtbaren Blicke an. Und wozu das elende Spiel in
dieser Stunde, Diogena? fragte er. Wozu das Verbrechen, noch einmal Leben zu
erwecken in einem Herzen, das aufgehrt hat zu vibriren? fragte er.
    O! rief ich, vergib, vergib! Ich wollte ja versuchen, ob ich Dich lieben
knne?
    Und Du glaubst, ein Mann sei der Spielball Deines thrichten Willens? Du
glaubst, ein Mann sei da, Deine migen eiteln Capricen zu befriedigen, weil Du
schn bist? Denn schn bist Du!
    Ich schwieg. Er hielt mich am Handgelenk fest, das er mit einer Vehemenz
prete, welche mir Thrnen in die Augen trieb.
    Liebst Du mich? fragte er.
    Mein Stolz war auf das Empfindlichste verwundet; Ermanby imponirte mir, aber
er sollte es nicht wissen, weil ich ihn nicht liebte, und mit vollkommner Ruhe
sagte ich, whrend ich zu lcheln versuchte, ein deutliches Nein!
    Da schleuderte der Lord meine Hand von sich und sagte mit einem eisigen
Hohne: So soll doch der Moment, in dem ich das lstige Leben von mir werfe,
wenigstens dazu dienen, das klteste, hochmthigste Weib zittern zu lehren, so
soll doch das herzloseste Weib mich niemals vergessen.
    Um Gottes Willen, Ermanby! was willst Du thun? rief ich schaudernd. Mann,
um der Liebe willen, die ich suche, suche, ohne sie zu finden, was ersinnst Du?
    Ich hatte noch nicht die letzten Worte vollendet, als ein kleines Terzerol
in des Lords Hand aufblitzte, ein Knall - und Ermanby sank lautlos in die
Couchette zurck. Mit einem Schrei des furchtbarsten Entsetzens brach ich
zusammen.
    Als ich erwachte, lag ich auf meinem Lager. Rosalinde sa an meiner Seite,
durch die geffnete Thre entdeckte ich den Frsten Callenberg, aufgesttzt an
einem mit Arzneiglsern besetzten Tische. Es war Nacht, eine Lampe erhellte das
Zimmer, der Frst schien zu schlummern. Ich hatte keine distincten
Vorstellungen, nur die Ahnung eines terriblen Evenements schwebte mir vague vor
der Seele. Ich mochte meinen Erinnerungen nicht durch meine Kammerfrau zu Hilfe
kommen lassen, ich befahl ihr, den Frsten zu rufen.
    Wo ist Ermanby? fragte ich ihn, als er an meinem Lager stand.
    Beerdigt gestern Morgen.
    Eine eisige Hand legte sich ber meine Stirn und mir war, als wolle mein
Bewutsein aufs Neue schwinden, aber ich raffte die ganze Energie meines Wollens
zusammen und fragte, wie man von einem Gestern sprechen knne, da Ermanby ja
noch am Morgen bei mir dejeunirt htte.
    Pardon! meine Grfin! sagte der Frst, Sie haben mehr als zwei Tage in
tiefem Todesschlummer gelegen. Sonst wrden Sie ja die Vorgnge von gestern und
heute wissen!
    Die Vorgnge? Und was ist denn vorgegangen?
    Sie meinen nach der Ankunft Ihres Mannes?
    Ist der Graf von seiner Excursion retournirt?
    Mein Gott! auch das wissen Sie nicht einmal? fragte der Frst. Sie wissen
nicht, da, als Sie aufschrieen im Moment von Ermanby's Tode, Servillier
hineinstrzte, und Sie in seinen Armen hielt, in dem Moment, in dem Ihr Mann
heimkehrte? Er hatte Servillier gleich am ersten Abende in seiner Verkleidung
erkannt, die Excursion mit den Elslebens war nur fingirt, er wollte Sie
berraschen, weil er sicher wute, den Vicomte in Ihrer Nhe zu finden.
    Und dann? fragte ich indignirt ber diese Perfidie meines Mannes.
    Nun! Dann hat er den Vicomte gefordert, sie haben sich geschossen und noch
am Abende ist Ihr Mann nach England gegangen, berichtete der Frst
phlegmatisch.
    Aber Servillier?
    Ist vierzehn Stunden nachher gestorben; in meinen Armen gestorben. Ihr
Name, meine Grfin, war sein letztes Wort.
    Ich schwieg. Eine Welt von Emotionen drang auf mich ein; Geister der
Verstorbenen, blutige Leichen hielten ihren wahnsinnigen Reigen vor meinem
innern Auge. Mein Hirn schwindelte, meine Seele erbebte, mein Herz war kalt. Ich
sehnte mich nicht nach meinem Gatten, ich dachte ohne Liebe an die beiden
Mnner, welche fr mich und durch mich gestorben waren. Ja, selbst ein Gefhl
des Hasses mischte sich in die Erinnerung an sie. Sie waren mir durch ihren Tod
Gegenstnde des Entsetzens, und weshalb? - Hatte ich Einem von ihnen ein Glck
zu danken? Warum hatten sie sich in die verzehrende Gluth meiner Nhe gewagt,
diese erbrmlichen Eintagsfliegen? Warum hatten sie versucht, diese schwachen
Naturen, in den Kreis einer Diogena zu treten, deren Kometenlauf sie fortreien
mute aus der bescheidenen Bahn, welche solch kleinen Seelen prdestinirt ist.
    Ich richtete mich empor, gro und frei, wie Marius auf den Ruinen von
Karthago. Rosalinde! sagte ich, legen Sie mir ein elegantes Reisenegligee
zurecht und lassen Sie packen. Sobald es Tag wird, gehen wir nach Paris.
    Darf ich Ihnen folgen? fragte der Frst.
    Frchten Sie nicht das Schicksal der Andern?
    O nein, meine Grfin, wie sollte ich, da ich nicht die Prtensionen habe,
wie Jene. Ich kann ja weder hier allein zurckbleiben, noch Sie allein reisen
lassen, so folge ich Ihnen nach Paris.
    Ich reichte dem Frsten die Hand. O! rief ich, Sie sind sublime in Ihrer
Treue. Das ist die wahre instinctive Treue des Hundes, der liebt und folgt, ohne
zu wissen weshalb, ohne Dank, ohne Anspruch, ohne Verlangen. O, die Thiere sind
unegoistischer als wir und glcklicher obenein, denn sie kennen nicht das ewig
wache, ewig ungestillte Sehnen in unserer Brust, das vom Himmel stammend, hier
rastlos und vergebens nach Befriedigung sucht.
    Schlafen Sie noch eine Stunde, meine Grfin, sagte der Frst, ich will es
auch thun - und dann lassen Sie uns reisen, es freut mich, da ich doch nun
wei, wohin ich von Baden gehen soll. Ich konnte zu keinem Entschlusse kommen
bis jetzt. Gute Nacht, meine Grfin! Und innerlich sagte er sich: Welch ein
Thor ist doch der Graf, sich von dieser Frau zu entfernen, deren prchtige
Capricen alle Tage neu sind, so da man vollauf beschftigt ist und gar keine
Langeweile hat, wenn man nur all das thut, was sie verlangt. Solch eine Frau,
wenn sie jung und reich und schn ist wie diese Grfin, ist ja ein veritabler
Tresor.

                                  Zweites Buch


Ich hatte das ganze sdliche Frankreich nach allen Richtungen durchstrichen, war
ber die Pyrenen gegangen, hatte in Alhambra einsam schne Stunden, in sen
Erinnerungen an die goldene Zeit der Abenceragen vertrumt und auf den
Kalkfelsen Gibraltars die blonden, rothgerckten Shne Albions ihre
Parademrsche halten sehen. Wie Lord Byron hatte ich in Cintra geseufzt und wie
er war ich ohne Befriedigung geblieben.
    Wohin ich kam, umgaben mich die Huldigungen der Mnner, alt und jung waren
berwltigt von meinem Zauber. Frsten knieeten zu meinen Fen, schwarzlockige
Hidalgos sangen zur Nachtzeit unter meinen Fenstern die glhenden Serenaden
ihres Landes, und selbst der wilde Matador verdoppelte im Stiergefechte seine
Anstrengungen, wenn mein Auge auf ihm ruhte und ihn inspirirte. Alle diese
Huldigungen nahm ich an. Ich war unermdlich in der Recherche nach dem Rechten,
ich empfand se, elegische Rhrung am Herzen eines Abkmmlings der Abenceragen,
dessen orientalische Phantasie mich einwiegte mit wundersamen Trumen; ich fand
die aufgethaute Wrme eines jungen Irlnders von der Garnison zu Gibraltar
pikant; ich amsirte mich mit den Liebesextravaganzen eines Portugiesen - ich
lernte spanisch und portugiesisch, ich copirte smmtliche Murillo's der
spanischen Schlsser in wenig Monaten, und als ich nach Neujahr in Paris
anlangte, war ich todt mde und trotz dieser ernsten Anstrengung, glcklich zu
werden, ebenso unbefriedigt als je.
    Der Ruf meiner Schnheit war mir vorausgegangen. Alle books of beauty und
keep sakes brachten mein Portrait; ich war der Gegenstand der stupendesten
Erwartung. Ich hatte bei den ersten Putzhndlerinnen so enorme Bestellungen
gemacht, da man sie selbst in Paris surprenirend fand und gespannt war, mich,
diese vielgepriesene Frau, zu sehen. Der Frst, mein treuer Cavalier auf der
ganzen Reise, war nach Paris vorausgeeilt, um mir ein Hotel einrichten zu lassen
und empfing mich mit der Nachricht, wie sehr man mir entgegenharre.
    Das ennuyirte mich und ich beschlo ein ganz neues Regime zu beginnen. Ich
machte keine Visiten, sah nur einmal meinen Onkel, welcher Gesandter war und mir
die Scheidungsakte zwischen mir und meinem Manne zu unterzeichnen brachte, und
verlie mein Haus gar nicht. Die Folge davon war, da alle Fenster der
gegenberstehenden Huser von den fashionabelsten jungen Mnnern zu ganz enormen
Preisen gemiethet waren. Man macht Pari's darauf, wer der Erste sein werde, die
miraculose Grfin zu erblicken; der Frst, selbst in Verzweiflung ber mein
wiederholtes Refusiren ihn zu empfangen, ward sehr recherchirt, weil man von ihm
Auskunft ber mich zu erhalten erwartete. Ich erfuhr durch Rosalinde all diese
Extravaganzen und war degoutirt davon.
    Eine finstere, lugubre Melancholie kam ber mich, ich fing an die Welt und
die Menschen zu hassen, dem Schicksal zu zrnen. Ich wollte versuchen, mir die
Thren des Jenseit zu erffnen. Es schien mir picant, grade in Paris, wo alle
Welt die Gensse der Erde sucht, diese gnzlich zu verschmhen und, umgeben von
einem wahrhaft eblouirenden Luxus, das Leben eines Anachoreten zu fhren.
    Ich lie neben meinem pompsen, comfortablen Boudoir ein kleines, schlechtes
Zimmer seiner Tapeten berauben, alle Mbel daraus entfernen, den Kamin vermauern
und das Fenster verhngen. Aus einem Kloster schaffte ich mir das abgelegte
Gewand einer verstorbenen Nonne. Als ich es angelegt hatte, sah ich mich zum
letzten Male im Spiegel. Strahlender als je, erschien meine fascinirende
Schnheit in dieser Verhllung. Dann zog ich mich in meine Zelle zurck und
beschlo, den Pater Benoit holen zu lassen, der berhmt war durch seine strenge
Ascese, seine groe Schnheit und sehr en vogue in der beau monde, um mich mit
ihm ber den Zustand meiner Seele und meines Herzens zu berathen.
    Als er die Prachtsle meines Hotels durchwandert hatte, vermuthete er
sicher, in eines jener eleganten Betzimmer gefhrt zu werden, in denen die
vornehmen Damen, kokett vor ihren prie-dieu hingegossen, die Snden des vorigen
Tages bereuen. Wie sehr war er erstaunt, eine Zelle, eine von allem eitlen Tande
entblte Frau, in voller Schnheit der Jugend, vor sich zu sehen. Aber nicht
minder frappirt war ich selbst.
    Der Pater war ein Mann von kaum dreiig Jahren. Zehn Jahre lang Missionair
in dem Innern von Afrika, war von der Sonne des Sdens sein edles Antlitz
gebrunt. Seine Zge waren scharf geschnitten wie die des Nero oder August; sein
Blick ruhig und sicher, sein Mund fest geschlossen. Schwarzes, glattes Haar
legte sich weich um seine Schlfe und er trug sein einfaches Priestergewand mit
der Eleganz, mit der Distinction eines Frsten. Seine Hnde waren aristokratisch
fein und soignirt, wie er denn auch vortrefflich chaussirt war.
    Einen Moment betrachtete er mich mit schweigendem Erstaunen. Dann sagte er:
Sie haben mich rufen lassen und ich finde Sie hier in einem Zustande, meine
verehrte Grfin, der mich zu der Frage ermchtigt, welch Leid Ihre Seele
bedrckt?
    O mein Vater! rief ich, ich bin von Gott verlassen!
    Das ist Niemand, der ihn sucht.
    Mein Vater! ein schwerer Fluch ruht auf meinem Geschlechte, hren Sie mich
an. Ich stamme von Diogenes, ich mu einen Menschen suchen, wie er es that,
einen Menschen, einen Mann in der vollen Idealitt des Wortes, den rechten Mann.
Unzhlige Frauen unsers Geschlechtes sind daran zu Grunde gegangen, denn nur das
Herz und die Seele sind die Wnschelruthe, mit denen man Herz und Seele, mit
denen man den Rechten findet, und - wir Alle haben weder Herz noch Seele.
    Sie freveln, meine Tochter! sagte der Pater. Aber ich lie ihn nicht
weiter sprechen. O! rief ich, ihn unterbrechend, hren Sie mich an. Submi
dem Schicksalsspruch unsers Geschlechtes, habe ich die Liebe und den Rechten
gesucht mit einer Ardeur, mit einer Vehemenz, die ihnen adorabel scheinen wrde.
Ich bin erst siebenzehn Jahre und schon war ich einem Grafen verheirathet, von
dem ich geschieden bin; schon ist ein Lord zum Selbstmorde getrieben durch mich,
ein Vicomte fr mich im Duell geblieben, ein Frst folgt mir mit stupider
Hundetreue, ohne zu wissen weshalb, noch warum? Unter unzhligen Hidalgos der
pyrenischen Halbinsel habe ich umher gesucht nach Liebe und nach dem Rechten,
ich habe Nichts gefunden als passagere Emotionen und gewhnliche Cavaliere. Ich
bin der Verzweiflung nahe. Ich finde es unter meiner Wrde, zu den Regionen der
Bourgeoisie hinabzusteigen und doch frchte ich fast, ich finde nicht in der
Aristokratie, was ich erstrebe. Da habe ich mich in meinen Zweifeln an Sie
gewendet, mein Vater! Rathen Sie mir, que faire?
    Frau Grfin! sagte der Pater, wenn Sie nicht ein unwrdiges Spiel mit mir
treiben, vor dem schon die Heiligkeit meines Gewandes mich schtzen sollte, so
ist es hohe Zeit, da Sie Ihre Seele in sich sammeln zum Gebete, ehe Sie der
Schwindel erfat, der Sie hinabreien mu in den Abgrund des Wahnsinns.
    Er wollte sich setzen, um mit mir zu sprechen, es war kein Sessel in dem
Gemach. Da ich in Allem gern ganz war, so hatte ich, nun ich daran dachte, mich
von allem Luxus zu debarrassiren, auch die gewohnte Bequemlichkeit eines Stuhles
verschmht und lag an der Erde. Ich sah dann frappant wieder wie eine Magdalena
Correggio's aus.
    Der Pater ging in das Boudoir, nahm einen Fauteuil und trug ihn in meine
Zelle, wo er sich darauf niedersetzte. Ich kniete vor ihm nieder.
    O! sagte ich, Sie sehen aus, mein Vater, als ob Sie eine Seele htten,
aus Ihren Augen spricht ein mildes, liebendes Herz. Haben Sie Erbarmen mit mir,
geben Sie mir von dem Ueberflusse Ihrer Seele, Ihrer Liebe einen Funken, da er
in mir ein Mirakel wirke. Sehen Sie, ich bin das unglckliche Gtterbild des
Pygmalion, die Schnheit ohne den belebten Hauch der Liebe. Lieben Sie mich,
mein Vater! Sie, dessen Herz, dessen Seele gro und mchtig genug waren, den in
Heidenthum versunkenen Vlkern den Geist der Liebe einzuflen, Sie mssen die
Kraft haben, auch mir eine Seele, ein Herz zu geben, auch mir die Gnade der
Liebe zu gewhren. Lieben Sie mich, mein Vater! Es ist ein Gott wohlgeflliges
Werk.
    Ich war auer mir. Aufgelst in Thrnen, umklammerte ich seine Kniee und
prete meine brennenden Lippen auf seine eleganten Hnde, die er mir entzog, um
sie segnend auf mein Haupt zu legen. Er betete leise, ich blickte zu ihm empor,
er sah wunderschn aus.
    Grfin, sagte er dann ruhig, Sie haben wohl gethan, da Sie sich zu Bue
und Andacht wendeten, denn Gott mu ein Wunder thun, um Sie von Ihrer
furchtbaren Verblendung zu heilen. Sie haben Gott gelstert und vergessen, und
sich an seine Stelle gesetzt. Sie haben sich angebetet in frchterlichem
Egoismus und dem Gtzen Ihrer Eitelkeit die Herzen und das Leben von Mnnern
geopfert. Nicht in der Natur des elendesten Kaffernweibes fand ich die
Grausamkeit spielender Selbstsucht, die sich in Ihren koketten Worten verrth.
Nicht Liebe haben Sie gesucht, sondern Befriedigung Ihrer Sinnlichkeit,
Beschftigung fr Ihre unersttliche Phantasie. Suchen Sie Gott im Geiste, nicht
in der makellosen Schnheit eines Mannes, und Gott wird sich Ihnen offenbaren in
jener heiligen, unvergnglichen Liebe, die nicht zu suchen braucht nach dem
Rechten, weil jeder Mensch, auch der elendeste, einer rechten Liebe werth ist.
Aber Sie wollen Nichts lieben als sich selbst und das ist Snde, das ist Tod.
    Er war aufgestanden, ich hielt ihn zurck. O, mein Vater! rief ich,
sprich, sprich immer weiter, Deine milde Stimme calmirt den wilden Sturm meines
Herzens, wie Oel das Meer; die Wogen meines Innern legen sich zur Ruhe, die
Fluthen aplaniren sich, und wie der Mond sich spiegelt im ruhenden Meere, so
schwebt Dein heilig ernstes Antlitz auf dem Spiegel meines Innern. Verla mich
nicht, mein Vater! halte mich nicht unwerth Deines Gebetes, Du, der hinabstieg
zu dem Stumpfsinn miserabler Wilden, hlicher Negerinnen, niedrigen Pbels.
Sieh, mein Vater! ich bin Grfin, ich bin von edelstem Stamme, ich bin schn,
ich bin jung, o bete, bete mit mir, da ich das Einzige erlange, was mir fehlt;
gib mir die heilige Liebe Deines Herzens, gib mir Dein Herz, damit es lebe in
meiner Brust und Deine Liebe mchtig werde in meiner Seele!
    Ich sprang empor und schlo ihn in meine Arme, ein flammender Ku Benoit's
brannte auf meiner Stirn, dann ri er sich los und verschwand. Ich sank auf die
Erde zurck, ich trumte von den langen, unabsehbaren Wsten Afrikas,
verschmachtend lag ich da im den Sonnenbrand, ich hrte den Tritt von Kameelen,
lange Karavanen zogen an mir vorber, Niemand beachtete mich, Niemand hrte den
leisen Ruf, den meine erschpften Krfte mir gestatteten. Da kroch ich mhsam
weiter und fand das Lager eines Negerstammes. Schwarze, garstige Weiber,
affenartige Kinder wlzten sich unter den Zelten umher, die elend aus Fellen und
Tchern bereitet waren. Ein schner Mann stand inmitten des Lagers und theilte
Worte der Liebe und Gnade den geistig Drstenden aus, whrend ich ihn vergebens
um einen Tropfen Wasser flehte, meine glhenden Lippen zu khlen, um ein Wort
des Trostes, meine Seele zu erfrischen. Ich sah ihn ungerhrt an mir
vorberschreiten, er sagte, sich abwendend: Sieh, Diogena! diese elenden,
schwarzen Weiber sind glnzende Engel des Lichtes gegen Dich, denn sie lieben
den Mann, de harte Hand sie schlgt, und Du liebst Nichts.
    O, Dich liebe ich! wollte ich rufen, aber er war schon verschwunden.
    Ich lief in mein Boudoir, ich befahl Rosalinde, mir noch einmal den Pater
holen zu lassen. Sie schickte fort und der Diener kam mit dem Bescheide zurck,
der Pater Benoit sei im Dienste des Klosters beschftigt. Er knne erst morgen
wiederkehren.
    Die Nacht verging mir in tdtlicher Unruhe; zuweilen war mir es wirklich,
als liebte ich den Pater, als sei mit seinem Erscheinen ein neues Gefhl in mir
erwacht, als perlten neue Quellen aus den profundesten Tiefen meiner Existenz
hervor. Ich weinte, wenn ich an ihn dachte, ich wute nicht, ob vor Liebe oder
aus Depit, weil er kalt genug geblieben war, nicht auf meinen zweiten Ruf
sogleich zu retourniren.
    Am Morgen lie ich meine goldenen Locken gltten, arrangirte meine Hndchen
und meine fabelhaft kleinen Fchen, die in den Sandalen noch viel charmanter
erschienen, als in der elegantesten pariser Chaussure, und erwartete sehnschtig
die Ankunft des Paters, denn trotz aller Meditationen fing ich an, mich in
meiner Solitude ganz unbeschreiblich zu langweilen. Ich grollte mit meinem
Geschick. Da sah ich, so weit das mglich war bei der Distance, welche mich von
der Bourgeoisie trennte, ganz einfache Brgerfrauen, die gar kein Schicksal
hatten, denen Nichts arrivirt war, die Nichts suchten und die dennoch ganz
zufrieden waren. Sie hatten einen Mann, Kinder, Arbeit, Liebe fr all dies -
lauter furchtbar ignoble Dinge - aber sie sahen vergngt und zufrieden aus und
hatten so wenig Langeweile, da sie selbst die Agrements von Theatern und Bllen
selten besuchten, die ihre Mnner ihnen offerirten, sondern still begngt in
ihrer Huslichkeit lebten.
    Aber dies war ja ganz incomprehensibel! Warum hat die kleine Frauennatur in
der Begrenzung ein Glck, fr das immense Seelen, wie meine, bei dem
rastlosesten Suchen kein Aequivalent finden? Ich fhlte Widerwillen gegen die
Erde, der Himmel lockte mich. Ich dachte an die Gefilde der Seligen. O! im
Jenseits wenigstens sind die Stnde scharf geschieden, dort, sagte ich mir,
msse es delicis sein. Alle Freuden, alle Gensse auf der Seite der
Aristokratie, der Seligen; alle Pein, alle Schmerzen fr das Gros der
Verdammten. Darin fand ich die gttliche Gerechtigkeit wieder, das erhob meine
Seele zur Adoration und ich hoffte, Gott wrde mir im Himmel die Compensation
fr alles Ennui der Erde bereiten.
    In diesen Betrachtungen strte mich die Meldung, da der Pater gekommen sei.
Ich lie ihn bitten, einzutreten. Aber wie erstaunte ich, als statt des Paters
Benoit, den ich erwartet hatte, ein alter, dsterer Priester erschien. Ich
fragte nach seinem Begehren.
    Der Pater Benoit hat mir gesagt, da Ihre Seele, meine Tochter, in den
Fesseln des Bsen sei, und da Sie Beistand suchen, sie daraus zu erlsen.
    Und warum kommt er nicht selbst?
    Er ist abgereist heute in aller Frhe.
    Und wohin?
    Zurck in die Wsten Afrikas, wo er den Heiden das Wort des Lebens
gepredigt hat, und wo er Menschen zu retten findet.
    Warum verschmhte er, mich zu retten, deren Seele sich ihm hilfesuchend und
vertrauend nahte?
    Das beantworte Dir selbst, meine Tochter! sagte der Priester. Er floh die
Erbsnde, denn Du bist die Schlange, Du bist der Satan in seiner
verfhrerischsten Gestalt, und wohl dem reinen Jnglinge, da er sich Deiner
teuflischen Arglist entzog. Dir wre besser, Dein gleiend Antlitz berzge sich
mit Aussatz und Deine Seele wrde rein von Schuld und Snde!
    Ich richtete mich majesttisch empor. Eine Thrne prchtigen Zornes trat in
die schne Iris meines Auges. O! grade in dem Herzen dieses unentweihten reinen
Jnglings hatte ich die ewig glhende Liebe, jenes Naphtha des Lebens zu finden
gehofft, von dem ich mich zu ernhren strebte. Ich begriff, da die durch
tausend Leidenschaften usirten Mnner der beau monde mir jenes heilige,
primitive, indestructible Feuer nicht entgegenbringen konnten, von dem ich
allein noch Rettung aus meiner Blasirtheit erwartete. Es verdro mich, da
dieser junge Mnch mich, die gttliche Diogena, verschmht hatte; mein Zorn
wendete sich gegen den alten Pater, der, dies fhlte ich, mehr oder weniger zu
jener mir verhaten Abnegation Benoit's beigetragen haben mute. Ich wollte dem
Pater zeigen, wie wenig Einflu er auf mich habe, und whrend er sich zu einer
foudroyanten Rede vorbereitete und diese anfing, schellte ich Rosalinden und
befahl ihr mit prchtiger Impertinenz, dem Pater einen Fauteuil in meinem
Boudoir neben meiner Toilette zurecht zu setzen, da ich heute Abend meine
Antrittsvisiten zu machen gedchte und mich sogleich coeffiren lassen msse.
    Der Pater sah mich bewildert an. Dergleichen mochte ihm noch nicht
vorgekommen sein. Er sagte keine Sylbe, sondern entfernte sich, ber mir das
Zeichen des Kreuzes machend.
    Die Erinnerung an meine Pnitenzversuche, an Benoit, hatten Etwas, das mir
penibel war und das ich zu verscheuchen trachten mute. Die Gesellschaft
ersehnte mich so lange, da ich mich ihr wirklich schuldig war. Ich machte noch
denselben Abend meine erste Visitentourne und nach wenig Tagen war ich auch
hier der Mittelpunkt des geselligen Treibens.
    Paris war wie in einem Zaubertraum. Meine Anwesenheit inspirirte die Poeten
und Musiker, die Dichter benutzten die interessanten Episoden aus meinem Leben,
welche allmlig public geworden waren. Die Fabrikanten nannten ihre neuesten
Producte  la belle Comtesse oder  la Diogne, und unter den jungen Cavalieren
war eine vollkommene Concurrenz um den Besitz meiner Gunst eingetreten.
    Ich wanderte, geschmckt mit allen Colifichets des raffinirtesten Luxus
unter diesem Treiben einher, so kalt, so nichtachtend, wie die himmlischen
Gestirne ber die Erde schreiten. Oftmals versuchte ich die Wnschelruthe
auszuwerfen, wenn aus den Herzen der Mnner das Liebesmeer unter dem Strahl
meiner Augen zu mchtiger Fluth emporschumte, aber whrend ich alle Herzen
entzndete, blieb das meine kalt. Ich sagte mir selbst, dein Herz, wenn du eines
hast, ist ein Diamant, blendend, strahlenwerfend, hart, von Allen begehrt und
kalt - aber auch der Diamant verbrennt, wenn nur das rechte, intensive Feuer ihn
ergreift; dies Feuer mu existiren auch fr mein Herz, und wenn es einst brennt,
dann sind all meine Skrupel auf einmal gelst, dann wei ich, da ich ein Herz
habe und dann habe ich den Rechten gefunden.
    Diese Gedanken brachten mich auf die Gesetze der Schpfung, auf
Naturwissenschaften, Chemie und Anatomie. Die oberflchliche Conversation der
Salons war mir insupportable geworden, ich wurde fast nervs, wenn die jungen
Mnner wieder mit den sich ewig gleichbleibenden banalen Liebesphrasen mir das
matte Glhen ihrer usirten Herzen andeuteten, ich hatte keine Freude, keine
Zerstreuung mehr von ihnen zu erwarten und ich war doch noch so jung, ich war
Grfin und schn, das heit, zum Glck berechtigt. Um mich zu desennuyiren, fing
ich an, mich in die Wissenschaften zu werfen. Ich besuchte einen Cursus um den
andern; der Frst, der sich dabei noch mehr als gewhnlich langweilte,
begleitete mich berall.
    Ich lie meine Zelle in ein Laboratorium verwandeln, ich verdampfte
Quecksilber, experimentirte mit Jod, und hatte es bald zu einer Erkenntni in
den tiefsten Tiefen der Wissenschaft gebracht, die Berzelius und Faraday, denen
ich in elegantem Salonjargon die tiefsinnigsten Briefe schrieb, in Entzcken
versetzten. Da brachte mir eines Tages, als ich ermdet von einer anstrengenden,
mehrtgigen Beobachtung, erschpft auf meine Chaise longue gesunken, der junge
Professor, welcher mir bei meinen Studien behilflich war, einen seiner Freunde
mit, um ihn mir zu prsentiren.
    Ich hatte mir ein Costume arrangirt, das vortrefflich fr meine dermaligen
Zwecke pate. Ich trug eine Robe montante von graubraunem Wollenstoffe, oben mit
einer schwarzen Spitze geziert, die nur mit einer Cordelire um die Taille
befestigt war. Lose Aermel lieen sich whrend der Arbeit leicht zurckschlagen
und zeigten meine superben Arme mit schwarzen Steinkohlen-Braceletts geschmckt.
Um den Kohlenstaub fr meine goldenen Locken zu vermeiden, hatte ich mir ein
kleines schwarzes Kppchen von Velours anfertigen lassen, das in der Form den
mittelaltrigen Coeffuren gleichkam. Schwarze Stiefelchen chaussirten meine
Fchen vortrefflich; das Ganze war eben so grazis einfach als distinguirt.
    Als die beiden jungen Mnner bei mir eintraten, fanden sie mich mit dem
neuesten Werke ber den Elektro-Magnetismus beschftigt. Es war von der
belebenden Wirkung desselben auf die Nerven die Rede. Ich hatte lange darber
nachgedacht und mochte Etwas zerstreut sein, als mir der Professor seinen Freund
nannte. Der Diener prsentirte den Mnnern die Fauteuils und es entstand eine
wunderliche Pause, weil ich in Meditationen, der neue Gast in den Anblick meiner
Schnheit versunken war.
    Endlich raffte ich mich empor und sagte: Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich
Sie bitte, mir noch einmal Ihren Namen zu wiederholen. Ich kenne smmtliche
Namen aller adeligen Geschlechter auswendig nebst ihren Wappen, ich habe ein
immenses Gedchtni, indessen fr die Namen der Brgerlichen ist es miraculs
schwach und sie entschwinden mir sehr leicht wieder.
    Der Angeredete sagte sehr ruhig: Ich heie Friedrich Wahl.
    Ein Deutscher also?
    Ja, gndige Grfin.
    Und was fhrt Sie nach Paris?
    Ich bin Prosector an dem anatomischen Cabinet.
    Ein pltzlicher Gedanke durchzuckte mich. Ich fragte: Sagen Sie mir, mein
Herr, gibt es Menschen, die das Unglck haben, ohne Herz geboren zu sein?
    Unmglich! gndigste Grfin! entgegnete Friedrich, auch ist dies ein
Mangel, ber den sich wie mich dnkt, noch Niemand beklagt haben wird, am
wenigsten in Ihrer Nhe.
    Ein glhendes Roth berflog sein Gesicht. Der milde Klang seiner Stimme
frappirte mich angenehm. Ich zog mein Lorgnon hervor, ihn zu betrachten. Er
machte mir einen lebhaften Eindruck. Gro, krftig und regelmig gebaut, mit
schnen, gradlinigen Gesichtsformen, groen blauen Augen, ber die sich oft ein
feucht verschwimmender Glanz ergo, und mit reichem hellbraunem Lockenhaar, war
er der Typus eines Deutschen, eine angenehme Diversion unter all den dunkeln
Franzosen und fadblonden Englndern. Seine Tournure hatte Nichts von der
recherchirten Nachlssigkeit der eleganten Cavaliere, seine Toilette war die
simpelste von der Welt, sein ganzes Maintien erinnerte mich an die Haltung
Napoleon's, wie er in sich selbst ruhend, mit bereinander geschlagenen Armen
dargestellt wird.
    Er hielt meinen Blick ruhig aus und sagte, indem ein leises Lcheln ber
seine Zge glitt: Sie scheinen kurzsichtig zu sein, Frau Grfin! Befehlen Sie,
da ich Ihnen nher rcke?
    Diese Worte von einem Manne gesprochen, der noch wenig Augenblicke vorher
ganz fascinirt gewesen war von dem Zauber meiner Schnheit, machten mir einen
wunderbaren Effect. Ich wollte diese Impertinenz mit einem wahrhaft
aristokratischen Contrecoup vergelten und fragte: Wollen Sie mir sagen, mein
Herr Wahl, was Sie zu mir fhrt? Sie bedrfen wahrscheinlich einer Protection,
die Sie in mir zu finden hoffen und die ich gern gewhren will.
    Friedrich lchelte wieder und entgegnete: Gndige Grfin! ich bedarf keiner
Protection, denn ich bin ganz und gar unabhngig.
    Sie sind reich?
    Im Gegentheil. Ich wrde Ihnen vermuthlich arm erscheinen, htten Sie
Gedchtni genug, die Einknfte eines Brgerlichen zu behalten; aber ich bin
reich, weil ich frher ganz arm gewesen bin und mir also relativ sehr reich
erscheine.
    Und wem verdanken Sie diese Wandlung Ihrer Verhltnisse?
    Mir selbst, und ich mchte auch sonst Niemandem Etwas verdanken.
    Friedrich's Selbstgefhl enchantirte mich, weil es mir in dieser Weise neu
war. Ich hatte mich bis dahin in halbliegender Stellung, mit prchtiger
aristokratischer Nachlssigkeit verhalten und mit der Kette meines Lorgnon
gespielt. Jetzt fand ich, da dieser Mann die Mhe verlohnte, sich fr ihn aus
den indolenten Alluren zu reien. Ich richtete mich empor, kreuzte grazis meine
Fchen auf dem Tabouret und lehnte meine superbe, sammetweiche, fabelhaft
kleine Hand auf das dunkle Sophakissen. Sie sah darauf aus wie eine rthliche,
chinesische Primel, die im Frhjahr zum ersten Sonnenstrahl aus dem dunkeln
Erdreich hervorguckt. Ich merkte, da Friedrich, trotz seines Selbstgefhls,
trotz seines forcirten Spottes, kein Auge von meinen Hndchen verwenden konnte,
und ich gnnte ihm geners die Freude des Anstaunens, indem ich sie in das
rechte Licht brachte.
    Aber um Alles in der Welt, lieber Professor!
    sagte ich lachend zu dem Chemiker, der schweigend und ganz verwundert ber
diese originelle erste Entrevue dagesessen hatte, was haben Sie mir da fr
einen wunderlichen Gast gebracht. Ich glaube, Sie wollen mich persuadiren, statt
der chemischen Analysen einmal einen Charakter zu analysiren, wer wei, ob ich
dazu das Talent habe und ob die Elemente nicht so flchtig sind, da ich sie
nicht zu fixiren verstehe.
    Sie wrden noch mehr erstaunen, verehrteste Grfin, sagte der Chemiker,
wenn Sie wten, was meinen Freund zu Ihnen gefhrt hat. Er ist ein
begeisterter Anhnger der Jetztzeit, des Liberalismus, der Entwickelung der
Humanitt, wie sie sich jetzt unter uns offenbart, und war begierig, Sie,
gndige Grfin, kennen zu lernen, weil ich ihm erzhlt hatte, da all dieses fr
Sie gar nicht existire.
    In der That, fiel ihm Friedrich, abermals flchtig errthend, in das Wort,
in der That, ich war begierig, eine Frau kennen zu lernen, die ganz Paris als
das Wunder der Schpfung anstaunt, deren Geist alle Welt anerkennt und die es
dennoch mglich gemacht haben sollte, sich vor dem Einflusse der heiligsten und
erhabensten Ideen zu bewahren, die die bewegende Kraft unsers Jahrhunderts
sind.
    Also auf eine Proselytin war es abgesehen! rief ich aus. O, mein Herr
Wahl! den Gedanken desavouiren Sie gewi, wenn Sie mich kennen. Ich bin nun
einmal von einer besondern Natur, ich bin wunderbar exclusiv, mein Geist hat
seine eigenthmlichen Alluren. Vielleicht, da ich mich zu gro fhle, mich in
Ihre heilige Allgemeinheit zu verlieren, vielleicht scheine ich mir eines
besondern Loses wrdig, ein tre  part zu sein. Denken Sie, was Sie wollen.
Geben Sie mir Seraphsschwingen, mich zum Aether zu tragen, oder die
Fledermausflgel eines Dmons, mich hinabzusenken in die nchtlichen Tiefen der
Existenz - nur vor den Alluren Ihrer staubgeborenen Menschen lassen Sie mich
sicher sein. Ich mag nicht im Staube leben, ich mag Nichts mit der Menge gemein
haben, und mein Fatum ist mir gndig gewesen: ich heie Diogena, ein Name, den
vielleicht Niemand auer mir trgt auf Erden. Vielleicht hat mich dies fr meine
exclusiven Neigungen prdestinirt.
    Indem ich diese Worte sprach, hrten wir in meinem Laboratorium das Platzen
einer Retorte, und der Professor, auf den dieser Ton eine magnetische Attraction
bte, stand auf, um sich zu berzeugen, was geschehen sei. Ich blieb mit
Friedrich allein und sagte: Mir wre es ganz recht, wenn das ganze Laboratorium
in die Luft gesprengt wrde, den Professor ausgenommen.
    Und doch behauptet mein Freund, Sie wren mit dem Studium der Chemie
leidenschaftlich beschftigt, meinte Friedrich.
    Ich war es, jetzt ist die Zeit vorber. Ich kenne jetzt von der Chemie
Alles, was man bis auf diese Stunde entdeckt hat, ich bin zu neuen unerhrten
Forschungen vorgedrungen; was ich suchte, fand ich nicht, und so hat ihr Reiz
fr mich aufgehrt.
    Und darf ich fragen, welches Problem Sie zu lsen begehrten?
    Ich hoffte aus der Art, in der sich in der Natur die wahlverwandten
Elemente ergreifen, um sich unauflslich zu fassen und zu vereinen, eine
Analogie zur Decouverte des Wahlverwandten in den Menschennaturen zu finden.
Whrend ich die Dinge in ihre Elemente auflste, hoffte ich den Weg zu der mir
verwandten, mir ewig eigenen Menschennatur zu finden, es reussirte nicht und so
bin ich der todten Wissenschaft mde und um eine Illusion rmer.
    Das heit um eine Wahrheit reicher! sagte Friedrich.
    
    Das ist auch eine von den modernen Tendenzphrasen, die ich hasse. Ich suche
die Wahrheit nicht, ich suche die Liebe und das Glck.
    Sie suchen die Liebe? In Andern oder in sich?
    Ich fand sie weder in jenen noch in mir.
    Sie, Sie, Grfin! Sie suchten nach Liebe und vergebens? Aber das ist ja
unmglich, da Jeder anbetend und verlangend vor Ihnen niederstrzen mu!
    Was wollen Sie, sagte ich indifferent, es mag in einer fehlerhaften
Organisation meines Herzens liegen, da die Liebe nicht in demselben agiren und
reagiren kann. Ich mchte das Herz in seiner physischen Structur kennen, um es
in seinen Empfindungen danach zu beurtheilen. Ich mchte wissen, wie das
Fluidum, das die Welt beseelt, das in dem einzelnen Menschen agirt und von ihm
ausstrmt, auf die ihm verwandte Natur influirt. Mit einem Worte, ich mchte
Anthropologie studiren und Anatomie treiben. Wollen Sie mein Lehrer sein?
    Haben Sie jemals eine Leiche gesehen, gndige Grfin?
    Ich dachte an Ermanby und mir schauderte. Ein leichter Frison fuhr ber
meine Glieder, aber ich schmte mich seiner, als einer unwrdigen Schwche. Ich
sagte Friedrich, da ich vor den Schrecken einer Wissenschaft nicht zurckbebe;
da freilich mich die geringste Geschmacklosigkeit in der Ausdrucksweise eines
Menschen au dernier degr degoutire, da mich ein unharmonisches Gerusch nervs
mache, da ich aber mehr ertragen knne als ein Mann, wenn es darauf ankme,
mich durch neue Sensationen aus meinem Ennui zu befreien.
    So haben Sie die Gnade, Frau Grfin! Ihren Wagen zu befehlen, und erlauben
Sie mir, Sie heute versuchsweise in die Morgue zu fhren.
    Es geschah. Als wir in dem feuchten, nebligen Winterwetter durch die nassen,
dampfenden Straen von Paris fuhren, blickte Friedrich mehrmals seufzend zu den
geschlossenen Fenstern hinaus. Ich fragte ihn, was ihm fehle.
    O, sagte er, in diesem Momente, Frau Grfin, fehlt mir Nichts, aber grade
das erinnerte mich an eine Zeit, in der ich Alles entbehrte, in der ich hungernd
und frierend aus der Armenschule in meine elende Bodenkammer heimkehrte, und
meine kranke Mutter ohne Feuer fand, weil sie fr dies Ersparni das Licht
kaufte, bei dem ich mich fr meine Lectionen vorbereitete. Meine Mutter ist in
der Armuth gestorben und ich geniee jetzt zu meinem Schmerze ohne sie ein
Wohlleben, das ihr frstlich scheinen wrde und das ich so gern mit ihr getheilt
htte.
    Und haben Sie keinen Bruder, keine Schwester, die jetzt an Ihrem Succe
Theil nehmen?
    Ich habe Niemand. Mein Vater starb vor meiner Geburt, ich bin ganz allein
in der Welt; ich habe Niemand, der liebend an mich denkt, Niemand, der meiner
bedarf in besonderer Liebe; da wendet denn das Herz sich der Menschheit zu und
sucht in ihr die Liebe seines Herzens.
    Bei diesen Worten legte sich wieder der feuchte Glanz ber die Iris seines
tiefblauen Auges. Die Rhrung in dem Angesichte eines schnen Mannes hat eine
aparte Grazie; ein Charakter ist so selten eine weiche, impressionable Natur.
Ich fragte mich innerlich, was mich an diesem deutschen Professor interessire,
dessen Manieren, dessen Moquerie zu Anfang unserer Entrevue wirklich so sehr an
das Beleidigende streiften, da man es nur pardonniren konnte, wenn man annahm,
er ignorire den usage du monde. Endlich fiel es mir ein, es sei eben dies
brgerliche Element, das mir neu und darum reizend sei. Die ausgezeichnetsten
Frauen unseres Hauses, Grfin Ilda Schnholm, Grfin Cornelie, meine Mutter
Sibylle, Margarethe Thierstein, Alle hatten einen brgerlichen Liebhaber, eine
Episode mit einem Brgerlichen gehabt, und Alle hatten einen passageren Reiz
darin gefunden. Dies beruhigte mich ber die unwillkrliche Sensation, die ich
empfand; ich hatte gewhnt, mein adelig Blut revoltire dagegen, da ein
gewhnlicher Professor, ein Friedrich Wahl, es schneller flieen machte.
    So weit war ich in meinen Meditationen gekommen, als wir in der Morgue
anlangten. Friedrich war dort bekannt. Er fhrte mich in den Saal, in dem die
Leichen ausgestellt waren. Dort lag ein junger Mann, aufgedunsenen, blau
unterlaufenen Gesichts, man hatte ihn aus dem Wasser gezogen, ganz in der Nhe
des Pontneuf. Ein Greis, mehr einem Skelett, als einer menschlichen Gestalt zu
vergleichen, mumienhaft eingetrocknet, war sein Nachbar. Er ist wol vor Hunger
und Schwche gestorben, meinte Friedrich, und fhrte mich weiter an der Leiche
eines jungen Mdchens vorber, die sich im Kohlendampfe erstickt hatte. Lange,
aufgelste Haarflechten hingen an ihrem Haupte hernieder, die Augen waren starr
geffnet, ein weier Schaum stand vor dem schn geformten Munde. Ich bebte vor
Entsetzen; der furchtbare Leichengeruch drohte mich ohnmchtig zu machen, meine
Sinne schwanden. O, sagte ich zu Friedrich, aber dies ist ja horribel, und
unter solchen Scenen des crassesten Todes konnten Sie leben? O, um des Himmels
willen, aber das ist insupportabel!
    Und doch, Frau Grfin, lehrt uns nur der Tod das Leben verstehen, doch
finden wir, indem wir die todte menschliche Gestalt in ihrer wunderbaren
Organisation betrachten, das Mittel, dem lebenden Organismus zu Hilfe zu kommen,
wenn ihn Strung bedroht. Aber lassen Sie uns gehen, dies ist, ich wute es,
kein Anblick fr eine Dame wie Sie.
    Er hatte meinen Arm genommen und wollte mich hinausfhren. Es schien mir,
als lge eine leichte Frbung von Spott auch in diesen letzten Worten. Das
verdro mich. Ich berwand den Degout, den instinctiven Schauder, den ich
fhlte, dieser stolze Mann sollte sich nicht rhmen knnen, eine Faiblesse an
mir gesehen zu haben. Ohne die geringste Flection der Stimme rief ich lchelnd:
O, frchten Sie Nichts, Herr Wahl! in uns Frauen der Aristokratie ist Muth und
Race, wir dauern aus, wo Ihre Brgerfrauen matt zusammenbrechen. Fr die
Wissenschaft ist mir kein Sacrifice zu schwer. Fhren Sie mich jetzt nach Hause,
bestellen Sie die nthigen Bestecke, sorgen Sie fr die anatomischen Prparate,
die uns indispensabel sind und kommen Sie in drei Tagen zu mir, wir wollen
unsern Cursus dann beginnen.
    Sie scherzen, Frau Grfin! sagte Friedrich.
    Was berechtigt Sie zu dem Glauben, da ich dies der Mhe werth finde?
fragte ich mit einem superben Accent von Hochmuth, vor dem Friedrich erbleichte.
Als ich dies sah, fhlte ich, da man diesem Manne gegenber andere Alluren
annehmen msse, als gegen die an weibliche Impertinenz gewhnten Mnner der
Salons. Ich lenkte ein, gab ihm mit grazisem Lcheln mein Hndchen und sagte
neckisch: Auf bermorgen also, mein Herr Professor! Sein Sie nur nicht zu
rigors mit Ihrer Elevin und denken Sie hbsch, da wir Frauen der Aristokratie
unsere eigenthmlichen Alluren haben, fr die ich im Voraus Ihre Nachsicht
erbitte. Wollen Sie die haben?
    Frau Grfin, rief Friedrich, o Sie wissen es, da diesem Blicke, diesem
Klange kein Mann widersteht, warum ziehen Sie mich in einen Zauberkreis, in dem
ich niemals zu leben hoffen darf?
    So tragisch? sagte ich. Aber wer denkt denn an Zauber und Zauberkreise?
Von Anatomie ist die Rede, und ich erwarte Sie also bermorgen. Auf Wiedersehen,
mein Herr Professor!
    Ich sprang aus dem Wagen, er geleitete mich zu meinem Zimmer, wo ich ihn mit
einer nobeln Handbewegung congedrte.
    Whrend ich meine Toilette machte fr einen Ball bei dem preuischen
Gesandten, lie ich meinen Kammerdiener kommen und sagte ihm, ich wnsche ein
Changement mit meinem Laboratorium vorzunehmen. Der Schornstein msse vermauert,
die Fenster mit Spiegelglsern versehen, ein Fenster oben an dem Plafond
angebracht werden, weil ich volle Lumire brauche. Dann bestellte ich einen
Sectionstisch mit einer Marmorplatte, Schrnke fr anatomische Prparate,
Glasflaschen und Spiritus zur Conservirung derselben und eine Menge von Odeurs
der kostbarsten Art, um whrend der Lectionen zu ruchern und sich spter damit
zu desinficiren. Dabei machte ich die Condition, da Alles in zwei Tagen beendet
sein msse.
    Als ich eben mein Bracelett anlegte, und Rosalinde noch einen Esprit von
Brillanten an meiner Coiffure befestigte, trat der Frst Callenberg ein, und
blieb wie geblendet von meiner Schnheit in der halb erhobenen Portire meines
Boudoirs stehen, in das ich bereits aus dem Toilettenzimmer getreten war.
    Sie kommen sehr apropos, lieber Frst! rief ich ihm entgegen. Ich war
heute in der Morgue, um mich mit dem Anblick von Cadavern zu familiarisiren, da
ich bermorgen meinen anatomischen Cursus beginne. Knnten Sie mir nicht die
Leiche irgend eines Kindes aus einem aristokratischen Hause verschaffen? Es
liegt mir etwas Unbehagliches darin, an einer Leiche von niederm Stande zu
operiren.
    Der Frst sah mich mit einem fast stupiden Ausdrucke von Bewilderung an.
Aber meine Grfin! sagte er, was fr miraculse Inclinationen hat Ihre
immense Seele? Sie vaguiren aus einem Extrem in das andere. Werden Sie denn
niemals ein Gengen finden? Sie wissen, ich respectire Ihre Alluren, indessen
dies scheint mir doch fast zu extravagant. Sie, Sie, theure Grfin! wollten die
rosigen Hndchen mit Blut beflecken? Aber wo wollen Sie denn enden?
    Es war die lngste Rede, welche Frst Callenberg jemals gehalten, das erste
Raisonnement, das ich jemals von ihm gehrt hatte. Auch wirkte es auf mich wie
das maiden-speech eines immer schweigenden Parlamentsmitgliedes. Ich sah, wie
sehr der Frst mich lieben msse, um zu einer Demonstration verleitet zu werden,
die so ganz auer den Grenzen seiner Natur lag. Deshalb nahm ich mir die Mhe,
ihm zu antworten, was ich nicht immer that.
    Sie fragen mich, lieber Frst! wann ich Ruhe und Gengen finden wrde?
Sehen Sie das Leben meiner Mutter und meiner Tante Faustine an und antworten Sie
sich selbst. Wir sind die Incarnation der Rastlosigkeit, der Leere, des
Migganges unserer Tage; wir sind die weiblichen ewigen Juden, auf uns ruht ein
Fluch, wir sind tragische Gestalten, Vampyrnaturen - und doppelt destructiv,
weil wir das Bewutsein davon haben, weil eine Eisesklte des starrsten Egoismus
uns unverwundlich macht. Sehen Sie denn nicht, Alles um mich her geht zu Grunde,
die Herzen brechen und verbluten sich, wohin ich wandernd komme, und ich mu
fort, immer weiter fort - o, darin liegt aber ein furchtbares Malheur! rief
ich, und warf mich in Verzweiflung dem Frsten an die Brust, in heie Thrnen
ausbrechend.
    Der Frst hatte mich nie eblouirender gesehen, als in diesem Momente. Er
schlo mich an sich und sagte: O, meine Diogena! drfte ich Dich ewig so
halten, drfte ich meine Arme einen Talisman sein lassen, der Dich einfriedete
in eine andere Welt!
    Die enorme Liebe machte ihn fast beredt. Eine Weile ruhte ich an seinem
Herzen, dann richtete ich mich empor und sagte: O, wiegen Sie mich nicht ein in
Reverien von Glck und Ruhe, die fr mich nicht existiren; meine tragische
Mission ist noch lange nicht beendet; ich mu fort und suchen, wo ich den
Rechten finde. Und nun lassen Sie uns eilen, zu dem Ball bei dem Ambassadeur,
ich bin zu allen Contretnzen engagirt.
    Zwei Tage darauf waren alle meine Befehle erecutirt und der anatomische
Cursus begann. Ich ward der Wissenschaft mit unglaublicher Leichtigkeit Herr,
meine kleinen Hndchen kamen mir wunderbar bei dem Prpariren zu Statten. Mit
derselben Perfection, mit der ich frher die elegantesten Decoupuren von
schwarzem Papier gefertigt, machte ich jetzt die feinsten Nervenprparate,
spritzte Venen aus und secirte die zartesten Zellgewebe. Mein Lehrer war in der
vollsten Admiration dieses stupenden Talentes. Vorzglich aber interessirte mich
das Herz, als wir nach einigen Tagen uns damit zu beschftigen anfingen. Es
tentirte mich, diesen Muskel, in dem sich unsere sublimsten Sensationen
vibrirend kund geben, in seinen minutisesten Details zu kennen und ich
arbeitete noch fort, als schon die Dmmerung begann und Friedrich sein Messer
aus der Hand legte.
    Lassen Sie uns aufhren, gndige Grfin! sagte er, es wird zu dunkel.
    O, dunkel ist Alles! rief ich achtlos aus.
    Alles? fragte Friedrich - auch Ihr sonnenhelles Dasein?
    Unseliger! mssen Sie mich daran mahnen?
    Ich hatte die kleine Aermelschrze von dunkelm Taffet abgeworfen, die ich
bei der Arbeit trug, und war aus dem Cabinet in mein Boudoir getreten. Rosalinde
prsentirte mir ein Lavoir von Svresporzellan, in dem ich mich suberte,
reichte es dann Friedrich, go Odeurs ber unsere Hnde, parfumirte das Zimmer
und entfernte sich. Ich warf mich in einen Fauteuil zunchst dem Kamin, gab
Friedrich ein Zeichen, sich ebenfalls niederzusetzen, kreuzte meine Fchen auf
dem Tabouret vor dem Feuer, dessen Gluth mich beschien, und beobachtete in
halber Distraction den schweigsamen Friedrich, dessen Auge mit Spannung all
meinen Bewegungen folgte.
    Frau Grfin! sagte er endlich, wissen Sie wol, da Sie mich meiner
Wissenschaft abwendig machen? Ich werde nicht mehr wiederkehren drfen.
    Wie das?
    O, ich empfand es gestern, Frau Grfin! ich kann nicht mehr seciren. Ich
sehe Nichts als Sie. Ich kann die Spitze meines Messers nicht mehr in die Iris
einer Pupille stoen, ohne da mir Ihr wundervolles Auge vorschwebt. Meine Hand
zittert, meine Gedanken verwirren sich, Ihr Name schwebt auf meinen Lippen, ich
werde zerstreut, meine Schler kennen mich nicht wieder.
    So werden Sie mindestens wieder den Reiz der Neuheit fr dieselben haben.
    Sie scherzen, sagte Friedrich, und doch spreche ich ernsthaft ber eine
heilige, ernsthafte Empfindung. Wollen Sie mir die Gte erzeigen, mich
anzuhren?
    Mit wahrem Interesse fr Alles, das Sie berhrt, lieber Friedrich!
    So hren Sie! Ich habe Ihnen gesagt, da ich einsam aufgewachsen bin, in
Noth und Arbeit, da ich mir langsam und stufenweise den Weg gebahnt habe zu der
Stellung, die ich jetzt einnehme und die mir bis vor wenigen Tagen gengte, all
meinen Forderungen und Wnschen entsprach. Ich lebte ein ernstes Dasein mitten
in dem Vergngungswirbel und mitten unter dem wilden Lebensstrudel von Paris,
ganz meiner Wissenschaft angehrend mit dem Geiste, ganz dem Volke mit meinem
Herzen. Es war ruhig und friedlich in meiner Seele.
    Er hielt inne und schien zu erwarten, da ich ihn unterbrechen wrde, da ich
dies nicht that, fuhr er fort: Mein Freund, Ihr Lehrer in der Chemie, lernte
Sie kennen und statt der ernsten Gesprche, die wir sonst auf unsern Promenaden,
an unserm Kamine fhrten, trat Ihre Strahlenerscheinung zwischen uns. Ich ward
begierig, eine Frau kennen zu lernen, die im vollsten Glanze der Jugend und
Schnheit, von den brillantesten Festen heimkehrt zu tiefsinnigen Forschungen an
dem Schmelzofen. Mein Freund verschaffte mir die Gunst, Ihnen vorgestellt zu
werden.
    Noch einmal unterbrach er sich, fuhr mit der flachen Hand ber die Stirn und
sagte dann, tief athemholend, wie Jemand, der einen entscheidenden Schritt zu
thun bereit ist: Ihre erste Erscheinung wirkte auf mich wie ein neuer Tag, wie
ein neues Licht. Ihre aristokratisch hochmthige Weise stie mich ab, beleidigte
mein Selbstgefhl; ich htte Sie fliehen und verabscheuen mgen, htte nicht ein
trgerisches Gefhl, das ich damals nicht erkannte, mir zugerufen: bleibe! um
die Hochmthige zu demthigen. Zeige ihr durch eine Einsicht in das All der
Wissenschaft die groe, geheimnivolle Weltmacht, den Allgeist, vor dem ihr
Hochmuth so thricht ist, wie das Revoltiren eines Insektes gegen die
Weltordnung. Zeige ihr, da sie Deinesgleichen ist - denn das allein wollte ich,
um Ansprche machen zu drfen an Sie.
    Ich fuhr empor, Friedrich bemerkte es und hielt mich zurck, indem er, vor
mir niederknieend, meine Hnde in den seinen festhielt.
    Unterbrechen Sie mich nicht, sagte er mit einer Art von Heftigkeit, es
handelt sich hier nicht um eine flchtige Declaration. Ich stehe nicht als ein
Bettler vor Ihnen, der um ihre Gunst fleht, ich stehe als ein Mann da, als ein
liebender Mann, der - selbst sehr leidend - unsgliches Erbarmen hat mit Ihnen
und Sie retten mchte, weil er die Kraft der Liebe zu seinem Beistande hat.
    Und wissen Sie, ob ich diesen von Ihnen anzunehmen geneigt bin? fragte
ich, whrend meine Seele in ungekannter Verehrung zu ihm emporblickte.
    Das mssen Sie, Grfin! ich wrde versuchen, Sie dazu zu zwingen, weil ich
Sie liebe. - Er schwieg abermals und schien zu berlegen, dann sagte er: Ich
hielt Sie fr kokett, fr untergegangen in dem Schlammpfuhl niedriger
Sinnlichkeit, die unablssig nach neuem Genusse jagt. Ich hatte von Ihrem Leben
gehrt, was man in den Salons und aus diesen in die Kaffee's berichtet. Man
nannte mir die groe Zahl Ihrer begnstigten Liebhaber - aber ich glaubte nicht
mehr daran, als ich Sie gesehen hatte, mit Ihren Kinderhndchen, mit Ihrem edeln
zarten Wesen, den Schrecken des Todes gegenber Stich halten - als ich gesehen
hatte, wie Sie in dem Ernste der Wissenschaft Trost und Ersatz suchten fr ein
Glck, welches das Leben Ihnen grausam versagte. Sie sind nicht schlecht,
Grfin! o nein, nein! Ein Engel sind Sie an Leib und Seele, aber Sie sind sehr
unglcklich gewesen.
    O, namenlos, namenlos unglcklich! rief ich aus, einsam ohne Liebe und
die Liebe suchend, die Liebe, die allein mich glcklich machen konnte, die ewig
ekstatische, nimmer verglhende Liebe!
    Friedrich sah wie verklrt aus, er legte sich meine Hnde ber seine
Schultern und umschlang meinen Leib mit seinen Armen. Du armes, armes Kind!
sagte er selbst mit der spielenden Grazie eines Kindes, ich ahnte es gleich,
was Du suchtest in den Herzen der Gestorbenen - Du suchtest die Liebe! - Ach,
meine Diogena! mein holdes Engelsbild! die Liebe ist nur in dem lebenden Herzen,
denn die Liebe ist das Leben! Sieh, mein Engel, hier, hier, fhle es, da klopft
die Liebe in meiner Brust zum ersten Male in meinem Leben. Sieh, hier ist ein
Herz, in dem nie ein anderes Frauenbild lebte, als das Deine, - hier ist ein
unentweihter Altar - wohne hier, Du Gttliche! Du, Du allein und fr ewig.
    Eine seltsame Wehmuth berschlich mich. Friedrich war magnifik in dieser
Ekstase, die den ernsten, ruhigen Mann wunderbar embellirte. Es schmeichelte
mir, das erste Weib zu sein, das ihn die Gewalt der Liebe kennen lehrte; es
freute mich, den stolzen Brgerlichen vor mir knieen zu sehen, und whrend mich
die Hoffnung, er sei vielleicht der Rechte, in se Emotion versenkte, beruhigte
mich der Gedanke, da ja auch all die andern exclusiven Grfinnen sich ihrer
Liaison mit einem Brgerlichen nicht geschmt htten. Vor allen Dingen aber
gefiel er mir und ich raisonnirte mir dies Alles nur vor, um mir die Regungen zu
seinen Gunsten nicht einzugestehen. Indessen hielt ich es meinem Range
angemessen, ihm den Sieg nicht zu leicht zu machen.
    Ich machte mich sanft von ihm los und sagte, indem ich meine Rechte auf sein
Haupt legte und mit der Linken sein Kinn in die Hhe hob, so da ich ihm fest in
die schne blaue Iris seines treuen Auges sah: Und wer brgt Ihnen dafr,
lieber Friedrich! da ich berhaupt fr Liebe sensibel, der Liebe capabel sei?
    O Diogena! rief er mit dem Tone der vollsten Conviction.
    Sehen Sie, Friedrich! ich war verheirathet, der Graf hat mich geliebt, Lord
Ermanby, der Vicomte Servillier sind aus Liebe fr mich gestorben, Frst
Callenberg betet mich an; ich habe sie Alle zu lieben versucht, ich habe es
nicht vermocht. Mein Herz ist todt geblieben und kalt, ich denke ihrer nicht
mehr. Ich suche heute noch nach Liebe, nach der Liebe, die ich meine - und -
    Und? fragte Friedrich bebend und erbleichend.
    Ich hoffe, ich habe sie gefunden - lispelte ich leise und lehnte mich an
ihn.
    O Gott des Himmels! rief er und prete mich mit glhender Leidenschaft an
sich, mich mit seinen Kssen bedeckend.
    Ach, es liegt ein eigenthmlicher Charme in der Flle unentweihter Liebe.
Friedrich's Ekstase enchantirte mich, und whrend ich ihm immer und immer
wiederholen mute, da ich noch nie geliebt, da ich immer unbefriedigt, immer
kalt gewesen sei, schwor er mit hchster Conviction, jetzt wrde ich lieben
lernen, denn seine Liebe msse mich erwrmen.
    Sieh, Diogena! sagte er, die Liebe ist ein ewig bindendes Gefhl, Du mut
mein werden durch den Segen der Kirche, mein Weib, meine Hausfrau! Du mut da
sein, wenn ich mde bin von der Arbeit, mir zulchelnd, mich belebend; die Hebe,
welche dem Hercules den Trank ewiger Jugend bietet. O Se, willst Du mein Weib
sein?
    Ich war wie aneantirt. Von Ehe, von Heirath zu sprechen mir, der Grfin
Diogena, mir, der Nichte Faustinens, das war doch wirklich zu brgerlich. Aber
das ist der Fehler der Roturiers, sie sind materiell in ihren Begriffen, sie
verlangen solide Possession, wohl hypothekirt ins Kirchenbuch geschrieben. Sie
verstehen Nichts von der Aisance unserer Liaisons, die wir binden und lsen nach
unserm Ermessen. Was uns idealste Poesie scheint, ist ihnen profunde
Depravation. Das ist ein groes Uebel mit der Bourgeoisie. Ich bedachte mich
einen Moment, was ich thun solle. Sagte ich ein decidirtes Nein, so riskirte
ich, Friedrich, mit seinen sogenannten moralischen Idealen, auf ewig von mir zu
entfernen; und das wollte ich nicht, denn er gefiel mir, ich liebte ihn sogar
auf meine Faon. Da fiel mir ein, wie sich Grfin Ilda Schnholm, auch eine nahe
Verwandte meiner Mutter, klug aus dem Embarras gezogen hatte, und als Friedrich
mich noch einmal fragte: Diogena! willst Du mein Weib sein? mein treues,
liebendes Weib? antwortete ich wie Jene:
    Ich will es versuchen!
    Und wirst Du glcklich sein? wirst Du mich lieben?
    Ich will es versuchen! antwortete ich wieder.
    Friedrich lie mich los und sah mich forschend an. Diogena! rief er, mein
Engel! mein Kopf verwirrt sich, ich verstehe Dich nicht. Was will es sagen, dies
wunderbare: Ich will es versuchen? und wie versucht man die Ehe? - O mein Engel,
das ist ein hliches, bses Wort - das sprach die kalte herzlose Grfin, nicht
Du, nicht meine se, schne Geliebte!
    Friedrich war so ganz Glck, so ganz zum frohen Jngling umgewandelt, da er
mich mit sich fortri. Er schilderte mir die Seligkeit der Ehe, wie er sie sich
bisweilen in seinen einsamen Reverien ausgemalt hatte, dies Du und Du engsten
Beisammenseins, paisibler Begrenzung, mit einer Liebe, mit einer Innigkeit, da
ich anfing, ein Penchant dafr zu fhlen und mich selbst danach zu sehnen.
    O, rief ich, mein Friedrich! das, was Du mir da schilderst, ist wol
schn, aber unerreichbar fr die Grfin Diogena, so sehr Deine se Geliebte
sich danach sehnt. Sieh, mein Friedrich! an die Grfin hat die Welt Ansprche,
ich habe die Gesellschaft zu menagiren, ich habe Egards zu nehmen fr meine
Position, die ich durch meine wissenschaftlichen Capricen wol ein wenig
compromittirt habe, die Gesellschaft - -
    Ach, mein Engel! wirf sie von Dir diese Sklaverei der Gesellschaft. Ich
liebe nicht die Grfin, ich liebe Dich, Du Geliebte! Komm, meine se Diogena!
la uns Paris verlassen, la uns fortgehen von hier nach irgend einem stillen
Fleck der Erde, an dem Niemand uns kennt, Niemand unsere traute Einsamkeit
strt. Willst Du das, Liebe?
    Mit tausend Freuden! rief ich aus. Die Proposition war so originell bei
unsern beiderseitigen Verhltnissen, da sie mich um ihrer Originalitt willen
reizte. Friedrich verlie mich, um sich einen Urlaub zu erbitten, ich expedirte
meine Visitenkarten mit dem officiellen p. p. c. an alle meine Bekannten, lie
eine simple Toilette packen, befahl nur Rosalinden, sich zu meiner Begleitung
parat zu halten, und verbot den Domestiken, den Frsten, auch wenn er danach
frage, ber meine Abreise zu avertiren. Das anatomische Cabinet wurde
geschlossen, die Studien in den todten Herzen der Cadaver fr's Erste
suspendirt, denn ich war entschlossen, noch einmal mit einem lebenden, liebenden
Herzen zu experimentiren.
    In den Emotionen des unerwarteten Glckes, der ersten Liebe, unter den
Prparationen fr unsere Abreise, dachte Friedrich nicht mehr an das brgerliche
Amusement einer solennen Copulation. Ich war sein, dies satisfaisirte ihn und
machte ihn indifferent gegen die ganze brige Welt.
    Nach wenig Tagen saen wir in meiner hchst comfortablen Kalesche, ohne
Domestiken, nur Rosalinde mit uns. Dies gab ein wunderliches Dilemma; denn
whrend ich mich ber die brgerliche Simplicitt dieser improvisirten Reise
divertirte, war Friedrich enchantirt von dem ungekannten Comfort, den er in
einer eigenen Reiseequipage geno. Ihn machte es glcklich, tausend kleine
Dienste zu bernehmen, die sonst mein Kammerdiener mir leistete, und ich fand es
s, von seiner adorirenden Liebe bedient zu werden; so waren wir Beide sehr
heiter und animirt. Es war die angenehmste Zeit, deren ich mich erinnere.
    Wir gingen von Paris nach Marseille, schifften uns fr Neapel ein und
durchwanderten die Inseln und Italien nach allen Distancen. Friedrich's profunde
Gelehrsamkeit bot ihm berall Stoff zu neuen Entdeckungen, die er vor meinem
immensen Geiste niederlegte, wie ein Anderer den duftenden Strau an den Busen
der Geliebten drckt. Meine divinatorischen Apercus inspirirten ihn, und unter
seinen heien Liebeskssen dictirte er mir ganze Volumen voll tiefsinniger
Forschungen, die seinen Namen auf die spteste Nachwelt tragen werden.
    Dies Reisen, getheilt zwischen Liebe und Wissenschaft, hatte etwas wunderbar
Ausfllendes. Ich ennuyirte mich nie, ich gewann Geschmack an einem laborieusen
Leben bei rastlosem Reisen, die Existenz eines gelehrten Touristen contentirte
mich so sehr, Friedrich's Liebe war so ungeheuchelt frisch und warm, da ich in
der That nicht daran dachte, ob ich ihn liebe oder nicht. Ich fragte mich nicht,
was empfindest du? Ich lie mich in diesem passiven bien tre gehen.
    Inde Friedrich fand, nachdem, mir selbst ein Mirakel, dies Touristenleben
mehr als ein Jahr gedauert hatte, ohne mich zu ennuyiren, diese Art der Existenz
unbefriedigend. Er verlangte nach einem festen Domicil, er wollte wieder ein
brgerliches Glck und husliche Ruhe. Mich in Paris in brgerlicher
Glckseligkeit als Frau Professorin zu etabliren, wre ein Heroismus gewesen,
dessen ich mich nicht capabel fhlte. Mir bangte davor, Personen meines Kreises
whrend dieses brgerlichen Idylls zu begegnen, obschon es mich noch immer
merveilleusement contentirte. So schlug ich Friedrich vor, nach Pisa zu gehen
und sich dort um die vacante Professur der Anatomie bei der Universitt zu
bewerben.
    Friedrich fand die Idee zusagend, meldete sich zu dem Amte und erhielt es,
da sein Ruf bereits ein europischer war. Nach wenig Wochen war ein stilles Haus
an dem Katharinenplatze gemiethet und ich hauste darin mit Rosalindens Beistand,
unter dem Titel der Frau Professorin. Aber nach dem Eintritte in dies Haus ging
ein veritables Changement mit Friedrich vor.
    Er zeigte Collegia an, es meldeten sich Zuhrer, sein Auditorium ward das
frequentirteste. Das spornte seine Ambition, er fing an rastlos zu studiren, er
operirte und secirte den ganzen Tag. Ich fand es horribel, es langweilte mich
tdtlich, und ich konnte nicht umhin, mich darber zu beklagen.
    Wenn ich in dem stillen, todten Pisa die langen Tage allein zugebracht
hatte, so erschien Friedrich am Abende, strahlend vor Satisfaction ber irgend
ein Problem, das er in Bezug auf die Blutkgelchen oder die Nervenphysik
decouvrirt hatte. - Mit komischer Consequenz wollte er mich bereden, ich msse
ein Interesse dafr haben, weil ich einst selbst htte Anatomie studiren wollen.
Er begriff nicht, da man aus bloer Caprice sich fr eine Wissenschaft portiren
knne, da man sie cultivire, um sich zu desennuyiren, und sie abandonnire, wenn
sie diesem Zwecke nicht mehr entspreche. Es that ihm leid, mich dafr
indifferent zu sehen und er bot die ganze Gewalt seiner Liebe auf, die Wolken
der Unzufriedenheit, der Ermdung zu bannen, die anfingen, sich ber meine
immense Seele zu lagern. Aber auch dies gelang nur temporr. Ich hatte seine
Liebe nun durch mehr als funfzehn Monate genossen, sie war immer dieselbe, immer
ernst und mild, bisweilen feurig und berwltigend, aber das Alles kannte ich
nun  fond.
    Ich regrettirte, diese herannahende Ermdung nicht cachiren zu knnen, ich
wollte es ernstlich, es mislang. Naturen wie die meine knnen nicht heucheln, es
gibt einen Grad des Egoismus, der die Heuchelei unmglich macht, weil er in
wahnsinniger Verblendung sich ein despotisches Recht der Selbstbefriedigung
zugesteht und nicht einmal die Milde hat, das Unrecht mit mglicher Schonung zu
thun.
    Eines Abends sa ich auf dem Balcon unsers Hauses und sah hinab durch das
Laub der dichten Bume vor unserm Fenster, auf den Platz. Einige Kinder spielten
daselbst, es war sehr still. Friedrich kam von der Anatomie nach Hause, er war
mde und lehnte seinen Kopf an meine Schulter, um zu ruhen, whrend sein Arm
mich umschlang. Es war ein heier, siroccoschwler Abend und nach wenig Minuten
fhlte ich, da Friedrich's Haupt schwer und schwerer auf meiner Schulter wurde.
Er war eingeschlafen.
    Eine Thrne trat mir in die Augen, ich fhlte mich tief degradirt. So weit
war ich gesunken, da ein brgerlicher Professor es wagte, einzuschlafen in
meinen Armen, in den Armen der Grfin Diogena. Mit prchtiger Indignation sprang
ich empor. Friedrich fuhr auf wie elektrisirt. Was gibt es, Diogena! fragte er
erschrocken.
    O, Nichts, eine Kleinigkeit! sagte ich kalt, die Grfin Diogena wird es
mde, dem Professor Friedrich Wahl in Sklavendiensten zu huldigen.
    Friedrich sah mich ganz bewildert an und sagte: Ich verstehe Dich nicht,
meine Diogena!
    Du wirst es begreifen, wenn ich Dir sage, da Du an meiner Seite
eingeschlafen bist.
    Dann war ich sicher sehr mde.
    Nicht mder als ich es bin, dergleichen zu ertragen.
    Aber mein holdes Leben! rief Friedrich, der jetzt erst zu bemerken schien,
da ich wirklich irritirt sei, wie oft hast Du an meinem Herzen geschlummert
und welch ein Glck ist mir das gewesen. Mit welch andchtiger Liebe habe ich
Dein Kpfchen an meine Brust gedrckt und die sanften Athemzge Deiner Lippen
belauscht; wie kannst Du zrnen, wenn ich einmal ausruhe an dem Herzen meines
Weibes! Du thrichtes, liebes Kind!
    Friedrich wollte mich umarmen, aber ich lie es nicht zu. Ich mag wol
unverstndig sein, lieber Friedrich! antwortete ich, aber ich will Dir
bekennen, da mir unsere ganze Lebensweise anfngt au suprme degr zu
misfallen. Wir kommen ganz in die bequemen Alluren der Ehe hinein, das ist ein
Horreur. Du thust, als httest Du positive Rechte an mich -
    Diogena! rief Friedrich, und habe ich die nicht?
    Und wodurch?
    Du redest irre, Diogena! rief Friedrich und fate meine Hand. Wodurch?
Und bist Du nicht mein Weib? Hast Du nicht liebend Dich mir zu eigen gegeben mit
heien, flammenden Worten? Bist Du nicht mein gewesen seit fast zwei Jahren,
mein ganz und gar, so da ich des Kirchenbundes nicht mehr begehrte, weil ich es
empfand, es konnte dessen nicht mehr bedrfen? Ich liebe Dich, ich bin Dir eigen
mit Seele und Leib in treuster Hingebung und Du kannst fragen, wodurch ich ein
Recht habe an Dich? Du kannst das fragen, das liebende Weib?
    Friedrich! sagte ich - und zum ersten Mal im Leben empfand ich einen
tdtlichen Schmerz bei diesen Worten, denn ich wute, da ich ein vergiftetes
Stilet drcke in sein Herz - Friedrich! ich mag Dich nicht tuschen, ich liebe
Dich nicht mehr!
    Er erblate, trat einige Schritte von mir zurck und stand da in starrer
Versteinerung. Kann man denn aufhren zu lieben? sagte er, wie Jemand in
wstem Traume nach dem Unmglichen fragt - kann man denn aufhren zu lieben,
was man geliebt hat, wie ich Dich?
    O, rief ich, ich glaube, ich habe Dich niemals geliebt. Vergib mir, mein
Friedrich! Du weit es, ich kann wol nicht lieben. Du kennst das Herz, das
anatomische Herz in seinen geheimsten Verzweigungen, mein Herz ist Dir ein
Mysterium geblieben, es ist aber unergrndlich, Dir, mir selbst ein Rthsel. Du
hast gewhnt, Deine Liebe, eheliches Glck knne mir gengen, aber -, mein
Friedrich, ich bin ja kein gewhnliches Weib, keine gewhnliche Frauennatur. O!
ich wute es wohl, als ich es Dir sagte: Ich will es versuchen Dein Weib zu
sein; ich wute, ich knne die tdtliche Dauer der Ehe nicht ertragen, die
vehemente Impetuositt meines Wesens revoltirt gegen die Dauer, gegen die
unwandelbare Treue.
    Friedrich sah mich an, als sei die Welt im Versinken begriffen und sagte
tonlos: Diogena! ein Weib, das sich einem Manne zu eigen gibt ohne den Vorsatz
wandelloser Treue, ist sehr elend.
    O! rief ich mit allem prchtigen Stolze meines aristokratischen
Bewutseins, so urtheilst Du, befangen in bldsichtiger Brgerlichkeit. Die
Treue ist Bornirtheit, ich bin unbegrenzt, meine Untreue ist sublim, ist
gttlich. Was Du Wankelmuth nennst, ist die erhabene Forschungslust des Adepten,
der rcksichtslos das letzte Geldstck, welches die Seinen vor dem Hungertode
retten sollte, seinem Schmelztiegel bergibt, um den Stein der Weisen zu finden,
den er so wenig kennt, als ich das Herz, die Liebe, den Mann, den ich suche. Wir
glauben Beide an die Existenz eines Unmglichen, eines Mirakels, und wir mssen
es suchen, bis wir es finden.
    Diogena! ich glaubte an Dich, ich liebte Dich, Du brichst mir das Herz!
    Ich darf die Opfer nicht achten, die es mich kostet, sagte ich, denn auch
ich leide in diesem Momente. O, ich leide sehr! rief ich, und fing zu weinen
an.
    Als Friedrich meine Thrnen sah, strzten auch die seinen unaufhaltsam
hervor. Diogena! sagte er, meine ganze Liebe war Dein, ist Dein und das
gengt Dir nicht?
    Ich war gerhrt, nahm mild seine Hand und sagte: Mein Friedrich! Du bist
der erste Mann, den ich beklage, weil er mir nicht gengte. Aber sieh! ich kann
nicht anders. Deine Liebe bleibt sich ewig gleich, ist immer dieselbe, gewhrt
ein ruhig Glck. Das habe ich nie gewollt. Ich verlange eine gttliche Anbetung
in tglich neuer Form, ich verlange tglich neue, gesteigerte Gluth, ich
verlange vielleicht Unmgliches - aber das Mgliche widert mich an. Ich wei,
ich bin eine Titanennatur, ein weiblicher Faust, was kann ich dafr, da Ihr nur
Mnner, nur Menschen seid. Schaffe mir einen Halbgott, ihn will ich lieben und
treu sein - wenn ich es kann.
    Diogena, um Gottes willen! ein Fieberwahnsinn umnebelt Deine Seele, so kann
kein Weib reden zu dem Manne, dessen Herz ihr Bild in sich schliet, dessen
Gattin sie geworden. Du bist krank, meine Diogena!
    Ich hielt ihm ruhig meine Hand hin und sagte: Fhle die gleichmigen
Pulsschlge meines Blutes, ich bin nie ruhiger gewesen als in dieser Stunde.
    Dann sei Gott Dir gndig in Deiner wahnsinnigen, kalten Verblendung, rief
Friedrich und strzte hinaus.
    Ich blieb allein zurck, grandios in meinem Bewutsein, mich von diesem
brgerlichen Despotismus befreit zu haben. Friedrich kehrte am Abende nicht
zurck. Ich befahl Rosalinden, meinem Kammerdiener nach Paris zu schreiben, da
er mein in Florenz warten solle, lie packen und verlie Pisa noch in der Nacht,
entschlossen, mich durch neue Reisen von der Fatigue dieses Stilllebens zu
erholen.

                                  Drittes Buch


Mein gewhnliches Reiseleben nahm denn nun wieder seinen Anfang. Schon in
Venedig traf ich den Frsten, der in Paris durch meinen Kammerdiener erfahren
hatte, da ich mich von Friedrich getrennt habe und wieder reisen wrde. Diesen
Zeitpunkt hatte er abgewartet, um mir aufs neue seine Dienste anzubieten, die
mir sehr willkommen waren. Ich liebte ihn nicht, aber ich war gewhnt an ihn,
ich hatte sogar eine Art von Vorliebe fr ihn bekommen und seine Zufriedenheit
war mir nicht indifferent.
    Ich klagte ihm, wie ich wieder um eine Illusion rmer geworden, jetzt reisen
msse, ohne Unterbrechung, bis ich den Rechten entdeckte, und bat ihn, mir seine
Begleitung zu gnnen, da ich vielleicht gezwungen sein knnte, meiner Recherchen
wegen Europa zu verlassen. Er war bereitwillig dazu wie immer. Es lag etwas
wahrhaft Chevalereskes in dieser Beharrlichkeit, das ich sehr estimirte.
    Wir durchstreiften noch einmal Italien, Frankreich, Deutschland, damit
vergingen einige Jahre; ich machte einen Reiseversuch nach Norden, aber
vergebens! - Die Herzen der Skandinavier sind von einer impatientirenden Klte,
ich fhlte, dies sei kein Feld fr meine Bestrebungen, und drehte bald wieder
um. Wir gingen nach Ruland und England; aber Lnder, in denen die Mnner aus
Zrtlichkeit ihre Frauen zchtigen und aus Ueberdru mit einem Stricke um den
Hals verkaufen, hatten keine Reize fr mich, boten mir keine Hoffnung auf
Succe. Ich war frmlich decouragirt. Ich sah bleich und leidend aus, meine
Krfte waren usirt, meine Nervositt nahm zu und meine Lebensgeister waren
dermaen deprimirt, da der Frst, von diesem tat de langueur das Aergste
befrchtend, mir einen decidirten Wechsel von Klima und Zustnden proponirte, um
mich neu zu animiren.
    Wir gingen durch die Trkei und Griechenland nach dem Orient. O, welche
Sympathie flte er mir ein. Nie, niemals hatte ich zwischen Himmel und Erde
Etwas gefunden, das mir mit meiner Seele zu correspondiren geschienen htte, nie
ein Emblem fr meine Seele entdeckt. Jetzt lag es vor mir da.
    Ja, die Wste war das Bild meiner Seele! Immens, leer, von glhendem
Sonnenbrande verdorrt, tdtlich dem Pilger, der sie glaubensvoll betritt, und
dessen Dasein spurlos verlschend; ohne Blthe, ohne Erquickung fr den
Menschen, voll trgerischer Phantome, die ihn verlocken, um ihn zu vernichten. -
O, die unabsehbare Wste war das Bild meiner immens leeren Seele!
    Ich warf mich auf den Boden nieder, ich kte die glhende Erde, ich fhlte
mich in meiner Heimath. Die Nomaden, die heute hier und morgen dort das luftige
Lager etabliren, wie homogen waren sie meinen eignen Alluren, wie hnlich ihr
Leben dem zigeunerhaften Umherziehen der groen Welt, das so sehr bon genre ist.
Der Orient entzckte, inspirirte mich, die wunderbaren urtypischen Mnnernaturen
imponirten mir, inde hier konnte ich nicht einmal zu suchen wagen, weil bei der
mohammedanischen Uncultur der Geister auf jene Blthe des Seelenlebens gar nicht
zu rechnen war, die ich als Resultat erstrebte.
    Eines Abends hatten wir unser Lager bereits wieder etablirt, die Kameele
waren abgezumt und ruhten in der Nhe meines Zeltes, der Kava ging geruschlos
hin und her, die Zurstungen fr unser Souper zu machen. Ich lag auf meinen
Polstern, der Frst hielt an der Thre Wache. Rund um uns her waren die Feuer
angezndet, in deren rother Beleuchtung die Burnus der Araber erglnzten, welche
unsere Escorte bildeten. Der Himmel mit seinen goldenen Sternen ruhte wie ein
superber Baldachin ber uns, und Nichts unterbrach die sublime Stille, als das
Heulen der Schakals.
    Der Ton drang mit terribler Gewalt in meine Seele. - So, gerade so rief es
oft wild, klagend und furchtbar in der Wste meiner Seele nach dem Rechten - und
ich fand ihn nicht. All diese Reisen waren ja nur Versuche, ihn zu finden, mein
Leben epanchirte sich in diesen Versuchen, ich hatte nur Distractionen, nur
temporre Occupationen gefunden und jetzt seit Jahren mich einer Art von
Indolenz ergeben, die aus gnzlicher Verzweiflung entsprungen war. Hier in der
Wste, in der sublimen Stille der Nacht, ward mir urpltzlich wieder der Glaube
an die intensive Macht meines Naturells und der Vorsatz rege, noch einmal das
Werk zu beginnen. Das Andenken des edeln Robert Bruce schwebte vor meinem
Geiste, der durch eine, den zerrissenen Faden immer neu knpfende Spinne zu
perseverirender Thatkraft angespornt wurde, nachdem er schon frmlich
decouragirt gewesen war.
    Ich nahm die ganze Energie des Geistes zusammen und fragte mich, was bleibt
mir jetzt zu thun? Die christlich europische Civilisation, die orientalische
Polygamie sind es nicht, welche den Gottmenschen der Liebe hervorbringen, den
ich finden mu. Europa entnervt durch Lurus und macht kalte Raisonneurs aus den
Mnnern, die philosophiren, von Principien schwatzen, Ansprche machen, wo man
nur das Nieendliche empfinden soll. Der Orient, der Mohammedanismus stehen auf
dem tiefsten Punkte der Entsittlichung, denn das Weib, dieser Mittelpunkt der
Creation, ist Sklavin der mnnlichen Willkr, wie der Mann es sein sollte der
weiblichen Caprice. Es mu einen normalen Zustand geben, sagte ich mir, der,
unberhrt von der Civilisation, eine naturgeme Position der Geschlechter
gegeneinander zeigt; in diesem normalen Zustande allein kann sich der
Culminationspunkt der Liebe prsentiren. Es lag in meinem Charakter neben aller
Eleganz der Weltfrau ein gewisses sauvages je ne sais quoi, das mir immer die
Cooper'schen, wohlgewaschenen, durch die Liebe dressirten, nobeln Wilden
interessant gemacht hatte. Ich glaube nicht daran, da sie ausgestorben seien;
ich hoffte noch einen Descendenten dieser edlen Race zu entdecken, ich ahnte, in
ihm knne ich den Rechten finden.
    Wie ein Lichtstrahl fiel dieser Gedanke in meine Seele. Ich rayonnirte von
der animirenden Hoffnung und rief den Frsten, um ihm meine Ideen mitzutheilen.
Als der Frst aufstand und mich erblickte, sagte er, ganz bewildert von dem
neuen Leben, das aus der sammetweichen Iris meines Auges strahlte: Aber, meine
Grfin! was haben Sie begonnen, Sie sehen aus, als htten Sie aus dem Quell der
Jugend getrunken, Sie sind wieder die blendende, fascinirende Diogena, die ich
zuerst in Baden-Baden erblickte. Das sind nun doch fast ein zehn Jahre her.
    Das Entzcken des Frsten freute mich, aber seine letzte Aeuerung machte
mich pensive. Zehn Jahre! ein Decennium rastloser, vergeblicher Anstrengungen -
O, welch ein trauriges Loos war mir geworden! Ich gestand mir, da ich sieben
und zwanzig Jahre alt, da ich nicht fern von der uersten Grenze der Jugend
sei. Das decidirte mich, um so schneller an die Realisirung meines Planes zu
gehen.
    Ich setzte ihn dem Frsten auseinander, er hatte Capacitt genug, ihn zu
begreifen, obgleich er ihm nicht vollkommen angenehm war. Indessen mir zu
folgen, war seine Vocation, wir erkannten es Beide dafr und lieen die Kameele
am nchsten Morgen auf der Strae nach Kairo retourniren.
    Wir durchflogen Meere und Lnder, Nichts reizte mich mehr, ich hatte ja
schon Alles gesehen, und oft kam mir Lord Ermanby's Ausspruch in den Sinn, man
kann ja nicht immer wieder von Neuem anfangen zu bewundern. In krzester Zeit
erreichten wir Deutschland und den Rhein. Die Anwesenheit eines Monarchen hatte
die ganze schne Welt an seinen Ufern versammelt. Eines Tages saen wir in
Koblenz an der table d'hte, der Frst und ich. Pltzlich sehe ich den Erstern
erbleichen und hre, wie er sich bei dem Kellner erkundigt, ob keine andern
Pltze fr uns zu haben wren.
    Und was misfllt Ihnen an diesen, lieber Frst? fragte ich grazis
lchelnd.
    O, ich meine wegen des vis--vis! entgegnete er verlegen.
    Ich nahm mein Lorgnon und blickte hinber, da sa Graf Bonaventura, mein
Mann, mit Aurora Elsleben, die er geheirathet hatte, wie ich wute. Bonaventura
schien berrascht und bewegt; Aurora war in sichtlicher Unruhe, man sah Beiden
die Emotion ihres Innern an. Mich lie es ganz kalt. Ich dachte an das Begegnen
von des Frsten Mutter, Grfin Cornelie, mit ihrem frhern Geliebten Lenor
Brand, und richtete mein Lorgnon, als ob es gleichgltige Bekannte wren,
freundlich grend, fest auf die mir Gegenbersitzenden. Und in der That, was
ist uns ein Mann, den wir nicht mehr lieben? Warum haftet man an Impressionen
des Herzens mit so ridiculer Consequenz? Mnner sind fr Frauen meines geistigen
Ranges Mittel, sich durch die Langeweile des Lebens zu kmpfen. Wer aber ist
thricht genug, ein Ding festhalten zu wollen in der Piett des Andenkens, das
ihm Nichts mehr ist, weil er einmal glaubte, es knne ihm Etwas sein? Dies sind
Schwchen kleinlicher Naturen, die mir vollkommen fremd sind.
    Das Ehepaar war nicht auf dieser Seelenhhe. Sie hielten kaum die Hlfte des
Diners aus und entfernten sich. Der Frst athmete auf. Meine Grfin! sagte er,
wie froh bin ich, da der Graf sich entfernte, ich litt fr Sie.
    Zu gtig! rief ich lachend, denn ich befand mich vortrefflich und hatte
niemals bessern Appetit.
    So qulte Sie die Anwesenheit Ihres Mannes nicht?
    Sie war mir lstig, als er noch mein Mann war, jetzt ist sie mir
indifferent. Lernen Sie doch endlich die Gttlichkeit meiner Natur begreifen.
Ich behalte Alles, was mir schmeichelt, ich ignorire Alles, was mir unbequem
ist. Ich lebe nur im Moment, und die Vergangenheit versinkt spurlos in die
Eisschluchten meiner immensen Seele, wie die unglcklichen Bergersteiger in den
Eisspalten der Gletscher. Das ist der Vorzug einer immensen Seele.
    Und das wird auch mein Loos sein? fragte der Frst.
    O, gewi! wenn ich Sie nicht mehr brauche, wenn ich einen Remplaant fr
Sie habe, ohne Zweifel! rief ich mit entzckender Naivett.
    Der Frst schien nachdenklich, aber ein ser Blick meiner sammetweichen
Augen verscheuchte seine Launen und er blieb wie immer befriedigt unter dem
Lcheln meiner Huld.
    Wir fuhren den Rhein hinab und schifften nach London ber, wo wir einen
lngern Aufenthalt machen muten, uns fr die projectirte Excursion nach
Nordamerika zu arrangiren. Ich kaufte eine neue Equipage, auf deren Thre statt
des Wappens mein Emblem, die trostlose Wste, gemalt war. Oben ber dem Wagen
war von Gold die Laterne des Diogenes, meine Laterne, angebracht, die ich aus
einer gewissen Superstition von jetzt an brennend zu erhalten beschlo. Ich lie
mir und dem Frsten passende Costume machen und dann schifften wir uns auf dem
Great-Western ein.
    Whrend der ganzen Reise verhielt ich mich absolut passiv, wie ein
kniglicher Tiger, der ruhig daliegt, bis die Zeit gekommen ist, in der er sein
Opfer zu erreichen hoffen darf. Ich las alle Cooper'schen und Sealsfield'schen
Romane, um die Sitten der Wilden kennen zu lernen, studirte die Sprache der
Delawaren, und lernte alle Reden auswendig, welche Parthenia in Halm's
miraculosem Sohn der Wildni, dem Tektosagen-Huptling Ingomar, hlt.
    So vorbereitet landete ich in Neuyork und trat meine Excursion in das Innere
an. Man mu jetzt in Amerika lange reisen, ehe man Wilden begegnet; die Welt ist
terribel civilisirt, nirgend mehr ein Zug lieblicher Sauvagerie. Als wir bis zu
den Grenzen der von Europern bewohnten Gegenden gekommen waren, lie ich meine
Equipage in einem der Blockhuser und vernderte mein Costume in der Weise, da
es dem der Myrrha im unterbrochenen Opferfeste einigermaen nahe kam. Der Frst
legte ein bequemes Jagdkleid an, nahm ein Paar Pistolen, eine Flinte und ein
Seitengewehr mit sich, und so gingen wir, von einem Fhrer geleitet, den
Urwldern zu.
    Als ich im Blockhause zum letzten Male in den Spiegel schaute, mute ich mir
selbst bekennen, da ich unwiderstehlich sei. Ich sah vollkommen wie eine
indianische Squaw aus, ins Deutsch-Aristokratische bersetzt. Denn selbst in der
leichten Bemalung meines Krpers, die aus lauter kleinen wunderlich
verschlungenen Laternchen bestand, in dem Federschmuck meines Hauptes, in meinen
Fu- und Armspangen, wie in den Mokassins, welche der erste Schuhmacher Londons
gearbeitet hatte, lag die ganze reizende Nonchalance einer nobeln Grfin. Ich
trug einen Plaid, den ich fr alle Flle mitgenommen hatte, einige
Bouillon-Tafeln und verschiedene Confituren in einem Krbchen an dem rechten
Arme. In der Linken hielt ich die brennende Laterne.
    Es war hoch am Tage, als das flache Land, die fetten Wiesengrnde zwischen
den Flssen sich in Waldungen zu verwandeln anfingen. Die Erhabenheit dieser
Urwlder wirkte gewaltig auf mich. Riesenbume verschlangen liebend ihre Aeste
zu einem festen Dache, Blumen rankten sich daran empor und hingen wie Sterne von
den hchsten Zweigen hernieder. Ein Teppich von weichem Moose bewegte sich
elastisch selbst unter meinem federleichten Tritte. Einzelne Vgel wiegten sich
in ruhiger Sicherheit auf den Aesten und ein wunderbarer Duft voll entzckender
Frische wehte durch die Luft.
    Niedergeworfen von dieser Erhabenheit, sank ich in das Knie; unwillkrlich
falteten sich meine Hndchen zum Gebete, und auf Delawarisch sagte ich: O! Du
mein Gott! der Du jeder Creatur das Glck der Existenz gewhrst, der Du jedem
Thiere ein Gengen gnnst, Du wirst ein Auge haben fr eine Grfin aus altem
Hause, Du wirst ihr geben, was sie bedarf, ein immenses, nie dagewesenes Glck
fr ihre immense Seele! - O! es wre unbarmherzig, es wre ein immenses Unrecht
an meiner Seele, knntest Du es mir versagen.
    Ich erhob mich neugestrkt durch die Conviction der Erhrung. Ich war froh
geworden und harmlos wie ein Kind. Ich fand die neue Position entzckend und sah
mit klopfendem Herzen dem ersten Wilden entgegen. Unser Fhrer, der seit Jahren
Handel trieb zwischen den letzten Blockhusern und den ersten Wigwams,
berichtete uns, da wir uns einem solchen nherten.
    Als es dunkel ward, hrte ich pltzlich einen leisen Ton, als ob ein scheues
Reh durch die Zweige schlpfe. Der Fhrer gab ein Zeichen durch eigenthmliches
Pfeifen, ein hnlicher Laut antwortete ihm, und wie aus der Erde
hervorgezaubert, stand die Gestalt eines Kriegers vom Delawarenstamme vor uns.
    Ich hob die brennende Laterne in die Hhe und nahm mein Lorgnon, das ich
natrlich nicht zurckgelassen hatte, um ihn zu beobachten. Es war eine Gestalt
wie ein jugendlicher Antinous aus rothem Granit. Schwarze ruhige Augensterne
tauchten aus der weien Iris mit miraculser Intensitt hervor, die Nstern
seiner Nase hoben sich aristokratisch stolz, wie bei einem jungen Schlachtrosse;
ich sah, ich hatte keinen gemeinen Krieger, ich hatte einen Huptling vor mir.
Da er fhlen mochte, da ihm von uns keine Gefahr drohe, hielt er sich ruhig und
erwartete die Anrede unsers Fhrers.
    Warum ist Coeur de Lion nicht bei seinem Volke im Wigwam, sondern einsam
streifend zu dieser Stunde? fragte der Fhrer.
    Weil die Blagesichter ihm den Frieden an seinem Feuer genommen haben, weil
ihre Habsucht ihm das Land seiner Vter misgnnt.
    Aber das Kriegsbeil ist begraben, sagte der Fhrer.
    Die Blagesichter wissen, wo es liegt, und knnen es ausgraben zu jeder
Stunde. Was wollen der Jger und die weie Squaw in dem Schatten dieser Wlder?
    Sie wollen wandern durch das Land des Delawaren hinab zu den groen Seen,
und haben die Kleidung der rothen Leute angelegt, zu zeigen, da sie in
friedlicher Absicht kommen.
    Coeur de Lion sah uns prfend an, die Waffen des Frsten schienen ihm
Zweifel zu erregen; da legte ich mich in das Mittel und sagte delawarisch: Ist
Coeur de Lion kein Sohn seines Volkes, da er einem mden Weibe das Bltterlager
und das Feuer seines Heerdes versagt, wenn sie ihn darum bittet?
    Komm! rief er, und folge mir! Du hast die Haut der Blagesichter, aber
Deine Zunge redet unsere Sprache und Deine Augen sind flammend und nchtlich
dunkel, wie die groen Sterne am Himmel der Nacht. La die Mnner zurck und Du
sollst mit mir gehen zu dem Wigwam unseres Volkes in das Zelt unserer Weiber.
    Der Frst hatte ein zauderndes Bedenken, ich war ohne alle Apprehension. Mit
voller Zuversicht sagte ich Coeur de Lion, er mge vorgehen und ich wolle ihm
folgen. Dieses Vertrauen schien ihn stolz zu machen. Er stie jenes
eigenthmliche Hugh aus, mit welchem die Indianer alle ihre Emotionen
bezeichnen, und ging vor mir dem tiefen Walde zu. Aber kaum waren wir einige
Schritte gegangen, als mir glcklicher Weise einfiel, da mein sale volatile und
meine Ngelbrste in dem portativen Necessaire des Frsten geblieben waren. Ich
drehte also um, es mir zu holen, und schritt dann mit meinem Begleiter ruhig und
anfangs schweigend vorwrts.
    Es waren mysterise Sensationen, welche durch meinen Geist wogten. Tiefe
Nacht und tiefe Stille lagerten sich ber die Erde, nicht einmal unsere
Futritte waren hrbar auf dem weichen Moose. Durch dichtes Gestruch fhrte
mich Coeur de Lion mit einer Sicherheit, als ob wir im Bois de Boulogne
spazierten. Vorsichtig bog er jeden Zweig zurck, der mich hindern konnte, und
blickte mich an, als wolle er sehen, ob ich Nichts entbehre. Ich hatte im Cooper
gelesen, da die Indianer die Schweigsamkeit auf Mrschen estimiren und richtete
danach mein ganzes Maintien mit jener vornehmen Entschlossenheit ein, die
eigentlich ein angeborenes Zeichen der Aristokratie ist. Dies imponirte dem
jungen Huptlingssohne, denn da er dies wirklich sei, hatte der Fhrer uns
mitgetheilt.
    Wir waren wol schon anderthalb Stunden gegangen, mich fing zu dursten an und
ich verzehrte heimlich etwas chocolat pralin, als der Delaware sich umwendete.
Die Fe der weien Frau sind klein und der Weg ist lang, sagte er, wird ihre
Kraft reichen, sie bis zum Wigwam zu bringen?
    Wenn der Huptling die Strae sieht in der Dunkelheit der Nacht, da er die
weie Frau nicht irre fhrt, so soll ihre Kraft die Squaws seines Volkes
beschmen.
    Der Delaware kennt seine Strae und die Augen der weien Frau knnen sie
ihm erleuchten, denn sie sind hell! entgegnete er.
    Mein Herz klopfte in vorahnender Freude. O! dies war eine Erhrung meines
heien Gebetes. Gleich in dem ersten Wilden, dem wir begegneten, sandte er mir
den Ersehnten entgegen. Die Zeichen konnten nicht trgen. Warum war es ein Frst
seines Volkes, der an jenem Abende die Wacht in den Wldern hielt, wenn ihn
nicht ein gnstiges Geschick in meinen Weg schicken wollte. Ja, nur die
ungebrochene Kraft des Mnnerherzens konnte die Blthe der Liebe erzeugen, die
ich suchte. Wohl war ich Friedrich's erste Liebe gewesen, wohl hatte er mir die
frische Gluth seines Herzens geweiht, aber nur sein Herz war mein. Sein Geist
gehrte nicht mir allein, es lebte noch Etwas in ihm auer mir, er hatte
Erinnerungen, Intensionen, Plane, die nicht mit mir zusammenhingen. Das war ein
Malheur. Dieses Delawaren Seele war rein, ein leeres Blatt, ein groer Tempel,
auf dessen Altar nur die Gottheit fehlte - er war es werth, in seiner frischen
Naturwchsigkeit, das Bild Diogenens allein in sich aufzunehmen.
    In tiefer Mitternacht langten wir vor dem Wigwam an. Einzelne Feuer brannten
umher, die Wlfe fern zu halten. Das rothe Licht der Flamme beleuchtete magisch
die dunkeln, grnen Baumhallen, die Zelte sahen wie davon vergoldet aus. Ein
leiser Anruf der Wachen und wir schritten in das Lager ein.
    Coeur de Lion fhrte mich an eines der grern Zelte, hob das Brenfell
empor, das davor herunterhing, und hie mich eintreten. Er schritt mit einer
brennenden Kienfackel neben mir und schickte die anwesenden Weiber und Kinder
heraus. Hier ist die weie Frau sicher, wie in dem Hause ihres Vaters, sagte
er, steckte die Fackel zwischen das Laubgeflecht der Innenwand und wollte sich
entfernen.
    Dies war gegen meine Erwartung. Ich gestand ihm, da ich lange keine Speise
erhalten htte und da ich deren bedrfte. Er ging hinaus und kehrte bald mit
einem gersteten Rehrcken, einem Kruge Wasser und einer Flasche Arack zurck.
    In dem Hintergrunde der Hhle befand sich ein duftiges Lager von frischem
Sassafras, auf dem ich mich niederlie. Drauen um das Zelt hatten sich inde
eine Menge neugieriger Mnner und Weiber versammelt, die nur durch die Autoritt
des Coeur de Lion von dem Eintreten zurckgehalten wurden.
    Ich nthigte den jungen Huptling, sich neben mich niederzusetzen und dies
frugalste aller Soupers mit mir zu theilen. Er that es, und ich versuchte ihm
geistig nher zu treten, whrend wir aen.
    Warum kehrt keine der Frauen zurck, die weie Frau zu begren unter dem
Wigwam ihres Huptlings? fragte ich.
    Coeur de Lion hat keine Frau, und auch die Frauen seines Vaters sind todt.
Seine Mutter ist heimgegangen in die Wohnungen des groen Geistes und die andere
ist getdtet worden, weil sie ungehorsam war den Befehlen ihres Mannes.
    Und der junge Huptling hat keine Todtenklage fr sie? Er hat keine Liebe
fr sie?
    Was ist das, Liebe? fragte er, whrend er mit miraculoser Gourmandise die
Knochen des Rehes benagte.
    Diese Frage elektrisirte mich. Sie war das Stichwort, das Centrum aus Halm's
Sohn der Wildni, und mit Parthenia antwortete ich sogleich:

           Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag! -

Ich hatte von dem Herzensinstinkt des Huptlings erwartet, da er nun wie der
Tektosage Ingomar weiter mit Fragen ber dies interessante Sujet in mich dringen
werde, aber so war es nicht. Ach! das Leben bleibt berall hinter unsern
gerechtesten Prtensionen zurck. Der junge Wilde sah mich ganz bewildert an,
schlang ein horribles Stck des Rehes hinunter und trank die Hlfte des Aracks
dazu.
    Aber ich wollte mich nicht decouragiren lassen, obgleich diese Verocitt des
Jnglings mir so degoutant erschien, da ich zu meinem sale volatile meine
Zuflucht nehmen mute; galt es doch die Entwickelung einer primitiven, nobeln
Natur zu unserer Beider hchstem Glcke.
    Hat Coeur de Lion nie daran gedacht, ein Weib zu suchen, die ihm sein
Haupthaar flechte und seinen Kopf ruhen lasse auf ihren Knien, wenn er
heimkehrt, beladen mit der Beute der Jagd und dem Wampum, geziert mit den
Skalpen seiner besiegten Feinde?
    Es ist noch nicht Gras gewachsen auf dem Grabe seines Vaters, antwortete
er, aber ehe es hoch genug ist, die Sohle seines Mokassin zu bedecken, wird
Coeur de Lion sich Weiber gefunden haben; denn der Weiber sind viele und der
Huptling besitzt Felle und Reichthum genug, sich die schnsten zu kaufen.
    Und wenn aus den Wolken hernieder, aus den Wohnungen des groen Geistes ein
Weib herniederstiege in den Wigwam des Huptlings, ihm gesandt vom groen
Geiste, eine schne weie Frau, um in freier Liebe, ohne Kaufpreis sein eigen zu
sein, was wrde der junge Huptling ihr bieten?
    Mein Herz zitterte vor seiner Entscheidung, diese Antwort mute mir
ausdrcken, auf welcher Stufe geistigen Developements er stnde. Er sah mich an
mit einem Ausdruck gnzlichster Bewilderung, er hatte mich gar nicht verstanden.
O, in solchen Positionen hat die Civilisation doch ihr Gutes. Es ist so s,
verstanden zu werden. Meinem jungen bewilderten Wilden mute ich es deutlicher
machen.
    Coeur de Lion, sagte ich, ein unbarmherziger Huptling, dem mich mein
Vater verkaufte, hat mich verjagt aus seinem Wigwam und mein Volk hat mich
verstoen.
    Ein Weib, das ihr Herr verjagt, verdient nicht mehr zu leben bei ihrem
Volke, Dein Volk hat recht gethan, entgegnete Coeur de Lion.
    Aber die weie Frau irrt heimathlos durch die Wlder und sucht ein neues
Leinwandhaus und einen neuen Herrn. Will Coeur de Lion sie behalten und sie
seine Magd sein lassen an seinem Feuer?
    Der Huptling fuhr auf von dem Lager, eine pltzliche Gluth loderte in ihm
empor. Die weie Frau gefllt dem Auge des Huptlings, sie soll bei ihm
bleiben, sagte er. Sie soll sein Wasser schpfen, sein Kornfeld hacken und
sein Wildpret kochen, sie soll ihn pflegen, wenn er von seinen Kmpfen
heimkehrt, sie soll sein Weib werden, und seine Kinder tragen auf ihrem Rcken,
und er wird schlafen in ihren Armen.
    Coeur de Lion schwieg, und ich wartete doch auf die Fortsetzung seiner Rede,
auf die Aufzhlung der Compensationen, die er mir dafr zudenke, aber er war zu
Ende, wie es schien. So mute ich mich entschlieen zu sprechen.
    Und was wird Coeur de Lion der weien Frau dafr gewhren, wenn sie sein
Wasser schpft, sein Kornfeld hackt und sein Wildpret kocht? fragte ich.
    Sie soll sich wrmen an seinem Feuer, sie soll sich sttigen von den
Ueberbleibseln seines Mahles und sie soll sein Weib sein.
    Und wird er sie lieben, wie er den groen Geist liebt, wird er sie ehren
und anbeten wie ihn?
    Der Delaware ehrt den groen Geist, denn der groe Geist ist furchtbar und
kann ihn strafen und ihn vernichten; aber der Delaware ehrt nicht ein Weib, denn
es ist ein schwaches Weib und er verachtet die Schwche.
    Und wird der Delaware kein Weib kaufen, wenn die weie Frau sein Eigenthum
wird?
    Die weie Frau ist schn und gefllt dem jungen Huptling, antwortete er,
aber es sind schon viele Lenze und viele Winter ber ihrem gelben Haupthaare
hingezogen. Er wird sie behalten, so lange ihr Haar gelb ist und sie seinem Auge
gefllt, und wenn ihr Haar grau wird, will er sie nicht tdten, sondern sie
leben lassen und jngere Frauen kaufen.
    Mir schauderte vor dieser unbezwingbaren Roheit. O, wo blieben meine
Hoffnungen! was fand ich in dieser horribeln Realitt von den Idealen Cooper's?
Wo fand ich die Perfectibilitt des jungen Tektosagenhuptlings? Ich begriff die
geschmacklose Unwahrheit jenes Gedichtes, ich fluchte ihr, denn sie hatte mit zu
meiner Excursion beigetragen. Ich verzweifelte daran, diesen Barbaren in so viel
Monaten zu civilisiren, als Parthenia Secunden gebraucht hatte. Ich sollte
Waffen und Kinder tragen, Sklavin sein! und der Tektosage trug fr Parthenia ein
Krbchen Erdbeeren und zerbrach seine Waffen, ihr ein Feuer daraus zu machen!
    Ich konnte die Thrnen nicht unterdrcken, Thrnen des Zornes, der
bittersten Enttuschung. Coeur de Lion sah es. Er trank den Rest seines Aracks
hinunter und sagte, sich zu mir wendend und seine Arme nach mir breitend: Warum
weint die weie Frau? Der Huptling will sie ja behalten und gleich jetzt sollen
die Mnner seines Volkes den Hochzeitsgesang fr ihn anstimmen. Noch an diesem
Tage, dessen Sonne emporsteigt, soll sie sein Weib werden.
    Mit tiefer Indignation ber seine Insolenz stie ich ihn von mir, er schien
dies nicht zu achten und fragte mich verwundert: Warum weigert sich das
Blagesicht, mein Weib zu werden, da es zu mir kam in dieser Absicht?
    Ich war auer mir, ich empfand, da er nicht eine Ahnung habe von den
erhabenen Intentionen, welche mich in die Wlder gefhrt hatten, ich warf mich
vor ihm nieder, umklammerte seine Kniee und sagte ihm Alles, was mein Herz mir
eingab. Ich sprach von dem Leid verkannter Frauenherzen mit der Inspiration
einer Prophetin, er verstand es nicht. Ich blickte nach der Thre und dachte an
Flucht. Der Delaware beobachtete mich scharf, er schien meine Gedanken zu
errathen. Coeur de Lion ist leichtfig wie der Hirsch und sein Auge scharf wie
das Auge des Luchses. Wohin will das weie Weib sich flchten, ohne da er sie
entdeckte und einholte? sagte er lchelnd.
    Da fate ich eine Resolution. Ich ergriff den Tomahawk, der in der Ecke
lehnte, und rief, ich wolle mich tdten. Und wieder lachte der Barbar hhnisch
bei den Worten: Die Hand der weien Frau ist klein und der Tomahawk ist
schwer.
    Er nahm ihn mir spielend aus den Hndchen und band mir diese auf den Rcken
zusammen. Dann sah er mich ruhig an und rief, indem er hinausging: Die weie
Frau zieht morgen mit uns in das Innere der groen Wlder zu den
Winterquartieren des Volkes. Drei Tage wird der Huptling warten, ob sie ihn
bittet, sein Weib zu werden; am vierten Tage wird sie sterben, wenn sie es
weigert, denn Coeur de Lion ist kein Blagesicht, das erzittert vor den Thrnen
eines Weibes.
    Die Angst, die Qualen dieser drei Tage waren ber jede Schilderung gro, und
nirgend eine Aussicht auf Rettung. Ich war meines Erfolges in der Mnnerwelt so
gewi gewesen, da ich den Frsten gebeten hatte, mich ruhig im Blockhause zu
erwarten. Ich sah nur zwei Auswege, beide gleich entsetzlich. Ich konnte mich
nicht entschlieen, die Frau dieses Barbaren zu werden, dessen unsoignirte Hnde
mir ein Horreur waren, wie sein Branntweintrinken und sein Tabackrauchen; und
ich wollte nicht sterben. Ich war ja noch jung und meine Mission noch nicht zu
Ende, ich hatte ja den Rechten noch nicht gefunden, die Laterne des Diogenes
durfte noch nicht erlschen.
    Die Nacht des vierten Tages war ihrem Ende nahe. Mit wunden Fchen ruhte
ich in dem Zelte des Huptlings, umgeben von einigen Weibern des Stammes, deren
wstes Schnarchen mein Ohr beleidigte. Man hatte mich gezwungen, bei den
Vorkehrungen zu den Mahlzeiten zu helfen, ich hatte kochen, Wasser tragen und
Arbeiten verrichten sollen, von denen meine Hndchen bluteten. Wie wenig glichen
sie jetzt weiem Mousselin mit Rosa-Taffet gefttert. Die forcirten Mrsche, die
widerwrtigen Nahrungsmittel, die ich, durch Hunger gezwungen, zu mir nehmen
mute, hatten meine Nervositt auf das Hchste gesteigert. Ich fieberte und
drohte den Fatiguen und der Angst meiner immensen Seele zu unterliegen.
Todesbang sphte ich nach der Thre und ein Schrei der Verzweiflung rang sich
aus meiner Brust, als die ersten Schimmer des Tages in das Zelt fielen und der
Huptling eintrat.
    Die Krper- und Seelenleiden mochten meine Schnheit alterirt haben. Der
Huptling blickte mich prfend an, und wendete sich dann mit einem Blicke von
mir ab, den ich mir nicht zu deuten wute, whrend er befahl, die Zelte
abzubrechen und sich zum Marsche zu rsten. In wenig Momenten war dieser Befehl
executirt. Die Weiber beluden sich mit dem Gepcke und machten sich auf den Weg,
die Krieger gingen theils voraus, theils zur Bedeckung hintennach.
    Von mir nahm Niemand Notiz; ich blieb allein zurck mit dem Huptlinge,
ahnend, da er meinen Tod nun vollziehen werde, wenn ich lnger seinen Wnschen
Widerstand leistete.
    Wie ein strenger Richter, wie ein junger Kriegsgott im Stolze seiner
vollkrftigen Mnnlichkeit stand er vor mir. Ich mute, so sehr ich ihn
frchtete, mir in diesem Momente gestehen, da er von admirabler Schnheit und
sein Maintien, so weit es bei einem Wilden mglich, vollkommen das eines
Gentlemans sei. Weinend warf ich mich ihm zu Fen - O! das war ein schwerer
Moment. Ich, die gttliche Grfin Diogena, vor der die Elite der civilisirten
Nationen gekniet, kniend zu den Fen eines hochmthigen, unbezhmten Sohnes der
Wildni. Der ganze prchtige Stolz des aristokratischen Weibes revoltirte sich
dagegen und doch mute ich knien.
    Er betrachtete mich und meine Thrnen mit supremer Verachtung, dann sagte
er: Das weie Weib ist in wenigen Tagen alt geworden und krank in der Freiheit
der Wlder. Es ist die frische Luft des groen Geistes nicht werth, nicht mehr
werth, das Weib des jungen Kriegers zu werden, der die kranke Frau nicht
begehren kann. Sie kann nicht kochen und nicht die Waffen tragen, sie weint und
wrde elende, feige Memmen gebren. Sie mag heimgehen zu den Stdten der elenden
Blagesichter, fr deren Mnner sie gut genug ist, mit ihren zitternden Hnden
und ihren Thrnen. Coeur de Lion wird sich ein gesundes, junges, schnes Weib
seines Stammes kaufen. Die schwache, weie Frau ist ihm ein Greuel!
    Stolz wendete er sich ab, rief einen alten Krieger seines Stammes herbei und
befahl ihm, mich an das Blockhaus zurckzugeleiten. Fast sterbend erreichte ich
es, der Frst kannte mich kaum wieder. Tage und Wochen hindurch lag ich in einem
Zustande, der es nicht gestattete, mich nach Neuyork zurckzubringen. Meine
Seele litt mehr noch als mein Krper.
    Im Frhjahr war ich so weit genesen, da ich Neuyork verlassen konnte. Der
Frst fhrte mich nach Bagnres. Meine Nervositt war unglaublich, er blieb ewig
voller Soins fr mich, was ich natrlich in der Ordnung fand. Ich war sehr
sauvage geworden, ich hatte eine Apprehension meinen Bekannten zu begegnen,
wegen des Changements, das in Folge aller meiner Aventuren in meinem Aeuern
visibel geworden war. Mein Krper war sehr debil und doch lebte die alte
ungestillte Sehnsucht in meiner Seele noch in all ihrer Intensitt.
    Ich fing an, Astronomie zu studiren in der Einsamkeit, in der ich lebte. Ich
strengte die ganze Kraft meines Geistes an, zu combiniren, ob ich vielleicht auf
andern Sternen das Ziel meines Strebens erreichen knne. Ich las Alles, was ber
die Bewohner des Mondes geschrieben ist und erkundigte mich nach der
Construction eines Luftballons, um zu wissen, ob man diesen mit Comfort fr
lngere Reisen versehen knne.
    Bisweilen war ich unglaublich maussade, der Frst selbst impatientirte sich.
Er war es mde, da er auch nicht mehr ganz jung war, den Cavaliere servente zu
machen, und ewig auf Reisen und an den Ruheorten fr meinen Comfort zu sorgen,
ohne selbst den geringsten zu genieen. Er hatte jetzt oft Momente, in denen er
mir Vorwrfe machte, ber Langeweile klagte und davon sprach, sich auf seine
Gter in Steiermark zurckzuziehen, die er um meinetwillen negligirt hatte.
    Ein solcher Tag war es, an dem wir Beide moros dasaen. Ich dachte ber die
Mglichkeit nach, den Rechten zu finden, und die ganze Trostlosigkeit des Alters
dehnte sich vor mir aus, whrend ich mir es vergegenwrtigte, was aus mir werden
solle, falls ich ihn nicht entdeckte. Ich war noch jung, aber durch Leidenschaft
und Strapazen usirt, vollkommen passirt. Rosalindens Nachhilfe bei meiner
Toilette wurde immer nthiger. Meine immense Seele war leerer denn je. Ich fing
bisweilen an, zwischen meinen astronomischen Studien, bei dem Scheine meiner
ewig brennenden Laterne, die Bibel und andere Erbauungsbcher zu lesen. Ich
suchte mit Verzweiflung die Spur, die Andeutung des Rechten in der Apokalypse;
ich dachte daran, ob vielleicht der Heiland der Rechte sei, den ich zu finden
verlangte.
    Mitten in diesen Meditationen unterbrach mich der Frst mit der Nachricht
der Einnahme von Canton, die er in einem Zeitungsblatte entdeckte. Ein
Lichtstrahl fiel in meine Seele. Nach Canton! rief ich aus.
    Der Frst sah mich an und sagte ruhig: Dann gehe ich nach Steiermark.
    Ich war emprt. Mein Freund, rief ich, soll ich auch an der absoluten
Treue verzweifeln, da ich schon so unglcklich war, die rechte Liebe nicht zu
finden? Sehen Sie, Sie drfen mich jetzt nicht abandonniren, in China, jenseits
der groen Mauer, mu ich ihn finden. Es ist incomprehensibel, da ich darauf
nicht lange gekommen bin. Die Chinesen sind die wahren Aristokraten. Sie haben
die kleinsten Fchen, die soignirtesten Ngel, die magnifiksten Brte und keine
Spur von Liberalismus. Bei so viel ungemeinen Vorzgen mu auch die Liebe zu
finden sein, die endlich meine Seele fllt. O, eine unaussprechliche Zuversicht
kommt ber mich, nur diese eine Reise noch, mein Freund, nur diesen Reiseversuch
nach China und -
    Und? fragte der Frst.
    Und wenn ich den Rechten dort nicht finde, so werde ich Ihre Frau bei
meiner Rckkehr, und begnge mich, die Treue zu belohnen, da ich Niemand fand,
der mich lieben zu lehren verstand.
    Ich hoffe, Sie finden die Liebe, meine Grfin! sagte er ruhig, denn nach
der Belohnung der Treue gelstet mich nun nicht mehr.
    Und Sie folgen mir dennoch? Und weshalb? fragte ich. Aber das ist sublim,
lieber Frst!
    Bah! meine Grfin! entgegnete er, was wollen Sie? Ich habe die Caprice
der Fgsamkeit, und da ich Nichts zu thun habe, ist es ebenso gut, sich in China
zu langweilen als anderwrts. Lassen Sie uns reisen.
    Wir schifften uns in London mit der ersten Handelsexpedition ein, die nach
China absegelte.

So weit gehen die Memoiren der unglcklichen Frau, die weitern Nachrichten
verdanken wir theils eigener Anschauung, theils den Mittheilungen eines Arztes,
der in der Nhe von Paris Vorsteher eines Irrenhauses ist.
    Wir hatten verschiedene Hfe und Zellen durchwandert, als wir an der
Ringmauer der Anstalt ein kleines Huschen mit einem uerst sauber gehaltenen
Grtchen erblickten, das auf wunderliche Weise mit kleinen chinesischen Tempeln
und andern Spielereien der Art besetzt war. Es mochte etwa Mittag sein, die
Sonne stand hoch am Himmel, dennoch ging die Bewohnerin des kleinen Besitzes,
eine zusammengefallene, von Leiden gealterte Person, mit einer eigenthmlich
geformten, brennenden Laterne umher und schien unruhig Etwas zu suchen. Ihr
starrer Blick, ihre Rastlosigkeit hatten viel Trauriges fr den Beschauer. Wir
fragten, wer sie sei?
    O! sagte der Doctor, ein geistreicher junger Mann, dies ist die einst durch
ihre Schnheit in den Slen der Gesellschaft bewunderte Grfin Diogena. Ihr
Wahnsinn ist das Product einer Geistesrichtung unter den migen Frauen der
vornehmen Welt, die kaum ein anderes Resultat zult. Unkluge Nachbeter der
geistreichen George Sand haben in gnzlichem Misverstehen Dessen, was diese
groe Frau meinte und bezweckte, eine Theorie der weiblichen Selbstsucht
geschaffen, deren Hhenpunkte in der deutschen Frauenliteratur jetzt erreicht
sind. Die Frauen bilden sich ein, Ausnahmwesen zu sein und unfhig, etwas
Anderes zu lieben, als sich selbst; sich fr den Mittelpunkt der Welt haltend,
fordern sie einerseits, wie die verderbten rmischen Kaiser, gttliche Anbetung,
und klagen andererseits, da sie keinen Mann fnden, den sie zu lieben
vermchten. Sie verstehen ihren Egoismus nicht, und behaupten, nicht verstanden
zu werden; sie sind unfhig zu lieben, und jammern, da Niemand die Leere ihres
Herzens und ihrer Seele flle.
    Diese Grfin Diogena ist durch die ganze Welt gereist, den Mann zu suchen,
der ihr Herz ausfllen, ihre Seele befriedigen knne: natrlich vergebens.
Krank, und erschpft, beschlo sie noch einen Versuch in China zu machen und
langte glcklich dort an. Aber auch dort fand sie ihr Traumbild nicht, und dort
entwickelte sich ein Fieberwahn zur fixen Idee, der sich schon auf der Reise
mehrmals gezeigt hatte. Sie bildet sich ein, um der Snden ihrer Voreltern oder
um anderer Grnde willen verdammt zu sein, mit der Laterne des Diogenes den
Rechten zu suchen, so nennt sie ihr Ideal, und meint, nicht eher sterben zu
knnen, bis sie ihn gefunden haben wird.
    Ein Frst Callenberg, der sie begleitete, sah kaum eine Mglichkeit, sie in
diesem trostlosen Zustande nach Europa zurckzubringen, als er in Canton einem
gelehrten Deutschen, einem Professor der Anatomie, dem berhmten Friedrich Wahl,
begegnete. Dieser hielt sich seiner Studien wegen in jenen Gegenden auf, und die
Grfin war whrend ihrer Entdeckungsversuche auch eine Zeit hindurch seine
Geliebte gewesen. Gut und gromthig wie er ist, jammerte ihn die traurige Lage
der Frau, und mit seinem Beistande brachte der Frst sie hierher, wo sie nun
seit einigen Monaten lebt. Sie ist fast immer ruhig, nur bisweilen tobt sie und
schreit, da sie den Rechten nicht fnde. Dann mu man sie mit Strenge
behandeln, bis der Paroxysmus vorber ist. Sonst bringt sie ihre Zeit mit
unschuldigen Toilettenspielereien hin, kauft Schuhe von den vorzglichsten
Fabrikanten, wscht und putzt abwechselnd ihre Hnde und ihre Laterne und
gefllt sich in allerhand verbrauchten Minauderien und Koketterien, die uns eben
nicht sehr gefhrlich sind.
    Und haben Sie Aussicht, sie herzustellen? fragte Einer von uns.
    Dasselbe wollte in diesen Tagen der Frst Callenberg wissen, der nun auf
seinen Gtern in Oestreich lebt. Wir haben aber nicht die geringste Hoffnung
dazu. Wahnsinn aus Hochmuth und Egoismus pflegte immer unheilbar zu sein.
    Der Doctor fhrte uns weiter vorwrts; im Fortgehen wendete ich den Kopf
nochmals nach der Wahnsinnigen zurck; sie suchte noch immer fort und wird
suchen, bis sie stirbt. Es war ein unangenehmer, unheimlicher Eindruck.
