 VI. [Von 1838 bis 1847]  [200] J. 1838. Nachdem ich im Monat Mai in dem acht Stunden Weges von Erlau entlegenen Markte meiner Diözese Pásztó, wo aus mehreren benachbarten Pfarreien die hinbeschiedenen Gemeinden sich einfanden, die hl. Firmung erteilt hatte, brach ich im Monat Juni über Wien nach Karlsbad auf, traf gegen Ende des Monats daselbst ein und bin dort über vier Wochen in der Trinkkur verblieben. Schon zu Anfang dieses Jahres schrieb ich dem Major Grafen von Gorcey, daß ich das für die k.k. Offiziere geschenkte Kurhaus noch ersprießlicher zu machen gesonnen sei, auf das erste noch ein zweites Stockwerk aufsetzen zu lassen, weshalb er mir ungesäumt die nötigen Bauüberschläge und Kostenausweise übersenden möge. Dies geschah, und bei meiner Ankunft fand ich den Bau schon der Vollendung nahegebracht und die früher hergerichteten Quartiere alle mit milit. Kurgästen besetzt, so daß ich meine rechte Freude daran hatte. Die Quartiere wurden auch durch die unermüdliche Sorgfalt des Majors Gorcey aus allseitigen Spenden gehörig und recht artig möbliert. Bei günstiger Witterung und in angenehmer Umgebung war die Trinkkur dort von erwünschter Wirkung für mich und die ersten Tage im Monat August vollbrachte ich die Reise über Budweis, Linz und Salzburg nach Hofgastein, um dort zur Badekur die gewöhnlichen einundzwanzig Tage zu verwenden. Nach diesen fuhr ich über die Radstätter Tauern abermals in das Drautal hinab, durch welches ich über Lienz, Bruneck und Brixen ? wo ich bei meinem alten Freunde, dem Fürstbischof Galura zu Mittag speiste, nach Bozen kam. Von dort lenkte ich nach dem schönen Tal von Meran ein, welches zu sehen ich schon lange das Verlangen hatte, und fand das Städtchen und dessen Umgebung wahrhaft einladend, in besserer Jahreszeit, wie es jetzt häufig geschieht, einige Wochen daselbst zuzubringen. Von der Nachtstation Latsch führte mich der Weg über Trafoi das neuntausend Fuß hohe Stilfser Joch aufwärts nach Bormio[200] im Walliserland. Staunenerregend ist diese höchste Kunststraße in Europa allerdings; aber daß sie auf der Tiroler Seite fehlerhaft angelegt sei, ist gewiß. Die endlosen von Holz gebauten Galerien, die ich alle zu Fuß durchwanderte, würden eine Bedeckung von vielen tausend Joch Waldungen erfordern, die nicht nötig wären, wenn die Straße auf der entgegengesetzten Seite, wo keine Lavinen rollen, hinab bis zur Franzenshöhe angelegt worden wäre. Vor Santa Maria, auf der Grenzscheide zwischen Tirol und der Lombardei, passierten wir mehrere von Laubwerk zu Ehren des Kaisers errichtete Triumphbögen, der erst vier Tage vor mir zur Krönung nach Mailand diesen Weg gefahren war. Eben als die Sonne unterging, enthüllte sich die gegenüberliegende Ortlerspitze in einer unbeschreiblichen Glorie vor mir; sie war seither stets in Nebel gehüllt, und der Postillion, der jetzt meine Freude bemerkte, rief, ich könnte von Glück sagen, denn nur selten lasse er sich in solcher Reinheit sehen. Zwei englische Damen, die ich zur Mittagszeit in Trafoi gesprochen hatte, fuhren in einem offenen Reisewagen, jede ein Buch, wahrscheinlich eine Reisebeschreibung, in der Hand, mir seither nach, kehrten aber eine halbe Stunde vor Santa Maria, ohne dies herrliche Schauspiel gesehen zu haben, wieder zurück, um in Trafoi zu übernachten. Von Bormio, in deren Nähe ein häufig besuchtes Bad ist, brachte ich durch die Valtellina zwei Tage bis nach Como zu. ? Unter Weges zogen besonders die Anpflanzungen der schönsten Maulbeerbäume meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich stieg auch vor einer Fabrik, wo die Ankäufe der Seiden-Cocons im Großen gemacht und diese durch Anwendung einer Dampfmaschine in hundertzwanzig Kesseln durch drei Stockwerke hinauf abgespult werden. Ich ließ mich von allem, Arbeit und Ertrag, genau unterrichten, da ich gleich nach meiner Übersetzung von Venedig nach Erlau Maulbeerbäume pflanzen und durch einige Soldaten des dort in Garnison liegenden italienischen, größtenteils aus Lombarden bestehenden Regiments meinen Obergärtner nebst einigen anderen Individuen in der Seidenmanipulation unterrichten ließ, nicht sowohl durch diese meine Einkünfte zu vermehren, als vielmehr die Kandidaten der Präparandie für Dorfschullehrer jährlich zur Zeit der Kultur praktisch unterrichten zu lassen, damit sie in der Folge im Stande seien, selbe unter dem Volk womöglich weiter zu verbreiten. Staunenerregend sind die in der Gegend von Chiavenna und weiterhin durch Felsen gehauene Galerien, mit welchen, wie gesagt, jene an den drei nach Frankreich führenden Hauptstraßen weder an Menge noch Ausdehnung den Vergleich aushalten. In Varenna, eine Post vor Lecco, riet mir ein Reisender, mich mit einem Schiffchen nach der eine halbe Stunde entfernten Villa Sommariva übersetzen zu lassen, denn von Como herüber, im Fall ich sie zu sehen wünschte, müßte ich eine Seefahrt von wenigstens[201] fünf Stunden machen. Ich folgte seinem Rat und sah dort nebst andern Kunstschätzen den Einzug Alexanders des G. in Babylon an den vier Wänden eines Saales in Marmor ausgeführt, von welchem mir Thorvaldsen selber das Modell in Rom gezeigt hatte; gewiß das schönste Werk en basrelief, das er verfertigte. Von Varenna, wo ich zurückgekehrt zu Mittag speiste, kam ich über Lecco erst um zehn Uhr nachts in Como an. ? Alle Welt bedauerte mich, daß ich nicht ein paar Tage früher gekommen war, um die herrlichen Feste, besonders die Illumination am See und auf den Höhen, die sich wieder in diesem spiegelten, [welche] dem nach Mailand reisenden Kaiser zu Ehren gegeben wurden, sehen zu können; aber ich kam nicht nach Como, um Festen beizuwohnen, sondern mich dort durch einige Tage im Anblick der schönen Natur zu vergnügen und bei meinen wieder heftiger werdenden Gesichtsschmerzen vielmehr zurückgezogener zu leben. Sowohl der Vizekönig als auch der Minister Graf v. Kolowrat, jener schriftlich und dieser mündlich in Wien, hatten mich wiederholt aufgefordert, als Ritter der Eisernen Krone 1-ster Klasse dem Krönungsfest in Mailand beizuwohnen, da man gerne aus allen Teilen der Monarchie dort vereinte Gäste sehen möchte. Es war auch daselbst bereits ein entsprechendes Quartier für mich bestellt. Kaum hatte ich dem Vizekönig meine Ankunft in Como zu wissen getan und mich wegen meines Nichterscheinens bei dem Feste entschuldigt, so ließ er mir durch seinen Kabinettsdirektor Hofrat von Grimm schreiben, daß ich incognito kommen möge, wenn ich nicht öffentlich erscheinen wollte. Aber wie konnte ich das? Wie war ein incognito von meiner Seite möglich? Es wäre mir nichts anderes übrig ge blieben, als ungesäumt bei den allerhöchsten Herrschaften, Ministern, geistlichen und weltlichen Autoritäten der Reihe nach Aufwartungen und Visiten zu machen, was ich aber vermeiden wollte. Ich schickte also meinen Geistlichen, den Zeremoniär, statt mir nach Mailand, damit er sich alle die Herrlichkeiten besehen könne, blieb fünf volle Tage in Como, fuhr mit meinem gemieteten Schiffchen in völliger Hingebung an seine reizenden Umgebungen auf dem See die Kreuz und die Quer herum, besah die merkwürdigsten Villa's ? die Villa Pliniana wiederholt ? in Gesellschaft zweier dortigen Professoren, von welchen Odescalchi geschätzte historische Werke herausgab, und besuchte auch das alte Schloß Baradello, das auf einer bedeutenden Höhe liegt, von welcher ich den Monte Rosa, bekanntlich den schönsten Berg nach dem Montblanc, in der Beleuchtung der Abendsonne, wo er ganz vorzüglich seinem Namen entsprach, mit ihnen zu bewundern die Gelegenheit hatte. ? Durch das wunderschöne Tal von Varese fuhr ich nach Laveno am Lago Maggiore, und da ich bei meiner betrübten nächtlichen Abfahrt von Arona (s. S. 38) in dortiger Jugendzeit die bewunderte, mit[202] dem Postament hundertzwölf Fuß aufragende kolossale Statue des hl. Karl Borromäus nicht besehen konnte, so ließ ich mich durch ein paar kräftige Schiffer bis in die Nähe des Städtchens hinabführen, erstieg die Höhe, auf welcher sie steht, und fand die Stelle nicht günstig, die man ihr angewiesen hatte, denn gleich außer Arona erhebt sich vom Ufer ein steiler Felsen, von welcher sie viel erhabener zu schauen gewesen wäre. Von Baveno, wo ich übernachtete, führte mich der Weg über Domodóssola auf der herrlichen, von Napoleon erbauten Kunststraße bis zu dem Markte Simplon hinauf, wo es gut gewesen wäre, rücksichtlich des Einkehrens der Einladung der Posthalterin zu folgen, denn kaum begannen wir bei einfallender Dämmerung jenseits abwärts zu fahren, so flog uns ein furchtbares Donnergewitter entgegen, das uns zwei Stunden lang unter unaufhörlichem Blitzen, Krachen und Rauschen des Regens bis zu einem einsam gelegenen Gasthof auf halbem Wege nach Brig hinab begleitete. In der stockfinsteren Nacht habe ich oben das Hospiz bei einem leuchtenden Blitzstrahl nur auf einen Augenblick ersehen können. Bei schönster Witterung setzte ich über Brig, Sitten (Sion) und Martigny durch das Walliser Land meine Weiterreise bis St. Maurice fort, in deren Nähe eine aus der alten Römerzeit sich erhaltene Bogenbrücke und der sonderbare Wasserfall, Pisse Vache genannt, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zieht. ? Größtenteils auf der piemontesichen Seite fuhren wir den bläulichen, wunderschönen See immer im Auge der vielbetonten Stadt Genf entgegen, wo wir gegen fünf Uhr abends anlangten. Die Lage der Stadt ist ausnehmend schön, aber sie selber hatte ich mir imposanter vorgestellt. Meiner Gewohnheit nach ließ ich mich durch einen Lohnbedienten sogleich herumführen dahin dorthin, wo es ihm beliebte. Wir kamen einem kleinen Haine nahe, wo er sagte: »Hier ist J.J. Rousseaus Büste zu sehen.« Ich warf erschrocken ein paar Blicke nach seinem geisterhaften Gesichte hinauf und ging von heimlichem Schauder ergriffen weiter. Möge er als eines der größten Genies des 18., sogenannten philosophischen Jahrhunderts gerühmt werden, ich werde nichts dagegen einwenden; aber er, der in seinem »Emile« ein umfangreiches Werk über die Erziehungskunde schrieb und dann sein eigenes Kind dem Findelhause zur Erziehung übergab, er, der durch seine infamen Bekenntnisse seine größte Wohltäterin Madame Warens der öffentlichen Schande preisgab, er, der ihre Zofe, ein gutes, unschuldiges Mädchen, des Diebstahls beschuldigte, den er selber beging, und der in teuflischer Verstocktheit sehen konnte, wie sie mit Schmach überhäuft aus dem Hause gejagt wurde, ohne daß er seine Lüge widerrufen hätte ? ist gewiß ein verabscheuungswürdiger Mensch, möge er auch noch so schöne Werke geschrieben haben. All der Zauber, der aus seiner »Nouvelle Héloise« strömt,[203] wird solche Schandtaten nie verhüllen. Man hat freilich dies alles als Folge seiner finstern Hypochondrie und seines Paradoxa liebenden Geistes ausgegeben und selbst die Lügen als ersonnen angeben wollen; aber es ist gegen die menschliche Natur, daß sich jemand solcher Laster anklagen sollte, die sein Andenken noch bei der spätesten Nachwelt brandmarken werden. ? Mögen die Anhänger Calvins sich dessen rühmen, daß sie die Standbilder der größten Wohltäter der Menschheit, eines Franz von Sales, eines Karl Borromäus, eines Vinzenz von Paula und anderer von ihren Fußgestellen gestoßen und dafür jenes des J.J. Rousseau erhöht haben, ich werde sie um diesen Ruhm nicht beneiden! Mit dem Professor Dr. Peschiers fuhr ich nach Saxonnex, um von dort den Montblanc zu sehen, aber er war leider in Nebel gehüllt. Prof. Peschiers ist der Redakteur eines homöopathischen Journals. Nachdem ich in Ermangelung von Postanstalten für meinen Reisewagen bis Schaffhausen einen Mietkutscher gedungen hatte, so fuhr ich mit dem Dampfschiff nach Lausanne hinüber. Den folgenden Tag führte mich der Weg im größten Regen, der unausgesetzt drei Tage lang anhielt, nach Freiburg. Auf der Überfahrt nach Lausanne lernte ich den Leibarzt des Herzogs von Schwerin, Dr. Hennemann, und seine treffliche Gattin kennen, in deren Gesellschaft ich nun die im Münster von Freiburg befindliche große Orgel hören wollte, aber der Organist war nirgends zu finden. Abends besuchte ich den allverehrten Herrn Bischof Jenny; hätte auch die Erziehungsanstalt im Jesuitenkollegium gerne gesehen, aber der Regen goß sich in Strömen herab, und so fuhr ich morgens über die merkwürdige Drahthängebrücke nach Bern, trennte mich dort von Dr. Hennemann und seiner Gattin voll Dankbarkeit für ihr mir bewiesenes Wohlwollen und übernachtete in Entlebuch, von wo ich dann zeitlich in Luzern ankam. Den schönen Vierwaldstätter See konnte ich dort leider nur teilweise sehen, da ich mich über die gedeckte Brücke mit dem Regenschirm in der Hand hinaus an seine Ufer begab und dort, was weiter hinab sich geschichtlich begeben haben soll, in buntem Gewirr vor meines Geistes Augen vorüberflog. ? Nachmittag besah ich das in der Höhlung einer steilrechten Felswand errichtete Monument der bei der Verteidigung der Tuilerien 1792 gefallenen Schweizer. Ein trauernder, nach dem von Thorvaldsen gegebenen Modell schön gearbeiteter Löwe ist der Gegenstand desselben, das Modell befindet sich in der nahen Wohnung des Wächters, eines langgestreckten, komischen Alten, der mir viel Spaß machte, denn er selber, einer von den wenigen dem dortigen Blutbad mit Mühe entkommenen Garden, besitzt noch das rote Gardistenkleid, das er da mals trug. Er eilte nach seiner Kammer, zog es an und schritt dann wohl eine halbe Stunde lang[204] vor mir im Soldatenschritte auf und ab, indem er mit vielen Gestikulationen von jenen Schreckensszenen erzählte. ? Morgens vor der Abreise besah ich auch noch Pfyffers Modell der Schweiz, und fuhr dann bei endlich aufgeheitertem Himmel froh nach Zürich fort. Der freundliche See, an dem die Stadt liegt, war mir von der Jugend her, als ich Klopstocks schöne »Ode an den Zürcher See« las, in wertem Andenken. Der Gasthof, in dem ich wohnte, lag hart am Ufer desselben und bot von einer über dem First des Daches errichteten Altane eine herrliche Aussicht auf ihn hin. Mit innigem Vergnügen besuchte ich Geßners Denkmal und reiste zeitlich frühe dem Rheinfall und Schaffhausen entgegen. Ehe ich die Stadt erreichte, stieg ich dem Rheinfall gerade gegenüber von meinem Wagen ab, eilte durch dichtes Gebüsch bis zu dem Flußbett hinunter, in welchem er sich über siebzig Fuß hohe Felsmauern herabstürzt, und sah lange betrachtend nach ihm hin. Das Großartige wie einst findet man an ihm nicht mehr und findet den Grund in dem Verschwinden von der Flut losgewühlter Felsmassen, die früher aus ihm emporragten. So dünkte es auch mich, er sehe einer großen Wehre vor einer Mühle ähnlich. Ich habe ihn im 10-ten Gesang meines »Rudolph von Habsburg« poetisch beschrieben und glaube, daß der Tod des nach ihm sich sehnenden unglücklichen Hartmann dem Ganzen die besondere Pointe gibt. In Schaffhausen wollte ich Herrn Friedrich Hurter, dem Verfasser der Geschichte Papst Innozenz III., gewiß des gediegensten Werkes seiner Art, besuchen, fand ihn aber nicht zu Hause, denn er war in Mailand bei der Krönung anwesend. In Schaffhausen nahm ich also Abschied von der sonst so lieben Schweiz! Durch das schöne Höllental kam ich nach Freiburg im ehemaligen Breisgau. Nachdem ich den herrlichen Dom, der allein unter den deutschen oder gotischen Münstern von innen und von außen vollendet, aber leider innen links am Chor durch ein paar neuere Marmorsäulen entstellt ist, besehen hatte, machte ich noch auf einer Anhöhe über der Stadt, wo sich nach allen Seiten die herrlichste Aussicht darbot, einen angenehmen Spaziergang und brachte abends ein paar Stunden bei dem Erzbischof Demeter zu, der mich aber mit der trostlosen Nachricht überraschte, daß die Gattin des Baron Cotta erst kürzlich auf seinem Gute in Dotternhausen gestorben sei. Ich war einige Augenblicke vor Schreck und Herzleid außer mir, denn diese treffliche Gattin, Mutter und in jeder Hinsicht ausgezeichnete Frau ist mir sehr teuer geworden, und ich dachte mit Angst an den Augenblick, wo ich mit ihm nächstens in Stuttgart zusammentreffen würde ? nach einem solchen Verluste! Als ich den folgenden Tag zu Mittag, wo sich eben alles zur Table d'hôte niedersetzte, Kehl erreichte, raunte mir der Postmeister[205] und Gastwirt die Frage in das Ohr, ob ich nicht den Münster drüben in Straßburg sehen wolle? Ich sagte, daß mein Paß nur auf Deutschland und Italien laute, er aber war bereit, mich mit seiner eigenen wohlbekannten Gelegenheit hinüberführen zu lassen, und nach dritthalb Stunden wär' ich wieder zurück, um meinen Weg von Kehl weiter fortsetzen zu können. Wer hat nicht von dem berühmten Münster von Straßburg gelesen und wer, der ihn sah, hat ihn nicht als eines der größten Meisterstücke der mittelalterlichen Baukunst bewundert? Mich hat sein Äußeres mehr in Erstaunen gesetzt als sein Inneres, wo der Hochaltar in neuem Stile erbaut den ganzen Zauber der Architektur zerstört. Noch besah ich das Monument des Marschalls von Sachsen in der Thomaskirche, fuhr durch die Hauptplätze und Straßen der Stadt, und sah bei der Rückfahrt an der Douanenlinie vor der Brücke von Kehl mit Grausen, wie die französischen Douanenbeamten die Reisenden zu behandeln pflegen; ein vom Wagen herabgerissener Koffer lag offen im Kot und Kleider nebst andern Effekten um ihn herum zerstreut ? die Eigner jammernd und jene ergrimmt noch mals alles durchstöbernd; dieser Anblick vergällte mir die ganze Hinüberfahrt. In Rastatt, wo ich übernachtete, drängten sich in der Erinnerung so manche Ereignisse aus der französischen Kriegs- und Kongreßzeit an mich heran. Da eben der Tag des Herrn einfiel, so wohnte ich dem Gottesdienste in der hübschen katholischen Kirche in Karlsruhe bei, speiste zu Mittag in Pforzheim und kam abends spät glücklich in Stuttgart an. Am andern Morgen suchte ich meinen Freund Baron von Cotta auf. Als er weinend an meiner Brust lag und schluchzte wie ein Kind, ach da ahnte ich es tief, welch ein Verlust der seine war! Solche zerstörte Verhältnisse lassen sich anderswo nicht wieder anknüpfen. Es sind seitdem beinahe zehn Jahre verflossen; er hat sich nicht wieder verehelicht und lebt ganz dem Wohl seiner sieben Kinder als ein unermüdet tätiger und liebender Vater! ? Ohne beträchtlicher Unterbrechung setzte ich meine Weiterreise von Stuttgart über München, Salzburg nach Wien fort und kam gegen Ende Oktober daheim in Erlau wieder an. J. 1839. Am 2-ten Juni wurde der Landtag in Preßburg eröffnet; ich wohnte demselben einige Wochen bei und fuhr dann gegen Ende des Monats nach Karlsbad, wo ich vom 2-ten Juli angefangen bis 29-sten die Trinkkur brauchte. Während dieser Zeit geschah es, daß mich Seine kön. Hoheit, Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preußen, nach Marienbad, wo er sich ebenfalls wegen der Trinkkur schon seit einigen Wochen aufhielt, freundlich zu sich einladen ließ. Als ich kam, wurde mir die allerhuldvollste[206] Aufnahme; durch zwei Stunden, die er in der großen Allee auf und ab wandelnd zubrachte, kam ich nicht von seiner Seite; auch vor Tische sollte ich eine Stunde früher kommen, damit wir, wie er sagte, recht nach Herzenslust zusammen schwätzen könnten. Das geschah dann auch während und nach dem Mittagessen und wo mir auch die herrliche Frau, die Prinzessin Wilhelmine von Preußen, Tochter des Großherzogs von Weimar, sehr viele Freundlichkeit erwies. Ich kehrte abends vergnügt nach Karlsbad wieder zurück. ? In der Freude meines Herzens ließ ich gleich den folgenden Tag ein Exemplar meiner bei Cotta erschienenen Sämtliche Werke, Tunisias, Rudolph v. Habsburg und Perlen der hl. Vorzeit von dem Buchhändler holen und sandte sie dem Kronprinzen mit einem Danksagungsschreiben für die gütige Aufnahme zu. Aber am selben Tage kam er selber ganz unvermutet von Marienbad nach Karlsbad herüber, um da seine Schwester, (wo ich nicht irre), die Kronprinzessin von Holland, in der Durchreise zu begrüßen. Amazon.de Widgets Bald darauf erhielt ich einen Brief von ihm, den ich als ein Muster von Güte und herzlichem Wohlwollen in den rückwärtigen Beilagen anführen will. ? Schon in Marienbad sprach er über den Ausbau des Kölner Doms sehr viel mit mir, nachdem ich mich über den Plan, den ich hinsichtlich dessen in Köln selber vernahm, mit Enthusiasmus geäußert hatte. Das große Werk ward seitdem herrlich begonnen! Noch muß ich einer ehrenvollen Überraschung erwähnen, die mir zwei Tage nach meiner Ankunft, nämlich am 4-ten Juli, geworden ist. Ein paar ansehnliche Kurgäste kamen Nachmittag zu mir und luden mich ein, mit ihnen gegen den Posthof einen kleinen Spaziergang zu machen, da sie mir unter Weges etwas Neues zeigen wollten. Wir lenkten an der sogenannten Neuen Wiese links auf dem Wege, der nach Hammer führt, ein und kamen bis zu dem Bräuhause, wo ein vorspringender Fels die zwei letzten Gebäude verhüllt. Dort gewahrte ich eine große Schar Herrn und Damen und Männer und Frauen der Bürgerklasse Karlsbads alle in festlichen Kleidern vor dem Militärkurhause, welches ich demselben gewidmet hatte. Als ich dort anlangte, ertönte Instrumentalmusik, unter deren Begleitung ein Festlied von dem vortrefflichen lyrischen Dichter Philipp Körber, k.k. Hauptmann, gedichtet und von dem anwesenden bekannten Compositeur Baron von Lannoy in Musik gesetzt, gesungen wurde; in den Refrain stimmte jedes Mal die ganze Menge ein, da an sie das gedruckte Lied verteilt und mir von dem Militärkommandanten Grafen von Gorcey und dem Bürgermeister der Stadt[207] Karlsbad, Lenhardt, ein Prachtexemplar überreicht wurde. Die Danksagungsrede, die Major Gorcey darauf im Namen aller seiner in den Reihen der k.k. Armee befindlichen Kameraden hielt, war herzergreifend, gerührt weinten fast alle Anwesenden ? ich vor allen. Nun trat der Stadtdechant und Pfarrer mit seinen zwei assistierenden Kaplänen im Kirchenornate heran und nahm unter den üblichen Zeremonien die Weihe des Hauses vor. In Begleitung mehrerer der anwesenden in- und ausländischen Herrn und Damen nahm ich dann das ganze Haus und dessen durch Major von Gorcey trefflich besorgte Einrichtung in Augenschein und kehrte von dieser unvermuteten Szene tief erschüttert schweigend heim. Nach vollendeter Trinkkur begab ich mich wieder nach Preßburg zum Landtage zurück und wohnte ihm bis zum Schlusse desselben am 13-ten Mai des folgenden Jahres bei. In diesem Jahr begann ich auch ein Werk, welches in hiesiger Gegend sehr hoch gestellt wird, und welches sich in der Folge der Zeit immer wichtiger und vorteilhafter für selbe herausstellen dürfte, nämlich die Herstellung einer Seitenstraße, welche auf der kürzesten Linie über Erlau die oberen Komitate, besonders das Gömörer und Neograder mit dem hiesigen bis an die Theiß und von dort bis nach Debrezin verbinden solle. ? Früher gelangte man auf einem über Berg und Täler beinahe drei Stunden dauernden beschwerlichen Waldweg nach dem Markte Apátfalva und von dort über Szilvás, Dédes und Bánhorváth hinaus auf die nach Miskolcz führende Putnok-er Hauptstraße, in welche beinahe von den oberhalb liegenden Bergstädten angefangen sehr viele Seitentäler mit zahlreichen Städten, Dörfern und Fabriken bald durch größere, bald durch kleinere Verbindungswege einmünden. Ich zweifelte gar nicht, daß durch das nördlich hinter Erlau liegende Szarvaskö-er (Sarwaschkö = Hirschsteiner) Tal, wo über dem Dörfchen gleichen Namens die Ruinen einer vormals merkwürdigen alten Ritterburg von einer steilen Felsenhöhe aufragen, diese kürzere Straßenlinie erzielt werden könnte; aber die Erforschung dieser Strecke war nicht ohne Gefahr, denn bald oberhalb des Dörfchens verengt sich das ohnehin enge Tal zu einer unbefahrbaren Bergschlucht, wo die links und rechts aufgetürmten Felsenwände dem vorbeirauschenden Waldbach keinen andern Raum gönnen als den, der durch ihre beiderseitigen Füße eingezwängt ist. Nicht einmal ein Fußsteig war dort zu ersehen, und man mußte rückwärts durch Umwege den beschwerlichen Schloßberg ersteigen, um dann durch die höher liegende Waldung weiterkommen zu können. Ich setzte mich mit dem Pfarrer von Apátfalva auf einen mit vier tüchtigen Pferden bespannten Leiterwagen und fuhr von oben gegen Erlau in dem Rinnsal des Waldbaches herab, bis wir endlich unterhalb des Schlosses, wo er am engsten ist, in die Verlegenheit kamen, fast nicht weiter vor noch rückwärts gelangen zu können, denn dicht besät mit großen Felsentrümmern, wo bald die eine, bald die andere Seite des Wagens mit beiden Rädern in der Luft schwebte, war das Umwerfen jeden Augenblick zu befürchten und am Ende keine andere Aussicht des Weiterkommens denkbar, als sich von einem Felsenblock auf den[208] andern fortzuschwingen, und wo es nicht weiter ginge, durch das kalte Wasser im Spätherbst lange fortzuwaten, bis endlich ein niedrigeres Ufer das Heraussteigen möglich machen würde, und den Wagen dann durch die Bauern gegen guten Lohn stückweise nach dem Lande schaffen zu lassen. Diese Strecke war es vorzüglich, die den ganzen Straßenbau den Hierländischen, die nie von einer solchen Arbeit, wie ich sie vorhatte, etwas gesehen oder gehört haben, beinahe für unmöglich ? ja als eine abenteuerliche Unternehmung erscheinen ließ. Doch mein Plan war gefaßt und, Schwierigkeiten zu überwinden, ein nur desto größerer Antrieb für mich! Ich ließ demnach durch einige Arbeiter, die mit dem Sprengen der Felsen durch Schießpulver umzugehen wußten, an dem rechten Ufer des Baches, auf welchem das Dorf Szarvaskö liegt, die Felswand von oben herab absprengen, um die gehörige Breite für ein Wagengeleise zu erhalten; wo sie aber zu weit vorsprang, von den abgelösten vielen und großen Trümmern vom Bach herauf feste Mauerwände in erforderlicher Böschung, aufführen. Daß diese beschwerliche Arbeit nur langsam von Statten ging, ist leicht zu erachten. Da aber in dem beinahe sechs Stunden langen Tale mehrere bedeutende ebene Strecken sich vorfinden, so forderte ich die betreffenden zwei Komitate, Borsod und Heves, dringend auf, die in ihrem Bezirke liegenden Strecken zum allgemeinen Besten durch Handarbeit und Fuhrwerk der unterstehenden Bewohner herstellen zu lassen, was dann auch durch Beschluß der General-Kongregationen nach und nach zur Ausführung kam; nur dort, wo an den Bergseiten Felsen abzusprengen waren, mußten meine in diesem Fach geübten Arbeiter auf meine Kosten wieder das ihrige leisten, und so wurde diese wichtige Unternehmung im J. 1843 glücklich vollendet. Deshalb wurde auf Betrieb des den Straßenbau leitenden Borsoder Oberstuhlrichters an der oben beschriebenen Stelle, wo das Absprengen der steilen Felswand den ganzen Straßenbau entschied, in diese eine rote Marmortafel eingelassen, welche die Inschrift enthält: Mig e köszirt áll, dicsöittetni fog nagy neved Patriarka-Egri Érsek Pyrker János László ezen ut létrehozásáért 1846. So lange diese Felsen dauern, wird dein Namen verherrlicht sein Patriarch Erzbischof Joh. Ladislaus Pyrker für die Erbauung dieser Straße ? 1846. Seitdem kommen aus den oberen Gegenden jährlich viele hundert Wägen hier durch, welche entweder als Transito-Fuhren oder des Fruchthandels wegen der Stadt Erlau eine neue Erwerbsquelle zum Besten geben. J. 1840. Nach geendigtem Landtage zu Hause angelangt, fand ich einen von Herrn Wache, 1-sten Kammerdiener der Kaiserin-Mutter, an mich gerichteten Brief, worin er mir schrieb, daß mit Genehmigung der Kaiserin-Mutter zum Besten des Instituts der Barmherzigen Schwestern in Wien ein von den vorzüglichsten Schriftstellern Österreichs bereichertes und schön ausgestattetes Album, wozu man auch von mir einen Beitrag wünsche, herausgegeben werden solle. Beinahe seit zwanzig Jahren, als meine »Tunisias«, »Rudolph von Habsburg« und »Perlen der hl. Vorzeit« erschienen waren, widerstand ich allen derlei Aufforderungen entschlossen, nichts weiter zum Druck zu befördern; so war mir[209] denn auch diese unerfreuend im höchsten Grade. Über drei Wochen lag der Brief im Kouvert auf meinem Tische, und ich blickte öfters mit Bangigkeit nach demselben hin. Eines Morgens im Juni, wo ich in meinem Hausgärtchen auf und ab ging, fiel es mir ein, daß der verehrte Pfarrer Hauber, Herausgeber mehrerer Erbauungsschriften in München, mich schon vor einigen Jahren zu einem ähnlichen Zwecke um ein paar Legenden der Heiligen angegangen habe; da dachte ich mir, nun so will ich denn solche für jenes Album liefern; erinnerte mich schnell, daß der hl. Martin, der seinen Mantel mit dem Armen teilt, der hl. Papst Gregor der Gr., der Pilger und Arme bei sich bewirtet, die hl. Elisabeth, Landgräfin von Thüringen, welche die Kranken pflegt, und die hl. Katharina von Siena, die so gerne den verschämten Armen hilft, sich vorzüglich zu solchen oben berührten Legenden eignen würden. Ehe ich in mein Zimmer zurückging, war die erste dort im Gärtchen auf das Blatt geworfen; die andern drei folgten ihr in ein paar Tagen nach, und ich war herzlich froh, die Last von meinem Herzen abgeschüttelt, dem Ansinnen entsprochen und das Manuskript mit den vier Legenden zur Einrückung in das besagte Album nach Wien abgeschickt zu haben. Indessen war dies die Veranlassung, daß ich mich nach einigen Legendenbüchern umsah, deren über dreihundert durchlas und fand, daß sich etwa nur siebzig an der Zahl mit poetischem Anstrich in metrischer Form behandeln ließen, was aber gerade der Zahl der Sonn- und Festtage des ganzen Jahres entsprechen würde. Aufgeregt, wie ich nun einmal durch jene Arbeit war, geschah es denn auch, daß ich auf einem kleinen Ausflug in das Tornaer Komitat (dort die berühmte Aggteleker-Höhle, die zwar ob ihrer weiten Räume und breiten Wölbungen sehr merkwürdig ist, aber im Ganzen von der Adelsberger Höhle in Krain weit übertroffen wird, zu sehen und auch die schöne Prämonstratenserabtei von Jászó zu besuchen), auf der Hin- und Herreise nach meiner Gewohnheit im Wagen sitzend ein Dutzend derselben niederschrieb. Heimgekehrt, suchte ich in der großen Lyzeums-Bibliothek die historischen Notizen aus den dort befindlichen Quellen zu allen den Legenden auf, die ich zu bearbeiten beschlossen hatte, und die hernach denen im Druck erschienenen Legenden als Anmerkungen angereiht wurden. Die Zeit meiner Badereise war herangekommen. Sowohl auf der Strecke bis Wien, von dort bis Hofgastein und während meines dreiwöchentlichen Aufenthaltes daselbst, dann wieder auf der Rückreise bis Wien war ich fortwährend mit der Niederschreibung der Legenden beschäftigt, so daß ich, was mir selber oft als unbegreiflich erscheint, gerade bei der Einfahrt in die Linien Wiens unter hervorbrechenden Tränen an den letzten Zeilen des Epilogs schrieb, der das siebzigste Stück jener metrischen Kompositionen ausmacht. Noch in meinem Quartier in der Stadt[210] konnte ich mich von der tiefen Aufregung, die mir der Gedanke, diese Arbeit vollbracht zu haben, verursachte, lange nicht losmachen. Die große Anstrengung hatte meinen Nervenzustand, folglich auch meine Gesichtsschmerzen erhöht, und so kam es denn auch, daß meine körperlichen Kräfte für eine geraume Zeit gesunken blieben. Und dennoch beschäftigte mich im folgenden Winter, während welchem ich in den Abendstunden mich beinahe täglich in einem geschlossenen Gange zu ergehen pflegte, der Gedanke, daß ich wohl bisher von den »Perlen der hl. Vorzeit« an dem Urstamm des Christentums gelagert mein Saitenspiel habe ertönen lassen, daß ich in den Legenden die herrlichen Früchte des Christentums besungen, aber aus der heiligen Zeit selber, in welcher ihr göttlicher Stifter und seine ersten Jünger auf Erden wandelten, noch nichts aufzuweisen habe; die Bilder aus dem Leben Jesu und aus jenem seiner Apostel schienen mir einen passenden Stoff zu derlei ? zwar sehr schwierigen, denn wie leicht ist es bei ihrer einfachen göttlichen Erhabenheit zu viel oder zu wenig zu sagen ? Schöpfungen zu bieten. Die Hl. Schrift als die reinste Quelle an der Hand dauerte es dann auch nicht lange, so waren sie in jenen einsamen Abendstunden zu Stande gekommen. Auf sorgfältigeres Polieren und Verbessern verwendete ich jetzt noch keine Zeit, da ich sie nur für vorläufige Entwürfe ansah, mit welchen ich auch bei besserer Muße und Lust hoffte Genüge leisten zu können. J. 1841. In diesem Jahre hatte ich den 12-ten Februar als den Geburtstag meines sel. Kaisers und huldvollsten Herrn Franz I. zu dem Momente gewählt, wo ich ihm, der so ausnehmend wohlwollend für mich dachte und handelte, ein öffentliches Denkmal der Dankbarkeit errichten konnte. Ich besaß nämlich in der Stadt Wien, Renngasse Nr. 153, eigentümlich ein sehr hübsches, vier Stockwerke hohes Zinshaus, welches ich in günstigen, vorzüglich noch aus meiner Venezianer Lebensepoche herrührenden Umständen erworben hatte und welches über einmalhunderttausend Gulden C.M. wert ist, da der jährliche Zinsertrag über sechstausend Gulden betrug. Mit diesem Hause machte ich am besagten Tage urkundlich eine Stiftung für erwachsene Blinde zum Andenken an S.M. Kaiser Franz I. von Joh. Ladislaus Pyrker 1841. (Erst später, da ich anfangs dagegen war, wurde mein Name beigefügt). Diese Worte sind auf der Frontseite des Hauses mit vergoldeten Buchstaben zu lesen. Das Institut, welchem das Haus durch diese Schenkung zufiel, steht unter dem Protektorate des Erzherzogs Franz Karl, der auch die Urkunde darüber ausfertigte. (Die Urkunde lautet vom 10. Sept. 1841.) Für unvorgesehene Zufälle hatte ich mir einstweilen von dem jährlichen Zinsertrag 3000 F.C.M. in zwei Raten zu Georgi und Michaeli[211] zahlbar bis zu meinem Tode vorbehalten; seitdem aber schon tausend Gulden davon abgeschrieben fest entschlossen, auch den noch übrigen Rest nach und nach dem Institute zu erlassen. ? Nachdem die Ärzte eine wiederholte Trinkkur in Karlsbad für nötig erachteten, so begab ich mich auf die Reise und verweilte vom 2-ten Juli bis Ende des Monats daselbst. Herr Heinrich Laube war eine neue, interessante Bekanntschaft für mich; er fragte mich, ob ich nicht etwas Neues im lit. Fach bereit hätte? Ich sprach von den »Bildern aus dem Leben Jesu und der Apostel« als von dem Neuesten und gab ihm auf sein Verlangen das Manuskript zur Durchsicht mit, denn ich hatte es daheim eingepackt, um daran, wenn Zeit und Muße es erlaubten, so man ches verbessern zu können. Nach ein paar Tagen kam er mit dem Leipziger Buchhändler B.G. Teubner zu mir, der mich darum zu bestürmen nicht nachließ, bis ich es ihm vorzüglich aus Rücksicht für Herrn Laube, eben als sie beide abreisten, zusagte, obschon ein anderer Buchhändler aus Leipzig, Baumgärtner, der von dem dort anwesenden Herrn von Deinhardstein Kenntnis davon erhielt, mich wiederholt schriftlich darum angegangen hatte. Da sowohl die Illustrationen, welche der Kunstbuchdrucker Blasius Höfel in Wien in siebenzig Vignetten und vielen Randverzierungen für meine »Legenden« als auch die vierundzwanzig Stahlstiche, die B.G. Teubner für die »Bilder aus dem Leben Jesu und der Apostel« bereitete, den Rest dieses Jahres und die Zeit des nächsten Frühlings erschöpften, so kamen beide Werke erst im folgenden Jahre im Druck heraus. B.G. Teubner, der besonders wegen seiner Stahlstiche auf großen Geldgewinn rechnete, ihn aber nicht fand, da sie als beschleunigte Fabriksarbeit nicht vollendet genug erschienen, und der Preis eines Exemplars viel zu hoch angesetzt war, so hat er in neuester Zeit diesen auf die Hälfte herabgesetzt und das Werk als neue, verbesserte Ausgabe angekündigt, obgleich der Text eine gleich anfangs von mir bezeichnete Stelle ausgenommen unverändert derselbe geblieben ist. Doch wird eben eine wirklich verbesserte, neue Auflage desselben unter dem veränderten Titel: »Bilder aus dem hl. Neuen Bunde« (im Gegensatz zu den Perlen des hl. Alten Bundes) vereint mit den »Legenden« in einem Bande veranstaltet und in Bälde ausgegeben. (Dies am 12. Dez. [18]46). Von Karlsbad kam ich anfangs August im Markte Hofgastein an, um dort als Nachkur die stärkenden Bäder zu gebrauchen. Ich hatte dort schon die früheren Jahre her das unglückliche Schicksal der verarmten oder durch Altersschwäche zur Arbeit unfähig gewordenen Bürger, die ihren Mitbürgern zur Last zu bestimmten Zeiten aus einem Hause in das andere wandern und während der Verpflegungsperiode oft scheele Gesichter genug sehen müssen, mit tiefem Mitleiden bemerkt; daher erkaufte ich ein[212] dem Pfarrhofe gegenüberliegendes zwei Stockwerke hohes Haus, welches einst ohne Zweifel ein reicher Gewerksherr im Segen seines Grubenbaues erbaut oder besessen hatte, und schenkte es der Marktgemeinde als ein Armenhaus für solche mittellose, unbehilfliche Bürger. Die Vorsteher der Marktgemeinde ließen aus dem Armenfonde, zu welchem ich ebenfalls den nötigen Beitrag in Barem geliefert hatte, das Haus von innen und außen frisch übertünchen und an der vorderen Wand einen passenden Denkstein setzen, der Jahr und Tag der Schenkung verkündet. ? Gegen Ende September traf ich wieder zu Hause ein. J. 1842. Im Monat November v.J. stellte sich bei mir ein heftiges Herzklopfen ein, so daß es mich besonders zur Nachtzeit durch das laute Pochen in Besorgnis setzte; ich entschloß mich daher zu Ende Dezember nach Pesth zu fahren, um mich dort mit dem berühmten Dr. Stahly darüber zu besprechen. Er riet mir, die Reise bis nach Wien fortzusetzen, wo Dr. Skoda, Primararzt im Universalspital, in Behandlung derlei Übel Geschick und große Erfahrung habe. Die bis dahin milde Witterung schlug am Neujahrstage plötzlich in die heftigste Kälte um, und wohl möglich, daß ich während der drei Tage, die ich auf der Reise von Pesth nach Wien zubrachte, mir durch Erkältung die folgende schwere Krankheit zugezogen habe, denn nach einigen Tagen verfiel ich in ein heftiges katarrh-gichtisches Nervenfieber; ich mußte mich zu Bette legen, das ich beinahe drei Monate lang nicht mehr verlassen konnte. In der Weiche des Bauches wurden bald Blutegel gesetzt, eine Entzündung, die im Anzuge war, zu verhüten, und bald darauf lag ich zehn Tage und Nächte hindurch gelähmt am ganzen Körper, so daß ich kein Glied, ja nicht einen Finger bewegen konnte, in dem erhobenen Leintuch von einer Seite auf die andere gewendet und selbst die Nahrung wie ein unbehilfliches Kind von fremder Hand erhalten mußte. Allein, obschon die erste schlimmste Periode gegen drei Wochen lang dauerte, so blieb mein Geist dabei stets heiter; ich konnte Besuche empfangen und mich stundenlang mit den Anwesenden unterhalten. Besonders muß ich hier dankbar erwähnen, daß mich Erzherzog Johann während meiner Krankheit neunmal besuchte und öfters lange Zeit vor meinem Bette sitzen blieb, daß der Kaiser und die Kaiserin-Mutter sich täglich durch ihre Leiblakaien nach meinem Befinden erkundigen ließen, und meine beiden vieljährigen Freunde, Freiherr v. Kübeck, jetzt allverehrter Hofkammerpräsident, und Weihbischof Buchmayr, jetzt Bischof von St. Pölten, jener sehr oft und dieser abends täglich, durch interessante, höchst wichtige Gespräche zu erheitern suchten. Die herzlichste Teilnahme wurde mir überdies allgemein bezeugt.[213] Ich war zu einem Skelette abgemagert und noch nach drei Monaten kaum im Stande, auch nur einige Schritte ohne der Unterstützung zweier Personen durch das Zimmer zu machen. Im Monat Mai kehrten die Kräfte allmählich wieder; ich fuhr mit dem Dampfschiff nach Pesth und von dort zu Lande nach Erlau, wo ich nur sechs Wochen lang blieb und mich dann wieder nach Karlsbad begab. Die Trinkkur wirkte diesmal so wohltätig daselbst, daß ich schon nach vierzehn Tagen selbst die Bergpartie der Spaziergänger mitmachen konnte. Sehr werte neue Bekanntschaften machte ich heuer dort an Exz. Geheimrat von Schelling und an dem K. Fr. Freiherrn v. Strombeck, Appellationspräsidenten von Wolfenbüttel, der durch seine vortreffliche Übersetzung des Tacitus und andrer römischen Klassiker wie auch durch viele andere im Druck erschienene Werke allgemein bekannt ist, und in seiner Beschreibung einer Reise durch Holland mehrere Jahre vorher, ehe wir uns trafen, meiner ehrenvoll erwähnt hatte. Noch zwei der folgenden Jahre bin ich mit ihm in Karlsbad zusammengekommen und außerdem in eifrigem Briefwechsel gestanden. Herrn v. Schelling und seine vortreffliche Gattin traf ich seitdem jedes Jahr daselbst. Da ich zu dem am 4-ten September in Salzburg abzuhaltenden Mozart-Feste eingeladen war, so fuhr ich gegen Ende August über Eger, Regensburg und München dahin. In Regensburg befriedigte mich das vielfach besuchte Walhalla gar nicht; schon der Name Walhalla für einen im korinthischen Stil erbauten griechischen Tempel schien mir höchst unglücklich gewählt; die umlaufenden äußeren Säulen verjüngen sich zu sehr, und der untere Bau, die sich gegen die Donau hinab senkende schwerfällige Treppe, vereitelt jeden Genuß, den man noch an dem Tempel oben haben könnte. Es gäbe nichts gerateneres, als diese Treppe abzutragen und die massiven Steinblöcke zu einem besseren Bauwerk zu verwenden. ? Umso mehr gefiel mir die in der Stadt befindliche Fürst Taxis'sche Gruft und die von dem in Förderung der Kunstwerke unermüdlichen König Ludwig im Urstil wieder hergestellte schöne Kathedralkirche. ? Als ich mich der Stadt München näherte, dachte ich bei mir, man würde bei dem Mozart-Feste in Salzburg ohne Zweifel eine große Anzahl von den herrlichsten und beliebtesten Tonstücken produzieren, vielleicht aber keine Volkshymne zu singen haben, an welchen auch das große Publikum in den Gassen so gerne Teil nimmt. Ein patriotisches sollte es sein, da von der Apotheose eines österreichischen, und zwar des größten Tondichters die Rede sein würde. Ich besann mich nicht lange und schrieb im Wagen die Volkshymne »Österreich« nieder, übertrug es abends im Gasthof zum Bayerischen Hof genannt auf ein reines Blatt Papier und sandte es an den Prälaten des Benediktinerstiftes St. Peter[214] in Salzburg, bei dem ich auf meinen Reisen nach Gastein jedesmal einzukehren pflege. Als ich am zweiten Tage darauf daselbst ankam, so trug mir der bekannte Compositeur von Neukomm, der ebenfalls ein Salzburger eigens von Paris dahin reiste, um dem Ehrenfeste seines Landsmannes beizuwohnen, die Volkshymne schon gedruckt und mit einer Melodie versehen entgegen. Am 4-ten September, der auf einen Sonntag fiel, begann das Mozart-Fest mit einem in der Domkirche abgehaltenen Hochamt, bei welchem seine herrliche Messe in C durch die ausgezeichnetsten Künstler und Künstlerinnen, die von allen Seiten herbeikamen, ausgeführt ward. Darauf folgte die Enthüllung des Denkmals auf dem Mozartplatz mit einer Feierlichkeit, die in ihrer Art wirklich großartig genannt werden konnte. Der König und die Königin von Bayern mit dem Prinzen Luitpold und zwei Prinzessinnen-Töchtern und der von Wien anwesenden Kaiserin-Mutter waren von Berchtesgaden zu dem Feste hereingekommen, und ich hatte die Ehre, in ihrer Gesellschaft aus den Fenstern des Kreisamtsgebäudes der Enthüllungsfeier zuzusehen. Abends war das große Konzert in einem Saale der Residenz, wo bloß mozartische Tonstücke zur Aufführung kamen, und nach diesem die Beleuchtung des Denkmals mit bengalischem Feuer, bei welcher meine Volkshymne von wenigstens dreihundert Stimmen unter der Begleitung von Blasinstrumenten zweier Regimentsbanden, denn auch das in Innsbruck garnisonierende schickte die seinen herbei, abgesungen ward. Dies wurde vor dem mit Festons geschmückten Hause, in welchem Mozart geboren ward, und zuletzt in dem großen Hofraum des Stiftes St. Peter, wo ich und auch Neukomm wohnten, jubelnd wiederholt. Der folgende Tag gewann ein besonderes Interesse durch die Abhaltung des Trauergottesdienstes für den großen Künstler, bei welchem sein berühmtes Requiem, das Höchste aller musikalischen Kompositionen, in einer Vollendung zu hören war, wie es nicht bald wieder der Fall sein wird; auf dies haben sich alle Tonkünstler und Musikfreunde vor allem gefreut. Abends war wieder im selben Saale ein mozartisches Konzert und am dritten und letzten Tage eine sehr geschmackvolle Abendunterhaltung in dem herrlichen Park des Kard. Erzbischofs Fürsten von Schwarzenberg in Aigen, wozu alle Tonkünstler und Honoratioren, Fremde und Einheimische, wie auch die beiden vorhergehenden Tage zur Mittagstafel geladen wurden. Unter den Tonkünstlern muß ich besonders des Herzog Oldenburgischen Hof-Kapellmeisters [215] Pott erwähnen, der den ersten Anstoß zur Errichtung des Mozart-Denkmals gegeben hatte. Nur tat es mir im Herzen wehe, daß bei diesem Nationalfeste die Stadt Wien, die er durch seine unsterblichen Werke am meisten verherrlichte und wo er lebte und starb, in der Schar der Tonkünstler fast gar nicht representiert war. Nachdem von nahen und fernen Landen, von Musikvereinen abgeordnete Künstler aus München, Prag, Preßburg, Fünfkirchen, Mainz, Paris und Oldenburg und andre aus freier Wahl von allen Seiten herbeieilten, ist bloß das musikliebende Wien mit seinem Musikkonservatorium und andern Musikanstalten daheim geblieben. Auch Franz Liszt und Thalberg haben sich nicht gedrungen gefühlt, ihrem großen österreichischen Landsmann durch tätige Mitwirkung diese Ehre zu erweisen. Ausgezeichnete Sänger und Sängerinnen von Wien waren mit Anweisung der Reisegelder eigens von dem Salzburger Musikverein berufen. In Gastein angekommen, unterschrieb ich am 10-ten September das Dokument, durch welches ich der Stadt Erlau mein eigentümliches, von der neuen Kathedralkirche nur durch eine Straße getrenntes und mit namhaften Kosten erbautes geräumiges Haus schenkte, damit es für immerwährende Zeiten zu Quartieren für die Offiziere des hier garnisonierenden k.k. Inf.-Regiments verwendet bleibe, und erlegte auch nebstdem ein Kapital von fünftausend Gulden, von dessen Zinsen die sich von Zeit zu Zeit ergebenden nötigen Reparaturen bestritten werden sollten, wodurch den Renten der Stadt, aus welchen die Offiziersquartiere bestritten werden müssen, eine bedeutende jährliche Ersparung zu Guten kömmt. Darum ließ die Stadtgemeinde bei denen zu meiner Heimkunft angestellten Festlichkeiten mein auf ihre Kösten durch den ausgezeichneten Pesther Maler Barabás verfertigtes Portrait in Lebensgröße in dem großen Saale des Rathauses aufstellen. Man wird sich wundern, daß ich, Hilfe zu spenden, meistens Häuser dazu wählte und verschenkte; allein ich hatte die Überzeugung, daß damit am besten geholfen und größere Sicherheit erzielt wird, als mit Geldbeträgen, deren Besitz schwankend und öfteren Veränderungen unterworfen ist. Mit tiefgreifenden Empfindungen verließ ich diesmal mein stilles Gasteiner Alpental, da ich einem wichtigen Momente meines Lebens entgegenging. Am 18-ten Oktober des Jahres 1792 trat ich als Mitglied des Stiftes Lilienfeld in den Cisterzienserorden ein und sollte dort freundlich geladen das fünfzigjährige Jubiläum meines Eintrittes feiern. Anfangs Oktober begab ich mich nach Wien, um dort die nötigen Vorbereitungen zu dieser Feierlichkeit zu treffen. Vor allem anderen ließ ich einen silber- und goldgestickten Kirchenornat von allen nötigen Pontifikalkleidungen, der dritthalbtausend Gulden C.M. kostete, für jenen Tag und als[216] Eigentum für das Stift Lilienfeld und dessen Abten verfertigen und sandte ihn ein paar Tage vorher dorthin ab. Der Abt des Stiftes, Ambros, hatte alle Prälaten der Ordensstifte Niederösterreichs, die außer ihm elf an der Zahl waren, als jenen von Klosterneuburg und Herzogenburg, reg. Chorherren, Benediktiner von Melk, Göttweig, Altenburg, Seitenstätten und zu den Schotten in Wien, Cisterzienser zu Hl. Kreuz, Wiener Neustadt und Zwettl und Prämonstratenser von Geras zu dem Feste geladen. Nur jener von Klosterneuburg konnte Krankheits halber nicht kommen, für welchen aber der Cisterzienserabt von Zirc in Ungarn einstand und so die runde Zahl der zwölfe erfüllte. Nebst dem kamen noch mein vieljähriger Freund Anton Buchmayr, k.k. Hofrat, Weihbischof von Wien, jetzt Bischof von St. Pölten, zwei Domherrn von Erlau als Deputierte vom Domkapitel abgesandt, mehrere Domherrn von St. Pölten und zahlreicher Klerus von allen Graden. Erzherzog Johann hatte mir schriftlich verheißen, dabei zu erscheinen. Geheimrat Franz Holbein, Direktor des k.k. Burgtheaters, den ich im J. 1792 als Chorsängerknaben im Stifte vorfand, also gewiß mein ältester Bekannter daselbst, die Herrn Castelli, der ein Haus in Lilienfeld besitzt, und F.K. Weidmann, der die Feierlichkeit für öffentliche Blätter beschrieb, waren auch schon gegenwärtig, so daß ich alle obigen, den Erzherzog ausgenommen, schon im Stifte vorfand, als ich am 17-ten abends daselbst anlangte. Der Herr Prälat hatte mir einen glänzenden Empfang bereitet, ein schönes von Stuwer in Wien verfertigtes Feuerwerk wurde abends bei der schönsten Witterung abgebrannt; eine Festkantate, die Herr Castelli dichtete und einer Komposition von Andreas Romberg anpassen ließ, wurde von trefflichen Musikern, worunter auch einige Geistliche des Stiftes waren, abgesungen, und das Stift sowohl als auch der vor ihm liegende Teich mit den im Tal herumliegenden Häusern glänzend beleuchtet, wobei das laute Jubeln des Gebirgsvolkes bis spät in die Nacht fortdauerte. Der Erzherzog, der aus der Steiermark kommend in Türnitz übernachtete, kam gegen neun Uhr vormittags, der zum Gottesdienst bestimmten Stunde, an und rief mir von weitem entgegen, er habe sein Wort gehalten! Bald darauf setzte sich der Zug nach der Kirche in Bewegung, und ich zog an seiner Seite mit dem ganzen Klerus vor mir durch unzähliges Volk in selbe ein. Vor dem Hochamte hielt Herr Prälat Ambros eine ausgezeichnet schöne, auch im Druck erschienene Predigt, und während desselben, wo alle die infulierten Äbte assistierten, ergriff besonders das Graduale alle Herzen, wozu Herr Neukomm noch in Salzburg einen Text in Form eines deutschen Gebetes von mir[217] verlangte, es in Musik setzte und jetzt vierstimmig ohne aller Musikbegleitung unter seiner Direktion, denn auch er reiste mir nach, absingen ließ. Ehe ich tags zuvor das Stift erreichte, schrieb ich auch das kurze, aus dem Herzen gedrungene Gedicht: »Lilienfeld« nieder, wozu er auch eine Arie komponierte, die während der glänzenden Mittagstafel unter Musikbegleitung abgesungen wurde. Der Erzherzog reiste nach derselben wieder auf seine Besitzung in der Steiermark zurück. Wie ergriffen ich bei diesem ganzen Feste war ? was ich da alles empfand, besonders, als bei dem Zug in die Kirche eine alte Bürgersfrau von Türnitz ausrief: »Ja, er ist's, unser Pfarrer Ladislaus!«, vermag ich nicht zu schildern. J. 1843. Da für den 14-ten Mai dieses Jahres die Eröffnung des Landtages bestimmt war, so fuhr ich zu demselben nach Preßburg ab, um dort wieder ein Jahr und noch darüber in einer Sphäre zu leben, die meinem ganzen Wesen nicht zusagte. Die königlichen Propositionen erregten anfangs allgemeinen Beifall, und dennoch ergaben sich davon nach der Art, wie die Angelegenheiten des Landes seither vor beiden Tafeln verhandelt zu werden pflegten, nur wenige ersprießliche Resultate. Bei meiner zunehmenden Kränklichkeit drangen die Ärzte abermals auf den Gebrauch der Karlsbader Quelle, und ich reiste demnach gegen Ende Juli dahin ab. Diesmal schlug ich einen andern Weg nach Karlsbad, nämlich den durch preuß. Schlesien ein, um die Hauptstadt Breslau und das Land um selbe herum kennenzulernen und einige Abwechslung in meiner Reiseroute nach jenem Kurort zu bringen. Ich fuhr auf der Eisenbahn bis Olmütz und von dort über Troppau, Neisse, wo ich übernachtete und viel über die Bedrückungen der kath. Kirche in Schlesien hörte, gegen Breslau weiter. Eine Post früher, in Ohlau, lenkte ich rechts nach dem Schlosse Hünern ein, wohin mich Graf Hoverden-Plenken mit seiner Familie ein Jahr vorher in Karlsbad eingeladen hatte. Ich brachte bei dieser liebenswürdigen Familie zwei Tage zu und hatte Gelegenheit, auch in ökonomischer Hinsicht manches Vorzügliche zu sehen, so z.B. Schafe von der feinsten Wolle, wie sie mir nur selten vorgekommen waren. Der Graf gab mir, dem Gaste, freundlich Geleit bis Breslau, wo ich den Fürstbischof, den Domherrn Ritter und die Kathedralkirche, die aber nichts Ausgezeichnetes aufweist, besuchte. Dann verfügte ich mich zu Dr. Wendt, Professor an der dortigen Universität, bei dem ich[218] morgens angesagt war, und der mir in Karlsbad Hoffnung gab, mir nach längerer Besprechung ein Mittel gegen meinen Gesichtsschmerz anraten zu können. Er empfing mich mit vielen Orden angetan sehr zeremoniös; das Mittel aber, das er mir anriet (ut aliquid dixisse videatur), erregte bei den geschicktesten Ärzten, mit denen ich davon sprach, nur ein sarkastisches Lächeln. ? Die Weiterreise ging über Schweidnitz, Trautenau im Riesengebirge, dessen höchste Spitze die Schneekoppe ich mit Vergnügen sah, die aber mit den wahrhaften Riesenhäuptern von Salzburg und Tirol verglichen einen sehr bescheidenen Rang einnimmt, endlich über Altbunzlau nach Prag und Karlsbad ungehindert weiter fort. Dieses Jahr hatte ich daselbst das Vergnügen, mit dem Präs. Baron von Strombeck und Geh. Rat von Schelling längere Zeit hindurch Umgang zu pflegen. Auch lud mich Fürst Metternich zu sich nach Königswarth ein, wo ich den Herzog von Holstein-Augustenburg mit der Herzogin und zwei Prinzessinnen-Töchtern fand ? eine sehr liebe, freundliche Herrschaft, insbesondere die Herzogin, von der ich in der Folge ein paar Zuschriften erhielt. Am 2-ten September brach ich von Karlsbad über Eger, Würzburg und Heilbronn nach Stuttgart auf, da Baron von Cotta eben im Begriffe war, meine unter dem Titel: »Sämtliche Werke« bekannten epischen Dichtungen in einer Taschenausgabe im Schillerformat herauszugeben. In Würzburg besuchte ich meinen verehrten Freund Dompropst Dr. Benkert, früher Herausgeber des »Kirchenkorrespondenten«, bei Heilbronn das Schloß Weiler, wo die älteste Tochter des Baron v. Cotta, die ich zuletzt im J. 1837 in Frankfurt am Main mit ihrer sel. Mutter gesehen habe, und die jetzt an den Besitzer des Schlosses Baron von Weiler verheiratet war, und von dort nach Heilbronn fahrend, in Weinsberg den liebenswürdigen Dichter, Dr. Justinus Kerner. Die Freude, die der liebe, muntere Greis über meinen Besuch äußerte, rührte mich innig und wir haben auch seitdem recht herzliche Briefe gewechselt. In Stuttgart brachte ich bei Herrn Baron v. Cotta wie immer ein paar vergnügte Tage zu ? so wie auch bei seinem Vetter, Baron König und seiner Familie, im Schloß Mauren bei Böblingen und fuhr dann umso eiliger nach Preßburg zurück, da mir der Primas schrieb, es würde gegen Ende September die Religionsangelegenheit wegen der gemischten Ehen zur Beratung kommen, und mich deswegen bat, meine Zurückkunft zu beschleunigen. Es wurde durch die öffentlichen Blätter in ganz Europa bekannt genug, welchen Gang die Landtagsverhandlungen bei der[219] nun einmal bestehenden Verfassung in Ungarn in Preßburg genommen hatten. Die wankende Basis der altehrwürdigen Konstitution, an der seither mehr und mehr gerüttelt ward, entzog der Regierung bei beständigem ? vielleicht notwendig gewordenem ? Nachgeben die meisten Stützen, die ihr früher zu Gebote standen, sich in einem festen Standpunkte zu behaupten. Durch das schwankende Vorgehen von ihrer Seite gewannen die feindlichen Elemente immer mehr Stärke und Rührigkeit, so daß die vielbesprochene Freiheit in die loseste Ungebundenheit ausgeartet ist. Der unproportioniert zahlreiche niedere Adel bildet da schon, wie einst in dem unglücklichen Polen, eine Anomalie gegen alle andern Länderverfassungen Europas. Dieser wächst schon mit der Idee des Bevorzugten auf und hat nach der Komitatsverfassung alle administrative Macht im Lande an sich gerissen. Eigendünkel, Stolz und eine abstoßende Burschikosität bei oberflächlicher, meistens aus den öffentlichen Blättern anderer konstitutioneller Länder durch falsche Auffassung geschöpfter Bildung, breite Indifferenz in religiöser Hinsicht, entschiedener Haß gegen alles, was deutsch ist ? daher auch keine Hinneigung zur Regierung, trotz der oftbelobten Tapferkeit der Nation keine Lust zu dem eisern auf Ordnung haltenden Militärstand, sondern am Ende bei allem eine nur immer wachsende Gier, bei den Versammlungen der Komitate und der Landtage recht viel und recht derb Aufgetragenes zu sprechen ? je mehr des letzteren, desto größer der Beifallssturm ? allüberall nur Reden, aber keine Tat ..., dies ist das Bild, das z.Z. Ungarn darbietet. Besonders hat sich aber bei der Oberen Tafel eine Anzahl größtenteils junger Magnaten (nahe an die 30), lauter Grafen und Freiherrn, zusammengetan, um eine sogenannte Oppositionspartei gegen die konservative zu bilden. Es grenzt an das Unglaubliche, mit welchem rohen Übermut sie sich jedesmal in die frechsten Anklagen gegen die Regierung ergießen und besonders erpicht sind, die kath. Geistlichkeit, ob gleich es unter ihnen nur vier oder fünf Protestanten gibt, vor allen aber die anwesenden, in der Versammlung den ersten Rang einnehmenden Bischöfe zu verunglimpfen. Da nützt denn auch die gründlichste Widerlegung nichts; wenn sich der erste ausgeredet hat, so fängt der zweite, zehnte, fünfundzwanzigste usw. an, das, was er öfters von fremder Hand aufgesetzt und zu Hause in verschiedenen Variationen einstudiert hat, mit immer steigender Insolenz vorzubringen. Vergeblich hat öfters der Csanáder Bischof Jos. Lonovics, unstreitig das eminenteste Talent und der beste Redner unter den Magnaten und den Ständen aller seitheriger Landtage, in genauster Auffassung und Widerlegung aller ihrer Irrtümer, Ungebühr- und Ungesetzlichkeiten, bald[220] durch die Geißel der Satyre, bald durch geschichtliche Axiomen sich mit sonnenklarer Wahrheit hervorgetan, es half alles nichts; wie der erste Mißton begann, so hat der letzte ausgeklungen, und je verletzender desto brüllender tönte das »Éljen!« (Vivat) der auf den Galerien zu maßloser Frechheit gestimmten Juraten (der [der] Rechtspflege beflissener Kandidaten) darein. Bei solcher Lage der Sache kam denn der Artikel über die gemischten Ehen, der schon bei dem vorigen Landtage zu einem Gravamen (Beschwerde der Nation) gestempelt worden ist, gegen Ende September zur Beratung vor. Schon vier Tage dauerten die Debatten mit unermüdlicher Erbitterung der Oppositionsherrlein fort, als unter diesen Graf Kasimir Eszterházy in einer langen Rede in Hinsicht der die gemischten Ehen betreffenden kirchlichen Anordnung unter anderem sagte: Es sei Friede gewesen, bis der Erzbischof von Köln als ein zweiter Herostrat, seinen Namen zu verewigen, diese Brandfackel unter die verschiedenen Konfessionsverwandten geworfen habe, und dessen Beispiel dann auch einige von uns Bischöfen von Ungarn als gleichgesinnte Herostraten gefolgt sind. Ich kann es nicht aussprechen, wie tief mich diese Äußerung eines seinsollenden Katholiken über jenen ehrwürdigen Greis, den die göttliche Fürsehung auserwählt hatte, die im josephinischen Geiste verkommenen Glieder der Kirche, Laien und Priester, aus dem unheilvollen Schlummer der schmählichsten Indifferenz aufzurütteln, der mit unerschütterlichem Sinne die Drohungen und Verfolgungen einer unberechtigten Machtgewalt nicht achtend und sich seines hohen Berufes bewußt für das große Anliegen der Kirche mit heiterem Mute zum Opfer hingab, der aber auch dadurch zum Segen ward für die gegenwärtigen und alle künftigen Zeiten, den endlich von allen politischen Umtrieben, deren man ihn gerne verdächtig gemacht hätte, sein eigner König durch offene Handschrift vor aller Welt als schuldlos erklärt hatte ? ihn, den Gegenstand der Verehrung für alle wahren Katholiken ? nein, ich kann es nicht aussprechen, wie mich diese Äußerung des besagten Redners verletzte und empörte. Selben Tag konnte ich ihn nicht zur Rede stellen, da schon zu viele vor mir das Wort verlangt hatten; doch den folgenden (am 29-sten September), obschon auch da einer der letzten, erhob ich mich in großer Bewegung, welche schon das lange Zuwarten noch mehr gesteigert hatte, und sprach jene berüchtigte Rede, welche in den Tagesblättern der 53-sten Reichstagssitzung mit vielen anderen zu lesen ist. Amazon.de Widgets Die Rede, welche sie veranlaßte, kömmt in jener der 52-sten Reichstagssitzung vor, und ist ein Muster von mutwilligen Ungezogenheiten. Als ich meinen Vortrag geendet hatte, da herrschte[221] eine tiefe Stille durch den ganzen Saal der Magnaten; aus den Augen manches alten Beisitzers glänzten mir Tränen des Dankes entgegen, und selbst die sonst immer lärmfrohe Jugend wagte es nicht, den rührenden Beifall, der mir von allen Seiten zugerufen wurde, durch ihr gewöhnliches, bei mißfälligen Reden anhaltendes Gezisch oder höhnendes Gemurmel zu unterbrechen. Meine heutige hatte wenigstens die gute Folge, daß während des ganzen noch dauernden Landtags keine solche Verunglimpfungen mehr, wie jene war, bei der Oberen Tafel gehört wurden. Als ich im folgenden Monat über Tyrnau zu dem Pfarrer von Rudnó (früher Arzt), von dem es hieß, er würde mich von meinem Tic Doul[ouroux] heilen können, war es wahrhaft ergreifend für mich, daß in allen Stationen, wo zur Umspannung Pferde für mich bestellt werden mußten, die Pfarrer und Kapläne aus allen umliegenden Ortschaften sich in corpore versammelten, um mir meinen Wagen umringend, zu danken, daß ich die Rechte der kath. Kirche so trostreich für sie alle verteidigt hatte. Ich dankte dem Herrn mit heißen Tränen, der mir die Gnade verlieh, meine Pflicht dadurch erfüllen zu können! In diesem Jahr bekam ich Lenau's »Albigenser« zu lesen, ein Werk, das meinen tiefsten Abscheu erregte. Ich äußerte mich in einem Briefe darüber. J. 1844. Um vor meiner Badereise zu Hause Umschau zu halten und mehrere Geschäfte persönlich abtun zu können, reiste ich am 1-sten Juli mit dem Dampfschiffe von Preßburg bis Pesth und den folgenden Tag bis Gyöngyös, das noch fünf Stunden Weges von Erlau entfernt liegt. Dort speiste ich am 3-ten noch zu Mittage und fuhr dann um drei Uhr heimwärts. Es war der schönste, heiterste Tag vor uns. Wir waren noch nicht volle zwei Stunden gefahren, als mich der schrecklichste Augenblick meines Lebens ereilte, in welchem mich nur die Huld des Allerbarmers rettete! Der helle Tag wandelte sich plötzlich in finstere Nacht um; der Kutscher, der seine vier Pferde vom Sattel aus trieb, sah zurück und rief mir zu: »Herr, es kömmt der jüngste Tag hinter uns daher!« ? Ein Orkan, der sich wahrscheinlich in den Schluchten des zur linken Hand liegenden Mátra-Gebirges gebildet hatte, brach in Sturmesflug mit Blitz, Donner und Hagel auf uns herab, und wir waren gezwungen, in einer schlechten, nahe an der Straße liegenden Schenke Schutz zu suchen. Der Kutscher wollte in eine lange Wagen-Schoppe, die den Bauern auch zum Stalle dient, schnell einfahren, das halbe Tor war aber bereits von dem Winde zugeschlagen. Mein Kammerdiener, dem der Sturm den Hut vom[222] Haupte riß, sprang diesem ein paar Schritte nach, und diese etwa drei Sekunden lange Verzögerung war eigentlich meine Rettung; denn als er das Tor öffnete und wir hineinfahren sollten, warf der Orkan das ganze Gebäude mit Dach und Mauer in einen Schutthaufen zusammen und begrub dort vier Pferde mit dem Fuhrmann, der erst kurz vor unserer Ankunft dort einkehrte und, wie ich später hörte, erst nach drei Stunden ausgegraben werden konnte, so waren die Dachbalken und Sparren mit dem Mauerschutt durcheinander geworfen. Bei dem Zusammenstürzen des Gebäudes erschraken die Pferde, die mich führten, und warfen meinen Wagen um. Das Sattelpferd kam bei der schnellen Wendung zu meinem Glücke unter den Kasten des Wagens zu liegen, die andern tobten, und wären sie durch jenes Roß nicht aufgehalten gewesen und nur ein paar Schritte weiter gesprungen, so war ich vielleicht an allen Gliedern zerbrochen des Todes, denn meine beiden Füße lagen außerhalb der Wagentüre, der auf die linke Seite stürzte, im Kot, und mein Begleiter, der Geistliche, wand sich unter mir hinaus, den Kasten des Wagens zu halten, damit er von dem unterhalb liegenden Rosse nicht weiter stürze, die Diener aber mit dem Kutscher hatten Mühe, die andern von dem Durchgehen zurückzuhalten. Nach etwa zehn Minuten zog man mich endlich auch heraus, und ich fuhr in einem kleinen Wägele bis zur nächsten Station, wo meine Pferde bereit standen, und von dort in einer geborgten Kalesche nach Hause, denn der Kammerdiener langte mit meinem zerbrochenen Reisewagen erst nach Mitternacht an. Allenthalben in den Ortschaften, durch welche ich fuhr, sah ich abgedeckte Häuser, entwurzelte Bäume und Schrecken und Angst auf allen Gesichtern und hörte lautes Klagen und Jammern, denn das Furchtbare dieses wütenden Orkans könnten keine Worte schildern! Im Erlauer Weingebirge wurden einige Menschen in den dortigen Preßhäusern, in welche sie sich vor ihrem Einsturz flüchteten, erschlagen, und mein großer Volksgarten bot ein schreckliches Schauspiel der Verwüstung dar, denn hundert- und mehrjährige Linden und Eschenbäume in den Alleen lagen entweder mitten entzwei gebrochen oder entwurzelt übereinander, so daß lange Zeit dazu erfordert ward, ihn wieder zugänglich zu machen. Viele Meilen entlang zog sich die Verheerung fort. Anfangs August begab ich mich nach Karlsbad und kehrte erst Ende September nach Preßburg zum Landtag zurück, wo ich bis zu Ende desselben am 12-ten November verblieb und dann nach Hause reiste. Allein nur wenige Wochen dauerte wieder mein Aufenthalt daselbst, denn während der acht Tage, die ich in der Rückreise in Wien verweilte, drangen sehr viele wohlwollende Freunde in mich, ich möchte doch, da alle bisher gegen meinen Gesichtsschmerz angewendeten Mittel fruchtlos blieben, mich jenem durch den animalischen Magnetismus unterwerfen, welches[223] der rühmlichst bekannte Dr. Ennemoser bei der die gleichen Schmerzen leidenden Gräfin F(icquelmont) angewendet und sie seit einem Jahre davon befreit hatte. Ich wollte mich durch ihre eigene Aussage davon überzeugen und fand dasjenige bestätigt, was ich darüber gehört hatte. Seit so vielen Jahren von diesem furchtbaren Übel gequält, war ich jeden Augenblick bereit, dem Hoffnungsstrahl, der mir die Möglichkeit, davon befreit zu werden, in die Aussicht stellte, zu folgen und beschloß, die Reise nach Wien sogleich im nächsten Monat Dezember zu unternehmen und dort den Winter hindurch in der ärztlichen Behandlung des Dr. Ennemoser zu verbleiben. ? Ohnehin war es mir lieb, in Hinsicht meines neueren lit. Werkes »Legenden der Heiligen für alle Sonn- und Festtage des Jahres« mit Illustrationen von dem Kunstbuchdrucker Blasius Höfel in Wien herausgegeben, dessen Ertrag ich gleich anfangs dem dortigen Institute der Barmherzigen Schwestern gewidmet hatte, nun da es in diesem Jahre in einer verbesserten Auflage herauskam und auf dem Titelblatte für ihr Eigentum erklärt ward, durch Abfindung mit dem Verleger und Einverständnis mit dem geistlichen Direktor jenes Institutes die nötigen Vorkehrungen zu treffen und den neuen Verlag einzuleiten. Im Spätherbst dieses Jahres, als ich von meiner Badereise nach Preßburg zurückkam, fand ich endlich die in Felsö-Jattó, einem zehn Stunden Weges von dort entlegenen Gute des Grafen K. Eszterházy, über dem Grabe meines innig geliebten Vaters auf meine Kösten erbaute geräumige Totenkapelle denn auch zu einer jährlich darin abzuhaltenden Totenfeier bestimmt durch einen geschickten Architekten in schönem Baustile vollendet. Mein alter, dreiundachtzigjähriger Vater fuhr im J. 1813 mit meiner Mutter dorthin, um meine jüngste Schwester, deren Gatte Wirtschaftsbeamter des Grafen war, mit ihren zahlreichen Kindern zu besuchen. Sie verweilten etwas länger, als es anfangs bestimmt war, bei ihnen und wurden gezwungen, wegen der schnell eingetretenen stürmischen Winterszeit diesen dort zuzubringen. Mein Vater schien rüstig genug, auch das hundertste Lebensjahr erreichen zu können, aber eine in der Schlacht von Kunersdorf bei Erstürmung der Kuhschanze am linken Schienbein erhaltene Blessure macht ihm das Gehen in der letzteren Lebensperiode immer schwerer, so daß er das linke Bein auf ein paar Stühle vor sich hingestreckt ganze Tage lang saß und sich nur mit Lektüre beschäftigte. Daß dies schon früher seine Lust war, davon zeugt auch, daß er nach vollendetem siebenjährigen Kriege Geßners Schriften und Gellerts Schwedische Gräfin, in welchem ich als Kind häufig las, mit heimbrachte. Das Offenhalten jener Blessure schien zur Erhaltung seines Lebens dienlich zu sein, denn als sie nun von selber zuheilte, so stellte sich die Wassersucht ein, und er vollendete nach vierzehn Tagen sein uns so teures Leben.[224] Meine Schwester solches nicht ahnend schrieb mir später als sie sollte, und so geschah es, daß er, als ich ihren Brief erhielt, schon begraben war; dennoch machte ich mich sogleich auf den Weg, um noch womöglich zur rechten Zeit einzutreffen; als ich eben in Wien ankam, setzte sich um die Mitte Februar eben der Eisfloß in Bewegung, und es war weder dort noch bei Preßburg eine Möglichkeit, über die Donau hinüberzukommen, und ich mußte unverrichteter Sache heimkehren. Ohne der mannigfaltigen Hindernisse, die von außen her den Bau jener Kapelle bisher verzögerten, mehr zu gedenken, war ich nun von Herzen froh, sie vollendet zu haben, traf alle Anstalten zu ihrer Einweihung und hinterlegte bei dem Graner Metropolitankapitel die Urkunde, durch welche die Abhaltung eines darin jährlich abzuhaltenden Gottesdienstes bestimmt wurde. Mit ruhigerem Herzen reiste ich dann, als am 12-ten November der Landtag sein Ende erreicht hatte, heim. ? J. 1845. Von dem neuen Jahre bis zum 15-ten Mai stand ich also in der Behandlung des Dr. Ennemoser, der mich durch Anwendung des animalischen Magnetismus von dem Tic doul[oureux] befreien sollte. Ich muß ihm zum Lobe nachsagen, daß er weit entfernt von aller Charlatanerie ohnehin ein Mann von den ausgebreitetsten Kenntnissen, wie es seine Schriften beweisen, sich alle Mühe gab, mir zu helfen, aber leider ohne Erfolg, und er riet mir dann selber, heuer abermals die Karlsbader Trinkkur zu gebrauchen; ich brach also gegen Ende Juli dorthin auf. Schon hatte ich beschlossen, anfangs September wieder nach Hause zu fahren, als mir etwa zehn Tage vorher ein ganz eigener Unfall begegnete. Von einem Ausgang um die Mittagsstunde nach Hause gekehrt, saß ich die beiden Arme an einen runden, scharfkantigen Tisch lehnend und las in den vor mir liegenden Zeitungen. Plötzlich zuckte es ein paar Mal in dem unteren Teil meines linken Arms; die Hand, kälter als Eis anzufühlen, sank starr und tot hinab, so daß ich keinen Finger bewegen konnte. Ich dachte, ein Schlagfluß hätte sie gelähmt, und rief nach meinem Diener, mir sogleich den Arzt zu holen. Er kam und befahl, geriebenen Meerrettich auf den ganzen Arm aufzulegen. Doch bald darauf trat mein sehr verehrter Freund Graf Kleist, kön. preußischer Hofjägermeister, mit seiner liebenswürdigen Gattin bei mir ein, und als diese hörte, was geschah, da lief sie eilig fort, brachte Lavendelgeist und Eau de Cologne und rieb mir fast eine Stunde lang, während er meinen Arm unterstützte, den Puls, die obere und untere Seite der Hand und besonders die Finger in einem fort ? denn es sei bei einem solchen Zufall, der einst auch ihr begegnete, nichts besser, als die menschliche Wärme anzuwenden. Wirklich wurde die Hand, die früher weiß wie eine Leiche war, nach und nach etwas gerötet, und nachdem[225] auch der Arzt einige Abende hindurch dabei Einreibungen anwendete, so konnte ich am dritten Tage wieder die Finger etwas bewegen. Da ich aber noch nach acht Tagen eine große Schwäche in diesem Arm fühlte, so war mein Entschluß schnell gefaßt und ausgeführt, nach Gastein zu eilen und die dortigen Bäder zu gebrauchen, deren stärkende Wirkung ich schon so oft erprobt hatte. Am 7-ten September traf ich dort ein und durch achtzehn Tage jedesmal nur eine Viertelstunde badend und den Lederschlauch, durch welchen die Mineralquelle einfließt, auf den Arm richtend fühlte ich diesen nicht nur wieder in den normalmäßigen Zustand versetzt, sondern mich überhaupt so lebenskräftig hergestellt, daß ich im Rückweg überall, wo die Straße über steile Bergstrecken führt, und deren gibt es zwischen Lofer und Reichenhall und zwischen Enns und Strengberg genug, aus dem Wagen stieg und sie zu Fuß munter zurücklegte. Doch meine Heimkunft erfolgte nicht so schnell als ich hoffte. Man lache über das Folgende nicht. Ein Schiffbrüchiger greift der Rettung bedacht nach einem Brettchen, und ein Leidender wie ich hascht auch nach dem unwahrscheinlichsten, gemeinsten Mittel, wenn es ihm die so lang ersehnte Heilung verheißt. In der Durchreise hörte ich in Wels auf der Post, daß vor einiger Zeit ein dort in Garnison liegender Kavallerieoffizier in dem vier Stunden vor Innsbruck in Tirol entfernten Markte Matrei durch einen sogenannten Bauerndoktor von dem Gesichtsschmerz gänzlich hergestellt worden sei. Die gute Postmeisterin beschwor mich bei allem, was heilig ist, diesen sich ergebenden Heilungsweg ja nicht zu verschmähen. Zufälligerweise befand sich eben, als ich nach einigen Tagen in Hofgastein ankam, oben im Wildbade der Küster von Matrei in der Kur. Ich zitierte ihn alsobald zu mir herab und erfuhr von ihm, daß jener Bauer, eigentlich tirolischer wohlhabender Landmann, früher bloß Veterinärarzt, sich die neuesten medizinischen Schriften und Journale halte und durch langjährige Praxis eingeübt so glückliche Kuren, und zwar unentgeltlich, vollbringe, daß sein Haus von nahen und entfernten Hilfsbedürftigen fort und fort besucht werde. Auch habe sogar der Protomedikus von Innsbruck ihn bei der schweren Krankheit seiner Tochter zur Beratung gezogen. Dies alles für den Wink eines guten Genius ansehend ? es ist kein Wunder, wenn hoffnungslos Leidende zuweilen abergläubisch werden ? entschloß ich mich, wenn auch nur auf einen einzigen Tag nach Innsbruck und von dort nach Matrei zu fahren. Da ich bisher nur den oberen Teil vom Pinzgau gesehen hatte, so nahm ich meinen Weg über Mittersill und den Paß Thurn nach St. Johann, übernachtete in Innsbruck und erreichte Matrei um die Mittagsstunde. Der Arzt, mit Namen Zwölfer, wurde auf die Pfarrei, wo ich abstieg, geholt, ein bescheidenes altes Männchen und als Arzt nach dem einstimmigen Zeugnis aller wohlerfahren. Er hielt mein Übel[226] rheumatischen Ursprungs, erklärte sich gegen alle gewaltsam wirkende Mittel und schrieb mir dann ein paar Rezepte, die auch die geschicktesten Ärzte für kunstgerecht und passend erklärten, die aber wie alle derlei Mittel ohne Erfolg blieben. Nach Salzburg zurückgekommen bekam ich wieder so heftige Anfälle, daß ich nach München eilte, den Dr. Ennemoser zu sprechen; er vertröstete mich auf den Monat Dezember, wo er abermals nach Wien kommen und mich, wie er es sicher hoffe, in kurzer Zeit von meinem Übel befreien werde. Auf der Eisenbahn war ich nach dieser ärztlichen Besprechung in dritthalb Stunden abends in Augsburg angekommen und da ich dort Herrn Baron v. Cotta nicht fand, weil er meinen aus Hofgastein geschriebenen Brief zu rechter Zeit nicht erhalten hatte, so fuhr ich morgens weiter und kam den folgenden Tag schon zeitlich in Stuttgart an, denn der Geh. Rat Philipp Freiherr von Wessenberg, einst verdienstvoller Diplomat, der zugleich mit mir in dem Post- und Gasthause in Ulm übernachtete hatte die Gefälligkeit, mir von allen Stationen voreilend die Postpferde zu bestellen. Nur zwei Tage gedachte ich in Stuttgart zu verweilen; es kam aber noch der dritte hinzu, auf den ich gleich am ersten von dem König und der Königin zur Mittagstafel freundlich eingeladen worden war. Die übrige Zeit widmete ich ausschließend dem Baron Cotta und seiner Familie und revidierte nebenher die Korrekturbögen der zweiten Auflage meiner »Lieder der Sehnsucht nach den Alpen«, welche er eben veranstaltete, so wie er auch die zweite Auflage der Taschenausgabe meiner »Sämtlichen Werke« in drei Teilen, von welchen die erste vom J. 1843 so schnell vergriffen war, zu Ende dieses Jahres in das Licht treten ließ. Die schon früher in verschiedenen Zeitschriften gefundenen »Lieder der Sehnsucht nach den Alpen« hat ein Freund von mir gesammelt und auf die Herausgabe derselben gedrungen. Da aber der Verleger nach dem schnellen Absatz der ersten Auflage den Wunsch äußerte, zu einer zweiten schreiten zu können, so war es meinem Bestreben gelungen, zu den ersteren zwanzig Alpenliedern noch fünfzehn reihen zu können, deren nun fünfunddreißig an der Zahl waren. Diese Alpenlieder können allerdings dazu dienen, so manche lebendige Anschauung der Gebirgswelt in meinen früheren epischen Dichtungen erklären zu können. J. 1846. Vom halben Dezember v.J. angefangen bis zum 15-ten Mai des heurigen, also volle fünf Monate lang, stand ich wiederholt unter der Behandlung des Dr. Ennemoser mit dem animalischen Magnetismus und hoffte diesmal nach seiner in München gemachten Äußerung auf günstigere Resultate, als die früheren[227] waren; auch er sprach öfters in zuversichtlichem Tone von dem baldigen Gelingen seiner Bemühungen; als aber nach einigen Wochen sich gar keine Besserung zeigte, so bemerkte ich mit heimlichem Kummer, daß er nebst jener Behandlung zu andern Mitteln griff, die sich alle als ungenügend zeigten. Zuerst machte er ein paar Wochen lang scharfe Einreibungen mit Nikotingeist; dann ließ er durch vierzehn Tage an jedem derselben frühe und abends eine Viertelstunde lang Eis auf die leidende Wange legen, was sich vielmehr als schädlich erwies, da sich dort auf lange Zeit eine geschwulstartige Verhärtung festsetzte. Endlich trat er mit einer Maschine auf, die mir als ein sicheres Mittel in kurzer Zeit helfen sollte, und diese war die elektro-magnetische Rotationsmaschine. Der eine Pol wurde mit einem Kupferblättchen auf den Nervenknochen hinter dem linken Ohr appliziert, und mit dem andern fuhr er jedesmal eine Viertelstunde lang an der Wange umher und erregte mir bei meinem ohnehin durch langjähriges Leiden auf höchste gestimmten nervösen Zustande fast unerträgliche Schmerzen ? und diese erduldete ich standhaft volle fünf Wochen lang noch und leider auch dies alles ohne irgendeinem günstigen Erfolg! Ich bemerkte nach und nach eine stille Niedergeschlagenheit in des Doktors Mienen und fand ihn am Ende so betrübt und verlegen, daß ich fast Mitleiden mit ihm hatte und ihn mit der nun einmal erwiesenen Unmöglichkeit einer Hilfe zu trösten suchte. Er verlor dadurch, daß er mir trotz aller seiner Bemühungen nicht zu helfen vermochte, vor mir nichts an seinem Werte, und ich bin ihm für diese dankbar verblieben. Ehe ich die auch von ihm angeratene Reise nach Karlsbad antrat, wollte ich daheim einige Wochen von Ende Mai bis halbem Juni zubringen und fuhr, ohne etwas Arges zu vermuten, nach Hause. Allein es hatte sich schon in Wien im Monat April ein bedenkliches Husten bei mir eingestellt, gegen welches sowohl Dr. Ennemoser als auch mein gewöhnlicher Arzt daselbst erfolglose Arzneien angewendet hatten. Indessen schien es daheim nach einiger Zeit mit mir besser werden zu wollen, und ich erteilte am Pfingstmontag (1-sten Juni) über tausend dreihundert Personen in meiner Kathedralkirche vor der großen Hitze geschützt die hl. Firmung. Nachdem ich schon seit lange her keine öffentlichen Funktionen verrichtet hatte, denn sehr oft waren die Anfälle vom Tic Doul[oureux] mir ein Hindernis im Sprechen so, daß ich nur halbverständliche Worte durch die Zähne mit Gewalt hervorstoßen mußte, und auch an Speisen, in dem ich meistens nur breiartige Mehlspeisen und diese mit Mühe hinabschlucken konnte, so war die am Pfingstfeste gelungene Firmung mir ein freudiger Antrieb, noch ein Weiteres zu versuchen. Ich sagte daher für den 19-ten und 20-sten Juli abermals eine in Miskolcz, dem Hauptorte des zur Erzdiözese gehörigen Borsoder Komitates, vorzunehmende Firmung an und[228] reiste Tags zuvor mit dem nötigen geistlichen Gefolge dahin ab. Groß war der Jubel daselbst, und meine Ankunft mit einem hier zu Lande üblichen Empfang gefeiert. Bei der damals herrschenden großen Hitze firmte ich am Sonn- und Montage dort von den Einheimischen und da von den umliegenden Pfarreien über dreitausend hereinbeschiedene große und kleine Pfarrkinder außer der Pfarrkirche im Schatten derselben und hatte die Absicht, meine Firmungsreise noch etwas weiter bis in das dritte zur Diözese gehörige Szabolcser Komitat fortzusetzen, weshalb ich wegen einiger Vorbereitungen nach Hause fuhr. Allein nach einigen Tagen wurde mein katarrhalischer Zustand trotz aller angewendeten ärztlichen Hilfe besonders durch einen jener heftigen Brustkrämpfe, die mich dann später in Karlsbad dem Tode nahe brachten, so bedenklich, daß ich nichts angelegentlicheres kannte, als der Glühhitze und des Staubes nicht achtend sogleich nach Wien und auf der Eisenbahn nach Prag zu eilen, um zu Ende des Monats nach Karlsbad zu gelangen. Noch hatte ich dort angekommen meine bestellte Wohnung nicht betreten, so eilte ich schon zu dem Schloßbrunn, dessen in dieser Hinsicht gerühmte Quelle mir meine ganz verschleimte Brust erleichtern sollte. Aber nicht lange durfte ich mich ihrer bedienen, denn schon am vierten Tage erklärten meine beiden Ärzte, die zu ihrer Sicherheit, wie sie sagten, jedesmal vereint zu mir kamen, es sei bei mir ein katarrhalisches Fieber vorhanden, bei welchem der Gebrauch der Karlsbader Quelle eher schädlich als nützlich sein würde. Und so konnte ich für dies Jahr von der dortigen Trinkkur keinen Gebrauch machen, da ich eigentlich auf das Krankenlager gefesselt wurde. Bald folgten Arzneien auf Arzneien; die Atemholung wurde immer beklemmter, das Husten tönte furchtbar durch das ganze Haus, so daß eine russische Fürstin, die im unteren Stockwerk wohnte, einst nach Mitternacht heraufkam, meinen Domestiken darüber voll Angst zu befragen, und die Brustkrämpfe stellten sich besonders in den ohnehin schlaflosen Nächten immer häufiger ein. Am 14-ten August um zwei Uhr nach Mitternacht machte mich ein solcher, so schwach ich war, aus dem Bette springen und nach Hilfe rufen. Mein Arzt, Dr. Hochberger, der in Karlsbad als der erste genannt wird und mir nahe wohnte, kam, hieß anfangs zerriebenen Meerrettich auf die Brust legen und den dadurch verursachten Zug durch Senf-Äther verstärken und blieb dann bis sechs Uhr frühe vor meinem Bette sitzen. Vergeblich bat ich ihn wiederholt, er möchte sich heim zur Ruhe begeben; er verharrte in derselben Stellung und wendete seine Augen nicht mehr von mir ab. Dies fiel mir auf, und als er gegen Mittag mit dem zweiten Arzte, Dr. Preiß, zu mir kam, so forderte ich ihn auf, mir frank und frei die Wahrheit zu sagen, ob Gefahr des Todes vorhanden sei; denn obschon mein Testament bereits im Erlauer Kapitulararchiv hinterlegt sei,[229] so wünschte ich doch, für jenen Fall hier einige schriftliche Dispositionen zu treffen. Er erwiderte mit fester Stimme, wenn sich der Anfall von heute Nacht wiederholte, so sei allerdings eine Lungenlähmung zu fürchten. Darauf ersuchte ich sie beide, sie sollten bei mir die Sektion nicht unterlassen, damit ich, was ich am meisten fürchte, nicht etwa scheintot begraben werde. Sie versprachen es, als sie gingen. Nachmittag ließ ich ein Brett quer über mein Bette legen und schrieb mit vieler Mühe obschon kurz, dem dortigen vortrefflichen Pfarrer und Dechant Seifert, ich wolle nicht etwa heimgeführt, sondern im Karlsbader Friedhof an der Mauer begraben werden, wo bloß ein einfacher Denkstein mit der Inschrift: »Ossa Joannis Ladislai Pyrker Patr. Archi Eppi Agriensis Nati 2. Nov. 1772, mort. 18? requiescat in pace, Amen!«, die Stelle meines Grabes bezeichne. Ich fügte noch einige kirchliche Dispositionen hinzu, versiegelte den Brief und trug meinen Leuten auf, selben gleich nach meinem Ableben an ihn zu bestellen. Dann wurde ich mit allen hl. Sterbesakramenten versehen. Obschon ganz dem Willen der göttlichen Vorsehung ergeben, wäre mir doch der Tod bei solchen Leiden erwünscht gewesen! Sonderbar genug, daß während diesen meine Gesichtsschmerzen fast ganz aufhörten, und erst auf der Heimreise nach und nach wiederkehrten; aber auch jetzt, wo ich dieses schreibe, mich, dem Himmel sei Dank, nicht mehr plagen. Die auf meine Brust aufgelegten Zugpflaster und die fortgesetzten Einreibungen mit der Brechweinstein-Salbe verscheuchten durch brennenden Schmerz noch viele Nächte hindurch allen Schlaf von meinen Augen, so daß ich ohnehin zu einem Skelett abgemagert völlig entkräftet ward. Amazon.de Widgets In Karlsbad zweifelte niemand mehr an meinem Tode, besonders nachdem eines Morgens meine beiden Ärzte mehrere der dort in der Kur oder mit Kranken anwesende, als Geheimer Medizinalrat Dr. Wagner und Dr. Beer aus Berlin, Dr. Behr aus Bernburg, Dr. Fischer aus Rußland, Dr. Jeitteles aus Brünn etc., zusammen acht, vielleicht auch sich wegen einer verlautbarten Beschuldigung vor ihnen zu rechtfertigen, zu dem bestimmten Konsilium geladen hatten, und einer von jenen nach der Uhr sehend vor vielen dort vor meiner Wohnung auf- und abwandelnden Kurgästen sagte: »Nun ist es sieben auf der Uhr, gehen wir lieber jetzt gleich hinauf, denn um acht Uhr kann er tot sein.« Wohl mag auch dies die Veranlassung gewesen sein, daß jemand die voreilige Nachricht von meinem als bereits erfolgten Tode in die Augsb(urger) Allg. Zeitung hat einrücken lassen. Wie die Schmerzen in- und außen an der Brust nur etwas weniges nachließen, so konnte man mich nicht mehr im Bette erhalten, und ich saß oder lag halb hingestreckt den ganzen Tag über auf dem Kanapee, und obschon die Ärzte mich durchaus am Sprechen hindern wollten, so sah ich es doch gerne, wenn mich meine Bekannten, die ich nun[230] schon längere Zeit hindurch nicht sehen konnte, besuchten. Ich mußte schweigen, und sie sprachen. Sehr viele liebevolle Teilnahme bewiesen mir Graf und Gräfin Kleist, Geheimrat Schelling und seine Gattin und Graf und Gräfin Hacke von Freienwalde bei Frankfurt an der Oder mit ihren beiden Fräulein Töchterchen, die mich gar so gerne durch muntere Gespräche zu erheitern suchten ? ja, ich kann wohl sagen, daß die ganze Bevölkerung der Stadt Karlsbad mir die unzweideutigsten Beweise ihrer Anhänglichkeit gegeben hab. Höchst angenehm überraschte mich dort der liebenswürdige Prinz Erzherzog Stephan durch einen Besuch, und auch mein Hausdomherr und Kanzleidirektor (Canonicus a latere), Alexander Lévay, der in einer Kommission wegen der Theiß-Regulierung von Erlau abwesend bei der ersten Nachricht, die er von meinem gefahrdrohenden Zustand erhielt, sich gleich nachts auf die Reise begab und Eilwägen, Dampfschiffahrt und Eisenbahn benützend den vierten Tag, nachdem ich den schlimmsten Augenblick überstanden hatte, bei mir eingetroffen ist. Auch kam Wilhelm Meinhold, Verfasser der »Bernsteinhexe«, einer der vorzüglichsten deutschen Novellen, evang. Pfarrer zu Rehwinkel in Pommern, in der Kur anwesend einige Mal zu mir zum Besuche. In viel früherer Zeit, als ich nämlich noch Patriarch von Venedig war, habe ich schon einige die deutsche Poesie betreffende Zuschriften nebst einem Bändchen seiner trefflichen lyrischen Gedichte von ihm erhalten. In jenen Augenblicken, wo ich erst kürzlich dem Tode nahe war, bedauerte ich es innig, diese meine Selbstbiographie nicht zu Ende gebracht zu haben ? denn sie war erst bis zur Hälfte meiner Venediger Amtstätigkeit gediehen; nicht aus Eitelkeit, daß der Welt dadurch vielleicht etwas Bedeutendes vorenthalten blieb, sondern deswegen, weil ich so manches Unstatthafte, was etwa nach meinem Tode über mich verbreitet werden könnte, vorhinein berichtigen wollte; dies wirkte so heftig auf mich, daß ich, schwach und entkräftet (aber schon von dem Krankenbette aufgestanden) wie ich war, jeden Augenblick, den ich benützen konnte, mit größtem Eifer daran weiterschrieb. Meinen Ärtzen durfte ich freilich nichts davon sagen. Diese waren höchst betroffen, als ich ihnen erklärte, daß ich ehestens nach Gastein aufbrechen wolle, von dessen mir bekannter stärkender Quelle ich allein bei einer solchen Entkräftung gegen mein völliges Verkommen Hilfe zu finden hoffen dürfe; auch würde ich bei der großen, teils noch immer andauernden Schlaflosigkeit draußen in freier Luft im Wagen sitzend gewiß schlafen können. Sie forderten alle meine Bekannten auf, mich von dem gefaßten Entschluß abzubringen, aber vergeblich! Dr. Hochberger führte mich denn zwei Tage hintereinander bei heißem Sonnenschein in seinem Wagen auf eine halbe Stunde in die freie Luft, die ich schon über drei Wochen entbehrt hatte und an die ich[231] mich wieder gewöhnen sollte, hinaus und haftete ohne Unterlaß die ängstlichen Blicke auf mich, einen Unfall von ihrer Einwirkung fürchtend; aber wir kamen unbehindert wieder nach Hause, und so brach ich dann am 1-sten September morgens sechs Uhr, nachdem zwei Träger mich in einem Armsessel sitzenden über die Treppe herabgetragen und wie ein schwaches Kind in meinen Reisewagen gesetzt hatten. Mit Tränen in den Augen und tiefer Rührung im Herzen schämte ich fast vor der Menge, welche die Straße erfüllt und meinen Wagen umringt hatte, über meine Hilflosigkeit und warf meinen Freunden dankbare Blicke zum Abschied zu. Was ich vorausgesagt hatte, traf ein; noch hatten wir die erste Poststation Buchau nicht erreicht, so schlief ich ein und erwachte erst gegen Mittag bei der vierten Station Horosedl, wo ich mit erhöhter Lust einiges von der frugalen Mahlzeit genoß. Sechs Tage dauerte die peinliche Reise über Prag, Budweis, Linz und Salzburg nach Gastein, denn es war keine Kleinigkeit, mit einem so abgezehrten Körper fort und fort im Wagen gerüttelt zu werden. Als ich am vierten Tage nachmittag vor dem Posthause in Linz stillhielt, so trat der Postmeister mit der Augs(burger) Allg. Zeitung in der Hand an meinen Wagen und sagte mir, es stehe in der eben angekommenen letzten Nummer derselben mein in Karlsbad am 26-sten August erfolgter Tod umständlich angezeigt, welche unrichtige Angabe aber im nächsten Blatte widerlegt am folgenden Tage in Salzburg zu lesen war. Ich bat ihn, er möge meinem vieljährigen werten Freunde, dem Präsidenten der oberennsischen Regierung daselbst, Freiherrn von Skrbensky, der zu meiner Zeit Gubernialrat in Venedig war, melden, daß ich obgleich in einem noch immer unerfreulichen Zustande lebend durch Linz gereist sei. So schickte mir später aus Paris Mrs. Sarah Austin, die Gattin eines vormaligen englischen Prokurators auf Malta, mit welchen beiden ich wiederholt in Karlsbad zusammentraf ? und die nicht nur als Schriftstellerin durch die Übersetzung der bändereichen Geschichte der Päpste und der Reformation von Ranke sich Ruhm erwarb, sondern auch durch sonstig ausgezeichnete Geistes- und Herzenseigenschaften allgemeine Liebe und Hochachtung verdient, das Blatt aus der englischen Zeitschrift Athenaeum, in welchem mein Nekrolog mit beliebiger Würdigung meines Lebens und lit. Werke enthalten ist. Die Bekanntschaft dieser herrlichen Frau und ihres Gatten gemacht zu haben, zähle ich unter die angenehmsten Ereignisse meines Lebens. Abends in Hofgastein angekommen sah ich die dortigen Bürger vor Freude weinend meinen Wagen umstehen, da sie bei der ersten Nachricht von meinem erfolgten Tode gleich für den folgenden Tag ein feierliches Requiem für mich angeordnet hatten. Auch dort wurde ich noch aus dem Wagen gehoben und über die[232] Treppe in die für mich bestimmten Zimmer des Gasthofes getragen. Als man darauf eine Dienstmagd des Hauses befragte, warum sie so heftig weinte, so sagte sie, weil sie bemerkte, daß ich vor Schwäche kaum meine Kleider tragen könne. Sie hatte mich in vorigen Jahren in einem besseren Zustande gesehen. Die Bäder gebrauchte ich abermals durch achtzehn Tage auf dieselbe Art wie das letztverflossene Jahr und am sechsten Tage war ich bereits im Stand, vor dem Hause durch den freundlichen Besitzer desselben unterstützt im warmen Sonnenschein einigemal auf und ab zu gehen. Obschon bereits spät in der Jahreszeit war die Witterung dennoch günstig, und ich mit der Wirkung der Bäder, so weit es nach den vorwaltenden Umständen sein konnte, zufrieden. Auch dort erlebte ich neue Beweise von treuer Anhänglichkeit. Nicht nur mein Domherr Lévay kam von Wien aus abermals zu mir nach Gastein, um sich von meinem Gesundheitszustande persönlich zu überzeugen, sondern auch von Venedig über den Radstädter Tauern herüber der Gubernialsekretär Angeli, der zugleich Sekretär der Wohltätigkeitskommission (Pubblica Beneficenza) war, und mir als Präsidenten derselben ein treuer Anwalt der Armen die ausgezeichnetesten Dienste leistete. Überdies war er mir mit einer ganz eigenen Zuneigung ergeben. Fortwährend erhielt er mich über die seitherigen Folgen der damals getroffenen günstigen Anordnungen in der Evidenz und sprach auch zuweilen meine Verwendung für die Armensache in Wien kräftig an, wenn etwas für selbe zu erwirken war. Er, ein reise-scheuer Venezianer, hat mich auch bei Gelegenheit der Einweihung meiner neuen Kathedrale in Erlau besucht und nun kam er in rastloser Eilwagenfahrt, mich in dem von Riesengebirgen umstarrten Tal von Hofgastein wenn auch nur auf einen Tag wiederzusehen; denn er sagte: »Abbiam molto pianto la Sua morte!« Da er erst am Vorabende meiner Abreise, am 25-sten September, bei mir anlangte, so nahm ich ihn bis Salzburg in meinem Wagen mit, von wo er dann auf dem Eilwagen wieder nach Venedig zurückkehrte. Meinem Domherrn riet ich aber, die Gelegenheit zu einer kleinen Exkursion nach München und Regensburg, von wo die Fahrt nach Wien mit dem Dampfschiff so leicht ist, zu benutzen, um die Freude, so viele Kunstgegenstände gesehen zu haben, mit nach Hause nehmen zu können. Ich aber traf über Wien und Pesth am 15-ten Oktober in Erlau ein. Meine Brust war noch immer beklemmt, der Atem kurz, und eine allgemeine Schwäche vorherrschend. Doch immer schlimmer wurde mein Zustand, bis gegen die Mitte des Monat November die Ärzte ihrer drei im Rate vereint durch acht Tage jeden Morgen, als ich noch im Bette lag, an der Brust umher klopften, mit dem Gehörrohr auskultierten und ihr Urteil endlich dahin aussprachen, daß der untere Teil des rechten Lungenflügels nicht frei, d.h. durch[233] ein Ödem behaftet sei. Das befürchteten zwar auch die Karlsbader Ärzte, und nun wurden seitdem bis heute die selben Arzneimittel wie dort angewendet. Stets näher rückte der Tag (der 8-te Dezember), an welchem ich mein fünfzigjähriges Priesterjubiläum, Sekundiz genannt, begehen sollte, da ich am selben 8-ten Dezember des J. 1796 im Stifte Lilienfeld, dessen Mitglied ich war, meine erste Messe oder Primiz gehalten hatte. Noch am 5-ten zweifelte ich sehr daran, daß ich wegen meines Übelbefindens im Stande sein würde, in dieser langen Funktion gehörig zu bestehen. Doch ich raffte meine ganze noch übrige Kraft zusammen, und durch die Gnade Gottes ist mir das, was ich so sehnlich wünschte, gelungen. Beinahe drei volle Stunden mit der inmitten derselben gehaltenen Predigt dauerte die seltene Funktion, bei welcher mir vier Diözesanbischöfe des Landes nebst den Vorstehern des Kuratklerus der Erlauer Diözese assistierten. Man hat in öffentlichen Blättern davon und von den übrigen Feierlichkeiten berichtet. Nicht der Pomp, nicht die begrüßenden Anreden, die Toaste und Illuminationen, die bei solcher Gelegenheit an der Tagesordnung sind, haben mir Freude gemacht, sondern vor allem der Anblick des zahllosen Volkes, das in meiner majestätischen Kathedralkirche in ergreifender Andacht versammelt war, dann die Gegenwart der vier Diözesanbischöfe, des von Stuhlweißenburg, Großwardein, Kaschau und Rosenau, von welchen die ersten drei von der Erlauer Diözese ausgegangen sind, und zweier abgesandten Mitglieder des lieben Stiftes Lilienfeld, dem auch ich durch achtundzwanzig Jahre angehört hatte. Der dortige Prälat, mein zweiter Nachfolger, war durch Unwohlsein gehindert, selber zu kommen, so wie auch noch zwei andere Diözesanbischöfe, der von Csanád und Szathmár, beide gewesene Erlauer Domherrn, wegen der grundlosen, in dieser Jahreszeit unfahrbaren Wege nicht erschienen sind, aber durch herzliche Zuschriften ihre Teilnahme bezeugten. Noch muß ich hinzusetzen, daß mein Domkapitel auf diese Feierlichkeit eine schöne Denkmünze von Gold, Silber und Bronze in Wien prägen und bei Gelegenheit des Festes verteilen ließ mit der beiderseitigen Inschrift: Joanni Ladislao Pyrker, Patr. Archi-Eppo Agriensi, Sacerdotii Jubilaeum VIII. Decembris 1846 celebranti Metrop. Capit. Agriense. So habe ich auch diesen Tag aus der Huld Gottes erlebt und gefeiert und will damit diese meine Selbstbiographie ? dem endlichen Ziele vielleicht nahe ? beschließen! J.L. Pyrker, Erlau den 27. Dez. [18]46. J. 1847. Ich glaubte mit Ende Dezember vorigen Jahres meine Selbstbiographie beschließen zu können; allein es stellten sich wieder[234] einige Ereignisse ein, die den letztgenannten notwendig anzureihen kommen. In Folge meiner in Karlsbad überstandenen schweren Krankheit habe ich mich zwar in Hofgastein, wo ich nach einer sechstägigen Reise am 7-ten September ankam und durch 18 Tage täglich nur eine Viertelstunde lang badend mich zum Erstaunen aller auch wieder schnell erholt; denn bei meiner Ankunft abermals wie ein Kind vom Wagen gehoben und über die Treppen nach dem oberen Stockwerk getragen, ging ich schon am fünften Tage mit meinem Hausherrn Arm in Arm in der sonnigen Straße des Marktes einigemal auf und ab spazieren. ? Auf der Reise dahin, als ich in Linz vor dem Posthause die Pferde wechseln ließ, kam der Postmeister mit der A(ugsburger) Allg. Zeitung in der Hand an den Wagen heran und sagte, eben das heutige, zuletzt angekommene Blatt derselben spreche von meinem in Karlsbad am 26-sten August erfolgten Tode in den bestimmtesten Ausdrücken. ? Ich las den Artikel und bat ihn lächelnd, er möchte sogleich dem Landes-Chef, dem Präsidenten Baron Skrbensky, der als Gubernialrat in Venedig durch einige Jahre im freundlichen Verkehr mit mir stand, den Ungrund jener voreiligen Nachricht zu wissen tun. ? Auch war ich tief gerührt, als bei meiner Ankunft in Hofgastein die Bürger meinen Wagen weinend umringten und mir nun getröstet erzählten, daß sie gleich nach der erhaltenen Nachricht von meinem Tode in der Pfarrkirche ein feierliches Requiem für mich abhalten ließen. Kein Wunder demnach, daß ein englischer Geistlicher, S.F. Montgomery M.A., in der Zeitschrift Athenaeum einen Nekrolog von mir niederlegte, der ziemlich lang und in wohlwollenden Ausdrücken gehalten war. Er entschuldigte sich später darüber durch einen sehr verbindlichen Brief an mich auf eine launige, doch artige Weise. Aber leider gingen die guten Wirkungen der Gasteiner Bäder durch die Schuld meines Domestiken, der den Schlüssel zu meiner Zimmertür, während ich bei dem Nachtessen saß, verlegt hatte und mich, bis er ihn fand, in der feuchten Zugluft des Ganges stehen ließ, wieder verloren. Schon im Rückwege fühlte ich mich immer minder wohl und obschon ich zu Hause angekommen meine Sekundiz oder 50jährige Priester-Jubiläums-Feier am 8-ten Dezember mit Anstrengung zwar, aber glücklich begangen hatte, so fiel ich mit demselben Krampfhusten behaftet bis gegen Ende Jänner d.J. in einen solchen Zustand, daß ich von den Ärzten aufgegeben am 30-sten abermals mit den hl. Sterbesakramenten versehen wurde. Von dort an kam ich dann auch volle vier Monate[235] nicht über die Schwelle meines Zimmers bei fortwährendem Husten einer unbeschreiblichen Entkräftung verfallen. Da ich anfangs Februar diese zum Teil dem Gebrauch der vielen narkotischen Arzneimitteln zuschrieb, so entsagte ich dieser und allen übrigen ganz und verschrieb mir selber den täglichen Genuß der sogenannten sauern oder gestockten Milch, auf daß sie die Wirkung jener neutralisierte, und wirklich hat sie auf die Funktionen meines Unterleibes eine wohltätige Wirkung bewiesen. Doch auch im gegenwärtigen Jahre haben sich die Gasteiner Bäder für mich wieder ersprießlich gezeigt, obschon ich den größten Teil des Monat Juli bis halben August dort zubrachte, wo ohnehin die Enthüllung des Monumentes, das ich dem verewigten Kaiser Franz I. setzen ließ, erfolgen sollte und den 15-ten desselben wirklich erfolgte. In der Beilage der A(ugsburger) Allg. Zeitung vom 22. Aug. Nr. 234 ist sowohl das Monument und die Veranlassung der Errichtung desselben als auch die Enthüllungsfeier beschrieben und dort nachzulesen. Möge sie auch diesen Zeilen beigefügt sein.[236] 
 I. Vom 2. November 1772 bis 18. Oktober 1792 Begonnen im Spätherbst 1845  Am 2-ten November des J. 1772 ward ich zu Lángh in der Nähe der Stadt Stuhlweißenburg in Ungarn um zwei Uhr nach Mitternacht (wie ich es später in dem Kalender meines Vaters aufgezeichnet fand) geboren. Mein Zuname lautete dort: Pircher; so steht er im Taufbuche und so in allen meinen Schul-, Stifts- und Priestertums-Zeugnissen. Von meinem Vater hörte ich später, daß mein Großvater ein in der Gegend von Bozen geborener Tiroler war. ? Erst im J. 1816, nachdem ich schon 24 Jahre hindurch Mitglied des Stiftes Lilienfeld war, vernahm ich, daß ein jüngerer Bruder meines Vaters von einem Adeligen Pyrker von Fels?-E?r, als Verwandter anerkannt und dadurch deshalb dann auch auf dem Rechtswege, nämlich der Komitatsbehörde, der Familie der Adel zugesprochen wurde, welcher in Ungarn von großem Belange ist. Für mich als Stiftsgeistlichen in Österreich war er ohne Bedeutung, und ich bediente mich dort und auch später dessen nie, obschon er mir, besonders nach meiner Ernennung zum Zipßer Bischof, gewöhnlich beigelegt wurde. Mein Vater war Oberverwalter auf den Gütern der Gräfin Z(ichy), einer Tochter des Generalen L(uzsinszky), in dessen Regimente er während des ganzen siebenjährigen Krieges gedient und sich besonders in der Schlacht von Kunersdorf ausgezeichnet hatte, weswegen er ihn auch nach geendigtem Kriege als seinen damaligen Adjutanten mit auf seine Güter nahm und ihn, als sich seine älteste Tochter verehelichte, ihrem Gemahl als Verwalter seiner bedeutenden Herrschaften anempfahl. Schon im Mutterleibe drohte mir ein frühzeitiger Tod. Mein Vater war in Geschäften verreist, meine Mutter mit einem alten[1] Diener und ein paar Mägden allein im Hause und ihrer Entbindung nahe, als in der Abendstunde ein berüchtigter Räuber als Bettelmönch verkleidet um Nachtherberge bei ihr einsprach und, die Abwesenheit meines Vaters benützend, die herrschaftliche Kasse zu berauben gedachte. Der alte Diener, der seinen Reisebündel von dem einspännigen Karren hob und in das für ihn bestimmte Zimmer trug, schöpfte Verdacht, spähte in jenem während des Abendessens herum und fand nebst einem großen Hirschfänger auch noch gewisse Werkzeuge, die das Schlimmste ahnden ließen. Das Haus lag einsam und, wie gesagt, außer ihm, ein paar Mägden und großen Hunden war kein anderer Wächter in der Nähe. Obschon es die Jahreszeit nicht erheischte, so ließ meine Mutter auf den Rat des treuen Dieners den Ofen ihres Schlafzimmers stark heizen und ihn mit den zwei Hunden außerhalb der wohlversperrten Türe im Vorhaus seine Schlafstätte nehmen. Wirklich machte sich der Räuber, diese Anstalten bemerkend, bald nach Mitternacht davon und gestand, später eingefangen, daß er sich nach verübtem Mord aller im Hause Anwesender jener Kasse bemächtigen wollte. Meine Mutter erzählte mir dies einige Mal in Gegenwart meines Vaters. Sie war eine geborene Hafner (Marie Anna) aus Branzoll im tirolischen Etschland und wurde zuerst von ihrer Mutter und dann von ihrem Vater, einem kais. Verpflegsbeamten, im Felde verwaist, worauf sie der General L(uzsinsky) als ein zehnjähriges Kind mit heimbrachte, in seinem Hause erziehen ließ und endlich meinem Vater zur Gattin gab. Meine guten und frommen Eltern, die nur für das Wohl ihrer Kinder, vier männlichen und drei weiblichen Geschlechts, lebten, sandten mich, den ältesten unter den Knaben, im J. 1780 nach Stuhlweißenburg in die Schule, wo ich die Normalgegenstände und die Humaniora, und dann nach Fünfkirchen auf die Akademie, wo ich die Philosophie hörte. Ich war kaum acht Jahre alt, als ich vor Allerheiligen, als angehender Normalschüler, der schon früher im väterlichen Hause durch einen Privatlehrer unterrichtet recht wohl lesen und schreiben gelernt hatte, nach der Stadt geführt und dort in einem honetten deutschen Bürgerhause in Kost und Wohnung gegeben ward. Da geschah es dann, daß am Vorabende des hl. Nikolaus (6. Dezember) bei angehender Nacht der maskierte, sogenannte Nikolo in goldpapierner Inful, Mantel und Bischofstab mit dem Krampus, einer schwarzen Teufelsgestalt mit rasselnden Ketten, in die Häuser kam und nach den frommen und schlimmen Kindern fragte. Ich erschrak gewaltig, da ich dergleichen im väterlichen Hause nie gesehen hatte, und verfiel in Fraisen, nachdem mich der Krampus in einen Fruchtsack gepackt und unter lautem[2] Lärmen und Schreien mehrerer mitgekommener mutwilliger Studenten in den Hof hinausgeschleppt hatte, um mich dort, wie er im Scherz drohte, in den Brunnen zu werfen. Dies hatte die Folge, daß ich bald darauf fieberkrank wieder heimgeführt werden mußte und dort beinahe ein halbes Jahr hindurch den kaum begonnenen, aber nicht fortgesetzten Schulunterricht versäumte. Da ich aber in der zweiten Normalschulklasse im Lesen und Schreiben wie auch Geschichte und Religionslehre den meisten meiner Mitschüler überlegen war, so konnte ich, wiedergekehrt, doch das erste Schuljahr vollenden. Dies war der Anfang jener vielen Krankheiten, die mich im Laufe meines späteren Lebens so oft heimgesucht hatten. ? Von zäher zwar, aber schwächlicher Leibesbeschaffenheit scheint die Gestaltung desselben schon im Mutterleibe nicht ganz vor sich gegangen zu sein, denn der obere Teil meines Körpers von den Hüften aufwärts ist gegen den unteren unverhältnismäßig kurz geblieben; mein jüngster Bruder war beinahe 6 Fuß hoch, während ich in meinem kräftigsten Mannesalter, ehe das Alter meinen Nacken beugte, nur 51/2 Fuß Höhe gemessen habe. Oft hörte ich es, daß ich zu Pferde wohlgestaltet schien, da mich mein Vater, der einstige Kavallerist, frühzeitig zu reiten angehalten hatte. Aus meiner Jugendzeit ist vielleicht Folgendes in Hinsicht meines Berufs zum Heldensänger bemerkenswert. Schon frühe hörte ich im väterlichen Hause häufig von Kriegsszenen sprechen. Das Haus in der Stadt, in welchem ich in die Kost gegeben ward, lag der Kaserne gegenüber, wo ich dann die meiste Zeit, die ich erübrigen konnte, unter den Soldaten zubrachte und hinter ihnen, besonders wenn sie in Feuer exerzierten, wohl stundenlang herlief. Mein liebstes Spiel war, meine Schulkameraden in Reih und Glied zu ordnen, wo dann die gesehenen Maneuvers nachgeahmt wurden, und zur Sommerszeit hatte ich mir gewöhnlich auf einem Gerüst im Hause ein kleines Zelt errichtet, aus welchem eine weiß- und rotgestreifte Fahne hervorragte, und in welchem hingestreckt ich meine Schulaufgaben lernte und wiederholte. Dies bezog sich darauf, daß die Wiedereroberung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigen, zu welcher sich die ganze Christenheit verbinden müßte, noch lange darnach meine Lieblingsidee war. Wann sie zuerst in mir entstand, wüßte ich nicht mehr genau anzugeben; aber gewiß ist es, was auch anderswo (s. Konversations Lexikon von Brockhaus J. 1825) nach einigen von mir erhaltenen Notizen von einem Freunde angeführt ward: »daß ein Trinitarier-Mönch, der als Sammler für die Erlösung der gefangenen Christen in Afrika, in das Haus meines Vaters kam, mir, dem etwa siebenjährigen Knaben, viel von den Mißhandlungen erzählte, welche die armen Christen von den Korsaren erdulden müßten, und da ich eben in einem historischen Bilderbuche blätterte, so machte er mich auf das Bildnis Karl V. aufmerksam, der viele tausend[3] Christensklaven nach einem blutigen Kampfe vor Tunis aus ihren Banden errettet habe. Seitdem war mir der Name Karl V. der teuerste in der ganzen Geschichte; wo immer ich in einem Buche die Zahl V. erblickte, so fuhren meine Augen unwillkürlich dahin; nie konnte ich den Namen dieses heldenmütigen Kaisers ohne innere Bewegung nennen hören, und als ich in späteren Jahren die Ilias gelesen hatte, so war auch mein Entschluß gefaßt, jener Heldentat das Lied meiner Muse zu weihen.« ? Nicht minder richtig ist es, was ferner bemerkt wird: »daß ich als Knabe stets in mich gekehrt, die Einsamkeit suchte; oft stundenlang aus dem Fenster eines alten Turmes der Feste von Stuhlweißenburg, oder des Kirchturms, den ich überaus gerne erstieg, nach den fernen blauen Gebirgen in selbstgeschaffenen Schwärmereien, eine unerklärbare Sehnsucht im Busen tragend, hinübersah.« Die Liebe zu den Gebirgsländern wurzelte auch schon frühe in meiner Brust, welche vielleicht durch die Erzählung eines uns besuchenden Verwandten meiner Mutter aus Tirol von dem dortigen Alpenleben geweckt wurde. Während der ganzen Studienzeit mir selbst überlassen, lernte ich weder mit besonderer Lust und Liebe, (die ich durch die rohe Behandlung eines der Normalschullehrer verloren hatte), noch mit anhaltendem Fleiße, obschon ich bei den jährlichen zwei Hauptprüfungen das Versäumte durch schnelle Fassungsgabe nachholend, meistens mit Ehre bestand. Als ich im J. 1789 nach vollendeten phil. Studien von der Akademie in Fünfkirchen nach Hause kam, wollte ich vermög meiner großen Neigung zum Soldatenstande in den Türkenkrieg ziehen; allein, da bald darauf der Friede geschlossen ward, so mußte ich nach dem Willen meiner Eltern gegen Ende des J. 1790 höchst betrübt nach Ofen wandern, um dort unter der Leitung eines Verwandten, der bei der kön. Statthalterei als Beamter angestellt war, die gleiche Bahn anzutreten. Die anderthalb Jahre, die ich dort verlebte, waren für meine Bildung von großem Einfluß, da ich zu einem deutschen Herrn, Reisinger, einem von Wien dahin versetzten Beamten in Kost und Quartier kam, der von neueren Schriften eine bedeutende Bibliothek nebst ziemlicher literarischer Bildung besaß und der mich als Freund behandelte. Dies ist der erste Freund, dessen ich erwähne; doch hatte ich schon einen, (Baron Ober), der mein Schulkamerade war und an dem ich mit all der glühenden Liebe gleichgestimmter Seelen hing, durch den Tod verloren und habe ihm jahrelang heiße[4] Tränen nachgeweint. Ein Mädchen liebte ich auch schon in meinem 15-ten Jahre, das etwa um ein Jahr jünger war als ich ? ein zartes, holdes Wesen; doch sie ahnte es nicht, was in mir vorging, denn ich konnte stundenlang mit ihr auf einer Bank vor ihrem Hause in den Abendstunden sitzen, ohne ihr meine Empfindungen für sie gestehen zu können. Ich glaube in diesen wenigen Worten sei eine ganze Geschichte enthalten! In der Folge hörte ich, sie sei in ihrer Ehe sehr unglücklich geworden. Mit heißer Begierde verschlang ich alles, was mir aus dem Bücherschatz des Herrn R(eisinger) zu Gesicht kam; doch las ich häufiger in Wielands, Klopstocks und Ossians Werken: dieser machte auf mein schwärmerisch gestimmtes Gemüt einen besonders tiefen Eindruck. Von Goethe lernte ich dort nur Werther, Götz von Berlichingen und Clavigo ? dann Lessings Emilia Galotti und Schillers Don Carlos kennen. Auch machte ich einige Fortschritte in der Erlernung der französischen, größeren aber der italienischen Sprache, in welcher mir ein Soldat Unterricht gab. Gegen das Ende meines Aufenthalts in Ofen fing ich auch zu schriftstellern an; ich schrieb eine Heroide, die mein Freund nicht ohne Interesse fand. Diese und auch manche andere Versuche aus der Jugendzeit sind mir auf immer entschwunden, worüber ich sehr zufrieden bin. Während dieser in Ofen zugebrachten Zeit und noch später bis zu dem Augenblick meines Eintritts in das Cisterzienser-Stift Lilienfeld in Unterösterreich (am 18. Oktober 1792 ? und im 20-sten meines Lebens) mußte ich die Folgen der Armut, Not, Entbehrungen aller Art und somit auch manche Leiden am Gemüt und Körper erfahren. Ich schäme mich nicht sie zum Teil hier anzuführen, damit jene, welchen ihr Schicksal keine so harten Prüfungen auflegte, umso mehr Ursache haben, sich ihrer Jugendzeit zu erfreuen. Als Praktikant der Landesstelle, Diurnisten nannte man uns als solche, hatte ich monatlich 15 F. Gehalt. Von den auf einen Tag entfallenden 30 Kreuzern zahlte ich 20 Kr. für die Kost, und die übrigen 10 Kr. für eine Bettstelle im Zimmer des Bruders meines Kostherrn. Später mußte ich auch diese räumen und mir ein eigenes armseliges Stübchen mieten, da jener die längere Beschränkung nicht ertragen wollte. Noch ehe dieses geschah, schlief ich einige Monate hindurch auf dem geräumigen Dachboden desselben Hauses, bis mich endlich im Spätherbst die Kälte und das lästige Umflattern der Fledermäuse zwangen, doch nach einem eigenen Quartier umzusehen. Meine guten Eltern, die durch einen gewissenlosen[5] Schuldner, den Grafen L., um ihr ganzes, mühsam erspartes Vermögen gekommen waren und noch für so viele meiner jüngern Geschwister zu sorgen hatten, konnten mir nur wenige Beihilfe geben, und so war ich in den kalten Wintern des J. 1790 und 91 nicht im Stande, mir das nötige Brennholz zu schaffen, und mußte in dem ungeheizten Stübchen schlafen, wo oft an dem Rande meiner Bettdecke und am Kopfkissen der frierende Hauch beim Erwachen wie Schnee zu ersehen war. Was ich manchmal an Geld erübrigte, verwendete ich noch nebenbei auf Bücher. Der Gedanke, meinen Eltern noch immer zur Last zu sein, machte mir meine Stellung in Ofen, die mir ohnehin nicht zusagte, ganz unerträglich; ich begehrte im Monat März 1792 meine Entlassung von der Statthalterei, begab mich zu meinen Eltern, die zu jener Zeit nicht ferne von Komorn ein kleines Gut in Pacht hatten, da mein Vater schon einige Jahre zuvor seinen Dienst resignierte, und nahm von ihnen nach einigen Tagen einen Abschied, wie mich dünkte, für immer; denn so häufige Tränen ich auch dort die letzte schlaflose Nacht hindurch vergoß, so erfuhren sie es dennoch nicht, daß ich entschlossen war, in die weite Welt hinaus zu gehen und dort mein Glück zu suchen, um nur sie der weitern Sorge für mich zu entheben. In den Soldatenstand treten zu können, blieb ja noch immer ein sicherer Trost! Ich hatte einige Hoffnung, als Schreiber in die Dienste des Grafen Paolo d'Andreis in Palermo zu kommen, der ein Vergnügen hatte ein paarmal vor einem Caffèhause sitzend, mit mir italienisch zu sprechen, als er auf einer botanischen Reise in Ungarn nach Ofen gekommen war. ? In Wien, wo ich mich nur eine kurze Zeit aufhielt, verkaufte ich noch einen Koffer voll recht guter Bücher an den bekannten Dichter und damals Antiquar-Buchhändler, Alois Blumauer, der sie mir um weniges Geld abdrückte. Zu Ende April reiste ich zu Fuß nach Graz ab, wohin ich zuvor meinen Reisebündel mit dem Postwagen vorausgesandt hatte. Diese Fußreise sollte eine Vorübung auf künftig zu erduldende Strapazen sein. Von Graz fuhr ich mit einem Lohnkutscher über Laibach nach Triest. Den Oberlaibacher Berg aufwärts zu Fuß gehend, gesellte sich der italienische Gelehrte, Abate Della Lena, der schon mehrere Jahre den Winter in Wien zubrachte und im Frühling wieder heim nach Siena zog, um seltene Ausgaben der lat(einischen) und griechischen Klassiker in Italien zu sammeln und sie in Österreich gewöhnlich an die Stiftsbibliotheken zu verkaufen. Er rühmte meinen italienischen Akzent, und da ich eben Tassos Befreites[6] Jerusalem in der Tasche hatte, so mußte ich ihm mehrere von ihm bezeichnete Stellen übersetzen ? ich tat es, wie er sagte, vollkommen gut. Es ist unbeschreiblich, welchen Eindruck von der Höhe hinter Opicina der Anblick des unendlichen Meeres, das eben im Glanz der untergehenden Sonne flammte, auf mich machte: ich saß sprachlos unter meinen Reisegefährten im Wagen und in Triest vor dem Gasthofe angelangt lief ich sogleich die Straße hinab zu dem Meeresufer, stand dort unbeweglich bis in die sinkende Nacht und staunte ? nicht die Gegenstände des Handels, nicht die Schiffe, nicht die Häuser, sondern einzig und allein das ruhelose, bläuliche Wasser an, das endlos vor mir lag! Dieser Anblick, glaube ich, ist das Höchste, was die Natur dem Menschen bieten kann! ? In Triest hielt ich mich zwei und in Venedig 18 Tage auf, wohin ich auf einer sogenannten Corriera wegen widriger Winde drei Tage unter Weges war und von der Seekrankheit befallen sehr viel litt. In Triest wurden wir von den Matrosen um 2 Uhr nach Mitternacht geweckt und an den Bord des Schiffs zur Abfahrt gerufen. Freudig packte ich meine kleine Habe zusammen, eilte mit ihnen hin, legte mich in der Kajüte auf eine der Matrazen auf den Boden nieder und schlief alsbald ein. Wie war ich erstaunt, als ich am Morgen gegen zehn Uhr erwachte und mich an derselben Stelle mit dem Schiffe befand. Es hieß, ein italienischer Graf habe erfahren, daß sich unter den Passagiers ein Franzose aus dem revolutionären Paris befinde, deswegen habe er seine Effekten zurückschaffen lassen und diesen längeren Aufenthalt veranlaßt. Während der Überfahrt mußten wir des heftigen Sturmes wegen meistens in der Kajüte auf den Matrazen liegend bleiben. Die vielgesprächigen Italiener, darunter ein Kaufmann von Malta, ein Exjesuit aus Rimini und ein Advokat aus Faenza schimpften unter anderem häufig über Voltaire und Rousseau; der Franzose, der italienischen Sprache nicht ganz kundig, verstand sie wohl, verzog aber keine Miene dabei: doch als ich später, von der Seekrankheit befallen, oben auf dem Verdeck lag und zu sterben wähnte, kam er mir nach, sprach mir Mut ein, labte mich mit ein wenig Liqueur und kaltem Braten und machte sich in seiner Muttersprache über jene Herren lustig. Als wir den folgenden Tag in Venedig an der Piazetta landeten, sagte er mir, er müßte ohne Verzug nach Alexandrien in Ägypten abreisen und preßte meine Rechte warm an seine Brust. Wir haben uns nie wiedergesehen. Die höchst merkwürdige und von zahllosen Federn ohnehin beschriebene Stadt Venedig war eben noch mehr wie sonst belebt, da kurz zuvor das Fest der Himmelfahrt Christi, an welchem der[7] Doge seine Vermählung mit dem adriatischen Meere durch ein Symbol zu feiern pflegte, und der darauf folgende Jahrmarkt, Fiera di Venezia, sehr viele Fremde dahinzog. Meine obgenannten Reisegefährten, dort fremd wie ich, forderten mich auf, die Merkwürdigkeiten der Stadt mit ihnen gemeinschaftlich zu besehen, da, wie sie sagten, auf solche Art die buona mano, das Trinkgeld, nicht hoch zu stehen komme. Dies war mir, dem karg Ausgestatteten, schon recht; doch ward mir bange, als sie den Zimmerwärter des Doge, der uns seine Zimmer, Kapelle und herzoglichen Kleider und Insignien zeigte, mit einem Siebzehnkreuzer-Stück abfertigten, und er einen großen Lärm, den jene gar nicht achteten, darüber erhob. Ich reichte ihm schnell noch eine kleine Silbermünze und war froh, mit heiler Haut, wie ich meinte, über die Schwelle gekommen zu sein. Wir besahen die Markuskirche nebst vielen anderen der größeren Kirchen, in welchen allen eben große Katafalke zu Ehren des letzten venetianischen Seehelden Emo errichtet waren, da erst vor einigen Tagen dessen Leiche auf seinem Admiralschiff aus der Levante angekommen war. Es war ein eigener melancholischer Anblick, dieses Schiff ganz die Mastbäume und die Seiten desselben mit schwarzem Tuch umfangen an der Riva dei Schiavoni zu sehen. An den Seiten hing das Tuch bis zum Wasser hinab. Amazon.de Widgets Wir besahen mehrere Privatpaläste, wo kostbare Sammlungen gezeigt wurden, die Spiegel- und Glasfabriken in Murano, das Arsenal und endlich auch das Innere des Markuspalastes, in welchem ich mich dann täglich vormittags in der Sala del Scrutinio einfand, weil dort die gerichtlichen Prozesse durch die Advokaten öffentlich verhandelt wurden. Es belustigte mich, insbesondere diese mitunter ausgezeichneten Redner vor den gravitätischen Richtern in schwarzer Toga und weißer Allongeperücke sich gegenseitig bekämpfen zu hören. Ihre Klienten werden wohl kaum gegenwärtig gewesen sein, denn mit den Zuhörern befand ich mich meistens unter Leuten aus der gemeinsten Klasse. Dort sah ich am Fronleichnamsfeste bei einer ungemein prunkvollen Prozession den Patriarchen mit der Monstranze und hinter ihm den Doge mit 24 Senatoren alle in hellroter Toga von Damast und Allongeperücke über den Markusplatz ziehen. Wunderbar sind die Wege der Vorsehung! Wie hätte ich es mir dort (im Mai des J. 1792) auch nur träumen können, daß ich nach etwa 30 Jahren auf demselben Platze den vormaligen Dogenpalast als Nachfolger jenes Oberhirten bewohnen werde! Noch schien die Republikobschon zu jener Zeit bereits tief gesunken, nach einer tausendvierhundertjährigen Existenz auf eine lange Zukunft rechnen zu können, und ? fünf Jahre später machte ihr der siegreiche Obergeneral der ital. Armee, Bonaparte, ein schnelles Ende! ? Endlich wohnte ich mit meiner Gesellschaft auch der Vorstellung einer großen Oper in der eben in jenen Jahren zum ersten[8] Mal eröffneten Theater della Fenice bei. Ein Schauder überlief mir die Haut, als ich aus dem Munde des beinahe 6 Schuh hohen Helden des Stücks die Stimme des Kastraten vernahm, und zwar des berühmten Pachirotti, und nur schwer konnte ich es über mich gewinnen, bei der Vorstellung bis zu Ende auszuharren. Das Publikum schwamm in Entzücken über die wunderbare Leistung dieses Meisters, der als der Urheber der neueren, überkünstelten ital. Gesangsweise bezeichnet wird. ? Später wird es klar werden, warum ich dieses Ergebnisses erwähnte. Schon war ich im Begriff über Mestre, Verona und Trient durch Tirol nach Wien zurückzukehren und mich, da ich von einem aus Frankreich her drohenden Kriege hörte, dem Soldatenstande zu widmen. Allein, wie ich in Mestre an das Land stieg, kam eben der obengenannte Abate Della Lena, sich auf derselben Gondel nach Venedig zu begeben, hörte mit Verwunderung von meinem Entschluß und ließ mit seinem Zureden nicht eher nach, bis ich mit ihm nach Venedig wieder zurückfuhr, von wo er die Fahrt nach Manfredonia im Neapolitanischen als sehr leicht und wenig kostspielig schilderte, deshalb sogar meinen Geldvorrat in Augenschein nahm und ihn für zureichend erklärte, von Manfredonia zu Lande mit Transportkarren nach Neapel und von dort zur See nach Palermo zu gelangen. Ich entschloß mich also, auf einem von Chioggia nach Manfredonia fahrenden Handelsschiffe die Reise dahin anzutreten. Der Patron des Schiffes Felice Padovano, ein ehrwürdiger Greis, führte mich in seinem Boote längs der Riesenmauer, Murazzi genannt, nach jenem vier Stunden von Venedig entlegenen Städtchen, nahm mich gastfreundlich in seinem Hause auf und behandelte mich sowohl dort, als auch auf der neun Tage und Nächte dauernden Fahrt nach Manfredonia mit so vielem herzlichen Wohlwollen, daß ich dessen stets mit inniger Rührung gedenken werde! Es wird weiter unten Zeit sein, von seinen Zurückgelassenen ein Mehreres zu sprechen. Als wir vor Manfredonia, einer kleinen Festung, ankamen, sagte der Padrone, wir sollten uns waschen, kämmen und so viel möglich herausputzen, damit keiner von uns kränklich aussehe. Die Brandung ist dort am felsigen Ufer stark ? ich hatte Angst vom Schiffsbrette den Sprung an das Land zu machen, daher faßten mich ein paar Matrosen und warfen mich einer dem anderen mit lautem Gelächter in die Arme. In einem Häuschen außer dem Tore war die Sanitätswachstube. Wir alle, der Patron mit seinen 12 Matrosen und ich, der einzige Passagier, mußten uns auf eine lange Bank an der Wand setzen und den Komissär erwarten. Er kam ziemlich spät im seidenen, durch vieljährigen Gebrauch beinahe farblosen Staatsrock mit großen Manschetten, trat hinter einer hölzernen Ballustrade an ein Tischchen, entfaltete den vom Patron ehrfurchtsvoll hingelegten Paß mit einer eisernen Klappe, las die[9] Namen laut ab und sah nach der Reihe einem jedem lange forschend in das Antlitz. Als dieses scharfe Examen vorüber war, sah ich mit großem Erstaunen, daß er seine weißen Handschuhe abzog, um mit lautem Freudenruf den ihm entgegeneilenden Patron in die Arme zu schließen. Er mochte diese Komödie mit seinem vieljährigen Freunde wohl schon hundert Mal wiederholt und manchen Fremden wie mich dadurch belustigt haben; allein, Sanitätsrücksichten sind an Landungsplätzen wichtig und darum zu loben, obgleich dieser venetianische Kauffahrer nur aus einem dortigen Hafen kam, denn immer ist die Hauptfrage, ob man nicht unter Weges mit einem aus der Levante kommenden Schiffe und dessen Personal in Berührung gekommen sei. ? Als wir durch die Gassen von Manfredonia zogen, um auch den Kommandanten der Sitte gemäß zu besuchen, eilten links und rechts aus den Häusern die Leute mit lautem Jubelruf heran, um unsern freundlichen, wohlbeleibten Padrone, der auch alle mit Segenswünschen begrüßte, zu bewillkommnen. An einem derselben erschrak ich nicht wenig, als ein etwa 25 jähriger junger Mann mit struppigen Haaren und wildartikulierten Jammertönen von der Treppe herabspringend ganz nackt auf die Gasse kam und von denen, die ihm nacheilten, nur mit Mühe wieder zurückgeführt werden konnte. Man sagte mir lachend, er sei wahnsinnig. Dort mag es noch keine Irrenhäuser im neapolitanischen Reiche gegeben haben, die jetzt als vorzüglich gerühmt werden. Der Kommandant, ein alter 70jähriger Graukopf, empfing uns in einem Zwilchkittel in Form eines Schlafrocks im dritten Zimmer, in welchen allen ich außer einigen von Stroh geflochtenen Sesseln und alten, zerlumpten, seidenen Vorhängen keine weiteren Möbel sah. Er fragte unter anderem unsern alten Padrone wiederholt, ob er keine guten Weine mitgebracht habe, welchen Fragen dieser ein langgedehntes »Nein«! entgegensetzte. Nach acht Uhr wurden die Festungstore geschlossen, und es faßte mich eine tiefe Wehmut, als mich der Padrone darin zurückließ, denn er sagte mir, er könne nur am Borde seines Schiffes ruhig schlafen. Ich hatte ihn wie einen zweiten Vater liebgewonnen. Bis gegen Mitternacht sah ich aus dem offenen Fenster des hochgelegenen Gasthauses nach dem monderhellten Hafen hinab, in welchem sein Schiff mit noch ein paar anderen englischen Kauffahrern die Nachtluft am Anker hin- und herwiegte. Den folgenden Tag nach Tische ging dann die Reise nach Foggia, einer drei Meilen von Manfredonia entfernten Stadt, weiter fort. Foggia ist nach der Hauptstadt die größte Stadt im neapolitanischen Reiche diesseits am Adriatischen Meere. Wir hörten vor unserer Abfahrt, daß dort den vorhergehenden Tag eine Volksbewegung[10] wegen geringen Gewichtes des von den Bäckern verkauften Brotes ausgebrochen sei. Mein alter Padrone hatte Geschäfte in Foggia, deswegen machte er die Reise mit. Unser Fuhrwerk war eine niedrige, zweirädrige Sedia mit einigen Spuren von einstiger Vergoldung und rotem Lack. Gezogen wurde es von einem Maultier in der Gabel, dem noch ein kleines Pferd nebenan beigesellt war. Wir beide saßen sehr beengt in der Muschel, und der Lohnkutscher rückwärts auf dem sogenannten Löffel, von wo er mit der Peitsche die Tiere vorwärts bewegte. Da hatte ich dann Gelegenheit, mitunter unter fortwährendem Gelächter zu beobachten, welche unsägliche Angst mein alter Seemann vor Pferden und Wägen hatte. Mir wurden die Zügel zur Leitung übergeben. Hundertmal fragte und beschwor er mich, zu erklären, ob ich die Zugtiere zu leiten verstünde? Vergeblich versicherte ich ihn dessen und machte mich lustig über die so zahmen, ohnehin mattgetriebenen Tiere, von welchen nicht die geringste Gefahr zu befürchten wäre. Unter Weges gab es dann ein fortwährendes Lamento über die Unbequemlichkeiten einer Landfahrt, über die drückende Sonnenhitze, über den lästigen Staub und überdies die Gefahren, die von den tückischen Zugtieren drohten, und um wie viel angenehmer fahre sichs auf dem Borde eines Schiffes, wo man sich im Schatten der luftigen Segel gegen die Sonnenhitze schützen könne. Ich hingegen pries die Fahrt zu Lande, wo man täglich abends sicher ist, in einem wohlbestellten Gasthof einkehren zu können und nicht viele Tage hindurch nur Himmel und Wasser um sich zu sehen, auf welchem, besonders bei eintretender Windstille, den Reisenden Schwindel und Unwohlsein ergreife. Seine Angst war fortwährend so groß, daß wir auf der Bahnstrecke drei Mal vor schlechten Schenken stille halten mußten, damit er sein ganz durchnäßtes Hemd mit trockenem wechseln konnte. Da wir von möglichen Räuberanfällen in den Abendstunden gehört hatten, so trieb ich stets zur Eile an, und wir erreichten endlich noch vor einbrechender Nacht die Stadt, wo in dem Hause eines Handelsfreundes eine freundliche Aufnahme gefunden ward. Ich ging, während das Nachtessen bereitet wurde, bei hellem Mondlicht durch einige Gassen und hörte nichts von einem Volksaufruhr, wohl aber von mehreren Balkonen zum Klang der Guitarre wohltönende Männerstimmen erschallen, die sich bei der melancholischen Mondhelle gar zauberhaft ausnahmen. Das Eigentümliche der südlichen Länder trat mir immer lebhafter vor die Augen. Endlich schied ich am folgenden Tage von meinem guten Alten unter vielen Tränen! In der Rückfahrt wird er beruhigter gewesen sein, da der Kutscher neben ihm in der Muschel saß, und er zu diesem mehr Vertrauen haben mochte, als zu dem jungen Fremdling. Von Foggia ging die Reise durch Apulien nach Neapel fort. Es war soeben die Zeit der Ernte, und allenthalben wurden die[11] Vetturini, die auf mehr als 20 zweirädrigen Karren unter militärischer Bedeckung Staatsgut führten, von dem fröhlichen Landvolk durch lautem Zuruf geneckt, so auch ich, der aus seinem ganzen Äußeren leicht erkennbare Fremdling. Wir fuhren gewöhnlich von der Zeit der untergehenden Sonne die Nacht hindurch bis gegen zehn Uhr vormittag; dann wurde in der Herberge schnell gegessen und dort in den Stunden der großen Hitze bis zum Abend geschlafen. Hier etwas zur Charakteristik des dortigen Volkes. Eines Tages konnte ich nicht schlafen und hielt mich in der großen Vorhalle des Gasthauses, die zugleich zum Speisesaal für die Fuhr- und andere gemeine Leute, zur Wagenremise und zum Stalle für die Zugtiere dient. In der Mitte saßen eben mehrere uniformierte Sbirri um einen Tisch herum und hielten, wie gewöhnlich, lärmende Gespräche unter sich. Ich stand seitwärts, gelehnt an einen großen Reisewagen, in welchem der alte Bediente der Herrschaft eingeschlafen saß; da trat ein Mann, wie ich später hörte, von Ancona kommend zu mir; er hatte beide Arme mit dem Namen Marias und Kreuzeszeichen blau tätoviert und schien ein Handwerker zu sein. Als er hörte, daß ich zum ersten Male die große Stadt Neapel betreten soll, so gab er mir einige gutgemeinte Ratschläge, wie ich mit einem der vielen Lazzaronis, die sich zum Tragen meines kleinen Reisebündels antragen würden, zu verkehren hätte, und in welchem Gasthofe es für mich am besten wäre, Unterkunft zu suchen. Einer der Sbirri sprang plötzlich fluchend auf und schlug den armen Mann mit seiner Muskete in einem fort fluchend, warum er einem Fremden solche Ratschläge erteile, zu wiederholten Malen auf den Rücken; er meinte nämlich, der Fremde sollte von seinen Landsleuten hergebrachter Maßen geprellt werden. Der arme Anconitane wandte sich jammernd hin und her und getraute sich kein Wort mehr weiter zu sprechen. Dies war das erste Ereignis, das mir gegen jenes Volk Furcht und Abscheu einflößte. Morgens gegen fünf Uhr kamen wir an der äußeren Barriere von Neapel an; sogleich umringten mehrere Lazzaroni unsere Karren, sich zu Trägern anzubieten. Ich wählte einen etwas besser gekleideten Mann von mittleren Jahren, mir meinen Reisebündel vorzutragen, und bezeichnete ihm den Gasthof Al'Lampa d'Oro hinter der Hauptstraße Toledo als das Haus, wohin er mich führen sollte. Gesprächig nannte er mir die Namen aller am Wege liegenden Kirchen und konnte sich nicht genug verwundern, daß ich all die Herrlichkeiten von Neapel nicht schon früher gesehen hätte. Als er mich endlich dem Gastwirte, einem bejahrten Manne, vorstellte, sagte er ihm, schelmisch mit den Augen winkend, dieser ist ein Fremder, ein Deutscher, der noch nie in Neapel war. Mit dem bedungenen Lohn nicht zufrieden, mußte ich ihm noch etwas aufbezahlen, ehe er ging. Man wies mir ein kleines Zimmerchen in[12] einem der oberen Stockwerke an; ich weiß nicht mehr, in dem wievielten, aber es lag hoch genug, um über die Dächer hinaus zahllose Türme und in der Ferne den rauchenden Vesuv zu ersehen. Er hatte damals noch die hohe konische Form, in welcher er, ehe dieser Teil einstürzte, weit über die Somma aufragte, die seitdem die höchste Spitze ward. Gegen Mittag kam der Sohn des Wirtes, ein königlicher Beamter, heim und als er von dem Fremden, einem Deutschen, hörte, kam er zu mir hinauf und machte mir den Antrag, nach der Villa Reale spazieren zu gehen. In der Mitte dieser herrlichen Wandelbahn, von welcher man den schönsten Golf der Welt, einen großen Teil der unermeßlichen Hauptstadt, den rauchenden Vesuv, und fern draußen auf dem Meer in bezaubernder Bläue die Inseln Capri, Ischia, Procida und andere Höhen ersieht, stand auch damals noch der berühmte farnesische Stier, ein Meisterwerk aus alter Zeit, aus einem Block weißen Marmors gehauen. Ein wütend sich aufbäumender Stier ist im Begriffe, ein bereits niedergeranntes Mädchen mit seinen Hörnern zu durchbohren; da fleht ihr Geliebter zu den Göttern und ruft den Apoll zu Hilfe, der den Stier bei dem einen Horn faßt und das Mädchen rettet. Die Gruppe bilden fünf Figuren von mehr als natürlicher Größe von ungemeiner Schönheit. Seitdem ist dieses kolossale Standbild in ein Museum übertragen worden. Mein wohlwollender Begleiter, den ich wegen seinen blonden Haaren eher für einen Deutschen als für einen Neapolitaner gehalten hätte, erzählte mir nun, als er hörte, daß ich im Begriffe sei, mich nach Sizilien zu begeben, so viel Schlimmes von den Bewohnern dieser Insel, daß mich eine nicht mehr bezwingbare Scheu vor denselben erfüllte, und der Entschluß sogleich in mir rege ward, wieder nach den österreichischen Staaten zurückzukehren. Den folgenden Nachmittag kam ich in die Verlegenheit, die ich durch eigenes Ungeschick veranlaßt hatte, einer höchst unangenehmen Szene beiwohnen zu müssen. Sie spann sich noch von Venedig her. Den letzten Abend, ehe ich mit dem guten alten Padrone Felice Padovano nach Chioggia fuhr, speisten wir bei dem Nobil Uomo Capello, aus dessen Familie die Bianca Capello einst ihre Rolle spielte, die tragisch genug endete; er hatte Handelsgeschäfte mit ihm abzutun. Nach Tische steckte mir ein bejahrtes Fräulein des Hauses, Schwester des Nobil Uomo, ein Briefchen in die Hand mit der leisegesprochenen Bitte, daß ich selbes dem Kapitän + + + vormals in venetianischen Diensten, der jetzt mit seinem unlängst verheirateten Sohne Tobak-Trafiks-Geschäft in Neapel betrieb, aber ihm allein, übergeben sollte. Ich freute mich sehr darüber, auf solche Art sogleich eine Bekanntschaft dort machen zu können, die mir nach der Versicherung des Fräuleins sogar Vorteil bringen würde. Um des Auftrags ja nicht zu vergessen, steckte ich das[13] Briefchen in ein reines Blatt Papier und schrieb von innen mit Reisblei die Worte: »Dieses Schreiben ist dem alten Herrn allein zu übergeben«. Bald war seine Wohnung mit dem stattlichen Verkaufsgewölb erfragt; ich traf den alten Herrn im hinteren Zimmer im Großvaterstuhl und im Schlafrock sitzend. Der Brief wurde freundlich übernommen; einige Fragen und Antworten über die Venediger Freunde und über meine Weiterreise nach Sizilien wurden gewechselt, und ich hörte darauf die tröstenden Worte, daß man hoffe, mich noch öfters zu sehen. Da kam die wohlbeleibte alte Hausfrau mit der Schwiegertochter, einer hübschen, schlanken Brünette ? der Sohn, wahrscheinlich als Geschäftsführer, hatte im Gewölbe, welches durch ein breites Fenster von dem hinteren Zimmer getrennt war, genug zu tun ? von der Seitentreppe, die in dasselbe mündete, herab, und nachdem sie von dem Fremden und einem von Venedig mitgebrachten Briefe Auskunft erhalten hatte, trat sie dem Alten herrschend näher, riß ihm den Brief aus den Händen und ging mit der Schwiegertochter wieder die Treppe hinauf in die obere Wohnung. Nach einer kurzen Zeit entstand oben ein fürchterlicher Lärm, kreischend ausgesprochene Zornworte tönten von der Treppe immer näher; endlich kam die Alte mit geballter Faust und blitzenden Augen zum Vorschein, hielt in der Linken das Blatt, in welchem geschrieben stand, daß der Brief dem alten Herrn allein zu übergeben sei, ihrem Mann entgegen und überhäufte ihn mit den bittersten Vorwürfen, daß er mit jener .... Kreatur noch immer im heimlichen Verkehr stehe. Hatte dies auf ihn oder seinen Sohn, der sich von seiner weinenden Gattin, was da geschehen, erzählen ließ, Bezug, konnte ich nicht erfahren, da ich ganz verblüfft dastand und mich dann ganz beschämt aus dem Staube machte. Die quälende Vorstellung, daß ich etwa, obgleich unwillkürlich, Unfrieden in der Familie veranlaßt hatte, ließ mich die folgende Nacht zu keinem Schlafe kommen; doch wurde ich nach ein paar Tagen wieder beruhigt, als mir der alte Herr im seidenen Staatsrock, einen Dreispitz-Hut auf dem Kopfe und ein dickes spanisches Rohr in der Rechten tragend in der Straße Toledo begegnete und mich ganz gleichgültig fragte, wie mir Neapel gefiele? Ich kündete ihm meine beschlossene Zurückreise [an] und stellte zuletzt die dumme Frage an ihn, ob er nichts nach Venedig zu bestellen habe. »Oh nein, nein«, sagte er laut auflachend, indem er weiter ging, und dachte wahrscheinlich, einem so ungeschickten Boten wünsche er nichts anzuvertrauen. Auch diese Geschichte trug dazu bei, mir meinen ferneren Aufenthalt in Neapel zu verleiden; mit sehr beschränkten Kenntnissen ausgestattet, dachte ich gar nicht daran, Herkulanum, Pompei und den Vesuv oben an seinem Krater zu besuchen; oft hielt ich mich bei den Soldaten der Hauptwache vor dem königlichen Schlosse auf, die größtenteils in der Schweiz und in den[14] schwäbischen Gauen geworben waren, und hörte diese häufig klagen, daß die Marinetruppen die Lieblinge des Königs wären und sie wenig geachtet würden. Einer erzählte mir eines Abends, sich auf der Bank, worauf wir saßen, vertraulich an mich drückend, ganz ernsthaft, daß jener feuerspeiende Berg der Eingang zur Hölle sei, und der böse Feind sich zuweilen in später Nacht oben auf seiner Spitze in fürchterlicher Gestalt zeige. Zu jener Zeit kannte man noch keine Straßenbeleuchtung in der ungeheuren, von mehr als viermalhunderttausend Seelen bewohnten Hauptstadt. Vermöglichere Personen ließen sich Fackeln oder Laternen in den Seitengassen vortragen; nur in der großen Hauptstraße Toledo war es hell wie bei Tage von dem Licht, das die Reverbers aus den Kaufladen herauswarfen, und von den vieltausend Kerzen und Öllampen, welche die Obst- und Gartengewächse verkaufenden Lazzaroni auf der Erde sitzend an beiden Reihen der Häuser vor sich hatten. Der Neapolitaner lebt eigentlich nur von der Abenddämmerung, welcher das langweilige Auf- und Abfahren der Noblesse längs der Straße Toledo vorangeht, bis ein paar Stunden nach Mitternacht; da war Lärm und Bewegung all überall, und eben da legte ich mich nach echtem deutschem Brauch in meinem Schlafkämmerchen nieder und wußte wenig davon, was drüben vorging. Ich war zu arm, um an Genüsse zu denken. Mein Paß, den mir der neapolitanische Konsul in Venedig ausstellte, war mit dem Vidi von der österreichischen Gesandtschaft versehen, und in meiner Unerfahrenheit glaubte ich, daß er mit jenem von Wien nach Triest für die ganze Länderstrecke bis nach Österreich zurück genügen werde; ich beschloß daher nach fünf bis jetzt in Neapel zugebrachten Tagen, die Rückreise am nächsten Morgen anzutreten. Abends zuvor begehrte ich mein Zahlungskonto von dem Hauswirte; als ich die Summe ersah, erblaßte ich vor Schrecken, da er mehr als ein Drittel meiner noch übrigen Barschaft betrug ? ich stand verstört, stumm lange vor ihm und sagte ihm endlich, daß anfangs, als ich um den Preis des armseligen Stübchens und der Kost von drei Gerichten fragte, er mir geantwortet habe: »Sarà discreto!« Nun ließ er sich herbei, die Summe sehr zu ermäßigen, aber sie blieb noch immer groß genug, mich noch viel ärmer zu machen, als ich schon war. Die Aussicht auf eine Anstellung in Sizilien war auch entschwunden. Vor Sonnenuntergang erstieg ich noch die Höhe vom Kastell San Elmo, um die ganze Umgegend von Neapel zu ersehen. Sie war entzückend schön! Das Meer, das im goldnen Abendlicht flutete, der Vesuv mit seiner Rauchsäule, die Stadt unten, der herrliche Golf, nach welchem die blauen Inseln drüben herüberwinkten und wo sich die schwärzlichen Schiffe in großer Zahl im Abendwinde hin und her wiegten, all das prägte sich mit einem unnennbaren Zauber in mein jugendliches Gemüt ein, der mir für immer unvergeßlich bleiben wird.[15] Früh morgens machte ich mich denn mit meinem Reisebündel unter dem Arm und einem Stöckchen in der Rechten auf, die Heimreise über Rom, Florenz und Innsbruck zu Fuß zu beginnen, und kam durch herrliche Pappelalleen wandelnd über Aversa gegen vier Uhr nachmittags in Capua an, wo ich übernachten wollte; doch anders war es in den Sternen geschrieben! Da Capua eine Festung ist, so forderte man bei dem Wachtposten am Tore mir meinen Paß ab; der Offizier sah ihn kopfschüttelnd wiederholt durch; endlich schickte er mich mit einer Wachtbegleitung nach dem Palast des Kommandanten, von dem er sagte, daß er ein Deutscher sei. Im Vorzimmer wandte ich mich an den Kammerdiener, in dem ich auch bald einen Deutschen erkannte, und bat ihn flehentlich, in dem ich ihm meine traurige Lage vorstellte, sich bei seinem Herrn für mich zu verwenden. Nach geraumer Zeit trat er endlich mit meinem Passe in der Hand aus dessen Zimmer heraus und sagte mir mit einem mitleidigen Achselzucken, der Herr Kommandant ließe mir bedeuten, ich soll froh sein, daß er mich nicht in Arrest setzen lasse, da mein Paß nicht vom Minister Acton ausgestellt sei, und es bliebe mir nichts anderes übrig, als gleich wieder nach Neapel zurückzugehen und nur mit einem solchen Passe hier zu erscheinen. ? Der Gedanke, dem Arrest entgangen zu sein, gab mir neue Kraft, den Weg von vier Meilen abermals zurückzulegen. Es war schon ziemlich dunkel, als ich die äußerste Straße der Hauptstadt wieder erreichte. Kurz zuvor gesellte sich ein heimkehrender Handwerker, in welchem ich zu meiner großen Freude auch einen Deutschen erkannte und dem ich meine ganze Irrfahrt von Wien bis dorthin erzählte, mir zu. Er war schon seit mehr als dreißig Jahren in Neapel ansässig und meinte, wenn ich nur auch ein Handwerk gelernt hätte, so würde sich auch für mich dort etwas zum Vorteil bringen lassen, aber mit studierten jungen Leuten sei nicht viel zu machen. Ich gab ihm in meinem Herzen damals Recht; denn wie weit ist es noch von der letzten Prüfung in der Schule bis zu einem soliden Broterwerb, und ich dachte mir, wenn ich nebst den Schulgegenständen ein hübsches Handwerk als Drechsler, Tischler, Glaser u.s.w. erlernt hätte, wie leicht wäre es mir nun, in dieser oder in jener Stadt einige Zeit hindurch wieder etwas zu verdienen und dann die Reise auch noch durch andere Länder weiter fortzusetzen. Als wir uns dem Hafen näherten, forderte mich mein Begleiter auf, in einer der dort befindlichen Garküchen einzusprechen und an gerösteter Leber, den beliebten Macaroni und einer Flasche Vin Nero unsern Hunger und Durst ruhen zu machen. Es gab dort viele, gewöhnlich runde Tische, an welchen Leute aus der niedrigeren Klasse unter lärmenden Gesprächen die Macaroni aus einer großen Schüssel ihre Ärmel aufstreifend mit den Fingern herausholten und mit zurückgebogenem[16] Haupte die langen Fäden derselben in ihren weitgeöffneten Mund hinabließen. Ein Fremder, der sie mit dem Löffel oder der Gabel speist, ist sicher, ausgelacht zu werden. Das geschah denn auch mir. Ich erzählte meinem Begleiter, einem ehrlichen Salzburger von Geburt, wie sehr ich in der Al'Lampa d'Oro diese Tage her ausgesäckelt worden sei, und fragte ihn, ob er mir nicht für ein paar Tage, so lange ich nämlich meinen Reisepaß zu erhalten hoffte, eine wohlfeile, meinem Kassestand angemessene Nachtherberge anzuraten wüßte. Er bejahte es, und als wir nun ziemlich spät aufbrachen, führte er mich nach einem Gebäude am Quai, wo im Erdgeschoß die Türe einer langen Stube offen stand, in welcher sich etwa 30 Bettstätten fanden und die von einer vom Gewölb herabhängenden Lampe erhellt war. Ich blickte mit einigem Grauen über diese Betten hin, wählte mir dann das äußerste an der oberen Seitenwand der Stube und hörte nun zum Abschiede von meinem Führer, daß ich hier nur einige bajocchi zu bezahlen hätte, bei Tag mich ohnehin in den Gassen der Stadt amüsieren könnte, und wir uns dann abends wieder in derselben Garküche einfinden würden. Die Strohmatraze und das Kopfkissen von grobem Zwilch und einem Leintuch von selbem Zeuge schreckten mich nicht, wohl aber der Gedanke, wer wohl die vorige Nacht an die ser Stelle geschlafen habe. Die große Ermüdung nach einer so bedeutenden Fußreise ließen mich nicht lange zaudern; ich breitete ein Sacktuch über das Kissen und legte mich nieder. Bald traten Taglöhner, Schiffer, Handwerkergehilfen u.d.g. einer nach dem andern ein, hingen ihre schmutzigen Kleider, einige auch ihre Hemden an die Querstange der eisernen Bettstätten auf und begaben sich schweigend zur Ruhe. In einer solchen Gesellschaft hatte ich noch nie geschlafen ? es war doch immer ein betrübender Gedanke, dem ich mich noch lange darauf nicht entwinden konnte! Am folgenden Morgen erzählte ich dem österreichischen Gesandten Grafen von E(sterházy) mit weinenden Augen meinen in Capua gehabten Unfall und bat ihn in so wehmütigen Tönen, mir recht bald einen entsprechenden Reisepaß zu verschaffen, daß sein früher ganz ernst blickendes Auge freundlich auf mir ruhte, indem er die Gewährung meiner Bitte versprach; ich sollte ihn am nächsten Morgen in seiner Kanzlei abholen. Dann riet er mir noch, mich in Caserta an die Königin zu wenden, die mir gewiß als eine österreichische Prinzessin ein ansehnliches Reisegeld geben würde; allein dazu bezeugte ich keine Lust und sprach nur von der Sehnsucht, bald wieder heimkehren zu können; ich solle denn reisen, sagte er endlich, aber nicht über Rom, da in den pontinischen Sümpfen jetzt (August) die Malaria so sehr herrschte,[17] daß sie höchstens nur die Briefpostwägen des Nachts passieren; ich würde dort sicher, vom Fieber ergriffen, erliegen. Daher lieber wieder die Rückfahrt auf einem Schiff nach Genua machen, von wo aus ich am schnellsten in Tirol zur österreichischen Grenze gelangen könnte. Tags darauf holte ich zeitlich meinen Paß ab, (den ich noch besitze), und zu meiner großen Freude lichtete noch an demselben ein spanisches Kauffahrteischiff gen Genua die Anker. Voll Hast und Eile suchte ich vor allem meinen Freund, den guten Salzburger, auf, der, schon so lange seiner Heimat entfremdet, sich höchlich verwunderte, wie ich mich so sehr freuen könne, in jene kälteren Regionen zurückzukehren. Indessen bewies er es durch die Tat, daß ich mir seine Zuneigung erworben habe; er zog sogleich seinen Sonntagsrock an, verließ für den ganzen Tag die Werkstatt, die ihm zum Broterwerb diente, und ging mit mir, einige Lebensmittel für mich einzukaufen, die am Borde des Schiffes entweder gar nicht, oder nur sehr teuer zu haben gewesen wären und auf die ich in meiner Unerfahrenheit gar nicht gedacht hätte. Zuerst also einen Korb voll frischem Salat; dazu eine Flasche mit Essig und Öl, gleich durcheinander gemengt, welche Speise, wie er sagte, bei der Meeresfahrt das Blut erfrischen würde; dann ein paar Salamiwürste und ein tüchtiges Stück Parmesankäse ? warmen Reispilau und gewöhnlichen Wein würde ich ohnehin täglich von dem Schiffspatron um einen wohlfeilen Preis erhalten können. So begleitete er mich abends bis zum Ufer, von dem das genuesische Schiff nicht ferne vor Anker lag, empfahl mich dem dort auf- und abspazierenden Schiffspatron, half alles mir Gehörige in das Boot bringen, das mich nach dem Schiff hinüberschaffen sollte, wünschte eine glückliche Fahrt und Segen für meine ganze Lebenszeit, und da ich ihm zu Tränen gerührt und dankend die Hand reichte, wendete er sich plötzlich von mir ab und ging eilig fort, ohne sich mehr umzusehen ? vermutlich die Tränen zu bergen, die an seinen Wangen herabflossen. Sein Andenken ist mir stets teuer geblieben. Das Schiff löste in der Abenddämmerung die Segel und fuhr in der lieblichsten Nacht auf das weite Meer hinaus. Morgens war ich schon zeitlich auf dem Verdeck oben, sah der schwindenden Küste, den schwindenden Inseln nach, plauderte mit den Matrosen, deren die meisten Italiener waren, und setzte mich dann, als die immer höher steigende Sonne lästig zu werden anfing, in den Schatten des größeren Segels, um in der »Gerusalemme liberata« von Tasso, den ich in einem kleinen Formate stets in der Tasche trug, zu lesen. Nach einiger Zeit bemerkte ich einen jungen Menschen,[18] der etwa um fünf oder sechs Jahre älter war als ich, und gegen welchen ich vom ersten Augenblicke an eine unüberwindliche Abneigung in mir verspürte. Sein Gesicht war von dichten Pockennarben widrig entstellt, sein verschlissener Anzug, der ursprünglich kostspielig sein mochte, feine, obgleich schmutzige Wäsche, ein seidenes Halstuch in Fetzen, ein Rock, an dem manche Knöpfe fehlten, und ein zerdrückter Hut zeigten an ihm einen verlumpten Gesellen an. Er mochte vernommen haben, daß ich ein Deutscher sei, (obgleich in Ungarn geboren, galt ich nur für einen Deutschen, mit dem allgemeinen, für Österreich geltenden Namen »tedesco« bezeichnet) und ließ nun bald seinem Mutwillen freien Lauf. Er saß in einiger Entfernung auf einem im Kreis gelegten Schiffstau zwischen zwei Matrosen mir gegenüber und machte sich über meinen Anzug ? vorzüglich über meine blonden Haare, die ich nach damaliger Mode in einen Zopf geflochten und mit einem schwarzseidenen Band umwunden wie einen kurzen Bündel dicht am Nacken trug, unter Hohnlachen und vielen Grimassen lustig. Dann spöttelte er über den Eifer, mit welchem ich in dem Buche las, das ein Andachtsbuch sein muß, weil ich meine Augen so demütig darauf hefte, und dergleichen Späßchen mehr, über welche die beiden Matrosen und auch die anderen, die ihn hörten, tüchtig auflachten. Ich merkte es bald an seiner Aussprache, daß er kein geborener Italiener sei, und ich hatte mich darin nicht getäuscht; denn er war, wie ich später von ihm erfuhr, ein Wiener ? eine Ehre, um welche ich ihn beneidet hätte, wenn er ein besserer Sprößling jener lieben Stadt gewesen wäre. Endlich mochte es ihn verdrossen haben, daß ich seiner gar nicht achtete, denn ich tat, als ob ich ihn weder gehört noch gesehen hätte; er sprang auf, ging gravitätisch auf dem Verdeck auf und nieder, und kam mir öfter so nahe, daß seine Füße an die meinen streiften. Ich wendete mich entrüstet gegen ihn, er aber langte keck herab und zog mir das Buch aus den Händen: »O, der Tasso?« sagte er und fuhr lachend fort: »Sein Sie vielleicht gar ein Poet? Das war auch ich, und hab' als Student so schöne Verse gemacht, daß sie sogar dem Kaiser Joseph in die Hände gekommen sind.« ? Drauf warf er mir das Buch in den Schoß und ging pfeifend weiter. Den ganzen Tag über trieb er sich auf dem Verdeck mutwillig herum; klemmte den Schweif einer Katze zwischen die Türe, die dann fürchterlich miaute; riß den Matrosen die Mütze vom Haupt, setzte sie auf, oder hing sie auf einer der Segelstangen auf, wofür freilich meistens ein derber Schlag mit der flachen Hand auf seinen Rücken erfolgte, den er aber, in das allgemeine Gelächter einstimmend, mit ein paar unanständigen Grimassen erwiderte. Nur wenn der immer ernsthaft auftretende Padrone, ein hagerer, olivenbrauner Spanier, sich sehen ließ, da wurde er stille, sah mit gewendetem Rücken vom Rand des Schiffes in die Fluten hinab und kehrte nur wieder, wenn[19] dieser in die Kajüte, wo er sich bei Tage meistens aufhielt, hinuntergestiegen war. Als ich am folgenden Morgen, in trübe Gedanken über Gegenwart und Zukunft versunken, auf dem Verdeck langsam auf und niederging, kam er nach einiger Zeit wieder hinter mir her und ahmte meinen Gang, Haltung und Bewegungen nebst vielen Gestikulationen nach, die ich seitwärts blickend, im Schatten auf dem Boden erkannte. Ich geriet in heftigen Zorn, wandte mich mit geballter Faust gegen ihn und sagte, ich sei der Sohn eines Soldaten, von dem ich gelernt hätte, jedem, der mir etwas anhaben wolle, mutig entgegenzustehen; wenn er noch ferner dergleichen täte wie jetzt, so würde ich ihn an der Brust packen und ihn über Bord werfen. Das wirkte. Er zog sich ganz blaß zurück und stieg nach einiger Zeit in die Kajüte hinunter, wo er auch an dem Tische des Schiffpatrons allein mit ihm speiste, woraus ich schloß, daß für ihn gut bezahlt und er ihm besonders anempfohlen sein mußte, so sehr übrigens sein Anzug das Gegenteil hätte vermuten lassen. Ich hielt mich in der Stunde des Mittagessens an meine mitgebrachten Viktualien, bekam dazu um weniges Geld von dem Matrosenkoch eine tüchtige Portion gekochten und dicht mit trockenem Käse bestreuten Reisbreis nebst dem gewöhnlichen Schiffszwieback, welchen Brotes Teig zuerst gesotten, im Ofen gebacken und dann in viele Stücke gebrochen nochmal im Ofen getrocknet wird. Es wird so hart, daß man selbes, um es genießen zu können, zuvor in Wasser oder Wein erweichen muß. Gegen Abend saß ich auf dem breiten Rand des Kajütendaches und sah mit inniger Rührung der untergehenden Sonne nach, die am rosigen Abendhimmel hinabsank und längs dem unendlichen Meer bis zu uns heran eine flammende Straße zog; da nahte mir der mutwillige Wiener, Signor Giacomo, wie sie ihn nannten, setzte sich ganz ruhig, als ob nichts unter uns vorgefallen wäre, an meine Seite und erzählte mir, er sei der Sohn eines gewesenen Hofsilberarbeiters von Wien, den seine zweite Frau, also seine teure Stiefmama, durch schlechte Wirtschaft beinahe an den Bettelstab gebracht, aber auch er im lustigen Leben durch Schuldenmachen ihm seine Fuchsen, wie er die Golddukaten nannte, geläutert habe. Gezwungen, sein vormals reiches Gewerbe aufzugeben, sei er noch nach vielen Mühen so glücklich gewesen, die Stelle eines Kammerheizers bei Hofe zu erlangen, von der ich nicht etwa glauben solle, daß sie etwas Geringes sei, denn der Kammerheizer sei ein Herr, der seine Untergebenen habe, die den Dienst versehen. Anfangs habe ihn sein Vater an der Universität studieren lassen; da es aber mit dem Latein nicht recht vonstatten gehen wollte, so gab er ihn in eine gemischte Warenhandlung, wo es eben geschah, daß er, nachdem er ausgelernt hatte, wegen häufigen Schuldenzahlungen im väterlichen Hause vielen Unfrieden veranlaßte.[20] Vor vier Jahren sei er endlich nach der Stadt Lecce an der äußersten Spitze von Kalabrien abgegangen, um dort nach dem Plane seines Vaters einen sehr reichen Onkel zu beerben. Ein paar Jahre hindurch sei alles recht gut gegangen; es habe zwar auch dort an lustigen Streichen nicht gefehlt; da er aber die Enkelin des Onkels, einen wahren Affen, heiraten sollte, und ihn ein anderes schmuckes Mädchen mehr bei ihr als daheim weilen ließ, so gab ihm der mürrische Alte nach unendlichem Zank und Hader endlich den Abschied und ließ ihn ziehen. Ein Handelsfreund in Neapel habe, angewiesen vom Onkel, für ihn bis Genua bezahlt; von dort würde ein zweiter ihn bis Mailand und dann ein dritter bis Wien spedieren ? freilich sehr ökonomisch, wie es von dem Alten nicht anders zu erwarten war. In Wien würde er dann sehen, wo ihm das Glück blühe. Dies alles brachte er bald ernsthaft und bald ausgelassen lustig vor; sprang dann auf und tanzte das ganze Schiffsverdeck ein paarmal auf und ab, ehe er sich hinab in die Kajüte begab. Die Matrosen sagten lachend: »E un matto! ? e un matto!« welches für einen solchen Kautz sehr bezeichnend ist. Amazon.de Widgets Drei Tage hindurch führte unser Fahrzeug ein günstiger Wind dem Ziele immer näher; aber am vierten schlug er nach Westen um, trieb dasselbe von der italienischen Küste gegen Sardinien hin, und plötzlich ertönte um die Mitternachtsstunde ein lautes Angstgeschrei unter den Schiffern: »Gesu Maria ? ci piglia ? ci piglia!« denn sie bemerkten einen algierischen Korsaren, der auf uns Jagd machte. Ich sprang von der Hangmatte, angezogen, wie ich war, herab, und eilte nach dem Verdeck herauf, wo die Matrosen ratlos, wie sie waren, nur die Hände rangen und jammerten. Besonders betrübt war aber der Padrone anzusehen, der nun sein Schiff mit dem größten Teil seiner Habe verlieren sollte. Ich habe es schon früher und dann im späteren Verlauf meines Lebens an mir bemerkt, daß ich vor der drohenden Gefahr, von Furcht ergriffen, zitterte, in sie aber einmal hineingeraten, mein Mut von Augenblick zu Augenblick sich mehr hob, und ich dann mit vollem Bewußtsein zu handeln im Stande war. So auch hier. Nach dem überwundenen ersten Schreck eilte ich in die Kajüte hinab, wo ich zuvor eine Art Hirschfänger bemerkt hatte, sprang, selben hoch in der Faust erhebend, herauf und rief an diese ratlosen Menschen, ob sie sich denn nicht verteidigen würden? Sie sollten die Schiffshacken ergreifen und die Gegner, wenn sie herüberspringen wollten, durchbohren; sie sollten die Kanonen gegen sie abfeuern! Es waren nämlich an dem Vorderteil des Schiffes links und rechts ein paar solche in den Schiffslöchern zu sehen, deren Mündungen sie seither bei Tage einigemal mit Kalk oder weißer Farbe emsig bestrichen hatten, um sie von weitem sichtbar zu machen und dadurch eine leere Drohung zu bezwecken. Es geschah nichts. Einmal waren die[21] Feinde schon nahe daran, das Schiff zu entern; doch die dunkle Nacht und ein starker Ostwind trennte die beiden Fahrzeuge, und als der Morgen anbrach, waren sie sich schon weit aus dem Gesichte. Der [....] Wiener lief im ersten Augenblick entkleidet und laut ächzend auf das Verdeck hinauf, verlor sich aber gleich wieder, und man fand ihn endlich am Morgen unten, hinter Fässern versteckt, im tiefsten Schlafe. Dies gab dann den Matrosen zu vielen Spöttereien Anlaß; ich aber war bei ihnen im Ansehen sehr gestiegen; sie streichelten mir öfter freundlich die Wangen und sagten dabei: »Il Signor Giovanni ha molto coraggio!« Auch wurde ich von ihnen zu Mittag mit einer tüchtigen Portion leckeren Gerichts von frischen Aalfischen regaliert, die sie unter Weges gefangen und mit Zwiebeln und Paradiesäpfeln in einer Casserolle gekocht hatten. ? Ganz unbefangen fand sich am Abend der Signor Giacomo bei uns auf dem Verdecke ein und nach mehreren lügenhaften Aufschneidereien erzählte er ganz ernsthaft, er sei vor ungefähr einem Jahre auf einem von Lecce nach Messina fahrenden Schiffe seines Onkels von algierischen Korsaren wirklich gekapert und in einem Städtchen unweit Algier an einen sarazenischen Kaufmann, dessen Haus nahe an der Stadtmauer von innen lag, als Sklave verkauft worden. Von überstandener harter Behandlung, wie er unter anderem neben einem Ochsen vor den Pflug gespannt, das Feld habe pflügen müssen u.d.g. mehr, wußte er viel zu sagen. Nach einigen Monaten sei er endlich durch einen Kapuzinerpater, der mit einem spanischen Handelsschiffe angekommen in der Abendstunde am Ufer betend auf und abging, und dem er weinend zu Füßen fiel, in der Mitternachtsstunde, wo die meisten Schiffleute vor der Abfahrt sich noch in einer Schenke der Stadt gütlich taten, unter Kisten und Ballen versteckt gerettet worden, nachdem er durch eine Kloake unter der Stadtmauer sich hervorgearbeitet hatte. Noch unter Weges sei er in der Gefahr gewesen, von dem Kapitän des Schiffes umgebracht zu werden, der sich daheim wegen der Klage und Strafe, einen Christensklaven heimlich entführt zu haben, fürchtete. Nur der Kapuziner sei auch da als sein Retter aufgetreten. Dies war ungefähr der Inhalt des mit vielen Späßchen vermengten Märchens. Der Padrone, der einigemal vor uns ganz ernsthaft auf und abgehend selbes vernommen hatte, wandte sich mit schmunzelnden Blicken zu mir und sagte halbleise: »Non c'è vero niente ? è un bugiardo.« »Es ist kein wahres Wort daran ? er ist ein Lügner.« Das war er wirklich ? ein lebendiger Typus der Lügenhaftigkeit bei der besten Laune! Am Abend des sechsten Tages, als das Schiff in weiter Ferne dem Hafen von Livorno vorbeigekommen war, brach aus Süden ein fürchterlicher Gewittersturm, wie ihn die Matrosen seit vielen[22] Jahren nicht erlebt zu haben versicherten, auf selbes heran. Schon früher wurde ich an diesen eine auffallende Unruhe gewahr. Die älteren von ihnen legten sich am Rande des Schiffes öfters nieder und sahen stundenlang in die Wellen hinunter, in welchen ein häufiges Aufperlen des Wassers das Nahen eines Sturmes lange vorher verkünden soll. Endlich zogen sie alle leichteren Segel ein, und erhöhten nur ein einziges, von stärkstem Faden gewebtes an dem mittleren Maste, welches der Gewalt des Sturmes zu widerstehen und im selben leichter zu regieren war. Auch sah ich sie heute zur Stunde des Ave Maria, zu welcher wir täglich abends sieben Uhr auf dem Verdeck uns versammelten und dem Schiffspatron knieend die lauretanische Litanei nachsangen, mit erhöhtem Eifer erscheinen. Nach vollendetem Gebete sah ich unverwandt nach Süden hinab, von wo eine schwarze Wolkenmasse immer schneller an dem Abendhimmel heraufzog. Das Murren des Donners war stets häufiger zu hören und rotglühende Blitze zuckten hie und da aus den Wolken; heftig rauschte es auf; endlich hob sich in der Ferne die grünliche Flut wie ein breiter Wall empor, während weit um das Schiff herum sie noch ruhig ergossen schien; doch endlich und endlich hatte uns der brausende Sturm erreicht, das Meer wogte allwärts fürchterlich vor ihm auf, und nächtliches Dunkel hatte den dämmernden Abend verschlungen. Es gibt kein größeres, furchtbareres Schauspiel, als solch ein Sturm auf dem Meere! Ich hielt mich innen mit beiden Händen fest an der Kajütentüre und sah im lauten Donnergebrüll, im Brausen der von den Blitzen erleuchteten Wogen, die sich bald himmelan erhoben, bald in den Abgrund zu versinken schienen und bald links, bald rechts sich über das Verdeck des Schiffes ergossen, im Geprassel des strömenden Regens und im wilden Zuruf der hie und da beschäftigten Matrosen in all die Schrecken begierig hinaus, bis ein darüber erzürnter Schiffsjunge die Türe zuwarf und draußen eine Kiste vor dieselbe zog. Nachdem mich später ein heftiger Wogensturz aus meiner Hängematte auf den Boden hinabgeworfen hatte, blieb ich daselbst liegen und schlief dann fest bis zum frühen Morgen fort. Gegen acht Uhr vormittags fuhr das von dem Sturm in gerader Richtung zum Ziel gejagte Schiff in den Hafen von Genua ein, wo das Wasser in spiegelglatter Fläche sich ergoß, während draußen auf dem offenen Meere nach dem langverhallten Sturm die Flut noch rastlos auf und nieder wogte. Schrecklich war für mich der Anblick, in der Seitenwand des Hafens gegen den Leuchtturm hin gefangene Korsaren in Ketten hinter eisernen Gittern in engen Höhlen gleich wilden Tieren liegen zu sehen, und dachte mir, die in Algier oder Tunis gefangengehaltenen Christensklaven dürften kaum ein härteres Schicksal als diese Unglücklichen erfahren. Obschon der Schiffslohn von Neapel bis Genua nur 30 Carlini, ungefähr 10 F.C.M. betrug, so ward doch meine Börse dadurch[23] sehr verringert, und ich sah auf die lange Strecke, die jetzt vor mir lag, mit tiefer Besorgnis hin. Nur wenige Stunden hielt ich mich in der herrlich gelegenen Stadt Genua auf und ging denselben Tag zu Fuß noch bis Campo Marone. Dort besah ich im Vorübergehen nur die große Börsehalle, von außen den vormaligen Palast des Andreas Doria und auf den Rat meines Führers ein großes Hospital, in welchem Nonnen, wahrscheinlich Elisabetherinnen, die Krankenpflege übten. Eine bewundernswürdige Stille und Reinlichkeit herrschte in den weiten Sälen, und die freundlichen Nonnen hatten eine Freude daran, mich durch selbe zu führen. Von Campomorone zog ich mit einer Schar von Maultiertreibern, welche Waren auf selbe geladen und auf eines derselben auch meinen kleinen Reisebündel aufgelegt hatten, über Alessandria und Novara bei einer unerträglichen Hitze und von Wolken Staubs umgeben bis Arona am Lago Maggiore, wo wir spät abends ankamen, fort. Am zweiten Tag unserer Hinreise sah ich, vor einem Gasthofe sitzend, wo jene Rast hielten und die Lasttiere fütterten, erstaunt den mutwilligen Wiener, Sigr Giacomo, wie er seither hieß, auf einem schlechten zweirädrigen Kabriolett, vor welchem ein dürrer Gaul gespannt war, daherkommen. Ich senkte mein Haupt weit vorwärts und hoffte, von ihm nicht erkannt zu werden; er aber sprang eilig an mich heran, bezeugte große Freude, mich zu treffen, und lud mich ein, mit ihm bis Mailand zu fahren, da wir in dem Kabriolett, eng aneinander gepreßt, beide Platz finden würden. Ich lehnte diesen Antrag mit der Erklärung ab, daß ich in meinen dürftigen Umständen den kürzesten Weg nach Wien über Chur und Graubünden, über Lindau und Ulm, wo die Fahrt auf der Donau hinab mein größter Trost sei, wählen müsse, und zeigte ihm diese Strecke auf der damals üblichen Homann'schen Karte, die ich bei mir hatte. Nun meinte er, müßten wir doch zusammen speisen, ehe wir uns vielleicht auf immer trennten. Da ich seit ein paar Tagen meinen Hunger nur mit etwas Reisbrei, trockenem Brot, und einem Stückchen von jenem Käse, welchen mir der gute neapolitanische Freund besorgte, gestillt hatte, so war mir seine vermeintliche Einladung nicht unwillkommen. Man tischte uns auf sein Geheiß einige Gerichte auf, unter welchen aber eine Schüssel mit gebackenen Fröschen war, die ich von Kindheit auf verabscheute, und die mir nun alle Eßlust benahmen. Er lachte, stichelte und log indessen in einem fort und da er sich nach dem Speisen entfernte, so schlief ich vor Ermüdung und drückender Hitze, mein Haupt auf beide Arme auf den Tisch legend, ein. Als mich nun die Maultiertreiber zur Weiterreise weckten, und ich ihnen folgen wollte, vertrat mir der Gastwirt den Weg und sagte, jener Herr, mit dem ich heute zu Mittag gespeist, und vor anderthalb Stunden fortgefahren wäre, hätte ihn wegen der Bezahlung des[24] Essens an mich gewiesen. All mein Protestieren half nichts, und es halfen die Tränen nichts, die mir dieser schändliche Betrug auspreßte, und ich mußte von den zwei bayrischen Talern, die ich noch hatte, den einen zurücklassen, da sich Herr Giacomo auch am süßen Wein gütlich getan hatte! Nicht fern von Arona, als schon Abenddunkel auf dem flachen Lande lag, sah ich zum ersten Mal hoch in der Luft drüben die eisigen Gletscherspitzen im Rosenlichte glühen und konnte mir dies herrliche Schauspiel nicht gleich erklären, obschon ich früher davon in Meiners Briefen über die Schweiz gelesen hatte. Endlich langten wir in dem Städtchen Arona, das an der äußersten südwestlichen Spitze des Sees liegt und wegen der über ihm errichteten kolossalen Statue des hl. Karl Borromäus von Reisenden häufig besucht wird, an. In dem Gasthofe, nahe an dem kleinen Hafen des Sees, den ich aber in der Dunkelheit nicht ersehen konnte, erkundigte ich mich, ob nicht am folgenden Morgen ein Schiff nach Locarno gegen Bellinzona hin abfahren und mich aufnehmen würde. Da hieß es, eine piemontesische Dame, die für sich und ihr Gefolge ein eigenes Schiffchen gemietet hatte, wolle ein paar Stunden vor Mitternacht aufbrechen, die Fahrt durch die Nacht und den folgenden Tag mittels der Ruderer fortsetzen, um dann am Abend eine Stunde oberhalb Locarno bei ihrem Landsitz anzukommen. Für mich würde es nicht leicht möglich sein, in dem Schiffe aufgenommen zu werden, da mein Paß so spät in der Nacht nicht das Viso des Kommandanten erhalten könnte. Indes ? so flüsterte der Aufwärter mir in das Ohr ? würde es wohl dennoch angehen, wenn ich dem wachhabenden (piemontesischen) Offizier, der drinnen im Speisezimmer sich mit einigen Bekannten vergnüge, bei dem Aufbruch ein tüchtiges Stück Geldes in die Hand drücken würde, und eilte zurück in jenes Zimmer. »Ich und ein Geschenk geben!« so stammelte ich leise für mich hin, legte meinen Reisebündel auf die steinerne Bank, die sich vor dem Hause fand, und streckte mich darauf aus, um die Nacht dort unter freiem Himmel zuzubringen! Kaum mochte ich so eine halbe Stunde im Gefühl meiner hilflosen Lage gelegen sein, so ging die Türe des Hauses auf, Lichter erschienen, die Schiffsleute riefen zum Aufbruch, und der Offizier führte bloßen Hauptes die Dame, der ihr Onkel und Dienerschaft folgte, nach dem Schiffe hinab. Auf das erste Zeichen des Aufbruchs erhob ich mich von der Bank, faßte meinen Bündel unter den Arm, und schritt tollen Mutes den Abgehenden nach; der Offizier packte mich am Arm und wollte mich zurückhalten; ich aber drückte ihm das letzte Stück Geldes, was ich noch hatte, den bayer(ischen) Taler, in die Hand, sprang in das Schiff hinein und legte mich sogleich auf die dort befindlichen Segeltücher nieder. Die Schiffer stießen vom Land, und bald lag ich in tiefem Schlafe, aus welchem mich erst[25] die Strahlen der aufgehenden Sonne weckten. Im ersten Augenblick den endlos hin ergossenen See und links und rechts die hochaufragenden Berge schauend, glaubte ich schon, jenseits zu einem neuen Leben erwacht zu sein; doch ließ die Gegenwart mich bald ihre bittre Wirklichkeit fühlen! Als gegen Mittag die ganze Gesellschaft, die mich, den zurückgezogenen, düster Schweigenden, gar nicht beachtete, ausstieg, um sich in einem am Ufer liegenden Gasthof mit Speise und Trank zu erquicken, saß ich draußen auf einem Felsriff allein und starrte in die Wellen des Sees hinab ? meine Lage grenzte beinahe an Verzweiflung! Bald weckte mich der Ruf der Schiffer aus meinen trüben Gedanken; sie ruderten weiter, bis die Dame mit den Ihren vor ihrem Bergschloß ausstieg, und sie gegen Abend vor dem Städtchen Locarno landeten. Mit beklommener Brust gestand ich ihnen endlich, daß ich kein Geld habe, ihnen den Fahrlohn zu bezahlen, und bot ihnen aus meinem Bündel einige Stücke Wäsche hin, aus welcher sie sich das Gebührende zueignen möchten. Sie nahmen aber nur eines, ein weißes Sacktuch, an und zahlten mir noch beinahe die Hälfte des Wertes aus. Mit erleichtertem Herzen, als ob mir jemand einen großen Schatz geschenkt hätte, kam ich denselben Tag noch bis Bellinzona und den folgenden bis an den Fuß des Kleinen Bernhardsberges. Von der langanhaltenden Wanderung zu Fuß sind mir die Fersen und Sohlen wundgeworden; ich zog öfter aber des Tages meine Fußbekleidung aus und hielt die Füße in die vorüberfließenden Bäche, wodurch ich wieder in Stand gesetzt ward weiter zu gehen. In der letzteren Herberge, einer Dorfschenke, wies man mir die Schlafstätte in einem Dachstübchen zu. Kaum hatte ich mich auf das Bett, eigentlich einen rußigen Strohsack gelegt, so liefen einige Mäuse, gegen welche ich ebenfalls von Jugend auf einen großen Abscheu hatte, über mich hin; ich sprang auf und setzte mich vor die Türe des Stübchens, zu welchem vom Hofraum eine offene Treppe hinaufführte, um dort, wenn auch schlaflos, die Nacht zuzubringen; allein man bemerkte mich, und es wurde mir darauf in einer Scheune auf frischeingebrachtem Heu eine Schlafstätte angewiesen, infolge dessen ich den nächsten Tag über an heftigen Kopfschmerzen litt, denn ich müsse mich, sagte der Hauswirt, durch Ruhe und Schlaf zur Weiterreise stärken, indem ich einen hohen und steilen Berg zu besteigen hätte. Dieser war der Kleine Bernhardsberg, St. Bernardino, auf dessen höchster Ebene ein Hospiz zum Besten der Reisenden von Bernhardinern, d.i. Cisterziensern, besorgt, sich befand. Noch hatte ich damals auch nicht die entfernteste Idee davon, daß diese bald meine Ordensbrüder sein würden, und überhaupt so wenig Kenntnis von dem Klosterstande und den Obliegenheiten insbesondere dieses einsam gelegenen Ordenshauses, daß es mir gar nicht beifiel, um die Mittagsstunde wegen einer gewiß mit Freundlichkeit gereichten Labung dort[26] einzusprechen. Ich setzte mich in einiger Entfernung von den Klostermauern unter einen schattigen Baum nieder; löschte erst an einer nahen Quelle mir den Durst und stillte meinen Hunger wieder mit schwarzem Brote und dem Überreste des trockenen Käses, den ich noch von Neapel mitgenommen hatte. Zu jener Zeit führte noch keine Fahrstraße über den Kleinen Bernhardsberg, sondern der sogenannte Mailänder Bote, etwa auch jene von Turin und Genua führten die Passagiere bis an den Fuß des Berges, dort blieben die Wägen stehen, und Menschen und Waren wurden auf Saumtieren wieder jenseits bis an den Fuß des Berges nach dem Orte Rheinwald und Splügen geschafft, wo andre Wägen bereit standen, sie über Chur bis an den Bodensee zu befördern. Im Hinabsteigen bewirtete mich ein Alpenhirt (Sente) in seiner Hütte mit frischer Milch, Käse und Butter reichlich und trug mir Grüße an meine Eltern auf, denen ich erzählen sollte, wie freundlich er mich bewirtet hätte; gewiß war er ein guter Sohn, da er durch meine Äußerung gerührt ward, wie sehr ich mich freue, jene wiederzusehen. Erst spät in der Abenddämmerung gelangte ich an den Fuß des Berges und war an Kräften so erschöpft, daß ich bis zu dem naheliegenden Dorfe Rheinwald statt weniger Minuten über eine volle Stunde mich mühsam vorwärts schleppend zubrachte. Groß war meine Freude, als ich mich in diesem äußersten Winkel Graubündens nach mehreren Monaten wieder unter deutschen Bewohnern befand und allgemein deutsch sprechen hörte. Nach zwei Tagemärschen kam ich über Splügen und Thusis nach Chur. In Thusis sprang ein freundlicher Bürger an mich heran und fragte mich, ob der Mailänder Bote bald nachkommen würde? Ich konnte ihm keinen Bescheid geben. Drauf maß er mich lange mit den Augen und sagte kopfschüttelnd, ich würde wohl nicht immer so mühsam zu Fuß gereist sein, ich solle mich daher in Chur bei dem Weißen Kreuz angelangt an jenen wenden, und er, ein Mann von bestem Herzen, würde mich dann gewiß bis an den Bodensee ohne Entgelt mitnehmen. So geschah es denn auch. Da aber der Postwagen ganz mit Reisenden besetzt war, so wurde mir auf dem nachfolgenden Frachtwagen neben dem Fuhrknecht, einem jungen, heiteren, gutmütigen Schwaben, ein Platz angewiesen, immer noch eine große Wohltat für mich, der ich von der langen Wanderung zu Fuß und Notleiden sehr erschöpft war. Mein geringer Vorrat an Gelde, den ich mir wieder durch Überlassung eines Teils meiner Wäsche an den Besitzer jener Schenke jenseits des St. Bernhardins ermittelt hatte, war wieder zu Ende. Ich brachte die Mittagsstunde, während welcher die Pferde abgefüttert wurden, zu Feldkirch im Vorarlberg vor dem[27] Gasthofe sitzend und hungernd zu. Mein guter Vater hatte mir vor meiner Reise nach Italien in der Stunde der Trennung eine Sackuhr mit einem silbernen Gehäuse zum Geschenk gemacht. Sorgfältig verbarg ich diese an mir und wollte mich um keinen Preis davon trennen. Nun in dieser unglücklichen Lage zuckte meine Rechte nach ihr; ich sprang ergrimmt auf und ging mit verdunkelten Augen rasch nach dem Marktplatz des Städtchens hinein, sah nach allen Seiten herum, um etwa den rechten Käufer für mein letztes, an sich geringes, aber mir so teures Eigentum zu finden. Endlich hielt ich vor dem Fenster eines Bäckers, an welchem Brotgebäck von jeder Gattung aufgeschichtet war, still und sah mit starren Blicken nach der Stube hinein, bis mich der herangetretene Hausherr selbst mit rauher Stimme fragte, was ich wünsche. Meine Hand zog an der Sackuhr, sie entfiel ihr wieder! Meine Augen hafteten gierig an all dem Brote; ich zweifle nicht, hätte ich nur ein Wort gesprochen, und der dickleibige Mann da innen würde mir freudig ein tüchtiges Stück davon gereicht haben; doch betteln? Nein! Ich ging eilig wieder nach dem Gasthof zurück, wo eben alles zum Aufbruch bereitet war. Der Fuhrknecht fragte mich bei der Weiterfahrt, wo ich denn zu Mittag gegessen hätte. Ich zuckte die Achseln und sagte ihm kurz meine Lage; er aber gab mir seine Mißbilligung, daß ich davon nicht früher gesprochen hätte, durch einige abgebrochene Worte kund und bestellte für mich und sich in der nächsten Herberge ein reichliches Nachtessen. Noch gedenke ich dessen mit Rührung, wie er mit entblößtem Haupt und schüchtern in der Trinkstube neben mir zu Tische saß und sich mit solcher Ehrerbietung benahm, als ob er wäre von mir zu Tische geladen worden. Auch berichtigte er unaufgefordert für mich den Schifferlohn von Rorschach nach Lindau hinüber, steckte mir mit Gewalt einen Kronentaler in die Westentasche, und wir weinten beide, als wir uns zum Abschied die Hände reichten. Ihr guten, guten Menschen! Du guter Handwerkergeselle von Salzburg in Neapel! Du guter schwäbischer Fuhrknecht; du guter, alter Schiffspatron von Chioggia! Nie werde ich aufhören, euch den innigsten Dank meines Herzens zu weihen! Amazon.de Widgets Von Lindau führte mich mein Weg über Ravensburg und Biberach, wo ich mir das Haus, in welchem Wieland geboren ward, zeigen ließ, nach dem langersehnten Ziele meiner Fußreise ? nach Ulm. Zu meinem großen Glücke kam ich dort nur um eine Stunde früher an, als das wöchentlich einmal nach Wien abfahrende Ordinarischiff, wie sie es nannten, vom Ufer stieß. Sowohl in Hinsicht des Schifflohns, als auch der während der Reise nötigen Verköstigung traf ich mit dem Eigentümer desselben die Verabredung, daß er in Wien von einem meiner Bekannten die Bezahlung erhalten sollte, was dann auch erfolgte. Nun bestieg ich mit frohem Herzen das Verdeck, denn es war mir, als ob ich mich schon unter[28] den Meinen befunden hätte, blickte im Geiste noch einmal die ganze lange Strecke bis nach Genua hin, die ich größten Teils zu Fuß unter Erduldung so mancher Not und Beschwerde zurückgelegt hatte, und dankte dem Himmel für die Kraft und den Mut, der mich dabei aufrecht erhalten hat! Zehn Tage währte die Fahrt von Ulm bis nach Wien, während welcher wir bei Günzburg, Donauwörth, Ingolstadt, Regensburg, Passau u.s.w. gelandet und übernachtet hatten, und meine Ankunft erfolgte daselbst zu Anfang des Monats September. Ich war nicht wenig erstaunt, daß mich ein paar Bekannte, die ich dort vor einem halben Jahre verließ, wegen meiner gebräunten Gesichtsfarbe und sonstigem üblem Aussehen nicht gleich erkennen konnten. Nur auf vierzehn Tage verfügte ich mich zu meinen Eltern nach Ungarn, die mich mit der größten Freude aufnahmen, und kehrte dann nach Wien in der Absicht zurück, um in dem Dragonerregimente des Generalen Nostiz, der mir mit Bezeugung besonderen Wohlgefallens bereits eine Kadettenstelle in demselben zugesagt hatte, meine langersehnte Laufbahn zu beginnen. Allein die Vorsehung wollte es anders! Ich erhielt von dem Generalen die Weisung, mich zu dem Depot des Regiments nach Ungarn zurückzubegeben, um dort assentiert zu werden. Da mir dies durchaus nicht zusagte, so begab ich mich betrübt zu einem Wiener Bekannten, Herrn Raphael, Beamten im Geheimen Zahlamte des Kaisers, den ich früher in Ofen kennen gelernt hatte. Und dieser Mann war es, der meinem vorgehabten Lebenslaufe eine ganz andere Richtung gab. Er erzählte mir nämlich, daß er, von Geburt ein Böhme, früher in das Cisterzienserstift Hohenfurt im Königreiche Böhmen als Mitglied aufgenommen, allein durch die Aufhebung jenes Klosters unter Joseph II. wieder gezwungen worden sei, in den Laienstand zurückzutreten, und noch bedaure er es, daß er gegen seinen Willen in seinem Berufe gestört wurde. Er riet mir daher, daß ich mich jetzt, wo nach dem geendeten Türkenkriege kein anderer, folglich auch kein Avancement zu hoffen sei, (er ahnte nicht, daß bald ein weit furchtbarerer, vieljähriger Kampf für Österreich beginnen sollte!) nicht dem Soldatenstande, sondern bei meiner ihm bekannten Neigung zur Literatur lieber dem geistlichen, und zwar dem klösterlichen widmen solle; beschrieb mir die anmutige Lage des Cisterzienserstiftes Lilienfeld in Unterösterreich und versprach mir, ein Empfehlungsschreiben an den sehr humanen Abten desselben mitzugeben. Dieser Rat kostete mich eine schwere, schlaflose Nacht und darauf noch einige derselben. So einladend die Aussicht war, meinen Stand auf diese leichte und anständige Art zu fixieren, so wollte ich doch nicht leichtsinnig zu Werke gehen, sondern mich und jenen während der drei Wochen, die ich noch in Wien zubrachte, sorgfältig prüfen und mich durch einen weisen und frommen Priester, als welchen man mir den Prior des Benediktinerstiftes zu den[29] Schotten rühmte, beraten zu lassen. Ich besuchte daher selbes wiederholt und ich muß gestehen, daß ich mich davon nichts weniger als angezogen fühlte. Damals bestand noch das alte Konvent, das Gebäude, wo die Stiftgeistlichen, außer der Prälatur, unter Klausur wohnen, mit seinen finsteren Gängen; sowohl diese, als auch die strengen Forderungen, die der gute alte Prior an mich, der ich von dem Klosterstande keinen rechten Begriff hatte, machte, schreckten mich zurück; auch wollte mir die Lage eines Klosters in der Hauptstadt nicht recht gefallen; ich dachte sie mir geeigneter draußen auf einsamen Höhen oder in den waldigen Tälern. Herr Raphael riet mir, mich nach der Ankunft des Prälaten von Lilienfeld, der damals in Wien erwartet wurde, in dem sogenannten Lilienfelderhofe, einem palastähnlichen Zinshaus des Stiftes in der Weihburggasse, öfter zu erkundigen. Jede Woche fragte ich bei dem Inspektor des Hauses an; allein immer hieß es: »Er sei noch nicht angekommen, werde aber stündlich erwartet.« Nun wollte ich mich wie durch das Los bestimmen lassen. »Heute«, dachte ich mir, »gehst du das letzte Mal hin, dich zu erkundigen; ist der Erwartete noch nicht angekommen, so sei es dir ein Zeichen, daß du von deinem Vorhaben abstehen und in Hinsicht der Standeswahl deiner früheren Neigung folgen sollest.« Nahe vor dem Tor des Lilienfelderhofes kam mir der einstige Signor Giacomo, nun in seine Vaterstadt zurückgekehrt, Herr Jakob S+ + +, auf allerlei Erwerb sinnen der, lustiger Taugenichts, laut lachend und gestikulierend entgegen. Bald nachdem ich den Rat erhielt, ein Mitglied des Stiftes Lilienfeld zu werden, traf ich ihn das erste Mal in der Hauptallee des Schönbrunner Schloßgartens. Er lief auf mich in größter Heiterkeit zu und tat so bekannt und unbefangen, als ob es zwischen uns nichts abzurechnen gäbe, ja er versicherte sogar, er habe wegen des nichtbezahlten Mittagessens auf der Straße nach Mailand nur einen Spaß vorgehabt, und er hoffe, mir noch einst einen tüchtigen Dienst erweisen zu können. Ich war eben über die projektierte neue Standeswahl sehr ernst gestimmt und wollte ihm kein Gehör geben; doch als er mich wiederholt über die Ursache meiner üblen Laune befragte, so eröffnete ich ihm ganz kurz, in welcher Absicht ich dieser Tage in den Lilienfelderhof gehen würde. Er klatschte freudig in die Hände und sagte, der Rat sei köstlich. Der Inspektor jenes Hofes sei ein Freund seines Vaters und sein Taufpate, er würde mich bestens bei ihm empfehlen. Ich hielt dies und alles, was aus seinem Munde kam, für eine bare Lüge und eilte weiter. Als er mir jetzt auf meinem vermeintlich letzten Gange in jenen[30] Hof begegnete, rief er mir im Vorübergehen nach seiner gewohnten Manier lachend zu, er habe sein Versprechen gehalten, hoffe alles Gute und wünsche mir eine glückliche Reise. Ohne ihm zu antworten, trat ich mit beklommener Brust in den Torweg des Lilienfelderhofes ein. Seit diesem Augenblick habe ich ihn nicht wieder gesehen; er soll nach Kalabrien zurückgekehrt und nicht wieder zum Vorschein gekommen sein; auch sein Vater war bereits gestorben ... so viel hörte ich, als ich mich nach vielen Jahren bei den Hofleuten nach ihm erkundigte. Dieser Mensch trat mir auf meinem Lebenswege wie ein neckender, böser Dämon entgegen. Nicht nur, daß mir seine Physiognomie, sein Reden und Treiben von dem ersten Augenblicke unseres Zusammentreffens höchst zuwider war, so sollten die Folgen desselben, wie man gleich hören wird, auch noch lange in der Zukunft öfters peinigend für mich werden, indem er in Bezug auf jene Meeresfahrt meiner Jugendzeit einen sonderbaren Anstrich gab. Der Inspektor des Lilienfelderhofes und zugleich Beamter der landständischen Kanzlei von stattlicher, wohlbeleibter Gestalt, heller Stirne und überaus freundlichen Augen hatte mich jedes Mal sehr wohlwollend empfangen und bedauerte stets, mir noch keine befriedigendere Auskunft geben zu können. Als ich ihm jetzt eröffnete, warum ich eigentlich wegen der Ankunft des Herrn Prälaten öfters Nachfrage getan habe, sagte er mir lächelnd, dies sei ihm besonders seit einigen Tagen kein Geheimnis mehr gewesen, da mein Reisegefährte auf dem mittelländischen Meere und durch die Lombardei es ihm entdeckt und auch noch etwas höchst Merkwürdiges von mir mitgeteilt hätte. Ich machte große Augen und sah ihn lange verwundert an. »Nun, nun«, fuhr er weiter fort »ich weiß wohl, daß Sie nicht gerne davon sprechen hören, das sagte mir der Lumpazius auch; aber im Grunde gereicht es Ihnen ja zu keiner Schande; im Gegenteil ist es für Sie nur empfehlend. Ich habe auch vorläufig den Herrn Prälaten in Kenntnis davon gesetzt, der indessen, von mir informiert, Sie darüber nicht leicht angehen wird, wenn Sie nicht selber davon sprechen wollen.« Als er dieses vorbrachte, trat seine Gemahlin mit seinen beiden Söhnen, 13- und 14-jährigen Knaben, aus dem Nebenzimmer, stellten sich seitwärts und sahen mich, ohne ein Wort zu sagen, neugierig an. Meine Verlegenheit wurde immer größer. Als diese sich auf seinen Wink entfernt hatten, ergriff er meine Hand und erzählte mir die Geschichte von meiner Gefangenschaft in Algier von Wort zu Wort so, wie sie Signor Giacomo erdichtet, dann zuerst auf sich und jetzt auf mich angewendet hatte. »Es ist alles rein erlogen!« ? rief ich aus, stand lange verstört und stumm da und fing zuletzt zu weinen an. Der Inspektor streichelte mir mit den Worten die Wangen: »Wie kindisch, sich über so etwas zu grämen!« Er wußte nicht, daß mich nicht die Erinnerung meiner nie erlebten Gefangenschaft,[31] sondern die mir unbegreiflichen Quälereien dieses Menschen, den ich oben den lebendigen Typus der Lügenhaftigkeit nannte, so schmerzlich ergriffen hatten! Es trat ein Herr in das Zimmer ein, und der Inspektor schrie freudig auf: »Welch ein glücklicher Zufall! Herr Alt, Lehrer und Musikdirektor der Knabenschule in Lilienfeld, kömmt eben von dort und wird Sie mit Freuden dahin mitnehmen.« Seine Abreise erfolgte schon am folgenden Tage nachmittag; er bestellte mich hinaus nach Hietzing nächst Schönbrunn; wir fuhren die ganze Nacht durch und kamen am 8-ten Oktober, an einem Sonntag, vormittag in dem Stifte Lilienfeld an. Dieses Stift (Cisterzienserkloster) zehn Stunden von Wien und drei von der an der sogenannten Reichsstraße liegenden Stadt St. Pölten entfernt liegt an dem Fuße der Alpen, in einem ungemein reizenden Gebirgstal, welches der nicht unbeträchtliche Traisenfluß mit lautem Geräusche durchströmt. Bei Erblickung desselben erhoben sich vor mir all die Ideale meiner frühesten Jugend, die mir dort nach den vielfältigen Schilderungen von dem tirolischen Gebirgsland einen solchen Aufenthalt so wünschenswert erscheinen ließen. Dennoch war meine Brust sehr beklommen. Ich dachte meines erst jüngst gefaßten, schnellen Entschlusses, einer dunklen, verhängnisvollen Zukunft und vieler, noch nicht recht gekannter, vielleicht schwer zu erfüllender Pflichten mit bangem Herzen, und das im Sonnenlichte strahlende Kreuz des Turmes, das mir mit der hohen Kirche und all den freundlichen Stiftsgebäuden von ferne entgegenwinkte, stimmte meine vorige Heiterkeit, in welche mich mein Reisegefährte zu versetzen wußte, in tiefen Ernst um; ich konnte ihm auf seine häufigen Fragen nichts Rechtes mehr antworten. Meine ernste Stimmung wurde noch drückender, als er mich durch die große, herrliche Stiftskirche von echt gotischem Bau, durch die hochgewölbten Kreuzgänge und durch das sogenannte Schlafhaus (Dormitorium), einem achtzig Schritt langen, durch doppelte Säulenreihen getragenen gotischen Saal, der nach der Errichtung des Klosters im J. 1202 durch den Herzog Leopold dem Glorreichen den Brüdern zur Wohn- und Schlafstätte diente, in das Refektorium führte, denn die Stunde des Mittagessens war indessen herangekommen. Der Herr Prälat wollte mich erst nach Tische in der Prälatur empfangen. Als ich vor ihn trat, hielt er den Brief meines Freundes Raphael in der Hand und sah mich einigemal während des Durchlesens desselben freundlich an; dann wies er mich an den Stiftsprior und Novizenmeister und entließ mich mit einigen günstigen Äußerungen. Der algierischen Sklaverei erwähnte er nicht, wofür ich ihm tiefen Dank im Herzen wußte! Desto mehr wußte aber der P. Novizenmeister darüber zu reden und zu fragen, obschon er die Erklärung, er wisse gar wohl, daß ich nicht gerne davon sprechen wolle, gleich anfangs vorausgeschickt hatte. Bei[32] jedesmaligem Ablehnen der ganzen Geschichte von meiner Seite lächelte er nur ungläubig, bis ich ihm in der Folge aus meinen Zeugnissen bewies, daß ich erst im Monat März von der Statthalterei in Ofen meinen Abschied erhalten, der vom Minister Acton in Neapel ausgestellte Reisepaß, den ich noch in Händen habe, vom 1-sten Juli datiert war, und somit es schon nach dem materiellen Ablauf der Zeit eine Unmöglichkeit war, die algierische Gefangenschaft bestanden zu haben. Was weiter in dieser Hinsicht geschah, werde ich tiefer unten erzählen. Schon nach zehn Tagen, deren drei letzten einer ernsten Geistesversammlung, den sogenannten Exerzitien gewidmet waren, nämlich am 18-ten Oktober 1792, wurde ich unter dem Namen Ladislaus als Mitglied des Stiftes eingekleidet. Ich muß zur Steuer der Wahrheit bekennen, daß dieser Signor Giacomo, nun Jakob S+ + +, mir wirklich, wie er sich dessen hier rühmte, gegen seine Absicht einen nicht unwichtigen Dienst geleistet habe. Weit entfernt von der Idee, in den geistlichen, vielweniger in den Klosterstand zu treten, war ich weder mit dem Taufschein, noch mit den nötigen Schulzeugnissen aus der Philosophie, ohne welchen im vorschriftmäßigen Laufe der Dinge die Aufnahme gar nicht stattfinden darf, nach Lilienfeld gekommen, und als mich zu meiner großen Bestürzung der alte Novizenmeister darum befragte, so brachte ich ihm in größter Verlegenheit die Entschuldigung vor, daß mich Herr Raphael, ein Bekannter des Herrn Prälaten, erst kürzlich für das Klosterleben disponiert habe, und ich der erforderlichen Zeugnisse früher gar nicht gedenken konnte, daß ich sie aber, wie der Erfolg bewies, in einigen Wochen von zu Hause zu erhalten gewiß sein könne. Die vorgebliche algierische Gefangenschaft hatte den guten alten Mann so fasziniert, daß er darauf einging, und ich schon nach acht Tagen die wirkliche Aufnahme im Stifte fand! Das hätte der ernste Prior bei den Schotten gewiß nicht gelten lassen. Nach Wien zurückgekehrt, ohne die beabsichtigte Aufnahme in dem Stifte gefunden zu haben, hätte ich den Plan, in den geistlichen Stand treten zu wollen, für immer aufgegeben, und meine Laufbahn wäre dann eine andere gewesen! 
 III. Vom 12. Mai 1819 bis 31. Dezember 1820  [87] In der Hauptstadt Ofen hielt ich mich einige Tage auf, hauptsächlich, um mich meinem jetzigen Landeschef, dem Erzherzog Palatinus, vorzustellen. Bei meinem Metropoliten, Baron von Fischer, Erzbischof von Erlau, verweilte ich einen Tag, und es fiel mir nicht von weitem bei, daß ich nach etwa acht Jahren sein Nachfolger im Amt werden würde! So brachte ich auch in der Durchreise einen Tag bei meinen Nachbarbischof, jenem von Kaschau, zu und empfing dort die Begrüßung meines Generalvikars und Weihbischofs, Csech, der später auf den bischöflichen Stuhl von Kaschau erhoben wurde, eines Mannes von sehr wohltuendem Äußern und vieler Herzensgüte. Von ihm erhielt ich Auskunft über den Zustand meiner Diözese. Mit heißen Tränen überschritt ich am 10-ten Mai die Grenze des Zipßer Komitats, als mir dort die ersten Zeichen eines feierlichen Empfangs zu Gesichte kamen. Die Gedanken an die neue Bahn, die ich betreten sollte, und an eine ungewisse, dunkle Zukunft mochten sie hervorgelockt haben; doch lag auch ein tiefes Heimweh mir im Herzen, das sich nach Österreichs weit hinter mir liegenden Gebirgstälern zurück sehnte. Sehr freundlich wurde ich auf halbem Wege durch den ersten Vizegespan (Kreisdirektor), einem sehr würdigen Greise, im Kreis von mehr als fünfzig Personen geistlichen und weltlichen Standes über Nacht bewirtet. Unter diesen war auch der bekannte Publizist, Gregor Berzeviczy, ein Protestant, mit dem ich in der Folge öfters in Berührung kam. Er mußte gehört haben, daß ich die Musik liebe, und hatte auch, selber ein Künstler, ein hübsches Violinquartett für diesen Abend veranstaltet. Den folgenden Tag als am Vorabende des Einzugs in die Kathedralkirche der Diözese Zipß und meine Residenz (Zipß und auch Kapitl genannt) stieg ich, nirgends geladen, im ganz nahe liegenden Schloß der alten Gräfin Csáky ab, wo mich auch die ausgesandte aus etwa dreißig Adeligen bestehende Komitatsdeputation nach hiesigem Landesbrauch mit einer feierlichen Anrede begrüßte. Am 12-ten Mai, an einem überaus schönen, heiteren Tage, geschah der feierliche Einzug. Am frühesten Morgen sah ich aus dem Fenster meines Zimmers lange nach dem Hügel hinüber, auf welchem die Kathedralkirche, die bischöfliche Residenz, das Seminarium der Kleriker und zehn Domherrnwohnungen und dies alles mit einer Mauer umfangen liegen, und am Fuße des Hügels liegt Kirchdrauf, eine der privilegierten Sachsenstädte der Zipß, von wo sich ein breites Tal hinausdehnt, das in weiter Entfernung[88] von den Karpathen mit der Lomnitzer über 8000 Fuß hohen Spitze begrenzt wird. ? Lange, lange sah ich hinüber; ernste Gedanken bewegten meine Brust; doch endlich hob ich die Blicke vertrauensvoll flehend zum Himmel auf, woher allein der wahre Mut und Trost kommt, und eilte hinab, den Zug zu beginnen. Er bewegte sich langsam in einer langen Reihe von Wägen, fremden und einheimischen, nach Kirchdrauf hin, wo ich mich in der Klosterkirche der Barmherzigen Brüder in den bischöflichen Ornat setzte und den Hügel aufwärts zu Fuße unter lauten Kirchengesängen, Böllerschüssen, Volksjubel ? es waren mehrere Tausend Menschen zugegen ? in das Kapitl und in die Domkirche einzog. Der Domprobst hielt dort die gewöhnliche Begrüßungsrede, und ich darauf meine erste Anrede an alle Gläubigen meiner Diözese, nach welcher Klerus und Volk dem neuen Oberhirten huldigte. ? Der Gäste waren über vierhundert, die teils in der bischöflichen Residenz, teils in den größeren Räumen des Seminärs bewirtet wurden. Die während der Tafel übliche Ausbringung der Toaste, die langen Reden dabei ? alles, alles war mir neu, wie so manches andere im Umfang meines Geburtslandes, das ich als Jüngling verließ und vorher so wenig Gelegenheit hatte, selbes kennen zu lernen. Die Zipß ist eines der größten Talländer von Ungarn, am Fuße der alle andern Karpathen überragenden Höhe der Lomnitz, durch schöne Ansichten, freundliche Städtchen und große Kultur des Bodens ausgezeichnet. Die fleißigen Einwohner sind teils Slaven, teils schon vor mehreren Jahrhunderten wegen des Bergbaus wahrscheinlich aus Sachsen eingewanderte Deutsche, die meistens zur protestantischen Kirche gehören. Diese machen größtenteils die Bewohner der sogenannten XVI Städte aus, die ihre eigenen Munizipalrechte haben und durch eine königliche Administration verwaltet werden. Unter diesen nehmen Leutschau, wo auch der Sitz des Komitats ist, und Käsmark den ersten Rang ein. Unbekannt, wie ich den meisten sein mußte, war mein Entschluß bald gefaßt, meine ganze Diözese, die sich über drei Komitate (Gespanschaften), die Zipß, Liptau und Arva erstreckt, vorläufig wegen Erteilung der hl. Firmung zu bereisen und mich dadurch in den Stand zu setzen, in meinem neuen Wirkungskreise mit mehr Sicherheit auftreten zu können. Ich verfügte mich Anfangs Juni nach meinem fünf Stunden von der Zipßer Residenz entfernten herrschaftlichen Schlosse Schavnik und bereitete mich zur Abreise, welche zu Ende desselben Monats erfolgte. Ich brachte beinahe zwei Monate auf meiner oberhirtlichen Wanderschaft zu und kehrte gegen Ende August von der äußersten Spitze des Arwaer Komitats durch den angrenzenden Teil von Galizien als auf dem nächsten Wege wieder in die Zipßer Residenz zurück. Auf der Heimkehr bestieg ich von der galizischen Seite in Gesellschaft[89] zahlreicher Begleiter die Karpathen bis zu einer Höhe, auf welcher der bekannte kleine Bergsee, das »Meerauge« genannt, liegt ? dem alten Drange nach den Höhen folgend! ?, so wie ich schon die ersten Tage nach meiner Ankunft in der Zipß mit dem Erzherzog Johann, dessen ehrender Besuch mir ward, auf der entgegengesetzten Zipßer Seite von dem Kurbrunnen »Schmöks« aus selbe zu einer beträchtlichen Höhe erstiegen hatte. Der viel schöneren steier- und österreichischen Berge gedenkend hielten wir die völlige Erklimmung dieser nicht für lohnend genug und kehrten um. Jene Bereisung meiner Diözese war von großem Trost und Nutzen begleitet. Ich lernte den größten Teil der dort angestellten Seelsorger und zugleich ein großes Bedürfnis für die Pfarreien an tauglichen Schullehrern kennen. Dieser Gedanke beschäftigte mich unablässig, und bald nach meiner Heimkunft forderte ich mein Kapitel und sämtliche Seelsorger durch ein Rundschreiben auf, mich in meinem vorhabenden höchst wichtigen Unternehmen zu unterstützen, welches war, ein Institut für angehende Dorfschullehrer oder Präparandie zu errichten. Ein bedeutender Teil des dazu nötigen Kapitals war von mir angeboten; der Plan des Instituts ausgearbeitet; das nötige Lokale bereitgestellt; die zwei erforderlichen Lehrer, ein Geistlicher für die Lehrmethode und der sehr fähige Organist der Kathedralkirche für Kirchengesang und Orgelspiel waren vorgefunden; dem Domkapitel war die Kuratel und einem der Domherrn die Leitung dieses Instituts übertragen, und nachdem der nötige Fond sich durch die Beiträge der Domherrn, des Klerus und andrer Wohltäter für jetzt hinlänglich vorfand, die Möglichkeit hergestellt, den ersten Kurs mit dem Anfangs November beginnenden gewöhnlichen Schuljahre wirklich in das Leben treten zu lassen ? was dann auch geschah. Das ganze bestand vorerst in Folgendem: In dem Erdgeschoß des bischöflichen Seminärs fand sich ein unbenützter Saal vor, den ich durch eine Zwischenmauer in zwei geräumige Zimmer abteilte; in das eine als dem Schlafzimmer kamen sechs Betten zu stehen, da die Zahl der Präparanden vorläufig auf sechs Individuen, die wenigstens die Humaniora absolviert haben und mit den entsprechenden Zeugnissen versehen sein mußten, bestimmt war. Man hielt die Zahl der Kandidaten indessen für genügend, da die älteren Schullehrer nicht gleich von ihren Posten verdrängt werden konnten. Sie wurden aus der Zahl der Konkurrenten nach einer öffentlichen Prüfung gewählt. Das zweite als das Schulzimmer wurde mit den nötigen Tischen, Stühlen und einem Schranke für die erforderlichen Bücher und Musiknoten versehen. Die Gegenstände des Unterrichts waren: Religionslehre oder Katechese, Methodologie, Orthographie, Kalligraphie, Arithmetik, biblische Geschichte Alten und Neuen Testaments und das Nötigste aus der Natur-und vaterländischen[90] Geschichte eines und des anderen Teils, Unterricht in Gesang und Präambulieren auf der Orgel während des Gottesdienstes, Begleitung der Kirchengesänge mit demselben und im Ambrosianischen Gesang, soweit er bei kirchlichen Festen z.B. in der Karwoche usw. nötig war, und da auf dem Lande die Schullehrer gewöhnlich auch Mesnerdienste versehen, im Ritus und in den Zeremonien der kath. Kirche. Der Kurs wurde auf zwei Jahre bestimmt, während welchen die Kandidaten halbjährig öffentliche Prüfung bestehen und auch herbeigeholte Schulkinder wegen praktischer Anwendung vor den Zuhörern prüfen mußten. Es war zum Erstaunen, welche Fortschritte sie schon nach Verlauf eines Jahres gemacht hatten! Der zusammengebrachte Fond von zwanzigtausend Gulden warf zu 5% tausend Gulden jährlicher Interessen ab; aus diesen wurden der Verwaltung des Seminärs hundert Gulden für die Verpflegung (die in drei Gerichten zum Mittag- und in zweien zum Abendessen bestand) eines Kandidaten jährlich bezahlt. Dem geistlichen Lehrer sonst auch Benefiziaten der Kathedrale wurden als Zulage hundertfünfzig und ebenso viele Gulden dem Organisten für ihre Mühewaltung gegeben. Die Errichtung dieses Instituts erregte in dem Lande große Freude, und da bald darauf bei einem festlichen Gelage (25. Nov.) zu Leutschau jemand scherzweise äußerte, für die Präparanden wäre Leinwäsche willkommen, so übersandten nach einigen Tagen von den dort anwesenden Frauen und insbesondere mehrere protestantische Damen so viel Leinzeug in ganzen Geweben (die Zips ist wegen der Leinwanderzeugnis bekannt) zu Tisch- und Bettwäsche, daß das Institut auf mehrere Jahre damit versehen war. Zur festen Begründung desselben war die landesfürstliche Genehmigung notwendig; ich schrieb daher unmittelbar an den Kaiser nach Wien und stellte an die kön. Statthalterei in Ofen das Gesuch, daß es von der Oberschuldirektion in Kaschau unabhängig die vorgeschriebenen jährlichen Stand- und Rechnungsausweise unmittelbar an sie allein zu übersenden habe. Amazon.de Widgets Die Ernennung eines Klosterabtes, der ich war, zu einem Bischof von Ungarn hatte als etwas Außergewöhnliches anfangs Staunen und Bewunderung erregt; sie war allein aus dem Herzen des Kaisers hervorgegangen. Das auf meine Schrift erlassene allerhöchste Handbillet zeugt daher, wie es hier folgt, welches Vergnügen ihm die von mir errichtete Anstalt ge macht habe: Lieber Bischof v. Pyrker! Sie haben die Ausübung ihres apostolischen Oberhirtenamtes mit dem wichtigsten, meinem väterlichen Herzen stets am nächsten liegenden Teile desselben, nämlich mit Beförderung und Verbesserung des Religions- und Schulunterrichtes ganz recht begonnen und sich dadurch Mein besonderes Wohlgefallen erworben; den übrigen Inhalt ihres Berichts der vorgenommenen[91] Diözesanbereisung nehme Ich in Erwartung der weiteren Anzeige über den Fortgang der neuen Präparandie-Anstalt zur Wissenschaft. Wien, den 7. Sept. 1819. ? Franz. m.p. Nach einigen Wochen erhielt ich ein zweites folgenden Inhalts: Lieber Bischof Ladislaus Pyrker! Ihre Anzeige vom 19-ten Oktober dieses Jahres über das in Zipß durch Ihren bekannten rühmlichen Diensteifer unter der belobten tätigen Mitwirkung des Domkapitels und Kuratklerus so schnell zu Stande gekommenen Präparandeninstituts für Dorfschullehrer dient Mir zur besonders angenehmen Wissenschaft, und werden Sie hierüber beiden Teilen Mein Wohlgefallen zu bezeugen haben. Übrigens sehe ich dem Plane und den Statuten dieser neuen Bildungsanstalt ehestens entgegen, wo alsdann über Ihren weiteren Antrag, selbe unmittelbar der Statthalterei unterordnen zu lassen, Meine Entschließung folgen wird. Wien, 1-sten November 1819. Franz m.p. Und noch ein drittes, wo ich den Auftrag erhielt, auch den protestantischen Damen für die zum Präparandeninstitut gemachten Beiträge das allerhöchste Wohlgefallen S.M. zu bezeugen. Der angesuchte unmittelbare-ämtliche Verkehr mit der Statthalterei wurde genehmigt und auf solche Art nach der Bemerkung eines ausgezeichneten Staatsmannes in Wien ein Problem in kurzer Zeit gelöst, an dem man vieljährige Beratungen vergeblich angewendet hatte. Der Nutzen dieses Instituts hat sich seitdem in einem hohen Grade bewährt, denn es sind im Verlauf von zehn Jahren über hundert in demselben gebildete fähige Schullehrer sowohl in der Zipßer als auch in den benachbarten Diözesen angestellt worden. (Erwähnung verdienen die zwei Werkchen, welche bald nach der Errichtung des Instituts für selbes im Druck erschienen sind: a) »Ludimagister in Ritibus et Cerimoniis per annum occurrentibus instructus« und b) »Pedagogia idiomate slavico conscripta in usum Scholarum Trivialium Dioecesis Scepusiensis.« 1820. Leutschoviae, typis Joan. Verthmüller. ? Auch gab im J. 1828 ein sehr gebildeter Pfarrer der Diözese, Ladislaus Záboiszky, die sehr gut geschriebene Geschichte dieses Präparandeninstituts heraus unter dem Titel »Succincta historia Instituti Praeparandorum ad Magisteria Scholarum Ruralium Almae Dioecesis Scepusiensis« Cassoviae, typis Stephani Ellinger, c.r. Typographi 1828. Sei es, daß das ungewohnt strenge Klima von der Zipß, wo die Kälte im Monat Hornung des J. 1820 auf dem Reaumur-Thermometer 23 Grad unter 0 zeigte, oder die noch immer unbesiegte Sehnsucht nach den früheren Wohngefilden nicht günstig auf meine schwächlichen Nerven wirkte, genug, ich war den ganzen Winter über in einem krankhaften Zustande geblieben. Deswegen beschloß ich im Frühjahr nach Wien zu reisen, wo meine Freunde sich über mein schlechtes Aussehen nicht wenig betroffen zeigten. Doch welch einem wichtigen Zeitabschnitte meines Lebens ging ich dort entgegen! Als ich vor den höchstseligen Kaiser trat, empfing er mich sogleich mit den Worten, ich hätte ihm durch[92] meine Leistungen in der Zipß große Freude gemacht; doch wisse er wohl, daß man an das dortige strenge Klima von Jugend auf gewohnt sein müsse, welches nicht für jedermann, wie es auch mein Aussehen zeige, zuträglich sei; und setzte nach einer langen Pause, während welcher er mich lächelnd ansah, noch hinzu, er habe demnach die Idee, mich zum Patriarchen von Venedig zu ernennen. Als ich ihn in der Meinung, er scherze nur mit mir ? was er wohlwollend noch von Lilienfeld her öfters zu tun pflegte, verwundert ansah, fuhr er sogleich weiter fort, es sei sein voller Ernst, wie bewußt, sei ich der ital. Sprache kundig; er habe mit ein paar Vorschlägen (für Treviso und Mantua) in Rom Anstände gefunden, ich sei bereits konsekrierter Bischof und stehe bei dem Hl. Vater in gutem Ansehen, und er würde auf solche Art bei dem schwer zu besetzenden Posten in Venedig am besten fahren. Nun, da ich sah, daß es Ernst damit sei, fuhr ich erblaßt zusammen und zitterte am ganzen Leibe. Der Kaiser sagte freundlich, ich solle es überlegen und nach etwa 14 Tagen wieder zu ihm kommen. Als ich im Abgehen eben die Tür öffnete, rief er mir noch nach, ich werde es sehen, Venedig wird mir gut tun. Draußen an der Haupttreppe angelangt stand ich lange still und überlegte, ob es ein Traum, ob es Wirklichkeit sei, was ich eben vernommen hatte, und verfügte mich sogleich zu einem hochgestellten Freunde, der über das Unerwartete selber betroffen, mir die selbständigere Stellung eines Bischofs in Ungarn zu Gemüte führte und mir riet, diese Beförderung, zwar auf bittlichem Wege, aber entschieden abzulehnen. ? Nach ein paar Tagen kam Hofrat Grimm, der Direktor der Kanzlei des Erzherzog Vizekönigs von Italien, der wegen seiner nahen Vermählung mit der Prinzessin Elisabeth von Carignan-Savoyen eben in Wien war, zu mir und sagte, er sei vom Erzherzog ? eigentlich vom Kaiser, setzte er lächelnd hinzu ? an mich gesandt, zu vernehmen, welche Gründe mich abhalten könnten, den Antrag wegen der Beförderung nach Venedig anzunehmen? Der Kaiser wünsche es zwar, daß ich hinkomme, und es würde ihm dadurch sogar ein Gefallen geschehen; doch wolle er mir keinen Zwang antun, und ich solle mich freimütig darüber äußern. ? Der Hofrat war wahrscheinlich auf keinen so ernstlichen Widerstand gefaßt, und als ich ihm meine Gründe mitgeteilt hatte, rief er im Abgehen, das getraue er sich nicht zu referieren; ich möge den kommenden Tag zum Erzherzog kommen und mit ihm selber sprechen. Der Erzherzog empfing mich überaus gütig und freundlich und forderte mich auf, meine Gründe vorzubringen. Von diesen will ich hier nur zwei oder drei anführen. Zuerst also, ich sei der ital. Sprache nicht so mächtig, wie der Kaiser glaube, denn seit 28 Jahren hätte ich das, was ich im J. 1792 durch sechs Monate mir dort zu eigen gemacht hatte, größtenteils wieder vergessen; ferner sei ich als ernannter Bischof[93] von Zipß zur nötigen Instruierung des Hauses gezwungen gewesen, Gelder aufzunehmen, die ich noch nicht erstattet hätte; endlich besorge ich, daß die ungewohnte Lagunenluft meiner Gesundheit nicht zuträglich sein würde. Die beiden ersten Gründe beantwortete er lächelnd, durch Übung würde mir die ital. Sprache bald wieder ganz geläufig werden, und in Hinsicht der pekuniären Rücksichten würde der Kaiser Sorge tragen; was aber den dritten Punkt betrifft ? darüber könne er nichts weiter sagen. Er werde demnach Sr M. dem Kaiser melden, daß ich nicht geneigt sei, dem Rufe nach Venedig zu folgen. Da ich mit einiger Angst bemerkte, daß er bei den letzteren Worten ganz ernst geworden war, so bat ich ihn, er wolle es auf eine Art tun, daß der Kaiser auf mich nicht ungehalten werde. Die 14 Tage bis zur anberaumten Audienz lagen wie eine Ewigkeit vor mir; ich reiste daher nach Lilienfeld, um dort in einiger Abgeschiedenheit den größeren Teil derselben hinzubringen. Als ich zurückgekehrt an dem bestimmten Tage voll banger Erwartung vor den Kaiser trat, da empfing er mich ganz freundlich und sagte, er habe von seinem Bruder (dem Erzh. Vizekönig) vernommen, daß ich nicht gerne nach Venedig ginge; ich sei also davon dispensiert. Ich möge nur recht gesund bleiben, und da er wohl wisse, daß das Klima von Zipß sehr kalt und rauh sein pflege, so würde er, im Fall es mir nicht zuträglich wäre, schon einen besseren Ort für mich finden. So große, unerwartete Güte und der Gedanke, von der Angst, nach Venedig ziehen zu müssen, befreit zu sein, erweckte in mir ein seliges Gefühl, und ich eilte, solches meinen Freunden anzukünden. Man freute sich mit mir. Nur einer, Hofrat Kleyle, meinte, ich dürfte mich noch nicht ganz sicher wähnen, denn der angeführte Grund, wegen der vielleicht nachteiligen Einwirkung der Lagunenluft auf meine Gesundheit, könnte wohl den Kaiser von der Ernennung abhalten; so er aber glaubte, daß mich von der Annahme dieses Postens bloß die Ängstlichkeit, demselben vielleicht nicht entsprechen zu können, zurückschreckte, so würde jene dennoch erfolgen. Und er hatte recht geurteilt, wie es weiter unten gezeigt werden wird. Heiter trat ich meine Rückreise an, wohnte am 16-ten Mai der Installation des neuen Fürst-Primas von Ungarn bei und begab mich bald nach meiner Heimkunft, nämlich schon Anfangs Juni, auf demselben Wege durch Galizien, auf welchem ich voriges Jahr zurückkam, nach dem Arvaer Komitat, um dort die angekündigte kanonische Visitation zu beginnen. Auf dringendes Ansuchen erteilte ich auf der Durchreise in zwei Orten, Nowy-Targ und Czarny-Dunajec in Galizien, da jene Diözese damals keinen Bischof hatte, mehr als zehntausend Personen die Firmung.[94] Gleich auf der ersten Station, wo ich die Visitation begann, in Pekelnik, erhielt ich durch einen Eilboten die Nachricht, daß mich der Kaiser dennoch zum Patriarchen von Venedig ernannt, mir eine Villa zum Sommeraufenthalt und eine bedeutende persönliche Zulage zu den Einkünften des Venediger Sitzes bestimmt habe. Ich führe die beiden ämtlichen Anzeigen hier unten an, da sie mitunter zur Charakterisierung des Besten der Monarchen dienen. Die erste kam unmittelbar von dem Obersten Kanzler, Franz Grafen von Saurau, und lautet folgendermaßen: Hochwürdigster Bischof! Soeben haben Seine Majestät mir die allerhöchste Ernennung Euerer Bischöflichen Hochwürden zum Patriarchen von Venedig zu eröffnen geruhet. Ich beeile mich Euerer Bischöflichen Hochwürden meinen achtungsvollen Glückwunsch zu diesem durch Ihre vortrefflichen Eigenschaften so sehr verdienten Merkmale des allerhöchsten Vertrauens und zu der Gelegenheit, die Absichten des gnädigsten Monarchen für das Beste des Staates und der Kirche in einem so interessanten Wirkungskreise zu befördern, darzubringen. Seine Majestät haben sich ferner zu äußern geruhet, daß, da Eure Bischöflichen Hochwürden bloß aus Anhänglichkeit an Allerhöchst-Ihre Person sich diesem Wunsche Seiner Majestät fügen dürften, Allerhöchstdenselben an die Hand zu geben sei, auf welche Weise und wie weit Ihnen ein Ersatz für den Verlust an Einkünften zu geben wäre, den Sie an denen des Patriarchates gegen jene, die Sie in der Zipß genießen, erleiden würden. Ich ersuche Hochdieselben, da ich Ihnen eröffne, daß das Einkommen des Patriarchates von Venedig auf 50,000 Lire d'Italia, gleich ungefähr 20,000 F. Convenzions-Münze, und zwar teils an Lokaleinkünften, teils an Ergänzung, und zwar diese mit ungefähr 14,000 Lire d'Italia ab aerario, bestimmt ist, mich in den Stand zu setzen, Seiner Majestät einen gründlichen Vorschlag zu der Hochdenselben zu leistenden Entschädigung zu erstatten. Die übrigen erforderlichen Expeditionen zum Vollzuge der Allerhöchsten Ernennung für das Patriarchat werden ungesäumt nachfolgen. Mich freut es ungemein, mit Ihnen, Hoch würdigster Herr Patriarch, in eine Geschäftsverbindung zu treten, und in derselben Zeuge Ihres edlen, klugen und erfolgreichen Wirkens zu sein. Ich bitte Sie, auf meine Unterstützung bei jedem Anlasse für das Gute zu rechnen und der vorzüglichen Hochachtung versichert zu sein, mit welcher ich die Ehre habe zu verharren, Hochwürdigster Patriarch, Ihr gehorsamster Diener Saurau m.p. Wien, 28-ten Mai 1820. Das eigentliche Ernennungsdekret war aber folgendes: Hochwürdigster Bischof! Seine Kaiserliche Königliche Apostolische Majestät haben aus frommer Sorgfalt, der durch den Tod des Franz Milesi verwaiseten Patriarchalkirche zu Venedig wieder einen Oberhirten zu geben, Euere bischöfliche Hochwürden in Erwägung Ihrer gründlichen Gelehrsamkeit sowohl, als des tätigen[95] Eifers in Erfüllung der Amtspflichten, verbunden mit der reinsten Sittlichkeit und anderer ausgezeichneten lobenswürdigen Eigenschaften ? durch Allerhöchste Entschließung aus Prag vom 23-ten d.M. zum Patriarchen von Venedig allergnädigst zu ernennen geruhet. ? Indem ich mich beeile, Ihnen diese Allerhöchste Entschließung zur angenehmen Nachricht zu eröffnen und hievon auch den Herrn Gouverneur von Venedig in Kenntnis zu setzen, habe ich nur noch beizufügen, daß das Präsentationsschreiben an den heiligen Vater unter einem Sr Majestät vorgelegt wurde, und die vereinigte Hofkanzlei erwarte, daß auch Sie die nötigen Schritte zur baldigen Erlangung der Konfirmation machen, derselben die hiezu geschehene Einleitung anzeigen und die päpstlichen Bullen sei ner Zeit vorlegen werden. Ich habe die Ehre mit ausgezeichneter Hochachtung zu verharren Euerer bischöflichen Hochwürden gehorsamer Diener Saurau m.p. Wien, den 31-sten Mai 1820. Da mir nach der obigen Versicherung des Kaisers diese Ernennung unbegreiflich war und ich noch immer eine Zurücknahme derselben zu erwirken hoffte, so reist ich nach Vollendung der Visitation im Ober-Distrikte aus dem Arvaer Komitat gerade nach Wien und von dort über Melk nach dem am linken Ufer der Donau liegenden kaiserlichen Lustschlosse Persenbeug, wo sich der Kaiser eben aufhielt. Nach geschehener Anzeige meiner Ankunft ließ mich der Kaiser zu Tisch laden. Im Vorsaal kam der allgemein geschätzte Graf von Wrbna, Oberstkämmerer und Liebling des Kaisers, auf mich zu und sagte, der Kaiser erkenne es, daß ich ihm durch meine Übersiedlung nach Venedig ein großes Opfer brächte, er wisse es aber auch zu schätzen. Eben hieher gereist, um mich gerade davon loszuschrauben, vernahm ich diese Worte in nicht geringer Verlegenheit, auch war die Türe bereits für mich geöffnet; ich trat zögernden Schrittes ein, verbeugte mich und blieb stehen; doch der gütigste Kaiser näherte sich mir rasch und sprach die merkwürdigen Worte: »Sie müssen es mir schon verzeihen, daß ich Sie dennoch zum Patriarchen von Venedig ernannt habe; ich habe Ihrer dort nötig, und Sie werden sehen, es wird Ihnen recht gut gehen.« Ich versicherte ihn, daß ich auf seinen Befehl nicht nur nach Venedig, sondern nach dem äußersten Winkel der Monarchie, nach Cattaro, gehen würde; aber ich fürchtete, als Fremder dort den gehegten Erwartungen kaum entsprechen zu können. Er fing gleich an, darüber zu scherzen, und fuhr während der ganzen Mittagstafel in diesem Tone fort, wie ich nämlich nach Art der wälschen Prediger auf der Kanzel heftig gestikulieren und sprechen solle, um recht bald dem Auditorium zu gefallen, und dergleichen mehr, so daß die Kaiserin und die anwesenden beiden Erzherzoge Anton und Ludwig häufig genug darüber lachten. ? Ich verfügte mich von dort in die Bäder von Gastein und kehrte Anfangs September wieder nach der Zipß zurück, um mich auf meine neue Laufbahn vorzubereiten. Herr Grillparzer fuhr abermal mit mir nach Gastein.[96] Das Ordnen verschiedener Diözesan-Angelegenheiten und die Durchsicht der ökonomischen Schriften und Rechnungen, mit welchen ich mich bisher gar nicht befassen konnte, hielt mich während des Monats Oktober an meinem Schreibtische fest; ein sehr stürmisches, unfreundliches Herbstwetter trug auch viel dazu bei. Da geschah es eines Abends, daß die Sehnsucht in mir rege ward, mich, wenn auch nur auf wenige Augenblicke, aus den drückenden Erdenräumen in das heitere Reich der Poesie aufzuschwingen und der lästigen Gegenwart zu entrücken. Nachdem ich einige Mal sinnend auf und ab gegangen war und mir verschiedene Vorstellungen vorüberschwebten, stand ich plötzlich stille ? eine schon vor vielen Jahren gewählte und seitdem oft durchdachte Aufgabe lag hell entwickelt vor meiner Seele da. Als ich nämlich die Bücher des Alten Bundes, noch ehe ich zum Priester geweiht ward, öfters mit ernstem Fleiße durchlas, dachte ich mir, aus der Geschichte Abrahams, Mose, der Propheten Helias und Elisa und der Makkabäer ließe sich etwas ganz Eigenes gestalten, das noch die Poesie keiner anderen Nation unsrer Zeit aufzuweisen hätte. Ich fand mich in der gehörigen Stimmung ? wie ich überhaupt meine poetischen Arbeiten nur auf die Stunden der Weihe sparte ? und wie die »Tunisias«, so später »Rudolph von Habsburg« und jetzt auch die »Perlen der hl. Vorzeit« als etwas schon früher im Geiste Fertiges öfters auch nach langen Zwischenräumen in kurzer Zeit zu Papier brachte ? aber in einem Zustande, in welchem sich allenfalls die Somnambulen in einer Art Clairvoyance befinden mögen. Helias der Prophet ergriff mich zuerst; ich setzte mich zum Arbeitstische, und bald waren Plan, Einteilung und einige sechzig Verse des 1-sten Gesanges niedergeschrieben. Dies setzte ich die folgenden Abende auf gleiche Weise fort, und bis Ende Dezember waren »Helias« in drei [Gesängen], »Elisäus« in zwei vollendet und von den Makkabäern der 1-ste, »Mathathias«, begonnen, den ich aber nach meiner Abreise von Zipß, nebst dem 2-ten und 3-ten ? »Eleazar« und »Die Mutter mit den sieben Söhnen« ? unter Weges zu Stande brachte. Diese Abreise geschah am 1-sten Jänner 1821. ? Die Trennung von einem Lande, wo ich so viele gute Menschen und so viel Anhänglichkeit gefunden hatte, fiel mir abermals bei dem Hinblick in die ungewisse Zukunft äußerst schwer. ? Dort hatte ich auch ein paar Monate früher meine gute alte Mutter, die mich zu besuchen kam, und der mein dreiundachtzigjähriger Vater schon sechs Jahre zuvor in ein besseres Leben vorangegangen war, begraben. Weit von einander getrennt sind ihre Gräber, da auch mein Vater während eines Besuches bei meiner jüngsten, verheirateten Schwester unfern Preßburg in A(lsó) Jattó, wo seine im Krieg erhaltene Schußwunde am Fuße plötzlich zuheilte, starb und dort begraben wurde. Von seinem Grabmal weiter unten.[97] Amazon.de Widgets Am sechsten Tage meiner Reise, als ich eben an den letzten Zeilen des »Mathathias« schrieb, geschah es, daß etwa sieben Stunden vor Pesth zwischen Bagh und Hatvan durch das Versehen des Postillions mein Wagen in den Abgrund hinabstürzte, wobei ich mir, nebst anderen Verwundungen, das rechte Schlüsselbein brach. Die vier Pferde samt dem vorderen aus dem Reibnagel gehobenen Gestell blieben oben auf dem Wege stehen, meine schwerbepackte Reisekalesche aber flog hinab und stellte sich unten durch die Reperkussion umgekehrt auf das einbrechende Dach, in welchem mein Kopf steckte. Das auf meinem Nacken liegende Sitzkästchen preßte ihn immer tiefer, und keine fünf Sekunden hätte ich länger geatmet, wenn der nacheilende Sekretär und Diener mich nicht bei den Füßen hervorgezogen hätten. Ein Blutgefäß im Halse muß gesprengt gewesen sein, denn ich warf einige Mal den ganzen Mund voll Blut aus, und der rechte Arm hing lang an meiner Seite hinab. Nun, dachte ich mir, ist es mit dir geschehen, die Brust ist lediert. Man führte mich auf die Straße hinab, und ich setzte mich dort auf die schneebedeckte Erde nieder. Ein Bauer fuhr auf einem leeren Leiterwagen mit vier Pferden vorüber; ich zeigte ihm meine blutigen Hände und bat ihn, er möchte gegen eine gute Belohnung meinen Leuten helfen, den Reisewagen aufzurichten; er aber hieb in die Pferde ein und fuhr selbst den Hügel aufwärts im Galopp davon! Zum Glück kamen drei reisende Handwerksburschen herbei; nach einer Stunde ungefähr wurde ich in den Wagen, dessen Dach zertrümmert wurde, gehoben und fuhr nun Schritt für Schritt bei strenger Kälte (es war am 6-sten Jänner) von 9 Uhr Vormittag bis 5 Uhr abends nach dem Fürst Grassalkowitsch-schen Dorfe Gödöllö, wo sich endlich ein Wundarzt vorfand, der mich in seine Hütte aufnahm und den ersten Verband anlegte. In der Nacht wurde Dr. Uffer, Assistent des Prof. Eckstein an der Universität zu Pesth, geholt, weil dieser nicht kommen konnte, um mich ferner zu behandeln. Elf Tage verweilte ich in jenem Orte ? in Ermangelung einer besseren Heilmethode unter dem sogenannten Achterverband furchtbar leidend. Während dieser Zeit kam der Graf Joh. Nep. Majláth, der Verfasser der »Geschichte der Magyaren«, von meinem Unfall in Kenntnis gesetzt, zu mir heraus, um mir wohlwollend durch ein paar Tage etwa durch Lektüre die Zeit zu verkürzen und mich meine Schmerzen vergessen zu machen. Auf seine Frage, ob ich seit der »Tunisias« nichts weiter geschaffen hätte, ließ ich meine jüngsten Blätter hervorsuchen, und es ergriff mich gar wunderbar, als er mir den Elias vorgelesen hatte. Er bat mich, ihn, wenn ich nach Ofen gelangt sein würde, dort vor einer gewählten Gesellschaft von Herrn und Frauen vorlesen zu dürfen. Nach seiner Abreise war ich noch mehr aufgeregt und ich diktierte (was ich sonst noch nie versucht hatte) den 2-ten Gesang[98] der »Makkabäer«, den »Eleazar«, meinem Sekretär im Bette liegend in die Feder, und den 3-ten, »Die Mutter mit den sieben Söhnen«, wollte durchaus mein Arzt (Dr. Uffer), der sich früher durch einige kleine poetischen Ergüsse bemerkbar machte, in der Stadt Ofen, wohin ich am 11-ten Tag transportiert ward, niederschreiben, nachdem er mich jeden Abend frisch verbunden hatte. Auch da diktierte ich im Bette liegend, was ich mir den Tag über als Fortsetzung zusammengedacht hatte. Die Ursache, diesen einstweilen letzten Gesang zu vollbringen, war die an mich gestellte Bitte der Vorsteherin des wohltätigen adeligen Frauenvereins daselbst, Gräfin von B(runswick), daß ich ihr mein Manuskript zum Besten desselben übergeben möchte. Es ward abgeschrieben und übergeben, und so kamen »Die Perlen der hl. Vorzeit« im J. 1821 auf Kosten des Adeligen-Wohltätigen Frauenvereins in Ofen gedruckt zum ersten Mal heraus und haben ihm, dem Himmel sei Dank, reichliche Zinsen (nach denen in den Jahren 1826 und 1827 erschienenen gedruckten Ausweisen über 10 tausend Gulden W.W. ? gleich 4000 F.C.M.) getragen. Nach drei daselbst zugebrachten Wochen, während welchen mich auch Franz Verseghy (ursprünglich aus dem Pauliner-Orden, dann als Weltpriester Teilnehmer an der Verschwörung des Abt Martinovits auf 15 Jahre schweren Kerkers auf dem Spielberg verurteilt, nach 9 Jahren begnadigt, Lehrer der ungarischen Sprache bei den Kindern des Erzh. Palatinus, vorzüglicher ungarischer Dichter und Herausgeber mehrerer etymologischer Werke) öfters in den Abendstunden besuchte und mir interessante Aufschlüsse gab, wie sich mehrere seiner Mitgefangenen selbst im oberen Stockwerk in näheren und entfernteren Zellen durch leises Klopfen nach einem bestimmten Alphabete verständigten. Der Festungskommandant, der davon Wind bekam, ließ in seiner Gegenwart ein solches Gespräch durch ihn halten und später wegen seines Wohlverhaltens und unverwüstlicher Heiterkeit seine Kinder im Gesang und in der franz. Sprache unterrichten. Es ist ewig Schade, daß eine durch ihn begonnene Übersetzung des A[lten] Testaments aus der Ursprache in das ungarische nicht vollendet worden ist. (Er hat auch einige Bruchstücke aus der »Tunisias« in herrlichen ung. Hexametern geliefert). Da wurde ich gerade an dem zur Abreise nach Wien bestimmten Tage durch eine heftige Gedärmentzündung dem Tode nahe gebracht; man hatte nämlich, weil die gehörige Untersuchung unterblieb, nicht bemerkt, daß bei jenem Sturz mit dem Wagen durch den Druck des auf mich gefallenen Sitzkästchens eine meiner Rippen an der rechten Seite verletzt war, obschon ich öfters über heftigen Schmerz geklagt hatte. Nachdem ein versuchtes warmes Bad ohne Erfolg blieb, und sich ein heftiges Schluchzen als Anzeichen des nahen Miserere einstellte, so ward durch wiederholtes Aderlassen das Atemholen[99] erleichtert, und ich fuhr nach 14 Tagen mit dem Wundarzte, der mich bis dahin behandelte, nach Wien ab. Kurz vor der Abreise erhielt ich die ämtliche Anzeige über meine Ernennung zum Geheimen Rate des Kaisers. In Wien hielt ich mich durch einige Wochen auf, teils um wieder Kräfte zu gewinnen, und teils, um noch einige Vorbereitungen zu meiner neuen Amtsführung in Venedig zu treffen. Unter den Segenswünschen meiner Freunde reiste ich zu Anfang April dahin ab. In Laibach, wo eben auch Alexander I., Kaiser von Rußland, bei dem Kongresse sich befand, traf ich den sel(igen) Kaiser und legte in dessen Hände den Eid als Geheimer Rat ab. Den Tag nach meiner Ankunft daselbst wurde das Te Deum wegen dem schnell und glücklich beendigten Krieg in Piemont gefeiert. Jener wohnte dem ganzen Hochamte an der Seite des Kaisers, wie es schien, mit tiefer Andacht bei. Der dort anwesende Kardinal Spina sagte mir, er habe gegen ihn sehr günstige Gesinnungen für die kath. Kirche geäußert. Zwei Tage hintereinander wurde ich zur Tafel des Kaisers geladen. Während des ganzen Essens sprach er mit mir über Venedig ? einiges leise in das Ohr ? als, ich solle ein Korrektionshaus für unverbesserliche Geistliche daselbst errichten, mich für den Generalvikar J(appelli), den er für das Bistum Treviso vorgeschlagen, aber der Papst aus unbekannten Gründen nicht konfirmiert hatte, bei diesem verwenden, und als Klostergeistlicher die Erlaubnis, testieren zu können, von ihm zu erlangen suchen. Lauter unvergeßliche Beweise seiner besonderen Huld für mich! Amazon.de Widgets Ich reiste ab und kam 14 Tage vor Ostern in Venedig um 10 Uhr abends an. 
 II. Vom 18. Oktober 1792 bis 12. Mai 1819  [33] Man hat außerhalb Unterösterreichs, besonders aber in dem protestantischen Deutschland keinen entsprechenden Begriff von[33] denen hier in Unterösterreich noch bestehenden großen geistlichen Stiften (Abteien), die man zum Unterschiede von den Klöstern der Bettelmönche, nämlich der Franziskaner, Kapuziner u.s.w. Herrenklöster zu nennen pflegt. Der Art sind jene der regulierten Chorherren zu Klosterneuburg und Herzogenburg, der Benediktiner zu Melk, Göttweig, zu den Schotten in Wien, Seitenstätten und Altenburg, der Cisterzienser zu Hl. Kreuz, Lilienfeld, Zwettl und Wiener-Neustadt und der Prämonstratenser zu Geras. Es gibt zwar in Oberösterreich, in der Steiermark und den übrigen österreichischen Provinzen eben solche und wohl noch größere Abteien, allein nur in Unterösterreich sind die Äbte, Prälaten (von den Mitgliedern erwählte Vorsteher) derselben mit dem Titel eines kaiserlichen Rates bezeichnet. Meistens entstanden sie in den früheren Jahrhunderten aus den Stiftungen der Landesfürsten, daher ihnen der Name Stift gegeben worden sein mag. Ihr Besitzstand besteht in mehr oder minder bedeutenden Domänen, Herrschaften, die ihnen, gleich wie den anderen weltlichen Besitzern, mit Nutz und Last zu Eigen sind, nur daß sie keiner Vererbung fähig sind, sondern als ein unzertrennlicher Körper fortzubestehen haben. Ihr Zweck ist noch heutzutage das gemeinschaftliche Leben unter einer bestimmten Ordensregel, die Seelsorge auf den Stiftspfarreien und das Lehrfach in den öffentlichen Schulanstalten. Ich will hier nur von dem Cisterzienserstifte Lilienfeld sprechen. Dasselbe liegt in Unterösterreich, im Viertel Oberwienerwald, welches den St. Pöltner Kreis in sich begreift, und die Herrschaft gleichen Namens erstreckt sich größtenteils im Gebirge über neun Quadratmeilen mit sieben Märkten, vielen Dörfern, Waldungen und 14 bis 15 Tausend Untertanen bis an die steiermärkische Grenze. Jenseits der Donau im Viertel Obermanhardsberg besitzt es auch noch die Herrschaft Unterdürnbach mit zwei Märkten und mehreren Dörfern und die kleine Abtei Marienberg in Ungarn. Mitglieder zählt es gewöhnlich über fünfzig, von welchen 24 in der Seelsorge auf eigenen Pfarreien und einige als Professoren der Theologie im Bernardinum zu Hl. Kreuz und als Professoren der Grammatik und der Humaniora zu Wiener Neustadt angestellt sind. Die Stiftsherrschaft übt die Jurisdiktion, Zivil- und Kriminaljustiz durch einen eigenen Justiziär auf der herrschaftlichen Kanzlei inner ihrer Grenzen aus, führt die landesfürstlichen Abgaben, sowohl eigene als auch jene der Untertanen an die landständische Kassa in Wien ab und verwaltet die Waisenkassa. Das weitläufige Stiftsgebäude[34] mit einer herrlichen gotischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert, mit der Prälatur, dem Konvent, vielen Gäste-und dem Kaiser, d.h. für den kais. Hof bestimmten Zimmern und den ökon. und anderen Gebäuden liegt in einer überaus reizenden Talgegend am Fuße der Alpen. Der Ton, der in den meisten dieser österreichischen Stifte herrscht, ist nichts weniger als düster. Je nachdem in dem einen und dem anderen unter der Leitung eines tüchtigen Vorstehers der gute, nämlich die Frömmigkeit, Sitte, Anstand und Neigung zu wissenschaftlicher Beschäftigung zum Gemeingut wurde, sieht man dort alles in der gehörigen Ordnung vorwärts schreiten und freut sich des dauernden Segens, der ihr entquillt. St. Florian und Kremsmünster in Oberösterreich haben auch aus der letzteren Zeit hochgeachtete Schriftsteller aufzuweisen, nicht minder Melk, Klosterneuburg und Wien zu den Schotten im Unteren. Reichhaltige Bibliotheken bieten allen die nötigen Hilfsmittel. Übrigens ist die Verfassung eines solchen Stiftes, ich möchte beinahe sagen, eine republikanische unter einem selbstgewählten Präsidenten, denn obschon das Gelübde des Gehorsams die Mitglieder dem Stiftsoberen streng unterordnet, so vergessen sie es doch selten ganz, daß er durch ihre Wahl zu jener Würde erhoben wurde. Auch wird seine Macht bei wichtigeren Dingen, z.B. Kauf und Verkauf von Realitäten, durch Einfluß des Kapitels bei Einberufung sämtlicher, oder des größeren Teils der Kapitularen beschränkt, wozu übrigens auch die landesfürstliche Bewilligung eingeholt werden muß. In Hinsicht der Anstellungsfähigkeit zur Seelsorge hängen diese von der Approbation des Diözesanbischofs ab. ? Erst nach drei Monaten, nachdem nämlich mein Entschluß, in dem erwählten Stand und Orden zu verharren, in mir noch mehr befestigt war, gab ich meinen Eltern von demselben Kunde, die darüber anfangs nicht wenig betroffen waren, doch sich in der Folge meiner Zufriedenheit gewiß vollkommen beruhigten. Während des ein volles Jahr dauernden Noviziats war es mir außer dem Chor und einiger zum geistlichen Stande vorbereitenden Studien vergönnt, in den lateinischen Klassikern, die sich im Noviziatssaal in einem Schrank vorfanden, in den Nachmittagsstunden zu lesen. Ciceros sämtliche Werke, dann Livius, Sallustius, Tacitus, Terenz und Virgil, die ich früher nur aus einigen in den Schulbüchern enthaltenen Bruchstücken kannte, studierte ich mit ungemeinem Fleiße und nie empfundener Freude; doch war und blieb seitdem der ernste, große Menschenkenner Tacitus vor allen mein Liebling. Auch die Hl. Schrift Alten und Neuen Bundes las ich dort zum ersten Mal in ihrem Zusammenhange, und eine ganz neue Welt ging da vor meines Geistes Augen auf! Überhaupt wirkte dieses Probejahr, nach den überstandenen Stürmen in stiller Abgeschiedenheit mit Lektüre und ernstem Nachdenken zugebracht, sehr[35] wohltätig auf mein Gemüt und meine nachherige Bildung. Nebstbei haben dort die Novizen die Aufgabe, in den Rekreationstagen zu ihrem künftigen Beruf der Seelsorge im Gebirge durch Ersteigung der steilsten Höhen sich zu üben und ihre körperliche Kraft zu erproben; auch darin fand ich volle Befriedigung meiner Freude an den Schönheiten der Natur. Im Verlaufe dieses Probejahres kam Denis, Kustos an der kais. Bibliothek in Wien, Österreichs berühmter Barde Sined, eigentlich der Barde der großen Kaiserin Maria Theresia, auf einer Reise nach Mariazell in das Kloster, und da der alte Novizenmeister sich etwas darauf zu Guten tat, solchen Fremden den Novizen, der nach seiner festsitzenden Meinung aus der algierischen Gefangenschaft kam, vorzustellen, so führte er ihn zu mir in das Noviziat. Denis sprach italienisch mit mir vor allem aufmunternd zur Dankbarkeit gegen die Vorsehung, die mich auf meiner weiten Reise aus großen Leiden und Gefahren gerettet habe. Ich antwortete mit leiser Stimme ganz kurz: »Es ist gewiß, ich habe auf jener Reise viel ausgestanden«, ? was im strengsten Sinne wahr gewesen ist. Mein alter Meister aber sprach, als sie sich entfernten, lachend zu ihm: »Wie ich es sagte, er hört es nicht gerne, wenn von jener Geschichte gesprochen wird!« Nach dem überstandenen Probejahr kam ich Anfang November des J. 1793 in das bischöfliche Priesterseminar zu St. Pölten, wo ich während der drei folgenden Jahre Theologie studierte. Dort ward mir das Glück, an einem meiner Lehrer Anton Wohlfahrt, Mitglied des Cisterzienserstiftes von Wiener Neustadt und nachmaligen Abten desselben, dem das Bibelstudium und jenes der griechischen und orientalischen Sprachen oblag, einen wahrhaft väterlichen Freund zu finden, der mich besonders auszeichnete, mich in den Winterabenden nach dem Nachtessen mit auf sein Zimmer nahm und dort mit mir die trefflichsten, interessantesten Werke und Zeitschriften durchlas. Im zweiten Jahre des theologischen Lehrkurses trieb ich nebenher das Studium der französischen Sprache, verlegte mich aber mit besonderem Fleiß auf jenes der englischen (beides ohne einer fremden Anleitung), so daß ich in der Folge im Stande war, jedes auch noch so schwer verständliche Werk, wie z.B. Milton und Shakespeare, zu verstehen. Früher Tacitus, jetzt Shakespeare und später Homer waren die drei Autoren, denen mein Geist am tiefsten huldigte; doch dünkte mich Shakespeare das größte Genie aller Zeiten! Die dürftige Kenntnis der griechischen Sprache, in so weit sie nämlich in der Schule zum Verständnis der Bücher des Neuen Bundes nötig war, diente mir zur Grundlage, sie mir später auch zum Lesen der griechischen Klassiker eigen machen zu können. Im zweiten Jahre des theol. Lehrkurses versuchte ich, gegen den Winter hin einige Lieder in Form eines Rundgesanges zu schreiben, die wir dann, einige 60 Studierende, in den Erholungsstunden[36] gewöhnlich nach dem Nachtessen im Billiardzimmer ringsher an der Wand sitzend unter Begleitung eines Violoncello laut und munter absangen. Eines davon, so weit ich mich dessen erinnere, begann mit den Worten: »Schön ist's, Brüder, uns hier zu erfreuen, wenn die Freud' uns hellen Blickes winkt, u.s.w.« Diese Freude sollte uns, versteht sich, nur zum Guten dienen, daher war auch ihr Besingen von unseren Vorgesetzten und Lehrern, die uns manchmal zuhörten, gebilligt. Auch aus andern Stiften der St. Pöltener Diözese, Benediktiner aus Göttweig und Altenburg, Cisterzienser aus Zwettl und reg. Chorherren von Herzogenburg befanden sich damals als angehende Theologen mit mir im bischöflichen Seminar. Einer von diesen, ein sehr geistreicher junger Mann, gab uns zuweilen nach dem vollendeten Rundgesang noch eine scherzhafte Novelle zum Besten. Eines Abends hörte ich zu meinem großen Erstaunen die Erzählung meiner algierischen Gefangenschaft, wie er sie aus den Mitteilungen meines alten Novizenmeisters an mehrere Stiftsmitglieder erfahren hatte, aber, versteht sich, mit mehreren romantischen Zugaben aufgestutzt, von ihm vorlesen. Es folgte allgemeiner Beifall und Lachen darauf. Dies war die Veranlassung, daß im Verlaufe der Zeit alle diese jungen Leute später als Kaplane, Pfarrer u.s.w. im Lande zerstreut weiter davon erzählten, viele von ihnen es als wirklich geschehen annahmen, und die Sage auf solche Art immer weiter verbreitet wurde. Oft lachte ich darüber, wenn man mich in der Folge darüber anging; oft ergriff mich aber ein tiefer Mutwille dabei, da mir der wider Willen erhaltene Anstreich eines Romanhelden oder Abenteurers überaus verhaßt war. Vor hohen Personen, welche mich darüber reden zu hören dachten, fand ich mich gewöhnlich nach einigem Stillschweigen mit der stehenden Phrase ab: »Gewiß, ich habe in meinem Leben viel ausgestanden!« ? Im Spätherbst des J. 1796 durch den Bischof Grafen von Hohenwart in St. Pölten zum Priester geweiht, las ich die erste Messe in meinem Stifte am 8-ten Dezember desselben Jahres und nebstdem, daß ich an der dortigen Stiftspfarre zur Seelsorge verwendet ward, verlegte ich mich sogleich auf das Bibelstudium und jenes der damit verbundenen Sprachen, da ich meine Neigung kund tat, Professor desselben werden zu wollen. Auch hielt ich den Novizen, ihnen zur Vorbereitung für das künftige Schuljahr wöchentlich dreimal Vorlesungen aus der Kirchengeschichte, wodurch ich hoffte, mich in meinem Fach als künftiger Lehrer in Hinsicht des Vortrags mit Erfolg einüben zu können. Das folgende Jahr 1797 war ein verhängnisvolles für Österreich und für mich. Das Volk wurde aufgeboten, das Land gegen das unter Bonaparte bis Leoben vorgedrungene französische Heer zu schirmen. Ich hielt die Aufgebotspredigt und bekam in der Folge die Auszeichnungsmedaille der Landwehr. Der Waffenstillstand[37] wurde indessen abgeschlossen, und die aus der Festung Mantua auf Kapitulation abgezogene Mannschaft, unter welcher ein bösartiges Fieber ausgebrochen war, über Bruck an der Mur, Mariazell und Lilienfeld in die Spitäler von Krems und Brünn transportiert. Ich mußte einigen Sterbenden von ihnen beistehen und erbte die Krankheit sogleich. Am 5-ten Mai mußte ich mich legen; bald zeigten sich an mir die schwarzen Petechien, und durch einen übelangebrachten Aderlaß wurde mein Zustand noch schlimmer. Bei fortwährendem Phantasieren, aus welchem ich erst nach erfolgter Krisis am 21-sten Tag wieder zum Bewußtsein kam, wurde ich öfters von den herbeigeholten Ärzten für unrettbar erklärt, und auch später zweifelte man noch lange an meiner völligen Wiederherstellung, da durch die vielen decubitus (durch Ablagerung entstandene Brandwunden), deren achtzehn an meinem Leibe gezählt wurden, meine ganze Lebenskraft erschöpft zu sein schien. Wirklich war ich seitdem sehr vielen Krankheitsfällen unterworfen und fand erst nach mehr als zwanzig Jahren, wo ich meiner Auflösung schon nahe zu sein schien, in den Bädern von Gastein eine entscheidende Besserung meines Gesundheitszustandes. In gutmütiger Sorgfalt, daß das sitzende Leben bei anhaltendem Studieren für mich minder ersprießlich sein dürfte, ernannte mich mein Abt zu Anfang des J. 1798 zum Ökonomiedirektor des Stiftes, welches Amt wegen der Alpenwirtschaft mit vieler anstrengender Bewegung verbunden war, ganz gegen meine Neigung; doch ich mußte gehorchen. Nach zwei Jahren, während welchen ich mein Amt liebgewonnen hatte, traf jenen der Schlag; es wurde ihm ein Administrator (Stellvertreter) gegeben, und ich mußte die Leitung der Herrschaftskanzlei und des Forstamtes übernehmen. Da wurde mir dann, weil die Forste auf einer Strecke von mehr als neun Quadratmeilen verteilt waren, ein Reitpferd unentbehrlich, was man wieder in Hinsicht meiner Gesundheit für zuträglich erachtete. Da gab es dann zuweilen übertriebene Anstrengungen ? besonders eine, die nicht einmal von Amtspflicht geboten war und die für mich sehr gefährlich hätte werden können. Ich hatte mich mit dem Kaplan von Kaumberg, einem vier Stunden vom Stifte und zu ihm mit der Pfarrei gehörigen Markte, verabredet, daß wir an einem bestimmten Tage bei dem Dorfpfarrer in Anzbach, seinem Verwandten, zusammentreffen wollen, um auf dessen Einladung in der dortigen schönen Gegend einen Tag zuzubringen. Das Dorf liegt nicht ferne von Neulengbach, welcher hübsche Marktflecken am Eingang des Gebirgstals von der nach Oberösterreich führenden[38] Hauptstraße deutlich gesehen wird. Ich wollte nach dem zeitlicher eingenommenen Mittagsmahl über das Gebirg reitend abends dort eintreffen. Noch während ich dabei saß, sprang der Gerichtsverwalter des Stiftes herein und sagte, daß er wegen eines Kriminalfalles sogleich nach der Herrschaftskanzlei von Neulengbach über St. Pölten, also wohl über vier Posten weit fahren müsse. Ich aber bestieg nach geendetem Mahle mein Reitpferd, das einen sehr schnellen Paß ging und ritt durch das schöne Seitental der Gölsen, durch welches man nach Hl. Kreuz und Baden gelangt, über drei Stunden lang bis nahe an den Markt Hainfeld, von welchem ich den Gebirgsweg nach Anzbach abgeredetermaßen einschlagen sollte. Nach anderthalb Stunden, als die Sonne sich bereits zum Untergang neigte, gelangte ich auf der Höhe zu einem einsam gelegenen Wirtshause, hielt vor demselben still und fragte, wie weit es noch bis Anzbach sei. Man sagte mir zwei Stunden. Dies schreckte mich ab, und ich gedachte dort zu übernachten. Als ich aber in den Hofraum ritt, und der Gastwirt, zugleich Metzger, dort eben einen geschlachteten Ochsen zerstückte, da lag allenthalben so viel Blut und Unrat herum, daß ich von Ekel ergriffen auf dem bezeichneten Wege langsam wieder weiterritt. Nach einer Stunde ungefähr, wo schon tiefe Dämmerung im Tale verbreitet war, hielt ich vor einem einzelnen Bauerngehöft an, schrie nach der erhellten Stube um Gehör und vernahm nun von den Herausgeeilten, daß ich vom eigentlichen Wege ab hieher links, statt von demselben rechts geritten sei, man wolle mir aber durch einen eröffneten Zaun nach einer kurzen Strecke Begleitung den rechten Weg angeben. Mein gutes Tier schritt nach so langer Anstrengung auf demselben geduldig weiter fort; doch jetzt rauschte hinter einer lichten Reihe von Weidenbäumen ein Bach über das Gerölle immer lauter; das Roß hielt öfters stille, wich etwas zurück und schnob. Dies bewog mich abzusteigen, und da fand ich, daß wir uns ein paar Klafter hoch an dem Uferrande des Baches befanden, worauf ich mein Reitpferd an dem Zügel langsam weiterführte und beschloß, in der, wie es schien, weiten Öde unter einem breiten Baume zu übernachten, der Morgendämmerung nämlich zu harren, da die Nacht glücklicherweise nicht kalt war. Nach einer zurückgelegten ziemlich langen Strecke hörte ich der Langseite näher oben Hundegebell und ein paar Männerstimmen und schrie aus vollem Halse um Hilfe. Jene oben riefen, was es gebe, kamen endlich herab und über einen schmalen Weg, der den dortigen Bewohnern zum Kirchengange diente, zu mir herüber. Ich sagte ihnen, wer ich sei und wohin ich wolle. Sie kamen aus ihrer Verwunderung über meinen Irrgang gar nicht heraus und sagten endlich, der einzige Ausweg sei, das Pferd womöglich über den Steg hinüberzuführen und dann Neulengbach nach einer halben Stunde zu erreichen. Ich traute dem Landfrieden nicht mehr, dingte einen von ihnen um reichlichen[39] Lohn zum Führer und kam um neun Uhr abends in dem Gasthofe des Marktes an. Inner dem Tore desselben faßte ein Postknecht den Zaum meines Rosses und fragte, ob er den Schimmel versorgen solle. Mit Staunen hörte ich, daß er von Lilienfeld, und der Gerichtsverwalter im oberen Stockwerk beim Nachtessen begriffen sei; nur Anzbach im Sinne, hatte ich auf seine Fahrt nach Neulengbach ganz vergessen. Er erschrak nicht wenig, als ich eintrat, denn mittags hatten wir uns noch im Stifte gesehen und nun trafen wir viele Meilen weit davon zusammen. Er meinte, ein großes Unglück müsse dort geschehen sein, das mich hieher führte. Doch bald ließen wir uns, ich insbesondere, bei großem Hunger das Nachtessen trefflich schmecken, und am folgenden Morgen langte ich zeitlich in dem belobten Anzbach an, wo ich mit meinem Stiftsmitbruder und dem Ortspfarrer einen vergnügten Tag zubrachte. Da hörte ich, daß die letzte Poststation vor Wien, Purkersdorf, nur anderthalb Stunden weit entfernt liege. Mir gingen noch einige wichtige Notizen zu meiner Tunisias ab, die ich in der Hofbibliothek zu finden hoffte; ich ritt also nach Purkersdorf hinaus, übergab mein Pferd dem Gastwirte daselbst zur Versorgung und eilte mit einem Fiaker nach Wien. Dort fand ich, was ich suchte, und kehrte am nächsten Morgen auf gleiche Art wieder nach Anzbach zurück. Der Kaplan von Kaumberg war indessen heimgezogen, und ich trat den nächsten Tag die Reise in das Stift, während welcher ich abermals acht Stunden lang nicht aus dem Sattel stieg, von dort an. Im Zurückreiten sah ich dann in der weiten Öde, wo ich jüngst mein gefahrvolles nächtliches Abenteuer bestand, die ganze über eine Stunde breit rings vom Mittelgebirg umgebene und von weißem Sand und Geröll bedeckte Fläche, worauf nur der Waldbach und ein schmales Geleise, Weg genannt, zu sehen war, vor mir und wunderte mich gar nicht mehr, daß ich mich in der Dunkelheit so leicht und wiederholt verirren konnte. Das Gefährliche dieses nächtlichen Rittes waren an der Langseite hin die abschüssigen und zerbröckelten Uferränder des tief unten fortgleitenden Waldbaches, wo mich der sichere Instinkt meines klugen Tieres vor dem Hinabsturze bewahrt hatte. Diese beiden Ämter versah ich vom J. 1800 bis Ende Juni 1807, wo ich zum Pfarrer von Türnitz, einem an der Straße nach Mariazell in der Steiermark zwei Stunden Weges vom Stift entfernten Markte, ernannt ward. Doch es ist noch etwas für mich Wichtiges über die letzten achthalb Jahre meines Lebens im Stifte nachzuholen. Bei meinen vielfältigen, anderweitigen Beschäftigungen hatte ich meine literarische Ausbildung nicht versäumt; es war mir ein unaussprechliches Vergnügen, in den einsamen Abendstunden und meistens bis tief in die Nacht hinein meinen Studien obzuliegen. Seit ich in der Stiftsbibliothek [40] Homers Ilias nach der Voßischen Übersetzung gefunden und gelesen hatte, war für das Ideal, das ich schon so lange in der Brust mit mir herumtrug, die Form gefunden; mein Entschluß war gefaßt, die Eroberung von Tunis und die Befreiung von zwanzigtausend Christensklaven durch den heldenmütigen Kaiser Karl V. zum Stoff eines Nationalepos der Deutschen zu wählen, und dieser literarischen Arbeit allein die Mußestunden meines Lebens zu weihen. Zu diesem Behufe las ich alles darauf bezügliche mit unermüdlichem Fleiße durch, machte lange Auszüge aus Jovius und Eutropius gleichzeitiger Geschichte jenes Kriegszuges, benützte manches aus Robertsons Geschichte Karl V., ergänzte aber das meiste aus den zuverläßlichen Quellen, die mir Ferreras und Sepulveda boten. Nebst dem konzentrierte sich alles, was ich durch lebendige Anschauung der Natur in und außer dem Menschen in mich aufnahm, in diesem einzigen Gegenstande meiner Wahl, und ich suchte es ihm mit allem, was je meine Brust freudig oder schmerzlich bewegt hatte, mit Liebe einzuhauchen, wie solches das Epos in seiner weltumfangenden Größe erheischte. Bei weitem die größte Mühe und Anstrengung kostete mich aber die vollkommene Ausbildung in der deutschen Sprache und die Metrik oder die Erlernung des Versbaues. Anfangs schien mir die Stanze, als der romantischen Poesie angehörig, den Vorzug zu verdienen, und ich machte mich ganz freudig über den ersten Gesang meines Gedichtes her, der in solchen beinahe zu Ende gedieh; doch bald überzeugte ich mich, daß der Reim, wenn auch noch so glücklich gehandhabt, den Gedanken immer Fesseln anlege; dies um so mehr bei einem langen, erzählenden Gedichte, wie es das Epos ist, für welches sich der Hexameter durch seine Breite im Periodenbau, durch das Auffassen volltönender zusammengesetzter Wörter und durch die Macht, alles, was sich in der Schöpfung dem Ohr durch einen Laut und dem Auge durch seine Form erkennbar ist, ganz entsprechend zu beschreiben, vorzüglich eignet. Also ausgerüstet mit den nötigen Vorkenntnissen, nahm ich mir dann vor, mein Werk in den Augenblicken der Weihe zu vollenden. Bei meinen andern vielfältigen Geschäften, denen ich aus tiefem Pflichtgefühl eifrig oblag, ahnte es aus meiner Umgebung niemand, daß ich mich mit solchen Dingen beschäftige. Ein Kind der Natur, auf ihren Armen gewiegt und großgezogen, war ich seit meiner frühesten Jugend meistens mir selbst überlassen und mußte von keiner gängelnden Hand geführt auf der literarischen Laufbahn alles selber erwerben, somit meinen eigenen Gang gehen, wozu meine jetzige Lebensweise besonders fördernd wirkte. Wenn ich dann später in Biographien und dergleichen von ausgezeichneten deutschen Schriftstellern las, wie sie schon als Jünglinge auf Universitäten talentvolle Freunde fanden, mit welchen sie dann auch in der Folge im literarischen Verkehr stehend sich gegenseitig hoben[41] und unterstützten, da dachte ich bei mir selber: »Du Armer, standst so einsam!« Doch vielleicht war es gut, daß es so kam! Die Leitung der Ökonomie und dann der bedeutenden Waldgeschäfte des Stiftes war mir durch den Zeitraum von beinahe zehn Jahren, von meinem 26-sten bis 36-sten Lebensjahre, anvertraut. Dort die weitläufigen Forstreviere zu Roß und zu Fuß durchziehend, auf den Alpenhöhen, im Schatten dunkler, vom Wind bewegter Wälder, am rauschenden Wildbach, in der schauervollen Nähe brausender Katarakte weilend oder hingestreckt auf grüne Matten und wohl stundenlang zu dem blauen Himmel emporschauend horchte ich voll hoher Ahnung der allwärts regen, geheimnisvollen Stimme der Natur und schaute sie vor mir in unaussprechlicher Fülle bezaubernder Gestalten ausgebreitet, deren Bilder mit unauslöschlichen Zügen meinem Geiste gegenwärtig mir bei meinen nachfolgenden Konzeptionen zu Gebote standen. Während jener Zeit geschah auch die erste Besetzung von Unterösterreich durch Feindesgewalt, also auch jener Gegend, wo ich lebte. Marschall Davoust folgte dem General Merveldt, der sich bei Stadt-Steyr in das Gebirg geworfen hatte, mit dreißigtausend Mann bis Mariazell an der Grenze von Steiermark nach, trieb ihn dort auch einem kurzen Widerstand auf die Straße nach Bruck an der Mur nochmals in die Flucht und wandte sich dann, ohne ihn weiter zu verfolgen, gegen Lilienfeld, um sich mit der nach Wien vorrückenden Hauptarmee Napoleons bei St. Pölten zu vereinigen. Man erwartete von dieser Stadt her einen feindlichen Besuch im Stifte, und nun kam er, ohne daß man sich dessen versah, mit solcher Macht von der entgegengesetzten Seite. Ein paar Tage zuvor herrschte beinahe Grabesstille weitumher, nur etwa zwanzig Mann versprengter österreichischer Krieger von allen Waffengattungen, Kanoniere, Fuhrwesens-Mannschaft, Reiter ohne Pferde, Fußvolk, deutsches und ungarisches u.s.w. kamen über die Gebirge seitwärts in das Tal herab und wurden im Orte einquartiert und verpflegt. Da sah ich sie in der Nachmittagsstunde an dem Ufer der Traisen hingestreckt auf den Boden liegen. Die einen rings um den ausgebreiteten Mantel beinahe in Lumpen von Montur sahen voll Gier nach den fallenden Würfeln, um all ihr Geld spielend; die anderen schlugen weit lärmender in ihrer Fröhlichkeit mit den Karten auf den Boden, und im Eifer des Spiels wandte keiner den Blick nach mir hin, obschon ich ihnen lange zugesehen hatte. Das »von heut auf morgen!« in dem Kriege macht, daß der Soldat wie das Leben so auch seine noch so geringe Habe sprichwörtlich auf das Spiel setzt. Noch ein paar Tage hindurch herrschte eine beklemmende[42] Stille in jener Gegend. Es sind schreckliche Augenblicke, die einem feindlichen Einfall vorangehen! Am 5-ten November 1805 sprengten gegen acht Uhr morgens die ersten feindlichen Reiter heran, die sogenannten Eclaireurs, denen bald Scharen auf Scharen, endlich nach ein paar Stunden auch der Marschall folgte und sich mit seinem ganzen Generalstab in dem Stift einquartierte. Drei Tage währte der Durchmarsch seines Korps, während welchem stets ein paar tausend Mann links und rechts an der Straße im bivouvaque lagen, dessen zahllose Feuer des Nachts durch die Fenster meines Zimmers leuchteten. Doch ich hatte dort wenig Ruhe. Der Abt war mit den Kostbarkeiten flüchtend nach Ungarn hinabgezogen; der Prior schloß sich mit den älteren Geistlichen im Konvent ein, und nur einer der jüngeren stand [mir] in diesem furchtbaren Sturm und Drange bei, wo ich von den Franzosen mit dem Titel Mr. le Procureur bezeichnet ward. Bald wurde ich vor den Marschall, bald nach der Kanzlei des Generalstabs, bald in die Küche und den Keller und auch zu einem verwundeten Soldaten, den in einem der Seitentäler, wo er vermutlich plündern wollte, ein Bauer mitten durch die Brust geschossen hatte, gerufen, um ihn mit den Sterbesakramenten zu versehen. Als ich im Schneegestöber mitten durch die ziehenden Scharen nach Hause kehrte, riefen einige unter ihnen: »Il a encore des bonnes bottes« (er hat noch gute Stiefel an), und ich befürchtete alle Augenblicke, daß mich einer von hinten fassen und der andre mir die Stiefel abziehen würde, wie sie es dort gar oft zu tun pflegten, und ich dann barfuß heimkehren müßte, was indessen doch nicht geschah. Nun sah ich endlich kriegerische Szenen vor mir, von welchen ich in meiner Kindheit so viel gehört und mit welchen ich mich so lange, so viel beschäftigt hatte; aber ach! nicht auf dem Felde der Ehre, sondern daheim, unter Feindes Gewalt, der harten Willkür und unzähligen Plackereien preisgegeben! Diese hatte ich im vollen Maße zu erdulden gehabt, obschon ich von persönlicher Mißhandlung frei blieb. Am Morgen des vierten Tages kam die Nachricht von dem Einzug Napoleons in Wien an, und der Marschall brach sogleich auf, um dort mit seinem Korps zu ihm zu stoßen. Kurz vorher ließ er mich zu sich rufen; ich mußte mich nahe am Feuer des Kamins neben ihn setzen; er langte von dessen Gesimse die Wienerzeitung herab und sagte, ich solle ihm den ersten Artikel darin in die französische Sprache übersetzt vorlesen. Er war kurz und lautete beiläufig wie folgt: »Der Feind hatte die Kühnheit, bis an die Grenze Oberösterreichs vorzudringen; es sind aber alle Anstalten getroffen, ihn kräftig zurückzuweisen.« Er nahm das Blatt lächelnd aus meinen Händen, das ganze sollte ohnehin nur ein Scherz im spöttelnden Sinne sein, und erzählte mir dann mit vieler Wärme von der Expedition[43] nach Ägypten, die er unter Napoleon mitgemacht hatte. Zum Schluß bedauerte er nur, daß Österreich durch diesen letzten Kriegszug das siegreiche französische Heer von der Invasion von England, zu welcher alles vorbereitet war, abgezogen hätte! Das Stift hatte bedeutenden Verlust, vorzüglich an Wein, an Rindvieh, wie auch an Futter für dasselbe und durch Kontributionen in Barem erlitten, so wie auch die ganze Gegend ringsumher erschöpft ward. Weit größere und anhaltendere Leiden hatte mir der Krieg von 1809 bereitet. Seit dem Monat Juli 1807 war ich als Pfarrer von Türnitz sowohl mit dem Erfolg meiner Amtsverrichtungen in einer guten Gemeinde, als auch mit dem Betrieb meiner kleinen, mich sehr gut nährenden Ökonomie zufrieden und hatte die Pfarrkirche mit einem von Schindler in Wien gemalten Bilde zum Hochaltare und den Chor mit einer guten Orgel versehen, wozu auch einige der wohlhabenderen Bürger Geldbeiträge geliefert hatten. Da hob sich an dem heiteren Friedenshimmel wieder das schwarze Gewittergewölk des Krieges herauf; ein Enthusiasmus ohnegleichen erfüllte die Völker von Österreich, und es lag auch uns Pfarrern ob, die Landwehr von der Kanzel aufzubieten. Bald sahn wir diese in den Waffen geübt mit den übrigen Kriegern in das Feld rücken. Endlich schien der Tag gekommen zu sein, wo die frühere Schmach an dem übermütigen Feinde gerächt werden sollte. Der Sieg schien gewiß; allein die ewige Vorsehung hatte es anders bestimmt, die Feinde rückten wieder verheerend gegen Wien vor! Hinter Türnitz verengt sich das Tal zu einem Engpaß, wo sich die steirische Landwehr unter dem Grafen von Schärffenberg, vereint mit einem zurückgekehrten Bataillon österreichischer Landwehr, die der Major Graf Adalbert Clary-Aldringen befehligte, hinter geringfügigen Verschanzungen aufstellte. Vor dem Markt Türnitz wurden ein paar Kanonen auf einem Punkte aufgeführt, von welchem die Straße bestrichen werden konnte. Dies geschah spät abends; doch am frühen Morgen wurden auch diese weiter hinein in das Gebirgstal, durch welches sich die Straße nach Steiermark fortdehnt, geführt. Von diesen Schritten müssen in das Hauptquartier zu St. Pölten Nachrichten gelangt sein; denn bald ward eine bedeutende Macht in Eilmärschen gegen uns gesandt. Ich stand an jenem Morgen gegen acht Uhr, sinnend in den weiten Hofraum schauend, unter der Haustüre; da sprengten die ersten feindlichen Reiter heran und schossen auf einen Bauer, der erschrocken vor ihnen über das Gittertor auf mich zusprang, ihre Pistolen ab. Eine Kugel fuhr kaum zwei Spannen weit von mir in die Mauer. Zwei Regimenter Chasseurs à cheval und fünf Bataillone Infanterie waren es, die der General La Bruyère, Neffe des Marschall Berthier, der später in der Schlacht bei[44] Lützen sein Leben verlor, zu einem leichten Sieg heranführte, denn obgleich die Krieger der Landwehr ihm etwa fünfzig Mann und unter diesen den ersten kühn vordringenden Rittmeister Schuß auf Schuß niedergestreckt hatten, so nahmen sie doch bald Reißaus; die beiden Kanonen wurden nachmittags samt den gefangenen zwei Kanoniers zu meinem großen Herzleid durch den Markt zurückgebracht und mit dem ebenfalls gefangenen Major der österreichischen Landwehre, Grafen von Breuner in das Hauptquartier abgeführt. Zur selben Zeit sah ich aus dem östlich vom Markt gelegenen weiten Traisental, in welchem sich mehrere Mahl-und Sägemühlen und über vierzig große Bauerngehöfte zerstreut befinden, ungeheure hohe schwarze Rauchsäulen emporsteigen; der zurückgekehrte General sprang vor meinem Gärtchen, in welchem ich mich eben befand, vom Pferde und erzählte mir lächelnd von dem geringen Widerstand, den er gefunden. Mehrere Bürger des Marktes waren ihm mit todblassen Gesichtern gefolgt, riefen mich zitternd seitwärts und taten mir kund, daß die Bauern vom Traisental zwei Franzosen, die auf Plünderung ausgingen, erschossen, den dritten aber verwundet hätten, welcher ihnen entkommen eben in den Markt gelangte, als der General zurückkam. Sogleich habe dieser den Befehl erteilt, sämtliche Häuser im besagten Tal niederzubrennen; wo ich mich nicht verwendete, wären sie alle bis nahe am Weichbild des Marktes verloren! Ich eilte bestürzt dem Generale zu und bat ihn mit gefalteten Händen um Pardon; er aber, sonst immer freundlich gegen mich, wandte mir zornig mit den Worten den Rücken, ich sollte für keine Meuchelmörder Vorbitte tun, und ging nach seinem Zimmer. Ich folgte ihm dahin und ließ nicht ab, ihn mit meinen Bitten zu bestürmen, bis er unter der Bedingnis dem Feuer Einhalt zu tun versprach, wenn ich mich verbürgte, daß die Bauern der Umgegend keinen ähnlichen Unfug mehr gegen die Franzosen verüben würden. Man fürchtete, so schien es, ähnliche Auftritte wie in Tirol ... Komme, was da wolle, ich tats! Alsobald schrieb er einige Zeilen, die ein Reiter forttrug; ich aber mußte ein paar Bürger mit zwei Soldaten von Haus zu Haus senden, damit sie die Bauern, unter welchen wegen erlittener Mißhandlungen eine große Aufregung war, ermahnten, sich ruhig zu verhalten. Ein Glück war es, daß meine Pfarrkinder aus Liebe zu mir sich der Anordnung fügten, denn aus der mindesten Veranlassung wäre ich, wie es später offenkundig ward, zu einem abschreckenden Beispiel öffentlich erschossen worden. Daß ich am Vorabende der Invasion bei der Aufführung der beiden Kanonen gegenwärtig war und mir die Richtung derselben und der Kartätschenladungen von den Kanonieren zeigen ließ, wurde ihnen von einem Mann, von dem noch später die Rede sein wird, verraten; dies und der Umstand, daß in meinem Schlafzimmer hinter einem Kasten sich ein paar Jagdgewehre vorfanden, die ein[45] paar Offiziere sogleich draußen an einem eisernen Gitter den Kolben abschlagend unbrauchbar machten, hatte besonders die zwei Obersten der Chasseurs à cheval mit Mißtrauen gegen mich erfüllt. Nach obenberührter Absendung wurde dem Feuer Einhalt getan. Schon waren zwei Mühlen und acht große Bauernhöfe niedergebrannt, als vor dem neunten der abgesendete Reiter anlangte, den Kriegern den Befehl des Generalen kund tat und sie zurückrief. Der Besitzer einer von jenen dem Markte zunächst liegenden Mühlen wurde von den Franzosen, da er dem nächsten brennenden Hause zu Hilfe eilen wollte, niedergeschossen ? ein sechzigjähriger, ansehnlicher Mann, den ich wegen seiner schätzbaren Eigenschaften wie einen Freund in Ehren hielt. Man brachte mir ihn in der Abenddämmerung auf einen Schubkarren ohne Sarg und nur mit einem groben Leintuch bedeckt vor die Kirchentüre, damit ich ihn vor dem Begräbnis einsegnete! In jenen schrecklichen Momenten galt weder Sitte noch Recht, denn auch die Glocken mußten verstummen. Amazon.de Widgets Jener Abend sollte noch mehr des Schmerzlichen für mich bieten. Der General saß mit etwa zwanzig Offizieren beim Nachtessen, an welchem ich gezwungen Teil nehmen mußte; da ich aber vor Herzleid und heimlichem Grimm wegen der Schreckensszenen nichts zu mir nehmen konnte, so ward ich von den Offizieren häufig verhöhnt, daß mir das Schicksal meiner Bauern den Appetit verdorben hätte. Plötzlich fuhr der Oberste der Jäger zu Pferde vom Tische auf, rannte zum Fenster, die übrigen mit Ausnahme des Generals alle ihm nach und wandte sich dann mit einem schreienden Laut gegen mich, was das Feuer auf dem nächsten Hügel bedeute? »Ich weiß es nicht«, gab ich zur Antwort. Nach seinem Beispiel schnallten nun alle voll Hast ihre Degen um den Leib und als sie zur Türe hinausstürzten, rief er mir mit geballter Faust zu, wenn es ein Signalfeuer wäre, so würde er zuerst mein Haus und darauf den ganzen Markt in Brand stecken und mich erschießen lassen. Ich blieb unbeweglich sitzen ? so auch der General, der seinen Federhut aufhatte und schweigend nach dem Teller hinabsah. Nach einiger Zeit kehrten wieder alle lärmend und lachend zurück, es hatte einigen Soldaten gefallen, hoch über dem Lager einen Wachtposten einzunehmen und sich bei dem Feuer zu erlustigen. Am vierten Tage wurde der General durch Napoleon beordert, ihm mit seinen Truppen nach Wien zu folgen. Allein der obgleich geringe Widerstand der Landwehr machte, daß nach ihm General Duplin mit einigen Bataillonen nach Türnitz kam, und diesem Lacour folgte, der in der Schlacht von Wagram das Leben verlor. Auch sie beide waren bei mir einquartiert, wie von nun an alle feindlichen Chefs, die in unsere Gegend beordert waren. Ehe General Lacour, der um ein Uhr nach Mitternacht angesagt war, in meinem[46] Hause eintraf, stellte sich ein Sergeant-Major dort ein, forderte trotzig ein reinliches Bett in einer der unteren Stuben mit dem Bedeuten, er sei der Sekretär des Obersten, der mit dem Generalen komme, und der Oberste von diesem besonders hochgehalten. Am Pfingstsonntage morgens frühe, als eben die Schlacht von Aspern gekämpft ward, sah ich mit dem Generalen aus dem Fenster des oberen Stockwerks in den Hofraum hinab, wo seine Reitpferde und einige dreißig Chasseurs à cheval seines Aufbruchs harrten; er gab mir auf die Frage: »Qu'est ce que serà de nous et de l'armée des Autrichiens?« zur Antwort: »Encore un coup, et nous allons les écraser!« Nach dem Abzug des Generals stand ich in trübe Betrachtungen versunken im oberen Gärtchen und harrte der Stunde des nahen Gottesdienstes, als plötzlich die lärmende Stimme und der Fußtritt einiger Soldaten von der Treppe heraufscholl. Es war der obgenannte Sergeant-Major mit ein paar langbärtigen Regiments-Zimmerleuten, die ihre großen Hacken wie gewöhnlich auf der Schulter trugen. Der Oberste ? rief jener ungestüm ? habe hier im Hause eine wichtige Schrift liegen lassen, die er holen müsse. Ich führte sie sogleich in das Zimmer, in welchem der Oberste übernachtet hatte; allein es fand sich nichts. Sie müsse sich, so lärmte er, vorfinden, und er werde sie schon selber suchen, nachdem wir sie aus böser Absicht versteckt hätten. Mit diesen Worten drangen sie in mein Zimmer ein, und die beiden Zimmerleute begannen sogleich auf seinen Befehl meinen verschlossenen Schreibkasten aufzubrechen. Ich zweifelte gleich anfangs keinen Augenblick, daß sie nur zu plündern gekommen waren, weil sie mich schon in der Kirche vermuteteten, und der eine von ihnen, wie er mich noch im Gärtchen stehen sah, zu seinen Kameraden sagte: »Nous avons manqué le moment!«; daher lief ich mit den Worten: »Ihr Schurken, gleich werde ich den Offizier herbeirufen!« zum Zimmer hinaus, dann durch das Gärtchen in die erste Gasse des Marktes und rief einem Bürger zu, es möge einer der Offiziere schnell in den Pfarrhof kommen. Nach dem Abzug des Generalen La Bruyère blieben nämlich hundertzwanzig Mann Fußvolk mit drei Offizieren und 40 Reitern mit ihren Marechaux de logis (Wachtmeistern) als ein Picket zurück und wurden im Markte einquartiert. Da sah ich denn, wie diese vor dem Abzug des größeren Heerhaufens mitunter noch so übermütigen Krieger sich nun so zahm und furchtsam benahmen, denn die Offiziere und diese Wachtmeister kamen vereint zu mir in den Pfarrhof und baten mich, ich möchte Sorge tragen, daß ihnen von Seiten der Bauern!! kein Leid geschehe, und sie würden auch ihre Mannschaft in Ordnung halten, damit nicht der mindeste Exzeß geschehe. ? Ich sagte ihnen unter dieser Bedingnis volle Sicherheit zu. Nun kam also einer dieser Offiziere mit bloßem Haupte in Eile herbei, als ich eben den Bösewicht mit[47] seinen beiden Gehilfen scheltend aus dem Zimmer und über die Treppe hinunter trieb und ihn vor dem schweigenden Offiziere wiederholt einen Räuber, der nur habe plündern wollen, nannte. Er kreischte noch unten von »Mauvaise volonté« und dergleichen und eilte dann den abmarschierten Scharen nach. Der Offizier gestand nun selber, daß die beabsichtigte Plünderung erfolgt wäre, wenn ich weniger Mut bewiesen hätte. Wie schlecht übrigens diese Herren Wort hielten, erhellte daraus, daß nach einigen Tagen, als diese kleine Arriergarde im Markte aufgestellt sich zum endlichen Abzug anschickte, ein Soldat aus einer geringfügigen Ursache einen der Bürger in meiner Gegenwart mit dem Gewehrkolben im Angesicht blutig schlug. Als ich darüber die Stimme erhob, winkte der Hauptmann dem Tambour mit dem Säbel, die Trommel rief zum Doppelschritte, und es zogen alle in Eile fort. Zwischen der Schlacht von Aspern und Wagram waren wir in Türnitz ziemlich frei von Feinden; nach dieser aber brach ein neuer Jammer über uns herein. Zwei französische Magasinärs, die mit eigener Gelegenheit über Mariazell und Bruck an der Mur nach Graz reisen wollten, wurden zwischen diesem Markt und dem nächsten Orte Annaberg auf der Straße ermordet und all ihrer Habe beraubt. Der lüderliche Sohn eines Bürgers von Türnitz, welcher der Landwehr entlaufen war, dann ein Maurergesell aus Tirol, ein Zimmergeselle und zwei Drahtziehergesellen ? alle von jenem verführt ? waren die Täter. Nach etwa sechs Wochen, nachdem dieser geheimgehaltene Frevel im Hauptquartier zu Schönbrunn angezeigt ward, kam von St. Pölten herein ein Offizier von der Gens-d'armerie mit sechs Gens-d'armes und vierundzwanzig Württemberger Dragonern unvermutet in Türnitz an und jener quartierte sich bei mir im Pfarrhof ein. Während des Mittagessens, zu welchem er einige Gäste geladen wünschte, betrug er sich überaus lustig und machte mir nach demselben den Vorschlag, mit ihm nach der eine Stunde entlegenen Glasfabrik zu fahren. Vier Dragoner und ein Gens-d'armes begleitete uns zu Pferde. Dort angelangt, befahl er mit ernstem Tone, zwei von jenen sollten ihm den Wirt unter dem Berg (Annaberg), bei welchem sich jene Frevler vor der Tat versammelt hatten, gebunden herbeiführen. Nun wurde mir der Zweck meiner Erscheinung klar! Auf die Frage, ob ich von jenem Mord und dessen Urhebern etwas gehört hätte, gab ich zur Antwort, daß ich später wohl Einiges davon gehört hätte, aber mir als Seelsorger geziemte es um so weniger, bei den weltlichen Gerichten etwas dagegen zu veranlassen, da es noch lange darauf hieß, einige versprengte[48] Landwehrmänner hätten die beiden Franzosen erschossen. Er hatte nichts dagegen einzuwenden, zeigte mir aber einen offenen Befehl vor, vermöge welchem er den Markt Türnitz niederbrennen solle, so ihm nicht die Täter binnen vierundzwanzig Stunden ausgeliefert sein würden. Der Wirt am Berge ward gebunden herbeigeführt, und ich drang in den Offizier, daß wir noch vor ihm in den Markt eintreffen möchten. Sogleich berief ich den Bürgermeister, tat ihm jegliches kund und forderte ihn auf, er möge zur Abwendung des drohenden Unglücks die Täter festsetzen lassen, wenn sie sich noch im Markte befänden. Bis auf den Haupturheber des schändlichen Frevels, den Bäckerssohn und den Maurergesellen aus Tirol, die entsprungen waren, wurden die anderen alle ergriffen und gefangen gesetzt. Am folgenden Morgen hielt der Offizier nach französischer Gerichtsordnung bei offenen Türen und Fenstern Gericht, bei welchem ich nebst dem Wachtmeister der Gens-d'armes, einem Elsasser, den Dolmetsch machen mußte und dabei Gelegenheit hatte, ein paar durch Angst und Schrecken bei ihren Aussagen verwirrte Bürger von größerem Unglück zu retten. Auch gelang es mir, die Entlassung des Wirtes am Berg, dessen Unschuld ich gleich Anfangs behauptet hatte, zu bewirken; die übrigen, als schuldig erkannt, wurden nach Schönbrunn in das Hauptquartier abgeführt, wo sie später Gelegenheit fanden, durch Bestechung des Wärters dem Kerker zu entkommen. Der Wirt am Berg mußte 500 F.C.M. und der Markt Türnitz 1300 F. als Brandschatzung zahlen, weil die Tat nicht früher angezeigt wurde. Nur schwer gelang es mir, die anfangs viel höher gestellte Forderung durch ergreifende Vorstellungen herabzustimmen. Es war eine unbeschreibliche Szene, als die indessen auf meinen Wink von ihrem Hause herbeigerufene Gattin des Bergbauerwirtes mit ihrem aus dem Kerker entlassenen Gatten in einer offenen Kalesche fahrend vor dem Hause, wo ich mich mit den französischen Gerichtspersonen befand, still hielt, sie vor mir, als ich zu ihnen hinabeilte, sich in den Staub warfen und mir laut weinend die Füße küssen wollten, so daß ich mich dessen nur mit Mühe erwehren konnte. Diese Befreiung war für die beiden armen Ehegatten um so überraschender und freudenvoller, da der Gens-d'armerie-Offizier morgens gleich bei dem Anfange des Verhörs den Bergbauerwirt mit geballter Faust und fast schreiend vor Wut angefahren, er sei derjenige, der die Gefangennehmung der beiden ermordeten Franzosen in seinem Hause veranlaßt hätte; deswegen habe er auch den Auftrag, sein Haus noch heute abbrennen zu lassen, die einzige Gnade, die er ihm dabei erweisen wolle, sei, daß er früher alle Möbeln aus demselben schaffen könne.[49] Nach diesen Worten sandte er sogleich zwei berittene Dragoner nach Annaberg und dem Hause unter dem Berg ab, den Befehl zu vollziehen. Die Nachbaren des Wirtes, gute Berginwohner der Gegend, legten sogleich Hand an und halfen sogleich alles aus dem Hause schaffen, und zwar mit solchem Eifer, daß bis Nachmittag kein Nagel mehr in der Mauer stecken blieb. Da ich, wie gesagt, gleich anfangs die Unschuld des Bergbauerwirtes behauptet hatte, und diese nun aus den Aussagen der später eingefangenen Täter in das hellste Licht kam, so drang ich gleich nachmittags in den Offizier, die mit der Brandlegung beauftragten Dragoner zurückrufen zu lassen, was dann auch geschah, und die armen Hausbesitzer nun doppelt getröstet waren. Aber bis zur Zeit des Friedensabschlusses wurde ich öfters noch, teils schriftlich, teils durch abgesandte Reiterordonanzen vom franz. Oberkommando in St. Pölten angegangen, ob die Täter noch nicht zum Vorschein gekommen wären. Dies war hauptsächlich von den zwei Obengenannten zu verstehen. Endlich wurde ich sogar in Begleitung eines Bürgers nach St. Pölten zitiert. Ich hatte auf ein scharfes Examen gerechnet; wie erstaunt war ich aber, daß ich auf dem Rathause mit einigen fünfzig Offizieren einem großen Festmahl beiwohnen sollte! Ich suchte bestürzt sogleich den dortigen Herrn Bischof, der sich, nachdem die französischen Machthaber seine Residenz fortwährend im Besitz hielten, zu einem seiner Domherrn zurückgezogen hatte, auf und eröffnete ihm die Ursache meiner Hinreise und meine Verlegenheit, wie etwa die Teilnahme an einem solchen Gastmahl auch höheren Ortes, so auch in der Umgebung gedeutet werden könnte? Er beruhigte mich aber mit den Worten, ich solle mich der Einladung zum Besten meiner Pfarrgemeinde fügen, das übrige würde er schon verantworten. So setzte ich mich denn mit mehr denn fünfzig Offizieren von allen Graden ruhig zu Tische; reichlich dampfende Schüsseln und Champagnergläser kreisten munter herum; lärmende Toasts wurden ausgebracht, unter anderen mit allgemeinem Zuruf auch auf mein Wohlsein, wo es hieß: »Au bon pasteur, qui a bien soutenu les Siens!« Ich muß gestehen, daß ich bei dieser unerwarteten Auszeichnung, meine Tränen zu bergen, die Augen mit beiden Händen bedeckte. Der oben öfters erwähnte Gens d'armes Offizier, der neben mir saß, flüsterte mir in das Ohr, man habe von allem genaue Kenntnis, was ich bei der ersten Besetzung von Türnitz durch General La Bruyère für meine Pfarrgemeinde getan und wie ich mich bei seiner eigenen strengen Mission daselbst benommen habe; zu gleich nannte er mir den Namen dessen, der jenes traurige Ereignis mit den kleinsten Umständen an den Korps-Kommandanten in St. Pölten schriftlich kund tat, damit im Fall Türnitz zur Strafe des begangenen Frevels niedergebrannt werden sollte, sein eigenes Haus und Eigentum verschont[50] bliebe. Dieser war kein eigentlicher Türnitzer, sondern der zeitweilige Besitzer eines öffentlichen k.k. Amtes. Er ist seitdem schon lange nicht mehr, seine Asche ruhe in Frieden! Aber bemerkenswert ist es, daß der feindliche Offizier selber jene Tat, wodurch selbst das Leben vieler seiner Mitbürger gefährdet wurde, eine schlechte nannte! Man wollte mich auch noch für den Abend, wo eine glänzende Ballunterhaltung beginnen würde, zurückbehalten; allein ich berief mich auf meine dringenden Pfarrgeschäfte und fuhr mit dem mich begleitenden Türnitzer Bürger innig zufrieden heim, wo ich erst gegen Mitternacht anlangte. Nach dem zu Wien am 10-ten Oktober geschlossenen Frieden wurde die große Armee bis zu ihrem völligen Abmarsch im Monat Dezember links und rechts an der Hauptstraße in Österreich in die Kantonierungsquartiere verlegt. Erst hatten wir in Türnitz französische und dann durch längere Zeit kön. sächsische Truppen zu verpflegen. Es tat mir viel weher, die Deutschen feindlich gegen uns gestellt zu sehen, und ich bemerkte öfters mit heimlicher Schadenfreude, mit welcher Verachtung und mit welchem Hochmut die Franzosen ihre deutschen Verbündeten behandelten. Sie befahlen uns vor ihrem Abzug laut, wir sollten alles für ihre etwa noch nachfolgenden Truppen sparen und diesen nichts verabfolgen. Gewöhnlich benahmen sich auch die Deutschen, besonders die Württemberger und Sachsen, gegen das Landvolk viel härter als die Franzosen. Es gab noch manches zu erdulden, und tief fühlte ich es, es gäbe kein schmerzlicheres Los als jenes, unter feindlicher Gewaltherrschaft zu stehen! Der Oberste von den französischen Truppen, die wir jetzt in einstweiliges Quartier bekamen, war ein sehr gebildeter, freundlicher Elsasser, mit dem ich im Posthause, wo er einquartiert war, manche Abendstunde über die letzten Kriegsereignisse verplauderte. Eines Tages lud er mich zu einer militärischen Feierlichkeit ein, bei welcher er vier Kreuze der Ehrenlegion an seine Truppen verteilen würde. Sie standen in drei Reihen vor ihm aufmarschiert außer dem Markte auf meiner sogenannten großen Wiese. Erst hielt er eine kräftige Anrede an sie und rief dann, indem er einen großen Brief entsiegelte, die zu beglückenden bei ihrem Namen und hieß sie vortreten. Der erste, dem er das Kreuz mit dem Band an die Brust heftete, war ein Unterlieutenant; der zweite und dritte ein Korporal und Gemeiner und der vierte ein Tambour. Während er sie dekorierte, nahm er vor jedem den Hut ab und küßte ihn dann als Kameraden, denn auch seine Brust war damit geschmückt, auf die linke Wange. Kaum war ich zu Hause angelangt, so kam er in Eile zu mir gelaufen, mir die erhaltene Nachricht kund zu geben, daß noch vier oder fünf Kompagnien mehr in Türnitz und in der Umgebung einquartiert werden sollten, und schon waren die armen[51] erschöpften Talbewohner nicht mehr im Stande, die bereits Anwesenden gehörig zu verpflegen, so daß schon einige ihre Häuser verließen und sich draußen in den Waldhütten mit ihren wenigen Rindern verbargen. Der Oberste, den ich um seinen Schutz anging, erwiderte, der alte Divisionsgeneral, (wo ich nicht irre, Renier), der das Stift und dessen Umgebung besetzt hielt, sei ein strenger alter Mann, dem er keine Vorstellungen gegen die gemachte Anordnung machen dürfte; so ich mich aber entschlösse, sogleich zu ihm hinauszufahren und mich für meine Pfarrkinder zu verwenden, was gewiß von Erfolg sein würde, so sei er bereit, mich zu begleiten und meinem Fürwort Zeugnis und Nachdruck zu geben. Wir fuhren sogleich ab und kamen abends draußen an. Da hieß es, Sne Exzellenz seien ausgegangen, sich mit der Jagd zu vergnügen; zum Glück war er in der Nähe des Stiftes am Damm des anstoßenden Forellenteiches, von wo er einige Taucherenten mit seinem Schießgewehr zu erlegen suchte. Wir gingen ihm sogleich entgegen. Ich suchte vergeblich, einen Generalen in Uniform zu erblicken; doch mein Begleiter entblößte das Haupt ? ich auch, und wir standen vor einem hohen, hageren Greise mit eisgrauen Haaren, der sie mit einem grünledernen Käppchen bedeckt hielt, seine Uniform mit einer unscheinbaren Jacke vertauschte und jetzt das Jagdgewehr einem aus seinem Gefolge reichend finster uns ansah. Der Oberste stellte ihm dem erhaltenen Auftrag zufolge die Unmöglichkeit vor, mehr Truppen in der Türnitzer Gegend unterbringen zu können, da schon einige Bauern auf den Bergen umher ihre Häuser verlassen und sich mit ihrem Rindvieh geflüchtet hätten. Als der General dies letztere Wort, welches im Französischen (ils se sauvent) besonders bedeutend ist, vernommen hatte, da geriet er in Wut und schrie: »Ils se sauvent? (sie flüchten sich?) Lassen Sie den Bürgermeister (Marktrichter), lassen Sie den Pfarrer in Arrest setzen!« Da trat ich vor und sagte ihm, ich sei der Pfarrer von Türnitz und sei gekommen, seine Großmut für die dortigen armen Gebirgsbewohner anzusprechen. Schon bei dem ersten französischen Worte, das ich sprach, stutzte er, und als ich geendet hatte, sah er mich lange forschend an. Darauf winkte er mir, mit ihm zu gehen, ohne an den Obersten auch nur ein Wörtchen zu richten, und beschuldigte auf dem ganzen Wege bis in das Stift und in sein Zimmer hinauf die Regierung, daß sie den Rückmarsch der großen französischen Armee voraus wissend keine Anstalten der Verpflegung durch Anlegung von Magazinen u.s.w. ? als ob das bei der feindlichen Okkupation des Landes eine so ausgemacht leichte Sache gewesen wäre! ? getroffen hätte. Er ließ uns alle, die wir ihm folgten, im Vorzimmer über eine halbe Stunde stehen und trat endlich in der ganzen Generalsuniform, mit vielen Orden geschmückt, heraus; ging einigemal gravitätisch vor uns auf und nieder und öffnete die Türe des Vorsaals, der zum[52] Durchgang in die Korridore diente, worauf die militärische Musikbande mit Blasinstrumenten eine lärmende Symphonie im heulenden französischen Stile anstimmte. Nun wurde es mir klar, daß er vor mir, dem Fremden, der ihn in seiner Jagdjacke getroffen hatte, sich in seinem ganzen Staat zeigen wollte. Er fragte mich, ob ich nicht beim Diner (um 6 Uhr abends) bleiben wolle, und als ich es auf mein Seelsorgeramt gestützt ablehnte, winkte er mir mit weitvorgestreckter Rechten zum Abschied mit den Worten: »Fahren Sie demnach ruhig heim; es werden keine Truppen weiter nach Türnitz für diesmal kommen.« Ich fuhr mit dem Obersten innig vergnügt davon und stieg vor seinen Quartieren ab, um uns gegenseitig und einem uns dort erwartenden Hauptmann, einem heiteren Gascogner, bei dem Nachtessen gütlich zu tun. Der Postmeister brachte sogar ein paar Flaschen Champagner aus dem Versteck hervor, und wir freuten uns über den glücklichen Erfolg unsrer Reise. Nachdem der Wein dem Hauptmann noch mehr als gewöhnlich die Zunge gelöst hatte, erzählte er uns, wie er, der Sohn eines reichen Kaufmannes, bei dem Ausbruch der Revolution bloß bei der Armee Sicherheit des Lebens gefunden habe, dadurch aber seines gehofften Eigentums verlustig geworden sei. Es interessierte mich aus jener Zeit der gewaltigsten Volksaufregung so manches zu erfahren; unter anderem verlangte ich, die Melodie des »Ca irà ? ca irà« und der Marseillerhymne zu hören. Er fing mit einer desperaten Stimme die letztere: »Allons enfants de la patrie« an und steigerte sie von Strophe zu Strophe zu einer völligen Wut, so daß er mit schäumendem Munde, unfähig weiter fortzusetzen, ausrief: »Ah! C'était un enthusiasme du diable!« Welch ein Zustand muß dort jener des französischen Volkes gewesen sein! Der furchtbare Sturm, der zuletzt Österreich traf, hatte ausgetobt, es trat tiefe Stille in allen Geschäften ein, und so manche harte Entbehrungen waren in dem darauffolgenden Winter an der Tagesordnung. Indessen hatten die ausgestandenen Leiden und die dabei bewiesene gegenseitige Hilfeleistung zwischen mir und meiner Pfarrgemeinde die Bande der Liebe und des Zutrauens nur noch enger geknüpft, und als der Frühling kam und die ganze Schöpfung wieder so freundlich lächelte, da fand ich mich mächtig aufgeregt zu ungewöhnlicher Tätigkeit. Ich fühlte es in meinem Innersten, nun sei die Stunde gekommen, an mein lang beabsichtigtes Werk, das epische Gedicht »Tunisias«, Hand zu legen. Ungesäumt durchlas ich nochmals alles, was ich bis dahin als nötige Vorbereitungen zusammengeschrieben hatte; entwarf den Plan der zwölf Gesänge und begann sogleich den ersten, um die erste vor einer so großen Arbeit zurückschreckende Angst zu überwinden. Ich suchte vorher nach einer beinahe konvulsivischen Anstrengung mit einem einzigen Blicke das ganze vor mir liegende Feld zu überschauen ? die Hauptidee stand klar vor mir da; ich wußte, wo ich beginnen, wo[53] ich enden, und wie und was ich in den Zwischenräumen ordnen und gestalten mußte. Es war auch unmöglich, dabei meines früheren hierauf bezüglichen Lebens und so vieler Eindrücke und Erfahrungen nicht zu gedenken, die wie ein Traumgebilde vor meines Geistes Augen vorüberflogen. War es mir doch, als ob ich nur darum so gerne durch Hain und Wald, durch Sturm und Wetter gezogen, als ob ich nur darum die Meere durchschifft, ihre Wunder beobachtet und ihre Schrecken bestanden hätte, als ob mein ganzes bisheriges Streben und Lernen, all mein Sinnen, Denken und Empfinden nur dahin gerichtet gewesen sei, um in diesem Werk den Inhalt einer ganzen Weltanschauung niederzulegen. In dem Zustand der Begeisterung, in welchen ich versetzt war, wendete ich jede Viertelstunde, die mir von meinen Amtsverrichtungen erübrigte, dazu an, um damit vorwärts zu kommen, und fürchtete nichts so sehr als ein unvermutetes Ereignis, welches mich auf längere Zeit in dieser Arbeit unterbrechen könnte. So gelang es mir bei einer fortgesetzten Anstrengung, die selbst meine Nerven angriff, von dem Frühjahr 1810 bis zu jenem des folgenden Jahres mit dem elften Gesange zu Ende zu kommen. Aber was ich befürchtete, geschah jetzt. Das Stift Lilienfeld war am 10-ten September des J. 1810 ganz abgebrannt. Nach einer lange anhaltenden trockenen Witterung kam in den Nachmittagsstunden in dem rückwärts liegenden Meierhofe Feuer aus; der heftige Wind trug das brennende Heu und Stroh nach dem Stiftsgebäude hin und zündete Turm, Kirche und alle übrigen viele hundert Kurrentklafter betragende Dächer an. An Rettung war gar nicht zu denken, und das Stift lag am folgenden Tage ganz im Schutte, aus welchem noch lange die brennenden Trümmer rauchten. Erst nach ein paar Tagen fuhr ich hinaus, um die unbeschreibliche Verwüstung in Augenschein zu nehmen. Die Mitglieder des Stiftes alle hatten es verlassen und waren in den nächsten Häusern einquartiert, da noch das am meisten erhaltene Gebäude des Konventes wegen der noch darin drückenden Hitze nicht bewohnt werden konnte. Nachdem die Turmuhr zerstört und auch die Glocken alle geschmolzen waren, und so viele in der Umgebung gar nicht wußten, wie sie an der Zeit waren, so ließ ich eine etwa zwei Zentner schwere Glocke aus einem der selten betretenen Magazine hervorholen und im Fenster des erkerförmigen Seitenturmes aufhängen, von wo dann die Mittag- und Abendstunde wie sonst verkündet wurde. Auch teilte ich in Hinsicht der nötigsten Vorkehrungen den betreffenden Personen meine Ratschläge mit und fuhr abends wieder nach Türnitz heim. Aber öfters wurde ich in der Folge noch hinausberufen, weil es dringende Beratungen erheischte, ob zum Wiederaufbau Schritte geschehen, und welche Teile der vielen Gebäude erhalten werden sollten? Ich riet, vor allem solle die schöne Kirche mit[54] einem festen Dachstuhl versehen und eingedeckt werden, da diese, möge auch sonst was immer geschehen, schon wegen der Pfarre Lilienfeld erhalten werden müßte; auf das Konvent und die nötigsten Wohnorte könnten einstweilen sogenannte Notdächer aus geschnittenen Brettern zu stehen kommen. Was dann auch geschah. ? Ein Jahr vorher hatte das Stift bei der feindlichen Invasion all sein Rind- und Zugvieh, alle seine Weine verloren und auch im Bar große Verluste erlitten; durch Unwirtschaft des früheren und durch Krankheit verursachte gänzliche Apathie des dort noch lebenden Abtes versank es in große Schuldenlast; nun kam noch der furchtbare Brand dazu, welcher mit obigem vereint das fernere Bestehen desselben fast unmöglich erscheinen ließ, und da selbst mehrere der Stiftsmitglieder daran verzweifelten, so war dessen Aufhebung allerhöchsten Ortes beschlossen. Indessen verwendete sich der damalige wahrhaft edelgesinnte Diözesanbischof in St. Pölten, Freiherr Crüts von Creits, für dessen ferneren Bestand, und wies auf mich, den in verschiedenen Stiftsämtern Versuchten, als jenen, der durch Tätigkeit und guten Willen die allerdings schwere Aufgabe noch zu lösen im Stande sein würde. Nach einer von Seiten der Regierung vollbrachten Untersuchungskommission ward ich im Monat Juli 1811 als Prior und Administrator in das Stift berufen. Ich sträubte mich lange dagegen, da ich in Türnitz so vergnügt und eben in einer für mich so wichtigen Arbeit begriffen war; aber es half nichts ... ich mußte gehorchen! Bei den mannigfaltigsten Geschäften schrieb ich dennoch gegen Ende November den letzten Gesang meines Heldengedichtes nieder. Bald darauf starb der schon lange kränkelnde Abt, und sechs Monate später, nämlich am 12-ten Juli J. 1812, ward ich durch Stimmenmehrheit im Beisein des Bischofs und zweier im Namen des Kaisers abgesandter Regierungsräte zu dessen Nachfolger erwählt. Obschon im Conclave durch das sogenannte Scrutinium sich 24 Stimmen für mich, und für jenen, der mit mir in die Wahl kam, nur 16 Stimmen ergaben, so war meine Bevorzugung doch nicht leicht geschehen. Die nötigen Reformen, die ich während der ein volles Jahr dauernden Administration des Stiftes durchführen mußte, ließen manche ein gar zu strenges Regiment fürchten, das sich aber in der ganzen Folgezeit stets in den gehörigen Grenzen fortbewegte und darum auch allgemeine Geltung fand. Es wäre zu weitläufig, hier zu erzählen, mit welcher Anstrengung ich gleich während meiner Administration die Wiederaufbauung des Stiftes begonnen und nach ungefähr sechs Jahren größtenteils vollbracht habe. Öfters stellten sich mir mannigfaltige Hindernisse entgegen. Schon im J. 1813, welches durch anhaltende Regengüsse und Überschwemmungen furchtbar geworden ist, war das Stift in Gefahr, von den Fluten zerstört zu werden. In zwei verschiedenen[55] Zeiträumen, Juni und August, strömte der Regen unaufhörlich herab; die ausgetretene Traisen erfüllte das ganze Tal von einer Bergwand zur andern wie ein See, zerstörte alle Brücken und die Straße dergestalt, daß noch später mehrere Wochen hindurch die Kommunikation versperrt blieb und man nur zu Fuß oder reitend weiter kommen konnte. Das von den Alpen herabströmende Wasser hatte schon einen Teil des Meierhofes und den äußersten Flügel des Stiftes weggespült. Ein besonderes Unglück war es, daß im August, wo einige Tage hell und sonnig ein länger dauerndes schönes Wetter vermuten ließen, gerade über den Zimmern, die ich bewohnte, das Notdach abgenommen wurde, um eine feste Dachung aufschlagen zu können, der frühere gewaltige Regen sich wieder einstellte und in meiner Wohnung Decke und Fußboden jämmerlich durchnäßte, so daß die Feuchtigkeit darin noch lange festgehalten wurde und für meine Gesundheit manche üble Folgen veranlaßte. Im J. 1814 kam der Kaiser Franz I. aus Frankreich durch Oberitalien und Tirol als Sieger zurück. Ich verfügte mich nach dem benachbarten Wallfahrtsorte Mariazell in Steiermark, wohin ihm die Kaiserin Ludovika mit dem Prinzen Anton von Sachsen und dessen Gemahlin entgegengefahren waren. Der Kaiser kam im Gefolge des Großherzogs von Toskana Ferdinand gegen Mittag an. Ich bat ihn, im Stifte Lilienfeld zu übernachten, erhielt dessen Zusage, wurde zur Tafel gezogen und reiste nach selbe gleich in das Stift ab, um für den folgenden Abend alles zu seinem Empfang vorzubereiten. Die Beleuchtung der Stiftsgebäude nahm sich mit dem hart daran stoßenden großen Teiche herrlich aus, das ihm sichtbare Freude machte. Als ich ihn zur Abendtafel führte, und sich die Zuschauer aus allen Klassen selbst aus den ärmsten bis zur Türe herzudrängten, sagte er mir, ich solle sie ruhig zusehen und nicht entfernen lassen. Seine Menschenfreundlichkeit gab sich überall kund, wie es aus dem Folgenden noch mehr erhellen wird. Trotz meinen vielen besonders den Stiftsbau betreffenden Geschäften hatte ich auch für einige erfreuliche Genüsse gesorgt durch Gründung einer vortrefflichen Musikschule, durch Anlegung eines Naturalien-, Technologischen- und Mineralien-Kabinetts. Das Technologische, welches sich bloß auf die Erzeugnisse der in der Stiftsherrschaft existierenden Fabriken und Werke von Eisen, Holz, Glas, Leder u.s.w. beschränkte, zog besonders die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich und erhielt seinen vollen Beifall. Bei seiner Abreise am nächsten Morgen ereignete sich für mich unter[56] dem Gerassel der abfahrenden Wägen inner dem Tore etwas sehr Bedenkliches. Ein Hoflakai kam zurückgelaufen und sagte mir, daß im Zimmer des Oberstkämmerers ein Aktenstück liegen geblieben sei. Ich rief mit lauter Stimme dem Portier zu, er möge jenes Zimmer schnell öffnen, und bald lief jener mit der vermißten Schrift wieder den Wägen nach. Betroffen kam aber der Stiftschirurg auf mich zu und warnte mich vor solch heftiger Anstrengung meiner Stimme, da ich einige Wochen zuvor an einem heißen Julius-Tag durch den Trunk eines in Eis gekühlten Wassers mir einen heftigen Krampfhusten zugezogen hatte und noch täglich im Magen geronnenes Blut ausspuckte. Der Äskulap fand dies noch immer nicht bedenklich, wenn nur kein frisches Blut gußweise nachkäme. Wirklich fühlte ich mich selben Tag immer unwohler, und gegen den Abend ward von solchem mein Waschbecken bis zur Hälfte erfüllt. Ich hielt meine Brust für immer beschädigt; mußte mich gleich zu Bette legen, beruhigende Mittel gebrauchen, und obschon nach ein paar Wochen kein weiterer Blutauswurf mehr erfolgte, so konnte ich doch noch lange darauf nur mit Anstrengung treppaufwärts gehen. Vor der Abreise fragte mich der Kaiser, wann ich nach Wien kommen würde? »Zu Anfang des Kongresses«, gab ich zur Antwort. »Das ist mir lieb ? sagte er ? ich sehe es gerne, wenn auch vom Lande viele dazu kommen.« Ich traf denn zur rechten Zeit dort ein; und brachte den größten Teil des Winters im Gewühle der Hauptstadt zu. Besonders merkwürdig ward mir der Einzug der drei Monarchen, des Kaisers von Rußland, Alexander, des Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm III., welche von der Praterallee aus links und rechts neben dem Kaiser Franz durch die Jägerzeile nach der Stadt ritten. Bald war eines Abends großer Cercle bei Hof, wo außer obgenannten zwei Monarchen die Könige von Bayern und Württemberg mit ihren Kronprinzen, der König von Dänemark, der Großherzog von Baden, Eugen Beauharnais, gewesener Vizekönig von Italien, u.s.w. freundlich mit uns sprachen und die berühmtesten Diplomaten Castlereagh, Talleyrand, Consalvi, Graf Hardenberg u.s.w. auf den eigens für sie erbauten Tribünen zu ersehen waren. Während der langsam vorwärts schreitenden Verhandlungen des Kongresses wurden Feste auf Feste zu Ehren der hohen Gäste gegeben, bis endlich der plötzliche Aufbruch Napoleons von der Insel Elba und seine Landung in Frankreich die Monarchen nach allen Richtungen wieder zu den Ihrigen zurückführte. Bei dem Wiederausbruch des Krieges im J. 1813 hatte die allgemeine Schilderhebung im deutschen Vaterlande, das erste Mißlingen bei der Belagerung von Dresden, der entscheidende Tag von Kulm und endlich die große Völkerschlacht von Leipzig mein Gemüt vielfältig bewegt; ich lebte jene Szenen im Geiste mit und[57] hätte mich öfters gerne auf deren Schauplatz befunden. An dem Abend, an welchem General Neipperg mit der Siegesnachricht von Leipzig als Kurier hinter den blasenden Postillions und im Gefolge vielen Volkes durch die Straßen zu Pferde hinzog, befand ich mich eben in Wien und lief neben ihm her im jauchzenden Gedränge der Menschen vor Freude weinend bis zur Kaiserburg mit. Bald darauf schlug die Stunde des Theaters. Als die Kaiserin in der Hofloge des festlich erleuchteten Hauses erschien, da begann ein Jubel wie noch nie gehört ward, da wurde das Volkslied: »Gott erhalte Franz, den Kaiser! von der ganzen Volksmenge mit einem Enthusiasmus ohnegleichen gesungen, und mir schien, als ob die hellen Tränen auf allen Wangen den Glanz der Lichter noch vermehrt hätten. Freiwillig hatten auch die Bewohner Wiens, so viel es die Eile zuließ, alle Fenster sogleich beleuchtet. Nebst diesem Tage ward mir der Einzug des Kaisers in seine Hauptstadt am 14. Juni 1814 unvergeßlich ? ich habe später im 12. Gesang des Heldengedichts »Rudolph von Habsburg« ein Bild davon zu entwerfen gesucht. Unermeßliche Vorbereitungen wurden dazu von den Landständen Niederösterreichs und den Bürgern Wiens gemacht. Nur die Beleuchtung allein hatte viele hunderttausend Gulden gekostet. Ich hatte dort und später noch öfters den Wunsch geäußert, wären doch nur diese zu einem dauernden Monument, etwa zum Ausbau der Kaiserburg, wozu alle Provinzen der Monarchie mit Freuden beigetragen hätten, dem Kaiser zu Ehren verwendet worden. Der Vorschlag geschah, aber der rechte Zeitpunkt, ihn zu nützen, ist versäumt worden. Das Herrlichste indes zur Erinnerung für meine ganze Lebenszeit ist mir die erste Feier des Jahrestags der Schlacht von Leipzig am 18-ten Oktober desselben Jahres geblieben. Der Himmel war grau umwölkt, und die Sonne kam den ganzen Tag nicht einen Augenblick zum Vorschein; doch war die Luft wie zu einer Sabbatstille mild und ruhig und vermehrte die Feierlichkeit des Festtags. Auf dem vorderen Wiesengrunde des Praters rechts von der Hauptallee war ein herrlich geschmückter Pavillon mit vier hohen Säulen und einem Traghimmel und Altar, zu welchem breite Stufen hinaufführten und der zur Abhaltung des Gottesdienstes, der sogenannten Lagermesse, bestimmt war, errichtet. Zehntausend Mann der ausgesuchtesten Truppen, Infanterie und Kavallerie umgaben ihn im Viereck. Der Kaiser mit der Kaiserin und seinen Brüdern und allen fremden Monarchen und Fürsten stiegen von ihren Wägen sich schwingend eilig die Treppe hinauf und nahmen die für sie bereiteten Plätze ein; für die Minister und andere hohe Herrschaften waren links und rechts Tribünen errichtet, der Feldbischof hielt den Gottesdienst ab. Gleich vom Beginn desselben bis zum Ende des Festes am späten Abend erscholl rings um den Prater her unaufhörlicher Kanonendonner. Nach der Messe setzte sich der festliche Zug[58] durch die Hauptallee bis zu dem Lusthaus hinab in Bewegung. Den Hofequipagen folgten die Truppen durch die unzählige Volksmenge, gewiß waren dort über zweimalhunderttausend Zuschauer gegenwärtig, und die Stadt rückwärts schien wie ausgestorben. Bald waren die fürstlichen hohen Personen, Herren und Damen, auf der ringförmigen Galerie des Lusthauses zu ersehen, die dort hinaufstiegen, um die vorbeidefilierenden Truppen zu betrachten. Jedesmal, wenn Scharen eines Regiments, dessen Inhaber einer der anwesenden Fürsten war, Kaiser Alexander, König Wilhelm von Preußen u.s.w. näher kamen, eilten diese herab, setzten sich zu Pferde und führten sie vor dem Kaiser zum Gruß den Degen senkend vorüber. Dann zogen diese über die mit Kriegstrophäen geschmückte Schiffbrücke auf dem schmälern Donauarm nach der Simmeringer Heide hinüber, wo von solchen Trophäen eine riesige Pyramide errichtet war, und von welcher sich sternförmig nach allen Richtungen unabsehliche gedeckte Tische hinausdehnten; denn bei diesen und jenen, die sich im Prater selbst durch alle Seitenalleen endlos erstreckten, wurden an diesem Abend die Truppen, Offiziere und Gemeine, festlich bewirtet. Für die Generalität wurden im unteren Saale des Lusthauses Erfrischungen bereitet. So endete dieser große, unvergeßliche Tag! Möchte er doch alljährlich durch alle Provinzen der österreichischen Monarchie noch festlicher, als es seitdem geschah, begangen werden! Wer könnte ihr den Vorzug streitig machen, daß es in jener Völkerschlacht das größte Gewicht in die Waagschale des Krieges legte und durch unerschütterlichen Widerstand unter allen die größte Zahl der Toten auf dem Wahlplatze ließ! Am 15. Juni 1815 wurde unter Wellingtons Kommando der entscheidende Sieg von Waterloo errungen, welcher der Herrschaft Napoleons ein Ende machte. Die Nachricht davon kam am 27-sten desselben Monats nach Lilienfeld, und zwar während der Mittagstafel, wo eben zur üblichen Feier meines Namenstages über hundert Gäste zugegen waren. Unter diesen befand sich auch der alte Feldmarschall-Lieutenant Freiherr von Mack und er war es, der den Siegesbericht mit dem größten Enthusiasmus vorlas und in allen Anwesenden einen gleichen erweckte. Da ich hier von dem Verhältnisse, in welchem ich damals zu ihm stand, zu sprechen habe, so will ich einen Artikel, welcher das Nötige darüber enthält, anführen. Ich fand ihn vor ungefähr zwei Jahren in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur und Mode vom 1. März 1831 Nr. 26. folgenden Inhalts: F.M.L. Freiherrn von Mack's Grabstein in dem Friedhof von St. Pölten. (Eingesendet) Es ist so meine Gewohnheit auf Reisen, daß ich, angekommen auf einer Poststation, aus dem Wagen steige, und während die Pferde gewechselt werden, voraus fort schlendere. Liegt dann ein Begräbnisplatz an meinem Wege, so versäume ich es selten, mich in demselben[59] umzusehen, da er vielfältigen Stoff zu ernsten Betrachtungen bietet. Der Friedhof vor dem Linzertore des artigen Städtchens St. Pölten stand eben offen, und ich ging an der rechten Seitenwand hinauf, wo ich eine beträchtliche Zahl von Denksteinen eingemauert fand. Unter diesen hielt mich jener des F.M.L. Freiherrn von Mack wie mit einem Zauberstabe fest. Wer denkt, da er seinen Namen sieht oder hört, nicht sogleich der Tage von Ulm und des unglücklichen Feldzuges vom J. 1805, der ihre Folge war? Er ist darum vielfältig getadelt, oft auch entschuldigt worden. Die Nachwelt möge ihn unparteiisch richten, wenn es ihr anders nicht an den entsprechenden Behelfen mangeln wird. Gewiß ist es, daß F.M.L. Mack von sehr ausgezeichneten Männern bis an sein Ende in Ehren gehalten und noch einige Jahre vor demselben auch von seinem gütigen Monarchen mit besonderer Gnade behandelt worden ist. Das Denkmal, von welchem hier die Rede ist, setzte ihm sein jüngster Sohn, Rittmeister in kais. österreichischen Diensten, und die Inschrift lautet folgendermaßen: Hier ruht Carl Freiherr von Mack von Leiberich, k.k.F.M.L. und Ritter des militär. Maria-Theresienordens. Geboren den 24. August 1752 ? gestorben den 22. Oktober 1828. Unglücklich, doch ungebeugt im Sturm der Zeit; hoher Verdienste wegen geehrt von dem Besten der Herrscher; geliebt und verehrt bis zum Grabe von Gattin, Kindern und Freunden. Dann folgen in einer Vertiefung folgende Verse: ...in des Glückes sonnenhellen Tagen Hat auf glänzender Bahn ein Hochgewitter Dich ereilt, und grimmig zerstört dir alsbald Segel und Maste! Aber gerettet blieb dir nach dem Sturme noch Für die stillere Einsamkeit: Bewußtsein, Liebe, Achtung edeler Menschen, und mild Tröstende Freundschaft! L.P. Dem Andenken des geliebten Vaters usw. weiht dies Denkmal der dankbare Sohn. ? Ich erfuhr in der Folge, daß obige Verse aus einem Gedichte genommen wurden, welches ihm im J. 1815 der damalige Abt des Stiftes Lilienfeld, Ladislaus Pyrker, Verfasser der ?Tunisias?, des ?Rudolph von Habsburg? und der ?Perlen der hl. Vorzeit? geweiht hatte, und welches ich hiemit zur öffentlichen Kenntnis bringe; es lautet so: An den Freiherrn Carl von Mack Eilend die Weltbahn fort auf stiller Meersflut Fliegt das herrliche Schiff; es glänzt des Himmels Bogen, Morgenschimmer lächelt hernieder; freudig Wiegt in des Segels Schneeigem Busen sich der rasche Fahrwind, Rings umhüpfen des blauen Wellenreiches Muntere Bewohner des schnellen Kieles Silbernen Schaumpfad; Drängend vor Hast erfüllt des Volkes Menge, Nah' und ferne, das Küstenland, und jubelt, Preist das Segenerfüllte, ruft ihm Glück auf die Fahrt nach! Aber urplötzlich trübt den heitern Himmel Nachtgewölke; der Sturmwind tobt, die Blitze Zucken, und im Morgentumult forthallet Schrecklicher Donner;[60] Berstend entsinkt der Mast dem Bord; zerrissen Fliegen Segel im Wind; loskracht des Schiffs Raum, Und das Volk erbebet dem nahen Tode ... Aber erfahren Lenkt es der Steurer kühn durch Sturm und Wetter In den schirmenden Port; dort sieht er freudig Seine beste Habe gerettet ? schöner Lacht ihm die Zukunft. Freund! in des Glückes sonnenhellen Tagen Hat auf glänzender Bahn ein Hochgewitter Dich ereilt, und grimmig zerstört dir alsbald Segel und Maste. Aber gerettet blieb dir nach dem Sturm noch Für die stillere Einsamkeit: Bewußtsein, Lieb' und Achtung edeler Menschen, und mild Tröstende Freundschaft! Lilienfeld, 1815. L.P. Schon hatte der Postillion einige rasche Töne der Ungeduld hören lassen; ich eilte bewegt nach meinem Wagen, und die Pferde trabten auf der stäubenden Straße weiter. E+ + + General Mack wurde, wie bekannt, infolge der Übergabe von Ulm 17. X. 1805 durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt; das Urteil in Festungsarrest abgeändert, und er seines Ranges und Ordenszeichens beraubt nach ein paar Jahren wieder auf freien Fuß gestellt. Er lebte dann auf seiner kleinen Herrschaft in Böhmen mit seiner Familie zurückgezogen; übergab jene später an seinen Sohn und kaufte ein kleines Gütchen in der Nähe der Stadt St. Pölten in Unterösterreich, von wo er dann mit seiner Gattin, einer ausgezeichnet gebildeten Frau, zu mir nach Lilienfeld zum Besuche kam. Ein Sohn des Kriegers und ein Freund des Soldatenstandes von Jugend auf fand sich bald die gegenseitige Annäherung, und ich muß gestehen, daß ich stets bis jetzt in mein weit vorgerücktes Alter mit den vorzüglichsten Männern aus demselben in angenehmer Berührung stand, mit ihnen gerne Umgang pflog und in gegenseitiger Sympathie mich ihres besonderen Wohlwollens erfreute. So hat mir selbst der erhabene Sieger von Aspern seit mehr als dreißig Jahren schriftlich und mündlich unzählige Beweise seiner Huld gegeben, und ich hoffe sie auch bis zu meinem Ende zu bewahren. Der glückliche Augenblick, wo sie ihren Anfang nahm, war im Spätsommer des J. 1813, als ich von Lilienfeld aus berufen wurde, in dem k.k. Gußwerke hinter Mariazell einer Zusammenkunft zwischen ihm und dem Erzherzog Johann beizuwohnen. Dieser reiste am folgenden Morgen wieder nach Graz zurück, ich aber sollte den Erzherzog Karl nebst seinen beiden Kammerherren[61] nach dem Gipfel des Ötschers geleiten, der sonst der Mons altissimus Austriae inferioris hieß, seit den neuesten Messungen aber hinter dem Schneeberg bei Wiener-Neustadt, der über 6.300 Fuß mißt, beinahe um 300 Fuß weniger im Range steht. Den ersten Tag gelangten wir zur Alpenhütte, wo in einer schnell errichteten Laubhütte bei Alpengesang und nah' und fern ertönendem Jubelruf ein bescheidenes Mahl genossen ward. Am nächsten Morgen wurde die Höhe erstiegen; unter Weges bei der Fahrt in das Stift nächst Annaberg der merkwürdige Lassingfall (von welchem weiter unten ein Mehreres) besehen und spät abends in das reich beleuchtete Kloster eingefahren. Ihn, der in seinem Leben, besonders nach den glücklichen Feldzügen 1796 und 1799 als Sieger und Retter Deutschlands so viele solche Auszeichnungen erfuhr, freute diese kleine Aufmerksamkeit (jetzt im J. 1813!) so sehr, daß er mir, der ich in seinem Wagen an seiner Seite saß, mit einem lauten Dankruf die Hand und das Knie drückte. Das beleuchtete Stiftsgebäude, durch eine Bergwand und ein breites Gebäude, durch dessen hochgewölbtes Tor eingefahren wird, [verdeckt,] kam plötzlich und erst im letzten Augenblicke überraschend zum Vorschein. Den folgenden Tag blieb er noch im Stifte und reiste dann nach Wien zurück. Seitdem und bis zu meinem Abgang von dem Stifte (1819) kam er jährlich zu einer kleinen Lustreise dorthin; blieb einige Mal drei bis vier Tage, um mit mir die Lilienfelder Alpen und andre Höhen zu besteigen. Auch später als Patriarch von Venedig und Erzbischof von Erlau wurde ich freundlich aufgefordert, mit ihm und seinen Kindern die Alpenfahrt zu machen, die so wie er sie in meiner Gesellschaft zum ersten Mal besteigen sollten. Am tiefsten rührte es mich aber, als er gleich nach der ersten Entbindung seiner Frau, Henriette von Nassau, von der Prinzessin Therese, jetzigen Königin von Neapel, zu mir in das Stift kam, um mir seine junge Frau, wie er sagte, aufzuführen. Ich mußte sie auf ihrer Gebirgsreise bis nach Mariazell begleiten; weiter bis nach Gmunden in Oberösterreich ließ mich ein wichtiges Geschäft daheim nicht mitfahren. Noch immer habe ich das Glück, bei meinen jährlichen Reisen nach und über Wien entweder in der Stadt oder in der Weilburg draußen in Baden wie einer der Seinigen mit besonderem Wohlwollen empfangen zu werden. Im J. 1818 sandte er mir sein vortreffliches Werk: »Grundsätze der Strategie, erläutert durch die Darstellung des Feldzugs von 1796 in Deutschland, mit Karten und Planen. 3 Teile. Wien 1813.« Prachtausgabe, ? im J. 1822 seine »Geschichte des Feldzugs von 1799 in Deutschland und in der Schweiz, mit Karten und Planen, 2 Teile, Wien 1819« ? ebenfalls Prachtausgabe, ? und im J. 1828 sein treffliches gemaltes Porträt in einem reichvergoldeten Rahmen. Nicht um mich zu brüsten, führe ich alle diese Umstände an, sondern um Dank und Verehrung vor aller Welt kund zu tun für diesen wahrhaft großen Mann, den[62] Retter Österreichs bei Aspern, dem dort billig das herrlichste öffentliche Denkmal gesetzt werden sollte! So sind der Feldmarschall Fürst von Wrede in München, Freiherr von Stipsitz, Vizepräsident des Hofkriegsrats in Wien, Feldzeugmeister Marquis von Chasteler und die Generale Fölseis und Mohr in Venedig, General der Kavallerie Freiherr von Frimont in Padua, Baron Taxis und Graf Castiglioni, Generalmajor in Erlau nebst anderen mir mit freundschaftlichem Wohlwollen zugetan geworden und geblieben. Mack kam alljährlich in einem der Wintermonate auf mehrere Tage zu mir in das Stift, wo er mir dann in den einsamen Abendstunden nach und nach die Schicksale seines vielbewegten Lebens, seinen Anteil an den Kriegstaten 1788 vor Belgrad, 1793 und 94 bei der Rheinarmee in Belgien ohne Ruhmredigkeit erzählte und über die folgenden Ereignisse wichtige Aufschlüsse gab, die aber nicht der Öffentlichkeit übergeben werden können. Anerkannt war er ein vortrefflicher Generalquartiermeister, ein Mann feurigen Geistes, der die kühnsten, von allen Kennern bewunderten Plane entwarf und der nichts für unmöglich hielt. Die Überrumpelung der französischen Kantonierungen an der Röhr, der Entsatz von Maastricht und die Erstürmung des Lagers bei Fomar ? außerdem die Einnahme von Valenciennes, Charleroy u.s.w. zeugen davon. Sein Unglück war es, daß er 1798 in Neapel und 1805 in Deutschland die Stelle eines kommandierenden Generals übernehmen mußte. Alle, die ihn früher kannten, haben ihm das Zeugnis der Rechtlichkeit gegeben. ? Volle Begnadigung durch seinen gütigsten Monarchen Franz I. ward ihm im J. 1818, wo er ihm seinen Rang als F.M.L. mit der entsprechenden Pension, den militärischen Maria Theresia-Orden und den Titel eines Geheimen Rates wieder zurückgab und mit der zartesten Rücksicht ihm diese frohe Nachricht durch der Erzherzog Karl in Wien, wo er sich eben befand, bekannt machen ließ. Die Lage des Stiftes an der nach Mariazell in Steiermark und über Aflenz nach Bruck an der Mur führenden Straße zog sehr viele Fremde alljährlich hin und jetzt auch der berühmte Wasserfall, Lassingfall genannt, am Fuße des Josephberges, den ich im J. 1813 bekannt und durch Herstellung eines Weges an den Seiten hoher Felswände den Besuchern zugänglich gemacht hatte. Sonderbar genug, daß er nach dem Verlauf so vieler Jahrhunderte erst zu hohem Ruhm gelangen sollte. Herr Roßthorn, aus England stammend und Inhaber mehrerer Eisenwerke in Österreich und Steiermark, hatte sich unferne von Mariazell ein romantisch gelegenes Landhaus gekauft, auf einem seiner botanischen Ausflüge den Lassingfall, da er unzugänglich war, mehr geahnt als gesehen und mich darauf aufmerksam gemacht. Bei obenerwähnter Gelegenheit gab ihm Erzherzog Karl vor dem Rheinfall bei Schaffhausen den Vorzug, obschon wir ihm durch[63] gefahrvolle Versuche nur seitwärts nahen konnten. Ich versuchte später eine ihm gegenüber beinahe senkrecht aufragende Felswand zu erklettern und als es mir endlich nach vielen gefahrvollen Mühen gelang, auf eine vorspringende Steinplatte stehen zu kommen, so war ich von diesem großartigen Schauspiel ganz ergriffen. Der Lassingbach stürzt sich, von den östlich gelegenen Seitentälern des Annabergs kommend, durch eine hochaufgetürmte Felsenschlucht in dreifachen Windungen in die Tiefe des Ötschergrundes 270 Fuß senkrechter Höhe, 395 Fuß horizontaler Länge herunter, und beinahe ein Dritteil desselben fällt noch der Steinplatte gegenüber, auf welcher jetzt ein Pavillon steht, wie aus einem Felsentor hervorbrausend, in einen umschlossenen Abgrund hinab, so daß man unten im Tale den hervordringenden Bach wohl sieht und hoch oben ein gewaltiges Brausen hört, ohne den Wasserfall erblicken zu können. Seit etwa siebenzig Jahren wurde der Lassingbach benützt, die in den Annaberger Tälern erzeugten Brennhölzer in den Ötscherbach und in den Erlauf-Fluß, mit welchem er sich dort vereint, zu schaffen. Von dort weiter werden sie dann mit Hilfe der Klausen (Schleusen) auf der Erlauf bis an den Rechen an der Donau und auf Schiffen dreißig- bis vierzigtausend Klafter jährlich nach Wien zum Verkauf gebracht. Unterhalb der Stelle, wo der Lassingbach sich von der Ebene in die Felsschlucht hinabzustürzen beginnt, wurde eine große Schleuse erbaut, das Wasser zu einem Teiche zu sammeln und es dann zur Fortschaffung der Scheiter von Zeit zu Zeit durch Eröffnung des Schleusentores loszulassen. Da tobt es dann wie eine breite Schneelavine mit furchtbarem Gebraus in die Tiefe hinab; der Wasserstaub fliegt himmelempor, im erregten Windstrom schwanken die höchsten Fichten wie leichte Kornähren an beiden Seiten der Berge, und da kann man sich den Fall des Rheinstromes bei Schaffhausen vergegenwärtigen. Nur ist die auf solche Art ein Kunstprodukt, das zur Sommerszeit den Reisenden auf Verlangen vorgezeigt wird, nicht aber bei dem Übertritt des Winters in das Frühjahr, wo das Schmelzen des Schnees den Lassingbach zu einem gleich mächtigen Strom gestaltet und ihn, der schon im gewöhnlichen Zustand äußerst malerisch ist, durch die weit bedeutendere Höhe des Falles, da er senkrecht 270 Fuß und der Rhein nur 80 Fuß hoch in die Tiefe stürzt, sich den Vorzug erringen möchte. Rechts von der eben beschriebenen Schlucht liegt über frische, grünende Matten ein Bauernhof, neben welchem ein Fußsteig bis zum Rande des Berges hinaufführt. Dort angelangt fährt man beinahe erschrocken zurück, denn es tut sich den erstaunten Augen ein ungeheurer Felsenkessel auf, wie er nicht leicht wieder anderswo gefunden werden könnte. Der über sechstausend Fuß hohe Ötscher ragt aus der Tiefe bis zu seinem Gipfel mit seinen schwarzgrauen Felsenwänden nackt und kahl empor; an seinem Fuße fließen der[64] Lassing- und der Ötscherbach und die Erlauf in ein Rinnsal zusammen und eilen durch die sogenannten Erlaufmauern über Gaming der Donau entgegen. Ringsherum türmen sich ähnliche Felsenmauern auf, nur von dem obenerwähnten Rande des zugänglichen Berges zieht sich über kärgliches Steingras, Gestrüpp und Geröll eine minder starre Wand nach der Tiefe hinab, und auf dieser beschloß ich einen zwar schmalen, aber so viel möglich sicheren Fußsteig im Zickzack herstellen zu lassen. Die größte Schwierigkeit bot dann jener steile Felsen, auf welchem der zur Betrachtung des Wasserfalles nötige Standpunkt errungen werden sollte. Es blieb nichts anderes übrig, als an selben angelehnt zwei Reihen besonderer Fichtenstämme mit ein paar Absätzen oder Ruhepunkten bis hinauf zu zimmern und 162 starke Bretterstufen in selbe einzustemmen. Oben wurde dann eine nach dem Wasserfall hin offene, gedeckte Bretterhütte errichtet. Schon war diese Arbeit im J. 1814 ziemlich weit vorgerückt, als ich zu Anfang des Monat Juli 1815 von dem Erzherzog Rainer, Vizekönig des lombardo-venezianischen Königreichs, damals in Geschäften S.M. dem Kaiser ad latus, eine Staffette aus Wien erhielt des Inhalts, daß Ihre M. Marie Louise, Erzherzogin und Herzogin von Parma, nach einigen Tagen in das Stift kommen würde, um sowohl selbes, als auch dessen Umgebung bis Mariazell zu besehen, und ich darum ersucht werde, ihr diesen Ausflug in unsre Gebirgsgegend, so viel möglich, angenehm zu machen. ? Vor allem anderen fuhr ich sogleich drei Posten weit bis unter den Fuß des Josephsberges, um mit dem Waldmeister des Schwemminhabers die Herstellung des Weges zu dem Lassingfall zu beschleunigen, zu welchem Ende hundert kräftige Holzknechte herbeigerufen wurden, welche die ganze Arbeit in drei Tagen vollendeten. Ein paar Tage vor der Ankunft der Erzherzogin kam[en] ihr Hausintendant, Koch, Stallmeister und Kammerfrau an, lauter Franzosen, die ihr von Paris als frühere Dienstleute gefolgt waren. Es war für mich sehr interessant, mit diesen über so manches auf den Kaiser Napoleon Bezügliche zu sprechen, und sie gaben freundlich und gerne Bescheid. Alle waren enthusiastisch für ihn eingenommen, besonders die ältliche Kammerfrau wiederholte öfters die Worte: »Vraiment, c'était un grand homme« Auf die Frage, wie sich die Kaiserin in ihre Lage gefunden hätte, nachdem es hieß, sie wäre nur gezwungen seine Gattin geworden, gab sie die Antwort, sie wäre in ihrem Innersten überzeugt, die Kaiserin habe sich glücklich gefühlt. Im J. 1811, als er sie wie im Triumphzug durch Frankreich, Belgien usw. herumführte, habe sie allüberall die Vergötterung des Napoleon le Grand gehört und gesehen. Überdies habe er besonders auf Reisen die zarteste Rücksicht für sie bewiesen. Er sei Soldat und der Entbehrungen gewohnt ? nur seiner Frau solle es an keiner[65] Bequemlichkeit mangeln, sagte er bei jeder Gelegenheit; ihre Wohltätigkeitsliebe auszuüben, standen ihr Schätze zu Gebote; endlich habe sie ihm einen Sohn geboren; lauter Veranlassungen, ihm ihre volle Zuneigung zuzuwenden. Dies alles bestätigen auch ihre Mitgenossen. An einem Nachmittag erfolgte ihre Ankunft in der Gesellschaft ihrer Hofdame, der Gräfin Scarampi aus Mailand. Während ich sie über die Treppe in die für sie bereiteten Kaiserzimmer führte, ging sie freundliche Worte sprechend und ihr Gesicht gewohntermaßen gegen die Brust senkend, das noch überdies von einem breiten Strohhut verhüllt war, so daß ich ihr erst im Zimmer, als sie sich an die Brüstung des Fensters gelehnt gegen mich wandte, in die Augen sehen konnte, an meiner Seite einher. Ich erstaunte, wie sehr sie an Schönheit und edler Haltung, seit ich sie das erste Mal sah, gewonnen hatte; dies war am 11. April 1810, wo sie durch Prokuration an den Kaiser Napoleon vermählt wurde, zu welcher feierlichen Handlung er seinen berühmten Waffengenossen, Marschall Berthier, nach Wien gesandt hatte. Tags darauf gab der Prinz Albert, Herzog von Sachsen-Teschen, öffentliche Tafel, während welcher ich, einer der begünstigten Zuschauer, ihr gegenüberstehend sie sattsam betrachten konnte. Nachdem sie jetzt eine geraume Zeit mit mir gesprochen, ich ihr den Plan eröffnet, welche Lustpartien durch fünf bis sechs Tage gemacht werden könnten, und mich darauf empfohlen hatte, kam mir die Gräfin Scarampi nach und sagte, Ihre Majestät wünschten, daß ich während ihres Hierseins sowohl beim Diner (7 Uhr abends) als auch beim Dejeuner (12 Uhr mittags) mit ihnen beiden speisen sollte, was dann auch sowohl im Stifte als auch bei den folgenden Exkursionen geschah. ? Hier finde ich es nötig, etwas zu bemerken, auf was ich erst später aufmerksam gemacht wurde, nämlich, daß gerade um jene Zeit das Schicksal Napoleons entschieden werden sollte, als er sich auf den Bord der Fregatte Bellerophon begab, dann zuerst nach der Themse und bald darauf nach St. Helena abgeführt wurde! Nach dem ersten Diner, welches von 7 bis 9 Uhr abends dauerte, winkte mir die Gräfin, wir sollten der Erzherzogin in ihr Empfangszimmer folgen. Dort saß sie auf dem Kanapee und wir beide vor ihr eine und auch anderthalb Stunden lang in den mannigfaltigsten Gesprächen hingehalten, bis sie sich mit einem freundlichen »Gute Nacht!« zur Ruhe begab. Auch dies wiederholte sich jeden Abend auf gleiche Weise. Von den Gegenständen der Gespräche will ich nur ein paar jener erwähnen, die sich auf ihren damals vierjährigen Sohn und den Kaiser Napoleon bezogen. Als ich ihr sagte, wie sehr sich die Wiener freuten, sooft sie ihren kleinen Prinzen ausfahren sehen und besonders darüber, daß er ihnen auf ihre Grüße so freundlich danke, erwiderte sie: »Ich will[66] ihn frühzeitig lehren, sich freundlich gegen jedermann zu benehmen. ? Nicht wahr, Gräfin, ich vergesse mich öfters noch immer?« sagte sie lächelnd zu dieser. Bekanntlich saß sie öfters in sich gekehrt, ohne aufzusehen, im Wagen, was man, obgleich mit Unrecht, für eine mürrische Laune deutete. Auch erzählte sie uns, wie unbeschreiblich groß die Freude Kaiser Napoleons über sein neugeborenes Söhnlein war. Etwa am vierten oder fünften Abend nach dessen Geburt stand er lange vor seiner Wiege (eigentlich Korb), worin es lag, gab ihm die zärtlichsten Namen und steckte ihm endlich eine gesottene Pflaume von jenen, die für sie bereitet zunächst auf einem Teller sich vorfanden, in den Mund, so daß das arme Kind davon bald erstickt wäre, er aber in Angst und Schrecken geriet. Bei einer anderen Gelegenheit, wo von den französischen Dichtern und insbesondere von Voltaires Schriften die Rede war, und ich unter diesen eine für mich der empörendsten die »Faceties« bezeichnete, sagte sie, auch mehr nach der Gräfin hin gewendet, daß Kaiser Napoleon ihr während der ersten Zeit ihrer Ehe ? »wissen Sie Gräfin?« ? so auf gut soldatisch befohlen habe, die Werke des Voltaire zu lesen, was sie auch durch die ersten zehn Bände meistens dramatischen Inhalts unternahm, doch als sie das eben besagte Werk »Les Faceties« beiläufig bis zur Hälfte durchgesehen hatte, da erklärte sie ihm ganz ernsthaft, sie wolle nicht weiter lesen, und sandte ihm die übrigen Bände zurück. Wobei er es dann auch bewenden ließ. Mich däucht, dies gereichte sowohl ihr als ihm zur Ehre. Als ich eines Abends bei Tische bemerkte, gehört zu haben, daß sie vortrefflich Klavier spiele, und wir uns nach demselben wie gewöhnlich in ihren Salon zurückgezogen hatten, sprang sie mitten im Gespräch von dem Sofa auf, eröffnete das im Zimmer stehende Fortepiano und spielte mir über eine Stunde mehrere Sonaten und Stücke aus den beliebtesten Opern mit großer Fertigkeit vor, von welchen ein paar als die Lieblingsstücke Napoleons bezeichnet wurden. Zum ersten Ausflug hatte ich die Reise nach Mariazell in der Steiermark auf einer Seitenstraße über Hohenberg und St. Ägyd, wo bedeutende Eisen- und Stahlfabriken von Säbelklingen, allen Gattungen von Feilen, Sensen, Drahtzügen und gewalztem Blech des unternehmenden Herrn Fischer und Söhne zu sehen sind. An dem Fuße des steilen Kreuzberges, über den man zu dem Markte Mariazell gelangt, befindet sich die zur Förderung der Scheiterschwemme errichtete Maschine, der Holzaufzug genannt, wo durch die Gewalt des Wassers getrieben ein mächtiges Rad in zwei Kropfstücken (geschweißten Hülsen) bald links, bald rechts sich drehend die Scheiter auf niedrigen Wägelchen hinauf zur Höhe des Berges fördert, von wo sie dann durch Pferd und Ochsenzüge nach dem nahen Erlaufsee und von dort in den von dem Lassing- und Ötscherbach verstärkten Erlauffluß geschafft,[67] um, wie oben gesagt, nach Wien befördert zu werden. Die beiden vierrädrigen Wägelchen, wovon das eine jedesmal mit Scheitern beladen auf einem doppelten und mit einem Bretterdach bedeckten Schienenweg von Holz aufwärts und das andere leer herunterrollt, werden von der Maschine mittels eines Seiles, das zwischen den Rädern straff an den Boden streift, in sehr schnelle Bewegung gesetzt und stehen nur stille, wenn auf und abgeladen wird. Nachdem die Erzherzogin dieser industriellen Beschäftigung einige Zeit stillschweigend zugesehen hatte, wandte sie sich schnell nach mir herum und bat mich, Anstalt zu treffen, daß sie auf den Scheitern sitzend aufwärts gezogen werden möchte. Ich machte ernste Vorstellungen dagegen, da bei dem möglichen Zerreißen des Seiles große Gefahr drohe, und erst ein Jahr vorher einigen Wallfahrtern, die sich aus Unterhaltung hinaufziehen ließen, Arme und Beine zerschlagen wurden. Sie sah dem regsamen Treiben wieder eine Weile zu, wandte sich wieder zu mir und sagte noch dringender wie zuvor: »Lieber Herr Prälat, machen Sie doch, daß wir hinaufkommen!« Als ich endlich unüberlegt einwilligte, sah ich die zwei Beamten aus dem k.k. Gußwerk, die, sie zu bewillkommnen, abgesandt waren, leichenblaß zurücktreten. Doch auf ein Abstehen davon war nicht mehr zu denken; ich wählte daher ein paar der kräftigsten Holzknechte, die mit einem Strick in der Hand, der an die Tragbalken des Wägelchens befestigt ward, neben demselben mit hinauf dringen sollten, was wegen der schnellen Fahrt keine leichte Aufgabe war. Vorher wurde beiläufig eine halbe Klafter Scheiterholz aufgeladen, damit das Seil straff wurde, die bei den Damen ließen ihre Mäntel und Shawls darauf breiten und setzten sich, mit dem Rücken nach der Höhe gewendet, auf, ? mir ward die untere Stelle, die ich mit hinabhängenden Füßen einnahm. Die Maschine wurde in Gang gesetzt, und wir waren in schwindelnder Eile nach wenigen Minuten oben angelangt. Die Erzherzogin, wie ich deutlich merkte, war froh, die Fahrt glücklich bestanden zu haben, und beschenkte die Leute reichlich. Oft dachte ich seitdem bei mir selber, warum war ihr dort die gefahrvolle Unternehmung so wünschenswert erschienen? Denn was geschah? Den folgenden Tag, als wir eben bei der Mittagstafel saßen, ward ich hinausgerufen; die beiden Beamten des Gußwerks waren wieder erschienen, mir zu melden, das Seil sei vor einer halben Stunde entzweigerissen worden. Ich gebot, für jetzt es geheim zu halten, und machte es auch der Erzherzogin nicht zu wissen; doch bei einer anderen Gelegenheit, von welcher weiter unten die Rede sein wird, tat ich es mit einigem Vorwurf, welcher Verantwortung sie mich ausgesetzt hätte, in Gegenwart ihres kaiserlichen Vaters selber. Der folgende Tag war im Rückweg von Mariazell in das Stift der Besichtigung des Lassingfalles gewidmet. Am Fuße[68] des Josephberges fährt von der sogenannten Wienerbrücke der Pfad bis zur Höhe des Bauerngehöftes, die man zu Fuß, zu Pferd oder auf einspännigen Wägelchen in einer halben Stunde erreicht. Erstaunen faßte die Erzherzogin bei dem Anblick des großen Felsenkessels am Ötscher. Von dort ritt sie auf einem verläßlichen Gebirgspferde, das ihr Stallmeister am Zaume leitete, nachdem er den mitgebrachten Damensattel aufgelegt hatte, auf dem neuen Zickzackweg bis in die Tiefe hinab. Als wir die hölzerne Treppe 162 Stufen aufwärts stiegen, und ich bemerkte, daß der Erzherzog Karl den Lassingfall großartiger als jenen des Rheins bei Schaffhausen und schöner als die meisten in der Schweiz gefunden habe, sagte sie achselzuckend, sie habe erst voriges Jahr die Schweiz bereist und werde sehen, ob es sich also verhalte. Als wir aber auf der Platte unter der Hütte angelangt waren, und nun die Lassing nach den losgelassenen Schleusen in furchtbarer Majestät über die Felsen in die Tiefe herabdonnerte, im mächtigen Luftstrom die höchsten Tannen allumher hin und her schwankten, der Staubregen hoch gen Himmel aufwirbelte und im hellen Sonnenschein des Mittags eine große Anzahl von Regenbogen über den brausenden Fluten sich wölbte, da wandte sie sich schnell mit hocherhobenen Armen nach mir herum und rief: »Es ist so ? es ist so ? ich habe nie einen schöneren gesehen!« Abends langten wir in dem Stifte an. Nach Tische und dem gewöhnlichen Salongespräch meinte ich, würde sie sich ermüdet von den heutigen Strapazen früher zur Ruhe begeben; doch, als ich mich entfernen wollte, äußerte sie den Wunsch, die Hallen der großen gotischen Stiftskirche und der Kreuzgänge bei Kerzenschein, es war schon nahe an elf Uhr, sehen zu wollen. Ich führte also die beiden Damen, ihren Dienern, welche die Lichter trugen, folgend, über eine Seitentreppe hinunter. Während dieser schauerlichen Wanderung kamen nur einzelne bewundernde Worte aus ihrem Munde. Sie stand öfters stille und schien in tiefe Betrachtungen versunken. Verläßlichere Gebirgspferde waren von Annaberg herab bestellt, und am nächsten Morgen wurde die Besteigung der Klosteralpe unternommen. Als ich neben ihr ritt, und sie fragte, ob sie nach dem Mühen des gestrigen Tages gut geschlafen habe, sagte sie in langgedehntes »Nein!«; sie habe abends zuvor eine Staffette vom Erzherzog Rainer erhalten ? dann noch bis nach Mitternacht Briefe geschrieben und obgleich ermüdet noch lange darauf nicht einschlafen können. »Sie wissen schon,« ? sagte sie nach einigem Schweigen hinzu ? »wenn man unglücklich[69] ist ...« Diese Äußerung und die nächtliche Wanderung zeugte also von einem tiefbewegten Gemüt, und der von Wien erhaltene Brief gab wahrscheinlich von dem entschiedenen Schicksal Napoleons Kunde! ? Die Alpenreise fiel übrigens ganz herrlich und für sie höchst befriedigend aus. Der schönste Tag begünstigte das Unternehmen, und die Aussicht von dort ist unbeschreiblich schön ? ja einzig, denn man müßte ein zweites Unterösterreich mit seinem breiten Donaustrom und seinen unzähligen Städten, Klöstern, Dörfern und Burgen hinzaubern, um sie anderswo finden zu können. Sie reicht im Süden über einen Teil der Stadt Wien bis an den Schneeberg und mehr rechts an die steirischen Hochgebirge; im Westen an den großen Briel und den Traunstein in Oberösterreich, im Norden über das Marchfeld an Böhmens und Mährens Höhen, und im Osten an die Karpaten, die sich von Preßburg links immer höher emporheben. Die Lilienfelder Alpen, gegen viertausend Fuß über dem Meere hoch, sind in der norischen Alpenkette zunächst an die unermeßliche Fläche hinausgeschoben und darum bieten sie eine Fernsicht nicht nach starren Gletscherhöhen, sondern nach allwärts reichbelebten Fluren, welcher an Herrlichkeit weder jene von der Rigi, noch von dem Schafberg gleichkommt. Sowohl diese, als auch der Lassingfall sind im 2. Gesang der Rudophias beschrieben. Am nächsten, gleichsam an einem Ruhetage, wurde das Innere des Stiftes, die Bibliothek, das Naturalienkabinett, der Meierhof und der Garten besichtigt, und von dem vierseitig gebauten, mit vielen roten Marmorsäulen verzierten gotischen Kreuzgange manche Zeichnung entworfen. Die Erzherzogin brachte über zwei Stunden sitzend daselbst zu, und ich fand jene sehr gelungen. Endlich wurde am Tage der Abfahrt das Mittagessen in dem anderthalb Stunden vom Stifte entlegenen Schloß Bergau veranstaltet. Dieses liegt an der Seitenstraße, welche von Lilienfeld über Hainfeld, Hl. Kreuz und Mödling durch liebliche Gebirgsgegenden nach Wien führt. Selbes kam mit der Herrschaft gleiches Namens und Kreisbach mit derselben durch Kauf in den Besitz des Stiftes zu jener Zeit, als die Schweden an der Donau vor Wien standen, und ihr Besitzer, Freiherr Jörger, in Folge der Reformation Protestant geworden, mit noch einigen andern Häuptern der Rebellen in das Zimmer des Kaisers drang, diesen an einem Knopfe seines Rockes faßte und ihm zurief: »Ferdinand, willst du unterschreiben?«, weswegen er später geächtet und seiner Güter beraubt wurde. Nach Tische kurz vor ihrer Abfahrt wollte sie auf einem Hügel, unter hohen Tannen stehend, die schöne Gegend noch einmal betrachten, und als ich die Worte rief: »Österreich[70] ist ein schönes, von einem guten Volke bewohntes Land!« ? sagte sie: »Ja, mir geht es auch wieder wohl, seit ich unter den Meinigen bin.« Dann nahm sie mit freundlichen Blicken und Worten Abschied und lud mich ein, ich solle sie bei der nächsten Reise nach Wien in Schönbrunn besuchen, wo sie mir dann ihren kleinen Sohn vorstellen wolle. Es geschah. Ich wurde zur Tafel, wie gewöhnlich, acht Uhr abends geladen, bei welcher nebst dem Erzherzog Rainer, ihrem Obersthofmeister, einem Franzosen und zwei Hofdamen auch der kleine Prinz gegenwärtig war. Ich habe ihn seitdem auf meinen Reisen nach Gastein und Wien beinahe jährlich und noch drei Tage vor seinem Tode, wie er's wünschte, besucht. Amazon.de Widgets In den folgenden drei Jahren hatte ich das Glück, von den Herren Erzherzogen Karl, Johann, Rainer und Ludwig abwechselnd im Stifte besucht zu werden und mit ihnen öfters durch mehrere Tage Ausflüge in das Hochgebirge zu machen. Ich will nur von einem derselben, der Besteigung des Ötschers mit dem Erzh. Ludwig im J. 1816 Meldung machen. Der gewöhnliche Weg führt vom Josephsberg aus durch waldige Täler und über mehrere Höhen zu Pferde sieben Stunden lang bis zur Hütte des Spielpichler am Fuße desselben, wo man übernachtet und von wo man bald nach Mitternacht aufbricht, um den Sonnenaufgang oben betrachten zu können. Das erste Mal machte ich diese Ötscherreise im J. 1804, damals noch als Kämmerer und Waldmeister des Stiftes mit dem Erzh. Rainer auf demselben Wege, der an der Westseite über grasige Abhänge bis zum Gipfel ziemlich bequem hinaufführt. Auf der Ostseite aber gegen die Hauptstraße am Josephsberg hin ragt er als ein kahler, ungeheurer Felskoloß empor und scheint dort unersteiglich zu sein. Doch haben teils die Gemsen und die weidenden Kühe teils die nächsten Alpenbewohner sich schmale Steige geebnet, welche auf manchen in der Ferne nicht sichtbaren, vorhängenden Platten ein sehr nahrhaftes Heu mit halsbrecherischer Kühnheit niedersicheln und selbes in Büscheln gebunden in die Tiefe zur Heimschaffung hinabwerfen, wobei sie auch in fortlaufenden Windungen sich den kürzesten Weg bis zur Höhe des Berges ausgefunden haben. Auf dieser steilen Seite wollte nun der Erzherzog den Berg mit mir besteigen, da von der Hauptstraße am Josephberg hin zwei dunkle Höhlen über der Hälfte seiner Höhe sichtbar werden, von welchen die Sage im Munde des Volkes viel zu erzählen wußte. Diesen sollte nun auch unser Besuch gelten. Im J. 1804 befand sich noch in der Stiftsbibliothek von Lilienfeld ein gewiß über hundert Jahre altes Manuskript unter dem Titel: »Der inwendige Ötscher und seine Wunder«, welches der Erzherzog Rainer damals zur Durchsicht mit nach Wien[71] nahm, und welches leider darauf auch ihm vielleicht durch Schuld seiner Umgebung abhanden gekommen ist. Es handelte von den beiden Höhlen, wovon die eine noch jetzt das Geldloch und die andere das Taubenloch genannt wird. Der Sage wie auch dem Manuskript, welches sie verzeichnete, zu Folge erhielt die erste deshalb den Namen, weil vordem von Zeit zu Zeit Männer aus dem fernen Wälschland erschienen, mehrere Tage in derselben wohnten und mit Gold und Silber beladen wieder heimkehrten. Das Taubenloch aber wurde wegen einer Gattung kleiner, glänzend schwarzer Bergdohlen, die in unzählbarer Menge in ihr hausen und rastlos aus und einfahrend wie regungslos in der Luft herumschweben, also benennet. In der ersteren befinde sich ein zur Sommerszeit festgefrorener Teich, über welchen hinübergekommen man durch eine niedrige Öffnung kriechen müsse, um dann in ihrem Inneren versteinerte Gestalten und seltsame Götzenaltäre erblicken zu können; in der zweiten sei eine unermeßlich hohe Wölbung, die wohl bis zum Gipfel des Berges hinaufreiche, unter welchem man durch das sogenannte Wetterloch hinaussteigen könne. Von allem diesem hatte ich schon früher gehört; doch, was meine Aufmerksamkeit insbesondere erregte, war, daß im J. 1808 der Regierungsrat von Schreibers, Direktor des Naturalien-, und Widmanstetter, des Technologischen-Kabinetts in Wien und beide auch durch lit. Leistungen bekannt zu mir als damaligen Pfarrer von Türnitz kamen und mir sagten, daß ihre jetzige Reise zum Zweck habe, obgenannte Höhlen zu untersuchen. Widmannstetter äußerte unter lautem Lachen wiederholt, daß wahrscheinlich all das darüber Gesagte nur Fabeln seien; ich war der gegenteiligen Meinung und ich ersuchte sie, mir im Rückwege darüber zu referieren, was dann auch geschah; denn nach einigen Tagen stiegen sie im Vorbeifahren vom Wagen, und Herr von Schreibers, der zuerst in das Zimmer trat, rief triumphierend, ich hätte recht gehabt, die Nachrichten von den beiden Höhlen seien keine Fabel, und diese höchst merkwürdig. Sie wiesen mir auch zwei große Fledermäuse [vor], die sie daraus mitgenommen hatten. Vielleicht hatte Erzh. Ludwig von diesen Naturforschern von den Höhlen des Ötschers gehört. Wir fuhren den ersten Nachmittag[72] bis nach St. Ägyd, wo wir in der Fabrik des Herrn Fischer übernachteten. Den folgenden Tag ritten wir durch die waldigen Täler unterhalb des Marktes Annaberg bis hinunter in den Erlaufboden und langten von dort über den Teufelsriegel auf höchst beschwerlichen Fußsteigen erst bei sinkender Abendsonne auf dem Ochsenboden, einem Weideplatz, an, auf welchem eine mit frischem Heu gefüllte Scheune stand. Ich riet in derselben zu übernachten, da wir dicht unter den Höhlen wären und morgens rasch aufwärts dringend nach der Äußerung der Holzknechte in anderthalb Stunden zu ihnen gelangen könnten. Doch der Erzherzog wollte bis zu der Hütte des Holzmeisters Spielpichler kommen, weil selbe zum Nachtlager bestimmt worden sei. Wir kamen in stockfinsterer Waldnacht, die auch durch vorgetragene Spanfackeln (zusammengefügte Späne von harzigem Kienholz) nur wenig erleuchtet war, erst gegen elf Uhr in großer Ermüdung dort an, die uns über fünf Stunden Weges die hemmenden Baumwurzeln verursacht hatten. Der Aufbruch geschah am frühen Morgen, wo wir abermals fünf Stunden lang an der Seite des Berges schief aufwärts ringend wieder zurückkehren mußten, um in die Nähe der Höhlen zu gelangen. Wir waren etwa nur eine halbe Stunde mehr davon entfernt, als der Erzherzog mit dem ihn von Wien begleitenden Hofrat des Erzherzogs Karl, Joachim Kleyle, Verfasser einer sehr interessanten Reisebeschreibung des Salzkammergutes in Oberösterreich, sich auf den Boden niederließ und mir erklärte, die Besichtigung der Höhlen für seine Person aufgeben zu wollen, da er vom Gehen erhitzt und von Schweiß triefend sich einer Verkühlung auszusetzen fürchte. Hofrat Kleyle blieb bei ihm zurück; ich aber stieg mit einigen Holzknechten und einem jungen Beamten der k.k. Schmelzhütte in Annaberg, also einem Bergmann, mutig bis zu ihnen hinauf, um dann künftig auch anderen sagen zu können, ob sie die Mühe lohnten, die ihr Besuch erheischte. Vom Eingange der ersten Höhle, das Geldloch genannt, sahen wir richtig den kleinen mit einer Eisrinde bedeckten Teich und drüben die düstere Öffnung, durch welche wir kriechen sollten, um die vielen versteinerten Gestalten und Götzenaltäre, von welchen das Manuskript sprach, ersehen zu können. Aber die Jahreszeit war zu Ende August schon vorgerückt, und die Eisdecke schien nicht fest genug, uns tragen zu können, was wir auch leicht erprobten, da die hineingeworfenen Steine sie leicht durchbrachen. Durch den kaminförmigen Trichter, der sich umgekehrt in die Höhe erhob, zog ein eiskalter Wind herab, der uns nicht gestattete, dort länger zu verweilen, und wir eilten weiter. Was die Nachricht von den versteinerten Götzenbildern, die wir nicht zu Gesicht bekamen, betrifft, so wird sie jeder leicht erklären, der die berühmten Stalaktiten-Höhlen bei Adelberg in Krain und andre ähnliche gesehen hat. Es gehört wahrlich wenig Imagination dazu,[73] um die daselbst vorkommenden und von den Führern bezeichneten Steingebilde, wie die Madonna mit dem Kinde, die Kanzel, von wo einer der Führer eine kurze Rede hält, die Fleischbank mit den herabhängenden Würsten und Schinken, dann den Vorhang u. dgl. entsprechend zu finden. Angelangt in der zweiten Höhle, dem sogenannten Taubenloch, zogen in einem weiten Raume viele vielleicht seit Jahrhunderten aufgehäuften Hügel Vogelmistes, über welchen die Nester der Bergdohlen in der Wölbung des Felsens sich befanden, meine Aufmerksamkeit auf sich. Dann stiegen wir durch einen wohl sechzig bis siebzig Schritt langen und wie durch Menschenhand ausgehauenen Felsengang abwärts, bis wir zur niederen Öffnung kamen, durch welche wir kriechen mußten, um in das Innere zu gelangen. Aber dort bei dem Schein mehrerer Spanfackeln welch ein ergreifender Anblick bot sich uns dar! So hoch die Holzknechte die flammenden Fackeln emporstreckten, so konnte das Auge das unermeßlich hinauf umwölbte Dunkel nicht durchdringen. Nach dieser Höhle habe ich jene, die zu Ende des ersten Gesanges der Tunisias vorkömmt, besungen. Besonders interessant war es zu sehen, als der junge Bergbeamte eine Fackel ergriff und durch die schmalen, inner der Seitenwand befindlichen Klüfte in der ganzen Runde umher wie auf einer Schneckenstiege einige Klafter hoch hinaufstieg, und dabei durch mehrere Öffnungen wie aus offenen Fenstern der Fackelschein auf uns herableuchtete. Wir riefen ihn zurück, doch einer der Holzknechte erzählte uns, daß vor vielen Jahren ein mutiger Holzknecht auf solche Art bis zur obersten Wölbung der Höhle gekommen und dort durch das sogenannte Wetterloch auf die Kuppe des Ötschers hinausgestiegen sei. Dies ließen wir dahingestellt sein und eilten zu dem Erzherzog zurück, der nach allem, was er über die beiden Höhlen von uns vernahm, es sehr bedauerte, daß er abgehalten von Gesundheitsrücksichten sie nicht mit uns habe besehen können. Nun hatten wir die schwere Aufgabe, den Weg über die letzte steilste Wand bis zum Gipfel des Berges zurückzulegen. Die riesenstarken Holzknechte reichten uns öfters die Hand, um uns über die Felsenschichten, gegen welche wir unsere Füße stemmten, hinaufzuziehen. Erst gegen vier Uhr nachmittag langten wir oben an. Der Weg zu der äußersten Spitze, wo ein eisernes Kreuz steht, führte uns bei dem sogenannten Wetterloch, einer zirkelrunden Felsenöffnung vorbei. Da gab es denn vieles zu hören, wie gefährlich es sei, aus Laune und Mutwillen Steine hinabzuwerfen, indem jedes Mal noch am selben Tage ein Gewitter entstehe. Hofrat Kleyle lachte über diese Schreckbilder und warf die ersten hinunter, die mit einem seltsamen Gepolter in die Tiefe rollten; noch ein und der andere von uns ahmte sein Beispiel nach. ? Vor dem Kreuze sitzend rasteten wir dann einige Zeit aus, besprachen[74] die Gegenstände einer unermeßlichen Fernsicht und beobachteten den Barometer zum Vergleiche mit früheren Messungen. Bald wurde der Aufbruch für nötig erachtet, um auf der Westseite des Berges bis zu dem an seine Füße liegenden kleinen Gasthause im Lackenhof, wo ein tüchtiges Mahl und die bespannten Wägen zur Weiterfahrt nach dem zur Nachtstation bestimmten Markte Gaming bereit standen, kommen zu können. Trotz der allgemein vorhandenen großen Eßlust wurde wegen der sinkenden Dämmerung die Mahlzeit beseitigt und die Fahrt angetreten. Ich saß mit dem Erzherzog in einer halbgedeckten Kalesche, Hofrat Kleyle vorne unbedeckt uns gegenüber. Wir fuhren kaum eine halbe Stunde, so wurde es plötzlich finstere Nacht. Ein schweres Gewitter zog hinter uns her von den Höhen herab; der Donner tobte durch die Täler; die Blitze entflammten alle Augenblicke die Fluten des vorbeirauschenden Baches, und der Regen sank in Strömen, so daß Hofrat Kleyle bis auf die Haut durchnäßt ward. Es wurde öfters mitunter lachend der Warnung gedacht, welche die Holzknechte wegen der Steinwürfe in die Tiefe des Wetterloches ergehen ließen; der furchtbare Aufruhr aber in der Natur hieß bald die scherzhaften Äußerungen verstummen. Gegen elf Uhr nachts kamen wir in dem k.k. Amtshause zu Gaming an, und die große Ermüdung ließ uns auch dort die Nachtruhe dem reichlich bereiteten Mahle, das ganz unbeachtet blieb, vorziehen. Morgens besahen wir das weitläufige Gebäude des Amtshauses, in welches nach der Aufhebung durch Kaiser Joseph II. das so reiche, wegen einer vortrefflichen Bibliothek und den Grabmälern mehrere Glieder des österreichischen Regentenstammes berühmten Karthäuserkloster von Gaming verwandelt war. Ein betrübender Anblick war es, all die vormaligen Herrlichkeiten im Verfalle zu sehen, so die großartige Stiftskirche und darin die umherliegenden Marmorblöcke der teilweise zerstörten fürstlichen Grabdenkmäler, aus welchen der vormalige Bischof von St. Pölten, Graf von Hohenwart, bei Gelegenheit der kanonischen Visitation die Gebeine sammeln und anständig beisetzen ließ. Gegen zehn Uhr setzten wir unsere Weiterreise durch die merkwürdigen Erlaufmauern zum Lassingfall und Mariazell zu Fuße fort. Durch die Erlaufmauern, einem engen Felsental, führt hoch über den rauschenden Fluten ein schmaler, hie und da sehr gefährlicher Fußsteig über sechs Stunden lang hinauf in den oben beschriebenen großen Kessel des Ötschers, aus welchem sich der Ötscher- und Lassingbach mit dem Erlauffluß vereint ergießt. Bei dem Lassingfall wurde wegen großer Ermüdung nicht lange verweilt, und wir kamen am späten Abend in der Nachtherberge in Mariazell an. Am folgenden Tage, einem Sonntag, war für den Ort eine besondere Festlichkeit, da der dortige Vorsteher der geistlichen Kommunität sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum[75] feierte, sein Bruder jenes seines Eintritts in dasselbe Benediktinerkloster, zwei junge, in Mariazell gebürtige Geistliche ihre Primiz oder erste Messe lasen, ein alter Bauer aus der Umgebung seine goldene Hochzeit mit seinem Weibe beging, und zwei junge Brautpaare vor demselben Altar getraut wurden. Nachdem wir allem diesem beigewohnt hatten und durch die Volksmenge nach dem Gasthof zur Weiterreise zurückgingen, erblickten wir dort auch die stämmigen Holzknechte, unsere Ötscherführer, ebenfalls in ihren Sonntagskleidern auf dem Markte stehend und ihre Augen mit komischem Lächeln auf uns gerichtet. Als wir an ihnen vorüberkamen, rückten sie nur ein wenig an ihren breiten Hüten, und einer von ihnen rief uns lachend zu: »Nu, haben wir es euch nicht gesagt, ihr sollt keine Steine in das Wetterloch hinabwerfen? Seid ihr recht durchweicht worden?« ? Wir grüßten sie lächelnd zum Abschied. Der Erzherzog fuhr weiter fort durch die Steiermark, und ich kehrte nach dem Stifte heim. In Hinsicht obiger Erzählung von einem durch Steinwürfe in das Wetterloch erregten Gewitters, will ich aus den interessanten Wanderungen durch die Schweiz, und insbesondere in der Nähe des Pilatusberges am Luzernersee durch C. Eduard Silesius (Baron von Badenfeld) eine hieher bezügliche Stelle anführen: Die Sage von derlei Nebenhöhlen und Wetterlöchern ist zu allgemein verbreitet und kommt zu häufig vor, als daß man ihren Ursprung lediglich der Heimat des Aberglaubens zuweisen, oder wohl gar sie bespötteln dürfte. Solchen allwärts verbreiteten Volksmeinungen liegt durchgängig eine richtige Naturerforschung, ein tiefer Sinn zu Grunde. Wie Schneeflocken sich zueinandergesellend allmählich zur Lavine anschwellen, so bilden un merkliche Nebelteilchen ? wie jeder, der die atmosphärischen Erscheinungen von umfassenden Gebirgsübersichten beobachtet, bestätigen wird ? allmählich Gewölke, Wolkenmassen, Gewitter. Daß ferner gewisse Höhenpunkte namentlich perpetuierliche Feuchtigkeitsbehälter auf beherrschenden Punkten, die Braustätten jener Uranfänge der Hochgewitter sind, wird ebensowenig geleugnet werden, als daß ein in solche stagnierende Dunstbehälter geschleuderter Stein diese lauschenden bösen Dünste, leicht angefesselte Ungeheuer, noch viel rascher in Bewegung setze, als eine weit massenhaftere Wasserfläche; und somit ist ein durch einen Wurf in die Pilatuslacke herbeigeschworenes Hochgewitter ohne Schwierigkeit erklärt. (Spaziergang durch die Alpen vom Traunstein zum Montblanc. Von Eduard Silesius. Wien, Gerold, 1844. 3 Teile.) Das Jahr 1817 wurde in Hinsicht meiner Gesundheitszustände ein merkwürdiges für mich. Seit dem furchtbaren Typhus, den ich im J. 1797 überstanden hatte, bin ich bei all den Beschäftigungen eines sehr bewegten Lebens ein kränkelnder, an physischen Kräften herabgekommener, nervenschwacher Mensch geblieben. Besonders scheinen die Verdauungswerkzeuge sehr gelitten zu haben, da ich gewöhnlich Vormittag sehr blaß aussah, und mir der Schweiß in großen Tropfen an der Stirne und der oberen Lippe stand. Häufige[76] Bewegung in freier Luft wurde mir teils geraten, teils durch meine Oberen zur Pflicht gemacht, da ich durch zwei Jahre das Amt eines Ökonomie direktors und durch mehr als sieben jenes eines Waldmeisters im Stifte versehen mußte, und ich muß offenherzig gestehen, daß ich dabei, wie ich oben bemerkte, mit übertriebenem Eifer zu Werke gegangen sei. Mit Widerwillen hatte ich das erstere Amt angetreten; doch, nachdem ich mich in selbes gefügt hatte, gewann ich es lieb und setzte einen Ehrgeiz darein, die lange vernachlässigte und fast schon aufgegebene Alpenwirtschaft wieder herzustellen. Das Stift sollte bald das schönste Rindvieh in Österreich aufweisen können. So viele Gänge bergauf mir dieser auch verursachte, so trieb ich es dann noch viel eifriger, als ich es mir in den Kopf setzte, auf der sogenannten Hinteralpe, der höchsten Abteilung der Klosteralpe, wo zwar das beste Futter wuchs, aber wegen Mangel des Wassers, sobald das in kleinen Teichen gesammelte Regenwasser versiegt war, von dort die weidenden Rinder in die unteren herabgetrieben werden mußten, eine Quelle aufzufinden. Statt den gewöhnlichen, starke drei Stunden dauernden Fußweg zu gehen, wählte ich meistens den kürzesten durch enge Waldschluchten hinauf, wo ich freilich in anderthalb Stunden die Höhe erreichte, aber dann schwer atmend und von Schweiß triefend, öfters auch ganz erschöpft in dem Grase niedersank. Doch als ich die gesuchte Quelle etwas unterhalb der Weideplätze an der östlichen Bergseite wirklich auffand, da war auch meine Freude groß, wie die eines Feldherrn an der gemachten Eroberung. Erst seitdem ist jene Alpe zur rechten Benützung gediehen. Noch weit größere Beschwerden verursachte mir das Amt des Waldmeisters, das ich über sieben Jahre bekleidet hatte. Schon bei der jährlichen Abmaß der ausgeschichteten Scheiter im Spätherbst, meistens im Monat November, wo auf den Höhen bereits dichter Schnee lag, und mit an den Füßen angeschnallten Steigeisen oft von frühe bis abends im selben herumgegangen werden mußte, gab es viel Ungemach zu erdulden, und da geschah es auch, daß ich eines Abends, wo ich bei plötzlich eingetretener Kälte mit starkdurchnäßten Stiefeln nach Hause ritt, erfrorene Füße bekam und die von Zeit zu Zeit aufbrechenden Frostbeulen mir noch jetzt nach mehr als vierzig Jahren arge Schmerzen verursachen. Der mehr als achtzehntausend Joche betragende Waldgrund des Stiftes war weder gehörig gemessen, noch hatte man kunstgerechte Mappen davon. Ich nahm einen aus dem Rheinland stammenden geschickten Geometer, Hain mit Namen, in die Stiftsdienste auf und begann mit ihm vereint die zur Mappierung nötigen Aufnahmen zu machen. Da mußten zwischen den Revieren, den fremdherrschaftlichen und den eigenen Untertansgründen die Grenzen abgegangen und die Markzeichen festgesetzt und berichtigt[77] werden, was über Berg und Tal und öfters auf den höchsten Berggraten geschah, und da hatte ich öfters Gelegenheit die Bemerkung zu machen, wie viel die moralische Kraft über die physische vermöge. Von Jugend auf an das Bergsteigen gewohnte und abgehärtete Jäger legten sich dabei öfters abgemattet im Schatten nieder, während ich bei all dem Gefühl meiner Schwäche aufrecht stand und ihnen durch festes Ausharren Mut machen wollte. Oft ganze Tage lang war bei großer Hitze nur kalte, geronnene (sogenannte saure) Milch nebst Quellwasser und schwarzem Brot, das wir hie und da in den einsamen Bauernhütten trafen, unsere Erfrischung. Zwei und einen halben Frühling, Sommer und Herbst dauerte bereits diese Beschäftigung, und schon einige sehr zweckmäßig verfertigte Mappen lagen bereit, als ich sie zu meinem großen Leidwesen mitten abbrechen und nach dem Markte Türnitz (Juli 1807) als Pfarrer ziehen mußte. Solche unverhoffte Übergänge von einem Zustand in den anderen kommen in meinem Leben öfter vor! ? Möglich, daß auch jene mitunter übertriebene Anstrengungen viel dazu beitrugen, meinen ohnehin etwas schwächlichen Körper in einen wiederholt krankhaften Zustand zu versetzen. Zweimal wurde ich in die Badner Bäder bei Wien gewiesen, die aber bei mir jedes Mal mit schlechtem Erfolg angewendet wurden. Das erste Mal im J. 1798, ein Jahr nach dem überstandenen Typhus, wo ich aber vielleicht wegen ihrer schwefligen Dünste schon nach dem fünften Bade eine heftige Augenentzündung bekam, über neun Monate daran litt, und wobei mir mit Zugpflastern und Aderlässen an den Füßen tüchtig zugesetzt wurde. Nicht mit besserem Erfolg und auch nur durch wenige Tage gebrauchte ich sie im J. 1810 als Pfarrer in Türnitz, da sich bald heftige, gichtartige Schmerzen in den Gelenken einstellten, und ich heimgekehrt über vierzehn Tage in einer völligen Apathie im Bette lag. Doch schlimmer wurde es mit mir im J. 1817, wo an meinem schlechten Aussehen jedermann Anstoß nahm, und ich seit geraumer Zeit das linke Bein, an dem der rückwärtige Teil des Schenkels kalt und fühllos war, im Gehen mit der Fußsohle am Boden streifend nach mir zog. Die Veranlassung dieses Übels wüßte ich nicht mit Bestimmtheit anzugeben. Entweder war nach dem Typhus das wegen der Brandwunden über acht Wochen dauernde Liegen auf derselben Seite oder das tolle Verfahren des Chirurgs, der die Wunden durch fortgesetztes Ausschneiden reinigen wollte, oder noch ein anderer merkwürdiger Vorfall schuld daran, den ich hier kurz erzählen will. Als Pfarrer von Türnitz ging ich einst mit dem dortigen Revierjäger über die Höhen des Häferberges, um nach einer schnellen Wendung auf der nordwestlichen Seite des Berges auf dem kürzesten Wege in das Stift zu gelangen. Wir kamen an eine enge, kaum sechs Fuß breite Felsenschlucht, in welcher die[78] Schneelawinen hinabzurollen pflegen. Der Jäger setzte glücklich hinüber; als ich es tun wollte, entglitt meiner Hand der Alpenstock, und flog, so jäh war die Senkung der Schlucht, eilig in die Tiefe hinab ? ich ihm mit emporgestreckt aufliegender Linken in sausender Schnelle wohl dreihundert Fuß weit nach, bis meine linke Ferse an eine aus dem Gestein etwa vier Zoll aufragende Erhöhung stieß, und ich dadurch gerettet war, denn nur noch ein paar hundert Fuß weiter wäre ich von dem Rand der Felsenschlucht über eine wenigstens hundert Klafter hohe steilrechte Felsenwand hinabgestürzt. Während des schnellen Hinabrutschens hörte ich nur das »Jesus! Jesus!« Geschrei des nachlaufenden Jägers, der mir nahegekommen das spitzige Eisen seines Alpenstockes in den Felsen bohrte, dann, als ich meinen rechten Fuß daran gestemmt hatte, mich bei der dargereichten linken Hand zu sich hinaufzog, wo ich aber fast besinnungslos zu Boden sank. Seitdem ist meine linke Ferse immerfort taub und fühllos geblieben, und wohl möglich, daß dies auch die Fühllosigkeit und das Erkalten des hinteren Schenkels nach sich zog. In dem obengenannten Jahre wurde mir endlich Hilfe geboten. Gegen Ende Juli war ich zu Leesdorf bei Baden durch meinen gar lieben Freund, Anton Reyberger, Abten vom Stifte Melk und ausgezeichneten theol. Schriftsteller, nebst vielen anderen zu Gaste gebeten. Während des Mittagessens sagte er halbleise zu seinem Nachbar: »Seht dort unsern Ladislaus, der lebt uns kein halbes Jahr mehr!« Selbst davon überzeugt, hörte ich diese Worte mit der größten Kaltblütigkeit an. Nach Tische bestürmte er mich im Verein mit der ganzen Gesellschaft, ich solle den eben auch anwesenden Dr. Paintinger von Leoben als einen sehr ausgezeichneten Arzt konsultieren. Ich wollte es an jeder Hilfe verzweifelnd lange nicht tun. Endlich drängte man mich mit dem Arzt in ein Nebenzimmer, und nach mehreren ärztlichen Erhebungen erklärte er, nur von dem Gebrauch der Gasteiner Quelle sei für mich noch Rettung zu hoffen. So sehr ich mich dagegen sträubte, so mußte ich den vereinten Vorstellungen aller Anwesenden nachgeben und einige Tage darauf fuhr ich mit eigener Gelegenheit vom Stifte über Mariazell, Wildalpen, Stift Admont und Radstadt nach dem Wildbad in Gastein. Damals war diese wegen Heilung von Nervenübeln berühmte Badeanstalt in Hinsicht der Unterkunft in einem betrübten Zustande. Außer dem vormals fürsterzbischöflichen Badeschloß, welches der Kaiser Franz I. 1807 zum Gebrauche der Badegäste überließ, waren nebst der Straubinger Hütte und dem Mitter- und Grabenwirtshaus nur noch ein paar ärmliche Handwerker- und Krämerhäuser zur Aufnahme der Badegäste mit Ausnahme des Armeespitals vorhanden,[79] und der damalige Badearzt Dr. Storch versicherte mir, daß jährlich nur etwa 130 Badegäste in allen diesen Lokalitäten untergebracht werden könnten. Auch ich fand nur ein paar sogenannte Mezzaninen, eigentlich Dachstübchen des Schlosses, die aber wohnlich genug sind, zu meinem Gebrauche vor. Meine Ankunft erfolgte am 1-sten August, und bis zum 22-sten habe ich die Bäder angewendet. Am achten Tage schrie ich im Kommunbad, wo etwa zwölf Personen gegenwärtig waren, laut auf: »Mein Fuß ist warm geworden!« Und so war es auch. Vom Schenkel bis zu den Zehen hinab ist Leben und Wärme gedrungen. Überhaupt habe ich mich in diesen dort gewöhnlichen einundzwanzig Badetagen sehr erholt, so daß bei meiner Zurückkunft alle Bekannten, insbesondere mein Freund Reyberger, die lauteste Freude über mein gutes Aussehen bezeugten. Und hätte ich mir am Morgen meiner Abreise, wo ich eine kleine Anhöhe bestieg, noch einmal die Gegenden zu sehen und Abschied von ihnen zu nehmen, nicht einen Rheumatism(us) im Rücken, der mich viele Jahre hindurch peinigte, zugezogen, so wäre dieser erste Aufenthalt daselbst für mich sehr segensreich gewesen. Indessen habe ich seitdem im Verlauf von mehr als zwanzig Jahren jene Bäder fast jährlich besucht und jedesmal die besten Wirkungen davon erfahren. Im J. 1818 und 1820 habe ich Herrn Franz Grillparzer mir zugesellet. Das Jahr 1818 führte mich unverhofft ganz neuen Lebensverhältnissen entgegen. Gegen Ende April schrieb mir Hofrat Kleyle aus Wien, der Kaiser habe seinem Herrn (dem Erzh. Karl) bei Tische gesagt, er würde mich nächstens zum Bischof von Görz in Friaul ernennen, wo ein theol. Seminär für Istrien errichtet werden sollte. Vor Schrecken ließ ich den Brief aus den Händen fallen und warf mich auf den Boden meines Zimmers auf das Antlitz, verhüllte es mit beiden Armen und weinte lange Zeit fort. Was ich darauf in der Angst meines Herzens an Hofrat Kleyle schrieb, dessen entsinne ich mich nicht mehr; aber nach einigen Wochen schrieb er mir abermals, er habe meinen Brief dem Erzherzog Ludwig gezeigt, und dieser habe ihm vor ein paar Tagen aufgetragen, mir zu wissen zu tun, ich könnte nun meine Angst fahren lassen, der Kaiser habe den geistlichen Referenten in Triest, Wallant, einen geborenen Görzer, zum Bischof von Görz ernannt. Bald darauf hieß es wieder, ich würde Bischof von Stuhlweißenburg werden. Dieses Gerücht verlor sich bald wieder, und ich war außer Sorgen. ? Als ich mich aber zu Ende Juni dem Kaiser in Baden, wo er sich aufhielt, in Geschäften meines Stiftes vorstellte, sagte er, ehe er mich entließ, mit freundlicher Stimme, ob ich mich entschließen könnte, als Bischof von Zipß nach Ungarn zu gehen, da ich der Sprache des Landes, wie er wisse, noch mächtig sei, und er seine Ursachen habe, mich dorthin zu setzen. Nachdem ich einige Zeit zitternd vor ihm geschwiegen hatte, sagte ich endlich,[80] mein ganzes Leben sei für mein Stift berechnet, da wüßte ich beiläufig, was ich zu leisten im Stande sei ? die Stellung der Bischöfe in Ungarn sei auch eine politische, und da ich bald nach vollendetem philosophischen Lehrkurs das Land in meinem zwanzigsten Lebensjahre verlassen und seitdem 26 Jahre im Stifte Lilienfeld verlebt habe, so sei mir jene ganz fremd geblieben. Er ging ein paar Mal vor mir auf und nieder, sah mich wie verwundert an und entließ mich dann lächelnd mit den Worten, »Nu, nu«, ich solle mich nur gefaßt halten, er würde mich vielleicht doch dazu ernennen! Heimgekommen erzählte ich alles meinem Prior Philipp, der nur ein Jahr später als ich in das Stift eingetreten und mir besonders zugetan war. Es waren keine Ursachen vorhanden, es geheim zu halten, und bald machten meine besorgten Geistlichen verschiedene Vorschläge, die Sache noch wo möglich zu verhindern. Indessen reiste ich in Gesellschaft des H. Grillparzer nach Gastein ab. Schon war ich nahe am Ende meiner gewöhnlichen Badezeit und beruhigte mich, nichts weiter davon vernehmend, mit dem Ge danken, der Kaiser habe vielleicht seinen vorgehabten Plan mit mir dennoch aufgegeben, als einst bald nach Mitternacht der Briefträger heftig mit den Worten an meine verschlossene Türe pochte, es sei eine Staffette an mich angekommen. Erstarrt las ich die amtliche Nachricht, der Kaiser habe mich am 18-ten August zum Bischof von Zipß ernannt. ? Zwei Tage darauf reiste ich mit meinem Begleiter nach Österreich zurück. Nachdem ich zu Hause angekommen war, eröffnete mir der Prior, es sei auf die erhaltene Nachricht von meiner Ernennung im Konvente beschlossen worden, ihn mit noch einem Mitgliede des Stiftes, wenn ich einwilligte, an den Diözesanbischof nach St. Pölten und von dort zur Audienz nach Wien mit der Bitte zu senden, daß der Kaiser in Erwägung der Umstände des Stiftes noch ferner mich als Abten desselben, wie ich es selber wünschte, belassen möge. Der Herr Bischof widerriet ihnen aber die vorhabende Reise hauptsächlich aus dem Grunde, daß der Kaiser bei seinem nun einmal geäußerten Entschluß diesen Schritt wahrscheinlich sehr ungnädig aufnehmen würde. Sie kehrten also wieder zurück, und mein Schicksal war auf solche Art entschieden. Nachdem ich bei der kön. Hofkanzlei in Wien den gewöhnlichen Eid abgelegt und bei dem apostolischen Nuntius die vorgeschriebenen Obliegenheiten erfüllt hatte, wurden die betreffenden Schriften nach Rom gesendet, und die päpstliche Bestätigung in einem zu haltenden Konsistorium zu seiner Zeit erwartet. Ich aber machte mich auf, mich in meinem Stifte den Winter über auf meine künftige Bestimmung und auf alles das, was dort noch in Ordnung zu bringen war, als die Übergabe des[81] inventarischen Stiftsvermögens an eine Regierungskommission und auf die Resignation meines bisher geführten Amtes, vorzubereiten. Die allerhöchsten Ortes hiezu bestimmte Regierungskommission, bestehend aus einem der älteren Regierungsräte im weltlichen und jenem im geistlichen Departemente und dem k.k. Hofbuchhalter, traf um die Mitte des Monats März im Stifte ein und wurde in gebührender Form empfangen. In der zur Amtshandlung bestimmten Stunde versammelte ich die Offizialen des Stiftes, die Geistlichen, Kämmerer, Ökonomie- und Walddirektor, Küchen- und Kellermeister mit dem Prior, dann die Oberbeamten der herrschaftlichen Kanzlei, als den Hofrichter, Rentmeister, Waisenamtsverwalter und Kontrollor und ich begab mich mit ihnen in das innere Zimmer der herrschaftlichen Kanzlei, wo die kais. Kommissäre bereits erschienen waren. Dort sprach ich dann zu meinem Gefolge mit bewegtem, aber ernstem Tone, sie wüßten, daß seit dem Antritt meiner Abtenwürde alle Einkünfte des Stiftes in die Kassen der Kanzlei geflossen wären, daß ich selber keine verwaltete, sondern selbst meinen Bedarf gegen Quittung dorther bezogen, und daß sie alle entweder nach Erfordernis des Amtes oder auf meine Anweisung die nötigen Ausgaben besorgt und verrechnet hätten. Eine schwere Last sei mir gleich am Anfange meiner Amtsführung aufgebürdet worden, denn es galt, das während der langwierigen Krankheit des vorigen Abtes minder besorgte, durch zwei feindliche Invasionen hart mitgenommene und endlich durch den schrecklichen Brand im J. 1810 beinahe ganz zerstörte Stift wieder in aufrechten Zustand zu versetzen, und durch Gottes besondere Huld und durch ihre treue Mitwirkung sei die Aufgabe genügend gelöst worden. Wohl mußten wir uns besonders anfangs viele Entbehrungen gefallen lassen, große Mühe und Anstrengung sei unser Los dabei gewesen; aber dafür sei das Bewußtsein der erfüllten Pflicht unser schönster Lohn geblieben. In dem ich ihnen für ihre redliche Mitwirkung stets dankbar bleiben werden, fordere ich sie auf, mir den letzten Beweis ihrer mir bewiesenen Anhänglichkeit dadurch zu geben, daß sie vor den anwesenden Herrn Kommissären strenge Rechenschaft ablegen und in Bezug auf alle Zweige der Administration alles in so klares Licht setzen, daß auch nicht der geringste Zweifel obwalten möge. ? Sowohl die Herren Kommissäre als auch meine Beamteten waren durch diese Rede sicht bar ergriffen; ich aber verbeugte mich tief, verließ die Kanzlei und habe auch außer dem Mittagessen, wo ich ganz heiter von anderen Gegenständen sprach, keinen von ihnen weder gesehen noch gesprochen. Am späten Abend ging ich dann wieder hinunter. Alle erhoben sich in freudiger[82] Bewegung, und besonders der alte, ehrwürdige Hofbuchhalter v. St. rief mir mit hocherhobenen Händen entgegen: »Herr Prälat, es wird ja alles in einem gloriosen Zustand befunden!« Worauf ich lächelnd versetzte: »Haben Sie es denn anders erwartet?« Wirklich schien die Herrn die Furcht angewandelt zu haben, daß bei der in so kurzer Zeit bewirkten und so große Auslagen erfordernden Wiederherstellung sämtlicher Stiftsgebäude sogenannte Notschulden gemacht worden seien; allein das sämtliche Inventarium, wie es mir bei der Abtenwahl am 12-ten Hornung 1812 von der damaligen Regierungskommission feierlich übergeben wurde, fand sich nicht nur vollständig, sondern bei allen Zweigen in einem verbesserten Zustande, so wie auch nach der Revision aller vorhandenen Staats- und Privatobligationen und unter Verrechnung stehender Kassen alles in bester Ordnung vor, worüber ich später ein rühmliches öffentliches Zeugnis erhielt. Amazon.de Widgets Nach einer dreitägigen Arbeit erklärten die Herrn Kommissäre vor dem ganzen versammelten Konvente, sie hätten alles in dem befriedigendsten Zustande gefunden, und reisten ? nachdem ich die rührende Dankrede des Priors eben so gerührt beantwortet hatte ? wieder nach Wien zurück. Den folgenden Tag fuhr auch ich dorthin ab, um vor meinem gänzlichen Scheiden von Österreich noch einmal zurückzukehren ? aber schon als Gast, da ich bei dem letzten Akt der k.k. Kommissäre vor ihnen und dem versammelten Konvente meine Abtenwürde feierlich resigniert hatte. Der Zustand des Stiftes war bei meinem Austritte allerdings befriedigend. Durch den Höheren Ortes (im J. 1811) zur Deckung des Staatskredits angeordneten Verkauf des Lilienfelderhofes in Wien erhielt das Stift im J. 1814, weil indessen der neue Finanzminister (Graf von Wallis) andere Hilfsmittel ins Auge faßte, den Verkaufspreis (260.000, ? C.M.) samt den Zinsen in Staatspapieren, welche die von früherer Zeit her rührenden Schulden des Stiftes teils löschten, teils deckten und mich auch in den Stand setzten, dem Stifte eine wichtige Realität, die in der Herrschaft nächst Türnitz liegende Glasfabrik (um 55.000) zu erwerben. Von dem Verkaufspreis des Lilienfelderhofes hatte der Kaiser auf mein Gesuch sechzigtausend Gulden C.M. als Beihilfe zum Wiederaufbau der abgebrannten Stiftsgebäude resolviert. Es kostete mich viele Mühe, selbe von den Stellen, so sehr es der Kaiser auf meine wiederholten Klagen betrieb, zu erhalten, denn es war das verhängnisvolle Jahr der Finanzoperationen im J. 1811 und[83] schwer fiel es mir, oft stundenlang bei dem Finanzminister und den Präsidenten zu antichambrieren; doch ich ertrug alles meines Stiftes wegen, dem aufgeholfen werden mußte und ward! ? Mit Ausnahme eines rückwärts liegenden Teiles der Stiftsgebäude, dessen Wiederherstellung nicht notwendig schien, waren die übrigen alle wieder hergestellt, und die vorzüglichsten mit Dachziegeln, zu deren Erzeugnis ich bei dem zum Stifte gehörigen Schloß Kreisbach das Materiale auffand und die Öfen erbaute, eingedeckt. Es gewährte einen freundlicheren Anblick, als es früher hatte. Nur war es zu bedauern, daß das sogenannte Dormitorium, ein achtzig Schritt langer, auf Säulen dreifach aufgewölbter Saal, der seit der Erbauung des Stiftes mehrere Jahrhunderte hindurch den Klosterbrüdern zur gemeinschaftlichen Wohnung und Schlafstätte gedient hatte, wegen der im Feuer verkalkten, sturzdrohenden Gewölbsteine niedergerissen werden mußte. (Siehe Rudolphias 2. Gesang). Die Herstellung der jetzt bestehenden schönen Prälatenwohnung und die größere, zweiundzwanzig Zentner schwere Glocke, die auch später meinen Namen Ladislaus erhielt, habe ich kurz vor meinem Austritt dem Stifte aus eigenem Vermögen, das mir eben durch einen Gewinn aus der Güterlotterie zufloß, dankbar zum Opfer gebracht und auch die Wahl taxen bezahlt. In literarischer Hinsicht war auch so manches zur Vollendung gediehen. An der Tunisias feilte ich von Zeit zu Zeit die letzten drei Jahre her und besonders bei meinen häufigen Geschäftsreisen nach Wien im Wagen sitzend, frei von jedem lästigenden Zwang und im Anblick der schönen Natur, worauf es mir zur Eigenheit ward, den größten Teil meiner späteren Geisteswerke auf meinen Reisen im Wagen niederzuschreiben und die mit dem Reisblei auf einem kleinen, steifen Portefeuille von Leder, worin die reinen Blätter bereit lagen. Oft wurden reine Seiten von Briefen aus der Rocktasche verwendet. Chrysostomus Hanthaler, Mitglied des Stiftes Lilienfeld und ein sehr gründlicher Geschichtsschreiber, der im J. 1756 starb, hinterließ nebst dem in Druck erschienenen Werke »Fasti Campililienses« in 4 Foliobänden, worin er die Geschichte des Klosters, des Cisterzienser Ordens, jene von Österreich und von allen europäischen Ländern vom J. 1202 (als dem Stiftungsjahre des Klosters) bis zum Anfang des 16-ten Jahrhunderts beschrieb, ein Urkundenbuch im Manuskript in zwei großen Foliobänden mit mehr als viertausend Zeichnungen von Siegeln und Wappen, betitelt: »Recensus Diplomatico-Genealogicus[84] Archivi Campililiensis«. Auf fünfzig Kupferplatten waren jene bereits gestochen und zum Druck des Werkes bereitet, als diese bei der Aufhebung des Klosters unter Kaiser Joseph II. im J. 1789 mit dem vorrätigen kupfernen Küchengeschirr an die meistbietenden verkauft wurden. Im J. 1817 glückte es mir, diese Kupferplatten in Wien wieder aufzufinden und um den Verkaufspreis ? zu 60 F. ?, wo das Stechen allein über zweitausend Gulden gekostet haben mag, wieder einzulösen, wodurch die Herausgabe dieses so interessanten Werkes möglich ward. Kurz vor meiner Abreise nach Zipß ersuchte mich der Fürst Lichtensteinische Bibliothekar Wolff als Kurator der Beckschen Buchhandlung und ihrer Erben, zum Besten dieser um den freien Verlag meiner »Tunisias« und des Hanthalerischen »Recensus Diplomatico-Genealogicus«, zu welchem ich eine Vorrede schrieb, und ich übergab ihm ohne allem Vorbehalt sowohl dieses Manuskript als auch jenes der »Tunisias« zu dem oberwähnten wohltätigen Zwecke, worauf dann schon im J. 1820 die erste Ausgabe dieser Epopöe bei Karl Beck erschienen ist. Hofrat Freiherr von Hormayr hatte in seinem Archiv für Geographie, Geschichte usw., da er bei einem Besuche im Stifte einige Bruchstücke daraus abschrieb, sie zuerst zur Kenntnis des Publikums gebracht und dadurch den Druck derselben veranlaßt, was sonst vielleicht noch lange nicht geschehen wäre. In Wien hatte ich ein paar Wochen hindurch bei Anschaffung so manchen im meiner künftigen Stellung nötigen Bedarfs an Wägen, Porzellangeschirr, Silber zum Tischgebrauch, Prätiosen etc., zu welchem mir ein paar wohlwollende Freunde Vorschüsse geleistet hatten, vollauf zu tun. Vom Stifte hatte ich außer den nötigsten Kleidungsstücken, der Leibwäsche, und einer Kiste mit Büchern nichts mitgenommen, da ich als Stiftsmitglied kein Eigentum besaß. ? Dieses verehrte mir zum Andenken zwölf in der Türnitzer Stiftsfabrik erzeugte feine Trinkgläser und einige Boutellien, worauf mein neues bischöfliches Wappen geschnitten war, und die mir noch zum Gebrauche dienen. Bald langte ein Domherr aus Zipß, Johann Andujar, jetzt Dompropst am dortigen Kapitel, ein gebildeter und in jeder Hinsicht vortrefflicher Mann, von jenem mir entgegengesendet in Wien bei mir an, und da der Erzbischof von Wien ? nachdem die päpstlichen Bullen von Rom angekommen waren ? die bischöfliche Konsekration auf den 18-ten April festgesetzt hatte, so reiste ich mit ihm nach Lilienfeld und nach Mariazell in der nachbarlichen Steiermark. In Türnitz ließ ich vor dem Pfarrhofe halten, um diesem den Schauplatz meiner dort gehabten frohen[85] und traurigen Erlebnisse zu zeigen, wodurch meine Gegenwart den Bewohnern des Marktes schnell bekannt wurde; hielt mich aber nur kurz dort auf und fuhr sogleich weiter. In Mariazell blieben wir einen Tag in Übung dessen, wozu dieser berühmte Wallfahrtsort so schöne Gelegenheit bietet. Am folgenden, da wir noch der öffentlichen Andacht beiwohnten, reisten wir etwas später von dort ab, so daß wir uns erst gegen fünf Uhr Nachmittag dem Markte Türnitz näherten. Bald ersah ich ein paar Reiter, die bei Erblickung meines Wagens eilig nach dem Markt zurücksprengten, und ich vermutete alsbald, es würde dort etwas zu meinem Empfange vorbereitet sein. Doch wie soll ich das beschreiben, was sich nun meinen Augen darbot! Die Bewohner der von mehr als zweihundert, in nahen und ferneren Tälern und auf höheren und niedrigeren Bergebenen zerstreut liegenden Bauernhöfen meistens männlichen Geschlechts standen in ihren Sonntagsröcken mit entblößtem Haupte und den einen Arm an die Wand gelehnt bis zu dem zuletzt liegenden Pfarrhof, nach welchem ich langsam hinabfuhr, an den beiden Häuserreihen des Marktes geschart da und sahen mich lautlos und trauernd an. Ich war tief in die Seele ergriffen und nie werde ich diesen Anblick, der fast an das Schauerliche grenzte, vergessen! Kaum war ich in dem Pfarrhof angekommen und in dem Zimmer des Pfarrers mit ihm einige Mal auf und abgegangen, so hieß es, der Marktrichter mit mehreren Bürgern und die Abgesandten der Bauern seien im Vorhause draußen, um mir noch einmal ihren Dank und Abschiedsgruß darzubringen. Ehe ich hinaustrat, rang ich noch die Hände über meinem Haupte ? mir war, als müßte meine Brust entzweireißen! Ich stand vor den Versammelten still; der Marktrichter begann einige Worte zu stammeln ? die Tränen erstickten seine Stimme ? ein allgemeines Schluchzen ertönte ? ich schrie weinend auf: »Laßt mich meine lieben Kinder ? ich kann nicht ? Gott segne euch alle für immer!« ? und eilte in das Zimmer zurück, wo ich mich auf das Kanapee warf, die Stirne mit beiden Händen auf die Lehne desselben drückte und lange wie ein kleines Kind fortweinte. Endlich langten wir in Lilienfeld am Abend an, übernachteten dort und am folgenden Morgen ? wieder ein Fremdling daselbst geworden, fuhr ich mit meinem Begleiter nach der Hauptstadt ab. Die Trennung von dem Stifte, dem ich von meinem zwanzigsten bis zum achtundvierzigsten ? also über siebenundzwanzig Jahre angehörte, und für welches mein ganzes noch übrige Leben berechnet war, wo ich mich ausbildete, wo mir so viele Freuden und Leiden zu Teil wurden, wo ich in der Liebe meiner Mitbrüder und in der Anhänglichkeit des zum Stifte gehörigen Gebirgsvolkes[86] so vielen Trost fand ? kostete mich heiße Tränen. Ich drückte mich in die Ecke des Wagens und die Augen mit gesenktem Haupte zu. Eben dämmerte der Morgen ? der Wagen fuhr vom Tore langsam bis an die Straße hinab; da sagte mein Begleiter: »Sehen Sie die Menge, die links und rechts an dem Wege knieend um den Segen bittet!« ? Da mußte ich wohl meine Augen noch dauernd auf sie richten, bis wir den letzten vorüberkamen, dann fuhren wir eilig weiter fort. Es waren alle Vorbereitungen getroffen, somit weihte mich der beinahe 90 Jahre alte Fürsterzbischof von Wien, Graf Sigismund von Hohenwart, der vormals dem Jesuiten-Orden angehörte und der Erzieher Kaiser Franz des I. und der Erzherzoge Karl, Joseph und Johann, Söhne des Großherzogs Leopold in Florenz, war, in der Domkirche zu St. Stephan unter der Assistenz des Erzbischofs der kath. Armenischen Kongregation in Wien und des dortigen Weihbischofs und fürsterzbischöflichen Generalvikars Mathias Steindl am 18-ten April d.J. 1819 zum Bischofe mit all den üblichen Zeremonien. Es machte dem alten Herrn eine besondere Freude, daß er mich im J. 1796 als damaliger Erzbischof von St. Pölten zum Priester und nun nach mehr als 22 Jahren zum Bischof geweiht hatte. So war auch dies vollbracht, und ich mußte endlich von Österreich scheiden am 1-sten Mai 1819! Schmerzlich war für mich auch der Abschied von Wien, wo ich seit einer langen Reihe von Jahren her im Kreise ausgezeichneter, edler und guter Menschen die glücklichsten Stunden verlebte. Unter diesen sind Hofrat Joseph von Hammer, Frau Karoline von Pichler, Regierungsrat und Bibliothekar Ridler, Reg. Rat und Direktor des Waisenhauses Michael Vierthaler, Hofrat Joachim Kleyle, Professor Georg Meinert und der Benediktinerabt Anton Reyberger ? durch literarische Verdienste berühmt. Die Bande der innigsten Freundschaft knüpften mich aber an den Herrn Weihbischof Mathias Steindl. So wie sein Andenken, wird auch jenes des Herrn Hofrat Niedermayer, Direktor der k.k. Porzellanfabrique, Joseph Freiherrn von Stipsitz, Vizepräsident des Hofkriegsrates, der Herrn Staatsräte Lorenz und Jüstel, der Herrn Hofräte Anton Buchmayr (jetzt Bischof von St. Pölten), Floch und Freiherr von Mayern und des Herrn Anton Wohlfahrt, Abt des Cist. Stiftes in W(iener) Neustadt und meines ehemaligen Lehrers in dem bischöfl. Seminar zu St. Pölten meinem Herzen stets teuer bleiben! Die meisten derselben sind schon in ein besseres Leben eingegangen! ? 
 V. Vom J. 1827 bis [1837]  [142] Da sowohl ich für das Erzbistum von Erlau als auch mein Nachfolger für das Patriarchat von Venedig die Bestätigungsbulle von Rom abwarten mußten, von einem baldigen Konsistorium noch nichts verlautete, so blieb ich bis zum Monat März um so lieber in Venedig, da die Wege durch Kärnten und Steiermark wegen des häufigen Schnees fast unfahrbar waren, und ich indessen die obgedachte Kommission wegen Zurückstellung des Armenfonds wirksamer betreiben und die Übersiedlung nach meinem neuen Bestimmungsorte bestmöglichst besorgen konnte. ? Unter den wenigen Habseligkeiten, die ich dahin absandte, denn die von mir angeschafften Möbeln ließ ich als Fundus instructus zurück, war eine beiläufig aus hundertneunzig Stücken bestehende Sammlung von gewählten Originalgemälden größtenteils aus der venezianischen Schule, die ich mir während der sechs daselbst verlebten Jahre angeschafft hatte. Was damit weiter geschah, wird später unten folgen. Auch wollte ich mit dem Administrator der Patriarchalgüter noch vor meiner Abreise zu einem genauen Rechnungsabschlusse kommen. Da sich dann bis zu Ende des J. 1826 über zwölftausend Franken noch an sicher einbringbaren, bei den Pächtern ausstehenden Resten und an solchen, die sie erst im Laufe des folgenden Jahres zu bezahlen hatten, auswiesen, so habe ich davon zehntausend Franken an den Fond der Pubblica Beneficenza, zweitausend dem Defizienten-Priesterhause und einige hundert Franken dem Patriarchalseminär zu Anschaffung von Büchern geschenkt, die dann später sicher abgeliefert worden sind. Um dann die Trennung von so vielen werten Menschen und durch vieles Abschiednehmen für mich und andre weniger ergreifend zu machen, machte ich allgemein bekannt, daß ich zwar nächstens wegen vieler obliegenden Geschäfte nach Wien reisen, wo aber die päpstlichen Bullen nicht bald erfolgten und der Patriarchalsitz noch unbesetzt bliebe, so würde ich zurückkehren, um in der Karwoche die nötigen Funktionen zu verrichten und das Osterfest daselbst zu feiern. So unglaublich dies den meisten schien, so ist es dennoch geschehen! Ich fuhr im Monat März nach Wien, verweilte aber daselbst nicht lange, denn da ich von dem päpstlichen Nuntius erfuhr, daß wegen Unwohlsein des Hl. Vaters (Leo XII.) das nächste Konsistorium bis auf den Monat Mai hinausgeschoben werden dürfte, so war ich zur Rückreise der Funktionen wegen nach Venedig bereit. Der Kaiser äußerte unter anderem, es sei zwar schön, daß ich das tun wolle, aber er in meiner Stelle würde nicht mehr zurückreisen! Fragen[143] konnte ich nicht, wie er es meine, und somit ist mir seine Äußerung ein Rätsel geblieben. Einesteils wurde mir diese Rückreise dadurch angenehm, daß mein vieljähriger Freund, Mathias Paulus Steindl, Suffraganbischof an der Metropolitankirche zu St. Stephan in Wien, auf meine Einladung sich entschlossen hatte, mit mir zu reisen, um das Meer, Triest, Venedig und den schönsten Teil von Oberitalien von Vicenza angefangen bis Trient und dann Tirol und Salzburg zu sehen. Er war einer der edelsten Menschen, mit denen ich je Umgang gepflogen hatte! Mittwochs gegen Mittag kamen wir in Venedig an, und abends begannen die Vigilien der Karwoche. Am Gründonnerstag geschahen die Weihe der heiligen Öle und die Fußwaschung, am Freitag die üblichen Funktionen, und am Ostersonntage hielt ich zum letzten Mal das Hochamt bei einer feierlichen Kirchenmusik, bei welcher sich besonders meine Sänger ausgezeichnet hatten. Hier finde ich es nötig, zu den Venediger Erlebnissen noch etwas nachzutragen. Als ich im J. 1821 nach Venedig kam, so fanden sich bei der Kapelle der St. Markuskirche noch ein paar alte Kastraten vor, deren Stimme mir besonders bei dem Gottesdienst unerträglich war. Das Gubernium war selber in Verlegenheit, die sogenannten Voce bianche, Diskant und Altstimme, aufzutreiben und forderte mich auf, durch Abhaltung einer Kommission, die aus dem Delegaten (Kreishauptmann), dem Direktor der Kapelle, ein paar Regierungsbeamten und Musikern bestand, etwas Zweckmäßiges in Vorschlag zu bringen. Ich vernahm sie zuerst, und da hieß es dann, es müßten zwei Lehrer für den Gesang, einer für Klavierspiel, einer für Violine und dann andre für die Blasinstrumente wie bei dem Musikkonservatorium in Mailand aufgenommen werden. Auf die Frage, woher den Fond dazu nehmen, nachdem die Kasse der Markuskirche selben nicht bezahlen könnte, verstummten alle, und nun rückte ich mit meinem Plane heraus. Ich sagte ihnen, daß in Österreich, auch in Böhmen und Mähren ein jeder Dorfschullehrer die Schulknaben mit einer Violine hinter ihnen stehend im Gesang unterrichtete, von welchen dann manche, die sich durch schöne Stimme auszeichnen, entweder in Stiftskirchen oder im Konvikte zu Wien, ja sogar bei der Hofkapelle daselbst Anstellung fänden. In Venedig sei alles Erforderliche dazu bereits vorhanden, es gebe zahlreiche Knaben in dem Findel- und Waisenhause, die vom Staate verpflegt und gekleidet werden. Es handle sich also dahier nur darum, daß etwa 12 Knaben, die gute Stimmen und Anlage versprechen, aus ihrer Zahl ausgeschieden würden, die dann durch einen guten Gesanglehrer, z.B. durch den bei der Markuskapelle angestellten ersten Tenoristen, gegen Bezahlung von wenigstens tausend Franken gehörig unterrichtet dem vorliegenden Bedürfnisse bestens entsprechen könnten. Meine[144] Kommissionsherrn saßen vor Staunen erstarrt; ich aber machte meinen Vorschlag an das Gubernium. Die Anwendung der Knaben und der Gesanglehrer wurden bewilligt, und in kurzer Zeit ergab sich ein glänzendes Resultat, wovon die Venezianer sich gar nichts hätten träumen lassen. So oft in der Folge ein musikalisches Hochamt gehalten wurde, waren alle Galerien der Markuskirche von Herren und Damen besetzt, die so schön singenden Chorknaben zu hören. Als ich im J. 1821 auf der Reise nach Venedig in Laibach bei der Mittagstafel neben dem Kaiser saß, gab er mir noch zuletzt mit leiser Stimme einige Ratschläge, die ich oben S. 156 berührte, und über deren Erfolg ich hier Bericht erstatten will. Der erste war, ich solle für unverbesserliche Priester, die dem Volke nur zum Skandale dienen, ein Korrektionshaus errichten. Nach sorgfältiger Umschau fand ich die kleine Insel San Clemente, die kaum eine Viertelstunde hinter jener von San Giorgio Maggiore entfernt liegt, vollkommen dazu geeignet. Das vormalige Kamaldolenserkloster daselbst mit einer hübschen Kirche, dem Klostergebäude und einem weitläufigen Garten waren noch ziemlich wohl erhalten, eine Mauer läuft rings an der Lagune herum, und vorne an dem Landungsplatze ward in neuerer Zeit ein Depot für Salpeter und ein Häuschen für die etwa aus sieben Mann bestehenden Militärwache, die jeden dritten Tag von Venedig aus gegen andere abgelöset werden, erbaut. Dieser letztere Umstand der Sicherheit diente ganz besonders zu dem beabsichtigten Zwecke; die Gebäude bedurften nur weniger Reparaturen; einen Vorsteher des Hauses fand ich an dem in Pension lebenden vormaligen Prior des Klosters, der durch seinen Ernst, Kenntnisse und Frömmigkeit ganz geeignet war, den Sträflingen zum Seelenarzt zu dienen, und ich eröffnete die Anstalt noch in demselben Jahre. Nur drei Individuen aus der ganzen Zahl des zahlreichen venezianischen Klerus mußte ich gleich anfangs dahin relegieren ? in den folgenden Jahren nicht einen einzigen mehr. Später wurde diese Anstalt für eine gemeinsame aller Diözesen der venezianischen Provinz erklärt, im Fall sie nötig hätten, davon Gebrauch zu machen. Das andre, was der Kaiser von mir verlangte, war, daß ich mich für den Generalvikar von Treviso J[appelli], den er zum Bischof daselbst ernannt habe, den aber der Hl. Vater aus unbekannten Ursachen nicht bestätigen wolle, bei diesem verwenden möge. In Venedig angekommen hörte ich sowohl bei dem Gubernium als auch bei der Oberpolizeidirektion nur Lobenswertes und nahm fast eine Entrüstung wahr, daß er nicht bestätiget werde. Ich schrieb dann an den Hl. Vater; gestand ihm offen, daß ich vom Kaiser selber dazu aufgefordert sei, dessen Anhänglichkeit und Verdienste um den Hl. Stuhl ihm ohnehin bekannt wären, legte die Zeugnisse bei, mit welchen mich J[appelli][145] reichlich versehen hatte, und bat ihn mit den eindringlichsten Worten, er möge diese Angelegenheit nochmals aufnehmen und allenfalls mit Zuziehung einiger Kardinäle darüber entscheiden. Statt eines Verweises, den ich wegen der letzteren Bitte erwartet hatte, schrieb mir der Hl. Vater voll Güte, er habe nochmals alles und selbst, wie ich es wünschte, mit Zuziehung mehrerer Kardinäle reiflich erwogen, aber auch diese hätten ihm beigepflichtet: »Manendum esse in decisis«. (Es solle bei der früheren Entscheidung bleiben). Dann forderte er mich auf, den Kaiser dahin zu vermögen, daß er sich damit beruhigen wolle. J[appelli] wurde mit einem bedeutenden Jahresgehalt seiner Dienstleistung in Treviso enthoben und starb nach einigen Jahren in Venedig. Ein paar Jahre später sagte mir der Kaiser, als ich in Schönbrunn zu ihm kam: »Sie, wegen des J[appelli] hat der Papst doch Recht gehabt; es war nicht ohne ...« ? Oh, göttliche Vorsehung, dachte ich mir, wie weise ist die Anordnung Deiner heiligen Kirche, daß der Oberhirte derselben über die vorgeschlagenen Bischöfe ob ihrer Würdigkeit in letzter Instanz zu entscheiden habe! Endlich riet mir noch der Kaiser, ich möchte als Klostergeistlicher mir von Rom die Dispensation und die Erlaubnis, testieren zu können, erwirken, damit mir die Hände frei blieben, für gute Zwecke verfügen zu können, was mir der Hl. Vater sogleich bewilligte, auch jenes, daß ich den höheren Titel: Patriarch mit jenem des Erzbischofs der Ordnung gemäß führen möge. Noch ehe ich Venedig ganz verließ, wohnte ich dort einer merkwürdigen Teichjagd in den Lagunen im Dezember 1826 bei. Wem meine »Lieder der Sehnsucht nach den Alpen« nicht unbekannt geblieben sind, der wird dort gesehen haben, daß ich die üblichen Jagden im Hochgebrige auf Bären, Hirsche, Auerhähne und Gemsen nicht nur vom Hörensagen gekannt, sondern selber Teil daran genommen haben müßte, und so war es auch, denn über sieben Jahre als Kämmerer zugleich Forstdirektor im Stifte Lilienfeld hatte ich in den weitläufigen Forsten desselben über sieben Revierjäger zu gebieten, deren Beschäftigungen, Holz und Jagd, gleichsam mit zu meinem Berufe gehörten, in welchen ich mit ihnen nach allen Richtungen teilnehmend bekannt werden mußte. Ohne selbst ein leidenschaftlicher Jäger zu sein, wohnte ich doch jährlich allen Hauptjagden bei und gab auch im Monat August auf den Alpenhöfen auf Hirsche und im Spätherbst in den Niederungen auf Füchse Unterhaltungsjagden, zu welchen aus der umliegenden Gegend die Liebhaber geladen wurden. Sehr oft ging ich auch in den Abendstunden in einem der vielen Täler ganz allein mit meinem Jagdstutzen auf den Anstand,[146] um die Hirsche bei der Sulz zu erlauern, wozu öfters viel Zeit und Geduld erfordert wurde. Nicht nur die obenbezeichneten Hauptjagden im Hochgebirge kannte ich aus eigener Erfahrung, sondern auch die minderen auf Hasen, Rebhühner und anderes Gevögel. Doch noch eine ganz eigene ihrer Art sollte ich erst als Patriarch von Venedig kennen lernen, die ich als interessant genug meinen Lesern mitzuteilen gedenke. ? Bekanntlich liegt die Lagunenstadt in einem viele Stunden weit- und breiten Landsee, den hauptsächlich das durch die Höhen des Lido und den Riesendamm, Murazzi genannt, seit Jahrhunderten bestehenden Häfen eindringende Meerwasser in den hinter selben sich ausbreitenden Niederungen bilden, denn auch einige Flüsse, als der Po, die Brenta usw. strömen in selben ein und durch die Hafenmündungen wieder in das Meer hinaus. Hinter diesem großen Lagunensee liegen noch sehr viele kleine eine Stunde und drüber im Umkreis, die von der Lagune mit Wasser versehen, aber dem festen Lande näher und höher gelegen hie und da so seicht sind, daß man sie durchwaten kann. Sie werden von den Venezianern Valli, Täler, genannt und nicht mit Unrecht, da sie sich in den Wiesengründen vertiefen, die reichliches, mit Schilf vermengtes Heu liefern, nebst der Fischerei im Spätherbst (November und Dezember) zur Wildentenjagd dienen und größtenteils von den Eigentümern an Jagdliebhaber und Ökonomen verpachtet sind. Auch sind fast an einer jeden derselben mitunter recht artige, mit einem Stockwerk versehene Häuser gebaut, bei welchen sich im Erdgeschoß Küche und Speisesaal und im oberen viele kleine Zellen vorfinden, in welchen außer einem Feldbett, einem Tischchen und ein paar Stühlen nichts weiter Raum fände, und welche durch den Dielenboden aus dem wohlgeheizten Speisesaal hinlänglich erwärmt den Gästen sehr willkommen sind. Einer dieser Pächter hatte mich und den Hofrat Grimm, Direktor der Geh[eimen] Kanzlei des Erzh. Rainer, Vizekönig des lombardo-venezianischen Königreiches, zu einer solchen Jagdpartie eingeladen, und da mir selber der Erzherzog zuredete, ich möchte diese Gelegenheit, sie kennen zu lernen, nicht versäumen, so fuhren wir an einem Nachmittag in einer offenen Barke quer durch die Lagune gegen die Mündungen der Brenta hinab und kamen nach mehreren Stunden, da es schon ganz finster geworden war, an Ort und Stelle an. Ich wurde in den Speisesaal geführt, wo ich bald in nicht geringes Staunen geriet, denn als die anderen Gäste ? bei zwanzig an der Zahl ? nach und nach eintraten, so glaubte ich mich plötzlich nach Kamtschatka versetzt. Ein jeder hatte eine große Pelzmütze, solchen Rock und Stiefel an und um den Hals ein großes Shawl-artiges Tuch geschlungen ? lauter Herren, die sonst auf dem Markusplatz in ganz anderen Kleidern einherzugehen[147] gewohnt sind. Bei der Abendtafel ging es ganz lustig zu; es mangelte nicht an Cipro-, Malaga- und Champagner-Wein und reichlichen, wohlgekochten Speisen. Auch pflegt der Venezianer bei solcher Gelegenheit voll witziger Einfälle zu sein. Schon vor fünf Uhr morgens wurden wir geweckt und auf sehr kleine, schmale Schiffchen verteilt, in welchen wir stehend durch Schilf und Geröhr nach der Valle hinausfuhren. Es war ganz eigens zu hören, wie die Schiffchen die zarte Eisdecke, die sich über Nacht auf den ganzen Teich gelegt hatte, spielend durchbrachen und durch ein leises Gekrach unsere Ohren mehr ergötzten als schreckten. Erst als der finstere Dezembermorgen zu grauen begann, sah und erkannte ich das ganz Eigentümliche dieses mitten im Wasser errichteten Jagdreviers; es ist, als ob der Venezianer, der mitten in den Gewässern wohnt, auch seine Jagdlust darin befriedigen sollte. In einem weiten Halbkreis und durch gehörige Ferne voneinander getrennt sind auf kräftige Piloten acht bis zehn Eimer haltende, oben offene Fässer, Botti, ein paar Schuhe über der Wasserfläche aufgezapft, in welche sich die angekommenen Schützen verteilen und mit ihrem Schußbedarf und einigen Jagdflinten, die sehr lange Läufe haben, mittels eines von außen angebrachten kleinen Schemels hinabsteigen. Gewöhnlich befindet sich in einem jeden Fasse nur ein Schütze ? mir als einem Neuling wurde ein Gefährte zugeteilt. Das erste ist, daß man seine Jagdflinten auf dem Rand des Fasses vor sich hinlegt und dann sich auf eine kleine Bank niedersetzt, um das nahende Geflügel nicht zu verscheuchen. So verschwanden dann die großen Pelzmützen alle auf einmal, das mir, da es nach jedem Flug wiederholt ward, vielen Spaß machte. Ganz an der äußersten Spitze des Halbkreises befindet sich der Rufer, eine Art Schützenmeister, dessen Aug und Ohr hinlänglich geübt ist, die Schützen mit kurzen, für einen Fremdling unverständlichen Worten, wie die Gondolieri in Venedig ihr stali und sa premi gebrauchen, die Himmelsgegend anzudeuten, aus welcher die ziehenden Scharen kommen. Sobald des Rufers Schrei geschehen ist, ergreift jeder seine Flinte und schießt dann aus den hoch oben in den Lüften flatternden Scharen ein oder mehrere Stücke Wildenten, Wasserhühner und anderes Geflügel in den Teich herab, wo sodann ein paar abgerichtete Hunde sie zusammenlesen und schwimmend nach einem bestimmten Ort tragen. Man kann sich leicht vorstellen, welch fröhliches Gelächter ? mitunter auch Gespött und Bravo's diese lebhaften Italiener unter sich verbringen. Auch ich schoß ein paar Vögel herab; mein Begleiter ließ aber gleich seinen Tadel vernehmen, daß ich zu rasch in die Scharen dreingefeuert habe und ihnen mit meiner Flinte nicht langsam genug nachgefahren sei, wo dann die Beute[148] gewisser ist; aber solches läßt sich nur durch öftere Übung erlernen. Die Jagd dauerte bis nach 10 Uhr vormittags, dann begaben wir uns nach dem Schützenhause zurück und nach einem eingenommenen Frühstück heim nach Venedig, wo ich wohlbehalten und vergnügt über diese neue Unterhaltung gerade zum Mittagstisch gegen 5 Uhr abends ankam. Erst dort erfuhr ich, daß wir an diesem Tage hundertzwanzig Vögel geschossen hatten. Reise nach Erlau 1827. Nach einigen Tagen nahm ich dann endlichen Abschied von meinem mir so liebgewordenen Venedig. Es ist mir unmöglich zu schildern, welche Wehmut über Padua, Vicenza und Verona hinaus, ja bis an die Tiroler Grenze meine Brust beklemmt hatte. Mein Reisegefährte, Bischof Steindl, äußerte öfters, hätte er meine Stellung daselbst früher erkannt, so würde er besonders wegen der Liebe des mir so anhänglichen Volkes aus allen Ständen mir das fernere Dortbleiben zur Pflicht gemacht haben. Doch das war vorbei! Besonders ergriff ihn am Abend vor meiner endlichen Trennung von Venedig das folgende Ereignis. Wir saßen in meinem Zimmer bei einem von einem Schirm umhüllten Lampenlichte auf dem Kanapee beisammen und besprachen die eben berührten Gegenstände. Da trat gegen neun Uhr noch der Arciprete von San Pietro di Castello und Ehrendomherr von San Marco, Miani, herein und setzte sich auf dem dargebotenen Stuhl vor uns nieder. Er entschuldigte sein spätes Kommen damit, daß er erst am heutigen Abend erfahren habe, ich wolle schon am folgenden Morgen von Venedig für immer scheiden, ob es denn wirklich also sei? Ich bejahte es mit der Äußerung, daß ich auch gegen die Wünsche meines Herzens der neuen Bestimmung folgen müsse, die mir der Kaiser ganz ohne mein Zutun zugewiesen hat. Nun brach er in häufige Klagen aus, wie viel die Diözese von Venedig dadurch verliere, und wie viele Vorteile ihr noch zuwachsen konnten, wenn ich noch länger oder auf Lebenszeit auf dem Patriarchenstuhl geblieben wäre. Endlich begann er seine gesenkte Stirne öfters auf und ab bewegend: »Ich kann wohl sagen, der Patriarch Pyrker habe mir den Mund geöffnet.« (Eine bei dem päpstlichen Stuhle übliche feierliche Amtshandlung, wo der Hl. Vater den neukreierten Kardinälen in der Konsistorialsitzung die geschlossenen Lippen mit dem Zeigefinger berührend den Mund schließt und nach einigen Tagen auf gleiche Art wieder öffnet, d.h. ihnen das Recht erteilt, bei den abzuhaltenden Konsistorien mit den übrigen[149] Kardinälen ihre beratende Stimme abgeben zu können). Wir fragten ihn beide verwundert, was er denn mit diesen Worten sagen wolle? Er erzählte nun, in welche Verlegenheit er, der vorher nie gepredigt hatte, gekommen sei, als ich so streng und standhaft auf Abhaltung der Predigten oder Homilien bei dem jedesmaligen sonn- und festtäglichen Pfarrgottesdienste gedrungen habe. Das erste Mal sei es ihm ganz mißglückt, denn obgleich er beim Frühgottesdienste, wo es im Spätherbst noch dunkel in der Kirche war, den ersten Versuch habe machen wollen, so habe ihn, als er nach dem abgelesenen Evangelium sich von dem Altare, wie ich es gestattete, zu dem Volke wandte, um seine gut einstudierte Homilie vorzutragen, plötzlich eine solche Angst befallen, daß er sich zitternd wieder umwendete, die Messe weiter lesend zu vollenden. Doch den nächsten Sonntag, sagte er, sei es ihm schon besser gegangen und nach jeder Wiederholung wieder besser so, daß das Volk ihn jetzt sehr gerne höre, und er selber die größte Freude an dem Predigen habe. Also könne er wohl sagen: »Che il Patriarcha Pyrker m'abbia aperto la bocca!« Wir kamen alle drei in eine ganz heitere Stimmung darüber; doch als er sich jetzt empfahl und mir zum Abschied weinend die Kniee umfassen wollte, da riß ich ihn an meine Brust, drückte ihm einen heißen Kuß auf den Mund und dankte ihm für all das Wohlwollen, das er mir jederzeit bewiesen hatte. Daß der gute Bischof Steindl sich ganz gerührt und schweigend in seine Schlafkammer zurückzog, ist leicht zu erachten! Über Trient, Innsbruck und Salzburg, nachdem sich mein Begleiter nach Wien zurückkehrend in Lofer von mir getrennt hatte, kam ich anfangs Mai nach Gastein, verweilte einige Wochen in dem Wildbade und begab mich dann nach Wien, wo ich bis Anfang September blieb, da ich mir so manches wieder, dessen ich in Venedig nicht bedurfte, z.B. Staatswägen und Pferde und namhaften Hausbedarf aller Art beischaffen mußte. In Hinsicht der Pferde widerfuhr mir ein bedeutendes Unglück. Ich hatte acht schöne Wagenpferde, deren sechs zum Einzug in Erlau erforderlich waren, aus dem Fürst Trautmannsdorfischen Gestütt in Böhmen erkauft und sie in Wien abrichten lassen. Auf dem Wege nach Erlau in dem Dorf Gö döll? hinter Pesth [brach] zur Nachtszeit Feuer im Stalle aus, und es verbrannten drei aus jenen acht Pferden, so daß zu dem Sechserzug eilig ein anderes erkauft werden mußte. Dieses Unglück kam nicht allein, denn vierzehn Tage vor meinem Einzug in Erlau brannte ein bedeutender Teil der Stadt ab. Dies konnte als eine üble Vorbedeutung gelten, so wie sieben Jahre vorher auf der Reise nach Venedig der Sturz mit dem Wagen und das gebrochene Schlüsselbein als solche gelten sollte, aber wahrlich nicht galt, denn stets werde ich die Zeit, die ich in Venedig verlebte, zu den glücklichsten meines Lebens zählen. So[150] war auch der Brand von Erlau kein so bedeutender Schaden für die Bewohner, denn die meisten jener Häuser waren assekuriert, und die Stadt gewann durch die neuen Bauten ein viel freundlicheres Aussehen. Der Einzug in Erlau geschah am 17-ten September, und den folgenden Tag war die Installation sowohl in der Kathedralkirche als auch in dem Saale des Komitatshauses ? dort in dem erzbischöflichen Amte und hier in der Würde des Obergespans des Heveser und des vereinigten äußeren Szolnoker Komitats, welche bei diesem erzbischöflichen Sitze fast seit dem Ursprung des Königreiches erblich ist. Der königliche Installationskommissär in diesem weltlichen Amte war Graf Anton Cziráky, Oberster Landrichter des Königreichs, ein ausgezeichneter Staatsmann und juridischer Schriftsteller, und die Feierlichkeiten alle überaus glänzend wegen der Menge der zuströmenden Gäste, deren über achthundert gezählt wurden, gingen glücklich zu Ende. Erlau war zur Zeit der schweren Türkenkriege eine bedeutende Festung, die unter ihrem tapferen Verteidiger, Dobó, Suleymans Belagerungsheere lange widerstand; selbst die Frauen jener Zeit werden gerühmt, zur Verteidigung derselben mutig beigetragen zu haben. Dann wurde sie später erobert, von den Türken mehr als achtzig Jahre besessen und verfiel endlich nach ihrer Vertreibung im J. 1696 immer mehr und mehr, bis sie eine Ruine ward. Vierzehn Tage nach meinem Einzug gedachte ich schon, diese mitten in der Stadt auf einer merklichen Anhöhe gelegene Ruine zu einem freundlicheren Punkte umzugestalten; ich ließ den Schutt zur Gleiche bringen und mit Erde belegen, die verfallenen Ringmäuer in der Folge zum Teil neu aufführen, die anderen ausbessern, eine große Anzahl Bäume pflanzen und auf dem höchsten Punkte drei Kreuze errichten, wodurch sie zu einem gerne besuchten Andachtsort als Kalvarienberg und zugleich wegen der anmutigen Aussicht ringsumher zu einem sehr beliebten Spaziergange ward. Zugleich legte ich dem großen erzbischöflichen Garten anstoßend einen neuen in englischer Form an, wo auch wie auf dem Kalvarienberge im Winter große Bäume mit den Ballen der Wurzeln verpflanzt ihm schnell ein fertiges Ansehen gaben. Zu den Bauten der ersteren Jahre gehören auch noch die Erbauung eines zwischen der Kathedralkirche auf einer und dem Lyceum auf der anderen Seite gelegenen neuen Flügels der erzbischöflichen Residenz, die auch statt des gewesenen Schindeldaches ganz mit Schieferplatten gedeckt ward; in jenem ließ ich die von Venedig mitgebrachten Gemälde ausstellen. Bald folgte auch der Bau eines schönen Badehauses an denen noch von den Türken her berühmten 25 Grade warmen mineralischen Quellen, dann zweier Gasthäuser in Kerecsend und Maklár und vier großer,[151] jeden auf 1200 Stück berechneter Schafställe in vier verschiedenen Gegenden der erzbischöflichen Ökonomie. J. 1828. In diesem Jahre begann ich, wie in der Zipß und in Venedig, sogleich wieder die kanonische Visitation meiner Diözese, und zwar zuerst in dem entferntesten und beschwerlichsten Teile derselben, nämlich im Szabolcser Komitate, wo seit sechzig Jahren keine solche unternommen ward und wo auf hundertfünfzigtausend Reformierte (helvetischer Konfession) nur etwa fünfzigtausend Katholiken gerechnet werden. Den ganzen Monat Juni und zwei Wochen im September und Oktober brachte ich auf derselben im fortwährenden Reisen von einer Pfarrei zur andern zu und hatte Groß und Klein über dreißigtausend Personen gefirmt. Diese Visitation gewährte mir sowohl in Hinsicht der Seelsorger als auch der Gemeinden große Freude. Auch die Akatholiken, Laien und Pastoren, erwiesen mir allenthalben durch Läuten ihrer Glocken und begrüßende Anreden ausgezeichnete Ehre, die ich dann jedesmal zum Mittagessen laden ließ und sie auch besuchte. Da ich schon öfters von der kanonischen Visitation der Pfarreien gesprochen habe, so will ich hier einiges davon melden, damit man sich auch anderwärts von jenen in Ungarn eine Vorstellung machen könne. Die dabei beobachtete Ordnung war beiläufig folgende. Der Tag und die Zeit meiner Ankunft, gewöhnlich nachmittags, war vorläufig angekündigt. Die Gemeinde mit dem Pfarrer und dem Schullehrer, der die in Reihen geordneten Schulkinder unter Voraustragung zweier Kirchenfahnen anführte, an der Spitze erwartete mich draußen vor dem Dorfe, und gewöhnlich harrten dort auch schon die Geistlichen der Akatholiken in ihren langen Talaren, um mich mit einer Anrede zu begrüßen. Sobald ich den Allversammelten dort nahe kam, so stieg ich aus dem Wagen, wurde mit dem Rokett (kurzem Chorhemde) und der violetten Mozetta angetan und zog nun mit der Prozession unter dem Geläute der Glocken und dem lauten Gesange des Volkes in die Kirche ein. Vor allem wurde der Friedhof begangen und das übliche Gebet für die Verstorbenen verrichtet; dann das Tabernakel mit den heiligen Gefäßen, so auch in der Sakristei die Kelche (gehörig vergoldet?), Wäsche, Paramente, Tauf-, Sterb-und Trauungs-Register untersucht und endlich dem Volke für den folgenden Tag die Stunde der Kirchenfunktionen angekündigt. In dem Pfarrhof begann darauf die ernste, oft sehr anstrengende Verhandlung; denn mit den anwesenden Komitatsdeputierten, einem[152] Stuhlrichter (vermutlich vom alten Herren-Stuhl, wo Zivil- und Kriminalfälle abgehandelt wurden, also genannt) und einem Geschworenen, so auch dem betreffenden Herrschaftsbeamten, dem Domherrn a latere, dem Dechant, dem Ortspfarrer und einigen Ausschußmännern der Gemeinde setzte ich mich an den Arbeitstisch, und nun wurden die Anteacta, d.h. das letze kan. Visitationsdekret (Urkunde) Punkt für Punkt durchgegangen: die Einkünfte, Äcker, Wiesen, Weiden, Stolgebühren usw. des Pfarrers, Schullehrers, Meßners und Küsters revidiert und mit dem allfälligen Zuwachs von Seiten der Herrschaft oder der Gemeinde, um welchen ich mich meistens mit Erfolg verwendet hatte, gerichtlich und ämtlich verzeichnet. Dies dauerte gewöhnlich bis 9, auch bis 10 Uhr abends; dann folgte ein kurzes Nachtessen und die Ruhe. Morgens etwa um sieben Uhr las ich in der vollen Kirche die Messe, während ? oder nach welcher der Pfarrer oder sein Kaplan in meiner Gegenwart predigen mußte. Der Predigt folgte die Prüfung von Klein und Groß aus der Christenlehre, vor welcher ich gewöhnlich eine kurze Anrede an das Volk hielt, und endlich die Firmung, die ich erteilte, und meistens erst nach zwölf Uhr in den Pfarrhof zurückkehrte. Noch vor Tische vernahm ich die Gemeinde über des Pfarrers Verhalten, Lebensweise und Amtsverwaltung, und setzte mich mit meinen oft sehr zahlreichen und von mir traktierten Gästen zum Mittagessen, nach welchem wieder in die nächste Station weitergefahren und heute so wie gestern vorgegangen wurde. ? Es waren nur noch zehn Pfarreien visitiert zu werden übrig; aber ich mußte mein apostolisches Geschäft mit Ende Juni unterbrechen, weil ich vom König als königlicher Kommissär beordert ward, den ung. Hofkanzler, Grafen von Reviczky, im Borsoder Komitate als Obergespan zu installieren. Ich kehrte also schnell nach Hause und trat dann, als der von Wien kommende neu ernannte Obergespan angelangt war, die Fahrt nach Miskolcz, dem Hauptorte des Borsoder Komitats, an. Die bei solcher Gelegenheit vorkommenden Festlichkeiten könnte man füglich Monstre-Meetings nennen. Es dürfte vielleicht nicht uninteressant sein, hier einiges darüber zu vernehmen. Diese vorhabende Installation veranlaßte um so größere Demonstrationen, da der kön. ung. Hofkanzler als solcher auf einem der höchsten Stufen der Macht und des Ansehens steht, auf welcher er durch das ganze Land nach allen Richtungen hin entscheidend wirken kann, und es ist leicht zu erachten, daß man von solcher Gunst und Vorteil zu erlangen strebe! Zahllos waren schon tags zuvor während unsrer Fahrt von der Grenze des Komitats angefangen die Banderien (berittene Edelleute) und bei einer jeden neuen Abteilung derselben die Anreden und Begrüßungen; aber das glänzendste und zahlreichste war vor Miskolcz selbst, wo wir gegen Abend anlangten, von[153] distinguierten Edelleuten und auch Magnaten unter Anführung des ersten Vizegespans ? der dann später selber Graf und Obergespan wurde ? aufgestellt. Ich saß an der Seite des zu installierenden Obergespans als kön. Kommissär rechts in seinem von sechs Pferden gezogenen Galawagen und mußte all die Ehrenbezeugungen mit ihm teilen. Am folgenden Tage geschah die Installation im großen Saale des Komitatshauses. Die erste Anrede an ihn und die Stände hielt ich ? die andere er an mich und jene, worauf noch viele andre folgten. Nachdem ich ihn im Namen des Königs zum wirklichen Obergespan des Borsoder Komitats ausgerufen und ihm den Kalpag auf das Haupt gesetzt hatte, so wurde er von vier Oberstuhlrichtern in einem Armsessel sitzend unter großem Jubel in die Höhe gehoben. Er legte dann den Eid in meine Hände ab, und die Funktion war geendet. In meinem Quartier angekommen mußte ich noch vor Tische dreiunddreißig Deputationen (über zwanzig schickten die Komitate, die anderen waren teils vom Klerus, teils von Städten und Magnaten vereint) empfangen und ihre Begrüßungen anhören und sie beantworten. Es war keine Kleinigkeit! Nach dem großen Diner gab es Pferdewettrennen, Theater, Illumination und zum Beschluß ein Ball. Nach diesem allem fuhr ich nach Gastein, die dortigen Bäder zu gebrauchen und von dort nach dem Brandhof in der Steiermark, einer Besitzung des Erzherzogs Johann, der mich dorthin geladen hatte, die von ihm erbaute hübsche Hauskapelle und seine darin enthaltene Gruft am 24. August einzuweihen. Nach dieser mit der Predigt, die der Fürstbischof von Seckau hielt, vier Stunden lang dauernden Feierlichkeit, bewirtete er uns, seine hundert Gäste, unter welchen sich Hohe und Niedere, mehrere Adelige, Prälaten, Dechante, Pfarrer, Beamte, Hammerwerksinhaber, Amt- und Landleute, sogar Holzhauer und Älpler befanden, in einem draußen im Hofraum ländlich dekorierten Pavillon. An Toasten, erhebenden Gesängen und verteilten Gedichten fehlte es dabei nicht. Nach Tische wurden wir alle in seinen Vorsaal zu kommen gebeten. Dort verlas er eine Urkunde, worin es unter anderm hieß: Nachdem er aus Gottes Gnade an diesem Orte die Ruhe seines Gemütes wiedergefunden, so habe er aus Dankbarkeit ihm zu Ehren diese Kapelle erbauen lassen und seinen vieljährigen Freund, den Patriarch-Erzbischof von Erlau, Joh. Ladislaus Pyrker, ersucht, selbe am Feste des hl. Bartholomäus als am heutigen 24. August einzuweihen. Er dankte darauf uns allen, die wir dabei erschienen, in den rührendsten Ausdrücken und forderte uns (mich zuerst) auf, selbe zu unterschreiben. Der Eindruck war außerordentlich ? kein Auge blieb trocken, als wir uns entfernten. Amazon.de Widgets Kaum war ich heimgekommen, so begab ich mich wieder nach dem Szabolcser Komitate, die kan. Visitation der noch übrigen[154] zehn Pfarreien daselbst Ende September und Anfangs Oktober zu vollenden. J. 1829. Wie diese vollbrachte ich auch jene im Borsoder als dem zweiten zur Erzdiözese Erlau gehörigen Komitate im Sommer des J. 1829, und die Zahl der Gefirmten war jener im obigen gleich. Sie hatte wie jene für die Kirchen, Seelsorger, Lehrer und Kirchendiener, deren Lage zu verbessern war, die gleichen erfreulichen Resultate. In den Wintermonaten stellte ich dann jedesmal die sich darauf beziehenden, als öffentliche Aktenstücke geltenden Dekrete aus (eine erstaunliche Arbeit in dreifacher Abschrift), wodurch die kan. Visitation in Ungarn auch vor dem weltlichen Forum gesetzliche Kraft erhält. Im Laufe des Jahres errichtete ich auch in Erlau wie in der Zipß mit denselben Modifikationen eine Präparanden-Anstalt für angehende Dorfschullehrer, nebst dem eine Zeichnungsschule für die Erlauer Jugend, und beide gedeihen vortrefflich. Das Beste, was ich hienieden das Glück hatte zu Stande zu bringen, mag wohl die Errichtung der beiden Präparandien sein, da nach Verlauf von zweiundzwanzig Jahren aus der Zipßer und Erlauer mehrere hundert gebildete Dorfschullehrer hervorgegangen und angestellt worden sind. Dem Himmel sei Lob und Dank dafür! J. 1830. Nachdem ich in diesem Jahre die kan. Visitation auch im Heveser, dem dritten zur Erzdiözese gehörigen Komitate, dessen Hauptsitz die erzbischöfliche Stadt Erlau ist, doch nur in jenen Teilen, wo meine Vorfahren seit vielen Jahren keine gehalten haben, vollendete, so war auch hier dieser wichtigen Pflicht meines oberhirtlichen Amtes genug getan und von guten Folgen begleitet. Gegen Ende Juni fuhr ich nach Hofgastein und habe in diesem Jahre dort das erste Mal die Bäder gebraucht, nachdem der Kaiser im J. 1828 (23. August) die Herableitung des Badewassers auf meinen Vorschlag genehmigt hatte. Anfang August kehrte ich wieder heim. Doch der Landtag war für dieses Jahr wegen der Krönung des Kronprinzen Ferdinand (nun Kaiser) zum jüngeren König von Ungarn in Preßburg angesagt. Ich reisete über Gran, Neuhäusel und Neutra, welche Gegenden ich noch nicht kannte, dahin. Im letzteren Orte bei dem dortigen Bischof eingekehrt zog ich mir ein dreitägiges Fieber, das mit heftigen Magenschmerzen vereint war, zu. In Preßburg an einem Samstag angelangt mußte ich mich sogleich zu Bette legen. Was mich dabei am meisten quälte, war, daß ich von dem Palatinus zum Präses und Orator der großen, aus sechzig Mitgliedern bestehenden Landtagsdeputation,[155] die den Kaiser und den zu krönenden jüngeren König von dem an der Grenze Österreichs liegenden Lustschlosse Schloßhof Sonntag über acht Tage feierlich einladen sollte und mir nun die Gelegenheit, bei dem Landtage in einer so schönen Funktion zum ersten Mal aufzutreten, entrissen werden würde. Da jener bestimmte Sonntag ein von Fieberanfall freier Tag war, so fuhr der Arzt meinen dringenden Wünschen nachgebend in einem geschlossenen Wagen selber mit mir hin. Ich hielt meine zur feierlichen Einladung bestimmten Anreden, aber in einem Zustande, daß ich öfter wähnte, vor Schwäche niedersinken zu müssen. Gleich darauf verfügte ich mich zum Kaiser, wo er und die Kaiserin mir entgegen eilten und meine Hände ergreifend fragten, was mir denn fehle, denn ich sehe schrecklich aus! Ich empfahl mich und fuhr, ohne das gewöhnliche große Diner abzuwarten, nach Preßburg zurück und legte mich sogleich wieder nieder. Drei Wochen dauerte dieser jammervolle Zustand, und später zeigte sich ein neues Übel ? ein furchtbarer Schwindel, der wahrscheinlich von großen Dosen von Chinin, mit welchen mich der Arzt zur Fahrt nach Schloßhof stärken wollte, veranlaßt wurde, denn so konnte ich meine Anreden, so schwer es mir fiel, dennoch halten; aber der Schwindel verlor sich erst spät nach meiner Heimkunft in Erlau auf den Gebrauch homöopathischer Mittel. Während des Landtages geschah die feierliche Krönung des jüngeren Königs Ferdinand, wobei ich mit dem Primas Regni sowohl in der Kirche als auch bei der Eidesleistung auf dem öffentlichen Markte sein Assistent war; wir ritten ihm in vollem, reichen Kirchenornate mit der Infel auf dem Haupte zur Seite, und uns folgten fünfzehn Diözesanbischöfe alle im selben Ornate zu Pferde nach. Bei der kaiserlichen Mittagstafel, wozu wir beide Assistenten geladen waren, sagte mir die Königin-Witwe von Bayern, die mir nach dem Tode des guten König Max ein paar sehr herzliche Briefe geschrieben hatte, vielleicht hätte sie der Anblick eines in solchem Ornate zu Pferde sitzenden Bischofs lächeln gemacht; aber siebzehn Bischöfe im vollen Glanze so vorüberziehen zu sehen, hätte sie, die doch viele Prunkzüge gesehen, mehr als irgend etwas früher ergriffen. Nach Tische nahm mich der Kaiser bei Seite und ? dankte mir, daß ich seinem Sohne sowohl bei der Funktion in der Kirche als auch während des Rittes durch die Straßen mit so vieler Sorgfalt beigestanden wäre. Der gute Kaiser! Heimgekommen vom Landtag dachte ich ernstlich daran, den Bau einer neuen Kathedralkirche zu Stande zu bringen. Gewohnt in Venedig durch eine längere Zeit die herrlichsten Kirchen vor Augen zu haben, war mir der Anblick der kleinen, einer Dorfkirche ähnlichen Metropolitankirche mehr und mehr peinlich geworden.[156] Bei dem Abzuge der Türken (J. 1696) waren alle früher bestandenen, so auch die alte, ehrwürdige, in gotischer Form, wie es ein erst unlängst vom Schutt befreiter Pfeiler beweist, gebaute Kathedralkirche, die samt der Bischofs- und Domherrenwohnungen auf dem Festungsberge stand, zerstört. Die neue, von geringem Umfang, wurde in Eile auf dem Platze, auf welcher jetzt die neueste steht, erbaut und erregte fast in jedem meiner seitherigen Vorfahren den Wunsch, etwas Würdigeres an deren Stelle zu setzen. Besonders ging der dritte vor mir, Graf Karl Esterházy, der auch das prachtvolle Lyceum erbauen ließ, mit diesem Gedanken um; allein der Tod verhinderte ihn an der Ausführung desselben. Nach den vorhandenen Zeichnungen wäre aber nichts außergewöhnliches zu Stande gekommen. Indessen wurde von einigen unter jenen eine Summe nach der anderen als Fond dazu bestimmt, der obgleich beträchtlich durch die Finanzoperation im J. 1811 auf die Hälfte jenes Betrages herabsank, der nach dem ersten Überschlag meines Architekten zur Erbauung der beabsichtigten neuen Kathedralkirche erfordert wurde. Dieser Architekt war Joseph Hild in Pesth, der sein Fach mehrere Jahre hindurch auch in Rom studiert hatte und sich bereits durch die Aufführung der schönsten Gebäude der Stadt Pesth als vorzüglich geeignet bewährt hatte. (Ich halte ihn für den ersten Baumeister der neueren Zeit ? von Palladio angefangen, der mit einem besonderen Schönheitssinn begabt nichts als Schönes schafft. Nun arbeitet er an der Vollendung der von einem anderen begonnenen Graner Kathedralkirche, an welcher die Kuppel von 240 Fuß Höhe bereits eingewölbt und eingedeckt ist). Ich legte die von ihm entworfenen Pläne zu Ende des J. 1830 meinen Domkapitularen vor und erhielt von ihnen die Zusage, daß sie sich herbeilassen würden, die Hälfte der noch erforderlichen Baukosten mit mir zu bestreiten. (Indessen muß ich hier im voraus bemerken, daß ich bis jetzt ? 1845 ? weit mehr als doppelt so viel als sie beitrug, und die Baukösten jene des Überschlages auch um das Dreifache überstiegen haben). ? Gleich im Winter ließ ich die frühere Kathedralkirche niederreißen und die Fundamente der neuen ausgraben, wodurch nach einem Mißjahre den ärmeren Bewohnern der Stadt ein wohltätiger Erwerb geboten ward. Am 22sten März des J. 1831 begann der Bau der neuen Kathedrale ? an welchem Tage ich den ersten Stein (nach früher abgehaltenen Andacht in einer stellvertretenden Kirche) in die achtzehn Fuß tiefen Fundamente senkte. Ich muß hier, um mich in Hinsicht der Geschichte des Baues kurz zu fassen, vorläufig melden, daß dieser große Bau zum Staunen aller, die es hören, im Herbste des J. 1836 bis nahe zur Vollendung gedieh, denn die Kirche war in ihren Haupt- und Nebengebäuden nicht nur eingewölbt und gedeckt, sondern auch innen und außen verputzt; innen einstweilen einfach ausgemalt,[157] mit weiß[en] und roten marmornen Quadratplatten gepflastert und mit den nötigen Bänken, Türen und Fenstern, Kanzel und Altären versehen; so auch außen über dem Portikus mit herrlichen Statuen und von innen mit Basreliefs und schönen Altarblättern geschmückt, denn zu allem diesem habe ich gleich bei dem Beginn des Baues Hand anlegen lassen. Die Kirche ist durchaus von festem Stein, in neuem edlen Stil (greco-latino) gebaut und dürfte unvergleichlich schön genannt werden selbst von jenen, die ganz Italien durchreist haben. Ihre Länge mißt mit Inbegriff des Portikus 300 Fuß, ihre äußere Breite 120, die Höhe des Hauptschiffes 72, jene der Kuppel 120 und der beiden Türme 168 Fuß. Zu dem Portikus führt eine 60 Fuß breite Treppe in zwei Abteilungen, deren jede 13 Stufen zählt, hinauf und zwei 12 Fuß hohe Statuen die Aposteln Peter und Paul vorstellend stehen unten an der ersten auf hohen Postamenten. Das Haupt- oder mittlere Schiff wird von den zwei Seitenschiffen durch 28 runde Säulen korinthischer Ordnung, deren Höhe von 51 und Durchmesser 5 Fuß [abgeteilt]. Auf der Attique von 90 Fuß Höhe stehen drei Statuen, Glaube, Hoffnung und Liebe [von] 18 Fuß Höhe, und etwas tiefer links und rechts zwei Engeln von 15 Fuß Höhe von dem ausgezeichneten venezianischen Bildhauer, Marco Casagrande, von welchem als Zögling der dortigen Akademie der Präsident derselben, Graf Cicognara, öfters sagte, daß er, wenn ihm Arbeiten aufgetragen würden, selbst den berühmten Canova übertreffen würde, aus festem Stein gemeißelt; so auch zwölf Basreliefs in der Kir che und acht andere aus hartem Gips geformt. Die Statuen sind von vorzüglicher Schönheit, so auch einige von diesen. Nicht minder verdienen volles Lob die sechs neuen Hauptgemälde in der Kirche, jenes am Hochaltar von Joseph Danhauser von Wien, und fünf andere an den Seitenaltären von den Künstlern Malatesti, Schiavoni, Grigoletti und Busato von Venedig, gemalt, zwei ältere sind von Kracker, einem Maler von Erlau in früherer Zeit verfertigt. Der Hochaltar, dann die vier Seitenaltäre und einer in der Marien-Kapelle sind von schönem grauem Marmor, die teilweise aus der alten Kathedralkirche aufbehalten worden sind. (Von der Konsekration der Kirche am 1-sten Mai 1837 weiter unten). J. 1831. Im Monat Juni dieses Jahres brach die Cholera aus Galizien über Ungarn herein. Noch war sie nur an der [galizischen] Grenze, und man vermutete gar nicht, daß sie sich so schnell und so weit verbreiten sollte, als sie hernach später Ungarn vor allen[158] andern Ländern so schrecklich heimsuchte. Ich brach gegen Ende Juni von Erlau auf, um wie gewöhnlich über Wien nach Gastein zu reisen. Kaum war ich aber in der Hauptstadt Österreichs angekommen, als die Nachricht mittels Staffette dahinkam, daß jene Seuche längs der Theiß an fünf Ortschaften des Hevescher Komitats ausgebrochen sei. Wohl waren Stimmen zu hören, die mir Glück wünschten, ihr auf gute Art entkommen zu sein, aber ich fühlte, was mir die Pflicht gebot, und begab mich sogleich wieder nach Erlau zurück. In der Rückreise erstaunte ich, welche Veränderungen sich seit einigen Tagen ergeben hatten. Schon an der Grenzbrücke in Bruck an der Leitha standen mit bloßen Säbeln und Flinten bewaffnete Bürger und Bauern, welche nach dem Sanitätszeugnis und den Pässen fragten und furchtsame Gesichter schnitten. Ich hatte Mühe, ihnen begreiflich zu machen, daß ich erst vor vier Tagen hier nach Wien durchgereiset sei, wo sich noch keine Spur jenes Übels zeige, und von dort heimkehrend demselben entgegengehe. Nach ihrer dortigen Aufstellung muß ich der erste Reisende gewesen sein, den sie zu befragen hatten. Weiter abwärts bis Ofen standen vor mehreren Ortschaften solche Bauernwachen hinter quer über die Straße gezogenen Stangen in Ermanglung anderer Waffen mit eisernen Heugabeln versehen und ließen Richter oder Dorfnotär wegen Besichtigung des Reisepasses kommen. Sie entschuldigten sich mit den erhaltenen Befehlen; ich aber belobte ihren Eifer, obschon ich mich mehr und mehr bis heim überzeugte, daß solche Anstalten nur Angst und Schrecken und damit unter dem Volke die traurigsten Wirkungen zur Folge haben. Die Stadt Erlau war auch bereits zerniert, aber erst nach vierzehn Tagen ergaben sich dort die ersten Sterbefälle. Bald erfuhr ich, daß einer meiner Pfarrer in Bábolna an der Theiß, mit Namen Morvay, ein Mittel anwende, seine Pfarrkinder von der Cholera zu befreien. Sogleich beauftragte ich ihn, mir sein Verfahren dabei schriftlich zu übersenden. Auf seine Heilmethode, schrieb er mir, sei er durch Zeitungsartikel, besonders einen aus Riga gekommen, wo es hieß, die Erkrankten würden gerettet, wenn sie bei der Kälte, die sie gleich anfangs befällt, in Schweiß gebracht werden könnten. Ich ließ seine Vorschrift alsobald in ungrischer und deutscher Sprache abdrucken, sandte davon an die Statthalterei in Ofen und an die Hofkanzlei in Wien einige Exemplare und erhielt dafür die lebhaftesten Danksagungen. Bald stand die Kunde davon in den in- und ausländischen Zeitungen; überall wurde sie durch den Druck vervielfältiget, und Erzherzog Johann allein ließ über sechzehntausend Exemplare davon in der Steiermark verteilen. Morvay's Verfahren dabei war in kurzem folgendes. Da man in ungrischen Dörfern nichts von Badewannen weiß, große Waschzuber aber, in welchen die Wäsche abgebrühet wird, sich in jedem Hause vorfinden, so mußten in diese ein paar glühend gemachte[159] Mauerziegel, auf welche Kampfer-Spiritus oder Essig und Branntwein gegossen und der Kranke auf einen Schemel gesetzt ward, gelegt werden, worauf er mit Kissen und Federbetten dicht umhüllt wurde und meistens in wohltätigen Schweiß kam. Gewöhnlich ließ er aber den Kranken, bei welchem die Anzeichen der Cholera, Schwindel, Ermattung, Abweichen usw. sich einstellten, sogleich in ein warmes Bett legen, die Nasenlöcher ausgenommen dicht verhüllen und ihm Umschläge von Krauseminze, Salbei, Kamille, breitblätterigen Wegerich etc. (Herba Menthae crispae, Herba Abrotani, Herba Salviae, Fol. Malvae vulg.) mit heißem Wasser abgebrüht und zwischen zwei Tücher gelegt, deren eine Seite mit siedendem Wein benetzt wurde, ihm auf den Magen legen. Zum Trunk ward ihm ein Absud von Minze, Holunderblüte und Kamillen gereicht und das tödlich kalte Wasser ihm fern gehalten. Bei sich einstellender Eßlust erhielt er eine warme Suppe und Gerstenabsud zum Trinken. Auch hat er mit gutem Erfolg besonders zuletzt Dunstbäder und auch das Baden der Kranken angewendet, wobei die zarten Zweige der Akazie klein gehackt und gespalten und der Absud in den Waschzuber gegossen ward, worin der Kranke auf einem Stuhl sitzend die Füße auf einen Schemel stellte und wohl zugedeckt in Schweiß gebracht ward. Bei sich einstellenden Krämpfen ließ er mit warmem Essig, Kampfer und Weingeist die Hände, Füße und den ganzen Leib des Kranken reiben und ihm Krauseminzen-Tee zum Trinken geben. Bei einem solchen Verfahren starben von hundertzwanzig Cholerakranken in Bábolna nur einundzwanzig und unter diesen größtenteils alte Leute, die sich seiner Behandlung nicht unterwerfen wollten, und Kinder, deren unkluge Mütter sie ihr aus falschem Mitleid entzogen. Um so günstige Erfolge bewirken zu können, verfiel er auf ein ganz besonderes Mittel. Wie gesagt, waren die Abwehranstalten das Furchtbarste bei diesem Übel. Sobald es hieß, in diesem oder jenem Hause sei ein Cholerakranker, so wurden mit Heugabeln bewaffnete Männer vor die Haustüre gestellt und niemand mehr aus- oder eingelassen; auch die Art, die Leichen auf die Begräbnisplätze hinauszuschaffen, hatte für das Volk etwas Schaudererregendes; daher geschah es denn oft, daß man die Kranken verleugnete und sie dann unter dem Dachboden, in Kellern und in einem Winkel der Scheunen versteckt tot gefunden wurden. Er bestellte nämlich ein paar bejahrte Weiber, die in den Häusern forschend herumgehen und die Erkrankten anzeigen mußten. Für einen jeden solchen erhielten sie dann von ihm eine kleine Belohnung im Gelde und am Ende bei bewiesenem größeren Eifer auch einige Metzen Korn zur Belohnung. Der bei weitem wichtigste Vorteil, der die Bekanntmachung des Morvay'schen Verfahrens[160] zur Folge hatte, war aber der, daß unter dem gemeinen Volke die Vorspiegelungen von vergifteten Brunnen und dem Streben der Herrschaften, ihre Untertanen aus dem Wege zu räumen, schnell ein Ende nahmen, denn da allenthalben das Mittel an der Hand war, sich und den Seinen zu helfen, so fand man jene in keiner Hinsicht mehr begründet. Leider hatten sie in denen Galizien zunächst liegenden zwei Komitaten abscheuliche Szenen hervorgebracht, und viele Hinrichtungen folgten ihnen. Bald wäre das in seinem Erwerb gehemmte Volk auch in Erlau zu Exzessen geschritten, wenn ich nicht mittels Estafetten durch wiederholte Vorstellungen höheren Ortes die Auflösung des Kordons bewirkt hätte. Sobald dies geschah, ging wieder jeder froh an seine Arbeit, und von neueren Opfern der Seuche war nichts weiter zu hören. In Erlau selber gab es auf eine Bevölkerung von beiläufig zwanzigtausend Seelen nur etwa zweihundert Sterbefälle, obschon in dem Hevescher Komitat, in welchem die Stadt liegt, von hundertsechzigtausend über siebzehntausend Menschen an dieser Seuche gestorben sind. Dem um seine Pfarrgemeinde und überhaupt um die Menschheit hochverdienten Pfarrer Morvay erwirkte ich von dem sel. Kaiser die große goldene Ehrenmedaillie, die ich ihm bei der Generalkongregation des Komitats mit einer angemessenen Rede als Obergespan feierlich an die Brust heftete; auch verschaffte ich ihm unter dem Patronate des Domkapitels eine einträglichere Pfarrstelle. Ich selber befand mich während dieser ganzen traurigen Epoche wohl und ließ an der neuen Kathedrale unausgesetzt fortarbeiten. J. 1832. Auf meiner Rückreise von Gastein traf ich in dem Markte Werfen mit dem Kaiser und der Kaiserin, die auf einer Reise aus Tirol durch [den] Pinzgau herüber kamen, zusammen und wurde sogleich zur Mittagstafel geladen. Vor Tische forderten mich beide auf, die hart am Markte auf einem steilen Hügel sehr romantisch gelegenen Veste Werffen mit ihnen zu besichtigen, was dann auch geschah, und der Kaiser gab zur Erhaltung derselben den anwesenden Beamten die nötigen Befehle. Unter der fürsterzbischöflichen Regierung diente sie in der letzteren Zeit zu Gefängnissen. Nun befindet sich ein Invalide als Wächter daselbst und läutet mit der großen Glocke, die in einem luftigen Turm hängt, jeden Donnerstag früh, mittags und abends zum Ave Maria. Nach Tische geschah es, daß ich das in Hofgastein von mir erkaufte und hergestellte Haus (s. oben S. 192) als ein Badehaus für das k.k. Militär in Antrag brachte. Der Kaiser fuhr mit der Rechten lächelnd auf mich los und rief: »Ich danke Ihnen, daß Sie für meine armen Soldaten bedacht waren.« Die mit allerhöchster Genehmigung versehene Schenkungsurkunde wurde mir[161] später von dem k.k. Hofkriegsrat mit einer ehrenvollen Zuschrift zugesendet. Die Kaiserin aber nahm mich bei Seite und sagte mir mit etwas bekümmerter Miene: »Ich weiß, daß Sie ein paar Tage vor dem Tode des Herzogs von Reichstadt in Schönbrunn bei ihm waren; hat er seinen religiösen Pflichten als Sterbender genug getan?« Ich wisse es nicht, war meine Antwort. Die Sache verhielt sich so. Ich wurde aufgefordert, bei der feierlichen Taufe eines Prinzen des Erzherzogs Franz Karl in Schönbrunn als k.k. Geheimrat gegenwärtig zu sein, da eben wenige in Wien anwesend waren. Während der Taufhandlung lispelte mir der Obersthofmeister des schwerkranken Herzogs von Reichstadt, F.M.L. Graf von Hartmann, in die Ohren, ich möge diesen besuchen ? er habe ein gar großes Vertrauen zu mir. Gleich den folgenden Tag fuhr ich zu ihm nach Schönbrunn hinaus und fand an der Türe des Prinzen eben den Obersthofmeister mit einem seiner Kammerherren, die mir vor dem Eintritt sagten, ich möchte von seinem Aussehen nicht erschrecken und ihn nicht viel sprechen lassen, sondern selber das Wort führen. Die erstere Mahnung war wohl gegründet, denn ich mußte mich erst fassen, als er mich neben sich auf das Kanapee niedersitzen hieß, und ich die ersten teilnehmenden Worte an ihn richtete. Dieser junge Mann, der Sohn des Kaisers Napoleon, schon in der Wiege zum König von Rom ernannt, mit Orden von fast allen europäischen Fürsten geziert und als der Erbe unzweifelhafter Größe und erhabener Geschicke gepriesen, saß nun bleich und abgezehrt ? ein Bild des Todes ? vor mir! Den Eingang zu einer kurzen Unterredung zu finden, erinnerte ich ihn, daß ich ihn in seinem siebzehnten Jahre, wo er seit dem letzten Besuche, den ich ihm machte, so schnell gewachsen war, und ihm die Ärzte zur Stärkung das kalte Baden angeraten hatten, gewarnt habe, dabei nicht zu viel zu tun, denn wahrscheinlich habe er sich dadurch sein gegenwärtiges Brustübel zugezogen. Er aber erwiderte lebhaft, bei ihm fehle es nicht in der Brust, wie die Ärzte fälschlich wähnten; seine Krankheit, die Flechte, stecke wie bei seinem Vater im Magen, davon hoffe er nun ganz befreit zu werden, und freue sich, bald nach Ischl reisen zu können. Heftiges Husten unterbrach seine Worte. Ich faßte darauf seine Hand und sagte, gehört zu haben, daß er, lebhaft wie er immer war, jetzt auch bei dieser Krankheit sehr ungeduldig sei; Geduld aber und ruhige Fassung auch die Wirkung der Arzneien erleichtern würden. Bei dem Worte Geduld sah er mich herumgewendet lächelnd an und sagte: »Geduld haben? Das wäre jetzt eine Kunst!« Dabei lachte er hohl und tief, was auch bei Kaiser Napoleon charakteristisch gewesen sein soll. Bei einem neuen Anfall seines Hustens stand ich auf, er aber drückte meine Rechte an seine Brust und sagte zum Abschied: »Sie waren stets mein Freund ? ich danke Ihnen für den heutigen Besuch ?[162] leben Sie wohl!« Ich befürchtete, durch längeres Verweilen neue Anfälle hervorzurufen, und trat eilig zur Türe hinaus. Dort fragten mich die beiden Herren voll Hast, was der Prinz gesprochen habe? Ich erzählte ihnen jedes Wort, was wir beide gesprochen hatten. Bei dem Worte »Flechte« sahn sie sich lächelnd an und sagten: »Das ist nun einmal seine fixe Idee!« Sie schienen noch weiteres hören zu wollen, ich aber empfahl mich und ging tief bewegt fort. In dem großen Saale des Schlosses ging ich einige Mal mit gesenkter Stirne langsam auf und ab. Manches ihn betreffende schwebte aus vergangenen Zeiten an meiner Seele vorüber. Ich hatte ihn seit seinem vierten Jahre an, wo ihn seine Mutter mir in Schönbrunn vorstellte, gekannt und ihn seitdem bei meinen häufigen Reisen nach Wien sehr oft besucht. Matthäus von Collin, Bruder des Dichters des »Regulus«, selbst ein geschätzter Dichter und mein Freund, war einer seiner Lehrer und erzählte mir selbst in seiner Gegenwart manches von seinem Benehmen, so von seiner Neigung für das Militär, wo er oft bei dem Trommelschlag unten in der Hofburg Mühe habe, ihn von dem Fenster zurückzuhalten; daß er nicht gerne anhaltend lerne (wie sein Vater), außer wenn Geschichte vorgenommen wird und wenn darin Erzählungen von Kriegsszenen und Schlachten vorkommen. Ergötzlich war es mir zu hören, wie er in seinem siebenten Jahre vernehmend, daß die Kaiserin seiner aus Italien kommenden Mutter bis Wiener Neustadt entgegenfahre, ihn mit Ungestüm gefragt habe, warum denn nicht auch sein Vater mitkomme? Verlegen, was er ihm auf diese Frage antworten solle, verwies er ihn an seinen Großvater, den Kaiser, er möge ihn darüber befragen; das würde er auch tun, rief er, und drang darauf, daß er ihn sogleich zum Großvater hinüberführen solle. Collin trat vorher ein und meldete dem Kaiser, was der Kleine vorhabe. »Nun gut«, sagte jener, »er soll nur kommen, ich werde ihm schon antworten.« »Die Mutter kömmt, warum nicht auch mein Vater?« ? rief er fast zornig, als er zu ihm hinsprang und ihm die Hand küßte. »Warum dein Vater nicht kömmt,« sprach der Kaiser, »das wirst du gleich hören. Dein Vater war schlimm, deswegen haben wir ihn eingesperrt, und wenn du auch schlimm bist, so wirst du ebenfalls eingesperrt werden!« ? Der Kleine ging ganz betroffen und schweigend mit seinem Lehrer zurück. Später, als der Knabe bereits dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, fragte ich jenen, ob er von dem Geschick, das seinen Vater betroffen, unterrichtet sei? Er wisse alles, gab er zur Antwort; der Kaiser habe befohlen, ihn über alles, was darauf Bezug habe, zu unterrichten; aber sonderbar genug, er habe nun schon seit einer Reihe von Jahren nicht die geringste Erwähnung davon gemacht und halte seine Gesinnung darüber in sich verschlossen zurück. Daß ihn übrigens der Kaiser sehr lieb hatte, habe ich nicht nur gehört, sondern mich davon im Schloß[163] Persenbeug mit eigenen Augen überzeugt. Vielleicht dürfen obenstehende Notizen anziehend sein von einem Kinde, von welchem zur Zeit, als die Bourbonen auf eine kurze Zeit wieder zur Herrschaft gelangten, ein französischer Stabsoffizier sagte: »Man gebe mir diesen Knaben, ich nehme ihn in die Arme und einen Tambour neben mich und führe ihn im Triumph nach Paris auf den Thron seines Vaters.« Wirklich soll ein Versuch gemacht worden sein, ihn heimlich zu entführen, weshalb er von Schönbrunn in die Stadt nach seinen Gemächern in der kaiserlichen Burg gebracht worden ist. So lauteten damals die allenthalben wiederholten Gerüchte. Später dürfte er in Frankreich die Veranlassung zu vielen Bewegungen geworden sein, weswegen sein Tod in der Blüte seiner Jahre den unerforschlichen Ratschlüssen der Vorsehung anheimzustellen ist. Die Veranlassung, an dieser Stelle von ihm zu sprechen, gab die obige Frage, welche die Kaiserin im Markte Werfen an mich richtete. Sooft ich in der Folge über diese und das Betragen der beiden Herrn an der Türe des Kranken nachdachte, kam mich jedesmal eine Unruhe, wohl aus Reue an, vielleicht etwas Wichtiges, Pflichtgemäßes versäumt zu haben. Denn ich glaubte, dieses folgendermaßen entziffern zu können. Weder sie noch der Arzt (was leider so oft der Fall ist) wagten dem kranken Prinzen zu bedeuten, daß es an der Zeit sei, sich mit den Sterbesakramenten versehen zu lassen, und dies umso weniger, da er sie in seiner Ungeduld vielleicht öfters hart anfuhr und immer von der Gewißheit sprach, nun bald nach Ischl reisen zu können. So gründeten sie ihre Hoffnung etwa auf den Besuch, den ich dem Kranken zu machen gebeten ward. Hätten sie mir das, bevor ich zu ihm eintrat, auch nur durch ein paar Worte eröffnet, so würde ich nichts angelegentlicheres gehabt haben, als ihn auf eine gute Art dazu vorzubereiten, denn wie konnte ich zweifeln, daß in dieser Hinsicht der Burgpfarrer oder einer der Hofkapläne, welchen dort die Seelsorge obliegt, das Nötige bereits würden getan haben, und eine fremde Einmischung nur unlieb aufgenommen worden wäre? Darum bestand auch im Augenblicke des Scheidens mein ganzer geistlicher Zuspruch darin, daß ich ihm Vertrauen auf den lieben Gott empfahl und ihm verhieß, für ihn zu ihm beten zu wollen. Der Gedanke, daß ich dem jungen Manne, der wie eine zerknickte Blume das Haupt trübselig hängen ließ, vielleicht eine frohe Aussicht in die Ewigkeit hätte zeigen können und es zu tun unterlassen habe, erfüllte mich jedesmal mit tiefer Betrübnis. Auch habe ich es nie erfahren können, ob er versehen worden ist oder nicht. ? Im Monat Dezember fuhr auch ich auf den bereits früher ausgeschriebenen Landtag, dessen Dauer sich leider bis in das vierte Jahr hinausdehnte.[164] J. 1833 Dieses Jahr ließ sich gleich anfangs übel für mich an. Gleich (bis) die ersten Tage im Monat Jänner trat ich aus einer sehr stark geheizten Stube im Erdgeschoß in die streng-kalte Luft hinaus und fühlte bald, daß ich mir einen starken Katarrh zugezogen habe. Nach einigen Tagen stellte sich ein heftiges Schleimfieber ein, in welchem ich bis zum einundzwanzigsten Tage als jenem der erwarteten Krisis unaussprechlich gelitten habe, sie ist eine von den qualvollsten Krankheiten! Selbst in der Rekonvaleszenz konnte ich lange nicht zu Kräften kommen und dennoch fuhr ich während dieser vom Landtag aus gesendet mit einer großen Deputation, deren Redner und Präses ich war, nach Wien, um dem König zu seiner Wiedergenesung Glück zu wünschen. Nebst der Rede an ihn in lateinischer Sprache hielt ich eine deutsche an die Kaiserin-Königin und vier andere ebenfalls in lat. Sprache an den jüngeren König und Kronprinzen Ferdinand und die Erzherzoge Franz-Karl, Karl und Ludwig. Bei der Mittagstafel im Rittersaal hatte ich auf dem ersten Platze die Toaste auszubringen. Der König erschien dabei. Die Landtagsverhandlungen nahmen ihren gewöhnlichen schleppenden Gang. Am 22-ten Oktober sollte eine sogenannte Restauration des Komitats, d.h. die Wahl aller Beamten desselben, welche alle drei Jahre gesetzmäßig angeordnet ist, in Erlau vorgenommen werden, und ich fuhr als Obergespan deshalb nach Hause. Einige Fraktionen, die weder den von einem großen Teil der Wähler (bis) gewünschten Vizegespan noch einen Abgeordneten zum Landtag aus der Reihe der Hevescher Adeligen, sondern die Wahl eines als Hauptliberalen bekannten früheren Deputierten des Borsoder Komitats für den jetzigen Landtag durchsetzen wollten, gingen in ihrer Vermessenheit so weit, daß sie ein Haus, in welchem eine bedeutende Zahl von der Gegnerpartei in später Nacht sich bereits zur Ruhe begeben hatte, förmlich stürmten und in dem entstandenen Kampf einige um das Leben brachten. Als ich dies am Morgen des zur Restauration bestimmten Tages erfuhr, die Faktionen überdies den zur Wahl bestimmten Komitatssaal gewalttätig besetzt und allerhand Unfug verübt hatten, so widersetzte ich mich standhaft allen ihren Forderungen, erklärte die ganze vorzunehmende Amtshandlung für aufgeschoben und ließ die Wähler nach Hause gehen. Jene zogen erst am dritten Tage ab, worauf die in Schrecken gesetzte Stadt wieder beruhigt ward. Auf die von mir Allerhöchsten Ortes gemachte Anzeige ward ein königlicher Kommissär abgesendet, der nach den gemachten genauen Erhebungen einen Bericht erstattete, welcher die Anordnung eines Kriminalprozesses gegen die Schuldigen und ihre Bestrafung[165] durch längeren Arrest zur Folge hatte. Obschon ich zu jenen betrübenden Auftritten nicht die geringste Veranlassung von meiner Seite gab, so ward doch seit jener Zeit der Entschluß in mir fest, jener meinem Gemüte ohnehin nicht zusagenden politischen Wirksamkeit zu entsagen und einen Stellvertreter in dem Amte des Obergespans zu begehren, sobald der Landtag sein Ende erreicht haben würde. Dieses wurde für den 2-ten Mai des J. 1836 angesagt, und nach jener Zeit ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen. J. 1834. Außer der Teilnahme an den Landtagsverhandlungen hatte ich mich heuer in Hofgastein während der Kurzeit mit einem neuen Hausbau beschäftigt. Als ich im J. 1832 das erste für das k.k. Militär abgetreten hatte, blieb mir rückwärts demselben ein halbes Joch betragender Ackergrund und nebenan ein hübsches Gärtchen noch übrig zum Eigentum, und ich beschloß, dort ein neues, nach der Zeichnung des Architekten Hild ein Stockwerk hohes, sehr hübsches und mit einem eigenen Bade versehenes Haus zu erbauen, welches ich, da es im folgenden Jahre auch mit den inneren nötigen Einrichtungen versehen war, bezog und ein paar Jahre hindurch benützte. Doch in der Notwendigkeit, ein neues Amt- und Wohnhaus für den dortigen k.k. Pfleger erbauen zu müssen, äußerte die Landesregierung den Wunsch, daß ich zu solchem Behufe jenes Haus abtreten sollte, obgleich ich einige hundert Gulden weniger dafür erhielt, als ich zur völligen Herstellung desselben verwendet hatte, so ging ich den Vorschlag doch gerne ein, da ich damit Hofgastein verschönert habe und ich für die Kurzeit jedes Mal anständige Wohnung im Markte hatte. Der Ackergrund sowohl als auch das Gärtchen ist dem Amtshause zu eigen geblieben. Das letztere bildet den Vorgrund dazu. In diesem Jahre besuchte ich zum ersten Mal das Bad in der Fusch. Hievon bald mehr. J. 1835. Endlich ist dieses Jahr angebrochen, in welchem ich das Teuerste, was meinem Herzen auf Erden war, verlieren sollte! Bald nach dem 20. Februar lauteten die Nachrichten von der eingetretenen Krankheit des Kaisers immer bedenklicher, und ich fuhr daher von Preßburg nach Wien und ließ mich jeden Tag ein paar Mal über sein Befinden erkundigen. Noch am 1-sten März abends um neun Uhr ging ich selber zu der Hauptstiege in der Burg hin, wo ein Offizier der Burgwache den Nachfragenden Auskunft zu erteilen pflegte. Er sprach an die andringenden Scharen wiederholt, das Fieber habe etwas nachgelassen, und S.M. hofften,[166] eine ruhigere Nacht zu haben. Ach, am Morgen hieß es: Er ist nicht mehr! Um zwei Uhr nach Mitternacht am 2-ten März ist der gütigste, gerechteste, edelste Kaiser Franz I. gestorben! (Die Zahl 2 herrschte in mehreren Momenten seines Lebens vor: am 12-ten Februar war er geboren, im J. 1792 bestieg er den Kaiserthron des Deutschen Reiches, und nun endete er am 2-ten März um 2 Uhr nach Mitternacht sein Leben! Auch für mich wurde die Zahl 2 bezeichnend: Im J. 1772 ward ich am 2-ten November um 2 Uhr nach Mitternacht geboren, im J. 1792 trat ich in das Stift Lilienfeld als Mitglied desselben ein, im J. 1812 wurde ich zum Prälaten desselben gewählt, endete im selben Jahre meine »Tunisias« ? schrieb im J. 1822 meinen »Rudolph von Habsburg«, ward im J. 1820 Patriarch von Venedig und J. 1827 Erzbischof von Erlau, und im J. 1842 habe ich mein Eintritts-Jubiläum in dem Stifte Lilienfeld feierlich begangen. Ich führe dies als etwas Eigenes an, ohne die mindeste Wichtigkeit darein zu legen). Der Begräbnisfeierlichkeit wohnte ich bei; es war dabei eine große, innige Trauer auf allen Gesichtern zu lesen, und doch schien sie mir noch nicht tief genug zu sein; die meisten kamen mir wie gleichgültig vor! Mein Leid war unaussprechlich! Er gab mir Wohlstand, Würden und Auszeichnungen, auf die ein Mensch in meiner Lage gar nie rechnen konnte ? ein Mehr konnte es für mich nicht mehr geben. Nichts dergleichen machte meine schon lange vorher versiegten Tränen wieder und heißer fließen; aber sein durch eine lange Reihe von Jahren unverändertes Wohlwollen und seine ausgesprochene Liebe für mich waren mein unersetzlicher Verlust ? und nie werde ich aufhören, ihm meine dankbare Verehrung zu weihen! Schon hatte mich vorher zu Anfang Februar ein trauriges Geschick getroffen. Ich hatte während des Landtags auf dem Platz der Barmherzigen Brüder meine Wohnung an einer Seitengasse, die abwärts ging und wo eine beständige Zugluft herrschte, und mein Arbeitszimmer gerade an der Ecke derselben. An einem heiteren Morgen im Februar gedachte ich, einen Spaziergang zu machen und während dem mein Zimmer zu lüften. Als ich nun den einen inneren Fensterflügel öffnete und jene des Vorfensters mit dem eisernen Hacken an die äußere Mauer befestigte, traf die linke Seite meines unbedeckten Hauptes ein plötzlicher Windstoß so stark, als ob jemand mit der flachen Hand auf selbe geschlagen hätte. Bald merkte ich, daß etwas Widriges geschehen war, und ging, um mich in Schweiß zu versetzen, den an die Stadt grenzenden Berg aufwärts, der sich dann auch häufig einstellte, nur an der besagten Stelle nicht. Nach einigen Tagen wurde ich taub am[167] linken Ohre. Man wendete Einspritzungen, Ziehpflaster und dergleichen an; doch begann ich erst nach Monaten wieder ordentlich zu hören, was deutlicher gesprochen ward, bis sich endlich die Taubheit ganz verlor. Die halte ich für eine mögliche Veranlassung des großen Unglücks, das mich in den nächstfolgenden Jahren mit dem Gesichtsschmerz ? Prosopalgia Fothergilli, Tic douloureux ? betroffen hat. Das Übel konnte sich vom Haupte in die linke Wange herabgesenkt haben. Weiter unten bald von einem anderen vermuteten Grund desselben. Von diesem schrecklichsten aller körperlichen Leiden hörte ich vor mehreren Jahren in Gastein den Domherrn und vormaligen Professor in München, Westenrieder, der als hochgeschätzter Historiker allgemein bekannt ist und der über dreißig Jahre bis an sein Ende mit demselben Übel und zwar im furchtbarsten Grade behaftet war, als von einer mir ganz unbekannten Sache das erste Mal sprechen. Dort ahnte ich es noch nicht, daß auch ich in Bälde ein Leidensgefährte von ihm sein würde! In seinen Werken befindet sich auch die Beschreibung desselben unter dem Titel: »Geschichte meines Trismus etc.«, die wahrhaft schaudererregend ist. Bevor ich heuer die Gasteinerbäder gebrauchte, ging ich auf wiederholtes Zureden eines leidigen, sonst kenntnisreichen Ratgebers in die Fusch, um dort von der wegen Heilung von Magenbeschwerden gerühmten Mineralquelle versuchsweise einige Tage hindurch zu trinken. Auch M. Vierthaler rühmt sie in seiner Reise durch Salzburg etc. wegen der selben Wirkung an. Sie findet sich im Pinzgau über dem Fuschertal auf einer romantisch gelegenen Alpenhöhe dem elftausend Fuß hohen Wiesbachhorn gegenüber und hat eine Kälte von sechs Grade über Null. Nur zehn Tage, aber nach der Vorschrift fast den ganzen Tag über habe ich davon getrunken und fand mich, als ich darauf nach Gastein hinüberfuhr, im Bade nicht so behaglich wie sonst und empfand ein gewisses Prickeln auf der Zunge und auf den Lippen, das über zwei Monate lang andauerte. Von der Wiederholung jener Trinkkur und mutmaßlichen Folgen derselben weiter unten ein Mehreres. Von Gastein nach Preßburg zurückgekehrt wohnte ich den Herbst und den Winter über den Landtagssitzungen bei, ohne daß ich weitere Beschwerden von obgenannten Störungen des gewöhnlichen Wohlseins empfunden hätte. J. 1836. Nach dem Schlusse des Landtages fuhr ich um die Mitte des Monats Mai heim nach Erlau und von dort nach Besorgung der notwendigsten Geschäfte gegen Ende Juni abermals nach Gastein, wo ich seither jedesmal von meinem Nervenleiden Erleichterung fand. Vielleicht zu meinem großen Unglück begab ich mich aber wieder früher nach der Fusch, trank dort vierzehn Tage lang von[168] der kalten Mineralquelle und badete mich auch nach dortigem Brauch täglich nur einige Minuten, nachdem sie am Feuer laulichwarm gemacht ward. Ich fühlte mich dort wunderbar gestärkt, so daß ich ein paar Tage vor meiner Abreise einen steil sich erhebenden Berg in zwei Stunden nach auf strebend erstieg, um dort einen alten Senten zu sprechen, der in jüngeren Jahren den elftausend Fuß hohen Berg, Wiesbachhorn genannt, erstiegen haben soll. Er war starr vor Staunen, als er mich mit meinem Begleiter, einem stämmigen bayerischen Offizier, in seiner so selten gestörten Einsamkeit auf sich zukommen sah. Nach der Frage, wie wir doch auf diesem Wege zu ihm hinaufgekommen seien, wies er lächelnd auf mich und sagte, mir sehe man keine Ermüdung an, aber diesem da (dem bayer. Offizier, der vor Schweiß troff und atemlos dastand) ist der Gang schon schwerer geworden. Nachdem er uns vor seiner Alpenhütte mit Milch, Butter und schwarzem Brot gelabt hatte, eröffnete ich ihm den Grund unseres seltsamen Besuches, nämlich von ihm die Kunde von seiner Ersteigung des Wiesbachhorns zu vernehmen, und ich hörte dann, daß er vor etwa vierzig Jahren (er schien ein siebziger zu sein) mit einem seiner Kameraden den ersten Versuch doch auf dem unrechten Wege gemacht habe, den Gipfel des Berges zu erreichen, aber ihm schon nahe durch plötzlich eingefallenes Schneegestöber gezwungen worden sei, mit ihm über die nur mit wenigem Schnee bedeckten Gletscherschichten in häufiger Lebensgefahr wieder zurückzugehen. Indessen seien sie ein paar Jahre später so glücklich gewesen, ihr Ziel zu erreichen, wo sie sich bei einer milden Luft, wie sie dem nahen Regenwetter voranzugehen pflegt, oben niedersetzten und ruhig umhersahen, während ein Schmetterling und eine Biene (er nannte sie Abfalter und Beindl) umherschwebend sich endlich auf ihre Hüte niedergelassen hätten. Welch staunenerregender Flug! Meine aus der Vorliebe für die Höhen der Bergriesen entstandene Neugierde war befriedigt, und wir kehrten herzlichen Abschied von dem Alten nehmend wieder zurück. Nach dem Gebrauche des Fuscher Mineralwassers fuhr ich nach Gastein hinüber und fühlte mich bald wieder unwohl. Meine Zähne waren stumpf geworden, als ob ich unreifes Obst gegessen hätte und blieben es während der ganzen Badekur und auf der ganzen Reise bis nach Wien, wo ich sogar Zahnschmerz in der rechten oberen Kinnlade, den ich bis dahin gar nicht kannte, bekam. Auch stellte sich dort und auch zu Hause bald häufiger Schleimauswurf ein, bis ich endlich ? mich dünkt am 13-ten Oktober ? den ersten Anfall von dem furchtbaren Tic douloureux ? meiner Meinung nach als Folge der Trinkkur an der überaus kalten Quelle in der Fusch ? hatte! Ich war vor Schreck außer mir, denn ich wußte nicht, was mir widerfuhr! Wohl hatte ich durch acht Tage zuvor wie leise Nadelstiche an der inneren Seite[169] der linken Wange verspürt; aber nun dieses wilde, plötzlich eingetretene elektrische Zucken, Bohren, Stechen und Reißen wie mit glühenden Zangen ? ja, wer könnte diesen Schmerz mit Worten beschreiben; es wäre unmöglich, und ich will es auch nicht unternehmen, so wenig als die unzähligen Mittel aufzuzählen, die man seit zehn vollen Jahren innerlich und äußerlich vergeblich angewendet hat; viel narkotisches Zeugs allo-und homöopathisch, gelinde und scharfe Einreibungen, Acupunctur, Eis wiederholt aufgelegt, ebenso mancherlei Pflaster, kalte Waschungen, Elektrisieren, Galvanismus, Eisenmagnet, elektro-magnetische Rotationsmaschine, Jod ? endlich auch einmal Magnetismus und selbst sympathetische Mitteln, die noch am wenigsten genierten! ? Es blieb nichts übrig, als sich geduldig in sein Schicksal zu ergeben und die einstige Befreiung davon dem Willen des Herrn anheim zu stellen. Mein heißestes Bestreben war nun, im Spätherbst und den kommenden Winter hindurch alles aufzubieten, um die innere Ausstattung der neuen Kathedralkirche bis zum Frühjahr 1837 und insbesondere bis zum 7-ten Mai, dem Titularfest Johann des Evangelisten, welcher Tag zur Einweihung derselben bestimmt war, zu Stande zu bringen. Noch waren die korinthischen Kapitelle an die Säulen zu heften und die Säulen selbst, achtundzwanzig an der Zahl, zu marmorieren. Um dieses desto sicherer zu bewerkstelligen, verfiel ich auf den ganz eigenen Gedanken, diese großen Räume nach der einfallenden Kälte den ganzen Winter über zu heizen. An dem Querschiffe links und rechts von der Kuppel, da die Kirche ein lateinisches Kreuz bildet, sind Gebäude angefügt, links die Pfarrsakristei mit nötiger Heizung und Schornstein und rechts ein Magazin für verschiedene Kirchengeräte und ein besonderer Aufgang auf die Dachböden. In diesem Magazin ließ ich von Ziegeln einen Heizofen errichten, von der Türe aber angefangen bis zu jener der Pfarrsakristei einen auf langen Stämmen liegenden zwei Fuß hohen und breiten Kanal ebenfalls von Ziegeln mauern, der oben mit Eisenblech bedeckt war ? etwa so, wie die unterirdischen Kanäle in den Glashäusern zu finden sind. Mit einer halben Klafter täglich verwendeten Scheiter von Zerreichen wurde, da Rauch und Flamme durch den Kanal zog, die Temperatur der Kirche so mild, daß die Arbeiter mit abgelegten Oberkleidern fortarbeiten und die Stucco's gehörig trocknen konnten. Noch gehört in den Verlauf dieses Jahres die Schenkung meiner bedeutenden Bildergalerie, die ich vor dem Schlusse des Landtags an das Nationalmuseum in Pesth machte. ? In der Rhein- und Moselzeitung Nr. 228 vom 1-sten August 1836 las ich später darüber folgenden Artikel: »Der Erzbischof von Erlau, Joh. Ladislaus Pyrker, hatte sich während der sechs Jahre, die er als Patriarch der Venediger Kirche[170] vorstand, mit großer Vorliebe für die Malerei eine Sammlung von 150 bis 160 Stück ausgezeichnet schöner Originalgemälde größtenteils aus der venezianischen Schule verschafft und dieselben in Erlau in einem eigens dazu erbauten Lokale aufgestellt. Als nun in einer der letzten Sitzungen des im Monat Mai d.J. (1836) geschlossenen Landtags die versammelten Landstände zur Erbauung eines National-Museums in Pesth, in welchem die bereits vorhandenen Effekten auf eine anständigere Weise aufgestellt würden, fünfmalhunderttausend Gulden C.M. bewilligt hatten, so erhob sich der Patriarch-Erzbischof und trug jene Gemäldesammlung für das National-Museum zum Geschenke an. Dies wurde mit großem Jubel aufgenommen, und die Notiz davon einem eigenen Gesetzartikel einverleibt.« J. 1837. Einweihung der neuen Kathedralkirche Am 6-ten Mai strömten von allen Seiten Gäste höheren und geringeren Standes und zahlloses Volk herbei, um an dem folgenden Tage, der Johann dem Evangelisten an der Pforte heilig ist, der Einweihung der neuen Metropoliten-Kirche beizuwohnen. An jenem tobten furchtbare Stürme und Regengüsse herab, so daß noch viele Menschen gehindert wurden, auf der Theiß herüberzusetzen; doch am 7-ten lag der schönste blaue Himmel kühl und lieblich über der ganzen Feierlichkeit verbreitet. Die Einweihungszeremonie nebst Hochamt und Predigt, die der rühmlichst bekannte Herr Csanáder Bischof Joseph Lonovics (ein Priester der Erlauer Diözese und von mir zum Domherrn usw. vorgeschlagen) hielt, dauerte wegen der großen Ausdehnung der Kirche sieben Stunden, und trotz des ernsten Leidens, das mich im Oktober v.J. befiel, brachte ich sie mit der Hilfe Gottes glücklich zu Stande. Es waren dabei sieben Diözesan- und drei Titularbischöfe, dann mehrere Äbte und geistliche Vorsteher, so auch die Präsidenten der Landesstellen in Ofen, zahlreiche Deputationen der benachbarten Komitate usw. gegenwärtig. Das k.k. in Erlau garnisonierende Militär war auf dem großen Platze vor der Kirche aufgestellt, und weit über zehntausend Menschen harrten des Augenblicks, wo sie nach der ersten Abteilung der Zeremonien in die Kirche dringen konnten, dem Gottesdienste beizuwohnen. Es war ein herrlicher Anblick unter dem Säulendache des Portikus über die sechsundzwanzig sechzig Fuß breiten Stufen der Treppe nach der Menge hinabzuschauen, die dem Rufe oben auf dem Hauptgesimse: »Venite adoremus!« (Psalm 94) mit freudigem Herzen folgte. Die auf diese Feierlichkeit geprägte schöne Denkmünze enthält auf der vorderen Seite das Äußere der Kirche en relief mit der Inschrift: »Ecclesia Metropolitana Agriensis ? Honoribus D. Joann. Ant. Port. Lat. D.« ? und auf der Kehrseite: »Decursu[171] Unius Lustri Exstructa MDCCCXXXVI. Consecrata Nonis Maii MDCCCXXXVII. Patr. AEppo. J.L. Pyrker«. Da der im J. 1821 gleich im Beginn meiner Übersiedlungsreise nach Venedig erfolgte Sturz mit dem Wagen nebst dem Schlüsselbeinbruch auch andere oben erzählte Leiden zur Folge hatte, so kam nun, seit einiger Zeit immer lästiger werdend, noch ein neues zum Vorschein. Bei dem Umwerfen muß meine rechte Seite zu sehr zusammengebogen und dabei die Leber durch die unterste Rippe gequetscht worden sein. Im Verfolg anhaltender Beobachtungen fand mein Arzt, daß bei mir eine Lebergeschwulst vorhanden sein müsse und zur Abwendung derselben die Trinkkur in Karlsbad das wirksamste Mittel wäre. Ich entschloß mich daher ungesäumt, die Reise dahin anzutreten, und kam am 20-ten Juni daselbst an. Es war für mich höchst interessant, die beiden fruchtbaren und durch Gewerbsfleiß ausgezeichneten Provinzen Mähren und Böhmen, jene über Znaim und Iglau und diese über ?aslav, Kolin und Prag bis Karlsbad zu durchreisen. In dem weiten, von entfernteren Bergen begrenzten Tal von Kolin angekommen fühlte ich das Herz stärker schlagen, mir brannte der Kopf und ich hatte nicht Augen genug, in jener Gegend alles sogleich zu fassen. Plötzlich stand mein alter, nun schon hingeschiedener Vater vor meines Geistes Augen, wie er uns, seinen Kindern, damals noch selber frisch und kräftig eines Abends erzählte, daß er im Beginn des siebenjährigen Krieges in der Schlacht von Kolin zum ersten Mal in das feindliche Feuer gekommen sei, wie dort in den Reihen Roß und Reiter zitterten, so daß die Erde unter den Hufen der Rosse zu beben schien, als die preußischen Kolonnen über die Höhen herabzogen, und die erst grünen Abhänge weithin in dunkles Blau sich hüllten. Ja, sagte er, laut lachend, wenn ein Krieger, der sich in solcher Lage zum ersten Mal befand, auch später sagt, er habe da gar keine Furcht gehabt, dem glaubt er nicht. Der erste Mut kömmt erst, wenn die Kugeln pfeifen, Kanonen donnern, ringsum Wut und Geschrei erschallt und man gedrungen wird, sich um sein Leben zu wehren. Ich hätte was darum gegeben, wenn mir jemand die besagten Höhen hätte bezeichnen können, denn die Schlacht selbst rollte sich in düstern Bildern vor mir ab, als ob ich dabei gewesen wäre. Prag mit ihren achtzig Türmen, zahlreichen Kirchen und prächtigen Palästen in beiden am Ufer der Moldau gelegenen Stadtteilen, welche die weitgerühmte Brücke verbindet, machte auf mich einen sehr lebhaften Eindruck, der sich bei jedem wiederholten Besuch derselben auf gleiche Art erneuerte. Auch ward mir dort das Glück, mit mehreren vortrefflichen Menschen in freundliche nähere Berührungen zu treten, welche dauernd wurden und[172] für mich nicht wie sonst gewöhnliche neue Bekanntschaften, die bald wieder vor uns verdämmern, es auch bleiben werden. Karlsbad erfreute sich dieses Jahr einer, wie es gewöhnlich heißt, sehr glänzenden Badesaison. Ich traf dort die Königin von Württemberg, Erzherzog Johann mit seiner Gattin, den regierenden Herzog von Coburg-Gotha, den Herzog von Altenburg mit Familie, so auch den Landgrafen von Hessen-Philippsthal mit den seinen, den Grafen Löwenhjelm, Minister von Schweden, mehrerer russischer Großen gar nicht zu gedenken. Gegen Ende meines Aufenthaltes daselbst, wie es auch sonst im Monat August der Fall ist, kamen sehr interessante, gelehrte und andere Personen aus ganz Deutschland hin, wie Oberschulrat und Dichter Furchau von Stralsund, General Rühle, Präsident von Kleist und Oberbaurat Schinkel von Berlin etc., deren Bekanntschaft gemacht zu haben mir sehr wert war. Sowohl die Königin als auch die beiden Herzoge und der Landgraf luden mich sehr freundlich auf einen Besuch ein, als sie hörten, daß ich nach vollendeter Kur von Karlsbad über Dresden, Leipzig, Jena, Weimar, Gotha und Coburg, Frankfurt a.M. und Mainz bis Köln und zurück über Stuttgart durch die Schweiz nach Mailand und Venedig und von dort erst nach Hause reisen wolle. In solch ehrenvoller und angenehmer Umgebung verflogen die bestimmten vier Wochen sehr schnell, und die Trinkkur schlug mir so gut an, daß es mir am Ende derselben schien, als sei ein klemmender Eisenreif aus der rechten Weiche des Bauches genommen worden. Aber was man hoffte, die Befreiung von meinen Gesichtsschmerzen, erfolgte nicht; sie waren in diesem Jahr zuweilen sehr heftig. Gegen Ende Juli reiste ich von Karlsbad ab, um nun meine vorgehabte weitere Reise zu beginnen, und kam am folgenden Tage in Teplitz an, wo ich einen Tag zu verweilen gedachte. Dieser berühmte Badeort war eben sehr beliebt, da sich auch der verstorbene König von Preußen dort befand. Die Gegend von Teplitz hat viel anziehendes; allein Karlsbad in einer weiten Gebirgsschlucht, mit ihren Nadelwäldern, bergigen Spaziergängen, ihrer guten Bevölkerung und ihren Quellen, die mir so heilsam wurden, endlich auch der mehrwöchentliche Verkehr mit so vielen mir liebgewordenen Menschen stand mir noch zu lebhaft im Gedächtnis, als daß ich mich anderswo so heimisch gefühlt hätte wie dort. Am folgenden Tage, der ein Sonntag war, ging ich mit einigen Bekannten in dem Fürst Clary'schen Schloßgarten, wohin sich alles gegen die Mittagszeit hin drängt, lustwandelnd auf und ab und als ich in der großen Allee hinabging, kam der Obersthofmeister des Königs, mit dem ich früher einige Worte gewechselt hatte, auf mich zu und sagte mir, S.M. säße dort auf einer Bank und würde mich mit Vergnügen empfangen. Da ich jenem zuvor[173] ganz kurz gesagt hatte, den König zur Zeit des Kongresses schon beim Hofe in Wien bei Gelegenheit des ersten glänzenden Hofcercle's als Prälat von Lilienfeld gesehen und gesprochen zu haben, so empfing mich der König, als ich vor ihn trat, mit dem freundlichen Gruße: »Wir sind schon alte Bekannte« und sprach nichts weniger als einsilbig wie sonst ziemlich lange mit mir und lud mich zum Abschied ein paar Mal nach Berlin ein, wo ich viel Merkwürdiges sehen würde. Als ich mich dem Torweg des Schlosses näherte, vernahm ich, daß auch der von mir so hochverehrte Gelehrte Alexander von Humboldt (dessen Bruder Wilhelm ich vor mehreren Jahren in Gastein kennengelernt hatte und der mit mir als ein großer Sprachforscher wegen einer gerühmten ungrischen Grammatik in Briefwechsel gestanden hatte) sich im Gefolge des Königs dort befinde. Ich dachte ihm sogleich einen Besuch zu machen; da hieß es, er sei ausgegangen, doch kam er im selben Augenblicke auf mich zu, entschuldigte sich, daß er eben zur Mittagstafel des Königs eilen müsse, und versprach, mich gleich nach Tische im Gasthof zu besuchen, was dann auch geschah. Ich hatte eine große Idee von dem Reichtum an Wissen dieses Universalgenies, doch was ich jetzt während einer Stunde aus seinem Munde hörte, erhöhte sie noch weit mehr. Unter anderem fragte er mich, wie es mit dem astronomischen Turm des Lyceums in Erlau stehe, welches einige gute ältere Instrumente besitze, aber an neueren keinen Zuwachs erhalten habe ? sogar das wußte er! Dabei ist er eben so heiter als liebenswürdig im Umgange und weiß sich alle Menschen zu verbinden. Auch besuchte ich an demselben Nachmittag das naheliegende Cisterzienser-Kloster als jenes meiner ehemaligen Mitbrüder in Ossegg und fand dort an dem Herrn Abten als auch an den übrigen Mitgliedern desselben sehr ehrenhafte Männer. Die Gegend dort ist auch ausgezeichnet schön. Am Morgen meiner Abreise von Teplitz näherte ich mich bald den klassischen Stellen aus dem großen Befreiungskampf vom J. 1813, den Schlachtfeldern von Kulm, Arbesau und Nollendorf, wo jetzt zwei Denkmäler (eine dem russischen Heerhaufen unter General Ostermanns Anführung von der österr. Regierung, und die andere dem Feldherrn Hieronymus Colloredo von seinen Waffenbrüdern zu Ehren gesetzt worden sind) die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich ziehen. Gewiß war der dort errungene Sieg von höchster Wichtigkeit und Ostermann ein nie genug zu rühmender Feldherr, denn hätte er nicht voll eisernen Mutes, der ihn auch den rechten Arm kostete, mit seinen achttausend Kriegern dort kämpfend ausgeharrt, bis ihm die österreichischen, preußischen und russischen Truppen zu Hilfe kommen, die französischen werfen und den General Vandamme gefangennehmen konnten, so wäre dieser und nach ihm Napoleon[174] mit großer Macht in Böhmen eingedrungen, und die Folge davon zuerst für Österreich, dann für Deutschland schrecklich gewesen. Ostermann, den ich seitdem im Herzen trug, sah ich zur Zeit des Kongresses, wo den fremden Monarchen zu Ehren in der kaiserlichen Reitschule eine große musikalische Produktion gegeben wurde; er erschien des rechten Arms beraubt mit seinem ihn stets begleitenden Arzte in der Loge, und alle Augen wandten sich nach ihm, unzählige Hände ragten empor, und einhelliges Vivatrufen jubelte ihm entgegen. Später sagte mir dieser, daß er in Folge der Amputation trübsinnig geworden sich jetzt seufzend nach ihm gewendet ausgerufen habe: »Sehen Sie, wie man mich hier zum Besten hat!« Da möchte man wohl auch nach Schiller ausrufen: »Das ist das Los des Edlen auf dieser Erde!« Versteht sich, zuweilen! In dem schönen Dresden angekommen, verfügte ich mich abends zu dem Bischof Mauermann, päpstlichen Vikar für die sächsischen Lande, und traf bei ihm den Monsignore Capaccini (jetzt Kardinal), einen munteren, lebhaften, wohl auch pfiffigen Italiener und nach seinen späteren Missionen einen anerkannt geschickten Staatsmann. Bei dem Abendessen, zu welchem Bischof Mauermann mich lud, zeigte er von Anfang bis zu Ende eine unerschöpflich heitere Laune, und seine Gespräche waren höchst interessant. Nach demselben aber nahm er mich bei Seite und ersuchte mich, da er hörte, daß ich bis nach Köln am Rhein zu reisen gedenke, dem dortigen Erzbischof, Droste v. Vischering (Clemens August) zu sagen, Seine päpst. Heiligkeit hießen alles, was er ihm vorstellte, gut, er möchte nur demgemäß verfahren; später würde er von Berlin, wohin ihn Aufträge führten, selber nach Köln kommen und das weitere mit ihm mündlich verhandeln. Den folgenden Tag wurde ich in Abwesenheit des Königs von der Königin zur Mittagstafel nach Pillnitz geladen. Es freute mich sehr, die Königin, die ich noch als Prinzessin Marie in Tegernsee (siehe J. 1825) kennenlernte und den Prinzen Johann, von dem ich früher seine treffliche Übersetzung des 1. Gesanges der »Divina Commedia« von Dante gesendet erhielt, sehen und sprechen zu können. Sie luden mich für alle künftigen Besuche nach Dresden auf gleiche Weise ein. Die Bekanntschaft Ludwig Tiecks, des kön. Bibliothekars v. Falkenstein, und des Künstlers Vogel von Vogelstein, waren dort ein werter Gewinn für mich. Freiherr von Gablenz, der Kommandant in der Stadt Dresden, ein Bekannter von Karlsbad her, hat mir auch viele Freundlichkeit erwiesen, dem ich es an seinem Sohn, Offizier in der öster. Armee, zu erwidern suchte. Nachdem ich die größten Meisterwerke Raphaels in Rom und Florenz gesehen hatte, brannte ich schon lange vor Begierde, die[175] Krone der Dresdener Galerie, die Madonna del Sisto, schauen zu können; es war auch das erste, was ich von dem Wärter forderte, er möge mich schnell in das Raphael-Zimmer führen, doch muß ich gestehen, daß ich schon beim Eintritt betroffen stille stand und verwundert nach ihr hinblickte. Einmal war es schon unentsprechend, daß dort fünf Bilder von Correggio und noch andere von andern Meistern ausgestellt wurden. Das Bild sollte allein ein ausschließliches Lokale für sich haben, dann könnte dies mit Recht das Raphael-Zimmer heißen. Das Bild selber betreffend sah ich bald mit einem in Venedig vielfach geübtem Auge, daß es durch die Restaurierung außerordentlich gelitten habe, denn das, was, wie man zu sagen pflegt, von des Künstlers letzter Hand wie ein leiser Hauch aufgetragen wird, die Lasur, ist dadurch ganz verlorengegangen; nur an der ausgestreckten Hand und dem Zeigefinger des knieenden Papstes, die wie gemeißelt aus dem Bilde hervorragen, ist noch das Originalkolorit zu sehen, welches nun im Ganzen weder jenem an der Madonna di Foligno und der Verklärung Christi in Rom noch jenem an dem jugendlichen Johann des Täufers in Florenz gleichgestellet werden kann. Vor Leipzig traf ich auf ein ungewöhnliches Gewühl von Menschen, von welchen viele in eine gewisse Richtung hin und zurück gingen. Im Gasthof erfuhr ich dann, daß man eben die erste Probefahrt auf der Eisenbahn gen Dresden gemacht habe, welche auf einer Strecke von zwei Meilen erst unlängst fertig geworden ist. Am folgenden Morgen ging ich zuerst in die katholische Kirche zum Gottesdienst; aber wie beklommen war meine Brust, als ich gleich beim Eintritt darin herumsah und mich statt in einem dem hohen Zweck entsprechenden Gebäude in einem kellerartigen niederen Gewölbe befand, das sich vor mir düster dahinzog. Doch auch dieses wurde der armen Gemeinde nicht lange vergönnt, denn man rüttelte an dem Turme, in welchem es sich befand, durch angeordnete Bauten so lange, bis die Glaubensgenossen jener, welche die nun im Besitze der Protestanten befindliche schöne St. Nikolai-Kirche gebaut hatten, sich auch von dort zurückziehen mußten. Erst vor kurzem wurde nach vielen schweren Kämpfen eine neue kath. Kirche in Bau genommen. Überhaupt herrscht nicht leicht anderswo so viel Intoleranz und Haß gegen die katholische Kirche wie in den ob ihrer Aufklärung und hoher Intelligenz sich rühmenden sächsischen Ländern! ? Bald nach dem Mittagessen besuchte ich in einem Turme der Pleißenburg die Sternwarte, wo mir der wohlunterrichtete Diener das im J. 1813 so merkwürdig gewordene Schlachtfeld nach allen Richtungen beschrieb, wo die französische Armee stand, von wo die Alliierten heranrückten, wohin zu der Rückzug des Feindes geschah usw. und zur besseren Verständigung waren auch gute Fernrohre vorhanden. Das sogenannte Denkmal des Oberfeldherren [176] Fürsten von Schwarzenberg, dessen hohe Verdienste in dem großen Befreiungskampfe noch zu wenig anerkannt und beschrieben sind, wies sich auch in einiger Entfernung; am folgenden Tage fuhr ich nahe daran vorüber und fand, daß es aus zwei großen übereinander im Viereck gelegten Steinblöcken, von welchen der obere ein Würfel im verjüngten Maßstabe ist, bestehe und wahrscheinlich den Platz bezeichne, wo einst ein würdiges errichtet werden soll. Noch sah ich die neue Buchhändlerbörse, Auerbachs Haus und Keller, wo ich sogar eine Faust-Dose kaufte, dann den Kirchhof St. Johann mit Gellerts Grabmal und anderen; die Aula der Universität, wohin mich der im Kirchhof unter einer Laube sitzende Prof. Krug ? ein mürrischer Alter ? wies, und erging mich auch in den schönen Alleen um die Stadt herum, welche sich sowohl durch eine größere Volkszahl als auch lebhafteren Verkehr vor Dresden auszeichnet. Auf der Reise nach Sachsen-Altenburg kam ich nach Weißenfels; bewegt gedachte ich Adolf Müllners, der einst in seinem gewohnten Mutwillen die Rezension eines meiner poetischen Werke persiflierte, mich aber bald darauf durch ein Entschuldigungsschreiben über die Ursache seines Vorgehens zu verständigen suchte. Müllners »Schuld« wird unter den neueren dramat. Werken mit Recht der vorzüglichste Platz angewiesen. Von jenen und ähnlichen lit. Klopffenstereien habe ich mich stets ferne gehalten. Meine Ankunft war für diesen Tag erwartet, denn an der Straße stand ein Diener in Galalivree und führte mich geraden Weges in das Schloß hinauf, wo mich der Herzog sehr freundlich empfing, zuerst in die für mich bereiteten Zimmer und dann in dem Schloß herum bis zu einem unteren großen, gewölbten Saale führte, wo mir der bereits harrende Aufseher die dort enthaltenen Raritäten zeigen sollte, und die aus vielen älteren Waffen, Hausgeräten, Familienwappen und besonders sehr vielen Gegenständen, die auf den famosen Prinzenraub Bezug hatten, bestanden. Über diese war der gute Mann, der nach Art der Cicerone alles mit monotoner Genauigkeit her rezitierte, unerschöpflich. Der Herzog erschien wieder und zeigte mir die hübsche, alte, gotische Schloßkapelle und noch manches andere in dem Umfang des Schlosses, bis die Stunde des Mittagessens herankam, vor welchem er sich auf einen Augenblick entfernte und dann samt der Herzogin und drei sehr schönen Prinzessinnen in vollem Staat, so auch der ganze Hofstaat, Herren und Damen, in solchem erschien, so daß bei dreißig Personen an der Tafel saßen; die Hofkapelle spielte während derselben Stücke aus den beliebtesten Opern auf.[177] Nach Tische in das nächste Appartement zurückgezogen stellten sich ein paar der jüngeren, sehr artigen Hofdamen mit mir an eines der Fenster und erklärten, daß sie meine Glaubensgenossinnen seien, daß aber die Lage der bei hundert Seelen zählenden Katholiken dahier in religiöser Hinsicht sehr traurig sei, indem sie keinen eigenen Seelsorger hätten, und nur einer der Pfarrkapläne von Leipzig des Jahres einmal zu Ostern herauskomme, die österliche Andacht mit ihnen zu verrichten, und dann wieder hin ? so wie her ? auf Kosten der kleinen Gemeinde, die auch den Saal zu jener Andacht besorgt, geführt heimkehre, so daß nach dieser Lebende und Sterbende das ganze Jahr hindurch des religiösen Trostes entbehren müßten. Sie baten mich, bei dem Herzog ein gutes Wort für sie einzulegen, der jetzt lächelnd näherkam und mich fragte, was ich über die Herzensangelegenheit der beiden Damen, meinen Glaubensgenossinnen, zu bemerken hätte? Ich trug ihm tiefgerührt alles, was ich eben gehört hatte, vor und bat ihn zum Schluß, daß er als Landesherr in dieser Hinsicht zum Heil der kleinen kath. Gemeinde, die doch auch aus treuen Untertanen bestehe, huldvoll einschreiten möge. Er eröffnete mir gutmütig, daß ihm ein sehr beschränkter Ziviletat (wo ich nicht irre, aus achtzigtausend Talern bestehend) von den Ständen zugemessen sei; daß diese obigen Punkt betreffend äußerst mißtrauisch, denn Proselitenmacherei fürchtend, einen jeden Schritt von ihm ungeneigt aufnehmen würden, und fragte mich am Ende, ob nicht in katholischen Ländern durch Subskriptionen das Gewünschte erzielt werden könnte. Ich versprach, daß ich heimgekehrt einen Versuch machen würde, und sandte wirklich im nächstfolgenden Jahre dem Vorstand der dortigen kleinen kath. Gemeinde, Hofinspektor Binner, über achthundert Taler teils aus eigenem und teils aus Beträgen einiger meiner Herrn Kollegen. Auch die regierende Kaiserin, wie auch die Kaiserin-Mutter, mit der ich im Rückweg davon sprach, schickten namhafte Beiträge, so daß Inspektor Binner, der im folgenden Jahre zu mir nach Karlsbad herüberkam, bereits über viertausend Taler in seiner Rechnung als Empfang auswies, und ich freute mich innig, zu diesem glücklichen Erfolg den ersten Antrieb gegeben zu haben. So viel mir bewußt ist, hat später auch der König von Bayern den Altenburger Katholiken in der Diözese von Bamberg Sammlungen zu jenem Zwecke zu machen erlaubt, und sie haben wohl ein sogenanntes Pfarrhaus und darin einen zu gottesdienstlichen Verrichtungen bestimmten Saal, aber eine Kirche und Schule, gegen welche der Herzog sich feierlich erklärte, haben sie nicht. Ich stand mit ihm ein paar Jahre hindurch wegen obiger Angelegenheit in häufigem Briefwechsel und hoffte auch die vormals katholische kleine Spitalskirche für die kath. Gemeinde durch sein Einschreiten zu erhalten, aber vergeblich,[178] denn sie wurde zu einer Verschönerung der Stadt zu einer anderen Verwendung für nötig befunden! Der Bischof Mauermann, der Bruders eines Vorgängers, hat die Veranstaltung getroffen, daß einer der Pfarrgeistlichen von Leipzig, wo ich nicht irre, jeden Monat nach Altenburg komme, den Gottesdienst für jene abzuhalten. Kurz vor Tische kam der Oberstallmeister des Herzogs, der früher einige Jahre hindurch als Offizier in der österr. Armee diente, mit einem großen, aus Karlsbad datierten Brief zu mir. Er war von dem dortigen Militärkommandanten, Major Grafen von Gorcey geschrieben. Dieser brave, besonders für seine Dienstkameraden besorgte Mann, kam ein paar Tage vor meiner Abreise zu mir, zu einem wohltätigen Zweck wie gewöhnlich einen Beitrag von mir zu erhalten. Er hatte nämlich, wie er mir sagte, schon seit zehn Jahren sich an die Behörden bittlich aber ohne Erfolg gewendet, daß für die armen Offiziere, die wegen teurer Miete von der in Leberleiden so nötigen Trinkkur keinen Gebrauch machen könnten, von dort aus ein Ärarialgebäude hergestellet werden möge. Daher unternahm er es, durch Sammlungen bei einheimischen und auswärtigen Kurgästen und durch Veranstaltung von zweckdienlichen Tanz- und musikalischen Unterhaltungen die nötige Summe zur Erkaufung eines wenn auch nicht großen Hauses zusammenzubringen. Nur zu wenig habe er indessen auch auf diesem Wege bis jetzt zusammengebracht, und es wäre eben eine günstige Aussicht vorhanden, ein entsprechendes Haus um einen billigen Preis zu erhalten. Der dortige Maurermeister habe es erst vor vier Jahren für sich aus soliden Materialien erbaut, da er aber später ein größeres in der Stadt auf dem Versteigerungswege erstand, so gab er jenes einem Sattler zur Verfertigung aller Art Kutschen in Pacht und wäre jetzt nicht abgeneigt, selbes zu verkaufen. Major Gorcey machte mir, befragt, den Preis davon bekannt. Nach einigem Besinnen sagte ich ihm, daß ich vielleicht eben jetzt eine Gelegenheit hätte, ihm jenes Haus für die armen Offiziere zu verschaffen. Graf Pallavicino, ein junger unerfahrner Kavalier, war einer von jenen, die Graf Confalonieri zum Mitglied für den unseligen Bund der Carbonari gewonnen hatte; er war zum Tode verurteilt, stand auch, wie oben erzählt worden, auf der Schandbühne in Venedig und wurde dann zur fünfzehnjährigen schweren Kerkerstrafe nach dem Spielberg abgeführt, von dort aber nach einigen Jahren wegen ruhigen Verhaltens in die Veste von Laibach geschickt, wo er in Ketten zwar sich inner der Mauern der Veste zuweilen ergehen durfte. Da kam eines Tages seine Tante, die Gräfin T(hurn), Obersthofmeisterin der Erzherzogin Palatinus zu mir und bat mich um meine Verwendung durch die Kaiserin-Mutter, daß ihm, da er jetzt auch durch Krankheit erschöpft sei, die Ketten abgenommen würden, welches ich Gottlob in kurzer Zeit erwirkte. Da Pallavicino später der Haft entlassen dies erfuhr[179] und schon längere Zeit hindurch in Prag wohnte, von wo er nach Karlsbad kam, seine von Mailand anwesende Tante, die Gräfin Visconti, zu besuchen, so kam er zu mir, für jene durch mich erhaltene Gunst seinen Dank abzustatten. Er tat es auf die rührendste Weise und bat mich zugleich um eine neue Fürsprache bei dem jetzt regierenden Kaiser, damit ihm auch sein Anteil an den Familiengütern in der Lombardei zurückgestellet würde. Dies wars, auf was sich meine Hoffnung, jenes Haus den k.k. Offizieren zum Gebrauch der Trinkkur verschaffen zu können, gründete, denn Pallavicino solle das Haus kaufen, es dem Militär zu besagtem Zwecke widmen und sich dadurch einen Titel erwerben, die verlangte Gunst von oben erlangen zu können, wobei ich ihm dann kräftig unterstützen würde. Major Gorcey war vor Freude außer sich, als ich ihm diesen Plan eröffnete. Ich aber suchte gleich am folgenden Morgen meinen Mann bei irgend einem der Kurbrunnen zu treffen, um ihn selbst mit meinem Vorschlag zu erfreuen. Da hieß es, Graf Pallavicino sei mit seiner Tante nachts unvermutet nach Italien abgereist. Der arme Major Gorcey! Er stand leichenblaß und zitternd vor mir, als ich ihm das Fehlschlagen unsrer Hoffnungen bekannt machte. In solchen Augenblicken sind die Entschlüsse bei mir rasch zur Hand; ich ergriff ihn am Arm und sagte ihm, ich werde das Haus für das k.k. Militär kaufen, er solle alles schnell in Ordnung bringen, was die Erwerbung desselben betrifft, denn meine Abreise sei nahe. Er flog außer sich vor Freude davon. Aber der Wechsel von Freude und Schmerz war für ihn noch nicht zu Ende. Als der Eigentümer des Hauses hörte, es sei ein Käufer dafür vorhanden, so forderte er, wie es oft bei solchen rohen Bürgersleuten der Fall ist, um eine namhafte Summe mehr dafür. Ich erklärte über dieses unedle Verfahren empört, daß ich meinem gegebenen Worte gemäß bereit sei, den zuerst geforderten Betrag dafür zu erlegen, aber um keinen Heller mehr. So war in diesem Augenblick der unersprießliche Handel zu Ende. Als ich am folgenden Tage nach Tische meine Weiterreise antrat, und Graf Gorcey mit dem Bürgermeister der Stadt und noch einigen anderen Herrn an der Brücke stand, mich noch zum Abschied zu begrüßen, so rief ich den tief Bekümmerten zu mir an den Wagen und sagte ihm vor jenen allen, ich stünde für mein zuerst gegebenes Wort noch immer gut und würde der Käufer des Hauses sein, wenn es um den erstbestimmten Preis zu erhalten sein wird; für den Fall solle er mir den Kaufkontrakt nachsenden und sogleich einige hundert Gulden als Darangabe von mir erwarten ? er wisse den Weg, den ich einschlage. Dann lispelte ich ihm noch leise in die Ohren: »Wir werden es gewiß bekommen« ? und so war es auch. Wie mir jetzt der Oberstallmeister den Brief überreichte, rief ich lachend aus, er enthalte gewiß den Kaufkontrakt! Er[180] bejahte es und bat im Namen des Grafen Gorcey, seines ehemaligen Kriegskameraden, ich möchte ihn gleich dort durch zwei Justizbeamten ratifizieren und den Betrag der Darangabe in selbem verzeichnen lassen, auch die Zeit der gänzlichen Auszahlung bestimmen. Die zwei Justizbeamten erschienen nach Tische; der Kontrakt wurde gesetzmäßig ratifiziert, die Darangabe von sechshundert Gulden Münze darin verzeichnet, die endliche Auszahlung bei meiner Heimkunft um die Mitte November bestimmt, und die Übersendung des Geldes sowohl als des Kaufkontrakts an den Grafen Major Gorcey dem Herrn Oberststallmeister zugewiesen. So wurde diese Angelegenheit glücklich abgetan, die endliche Zahlung Ende November geleistet und das Karlsbader Kurhaus für unbemittelte Offiziere der Militärbehörde übergeben. Bald nach dieser vollbrachten Amtshandlung empfahl ich mich bei den hohen Herrschaften umsomehr, da ich die gute, liebenswürdige Frau Herzogin, die bloß wegen mir von einem zwei Stunden Weges entfernten Badeorte Römerburg nach der Stadt gekommen war, durch Verweilen über Nacht, wozu ich gebeten wurde, im Fortgebrauche des Bades nicht stören wollte, und kam noch bis Gera, wo ich übernachtete. Von dort ging die Reise über Jena, Weimar nach Erfurt. Als ich um die Mittagsstunde vor dem Gasthofe in Jena ankam, verlangte ich gleich nach einem Lohnbedienten, der mich zuerst in die vor mir liegende Kirche, die Stadtkirche, führen sollte. Dort sah ich das lebensgroße Bildnis Luthers von Messing mit der bekannten Inschrift: »Pestis eram vivens, moriens ero mors tua, Papa.« und dachte mir, er sei, wie das Sprichwort sagt, ein schlechter Prophet gewesen. Das klingt nun wie eine Satire auf den Reformator. Dann forderte ich den Lohnbedienten auf, mich in das Universitätsgebäude zu führen; er sah mich verwundert an und sagte, was ich dort sehen wolle, es sei ein verfallenes Gebäude bis auf jenen Teil, in welchem sich die Bibliothek befindet. Wie er sagte, so war es; ich ging daher auf seinen Rat in den naheliegenden botanischen Garten, der mit einer wunderschönen Fernsicht sich im vortrefflichen Stande befand. Im Rückweg erfuhr ich von ihm, daß die Professoren der Universität alle ihre Vorlesungen in hie und da gemieteten Sälen hielten. Da wir zu Professors Luden, dessen Geschichte der Deutschen mir sehr wert war, Wohnung gelangten, als ich mich eben nach ihm erkundigte, so ging ich hinauf, ihm einen Besuch zu machen, und fand ihn an seinem Arbeitstische mit Schreiben beschäftigt. Er empfing mich überaus freundlich und nach einer in lit. Unterhaltung zugebrachten Stunde begleitete mich der liebe, muntere Greis im Schlafrock bis auf die Straße hinab, wo wir herzlichen Abschied voneinander nahmen. Seitdem haben wir uns einigemal geschrieben und uns wechselweise durch zu- und[181] abkommende Personen Grüße zugeschickt. Nach Tische erreichte ich in kurzer Zeit die ob ihrer berühmten Männer so merkwürdige Stadt Weimar. Da ich dort nicht lange weilen konnte, so ordnete ich vor dem Posthause das Umspannen der Pferde an und eilte die Stadtkirche von gotischer Bauart und darin besonders die Gemälde von Lukas Cranach zu sehen; ich suchte sie allüberall auf, da ich selber vielleicht sein schönstes in meiner Sammlung besaß, welche ich dem Nationalmuseum zu Pesth ein Jahr vorher zum Geschenk gemacht hatte. Von dort führte mich der Lohnbediente nach einem Saal, wo zwei Gemälde aus der Düsseldorfer Schule, die schon zur Ausstellung die Reise nach Paris gemacht hatten, das eine die Hussiten-Predigt, und das andere die trauernden Juden in Babylon von Bendemann und Zimmermann verfertigt, zu sehen waren; beide sehr sehenswürdig, Dann ließ ich mir noch die Häuser, wo Wieland, Schiller und Goethe gewohnt hatten, vorübergehend zeigen. Das Dachstübchen Schillers machte auf mich mehr Eindruck als das Haus des Ministers Goethe. Die nächste Nachtstation war Erfurt, eine bedeutende Stadt und Veste. Noch in später Dämmerung besuchte ich den herrlichen Dom von gotischer Bauart, dem eine andere fast ebenso große Kirche, ich weiß nicht warum, so nahe dorthin gebaut, gegenübersteht. Als wir des andern Morgens noch zeitlich vor dem Posthause in Gotha stillhielten, wo vor uns eben ein Eilwagen angekommen war, so rief der Posthalter nach jenem: »Ist der Erzbischof da?« Ich winkte ihm, an den meinen heranzutreten, und vernahm nun, daß der Herzog mich in seinem unfernen Jagdschlosse Reinhardsbrunn gestern erwartet habe, und da ich nicht kam, heute vor Tag's nach Coburg vorausgeeilt sei, um mich dort bei sich zu empfangen, habe aber Befehle hinterlassen, daß mir oben im Schlosse alles nach Wunsch gezeigt werde. Dort fand ich auch nebst andern Merkwürdigkeiten eine kleine Sammlung von Gemälden, unter welchen mehrere von Lukas Cranach waren, die mich, wie gesagt, besonders interessierten. Zu Mittag speiste ich in Eisenach und kam abends nach Hessen-Philippstal zum Besuch des Landgrafen und seiner Familie, Frau und Tochter, mit welchen ich während der Kurzeit in Karlsbad recht freundschaftlich den meisten Umgang gepflogen hatte. An der Treppe im Hofraum angekommen, sah ich die Landgräfin die Treppe hinab mir entgegeneilen und hörte von ihr, es sei eine Patientin im Hause, ihre Tochter, die Prinzessin Victoire, die sich durch Verkühlung ein Fieber zugezogen habe ? eine eben nicht schöne, aber höchst liebenswürdige Persönlichkeit ? voll Talent, Kenntnisse und[182] Herzensgüte und mir von Herzen zugetan, denn wenn sie mich irgendwo auf den Spaziergängen in Karlsbad von ferne ersah, so lief sie von ihren Eltern wie ein junges Hirschlein springend auf mich zu und ließ von mir nicht mehr ab, bis wir zu ihrer Wohnung gelangten. Die Familie hatte großes Unglück erlebt; der Landgraf war seit einiger Zeit fast ganz blind geworden, so daß ihn die Frau stets am Arm führte, und der älteste Sohn, der Erbherr, stürzte jüngst erst vom Pferd und brach sich das Genick, weswegen sie alle Trauerkleider trugen. Die arme Kranke ließ sich nicht im Bette halten, zog sich an, kam in das Nebenzimmer, wo ich mit ihren Eltern auf einem langen Kanapee sitzend mich besprach, ließ sich darauf nieder und hörte unseren Gesprächen bis zum Abendessen zu. Am anderen Morgen, als wir Abschied nahmen, sah sie mich lange mit einem unbeschreiblich wehmütigen Blicke an ? sie fühlte ihren Zustand ? und reichte mir ein Blatt, auf welches ich einige Zeilen für ihr Album schreiben sollte. Auf dem Wege bis Vacha schrieb ich mit dem Reisblei folgende Worte auf und sandte sie ihr von dort in Abschrift zu: Amazon.de Widgets Ich ließ Dich ferne, im milden Schoß der Deinen, Und in der Ahnenburg, im stillen Tal. Nicht nur das Auge ? auch das Herz kann weinen: So war's, als ich mich, scheidend, Dir empfahl. Ein holder Trieb muß wohl die Seelen einen, Sonst ist dies Erdenleben öd' und kahl: Als treue Freundschaft wirst Du ihn erkennen. Ich weih' sie Dir, und werde stets mich nennen ? Deinen Freund ... Zehn Tage später, als ich nach München kam, erhielt ich einen Brief von der Landgräfin, worin sie mir mit herzzerreißenden Worten schrieb, daß ihre Victoire, ihr einziges Kind (die Söhne waren Stiefkinder), ein paar Tage nach meiner Abreise gestorben sei! Von Vacha ging die Reise über Meiningen und Hildburghausen nach Coburg, wo ich erst um 10 Uhr nachts bei einem heftigen Regen und Donnerwetter ankam und deswegen nicht im herzoglichen Schloß, sondern im Gasthofe abstieg. Den folgenden Morgen, an einem Sonntag, verfügte ich mich dorthin und hörte, daß eben die Stunde des Gottesdienstes und der Herzog in der Predigt sei. Er saß oben in der Emporkirche in einem abgesonderten Oratorium; ich ging seitwärts von ihm in ein anderes und hörte die Predigt des Hofkaplans mit an, der ein guter Redner war. Nach derselben wurde mir der freundlichste Empfang in den Appartements von dem Herzog, der mich dann bei schönster Witterung zuerst in die historisch merkwürdige Veste und in einer offenen Kalesche in sein schönes Sommerschloß Rosenau führte. Das Mittag essen war ebenso glänzend wie in Altenburg. Nachmittag begaben wir uns in den Park, wo eben ein sehr heiteres Volksfest, das Vogelschießen, gefeiert ward. Die großen Doppelbüchsen[183] knallten in einem fort, während in einem anstoßenden großen Saale Männer, Frauen und Mädchen in einem fortwährenden Reigen sich drehten. Die meisten schienen mir dem Bürgerstande anzugehören. Auch hier konnte ich trotz allen freundlichen Zuredens wegen meiner noch vorhabenden weiteren Reise nicht weilen, nahm dankbar Abschied und fuhr noch denselben Abend bis Bamberg. Hier hatte ich zwei Bekannte: Herrn Bibliothekar Jäck, einen allbekannt tätigen Schriftsteller, und Herrn Heller, der über altdeutsche Malerei einige Werke herausgegeben hatte. Beide besuchten mich vor mehreren Jahren in der Patriarchalwohnung in Venedig und hatten mir seitdem öfters geschrieben. Die herrliche Lage Bambergs und der alte, im byzantinischen Stile gebaute Dom besonders jetzt, wie ihn König Ludwig in seiner alten Einfachheit wieder herstellen ließ, gefielen mir sehr. Jene beiden Herrn begleiteten mich nachmittag bis Pommersfelden, wo in dem gräflich Schönborn'schen Schlosse eine an Originalen reiche Gemäldesammlung zu sehen ist. Dort nahmen wir voneinander Abschied und ich fuhr noch selben Tag nach Erlangen. Abends kam Prof. Friedr. Rückert (der mich schon im J. 1816, während ich in Wien anwesend war, eben von Rom als ein jungdeutscher Studiosus zurückkehrend besucht hatte) zu mir in den Gasthof und blieb bis gegen Mitternacht, wo er mich durch höchst interessante Mitteilungen erfreute. Am folgenden Morgen nahm ich bei ihm im Kreise seiner Familie das Frühstück ein und fuhr nach Nürnberg weiter fort. Nürnberg ist vor allen andern eine echt altdeutsche Stadt teils wegen der Form ihrer Häuser und vorzüglich wegen ihrer Kunstschätze und berühmten Künstler aus jener Zeit. Dort ist man mit Albrecht Dürer erst recht zu Hause. Regensburg sah ich in meiner Jugend (J. 1792), als ich von meiner Reise nach Italien zurückkam, sah aber vom Verdecke des Ulmer Ordinarischiffes nur Türme, Kirchen und Häuser, denn es war abends, als wir am Ufer der Donau anlegten und zeitlich morgens schifften wir wieder weiter. Doch erkannte ich sogleich die engen Gewölbepfeiler an der steinernen Brücke, mit welchen als sehr gefahrenvollen Durchgängen uns damals die Schiffleute ängstigten. Nach zwölf Jahren sah ich jetzt München das zweite Mal. Da ich mich dem König so bald als möglich vorstellen wollte, so empfing er mich, den Obersthofmeister der Kaiserin, Moritz Grafen von Dietrichstein und dessen Sohn, den österr. Gesandten in Stuttgart zu gleicher Zeit. Er trat sogleich an mich heran und sagte, er wisse es, daß mich der verstorbene Kaiser Franz besonders lieb gehabt habe, und jetzt mehrere Freunde und Bekannte, unter welchen er zuerst den Feldmarschall Fürsten von Wrede nannte, sich freuen werden, mich in München zu sehen, auch sprach er unter meinen epischen Werken mit besonderem[184] Interesse von der »Tunisias«. Zur Mittagstafel im großen Saal des Nymphenburger Schlosses waren auch wir drei geladen, und ich erfuhr es erst abends, daß ein paar Geistliche, Professoren im Lyceum zu Erlau, die eine Vakanzreise an den Rhein machten, uns von der Galerie, wohin diesen Tag Einlaß war, während der ganzen Tafel mit vielen anderen zugesehen hatten. Sie kamen abends, mich im Baron Cotta'schen Hause zu treffen, der von meiner Ankunft berichtet von Stuttgart nach München gekommen war und mich mit vieler Herzlichkeit dorthin zu kommen einlud, nachdem ich schon im Gasthofe abgestiegen war. Wir standen schon lange noch zu Lebzeiten seines Vaters in Korrespondenz miteinander, denn noch als Patriarch von Venedig wurde ich von ihm ersucht, ihm womöglich über die Familie seiner Großmutter, einer geborenen Pyrker, die sein Großvater als Offizier in dem kaiserlich österreichischen Regimente Loudon in Graz geheiratet hatte, Kunde zu verschaffen. Da jene Ehe wahrscheinlich vor dem Regimentskaplan geschlossen wurde, so war es für meine Beauftragten keine geringe Aufgabe, aus den verschiedenen pfarrlichen Tauf- und Sterbregistern die betreffenden Notizen zu ziehen und die Urkunden zu erlassen, die ich ihm dann samt und sonders überschickte. Später stellte es sich heraus, daß sie eine Verwandte von uns war. Der alte Baron Cotta, Vater des jetzt lebenden Joh. Georg, erlebte diese Kunde nicht. Er schrieb mir nach einer Unterredung mit dem Regierungsrat und gewesenen Direktor des kais. Burgtheaters von Deinhardstein, der durch Stuttgart gereist war, einen sehr verbindlichen Brief wegen des Verlags meiner Werke am 16. September 1830, worin es unter anderem heißt: »... Die Jahre fliehen, und das Gute muß man mit Eile ergreifen, und so nehme ich denn aus Ihrem letzten durch Herrn von Deinhardstein an meinen Sohn gekommenen Schreiben Veranlassung, den Versuch zu machen, zu den unsterblichen Namen deutscher Zunge, welche ich durch persönliche Bekanntschaft meiner Buchhandlung zugeführt und dieser dadurch vielleicht einige Zelebrität gegeben habe, noch einen zuzufügen, nach welchem ich geize. Es ist dies der Name Ew. Exz., dessen Werke in dritter Auflage verlegen zu lassen ich mir zur Ehre nehmen würde. ? Mein Hauptbestreben dem eigentlichen bloß durch Bestehung auf Gewinn berechneten Handel fremd war hauptsächlich nur dahin gerichtet, das Schöne, Edle und ewig Wahre, wie es die Heroen unsrer Zeit in Wort und Vers ausgesprochen, in möglichster Vervielfältigung zu verbreiten, also abgesehen von eleganter Aus stattung möglichst wohlfeil zu geben und auch der Hütte, dem Armen, zugänglich zu machen. So glaubte ich, dem Buchhandel seine höheren, dem Standpunkt deutscher Gesittung entsprechende Bedeutung zu geben, dem Jahrhundert und meinen Zeitgenossen im schönen Sinne zu dienen, und so habe ich eine seelenvolle Befriedigung in diesem Beruf gefunden, deren Echtheit mir die Achtung und Billigung der Besseren bekräftigen.« Wahrhaft edle und schön ausgedruckte Gesinnungen, die den Ruhm, welchen sich Freiherr Friedrich von Cotta durch Buchhandel[185] und Druckerei erwarb, glänzend rechtfertigen, weswegen ich sie der Welt nicht vorenthalten wollte. Schließlich sagt er noch: »Ich bitte diese Äußerungen nur als einen aufrichtigen Herzenserguß anzusehen, mit denen ich mich der Mann dem Manne gegenüber bei Ihnen, Hochw. Patriarch, einzuführen mir die Freiheit genommen habe.« Den folgenden Tag war ich zu einer Abendunterhaltung bei Herrn Hofrat von Martius, Professor der Botanik an der Universität in München, der sich durch seine Werke über Brasilien und viele andere in der gelehrten Welt ausgezeichnet hatte, geladen und traf dort einen auserlesenen Kreis versammelt. Die äußerst liebenswürdige Hausfrau führte mir sogleich ihre schönen Kinder, drei Mädchen, eines von elf, das andere von neun und das dritte von sieben Jahren aus dem Nebenzimmer entgegen, die in weißen Kleidern und mit Blumen bekränzt drei Strophen eines vom Vater verfaßten Gedichtes bewillkommend vor mir deklamierten und durch einen allgemeinen Applaus belohnt wurden. Mein erster Gang war am folgenden Morgen, den allgemein verehrten Professor Möhler zu besuchen, dessen »Symbolik« in der katholischen Literatur Epoche machte; da ich ihn aber nicht zu Hause traf, so ließ ihn Baron v. Cotta, der mich zu ihm begleitete und ihn von Tübingen her kannte, zum Mittagessen einladen, und ich hatte das Vergnügen, mit diesem stillen, bescheidenen Manne, in dessen Gesichte leider die Spuren einer zerstörten Gesundheit zu lesen waren, einige Stunden zuzubringen. Bald hörte ich, daß er in der milden Luft von Meran diese herzustellen hoffte und ach nur zu bald, daß er gestorben sei. Möhler hat nicht nur als Schriftsteller Großes bewirkt, sondern auch als vortrefflicher Lehrer und Priester auf den jungen kath. Klerus an der Universität in Tübingen sehr wohltätigen Einfluß geübt, so daß die bessere Wendung, die seitdem der Geist angehender und damals ausstudierter Theologen genommen hat, vorzüglich ihm anzurechnen ist. Darum haben aber auch Protestanten und verkommene Katholiken diesen jüngeren Teil des Klerus spöttelnd als solchen, der aus der möhlerischen Schule stammte, bezeichnet. Ich schätze mich glücklich, ihn gekannt zu haben. Da meine Gesichtsschmerzen während der zehn Tage, die ich in München zubrachte, stets heftiger wurden, so konsultierte ich dort auf den Rat einiger Bekannten den Leibarzt der Königin, Dr. Walter, einen der berühmtesten Ärzte Deutschlands. Er untersuchte meine Eingeweide und äußerte sich dann schriftlich, daß er durch Anwendung von Arsenikalmitteln ohne Gefahr einer Intoxikation mich davon befreien zu können hoffe. Dazu konnte ich mich aber nicht verstehen und beschloß, obschon die Jahreszeit bereits bis zu Anfang Septembers vorgerückt war, nach[186] Gastein zu fahren und dort im Wildbad in den heißen Stollen der Quelle eine Schwitzkur zu versuchen. ? Nur wenige Kurgäste traf ich mehr dort, doch unter diesen eine Frau von Rüdt-Collenbach aus Ludwigsburg mit ihrer Nichte, Fräulein Sophie von Berlichingen, einer späten Enkelin jenes mit der eisernen Hand, deren Familie noch in Jagsthausen wohnte, und hatte an ihnen während meines dreiwöchentlichen Aufenthalts eine sehr angenehme Gesellschaft. ? Die ersten drei Tage ging es mir im Wildbade schlimm, so daß ich vor Schmerzen weder essen noch sprechen konnte. Während der Viertelstunde, die ich gewöhnlich bei 36 Grad Wärme in dem Stollen zubrachte, waren sie freilich wie ver schwunden, denn in der feuchten Hitze erschlafften die Nerven, aber nach ein paar Stunden kehrten sie wieder zurück. Indessen wurde mein Zustand gegen Ende der Badekur doch erträglicher, und ich war umso geneigter, einen schon früher gefaßten Entschluß, auf dem kürzesten Weg nach Venedig über den Mallnitzer Tauern zu gelangen, jetzt in Ausführung zu bringen, da auch der Badearzt, der im Wildbad ergraute Dr. Storch, damit einverstanden war. Ich sandte daher meinen Reisegesellschafter, einen jungen Geistlichen, wie ich deren jedes Jahr (zu ihrer Ausbildung und Erfahrung in der Welt) einen andern mit mir auf Reisen nahm, auf der Poststraße über den Radstädter Tauern bis nach Sachsenburg im Drautal voraus. Er mußte den Tag über und die ganze Nacht rastlos fahren, um mit mir daselbst am Morgen zusammenzutreffen; ich aber ritt vom Wildbad weg mit einem Engländer und meinem Domestiken das breite Gletschertal Naßfeld entlang bis an den Fuß des Mallnitzer Tauern und dann bergaufwärts bis zur Tauernhütte, die erst kürzlich den Reisenden zur Rast und Erholung erbaut wurde. Eine halbe Stunde früher, ehe wir sie erreichten, sagte der Führer, wir sollten absteigen, da der oben erst vorgestern gefallene Schnee durch die heißen Sonnenstrahlen rührig geworden sei, und wir mit dem etwa ausgleitenden Pferde leicht in die Tiefe hinabstürzen könnten. So mußte ich dann die ganze Strecke bis zur Hütte durch meinen Diener unterstützt im knietiefen nassen Schnee waten und kam dort erhitzt und ganz ermattet an. Nachmittag ging es bis Ober-Vellach rasch abwärts, wohin wir nach drei Stunden gelangten, und von dort ließ mich der dortige Pfarrer mit seinen Pferden nach Sachsenburg im Drautal führen. Es hatte schon zehn Uhr nachts geschlagen; die Leute im Posthause waren aus ihrem tiefen Schlafe schwer zu erwecken, und ich mußte im Torweg lange harren, bis uns ein Zimmer zum Nachtlager eröffnet wurde. Dies und der obenbesagte Gang im Schnee mag in Hinsicht meines Gesichtsschmerzes nachteilig gewirkt haben, denn ich kam, nachdem mein Geistlicher in Sachsenburg zu mir gestoßen war, über Lienz, Ampezzo, Serravalle und Conegliano auf der sogenannten[187] Strada d'Allemagna sehr von ihm gequält in Venedig an. Diese Strada d'Allemagna, die kürzeste Verbindungslinie über Innsbruck nach Augsburg, die Straße über Splügen nach dem Bodensee und jene über das Stilfser Joch zwischen Tirol und der Lombardei sind die drei Kunststraßen, welche Österreich in den letzten dreißig Jahren hat errichten lassen, und die jene, welche Napoleon über den Simplon, Mont-Cenis und den Großen St. Bernhardsberg bauen ließ, sowohl an Kühnheit und Kunst als auch an der Breite und an der Menge der durch Felsen gehauenen Galerien weit übertreffen. Von diesen wurde über die halbe Welt hinausposaunt ? Österreich machte keinen Lärm und handelte! Die Straßen über den Simplon und das Stilfser Joch habe ich selber befahren. Nach entschwundenen vollen zehn Jahren habe ich endlich mein liebes Venedig, wo ich schon lange erwartet war, wiedergesehen. Es war mir, als ob ich es erst vor so vielen Wochen verlassen hätte, so bekannt war mir alles, was mir vorkam. ? Mein Nachfolger, der Patriarch und Kardinal Monico, ein Mann voll edlen, dankbaren Gemüts, schickte mir eine auserlesene Gesellschaft, in welcher sich auch der Podestà von Venedig, Graf Correr, befand, in seiner Gala-Gondel bis nach Mestre entgegen und ließ mich ersuchen, mein Absteigquartier bei ihm zu nehmen ? erwartete mich auch an der Riva, als ich ankam. Er wohnte einstweilen im Palazzo Querini, da der Patriarch-Palast wegen einer neuen Fassade eben in Bau genommen war. Nur fünf Tage verweilte ich daselbst teils der dringenden Weiterreise aber noch mehr der Schmerzen wegen, die mir der Tic douloureux verursachte. Alles drängte sich an mich heran, ausgezeichnete Musik ertönte jeden Abend vor meinen Fenstern, zu glänzenden Soirées, zu festlichen Mahlzeiten war ich erwartet, doch ich saß zurückgezogen daheim und konnte die zwei letzteren Tage niemanden mehr bei mir empfangen, denn ich konnte vor Schmerzen nicht sprechen! So ist das Schicksal des Menschen hienieden! Jahrelang freute ich mich auf den Augenblick, meine Freunde und Bekannten in Venedig wiederzusehen und ihnen meinen Dank für all die Liebe, die sie mir bewiesen, auch mündlich abstatten zu können, freute mich, das Gedeihen so mancher Anstalten, die ich angeregt und ins Leben gerufen hatte, mit Muße zu betrachten und ihre Weiterförderung im Bewußtsein erlangten Vertrauens allen, die es betraf, wohlwollend an das Herz zu legen, und nun! ... Es war ein Jammer! Meine Absicht war, die Rückreise über Treviso, Possagno, den Geburtsort Canovas, und nochmals auf der Strada d'Allemagna über Innsbruck und Salzburg nach Wien und Erlau zu nehmen. Hier ist von Canova die Rede. Seine Lebensgeschichte und die Zahl seiner vollendeten Werke ist in dem Leipziger Konversations-Lexikon nachzulesen, daher will ich sie hier nicht wiederholen.[188] Gewiß ist er als plastischer Künstler derjenige, welcher den größten Künstlern Griechenlands und Roms am nächsten gekommen ist. Man pflegt ihm den Thorwaldsen an die Seite zu setzen; im Basrelief und Porträts in Büsten übertrifft dieser ihn sogar, aber in Hinsicht der schönen Formen seiner Statuen, die klassisch sind, muß der schroffe Däne dem gefühlvollen Südländer weit nachstehen. Daß Canova, der bescheidene, sanfte, großmütige Künstler und Mensch, gegen Ende seines Lebens dennoch sehr viele Gegner hatte, weiß ich aus eigener Erfahrung und davon will ich hier reden. Im Verlauf des ersten Winters, den ich in Venedig zubrachte, kam Canova eines Abends mit dem Präsidenten der dortigen Akademie der schönen Künste, Grafen Cicognara, dem Verfasser eines großen Werks über die Architektur, zu mir, und wir blieben in Gesprächen über Kunstgegenstände bis gegen Mitternacht beisammen. Er hörte, daß ich im folgenden Jahre Rom und daselbst auch ihn besuchen wolle, und sagte lächelnd, er werde mir bis zu meiner Ankunft einen kleinen Heiligen (meinen Namenspatron Johann den Täufer als Kind) aus carrarischem Marmor verfertigen, worüber ich mich sehr freute. Indessen starb er nach einigen Monaten in Venedig. Graf Cicognara, ein bekannter Oratore di lusso, gedachte, ihm bei der gewöhnlichen Einsegnung der Leiche in der Markuskirche eine Leichenrede zu halten. Ich widersetzte mich diesem Ansinnen, da es an die Gebräuche einer gewissen geheimen Gesellschaft mahnte, und ich in der Kirche nur geistliche Redner, deren Beruf es ist, hören wolle, er möge also aus der Zahl dieser einen der geschicktesten zu jenem Akte wählen. Die Sache brachte besonders bei den Lehrern der Akademie Bewegungen hervor und wurde sogar vor das Gubernium gebracht. Nach einem kurzen Aktenwechsel behielt ich Recht, welches ich mir auf keinen Fall hätte abstreiten lassen. Um aber aller Welt zu zeigen, wie sehr ich den Canova ehrte, so hielt ich selber die Exsequien für ihn ab, und ein ausgezeichneter Kanzelredner sprach unter anderem sehr entsprechende Worte zu seinem Ruhm. Indessen wollte Graf Cicognara seine Rede, die zum Drucke bestimmt war, nicht vergeblich gemacht haben. Die Leiche wurde im Beginn der Abfahrt nach Possagno aus dem Schiffe in den großen Saal der Akademie gebracht, und der Panegyriker sprach sie vor einem großen geladenen Publikum mit großem Beifall ab. Bald hatte ich noch einen anderen Kampf mit der Akademie auszufechten. Man schnitt heimlich das Herz aus der Leiche aus, legte es in eine schöne porphyrne antike Vase und stellte es in einem der Säle der Akademie in einer Nische mit der Inschrift »Cor Magni Canovae« auf. Auf meine Einwendungen sagte man, auch der Schädel des Galilei werde in der Bibliothek des bischöflichen Seminärs in Padua aufbewahrt, worauf ich aber entgegnete, jener sei nach christlichem Gebrauch bereits lange begraben und vielleicht[189] größtenteils schon vermodert gewesen, als man seinen Schädel in Verwahrung nahm, hier aber sei ein grausenerregender Akt an einer noch nicht begrabenen Leiche geschehen. Endlich habe ich es mit vieler Mühe durchgesetzt, daß Canova's Herz in dem Monumente, welches man in der Kirche dei Frari ihm zu Ehren größtenteils aus den Beiträgen der im Kongresse von Verona versammelten Monarchen (Kaiser Alexander allein spendete dreihundert Louis d'or) auf Betrieb des Grafen Cicognara errichtete, beigesetzt wurde. Dennoch soll man ihm später in Possagno die rechte Hand abgeschnitten haben und sie, so hörte ich es, in der Akademie auf die eben beschriebene Art bewahren. Bald besuchte ich im folgenden Jahre bei meiner Ankunft in Rom den Bruder des verstorbenen Canova, Abate Gian Battista, der, so lange er lebte, sein Geschäftsführer und nach seinem Tode sein Erbe war und der später vom Hl. Vater zum Titularbischof ernannt ward, um zugleich in einer großen Halle all die Modelle zu sehen, nach welchen Canova seine Statuen ausgeführt hatte. Das letzte, was er modellierte, war eine Kreuzabnahme, Christus am Fuße des Kreuzes liegend, mit noch drei andern Figuren ? unvergleichlich schön! Als wir vor ihr standen, sagte der Abate trauernd: »Cosi ha finito!« ? (so hat er geendet!) In dem Zimmer, welches auch sein Bruder bewohnte, fand ich das Modell von dem Kinde Johann dem Täufer, welches für mich in Marmor ausgeführt werden sollte. Ich ließ es in ein Kistchen verpacken und sandte es nach Venedig voraus. Es macht noch immer die Zierde eines meiner Zimmer. Die andern Modelle alle, und ihre Zahl ist groß, sandte der Abate nach Possagno, wo sie in dem herrlich erbauten Museo Canoviano aufgestellt wurden und machen einen Teil der Gegenstände aus, die so viele Fremde nach Possagno ziehen. In Rom fand ich dann die Gegner Canova's zuerst in dem Atelier des berühmten Thorvaldsen. Er war eben dort gegenwärtig und zeigte mir mit vieler Freundlichkeit in einer Abteilung seines Ateliers das große Modell den Einzug Alexanders des G. in der Stadt Babylon vorstellend, welches für den Palazzo Sommariva auf dem Comer-See bestimmt war und welches ich fünfzehn Jahre später dort in Marmor ausgeführt sah, dann in einer andern die fertigen Statuen für die Hauptkirche in Kopenhagen den Heiland und die Aposteln Peter und Paul ? die andern zehn waren noch nicht vollendet ? und dann in der Frontspitze den predigenden Johann den Täufer mit seinen Zuhörern, einem Krieger, Jäger, Hirten, ein Weib mit zwei Kindern, die sie, aufmerksam zuzuhören, mahnt, usw., endlich die noch nicht fertige Statue des Kopernikus, des Poniatowski zu Pferde und zwei wunderschöne Medaillons, auf welchen die Nacht und der Morgen vorgestellt sind. Thorvaldsen ist hochgestaltet, breitschulterig und[190] wohlbeleibt und zeigt auch in seinen blauen Augen und blondem Haar, das aber schon zum Teil grau geworden ist, die gemeinsam germanische Abkunft. Er arbeitet selber mit dem Meißel wenig, modelliert und läßt dann die Statuen durch seine zahlreichen Schüler, er hatte damals vierzehn, ausführen. Als ich mich mit diesen allein befand, so fingen sie alle nach der Reihe an, ihren Meister bis in den Himmel zu erheben, wie er viele Schüler habe, ihnen selber die nötige Anleitung gebe und sie fortwährend beschäftige ? also ganz das Gegenteil von Canova sei, der keine Schüler haben wolle, seine Statuen durch geübte Steinmetze bis nahe an den Grad der Vollendung bearbeiten lasse und dann an jene in einer verschlossenen Kammer die letzte Hand anlege, endlich auch geizig sei und alle, die ihm nahen, unfreundlich behandle usw. Diese letztere Beschuldigung ist in jeder Hinsicht unwahr, denn es ist allgemein bekannt, daß Canova die jungen Künstler großmütig unterstützte, ihnen Preise aussetzte und selbst Stiftungen für arme Künstler machte, auch ist er jungen Künstlern, die sich mit ihren Zeichnungen oder Modellen an ihn wandten, mit Aufopferung vieler kostbarer Stunden bereitwillig mit Rat und Tat jeden Augenblick beigestanden. Daß er aber keine Schüler haben wollte, ist wahr; das geschah aber, wie mir sein Bruder sagte, aus dem Grunde, weil mit großen Fähigkeiten begabte junge Leute nur kurzer Andeutungen nötig hätten, um es in der Kunst weiter zu bringen, mittelmäßige aber ihm seine Mühe selten gelohnt hätten. Jene zu geben, sei er immer bereit gewesen. Ein anderer entschiedener Gegner Canova's war der Duca di Torlonia, bei dem ich auf ein Diner und eine glänzende Soirée, wo über dreihundert Personen und unter diesen sieben Kardinäle, die Gesandten von Österreich, Frankreich und Großbritannien und nebst vielen Fremden aus allen Nationen die ausgezeichnetsten Einheimischen sich vorfanden, eingeladen war. Der Saal bildet um den Kern des Hauses im Viereck ebenso viele große Corridori; in der einen Ecke derselben ist die kolossale Statue des Herkules, wie er den Lychas ihn über das Haupt erhebend in das Meer schleudert, aus carrarischem Marmor von Canova gebildet aufgestellt. Diese gab dem Duca die Gelegenheit, sich vor mir über ihn zu äußern. Mit wahrem Ingrimm erzählte er mir, daß diese Statue der Beleuchtung wegen auf Canova's eigensinniges Dringen viermal den Platz habe wechseln müssen, worauf ich aber lachend erwiderte, daß Canova deswegen viel mehr Lob verdiene. Noch mehr machte es ihm aber Galle, daß Canova aus purer Rachsucht und Eitelkeit, so sagte er, wegen seiner verunglückten Statue der Religion Rom verlassen, in seinem elenden Geburtsorte einen Tempel bauen und alle seine Modelle dorthin schleppen zu lassen beschloß, da er doch seine Schätze in Rom erworben habe. Die Sache verhält sich so: Canova drang mit wahrem Künstlereifer in[191] den Papst und die verbündeten Großmächte, daß die Kunstschätze, die unter Napoleons Herrschaft aus Italien nach Paris geschafft wurden, als gebührendes Eigentum wieder nach Rom, Florenz, Parma, Mailand und Venedig zurückgebracht würden. Die Monarchen beauftragen ihn, bei der Auswahl und dem Einpacken der Kunstgegenstände gegenwärtig zu sein. Sein Verdienst ist es also, daß sich diese wieder an ihrem eigentlichen Platze befinden. Canova, ein eifriger Christ, sah den Sieg, der im J. 1814 dem lange dauernden Weltkampf ein Ende machte, aus einem höheren Standpunkt an und wollte zum Zeichen allgemeiner Dankbarkeit die Statue der Religion, wo ich nicht irre, achtzehn Fuß hoch, aus dem reinsten carrarischen Marmor von ihm verfertigt in der Peterskirche aufstellen. Jene, die den Platz dazu zu beurteilen und zu bestimmen hatten, erklärten, daß für sie keiner vorhanden sei. Man sagt, es habe der Neid dabei seinen Einfluß geäußert. Dies verdroß den guten Künstler so, daß er beschloß, dem Herrn ein Opfer der Dankbarkeit auf eine andre Art und an einem andren Orte zu bringen, nämlich in seinem Geburtsorte Possagno einen Tempel zu erbauen, den Reichtum seines Ateliers in Rom, die Modelle, dorthin gebracht in einem Museo Canoviano aufzustellen und den Rest seines Lebens größtenteils dort zuzubringen. Das war die Ursache der allgemeinen Entrüstung der Römer, die sich in dem Sinne des Duca di Torlonia aussprach. Ich habe den Tempel, wie er im Bau fast schon bis zur Hälfte gediehen war, im J. 1822 gesehen (s. oben S. 175). Jetzt kam ich heran, ihn nebst den andern Merkwürdigkeiten in seiner Vollendung zu betrachten. Der Stiefbruder des Verstorbenen (Abate Gian Battista Sartori-Canova, nun Titularbischof) fuhr mir eine Strecke entgegen und nahm mich freudig in seinem Hause auf. Noch vor Tische verlangte ich, nach dem Tempel geführt zu werden, der über dem Dorfe fast an dem Fuße eines kahlen, düsteren Felsberges liegt und darum von weitem gesehen trotz seiner nicht unbedeutenden Höhe zu einer Zwerggestalt zusammenschrumpft. Er ist in der Form des Pantheons Maria Rotonda in Rom mit einem Portikus, dessen sechzehn canellierte Säulen sechs Fuß im Durchmesser haben, aus Quadersteinen erbaut und soll über siebenmalhunderttausend Franken gekostet haben. Eingetreten stand ich lange in der Mitte der Kirche das Ganze betrachtend still und fühlte mich nichts weniger als befriedigt. Vor allem stieß mich das Gemälde des Hochaltares, ebenfalls die Kreuzabnahme mit vier Figuren vorstellend, ein Werk Canova's, zurück. Sowohl dieses als auch mehrere Gemälde von Canova's Pinsel, die ich in Rom in seinem Hause sah, reichen selbst bei einem ziemlich guten Kolorit nicht bis zum Mittelmäßigen hinauf. Er hatte die Schwachheit wie Michelangelo Buonarotti, zugleich Bildhauer, Maler und Architekt sein zu wollen;[192] aber er war nur als Bildhauer groß, denn auch dieser kostspielige Tempel ist kein architektonisches Meisterwerk. Seine Bildhauerarbeiten zieren ihn allerdings und vor allem jene Kreuzabnahme auf einem Seitenaltare von Erz gegossen aufgestellt, von welcher ich das Modell in seinem Atelier in Rom gesehen habe ? eine Gruppe von außerordentlicher Schönheit! Ehe ich von dem Tempel schied, gedachte ich noch mit Wehmut eines Augenblicks aus jener Zeit, wo ich in der Gesellschaft des trevisanischen Domherrn, Lorenzo Crico, die ersten Bauten davon aufgeführt sah, und mir im Rücken einer der Taglöhner zu diesem sagte: »Wenn der Tempel fertig sein wird, so soll man in dessen Mitte einen Galgen erhöhen und den Canova daran aufknüpfen; wir haben im Dorfe unten ohnehin eine hübsche, geräumige Kirche, hätte er lieber ein Spital oder Armenhaus für uns gebaut!« ? »Aber« ? sagte Crico ganz entrüstet ? »der Tempel wird viele Fremde hieher ziehen und diese werden auch Geld zuführen.« Jener zuckte die Achseln und räumte gleichgültig den Schutt hinweg. Oft wird man versucht, mit Schiller zu sagen: »Das ist das Los ...« Nach Tische nahm ich noch das herrliche Gebäude des Museo Canoviano und die geschmackvoll darin aufgestellten Modelle in Augenschein und nahm dann von meinem vieljährigen Freunde und Bekannten herzlichen Abschied. Er ist dort allverehrt. Auf einem Seitenwege fuhr ich nach Conegliano und von dort nach Ceneda, wo ich bei dem Bischof übernachtete, der früher unter mir Professor der Moraltheologie im Patriarchal-Seminär und dann Pfarrer von San Giovanni e Paolo war, und den ich schon als Erzbischof von Erlau für das Bistum von Ceneda dem Kaiser in Vorschlag brachte, den er selber von mir verlangte. Ich habe Ursache, mit meinem Vorschlage zufrieden zu sein, denn er ist nach einigen Jahren zu einem größeren Wirkungskreis auf den bischöflichen Stuhl von Adria und Rovigo erhoben worden. Dann ging die Weiterreise über Ampezzo, Bruneck im Pustertal und über den Brenner nach Innsbruck, wo ich am 25. September ankam. Die Witterung war schön, meine Gesichtsschmerzen etwas weniger quälend, und die Rheinfahrt nach Köln lag mir noch so sehr auf dem Herzen, daß ich meine Heimreise nochmal aufzuschieben und über Bregenz, Stuttgart nach Mannheim und von dort mit dem Dampfboot nach Köln zu gelangen gedachte, kam aber durch das Oberinntal nur bis Nassereith, denn als wir uns zum Mittagessen setzten, fing es an gewaltig zu schneien und die Gastwirtin behauptete, über den Arlberg sei es für jetzt unmöglich zu fahren, da ein Schneegestöber der Art oben auf den Höhen in kurzer Zeit jede Spur von einem Wege tief verhüllen werde. Nun da auch die Elemente, dachte ich mir, meiner Weiterreise entgegen sind, so will ich denn in Gottes Namen heimfahren. Auf der letzten Station vor Innsbruck, in Zirl, diesem klassischen Platz der [193] Kaiser Maximilianischen Jagdgehege, wurde es schon so finster, daß ich dort zu übernachten beschloß. In dem Post- und zugleich Gasthofe daselbst sah ich bei Kerzenlicht in meiner Reisekarte herum und fand, daß mich von Zirl über den Paß von Scharnitz ein nicht langer, gerader Weg nach Augsburg führen würde. Der Postmeister, ein Schützenhauptmann aus der ruhmvollen Zeit des Befreiungskrieges vom J. 1809 und Waffengefährte des Andreas Hofer, bestätigte meine Vermutung und sagte, daß man im Sommer in einem Tage dorthin gelangen könne. Sogleich war mein erst gefaßter Entschluß wieder entkräftet; die Sehnsucht, an den Rhein und nach Köln zu kommen, überwog alle Bedenklichkeiten, und sobald es tagte, machte ich mich auf den Weg und kam am folgenden Tage gegen zwei Uhr nachmittag in Augsburg an. Den Abend verbrachte ich in der Gesellschaft des Hofrat Ahorner, eines sehr gebildeten, gelehrten Mannes, und des Domherrn Egger, Herausgeber des kanonischen Rechts, welche mir der Buchhändler Karl Kollmann vorstellte. Sie kamen auch des anderen Morgens, mich zu dem Wagen zu begleiten, ich konnte aber mit ihnen gar nicht sprechen, so heftig wurden meine Gesichtsschmerzen. Doch wahrlich sonderbar! Eine Stunde Weges auf der Straße nach Ulm verloren sie sich auf einmal und ich wurde auf der ganzen ferneren Reise von ihnen nicht mehr gequält, nur in Pesth und daheim stellten sie sich wieder ein. Solche Intervallen pflegt dieses Übel oft kürzere, oft längere Zeit zu machen. Amazon.de Widgets In Ulm erinnerte ich mich gerührt, daß ich im J. 1792 von der Wanderung nach Italien zurückkehrend dort auf einem Schiff voll mit Weib und Kindern ausgewanderter Schwaben die Donaufahrt nach Wien in den dürftigsten Umständen begann, allein ich war dort kaum zwanzig Jahre alt und war gesund und voll frohen Mutes! ? Noch abends besah ich jetzt den herrlichen Münster, eines der großartigsten Gebäude, nur Schade, daß es so unrein gehalten wurde. Der protestantische Gottesdienst beschränkt sich auf die Predigt, das sieht man gleich an den mitunter armseligsten Bänkchen, die den Predigtstuhl umreihen und durch welche man sich durchwinden muß, um in dem Mittelschiff weiter zu gelangen. Kaum war ich in Stuttgart angelangt, so kam mein teuerster Freund, Freiherr von Cotta, zu mir in den Gasthof, mir zu sagen, daß er es nicht habe unterlassen können, meine Dahinkunft beim Hofe bekannt zu geben, da schon früher dort davon die Rede war. Des Morgens kam dann auch eine feierliche Einladung und später ein Hofwagen, der mich zum Mittagessen abholte, doch das war auch nicht genug; abends war große Soirée, der die ganze Noblesse von Stuttgart beiwohnte, und dann im großen Saale das Souper für hundertfünfzig Gedecke. Die Königin, neben welcher ich[194] während der ganzen Soirée saß, unterhielt sich ausschließlich mit mir, stellte mir ihre Kinder, den jetzigen Kronprinzen und die Prinzessin Katherine und dann nach und nach die meisten Damen vor und lud mich wiederholt ein, dem nach zwei Tagen einfallenden landwirtschaftlichen Volksfeste mit ihr und den Ihrigen in der Hoftribüne beizuwohnen. Noch den Abend zuvor sagte mir ihr Obersthofmeister, daß er Befehl habe, mich mit einem Hofwagen abholen zu lassen; aber ich dankte und nachdem ich den folgenden Tag bei Baron Cotta mit den Herrn Wolfgang Menzel, Gustav Schwab und Albert Knapp, Männern, die in der lit. Welt zu bekannt sind, als daß ich ein Mehreres von ihnen sprechen sollte, gespeist und diese auch besucht hatte, fuhr ich um die Mittagsstunde, wo das Volksfest eben zu Ende ging, bis Heilbronn weiter. Morgens, ehe ich von dort abreiste, besah ich die alte, gotische Kirche, wo ich ganz erstaunt war, bei einem vormaligen Seitenaltar mehrere Bilder der Heiligen aufgehängt zu sehen, aber der Küster erklärte mir das Rätsel, indem er mir bekanntmachte, daß diese als die Jugendarbeiten Fügers, Direktors der Akademie der schönen Künste und der k.k. Bildergalerie in Wien, eines Heilbronners, dort zur Schau und zu ehrendem Andenken aufgestellt seien. Dort weiß man also, den Landsmann zu schätzen! In Heidelberg eilte ich gleich nach Tische hinauf zu den Ruinen des alten Schlosses, besah zuerst die inneren Merkwürdigkeiten desselben, spazierte auf dem großen Heidelberger Faß herum und setzte mich dann außen auf eine Stelle, von wo ich die entzückende Aussicht, die mit Recht allüberall gerühmt wird, längere Zeit genießen konnte. Von dort fuhr ich meinem Ziele immer näher rückend nach Mannheim. Noch in der Dämmerung ging ich durch die schöne, aber monoton gebaute Stadt zu dem Rheinstrom hinab und tauchte begrüßend meine Rechte in seine Wellen. Der Gastwirt besorgte indessen alles, was bei der Dampfschiffahrt für mich nötig war, und so reiste ich dann am 5-ten Oktober 6 Uhr morgens auf demselben nach Köln ab. Es war ein schöner Herbsttag, aber öfters einfallende dichte Nebel zwangen uns stillzuhalten, und so kamen wir erst gegen Mittag vor der Stadt Mainz an, wo wir sonst schon um 10 Uhr hätten sein können. Nach der alten, ehrwürdigen Reichsstadt Worms blickte ich im Vorbeifahren bewegt hinüber. In völliger Dämmerung kamen wir gegen acht Uhr abends nach Koblenz. Von dem hohen Giebel des Gasthauses »Bellevue« leuchteten uns die Worte einladend entgegen. Einer der Reisenden,[195] der Hofmeister der beiden jungen Fürsten von Hohenlohe, riet uns, daß wir schon so spät abends dort landen und übernachten sollten. Der Schiffskapitän erklärte, daß er zwar Befehl habe, bis nach Köln zu fahren, wenn aber die Reisenden aus solchem Grunde die Nacht durch irgendwo zu bleiben wünschten, so könne er ihrem Wunsche willfahren. Er rief das einigemal auf dem Verdeck herum, da aber eine schwedische Familie und mehrere Engländer ihn vielleicht gar nicht verstanden, so ließ er die große Laterne vorn aufhissen, und wir fuhren weiter. Ich saß in der großen Kajüte mit der schwedischen Familie beim Nachtessen, als mit einem furchtbaren Gekrach gegen neun Uhr das Schiff sich rechts hinabsenkte, Teller, Schüsseln und Gläser von dem Tische flogen, und wir uns an den wankenden Säulen der Kajüte angeklammert kaum auf den Füßen erhalten konnten. Mein erster Gedanke war, das Schiff sei an einem Felsriff stoßend zerschmettert worden, und der so lange ersehnte Rheinstrom werde mich nun in seinen Fluten begraben. Einer der Aufwärter kam herab und sagte, wir wären auf eine Sandbank gewaltsam aufgefahren, man hoffe aber, durch Anwenden der Dampfmaschine das Schiff wieder flott zu machen. Als nach elf Uhr alle vergeblichen Anstrengungen aufhörten, mußten wir uns entschließen, auf den vorhandenen Gurtsesseln, so gut es sein konnte, unser Nachtlager zu nehmen. Am Morgen saßen wir noch immer auf derselben Stelle fest, und es war keine andere Hoffnung vorhanden, als daß das heute von Mannheim abfahrende Dampfschiff uns davon losreißen würde. Ein paar in Angst gesetzte Familien aus Belgien ließen sich auf das Land setzen und reisten noch ähnliches befürchtend zu Lande nach Köln fort; ich aber fuhr in einem alten Kahn nach Neuwied hinab und bat den Kapitän, daß er im Vorbeifahren mich wieder an Bord nehmen möge. Neuwied bot mir nichts des Merkwürdigen; ich speiste dort zu Mittage, und als die beiden Dampfschiffe gegen zwei Uhr vereint ankamen, begab ich mich wieder nach dem Schiffe und langte erst um halb elf Uhr in Köln an. Mein erster Gang am Morgen war nach dem berühmten Dome. Meine Erwartung, etwas Großes zu sehen, war noch von der Wirklichkeit weit übertroffen! Dieses deutsche Riesenwerk muß man sehen, um darüber urteilen zu können. Da ich durch den Oberbaurat Hofrat Schinkel von Karlsbad aus an den Baudirektor Zwirner mittels eines Briefes gewiesen war, so führte mich dieser von außen auf all den Gerüsten herum, auf welchen man die Strebepfeiler um den Chor herum wieder neu her zustellen beflissen war; dann kamen wir von innen durch die in der Wand fortlaufenden Galerien wieder in die Kirche hinab. Mit welchem Interesse hörte ich von ihm von den verschiedenen Projekten sprechen, laut welchen man nach den aufgefundenen alten Rissen und Zeichnungen den ganzen Dom in seiner ursprünglich ersonnenen Gestalt herzustellen dachte. Und[196] ? was dort noch als eine Unmöglichkeit erschien, ist nun im Werke! Möge es vollkommen gelingen! Aus der Kirche tretend sagte ich meinem Lohnbedienten, er möge mich zu dem Erzbischof Clemens August führen. Nachdem er eine Weile schweigend an meiner Seite fortgegangen war, blieb er stehen und fragte mich, ob ich den Erzbischof kenne? Ich sagte nein; ich pflegte aber, meine Kollegen, Bischöfe und Erzbischöfe, auf meinen Reisen, wo welche in einer Stadt sind, zu besuchen. Er fuhr im Gehen fort: »Der vorige Erzbischof Graf Spiegel war ein Staatsmann, der jetzige aber ist ? ein Bischof!« ? Welch eine schöne, charakteristische Bezeichnung in dem Munde dieses gemeinen Menschen! Ich meinte, ich müßte ihm vor allen Leuten um den Hals fallen. Nachdem ich angemeldet war, kam der eben etwas kränkelnde Kirchenfürst zu mir in eine Sala terrena herab, deren Glastüren nach dem Garten hin offen waren ? eine hohe, ehrwürdige Gestalt, ein trotz seines Alters kräftiger Mann, dem ich mit ausgebreiteten Armen entgegenging und etwas stotterte, als er mich erfreut an sein Herz drückte. Dann saßen wir auf dem Kanapee über eine Stunde in Gesprächen beisammen. Ich erzählte ihm, daß ich ihm schon im Monat August eine Botschaft von Monsignore Capaccini hätte überbringen sollen, allein durch körperliche Leiden verhindert erst jetzt so spät die ersehnte Reise nach Köln habe unternehmen können. Darauf sagte er, der Stand der Dinge hätte sich seitdem gewaltig geändert. Nachdem Capaccini auf seiner Mission von Dresden nach Berlin gekommen war, überhäufte man ihn dort mit einer Menge schöner Worte, er glaubte, schon recht viel gewonnen zu haben, daß der König die hermesianische Sache preisgab, die ohnehin nicht vor sein Forum gehörte, und reiste von Berlin ab, ohne für die weit schwierigere Angelegenheit im Punkte der gemischten Ehen etwas verhandelt oder durchgesetzt zu haben, und dieser sei es, wegen welchem er mit der Regierung in einer großen Kollision stehe. Die rheinländischen Bischöfe hätten bekanntlich in Hinsicht dessen ein päpstliches Breve und eine Instruktion vom Staatssekretär Kardinal Albani erhalten; diese seien nicht immer in genauem Einklang, und da handle er, komme, was wolle, nach dem Breve und nach seinem Gewissen. Bei diesen letzten Worten ergriff er mich bei der Hand und sagte mit lauterer Stimme: »Sie werden es sehen, mir wird es nicht gut gehen!« ? Ich pries ihn glücklich, daß er wie bisher als ein wahrer Oberhirte auch künftig voll Kraft und Mut der Wahrheit werde Zeugnis geben können, wodurch er der ganzen katholischen Kirche zum Segen sein wird! Und so war es auch! Zweiundvierzig Tage nach dieser Unterredung wurde der alte, ehrwürdige, kränkelnde Greis beim Anblick der in der Gasse, wo er wohnte, aufgeführten Kanonen unter militärischer Eskorte als Gefangener nach der Veste Minden abgeführt. Zwar[197] erkannte der König Friedr. Wilhelm IV. durch offene Handschrift seine Unschuld, und die Kirche hatte Ursache, sich über die Rechtfertigung ihres gemißhandelten guten Sohnes zu freuen; aber diese Rechtfertigung und seine ganze erhabene Handlungsweise hatten für sie die wichtigsten Folgen für alle Zeiten! Nicht nur in den Rheinlanden und in dem im Glauben verkommenen preuß. Schlesien, sondern in der ganzen kath. Welt flammte ein neuer Gotteseifer auf; die Katholiken lernten freudig ihre Würde kennen und werden so sein Andenken für immer im Segen behalten. ? Ich schied mit den tiefsten Gefühlen der Ehrfurcht und Dankbarkeit von ihm! Ich sah unter anderem nur noch die Peterskirche, in welcher Rubens getauft ward, und wohin er sein berühmtes Altarblatt die Kreuzigung Petri vorstellend spendete, an. Man macht sich dort einen Spaß mit den Fremden, es ist nämlich eine so viel möglich genaue Kopie des Altarblattes in einem beweglichen Rahmen eingefügt, welche man zuerst dem Zuschauer als das rubensische Meisterwerk anrühmt! Ich betrachtete es nur einige Augenblicke und sagte dem Küster, dies sei kein Rubens, worauf er mit einem lauten »Ei!« hineilte und das herrliche Originalgemälde enthüllte. Das Bild ist übrigens eines von jenen, von welchen die Italiener sagen: »Fa orrore!« Der auf den Kopf gestellte Heilige erregt durch die verdrehte, stark aufgetragene Natürlichkeit eine peinliche Empfindung in der Brust des Zuschauers. ? Nun war endlich der Augenblick der unabänderlichen Heimreise gekommen. Ich stand am Ziele, denn das wichtigste unter den vielen für mich wichtigen Ereignissen dieses Jahres, den Kölner Dom gesehen zu haben und dem allverehrten Oberhirten, dessen erzbischöflicher Stuhl in diesem Dome stand, auch persönlich nahegekommen zu sein, galt mir für solches. Ich fuhr noch denselben Nachmittag bis Bonn, wo ich dem Professor der Universität Dr. Neumann noch von Dresden her ein Schreiben abzugeben hatte, und brachte den Abend in der Gesellschaft seiner geistreichen Gattin und einiger Professoren recht vergnügt mit ihm zu. Das freundliche Koblenz erreichte ich um die Mittagsstunde. Unter Weges besuchte ich Herrn Professor Bethmann in seinem im altertümlichen Stil neu erbauten Bergschloß Rheineck, welches wegen der schönen Aussicht von dort mit Recht gerühmt wird. Es war eben der Geburtstag seiner Gemahlin und darum ihre Kinder alle in festlichem Anzug in einem Betsaal mit ihnen versammelt. Dr. Neumann wies mich mit einem Briefchen an ihn. Die Gastwirtin in Koblenz sprach von mir angegangen während des Mittagessens über den jetzigen Zustand der Katholiken daselbst unter anderem: »Man will uns zu Protestanten machen;[198] solche werden wir zwar nie ? wohl aber schlechte Katholiken!« Ich erwiderte ihr, sie habe die Sache vom rechten Gesichtspunkte aus genommen. Die nächste Nachtstation war St. Goar, wo der Postmeister und zugleich Gastwirt durch zwei Posthörner das Echo des jenseitigen Loreley-Felsens produzieren ließ; es klang beinahe geisterhaft über den vom Mond beleuchteten Rheinstrom herüber. Bei Bingen setzten wir über den Strom und fuhren dann aufwärts nach dem Schloß von Johannisberg, wo ich nach der Aufforderung des Fürsten Metternich wegen der schönen Aussicht ein paar Tage verweilen sollte. Allein die späte Jahreszeit mahnte mich auf beschleunigte Heimfahrt. Ich schrieb seinem Wunsche gemäß meinen Namen in das dort offen liegende Gedenkbuch, untersuchte an dem Schloß herum das Erdreich und die Pflanzung der Reben, besuchte nach Tische den fürstlichen Keller, wo ich die vorzüglichsten Weine verkostete und kam abends über Biberach nach Wiesbaden. In Hinsicht der großen Bauten und großartigen Anstalten lassen sich freilich die österreichischen Kurorte mit diesem nicht vergleichen. Am folgenden Morgen langte ich zeitlich in Mainz an und blieb den Tag daselbst. Der Besuch, den ich Herrn Bischof Kaiser machte, erwiderte er nachmittags in der Gesellschaft zweier Professoren von der Universität in Gießen, von welchen, wo ich nicht irre, der eine der später berühmt gewordene Professor der Kirchengeschichte Riffel war. Weder die Domkirche noch die etwas plump und gemein ausgefallene Statue des Gutenberg entsprachen meiner Erwartung. Das stille, nur bei häufigem Trommelschlag bewegtere Mainz kam mir wie eine große Kaserne vor. Bei der einstigen kurfürstlichen Regierung mag es freilich anders ausgesehen haben. In Frankfurt am Main verweilte ich auch ein paar Tage lang. Bei der Mittagstafel, welche der Bundestagspräsident Baron Münch von Bellinghausen mir zu Ehren gab, sagte mir eine aus Stuttgart anwesende Dame, daß an jenem Tage des landwirtschaftlichen Volksfestes mich die Königin auf der Hoftribüne sicher erwartet habe; ihr Ton und Blick drückte einen scharfen Vorwurf aus, und ich bedauerte es nur umso mehr, der Einladung der verehrten hohen Frau nicht gefolgt zu haben. Die Gattin des Baron von Cotta war eben auch mit ihrer ältesten Tochter, denn sie war die Mutter von sieben Kindern, bei ihrer Mutter, Edlen von Adlersflücht, in Frankfurt anwesend. Bei meiner Durchreise lernte ich in Stuttgart diese liebenswürdige, trefflichste der Frauen kennen, daher folgte ich ihrem Wunsche gern und brachte den Abend im Kreise ihrer Familie zu. Aber nun hielt mich nichts mehr auf der Weiterreise auf, und ich kam über Aschaffenburg, Würzburg, abermals Nürnberg, Regensburg, Schärding und Salzburg wohlbehalten in Wien und[199] daheim in Erlau an. ? Welch ein merkwürdiges Jahr meines bewegten Lebens war dieses! Wie viele neue Bekannte und wohlwollende Freunde habe ich gewonnen, wie viele ehrenvolle Auszeichnungen erfahren, wie viel Schönes und Großes gesehen ? also an Leib und Seele wie viele Freuden ? aber auch wie viele Leiden empfunden, so daß ich nicht wüßte, nach welcher Seite sich das Zünglein der gleichmessenden Waage wenden würde, und welche der Schalen sich lastend hinabsenkte? Wohl sagt Horaz: »Nihil est ex omni parte beatum« ? also Gott befohlen! 
 IV. Vom [8. April] 1821 bis 1827  [100] Da meine Wohnung in dem unmittelbar an die Markuskirche stoßenden Dogenpalaste noch nicht ganz hergestellt war, so wurde mir ein einstweiliges Absteigquartier im Patriarchalseminär Alla Salute bereitet, wo mich das Kapitel empfing. Am folgenden Morgen geschahen die Aufwartungen in corpore. Erst kam der Gouverneur mit allen Räten des Guberniums, dann die Senatspräsidenten des Appellations-, des Kriminal- und des Landrechts (Prima Istanza) mit den ihrigen, der Podestà von Venedig mit den Magistratsräten, die Chef's der Kommerzkammer, der Militärkommandant F.M.L. Marquis Chasteler mit den Offiziers von allen Graden; also mit solchen der Kommandant des Arsenals,[100] Marchese Paolucci, endlich zahlreicher Adel und selbst die Vorsteher der jüd. Gemeinde. Groß war die Neugierde, den neuen Patriarchen zu sehen, da man es sich lange Zeit gar nicht erklären konnte, wie ihnen ein solcher aus Ungarn zukommen sollte? Da ich an jenem Tage von einer besonderen Heiterkeit beseelt fertig italienisch mit allen wie ein längst Bekannter sprach, so war, dem Himmel sei Dank, mein Glück bei ihnen gemacht, und ich fand meine seither beklommene Brust auf einmal erleichtert. ? Am folgenden Palmsonntag geschah mein feierlicher Einzug aus der Pfarrkirche San Moisè über den Markusplatz bei einem großen Zulauf des Volkes in die Patriarchalkirche, wo dann meine Installation vor dem gesamten Klerus und im Beisein der höchsten Zivil- und Militärautoritäten erfolgte. Am Ostersonntage hielt ich während des feierlichen Gottesdienstes die erste Predigt in italienischer Sprache an das Volk und sagte unter anderem: »Ein Bischof oder Oberhirte dürfe nirgend als ein Fremder betrachtet werden, denn er müsse mit seiner ihm anvertrauten Herde geistig verwandt und verbunden sein, und so würde auch ich hinfort dem venezianischen Volke mit ganzer Seele angehören und ihr zeitliches und ewiges Wohl zu befördern suchen.« Ich durchschaute meine Lage ganz und begriff, was mir not tat! Ich kündigte sogleich die kanonische Visitation für sämtliche in der Stadt und am Uferlande gelegenen Pfarren und Kurat-Kirchen an, begann sie am 4-ten Sonntag nach Ostern und setzte sie am darauf folgenden Tage fort; und so geschah es jeden Sonn- und Montag den ganzen Sommer hindurch, da ich die übrigen Tage bei der heißeren Jahreszeit in meiner Villa an der Brenta zubrachte. Diese pflichtgemäße Amtshandlung ? in Venedig in solcher Form nie erlebtes! ? war für die Sache und für mich von den erfreulichsten Folgen. Von Woche zu Woche war das Zuströmen der Zuhörer aus allen Klassen größer in den Kirchen, wo in meiner Gegenwart der Pfarrer oder einer der Kapläne eine Predigt halten mußte, ich darauf die Messe las, die Firmung erteilte und die Kinder aus dem Christlichen Unterrichte prüfen ließ oder selber prüfte. Endlich wurden die hl. Geräte, z.B. die Kelche, ob innen gut vergoldet, und die Kirchengewänder, so auch die Matrikeln, Tauf-, Sterb- und Trauungsregister und die Stole- und Meßkataloge untersucht, was alles in meinem Zirkularschreiben, welches die kan. Visitation anordnete, vorgeschrieben war. Tag und Nacht wurde vor derselben gearbeitet, um alles zu meiner Ankunft vorzubereiten, deshalb sagte einer meiner Domherrn scherzend nach der Visitation der ersten Pfarrkirche, das ganze sei schon halb gediehen. Bei der 5-ten (Pfarre San Martino) sagte mir jemand vor dem Eintritt in dieselbe, ich würde an jenem Tage[101] eine besondere Freude haben, da ein wohlhabender Krämer fünftausend Lire hergegeben hätte, selbe zu meinem Empfang auszuschmücken. Diese in Italien gewöhnliche Ausschmückung, wo oft die schönsten Marmorsäulen mit rotem geblümtem Damast umzogen und statt der Kapitelle mit goldenen Fransen behangen werden, war zwar nicht nach meinem Geschmack, aber sie diente doch dazu, die Kirche festlicher aussehen zu machen. Und so ging das ganze glücklich weiter fort. Bald hieß es durch ganz Venedig, wenn vom Patriarchen die Rede war: »E Nostro!« Dies wurde zum Teil durch folgendes veranlaßt. Die Venezianer lieben ihre Kinder sehr, und es ist unbeschreiblich, wie sie ihnen auf jede Art schön zu tun wissen. Wenn ich nun in der Kirche durch die lange Reihe der Knaben und Mädchen auf- und abschritt, während einer der Pfarrgeistlichen katechisierte und er gewöhnlich nach geschehener, von mir angegebener Frage meistens größere und solche zu antworten aufrief, von welchen er wußte, daß sie mit Ehre bestehen würden, so fiel ich ihm öfters in die Rede und bezeichnete dazu meistens die Kleinsten, deren feurigglühende Augen mir ihre Begierde und ihr Bewußtsein, antworten zu können, verrieten, und da ich fast jedesmal den Rechten herausfand und ihnen nach erhaltener Antwort die Wangen streichelte und sie laut belobte, so war des Entzückens besonders der Venezianerinnen, die mit ihren kleineren Kindern im Arm sogar auf die Bänke stiegen, um alles genauer sehen zu können, und mir oft weinend und lachend zugleich in ihrem Venezianer Dialekte zuriefen: »Sias tu benedetto da Dio!«, kein Ende. Auch war meine große Vorliebe für die Meisterwerke der Kunst, besonders für Gemälde, die ich teils in den Kirchen, teils in öffentlichen und privaten Sammlungen und auch bei den Malern und Bildrestauratoren häufig aufsuchte, etwas, was mich mit den Venezianern schnell befreundete. ? Nachdem ich auf jene Art die Visitation aller in der Stadt liegenden Pfarrkirchen, deren 30 an der Zahl sind und zu welchen noch 24 Succursali und 16 Oratorien gehören, von welchen viele schöner und größer als die Pfarrkirchen selber, mit einem eigenen Pfarrgeistlichen versehen, zum täglichen Gottesdienste gleich jenen verwendet werden, vollbracht hatte, so fuhr ich in einer vierrudrigen gedeckten Barke, Murano und Burano seitwärts lassend, mit meinem Gefolge nach Tre Ponti, dem ersten Pfarrorte in dem sogenannten Aestuario-(Morast)-Land der Venediger Diözese und nach der dort vollbrachten Visitation nach Caorle (der vormals römischen Stadt Caprulae). Sieben Stunden lang dauerte die Fahrt in einem breiten Kanal zwischen zwei hohen Wänden des grünen Geröhres hin, und nur die eben[102] wiederholt ausbrechenden Gewitter mögen die Ursache gewesen sein, daß mich die Myriaden von Schnacken besonders des Nachts nicht sehr belästigt hatten. Außer der gut gebauten alten Pfarrkirche hat Caorle nur armselige, obgleich stockhohe Häuser aufzuweisen, und den wohlhabenden Apotheker ausgenommen, in dessen Hause ich wohnte, leben die Bewohner desselben in sehr dürftigen Zuständen. Dennoch gab es am Abende nach meiner Ankunft eine Illumination! Aus allen Fenstern leuchteten Öllampen, und mitten auf dem breiten Marktplatz brannte eine große Pyramide, die aus den dürren Zweigen der abgeschnittenen Weinreben und der Bäume aufgeführt war, und um welche hüpfende Knaben und Männer ihr Evviva! emporjauchzten. Ein deutsches Sprichwort sagt: »Ein Schelm, der mehr gibt als das, was er hat.« Ich hatte von Herzen gern mit ihrem guten Willen vorlieb genommen. ? Die drei Inselstädte Torcello, Burano und Murano mit ihren Pfarrkirchen wurden später visitiert. Die erstere, vormals eine bedeutende, besteht nur aus wenigen Häusern, ist aber wegen seiner alten Kathedrale, die ganz die frühere Form der Basiliken zeigt, besonders sehenswert; die letztere ist wegen ihrer Glasperlenfabriken merkwürdig. Zwischen Murano und Venedig liegen die zwei Nachbarinseln San Michele mit einer schönen Kirche und den Gebäuden des vormaligen Klosters der Kamaldulenser, unter welchen der verstorbene Kardinal Zurla, und der jetzt regierende Papst Gregor XVI. zu jener Zeit lebten, als ich Venedig im J. 1792 das erste Mal besucht hatte ? und San Cristoforo, die jetzt für Begräbnisplätze der Venezianer dient. (Dort hatte ich auf das schöne marmorne Grabmal der in Venedig 1824 verstorbenen edlen Gattin meines vieljährigen Freundes, des jetzigen Hofkammerpräsidenten Baron v. Kübeck, eine kleine Inschrift verfaßt). Zurla war bei meiner Ankunft und noch das ganze Jahr Professor der Moraltheologie im Patr. Seminär Alla Salute und bat um Erlaubnis, die nächste Vakanzzeit in Rom zubringen zu können, von wo er aber nicht wieder zurückkehrte. Nach vollendeter Visitation sandte ich einen erschöpfenden Bericht über den Zustand der Kirchengebäude, so wie über jenen des Klerus und des Volkes dem Kaiser ein, mit welchem er sehr zufrieden war. Indessen waren die Bestimmungen über die mir versprochene Entschädigung der Übersiedlungskosten, der Erkaufung einer Villa für mich und meiner jährlichen Revenuen erfolgt. Ich erhielt nebst den gewöhnlichen Revenuen des Patriarchats von 20 tausend Gulden, noch 16 tausend mehr ad personam, da mein jährliches Einkommen in der Zipß um diese Summe mehr betragen hatte. Die Villa lag an der Brenta nicht fern von Padua, wo ich bis zum Eintritt des Winters gegen die Hälfte des Monats[103] November, Sonn- und Montage ausgenommen, verweilte, da ich die beiden Tage in Venedig zubringen wollte. Wegen des Ab- und Zufahrens war die Anschaffung ein paar guter Wagenpferde unerläßlich, die mir auch sonst bei Garten- und andrer Arbeiten gute Dienste leisteten. Schon das erste Jahr meines Wirkens in Venedig war ein erfolgreiches ? obschon mit Anstrengung und harten Kämpfen verbunden; doch hievon weiter unten. Eine meiner ersten Ausflüge von Venedig war nach Chioggia, wo ich vor dreißig Jahren (J. 1792) in dem Hause des guten Felice Padovano so viel Gastfreundschaft und Wohlwollen genoß. Der Alte lebte nicht mehr, wohl aber sein Sohn, dessen Gattin und Tochter, mit der, einem vierjährigen, überaus munterem Kinde, ich mich damals den ganzen Tag über spielend beschäftigte, und die nun selbst eine glückliche Gattin und Mutter von vier schönen Kindern war. Groß war die Freude über meine Ankunft in diesem damals noch so glücklichen Hause. Ach, daß oft das Erdenglück dem schrecklichsten Jammer weichen muß! Zwei Jahre später starb diese schöne, blühende Frau ? die ich einst, als meine cara Tonina, oft Stunden lang auf den Knieen wiegte oder mich mit ihr im Garten herumtrieb ? vor Schrecken über den unvermutet erfolgten schnellen Tod ihres Gatten, und ihr Vater folgte ihr bald von Gram gebeugt in das Grab nach! Ende Juni unterbrach ich auf 14 Tage die Kirchenvisitation, und reiste über Verona und Brescia nach Mailand, um auch daselbst dem Erzherzog Vizekönig zum ersten Mal als Patriarch meine Huldigung darzubringen. Während der sechs Tage, die ich dort zubrachte, bestieg ich den höchsten Punkt des Domes, die sogenannte Guglia della Madonna und nahm die meisten Kirchen, die Bildergallerie in der Akademie alla Brera, die eiserne Krone in der Stadt Monza und den nahe anliegenden kais. Park samt dem Schloß in Augenschein. In der Bildergallerie entsprach das erste Originalwerk, das ich von Raphael sah, die Verlobung der hl. Jungfrau vorstellend, als eine Arbeit seiner Jugend meinen Erwartungen nicht. Auf der Rückreise wendete ich mich über Lodi und Piacenza nach Parma, wohin mich die Frau Herzogin, Marie Louise, sehr freundlich eingeladen hatte. Sie kam sogleich von ihrem Lustschloß Colorno nach der Stadt und ließ mich mit einem Hofwagen zum Abendessen abholen, der mir auch den folgenden Tag zur Besichtigung der Merkwürdigkeiten Parmas zu Gebote stand. Wie freudig überraschte mich ihre Huld, als man mir nach ihrem ausdrücklichen Auftrag in einem ihrer Zimmer unter den Porträten ihrer Freunde, wie sie vor mir sagte, nebst jenen aller Erzherzoge auch das meinige in einem Kupferstiche wies! Der hl. Hieronymus von Correggio, den ich in der herzoglichen Gallerie sah, wird mir unvergeßlich bleiben. Nach meinem[104] Urteil ist Raphaels Verklärung das erste, der hl. Hieronymus von Correggio das zweite, und die Assunta von Tizian das dritte Bild der Welt. Die Rückreise ging über Colorno, Casalmaggiore und Mantua, wo ich die berühmten Frescogemälde von Giulio Romano in einem wenig beachteten Zustande fand. Meine Lage hatte sich nicht ohne mancherlei Kämpfe und Widerstrebungen gestaltet. Der Kaiser hatte mir während des Mittagessens in Laibach gesagt, ich würde meinen Domherrn in Venedig eine sehr erfreuliche Nachricht bringen und sie mir dadurch schon zum voraus geneigt machen können, nämlich, daß für sie bereits eine bessere Dotation in Hinsicht ihrer jährlichen Einkünfte bestimmt sei. Kaum zwei Monate nach meiner Ankunft daselbst erhalte ich von dem dortigen Gubernium eine Zuschrift, ich möchte alles wohl erwogen einen Vorschlag machen, auf welche Weise jene Dotation ermittelt werden könnte? Ich glaubte, aus einem Traum zu erwachen, und gab dem Gubernium zur Antwort, was ich von dem Kaiser selber vernommen habe, und daß das der Landesstelle besser bekannt sein müßte, was ich als ein jüngst Eingetretener unmöglich wissen könne. Dessenungeachtet erfolgte dieselbe Aufforderung zum zweiten Male. Ich ging mit den Domherrn selber zu Rate, aber keiner wußte mir welchen zu geben. Nur der Kanzleidirektor, später mein Generalvikar, eröffnete mir in Geheim, am besten wäre es, die Einkünfte der Nove Congregazioni dazu zu verwenden. Mit diesem hatte es folgende Bewandtnis. Schon in vorigen Zeiten machten die Gläubigen von neun Pfarreien, eine jede bei der ihren, eine fromme Stiftung zur gemeinschaftlichen Erbauung bei bestimmten monatlichen Andachten, bei den Begräbnissen der Mitglieder und bei gewissen feierlichen Prozessionen, unter welchen eine war, wo der teilnehmende Klerus mit Vortragung der Fahne einer jeden der neun Kongregationen durch jene Kirche, in welcher der Patriarch öffentlichen Gottesdienst hielt, zog und bedachte sie mit ansehnlichen Summen. Diese wurden teils auf Kapitalien, teils in liegenden Gründen auf dem Festland fruchtbringend angelegt und daraus ein namhaftes Einkommen erzielt, welches dann unter den erwählten Gliedern der neun Kongregationen jährlich verteilt wurde. Nach und nach gestalteten sich diese Glieder zu einem Status in Statu, versteht sich clericali, und wurden von dem Volke als der vorzüglichere Teil des Klerus von Venedig angesehen. Sie hatten bei einer jeden Kongregation einen Vorsteher, der Arciprete hieß; hielten öfters Sitzungen, bei welchen die Rechnungen über Einnahme und Ausgabe vorgelegt und zensuriert und die Gelder unter die Glieder verteilt, endlich auch über etwaige Vergehen,[105] welche diese begingen, in Gerichtsform Strafen verhängt wurden, und sollte ein solcher straffälliger Priester selbst ein öffentlicher Lehrer oder Domherr gewesen sein. Alle ihre Verhandlungen wurden vor der Regierung und dem Patriarchen geheim gehalten. Mein Ratgeber sagte, das Einkommen der Kongregationen werde schlecht verwaltet, und manche unwürdige Glieder seien in selbe aufgenommen worden. Nach sorgfältiger Durchsicht mehrerer den Gegenstand betreffender Akten ließ ich die sogenannten Arcipreti der neun Kongregationen vereint zu mir kommen und eröffnete ihnen offen alles, was ich von selben wußte, mit der Erklärung, daß ich gesonnen sei bei der Landesregierung ihre schlecht verwalteten Revenuen zur besseren Dotation der Domherren, unter welchen mehrere auch aus ihrer Zahl in der Folge als solche beteilt werden würden, in Vorschlag zu bringen. Nach ein paar Tagen kam der damalige geistliche Gubernialrat und bereits ernannter Bischof von Padua, Modest Farina, sichtbar betroffen zu mir und beschwor mich, mein Vorhaben aufzugeben, da diese Kongregationen in ihrer Verfassung selbst unter der französischen Herrschaft unangetastet blieben, und ich mir durch diesen Schritt sicher gleich im Anfange die Abneigung der Venezianer zuziehen würde. Doch ließ ich deshalb den Gegenstand nicht fallen, und suchte die Kongregationen auf andere Weise für die Diözese nützlich zu machen; denn nachdem ihre Vorsteher nach wiederholten Aufforderungen von mir gar keine Konzessionen, obschon einige Monate darüber verflossen, machen wollten, so arbeitete ich für sie neue Statuten aus, zu deren Annahme sie auch allenfalls auf dem Wege der Regierung verhalten werden sollten. Die Hauptpunkte derselben waren 1-stens: Die Vorsteher der Kongregationen sollten künftig Rettori oder Anziani und nicht Arcipreti genannt werden, welcher Titel in der Ordnung der Hierarchie und mit der Seelsorge verbunden nur von der Anordnung des Bischofs ausgehen muß. 2-tens: dürften künftig zu Mitgliedern derselben nur solche, die als Pfarrer oder Hilfspriester dem Amte der Seelsorge obliegen, gewählt und das jährliche Einkommen zu einer besseren Dotation dieser verwendet werden. 3-tens: Wegen besserer Gebarung des Fondes und der zweckmäßigen Verteilung der Renten müßten ihre jährlichen Rechnungsausweise am Schlusse des Jahres von den betreffenden Dekanen mitunterfertigt werden. Ich hatte nämlich in den sechs Sestieri's oder Kreisen, in welche die Stadt geteilt ist, eben so viele Dekane ernannt und jedem derselben eine entsprechende Zahl von Pfarrern zugewiesen, an welche auch jene allein alle oberhirtlichen Dispositionen herabgelangten. 4-tens: Sie dürften künftig keine solchen Sitzungen mehr halten, bei welchen, wie bisher, wegen Vergehungen Strafurteile verhängt würden, indem solche Sittengerichte über den ganzen Klerus nur dem oberhirtlichen Amte zustehen. Indessen[106] sollen 5-tens die ersten Tage jeden Monats in der Wohnung des betreffenden Dekans Sitzungen andrer Art, nämlich solche, die zu Pastoralkonferenzen bestimmt würden, gehalten werden, und an diesen nicht nur sie, sondern der ganze Kuratklerus Venedigs Teil nehmen. Hiezu wurde die Einrichtung getroffen, daß drei Wochen vor jeder Sitzung aus einigen Gegenständen der Theologie, Dogmatik, Moral, Pastoral- und Ritual-Fällen von der Patriarchalkurie drei Fragen schriftlich an die Dekane zur gemeinsamen Bekanntmachung herabgegeben wurden, auf welche dann die Versammelten ihre Antworten entweder mündlich geben oder die schriftlichen laut herablesen konnten. Ich wohnte diesen Versammlungen bald an diesem, bald an jenem Orte bei, und der Beifall, den jene, die sich auszeichneten, allüberall erhielten, machte, daß das Interesse daran von Monat zu Monat zunahm, und die Nützlichkeit derselben allgemein anerkannt wurde. Auch beschloß ich, die Statuten drucken und unter sie verteilen zu lassen. Doch ehe das ganze so weit gedieh, mußte noch der letzte entscheidende Schritt geschehen. Als ich nämlich die Vorsteher der Kongregationen wegen Vorlesung und Übernahme der Statuten zu einer endlichen Sitzung zu mir beschied, und sie noch immer durch allerlei Einwendungen selbe hintanzuhalten suchten, da entbrannte ich vor Zorn, erklärte ihnen, daß ich in allem, was mein oberhirtliches Amt berühre, nicht haarbreit weichen würde und entließ sie mit den Worten, daß sie am folgenden Morgen einen schriftlichen Bescheid von mir zu erwarten hätten. Es stand in ein paar Tagen in der Kirche Alla Salute eine Feierlichkeit bevor, bei welcher ich fungierte, und die besagten neun Kongregationen während des Gottesdienstes mit ihren Fahnen durch jene ihren Durchzug halten sollten. Allein am vorhergehenden Tage erließ ich ein Dekret an sie, laut welchem wegen der mir bewiesenen Widersetzlichkeit sie jenen Umgang, der ohnedies nur ein leeres, die Andacht anderer störendes Gepränge wäre, in meiner Gegenwart nicht mehr halten dürften, und für sie die Kirchentüren verschlossen sein würden. Dies wirkte wie in unvermuteter Donnerschlag, der plötzlich aus den scheinbar harmlosen Wolken herabfährt. Bald nach der Mittagsstunde kamen ein paar der angesehensten Vorsteher von den Kongregationen abgesendet zu mir und erklärten im Namen aller, daß sie sich mit vollkommener Bereitwilligkeit meinen Verfügungen unterziehen und nach einem gemeinschaftlich gefaßten Beschluß obgedachte Statuten auf eigene Kosten würden drucken lassen. Nur möge ich jenes Dekret zurückbehalten, da das Ansehen der Kongregationen durch eine solche Maßregel bei dem Volke sehr herabsinken müßte. Der Friede war geschlossen, und die Verfügung hat sich durch ihre Nützlichkeit bewährt. Nicht mit geringen Schwierigkeiten war eine andere Aufgabe durchzuführen, die in ihren Folgen noch nachhaltiger geworden[107] ist, nämlich die Einführung der Predigten bei dem Früh- und späteren Gottesdienst in den Pfarr- und Kuratkirchen. Früher war in Venedig, wie vielleicht an anderen Orten Italiens, außer der in der Fastenzeit (Quaresima) gehaltenen Predigten und zu welchen in den Städten aus allen Teilen der Halbinsel die renomierten Prediger wie die Opernsänger gegen Entgelt berufen werden und außer solchen, die bei den festlichen Novenen täglich abends üblich sind, waren an Sonn- und Festtagen keine anderen pfarrgottesdienstlichen Predigten zu hören, so daß in der Hinsicht besonders die unteren Volksklassen ohne weiterer Belehrung blieben. Nur bei der sogenannten Dottrina christiana, Christenlehre, welche bald nach der Mittagsstunde in den Kirchen gehalten wird, und wo größtenteils nur die Jugend anwesend ist, pflegten die Katecheten in den Reihen auf- und abgehend einige erläuternde Vorträge zu halten. Ich beschloß daher, die Predigten, wie sie in den übrigen österreichischen Provinzen und in jenen des ganzen kath. Deutschlands bestehen, nämlich um 6 Uhr morgens und später um 9 oder 10 Uhr bei dem Pfarrgottesdienst einzuführen und behufs dessen die sonn- und festtäglichen Evangelien- und Epistel-Abschnitte in einem Bändchen zum Gebrauche der Prediger drucken zu lassen. Die Dekane erhielten den Auftrag, diese Anordnung dem Kuratklerus bekannt zu machen, und nun hat, was kaum zu vermuten stand, ein lange dauerndes Widerstreben von seiner Seite begonnen. Erst jene, dann die Pfarrer, einzeln oder mit mehreren vereint, kamen mit ihren mündlichen und schriftlichen Vorstellungen, mich von dem Vorhaben abzubringen. Wiederholt erklärte ich ihnen, daß die Predigt einen wesentlichen Teil des Gottesdienstes ausmachen müsse, daß sie überall von anerkanntem Nutzen sich erwiesen und besonders in Venedig für die Gondolieri, Dienstboten und die Menschen aus der mittleren Volksklasse als Unterricht in der Religion verabsäumt worden seien. Der jedesmalige Refrain auf alle diese Vorstellungen lautete immer, dies sei nun einmal dort nie Sitte gewesen, den ich aber jedesmal gehörig zurückwies. Der Druck des besagten Evangelienbuches war bereits nach der Übersetzung des Martini, Bischofs von Florenz, begonnen; da kam einer und sagte mir, die hl. Schrift ohne erklärende Anmerkungen gedruckt, würde als verboten in den Index prohib. libr. zu stehen kommen. Ich beschied sogleich zwei Professoren der Theologie aus dem Patriarchal-Seminär zu mir und trug ihnen auf, die von mir mit Rötel bezeichneten dogmatischen Anmerkungen de Martinis unter den Text einzuschalten. Dies geschah während der Faschingszeit. Als am Ende derselben die beiden Professoren mit dem ergänzten Manuskripte zu mir kamen, sagten sie lachend: »Sua Eccelenza ci ha fatto un bel Carnovale!« ? Endlich nach anderthalbjährigem Eifern kam der bezeichnete[108] Sonntag, an welchem in allen Kuratkirchen das Halten der Predigten beginnen sollte. Nur ein Pfarrer, jener von San Silvestro, gedachte noch Widerstand zu leisten; als ich ihm aber mit der Suspension drohte, da fügte er sich und wurde in der Folge einer der eifrigsten Prediger, wofür er mir öfters dankte. Das Volk war über diese neue Ordnung des Gottesdienstes allgemein erfreut, und sein aus der Fremde gekommener Patriarch rückte ihm immer näher. Amazon.de Widgets In dem Patriarchalseminär, wo neben der theologischen Klasse auch ein Konvikt für etwa 120 Zöglinge, die im selben Unterricht in den Gymnasialgegenständen, Grammatik und die Humaniora, erhielten, bestand, wurde auch manches in Hinsicht der Studien und der Vorträge vorgekehrt und die Disziplin gehandhabt. Die außer den Theologen größtenteils dem Zivilstand bestimmten Knaben und Jünglinge durften nicht mehr in geistlichen Kleidern, die sie zu Hause trugen, öffentlich erscheinen, sondern mußten weltliche Kleider von schwarzer Farbe tragen, und dies zwar nach einem bestimmten Schnitte. Der größte Teil der Eltern war mit dieser Anordnung sehr zufrieden. Noch eine sehr wichtige Verfügung für Venedig, doch anderer Art, war ich so glücklich, schon im ersten Jahre meiner dortigen Stellung zu veranlassen. Der Kaiser hatte mich in den Stand gesetzt, ein, wie man zu sagen pflegt, schönes Haus zu führen. Ich erhielt 16.000 F. Zulage (da mein Einkommen in der Zipß 36.000 F. betrug) aus der Staatskasse jährlich. Jahr aus Jahr ein waren bei mir einige Gäste, Militär, Beamte, Geistliche, Künstler und oft auch durchreisende Fremde, besonders Gelehrte, zum Mittagstische geladen, an welcher auch ein Domherr A+ + + und meine Hausgeistlichen, drei an der Zahl, teilnahmen. Gegen Ende November von meiner Villa heimgekommen, wo gewöhnlich das Heizen der Öfen begann, äußerte ich bei solcher Gelegenheit öfters, welch eine Barbarei es von Seiten der französischen Regierung gewesen sei, die verschiedenen Ämter der Justiz, als das Appellations-, Kriminal- und Landrechts-Departement mit all ihren Beamten und Amtsdienern in die herrlichen Säle des Palazzo Ducale, wo sich in allen die Meisterwerke der größten Maler vorfinden, einzuführen, denn es sei für diese nicht nur der Kerzen- und Lampendampf nachteilig, sondern es drohe diesem merkwürdigen Palast voll der reichsten Kunstschätze die gänzliche Zerstörung durch Feuersgefahr, da man in alle Lokalitäten desselben Öfen setzte, aus welchen der Rauch nur dadurch abgeführt werden könne, daß man ihn die Wände durchbohrend in eisernen Röhren von außen aufwärts steigen lasse. Bekanntlich wurden diese Räume zur Zeit der Republik nie geheizt. Nachts elf Uhr[109] desselben Tages, als ich dieses sprach, ertönt von dem Wachtschiff im Hafen ein Kanonenschuß, die große Glocke im Markusturm wird angeschlagen; ich sehe an dem ausgesteckten Zeichen, daß die Gefahr ganz nahe sein müsse; ergriff Mantel und Hut und eilte durch die Sala dei Banchetti, an welche meine Wohnung stieß, auf den Platz hinabzukommen. Auf der Treppe kam mir schon mein Domherr fast atemlos entgegen und rief: Ecco, was ich befürchtet hätte, geschieht ? in der unteren Abteilung, wo sich die Ämter der Prima Istanza (Landrecht) gerade unter dem großen Bibliothekssaal (einst die Sala del Maggior Consiglio) befinden, sei Feuer ausgebrochen. Später ergab sich's, daß ein Beamter beim Weggehen das Licht ausblies und den Leuchter in einen Kasten stellte, wo dann der glimmende Docht durch das Zuschlagen der Türe sich wieder entzündete. Auf die Piazetta hinabgekommen hörte ich oben die Fenster im Gang der Colonette einschlagen und nach Wasser! Wasser! rufen. Ich schrie dasselbe eifrig nach, munterte die haufenweis versammelte Menge zur Hilfeleistung auf, lief bald da, bald dort durch sie hin und kam einigemal dem Rande des Quais so nahe, daß mich der Domherr bei dem Mantel faßte, um mich der Gefahr des Hinabstürzens in die Lagune zu entreißen. Es war, als ob alle Anwesenden den Kopf verloren hätten; man hörte wohl wehklagen und auch Tadelworte aussprechen, aber niemand wollte Hand anlegen, Hilfe zu schaffen, obgleich oben das Rufen nach Wasser! Wasser! fortdauerte. Endlich eilte der Oberste des dort garnisonierenden Inf. Regiments mit ein paar Kompagnien Soldaten herbei und stellte sie auf der Piazetta auf. Ich bat ihn wiederholt, er möchte sie zum Löschen verwenden lasse. Auf seine Äußerung, daß das Militär bei Zivilgebäuden beim Löschen nicht Hand anlegen dürfe, nahm ich die Verantwortung auch mich, und so ließ er von den Soldaten die Gewehre und die Patronentaschen unter den Arkaden in Sicherheit bringen und sie von dem Palazzo bis zur nahen Lagune in eine Reihe stellen. Mit den herbeigeschafften Geschirren wurde aus dieser Wasser geschöpft, das aus einer Hand in die andere gegeben, über eine Leiter, die bis an die Colonette reichte, an die betreffende Stelle gelangte. Erst nach einer halben Stunde kam ein Offizier aus dem Arsenal mit ein paar Feuerspritzen und mehreren Soldaten an. Ich beschuldigte ihn, aufgeregt wie ich war, der Saumseligkeit, und da er mich in der Dunkelheit nicht gleich erkannte, so fuhr er ziemlich derb auf mich los; doch erschrak er, als ich meinen Mantel öffnete und ihm meinen Namen nannte, und wälzte die Schuld von sich ab. Um ein Uhr nach Mitternacht war das[110] Feuer gelöscht und die schrecklich drohende Gefahr beseitigt. Der Boden des großen Bibliotheksaals, unter welchem es aus den aufgehäuften Amtspapieren aufloderte, war schon so erhitzt, daß die Arbeiter Mühe hatten, sich auf demselben zu erhalten; denn der besorgte Bibliothekar, Abate Bettio, suchte durch sie wichtige Druck- und Handschriften in Sicherheit zu bringen, und bekanntlich bestehen in Venedig derlei Fußböden aus Balken und quer darauf gelegten Brettern, auf welche dann die sogenannten Terazzi (ein Gemenge von Kies, Sand, Marmorstaub, Kalk und Öl) festgeschlagen und zierlich politiert werden. ? Ganz erfüllt von dem Schrecken der vergangenen Nacht machte ich am folgenden Morgen darüber dem Kaiser einen langen Bericht und bat ihn, daß er die Staatsämter wegen der unvermeidlichen Heizung im Winter aus dem Palazzo Ducale entfernen und ihn vor solcher Gefahr für immer schützen wolle. Ich schlug zugleich für jene die vorhandenen Lokalitäten vor, nämlich für die Appellation-, Landrecht- und Religionsfond-Ämter die sogenannten Fabbriche in der Nähe der Rialto-Brücke, die schon zur Zeit der Republik zu öffentlichen Ämtern gedient hatten, in neuerer Zeit aber, an zahllose Parteien zu Zinswohnungen stückweise vermietet, der gänzlichen Zerstörung immer näher gebracht wurden; für das Kriminalgericht wies ich ein hinter den berühmten Prigioni (Gefängnisse) liegendes, dem Staate gehöriges Haus an. Ich führte ihm besonders zu Gemüte, welch ein unersetzlicher Verlust die Vernichtung dieses herrlichen Palastes voll Meisterwerke aus früheren Jahrhunderten durch Feuer wäre; wie man durch ganz Europa ein Geschrei gegen die österreichische Regierung erheben würde, selbe nicht durch frühere Maßregeln verhindert zu haben, und bat vor allem um eine baldige Entscheidung, da die gefahrdrohende Winterszeit herannahe, und vorerst schon während diesem keine Öfen mehr im Palazzo Ducale geheizt werden sollten. Ich hielt den getanenen Schritt vor aller Welt geheim, weil ich voraussah, daß viele damit wegen der Entfernung von dem geliebten Markusplatz und Wohnungsveränderungen nicht zufrieden sein würden. Doch was erfolgte? Nach ein paar Wochen kam ein scharfer Befehl von dem Kaiser an das Gubernium, daß in Folge der letzten Feuergefahr sogleich alle Öfen aus dem Palazzo Ducale geschafft werden sollten, daß obgesagte Ämter aus demselben entfernt in den Ärarialgebäuden der Fabbriche Platz fänden, und deswegen in kürzester Zeit Bauüberschläge gemacht und alle Vorbereitungen zur schleunigsten Ausführung getroffen werden müßten, die Allerhöchste Genehmigung würde ohne Verzug erfolgen. Und so geschah's. Schon im nächstfolgenden Jahre war das Appellationsgericht am Rialto untergebracht, und ein Jahr später folgten die anderen, zuletzt wurde dort die Domänenadministration und hinter den Gefängnissen das Kriminalgericht[111] mit dem gehörigen Lokale versehen. Nur die Börsenhalle verblieb in den unteren Räumen des Palazzo Ducale, wo keine Heizung nötig war. Daß ich dies alles veranlaßte, blieb noch immer dem Publikum verborgen, bis es endlich der Kaiser selber scherzend verriet, als im folgenden Jahre nach dem beendigten Kongreß von Verona der Kaiser Alexander nebst einigen anderen Landesfürsten in Venedig zum Besuch erwartet, und ihnen ein feierlicher Empfang bereitet wurde. Zu Fusina am Ufer der Lagune erwartete der Kaiser in einem eilig errichteten Pavillon, von mehreren Adeligen und den höchsten Autoritäten Venedigs umgeben, von der Nachtstation Strà, dem herrlichen Lustschlosse, seinen Gast, K. Alexander, und unterhielt sich abwechselnd mit den Anwesenden. Plötzlich kam er auf mich zu, der ich mich dort mit einigen Herrn besprach, und fragte, von was unter uns die Rede sei? »Vom Palazzo Ducale« ? war die Antwort. »Wissen Sie«, sagte er zu diesen, »wem Sie es zu verdanken haben, daß er von nun an vor Feuersgefahr sicher sein wird? Dem da« ? indem er mit dem Zeigefinger auf mich wies ? »der hat mir weiter keinen scharfen Brief geschrieben!« (»M'ha scritto una lettera forte!«) ? Dann hieß es wohl öfter: Man hätte sich's ohnehin gedacht! ? Abate Bettio schrieb einige lateinische Distichen auf den Retter des Markuspalastes, die sich unter seinen Schriften vorfinden müssen. J. 1822. Nach einem überaus milden Winter, während welchem ich obbesagte Diözesan-Angelegenheiten zur Reife brachte, unternahm ich im nächsten Frühjahr in Gesellschaft des Arciprete Lorenzo Crico, später Domherrn von Treviso, eine kleine Reise durch die Provinz nach Bassano und Possagno, um dort den Bau von Canova's Tempel und was links und rechts am Wege von Kunstsachen zu sehen war, in Augenschein zu nehmen. Über Canova's Tempel und Museum werde ich später Gelegenheit haben, zu sprechen. L. Crico gab dann über diese Fahrt sein Werkchen »Viagetto pittorico« heraus. Gegen Ende Juni machte ich mich auf, über Valsugana, Trient und Innsbruck in die Bäder von Gastein zu reisen. Als ich hinter Trient nach mehr als anderthalb Jahren wieder in das erste deutsche Dorf kam, ringsum wieder Berge und Tannen und Wildbäche wie in Österreichs Gebirgen ersah, und insbesondere jetzt das erste Mal das teure Land meiner Voreltern betrat, da wurde es in mir rege; es sang und klang alles um mich her, und ich fühlte mich so überselig, daß ich jeden Baum am Wege in der Freude meines Herzens hätte umfassen mögen. So konnte es nicht lange bleiben. Ich ahnte es, ein bedeutender Augenblick meines Lebens sei nun wieder gekommen. Ich suchte in meiner Rocktasche nach[112] einem reinen Blatt Papier, ergriff das Reisblei und entwarf den Plan zu einem neuen Epos ? zu »Rudolph von Habsburg«, zu welchem ich schon vor einiger Zeit die nötigen historischen Notizen gesammelt und laut meiner obigen Äußerung (S. 97) bereits das ganze Werk im Geiste entworfen hatte. Nach etwa fünf Tagen, an jenem meiner Ankunft im Wildbad, war ich mit dem 1-sten Gesange fertig; der 2-te ward daselbst niedergeschrieben; der 3-te kam auf der Rückreise bis Wien und der 4-te von dort bis Venedig zu Stande. Ich dachte mir, zwei folgende solche Jahre und Reisen ? und ich bin am Ziele! ? Doch bald nach meiner Heimkunft fuhr ich am Schlusse des Kongresses zu dem Kaiser nach Verona, wo er sich noch mit den übrigen Monarchen befand. Im Vorsaal kam ich mit dem französischen Gesandten und seinem Begleiter, dem berühmten Chateaubriand, zusammen. Dieser war sehr einsilbig und machte durch sein Äußeres wenig Eindruck; mich freute übrigens, ihn gesehen und gesprochen zu haben, da er mir durch seine Schriften schon lange wert geworden war. Der freundliche Empfang, der mir am Abend desselben Tages bei dem Kaiser ward, erfreute mich umso mehr, da ich ihm eine Angelegenheit von ganz besonderer Art vorzutragen hatte. Gegenüber meiner Villa am rechten Ufer des Brenta-Kanals, an welchem die berühmten Villegiaturen des vormaligen venezianischen Adels lagen und der Padua mit der Lagune verbindet, lebte damals der beinahe siebzigjährige Marchese Manfredini, vormals österreichischer, im letzten Türkenkriege öfters mit Ruhm genannter General, Inhaber eines k.k. Inf. Regiments, Maria-Theresia-Ordens-Ritter, Großkreuz des österr. Leopold-Ordens und k.k. wirkl. Geheimer Rat. Am toskanischen Hofe war er früher Erzieher der Erzherzoge Franz (nachmals Kaiser), Ferdinand, Karl und Johann und später Minister des Großherzogs Ferdinand. Daß er diesen vermochte, in dem Kriege gegen die französische Republik der erste zu sein, der sein Land für neutral erklärte, zog ihm den Unwillen der übrigen koalierten Fürsten zu, in Folge dessen er dann auf einige Zeit nach Sizilien in das Exil wandern mußte, was sein Gemüt für immer mit einem tiefen Unwillen erfüllte. Zurückgekehrt lebte er im Privatstande auf seinen Besitzungen in der Provinz von Padua. ? Zur Zeit, als der Kaiser Napoleon mit seinem Heere gegen Wien vorrückend das bekannte Manifest erließ: »Les Princes de Lorrain ont cessé de regner« etc., berief er durch eine Estafette den Marchese Manfredini nach Wien, um sich mit ihm wegen der Teilung der österreichischen Monarchie besonders in Hinsicht Ungarns zu besprechen. Er sprach sich abratend ganz kurz aus und kehrte in größter Eile wieder heim. Dort ? dies habe ich alles aus seinem Munde ? machte er den nicht genug erwogenen Schritt,[113] dem Kaiser Franz Dienst, Rang, Orden und Titeln heimzusagen, damit er in voller Unabhängigkeit sich weder undankbar gegen ihn, noch ungehorsam gegen den K. Napoleon, der ihn zum Senator bei der ital. Regierung zu ernennen gedachte, erweisen möge. ? Es ist leicht zu erachten, welch unangenehmen Eindruck dieser Schritt seines vormaligen Erziehers auf den Kaiser Franz machen mußte und zu welch verschiedenen Vermutungen er über dessen Ursache allenthalben die Veranlassung gab. Die meisten glaubten, daß er dadurch bei dem K. Napoleon eine höhere Stellung zu erlangen gesucht habe, was er vor mir wiederholt feierlich in Abrede stellte. Als nun im J. 1816 nach Wiedererlangung des lombardo-venezianischen Königreiches der Erzherzog Johann abgesendet wurde, die Huldigung der venezianischen Provinzen im Namen des Kaisers in Venedig entgegenzunehmen, und Manfredini sich unüberlegterweise den Deputierten der Provinz Padua als Landbesitzer beigesellen wollte, so fand es der Erzherzog nötig, ihn davon auszuschließen ? ohne Zweifel infolge des obbesagten Schrittes. Dies tat ihm besonders wehe, da er dadurch in der Meinung des Publikums, bei welchem er wegen seiner vielen Verdienste und guter Eigenschaften in hoher Achtung stand, verlieren mußte. Umso mehr zog er sich immer mehr zurück und kam nie wieder nach Venedig. Kaum hatte ich mich nach der vollendeten kan. Visitation auf meine Villa an der Brenta begeben, so kam Manfredini auf Besuch zu mir herüber. Ein Mann von seinen ausgebreiteten Kenntnissen, seiner Welt und Menschenkenntnis, seiner einstigen hohen Stellung, in welcher er mit den meisten Monarchen Europas und mit den ausgezeichnetesten, in jedem Fach eminenten Männern seiner Zeit in Briefwechsel stand, und von so heiterem Humor wie er mußte eine reiche Quelle der interessantesten Unterhaltungen darbieten. Wir hatten uns wechselseitig recht bald liebgewonnen; wieder ein Beweis, daß mir der Umgang mit ausgezeichneten Militärs besonders zusagte. Seitdem kam er öfters zu mir her ? ich zu ihm auf seine herrlich ausgestattete Villa hinüber meistens zum Mittagessen, wobei uns häufig Abate Moschini, Professor im Patriarchalseminär in Venedig und später Domherr von San Marco, ein gebildeter, jovialer, von dem ganzen alten venezianischen Adel hochgeschätzter Mann, eigens geladen Gesellschaft leisten mußte. Abate Moschini war Herausgeber einiger Jahrgänge des Wegweisers zu den Kunstgegenständen Venedigs, und da Manfredini selber eine auserlesene Sammlung von Gemälden aus allen Schulen Italiens und eine noch auserlesenere von Kunststichen besaß, so gab auch dies alles einen unerschöpflichen Stoff zu unsern gemeinschaftlichen Besprechungen. Als Manfredini erfuhr, daß ich mich zu dem Kaiser nach Verona begeben wolle, so kam er zu mir und schüttete einen[114] Wunsch seines Herzens vor mir aus. Keineswegs ? sagte er ? könne es ihm beifallen zu erwarten, daß ihm der Kaiser seine vorigen Titeln und Ehrenzeichen zurückstellen werde; aber er wünsche, im Bewußtsein der Gnade seines guten Herrn zu sterben, und würde es als ein Zeichen derselben ansehen, wenn ihm der Kaiser ? etwa sein Portrait in Brillianten gefaßt übersenden möchte, damit er es öffentlich auf der Brust tragen könnte. ? Nachdem ich dem Kaiser in der Abendaudienz in Verona, die er mir bestimmte, um, wie er sagte, länger mit mir sprechen zu können, über Amtsgegenstände referiert hatte, brachte ich ihm die ehrfurchtsvollen Empfehlungen Manfredinis vor; sagte ihm, in welcher nahen Berührung ich öfters mit ihm lebe und bemerkte, daß ich bei einer solchen Gelegenheit unter seinen vielen wichtigen Briefen einen durch weiland Kaiser Joseph II. an ihn als seinen damaligen Erzieher geschriebenen gelesen hätte, den ich etwa nach Manfredinis Ableben nicht gerne in jedermanns Händen sehen möchte und darum hoffe, daß er ihn auf mein Zureden Sr Majestät durch mich werde zusenden lassen. Der Kaiser sagte, ich soll es versuchen ? im Fall er es aber nicht zu tun gedächte, so möge er ihn behalten! Nach einer kurzen Pause trug ich ihm den Wunsch Manfredinis in Hinsicht der Auszeichnung vor, worauf er aber ganz rasch antwortete, das könne nicht geschehen! Fast wehmütig fuhr ich fort, er habe ja auch dem Fürsten Auersberg (der im J. 1805 den Franzosen die Donaubrücke bei Wien übergab) und dem General Mack, welche beide durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt wurden, Verzeihung angedeihen lassen. »Ja, sehen Sie«, sagte er, »die beiden haben Fehler begangen und für diese haben sie Verzeihung erhalten können; aber Manfredini war in nichts beschuldigt, und so kann auch von keiner Verzeihung die Rede sein. Er hat alles, was er an Rang, Titeln und Ehrenzeichen von mir erhielt, zurückgestellt ? ich kann ihm nichts weiter geben. Übrigens«, setzte er mit großer Wärme hinzu, »schätze ich ihn hoch, denn ich habe ihm viel ? ja, alles ? die guten Grundsätze, die ich habe, zu verdanken«. ? Der Mensch macht sich oft Illusionen! Ich hatte, obgleich in harmloser Absicht, vor der Darlegung der Manfredinischen Bitte des Briefes von Kaiser Joseph II. Erwähnung getan und hoffte, daß das Darauffolgende leichteren Eingang finden würde, allein der Kaiser stand mit seinem geraden Sinn immer auf einem Isolierschemel, auf welchem ihm nicht leicht beizukommen war! Übrigens habe ich bei meiner Heimkunft den besagten Brief aus den Händen Manfredinis sogleich erhalten und ihn dem Kaiser noch nach Verona zugesendet. Höchst angenehm war es dann für mich das Lob, welches der Kaiser ihm spendete, allenthalben bekannt zu machen, wodurch er wieder in der Achtung des[115] Publikums mehr gewann, als er im J. 1816 als seinwollender Deputierter verloren hatte. ? Auch empfing ihn der Kaiser in einer angesuchten Privataudienz später in dem kaiserlichen Lustschloß Strà auf das freundlichste, setzte sich mit ihm auf ein Kanapee nieder und sprach über eine Stunde mit ihm ? meistens von seinen Kindern, von welchen er mit ihm, seinem gewesenen Erzieher, am füglichsten sprechen konnte. Als aber Manfredini zitternd und mit Tränen in den Augen über den einstigen unseligen Schritt einige Entschuldigungen vorbringen wollte, da stand er auf, ergriff mit den Worten seine Hand: »Lassen wir das gut sein ? jene Zeiten sind vorüber!« ? und führte ihn so an der Hand bis in den Vorsaal hinaus, wo er ihn im Angesicht der dort Anwesenden auf das gnädigste entließ. Ich führe dies alles an, weil es, glaube ich, zur Charakteristik des guten Kaisers Franz gehört. In Verona verweilte ich nur ein paar Tage und merkte auf der Rückreise sogleich, daß die Zeit der Weihe noch nicht vorüber war; ich griff daher wieder zu meinen Schreibrequisiten, und der 5-te Gesang war in unglaublich kurzer Zeit, nämlich von Verona bis Padua, vollendet. So ging es dann auf meiner Villa an der Brenta bis gegen Ende November und in Venedig den Winter über in den Abendstunden fort, und mir waren im Beginn des Frühjahrs nur noch zwei Gesänge zu vollenden übrig. J. 1823. (Dies schrieb ich Ende August 1846 in Karlsbad!) Am zweiten Osterfeste des J. 1823 brach ich in Gesellschaft des gelehrten jungen Abate Ant. Rosmini von Rovereto, der sich später durch mehrere Druckschriften theologischen und philosophischen Inhalts ausgezeichnet hatte, nach Rom auf. Die Reise dauerte fünf Tage über Ferrara, Bologna, Senigállia, Ancona, Loretto, Tolentino und Foligno, und jener konnte sich nicht genug verwundern, daß ich links und rechts an der Straße alles während der Fahrt beobachtete, darüber sprach, dann wieder fortschrieb und kurz vor den Toren der Weltstadt Rom den 11-ten Gesang meines »Rudolphs von Habsburg« zu Ende brachte; der 12-te und letzte kam auf der Rückreise zu Stande. ? Den dritten Tag nach meiner Ankunft führte mich der k.k. Botschafter, Graf Apponyi, bei Seiner Heiligkeit Pius VII., dann bei dem Staatssekretär Kardinal Consalvi und bei dem Dekan des Kard.-Kollegiums, Grafen Somaglia, feierlich auf. Bei noch anderen zweiunddreißig Kardinälen machte ich die Visiten im Verlauf von zwei Tagen, um in denen mir noch übrigen zweiundzwanzig Tagen alle Merkwürdigkeiten Roms gehörig besehen zu können. Nur zwei Kardinäle nebst den beiden erstgenannten, den Gran Penitenziere Grafen Castiglioni, nachmaligen Papst Pius VIII, und[116] den Fürst Odescalchi, habe ich noch ein paar Mal besucht. Den ersten Morgen nach meiner Ankunft ging ich zuerst zu unserem Botschafter und von ihm sogleich in die Peterskirche. Nur wenige Dinge hatten bisher meine Vorstellungen von ihnen übertroffen ? diese Kirche aber vor allen. Ich habe sie siebenmal besucht und zwar zu verschiedenen Stunden des Tages, selbst in jener, als sie vor einbrechender Nacht geschlossen ward, sah das Colosseum wiederholt bei Tageslicht und im Mondschein und Maria Rotonda, das vormalige Pantheon, öfter; aber was sind diese weltberühmten Gebäude gegen die Peterskirche gehalten! Nur die Befangenheit kann zu einem anderen Urteile führen. Ich stand auf der höchsten ersteigbaren Höhe der Peterskirche, zeichnete dort, weil man es verlangte, meinen Namen in das Fremdenbuch ein und durchwanderte außer der Stadt die unterirdischen Räume der Katakomben. Den Vatikan mit seinen Kunstschätzen besuchte ich viermal. Ich will die vielen Beschreibungen der Merkwürdigkeiten Roms nicht durch die meinige vermehren; aber über einen Gegenstand will ich mich hier äußern ? über die berühmte Verklärung Raphaels. Man sagt, diesem Meisterwerke fehle die Einheit in der Komposition ? es enthalte deren zwei. Aber nachdem ich es einige Zeit schweigend betrachtet hatte, dachte ich mir, wie konnte man dem Raphael im Kulminationspunkte seiner Künstlergröße einen solchen Mißgriff zumuten? Der Heiland wird auf dem Berge Tabor vor dreien seiner Schüler verklärt; Moses und Helias schweben ihm zur Seite; in gehöriger Entfernung knieen ein paar anbetende Leviten ? sein hohes, königliches Priestertum andeutend. An sich ein unfruchtbarer Gegenstand auch für den ersten aller Maler, wenn nicht ein anderer damit in Verbindung gebracht werden konnte. Am Fuße des Berges sind die übrigen Aposteln beschäftigt, einen besessenen Jüngling, für welchen Vater und Schwester dringend um Hilfe flehen, zu heilen; aber so eifrig auch einer und der andre selbst in den heiligen Urkunden nach einem Heilmittel zu forschen scheint, so hat doch nur jener aus ihnen den rechten Punkt erfaßt, der da mit seiner erhobenen Hand nach dem Berge hinaufdeutet ? und die Einheit in der Konzeption des Künstlers wird uns klar, denn er sagt: Jener dort, der im Strahl der Gottheit sich enthüllt, ist der alleinige Helfer ? er hat Macht auch über die Geisterwelt ? seine Verklärung offenbart den Sieg über jene des Satans. Nunc judicium est mundi, nunc Princeps hujus mundi ejicietur foras. Joan. XII. Cap., 31. V. Wahrlich, der höchste, erhabenste Gegenstand für ein Gemälde, den nur der himmlische Genius eines Raphael erfassen konnte. Diese Idee hat C. Zurla zu einem Aufsatz benützt.[117] Bei meinen täglichen Ausflügen hatte ich gewöhnlich A. Weissenburg, einen Architekten aus Norddeutschland, der einige Aufsätze über meine Werke in Oken's Isis einrücken ließ, und den 73jährigen berühmten Dichter Friedrich oder Maler-Müller, der durch seinen Faust und Genoveva sowohl Goethe als Tieck das Vorbild gab, zu Begleitern. Müllern erging's, wie mehreren deutschen Künstlern ? sie kommen in jüngeren Jahren der Studien wegen nach Rom, können sich von ihr nicht mehr trennen und beschließen ihr Leben daselbst. Auch der nachmalige Kardinal Zurla zur Zeit, als ich nach Venedig kam, noch Prof. der Theologie im Patr. Seminär daselbst, war dabei häufig an meiner Seite. In dem Kamaldulenser-Kloster S. Gregorio, wo Mauro Capellari (Papst Gregor XVI.) der erste und Zurla der zweite Abt war, besuchte ich jenen einige Mal, und er hat mir sein Wohlwollen bis zu seinem Tode bewahrt ? eine der ehr- und liebenswürdigsten Persönlichkeiten der Welt! Der deutschtümlerischen Maler-Schule in Rom konnte ich keinen Geschmack abgewinnen, und alles, was ich später daraus in München sah, hatte mein Urteil nur bekräftigt. In der Umgegend von Rom besuchte ich Frascati, Tivoli, Castel Gandolfo, Albano und die Paulskirche, die noch damals in ihrer ganzen altertümlichen Schönheit prangte. Der ehrwürdige Papst Pius VII. empfing mich viermal bei sich, wo ich jedesmal über eine Stunde an seiner Seite saß und die interessantesten Gespräche, während welcher er mich immer bei der Hand hielt, über seine früheren Schicksale aus seinem Munde vernahm. Hier nur einiges davon. Da ich über die erste Besetzung Roms durch den französischen General M(iollis) und sein und des Papstes Benehmen mancherlei vernommen und es ihm fragend vorgebracht hatte, so berichtigte er es dahin. Nachdem der General M(iollis), weil der Papst seine ersten Forderungen vom Entsagen der weltlichen Herrschaft usw. zurückgewiesen hatte, vor seine Fenster mehrere Kanonen aufführen und diese gegen sie richten ließ, so zog er seine Fensterbalken zu ? nicht aus Furcht, sondern um ihm zu zeigen, daß er seine Drohungen nicht achte. ? Ein paar Tage später trat dieser abermals vor ihn und nachdem er in einer langen Rede viel von Verehrung gegen den Hl. Stuhl und ihn gesprochen hatte, so faßte ihn der Papst am Arme, führte ihn rasch nach der Türe und sagte ihm dort, er wisse wohl, welchen Grund diese Ehrfurchtsbezeugungen hätten; ein Beweis davon sei der gewesen, daß er die Kanonen gegen seine Wohnzimmer habe aufführen lassen; er wünsche wohl, daß er ein guter Katholik sei, wie er es von sich gerühmt hatte; indessen werde er für ihn zu Gott bitten. Dann machte er ein Kreuz über ihn und öffnete ihm die Türe. Alle, die im Vorsaal gegenwärtig waren, behaupteten, daß der General ganz verstört herausgetreten sei.[118] Als er als Gefangener über den Berg Simplon von Grenadieren in einer Sänfte getragen wurde, war er schon früher krank dem Tode nahe, weswegen er sich unterwegs mit den hl. Sterbesakramenten versehen ließ. Oben im Markt Simplon angekommen stellten ihn die Grenadiere mit der Sänfte in eine Wagenremise und sperrten sie zu. Doch kam rückwärts ein altes Weib zu ihm herein und trug ihm weinend etwas Suppe an. Er aber erbat sich nur ein paar weichgesottene Eier von ihr. Von Napoleon sprach er überaus gerne. Als er zur Zeit, da der Kaiser aus dem russischen Vernichtsungskriege nach Hause kam, in Fontainebleau krank lag, so kam er zu ihm, setzte sich vor sein Bette und erzählte ihm all seine Unfälle so, als ob sie einen dritten betroffen hätten. Sprach er über geistliche Angelegenheiten, und der Papst war ihm in einem und dem anderen entgegen, so stampfte er wütend den Boden ? gleich darauf war er aber wieder ganz freundlich gegen ihn. Lächelnd sagte er dann zu mir: »Era in fondo un buon uomo!« Wie hell und weise er dachte, erhellt auch aus Folgendem: Als ich ihm sagte, in Venedig gehört zu haben, wie mein Vorfahrer, Patriarch Giovanelli seligen Andenkens im Konklave J. 1800, in welchem er zum Papst erwählt ward, nach S. Giorgio Maggiore zu ihm kam, sich ganz erblindet auf die Kniee niedergelassen und ihm seine Erwählung prophetisch vorausgesagt habe. Er wendete sich mit kleinem Kopfschütteln lächelnd zu mir und sagte: »Nein, nein, so war es nicht; er äußerte nur wiederholt den Wunsch, daß die Wahl auf mich fallen möge.« Als ich ihm beim Abschiede voll Rührung gestand, wie glücklich ich mich für immer schätzen werde, daß ich ihm persönlich meine Verehrung habe bezeugen können, erhob er sich von seinem Armstuhle, breitete seine Arme gegen mich aus und sagte: »Auch mich freut Ihre Bekanntschaft sehr; geben Sie mir einen Kuß ? wir sind Brüder! Mi dia un bacio ? siamo fratelli.« (Als Bischöfe oder Klostergeistliche? Wir waren beides). Mir stürzten die Tränen aus den Augen. Nie werde ich diese Szene vergessen. Kardinal Consalvi, dieser höchst interessante Mann, kam vor meiner Abreise noch um zehn Uhr abends zu mir und hätte mich gerne beredet, noch einige Tage länger in Rom zu verweilen; allein die Pfingstfeiertage riefen mich nach Hause. Im Rückweg fuhr ich abermals über Terni, um den berühmten Wasserfall zu sehen, dann über Perugia nach Florenz. Der damalige Großherzog Ferdinand lud mich sogleich zur Tafel, und ich[119] brachte drei vergnügte Tage in dieser herrlichen Stadt in der Besichtigung der auserlesensten Kunstschätze zu. Hier und später in Bologna bekräftigte sich mein Urteil über Raphael und seine unübertrefflichen Schöpfungen, welche die Deutschtümler übertreffen zu können glauben, wenn sie in den Bildern der alten deutschen Meister und jener vor Raphael trotz der steifen Perücken der Engelsköpfe und ihrer schleppenden Gewänder und trotz der dünnen Beine und Arme des gekreuzigten Heilands, Johannes des Täufers und noch anderer Heiligen und des altdeutschen Kostüms Mariä und der übrigen Frauen mehr Ausdruck, Wahrheit, Unschuld und weiß Gott was noch alles in den Physiognomien und Stellungen gefunden haben. Mit Recht sagt Goethe von ihnen: »Raphael und seine Zeitgenossen waren aus einer beschränkten Manier zur Natur und Freiheit durchgebrochen. Und statt daß jetzige Künstler Gott danken und diese Avantagen benützen und auf dem trefflichen Wege fortgehen sollten, kehren sie wieder zur Beschränktheit zurück. Es ist zu arg, und man kann diese Verfinsterung der Köpfe kaum begreifen.« ? Ich konnte Männer wie Overbeck und Cornelius nur bedauern. Kaum war ich in Bologna angelangt, so kam Kardinal Spina zu mir in den Gasthof und lud mich für den folgenden Tag zum Mittagessen, wo ich auch den berühmten, sprachkundigen Abate Mezzofanti kennenlernen sollte. Indes sah ich ihn schon morgens in der Bibliothek und fand das Gerücht von seinem sonderbaren Talent vollkommen bestätigt, denn er sprach mit mir anfangs italienisch, dann ganz geläufig ungrisch, deutsch und französisch und mit meinem Sekretär polnisch, so daß ich seiner Versicherung, er spreche zwanzig lebende Sprachen, gerne Glauben beimaß. Vor Ferrara kam mir der Legat, Kardinal Arezzo, mit einem Galawagen und einigen berittenen Dragonern entgegen und holte mich also in seinen Palast ein. Diese Ehrenbezeugungen sowohl in Bologna als auch hier waren großenteils die Folge vorausgekommener Gerüchte, daß ich, ein Liebling des Papstes, nächstens mit dem Purpur bekleidet werden würde. Selbst Zurla hatte mir einige Male die Kunde davon gebracht. Man wußte aber nicht, daß ich vor dem Gran Penitenziere, Kard. Castiglioni, der nach Auftrag mit mir zweimal davon sprach, mich auf das bestimmteste dagegen erklärt hatte. Ariostos Nachlässe und Tassos zweifelhafter Kerker waren bald besehen. Und so kam ich wohlbehalten und überaus vergnügt über die freundliche Aufnahme, die mir allenthalben ward, über all das Schöne und Herrliche, das ich gesehen hatte, und seelenfroh,[120] daß mir auf dieser Reise die Vollendung meines Gedichtes gelang, in meinem lieben Venedig wieder an. Besagtes Gedicht wurde im folgenden Jahre unter dem Titel »Rudolph von Habsburg«, Heldengedicht in 12 Gesängen bei Anton Strauß in Wien zum ersten Mal und zwei Jahre später zum zweiten Mal gedruckt und von der Karl Beck'schen Buchhandlung in Verlag genommen. Das Manuskript davon auf einzelnen mit Reisblei beschriebenen Blättern befindet sich mit Ausnahme des 1-sten Gesanges, der auf ungleichen Blättchen während des Abschreibens verloren ging, in der Bibliothek des Patr. Seminärs in Venedig, da mich der damalige Bibliothekar, Abate Moschini, darum ersucht hatte. Den 12-ten Gesang nahm H. Buchhalter Lacher nach Graz mit, von dem er zurückzufordern wäre. Der Vorzug, den ihm viele vor der »Tunisias« einräumen, mag wohl auf nationalen und lokalen Rücksichten beruhen. Freiherr von Merian-Falkach, russischer Staatsrat in Paris, rief sogar in die Welt hinaus, in ihm hätte ich das deutsche Epos vollbracht und alles überflügelt, was nach Homeros gekommen. Wollte Gott, es wäre so! In diesem Jahre stieg das durch den Sturz mit dem Reisewagen (J. 1821) erzeugte Unbehagen, welches mich besonders am anhaltenden Sitzen hinderte, stets höher, und in Gastein, wohin ich nicht lange nach meiner Zurückkehr von Rom notgedrungen reisete, von dem dortigen geschickten Arzt Dr. Storch untersucht fand es sich, daß meine ledierte Rippe durch eine zunehmende lymphatische Geschwulst Gefahr drohe. Er wies mich auf der Rückreise nach Venedig in Wien an geschicktere Ärzte, als er sei, an, welche Äußerung mir großes Bedenken machte. In Kemmelbach fand ich ein kleines Zettelchen auf der Post, welches mich nach Persenbeug, dem jenseits der Donau liegenden Lustschloß des Kaisers zum Mittagessen lud. Es war mir um so erwünschter, da ich von dem indessen verstorbenen Papste der Kaiserin einen schönen Kunststich die Madonna vorstellend als Andenken zu übergeben hatte. Lachen mußte ich heimlich, als der Kaiser bei Erwähnung des Geschenkes zu mir sagte: »Stellen Sie sich vor, der arme Teufel (im Volksdialekte ein Ausdruck des Bedauerns) hat sich den Schenkel gebrochen und ist bald darauf gestorben.« Er sah mich bei diesen Worten innig betrübt an. Er pflegte, mit seinen Untertanen immer im Volksdialekt zu sprechen. In Wien unterwarf ich mich der chirurgischen Behandlung durch den berühmten Stabsfeldarzt Dr. Wehring, der mich zwar durch angewendete zahlreiche Blutegel von meinen Schmerzen großenteils frei machte, aber versicherte, daß diesem Übel[121] schwerlich mehr ganz abzuhelfen sein würde, und wirklich hatte ich im folgenden Jahre wiederholt ärztlicher Hilfe nötig. J. 1824. Schon im Monat Februar mußten wegen der Anschwellung der Rippengeschwulst fünfmal Blutegel angewendet werden, um mir das Atemholen zu erleichtern. Gleich darauf kam ein furchtbares Übel zum Vorschein ? die Zona Galeni, Gürtelbrand, eine rotlaufartige Entzündung, die sich halbseitig von dem Nabel bis zum Rückenmark erstreckt, zwar nicht tödlich ist, aber unsägliche Schmerzen verursacht. Ließ ich mich auf dem Bette nieder, so glaubte ich in Flammen zu liegen; daher ging ich mehrere Tage und Nächte hindurch in meinem Zimmer stöhnend auf und nieder und wußte jeden Augenblick, was auf dem Markusplatz vorging. Die Ärzte versicherten, es sei kein Mittel dagegen wirksam ? non c'è altro che pazienza ? bis es nach und nach austobt ? und so ward es auch! Früher als sonst machte ich mich von meiner Villa an der Brenta auf die Reise nach Gastein auf und kam in kleinen Tagereisen im Wagen liegend am siebenten Tag daselbst an. Der Arzt erschrak über mein Aussehen und sagte, es noch nie so schlecht gefunden zu haben; indessen diente mir Gastein auch diesmal zu einer bedeutenden Erholung. Nun etwas über diesen berühmten Kurort. Das ursprüngliche Wildbad liegt in einer engen, von einem großen Wasserfall fort und fort dröhnenden Gebirgsschlucht und bietet nur wenig Raum mehr dar, die dortige Badeanstalt auf eine genügende Art zu erweitern. Es gab sowohl unter der kön. bayerischen, als auch später unter der kais. österr. Regierung verschiedene Projekte hierüber, da außer dem Schloß, das der letzte Fürsterzbischof Colloredo für sich zu einem Badehause erbaute, Kaiser Franz I. aber es im J. 1807 zum Gebrauche des Publikums überließ, der über 300 Jahre alten Straubinger Hütte und dem Mitter- und Grabenwirtshause nur noch einige zur Aufnahme von Badegästen brauchbare Häuser sich vorfanden und zu jener Zeit, als ich im J. 1817 zuerst hinkam, kaum 130 Kurgäste während der ganzen Badesaison daselbst Aufnahme finden konnten, weswegen im In- und Auslande häufige Klagen erhoben wurden. Schon im vorigen Jahre (1823) trug mir der Kaiser auf, ihm auch eines vorzulegen, da ich, wie er sagte, nach öfterem Besuchen desselben es am füglichsten tun könnte. Ich war lange für das kön. bayerische Projekt, das unterhalb liegende mit einer hübschen Kirche versehene Dörfchen St. Nikola, wo mehrere geräumige Wohngebäude erbaut werden konnten, durch eine Röhrenleitung des Wassers mit der oberen Badeanstalt zu verbinden; da ich aber an der entgegengesetzten Seite des Tals bemerkte, daß der ganze Boden, worauf es stand, ein von dem Felsenkern des Zehner-Kogels[122] herabgeschobenes Erdreich sei, welches bei großen Elementarzufällen noch leicht in die Tiefe der Gasteiner Ache hinabrollen könnte, so entschied ich mich, den Markt Hofgastein in Vorschlag zu bringen, der ungefähr eine Stunde Weges vom Wildbad entfernt unten in einem breiten Talgrund liegt und mit einer schönen Kirche, Schule, dem k.k. Pfleggericht, zahlreichen Häusern und Handwerkern aller Art versehen ist, folglich alles darbietet, was bei einer Kuranstalt erfordert wird, wenn es nur gelänge, das Quellwasser warm genug hinabzuleiten. Das war demnach die Aufgabe. Ich ließ durch den kais. Werkmeister Gaintschnig von Lend die nötigen Erhebungen machen, nivellieren, zeichnen und Kostenüberschläge verfertigen und brachte alles dem Kaiser nach Wien mit. Von ihm gelangte es im ordentlichen Wege zur Hofstelle, woher ich mir keinen baldigen Erfolg versprach. Man sandte später einen Baurat nach dem Wildbad ab; der machte Pläne zu großen Bauten, zu welchen Hunderttausende erforderlich, aber nicht disponibel gewesen wären. Als aber ein paar Jahre später ein mächtiges Hochwasser den ganzen Grund wegschwemmte, auf welchem er bauen wollte, so sagte der Kaiser: »Nun tue ich das, was mir der Patriarch geraten hat«, und es gelangte erst im J. 1828 die landesfürstliche Bewilligung dieser Leitung herab. Sie wurde von einer kleinen Aktiengesellschaft von dortigen Bürgern, zu welchen auch ich mich gesellte, bewerkstelligt und versprach seitdem den Erwartungen vollkommen. Im Monat Juli des J. 1830 badete ich zum ersten Mal in Hofgastein mit dem besten Erfolg. Von Jahr zu Jahr vermehrt sich die Zahl der Badegäste; die Wirkung des Badewassers ist unten wie oben ganz gleich, und den sonst verarmten Markt sieht man zu größerem Wohlstand gedeihen. Ich muß hier noch einiges später Erfolgtes kurz zusammenfassen. Da in Hinsicht des erforderlichen Wärmegrades Zweifel obwalteten, so ließ ich im J. 1826 ein Faß von zehn Eimern davon bei ziemlich kalter Witterung (3 Grad über Null) bis nach Salzburg, also acht Posten weit führen, und das Wasser, welches in Gegenwart achtbarer Zeugen mit 36 Grad Wärme in das ganz gewöhnliche Faß eingefüllt wurde und 13 Stunden unter Weges war, hatte noch bei meiner zwei Stunden später erfolgten Ankunft 29,5 Wärme, da nur 27 oder 28 als die höchste zum Baden erfordert werden. ? Im J. 1826 kaufte ich ein am oberen Ende des Marktes Hofgastein gelegenes, zwei Stock hohes aber verödetes Haus mit einem Garten, ließ es nach und nach mit bedeutenden Kosten herstellen, auch ein Badhaus damit verbinden und widmete es dann im J. 1832 zu einer Badeanstalt für das k.k. Militär, worüber der sel. Kaiser die Schenkungsurkunde mit großer Freude aufnahm.[123] Im ersten Stockwerk können 36 Gemeine und im zweiten 10 Offiziere zu gleicher Zeit bequem bequartiert werden. Seitdem hat die Militärbehörde mit Gutheißung des Kaisers einen marmornen Denkstein über dem Eingang desselben mit folgender Inschrift setzen lassen: Saluti Militum D.D. Joannes Ladislaus Pyrker, A Eppus Agriensis 1832. Auch habe ich später 10 Aktien für dies Badehaus der k.k. Militärbehörde übergeben und sie dadurch in die Zahl der Aktionäre mit dem zukömmlichen Stimmrecht gesetzt. Diese ist die wahrhafte Geschichte der Entstehung der Badeanstalt in Hofgastein ? der ich nur noch beifügen muß, daß der bürgerliche Bräuer, Gastwirt und Besitzer mehrerer Realitäten, Joseph Moser, durch Sachkenntnis, unermüdete Tätigkeit und bedeutende Geldauslagen das Unternehmen vorzüglich gefördert habe und darum den Dank seiner Mitbürger für immer verdiene. Im vorigen Jahre wurden die gefangenen Carbonari von Mailand nach der Insel San Cristoforo bei Venedig transportiert, um vor den Tribunalen der letzteren Stadt ihr Endurteil zu vernehmen. Es waren in allem fünfzehn Personen, welche später in einem turmartigen Gebäude, das unmittelbar an die Patriarchal-Wohnung stieß, untergebracht wurden. Oft, wenn ich in der Sala dei banchetti, wo vormals der Doge des Jahres einigemal öffentliche Tafel hielt und der nun zu meiner Wohnung als Vorsaal gehörte, war, sah ich durch die hohen Fenster desselben sie hinter ihren Gittern mit einander durch Zeichen korrespondieren und sah und hörte dort auch den Silvio Pellico, der mit einer Frau und ihren Kindern im benachbarten Hause kurze aber freundliche Worte von oben herab wechselte. Daß er es war, erfuhr ich aber erst, nachdem ich seine höchstinteressante Schrift »Le mie prigioni« gelesen hatte. Endlich wurde die Sentenz gefällt. Vor dem bestimmten Tage der Exekution kamen abends zwei Beamten des Kriminalgerichts im Namen ihres Präsidenten mit dem Ersuchen zu mir, daß ich einen der zum Tode Verurteilten, der ein Priester wäre, am kommenden Morgen zeitlich nach kanonischer Vorschrift degradieren, d.h. ihn der priesterlichen Würde entsetzen möchte, weil nur dann die Sentenz an ihm vollzogen werden könne. Ich schauderte zusammen! Also auch das, dachte ich mir, muß dir in deiner gegenwärtigen Stellung zuteil werden! Der Morgen erschien, er war düster im Nebel und Schneegestöber des unfreundlichsten Februars, den ich in Venedig erlebt hatte. Dieser traurige Akt ging in einer finsteren, neben der Sakristei der Markuskirche[124] liegenden und nun verschlossenen Kapelle vor. Außer meiner geistlichen Assistenz waren nur die beiden Beamten des Kriminalgerichts und der Delinquent zugegen. Als ich eintrat, stand dieser mit den Meßgewändern angetan vor einem Wandschrank und beugte sein Haupt mit beiden Händen vor der Stirne auf dessen Tafelbrett nieder. Der ganze vorzunehmende Ritus ist für den schauerlichen Akt berechnet und überaus ergreifend. Als ich mich auf meinen erhöhten Stuhl niederließ, trat er von zwei Diakonen geführt, den Kelch wie sonst zur Messe in der linken Hand vortragend an dessen Stufen. Nach einer kurzen Anrede, wie er sich unwürdig gemacht habe, die Geheimnisse des Heils mehr zu feiern, mußte er den Kelch und die Hostie mit den Fingern berühren; und als ich ihm den Kelch entriß und einem der Umstehenden übergab, da brach er in ein heftiges Weinen aus und wie er dort leichenblaß und mit dem Todesschweiß an der Stirne vor mir bebend stand, da mußte ich mich selber gewaltsam ermannen, um nicht die nötige Fassung zu verlieren. Mit ähnlichen passenden Anreden wurden ihm dann die Meßgewänder Stück für Stück vom Leibe genommen, insbesondere die Stola ihm um beide Wangen geschlagen, weil er, als der Verkündiger des Evangeliums, an ihm treulos geworden sei, und endlich wurden ihm symbolisch die beiden Daumen und Zeigefinger und die Tonsur am Haupte, beide als besonders geweiht, mit einem stumpfen Messer abgeschabt. Zum Schlusse folgte an ihn eine Ermahnung zur wahren, gottversöhnenden Reue und an die weltlichen Richter die Bitte, daß sie den Unglücklichen nicht verstümmeln möchten. Dann wurde er in ihrer Begleitung abgeführt. Als ich zurückging, fand man, daß ich sehr blaß aussah, und die Eßlust hatte ich auf die drei folgenden Tage verloren. ? Dieser unglückliche Geistliche war Schulhalter in der Polesine gewesen und ist Gott weiß wie in diese unselige Gesellschaft geraten. Er war nebst vier andern zum Tode verurteilt, wurde aber nach der eben beschriebenen Funktion mit allen seinen Gefährten auf ein auf der Piazetta errichtetes Gerüst geführt und vernahm nach der von Wien eingelangten Begnadigung, daß sein Todesurteil auf fünfzehnjährigen schweren Kerker abgeändert war, die er auf dem Spielberg in Mähren erleiden sollte, wurde aber wegen guten Verhaltens schon nach fünf Jahren entlassen. Confalonieri, das Haupt der Verschwörung, erhielt zwanzig und Silvio Pellico zehn Jahre. Sie alle wurden später in Freiheit gesetzt. Den Abend zuvor, ehe ich dieses Jahr nach Gastein abreiste, kam ich im Volksgarten (Giardini Pubblici) mit dem Präsidenten[125] des Kriminalgerichts, Grafen von Gardani [zusammen], dessen Freundlichkeit und milde Denkungsart sonderbar mit seiner ernsten Geschäftstätigkeit kontrastierte, und hörte von ihm die Klage, daß noch immer kein Endurteil über so viele des Carbonarismus beschuldigte Individuen von Wien aus erfolge. Halb Mailand stehe in Trauer, wo diese den Gatten, jene den Bruder oder Sohn in den Kerkern wissen, und noch fortwährend geschähen auf neue Anzeigen neue Verhaftungen, wo sodann der Jammer unabsehlich werde. Man solle die Abgeurteilten zur Strafe ziehn, für die andern aber die Amnestie verkündigen mit der Drohung, daß bei erneuerter Schuld nach der größten Strenge der Gesetze verfahren werden würde, und die Ruhe der in Ungewißheit schwebenden Gemüter wäre hergestellt. Diese Worte machten auf mich einen tiefen Eindruck, und es erstand der heiße Wunsch in mir, ihnen Folge geben zu können. Als ich dann von Gastein nach Wien kam und für den folgenden Tag zur Audienz bei dem Kaiser bestellt war, so beriet ich mich vorher mit meinem erhabenen Gönner, dem Erzherzog Karl, und fragte ihn, ob es wohl zu wagen wäre, über diesen delikaten Gegenstand mit dem Kaiser zu sprechen? Er ergriff meine beiden Hände und rief sie heftig drückend: »Oh, tun Sie es, der Himmel wird es ihnen lohnen!« Ich stutzte ein wenig und dachte bei mir, was der hochgesinnte Mann und Bruder des Kaisers in dieser auch von ihm anerkannten dringenden Angelegenheit nicht zu tun wagte, dem soll ich mich unterziehn? ... Der Kaiser, der jeden Augenblick seines Lebens der Herrscherpflicht und dem Wohl seiner Untertanen weihte und sich, gerecht zu regieren, bewußt war, konnte, obgleich sonst voll Huld und Milde, nur gegen jene, die sich gegen seinen Thron auflehnten, hart und unerbittlich sein. Doch die Wichtigkeit meines Schrittes für so viele Unglückliche, meine Stellung als einer der Oberhirten des Reiches, dem hier insbesondere die Stimme der Pflicht gebot und selbst das Wohlwollen des Kaisers für mich gaben mir Mut, und ich trat am kommenden Morgen entschieden, das Möglichste zu tun, vor ihn. Amazon.de Widgets Nachdem die Diözesan-Angelegenheiten besprochen waren, so wendete ich mich mit flehenden Blicken an ihn und sagte, daß ich seiner väterlichen Huld bewußt entweder auf die Gewährung meiner Bitte oder, im Fall es nicht geschehen könnte, auf seine Verzeihung rechnete, da ich über einen Gegenstand, der nicht direkt in die Sphäre meiner Amtstätigkeit gehört, vor ihm zu sprechen unternommen habe. Er sah mich etwas befremdet schweigend an, und ich trug ihm nun all das vor, was ich aus dem Munde des Präsidenten Gardani vernommen hatte. Bald ging er[126] mit gesenktem Antlitz und die Hände am Rücken faltend vor mir auf und ab, ohne einen Laut von sich zu geben. Am Schluß obiger Bemerkungen sagte ich ihm mit erheitertem Tone, ich wisse es, daß er schon lange eine Reise nach Mailand vorhabe, doch sie eben wegen jenes ihm so mißfälligen Umstandes immer wieder verschiebe; möge nur jene Amnestie erlassen werden, so würde er durch die ganze Lombardei und besonders in Mailand mit einem Jubel empfangen werden, der noch seinesgleichen nicht gehabt hat. Er wendete sich rasch zu mir und sagte: »Nun ? ich werde es probieren« und entließ mich mit den Worten: »Addio, ich hoffe, Sie im künftigen Jahre wiederzusehen.« ? Bald nach meiner Heimkunft kam Graf Gardani und erkundigte sich, ob er in Hinsicht der bewußten Angelegenheit etwas Günstiges von mir erfahren, und ob die dringende allerhöchste Entschließung nun bald erfolgen würde? Meine Antwort war: »Ich hoffe es!« Er zuckte betrübt die Achseln und empfahl sich. Doch etwa nach vierzehn Tagen trat er mit leuchtenden Augen zu mir herein und rief: »Die Amnestie ist erfolgt ? ganz so, wie es gewünscht ward; oh, Sie haben gewiß davon gewußt! Ihre Worte: ?Ich hoffe es? zeigten an, was Sie verschweigen wollten und mußten.« Er war außer sich vor Freude. Doch zu sagen, was in mir vorging, dazu finde ich keine Worte mehr! J. 1825. Im Monat Juni fuhr der Kaiser mit der Kaiserin nach Mailand. Wir hörten in Venedig von großen Vorbereitungen zu seinem Empfange; wie allgemein der Enthusiasmus über seine Ankunft war, erhellet auch daraus, daß von Brescia an bis dorthin ganze Gemeinden mit Wasserfässern an die Straße zogen, sie zu bespritzen, damit er nicht vom Staube belästigt werde. In Mailand wetteiferten alle Stände, ihre Freude über seine Ankunft zu bezeugen. Großartige Festlichkeiten fanden statt, und die Huldigungen aller Art mußten echter Natur gewesen sein, da der Kaiser stets heiter war, sogar einen Ausflug nach Genua machte und statt vierzehn Tage sechs Wochen in Mailand verweilte. Der Tag seiner Ankunft in Venedig wurde mehrmal verschoben; endlich kam er, stieg aber in dem herrlichen kaiserlichen Lustschlosse Strà (vormals Pisani) ab, wo er ein paar Tage verweilen wollte. Meine Villa (vormals Giovanelli) lag nur eine halbe Stunde Weges davon entfernt, und den folgenden Tag, der ein Sonntag war, ließ er mich durch den Hofrat Baron v. Kübeck, jetzigen Hofkammerpräsidenten, mittels eines Schreibens zum Mittagessen laden. Sogleich nach meiner Ankunft wurde ich zu ihm gerufen, und ein[127] paar freundliche Blicke, die er mir gleich beim Eintritt entgegenwarf, waren für mich eine Bestätigung, daß ich ihm seine Zufriedenheit mit den Mailändern im vorigen Herbste treffend vorausgesagt hatte. Dieser Tag war ein verhängnisvoller für mich und die Venezianer. Noch immer war ich in Folge des Sturzes mit dem Wagen von Zeit zu Zeit leidend und sah dann gewöhnlich sehr blaß aus. Dies bemerkte der Kaiser sogleich und sagte, er habe gehört, daß mir die Lagunenluft nicht gut tue; da nun das Erlauer Erzbistum eben erledigt sei, so werde er mir selbes verleihen. Ich erklärte, daß ich sehr gerne in Venedig verbleiben wolle; aber er sprach mit Rührung, er kenne in dieser Hinsicht meine Gesinnungen, doch wäre es ihm nicht lieb, wenn ich ihm dort zugrunde ginge. Nach Tische fragte er mich, wen ich ihm unter den venezianischen Bischöfen zu meinem Nachfolger vorschlagen würde? Ich nannte ihm den jetzigen Patriarchen, Kardinal Monico, und er sagte beifällig, ich hätte den rechten Mann genannt. Doch ? ich stand heute als der Anwalt der Armen Venedigs vor dem Kaiser! Als Präsident der Wohltätigkeitskommission (Commissione di Pubblica Beneficenza) hatte ich seither gehörige Einsicht von ihren ämtlichen Akten genommen; verfaßte darauf ein Promemoria an den Kaiser und wollte es ihm in Venedig überreichen, tat es aber nun hier, da sich eine so günstige Gelegenheit dazu geboten hatte. Zugleich legte ich ihm eine statistische Tabelle über den Zustand aller Volksklassen Venedigs im J. 1797, wo die Republik durch die französische Invasion ihr Ende erreichte, und im J. 1824, wie ihn der Rechnungsabschluß mit Ende Dezember auswies und wo beinahe die Hälfte der Population auf der Armenliste stand, bei. ? Der Kaiser legte beide Schriften auf ein Tischchen nieder, sah aber einen Augenblick in die letztere und rief die Hände zusammenschlagend aus: »Nein, so arg hätte ich es mir doch nicht vorgestellt!« Es war ein kühner Schritt, den ich da mit obigem Promemoria tat, denn es handelte sich um nichts Geringeres, als um die Zurückgabe aller Besitztümer, welche dem Armenfonde unter der Herrschaft Napoleons ungerechter Weise entrissen worden waren, und die ich, gestützt auf seine angeborene Gerechtigkeitsliebe, von ihm zurückforderte. Die Sache verhielt sich so: Der Armenfond in Venedig betrug vor dem Falle der Republik an Kapitalien in der Bank (Zecca) über vier Millionen[128] Lir. Venet. allein; nebstdem hatte er auch liegende Gründe besonders am Po und rings um Venedig herum, die in den sechs Sestieris (Kreisen) der Stadt von eigens bestellten kleinen Ämtern, die man Fraterne hieß, administriert wurden. Sie bestanden aus dem Pfarrer, einigen Bürgern meistens aus dem Handelsstande und einem Advokaten zum Schirm der Rechtsbedürftigen und Schlichtung vorkommender Händel. Die Fraterne hatten die Obliegenheit, am Ende jeder Woche die Namen der Unterstützungsbedürftigen klassifiziert der Behörde hinaufzugeben, die dann in einer Sitzung über die abzureichenden Beträge in letzter Instanz entschied. ? Napoleon nahm das Wort Fraterne irrig für Confraternite (Bruderschaften), die er samt allen dort noch bestehenden Klöstern aufhob und ihr liegendes und bewegliches Eigentum dem Staatsfonde beilegte. Um in der Folge das begangene Unrecht wieder gut zu machen, setzte er eine runde Summe von fünfmalhunderttausend Franken fest, die jährlich an die verschiedenen Stabilimenti der Stadt, als Waisen- und Findelhaus, das Institut der Zitelle (für Erziehung einer Zahl der Bürgerstöchter), für den Kultus, endlich für den Armenfond insbesondere mit einmalhundertdreiunddreißigtausend Franken hinausbezahlt werden sollten. Da aber diese Summe während meiner begonnenen Amtstätigkeit bei weitem nicht hinreichte, die täglich sich mehrenden Armen gehörig zu beteilen, so lag es an der Wirksamkeit der jetzt errichteten Commissione di Pubblica Beneficenza, das noch fehlende bestmöglichst aufzutreiben. Sie wurde hauptsächlich zur Abstellung der besonders in Venedig so lästigen Straßenbettelei er richtet und bestand aus einem Präsidenten, dem jeweiligen Patriarchen, einem Vizepräsidenten, dem Podestà (sonst Lordmajor oder Bürgermeister) und noch zehn anderen aus den ersten Familien des Landes, wie Contarini, Gradenigo, Renier, Erizzo, Giovanelli usw., ohne Entgelt dienenden Räten, zwei Mitgliedern aus dem Handelsstande, zwei Advokaten und einem beständigen Sekretär. Zu Anfang Juli jeden Jahres gingen jene adeligen Räte mit dem Subskriptionsbogen in der Tasche in die Bureaus der[129] Militär- sowie auch zu allen Angestellten der Zivilbehörden, endlich auch von Haus zu Haus und notierten die Namen der Geber und der angebotenen Beträge, die nun samt dem obigen jährlich vom Ärar geleisteten und gewissen von den Logen der Theater und der Casotti's an der Riva dei Schiavoni eingehenden Summen über dreimalhunderttausend Franken hinaufstiegen; aber was war auch dies noch zu jener Zeit, als ich dem Kaiser mein Gesuch vorlegte, und mehr als die Hälfte der Population Venedigs als unterstützungsbedürftig auf der Armenliste stand?! ? Nachdem der Einzug des Kaisers in Venedig für den folgenden Abend bestimmt war, so reiste ich morgens frühe dahin ab, um bei seinem Empfang gegenwärtig zu sein. Mehrere hundert Barken aller Art und Gondeln, von welchen jene teils festlich geschmückt und teils von Musikbanden besetzt waren, setzten sich nachmittags gegen Fusina hin in Bewegung. Allein ein plötzlich sich erhebender furchtbarer Sturm hemmte die Weiterfahrt so, daß wir an der Insel San Giorgio in Alega (vormals ein Kloster regulierter Chorherrn) halten und die Fahrzeuge in Sicherheit bringen mußten. Auch der Kaiser harrte lange am Ufer stehend den Kommenden entgegen und mußte sich dann, als es bereits dunkler ward, nach Mestre hinüber begeben, wo er die Nacht zubrachte, und erst den nächsten Morgen wegen einer gestern am Meeresufer sich zugezogenen Verkühlung sehr unwohl aussehend in die Stadt kam. Nachdem wir drei: der Landesgouverneur Graf Inzaghi, der Kommandant Marquis Chasteler und ich ihn in seine Apartements begleitet hatten und uns empfahlen, eilte ich durch den kleinen Garten des kön. Palastes den nächsten Tag meiner Gondel entgegen; aber der Adjutant des Kaisers rief mich vom Fenster aus mit den Worten zurück, der Kaiser wolle mich sprechen. Eintretend sah ich ihn zittern vor Schwäche und bemerkte ihm, wie blaß er aussehe, und er gestand, daß er sich sehr unwohl fühle und sich sogleich zu Bette begeben werde; dann begleitete er mich bis zur Türe und sagte: »Hören Sie! Ihr gestern mit der statistischen Tabelle überreichtes Promemoria geht mir nicht aus dem Kopfe. Sie kennen Venedig, das habe ich aus Ihrem vorjährigen Visitationsbericht ersehen. Machen Sie mir einen Vorschlag, wie den guten Venezianern aufzuhelfen wäre? Ich habe sie lieb, denn sie sind mir jederzeit treu und anhänglich geblieben, und unter ihnen haben sich keine Carbonari gefunden.« ? Ich erwiderte ihm, daß ich gleich nach seiner Abreise nach Gastein aufzubrechen gedenke, wo ich während der Kurzeit mich bemühen werde, seinem allerhöchsten Auftrag zu entsprechen und ihm dann meine Vorschläge schriftlich vorzulegen. Die Festlichkeiten wurden auf ein paar[130] Tage verschoben. Sie bestanden in der Beleuchtung des Markusplatzes und der Kirche; dann der Palladiani-Bauwerke, San Giorgio Maggiore und Santissimo Redentore und der Kirche della Salute, was alles sich herrlich ausnahm, endlich in einer glanzvoll ausgeführten Regatta. Auch wurde den Venezianern eine öffentliche Audienz zum Besten gegeben. Ich trat der Etiquette gemäß auf einen Augenblick zum Kaiser hinein und sagte klagend, kaum wäre er genesen, und es stünden gewiß über zweihundert Personen draußen im Vorsaal, die in der bis gegen Mitternacht dauernden Audienz seine Kräfte noch mehr erschöpfen werden! »Je nun«, rief er lächelnd, »das ist nun einmal mein Brot!« (Amt, Anstellung ? sich gegen seine Untertanen dienstwillig zu erweisen). Auf meinen Rat, er möchte sie sitzend empfangen, gab er mit komischem Blick zu Antwort: »Oh, da brächte er sie gar nicht an«, sie würden gar nicht aufhören zu schwätzen; so aber könne er ihrer leichter los werden. Welche bonhomie und praktischer Lebenssinn zugleich! Während seines Aufenthaltes in Venedig geschah es, daß der Polizeidirektor, Hofrat Freiherr von Kübeck, morgens frühe voll Hast in mein Zimmer trat, mit den Fingern auf seine linke Brust wies und fragte, ob ich es schon wisse, daß mich der Kaiser eben von einem Besuch im Arsenal, wo auch vieles zu meinem Lob ertönte, heimkehrend durch ein Handbillet zum Ritter der eisernen Krone I-er Klasse ernannt habe? Ich eilte sogleich nach dem Palaste, um ihm und dem Erzherzog-Vizekönig zu danken. Da hörte ich die erfreuenden Worte: »Nu, wenn Sie es nicht verdienten ? wer denn sonst?« Am folgenden Tage geschah die Accollade, wo ich den herzlichen Kuß des Kaisers gerührt an den Wangen spürte und während des Mittagessens viele freundliche Worte von ihm hörte. Am Morgen darauf begleitete ich ihn in meiner Gondel bis Mestre. Ehe er in den Wagen stieg, lud er mich noch huldvollst ein, auf meiner Rückreise von Gastein der Krönung der Kaiserin Karolina Augusta zur Königin von Ungarn in Preßburg beizuwohnen. Kaum war ich von Mestre nach Venedig zurückgekehrt, so trat der Vizepräsident, Conte Calbo, mit den übrigen adeligen Räten ein und hielt eine lange Danksagungsrede an mich, weil ich dem Kaiser die auch ihm bekannte Bittschrift wegen Wiederherstellung des Armenfondes überreicht habe. Calbo war ein alter, echter Venezianer, der bei jeder Gelegenheit einige scherzhafte Äußerungen in Bereitschaft hatte. So sagte er jetzt mit komischen Gestikulationen: »Unser Patriarch hat wahrlich viel Courage ?[131] ich hätte es nicht gewagt, jene Bittschrift dem Kaiser zu übergeben.« »Warum nicht?«, sagte ich, »die Erfüllung einer Pflicht ist immer mit Mut gepaart!« Diese Scherzrede hatte ihre Folgen ? wie es sich weiter unten zeigen wird. In Gastein angekommen, arbeitete ich in Stunden der Muße an der Gedächtnisschrift für die Erhaltung der Stadt Venedig und ihrer verarmten Bewohner. Sobald sie fertig war, schickte ich sie dem Kaiser nach Wien zu, gleichsam ein Pendant zu jener, die ich ihm mit einer statistischen Tabelle belegt für die Rückgabe des Armenfonds als Präsident der Pubblica Beneficenza überreicht hatte. Ich fand in Hinsicht beider die stärkste Opposition bei dem dortigen Gubernium. Von Seiten der Hofkammer hieß es, die Zurückgabe des eingezogenen Armenfonds sei unmöglich, denn die liegenden Gründe seien nach den Stipulationen des Wiener Kongresses als Entschädigung an die Herzogtümer von Parma und Modena übergeben worden, und die verschlungenen Barschaften ersetzen, hieße soviel, als die Staatskassen in die größte Verlegenheit bringen zu wollen. Ich bekämpfte mündlich und schriftlich vor dem Kaiser diese Gegengründe mit dem einfachen Satze, dies alles sei wohl möglich, aber die Gerechtigkeit heische die Wiederersetzung des Armenfonds, ohne welcher die Bewohner Venedigs ohnehin in die fürchterlichste Lage kommen würden. Die zweite für die Erhaltung Venedigs nach allerhöchstem Auftrag von mir in Gastein verfaßte Denkschrift fand in einem hochgestellten Mann den größten Widersacher, welcher behauptete, Venedig sei nicht wichtig genug, um bedeutende Summen auf ihre Aufrechterhaltung zu verwenden, da sie nach dem Lose alles Vergänglichen in vierzig oder fünfzig Jahren zu einem Steinhaufen verfallen würde. Übrigens wäre auch eine große Aufregung davon die Folge, da Triest als ihre unermüdete Rivalin bezeichnet werde. In Hinsicht dieses Punktes habe ich mich in meiner Denkschrift bestimmt geäußert, nachdem ich ein paar Mal heimlich nach Triest hinüberfuhr und dort mich mit dem Chef des ersten Handelshauses (Reyer) über alles sorgfältig besprochen hatte, worauf sich mir die angebliche Rivalität Triests in einem ganz anderen Lichte sehen ließ. Meine beiden Denkschriften haben auf ämtlichem Wege sehr viele Debatten veranlaßt, deren Ende die nie gehoffte Erfüllung der kühnsten Wünsche war. Der Ruf davon verbreitete sich weit umher, besonders nachdem die oben angeführte Äußerung des Podestà, daß er den Mut nicht gehabt hätte wie ich, jenes Promemoria dem Kaiser zu übergeben, [bekannt würde]. Was muß es doch in sich enthalten haben, daß der Nichtvenezianer sich dazu entschloß, und der Einheimische, das Beste seines Volkes vergessend, davor[132] zurückbebte? Es fehlte dabei für Calbo an tadelnden Worten nicht. Die Neugierde war zu groß, und der Mann, sie zu befriedigen, bald gewonnen; denn ein Beamter des Archivs der Beneficenza ließ während meiner Abwesenheit in Gastein eine Abschrift meines Aufsatzes machen und so kamen solche hauptsächlich durch die Verwandten und Freunde jener jungen Leute, die bei dem Fall der Republik als Jakobiner bezeichnet und von dem österr. Kommissär Pesaro hart verfolgt sich nach Paris und London geflüchtet hatten, in die öffentlichen Blätter, die »Times« und in das »Journal des Debats«. Dies gab dem damaligen Diplomaten Chateaubriand die Veranlassung, in dem Parlamente gegen Österreich sich auf meine Denkschrift beziehend mit ungerechten Beschuldigungen loszuziehen. Ich getraue mich, vor alle Welt hinauszurufen, nicht die österreichische Regierung, nicht eine andere Herrschergewalt, sondern eben die Invasion unter Napoleon (damals noch Bonaparte) hat Venedig zu Grunde gerichtet, denn mit seiner unbegrenzten Macht, Energie und steten Hinneigung zur Willkür, mit welcher er auch das Privateigentum nicht schonte, wie bei der Beschlagnahme des Venediger Armenfonds, hob dort sogleich alle noch bestehenden Klöster und Bruderschaftsvereine auf, und es ist unglaublich, welche große Schätze er an edlen Metallen, die im Lauf von vielen Jahrhunderten die Pietät der Venezianer dort aufgehäuft hatte, auf solche Art in seine Hände bekam. Die öffentlichen Kassen wurden ohnehin sogleich in Beschlag genommen, und die Zecca (Bank und Münzhaus) mit allen Vorräten von Gold und Silberbarren, Münzen und vielen Kunstschätzen ausgeleert. (Man spricht noch von sieben großen Saphirsteinen, welche der Vizekönig von Italien, Beaurharnais, davon zu seinem Anteil bekam). Das Schlimmste aber, was da geschah, war Folgendes. Die Republik Venedig ging wie eine schonende Mutter mit ihren Kindern mildreich um, lieh ihnen Kapitalien, gleichsam à fond perdu, gegen geringe Prozente (zu 2 u. 21/2) und kündigte selbe fast nie auf. Die Schuldbücher lagen offen in der Zecca da, und die Franzosen beeilten sich, da sie vielleicht nur auf kurze Herrschaft rechneten, die Kapitalien zu künden und sie streng einzutreiben, wo sodann die Insolventen nach bestimmter Frist im Wege öffentlicher Feilbietung um alle ihre Habe sowohl in der Stadt, als auch auf der Terra ferma gebracht wurden. Dies war die Ursache ihres so furchtbaren Falles und die hätte Chateaubriand mit seinen Kollegen, ehe er Schimpf auf Schimpf häufte, früher erwägen sollen. Noch mehr Widerspruch fand meine zweite Denkschrift für die Erhaltung Venedigs, die ich auf ausdrückliches Verlangen[133] des Kaisers verfaßte, da sie in mannigfaltigeren Beziehungen in den Bereich der obwaltenden Staatsrücksichten kam. Für die Erhaltung Venedigs forderte ich 1-stens: Den Freihafen ? (er ward bewilligt). 2-tens: Die Herstellung des Hafens von Malamocco durch einen Riesendamm, da er der einzig brauchbare ist, durch welchen die größeren Schiffe in die Lagunen gelangen. (Ward im J. 1845 vollendet mit einem Aufwand von mehr als vierthalb Millionen Franken und zeugt rühmlich für Österreich). 3-tens: Verminderung der Zölle hinsichtlich der Viktualien aus ganz besonderen Lokalrücksichten. (Ward in Vollzug gesetzt). 4-tens: Den Betrieb des Schiffbaus im Arsenal. (Schon drei Wochen nach der Einreichung dieser Denkschrift gelangte eine allerhöchste Entscheidung herab, wodurch die Zahl der Arbeiter im Arsenal von drei- auf achthundert Personen erhöht wurde). 5-tens: Die Koordinierung der Stadt, usw. ? Alle diese Anträge erheischten vielfältige Erwägung und Besprechungen, da eine übereilt-definitive Entscheidung höchst nachteilige Folgen hätte veranlassen können. Sie erfolgte endlich, aber auf welche Art? Dies habe ich erst später bereits als Erzbischof von Erlau erfahren. Baron Krieg, jetzt Präsident des Guberniums in Lemberg, früher Referent in Kommerzsachen bei der Allg. Hofkammer in Wien, den ich zuvor nicht kannte, war sehr erfreut, mich eines Abends im Garten des Herrn v. Kleyle, Hofrat des Erzh. Karl, zu treffen, und er säumte nicht, mir die Ursache davon, auf und ab wandelnd, zu eröffnen. Meine dem Kaiser überreichte Denkschrift, sagte er, habe damals viele Köpfe und Schreibfedern in Bewegung gesetzt, ohne daß man zu einem befriedigenden Resultate hätte gelangen können, da die Wichtigkeit des Gegenstandes verbunden mit unzähligen nach jeder neuen Diskussion neuauftauchenden Schwierigkeiten Aufschub auf Aufschub veranlaßte. Da habe ihn der Kaiser zu sich rufen lassen und ihm mit der Beobachtung des strengsten Stillschweigens aufgetragen, auf Staatsunkosten nach Triest und Venedig zu reisen, über jeden in meiner Denkschrift vorkommenden Punkt genaue Erkundigungen einzuziehen und ihm Bericht darüber zu erstatten. Sein Bericht war, er habe alles genau so gefunden, wie es der Patriarch angegeben hatte. Der Freihafen ward dekretiert. Groß war der Jubel Venedigs. Der Markusplatz und das dort aufgestellte Porträt des Kaisers, des Vizekönigs und meines, welches die Kommerzkammer durch Johann Ender in Wien hatte malen lassen, waren glänzend beleuchtet. ? Der Erzherzog-Vizekönig ließ mir gleich den folgenden Tag durch seinen Hofrat und Kanzleidirektor, Vinzenz Freiherr v. Grimm, schreiben,[134] ich möge teilnehmen an dieser Festlichkeit, da eigentlich ich sie veranlaßt habe. ? Der Nutzen dieser Maßregel erschien anfangs problematisch so zwar, daß die größten Handelshäuser Venedigs, Baron Treves, Papadopoli, Zanona, Revedin usw. fast feindselig dagegen auftraten, indem sie den Schiffen die Assekuranz verweigerten. Indessen hat die Folge alle ihre Befürchtungen widerlegt, da sowohl diese von dem Kaiser veranlaßte Denkschrift für die Erhaltung Venedigs, als auch jene, wodurch ich die Zurückgabe des entrissenen Armenfonds verlangte, sich für Venedig höchst vorteilhaft erwiesen haben. Sonst war noch dieses Jahr reich an wichtigen und angenehmen Ereignissen für mich, unter welche ich vorzüglich jenes zähle, daß mich der sel. Max Joseph, König von Bayern, durch seinen in Gastein anwesenden Minister, Grafen von Thürheim, einlud, ich möchte in der Rückreise zu ihm nach Tegernsee kommen, er habe schon so viel von mir reden gehört, daß er mich auch persönlich kennen zu lernen wünsche. Ich fuhr demnach von Salzburg über Rosenheim nach jenem reizenden Sommeraufenthalte und werde die huldvolle Aufnahme, die mir vom Könige und der Königin, wie auch ihren jüngsten Prinzessinen-Töchtern Marie und Luise ward, und der schönen Stunden, die ich dort verlebte, nie vergessen! Der König wünschte, daß ich seine neu errichtete Badeanstalt in Kreith in Augenschein nehme und ließ mich in der Begleitung des Staatsrates Kobell in einem mit sechs Pferden bespannten Hofwagen dahin führen. Obschon das dortige Mineralwasser keines der stärkeren, heilkräftigen ist, so hat der Schöpfer dieser Anstalt mit wahrhaft königlicher Munifizenz so vieles dafür getan, daß sie den Münchner Herrschaften jedenfalls eine interessante Sommersaison bietet. Dort traf ich in einem der Zimmer den berühmten Mechaniker Dr. von Reichenbach, der einige Zeit vorher irrsinnig geworden war. Als er über die Verwirrung seines Kopfes klagte, und ich ihm sagte, er habe zu viel gerechnet, so bejahte er es mir mit einem unaussprechlichen Lächeln, und wie ich ihm zum Abschied tief ergriffen die Hand drückte, dachte auch ich bei mir: »Das ist das Los des Schönen auf der Erde!« [Schiller, Wallensteins Tod IV, 12]. Im Rückweg besuchte ich München und verweilte zwei Tage daselbst. Noch war damals außer der fast vollendeten aber noch nicht eingerichteten Glyptothek (Klenzens nicht glänzendem Debüt) von den späteren Merkwürdigkeiten Münchens nichts zu sehen. Jenes Gebäude mit dem häßlichen Portikus machte einen[135] widrigen Eindruck auf mich. Es scheint durch einen Elementarzufall einige Schuhe tiefer in die Erde gesunken zu sein und sich nicht wieder erheben zu können. Dies beweist innen auch der sogenannte Römersaal, dessen Boden wegen der Erzielung einer Proportion tiefer gegraben werden mußte, so daß man hier fünf Stufen ab und drüben eben so viele aufwärts steigen muß, um in das Niveau der übrigen Zimmer zu kommen. Ewig schade, daß König Ludwig, der für die verschönernden Künste allein mehr tat, als alle zu seiner Zeit lebenden Monarchen Europas zusammengenommen, keinen großen Architekten, wie Palladio es war und Joseph Hild in Pesth es noch ist, zur Disposition hatte. Vor meiner Abreise drängte es mich auch noch, den berühmten Optiker Frauenhofer, der eben mit der Aufstellung eines Refraktors von zehn Zoll Weite für die Sternwarte in Dorpat beschäftiget war, zu besuchen. Als ich ihm sagte, er habe es in seiner Kunst weit gebracht, gab er mir zur Antwort: »Es ließe sich noch viel weiter bringen.« Bayern hat in kurzer Zeit zwei Sterne erster Größe, Reichenbach und Frauenhofer, verloren. Man erzählte mir, jener habe diesen aus einem einstürzenden Hause als einen Knaben von acht Jahren gerettet und für seine weitere Ausbildung gesorgt. Meister und Lehrling sind in ihrer Art groß geworden! ? Nach einem kurzen Aufenthalte in Wien begab ich mich der erhaltenen kaiserlichen Einladung zufolge nach Preßburg und wohnte vom Kaiser besonders ausgezeichnet der mit großer Pracht vollzogenen Krönung der Kaiserin bei. Auf der Heimreise nach Venedig dachte ich der Vollendung meiner »Perlen der hl. Vorzeit«; begann während der Fahrt den »Moses« und vollendete ihn daheim bald nebst dem Gedichte »Samuel« und dem letzten Gesang der »Makkabäer«, »Judas Makkabäus oder Der Sieg«. Im nächstfolgenden Jahre (1826) wurde die neue, vermehrte Auflage in Wien bei Strauß gedruckt und ausgegeben. Sowohl nach der Vollendung meines Gedichtes »Rudolph von Habsburg«, als auch nach dieser letzteren Produktion fühlte ich meine Nerven wieder sehr stark angegriffen. J. 1826. An einem feuchtkalten März-Morgen ging ich in meinem Zimmer heftig gestikulierend auf und ab und schlug die Hände, wie es die Fischer zu tun pflegen, kreuzweis über beide Schultern, um mich etwas zu erwärmen. Plötzlich spürte ich an der Stelle, wo mein Schlüsselbein gebrochen war, einen brennenden Stich, den ich mir nicht erklären konnte. Bald darauf fuhr ich über Fusina nach Padua ab, wo ich, wegen einer Universitätsfeierlichkeit von dem dortigen Bischof zum Mittagessen geladen war. Ich klagte ihm über den Schmerz in meiner Schulter, und er sagte, nachdem [136] Caldani, der Professor der Anatomie, auch bei Tische sein würde, so möge ich mit ihm sprechen. Dieser trat mit mir vor Tische in ein Nebenzimmer, zog meine Rechte einigemal hin und her, indem er die Finger der anderen Hand auf die gebrochene Stelle legte, und schrie auf: »È rotto!« (Ist gebrochen!) Ich sah ihn erschrocken an und fragte endlich, was er damit sagen wolle. Da hieß es, das gebrochene Schlüsselbein sei nie recht geheilt, d.h. zusammengefügt gewesen und werde es auch nie wieder werden. Ich sah und hörte während des ganzen Mittagessens nichts mehr und fuhr betrübt nach Hause. Dort ließ mir der Prior der Barmherzigen Brüder von San Servolo, ein berühmter Chirurg, Portalupi, ein Stahlplättchen mit elastischen Bändern darauf befestigen, welches ich ein ganzes Jahr hindurch trug, und welches doch den Vorteil hatte, daß die Natur ein dichtes Geflecht über die Beintrümmer zog und sie niederhielt. Nun konnte ich mir erst die auch früher immer fortwährende Schwäche meines rechten Arms erklären! Der allgemein hochgeachtete Pfarrer von St. Stefano in Venedig, Angeli, ein ehrwürdiger achtzigjähriger Greis, kam eines Tages zu mir und eröffnete mir, daß er ein Kapital von etwa dreißigtausend Franken (10.000 C.M.) bei Händen habe, die zur Zeit, als die französischen Truppen Venedig in Eile räumen mußten, zur Sustentation des ärmeren venezianischen Klerus, auf Meßstipendien usw. angewiesen waren, aber nicht ausbezahlt worden sind, weswegen sie der Vorsteher des Zahlamtes ihm als einem durchaus akkreditierten Manne auf sein gutes Gewissen zur Weiterförderung heimlich übergeben habe. Der ganze Betrag bestand in öffentlichen Papieren, die dann seither durch Verlosung in die Reihe der zahlbaren gekommen und erst kürzlich bei dem Mailänder Monte di pietà ganz ausbezahlt worden sind. Pfarrer Angeli übergab mir das Geld, damit ich darüber verfügen möge. Mir war, als ob es vom Himmel mir in die Hände gefallen wäre! Schon lange ging ich mit dem Gedanken um, für die alten abgelebten Priester der Stadt Venedig, die nie eine Anstellung als wirkliche Seelsorger hatten oder nach derselben in Dürftigkeit fielen und die oft wahrlich nicht zur Erbauung der Fremden sowohl als auch der Einheimischen in bettelhaft schmutzigem Anzug auf den öffentlichen Straßen und Plätzen zu sehen waren, ein ständiges Defizientenhaus zu errichten. Ein vormaliges Kloster mit einer kleinen, aber hübschen Kirche, die ein wohlhabender Krämer schon vor Jahren an sich gebracht, einen Teil der Gebäude in eine Fabrik umgestaltet, die Kirche aber samt einem Seitentrakt des Klosters aus Pietät in gutem Baustand erhielt, hatte ich dazu ausersehen, und er war bereit, mir selbe zu obigem Zwecke um eine sehr mäßige Summe zu überlassen. Ich ließ sogleich die Dechanten und alle Vorsteher der Kirchen zu mir kommen, eröffnete ihnen auf[137] unwiderlegbare Gründe gestützt den wohltätigen Zweck meines Vorhabens und besonders auch jenen, daß, nachdem nach Verlauf von so vielen Jahren schon viele von jenen, die auf dieses Eigentum des Venezianer Klerus Ansprüche machen konnten, gestorben sind, von den Überlebenden aber vielleicht nur wenige die ihrigen gültig erweisen könnten, er mir das Ganze zu seinem alleinigen Besten zur freien Disposition überlassen möge. Bald liefen von allen Pfarreien die schriftlichen Erklärungen ein, die mich mit der nötigen Vollmacht bekleideten; bald war das Defizientenhaus errichtet, mit allem Nötigen versehen und mit einigen der verdientesten greisen Bewohnern besetzt. Ein Reisender, Graf Deym, kam einst zu mir und fragte, wie ich doch bei meinem Klerus mit solchen Reformen durchgedrungen wäre? Man sehe die Geistlichen nicht mehr in so lumpichten Kleidern durch die Straßen ziehen und sie nicht mehr in den Weinschenken (botteghe) sitzen. ? Bevor ich Venedig verließ, bestimmte ich noch ein kleines Kapital für jenes Defizientenhaus und eröffnete den Weg zu weiteren Beiträgen. Ich genoß in diesem Jahre einer besseren Gesundheit, kehrte vergnügt von Gastein auf meine Villa an der Brenta zurück, war heiter und froh und träumte von so manchen schönen Plänen für die Zukunft; da trat, so sind die wechselnden Schicksale der Menschen, ein Ereignis ein, welches mich tief verletzte. Es lebte seit einiger Zeit der Marchese Guiccioli, dessen berüchtigte Gattin die Mätresse des Lord Byron war, wie eingebürgert in Venedig. Da er mir als ein Mann von sehr bösem Charakter geschildert war und mich auch sein Äußeres anwiderte, so nahm ich seine Besuche nicht gerne an und entzog mich am Ende derselben ganz. Auf einmal hieß es, auch seine Frau sei angekommen und bewohne mit ihm denselben Palast am Canale Grande. Alle Welt erstaunte darüber, diese durch eine Reihe von Jahren so auffallend getrennten Eheleute wieder vereint zu sehen. Indessen ergab sich später, daß sie zwar dasselbe Haus, aber geschieden in zwei Stockwerken bewohnten und auch sonst in gar keiner Gemeinschaft lebten. Bevor dies geschah, kam von der Justizbehörde in Ravenna, wo eigentlich beide Eheleute zu Hause waren, eine ämtliche Anfrage über das Zusammenleben derselben an die Patriarchalkurie und zugleich die Anzeige der gerichtlichen Entscheidung, daß für den Fall einer künftig möglichen abermaligen Trennung Marchese Guiccioli seiner Gattin nicht tausend, sondern zwölfhundert Scudi als Jahresgehalt zu bezahlen habe, wobei gebeten ward, diese Entscheidung in das Zeugnis über das Zusammenleben der beiden Eheleute zum Gebrauche der Behörde aufzunehmen. Das Zeugnis wurde von der Kurie ausgestellt und[138] der Ordnung gemäß von mir unterschrieben. Die Marchesa, wahrscheinlich von Haus aus wohl unterrichtet, ließ bei der Kurie öfters darum nachfragen und wußte endlich meinen alten Kanzler zu bereden, daß er es ihr ohne mein Vorwissen einhändigte, indem sie ihn versicherte, es nach einigen Tagen selber nach Ravenna überbringen zu wollen. Richtig hieß es nach demselben, daß sie sich aus Venedig nächtlicher Weise entfernt habe ? und so war es auch! Tags zuvor kam sie noch zu mir und ließ nur auf einen Augenblick um Einlaß bitten, da sie mir einen Brief des Legaten von Ferrara zu übergeben habe. Der Brief enthält die Empfehlung ihrer Angelegenheit. Dann dankte sie mir für das erhaltene Zeugnis und fing in einem weinerlichen Tone an, über die an ihr verübten Grausamkeiten ihres Gatten zu klagen. Als ich bemerkte, daß sie ihm durch ihr Verhältnis mit Lord Byron dazu Veranlassung gegeben haben möchte, erwiderte sie ganz unbefangen, allerdings sei sie ? Amica des Lord's gewesen; allein ihr Gatte habe sie, wo sie noch kaum fünfzehn Jahre alt war und von der Welt gar keinen Begriff hatte, aus dem Kloster geholt und sie dann später an Byron um eine große Summe Geldes förmlich abgetreten; denn obgleich überreich, sei er von einem ungeheuern Geiz besessen, und nur als Byron in der Folge ihm einen bedeutenden Teil der stipulierten Summe vorenthielt, habe er einen unauslöschlichen Haß gegen sie gefaßt, mit welchem er sie allenthalben zu verderben drohe. So entschuldigte sie auch nach einer Bemerkung von mir ihr abgesondertes Wohnen in demselben Hause in Venedig damit, daß sie in jeder Speise Gift witterte, und sooft er auf sie zukam, in seinem Rockärmel einen Dolch zu erblicken glaubte. Ihr Gesicht, von dem sie den herabhangenden weißen Schleier gar nicht aufhob, zeigte noch Spuren ihrer ehemaligen Schönheit, und ihr goldfärbiges Haar wußte sie auch noch jetzt in das gehörige Licht zu setzen. ? Nun war sie aber aus Venedig verschwunden, und die Verwicklungen der gespielten Tragikomödie lagen entwirrt vor aller Augen. Der Geizhals Marchese Guiccioli expatriierte sich zum Scheine nach Venedig, um sich dem Spruch des heimischen Tribunals wegen der zweihundert Scudi plus zu entziehen, und die Signora Marchesa spielte die Finte eines scheinbaren Zusammenlebens mit ihm mittels des erhaltenen Zeugnisses durch; denn kaum zu Hause angelangt, wandte sie sich an die dortigen Gerichte, ließ auf die Weinvorräte Guiccioli's Beschlag legen und sich obgenannte Summe lebenslänglich versichern. Als ich eines Abends von meiner Villa nach der Stadt kam, traten ein paar Beamte des Tribunals di Prima Istanza (Landrechten) bei mir ein, um mir eine gegen mich durch den Marchese Guiccioli daselbst eingereichte Klagschrift in aller Form einzuhändigen. Die Klage hieß, daß ich durch jenes ausgefertigte Zeugnis[139] ihn auf unbestimmte, vielleicht noch lange Zeit um jährlich plus zu bezahlenden zweihundert Scudi zu Schaden gebracht, und ihn deshalb durch eines zu Handen des Gerichtes zu erlegenden Kapitals pro 4000 Scudi (über 8000 F.C.M.) zu entschädigen habe. Die Beamten gingen. Ich stand lange wie versteinert in meinem Zimmer da! Ein Patriarch von Venedig vor Gericht belangt ? zum Schadenersatz aufgefordert. Es war zu viel! Doch nach einigen Tagen antwortete ich dem Tribunal gehörigermaßen, zeigte, was die patr. Kurie von einer fremden geistlichen Macht delegiert tun konnte und nicht konnte, und legte die nötigen Papiere vor. Die Klage ward abgewiesen, und bald darauf entfernte sich auch Marchese Guiccioli von Venedig, um wahrscheinlich noch weiteren Übergriffen seiner Frau vorzubeugen. Und somit war auch diese unangenehme Geschichte zu Ende! Der ungemein milde Spätherbst hielt mich bis gegen Mitte November auf meiner schönen Villa fest, wo ohnehin der venezianische Adel am Martinstag (11. Nov.) mit seinen Pächtern Abrechnung zu halten und dann wechselweise hie und dorthin geladen fröhlichen Gastereien beizuwohnen pflegt; die nennen sie Far San Martino. In der Stadt sind splendide Mahlzeiten bei ihnen etwas höchst seltenes. Meine Gondel erwartete mich zur Heimfahrt wie gewöhnlich an dem Landungsplatz von Fusina. Als ich mich in selber niederließ, ersah ich neben mir einen Haufen Briefe, die sie mir entgegenbrachte, und wählte lange in selben herum, bis mir einer von unbekannter Handschrift besonders auffiel ? ich öffnete ihn, und oh, welch eine neue Epoche meines Lebens war in demselben angedeutet! Der ungarische Hofkanzler beeilte sich mir die vorläufige Anzeige zu machen, daß mich der Kaiser zum Erzbischof von Erlau ernannt habe. Obschon mir diese Ernennung schon seit mehr als einem Jahre in der Aussicht stand, so kam sie mir jetzt, wo ich seit längerer Zeit gesund und darum seelenfroh war, so unerwartet und so tief ergreifend, daß ich meinte, durch die Trennung von Venedig müßte ich von dem Leben scheiden. Es ist sonst wohl eine schöne Sache, in sein Geburtsland zurückkehren zu können, allein ich, der ich in dem meinigen eine so wenig frohe Jugend genoß, der ich von meinem zwanzigsten Jahre an in dem freundlichen Österreich und in einer, wie es schien, für meine ganze Zukunft festbestimmten Stellung achtundzwanzig Jahre verlebte und im ganzen bereits sechsunddreißig Jahre in glücklichen Verhältnissen von jenem abwesend war, wußte mich für jene Idee nicht zu begeistern; ich folgte dem höheren Rufe, weil es mein mir jeder Zeit so gewogener Kaiser also beschlossen hatte. Hätte er nicht zugleich meinen Nachfolger für Venedig am selben Tage ernannt, so würde eine Erklärung von meiner Seite mein ferneres Verbleiben in Venedig zur Folge gehabt haben.[140] Als die Nachricht von meiner neuen Bestimmung in Venedig ruchbar wurde, da begann ein für mich oft quälendes Lamento daselbst, welches bis zu meiner Abreise kein Ende nahm, die aber eingetretener Umstände wegen erst zu Ende April des folgenden Jahres erfolgen sollte. ? Doch welche Freude bereitete mir jetzt noch mein unaussprechlich guter Kaiser! Bald nach meiner Heimkunft sprang eines Morgens der Präsidialsekretär des Guberniums zu mir in das Zimmer herein, hüpfte hoch auf und lachte und jauchzte, so daß ich meinte, er sei wahnsinnig geworden; endlich vernahm ich die Worte: »Eccellenza! Die Allerhöchste Resolution ist angekommen; der Kaiser bewilligte alles, alles, was Sie wegen der Zurückgabe des entfremdeten Armenfonds verlangt haben!« Er reichte mir zugleich das Dekret in Abschrift dar, und ich las nun am ganzen Leibe zitternd vor grenzenloser Freude dasselbe vor ihm durch; doch erstickten bei jener Stelle die Tränen meine Stimme, wo es heißt: Die Wohltätigkeits-Kommission werde hiemit bevollmächtiget, ihre unter der italischen Regierung entrissenen Besitztümer wieder sich anzueignen, wie es der Patriarch, als Präses derselben, allerhöchsten Ortes in Anspruch genommen hat. Das k.k. Gubernium solle daher ungesäumt eine Kommission von Räten und Buchhaltungsbeamten ernennen, deren Sitzungen auch der Patriarch als Mitglied derselben beizuwohnen habe, um ehemöglichst den ganzen Tatbestand erheben und die geeignetesten Wege der Wiederherstellung bestimmen zu können. Es ist leicht zu erachten, daß ich nun, im Begriff, von meinem bisherigen Wirkungskreis in Venedig abzutreten, restlos darauf drang, die Arbeiten der ernannten Kommission in das Leben treten zu lassen, was dann auch mit dem günstigsten Erfolg geschah. Bald hatte die Pubblica Beneficenza verdoppelte jährliche Einkünfte, die Subskriptionsbeiträge wurden minder nötig, die testamentarischen Dispositionen fielen ihr und nicht wie bisher der Domänenadministration zu, und so wurde der früher so rasch zunehmenden Verarmung des venezianischen Volkes Einhalt getan und ihm eine bessere Existenz gesichert, wovon mir der Sekretär derselben vor ein paar Jahren dadurch einen Beweis liefern wollte, daß er schrieb, im J. 1844 seien um hundertfünfzigtausend Pfänder weniger wo sonst in das k.k. Versatzamt gekommen. ? Hiezu muß freilich auch die Bewilligung des Freihafens und all der Begünstigungen, die ich in meiner obenangeführten Denkschrift für die Erhaltung Venedigs bei dem Kaiser erwirkt hatte, gerechnet werden. Auf diesen Erfolg meiner Bemühungen für die Wiedererlangung des entrissenen venez.[141] Armenfonds gründet sich die Weihe jener schönen Denkmünze, welche die Mitglieder der Commissione di Pubblica Beneficenza im J. 1827 mir zu dankbarem Andenken prägen ließen und mir eine davon in Gold nebst einer begleitenden Zuschrift nach Erlau übersandten. Das Brustbild umgibt die Inschrift: Ladislao Pyrkerio Patriarchae Venetiarum ? und auf der Kehrseite steht: Viro Doctrina Prudentia Gravitate Probatissimo Patrimonii Pauperum Strenuo Assertori Quindecim Viri Mendicitate Ex Urbe Tollenda Ut Tanti Praesidis Agriensem Pontificatum Adeuntis Nomen Honos Benefacta Aeternarentur MDCCCXXVII. ? Abate Gagliuffi, rühmlichst bekannter Dichter und Improvisatore von Genua, schrieb folgende Distichen dazu, die nebst anderen Poesien und einer kurzen Geschichte der Veranlassung zu obiger Denkmünze durch eben jene Mitglieder der Pubblica Beneficenza zum Druck befördert worden sind. (Tributo d'onore a Sua Ecceellenza G.L. Pyrker etc. Venezia. Typis Gius. Antonelli 1829). Epigramma Amazon.de Widgets Praesentem Adriaca vidi Te, Pyrker, in urbe, Quaeque Tibi Venetus serta ferebat amor: Nunc vidi heu! serio rediens, insigne Numisma, Absenti Venetus quod tibi cudit amor. Hinc laetor plaudoque libens Venetisque Tibique. Hinc simul est Venetis et Tibi rarus honor; Rari etenim Proceres, quos gens abiisse quaeratur, Raraque gens Procerum, postquam abiere, memor. Durch diese hohe, in ihren Folgen so wichtige Resolution des Kaisers wurde mein Austritt aus meiner bisherigen Wirksamkeit recht eigentlich zur Verklärung gebracht; der Zartsinn, mit welchem er sie noch kurz vor meiner Ernennung zum Erzbischof von Erlau herabgelangen ließ, zeigt, wie wohlwollend sein edles, väterliches Herz für mich gestimmt war! ? Oh, Du Allerbarmer im Himmel und auf Erden, ich beuge mich im Staube vor Dir und kann nur schwache Laute des Dankes stammeln, daß Deine gütige Vorsehung mich, den anfangs Widerstrebenden, auf eine Bahn geführt hat, auf welcher ich, reich durch die Huld und das Vertrauen meines Kaisers, denen mir Anvertrauten so große Wohltaten zuwenden konnte! Nicht war es mein Verdienst ? ich habe dabei nur meine Pflicht getan ? es kam alles nur von Deiner Gnade allein. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit! 
