
                             Gerstcker, Friedrich

          Die Flupiraten des Mississippi. Aus dem Waldleben Amerikas.

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                              Friedrich Gerstcker

                        Die Flupiraten des Mississippi

                           Aus dem Waldleben Amerikas

                                    Vorwort.

Schon in frheren Zeiten, als die westlichen Staaten noch als Territorium der
Union galten, Dampfboote die Wasser jener mchtigen Strme noch nicht
aufwhlten, und nur unbehlfliche Kiel- und Flatboote - oft auch sehr passend
Archen genannt - die Handelsverbindung im Innern unterhielten, hatte sich auf
einer der zahlreichen Inseln dieses Stromes, Stack oder Crowsnest Island - oder
Nr. Vierundneunzig, wie sie jetzt genannt wird, eine vllige Raubbande
organisirt, die nicht allein, was in ihren Bereich kam, mordete und plnderte,
sondern auch in ihrem Versteck eine Falschmnzerei unterhielt, von wo sie mit
ihren Banknoten das ganze westliche Land berschwemmte. Die Gesetze waren nicht
hinreichend, die Bewohner der Union zu schtzen, und die Backwoodsmen muten
sich deshalb selbst dagegen bewahren.
    In einem Lande, wo sich der vierte Theil der Bevlkerung stets auf Reisen
befindet, ist es aber sehr schwer, ja fast unmglich, selbst einen Mord zu
entdecken, da man, wenn nicht der Zufall dabei thtig ist, selten weitere
Beweise hat, als da der Mann eben fehlt. Die Seinigen beweinen ihn nicht
einmal, denn da er todt sein knne, ist ihr letzter Gedanke. Sie vermuthen ihn
auf irgend einer Speculation nach Texas oder anderen neuen Staaten begriffen,
und hoffen, ihn mit der Zeit zurckkehren zu sehen.
    Jedes Verbrechen hat aber sein Ziel; die Mordbuben wurden durch die
ungestrafte Ausbung ihrer Schandthaten nach und nach dreister, ihre Verbindung
breitete sich immer mehr aus, und ihre Entdeckung mute endlich die Folge davon
sein. In Arkansas und Texas hatten sich indessen Regulatorenbndnisse gegrndet,
und so berfielen auch hier die nchsten Nachbarn jene Verbrechercolonie, die
Insel, und bten so frchterliche Gerechtigkeit an den Schuldigen, da sie Alle,
die sie nicht selber ergriffen und vernichteten, weit hinausjagten in ferne
Theile Amerikas, um nur ihrem strafenden Arm zu entgehen. Ein Theil der
sogenannten Morrel'schen Bande stand mit diesen Flupiraten in Verbindung;
Morrel selber wurde gefangen und, wenn ich nicht irre, im Zuchthaus aufgehoben;
das aber, was den Backwoodsmen unter die Hnde fiel, kam in kein Gefngni - es
war ein blutiger Tag, der jenen Rubereien ein Ende machte.
    Den Schauplatz meiner Erzhlung, in welcher ich das Ruberunwesen wahr nach
dem Leben zu schildern suche, habe ich nach Helena und in dessen nchste
Umgebung verlegt; die wirkliche Insel befand sich aber etwas weiter unten als
Einundsechzig.

                                       1.

                                        

                                Der alte Farmer.


Dort, wo der Wabasch die beiden Bruderstaaten Illinois und Indiana von einander
scheidet und seine klaren Fluthen dem Ohio zufhrt, wo er sich bald zwischen
steilen Felsufern, bald zwischen blhenden Matten und blumigen Prairien, oder
auch unter dem ernsten Schatten und feierlichen Schweigen des dunkeln Urwalds
hin, murmelnd und pltschernd durch tausend stille Buchten drngt, mit dem
Schilf und mit einzelnen schwankenden Weidenbschen spielt und tndelt, hier
bald leise und behaglich ber runde Kiesel und grne Rasenstecken dahingeleitet,
bald wieder pltzlich wie im tollen Muthwillen herausschiet in die Mitte des
Bettes und da, von der Gegenstrmung erfat, kleine blitzende Wellen schlgt und
glitzert und funkelt - da lagen im Frhling des Jahres 184-, die Bchsen neben
sich in das schwellende Gras geworfen, zwei Mnner auf einer dichtbewaldeten
Anhhe. Im Sden stemmte sich dieselbe dem Lauf des Stromes entgegen und zwang
ihn, brausend und scheinbar unwillig ber die trotzige Hemmung, wieder seitab zu
fluthen; mute er doch den starren Gesellen umgehen, der weder durch das leise,
schmeichelnde Pltschern der Wellen, noch durch den mchtigen Andrang der zornig
aufgeschwellten Wasser hatte bewogen werden knnen, auch nur einen Zoll breit
seines behaupteten Grundgebiets preiszugeben.
    Der Eine der Mnner war noch jung und krftig, kaum lter als drei- oder
vierundzwanzig Jahre, und seine Tracht verrieth eher den Bootsmann als den
Jger. Der kleine runde und niedere Wachstuchhut, mit dem breiten flatternden
Band darum, sa ihm keck und leicht auf den krausen blonden Haaren. Die blaue
Matrosenjacke umschlo ein Paar Schultern, deren sich ein Hercules nicht htte
zu schmen brauchen, und das rothwollene Hemd wurde von einem schwarzen seidenen
Halstuch, die weien segeltuchnen Beinkleider von einem schmalen
festgeschnallten Grtel zusammengehalten. Dieser trug zu gleicher Zeit noch die
lederne Scheide mit dem einfachen Schiffsmesser und vollendete den seemnnischen
Anzug des Fremden.
    Da er aber auch in den Wldern heimisch, bewiesen die sauber gearbeiteten
Moccasins, mit denen seine Fe bekleidet waren, sowie die von seiner Hand
erlegte Beute, ein stattlicher junger Br, der vor ihm ausgestreckt auf dem
blutgefrbten Rasen lag. Ein groer, schwarz und grau gestreifter Schweihund
aber sa daneben und hielt die klugen Augen noch immer fest auf das glcklich
erjagte Wild geheftet. Die heraushngende Zunge, das schnelle heftige Athmen des
Thieres, ja sogar ein nicht unbedeutender Fleischri an der linken Schulter, von
dem die klaren Blutstropfen noch langsam niederfielen, bewiesen brigens, wie
schwer ihm die Jagd geworden und wie theuer er den Sieg ber den strkeren Feind
erkauft habe.
    Der zweite Jger, ein Greis von einigen sechzig Jahren, wurde allerdings an
Krperkraft und Strke von seinem jngeren Begleiter bertroffen, trotzdem sah
man aber keiner seiner Bewegungen das vorgerckte Alter an. Seine Augen glhten
noch in fast jugendlichem Feuer, und seine Wangen frbte das glhende Roth der
Gesundheit. Nach Sitte der Hinterwldler war er in ein einfach baumwollenes
Jagdhemd, mit eben solchen Franzen besetzt, lederne Leggins und grobe Schuhe
gekleidet. In seinem Grtel stak aber statt des schmalen Matrosenmessers, das
sein Gefhrte trug, eine breite, schwere Klinge, ein sogenanntes Bowiemesser,
und die wollene, fest zusammengerollte Decke hing ihm, mit einem breiten
Streifen Bast befestigt, ber der Schulter.
    Beide hatten sich augenscheinlich hier, wo sie ihr Wild erlegt, nach der
gehabten Anstrengung fr kurze Rast in's Gras geworfen, und der Alte, whrend er
sich auf den rechten Ellbogen sttzte und der eben hinter den Bumen
versinkenden Sonne nachsah, brach jetzt zuerst das Schweigen.
    Tom, sagte er, wir drfen hier nicht lange liegen bleiben. Die Sonne geht
unter, und wer wei, wie weit wir noch zum Flusse haben.
    Lat Euch das nicht kmmern, Edgeworth, antwortete der Jngere, whrend er
sich dehnend streckte und zu dem blauen, durch die schattigen Zweige auf sie
niederlchelnden Himmel emporblickte - da drben, wo Ihr die lichten Stellen
erkennen knnt, fliet der Wabasch - keine tausend Schritt von hier, und das
Flatboot kann heut Abend mit dem besten Willen von der Welt noch nicht hier
vorbeikommen. Sobald es dunkel wird, mssen sie beilegen, denn den Snags und
Baumstmmen, mit denen der ganze Flu gespickt ist, wiche Gott Vater selbst
nicht im Dunkeln aus, und wenn er sich mit seinen ganzen himmlischen
Heerschaaren an's Steuer stellte. Ueberdies hatten sie von da, wo wir sie
verlieen, einen Weg von wenigstens fnfzehn Meilen zu machen, whrend wir die
Biegung des Flusses hier kurz abschnitten.
    Ihr scheint mit dieser Gegend sehr vertraut? sagte der Alte.
    Sollte denken, erwiderte Jener sinnend, habe hier zwei Jahre gejagt und
wei jeden Baum und Bach. Es war damals, ehe ich Dickson kennen lernte, mit
dessen Schooner ich spter nach Brasilien ging. Der arme Teufel htte auch nicht
gedacht, da er dort solch ein schmhliches Ende nehmen sollte.
    Das habt Ihr mir noch nicht erzhlt.
    Heut Abend thu ich's vielleicht. - Jetzt, denk' ich, schlagen wir ein Lager
auf und gehen dann mit Tagesanbruch zum Flu hinunter, wo wir warten knnen, bis
unser Boot kommt.
    Wie schaffen wir aber das Wild hinab? Wenn's auch nicht weit ist, werden
wir doch tchtig dran zu schleppen haben.
    Ei, das lassen wir hier, rief der Jngere, whrend er aufsprang und seinen
Grtel fester schnallte - wollen die Burschen Brenfleisch essen, so mgen sie
sich's auch selber holen.
    Wenn sie aber nun vorbeifhren?
    Denken nicht dran, sagte Tom - berdies wei Bill, der Steuermann, da er
uns hier in der Gegend erwarten mu, im Fall wir nicht frher eintrfen; also
haben wir in der Hinsicht keineswegs zu frchten, da wir sitzen bleiben. Wetter
noch einmal, das Boot wird doch nicht ohne seinen Capitain abfahren wollen!
    Auch gut! sagte der alte Edgeworth, whrend er dem Beispiel seines
jngeren Gefhrten folgte und sich zum Aufbruch rstete - dann schlag' ich aber
vor, da wir die Rippen und sonst noch ein paar gute Stcke herausschneiden, das
Uebrige hier aufhngen, und nachher dort links hinunter gehen, wo, dem Aussehen
der Bume nach, ein Bach sein mu. Frisches Wasser mcht' ich die Nacht doch
haben.
    Diese Vorsicht war nthig, die Mnner gingen deshalb schnell an die Arbeit,
die kurze Tageszeit noch zu benutzen. Sie fanden auch den Quell und neben ihm
eine ganz ungewhnliche Menge von drren Aesten und Zweigen, von denen freilich
schon ein groer Theil halb verfault war. Das Meiste davon lie sich aber noch
trefflich zum Lagerfeuer benutzen, und an der schnell entzndeten Gluth staken
bald die Rippenstcke des erlegten Bren, whrend die Jger, auf ihren Decken
ausgestreckt, der Ruhe pflegten und in die zngelnden Flammen starrten.
    Die beiden Mnner gehrten, wie auch der Leser schon aus ihrem Gesprch
entnommen haben wird, zu einem Flatboot, das von Edgeworth's oben am Wabasch
liegender Farm mit einer Ladung von Whisky, Zwiebeln, Aepfeln, gerucherten
Hirschschinken, getrockneten Pfirsichen und Mais nach New-Orleans oder irgend
einem der weiter oben gelegenen Landungspltze steuerte, wo sie hoffen konnten,
ihre Producte gut und vorteilhaft zu verkaufen. Der alte Edgeworth, ein
wohlhabender Farmer aus Indiana und Eigenthmer des Boots und der Ladung, fhrte
auch eine ziemliche Summe baaren Geldes bei sich, um in einer der sdlichen
Stdte, vielleicht in New-Orleans selbst, Waaren einzukaufen und sie mit in
seine, dem Verkehr etwas entlegene Niederlassung zu schaffen. Er war erst vor
zwei Jahren an den Wabasch gezogen und hatte frher im Staate Ohio, am Miami
gelebt. Dort aber fhlte er sich nicht lnger wohl, da die mehr und mehr
zunehmende Bevlkerung das Wild verjagte oder vertrieb, und der alte Mann doch
dann und wann einmal, wie er sich ausdrckte, eine vernnftige Fhrte im
Walde sehen wollte, wenn er nicht ganz melancholisch werden sollte.
    Tom dagegen, ein entfernter Verwandter von ihm und eine Waise, hatte vor
einigen Jahren ebenfalls groe Lust gezeigt, sich hier am Wabasch huslich
niederzulassen. Pltzlich aber und ganz unerwartet nderte er seinen Sinn, und
als er zufllig den alten Dickson, einen Seemann und frheren Jugendfreund
seines Vaters, traf, ging er sogar wieder zur See.
    Damals schiffte er sich in Cincinnati an Bord des dort von Dickson gebauten
Schooners ein, der eine Ladung nrdlicher Producte nach New-Orleans fhrte,
diese hier verkaufte, Fracht fr Havanna einnahm und dann eine Zeit lang die
sdlichen Ksten Amerikas befuhr, bis ihn in Brasilien, wie Tom schon vorher
erwhnt, sein bses Geschick ereilte.
    Wenn nun auch erst seit Kurzem von seinen Kreuz-und Querzgen zurckgekehrt,
schien ihm die Heimath doch wenig zu bieten, was ihn fesseln konnte. Er war
wenigstens gern und gleich bereit, den alten Edgeworth wieder auf seiner Fahrt
stromab zu begleiten, und bewies eine so gnzliche Gleichgltigkeit gegen alles
das, was seinen knftigen Lebenszweck betraf, da Edgeworth oft den Kopf
schttelte und meinte, es sei hohe Zeit fr ihn gewesen, zurckzukommen und ein
ehrbarer ordentlicher Farmer zu werdender wre sonst auf der See und zwischen
all' den sorglos in's Leben hineintaumelnden Kameraden ganz und gar verwildert
und verwahrlost.
    Um nun aber die Einfrmigkeit einer Flatbootfahrt wenigstens in etwas zu
beleben, waren sie hier, wo der Flu einen bedeutenden Bogen machte, mit ihren
Bchsen an's Land gesprungen und hatten auch schon, vom Glck begnstigt, ein
vortreffliches Stck Wild erlegt. Das Boot, gezwungen, sich nach den Krmmungen
des Flusses zu richten, verfolgte indessen unter der Aufsicht von fnf krftigen
Hosiers1 seine langsame Bahn und trieb mit der Strmung zu Thal.
    So la ich mir's im Walde gefallen, sagte endlich Tom nach langer Pause,
indem er sich auf sein Lager zurckwarf und zu den von der darunter lodernden
Gluth beleuchteten Zweigen emporschaute. So kann man's aushalten - Brenrippen
und trockenes Wetter - etwas Honig fehlt noch: solch junges Fleisch schmeckt
aber auch ohne Honig delicat. Blitz und Tod! Manchmal, wenn ich so auf Deck lag,
wie jetzt hier unter den herrlichen Bumen, zu eben den Sternen in die Hhe
schaute und dann das Heimweh bekam - Edgeworth, ich sage Euch, das - Ihr habt
wohl nie das Heimweh gehabt?
    Das Heimweh? nein, erwiderte der alte Mann seufzend, whrend er seine
Bchse mit frischem Zndpulver versah und diese, das Schlo mit dem Halstuch
bedeckend, neben sich legte, das nicht, aber anderes Weh gerade genug. -
Sprechen wir nicht davon, ich mchte mir den Abend nicht gern verderben. Ihr
wolltet mir ja erzhlen, was in Brasilien mit Dickson, oder wie er sonst hie,
geschah. -
    Nun, wenn das dazu dienen soll, Euch aufzuheitern, brummte Tom, so habt
Ihr einen wunderlichen Geschmack. Aber so ist es mit uns Menschen, wir hren
lieber Trauriges von Anderen, als Lustiges von uns selbst. Doch, meine
Geschichte ist kurz genug.
    Wir waren in die Mndung eines kleinen Flusses, San Jose, eingelaufen und
gedachten dort, unsere Ladung von Whisky, Mehl, Zwiebeln und Zinnwaren - mit
welchen letzteren wir einen besonders guten Handel zu machen erwarteten - an die
Eingeborenen und Pflanzer zu verkaufen. Eine bezeichnete Plantage hatten wir
aber an dem Abend nicht mehr erreichen knnen, befestigten unser kleines
Fahrzeug deshalb mit einem guten Kabeltau an einem jungen Palmbaum, der nicht
weit vom Ufer stand, kochten unsere einfache Mahlzeit, spannten die
Mosquitonetze auf und legten uns schlafen.
    Eine Wache auszustellen oder sonstige Vorsichtsmaregeln zu treffen, fiel
Niemandem ein; nur hatten wir den Schooner etwas lang gehangen, damit er neben
einen im Wasser festliegenden Stamm kam und nicht dicht an's Ufer konnte. Sonst
trumten wir von keiner Gefahr und hielten auch wirklich die Gegend fr ganz
sicher und gefahrlos. -
    Ich wei nicht, wie spt es in der Nacht gewesen sein kann, als Dickson, der
dicht neben mir lag, mich in die Seite stie und frug, ob ich nichts hre.
    Halb im Schlafe noch mocht' ich ihm wohl etwas mrrisch geantwortet haben,
zum Teufel zu gehen und andere Leute in Ruhe zu lassen, auch wahrscheinlich
wieder eingeschlafen sein, da fhlte ich, wie er mich bald darauf zum zweiten
Mal, und zwar diesmal ziemlich derb, an der Schulter fate und leise flsterte:
Munter, Tom! munter! Es ist nicht richtig am Ufer. Hallo, rief ich und fuhr in
die Hhe; denn jetzt kam mir zum ersten Mal der Gedanke an die rothen Teufel,
die ja doch auch dort vielleicht eben solche Liebhabereien haben konnten, wie
das wilde Volk bei uns. So saen wir denn neben einander, Jeder unter seinem
langen dnnen Fliegennetz, und horchten, ob wir irgend etwas Verdchtiges hren
konnten. Da rief Dickson auf einmal: Hierher, Leute - da sind sie - die Schufte!
und sprang in die Hhe, whrend ich schnell nach meinem Messer griff und das
verdammte Ding in aller Eile nicht finden konnte. Dickson aber mute sich mit
den Fen in dem dnnen Gazestoff, aus dem das Netz bestand, verwickelt haben.
Ich hrte einen Fall auf das Deck und sah, als ich mich schnell danach umwandte,
zwei dunkle Gestalten, die wie Schatten ber den Rand des Bootes glitten und
sich auf ihn warfen.
    In dem Augenblick trat ich auf eine Handspeiche, die wir am vorigen Abend
gebraucht hatten, und das war die einzige Waffe, die hier von Nutzen sein
konnte. Mit Blitzesschnelle ri ich sie in die Hhe, rief den Anderen zu - wir
hatten noch drei Matrosen und einen Jungen an Bord -, das Tau zu kappen, und
schmetterte mit dem schweren Holz auf die Kpfe der beiden dunkeln Halunken
nieder, die auch im nchsten Augenblick wieder ber Bord sprangen oder
wahrscheinlicher strzten; denn meine Keule sa am nchsten Morgen voll Gehirn
und Blut.
    Whrend die Uebrigen, ebenfalls noch halb schlaftrunken, emportaumelten,
hatte der Junge so viel Geistesgegenwart behalten, mit einem glcklicher Weise
dortliegenden Handbeil das Tau zu kappen, so da schon im nchsten Augenblick
der Schooner, von der starken Ebbe mit fortgenommen, stromab trieb.
    Meiers und Howitt, zwei von den anderen Matrosen, versicherten mir nachher
noch, sie htten ebenfalls fnf von den Schuften, die am Schiffsrand gehangen,
auf die Schdel geklopft; ich wei freilich nicht, ob es wahr ist. Unser armer
Capitain war aber todt - er hatte einen Lanzenstich durch die Brust und einen
Keulenschlag ber den Kopf bekommen, und lag, als wir endlich am andern Ufer
wieder etwas freier Athem schpften, starr und leblos an Deck.
    Und was wurde aus der Ladung?
    Die verkaufte ich noch in derselben Woche, befrachtete dann die Charlotte,
so hie der Schooner, mit bei uns verkuflichen Gegenstnden und lief vier
Monate spter gesund und frisch in Charlestown, wo Dickson's Wittwe lebte, ein.
Die arme Frau trauerte allerdings ber den Tod ihres Mannes, das Geld aber, was
ich ihr brachte, trstete sie wohl in etwas. Acht Wochen spter heirathete sie
wenigstens einen Pflanzer in der Nachbarschaft. Das sind Schicksale.
    Sie wute doch wenigstens, wo ihr Mann geblieben, flsterte der alte Mann
halb vor sich hin, wute, da er todt, und wie er gestorben sei. Wie manche
Eltern harren aber Monde - Jahre lang auf ihre Kinder, hoffen in jedem Fremden,
der die Strae wandert, in jedem Reisenden, der Nachts an ihre Thr klopft, das
geliebte Antlitz zu schauen und - mssen sich am Ende doch selbst gestehen, da
sie todt - lange, lange todt sind, und da Haifisch oder Wolf ihre Leichen
zerrissen oder ihre Gebeine benagt haben.
    Ja, Du lieber Gott, sagte Tom, indem er, um ein etwas lebhafteres Feuer zu
erhalten, einen neuen Ast auf die Kohlen warf, das ist eine sehr alte
Geschichte. Wie Viele kommen allein in diesen Wldern um, die auf den Flssen
gar nicht gerechnet, von denen die Ihrigen selten oder nie wieder erfahren, was
aus ihnen geworden ist. Wie viele Tausend gehen auf der See zu Grunde! Das lt
sich nicht ndern, und so oft ich auch in Lebensgefahr gewesen bin, daran hab'
ich nie gedacht.
    Manchmal kehren sie aber auch wieder zu den Ihrigen zurck, sagte der Alte
mit etwas freudigerer Stimme. Wenn diese sie schon lange auf- und verloren
gegeben haben, dann klopfen sie pltzlich an das so lange nicht gesehene, so
hei vielleicht ersehnte Vaterhaus, und die Eltern schlieen weinend - aber
Freudenthrnen weinend, das liebe, bse Kind in die Arme.
    Ja, erwiderte Tom ziemlich gleichgltig, aber nicht oft. Die Dampfboote
fressen jetzt eine unmenschliche Anzahl Leben; bei denen geht's ordentlich
schockweise. Das - aber Ihr rckt ja ganz von der Decke herunter, unterbrach er
sich, whrend er sein erst verlassenes Lager wieder einnahm; die Nacht ist zwar
warm, doch auf dem feuchten Grunde zu liegen, soll gerade nicht bermig gesund
sein.
    Ich bin's gewohnt, erwiderte der Alte, und zwar, wie es schien, ganz in
seine eigenen trben Gedanken vertieft.
    Und wenn Ihr's auch gewohnt seid, die Decke liegt einmal da, warum sie
nicht benutzen!
    An der Stelle dort, wo ich lag, mssen Wurzeln oder Steine sein - es
drckte mich an der Schulter und ich rckte deshalb aus dem Wege.
    Nun, danach knnen wir leicht sehen, meinte Tom gutmthig; es wre
berhaupt besser, ein wenig drres Laub zu einem vernnftigen Lager
zusammenzuscharren, als hier auf der harten Erde liegen zu bleiben. Steht einen
Augenblick auf, und in einer Viertelstunde soll Alles hergerichtet sein.
    Edgeworth erhob sich und trat zu der knisternden Flamme, in die er mit dem
Fue einige der durchgebrannten und hinausgefallenen Kltze zurckschob. Tom zog
indessen die Decke weg und fhlte nach den darunter verborgenen Wurzeln.
    Hol's der Henker, lachte er endlich, das glaub' ich, da Ihr da nicht
liegen konntet. Eine ganze Partie Hirschknochen steckte darunter und keine
Wurzeln; da wir das aber auch nicht gleich gesehen haben! Er warf bei diesen
Worten die Knochen gegen das Feuer zu und kratzte nun mit den Fen und Hnden
das in der Nhe herumgestreute Laub herbei, bis er ein ziemlich weiches Lager
zusammenhatte. Dann breitete er wieder sorgfltig die Decke darber, trug noch
einige heruntergebrochene Aeste zur Flamme, um in der Nacht wieder nachlegen zu
knnen, zog Jacke und Moccasins aus, deckte die erstere sich ber die Schultern
und lag bald darauf lang ausgestreckt auf der Decke, um ein paar Stunden zu
schlafen und die Ankunft des Bootes am nchsten Morgen nicht zu versumen.
    Edgeworth hatte dagegen einen der neben ihn hingeworfenen Knochen
aufgenommen und betrachtete ihn mit grerer Aufmerksamkeit, als ein so
unbedeutender Gegenstand eigentlich zu verdienen schien.
    Nun - seid Ihr nicht mde? frug ihn sein Gefhrte endlich, der zu schlafen
wnschte, lat doch die Aasknochen und legt Euch nieder. Es wird Tag werden,
ehe wir's uns versehen.
    Das ist kein Hirschknochen, Tom! sagte der Alte, indem er sich zum Feuer
niederbog, um das Gebein, das er in der Hand hielt, besser und genauer
betrachten zu knnen.
    Nun, so ist's von Wolf oder Br, murmelte dieser, schon halb
eingeschlafen, mit schwerer Zunge.
    Br? das wre mglich, erwiderte nachdenkend der Alte, ja, ein Br knnt'
es sein, ich wei aber doch nicht - mir kommt's wie ein Menschenknochen vor -
    Tretet doch dem Hund einmal in die Rippen, da er das verdammte Scharren
lt, sagte der Matrose rgerlich. Menschenknochen - meinetwegen auch; wie
sollten aber Menschenknochen - er fuhr auf einmal schnell und ganz ermuntert
von seinem Lager empor, whrend er scheu und wild zu den Bumen hinaufschaute,
die um ihn standen.
    Was ist Euch? frug Edgeworth erschrocken, was habt Ihr auf einmal?
    Verdammt will ich sein, sagte Tom sinnend und immer noch ngstlich
umherblickend, wenn ich - nicht glaube -
    Glaube, was? Was habt Ihr?
    Ist das wirklich ein Menschenknochen?
    Mir kommt er so vor. Es mu das Hftbein eines Mannes gewesen sein, denn
fr einen Hirsch ist es zu stark und fr einen Bren zu lang. Aber was ist
Euch?
    Tom war emsig beschftigt, seine Moccasins wieder anzuziehen, und sprang
jetzt auf die Fe.
    Wenn das ein Menschenknochen ist, rief er, so kenne ich den, dem er
gehrte, und habe ihn selbst mit Aesten und Zweigen zugedeckt, als wir ihn
fanden. Darum lag also auch hier so viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen.
Ja, wahrhaftig, das ist der Platz und dieselbe Eiche, unter der wir ihm sein
Grab machten; das Kreuz - der Auswuchs hier soll ein Kreuz sein - hieb ich
damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm. Der arme Teufel -
    Auf welche Art starb er denn, und wer war es?
    Wer es war, wei der liebe Gott, ich nicht, aber er starb auf eine recht
niedertrchtige, hundsfttische Weise. Ein Bootsmann, dessen Boot gerade da
unten am Lande lag, wo wir das unsrige morgen erwarten, schlug ihn todt wie
einen Wolf, und das um ein paar lumpiger Dollar willen.
    Entsetzlich! sagte der Alte und lehnte sich, den Knochen neben sich
legend, auf seine Decke zurck, whrend Tom ebenfalls seinen so schnell
verlassenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand sttzte.
    Wir jagten hier oben nach Bienen, fuhr Tom, vor sich niederstarrend und
ganz im Andenken der alten Zeiten verloren, fort, und Bill -
    Der Bootsmann? frug Edgeworth.
    Nein, jener Unglckliche, sagte Tom.
    Und sein anderer Name?
    Den nannte er nie; wir waren auch nur vier Tage zusammen, und er gehrte,
so viel ich verstanden habe, nach Ohio hinber. Bill hatte jenen Burschen ein
paar Dollar sehen lassen, und der wollte ihn gern Abends, als wir am Feuer
gelagert waren, zum Spielen reizen. Er spielte aber nicht, und das erbitterte
schon den nichtswrdigen Buben. Ein paar Nchte darauf hatte er's denn auf
irgend eine Art und Weise anzustellen gewut, da er den armen Jungen von uns
fortbekam und die Nacht mit ihm allein auslagerte. Wir campirten an demselben
Abend in der Nhe der Schlucht, in welcher wir heute zuerst auf die Brin
schossen; denn von der kleinen Prairie aus waren wir dorthin einem Bienencours
gefolgt. Den andern Tag lie sich Niemand von ihnen sehen, und als wir mit
Sonnenuntergang zum Fluufer kamen, war das Boot fort.
    Dicht am Ufer bernachteten wir. Der alte Sykomorestamm mu noch dort
liegen, wo unser Feuer war; denn der hatte sich fest zwischen zwei Felsen
gezwngt und konnte nicht fort. Als wir am nchsten Morgen die Bank erstiegen,
wurden wir zuerst durch die Aasgeier aufmerksam gemacht, von denen eine groe
Menge nach einer Richtung hinzog.
    Gebt Acht, sagte mein Begleiter, ein Jger aus Kentucky, mit dem ich damals
in Compagnie jagte, gebt Acht, der lumpige Flatbooter hat den Kurzfu kalt
gemacht.
    Kurzfu, fuhr der Alte erschrocken auf, warum nannte er ihn Kurzfu?
    Sein rechtes Bein war etwas krzer als das linke, und er hinkte ein wenig,
aber nicht viel, und richtig - wie wir auf den Hgel hier kommen - ich verge
den Anblick nicht und wenn ich tausend Jahre alt wrde - da lag der Krper, und
die Aasgeier - aber was ist Euch, Edgeworth, was habt Ihr? Ihr seid -
    Hatte der - der Kurzfu oder - oder Bill, wie Ihr ihn nanntet - eine Narbe
ber der Stirn?
    Ja - eine groe, rothe Narbe - kanntet Ihr ihn?
    Der alte Mann prete seine Hnde vor die Stirn und sank in stummem Schmerz
auf sein Lager zurck.
    Was ist Euch, Edgeworth? Um Gottes willen. Mann - was fehlt Euch? rief der
Matrose, jetzt wirklich erschreckt emporspringend, kommt zu Euch - wer war
jener Unglckliche?
    Mein Kind - mein Sohn! schluchzte der Greis und drckte seine eiskalten,
leichenartigen Finger fest vor die heien, trockenen Augenhhlen.
    Allmchtiger Gott! sagte Tom erschttert, das ist schrecklich - armer -
armer - Vater!
    Und Ihr begrubt ihn nicht! frug dieser endlich nach langer Pause, in der
er versucht hatte, sich ein wenig zu sammeln.
    Doch - er bekam ein Jgergrab, antwortete leise und mitleidig der junge
Mann; wir hatten nichts mit uns, als unsere kleinen indianischen Tomahawks, und
der Boden war drr und hart da - aber ich martere Euch mit meinen Worten -
    Erzhlt nur weiter - bitte - lat mich Alles wissen, bat flehend der
Vater.
    Da legten wir ihn hier unter diese Eiche, trugen von allen Seiten Stangen
und Aeste herbei, da kein wildes Thier, wie stark es auch gewesen, ihn
erreichen konnte - denn Bren lassen die Leichen zufrieden -, und ich hieb mit
dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm.
    Edgeworth starrte still und leichenbleich vor sich nieder. Nach kurzer,
peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor, schaute zitternd und
traurig umher und flsterte:
    Wir liegen hier also auf seinem Grabe - in seinem Grabe - und mein armer,
armer William mute auf solche Weise enden! Doch seine Gebeine drfen nicht so
umhergestreut lnger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben, Ihr helft sie
mir begraben, nicht wahr, Tom?
    Von Herzen gern, nur - wir haben kein Werkzeug.
    Auf dem Boote sind zwei Spaten und mehrere Hacken - die Leute mssen
helfen. - Ich will meinem Sohn, und wenn auch erst nach langen Jahren, die
letzte Ehre erweisen; es ist ja Alles, was ich fr ihn thun kann.
    Sollen wir lieber unser Lager hinber auf die andere Seite des Feuers
machen? frug Tom.
    Glaubt Ihr, ich scheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind
vermoderte? sagte der Greis; es ist ja auch ein Wiedersehen, wenngleich ein
gar schmerzliches. Ich glaubte an seinem Herzen noch einmal liegen zu knnen und
finde jetzt - seine Gebeine umhergestreut in der Wildni. - Aber gute Nacht, Tom
- Ihr mt mde sein von des Tages Anstrengungen - wir wollen ein wenig
schlafen, und der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit
beschftigt.
    Sicherlich nur, um den jngeren Gefhrten zu schonen, warf sich der alte
Mann auf sein Lager zurck und schlo die Augen. Kein Schlaf senkte sich aber
auf seine thrnenschweren Lider, und als der khle Morgenwind durch die
rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen suselte, stand er auf, fachte das
jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei
dessen Licht die um das Lager herumgestreuten Gebeine zu sammeln. Tom, hierdurch
ermuntert, half ihm schweigend in seiner Arbeit und nherte sich dabei dem
Platze, wo Wolf, etwa dreiig Schritt vom Feuer entfernt, zusammengekauert neben
einem kleinen Ulmenbusche lag. Obgleich die Beiden aber sonst sehr gute Bekannte
waren, empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mrrisch und
drohend. -
    Wolf! Schmst Du Dich nicht, Alter? sagte der junge Mann, auf ihn
zugehend, Du trumst wohl, Du faules Vieh - weist mir die Zhne?
    Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur
strker, wedelte aber auch dabei leise mit dem Schwanze, gerade als ob er htte
sagen wollen: Ich kenne Dich recht gut und wei, da Du ein Freund bist, aber
hierher darfst Du mir trotz alledem nicht.
    Tom blieb stehen und sagte zu Edgeworth, der auf ihn zukam:
    Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laube und will mich nicht nher
lassen. Was es nur sein mag?
    Edgeworth ging auf ihn zu, schob leise seinen Kopf zur Seite und fand
zwischen den Pfoten des treuen Thieres - den Schdel seines Sohnes - wobei Wolf,
als Jener die Ueberreste des theuren Hauptes seufzend emporhob, an ihm hinauf
sprang und winselte und bellte.
    Das kluge Thier wei, da es Menschenknochen sind, sagte der Matrose.
    Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine! rief der Greis
erschrocken. Bill hat ihn aufgezogen und ging nie, von dem Augenblick an, wo er
laufen konnte, einen Schritt ohne ihn in den Wald.
    Das ist ja nicht mglich - die Gebeine knnen keinen Geruch behalten haben.
- Wie alt ist denn der Hund?
    Acht Jahre - aber so klug wie je ein Thier einer Fhrte folgte, sagte der
Greis; Wolf - komm hierher, wandte er sich dann an den Winselnden, komm her,
mein Hund - kennst Du Bill noch, Deinen alten guten Herrn?
    Wolf setzte sich nieder, hob den spitzigen Kopf hoch empor, sah seinem Herrn
treuherzig in die Augen, warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf
den andern und stie pltzlich ein nicht lautes, aber so wehmthig klagendes
Geheul aus, da sich der alte Mann nicht lnger halten konnte. Er kniete neben
dem Thiere nieder, umschlang seinen Hals und machte durch einen heien,
lindernden Thrnenstrom seinem gepreten Herzen Luft. Wolf aber leckte ihm
liebkosend Stirn und Wange und versuchte mehrere Male, die Pfote auf seine
Schulter zu legen.
    Unsinn! sagte Tom, dem bei dem sonderbaren Betragen des Hundes ordentlich
unheimlich zu Muthe wurde, das Thier wittert menschliche Ueberreste, und da
geht's ihm gerade wie mit Menschenblut. Lat das die Hunde pltzlich spren, so
heulen sie ebenfalls, als ob ihnen das Herz brechen wollte. Lat mir den
Glauben, Tom! bat der Alte, sich endlich wehmthig wieder emporrichtend, es
thut mir wohl, selbst in dem Thiere das Gedchtni fr einen Freund bewahrt zu
sehen, und - wir haben ja des Schmerzlichen genug, warum den schwachen Trost
noch muthwillig mit eigener Hand zerstren?
    Ein Schu aus der Richtung her, in welcher der Flu liegen mute, unterbrach
hier seine Rede.
    Verdammt! rief Tom, ob die Burschen nicht schon mit dem Boote da sind -
die Seehunde mssen Nachts gefahren sein, es ist ja kaum Tag.
    Thut mir den Gefallen und ruft sie her! bat Edgeworth.
    Mir wr's lieber, wenn Ihr mitginget, sagte der junge Mann zgernd, Ihr
qult Euch hier und -
    Ich bin gefat, wenn Ihr kommt, Tom. - Thut mir die Liebe und ruft sie.
    Im nchsten Augenblick hatte der junge Mann seine Bchse geschultert und
schritt dem Fluufer zu. Edgeworth kniete an dem Fue der Eiche, die Jahre lang
ihre Arme schtzend ber die Ueberreste seines Kindes ausgebreitet hatte, nieder
und lag ernst und still im brnstigen Gebet, bis er die Schritte der vom Boote
Kommenden hrte. Dann sprang er auf und schritt ihnen fest und ruhig entgegen.
    Tom hatte die Mnner schon unten am Flusse mit dem Vorgegangenen schnell
bekannt gemacht, und ernst und schweigend begannen sie an der engen Gruft zu
arbeiten, die des unglcklichen jungen Mannes Gebeine aufnehmen sollte. Dann
legten sie sorgsam die gesammelten Ueberreste hinein, warfen das Grab zu,
wlbten den kleinen Hgel darber und trugen nachher eben so still und lautlos
die Jagdbeute, die ihnen Tom bezeichnete, auf ihren Schultern zum Boote
hinunter.
    Hallo! rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann, eine wilde,
drohende Gestalt, das Gesicht ganz von Pockennarben zerrissen, die schwarzen
langen Haare wild um die Schlfe hngend, entgegen, Brenfleisch! Verdamm'
meine Augen, wenn das nicht der vernnftigste Streich ist, den unser alter
Capitain in langer Zeit ausgefhrt hat. - Macht aber schnell, Burschen, da wir
von hier fort kommen, wir versumen die schne Zeit und das Wasser fllt mit
jeder Secunde.
    Wir gehen noch einmal hinauf, sagte der Eine von ihnen.
    Was zum Henker ist nun noch oben?
    Oben ist nichts mehr, wir wollen nur die Backsteine aus unserer Kche
hinauftragen und, so gut es geht, einen Grabstein daraus machen.
    Narren seid Ihr, zrnte der Steuermann, wie sollen wir nachher kochen?
    In Vincennes knnen wir andere bekommen, sagte Tom, schaden wrd's Euch
auch nicht, wenn Ihr eine Ladung mit hinauftrget.
    Ich bin zum Steuern gemiethet und nicht zum Steineschleppen, brummte der
Lange, indem er sich ruhig auf's Verdeck streckte. Unsinn genug, da Ihr die
alten Knochen da oben noch einmal aufrhrt; die wren auch ohne Euch verfault.
    Die Mnner antworteten ihm nicht, luden ihre Last auf und stiegen damit die
steile Uferbank empor. An dem Grabe errichteten sie aber das einfache Denkmal
fr den ermordeten Jger, frischten das Kreuz in der Eiche wieder auf und
wollten dann langsam den Platz, auf dem Edgeworth noch immer in Schmerz und Gram
vertieft stand, verlassen. Da fuhr dieser aus seinen Trumen auf, drckte den
Bootsleuten allen freundlich die Hand, schulterte seine Bchse, rief dem Hunde
und ging mit festen, sicheren Schritten voran dem Boote zu.
    Eine halbe Stunde spter knarrten und kreischten die schweren Ruder des
unbehlflichen Fahrzeugs, mit deren Hlfe es in die eigentliche Strmung
hinausgeschoben wurde. Dann aber drngte es schwerfllig gegen die Mitte des
Flusses zu und trieb langsam hinunter seine stille, einfrmige Bahn. Wie es aber
nur erst einmal in Gang und richtig in der Strmung war, hoben die Bootsleute
ihre Finnen (wie die langen Ruder solcher Boote genannt sind) an Deck und
streckten sich selbst nachlssig und behaglich auf den Brettern aus, die ersten
Strahlen der freundlichen Morgensonne zu genieen, die jetzt eben in all' ihrer
schimmernden Pracht und Herrlichkeit ber dem grnen Blttermeer emportauchte.
    Edgeworth aber sa, mit dem Hunde zwischen seinen Knieen, am hintern Rande
des Fahrzeugs und schaute still und traurig nach den mehr und mehr in weiter
Ferne verschwimmenden Bumen zurck, die das Grab seines Kindes berschatteten.

                                    Funoten


1 Hosier ist ein Scherzname der Amerikaner fr die Bewohner von Indiana.


                                       2.

                                        

                         Der Kampf. - Smart und Dayton.

In Helena1 herrschte ein gar ungewhnlich reges Leben und Treiben, und aus der
ganzen Umgegend mute hier die Bevlkerung zusammengekommen sein. Ueberall
standen eifrig unterhandelnde Mnner, theils in die bunt befranzten Jagd-Hemden
der Hinterwldler, theils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr civilisirten
Stdter gekleidet, in Gruppen umher, whrend heftige Reden und lebhafte
Gesticulationen ihr Gesprch als ein keineswegs alltgliches verkndeten.
    Vor dem Union-Hotel - dem besten Gasthause der Stadt - schien sich ganz
besonders ein nicht geringer Theil dieser Menschenmasse concentrirt zu haben,
und der Wirth desselben, eine lange hagere Gestalt, mit blonden Haaren, scharfen
Backenwochen, etwas spitzer, gerade vorstehender Nase, aber blauen gutmthigen
Augen, kurz jeder Zoll ein Yankee, hatte schon eine geraume Zeit dem Drngen und
Treiben vor seiner Schwelle mit augenscheinlichem Wohlbehagen zugesehen. Im
Innern des Hauses fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit, und die thtige
Hausfrau hatte, von ihrem Dienstboten und einem Neger untersttzt, alle Hnde
voll zu thun, die Gste zu befriedigen und Schlafstellen fr Die herzurichten,
die zu weit entfernt von Helena wohnten. Trotzdem aber verharrte der Wirth in
seiner ruhigen Stellung und kmmerte sich nicht im Geringsten um das innere
Hauswesen.
    Durch den Wortwechsel und vielleicht auch durch geistige Getrnke erhitzt,
artete inde die bisherige ruhige, wenigstens friedliche Unterhaltung immer mehr
und mehr aus. - Einzelne heftige Flche und Drohungen berschallten zuerst fr
Augenblicke das brige Wortchaos, und pltzlich kndete ein scharfer Schrei und
ein wildes Drngen, wie es endlich, was der lchelnde Wirth schon lange ersehnt
haben mochte, zu Ttlichkeiten gekommen sei.
    Mit halb vorgebeugtem Oberkrper, die beiden Hnde tief in den
Beinkleidertaschen und die rechte Schulter an den Pfosten seiner Thr gelehnt,
stand er da, und man sah es ihm ordentlich an, welch' Vergngen ihm ein Kampf
mache, dessen Resultat so ganz seinen Wnschen entsprochen haben mute.
    Der nmlich, der den ersten Schlag gegeben, war ein kleiner, untersetzter
Irlnder mit brennend rothen Haaren und wo mglich noch rtherem Barte, dazu in
Hemdsrmeln, mit offenem Kragen und etwas kurzen, eng anschlieenden
Nankingbeinkleidern, was seiner Figur einen eigenthmlich komischen Anstrich
gab. Auerdem bewies sich aber Patrick O'Toole nichts weniger als komisch oder
auch nur spaig, sobald er ein paar Tropfen Whisky im Kopfe und irgend Ursache
zu einem vernnftigen oder raisonnablen Streite, wie er es nannte, hatte. Wenn
auch nicht znkisch, so war er doch der Letzte, der einen Platz verlassen htte,
wo noch die mindeste Aussicht zu einer anstndigen Prgelei zu erwarten gewesen
wre.
    So gerechte Sache aber Patrick oder Pat, wie er gewhnlich im Stdtchen
hie, diesmal haben mochte, so sehr fand er sich bald im Nachtheil, denn kaum
lag sein Gegner vor ihm im Staube, als der grte Theil Derer, die bis jetzt
wenig oder gar keinen Antheil an dem Zanke genommen, auf ihn eindrangen und den
Gefallenen rchen wollten.
    Zurck mit Euch! - weg da, Ihr Blackguards, Ihr - Shne einer Wlfin! -
schrie der Irlnder und theilt? dabei, ohne Unterschied der Person, nach links
und rechts so gewaltige und gut gezielte Ste aus, da er die Angreifer
blitzesschnell zu sicherer Entfernung zurckscheuchte. -
    Ehrlich Spiel hier! schrie er dabei und streifte sich schnell den immer
wieder niederrutschenden Aermel auf - ehrlich Spiel. Ihr Spitzbuben, Einer
gegen Einen, oder auch Zwei und Drei, aber nicht Acht und Neun; die Pest ber
Euch - ich klopfe Euch die Schdel so breiweich, wie Euer Hirn ist - Ihr
hohlkpfigen Halunken Ihr!
    Ehrlich Spiel! riefen auch Einige aus der Menge und suchten die brigen
Kampflustigen zurckzudrngen. Der zu Boden Geschlagene hatte sich aber in
diesem Moment ebenfalls wieder aufgerafft, und das eine blau unterlaufene Auge
mit der linken Hand bedeckend, ri er mit der rechten ein bis dahin verborgen
gehaltenes Messer unter der Weste vor und warf sich mit einem Schrei des
wildesten, unbezhmbarsten Ingrimms auf den ihn ruhig erwartenden Iren.
    Dieser jedoch, ohne weiter seine Stellung zu verndern, fing den drohend
gegen ihn gerichteten und sicherlich gut gemeinten Sto auf, indem er den
Angreifer am Handgelenk erfate, zum zweiten Mal niederschlug und nun in dem
Rechtlichkeitssinn der ihn Umgebenden hinlngliche Brgschaft zu finden glaubte,
da sie einen andern dem hnlichen Ueberfall verhindern wrden.
    Die Volksmenge schien ihm aber keineswegs geneigt - man entzog zuerst den
Besiegten seinen Hnden, und dann brach der Sturm in pltzlicher, aber desto
verheerenderer Gewalt ber ihn los.
    Zu Boden mit dem irischen Hund! nieder mit ihm! tobten sie. - Er hat Hand
an einen Brger der Vereinigten Staaten gelegt - was will der Auslnder hier?
der ber's Wasser Gekommene?
    In's Wasser denn mit ihm! schrie ein breitschulteriger bleicher Gesell,
dem sich eine tiefe, noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter
das Ohr zog, was seinem Gesicht etwas unbeschreiblich Wildes und Unheimliches
verlieh - in's Wasser mit ihm - die irischen und deutschen Halunken verderben
armen ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preise. In den Mississippi mit der
dnnbeinigen Canaille, da kann sie mit den Seespinnen Hornpipes tanzen! und mit
diesen Worten, whrend er einen nicht sehr lauten, aber ganz eigenthmlichen
Pfiff ausstie, warf er sich so pltzlich gegen den berraschten Irlnder, da
er diesen fr den Augenblick zum Wanken brachte. Den gebten Boxer wrde er
jedoch trotz alledem nicht bermannt haben, wren nicht die ihm zunchst
Stehenden und mehrere Andere, die sich schnell hinandrngten, rasch zu seiner
Hlfe herbeigeeilt, und O'Toole sah sich gleich darauf von mehreren Seiten
erfat und zu Boden geworfen.
    In den Mississippi mit dem Schuft! tobte der Haufen - bindet ihm die
Hnde auf den Rcken und lat ihn schwimmen! - Fort nach Irland mit ihm - er
kann sich unterwegs ein Schiff bestellen, jubelte ein Anderer, und wenn auch
Einzelne der friedlicher Gesinnten, die keineswegs wollten, da ein bloer
Streit ein solch tragisches Ende nehmen sollte, dazwischen sprangen und den
Ueberwltigten zu retten suchten, so wurden diese doch leicht zurckgehalten,
und jauchzend schleppten die Rasenden ihr Opfer dem Flurande zu.
    O'Toole's Lage war eine hchst miliche, und er selbst wute nur zu gut, wie
feindlich ein groer Theil der Bewohner von St. Helena gegen ihn gesinnt sei, um
nicht das Schlimmste zu frchten. Schwerlich wrden ihm aber seine verzweifelten
Anstrengungen, mit denen er versuchte, den Mrdern Trotz zu bieten, etwas
gentzt haben. Die Uebermacht war zu gro, und die Nhe des Flusses lie ihnen
auch keine Zeit zum Ueberlegen, sondern schien ihr Vorhaben eher noch zu
begnstigen. - Da war es ein Einzelner, der sich pltzlich mitten zwischen die
Wthenden warf und, den Arm des Iren ergreifend, jeden weiteren Fortschritt
hemmte; dieser Einzelne aber niemand Anderes, als unser freundlicher Wirth,
Jonathan Smart, der hier mit einer Autoritt sein Halt - das ist genug!
aussprach, als ob er von dem Haufen ganz besonders zum Friedens- und
Schiedsrichter bestellt gewesen wre.
    Die Menge zeigte indessen nicht die mindeste Lust, das so unerwartete und
ungebetene Einschreiten geduldig zu ertragen.
    Zurck, Smart - lat den Mann los und geht zum Teufel! und mehrere
hnliche und gleich freundliche Anreden schallten ihm aus fast jedem Munde
entgegen. Smart aber behauptete nichtsdestoweniger seinen Platz und rief nur mit
fester Stimme dagegen:
    Ich will verdammt sein, wenn Ihr ihm ein Haar krmmt!
    So sei es denn! schrie der Eine seiner Gegner, zog eine kleine
Taschenpistole, richtete sie auf den Yankee und drckte ab. Nun versagte zwar
zum groen Glck des menschenfreundlichen Retters die Waffe, Jonathan Smart war
aber nicht der Mann, der ruhig auf sich zielen lie. Mit schnellem Griff ri er
ein unter seinem Rock getragenes, wenigstens zwlf Zoll langes Bowiemesser vor
und fhrte damit schon in der nchsten Secunde einen so krftigen wohlgemeinten
Hieb nach dem entsetzt Zurckfahrenden, da er ihm, wenn Jener Stich gehalten,
den Schdel unfehlbar mit dem schweren Stahl gespalten haben mte. Der aber,
dem die jetzt zornfunkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verriethen, was
ihn erwarte, sprang mit lautem Aufschrei zur Seite, und nur noch die Spitze des
Messers traf ihn vorn an der Schulter, von wo an sie ihm den Rock bis hinab an
den Saum mit einem Hiebe aufri.
    Der Schlag war zu tchtig gefhrt gewesen, um an dem vollen Ernst des Mannes
nur einen Augenblick zu zweifeln. Sein Auge flog auch jetzt mit so
dunkelglhendem und herausforderndem Trotz ber die Anderen hin, da sie scheu
und fast unwillkrlich den Iren loslieen. Der aber fhlte seine Glieder kaum
wieder frei, als er auch schon rasch emporsprang und nicht bel Lust zu haben
schien, den fr ihn fast so verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu
erneuern. Smart jedoch hielt seinen rechten Arm wie mit eisernem Griff umspannt,
und ehe noch die fr den Augenblick wie vor den Kopf gestoenen Mnner einen
neuen Entschlu fassen oder es ber sich gewinnen konnten, dem ihnen so
herausfordernd gezeigten Stahl zu trotzen, zog der Wirth den kleinen Irlnder
mit sich fort, seinem eigenen Hause zu, und verschwand gleich darauf im Innern
desselben.
    Verdamm' meine Augen! schrie da pltzlich der schon frher erwhnte
bleiche Gesell mit der Narbe - sollen wir uns das gefallen lassen? Wer ist denn
der langbeinige Schuft von einem Yankee, der hier nach Arkansas kommt und einem
ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorschreiben will, was er zu thun und zu lassen
hat? Ei so steckt doch dem Halunken das Haus ber dem Kopfe an! -
    Bei Gott, das wollen wir - kommt, Boys, holt das Feuer aus seiner eigenen
Kche! tobte und wthete die Schaar - nieder mit der Kneipe, die Bestie will
so nichts pumpen!
    Die Masse wandte sich - rasch zur Unthat erschlossen - gegen das also
bedrohte Haus, und wer wei, wie weit sie in ihrem augenblicklich heftig
entflammten Grimme gegangen wre, htte sich ihr nicht jetzt, aber mit der
freundlichsten, bittendsten Geberde ein Mann entgegengestellt, der sie mit hoch
erhobenen Armen und lauter Stimme bat, ihm einen Moment Gehr zu schenken. Er
war hoch und schlank gewachsen, mit offener, freier Stirn, dunkeln Augen und
Haaren, und feinen, fast weiblich scholl geschnittenen Lippen. Auch in seiner
ganzen Haltung lag etwas Gebieterisches und doch wieder Geschmeidiges, und seine
Kleidung, die aus feinem schwarzen Tuch und schneeweier Wsche bestand,
verrieth ebenfalls, da er entweder diesen Kreisen fremd sei, oder doch eine
Stellung bekleide, die ihn ber seine Umgebung erhebe. Er war zu gleicher Zeit
Advokat und Arzt und seit einem Jahr erst aus den nrdlichen Staaten hier
eingetroffen, wo er sich seiner Kenntnisse und seines einnehmenden Betragens
wegen in gar kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte,
sondern auch in Stadt und County zum Friedensrichter ernannt worden war.
    Gentlemen! redete dieser jetzt die ihm wunderbarer Weise rasch
Willfahrenden an - Gentlemen, bedenken Sie, was Sie thun wollen. - Wir befinden
uns unter dem Gesetze der Vereinigten Staaten, und die Gerichte sind sowohl
bereit, Sie gegen den Angriff Anderer, als Andere gegen Ihren Angriff zu
schtzen. Mr. Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt - er hat Ihnen im
Gegentheil einen Gefallen gethan, indem er Sie vor einer Gewaltthat bewahrte,
die wohl bse Folgen fr Manche von Ihnen gehabt haben knnte - Sie sollten ihm
eher dankbar sein - Mr. Smart ist auch sonst in jeder Hinsicht ein Ehrenmann.
    Hol' ihn der Teufel! rief hier Der, nach dem der Wirth mit seinem Messer
gehauen, dankbar sein - Ehrenmann - ein Schuft ist er und htte mich beinahe
gespalten wie eine Apfelsine. - In die Hlle mit ihm! - Feuer in sein Nest, das
ist mein Rath!
    Gentlemen! Hat Sie Mr. Smart beleidigt, nahm hier der Richter auf's Neue
das Wort, so bin ich auch berzeugt, da er Alles versuchen wird, seinen
begangenen Fehler wieder gut zu machen; kommen Sie, wir wollen ruhig zu ihm
hinausgehen, und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen,
freiwilligen Spende an Whisky, die wir ihm auferlegen werden, das Geschehene
ausgleichen - sind Sie das zufrieden?
    Ei, hol's der Henker - ja! sagte der mit der Narbe - er soll tractiren. -
Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg, so will ich verdammt sein, wenn ich
ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu kosten gebe.
    Htte nur mein verdammtes Terzerol nicht versagt - zischte der Andere -
die Pest ber den Krmer, der - so erbrmliche Waaren fhrt.
    Kommt, Boys, in's Hotel - Smart mag herausrcken, und wenn er's nicht thut,
so soll ihm der - Bse das Licht halten - sagte der Narbige.
    In's Hotel - in's Hotel! jauchzte die Schaar - er mu tractiren, sonst
schlagen wir ihm den ganzen Kram in tausend Stcken!
    In jubelndem Chor wlzte sich der zgellose Haufe dem Gasthaus zu, und wer
wei, ob des Advocaten freundlich gemeinte Beilegung des Streites nicht hier zu
noch viel ernsthafteren Auftritten gefhrt htte. Smart kannte aber seine Leute
zu gut und wute, wie er, sobald er den Schwarm wirklich in sein Haus lasse,
gnzlich in den Hnden der schon halb Betrunkenen sei und dann auch jedem ihrer
Wnsche willfahren msse, wollte er sich nicht der grten Gefahr an Leben und
Eigenthum aussetzen. Als sich daher die Rdelsfhrer seiner Thr nherten, trat
er pltzlich mit gespannter und im Anschlag liegender Bchse ruhig auf die
oberste Schwelle und erklrte fest, den Ersten niederzuschieen, der die Stufen
seiner Treppe betreten wrde.
    Smart war als ein ausgezeichneter Schtze bekannt, und sicherer Tod lag in
der ihnen drohend entgegen gehaltenen Mndung. Der Advocat trat aber auch hier
wieder vermittelnd zwischen den Parteien auf, bedeutete den Yankee, da die
Mnner hier keine Feindseligkeiten weiter gegen ihn nhrten, und bat ihn, die
Bchse fortzustellen, damit auch das Letzte entfernt sei, was auf Streit und
Kampf hindeuten knne.
    Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whisky, schlo er dann seine Rede,
und sie werden Eure Gesundheit trinken. Es ist ja doch besser, mit Denen, die
unsere Nachbarn in Stadt und Haus sind, friedlich und freundlich beisammen, als
in immerwhrendem Streit und Hader zu leben.
    Der Yankee hatte bei den ruhigen Worten des Advocaten, den er selbst schon
seit lngerer Zeit als einen ordentlichen und, wenn es galt, auch entschlossenen
Mann kannte, den Bchsenkolben gesenkt, ohne jedoch die rechte Hand vom Schlosse
zu entfernen, und erwiderte jetzt freundlich:
    Es ist recht hbsch von Ihnen, Mr. Dayton, da Sie nach besten Krften
Streit und Blutvergieen gehindert haben - mancher Ihrer Herren Kollegen htte
das nicht gethan. Damit Sie denn auch sehen, da ich keineswegs geneigt bin, mit
den guten Leuten, gegen die ich ja sonst nicht das Mindeste habe, wieder auf
freundschaftlichen Fu zu kommen, so bin ich gern erbtig, eine volle Gallone
zum Besten zu geben, aber - ich will sie hinausschicken. - Ich habe Ladies hier
im Hause und die Gentlemen drauen werden gewi selbst damit einverstanden sein,
ihren Brandy im Freien zu trinken und sich nicht dabei durch die Gegenwart von
Damen gestrt zu wissen.
    Hallo - Brandy? rief der mit der Narbe - wollt Ihr uns wirklich eine
Gallone Brandy geben und dabei erklren, da Euch das Geschehene leid sei?
    Allerdings will ich das! erwiderte Jonathan Smart, whrend ein leichtes
spttisches Zucken um seine Mundwinkel spielte, und zwar vom vortrefflichsten
Pfirsich-Brandy, den ich im Hause habe - sind die Herren damit einverstanden?
Ei - Bootshaken und Enterbeile - ja! nahm der Bleiche das Wort - heraus mit
dem Brandy, - wenn Unterrcke drin sitzen, wird's einem ordentlichen Kerl doch
nicht so recht behaglich zu Muthe - aber schnell, Smart - Ihr trefft uns heute
in verdammt guter Laune und knnt Euch gratuliren; lat uns deshalb also auch
nicht lange warten.
    Fnf Minuten spter erschien ein starker, breitschulteriger Neger, mit
achtem Wollkopf und fast ungewhnlich streng ausgeprgten thiopischen
Gesichtszgen, in der offenen Thr und trug - whrend er die Versammlung, jedoch
noch immer mitrauisch, bald links bald rechts zu betrachten schien - in dem
linken Arme eine groe, breitbuchige Steinkruke, in dem andern ein halbes
Dutzend Blechbecher. Die Schaar empfing ihn aber jubelnd, untersuchte vor allen
Dingen das Getrnk, ob es auch wirklich der gute, ihnen versprochene Stoff sei,
und zog dann jauchzend dem Flu zu, wo sie an Bord eines dort liegenden
Flatbootes gingen und bis in die spte Nacht hinein zechten und tobten. Dayton
dagegen blieb noch eine Weile stehen und blickte den Davontobenden still und,
wie es schien, ernst sinnend nach. Smart aber strte ihn bald aus seinem
Nachdenken auf; - er lehnte die Bchse oben an einen Pfosten der Veranda und
stieg zu dem ihm so freundlich zu Hlfe gekommenen Richter nieder.
    Dank' Euch, Sir, sagte er hier, whrend er ihm freundlich die Hand
entgegenstreckte, dank' Euch fr Euer sehr zeitgem eingelegtes Wort - Ihr
httet zu keinem gelegeneren Moment dazwischen treten knnen.
    Nicht mehr als Brgerpflicht, lchelte der Richter; die Menge lt sich
gern von einem entschlossenen Manne leiten, und wenn man den richtigen Zeitpunkt
auch richtig trifft, so vermag ein einzelnes ernstes Wort oft Gewaltiges.
    Nun, ich wei nicht - meinte Smart kopfschttelnd, whrend er einen nichts
weniger als freundlichen Seitenblick nach dem Flu hinab warf, dergleichen Volk
lt sich sonst nicht leicht, weder von freundlicher Rede, noch von feindlicher
Waffe zurckschrecken. Es sind meistens Leute, die nichts weiter auf der Welt zu
verlieren haben als ihr Leben, und deshalb der Gefahr, da sie das Leben keinen
Pfifferling achten, trotzig entgegengehen. Ich bin brigens doch froh, so
wohlfeilen Kaufes losgekommen zu sein, denn - Blut zu vergieen ist immer eine
hliche Geschichte. Aber so tretet doch einen Augenblick in's Gastzimmer, ich
komme gleich nach - mu nur erst einmal nach meiner Alten in der Kche sehen und
alles Nthige bestellen.
    Ich dank' Euch, sagte der Richter, ich mu nach Hause. - Es sind mit dem
letzten Dampfboot heut Briefe angekommen, und vom Flu herunter habe ich auch -
mehrerer Geschftssachen wegen - einen Besuch zu erwarten. Wollt Ihr mir aber
einen Gefallen thun, so kommt Ihr nachher ein bischen zu mir herber. - Bringt
auch Eure alte Lady mit - ich habe berdies noch Manches mit Euch zu
besprechen.
    Meine Alte wird wohl daheim bleiben mssen, sagte der Yankee lchelnd,
wir haben das Haus voll Leute, aber ich selbst - ei nun, ich bin berdies recht
lange nicht bei Mrs. Dayton gewesen - die - Burschen werden doch nicht etwa noch
einmal kommen? -
    Habt keine Angst, beruhigte ihn der Richter - das Volk ist wild und
hitzkpfig, auch wohl ein wenig roh - aber berdachter Schlechtigkeit halte ich
sie nicht fr fhig. Sie htten Euch vielleicht im ersten wilden Zorn das Haus
ber dem Kopfe angesteckt; den aber erst einmal verraucht, so wird auch Keiner
mehr daran denken, Euch zu belstigen.
    Desto besser, sagte Jonathan Smart, Angst htte ich brigens auch nicht -
mein Scipio hlt, wenn ich fort bin, Wacht, und der Hornruf aus dem Fenster kann
mich berall in Helena erreichen. - Also auf Wiedersehen - in einem halben
Stndchen komme ich hinber.
    Er trat bei diesen Worten, whrend der Richter seiner eigenen Wohnung
zuschritt, in's Haus zurck und stand gleich darauf vor seiner besseren
Hlfte, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, die er brigens, theils durch
die berhufte Arbeit, theils durch die vorgegangene Scene, in der belsten
Laune von der Welt fand.
    Mrs. Smart war denn auch keineswegs die Frau, die irgend einen Groll lange
und heimlich mit sich herum getragen htte. Was ihr auf dem Herzen lag, mute
heraus, mochte es sein, was es wollte. So schob sie sich denn auch, als sie
ihren Herrn und Gemahl nahen hrte, das Sonnenbonnet, das sie der Kamingluth
wegen auch in der Kche trug, zurck, stemmte beide Arme - in der Rechten noch
immer den langen hlzernen Kochlffel haltend - fest in die Seite und empfing
den langsam herbeischlendernden Gatten mit einem scharfen:
    So - was hat der Herr denn heute wieder einmal fr ganz absonderlich
gescheidte Streiche angerichtet? Man darf den Rcken nicht mehr wenden, so ist
irgend ein Unglck in Anmarsch, und kein Kuchen kann im ganzen Neste gebacken
werden, ohne da Mr. Smart seinen Finger und seine Nase hineinstecken mte.
    Mrs. Smart, sagte Jonathan, der gerade jetzt viel zu guter Laune war, um
sich diese durch den Unwillen seiner Gattin verderben zu lassen - ich habe heut
ein Menschenleben gerettet, und das, sollte ich denken -
    Ach was da, Menschenleben - unterbrach ihn in allem Eifer Mrs. Smart -
Menschenleben hin, Menschenleben her - was geht Dich das Leben anderer Leute
an. An Deine Frau solltest Du denken, aber die mag sich schinden und qulen, die
mag sich mhen und placken, das ist diesem Herrn der Schpfung ganz einerlei. Er
wirft auch die Gallonen guten Pfirsich-Brandy gerade so auf die Strae hinaus,
als ob er sie da drauen gefunden htte, whrend ich hier im Schweie meines
Angesichts arbeiten und unser Aller Brod verdienen mu -
    - wre mit der gehabten Mhe keineswegs zu theuer erkauft gewesen - fuhr
Smart ruhig, ohne die Unterbrechung seines Weibes auch nur im Mindesten zu
beachten, fort.
    Ich sage Dir aber: es wre zu beachten gewesen, eiferte die hierdurch nur
noch mehr erzrnte Frau - es wre zu beachten gewesen, wenn Du nur so viel
Gefhl fr Dein eigen Fleisch und Blut httest. Aber Philippchen kann
heranwachsen und gro werden - das kmmert Dich nicht. - Nach Deiner Wirthschaft
geht Alles zu Grunde und mu Alles zu Grunde gehen, und wenn der arme Junge
einmal das Alter hat, so wird er wohl nicht einmal eine Stelle haben, wohin er
sein Haupt legt - Du Rabenvater.
    Der Rabenvater hatte auch keine Stelle, wo er sein Haupt hinlegen konnte,
als er heranwuchs - lchelte Mr. Smart gutmthig und rieb sich dabei die Hnde
- Mr. Smart senior gab ihm aber allerlei gute Lehren, und die haben denn auch
so gute Frchte getragen, da sich Smart junior nach mehrmaliger Ernte das
schnste Gasthaus in ganz Helena bauen konnte. - Smart senior ist nun todt, und
Smart junior ist Smart senior geworden; wenn also in natrlicher Folge Smart
junior jetzt -
    Nun hr' einmal auf mit all' dem Unsinn von senior und junior - geh an Dein
Geschft, besorge die Pferde, die drauen im Stalle stehen - schick' mir den
Neger her und la ihn Bohnen aus dem Felde bringen. Zum Kaufmann mu er auch
hinbergehen, um das Fa Zucker zu holen - Mann, Du wirst mich mit Deinem
Leichtsinn noch in die Grube bringen.
    - dem Rathe des Smart senior so folgt, wie Smart senior damals dem Rath
seines Vaters folgte, fuhr der unverwstliche Yankee ruhig und unbekmmert fort
- so ist alle Hoffnung vorhanden, da auch ohne unser Zuthun Smart junior schon
seinen Lebensunterhalt auf anstndige Weise gewinnen werde.
    Scipio soll hierher kommen, schrie jetzt Mrs. Smart, wirklich zur
uersten Wuth getrieben, whrend sie mit dem Fue stampfte und den Stiel des
Lffels auf den einzigen kleinen Tisch niederstie - hrst Du, Jonathan? -
Scipio soll herkommen, und nun fort mit Dir, Mensch, der Du meinen Tod willst,
oder ich gebrauche, so wahr mich unser lieber Herrgott erhren soll, mein
Kchenrecht.2 - Und mit raschem Griff erfate sie den kupfernen langstieligen
Schpfer und fuhr damit in den Kessel voll siedenden Wassers, der ber dem Feuer
zischte und sprudelte.
    Nun wute Mr. Smart allerdings, da es zwischen ihnen, trotz dem von Seiten
Madames oft hitzig gefhrten Zungenkampf, nie zu Ttlichkeiten kam, denn Madame
kannte zu gut den ernsten und festen Sinn ihres Mannes, so etwas je zu wagen. Um
aber auch jedem Wortwechsel ein Ende zu machen und die erzrnte Ehehlfte, die
ihm sonst eine brave und treue Gattin war, freundlicher zu stimmen, zog er sich
ruhig zur Thr zurck und frug nur hier, die Klinke in der Hand, ob Mrs. Smart
sonst noch etwas zu bestellen habe da er ein paar Geschftswege abmachen msse.
    Diesen Rckzug nahm Madame brigens als ein still schweigendes Zeichen der
Anerkennung ihrer Autoritt, um bedeutend milder gestimmt, go sie das kochende
Wasser wieder zurck in sein Gef, wischte sich mit der Schrze den Schweif von
der gertheten Stirn und sagte in noch halb rgerlichem aber doch nicht mehr
heftigem Tone:
    Nein, Mr. Smart - wenn Sie Ihre Geschfte auer dem Hause haben, so
brauchen Sie sich auch nicht um die meinigen zu kmmern. - So viel sage ich
Ihnen aber, die Pferde -
    Sind smmtlich gefttert und besorgt, bemerkte Smart. -
    Und das Fa Zucker -
    Steht in der Bar.
    Aber die Bohnen -
    Sind von Scipio schon vor einer halben Stunde gepflckt worden.
    Und die beiden Zimmer, die noch fr die letztgekommenen Gste gerumt
werden sollten -
    Knnen jeden Augenblick bezogen werden, lchelte Jonathan - Mr. Smart und
Scipio haben das Alles besorgt - sonst noch etwas?
    Madame - jetzt wirklich rgerlich, da weiter gar nichts zu bemerken war,
arbeitete mit immer grerem Eifer und immer rther werdender Physiognomie in
den Kohlen herum auf die sie sich schon zweimal vergebens bemht hatte, den
schweren eisernen Kessel zu heben. Jonathan aber, dies bemerkend, sprang rasch
hinzu - ergriff die Haken und schwang das mchtige Gef mit leichter Mhe auf
seinen Ort, wandte sich dann lchelnd nach seiner kaum noch schmollenden Ehe
Hlfte um, drckte ihr einen raschen, aber nichtsdestowenige derbgemeinten Ku
in das rothe, gutmthige Gesicht und stie im nchsten Augenblick - aus
Leibeskrften den Yankeedoodl pfeifend und die Hnde tief in die
Beinkleidertaschen vergraben - mit raschen Schritten zur Thr hinaus in's Freie.

                                    Funoten


1 Helena, eine kleine Stadt in Arkansas, am Ufer des Mississippi.

2 Das hier gemeinte und in Nordamerika so geltende Kchenrecht, was nicht
selten, besonders auf Dampfbooten, seine Anwendung findet, besteht darin, einen
Kochlffel voll siedenden Wassers gerade ber dem, den man aus der Kche haben
will, an die Decke zu schleudern, da, wenn er sich nicht rasch durch die Flucht
den Folgen entzieht, die heie Fluth auf ihn hinabtrufelt.


                                       3.

                                        

                        Das Union-Hotel und seine Gste.

Leser, hast Du schon je ein amerikanisches Wirthszimmer gesehen? Nein? Das ist
schade - es wrde mir die Beschreibung ersparen. Wie die Bahnhfe auf unseren
Eisenbahnen, so haben die Wirthszimmer in der Union eine Familienhnlichkeit,
die sich in keinem Staate, weder im Norden noch Sden, verleugnen lt und in
den kostbarsten Auster-Salons der stlichen Stdte, wie in den gewhnlichen
grogshop der Backwoods sichtbar und erkenntlich bleibt. Der Schenktisch, mag er
nun mit Marmorplatten belegt oder von einem schmutzigen hlzernen Gitter
beschtzt sein, trgt seine kleinen Flschchen mit Pfeffermnz und Staunton
Bitters, damit sich jeder Gast sein Getrnk mit einem der beiden scharfen
Spirituosen wrzen knne, und die dahinter angebrachten Caraffen blitzen und
funkeln und laden mit ihrem farbigen Inhalt den Gast ein, sie zu kosten.
Apfelsinen und Citronen fllen die leeren Zwischenrume aus, und bleibehalste
Champagnerflaschen so wie se, mit buntfarbigen Etiketten versehene Liqueure
prangen in den obersten Regalen. Nie aber wird sich der Reisende in diesen
ffentlichen Gebuden, mgen sie nun hotel oder inn - tavern oder 
boardingshouse heien, wohnlich fhlen. Wie Alles in Amerika, einzelne
Privatwohnungen ausgenommen, nur fr den augenblicklichen Genu und Nutzen
eingerichtet ist und jeder wirklichen Behaglichkeit entbehrt, so ist es auch mit
diesen, doch eigentlich fr die Bequemlichkeit der Reisenden hingestellten
Gasthusern.
    Schon die ganze innere Einrichtung beweist das. - Nur vor dem Kamin stehen
Sthle, und um denselben, selbst im Sommer, wenn kein Feuer darin brennt,
sammeln sich aus alter Gewohnheit die Gste und spritzen ihren Tabakssaft in die
liegengebliebene Asche. Keiner setzt sich mit seinem Glas zum Tisch und
verplaudert ein halbes Stndchen mit dem Freunde; - keiner liegt, im Stuhl
behaglich zurckgelehnt und beobachtet die Kommenden und Gehenden. In Gruppen
stehen sie beisammen - das kaum gefllte Glas wird schnell geleert, hchstens
einmal eine Zeitung durchflogen, und wieder fort strmt der erst eingekehrte
Gast seinen Geschften oder seinem Vergngen nach.
    Das Union-Hotel machte keine Ausnahme von dieser ziemlich allgemeinen Regel.
Der Thr gegenber befand sich der Schenkstand, hinter dem ein junger Mann kaum
Hnde genug zu haben schien, die verlangten Glser zu fllen. - Links war der
Kamin, rechts fhrten drei Fenster auf die Elmstreet hinaus, whrend neben der
Thr zwei andere vornheraus eine Aussicht durch die Veranda nach der breiten
Frontstreet und zugleich mit auf die Dampf- und Flatboot-Landung und den Strom
gewhrten. In der Mitte des ziemlich groen Raumes, stand ein breitfiger,
viereckiger Tisch, auf dem ein paar Zeitungen, die State Gazette, der Cherokee
advocate und das New-Orleans-Bulletin, lagen, und ein Dutzend Sthle, ein
kleiner Nrnberger Spiegel und eine unvermeidliche Yankee Uhr ber dem Kaminsims
fllten den brigen Platz an Mbeln aus.
    Interessanter aber waren die Gruppen, die in den verschiedenen Theilen des
Zimmers umherstanden. - Nur zwei Leute saen nmlich, und zwar diese wie zwei
Kaminverzierungen an beiden Seiten desselben: die Rcken der Gesellschaft
zugedreht, und die Beine hoch oben auf dem Sims neben der Uhr.
    Den Mittelpunkt der Gste bildete ein junger Advocat aus Helena, Namens
Robins, ein Farmer aus der Nhe von Little Rock, ein junger grobknochiger
Gesell, der trotz dem hellblauen Frack aus Wollenzeug und dem schwarzen
abgeschabten Filz etwas unverkennbar Matrosenartiges an sich hatte, und der
sogenannte Mailrider, der zu Pferde den ledernen Briefsack zwischen Helena und
Strongs Postoffice, in der Nhe des St. Franzisflusses, hin- und herfhrte. Das
Gesprch drehte sich jetzt um den vorhin stattgehabten und beschriebenen Kampf,
die sie aus dem Fenster grtentheils mit ansehen konnten, und der Mailrider,
ein kleines drres Mnnchen von etwa fnfundzwanzig Jahren, war ganz besonders
erstaunt, da sich eine solche Menge krftiger, trotzig aussehender Burschen
erst von einem einzelnen Mann einschchtern und dann von einem andern in der
Ausbung ihrer Rache hatten zurckhalten lassen.
    Gentlemen! sagte er in der mit Eifer gefhrten Anrede, wobei er diesen
Titel ungewhnlich hufig anwandte, als ob er seine Zuhrer dadurch ebenfalls
mit berzeugen wollte, da er selbst zu dieser besondern Menschenklasse gehre -
Gentlemen, die Mnner von Arkansas fangen an aus der Art zu schlagen - das
demokratische Princip geht unter. Vom Osten her werden monarchische Grundstze
von Tag zu Tag gefhrlicher. Gentlemen, ich frchte, wir erleben noch die Zeit,
wo sie in Washinton einen Knig krnen, und der - Knig - heit - dann - Henry -
Clay -
    Henry Unsinn! sagte der Farmer verchtlich - wenn das geschhe, so
mchten sie ihren Knig auch im Osten behalten; ber den Mississippi sollte er
uns nicht kommen, dafr stehe ich. Wetter noch einmal, unsere Vter, die in
ihren blutigen Grbern schlafen und fr ihre Kinder fielen, mten sich ja in
Schande und Schmach umdrehen, wenn die Enkel, die zu den Millionen angewachsen
sind, das nicht einmal mehr behaupten knnten, was sie der Uebermacht mit
wenigen Tausenden abzwangen. Das sind aber die verrckten Ideen, die nur
Auslnder mitbringen. - In Schmach und Ketten aufgewachsen, knnen sie sich
nicht denken, da ein Volk im Stande ist zu existiren, wenn es nicht von einem
Frsten am Gngelbande gefhrt wird. - Zum Teufel auch, ich hab da erst neulich
in einem Buche gelesen, wie die Hofschranze ber dem groem Wasser drben in den
Stdten herumkriechen und schwanzwedeln und die Feinen und Zierlichen spielen. -
Die Pest ber sie - solch Geschmei sollte einmal nach Arkansas kommen, hu - pih
- wie wir sie mit Hunden Hinaushetzen wrden.
    Hahaha - lachte der kleine Advocat - Howil gerth ordentlich in Jagdeifer
- Migung, wackerer Staatsbrger, Migung. - Gegen solche Gefahr schtzt uns
unsere Constitution -
    Ach - was da, Constitution, brummte Howil wenn wir's nicht selber thun,
wr's die Constitution und das Advocatenvolk auch nicht im Stande. - Die eine
wrden umgeworfen und die anderen gingen zur neuen Fahne ber, - das ist Alles
schon dagewesen. Nein, der Farmer ist's, der den Kern der Staaten ausmacht, denn
sein freies Land wre gerade das, was unter die Botmigkeit einer willkrlichen
Regierung fiele. Er mte das Land cultiviren und mit dazu beitragen, da sich
die Industrie mehr und mehr hbe und die Einknfte von Jahr zu Jahr wchsen, und
drfte dann am Ende noch nicht einmal mit darein reden wenn es sein eigenes Wohl
und Wehe glte. Nein, der Farmer oder vielmehr das Volk hlt den Staat - nicht
die Constitution, und ein Land, das kein Volk hat, dem hilft auch die beste
Constitution nichts.
    Nun ja, das sag' ich ja eben, fiel der Mailrider, der nicht recht
verstand, was Jener meinte, mit seiner dnnen Stimme ein - deshalb wundert's
mich ja gerade, da sich das Volk so von einem einzelnen Menschen leiten und
einschchtern lt - Donnerwetter - ich sollte dazwischen gewesen sein - ich
htte dem Yankee - und er sah sich dabei um, ob der Wirth nicht etwa im Zimmer
sei - zeigen wollen, was es heit, sich an freien amerikanischen Brgern zu
vergreifen.
    Gerad' im Gegentheil, erwiderte ruhig der Farmer - mich hat's gefreut,
da die Leute Vernunft annahmen. Was ich frher von Helena gehrt, lie mich
fast glauben, der ganze Ort bestehe aus lauter - Gesindel. Es ist mir lieb, da
ich jetzt eine andere Meinung davon nach Hause tragen kann, denn da die Kpfe
eines freien, sorglosen Vlkchens einmal berschumen, ei nun, das ist kein
Unglck, wenn sie nur immer wieder in's richtige Bett zurckkehren.
    Verdammt wenig von Denen, die heute Nacht in einem Bett schlafen! lachte
hier der im blauen Frack dazwischen. - Die lustigen Burschen fangen mit der
Gallone Brandy an, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie mit einem
ganzen Fa aufhrten. - Ihr Gejubel und Geschrei schallt ja sogar bis hier
herber.
    Was ist denn hier eigentlich heute vorgegangen? frug jetzt der Farmer,
sich an die Uebrigen wendend. Ich kam gerade, wie sie den Irlnder drauen in
der Klemme hatten, und trug dann meine Satteltasche in die Hinterstube. - War
denn heute Gerichtstag?
    Gerichtstag? sagte der im blauen Frack, nein, das weniger, aber 'was ganz
Anderes - Holk's Haus und Land wurde verauctionirt.
    Holk's? Des reichen Holk Haus? rief Howitt verwundert, ih, das ist ja gar
nicht mglich. - Alle Werter, vor acht Tagen kam ich erst hier durch und da war
ja noch kein Gedanke daran.
    Ja, Sachen ndern sich, lachte der Blaue - Holk ging, wie Ihr wit, mit
einem Flatboot nach Neu-Orleans. Unterwegs mu er aber wohl auf irgend einen
Snag gelaufen oder sonst zu Unglck gekommen sein, kurz das ganze Boot ist
spurlos verschwunden, und vor fnf Tagen kam Holk's Sohn hier an.
    Hatte denn Holk einen Sohn? frug der Farmer, er war ja gar nicht
verheirathet?
    Aus frherer Ehe, erwiderte der Blaue - mehrere Leute hier kannten die
Familie. Der junge Holk wre auch gern hier geblieben, er bekam aber schon am
zweiten Tage das Fieber und damit zugleich einen solchen Widerwillen gegen das
niedere Land selbst, da er schon auf den dritten Tag die Versteigerung seines
smmtlichen Grundbesitzes feststellte. Die Auction fand an diesem Morgen statt,
und mit dem Dampfboot, das heute Mittag hier landete, ist der junge Holk wieder
hinunter nach Baton Rouge gegangen.
    Potz Blitz, der hat seine Geschfte schnell abgemacht. Da ist auch wohl der
schne Platz um einen Spottpreis weggegangen? frug der Mailrider, der ebenfalls
erst whrend des Streites gekommen war.
    Das nicht! erwiderte der Advocat - die Baustellen sind fast die besten in
Helena und es fanden sich mehrere Bewerber - ich selbst habe geboren, Richter
Dayton schien auch groe Lust zu dem Handel zu haben. Der Wirth hier hat sie
aber zuletzt noch erstanden und was die Bedingung war - gleich baar bezahlt. -
Smart mu einen hbschen Thaler Geld in Helena verdient haben.
    Wunderbar, wunderbar, murmelte der Farmer vor sich hin. - Mir hat Holk
einmal gesagt, er htte weder Kind noch Kegel in Amerika und wolle alles das,
was er sein eigen nenne, verkaufen und wieder nach Deutschland zurckgehen.
    Nun ja, lachte der Blaue, es war so eine schwache Seite von ihm, noch fr
einen jungen Mann zu gelten. Er leugnete immer, da er schon verheirathet
gewesen - Ihr kennt doch die junge Wittwe drben - gleich neben Daytons, und er
verzog dabei, whrend er mit dem Daumen der Hand ber die eigene Schulter
deutete, das keineswegs schne Gesicht zu einem hlichen, boshaften Lachen.
    Die arme Frau, sagte ein junger Kaufmann, der eben zu ihnen getreten war
und die letzten Worte gehrt hatte. Sie geht herum wie eine Leiche - sie soll
den Holk so gern gehabt haben.
    Sie waren ja auch schon mit einander versprochen, fiel hier der Advocat
ein. Wenn er wieder von New-Orleans zurckkme, sollte die Hochzeit sein; aber
der Mensch denkt und das Schicksal lenkt. - Jetzt ist der Mississippi sein
Hochzeitsbett und das eigene Flatboot sein Sarg. - Puh - es mu ein hliches
Gefhl sein, so tief unten auf dem Grunde des Flusses gegen die Planken eines
solchen Kastens gedrckt zu liegen, und nun immer leichter und leichter zu
werden und doch nicht wieder hinauf zu knnen an den lichten Tag.
    Es sind in letzter Zeit recht viele Flatboote verunglckt, sagte der
Farmer nachdenkend. - Ich wei, da allein von Little Rock drei abgingen, die
nie am Ort ihrer Bestimmung ankamen. Der Staat sollte mehr dafr thun, diese
Unmassen von Baumstmmen wenigstens aus der eigentlichen Strmung zu entfernen.
Guter Gott, was sind nicht schon fr Menschen auf solche Art umgekommen und wie
viele Waaren hat der unersttliche Mississippi verschlungen!
    Ei, die Menschen sind aber auch groentheils selber dran schuld! rief der
Blaue rgerlich. Wenn irgend ein Bursche, der im Leben den Stiefel nicht von
Gottes festem Erdboden weggebracht hat, einmal Waaren verschiffen will, so baut
er ein neues Flatboot, oder kauft irgend ein altes, packt da seine Siebensachen
hinein, stellt sich hinten an's Steuer und denkt, der Strom wird mich schon
dahin fhren, wo ich hin will - wir schwimmen ja den Flu hinunter. - Ja wohl -
wir schwimmen hinunter, bis wir irgendwo hngen bleiben, und nachher ist's zu
spt. Der Mississippi lt nicht mit sich spaen, und um die erbrmlichen
vierzig oder fnfzig Dollar fr einen tchtigen Lootsen oder Steuermann zu
sparen, hat schon Mancher Gut und Leben darber eingebt.
    Bitt' um Verzeihung, sagte der Farmer - Alle, die von Little Rock
abgingen, hatten gerade Lootsen an Bord, Leute, die auf ihr Ehrenwort
versicherten, den Flu schon seit zehn und fnfzehn Jahren befahren zu haben,
und sie sind dennoch zu Grunde gegangen. Solchen Menschen kann man aber auch
nicht in's Herz sehen. Es giebt sich Mancher fr einen Lootsen aus und vertraut
nachher seinem guten Glck, das ihn schon sicher stromab fhren werde. Im
gnstigsten Falle lernt er so nach und nach die Strmung kennen, und hat dabei
seinen guten Gehalt; im ungnstigsten aber kann er vielleicht schwimmen, und
bringt seine werthe Person doch noch sicher wieder an's Ufer.
    Sie sind auch vielleicht wirklich so lange gefahren, lachte der Blaue,
aber auf Dampfbooten, als Feuerleute und Deckhands - nicht als Flatbootmnner.
Auf Dampfbooten knnen sie denn auch verdammt wenig lernen, auer als Pilot, und
ein Dampfboot-Pilot wird sich hten, wieder ein Flatboot zu steuern, wo er nicht
halb so gute Kost und weit geringe Gehalt bekommt.
    Gentlemen reden von dem Piloten, der neulich hier an's Ufer geworfen
wurde? frug ein kleines ausgetrocknetes Mnnchen mit schneeweien Haaren, tief
gefurchten Zgen und grauen blitzenden Augen, das sich jetzt von einer andern
Gruppe ihnen gesellte - ja, war ein capitales Exemplar von Knochenbruch - der
rechte Oberschenkel - der linke Unterschenkel - Wadenbein und Hauptrhre - vier
Rippen auf der linken Seite, den rechten Arm frmlich zersplittert, da die
Knochenstcke durch den Rock drangen; den Hinterkopf stark verletzt und doch
nicht todt. - - Ich hatte es mir zur Ehrensache gemacht, ihn eine volle Stunde
am Leben zu halten, es war aber nicht mglich. - Er schrie in einem fort.
    Groer Gott, sagte der Farmer und schttelte sich dabei dem Gedanken - da
wre es ja ein Werk der Barmherzigkeit gewesen, dem armen Teufel eins auf den
Kopf zu geben. - Was war denn mit ihm geschehen?
    Dem Dampfboot General Brown waren die Kessel geplatzt, sagte der Advocat,
es sind, glaub' ich, fnfzehn Personen dabei um's Leben gekommen.
    Ja, aber nichts Erhebliches weiter von Verwundungen, meinte der kleine
Doctor - zwei Negern die Kpfe ab - der eine hing noch an ein paar Sehnen und
einem Stck Haut - einer Frau die Brust zerquetscht -
    Weshalb mssen wir denn das aber eigentlich so genau wissen? - rief der
Farmer und wandte sich in Ekel und Unwillen von ihm ab - Sie verderben Einem ja
bei Gott das Abendbrod, Doctor.
    Bitte um Verzeihung, sagte der kleine Mann, fr die Wissenschaft sind
solche Flle ungemein wichtig, und mir wre in dieser Hinsicht auch wirklich
kein besserer Platz in der ganzen Welt bekannt, um Beobachtungen an Verwundeten
und Leichen zu machen, als gerade das Ufer des Mississippi. Ehe jener
interessante Fall am Fourche la fave vorfiel, wohnte ich etwa drei Wochen in
Victoria, der Mndung des Whiteriver und Montgomerys Point gerade gegenber, und
alle Wochen, ja oft einen Tag um den andern, kamen Leichen dort angetrieben.
Einmal war ein Leichnam mit dabei, dem hatten sie gerade ber dem rechten
Hftknochen -
    Ei so hol' Euch doch der Teufel! rief der Blaue rgerlich dazwischen -
Harpunen und Seelwen - ich kann auch einen Puff vertragen, und manchen Tropfen
Blut hab' ich mein Leben lang stieen sehen; wenn man aber das Leiden und Elend
so haarklein beschreiben und immer und immer wiederkuen hrt, dann bekommt
man's am Ende doch auch satt und ekelt und scheut sich davor.
    An Menschen, die keinen Sinn fr die Wissenschaft haben, rief der
hierdurch erzrnte kleine Mann, indem er sich den grauen Seidenhut noch fester
in die Stirn hineintrieb, Menschen, die von ihren Mitmenschen blos die Haut
kennen, und sich weiter nicht darum bekmmern, ob sie mit Knochen oder Baumwolle
ausgestopft sind - an solchen Menschen ist auch jedes wissenschaftliche Wort,
das irgend ein vernnftiger Mann so thricht ist, ihnen zu bieten, verloren, und
ich sehe nicht ein, weshalb ich meine schne Zeit hier vergeuden soll, solchen
Menschen einen Gefallen zu thun.
    Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, oder die Uebrigen noch eines
Blickes zu wrdigen, ergriff er einen alten, am nchsten Stuhl lehnenden rothen
baumwollenen Regenschirm, drckte ihn sich unter den Arm und schritt rasch und
dabei immer noch vor sich hin gesticulirend zur Thr hinaus.
    Gott sei Dank, da er fort ist. Mir graust's immer in seiner Nhe, und -
ich kann mir nun einmal nicht helfen, aber ich mchte stets darauf schwren, es
rche nach Leichen, sobald er in's Zimmer tritt, sagte der Advocat.
    Ist denn der hier prakticirender Arzt? frug der Farmer, der ihm erstaunt
eine Weile nachgesehen hatte.
    Arzt? Gott bewahre, lachte der Blaue, die Leute nennen ihn hier nur so,
weil er von weiter nichts als Verwundungen, Leichen und chirurgischen
Operationen spricht. - Dadurch haben sich aber schon ein paar Mal Fremde
verleiten lassen, ihn bei wichtigen Krankheitsfllen zu Rathe zu ziehen, und das
ist ihnen denn auch verdammt schlecht bekommen.
    Es wird Keiner zum zweiten Mal zu ihm gegangen sein, meinte der Farmer.
    Der Blaue schlug ein lautes Gelchter auf und rief:
    Nein, wahrhaftig nicht - kein Lebender kann sich rhmen, von Doctor Monrove
behandelt zu sein. Die Fnf, die er hier in der Cur gehabt - natrlich lauter
Fremde, eben Eingewanderte - sind schleunig gestorben und stehen jetzt in
Spiritus und Gott wei was Alles aufbewahrt, theils ganz, theils stckweis in
seinem Studirzimmer, wie er's nennt, herum. Keine Haushlterin hat deshalb auch
bei ihm aushalten wollen. Selbst die letzte verlie voller Verzweiflung das
Haus, als er ihr einmal mitten in der Nacht einen menschlichen und frisch
abgeschnittenen Kopf in's Zimmer brachte, den er, wie er spter gestand, aus dem
Grabe eines Reisenden gestohlen hatte. Eine Caravane von Auswanderern war
nmlich hier durchgekommen und einer davon am Fieber gestorben, wonach sie ihn
gleich an Ort und Stelle begruben und am nchsten Morgen weiter zogen.
    Das mu ein entsetzliches Vergngen sein, sich so an lauter Greuelscenen zu
weiden, sagte der Farmer schaudernd.
    Ja, und es ist bei ihm wirklich zur Leidenschaft geworden, nahm der
Advokat das Wort. - Als er vor kurzer Zeit von dem am Fourche la fave
gehaltenen Lynchgesetz und dem verbrannten Methodistenprediger hrte, hat er
fast ein Pferd todtgeritten, um noch zur rechten Zeit dort einzutreffen und die
verkohlten Ueberreste des Mrders an sich zu bringen - was ihm auch wirklich
gelungen sein soll. Seiner Wohnung, die eine kurze Strecke von Helena entfernt
im Walde liegt, kommt denn auch Niemand zu nahe als Wlfe und Aasgeier, und ich
mu selbst gestehen, ich wte nicht, was mich bewegen knnte, eine so
schauerliche Schwelle zu bertreten.
    Ich war ein paar Mal dort, sagte der Blaue, es sieht scheulich drinnen
aus.
    Hat man denn von jenen, den Regulatoren entflohenen Mitschuldigen nie
wieder etwas gehrt? frug der Farmer - in Little Rock hie es, Cotton und der
Mulatte seien entkommen.
    Ei gewi, fiel ihm hier der Advocat in's Wort. Die am Fourche la fave
haben sich freilich nicht weiter um sie bekmmert, denn sie wollten das Gesindel
nur los sein; was aus ihm wurde, war ihnen gleichgltig. Die Flchtlinge sind
aber in der Woche darauf im Hot Spring County gesehen worden, und da Heathcott -
der erschlagene Regulatorenfhrer - gerade dort frher ansssig gewesen, so hat
man sie Beide mit einer Wuth und einem Eifer verfolgt, die ber ihre gute
Absicht nicht den mindesten Zweifel lieen. Cotton ist jedoch ein schlauer Fuchs
und wird wohl um diese Zeit schon ber den Mississippi drben sein.
    Hm, ja, fiel der Blaue ein - man will ihn schon sogar drben in Victoria
gesehen haben. - Der wird sich nicht wieder in Arkansas blicken lassen.
    Hat denn der Indianer den Prediger wirklich verbrannt? frug der Helener
Kaufmann immer noch zweifelnd - allerdings stand es hier in allen Zeitungen,
aber ich habe es nie glauben wollen. Wie htten die Gesetze nur je so etwas
zugegeben!
    Die Gesetze - bah - rief der Blaue verchtlich - was knnen denn die
Gesetze machen, wenn das Volk seinen eigenen Kopf aufsetzt? Die Gesetze sind fr
alte Weiber und Kinder, die sich von jedem Tintenkleckser in's Bockshorn jagen
lassen. Wer sich hier nicht selbst beschtzt, dem knnen die Gesetze auch keinen
Pappenstiel helfen.
    Da bin ich doch sehr verschiedener Meinung, sagte der Farmer - die
Gesetze gerade sind's, die unsere Union auf den Standpunkt gebracht haben, auf
dem sie jetzt steht, und jedes guten Brgers Pflicht ist es, sie aufrecht zu
erhalten.
    Da es freilich noch manchmal in der Wildni Strecken giebt auf die sie
ihren wohlthtigen Einflu auszuben nicht im Stande sind, glaub' ich auch, und
gewaltsame Handlungen erfordern dann gewaltsame Mittel. Sonst aber sollte es fr
einen Brger der Union nichts Heiligeres geben, als gerade die Gesetze, denn sie
allein sind ihm die Brgen seiner Freiheit. Doch, Gentlemen, es wird spt, und
ich mchte noch gern vor Dunkelwerden hinauf zu Colbys - also gute Nacht. - In
einigen Tagen komme ich wieder hier vorbei und dann, Broadly - wandte er sich
an den Helener Kaufmann knnen wir auch den Handel abschlieen, denk' ich. Ich
habe nur noch einige alte Schulden dort oben zu bezahlen, so viel Geld bleibt
mir aber wahrscheinlich noch. Also good bye, - und mit den Worten zahlte er an
der Bar seine kleine Rechnung, lie sich die Satteltasche wieder herausgeben,
legte sie ber den Sattel seines ungeduldig am Reck scharrenden Braunen, stieg
auf und trabte, noch einmal herbergrend, Elmstreet hinab in den das Stdtchen
begrenzenden Wald.

                                       4.

                                        

                            Squire Dayton's Wohnung.


Als Squire oder Doctor Dayton (denn er wurde sowohl das eine wie das andere
in Helena genannt) Jonathan Smart verlie und eine der uersten Grenze des
Stdtchens zufhrende Richtung einschlug, erreichte er bald darauf ein kleines,
aber zierlich gebautes Haus an der Westseite Helenas, um das herum die
gewaltigen Bume des Urwalds nur eben weit genug niedergehauen waren, um nicht
mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu knnen. Reinlich wei
angestrichen, stachen die hellgrnen Jalousien um so freundlicher dagegen ab,
und der jetzt aufsteigende Mond schien gar hell und klar gegen die blitzenden
Spiegelscheiben eines im ersten Stock offen gelassenen Fensters, ein Luxus, der
in dem einfachen Westen gar selten angetroffen wurde.
    Aber auch das Innere der kleinen Wohnung entsprach vollkommen dem soliden,
gemchlichen Ansehn seines Aeuern. Allerdings war es nicht prchtig und kostbar
eingerichtet, aber die massiven Mahagoni-Mbel, die schneeweien Vorhnge, die
elastischen, mit dunklem Damast berzogenen Ruhesessel und Sthle verkndeten
deutlich genug, da hier Wohlhabenheit, wenn nicht Reichthum herrsche. Viele
andere Kleinigkeiten - wie z.B. zierliche Nippesfiguren auf den kleinen
Seitentischen, angefangene weibliche Arbeiten - der Nhtisch am linken
Eckfenster mit dem sauber aus Korb geflochtenen Strickkrbchen an der Seite,
gossen dabei jenen Zauber ber das stille wohnliche Zimmer, den nur die
Gegenwart holder Frauen einem Gemach, und sei es sonst das prchtigste, zu
verleihen im Stande ist.
    Ein kleiner frhlicher Kreis hatte sich aber auch um den runden, zum Sopha
gerckten Tisch versammelt, auf dem die englischbronzene weitbauchige
Theemaschine zischte und qualmte, und frhliches Lachen tnte dem jetzt eben an
die Hausthr pochenden Squire entgegen, der wunderbarer Weise einen gar ernsten,
ja fast traurigen Blick zu den hell erleuchteten Fenstern hinauswarf.
    Da verstummte das Lachen pltzlich, oder ward wenigstens von den rauschenden
Tnen eines deutschen Walzers bertubt, den gebte Finger einem wohlklingenden,
krftig besaiteten Flgel entlockten. Mr. Dayton mute auch wirklich zur Klingel
seine Zuflucht nehmen, den Dienstboten, die oben auf der Treppe standen und den
so gern gehrten Melodien lauschten, seine Gegenwart zu verknden.
    Einmal das Haus betreten, schien aber auch seine ganze frhere Heiterkeit
zurckgekehrt zu sein, wenigstens blitzte sein Auge freier und frhlicher. Er
flog schnellen Schrittes die Stufen hinauf und stand im nchsten Augenblicke bei
den Seinen und von all' dem Lrmen und Jubel umgeben.
    Endlich - endlich! rief die Clavierspielerin, sprang auf und eilte, als
Mr. Dayton in der Thr erschien, diesem entgegen. Der gestrenge Herr haben
heute unverzeihlich lange auf sich warten lassen.
    Wirklich? lchelte der Squire, whrend er die im Zimmer Befindlichen
freundlich grte und dann seinem ihm entgegenkommenden Weibe einen leichten Ku
auf die Stirn drckte, hat mich meine kleine wilde Schwgerin heute einmal
vermit?
    Heute einmal, lachte das frhliche Mdchen und warf sich mit schneller
Kopfbewegung die langen dunkeln Locken aus der Stirn - heute nur einmal? Ei,
mein liebenswrdiger und gestrenger Friedensrichter mu seiner unterthnigsten
Dienerin einen sehr schlechten Geschmack zutrauen, wenn er glauben knnte, sie
fhlte sich ohne ihn nur einen Augenblick wohl und glcklich. Heute hat die
Sache aber noch eine besondere Bewandtni. - Hier wartet nun Mr. Lively schon
eine volle Stunde auf Sie und trgt sicherlich ein schweres, frchterliches
Geheimni auf dem Herzen, denn keine Silbe ist ihm in dieser ganzen gesegneten
Stunde ber die Lippen gekommen - auch Mrs. Breidelford -
    Bitte um Verzeihung, mein liebwerthestes Frulein, sagte die also
Bezeichnete, die bis dahin auf Kohlen gesessen zu haben schien, das Wort zu
nehmen, keineswegs, denn ich glaube doch wirklich nicht, da Sie sich bei mir
ber Zungenfaulheit beklagen knnen; eher vielleicht das Gegentheil. - Ich kenne
meine Schwche, mein Frulein, und wie der ehrwrdige Mr. Sothorpe so schn
sagt, ist das schon ein Schritt zur Besserung, wenn man seine eigenen Schwchen
wirklich kennt. Mein seliger Mann freilich - ein Engel von Geduld und Sanftmuth
- behauptete immer das Gegentheil. Glauben Sie wohl, Squire Dayton, da das gute
Herz mir einreden wollte, ich sprche wirklich nicht zu viel? - Breidelford -
sagte ich aber - Breidelford, versndige Dich nicht - ich wei, wie ich bin -
ja, Breidelford, ich kenne meine Schwche, und wenn ich Dir auch nicht zu viel
rede, so fhle ich doch selbst recht gut, wie das ein Fehler von mir ist, den
ich mir aber, da ich ihn einmal kenne, auch alle Mhe geben werde zu
verbessern.
    Eine Tasse Thee, beste Mrs. Breidelford, unterbrach hier Mrs. Dayton den
allem Anschein nach undmmbaren Zungenschwall - bitte, langen Sie zu - Adele
aber, die augenblickliche Pause benutzend, warf sich wieder an's Clavier, und
ein so rauschender Tanz drhnte, von den starken Saiten wiederfibrirend, durch
das Gemach, da jede Fortsetzung von Mrs. Breidelford's begonnener
Selbstbiographie dadurch schon im Keime erstickt wurde.
    Ist der Mailrider noch nicht hier gewesen? frug Mr. Dayton endlich, als
die Ruhe wieder ein wenig hergestellt war.
    Der Mailrider? Nein, aber Mr. Lively hier scheint seinen Auftrag gern
ausrichten zu wollen, sagte Adele und blinzelte schelmisch zu dem sich allem
Anschein nach hchst unbehaglich befindenden jungen Mann hinber.
    James Lively sa auch wirklich da, als ob er nicht Drei zhlen knnte. Alle
Gliedmaen waren ihm im Wege oder auf irgend einer falschen Stelle. - Bald hatte
er das rechte lange Bein hoch oben auf dem linken, da es weit, bis mitten in
die Stube hineinragte, bald zog er die Fe fest unter dem Stuhle zusammen,
faltete die Hnde und hetzte seine Daumen um ihre eigene Achse. - Dann griff er
mit dem rechten Arm hinunter nach dem hintersten rechten Stuhlbein und versuchte
mit allem mglichen Eifer die Politur herunter zu kratzen, dann holte er mit der
Linken das mchtige seidene Tuch aus der Tasche, um es gleich darauf wieder
sorgfltig zurckzuschieben. Kurz, James befand sich so wohl, wie ein Hecht auf
dem Sande oder ein Hase auf dem Eise, und wenn er auch manchmal den Blick scheu
zu dem schnen, muntern Mdchen emporwarf, so durfte er doch nur dem
Schelmenauge begegnen, als sich auch sein Antlitz in der prachtvollen Farbe
eines gesottenen Hummers wieder niederbog. Dann, wie in einem wilden
Fluchtversuch, griff er tief, tief unter den Stuhl, wo frher sein Filz
gestanden, den aber spter, auf einen Wink Mr. Dayton's, die junge Mulattin
weggenommen und hinten auf das Clavier gestellt hatte, und sa nun in voller
Verzweiflung auf dem weich gepolsterten Stuhl wie auf glhenden Kohlen.
    James Lively war brigens sonst keineswegs so verschmt und blde. Im Walde
aufgewachsen, gab es keinen besseren Jger und Landmann im ganzen County als
ihn. Muthig dabei bis zur Tollkhnheit, hatte er vor Kurzem erst den Einzelkampf
mit einem Panther gewagt und gewonnen, und im Boxen die Besten berwunden. Aber
im Walde mute er auch sein, wenn er all' diese Fhigkeiten entwickeln sollte.
In Damengesellschaft getraute er sich nicht den Mund zu ffnen, und wenn er auch
- wie Mrs. Breidelford - vollkommen seine Schwche kannte, so wre es ihm
dennoch nicht mglich gewesen, eine Scheu zu berwinden, die ihm Zunge und
Glieder lhmte. So auffallend wie heute hatte sich diese Befangenheit brigens
noch nie gezeigt. Sie schien sogar durch Adelens leise Anspielungen ihren
hchsten Grad zu erreichen, als sich Squire Dayton in's Mittel schlug, auf den
jungen Mann zuging und ihm mit einem freundlichen Gott zum Gru, Mr. Lively -
was macht der Vater und wie steht's daheim mit der Farm? pltzlich wieder Muth
und Selbstvertrauen in's Herz legte.
    Die Worte, die ganze Anrede, die Beziehung auf die heimische, ihm bekannte
Umgebung wirkten wie ein wohlthtiger Zauber auf den Waldbewohner. Er sprang
auf, holte tief Athem, ergriff schnell die dargebotene Rechte und antwortete,
als ob ihm eben eine Centnerlast von der Brust gewlzt wre:
    Danke, Squire - Alle wohl - so ziemlich wenigstens - die braune Kuh wurde
gestern krank, und darum bin ich eigentlich hierher in die Stadt gekommen - aber
- ich hatte noch 'was Besonderes - und er warf einen scheuen Seitenblick nach
den Frauen, whrend wieder hohe Gluth sein Gesicht berflog - ich - ich wei
nur nicht -
    Ist es etwas, was mich allein betrifft? frug der Squire.
    Bitte, junger Herr, geniren Sie sich nicht, fiel hier, ohne weitere
vorherige Warnung, Mrs. Breidelford wieder ein - glauben Sie ja nicht, da wir,
weil wir Ladies sind, etwa ein Geheimni nicht eben so sicher und gut bewahren
knnten wie Mnner. Im Gegentheil, Mr. Lively - gerade im Gegentheil. - Ich zum
Beispiel wei zwar, da ich ein bischen viel rede, es ist nun einmal meine
Schwche, und wofr hat uns denn eigentlich der liebe Gott Mund und Zunge
gegeben? Was aber Geheimnisse anbetrifft, so hat da schon mein lieber seliger
Breidelford immer gesagt, obgleich man sich eigentlich nicht selbst rhmen
sollte, doch das liebe Herz liegt ja jetzt kalt und starr im Grabe - Louise,
sagte er immer - Louise, Du bist zu verschwiegen, Du bist wahrhaftig zu
verschwiegen. - Zehn Inquisitionen brchten Dir das nicht ber die Zunge, was Du
nicht hinber haben wolltest - ich glaube, Du bissest sie Dir eher in Stcken -
sagte Mr. Breidelford, aber -
    Ein rauschendes Allegro von Adelens flchtigen Fingern schnitt hier wiederum
Mrs. Breidelford's Faden ab, und Lively, der bis jetzt vergebens gesucht hatte,
Squire Daytons Frage zu beantworten, gewann wenigstens Zeit, Athem zu holen.
    Nein, Squire, sagte er und schob, da er in diesem Augenblick gar nicht
wute, wohin er mit seinen Hnden sollte, diese aus lauter Verzweiflung in die
Taschen, aus denen er sie aber, das Unschickliche solchen Betragens wohl
fhlend, so schnell wieder herausri, als ob er heie Kohlen darin gefunden
htte - nein, Squire - Mutter meinte nur - Vater fgte - ob Sie und - und die
Ladies dort nicht Lust htten oder - so gut sein wollten, morgen ein bischen zu
uns herauszukommen und - so lange Sie wollten und so lange es Ihnen bei uns
gefiele, drauen zu bleiben. Mutter meinte -
    Adele horchte hoch auf; Mrs. Breidelford aber, obgleich diese Einladung wohl
keineswegs ihr gegolten hatte, nahm die Beantwortung schnell auf sich, und ohne
einem der brigen Anwesenden auch nur die mindeste Zeit zu lassen, erhob sie
sich ein wenig von ihrem Platze und rief, den jungen Mann dabei mit etwas
niedergebogenem Kopfe und ber die Brillenglser hin in's Auge fassend:
    Oh, Mrs. Lively ist gar zu gtig, Sir, gar zu gtig, und wenn sich auch
allerdings in jetziger Zeit, wo der Flu wieder zu steigen anfngt und Waaren in
Hlle und Flle stromab kommen, die Geschfte hufen, so mssen doch schon
einmal ein oder zwei Wochen gefunden werden, um seine Nachbarn aufzusuchen und
mit ihnen im guten alten Einverstndni zu bleiben. - Mr. Breidelford hatte ganz
Recht, wenn er sagte, Louise - sagte er, Du glaubst gar nicht, wie schn es ist,
mit seinen Nachbarn in Frieden und Freundschaft zu wohnen - Vertrglichkeit ist
das halbe Leben. Nchste Woche, Montag sptestens, denk' ich mir das Vergngen
machen zu knnen, Mr. Lively; bitte, mich Ihrer Frau Mutter bestens zu
empfehlen - und nieder setzte sie sich und trank ihre Tasse aus, als ob sie
nach der eben gehabten Anstrengung der Ruhe und Strke bedrfe.
    Adele schien aber diesmal, aus lauter Erstaunen ber Mrs. Breidelford's
Bereitwilligkeit, ganz ihre musikalische Hlfe vergessen zu haben, und selbst
James, obgleich er den Ruf kannte, dessen sich Mrs. Breidelford in Helena
erfreute, stand ganz verstummt da und wute kaum, ob er sie wirklich aus
Versehen mit eingeladen habe oder nicht. War das Erstere brigens geschehen, so
half hier weiter nichts als gute Miene zum bsen Spiel zu machen. Was aber seine
eigene Mutter dabei von Mrs. Breidelford hielt, hatte er - zu seinem Entsetzen
fiel es ihm gerade jetzt wieder ein - erst an diesem Morgen gehrt. Wie sie sich
also zu Hause ber den glcklich von ihm erlegten Bock freuen wrden, lie sich
ungefhr denken.
    In aller Angst haftete sein Blick jetzt noch auf Mrs. Dayton's sanften
Zgen, denn das andere schelmische, immer lachende Ding wagte er gar nicht
anzusehen. Jene sagte denn auch freundlich:
    Meinen besten Gru an Ihre liebe Mutter, Sir, und wir wrden sehen, es
mglich zu machen. - Sie soll sich aber auch in Helena nicht so selten blicken
lassen und einmal bei uns einkehren, wenn sie ihr Weg hierher fhrte. Doch
kommen Sie, rcken Sie sich Ihren Stuhl zum Tisch und langen Sie zu - trinken
Sie wei? Hier - hier steht Alles - helfen Sie sich selbst. Wie geht es denn
Ihrem Vater?
    Danke, Madame, danke, sagte James, der jetzt, da er Adelen den Rcken
zudrehen durfte, freier zu athmen anfing, es macht sich mit dem Alten. - Wir
sind schon wieder zusammen auf der Brenjagd gewesen, und da knnen Sie sich
wohl denken, da er nicht mehr todsterbenskrank ist - von so ein wenig Fieber
erholt er sich schnell wieder.
    Geht er denn noch immer barfu in den Wald? frug Adele und glitt in den
dicht neben dem Sopha stehenden Stuhl, da sie dem jungen Hinterwldler jetzt
gerade gegenber zu sitzen kam.
    James fing wieder an unruhig auf seinem Sessel umherzurcken - er mute sich
den Rock aufknpfen, es wurde ihm siedend hei. Mrs. Breidelford schien brigens
auch diese Antwort bernehmen zu wollen, denn mit einem Ja, ja, Mi Adele - was
das Barfugehen anbetrifft, wandte sie sich an das junge Mdchen. Dayton
parirte aber in lobenswerthem Mitleid die ihr zugedachte Rede, indem er Mrs.
Breidelford selbst in ein Gesprch verknpfte. Dadurch gewann James Zeit sich zu
sammeln, und weil sich berdies das Gesprch auf sein eigenes heimisches Gebiet
zog, so wurde er auch immer unbefangener und zuversichtlicher.
    Die Erkltung des alten Mannes rhrte gewi von der hlichen Angewohnheit
her, weder Schuhe noch Strmpfe zu tragen, sagte Mrs. Dayton - Mrs. Lively
sollte es nur nicht leiden.
    Ach, das wrde nichts helfen, meinte James - Vater ist darin ganz
obstinat - was er einmal will, davon bringt ihn kein Mensch wieder ab.
    Gerade wie mein Seliger - Mr. Lively, mischte sich hier die unvermeidliche
Mrs. Breidelford trotz aller Ableitung wieder in's Gesprch - aber ganz so wie
mein Seliger. - Breidelford - sagte ich oft - Du wirst Dich noch ruiniren, das
nakalte Wetter ist Dein Tod - ich rathe Dir, zieh die wollenen Strmpfe an. -
Glauben Sie, er htt' es gethan? Nicht um die Welt. Louise, sagte er - das
verstehst Du nicht - menschliche Constitution ist wie -
    Leider erfuhr die Familie Dayton an diesem Abend nicht, wie menschliche
Constitution eigentlich beschaffen sei, denn gerade hier, und als Adele schon im
Begriff war, ihren kaum verlassenen Platz am Piano wieder einzunehmen - ri es
auf einmal so stark an der Klingel, da Mrs. Breidelford mit einem Jesus, meine
Gte erschrocken emporfuhr, und auch Mrs. Dayton und Adele berrascht nach der
Thr blickten. Nur Squire Dayton blieb ruhig sitzen und sagte lchelnd:
    Es wird Mr. Smart sein; ich bat ihn, heut Abend noch ein wenig
herberzukommen. - Ja, das ist sein Schritt.
    Ist das Mr. Smart, der Wirth des Union-Hotels? rief Adele und sprang an
den Glasschrank, um noch eine Tasse fr den neuen Gast herbeizuholen.
    Der Nmliche, sagte der Squire, doch da ist er selbst - und herein trat,
den Hut, den er ganz in Gedanken auf dem Kopfe behalten, schnell abreiend,
Jonathan Smart. Allen im Kreise, Mrs. Breidelford ausgenommen, der er eine
stumme Verbeugung machte, reichte er die Hand zum Gru, die er Squire Dayton und
James Lively noch ganz besonders herzlich schttelte, und setzte sich hierauf
mit einem hchst selbstzufriedenen und behaglichen Lcheln auf den ihm von der
Mulattin Nancy schnell hingerckten Stuhl nieder.
    Well, Ladies und Gentlemen, freut mich ungemein, Sie Alle wohl zu sehen,
sagte er dabei - danke, Mi, danke - ich trinke keine Milch, lieber ein bischen
Rum in den Thee.
    Mi Adele hatte ihm die Tasse berreicht, und es war hierdurch, da sich die
letzten Worte des Gesprchs gerade auf den Eingetretenen bezogen hatten, eine
kleine Pause entstanden. Smart bemerkte das brigens und wandte sich an Mrs.
Dayton:
    Bitte, Madame, es sollte mir leid thun, wenn ich hier in etwas Ihre
Unterhaltung unterbrochen oder gestrt htte - ich komme auch allerdings etwas
spt, aber Squire Dayton -
    Ganz und gar nicht, Mr. Smart - ganz und gar nicht, fiel ihm hier Mrs.
Breidelford schnell in die Rede - ich sprach nur eben von - ach, Du lieber
Gott, von was sprach ich denn gleich - ja, mein unglckseliges Gedchtni, Mr.
Smart, mein unglckseliges Gedchtni - schon mein lieber seliger Mann sagte
immer - Louise, sagte er - Du hast Deinen Kopf in Deiner Jugend zu sehr
angestrengt, Du hast zu viel gerechnet und gesorgt - ein allzu straff
angezogener Bogen mu am Elche erschlaffen. - Das waren seine eigenen Worte, Mr.
Smart. Ach. Breidelford, sagte ich dann, Du hast Recht - ich wei es, ich kenne
meine Schwche, aber das Gedchtni ist eine Gabe von Gott, und wem der es
wieder nimmt, der darf sich nicht beklagen. Das wre schlecht, Breidelford,
sagte ich -
    - lud mich so freundlich ein, da ich, besonders nach dem, was heute
vorgegangen, unmglich Nein sagen konnte, fuhr Mr. Smart, ohne sich weiter irre
machen zu lassen, in seiner einmal begonnenen Rede, und zwar gegen Mrs. Dayton
gewendet, fort.
    Was ist denn heute vorgefallen? frug Adele schnell, - war wieder ein
Streit im Orte? - Wir haben das Lrmen und Toben gehrt, aber weiter noch nichts
darber erfahren.
    Mrs. Breidelford setzte die schon erhobene Tasse wieder nieder und horchte
aufmerksam der jetzt erwarteten Mittheilung.
    Und hat Ihnen Squire Dayton gar nichts erzhlt? frug der Yankee.
    Nicht das Mindeste, riefen die drei Ladies wie aus einem Munde.
    Nun, er hat mir einen Dienst geleistet, sagte Jonathan Smart, wie ihn ein
Nachbar nur dem andern -
    Aber, bester Smart, lchelte der Squire - ich habe ja nur gethan, was
meine Pflicht als Friedensrichter dieses Ortes war.
    - zu leisten im Stande ist, fuhr Jonathan fort - er hat mir das Leben
gerettet, indem er sich, die eigene Gefahr ganz auer Augen setzend -
    Die Burschen htten es nie zum Aeuersten kommen lassen - Sie rechnen mir
die Sache wirklich zu hoch an.
    - einer Bande zu Allem fhiger Bootsleute gerade entgegenwarf und sie davon
zurckhielt, mich umzubringen und mein Haus niederzubrennen. Das ist das Kurze
und Lange von der Geschichte.
    Der Richter sah wohl ein, da er den Wirth ausreden lassen msse, und ergab
sich lchelnd darein. Erst als dieser schwieg, erwiderte er dagegen:
    Das aber erwhnen Sie nicht, da Sie vorher mit wirklicher Lebensgefahr, da
sogar einer der Buben schon auf Sie abdrckte, das Leben des armen Iren gerettet
hatten.
    Das mu ja schrecklich heute in Helena zugegangen sein, rief Mrs. Dayton
entsetzt.
    Nicht schlimmer heute, wie alle brigen Tage fast, sagte der Wirth
achselzuckend, Helena ist nun einmal in dieser Hinsicht berhmt oder, besser
gesagt, berchtigt.
    Gerade was mein lieber seliger Mann immer sagte, Mr. Smart - gerade
dasselbe - Louise, sagte er, bleibe nicht in Helena wohnen, wenn ich einmal todt
bin - ziehe fort von hier. Du bist zu sanft, Du bist zu schwach fr solch wildes
Leben und Treiben - Du paest nicht hierher in diese rohe Umgebung - der liebe
Mann. - Und es ist wahr, ich habe es ihm auch noch auf dem Sterbebette
versprochen, ich wollte fort. - Breidelford, sagte ich ihm, stirb ruhig - ich
gehe nrdlich, wenn Du einmal nicht mehr bei mir bist - aber, Du lieber Gott,
eine arme alleinstehende Frau, die kann ja nicht, wie sie wohl gern wollte. Man
will ja doch leben, und hier, wo ich einmal nothdrftig meine Nahrung habe,
werde ich wohl bleiben mssen, denn ich sehe nicht ein, ob, wie und mit was ich
an einem andern Orte wieder beginnen knnte. Fleiig bin ich, das mu mir der
Neid lassen. Mein lieber seliger Mann sagte immer, Louise, sagte er, Du
arbeitest Dich noch todt - Du bedenkst gar nicht, da Du zum zarten Geschlecht
gehrst. Spter wirst Du es aber noch einmal einsehen - sagte er, wenn Du Deine
Gesundheit ruinirt hast und wenn ich nicht mehr bin. Sie glauben gar nicht, Mrs.
Dayton, wie der Mann Alles vorausgesehen und gesagt hat - eine wahre
Prophetengabe war es, es knnte Einem jetzt beinahe noch die Haut schaudern,
wenn man bedenkt, da so etwas menschenmglich ist. - Auch was mein Alleinwohnen
anbetrifft, denken Sie sich nur, Mrs. Dayton, auch darber hat er mir, noch eine
Stunde vor seinem Tode - ich sehe das liebe Herz noch mit seinem bleichen,
eingefallenen Antlitz und den blauen Lippen vor mir liegen - Vieles gesagt und
mich gewarnt, denn, Louise, sagte er -
    Ich hoffe doch, da jetzt Jemand bei Ihenn zu Hause ist? fiel hier Mr.
Smart schnell und, wie es schien, mit besonderer Theilnahme in die Rede.
    Bei mir? rief, von dem Ton und der Frage erschreckt, Mrs. Breidelford,
whrend sie schnell von ihrem Sitz emporfuhr - bei mir, Mr. Smart? Keine Seele
ist zu Hause, denn den Deutschen, den ich bis jetzt fr die grobe Arbeit bei mir
hatte, mute ich heute fortjagen, weil er einen Ton gegen mich - aber um Gottes
willen, Sir - Sie machen ja ein solches bedenkliches Gesicht. - Es ist doch
nichts bei mir vorge - Mr. Smart, ich beschwre Sie, bei Ihrer mnnlichen Ehre
-
    James Lively und Squire Dayton muten ihre Sthle rasch zurckschieben, denn
Mrs. Breidelford kam mit solcher Allgewalt hinter dem Theetische vorgefahren,
da sie ihr kaum aus dem Wege rcken konnten - Mr. Smart blieb jedoch ganz ruhig
und sagte:
    Aengstigen Sie sich doch nicht nutzlos, Madame - - das, was ich gesehen
habe, hat ja vielleicht -
    Was um aller lieben Engel im Himmel willen haben Sie denn gesehen? rief
Mrs. Breidelford, die brige Gesellschaft kaum mehr beachtend, in Todesangst.
    - gar nicht so viel zu bedeuten, als Sie gegenwrtig zu glauben scheinen,
fuhr Smart in seiner Rede fort. -
    Herr - Mensch - Sie bringen mich noch zur Verzweiflung! schrie Mrs.
Breidelford mehr als sie rief ergriff mit der Linken ihr Bonnet, das sie sich in
Miachtung jeder Faon und Mode auf den Kopf stlpte, wahrend sie mit der
Rechten einen Knopf von Mr. Smart's blauem Frack zu erhaschen suchte. Diesem
Angriff begegnete er jedoch dadurch, da er ihre nach ihm ausgestreckte Hand
erfate und herzlich schttelte.
    Was haben Sie gesehen? So sprechen Sie doch nur in des Teu - in des lieben
Himmels Namen!
    Eigentlich gar nichts von Bedeutung, erwiderte Smart, noch immer die
einmal gefate Rechte der sonderbarer Weise so in Eifer gerathenen Frau nicht
loslassend. - Als ich vor etwa einer Viertelstunde an Ihrem Hause vorbeiging
stand Jemand am hintersten Fensterladen und klopfte dort an. Wie wir uns nun so
manchmal, wenn wir weiter nichts, thun haben -
    Und was machte der Mann weiter? frug Mrs. Breidelford ungeduldig.
    - um allerlei Sachen bekmmern, die uns sonst wenig interessiren wrden, so
blieb ich einen Augenblick stehen und sah, was dieser Jemand - von dem ich
brigens keineswegs gesagt habe, da es ein Mann gewesen - im Gegentheil war es
eine Frau - denn eigentlich wollte.
    Eine Frau? rief Mrs. Breidelford erstaunt.
    Der Laden blieb verschlossen, erzhlte der Yankee weiter, und die Dame
ging jetzt um das Haus herum - wobei ich mir ebenfalls die Freiheit nahm, ihr zu
folgen - und probirte dort, an der Thr angelangt, nachdem sie auch hier wieder
einige Male angeklopft - zwei verschiedene Schlssel.
    Ei, die Canaille! rief Mrs. Breidelford in hchster Entrstung - und
schlo sie auf?
    Es thut mir wirklich leid, Ihnen das nicht genau sagen zu knnen, Madame. -
Ich sah in diesem Augenblick nach meiner Uhr und fand, da ich schon eine halbe
Stunde spter hierher kommen wrde, als ich dem Squire versprochen hatte,
verlie also die Dame bei ihrer, wie ich jetzt allerdings hoffen will,
vergeblich gewesenen Bemhung.
    Und Sie haben sie nicht gefat und den Gerichten bergeben? rief Mrs.
Breidelford in unbeschreiblicher Entrstung, whrend sie in wilder Eile ihren
Mantel umwarf, ihre groe Arbeitstasche ergriff und berall im Zimmer noch nach
einem andern Gegenstande umher suchte - Sie haben nicht nach Hlfe gerufen und
die Diebin zu Boden geschlagen, die in friedlicher Leute Huser bei Nacht und
Nebel einbrechen wollte? - Sie haben -
    Aber, beste Mrs. Breidelford, frug Adele besorgt, was suchen Sie denn
noch - kann ich Ihnen nicht helfen?
    Nein - mein Bonnet, beste Mi - mein Bonnet, sagte die Dame, whrend ihre
Scke von einem Ende des Zimmers zum andern flogen.
    Ist auf Ihrem Kopfe - wertheste Madame, sagte mit freundlicher Verbeugung
der Yankee.
    Gute Nacht, Mrs. Dayton, gute Nacht, Mr. Lively - ach! Squire, wenn Sie mir
die Liebe erzeigen wollten, mit mir zu gehen - rief jetzt Mrs. Breidelford -
Sie sind doch hier Friedensrichter, und wenn wirklich Diebe und Mrder -
    Der Richter machte eine Bewegung, als ob er der Bitte Folge leisten wollte,
Smart schttelte aber hinter Mrs. Breidelford's Rcken so angelegentlichst und
mit so komischem Ernste den Kopf, da er, wenn das wirklich seine Absicht
gewesen wre, sie aufgab und nur, die Dame zu beruhigen, sagte:
    Recht gern wrde ich mit Ihnen gehen, beste Madame, ich habe aber mit Herrn
Lively noch ein wichtiges Geschft, und zwar gleich jetzt, abzumachen, das
keinen Aufschub weiter leidet. Mein Bursche soll Sie jedoch begleiten, und wenn
es sich nthig zeigt, dann requiriren Sie nur gleich in meinem Namen den
Constabler und schicken mir Jemanden her. - Ich komme dann selbst hinunter.
    Mrs. Breidelford hatte die letzten Worte schon gar nicht mehr gehrt, packte
nur den unten an der Treppe stehenden Mulattenknaben am Handgelenk fest und zog
den Ueberraschten, der ngstlich nach seinem Master zurckblickte, mit sich
fort, der Hausthr zu. Mr. Dayton winkte ihm aber lachend nur getrost zu folgen,
und die Beiden verschwanden gleich darauf durch die Hausthr, der bedrngten
Wohnung einer armen verlassenen Wittwe zu Hlfe zu eilen.
    Aber, bester Mr. Smart, sagte jetzt Mrs. Dayton, whrend sie an's Fenster
trat und der Frau besorgt nachsah - wenn Sie doch nur wenigstens die Fremde
angeredet htten, die an Mrs. Breidelford's Thr einen Schlssel probirte.
    Das wre allerdings ein schwierig Stck Arbeit gewesen, lchelte der
Yankee und rieb sich vergngt die Hnde. - Mrs. Breidelford ist auf einer
wilden Gnsejagd, das heit, sie wird sich auerordentliche Mhe geben, Jemanden
zu finden, der gar nicht existirt.
    Nicht existirt? rief Adele verwundert, und James, der den Yankee von
frher kannte, lachte laut auf - nicht existirt? Die Frau, die Sie gesehen
haben -
    Ich habe keinen Menschen gesehen, erwiderte Jonathan, whrend er seinen
verlassenen Sitz einnahm und Mrs. Dayton die geleerte Tasse so ruhig zum
Wiederfllen hinberreichte, als ob hier nicht das mindeste Auergewhnliche
indessen vorgefallen wre.
    Und die Frau mit dem Schlssel? rief lchelnd Squire Dayton.
    War der beste Einfall, den ich je gehabt habe, bemerkte - immer noch ohne
eine Miene zu verziehen - der Yankee Mrs. Breidelford htte uns sonst noch den
ganzen Abend Selbstbiographien und geschichtliche Abrisse aus dem Leben ihres
lieben Mannes zum Besten gegeben.
    Htte die arme, in Schwei fast gebadete Mrs. Louise Breidelford das
Gelchter hren knnen, das in diesem Augenblicke die Spiegelfenster des kleinen
freundlichen Zimmers erzittern machte, und dann auch noch die Ursache desselben
gewut, ihr Zorn htte keine Grenzen gekannt. Unaufhaltsam fort aber, den
unglcklichen Mulattenknaben im Schlepptau, strmte sie der eigenen, bedroht
geglaubten Wohnung zu, und geheimnivolle, dstere Worte waren es, die sie dabei
vor sich hinmurmelte. Die kleine, jetzt von ihrer lstigen Gegenwart befreite
Gesellschaft rckte aber indessen in der besten Laune von der Welt dichter um
den Tisch herum, und selbst James verlor zum groen Theil seine frhere Scheu.
Die allgemeine Frhlichkeit hatte ihn den Frauen nher gebracht, und er gestand
nun in aller Unschuld, da er zum Tod erschrocken sei, als Mrs. Breidelford die
Einladung, die doch eigentlich nur den beiden Damen des Hauses gegolten, so ganz
ohne Weiteres auf sich bezogen und angenommen habe.
    Daheim, sagte er, wrden sie schn schauen, wenn sie ihre Drohung wahr
machte, denn bse Geschichten sind's, die ber die Frau erzhlt werden.
    Wei auch der liebe Gott, wie wir zu der Ehre ihres Besuches kommen,
meinte Mrs. Dayton. Das ist nun schon das dritte Mal, da sie uns besucht und
bis spt in die Nacht dableibt, ohne da wir einen Fu ber ihre Schwelle
gesetzt, oder sie auch nur gebeten htten, ihren Besuch zu wiederholen. Was will
ich aber machen? Sie kommt, setzt sich hin, qult uns Stunden lang mit ihren
schrecklichen Erzhlungen und borgt beim Weggehen gewhnlich noch eine Masse von
Kleinigkeiten, wie Nadeln, Seide, Stckchen Leinenzeug oder Kchengeschirr und
sonstige Sachen, die sie eben so regelmig wieder zu schicken vergit.
    Ich kann wohl gestehen, sagte Smart, da ich erstaunt war, sie hier in
Ihrer Gesellschaft zu finden. - Mrs. Breidelford geniet in Helena nicht einmal
mehr einen zweideutigen Ruf, und das will viel sagen. Die wirklich wenigen
Guten, die noch hier sind, haben sich nicht allein von ihr zurckgezogen,
sondern ihr sogar das Haus verboten. Auch Mrs. Smart hatte eines schnen Morgens
ein sehr lebhaftes und fr Mrs. Breidelford keineswegs schmeichelhaftes Gesprch
mit dieser Dame, das seitens meiner Frau von dem obern, seitens jener Lady von
dem untern Theil der Veranda gefhrt wurde, zu welchem sie durch den Neger aus
dem Hause begleitet worden war. Allerdings behauptete in diesem Zungenkampf Mrs.
Breidelford das Feld, denn von einem sehr groen und sehr zerlumpten Theil des
jungen Helena untersttzt, verblieb sie noch mit eingestemmten Armen und uerst
rothen Gesichtszgen eine ganze Weile auf ihrem eingenommenen Posten, whrend
ich Mrs. Smart, freilich nicht ohne bedeutenden Widerstand, hinterrcks und
indem sie immer noch nach auen hin eiferte, in das Haus zurckzog. Seit der
Zeit hat Mrs. Breidelford natrlich unsere Wohnung nicht wieder betreten drfen,
scheint aber den darber gehegten Groll keineswegs bis auf mich ausgedehnt zu
haben, denn sie war heut Abend ungemein, ja fast auffllig freundlich und
zuvorkommend gegen mich.
    Ich glaube, man thut dieser Mrs. Breidelford - so wenig ich sie auch selbst
persnlich leiden kann, doch Unrecht, nahm hier der Squire das Wort. Ich kenne
so ziemlich Alles, was an Gerchten ber sie im Umlauf ist, und habe sie scharf
beobachtet und beobachten lassen. Das Einzige jedoch, wegen dessen ich sie in
Verdacht habe und was wirklich straffllig wre, ist der geheime Verkauf von
Whisky an Neger. Zeigt sich das als begrndet, so werde ich sie auch deshalb,
wie es ja als Richter meine Pflicht ist, in Strafe nehmen, und weder ihre
Freundschaft noch ihr Ha soll mich daran hindern. Lieb wre es brigens auch
mir, wenn sie uns mit ihren Besuchen verschonen wollte, doch - Sie wissen, wie
das hier in Arkansas ist. - Wollte man es den Leuten frmlich verbieten, die
ganze Stadt schriee dann ber Stolz und Hochmuth; da unterzieht man sich lieber
dem kleinere Uebel und hat dafr mit weniger Unannehmlichkeiten und bsem Willen
zu kmpfen.
    Ja, Squire, sagte James und wurde feuerroth, hier vor den beiden Damen das
Wort zu nehmen, das mag ganz gut sein, so lange es sich auf arme einfache Leute
bezieht. Wenn aber bei uns auf dem Lande drauen Jemand einmal als schlecht
erkannt ist, und man giebt sich dann nicht mit ihm ab, dann wirft Einem das kein
Mensch mehr vor - mein' ich.
    Mr. Lively hat ganz Recht, Dayton, fiel hier Adele lebhaft ein - mit
solcher Frau wrde ich auch keine Umstnde weiter machen. - Was kann sie uns
denn thun, wenn wir ihr das Haus verbieten? Und wir wrden dadurch eine Pein
los, die manchmal wirklich kaum zu ertragen ist. Nun, Mr. Lively wird es noch
bereuen, uns eingeladen zu haben.
    Mi Adele - stotterte James und erfate mit beiden Hnden fest und
krampfhaft den untern Theil seines Stuhls, als ob er sich einen Zahn wollte
ausziehen lassen - Mutter wird - Sie knnen gar nicht glauben wie - ich wollte
sagen - versuchen Sie's nur, kommen Sie nur einmal heraus - und wenn's auch
nicht drauen so schne Blumen giebt wie - um sein Leben gern htte er wie Sie
 gesagt, aber es ging nicht - es ging wahrhaftig nicht. Die Worte staken ihm
Harpunen gleich in der Kehle, und er brachte sie nicht heraus.
    Wie hier, Mr. Lively? lachte Adele, die das wie auf Helena bezog, oder ihm
doch wenigstens schnell damit in die Rede fiel - wie hier? Ach, Du lieber Gott,
hier sieht's mit Blumen trb und traurig aus, denn der Wald in der ganzen
Nachbarschaft herum ist zerstampft und zertreten, und selbst den Bumen scheint
der ewige Qualm und Rauch und das wilde, rohe Toben der Menschen nicht zu
behagen. Sie sehen in der Nhe der Stadt hlich und vertrnkt aus, whrend sie
weiter davon entfernt viel frischere, lebendigere Farben, viel wrzigeren Duft
zu haben scheinen.
    Ach, Mi - Sie sollten nur jetzt einmal sehen, wie schn, wie herrlich es
bei uns ist! rief Lively, dem der Gedanke an seinen Wald frischen Muth gab -
wenn er es auch nicht wagte, dem jungen Mdchen zu sagen, wenn er vorhin mit den
Blumen gemeint. Es ist ja nirgends herrlicher in der Welt, als im Walde
drauen, und ein Morgen, ein Sonnenaufgang unter den frischen, thauigen Blttern
wiegt ein ganzes Jahr aus dem hlichen Treiben der Stdte auf. Die wilden
Thiere und Vgel wissen das auch recht gut. - Dorthin, wo es am heimlichsten, am
ungestrtesten ist, dahin flchten sie sich, und wo kein menschliches Auge sie
erreichen kann, da spielt die Hirschkuh mit dem Kalbe, und die munteren Snger
schlagen die herrlichsten Triller dazu, und singen so lange und so wunderschn,
bis die Bltter ordentlich anfangen unruhig zu werden und zu tanzen.
    Ei, sieh da, Mr. Lively - lchelte Squire Dayton, whrend er sich ein
schmales Stck Kautabak abschnitt und das Uebrige an Jonathan Smart
hinberreichte - ob er uns am Ende nicht noch ganz poetisch wird - haben Sie
schon einmal Verse gemacht?
    Ich? rief James und sah jetzt erst zu seinem unbegrenzten Entsetzen, da
die Augen der ganzen Gesellschaft auf ihm allein gehaftet hatten - ich - nein -
im Leben nicht, und seine Hnde griffen vergebens nach ihrem frheren, im Eifer
des Gesprchs verschmhten Anhaltepunkt.
    Mr. Smart soll aber schon Verse gemacht haben, sagte Mrs. Dayton und
suchte durch diese Wendung dem armen Burschen aus der Verlegenheit zu helfen.
    Jonathan Smart blickte Mrs. Dayton von der Seite an.
    Ein Yankee und Verse machen? sagte er endlich schmunzelnd und nahm sein
linkes Knie zwischen die beiden Hnde - prchtige Idee das. Nein, Mrs. Dayton,
damit befasse ich mich weniger; Verse bringen nichts ein. - Un doch - so komisch
Ihnen das auch vorkommen mag, habe ich wirklich einmal ein Gedicht, und zwar an
meine Alte, gemacht, als wir noch Brautleute waren.
    O bitte, bitte, Mr. Smart, das Gedicht mssen Sie uns einmal zeigen, bat
Adele - Ich lese so ungemein gern Gedichte -
    Und solche besonders, lchelte der Wirth, nicht wahr, wo man sich vor
Lachen dabei recht ausschtten kann? - Ih nun, wenn ich's noch htte, wr' mir's
recht. - Spter mute ich selbst darber lachen.
    So haben Sie es vernichtet?
    Oh nein, im Gegentheil, das ist in den Hnden Derselben, an die es
gerichtet gewesen.
    In Mrs. Smart's Hnden?
    Zu dienen, und wird jetzt etwa in derselben Art, wie die schlecht
geschleuderten Wurflanzen der Indianer, von der nmlichen Person, den oder die
es htte treffen sollen, als Waffe gegen den Absender gebraucht.
    Das ist ein Rthsel, sagte Mrs. Dayton.
    Aber leicht zu lsen, fuhr der Yankee fort. Ich machte nmlich in einer
mehr als gewhnlich schwrmerischen Stunde - nicht wahr, Mr. Lively, Sie haben
deren auch manchmal? - ein Gedicht auf die damalige Mi Rosalie Heendor. Darin
pries ich denn, wie das in solchen Gedichten gewhnlich geschieht, nicht allein
ihre unvergleichliche Schnheit und Liebenswrdigkeit, wobei ich die einzelnen
Reize unter den Rubriken: Alabaster, Perlen, Elfenbein, Sterne, Sammet, Rosen,
Veilchen ins besonders auffhrte, sondern ich bekannte auch mit einer wirklich
Alles hintansetzenden Bescheidenheit und - Unvorsichtigkeit - meinen eigenen
Unwerth, ein solches Ideal zu besitzen; hielt aber am Schlu nichtsdestoweniger
sehr ernstlich um dessen Hand an. So weit ging die Sache gut; Mi Rosalie war
nicht von Stahl, und Jonathan Smart auch damals noch ein ganz reputirlicher
junger Bursche, der seine sechs Fu zwei Zoll in seinen Strmpfen stand. Mehrere
Jahre hatten wir auch so, ruhig und vergngt, mit einander verlebt, und mir war
das Gedicht und dessen Inhalt natrlich ganz und gar entfallen. Da geschah -
    Ein Brief an Squire Dayton, sagte Nancy, die in diesem Augenblick die Thr
ffnete und ein leicht zusammengefaltetes Papier hereinreichte.
    Wer hat es gebracht? frug der Squire.
    Der Mailrider, erwiderte die Mulattin, er sagte, es htte Eile!
    Squire Dayton ffnete das Schreiben und drehte sich damit nach dem Lichte
herum, um es besser lesen zu knnen; Jonathan aber, der whrend der
Unterbrechung einen Augenblick stillgeschwiegen hatte, fuhr jetzt ruhig in
seiner Erzhlung fort, und zwar, nach seiner gewhnlichen Art, gleich mit dem
Worte, bei welchem er stehen geblieben war:
    - es einst, da Mr. und Mrs. Smart, wie das bei Eheleuten wohl manchmal
vorfllt, einen kleinen Wortwechsel hatten, in welchem der Gentleman seiner Lady
hinsichtlich ihrer persnlichen Eigenschaften einige vielleicht nicht gerade
schmeichelhafte Bemerkungen machte. Darauf schien diese brigens vorbereitet,
denn pltzlich und ohne alle vorherige Warnung tauchte jetzt - nichts Anderes
als das lngst verjhrte Gedicht auf, und mit lauter - ja immer lauterer Stimme,
je mehr ich dagegen protestirte, wurde mir der mit meinen eben gemachten
Aeuerungen allerdings etwas im Widerspruch stehende Inhalt triumphirend
vorgelesen. Diese Scene hat sich seitdem einige Mal wiederholt, und wenn man
nach gemachten Erfahrungen berechtigt ist, die Jugend zu belehren und vor
Migriffen zu warnen, so mchte ich dem hier anwesenden jungen James Lively
allerdings sehr dringend empfehlen, keine Gedichte solchen Inhalts der jungen
Dame zu bersenden, die er dereinst als ehrbare Hausfrau heimzufhren gedenkt. -
Schon gewhlt? - Und die Frage traf Den, an den sie gerichtet war, so
pltzlich, da er erschrocken auf seinem Stuhl zusammenfuhr. Mr. Dayton selbst
ersparte ihm aber diesmal eine Antwort, denn er stand schnell auf, ging zum
Fenster und blickte hinaus, sah nach der Uhr und sagte dann:
    Liebe Frau, ich bekomme hier eben hchst fataler Weise einen Brief, da ich
heut Abend noch einen sehr gefhrlich Kranken besuchen mu.
    Hier in Helena? frug Mrs. Dayton besorgt.
    Nein, leider nicht, sagte der Squire - zehn Miles im Lande drin. Da werde
ich denn allerdings vor morgen frh, wenn das berhaupt der Zustand des
Patienten erlaubt, nicht wieder hier sein knnen. Hre, Nancy, sage doch Csar,
da er mein Pferd sattelt und aufzumt.
    Mrs. Dayton seufzte tief auf.
    Ach, Georg, flsterte sie traurig, es ist ja wohl recht gut fr Dich, da
Deine Fhigkeiten so in Anspruch genommen werden, aber ich wei nicht, ich
wollte doch, Du knntest ein wenig mehr zu Hause bleiben. - Die hufigen
Nacht-Ritte mssen ja auch Deine eigene Gesundheit ruiniren.
    Sei unbesorgt, lchelte der Gatte und zog den Oberrock an, den auf seinen
Wink Nancy indessen gebracht hatte - Schaden thut es mir sicher nicht, aber
allerdings bliebe ich auch lieber bei Euch; doch was will ich machen? Soll ich
die Kranken, die mir nun einmal vertrauen, in Angst und Sorge liegen lassen,
weil ich mich nicht gern in meiner Bequemlichkeit gestrt she? Mir thun sie
leid, die Armen, da ja berhaupt die Heilkunde des ganzen Staates fast nur in
den Hnden von Quacksalbern ist.
    Da hat der Squire wohl Recht, sagte Jonathan, eine Wohlthat ist's, fr
die man nicht genug dankbar sein kann, wenn man im Stande ist, einen
ordentlichen Arzt zu bekommen. Doch, aufrichtig gesagt, mchte ich Der nicht
sein, der nie wei, ob er sich am Abend ruhig in sein Bett legen kann oder
nicht. Mit der Bezahlung dafr sieht's nachher auch immer windig genug aus. -
Wer ist denn krank?
    Der Deutsche, der sich erst vor Kurzem dort angesiedelt hat, sagte der
Richter - Brander heit er, glaub' ich.
    Aha - kaltes Fieber wahrscheinlich - nun, das ist nicht so gefhrlich. Doch
ich hre das Pferd unten kommen; also, Ladies, ich werde mich jetzt ebenfalls
empfehlen. Mr. Lively, gehen Sie auch mit, oder bleiben Sie noch bei den Damen?
    Nein, bewahre - sagte James schnell, und erschrak doch auch gleich darauf
wieder ber die Ungezogenheit - Ich - ich wollte nur sagen, da ich auch nach
Hause mu, es wird sonst zu spt. - Reiten wir einen Weg, Mr. Dayton?
    Schwerlich, erwiderte dieser, whrend er den linken Sporn anschnallte -
ich reite den Fupfad, der nach Bailys hinberfhrt. Es ist etwas nher.
    Da mssen Sie aber durch den Sumpf unten, sagte James. Das ist ein Weg,
wo man jetzt kaum am hellen Tage durchkommt.
    Hat nichts zu sagen, lchelte der Squire, ich kenne da jeden Zoll Landes
und habe mir erst neulich das berhngende Rohr ein bischen aus der Bahn
gehauen. Also gute Nacht, Kinder, gute Nacht. Morgen frh, hoff' ich, trinken
wir wieder zusammen Kaffee, und dann kann ich mich nachher recht ordentlich
ausruhen.
    Ladies, sagte Lively und machte, ohne Adele dabei auch nur von der Seite
anzusehen, eine tiefe Verbeugung vor Mrs. Dayton - darf ich also den Eltern
sagen, da Sie - morgen kommen werden?
    Das und noch viele, viele Gre an die Mutter, erwiderte Mrs. Dayton
freundlich und reichte dem jungen Mann die Hand. Dieser drckte sie herzlich,
lie sie aber in aller Verlegenheit auch gar nicht wieder los, da er im Geist
jetzt ebenfalls eine Anrede an Mi Adele vorbereitete. Mrs. Dayton mochte jedoch
eine Ahnung von dem haben, was James' Seele vorging, denn sie sagte lchelnd:
    Und darf ich also Adele auch mitbringen?
    James drckte ihr die Hand, da sie htte aufschreien mgen, fuhr dann aber
schnell zurck und sagte, roth wie Blut:
    Mi Adele wird sich freilich drauen gewaltig langweilen.
    Dann soll ich vielleicht hier bei Mrs. Breidelford bleiben? frug das
schelmische Ding.
    Mi - stotterte James.
    Nun wird's, Lively? rief Smart schon von der Hausthr aus - Euer Pferd
steht auch mit hier.
    Wir kommen also Beide, Mr. Lively - bestimmt - lchelte Mrs. Dayton, und
James, dem Nancy inde seinen lange gesuchten Hut gebracht hatte, sprang mit
einem frhlichen: Gute Nacht zusammen! die Treppe hinab und unten mit einem
Satze in den spanischen Sattel des muntern Ponys, das ihn dort freudig wiehernd
begrte.
    Wenige Secunden spter sprengten Dayton und Lively auf zwei verschiedenen
Wegen fort. Smart aber drckte den Hut fest auf die Stirn, schob beide Hnde
tief, tief in seine Beinkleidertaschen und schritt dann, hchst selbstzufrieden
vor sich hinpfeifend, die Strae hinab. Indessen ging er nicht gleich dem
eigenen Hause zu, denn die Ruhe der Stadt verbrgte ihm dessen Sicherheit -
sondern erst einmal nach der Flatbootlandung des Flusses, wo etwa zwlf oder
dreizehn jener langen unbehlflichen Fahrzeuge angebunden lagen. Die Boote
hingen nur an Tauen fest, breite Planken lagen aber vom Lande aus hinber und
vermittelten die Verbindung mit diesem. Dienten doch diese Boote auch als
schwimmende Kauflden, von denen die Bewohner der sdlichen Staaten die Producte
des Nordens zugefhrt bekamen.

                                       5.

                                        

                       Die nchtliche Fahrt. - Die Insel.


Der Mond schien hell und freundlich auf die rasch dahin strmende,
undurchsichtige Fluth herab, whrend nur dann und wann einzelne dnne Wolken die
helle Scheibe fr kurze Momente verdsterten und ihre Schatten ber die weite
Niederung deckten. Leise gurgelte dabei das Wasser unter den gewichtigen Booten,
und die Strmung warf schmutziggelbe Schaumblasen gegen die Planken derselben
an. Hier und da trieb ein von dem tckischen Nachbar seinem sichern,
Jahrhunderte lang behaupteten Platz entrissener Baumstamm vorber und streckte
die langen Riesenarme wie Hlfe suchend nach den ruhig neben ihm fortrauschenden
Brdern aus, und der Schrei des Loon gab manchmal, oft wie spottend, den rohen
Jubelruf der Zechenden zurck, der noch immer aus einem der im Innern hell
erleuchteten Boote und einem weiter oben gelegenen Trinkhaus erschallte. Oft
sprang auch ein gewaltiger Catfisch aus seinem khlen Element empor, und die
glatte, silberfarbene Haut blitzte dann im Mondenlicht. - Sonst aber lag Ruhe -
stille, unheimliche Ruhe auf der breiten Flche des Stromes und stach nur um so
schauriger gegen das rohe Jauchzen der wilden, ausgelassenen Gesellen ab.
    Smart schritt langsam am Ufer hin und hatte eben den hoch abgebrochenen
Stamm einer jungen Sykomore erreicht, der hier von den Fluleuten benutzt wurde,
die Bootstaue daran zu befestigen, als sich ihm die Gestalt eines andern Mannes
nherte, den er augenblicklich als den vor wenigen Stunden geretteten Iren
erkannte. Langsam kam dieser ihm gerade entgegen am Ufer heraufgeschleudert und
schien dann und wann einmal die Boote mit einem mitrauischen Blicke zu
betrachten.
    Ei, ei, O'Toole, rief da warnend der Yankee - juckt Euch das Fell schon
wieder und tragt Ihr so absonderliches Verlangen nach kaltem Fluwasser, da Ihr
Euch, alle Vorsicht vergessend, in die Nhe von Leuten wagt, die erst vor ganz
kurzer Zeit ein Todesurtheil ber Euch gefllt hatten? Ich mchte zum zweiten
Mal nicht ausreichend sein, Euch ihrem Griff zu entreien.
    Hol' sie der Bse - murmelte der Ire, der bei der ersten Anrede, und ehe
er recht unterscheiden konnte, wer zu ihm sprach, schnell nach der Seite und
einer dort wahrscheinlich verborgenen Waffe gegriffen hatte. Durch den Anblick
des Wirths aber beruhigt, doch immer noch mit verbissenem Ingrimm fuhr er fort:
Eine Bande ist's, - eine raubgierige, schurkische Bande von lauter Schuften,
die aneinander hngen wie die Kletten. - Smart - Ihr mgt mir's nun glauben oder
nicht, aber St. Patrick soll mich in meiner letzten Stunde verlassen, wenn ich
nicht frchte, hinter den Burschen steckt etwas Schlimmeres, als wir jetzt noch
vermuthen.
    Hinter den Bootsleuten? lchelte der Wirth verchtlich - da thut Ihr
ihnen wahrlich zu viel Ehre an. - Wildes, rohes Volk ist's, das gedanken- und
sittenlos in den Tag hineinlebt und, wie die Matrosen, jeden Dollar verspielt
und vertrinkt, den es sich vorher mit saurem Schweie verdienen mute.
    Das ist's nicht allein, sagte der Ire kopfschttelnd - das ist's bei Gott
nicht allein. Die Kerle halten zusammen, wie ein Sack voll Ngel, und haben auch
Zeichen untereinander, darauf wollte ich meinen Hals verwetten. Sobald der eine
Halunke pfiff - ich habe mir brigens den Pfiff gemerkt - strmten sie Alle
mitsammen auf mich los, wie eine Meute Braken, wenn sie das Horn hren. Aber
wartet - wartet, Canaillen; ich komme Euch noch auf die Spur, darauf knnt Ihr
Euch verlassen, und nachher sei Euch Gott gndig.
    Dort unten stt ein Boot ab, sagte Smart und zeigte den Flu hinab, wo
gerade unter den Flatbooten ein kleines scharfgebautes und jollenartiges
Fahrzeug vorscho, zuerst eine Strecke in den Strom hinein hielt und dann
stromab, aber immer noch mit beiden Rudern arbeitend seine Bahn verfolgte. Ein
einzelner Mann sa darin, wer es aber sei, konnten sie nicht erkennen.
    Nun, wo will denn Der hin? fragte der Ire und nahm den Hut ab, um nicht
durch den Rand desselben den Blick beschattet zu haben.
    Es wird irgend ein Flatbooter sein, der hier wie gewhnlich seine paar
Dollar verspielt hat und nun in aller Eile hinter seinem indessen
vorausgegangenen Boote herrudern mu.
    Dann kommt dort noch die ganze brige Mannschaft, sagte der Ire, und
zugleich glitt ein groes Segelboot in den Strom, das aber nicht dieselbe
Richtung wie der Einzelne nahm, sondern den Bug etwas stromauf scharf in den
Flu hinein hielt, als wenn sie die Landung am andern Ufer so hoch als mglich
machen wollten.
    Weathelhope drben bekommt heute Besuch, sagte Smart - wird sich
unmenschlich freuen.
    Sollten die bei Weathelhope einkehren?
    Wenn nicht, so haben sie noch wenigstens fnf Meilen heut Abend zu
marschiren, ehe sie ein anderes Haus erreichen knnen, und fnf Meilen bei Nacht
und Nebel durch den Sumpf zurcklegen, dafr danke ich. Lieber blieb' ich die
Nacht dicht am Ufer des Stromes; da lieen die Mosquitos doch wenigstens noch
etwas von mir brig; in dem Swamp aber drin fren sie, glaub' ich, einen
Menschen bis an Knochen auf.
    Es wre bei Gott kein Verlust, wenn das den Canaillen heute passirte,
brummte der Ire. - Doch gute Nacht, Smart, es wird spt, ich will mich schlafen
legen. Von heut an bin ich brigens Euer Schuldner, denn ohne Euch lge ich
jetzt tief dort unten in der schmutzigen Fluth. - Gebe Gott, da ich Euch das
einmal vergelten kann!
    Ei, O'Toole, sagte der Wirth lachend, whrend er ihm die Hand
hinberreichte - das war blos Eigennutz von mir, ich htte ja sonst einen
meiner besten Gste verloren. - Doch - ohne Spa - nehmt Euch vor dem rohen
Volke knftig lieber ein wenig mehr in Acht. - Es hat Niemand Ehre davon, sich
mit ihnen einzulassen.
    Die Mnner schritten jeder langsam nach seiner Wohnung in die Stadt zurck.
Nur O'Toole blieb noch mehrere Male stehen und lauschte aufmerksam nach den
Ruderschlgen des Bootes hinber, die in immer weiterer und weiterer Ferne
verklangen, bis sie endlich ganz pltzlich aufhrten oder ein vernderter
Windzug den Laut nicht mehr zum westlichen Ufer trug. Der Irlnder horchte noch
eine Weile und murmelte dann rgerlich vor sich hin -
    Hol' sie der Teufel - jetzt lt sich doch nichts mit ihnen anfangen. Aber
wartet - morgen will ich einmal hinber nach Weathelhope, und dann mte es ja
mit dem Henker zugehen, wenn man nicht auf die Fhrte der Schufte kommen
knnte.
    Das Boot strebte brigens keineswegs, wie der Ire vermuthet hatte, dem
andern Ufer zu, obgleich es, von Helena aus gesehen, allen Anschein hatte. Es
hielt nur in gerader Richtung durch den Strom, bis in etwa fnfhundert Schritt
von seinem scheinbaren Ziel.
    Stop her!1 sagte da pltzlich eine rauhe, tiefe Stimme, die aus dem Stern
des Fahrzeugs vortnte, und die vier Bootsleute hoben gleichzeitig ihre Ruder
hoch aus dem Wasser, da die glnzenden, daran hngenden Tropfen bis zu dem
Bootsrand zurckliefen und hier die Ruderlcher nten. Es war der Steuermann,
der den Befehl gegeben, und zugleich ein alter Bekannter von uns, der Narbige,
der in Helena dem armen Iren bald so gefhrlich geworden wre. Auch die neun
Mnner an Bord - vier an den Rudern und fnf behaglich zwischen diesen
ausgestreckt, bildeten die Mehrzahl Derer, die an dem Uferkampf gegen den
Einzelnen einen so ungerechten Antheil genommen hatten.
    Das Boot, nicht mehr so schnell durch die Fluth getrieben, blieb doch noch
hinlnglich im Gang, um von dem Steuer, und zwar stromab regiert zu werden.
    Ich wre lieber noch ein wenig weiter hinbergefahren, sagte der Eine
jetzt, whrend er den Kopf hob und nach dem noch ziemlich fernen Land
hinberschaute.
    Und wozu? frug der mit der Narbe - erstlich liefen wir Gefahr, auf den
Sand zu rennen, und dann mchten sie auch oben in dem Hause auf uns aufmerksam
werden, und das ist Beides nicht nthig.
    Lassen wir die runde Weideninsel links oder rechts liegen?
    Links.
    Da ist ja auch wohl das tiefste Wasser?
    Deshalb nicht, unser kleines Knguru wrde schon ber die flachen Stellen
fortspringen. So arg ist's brigens auch gar, auch wir haben an beiden Seiten
der Insel bei jetzigem Wasserstand und an den seichtesten Stellen sechs Fu und
brauchen hchstens anderthalb.
    Nun, mir recht - ich wei mit dem Flu nicht Bescheid, aber - wie lange
fahren wir denn wohl bis hinunter?
    Es mgen etwa vierzehn Meilen von Helena sein, meinte der Narbige. Eine
Meile weiter unten fangen wir wieder an zu rudern, gehen ber den Flu zurck
und mssen den Landungsplatz in hchstens anderthalb Stunden erreichen,
vielleicht noch eher. Jetzt seid aber ruhig; hier am Ufer stehen einige Huser,
und je weniger Gerusch wir machen, desto besser ist's.
    Das scharfgebaute Fahrzeug trieb noch eine ziemliche Strecke geruschlos
stromab, dann aber lieen, auf ein Zeichen des Fhrers, die Mnner die bis dahin
noch immer emporgehaltenen Ruder wieder in's Wasser, der Bug kehrte sich wieder
dem westlichen Ufer zu, und hin ber die Fluth scho nun das Knguru, da die
kleinen Kruselwellen vorn hoch emporspritzten und dann in langen wogenden
Kreisen seitab strmten.
    Die einzelnen Lichter am Ufer blieben weit, weit zurck. Jetzt nherte sich
das Boot, der strkern Strmung treu bleibend, mehr und mehr dem Ufer, ja glitt
so nahe an dem dstern Urwald hin, da die funkelnden Glhwrmer sichtbar wurden
und der klagende Ton der Nachtvgel zu ihnen herberschallte.
    Hier lag eine Ansiedelung, und diese jetzt so geruschlos als mglich zu
passiren, waren die Ruder umwickelt worden - kein Laut wurde gesprochen, und so
dicht am Lande glitt das Boot vorber, da sie oft die Wipfel der durch
Abbrechen des Ufers hineingestrzten Stmme berhren konnten. Da blieb eins der
Ruder in einem vorragenden Aste hngen und fiel dem, der es hielt, aus der
vergebens rasch danach greifenden Hand. Der Steuermann drckte jedoch das
Hintertheil des Bootes schnell dem forttreibenden Holze zu und ergriff es eben
noch zur rechten Zeit, konnte jedoch nicht verhindern, da ein paar der Ruder
gegen Bord schlugen und dadurch auf dem stillen Wasser ein allerdings nicht
unbedeutendes Gerusch verursachten.
    Sie befanden sich jetzt gerade unterhalb des einen Hauses. Die Hunde
schlugen dort an und liefen dem steilen Uferrand zu, von dem aus sie das
vorbeischlpfende Boot deutlich erkennen konnten.
    Hallo the boat! rief eine laute Stimme, die aus der kleinen Lichtung
heraustnte. Gleich darauf sprang ein Mann in Hemdsrmeln auf einen halb ber
die steile Uferbank hinausragenden Sykomorestamm und schwenkte, zum Zeichen, da
er mit den Vorbeirudernden reden wolle, ein helles Tuch.
    Da sie gesehen waren, lie sich nicht mehr verkennen, der Steuermann gab
auch ohne Zeitverlust und mit ruhiger Stimme sein
    Was soll's?
    - zurck und lie dabei den Bug herumschneiden, da er gegen die Strmung
kam. Dabei rief er dem im Vordertheil Sitzenden zu, irgend einen Ast zu erfassen
und da fest zu halten, bis er mit dem Manne gesprochen htte.
    Aber zum Teufel, Ned, flsterte ihm der vor ihm Sitzende ngstlich zu -
bist Du denn gescheidt? Du willst es Denen am Lande wohl ganz in's Maul -
    Stille, sag' ich, unterbrach ihn der Steuermann, lat mich nur machen. -
Wir drfen keinen Verdacht erregen.
    Wohin geht das Boot? rief abermals die Stimme vom Ufer aus.
    Stromab, bis Montgomerys Point.
    Noch Platz an Bord?
    Der Steuermann zgerte mit der Antwort - Was zum Teufel mgen sie wollen?
- flsterte er vor sich hin.
    Noch Platz an Bord fr einen Passagier? wiederholte der Erste.
    Alle Wetter - da giebt's 'was zu angeln, kicherte der eine der Ruderer -
sag' ja, Ned - um Gottes willen sag' ja; der Mann hat sicherlich einen
vortrefflichen Koffer, den er los sein mchte.
    Nein! rief der Steuermann, ohne die Einflsterungen weiter einer Sitte zu
wrdigen - wir haben schon zu viel hier - wenn uns ein Dampfboot begegnet,
knnte uns ein Unglck zustoen, und eine nochmalige Frage, die durch das
Schumen des Wassers in der neben ihnen angeschwemmten Eiche ohnedies bertubt
wurde, nicht weiter beachtend, gab er laut den Befehl vorn loszulassen. - Der
Bug fiel gleich darauf wieder ab, und mit dem Worte Ruder ein erneuerte das
Knguru seine so pltzlich und unerwartet unterbrochene Bahn.
    Was in Beelzebubs Namen ist Dir denn heut Abend in den Kopf gefahren?
zrnte der frhere Sprecher, indem er sich unwillig gegen den Steuernden wandte,
schickst die Leute selbst zurck, die uns ihre guten Sachen bringen wollen, und
betrgst uns frmlich um unsern Gewinn? - Der Capitain wird schn schimpfen,
wenn er's erfhrt.
    Halt Dein ungewaschenes Maul, knurrte der Narbige - red'st, wie Du's
verstehst. - Wir haben heute genug Unsinn in Helena getrieben; ich sollte
denken, wir lieen es dabei bewenden. Wolltest Du eines einzigen erbrmlichen
Koffers wegen Gefahr laufen, unsern Schlupfwinkel aufgestbert zu wissen - heh?
Willst Du hier gleich - uns ganz dicht auf dem Kragen, einen Verdacht rege
machen, der uns die benachbarten Constabler in ein paar Wochen auf den Hals
hetzen wrde? Nein, es war thricht genug, da wir heute den Streit anfingen -
zu dem Du ebenfalls wieder den Anla gegeben. Dabei mag's heute sein Bewenden
haben. Fatal ist mir's brigens, da uns der Laffe am Ufer gesehen hat. Nun, er
wei doch wenigstens nicht, wohin wir gehren. Aber jetzt greift aus, meine
Burschen, denn der Capitain wird uns erwarten. Ich bin berdies neugierig, was
unser nchster Zug sein mag; heute Nacht bestimmt er's vielleicht.
    Das Boot flog nun, von den elastischen Rudern getrieben, pfeilschnell ber
die glatte Stromflche hin, und nicht lange mehr whrte es, bis sich eine
dunkle, hoch mit stattlichen Bumen bewachsene Insel von dem dstern Hintergrund
klar absonderte, welche von den Mnnern als das Ziel ihrer nchtlichen Fahrt
begrt wurde.
    Diese Insel, die wie alle brigen im Mississippi mit Schilf, Weiden und
hohen Baumwollenholzbumen am Rande bewachsen war, glich ganz den Schwestern und
zeichnete sich auch durch kein besonderes Merkmal weiter aus. Ihre Nummer2,
unter der sie die Bootsleute kannten und mit der sie auf den Flukarten
verzeichnet stand, war Einundsechzig. Wie die meisten jener kleinen
Landstrecken, inmitten des Flusses gelegen, wurde sie aber nur selten und in
letzterer Zeit nie mehr von den herabkommenden Booten besucht, da ein Hurricane,
wie es hie, den grten Theil derselben verwstet habe.
    Wirklich starrten auch, und zwar besonders an den Stellen, an denen ein
groes Boot bequem htte landen knnen, eine solche Menge von weitstigen,
knorrigen Baumwipfeln berall empor, da ein Hinankommen zum Ufer unmglich
gewesen wre. Nur ein Platz, und zwar an der linken Seite der Insel, lag offen
und frei da und schien auch in frherer Zeit begangen gewesen. Jetzt aber
umgaben ihn einige Snags und Sawyers3, die aus der rasch daran vorbeischieenden
Fluth hervorschauten, und der Flatbooter, der vor einbrechendem Abend vielleicht
gehofft hatte, hier sein Boot zu befestigen, griff mit schnellem, ngstlichem
Eifer zu den langen Finnen und trieb, in fast verzweifelter Kraftanstrengung,
das unbehlfliche Boot fort von dem Platze, der ihm Verderben bringen mute.
    Der Steuermann, an dem langmchtigen Ruder lehnend, das weit hinter dem Boot
aus dem Wasser stand, fluchte dann wohl, da der Staat nicht mehr Flei darauf
verwende, den Strom von solch' gefhrlichen Gesellen zu rumen. Er schwur sich's
auch vielleicht heimlich zu, knftig in dem in seinem Navigato angegebenen
Fahrwasser zu bleiben, das ihn auf die andere Seite der Insel verwies, und
entging dadurch unbewut einer Gefahr, die ihm wie seinem Boot weit
verderblicher geworden wre, als alle Snags und Sawyers des Mississippi
zusammen. Aus den dichtverworrenen Dickichten des Inselufers aber schauten ihm
dann ein paar hhnisch lachende Augen nach, und eine rauhe Stimme brummte
heimlich in den Bart:
    Sei froh, Bursche, da Du Dich hast warnen lassen, das Land hier zu
betreten, Du httest sonst eine ruhigere und lngere Nacht gehabt, als Du es Dir
wohl je im Leben trumen lieest.
    Da jene Snags und Sawyers keineswegs wirklich vom Strom angewaschene
Stmme, sondern nur auf knstliche Weise, durch Anker und versteckte Bojen
hergestellte Blendwerke seien, dachte natrlich Niemand. Aus der Ferne sahen sie
auch tuschend genug aus, und nur ganz in der Nhe und nach genauer Untersuchung
htte man dem Geheimni auf die Spur kommen knnen. Wer von den Schiffern wrde
aber seine Zeit daran verschwendet haben? Das starre, dem Wasser entragende Holz
war ihnen genug, und soweit wie mglich beschrieben sie den Kreis, der sie aus
der Nhe solcher Bootvernichter bringen sollte.
    Die ziemlich nahe zum linken Ufer gelegene Insel war drei englische Meilen
lang, oben ziemlich breit und auf dieser Seite von einer Menge angeschwemmter
Stmme frmlich verpalissadirt, und lief am untern Theile spitz zu. Dort hatte
sich aber eine ziemlich bedeutende und wohl eine volle Meile stromabgehende
Sandbank gebildet, die unter dem Wasser hin zu einem eine halbe Meile tiefer
gelegenen Eiland fhrte. Im Ganzen wurde dieses letztere noch mit zu
Einundsechzig gezhlt, da das Wasser zwischen beiden zu seicht war, greren
Flatbooten eine Durchfahrt zu gestatten, in Wirklichkeit war es aber von der
obern greren Insel, selbst beim niedrigsten Wasserstande, vollkommen getrennt
und wurde, wenn im Juli die Schneewasser aus den Felsengebirgen herankamen, oft
gnzlich von diesen bedeckt. Die Insulaner nannten dieses kleine Eiland
brigens, da sie es im Falle einer Entdeckung als letzte Zuflucht betrachteten,
die Nothrhre.
    Noch besseren Schutz geno Nr. Einundsechzig von der West- oder der rechten
Seite des Flusses. Hier umgab sie zuerst eine ziemlich hohe Sandbank, die etwa
zweihundert Schritt vom Hauptufer der Insel wiederum in einen schmalen, mit
Weiden und Baumwollenholzsprlingen dichtbewachsenen Landstreifen auslief.
Dieser zog sich fast parallel und in gleicher Lnge mit der Insel nieder, wurde
aber auch seinerseits wieder am rechten Ufer durch eine, jedoch nur wenige
Klafter breite Sandflche geschtzt.
    Demnach konnte man sich dieser Insel nur von der linken oder Ostseite - wo
ihr nchstes Ufer der Staat Mississippi war, nhern, und hier hielten die
getroffenen Vorkehrungen sicherlich Jeden vom Landen ab, der dazu frher Lust
gehabt haben mochte. Die eigentliche Strmung und das Fahrwasser des Mississippi
lag denn auch ganz auf der rechten Seite der Insel, und die Entfernung zwischen
jenem schmalen Zwischenstreifen und Arkansas betrug eine englische Meile, der
Raum zwischen Einundsechzig und dem Staat Mississippi aber kaum die Hlfte
dieser Entfernung.
    An den beiden der Insel gegenber liegenden Ufern standen nun allerdings ein
paar niedere Blockhuser, wie sie die Holzschlger am Mississippi gewhnlich
aufrichten, um die geschlagenen Klaftern an die vorbeifahrenden Dampfschiffe zu
verkaufen. Sie waren aber nur selten bewohnt und auch wirklich fast unbewohnbar
geworden. Das in Arkansas stehende hatte nicht einmal mehr ein Dach und drohte
dem nchsten Sturmwind nachzugeben, der es unfehlbar in den Strom hinabstrzen
mute.
    Etwas besser erhalten zeigte sich die Wohnung auf der Mississippi-Seite,
jedoch glich sie ebenfalls viel eher einem Stall, als einem menschlichen
Aufenthalt. Zahlreiche Pferdespuren gaben auch Zeugni, da sie hierzu oft genug
benutzt gewesen, und mehrere, nicht gerade schwach begangene Pfade fhrten
stlich auf einen Sumpf zu, in dessen schwammigem, fast zehn Monate im Jahre
unter Wasser stehendem Boden sie sich verloren.
    Wer nun, trotz all' den getroffenen Vorsichtsmaregeln, zufllig an der
Insel gelandet und nicht gleich auf den einzigen gangbaren Pfad gekommen wre,
der htte seine Bahn mehrere hundert Schritt weit durch den frchterlichsten
Schilfbruch hin suchen mssen, der nur je eine Insel oder ein Festland bedeckte.
Dazwischen lagen dann nicht gefllte, sondern mit der Wurzel dem Boden
entrissene Stmme so wild und toll durcheinander, da Niemand auch nur hoffen
konnte, dieses Pflanzengewirr zu durchdringen, der sich nicht mit Messer und Axt
erst Bahn hieb in das Herz der Waldung. Da aber durch solch' entsetzliche Arbeit
nicht der mindeste Vortheil zu hoffen war, so fiel es sehr natrlich auch gar
Niemandem ein, Zeit und Mhe an solch' nutzlose Arbeit zu verschwenden. Wer
wirklich einmal aus Neugierde oder Langeweile begonnen htte, einen solchen Weg
anzutreten, wre gar bald bei einem Geschft ermdet, das ihm weiter nichts zu
versprechen schien, als zerrissene Kleider und Blasen in den Hnden.
    Dennoch lag hier - so tief versteckt und schlau angelegt, da sie selbst den
scharfen Augen der Jger entging - eine ganze Ansiedelung verborgen, die aus
neun kleinen Blockhtten, einem ziemlich gerumigen Waarenhause und fnf dicht
an einander gebauten und verbundenen Pferdestllen bestand. Das Ganze bildete
eine Art Hofraum und war, nach Art der indianischen Forts, so gebaut, da es
gegen einen pltzlichen Angriff selbst einer Uebermacht recht wohl vertheidigt
werden konnte. Das Waarenhaus und eine der kleinen Blockhtten dicht daran
standen in der Mitte, und rings herum bildeten auf der Ostseite, nach dem
Mississippi-Staat zu, die Stlle eine feste, undurchdringliche, aber wohl mit
Schiescharten versehene Wand, whrend auf der westlichen, minder bedrohten
Seite nur hohe und doppelte Fenzen die einzeln stehenden Gebude mit einander
verbanden. Als besondern Schutz betrachteten aber die Insulaner eine lange
messingene Drehbasse, die oben auf dem platten Dache des Waarenhauses angebracht
war, und mit der sie, als letztes Rettungsmittel, Tod und Verderben auf ihre
etwaigen Angreifer hinabschleudern konnten.
    Der Raum vor dem Waarenhause und der kleinen Blockhtte, in welchem der
Capitain mit seiner Frau wohnte, war frei und jetzt, in der Sommerzeit, mit
groen, buntgestreiften Sonnenzelten bespannt. In den brigen Husern aber
wohnten (das obere breit und gerumig gebaute ausgenommen, das zu einer
gemeinschaftlichen Junggesellenwirthschaft bestimmt blieb) die verheiratheten
Glieder der Gesellschaft. Dieses Junggesellenhaus oder Bachelors hall, wie
es gewhnlich genannt wurde, diente denn auch zum gemeinsamen Versammlungsort.
Nur bei geheimen Berathungen kamen die Fhrer der Schaar in einem kleinen, zu
diesem Zweck eingerichteten Kmmerchen des Waarenhauses zusammen, um dann erst
die gefaten Beschlsse spter in Bachelors Hall zur Abstimmung zu bringen.
    Der Capitain bte jedoch eine eigene, fast unbegreifliche Gewalt ber diese
wilden, gesetzlosen Menschen aus, die sonst nichts auf Erden anerkannten, als
ihre eigenen Gesetze. Er hatte freilich auch gewut, sich auf die einzig
mgliche Art Achtung zu verschaffen, und zwar durch das Uebergewicht seines
Geistes sowohl, wie durch mehrfach bewiesenen persnlichen Muth, der wirklich an
Tollkhnheit grenzte. Sie frchteten ihn deshalb fast so sehr, wie sie ihn
ehrten, und Capitain Kelly war ein Name, der nie in Scherz oder Spott genannt
werden durfte.
    Nur zwei begangene Wege fhrten zu diesem durch ein scheinbar natrliches
Bollwerk beschtzten Zufluchtsorte von Verbrechern. Der eine lief vom Ufer aus,
und zwar dicht unter den schon erwhnten knstlichen Snags, zuerst gerade der
Mitte der Insel zu, und zog sich dann, ziemlich betreten, ein klein wenig links
ab. - Der war aber nur dazu bestimmt, um selbst dann noch den Eindringling irre
zu fhren, wenn er den Pfad selbst entdeckt htte, denn er brachte ihn in einen
kleinen Sumpf, in dem er, wenn er sich nicht zeitig wieder zurckzog, unfehlbar
versinken mute. Der wirkliche Weg dagegen lief, durch darber geworfene Aeste
verdeckt, fast in einem rechten Winkel rechts ab und traf das Fort gerade
unter dem fnften Stall. Eine andere, rein gehaltene und ordentlich ausgehauene
Strae lief von der Sdostseite des Forts, an der rechten oder Ostseite des
Sumpfes hin und gerade der Sdspitze der Insel zu, wo er zu den hier sorgfltig
versteckten und fr den letzten Nothfall aufbewahrten Booten fhrte. Doch war
von hier aus kein Angriff auf das Fort zu frchten, da ein einziger, richtig
gefllter Baum jede Bahn vernichtet htte. Eine Verteidigung des Forts konnte
berhaupt nur als verzweifeltes Mittel betrachtet werden, um so viel Zeit zu
gewinnen, die Boote zu erreichen. Der Haupt- und alleinige Schutz der
Gesellschaft blieb das Geheimni, in das ihre ganze Existenz gehllt war, und
das zu bewahren mute auch vor allem Uebrigen ihr wichtigstes Streben sein.
    Frchterliche Eide verbanden die Genossen, und so weit verzweigt und so
innig mit einander verkettet waren die einzelnen Glieder, da Der, der den Bund
wirklich htte verrathen wollen, nie wute, ob der, dem er vertraute - und wenn
er Richter oder Rechtsgelehrter war - nicht selbst mit zur Verbrderung gehrte
und ihn - den Verrther - seiner Strafe berantwortet htte.
    Dabei bot die Insel stets dem von den Gerichten Verfolgten einen sichern
Zufluchtsort, und einmal dort, blieb jedes Nachforschen der Constabler
vergebens. - Es hie dann gewhnlich, der Flchtling sei nach Texas entkommen,
whrend er noch sicher und ruhig auf der Insel sa. Aber auch ein Preis war
kluger Weise von dem Oberhaupt dieser Schaar Dem bewilligt worden, der den
Verrath eines Mitgliedes hinderte und den Thter erschlug. Ein solcher bekam
tausend Dollar in baarem Silber ausgezahlt, und eine so bedeutende Prmie blieb
an und fr sich schon lockend genug, die Aufmerksamkeit der im Lande Vertheilten
rege zu erhalten, htte es nicht fast noch mehr die eigene Sicherheit gethan.
    Der erste Sonnabend jedes Monats war zum Versammlungstag bestimmt, und
Capitain Kelly fhrte dabei den Vorsitz. Mit dem festen Lande von Arkansas
standen sie in sehr geringer, mit Mississippi dagegen in sehr starker
Verbindung. Ein Posten, der, wie ein Matrose im Mastkorbe, in dem Wipfel des
hchsten Baumes seinen Platz hatte, konnte von dort aus beide Ufer erkennen und
wurde deshalb dort gehalten, etwaige Signale zu beobachten oder bedrngten
Kameraden, die wohl das Ufer, aber nicht die Insel erreichen konnten, zu Hlfe
zu eilen. Zu diesem Zwecke lag auch ein vierrudriges Boot gleich ber der
Sandbank und an der Nordwestecke der Insel stets zum Auslaufen bereit. Der Pfad
aber, der zu diesem fhrte, konnte nur von genau Eingeweihten gefunden werden,
doch lag das Fahrzeug selbst hier ziemlich offen, da das seichte Wasser grere
Boote stets eine bedeutende Strecke davon entfernt hielt und deshalb keine
Entdeckung zu frchten war.
    Doch genug ber die innere Einrichtung eines Ortes, den wir im Laufe der
Erzhlung berdies noch nher kennen lernen werden. Wir mssen jetzt auch die
Bewohner dieser Verbrecher-Republik kennen lernen.

                                    Funoten


1 Halt!

2 Die zahlreichen Inseln des Mississippi wrden eine besondere Benennung jeder
einzelnen sehr erschweren und den Bootsmann verwirren, sie sind deshalb von den
Quellen dieses gewaltigen Stromes an bis zur Mndung des Ohio, und von da an
wieder bis nach New-Orleans numerirt, und nur wenige haben noch, wenn sie sich
durch irgend etwas ausgezeichnet oder kenntlich gemacht hatten, besondere Namen
erhalten. Von der Mndung des Ohio bis New-Orleans (etwa tausend englische
Meilen) zhlt der Mississippi hundertfnfundzwanzig Inseln.

3 Snags und Sawyers werden in den Flssen die im Grunde festgeschwemmten
Baumstmme genannt, die noch ber die Oberflche des Wassers hervorragen, oder,
was noch gefhrlicher fr die Fluleute ist, dicht darunter liegen und ihr
Dasein oft nicht einmal durch eine deutliche Bewegung des Wassers kundgeben. Die
Snags - von denen die greren Aeste oder ganze Stmme Planter genannt werden,
sitzen fest und unbeweglich, die Sawyers tauchen in schneller Strmung
fortwhrend auf und nieder.


                                       6.

                                        

                                 Die Insulaner.

In Bachelors Hall ging's gar munter und lebhaft zu. - Um ein groes Feuer
gelagert, das in dem breitmchtigen Kamine loderte, streckten und dehnten sich
etwa ein Dutzend krftiger Gestalten, und die dampfenden Blechbecher, die sie
entweder in Hnden hielten oder neben sich stehen hatten, kndeten deutlich
genug, wie sie den verflossenen Theil der Nacht verbracht. Ihre Tracht war die
gewhnliche der Bootsleute am Mississippi, und Waffen trugen sie keine -
wenigstens keine sichtbar. An den Wnden aber hingen neben den langen
amerikanischen Bchsen kurze deutsche Stutzen, franzsische Schrotgewehre,
Pistolen, Bowiemesser, spanische Dolche, Harpunen, Beile und Aexte in Ueberflu,
und aufgeschlungene Hngematten bewiesen, wie die Insassen dieser modernen
Ruberburg sogar einen Theil des frheren Schiffslebens hier fortsetzten und,
wenn auch auf festem Lande, dennoch den alten Gewohnheiten nicht ganz entsagen
wollten.
    Rohe Zech- und Liebeslieder tnten, doch immer nur mit halblauter Stimme,
von den Lippen der Meisten, und whrend Einige sich noch auerdem damit
beschftigten, groe Stcke Hirsch- und Truthahnfleisch an der Kamingluth zu
schmoren, waren Andere emsig bemht, mit Hacken und Zehen den Tact zu den
reiend schnellen Tnzen zu schlagen, die ein breitschulteriger Neger mit
ziemlich gebter Hand einer kreischenden, doch gedmpften Violine entlockte.
    Da ffnete sich die Thr und den breitrndigen schwarzen Filzhut tief in die
Augen gedrckt, den schlanken Krper mit einer langen Lootsenjacke und weiten
Matrosenhosen bekleidet, trat eine hohe krftige Gestalt in den Raum und
berflog mit prfendem Blick die Versammelten.
    Es war Richard Kelly, der Capitain der Schaar, und so wild und trotzig diese
dem Gesetz verfehmten Mnner auch wohl sonst dreinschauen mochten, so hrten sie
doch, in einem gewissen Grade von Ehrerbietung, vielleicht Furcht oder
wenigstens Scheu, augenblicklich zu tanzen auf, als sie den Fhrer erkannten,
und murrten auch nicht, da er nur mit leichtem Kopfnicken ihren laut gerufenen
Gru erwiderte. Schweigend beobachteten sie ihn, wie er zum Kamin ging und dort
erst einige Minuten lang in die knisternde Gluth schaute, dann aber, die Hnde
auf den Rcken gelegt, mit schnellen Schritten auf- und abwanderte.
    Ist das Boot von Helena noch nicht zurck? wandte er sich endlich an Einen
der Seinen, der gerade in der Thr erschien.
    Noch nicht, Sir, erwiderte dieser, aber ich glaube, ich habe die Ruder
gehrt, als ich eben an den Snags stand und nach ihnen ausschaute. Ich wollte
nur fragen, ob vielleicht etwas nach Mississippi hinber zu besorgen ist, ehe
wir das Boot wieder unten in Sicherheit bringen.
    Das Boot mag gleich ber den Snags, unter dem Platanenwinkel liegen
bleiben, sagte Kelly und warf sich auf einen fr ihn zum Kamin gerckten Stuhl
- die Pferde mssen noch heute Nacht von Arkansas kommen, denn Jones hat es uns
fest versprochen, und nachher drfen wir sie keinen Augenblick hier behalten.
Drei von Euch sollen sie sofort nach Vicksburg schaffen. Das Uebrige werdet Ihr
dort vom Constabler Brooks erfahren.
    's ist doch putzig, lachte der Eine der Mnner, wie wir die wohllblichen
Gerichtsbarkeiten an der Nase herumfhren. Kaum eine Stadt giebt's hier, im
ganzen Westen, wo nicht entweder Constabler oder Gefngniwrter, Advocaten,
oder selbst Postmeister und Friedensrichter unsere Verbndeten und Kameraden
sind. Einen Mann in Mississippi oder Arkansas fr ein begangenes Verbrechen in's
Zuchthaus zu stecken, ist, wenn er zu uns gehrt, gerade so gut, als ob man ihn
begnadigte. Denkt Euch nur, Capitain, vor acht Tagen haben sie in Sinkville
drben den Tobi - den Einugigen, sogar zum Staatsanwalt gemacht. Wenn ich nur
einmal eine seiner Reden hren knnte!
    Des Capitains Zge berflog ein leichtes Lcheln, dann aber wandte er sich
pltzlich an den Sprecher und sagte:
    Kommt, Blackfoot - ich habe etwas mit Euch zu bereden. Und ohne Dieses
Antwort zu erwarten, schritt er rasch voran, dem freien, jetzt vom Mondlicht
beschienenen Raume zu, der sich zwischen den Gebuden und nur von wenigen
niederen Bumen beschattet ausdehnte.
    Ja, Blackfoot, sagte Kelly und blieb hier, den ihm Folgenden erwartend,
stehen - unsere Geschfte gehen gut, aber - wir sind noch nicht genug auf einen
letzten Fall vorbereitet. Zu Viele kennen unser Geheimni, und wenn auch Verrath
desselben schwierig und gefhrlich sein mag, so ist er doch nicht unmglich.
    Ei zum Henker, was wollen sie uns denn eigentlich anhaben? hohnlachte der
Andere. - Und wenn sie wirklich das ganze Nest entdeckt htten, Den mchte ich
sehen, der uns lebendig finge.
    Ist das Alles, was uns bedroht? frug der Fhrer - und wre das nicht etwa
schon Verlust genug? - Ja ein unersetzlicher Verlust, wenn wir unseres
Schlupfwinkels und mit ihm eines Zufluchtsortes beraubt wrden, wie ihn die
Vereinigten Staaten gar nicht wieder aufweisen knnen? Nein, Blackfoot, darauf
drfen wir nicht trotzen - ein solcher Fall trfe uns schlimmer als
Gefangenschaft. Solcher knnte man sich allenfalls wieder entziehen; aber nie
auf's Neue die Blicke der Nachbarn von dieser Insel ablenken, wenn sie einmal
erst mit dem Innern derselben vertraut geworden. Doch wie dem auch sei, es ist
unsere Pflicht, den schlimmsten Fall voraus zu bedenken und jede Vorkehrung zu
treffen, die von uns getroffen werden kann.
    Nun, haben wir nicht die Boote - nicht die weiter unten liegende kleine
Insel? - Nicht die Htte im Sumpfe drben, wohin uns sogar Niemand folgen kann,
wenn er nicht den ganz genauen und fast stets unter Wasser stehenden Pfad
kennt?
    Und dennoch gengt das Alles noch nicht, sagte Kelly, nahm bei diesen
Worten den groen breitrndigen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch das
lange, vom Nachtthau feuchte Haar.
    Es war eine stattliche Gestalt, dieser Capitain der Flupiraten; die dunkeln
Locken umflatterten ihm wild die fein und hoch geformte Stirn; die groen
schwarzen Augen, jetzt noch von einem khnen Gedanken belebt, blitzten hell und
feurig, und die Oberlippe warf er in Trotz und Hohn empor, whrend er fast mehr
mit sich selbst redend, als zu dem Gefhrten gewandt, nur halblaut vor sich hin
murmelte:
    Sie sollen die trben Augen vor Verwunderung aufreien - sie sollen starren
und staunen, wenn sie uns einmal recht fest und sicher zu haben glauben und nun
- hahaha - ich sehe schon die dummen, verblfften Gesichter - wie sie am Ufer
stehen und uns nachstarren, und dann alle nur mglichen und erdenklichen
Schlufolgerungen ziehen, wie es htte werden knnen, wenn sie nicht ganz so
albern und kurzsichtig wie jetzt, oder doch berhaupt nur ein klein wenig
anders, das heit gescheidter, gehandelt htten.
    Aber was habt Ihr fr einen Plan, darf man ihn nicht wissen? frug
Blackfoot - eine grobknochige Gestalt und dem Fhrer treu ergeben. - Ich kann
mir gar nicht denken, was Euch auf einmal so merkwrdig im Kopfe herumgeht.
    Was ich habe? sagte Kelly nach kurzer Pause - Ihr sollt es wissen - ich
fange an fr unsere Sicherheit besorgt zu werden.
    Was? - Ist ein Verrther unter uns? - Habt Ihr Verdacht, Capitain - heraus
damit - wer ist die Canaille?
    Nicht doch - nicht doch, sagte Kelly und blickte lchelnd auf das wilde
und doch jetzt so ngstlich zu ihm aufgehobene Antlitz. - Die Gefahr ist
vorber, aber so gut wie sie an einem Orte auftaucht, kann sie uns auch, unter
gleichen Umstnden, an einem andern bedrohen. Ihr wit, da Rowson in seiner
Todesangst unser Geheimni enthllen wollte. - Ein Glck war es, da theils die
gnzliche Verdachtlosigkeit der Regulatoren, theils des Indianers Eile seinem
Vorhaben entgegenarbeitete, aber - er hatte doch den Willen - es waren doch nur
einzelne Umstnde, die es verhinderten, da er ihn auch ausfhrte. - Htte er es
gethan, unsere schne Insel lge jetzt in Schutt und Asche, denn wenn wir selbst
auch Zeit behalten haben wrden, unser eigenes Leben in Sicherheit zu bringen,
so wre das auch das Einzige gewesen, was wir htten retten knnen, und mit
unseren Gtern shen wir zugleich die Frchte dreijhriger harter Arbeit
schwinden. Dem mssen wir begegnen; eine solche Gefahr darf uns nicht wieder
bedrohen, ohne uns besser gerstet zu finden.
    Aber wie? - Was knnen wir thun? sagte Blackfoot sinnend.
    Viel - sehr viel - Alles, was in unseren Krften steht. So drfen wir von
jetzt an das, was wir in New-Orleans fr errungene Beute lsen, nicht mehr hier
herauf schaffen. Wir sammeln am Ende nur fr das Pack, was unser Nest
ausstbert. - Wir haben Verbndete in Houston in Texas - dorthin mssen wir alle
erbeuteten Waaren senden. - Trifft uns dann hier Verrath, gut, so haben wir
nicht allein einen Ort, wo uns der Lohn unserer Arbeiten erwartet, sondern auch
ein Capital, mit dem wir wieder neu beginnen knnen - unternehmende Kpfe finden
stets Arbeit. Aber selbst das gengt noch nicht - schneidet uns der Feind den
sdlichen Pfad nach den Booten ab, oder entdeckt er diese gar, so ist auch unser
Leben bedroht, denn wenn wir uns wirklich im Fort kurze Zeit halten knnten, so
mssen wir dennoch bald einer greren Macht unterliegen.
    Ja, aber - was lt sich dagegen thun? brummte Blackfoot. Die Geschichte
spielt berdies schon drei Jahre, und es ahnt doch noch keine Katze, weder in
Arkansas noch Mississippi, welche Gesellschaft hier ihr freundliches
Ruhepltzchen hat.
    Da es uns drei Jahre so ruhig hingegangen ist, sagte der Fhrer ernst,
sollte uns gerade vorsichtig machen - wir haben die Beispiele an allen anderen
solchen Unternehmungen erlebt. Auerdem hat unsere Gesellschaft im letzten Jahre
eine Verbreitung erhalten, die es fast nicht mehr als Mglichkeit denken lt,
da sie noch lange geheim bleiben kann. Unsere Agenten leben in allen
Flustdten der Vereinigten Staaten, und wie viele werden darunter sein, die,
wie eben jener Rowson, im uersten Fall auch zum uersten Mittel greifen und
die eigene Haut zuerst in Sicherheit bringen wrden. Dem wollen wir vorbeugen.
Noch giebt es eine Art, auf die wir uns jeder etwaigen Verfolgung entziehen, ja
durch die wir einer jeden lachen knnen.
    Und die wre? - fragte Blackfoot halb unglubig, aber gespannt.
    Ein Dampfboot, flsterte der Fhrer und beobachtete in den Zgen seines
Vertrauten den Eindruck, den solch ein Vorschlag auf ihn machen wrde.
    Ein Dampfboot? wiederholte dieser, von der Khnheit des Gedankens
berrascht, ha - das wre nicht so bel - Pulver und Schwefel, da knnte man ja
den Mississippi hinauf und direct in den Golf von Mexiko hinein brennen. Bei
Gott, ein Dampfboot wollen wir haben, das ist ein capitaler Einfall - aber -
sollen wir's kaufen? Oder - auf andere Art an uns bringen? Und wenn wir es
haben, wie wird es mglich sein, es stets in unserer Nhe zu halten, was doch
mit dem Zweck seiner Anschaffung unzertrennlich wre? - Die Sache klingt
vortrefflich, aber - wenn man sie lnger berlegt, wei ich doch nicht, wie sie
in's Werk gesetzt werden kann.
    Und dennoch ist es mglich, sagte Kelly - Blackfoot - Ihr mt der
Capitain des Dampfbootes werden, und wir machen ein Packetboot daraus, das
zwischen Memphis und Napoleon1 laufen mag. Das giebt uns zugleich Gelegenheit,
die Leute in Thtigkeit zu erhalten und mit den Orten, wo die Unseren wohnen, in
genauerer Verbindung zu bleiben. Dann bringt es schon unsere Paket-Linie mit
sich, da wir hier fortwhrend in der Nhe sind, ja wir knnen sogar Tage und
Wochen lang vor Anker liegen bleiben, und die vorbeifahrenden Boote werden
glauben, wir htten die Passage an der linken Seite der Insel versuchen wollen
und wren auf den Sand gelaufen. - Die Bootsleute von Helena haben wohl ihr
Fahrzeug gleich unter die Weiden geschafft? unterbrach er sich pltzlich
selbst.
    Ja - Bolivar ist mit hinunter - sie wollen die Fhre zurckbringen, um die
Pferde zu transportiren.
    Ich wollte, Peter wrde ein wenig vorsichtiger, - sagte der Capitain
dster. - Er ist sonst brav und brauchbar, sollte aber doch bedenken, da er
durch seine Tollheiten sich selbst noch einmal um den Hals und uns Andere in
kaum geringere Verlegenheit bringen knnte.
    Er bedenkt nicht gern, lachte Blackfoot, denn Denkzeichen hat er doch
wahrhaftig schon genug bekommen - der letzte Hieb durch's Gesicht war nicht von
Stroh. - Aber um wieder auf unser Dampfboot zu kommen - wo kaufen wir das am
besten, und wird es nicht berhaupt einen zu groen Ri in unsere Kasse machen?
    In New-Orleans, oder noch besser in Cincinnati, glaub' ich - Geld ist genug
da, erwiderte der Capitain. - Nach erhaltenen Briefen bringt auch Teufels
Bill, wie Ihr ihn immer nennt, ein reich beladenes Boot aus dem Wabasch heraus,
auf dem sich besonders viel baares Geld befindet, und von Pittsburg, Cincinnati,
Louisville, Shawneetown, Paduca, St. Louis und Memphis sind heute Briefe an mich
gekommen, die alle das baldige Eintreffen herrlicher Beute verknden. Wir wollen
jetzt den Wachposten Abends doppelt ausstellen, da wir nicht einmal das Signal
versumen. Die Nchte sind kurz, und vor Tage mssen wir das erbeutete Boot
stets am linken Ufer und unter den Weiden haben, sonst knnte doch einmal ein
vorbeifahrender Flatbooter Verdacht schpfen.
    Und wer soll den Ankauf eines Dampfbootes besorgen? frug Blackfoot. -
Wollt Ihr selbst stromauf gehen und es in einer der nordischen Stdte
erhandeln, oder soll das einem unserer Commissionre berlassen bleiben?
    Ich selbst wrde gehen, sagte Kelly sinnend, wenn nicht gerade in diesem
Augenblick wichtige Verhltnisse meine Afmerksamkeit zu sehr in Anspruch nhmen
- ich werde wahrscheinlich eine kleine Reise in das Innere des Landes machen
mssen. Ist von Simrow noch immer keine Antwort eingetroffen?
    Nein - sonderbarer Weise lt er kein Wort von sich hren. - In Georgia
steckt er noch, so viel wei ich, und das Zeichen, was er uns krzlich zukommen
lie, lautet gnstig, sonst aber kann Niemand Auskunft ber ihn geben.
    In Georgia scheint er sehr thtig gewesen zu sein, erwiderte Kelly. -
Seit der Zeit mu er aber wohl glauben, er habe fr sich allein gearbeitet und
unsere Hlfe nur so lange benutzt, als er sie brauchte. Aber dagegen giebt es
Mittel - wartet einmal - unsern kleinen amerikanischen Advocaten Broom kennt er
ja wohl noch gar nicht?
    Nein - ich glaube nicht. - Er kam erst vier Wochen spter, als Jener uns
verlie.
    Gut - der soll hinber - er mag eins von den Pferden reiten und kann es
dort verkaufen. Den Brief, den er mitnehmen wird, will ich Euch morgen frh
einhndigen. - Halt, da ich's nicht vergesse - in den Sumpf mt Ihr, ehe die
Pferde abgehen, einen Boten schicken. - Waterford dort hatte andere Arbeit und
mchte sonst nicht daheim sein. Sind die Bretter an die Landung geschafft?
    Wie Ihr es angabt - es liegt Alles bereit - aber, was ich Euch fragen
wollte, wie ist es denn mit dem Verkauf des Grundstcks in Helena gegangen? Ist
unser neugebackener Erbe acceptirt worden?
    Vortrefflich, lchelte Kelly - wir knnen das Stck nchstens wiederholen
- der Plan war herrlich - er hat viel Geld eingebracht.
    Und schpft man keinen Verdacht? Sind die Leute wirklich freundlich genug,
zu glauben, da Holk mit Mann und Maus versunken und seinen Tod unseren
Sndenbcken, den Snags, zu danken habe?
    Gewi denken sie's - sagte Kelly verchtlich - das Volk drben wollte ich
glauben machen, der Himmel sei nur blau angestrichene Wachsleinwand, und die
Erde ein Futteral, alte Gebeine aufzubewahren.
    Hahaha - lachte der Gauner - ein gttlicher Spa das. Es soll mich auch
wundern, wie wir die drei letzten Boote in New-Orleans verkauft haben. - Wir
htten sie brigens doch anmalen sollen, der Teufel knnte einmal sein Spiel
haben.
    Ja - es soll auch knftig geschehen, sagte Kelly sinnend, Farbe habe ich
schon gestern herberschaffen lassen. Das nchste jedoch, was wir nehmen, mag,
wenn die Ladung werthvoll genug ist, ebenfalls nach New-Orleans geschafft
werden. - Hier ist die Adresse des Kaufmanns, der die Spedition der Gter
besorgt.
    Wer geht da von unseren Leuten mit?
    Schickt, wen Ihr wollt, nur den Neger nicht, den knnen wir hier besser
gebrauchen, und halt - noch Eins - in Helena ist gestern ein Mann angekommen,
der nach Little Rock will, um das Land zu kaufen, was uns hier gerade gegenber
in Arkansas liegt. Er wird morgen frh von Helena aufbrechen und reitet einen
Schimmel -
    Ist er allein?
    Nein - der Mailrider ist bei ihm und wird das Uebrige besorgen. Bis Strongs
Postoffice mssen die Beiden aber zusammen reiten. - Der Fremde wird dort nicht
bernachten, weil es ihm zu theuer ist - er will noch das drei Meilen von
Strongs entfernte Haus erreichen. - Etwa zwei Meilen von Strongs auf der rechten
Seite knnte er vielleicht ein Licht sehen - Ihr versteht mich.
    Schon gut - ich glaube nicht, da wir auf dem Lande drben belstigt
werden. - Was soll aber mit dem Mdchen geschehen, das die Burschen gestern
eingebracht haben - es ist ganz wie von Sinnen. Ich glaube, das Ding ist
verrckt geworden.
    Die Pest - wer hie Euch die Dirne an Land nehmen, rief Kelly, unwillig
dabei mit dem Fue stampfend - gab ich nicht dem Kentuckier ganz bestimmte
Befehle, sie bei Seite zu schaffen? Der Bursche wird mir zu eigenwillig - ich
frchte -
    Ich trau' ihm auch nicht recht! flsterte Blackfoot, Bolivar hat mich
neulich auf ein paar Sachen aufmerksam gemacht, die mir gar nicht recht gefallen
-
    Der Neger hat ein gutes Auge - er soll schrfer auf ihn Acht haben - sind
die beiden entladenen Boote versenkt?
    Ja - ich habe sie ein paar Meilen stromab geschickt - - es werden sonst zu
viel hier in der Nhe.
    Recht so - gut wr's vielleicht, die Trmmer von einem oder zweien dicht an
der kleinen Insel hier unten zu zeigen - das schreckt Andere vom Landen zurck.
    Von dem Dampfboot sagen wir auf der Insel noch nichts?
    Wir werden's nicht wohl verheimlichen knnen, meinte Kelly nach kurzer
Pause. - Es mu gemeinschaftlich bezahlt werden, und da wollen wir uns auch
gemeinschaftlich darber berathen. Wo ist denn das eingebrachte Mdchen jetzt?
    Es war in Nr. 2, hier gleich oben, brummte Blackfoot, aber - Mrs. Kelly -
hatte Mitleiden mit dem armen Dinge und - nahm es zu sich.
    Was? Georgine hat die Dirne in's Haus genommen? zrnte der Capitain - ei
Hll' und Teufel - sie wei doch, da ich das nicht leiden kann. - Sie mu fort
- sie mu augenblicklich fort, Blackfoot. Du wirst mir Bolivar herschicken - es
sind berdies zu viel Frauen hier - giebt es Etwas, was mich um unsere
Sicherheit beben macht, so ist es das. Unsere Gesetze bestimmen sogar, da nur
zwlf Weiber auf der Insel bleiben sollen, und diese Gefangene ist die
achtzehnte.
    Der Capitain ging mit festverschlungenen Armen und zusammengebissenen Lippen
schnellen Schrittes vor der Thr der Halle hin und her, aus der jetzt wieder die
leisen Tne der Violine herausschallten. Seine Aufmerksamkeit ward aber bald den
von Helena kommenden Bootsleuten zugewandt, die in diesem Augenblicke, Einer
hinter dem Andern, den schmalen Pfad heran kamen und, in das geffnete Thor
gelassen, hier ihren Fhrer begrten. Dieser aber, ohne den Gru mit Wort oder
Blick zu erwidern, frug nur ernst und fast unwillig:
    Wo sind die Briefe?
    Hier, Capitain, sagte Peter oder der Narbige, unter welchem Namen er schon
bei dem Leser eingefhrt wurde - den Brief hier gab mir der Postmeister noch
zwei Minuten vorher, ehe wir abfuhren.
    Kelly nahm die Papiere an sich und schritt gegen seine eigene, dicht am
Waarenhause liegende Wohnung zu; ehe er diese aber erreichte, blieb er noch
einmal stehen und sagte, zu Blackfoot gewandt:
    Den Neger schickt Ihr mir, und sollten von Arkansas die Pferde noch in
dieser Nacht eintreffen, so lat sie die Nacht ruhen. Morgen frh aber, sobald
sie Krfte genug haben, eine neue Reise anzutreten, mssen zwei von Euch in das
Innere gen Osten aufbrechen. Ist Sander nicht mitgekommen?
    Ein junger schlanker Mann mit langen blonden Haaren und blauen Augen, der,
wenn ihn nicht jetzt der schwerfllige, trunkene Blick entstellt htte, fr
schn htte gelten knnen, schwankte vor und sagte lallend:
    Capitain Kelly - j'ai l'honneur - ich - ich habe die - habe die Ehre -
    Schon gut, Sander - leg' Dich hin und schlaf aus, ich brauche Dich morgen
frh nothwendig - also gute Nacht. - Und ohne weiter eine Erwiderung seiner
Worte abzuwarten, schritt er zum Hause, in dessen Thr er verschwand.
    Die brigen Mnner blieben noch eine Weile in dem innern Hofraume stehen,
und Sander, der augenscheinlich an diesem Abend des Guten zu viel gethan,
murmelte halblaut vor sich hin, whrend er die Hnde tief in die Taschen schob
und der Bachelors Hall zuschwankte:
    Verdammt kaltbltig das von Kelly - ich brauche Dich morgen frh nothwendig
- so, Capitain? Wirklich? Er wandte den Kopf und starrte mit seinem glanzlosen,
halbtrunkenen Blick nach dem hellen Lichtschein hinber, der durch jenes dicht
verhangene Fenster fiel - so, Sir? Brauchen mich morgen frh nothwendig - o ja
wohl, Sir, soll wohl wieder einem armen unglcklichen Mdchen - unglcklichen
Mdchen den Kopf verdrehen und das Herz brechen? Ah! Schne Beschftigung das!
Auerordentliche schne Beschftigung, aber damn me - ich wnschte der Dame erst
vorgestellt zu werden, Gentlemen. Es giebt Momente, Gentlemen -
    Kommt, Sander! sagte Blackfoot und nahm ihn ohne weitere Umstnde beim Arm
- wir sind Beide mde und wollen zu Bette gehen - Donnerwetter, Mann, bedenkt,
da Ihr sonst morgen verschlafene und trbe Augen habt, und bei den Damen leicht
Verdacht erregen knntet, Ihr - httet geschwrmt.
    Ah - certainement, mom cher Blackfutt - certainement - lallte der junge
Stutzer - en avant denn - zu Bett wir - wir Herzensbezwinger wir - Gott Amor
soll leben, Blackfutt - Gott Amor soll leben und jedes schne Gesicht - jede
Engelsphysiognomie; aber - Du nimmst mir das nicht bel, Blackfoot, wie? -  bas
mit allen solchen Teufelsfratzen, wie Ihr Zwei, Du und Peter, zwischen Euren
beiden Ohren herumtragt -  bas sag' ich - mchte nicht aus solchem Angesicht
herausgucken, und wenn die Haut Millionen zu verzehren htte - mchte bei Gott
nicht.
    Schon gut, knurrte Blackfoot, und ein boshaftes Lachen zuckte um seine
Lippen - es knnen nicht Alle solche - Liebchen sein wie Ihr. - Aber kommt -
ich bin mde - wir wollen uns hinlegen - vielleicht giebt's morgen frh wieder
Arbeit. Und ohne weiter eine Antwort des immer noch mit sich selbst Redenden
und Gesticulirenden abzuwarten, zog er dessen Arm fest in den seinigen und
schritt der eigenen Schlafstelle zu. Er wollte den trunkenen Kameraden erst,
durch seine eigene Gesellschaft beruhigt, eingeschlafen wissen, damit dieser
nicht auf's Neue dem Becher zusprche und fr morgen ganz untauglich wrde.

                                    Funoten


1 Memphis, eine der Hauptstdte in Tennessee, an der Mndung des Wolfriver,
hundertunddrei englische Meilen oberhalb Nr. Einundsechzig - Napoleon, ein
kleines Stdtchen an der Mndung des Arkansas, siebenundsechzig Meilen unter der
Insel.


                                       7.

                                        

                                   Georgine.

Ein kleines, wunderliches Gemach ist es, in das ich jetzt den Leser einzufhren
wnsche.
    Htte ein Mann in diesem Raume nach langem unruhigen Fieberschlaf zuerst die
Augen geffnet und hier vor den erstaunten Blicken eine Menge von Sachen
gesehen, wie sie ihm seine Trume nicht abenteuerlicher gebracht, er wrde sich
von eben solchem Traume noch fort gefft, und alles das, was ihn umgab, fr
neues, noch tolleres Blendwerk als das frhere gehalten haben. Unter keiner
Bedingung htte er sich aber an der Stelle geglaubt, an der er sich wirklich
befand: auf einer kleinen weidenumwachsenen Insel, mitten im Mississippi. - Und
es war auch wirklich ein wunderlicher Platz.
    Alle Zonen, alle Knste schienen sich hier vereinigt zu haben, einen Raum zu
schmcken, den sie mit dem zehnten Theil der Sachen, die er enthielt, in ein
Prachtzimmer verwandelt htten, der aber so, durch Schmuck und Zierrath
berladen, eher dem Waarenlager einer der greren stlichen Stdte, als dem
stillen Aufenthaltsort huslicher Zurckgezogenheit glich.
    Drei Seiten des Zimmers waren von einer prachtvollen seidenen Tapete
bedeckt, aber nur an wenigen Stellen lieen sich die glhenden Farben ihrer
silber-und azurdurchwirkten Arabesken erkennen; mchtige Spiegel, prachtvolle
Oelgemlde, Bronze- und Elfenbein-Figuren, schwere silberne Leuchter und
kostbare Waffen bedeckten fast ihre ganze Flche. Ebenso eigenthmlich, ebenso
mit Zierrathen berladen zeigte sich die vierte, rechte Wand, die, nach alledem,
was man von ihr sehen konnte, in dem Geschmacke einer Schiffskajte hergerichtet
sein mute; die kleinen viereckigen, mit Messingplatten eingefaten Fenster, mit
schmalen Mahagonistreifen dazwischen, verriethen wenigstens etwas Derartiges. -
Allerlei indianische Kostbarkeiten, wie Waffenschmuck und Kleidungsstcke,
verboten jedoch auch hier jedes weitere Forschen. Breitfaltige Tropengewchse
streckten dabei ihre saftigen Kronen bis zur Decke hinan und berschatteten die
Fenster, whrend das blasse Licht einer unter der reich verzierten Decke
angebrachten Ampel seinen dmmernden Schein ber den kleinen Raum warf.
    Es war ein Reichthum der Ausstattung, der nicht wohlthat, eine Ueberladung
von Schmuck und Pracht, die das Auge, das vergebens einen Ruhepunkt suchte, eher
beleidigte als erfreute.
    Mitten in all' dieser Herrlichkeit nun lag ein junges Weib in weien, losen
Gewndern, die vollen, schngeformten Glieder auf den ppigen Divan gestreckt,
der, in wirklich morgenlndischer Pracht und mit weichen schwellenden Kissen
bedeckt, von Wand zu Wand lief. Vor ihr aber, auf einem niedern Tabouret,
kauerte eine andere Gestalt, die ihr Antlitz in den Hnden barg und in tiefem
entsetzlichen Schmerz fast aufgelst schien.
    Er wird wiederkommen, Kind, trstete sie die Frau und legte die
feingeformte weie Hand leicht auf den Scheitel der Weinenden, er wird
wiederkommen, beruhige Dich nur, Du liebes, wunderliches Kind. - Sieh,
vielleicht sucht er Dich, selbst in diesem Augenblicke, allenthalben, und das
Echo giebt ihm leider vergebens Deinen lieben - ngstlich gerufenen Namen
zurck.
    Wiederkommen? rief zitternd das junge Mdchen und hob das thrnenvolle
Angesicht zu der Beschtzerin empor - wiederkommen? Nie - nie - tief unten im
Strome liegt er - von tckischer Kugel getroffen - ich sah ihn strzen - ich
hrte den Fall in's Wasser, und dann - dann vergingen mir die Sinne. - Groer,
allmchtiger Gott - ich mu wahnsinnig sein, denn wre das - das Wahrheit, was
mir nachher ein frchterlicher Traum vorgespiegelt - mein armes Hirn htte es ja
nicht ertragen, mein Herz wre gebrochen in all' der Angst, in all' der Schmach
und Schande. - Sie barg das lockige Haupt in den weichen Kissen, und ihr ganzer
Krper zitterte von innerer Pein und Aufregung.
    Georgine richtete sich halb in Ungeduld von ihrem Lager empor.
    Komm, sagte sie und hob leise den Kopf des schnen Kindes - komm, Marie -
erzhle mir Alles, was Dir begegnet, bis jetzt habe ich nur, und selbst dies
erst nach vielem Fragen, Deinen Namen erfahren. - Seit ich Dich aus den Hnden
jenes rohen Gesellen befreite, hast Du fast nichts gethan als geweint. Ich
interessire mich fr Dich, willst Du aber, da ich Dir weiter helfen soll, so
sei auch aufrichtig. Wie kamst Du in - in ihre Gewalt?
    So soll ich denn all' den noch frischen blutenden Schmerz erneuen? Soll die
Wunde stacheln, die noch nicht zu brennen aufgehrt? sagte mit leiser, fast
tonloser Stimme die Unglckliche - doch es sei - Du schtztest mich vor der
rohen Faust jenes Buben - Du sollst in wenigen Worten Alles hren, was mich
betrifft.
    Noch wei ich nicht, wo ich bin, flsterte sie nach kurzer Pause, whrend
ihre Blicke wirr und staunend ihre Umgebung berflogen - noch ist es mir fast,
als ob ein Zauber mich gefangen, ein frchterlicher Traum mich umnachtet halte -
doch ich fhle, wie ich lebe und wache - ich sehe das dmmernde Licht jener
Lampe - ich kann den warmen Athem Deines Mundes an meiner Wange fhlen - ich bin
erwacht - - das Erwachen selbst nur war grlich. Sich aber auch im vollen
Besitze jedes Glcks zu wissen, das uns diese Erde nur zu bieten vermag, und
dann auf einmal - mit der Schnelle des vernichtenden Strahls - Alles, Alles zu
verlieren - das thut weh - das frit sich tief in's Herz hinein. Doch Du wirst
ungeduldig, oh, Du kannst die kurze Zeit nicht erwarten, die ich gebrauche, Dir
meine Leiden zu erzhlen, und ich - ich soll sie ein ganzes Leben lang mit mir
fortschleppen bis zum Grabe. - Aber Du hast Recht - ich bin nur ein thricht
unwissend Kind - klage nur ber mein Elend und denke nicht daran, da er - er,
fr den ich ja nur leben und lieben wollte, meinetwegen starb.
    Es sind jetzt wohl sechs Monate, da er zuerst meines Vaters Haus betrat -
soll ich Dir sagen, wie wir uns kennen und lieben lernten? Nein - Du wrdest
mich nicht verstehen - Dein eigener Blick schaut so ernst und stolz auf mich
nieder - Du wrdest meiner vielleicht gar spotten. - Genug - wir liebten uns -
er schlo sein ganzes treues Herz mir auf und hatte das meine gewonnen, ehe ich
nur selbst es ahnte, da er darum warb. Auch die Eltern achteten ihn - oh, er
war so gut, so edel - so fromm - sie segneten unsere Verbindung - ich wurde sein
Weib. Indessen hatte er meinem Vater von dem schnen und herrlichen Sden
erzhlt, von dem Plantagenleben in Louisiana - sie fuhren Beide hinab, das Land
zu sehen und zu prfen, und Eduard erstand am Atchafalaya die Pflanzung eines
alten Creolen, der gesonnen war, den Abend seines Lebens in Philadelphia bei
Kindern und Verwandten zuzubringen. Vor wenigen Wochen kehrten die Mnner zurck
- unsere Farm wurde verkauft, ja selbst unsere zahlreichen Heerden machte mein
Vater zu baarem Gelde, und auf einem selbst erbauten Flatboot, wozu ihn Eduard
eigentlich beredet, schifften wir all' unser briges Eigenthum ein, mit der
Strmung des Mississippi unserer neuen, schnen Heimath zuzuschwimmen. Mein
Vater wollte einen Mann annehmen, der unser Boot den Flu hinabsteuern sollte,
Eduard bestand aber darauf, das selbst zu thun - er war, wie er sagte, mit jeder
Sandbank, mit jedem Snag bekannt, und glcklich fhrte er uns auch den Wabasch
und Ohio hinab und immer weiter den Mississippi nieder. Hier aber mochte ihn das
tiefer und gefahrloser werdende Wasser zu unvorsichtig machen - vorgestern
Abend, gerade ber einer Insel - lief unser Fahrzeug auf den Sand, und hier -
groer, allmchtiger Gott - ich wrde wahnsinnig, wenn ich das Alles noch einmal
berdenken sollte!
    Und Eduard? frug die Frau, whrend sie von ihrem Lager aufsprang und
unruhig im Zimmer auf-und abschritt - Dein Vater - Deine Mutter?
    Todt - Alle todt! - seufzte die Unglckliche.
    Und Du?
    Erbarmen - Erbarmen - dringe nicht weiter in mich - la mir die Nacht, die
meine Sinne noch umschlossen hlt - la mir jene tollen blutigen Schatten, die
mir wild und fieberisch das Blut durchrasen und in ihren sinnverwirrenden
Kreisen die Erinnerung ertdten - la sie mir, und wren sie die Boten des
Wahnsinns - lieber so - lieber todt - als zu denken, da - hahaha - da vorn ist
er wieder, der tckische Kopf, der meinem Eduard gleicht. - Da taucht er wieder
empor aus der Fluth, und ich - ich strecke die Hnde nach ihm aus, ich ergreife
sein nasses Kleid - er soll mich retten - retten aus der Hand des Teufels, der
mich umschlossen hlt, und er - oh mein armes Hirn - wie es klopft und schlgt -
wie es zuckt und brennt - ach! Da Eduard fallen mute und nun sein Weib nicht
rchen, nicht schtzen kann vor den eigenen entsetzlichen Gedanken und Bildern.
    Marie lie matt die Arme sinken und neigte das Kpfchen auf die Brust herab,
vor ihr aber stand das stolze schne Weib, und eine Thrne, ein seltener Gast,
drngte sich ihr in das groe schwarze Auge.
    Du sollst bei mir bleiben, Marie - flsterte sie dem armen Kinde leise zu
- sie sollen Dich nicht fort von mir reien, - er darf es nicht, wiederholte
sie dann leise und mir sich selber redend - er darf mir die Bitte nicht
versagen, und wenn er's thut, wenn er wirklich schon alles das vergessen haben
sollte, was er mir in frheren Zeiten gelobt - gut - der Versuch sei wenigstens
gemacht -
    Ich will schlafen gehen, sagte die Unglckliche und strich sich die
feuchten Locken aus der Stirn - ich will schlafen gehen - mein Kopf schmerzt
mich - meine Pulse schlagen fieberhaft - ich bin wohl krank - gute Nacht,
Georgine.
    Marie erhob sich und schritt der Thre zu; Georgine aber, ob von pltzlichem
Mitleid oder anderen Gefhlen bewegt, umfate das arme Wesen, das sich kaum
aufrecht erhalten konnte, und fhrte es durch eine in die linke Wand
geschnittene und von einem prachtvollen Vorhang bedeckte Thr in ein kleines
Gemach, das seiner Bauart nach schon in dem Waarenhause lag und nur durch eine
dnne Brettwand von den groen, hier zeitweilig aufgestellten Gtern getrennt
wurde. Kaum hatte sich dort die Arme auf ein Lager niedergelassen und mit
weichen Decken gegen die khle Nachtluft geschtzt, als auch die Thr ihres
Wohnzimmers sich ffnete und Kelly - den Hut in die hohe Stirn gedrckt -
eintrat.
    Georgine lie den Vorhang sinken und stand im nchsten Augenblick vor dem
Gatten.
    Wo ist die Fremde? war das erste Wort, das er sprach, und seine Augen
durchflogen schnell den kleinen Raum.
    Ist das der ganze Gru, den Richard heut Abend seiner Georgine bringt?
frug diese halb scherzend, halb vorwurfsvoll - suchen meines Richard Augen
heute zum ersten Mal ein fremdes Wesen und fliehen den Blick der Gattin?
    Nein, Georgine, sagte Kelly, und die ernsten Zge milderten sich zu einem
leichten Lcheln, die Augen sind Deine Sclaven wie immer, die Frage galt nur
der Fremden, und er streckte der Geliebten die Hand entgegen und zog sie leise
an seine Brust. - Guten Abend, meine Georgine, flsterte er dann und drckte
einen Ku auf ihre Lippen - aber - wo ist die fremde Frau - Du hast nicht recht
gethan, sie bei Dir aufzunehmen.
    Richard - la mir das unglckliche Geschpf - bat Georgine und schlang den
weien Arm um seinen Nacken - la sie mir hier - Du weit, die Mdchen, die auf
der Insel Hausen, sind nicht fr mich - es ist rohes, wstes Volk und sie hassen
mich, weil ich nicht ihre wilden Freuden theile. Mariens ganzes Wesen verrth
dagegen einen hhern Grad von Bildung, als man ihn sonst bei solch' einfachem
Farmerskind vermuthen sollte. Ich will sie bei mir behalten, vielleicht kann ich
ihr in Etwas das wieder vergten, was - Andere ihr genommen.
    Liebes Kind, erwiderte Kelly und warf sich nachlssig auf die Ottomane -
das sind Geschftssachen, und Du kennst unsere Gesetze. So sehr ich das schne
Geschlecht ehre, so sehr mu ich doch auch dagegen protestiren, da es sich da
betheiligt, wo es an Hals und Kragen gehen knnte.
    Richard, sagte das schne Weib und prete die kleinen Lippen fest zusammen
- Du thust mir nie etwas zu Liebe - ich mag Dich bitten, um was ich will - Du
hast eine Ausrede - nicht einmal nach Helena willst Du mich fhren.
    Ich habe Dir schon gesagt, da ich mich dort selbst nicht blicken lassen
darf - lchelte der Fhrer.
    Gut - so gestatte mir wenigstens die Gesellschaft eines einzigen
menschlichen Wesens, das ich - ohne Abscheu ansehen darf.
    Eine groe Schmeichelei fr mich.
    Du bist unausstehlich heute.
    Du bist rgerlich, Georgine, sagte der Capitain freundlicher als vorher,
aber sei vernnftig. Die Fremde kann nicht hier bleiben, wo ihr Sander gar
nicht auszuweichen vermchte.
    Also er war jener Bube -
    Ruhig - Du wirst vorsichtiger und milder in Deinen Ausdrcken werden, wenn
Du erfhrst, da gerade er es ist, der die Ausfhrung unserer Plne
beschleunigt. - Das zuletzt eingebrachte Boot enthielt ein so bedeutendes
Capital in baarem Geld - in Gold und Silber - da ich jetzt entschlossen bin,
Deinen bisherigen Bitten nachzugeben. Ich sehe ein, unsere Lage hier mu mit
jedem Tage gefhrlicher werden. Das Geheimni ist kaum noch ein Geheimni, und
mir selbst scheint es rthselhaft, wie es so lange verborgen bleiben konnte. Wir
wollen nach Houston und von da in das Innere von Mexiko - halte Dich also zu
einem schnellen Aufbruche bereit.
    Und die Insel?
    Mag unter Anderer Leitung meinethalben fortbestehen.
    Werden sie Dich aber Deines Fhreramts entlassen?
    Vielleicht gehen sie mit - sagte der Capitain, augenscheinlich zerstreut -
doch - wie dem auch sei - die Dirne darf nicht hier bleiben - Verrath vor der
Zeit knnte uns Alle verderben.
    Was wollt Ihr mit ihr thun? frug Georgine besorgt.
    Bolivar soll sie - nach Natchez begleiten - bist Du das zufrieden?
    Du mut Deinen Willen durchsetzen - murmelte die Frau, und zog rgerlich
die schnen, khn geschnittenen Brauen zusammen - frher war Deine Liebe anders
- glhender. - Du kanntest kein Glck, das ausgenommen, das Du an meiner Seite
fandest. - Ich frchtete einen Wunsch auszusprechen, denn Du achtetest selbst
nicht Todesgefahr, ihn zu erfllen - - jetzt aber -
    Georgine, sei vernnftig, bat Kelly und zog sie, ihre Hand erfassend,
leise zu sich nieder, Du wirst doch begreifen, da ich nicht unser Aller
Sicherheit, unser Aller Leben einer einzigen halb wahnwitzigen Dirne wegen auf's
Spiel setzen darf. Knnte ich immer hier sein, gern wollte ich dann Deinem
Wunsche willfahren - ich wrde selbst ber unsere Sicherheit wachen, aber so -
    Du willst wieder fort?
    Ich mu - dringende Geschfte rufen mich in frher Stunde morgen nach
Montgomerys Point, vielleicht nach Vicksburg.
    Georgine legte ihre Hand auf seine Schulter und blickte ihm lange und
forschend in das ihr ruhig, ja lchelnd begegnende Auge.
    Und weshalb willst Du immer fort von mir? Weshalb kannst Du jetzt nicht,
wie frher? - Richard - Richard - wenn ich Dich falsch wte -
    Aber, Kind - Du phantasirst wahrhaftig. - Die Wahnsinnige hat Dich
angesteckt.
    Wahnsinnige? - flsterte Georgine dster vor sich hin - der Mann, der ihr
Liebe log - Richard, wenn ich ahnen knnte, da Du falsch wrest - Du, dem ich
mein Leben - das Leben meiner Eltern geopfert habe - bei allen Geistern der
Unterwelt, ich wrde Dein Teufel. An Deine Fersen solltest Du mich gebannt
sehen, und Rache - Rache, wie sie noch kein Weib genossen, mte ein Verbrechen
shnen, fr das die Erde keinen Namen htte.
    Georgine, flsterte der starke Mann und legte seinen Arm liebkosend um
ihre Hfte - Du bist ein thricht - eiferschtig Kind. Wem zu Liebe schaffe und
arbeite ich denn jetzt? Wem zu Liebe habe ich denn mein Leben dem Gesetz
verfehmt - wessen Liebe war die Ursache, da ich - das erste Blut vergo? Sieh,
Deine Eifersucht verzeih' ich Dir - sie ist ein Zeichen eben dieser Liebe - aber
Du bist auch ungerecht. Du darfst mich nicht nach den anderen Menschen
beurtheilen, wie sie Dir tglich im Leben begegnen. - Du weit, ich bin nicht
wie sie - Du wrst mir sonst nicht gefolgt - aber Du mut mir auch vertrauen. -
Du mut mir auch glauben, wenn ich Dir meine Grnde nenne. da
    Gut, rief Georgine und sprang von dem Lager empor - ich will Dir
vertrauen, aber einmal la mich erst wieder hinaus in die Welt - einmal la mich
mit den Menschen verkehren, mit denen Du verkehrst - dann will ich Dir folgen
als Dein treues Weib, wohin Du immer nur begehrst - aber das - das erflle mir.
    Und gerade das, lchelte der Capitain, ist Etwas, das mehr
Schwierigkeiten hat, als Du Dir wohl trumen lt.
    So willst Du nicht? rief Georgine schnell.
    Wer sagt Dir das? frug Kelly und heftete seinen Blick fest und prfend auf
sie. - Georgine, fuhr er nach kurzer Pause leise fort - Du bist mitrauisch
gegen mich geworden. - Es ist Jemand zwischen uns und unsere Liebe getreten.
    Richard! - rief Georgine.
    Und wenn es nur ein Schatten wre, fuhr der Capitain, ohne die
Unterbrechung zu beachten, fort - auch Du bist nicht mehr wie sonst - was
sollte der Mestize neulich am Ufer? Ich begegnete ihm gerade, als er das Land
betrat, und sandte ihn zurck - war er bestimmt, mich zu bewachen?
    Und wenn er es wre? rief Georgine stolz und heftig.
    Ich dachte es, lchelte der Capitain - armes Kind - also traust Du
wirklich Deinem Richard nicht mehr? Nun gut - der Gegenbeweis soll Dir werden. -
Schicke den Knaben, wann Du willst, an's Land - er soll freien Ausund Eingang
haben, und mag Dir sagen, wie er mich dort gesehen; bist Du damit zufrieden?
    Und die Fremde?
    Sander begleitet mich, sagte Kelly sinnend mit sich selber redend, nun
gut, sie mag bei Dir bleiben, bis Blackfoot zurckkehrt - dann aber widersetze
Dich auch nicht lnger einer Maregel, die nur zu Deinem wie zu unser Aller
Besten gegeben ward. Zrnt Georgine nun noch ihrem Richard?
    Du bser - lieber Mann - rief das schne Weib und schlang ihren Arm um
seinen Nacken - wer kann Dir zrnen, wenn Du so freundlich bist?
    So komm denn, Geliebte, flsterte lchelnd der Capitain - komm und la
jeden bsen, jeden unfreundlichen Gedanken in diesem Kusse schwinden. Wir haben
von auen drohenden Gefahren zu begegnen, la uns wenigstens hier innen in
Frieden und Liebe leben und Krfte sammeln zu dem letzten entscheidenden
Schritt, zu Sicherheit und Ruhe!

                                     * * *

    Vor der Wohnung des Capitains standen indessen, in ihre warmen
Matrosenjacken gehllt, Blackfoot und Bolivar, der Neger.
    Alle Wetter, Massa, sagte der Letztere, whrend er sich der lstig
werdenden Mosquitos zu erwehren suchte - ich mchte wissen, ob Massa Kelly noch
'was besorgt haben will heut Abend oder nicht.
    Hab' Geduld, Bursche, brummte der alte Bootsmann und knpfte sich fester
in seine Ueberjacke ein - wirst doch warten knnen, wo Unsereiner wartet. - Der
Capitain geht dem Weibchen erst ein bischen um den Bart herum - mit
Frauenzimmern wird man nicht so gleich fertig wie mit Mnnern. Aber - 's ist
wahr - es dauert verdammt lange - wenn ich nur erst wte, was er eigentlich
wollte, nachher knnte man sich seine Berechnung schon selbst ein bischen
machen.
    Ja - ja, lachte der Neger vor sich hin, Capitain Kelly lt Euch auch
gerade wissen, was er will. - Das der Letzte zu so 'was - Bolivar kennt ihn
besser - wenn er sagt, er geht stromauf - wette meinen Hals dann darauf, er ist
hinunter, und wenn er sagt Arkansas, so wre Arkansas der letzte Platz, wo ihn
Bolivar suchte.
    Blackfoot sah den Neger von der Seite an, schob die Hnde in die Taschen und
ging langsam auf und nieder.
    Bist Du schon einmal mit dem Capitain in Helena gewesen? frug er nach
kurzer Pause.
    Bolivar zog den breiten Mund von einem Ohr bis zum andern und nickte.
    Und weit Du, sagte der Bootsmann, dem Neger einen Schritt nher tretend,
weit Du, was -
    Bst, Massa - for God's sake, flsterte der Schwarze und streckte ngstlich
die Hand gegen den Redenden aus, whrend er selbst einen scheuen Seitenblick
nach der Thr warf - Bolivar will lieber, da er mit gebundenen Hnden vor dem
Staatsanwalt stnde und Massa Blackfoot als Zeugen gegen sich htte, als hier
von Sachen reden, die den Capitain betreffen. - Groer Golly, wie er neulich
einmal den Spanier bezahlt hat - Ohren ab - Nase ab - Arme ab - und dann gut
verbunden, aber sonst nackend in den Sumpf gestellt; - brrr, Bruckramann1 ist
doch viel grausamer wie Neger.
    Oben aus der Eiche, unter der sie standen, tnte ein schriller Pfiff, wie
ihn der Nachtfalke ausstt, wenn er seine Beute zu erfassen glaubte, und nun
getuscht wieder hinauf in sein luftiges Reich mu.
    Pest und Donner, fluchte der Neger und fuhr schnell empor - das fehlt uns
auch noch - jetzt kommen bei Gott die verdammten Pferde von Arkansas - nun
giebt's Nachtarbeit. Ei, so wollt' ich denn doch -
    Der Capitain hat sie lange erwartet, sagte Blackfoot - Arbeit haben wir
auch weiter nicht damit, unsere Leute sind schon drben seit Sonnenuntergang.
    Schaffen wir sie denn gleich nach Mississippi hinber? frug Bolivar.
    Nein - das drfen wir nicht riskiren. - So wie das Land jetzt mit den
verdammten Regulatoren in Aufruhr ist, hiee das die Schufte da oben selbst mit
der Nase auf unsere Fhrten stoen. - Nur die beiden Pferde, die wir notwendig
drben haben mssen, nehmen wir durch den Sumpf, da die Spuren aus dem Lande
heraus in die Stadt fhren; das besorgt Mowes, der ist in Melville bekannt wie
ein bunter Hund und erregt keinen Verdacht mehr. Die anderen fhren wir zu
Wasser nach Vicksburg.
    Wenn ich nur wte, was mit dem fremden Frauenzimmer da drin geschehen
soll, brummte der Neger - erst wird man hierher bestellt, und nachher ist's
nichts.
    Drinnen ist Alles dunkel geworden, sagte Blackfoot - vor morgen frh
wirst Du auf keinen Fall gebraucht. Geh also bis dahin zu den Snags, und wenn
wir die Thiere glcklich gelandet haben, wollen wir uns ein Stndchen hinlegen.
Morgen wird's wahrscheinlich verdammt scharfe Arbeit setzen.
    Von dem rechten Ufer der Insel schallten jetzt regelmige, aber schnelle
Ruderschlge herber, und deutlich konnten die lauschenden Mnner hren, wie das
kommende Boot mit aller Macht gegen die dort ziemlich starke Strmung
anarbeitete.
    Aha, nickte Bolivar grinsend - in dem Boote steuert wieder Mr. Klugrabe -
will immer gescheidter sein, als andere Leute, und hlt jedesmal von Anfang an
zu viel ber - denkt's immer zu erzwingen und mu sich nachher wieder von der
Sandbank heraufleiern.
    Sie mssen ziemlich oben an der Spitze sein, meinte Blackfoot.
    Ja - aber mit welcher Arbeit - so viel wei ich - doch wahrhaftig da kommen
sie schon - Wetter noch einmal, mssen die in den Rudern gelegen haben!
    Blackfoot hatte indessen die Thr von Bachelors Hall geffnet und die
darin jetzt berall auf Fellen und Decken gelagerten Zecher geweckt. Nur murrend
und hchst unzufrieden mit der keineswegs gelegenen Strung gehorchten sie aber
dem Rufe und taumelten von ihren harten Betten auf, um bei dem Landen der Pferde
behlflich zu sein. Dies ging auch schneller von statten, als es der rauhe Boden
und das ungewisse Mondlicht htte erwarten lassen. Die Insulaner schienen aber
mit solcher Arbeit vertraut, und nach kaum einer Stunde lag das breite Boot
wieder wohlverwahrt und dicht versteckt neben den brigen Khnen, whrend die
Pferde in den Stllen untergebracht und dort von einem jungen Mestizenknaben
versorgt und mit Nahrung versehen wurden. Bolivar bereitete ihnen indessen die
Streu von weichem Laube. Die armen Thiere aber, so hungrig sie auch wohl sein
mochten, schienen zu erschpft, um auch nur einen Blick auf das sonst so eifrig
begehrte Futter zu werfen. - Todesmatt fielen sie, wo man sie hinstellte,
nieder, und ihr ganzes Aussehen, ihr ganzes Benehmen verrieth klar und deutlich,
wie sie eben eine Hetze mit durchgemacht, die sie kaum noch lnger ausgehalten
htten.
    Hrt einmal, Jones, sagte Blackfoot, als er in die Stallthr trat und die
erschpften Thiere betrachtete - ich glaube, Ihr habt die armen Dinger zu Tode
gejagt, sie schwitzen ja wie die Braten, und der kalte Luftzug auf dem
Mississippi wird ihnen wohl den Rest gegeben haben.
    Ei, und wenn sie alle der Teufel geholt htte, brummte der also Angeredete
- besser die, als ich - Pest und Donner - das sind die letzten, die ich aus
Arkansas herausgeschafft habe. Ueberhaupt geb' ich dem die Erlaubni, mich bei
den Ohren aufzuhngen, der mich noch einmal da drben erwischt.
    Sie sollen Euch drben vor ein paar Wochen die Jacke tchtig ausgeklopft
haben, lachte Blackfoot.
    Ja - und Der, der es gethan hat, liegt wohl nicht am Elevenpointsriver mit
zerschmettertem Hirn? zischte der kleine Mann - seine Pferde stehen wohl nicht
jetzt hier auf der Insel im Stalle?
    Alle Wetter, dieselben Pferde? rief der Bootsmann verwundert, da habt Ihr
mehr Courage, als ich Euch zugetraut htte - doch wer war denn hinter Euch?
    Wer? Der ganze Staat schien auf den Beinen - ich gab mich auch schon
verloren, ein wirkliches Wunder kann mich allein gerettet haben. Einmal sah ich
meine Verfolger schon, doch glcklich erreichte ich hier den Sumpf, und dort mit
allen Schlichen bekannt, gelang es mir, die Feinde irre zu fhren. Wre Euer
Boot aber nicht schon drben gewesen, ich htte bei Gott die Thiere im Stiche
gelassen und meine eigene Haut in Sicherheit gebracht - denen fall' ich nicht
noch einmal unter die Hnde - so viel wei ich.
    Schade, da Rowson so schndlich abgefangen wurde, sagte der Bootsmann -
das war ein trefflicher Kunde - Mordelement, ich wei keinen Menschen in ganz
Amerika, den ich lieber bei irgend einem pfiffigen Unternehmen gehabt htte, wie
den -
    Geht mir mit dem Schuft, brummte Jones - wre der Capitain nicht noch so
zur rechten Zeit dazu gekommen, die Canaille htte uns Alle miteinander
verrathen - pfui Teufel - ich hatte immer geglaubt, Rowson sei ein Mann, und wie
ein altes heulendes Weib hat er sich betragen. Das sollte mir einmal passiren -
Pest noch einmal, die Zunge wollt' ich mir eher aus dem Halse reien, ehe ich
ein Wort gestnde.
    Kelly war unter einem fremden Namen oben, nicht wahr?
    Wharton nannte er sich, lachte Jones, und Ihr httet nur einmal sehen
sollen, wie schlau er es anzudrehen wute, da der meineidige Pfaffe nicht zu
Worte kam - mit dem Indianer war brigens nicht zu spaen. - Wer kommt denn
dort?
    Die beiden Mnner blickten sich rasch nach der von dem Pferdediebe
bezeichneten Richtung um und sahen eine in dunkeln Mantel gehllte Gestalt auf
sich zukommen. - Es war der Capitain, der, ohne den Andern eines Wortes oder
Blickes zu wrdigen, Blackfoot am Arm ergriff und eine kleine Strecke mit sich
fortzog. Dort, als er sich vorher durch einen flchtig umhergeworfenen Blick
berzeugt hatte, da er unbelauscht sei, flsterte er leise:
    Georgine besteht darauf, den Mestizen an's Ufer zu senden - Bolivar soll
ihn also, wenn sie es verlangt, hinberrudern - er darf aber den festen Boden
nicht wieder betreten - verstehst Du mich?
    Der Mestize? frug Blackfoot erstaunt.
    Der Capitain nickte nur einfach und fuhr dann fort:
    Sander's Verhaltungsbefehle sind in diesem Briefe eingeschlossen - alles
Uebrige ist Dir ebenfalls bekannt.
    Bis wann schreibt denn Teufels Bill, da er hier eintreffen kann? frug der
Bootsmann.
    Mit jedem Tage, erwiderte Kelly - seiner Rechnung nach htte er
eigentlich schon gestern Helena erreichen mssen - Ihr wit doch noch sein
Zeichen?
    Ja - er fhrt stets vor der Insel vorbei und schiet, wenn er gerade neben
den Snags ist - das Boot lt er unterhalb auflaufen.
    Gut - ist mein Pferd gestern Abend hinbergeschafft und gefttert?
    Ei versteht sich, versicherte der Alte - das mu tchtig ausgreifen
knnen, es hat jetzt zwei Tage ruhig gestanden. Was soll aber mit dem Mdchen da
drin geschehen?
    Die - werde ich der Sorgfalt des Negers anvertrauen, murmelte der Capitain
- ich will ihm morgen frh selbst die nthigen Verhaltungsregeln geben; doch
fr jetzt gute Nacht, legt Euch auch ein wenig schlafen und - habt gute Acht auf
den Burschen da -
    Auf Jones?
    Ja - er darf ohne Schwur die Insel nicht verlassen.
    Der ist treu, sagte Blackfoot.
    Gut fr ihn, murmelte der Capitain - und verschwand gleich darauf wieder
in der Thr.

                                    Funoten


1 Der Weie.


                                       8.

                                        

                        Der Ritt der beiden Botschafter.

Die Sonne stand schon anderthalb Stunden hoch, als zwei Mnner, aus schnen
krftigen Pferden, durch jene fast unwegsame und groentheils unter Wasser
stehende Niederung ritten, die den Mississippi an beiden Ufern viele Meilen
breit einschliet. An einen Pfad war dabei gar nicht zu denken, nicht einmal ein
Zeichen lie sich an Busch oder Baum erkennen, da hier die fleiige Hand der
Menschen schon je thtig gewesen. Nur Rohr und Unterholz gedieh, so weit ihnen
das der dichte Schatten der vollbelaubten Stmme erlaubte, nach besten Krften,
und der ppige Wuchs der Schlingpflanzen schien sich in dieser Umgebung
besonders wohl und krftig zu befinden. An wenigen Stellen waren die Strahlen
der Sonne vermgend gewesen, durch das Gewirr von Laub und Aesten zu dringen,
und wo ihnen das wirklich gelang, da spielte auch sicherlich ein dichter Schwarm
schlankhftiger Mosquitos in dem warmen, die feuchten Schwaden der Nachtluft
vertreibenden Lichte. Heruntergebrochenes Holz starrte berall vom Boden auf,
und an den wenigen Pltzen, die das Auge noch erkennen konnte, verstattete das
dichte, hier nie von einem Wind verwehte Laub den einzelnen Grasspitzen kaum,
sich Bahn zum Lichte zu brechen.
    Die Reiter schienen aber an ihre de Umgebung gewhnt. Keinen Blick warfen
sie weder rechts noch links auf die sie umschlieende Wildni, nur vor sich
nieder sahen sie, vor die Hufe ihrer Pferde, um diesen, durch ihre hhere
Stellung begnstigt, das Terrain berblicken zu helfen und die beste, das heit
die am wenigsten schlechte Bahn auszusuchen.
    So sehr aber auch der Aelteste und Strkste von ihnen in seine ganze
Umgebung passen mochte, so sehr stach der Zweite, Jngere, dagegen ab. Ein mit
den nheren Verhltnissen nicht Vertrauter htte auch wahrlich staunen sollen,
wenn er die zierliche, schlanke, fast stutzerhaft gekleidete Gestalt auf dem
prchtigen und edeln Rosse an einem Ort gefunden, zu dem sich, wie jeder
vernnftige Mensch glauben mute, eigentlich nur ein Brenjger verirren konnte.
    Er war schlank, ja fast schmchtig gebaut und ganz nach dem modernsten
Schnitt der damaligen Pariser Mode in einen leichten hellbraunen Frack,
weiseidene Weste, braunseidenen Shlips und grocarrirte Pantalons gekleidet.
Den untern Theil der letzteren hatte er aber, um sie vor dem Bespritzen zu
wahren, nach Art der Hinterwldler mit einem breiten Stck grellrothen Flanells
umwunden, der sie bis ber das Knie hinauf beschtzte und auch zugleich den Fu
vollkommen umhllte. Den Kopf deckte ein feiner schwarzer Filz, und darunter vor
quollen volle und ppige, seidenweiche blonde Locken. Mit den treublauen Augen
htte man ihn auch wirklich fast fr ein schnes verkleidetes Mdchen halten
knnen, wre nicht der keimende Flaum der Oberlippe gewesen. Nie aber schlug
noch in einer menschlichen Brust ein Herz, das eines Teufels wrdiger gewesen,
wie in dieser - nie im Leben trog Auge und Blick mehr, als bei diesem Buben, der
sich, einer Schlange gleich, von seinem glatten Aeueren begnstigt, nicht in
die Huser, nein in die Herzen Derer stahl, die er vernichten wollte, und ber
deren Elend er dann frohlockte.
    Auf der Insel hatte er sich als Eduard Sander eingefhrt und der Bande durch
seine Verstellungskunst und teuflische Bosheit schon unendlichen Nutzen
gebracht. Ueber sein frheres Leben wute aber Niemand etwas Genaueres, und da
der grte Theil der Gesellschaft, der er nun angehrte, eben so wenig Ursache
hatte, mit vergangenen Vorfllen zu prahlen, frug ihn Niemand danach. Er gab
sich nur kurz fr den Sohn eines georgischen Pflanzers aus und stellte damit
seine Umgebung vollkommen zufrieden.
    Sein stets verschlossenes Wesen lie ihn aber auch unter den Kameraden, wenn
er ja einmal fr kurze Zeit auf der Insel verweilte, ziemlich allein stehen. Er
schlo sich an Keinen an, und stand nur mit dem Capitain und dessen Frau in
freundschaftlicher Verbindung, was sich freilich auch schon leicht durch den
Grad der Bildung erklren lie, den er selbst geno, und durch den, auf dem die
Gefhrten seiner Verbrechen standen.
    Der Einzige von allen diesen, mit dem er zu Zeiten plauderte und zu dem er
sich hielt, war Blackfoot, sein jetziger Begleiter, der das Rauben gewissermaen
als Geschft betrachtete und oft behauptete, es sei bei ihm so zur Leidenschaft
geworden, wie beim Jger das Brenhetzen. Seinem Fhrer und Capitain dabei
ergeben, war Blackfoot treu und offen, wenigstens gegen die Kameraden. Sander
hatte er aber besonders deshalb lieb gewonnen, weil dieser eine eben solche
Aufrichtigkeit gegen ihn heuchelte. In der That aber war er weit davon entfernt,
ihn mit Sachen bekannt zu machen, die er nicht nothgedrungen wissen mute.
    Blackfoot ging in die Tracht der Hinterwldler gekleidet. Er trug Bchse und
Bowiemesser, und gab sich fr einen Ansiedler aus, der sich erst krzlich dicht
am Ufer des Mississippi niedergelassen htte und nun nicht bel Lust habe, einen
Theil seines Vermgens in irgend einer vorteilhaften Speculation anzulegen.
Beider Ziel war aber fr jetzt Helena, wohin Sander seine besonderen, allerdings
geheimen Instructionen hatte.
    Die Pest ber solches Reiten, brach endlich dieser das Schweigen, das sie
bis dahin - zu sehr mit der Unebenheit des Bodens beschftigt - beobachtet
hatten - Hals und Beine knnte man brechen, und das Schlammwasser schlgt Einem
fast bei jedem Schritte ber dem Kopfe zusammen. Da mich auch der Henker diesen
Weg fhren mute; ich werde schn aussehen, wenn wir nach Helena kommen. Wo zum
Teufel mag denn nur die verdammte Strae liegen. Wir sind am Ende in all' diesem
Gewirr schon drber hin und ziehen nun gen Westen in irgend eine schne, noch
nicht entdeckte Gegend.
    Habt keine Angst, lachte der Pilot in diesem Waldmeer, die Helenastrae
mu wenigstens noch eine Meile weiter hin liegen. - Bedenkt doch nur, Mann, da
wir auf solcher Bahn haben Schritt fr Schritt reiten und oft bedeutende Umwege
machen mssen, um nur den Seen und Dickichten auszuweichen, die wir unmglich
durchschneiden konnten. Trstet Euch aber, der Boden wird jetzt ein wenig
besser; wir haben das Schlimmste hinter uns und knnen nun doch zum Mindesten
neben einander hintraben und ein vernnftiges Wort mitsammen plaudern.
    Sander schien von diesem einzigen Trost keineswegs sehr erbaut, denn er
murmelte ein paar unverstndliche und verdrieliche Worte in den Bart, machte
aber endlich gute Miene zum bsen Spiel, prete die Flanken seines Thieres ein
wenig und sprengte an die Seite seines Kameraden, der ihn mit einem halb
lchelnden, halb spttischen Blick betrachtete.
    Ihr seht schn aus, sagte er und sein Mund verzog sich zu einem breiten
Grinsen - wie eine Forelle oder eine chte Cuba-Cigarre. - Es geschieht Euch
aber recht, warum habt Ihr meinen Rath nicht befolgt und die Decke bergehngt.
    Da ich die Fasern nachher in einer Woche nicht wieder losgeworden wre,
nicht wahr? - erwiderte mrrisch der Angeredete. - Nein, da brsten sich die
trocken gewordenen Schmutzflecken besser wieder ab. - Aber hol' der Bse den
Ritt - erzhlt mir lieber das Genauere von dem Dampfboot. Wir wollen also in
corpore eins kaufen?
    Nun ja, ich habe es Euch ja schon einmal gesagt. Das ist der gescheidteste
Gedanke, den Kelly je gehabt hat. Potz Seelwen und Eisbren, was fr einen
verdammt guten Spa das gbe, wenn unsere Nachbarschaft einmal Wind von uns
bekme und nun pltzlich das ganze Nest mit Dampf abfahren she. Nicht mit Gold
wre der Witz zu bezahlen.
    Nein, murmelte sein Begleiter, denn der Einsatz dagegen wren unsere
Hlse. Das mit dem Dampfboot liee sich aber auch noch ausdehnen. Unsere
Geschtzstcke nhmen wir natrlich mit unterwegs, ehe wir die mexikanische
Kste erreichten, trieben wir ein wenig Seeruberei. Jetzt im Sommer, wo im Golf
fast stete Windstille ist, mte die Sache herrlich gehen. Was wir an Schoonern
und kleineren Fahrzeugen fnden, wre unbedingt unser, ja wer wei, ob wir nicht
auch eins der Vereinigten-Staaten-Dampfboote entern und eine famose Beute machen
knnten. Erst mssen wir freilich das Dampfboot haben.
    Nun, die Sache soll bermorgen, als am letzten Sonnabend im Juni, in
ffentlicher Sitzung vorgetragen und beschlossen werden. Acht Tage spter knnen
wir dann ein Dampfboot an Ort und Stelle haben, und in zwei Tagen mehr sind wir
im Stande, es ganz nach unserem Wunsche nicht allein einzurichten, sondern auch
zu stationiren.
    Es mte natrlich nur von den Unseren bemannt werden.
    Das versteht sich, und eben diese Wahl der zu den verschiedenen Posten zu
Verwendenden mu ebenfalls zu gleicher Zeit stattfinden, sonst gbe es nachher
Mord und Todtschlag. Es wrde Jeder Capitain, Keiner aber Feuermann und Deckhand
sein wollen.
    Der Capitain mu jetzt viel baares Geld liegen haben, sagte Sander
nachdenkend - es sind in letzter Zeit gewaltige Posten eingegangen. Wie viel
ist wohl in der Kasse?
    Ich wei es nicht, erwiderte Blackfoot - wahrscheinlich wird er doch am
Sonnabend ebenfalls Rechnung ablegen. - Er hat aber wohl viel Geld nach Mexiko
geschickt, wo er, wie mir gesagt ist, eine bedeutende Landstrecke fr uns
gekauft haben soll.
    Hat ihm denn die Gesellschaft den Auftrag dazu gegeben? frug Sander und
wandte sich pltzlich nach seinem Begleiter um.
    Ich glaube kaum, sagte dieser - doch wozu auch? Wenn er es einmal fr gut
und nthig hielt, so knnen wir Anderen auch damit zufrieden sein. Aufrichtig
gesagt ist's mir, nach der letzten Geschichte am Fourche la fave und nach den
keineswegs trstlich lautenden Nachrichten, gar nicht mehr so heimlich am
Mississippi, wie frher. Ich denke immer, es knnte uns einmal ber kurz oder
lang etwas Menschliches begegnen, und - das mag dem Capitain wohl auch so gehen;
der Plan mit dem Dampfboot und dem angekauften Land ist deshalb auch ganz gut.
    Ja, sagte Sander, gewi - heit das, wenn es von dem Gelde angeschafft
wird, was der Capitain in seiner Verwahrung hat - sonst nicht. - Sonst
erschpfen wir unsere Privatkassen bis auf den letzten Cent und sind dann immer
wieder auf die Gesellschaft oder - den Capitain angewiesen, der uns schon
berdies zu sehr unter dem Daumen hlt. Nun meinetwegen, ich habe weder Kind
noch Kegel, und mein Eigenthum ist auch ohne Dampfschiff transportabel; ich
werde deshalb also auch keinen Deut dazu geben, Ihr Anderen knnt natrlich
thun, was Euch gefllt. - Was mich betrifft, so gehe ich meine Bahn.
    Und worin besteht die diesmal? frug Blackfoot, Ihr habt mir noch gar
nicht gesagt, was Ihr eigentlich in Helena wollt -
    Was ich will? sagte Sander und zog die Stirn in finstere, rgerliche
Falten - fragt lieber, was ich soll. - Ich wollte noch ein paar Tage auf der
Insel bleiben, um mich nach den letzten gehabten Strapazen auszuruhen. Alle
Wetter, es ist keine Kleinigkeit, ein Boot den Wabasch, Ohio und Mississippi
herunter bis hierher zu steuern - und nachher die Scenen. Aber nein, ich darf
nicht einmal ausschlafen heute Morgen, und mu Hals ber Kopf einen Weg
zurcklegen, auf dem mich - Gott soll mich strafen - kein Christenmensch zum
zweiten Mal antreffen soll.
    Aber Euer Zweck in Helena?
    Ein hbsches junges Mdchen von zu Hause fortzulocken.
    Ein hbsches junges Mdchen? Kelly wird doch unmglich eines
Liebesabenteuers wegen -
    Schwerlich, unterbrach ihn Sander - der Preis wre erstlich zu hoch, den
er gesetzt hat, und dann stimmen dazu auch nicht die brigen Umstnde. - Eine zu
erlangende Erbschaft wre wahrscheinlicher.
    Eine Erbschaft? Von woher?
    Ja, da fragt Ihr mich zu viel, darber hab' ich mir selber den Kopf schon
zerbrochen. Apropos - in welchem Staate war der Capitain neulich, als er so
lange fortblieb?
    In Georgien. - Glaubt Ihr, da das mit jener Erbschaft etwas zu thun hat?
    Warum nicht? Ist doch Simrow ebenfalls in Georgien, und Kelly steht mit
dort in sehr lebhafter Correspondenz.
    So? Davon hat er mir noch gar nichts gesagt, meinte Blackfoot und starrte
nachdenkend auf seinen Sattelknopf nieder. - Kennt Ihr denn die Dame schon, bei
der Ihr Euch in Helena einfhren wollt?
    Ja wohl - von Indiana her, erwiderte Jener noch immer zerstreut.
    So? Eine alte Bekanntschaft also - nun da bedarf's keiner weiteren
Empfehlungen; da ist schon halb gewonnen Spiel. Wie heit sie denn?
    Ich habe trotzdem noch eine Empfehlung an einen Verwandten von ihr, in
dessen Haus sie lebt - an einen gewissen Mr. Dayton!
    Mister Dayton ihr Verwandter? rief Blackfoot in lautem Erstaunen, und
griff so fest in den Zgel seines Rosses, da dieses zurcksprang und hoch
aufbumte.
    Ja, der Brief ist fr ihn, sagte Sander, die Dame aber ein junges
Gnschen vom Lande, doch nicht ohne richtigen Mutterwitz. Sie kennt mich
brigens, und die Sache hat nicht die mindeste Schwierigkeit.
    Was kann da nur die Absicht sein?
    Ei zum Henker, was kmmert's mich. - Ich habe nur den Auftrag, sie wo
mglich in Gte bis sptestens Sonnabend Abend an einen mir genau bezeichneten
Ort zu schaffen, und das Weitere dann dem Capitain zu berlassen. Dafr bekomme
ich tausend Dollar aus seiner Privatkasse. Aber was wollt denn Ihr oben in
Helena - auch etwa kleine Privatgeschfte, heh? Hrt, Blackfoot, Ihr habt Euch
heute so stattlich herausgeputzt - ich will doch nicht hoffen -
    Hoffen? Was? brummte der Alte- Unsinn, alberner - Ihr habt weiter nichts
als solche Possen im Kopfe. Und dennoch, schmunzelte er nach kleiner Pause,
gilt mein Auftrag diesmal einer Lady.
    Hab' ich's denn nicht gedacht? jubelte Sander und bog sich lachend auf den
Hals seines Pferdes nieder - hab' ich's denn nicht gedacht - Blackfoot auf
Damenbesuch - Blackfoot als angenehmer galant homme in der Stadt - das ist
gttlich - hahaha - das ist capital!
    Nun ich sehe nicht ein, was dabei gro zu grinsen sein knnte, wenn es
wirklich der Fall wre, brummte Blackfoot. Uebrigens, fuhr er selber lachend
fort - werdet Ihr Eure Saiten wohl ein wenig tiefer spannen, wenn Ihr erst
einmal erfahrt, wer die Dame eigentlich ist, der ich, nach Eurer bescheidenen
Ansicht, den Hof machen soll. - Sie heit Louise Breidelford.
    Gott sei uns gndig, schrie Sander entsetzt - der Drache existirt auch
noch in Helena? - Na dann gnade mir Gott, wenn mich die einmal gewahr wird.
Eigentlich ist mir's fatal - sie hat mir einmal in Vicksburg einen Streich
ausfhren helfen, den ich in Helena gerade nicht whrend meines dortigen
Aufenthalts an die groe Glocke geschlagen haben mchte. - Ich war damals noch
dazu unter einem falschen Namen in Vicksburg.
    Habt deshalb keine Angst, sagte Blackfoot - die schweigt; denn wenn
Jemand Ursache htte, von der Vergangenheit zu schweigen, so wre es gerade sie.
- Sollte sie Euch aber dennoch jemals drohen - wer wei denn, ob sie nicht
dadurch gerade etwas von Euch zu erpressen hofft - so fragt sie nur ganz
freundlich, ob sie noch einen kleinen Vorrath von den langen Ngeln htte, die
ihr Mr. Dawling vor einigen Jahren verschafft. - Hrt Ihr - verget den Namen
Dawling nicht.
    Sander nahm seine Brieftafel heraus und schrieb sich das Wort auf.
    Dawling, sagte er sinnend - Dawling - wo habe ich den Namen schon einmal
gehrt? Was fr eine Bewandtni hat es denn mit den Ngeln?
    Das kann Euch gleichgltig sein, brummte Blackfoot. - Ich gebe Euch die
Arznei, fragt nicht, wo sie herkommt, und gebraucht sie, wenn Ihr ihrer bedrft.
- Aber hier ist der Weg - so, nun knnen wir unsere Pferde einmal ordentlich
ausgreifen lassen, wir kommen sonst zu spt nach Helena. Aus diesem Grunde
vielleicht, oder auch, um den weiteren Fragen seines Begleiters zu entgehen,
drckte er seinem Thier die Hacken in die Seiten und sprengte rasch auf der nach
Helena fhrenden Strae hin, die diesen Ort zu Lande mit der Mndung des
Whiteriver und dem darber gelegenen Montgomerys Point verband. Sander folgte
ihm. Whrend er aber seinem Thier den Zgel lie, beschftigte er sich eifrig
dabei, mit einer kleinen Taschenkleiderbrste seinen Anzug von den
heraufgespritzten Schmutzflecken zu reinigen, sein langes weiches Haar zu ordnen
und die durch den bsen Ritt total zerstrte Frisur so weit wieder herzustellen,
wie ihm das bei der schnellen Bewegung eines galoppirenden Pferdes und nur mit
der Hlfe eines kleinen Hohlspiegels mglich war.

                                       9.

                                        

                          Alte Bekannte treffen sich.


Mrs. Dayton hatte, ihr am vorigen Abend gegebenes Versprechen zu erfllen, alle
nthigen Anstalten getroffen, ein paar Tage ber Land bleiben zu knnen. Es war
auch, als Mr. Dayton etwas spt am Morgen und ziemlich erschpft von dem langen
Ritt zurckkehrte, beschlossen worden, gleich nach Tisch aufzubrechen und
Livelys zu besuchen, mit denen Mrs. Dayton schon in frherer Zeit in Indiana
befreundet gewesen.
    Die kleine Familie hatte noch nicht lange ihr einfaches Mittagsmahl beendet,
und der erst vor einigen Stunden zurckgekehrte Squire eben zwei wiederum fr
ihn eingetroffene Briefe gelesen und in die Brusttasche geschoben, als
Pferdegetrappel vor der Thr gehrt wurde und Adele an's Fenster sprang, um zu
sehen, wer es wre, der vor ihrem Hause anhielt. Kaum hatte sie aber den Blick
hinabgeworfen, als sie auch berrascht ausrief:
    Mr. Hawes - bei Allem, was da lebendig auf der Erde herumluft! - Nein, so
etwas ist noch gar nicht dagewesen!
    Und wer ist denn Mr. Hawes? frug Squire Dayton lchelnd - der ist
wirklich noch nicht dagewesen. Da Du brigens den Gentleman so gut zu kennen
scheinst, so bist Du es auch vielleicht, derentwegen er uns hier aufsucht.
    Das ist sehr leicht mglich, sagte Adele unbefangen. - Seine Frau war
meine beste Freundin, Du mut sie noch von frher her kennen, Hedwig - Marie
Morris - des alten reichen Morris Tochter. Wissen mcht' ich aber, was ihn nach
Arkansas bringt. Ich glaubte, er wre schon lange in Louisiana auf seiner
Plantage.
    Nun, da kommt er selbst und wird Dir das Rthsel wohl lsen, sagte Squire
Dayton. Wirklich wurden auch im nchsten Augenblick die leichten schnellen
Schritte auf der Treppe gehrt, und gleich darauf trat nach kurzem Anklopfen und
ohne fast das einladende Herein zu erwarten, derselbe junge Mann in die Stube,
den wir schon heute Morgen, freilich unter einem andern Namen, in der
Mississippi-Niederung gefunden haben.
    Mi Adele! rief er und schritt schnell und die Hand ihr entgegenstreckend,
auf die Dame zu - es freut mich herzlich, Sie so wohl und munter zu finden.
Wahrscheinlich habe ich die Ehre, Mister und Mistre Dayton hier vor mir zu
sehen?
    Squire Dayton und Frau verneigten sich, und der Erstere sagte freundlich:
    Unsere kleine Freundin hier hat Sie schon von drauen angemeldet - Mr.
Hawes, wenn ich nicht irre - sie erkannte in Ihnen einen alten Bekannten -
    Dann htte ich ja kaum der kalten Einfhrung dieses Briefes bedurft, sagte
der Betrger mit einer leisen Verneigung gegen die junge Dame. - Von Mr.
Porrel, jetzigem Staatsanwalt in Sinkville, der so gtig war, nebst einem
freundlichen Gru Ihnen die Meldung zu machen, da eine so unbedeutende Person
wie ich berhaupt existire.
    Ach, von Porrel - haben Sie ihn erst krzlich verlassen? frug der Squire
und nahm den Brief an sich. - Es ist manches Jahr vergangen, da wir einander
nicht gesehen haben.
    Und doch spricht er noch mit vieler Liebe und Anhnglichkeit von Ihnen. Er
ist vor wenigen Wochen Staatsanwalt geworden und steht sich jetzt ziemlich gut -
bekleidet auf jeden Fall einen ganz eintrglichen und hchst achtbaren Posten.
    Aber wie geht es Mistre Hawes, Sir? Was macht Marie und wo ist sie?
unterbrach ihn hier Adele. Sie erwhnen ja kein Wort von ihr und ihren Eltern.
Ich glaubte Sie auf Ihrer Plantage in Louisiana.
    Knnte ich dann schon wieder hier sein? frug Sander. Nein - die Pflanzung
in Louisiana haben wir nicht gekauft, denn in Memphis, wo wir glcklicher Weise
einen Tag liegen blieben, kamen uns so bse und ungnstige Berichte ber jene
Gegend zu Ohren, da wir lieber beschlossen, das geringe Draufgeld im Stiche zu
lassen, als so bedeutende Capitalien an ein spter fast werthloses Grundstck zu
wenden. Da hrten wir von dem Verkauf einer Pflanzung bei Sinkville in
Mississippi - landeten dort, fanden die Bedingungen mig, Land und Gebude
trefflich, und wurden noch in derselben Woche handelseinig.
    Und bei Sinkville wohnt jetzt Marie? rief Adele freudig. - Oh wie
herrlich! Das liegt ja kaum sechs Meilen von Helena entfernt - ach, da besuche
ich sie in den nchsten Tagen.
    Sie darum zu bitten, ist eigentlich der Zweck meines Hierseins, erwiderte
Sander - nur machen Sie sich dann auf einen etwas lngeren Aufenthalt gefat,
denn so schnell lt Sie Marie gewi nicht wieder fort. Mir ist sogar der
dringende Auftrag geworden, Sie - wenn das irgend mglich wre - gleich
mitzubringen. Drben am andern Ufer steht mein Cabriolet, und ich habe das Pferd
nur deshalb mit herbergebracht, weil ich nicht genau wute, ob Sie in oder bei
Helena Ihren Wohnsitz htten.
    Ei, wie wird es dann mit dem Besuch bei Livelys werden? sagte Mr. Dayton,
den wirst Du am Ende gar aufschieben mssen.
    Adele sah die Schwester an, und ein leichtes Errthen frbte ihre Wangen.
    Nein, das geht unmglich, warf aber Mrs. Dayton ein. Wir haben erst
gestern Abend durch den jungen Lively unser Kommen auf heute bestimmt ansagen
lassen; Mrs. Lively hat sich auch gewi eine Menge von Umstnden gemach und
wrde es nun mit Recht sehr bel nehmen, wenn wir unser Wort brchen. Wie wre
es aber, wenn uns Mr. Hawes dorthin begleitete? Geschieht das, so kann Adele
ganz gut morgen frh und gleich von dort aus mit Ihnen aufbrechen, und Sie haben
doch wenigstens den Weg nicht vergebens gemacht.
    Sie machen mir durch diese Erlaubni eine groe Freude, erwiderte Sander;
zwar riefen mich eigentlich in einem so neuen Besitzthum wohl leicht
erklrliche Geschfte schnell zurck, doch mag Vater einmal auf einen Tag lnger
meine Stelle versehen. Er ist jetzt, Gott sei Dank, recht krftig und wohl, und
da wird es ihm nicht gleich schaden. - Ueberdies habe ich seit langer Zeit
gewnscht, Squire Dayton genauer kennen zu lernen, von dem ich schon so viel
Gutes und Liebes in Sinkville gehrt.
    Um so mehr mu ich dann bedauern, das Vergngen Ihrer Gesellschaft,
wenigstens fr heute, zu entbehren, sagte der Richter verbindlich; meine
Geschfte erlauben mir nicht, Helena auf mehrere Tage zu verlassen, ich hoffe
Sie jedoch recht bald einmal und zwar dann fr einen lngeren Aufenthalt bei uns
zu sehen. Aber da kommen die Pferde, unterbrach er sich pltzlich - nun, Mr.
Hawes, jetzt werden Sie gleich das Amt eines Ritters und Beschtzers bernehmen
knnen, das sonst von dem weniger Romantischen einer Wache in der Person meines
alten Csar htte ersetzt werden mssen.
    Ich bin stolz auf das Vertrauen, das Sie schon nach so kurzer Bekanntschaft
in mich setzen, und werde suchen mich dessen wrdig zu zeigen, sagte Sanders -
nur Eins macht mich besorgt - der Weg nach Livelys ist mir fremd - ich wei
nicht -
    Den werde ich Ihnen zeigen, rief Adele schnell und errthete dann, als sie
der Schwester Lcheln bemerkte, ber den vielleicht zu groen Eifer, den sie
hierbei verrathen.
    Einer so schnen Fhrerin wrde ich folgen, und wenn ich wte, das Ziel
wre der Tod! rief Mr. Hawes rasch.
    Ei, ei, Sir, warnte der Richter, das sind gefhrliche Aeuerungen fr
einen jungen Ehemann - wenn das die Frau hrte -
    Marie und ich wissen, wie das gemeint ist, sagte Adele freundlich und
unbefangen. Mr. Hawes macht auch manchmal Verse, und den Poeten darf man schon
ein wenig Uebertreibung gestatten. Doch die Pferde warten; also, Herr Ritter,
ich werde Ihre Fhrerin sein.
    Mit diesen Worten und whrend Sander noch von Squire Dayton Abschied nahm,
ergriff das schne Mdchen den Arm der Schwester und zog sie lachend mit die
Treppe hinab. Csar fhrte dort Mrs. Dayton's Pferde vor, Adele aber leukte, ehe
Sander im Stande war, ihr die hlfreiche Hand zu bieten, das kleine muntere Pony
an einen zu diesem Zweck dort hingewlzten Stamm und sprang leicht und sicher in
den Sattel. Der vermeintliche Eduard Hawes konnte ihr nur noch den kleinen
rothsaffianenen Pantoffel, der den Steigbgel bildete, unter die zierliche
Fuspitze schieben. Dann schwang er sich ebenfalls auf den Rcken seines
ungeduldig scharrenden Thieres, und fort im kurzen Galopp sprengte die kleine
Cavalcade den schmalen Waldweg entlang, der, am Fu der Hgel hin, der etwa
sechs bis sieben englische Meilen entfernten Farm des alten Lively zufhrte.
    Zu derselben Zeit, als die beiden Damen und ihre Begleiter in den dichten
Bschen der Waldung verschwanden, kam eines jener mchtigen Flatboote mit der
Strmung den Mississippi herab und beabsichtigte allem Anschein nach, in Helena
zu landen. - Auer den fnf Bootsleuten, die mit uerster Anstrengung ihrer
Krfte die langen, schweren Finnen handhabten, um das Fahrzeug dem Lande
zuzufhren, standen noch zwei Mnner neben dem Steuernden am Hinterruder, und
zwar recht gute Bekannte von uns! der alte Edgeworth und sein Begleiter Tom
Barnwell. Dicht bei ihnen aber sa der alte graue Schweihund gar ernsthaft auf
seinem Ende und betrachtete mit unverkennbarem Interesse das Ufer, das er, wie
das kluge Thier recht gut merkte, jetzt bald wieder einmal nach langer
Wasserfahrt betreten sollte.
    Eine Person an Bord zeigte sich jedoch mit dieser Maregel keineswegs
zufrieden, und das war der Steuermann. Vorher schon hatte er eine Menge von
Grnden gegen das Landen erschpft, war aber doch zuletzt gezwungen zu
gehorchen, und stand nun in mrrischem Schweigen an seinem Ruder. Endlich brach
sich aber sein verhaltener Ingrimm noch einmal in Worten Bahn, und er sagte,
einen bittern Fluch der Rede voranschickend:
    Ich will verdammt sein, wenn es nicht barer Unsinn ist, hier in dem Neste
anzulaufen. - Arbeiten mssen wir wie das Vieh, um nur wieder aus der
Gegenstrmung heraus zu kommen, und nicht die Hlfte von dem bekommen wir hier,
was sie uns in Vicksburg oder selbst in Montgomerys Point dafr bezahlen.
    Ich mchte nur wissen, was Ihr fortwhrend mit Eurem Montgomerys Point
habt, erwiderte ihm der alte Edgeworth - das mu ein wahres Muster von
Handelsplatz sein - ein Ideal aller Flatboote.
    Wo liegt es denn eigentlich? frug Tom - ich bin doch auch frher am
Mississippi gewesen, kenne aber den Ort gar nicht.
    Es wird manchen Ort hier geben, den Ihr nicht kennt, brummte der Lootse -
in einem Jahr verndert sich hier verdammt viel. - Seht einmal da drben Helena
- das waren nur ein paar Huser, als ich zuerst an den Mississippi kam, und
jetzt ist's eine ordentliche Stadt. Montgomery baute vor etwa vier Jahren die
erste Htte, und jetzt ist es der Schlssel zum ganzen Westen, denn alle
stromabkommenden Dampfboote gehen natrlich den nheren Weg, durch den
Whiteriver in den Arkansas, und passiren dort nie ohne anzulegen. Da leben auch
Kaufleute, vor denen man Respect haben mu; uns hat einmal einer - ein Einziger
- eine ganze Flatbootladung Mehl abgenommen, und das war noch nicht einmal der
reichste.
    Nun, meinetwegen, sagte der alte Edgeworth; wenn Ihr solch unmenschliches
Vertrauen zu dem Neste habt, so wollen wir da anlegen, aber erst will ich sehen,
wie der Markt hier steht. Ich habe nun einmal meinerseits Vertrauen nach Helena
und sehe gar nicht ein, weshalb wir's nicht wenigstens versuchen sollten, unsere
Ladung hier los zu werden. Also greift aus, meine Burschen, greift aus - in ein
paar Minuten seid Ihr am Ufer, und dann mgt Ihr Euch heute einen vergngten
Abend machen.
    Die Mnner legten sich denn auch mit dem besten Willen von der Welt gegen
die schweren Finnen, gaben mit scharfem Nachdruck den letzten Sto und liefen,
whrend der Eine das an Bord befindliche Ende niederdrckte und rasch zurckzog,
mit schnellen Schritten nach, um keinen Zoll breit Raum zu verlieren. So
erreichten sie endlich die stillere, dicht vor der Stadt befindliche
Stromflche. Tom ergriff jetzt das lange Bugtau und trat vorn auf die oberste
Spitze des Bootes, von dem er, als sie jetzt dicht an den brigen dort
befestigten Fahrzeugen vorbeitrieben, auf das ihm nchste sprang. Auf diesem
lief er hin und an's Ufer und befestigte dort das Tau in einem der zu diesem
Zweck angebrachten eisernen Ringe. Wenige Secunden spter traf das breite,
unbehlfliche Fahrzeug schwerfllig gegen die weiche Schlammbank an, und die
schnell heraufgenommenen Ruder oder Finnen wurden an Bord gelegt.
    Zwei der Flatbootleute blieben jetzt als Wachen zurck, und die Uebrigen,
der alte Edgeworth und Tom mit dem grauen Schweihund an der Spitze, schritten
in die Stadt hinauf, um das Terrain zu erkunden, die Preise der nrdlichen
Produkte zu erfahren und berhaupt auszufinden, ob und in welcher Art sich hier
ein Geschft anknpfen lasse.
    Nur Bill, der Steuermann, ging nicht mit den Nebrigen, sondern schlenderte
erst, scheinbar zwecklos, am Ufer hin, bis er die Kameraden aus den Augen
verloren hatte. Dann bog er rechts ab, schritt die zum Wasser fhrende
Walnutstreet schnell hinauf und klopfte gleich darauf an ein niederes
alleinstehendes Haus, in dessen oberem Fenster im nchsten Augenblick das
liebenswrdige Antlitz der Mrs. Breidelford sichtbar wurde. Diese hatte aber
kaum einen Blick auf die Strae geworfen und den Besuch erkannt, als sie auch
schon wieder mit einem Schrei des Erstaunens, vielleicht der Freude, zurckfuhr,
denn gleich darauf wurden ihre schnellen Schritte gehrt, wie sie die Treppe in
fast jugendlicher Eile herabsprang, den willkommenen Gast einzulassen.
    Nun, Bill - das ist prchtig, da Ihr kommt, waren die ersten Worte, mit
denen sie ihn begrte, und die allerdings verriethen, da sie schon frher auf
einem, wenn auch nicht gerade vertrauten, doch sicherlich bekannten Fue
gestanden hatten; seit drei Tagen guck' ich mir schon fast nach Euch die Augen
aus dem Kopfe, und immer vergebens. Mein lieber seliger Mann hatte aber ganz
Recht - Louise - sagte er immer - Louise -
    Oh geht mit Eurem verdammten Geschwtz zum Teufel, brummte der keineswegs
so gesprchige Gast, ohne viel zu bercksichtigen, da er sich mit einer Dame
unterhielt; - sagt lieber, wie es mit der Insel steht und ob ich irgend wen von
den Unseren hier in Helena finden kann.
    Nu - nu, Meister Brummbr, rief die Wittwe beleidigt - - ich dchte doch,
man htte oben im Norden nicht alle Artigkeit verlieren sollen und knnte
wenigstens guten Tag sagen, wenn man zu anderen Leuten ins Haus kme. - Ich bin
auch mein Lebenlang in der Welt herumgekommen und kein Gelbschnabel mehr, da
ich mich von jedem hergelaufenen Narren brauche anfahren zu lassen. Aber ich
wei schon - mein Seliger hatte Recht - Louise, sagte er, - Du bist -
    Eine liebe, prchtige Frau, unterbrach sie, ihr freundlich die Hand
entgegenstreckend, Bill, denn er kannte Mrs. Breidelford zu gut, um nicht zu
wissen, da er eben im Begriff gewesen sei, es auf immer mit ihr zu verderben.
Ich sollte doch denken, Ihr httet Zeit genug gehabt, den rauhen Bill kennen zu
lernen. Er gehrt allerdings nicht zu den Feinsten, aber er meint's nicht so
bse. Also, meine schne Mrs. Breidelford, wie steht's hier im Territorium? Was
macht der Capitain und die Bande, und knnte ich ein paar der Burschen hier in
Helena finden - wenn ich ihre Hlfe brauchen sollte?
    Zehn fr einen, Bill, rief da pltzlich eine Stimme vom obern Rande der
Treppe - zehn fr einen - wie geht's, alter Junge? Bringst Du Beute? Nun die
kommt uns gelegen, besonders wenn sie der Mhe werth ist.
    Blackfoot - so wahr ich lebe, jubelte der Steuermann der Schildkrte - und
sprang frhlich zur Treppe - Du kommst wie gerufen und kannst mir helfen, einen
alten Narren von Helena wegzubringen, der es sich nun einmal in den Kopf gesetzt
zu haben scheint, hier zu verkaufen. Die Ladung ist nicht bedeutend, aber er
fhrt wenigstens zehntausend Dollar in baarem Golde bei sich und geht, wenn er
seinen Kram hier losschlgt, auf das erste beste Dampfboot und uns aus dem
Netz.
    Alle Wetter, das soll er bleiben lassen, rief Blackfoot aber kommt
herauf, das besprechen wir oben besser.
    Ja - ich wei nicht, ob ich's wagen darf, sagte lchelnd der Steuermann
und blickte sich nach Mrs. Breidelford um - unsere liebenswrdige Wirthin -
    Ach geht zum Teufel mit Eurer Liebenswrdigkeit, zrnte die noch immer
nicht ganz zufrieden Gestellte - hinterher knnt Ihr schne Worte machen. -
Doch geht hinauf; - Blackfoot wei oben Hausgelegenheit, er mag Euch bedienen.
Ich habe hier unten noch zu thun.
    Nun sage mir nur vor allen Dingen, wie steht's mit der Insel, rief Bill,
als sie oben bei einer Flasche Rum und einem Krbchen voll braungebackener
Cracker beisammen saen - noch Alles in Ordnung?
    In bester - die Sachen stehen vortrefflich - erwiderte Blackfoot - aber
es ist gut, da Du heute kamst. - Morgen Abend haben wir, wie Du weit, unsere
regelmige Versammlung und es sollen gar wichtige Dinge verhandelt werden.
Kelly frchtet, da wir ber kurz oder lang einmal verrathen werden, und will
uns dagegen durch den Ankauf eines Dampfbootes gesichert wissen. Es kommen auch
noch andere interessante Sachen vor; Du wirst brigens noch eine Stunde
wenigstens liegen bleiben mssen, sonst kommst Du zu frh an - es dunkelt jetzt
gar spt.
    Ich wei wohl - sagte rgerlich der Steuermann - frchte aber, ich kriege
den alten Starrkopf gar nicht mehr von hier fort. - Er glaubt wunder wie groe
Geschfte hier zu machen.
    Hm - wie war' es denn, sagte Blackfoot sinnend - wie wr' es denn da,
wenn ich ihm den Bettel abkaufte?
    Wer, Du? Na, weiter fehlte nichts mehr - lachte Bill. Jemanden, der kauft
, brauchen wir gar nicht. - Ueberreden mssen wir ihn, da er weiter unten einen
besseren Markt fr seine Waare treffen wird, das Uebrige findet sich von
selbst.
    Bill, sagte Blackfoot und stie sich mit der Spitze seines ausgestreckten
rechten Zeigefingers sehr bedeutend gegen die eigene Stirn - Bill, bist Du denn
ganz vernagelt? Hltst Du mich denn fr so dumm, da ich einen Sassafras nicht
mehr von einer Sarsaparilla unterscheiden kann? Wenn ich das Boot oder die
Ladung kaufe, so versteht sich's doch von selbst, da ich nicht hier wohne, und
da ich es nothwendiger Weise nach Montgomerys Point oder sonst wohin geschafft
haben mu.
    Bei Gott - ein capitaler Gedanke - schrie Bill und schlug mit der Faust
auf den Tisch, da die Glser gegen einander klirrten - so soll's sein - Du
spielst den Kaufmann, gehst mit uns an Bord, und ich renne uns dann zusammen
ganz vergngt unterhalb der Insel auf den Sand. Halt - da fllt mir aber etwas
ein, einen Spa wollen wir uns noch machen - Du sagst, Du wrst von Victoria -
das giebt mir auch eine Entschuldigung, Nr. Einundsechzig rechts liegen zu
lassen, anstatt links, wie es im Navigator steht - und dann kannst Du
meinetwegen auf Montgomerys Point und den jetzigen Handel dort schimpfen. Das
wird dem Alten gut thun, dann glaubt er, ich habe Unrecht gehabt, und geht desto
eher in die Falle. Er hat berdies eine Art Aversion gegen mich, fr die er
jedoch keinen Grund wei - es ist so eine Art Instinct, glaub' ich. - Nun, ich
bin nicht bse darber, er hat alle Ursache dazu und wird, ehe zweimal
vierundzwanzig Stunden vergehen, noch mehr bekommen.
    Was fr Ursachen? frug Blackfoot.
    La gut sein, sagte Bill und leerte das vor ihm stehende Glas auf einen
Zug. - Das sind Dinge, von denen ein alter Praktikus nicht gerne spricht.
Schweigen ber eine Sache hat noch Keinem geschadet, Plaudern aber schon Manchem
Unheil gebracht. Doch da kommt Mrs. Breidelford - nun, Frauchen, noch bse? Ich
hatte gerade den Kopf voll, als ich in's Haus trat, Blackfoot hier hat aber
Alles wieder in Ordnung gebracht.
    Mrs. Breidelford war keineswegs die Person, die lange mit Jemandem gegrollt
htte, der, wie sie wute, ihr manchen Nutzen bringen sollte und auch schon
manchen gebracht hatte. Sie hielt denn auch die ihr zur Vershnung abverlangte
Hand nicht zurck und sagte nur:
    'S ist schon gut, Bill, ich wei ja, da Ihr's nicht so bse meint, grob
war's freilich immer. Aber was um Gottes willen habt Ihr Euch denn da fr einen
erschrecklichen Bart stehen lassen? Der sieht ja grausig aus - die Kinder mssen
vor Euch davonlaufen. Nein, geht Bill, den mt Ihr Euch wieder abrasiren, Ihr
seid ohnedies nicht so hbsch, da Ihr einen Stock zu tragen brauchtet, die
Mdchen abzuwehren. Da fllt mir dabei ein, was mein seliger Mann immer sagte -
Louise, sagte er, es giebt Gesichter in der Welt -
    Aber, gute Mrs. Breidelford, unterbrach sie hier, freundlich ihren Arm
ergreifend, Blackfoot - Sie wissen, um was ich Sie gebeten habe, und ich sitze
nun vergebens eine volle Stunde hier und warte darauf. Ich mu wahrhaftig fort,
denn erstlich wird Kelly sonst ingrimmig bse, und dann haben wir Beide hier ein
Geschft mit einander abzumachen, das ebenfalls keinen Aufschub leidet, also -
wenn es Ihnen irgend mglich wre -
    Hat der Mensch eine Eile, sagte die Dame und fing an, nach Etwas zu
suchen, das unter einer Unzahl geheimer Falten und Rcke entweder auf
Nimmerwiederfinden versteckt oder verloren war. Mrs. Breidelford's Hirn mute
selbst eine solche Vermuthung kreuzen, denn sie fing pltzlich an, sich ganz
schnell und ngstlich berall zu betasten, und ein erschrecktes - Na, weiter
fehlte mir nichts, theilte ihre Lippen. Der fragliche Gegenstand, was es auch
immer war, gab sich aber endlich ihrem Griffe kund - ihre Zge heiterten sich
wieder auf, ein tiefer Seufzer - die dem Herzen entnommene Last - hob ihre
Brust, und sie brachte, nachdem sie untergetaucht und einen der zahlreichen
Rcke beseitigt hatte, eine alte braunlederne Tasche mit Stahlbeschlgen zum
Vorschein. Diese ffnete sie mit einem kleinen daran hngenden Schlssel und
nahm eine Anzahl von Banknoten wie sorgfltig in Papier gewickelte Geldstcke
heraus. So - hier, Ihr Vampyr - der Ihr einer armen, allein stehenden Wittwe
das Letzte abnehmt, was sie an baarem Gelde besitzt - sagte sie dabei - hier,
Ihr unersttlicher Einkassirer, der so regelmig jeden Monat kommt, wie
Vollmond und Neumond, und noch brummt, da er nicht genug htte -
    Ja, ja, lachte Blackfoot - Euch wr's schon recht, wir lieferten Euch
blos die Waaren und bekmmerten uns weiter nicht darum, was Ihr dafr bekmet.
Das glaub' ich; Ihr solltet Euch aber wahrhaftig nicht beklagen; denn wenn
irgend Jemand Nutzen daran hat, so seid Ihr es, und sitzt noch dazu warm und
sicher in Helena, whrend wir drauen in Nacht und Gefahr unser Leben verbringen
-
    Warm und sicher? rief Mrs. Breidelford scharf - Ihr schwatzt, wie Ihr's
versteht. - Sicher; als ob nicht gestern Abend so ein schlechtes Geschpf
versucht htte, hier, whrend ich nur in die Nachbarschaft gegangen war, ein
paar Freunde zu besuchen, die mich eingeladen hatten, bei mir mit Nachschlsseln
einzubrechen.
    Was? bei Euch? rief Blackfoot schnell - sollte das nur um zu stehlen
geschehen sein?
    Nur um zu stehlen, Mr. Blackfoot? Ich dchte, da wre fr eine arme, allein
stehende Wittwe gar kein nur weiter dabei. Nur um zu stehlen, jetzt bitte ich
Einen um Gottes willen, was verlangt Ihr denn sonst noch von einem Diebe oder
Einbrecher, Sir? - Aber mein lieber seliger Mann hat mir das schon immer gesagt
- Louise, sagte er, Du hast zu viel Vertrauen - Du bist zu gut - Du wirst noch
theure Erfahrungen in Deinem Leben machen, Du wirst noch viel betrogen, noch
viel gekrnkt werden - sagte er, das liebe Herz, was jetzt in seinem kalten
Grabe liegt. Aber ich kenne das nichtsnutzige Weibsbild, das sich alle mgliche
Mhe giebt, in fremder Leute Huser hineinzukommen. - Ich kenne die
Landstreicherin, von der Niemand wei, wo sie herkommt und wo sie hingehrt. -
Wenn sie mir nur einmal unter die Augen kommt, wenn sie nur wieder einmal die
Frechheit hat, mit ihrer unschuldigen Schafsmiene zu sagen: Guten Morgen, Mrs.
Breidelford - dann will ich ihr doch -
    Und wer ist es? - Wer glaubt Ihr denn, da irgend eine Absicht dabei gehabt
haben knnte, Euer Haus zu durchforschen? frug Blackfoot.
    Lat's nur gut sein - zrnte die immer noch gereizte Dame, ohne den
Fragenden einer weiteren Antwort zu wrdigen - ich wei schon selbst, wo mich
der Schuh drckt. Aber so viel ist gewi, was ich in meiner Kiste habe, danach
braucht Niemand zu fragen. - Ich bin eine ehrliche Frau und bezahle Alles, was
ich kaufe, mit baarem Gelde; woher es die haben, von denen ich kaufe, das kann
ich, als Lady, nicht wissen, das geht mich auch nichts an. - Louise - sagte mein
Seliger immer - bekmmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten und nicht um die
anderer Leute. Einer Frau ziemt es, huslich und zurckgezogen zu sein; das ist
es, was uns das zarte Geschlecht so lieb macht, sagte mein Seliger, und wenn Du
die eine Schwche nicht httest - und die hab' ich, das wei ich, und halte es
deshalb auch, weil ich es wei, fr keinen so groen Fehler - so wollte ich Dich
mancher Frau als Muster aufstellen. Und ich denke, wenn das der eigene Ehemann
zu einer Frau, und das noch dazu, wenn sie mit einander allein sind, sagt, so
mu es wohl wahr sein und nicht blos geschmeichelt.
    Blackfoot hatte indessen, ohne den Redeschwall der Wittwe weiter einer
Bemerkung werth zu halten, ruhig das ihm bergebene Geld gezhlt und in seine
weite Brieftasche gepackt, whrend Bill aufgestanden und an's Fenster getreten
war, von dem er einen Theil des Flusses bersehen konnte.
    Hol's der Henker, Blackfoot, rief er jetzt, wir mssen an's Werk gehen,
sonst vertrdeln wir hier die schne zeit mit gar nichts. Wenn wir die Sache
noch heut Abend abmachen wollen, so ist weiter kein Augenblick zu verlieren. Es
wre aber auch vielleicht kein groes Unglck weiter, wenn es morgen frh
geschehen mte. Zwischen der Insel und dem linken Ufer strt uns Niemand, noch
dazu, wenn Ihr selbst mit an Bord geht. Dann haben wir keine lange Arbeit und
knnen in die Sache rasch und geruschlos genug abmachen. Ueberhaupt will mir
das Schieen bei Nacht nicht sonderlich gefallen. Am Tage kmmert sich Niemand
darum, Nachts frgt aber ein Jeder, der es hrt - was war das? Wo kam das her?
Also, wie wr's, wenn wir jetzt einmal zu dem alten Hosier hinuntergingen und
ihm auf den Zahn fhlten? Es sollte mich schndlich rgern, wenn er hier einen
Kufer fnde und uns die ganze schne Beute so frmlich vor der Nase
weggeschnappt wrde.
    Ich bin dabei, sagte Blackfoot und stand auf - bei unserem Plane bleibt's
also, und Mrs. Breidelford - was unsere Verabredung betrifft, so fhrt das Boot,
von dem ich vorher sagte, ein roth und grnes Fhnchen hinten auf dem
Steuerruder - das Uebrige wissen Sie. Guten Morgen.
    Die wrdige Dame schien allerdings keineswegs damit zufrieden, ihre Gste zu
verlieren, ohne vorher genau zu wissen, was sie eigentlich fr Plne htten; die
beiden Verbndeten bekmmerten sich aber nicht weiter um sie, verlieen rasch
das Haus und schritten dem Flurand zu.
    Indessen waren die Wabasch-Mnner langsam in die Stadt hinaufgeschlendert.
Whrend aber die Bootsleute in einer der Groceries - in Helena ziemlich
gleichbedeutend mit Schenklden - eintraten, die durstigen Kehlen zu erfrischen,
suchte Edgeworth sich nach den gegenwrtigen Preisen der Producte zu erkundigen
und erfuhr bald, da er hier eigentlich weniger Nutzen zu erwarten habe, als er
vielleicht gehofft hatte. Die Kaufleute schienen auch nicht einmal zum Kaufen
geneigt. Mit dem Innern standen sie, eine reitende Briefpost abgerechnet, in gar
keiner Verbindung, und das, was sie an eigenen Bedrfnissen in der Stadt
brauchten, lieferte ihnen zu den billigsten Preisen Mrs. Breidelford. An diese
wurde er denn auch, wenn er seine Waaren hier abzusetzen gedenke, gewiesen.
    Hre, Tom, sagte jetzt der Alte, als sie ziemlich im Reinen ber den Stand
der Dinge hier zum Boot zurckschritten - ich habe mir doch Helena anders
gedacht, wie es wirklich ist, wir werden hier nichts ausrichten knnen. Dem
Burschen, dem Bill, trau' ich aber auch nicht recht. Wei der liebe Gott, was
ich gegen den Menschen habe, aber ich kann ihn nicht ansehen, ohne mich zu
rgern, und fhle doch, da ich Unrecht thue, denn er hat uns bis hierher ganz
gut und trefflich gefhrt. Der schwatzt mir da immer so viel von Montgomerys
Point vor - am Ende hat er da Freunde oder Verwandte, oder gar ein eigenes
Geschft, fr das er billig zu kaufen gedenkt; dem mcht' ich auf den Grund
kommen. Von hier aus soll es nun blos fnfzig Meilen bis nach Montgomerys Point,
und ein wenig weiter bis zur Mndung des Whiteriver sein. Bis dahin mcht' ich
aber, wenn das irgend anginge, meine Ladung verkauft haben. So setze Du Dich
also in unsere kleine Jolle und fahre sachte am Ufer hinunter voraus.
Provisionen kannst Du Dir ja mitnehmen. Am Mississippi liegen mehrere kleine
Stdtchen, wo Du anlegen und Dich erkundigen kannst. Findest Du aber nichts, bis
Du nach Montgomerys Point kommst, nun so hast Du dort wenigstens Gelegenheit, an
Ort und Stelle vorher genau die Verhltnisse und Preise zu erfragen, ehe ich mit
dem Boote hinkomme. Ich will indessen bis morgen frh hier bleiben, denn ich mu
mir meine Bchse wieder in Stand setzen lassen, in der, wei der liebe Gott wie
das geschehen konnte - pltzlich und ganz von selber die kleine Feder gebrochen
ist. Man kann hier auf dem Mississippi manchmal nicht wissen, wie man die Waffe
braucht, und ich mchte berhaupt nicht gern mit einem nutzlosen Schieeisen in
der Welt herumfahren.
    Die Feder gesprungen? sagte Tom verwundert, nun da mchte ich doch
wahrhaftig wissen, was die gesprengt hat - Ihr habt ja noch oben an den
Ironsbank den Truthahn von der Uferbank heruntergeschossen.
    Ja - und bei dem Schu mu sie gebrochen sein, sonst wei ich's auch
nicht, erwiderte der Alte. - Doch das macht nichts - es ist ein Bchsenschmied
hier im Orte, und der kann mir bald eine neue Feder hineinsetzen; also halte
Dich dazu, mein Junge, und sieh, da Du gute Geschfte machst. - Soll ich Dir
aber nicht lieber ein paar von den Leuten mitgeben? Besser wr's berhaupt, Du
nhmst Einen zum Rudern mit, da Ihr abwechseln knntet.
    Ei bewahre, lachte Tom - die Sonne meint's wohl gut, ich brauche mich ja
aber auch nicht zu bereilen. Schickt mir nur Bob, den Tennesseer, herunter, da
er mir ein bischen hilft, die Jolle mit alle dem auszursten, was ich unterwegs
brauchen knnte - die kleine Whiskykruke nicht zu vergessen und - bleibt nicht
so lange, da ich doch wenigstens noch vor Dunkelwerden ein tchtiges Stck
stromab komme. Halt, noch Eins! rief er, als er sich schon zum Gehen gewandt
hatte. - Oberhalb Montgomerys Point, wo nach dem Navigator hier Nr.
Siebenundsechzig liegen soll, gebt mir ein Zeichen, da Ihr kommt. Ihr knnt
entweder schieen oder hngt noch besser eins von Euren rothen Flanellhemden als
Fahne auf, da ich Euch nicht etwa vergebens ein paar Meilen entgegenfahre.
    Und leichten Schrittes wanderte der junge Mann zum Ufer hinab, wo er mit
Hlfe der beiden dort zurckgebliebenen Bootsleute bald die Jolle herrichtete.
Er spannte dann durch schon zu diesem Zwecke vorbereitete Seitenhlzer ein
schmales Sonnensegel darber aus, und stie bald darauf, Edgeworth noch einen
freundlichen Gru hinberwinkend, vom Ufer ab und in die Strmung hinaus.
    Der alte Mann stand noch eine Weile am Ufer und sah dem kleiner und kleiner
werdenden Boote sinnend nach, als er dicht hinter sich Schritte hrte. Wie er
sich umwandte, erkannte er aber seinen Steuermann, der die Abdachung der
Uferbank herabkam und jetzt neben ihm stehen blieb.
    War denn das nicht Tom? sagte der Brtige, whrend er die Augen nicht von
dem kleinen Fahrzeug abwandte - ich dchte doch, er htte von oben so
ausgesehen.
    Ja, das war Tom, erwiderte Edgeworth kurz, und schickte sich an, in die
Stadt zurckzugehen.
    Nun, was zum Teufel fhrt denn der voraus? rief der Steuermann erstaunt -
ist ihm unsere Gesellschaft nicht mehr gut genug? und nimmt dann auch noch die
Jolle vom Boot mit. - Wenn wir sie nun brauchen?
    Dann werden wir uns ohne sie behelfen mssen, sagte der Farmer ruhig. -
Wenn's Euch brigens interessirt - er ist nach Montgomerys Point voraus, um die
Preise meiner Ladung kennen zu lernen. - Morgen frh wollen wir nach.
    Ein hhnisches Lcheln durchzuckte die wilden Zge des Bootmanns, als er die
willkommene Kunde hrte, und Edgeworth wrde, htte er den triumphirend
frohlockenden Blick gesehen, der aus seinen dunkeln Augen blitzte, sicherlich
aufmerksam geworden sein. So aber achtete er gar nicht auf den ihm verhaten
Steuermann, der ihn jedoch noch einmal mit den Worten aufhielt:
    Es ist ein Kaufmann von Victoria oben im Union-Hotel, der von Eurer Ladung
gehrt hat - er frug mich, ob Ihr auf dem Boote wret oder vielleicht einmal
hinauf kmet - er hat Lust zu kaufen -
    Wo liegt Victoria? frug Edgeworth und blieb, sich gegen seinen Steuermann
wendend, stehen.
    Victoria? ein bischen oberhalb der Whiteriver-Mndung, auf dem andern Ufer
drben, sagte dieser, von Montgomerys Point aus kann man's sehen, es ist etwas
weiter unten.
    Und wie heit der Mann?
    Ich wei nicht - ich habe ihn nicht gefragt - er sieht auch eigentlich
nicht recht aus wie ein ordentlicher Kaufmann - Ihr knnt ja selber mit ihm
sprechen.
    Edgeworth schritt langsam dem Union-Hotel zu, und Bill murmelte mit
tckischem Lachen, whrend er am Ufer hin die Stadt entlang wanderte:
    Geh nur, Du alter Narr, und sieh zu, ob sich Deine Gebeine im Mississippi
eben so gut halten werden, wie die Deines Sohnes am Wabasch. - Geh und handle
noch einmal - es ist der letzte Handel, den Du auf dieser Welt abschlieest.

                                      10.

                                        

                                 Lively's Farm.


Dicht hineingeschmiegt in den grnen Wald, wo die fleiige Hand des Menschen
kaum der riesenmigen Vegetation ein freies Pltzchen abgewonnen hatte, und die
mchtigen, starr emporragenden Nachbarstmme immer noch so aussahen, als ob sie
das kleinliche Treiben der Civilisation unter sich nur eben duldeten, und nicht
bel Lust htten, sich nchstens einmal in ganzer Lnge und Gewichtigkeit selbst
drein zu legen; - da, wo zwar Menschen, sorgende, geschftige Menschen, starke
Mnner und zarte Frauen wirkten und schafften, und frhlicher Kinderjubel von
lieben, herzigen Mulchen die heilige Ruhe der Wildni unterbrach; wo der
Haushahn Morgens seinen schmetternden Gru der Morgenrthe entgegenjubelte, wo
die Schwalbe in besonders dazu angebrachten Ksten ihr Nest gebaut hatte und
sich jetzt alle nur mgliche Mhe gab, die kleinen unbehlflichen Gelbschnbel
das Fliegen zu lehren - wo aber auch Nachts noch der Wolf die Fenzen umschlich,
und Panther oder Wildkatze das zahme Hausvieh oft in Augst und Schrecken setzte,
wo der Hirsch nicht selten zwischen den weidenden Heerden getroffen wurde, und
der Br nur zu oft in stiller Abendstunde die Maisfelder besuchte: da stand ein
fr solche Umgebung gar stattliches und wirklich wohnlich eingerichtetes
Doppelhaus. Es war von hoher, regelmiger Fenz umgeben und, wie es schien, mit
allen den Bequemlichkeiten versehen, die man auerdem nur mglicher und
vernnftiger Weise in solcher Wildni beanspruchen konnte.
    Vor diesem Hause sa auf einem erst frisch gefllten und hier zum Sitze
hergerollten Stamme ein silberhaariger, noch rstiger, lebensfrischer Greis,
dessen gesundheitstrotzende Wangen und muntere klare Augen wohl schon mehr als
sechzig Mal den Frhling hatten kommen und gehen sehen und doch noch keck und
freudig in das schne Leben hinausschauten. Sein Kopf war unbedeckt, und das
schneeige Haar hing ihm in langen, glnzenden Locken bis auf den sonngebrunten
Nacken hinunter. Er trug einen pfeffer-und salzfarbenen, wollenen Frack, eben
solche Beinkleider, eine blauwollene Weste und ein schneeweies Hemd, aber -
bloe Fe, und nur dann und wann schienen ihn an diesen die dort ziemlich
zahlreichen Mosquitos zu belstigen. Mit dem rothseidenen Taschentuche, das er
in der Hand hielt, um sich Wind und Khlung damit zuzufcheln, schlug er
wenigstens zuweilen nach ihnen, ohne jedoch nur einen Blick hinab zu werfen.
    Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand ein anderer, aber bedeutend
jngerer Mann, und zwar eben eifrig beschftigt, einen frisch erlegten Spieer
abzustreifen. Dieser war mit den Hinterlufen an einem Baume aufgehangen, und
ein groer schwarzer Neufundlnder mit weier Brust und weien Fen und der
braunen Zeichnung amerikanischer Braken an den Lefzen und ber den Augen, hob
gar klug und aufmerksam die treuen Augen zu ihm auf, als ob er nur Interesse an
der Arbeit nhme und nicht etwa seinem Herrn durch strendes Betteln zur Last
fallen wolle.
    Der junge Jger, dessen ledernes abgeworfenes Jagdhemd neben ihm am Boden
lag, war ganz nach Art der westlichen Jger gekleidet; die blonden, krausen
Haare aber und das blaue Auge htten ihn fast als einen Auslnder erscheinen
lassen, wre nicht in einem kleinen Liede, das er bei der Arbeit vor sich hin
summte, sein reines, nur mit dem leisen westlichen Dialekt gefrbtes Englisch
Brge seiner amerikanischen Abkunft und Erziehung gewesen. Es war William Cook,
der Schwiegersohn des alten Lively, der erst vor wenigen Tagen vom Fourche la
fave hierher zu den Eltern seiner Frau gezogen war und nun im Sinne hatte, eine
eigene, dicht an die seiner Schwiegereltern stoende Farm urbar zu machen. Fr
den Augenblick aber, und bis sein noch zu errichtendes Haus stand, hielt er sich
mit seiner kleinen Familie bei Livelys auf und bewohnte dort den linken Flgel
jenes schon erwhnten Doppelgebudes.
    In der Thr desselben erschien indessen gerade eine allerliebste junge Frau,
seine Frau, mit dem jngsten Kind auf dem Arme, zwei andere weikpfige und
rothbckige kleine Burschen tummelten sich aber zwischen den abgehauenen
Baumstmpfen des Hofraumes umher und jagten bald bunten flatternden
Schmetterlingen nach, bald rgerten sie den ersten Haushahn, der mit hchst
mivergngtem Gekake und mchtig langen Schritten seinen kleinen unermdlichen
Qulgeistern zu entgehen suchte. Erst wie er das unmglich fand, flog er
endlich, des Spielens berdrssig, auf die Fenz, schlug hier mit den Flgeln,
und fing nun zum groen Ergtzen der darunter stehenden kleinen Schelme an aus
Leibeskrften zu krhen.
    Das Kleine aber, das die Mutter noch auf dem Arme trug, hatte indessen die
sich munter herumtummelnden Geschwister entdeckt, streckte nun ungeduldig
strampelnd die dicken Aermchen nach ihnen aus, und wollte unter jeder Bedingung
Theil an dem Spiele nehmen.
    Ei, so la doch den Schreihals herunter, Betsy! rief ihr da lachend der
Gatte zu - la ihn nur nieder, siehst Du denn nicht, da er helfen will?
    Er wird sich Schaden thun, sagte besorgt die Mutter - es ist hier so rauh
und steinig.
    Thorheiten - der Junge mu Grund und Boden kennen lernen - er mag seinen
Weg suchen; und die Mutter lie, whrend sie sich von der hohen Schwelle des
Hauses niederbog, lchelnd den kleinen Schreier auf die ebene Erde nieder, die
dieser mit lautem Jubelgekreisch begrte. Ohne weiteren Zeitverlust arbeitete
er auch gleich auf allen Vieren zum Vater hin, der ihm freundlich zuwinkte.
    Der groe schwarze Neufundlnder aber, der bis jetzt neben seinem Herrn
gesessen hatte, sprang nun mit weiten Stzen dem kleinen Burschen entgegen, hob
die schne buschige Fahne und das mit kleinen krausen Lckchen versehene Behnge
hoch empor, bellte ihn ein paar Mal mit tiefer volltnender Stimme an, und
versuchte dann vorsichtig, das Kind am Gurt des kleinen Rckchens zu fassen, um
ihm die Bahn zu erleichtern, oder es seinem Herrn ganz zu apportiren.
    La ihn gehn, Bohs, rief dieser lachend, la ihn gehn. - Warte Bursche -
glaubst Du, der knne nicht allein kommen? Will der Hund! - Nun seh Einer den
ungeschlachten Schlingel an - dreht er mir den Jungen ganz herum.
    Der Zuruf galt aber wirklich dem Hunde. Als es diesem nmlich verboten
worden, das Kind in die Schnauze zu nehmen, bersprang er dasselbe mehrmals mit
hohen Stzen und versuchte dann, den Kopf dabei zur Seite gebogen und mchtig
dazu mit dem Schwanze wedelnd, es mit der breiten krftigen Tatze zu sich
herber zu ziehen. Allerdings rollte er die kleine unbeholfene Gestalt des
Kindes dabei rund herum; das aber nahm die Freiheit keineswegs bel, sondern
schien sich im Gegentheil sehr ber den ungeschickten Spielkameraden zu freuen.
Es jauchzte ein paar Mal laut auf und setzte dann seine Bahn zum Vater fort, der
ihm nun auf halbem Wege entgegenkam und es lchelnd zu sich emporhob.
    William, sagte der Alte, whrend er sich vergngt und schmunzelnd die
Hnde rieb. William - das ist ein capitales Stck Wildpret; - das reine Feist,
wie man sich's nur wnschen kann, und die Rippen werden unmenschlich gut
schmecken. Es war doch gut, da Du heute Mittag noch einmal am Rohrbruch
hingingst - ich dachte mir's immer, Du wrdest dort 'was finden.
    Ach mit dem Denken, Vater, lachte der junge Mann, whrend er das
rothwangige Kind herzte und kte und auf den Armen schaukelte - mit dem Denken
ist's eine gewaltig unsichere Sache. So sagt man nachher immer, und wenn man's
genau nimmt, so hat man sich beim Burschen hinter jedem Dickicht, an jedem
sonnigen Hgel ein Stck Wild gedacht. - Dafr lob' ich mir aber auch das
Burschen. - Es giebt kein herrlicheres Vergngen auf der weiten Gotteswelt -
eine gute Brenhetze vielleicht ausgenommen, und ich glaube, ich knnte gleich
aus freien Stcken ein Indianer werden, wenn ich -
    Wenn ich Jemanden dabei htte, der mir Mais und se Kartoffeln baute,
nicht wahr? unterbrach ihn lachend der Alte - oh ja, so zum Vergngen den
ganzen Tag im Walde herum zu spazieren und weiter keine Arbeit zu haben, als
gute Stcken Fleisch zum Haus zu tragen, das glaub' ich schon, das liee ich mir
auch gefallen, das geht aber nicht. - Mein Junge zum Beispiel wrde jetzt schn
gucken, wenn sein alter Vater in seiner Jugend weiter nichts gethan htte, als
Bchsenlufe schmutzig gemacht. Nein, dafr sind wir - der Henker soll doch die
Mosquitos holen, sie beien heute wie besessen - und er rieb sich abwechselnd
mit den rauhen Sohlen die kaum zarteren, wenigstens eben so braun gebrannten
Spannen seiner bloen Fle - dafr sind wir hierher gesetzt, da wir im
Schwei unseres Angesichts - wie der alte Schleicher sagt - unser Brod verdienen
sollen. Das heit, wir mssen uns schinden und plagen, um das Jahr ber genug
Mais und se Kartoffeln zu haben.
    Alle Wetter! lachte Cook, whrend er erstaunt von seiner Arbeit aufsah,
Ihr haltet ja heute ordentliche Reden - die sind doch sonst Eure Passion nicht
-
    Nein, Junge - sagte der Alte - Euch jungem Volke mu man aber dann und
wann in's Gewissen reden, das ist Pflicht und Schuldigkeit, und da thut mir's
gut, wenn ich einmal so mit meiner Meinung herausbrennen kann, ohne da die Alte
gleich ihren Senf dazu giebt, denn die nimmt Eure Partei.
    Hallo - sagte Cook, da wollt Ihr mir wohl eine Predigt gegen die Jagd
halten? Das ist gttlich - hol' mich Dieser und Jener, das ist kostbar.
    Ja, und nicht allein gegen die Jagd, fuhr der Alte fort, whrend er
langsam und vorsichtig das rechte Bein emporhob und mit der Hand scharf auf
einen, seine groe Zehe belstigenden Mosquito visirte - nicht allein gegen die
Jagd, auch gegen das gotteslsterliche Fluchen - die Hand schlug herunter, der
Mosquito hatte aber Unrath gemerkt und sich bei Zeiten der Gefahr entzogen -
verdammte Bestie, unterbrach der alte Mann mit halblauter Stimme seinen
Vortrag - auch gegen das gotteslsterliche Fluchen - fuhr er dann gleich
darauf wieder fort.
    Hahaha - rief Cook und wandte sich gegen den Alten, ich soll wohl nicht
wieder verdammte Bestie sagen?
    Unsinn, brummte Lively und kratzte sich die Stelle, wo das kleine Insect
eben gesogen hatte - Unsinn - aber heda - Bohs fhrt auf - unsere Gste kommen
wahrscheinlich.
    Bohs fuhr in diesem Augenblicke wirklich rasch empor, windete wenige
Secunden lang gegen den Wald hin, und schlug dann in lauten, vollen Tnen an.
Blitzesschnell wurde das von den brigen, meistens im Schatten gelagerten Rden
begleitet, die gleich darauf herbeistrmten, um nun auch zu sehen, was die
Aufmerksamkeit ihres Fhrers erregt habe. James' frhlicher Jagdruf antwortete
aber dem drohenden Gebell der Meute. Jauchzend sprangen sie ihrem jungen Herrn
entgegen und begrten bald darauf mit frhlichem Gebell und Heulen die kleine
Reiterschaar, die nun am Holzrand sichtbar wurde und rasch zu dem roh
gearbeiteten Gatterthor, das Einla in die Farm gewhrte, herantrabte.
    Cook sprang schnell hinan, die Vorlegebalken zurckzuziehen, James aber,
hier ganz in seinem Element, rief ihm nur ein frhliches Loock out entgegen,
und in demselben Moment hob sich auch, von Schenkeldruck und Zgel getrieben,
das wackere Thierchen, das ihn trug, auf die Hinterbeine und flog mit keckem
Satz ber die doch wenigstens vier Fu hohe Barriere. Sander, ebenfalls ein
tchtiger und sattelfester Reiter, wollte natrlich nicht hinter dem rohen
Backwoodsman, der ihnen eine kurze Strecke entgegengeritten war, zurckstehen
und folgte seinem Beispiel. Als Beide aber jetzt aus dem Sattel sprangen und zur
Fenz eilten, die Stangen niederzulegen, vereitelte Adele, deren munteres Thier
unter ihr tanzte und in die Zgel schumte, diese Absicht, denn sie schien
keineswegs gesonnen, den Mnnern etwas nachzugeben.
    Habt Acht, Gentlemen! rief sie nur, tummelte ihren Zelter noch einmal zu
kurzem Anlauf zurck, und ehe noch Mrs. Dayton, die nur erschreckt ein kurzes
Um Gottes willen - Adele! ausstoen konnte, recht begriff, was das kecke
Mdchen eigentlich wollte, sprengte sie an und setzte nicht ber das niedere
Eingangsthor, sondern ber die wohl einen Fu hhere Fenz hinweg. In der
nchsten Secunde hielt sie auch schon neben der Thr des Hauses, wo sie, ehe die
Mnner ihr beistehen konnten, rasch aus dem Sattel, die Stufen des Hauses
hinaufsprang, und hier von der alten Mrs. Lively und Cook's junger Frau auf das
Herzlichste, aber auch mit Vorwrfen ber ihr wirklich tollkhnes Reiten begrt
wurde.
    Cook hatte indessen die Stangen niedergeworfen, Mrs. Dayton einzulassen, und
die kleine Gesellschaft fand sich bald ganz gemthlich vor der Thr des Hauses,
im Schatten eines breitstigen Nubaumes zusammen, wo sie auf Stmmen, Sthlen
und umgedrehten Ksten, was gerade in der Nhe zu finden war, Platz suchten.
Mrs. Liveley lie es sich indessen, trotz ihrer Jahre, nicht nehmen, die groe
Kaffeekanne herbeizubringen, fllte mit Mrs. Cook's Hlfe die blauen Tassen und
Blechbecher - denn so viel Tassen zhlte der Hausstand nicht - und reichte sie
den willkommenen Gsten herum.
    Ei, Kaffee nach Tische, Mrs. Lively? rief da Adele erstaunt; das ist ja
eine ganz neue Sitte - wer trinkt denn um solche Zeit Kaffee?
    Das hab' ich von den Deutschen, meinen frheren Nachbarn, gelernt,
Kindchen, sagte die alte Dame und klopfte den Nacken des schnen Mdchens -
und das ist eine gar prchtige Erfindung. - Kaffee schmeckt nie besser als nach
Tisch - Morgens und Abends ausgenommen - und fr so liebe, liebe Gste mu man
denn doch auch ein bischen was herbeischaffen, da sie nicht ganz trocken
sitzen.
    Wer ist denn der hbsche junge Mann, der da mit Euch gekommen ist?
flsterte Cook dem jungen Lively zu, neben dem er stand. - Mir kommt das
Gesicht bekannt vor -
    Wei der Teufel, wer es ist, sagte James und warf dem Fremden einen
keineswegs freundlichen Blick zu - eingeladen hab' ich ihn nicht, und er
behandelt Mi Adele, als ob er mit ihr aufgewachsen oder ihr Bruder wre, und
doch wei ich, da sie gar keinen Bruder hat.
    Prchtiges Haar! sagte Cook.
    Prchtiges Haar? murmelte James verchtlich - wie ein Bndel Flachs
sieht's aus - und das kseweie Gesicht knnte mir den ganzen Appetit verderben,
wenn mir den nicht schon berdies seine Gegenwart verdorben htte.
    Cook lchelte - es war nicht schwer, die Beweggrnde zu durchschauen, die
des jungen Mannes Aerger erregt hatten. Aber auch Adele schien etwas von dem
gewahrt zu haben, denn sie warf, whrend sich ihr Nachbar eifrig mit ihr
unterhielt, den Blick mehrere Male halb lchelnd, halb ungeduldig nach ihm
hinber und rief ihn endlich, inde Mrs. Dayton eine lange Abhandlung mit den
beiden Farmerfrauen ber Butter, Kse, junge Ferkel und alte Khe hatte, an ihre
Seite.
    Nun, Sir, sagte sie und blickte dabei den ohnedies schon dadurch in die
entsetzlichste Verlegenheit Gebrachten mit den groen, glnzenden Augen so fest
und durchdringend an, da der arme Bursche, obgleich er gewi die besten
Vorstze gehabt haben mochte, liebenswrdig zu erscheinen und die verwnschte
Bldigkeit bei Seite zu werfen, den breitrndigen Strohhut abnahm, und erst
langsam und dann immer schneller und schneller zwischen den Fingern herumlaufen
lie - Sie versprachen mir doch unterwegs das Abenteuer zu erzhlen, was Sie
neulich mit dem alten Panther gehabt. - Wie ich hre, hngt dort drben an dem
Persimonbaum das Fell - Herr Hawes hier behauptet eben, es sei einem einzelnen,
blos mit einem Messer bewaffneten Mann gar nicht mglich, einen Panther zu
besiegen.
    Nun, ich wei nicht, stotterte James, denn hier vor der jungen Dame von
seinen Thaten zu sprechen, kam ihm fast wie eine hliche Prahlerei vor - ich
wei doch nicht - Mr. Hawes - es ist auch vielleicht -
    - schwieriger, mit einem Panther anzubinden, als sich's nachher erzhlt,
sagte Sander, und ein spttisches Lcheln spielte um seine Lippen. - Ja, ja,
man vergit bei solcher Erzhlung gewhnlich die Hunde, die ihre Leiber dem
Feinde blogeben, schiet das Thier aus sicherer Ferne mit der Kugel nieder und
stt dem schon Verendeten das Messer noch ein paar Mal in Brust und Weichen, um
an dem aufgespannten Felle die - Beweise unserer Heldenthaten zu haben. - Ich
bin ja auch schon auf solcher Jagd gewesen.
    James blickte zu dem Sprecher auf, und selbst das ganze Wesen des Mannes,
der in nachlssiger Stellung dicht neben einem Mdchen lehnte, wo er selbst sich
schon beklommen und eingeschchtert fhlte, wenn er ihr nur gegenber stand,
hatte etwas ungemein Widriges, ja Emprendes fr ihn. Kaum begriff er aber den
Sinn dieser Worte, die dem einfachen Hinterwldler anfangs fast unverstndlich
blieben, als ihm das Blut schneller und heftiger in die Wangen scho, und damit
auch seine bis dahin fast unberwindbare Scheu und Verlegenheit mehr und mehr
schwand.
    Wenn ich einmal behauptet habe, sagte er, und seine Stimme wurde beinahe
von dem in ihm auflodernden Zorn erstickt - ich htte einen Panther im
Zweikampf und mit dem Messer erlegt, so meine ich damit nicht, da mir die Hunde
oder Pulver und Blei dabei geholfen htten. Ich wei nicht, Fremder, wo Ihr
solche Ansichten gelernt haben mgt, aber hier in den Wald passen sie nicht. -
Kein Mann hier, den James Lively zu seinen Freunden zhlt, wrde eine Lge
sagen.
    Bester Mr. Lively, lchelte Sander, in dessen Plan es keineswegs lag,
Streit zu beginnen - Sie wissen gewi recht gut, da das, was man
Jgergeschichten nennt, nicht unter die Rubrik von Lgen gesetzt werden darf.
Ein Jger hat das Privilegium, Poet zu sein, und wie der Novellist nicht in
seiner Erzhlung die trockenen Thatsachen rein und ungeschmckt hinstellen darf,
so ist es jenem ebenfalls nicht allein erlaubt, sondern wird sogar theilweise
verlangt, da er seine Jagdabenteuer in einem bunten Kleide bringt und - wenn er
keine zu bringen hat - aus einfachen Jagden interessante Jagdabenteuer macht.
    Ich verstehe nicht recht, was Sie mit alle dem meinen, sagte James und
leerte die ihm von seiner Mutter gereichte Tasse auf einen Zug; auch begreife
ich nicht gut, wie man Jagdabenteuer machen kann. - So viel ist aber gewi, ich
habe noch keinen Messerstich gegen ein Thier gethan, wenn es nicht nthig war.
Was brigens die Haut da drben betrifft, so war Cook hier Zeuge der ganzen
Sache, und hat gesehen, ob und wie ich sie verdient habe.
    Bei den Messerstichen, unterbrach hier der alte Lively das etwas ernsthaft
werdende Gesprch noch ganz zur rechten Zeit, fllt mir eine kostbare Anekdote
ein, die meinem Vater einmal begegnet ist.
    Wollen Sie sich denn nicht setzen, Mr. Lively? redete hier Adele den
jungen Farmer an und schob zugleich ihren eigenen Stuhl etwas zurck, so da
dicht neben ihr auf einem dort gelegenen Baumstamm ein Sitz frei wurde. James
machte auch schnell genug von der Erlaubni Gebrauch, rckte aber, aus wirklich
unbegrndeter Furcht, seiner schnen Nachbarin lstig zu werden, so weit von ihr
fort, als ihm das die noch emporstehenden Aeste nur immer verstatteten. Dadurch
kam er freilich auch auf das scharfe und rauhe Holz zu sitzen, und er wrde
sich, was die Bequemlichkeit anbetraf, wohl gerade so wohl auf einem Beine
stehend befunden haben. Trotzdem htte er aber doch seinen Sitz in diesem
Augenblick nicht um den schnsten gepolsterten Stuhl der ganzen Vereinigten
Staaten eingetauscht.
    Also mein Vater, begann Lively senior wieder -
    Komm, Alter - die Geschichte kannst Du uns lieber drin erzhlen, fiel ihm
da pltzlich die Frau in's Wort. - Es wird Nacht hier drauen, Kinder, die
Sonne ist unter, und die Damen aus der Stadt knnten sich erklten; das wre mir
nachher eine schne Bescheerung, wenn sie hier blos zu uns herausgekommen sein
sollten, die lieben guten Wesen, um sich einen Schnupfen oder noch 'was
Schlimmeres zu holen.
    Aber, liebe gute Mrs. Lively, sagte Mrs. Danton, es ist hier drauen ja
noch so schn, und gerade jene wunderherrlichen Tinten der mehr und mehr dort
verblassenden Abendwolken geben dem dunkeln Fichtenwald, auf dem sie ruhen,
etwas so ungemein Reizendes und Romantisches.
    Das mag Alles recht gut sein, sagte die alte wrdige Dame - es klingt
wenigstens sehr schn, die Sache bleibt sich aber doch gleich. - Im Hause ist's
besser, und wenn Mrs. Dayton die Wolken noch ein bischen betrachten will, so
kann sie das am allerbequemsten durch's Kamin thun, da ziehen sie gerade drber
hin. Jetzt aber komm, James - hilf die Sachen ein bischen in's Haus thun - wo
ist denn Cook? Ach, de bringt die Hirschkeulen und Rippen hinein. Das ist
gescheidt von ihm - einen Truthahn hat James auch heute Morgen geschossen. Du,
Lively, magst die leere Kanne nehmen - so, Kinder, nun kommt, in zehn Minuten
knnen wir uns ganz prchtig drinnen eingerichtet haben, und dann wollen wir
auch recht munter und vergngt sein. Es thut einer alten Frau, wie ich bin,
wohl, einmal so viele liebe, freundliche Gesichter um sich zu sehen, wie heut
Abend.
    Und ohne weiter eine Einrede anzunehmen oder berhaupt abzuwarten, fing Mrs.
Lively selbst an, die umherliegenden Sachen in's Haus zu tragen, so da die
jungen Leute schon mit angreifen muten. Bald darauf saen Alle um den groen,
in die Mitte gerckten Tisch frhlich versammelt, und der alte Lively, der sich
ganz in seinem Element zu fhlen schien, erzhlte eine Menge von Iagdanekdoten
und Abenteuern. Seine Frau aber fuhr indessen hin und her, trug Alles auf, was
Kche und Rauchhaus zu liefern vermochten, und hielt nur dann und wann in ihrem
geschftigen Eifer ein, um von Adele zu Mrs. Dayton zu gehen und ihnen mit einem
herzlichen Hndedruck zu wiederholen, wie sie sich freue, da sie endlich einmal
ihrer Einladung gefolgt wren, und da sie nun auch nicht daran denken drften,
sie unter sechs oder acht Tagen zu verlassen. Da Adele am nchsten Tage schon
eine Freundin am Mississippi besuchen wolle, verwarf sie total, und erklrte,
Mr. Hawes sei ihr ein sehr lieber und willkommener Gast, wenn er ihr aber ihre
liebe Adele entfhren wolle, dann habe er es mit ihr zu thun, und das zwar nicht
in Liebe und Gte.
    James' Herz klopfte wild und strmisch - deshalb also war jener glattzngige
Fremde mit hierher gekommen, Mi Adele wollte er schon am nchsten Morgen wieder
mit fortnehmen - Pest - in welchem Verhltni stand er berhaupt zu Adelen -
wre er am Ende gar - es berlief ihn siedendhei.
    Mi Adele, sagte er mit von innerer Bewegung erregter Stimme - Sie - Sie
wollen uns also verlassen?
    Ja, Mr. Lively, erwiderte das junge Mdchen, und ein eigenes, schelmisches
Lcheln zuckte um ihre Mundwinkel - Mr. Hawes hier will mich auf seine
neugekaufte Plantage fhren zu - zu seiner Schwester.
    Htte ein zndender Strahl in diesem Augenblick vor James Lively den Boden
aufgerissen, ihm wre das Blut in den Adern nicht schneller, nicht erkltender
gestockt. - Sie wollte Mr. Hawes' neugekaufte Plantage besehen - seine Schwester
besuchen - armer James, da war fr Dich wenig Aussicht! Er fhlte, wie sein Blut
die Wangen verlie und jeder Tropfen in das erstarrende Herz zurckkehrte.
Gleich darauf aber strmte es ihm auch mit nicht zu dmmender Gewalt wieder
aufwrts in Stirn und Schlfe, und er sprang, die innere Bewegung zu verbergen,
von seinem Sitz empor.
    Heh, James, wo willst Du denn hin? frug der Vater.
    Das brige Hirschfleisch hinter's Haus schaffen, rief der Davoneilende
zurck - es hngt hier vorn zu niedrig; am Ende knnten sich doch die Hunde
darber machen.
    Da hast Du Recht, sagte der Alte - daran htt' beinahe nicht gedacht. Da
ist's uns hier einmal vor vierzehn Tagen beinahe komisch gegangen - die
Geschichte mu ich Ihnen erzhlen, Mr. Hawes - und der vermeintliche Mr. Hawes,
der mit einem hchst selbstzufriedenen Lcheln bemerkt hatte, wie und weshalb
James aufgestanden und hinausgegangen war, lieh sein Ohr geduldig der Anekdote
von einem erlegten Hirsch und den damit verknpften Umstnden. - In der That
aber lauschte er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten der jetzt im
eifrigen Gesprch begriffenen Damen Dayton und Lively, die sich ber eine
Familie des Staates Georgia unterhielten, mit der Mrs. Dayton und Adele entfernt
verwandt, wo aber die letztere erzogen und wie das Kind im Hause behandelt
worden war.
    Sie knnen sich fest darauf verlassen, Mrs. Dayton, betheuerte die alte
Dame, Lively hat erst vorgestern einen Brief von da erhalten. - Lieber Gott,
wir sind ja dort sechzehn Jahre ansssig gewesen und kennen jedes Kind. Der alte
Benwick soll seine Frau nur dreimal vierundzwanzig Stunden berlebt haben, und
das Testament ist, dem Schreiben nach, schon am Mittwoch erffnet worden. - Sie
knnen mit jeder Stunde Nachricht erhalten.
    Es kamen heute Morgen zwei Briefe an meinen Mann, sagte Mrs. Dayton, das
schienen aber Geschftsbriefe zu sein, er htte doch sonst gewi etwas erwhnt.
    Ei, die Gerichte nehmen sich auch bei so etwas Zeit, meine gute Mrs.
Dayton, sagte Mrs. Lively - so geschwind sind die nicht im Nachrichtertheilen,
besonders wenn's darauf ankommt, Geld auer Land zu schicken.
    Welche von den beiden wre Ihnen nun lieber gewesen, wandte sich jetzt der
alte Lively pltzlich, und zwar so direct an seinen bis dahin nichts weniger als
aufmerksamen Zuhrer, da dieser, fast wie auf einem Abwege ertappt,
zusammenfuhr und nur noch Geistesgegenwart behielt, die Frage in's Blaue hinein
zu beantworten.
    Die erste, unbedingt die erste.
    Nun, sehen Sie, das freut mich, sagte der alte Mann, das war auch meine
Meinung. - James, sagt' ich, Du mut unbedingt die erste nehmen, und - soll mich
der Henker holen, wenn er's am Ende nicht doch noch gewann.
    Wunderbar, sagte Sander zerstreut, und hatte keine Idee davon, welche
letzte und erste da gemeint und was eigentlich zu gewinnen gewesen. Adele aber,
die sich so pltzlich, allerdings etwas durch eigene Schuld, von ihren beiden
Nachbarn vernachlssigt sah, setzte sich hinber zu Mrs. Cook, die eben, die
mden Kinder zu Bett gebracht hatte. Hier aber, indem sie ganz in das einfache
Wirken und Leben der guten Frau einging, und bald nach dem und jenem frug und
ber dies und das mit ihrer kindlichen Gutmthigkeit plauderte, gewann sie sich
das Herz derselben so sehr, da diese endlich mit einem freundlichen Hndedruck
ausrief:
    Ach, Mi Adele, wie wnschte ich doch, da Sie hier drauen bei uns blieben
und eine wackere tchtige Farmersfrau wrden. Sie sollten einmal sehen, wie es
Ihnen bei uns gefiele. - Es ist gar zu hbsch hier, und besonders im Frhjahr
und Sommer, wenn sie in den Stdten fast vor Hitze und Staub umkommen.
    Mir gefllt es auch recht gut auf dem Lande, sagte Adele - ich bin - und
eine leichte Rthe frbte ihre Wangen, ich bin am liebsten unter grnen Bumen,
aber - wir armen Mdchen, Mrs. Cook, mssen ja doch am Ende stets dahin gehen,
wo uns das Schicksal hinwirft, und ein Glck noch, wenn wir dabei der Stimme des
Herzens folgen drfen.
    Ja, Mi Adele, das ist ein Glck, sagte die wackere Frau - Sie glauben
gar nicht, wie leicht und gern man alles Ueberflssige entbehren lernt, wenn man
nur bei Dem sein kann, den man so recht herzlich lieb gewonnen hat. - Es wird
Einem auch Alles noch einmal so leicht, und Arbeiten, von denen man sonst gar
nicht geglaubt hat, da man sie verrichten knne, thun sich fast von selber. Und
nun gar erst die Kinde - ja in den lieben Dingern wird man noch selbst einmal
wieder jung.
    Haben Sie Ihre bisherige Farm ungern verlassen? frug Adele.
    Wir? Jh nun, ja und nein, sagte Mrs. Cook - es war herrliches Land am
Fourche la fave und nach all' dem Vorgefallenen lie es sich erwarten, da wir
nun vor dem schlechten Gesindel dort Ruhe haben wrden. Aber dann lebten doch
hier die Eltern und der Bruder, und Vater, Mutter und James sind so liebe,
treffliche Leute, da glaubten wir denn Beide, es sei besser, in deren Nhe zu
wohnen und sie zu Nachbarn zu haben. Vielleicht sucht sich dann James mit der
Zeit auch irgendwo ein Mdchen, das ihn gern hat, aus, und dann knnten wir eine
ganz prchtige kleine Colonie bilden; oh, Mi Adele, wenn Sie nur dann in die
Nhe kmen!
    Kommt, Kinder - es ist Zeit zum Schlafengehen, sagte jetzt pltzlich der
alte Lively, der seine Geschichte glcklich zu Ende gebracht hatte und dann mde
geworden war. Der alte Mann hielt berhaupt seine ziemlich regelmige Zeit, und
da des engen Raumes wegen der mnnliche und weibliche Theil der Gste fr diese
Nacht in verschiedenen Husern untergebracht werden mute - die Damen sollten
nmlich in Lively's, die Mnner in Cook's Wohnhause schlafen - so konnte er
selbst nicht eher zur Ruhe kommen, bis die Anderen nicht ebenfalls ihre
Schlafsttten angewiesen bekommen. Mrs. Dayton, die seine Gewohnheit kannte,
schob deshalb auch ihren Stuhl zurck und gab damit das Zeichen zum allgemeinen
Aufbruch.
    Adele sprang ebenfalls empor; aber als ihr Blick den kleinen Raum schnell
durchfliegen wollte, begegnete er pltzlich, und zwar dicht neben sich, dem auf
ihr haftenden Auge James', das sich freilich, als ob er auf einer Frevelthat
ertappt wre, schnell und schchtern abwandte; Adele aber, mit dem Gefhl, als
ob sie einen Fehler begangen htte, frchtete fast, und wute selbst doch
eigentlich nicht warum, ihn beleidigt zu haben und sagte leise:
    Mr. Lively - ich - Sie sind wohl bse auf mich, da ich die freundliche
Einladung Ihrer Eltern so wenig zu schtzen scheine und schon morgen wieder fort
will? - Es ist aber eine liebe Jugendfreundin von mir, die ich seit ihrer
Verheirathung nicht gesehen habe, und - wenn ich Mrs. Lively nicht zur Last
falle, dann komm' ich recht bald wieder heraus - und bleibe dann auch wohl
lngere Zeit hier. - Es gefllt mir recht gut hier drauen - viel besser als in
Helena drin.
    Sie sind zu gtig, Mi Adele, erwiderte James in grter Verlegenheit -
wie sollte ich denn bse auf Sie sein drfen - ach - Sie wissen gar nicht -
    Gute Nacht, Ladies, sagte Sander und trat ohne weitere Umstnde zwischen
die Beiden, gute Nacht, Mi - schlafen Sie hbsch aus, denn wir haben einen
scharfen Ritt vor uns. Die Hand des jungen Mdchens ergreifend, die er leise an
seine Lippen drckte, verlie er schnell das Haus, und James, der jetzt zu
seinem Schrecken sah, da er der letzte der Mnner war und die Damen
augenscheinlich warteten, allein gelassen zu werden, folgte ihm eben so rasch.
Mehr aus alter Gewohnheit als zu irgend einem andern Zweck, nahm er noch seine
Bchse und Kugeltasche ber der Thr weg und mit zu dem eigenen Lager hinber.
Er schlief nicht gern, wie er selbst gestand, ohne die Waffe in der Nhe zu
wissen.
    In Cook's Hause lag jedoch schon Cook's eigene Bchse ber der Thr und der
junge Mann hing deshalb seine Kugeltasche auf die eine Stuhllehne und stellte
das treue Rohr in die Ecke neben sein Bett.

                                      11.

                                        

                                Cotton und Dan.


Um die Vorgnge dieses nchsten Capitels richtig verstehen zu knnen, mchten
wir uns lieber erst mit dem Terrain etwas nher bekannt machen, auf dem Lively's
und Cook's Farmen lagen.
    Das ganze Mississippi-Thal, und besonders das westliche Ufer dieses
ungeheuren Stromes, bietet eine nur selten von niederen Hgeln unterbrochene
Sumpfstrecke dar, die gar oft in unzugngliche Morste und Seen ausartet. Fast
durchgngig besteht es aus zwar sehr fruchtbarem, aber so niedrig gelegenem
Lande, da es sowohl durch die Ueberschwemmungen des Mississippi wie der brigen
es durchkreuzenden Strme, als auch durch Regen, deren Wasser keinen Abflu
finden, im Winter berschwemmt und nur erst durch die heien Strahlen der
August- und Septembersonne wieder ausgetrocknet werden kann. Tausende von
Quadratmeilen liegen also auf solche Art acht oder neun Monate des Jahres unter
Wasser und hauchen in dem andern Vierteljahre so pestilenzialische Dnste aus,
da der Ansiedler froh sein darf, wenn er mit einem ihm Mark und Bein
durchschttelnden kalten Fieber davonkommt. Das Land aber, was der Cultur in
solchem Boden gewonnen werden kann - und einzelne trockene Stellen durchlaufen
diese Niederungen -, ist vortrefflich und liefert Ernten, wie sie sich selbst
die khnste Einbildungskraft unserer mit drrem Boden stets im Kampfe um die
Aussaat liegenden Landwirthe kaum trumen lt. Solche Fruchtbarkeit allein kann
denn auch dem Farmer, der trotzdem nur wenig Land urbar macht und sich mehr auf
Viehzucht legt, bewegen, die warme ungesunde Luft dieser Smpfe zu athmen.
Natrlich sucht er sich zu diesem Zwecke die hchst gelegenen Stellen, die er
finden kann, seine Wohnung und seine Felder wenigstens den steigenden Wssern zu
entziehen.
    Daher kommt es auch, da die Nachbarschaft Helenas, sonst so abgelegen wie
alle brigen Pltze des Mississippi-Thales, am strksten bevlkert und angebaut
war, denn bis hierher erstreckte sich, von Nordwest herunter kommend, fast die
einzige Reihe niederer Hgel zwischen St. Louis und dem dreizehnhundert Meilen
entfernten Golf, bis an das Ufer des Mississippi. Einzelne kleine Stdtchen
waren sogar, weiter im Innern, darauf errichtet worden, und der Mensch mit
seiner unermdlichen Thatkraft drngte sich so gewaltsam in die frchterlichste
Wildni ein, da er ein naher Nachbar des wilden Bffels wurde, den er nicht
einmal aus seinen Weidegrnden heraustreiben konnte, sondern ruhig im Besitz
derselben lassen mute.1
    Am nrdlichen Fue dieser Hgelkette lag Lively's Farm. Sdstlich vom Felde
standen die Gebude, whrend sie an der Ostseite ein ziemlich gerumiger und
selbst holzfreier Raum von dem Urwald trennte. Die nicht bermig hohe
Umzunung wurde von einem dichten Gestrpp rothblthiger Sumachs, Sassafras,
Gewrzbsche und Dogwoods umschlossen, und diese berschatteten wieder
ihrerseits einen kleinen Bach, der etwa eine halbe Meile weiter oben aus den
Hgeln kam, am nrdlichen Fue derselben hinstrmte und dicht ber Helena in den
Mississippi einlief.
    Gleich ber dem Bache drben und den Wohngebuden gerade gegenber, dennoch
aber etwa zweihundert Schritt von ihnen entfernt, lag ein alter indianischer
Grabhgel und hob sich eben genug aus dem ihn umwuchernden Pflanzengewirr
hervor, einen Blick auf die kleine Ansiedelung zu gestatten. Lively hatte erst
krzlich den Plan gefat, hier eine kleine Blockhtte herzubauen und
gewissermaen eine Art Sommerpavillon daraus zu machen. Zu dem Zweck waren denn
auch schon alle die Bsche und Aeste, die etwa die Aussicht nach ihren Wohnungen
versperrt hatten, entfernt und einzelne Stmme, welche die Grundmauern bilden
sollten, in der Nachbarschaft gefllt und hinaufgeschafft.
    Der Mond warf nun zwar seinen silbernen Schein auf die Erde nieder und
bergo die thauperlenden Bltter mit einem magischen Licht; diesen kleinen Raum
konnte er aber nicht erhellen, denn dichte Holly- und Maulbeerbsche bildeten an
der Ost- und Sdseite eine jedem Strahl trotzende Laube.
    Der Platz lag jedoch nicht so einsam und verlassen, wie die plaudernden und
lachenden Menschen wohl glauben mochten, die jetzt noch, sich des
wunderherrlichen Abends erfreuend, vor den Gebuden auf- und abgingen. Manchen
Blick warfen sie nach den dunkeln Waldesschatten hinber, wo tausend und tausend
Glhwrmer in unbeschreiblicher Pracht hin- und herzuckten und den finstern
Hintergrund wie mit tausend und tausend Diamanten beseten, und ahnten nicht,
da von dorther sorgsam versteckte Augen sie beobachteten.
    Zwei dunkle Gestalten standen hier in dem Schatten der sie berhngenden
Bsche, und laut- und regungslos hatten sie schon lange das geschftige Treiben
der ihre Gegenwart nicht ahnenden Farmer belauscht. Da endlich brach der Eine
von ihnen das Schweigen und wandte sich mit leise gemurmelten Worten zu dem
Andern.
    Die Pest ber das schlabbernde, plappernde Volk, sagte er mit vorsichtig
gedmpfter Stimme - ist's denn nicht gerade, als ob ein Pack Franzosen und
Indianer hier ihr Nachtlager halte? - Hre, Dan, mir gefllt der Platz berhaupt
nicht; mu uns auch heute gerade der Teufel herfhren, wo die ganze
Nachbarschaft zusammengekommen ist und ihre Hunde mitgebracht hat. Wenn uns die
Bestien erst einmal wittern, dann gute Nacht - ich glaube, wir setzen uns hier
ganz unntz einer groen Gefahr aus.
    's ist nicht so schlimm, als Ihr denkt, sagte der Andere, indem ein
grimmiges Lcheln seine dunklen Zge berflog, dicht nebenbei fliet der Bach;
mit wenigen Stzen knnen wir drin sein, und wie der Wind jetzt steht, so ist
Zehn gegen Eins zu wetten, da sie uns gar nicht wittern knnen. Uebrigens habt
keine Angst um mich - es wre das erste Mal, da ich bei solchem Spa erwischt
wrde; nein, ich halte mein Wort und hole Euch eine Bchse, darauf knnt Ihr
Euch verlassen. Wenn ich nur nicht einen so nichtswrdigen Hunger htte.
    Hunger - immer Hunger und Essen, und Essen und Hunger - murrte rgerlich
sein Gefhrte - wenn ich nur Waffen htte, ich wollte gern hungern.
    Essen und Hunger? rief der Mulatte, denn ein solcher war es, der jetzt zu
dem bleichen Antlitz seines weien Kameraden emporsah - und wann habe ich denn
das letzte Mal gegessen, Massa Cotton, und was war das? Mais - harter Mais, den
ich aus einer Dachkammer stehlen mute, und wofr ich die zwei Schrote noch im
Schenkel trage. Sind wir nicht jetzt ein paar Wochen lang wie die wilden Bestien
gehetzt worden? Und tragt Ihr dabei nicht die meiste Schuld? Wir wren lange
vergessen gewesen und htten unsern Weg unbelstigt fortsetzen knnen, aber
nein, da mt Ihr den Reisenden mitten auf der Landstrae berfallen, und
wundert Euch nachher noch, wenn uns die Bevlkerung von drei Countys auf den
Hacken und der ganze Staat in Aufregung unserthalben ist. Ueberdies seid Ihr
wei und knnt immer noch eher, ohne gleich Verdacht zu erregen, in irgend einem
Hause einkehren und eine richtige Mahlzeit halten. Wenn ich mich aber mit meiner
farbigen Physiognomie irgendwo blicken liee, so wre die erste Frage nach einem
Pa und die zweite nach einem Constabler. Nein, solch ein Leben hab' ich satt
und will froh sein, wenn ich die Sclavenstaaten erst im Rcken wei und
kanadiensische Erde unter den Fen fhle.
    Und ehe das geschieht, hast Du noch manche Meile zu durchwandern, murmelte
der Weie. - Dan, Dan, Du glaubst gar nicht, wie sie in Missouri und Illinois
hinter entlaufenen Negern her sind. Es ist entsetzlich schwer durchzukommen.
    Ja, ja, erwiderte der Mulatte sinnend - ich habe schon oft daran gedacht;
am Ende wr's doch noch besser, wir gingen auf die Insel - Hlle und Verdammni,
ein Hund fhrt ja ein besseres Leben, als wir hier. Es ist dann auch kein
Wunder, da man schlimmer wird, als man eigentlich ist, und ein Menschenleben
nicht mehr hher achtet, wie eben das eines Wolfs oder Panthers.
    Nein - auf die Insel gehe ich nicht, brummte Cotton - wenigstens so lange
noch nicht, als ich hoffen darf, auf andere Art zu entkommen. Das ist schon
recht gut, da man dort sein Leben gesichert wei, und von den Mhen und
Strapazen, die wir Beide mitsammen durchgemacht, ausruhen knnte, aber der
Schwur - und nachher ist man von lauter Spionen und Aufpassern umgeben, die
immer nur darauf lauern, Jemanden zu bekommen, durch dessen vielleicht
unbedachtes, gar nicht so bs gemeintes Wort sie eine hohe Prmie gewinnen
knnen; nein, das ist meine Sache nicht. Ueberdies traue der Teufel dem Kram;
heut oder morgen nimmt die Sache einmal ein trbseliges Ende, und so viel
Erfahrung hab' ich doch auch in der Welt gesammelt, da ich wei, wenn irgend
Welche bei solcher Gelegenheit die Zeche bezahlen mssen, so sind es stets Die,
die am wenigsten damit zu thun gehabt, am wenigsten bekannt und vertraut mit dem
Ganzen gewesen. Geht es indessen gar nicht anders, knnen wir auf keinem Boote
den Verfolgern entgehen, gut, dann hab' ich nichts mehr dagegen. Jetzt aber
wollen wir erst einmal eine Reise nach dem Osten versuchen, denn da wir unsere
Flucht dorthin nehmen knnten, halten sie gewi fr am wenigsten glaublich.
Sorge also nur fr eine ordentliche Bchse, denn wir mssen noch Geld zur Reise
anschaffen, und das kann nicht ohne Waffen geschehen, nachher hab' keine Sorge.
In der Gesellschaft eines Weien fragt Dich Niemand nach einem Pa - hat Niemand
ein Recht dazu, Dich zu fragen, und es mte mit dem Teufel zugehen, wenn wir
nicht glcklich die lumpigen paar hundert Meilen zurcklegen knnten.
    Nun, wenn weiter nichts dazu fehlt - grinste Dan, so hoffe ich dem heute
Nacht abhelfen zu knnen. Ist berhaupt eine Bchse in einem der beiden Huser -
und ich wette meinen Hals darauf, da wenigstens drei dort sind - so haben wir
sie noch vor Tagesanbruch hier drauen und dann ade Arkansas.
    Vergi aber auch die Kugeltasche nicht, sagte Cotton - es wre sonst nur
ein nutzloses Stck Eisen.
    Ihr haltet mich fr gewaltig dumm - aber ein paar Stunden mssen wir noch
warten, denn die Burschen da drin scheinen gar nicht zur Ruhe zu kommen.
    Mich wundert's, da die Hunde so still sind, sagte der Weie nach kurzer
Pause, in der er aufmerksam das Haus und seine Umgebung beobachtet hatte -
keiner der Kter rhrt sich, und es mssen doch wenigstens elf oder zwlf von
ihnen dort sein.
    Lt sich sehr leicht erklren, kicherte der schlaue Mulatte, indem er die
Hand gegen das Gebude ausstreckte. - Dort hinten, gerade zwischen dem Haus und
Feld, hngt das Hirschfleisch - wir haben Beide gesehen, wie es der Eine noch
nicht so lange dorthin getragen hat. - Die Hunde aber sind gut genug und keiner
wrde es anrhren; keiner gnnt es aber auch dem andern oder traut einem der
Kameraden, sie liegen alle darunter und bewachen es, und ich setze meinen Hals
zum Pfande, da mich keiner wittert, wenn ich zum Hause schleiche.
    Das thust Du allerdings, murmelte der Weie. Wenn ich nicht ganz irre, so
ist dies die Farm, auf der Cook wohnen soll, und der versteht keinen Spa.
Erwischte er Dich, so wre der Hals gerade derjenige Krpertheil, der die Zeche
bezahlen mte. Hast Du Deine Waffen?
    Ihr fragt sonderbar, sagte der Mulatte, indem er ein langes, schweres
Messer aus der versteckten Scheide zog und in dem matten Dmmerlicht, das sie
umgab, blinken lie. - Unbewaffnet - ein Nigger zwischen lauter Weien? Nein
wahrhaftig, das wre nicht mehr Tollkhnheit, das wre Wahnsinn. Wer mich
lebendig fangen will, der mu frh aufstehen, denn auch meine Pistole hier ist
mit kleinen Kugeln geladen.
    Und sollten die Hunde dennoch anschlagen? sagte Cotton ernst.
    Dann springt nach unserer Verabredung in den Bach, flsterte der Mulatte -
an den drei Cypressen finden wir uns wieder.
    Wre aber der Platz besetzt?
    Hm, das ist nicht wahrscheinlich - aber freilich mglich; nun dann mssen
wir wieder nach dem Hause zurck, in dem wir vorgestern Nacht eingebrochen sind
- Ihr kennt da schon unsern Versteck. Von da aus knnen wir auch den Mississippi
leicht erreichen. Hlle und Verdammni, httet Ihr nur das unntze Blut nicht
vergossen, so wren wir auch nicht so weit hier hinunter nach Sden getrieben
und knnten jetzt schon vielleicht in Kanada sein -
    Oh geh mit Deinen moralischen Vorlesungen zum Teufel knurrte Cotton -
hol' die Bchse und berla das Andere mir. - Wie ist's denn - mir kommt's vor,
als ob sie drben zu Bett gehen wollten.
    Nun, Zeit wr's, sagte der Mulatte, aber einschlafen mssen wir sie auch
erst lassen. -
    Cotton hatte recht gesehen. Die Nachtluft war, wie das stets in diesen
Smpfen der Fall ist, ungemein feucht und die Mnner zogen sich bald in Cook's
Haus zurck, um sich ihre Lagersttten, so gut es gehen wollte, herzurichten.
    Zwei Betten standen nur in dem kleinen Raum, und die hatten, das eine der
alte Lively, das andere Cook und Sander inne; James dagegen lag mit Cook's
ltestem Knaben, einem Burschen von acht oder neun Jahren, auf einem
ausgebreiteten Brenfell mitten in der Stube. Auf dem kleinen, an der rechten
Wand befindlichen Tischchen flackerte ein Talglicht und erhellte den Raum kaum
hinlnglich, um noch ein paar rohgearbeitete Sthle und eine Art Eschrank
erkennen zu lassen, der links vom Eingang und zwischen Kamin und Thr stand.
Sonst war, einige Regale, auf denen die bescheidene amerikanische Wsche einer
Haushaltung lag, ausgenommen, nichts von Mbeln zu sehen, und die ber den
Betten aufgehangenen Kleider der Mrs. Cook dienten auch noch, indem sie einen
Kleiderschrank vollkommen entbehrlich machten, zu Tapeten und Zierrathen.
    Cook's Knabe war der Letzte, der sein Lager suchte; dieser hatte eben das
Licht ausgelscht und sich auf sein Fellbett niedergeworfen, als ihn der Vater,
der sich indessen auf der knarrenden Bettstelle zurechtrckte, frug, ob er auch
den Pflock vor die Thr geschoben habe.
    Nein, Vater, sagte dieser - die Hunde sind ja drauen -
    Die Hunde lagern, wie ich eben gehrt habe, alle hier hinten, unter dem
Hirschfleisch, erwiderte Cook.
    Es wird uns wohl Keiner stehlen, lachte Sander, wir sind doch auch
Personen genug und haben ein paar Bchsen im Hause.
    Nun, zu spaen ist nicht, sagte der alte Lively und streckte sich
behaglich aus - in der vorigen Woche sind weiter im Lande drin viele Diebsthle
vorgefallen, und erst vorgestern haben sie, wie uns James erzhlte, einen Mann
gar nicht weit von hier in seiner Htte berfallen. Nicht wahr, James, Du
brachtest ja die Geschichte mit nach Hause?
    In Bolwey's Haus haben sie wahrscheinlich eine Bchse stehlen wollen,
sagte der also Aufgerufene,Bolwey kam aber noch zeitig genug dazu und vertrieb
sie wieder. Weiter hierher zu sind sie dann in derselben Nacht bei Isloos
eingebrochen, haben den alten Jsloo schwer am Kopfe verwundet und, was sie in
der Geschwindigkeit erwischen konnten, meistens Kleider und werthlose Sachen,
auch eine Pistole, mitgenommen.
    Ja, Jsloo vermit aber auch jetzt, wie ich von Draper gehrt habe, seine
Brieftasche, sagte Cook, und in der sollen, wenn auch kein Geld, doch fr ihn
sehr werthvolle Papiere sein.
    Wo hast Du denn Draper gesehen? frug James.
    Drauen im Walde; als er meinen Schu hrte, kam er herbei und half mir den
Hirsch mit auf's Pferd heben.
    Hat man denn gar keine Vermuthung, wer diese Spitzbuben sein knnten,
Gentlemen? frug Sander.
    Wahrscheinlich Cotton und der frhere Mulatte und Helfershelfer Atkins',
sagte Cook - Cotton soll auch den Mann in Poinsett County erschlagen haben,
wenigstens sind alle Sheriffs und Constabler, wenn auch vergebens, hinter ihm
hergewesen, ihn zu fangen.
    Und wei man nicht, welche Richtung er berhaupt genommen? meinte Sander.
    Nein - jetzt nicht; - wie es den Anschein hat, so wollten die Flchtigen
gen Norden hinauf, denn vom Fourche la fave aus waren sie ber den Arkansas
gegangen und schon bis an die Strae gekommen, die den St. Francissumpf von
Memphis nach Batesville durchschneidet. Dort aber verbten sie den Mord und
hatten nun augenblicklich die ganze Ansiedelung am Languille - lauter tchtige
Jger - hinter sich, so da sie genthigt waren, wieder zurck in die Smpfe zu
flchten. Ob sie nun ihren Plan gendert haben und vielleicht ber den
Mississippi wollen, oder ob das hier gar Andere sind, wer wei es. So viel aber
ist gewi, hier in der Gegend treiben sie sich umher, und wir haben uns schon
verabredet, beim ersten Zeichen, das wir wieder von ihnen finden, die ganze
Nachbarschaft aufzubieten und einmal ein ordentliches Treibjagen auf die
Canaillen anzustellen.
    Bei Heinze sind vor einigen Tagen ebenfalls mehrere Sachen weggekommen,
meinte der alte Lively, schon halb im Schlafe - ein paar Schuhe, und - und der
alte Heinze -
    Den haben sie gestohlen? lachte Cook.
    Ahem! murmelte der Greis und sein schweres Athmen bewies gleich darauf
seine Unzurechnungsfhigkeit in Allem, was fr den Augenblick Fragen oder
Antworten betraf.
    Auch die Uebrigen fingen nach und nach an mde zu werden. Cook machte noch
einige Bemerkungen, aber schon mit ziemlich schwerer Zunge und geschlossenen
Augen, und endlich verrieth auch sein Schnarchen, wie der ermattete Krper dem
Schlummergott unterlegen war.
    Mehrere Stunden mochten so entschwunden sein - tiefe Ruhe herrschte auf der
kleinen Ansiedelung - kein Laut wurde gehrt, nur das monotone Quaken der
Frsche und dann und wann der Ruf eines auf Beute ausgehenden Nachtvogels
unterbrach das Schweigen. Der Mond, zeitweise durch vorbeiziehende
Wolkenschleier verhllt, sandte seine matten, ungewissen Strahlen ber die
Lichtung, und es schien fast, als ob er selbst da oben mde wrde und sich
hinabsehne in sein khles, laubiges Bett. -
    Da schlich leise und vorsichtig eine dunkle Gestalt ber den schmalen freien
Raum, der die Wohnung von dem benachbarten Dickicht trennte. Lautlos war ihr
Schritt, geruschlos jede ihrer Bewegungen, und als sie die nur angelehnte Thr
erreicht hatte, stand sie, dicht an den Pfosten geschmiegt, still und lauschte
wohl mehrere Minuten lang auch dem leisesten Athemzug im Innern der Htte. Dann
erst, als sich dem scharfen Ohr nichts Verdchtiges darbot, ffnete der
Verbrecher mit sicherer Hand die Pforte und schlpfte hinein.

                                    Funoten


1 Zwischen den beiden kleinen Flssen Cash, und Day de view liegt eine so
undurchdringliche Sumpfstrecke, da nur selten ein Jger khn genug ist, dort
einzudringen, da er es nie mglich machen kann, das, was er wirklich auf der
Jagd erbeuten sollte, auch fortzuschaffen. Es ist das jetzt der einzige Platz in
den Vereinigten Staaten, wo sich der Bffel noch, ringsum von Ansiedelungen
umgeben, in einzelnen Heerden findet und auch nicht, trotzdem er fast nur Jger
in seiner Nachbarschaft hat, ausgerottet werden kann.


                                      12.

                                        

                                  Der Mulatte.

Der Mulatte, denn dieser war es, hielt noch immer die wieder festangedrckte
Thr in der Hand. Vorsichtig lauschte er dabei dem geringsten Ton, um sich erst
vollkommen davon zu berzeugen, ob auch wirklich Alle schliefen und nicht
vielleicht ein Einzelner nur ruhig auf der Lauer liege, den nchtlichen Feind zu
beobachten und zu berfallen. - Lange verharrte er auch in dieser Stellung und
glich eher einer aus dunklem Stein gehauenen Statue, als einem menschlichen,
athmenden Wesen.
    Undurchdringliche Finsterni herrschte in dem kleinen Raume, welcher die von
des Tages Anstrengung und Hitze ermdeten Mnner umschlo. Das Feuer im Kamin
war niedergebrannt, und nur zwischen den oberen Balken hindurch fand das matte
Dmmerlicht des Mondes einen schwachen Eingang. - Nichts regte sich - kein Ton
wurde laut, als das regelmige Athmen der Schlafenden. Der Mulatte konnte das
Schlagen seines eigenen Herzens deutlich, ja so deutlich hren, da er schon
frchtete, es msse ihn verrathen, und er prete die breite schwielige Hand fest
darauf, diese augenblickliche Schwche zu besiegen.
    Endlich mochte er sich wohl berzeugt haben, da ihm hier noch keine Gefahr
drohe. Er griff jetzt leise hinauf ber die Thr, wohin die Farmer stets auf
dort eingeschlagene Pflcke ihre langen Bchsen legen, und ein triumphirendes
Lcheln durchzuckte sein dunkles Angesicht, als er den Lauf der gehofften Waffe
fhlte. Schnell und ohne Zgern hob er sie herunter. Nun mute er aber auch noch
die Kugeltasche haben, und dem Jgergebrauch nach hing diese an der andern Seite
beim Kolben, und zwar an demselben Haken, der diesen trug.
    Mit einem Schritte war er drben, aber - Pest! knirschte er leise zwischen
den Zhnen hindurch, als er den leeren Platz dort fhlte. Sie war nicht da, und
wo sollte er jetzt zwischen den nur leicht schlafenden Mnnern die kleine Tasche
finden? Mute ihn nicht das unbedeutendste Gerusch verrathen, und wrde es ihm
mglich sein, zu entkommen, sobald er erst einmal von diesen khnen und in der
Verfolgung so scharfsichtigen Shnen des Waldes entdeckt und wirklich verfolgt
wrde? Hier aber half kein Besinnen, denn er wute, da ihn sein weier
Begleiter nicht ohne Gewehr durch die Sclavenstaaten der Freiheit entgegenfhren
wrde, Ueberdies war er nun doch einmal mitten zwischen den Feinden; die Zhne
also fest auf einander gepret, die Rechte am Griff des scharfen Stahls, fhlte
er seinen Weg links an der Wand hin und hoffte dabei die ersehnte Kugeltasche
auf irgend einer Stuhllehne, oder auf jeden Fall neben dem Kamin aufgehangen zu
finden.
    Jetzt war er an dem Wandschrank, der das einfache Haus- und Kchengerth der
Familie trug, und unten - er streifte mit dem Bein daran - stak der Schlssel.
Das mute jedenfalls der Aufbewahrungsort fr Lebensmittel sein, und so stark
qulte ihn in diesem Augenblick nagender Hunger, da er alles Andere verga, ja
selbst die Gefahr nicht achtete, der er sich aussetzte, und so geruschlos wie
mglich die kleine Thr ffnete.
    Mit welcher Gier fhlte er aber dort eine groe Schssel, die, wie er sich
bald berzeugte, Milch enthielt. Freudig hob er sie an die trockenen Lippen, um
in langen, durstigen Zgen die se Labung einzusaugen. Kaum konnte er sich
entschlieen, wieder abzusetzen, und tappte nun vor allen Dingen nach etwas
Compacterem umher, was er auf seine Wanderschaft mitzunehmen gedachte. Er fand
zwar nur wenige Stcken Maisbrod, schob diese jedoch schnell in sein Hemd vorn,
das der Grtel zusammenhielt, und hob nun noch einmal das Gef an den Mund.
    Lat mir auch noch 'was drinnen! sagte da pltzlich eine Stimme dicht
neben ihm, und fast wre ihm vor lhmendem Schreck das schwere Gef aus der
Hand gestrzt. - Seine Glieder bebten - regungslos stand er da und wagte kaum zu
athmen.
    Mr. Cook! sagte dieselbe Stimme jetzt wieder - Mr. Cook!
    Was giebt's? frug dieser schlaftrunken aus seinem Bett - treib' ihn
hinaus - er ist ber die Fenz gesprungen.
    Wer? frug Sander erstaunt.
    Der Rappe, murmelte Cook.
    Unsinn - schwatzt der im Schlafe von Pferden und Fenzen - ich glaubte, Ihr
wret aufgestanden und trnkt einmal.
    Ja, ja - was giebt's? rief jetzt Cook, der sich, munter werdend, im Bette
aufrichtete - rieft Ihr mich?
    Ich bin frchterlich durstig, sagte Sander, und glaubte, ich hrte Euch
trinken. - Wo steht denn das Wasser?
    Drauen vor der Thr, auf dem kleinen Brett - gleich links, erwiderte ihm
der jetzt ganz munter gewordene Cook - der Flaschenkrbis zum Ausschpfen hngt
dicht darber am Nagel. Wollt Ihr aber nicht lieber Milch trinken? im Schranke
steht eine ganze Schssel voll - sie wird doch bis morgen frh sauer.
    Der Mulatte setzte schnell und leise die Schale nieder und zog das Messer
aus der Scheide - seine Entdeckung schien jetzt unvermeidlich, denn in der
Dunkelheit durfte er, ohne sich zu verrathen, keinen Schritt wagen. Wute er
doch gar nicht, wohin und auf wen er treten konnte.
    Nein, ich danke, sagte Sander - Wasser wre mir lieber; das ist aber eine
Finsterni hier, man kann Hals und Beine brechen.
    Blast die Kohlen im Kamin ein wenig an, rief ihm Cook zu - rechts in der
Ecke liegen ein paar Kienspne.
    Der Mulatte fate sein Messer mit festerem Griff und hoffte jetzt nur noch,
sobald das Feuer emporflackerte, auf die erste Ueberraschung der Mnner, um das
Freie glcklich zu erreichen. Vorher durfte er keinenfalls wagen, seinen Platz
zu verlassen, da er im Dunkeln ja kaum die genaue Richtung kannte, die er zu
nehmen hatte, und ihm berdies dort, wo er sich gerade befand, noch allein die
Hoffnung blieb, nicht entdeckt zu werden. Sander blies jetzt mit aller Macht in
die heie Asche, vermochte aber keine Flamme zu erwecken, sondern blies sich nur
die Asche ein paar Mal selber in die Augen. Endlich sprang er unwillig wieder
auf und rief aus:
    Der Teufel mag das Feuer holen; - nicht die Probe von einer Kohle ist mehr
zu finden.
    Ihr knnt ja nicht fehlen und braucht gar nicht aus dem Hause zu treten,
bedeutete ihn Cook - wenn Ihr auf die Schwelle tretet, habt Ihr den Wassereimer
gleich linker Hand.
    Wie viel Uhr ist's? frug jetzt James, der ebenfalls wieder munter geworden
war.
    Es kann noch nicht so spt sein! erwiderte Sander - aber, Donnerwetter,
jetzt hab' ich mir die Knochen an einem Bchsenschlo geschunden - und - was ist
denn das? Die Thr steht ja hier auf - da wird wahrscheinlich einer von den
verwnschten Ktern hereingekommen sein. Wer lt aber auch die Bchse hier
unten stehen!
    Nun, meine Bchse kann es doch wahrhaftig nicht sein! rief Cook, die hab'
ich gestern Abend selbst hinauf auf ihren Platz gelegt.
    Dann ist sie auch von selber wieder heruntergekommen, brummte Sander,
denn hier steht sie, und das Zeichen davon trag' ich am Schienbein.
    So hat sie der verwnschte Junge gehabt - he, Bill!
    Oh lat den um Gottes willen schlafen; es wre schade, das schne
Schnarchen zu stren. Der Herr sei uns gndig, der blst ja wie nach Noten!
    Sander legte bei diesen Worten das Gewehr wieder an seine Stelle hinauf,
trat dann in die Thr, fand den Eimer und trank das khlende Wasser mit mehreren
Ausrufungen unverkennbaren Wohlbehagens.
    Ach! sagte er, als er mit dem langstieligen Flaschenkrbis wieder den
Nagel suchte, an dem er gehangen, das that gut - es giebt doch nichts
Herrlicheres, wenn Einen recht durstet, als ein Schluck Wasser.
    Besonders, wenn halb Whisky drin ist, fiel hier Cook ein, der ebenfalls
zum Eimer trat, seinen Durst zu lschen - wo sind denn aber all' die Hunde? -
he Deik - he Ned, Bohs, Watch, hallo hier! Wo steckt Ihr Canaillen alle!
    Die Thiere, die bis jetzt hinten am Hause gelegen hatten, kamen winselnd
hervor, wedelten vor der Thr herum und wollten an ihrem Herrn hinausspringen.
    Fort mit Euch, Ihr Bestien - nieder! rief aber Cook - was liegt Ihr alle
miteinander dort hinten unter dem Hirschfleisch? - Einer ist genug. - Du, Watch
- willst Du hinaus - Du, Bohs - so hol' doch der Teufel die Hunde - willst Du
fort, Canaille!
    Was haben sie denn? frug James.
    Ei, die Sappermenter wollen mit aller Gewalt hier herein, rief Cook
rgerlich - und schnffeln, als wenn sie eine wilde Katze auf dem Baume htten
- hol' sie der Henker!
    Mit vieler Mhe gelang es ihm erst, die Thr zu schlieen, denn die beiden
grten der Hunde schienen sich ihren Weg in das Innere der Wohnung erzwingen zu
wollen. Endlich aber brachte er den hlzernen Pflock vor, tappte, whrend er
Sander dabei fhrte, zu seinem Lager zurck und legte sich wieder nieder,
schimpfte jedoch dabei noch fortwhrend auf die Bestien, wie er sie nannte,
die drauen vor der Thr lagen und winselten.
    Sander schlief endlich wieder ein, Cook wlzte sich aber noch immer unruhig
auf dem Bett herum, denn die Hunde wurden mit jedem Augenblick lrmender, und
kratzten jetzt schon an der Pforte und an der Seite des Gebudes, an welcher der
Schrank stand. Einer - wahrscheinlich Bohs, der Hausgelegenheit kannte - hatte
sich sogar durch irgend ein lockeres Brett unter dasselbe gearbeitet und heulte
nun hier auf schauderhafte Art.
    Nein! schrie Cook endlich, indem er wieder aufsprang - das ist zum
Rasendwerden. Wenn die Canaillen jetzt nicht augenblicklich ruhig sind, so
begehe ich einen Mord. Sie mssen aber doch wahrhaftig etwas wittern, sonst
knnten sie sich ja gar nicht so toll und wunderlich anstellen.
    Wittern? brummte Sander, der durch den Lrm ebenfalls wieder munter
geworden war - was sollen sie denn hier wittern? - Ich hatte, als ich in der
Thr stand, die Bchse in der Hand, und nun glaubt das dumme Viehzeug
wahrscheinlich, wir wollten Waschbrjagen gehen. - Mir wr's jetzt gerade so.
    Cook stolperte indessen mit halb verbissenem Fluchen zur Thr, ri diese auf
und begrte hier die ihn frhlich anbellenden Kter mit einem Hagel von
Schimpfwrtern, wie auch noch anderen, derberen Gegenstnden, die ihm gerade in
die Hand fielen.
    Da! rief er dabei, als er etwas nach dem ihm zunchststehenden schleuderte
- da, Du Canaille - und da - Du Beest, Du - und da, das fr Dich, Du feinpipige
Quietscheule, Du, und das fr Dich, Du nichtsnutzige heulende Hundeseele. Und
nun rhrt Euch wieder, Ihr Racker, - muckst Euch, wenn Ihr es wagt. Und Du,
Bohs, kommst unter dem Hause vor - hierher, Sir - hol' Dich Dieser und Jener;
rhr' Dich aber noch einmal, dann weit Du, wie wenig ich Spa verstehe. Fort
mit Euch, an's Fleisch, wo Ihr hingehrt - Du, Bohs - zurck da - da Du Dich
unterstehst!
    Die Hunde gehorchten endlich, wenn auch mit vielem Widerstreben, und Cook
schlo die Thr zum zweiten Mal.
    'S ist doch eine Finsterni hier, sagte er jetzt, whrend er sich
umdrehte, um zu seinem Bett zurckzutappen, da man die Hand nicht vor Augen
sehen kann; - wo bin ich denn hier eigentlich hingerathen? - Wetter noch einmal,
das ist hier der Schrank - da mu ich ja rechts hinber.
    Hier lieg' ich, sagte Sander, der sein Lager mit ihm theilte.
    Komme gleich! erwiderte Cook, und stand in diesem Augenblick unter dem
gezckten Jagdmesser des Mulatten, kaum zehn Zoll von diesem entfernt, der sich,
so dicht es gehen wollte, an die Wand gedrngt hatte. Ein einziger Schritt - ein
einziges Ausstrecken der Hand mute ihn mit dem hier Eingeschlichenen in
Berhrung bringen, und da der zum Aeuersten getriebene Gelbe sich dann auch
nicht bedenken wrde, den Feind unschdlich zu machen, der fr den Augenblick
seiner Flucht hemmend im Wege stand, war vorauszusehen. Cook's guter Geist
lenkte jedoch seine Schritte, da er sich dicht vor der dunkeln Gestalt wandte
und quer ber Bill's Bett, ber diesen und James hinweg, seinem eigenen Lager
zuschritt, auf das er sich ermdet warf und auch bald wieder einschlief.
    Grabesschweigen herrschte auf's Neue in der kleinen Wohnung. - Das
regelmige Athmen unterbrach allein wieder die Stille, und vorsichtig hob der
Mulatte jetzt noch einmal die Schale, trank auch den letzten Rest Milch, und
schlich nun so geruschlos als mglich zur Thr zurck. Da stie er mit dem Fu
an einen ihm durch Cook in den Weg geschobenen Stuhl, und zwei Stimmen athmeten
nicht mehr - er wute, sie waren erwacht oder wenigstens gestrt. Bewegungslos
blieb er an seiner Stelle und fand bald, da - glcklich fr ihn - nur das
Letzte der Fall gewesen sein mute, denn bald darauf fielen sie wieder in den
allgemeinen Chor ein, und Dan begann, seinen Weg weiter zu fhlen.
    Als er aber den Stuhl vorsichtig bei Seite schieben wollte, berhrte sein
Finger an der Stuhllehne einen Ledergurt; rasch fuhr er daran hinunter und fand
hier - die lang' ersehnte Kugeltasche. Schnell hing er sie um seinen Nacken, und
wollte eben den Stuhl verlassen, da fhlte er auf dem Sitz desselben noch eine
zweite. Welches war nun die richtige? Und einen Moment stand er unschlssig -
aber auch nur einen Moment, denn solche Kleinigkeit konnte ihn nicht lange die
gefhrliche Lage vergessen machen, in der er sich befand. Um sicher zu gehen,
nahm er alle beide, trat geruschlos an die Thr, fhlte nach der Bchse, die
Sander wieder hinaufgelegt hatte, hob sie leise herab, und zog jetzt den Pflock
heraus, der die Thr verschlossen hielt.
    Waren die Hunde noch auf der Wacht? - In diesem Falle war' er verloren
gewesen, denn die Meute, die erst vor wenigen Wochen einen fnfjhrigen Bren
gestellt und bezwungen hatte, wrde den fast wehrlosen Schwarzen augenblicklich
in Stcke zerrissen haben. Sein Herz schlug daher, als er die Thr ein klein
wenig ffnete, wie ein Hammer. Glcklicher Zufall - keiner der Hunde lag vor der
Thr. - Der Befehl des Herrn hatte sie alle hinter das Haus gewiesen, und konnte
er jetzt nur fnfzig Schritt Vorsprung gewinnen, so war er gerettet -
geruschlos ffnete er die Pforte.
    Seid Ihr es, Mr. Hawes? frug jetzt James, der in diesem Augenblick von dem
kalten, gerade ber ihn hinstreichenden Luftzug erwachte - ha - wer ist an der
Thr?
    Keine Antwort erfolgte - kein Laut lie sich hren, und der Fragende glaubte
schon getrumt zu haben. Der Dieb aber stand auf der Schwelle - im Freien - die
kalte Nachtluft khlte seine in Fiebergluth brennenden Wangen, und vorsichtig
glitt er in der Dunkelheit dem nahen Dickicht zu, um die schlafenden Wchter
nicht zu ermuntern und unentdeckt zu entkommen. Schon hatte er die niedere Fenz
erreicht, welche die Wohnung umgab, und zitternd berstieg er sie, als er mit
dem linken Fu den Stiel einer Hacke berhrte, die daran lehnte und jetzt
umfiel.
    Da schlug Bohs an - ihm folgte Watch, und im nchsten Augenblick brachen die
Hunde um das Haus herum. Mit langen, mchtigen Stzen floh aber auch jetzt der
Mulatte, die gewonnene Bchse hoch emporhaltend, dem Walde zu, hatte gerade, als
die Meute auf seiner Fhrte heulend anschlug, das Dickicht erreicht, rief, da er
den Gefhrten nicht sehen konnte: In's Wasser - in's Wasser! - sprang dann
selbst, ohne auch nur eine Secunde Zeit zu verlieren, in den kleinen Bach und
watete, so schnell es ihm mglich war, stromab.
    Noch hatte er sich brigens keine fnfzehn Schritt von der Stelle, wo er den
Wasserrand zuerst betrat, entfernt, als auch die Hunde, bellend und klffend,
mit den Nasen am Boden, dort ankommend, ohne Weiteres hindurchsetzten und auf
der andern Seite in der Irre umhersuchten. Da schlug ein junger Brake,
wahrscheinlich auf einer Kaninchen- oder Waschbrenfhrte, an, und obgleich Bohs
und Watch im Anfang gar nicht gesonnen schienen, dem Lrmenden zu glauben, so
wurden sie doch zuletzt selbst durch das wilde Toben der Meute verlockt und
brachen jetzt in langen Sprngen hinterher, um die Jagd nicht zu versumen und
in der Verfolgung, wie gewhnlich, die ersten zu sein.
    Hahaha, lachte der Mulatte vor sich hin, als er dem sich weiter und weiter
entfernenden Toben lauschte - wie sich das Hundezeug jetzt abqulen wird, um
etwas zu finden, was gar nicht da ist. Aber die Zeit vergeht - heh, Cotton - wo
seid Ihr?
    Hier! flsterte dieser, der leise in dem Bach heranschritt - alle Wetter,
das htte schlecht ablaufen knnen - und die Bchse hast Du wohl auch nicht?
    So? Meint Ihr etwa? - Hier ist sie - nehmt schnell - da - die Taschen auch,
eine von beiden wird wohl die rechte sein. Aber nun fort; hatten wir frher, als
die Hunde noch am Hause lagen, vortrefflichen Wind, so wird er jetzt, wenn sie
zurckkehren, um so schlechter.
    Wir mssen in die Hgel. - Dort entgehen wir am leichtesten jeder
Verfolgung, sagte Cotton.
    Ja, aber den Bach drfen wir in der ersten halben Stunde noch nicht
verlassen, und nachher heit's erst recht Fersengeld geben. Cook ist ein
verdammt guter Sprer, und die Anderen werden ihm wohl auch nichts nachgeben.
    Also fort! flsterte sein Begleiter, whrend er mit dem Ladestock
versuchte, ob die Waffe geladen sei - hier wird's mit jeder Secunde unsicherer,
und seit ich das Eisen in der Hand fhle, ist mir's um hundert Procent leichter
um's Herz.
    Die beiden Mnner schritten jetzt schnell in dem seichten Bach hinauf, der
mehrere der niederen Hgel von einander trennte, und verlieen ihn erst dann,
als er sich zu weit westlich wandte und sie doch vor allen Dingen dem
Arkansasflu zustreben muten. Es war dies eine Stelle, wo sich die Ufer von
beiden Seiten ziemlich schroff und felsig emporhoben und nur rechts in eine
ebenere, aber auch steinige Flche ausliefen, whrend sie links bis zum Gipfel
des hchsten Bergkammes aufstiegen.
    Dieser wollten sie, ihre Bahn wieder zurcknehmend, folgen, denn sie wuten,
da sie dann Helena oder doch die Umgegend der Stadt erreichen muten. Hier
hofften sie im Stande zu sein, sich eine Weile versteckt zu halten. Drohte ihnen
aber auch da Gefahr, ei nun, so lie sich dort leicht ein Boot stehlen, um damit
das gegenberliegende sichere Ufer zu erreichen.

                                     * * *

    Ei, so wollt' ich denn doch, da die verdammten Hunde beim Teufel wren!
rief James aufspringend - das ist ja ein Heidenlrm die ganze Nacht hindurch -
kein Auge kann man zuthun. Nun hr' nur Einer die Bestien!
    Hallo - was giebt's? sagte jetzt auch, gewaltsam den Schlaf abschttelnd,
Cook - mit wem spracht Ihr, James - wer war an der Thr?
    Was haben denn die Hunde? frug ebenfalls der noch halb schlaftrunkene
Sander.
    Mit wem ich sprach? sagte der Angeredete, sich die Augen reibend, ja wie
zum Henker soll ich denn das wissen? Die Thr ging auf, das wollt' ich
beschwren, und ich dachte, es wre Einer von Euch; ich war aber so im Schlafe,
da ich mich geirrt zu haben glaubte und wieder zurck auf's Kissen fiel. Gleich
darauf ging der Skandal mit den Hunden los, die jetzt in -
    Beim ewigen Gott - die Thr ist offen und meine Bchse fort! schrie in
diesem Augenblicke Cook, der indessen auf die Schwelle getreten war, dort aber
kaum den innern Vorstecker weggezogen fand, als er auch schon, fast
instinctartig, nach der eigenen Waffe griff.
    Kann man denn die Thr von auen ffnen? frug jetzt Sander.
    Gott bewahre! rief Cook, ingrimmig mit dem Fue stampfend, die Spalten
sind alle sorgfltig mit Kltzen und Brettern vernagelt - Einer von Euch mu den
Vorstecker wieder zurckgezogen haben.
    Es hat sich Keiner von uns gerhrt! rief James.
    Dann ist auch Jemand hier drinnen gewesen, - tobte Cook - Pest und Donner
- jetzt wei ich auch, weshalb die Hunde so auer sich waren und mit
Teufelsgewalt hier herein wollten - und ich Esel mu dem Schuft auch noch
forthelfen.
    Habt Ihr kein Feuerzeug hier im Hause? frug jetzt Sander - es ist ja eine
Dunkelheit, da man Hals und Beine brechen mchte.
    Wartet - lat mich vor - sagte James - ich will gleich Feuer anmachen -
ich wei hier Hausgelegenheit - Ihr findet's doch nicht.
    Cook tappte inde im Dunkeln nach den Kugeltaschen umher.
    Himmel und Hlle, brummte er dabei vor sich hin - sollte der
gottvergessene Halunke - Bill - Bill! Hat der Bengel einen Schlaf - Bill! Sag'
ich - wo hast Du die Kugeltasche hingehngt?
    Bill fuhr nun zwar empor, als er seinen Namen hrte, begriff jedoch noch
lange nicht, was man von ihm wollte. James aber, emsig damit beschftigt,
einzelne Kohlen unter der Asche vorzuschren und zu neuer Gluth anzublasen -
sagte:
    Auf dem Stuhl - links von der Thr - hngt die eine - und die andere -
verdammte Asche, das beit schndlich in den Augen - und die andere mu auf dem
Sitze liegen - die gehrt zu meiner Bchse.
    Auf welchem Stuhl? rief Cook schnell, indem er den ihm nchst stehenden
von oben bis unten befhlte.
    Auf dem dicht an der Thr - zwischen dieser und dem Schranke.
    Dann sind sie fort! knirschte Cook, den Stuhl gewaltsam von sich
schleudernd, da er ber den noch immer halb schlafenden Bill wegfiel und diesen
schneller, als es sonst wohl der Fall gewesen, auf die Beine brachte.
    Beide? rief James erschreckt und leuchtete mit einem eben entzndeten
Kienspan berall im Zimmer umher - die meine auch? Beim ewigen Gott - auf den
Stuhl da habe ich sie selbst gelegt - die Bchse ist auch fort und die Thre
offen - ber das Geschehene brauchen wie also gar nicht mehr im Zweifel zu sein.
Der diebische Hund war hier im Zimmer und lacht sich jetzt in's Fustchen.
    In wilder Hast kleideten sich nun die Mnner an, whrend Bill das Feuer im
Herde heller lodern machte und das Licht ebenfalls wieder anzndete, da sie
wenigstens den kleinen Raum bersehen konnten. Cook's Wuth aber, als er das
geleerte Milchgef fand, kannte keine Grenzen, und er schwur und fluchte auf
hchst gotteslsterliche Art. Was aber jetzt thun? Nach den Sternen war es kaum
Eins vorbei, und in solch dunkler Nacht ohne die Hunde eine Verfolgung zu
beginnen, wre Wahnsinn gewesen. Lieen sie aber die Flchtigen bis Tagesanbruch
unverfolgt, so gewannen diese einen solchen Vorsprung, da ein Nachsetzen
hoffnungslos werden mute.
    Da man auch gar nichts mehr von den Hunden hrt! rief James rgerlich und
horchte noch immer nach ihnen in die Nacht hinaus, das Beste wird doch am Ende
sein, ich sattle mein Pferd und reite in den Wald. Vielleicht sind die Thiere
der rechten Spur gefolgt, haben den Schuft auf irgend einen Baum getrieben und
liegen darunter und heulen.
    Unsinn! sagte der alte Lively, der indessen ebenfalls mit Ankleiden fertig
geworden war - wenn der Bursche da aus der Thr sprang, als Du ihn anriefst, -
denn das habe ich deutlich gehrt - so hat er auch hchstens zweihundert Schritt
Vorsprung gehabt, ehe ihm die Hunde auf den Hacken waren, und dann blieb ihm
keine Zeit mehr zu entkommen. In hundert Schritt weiter muten sie ihn eingeholt
haben, wren sie wirklich der richtigen Fhrte gefolgt. Nein, sie sind in's
Blaue hinein getobt, und wer wei, wann sie wieder zurckkommen.
    Wie wr's denn, wenn wir einmal das Horn bliesen, Vater? sagte Bill,
vielleicht sind sie nicht so weit fort und knnen es noch hren.
    Wird wenig helfen, wir wollen's aber versuchen. - Tod und Teufel, was fr
ein Hauptspa wre das geworden, wenn die Hunde den Schuft auf frischer That
erwischt htten!
    Nun, zu spt ist's noch immer nicht! brummte James, ich habe wenigstens
eine Kugel im Rohr, und die, hoff' ich, werd' ich dem nchtlichen Halunken wohl
noch auf den Pelz brennen. Wo aber zum Donnerwetter ist denn mein einer Schuh? -
Ich habe doch alle beide hier neben einander hingestellt?
    Ich kann meine Stiefel auch nicht finden, sagte Sander - nun weiter
fehlte nichts, als da uns die Canaille auch noch das Schuhwerk mitgenommen
htte.
    Die werden drauen liegen, brummte Cook rgerlich, whrend er in die Thre
trat - ich habe, glaub ich, solche Dinger wie Schuh oder Stiefeln nach den
verwnschten Ktern geworfen, als sie das Heulen gar nicht lassen wollten.
    Sehr schn das, meinte Sander, als er jetzt drauen im Dunkeln mit bloen
Fen zwischen den Spnen und Holzstcken nach den verlorenen Schuhen
umhersuchte, das geht sich hier prchtig, barfu auf den scharfen Splittern -
Herr Gott - ich glaube - ich habe mir die Zehen abgestoen.
    James kam ihm jetzt mit einem brennenden Kienspan zu Hlfe, und sie fanden
bald ihr wild umhergestreutes Schuhwerk, whrend Cook den Schall des Horns laut
und gellend in die stille Nacht hinaustnen lie. Lange aber mute der Farmer
vergeblich blasen, und schon wollte er das einfache Instrument unmuthig bei
Seite werfen, als ein leises Winseln wenigstens einen der sich nhernden Rden
verkndete. Gleich darauf kam auch Vohs, den langen buschigen Schwanz fest
zwischen die Lufe geklemmt, mit dem Bauch fast die Erde streichend, heran und
schlich demthig zu seinem Herrn hinan. Es war fast, als ob er diesem auf jede
nur mgliche Art und Weise darthun wollte, wie tief zerknirscht er sich seines
so ganz eines ordentlichen Hundes unwrdigen Betragens wegen fhle und wie leid
ihm der begangene Fehler thue.
    Cook war jedoch ber des treuen Thieres Rckkehr viel zu sehr erfreut, als
da er es lange htte mit Vorwrfen berhufen sollen. Er schleuderte ihm nur
als erste Begrungsformel einige Kernflche entgegen, die Bohs auch ohne
weitere Bemerkung einsteckte, und streichelte dann dem durch ein einzig gtiges
Wort Beruhigten mit unverkennbarer Freude den Kopf.
    So recht, mein Alter - la die anderen Canailleu laufen, wir Beide wollen
dem Burschen schon auf die Spur kommen. Wird's nur erst wieder hell, so mte er
ja mit dem Bsen im Bunde stehen, wenn er nicht wenigstens eine Fhrte
hinterlie, denn durch die Luft kann er doch wahrhaftig nicht davongesegelt
sein.
    Wo aber jetzt suchen? sagte James - ich begreife gar nicht, da die
Hunde, die so dicht hinter ihm gewesen sein muten, seine Spur sollten verloren
haben.
    Pat einmal auf, der hat den Bach angenommen, betheuerte der Alte. Der
Wind streicht von hier dort hinber, wittern konnten sie ihn nicht gut, und wenn
er von seiner Fhrte absprang, so ist nichts wahrscheinlicher, als da die Hunde
dadurch irre gefhrt wurden.
    Dann wird er sich auch stromab, dem Mississippi zu gemacht haben, rief
James; wo der Bach wenigstens fr ein Canoe schiffbar wird, hat er das
vielleicht angebunden und ist, whrend wir in den Bergen auf kalter Fhrte
umherhetzen, lange im Strom oder im andern Staate drben.
    Dort hat gestern Abend kein Canoe gelegen, wandte hiergegen der junge Cook
ein, das wei ich gewi. Noch vor Dunkelwerden war ich mit Turner's Henry
unten, um ein paar Fische zu fangen, und wir sind unter jedem Busch in der
ganzen Nachbarschaft herumgekrochen.
    Waren keine Fhrten zu sehen? frug sein Vater.
    Nicht eine, denn wir schauten uns auch noch besonders genau nach
Otterzeichen um, und htten doch gewi in dem weichen Boden die Fustapfen eines
Mannes erkennen mssen.
    Dann sind sie in die Hgel, rief Cook. Hat brigens hier, wie ich kaum
noch zweifeln kann, der verdammte entsprungene Mulatte die Hand im Spiele, so
sei Gott unseren Pferden gndig - dann drfen wir auch keinen Augenblick Zeit
mehr verlieren.
    In Nacht und Nebel wird Ihnen aber eine Verfolgung wenig ntzen, nahm hier
Sander das Wort, der bis dahin sinnend am Kamin gestanden. - Wr' es nicht
besser, Sie warteten das Tageslicht ab und ritten dann gleich zum nchsten
Richter, die nthige Anzeige davon zu machen?
    Und was sollte der uns helfen? frug der alte Lively verchtlich, whrend
er aus Leibeskrften in den verkehrten Aermel seiner Jacke fuhr - wenn der 'was
ausrichten wollte, mte er uns doch immer wieder dazu rufen. Nein, nach mssen
wir, und das gleich. Bill mag die Pferde holen; glcklicher Weise sind sie
drben ber dem Bache im Schilfbruch, wo der Mulatte nicht hin sein kann, sonst
htten ihn die Hunde schon.
    Ja wohl, Lively hat Recht, rief Cook, wir knnen ja, so lange es dunkel
ist, die Pferde an den Zgeln nehmen und vorsichtig am Bachufer hin suchen.
Begreift Bohs erst einmal, was wir wollen, so hat's weiter gar keine Noth.
    Mit dem einen Hunde wird es freilich eine langweilige Geschichte werden,
meinte James, Bohs kann doch blos auf einem Ufer suchen und der Flchtling
indessen immer auf dem andern den Bach verlassen haben, wenn er - was berhaupt
noch erst bewiesen werden mu, diesem wirklich gefolgt ist.
    Gefolgt mu er ihm sein, meinte Cook, sonst htten ihn die Hunde auf
jeden Fall gesprt. - Wie dem aber auch sei, Glck gehrt allerdings zu einer
solchen Nachthetze. Bleiben wir jedoch ruhig im Haus, so knnen wir gar nicht
erwarten, da wir irgend etwas ausrichten, denn hierher kommt er nicht wieder.
Also fort, Bill', hol' uns die Pferde - die Sttel liegen dort in der Ecke -
gehen Sie mit, Mr. Sander?
    Ei, das versteht sich, lachte dieser, bin ich auch kein so vorzglicher
Sprhund, wie ein alter Pionier, so hoffe ich doch meinen Mann zu stehen. -
Uebrigens mchte ich Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, ob es nicht doch
vielleicht besser wre, die Sache zuerst den Gerichten anzuzeigen; wir knnen ja
nachher immer noch -
    Wir wollen um Gottes willen die Gerichte nicht bemhen, sagte James
unwillig - jetzt haben wir auch wirklich gar keine Zeit mehr, an sie zu denken.
Der Dieb ist noch dazu bewaffnet, und gut bewaffnet, denn Cook's Bchse schiet
scharf, und da sind wir es sogar den Nachbarn schuldig, ihm wenigstens, wenn wir
ihn wirklich nicht einholen knnten, doch so dicht auf den Fersen zu bleiben,
da er weiter keinen Schaden anrichten kann.
    Ja, wahrlich, gut bewaffnet ist er, - knirschte Cook zwischen den
zusammengebissenen Zhnen hindurch, indem er sich den breiten Ledergurt mit dem
Jagdmesser umschnallte. Gott sei ihm aber gndig, wenn er mir unter die Hnde
fllt; das Eisen renne ich ihm zwischen die Rippen bis an's Heft.
    Er sprang jetzt hinaus, dem Sohne mit dem Einbringen der Pferde zu helfen,
die mit solch' nchtlichem Ritt keineswegs einverstanden schienen. Auch die
Hunde kehrten nun nach und nach einzeln zurck, doch hatten sie sich zu schlecht
bewhrt, um groes Vertrauen beanspruchen zu knnen. Sie erhielten deshalb mit
Wort und Peitsche gemessene Befehle, beim Hause zu bleiben, denn die Jger
frchteten, auch nicht ohne Grund, durch die vielen Nasen Unheil und Verwirrung
anzurichten. Bohs blieb jetzt seines Herrn einzige Hoffnung, aber auch diese war
schwach genug, wenn er bedachte, wie unsicher eine solche Verfolgung sei; wute
ja doch der Hund nicht einmal, welches Wild er hetzen sollte.
    Der alte Lively ging nun vor allen Dingen an das andere Haus, um seine
Bchse von dort zu holen und Cook damit zu bewaffnen, er selbst nahm einen
leichten Reifel, der ebenfalls ber dem Kamine lag, und seines kleinen Kalibers
wegen sonst nur zu Eichhrnchenjagden benutzt wurde. Sander bekam eine alte
Schrotflinte - ebenfalls Cook's Eigenthum, die dieser einmal von einem deutschen
Krmer erhandelt hatte, und also bewaffnet gingen die Mnner an die Verfolgung
des khnen Diebes.
    Das Einzige, was ihnen jedoch nur eine Aussicht auf Erfolg versprach, war,
gleich von Haus aus den klugen Hund auf die Fhrte zu setzen, und dieser schien
auch da recht gut zu begreifen, was er eigentlich solle. Am Bach hrte aber jede
Spur auf, und stromauf und ab suchten sie nun mit ungeschwchtem Eifer, bis der
Morgen schon seinen grauen Dmmerschein ber die rauschenden Wipfel der
Niederung ausgo, ohne da sie ihrem Ziele auch nur eine Hand breit nher
gerckt wren.
    Trotz Bill's Betheuerung hatten sie nmlich noch einmal den Bach hinab
gesucht, freilich ohne auch nur das mindeste Zeichen von einem Boote zu finden,
und sie muten es sich nun eingestehen, stromauf liege noch die einzige
Mglichkeit, den Flchtling einzuholen.
    Es bleibt uns nichts weiter brig, sagte Cook endlich unmuthig, als noch
einmal in die Hgel zu steigen. - Es wird jetzt hell, und wer wei, ob der
Bursche nicht doch vielleicht in der Dunkelheit seine Fhrte irgendwo so
hinterlassen hat, da wir sie bei Tageslicht erkennen und dann natrlich
verfolgen knnen. Du, Bill, magst die Pferde bis zu dem zweiten
Hgeldurchschnitt nehmen - reite nur voran und warte dort, wo wir vorgestern den
Bienenbaum fllten. Brauchen wir sie eher, was ich von Herzen wnschen will, so
blase ich das Horn. Finden wir aber ihre Spuren bis dorthin nicht, so bleibt uns
nichts Anderes brig, als verschiedene Richtungen einzuschlagen, um die Nachbarn
von dem Geschehenen in Kenntni zu setzen, und dann vereint eine frmliche
Treibjagd anzustellen. Gefangen mu und soll der Bursche werden, denn einem
Hinterwldler in die eigene Wohnung einzubrechen und seine Waffen zu stehlen,
das ist ein Vergehen, das schon seiner unerhrten Frechheit wegen exemplarische
Strafe verdient.
    So groen Eifer nun auch die Jger bei dieser Verfolgung zeigten, so
unbehaglich schien sich Sander dabei zu befinden, und er wre sicherlich, da er
ja auch mit seiner Kleidung gar nicht auf den Wald eingerichtet war,
zurckgeblieben, htte ihn nicht die Furcht angetrieben, jener Flchtling knne
mit zur Insel gehren und, wenn eingefangen, vielleicht Sachen gestehen, die fr
sie von verderblichster Folge sein muten. War er gegenwrtig, so konnte er in
solchem Falle ein Gestndni entweder verhindern, oder doch die Folgen ablenken,
und mglicher Weise auch die Flucht des Diebes, wer es immer sein mochte,
begnstigen.

                                      13.

                                        

                                Die Verfolgung.


Die Mnner schritten jetzt vorsichtig am Bache hinauf; der alte Lively und Cook
mit Bohs am westlichen oder linken Ufer, von der Quelle aus, und James und
Sander am stlichen, den Bergen am nchsten. Bohs schien brigens jeden Gedanken
an Jagd aufgegeben zu haben. Immer wieder von Neuem angetrieben, Fhrten und
Spuren zu suchen, wo auch kein Zeichen irgend eines lebendigen Wesens zu finden
war - kleinere Wildfhrten vielleicht ausgenommen, die er aber grndlich
verachtete - und noch dazu in einer Gegend, in der sich greres Wild nie
aufhielt, hatte er jede Lust an der Sache verloren, lie den Schwanz hngen und
schlenderte verdrossen hinterdrein.
    Auf den Hund drfen wir nicht weiter rechnen, sagte endlich Sander zu
James, als er mit diesem mehrere hundert Schritt ber starre Felsblcke
hinweggeklettert war und nun von einer etwas vorragenden Bergspitze nach den
beiden anderen Mnnern und Bohs hinberblickte - er sieht gerade so aus, als ob
er eben einschlafen wollte.
    Lat uns nur das mindeste Verdchtige finden, erwiderte James, und er ist
wieder Feuer und Flamme. - Mit uns Menschen ist's ja auch so. Bei erfolgloser
Jagd werden wir mde und matt, und haben in demselben Augenblick jedes Gefhl
von Schwche vergessen, wo wir nur das Laub rascheln hren, oder gewisse
Anzeichen von der Nhe der ersehnten Beute finden - das ist mir ja schon
tausendmal selber begegnet.
    Ich begreife aber wirklich nicht, wo wir etwas Verdchtiges finden sollen,
brummte Sander. Hier knnte eine ganze Armee marschirt sein, und in den
umhergestreuten Steinen und Felsstcken wre es nicht mglich, eine Spur zu
erkennen.
    Meinen Sie? sagte James, und ein triumphirendes Lcheln zuckte um seine
Lippen - ja ja, im Walde sind die Herren aus der Stadt gewhnlich so im Trben
wie -
    Die Herren aus dem Walde in der Stadt, spttelte Sander, mit einem etwas
boshaften Seitenblick. James mochte auch fhlen, da er Recht hatte, denn er
wurde feuerroth, warf aber die Bchse, ber deren Kolben seine linke Hand
herabhing und sie im Gleichgewicht hielt, ber die Schulter und zeigte jetzt vor
sich zwischen die Steine nieder.
    Fr was halten Sie das hier?
    Das? sagte Sander und bog sich zu der bezeichneten Stelle aufmerksam
nieder - das? ei nun, das ist gar nichts, als etwas Laub und sehr viel Steine,
mit ein paar sprlichen Grashalmen dazwischen.
    Und doch ist vor kaum einer Viertelstunde ein Hirsch zwischen eben diese
Steine hineingetreten, erwiderte James.
    Aber woran sehen Sie das? Ich kann auch nicht das Mindeste erkennen, das
eine solche Vermuthung besttigte.
    Wirklich nicht? sagte der Jger, indem er sich noch weiter zu der
bezeichneten Stelle niederbog, so will ich Ihnen hier den Beweis geben, da wir
eine solche Verfolgung nicht unternommen haben, ohne im Stande zu sein, sie
auszufhren. Sehen Sie, wie der eine kleinere Stein hier etwas zur Seite
geschoben ist? - zwar nur ein wenig, der schmale Streifen lt sich aber
deutlich auf dem feuchteren Grunde erkennen. - Dort - gerade an dem grauen Moos
nieder, hat die Schale gescheuert, und hier unten ist auch noch zum Ueberflu
der Eindruck der Spitze - aber ha - was ist das? - so wahr ich lebe -
    Nun? frug Sander erstaunt, was sehen Sie denn da Besonderes auf der
Steinplatte? Wenn der Bursche keine Meiel unter den Fen gehabt hat, so kann
er doch dort unmglich eine Spur hinterlassen haben.
    Habt Ihr etwas gefunden, James? rief jetzt Cook von drben herber.
    Kommt her und seht selber, sagte dieser - hier ist etwas, das auf jeden
Fall Beachtung verdient.
    In wenigen Secunden waren die Uebrigen an seiner Seite, und blickten jetzt
forschend und gespannt umher.
    Wann hat es zum letzten Mal geregnet? frug James.
    Vorgestern Abend, sagte der Greis.
    Und glaubt Ihr, da sich seit vorgestern Nacht dieses Wasser hier auf dem
Steine gehalten haben knnte? fuhr James fort, und deutete auf eine, dicht vor
ihm befindliche Stelle der Felsplatte - htte der Wind dies hier nicht schon
lange auftrocknen mssen?
    Der Wind kann es ja gerade aufgetrocknet haben, sagte Sander - und das,
was wir hier sehen, sind nur noch die Ueberreste.
    Nein, das ist nicht mglich! rief der alte Lively - gerade hier ist
dieser Stein etwas abschssig, und der Regen htte ablaufen und sich hier unten
sammeln mssen; diese tiefe Stelle aber ist trocken. - Beim ewigen Gott, wir
sind auf der rechten Spur.
    Ja, wahrhaftig! rief Cook freudig - das mu die Stelle sein, wo der
Flchtling den Bach verlassen hat und wo das von seinen Fen abtrufelnde
Wasser noch nicht die Zeit hatte zu trocknen.
    Das war mein erster Gedanke, besttigte James, und nun, Cook, lat uns
sehen, ob Euer Bohs auch nur einen Pflaumenkern werth ist. Wir sind die ganze
Nacht umhergerannt, und er mu wissen, da wir etwas suchen. - Bringt ihn also
auf die Spur und seht, was er sagt.
    Bohs, rief Cook den Hund an -Bohs - komm her, Alter - was hltst Du von
der Fhrte hier? Such', mein Hund - such' - und nimm Dich zusammen, mein
Bursche.
    Bohs gehorchte zwar der Aufforderung, schien aber sonst ungemein wenig Lust
zu haben, sich irgend weiter zu bemhen. Seine Meinung war in dieser Nacht schon
zu oft befragt worden, als da er darin etwas besonders Ehrenvolles oder
Auerordentliches htte sehen knnen, und mit schwerflligen, langsamen
Schritten stieg er auf die hher liegende Felsplatte hinauf, ohne sich auch nur
die Mhe zu nehmen, die Nase auf den Boden zu halten.
    Nun seh Einer das faule Vieh an! rief James unwillig; mich wundert's nur,
da die Bestie berhaupt noch die Beine hebt. Ich legte mich doch lieber gleich
nieder und - ha - jetzt wittert er etwas.
    Bohs schien in der That pltzlich auf andere Gedanken zu kommen, denn er
blieb stehen, spitzte die Ohren, blickte rechts und links mit schnellen,
lebhaften Geberden umher, und jetzt, als er noch einmal den Stein, auf dem er
stand, berochen hatte, strubten sich seine Haare - er knurrte leise und
schaute, mit dem Schwanze wedelnd, zu seinem Herrn auf.
    Das mu ein Wolf gewesen sein, sagte James unmuthig.
    Ein Wolf oder Neger! rief Cook - er zeigt beide auf gleiche Art an.
    Ein Neger? Dann wahrhaftig ist's der vom Fourche la fave entflohene
Mulatte, und er soll uns nicht mehr entgehen. Zum Henker mit ihm, es ist Zeit,
da wir ihm das Handwerk legen. Was sagt der Hund?
    Bohs sah mit seinen klugen Augen fragend zu dem Herrn empor, und als dieser
ihm schmeichelnd den breiten Nacken streichelte und ihn ermunterte, der Spur zu
folgen, wedelte er aus Leibeskrften mit dem Schwanze, um vor allen Dingen seine
unbedingte Bereitwilligkeit auszudrcken, dem Befehl Folge zu leisten. Dann aber
wies er knurrend die Zhne, ging ein paar Mal mit majesttischen Schritten um
den Stein herum und stieg nun, die Nase dicht am Boden, langsam den steilen
Gebirgsrcken, an dessen Fu sie standen, hinauf.
    Cook's Jagdruf brachte den Sohn mit den Pferden zur Stelle und feuerte
zugleich den treuen Hund an. Die Mnner sprangen in die Sttel, und fort ging's,
dem Fhrer nach, der nur im Anfang manchmal stehen blieb, um die Jger auch
nachkommen zu lassen, diese aber kaum beritten sah, als er mit frhlichem,
halblautem Gebell einige gar wunderseltsame Luftsprnge ausfhrte und dann in
langgestrecktem Trabe schnell und sicher der Bahn folgte.
    Die Reiter blieben ihm, da der Wald hier nicht sehr verwachsen war, dicht
auf den Hacken, und Bohs, der im Anfang in ziemlich gerader Richtung den Berg
hinanklomm, folgte jetzt dem Gipfel desselben, der sich, von Nordwest nach
Sdosten laufend, aus dem Innern des Landes kommend, zum Mississippi hinabzog.
Sander wollte nun hiergegen allerdings Einwendungen machen, und behauptete, der
Hund msse sich irren, der Flchtling sei gewi eher waldeinwrts als dem
ziemlich dicht besiedelten Fluufer zu geflohen; Cook dagegen meinte lchelnd,
er solle seinen Hund nur gehen lassen, der wisse, was er wolle, und werde sie
wahrhaftig nicht auf der Rckfhrte fortnehmen. Das gebte Auge des
Waldbewohners hatte indessen auch selbst auf weicheren Stellen des Bodens
mehrere Fustapfen gefunden, die unstreitig von dem Flchtling hinterlassen
waren und ihn ebenfalls nicht mehr ber die von ihm genommene Richtung in
Zweifel lieen.
    Pltzlich hielt Bohs, suchte rings auf dem Boden umher und schien dann die
Mnner erwarten zu wollen. Diese, die bis dahin weniger auf den Hund geachtet,
als den Wald selbst im Auge behalten hatten, um wo mglich selbst irgendwas zu
ersphen und dann augenblicklich auf warmer Fhrte nachsetzen zu knnen, langten
bald an der Stelle an, wo der Rde unschlssig zu werden schien, und fanden hier
die deutlichen Spuren eines noch nicht lange verlassenen und nur flchtig
benutzten Lagers. Ein kleines Feuer hatte hier gebrannt, und herumliegende
Federn und Knochen, wie spitzig zugeschnittene Hlzchen bewiesen deutlich genug,
da hier ein Truthahn berrascht, erlegt und auch theilweise gleich verzehrt
worden war.
    Beim Himmel, der hat sich's hier ordentlich bequem gemacht! lachte Cook;
da wir aber den Schu nicht gehrt haben.
    Wer wei denn, wie weit der Bursche noch Vorsprung hat, erwiderte James;
das Braten mu ihn aber auf jeden Fall aufgehalten haben; er kann gar nicht
glauben, da es irgend Jemandem eingefallen ist, ihm zu folgen. Nur vorwrts
jetzt; wir drfen die schne, auf solche Art gewonnene Zeit nicht wieder durch
Gassen und Plaudern vergeuden; Bohs wird ebenfalls ungeduldig.
    James hatte Recht, Bohs sa neben den halbverbrannten Kohlen, blickte
winselnd zu seinen Herren auf und scharrte bald mit der rechten, bald mit der
linken Vorderpfote, als ob er htte sagen wollen: nun so kommt doch und guckt
nicht die Asche und Knochen Stunden lang an. Cook war aber abgestiegen und rief
jetzt, als er sich den Boden mehrere Minuten lang genau und aufmerksam
betrachtet hatte:
    Hier sehe ich Spuren und mchte mein Pferd gegen ein Kaninchen verwetten,
da sie von zwei Menschen herrhren. Die eine ist die breite Fhrte eines
Schuhs, die andere der leichte runde Eindruck eines Moccasins. Der Schuh hat
scharfe Hacken - sind die Beiden auf dem Bergrcken geblieben, wo sie allerdings
am schnellsten fortkommen knnten, so brauchen wir den Hund gar nicht mehr, dem
Schuh folg' ich mit bloen Augen.
    Er hatte auch in der That nicht zu viel versprochen. Wieder im Sattel, ritt
er, etwas vorgebeugt und die Augen fest auf den Boden geheftet, rasch voran, und
da Bohs ebenfalls durch das schnellere Weiterrcken neue Anregung fand und
eifriger suchte, so schien ihre Verfolgung jetzt das glcklichste Resultat zu
versprechen. Trotz des Aufenthalts muten die Flchtlinge aber doch keine
weitere Zeit verloren haben, denn eine volle Stunde waren sie noch, und zwar in
ziemlich scharfem Trabe, auf den Fhrten geblieben, ohne da sie auch nur das
Mindeste entdeckt htten, als Bohs pltzlich stehen blieb, die Ohren spitzte,
den Schwanz hoch und gerade emporhielt und mit leisem Knurren andeutete, da er
etwas sehr Verdchtiges bemerke.
    Die Reiter hielten ihre Thiere augenblicklich an und sphten nach allen
Richtungen umher. Da prete Cook auf einmal dem seinigen wieder die Hacken in
die Seite, stie den Jagdschrei aus und rief den Gefhrten zu:
    Dort laufen sie - vorwrts und fangt sie, todt oder lebendig!
    Hurrah! jubelte James; jetzt will ich doch einmal sehen, ob ich mir meine
Kugeltasche nicht wieder holen kann, die Pest ber die Schurken - hallo, wie sie
auskratzen - hupih! ihr Hunde, das ist ein besseres Wild, als ob ihr einem alten
Tatzensauger auf den Hacken wret.
    Im vollen Rennen flogen die Pferde ber den rauhen, steinigen Boden dahin,
und wenn auch Sander nicht an solche Hetzen gewhnt sein mochte, so lie ihm
schon das Thier, das er ritt, gar keine Zeit zu langen Betrachtungen. Im
Gegentheil versuchte es fortwhrend, und zwar keineswegs zur groen
Zufriedenheit seines jetzigen Reiters, das erste zu sein. Nicht mit Unrecht
frchtete Sander nmlich, wenn er ein zu grimmer und eifriger Verfolger schien,
etwas von dem Blei als Vorausbezahlung zu empfangen, was die Flchtigen in
letzter Nacht entwendet hatten. Er fand jedoch bald, da es unmglich wre, sein
Pferd einzuzgeln, und fort strmten die Reiter, fort in unaufhaltsamer
Schnelle; wie die wilde Jagd brausten und prasselten sie mit klappernden Hufen
ber die hinter ihnen hinausstiebenden Steine hin, und mit jedem Augenblick
nherten sie sich mehr und mehr den Flchtigen.

                                     * * *

    Dort, wo die Verfolger jene Ueberreste eines kleinen Feuers fanden, hatte
Cotton, der es wirklich gar nicht fr mglich hielt, da sie aufgesprt werden
knnten, einen wilden Truthahn erlegt und schnell in einzelnen Stcken gebraten,
um wenigstens nicht durch Hunger erschlafft und an schnellerer Flucht gehindert
zu werden. Cotton wre denn auch hier ganz ruhig eine Zeit lang liegen
geblieben, da er sich mit der guten, durch die Keckheit des Mulatten gewonnenen
Bchse fast sicher fhlte. Davon wollte aber Dan nichts hren, und drngte so
ungestm in den Weien, und redete so viel von der Gefahr, der sie hier
ausgesetzt seien, da Cotton endlich auch einzusehen begann, diesseit des
Mississippi drften sie, wie die Sachen jetzt stnden, nicht lange mehr
verweilen.
    Der Bergrcken, auf dem sie sich befanden, war derselbe, an dessen Fu
Liveley's Wohnung stand, und sie passirten diese auch, nachdem sie ihn
erstiegen, in kaum fnfhundert Schritt; spter aber, mit dem Walde hier nicht
vertraut, hatten sie eine linke Abdachung fr die gehalten, die sich nach Helena
hinabzog, und waren ihr gefolgt. Diese dagegen beschrieb einen Halbkreis mehr
gegen Norden hinauf und endete weiter oben im Sumpf, und zwar in einem ziemlich
schroffen Abhang, der sich von Ost nach West mit seinen steilen Seiten in ein
dichtes Sassafrasgebsch hinabzog. Wren sie brigens unverfolgt geblieben, so
konnte ihnen jener Sumpf auch weiter keine groe Schwierigkeiten in den Weg
legen, denn ein stlicher Cours brachte sie in kaum einer Stunde an das Ufer des
Mississippi, der hier einen Bogen in das Land hinein machte. Cotton jedoch
glaubte, sie befnden sich in ziemlich gerader Richtung nach Helena zu, schlug
also den grten Theil des Truthahns in seine wollene Decke, theilte das Andere
mit Dan, um es unterwegs zu verzehren, und schulterte nun die Bchse, von dem
Neger gefolgt, der jedoch, weit weniger sorglos als sein weier Begleiter,
fortwhrend ngstlich hinaussphte, ob er nicht irgend etwas entdecke, das ihnen
Gefahr bringen oder ihre Flucht aufhalten knne.
    Wir htten doch lieber, wie es gleich meine Absicht war, die Pferde
mitnehmen sollen, brach der Mulatte endlich das Schweigen. Jetzt wren wir
lange am Mississippi.
    Und htten Spuren hinterlassen, denen sie bei Nacht und Nebel im Stande
wren zu folgen, brummte Cotton. - Nein, so ist's besser; berdies denk' ich,
gehen wir ber den Flu hinber, und dort wird schon Rath werden, ein paar gute
Thiere zu erwischen - Nun? - was hast Du wieder? Gift und Tod, Du bist ja heut
wie ein altes Weib. Alle Augenblicke bleibst Du stehen, horchst und siehst aus
wie verdorbenes Bier. - Was giebt's denn, in des Teufels Namen! rief der
Verbrecher jetzt selbst gengstigt, als er den Ausdruck des Schrecks und
Entsetzens in den Zgen seines Gefhrten las.
    Hrt Ihr nichts, Massa Cotton? frug Dan flsternd.
    Was denn? Was soll ich hren? So thu doch das breite Maul auf, wozu hast Du
denn den Rachen? Was soll ich hren?
    Hufschlge!
    Hufschlge? Unsinn! zrnte der Jger, unwillkrlich aber fast verlie
seine Wangen das Blut - nach welcher Richtung?
    Der Mulatte legte sich, ohne die Frage gleich zu beantworten, mit dem Ohr
auf die Erde, sprang aber auch fast in demselben Augenblick wieder empor und
rief:
    Fort, fort, bei Allem was lebt, wir werden verfolgt! und ohne eine weitere
Zustimmung seines Gefhrten abzuwarten, floh er in langen flchtigen Stzen auf
dem Abhange hin, wobei Cotton, der sich nicht einmal die Zeit nahm, die Wahrheit
dieser Befrchtung selbst zu prfen, ebenfalls nicht zurckblieb. Dan's Ausruf
sollte aber auch nur gar zu bald besttigt werden, denn das Gerusch, welches
die durch das Dickicht brechenden Verfolger machten, wurde immer deutlicher,
immer lauter, und nun konnte der Weie sogar, als er den scheuen Blick
zurckwarf, die Mnner erkennen, wie sie jubelnd heranstrmten und in wenigen
Minuten fast ihre Opfer einholen muten.
    Cotton fhlte, wie er am Rande eines Abgrunds stehe, erkannte aber auch, da
nur die einzige Hoffnung noch fr ihn darin liege, die Aufmerksamkeit der
Verfolger zu theilen. Wenig kmmerte es ihn dabei, ob sie den Neger erwischten
oder nicht, wenn er nur seine eigene Haut in Sicherheit brachte, und als der
jetzt wenige Schritte vor ihm, am Rande einer schroff abfallenden Terrasse,
hinfloh, warf er sich diese pltzlich mit khnem Satz hinunter, drngte sich
dort durch ein dichtes Gewirr von Kastanienbschen und Hickories, und glaubte
so, die Verfolger gnzlich von seiner Spur abgebracht zu haben. Das wre ihm
auch vielleicht vollkommen gelungen, denn kein Pferd konnte ihm gerade da
folgen, wo er den Bergkamm verlie. Cook's scharfes Auge hatte aber schon seine
eigene Bchse auf des Flchtigen Schulter und in diesem den berchtigten Cotton
erkannt; mit jedem Zollbreit Boden vertraut, setzte er also gleich da, wo er
sich befand, den Hgel hinab, um Jenem den Weg abzuschneiden, und Sander, der
seinerseits ebenfalls mehr Interesse an dem Weien als an dem Neger nahm, folgte
dem khnen Jger, so gut es gehen wollte.
    Nun war der Weg, den Cotton eingeschlagen, allerdings so wild verwachsen und
vllig rauh, da er fr ein Pferd fast unzugnglich schien. Cook aber, von
Jugend auf an die rasenden Brenhetzen gewhnt, sah in diesem Ritt gar nichts
Auerordentliches und folgte dem Flchtling mit vlliger Nichtachtung seiner
Gliedmaen, die Sander mehrere Male dazu brachte, sein eigenes Pferd scharf
einzuzgeln. Das half ihm aber gar nichts; die beiden Thiere schienen einen
Wettlauf halten zu wollen, und Alles, was ihm zu thun brig blieb, war, den
Sattel zu behaupten.
    Cotton hatte wieder, durch die Unebenheit des Bodens begnstigt, einen
kurzen Vorsprung gewonnen; jetzt aber, wo eine etwas offenere Bahn den Pferden
die augenscheinlichsten Vortheile gewhrte, schien sich seine Flucht ihrem Ende
zu nhern. Cook, ihm dicht auf den Fersen, rief ihm schon zu, sich gutwillig zu
ergeben, oder er wrde ihn wie einen Wolf ber den Haufen schieen. Dabei hatte
er die grte Mhe, Bohs zurckzuhalten, der sich immer und immer wieder auf den
Flchtigen werfen und ihn erfassen wollte. In dessen Hand blitzte aber der
scharfe Stahl, und Cook wute recht gut, da sein wackerer Hund verloren gewesen
wre, htte er sich dem Verzweifelten auf Armeslnge genhert. Aber auch Cotton
frchtete nicht die Bchse des Verfolgers, denn diesem blieb ja keine Zeit zum
Halten, viel weniger zum Zielen, und im Wald vom Pferd herab zu schieen, wre
einfach eine weggeworfene Kugel gewesen. Das Pferd kam aber mit jedem Sprung ihm
nher und er sah, da er in wenigen Secunden in der Macht seines Feindes sein
msse, wenn er nicht, das eigene Leben zu retten, das des Verfolgers nehmen
konnte.
    Kaum drei Pferdelngen waren die Beiden noch von einander entfernt, da
wandte sich der Flchtling; sein Auge sprhte Feuer, die Bchse fuhr mit
Blitzesschnelle empor, und Cook's Leben schien verfallen, denn Cotton war ein
ausgezeichneter Schtze. Die rasche Flucht aber hatte sein Blut in Aufregung
gebracht - groe Schweitropfen perlten ihm Stirn und Wangen hinab und trbten
seinen Blick - wohl richtete sich das tdtliche Rohr auf den trotzig
Herbeisprengenden, aber die zitternde Hand vermochte es nicht mehr fest und
sicher zu halten - es schwankte hin und her, und als der Finger den Drcker
berhrte, zischte die Kugel harmlos an der linken Schlfe des Jgers vorber und
durchbohrte noch den Hut des ihm dicht folgenden Sander.
    Ein wildes, herausforderndes Triumphgeschrei von Cook's Lippen verrieth, wie
gnzlich erfolglos der Schu gewesen, und noch einmal wandte sich der Verfolgte
zur Flucht. Der Augenblick aber war gekommen, wo sich sein Schicksal entscheiden
sollte. Cook versuchte zwar zu schieen, sah aber ein, wie zweifelhaft in diesen
Verhltnissen ein Schu sein mute, er ergriff also das leichte Rohr am
schlanken Lauf, hob es hoch empor und holte schon aus zum gewaltigen und fr den
Flchtigen dann auf jeden Fall verderblichen Schlag. Da blieb sein Pferd mit den
Vorderbeinen an einer schwachen Weinrebe hngen, that noch, im Versuch sich
loszureien, einen Sprung nach vorn, strzte dann auf die Knie nieder und
schleuderte Cook, der in diesem Moment gar nicht auf sein Thier geachtet,
sondern nur den Feind im Auge behalten hatte, mit der schon geschwungenen Waffe
neben den rasch zur Seite schreckenden Verbrecher nieder.
    Das Blatt hatte sich fr den jungen Mann gar traurig gewandt, denn er war in
der Hand eines unerbittlichen Feindes. Als sich Cotton aber rasch gegen ihn
wandte und trotzig dem grimmig auf ihn einfahrenden Hund den Angriff wehren
wollte, kam - allerdings keineswegs in der Absicht, die Cotton frchten mute -
Sander herangesprengt. In diesem mute er natrlich einen neuen Verfolger sehen;
seine eigenen Krfte waren aber erschpft, kaum vermochten die berspannten
Glieder ihn noch zu tragen, und nur der Trieb der Selbsterhaltung weckte noch
einmal den schon fast erloschenen letzten Funken von Kraft und Energie. - Er
schleuderte seine leere Bchse mit verzweifelter Kraft gegen den heulend
zurckfahrenden Hund, ergriff die, welche dem gestrzten Reiter entfallen war,
sprang einen ziemlich steilen, von rollenden Steinmassen berseten Abhang
hinab, sah unten, da ihm der zweite Reiter nicht folge, und floh nun noch
einmal, jetzt aber mit besserer Aussicht auf Rettung, den letzten Hgeldamm
nieder, in das sumpfige Thalland hinein.
    Durch Cotton's Absprung von ihrer beabsichtigten Bahn nahm er zwar auch zwei
Verfolger von Dan's Fersen, dieser aber zgerte nichtsdestoweniger unschlssig,
ob er seine Flucht wirklich allein versuchen, oder dem weien Gefhrten folgen
solle, mit dem er ja noch gar keinen Platz besprochen hatte, wo sie sich, wenn
getrennt, wiederfinden wollten. James lie ihm aber nicht lange Zeit zum
Besinnen; die Hufe seines wackern Pony rasselten ber die scharfen Steine heran,
und mit einem: Hurrah, Du Hund, jetzt bist Du mein! flog er, die Bchse
jubelnd emporgehalten, heran.
    Instinctmig wandte sich der Mulatte wieder zur Flucht, mehrere quer ber
den Weg gestrzte Fichten hemmten aber gleich darauf seinen Lauf, und wenn er
sie auch in wilder Hast bersprang, so boten sie doch dem nachstrmenden Pferde
fast gar kein Hinderni. Im keckem Satze flog dieses darber hin, und als der
Unglckliche den Blick wandte, sah er seinen Verfolger kaum zwanzig Schritt
hinter sich.
    Da fiel - weiter unten am Abhang des Hgels - ein Schu, dort entschied sich
vielleicht fr seinen Gefhrten der Sieg - das blieb auch seine letzte Hoffnung.
- Nur zwei der Feinde waren hinter ihm - noch lag die Mglichkeit vor ihm, diese
durch entschlossene Gegenwehr zurckzuhalten. Rasch sprang er also ein paar
Schritte zur Seite, auf eine hochwchsige Fichte zu, und hier - sein Pistol in
Anschlag - stellte er sich und rief mit vor Anstrengung und innerer Aufregung
fast erstickter Stimme:
    Zurck! Der ist ein Kind des Todes, der noch einen zweiten Schritt gegen
mich thut!
    Vater wie Sohn hatten lange genug in den Wldern gelebt, um nicht an die
Wahrheit dieser Drohung zu glauben. Beide wuten aber auch jetzt, da ihr Opfer
gestellt sei und nicht weiter knne, whrend sie selbst noch mit frischen
Krften ihm in Kampf und Flucht begegnen konnten. Sich aber ganz nutzlos als
Ziel preiszugeben, fiel keinem von ihnen ein. Noch aus den indianischen Kriegen
her hatten sie sich auch deren Taktik angeeignet, und kaum sahen sie, da der
Flchtling einen Baum annahm, so flogen mit Blitzesschnelle ihre eigenen Pferde
herum. Wie auf Commandowort sprangen sie gleichzeitig aus den Stteln und jeder
glitt eben so rasch hinter den ihm nchsten Stamm, um sowohl selbst gegen die
feindliche Kugel gedeckt zu sein, als auch jede Bewegung ihres ausersehenen
Opfers berwachen zu knnen.
    Dan nun, der vielleicht glaubte, diesen ersten Augenblick benutzen zu
knnen, um wieder kurzen Vorsprung zu gewinnen, wollte, als er kaum die Mnner
absitzen sah, rasch hinein in's Dickicht. Wohl aber war es gut, da er noch
einmal den Blick zurckwarf, denn schon lag des alten Lively Bchse so ruhig wie
in einem Schraubstock auf ihn geheftet, und fast unwillkrlich schmiegte er sich
schnell an den Boden nieder, der tdtlichen Kugel zu entgehen.
    James! rief der Alte hinter seinem Baum vor, der Racker hlt sich von
hier aus gut versteckt; ich kann nur die Mndung seiner Pistole sehen - wenn Du
im Stande bist, ihn irgendwo unten an den Beinen zu erwischen, la es ihm
zukommen, aber - hab' Acht auf Dich.
    Nur keine Angst, Vater, lachte der Sohn zurck - er darf's nicht wagen,
auf mich anzulegen, denn ich liege schon im Feuer, und wo er mir nur einen Zoll
breit Raum giebt, sitzt meine Kugel..
    Kurze Zeit verharrten die Drei in ihrer gleich von Anfang an genommenen
Stellung, denn auch die beiden Livelys hatten den Schu gehrt und wollten nun,
ohne das eigene Leben irgend einer nutzlosen Gefahr auszusetzen, erst einmal
abwarten, welch Resultat Cook's Verfolgung gehabt, ehe sie selbst etwas
Entscheidendes unternhmen. Da ihnen der Mulatte nicht mehr entgehen konnte,
wuten sie recht gut, und James stie jetzt seinen laut gellenden Jagdschrei
aus, der auch nicht lange ohne Erfolg blieb. Die Bsche brachen in jener
Richtung, nach welcher der Weie geflohen war, und Sander sprengte auf
schumendem Rosse durch das Dickicht.
    Dan hrte ebenfalls das Gerusch und bog sich etwas nach vorn, zu sehen,
welch neuer Feind ihm dort erscheine. Da berhrte des alten Lively Finger den
Stecher, und der Schu drhnte durch den stillen Wald. Nun hatte Lively aber
keineswegs auf den Mulatten selbst gezielt gehabt, sondern nur ein am Stamm
locker hngendes Stck Rinde auf's Korn genommen, um den Flchtling vielleicht
zu erschrecken und zur Uebergabe zu zwingen, dieser aber, der wahrscheinlich
glaubte, da er durch seine vorige Bewegung irgend eine Ble gegeben htte,
oder auch vielleicht von der abspringenden Rinde leicht berhrt wurde, sprang
rasch und unwillkrlich nach vorn, und verga dabei ganz, welch gefhrlicher
Feind ihn hier bedrohe. Mit Blitzesschnelle richtete sich James' Rohr, und in
demselben Moment zuckte auch der Strahl aus seiner sichern Bchse, whrend der
unglckliche Mulatte, durch den Schenkel getroffen, wehklagend zu Boden strzte.
    Diese Wunde wre nun allerdings nicht tdtlich gewesen, sondern entsprach
nur dem Zweck, den Nigger zu fangen, wie es die Absicht der Hinterwldler
gewesen war. Jetzt aber sprengte mit wildem Schreien, die blonden Locken wild um
die Schlfe flatternd, den seinen Tuchrock durch Dorn und Rebe zerrissen, die
Flinte aber hochgeschwungen in der Hand, Sander auf den Schauplatz, warf sich
neben dem verwundeten Mann vom Pferde und schmetterte ihm auch schon im nchsten
Moment den schweren Kolben auf den Schdel nieder, da er nur noch kaum den Arm
zum Schutz emporwerfen konnte und dann, von dem gewaltigen Schlag besinnungslos,
zusammenbrach. Sander aber, damit keineswegs zufrieden, holte schon auf's Neue
aus: jetzt aber hatte auch James den Platz erreicht, und warf sich ihm entgegen
-
    Halt, Sir, halt, sag' ich - ist das bei Euch Sitte, einen Menschen zu
mihandeln, wenn er verwundet am Boden liegt?
    Die Pest ber den Schuft! schrie mit heiserer Stimme Sander und versuchte
sich von dem jungen Mann loszumachen- - lat mich dem Buben den Schdel
einschlagen, Mann, oder wollt Ihr Einen von der Bande entkommen lassen, whrend
Euer eigener Freund unten in der Schlucht durch's Herz geschossen liegt?
    Was? - Cook? rief James entsetzt und lie den Arm des jungen Bsewichts
frei, der rasch die schwere Waffe zum dritten Mal hob und schon mit
zornblitzenden Augen die Stelle ersah, wo er sie am tdtlichsten einsenken
knne. Indessen war aber auch der alte Lively, nicht so flink mehr auf den Fen
als sein Sohn, herangekommen, ritz ohne Weiteres die Schrotflinte aus des
Wthenden Hand und warf sie weit von sich, trat dann zwischen ihn und den
bewutlosen Mulatten und rief rgerlich:
    Gottes Tod, Sir, wenn Ihr mit Gentlemen auf die Jagd reitet, so betragt
Euch auch wie ein Gentleman. Der Gefangene hier ist unser, und wir wollen ihn
schon deshalb lebendig behalten, um ber Manches, was uns hier weggekommen ist,
Aufschlu zu hren.
    Er hat aber Euern Kameraden ermordet, rief Sander dagegen.
    Der kommt da eben ber den Berg herber. erwiderte der Alte ruhig, und in
der That kam auch Cook, der den Schu gehrt hatte, zu Fu und mit blutender
Stirn, seine eigene Bchse aber in der Hand, ber den niedern Hgelkamm, der
sich hier wellenfrmig nach Nordwesten hinaufzog. Cook wollte jetzt aber vor
allen Dingen wissen, weshalb Sander ihm nicht besser beigestanden und den
Flchtigen mit seiner Schrotflinte wenigstens in die Beine geschossen habe.
Sander behauptete dagegen, viel zu weit entfernt gewesen zu sein, und sagte, er
htte ihn selbst von der Kugel tdtlich verwundet geglaubt.
    Dann war's allerdings recht freundlich, mich so allein zwischen den Steinen
liegen zu lassen, brummte Cook. - Doch wahrhaftig - dort liegt der Mulatte -
ist er todt?
    Mit wenigen Worten erzhlte er nun den Hergang seiner Verfolgung, und wie
ihm unglcklicher Weise im entscheidenden Moment das Pferd gestrzt sei. Weiter
nachzusetzen blieb nutzlos, da Bohs wohl der Spur eines Mulatten, keineswegs
aber der eines Weien gefolgt wre, wenn er noch berhaupt htte laufen knnen.
Der Schlag nmlich, den der Flchtling gegen ihn gefhrt, als er an ihn
anspringen wollte, hatte seine Schulter und sein Rckgrat getroffen, so da er,
wenn ihm auch vielleicht kein Knochen beschdigt war, doch kaum mehr von der
Stelle konnte und mit augenscheinlicher Anstrengung und Pein hinter seinem Herrn
herhinkte.
    Sie beschlossen also, den Neger vor allen Dingen mit nach Hause zu nehmen,
das ihnen auf jeden Fall nher als Helena lag, und dort das Weitere zu bereden.
    James' Kugel war dem armen Teufel oben durch den rechten Schenkel gegangen
und er blutete stark. Der Kolbenschlag schien aber viel gefhrlicher fr ihn
geworden zu sein, denn sein rechter Arm, den er der niederschmetternden Waffe
entgegengehalten, war dicht ber dem Handgelenk abgebrochen, und das Blut quoll
auch in dunkeln, langsamen Massen aus dem schwarzen Wollhaar an der rechten
Seite seines Kopfes hervor. Der alte Lively verband ihn nun zwar so gut es gehen
wollte, der Mulatte gab aber kein Lebenszeichen von sich; nur das schwache
Schlagen seines Herzens verrieth noch, da er athme, und sie konnten ihn nicht
anders transportiren, als vermittelst zweier Satteldecken, die sie zwischen die
Pferde Cook's und des alten Lively ausspannten und so eine Art Trage bildeten,
mit der sie freilich nur entsetzlich langsam ber den rauhen Boden vorzurcken
vermochten.
    James jedoch erklrte, den entflohenen Weien diesmal nicht so leichten
Kaufs davon zu lassen, sondern auf seiner Fhrte bleiben zu wollen, so lange ihm
das irgend mglich sei. Er bat also nur noch seinen Vater, ihn bei den Damen zu
entschuldigen, da eine Sache von Wichtigkeit ihn abhalte, die nicht aufgeschoben
werden knne, schulterte dann seine Bchse, warf sich auf sein Pferd und folgte,
so rasch es ihm sein Scharfblick, ja und selbst der Instinct des Jgers
gestattete, den Spuren des Weien. Dieser mute brigens verwundet sein, da er
an mehreren Orten Blutstecken fand. An einem Stein aber, wo er sich,
wahrscheinlich keine Verfolger mehr frchtend, verbunden hatte, hrten diese
auf, und dem jungen Mann blieb es jetzt berlassen, da eine Fhrte zu erkennen,
wo das Auge des Laien nur noch eine Wildni gesehen haben wrde, die nie ein
menschlicher Fu berhrte.

                                      14.

                                        

                           Bolivar - Marie's Flucht.


In derselben Zeit etwa, wo Tom Barnell von Helena abstie, um in Montgomerys
Point Vorerkundigungen einzuziehen und das Flatboot am nchsten Morgen wieder zu
treffen, scho auch aus den tief berhngenden Weiden der Insel ein kleiner
schmaler Kahn in die Strmung des Mississippi hinaus und hielt dem arkansischen
Ufer zu. Zwei Personen saen darin, der Neger Bolivar und der Mestizenknabe Olyo
- und der Erstere handhabte die beiden Ruder, in die er sich aus allen Krften
hineinlegte, whrend der Andere in nachlssig vornehmer Stellung hinten im Stern
des kleinen Bootes lag und das leichte Steuer regierte.
    Er trug eine einfache graue Livr, und zwar nur in Jacke und Beinkleid
bestehend, deren Nhte mit karmoisinen Schnren besetzt waren, eine eben solche
Mtze lag neben ihm, seinen Kopf aber schtzte ein groer breitrandiger Strohhut
gegen die sengenden Sonnenstrahlen. Bolivar dagegen schien diese wenig zu
achten, ja im Gegentheil sich eher behaglich darin zu fhlen, denn er hatte Hut,
Jacke und Hemd abgeworfen und nur die weiten grauleinenen Beinkleider
anbehalten, so da die Sonnengluth unmittelbar auf seine muskulsen,
feuchtsammtnen, schwarzen Schultern herabbrannte. Im Kahne lagen mehrere starke
Bleitafeln, ber die zusammengelegtes Leinen - vielleicht ein Sack - hingeworfen
war.
    Ein gar freundliches Verhltni mute aber zwischen den Beiden, dem Manne
und dem Knaben, nicht obwalten, denn der Neger blickte, ohne ein Wort mit seinem
Gefhrten zu wechseln, mrrisch vor sich nieder, whrend Olyo, wie zum Hohn,
eins der sogenannten Niggerlieder pfiff und dabei spttisch lchelnd ber die
dunkeln Glieder des Aethiopiers hin nach dem breiten Waldstreifen sah, dem sie
sich mehr und mehr nherten. -
    Der Knabe Olyo war nmlich ein Mestize - von weier und indianischer Abkunft
- was ihn, den nordamerikanischen Ansichten nach, weit ber den Neger stellte.
Ohnedies wurde er aber auch noch von seiner schnen Gebieterin vor allen Anderen
wie ein verzogenes Kind begnstigt, so da er sich selbst gegen die weien
Mnner der Insel, wenn nicht herrisch, doch jedenfalls trotzig und unfreundlich
benahm. Keiner liebte ihn deshalb, und nur die Scheu vor dem Capitain hielt die
wilden Burschen zurck, da sie nicht den Favoriten seines Weibes einmal recht
derb und nachdrcklich zchtigten. Bolivar aber, der, als der einzige Neger und
daher unter dem Knaben stehend, dessen Tyrannei schon mehrere Male hatte
ertragen mssen, ohne weder von Kelly selber Genugthuung, noch bei Georgine auch
nur Gehr zu finden, nhrte einen finstern Ha gegen den jungen leichtsinnigen
Burschen, und wohl nichts Gutes mochte es diesem prophezeien, da der Blick des
Aethiopiers manchmal, und wenn auch nur fr Secunden, mit einem wilden,
triumphirenden Lcheln auf dem schnen Antlitz des schwarzlockigen Knaben ruhte.
    Endlich brach Bolivar das Schweigen und brummte, whrend er eine kurze Zeit
mit Rudern einhielt:
    Steuert, zum Donnerwetter, gerade, oder lat's ganz sein - der Henker soll
eine solche Arbeit holen, wo man einmal im rechten und einmal wieder im linken
Ruder liegen mu, weil's dem jungen Herrn da eben bequem ist, bald hierherber,
bald dahinber zu halten - 's ist kein Kinderspiel, in solcher Hitze zu rudern.
    Deinen Teint wird sie Dir wenigstens nicht verderben, spottete der Mestize
- aber, Ruhe da vor dem Mast. - Es kann oder mu Dir vielmehr gleich sein, ob
Du ein paar Ruderschlge mehr thust oder nicht. Unship your stor board wheel -
hrst Du, Bolivar - Du sollst mit dem rechten Ruder einmal aufhren - Holzkopf,
versteht den gewhnlichsten Dampfboot-Ausdruck nicht.
    Wir drfen nicht so hoch oben landen, erwiderte finster der Neger - seht
Ihr dort weiter unten den hellgrnen Fleck? - es ist gerade da, wo der Rohrbruch
bis vorn an das Ufer luft; dort geht eine kleine Bayou hinein, und da wollen
wir das Boot lassen; also steuert jetzt ordentlich, oder lat das Ruder ganz
liegen.
    Huh huh huh - alter Brummbr, spttelte ihm der Knabe nach - wenn ich nun
nicht will? - He? Aber meinetwegen, desto eher werde ich Deine hliche
Gesellschaft los; so habe denn dieses eine Mal Deinen Willen. Wo sind ich das
Pferd?
    Ich zeig' Euch den Platz, wenn wir hinkommen.
    Und die Strae?
    Keine fnfhundert Schritt westlich von dort.
    Fhrt keine rechts oder links ab.
    Keine, sagte der Neger dster - habt keine Angst, Ihr knnt den Weg nicht
verfehlen.
    Olyo schien beruhigt und regierte von da aus das Steuer regelmiger.
Bolivar aber berflog jetzt forschend mit den Blicken die weite Flche des
Stroms, die er von dort aus bersehen konnte. Nichts lie sich erkennen, als
drei oder vier Flatboote, die langsam und trge mit der Fluth stromab kamen. Das
kleine Boot gerieth jetzt in die strkere Strmung, die dicht am Ufer hinscho,
und Bolivar ruderte aus Leibeskrften.
    Haltet ein klein wenig mehr stromauf, rief er dem Knaben zu - noch mehr -
so - die Fluth reit uns sonst unter jenen Baumwollenholzbaum.
    Der Flu steigt! meinte der Mestize, whrend er auf die rasch
vorbeitreibenden gelben Schaumblasen sah. - Nun, Zeit ist's auch - die
Missouri-Wasser haben dieses Mal lange auf sich warten lassen. Aber halt,
Bolivar - halt, sag' ich - verwnschter Nigger, Du fhrst mich ja mitten in die
nassen Bsche hier hinein, rief der Kleine pltzlich, als der Neger scharf in
die schmale Mndung der Bayou hielt, die von tief in das Wasser hngenden Reben
und Ranken fast verschlossen war. - Bolivar schien den Rath aber nicht zu
achten. - Wirst noch nsser werden, murmelte er vor sich hin, und im nchsten
Moment warf er mit schnellem Ruck die Ruder aus ihren Ruderlchern in das Boot,
whrend dieses, durch die letzte Anstrengung pfeilschnell vorwrts getrieben,
rasch in das grne Gewinde hineinglitt und dahinter verschwand.
    Was bedeutete jetzt jener scharf abgebrochene, wilde, kreischende
Angstschrei? Jenes kurze, aber verzweifelte Ringen? - Die Schlinggewchse
erzitterten und aus der Bayou vor drngten sich kurze kleine Schlagwellen, als
ob da drinnen irgend ein groer Fisch das Wasser peitschte. - Kein Laut aber
wurde mehr gehrt - die Reben hrten endlich auf zu schwanken, das Wasser
beruhigte sich wieder, und mehrere Minuten lang herrschte ein lautloses,
unheimliches Schweigen. - Endlich theilten sich die Bsche - der Kahn glitt
daraus hervor und hinten darin stand der Neger - allein. Sein ganzes Aussehen
war wild und verstrt und sein Antlitz hatte eine graue Aschenfarbe angenommen -
er strich sich die wirren Wollbschel aus der Stirn und blieb, als das Boot
langsam mit der Strmung hinabtrieb - mehrere Secunden lang tief Athem holend
stehen. Endlich warf er einen scheuen trotzigen Blick nach dem grnen Dickicht
zurck, das er eben verlassen hatte, griff dann wieder zu den Rudern und
arbeitete sich langsam am arkansischen Ufer hinauf, um weiter oben, quer durch
nach der Insel zurckhalten zu knnen.
    Nur einmal hielt er unterwegs an, und zwar, vor der Strmung geschtzt,
dicht hinter einem dort in den Strom gestrzten Baum, an dessen Aesten er seinen
Nachen auf kurze Zeit befestigte. Hier wusch er sich den Oberkrper, scheuerte
einzelne Theile des Bootes aus und zog dann sein Hemd und seine Jacke an. Als er
die Jacke aufnahm, fielen zwei darunter geschobene und schon vergessene Briefe
ins Boot hinein. Bolivar konnte zwar nicht lesen, aber dennoch betrachtete er
die Adresse des einen mit groer Aufmerksamkeit - es war ein Blutfleck darauf.
Mit dem breiten angefeuchteten Finger versuchte er ihn wegzuwischen, doch das
ging nicht, der Flecken wurde nur noch grer und hlicher. Er hielt den Brief
jetzt ein paar Sekunden in der Hand, und schien nicht bel Lust zu haben, ihn
ber Bord zu werfen. Er drehte ihn bald rechts, bald links, dann aber, als ob er
sich eines Besseren besnne, trocknete er die feuchte Stelle mit dem Aermel
seiner Jacke so gut es gehen wollte, und schob die beiden Schreiben in die
weiten Taschen seiner Beinkleider.
    Schon wollte er das Tau wieder lsen, das den scharfen Bug des Fahrzeugs
noch schumend gegen die unruhigen kleinen Wellen anzog, da fiel sein Blick auf
den Platz, wo der Knabe vorher gesessen, und auf dessen dort zurckgelassene
Mtze. Er trat ein paar Schritte vor, nahm sie auf, und sah sich rings im Boote
nach etwas um - der Sack und die Bleiplatten waren verschwunden - im Boote lag
weiter nichts als die beiden Ruder und sein eigener Strohhut.
    Verdammt, murmelte er vor sich hin - hab' ich denn gar nichts? - Mit den
Hnden befhlte er sich am ganzen Krper. Da traf seine suchende Hand einen
harten Gegenstand - es war sein groes, breites Messer - eine schwere massive
Klinge mit gewhnlichem braunen Holzgriff und einer kleinen Kreuzplatte daran,
die Hand vor dem Hineinrutschen zu bewahren. Er betrachtete es einen Augenblick,
dann murmelte er leise vor sich hin:
    Hol's der Henker - von dem Zeug giebt's drben noch mehr und bessere Waare
- das hier mag seine letzten Dienste verrichten.
    Und damit spiete er die kleine Mtze auf den spitzen Stahl - drckte sie
bis dicht unter das Heft, und hielt sie mit ausgestrecktem Arm hinaus ber das
Wasser. Im nchsten Moment spritzten die Wellen empor und schlossen sich
augenblicklich wieder ber der tief hinabtauchenden Waffe.
    Der Neger ruderte langsam zur Insel zurck.

    Dort ging's aber heut gar wild und lustig zu; reiche Beute war am vorigen
Tage eingekommen, noch reichere wurde in Kurzem erwartet, und die Fhrer hatten
Beide die Insel verlassen, was Wunder dann, da sich dieses wste Volk
zgelloser Vllerei berlie und jetzt nur noch mit Mhe von dem fast allein
nchternen Peter im Zaume gehalten werden konnte. Wieder und immer wieder mute
sie dieser vor den Folgen warnen, wenn vorberfahrende Boote den Lrm hren
sollten. Die Schaar war fast nicht einmal mehr einzuschchtern und behauptete,
das sei schon oft vorgefallen, und kein Flatbootmann wrde darin etwas
Auerordentliches finden, wenn er Lrmen und Geschrei auf irgend einem sonst
unbewohnten oder ihm wenigstens unbekannten Platze hre. Ueberdies knne ja doch
keiner landen, dafr wre gesorgt.
    Peter, der sich nicht anders zu helfen wute, hatte schon mehrere Male des
Capitains Frau zu bereden gesucht, zwischen die Trunkenen zu treten und sie zur
Ordnung anzuhalten, diese aber trstete ihn fortwhrend mit Kelly's baldigem
Erscheinen, und immer wieder umsonst verschwendete er Bitten und Drohungen an
die zgellose Bande.
    Da landete Bolivar, verbarg seine Jolle und betrat den innern, von den
Gebuden eingeschlossenen Raum, wo er mit wildem Jauchzen von den Zechenden
begrt wurde. Nun war der Neger sonst allerdings eher mrrischer,
verschlossener Natur, und hielt sich am liebsten fern von den Weien, die ihn
doch stets seiner Hautfarbe und Abstammung wegen verachteten. Heute aber, in
seiner jetzigen Stimmung und Aufregung kam ihm ein solches Treiben gerade
gelegen. Seine Augen glnzten in lebendigerem, wilderem Feuer, und mit einer Art
Schlachtschrei - wer wei denn, ob er nicht in dem Augenblick an die tollen
Kmpfe in Kongo oder Guinea zurckdachte - ergriff er die dargereichte Flasche
und schien sie im wahnsinnigen Rausche leeren zu wollen.
    Hallo! rief aber da ein langer Bursche aus Illinois - hallo, mein
Turkey-Bussard, willst wohl den Brunnen auf einen Ansatz austrinken? Abgesetzt,
Schneeherzchen, abgesetzt und Athem geholt, nachher kann man auch noch ein
vernnftiges Wort mit zur Unterhaltung beitragen.
    Die Pest auf Eure Unterhaltung, brummte der Neger, Euer Brandy ist mir
lieber - aber gebt her die Flasche - er schmeckt. Wo habt Ihr den wieder
aufgegabelt. Aus den nrdlichen Staaten, wie?
    Hahaha - die braune Chocoladentafel hat eine superfeine Nase, lachte der
Illinoiser, wittert den Braten auf Tischlnge - wei, da wir ganz krzlich ein
kostbares Nordboot gekapert haben, und ist nun so verdammt scharfsichtig, zu
ergrnden, da dieser vortreffliche Pfirsichbrandy aus dem Norden kommt. Aber,
Schtzchen, Du mut auch Kunststcke machen, wenn Du trinken willst, mut Dir
Dein tgliches Brod verdienen, auf da Dir's wohlgehe und Du lange lebest auf
Erden.
    Oh geht mit Euren Narrheiten zum Teufel, Corny, gebt die Flasche, sag' ich,
mich durstet - nein? - ei so behaltet Euer Gesff und fahrt zur Hlle - 's wird
wohl noch anderer aufzutreiben sein. Und damit wandte er sich ab und wollte zu
seinem eigenen kleinen Wohnhause, das dicht an das seines Herrn angeschmiegt
stand, gehen. Corny vertrat ihm aber den Weg, und whrend er ihm mit der linken
Hand die bis dahin verweigerte Flasche vorhielt, erfate er mit der rechten
seinen Arm und rief:
    Halt da, meine Alabasterkrone, so kommst Du mir heute Abend nicht fort -
ich habe den Burschen hier - Gelbschnbel, Bolivar, die eben aus den
Buckeyestaaten herauskommen, elende erbrmliche Hosiers nur - von Deinen
Schdelfhigkeiten und Kopfarbeiten erzhlt - nicht Hirnproducte, Bolivar,
sondern reine Schdelmanufactur. - Weit Du wohl, alter Bursche, wie Du uns
neulich mit der Stirn den Kse durchgeschlagen hast? Denk Dir, die Lumpe hier
wollen mir das nicht glauben - Landratten die es sind - ich habe um zwanzig
Dollar mit ihnen gewettet, Schneeball; willst Du sie mir verdienen helfen?
Halbpart, mein Silberfasan!
    Ich wr' gerade heut Abend zu solchen Albernheiten aufgelegt, knurrte der
Neger, - die Pest auf Eure zwanzig Dollar, ich habe heute mehr Dollar verdient,
als Ihr in Euren Hut schtten knnt - zwanzig Dollar - bah! - und er schlug dem
Weien ein Schnippchen und wollte sich von ihm losmachen. Der aber, nicht
gesonnen, den einmal Gefaten so bald wieder loszulassen, hielt nur um so fester
und rief, whrend er den Uebrigen einen von dem Neger unbemerkten schlauen Blick
zuwarf und Etwas an seinem Krper umherfhlte:
    Hier, Bolivar - hier, meine zuckerse Puderquaste, meine liebenswrdige
Theerose - hier sieh einmal, was sagst Du zu dem Messerchen, ah? Verlohnte es
sich denn der Mhe, eines solchen Prachtstcks wegen einmal einem Freund
gefllig zu sein?
    Die Uebrigen drngten jetzt auch auf Bolivar ein, und whrend einige von
ihnen ihn bestrmten, lachten andere und riefen: er wisse selber am besten, da
er es nicht knne, deshalb sei er auch so bereitwillig. Bolivar dagegen, ohne
sich weiter um Hohn oder Bitten zu kmmern, griff nach dem Messer und heftete
den funkelnden Blick auf den herrlich verzierten Stahl. Es war ein trkischer
Scimitar - Gott wei wo erbeutet, auf jeden Fall aber leicht gewonnen - mit
mattgrner gewsserter Klinge und kostbarem, gold- und silbergeschmcktem Griff
- eine Waffe, die ein Sultan htte tragen knnen.
    Wre er nchtern gewesen, so mute er Verdacht schpfen, weshalb der wilde
Bootsmann so werthvollen Preis auf eine geringe Wette setze; so aber, durch das
rasch hinabgeschttete feurige Getrnk erregt - gerade einer Waffe bedrftig,
schien er sich pltzlich eines Besseren zu besinnen. Er blickte mit den
rollenden Augen rasch im Kreise umher, jauchzte dann, den alten Strohhut weit in
die Ecke zurckschleudernd, laut auf und schrie:
    Hurrah, meine Burschen - der Genickfnger ist prchtig - Bolivar will Euch
zeigen, wie man sich in einen Westlichen Reserve-Kse hineinarbeitet. Hussah -
wer will noch mehr dagegen setzen?
    Ein wildes Getmmel entstand jetzt. Alles drngte und schrie durcheinander,
und Bolivar, mitten zwischen den Uebrigen, die blanke Waffe gezogen, das dunkle
Gesicht mit den weien rollenden Augen und den Elfenbeinzhnen, tanzte in
phantastischrasenden Sprngen einen Jim Crow, whrend er mit gellender, scharfer
Stimme die Melodie dazu sang:

Dreht Euch nur, Ihr Niggers - dreht Euch nur im Ring;
Dreht Euch nur und wendet Euch und hret, was ich sing' -
Singen will ich Euch ein Lied vom braunen Bill und Joe,
Und jedesmal beim letzten Vers, da springe ich Jim Crow!

Und mit einem Ton auf der letzten Silbe, der durch Muck und Bein drang, tanzte
er, unter dem Beifallsruf der jetzt einen Kreis Bildenden, den beliebten und von
ihm mit bewundernswerther Muskelkraft ausgefhrten Negertanz, whrend er mit
Hacken und Zehen den schneller und immer schneller wirbelnden Tact dazu schlug.
    So haltet zum Donnerwetter die Muler! rief jetzt Peter, noch einmal
zwischen sie springend, whrend er den Neger bei den Schultern fate und ihn zu
beruhigen suchte; heilige Dreifaltigkeit - Peter schwur nur dann bei etwas
Heiligem, wenn er wirklich ernstlich wthend war - 's ist ja rein, um toll zu
werden. Wollt Ihr uns denn die Nachbarschaft mit Teufelsgewalt auf den Hals
schreien?
    War einmal ein Nigger, jauchzte Bolivar, indem er, trotz des Gegendrucks -
immer wieder wie eine niedergedrckte Stahlfeder emporschnellte:

War einmal ein Nigger - gar ein groer Mann,
Hatte gelbe Hosen und auch gelbe Stiefeln an,
Aber seinen Hut dabei, den trug er etwa so,
Und jedesmal beim letzten Vers, da tanzte er Jim Crow!

Hurrah hoh!

    Bravo - bravo! schrie die Schar - Peter soll auch tanzen - hurrah fr
Peter!
    Ruhig, Ihr Kreuzkrten, Ihr - ruhig, sag' ich, tobte Peter dagegen, und
machte fast noch mehr Lrm als die Uebrigen; der Illinoiser aber brachte den
Haufen wieder auf das frhere Thema zurck.
    Den Kse her! rief er - den Kse her - Bolivar will ihn chinesisch
begren - bringt einen Kse. -
    Einige liefen augenblicklich fort und kamen bald mit einem der sogenannten
Westlichen Reserve-Kse zurck, die in den nrdlichen Staaten, besonders in
Ohio und Pennsylvanien, sehr viel bereitet und nach dem Sden verschifft werden.
Es sind groe runde Kse, etwa zwei Fu im Durchmesser und vier bis fnf Zoll
stark, mit gewhnlich dunkelgelber zher Schale, so da der Kse etwas ungemein
Elastisches hat. Ein gewaltiger Schlag gehrt denn auch dazu, einen solchen Kse
so zu treffen, da sich die Schale in der Mitte bricht, denn gewhnlich weicht
sie vor dem Sto wie Gummi elasticum zurck. Bolivar hatte dieses Kunststck
aber schon mehrere Male gemacht und war seines Erfolges ziemlich gewi.
Ueberhaupt zeichnen sich die Neger durch eine entsetzlich harte Hirnschale aus,
die sie ja auch oft unempfindlich gegen ihre stahlharren Kriegskeulen macht,
deren Schlag den Schdel eines Weien wie eine Eierschale zertrmmern mte. Im
Ringkampf benutzt der Afrikaner ebenfalls die Stirn fast mehr als die Faust, und
sucht hauptschlich seinen Gegner zu erfassen und mit dem eigenen Vorderkopf zu
Boden zu schlagen. Zwei mit einander ringende Neger geben sich daher oft Ste,
die wie das Zusammenrennen zweier Widder weit hinausschallen und dem Weien beim
bloen Zusehen Kopfschmerz verursachen. Der Illinoismann, der den Neger nicht
recht leiden konnte, hatte ihm aber etwas ganz Anderes zugedacht und beredete
sich jetzt schnell flsternd mit einigen Anderen.
    Indessen hob ein junger Bursche den Kse mit dem Rand auf eines der an der
Wand hier aufgestellten Zuckerfsser, Bolivar aber, der inde der Flasche noch
immer wilder und unmiger zugesprochen hatte, woran ihn die Anderen auch gar
nicht verhinderten, machte noch ein paar Luftsprnge, schob sein schon im Voraus
beanspruchtes Messer in den Grtel, fate dann den Kse mit beiden markigen
Fusten, zog den Kopf, so weit er konnte, zurck - und schlug mit seiner Stirn
mit solch unwiderstehlicher Gewalt auf die zhe Rinde, da diese barst und sein
krauses Wollhaar in die weiche innere Masse eindrang.
    Ein donnernder Jubelruf feierte den Triumph des Afrikaners, der den Kse in
die Hhe hob und ihn hhnisch lachend vor die Fe der Jauchzenden warf.
    Da - Ihr Buckras, rief er dabei, - da habt Ihr Euren Quark - in ein solch
breiweiches Ding fhrt Bolivar mit der Nase hinein.
    Das ist auch nur Quark! schrie der kleine Hosier, indem er sich durch die
Uebrigen vordrngte - mit einem ordentlichen Indianakse sollst Du das bleiben
lassen - Rubutte!
    Was? tobte dagegen der von Illinois an, bleiben lassen -? Bolivar bleiben
lassen? Ihr verkmmerten Hosiers da oben in Euren Holzlndern wollt wohl 'was
Apartes haben, heh? - Her mit dem Indianakse - hier sind fnf Dollar fr einen
- bringt den zhesten, den Ihr finden knnt, und setzt nachher, was Ihr wollt,
ich halt' es, da Bolivar's Eisbrecher eben so leicht hineinfhrt, als ob's eine
New Yorker Damenhutschachtel wre. Hurrah, Bolivar, nicht wahr, wir sind die
Beiden, die's der Bande zeigen knnen?
    Hurrah! schluckte Bolivar, dessen Augen schon anfingen, glsern und stier
zu werden - hurrah - bringt einen von Euren verdammten Hosierksen - her damit,
sag' ich - hier ist das Kind, das ihn vernichten und bis in die Mitte nchster
Woche hineinstoen kann - wo ist der Hosierkse?
    Hier, Herzchen! sagte der kleine Indiana-Mann, whrend er einen neuen Kse
brachte und auf eine flache, dicht an der Wand lehnende Kiste stellte - so, den
versuch', und wenn Du in den auch hineinfhrst, dann nenne ich mich einen
Dutchman.
    Hussah - hier kommt Bolivar, jubelte der Neger und wollte sich schon, wie
ein Widder, auf das neue Ziel strzen, hieran aber verhinderte ihn fr den
Augenblick Corny und rief:
    Halt, mein Schneeknig - den Kse hab' ich eben fr theures Geld gekauft
und mchte nicht gern einen Theil Deiner Wollperrcke, als Angedenken darin
aufbewahrt, nachher zwischen die Zhne bekommen - denn da Du mitten
durchfhrst, ist gewi. - So - la mich nur erst das Handtuch hier darber
decken, nachher magst Du wie Gottes Gericht zwischen die Maden fahren.
    Deckt ein Tuch darber! jauchzte der Neger, whrend sich die Uebrigen um
ihn sammelten und seine Aufmerksamkeit ablenkten. Corny aber warf den Kse
schnell bei Seite und hob dagegen einen kleinen Schleifstein von ganz demselben
Umfange rasch an seine Stelle, den er mit dem breiten Handtuch berhing, -
deckt ein Tuch darber, wenn Ihr keine afrikanische Wolle brauchen knnt.
    Aber er darf ihn auch nicht mit den Hnden anfassen! schrie der kleine
Hosier - hol' ihn der Teufel, er drckt ihn an der Seite ein - nachher mu er
in der Mitte wohl platzen.
    Hohoho, jauchzte der Neger und schlug eine wilde Lache auf, -hohoho -
meiner Mutter Sohn wird's Euch zeigen, wie man westliche Kse anschneidet, -
Platz da, Ihr Bukras, Platz!

Wenn ich dann am Sonntag - zu der Liebsten geh',
Bring' ich bunten Calico und Kaffee ihr und Thee,
Ksse sie dann auf den Mund und mach' es g'rade so,
Und jedesmal, nach jedem Ku, da springe ich Jim Crow.

    Hurrah fr Alt-Virginy! und mit zurckgezogenen Ellbogen, den Kopf vorn
niedergebogen, die Augen geschlossen, sprang er hoch in die Hhe und flog im
nchsten Augenblick - whrend ihn die Uebrigen in erwartungsvollem Schweigen
umstanden - mit frchterlicher Gewalt gegen den verhllten Stein.
    Der Schlag htte einen Ochsen zu Boden werfen mssen, und Bolivar strzte
denn auch, wie von einer Kanonenkugel getroffen, hinterrcks auf die Erde
nieder, wo er mehrere Secunden lang wie todt liegen blieb. Endlich aber, von dem
lauten Jubeln der Schaar wieder einigermaen zum Bewutsein gebracht, richtete
er sich langsam empor und schien im ersten Anfang nicht recht zu begreifen, was
das Ganze bedeute, auf wessen Kosten dieses convulsivische Gelchter den Raum
erschttere und was eigentlich mit ihm selbst vorgegangen. Der Kopf mochte ihm
aber wohl wirbeln und drhnen, denn er drckte beide krftige Fuste fest gegen
die Schlfe an und schlo eine Weile die Augen. Dann aber, als er den Blick
wieder aufschlug, fiel dieser gerade auf den noch an der Wand lehnenden
Schleifstein, von dem das Tuch durch den Sto herabgerissen war, und berrascht
und verstrt sah er die Mnner im Kreise an. Das bte jedoch auf die wilde
Schaar eine noch viel komischere Wirkung, und betubendes Gelchter schallte ihm
von allen Seiten entgegen.
    Bolivar, der sich hier verachtet und verspottet sah und jetzt leicht
begriff, welcher Streich ihm gespielt sei, stand mehrere Sekunden lang mit von
Zorn und Wuth blitzenden Augen und fest auf einander gebissenen Zhnen da, bis
ihm Corny noch spottend in den Weg trat, und ihn frug, ob er nicht glaube, die
Hosierkse seien zu sehr in der Sonne getrocknet. Da wurde es ihm klar, wer der
Anstifter des ganzen Streiches sei, und ehe nur Einer an Gefahr dachte, oder sie
verhindern konnte, fuhr der Neger wie ein abgeschossener Pfeil auf den Matrosen
zu und hatte den berrascht Zurckprallenden im Nu, wie der Panther seiner
Wsten, mit den Zhnen an der Kehle gepackt. Wohl sprangen die Nchststehenden
hinzu, den Rasenden von seinem Opfer hinwegzureien. Fest, fest hielt er dieses
aber umklammert, und als es ihnen endlich gelang, Corny zu befreien, strzte
dieser blutend in die Arme seiner Freunde zurck.
    Der Neger wehrte sich jetzt mit verzweifelter Wuth gegen die Ueberzahl und
versuchte besonders das Messer zu ziehen, das er im Grtel trug. Daran
verhinderten ihn aber die Piraten, warfen ihn zu Boden und banden ihm Hnde und
Fe; ja ein Theil derselben, und besonders Corny's Freunde, schien nicht bel
Lust zu haben, schnelle Gerechtigkeitspflege zu ben und ihn an Ort und Stelle
zu strafen, da er Hand an einen Weien gelegt.
    Peter, der sein Bestes versucht hatte, die Tobenden zu besnftigen, und nun
wohl einsah, seine Macht reiche nicht aus, wandte sich noch einmal an Georgine
und bat sie, den Sturm zu beschwren, er stehe sonst fr nichts. Von
vorbeifahrenden Flatbooten htten sie allerdings wenig zu frchten - es knnten
aber auch Jger an dem gegenberliegenden Ufer sein, und der Wind wehe gerade
nach Arkansas hinber. Er versicherte ihr dabei, wie ihm Kelly selbst ganz
besonders aufgetragen habe, jetzt, da sie am Ziel ihrer Wnsche stnden, Ruhe zu
halten und jede unnthige Gefahr zu vermeiden. Niemand Anders aber als sie
selber sei in diesem Augenblick im Stande, dem rohen Haufen zu imponiren.
    Und Marie hier? frug Georgine.
    Das arme Mdchen kauerte bleich und thrnenlos in der einen Ecke - sie hatte
am vorigen Nachmittag mehrere Male versucht, das Haus zu verlassen, Georgine sie
aber stets daran verhindert, whrend diese selbst oder der Mestizenknabe oder
auch Bolivar sie fortwhrend im Auge behielten. Heute Morgen war sie noch nicht
von ihrem Platze aufgestanden und schien ihre Umgebung nicht zu beachten, ja
kaum von ihr zu wissen.
    Bleibt indessen ruhig hier sitzen, rief der Narbige, whrend er einen
mrrischen Seitenblick auf die Unglckliche warf. - Es fehlte auch noch, da
uns die im Wege wre.
    Wildes Gebrll schallte in diesem Moment von den trunkenen Bootsleuten
herber; Georgine raffte schnell den neben ihr liegenden Shawl um sich und trat
gleich darauf ernst und drohend zwischen die Schaar.
    Kein Wunder war es aber, da selbst die Rohesten scheu und ehrerbietig vor
ihr zurckwichen und der Lrm, wie durch ein Zauberwort gebannt, verstummte. Die
hohe, edle Gestalt des schnen Weibes blieb stolz und gebieterisch dicht vor
ihnen stehen - das schwarze seidenweiche Haar flo ihr in vollen Locken um den
nur halb verhllten Nacken, und die dunkeln, von langen Wimpern beschatteten
Augen schweiften finster ber die vor wenigen Secunden noch so unruhigen Mnner
hin, und schienen Den herausfordern zu wollen, der es wage, ihrer Macht zu
trotzen.
    Nur der Neger wthete noch immer gegen seine Bande an, so da es die ganze
Kraft der ihn Haltenden erforderte, seinen rasenden Anstrengungen zu
widerstehen.
    Was hat der Mann gethan? frug Georgine endlich mit leiser, aber
nichtsdestoweniger auch in ihrem kleinsten Laut verstndlicher Stimme, was soll
der Aufruhr?
    Alle wollten jetzt antworten und ein verworrenes Getse von Stimmen machte
jedes einzelne Wort unhrbar - endlich trat Peter vor und erzhlte mit kurzen
Worten den Lauf der Sache, whrend der Haufe, als er den Angriff des Negers
erwhnte, mit wilder Stimme dazwischen schrie:
    Nieder mit der blutigen Bestie, die einen Mann wie ein Panther erwrgen
will.
    Seid Ihr Mnner? zrnte jetzt Georgine, und ihre Augen hafteten drohend
auf den Rdelsfhrern der Schaar - wollt Ihr in unserem Herzen Aufruhr und
Kampf entznden, whrend uns auen von allen Seiten der Feind umgiebt? Habt Ihr
den Neger nicht zuerst gereizt? Wundert es Euch, da die Schlange sticht, wenn
sie getreten wird? Fort mit Euch an Eure Posten. - Euer Capitain kann jeden
Augenblick zurckkehren und Ihr wit, was Euch geschhe, wenn er in diesem
Augenblick statt meiner hier stnde. - Fort - schlaft Euren Rausch aus und
verhaltet Euch ruhig - der Erste, der noch einmal den Gesetzen entgegenhandelt,
verfllt ihrer Strafe - so wahr sich jener Himmel ber uns wlbt. Hat sich der
Afrikaner vergangen, so soll er der Zchtigung nicht entgehen - ich wre die
Letzte, die ihn schtzte. - Sobald Kelly zurckkehrt, wird er Euren Streit
untersuchen - bis dahin aber Friede.
    Die Bootsleute traten mrrisch, doch dem Befehle gehorsam, von dem
gefesselten Afrikaner zurck, und Peter wandte sich eben gegen ihn, um ihn bis
zu des Capitains Rckkehr zu verwahren, als sein Blick auf die Thr von Kelly's
Wohnung fiel. Dort aber erkannte er die blasse, zarte Gestalt der Wahnsinnigen,
wie sie, sich die wirren Haare aus der marmorbleichen Stirn zurckstreichend,
einen Moment nur forschend nach der vor der Bachelors Hall versammelten Schaar
hinberstarrte, dann mit hellem, fast kindischem Lachen rechts hinaus ber den
freien Platz sprang und pltzlich zwischen den einzelnen Htten verschwand.
    Das Ganze war so schnell und pltzlich geschehen, da der Narbige im ersten
Augenblicke kaum zu wissen schien, ob er wirklich recht sehe. Georgine aber, die
seinen Blick dorthin gerichtet fand und ihm rasch mit den Augen folgte, erkannte
kaum noch den eben hinter dem kleinen Haus verschwindenden Schein des
flatternden Gewandes, als sie auch den Zusammenhang ahnte.
    Folgt ihr! rief sie schnell und deutete nach jener Richtung - folgt ihr,
Bolivar - Peter - Weley, bei Eurem Leben - bringt sie zurck.
    Peter gehorchte rasch dem gegebenen Befehl, und Einige von den Nchternsten
taumelten hinterher, whrend die Anderen, vielleicht der Gelegenheit froh, sich
unbeachtet fortstehlen zu knnen, schnell in ihre verschiedenen Wohnungen
verschwanden. Bolivar blieb allein und noch gebunden am Boden zurck. Georgine
lste jetzt zwar schnell seine Bande, denn ihr galt es in diesem Augenblicke nur
darum, die Entflohene zurckzubringen. Der Afrikaner aber, durch den Brandy,
jenen frchterlichen Sto und den letzten mit verzweifelter Kraftanstrengung
gefhrten Kampf betubt und entnervt, taumelte ein paar Schritte nach vorn und
strzte dann schwerfllig zu Boden nieder.
    Georgine bi sich die zarte Unterlippe und stampfte mit dem kleinen Fu den
Boden.
    Thier! murmelte sie halblaut vor sich hin. Die Verfolgung selbst nahm aber
fr den Augenblick ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, um des Negers weiter
zu achten. - Sie eilte der Stelle zu, wo Marie die nicht unbetrchtliche, starke
Fenz berklettert haben mute, und schien hier ungeduldig die Rckkehr der
Gefangenen zu erwarten. Konnte sie sich doch nicht denken, da das wahnsinnige
Kind mit nur wenigen Schritten Vorsprung und in dem ihr gnzlich unbekannten
Dickicht im Stande sein wrde, Mnnern zu entgehen, die jeden umgeworfenen Stamm
und jeden einzelnen Platz kannten, wo ein Fortkommen berhaupt unmglich war.
Wuten aber die halbtrunkenen Bootsleute vielleicht selbst kaum recht, was sie
wollten, und strmten sie nur eben blind hintennach, oder war Peter durch die
erstgenommene Richtung der Wahnsinnigen irre gefhrt, da er glaubte, sie wrde
solche beibehalten, kurz die Insulaner durchkreuzten den ganzen umliegenden
Waldstrich, ohne auch nur die mindeste Spur von der Entflohenen zu finden, und
muten unverrichteter Sache zurckkehren.
    Nun behauptete Peter allerdings, in den Bschen knne sie nicht mehr
stecken, da htte sie ihnen nicht entgehen sollen, sie werde wahrscheinlich in
den Strom gestrzt und ertrunken sein; Georgine beruhigte sich jedoch nicht
damit. Noch einmal muten die Mnner hinaus, sie zu suchen, und nicht eher
kehrten sie, freilich wieder ohne Erfolg, zurck, bis die Dmmerung ihnen in dem
dichten Walde jedes weitere Vordringen unmglich machte. Fr diese Nacht blieb
auch weiter nichts zu thun brig, und Georgine trstete sich nur damit, da die
Entflohene unmglich die Insel verlassen konnte und am nchsten Morgen leicht
wieder aufgefunden werden mute.

                                      15.

                                        

                                Das Wiedersehen.


Mississippi - Riesenstrom jener fernen Welt - wild und groartig wlzest Du
Deine mchtigen Fluthen dem Meere zu, und hinein greifst Du mit den gewaltigen
Armen nach Ost und West, in das Herz der Tausende von Meilen entfernten
Felsengebirge, wie in die innersten Klfte der khn emporstarrenden Alleghanies.
Aus den nrdlichen eisbedeckten Seen holst Du Deine Wasser, und Bett und Bahn
ist Dir zu eng, wenn Du Deine Krfte gesammelt und sie zum wilden Kampf gegen
den stillen Golf hinabfhrst. Wie ein zuchtloses Heer erkennen sie dann keinen
andern Herrn an, als nur Dich; rechts und links durchbrechen sie gesetzlos Ufer
und Damm, ganze Strecken reien sie hinab in ihre ghrende Fluth - vernichten,
was sich ihnen in den Weg stellt, zertrmmern, was ihre Bahn hemmen will, und
plndern den weiten rauschenden Wald, der sich ngstlich zusammendrngt, dem
frchterlichen Ansturm zu begegnen. Viele tausend Stmme und junge
lebenskrftige Bume reien sie, wie zum Hohn, selbst aus seinen Armen heraus
und fhren sie im Triumph spielend und wirbelnd hinab, immer hinab, ja
gebrauchen sie sogar als Waffen gegen die Schutz- und Nothdmme der zitternden
Menschen, schleudern sie mit entsetzlicher Kraft und Sicherheit wider sie und
durchbrechen nicht selten ihre Besten. Gnade dann Gott dem armen Lande, das
diese fessellosen Massen berschwemmen, nicht einmal Flucht hilft mehr. Mit
Sturmesschnelle wlzen sich die schumenden Wogen durch friedliche Felder und
ber fruchtbare Ebenen hinaus - erbarmungslos schleppen sie hinweg, was sie
tragen knnen, und vernichten das Uebrige. Und wenn sie weichen - wenn sie dem
vorangegangenen, nicht rechts noch links schauenden Kern der Armee folgen, dann
lassen sie eine Wste zurck, wo oft selbst die letzte Spur menschlichen Fleies
vernichtet wurde.
    Solch' frchterliche Macht bt der Mississippi. - Ist er aber vorbergetobt,
knden nur noch die schlammigen Streifen an Hgel und Baum, welch' furchtbare
Hhe er erreicht, dann strmt er ghrend und innerlich kochend, aber doch in
sein Bett hineingezwngt, zwischen den unterwhlten Ufern hin, von denen er nur
hier und da, wie aus Grimm, da ihm jetzt die Kraft fehlt, ber sie hinaus zu
brechen, einzelne Stcke abreit und sie spielend in seine Fluth verwscht. -
Die gelbe, lehmige Strmung schiet reiend schnell, hier und da mit trben
Wirbeln und Strudeln gemischt, von Landspitze zu Landspitze hinber; schmutzige
Blasen treiben auf ihrer Flche, und selbst die sich weit hinberbiegenden
Weiden und Baumwollenholzschlinge suchen vergebens ihr Spiegelbild in dem
flssigen Schlamme. Dazu starren, dort oben fast von keiner menschlichen Wohnung
unterbrochen, die Riesenleiber der Urbume ernst und finster, selbst dicht vom
Rande der schroff abgerissenen Uferbank aus, zum Himmel empor, und weite
undurchdringliche Rohrbrche, von dornigen Lianen durchwoben, dehnen sich unter
ihnen aus, den einzigen Raum noch erfllend, der durch die Baum- und
Strauchmassen zu fhren schien.
    Tom Barnwell hatte seine Bahn auf der angeschwollenen Fluth, ohne sich
sonderlich anzustrengen, langsam verfolgt und etwa zehn Meilen, theils rudernd,
theils in seinem Kahn nachlssig ausgestreckt, zurckgelegt. Er sah jetzt eine
kleine runde Insel vor sich, die, dicht mit Weiden bewachsen, ziemlich mitten im
Strome lag, und an der ihn die Strmung rechts vorber zu nehmen schien. Er lie
denn auch sein Boot ruhig und selbststndig gehen und wurde bis ziemlich an das
westliche Ufer genommen, wo sich der Schilfbruch bis so dicht an's Ufer
hinanzog, da die vordersten Stangen desselben stromber in die Fluth gestrzt
waren und nun mit ihren langen starren Blttern die Schaumblasen aufgriffen und
zertheilten. Gestrztes Holz lag hier so wild durcheinander, da Tom fast
unwillkrlich den Blick einen Augenblick darauf haften lie, und noch eben bei
sich dachte, wie es hier doch selbst einem Br schwer werden wrde
durchzukommen, als - fast neben ihm, und hchstens zwanzig Schritt entfernt,
mitten aus dem tollsten Gewirr von Rohr und Schlingpflanzen heraus - die
munteren, scharf gellenden Tne einer Violine zu ihm drangen. Tom blickte
erstaunt auf; es blieb ihm aber bald kein Zweifel mehr, da dort wirklich ein
Unbekannter die Violine spiele, und der Bootsmann sah sich ordentlich scheu
einen Augenblick um, ob er auch in der That auf dem Mississippi und dicht neben
einem Rohrbruch schwimme, und nicht etwa aus Versehen an irgend eine bis dahin
noch unentdeckte Stadt gekommen sei.
    Die Umgebung blieb aber unzweifelhaft, ebenso die Musik, und fest
entschlossen, sich selbst zu berzeugen, wer hier im Urwald von Arkansas
Solo-Concert gbe, lief er mit seinem Kahn dicht an's Ufer, band ihn hier fest
an einen jungen Sykomoreschling, der zwischen zwei grere Stmme
eingeklammert lag, und kletterte dann - ein Weg war nirgends zu sehen - mit
Hlfe eben des Sykomore das steile Ufer hinauf, wo er sich aber erst mit seinem
Messer nach der Richtung, aus welcher die Musik herbertnte, Bahn hauen mute.
Mhsam arbeitete er sich durch und erreichte endlich den ihm entgegen liegenden
Wipfel eines umgestrzten oder, wie er spter fand, gefllten Baumes, durch den
er sich vordrngte und nun pltzlich laut auflachte, als er hier, mitten im
Rohrbruch, von weiter nichts als Schlingpflanzen und Mosquitos umgeben, den
einsamen Musikanten vor sich sah.
    Es war ein junger Mann, vielleicht von vier- oder fnfundzwanzig Jahren, mit
krausen dunkelbraunen Haaren und starkem, sonnverbranntem Nacken, nur in ein
baumwollen Hemd und eben solche Hosen gekleidet, neben sich einen breitrandigen
Strohhut und eine Axt, die ruhig an dem Stamme lehnte, an welchem er noch eben
gearbeitet haben mute. Er selbst aber, hchst behaglich an einem
emporstarrenden Ast gelehnt, drehte Tom den Rcken zu und strich so eifrig auf
seiner keineswegs Cremoneser Geige herum, als ob er zahlreiche Zuschauer um sich
versammelt she und den Ruf bedeutender Virtuositt zu wahren htte.
    Als er hier in dieser Wildni das Lachen eines menschlichen Wesens hinter
sich hrte, drehte er sich, sein Spiel jedoch keineswegs unterbrechend, halb
nach dem Fremden herum, den er, die kurze Rohrpfeife zwischen den Zhnen, mit
einem fast noch krzeren:
    Nun wie geht's, Sir? anredete, als ob das Jemand sei, den er schon den
ganzen Morgen erwartet habe und der nun, aus weiter Ferne gesehen, auf breiter
Fahrstrae herankomme, nicht aber hinterrcks, aus dichtem unwegsamen Busch
heraus, zu ihm anschleiche.
    
    Hallo, Sir! erwiderte Tom, whrend er von dem ziemlich hohen Stamm
heruntersprang und zu dem Violinisten trat - schon so fleiig heut? Ihr spielt
ja, da Einem fast die Fe anfangen zu zucken - was, Wetter noch einmal, macht
Ihr denn hier mit der Violine mitten im Rohrbruch?
    Ich spiele Yankee Doodle, meinte der Backwoodsman sehr naiv - Yankee
Doodle und Lord Howe's Hornpipe, oder auch manchmal Washington's Marsch und Such
a getting up stairs I never did see - ich bin mannigfaltig; und seinen Worten
treu, fiel er aus dem amerikanischen Nationallied in den kaum weniger populren
Negersang ein und schien Tom's Verwunderung, ihn berhaupt hier zu finden, gar
nicht zu bemerken.
    Ja, aber um Gottes willen, Mann, rief dieser endlich ganz erstaunt aus -
habt Ihr Euch denn hier den vier Fu dicken Baumwollenholzbaum nur apart
umgehauen, um Euch darauf zu setzen und Such a getting up stairs zu spielen? -
Ist denn hier nicht irgend eine Wohnung, irgend ein Lager in der Nhe, wo Ihr
hingehrt?
    Ei gewi, lachte der junge Mann, setzte zum ersten Mal die Violine ab und
schaute Tom mit seinen groen dunkeln Augen treuherzig an - gewi ist ein Haus
hier - und was fr eins - aber seht Ihr den Pfad nicht? Der fhrt hier gleich
zum Mississippi hinunter, wo er eine kleine Bucht im Ufer bildet. Dicht dabei
habe ich mein Klafterholz stehen, das ich an die vorbeifahrenden Dampfboote, das
heit an die, die nicht vorbeifahren, sondern bei mir anlegen, verkaufe; aber
kommt nur mit, ich mu Euch doch meine Residenz zeigen. Jetzt fllt mir's
brigens erst ein, wo kommt Ihr denn eigentlich her? Ihr schient zwar im Anfange
wie aus den Wolken gefallen zu sein, mt aber doch wohl noch irgend wo anders
herstammen.
    Mein Boot liegt unten am Mississippi, sagte Tom.
    Wo? an meinem Haus?
    Ich habe kein Haus gesehen, ich kam mitten durch die Dornen.
    Hahaha, dann glaub' ich's Euch, da Ihr erstaunt ber mein Spiel waret,
wenn Ihr durch das Dickicht gekrochen seid, lachte der junge Holzschlger -
aber kommt nur, ich habe da drben ein gar behagliches Pltzchen und mu Euch
doch wenigstens einen Bissen zu essen vorsetzen, da Ihr mir nicht hungrig
wieder fortgeht. Seht, fuhr er fort, als er, dem erstaunten Bootsmann voran,
auf dem kleinen, kaum bemerkbaren Pfade hinschritt - hier den Baum hab' ich
gefllt, um ihn klein zu spalten und die Klafterstcken zum Flu hinab zu
nehmen. In einem fort aber so ganz allein Holz zu hacken, ist hchst langweilige
Arbeit, und da nehm' ich denn gewhnlich die Violine ein wenig mit, und wenn ich
mde mit Hauen bin, spiel' ich ein bischen, bis mir die Arme wieder gelenk
werden. Aber hier ist mein Haus - noch wenig Land dabei urbar gemacht, sonst
jedoch ganz bequem und meinen Bedrfnissen vollkommen entsprechend.
    Mit diesen Worten schob er die letzten ber den Pfad hngenden Rohrstangen
zurck, und Tom stand auch schon im nchsten Augenblicke dicht vor der aus
unbehauenen Stmmen aufgefhrten Wand des kleinen Hauses, um das sie sich erst
herumdrcken muten, den schmalen niedern Eingang desselben zu erreichen. Hier
aber dehnte sich auch ein etwas freierer Platz vor ihnen aus, der nach dem Flu
zu offen lag und einen Ueberblick ber den freien Strom gewhrte.
    Die Htte stand auf der sogenannten zweiten Uferbank, die ein wenig von
der ersten zurck und wohl noch eine Elle hher als diese selbst lag. Dicht
davor waren einige fnfzig Corde oder Klaftern Baumwollen- und Eschenholz
aufgestapelt, sonst zeigte aber auch gar nichts weiter, da menschliche Hand in
dieser Wildni gearbeitet oder ein menschliches Wesen seinen Wohnsitz da
aufgeschlagen habe. Kein Dornbusch war abgehauen, er wre denn dem Holztransport
im Wege gewesen; weder Spaten noch Hacke hatte hier je eine Scholle aufgeworfen,
und der Pflug mute dem ganzen Platz ein eben so fremder Gegenstand sein, wie es
Hobel oder Kelle dem Haus gewesen. Nur die Axt hatte fr den kecken Menschen ein
Asyl aus dem Walde herausgehauen und den Br und Panther aus seinem angestammten
Wohnsitze vertrieben, in das sich unser munterer Musikfreund, ein Sohn des alten
Kentucky, huslich und mutterseelenallein niedergelassen hatte.
    Ein paar groe gelbe Rden, ber und ber mit Narben bedeckt, waren seine
einzigen Gesellschafter und lagen vor der Thr der Wohnung ausgestreckt.
Obgleich sie aber bemerkten, da sich ein Fremder nherte, schienen sie es doch
nicht einmal der Mhe werth zu halten, auch nur den Kopf deshalb zu heben. Er
kam ja in Gesellschaft ihres Herrn, und diesen nur begrten sie mit einem
lebhaften Versuch, die auerordentlich kurzen Schwnze in eine wedelnde Bewegung
zu bringen, was ihnen brigens ohne starke Anstrengung des ganzen Hintertheils
gar nicht mglich gewesen wre.
    Was der Kentuckier an Lebensmitteln bedurfte, mute ihm der Wald liefern;
seinen sehr geringen Brodbedarf bezog er von den dort anlegenden Dampfbooten,
und im Uebrigen versorgte ihn der Mississippi mit Wasser und Fischen. Durch
seine Axt konnte er aber ein gut Stck Geld verdienen, von dem es ihm, selbst
mit dem besten Willen, nicht mglich gewesen wre, auch nur einen Cent wieder
auszugeben, und er erreichte so, wie er dem jungen Bootsmann versicherte, wenn
auch nicht gerade auerordentlich schnell, doch ziemlich gewi seinen Zweck, ein
kleines Capital zu sammeln, um sich spter in gesnderer Gegend und mehr unter
Menschen - jedoch mit der Bedingung, keinen Nachbar nher als fnf Meilen zu
haben - niederzulassen.
    Sie traten jetzt in das kleine Haus, und einfacher, was Mbeln und
Hausgerth betraf, konnte allerdings keine Wirthschaft eingerichtet sein. - Ein
leeres Mehlfa war der Tisch - ein paar gerade abgehauene Kltze bildeten die
Sthle - er hatte deren zwei, um, wie er meinte, nicht auf der Erde zu sitzen,
wenn er einmal Gesellschaft bekme - sein ganzes Kochgeschirr bestand in einem
einzigen eisernen Topf, ohne Henkel und Deckel, einem Blechbecher und zwei aus
Rohr geschnitzten Gabeln. Eine Art Lffel hatte er sich ebenfalls aus Holz
geschnitzt, der mute aber nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt werden, denn
er stak ruhig und mit Staub bedeckt ber dem Kamin. Besser im Stande schien sein
Schiegerth zu sein: eine treffliche Bchse lag, mit der Kugeltasche daran,
ber der Thr und das sogenannte Scalpirmesser, das unsere Jger Genickfnger
nennen, war in dem Riemen derselben befestigt.
    Auerdem lagen noch verschiedene Felle, mit einer wollenen Decke, auf der
Erde ausgebreitet, und ein in der Ecke aufgespanntes Mosquitonetz zeigte den
Platz an, wo sein Bett gewhnlich war, denn eine Bettstelle war weiter nirgends
zu sehen. Ohne Mosquitonetz htte es hier aber kein Mensch ausgehalten,
wenigstens htte er kein Auge schlieen knnen.
    Die Speisekammer schien noch am besten bestellt, denn oben im Kamin hing
eine Anzahl gerucherter Hirsch- und Brenkeulen, und breitmchtige Speckseiten,
ebenfalls von Bren, - Vorrath fr die Zeit, wo die Arbeit entweder zu dringend,
oder die Jagd nicht besonders war, oder der einsame Mann vielleicht gar krank
auf sein hartes Bett ausgestreckt lag und, vom Fieberfrost geschttelt, kaum zum
Flu hinabkriechen konnte, sich selbst einen Trunk frischen Wassers zu holen.
    Nun, Fremder, sagte jetzt der Kentuckier, whrend er unter dem
Mosquitonetz eine bis dahin verdeckt gestandene, roh aus Holz gehauene Schssel
hervorholte, die kalte, aber feiste und delicate Hirschrippen und ein paar
Stcke gebratenen Truthahns enthielt, macht's Euch bequem und langt zu - viel
ist nicht da - halt, da drunter liegen auch noch ein paar kleine Weizenkuchen -
so - ein Schelm giebt's besser, als er kann. - Das Essen ist brigens nicht zu
verachten - das Wildpret schmeckt delicat, und der Truthahn kann gar nicht
besser sein - ein Tropfen Whisky fehlt nur, die compacteren Sachen damit
hinunter zu splen. -
    Hallo, wenn's Euch an Whisky fehlt, da kann ich aushelfen, rief Tom
lachend, ich habe mir von Helena aus genug Vorrath mitgenommen, acht Tage damit
auszukommen, und will doch nur eine Nacht unterwegs sein; aber - wie komme ich
dazu? Die Flasche liegt im Boot, da werd' ich wohl wieder durch die Dornen
zurck mssen.
    Ei Gott bewahre, sagte der Kentuckier, wenn wir den Whisky so nahe haben,
so soll auch schon Rath geschafft werden, ihn herzubekommen, ohne durch solche
Wildni zurckzukriechen. Ich fahre rasch in meinem Canoe hin und hole das Boot
hierher. Alle Wetter, war mir's doch fast so, gerade ehe Ihr kamt, als ob ich
Whisky rche - entweder habe ich eine verdammt gute Nase, oder es giebt
Ahnungen.
    Damit sprang er rasch die Uferbank hinunter, stieg in sein Canoe, verschwand
damit um die kleine Landspitze, die der Flu hier oben bildete, und kehrte schon
nach wenigen Minuten mit Tom's Boot zurck, das er jetzt an seiner eigenen
Landung befestigte, whrend Tom selber ihm dabei zu Hlfe kam und die
Whiskykruke mit hinaufnahm.
    Nun sagt mir aber in aller Welt, wo wollt Ihr so allein mit der Kruke hin?
frug der Kentuckier endlich, als sie ihren Hunger einigermaen gestillt hatten
und einen zweiten steifen Grog in dem einzigen Blechbecher bereiteten. Ihr
gedenkt doch nicht nach New-Orleans hinunter zu treiben? Das wre ein verwnscht
langweiliger Spa.
    Nein, sagte Tom, ich will nur sehen, wie die Preise in Montgomerys Point
sind. - Wir haben hier oben in Helena ein Flatboot, und da unser Steuermann so
groes Wesen von jenem Ort machte, so gedachte ich einmal vorauszufahren und
mich ein bischen nach Allem zu erkundigen.
    Nun Gott sei Dank, lachte der Holzschlger, das war der Mhe werth, auch
noch nach dem Nest einen besonderen Boten vorauszuschicken. Wenn's noch
Napoleon, an der Mndung des Arkansas, wre; aber auch da sind keine besonderen
Geschfte zu machen, denn die Leute dort kaufen wenig mehr, als sie fr ihren
eigenen Bedarf nthig haben, und das ist sehr wenig. Nein, da httet Ihr in
Memphis noch viel bessere Geschfte machen knnen als hier, wenn Ihr berhaupt
nicht bis Vicksburg oder Natchez hinunter wollt. Seid Ihr denn in Memphis
gelandet?
    Nein, unser Steuermann meinte, dort sei auch gar nichts mehr abzusetzen, da
die Memphis-Kaufleute ihre bestimmten Waaren jetzt fast einzig und allein aus
Kentucky bezgen.
    Unsinn - Ihr mgt einen besonders klugen Steuermann haben, vom Handel
versteht er aber, wenn er das sagt, nichts.
    Vielleicht nur zu viel, lachte Tom; ich habe den Burschen in Verdacht,
da er irgend einen guten Freund in Montgomerys Point hat, dem er die Waaren
zuzuschieben gedenkt. Da soll er aber unter dem falschen Baum gebellt haben,
denn so lange ich ein Wort mit hineinreden darf, bekommt sie Keiner, den er
recommandirt.
    So so? meinte der Kentuckier, auch mglich - in Kentucky habe ich
berhaupt viel ber die Mississippi-Bootsleute munkeln hren, was keineswegs
sehr zu deren Vortheil sprche. Hier kann man freilich nichts Nheres darber
erfahren, obgleich ich mich schon manchmal gewundert habe, wie oft hier in der
Nacht Boote vorbeirudern, und zwar nicht allein stromab, denn das wre nichts
Besonderes, nein, auch stromauf, und zwar ziemlich regelmig vor der
Morgendmmerung. Wei der Henker, wer da so groe Eile hat, da er nicht
Tageslicht wie ein stromauf gehendes Dampfboot abwarten kann, und sich lieber
abqult und plagt, gegen die starke Fluth dieses Flusses anzuarbeiten.
Wahrscheinlich mu in Helena, oder auch in Montgomerys Point, irgend eine
heimliche Spielhlle sein, zu der das alberne Volk bei Nacht und Nebel
hinschleicht, um sein gutes Geld frmlich in einen Abgrund zu werfen. Gestern
Nacht rief ich einmal eins an, das gerade hier unten an der Spitze und noch dazu
mit umwickelten Rudern vorberfuhr, - - es war ein Nachbar hier, der nach
Victoria hinber mute - sie wollten ihn aber nicht mitnehmen und meinten, sie
wren schon berdies zu schwer geladen. Ich hatte wahrhaftig gleich nachher das
Vergngen, ihn selber hinunter zu fahren. Doch was kmmert's mich, la sie ihr
Geld todtschlagen, wie sie wollen, ich wei besser wohin damit, und wenn jene in
den Tag hinein lebenden wilden Gesellen einmal keinen Platz haben, wohin sie ihr
Haupt legen knnen, dann sitz' ich behaglich auf meiner guten Farm und bin fr
mein briges Leben versorgt.
    Behaltet Ihr denn aber das Geld, was Ihr verdient, bei Euch? frug jetzt
Tom; da wrd' ich doch nicht recht trauen - in der Art hat der Mississippi
keinen besonders guten Namen. Wenn Ihr nun einmal vom Hause fortgeht?
    Ei, das halt' ich gut versteckt, lachte der Holzhauer, finden soll's
schon so leicht Keiner. Es lt sich dabei aber auch nichts Anderes thun, denn
ehe ich's einer von den Arkansas- oder Mississippi-Banken anvertraute, knnt'
ich's eben so gut verspielen; da htt' ich doch wenigstens ein Vergngen davon,
wenn auch ein schlechtes.
    Nun, ich wei nicht, meinte Tom, mit Geld hier so ganz allein im Walde zu
sitzen, wrd' ich jedenfalls fr gefhrlich halten. - Es schwimmt eine ganz
anstndige Zahl von Leichen in diesem Vater der Wasser wie Brocken in einer
Suppe herum - ich mchte nicht gern einer von den Brocken sein.
    Ja, das ist wahr! sagte der Kentuckier, vor Victoria besonders treiben
viele vorber; denkt aber auch nur, wie manches Dampfboot zu Grunde geht. Da
ist's ja dann kein Wunder, da die erst versunkenen Leichen auch wieder zum
Vorschein kommen. Aber wollt Ihr denn schon fort? Wenn Ihr blos nach Montgomerys
Point gedenkt, habt Ihr wahrlich nichts zu versumen.
    Ei nun, ich bin einmal unterwegs, meinte Tom, whrend er aufstand und den
letzten Rest aus dem Blechbecher leerte, und da will ich doch auch hinunter;
berdies soll ich ja dort meinen Alten wieder treffen, der hier am Ende an mir
vorbeifhrt. Aber hrt einmal - wo gie' ich denn den Whisky hinein? Ich mchte
ihn Euch gerne dalassen, denn da Ihr hier so schlecht damit beschlagen seid -
    Gar zu gtig! lachte der Mann, die Gabe nehme ich brigens mit Dank an;
an Gefen fehlt's freilich, doch habe ich hier ein paar Rohrstcke, die halten
wohl eine Pint.
    Ach was, da geht ja gar nichts hinein, brummte Tom - doch halt, gebt sie
einmal her, wie weit ist's noch bis Montgomerys Point und wann kann ich unten
sein?
    Ei doch wohl noch vierundvierzig Meilen; wenn Ihr aber bis Abend rudert und
die Nacht hindurch treibt, so knnt Ihr es mit Tagesanbruch erreichen.
    Gut, so behaltet Ihr die Kruke hier - das Rohr hlt so viel, als ich
brauche, bis ich hinunter komme, und unten giebt's mehr.
    Was? Die ganze Kruke? rief der Kentuckier erstaunt - ei, Mann, Ihr seid
gromthig.
    Ihr seht, sagte Tom lchelnd, ich wei wie's, thut, ohne Whisky zu sein,
bin's auch schon manchmal gewesen und fhle deshalb mit jedem Menschen
Mitleiden, der sich in gleich trauriger Lage befindet. Unser halbes Boot ist
brigens mit Whisky geladen, und da knnt Ihr wohl denken, da es gerade nicht
auf eine Gallone ankommt. Aber ade - es wird spt, und ich mchte doch noch gern
morgen frh alle die Geschfte abmachen, derentwegen ich eigentlich
heruntergekommen bin; so guten Abend denn - wie war Euer Name?
    Robert Bredschaw - und der Eurige?
    Tom Barnwell, lautete die Antwort, whrend das schmale Boot schon wieder
in die Strmung hinausscho, sich, bis Tom die Ruder ergreifen konnte, ein paar
Mal umdrehte, und dann, dem starken Arm des jungen Mannes gehorsam, rasch ber
die gelben Fluthen dahinscho.
    Tom hatte sich bei seinem neugewonnenen Freunde doch lnger aufgehalten, als
es anfangs seine Absicht gewesen, noch dazu, da er erst einen sehr kleinen Theil
seiner Fahrt zurckgelegt - Bredschaw's bescheidene Wohnung lag nmlich nur
sieben englische Meilen zu Wasser von Helena entfernt - doch hoffte er auf die
starke Strmung, die ihn wohl auch ohne groe Anstrengung seinem Ziele zufhren
wrde.
    Die Sonne lag schon auf den Wipfeln der Bume, als er aus der kleinen Bucht
vorscho, und da es in Nordamerika fast gar keine Dmmerung giebt, sondern die
Nacht sich scharf von ihrem freundlicheren Bruder abscheidet, so legte er sich
noch recht wacker in die Ruder, den letzten Tagesschein soviel als mglich zu
benutzen. Links von ihm lag die sogenannte runde Weideninsel, ein flaches
unbewohnbares Stck Land, dessen uerste Rnder schon jetzt, da der Mississippi
erst zu steigen anfing, unter Wasser standen, whrend es fast in jedem Jahr von
der Fluth vollstndig bedeckt wurde. Inmitten dicht mit Weiden bewaldet, hatten
rings um diese herum, ein Zeichen neu angeschwemmten Bodens, junge
Baumwollenholzschlinge Wurzel geschlagen, und bildeten nun, je nach der Mitte
zu hher und hher emporsteigend, eine so regelmige Anpflanzung, da es fast
gar nicht aussah, als ob sie nur der wildstreuenden Natur ihre dortige Existenz
zu danken htte, sondern von Menschenhand in terrassenfrmiger Ordnung gepflanzt
und gehegt sei.
    Diese lie er jetzt hinter sich, und mitten im Bett des ungeheuren Flusses
zog sich die Strmung mehrere Meilen lang hin, bis dort, wo eine andere Insel
Nr. Einundsechzig, die Fluth theilte und die grere Hlfte der Wassermasse an
das westliche Ufer hinberwarf; dies wurde noch dadurch befrdert, da die
Strmung durch eine ziemlich scharfe Biegung des linken Ufers, gerade oberhalb
Einundsechzig, schrg, fast ber die ganze Flubreite getrieben ward. Fast
alle herabkommenden Boote lieen deshalb auch diese Insel links liegen und
schnitten nur bei hohem Wasser die zwei oder drei Meilen ab, die sie sonst
zurcklegen muten, um wieder zwischen dem stlichen Ufer von Nr. Zwei- und
Dreiundsechzig und dem Mississippistaate durchzufahren.
    Tom nun, der die Flubahn des Mississippi nicht kannte und nur nach dem
Ueberblick, den er von einer Uferspitze bis zur andern bekam, seine Fahrt
regelte, sah, da der Strom hier einen ziemlich starken Bogen zur Rechten mache,
und hielt, um den abzuschneiden, scharf gegen das stliche Ufer hinber, was
auch fr sein leichtes Boot der nchste und der beste Weg stromab sein mute.
Immer schneller dunkelte es aber jetzt, ein leichter Nebel legte sich, wie ein
dnner Schleier, ber die trbe Stromflche, und selbst der letzte lichte Schein
an den hohen Uferbumen hatte einer blsseren mattgrauen Frbung Platz gemacht.
    In einzelne der hohen Sykomoren und Pappeln stiegen ganze Schaaren weier
und blauer Reiher nieder, um hier ihren Nachtstand zu nehmen. Quer ber den
Strom zogen zwitschernde Flge von Blackbirds - die nordamerikanischen Staare. -
Auch die Krhen suchten mit dumpfem Krchzen ihren gewhnlichen Ruheplatz,
whrend lange Ketten von Wildenten dicht ber das Wasser mit schnell
schwirrenden Flgelschlgen dahinstrichen und hier und da einen scheuen Loon
auftrieben, der dann, wenn sie vorber waren, wieder, wie rgerlich, mit den
leise klagenden Lauten seinen frheren Platz auf einem alten treibenden
Baumstamm einnahm, mit dem er vor Tag vielleicht mehrere zwanzig Meilen stromab
zurcklegte.
    Aus dem Walde heraus wurden dabei die Frsche lauter und lauter, und
zwischen das helle monotone Geschrei der kleineren Gattungen fiel manchmal, im
harmonischen Ba und mit grimmig tnender Stimme, irgend ein ernsthafter
Ochsenfrosch ein und gab dadurch dem rauschenden Tenor- und Sopranchor eine
gediegenere Grundlage. Zahlreiche Nachtfalken kreuzten dicht am Lande hin, und
ber dem westlichen Ufer schwebte sogar, in diesen flachen Gegenden als seltener
Gast, ein weikpfiger Adler, das Symbol der Vereinigten Staaten, und suchte,
den schnen Kopf mit den groen klugen Augen gar scharfsichtig seitwrts
gebogen, nach irgend einem unglcklichen Truthahn, den er gern aus den Zweigen
herausgeholt und seinem eigenen Horst zugetragen htte.
    Tom Barnwell mute scharf rudern, um nicht von der Strmung auf den obern
Theil der Insel getrieben zu werden. Einmal aber die uerste Spitze umschifft,
nahm ihn auch die Fluth selbst daran hin, und da er auch keine Snags und
vorragenden Baumstmme zu frchten brauchte, von denen sich sein leichtes Boot
bald selbst wieder losgeschwungen htte, so legte er die Ruder bei, lehnte sich
behaglich zurck, und trieb nun, die Augen fest auf die hier und da
hervorblitzenden Sterne geheftet, den Strom hinab. Lange hatte er in dieser
Stellung verharrt - der dunkelblaue Himmel blitzte und funkelte in seinem
prachtvollen Schmuck und der Wald rauschte neben ihm, whrend unter den Planken
des leichten schlanken Fahrzeugs die wilde Fluth gurgelte und murmelte und ihre
eigenen wunderlichen Betrachtungen zu haben schien. Es war eine wundervolle
Nacht, und stiller, heiliger Friede lag auf dem breiten ruhigen Strom.
    Ach, was fr ein aus tiefster Brust heraus geholter Seufzer entfloh da den
Lippen des jungen Matrosen - hatte der wilde Bootsmann des Mississippi solch
bitteres geheimes Weh zu tragen? - Waren das Thrnen, die dem rauhen Mann die
Wimpern netzten und ihm leise, leise an den Schlafen hinabtrufelten? -
    Er sprang auf und warf sich die langen braunen Locken halb unwillig aus der
Stirn, ohne die Augen zu berhren - er wollte die Thrnen nicht anerkennen.
    Zum Henker mit den Dmmerstunden, murmelte er vor sich hin, ist's doch
immer, als ob's einem ordentlichen Kerl da gleich breiweich um's Herz werden
mte; und wenn man erst einmal in das endlose Blau da hinaufstarrt, und hier
und da so ein paar glnzenden Sternen begegnet, die wie Augen zusammenstehen, -
da mchte man doch fast glauben, der ganze Nachtthau liefe Einem in den
Thrnendrsen zusammen und wollte nun auch augenblicklich wieder hinaus in's
Freie. Bah - hier im Walde blitzen die Sterne ebenfalls, und diese tausend und
tausend Glhkfer, die in einander schwirren und glitzern und ein frmliches
Feuernetz um die dsteren Baumschatten zu ziehen scheinen, glnzen auch wie
Augen. - fliegen aber doch vernnftiger Weise umher, und starren Einem nicht
immer so ernst und wehmthig entgegen.
    Er nahm langsam das eine Ruder auf und legte es in's Wasser. Er wollte
seinen Kahn damit nher zu den rauschenden Baumwipfeln hinlenken, in deren
Dunkelheit Miriaden von Glhwrmern das heimliche Reich der Bume mit einem ganz
eigentmlichen, fast zauberhaften Licht erhellten.
    Wetter noch einmal, murmelte er jetzt vor sich hin, und suchte sich
augenscheinlich dabei auf andere Gedanken zu bringen - was fr ein Paradies
mte das hier in diesem herrlichen Klima, unter dieser wundervollen
Pflanzenwelt sein, wenn es keine - er schwieg einen Augenblick und sah trbe
sinnend vor sich nieder, fuhr aber dann wieder rasch auf und rief halblaut und
finster -Mosquitos und Holzbcke gbe - die Pest ber alle Insecten, mgen sie
nun der unvernnftigen oder vernnftigen Thierwelt angehren - die Pest ber die
Canaillen - sie wren im Stande, selbst das Paradies in eine Hlle zu
verwandeln.
    Er horchte pltzlich hoch auf, denn gar nicht weit von ihm entfernt, und
dicht aus dem wildesten, das Ufer umdmmenden Baumsturz, tnte ihm helles,
frhliches Lachen einer Mdchenstimme entgegen.
    Nun, bei Gott, das ist wunderlich, sagte der junge Mann erstaunt, hat
sich denn hier, in gerade solchem Dickicht, eine Einsiedlerin niedergelassen,
wie da oben ein Einsiedler? - Die Beiden sockten doch wenigstens
zusammenziehen. Und fast unwillkrlich lenkte sich die Spitze seines Bootes dem
Orte zu, von welchem her das Lachen klang.
    Hahaha, wie sie da drinnen durch die Bsche kriechen und den entflohenen
Vogel wieder hinein haben wollen in den goldenen Kfig, - rief da die Stimme.
Hol' ber, Bootsmann, hol' ber - an's andere Ufer, Fhrmann - es wird dunkel,
und die feuchte Nachtluft dringt mir kalt und schneidend durch die dnnen
Kleider.
    Tom schaute erstaunt nach dem Walde hinber und suchte unter dem Gewirr von
Aesten und Stmmen hin mit den Blicken bis an's Ufer zu dringen, wo er ein
menschliches Wesen erst vermuthen konnte. Er befand sich jetzt an der sdlichen
Spitze von Einundsechzig und dicht neben dem Platz, wo die Boote der Insulaner
versteckt lagen. Hier aber dmmte auch um so wilderes Dickicht das Ufer ein, und
Baum ber Baum lag von innen herausgestrzt, whrend die starren Aeste derselben
wieder ihrerseits alles hier vorbeitreibende Driftholz aufgefangen und gegen die
Strmung angestemmt hatten. Die Boote wurden dadurch vollkommen gedeckt, und ein
Uneingeweihter htte den schmalen, zu ihnen fhrenden Kanal gar nicht gefunden,
hier aber auch kein menschliches Wesen vermuthen knnen, wo sich kaum ein
Eichhrnchen ber die wirbelnde Fluth hinauswagte. Da fesselte ein heller
flatternder Schein sein Auge. - Dort, wo ein dnner weier Sykomorenast ber den
ghrenden Strom hinausstarrte, oben, fast auf seiner uersten Spitze, wie sich
der Falke auf schwankendem Zweige wiegt, sa, von dem dnnen weien Kleide
umweht, eine weibliche Gestalt, und ihr frhliches Kichern, mit dem sie von
ihrer gefhrlichen Stellung aus auf den erschreckten Bootsmann niederschaute,
machte diesem das Herzblut vor Furcht und Entsetzen gerinnen. Er glaubte im
ersten Augenblick wirklich ein bernatrliches Wesen vor sich zu sehen.
    Hahaha, Fhrmann, rief da wieder die Gestalt zu ihm nieder, komm, lande
Dein Boot - der Mond scheint mir sonst von da drben herber in's Gesicht herein
und ich bekomme Sommersprossen - so - noch ein wenig - jetzt hab' Acht, und ehe
nur Tom, der von einem ihm unbegreiflichen Gefhl getrieben, dem Rufe des Weibes
folgte, selbst die Hand ihr reichen konnte oder im Stande war, das Boot zu
befestigen, flog sie mit khnem Satz von oben hinein, und als er hinzusprang,
sie zu untersttzen, denn durch die entgegengesetzte Bewegung des Fahrzeugs
taumelte sie und wre bald wieder ber Bord gestrzt - trieb der Kahn an der
Sdseite der Insel vorber und mitten im Strome in reiender Schnelle dahin.
    Es war schon ziemlich dunkel, nur die Sterne verbreiteten ein mattes,
ungewisses Licht.
    Die Frau aber - von den Armen des jungen Mannes gehalten, verharrte in ihrer
ersten Stellung und blieb mehrere Minuten lang, den Blick fest auf die immer
mehr verschwimmende Insel geheftet, stehen; dann aber wandte sie sich gegen
ihren Retter um, sah ihm, whrend sie sich mit der rechten Hand den Scheitel
langsam zurckstrich, kurze Sekunden starr in's Auge, und flsterte dann leise
und ngstlich:
    Kommt, Tom Barnwell - kommt - fahrt mich an's andere Ufer hinber - dort
mu Eduard's Leiche angewaschen sein.
    Marie, schrie da pltzlich der junge Mann, und seine ganze starke Gestalt
zitterte und bebte - Marie - bei dem ewigen Gott da oben - Ihr hier - in diesem
Zustande?
    Ruhig, mein guter Tom, bat die Wahnsinnige - ich wei wohl, Du hattest
mich lieb, aber - es sollte nicht sein. - Eduard kam - ha Eduard - was schwimmt
da drben im Strome? - La uns hinberfahren; ich denke, ich kenne das bleiche
Antlitz, auf das die Sterne niederscheinen - das mu mein Vater sein!
    Marie, um Gottes willen, was ist geschehen? bat jetzt der junge Barnwell,
whrend er sie langsam und vorsichtig auf den im Stern befindlichen Bootssitz
niederlie - was ist Euch Frchterliches begegnet? Wo sind Eure Eltern? Wo ist
Euer Gatte?
    Meine Eltern? - Mein Gatte? wiederholte die Unglckliche, und es war
augenscheinlich, sie verstand im Anfange nicht einmal den Sinn der Worte, die
sie nachmurmelte. - Endlich aber mochten wohl all' jene in Wahnsinnsnacht fast
versunkenen greren Bilder, die ihr Hirn und Herz verwirrt, vor ihrer Seele
wieder auftauchen, denn sie barg pltzlich ihr Antlitz in den Hnden, und
whrend ein Fieberfrost ihre Glieder zu durchfliegen schien, sthnte sie
halblaut vor sich hin:
    Alle todt - Alle - Alle - in ihrem blutigen Grabe liegen sie. - Nein! rief
sie pltzlich und sprang empor - nicht blutig - der Strom wusch sie rein - er
wollte die hlichen Leichen nicht so roth mit fortnehmen. - Als Eduard wieder
an der Seite emportauchte, sah er wei und rein aus, und der Kopf war ihm nicht
gespalten. - Er lachte - heiliger, allmchtiger Gott - das Lachen ist es ja
gerade, was mich wahnsinnig gemacht hat.
    Zwischen den bleichen zarten Fingern quollen jetzt unaufhaltsam die groen
hellen Tropfen vor, und ihr Schmerz schien dadurch wohl nicht
leidenschaftsloser, aber doch ihrem ganzen zerrtteten Nervensystem weniger
gefhrlich zu werden. Tom htete sich auch wohl, diesen Ausbruch langverhaltenen
Grames zu unterbrechen. Mit krampfhaft gefalteten Hnden stand er vor der Armen,
und noch immer kam es ihm fast wie ein wilder, entsetzlicher Traum vor, da
Marie - Marie, an der frher sein ganzes Herz gehangen, jetzt hier - allein -
wahnsinnig - von all' den Ihrigen getrennt oder verlassen, in seinem Kahne ruhe,
und er nun fr die sorgen drfe, fr die er ja so gern sein bestes Herzblut
geopfert htte.
    Endlich fhlte er aber doch, da hier etwas geschehen msse, nicht allein
ein Unterkommen fr das kranke Wesen zu finden, sondern auch zu erfahren, wie
ihr zu helfen, und was die Ursache ihres Unglcks gewesen. Allerlei wirre
Vermuthungen kreuzten dabei sein Hirn; er verwarf sie aber alle wieder, und nur
das Eine blieb ihm wahrscheinlich, da sie hier irgendwo an jener Insel mit Boot
oder Fahrzeug verunglckt sei, vielleicht den Untergang aller Uebrigen gesehen
und sich allein dort auf einem der in den Flu ragenden Aeste gerettet habe.
    Einzelne, nur wenig zusammenhngende Worte, die sie noch spter ausstie,
bestrkten ihn auch in dieser Vermuthung, und er wute fr den Augenblick keinen
andern Rath, als sie mit sich stromab zu nehmen, bis er entweder ein Dampfboot
fnde, das im Stande wre, Helena noch vor des alten Edgeworth Abreise zu
erreichen, oder diesem selbst wieder begegnete. Dieser kannte Marie ebenfalls
von frher her und wute wohl berdies besser, was mit dem armen unglcklichen
Weibe anzufangen oder wo es unterzubringen sei.
    Mehrere Stunden trieb er so langsam stromab und sa noch immer, das Haupt
des armen Kindes sttzend, in seiner Jolle, als er am linken Ufer ein Dampfboot
liegen sah, das dort Holz einnahm. - Er richtete jetzt, so gut das in der Eile
gehen wollte, mit der Jacke eine Art Lager fr seinen Schtzling her, der
theilnahmlos um Alles, was um ihn her vorging, sich das auch ruhig gefallen
lie. - Dann aber griff er wieder zu den Rudern und hielt nun gerade hinber
nach jenem Holzplatz, ihn noch vor Abfahrt des Bootes zu erreichen. Kaum hatte
er denn auch seine Jolle daran befestigt und das arme Mdchen mit Hlfe einiger
ihr beispringenden Matrosen an Deck gehoben, als die Maschine wieder anfing zu
arbeiten und der Van Buren - das war der Name des Dampfers - mit rauschenden
Rdern seine Bahn stromauf verfolgte.

                                      16.

                                        

                       Sander's Plne. - Der alte Lively.


Langsam zogen die Mnner mit ihrer traurigen Last heimwrts, Lively's Farm
wieder zu. Uebrigens waren sie von dieser gar nicht so weite Strecke entfernt,
da, wie schon gesagt, der Hgel, welchem die Flchtigen gefolgt, einen ziemlich
starken Bogen machte. - Der Mulatte lag fast whrend der ganzen Zeit
besinnungslos in der Decke, und nur manchmal, wenn eins der Pferde auf dem
rauhen Boden einen Fehltritt that, zuckte er zusammen und stie einen
Schmerzenslaut aus.
    Als sie sich der Farm nherten, hielten sie, um vor allen Dingen zu
berathen, auf welche Art sie den Verwundeten am besten zum Hause brchten, ohne
die Frauen dabei zu sehr zu erschrecken. Sander erbot sich allerdings, voran zu
reiten, Cook meinte aber, es wre besser, wenn das Einer von der Familie thte,
und zwar kein Anderer als der alte Lively, da er selbst mit seinem blutigen
Gesicht sie vielleicht noch mehr erschreckt htte. Der Alte war damit auch
vollkommen einverstanden, schulterte seine Bchse und wollte eben zu Fu voraus
wandern, als ihm Sander sein Pferd anbot, was er auch bestieg, und nun rasch
damit seiner eigenen Wohnung zutrabte.
    Unterwegs zerbrach sich aber James Lively senior gewaltig den Kopf, wie er
es am klgsten anfange, die Frauen gleich von vornherein so zu beruhigen, da
sie nicht einmal erschrken, sondern augenblicklich wten, es wre Alles
glcklich abgelaufen. Jene hatten nmlich noch vor dem Aufbruch der Mnner
gehrt, da die Diebe nicht unbewaffnet geflohen seien, was es denn auch auer
allen Zweifel setzte, sie wrden sich nur nach verzweifelter Gegenwehr gefangen
nehmen lassen. So gut und brauchbar nun aber auch der alte Mann im Walde oder
berhaupt da sein mochte, wo es galt, kaltes Blut und eine muthige Stirn zu
zeigen, oder den Weg durch bahnlose Wildnisse zu finden, so sehr fhlte er sich
hier auer seiner Sphre, und es kostete ihm nicht geringe Mhe, eine nur irgend
haltbare Anrede heraus zu klgeln. Endlich war er jedoch damit im Reinen und
beschlo, ihnen vor allen Dingen zu sagen, da sie smmtlich wohl und unverletzt
seien, ihm auf dem Fue folgten, den einen der Diebe gefangen brchten und den
andern ebenfalls noch vor Abend einzufangen gedchten. Damit mute er sie
vollstndig beruhigen, und hierber mit sich selbst einig, prete er auch dem
munteren Thierchen, das er ritt, die bloen Hacken krftig in die Seite, - denn
der alte Mann ging wie immer barfu - und sprengte in kurzem Galopp den Hgel
schrg hinab, an dessen Fu er schon das helle Dach seines kleinen Hauses
erkennen konnte.
    Die Frauen schienen aber die Rckkunft der Mnner mit grerer Angst und
Sorge erwartet zu haben, als diese vielleicht selbst glauben mochten, denn da
es einen ernsten Kampf galt, bewies ihnen schon der Umstand, wie sie alle nur
vorhandenen Waffen mitgenommen hatten. Es lie sich ja wohl denken, wie bei so
ernster Verfolgung ernster Widerstand zu frchten wre. Diese Furcht wurde noch
vermehrt, als sie jetzt den alten Mann allein zurckkehren sahen, und obgleich
eine die andere beruhigen wollte, so eilten sie ihm doch smmtlich und zwar in
aller Hast entgegen, das Schlimmste, was er sagen konnte, sogleich aus seinem
eigenen Munde zu hren.
    Lively - um Gottes willen, was ist vorgefallen! - rief seine Frau und
mute sich gewaltsam aufrecht halten, um nicht in die Kniee zu sinken - wo - wo
ist James? -
    -- Wo ist Cook, Vater? - wo ist mein Mann? rief die Tochter, eilte zum
Pferde und ergriff seine Hand - wo habt Ihr - groer, allmchtiger Gott - hier
ist Blut an Eurem Fu, und hier auch - an Knie und Schenkel - auch Eure Hand ist
blutig - wo um des Heilands willen ist mein Mann?
    Wo ist James - wo der Fremde? Was ist mit den Dieben geschehen? riefen
erschreckt auch Mrs. Dayton und Adele.
    Der alte Lively, so von allen Seiten in einem Anlauf bestrmt, der ihn gar
nicht zu Worte kommen lie, verga natrlich auch jede Silbe von dem, was er zur
Beruhigung der Frauen hatte sagen wollen und vermehrte durch sein bestrztes
Schweigen und Umherstarren nur noch die Angst und das Entsetzen der Frauen.
Endlich aber, als ihm diese nur einen Augenblick Zeit gaben, seine Gedanken zu
sammeln, fhlte er selbst, da jetzt eine Antwort unumgnglich nthig sei, hielt
sich aber, da ihm jeder weitere Faden abgerissen war, fest an die letzte Frage
und stotterte nur, indem er dabei ein hchst beruhigendes Gesicht zu machen
versuchte und in einem fort mit dem Kopfe schttelte!
    Er ist noch nicht todt - sie bringen ihn!
    Wen? Um aller fnf Wunden unseres Heilands willen! - schrieen die beiden
Frauen wie aus einem Munde, whrend Adele leichenbla wurde und krampfhaft der
Schwester Arm erfate. Wen, Mann? - Wen bringen sie? - Wo ist James! Wo ist
Cook?
    Hinter dem Andern her! rief der alte Lively jetzt, durch die vielen Fragen
total verwirrt - er kommt mit dem Einen, den wir durch's Bein geschossen
haben.
    James? rief die alte Dame.
    Cook? sthnte dessen Frau.
    Unsinn! brummte aber jetzt der Alte, dem es anfing siedendhei zu werden -
der Mulatte. - Herr Jesus, Weiber, macht Einen nicht toll - James und Cook sind
Beide so gesund wie ich - Cook hat sich die Nase ein bischen wund geschlagen -
den Mulatten haben sie geschossen, der Andere ist entflohen und James ist auf
der Fhrte geblieben. - Vater Unser, der Du bist im Himmel - Ihr fragt ja, da
es Einem wie mit Kbeln den Rcken hinunterluft.
    Beruhigen Sie sich, sagte Mrs. Dayton jetzt, indem sie die alte Frau
untersttzte, es ist keiner unserer Freunde verwundet - sie haben nur einen der
Diebe gefangen, den sie nach Hause bringen.
    Aber was in aller Welt erschreckst Du uns da nur so! rief mit
vorwurfsvollem Tone die alte Frau.
    Ach. Vater, betheuerte auch Mrs. Cook, die Angst bekomm' ich in vier
Wochen nicht wieder aus den Gliedern!
    Na, das ist eine schne Geschichte, brummte der Alte in komischer
Verzweiflung - ich werde hier ganz besonders vorausgeschickt, um gleich als
persnliches Beispiel zu dienen, da sich Alle wohl befinden, und springe nun
gerade mit beiden Fen in's Porzellan hinein. Aber besser noch so wie so. Sie
sind Alle wohl - Cook und Hawes werden gleich hier sein - Bohs ist aber mit
Cook's James - Heiland der Welt, man verliert hier noch das bischen Verstand -
James ist mit Cook's Bohs - nein, doch nicht - der Hund wollte nicht mit - dem
weien Diebe nach, und wird wohl nicht eher wieder kommen, bis er ihn selber
bringt, oder doch genaue Kunde sagen kann, wohin er sich gewendet.
    Der alte Mann mute jetzt umstndlichen Bericht ber das Geschehene
abstatten, denn als er in der Nacht die Gewehre holte, hatte er ihnen nur
flchtig sagen knnen, da Jemand gestohlen habe und sie dem nachsetzen wollten.
Diesem Berichte schlo sich aber eine von dem alten Lively bis dahin noch gar
nicht bemerkte Person an, die erst diesen Morgen eingetroffen war und noch beim
nachtrglich bereiteten Frhstck sa, als die beiden Frauen dem Botschafter
entgegeneilten. Dieses Individuum war aber niemand Geringeres als Doctor Monrove
oder der Leichendoctor, wie ihn die Hinterwldler nannten, der jetzt noch
zwischen Hunger und Neugier schwankend, mit einem halb abgenagten
Truthahnknochen in der einen und einem Stck braungebranntem Maisbrod in der
andern fettigen Hand, zu den Frauen trat und mit immer wachsendem Interesse
hrte, da ein Mann verwundet, gefhrlich verwundet sei, und sogar hierher
geschafft werden wrde.
    Bester Mr. Lively - wandte er sich jetzt an diesen.
    Ach, Leich - Doctor Monrove, sagte der alte Mann, whrend er sich erstaunt
und vielleicht auch erschreckt nach dem sonst gern gemiedenen Mann umblickte.
Erzhlten sich doch die Landleute berhaupt schon von ihm, er witterte eine
Leiche so weit wie ein Turkey-Bussard - Ihr kommt apropos - und knnt hier
gleich Eure Kunst zeigen, ob einem armen Teufel noch zu helfen ist, dem das
Tageslicht an mehr als einer Stelle durch die Haut scheint. - Aber da kommen sie
wahrhaftig schon - so mgt Ihr gleich mit anfassen. Alte, wo wollen wir ihn denn
hinlegen?
    Ach Du lieber Gott! sagte die alte Dame - hier in's Haus soll er?
    Nun wir drfen -
    Nein, nein, Du hast Recht, es ist auch ein Mensch so gut wie wir, wenn auch
ein sndhafter, den Gott gestraft hat. Ja, da wei ich aber meiner Seele keinen
Rath weiter, als Ihr mt ihn in Cook's Haus schaffen, und Ihr Anderen zieht,
bis er transportirt werden kann, zu uns herber. - Ach, beste Mrs. Dayton, da
Sie auch gerade zu so unglcklicher Zeit zu uns kommen muten, und wir hatten
uns Alle so auf Sie gefreut.
    Mrs. Dayton wollte sie nun zwar hierber beruhigen, es blieb ihnen aber
keine Zeit weiter, denn die kleine Cavalcade hielt in diesem Augenblick vor dem
Thore, und Cook und Sander an der einen, wie Doctor Monrove und der alte Lively
auf der andern Seite trugen den Verwundeten langsam und so vorsichtig als
mglich in dieselbe Thr hinein, aus der er in voriger Nacht so schlau und
flchtig entwichen.
    Der Mulatte sthnte, als er die Augen ausschlug und den Platz wieder
erkannte.
    Doctor Monrove, der indessen auf des Alten Anfrage nur unzusammenhngende
und diesem vollkommen unverstndliche Worte erwidert hatte, denn er nannte ihm
in aller Geschwindigkeit eine Masse von Brchen, Quetschungen, wie Hieb-, Stich-
und Schuwunden, bei denen es ihm ungemeine Freude machen wrde, ihre Heilung an
irgend einem menschlichen Wesen zu beobachten - schien die Zeit kaum erwarten zu
knnen, wo er im Stande war, die Verwundungen des Unglcklichen zu untersuchen.
Er versicherte auch ein ber das andere Mal, es sei der glcklichste Zufall von
der Welt, der ihn hier zu so guter Stunde hergefhrt habe. Auf Sander's Frage
endlich, ob er Wohl glaube, da der Mann sein Bewutsein wieder gewinnen knne,
antwortete er, sich freudig dabei die Hnde reibend:
    Ei gewi, gewi - soll mir noch zwei, drei Tage leben; hoffe ihn zu
trepaniren und am rechten Arme wie rechten Beine zu amputiren.
    Zu was? frug der alte Lively erstaunt.
    Lassen Sie mich nur machen, bester Herr, erwiderte der kleine Mann, ohne
die Frage weiter zu beachten, in grter Geschftigkeit - lassen Sie mich nur
machen. - Hier am Feuer, Gentlemen, wird wohl der beste Platz sein, sein Lager
zu bereiten - ein Paar wollene Decken gengen - verlange nichts weiter fr meine
Mhe, Gentlemen, als die Leiche. - Werden mir wohl ein Pferd borgen, sie nach
Helena zu schaffen - ein alter Sack gengt - schneiden sie von einander.
    Der alte Lively drckte sich leise aus dem Zimmer; ihm fing es an in der
Gesellschaft des kleinen Mannes unheimlich zu werden, und selbst Cook wre ihm
gern gefolgt, wenn nicht noch einige zu treffende Anordnungen seine Gegenwart
erheischt htten. Sander, der eine Zeit lang sinnend, und ohne mit Jemandem ein
Wort zu wechseln, an dem Schmerzenslager des Mulatten stand, beobachtete
aufmerksam den Zustand desselben, und erklrte endlich, als dieser matt die
Augen wieder aufschlug, bei ihm bleiben zu wollen. In jedem andern Falle htte
nun Cook das vielleicht nicht einmal zugegeben, hier aber schien es ihm sogar
lieb zu sein, und er verlie selbst auf kurze Zeit das Haus, versprach jedoch
bald zurckkehren zu wollen, um von dem Mulatten, wenn dieser aus seiner
Betubung erwache, noch ber Manches Aufklrung zu erhalten.
    Das zu verhindern, war jetzt Sander's einziger Zweck, und mit verschlungenen
Armen und fest auf einander gebissenen Zhnen ging er, als er sich mit dem
Doctor und dem Kranken allein sah, im Zimmer auf und ab, seine Plne zu ordnen
und die nthigen Maregeln zu ergreifen.
    Er befand sich aber auch hier in einer kritischen Lage. Seine Absicht,
weshalb er hierher gekommen, war durch eine Bemerkung der alten Mrs. Lively,
wenn nicht ganz bei Seite geworfen, doch sehr erschttert worden. Er hatte
nmlich durch ihr Gesprch mit Mrs. Dayton erfahren, da die alten Benwicks in
Georgien gestorben wren, und er wute durch seine frhere Bekanntschaft mit
Adele Dunmore recht gut, wie sie von Jenen erzogen und einem eigenen Kinde
gleich behandelt worden sei. Kelly's Absicht mit ihr glaubte er nun zu
durchschauen - wahrscheinlich wartete ihrer eine bedeutende Erbschaft, Blackfoot
hatte ihm ja gesagt, da Kelly mit Simrow in Georgien auf das Lebhafteste
correspondire. In diesem Falle stand sonach der auf seinen Dienst gesetzte Preis
in gar keinem Verhltni mit dem Gewinn. Unter jeder Bedingung mute er also,
ehe er des Capitains Plan selber frderte, noch einmal mit diesem sprechen und
ihm wenigstens zu verstehen geben, da er mit der Sache nher bekannt sei, als
Jener jetzt zu ahnen scheine. Fand er diesen dann, was er jedoch kaum frchtete,
unnachgiebig, ei nun, so gab es vielleicht irgend einen Ausweg, die schne Beute
fr sich selber zu entfhren. Wie das mglich zu machen wre, wute er fr den
Augenblick allerdings noch nicht, dem eitlen Wstling schien aber nichts un
mglich, wo seine eigene Person mit in's Spiel kam. Auf jeden Fall mute er
Kelly's Plan aufschieben, um auch selbst noch seinerseits die nthigen
Erkundigungen einzuziehen, und hierbei gab ihm des Mulatten Gefangennehmung eine
herrliche Ausrede, weshalb er den erhaltenen Befehl nicht ohne Zgern
ausgefhrt.
    Des Mulatten Zustand wurde aber auch ohnedies ein neuer Grund solcher
Handlungsweise. Er durfte diesen nicht verlassen, ohne sich vorher berzeugt zu
haben, ob er noch berhaupt im Stande sein werde, Geheimnisse zu enthllen, und
wie weit seine Kenntni derselben reiche. Konnte er der Insel gefhrlich werden,
so verlangte es nicht allein sein Schwur - um den htte er sich vielleicht wenig
gekmmert - nein, seine eigene Sicherheit, da er unschdlich gemacht wrde, und
seine einzige Hoffnung blieb jetzt, alle Zeugen zu entfernen und dem Mulatten
dann schnell und unbemerkt den Todessto zu geben. Mit Blut bedeckt wie er war,
htte Niemand daran gedacht, ihn nher zu untersuchen, und rasch beerdigt dann,
oder auch dem Doctor berliefert, brauchte er von der Leiche weiter keinen
Verrath zu frchten.
    Dieser Plan scheiterte aber an der frchterlichen Leidenschaft, die der
Doctor fr Schwerverwundete hegte. Nicht durch alle Versprechungen der Welt wre
er auch nur einen Augenblick zu vermgen gewesen, das Zimmer zu verlassen, und
er fing sogar jetzt schon an, obgleich der Unglckliche bei jeder Berhrung die
heftigsten Schmerzen zu empfinden schien, den Krper zu untersuchen, welche
Theile besonders verletzt wren. Dies suchte Sander dadurch zu verschieben, da
er den kleinen Mann darauf aufmerksam machte, wie unumgnglich nothwendig es
sei, Schienen fr die gebrochenen Gliedmaen herzustellen. Davon wollte jedoch
der Doctor nichts wissen, indem er auf schleuniger Amputation bestand, und er
kramte zu diesem Zweck seine rasch herbeigeschleppte Satteltasche aus. Oben
enthielt diese eine Menge von kleinen Flschchen und Bchsen, worunter nachher
das schwere Geschtz - Messer, Sgen, Scalpels und andere, grlich geformte und
markdurchschneidend blank und sauber gehaltene Instrumente folgten.
    Die Flschchen und Bchsen stellte der kleine geschftige Doctor, damit ihm
nicht irgend ein Unglck damit passire, auf den Kaminsims, und die Sgen und
brigen Instrumente breitete er auf dem einzigen kleinen Tische, der im Zimmer
stand, aus, so da sich Cook, als er einmal hereintrat, einen heimlichen aber
heiligen Eid schwur, von dem Tische nie wieder einen Bissen zu essen.
    In Lively's Hause drben hielten die Mnner indessen Rath, was jetzt am
besten anzufangen sei, um den entflohenen Weien einzuholen, denn Cook meinte,
nach des Doctors Aeuerungen drften sie schwerlich darauf rechnen, den Mulatten
so weit wieder hergestellt zu sehen, irgend eine Frage vernnftig beantwortet zu
bekommen. Als sie jedoch noch mit einander darber verhandelten, kehrte James
zurck und erklrte, Cotton habe sich wieder dem Flusse zugewendet, und es sei
kein Zweifel, da er entweder sdlich hinab oder den Strom blos kreuzen wolle.
Beides muten sie zu verhindern suchen, denn nicht allein hatte er schon in
Arkansas gemordet, weshalb sogar ein Preis auf seinem Kopfe stand, sondern in
seiner jetzigen Lage blieb ihm auch fast nichts weiter als Raub und Mord brig.
Den Nachbarstaat also theils vor solcher Geiel zu sichern, theils auch nicht
der Gefahr ausgesetzt zu sein, da der Verbrecher in ihre eigene Gegend
zurckkehre, beschlossen sie, dem Mississippi zu die Nachbarn zu warnen und
aufzubieten. James sollte zu diesem Zweck - da Cook zu kurze Zeit in der Gegend
war, um sie genau zu kennen, nach Helena zu, oder vielmehr etwas ber Helena,
alle Waldleute requiriren, whrend der alte Lively dem Strom in gerader und
nchster Richtung zu ging, um von hier aus ebenfalls die nthigen Maregeln zu
treffen. Abends wollten sie jedoch zurckkehren, um zu hren, ob vielleicht von
anderen Seiten Nachrichten eingegangen seien. Da der Mrder den Mississippi
hinauf suchen sollte zu entkommen, schien ihnen und mit Recht unwahrscheinlich,
fr unmglich hielten sie es aber, da er nach Helena selbst fliehen wrde, da
sie ja die Verbindungen nicht ahnen konnten, in welchen Helena verbrecherischer
Weise mit den Nachbarstaaten stand.
    Cook sollte also indessen suchen, mit des Doctors Hlfe den Neger wieder
in's Leben zurckzurufen und ihm, da er ja schon gegenwrtig genug fr seine
Snden litt, gnzliche Straflosigkeit sichern, wenn er gestehen wollte, wo
besonders einzelne, bei Little Rock geraubte werthvolle Gegenstnde verborgen
seien und wer seine bis dahin noch unentdeckten Helfershelfer wren.
    Die Damen rsteten sich jetzt ebenfalls zum Aufbruch, da ja auch der Raum in
Lively's Hause auf so traurige Art beschrnkt worden war. James aber mute
natrlich vermuthen, Mr. Hawes, wie sich Sander hier nannte, wrde sie auch
zurckgeleiten, indem er ja berdies Mi Adele abzuholen gekommen war. Ehe er
also sein eigenes, indessen rasch gefttertes Pferd wieder bestieg, ging er noch
einmal hinber zu den Damen und bat diese, ihn zu entschuldigen, da er sie
nicht noch ein Stckchen begleiten knne, aber der Gegenstand, um den es sich
handle, verlange zu dringende Eile, um auch nur eine Viertelstunde aufschieben
zu knnen. In nchster Woche sei jedoch hoffentlich Alles beigelegt und dann
kme er wieder hinunter nach Helena und wolle die Ladies, wenn's ihnen recht sei
- und James wute gar nicht, wie gut ihm seine jetzige Verlegenheit stand, es
wre sonst noch viel verlegener geworden - einmal auf recht ordentlich lange
Zeit hierheraus holen.
    Treuherzig ging er dann auf Beide zu, reichte und drckte ihnen herzlich die
Hnde, sprang in den Sattel und trabte rasch von dannen, whrend der alte Lively
ebenfalls seine Bchse schulterte, die fr ihn hingelegten Lebensmittel in die
Kugeltasche schob und mit einem kurzen Godd bye seinen eigenen Weg einschlagen
wollte.
    Aber, Mr. Lively, bat da Mrs. Dayton und trat ihm in den Weg, wieder
barfu? Sie sind erst krzlich krank gewesen - das kann ja auch gar nicht gesund
sein. Wenn Sie sich nun recht ordentlich erklten und einmal Monate lang das
Lager hten mssen?
    Der alte Mann lchelte - der Gedanke war ihm fremd, ja dergleichen hatte er
sich noch nicht einmal fr mglich gedacht - Monate lang krank im Bett - nein -
ein paar Tage lang vielleicht, wenn ihn einmal das kalte Fieber schttelte, aber
auf keinen Fall lnger.
    's hat keine Noth, sagte er und griff dabei in den Nacken, um einen ihn
dort lstig werdenden Holzbock fortzunehmen - bin einmal daran gewhnt - ich
kann das Schuhwerk nicht leiden.
    Ach, dazu bringen Sie ihn nicht, meinte die alte Mrs. Lively,
kopfschttelnd, was habe ich da nicht Alles schon geredet und gebeten, er
bleibt bei seinem Dickkopf, und lt die Schuhe lieber verschimmeln, als da er
sie anzge. Hchstens Sonntags bequemt er sich einmal dazu, wenn er mit mir zur
Kirche reitet.
    Dem Alten fing es an unbehaglich zu werden, und er wollte gehen, Adele aber
trat ihm jetzt in den Weg und sagte, bittend dabei seine Hand ergreifend:
    Kommen Sie, Mr. Lively, zeigen Sie einmal, da die Frau Unrecht hat und da
Sie auch nachgeben knnen. - Nicht wahr, Sie ziehen die Schuhe heut an? Sehen
Sie, da drben steigt ein Wetter herauf; wenn es regnet und Sie sind mit bloen
Fen weit im Walde drin, da mssen Sie ja krank werden.
    Lively blickte verzweiflungsvoll nach der Thr. Das junge schne Mdchen war
aber nicht so leicht abgefertigt wie seine Frau. - Mit den groen sprechenden
Augen blickte sie ihm so bittend und treuherzig in's Gesicht, da er schon, fast
wie unwillkrlich, anfing die rauhen Sohlen auf der Diele abzustreichen, als ob
er direct in die heute wirklich unvermeidlichen Schuhe hineinfahren wollte. Das
bemerkte seine Frau aber kaum, als sie auch schon rasch an den Schrank lief, um
die von dem Gatten sonst so wenig gebrauchten und Fuquetschen genannten
Schuhe herbei zu holen. Gleich darauf standen sie, mit gelsten Riemen und
sauber abgestubt, dicht vor ihm, und als er noch einmal von Mrs. Dayton wie von
Adele recht freundlich gebeten war, nur dieses Mal ihrem Rathe zu folgen, und
dann vorsichtig erst in den rechten und dann in den linken Schuh hineingesehen
hatte, als ob er etwa glaube, es habe sich in der langen Zeit, in der sie
unbenutzt gestanden, irgend ein junges Schlangenpaar huslich darin
niedergelassen, schttelte er lchelnd mit dem Kopfe, blickte noch einmal in's
Freie und fuhr endlich, als er hier jeden Rckzug dreifach abgeschnitten sah,
tief aufseufzend in die ihm lstige Fubekleidung. Whrend er sich die Riemen
zuband, hielt ihm seine Frau das Gewehr.
    Als er endlich zum zweiten Mal Abschied genommen hatte und ber den schmalen
Hofraum schritt, begegnete ihm Cook, und er ging dicht hinter einem
dortliegenden Trog weg, damit Jener nur nicht sehen sollte, er trage Schuhe. -
Es kam ihm so fremdartig vor, da er sich ihrer ordentlich schmte.
    Ich bin wirklich froh! sagte Adele lchelnd, als der alte Mann endlich
ber die Fenz gestiegen war und hinter den dichten Bschen der Waldung
verschwand, da wir ihn so weit gebracht haben. In seinen Jahren ist es doch
sicherlich gefhrlich, dem Wetter auf solche Art zu trotzen.
    Mich wundert, da er's that, meinte Mrs. Lively, das hab' ich aber nur
Ihnen zu verdanken, meine gute Mi - so gern er mich hat, mir zu Liebe htte er
sie im Leben nicht angezogen. Jetzt will ich aber auch sehen, ob ich ihn nicht
dabei behalten kann, und wenn er mir eine Weile die Schuhe getragen hat, ei,
dann schwatz' ich ihm am Ende auch noch die wollenen Socken auf!
    Gute Mrs. Lively - wie Du in Deiner Unschuld da so freundliche Plne auf
rindslederne Schuhe und wollene Socken bautest! - Httest Du Deinen Alten in
demselben Augenblick, wo Du Dich Deines Sieges freutest, gesehen, Deine khnen
Hoffnungen wrden sich nicht zu solcher Hhe hinauf geschwungen haben.
    Und was that old man Lively?
    Er schritt langsam und vorsichtig, als ob er auf Eiern ginge, in dem theils
ungewohnten, theils verhaten Schuhwerk wirklich in den Wald, wie es seine Frau
von ihm verlangt. Kaum aber hatte er das dstere Dmmerlicht der Holzung
betreten, da warf er den Blick zurck und schaute sich um, ob er die Heimath
noch von da aus, wo er sich gerade befand, erkennen knne. Ja - er sah durch die
Bsche den hellen Schein der Huser schimmern. - Weiter wanderte er, noch etwa
hundert Schritt, bis er zu einem kleinen Dickicht von Dogwoodbumen kam, das
tief versteckt im stillen Haine lag.
    Und was that old man Lively hier?
    Er lehnte vorsichtig seine Bchse an einen Hickory, band sich dann beide
Schuhbnder wieder eins nach dem andern auf, zog die Schuhe aus, hing sie
sorgsam oben hinein in den laubigen Wipfel eines niedern Dogwoodbusches,
streckte dann das linke und dann das rechte Bein, als ob er irgend ein lhmendes
oder beengendes Gefhl hinausdehnen wollte, schulterte auf's Neue, aber diesmal
viel rascher und freudiger, seine Bchse und zog nun mit so schnellen und
lebhaften Schritten in dem leise rauschenden Walde hin, und lchelte dabei so
stillvergngt und selbstzufrieden in sich hinein, da gewi Jeder, der ihn so
gesehen htte, seine recht herzliche Freude an ihm gehabt haben mte, ob er
auch barfu, mit den hornigen Sohlen durch gelbes Laub und drre Aeste
dahinschritt.
    Von dem Tage an weigerte sich Vater Lively nie, wenn seine Frau ernsthaft in
ihn drang, die Schuhe anzuziehen. Sonderbar war es aber, da er dann auch stets
genau wieder an derselben Stelle aus dem Walde kam, wo er diesen zuerst betreten
hatte. Seine Frau wute nicht warum - er aber desto besser. Er mute ja die
aufgehangenen Schuhe erst wieder anziehen, ehe er sich vor dem Hause durfte
blicken lassen.

                                      17.

                                        

                           Doctor Monrove und Sander.


Die beiden Ladies hatten sich jetzt zum Aufbruch gerstet, ihre Pferde waren
vorgefhrt, und nur Sander fehlte noch, sie zur Stadt zurck zu geleiten.
Obgleich dieser aber recht gut fhlte, wie man auf ihn allein warte, ja es sogar
fr ganz in der Ordnung fand, da er die Damen, die er herausgefhrt, auch
wieder zurckgeleite, so konnte und wollte er doch, aus den schon frher
angegebenen Grnden, den Platz jetzt unter keiner Bedingung verlassen. Eine
Ausrede mute aber gefunden werden, und da ihn die in den Dornen zerrissenen
Kleider nicht lnger entschuldigen konnten, indem ihn Cook sehr bereitwillig mit
einem von seinen eigenen Anzgen versah, so bat er Mrs. Danton um wenige Worte
unter vier Augen. Hier erklrte er ihr, der Doctor Monrove sei ein verzweifelter
Mensch, dem nur daran zu liegen scheine, die Leiche unter sein Scalpel zu
bekommen. Er selbst aber habe Medicin studirt und fhle sich berzeugt, da der
unglckliche Verwundete durch sorgsame Behandlung noch gerettet werden knne;
verliee er ihn aber in diesem Augenblick, so sei er rettungslos verloren.
    Natrlich beschwor ihn Mrs. Danton, wie er das auch vorausgesehen hatte,
nicht von des Armen Seite zu weichen, und dankte ihm zugleich fr die
Theilnahme, die er fr einen, wenn auch verbrecherischen, doch immer
unglcklichen Menschen zeige. Sie selbst htten den Weg schon mehrere Male
allein zurckgelegt und hofften nur, ihn bald, und zwar mit recht guten
Nachrichten, wieder bei sich zu sehen. Sander versprach das auch und bat nun Mi
Adele, der Mrs. Dayton mit wenigen Worten den Stand der Dinge erklrte, ihm
nicht wegen seines jetzigen Mangels an Aufmerksamkeit zu zrnen. Er hoffe aber,
vielleicht schon heut Abend, den Verwundeten so weit versorgt zu sehen, da
dieser wenigstens seiner Hlfe entbehren knne, und er wrde dann augenblicklich
nach Helena zurckkommen, um die junge Dame der Freundin zuzufhren.
    Adele konnte natrlich hiergegen nichts einwenden. Alle kannten ja auch den
Doctor Monrove und frchteten den entsetzlichen Menschen, von dem das Gercht
vielleicht noch schrecklichere Sachen erzhlte, als verbrgt waren. Mimuthig
aber bestieg sie heut ihr kleines Pony und sprengte - nach allerdings herzlichem
Abschied von den beiden gutmthigen Frauen, und besonders gegen die alte Dame
mit dem Versprechen recht baldiger Rckkehr - schweigend voran in den heimlichen
Schatten des Waldes.
    Sie war verdrielich - rgerlich ber sich selbst und ber - sie wute oder
wollte nicht wissen ber wen noch sonst, und das kleine Thier, das sie trug,
fhlte pltzlich so scharfen und ungewohnten Peitschenschlag, da es erschreckt
emporfuhr, und dann in raschem Galopp den schmalen Pfad entlang flog. Mrs.
Dayton konnte kaum Schritt mit dem Wildfang halten.
    Indessen sa Doctor Monrove neben dem Mulatten und beobachtete aufmerksam
und, wie es schien, mit wohlwollender Zufriedenheit die schmerzdurchzuckten Zge
des Unglcklichen, whrend Sander am Kamin lehnte und ungeduldig seine Ngel
kaute.
    Endlich schien der Mann des Blutes einen Entschlu gefat zu haben. - Er
stand auf, ging an den Tisch und fing an, die kleinste der Sgen hier und da
nachzufeilen. Cook, der eben in der Thr erschien, wandte sich schaudernd wieder
ab und ging in den Wald, nur um das Gesprch nicht zu hren, das ihm durch Mark
und Nieren drang.
    Sander vernahm kaum, was um ihn her vorging, so sehr war er mit seinen
eigenen Plnen beschftigt. Desto entsetzlicheren Eindruck machte es aber auf
den armen Teufel von Mulatten, der in diesem Augenblick zum ersten Mal sein
volles Bewutsein wieder erlangt zu haben schien. Wenige Secunden starrte er,
von keinem der Mnner beachtet, nach dem Doctor hinber, dann aber, als ob ihm
eine Ahnung dessen, was ihn erwarte, dmmere, sank er sthnend auf sein Lager
zurck. Sander schaute sich rasch nach ihm um, der Unglckliche hatte aber die
Augen schon wieder geschlossen, und lag starr und regungslos da.
    Hrt einmal. Mr. Hawes, brach der Doktor endlich das Schweigen, indem er
sich, ber seine Brille hinberlchelnd, an Sander wandte, als ob ihm da eben
bei seiner Beschftigung etwas ungemein Komisches eingefallen sei - es ist doch
eigenthmlich, wie man manchmal in der Praxis - so alt und erfahren man auch
sein mag - irgend einen lcherlichen Schnitzer macht. - Bei dem Sgeschrfen mu
ich gerade wieder daran denken. Oben in - aber Ihr hrt mir doch zu?
    Doctor, was ist denn hier in dem Flschchen? unterbrach ihn da Sander.
    Der Doctor sah einige Secunden scharf mit der Brille dorthin und rief dann:
    Nehmen Sie sich in Acht - ziehen Sie den Pfropfen ja nicht heraus - das ist
Arsenik - und das gelbe Glschen enthlt Scheidewasser.
    Und das hier mit dem blauen Papier und der darunter gebundenen Blase
Verwahrte?
    Ist acidum zooticum oder Blausure - das Gefhrlichste von Allem, lassen
Sie's lieber stehn - ich habe nur das eine Flschchen mit und es knnte Ihnen
aus der Hand fallen und entzweigehen.
    Die Blausure wirkt wohl als Gift am strksten? sagte Sander, whrend er
das Flschchen sinnend in der Hand wog.
    Allerdings - ist ein frchterliches Mittel, animalisches Leben zu
zerstren, erwiderte der Doctor.
    Knnte Ihnen darber auch zwei wunderbare Geschichten mittheilen - ich habe
nmlich schon zweimal Unglck, wirkliches Unglck mit Blausure gehabt. Doch man
schweigt lieber ber solche Sachen. - Es kommt nichts dabei heraus, und wenn es
nachher weiter erzhlt wird, machen es die Leute gewhnlich viel schlimmer, als
es eigentlich ist.
    Und dieses Gift tdtet unfehlbar und schnell? fragte Sander noch einmal.
    Stellen Sie mir um Gottes willen das Glas hin, rief der Doctor ngstlich
und sprang von seinem Sitze auf - Sie richten wahrhaftig noch etwas an - das
ist frchterliches Gift und kann in den Hnden des Laien zu ensetzlichen Folgen
fhren.
    Sander sah sich gezwungen, das Flschchen wieder auf den Kaminsims zu
stellen.
    So, sagte jetzt Monrove - als er die Sge durch sein eines Brillenglas
genau betrachtete - ein Mulattenbein hab' ich mir lange gewnscht. - Ich wollte
schon einmal Dayton's Burschen amputiren, der Squire gab's aber nicht zu, und es
war auch vielleicht gut - fr den Jungen heit das - denn die Natur half sich
wieder.
    Er trat jetzt zu dem Bewutlosen hin, legte die Instrumente neben diesen auf
einen Stuhl und betrachtete ihn aufmerksam.
    Ja, ja, sagte er endlich, nachdem er den Puls des Verwundeten gefhlt und
die Hand auf dessen Stirn gelegt hatte, - er bessert sich, wie ich sehe, da
werden wir also doch an's Amputiren gehen mssen.
    Glauben Sie wirklich, da er sich wieder erholt?
    Ja - wahrscheinlich - er athmet ganz regelmig und der Puls geht auch,
allerdings noch fieberhaft, aber doch ruhiger als vorher. - Wre er mir
gestorben, so htt' ich ihn lieber ganz mitgenommen, so aber werd' ich ihn nur
um ein Bein bitten. Dafr will ich ihm aber den Arm wieder ordentlich
einrichten, und er wird deshalb seinem knftigen Herrn gewi nicht weniger,
vielleicht noch mehr werth sein. Es ist manchmal recht gut, wenn Neger zwei Arme
zum Arbeiten und nur ein Bein zum Weglaufen haben. Alle Wetter, jetzt hab' ich
aber meine Schienen zu Hause gelassen; ei nun, im Walde kann man sich da schon
helfen - der Hickory wird sich wohl noch schlen, und da hol' ich mir ein paar
Rindenstreifen. Bitte, Sir, bleiben Sie einen Augenblick bei dem Kranken hier -
ich gehe nur dort zu den nchsten Bumen, um mir die passenden Stcke zu holen -
bin gleich wieder da. Aber - hab' ich denn gar nichts, womit ich die Streifen
abschlen knnte.
    Er wandte sich von dem Bette ab, irgend ein Instrument zu suchen, und Sander
griff fast convulsivisch wieder nach dem Giftflschchen, das er rasch in seiner
Hand verbarg.
    Ah - dieser Tomahawk wird gut sein, rief der kleine Mann, als er die in
der Ecke liegende Waffe aufhob und damit zur Thr schritt. Da drben steht auch
Mr. Cook, den werde ich Ihnen indessen herberschicken.
    Sander lste rasch das Papier von der Viole ab und zog sein Messer, die
Blase zu durchschneiden; er durfte keinen Augenblick mehr verlieren, der nchste
konnte schon entscheidend sein.
    Wasser! sthnte da der Mulatte - es war das erste Wort, das er seit seiner
Verwundung sprach. Sander aber zuckte mit wild gemurmeltem Fluch zusammen, denn
in dem Moment fast, wo er Verrath fr immer unmglich gemacht htte, drehte sich
der Doctor, der jenen Ausruf vernommen, rasch wieder herum und kam eilenden
Schrittes zurck. Auch Cook nherte sich dem Hause.
    Alle Wetter, rief da Monrove, nachdem er einen flchtigen Blick auf den
Kranken geworfen - vllig bewuter Zustand - klare Augen - freies Athmen - und
unbezweifelt rckkehrende Lebenskrfte; - ich bekomme wahrhaftig nur das Bein. -
Mr. Hawes, wir werden augenblicklich zur Operation schreiten mssen.
    
    Wasser! sthnte der Unglckliche - ich verbrenne - ich will ja Alles -
Alles bekennen - nur - Wasser - Wasser!
    Der Doctor, so eifrig er auch seine eigenen Zwecke im Auge haben mochte,
begriff doch, da es sich hier um Etwas handle, was fr die Farmer von
besonderer Wichtigkeit sein mute. Er untersttzte also den Kopf des
Verwundeten, was diesem jedoch einen lauten Schmerzensschrei ausprete, und
hielt ihm dann einen neben dem Bett stehenden Blechbecher an die lechzenden
Lippen.
    Sander schlug - die Zhne vor machtlosem Ingrimm zusammenknirschend - das
kleine Flschchen rasch wieder in seine Papierhlle ein, die Blase war aber
schon durch der darangesetzten Stahl verletzt worden, und ein Bittermandelgeruch
erfllte das Haus.
    Blausure! rief der Doctor und wandte sich, whrend er jedoch den Kranken
noch nicht aus dem Arm lassen konnte, halb gegen Sander um, Blausure, so wahr
ich gesund bin! - Alle Wetter, Sir, Sie werden mir mit dem Glase so lange
gespielt haben, bis es zerbrochen ist, es riecht hier ganz danach - Mr. Cook, es
ist gut, da Sie kommen: hier - der Bursche da scheint noch etwas auf dem Herzen
zu haben - lassen Sie ihn erst einmal beichten, und dann wollen wir sehen, was
die Wissenschaft fr ihn thun kann.
    Lebt er? Hat er gesprochen? rief Cook und trat schnell zum Bett, wie geht
es ihm?
    Schlecht, Sir! flsterte der arme Teufel - schlecht - sehr schlecht -
mein Kopf - oh mein Kopf!
    Ja, die Wunde ist bs, besttigte der Doctor. - Hirnschale hier oben auf
jeden Fall sehr bedeutend verletzt - Knochenhaut getrennt und Gehirn blogelegt.
Mulatten haben zwar hchst anerkennenswerth harte Schdel - das Instrument aber,
mit dem der Schlag gefhrt wurde, mu ein tdtliches gewesen sein. - Bitte,
beeilen Sie sich nur mit den Fragen, ich mchte gern noch im Stande sein, den
Mann zu trepaniren - man hat berhaupt viel zu wenig Erfahrung, wie lange ein
Mensch im Stande ist, bei bewutem Zustand den Gebrauch der Sge an der
Hirnschale auszuhalten.
    Massa Cook, sagte der Mulatte und streckte langsam die Hand nach dem
jungen Farmer aus, ich kenne Sie noch von frher her. - Sie sind gut - wollen
Sie mir - wenn ich Alles bekenne, eine Liebe thun?
    Sprich, Dan, sagte Cook mitleidig, und reichte ihm noch einmal den Becher
hinber, da er merkte, da seine Augen schon wieder matt und glanzlos wurden -
wenn Du aufrichtig Alles bekennst, so soll Dir weiter nichts geschehen, darauf
gebe ich Dir mein Ehrenwort; Du hast Strafe genug in diesen Wunden gelitten.
    Und jener Mann, sthnte der Mulatte, denn der Doctor war in ganz Arkansas
berchtigt, und er kannte und frchtete ihn noch von frher her - der
Leichendoctor - soll mich - soll mich nicht haben und - zerschneiden?
    Unsinn - Leichendoctor - zerschneiden, rief der Doctor und richtete sich
unwillig auf - zwischen Lschpapier kann ich ihn natrlich nicht trocknen.
    Er soll Dir nichts thun, Dan, - ich habe Dir mein Wort gegeben - weder
Messer noch Sge darf er an Dich legen; aber Du mut auch aufrichtig bekennen,
was Du weit.
    Mr. Cook, sagte Monrove, indem er sich schnell an den jungen Farmer
wandte. - Sie geben da ein hchst unberlegtes Versprechen - ein Versprechen,
was Sie unmglich werden halten knnen, wenn Sie nicht die Wissenschaft mit
ihren segensreichen Folgen gnzlich hintan setzen wollen. Ich glaube berdies
gar nicht, da dieses Niggers Leben wird erhalten werden knnen, wenn es ihm
nicht gerade meine Sge erhlt.
    Dann will ich sterben, sthnte der Mulatte und sank fr den Augenblick
wieder bewutlos zurck.
    Doctor! sagte Cook, als er den Mulatten eine Weile beobachtet und gesehen
hatte, da er wahrscheinlich kurze Zeit der Ruhe bedrfe, ehe er wieder im
Stande sein wrde, irgend eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten - ich
will einmal hinbergehen und die Frauen fragen, was wir mit dem armen Teufel am
besten anfangen, denn Pflege mu er doch haben. Ich bin gleich wieder hier, aber
- thut mir den Gefallen und redet, wenn er frher wieder zu sich kommen sollte,
als ich zurck bin, nicht mit ihm von den grlichen Dingen, wie Ihr das
gewhnlich thut - nicht wahr, Ihr verget das nicht? Einem Gesunden gerinnt ja
schon das Blut in den Adern, wenn er solche Sachen nur erwhnen hrt, wie viel
mehr also einem Unglcklichen, dem das Alles versprochen wird.
    Und damit verlie er rasch das Haus, whrend ihm der Doctor - sehr eifrig
und ungeduldig dabei mit seinem langen goldnen Petschaft spielend - rgerlich
nachsah.
    Hm - ja - hm! sagte er und nahm aus seiner kleinen silbernen Dose eine
entsetzliche Prise - hm - das ist nicht recht - das fehlte auch noch, da sich
solche Holzkpfe um die Wissenschaft bekmmerten. Soll nicht einmal davon reden
- soll weder Messer noch Sge, wie sich dieser Barbar ausdrckt, an den
schwarzen Cadaver legen drfen - ich mchte nur um Gottes willen wissen, wozu
er sonst noch gut wre?
    Sander hatte die ganze Verhandlung in wirklich peinlicher Ungeduld mit
angehrt. - Was aber konnte er machen? Einen Schritt thun, der auf ihn selbst
den Verdacht lenkte, und dann fliehen? Er hatte erst an diesem Morgen gesehen,
wie die Hinterwldler einer Spur folgten. Ueberdies war es ja noch nicht einmal
bestimmt, ob der Mulatte um die Existenz der Insel wirklich wisse, und unntz
eine solche Gefahr zu laufen, wre mehr als thricht gewesen. Da brachten ihn
des Farmers letzte Worte und des Doctors Unwillen darber auf einen neuen
Gedanken. - Vielleicht konnte dieser gewonnen werden ihm beizustehen, wenn er
seine Liebhaberei mit zu Hlfe rief, und nach kurzem Ueberlegen sagte er, indem
er sich an den grimmig auf und ab laufenden kleinen Mann wandte:
    Doctor Monrove, ich wrde mich nicht ber einen Menschen wundern, der weder
von Arznei noch Wissenschaft einen weiteren Begriff hat, als da Indianphysik
auf die eine und Ricinusl auf die andere Art wirkt. - Was hlt uns denn ab,
doch zu thun, was wir wollen?
    Was uns abhlt? rief der Doctor unwillig, indem er stehen blieb und dem
Rathgeber in's Antlitz sah - was uns abhlt? - Haben Sie gesehen, was der
Mensch fr Fuste hat? Liee sich mit Gewalt dagegen etwas ausrichten?
    Nein, sagte Sander lchelnd - aber mit List - wenn man da berhaupt
wirkliche List anzuwenden hat, wo es nur gilt, einem solchen mit der Axt
zugehauenen Verstande zu begegnen.
    Aber wie? frug der Doctor und warf einen scheuen Seitenblick auf den
Verwundeten.
    Er verweigert Ihnen, Hand, oder vielmehr Instrument an den Lebenden zu
legen, sagte Sander.
    Ja -
    Gut, wenn der Mann nun strbe.
    Aber er stirbt ja nicht, lamentirte der Doctor. - Solche Mulatten haben
Katzenleben, und an einer Hirnwunde ist, glaub' ich, noch nicht ein einziger
draufgegangen. - Zhe Naturen sind's, denen das Leben nur im Magen sitzt.
    Gut - was hindert Sie dann, es auch dort anzugreifen? frug ihn Sander
lauernd.
    Was mich hindert? Wie verstehen Sie das?
    Ei nun, die Sache ist einfach genug - wozu fhren Sie diese Gifte bei
sich?
    Doch nicht um Menschen zu vergiften, Sir! rief der kleine Doctor
erschreckt aus.
    Allerdings war es bei ihm zur Leidenschaft geworden, menschliche Glieder zu
seciren und sich in eine Wissenschaft hineinzuarbeiten - wie er's selber
nannte - von der er kaum im Stande gewesen, oberflchliche Kenntni zu erwerben.
In der Ausbung derselben hielt er denn auch Alles fr vollkommen
gerechtfertigt, was einem ihm einmal unter die Hnde gefallenen Opfer zustie.
Nie aber htte er es so weit getrieben, wirklichen Mord zu begehen, um eben
dieser Leidenschaft zu frhnen, ja der Gedanke war vielleicht noch nicht einmal
in ihm aufgestiegen, denn er starrte den jungen Verbrecher mehrere Secunden lang
ganz erstaunt und bestrzt an. Dieser aber, der einsah, da er vielleicht,
gleich beim ersten Anlauf, ein wenig zu weit gegangen sei, lenkte rasch wieder
ein und sagte:
    Verstehen Sie mich nicht unrecht, Sir - nicht tdtliches Gift wrde ich dem
Burschen geben, nur irgend einen unschdlichen, aber doch dahin wirkenden Trank,
da er in einer Art Starrkrampf liegen bliebe, wo Sie dann nicht allein im
Stande sein wrden, ihn mit fortzunehmen, da die unwissenden Farmer das
sicherlich fr den Tod selbst hielten, sondern ihn auch - ein Sieg der
wirklichen Kunst - wieder herzustellen.
    Hm, so - ja so - auf die Art meinten Sie das? - hm ja, das wre vielleicht
eher mglich. Da knnte man zum Beispiel -
    Seine Rede wurde hier durch Cook kurz abgeschnitten, der in diesem
Augenblick mit einem groen Blechbecher irgend eines khlenden, von Mrs. Lively
selbst bereiteten Getrnks in der Thr erschien und ohne weitere Umstnde zum
Lager des Kranken schritt.
    Dan, sagte er - Dan - wie geht Dir's?
    Besser! flsterte der arme Teufel nach kleiner Pause, whrend er die Augen
aufschlug und einen leisen Dank murmelte, als ihm Cook den Becher an die Lippen
hielt - Massa Cook - Ihr seid gut, sagte er dann, whrend er mit einem tiefen
Seufzer wieder zurcksank - recht gut - aber - lat die beiden Mnner einmal
hinausgehen - will Euch - will Euch wichtige Nachricht mittheilen.
    Die beiden Herren da, Dan? - ei die mgen dableiben, meinte Cook - es ist
doch kein Geheimni, was mich allein betrifft?
    Nein, sthnte Dan, und man sah es ihm an, wie schwer ihm das Reden wurde -
nein - nicht allein - geht Alle an in Arkansas - viel bse Buckras - will's
Euch aber allein sagen.
    Cook bat nun die beiden Mnner, das Zimmer einen Augenblick zu verlassen.
Sander natrlich suchte alle mglichen Entschuldigungen vor, nur wenigstens in
der Nhe zu bleiben; Cook aber, da der Mulatte unter keiner andern Bedingung
reden wollte, bestand fest darauf, und er mute sich zuletzt fgen.
    Cook und Dan hatten nun eine gar lange und heimliche Conferenz mit einander,
bei der selbst der Pflock innen vor die Thr geschoben war, um auch die
geringste Strung zu vermeiden.
    Erst als Dan wieder, vom vielen Reden erschpft, ohnmchtig wurde, oder doch
in eine Art bewutlosen Zustand verfiel, rief der junge Farmer die beiden Frauen
herber, die sich erboten hatten, die Wunden zu besorgen, und besprach sich nun,
whrend es sich der Doctor nicht nehmen lie, wenigstens gleichfalls hlfreiche
Hand anzulegen, mit dem vermeintlichen Mr. Hawes ber das, was er eben von des
Mulatten Lippen gehrt.
    Dieser nmlich, obgleich er recht gut das Bestehen der Insel kannte, da
Atkins schon sehr viele Pferde dorthin besorgt und ihn selbst einmal bis zum
Stromufer mitgeschickt hatte, war doch nicht im Stande, die Lage derselben genau
anzugeben, ja wute nicht einmal bestimmt, ob sie dicht ber Helena, oder weiter
abwrts liege - wenn er sie auch in der Nhe dieser Stadt vermuthete. So viel
aber sagte er als gewi aus, da sich die Bewohner derselben frchterlicher
Verbrechen schuldig gemacht htten, und Cook wollte jetzt nur noch die Rckkunft
der Freunde abwarten, um augenblicklich die entscheidenden Schritte zu thun.
Diese nmlich sollten nicht allein dahin gehen, jenes Raubnest aufzuheben,
sondern auch die Verbrecher selbst zu berraschen und sie den Arm strafender
Gerechtigkeit fhlen zu lassen. Frher hatte er schon gehrt, da Sander mit dem
Mississippi ziemlich vertraut sei, und verlangte nun zu hren, wie dieser wohl
glaube, da man der gesetzlosen Bande am besten und zwar so beikommen knne, um
besonders die Flucht derselben zu verhindern.
    Sander schaute lange und sinnend vor sich nieder - seine schlimmsten
Befrchtungen waren eingetroffen - ihrer Aller Leben war bedroht, ihr
Schlupfwinkel verrathen, und er selbst stand machtlos da, konnte den Verrther
nicht zchtigen, ja wute im ersten wirren Augenblick selbst weder Rath noch
That, diesem frchterlichen Schlage zu begegnen. In seinem ersten Schreck suchte
er denn auch, ehe er im Stande war, irgend einen andern Plan zu fassen, die
Sache geradehin als unglaublich und unwahrscheinlich aufzustellen, und meinte,
der Mulatte habe allem Anschein nach solch' tolle, wahnsinnige Schreckbilder nur
erfunden, um sein eigenes Leben zu retten - seine eigene Haut in Sicherheit zu
bringen. Davon wollte Cook aber nichts wissen, und erst als Jener fand, da er
ihn auf keinen Fall dazu bringen wrde, des Mulatten Aussage zu miachten,
beschlo er nach einem andern, nach dem letzten Plane hinzuarbeiten.
    Cook war allerdings jetzt noch der einzige Mensch, der um das Geheimni
wute, und wre er allein mit ihm im Walde gewesen, wer wei, ob er da nicht
versucht htte, sein Leben zu nehmen. Hier aber wre das fr ihn mit zu groer
persnlicher Gefahr verknpft gewesen, und berdies gengte es ihm ja, die
Entdeckung der Insel nur noch zwei Tage hinauszuschieben. Bis dahin behielt er
vollkommen Zeit, seine Freunde zu warnen; die Beute konnte dann rasch vertheilt,
und Alle konnten in Sicherheit sein, ehe die schwerflligen Waldleute im Stande
waren, einen Schlag gegen sie zu fhren.
    Gut, Sir, sagte er nach langem ernsten Nachdenken zu dem Farmer - wenn
Sie denn wirklich glauben, da jener Bursche die Wahrheit gesagt hat, und
gesonnen sind, eine Bande, wie er sie beschreibt, aufzuheben, so drfen Sie das
auch als kein Kinderspiel betrachten, denn solche Burschen, wenn sie wirklich
existiren, wrden, da ihr Alles auf dem Spiele steht, auch wie Verzweifelte
kmpfen. Fallen Sie also nicht mit der gehrigen Macht ber sie her, so geben
Sie ihnen nur eine Warnung und finden spter das Nest leer, denn dazu kenne ich
den Mississippi und seine Ufer zu genau - und Sie vielleicht auch - um Ihnen
nicht die feste Versicherung geben zu knnen, da an eine Verfolgung darauf
nicht zu denken ist. Wollen Sie also das, was Sie thun, auch mit Erfolg thun, so
bereden Sie die Sache heut Abend mit Ihren Freunden, benachrichtigen dann morgen
Ihre Nachbarn und kommen morgen Abend oder Sonntag frh nach Helena. Ich selbst
will augenblicklich nach Helena zurck, dort den Richter davon in Kenntni
setzen und dann nach Sinkville hinberfahren, um dort ebenfalls Alles an
waffenfhigen Leuten aufzubieten. Sonntag Nachmittag sptestens bin ich wieder
in Helena, und dann mssen wir noch an demselben Abend den Schlag ausfhren, da
wir keine lange Zeit darber versumen drfen.
    Dieses Alles leuchtete dem jungen Farmer, der Sander natrlich nicht selbst
in Verdacht haben konnte, vollkommen ein. Frher, das wute er selber, war es
auch kaum mglich, die nthigen Krfte zusammen zu bringen. Er versprach also,
bis lngstens am Sonntag Morgen wohlbewaffnet mit allen Nachbarn in Helena
einzutreffen, und Sander, dem jetzt natrlich nur daran liegen mute, die
Freunde so schnell als mglich von der ihnen drohenden Gefahr in Kenntni zu
setzen, erklrte, keinen Augenblick lnger verlieren zu wollen, um die nthigen
Schritte noch vor der zum Aufbruch bestimmten Zeit in Sinkville zu thun. Rasch
holte er sein Pferd, das er selbst aufzumte und sattelte, und sprengte bald
darauf, dem Thier vollkommen die Zgel lassend, in wildem Galopp die Strae nach
Helena entlang.

                                      18.

                                        

         Die Abfahrt. - Mrs. Breidelford's Einspruch. - Die Begegnung.


Edgeworth's Steuermann trieb den ganzen Freitag Morgen, da sie abfahren
sollten, und drohte mit Wettern und Nebel. Edgeworth aber, der in den Wolken
nichts sah, was die ersten verkndete, und die gewaltigen Nebel des sdlichen
Mississippi noch gar nicht kannte, also auch nicht frchtete, hatte einen
Freund, einen frheren Nachbar aus Indiana angetroffen und mit diesem, in
Smart's Hotel drben, ein Stndchen verplaudert. Smart selber sa dabei, das
eine Bein hoch heraufgezogen und mit beiden Hnden haltend, und hrte den
Erinnerungen der beiden alten Leute zu, die sie nicht allein auf Jagd und Wald,
sondern auch auf die wilden Kriege mit den Indianern, auf Prairiekmpfe und die
nchtlichen Hinterhalte jener dunkeln Race zurckfhrten.
    Da trat endlich Blackfoot in's Zimmer und mahnte dringend zum Aufbruch. - Er
habe, wie er sagte - die Gter gleich morgen frh zu versenden und msse
bestimmt darauf dringen, jetzt abzufahren, damit sie noch vor Tagesanbruch an
Ort und Stelle kmen.
    Hierin pflichtete ihm der Indianamann selber bei, indem er versicherte, sie
htten keinen Augenblick mehr zu verlieren, wenn sie noch in der Zeit Victoria
erreichen wollten. Der Steuermann Bill, der einige Minuten nach Blackfoot, ohne
sich aber um die Uebrigen zu kmmern, zum Schenktisch getreten war, frug jetzt
den alten Edgeworth, ob er noch heute Morgen abfahren wolle, sonst ginge er gern
einmal ein Viertelstndchen vor die Stadt, wo ein alter Schiffsgefhrte von ihm
wohnen solle.
    Nein, Mann! rief Blackfoot schnell dazwischen, das geht unmglich mehr. -
Ihr habt die ganze Nacht Zeit dazu gehabt. - Entweder wir fahren jetzt, oder ich
kann die ganze Ladung nicht brauchen.
    Ei nun meinetwegen, brummte der Steuermann und trank sein Glas auf einen
Zug aus, drckte sich den Hut trotzig in die Stirn und verlie wie rgerlich das
Zimmer.
    Unfreundlicher Gesell das - sagte der vermeintliche Kaufmann, als er dem
Bootsmann nachblickte - habt Ihr den schon lange an Bord?
    Ja, von Indiana aus, erwiderte Edgeworth, und ich wei nicht, was mir den
Menschen so verhat gemacht hat - doch, wir sind ja bald geschieden. Er ist
brigens ein wackerer Steuermann und versteht seine Sache; den Flu kennt er,
wie ich meine Tasche, und hat mein Boot bis dahin wacker und gut gefhrt. Aber,
wie gesagt, ich will froh sein, wenn ich von ihm los bin - sein Blick hat fr
mich etwas Abstoendes, das ich nicht berwinden kann. Apropos, Landlord,
wandte er sich da pltzlich an den Wirth, der indessen Blackfoot von der Seite
mit flchtigem Blicke ma - hat denn der Bchsenschmied mein Schlo
hergeschickt? Er versprach's wenigstens.
    Ja, die Bchse steht da drin - sagte Smart, ohne seine Stellung zu
verndern - Francis - reich' einmal das lange Schieeisen heraus, an dem Toby
erst herumgearbeitet hat.
    Habt Ihr ihm die Reparatur bezahlt? frug Edgeworth.
    Ja - erwiderte der Barkeeper - es war ein halber Dollar. - Er sagte, die
Feder wre zerbrochen und die ganze Nu htte drin gefehlt; Ihr mtet sie
einmal auseinander genommen und die Nu verloren haben.
    Unsinn! rief der Alte - ich habe die Bchse, seit ich sie abscho,
auswischte und wieder lud, nicht angerhrt - Tom eben so wenig, denn der hat
seine eigene. Wei der Henker, wie die Nu herausgekommen sein kann! Nun
meinetwegen - sie schiet doch jetzt wieder. Da kann ich ja auch gleich den
Schu herausbrennen, der noch im Rohre steckt, und einen andern hineinladen. Wo
schiet man denn hier wohl am sichersten hin?
    Ei nun, am sichersten gar nicht, meinte Smart; eigentlich ist's auch in
der Stadt verboten, wir nehmen's aber immer nicht so genau. Schiet nur hoch.
Seht, da oben sitzt ein Specht an dem trocknen Stumpf - ganz hoch - gerade ber
dem rechts hinaussehenden Ast - seht Ihr ihn? - Ihr knnt Euer Gewehr da an den
Pfosten anlegen.
    Edgeworth war indessen, mit der Bchse im Anschlag, vor die Thr getreten
und blickte scharf nach dem bezeichneten Gegenstande hin.
    Anlegen? sagte er dabei lachend - auf neunzig Schritt anlegen? Das fehlte
auch noch; wenn das Schlo ordentlich Feuer giebt, knnt Ihr den Specht holen.
Er hob rasch die Bchse, zielte einen Augenblick, und mit dem Krach des Gewehrs
fast zuckte das arme kleine Thier hoch empor und strzte dann dicht am Stamm
herab auf die Erde.
    Es geht ja noch - lchelte der alte Mann, whrend er die Bchse neben sich
niederstellte und aus der umgehangenen Kugeltasche den Krtzer nahm, sie erst
ordentlich wieder auszuwischen. Da man aber nicht mehr auf Indianer zu schieen
braucht, schiet man Spechte, das ist so der Welt Lauf. Der Mensch ist, wenn
nicht das grte, doch sicherlich das gefhrlichste Raubthier - er mordet zum
Vergngen. Doch mein Handelsmann da wird ungeduldig - geht nur voraus, guter
Freund, ich lade blos meine Bchse, bezahle meine Rechnung und bin gleich
unten.
    Blackfoot schien damit zufrieden, bat ihn nur noch einmal, nicht lange mehr
zu zgern, und verlie das Zimmer; Smart aber, als Jener die Thr hinter sich
zugedrckt hatte, wandte sich an Edgeworth und frug ihn:
    Kennt Ihr den da schon von frher?
    Nein - weshalb?
    Wie seid Ihr denn zu ihm gekommen, den Handel mit ihm abzuschlieen?
    Wie? Ei nun, ich fand ihn hier im Union-Hotel, Ihr waret ja selbst dabei. -
Bill hat ihn irgendwo in der Stadt getroffen.
    Bill? Wer ist Bill?
    Mein Steuermann!
    So? sagte der Wirth nach ziemlich langer Pause, und fing an, das Knie, das
er wieder zwischen den Hnden hielt, hin und her zu schaukeln - so? - also Bill
hat Euch den recommandirt. Hrt einmal, Mr. Edgeworth - der Bursche gefllt mir
nicht.
    Weshalb? lachte der Alte, weil er nicht wie ein Handelsmann aussieht? Ei,
lat Euch das wenig kmmern. Unsere indianischen Hndler sind immer mehr Krieger
und Jger als Kaufleute und mssen ihre Waffen so gut wie ihre Gewichte zu
fhren wissen.
    Aber die Beiden verstehen sich mit einander, sagte Smart.
    Wer? der Kaufmann und Bill? - hm, das ist wohl kaum mglich. Der Mann hat
mir treffliche Preise geboten, und einen Theil sogar schon als Draufgeld baar
ausgezahlt.
    Ich sah, wie sie Blicke wechselten, versicherte Smart, indem er ausstand,
und mte mich sehr irren, wenn sie nicht wenigstens bekannter mit einander
sind, als sie hier anzugeben scheinen. Habt lieber Acht, es giebt gar
nichtsnutziges Volk am Flu, und besonders Helena wei eine Geschichte davon zu
erzhlen. Auf Eure Leute knnt Ihr Euch doch verlassen? Denn ein Fremder hat
hier unten gerade nicht viel Hlfe zu erwarten.
    Ei gewi kann ich das, sagte der alte Mann, mehr jedoch verla ich mich
auf mich selber; es hat brigens keine Noth. So klug ist der alte Edgeworth auch
noch, da er sich nicht von bloem Gesindel frei zu halten wte. Aber, was ich
noch sagen wollte, Mr. Smart, es hat mich eine junge Frau hier, die von irgend
Jemandem erfahren haben mu, da ich in Victoria landen will, gebeten, sie und
ihre Sachen mit an Bord dorthin zu nehmen - eine gewisse Mrs. - - Mrs. -
Everett, glaub' ich. Sie will von Helena fortziehen, um sich, wenn ich nicht
irre, in Victoria niederzulassen - ist das eine ordentliche Frau?
    Ei gewi, Sir, rief Smart eifrig - ein braves, wackeres Weib, dessen
Brutigam erst krzlich im Flu verunglckte, und dessen Land ich kaufte. Ich
habe ihr alle nur mgliche Hlfe angeboten, sie weigert sich aber hartnckig,
auch nur die geringste Untersttzung anzunehmen. Und sie will wirklich nach
Victoria ziehen?
    Ja, so sagte sie aus - doch ich mu wahrhaftig fort. Also Good bye! Sollte
ich Tom Barnwell verfehlen und er wieder hierher nach Helena kommen, so sagt
ihm, er mchte nur gleich wieder zurckfahren. - Werde ich mit Ausladen frher
fertig, nun so wart' ich auf ihn, bis er kommt.
    Und damit warf sich der alte Mann die Bchse auf die Schulter und schritt,
dem Wirth noch einmal die Hand zum Abschied reichend, zum Flu hinab, wo eben
auf einer sogenannten Dray, einer Art zweirdrigem Gterkarren, die wenigen
Habseligkeiten Mrs. Everett's angefahren kamen. Die Frau ging neben ihnen her.
    Es war eine schlanke schne Gestalt, das junge Weib; von Kopf bis zu Fu in
Schwarz gehllt, aus dem das bleiche, gramgedrckte Schmerzensantlitz gar
traurig mit den groen blauen Augen herausblickte. Das hellkastanienbraune Haar
quoll ihr dabei in vollen Locken unter dem eng anschlieenden Kopftuche hervor,
und manchmal noch fuhr sie sich, wie verstohlen, ber die blassen Wangen nach
den rothgeweinten Augen hinauf, als ob sie da jede ungehorsame Thrne, die sich
trotz allem festen Willen unter den langen Wimpern vorstehlen wollte, gleich auf
frischer That zu ertappen und fortzunehmen gedenke.
    Der Karren hielt an der Flatbootlandung, dicht vor Edgeworth's Boot, und der
Mann, der Peitsche und Hut zu Boden warf, wollte eben einen Theil seiner Ladung
ber die schmale Planke an Bord tragen, als sich ihm hier Bill, der Steuermann,
in den Weg stellte, und ihn mit einem herzhaften Fluche fragte, was er da noch
fr Packen und Passagiere an Bord bringe - sie hielten keine Fhre und brauchten
keine Gesellschaft weiter.
    Lat's nur sein, Bill! sagte Edgeworth, der gerade oben von der Uferbank
herabschritt - wir setzen die Lady in Victoria an's Land. - Es ist schnes
Wetter, und die Sachen knnen oben an Deck bleiben.
    Der Steuermann trat brummend bei Seite, der Flu schien aber seine
Aufmerksamkeit jetzt mehr in Anspruch zu nehmen, als das Land. Den Mississippi
herunter trieben gerade sechs oder sieben Ohioboote - als was sie das gebte
Auge der Bootsleute bald erkannt - und dem ruhigen Aussehen der an Bord
Befindlichen nach muten sie auch gar nicht gesonnen sein hier zu landen. Oben
an Deck ausgestreckt lagen die meisten der Mnner hchst behaglich in der
ziemlich hei niederbrennenden Sonne, und nur an der hintersten langen
Steuerfinne lehnte der Lootse - beide Arme rechts und links hinausgelegt ber
das baumlange Holz - und schaute gemchlich nach der kleinen Stadt hinber.
    Nun, da finden wir Gesellschaft, meinte Edgeworth - schnell, Ihr Leute -
nehmt die Sachen an Bord - wenn wir uns ein bischen scharf in die Ruder legen,
knnen wir die da drben wohl noch einholen.
    Damit schien aber der Steuermann nicht besonders einverstanden und meinte,
sie htten nicht so gar weit von Helena eine Insel mit ziemlich schmalem
Fahrwasser zu passiren, durch das sie aber wohl acht Meilen Biegung abschnitten.
Wren dann viele Boote beisammen, so geschehe es nicht selten, da sie einander
auf versteckte Snags trieben. Sie wollten deshalb die Boote immer voraus lassen,
und wenn sie nicht ganz vortreffliche Lootsen an Bord htten, gedchte er ihnen
vor Victoria den Weg schon wieder abzuschneiden.
    Blackfoot stimmte ihm darin bei, und die Leute trugen eben die letzten
Sachen an Bord, denen Mrs. Everett gerade folgen wollte, als diese auf eine eben
so unerwartete als gewaltsame Weise daran verhindert werden sollte.
    Mrs. Breidelford nmlich war Mainstreet herabgekommen und erkannte dort die
schwarzgekleidete Gestalt der jungen Wittwe, die, wie sich nicht verkennen lie,
mit all' ihrer Habe in Begriff war, Helena zu verlassen. - Einer Rachegttin
nicht unhnlich - sofern man sich nmlich Rachegttinnen in einem hchst
altmodischen, verblichenen Seidenhut mit gemachten Blumen, einem hochrothen
groen Umschlagetuch, gelb und grnem Kattunkleid und ledernen Schuhen mit
Kreuzbndern denken kann - fuhr sie da pltzlich auf die wirklich erschreckte
Frau ein, fate sie am linken Handgelenk und schttete nun eine solche Fluth von
Schimpf- und Drohwrtern ber sie aus, da die unglckliche junge Frau nur noch
bleicher wurde und sich zitternd dem Griff der Wthenden zu entziehen suchte.
    Diese aber, dadurch noch mehr erbost, hob drohend die geballte Rechte gegen
sie empor und rief mit vor innerer Bosheit fast erstickter Stimme:
    So? Fortlaufen will Sie? Sie Creatur, Sie? Fortlaufen wie ein Dieb in der
Nacht? Oh, wo ist Sie denn die letzten zwei Tage berhaupt gewesen, Madame? Wo
hat man sich denn, so lange es hell war, heimlich aufgehalten, um Nachts in
Dunkelheit und Nebel fremder Leute Schlsser zu probiren und durch fremder Leute
Schlssellcher zu gucken?
    Um Gottes willen - befreien Sie mich von der Rasenden! rief Mrs. Everett
und sah sich berall nach Schutz und Beistand um. Die Leute aber, die sie rings
umstanden, konnten natrlich nicht anders glauben, als da die junge schne Frau
auch wirklich ein ganz absonderliches Verbrechen verbt haben msse, solcher Art
auf ffentlicher Strae angehalten zu werden, und scheuten sich da, wo allein
das Gesetz entscheiden konnte, dazwischen zu treten.
    So? rief aber hier wieder, jetzt auch zugleich an ihrer Ehre angegriffen,
Mrs. Breidelfort aus, und rckte sich den ihr immer in das Gesicht rutschenden
Blumenhut wohl zum zwanzigsten Mal nach hinten. So? - eine Rasende bin ich,
wohl weil ich auf meinem Recht bestehe und mein Haus nicht Nachts von fremden
Menschen visitirt haben will? Ich bin auch eine einsame Wittwe - ich stehe auch
allein - mutterseelenallein in der Welt, aber ich betrage mich anstndig und
zurckhaltend, und laufe nicht Nachts allein und heimlicher Weise in der Stadt
herum, und anderen Mnnern nach, da ich um jeden Bootsmann trauern mte, der
im Mississippi ersuft. Louise, sagte mein Seliger immer - Louise, Du -
    Mr. Edgeworth! bat die zur Verzweiflung getriebene Frau - schtzen Sie
mich vor dieser Wahnsinnigen - Sie bringt mich um.
    Zurck da, Master Eschhold oder wie Sie sonst heien mgen, rief diesem
aber die erzrnte Dame entgegen -laufe einmal Einer von Euch zum Richter -
Squire Dayton soll einmal herkommen - gleich - der Constabler soll her - da
drben stehen ihre Sachen - Stck fr Stck mu sie auspacken. Ich will doch
sehen, was sie Nachts an meinem Schlosse zu probiren hat - ich will doch sehen,
ob ordentliche Brgersfrauen turbirt und gengstigt werden sollen, da sie
Abends nicht einmal bei Freunden eine Tasse Thee ruhig trinken knnen. Wo ist
der Constabler, sag' ich?
    Groer Gott, ist denn Niemand hier, der sich eines armen Weibes annimmt?
rief die unglckliche junge Frau.
    Bill und Blackfoot hatten heimlich lachend die ganze Scene ruhig beobachtet.
Der Aufenthalt kam ihnen berdies gelegen, denn dadurch gewannen die anderen
Boote einen Vorsprung, und nach Allem, was sie sahen, glaubten auch sie
natrlich, die gute Dame habe das junge Frauenzimmer auf irgend einer bsen That
ertappt und wolle sie nun dafr vor Gericht ziehen. Edgeworth aber, der
Menschenkenntni genug zu haben glaubte, in dem bleichen, edlen Antlitz der
Einen nichts Schlechtes und Unehrenhaftes, dagegen alles nur mgliche Widerliche
in dem ihrer Anklgerin zu lesen, brach die Sache kurz ab, erfate Mrs
Breidelford's Arm und zwang sie, whrend er ihr das Handgelenk fest
zusammenprete, Mrs. Everett's Arm los zu lassen. Dabei schttelte er jedoch der
darber emprten und laut aufschreienden Frau herzlich und nachdrcklich eben
dieselbe Hand - erklrte ihr, da jene Dame sein Passagier sei und die Fahrt
nicht versumen drfte, reichte Mrs. Everett den eigenen Arm und fhrte diese
nun, wahrend seine Leute dicht hinter ihm der nachstrmenden Wittwe Breidelford
den Weg vertraten, rasch auf sein Boot, wonach die Planken schnell eingezogen
und die Taue gelst wurden. Die brige Mannschaft sprang an Bord, und die
Schildkrte lste sich langsam von den brigen Fahrzeugen ab.
    Im Anfange trieb das breite gewaltige Boot dicht an der Flatbootlandung
nieder und drohte auf einen unten angeschwemmten Baum aufzulaufen. Dann aber,
als die Leute erst rasch die langen Finnen in ihre eisernen Halter gestoen und
Raum gewonnen hatten, mit diesen mchtigen Rudern ordentlich auszugreifen,
gehorchte auch das sonst so unbehlfliche Fahrzeug dem Steuer. Mit dem Bug
langsam der Mitte des Flusses zustrebend, arbeitete es sich weiter und weiter
von der gefhrlichen Stelle hinweg, bis es, ber jenen Platz hinaus, die
eigentliche Strmung erreicht hatte, die in gerade sdlicher Richtung der schon
frher erwhnten runden Weideninsel zufhrte.
    Wer beschreibt aber die Wuth Louise Breidelford's, als sie sich ihr Opfer so
pltzlich und ganz hoffnungslos entrissen sah. Sie war nmlich, Gott wei
weshalb, zu der unumstlichen Ueberzeugung gelangt, da Mrs. Everett jene Frau
sein msse, die nach Mr. Smart's Aussage vor einigen Abenden ihr Haus
umschlichen und versucht hatte, mittelst Nachschlssels ihre Thr zu ffnen.
Einige Gegenstnde, die sie wohl verlegt haben mute oder sonst nicht finden
konnte, bestrkten sie noch mehr darin, und sie hatte jetzt wirklich nichts
Eiligeres zu thun, als zu Squire Dayton's Haus zu laufen und die Gerechtigkeit
allen Ernstes anzurufen, damit jenes Boot aufgehalten und ihr zu ihrem Rechte
verholfen wrde. Squire Dayton war aber eben so wenig zu Haus, als irgend eine
der Damen, wenigstens gab ihr Nancy hierber die Versicherung aus dem Fenster
heraus, ohne sich dabei die Mhe zu nehmen, der sehr erhitzten Lady die Thr zu
ffnen.
    Ihre einzige Hoffnung blieb jetzt der Constabler. Um aber rasch zu dessen
Hause zu kommen, da er an dem andern und uersten Ende der kleinen Stadt
wohnte, mute sie etwa zweihundert Schritt, auf einem schmalen Fahrweg hin,
durch ein Dickicht gehen, das hier aus einer frheren Rodung wieder aufgewachsen
war. Rasch schlug sie auch diesen Weg ein, und hatte etwa die Hlfte desselben
zurckgelegt. Eine Eiche war hier quer ber die Strae gestrzt, und als sie um
diese herum ihre Bahn suchen wollte, trat ihr pltzlich, wie es schien zu
beiderseitiger Ueberraschung, ein Mann entgegen, dessen ganzes Aussehen in
diesem etwas abgelegenen und selten betretenen Theile allerdings ein Erschrecken
der sonst gerade nicht sehr schreckhaften Dame rechtfertigte.
    Die Kleider hingen ihm fast in Streifen vom Leibe - die Haare umstarrten ihm
wild den bloen Kopf, und der Bart mute Wochen lang kein Rasirmesser gefhlt
haben. Schwei und Blut klebten ihm dabei auf Gesicht und Hnden, und Mord stand
ihm mit frchterlichen Zeichen auf der Stirn und sprach aus seinen stier, aber
mitrauisch umherschweifenden Augen.
    Jesus Maria! rief Mrs. Breidelford, als der Mann pltzlich vor ihr stand
und den Blick - gleichfalls berrascht, fest und prfend auf sie geheftet hielt.
- Was wollen Sie, Sir? Was sehen Sie mich so stier an, Sir? Ich bin auf dem
Wege zum Constabler - er wohnt keine zehn Schritt von hier, und der
Friedensrichter kommt dicht hinter mir! Und damit trat sie rasch etwas zur
Seite und suchte an der unheimlichen Gestalt vorber zu schreiten. Der Fremde
rhrte sich auch gar nicht, er folgte ihr nur mit den Augen. Als sie aber gerade
an ihm vorberschritt, und nur noch einmal mitrauisch den Kopf nach ihm
hinwandte, flsterte er leise:
    Mrs. Dawling!
    Wren die wenigen Silben der Bannfluch irgend eines morgenlndischen
Zauberers gewesen, nach denen Mrs. Breidelfort von nun an verdammt sein sollte,
drei- bis viertausend Jahre unbeweglich und in der gerade angenommenen Stellung
auf einem Platz stehen zu bleiben, so htte die wrdige Lady ber den einfachen,
eben genannten Namen nicht mehr erschrecken knnen. Ihre Augen fingen dabei an,
sich aus ihren Hhlen zu drngen, so erstaunt und zugleich entsetzt hafteten sie
auf dem Mann, der unzweifelhaft ein fr sie frchterliches Geheimni kennen
mute. Dieser aber, ohne auch nur im Mindesten den hervorgebrachten Eindruck
weiter zu beachten - auer da vielleicht ein trotziges Lcheln fr einen Moment
um seine Lippen zuckte - trat rasch einen Schritt gegen sie vor und flsterte:
    Folgt Euch der Friedensrichter wirklich dicht auf dem Fu?
    Nein, stammelte Mrs. Breidelford und schien noch immer weder zu Athem noch
zu vlliger Besinnung gekommen zu sein - nein - er kommt - er kommt nicht.
    Desto besser - Ihr mt mich verbergen - die Verfolger sind mir auf den
Fhrten. Im Walde konnte ich den verdammten Schurken nicht mehr entgehen - wie
die Indianer sprten sie meiner Fhrte nach, und ich mute mich endlich, als ich
die breite Strae traf, auf dieser halten. Vielleicht aber sind sie dicht hinter
mir - jede Minute kann mich in ihre Hnde bringen, also macht schnell - fhrt
mich in Euer Haus.
    Heiland der Welt, Henry Cotton, so wahr ich wnsche gesund zu bleiben und
selig zu werden. Cotton, nach dem ganz Arkansas fahnt. Zu mir wollt Ihr, Mann?
In mein Haus? Das geht nicht, das ist unmglich - Ihr mt fort.
    Ich kann nicht weiter, knirschte der Flchtling. - Matt und abgehetzt,
wie ich bin, wrde ich den Verfolgern augenblicklich in die Hnde fallen - ich
mu wenigstens einen Tag rasten. Gift und Pest! ber vierzehn Tage werde ich nun
schon wie ein Panther gehetzt, und zehnmal den Rettungsweg vor Augen, den
sichern Hafen fast erreicht, immer und immer wieder zurckgetrieben in Elend und
Noth - immer wieder gejagt und umstellt und auf Mord und Raub frmlich
angewiesen. Verbergt mich deshalb in Eurem Hause, bis ich im Stande bin ber den
Flu zu setzen, oder vielleicht auch in irgend einem Boot stromab - ja - wenn es
nicht anders sein kann, bis auf die Insel zu gehen. Ich habe dieses Leben satt
und will es nicht lnger fhren.
    In mein Haus knnt Ihr nicht, Sir, rief die Wittwe schnell - ich bin eine
alleinstehende Frau, und wenn -
    Oh, lat zum Donnerwetter den Unsinn! rief Cotton rgerlich - die Pest
ber Euer Schwatzen - bringt mich in Sicherheit.
    Es geht wahrhaftig nicht an, rief die wrdige Dame in Verzweiflung, denkt
nur, wenn Ihr in dem Aufzug durch die Stadt und in meine Wohnung ginget, was das
fr Aufsehen erregen mte. Die geringste Nachfrage hier nach Euch wrde auch
Eure Verfolger augenblicklich auf die richtige Spur bringen, und wenn sie bei
mir Haussuchung anstellten - nein, das darf nicht sein. Bleibt hier im Walde
irgendwo versteckt, und ich will Euch heut Abend abholen und sicher auf die
Insel befrdern lassen; mehr kann ich fr Euch nicht thun.
    So? wirklich nicht? hhnte Cotton, sagt lieber, mehr wollt Ihr nicht
thun, - aber Ihr werdet wohl mssen. Doch die Zeit drngt, und nochmals sage ich
Euch, ich werde verfolgt und bin, wenn Ihr mich nicht verbergt, heut Abend noch
in den Hnden meiner Feinde. Ihr seid jetzt im Stande, mich zu retten, thut ihr
es nicht, wohl, so mgen auf Euer Haupt auch die Folgen fallen. Glaubt aber
nicht etwa, da ich den Gromthigen spiele, und als Mrtyrer in Kerker und
Ketten verkomme, oder gar am Galgen paradire, whrend Ihr hier hochnsig als
fromme Lady sitzt. - Ich werde States evidence, und was Euch dann bevorsteht,
knnt Ihr Euch etwa denken!
    Seid Ihr rasend? rief Mrs. Breidelford erschreckt, wollt Ihr mich und uns
Alle unglcklich machen, Mann?
    Nein - gewi nicht; Ihr mtet mich denn dazu zwingen. Aber - in einem
Stck habt Ihr Recht. - Ginge ich so in die Stadt, wie ich hier stehe, so mte
ich die Aufmerksamkeit Aller auf mich ziehen, denen ich begegnete - geht also
und holt mir Kleider - Ihr werdet sie Euch schon zu verschaffen wissen; ich will
indessen hier in diesem kleinen Sassafras-Dickicht liegen bleiben und Eurer
Rckkunft harren. Bleibt aber nicht zu lange, denn wenn ich bis dahin entdeckt
werde, tragt Ihr die Schuld - und die Folgen.
    Wo soll ich denn um Gottes willen die Kleider hernehmen! rief Mrs.
Breidelford erschreckt - ich wei ja gar nicht -
    Das ist Eure Sache, unterbrach sie Cotton und wandte sich gleichgltig von
ihr ab, - denkt aber an Dawling, oder - soll ich Euch vielleicht noch einen
andern Namen nennen? - ich dchte doch, der gengte Euch!
    Schrecklicher Mann! sthnte die Frau - ha fort - rasch fort - ich hre
Jemand kommen - verbergt Euch!
    Cotton hatte schon seit einigen Momenten hoch aufgehorcht, denn auch er
vernahm Schritte und wute nur noch nicht recht, von welcher Seite sie nahten.
Endlich schien er sich davon berzeugt zu haben und glitt jetzt rasch - den
Finger nur noch einmal drohend gegen die Frau erhoben, in die Bsche, die sich
wieder hinter ihm schlossen.
    Gleich darauf schritt pfeifend, die Hnde in die Taschen geschoben, den Hut
etwas nach hinten auf den Kopf gedrckt, Jonathan Smart auf der Strae heran,
und Mrs. Breidelford hatte wirklich kaum Zeit sich zu sammeln und einen
Entschlu zu fassen, nach welcher Seite sie sich berhaupt wenden wolle, als
Jonathan auch um die schon frher erwhnte umgestrzte Eiche bog, und nun
seinerseits ebenfalls berrascht war, Dame Breidelford in unverkennbarer
Verlegenheit hier allein zu finden. Sein erster Verdacht fiel auf ein
Liebesabenteuer, den verwarf er jedoch augenblicklich wieder als total unmglich
und konnte nur ein in aller Eile herausgestoenes Guten Morgen, Madame
vorbringen, als auch diese schon in voller Eile an ihm vorbeistrmte und der
Stadt wieder zueilte.
    Potz Zwiebelreihen und Holzuhren! rief der Yankee lchelnd, als er stehen
blieb und ihr erstaunt nachblickte - gewaltige Eile, Mrs. Breidelford,
gewaltige Eile - - wichtige Geschfte wahrscheinlich - wieder vielleicht eine
Freundin mit einem Besuch fr einen ganzen Abend elend machen, oder einen guten
Namen vernichten oder auch einmal zur Abwechselung eine Frau gegen ihren Mann
aufhetzen - wre noch gar nicht dagewesen - o Gott bewahre! Was aber hat sie in
aller Welt nur hier zu thun gehabt? irgend eine Zusammenkunft? oder war der
Aufenthalt hier zufllig? Weshalb aber bewies sie sich da so augenscheinlich
verlegen?
    Smart fing an, die Strae gerade da, wo er sie zuerst gesehen hatte, zu
untersuchen, um vielleicht Spuren andern Schuhwerks darauf zu erkennen. Obgleich
er aber die Fustapfen eines Mnnerschuhs zu sehen glaubte, die sich hier und da
abgedrckt zeigten, so war er doch zu wenig gebt, zu wenig Waldmann, um auf dem
betretenen Wege etwas Genaueres darber bestimmen zu knnen. Er schttelte also
ein paar Mal gar bedeutsam mit dem Kopfe - schob seine Hnde auf ihren alten
Platz zurck, schritt wieder langsam weiter, und fiel genau in demselben Ton
mitten im Liede wieder ein, wo er vorhin durch Mrs. Breidelford's Anblick
unterbrochen worden war.
    Etwa eine Stunde spter verlie die Dame zum zweiten Mal an diesem Tage
dieselbe Strae und eilte, ohne sich hchst ungewhnlicher Weise auch nur im
Mindesten um das zu kmmern, was um sie her vorging, ihrem eigenen Hause zu. Am
andern Ende der Strae aber folgte ihr ein, in die gewhnliche Tracht der
Landleute gekleideter Mann, den breiten Strohhut jedoch tief in's Gesicht
gedrckt. Hinter ihm schlo sich bald darauf ihr Haus und wurde jetzt von innen
fest verriegelt.

                                      19.

                                        

          Der Van Buren. - Mr. Smart fgt sich dem Willen seiner Frau.


Tom Barnwell hatte, wie schon frher erwhnt, seinen unglcklichen Schtzling an
Bord des Van Buren gebracht, und gab ihn hier, um allen lstigen Fragen
berhoben zu sein, einfach fr eine kranke Schwester aus, die er nach Helena zu
Verwandten bringen wolle. Marie war dabei durch die gehabte Aufregung so
erschpft und angegriffen, da sie, ohne auch nur die geringste Einwendung
dagegen zu machen, Alles mit sich geschehen lie. Die Kammerfrau der Kajte
erstaunte allerdings, als sie das durch die Dornen und Zweige zerrissene
Oberkleid sah, und mochte wohl nach dem stieren, an Nichts haftenden Auge der
Unglcklichen ihren wahren Zustand ahnen. Doch was kmmerte sich die Mulattin um
den Zustand der Weien; sie hatte darauf zu sehen, da ihre Kajte, nicht das
Hirn ihrer Passagiere in Ordnung sei, und sie bereitete ihr deshalb das Lager
und berlie sie dann ihren eigenen wilden Phantasien und Traumgebilden.
    Der Van Buren war ein wackeres Dampfschiff, eins der sogenannten Clipper,
die nach St. Louis oder Louisville und Cincinnati einlaufen, gewhnlich mit
einer Tafel vorn, auf welcher die Zeit ihrer Fahrt mit groen, weitscheinenden
Zahlen gemeldet wird. In der That grenzt auch die Schnelle, mit welcher diese
Boote oft ungeheure Strecken, und zwar gegen die starke Strmung des Mississippi
- zurcklegen, an's Unglaubliche. So rhmte sich der Van Buren, auf seiner
letzten Fahrt von New-Orleans nach Louisville nur eine halbe Stunde lnger
gebraucht zu haben als die Diana - welche Zeit er auf einer Sandbank im Ohio
festgesessen haben wollte - und das war 5 Tage und 231/2 Stunden - eine
Entfernung von 1350 englischen Meilen stromauf.
    Der Van Buren arbeitete denn auch diesmal gar wacker gegen die steigende
Fluth an, und hoch und gewaltig tanzten und schlugen die Wogen hinter ihm drein
und brachen sich in trbem, ghrendem Schaum. In wenigen Stunden htten sie
Helena erreichen mssen, gerade aber an jener, schon mehrmals erwhnten runden
Weideninsel war der Lootse, der den Ohio vielleicht gut genug kannte, diesmal
aber zuerst den Mississippi, und zwar nach seinem Navigator befuhr, zu nahe an
die kleine Insel hinangerathen und aufgelaufen, und konnte, trotz dem gewaltigen
und stundenlangen Arbeiten der Maschine nach rckwrts, nicht wieder loskommen.
Da sie nun endlich sahen, da jeder weitere Versuch nutzlos, die Nacht dagegen
eingebrochen war und der Flu mit jeder Stunde stieg, so hofften sie, mit
Tagesanbruch vielleicht schon selber flott zu werden, und versuchten deshalb mit
der Jolle an's Ufer zu fahren und ein Springtau dort irgendwo zu befestigen. Es
geschah das nur deshalb, damit sie, wenn sie wirklich loskmen, nicht wieder mit
der Strmung hinabtrieben.
    Die mit der Befestigung des Taues beauftragten Leute fanden inde ein
schwereres Geschft, als sie im Anfang vermuthet haben mochten. Die ganze Insel
war allerdings dicht mit Bumen bewachsen, jedoch nur mit schwachen
Baumwollenholzstmmen, die kaum ein Flatboot, viel weniger denn ein so schweres
Fahrzeug gehalten htten. An dem uern Rande der Insel stand dabei der junge
Aufwuchs, lauter Schlinge der Baumwollenholzbume, und diese, die starr und
dicht wie Schilf aus dem schon etwas angeschwellten Mississippi herauswuchsen,
verweigerten dem breiten Bug der Jolle hartnckig den Eingang. Die ersten bogen
sich zwar, wenn die Matrosen mit allen Krften dagegen ruderten, elastisch zur
Seite, wie Stahlfedern preten sie aber dann auch augenblicklich mit
rckwirkendem Druck wieder gegen das Boot an, sobald die Ruder nur einen Moment
aufhrten zu arbeiten.
    Die Matrosen muten den Versuch endlich aufgeben und hinein in das hier etwa
drei Fu tiefe Wasser springen, was des Triebsandes wegen an und fr sich schon
mit groer Gefahr verknpft war. Mit vereinter Anstrengung zogen sie nachher das
lange schwere Tau so weit inselwrts, als ihnen das mglich war, schlugen es
hier, wo sie wieder trocknen, das heit wenigstens nicht unter Wasser stehenden
Boden fanden, um eine Anzahl der schwachen Stmme herum, und kehrten dann an
Bord zurck, um zu weiteren Operationen den anbrechenden Tag zu erwarten.
    Nun waren allerdings zwei Wachen an Deck gelassen, die auch die Feuer unter
den Kesseln unterhalten sollten. Wie das aber mit fast allen Wachen geht, so
blieben sie im Anfange ungemein munter - warfen sorgsam Holz nach, und sahen
nach dem Tau, ob es noch immer straff sei und festhalte; sobald jedoch einmal
Mitternacht vorber und keine Ablsung fr sie bestimmt war, legten sie sich auf
das vor den Kesseln aufgeschichtete Holz, fingen an, sich Geschichten zu
erzhlen und suchten sich damit munter zu halten. Der Erzhler wurde aber auch
endlich schlfrig - der Zuhrer hatte schon lange aufgehrt. Zuhrer zu sein,
und tiefes Schweigen herrschte bald auf dem schlummernden Kolo.
    Leise murmelnd brach sich die Fluth an seinem Bug, und in der nicht fern
gelegenen Weideninsel rauschte und brauste es - das vorn angeschwemmte Holz
stemmte die Strmung, und dann und wann warfen sich mchtige losgeschwemmte
Stmme dagegen und versuchten diesen natrlichen Damm zu durchbrechen.
Rabenschwarze Nacht lag dabei auf dem dumpf grollenden Strom, und es war, als ob
die Waldgeister von beiden Ufern wunderliche, unheimliche Weisen herber und
hinber riefen, whrend der alte Mississippi die langgehaltenen Melodien dazu in
seinen schumenden Bart summte.
    Auf dem Boote rhrte sich nichts mehr. Nur die beiden. Wachen hoben noch
dann und wann einmal mde, und schon halb bewutlos, die Kpfe, und blickten
nach den Sternen empor und nach den zu Starbord leise schwankenden Weiden, ob
sie noch auf der alten Stelle lgen. Das monotone Summen des Stromes schlo aber
bald wieder ihre Augenlider, und das harte Lager war doch nicht hart genug,
festen, gesunden Schlaf von ihnen fern zu halten.
    An dem Springtau zerrte und zog inde die krftige unermdliche Fluth, und
der steigende Strom hob das Boot aus seinem sandigen Bett. Je mehr es aber
anfing flott zu werden, desto mehr wirkte auch die Strmung darauf ein und
begann schon das noch haltende Tau straff anzuspannen. Im Anfang hielten die
schwanken jungen Stmme allerdings noch sicher die ihnen anvertraute Last, je
strker aber das Boot anzog, desto mehr bogen sie sich, desto mehr rutschte das
Tau nach oben. Wohl leistete die Zahl noch einigen Widerstand, hier und da brach
aber einer der am meisten in Anspruch genommenen; ein anderer lie das Tau ber
den elastischen Wipfel gleiten - mit jedem Augenblick verminderte sich der Halt,
den jenes ungeheure Gewicht erforderte, und jetzt - knickte auch der letzte
Stamm.
    Der Ruck, der das Van Buren-Tau befreite, zitterte aber durch das ganze Boot
und strte den Schlummer der sorglos im Bug ausgestreckten Wachen. Zuerst
schlugen sie erstaunt die Augen auf und sahen nach dem Himmel; der spannte sich
aber noch in seiner alten Gestalt ber ihnen aus. Dieselben Sterne schauten
funkelnd auf sie nieder, auf die sie beim Einschlafen ihre Blicke geheftet
hatten, doch entsetzt sprangen sie empor, denn die Baumwollenholzschlinge,
deren trumendes Wiegen sie bis dahin ebenfalls neben sich beobachtet und deren
Nicken sie mit dem eigenen Kopf gar oft accompagnirt, lagen hinter ihnen. - Das
Wasser rauschte nicht mehr gegen ihren Bug an - die Weiden rckten weiter und
weiter zurck. Die Mnner wurden mit einem Male munter und sprangen, von einem
Gefhl getrieben, nach dem Tau - es hing locker ber Bord, und ihr Ruf:

                              Das Boot ist los!

weckte mit Blitzesschnelle die noch hier und da in der warmen Sommernacht am
Deck umher gestreuten Gefhrten.
    Alles sprang jetzt herbei, und lief wild und rathlos durcheinander; Einige
fhlten nach Grund, Andere rissen am Tau, ein Paar sprangen nach dem Lootsen, um
diesen an's Steuerrad zu rufen, Keiner aber dachte an die Hauptsache, da das
Dampfboot auch nicht ohne Dampf regiert werden knne, und erst die Feuer wieder
aufgeschrt und das Wasser erhitzt werden msse, ehe sie hoffen durften,
wirklich ernster Gefahr fr ihr Boot zu entgehen.
    Des Steuermanns fester Ruf sammelte die Schaar zuerst wieder zu geregelter
Thtigkeit. Rasch wurden vor allen Dingen um die stets bereit liegenden kleinen
Anker Taue geschlagen, diese ber Bord zu werfen und sie wenigstens da zu
halten, wo sie sich gerade befanden. Die Feuerleute muten indessen unter allen
Kesseln die Feuer aufschren und zu gleicher Zeit nachpumpen, damit nicht durch
Wassermangel ein noch greres Unglck - das Zerspringen derselben -
herbeigefhrt wrde. Diese Vorsichtsmaregeln, zur rechten Zeit getroffen, wren
auch hinlnglich gewesen, das Boot gar bald wieder in Stand zu setzen. Durch die
ungemein starke Strmung aber waren sie schon weiter hinabgerissen, als sie im
Anfange selber vermuthet hatten, denn diese fhrte sie mit reiender Schnelle
und zwar rckwrts, dem westlichen Ufer entgegen.
    Stangen hinter - an Larbord Steragedeck! schrie der Steuermann mit
heiserer Stimme, stemmt Euch, meine Burschen, sucht die Bume zu treffen und
schiebt ab.
    Die Matrosen gehorchten in flchtiger Eile dem Befehle - alles von
Passagieren niederrennend, was ihnen zufllig in den Weg trat, die langen
Stangen wurden nach hinten geschleppt und dort rasch ber Bord und gegen die
Seitenwand gestemmt, um das jetzt unvermeidliche Anprallen wenigstens so viel
als mglich zu mildern. Die Anker waren zu gleicher Zeit ebenfalls bergeworfen;
der weiche Schlammboden gewhrte aber noch keine Festigkeit - sie schleppten
nach, und in demselben Moment rannte auch der Van Buren, seitwrts gegen das
Ufer treibend, mit der Larbordseite und mit dem hintern Theile zugleich so
gewaltig gegen die Stmme an, da das mchtige Boot bis in seinen Kiel hinunter
erzitterte und das Larbordradhaus krachend und prasselnd zusammenbrach.
    Die Passagiere strmten jetzt erschreckt von allen Seiten herbei, einzelne
sogar schon mit ihren Habseligkeiten unter dem Arm oder auf dem Rcken, bereit,
mit nchster Gelegenheit an's Ufer, oder doch wenigstens in ein rettendes Boot
zu springen. Auch die Mannschaft selbst war im ersten Augenblick bestrzt, denn
man wute noch nicht genau, wie bedeutend der angerichtete Schaden sei, und ob
der Rumpf wirklich so gelitten habe, da das Fahrzeug sinken msse.
    Der Zimmermann sprang denn auch vor allen Dingen in den Rumpf hinunter, und
die Pumpen wurden versucht. Da ergab es sich denn, da der Van Buren
wahrscheinlich nur mit dem breiten Obertheil in das starre Treibholz
hineingerannt sei, und weiter nicht gelitten habe als an Rad, Bulwarks und
Steuer. Allerdings wurde der Schaden jetzt so schnell als mglich, und so gut es
gehen wollte, ausgebessert; ehe das Steuer aber wieder hergestellt war, konnten
sie nicht daran denken auszulaufen, und die Sonne stand schon hoch am Himmel,
als dieses erst, mit Hlfsstcken und starken Ketten geschnrt und befestigt, so
weit hergerichtet war, um den Van Buren wenigstens bis Helena zu nehmen. Dort
mute dann Alles wieder ordentlich reparirt werden.
    Zweimal machten sie dabei vergebens den Versuch auszulaufen, denn noch immer
verweigerte das Steuer den Dienst. Das Larbord-Rad war nmlich ganz zertrmmert,
und sie muten mit dem ebenfalls beschdigten Starbord-Rad allein gegen den
Strom anarbeiten. Hierdurch wurde der Bug aber natrlich gegen Larbord
hinbergeworfen, was das Steuer auergewhnlich anstrengte. Endlich noch mit
einem starken Tau versehen, schien es gengend zu sein; die Maschine fing wieder
an zu arbeiten, und wie ein verwundeter Leu, der traurig die zerschossene Pranke
nachschleppt, so keuchte und chzte das verletzte Boot schwerfllig stroman.
    Die Sonne hatte den Zenith schon berschritten, als sie Helena erreichten
und dort landeten, um vor allen Dingen erst wieder ordentlich flutchtig zu
werden. Tom Barnwell aber, der in peinlicher Ungeduld sich zehnmal an's Ufer
gewnscht hatte, um zu Fu schneller noch die Stadt zu erreichen und der Abfahrt
des alten Edgeworth zuvorzukommen, war inde den ganzen Morgen bittren Unmuths
voll auf dem Hurricanedeck hin und her gelaufen, und hatte vergebens nach den
zahlreichen vorbeitreibenden Flatbooten ausgeschaut. Eins sah aus wie das
andere, und er konnte unmglich erkennen, welches das sei, zu dem er gehre.
    Einmal zwar glaubte er an mehreren, nur dem Auge eines Bootmannes
bemerklichen Kleinigkeiten, und trotz des beginnenden Nebels, die Schildkrte zu
erkennen, und hatte schon die Hnde trichterfrmig an den Mund gelegt, sie wo
mglich anzurufen; da entdeckte er an Bord jenes Bootes eine Menge Kisten und
zwischen diesen eine Frau, die, wie es ihm vorkam, geschftig unter ihnen
herumging. Das konnte ihr Boot also auch nicht sein - an Bord der Schildkrte
war keine Frau, und er hoffte jetzt nur, Edgeworth werde, vielleicht durch
irgend etwas aufgehalten, Helena noch gar nicht verlassen haben.
    Darin sollte er sich freilich getuscht sehen - das Boot war wirklich und,
wie er spter erfuhr, erst ganz kurze Zeit vor seiner Ankunft abgefahren, und
als er hrte, da der Alte eine Frau als Passagier mitgenommen, wute er auch
gewi, er habe sich in dem Boote damals nicht geirrt. Hier half aber freilich
kein langes Ueberlegen weiter, und er geleitete nur vor allen Dingen das arme
Mdchen, das sich willenlos an seinen Arm hing, so rasch als mglich in das
Union-Hotel, und erzhlte dort, allen weiteren Fragen darber auszuweichen,
ebenfalls wie auf dem Dampfboot, da es seine Schwester sei, die von New-Orleans
heraufgekommen wre.
    Hier aber hatte er noch mit einer und allerdings am allerwenigsten
erwarteten Schwierigkeit zu kmpfen, denn Mr. Smart, der ihm in das Zimmer
hinauf folgte und sich bald selbst von dem trostlosen Zustande der Unglcklichen
berzeugte, erklrte ihm ganz frei und offen, da er, was ihn selbst betrfe,
das arme Wesen von Herzen gern bei sich aufnehmen und verpflegen wrde, da
dieses aber weiblicher Pflege bedrfe, und seine Frau jetzt so mit Geschften
berhuft sei, wie noch nie vorher. Sie befand sich deshalb auch in keineswegs
rosenfarbener Laune, und er versicherte dem jungen Manne, sie wrde, wenn ihr
das Mdchen so ohne Weiteres aufgebrdet werden sollte, nicht allein aus
Leibeskrften dagegen protestiren, sondern auch in diesem Departement, wo ihr
Befehl vor allen anderen gelten mute, ohne Umstnde die Wiederentfernung der
Kranken verlangen.
    Aber wo um Gottes willen soll ich mit dem armen Wesen hin? sagte Tom
traurig, als er dem Wirth den wahren Verlauf der Sache erzhlt hatte. Das Boot
ist fort, ich mu nach, denn ich habe nicht allein mein ganzes kleines Vermgen,
sondern auch alle meine Kleider dort an Bord, und dieses unglckliche Weib darf
ich in ihrem Zustande, ohne Schutz, ohne Freunde hier, in einer fremden Stadt,
unmglich zurcklassen. - Eben so wenig kann ich sie aber mit mir nehmen;
behaltet sie deshalb hier, mein guter Herr, und seid versichert, da ich
vielleicht schon in wenigen Tagen wieder zurck bin und Euch dann reichlich
vergten werde, was Ihr an ihr gethan.
    Ihr Gesprch wurde hier von auen her und auf etwas laute Weise
unterbrochen, denn drauen auf dem Gange hrten sie pltzlich Mrs. Rosalie
Smart, die eben in keineswegs freundlichen Ausdrcken dagegen eiferte, da hier
jeder lumpige Bootsmann hereinfallen sollte, um ihr seine Dirne in's Haus zu
schleppen.
    Schwester? rief sie dabei, wahrscheinlich auf eine von dem Neger gemachte
Entgegnung - Schwester? - was da Schwester - da knnte Jeder kommen und seine
Schwester bringen. Und noch dazu nicht recht bei Sinnen - na weiter fehlte mir
gar nichts. Jetzt, wo ich Tag und Nacht nicht wei, wo mir der Kopf steht;
jetzt, wo ich mich placken und qulen mu, um nur das Haus in Ordnung zu halten
und die gesunden Gste zu bedienen, ja wo nur erst noch gestern mein Mdchen
fortgelaufen ist, das mir diese Person, diese Mrs. Breidelford abspenstig
gemacht hat, jetzt soll ich auch noch Krankenwrterin werden? So? oder will Mr.
Smart das junge Ding vielleicht gar selber warten und pflegen? Nein, daraus wird
nichts, aus dem Hause mu sie mir wieder, und das gleich; ich will doch sehen,
wer hier Zimmer zu vergeben hat, Mr. Smart oder ich. Wenn er das besorgen will,
so soll er auch die Wirthschaft fhren und die Betten in Ordnung halten, und
dann bin ich nachher ganz berflssig - ich werde so schon mehr wie ein
Dienstbote behandelt. Hier will ich denn aber doch einmal sehen, wer -
    Das Weitere wurde unhrbar, denn Madame arbeitete sich in gewaltigem Eifer
die Treppe hinauf, und es war augenscheinlich, da sich die Aussichten, diese
Sache in Frieden und Freundschaft beizulegen, mit jeder Minute verringerten.
    Ich will hinauf und sie selbst darum bitten, sagte Tom jetzt rasch und
griff nach seinem Hut - sie kann und wird mir's nicht abschlagen. Sie mu auch
wissen, was sie dem eigenen Geschlecht schuldig ist, und darf ihr Herz dem
Mitgefhl nicht ganz verschlieen.
    Er wollte hinaus, Smart aber, der sich bis jetzt das Kinn mit dem
Zeigefinger und Daumen der rechten Hand sinnend gestrichen und starr dabei vor
sich niedergesehen hatte, ergriff ihn rasch am Arme und sagte schnell:
    Halt! Sie verderben die ganze Geschichte. - Meine Frau ist herzensgut, wir
haben aber einen Fehler gemacht: dem Mdchen ist nmlich eine Stube angewiesen,
ehe sie darum befragt wurde, und das vergbe sie nie. - Gehen Sie jetzt
nachtrglich zu ihr und bitten Sie um etwas, was wir schon vorher als gestattet
angenommen haben, so mchte ich Sie nur ersuchen, mich vorher etwa zweihundert
Schritt fortzulassen, denn Sie bekmen das schnste Aufgebot, das man sich
wnschen kann, und Ihre Bitte erfllte sie nachher erst recht nicht. Darin kenn'
ich -
    Aber, um Gottes willen, was sollen wir denn da thun? rief Tom in
Verzweiflung - Sie sind der einzige Mensch hier in ganz Helena, dem ich diese
Unglckliche anvertrauen mchte, und gerade Sie verweigern es. Oh frchten Sie
ja nicht, da ich etwa nicht wiederkme und die Schuld abtrge - Sie wissen
nicht, wie theuer mir jenes arme Wesen einst war -
    - meine Alte zu gut, fuhr Smart fort. Ein Mittel giebt es aber noch, und
das wre wenigstens eines Versuches werth.
    Und das ist?
    Ruhig - lassen Sie mich machen - warten Sie einmal, und er sah sich dabei
rings im Zimmer um - ja, das wird gehen. Springen Sie einmal zu dem Fenster da
hinaus.
    Aber Mr. Smart! sagte erstaunt der junge Bootsmann.
    Ja, ich kann Ihnen nicht helfen, lchelte der Yankee - wir mssen heute
ein bischen Komdie spielen. Springen Sie nur da zum Fenster hinaus und kommen
Sie mir vor Abend nicht wieder in's Haus.
    Das geht unmglich! rief Tom - ich kann die Unglckliche nicht eher
verlassen, bis ich sie sicher untergebracht wei; und - und was sollte ihr denn
das auch ntzen? - ich mu erst wissen, wie es mit ihr wird.
    Ja, dann mssen wir's unterlassen, sagte der Yankee gleichgltig und schob
die Hnde wieder in die Taschen. - Das ist das Einzige, was ich wei; wenn Sie
dafr keine Zeit haben, so thut's mir leid. - Vielleicht nhme sie Squire
Dayton.
    Wer ist Squire Dayton?
    Der Friedensrichter hier im Orte - er ist verheirathet und hat auch noch
ohnedies eine weitlufige Verwandte seiner Frau bei sich. - Vielleicht nimmt der
sie in's Haus.
    Glauben Sie, da ich ihn jetzt finden kann? frug Tom schnell.
    Nein, sagte der Yankee ruhig - der ist fortgeritten, und die beiden Damen
sind auch nicht daheim.
    Tom ging unruhig ein paar Mal im Zimmer auf und ab.
    Und hoffen Sie wirklich, da Sie Ihre Frau dazu berreden knnen, die
Unglckliche aufzunehmen? sagte er endlich, als er wie verzweifelt vor Smart
stehen blieb.
    Ueberreden? Nein, erwiderte dieser. - Es kann sich Niemand auf dieser
Welt rhmen, meine Frau zu etwas berredet zu haben, doch - ich bringe sie dazu
- ich hoffe es wenigstens, und das ist ja Alles, was Sie wollen. Also - wenn's
Ihnen gefllig wre - dort ist das Fenster -
    Aber weshalb nur zum Fenster hinaus?
    Weil Sie jetzt gerade meiner Frau nicht drauen begegnen sollen - oh, Sie
knnen wohl die fnf Fu nicht hinunterspringen!
    Tom wollte noch etwas erwidern - bezwang sich aber, ffnete den einen
Fensterflgel und drehte sich dann noch einmal gegen den Wirth um.
    Sir, sagte er - wenn Sie nur ahnen knnten -
    Ein Schritt wurde auf dem Gange gehrt.
    Meine Frau, sagte der Yankee einfach, und machte dabei eine leise
Verbeugung, als ob er dem jungen Mann Jemanden, der eben in die Thr trete,
vorstellte. Dieser verstand den Wink, legte, ohne weiter ein Wort zu erwidern,
die rechte Hand auf das Fensterbrett, und war mit einem Satz unten auf der
Strae.
    Keine drei Secunden spter ging die Thr auf, und Mrs. Smart trat, mit fast
eben so erhitztem Gesicht, als wir ihr im Anfang unserer Erzhlung begegneten,
in's Zimmer, obgleich diesmal ihre Rthe wohl einen andern, viel gefhrlicheren
Grund haben mochte.
    Smart aber ging pltzlich - die Hnde auf dem Rcken, den Hut fast noch
weiter nach hinten gedrckt als gewhnlich, mit schnellen Schritten in der Stube
auf und ab.
    Wer hat mir die Mamsell in's Haus -? Waren die ersten Worte, die sie
sprach, und sie stemmte dabei, als ob sie ihren Grimm erst recht von unten
heraufdrcken wollte, die Arme in die Seite. Sie unterbrach sich aber selbst in
ihrer Rede, als sie Niemanden bei ihrem Mann bemerkte, wo sie doch gewi
glaubte, Stimmen gehrt zu haben. - Mit wem sprachst Du denn eigentlich eben
hier? sagte sie dann erstaunt und schaute sich berall um - ich wei doch, da
ich Jemanden reden hrte.
    Wohl mglich, erwiderte der Gatte kurz, ohne den Blick auch nur einmal auf
sie zu heften - ich kann mit mir selbst gesprochen haben. Doch das ist
einerlei, ich will nichts mit vagabondirendem Gesindel zu thun haben, und ich
mu Dich bitten, mein Kind, mich knftig, ehe Du Gste, das heit solche Gste,
kranke Gste in's Haus nimmst, davon zu benachrichtigen.
    Mrs. Smart blieb vor Verwunderung, ohne auch nur eine Silbe darauf zu
erwidern, stehen.
    Es ist ganz gut, mildthtig zu sein, fuhr der Wirth, ihr Erstaunen gar
nicht beachtend, fort - ich will aber mit dem Bootsgesindel nichts zu thun
haben. Niemand hat weiter Noth und Sorge davon als ich, und Niemand -
    So? fuhr jetzt pltzlich Mrs. Smart auf, denn Jonathan hatte eine Saite
berhrt, die jedesmal bei ihr einen rauschenden Anklang fand - so - der
gestrenge Herr da hat Noth und Sorge davon, wenn Gste im Hause sind? Er kocht
wohl das Essen, oder hlt Betten und Stuben rein? oder besorgt Wsche und
sonstige Gegenstnde, die zu Kche und Haus gehren? Hat nun je ein Menschenkind
schon so etwas gehrt? Wo aber kommt das Mdchen her? Wer hat sie mir in's Haus
gebracht, und was soll mit ihr geschehen?
    - wird dann auch spter einmal dafr verantwortlich gemacht, sagte
Jonathan, der, whrend sie sprach, ihr ruhig in's Auge gesehen hatte und nicht
um die Welt einen einmal begonnenen Satz unvollendet gelassen htte.
    Wer sie in's Haus gebracht hat, will ich wissen, rief Mrs. Smart
rgerlich.
    Das kann uns gleichgltig sein, entgegnete Jonathan, - ein junger Farmer
von Indiana war's - es ist seine Schwester, und er ist fremd hier und meint, die
Person mte elend umkommen, wenn sich nicht eine rechtschaffene Frau ihrer
annehme, weil er jetzt, um seinen Geschften nachzugehen und sein Leben zu
fristen, den Flu hinab mu. Was geht das aber uns an? Ich kann hier kein
krankes Geschpf warten und pflegen und - will die Umstnde und den Spectakel
auch nicht in meinem Hause haben.
    Person - Geschpf? Ja, das ist so die Art, wie die Herren der Schpfung von
einem armen Frauenzimmer reden, das nicht ein Seidenkleid an und einen Federhut
auf hat - fiel ihm hier Mrs. Smart etwas pikirt in die Rede - Du brauchst auch
kein krankes Geschpf zu warten und zu pflegen - das wre auch die rechte
Wartung und Pflege, die es bekme. Wo ist denn aber der Musj, der hier anderen
Leuten seine Schwester in's Haus bringt?
    Fort! rief Mr. Smart in hchster Aufregung - fort ist er - das rgert
mich ja eben so - zwingt mir die Person ordentlich auf - sagt, ich htte
berhaupt darber gar nichts zu bestimmen, das wre der Hausfrau Sache, und Mrs.
Smart's Edelmuth wre bekannt und noch mehr solchen Unsinn, und fort ist er nun,
mitten in den Wald hinein, vielleicht nach Little Rock oder sonst wohin. Doch
was geht das mich an? - Macht er sich so wenig aus seiner kranken Schwester, da
er sie auf solche Art fremden Leuten berlt, so brauch' ich noch weniger Theil
an ihr zu nehmen. Nicht einmal ein einziges Kleidungsstck hat sie mit - nicht
einmal ein Hemd, ihre Wsche zu wechseln.
    Mr. Smart! rief Mrs. Smart auf das Tiefste emprt aus - ich mu Sie
bitten, Ihre Ausdrcke anstndiger zu whlen, wenn Sie in meiner Gegenwart von
solchen Sachen reden wollen. Ich bin gerade so gut eine Lady, als ob ich in
New-York oder Philadelphia wohnte. Wo hat brigens der gestrenge Herr bestimmt,
da die Kranke hingeschafft werden soll?
    Hingeschafft? Was kmmert das uns? sagte Jonathan. Scipio soll sie vor
die Thr fhren, und sie mag gehen, wohin es ihr beliebt. Ich will weiter nichts
mit ihr zu thun haben.
    Vor die Thr knnen wir sie nicht setzen, sagte Mrs. Smart, das ist gegen
Menschen- und Christenpflicht, und ich will mir nicht nachgesagt haben, da ich
so ein armes Ding aus dem Hause geworfen htte, blos weil es kein Geld und keine
Kleider hatte und sonst noch unglcklich war. - Uebrigens hast Du auch gar
nichts damit zu thun; die Sache geht Dich weiter nichts an, das Mdchen mag
meinetwegen ein paar Tage hier bleiben, und wenn es sich ordentlich betrgt und
sich wieder erholt, so wollen wir sehen, was weiter wird. Ich brauche so
Jemanden als Hlfe im Hause, wenn ich nicht frmlich draufgehen und mich
aufreiben soll. Das ist Dir aber einerlei - Du gehst Deinen Geschften oder
Vergngungen nach und kmmerst Dich nicht darum, wie sich Dein armes Weib plagen
und qulen mu. Du weit freilich nicht, wie es so einem armen Wesen zu Muthe
ist, das keine Eltern mehr hat und nun verlassen in der Welt steht. - So seid
Ihr Mnner aber - hartherzige Egoisten, alle mit einander, und uns, die wir so
etwas besser wissen mssen, denen der liebe Herrgott ein Herz in die Brust
gelegt hat, das Leiden Anderer zu fhlen - uns wollt Ihr dann auch noch
vorschreiben, was wir thun oder lassen sollen, wenn es sich um etwas handelt, wo
eben nur ein Weib ber ein Weib entscheiden kann. Das la Dir aber nur nicht
weiter einfallen; das Mdchen bleibt jetzt bei mir, bis ich sie selber
fortschicke.
    Und damit verlie Madame das Zimmer, warf die Thr heftig hinter sich zu,
und stieg stracks zu dem Zimmer des armen Kindes hinauf - freilich jetzt in
anderer Absicht, als sie vorhin in ihrem Selbstgesprch geuert hatte. Jonathan
aber schob wieder, wie das so seine Art war, wenn er entweder gar ernsthaft ber
etwas nachdachte oder sich ganz auergewhnlich freute, die Hnde tief in seine
Beinkleidertaschen hinein und schritt, aus Leibeskrften den Yankee Doodle
pfeifend, in dem kleinen Zimmer auf und ab.

                                      20.

                                        

  Der Ire theilt Jonathan Smart seinen Verdacht mit. - Tom Barnwell's Zeugni.


Jonathan Smart wurde in seinen hchst erfreulichen Selbstbetrachtungen durch
einen Besuch unterbrochen, der ihn nicht allein strte, sondern auch ohne
weitere Umstnde seine Aufmerksamkeit auf lngere Zeit verlangte.
    Nun, O'Toole? frug der Wirth, als er ihn erstaunt betrachtete - wo habt
Ihr denn gestern und heute den ganzen Tag gesteckt? Ihr waret ja auf einmal
ordentlich verschwunden! Donnerwetter, Mann, wie seht Ihr denn aus?
    Verschwunden? wiederholte O'Toole - nein, das wohl nicht, aber heimlich
fortgegangen - ja. Doch hrt, Smart - ich habe ein Wort mit Euch zu reden und
machte das, aufrichtig gesagt, lieber mit Euch im Freien ab. Hier in dem Zimmer,
denk' ich immer, kann man nichts sagen, was der Nachbar, der an der andern Seite
der Wand steckt, nicht ebenfalls hren msse, und da mir keineswegs damit
gedient wre, da die ganze Stadt gleich von Haus aus erfhre, was ich Euch
mitzutheilen habe, so dcht' ich, gingen wir ein bischen, meinetwegen an's
Fluufer hinunter, spazieren.
    So? Also Geheimnisse? lachte Smart, nun, da mu ich ja wohl mitgehen.
Aber was betrifft's?
    Kommt erst hinaus, dort drauen spricht sich's besser, erwiderte der Ire,
und ohne weiter eine an ihn gerichtete Frage zu beachten, verlie er rasch das
Haus, und schritt dem Fluufer zu, wo ihn Smart bald einholte und stellte.
    Nun, zum Henker, was rennt Ihr denn so? rief er hier, als er den kleinen
Mann hinten am Rockkragen fate und festhielt. Wir wollen doch wahrlich nicht
zu Fu nach dem Arkansas, da Ihr dorthin Sieben-Meilen-Schritte macht.
    Smart, sagte O'Toole, indem er pltzlich stehen blieb und sich gegen den
Wirt wandte, Ihr erinnert Euch doch, da neulich Abends jenes Boot dort hinber
ruderte -
    Ja wohl.
    Gut - das Boot ist nicht bei Weathelhope gelandet.
    Das ist erschrecklich, meinte der Yankee lchelnd - aber wo denn sonst?
    Das wei ich eben nicht, rief der Ire rgerlich und stampfte mit dem Fue
den Boden.
    Ihr habt mir in der Sache allerdings kein Stillschweigen auferlegt, Mr.
O'Toole, bemerkte Smart feierlich, ich versichere Euch aber nichts
destoweniger, und zwar ganz von freien Stcken, da ich keiner sterblichen Seele
dieses mir anvertraute Geheimni je - selbst nicht unter peinlicher Tortur
vertrauen oder gestehen werde.
    Smart - die Sache ist ernsthafter, als Ihr glaubt, rief O'Toole rgerlich.
- Allerdings wei ich nichts Bestimmtes, ein Geheimni liegt aber diesen Booten
zum Grunde. Jenes Fahrzeug ist nicht drben gelandet, aber auch nicht, weder
stromauf noch stromab am Ufer hingefahren; ich bin eine ganze Strecke hinauf und
hinunter gegangen, und berall haben mir die Leute versichert, es knne kein
Ruderboot, auer mit umwickelten Rudern, zu jener Stunde an ihrem Ufer
vorbeigefahren sein, ohne da sie es gehrt htten. Weshalb sind nun die
Burschen da hinber gefahren, wenn sie nicht landen wollten? Einfach deshalb, um
uns hier glauben zu machen, sie gingen dort hinber, whrend ihr Ziel ganz wo
anders lag - und weit kann das Ziel auch nicht von hier sein, sie htten sich
sonst nicht solch' unntze Mhe mit uns gegeben. Ich bin jetzt - und das ist
eigentlich die Sache, die ich Euch mittheilen wollte - fest davon berzeugt, da
die Bootsleute irgendwo drben im Sumpf - ja vielleicht sogar hier auf der
Arkansas-Seite - einen Schlupfwinkel haben, wo sie, wenn sie nichts Schlimmeres
thun, wenigstens ihre Spielhllen halten und andere ehrliche Christenmenschen
dadurch unglcklich zu machen suchen. Meinen armen Bruder haben sie in solcher
Spielspelunke auch einmal bis auf's Hemd ausgezogen und nachher halbnackt vor
die Thr geworfen. Es wre ein Werk der Barmherzigkeit, ein solches Nest zu
zerstren und berhaupt eine Bande hier aus der Gegend zu vertreiben, die nichts
Gutes, aber unendlich viel Elend ber ihre Nachbarn bringen kann. Hier oben das
Haus, der graue Br, wie sie's nennen, ist auch ein solcher Platz, dem ich von
Herzen wnsche, da ihn der Mississippi einmal bei nchster Gelegenheit mit
fortsplt.
    Hm - ja, sagte Smart endlich nach ziemlich langer Pause, whrend er sich
das Kinn strich und gar ernsthaft vor sich nieder sah. - Das, was ihm Tom
Barnwell an diesem Morgen erzhlt hatte, fiel ihm fast unwillkrlich wieder ein,
und er blickte sinnend nach dem Strom hinaus, den aus Smpfen kommende leichte
Nebelschleier umzogen und ber die noch immer hier und da in der Sonne blitzende
Fluth einen dnnen beweglichen Schleier woben. Und Ihr wit ganz sicher, da
sie nicht drben gelandet sind? frug er endlich - nicht etwa bei Millers
unten? Denn von da an fhrt auch noch ein Weg durch den Sumpf.
    Das dacht' ich ebenfalls, rief O'Toole, und lie mich deshalb die Mhe
nicht verdrieen, hinab zu laufen, aber Gott bewahre! Millers Nigger, Jim, Ihr
kennt ihn ja, hat von Dunkelwerden an das Ufer nicht verlassen und schwrt Stein
und Bein, es sei keine Katze in der Zeit vorbeigeschwommen, viel weniger an Land
gestiegen. Und in den Rohrbruch, unten und oben, knnen sie doch wahrhaftig auch
nicht ohne ganz besondere Grnde hineingekrochen sein. Beilufig gesagt, war ich
auch bei dem Deutschen dort unten, Brander heit er, glaub' ich, der neulich
hier auf einmal krank gesagt wurde, und nach dem der Doctor in Nacht und Nebel
fortsprengen mute. Aber kein Finger thut ihm weh, oder hat ihm in den letzten
acht Wochen weh gethan. Ich will gerade nicht be - aber da kommt Einer von der
Bande, seid ruhig, wir bereden die Sache ein ander Mal.
    Smart wandte sich schnell nach dem also Bezeichneten um, erkannte aber
niemand anders, als unsern alten Freund Tom Barnwell, der nach seinem Boot
gesehen hatte und nun am Ufer heraufschlenderte. Als er den Wirth bemerkte, ging
er rasch auf ihn zu und rief ihn schon von Weitem an:
    Nun Sir - wie ist's? Habt Ihr Euch des armen Mdchens erbarmt? - Wollt Ihr
sie nicht wieder heraus auf die Strae stoen?
    Ei nun, lchelte Jonathan - ich htte das schon gern gethan, aber - meine
Frau will nicht. - Sie besteht darauf, das arme Kind bei sich zu behalten und es
zu pflegen, bis es wieder gesund ist - nachher soll es aber erst recht da
bleiben und ihr in der Wirthschaft helfen.
    Das haben Sie durchgesetzt? rief der junge Mann freudig.
    Wer? Ich? sagte Mr. Smart - fragen Sie einmal meine Frau darber. - Aber
- Scherz bei Seite, Sir - erzhlen Sie uns doch noch einmal - uns Beiden hier -
Mr. O'Toole ist ein Freund von mir und ein braver Mann - wie und wo, aber
besonders genau, wo Sie das Mdchen gefunden haben, und was es dort fr Auskunft
ber sich gab.
    Tom willfahrte gern diesem Wunsch und gab ber jenen Platz, wo er die
Unglckliche auf so wunderbare Art angetroffen hatte, so ausfhrlichen Bericht,
als es ihm mglich war.
    Und konntet Ihr gar nichts weiter von dem armen Kinde herausbekommen, wie
es auf die Insel gerathen sei? Ob es Schiffbruch gelitten, ob das Boot
vielleicht einfach auf einen Snag gerannt, oder vielleicht gar - angefallen
wre? frug Smart endlich, whrend der Ire mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
dem Berichte lauschte.
    Nein, sagte Tom sinnend - nichts Gewisses, denn in ihrem Zustande konnten
ihre Reden kaum fr zurechnungsfhig gelten, obgleich einzelne Worte, die ihr
entschlpften, auch wieder das Frchterlichste ahnen lieen - sie sprach von
gespaltenen Kpfen und blutigen Leichen - von ihrem - Gatten, der rein und wei
aus der Fluth emporgetaucht wre. Ich hoffe, ihr Zustand wird sich, bis ich
zurckkehre, gebessert haben und sie selbst dann vielleicht Nheres ber ihr
Unglck anzugeben wissen. Ach Gott, es ist ja auch mglich, da irgend ein
entsetzliches Loos die Ihrigen betraf, und Schreck und Entsetzen ihre Sinne
verwirrten. Es sollen sich, wie ich gehrt habe, noch immer Indianer in der Nhe
des Flusses aufhalten.
    Sie sprach also gar nichts, was auf das Vorgefallene weiter Bezug haben
konnte? frug der Ire.
    Die ersten Worte, die ich hrte, sagte der junge Mann nachdenkend -
klangen von einem Vogel, den sie in seinen goldenen Kfig zurck haben wollten,
und sie redete von durch die Bsche kriechen und ihn wieder fangen wollen. Doch
das war der Wahnsinn - sie sa auch wie ein Vogel auf dem Aste eines
niedergebrochenen Baumes.
    Nun, einen goldenen Kfig htte sie wahrlich nicht gehabt, wenn sie auch
gefangen gewesen wre, meinte der Yankee.
    Auf welcher Insel war das? frug der Ire, unten auf Dreiundsechzig?
    Ja, ich kenne die Zahlen nicht genau, erwiderte Tom; es mu die zweite
oder dritte von hier gewesen sein.
    Es lagen zwei von ihnen nicht weit von einander entfernt?
    Ja, ich glaube - erst kam eine runde kleine Insel, dicht mit
Baumwollenholzschlingen bedeckt - an der haben wir auch die Nacht mit dem
Dampfboot gelegen.
    Die hat keine Nummer und ist unbewohnbar, sagte der Ire.
    Dann - ja wahrhaftig, dann mu die gekommen sein, wo ich Marie fand - ich
wei mich wenigstens auf keine weiter zu erinnern, als noch ein Stck weiter
unten zwei grere nebeneinander, zwischen denen ich hinfuhr.
    Das ist Zwei- und Dreiundsechzig - also war das Einundsechzig. Die hat aber
ein Hurricane durch und durch verwstet; - ich wollte dort einmal an's Land, es
war jedoch nicht mglich einzudringen, die Bume lagen wild und toll
durcheinander.
    Ja, ganz recht - an der Insel war's, und Gott nur wei, wie sie in das
Zweig- und Astgewirr hineingerathen ist; ein wahres Wunder mu sie gerettet
haben.
    Smart, Smart, sagte der Ire kopfschttelnd, ob am Ende nicht doch jenes
Boot mit der ganzen Geschichte zusammenhngt.
    Das wre kaum mglich, meinte der Wirth, am Mittwoch Abend sind die hier
abgefahren, und Donnerstag - nun ja, es knnte schon sein, das glaub' ich aber
nicht.
    Was fr ein Boot? frug Tom, aufmerksam werdend - - am Mittwoch Abend?
    O'Toole erzhlte ihm den Verdacht, den er habe, und wie ein Boot, das hier
vom Land gestoen und gerade ber den Strom gerudert, doch von Niemandem drben
gesehen worden sei.
    Und das war am Mittwoch Abend?
    Ja, spt.
    Ein junger Farmer, Namens Bredschaw, den ich unterwegs sprach, erzhlte
mir, da er an jenem Abend ein mit vielen Mnnern besetztes Boot angerufen
habe, sagte Tom.
    Bredschaw? der wohnt ja gleich hier unten, keine sechs oder sieben Meilen
von hier, und an dieser Seite des Flusses.
    Ja, ganz recht - er hat es mir noch gestern erzhlt - er behauptet auch, es
gingen, besonders Nachts, recht hufig Boote dort vorber, und zwar eben so oft
stromauf als stromab. Er meint, es msse irgendwo, in Helena oder Montgomerys
Point, eine Spielhlle sein, da sich die Leute nchtlicher Weise des
Stromaufruderns unterzgen, um nur nicht entdeckt zu werden und in Strafe zu
verfallen.
    Sonderbar bleibt das, sagte Smart, - das Fluvolk - Ihr nehmt mir die
Benennung nicht bel - ist doch sonst gerade nicht so entsetzlich furchtsam vor
den Gesetzen, die sie wahrhaftig am allerwenigsten geniren.
    Smart, - rief jetzt der Ire pltzlich, - ich habe mein Wort gegeben, dem
Boote nachzuspren, und ich will es halten - vorerst lande ich einmal bei
Bredschaw, und lasse mir von dem sagen, was er wei, und dann untersuch' ich die
Weideninsel und die darauf folgenden Nummern - eine nach der andern. Find' ich
verdchtige Spuren, so hol' ich Hlfe, so spr' ich die Smpfe ab. Bei St.
Patrick, ich will doch sehen, ob ich so auf den Kopf gefallen bin, da ich am
hellen lichten Tage Gespenster sehe, wenn keine da sind.
    Wann fahrt Ihr ab? frug Tom.
    Gleich - das verschieb' ich keinen Augenblick lnger, lautete die Antwort;
wollt Ihr mit?
    Ich gehe allerdings auch stromab, aber jetzt noch nicht. - Ich darf jenes
unglckliche Mdchen wenigstens heute noch nicht aus den Augen lassen und kann
morgen immer noch zeitig genug in Victoria eintreffen, ehe Edgeworth sein Boot
ausgeladen hat, noch dazu da er, Mr. Smart's Versicherung nach, auf mich warten
will, bis ich ihm nachkomme. Ein solcher Fall wird sicherlich mein etwas
lngeres Zgern entschuldigen.
    Gut, mir auch recht, sagte O'Toole, desto ungestrter, und vielleicht
auch unbemerkter, kann ich meine Nachforschungen beginnen, aber - etwas von
Provisionen sollt' ich eigentlich mitnehmen.
    Die mgt Ihr bei mir zu Hause einpacken. Geht zu meiner Frau, bittet sie
darum und sagt nur, Ihr httet -
    Die giebt sie mir im Leben nicht, rief O'Toole - Acushla machree,
Smartchen, kennt Ihr Eure Alte so wenig, da Ihr noch glauben knnt, die
gehorchte einem solchen Befehl? Sie hat mich ganz gern und wei, da ich ihr, wo
ich nur kann, gefllig bin, heute ist sie aber in so bitterbser Laune, da ich
ihr nicht gern wieder zu nahe kommen mchte. Ich sprach vorher einen Augenblick
mit ihr.
    - mich schon darum gebeten, ich aber habe Euch grob angefahren und Euch
geheien, zum Teufel zu gehen.
    Hahahaha, - lachte O'Toole, - Smart spielt einmal wieder den Herrn im
Hause. - Nun meinetwegen, versuchen kann ich das, und auf jeden Fall ist's
besser, als wenn ich sagte, Ihr schicktet mich deshalb. Good bye, Gentlemen,
Good bye, die Zeit vergeht, und bei Gott, wir bekommen auch einen chten
Mississippi-Nebel. Nun wahrhaftig, wenn das nur nicht rger wird, und ich habe
noch dazu neulich meinen Compa verloren. Da geh' ich lieber zum Richter und
borge mir da einen, der fhrt ihn so immer in der Tasche. - Der Henker mag das
Rudern holen, wenn man nicht wei, wo Nord und Sd ist.
    Und soll ich jetzt mit zum Hause gehen? frug Tom, als O'Toole des Richters
Wohnung zuschritt, ich htte gern Gewiheit ber ihr Schicksal, denn zu lange
darf ich mein Boot nicht verlassen.
    Nein, jetzt noch nicht, sagte Smart - bleibt meiner Frau lieber noch ein
bischen unter den Augen weg. Sie ist herzensgut, will aber immer gern ihren
eigenen Willen haben, und so lange mir der nicht geradezu in die Quere luft,
la ich ihr auch die Freude. Ihr habt brigens keine Eile, das Flatboot erreicht
heute Victoria nicht, ja liegt vielleicht jetzt schon irgendwo an einer Sykomore
festgebunden, denn bei dem Nebel, der gerade den Flu heraufkommt, also weiter
unten schon rger ist als hier, drfte der beste Lootse nicht wagen, mit einem
Flatboot unterwegs zu sein. Er wrde auf irgend eine Sandbank laufen und das
Steigen des Wassers abwarten mssen, oder gar, was noch viel schlimmer wre, auf
irgend einen Snag rennen, und dann snk' er so tief, da ihm nicht einmal das
Steigen etwas Weiteres hlfe. Also geduldet Euch - die Nacht bleibt Ihr bei mir,
und morgen frh wollen wir schon sehen, wie es weiter wird.
    Tom Barnwell, der wohl einsah, da er dem Rathe des gutmthigen Yankee
folgen msse, schlenderte langsam am Ufer hin, um zu sehen, ob er nicht auf
einem der anderen Flatboote vielleicht einen Bekannten finde. Das war jedoch
nicht der Fall, und er wollte eben in die Stadt zurckgehen, als er
Pferdegetrappel hinter sich hrte. Gleich darauf sah er zwei Damen die Strae
herabsprengen, die, aus dem Innern des Landes kommend, den Flu gleich oberhalb
Helena berhrte und dicht an dessen Ufer etwa hundert Schritt hinfhrte, ehe sie
wieder, nach Squire Dayton's Wohnung zu, rechts abzweigte.
    Tom blieb einen Augenblick stehen, um sie an sich vorber zu lassen, und sah
zu ihnen empor; die Sonnenbonnets aber, die beide trugen, verhinderten ihn, ihre
Zge genau zu erkennen. Nur einmal, als die Jngste ihre klaren Augen einen
Moment fest auf ihn heftete, war es ihm fast, als ob er das Gesicht schon einmal
gesehen habe, doch wurde ihm der Anblick zu schnell wieder entzogen, als da er
zu irgend einer Gewiheit darber htte kommen knnen. Ueberdies gingen ihm
jetzt viel andere, ernstere Dinge im Kopfe herum, und er schritt schweigend, der
unbekannten Reiterin nicht mehr gedenkend, in die Stadt.

                                      21.

                                        

 Tom Barnwell findet eine Freundin Marie's. - Seine Unterredung mit dem Squire.


Jene beiden Damen, welche der junge Bootsmann am Ufer des Flusses gesehen, waren
Adele und Mrs. Dayton gewesen, die von Lively's zurckkehrten und nun in kurzem
Galopp vor ihr Haus sprengten. Ihr Mulattenknabe empfing sie schon an der Thr
und nahm ihnen rasch die Pferde ab, whrend Mrs. Dayton zuerst nach ihrem Gatten
frug.
    Squire Dayton ist diesen Nachmittag fortgeritten, lautete des Knaben
Antwort, - Mr. O'Toole hat ebenfalls nach ihm gefragt. Er mu aber schon wieder
in Helena sein, denn vorhin brachte ein Matrose von dem Dampfschiff, was unten
an der Landung liegt, sein Pferd, und sagte, Master wrde bald nach Hause
kommen.
    Die Frauen stiegen schweigend die Treppe hinauf, und Adele legte nur ihr
Bonnet ab, warf sich die langen vollen Locken aus der Stirn und ffnete das
Clavier. Langsam glitten ihre Finger zuerst ber die Tasten hin; in leisen, kaum
hrbaren Accorden deutete sie mit leichtem Griff einzelne Melodien an. Immer
fester aber wurde die wehmthig ernste Weise, in die sie hineingerathen schien,
immer weicher verschmolzen die sanften Tne in einander, und erst da, als sie
pltzlich schroff in einen Dur-Accord berging und nun in rauschenden, wilden
Harmonien die frhere Schwche zu bannen, wenigstens zu betuben suchte,
glnzten und blitzten ihre holden Augen wieder in dem alten gewohnten Feuer, und
die kleinen zarten Finger berhrten die Tasten mit so festem, sicherem Anschlag,
da dieser auch wieder in seiner Rckwirkung der Seele der Spielenden Festigkeit
und Sicherheit zu geben schien.
    Mrs. Dayton hatte indessen, von Nancy dabei untersttzt, ihre Reitkleider
abgelegt, sa in ihren weichgepolsterten Stuhl zurckgelehnt, das reizende, aber
etwas bleiche Antlitz in die Hand gesttzt, sinnend da, und heftete nur manchmal
das Auge fest und prfend auf das halb von ihr abgewandte Kpfchen der jngeren
Freundin.
    Was fehlt Dir, Adele? frug sie endlich leise, whrend ein kaum merkliches
Lcheln um ihre Lippen spielte, - weshalb bist Du so verdrielich?
    Wer? Ich? Verdrielich? Was mir fehlt? Ein paar wunderliche Fragen, Hedwig,
- es ist mir nie wohler und ich bin nie munterer gewesen, als eben jetzt - was
soll mir fehlen? Ach Du meinst, weil ich das alberne days of absence einmal
durchspielte? Hahaha, es kam mir nur gerade so unter die Finger. - Nein, tanzen
mcht' ich jetzt - tanzen, bis ich - bis ich mich einmal recht satt getanzt
htte. Apropos, Hedwig, - der junge Mann, der gerade da, wo die ersten Flatboote
lagen, am Ufer stand, kam mir recht bekannt vor; ich bemerkte ihn nur eben erst,
als wir vorbeisprengten, aus Helena ist er aber nicht. - Ich mu das Gesicht
schon frher einmal gesehen haben, wenn auch in anderer Tracht und anderer
Umgebung.
    Mir war er fremd! sagte Mrs. Dayton, - seiner Kleidung nach schien er zu
einem der Boote zu gehren. Doch wo nur Dayton wieder bleiben mag; ach, wenn er
doch das, was er vor kurzer Zeit zum ersten Mal erwhnte, wahr machen und von
hier fortziehen wollte - ich wei nicht - Arkansas will mir gar nicht mehr
gefallen. Dieses rde Leben und Treiben verletzt mich - die Leute sind, mit
wenigen Ausnahmen, so roh und theilnahmlos, und Dayton sieht sich so von allen
Seiten in Anspruch genommen, da er sein Leben ja gar nicht mehr genieen kann.
Wie er mir sagte, will er nach New-York ziehen.
    Ich gehe mit Euch, sagte Adele, indem sie rasch vom Clavier aufstand, an's
Fenster trat und mit den kleinen Fingern der rechten Hand langsam die Scheiben
trommelte, - mir gefllt's ebenfalls nicht mehr hier, - ich will auch fort -
ich glaube - dies Arkansas ist ein recht ungesundes Land - es wundert mich, da
Ihr es so lange hier ausgehalten habt.
    Allerdings ist das Klima hier in Helena gerade nicht besonders, erwiderte
mit leichtem Lcheln Mrs. Dayton, aber etwas weiter im Lande drin - in und auf
den Hgeln - soll die Luft doch -
    Sieh, dort kommt der Fremde, - unterbrach sie schnell Adele, er scheint
sich die Stadt ein bischen besehen zu wollen. Jetzt bin ich neugierig, wer das
sein - Tom Barnwell bei Allem, was da lebt - Tom Barnwell von Indiana. Den
glaubte ich eher in Afrika oder Europa.
    Aber wer ist Tom Barnwell?
    Ein frherer guter Bekannter unserer Familie und ein damaliger, wie es
hie, sehr starker Anbeter von Marie Morris, der jetzigen Mrs. Hawes. Jene Liebe
soll auch die Ursache gewesen sein, da er zur See ging; er ist aber rasch
wieder zurckgekehrt.
    Er kommt gerade auf das Haus zu.
    Ei - ich rufe ihn an, - sagte Adele pltzlich, - Tom war stets ein
wackerer Bursche und berall beliebt. Marie verstand ihn nur damals nicht, so
wenigstens glaube ich, und als er sah, da sie den andern Bewerber vorzog,
rumte er freiwillig das Feld und verlie die Staaten. Ob er wohl wei, da sie
so ganz hier in der Nhe ist? - Aber er geht wahrhaftig vorber, ohne herauf zu
sehen. - Der mu in tiefen Gedanken sein, unser Haus fiele ihm doch sonst gewi
vor allen brigen auf. Hre, Nancy - geh einmal rasch hinunter und sage dem
jungen Mann dort - siehst Du den, der da gerade um die Ecke biegen will - eine
alte Bekannte liee ihn bitten, einen Augenblick hierher zu kommen - sie
wnschte ihn zu sprechen.
    Die Mulattin folgte rasch dem Befehl, und Tom war nicht wenig erstaunt, auf
solche Art und in einer ihm wildfremden Stadt angeredet zu werden, gehorchte
aber ohne Weiteres der Einladung und stand bald darauf vor Adelen die ihm
freundlich grend die Hand entgegenstreckte.
    Willkommen in Arkansas, Mr. Barnwell, es ist hbsch von Ihnen, da Sie des
alten Onkel Sam's Territorien nicht ganz vergessen haben. - Mr. Barnwell, von
Indiana, Mrs. Dayton, von Georgia.
    Mi Dunmore! rief Tom erstaunt und erfate wie mechanisch die ihm gebotene
Rechte - Mi Dunmore - trum' ich denn oder wach' ich? - Sie hier in Helena? -
und wissen Sie denn? - Nein, nein, wie knnten Sie es denn wissen - Marie -
    Um Gottes willen! sagte Adele erschreckt, - was fehlt Ihnen, Sir, erst
jetzt seh' ich - Sie sind leichenbla - Sie haben Marie gesehen?
    Ja, - sthnte der junge Mann und barg fr einen Augenblick das Antlitz in
den Hnden, dann aber, sich rasch wieder sammelnd, sagte er leise: Sie ist
hier!
    Ja, ich wei es, erwiderte Adele mitleidig, - wenn auch nicht hier, so
doch nicht weit entfernt, in Sinkville.
    In Sinkville? Nein - hier - hier - in der Stadt.
    Wer? - Marie? rief Adele - und ihr Mann?
    Oh, Mi Dunmore! bat Tom, ohne die letzte Frage zu beantworten, ja ohne
sie vielleicht zu hren - Sie waren stets Marien eine treue, liebende Freundin
- verlassen Sie jetzt nicht die Unglckliche in ihrer grten, frchterlichsten
Noth -
    Um aller Lebendigen willen, was ist geschehen? rief Adele und erfate
krampfhaft den Arm des Unglcksboten. Dieser aber erzhlte der athemlos
Zuhrenden die Erlebnisse des gestrigen Abends, und wie und wo er das arme Wesen
getroffen, theilte ihr seine Befrchtungen mit und bat sie nochmals, sich der
Schutzlosen hier in der fremden Stadt anzunehmen.
    Mrs. Dayton, die theilnehmend dem Bericht zugehrt hatte, fiel hier, als sie
das trostlose Entsetzen in Adelens Angesicht bemerkte, dem jungen Mann in die
Rede und versicherte ihm, die Freundin ihrer Adele solle in ihrem eigenen Hause
ein Asyl finden.
    Das Mdchen fate dankend ihre Hand.
    Wie aber theilen wir Hawes die Schreckensbotschaft mit? rief sie
ngstlich, und wie kommt Marie gestern Abend auf den Flu, da er sie doch erst
gegen Morgen auf seiner Plantage verlassen haben kann?
    Wer - Hawes? frug Tom erstaunt - Eduard Hawes? Der mu mit auf dem Boote
gewesen sein. Mariens Phantasien kehren immer wieder zu ihrem Gatten zurck, den
sie wie ihre Eltern todt sagt.
    Was ist das? rief Adele entsetzt - sie wahnsinnig - ihre Eltern todt -
und Hawes hier - gesund und wohl? Groer Gott, wie kann das zusammenhngen -
waren wenige Stunden im Stande, solch' frchterliche Vernderungen
hervorzubringen - oder - ich wei nicht, mir schwindelt selbst der Kopf, wenn
ich nur so Entsetzliches denken soll, es kann ja wahrhaftig nicht sein.
    Fasse Dich, liebes Kind, beruhigte sie Mrs. Dayton - gewi herrscht hier
noch irgendwo ein Miverstndni vor. Marie Hawes, die Mr. Hawes erst gestern
Morgen auf seiner Plantage verlassen hat -
    Liegt jetzt krank, halb wahnsinnig in Mr. Smart's Hotel in Helena,
unterbrach sie Tom erschttert - wollte Gott, ich htte mich wirklich geirrt -
doch das Alles ist nur zu wahr - zu frchterlich wahr.
    Ich mu hin - ich mu sie sehen, rief Adele - komm, Hedwig - nicht wahr,
Du begleitest mich?
    Gewi, Adele; es wre mir sogar lieb, wenn uns auch Georg dort aufsuchen
wollte. - Er ist Arzt wie Friedensrichter, und ich frchte fast, das arme Wesen
wird die Hlfe des Einen wie des Andern gebrauchen.
    Oh, so la uns eilen, bat Adele - jeder Augenblick Verzgerung knnte der
Tod der Unglcklichen sein - komm, Hedwig, komm.
    Rasch setzte sie das erst abgelegte Bonnet wieder auf, half Mrs. Dayton ein
Tuch umhngen und schritt hastig voran zur Thr; Hedwig aber blieb hier noch
einmal stehen und hinterlie bei Nancy, die ihnen ffnete: Mr. Dayton, sobald er
nach Hause kommen sollte, zu sagen, sie seien in das Union-Hotel gegangen, eine
Kranke zu besuchen, und lieen ihn bitten, doch auf jeden Fall dort, sobald ihm
das nur irgend mglich wre, vorzusprechen.
    Unten im Hotel trafen sie weiter Niemanden, als den Neger, der ihnen auf
ihre Frage mittheilte, Mrs. Smart sei oben bei der kranken jungen Frau, Mr.
Smart aber abwesend, und ihm selber wre befohlen worden, keine menschliche
Seele, die hinauf wollte, passiren zu lassen, den Doctor ausgenommen.
    Schon gut, Scipio, schon gut, sagte Adele und drckte ihm aus ihrer
kleinen Brse einen halben Dollar in die rauhe schwielige Hand - wir mssen die
junge Dame sprechen, hrst Du?
    Ja, Missus, wenn Sie mssen, da ist's 'was Anderes, lachte der Neger mit
breitem Grinsen - meine Missus hat mir nur ausdrcklich gesagt, alle Die
abzuweisen, die hinauf wollten - selbst Massa; - aber wenn Sie mssen, und er
machte eine etwas ungeschickte Verbeugung, whrend die Damen an ihm vorber die
Treppe hinaufstiegen. Nur erst als Tom ihnen folgen wollte, fate er dessen Arm
und erklrte, er wrde ihn unter keiner Bedingung hinauf lassen. Tom aber,
darauf wohl vorbereitet, flsterte ihm, mit einem hnlichen Geschenk, rasch zu -
es ist meine Schwester, Bursche, und ich mu ebenfalls hinauf, wonach er auch
schon dadurch allen Bedenklichkeiten des Aethiopiers ein Ende machte, da er
diesen ohne Weiteres mit riesenstarker Faust zur Seite schob und den Damen in
raschen Stzen treppauf folgte. Scipio aber steckte die beiden halben
Dollarstcke in die Tasche und murmelte, whrend er sich mit breitem, innig
vergngtem Lachen abwandte:
    Es war doch ein Glck, da Missus den Posten hierher gestellt hat - htte
sonst das grte Unglck passiren knnen.
    Im nchsten Augenbick standen die beiden Damen mit Tom an der Thr der
Kranken, und auf ihr leises Klopfen ffnete Mrs. Smart dieselbe, das heit nur
so weit, als nthig war, die Auenstehenden zu erkennen, wobei sie schon mit
scharfer Zunge, aber sehr gedmpfter Stimme eine grimmige Zornrede von innen
heraus begann. Kaum erkannte sie jedoch Mrs. Dayton und die muntere Mi Adele
Dunmore, ihren Liebling, als sich ihr eben noch so finsteres Angesicht auch
aufklrte und sie zurcktretend die Frauen und ihren auf dem Fue folgenden
Begleiter eintreten lie, Stillschweigen brigens durch alle nur mglichen
Zeichen und Geberden als etwas unumgnglich Nthiges anempfahl und zur Pflicht
machte.
    Marie schlief, und noch immer trug sie das weie, dornzerrissene Oberkleid.
Die langen Locken hingen ihr wirr und unordentlich um die fast leichenbleichen
Schlfen, die rechte Hand hielt sie fest auf das Herz gepret, und die linke
sttzte die blutleere Wange, gegen welche die langen dunklen geschlossenen
Wimpern nur noch mehr abstachen und ihre Blsse hervorhoben. Ihre Brust hob sich
ngstlich und die Lippen bewegten sich leise - ihr zerrtteter Geist lie ihr
selbst im Schlafe keine Ruhe.
    Adele blickte starr und entsetzt auf die Freundin hinber, und die groen
hellen Thrnen liefen ihr an den Wangen herab. -
    Marie, o Du arme, unglckliche Marie! sthnte sie.
    Leise, fast unhrbar waren diese Worte gelispelt worden, dennoch hatten sie
das Ohr der Schlummernden erreicht. - Sie ffnete die groen blauen Augen, und
ihre Blicke hafteten im ersten Moment erstaunt auf ihrer Umgebung. Dann richtete
sie sich halb auf dem Lager empor, strich sich das wirre Haar aus der Stirn und
streckte Adelen lchelnd die Hand entgegen. Sie schien gar nichts
Auerordentliches darin zu finden, die Freundin, die sie doch weit von da
entfernt glauben mute, so pltzlich hier zu sehen.
    Marie! rief aber diese und warf sich schluchzend ber sie - Marie - armes
- armes unglckliches Kind - wo bist Du gewesen, was ist Dir widerfahren?
    Das ist schn von Dir, da Du mich zu besuchen kommst, sagte die Frau,
schob ihr leise mit beiden Hnden die Locken zurck und kte ihre Stirn - auch
Tom Barnwell ist da - armer Tom - und sie bot ihm mit mitleidigem Blick die
eine kleine Hand, die er schweigend nahm und leise drckte.
    Marie - willst Du mir eine Frage beantworten? flsterte endlich Adele und
suchte sich soviel als mglich zu sammeln, willst Du mir ber Einiges, was uns
Beide angeht, Auskunft geben?
    Ei ja wohl - recht gern - lchelte die Kranke - gewi will ich das, warum
nicht? - Sie war ganz ruhig und gefat, nur der unstete, umherschweifende Blick
verkndete noch die wilde Richtung, die ihr Geist genommen.
    Gut - sagte Adele und hielt gewaltsam die Thrnen zurck, die ihr
fortwhrend die Stimme zu ersticken drohten - wann - wann hast Du Sinkville
verlassen?
    Sinkville? wiederholte Marie erstaunt - Sinkville? Den Namen habe ich nie
gehrt - in Indiana liegt doch kein Sinkville?
    Ich meine Deine Plantage drben in Mississippi.
    Plantage? In Mississippi? sagte Marie noch eben so verwundert und halb
lchelnd - Du trumst wohl, nrrisches Kind - wie sollte ich denn zu einer
Plantage in Mississippi kommen? - Ich kenne den Staat gar nicht, und habe ihn
nie betreten.
    Hat sich denn nicht Eduard bei Sinkville angekauft? frug Adele verwundert.
    Marie war bis jetzt vollkommen ruhig gewesen, und augenscheinlich mute sie
die letzten frchterlichen Vorgnge ganz vergessen haben. Der fremde Ort, an dem
sie sich befand, die Personen, von denen keine eine Erinnerung an das Geschehene
zurckrief - die Erwhnung fremder, ihr unbekannter Namen lenkte sie mehr und
mehr von den Erlebnissen jener Nacht ab, oder mochte ihr diese wenigstens, wenn
sie in dsteren Bildern dennoch wieder vor ihrer Seele aufsteigen wollten, wie
irgend einen wilden, frchterlichen Traum erscheinen lassen.
    Eduard's Name aber, ihr so pltzlich entgegengerufen, war das Zauberwort,
das diesen glcklichen Schleier zerri. Krampfhaft fuhr sie empor - die Hnde
prete sie gegen die Stirn, und die stieren Blicke heftete sie wild auf die
zurckbebende Freundin. Dann aber sprang sie rasch von ihrem Lager auf und rief,
whrend sie mit ausgestrecktem Finger, dem ihr Blick in glanzloser Leere folgte
nach dem Fenster deutete:
    Dort - dort steigt er hinauf! - Seine Locken sind na - aber sein helles
Lachen schallt ber das Verdeck. Eduard! - Heiland der Welt - Eduard, schtze
Dein Weib! - Hahaha, Kinder - das ging vortrefflich - ber Bord mit dem Aas -
gebt ihnen nur die Steine mit - Eduard - schtze Dein Weib - Eduard! -
hahahahaha! und mit krampfhaftem Lachen sank sie bewutlos auf ihr Bett zurck.
    Die Frauen hatten ihr schaudernd zugehrt, und selbst Tom's Herz erbebte,
als er den markdurchschneidenden Schmerzensschrei der einst - ach der noch
Geliebten hrte. Mrs. Smart war die Erste, die sich wenigstens so weit sammelte,
dem armen Kinde alle nur mgliche uerliche Hlfe zu leisten. Marie kam bald
wieder zu sich, und die wilde Angst, die sie bis dahin erfat, schien jetzt
einem sanfteren Schmerze Raum geben zu wollen. - Sie weinte sich an Adelens
Brust recht herzlich aus und horchte wenigstens ruhig den Trostworten der
Freunde. Alles aber, was diese versuchten, Aufklrung ber das entsetzliche
Geheimni von ihr zu bekommen, blieb fruchtlos, denn was sie darber uerte,
verwirrte, da es mit Eduard Hawes' Worten so gar nicht zusammen stimmte, nur
immer noch mehr.
    Dieser mute nun vor allen Dingen von seines Weibes Zustand benachrichtigt
werden, und Adele beschlo, ihn brieflich in ihre eigene Wohnung zu bestellen,
um ihn dort erst auf das Grliche vorzubereiten. Ein Bote sollte zu diesem
Zweck augenblicklich nach Lively's Farm hinausgesandt werden, und whrend Adele
die kurze Note schrieb, berieth sich Mrs. Dayton mit Mrs. Smart, wie und auf
welche Weise Marie am besten in ihre eigene Wohnung geschafft werden knne.
    Das wollte nun die gute Frau im Anfang allerdings gar nicht zugeben. Da sie
aber doch wohl einsehen mute, die Unglckliche wrde sich, von der Freundin
gewartet und gepflegt, viel schneller erholen, als das bei ihr mglich sei, so
gab sie endlich nach, ja erbot sich sogar, die Kranke in ihrem eigenen Cabriolet
hinber zu schicken, damit sie nicht die Aufmerksamkeit des stets migen und
gaffenden Volkes zu sehr errege.
    Der Bote, der nach Lively's Farm hinausritt, sollte zu gleicher Zeit vor
Dayton's Haus halten und Nancy davon benachrichtigen, das kleine Zimmer im
oberen Stock herzurichten, damit sie, wenn sie dort ankmen, Alles bereit
fnden. Scipio, der zu diesem Dienst erwhlt war, hatte denn auch eben Squire
Dayton's Wohnung verlassen und den breiten, nach Lively's Farm hinausfhrenden
Reitpfad eingeschlagen, als der Squire selbst zurckkehrte und von Nancy die
hinterlassene Botschaft seiner Frau empfing.
    Eine kranke Freundin? Woher? frug er diese erstaunt.
    Missus sagte nichts davon, erwiderte das junge Mdchen, aber Sip, der
eben hier war und einen Brief nach Lively's Farm hinausbringen soll, meinte, es
wre die Schwester eines Bootsmanns, der sie mit dem Dampfschiff von New-Orleans
gebracht htte.
    Squire Dayton ging, ohne hierauf etwas weiter zu erwidern, in sein Zimmer
hinauf, schlo in den dort stehenden Secretr ein ziemlich groes Paket Papiere,
zog den Schlssel wieder ab und schritt dann in tiefem Nachdenken und
augenscheinlicher Unruhe rasch dem Union-Hotel zu.
    Marie hatte sich indessen beinahe vollstndig von ihrer ersten Aufregung
erholt. Adele war nmlich eifrig bemht gewesen, ihr das Ganze, was jetzt ihre
Seele ngstige und qule, als einen frchterlichen Traum zu schildern, der aber
auch weiter nichts als eben ein Traum sei, denn ihr Eduard lebe, sei gesund und
werde sie noch heut Abend in seine Arme schlieen. Das aber, was sie da immer
von hohen Palmen, einer wunderschnen stolzen Frau und wilden Gestalten
phantasire, die ihr Leben bedrohten, sei auch eben nur eine Phantasie, der sie
sich nicht so macht- und willenlos hingeben, sondern die sie bekmpfen msse.
    Da wurden Schritte auf der Treppe gehrt, und gleich darauf frug, dicht vor
ihrer Thr, Squire Dayton's Stimme, in welchem Zimmer sich die Kranke befinde.
Kaum aber hatte Marie diese Tne gehrt, als sie, ein Bild starren Entsetzens,
von ihrem Lager emporfuhr.
    Um Gottes willen, was ist Dir wieder, Marie? frug Adele erschreckt.
    Hier? gleich in dieser Thr? sagte noch einmal der Squire drauen, als ihm
dieselbe wahrscheinlich von unten herauf bezeichnet worden war.
    Heiland der Welt - das ist er! schrie Marie entsetzt - das ist der
Frchterliche - schtzt mich vor ihm - er will mich wieder haben.
    Marie - beruhige Dich doch nur, - bat sie Adele, das ist ja Squire
Dayton, hier dieser Dame Gatte - ein braver, wackerer Mann, der Dich vor jedem
Schaden bewahren wird.
    In diesem Augenblicke ffnete sich die Thr und der Squire trat ein. Marie
heftete dabei fest und prfend den Blick auf ihn und schien mit peinlich
ngstlicher Spannung in seinem Innern zu lesen; als aber dieser, nach einigen
flchtig mit seiner Frau gewechselten Worten, auf sie zuging, ihre Hand erfate
und sie mit seiner gewinnenden Stimme, und zwar jetzt mit den sanftesten Tnen
derselben, begrte, lie die Furcht in ihrem ganzen Wesen nach - sie sank auf
ihr Lager zurck und wurde ruhig. Nur noch manchmal, wenn sie die Augen schlo
und dann nur den Laut seiner Worte vernahm, fuhr sie wieder empor und sah sich
scheu im Zimmer um, als ob sie sich berzeugen wolle, wo sie denn eigentlich,
und was ihre Umgebung sei.
    Der Wagen fuhr indessen vor und die Frauen geleiteten Marie die Treppe
hinab. Tom aber, der mit dem Squire noch zurckblieb, erzhlte diesem jetzt
umstndlich, was es eigentlich fr eine Bewandtni mit dem armen Mdchen habe,
wie er sie gefunden und wie sein Verdacht durch alles Gehrte immer mehr
verstrkt wrde, hier irgend eine planmige Bberei zu vermuthen, wenn es auch
jetzt noch nicht mglich sei, sie zu ergrnden. Mr. Hawes' Gegenwart msse
indessen viel dazu beitragen, Licht auf die Sache zu werfen.
    Und Sie glauben, da Sie die Unglckliche an einer Insel gefunden haben?
frug ihn der Squire, der bis jetzt der Erzhlung des jungen Mannes mit dem
gespanntesten Interesse gefolgt war.
    Glauben? sagte dieser - das wei ich gewi - es ist die zweite von hier
stromab und mu nach jenes Irlnders Bericht Nr. Einundsechzig sein.
    Wessen Irlnders - jenes, der im Union-Hotel aus und ein geht?
    Das wei ich nicht, doch sprach ich ihn allerdings mit Mr. Smart am Ufer,
und er ist jetzt stromab, um jene Insel zu untersuchen.
    Wer? der Ire? frug der Squire schnell.
    Nun ja, er will berhaupt allerlei Verdchtiges in letzter Zeit bemerkt
haben, und behauptete sogar, es msse dort irgend eine Art von Spielhlle
existiren, die das bse nichtsnutzige Gesindel so in Helenas Nhe halte. Er war
seiner Sache ziemlich gewi und ist jetzt den Strom hinunter, um sich vollkommen
davon zu berzeugen. Ich selbst mchte nur noch abwarten, wie die Vernderung
auf den Zustand jener unglcklichen Frau einwirkt, und dann nehme ich meine
Jolle und fahre so rasch als mglich nach Victoria, unser Flatboot zu berholen.
Unterwegs will ich brigens selbst dort landen, wo ich die Arme gefunden, und
einem alten Jger, wie ich bin, wird es nicht schwer werden, zu entdecken, was
jener Ort verbirgt.
    Sie fahren allein? frug der Squire.
    Leider, ich mu Steuermann und Bootsknecht spielen, doch das kann nichts
helfen, wenn sich nur der verwnschte Nebel ein klein wenig aufklren wollte.
    Ja, ja, sagte Dayton, wie es jetzt ist, wrde es Ihnen auch unmglich
werden, stromab zu gehen; sobald Sie die Ruder eingelegt haben, wissen Sie nicht
mehr wohin. Ich rathe Ihnen auf jeden Fall, erst den Nebel abzuwarten,
vielleicht finden Sie bis dahin auch eine Begleitung. Es sind fast stets Leute
hier, die nach Victoria hinber wollen.
    Nun, statt mancher Begleitung fhr' ich lieber allein, meinte Tom. Wenn
mich brigens Jemand, um seine Passage zu verdienen, hinabrudern wollte, htt'
ich nichts dagegen. Das wird brigens Keiner thun, und ich habe auch keine Zeit,
darauf zu warten. Kann ich in dem Nebel nicht rudern, ei nun, so la ich das
Boot eben treiben, und die Strmung mu es ja dann mit hinab nehmen; jeder Snag,
an dem ich vorbeikomme, sagt mir die Richtung der Fluth, und berdies kann ich
mich ja auch im Anfange noch ein wenig in der Nhe des Ufers halten. Doch ich
mu einmal nach meinem Boote sehen - es ist nicht angeschlossen, und ich traue
den Burschen hier nicht besonders viel Gutes zu.
    So erwarten Sie mich wenigstens, ehe Sie abfahren, an Ihrem Boote, sagte
der Richter; ich will Ihnen ein paar Zeilen an den Friedensrichter in Sinkville
mitgeben, damit Sie, im Fall Sie wirklich etwas Verdchtiges entdeckten, dort
gleich Untersttzung fnden. Die junge Dame soll inde gut aufgehoben sein.
    Ich frchte das Schlimmste fr die Unglckliche, seufzte Tom und schritt
langsam dem Fluufer zu, whrend der Richter stehen blieb und ihm lange und
sinnend nachschaute.
    Noch stand er so, als ein kleiner weier Knabe auf ihn zutrat und ihm ein
locker und unordentlich zusammengefaltetes, aber mit vielen Siegeln fest
verklebtes Briefchen gab, das er las und zu sich steckte. Dann ging er langsam
Mainstreet hinab und verschwand in der nchsten, rechts abfhrenden Strae.

                                      22.

                                        

                              Zum grauen Bren.


Dicht an Helena, und zwar die nrdlichste Grenze der Stadt bildend, ja
eigentlich fast wie ein verlorener Posten, schon ber das Weichbild derselben
hinausgerckt, stand ein einsames Huschen ganz dicht am Ufer, im Norden und
Westen hoch von Bumen, im Osten vom Mississippi, im Sden aber, und zwar nach
der Stadt zu, von dichtem, niederem Buschwerk eingeschlossen, das einer
vorjhrigen, unbenutzten Rodung entwuchert war. Frontstreet fhrte brigens bis
hier heraus, wenigstens verkndete das ein neben der ausgehauenen Strae an
eine starke Eiche genageltes kleines Brett, und der ganze umliegende Platz war
auch in einzelne Lots oder Baupltze abgetheilt, von Speculanten aber
angekauft und liegen geblieben, da sich die meisten Ansiedler lieber dem wacker
gedeihenden Stdtchen Napoleon, an der Mndung des Arkansas, anschlossen. Dieses
erhielt nmlich durch den Arkansas eine ununterbrochene Verbindung mit dem
ganzen ungeheuren Westen der Vereinigten Staaten, whrend Helena gerade im
Westen fast gnzlich durch jene ungeheuren Smpfe von den auch nur sparsam dort
zerstreuten Ansiedelungen abgeschlossen war. Nur durch jene niedere Hgelreihe
konnte es mit Little Rock und Batesville eine Verbindung unterhalten, die noch
berdies nach der ersteren Stadt das ganze Jahr hindurch leichter auf
Dampfbooten bewerkstelligt wurde. Selbst nach Batesville liefen kleine Dampfer
schon bei nur migem Wasserstande.
    Der Besitzer jener dicht am Ufer gelegenen Lots schien auch geglaubt zu
haben, seine Rechnung in der Bebauung des Platzes selbst zu finden, denn er
errichtete dort ein ziemlich gerumiges Huschen, lichtete den Wald um dieses
herum und begann sogar ein in der Nhe gelegenes und ihm gehriges Feld zu
bebauen. Bald aber, wie es bei den westlichen Pionieren und Backwoodsmen
gewhnlich geschieht, fing ihm der Ort an zu mifallen; Helena hatte sich nicht
so rasch, wie er es erwartet, vergrert, und er verkaufte, kaum zum Betrag der
darauf verwendeten Arbeitskosten, sein kleines Besitzthum an einen frheren
Bootsmann. Dieser lie sich dort nieder, erhielt vom Richter die Erlaubni,
spirituse Getrnke - nur nicht an Indianer, Neger und Soldaten, nach dem
amerikanischen Gesetze - zu verkaufen, und mute auch wohl ganz gute Geschfte
machen, denn er legte bald darauf noch ein Flatboot dicht an sein Haus an, das
bei hohem Wasser mit diesem fast parallel stand, im Frhjahr aber tief unten auf
dem Strome an langen Tauen befestigt lag, whrend eine in die Ufererde
gestochene Treppe die Verbindung zwischen Land und Wasser unterhielt.
    Allerdings wollte man in der Stadt ziemlich bestimmt wissen, es werde,
besonders auf jenem Flatboote, Nachts, und zwar um bedeutende Summen, gespielt.
Der Richter hatte aber schon mehrere Male mit dem Constabler selbst, und zwar
ganz unerwartet, Nachsuchung gehalten, ohne auch nur das mindeste Verdchtige zu
bemerken, und da das Haus ziemlich getrennt von der Stadt lag und man das
nchtliche Singen und Zechen dort nicht hren konnte, so bekmmerte sich bald
Niemand mehr darum. Der Wirth, der seine Bedrfnisse ebenfalls nur von Flat-
oder Dampfbooten bezog, kam berdies selten oder nie nach Helena hinein, so da
ihn viele Bewohner desselben nicht einmal von Ansehen kannten.
    Der Nachmittag war jetzt ziemlich weit vorgerckt, trbe und dster lag er
aber auf der niedern Sumpfstrecke, die sich fast nach allen Himmelsgegenden hin
in weiter, ununterbrochener, trostloser Flche ausdehnte. Der Nebel, der bis
dahin in einzelnen noch zerrissenen Wolken bald hier bald da hinberdrngte, und
dann und wann kleine Strecken des Flusses, ja manchmal sogar, bei einem etwas
strkeren Luftzug, das gegenberliegende Ufer sichtbar werden lie, hatte sich
jetzt zu einer festen Masse verdichtet und lagerte ruhig auf der unheimlich
unter ihm dahinschieenden Fluth. Selbst der leise, noch nicht ganz erstorbene
Wind vermochte nicht mehr auf ihn einzuwirken, und konnte nur dann und wann
einen wehenden Streifen von ihm losreien und ber das feste Land hinauspressen.
Dieser durchzog es dann in weien durchsichtigen Wolken, um spter, mit den
Schwaden der Niederung vermischt, nur neue Krfte in seinen rthlich ungesunden
Dnsten zu sammeln und in das nebelgefllte Strombett zurckzufhren.
    Die Sonne selbst vermochte nicht durch die in ihrem Lichte trotzenden Massen
zu dringen, und ihre blutrote Scheibe stand strahlenlos und dster am Firmament.
- Die ganze Mittagszeit hindurch hatte sie den Titanenkampf gegen die ineinander
gepreten Schwaden gekmpft, doch vergebens, und jetzt schien es fast, als ob
sie voll zornigen Unwillens das unerfreuliche Ringen aufgebe, und ernst und
mrrisch in ihr waldumschlossenes Lager niedersteige. Brach sich dann die
Abendluft nicht Bahn, und zerstreute diese nicht mit starkem Hauch den stmmigen
Feind, dann konnte die Nacht wohl schwerlich seine Massen bewltigen. Feuchter
Nachtthau und der Athem der schlummernden Erde nhrten ihn mehr und mehr, so da
er sich noch nach allen Seiten ausbreitete und zuletzt sogar den Wald, was ihm
am Tage nicht mglich gewesen, bis zum Rand mit milchweiem Schaum erfllte.
    Das dicht am Ufer stehende kleine Haus befand sich ebenfalls im Bereich
dieser Schwaden, oder doch wenigstens so dicht an der Grenze derselben, da bei
jedem nur leise herberwehenden Luftzug der ganze Drang des Nebels sich ber
dasselbe hinwlzte und es frmlich umhllte. Wenig schien das aber die darin
versammelte lustige Schaar von Bootsleuten zu kmmern, deren Lrmen und Jauchzen
nur einmal, und selbst da nur auf Secunden, unterbrochen werden konnte, als ein
augenscheinlich nicht zu ihnen gehrender, sehr modern und selbst elegant
gekleideter Mann eintrat, und rasch, ohne links oder rechts zu sehen, den
menschengedrngten Raum durchschritt, und gleich darauf in einer zu dem hinteren
Theil des Gebudes fhrenden Thr verschwand.
    Als er das auf den Strom hinaussehende niedere Gemach betrat, wollte sich
eine andere Person, wie es schien, leise und unbemerkt zur gegenberliegenden
Thr hinausstehlen, des Fremden scharfes Auge vereitelte aber den Versuch.
    Waterford! rief er ernst - bleibt hier! - ich will jetzt nicht
untersuchen, weshalb Ihr Euren Posten verlassen habt - ich bedarf Eurer - spter
werdet Ihr vielleicht darber Rechenschaft zu geben wissen. Ist Toby
eingetroffen?
    Nein, Capitain Kelly! lautete die demthig gegebene Antwort des sonst wild
und trotzig genug aussehenden Burschen, der mit dem einen funkelnden Auge - das
andere hatte er in einem Gouchkampf1 verloren - scheu unter den grauen buschigen
Augenbrauen hervorblinzelte.
    Nein? rief Kelly und stampfte unmuthig den Boden, da die Pest seine
faulen Sohlen treffe. - Schick' ihm rasch Jemanden entgegen - er mu unterwegs
sein und noch heute Nacht auf der Insel eintreffen - rasch - sende Belwy, der
ist leicht und kann dem Rappen eher etwas zumuthen. Er soll sich gleich
bersetzen lassen und reiten, bis ihm das Ro unter dem Leibe zusammenbricht,
und halt - noch Eins. Sobald Ihr drben das Raketenzeichen seht, braucht Ihr
keine weiteren Befehle von mir abzuwarten. Ihr wit dann, was Ihr zu thun habt.
Seid aber schnell und sendet Alle, die Ihr auftreiben knnt, und zwar Alle auch
zu augenblicklicher Flucht gerstet.
    Der Einugige verschwand durch die Thr, und der Capitain schritt, mit fest
verschlungenen Armen und schweigend, wohl mehrere Minuten lang rasch im Zimmer
auf und ab. Endlich blieb er vor Thorby, dem Wirth dieser Diebesspelunke,
stehen, der ihm ehrfurchtsvoll, mit der Mtze in der Hand, zuhrte und sagte mit
leiser, aber schneller Stimme:
    Es wird - hoffentlich in kurzer Zeit - ein Bote von dem See hier sein - der
soll mir augenblicklich auf die Insel folgen, auch dann, wenn es Sander selbst
ist - ich mu ihn sprechen. Im Uebrigen haltet Euch heute und morgen ruhig -
entfernt Alles, was bei einer etwaigen Hausuntersuchung Verdacht erregen knnte,
und - seid wachsam. Da mir die Burschen an den Raketen ihre Pltze nicht
verlassen; vielleicht ist die Vorsicht nur noch -
    Kelly horchte hoch auf, denn heftiges und rasches Pferdegetrappel lie sich
im nchsten Moment hren und hielt, wenn ihn sein Ohr nicht tuschte, vor der
Thr. Thorby glitt hinaus, den Besuch zu erkunden, kehrte aber gleich darauf mit
dem erschpften Sander zurck, der in den fremden Kleidern, mit den flatternden
Haaren - den Hut hatte er unterwegs in den Bschen verloren - gar wild und
verstrt aussah.
    Sendet einen Boten nach Kelly - waren die ersten Worte, die er dem Wirthe
flsternd zurief - aber rasch - rasch - rasch - habt Ihr die Ohren verstopft,
Holzkopf? einen Boten sollt Ihr an Kelly senden.
    Der Capitain ist hier, sagte endlich der durch die wilde Anrede und das
wunderliche Aussehen Sanders erstaunte Wirth - er hat schon nach Eurem eigenen
Boten gefragt.
    Ohne ein weiteres Wort des Alten abzuwarten, schob ihn der junge Mann zur
Seite, warf sich die Haare aus der Stirn und trat rasch in den mit Gsten
gefllten Raum. Lauter Jubelruf schallte ihm hier entgegen, und von mehreren
Seiten hoben Einzelne die Becher zu ihm auf, da er mit ihnen trinken solle.
Aber nur einen von diesen ergriff er, leerte ihn, ohne es auch nur erst der Mhe
werth zu halten, zu prfen, was er enthalte, bis auf die Hefe, und trat dann,
nicht einmal mit einem Kopfnicken dafr dankend, rasch in die vorerwhnte Thr,
die er hinter sich verriegelte.
    Kelly war allein und fate ihn scharf in's Auge, Sander aber, nachdem er nur
einmal den Blick scheu im Kreise umhergeworfen hatte, um sich vor allen Dingen
zu berzeugen, da Niemand weiter seine Worte hre, trat dicht an den Capitain
hinan und flsterte leise:
    Wir sind verrathen.
    Erstaunt sah er zu dem Fhrer auf, denn dieser, anstatt, wie er erwartete,
vor der frchterlichen Botschaft zurckzuschrecken, hielt den ruhigen, kalten
Blick fest auf ihn geheftet. Das Einzige, was er darauf erwiderte, war:
    Weshalb habt Ihr Euren Auftrag nicht erfllt?
    Sander, hierber fast auer Fassung gebracht, zgerte einen Augenblick, und
Kelly, der gewohnt war, in der Seele der Menschen zu lesen, durchschaute ihn im
Nu. Der junge Verbrecher aber, vielleicht mehr durch des Capitains Betragen als
durch die Frage berrascht, sammelte sich gleich wieder und erzhlte nun so
kurz, aber auch so genau als mglich die Vorgnge bei Livelys, bis zu des
Mulatten Gestndni, bei dem Cook und der Doctor Zeuge gewesen waren. - Seine
Grnde, weshalb er zu solcher Zeit den Mulatten nicht verlassen durfte, waren -
das wute er auch recht gut - wichtig genug und alle Nebenplne muten jetzt
fallen, wo es galt, das Leben vor den aufmerksam gewordenen Bewohnern des
Staates zu retten.
    Kelly erwiderte ihm keine Silbe, sondern trat nur an das kleine nach dem
Strom gelegene Fenster und blickte sinnend in das weie Nebelmeer hinaus, das
seine Flche bedeckt hielt. Sander schritt indessen ungeduldig auf und ab, bis
ihm das lange Schweigen peinlich wurde und er es mit einem halb ngstlichen halb
trotzigen Nun, Sir? brach.
    Nun, Sir? wiederholte der Capitain und wandte sich langsam gegen ihn -
das, was ich lange befrchtet, ist endlich eingetroffen, und es wundert mich
weiter nichts davon, als da diese sonst so scharfsichtigen Waldlufer, mit all'
ihrem gepriesenen indianischen Sprsinn, die Sache nicht frher herausbekommen
und uns jetzt vollkommen Zeit gegeben haben, unser Schfchen ins Trockene zu
bringen.
    In's Trockene? sagte Sander erstaunt, verdammt wenig Schafe sind's, die
ich in's Trockene gebracht habe - ich hoffte auf die morgende Theilung der in
Euren Hnden befindlichen Vereinskasse, und habe mich so rein ausgegeben, da
ich nicht einmal Kajtenpassage nach New-Orleans bezahlen knnte. In's Trockene
bringen - zum Henker, Capitain, Ihr nehmt die Sache verdammt kaltbltig! Wit
Ihr denn, da uns die verdammten Schufte in jedem Augenblick hier auf den Hacken
sitzen knnen? Doch - noch Eins - ich mu Euch um Vorschu bitten, Sir, man wei
doch jetzt nicht, wie die Sachen stehen und was Einem passieren kann, und da
ist's gut, wenigstens so viel in der Tasche zu haben, um vielleicht fr den
Augenblick eine kleine Reise machen zu knnen. Schiet mir fnfhundert Dollar
vor und zieht sie mir morgen Abend von meinem Antheil ab. Ich mu auch in den
Kleiderladen in Helena, und mir neue Sachen schaffen. Ich sehe wahrhaftig wie
eine Vogelscheuche im Herbst aus, und kann mich gar nicht so vor den Damen
wieder sehen lassen.
    Ihr thtet berhaupt besser, Euch von denen heut etwas fern zu halten,
sagte Kelly ruhig lchelnd; wie ich gehrt habe, ist dort Besuch angekommen!
    Besuch? - Was fr Besuch? - Ist Lively schon hier?
    Nein, Damenbesuch - Mrs. Hawes von Sinkville.
    Unsinn - lat Euern Scherz jetzt. Donnerwetter, Mann, das Messer sitzt uns
an der Kehle, und Ihr steht da und lacht und spat, als ob wir uns auf irgend
einem guten Segelschiff und etwa tausend Meilen von Amerika entfernt befnden.
Mir ist jetzt gar nicht wie spaen.
    Und wer sagt Euch denn, da es mir so wre? erwiderte Kelly ernst. Ich
spae nicht, Sir, - Mrs. Hawes befindet sich in diesem Augenblick in der Pflege
von Mrs. Dayton und Mi Adele Dunmore, und heute Nachmittag ist der Ire O'Toole
nach Nr. Einundsechzig abgefahren, auf welche unschuldige Insel er solchen
Verdacht geworfen hat, da er eine genaue Untersuchung derselben beabsichtigt.
Ebenso wird in etwa einer Stunde ein anderer junger Bootsmann von hier
auslaufen, und zwar zu demselben Zweck. - Das sind meine Neuigkeiten; nicht
wahr, meine Spione sind gut?
    Sander hatte ihm, starr vor Schrecken und Entsetzen, zugehrt.
    Wie in des Teufels Namen ist Marie -
    Ruhig, Sir, - unterbrach ihn Kelly - ich ahne den ganzen Zusammenhang,
aber noch ist nichts verloren - die Insel mssen wir allerdings aufgeben, doch
uns selber sollen sie nicht fangen. Ich bin gerade deshalb hier, Gegenmaregeln
zu ergreifen. In der Stadt drft Ihr Euch brigens, so lange es hell ist, noch
nicht sehen lassen, und selbst dann mchte es gerathen sein, irgend ein Tuch
um's Gesicht zu binden. Ich selbst will augenblicklich auf die Insel hinunter,
um dort die nthigen Anordnungen zu treffen. Glck genug, da wir Alles so
zeitig erfahren haben, das htte sonst ein bser Schlag werden knnen.
    Und ein junger Bootsmann wird, wie Ihr sagt, von hier auslaufen, die Insel
aufzuspren?
    Ja, erwiderte Kelly, und seine Lippen umzuckte ein hhnisches Lcheln -
das ist jetzt wenigstens seine Absicht, doch die wird zu vereiteln sein. Er
darf die Stadt nicht verlassen. - Aber das ist das Wenigste. Nichts ist
leichter, als einen solchen Burschen auf ein paar Tage unschdlich zu machen -
wofr haben wir denn die Gesetze?
    Die Gesetze? frug Sander erstaunt.
    Lat mich nur machen - meine Maregeln sind schon getroffen.
    Aber der Ire -
    Kann die Insel, bis ich hinunterkomme, noch nicht wieder verlassen haben,
und wenn auch - ehe unsere langsame Justiz die Sache in die Hnde nimmt, sind
wir lange auer aller Gefahr.
    Die Justiz? Ihr glaubt doch nicht, da die Nachbarn hier auf die warten
werden?
    Desto weniger knnen sie dann ausrichten. Lebendig fangen sie uns nicht,
und in unsere Schlupfwinkel in den Smpfen von Mississippi sind sie eben so
wenig im Stande, uns gleich zu folgen. Auf jeden Fall behalten wir Zeit zur
Flucht, und ich glaube fast, da wir die morgende Nacht noch ruhig abwarten
knnen. Uebrigens sind wir auf das Schlimmste gerstet. Hier an gewissen Stellen
befestigte Raketen, die eine laufende Linie bis zu uns bilden, knden uns unten,
ob uns von hier aus Gefahr drohe, und dafr sind meine Plne ebenfalls bis zur
Ausfhrung fertig. Wollen die Burschen Gewalt, gut, dann soll sich's auch
zeigen, in wessen Hnden sich die befindet; - wir sind frchterlicher, als sie
es jetzt noch ahnen.
    Er sprach die letzten Worte mehr zu sich selbst als zu dem Kameraden, der
indessen, ganz in Gedanken vertieft, mit seinem Bowiemesser lange Spne von dem
rohen Holztisch abhieb.
    Pest! murmelte er nach einiger Zeit, - da wir jetzt unser freundliches
Pltzchen verlassen mssen - es ist schndlich. - Konnte diese vermaledeite
Katastrophe nicht noch wenigstens zwei Tage spter kommen! - Nun wie ist's,
Capitain, wollt Ihr mir das Geld geben?
    Ich habe nicht so viel bei mir, sagte Kelly ruhig und schritt zur Thr,
deren Griff er erfate, seid aber um acht Uhr wieder hier, dann sollt Ihr es
haben, bis dahin hat es noch keine Gefahr. - Auf Wiedersehen! - Vorsicht brauch'
ich Euch weiter nicht anzuempfehlen.
    Er verschwand aus dem Zimmer und Sander blieb noch einige Minuten in tiefem
Nachdenken, die Augen fest und finster auf die wieder geschlossene Thr
geheftet, sitzen.
    So? sagte er endlich und stie, whrend er von seinem Sitze aufstand, das
Messer wohl einen Zoll tief in das weiche Holz, - Deine Plne sind also zur
Ausfhrung fertig, aber Du hast nicht einmal lumpige fnfhundert Dollar fr
Jemanden, der in den letzten Monaten Deiner Privatkasse solch' ungeheure Summen
eingebracht? Und warten soll ich, mich hier bis acht Uhr versteckt halten, um
dann vielleicht auf's Neue halsbrecherische Auftrge zu bekommen, aber kein
Geld? Nein, mein Alterchen, da Du so fr Dein eigenes Wohl gesorgt zu haben
scheinst, so vergnne mir wenigstens ein Gleiches. Mrs. Breidelford kann
unmglich schon von der uns drohenden Gefahr wissen, die will ich anzapfen. Das
Zauberwort, was mich Blackfoot gelehrt, wird, wenn es das fast Unglaubliche
vermgen soll, ihre Zunge zu hemmen, doch auch wohl ein paar hundert Dollar aus
ihr heraus pressen - die alte Hexe hat frher berdies genug durch meine
Vermittelung verdient. An's Werk denn, es kennt mich ja doch Niemand hier in der
Stadt als Daytons, und deren Wohnung kann ich vermeiden.
    Er verlie rasch das Haus und verschwand bald in dem sich immer mehr und
mehr verdichtenden Nebel, der jetzt sogar selbst die vom Flu am weitesten
entfernten Straen erfllte.

                                    Funoten


1 Das gouching ist eine, den sonst so krftigen und offenen Charakter der
Amerikaner wahrhaft schndende Sitte, und wird berhaupt nur in einem sehr
kleinen Theil der Union, vorzglich aber in Kentucky ausgebt. Hat nmlich beim
Boxen oder Ringen der eine Kmpfer den andern niedergeworfen, und will dieser
sich durch Treten oder Beien befreien - denn bis der Besiegte nicht sein
enough - genug - ruft, wird der Kampf nicht fr beendet angesehen - so sucht
der Obenliegende den schon so weit Ueberwundenen zu gautschen - das heit, er
drngt ihm einen oder auch beide Daumen in die Augenhhlen hinein, aus denen er,
wenn nicht daran verhindert, die Augpfel herauspret. Nicht selten wickelt er
dabei mit raschem geschickten Griff die an den Schlfen wachsenden Haare des
Opfers um seine Zeigefinger, um dadurch in seinem frchterlichen Geschft nicht
allein mehr Sicherheit zu gewinnen, sondern auch den Niedergeworfenen zu
verhindern, sich die ihm Blindheit drohenden Daumen in den eigenen Mund zu
ziehen und mit verzweifelter Wuth abzubeien. Hunderte knnen bei solchem Kampfe
gegenwrtig sein, Keinem wird es einfallen, das grliche Resultat zu
verhindern, ausgenommen, der Eine gesteht mit dem Ruf genug seinem Gegner den
Sieg zu. Dann mssen augenblicklich alle Feindseligkeiten eingestellt werden.
Das Gouchen bedingt brigens nicht jedesmalige Blindheit, zu Zeiten knnen die
Augen wieder in ihre Hhlen, ohne ihre Sehkraft zu verlieren, zurckgeschoben
werden; nur zu oft zieht es jedoch seine entsetzlichen Folgen nach sich, und
Hunderte sind, die so, theils halb, theils ganz erblindet, die Wirkung eines
natrlichen Kampfes durch's ganze Leben schleppen. Der Verlust eines Auges gilt
auch dabei als vollkommen hinreichende Entschuldigung, einen angebotenen Kampf
auszuschlagen, ohne dabei in den Verdacht der Feigheit zu gerathen, da man es
erklrlich findet, der also Verkrppelte wolle nicht gern auch sein zweites Auge
gleicher Gefahr aussetzen.


                                      23.

                                        

                          Die unerwartete Verhaftung.

Tom schritt ungeduldig in Frontstreet auf und ab. Dem Richter hatte er
versprechen mssen, auf ihn zu warten, und der kam jetzt nicht zurck. Seine
Jolle befand sich zur Abfahrt bereit, dicht neben dem dort noch immer vor
Spring- und Sterntau liegenden Dampfboot Van Buren, das seine Schden so weit
ausgebessert hatte, um am nchsten Morgen elf Uhr wieder abfahren zu knnen, und
zweimal schon war er die vom Flu abfhrende Wallnutstreet in aller Ungeduld
hinauf und herunter gelaufen, und immer noch wollte sich der Squire nicht sehen
lassen. Der Abend brach dabei mehr und mehr herein, und Tom blieb pltzlich
mitten in seinem Marsch stehen, stampfte rgerlich mit dem Fue und rief:
    Ei so hol' ihn der Henker, ich gehe wieder zum Flu hinunter, und lt er
dann noch nichts von sich sehen, dann fahr' ich ohne seinen Wisch ab. Wetter
noch einmal, der Constabler in Victoria mu mir berdies beistehen, wenn ich
gerechte Sache habe, und wenn ich die nicht habe, kann mir auch die Empfehlung
nichts helfen!
    Er schritt Wallnutstreet wieder hinab und bog eben scharf um
Frontstreet-Ecke, als ihm auch ganz unerwartet ein Mann entgegenkam, der, den
Fremden kaum bemerkend, sein Taschentuch schnell vor das Gesicht hielt, als ob
er Zahnschmerzen habe, und dann rasch, aber den Kopf gesenkt, an ihm
vorberschritt.
    Nebel und Abenddmmerung vergnnten dem scheidenden Tageslicht nur noch
einen schwachen Strahl. Dennoch war er dem Scharfblick des jungen Mannes
hinreichend, in dem schnell verhllten Antlitz des Fremden die Zge eines Mannes
zu entdecken, die sich, auer ihren ganzen Eigenthmlichkeiten, ihm auch noch
mit einer Schrfe in Herz und Gedchtni eingegraben hatten, um ein Vergessen
unmglich zu machen.
    Es war Eduard Hawes - die blonden, flatternden Locken lieen ihm keinen
Zweifel, wenn auch der grobe Farmersrock den fr einen Moment erweckt haben
mochte. - Es war der Mann, der ihn damals, als er in der Nhe der reizenden
Marie Morris sein ganzes irdisches Glck zu finden glaubte und wirklich fand,
aus all' seinen sen, seligen Trumen ri und wieder in die kalte Welt
hinausstie. Ach, Marie hatte ja nicht einmal geahnt, mit welcher Gluth und
Leidenschaft der rauhe Jger an ihr hing! - Wie einen Bruder hatte sie ihn
geliebt, und als Hawes, mit Reichthum, Schnheit und dem einfachen Kinde
imponirenden Geist dazwischentrat, reichte sie ihm, des Schrittes kaum sich
bewut, den sie that, die Hand. Erst als Tom jetzt in Verzweiflung floh und sie
beim Abschied seinen tiefen, kaum bezwungenen Schmerz erkannte, mochte ihr eine
Ahnung seiner Gefhle dmmern. Da war es aber zu spt - schon am andern Tage
legte der alte Friedensrichter Morris, der Onkel der Braut, der Tom Barnwell wie
einen Sohn liebte und auf dessen Verbindung mit seiner Nichte schon als auf den
Trost seines Alters gehofft hatte, die Hnde der beiden Verlobten in einander
und drckte dann die weinende zitternde Braut, selbst mit Thrnen im Auge, an
sein Herz.
    Dieser Hawes, dessen Bild sich Tom Barnwell's Seele mit unauslschlichen
Zgen eingeprgt hatte, stand pltzlich vor ihm, und das ganze Wesen und
Benehmen desselben mute in Tom den fast unwillkrlichen Gedanken erwecken,
Jener wolle nicht gesehen sein. Mit Blitzesschnelle stiegen da all' die wirren
und frchterlichen Vermuthungen wieder in ihm auf, die er, seit er Marie
gefunden, oft hatte fast gewaltsam zurckdrngen mssen. Hawes hier, wo ein
Brief an ihn auf das Land hinausgeschickt war, in einem ganz andern Theile der
Stadt, als in dem sich Marie befand! - Wollte er wirklich unerkannt sein, oder
war diese Bewegung nur Zufall? All' diese Gedanken zuckten pfeilschnell durch
Tom Barnwell's Hirn, als er stehen blieb und der Gestalt des rasch Davoneilenden
nachsah. Im Augenblick hatte er sich aber auch wieder insoweit gesammelt, einen
festen Entschlu zu fassen; auf keinen Fall durfte er jenen Mann aus den Augen
verlieren, denn wute er wirklich noch nichts von seines Weibes Zustand, so war
es nthig, da er es erfuhr, und wute er es - ihm blieb keine Zeit zu lngerem
Ueberlegen, mit flchtigen Schritten folgte er dem jungen Mann, der gerade um
die nchste linke Ecke bog, und wollte ihm, dort angelangt, eben nachrufen. Da
sah er ihn, keine zwei Huser entfernt, vor einer Thr stehen, an die er
augenscheinlich eben erst angeklopft haben mute. - Da ihm der, dem er
begegnet, gefolgt war, hatte er nicht einmal bemerkt.
    Die Strae bildete hier eine Art von freiem Platz, denn die linke Reihe der
Huser war, die zwei vordersten abgerechnet, weiter zurckgerckt und enthielt
neben anderen Privatwohnungen auch das etwas allein stehende Gerichtshaus und
die County Jail oder das Gefngni. Schrg diesem gegenber befand sich aber das
Haus, vor welchem der vermeintliche Mr. Hawes jetzt stand, und Tom Barnwell
schritt rasch und ohne Zgern auf ihn zu. Jener jedoch, viel zu sehr in sein
Klopfen vertieft und vielleicht ungeduldig, da ihm von innen nicht geffnet
wurde, mute den sich nahenden Schritt des leichten, mit Moccasins bekleideten
Fues gar nicht gehrt haben, denn er bog sich eben zum Schlsselloch und rief
rgerlich hinein:
    Aber in's drei Teufels Namen, Mrs. Breidelford - ich bin es ja, Sander, und
mu Euch wichtiger -
    Er schrak empor - dicht neben sich vernahm er in diesem Augenblick zum
ersten Mal die Tritte des ihm Folgenden, und als er berrascht auffuhr, blickte
er in das ernste, ruhige Antlitz Tom Barnwell's. Dieser stutzte allerdings ber
die eben gehrten Worte, war jedoch zu sehr mit dem Zustande Mariens
beschftigt, um ihnen auch nur mehr als flchtiges Gehr zu schenken. Ueber den
Mann selbst aber, der vor ihm stand, blieb ihm kein Zweifel mehr. - Es war Hawes
, und Tom, da er das Zurckschrecken und den ngstlichen Blick seines einstigen
Nebenbuhlers bemerkte, der scheu die Strae hinabsah, als ob er sich dem
vermutheten Feind durch die Flucht entziehen wollte, sagte, ihn miverstehend,
ruhig:
    Frchten Sie nichts, Sir - ich bin Ihnen nicht in feindlicher Absicht
gefolgt und hege in der That keinen Groll gegen Sie. Wenn das aber auch wirklich
der Fall wre, so mte er jetzt ganz anderen Gefhlen weichen. Wissen Sie, da
Mrs. Hawes hier in der Stadt ist?
    Ich? - Ja - ich - ich wei es - ich bin eben auf dem Wege dorthin!
stotterte der sonst so kecke und zuversichtliche Verbrecher, der aber in diesem
Augenblick ganz auer Fassung schien. Stieg ihm der Mann, den er da pltzlich
vor sich sah, doch fast wie aus dem Boden herauf, und der Gefahr bewut, in der
er sich befand, vielleicht selbst durch den Platz beunruhigt, an dem er
betroffen worden, konnte er sich kaum zu einer Antwort sammeln.
    Was? - Sie wissen es? - und sind auf dem Wege dorthin? frug Tom erstaunt -
Mr. Haves, ich begreife nicht - wer wohnt denn in diesem Hause?
    Nun, Squire Dayton doch! rief Sander, der kaum wute, was er sagte, und
noch nicht einmal gesammelt genug, selbst nur dem fest auf ihm haftenden Blick
des jungen Bootsmanns zu begegnen.
    Squire Dayton? wiederholte Tom langsam und zum ersten Mal mit wirklichem
Mitrauen - Sie nannten eben einen andern Namen, Sie riefen eine Dame an, der
Sie Wichtiges mitzutheilen htten - nicht so?
    Ich sage Ihnen, ich bin eben im Begriff, Squire Dayton's Haus aufzusuchen!
rief da Sander, jetzt zum ersten Mal seine verlorene Fassung wieder gewinnend. -
Die Dame, die hier wohnt, wollte ich nur - sie sollte Krankenwrterin meiner
Frau werden, aber sie - sie scheint nicht zu Hause zu sein.
    Nein - so scheint es, erwiderte Tom kalt und war jetzt fest entschlossen,
dem Manne nicht von der Seite zu weichen, bis ihm dessen sonderbares Benehmen
erklrt sei - wissen Sie Squire Dayton's Haus?
    Ja - ja wohl - es liegt an der obern Grenze der Stadt - ich bitte Sie, mich
dort anzumelden. - Ich werde gleich nachkommen, Mr. Barnwell, ich hoffe dort das
Vergngen zu haben -
    Er lftete den Hut und wollte sich von dem jungen Mann abwenden.
    Halt, Sir! sagte dieser aber und ergriff seinen Arm - ich kann Sie nicht
so fortlassen - Marie - Mrs. Hawes liegt, ihrer Sinne nicht mchtig, nur wenige
Straen von hier entfernt - und Sie - wie ich jetzt kaum anders glauben kann,
wissen darum und wandern in diesen Kleidern, offenbar nicht Ihren eigenen, in
einem fremden Theil der Stadt umher.
    Sie nennen Ursache und Wirkung in einem Athem, Sir - erwiderte Sander mit
einiger Ungeduld und jetzt wieder vollkommen gefat. - Ich kann Ihnen aber
unmglich hier auf der Strae erzhlen, wie ich zu diesen Kleidern gekommen bin,
oder was mich gezwungen hat sie anzulegen. - Sollte Sie das interessiren, so
knnen Sie es morgen von Mr. Lively erfahren - jetzt aber bin ich eben, um diese
Lumpen los zu werden, im Begriff, mir andere zu kaufen, damit ich mich vor den
Ladies in Mr. Dayton's Hause anstndiger Weise sehen lassen kann. Uebrigens
fhle ich mich Ihnen fr den Antheil, den Sie an Mrs. Hawes nehmen, sehr
verpflichtet, mchte Ihnen aber zugleich bemerken, da ich jetzt, da ich
zurckgekehrt und selber im Stande bin, fr meine Frau zu sorgen, Sie dieses
Dienstes oder dieser Geflligkeit, wie Sie es nun auch nennen wollen, vollkommen
entbinde.
    Sander hatte sich nach und nach ganz wieder in seinen alten Trotz
hineingearbeitet, und Tom wrde auch wohl bei jeder andern Gelegenheit durch
seine jetzige Ruhe und Sicherheit getuscht worden sein. Seine erste
augenscheinliche Verlegenheit aber - die groben Kleider des sonst in dieser
Hinsicht frmlich stutzerhaften Gecken, ja sogar die Worte, die er von ihm, als
Jener sich unbeobachtet glaubte, vernahm, das Alles hatte einen Verdacht in ihm
erweckt, den einfache Unbefangenheit von Hawes' Seite nicht allein besiegen
konnte. Nur den Arm des Mannes gab er frei, da aus einigen der nchsten Thren
die Kpfe Neugieriger hervorsahen, die Ursache des etwas lebhafter werdenden
Gesprchs zu erfahren.
    Auch in Mrs. Breidelford's Hause lie sich oben mit uerster Vorsicht die
Spitze einer Haube blicken, der dann und wann - jedoch rasch niedertauchend,
sobald sich einer der beiden Mnner gegen ihr Haus wandte - eine rothglnzende
Stirn und ein Paar groe graue Augen folgten.
    Sie haben Recht, Sir, sagte Tom - die Strae hier ist nicht der Platz zu
langen Erzhlungen. Ich begleite Sie aber jetzt zu Squire Dayton's Haus, und
dort werden Sie hoffentlich den Damen - Ihrer Frau solche nicht verweigern.
Folgen Sie mir -
    Ich sehe nicht ein, Sir, welches Recht Sie haben, mich hier auf
ffentlicher Strae anzugreifen, sagte jetzt Sander mit rgerlicher, doch
unterdrckter Stimme - Ihre Gesellschaft ist mir berdies nicht angenehm genug,
sie bis dorthin zu beanspruchen. Wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe, bin ich
eben im Begriff, Toilette zu machen, und ehe das geschehen ist, bringen Sie mich
nicht einmal in die Nhe jener Damen, viel weniger in ihre eigene Wohnung. Ich
denke, Sie haben mich jetzt verstanden!
    Vollkommen! sagte Tom; seine Zge nahmen aber einen ernsten, finstern
Ausdruck an, und er flsterte, whrend er sich zu dem halb von ihm abgewandten
Mann niederbog - Sie wollen nicht mit mir gehen, ich aber schwre es hier bei
meiner rechten Hand - und den Schwur brech' ich nicht, Sir - da ich Sie zwingen
will, mir zu folgen - ein Geheimni liegt hier zu Grunde, und ich will es
enthllen.
    Mein Herr!
    Ha - dort kommt der Squire - so Sir; Widerstand wre jetzt nutzlos. - Ihres
eigenen Selbst wegen vermeiden Sie jedes Aufsehen und folgen Sie uns gutwillig.
    Sander war in peinlicher Verlegenheit. - Wie sollte er die Umstnde jener
Nacht erklren, die Marie doch jedenfalls schon entdeckt hatte? Sollte er suchen
in den Wald zu entkommen? Kaum hundert Schritt von dort, wo sie standen,
begannen die Bsche. Er war dabei schnellfig wie der Wind und frchtete kaum,
von seinem Feind eingeholt zu werden. Wenn es aber doch geschah - dann hatte er
Alles auf eine Karte gesetzt - und verloren. Nein, noch blieb ihm ein anderer
Ausweg, Flucht sollte das Letzte sein, denn er wute recht gut, da ihm der
Kerker von Helena nicht htte daran verhindern knnen, die Insel wieder zu
erreichen.
    So kommen Sie, Sir, erwiderte er nach kaum secundenlangem Nachdenken,
kommen Sie, ich will jetzt Ihrem sonderbaren Willen Folge leisten, spter aber
werden auch Sie sich nicht weigern, mir fr ein Betragen Rede zu stehen, das ich
in diesem Augenblick nur in Ihrer ungeheuren Frechheit begrndet sehen kann.
    Genug der Worte, sagte Tom mrrisch, und wandte sich, an des jungen
Verbrechers Seite, rasch zum Gehen - es sind deren schon zu viel gewechselt. -
Squire Dayton - ich habe das Vergngen, Ihnen hier Mr. Hawes vorzustellen -
    Oh, wahrhaftig, Sir - das ist ein glcklicher Zufall, da Sie jetzt schon
eintreffen - der Brief hat Sie wahrscheinlich unterwegs erreicht. - Aber, Mr.
Barnwell, ich suchte Sie unten vergebens an Ihrem Boote, und wurde erst von ein
paar Dampfbootleuten heraufgewiesen.
    
    Ein glcklicher Zufall lie mich Mr. Hawes treffen, sagte Tom hier, mit
einem ernsten Blick auf diesen.
    Das Glckliche ist dann ganz auf Ihrer Seite gewesen, Sir, entgegnete
mrrisch der so wider seinen Willen an's Licht Gezogene, ich habe Ihre
Gesellschaft wahrhaftig nicht gesucht -
    Aber Gentlemen, sagte Dayton erstaunt - ich begreife nicht -
    Das ist er, Mr. Nickleton, rief da pltzlich eine fremde Stimme von der
Mitte der Strae aus, und zwei Mnner, die eben an ihnen hatten vorbeigehen
wollen, wandten sich jetzt, des Richters Rede unterbrechend, scharf gegen diesen
und seine beiden Begleiter um.
    Welcher? Der mit dem Wachstuchhut? frug der mit Nickleton Bezeichnete, der
Constabler von Helena.
    Ja! bei Gott - das trifft sich prchtig! - jubelte der Andere, packen Sie
ihn, mein wackerer Haltefest - bringen Sie ihn auf Numero Sicher!
    Sir - Ihr seid mein Gefangener, sagte der Constabler und legte seine Hand
auf Tom's Schulter - im Namen des Gesetzes!
    Tom blickte ihn erstaunt an, und wirklich kam das Ganze so schnell und
unerwartet, und er selbst war mit dem aufgefundenen Gatten Mariens so ganz und
gar beschftigt gewesen, da er die Gegenwart der Uebrigen erst bemerkte, als
sie ihn anredeten. Jetzt aber, mit dem gefrchteten Bannspruch im Ohr, richtete
er sich rasch auf und sagte lachend:
    Hallo, Sir! - der Waschbr wird auf dem andern Baume sitzen. - Diesmal habt
Ihr Eure Zauberformel wohl an den Unrechten verschwendet, das mu ein Irrthum
sein.
    Seid Ihr nicht gestern den Flu hinab und dann ganz pltzlich wieder mit
einem Dampfschiff aufwrts gefahren? frug der Fremde.
    Allerdings bin ich das! erwiderte Tom, und was weiter?
    Ich wute es - ich wute es! rief Jener - thut Eure Pflicht, Constabler,
und lat den Burschen nicht wieder entspringen.
    Das mu auf jeden Fall ein Irrthum sein, Sir, unterbrach ihn hier der
Richter und legte seine Hand auf den Arm des Constablers, der Tom noch immer an
der Schulter hielt. - Dieser Gentleman ist ein gewisser Mr. Barnwell von
Indiana, mit meinem Hause befreundet, und gewi nicht der -
    Thut mir leid, Squire - hier hrt die Freundschaft auf. Ihr habt mir
brigens selber den Verhaftsbefehl ausgestellt -
    Ja, auf Den, der bei diesem Manne eingebrochen war und seinen Geldkasten
gewaltsam aufgerissen hatte, sagte Dayton - aber nicht auf -
    Und das ist der hier! rief der Klger und deutete mit grimmigem Blick auf
Tom Barnwell - das ist der niedertrchtige Bursche, der sich heimlicher Weise
vom Fluufer aus an einzeln gelegene Huser anschleicht, und dort, wenn man
drauen im Walde an der Arbeit ist, raubt und plndert. - Das ist die Canaille,
und ich bin fest berzeugt, er wird schon gestehen, wohin er meine silberne Uhr
gebracht hat, wenn er sie nicht etwa gar bei sich trgt.
    Der Abend hatte indessen mehr und mehr gedunkelt, dennoch versammelten sich,
durch das laute Gesprch herbeigezogen, eine Menge neugieriger Menschen um
Constabler und Richter, und umgaben so die kleine Gruppe. Sander, der es jetzt
fr das Beste hielt, sich leise zu entfernen, suchte unbemerkt hinter den
Bootsmann zu treten, Tom aber lie ihn, trotz dieser pltzlich gegen ihn
auftauchenden Klage, keine Secunde aus den Augen, und Jener sah wohl, da er,
wenn er nicht ebenfalls Aufsehen erregen wollte, die Flucht auf gelegenere Zeit
verschieben msse. Tom Barnwell wandte sich jetzt im Bewutsein seiner Unschuld
ruhig an den Richter und sagte lchelnd:
    Dem Manne hier ist wahrscheinlich Etwas aus seiner Htte entwendet worden,
und er hat nun, Gott wei aus welchem Irrthum, auf mich einen falschen Verdacht
geworfen; ich kann mich auch deshalb nicht durch seine Reden beleidigt fhlen.
So unangenehm mir das brigens in diesem Augenblicke sein mag, so soll es und
darf es doch auf keinen Fall die Aufklrung eines grlichen Geheimnisses
hindern, die uns Mr. Hawes hier wahrscheinlich im Stande ist zu geben. Frchten
die Herren hier, da ich ihnen entspringe, so mgen sie mit uns gehen - Ihre
Gegenwart, Squire, wird hinlngliche Brgschaft dabei sein. Meine Anklage kann
sich nachher bald beseitigen lassen.
    Was ist denn vorgefallen? frug der Constabler.
    Auf jeden Fall Etwas, das mich ganz und gar nichts angeht! rief der Klger
unwillig - ich bin keineswegs gesonnen, mit dem Burschen hier in der Stadt
herum zu laufen, bis er irgend Gelegenheit findet zu entspringen - Constabler,
thut Eure Schuldigkeit - Richter Dayton, Ihr mt mir in dieser Sache beistehen
- wenn der Mann entkommt, halt' ich mich wegen Allem, was mir abhanden gekommen,
an Euch.
    Knnt Ihr denn aber beweisen, da dieser Mann auch wirklich Der ist, fr
den Ihr ihn haltet? frug der Richter.
    Kommt nur mit zum Flu hinunter, erwiderte Jener - zwei von meinen Leuten
haben ihn gesehen und wollen auf ihn schwren!
    Tom Barnwell, dem das, was er erst fr ein tolles Miverstndni gehalten,
doch jetzt anfing zu ernst zu werden, noch dazu da es wirklich drohte ihn in
seinen freien Bewegungen zu hindern, that jetzt ernsthaften Einspruch und rief
den Richter zum Beistand an. Dieser aber zuckte mit den Schultern und erklrte,
nicht selber gegen das Gesetz handeln zu knnen, Mr. Nickleton wisse hier eben
so gut wie er, was er zu thun habe, und eine Einrede von ihm wrde nicht einmal
von Nutzen sein. Tom sah bald, da er sich den Umstnden fgen msse, denn ein
dichter Menschenhaufe umstand schon die Redenden, aus dem ein Entrinnen zur
Unmglichkeit wurde. Nichtsdestoweniger lie er Sander nicht aus den Augen, und
bat nur den Richter, da er selber nicht im Stande sei, es zu thun, jenen Mr.
Hawes mit sich nach Hause zu nehmen und dort Aufklrung ber das Geschehene zu
verlangen. Mr. Dayton versprach ihm das auch und schritt gleich darauf durch die
ihm Bahn machende Menge, mit Sander an seiner Seite, in der Richtung dem eigenen
Hause zu, whrend der Constabler, von einem groen Theil Miggnger gefolgt,
den jungen Bootsmann in die County Jail brachte, und ihn dort seinen eigenen
Betrachtungen berlie.

                                      23.

                                        

    Die Schildkrte nhert sich der gefhrlichen Insel. - Blackfoot's Plan.


Hebt die Finnen! - Munter, meine braven Burschen! rief der alte Edgeworth,
whrend er inmitten auf dem gebogenen Deck seines breitspurigen Fahrzeugs stand
und mit dem Blick die Entfernung ma, die sie wohl noch zwischen sich und den
letzten, an der Landung liegenden Booten zu frchten hatten - greift aus, da
wir hinber in die Strmung kommen - die Boote drben gehen ja fast ganz am
andern Ufer.
    Das sieht nur in dem Nebel so aus; sie mssen, wie wir, im Fahrwasser
bleiben, meinte Blackfoot, der sich neben ihn stellte, aber noch immer zurck
an's Ufer blickte, wo die Gestalt der emprten Mrs. Breidelford auf- und abflog.
Diese schien sich nmlich keineswegs in das Unabnderliche - die Flucht ihres
Opfers - gefgt zu haben, sondern durch rachedrohende Gesticulationen irgend
einen wohlthtigen Snag zu beschwren, seinen scharfen Zahn in dieses
nichtswrdige Fahrzeug zu bohren und es mit Mann und Maus zu versenken.
    Der Steuermann, der indessen stromauf zu mit den Augen die dunstige
Atmosphre zu durchdringen suchte, ob vielleicht den vorangegangenen Fahrzeugen
noch andere folgten, schien jedoch mit dem Befehl des alten Mannes ganz
zufrieden. Er gehorchte ihm wenigstens schnell und willig, und hielt den Bug
gerad' ber den Strom hinber, whrend die Ruderleute mit vorgelegten Schultern
gegen die langen, ber das Verdeck ragenden Finnen preten und jedesmal, ehe sie
das unten angebrachte Schaufelbrett wieder aus der Fluth hoben, diesem noch mit
einem Ruck den strksten Nachdruck zu geben suchten. Dann drckten sie die
Stange an Deck nieder, liefen rasch damit zu ihrem Ausgangspunkte zurck und
begannen ihr mhseliges Geschft von Neuem.
    Das Flatboot, schon an und fr sich ein unbehlflicher schwerer Kasten, ist
auch eigentlich nur auf die Strmung angewiesen, und hat die Finnen einzig und
allein dazu, um vorstehenden Landspitzen und drohenden Snags auszuweichen, oder
vielleicht mit den Rudern einen nicht gerade durch bloes Treiben zu gewinnenden
Landungsplatz zu erreichen. Die auf solchen Fahrzeugen angestellten Ruderleute
thun auch nichts so ungern als gerade rudern, obgleich das die einzige, von
ihnen begehrte Arbeit sein mag. Es dauerte deshalb gar nicht lange, so murrten
sie gegen das Querberschinden, wie sie's nannten. Bill dagegen machte wenig
Umstnde, warf ihnen ein paar krftige Flche entgegen und nannte sie faule
Bestien, die lieber ihre breiten Kehrseiten in der Sonne brieten, als ihre
Pflicht thun wollten.
    Bill war ein breitschultiger krftiger Gesell, mit ein Paar Fusten gleich
Schmiedehmmern, es mochte auch deshalb nicht gern Einer mit ihm anbinden, noch
dazu da sie im Unrecht waren. Edgeworth aber, der jetzt sah, da sie mit den
vorangegangenen Booten in einem Fahrwasser seien, sagte endlich:
    Nun, so lat's gut sein - ich denke auch, wir sind weit genug hinber -
easy boys - easy - wir rennen sonst am Ende drben auf die Sandbank, die hier im
Navigator angegeben steht.
    Hat keine Noth, brummte Bill - die Sandbank ist schon theilweise
weggewaschen, und berdies haben wir die lange passirt - und drben liegt sie,
wo die Nebel dicker und massenhafter herberkommen. Bleibt nur noch eine Weile
bei den Rudern, bis ich's Euch sage - nachher habt Ihr's leichter dafr.
    Wie weit ist's noch bis zu der hier angegebenen Sandbank? frug Edgeworth
jetzt und deutete auf das Buch, das er in der Hand hielt.
    Noch ein gut Stck, mischte sich Blackfoot da in das Gesprch; wenn wir
brigens, wie der Steuermann ganz Recht hat, noch ein bischen in Zeiten
berhalten, so bekommen wir gar nichts von ihr zu sehen. - Doch - Alligatoren
und Moccasins! der Nebel wlzt sich immer derber herauf. - Nun weiter fehlte uns
nichts, als eine recht ordentliche Mississippimtze, die sich uns ber Augen und
Ohren zge, nachher knnten wir die Finnen wie Fhlhrner vorstrecken, und
wten noch nicht einmal, ob wir rechts oder links abkmen.
    Nun, so gefhrlich sieht's doch nicht aus, meinte Edgeworth - man kann ja
noch den halben Flu bersehen und die Bume auf beiden Seiten des Ufers
erkennen! - Es sind nur ganz dnne duftige Schatten, die ein richtiger Abendwind
leicht vor sich herscheucht.
    Ich will's wnschen, sagte der angebliche Handelsmann und schritt langsam
zum Steuer zurck, an dem Bill jetzt, beide Hnde in den Taschen, nachlssig mit
dem Rcken lehnte und wie trumend vor sich niedersah.
    Das thut's, sagte Einer von den Ruderleuten, der beim Rckgehen die
Finnenspitze fhrte, indem er das lange Ruder, durch Niederdrcken seines
Theils, vollstndig auf's Verdeck hob und niederlegte - die brigen folgten
darin augenblicklich seinem Beispiel.
    Hallo, was ist das? rief der Steuermann - hab' ich Euch geheien
aufzuhren? Bob - Johnson - nehmt Eure Ruder wieder auf, wir mssen noch weiter
hinber.
    Dem Capitain sind wir weit genug drben, erwiderte trotzig der erste
Sprecher - eine lange Hosiergestalt mit breiten, scharfen Achselknochen und
sehnigen Fusten - wenn's dem nicht recht ist, wird er's sagen!
    Die Pest ber Dich, Canaille! rief Bill wthend, lie sein Steuer los und
sprang auf den ruhig ihn erwartenden Bootsmann ein.
    Nun, Sir? lachte dieser, whrend er sich rasch in Boxerstellung gegen ihn
drehte und die beiden Fuste bis etwa in Schulterhhe brachte, bedient Euch -
thut, als ob Ihr zu Hause wret. - Langt einmal aus und seht dann, ob ich nicht
klein Geld bei mir habe, Euch zu wechseln.
    Halt da, Leute! sagte Blackfoot und trat zwischen sie - halt - werdet
doch auf einem und demselben Boote Frieden halten? - Schiffskameraden und wollen
sich untereinander schlagen - pfui! - Geht an Eure Ruder, Leute, und thut Eure
Pflicht - 's ist nicht mehr weit und Ihr habt das bischen Arbeit bald
berstanden.
    Ich will verdammt sein, wenn ich's thue, brummte der Hosier trotzig,
auer Capitain Edgeworth sagt's. - Dann meinetwegen, und wenn wir bis Victoria
hinter den Qulhlzern liegen sollten - sonst aber keinen Schritt wieder auf
Deck. Donnerwetter, ich habe das Wesen von dem Burschen da satt - warum hielt er
denn das Maul, so lange Tom Barnwell noch an Bord war, der ihm die Spitze bot? -
Er glaubt wohl, er kann ber uns nur so weglaufen? - Steckt da in einem
verwnschten Irrthum, den ich ihm gern noch nehmen mchte, ehe wir von Bord
gehen.
    Bill heftete sein Auge mit wilder, tckischer Bosheit auf die unerschrockene
Gestalt des Rudermannes, und schien nicht bel Lust zu haben, den Streit noch
einmal zu beginnen. Blackfoot warf ihm aber einen schnellen, warnenden Blick zu,
und trotzig kehrte er, mit leise gemurmeltem Fluch, zu seinem Platz zurck.
Edgeworth hatte keine Silbe whrend der ganzen Zeit gesprochen, und nur,
vielleicht der Worte Smart's eingedenk, die Streitenden beobachtet. Dadurch war
ihm aber auch der zwischen seinem Abkufer und Steuermann gewechselte Blick
nicht entgangen, der ihm das jetzt fast zur Gewiheit machte, was er bis dahin
schon gefrchtet - da jene beiden Mnner zusammen im Einverstndni waren.
Natrlich bezog er das noch immer nur auf den Verkauf seiner Waaren und
beschlo, ein besonders wachsames Auge nicht allein auf die Ablieferung der
Gter, sondern auch auf das dafr zu empfangende Geld zu haben.
    Das Boot trieb langsam mit der Strmung hinab, und die Leute waren in
verschiedenen Gruppen oben an Deck, theils am Bug, teils in der Mitte des
Fahrzeuges gelagert. Auf dem hintern Theile desselben, dem Quarterdeck, wie es
scherzweise genannt wurde, standen nur Bill und Blackfoot zusammen, und dieser
machte jetzt dem wilden Gesellen leise Vorwrfe ber sein unbedachtes Handeln.
    Ei, zum Henker, Bill, sagte er und deutete dabei nach dem linken Ufer
hinber, als ob er mit ihm ber Gegenstnde am Lande spreche, Du bist wohl
toll, da Du noch kurz vor Thorschlu Hndel suchst - ich dchte doch, Du
knntest Deinen Groll in gar kurzer Zeit vollstndig genug auslassen, als da er
jetzt vor der Zeit bersprudeln und vielleicht Alles verderben sollte. - Weshalb
hast Du Dich nicht mit den Leuten in besseres Einverstndni gebracht?
Vielleicht htten wir sogar Einige davon fr unser Vorhaben gewinnen knnen.
    Nicht von denen, erwiderte Bill trotzig, nicht einen Einzigen - Dolch und
Gift - die Brut hat mich von oben bis unten. - Selbst der Hund knurrt, wenn ich
ihm nur zu nahe komme, und htte mich neulich, als ich ihn streicheln wollte,
fast an der Kehle gepackt. Ich wrde die Bestie lange einmal ber Bord gestoen
und ersuft haben - aber sie geht ihrem Herrn nicht von der Seite.
    Also Hlfe haben wir von denen auf keinerlei Art zu erwarten? sagte
Blackfoot sinnend.
    Nein - eher das Gegentheil, aber hol' sie der Teufel, das soll ihnen wenig
frommen. - Sieh nur, da Du Edgeworth's Bchse einmal auf eine oder die andere
Art in die Hand bekommst - hier sind ein paar Stifte und treibe einen von ihnen
in's Zndloch, nachher kann er schnappen. - Ich sehe nicht ein, weshalb man
seine Haut nutzlos zu Markte tragen soll.
    Gieb her, ich will's wenigstens probiren, glaube aber kaum, da mich der
alte Bursche das Schieeisen wird haben lassen. Nun, es kommt auf einen Versuch
an -
    Wie wr's denn, wenn Ihr mit den Bchsen tauschtet? sagte Teufelsbill -
die Deine ist reich mit Silber beschlagen und sieht prchtig aus - schiet auch
famos - die seine ist alt und schlecht - er wird leicht dazu zu bringen sein -
Du darfst aber dann in der Deinigen den Stift nicht vergessen!
    Hm - das wre ebenfalls etwas - die Burschen tauschen alle gern, und wenn
ich ihm ein geringes Aufgeld abverlangte -
    Nur nicht zu wenig, sonst wrde er mitrauisch -
    Nein, nein, so klug bin ich auch. Wie haltet Ihr's denn diesmal mit dem
Zeichen? Wieder das vorige, oder ist etwas Anderes bestimmt? - Ich mag das
Schieen nicht leiden -
    Und doch ist's das Beste, sagte Bill - berdies ist nichts Anderes
verabredet, und wir werden es beibehalten mssen. Was knnte man denn auch sonst
in dem Nebel fr ein Zeichen geben? - Denn Nebel, und recht richtigen handfesten
Nebel bekommen wir noch in dieser Nacht, darauf kannst Du Dich verlassen.
    Meinetwegen - ich hoffe nur, die Burschen sind gleich bei der Hand, ehe sie
hier an Bord etwas merken.
    Sie werden doch - wenn aber auch nicht, so haben wir Zeit genug. - Laufen
wir in dem Nebel auf den Sand, so ist gar kein Gedanke daran, vor morgen frh
davon abzukommen, und Edgeworth ist auch klug genug, den Versuch nicht einmal zu
machen.
    Getraust Du Dich denn die Insel wirklich zu finden, wenn es sich ganz
umziehen sollte? frug Blackfoot jetzt besorgt und schaute ringsum auf die
dnnen, milchigen Streifen, die mehr und mehr die Gestalt von kleinen rollenden
Wolken annahmen. - Hol' mich der Teufel, ich glaube wahrhaftig, es wre besser,
wir legten an, ehe wir am Ende vorbeitrieben.
    Hab' keine Sorge, lachte Bill, - als ich das letzte Mal herunterkam, -
Ihr waret gerade in Vicksburg, - da konnte man den Nebel mit einem Messer
schneiden, und ich fand den Platz, als ob es im hellsten Sonnenschein gewesen
wre. - Treff' ich die Sandbank wirklich nicht oben an der Insel, nun so nimmt
mich die Strmung gerade auf die Zwischenhaut, und das wre auch weiter kein
Unglck, als da wir nachher ein bischen Arbeit htten, das Boot wieder flott
und stromab zu bekommen. - Die Fracht knnen wir so nicht ganz gebrauchen.
    Von wo fahren wir denn da ab? frug Blackfoot, - denn einen Anhaltepunkt
mssen wir doch auf jeden Fall haben.
    Ei ja wohl - gerade etwa zwei Meilen unter der Weideninsel liegt das
Treibholz, das Du kennen wirst. Wenn wir nicht im Stande sind, das zu sehen,
hren wir sein Rauschen eine halbe Stunde weit, und von dort an kann man nur
durch unausgesetztes Rudern Einundsechzig, oder vielmehr unsern knstlich
aufgeworfenen Damm vermeiden. - Im neuen Navigator steht er sogar schon
angegeben als eine erst krzlich durch sich selbst entstandene Sandbank.
    Gut - sonach kommen wir also etwa gleich nach Dunkelwerden an die Insel;
desto besser, dann ist die Geschichte bald abgemacht, und wir knnen ordentlich
ausschlafen. Aber hre, Bill, wird uns der Lasse, der vorausgerudert ist, nicht
etwa Verdrielichkeiten machen? Wenn der das Boot nicht findet, schlgt er auf
jeden Fall Lrm.
    Dafr ist gesorgt, lachte Bill, ich habe schon meine Maregeln danach
getroffen. - Aber jetzt Ruhe - der Alte scheint aufmerksam auf uns zu werden. -
Geh ein wenig nach vorn, und hre, was er so viel mit dem Weibe zu schwatzen hat
- spter wollen wir unsern Plan noch besser bereden. - Der Augenblick mu
freilich zuletzt immer noch den Ausschlag geben.
    Und damit wandte er sich von ihm ab und arbeitete mit dem Steuer, den Bug
ein klein wenig mehr gegen den Strom anzubringen.
    Inmitten des Bootes, mehr jedoch nach vorn zu, standen die Effecten der
jungen Frau, und diese sa, der letzten Scene noch immer mit unheimlicher Angst
gedenkend, auf dem einen Koffer, whrend ihre Sachen, unordentlich, wie sie die
Ruderleute an Bord geworfen, um sie her lagen. Seit dem letzten Streite der
rohen Bootsmnner, der das Interesse Aller erregt zu haben schien, kmmerte sich
auch Niemand weiter um sie. Nur Wolf, des alten Edgeworth treuer Schweihund,
hatte sich, mitten in das Gepck hinein, neben Mrs. Everett, und zwar seinen
Kopf so auf ihren Fu gelegt, als ob sie ganz alte liebe Bekannte wren; diese
lie das auch gern geschehen, hatte doch selbst eines Hundes Annherung unter
all' den fremden wilden Mnnern etwas Wohlthuendes und Beruhigendes fr sie.
    Edgeworth schritt endlich auf sie zu, setzte sich auf die neben ihr stehende
groe Kiste und sagte freundlich:
    Aengstigen Sie sich nicht, Madame - Bootsleute sind fast stets roh und
derb, und einige der unseren vorzglich, Ihre Fahrt wird aber bald beendet sein.
- Wenn dieser Nebel nicht gar so bsartig werden sollte, hoff' ich, Victoria
bald nach Abend zu erreichen. Wird es dunkel, so la ich Ihnen hier oben von
meinen Decken ein kleines Zelt aufschlagen, und da knnen Sie dann ganz
ungestrt schlafen, bis wir an Ort und Stelle die Taue auswerfen.
    Sind Sie in Victoria bekannt, Sir? frug Mrs. Everett jetzt, und heftete
ihre groen thrnenfeuchten Augen auf den alten Mann.
    Nein, Madame, sagte der Greis und streichelte den Kopf seines wackeren
Hundes, der sich jetzt an ihm aufrichtete, - ich war nie in Victoria, habe aber
den Platz oft erwhnen hren.
    So sind Sie ganz fremd in dieser Gegend? frug die Frau besorgt, - mit dem
Wasser und seinen tckischen Gefahren unbekannt, und frchten nicht, in diesem
Nebel an Sandbank oder Drift aufzulaufen?
    Die Gefahr ist wohl nicht so gro, als Sie glauben, erwiderte Edgeworth. -
Wir haben einen sehr guten Steuermann, der den Flu genau kennt, und nicht mehr
weit zu fahren; der Mann, der meine Ladung gekauft hat, befindet sich ebenfalls
an Bord und ist mit dem Strom vertraut, da glaub' ich wirklich nicht, da viel
zu frchten ist.
    Ach Gott, es verunglcken so viele Menschen auf diesem bsen Wasser!
seufzte die arme Frau.
    Ja wohl, Madame, ja wohl, stimmte ihr mit wehmthigem Kopfnicken der Alte
bei, - an diesem und den anderen westlichen Strmen Tausende - aber es giebt
auch bse Menschen. Nicht der Strom allein reit die zahlreichen Opfer in seine
Tiefe.
    So haben auch Sie schon von jenen Frchterlichen gehrt, die hier auf dem
Mississippi ihr Wesen treiben sollen? flsterte Mrs. Everett erschreckt und
ngstlich - vielleicht wissen Sie etwas Nheres ber ihr Bestehen?
    Ich verstehe nicht recht, wen Sie meinen, Madame, sagte Edgeworth.
    Sie haben in Helena gehrt, da mein Brutigam vor kurzer Zeit im Flu
verunglckte? frug die Frau dagegen.
    Ja, - Mrs. Smart sprach davon.
    Man sagt, das Boot sei auf einen Snag gerannt.
    Das ist wenigstens das Wahrscheinlichste. - Du lieber Gott, so mancher arme
Bootsmann hat ja schon auf solche Art seinen Tod gefunden.
    Ich glaube es nicht, - flsterte Mrs. Everett, - aber noch viel leiser als
vorher.
    Was? frug Edgeworth erstaunt.
    Da Holk's Boot auf natrliche Weise untergegangen sei, erwiderte die
junge Frau, wie frher flsternd, - ich habe einen frchterlichen Verdacht, und
will eben nach Victoria ziehen, wo sich ein Bruder von mir, ein wackerer
Advocat, niedergelassen hat. Der soll sehen, ob er die Thter nicht aufspren
kann.
    Wre aber da nicht Holk's Sohn, der, wie ich hre, des Verstorbenen Land so
schnell verauctioniren lie, eine viel passendere Person gewesen? meinte der
alte Mann; ich wei doch nicht, ob eine Frau im Stande sein sollte, gegen
dieses Volk aufzutreten - wenn es nmlich wirklich existirte.
    Holk hatte gar keinen Sohn, fuhr Mrs. Everett noch eben so leise als
frher fort. - Mein Leben setze ich zum Pfande, da jener Mann, der sich fr
seinen Sohn ausgab, ein falsches Spiel spielte. Ich habe oft - oft mit dem armen
Holk ber seine Familie gesprochen, und er verbarg mir nichts. Ach, wie manchmal
hat er mir versichert, er stehe ganz allein in der Welt, und habe nur mich, auf
die er sein knftiges Lebensglck baue. Htte er den Sohn verleugnen sollen?
Nie!
    Hm! murmelte Edgeworth und schaute eine ganze Weile sinnend vor sich
nieder - er gedachte dessen, was ihm Smart noch vor seiner Abfahrt gesagt hatte.
- Unwillkrlich schweifte dabei sein Blick nach den beiden Mnnern hinber, die
jetzt in sehr angelegentlichem Gesprch begriffen schienen, - hm - ich wollte,
Tom wre hier. Wei auch der Henker, weshalb ich den Jungen allein voranfahren
lie. Hr' einmal, Bob-Roy - und er wandte sich damit zu Einem der Bootsleute,
der ihm am nchsten stand, und zwar an denselben, der schon frher den Streit
mit dem Steuermann gehabt, - was hltst Du von dem Nebel? Du bist doch auch
nicht das erste Mal auf dem Mississippi.
    Ich halte davon, da wir sobald als mglich irgendwo an Land laufen oder
den Nothanker ber Bord lassen, sagte der Mann unwillig, - hier so in den
Nebel hineinzusegeln, ist wahre Tollkhnheit. - Wenn uns ein Dampfboot begegnet,
sind wir verloren, und begegnet uns keins, so bleibt uns doch noch immer die
ziemlich sichere Aussicht, irgendwo fest zu rennen. Wenn ich ein Boot zu
befehligen htte, so wte ich so viel, da es bei solchem Nebel lieber
Mississippisand als Mississippiwasser unter sich haben sollte - obgleich beides
noch Manches zu wnschen brig lt.
    Also Ihr meint, wenn der Nebel dichter wrde, sollte ich beilegen?
    Gewi meine ich das, wenn Ihr mich denn einmal drum fragt, sagte der
Rudermann, 's ist mir ohnedies ein unheimliches Gefhl, so gar nicht zu sehen,
wohin man fhrt, und dann dem Burschen da - und er wies rckwrts ber die
Schulter mit dem Daumen nach Bill hin - anvertraut zu sein.
    Edgeworth folgte der Bewegung mit den Augen, brach aber jetzt, als Blackfoot
langsam auf ihn zuschritt und bald darauf neben ihm Platz nahm, das Gesprch mit
dem Mann ab.
    Es wird trb'! sagte der, whrend er dabei den Strom hinabdeutete, wo die
Nebelmauer hher und hher zu steigen schien, - es wird verdammt trb'. - Wir
knnen froh sein, da wir einen so guten Lootsen an Bord haben.
    Ja, ja, erwiderte Edgeworth und blickte unruhig umher, es sieht bs dort
unten aus - dauern diese Mississippi-Nebel lange?
    Sehr verschieden, Sir, - sehr verschieden - manchmal treibt sie ein
leichter Abendwind wie gar nichts vor sich hin, manchmal aber liegen sie so zh
auf dem Strom, als ob sie von Gummi elasticum wren und immer weiter und weiter
sich ausbreiteten, je mehr der Wind daran zerrte und zge. - Wahrscheinlich
wird's aber, wenn der Mond aufgeht, besser; jedenfalls knnen wir noch ein oder
zwei Stndchen ruhig fortfahren, bis wir einmal in die Nhe von Dreiundsechzig
kommen. - Dort pflegen die Boote gewhnlich beizulegen.
    So? Also nachher rathet Ihr mir selbst, das Boot irgendwo zu befestigen?
Ich hatte Lust, schon frher anzulegen.
    Nein, ja nicht! rief Blackfoot - wozu die schne Zeit versumen, wenn es
nicht unumgnglich nthig ist. Habt nur keine Angst, Sir, mir liegt, wie Ihr
Euch denken knnt, die Wohlfahrt des Bootes jetzt ebenso am Herzen als Euch, und
ich wrde seine Sicherheit gewi nicht unntz oder leichtsinnig auf's Spiel
setzen. - Ihr habt da eine stattliche Bchse - Kentucki-Fabrikat oder
pennsylvanische?
    Edgeworth hatte seine Bchse noch zwischen zwei dort stehenden Fssern
lehnen und griff jetzt hinber, sie an sich zu nehmen - jeder Jger hrt es
gern, wenn seine Waffe gelobt wird.
    Ja, sagte er, whrend er das gute Gewehr vor sich auf den Scho legte, die
Mndung jedoch vorsichtig dabei dem Wasser zu richtete - es giebt wohl
schwerlich ein besseres Stck Eisen in Onkel Sam's Staaten, als dieses alte,
unansehnliche Ding hier. - Manchen Hirsch hab' ich damit umgelegt und manchen
Bren dazu; auch gute Dienste gegen die Rothhute hat sie schon geleistet und
manchen heien blutigen Tag gesehen.
    Ihr mchtet sie wohl nicht gegen irgend ein anderes, wenigstens besser und
zierlicher aussehendes Gewehr vertauschen? warf hier der Fremde ein und hielt
dem Alten seine eigene Bchse hin, die er noch nicht aus der Hand gelegt hatte.
Es war ein herrliches, reich mit gravirtem Silber verziertes und beschlagenes
Gewehr, mit damascirtem Lauf und wunderlichem Sicherheitsschlo versehen, wie es
dem alten Jger noch gar nicht vorgekommen.
    Hm, sagte er und nahm die fremde Waffe fast unwillkrlich in Anschlag, -
das ist ein prachtvolles Stck Arbeit - liegt vortrefflich - ganz ausgezeichnet
- gerade wie ich's gern habe - mit hellem Korn und nicht zu grobem Visir; mu
viel Geld gekostet haben in den Staaten - sehr viel Geld. Schiet es gut?
    Ich parire, auf sechzig Schritt aus freier Hand einen viertel Dollar
achtmal, auch zehnmal zu treffen.
    Ei nun, das wre aller Ehren werth, - warum wollt Ihr's aber vertauschen?
    Aufrichtig gesagt, - meinte der Andere und blickte sinnend dabei vor sich
nieder - thut mir's weh, von der Bchse zu scheiden, dann aber auch wieder hab'
ich mich fest entschlossen. - Sie kommt aus lieber Hand und erweckt dadurch nur
zu oft recht bittere und schmerzliche Erinnerungen. - Ich gebe sie auf jeden
Fall weg, und - wenn sie doch einmal in eines Fremden Hand kommen soll, so wret
Ihr gerade der Mann, dem ich sie wnschen knnte. Kommt, Ihr findet mich gerade
in der Stimmung und knnt einen guten Handel machen.
    Ich wre der Letzte, Vortheil aus der Stimmung eines Andern zu ziehen,
sagte der alte Jger; das aber bei Seite, so scheinen wir auch in einer andern
Sache sehr verschiedener Ansicht zu sein. - Was Euch durch schmerzliche
Erinnerung peinigt, macht es mir theuer, und ich mchte mich nicht um vieles
Geld von dieser alten lieben Waffe trennen. Ich hatte einst einen Sohn, der sie
zuerst fhrte - ich brachte sie ihm aus Kentucky mit - und der arme Junge - doch
einerlei das. - Dies ist das einzige Andenken, was ich noch von ihm habe, und es
soll bei mir ausharren in Freud' und Leid.
    Also Ihr habt keine Lust zum Tausch?
    Nicht die mindeste, und wenn Euer Gewehr so von Gold strotzte, als es jetzt
von Silber thut.
    Ach, Mr. Edgeworth, das Silber ist das Wenigste an einem guten Gewehr,
sagte der Hndler, - das wit Ihr selber wohl besser, als ich es Euch sagen
kann; der Werth liegt im Innern, und da habt Ihr denn wohl ganz Recht, wenn Euch
das Eure, unscheinbare, gengt - das finde ich auch schon ohne irgend einen
andern Grund, der es Euch noch werther machen knnte, natrlich. - Bitte,
erlaubt mir einmal Euer Gewehr - - steht der Stempel des Fabrikanten nicht
daran?
    Ich wei wirklich nicht, sagte Edgeworth, - ich habe nie danach gesehen.
- Es bleibt sich auch ziemlich gleich, ob der Mann John oder Harry geheien hat,
wenn seine Arbeit nur gut war.
    Ja, allerdings - aber ich bin mit mehreren Bchsenschmieden in Kentucky
befreundet, und es wre mir interessant, einen bekannten Namen hier zu finden.
    Er nahm bei diesen Worten die Bchse in die Hand und drehte sie langsam nach
allen Seiten hin, betrachtete besonders aufmerksam den Lauf, an dem noch einige,
wenngleich undeutliche Zeichen sichtbar waren, und ffnete endlich auch die
Pfanne.
    Gebt Acht - Ihr werdet mir das Pulver herunter schtten, rief Edgeworth.
    Es scheint ohnedies vom Nebel feucht geworden zu sein, erwiderte
Blackfoot, whrend er sein eigenes Pulverhorn hervorzog, - wir wollen anders
darauf thun.
    Mit der linken Hand hielt er die Bchse, und die rechte, mit der er zugleich
das Pulverhorn ffnete, bewahrte einen der kleinen, von Bill empfangenen Stifte.
- Edgeworth wollte aber noch immer nicht den Blick von ihm wenden.
    Was habt Ihr fr Pulver? frug er den Fremden.
    Dumont'sches - natrlich, - erwiderte Blackfoot, - haltet einmal Eure
Hand her - nun seht das Korn. - Ist das nicht herrliche Waare?
    Edgeworth prfte das Pulver mit dem Finger, und in demselben Augenblick sa
der Stift im Zndloch seiner eigenen Waffe - Blackfoot schttelte gleich darauf
frisches Pulver auf und schlo die Pfanne wieder.
    Ja, das Pulver ist gut, sagte der Alte, whrend er er es noch mit der
Zunge kostete, reinlich und von gutem Geschmack - man bekommt's selten von der
Art in Indiana. - Ich will mir auch ein Fchen davon mit hinaufnehmen - es
steht schon auf meinem Zettel, - und damit nahm er sein Gewehr wieder aus
Blackfoot's Hand und stellte es neben sich. Mrs. Everett hatte dabei gesessen
und nur manchmal und flchtig den Blick zu den Mnnern erhoben.
    Hallo, Sir! rief da pltzlich der Hndler und zeigte auf die junge Frau, -
was ist denn mit der Lady - die wird ja pltzlich leichenbla.
    Um Gott, Mrs. Everett, sagte Edgeworth aufspringend, - fehlt Ihnen etwas?
Sie sehen wahrlich ganz aschfarben aus.
    Es wird schon vorbergehen, flsterte die junge Frau leise und hielt sich
einen Augenblick ihr Tuch fest gegen die Augen gedrckt - es war nur so ein
Anfall - die Aufregung in Helena - der schnelle Wechsel - vielleicht auch die
feuchte Fluluft -
    Ja, ja, sagte Edgeworth, - die ist hauptschlich daran schuld, ich htte
das schon frher bedenken sollen. Aber warten Sie nur, ich hole Ihnen gleich die
Decken herauf, und dann wollen wir schon ein ordentliches Lager fr Sie
herrichten; es giebt nichts Besseres, feuchte Luft abzuhalten, als wollene
Decken.
    Und der alte Mann ergriff sein Gewehr und schritt, ohne weiter auf die
Einwendungen der Frau zu achten, vorn zum Bug und dort eine kleine Treppe
hinunter in den untern Raum. Von dort kehrte er auch bald mit drei groen
Makinawdecken zurck, und ging nun mit Blackfoot's Hlfe emsig daran, eine Art
Zelt herzustellen, unter dem sich Mrs. Everett ungesehen und ungestrt der Ruhe
berlassen konnte. Es ist dies eine Art Galanterie und Aufmerksamkeit fr das
weibliche Geschlecht, wie sie selbst der roheste Hinterwldler fast
instinktartig beweist, und jede Frau kann deshalb auch, ohne frchten zu mssen,
der geringsten Unannehmlichkeit ausgesetzt zu sein, die ganzen Vereinigten
Staaten allein durchreisen. Sie wird in jedem Fremden, der durch Zufall ihr
Begleiter geworden, einen bereitwilligen, aber fast selten oder nie benthigten
Schutz finden.
    Mrs. Everett schien brigens, so herzlich sie auch dem alten Mann fr seine
Gte dankte, dennoch keinen Gebrauch von derselben machen zu wollen, denn sie
blieb unruhig an Deck und schien von jetzt an besonders aufmerksam die noch
immer sorglos gelagerten Gestalten der Fluleute zu betrachten. Sie befanden
sich auch alle oben; nur Einer von ihnen war unten im Raume beschftigt, auf dem
dort befindlichen Roste oder Kochofen das einfache Abendmahl der Mannschaft zu
bereiten, und tauchte von dort manchmal mit glhend rothem Gesicht auf, um sich
entweder abzukhlen, oder Holz von oben mit hinunter zu nehmen.
    Hallo - was fr Land ist das da drben? sagte da pltzlich Edgeworth, als
er auf einen im Nebel kaum erkennbaren, etwas dunkleren Streifen deutete, den
sie zu ihrer Linken liegen lie, kann das wohl das Mississippi-Ufer sein?
    Oh bewahre! erwiderte ihm Blackfoot - das mu ja der Steuermann wissen. -
Was fr Land ist das, Sir?
    Runde Weideninsel! erwiderte Bill lakonisch und drckte den Bug etwas
davon ab, denn er frchtete selbst eine von dieser Insel auslaufende Sandbank,
auf welcher ja auch das Dampfschiff Van Buren festgesessen hatte.
    Wie wr's denn, wenn wir hier eine Weile vor Anker gingen? meinte
Edgeworth, - wenigstens so lange, bis sich der Nebel etwas verzogen htte.
    Geht nicht! rief Bill ruhig dagegen. - Wir knnen nicht bis an hundert
Schritt von der Insel selbst kommen. - Der Sand luft hier ein tchtiges Stck
in den Strom hinein - nehmt einmal das Senkblei!
    Edgeworth nahm die Leine, an welcher das Blei befestigt war, und warf dieses
ber Bord - Bill hatte Recht, der Strom war hier hchstens acht Fu tief, und
sie durften allerdings nicht wagen, nher hinan zu halten. Die Strmung lag aber
- dem Navigator nach - von hier an rechts an der Insel vorber dem Arkansasstaat
zu, und drngte erst von dort aus, etwa vier bis fnf Meilen unterhalb, der
Mitte des Stromes wieder zu. Nr. Einundsechzig lag, wie schon frher erwhnt,
dreizehn englische Meilen unter der Weideninsel.
    Durch den Nebel noch beschleunigt, fing es jetzt recht ernstlich an dunkel
zu werden, und der alte Farmer schttelte gar bedenklich den Kopf, als selbst
die letzten bis dahin fast noch immer sichtbar gebliebenen Wipfel der nchsten
Uferbume verschwanden. Sie trieben ja auch nun, fast auf gut Glck und ohne den
leisesten Halt von irgend einer Seite aus, stromab und, wie er recht gut wute,
zwischen unzhligen Gefahren hin. Er stand vorn auf dem Bug und lauschte auch
dem unbedeutendsten Gerusch, ob er nicht das Brechen der Wasser an irgend einer
Drift, oder das Wehen der vielleicht nahen Uferbume hren knne. Aber Alles lag
ruhig und still, kein Laut lie sich vernehmen, die ganze Natur schien wie
ausgestorben, und selbst der Wind, der noch frher den Nebel einigermaen
zertheilt hatte, mute gnzlich eingeschlafen sein, denn die Dnste lagen wie
ein graues Leichentuch fest und unbeweglich auf dem Strome, und mde und
trumend schwamm das schlfrige Boot auf seiner mattblinkenden Flche.
    Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise verflossen sein, und Edgeworth war
oft ungeduldig zum Steuermann gegangen, um mit diesem eine mgliche Gefahr zu
bereden, dann wieder mit raschen Schritten auf dem runden Verdeck hin und her
gelaufen - unschlssig, was er thun, ob er seinem Lootsen folgen, oder selber
handeln solle, wie er es fr gut finde, das heit augenblicklich zum nchsten
rechten Ufer rudern und dort anlegen, bis sich der Nebel verziehen mchte.
Blackfoot hatte sich indessen fast immer an seiner Seite gehalten, um jeden
mglicher Weise in ihm aufsteigenden Verdacht abzulenken. Jetzt aber, da sie
sich mehr und mehr dem verhngnivollen Punkt nherten, war noch so Manches, was
er mit dem Verbndeten zu besprechen wnschte, und er zog sich nach und nach dem
Steuer wieder zu, wobei er zuerst eine Zeit lang in Bill's Nhe auf- und abging,
ohne ein Wort an diesen zu richten. Endlich that er einige laute Fragen ber den
Flu in dieser Gegend und knpfte zuletzt ein leiseres, dem Ohr des entfernter
Stehenden unverstndliches Gesprch mit dem Steuermann an.
    Mrs. Everett hatte sich erst in ganz letzter Zeit in ihr hergerichtetes Zelt
zurckgezogen, oft aber den Vorhang gelftet, der es verschlo, und jenen Theil
des Verdecks mit ihren Augen berflogen, auf dem sich Mr. Edgeworth befand.
Jetzt, da sie ihn zum ersten Mal auf kurze Minuten allein und ungestrt sah,
verlie sie ihr Lager wieder und schritt - mit flchtigem Blick sich
berzeugend, da Keiner der brigen Mnner in der Nhe sei, auf ihn zu.
    Ach, Madame, sagte der alte Mann, als er ihren Tritt hrte und sich nach
ihr umwandte, Sie sind auch noch munter? Ja, ja, man hat keine Ruh', wenn man
nicht wei, wo man ist, und Gefahren jeden Augenblick erwarten kann, ohne im
Stande zu sein, sie zu sehen. - Geht mir's doch selbst nicht besser.
    Ich frchte nicht die Gefahren, die uns der Flu selber entgegenstellt,
flsterte jetzt Mrs. Everett rasch und sah sich scheu nach den Mnnern am Steuer
um - Ihnen - vielleicht uns Allen droht etwas Schlimmeres, und gebe nur Gott,
da es noch Zeit ist, es zu vermeiden.
    Was haben Sie, Mrs. Everett! sagte Edgeworth erstaunt - Sie scheinen ja
ganz aufgeregt - was frchten Sie?
    Alles, sagte die Frau, aber immer noch mit unterdrckter Stimme - Alles,
sobald Sie nicht der Treue Ihrer Leute gewi sind.
    Aber ich begreife nicht -
    Wo haben Sie Ihre Bchse?
    Unten an meinem Bett.
    Gehen Sie hinab und untersuchen Sie das Schlo!
    Das Schlo?
    Zgern Sie keinen Augenblick, der nchste kann unser Aller Verderben
besiegeln.
    Aber was frchten Sie denn? Was ist mit dem Schlo meiner Bchse?
    Sie gaben es vorhin in die Hand jenes Mannes - ich selber aber, im Walde
auferzogen und oft gezwungen, die Schuwaffe zu fhren, wenn Everett Tage und
Wochen lang auf der Jagd blieb, warf fast zufllig den Blick auf jenen Menschen,
als er aus seinem eigenen Horn Pulver auf die Pfanne schttete. Wre mir der
Gebrauch jener Waffe fremd, so htte ich nichts Auffallendes in seinem Benehmen
finden knnen - er trug etwas Spitzes in der Hand und ffnete scheinbar damit
das Zndloch, aber der lauernde Blick, den er dabei auf Sie warf, machte mich
zuerst stutzig - ich lehnte den Kopf in die Hand und behielt, ohne da er mein
Gesicht sehen konnte, seine Hand im Auge. Wohl drehte er sich, whrend Sie sein
Pulver prften, so weit von Ihnen ab, da sein eigener Arm das Schlo verdeckte,
deutlich aber erkannte ich, wie er irgend etwas, ob Holz oder Nagel wei ich
nicht, in das Zndloch drckte, und seine Hand zitterte, als er gleich darauf
wieder Pulver auf die Pfanne schttete - ich sah, wie das Pulver reichlich an
Deck hinabfiel. So bermannte mich bei dieser Wahrnehmung Angst und Schreck, da
mir das Blut stockte und ich beinahe ohnmchtig an Deck niedergesunken wre.
Seit der Zeit war es mir aber nicht mglich, Ihnen auch nur eine Minute lang
unbemerkt meinen Verdacht mitzutheilen, und ich frchte nur, es ist fast zu
spt, dem zu begegnen, was Jene Schreckliches beabsichtigen mgen.
    Edgeworth stand mehrere Minuten lang in tiefem Nachdenken versunken und
starrte schweigend in den sein Boot jetzt dicht und undurchdringlich umgebenden
Nebel hinaus - endlich sagte er, whrend er sich langsam gegen die Frau
umwandte:
    Gehen Sie ruhig wieder in Ihr Zelt, meine gute Mrs. Everett - ich danke
Ihnen fr Ihre Mittheilungen, wir drfen aber fr den Augenblick noch Jene nicht
merken lassen, da wir irgend Verdacht geschpft haben. Ich durchschaue jetzt
Alles, oh, da Tom doch hier wre! Doch - es wird auch ohne ihn gehen, ich will
nur gleich unten nach meiner Bchse sehen und sie wieder in Stand setzen. -
Frchten Sie aber nichts - meine Indiana-Mnner sind treu wie Gold.
    Er schritt langsam dem vordern Theil des Fahrzeugs zu, wohin die Bootsleute
einige der Kisten geschafft hatten, damit sie beim Rudern nicht im Wege wren,
und wo sich auch der alleinige Eingang in das untere Deck und zu den
Schlafstellen der Mnner befand. Dieser bestand in einem viereckig
ausgeschnittenen und nur drittehalb Fu im Durchmesser haltenden Loche, in dem
eine kurze Leiter lehnte. Er stieg hinab und verschwand gleich darauf im untern
Raum.

                                      25.

                                        

                   Das Flatboot legt bei. - Der Piraten List.


Der Nebel hatte sich, whrend die Schildkrte mit der reienden Strmung rasch
hinabtrieb, mehr und mehr verdichtet. Die nur kurze Strecke vom Boot entfernten
Stcken Floholz lieen sich kaum noch erkennen, und an eine Bestimmung des
Ufers war lngst nicht mehr zu denken. Blackfoot, der den Strom nicht so genau
kannte wie sein Kamerad, fing denn auch bald an unruhig zu werden, blickte oft
forschend nach allen Seiten hinaus, und wandte sich endlich mit etwas
ngstlicher und bedenklicher Miene an den Steuermann.
    Hre einmal, Bill, sagte er, die Sache fngt an verdammt unklar zu
werden. Bist Du auch sicher und Deiner Sache gewi, da Du die Insel findest?
Bedenke wohl, die Strmung ist jetzt, durch das steigende Wasser, selbst viel
strker geworden, und ich bin fest berzeugt, sie wrde einen Gegenstand, den
sie frher vom Arkansas-Ufer aus gerade auf unsere Sandbank warf, wie die Sache
jetzt steht, weit darber hinweg fhren.
    Darin magst Du Recht haben, erwiderte, mit dem Kopfe nickend, Bill: Du
weit aber auch, da unsere Insel ein paar Meilen lang ist und wir, fast die
ganze Strecke daran hin, das Brechen des Wassers gegen die in den Strom
geworfenen Baumstmme hren knnen. Leicht wird es dann sein, die Bootsleute zum
Anlegen zu bewegen, denn es fngt ihnen allen schon jetzt an unheimlich auf dem
Wasser zu werden. Wenn's nicht dasselbe mit mir wre, wollte ich sagen, es gbe
Ahnungen.
    Hm - ja, das mchte gehen - haben wir noch weit bis zur Landspitze?
    Meiner Berechnung nach kann's keine halbe Meile mehr sein - geh aber
indessen einmal vorn auf's Boot und horch' ein wenig aus, ob Du das Rauschen
noch nicht hren kannst. Halt, noch Eins - bist Du auch sicher, da des Alten
Bchse von der Pfanne blitzt?
    Haha - lachte der dunkle Geselle hhnisch, das war ein verdammt guter
Einfall - der kann schnappen, bis ihn der Finger schmerzt. Vielleicht war es
aber gar nicht nthig, er hat das alte Schieeisen heruntergetragen, damit ihm
das Pulver nicht feuchtet, und da unten wird's denn auch wohl liegen, wenn er
sich's hier an Deck wnschen soll.
    Still und hhnisch vor sich hin lchelnd schritt der Pirat nach vorn und
traf hier Mrs. Everett, die noch immer mit gefalteten Hnden und gesenktem Haupt
auf einer ihrer Kisten sa, und sich nicht entschlieen konnte, den freien Raum
zu verlassen. Ihre ganze Gestalt zitterte und bebte, als sie der schlauen List
der Fremden dachte, die auf Frchterliches schlieen lie.
    Nun, meine junge Lady, sagte der Hndler, als er neben ihr stehen blieb
und in das bleiche, rasch und erschreckt zu ihm aufgehobene Antlitz des jungen
Weibes sah - noch immer die Scene mit der Dame nicht verschmerzt? Hahaha! Mrs.
Breidelford ist ein wenig oben hinaus, wenn sie sich in ihren Rechten gekrnkt
glaubt - was war denn eigentlich vorgefallen?
    Gott wei es, sthnte die Arme und zwang sich gewaltsam, gefat zu bleiben
- irgend ein Miverstndni wahrscheinlich. - Ich bin ihr nie zu nahe getreten,
ja habe frher nie ein Wort mit ihr gewechselt, noch ihre Schwelle je
berschritten.
    Wunderlicher Kauz das, diese Mrs. Breidelford, lachte Blackfoot - sehr
wunderlicher Kauz - aber seelensgut, wo 'was zu verdienen ist - aufopfernd fr
Freunde, wo sie Nutzen erwartet - uneigenntzig wie Keine, wenn sie Alles hat,
was sie will - und ntzlich - Sie glauben gar nicht wie ntzlich, Mrs. Everett.
- Eine sehr vortreffliche Frau, diese Mrs. Breidelford. -
    Der Mann war augenscheinlich in uerst guter Laune, denn er schritt lachend
bis an den Vordertheil vor, und blieb hier, auf die Vorfinne gelehnt, jetzt aber
mit nicht zu verkennender Aufmerksamkeit lauschend, stehen. Er hrte gar nicht,
wie Edgeworth wieder in diesem Augenblick, von dem langen Hosier gefolgt, die
Leiter heraufkam. - Die brigen Leute waren kurz vorher in den Raum
hinabgestiegen.
    Hallo, Sir, sagte Blackfoot pltzlich, als er sich umwandte und den alten
Mann mit der Bchse neben sich stehen sah - wollt Ihr Nebelkrhen schieen? Ich
hatte eben Lust, mein Gewehr hinunter in's Trockene zu tragen, und Ihr bringt
das Eurige wieder herauf?
    Eine alte Angewohnheit, sagte der Jger - ich kann nicht gut ohne die
Bchse sein, und da ich die Nacht an Deck schlafen will, soll sie wenigstens
neben mir liegen. Meine Pfanne schliet ausgezeichnet, und das Pulver, was Ihr
mir aufgeschttet habt, wird sich ja wohl trocken halten.
    Ei gewi, aber ich wrde Euch nicht rathen, oben zu schlafen, die Nsse
dringt frmlich durch, und in Euren Jahren -
    Schadet nichts - bin's gewohnt, und habe schon manchmal in Sturm und Regen
drauen gelegen. Aber komm, Bob Roy, - wandte er sich dann an den Hosier - ruf
einmal die Anderen auch herauf - ich denke, wir legen lieber bei - ich mag nicht
lnger in dem Nebel herumfahren!
    Beilegen jetzt? sagte Blackfoot rasch - das ist noch zu frh - Bill
meint, es htte jetzt noch gar keine Gefahr.
    Ich will aber auch nicht warten, bis Bill meint, da es wirklich Gefahr
htte, erwiderte Edgeworth. Ob wir nun noch ein paar Meilen weiter fahren,
oder jetzt anhalten, das wird sich in der Zeit ziemlich gleich bleiben. - Da
drben hr' ich die Schlge einer Axt, und zwar gar nicht weit entfernt, dort
mu also auch Land sein, und da wollen wir denn nicht warten, bis uns die
Strmung wieder mitten in den Flu hineinnimmt. Von dort an fahr' ich auch nicht
eher wieder ab, bis es nicht heller lichter Tag geworden und der Nebel gewichen
ist.
    Die Bootsleute kamen jetzt rasch an Deck, machten die Finnen frei und
stellten sich bereit, sobald das Steuerruder gerichtet wre, einzufallen. Bill
aber, der von seinem Platz aus die ganze Bewegung mit keineswegs freudigem
Staunen beobachtet hatte, rief jetzt rgerlich aus:
    Ei! Zum Donnerwetter, - wer hat Euch denn gesagt, da Ihr rudern sollt? Ihr
wollt wohl auf irgend einen Snag mit aller nur mglichen Gewalt auflaufen?
    Nein, Bill, sagte Edgeworth, stellte seine Bchse an das Zelt, neben dem
Wolf noch immer lagerte, und ging auf ihn zu - wir wollen dort drben, wo Ihr
noch jetzt die Axt hren knnt, anlegen, bis sich der Nebel verzogen hat. Haltet
ein bischen hinber -
    Unsinn, brummte der Steuermann - das Ufer dort drben starrt vor lauter
Snags und Sawyers - wenn wir nicht ganz genau den Landungsplatz treffen, so
laufen wir so sicher auf, wie wir jetzt gutes Fahrwasser unter dem Rumpfe haben.
Legt die Finnen wieder hoch und wartet noch ein paar Stunden - am Fu von
Zweiundsechzig ist ein trefflicher Landungsplatz, und ich glaube auch, wir
knnen am stlichen Ufer von Einundsechzig ohne Gefahr eine Stelle erreichen, wo
wir im Stande sind, die Taue zu befestigen.
    Schadet nichts, Bill, sagte der alte Mann ruhig, haltet nur nach Arkansas
hinber, ich will lieber ein bischen zu vorsichtig sein, als nachher Boot und
Ladung einben.
    Aber ich sage Euch, Sir! fiel Blackfoot hier etwas rgerlich ein - wir
drfen die schne Zeit nicht noch lnger nutzlos versumen. - Ich mu die Ladung
morgen frh mit Tagesanbruch in Victoria haben, wenn ich sie berhaupt
gebrauchen kann.
    Ei, Sir, von mu darf hier gar keine Rede sein, erwiderte Edgeworth ernst.
Wenn es brigens blos die Ladung wre, so mchte es noch angehen, ich wrde
sagen, lat's uns riskiren, geschhe ein Unglck, so wre weiter nichts als Geld
verloren, aber hier stehen auch Leben auf dem Spiel. Wir haben nicht einmal die
Jolle am Boot, um uns bei irgend einem Zufall hinein zu flchten - die Dame hier
hat mir ebenfalls Alles anvertraut, was sie noch auf dieser Welt besitzt, und
wir mssen deshalb vorsichtig, ja vielleicht vorsichtiger sein, als es sonst
nthig wre.
    Aber mir ntzt die Ladung nicht einen Cent, wenn ich sie nicht -
    Ei, so lat sie in Gottes Namen mir, erwiderte Edgeworth kaltbltig. -
Liefere ich Euch die Gter nicht zur bestimmten Zeit nach Victoria, so seid Ihr
an nichts gebunden; die Waaren sind doch deshalb nicht schlechter geworden, da
schon Jemand darauf geboten. Haltet hinber, Bill, oder wir treiben wieder
vorbei.
    Blackfoot stampfte rgerlich mit dem Fue, Bill aber, der wenige Secunden
unschlssig dagestanden, schien sich jetzt eines Besseren besonnen zu haben, hob
rasch das Ruder, drckte es nach Larbord hinber und lie den Bug langsam gegen
die Richtung zu anluven, von wo aus die regelmigen Schlge der Axt noch immer
herbertnten. Die Ruderleute legten sich dabei scharf hinter die Finnen, denn
sie wuten doch nun einmal wieder, nach welcher Richtung zu es eigentlich ging,
und langsam strebte der breite Bug, ein klein wenig nach oben gehalten, quer
durch die Strmung, da sich die Wasser leicht an seiner Starbordseite
kruselten. Einzelne niedertreibende Stmme und Holzstcke legten sich dabei
nicht selten gegen die mchtige Flanke des Bootes, so da sie dieses, wenn der
Andrang und das Gewicht solcher Holzmassen zu schwer wurde, vllig stromauf
halten muten, um jene Anhngsel abwerfen zu knnen.
    Aber sag' einmal, Bill, bist Du denn ganz des Teufels, da Du diesem alten
Seehund gehorchst? zrnte Blackfoot, als er, whrend die Leute eifrig mit ihrer
Arbeit beschftigt waren, zu dem Kameraden an's Steuer getreten war. Wenn wir
jetzt anlegen und bis Tagesanbruch hier liegen bleiben, so ist Zehn gegen Eins
zu wetten, da unser schner Plan zu Wasser wird. - Der Nebel geht dann
allerdings fort, aber wir haben helles Tageslicht und mssen gewrtig sein, da
uns vorbeitreibende Flatboote oder Dampfboote die Ausfhrung unserer Absicht
total vereiteln.
    Bist Du nun fertig? grollte der Steuermann, whrend er das Boot eben
wieder gerade stromauf hielt - Avast da mit den Starbordrudern - so - das
thut's - nun wieder ein! Die laut gerufene Rede galt den Bootsleuten, die
solchem Befehl auch willig gehorchten. Willst Du Dich jetzt widersetzen? fuhr
dann Bill nach kurzer Zeit mit gedmpfter Stimme fort - wo wir Zwei gegen die
Ueberzahl nicht allein nichts ausrichten knnten, sondern uns selbst noch
muthwillig in die grte Gefahr strzten? Willst Du jetzt einen Verdacht
erwecken, der jenen Burschen dann gleich von vornherein gegen uns mitrauisch
machen mte?
    Aber wie, zum Henker -
    Bist doch sonst nicht so auf den Kopf gefallen, hhnte der Steuermann,
ohne die Einrede zu beachten - so nimm die fnf Sinne auch jetzt ein bischen
zusammen, und la ihnen fr den Augenblick den Willen - Du hast den Alten durch
Dein tolles Dazwischenfahren ohnedies schon stutzig gemacht. - In zwei Stunden,
von hier aus, treiben wir hinunter an Ort und Stelle. Haben sie aber jetzt ihr
Boot befestigt, und finden sie, da wir ebenfalls damit einverstanden sind, so
legen sie sich ruhig auf's Ohr, und es ist dann nichts leichter, als das Tau
sachte zu lsen oder durchzuschneiden, das uns an's Ufer befestigt hlt. Merken
sie's nicht, so erwachen sie, wenn sie eben so gut htten bis in die Ewigkeit
fortschlafen knnen, und sehen sie's vor der Zeit, ei, dann haben wir einen
kleinen Tanz zu bestehen, aber ndern knnen sie nachher nichts mehr an der
Sache, noch dazu, da der Alte nicht einmal einen Compa bei sich fhrt und des
Nebels wegen ruhig wird stromab treiben mssen.
    Das ist eine gefhrliche Sache, sagte Blackfoot mrrisch - Gift und
Klapperschlangen, wenn die verwnschten Hosiers nur noch eine Stunde gewartet
htten. Da mu aber jener vermaledeite Holzhacker da drben noch bis in die
spte Nacht hinein an seinem Holze herumschlagen, und richtig, die alte
Landratte hrt kaum die bekannten Laute, da segelt sie auch schon mit vollen
Backen darauf los - hol' sie der Bse!
    Steht bei dem Springtau! rief Bill jetzt, seinen Gefhrten nicht weiter
beachtend, laut den Bootsleuten zu - als pltzlich vor ihnen die dmmernden
Schatten der Uferbume sichtbar wurden. Edgeworth stand vorn am uersten Ende
des Bugs und suchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen, denn er
frchtete nicht mit Unrecht die in der Nhe des Landes stets hufigen Snags.
Dicht unterhalb tauchten da pltzlich die weitgespreizten weien Arme einer erst
krzlich stromeingestrzten Sykomore auf, und gleich unter dieser zog sich - das
konnten sie deutlich erkennen - der Strom wieder scharf nach Westen hinber.
Diese Spitze einmal passirt, so konnten sie nur durch gewaltiges Rudern, und
vielleicht selbst dann nicht, das Ufer wieder gewinnen, da die Strmung von hier
aus mit ungeheurer Kraft zur Mitte zurckscho.
    Hurrah, jubelte Blackfoot mit unterdrckter Stimme - die Sache geht
besser, als ich dachte - ich glaubte noch gar nicht, da wir der Spitze so nahe
wren. Jetzt sollen sie's wohl bleiben lassen, das Land zu erreichen, und sind
wir nur erst einmal wieder so weit ab, da uns der Nebel umgiebt, dann brauchst
Du den Bug nur ein klein wenig weiter nieder zu halten, und wir treffen die
westliche Sandbank unserer Insel nach Herzenslust.
    Bill erkannte gleichfalls, wie ihr Plan hier ganz unerwarteter Weise durch
Ufer und Strmung begnstigt wurde, und wollte eben den Bug wieder abfallen
lassen, damit sie an den starren Aesten der Sykomore vorbeitrieben, Bob Roy
aber, der mit dem Springtau vorn am Bug stand und diese Bewegung von vornherein
beobachtet hatte, schrie ihm wild zu:
    Port, Sir - hart an Port - verdamm' Euch! Wollt Ihr unsere ganze Arbeit zu
Schanden machen?
    Geht zum Teufel! fluchte Bill und hob das Ruder nach der entgegengesetzten
Seite, Edgeworth aber sprang rasch nach dem vorn eingefgten Stiershorn und ri
es nach der Larbord-Seite hinber. Bill schien nicht bel Lust zu haben, sich
dem zu widersetzen, Blackfoot war aber nach vorn zu gegangen, um wahrscheinlich
zu sehen, was Bob Roy eigentlich mit dem Springtau wolle, und die Ruderleute
hatten smmtlich ihre Finnen herausgehoben und, zum Wiedereinsetzen bereit,
zurckgetragen, was die Hintersten bis dicht an den alten Mann brachte. Die
Uebermacht war unstreitig gegen ihn und er fgte sich. Seine Aufmerksamkeit
wurde brigens in diesem Augenblick ebenfalls nach vorn gelenkt, denn Bob Roy's
sonore Stimme rief aus:
    Steht bei hier - Boys - steht bei - nehmt das Tau - ahoi! und ehe nur
irgend Einer recht begreifen konnte, was er eigentlich meine, denn er rief
gerade, als ob er Jemandem, der drauen stnde, das Tau zuwerfen wolle,
schleuderte er es mit krftigem Wurf ber den alten Sykomore-Stamm hinber und
folgte dann mit Blitzesschnelle dem vorangesandten.
    Alles drngte sich jetzt nach vorn, das Resultat eines solchen Wagstcks zu
sehen, denn das Boot trieb rasch vorber, und gelang es ihm nicht, in wenigen
Secunden das Tau so zu befestigen, da es dem ganzen ungeheuren Druck des
schweren Bootes widerstehen konnte, so war Zehn gegen Eins zu wetten, da es ihn
selbst in die Fluth hinabri, wo sein Untergang zwischen den starren, knorrigen
Aesten der Sykomore ziemlich gewi war. Bob Roy hatte das Ganze aber keineswegs
unternommen, ohne sich ziemlich sicher in der Ausfhrung zu fhlen. Kaum erfate
er einen der gerade emporragenden Zweige, als er auch mit der Gewandtheit in
solchen Sachen gebter Matrosen das Tau um einen starken Ast schlug, und das
ziemlich kurze Ende einmal durchzog und befestigte. Den zweiten, sichern Halt
war er noch nicht im Stande ihm zu geben, als sich pltzlich das starke Tau
straffte, etwa zwei Fu auf der schlpfrig- nassen Rinde fortglitt, und dann,
als es in anderen Aesten Widerstand fand, mit frchterlichem Ruck vom Gewicht
des ganzen Bootes gezogen, den zitternden Stamm aus seinen Fugen zu reien
drohte.
    Der alte Baum sa aber gar ingrimmig fest in seinem schlammigen Bett und war
nicht so leicht zu berreden, den lange behaupteten Platz zu verlassen; - er
wich und wankte nicht, aber der blattlose Wipfel wurde durch den Anzug tief
hinein in den Strom gerissen, und ein Schrei der Angst rang sich gewaltsam aus
der Brust der sonst gerade nicht sehr empfindsamen Bootsleute, als pltzlich, im
entscheidenden Moment, der ganze weitstige Baum mit dem fest daran geklammerten
Kameraden in der gelben, sprudelnd aufghnenden Fluth verschwand.
    Es war aber auch nur ein Augenblick, denn gleich darauf tauchten wieder
einzelne Spitzen aus der kochenden Stromflche empor, und whrend das tolle
Anschumen der Wasser, gegen den breiten Bug des Flaatboots, und das rasche
Herumschwenken seines Sterns verrieth, wie es wirklich und glcklich von dem so
keck befestigten Tau gehalten werde, kam auch das nasse, von langem braunen Haar
umklebte Gesicht des Bootsmannes wieder zum Vorschein. Der aber ffnete die
Augen nur eben weit genug, um den Ort zu erkennen, wo das Tau sa, ergriff
dieses rasch, den angefangenen Knoten erst noch fester durch ein zweites
Umschlagen zu schrzen, und arbeitete sich dann an dem straffgespannten Tau so
schnell als mglich zum Boot zurck. Er frchtete nmlich nicht mit Unrecht,
durch den hier wirbelnden und reienden Strom unter das Boot gezogen zu werden,
wenn er es mit Schwimmen erreichen wollte, denn die Anziehungskraft solcher
flachen Bottoms ist ungemein stark und uerst gefhrlich.
    Aller Arme streckten sich ihm hier entgegen, und whrend ihm noch ein Theil
vollends heraufhalf, bemhte sich der andere, das Tau auch an Bord ordentlich
und sicher zu befestigen. Das Ganze aber hatte kaum so viele Secunden gedauert,
als ich hier Minuten Zeit zum Erzhlen brauchte, und noch standen die Mnner,
ber die Tollkhnheit des Kameraden plaudernd, zusammen, als auch dieser schon
wieder in trockenen Kleidern oben erschien und sich behaglich auf seine dort
ausgebreitete Decke streckte. Das Abendessen, das vorher durch den schnellen
Aufruf zum Rudern unterbrochen war, wurde jetzt beendet, wobei der Whiskybecher
fleiig im Kreise herumging, und die Mannschaft schien sich berhaupt, mit der
solchen Leuten eigenen Sorglosigkeit, ungestrtem Frohsinn hinzugeben. War ja
doch fr den Augenblick jede Gefahr und Ungewiheit beseitigt, und ihr Boot lag
sicher und ruhig vor starkem Tau. Brach sich mit der Morgendmmerung dann der
Nebel, so konnten sie ruhig und bequem stromab treiben und ihre Fahrt beenden.
    Mrrisch ging Blackfoot indessen an Deck auf und ab, whrend sich Bill
dagegen den Zechenden anschlo, und in bester Laune von der Welt mit dem
jetzigen Beilegen des Bootes vollkommen einverstanden schien. Edgeworth hielt
sich von seinen Leuten etwas abgesondert, und sprach nur einmal, als er an ihm
vorberging, einige Worte mit Bob Roy, whrend sich Mrs. Everett in ihr Zelt
zurckzog und dort Gott in heibrnstigen Gebeten anflehte, sie Alle aus einer
Gefahr zu retten, die um so peinlicher und frchterlicher war, da sie ihren
Umfang wie ihre Nhe nicht einmal kannten.
    Nach und nach wurde es ruhiger an Deck - die Leute waren meistens in ihre
Schlafkojen hinabgegangen. Nur Blackfoot und der Steuermann lagen, dieser am
Steuer, der Andere dem Vordertheil des Bootes nher, wo das Springtau an Bord
befestigt war, und zwar mit seinem Kopf auf dem Coil desselben. Edgeworth hatte
sich gleichfalls mehr nach vorn, aber dicht an dem dort aufgeschichteten Gepck
ein Lager gesucht, neben dem auch Wolf, dicht zusammengerollt, schlief und
trumte.
    Obgleich Edgeworth aber still und regungslos dalag, so schlief er doch
keineswegs, und horchte vielmehr mit durch innere Aufregung noch mehr
geschrften Sinnen selbst dem leisesten Gerusch, das ihn umgab. Das heute
Erlebte lie ihn nicht ruhen, und er konnte auch kaum noch einen Zweifel hegen,
da jene beiden Mnner, sein Steuermann und der fremde Hndler, ein
Einverstndni, und zwar zu unrechtlichen, ja vielleicht gar gewaltthtigen
Zwecken mitsammen hatten. Den in sein Zndloch geschobenen Stift hatte er
richtig gefunden, und einen Grund mute der Fremde gehabt haben, seine Waffe
unbrauchbar zu machen. Was es aber auch sei, er frchtete es nicht, und es lag
ihm jetzt fast eben so viel daran, ihre Plne zu ergrnden und zu nichte zu
machen, als die Schuldigen zu gleicher Zeit zu ergreifen und der strafenden
Gerechtigkeit zu berliefern.
    Mehrere Stunden waren so verflossen und dunkle, rabenschwarze Nacht lag auf
dem Strom. - Lautloses Schweigen herrschte, und nur das Wasser schumte und
rauschte um die emporragende Aeste der Sykomore und gegen den breiten Bug des
Flatbootes an. Oben vom Himmel aber, doch nur gerade ber ihren Huptern, denn,
der Nebel erlaubte ihnen nicht in schrger Richtung seine finsteren,
undurchsichtigen Massen zu durchdringen, blitzten einzelne Sterne wie aus mattem
Schleier hernieder, und vom nicht fernen Ufer trug dann und wann ein starker
Luftzug das Quacken der Frsche und den einsamen Ruf des Whip-poor-will herber.
Es war eine stille, aber unfreundliche Nacht auf dem gewaltigen Strom. - Die
ungesunden Dnste der Niederung rollten in immer dichteren Massen hervor und
mischten sich mit dem zhen Nebel des Mississippi, und wenn der Himmel auch klar
und heiter darber ausgespannt blieb, so fiel doch ein hlicher feuchter
Schwaden nieder und durchnte die ihm Ausgesetzten fast strker, als es ein
derber, aber schnell vorbergehender Regen gethan haben wrde.
    Bill, der schon seit einigen Minuten mehrmals den Kopf erhoben und ber das
ruhige Boot hingehorcht hatte, warf jetzt seine Decke von sich und stand leise
auf. Nichts regte sich, und die ausgestreckten Gestalten Blackfoot's und des
Alten waren das Einzige, was seinem Blick begegnete. Leise und vorsichtig
schritt er dem Bug zu und lauschte hier mehrere Minuten aufmerksam irgend einem
entfernten Gerusch. - Er kannte es gut genug, es war das Schumen der Wasser an
der gar nicht weit mehr entfernten Drift. Trieb das Boot von hier fort, so
fhrte es die Strmung unrettbar gegen den knstlich gebildeten Damm von
Einundsechzig, wo es, wenn die Ruder nicht scharf dawider anarbeiteten, auf
jeden Fall festrennen mute.
    Nur Eins blieb zu frchten - der Ruck, den das Boot that, sobald es sich in
solcher Strmung von seinem Tau befreite oder pltzlich von ihm getrennt wurde,
mute fast die Schlfer erwecken, die berhaupt auf lngeren Reisen eine Art
gemeinsames Leben mit ihrem Fahrzeug zu haben scheinen und fast jeden Sto, jede
unregelmige Bewegung desselben so genau fhlen, als ob die Einwirkung
unmittelbar auf sie selbst geschhe. Fanden sie dann das Tau durchschnitten, so
war ein Verdacht unvermeidlich, und die Folgen konnten fr sie Beide gefhrlich
werden. Auerdem blieb es auch ziemlich wahrscheinlich da sich die Hosiers in
diesem Falle aus Leibeskrften in die Finnen legen wrden, um ihr Fahrzeug, so
lange sie noch wuten, auf welcher Seite das nchste Land eigentlich lag, auch
in der im Navigator angegebenen Strmung zu halten.
    Ist es Zeit? frug jetzt Blackfoot, der dicht neben ihm lag und vorsichtig
den Kopf hob.
    Ja, sagte Bill leise - aber ich wei nicht - er sah auf den Kameraden
nieder und bemerkte, wie dieser, ohne weiter eine Erklrung seiner Absicht zu
geben, den Arm ausstreckte, so da seine Hand auf das fest und stramm
angespannte Tau zu liegen kam; im nchsten Moment vernahm das scharfe Ohr des
Steuermanns das Reien einzelner Hanffasern.
    Gut! murmelte er leise und lchelte still vor sich hin - sehr gut - wenn
Du aber -
    Blackfoot winkte ihm ungeduldig, sich zu entfernen, um die Aufmerksamkeit
der vielleicht Erwachenden nicht unntzer Weise hierher zu lenken, und Bill,
nachdem er noch einen flchtigen Blick umhergeworfen, folgte schnell der
Aufforderung, deren Zweckmigkeit er selber einsah. Eben so leise, als er
gekommen, schritt er wieder auf seinen frheren Platz zurck und warf sich hier,
in seine Decke gehllt, auf's Neue nieder, jetzt aber mit dem Gesicht dem
Steuerruder zu, damit er, sobald sich das Boot von seinem Halt losrisse, die
Richtung, die es nhme, im Auge behalten und seine Berechnung der Inselnhe
danach machen knne.
    Edgeworth hatte, als der Steuermann nach vorn ging, vorsichtig nach seiner
Bchse gegriffen und den Kopf gehoben, um zu sehen, was Jene mitsammen trieben.
Die stille Nacht trug ihm auch die leise gemurmelten Laute einer Stimme, aber
nicht die Worte selbst herber, und als er bald darauf die lange Gestalt seines
Lootsen wieder auf ihren frheren Platz schreiten sah, und hrte, wie sie sich
dort an Deck streckte, lie auch er den Kopf zurcksinken auf sein hartes
Kissen, und das matte Blinken der auf ihn niederscheinenden Sterne, das
melancholische, monotone Rauschen der Wasser, das Murmeln und Pltschern des
rasch vorbeifluthenden Stromes fing bald an den Schlummer auf seine mden
Augenlider herabzuziehen.
    Es dauerte nicht lange, so verschmolzen die ueren ihn umgebenden Scenen
mit seinem innern Geist, und Traum und Phantasie fhrten ihn zurck zu den Ufern
des Wabasch, an das Grab seines Sohnes, ber dem die kreuzbezeichnete Eiche
rauschte und wunderlich wilde Weisen in ihren weitausgestreckten Aesten und
Zweigen sang und murmelte.
    Das starke Tau aber, durch welches sein gefhrdetes Boot an sicherem
Ankerplatz gehalten wurde, zitterte und zuckte unter der leichten, doch scharfen
Schneide des feindlichen Stahls - Faser nach Faser gab wiederfibrirend nach, und
kaum ein Drittheil des Ganzen hielt noch die gewaltige an ihm hngende Last.
Blackfoot lag jetzt ebenfalls regungslos still - er erwartete geduldig die
Wirkung des einmal verletzten Taues. Das aber schien in seinen letzten Theile
auch seine zheste Kraft vereinigt zu haben, und ein kaum daumenstarkes Seil
stemmte sich wacker gegen Strmung und Fluth der auf es eindringenden
Wassermasse. Da glitt noch einmal rasch und vorsichtig die scharfe Schneide ber
die schon ohnedies zum Zerspringen angespannten Fasern hin, von denen zum
Bestehen des Ganzen keine einzige mehr entbehrt werden konnte. - Blackfoot
hrte, wie in rascher Reihenfolge eine nach der andern sprang, und jetzt -
ngstlich und selbst erschreckt hob er den Kopf - jetzt ri auch der letzte
schwache Halt, und mit pltzlichem Ruck, aber sonst still und geruschlos,
verlie das Boot im nchsten Augenblick pfeilgeschwind die alte Sykomore, die
nun, von ihrer gewaltigen Last befreit, in dem sie umschumenden Strome auf- und
niederflog und sich in grimmer Lust zu freuen schien.

                                      26.

                                        

                Die Entscheidung. - Das Zeichen und der Erfolg.


Der entscheidende Schritt war gethan - das Boot trieb in der reienden Strmung
rasch hinab, der Insel und seinem sichern Verderben entgegen; Die aber, ber
deren Haupte das haargehaltene Schwert noch hing, trumten ruhig fort und
schienen alles das, was am vorigen Abend ihre Seelen mit Besorgnis erfllt
hatte, vergessen zu haben. Selbst Mrs. Everett, durch die Aufregung der vorigen
Stunden ermdet, lag in leichtem Schlummer auf ihrer fr sie unter dem Zelt
ausgebreiteten Decke.
    Bill war jetzt aufgestanden und schlich nach vorn zu dem Gefhrten, und als
dieser seinen Schritt auf den schwanken Brettern mehr fhlte als hrte, hob er
den Kopf und folgte dann leise seinem Beispiel.
    Wir sind dicht an der Insel, flsterte Bill, als er an Jenes Seite stand -
ich hre schon den Bruch der Wasser in den an der obern Spitze hineingeworfenen
Wipfeln.
    Das hab' ich auch gehrt, erwiderte Blackfoot mit vorsichtig gedmpfter
Stimme - aber es kommt mir fast so vor, als ob es zu weit rechts wre. Mglich
knnte es doch sein, da uns die Strmung weiter hinbergenommen htte, als wir
erwarteten; am Ende ist's besser, Du gehst an's Steuer und lenkst den Bug ein
klein wenig rechts hinber - vorbei fahren wir an der rechten Seite auf keinen
Fall.
    Das geht nicht, sagte Bill - das Knarren des schweren Ruders wrde die
Schlfer, oder doch auf jeden Fall den Alten wecken - bst - der Hund knurrt
schon. Wenn ich nur die verdammte Bestie ber Bord htte.
    Dort drben hr' ich Land! flsterte Blackfoot rasch - das mu bei Gott
die Insel sein, und zwar rechts - Hll' und Teufel, wie weit uns der Strom
hinbergetrieben hat. Wie wr's denn, wenn wir die Mannschaft rasch an Deck und
an die Finnen riefen. - Die Burschen sind jetzt alle schlaftrunken und werden
sich, wenn sie das zerrissene Tau sehen, aus Leibeskrften auf die Sandbank
rudern.
    Vielleicht, sagte Bill kopfschttelnd, und wenn wir das verbrgt wten,
wre der Plan vorzglich; wollen sie aber nicht, so haben wir verspielt oder
setzen uns selbst fast gewisser Todesgefahr aus. Nein, sobald wir noch eine
Meile weiter unten sind, mag sie mein Schu wecken, vorher aber schieben wir die
schwere Kiste, die dicht an der Luke steht, ber diese, und da nachher aus der
keiner der Eingesperrten herausklettert, soll meine Sorge sein. Du fertigst
indessen rasch den Alten ab - Dein Schu mag zugleich unser Signal werden, und
wir schlagen so, whrend Du von seiner Bchse nicht das Mindeste zu frchten
hast, zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn Du nachher mit Deinem Kolben das hier
zu Larbord angebrachte kleine Kchenfenster bewachst, damit uns von da aus
Keiner an Deck steigt, so haben wir die ganze Gesellschaft wie in einer
Rattenfalle gefangen und knnen sie nachher einzeln, wie wir sie herauf lassen,
abfertigen. Die Burschen drben werden doch aufpassen?
    Ei gewi! rief Blackfoot. - Das Enterboot wird schon, nach Deinem Brief,
seit gestern Abend ununterbrochen von sich ablsenden Wachen besetzt gehalten
und stt in dem Augenblicke, wo es den Schu hrt, vom Lande. Das zweite Boot
folgt dann augenblicklich nach. Es schadet brigens nichts, wenn wir auch an der
Insel hier vorbeitreiben; sobald die Unseren an Bord kommen, legen wir uns in
die Ruder und sind nachher mit leichter Mhe im Stande, die Nothrhre zu
erreichen. - Das wird Kelly ohnedies lieber sein, als wenn wir das Boot gleich
oben htten aufrennen lassen.
    Desto besser, sagte Bill - aber jetzt la uns auch keinen Moment lnger
verlieren - wir mssen schon ein hbsches Stck an der Insel hinunter sein.
Wetter - die Kiste ist schwer - nimm Dich in Acht, da sie nicht so scharrt.
    Das wird's thun - so - flsterte Blackfoot - die kleine Ecke -
    Nein - wir drfen kein Luftloch lassen - mehr hier an dieser Seite,
erwiderte ihm rasch der Steuermann, und Beide stemmten eben wieder, alles Andere
um sich her vergessend, die Schultern gegen die schwere riesige Kiste an.
    Der alte Mann indessen, den Mdigkeit zu kurzem Schlummer bermannt hatte,
schlief wirklich nicht fest genug, um alles das, was keineswegs geruschlos um
ihn her vorging, zu vertrumen. Der Schritt des Steuermanns, der, als er an ihm
vorberschlich, auf dieselbe Planke treten mute, auf der er lag (da die
Deck-Bretter solcher Flatboote stets ber das ganze Fahrzeug von Larbord nach
Starbord hinberreichen, und zwar an beiden Seiten etwas niedergebogen, in der
Mitte dagegen etwas rund erhht sind), wie das leise Knurren seines Hundes
hatten ihn geweckt, und wenn er auch regungslos seine Stellung beibehielt, so
lauschte er doch mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den leise geflsterten
Lauten der beiden Mnner. Das Boot glaubte er aber natrlich noch immer an
seinem frheren Platz festgebunden. Da fiel sein Blick zufllig auf einen
dunkeln Schatten, der nicht weit von ihnen festzuhalten schien. Noch halb im
Schlafe blickte er darauf hin, pltzlich aber richtete er sich erschreckt empor
- der Gegenstand, den er sah, befand sich ja auf der Starbordseite, und ihr
Boot, das mit dem Bug stromauf gehalten wurde, hatte jetzt doch das Land auf
Larbord -
    Trum' ich denn? flsterte er halblaut vor sich hin - ist denn das da
nicht der schwimmende Wipfel eines Baumes? - bei Gott - die Schildkrte treibt!
    Rasch ergriff er die Bchse, sprang empor und sah, wie die beiden, ihm jetzt
schon mehr als verdchtigen Mnner eifrig bemht waren, die eine der Kisten dem
Rande des Bootes zuzuwlzen.
    Hallo da! rief er fast unwillkrlich aus, und sein Fu stampfte das Deck -
sein Zeichen fr Bob Roy, rasch herauf zu kommen - beim ewigen Gott, wir sind
los -
    Da hast Du's, brummte Bill - nun geht der Tanz los - jetzt mach' schnell
und fertige ihn ab.
    Nun? - werdet Ihr Rede stehen? - Was ist das? Mein Boot schwimmt - was
soll's mit der Kiste dort?
    Werd' es Dir gleich auseinandersetzen, knurrte Blackfoot vor sich hin und
sprang nach seiner Bchse, die er neben sich hingelegt hatte, um bequemer an der
Kiste arbeiten zu knnen. Edgeworth stand halbverdeckt von einem groen Koffer,
der ebenfalls auf anderem Gepck lag; der Pirat aber nahm die Bchse in Anschlag
und that rasch noch ein paar Schritte nach vorn, um die Brust seines Feindes
frei zu bekommen und ein sicheres Ziel zu haben.
    Hll' und Teufel! schrie in dem Augenblick Bob Roy von unten - wer hat
den Eingang hier versperrt? Bahn frei, Ihr Schufte, - oder Euch soll der -
seine Rede wurde in gewaltsamen, wenn auch noch erfolglosen Versuchen erstickt,
die mchtige Last zu lften, denn die eine Leitersprosse, auf der er stand,
konnte das so bermig vermehrte Gewicht nicht tragen und brach unter ihm. Der
augenblickliche Versuch war aber dennoch hinreichend gewesen, Bill davon zu
berzeugen, wie die Last einem erneuten, und von Mehreren ausgefhrten Angriff
vielleicht doch nicht widerstehen konnte. Einen flchtigen Blick nach dem alten
Edgeworth hinberwerfend, rief er dem Gefhrten also schnell zu:
    Schie in's drei Teufels Namen und gieb damit das Zeichen - wir knnen's
brauchen! Er hatte auch die letzten Silben noch nicht ausgesprochen, als schon
der scharfe Krach einer Bchse durch die stille Nacht drhnte.
    Rasch wandte er den Kopf, den Erfolg zu beobachten, fuhr aber mit wildem
Fluch empor, als er sah, wie sein Kamerad, die Bchse hoch in der Hand,
taumelte, ein paar Schritte nach vorn that und dann schwerfllig an Deck
niederstrzte. Der alte Jger, mit der eigenen Waffe schufertig, hatte kaum
gesehen, wie sein Feind die Maske abwarf und die Bchse zum tdtlichen Angriff
erhob, als er auch rasch sein treues Rohr in die Hhe ri und die Kugel mit fast
nie fehlender Sicherheit durch den Kopf des Verrthers sandte.
    Hiermit aber nicht zufrieden - denn er mute jetzt natrlich in seinem
eigenen Steuermann einen eben so feindlichen Gegner vermuthen - sprang er rasch
vor, um sich der noch geladenen Waffe zu bemchtigen; Bill jedoch wute
seinerseits eben so gut wie er, da er, wenn Jener seine Absicht wirklich
ausfhrte, ganz in dessen Hnde gegeben sein wrde. In gleicher Schnelle flog er
also dem Kampfplatze zu, erfate zugleich mit dem alten Mann das Rohr und schrie
dabei mit vor Wuth erstickter Stimme:
    Warte, Canaille - warte - hab' Deinem Sohn in die Ewigkeit geholfen, will
ihm jetzt den Alten nachschicken - wehr' Dich, mein Bursche! - und mit riesiger
Kraft, der die altersschwachen Sehnen des Greises nicht widerstehen konnten,
entri er diesem die Waffe. Diese entlud sich allerdings in demselben Augenblick
und sandte die Kugel harmlos in die Luft, wer wei aber, wie der Kampf fr den
alten Mann geendet haben wrde, denn die beschriebenen Vorgnge folgten
blitzesschnell aufeinander, und der schwere Kolben einer amerikanischen Bchse
blieb ein fast noch tdtlicheres Werkzeug in der Hand eines solchen Giganten,
als das bloe Kugelrohr. Die Worte aber, die dieser sprach, wirkten mit wahrhaft
elektrischer Kraft auf die fast schon ermatteten Arme des Alten.
    Ha - Mrder - Mrder! schrie er und fuhr in wildem, sein eigenes Leben
miachtendem Sprung nach der Kehle des Buben, da dieser dem raschen und schon
nicht mehr vermutheten Angriff kaum begegnen konnte. Er fate nur gerade noch
die ihm Verderben drohende Hand und prete sie zwischen seine Eisenfinger, hob
aber auch zu gleicher Zeit mit dem rechten Arm die gewonnene Bchse und wollte
sie eben auf das Silberhaar des Greises niederschmettern, als ein anderer Feind
auf dem Kampfplatz erschien.
    Wolf, der bis dahin den Lrm nur insoweit beachtet hatte, da er nach dem
ersten Schusse aufgefahren und rasch von einer Seite des Boots zur andern
gelaufen war, das erlegte Wild zu ersphen - denn sein Herr hatte schon frher
manchmal Wildenten und andere Wasservgel von Bord aus geschossen -, sah jetzt
kaum den Kampf und hrte die in Wuth fast erstickte Stimme seines Herrn, als er
wild nach dem Nacken des ihm ohnedies verhaten Steuermanns fuhr, und diesen
dadurch zwang, die Bchse fallen zu lassen. Edgeworth hatte ihn indessen um den
Leib gefat, und alle Drei strzten ringend an Deck.
    Die durch die schwere Kiste in den Raum geschlossenen Leute waren aber unter
der Zeit auch nicht mig gewesen, drckten, durch rasch hingerollte Fsser
erhht, die eigenen Rcken unter die Last, und schoben diese mit gemeinsamer
Kraft doch wenigstens so weit von ihrer Stelle, da ein einzelner Mann sich
hindurch zwngen konnte. Dies hatte Bill auch schon frher berechnet, und sein
Plan war demnach ganz richtig gewesen. Konnte er nmlich an seinem Posten
bleiben, so vertheidigte er diesen Engpa, ohne die mindeste Gefahr fr sich
selbst, so vollkommen, da Jeder rettungslos verloren sein mute, der den
eigenen Schdel in den Bereich des feindlichen Armes brachte. Jetzt sah er sich
dagegen gezwungen, diesen Platz zu verlassen; die List mit dem Unschdlichmachen
des Gewehres war dabei ebenfalls nicht allein gescheitert, sondern ein
wirklicher und gefhrlicher Gegner erwuchs ihm sogar da, wo er vorher nur einen
alten Mann geglaubt hatte, den die Kugel des Kameraden noch berdies schnell
beseitigen wrde.
    Bob Roy prete sich zuerst aus dem engen Raum heraus und flog seinem
Capitain, wie der Alte gewhnlich genannt wurde, zu Hlfe. Der Kampf war auch
bald entschieden; trotzdem aber, da er dem bermannten Verrther das eben
gezogene Bowiemesser entwand und ihn, der in wilder Verzweiflung gegen die
Uebermacht ankmpfte, vollkommen unschdlich machte, konnte er den Greis nicht
bewegen, seinen Hals los zu lassen. In blinder, nichts mehr achtender Wuth hing
der alte Mann mit der einen Hand fest eingeklammert in den Kleidern von seines
Sohnes Mrder, whrend seine Augen, die fast aus ihren Hhlen drngten, stier
auf dem bleichen Antlitz desselben hafteten, und die andere convulsivisch
zitternde Hand vergebens nach dem ihm im Kampfe entfallenen Messer an seinem
Krper umhersuchte.
    Wolf, der seinen Herrn noch immer in persnlichem Kampfe sah, dachte eben so
wenig daran los zu lassen, und hielt Halstuch und Rockkragen des gefangenen
Verbrechers so fest, als ob er ihn im Leben nicht wieder freigeben wollte.
    Die brigen Ruderleute kletterten jetzt ebenfalls nach, banden mit einzelnen
an Deck liegenden Seilen den unausgesetzt dagegen anwthenden Lootsen, und
suchten nun den alten Mann zu bewegen, ihn ihrer Wachsamkeit zu bergeben. Da
richtete sich Bob Roy pltzlich auf und rief, whrend er ber Bord hinber
horchte:
    Still - ich hre ein Ruderboot - dort drben ist's.
    Boot ahoi! schrie da pltzlich der gebundene Steuermann und versuchte mit
letzter Anstrengung eine kleine, an einer Schnur ihm locker um den Hals hngende
Pfeife zu erfassen - ahoi - ih! und der letzte Ruf drang gellend ber die
stille Wasserflche, Bob Roy's Hand lag aber in der nchsten Secunde fest auf
seinem Munde, whrend er rasch und flsternd sagte:
    Halt - um Gottes willen still - mir fngt die Sache an klar zu werden. -
Einen Knebel her - rasch, und Ihr hier, Leute, bei Eurem Leben, keinen Laut
mehr!
    Ein scharfer Schrei, wie ihn der Nachtfalke manchmal ausstt, wenn er in
strmischer Nacht die Luft mit den starken Fittigen schlgt, antwortete und
schien des Bootsmanns Verdacht besttigen zu wollen; dieser flsterte aber jetzt
leise:
    Ruhig - rhre sich Keiner von Euch - dieser Bube hier gehrt mit zu jenem
Boot - sind wir aber still, so knnen wir ihnen vielleicht in dem Nebel und in
so finsterer Nacht entgehen - haltet ihm die Fe fest - der Bestie liegt jetzt
nur daran, einen Laut von sich zu geben. - Mr. Edgeworth, nehmen Sie den Hund zu
sich, ein einziges Bellen von ihm knnte unser Aller Tod sein - bst -
    Ahoi - ih! rief in diesem Augenblick die Stimme aus dem Boot herber -
Bill - ahoi ih!, hol' Dich der Bse! So antworte doch!
    Edgeworth lauschte, seinem Halt an dem Gefangenen jetzt zum ersten Mal
entsagend, aufmerksam nach jener Richtung hin, whrend die Mnner den fast
rasenden Steuermann nur mit grter Anstrengung und allein durch ihr smmtliches
Gewicht so niederhalten konnten, da er nicht mehr im Stande war, auch nur ein
Glied zu regen.
    Da knarrte ihr Steuerruder ein wenig, und Bob Roy schritt rasch dorthin
zurck und wollte es, um auch den geringsten ihnen Gefahr drohenden Laut zu
vermeiden, aus dem Wasser heben. Aber es war ungewhnlich schwer - irgend ein
fremdes Gewicht mute daran hngen, und der Bootsmann suchte mit vorgebeugtem
Krper zu ersphen, was die Ursache davon sei. - Die Nacht war jedoch so dunkel,
und die lange Steuersinne reichte so weit ab vom Boot, da ihm das unmglich
wurde. - Er erkannte wohl auf dem etwas heller schimmernden Brett einen dunkeln
Gegenstand, was dieser aber sei, oder aus was er bestehe, konnte er nicht
bestimmen, drckte also die Ruderfinne, soweit es die Last erlaubte, an Deck
nieder und verhinderte dadurch, indem er sie in dieser Lage hielt, das ihnen
sonst gefhrlich gewordene Knarren derselben.
    A - hoi - ih! riefen jetzt pltzlich die Mnner in dem Ruderboote, und
zwar gar nicht weit mehr entfernt, aber etwas mehr in den Strom hinaus als
frher, a - hoi - ih, - Bill - wo zum Teufel steckst Du?
    Bill machte einen neuen verzweifelten Versuch, auch nur ein Zeichen seines
Daseins von sich zu geben, vier krftige Mnner lagen aber ber ihn hingebeugt
und acht Arme hielten jedes seiner Glieder wie mit eisernen Banden an Deck
gezwngt. - Nicht einmal den Kopf konnte er auf die Bretter niederschlagen,
obgleich er selbst den Versuch machte. Einer der Leute, der seinen linken Arm
umklammert hielt, nahm den Kopf zwischen die Kniee und hielt ihn da wie in einem
Schraubstock.
    Das Boot kam jetzt - nach den Ruderschlgen konnten sie es deutlich hren -
wieder zurck, und es war fast, als ob es in gerader Richtung hinter ihnen
herfahre - eine Pause frchterlicher, peinlicher Erwartung machte fast den Athem
der Mnner stocken - die Verfolger konnten kaum zwanzig Schritt von ihnen
entfernt sein, und mit jedem Augenblick erwarteten sie den Ruf, da sie entdeckt
wren. Da hrten, fr kurze Zeit, die Ruderschlge auf. - Jene hielten
wahrscheinlich eine kurze Berathung, wohin sie ihren Cours richten sllten, denn
einige Minuten lang blieben sie halten, und so nahe lagen sie damals dem
Flatboot, mit dem sie jetzt stromab trieben, da sie auf diesem die Stimmen von
dort herber hren und sogar abgebrochene Worte und Flche verstehen konnten.
Endlich griffen die fremden Bootsleute wieder zu den Rudern - sie frchteten
sicherlich zu weit hinab zu kommen und dann im Nebel den Rckweg zu missen.
Dicht hinter dem Indianaboot strichen sie vorbei, und zwar dorthin zu, wo
Edgeworth Land vermuthete, und gleich darauf tnte noch einmal der frhere Ruf
ber den Strom - er wurde nicht beantwortet, und lautlos glitt die Schildkrte
mit der Fluth fort, whrend die Ruderschlge nach und nach in immer weiterer
Ferne langsam verschollen.

                                      27.

                                        

               Georginens Verdacht. - Kelly rettet seinen Neger.


An demselben Abend, an welchem Kelly im grauen Bren jene Anordnungen traf,
die den Schlag, wenn auch nicht von ihren Huptern abwenden, doch ihn noch
aufhalten sollten, bis sie selbst einer Entdeckung wie Verfolgung lachen
konnten, ging Georgine, die Knigin des Verbrecherstaats, mit raschen
ungeduldigen Schritten in ihrem kleinen prachtvollen Gemach auf und ab. Nur dann
und wann blieb sie am Fenster, um hinaus zu horchen, als ob sie Jemanden
erwarte, der immer und immer noch nicht kommen wolle.
    Die Augen des schnen Weibes glhten in Zorn und Unmuth; ihre kleinen
schwellenden Lippen waren fest zusammengepret, ihre feingeschnittenen
Augenbrauen berhrten sich fast, und der zierliche Fu stampfte mehrmals in
rcksichtslos ausbrechendem Unmuth den teppichbelegten Boden. Kelly hatte am
Donnerstag Morgen, fast mit Tagesanbruch, die Insel verlassen und sie seit der
Zeit nicht wieder betreten, ihr ausgesandter Bote, der Mestize, ein Knabe, den
sie aufgezogen und der sich nur ganz und allein ihrem Dienst geweiht, war
ebenfalls nicht zurckgekehrt, und ihre Gefangene entflohen - Gott allein wute
wohin; Grund genug ein Gemth wie das ihre zu uerster Aufregung zu treiben.
Zwar hatte sie schon mehrere Boten dem Mestizen nachgeschickt, doch umsonst;
keiner konnte ihr Nachricht ber ihn bringen, keiner wollte ihn gesehen haben.
Nur noch Einer war jetzt aus - Peter - und lange Stunden hatte sie in immer
peinlicher werdender Ungeduld gewartet, ihn zu sehen und gnstigen Bericht von
ihm zu hren.
    Endlich konnte sie das ruhige, unthtige Harren nicht lnger ertragen, sie
ffnete rasch und heftig die Thr und wollte eben nach Bachelors Hall
hinberschreiten, als das schmale Eingangsthor knarrte und gleich darauf Peter's
breitschulterige Gestalt aus dem jetzt dicht auf der Insel lagernden Nebel
hervortrat. Dieser, als er die winkende Bewegung der Herrin sah, schritt auf sie
zu und mute ihr augenblicklich zurck in das Haus folgen. Hier aber kndete
sein ernstes, bedenkliches Gesicht keineswegs Gutes, und er wollte auch im
Anfange gar nicht so recht mit der Sprache heraus; Georgine jedoch, die ihn erst
mehrere Secunden lang scharf und prfend fixirte, fate pltzlich seine Hand,
zog ihn zur eben entzndeten Ampel, die ein sanftes, wohlthuendes Licht ber den
kleinen Raum warf, und flsterte endlich - als ob sie durch den leisen Ton der
Frage die gefrchtete Antwort zu mildern hoffe:
    Wo ist Olyo?
    Ich wei nicht, lautete die halb scheue, halb mrrische, kurz
herausgestoene Antwort des Narbigen, der dabei den Kopf zur Seite wandte und
mit der andern, ihn frei gelassenen Hand emsig in seiner Tasche nach dem
Kautabak suchte.
    Wo ist Olyo? wiederholte aber, mit noch dringenderem, ernsterem Tone die
Gebieterin - Mensch, sieh mich an, und beantworte mir meine Frage - wo ist
Olyo?
    Ich wei es nicht - habe ich Euch schon gesagt, knurrte der Bootsmann und
spuckte seinen Tabak ziemlich ungenirt auf die blankgescheuerten
Messingzierrathen des Kamins - ich bin im ganzen Walde herumgekrochen, hab' ihn
aber nicht finden knnen.
    Im Walde? Weshalb im Walde? frug Georgine mitrauisch - in der Stadt
mute er sein, nicht im Walde - weshalb suchtest Du ihn im Walde?
    Weil er nicht in der Stadt war - Donnerwetter, durch die Luft kann er nicht
davongeflogen sein, und da glaubt' ich, mt' ich ihn entweder in der Stadt, im
Walde oder im - oder wo anders finden. - Irgendwo mu er doch stecken aber
umsonst - in der Stadt ist er nicht, im Walde auch nicht -
    Und im Wasser, Peter? - im Wasser? flsterte Georgine mit kaum hrbarer
Stimme.
    Im Wasser? sagte der Bootsmann erschreckt und blickte sich scheu nach ihr
um - wie kommt Ihr darauf?
    
    Georgine begegnete seinem Auge in stummem Entsetzen und sthnte endlich -
aber so leise, da er die Worte kaum verstehen konnte:
    Also im Wasser - im Wasser hast Du ihn gefunden? Mensch, rede - Du bringst
mich beim ew'gen Gott noch zur Verzweiflung.
    Nein - auch nicht! sagte der Alte und bi ein groes Stck von seinem
Tabak herunter.
    Also hast Du doch im Wasser nach ihm gesucht? Du mut Verdacht geschpft
haben - Du glaubtest ihn dort zu finden. - Sprich und reie mich aus einer
Ungewiheit, die frchterlicher ist, als selbst die grlichste Wahrheit sein
knnte.
    Im Wasser gesucht? Ich? - Unsinn. Weshalb sollt' ich im Wasser suchen? -
Harris meinte nur -
    Was meinte Harris, Peter? frug Georgine jetzt mit erknstelter Fassung, da
sie bemerkte, da der Narbige endlich zu erzhlen begann, und ihn irre zu machen
frchtete, wenn sie sich nicht soviel als mglich bezwang.
    Ei nun, da der Mestize nicht an's Ufer gekommen wre, - fuhr der
Bootsmann fort und hustete dabei ein paar Mal, als ob die Worte nicht recht aus
der Kehle wollten - Harris sah das Boot an's Land kommen, und wollte gern
nachher mit Olyo sprechen. Den einzigen mglichen Weg aber, der von dort aus, wo
das Boot eingelaufen, in den lichteren Wald fhrte, hatte er nicht betreten, und
kein Mensch antwortete ihm auch, als er spter nach allen Richtungen hin den
Namen rief -
    Olyo wird sich versteckt haben, flsterte Georgine mit kaum hrbarer
Stimme - er - er traute sicherlich dem Rufe nicht und wnschte ungesehen zu
bleiben.
    Ja, das meinte Harris auch, fuhr Peter fort, der jetzt durch die
angenommene Fassung der Frau selbst beruhigt und sicher gemacht wurde, - das
meinte Harris auch, es - es kam ihm aber sonderbar vor, da der Neger so schnell
wieder zurckruderte, da er ihn doch eigentlich, wie es am wahrscheinlichsten
gewesen wre, wenigstens so weit htte begleiten mssen, da er sich nicht mehr
verirren konnte. Bolivar trieb berdies noch ein ganzes Stck stromab, ehe er
wieder zu rudern anfing, und war indessen emsig mit Etwas beschftigt, das Jener
aber, der weiten Entfernung wegen, nicht erkennen konnte. Nachher wollte er gern
sehen, wo das Boot in der kleinen Bucht, in der es eingelaufen, gelandet wre -
nirgends aber war eine Spur davon zu entdecken, und der weiche Erdboden htte
auf jeden Fall selbst den leisesten Eindruck bewahren mssen.
    Nun? - Und was weiter? frug Georgine, als Jener einen Augenblick schwieg
und dann unschlssig zu der Frau aufblickte. Aber er sah nicht das leise, kaum
merkbare Zucken der Lippen, er sah nicht das innerliche Beben der ganzen Gestalt
- er sah nicht, wie die eine kleine Hand krampfhaft die Stuhllehne umklammert
hielt, auf die sie sich sttzte, als ob sie in das reichgeschnitzte Mahagoniholz
die zarten Finger fest und tief eingraben wollte. - Nur die todtenbleichen
Wangen sah er und das kalt und ruhig auf ihn geheftete Auge, und fuhr nach
kurzem Zgern wieder fort:
    Am Ufer war nichts zu erkennen - aber auf dem Wasser -
    Auf dem Wasser? - wiederholte Georgine leise und tonlos.
    Ei zum Teufel, er kann sich auch geirrt haben! brach da der Bootsmann die
Mittheilung pltzlich kurz ab - er wute recht gut, wie Georgine an dem Knaben
hing, wenn er auch dafr keinen Grund angeben konnte. Es wurde ihm dabei selber
peinlich, eine Geschichte, die ihm selbst fatal schien, so aus sich
herauspressen zu lassen, whrend er sich doch auch wieder scheute, gerade von
der Leber weg zu reden.
    Georgine war aber nicht gesonnen, ihn so wieder los zu geben, da sie jetzt
wohl fhlte, er wisse mehr, als er gestehen wollte.
    Er hat etwas auf dem Wasser schwimmen sehen, Peter, sagte sie, fast eben
so leise als vorher - was war es? Verheimliche mir nichts - selbst wenn es nur
noch Vermuthung sein sollte -
    Hm, Unsinn, brummte Peter und sah sich sehnschtig nach der Thr um. Die
jetzt auf ihm haftenden Augen des schnen Weibes lieen ihm aber nicht Ruhe noch
Rast, wohin er den Blick auch wenden mochte. Er wute, der ihrige war auf ihn
geheftet, und er knurrte endlich, whrend er halb trotzig den alten schwarzen
Filz mit beiden hornigen Fusten knetete:
    Zum Donnerwetter, wenn Ihr's denn einmal wissen mt, so kann mir's auch
recht sein - Blut, meinte er, wr's gewesen, fettige Blutflecke, mit ihren
hlich schillernden Farben, die sich in der kleinen Bucht herumtrieben und,
gerade als er den Platz erreichte, dem Einflu zustrmten - auch ein paar gelbe
Schaumblasen waren dabei, - andere, als sie der Regen auf den Flu ruft. Der
ganze Platz sah unheimlich aus, und ihm, sagt' er, war' es ordentlich so
vorgekommen, als ob sich das ganze Schilf des Ufers hinauf- und von dem einsamen
Platze fortdrngen wollte.
    - Hat er die Leiche gefunden? flsterte Georgine, aber so leise, da sie
die Frage wiederholen mute, ehe sie der Bootsmann verstand.
    Die Leiche? Nein, Gott bewahre - es ist ja auch noch immer nur ein
Verdacht, den er hat; Olyo kommt vielleicht heute oder morgen wieder zurck, und
dann ist die ganze Sorge um nichts gewesen.
    Peter - sagte die Frau nach kurzem Sinnen, whrend sie die Hnde fast
bewutlos auf die Stuhllehne faltete, auf welche sie sich jetzt wirklich sttzen
mute - willst Du mir in dieser Sache - Gewiheit verschaffen? Willst Du mir -
    Die knnte am besten der Neger geben, entgegnete Peter mrrisch -
aufrichtig gesagt mcht' ich auch mit der ganzen Geschichte nicht viel zu thun
haben. - Der - der Capitain knnt' es nicht gern sehen.
    So? Vermuthest Du das auch? frug Georgine rasch.
    Nun ja - er machte sich so nicht besonders viel aus dem Knaben, und wute
auch, da er ihm aufpassen sollte -
    Er wute das? Und so glaubst Du vielleicht gar, da es ihm lieb sein
mchte, den Knaben auf solche Art losgeworden zu sein - da es vielleicht gar
auf seinen Befehl -
    Bitt' um Verzeihung, rief Peter rasch und erschrocken, so lange in meinem
Kopf nur ein Fingerhut voll Verstand bleibt, soll solche Behauptung wahrhaftig
nicht ber meine Lippen kommen. Das sind auch berdies Sachen, um die ich mich
nie bekmmere. Ich thue meine Arbeit und lasse den Rest in Ruh', so lange sie
mir ein Gleiches gnnen.
    Gut dann, Peter, das ist recht von Dir, aber - wrdest Du Dich weigern,
mir, wenn ich Dich recht dringend darum bte, einen groen Dienst zu leisten? -
einen Dienst, den ich Dir frstlich lohnen wollte?
    Einen Dienst zu leisten? - weigern? Ei, Gott bewahre! Es wre ja nur
eigentlich meine Pflicht und Schuldigkeit, besonders gegen eine Lady!
    Gut - Du versprichst mir also, meine Bitte zu erfllen?
    Wenn ich es kann, von Herzen gern.
    Gieb mir Deine Hand darauf.
    Peter zgerte; die Sache fing ihm an zu ernsthaft zu werden, und es gereute
ihn schon fast, sein Wort so ganz bestimmt gegeben zu haben. Georgine streckte
ihm aber die weie und jetzt marmorkalte Hand so bittend entgegen, da er nicht
nein sagen konnte und einschlug. Die Hornfinger ruhten fr einen Augenblick in
dem weichen Griff der zarten Rechte.
    Du hast Dein Wort gegeben, flsterte jetzt die Frau, Du wirst es als Mann
nicht brechen wollen. - Nimm Haken und Seile mit - jene Bucht, von der Du
sprichst, wird nicht so tief sein - und schaffe mir die Leiche - Du kannst einen
von den Enterhaken mitnehmen - der, auf dem Boden hingezogen, mu sich in die
Kleider - sie hielt einen Augenblick inne und barg das Gesicht in den Hnden,
gleich darauf aber fuhr sie mit der vorigen Ruhe und Festigkeit fort - in die
Kleider des unglcklichen Knaben einhaken. Die Leiche schaffst Du mir, sobald Du
sie hast, hier hierber - Olyo soll wenigstens ein Grab in trockener Erde haben.
Willst Du das thun?
    Wenn aber Capitn Kelly indessen kommt und nach mir fragt?
    Die Entschuldigung Deiner Abwesenheit la meine Sorge sein - willst Du mir
die Leiche schaffen?
    Meinetwegen denn, ja, - brummte Peter - die Bucht ist hchstens zehn Fu
tief, vielleicht nicht einmal das, wo aber schaffe ich den - den Cadaver hin?
    Hier in mein Haus - dort, in jenes Cabinet, das Weitere besorg' ich selber.
Doch jetzt noch Eins - wo habt Ihr den Neger aufbewahrt?
    Der liegt in dem einen Stalle drben, den sie fr ein zeitweiliges
Gefngni hergerichtet haben, sagte Peter, Corny ist heute richtig an den
Biwunden gestorben - es war doch wohl eine Ader gesprengt und nicht recht
gebunden, und wir wollen jetzt nur des Capitains Ankunft abwarten, da dieser
beschliet, was mit dem Schuft werden soll. Wenn's kein Neger wre, so htten
wir uns allerdings nicht so viel Mh' um die Sache gegeben, denn Corny hatte ihn
auch genug gereizt, und sie konnten's zusammen ausmachen. Da sich aber ein
Neger an einem Weien ungestraft vergreifen sollte, drfen wir doch nicht
gestatten, sei's auch nur des bsen Beispiels wegen, und Capitain Kelly mag
deshalb bestimmen, was mit ihm werden soll. Losgeben darf er ihn aber nicht; die
Leute sind wthend auf das schwarze Fell.
    Bring' ihn hierher! sagte Georgine jetzt, als sie wie aus tiefem Sinnen
emporfuhr.
    Wen? Den Neger?
    Bolivar - gebunden wie er ist - und - schick' mir zwei von den Mnnern mit
- whle ein paar von Corny's Freunden!
    Hm, meinte der Alte, da bedeutet das wohl nichts Gutes fr den Schwarzen.
- Wenn Ihr brigens glaubt, da Ihr den zu irgend einem Gestndni zwingt, so
seid Ihr verdammt irre - der ist stckisch wie ein Maulesel. Doch meinetwegen;
ich gehe indessen, mein Wort zu lsen; wenn Ihr mir und Euch brigens einen
Gefallen thun wollt, so erwhnt nichts gegen den Capitain, wenn er etwa kommen
sollte.
    Er verlie mit diesen Worten das Zimmer, Georgine aber, kaum von seiner
Gegenwart befreit, warf sich auf die Ottomane, und machte ihrem gepreten und
bis dahin nur gewaltsam bezwungenen Herzen Luft in einem wilden, lindernden
Thrnenstrom. Der Schmerz des schnen leidenschaftlichen Weibes konnte sich aber
nicht auf solch' sanfte Art brechen; ihr Charakter wollte nicht leiden und
dulden, er wollte ankmpfen gegen den Druck, der ihn beengte, und Rache ben an
Dem, der es wagte, ihr feindselig gegenber zu treten. Grenzenloser Liebe war
sie fhig, aber auch grenzenlosen Hasses, und diese Leidenschaften wurden nur
verstrkt, da Zweifel und Eifersucht die eine umnachtete, whrend noch immer die
Gewiheit fehlte, der andern freien und ungehinderten Lauf zu lassen. Sie hatte
Richard Kelly mit einer Strke geliebt, die sie selbst erbeben machte - Alles -
Alles hatte sie ihm geopfert, Gefahren mit ihm getheilt, Verfolgung und Noth mit
ihm getragen, in seinen letzten Schlupfwinkel war sie ihm gefolgt - unter dem
Auswurf der Menschheit lebte sie mit ihm - fr ihn - jede Rckkehr in das
gesellschaftliche Leben war ihr abgeschnitten - ihre einzige Hoffnung auf dieser
Welt er; der einzige Stern, zu dem sie bis jetzt mit Vertrauen und Liebe
emporblickte, er; der einzige Gott fast, zu dem sie gebetet, er, und jetzt - zum
ersten Mal der frchterliche Verdacht - nein, fast die Gewiheit schon, da er
falsch sei. Das Alles machte ihr Hirn schwindeln, jagte ihr das Blut in
Fieberschnelle durch die Adern. Er war schuldig - wozu brauchte er denn auch
sonst ihren Boten zu frchten - wozu htte er - groer allmchtiger Gott - die
Sinne vergingen ihr, wenn sie den Gedanken fassen wollte - das Kind ermorden
lassen.
    Gewiheit! sthnte sie mit krampfhaft gefalteten Hnden - Heiland der
Welt, gieb mir Gewiheit, nur Gewiheit, und berla das Uebrige mir - Richard,
Richard, wenn Du Dein Spiel mit mir getrieben -
    Ein Stimmengewirr wurde vor der Thr laut, und als sie diese ffnete,
standen etwa ein halbes Dutzend der Insulaner davor, von denen einige Fackeln
trugen, andere den gebundenen Neger in der Mitte fhrten. Bolivar schritt
trotzig zwischen ihnen einher; den Kopf umwand eine Binde, und das eine Auge war
ihm, vom Kampfe mit der Uebermacht, angeschwollen. Des Messers hatten sie ihn
beraubt, da er nicht doch noch Unheil damit anrichte.
    Georgine trat auf ihn zu, sah ihm erst einige Secunden lang fest und starr
in das halb trotzig halb scheu zu ihr aufgeworfene Auge, und sagte dann, whrend
sie ein kleines silberverziertes Terzerol spannte und in der Hand hielt, jetzt
aber auch in kaum zwei Fu Entfernung von dem Afrikaner stehen blieb:
    Bolivar - Deine That ist verrathen - Du bist in meiner Macht, und kein Gott
knnte Dich vor der verdienten Strafe retten, wre nicht noch ein Anderer
hineinverwickelt, dessen Entdeckung mir wichtiger ist als Dein Leben, Sclave! Du
hast den Knaben, der Deiner Obhut anvertraut wurde - ermordet, in jener Bucht
drben den Leichnam versenkt. Du siehst, ich wei Alles, jetzt gestehe aber
auch, so Dir Dein schwarzes Leben nur den Werth einer Glasperle hat, was und wer
Dich dazu bewogen. Der Knabe hatte Dir nie ein Leid gethan - er war manchmal
bermthig, nach der Knaben Art, aber sonst noch fast ein Kind - in Deinen
Hnden mute er wie die Taube in des Geiers Krallen sein. Wer hat Dich also
gedungen, Mensch, oder wessen Befehlen hast Du dabei gehorcht? Sprich, denn ich
wei Alles, aber ich will nur erst durch Deinen Mund Gewiheit - sprich!
    Ich wei nicht, wer Euch all' den Unsinn in den Kopf gesetzt, knurrte
Bolivar, aber so viel ist gewi, da ich hier um nichts und wieder nichts
niedertrchtig behandelt werde. - Wre Massa Kelly hier -
    Der wrde Dir beistehen, das glaub' ich, flsterte die Frau - doch Deine
Ausflchte helfen Dir nichts - gestehe, sag' ich, oder, beim ewigen Gott! ich
jage Dir diese Kugel durch's Hirn - Du kennst mich, da ich Wort halte, wenn es
gilt, eine Drohung auch auszufhren.
    Ja, darin kenn' ich Euch! trotzte der wilde Sohn der Wste - darin kenn'
ich Euch nur zu gut, aber ich lache Eurer Drohungen. Dieses Leben, das ich in
letzter Zeit hier gefhrt, ist doch kaum besser als das eines Hundes gewesen -
drckt in drei Teufels Namen ab, aber glaubt nicht, da ich mich vor solchem
Kinderspielwerk frchten soll - 's wre lcherlich.
    Lst ihm die Hnde und bindet sie an jenen Baum, rief Georgine jetzt, die
ihren Entschlu gendert hatte, whrend sie die kleine Unterlippe fast blutig
mit ihren hellglnzenden Zhnen prete. - Ich will doch sehen, ob ich die
schwarze Bestie nicht zum Reden zwingen kann. - Tusk, bringt die Peitsche
heraus, und peitscht ihn mir so lange, bis er bekennt, und wenn Ihr ihm das
schwarze tckische Fell in Streifen vom Rcken ziehen solltet. Tod und
Verdammni dieser mrderischen Canaille; er soll mir, wenn er nicht gestehen
will, unter der Knute verbluten.
    Das war mein Rath von vornherein, rief der angeredete Bootsmann; er hatte
seinen Namen von einem eberhnlich vorstehenden Zahn erhalten, der seinem
Gesicht etwas Frchterliches gab. - Hier hab' ich die Knute gleich mitgebracht,
und nun wollen wir doch einmal sehen, ob das Blut eben so schwarz ist wie die
Schwarte, unter der es steckt. - Herunter mit dem Kittel, mein Mohrenprinz, und
thu mir den Gefallen und schrei nicht gleich genug, da der Spa nicht so bald
aus ist.
    Bolivar warf ihm einen wilden, trotzigen Blick zu, aber kein Laut kam ber
seine Lippen, und schweigend ertrug er es, als der herkulische Bursche die
schwere Sclavenpeitsche nach besten Krften ber seinen nur mit einem dnnen
Kattunhemd bekleideten Rcken zog, so da dieses bald in Streifen herunterhing
und das helle Blut den frchterlichen Streichen folgte. - Schweigend knirschte
er nur mit den Zhnen, als sie ihn seiner Abkunft und Race wegen verhhnten,
seine Eltern verfluchten und ihm in bermthigem Grimm in's Gesicht spieen.
Schweigend hrte er die Drohungen noch frchterlicherer Strafe Georginens an,
die mit zornfunkelnden Augen vor ihm stand und in der Empfindung befriedigter
Rache Gefhl und Weiblichkeit vergessen zu haben schien. Bolivar blieb aber
standhaft; seine zerrissenen Schultern zerfleischte die unbarmherzige Knute mehr
und mehr; seine Glieder zuckten im grlichen Schmerz und die Kniee zitterten
unter ihm, er konnte kaum noch aufrecht stehen; aber abgebissen htte er eher
die Zunge, ehe sie seinen Henkern das verrieth, was sie begehrten. - Fest auf
einander knirschte er die Zhne und fest auf das stolze Weib heftete er den
wilden, drohenden Blick. Vor seinen Augen fing es jetzt an sich in tollen
schwarzen und schillernden Nebeln zu regen - Sterne blitzten auf und nieder, und
eine unbezwingbare Schwche berkam ihn. - Er wollte sich mit letzter
Anstrengung aufrecht halten - er lehnte seine Schulter an den Baum, der seine
Fesseln hielt - aber es war vergebens - die Gestalten fingen an sich vor seinen
Augen zu drehen - purpurschimmernde Nacht folgte, und er sank halb ohnmchtig in
die Kniee.
    Will die Bestie beten? rief der Eine mit dem Eberzahn - auf, Canaille,
wenn wir mehr Zeit haben - rufe Deine schwarzen Gtzen an, eh' Du gehangen
wirst, - jetzt ist's noch zu frh -
    Halt! rief da dicht neben ihnen eine Stimme, und zwar so kalt und
gebieterisch, so ruhig und doch so frchterlich ernst, da die Henker berrascht
in ihrer blutigen Arbeit inne hielten und auch Georgine sich erschreckt dem
wohlbekannten Tone zuwandte. Es war Kelly, der, den bunten mexikanischen Mantel
ber die Schultern hngend, den schwarzen breitrndigen Filz tief in die Stirn
gedrckt, dicht neben ihnen stand und die Hand gegen die mit Peitschen
Bewaffneten ausstreckte. - Wer hat hier ein Urtheil zu vollziehen, das ich
nicht gefllt?
    Ich sprach das Urtheil! sagte Georgine mit fest auf ihn gehefteten Augen,
indem sie die noch immer gegen die Mnner ausgestreckte Hand ergriff, ich
verurtheilte ihn, weil er - den Knaben ermordet hat Das Kind, das ich aufgezogen
und gepflegt, hat er mit seinen teuflischen Hnden erwrgt, und Du darfst mich
nicht hindern, ihn zu strafen - Du darfst es nicht - und sie zischte die
letzten Worte mit leiser, vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme - wenn
Du nicht - selbst als ein Theilnehmer jenes Mordes erscheinen willst.
    Bindet den Neger los, lautete des Capitains ruhiger, den Einwand gar nicht
beachtender Befehl - bindet ihn los, sag' ich - die That soll untersucht
werden.
    Sie ist untersucht, Mann! rief Georgine, sich heftig und wild
emporrichtend - ich, ich trete gegen ihn auf und rufe den allmchtigen Gott zum
Zeugen an, da er den Mord verbt. Willst Du ihn jetzt noch schtzen und
befreien?
    Bindet ihn los! sag' ich, wiederholte Kelly mit finsterer, drohender
Stimme - zurck da, Georgine - Dein Platz ist nicht hier - willst Du alle meine
Befehle bertreten?
    Georgine wandte sich erbleichend ab, der Eberzahn aber rief, sich trotzig
gegen den Gebieter kehrend:
    Ei, zum Henker, Sir, der Bursche hier hat Hand und Zhne an einen weien
Mann gelegt, und verdammt will ich sein, wenn er nicht dafr hngen soll.
Subordination ist ganz gut, mu aber auch nicht zu weit getrieben werden. Wir
sind freie Amerikaner, und die Majoritt entscheidet sich hier fr Strafe.
Nichts fr ungut, aber den Neger binde ich nicht los.
    Schneller zuckt kaum der zndende Blitz aus wetterschwangerer Wolke in den
stillen Wald, als Kelly's schweres Messer in seiner Hand blitzte, zurckfuhr und
dem trotzigen Gesellen im nchsten Augenblick mit frchterlicher Sicherheit das
Herz durchbohrte. Er blieb noch mehrere Secunden mit stieren, entsetzt vor sich
hin starrenden Augen stehen, schlug dann die Arme empor und strzte, eine
Leiche, nach vorn auf sein Gesicht nieder. Die Anderen sprangen wild empor,
Kelly aber, unbewaffnet die Gefahr verachtend, warf sich ihnen entgegen und rief
zrnend:
    Rasende - wollt Ihr Euch selbst verderben? Verrath umgiebt Euch von allen
Seiten - unsere Insel ist entdeckt - Spione von Helena durchziehen nach allen
Richtungen hin den Strom - unser Leben und das, was wir mit saurem Schwei
erbeutet, steht auf dem Spiele, und Ihr hier, in wahnsinnigem Uebermuth, frhnt
dem eiferschtigen Trotz eines Weibes und schlagt gegen die Hand an, die allein
im Stande ist, Euch zu retten. Thoren und Schufte, die Ihr seid, an Eure Posten!
Ein fremdes Boot ist hier gelandet, und sein Besitzer liegt vielleicht nur
wenige Schritte von uns versteckt, unser Treiben zu belauschen. Er darf die
Insel nicht wieder verlassen, Fort - in Bachelors Hall erwartet meine Befehle -
ich bin im Augenblick bei Euch - bindet den Neger los, sag' ich, und Ihr Beiden
- schafft den Leichnam hinaus aus der Fenz und begrabt ihn. - Der Bursche kann
froh sein, noch so aus dieser Welt hinausgeschickt zu sein - er hatte
Schlimmeres verdient. - Er war in Helena schon einen Contract eingegangen, uns
zu verrathen - nur die Gier, noch hheren Lohn zu erhalten, hatte ihn bis jetzt
daran verhindert - fort mit ihm, und Du, Bolivar, erwartest mich hier, bis ich
zurckkehre.
    Die Mnner gehorchten schweigend den Befehlen, Kelly aber folgte Georginen
in ihre Wohnung, wo ihn diese mit kaltem mrrischen Trotz empfing.
    Wo ist die Kranke? sagte er, als er, in der Thr stehen bleibend, mit
seinen Blicken den kleinen geschmckten Raum berflog - wo ist das Mdchen, das
Du hier bei Dir behalten und bewahren wolltest?
    Wo ist der Knabe? rief Georgine jetzt, vielleicht noch durch das
Bewutsein eigener Schuld gereizt, wild und heftig dagegen auffahrend, wo ist
der Knabe, den jener teuflische Afrikaner auf Deinen Befehl erschlug? Wo ist das
Kind, das ich mir aufgezogen hatte - das einzige Wesen, das mit wahrer
aufopfernder Liebe an mir hing, und dessen alleinige Schuld nur - die Treue
gegen mich gewesen sein konnte. Kelly - Du hast ein entsetzliches Spiel mit mir
gespielt, und ich frchte fast, ich bin das Opfer einer grlichen Bosheit
geworden.
    Du phantasirst, sagte Kelly ruhig, whrend er den breitrndigen Hut abnahm
und auf den Tisch warf - was wei ich, wo der Knabe ist - weshalb hast Du ihn
von Dir gesandt? - Ich rieth Dir stets ab. - Ueberhaupt kann er ja auch heute
oder morgen zurckkehren, wer wei, ob er nicht, froh der neugewonnenen
Freiheit, in tollem Uebermuth in Helena herumtummelt, wo unser Aller Leben an
seiner kindischen Zunge hngt. Wo ist das Mdchen? - ruf es her!
    Zurckkehren? rief Georgine in bitterem Schmerz - ja, seine Leiche -
Peter holt sie aus der Bucht drben, wo sie der Neger versenkte - sein toller
Uebermuth wurde in gieriger Fluth gekhlt, und seine kindische Zunge droht
keinem Leben mehr Gefahr.
    Der lange zurckgehaltene Schmerz des stolzen Weibes brach sich jetzt
endlich in wilden, undmmbaren Thrnen Bahn; Georgine barg das Antlitz in ihren
Hnden und schluchzte laut.
    Kelly stand ihr erstaunt gegenber und hielt das dunkle Auge fest und
verwundert auf ihre zitternde Gestalt geheftet.
    Was war Dir jener Knabe? sagte er endlich mit leiser, schneidender Stimme
- welchen Antheil nimmst Du an einem Burschen, der, aus gemischtem Stamm
entsprossen, Dir nur als Diener lieb sein durfte? - Georgine - ich habe Dich nie
nach jenes Knaben Herkunft gefragt, jetzt aber will ich wissen, woher er
stammt.
    Aus dem edelsten Blut der Seminolischen Huptlinge! rief das schne Weib
und richtete sich, ihren Schmerz gewaltsam bezwingend, stolz empor - seines
Vaters Name war der Schlachtschrei einer ganzen Nation; er ist unsterblich in
der Geschichte jenes Volks.
    Und seine Mutter?
    Georgine fuhr wie von einem jhen Schlage getroffen zusammen; - ihre ganze
Gestalt zitterte, und fast unwillkrlich griff sie, eine Sttze suchend, nach
dem Stuhl, neben welchem sie stand. Kelly's Lippen umzuckte ein spttisches
Lcheln, aber er wandte sich, als ob er ihre Bewegung nicht bemerke, oder doch
nicht bemerken wolle, rasch dem kleinen Cabinet zu, wo Marie ihren Schlafplatz
angewiesen bekommen.
    Wo ist die Kranke? frug er, den Ton zu dem gleichgltigen Gesprchs
verndernd - ist sie in ihrer Kammer?
    Sie schlft! sagte Georgine, wohl berrascht ber das kurze Abbrechen
seiner Frage, doch schnell gesammelt - stre sie nicht - sie bedarf der Ruhe!
    Ich will sie sehen! erwiderte der Capitain und nherte sich dem Vorhang,
der das kleine Gemach von dem Wohnzimmer trennte.
    Du wirst sie wecken, bat Georgine - thu mir die Liebe und la sie
ungestrt.
    Kelly wandte sich gegen sein Weib und schaute ihr mit so scharfem
forschenden Blick in's Auge, als ob er ihre innersten Gedanken ergrnden wollte.
- Ihr Antlitz blieb aber unverndert und sie ertrug ohne Zucken den Blick.
Schweigend drehte er sich von ihr ab und lftete den Vorhang. - Das Bett stand
diesem gerade gegenber, und auf ihm, die schlanken Glieder von warmer Decke
umhllt - den Rcken ihm zugewendet, da nur der kleine, von wirren Locken
umschmiegte Kopf, ein Theil des blendend weien Nackens und die rechte, auf der
Decke ruhende zarte Hand sichtbar blieben, lag eine weibliche Gestalt. Die
ueren Umrisse hatten auch Aehnlichkeit mit dem entflohenen Mdchen: aber
Kelly's scharfer Blick entdeckte rasch den Betrug.
    Im ersten Moment machte er allerdings eine fast unwillkrliche Bewegung, als
ob er noch weiter vortreten wolle - pltzlich aber hielt er wieder ein, lie
noch einmal seinen Blick erst ber die ausgestreckte schlummernde Gestalt, dann
ber das schne, doch marmorbleiche Antlitz seines Weibes schweifen, und verlie
dann rasch die Kammer und das Haus.
    Drauen schritt er an dem Neger vorber, der noch neben dem Baum kauerte, an
welchem er mihandelt worden, und trat zwischen die jetzt in Bachelors Hall
versammelten Mnner. Die Zeit drngte - keinen Augenblick durfte er verlieren,
denn der nchste konnte schon Verderben bringend ber sie hereinbrechen, und in
kurzen klaren Befehlen vertheilte er Einzelne der Schaar ber die Insel, von
denen einige die Ufer nach einem gelandeten Kahn absuchen, andere die Dickichte
durchstbern sollten. Fanden sie den Kahn, so war weiter nichts nthig, als ihn
wohlversteckt zu bewachen, der Ire mute dann in ihre Hnde fallen. Ahnte er
aber, da er endeckt sei, und hielt er sich verborgen, nun so konnte er auch die
Insel nicht verlassen und war fr den Augenblick unschdlich gemacht, bis ihn
das Tageslicht seinen Verfolgern entdecken mute. Posten wurden dann auch, jeder
andern, bis jetzt noch unbekannten Gefahr zu begegnen, an all' den Pltzen
ausgestellt, wo eine Landung berhaupt mglich war, und die Bewohner der Insel
erhielten gemessenen Befehl, ihre Sachen gepackt in Bereitschaft zu halten, um
jeden Augenblick zum Aufbruch fertig und gerstet zu sein. Ihre Boote muten zu
diesem Zweck doppelt bewacht und berhaupt Alles gethan werden, den Ausbruch des
ihnen drohenden Wetters so lange als mglich zu verzgern. Noch war ja auch
nicht einmal die Gewiheit da, da ihr Schlupfwinkel ernstlich verrathen sei,
denn die Beiden, die auf dessen Erforschung ausgegangen, konnten unschdlich
gemacht werden.
    Lieen sich die Bewohner von Helena, oder besonders die der Umgegend wieder
beruhigen, so wre es thricht gewesen, in unkluger Furcht voreilig einen Platz
zu verlassen, wie es vielleicht keinen zweiten fr sie in den Vereinigten
Staaten gab. Auf jeden Fall konnten sie ihn dann so lange behaupten, bis sie im
Stande waren, all' ihre Habseligkeiten in die sdlicher gelegenen Staaten,
besonders nach Texas und Mexiko zu schaffen, so da, wenn spter ja einmal eine
Nachsuchung gehalten wurde, die Nachbarn hchstens den leeren Horst, die Geier
aber ausgeflogen fanden. Zu diesem Zweck mute Kelly jedoch augenblicklich
wieder nach Helena hinauf, und wollte nur in dem Fall gleich zu ihnen
zurckkehren, wenn unverzgerte Flucht nthig werden sollte. Galt es die letzte
Rettung, so blieb ihnen auch immer das letzte Mittel gewi, sich Bahn zu hauen,
ehe die Feinde auch nur eine Ahnung bekamen, wie stark und zahlreich sie wren.
    Diese Anordnungen waren alle so umsichtig getroffen und die Krfte derer,
deren Macht sie zu frchten hatten, so genau dabei berechnet, da wirklich eine
ganz genaue Kenntni jener Verhltnisse dazu gehrte, mit solcher Sicherheit
selbst den letzten Augenblick abzuwarten, wo eine einzige versumte Stunde Alle
in's Verderben strzen konnte. Sei es aber nun, da die Insulaner nicht von der
Nhe der Gefahr so genau unterrichtet waren. denn Kelly theilte ihnen nur das
mit, was sie nothwendiger Weise wissen muten, oder vertrauten sie ihm und
seiner Klugheit wirklich so viel, kurz die Meisten schienen die Sache ungemein
leicht zu nehmen und trotzten sogar auf ihre Uebermacht. Solch lange
Ungestraftheit ihres verbrecherischen Treibens hatte sie bermthig gemacht, und
Einige uerten sich sogar ganz offen darber, es wre ihnen gleichgltig, ob
sie entdeckt seien oder nicht. Den wollten sie sehen, der sie hier in ihrer
eigenen Veste angriffe.
    Kelly dachte hierber freilich anders und kannte recht gut die Gefahr, die
ihnen drohte, wie die Mittel, die ihnen zu Gebote standen, ihr zu begegnen. Ihn
beunruhigte aber auch jetzt das Ausbleiben des schon lngst von Indiana
erwarteten Bootes, denn der Zeit nach, und wenn es fortwhrend flott geblieben,
htte es die Insel lange erreichen und passiren mssen. Der entsetzliche Nebel
erklrte freilich in etwas dieses Zgern. Entweder hatte der alte Hosier die
Sicherheit seines Bootes nicht preisgeben wollen, oder Bill mochte auch selbst
gefrchtet haben, vielleicht zu frh aufzulaufen oder gar vorbei zu rennen und
die kostbare Beute dadurch auf's Spiel zu setzen. Es schien indessen, als ob
sich der Nebel lichten wrde, der Wind fing wenigstens an zu wehen, immer
hierfr ein gutes Zeichen, und es war also mglich, da jenes Fahrzeug mit oder
vielleicht gleich nach Tagesanbruch eintreffen wrde.
    Whrend sich jetzt die Mnner ber die Insel zerstreuten, um die gegebenen
Befehle zu erfllen und ihr Asyl gegen Verrath zu schtzen, schritt Kelly
langsam zu dem Neger zurck und legte leise seine Hand auf dessen Schulter. Der
Afrikaner zuckte zusammen, als er den leichten Druck der Finger auf seiner
Achsel fhlte, sie hatten eine durch die Peitsche gerissene Wunde getroffen. -
Bald erkannte er aber seinen Herrn und erhob sich schweigend.
    Bolivar, flsterte der Capitain und blickte finster in das Antlitz des
Negers - sie haben Dich mihandelt und mit Fen getreten, weil Du mir ergeben
bliebst?
    Der Neger knirschte mit den Zhnen und warf den funkelnden Blick nach dem
hell erleuchteten Fenster der Herrin hinber.
    Ich wei Alles, sagte Kelly und hob beruhigend die Hand gegen ihn auf -
aber - vielleicht ist es gut, da es so gekommen, auf keinen Fall soll es Dein
Schade sein. Doch hier darfst Du nicht bleiben, fuhr er nach kurzer Pause fort
- Georgine wei, was Du gethan, und kennt in diesem Punkte keine Grenze ihrer
Rache - wir haben uns Beide dagegen zu wahren. Packe das, was Du mitzunehmen
gedenkst, zusammen und komm mit mir.
    Bolivar blickte staunend zu dem Capitain empor. Es lag ein finsterer
Ausdruck in diesen Worten - wollte er die Insel - wollte er Georgine ihrem
Schicksal berlassen?
    Kehren wir nicht zurck? frug er, als er den Blick des Herrn von sich
abgewendet sah.
    Du nicht, wenigstens nicht in nchster Zeit - ich vielleicht schon morgen,
sagte Kelly - doch eile Dich, eile Dich - unsere Minuten sind gemessen, wir
haben manche lange Stunde gegen die Strmung des Mississippi anzurudern.
    Ich kann nicht rudern! murrte der Neger - meinte Arme sind gelhmt - die
Peitsche hat mich meiner Kraft beraubt.
    Du wirst steuern, sagte der Capitain - hast mich manchmal hinbergerudert
und magst heute Deine Arme ruhen lassen. Doch, Bolivar, willst Du fortan auch
mir nur folgen, Dein Leben meinem Dienst weihen und in unvernderter Treue an
mir hngen? Willst Du gehorchen, was auch immer der Befehl sein mge?
    Ihr habt mich heute gercht, Massa, flsterte der Neger, und seine
dunkelglhenden Augen hafteten an der Gruppe, die eben den Leichnam des
Erstochenen durch die Einfriedigung schleppte. Das Blut jenes Schurcken, von
Eurer Hand vergossen, ist ber mich weggespritzt, und jeder einzelne Tropfen war
wie Balsam auf meine brennenden Wunden; glaubt Ihr, da ich das je vergessen
knnte?
    Kelly's prfender Blick haftete wenige Secunden auf ihm, dann sagte er
leise:
    Genug - ich glaube Dir - geh jetzt und rste Dich; mein Boot liegt auf
seinem gewhnlichen Platz. Und rasch wandte er sich von ihm ab, ihn zu
verlassen. Da hemmte des Negers Ruf noch einmal seine Schritte.
Massa! sagte Bolivar und griff in die Tasche seiner Jacke - hier sind zwei
Briefe, die - der Rothhutige bei sich gehabt hat - sie scheinen aber nicht fr
Euch bestimmt. Schon gut, flsterte Kelly und nahm sie an sich - ich danke
Dir - und schnell verlie er durch das kleine nordwestliche Thor die innere
Einfriedigung, die ein schmaler Pfad mit dem obern Theil der Zwischenbank
verband. Bolivar aber schlich in seine eigene Htte, raffte dort das Beste
seines Eigenthums zusammen und verlie, ohne Gru oder Wort weiter an irgend ein
lebendes Wesen der Insel zu richten, durch den feuchtdunstigen Nebel hin und dem
wohlbekannten Pfade folgend, die Colonie, um seinen Capitain an dem bestimmten
Platz zu treffen.

                                      28.

                                        

                          Patrick O'Toole's Abenteuer.


Patrick O'Toole schritt, als er die Mnner am Ufer verlie, rasch zu des
Richters Wohnung hinaus. Diesen wollte er jedoch nicht sowohl von seiner Absicht
in Kenntni setzen, denn er verlangte die Hlfe des Gesetzes noch nicht, sondern
ihn vielmehr um den Compa bitten, da der Nebel immer dichter und hartnckiger
zu werden schien. Er fand aber, wie wir schon frher gesehen haben, den Richter
nicht zu Hause, und da ihm die Leute dort auch nicht einmal bestimmt angeben
konnten, wann er wieder zurckkehren wrde, so beschlo er kurz und gut auch
ohne Compa aufzubrechen und sein gutes Glck zu versuchen. Ohne weiteres Zgern
schritt er also zu seinem kleinen Boot zurck, machte es flott, und ruderte nun
langsam am westlichen Ufer hin, Bredschaw's Wohnung zu, die er mit der Strmung
in etwa einer Stunde erreichen konnte. So lange er sich so nahe zum Lande hielt,
da er das Ufer oder wenigstens die dunkeln Schatten der Bume noch erkennen
konnte, ging das auch recht gut. Von Snags und Sawyern hatte er nichts zu
frchten; sein Fahrzeug war zu leicht, um von diesen ernstlich bedroht zu
werden, und warf ihn auch die Fluth dagegen, so trieb er bald wieder los.
Hchstens konnte ihn vielleicht, wie das in der That manchmal geschieht, ein
pltzlich emporschnellender Sawyer so auf die Seite werfen, da er etwas Wasser
einnahm. Das kam aber sehr selten vor, und rstig, nur manchmal den Kopf
wendend, ob er nicht ein erhebliches Hinderni vor sich sehe, legte er sich
scharf in die Ruder. Der leichte Kahn scho fast pfeilschnell auf der
schumenden Strmung und an Wald und steiler Uferbank vorbergerissen hin, bis
sich rechts die Bucht ihm ffnete, die Bredschaw bewohnte. In diese lief er ein
und hrte nun von dem jungen Mann dieselbe Kunde, nur noch ausfhrlicher und
bestimmter, wie jener sie dem Indiana-Bootsmann mitgetheilt. Er fhlte sich
jetzt auch ziemlich fest berzeugt, da sein Verdacht nicht allein begrndet
gewesen, sondern da er sogar die ziemlich sichere Spur habe, dem nichtsnutzigen
Gesindel, gegen das er einen unbesiegbaren Groll hegte, auf die Spur zu kommen.
    Allerdings rieth ihm Bredschaw ebenfalls ab, solchen Weg so unvorbereitet
und allein, wie auch bei solchem Nebel zu unternehmen, wo er ja gar nicht im
Stande sein wrde, die Insel zu finden; O'Toole aber, strrisch das einmal
angenommene Ziel verfolgend, erklrte, unter jeder Bedingung wenigstens den
Versuch machen zu wollen, und meinte dabei ziemlich richtig, eigentlich sei
solches Wetter gerade das geeignetste, da jener Platz, wenn er wirklich der
Aufenthaltsort von Verbrechern wre, heute gewi nicht so sorgsam bewacht wrde
als sonst. Er hielt sich denn auch, um die schne Zeit nicht unnthig zu
versumen, nur kurze Zeit bei Bredschaw auf und nahm, von diesem fast gezwungen,
noch eine wollene Decke mit, im Fall er genthigt sein sollte, lnger
auszubleiben, als er jetzt beabsichtigte. Dann band er mit frohem Muthe sein
Fahrzeug los, dem jungen Mann noch dabei zurufend, er solle bald wieder von ihm
hren, den Bootsschuften wolle er's aber eintrnken, ihn auf solche Art
behandelt zu haben.
    Bredschaw blieb am Ufer stehen und sah ihm nach, bis das Boot seinen Blicken
entschwand; nur noch eine Zeit lang hrte er die regelmig langsamen
Ruderschlge des wackern Irlnders, und dann verschollen auch diese endlich in
weiter, weiter Ferne.
    O'Toole ging keck und unverzagt, ein chter Sohn der grnen Insel, seinem
Abenteuer entgegen, und mehr noch war es fast ein glcklicher Leichtsinn, ein
sorgloses Ueberlassen der Zukunft, als reiner thierischer Muth, der ihn zu
allerdings ungeahnten Gefahren trieb. Niemand in Arkansas hatte es aber auch fr
mglich gehalten, da sich inmitten civilisirter Staaten, auf dem breiten, jedem
Boot offenen Wege des ganzen westlichen Handels, eine so wohlorganisirte und so
frchterliche Bande festsetzen und behaupten konnte, als es hier wirklich der
Fall gewesen. Nicht einmal Waffen hatte er mitgenommen, ein einfaches kurzes
Jagdmesser ausgenommen, das er unter der Weste, mit einem Bindfaden befestigt,
am Knopf seines Hosentrgers, und eigentlich mehr zum wirklichen Haus- und
Feldgebrauch, denn als Vertheidungswaffe bei sich fhrte.
    Der Abend konnte nicht mehr fern sein. So angenehm unserem Kundschafter aber
auch sonst wohl dieser Umstand gewesen, da er ihn immer noch mehr vor Entdeckung
schtzte, so zweifelhaft wurde es ihm nun selber, ob er in solch'
undurchdringlichem Nebel jene Insel auch wirklich finden wrde. Weit entfernt
war er auf keinen Fall mehr davon. Die Distance von der Weideninsel bis
Einundsechzig wurde auf dem Wasser nur fr acht Meilen gehalten, und die
Strmung allein mute ihn bei dem gegenwrtigen Wasserstand fnf Meilen die
Stunde fhren; ruderte er also nur ein wenig zu, so konnte er recht gut die
ganze Strecke in eben der Zeit zurcklegen. So lange er dicht am Ufer blieb,
ging das auch an, er sah das Fluufer neben sich und behielt dadurch die genaue
Richtung bei, jetzt aber, und nicht weit unter der Weideninsel, machte der
Mississippi nach Arkansas hinein einen starken Bogen und zwang ihn dadurch, wenn
er sich nicht ganz aus dem Wege fahren wollte, das Ufer zu verlassen.
    Nun war O'Toole allerdings noch nie in einem recht ordentlichen
Mississippinebel auf diesem Strome gewesen, sonst htte er das auch wohl
schwerlich ohne Compa gewagt. Er arbeitete im Gegentheil noch immer mit dem
Glauben, die Strmung msse ihm ja auf jeden Fall die Bahn zeigen, wohin der
Flu gehe, wobei das zahlreich treibende Holz einen vorzglichen Wegweiser
abgeben werde. Auerdem war die Insel Einundsechzig ziemlich lang und breit, und
er durfte, wenn er sich nur in der Mitte des Stromes halten konnte, allerdings
hoffen, sie zu erreichen. Eins jedoch hatte er in dieser sonst vielleicht sehr
vorzglichen Berechnung vergessen, da nmlich die Bestimmung einer Strmung
ganz unmglich wird, wo jeder feststehende Haltpunkt fr das Auge fehlt. Ebenso
wie man auf der See auch nur dadurch die Richtung der Meeresstrmungen bestimmt,
da man das Fahrzeug auf kurze Zeit entweder durch einen wirklichen oder bloen
Nothanker soviel als mglich auf einer Stelle festhlt und die Bewegung irgend
eines in die Fluth geworfenen schwimmenden Gegenstandes beobachtet, ebenso ist
es auf einem so ungeheuren Strom wie der Mississippi unmglich, irgend eine
Richtung anzugeben, wenn man sich in starkem Nebel auf seiner ruhigen Flche
befindet.
    O'Toole ruderte nun zwar, als er das Ufer nicht mehr erkennen konnte, noch
eine ganze Weile ruhig und zwar nach der Gegend fort, die er fr die rechte
hielt, gar bald aber machten ihn einzelne Stcke schwimmenden Holzes irre, und
er hielt einen Augenblick, um zu sehen, welchen Weg diese trieben. Ja - die
lagen, als er selbst mit Rudern aufhrte und also ebenfalls seinen Kahn der
Fluth berlie, gerade so ruhig da, wie er selbst, und das Ganze sah aus wie ein
von dichtem Dampf umschlossener See, der weder Ab- noch Zuflu habe und
vollkommen still stehe. Er beobachtete nun eine Zeit lang einzelne treibende
Stmme, um zu sehen, auf welche Seite die Fluth gegen sie drcke, das war aber
nicht mglich - sie schwammen eben ungedrngt im Wasser und zeigten, da sie der
Fluth auch nicht den geringsten Widerstand leisteten, sondern sich ruhig mit
fortnehmen lieen, auch nicht den mindesten Einflu derselben. Er fing jetzt
wieder an zu rudern, aber auch das blieb sich gleich - es war eben, als ob er
auf einem Teiche oder stillen See herumfahre, und wo Ost, Nord, Sd oder West
sein knnte, wurde ihm jetzt zu einem vollstndigen Rthsel. Der Flu lag in
spiegelglatter Ruhe um ihn her, und nur die Nebel schwebten in dichten, fest in
einander gedrngten und wie es schien vollstndig mit einander verbundenen
Wlkchen darber hin und wichen und wankten nicht. Was htte er jetzt fr einen
einzigen, noch so fernen Blick des Ufers gegeben, um nur eine Idee zu bekommen,
wo er sich eigentlich befinde. Der Wunsch schien aber nicht in Erfllung zu
gehen, ja die Dmmerung fing sogar an deutlich merkbar zu werden, und er
verzweifelte nun fast daran, nicht allein die Insel, sondern sogar in vielen
Meilen Entfernung ein Ufer zu erreichen.
    Nun giebt es allerdings ein Mittel, selbst in solchem Verhltni und ohne
Compa eine gerade Richtung beizubehalten; ist man nmlich gnzlich in Zweifel,
woher die Strmung kommt oder wohin sie geht, so braucht man nur so lange im
Kreise herumzurudern, bis man die Fluth vorn unter dem Bug rauschen hrt. Dann
kann man berzeugt sein, da man gegen die Strmung anhlt, und ist nun im
Stande, die zu nehmende Richtung zu bestimmen. Allerdings wrden aber selbst
dann nur wenige Ruderschlge den Rudernden wieder auf den alten Fleck bringen,
denn weil die seitwrts gegen das Fahrzeug andrngende Wassermasse auch den Bug
bald strker, bald schwcher niederdrckt, je nachdem man ein ganz klein wenig
mehr auf- oder abhlt, so wre es unmglich, die Richtung so genau im Gefhl der
Hand zu haben. Das einzige Mittel in diesem Falle ist - da man doch in einem
zweirudrigen Boot mit dem Rcken nach vorn sitzt - die Augen fest auf das
Fahrwasser seines Kahns zu halten, d.h. auf den Streifen, den das Boot beim
schnellen Durchschneiden des Wassers hinter sich lt. So lange dieser eine
durchaus gerade Linie beschreibt - denn eine kurze Strecke kann man selbst beim
strksten Nebel sehen - so lange behielt auch das Boot dieselbe bei, denn die
geringste Abweichung wrde es gleich hinter dem Stern durch eine krumme Linie
verrathen. Man darf aber whrend dieser Zeit natrlich keinen Augenblick mit
Rudern aufhren oder nachlassen, denn eine gleichmige Fortbewegung ist zu
solcher Bestimmung unumgnglich nthig.
    Davon hatte jedoch O'Toole, der sich sonst wenig mit Wasserfahrten
beschftigte, keine Ahnung; er wute nur, da er noch nicht weit genug vom Land
entfernt sein knne, um sich schon oberhalb der Insel zu befinden. Trieb er also
jetzt mit der Strmung abwrts, so fhrte ihn diese an seinem Ziele vorbei, und
rasch griff er daher wieder zu den Rudern. Nur einmal noch betrachtete er mit
prfendem Blick die ruhige Nebelflche um sich her, drehte dann den Bug dorthin,
wo er die Mitte des Stromes glaubte, und zeigte in Handhabung der elastischen
Ruder bald so guten Willen, da das Wasser an seinem Buge rauschend schumte und
hoch aufspritzte. So arbeitete er wohl eine volle Stunde lang, da ihm der
Schwei in groen perlenden Tropfen auf der Stirn stand und er bei richtiger
Fhrung den Mississippi schon zweimal gekreuzt haben konnte, aber kein Land
bekam er zu sehen, weder rechts noch links, weder vor noch hinter sich, und er
fhlte nun wohl, da er die falsche Richtung gefahren sei.
    Einen Augenblick lie er die Ruder sinken und wischte sich den Schwei von
der Stirn, dann aber ergriff er sie wieder und legte sich von Neuem mit aller
Kraft und bestem Willen hinein, bis er endlich einsah, da alle seine
Anstrengungen vergeblich sein muten. Das Beste also, was er jetzt thun konnte,
war, nach Arkansas zurckzukehren, um den Versuch ein anderes Mal unter
gnstigeren Verhltnissen zu erneuen. - Aber guter O'Toole, es erwies sich als
eben so schwer, nach Arkansas, wie nach Mississippi hinberzuhalten. Nacht und
Nebel umgab ihn bald mit undurchdringlichem Schleier, keinen Laut hrte er,
nicht einmal das Gequake von Frschen, das ihm die Nhe des Landes - gleichviel
nun welchen Ufers - verrathen htte. Er mute sich inmitten des gewaltigen
Stromes befinden.
    Da hielt er endlich, nachdem er sich noch eine ganze Zeit lang bis zu
tdtlicher Ermattung abgemht, mit Rudern ein, warf die Ruder in den Kahn und
streckte sich selbst - gleichgltig gegen Alles, was ihn befallen knnte, in dem
Stern des Bootes aus. - Einmal mute er ja doch irgendwo antreiben, oder doch
wenigstens Gerusch von irgend einem Boot oder dem Ufer, in dessen Nhe ihn die
Strmung zuerst bringen wrde, hren, und er hatte eingesehen, da er selbst
nicht im Stande sein wrde, das Mindeste dafr oder dagegen zu thun. Er war
frmlich verirrt und wute in der That nicht mehr, wo er sich befand, ob er
irgendwo festhnge, oder immer stromab, der Mndung des Arkansas zutreibe.
    In dumpfem Brten lag er in seinem Boot ausgestreckt und schaute schweigend
zu der grauen Masse hinauf, die ihn in fast fhlbarer Schwere und Feuchtigkeit
umgab - da war es ihm pltzlich, als ob er das Quaken eines Frosches hre - er
horchte hoch auf. Fast in demselben Augenblick vernahm er ein dumpfes Rauschen,
und ehe er sich noch recht umschauen konnte, von welcher Richtung dies
eigentlich komme - da er es natrlich auf der ganz entgegengesetzten Seite
erwartet hatte - trieb auch sein schwankendes Boot schon in den starren Wipfel
einer Eiche hinein.
    Land hatte er jetzt - Bume wenigstens - und er wute doch nun, da er nicht
mehr weiter stromab und von Helena fortgenommen werden knnte. Wo er sich aber
befand, ob in Arkansas, Mississippi oder an einer der weiter unten gelegenen
Inseln, vielleicht Drei- oder Vierundsechzig, das war ihm unmglich zu
bestimmen, ja, so hatten sich seine Gedanken verirrt, da es einer langen Zeit
bedurfte, bis er mit sich berhaupt im Reinen war, er befinde sich noch im
Mississippi und sei nicht etwa in irgend einen Flu oder eine Bayo unversehens
hinein-, und diese Gott wei wie weit hinaufgerudert. Das Einzige, worber er
vollkommen Gewiheit zu haben glaubte, war, da er wenigstens fnfzig bis
sechzig Meilen von Helena entfernt sein msse. -
    Wo aber befand er sich? Im Anfange wollte er rufen, denn vielleicht befanden
sich Menschen in seiner Nhe, die ihn hrten. Doch konnte es nicht eben so gut
mglich sein, da er gerade in jenes Nest gerathen wre, nach dem er suchte, und
welchen Empfang durfte er von Denen hoffen, die ihm noch vor kurzer Zeit so
unzweideutige Beweise ihres Hasses gegeben? Nein - da heute nun doch einmal kein
Gedanke daran war, Einundsechzig noch zu erreichen, und der Nebel auch auf jeden
Fall den Morgenwinden weichen mute, so beschlo er, seinen Kahn an einer
sichern Stelle zu befestigen und nachher ruhig darin ausgestreckt den Tag
abzuwarten.
    Das war nun freilich nicht so leicht, als er es anfangs erwartet hatte. Eine
Masse Baumgewirr versperrte ihm berall den Eingang, und dort bleiben, wo er
sich gerade befand, konnte er eben so wenig. Die Fluth prete gerade dagegen,
und brachte sie irgend einen fortgeschwemmten Baumstamm mit, so mute ihm
dieser, mit der Gewalt solcher Wassermasse vereint, unfehlbar das leichte
Fahrzeug zertrmmern und ihn selber unter das Treibholz schwemmen. - Er
arbeitete sich jetzt also mit aller Anstrengung links hin, bis er zu einer Art
Landspitze kam, denn die Strmung brach sich hier mit groer Strke am Ufer und
scho dann rasch und schumend vorbei. Dort hatte auch augenscheinlich die Kraft
des Wassers einen frher dagelegenen Baum zur Seite geschwemmt, so da eine Art
kleine Bucht dadurch entstanden war. In diese lief er ohne Zgern ein und
richtete nun, gegen uere Gefahr geschtzt, sein Lager, so gut es gehen wollte,
her, um wenigstens ein paar Stunden schlafen zu knnen.
    Kurze Zeit mochte er so gelegen haben, und das gleichfrmige Rauschen des
Wassers begann, trotz des harten Lagers, seine Wirkung auf ihn auszuben, als es
ihm, schon halb im Traume, vorkam, als ob er Stimmen hre, die in ziemlich
lebhaftem Gesprch mit einander begriffen wren. Im Anfange horchte er halb
bewutlos den unverstndlichen Tnen, er hatte schon getrumt, er sei in die See
hinausgetrieben, und vom Ufer aus riefen sie hinter ihm her und warnten ihn vor
den Gefahren des Golfes. Mehr und mehr aber wieder munter werdend, staunte er
zuerst ber den Ort, wo er sich befand, und konnte sich endlich nur mit vieler
Mhe des Vorgefallenen erinnern.
    Nun war O'Toole allerdings nicht Waldmann genug, ein solches Lager in dem
feuchten Flunebel einem warmen Bette vorzuziehen, dennoch aber hielt ihn eine
gewisse Angst zurck, jene Sprechenden anzurufen, denn die Absicht schon, in der
er ausgezogen war, lie ihn in jedem Menschen, den er traf, einen Ruber, Mrder
und falschen Spieler erblicken. Er kroch also, um vor allen Dingen zu
recognosciren, wo er eigentlich sei und in welcher Umgebung er sich befinde, aus
seinem Boot heraus, ber ein paar umgestrzte Stmme an's Ufer und schlich nun
hier, so geruschlos als es ihm die jetzt wirklich auergewhnliche Dunkelheit
und die rauhe Wildni erlaubten, vorwrts, dem Schalle nach.
    Das Gerusch und Sprechen schien auf einem Orte zu bleiben, und O'Toole
vermuthete hier natrlich nichts weiter als eine Farmerwohnung, zu der er nur
nicht den rechten Pfad getroffen habe, sondern in irgend eine neue Rodung
gerathen sei. Er hatte denn auch, obgleich mit entsetzlicher Anstrengung, schon
einen ziemlichen Theil des Dickichts durchdrungen, als pltzlich Alles wieder
ruhig war, und jetzt nur noch das einfrmige Quaken der Frsche und das Zirpen
einzelner Locusts die Todtenstille unterbrach. Nichtsdestoweniger behielt er die
Richtung bei, in der er frher die Laute gehrt, und erreichte gerade einen
kleinen, ziemlich freien Platz, als er aus dem Nebel, und zwar dicht vor sich,
zwei Gestalten treten sah, so da er nur noch eben Zeit genug behielt, hinter
einem niedern Busch auf die Erde zu sinken.
    Und ich sage Euch, Jones, Ihr drft die Insel bei Gott nicht verlassen,
ohne den Schwur geleistet zu haben betheuerte jetzt pltzlich der Eine von
ihnen, whrend er stehen blieb und sich gegen seinen Begleiter umwandte. - Es
ist uns Allen streng befohlen worden, Euch nicht fortzulassen.
    Aber ich habe ja den Schwur leisten wollen, rief der Andere rgerlich -
Hll' und Teufel, ich kann doch nicht mehr thun, als Euch sagen, ich will
beschwren, was Ihr begehrt? Es ist schndlich, mich jetzt hier, gegen meinen
Willen, zurckzuhalten, wo ich in Mississippi drben die besten Geschfte machen
knnte.
    Auch das wit Ihr, warum das jetzt nicht mglich ist, erwiderte ihm der
Andere - solcher Schwur mu seine gehrige Feierlichkeit haben und von Allen
gehrt werden, damit es spter keine Ausrede giebt. - Die Versammlung ist aber
erst morgen Abend, und bis dahin werdet Ihr Euch also zu gedulden haben.
    So? und wenn nun bis morgen Abend schon die saubere Bescheerung
hereinbricht, von welcher der Capitain gemunkelt hat, brummte Jones - was hab'
ich dann fr ein Interesse, meine Haut ebenfalls dabei zu Markte zu tragen, eh?
Gehr' ich schon mit dazu, und wrd' ich nicht, mit gefangen, auch ganz
unschuldig mit gehangen werden?
    Unschuldig? spttelte der Andere.
    Ja, ja, unschuldig, rief Jones mrrisch - wenigstens in dieser Sache, und
was am Ende noch viel fataler wre, mit dem Bewutsein, da die Canaillen aus
Versehen den Rechten erwischt htten. Nein, Ben, Ihr mt mir einen Kahn
verschaffen; ich will Euch den Eid leisten, und das wird Euch doch gengen
knnen.
    Mir? verdammt will ich sein, wenn ich meinen Kopf statt Euren in die
Schlinge zu stecken gedenke, brummte Ben und wandte sich wieder zum Gehen,
jetzt aber gerade auf den Iren zu, der dicht und regungslos an die Erde
geschmiegt lag. - Sobald Ihr einmal versprecht, den Eid zu leisten, so seid Ihr
auch - Gift und Donner! rief er pltzlich, vor der Gestalt zurckprallend, die
sein Fu berhrt hatte.
    Was ist's? frug Jones erschrocken und blickte scheu umher.
    Der Ire rhrte sich nicht. - Die Unterredung der beiden Mnner hatte ihm
bald verrathen, er befinde sich an seinem Ziel, obgleich er jetzt noch nicht
wute, wo das eigentlich lag, und theils lhmte die Angst seine Glieder, theils
war er auch noch unentschlossen, wie er sich verhalten solle. Floh er, so muten
ihn die mit dem Platz Vertrauten augenblicklich wieder einholen knnen - stellte
er sich zur Wehr - er war fast unbewaffnet, die Feinde dagegen sicher mit
Messern und Pistolen versehen. - Endlich beschlo er, sich zu stellen, als ob er
schlafe; sie muten dann wenigstens glauben, da er nichts von ihrer
Unterhaltung gehrt habe, und suchten in diesem Falle vielleicht selber ihn so
schnell als mglich wieder fortzubringen.
    Das waren etwa die Gedanken, die ihm pfeilschnell durch's Hirn schossen, und
er stellte sich fr den Augenblick schlafend. Ben's nchste Worte theilten ihm
aber nicht allein eine andere Rolle zu, sondern lieen ihn auch die Gefahr
ziemlich deutlich ahnen, in welcher er sich befand.
    Seeschlangen und Meerwlfe! rief Jener, whrend er heruntergriff und den
Arm des Regungslosen erfate - soll mich dieser und der holen, wenn die
verdammten Halunken nicht Tusk hierher geschleppt und liegen gelassen haben. -
Hol' doch der Teufel das faule Zeug! - Nicht einmal zu dem Ort ihn hinzutragen,
wo wir ihn einscharren wollen. Ei da mag er zum Donnerwetter auch hier liegen
bleiben; 's ist weit genug von der Fenz, und er schlft hier eben so gut wie
hundert Schritt weiter oben. Damit warf er das Werkzeug, das er trug, neben den
vermeintlichen Leichnam von der Schulter nieder und fing an, die Erde mit der
schweren Hacke aufzuschlagen.
    Dann will ich indessen hingehen und einmal zusehen, ob nicht irgendwo hier
oben ein Boot befestigt ist, sagte Jones - so lautete ja Kelly's Befehl.
    Ja - und mich hineinsetzen, nicht wahr? Und ruhig den Strom hinabrudern?
ffte ihm der wilde Bootsmann nach, whrend er mit der Hacke auf den Boden
stampfte - ei zum Teufel, Sir, Ihr mt uns doch hier fr gotteslsterlich dumm
halten, da Ihr uns auf solch' erbrmliche Art anzufhren gedenkt. Ihr bleibt
hier - die Ursache, weshalb Ihr mir zur Gesellschaft mitgegeben seid, ist: das
Grab mit graben zu helfen und nachher des Irlnders Boot aufzuspren, sowie den
Burschen abzufangen - wenn wir ihn erwischen, heit das. Also greift zu, wenn's
gefllig, und glaubt nicht, da Ihr mich von der rechten Fhrte durch irgend
einen Seitensprung abbringt.
    Damit warf er dem kleinen Mann den Spaten zu und bedeutete ihn, die Erde
aus-, aber nicht zu weit fortzuwerfen, damit sie dieselbe zum Aufhufen gleich
wieder bei der Hand htten.
    O'Toole zitterte all allen Gliedern. - Dicht neben ihm wurde ein Grab
gegraben, in das er lebendig hineingeworfen werden sollte, sobald er nur
regungslos liegen blieb - und zeigte er, da er noch lebe, so war sein Tod
ebenfalls gewi. Er war verrathen, so viel sah er ein - aber durch wen? Und wie
konnte die Botschaft schon an diesen von Helena so entfernten Punkt gelangt
sein? Hatte er nicht die ganze Zeit aus Leibeskrften gerudert und seinen
Entschlu, hier herabzugehen, erst kurz vor seiner Abfahrt irgend einem
Menschen, und dann natrlich nur lauter Freunden, mitgetheilt? Es blieb ihm
aber keine Zeit zu langen Betrachtungen, die Gefahr lag hier zu frchterlich
nahe, und jede ausgeworfene Erdscholle brachte ihn seinem Geschick nher.
    Das Einzige, was ihn mglicher Weise retten konnte, war ein schneller
Entschlu. - Er wollte emporspringen, und die Mnner, die ihn jetzt noch fr
irgend einen Erschlagenen hielten, waren vielleicht im ersten Augenblick so
berrascht, da er, ehe sie sich ermannten, sein Boot wieder erreichen konnte.
Der Eine schien berdies, so viel sich in der Dunkelheit erkennen lie, klein
und schwchlich, und den Andern htte im schlimmsten Falle, ehe er ihm selbst
gefhrlich wurde, ein Messerstich unschdlich gemacht. Vorsichtig griff er also,
um sich durch keine Bewegung zu verrathen, nach dem scharfen Stahl, zog ihn
leise aus der Scheide und bog sich langsam auf die linke Seite hinber - er
hatte sich die Richtung, von der er gekommen, ziemlich genau gemerkt, und an
rasche Verfolgung war dorthin berhaupt nicht zu denken. - Einmal dann im Nebel
wieder auf dem Strom, htte ihn auch nur der Zufall seinen Verfolgern verrathen
knnen. Der Eine der Mnner stand nur jetzt gerade zwischen ihm und dem Stamm,
ber den er zuerst wegsetzen mute - den Raum wollte er erst noch frei haben,
ehe er den Angriff wagte. Es war Ben, er hatte die Hacke bei Seite geworfen und
den zweiten Spaten in die Hand genommen, der dort lag. Jetzt trat er wieder
zurck auf seinen frheren Platz, und jetzt war auch der einzige, vielleicht
letzte Augenblick gekommen.
    Ben? rief da pltzlich eine leise, unterdrckte Stimme, die gerade von der
Richtung her tnte, wo sein Fahrzeug lag, und in den dichten Bschen und Dornen
rauschte es und regte es sich.
    Ja, sagte dieser und hielt in seiner Arbeit ein, was giebts? Wer ruft
da?
    Hier liegt bei Gott das fremde Boot, flsterte die Stimme wieder - lat
Euer Graben jetzt lieber sein und kommt mit hierher, es giebt vielleicht nachher
gleich Zwei hineinzuwerfen.
    O'Toole's Herzblut stockte - nicht allein der Rckweg war ihm abgeschnitten,
sondern sein Boot sogar entdeckt. - Er konnte, falls er sich wirklich auf einer
Insel befand den Platz gar nicht wieder verlassen. Seine einzige Hoffnung blieb
jetzt nur noch die, da die Todtengrber dem Rufe Folge leisten und ihn allein
lassen wrden.
    Wo liegt es denn? frug Ben und hielt inne mit Erdeauswerfen.
    Gleich hier - dicht an der uersten Landspitze, unter der alten Sykomore
-
    So thut, wie Euch Kelly befohlen, und haltet das Maul, brummte der
Bootsmann - wer wei denn, ob er nicht gerade hier in der Gegend herumkriecht.
Nehmt Eure Pltze ein und verhaltet Euch ruhig - kommt er zurck, so fertigt ihn
ab - doch ohne Schu.
    Wie wird's aber, wenn Teufelsbill mit dem Flatboot kommen und das Zeichen
geben sollte? frug Jener, aber immer noch mit unterdrckter Stimme, zurck.
    Das geht Euch nichts an - Ihr bleibt auf Eurem Posten, und wir Anderen,
wenn das Boot abgefertigt ist, treiben nachher die Insel von unten herauf vor -
finden wir ihn dann nicht, so luft er Euch in die Hnde.
    Wieder fing er an zu graben, und die Gruft mute bald tief genug sein, denn
ein ziemlich bedeutender Erdhaufen lag schon an ihrer Seite. - Des Iren Herz
schlug so laut, da er schon durch dessen Klopfen verrathen zu werden frchtete
- auch die letzte Stimme hatte er erkannt: es war jener Bube, den er in Helena
zu Boden geschlagen. Erbarmen hatte er hier nicht zu hoffen; wurde er entdeckt,
so konnte kein Gott ihn retten. Ein Gedanke durchzuckte ihn jetzt, wenn er nun
vielleicht, whrend Jene sich emsig mit ihrer Arbeit beschftigten, leise in die
Bsche kroch, dann, erst einmal im Dickicht, entweder im Sumpf einen
Schlupfwinkel suchte, oder auch, sobald er den Flu erreichte, hinausschwamm in
den Nebel? - Es trieb jetzt so viel Holz im Strom, da er nicht zu frchten
brauchte, zu ertrinken - und das wre ja doch noch immer besser gewesen, als
sich hier wie einen Hund todtschlagen zu lassen.
    Langsam schob er den linken Arm zur Seite, um sich darauf zu sttzen und den
Krper nachzuziehen, doch das raschelnde Laub machte die grte Vorsicht nthig.
Zwar gruben die beiden Mnner noch immer eifrig und das Gerusch der fallenden
Erde bertubte jede nicht zu auffllige Bewegung, auch hatte er sich schon auf
diese Art wohl zwei Schritt zurck und dicht zum Rand eines wirren Dornbusches
gezogen, hinter dem ihm ein weicher moosiger Fleck raschere Bewegung mglich
machte. Gerade aber, als er sich ein wenig aufrichten wollte, ber einen dort
liegenden heruntergebrochenen Ast zu gleiten, prete er mit der Hand auf einen
drren und morschen Zweig desselben, der mit ziemlich lautem Krachen abbrach.
    O'Toole schrack zusammen und blieb regungslos in der gerade eingenommenen
Stellung liegen. Ben aber sprang rasch aus dem fast beendigten Grabe heraus, auf
den Erdhgel hinauf und blickte berall forschend in die nebelige Nacht hinein.
    Hrtet Ihr nichts, Jones? frug er nach einem kleinen Zwischenraum, mir
war's, als ob irgend Jemand auf einen Ast trat -
    Ich habe nichts gehrt, brummte der Andere, whrend er mrrisch den Spaten
aus der Grube warf und selbst nachkletterte - so - das Loch ist jetzt tief
genug, hol' der Teufel das Maulwurfsgeschft! Wenn Ihr glaubt, da ich hier auf
die Insel gekommen bin, Todtengrber zu werden, so habt Ihr Euch verdammt geirrt
- werft das Aas hinein, da wir fertig werden. - Verwnscht unheimliches
Geschft ohnedies, so in Nacht und Nebel dazustehen und Leichen einzugraben -
Ihr habt wohl derlei Arbeit manchmal hier?
    Da Ihr doch das Maul nicht halten knnt und in einem fort Euer
ungewaschenes Zeug schlabbern mt, brummte Ben. - Mir war's, als ob hier
Jemand auf einen Zweig trat - nun? Donnerwetter - wo ist denn der Leichnam? Ah
hier - ich dachte, er lge weiter drben. - Kommt, Jones - der Bursche ist
schwer, schleppt ihn mit ber den Hgel hinber. - Zum Teufel, frchtet Euch
nicht, ihn anzufassen - es wird nicht die erste Leiche sein, die Ihr mit unter
die Erde bringen helft.
    Er ist noch ganz warm, sagte Jones, whrend er schaudernd dem Befehl
gehorchte - am Ende lebt er gar noch?
    Unsinn, sagte Ben lachend, wer Kelly's Messer einmal geschmeckt hat,
braucht keine Medicin mehr. - Warum soll er denn auch schon kalt sein, er ist ja
kaum eine Stunde todt.
    Sie faten den vermeintlichen Leichnam und trugen ihn an die Grube. - Jones,
der die Schultern hob, rutschte dabei aus und fuhr in die frischaufgeworfene
Erde, so da er den Oberkrper des Iren loslassen mute, der allein in sein Grab
hineinglitt.
    Jetzt war auch der Augenblick erschienen, wo er handeln oder verderben
mute, denn noch sah er sich unendeckt. Zwar zuckte er zusammen, als ihn jener
fallen lie, und griff fast unwillkrlich mit den Armen aus, sich zu schtzen,
doch die Dunkelheit der Nacht verhinderte Ben daran, es zu sehen. Er fhlte wohl
das Zucken, schrieb es jedoch dem Uebergewicht des schweren Krpers zu, und lie
jetzt die Beine ebenfalls hinab, die Erde wieder einzuwerfen und die Arbeit zu
beenden.
    Die erste Scholle fiel auf den entsetzten Iren. - Sprang er auf und floh er,
so war sein Verderben fast gewi - die Mnner htten ihn nie fortgelassen, und
einmal entdeckt, wute er recht gut, da er kein Erbarmen zu hoffen habe - blieb
er aber liegen, so war er in wenigen Minuten lebendig begraben. - Nur eine
Mglichkeit auf Rettung sah er noch - Jones' Worte erweckten einen neuen
Gedanken in ihm. Sobald sie ihn fr noch nicht todt hielten, begruben sie ihn
auch nicht, und in solcher Dunkelheit brauchte er kaum zu frchten, gleich
entdeckt zu werden. Auf jeden Fall gewann er dadurch Zeit, und das war ihm jetzt
- das sichere Verderben hier vor Augen - Alles.
    Der zweite Spaten voll Erde fiel auf ihn nieder und er sthnte laut.
    Herr Jesus! schrie da Jones, erschreckt zurckfahrend - hab' ich's Euch
nicht gesagt? Der lebt noch - beinahe htten wir ihn lebendig verscharrt.
    Hm, brummte Ben und hielt mit Erdewerfen ein - wre auch noch kein so
frchterlicher Verlust gewesen; aber was, zum Donnerwetter, fangen wir den da -
    Ein ferner Schu unterbrach hier seine Worte - und er sprang, als er den
Knall vernahm, rasch empor und horchte hoch auf. Ein scharfer Pfiff - das
wohlbekannte Zeichne der Bande - wurde in demselben Augenblick laut und schien
sich mit Blitzeschnelle am ganzen Ufer hin fortzupflanzen.
    Das ist Teufelsbill! - bei Gott! rief der Pirat und schwenkte jubelnd den
Hut - hurrah, da giebt's frische Beute. Jetzt aber - alle Wetter! Den Cadaver
htte ich bald vergessen. Jones, scharrt ihn einmal wieder aus und seht, was Ihr
mit anfangen knnt - ich bingleich wieder da, und will nur einmal nach dem Boot
oben springen, da die Burschen ihre Schuldigkeit thun.
    Aber, bester Sir, rief Jones ngstlich - ich soll doch nicht -
    Thut, beim Teufel, was man Euch sagt, und rhrt Euch nicht hier von der
Stelle, rief Ben drohend, in zwei Minuten bin ich wieder da, und ohne seine
Einrede weiter zu beachten, warf er den Spaten hin und sprang im nchsten
Augenblick ber den nebenliegenden Stamm hinweg, dem Orte zu, wo des Iren Boot
angebunden lag.
    O'Toole wute jetzt aber, da fr ihn der einzige, vielleicht letzte Moment
zum Handeln gekommen sei, und er war nicht der Mann, der den htte unbenutzt
vorbergehen lassen.
    Hlfe! sthnte er mit halbunterdrckter Stimme leise und klglich - Hlfe
- ich - ich ersticke!
    Ei, so wollt' ich denn doch, murmelte Jones vor sich hin, whrend er in
die Grube sprang, den Iren unter die Arme fate und mit uerste Anstrengung
seiner Krfte emporhob - da den verdammten Wassertreter der Teufel hole - lt
mich hier mit dem - schweren - Burschen - Herr Gott! Hat der Mensch ein Gewicht
- ganz allein. So, Sir, knnt Ihr das eine Bein heben? - Ich will Euch nur fr
jetzt - alle Wetter, Ihr seid ja ganz krftig auf den Fen - was ist denn d-
    Er hatte alle Ursache erschreckt zu sein, denn der vermeintlich schwer
Verwundete, den er aus der Grube mit emporheben half, richtete sich pltzlich
und anscheinend mit aller Leichtigkeit auf, fate, ehe der zum Tode Erschreckte
auch nur einen Hlfeschrei ausstoen konnte, diesen mit der Linken und schlug
ihn im nchsten Augenblick mit der geballten Rechten so urkrftig und boxerrecht
zwischen die Augen, da dem so gewaltig Getroffenen mit Blitzesschnelle die
ganze Himmelskarte vor seinem innern Gesicht vorberflog und er bewutlos neben
dem Grabe zusammenknickte.
    O'Toole war denn auch nicht lssig, die ihm jetzt gebotene Freiheit zu
benutzen, rasch bersprang er das ihm nchste Gewirr von Aesten und Strauchwerk,
und floh dem Strome zu, als Ben eben wieder zu dem Grabe zurckkehrte.
    Jones! rief er hinter dem Davonspringenden her - Jones - wo zum Teufel
wollt Ihr denn hin? Ei, so hol' doch die Pest den Halunken! brummte er dann
halblaut in den Bart; wenn der glaubt, da ich ihm in solchem Dickicht
nachrenne, ist er verdammt irre, und fort kann er auch nicht, so viel ich wei,
denn vom Schwimmen versteht er nichts und die Boote sind besetzt - wird schon
wiederkommen. Aber zum Donnerwetter, wandte er sich dann, als er mit dem Fu an
den regungslosen Krper stie, gegen diesen, wirklich todt, und nur noch einmal
zuguterletzt gesthnt? Nun dann komm, Tusk, dann wollen wir auch keine lngeren
Umstnde mit Dir machen. - Dank's berhaupt dem Capitain, der Dir den Strick
erspart hat. - Er stie bei diesen Worten den Krper in die Grube zurck,
tappte dann nach dem Spaten umher, und der nchste Augenblick fand ihn eifrig
beschftigt, den nur betubten Genossen - lebendig zu begraben.

                                      29.

                                        

                    Der blinde Passagier. - Der Black Hawk.


Lautlos trieb die Schildkrte mit dem Strom hinab - Bob Roy hielt, fest im
eisernem Griff, das schwankende Steuer, und die Mnner, noch immer um den
Lootsen gedrngt, machten es ihm unmglich, auch nur das geringste Zeichen den
nahen Freunden zu geben. Wohl eine Stunde konnte so in peinlicher Erwartung
verflossen sein; lange schon waren die Ruderschlge des fernen Bootes verhallt,
und weiter, immer weiter lieen sie den Platz zurck, der ihnen bald so
verderblich geworden wre. Aber noch immer wuten sie nicht, wo sie sich
eigentlich befnden und ob mit der Vermeidung des einen Feindes die Gefahr auch
wirklich vorber sei.
    Edgeworth lud indessen, so rasch und geruschlos als mglich, die beiden
Bchsen, aber kein Auge verwandte er dabei von dem Mrder seines einzigen
Sohnes, der jetzt in grimmem Trotz, doch ohne weiteren, berdies nutzlosen
Widerstand zu leisten, von Seilen umwunden an Deck lag. Bob Roy dagegen
beobachtete seinerseits kaum weniger aufmerksam und immer noch mitrauisch das
Steuer, an dem unstreitig irgend ein fremdartiger Krper hing. Was es aber sei,
konnte er unmglich erkennen, und hoffte nur auf das nicht mehr ferne
Tageslicht. Bis dahin sollte er jedoch nicht ber den Gegenstand seiner
Neugierde und Besorgni in Ungewiheit gelassen werden; noch stand er und suchte
durch irgend eine vielleicht zufllige Bewegung des Anhngsels dessen Natur zu
erkennen, als pltzlich sein scharfes Gehr ein leises Sthnen vernahm. Es blieb
ihm jetzt kein Zweifel mehr, da irgend ein Mensch - ob Freund, ob Feind, mute
noch dahin gestellt bleiben - an dem weit in den Strom hinausragenden Holze
hing.
    Wre das brigens wirklich ein Feind gewesen, so htte er sicherlich schon
frher das gethan, was der gefesselte Bill in verzweiflungsvoller Anstrengung
umsonst versucht - ein Zeichen den nahen Kameraden zu geben. Wenn aber das
Gegentheil, weshalb hing er sich da so heimlicher Weise an ihr Boot und verrieth
durch keinen willkrlichen Laut seine Gegenwart? Bob, um die Ungewiheit, die
ihm peinlich wurde, los zu werden, winkte dem Capitain. Dieser aber, htte er
seine Bewegungen auch wirklich in der dunkeln Nacht erkennen knnen, achtete
nicht auf ihn, und die brigen Leute waren ebenfalls so mit sich selbst
beschftigt, da er endlich beschlo, die Sache auf eigene Hand abzumachen.
    Hallo the boat! sagte er in dem gewhnlichen Anruf mit halb unterdrckter
Stimme und bog sich, so weit er konnte, ber Bord hinaus, dem fremden
Gegenstande zu. - Keine Antwort erfolgte, und es war augenscheinlich, der
Passagier hintenauf wnschte incognito weiter zu reisen.
    Hallo the boat! wiederholte Bob Roy und schttelte das eine Ende der
langen Steuerfinne, das er in der Hand hielt, ein wenig, um wahrscheinlich dem
am andern Ende Befindlichen dadurch anzudeuten, da er gemeint sei. Die Worte -
es waren die ersten, die nach jenem Kampf an Bord der Schildkrte gesprochen
worden, erregten die Aufmerksamkeit der Uebrigen, und sie wandten Alle die Kpfe
zurck, whrend Edgeworth leise, die Bchse im Anschlag, dem Steuer zuschritt.
Hm, meinte der lange Hosier, als seine freundliche Anrede noch immer erfolglos
blieb - verstockter Geselle das, wie es scheint - verdammt schweigsam - liebt
trockene Unterhaltung, mssen ihn einmal ein wenig anfeuchten; und indem er dem
Wort die That folgen lie, hob er das bis dahin niedergedrckte Steuer, welches
er in den Hnden hielt, empor und tauchte dadurch, da es ziemlich auf der Mitte
balancirte, das andere Ende, an welchem er den geheimnivollen Besuch
vermuthete, natrlich unter Wasser. Das geschehen, zog er die Spitze wieder, so
weit wie frher, herunter, lehnte sich mit der Brust darauf und rief nun noch
einmal, als ob in der Zwischenzeit gar nichts Besonderes vorgefallen wre:
    Hallo the boat!
    Lauteres Schnaufen und Athemholen war die Folge dieses Experiments, aber
immer noch kam keine Antwort, wonach Bob ohne besondere Umstnde die Taufe
wiederholte, das Steuer diesmal aber etwas lnger unter Wasser hielt als frher.
    So, mein Herzchen, sagte er dann, als er es zum zweiten Mal an Deck
niederdrckte, wenn Du jetzt nicht redest, so la ich Dich wieder hinab und
stemme dann hier den Stock unter die Finne, nachher wirst Du -
    Nehmt mich - nehmt mich - an - Bord! sthnte da eine menschliche Stimme,
und Edgeworth, der jetzt wohl einsah, da ihnen von dieser Seite keine Gefahr
drohe, lie den Hahn seiner Bchse nieder und legte sie an Deck.
    Ja - nehmt mich an Bord! brummte Bob Roy leise vor sich hin, das ist
leicht gesagt, aber wie? - Die Jolle ist nicht da - kannst Du nicht am Ruder
heraufklettern, mein Herzchen?
    Nein - ich kann - nicht! lautete die Antwort, und die Sprache schon
bewies, wie der Fremde erschpft und selbst kaum noch im Stande sei, sich dort
festzuhalten, viel weniger denn mit den nassen, schweren Kleidern an der
schlpfrigen Stange hinaufzuklimmen.
    Wir wollen ihm ein Tau zuwerfen, flsterte Edgeworth.
    Wird auch nicht viel helfen, meinte Bob - er scheint halb fertig - ich
werde wohl wieder hinaus mssen.
    Wenn es nun Einer jener Buben wre!
    Glaub' es kaum, sagte Bob, und warf Jacke und Hose an Deck - aber wenn
auch, er ist caput und - auf solche Art mchte ich ihn doch nicht dahinten
umkommen lassen. Steht einmal hier bei dem Tau ein paar von Euch, aber haltet
fest - ich will hinunter und es ihm um den Leib schlagen, nachher kann er sich
mit grter Bequemlichkeit wie ein Katfisch an Deck ziehen lassen. Und damit
kletterte er rasch, das eine Ende des Taues in der Hand, auf dem Steuerruder
hinauf, bis er einen fest an das nasse Holz geklammerten Arm ergreifen konnte,
an dem fhlte er sich hin, lie sich rasch neben ihm in's Wasser hinab, schlang
das Tau um den Krper des Fremden, zog den Knoten fest und rief nun, whrend er
selbst mit der Rechten in die Schlinge griff:
    Holt an Bord!
    Wenige Minuten spter lag der also Gerettete an Deck, aber es bedurfte
geraumer Zeit, ehe er sich nur insoweit erholt hatte, einzelne an ihn gerichtete
Fragen verstndlich zu beantworten. Klte und Angst hatten ihn fast seiner Sinne
beraubt, und er mute in wollene Decken eingeschlagen und tchtig gerieben und
geknetet werden. Sein erstes Wort nach allen diesen Vorbereitungen war ebenfalls
eine Art instinctartigen Gefhls des besten Hlfsmittels - er sthnte Whisky,
und die Bootsleute, welche selbst die vorzglichste Meinung von solcher Arznei
hegten, waren rasch mit dem Labsal zur Hand. Als er sich aber so weit erholt
hatte, einen nur etwas umstndlichen Bericht ber sich geben zu knnen, und
zugleich einsah, er befinde sich unter guten, ehrlichen Menschen - wobei er
allerdings noch manchmal scheu den Blick nach dem erschossenen Insulaner wie
nach dem gebundenen und wohlbewachten Lootsen warf - entdeckte er dem alten
Edgeworth, wer er sei und was ihm begegnet wre.
    Es war O'Toole, der, als er das Ufer des Mississippi erreicht hatte, ohne
Zgern in den Strom sprang und, so weit er konnte, hinausschwamm, um in dem
Nebel jede Verfolgung unmglich zu machen. Da der Mississippi stieg, so wute er
auch, da er, sobald er die Strmung erreichte, Treibholz genug finden wrde,
sich darauf auszuruhen. Zu diesem Zweck hielt er, so weit er das vermochte, quer
ber, bis er pltzlich das Flatboot vor sich sah und an dessen Steuerruder
stie. Wohl erfate er es augenblicklich, aber der Lrm an Bord machte ihn schon
unschlssig, ob er es doch nicht lieber wieder fahren lassen und suchen sollte,
irgend einen schwimmenden Stamm zu erreichen. Da vernahm er dicht hinter sich
das Rudern des Bootes - er wute, es waren seine Verfolger, und in Angst und
Entsetzen klammerte er sich fester an das Holz, das ihn jetzt noch hielt und
vielleicht allein retten konnte. Eben dieses feste Anklammern machte aber das
freihngende Ruder auch knarren und bewog Bob Roy, es festzuhalten. Der Ire
frchtete indessen immer noch in Feindes Hnde zu gerathen, wenn er sich Denen
an Bord zu erkennen gbe, und erst das gewaltsame Eintauchen des Ruders, bei dem
er, htte Bob seine Drohung wahr gemacht, ersticken mute, zwang ihn, sich auf
Gnade oder Ungnade zu ergeben. - Seine Krfte waren erschpft - er konnte nicht
mehr.
    Aufmerksam lauschten jetzt die Mnner dem Bericht ber das, was O'Toole
gesehen und erlebt, und Edgeworth schauderte zusammen, als er der Gefahr dachte,
der sie so glcklich und fast wunderbar entgangen. Groer Gott - wie
weitverzweigt mute diese Bande sein, der er selbst, aus dem Norden Indianas
kommend, durch einen ihrer Helfershelfer hatte in die Hnde gespielt werden
sollen. Was aber jetzt thun? In der nchsten Stadt die Anzeige machen und die
Bewohner aufrufen, den Platz zu zerstren? War es wahrscheinlich, da sich
gleich Mnner genug zusammenfanden, einen solchen sicherlich wohlbefestigten Ort
mit Erfolg anzugreifen? Und muten sie nicht, im entgegengesetzten Falle, jene
selbst vor der Gefahr warnen, da sie sich ihr durch die Flucht entziehen
konnten? Ja, war das nicht vielleicht jetzt schon durch all' das Vorhergegangene
geschehen, und welches Elend konnte ber das Land gebracht werden, wenn sich
eine solche Verbrecherbande nach allen Richtungen hin zerstreute? -
    Rasch trieben sie indessen mit der Strmung hinab - sie mochten vielleicht,
seit sie die gefhrliche Insel verlassen hatten - zehn bis zwlf englische
Meilen gemacht haben. - Da rief der Mann, der vorn als Wache auf dem Boot sa,
ein Licht an - neben dem sie rechts vorbeitrieben und das, wie sie bald fanden,
von einem dort gelandeten Dampfboot herrhrte. Die Ofenthren waren geffnet,
und so nahe strichen sie daran vorber, da sie deutlich zwei vor den halb
niedergebrannten Kesselfeuern lagernde Neger erkennen konnten.
    Greift zu den Finnen, meine Burschen! rief Edgeworth, rasch, Boys, das
Ufer kann hier kaum fnfzig Schritt entfernt sein. - Komm, Bob, la den Bug
anluven - halt - ruhig noch mit den Larbordfinnen - so, nun greift zusammen aus
- ein bischen mehr hinauf, Bob, wir kommen sonst zu weit von dem Dampfer ab -
das wird's thun -
    Und mit raschen und krftigen Ruderschlgen trieben die Leute das schwere
Boot dem Lande zu, warfen um den ersten Baum, den sie erreichen konnten, das
Tau, und lagen bald, etwa zweihundert Schritt unter dem Dampfer, ruhig und
sicher vor Spring- und Sterntau. O'Toole aber, der sich jetzt wieder vollkommen
erholt und erwrmt hatte, sprang mit Edgeworth an Land, um auf der noch trocken
gelegenen Uferbank hin das Dampfboot zu erreichen und den Capitain desselben von
den Ereignissen der letzten Nacht in Kenntni zu setzen.
    Das Dampfboot war der Black Hawk - von Fort Jonesboro, am Redriver, fr St.
Louis bestimmt, und fhrte die von der indianischen Grenze abgelsten Truppen
nach der Missouri-Garnison hinauf. Der Nebel hatte es ebenfalls gestern Abend
gezwungen, hier beizulegen, und es mute sich ohnedies, als altes, schon
ziemlich mitgenommenes Boot, gar sehr in Acht nehmen und schonen, um nicht durch
ein zuflliges Aufrennen der grten Gefahr ausgesetzt zu werden.
    Kaum vernahm brigens Capitain Colburn - selbst ein alter Soldat und frher
Capitain der texanischen Insurgenten - das Nhere jener von O'Toole
beschriebenen Verbrechercolonie, als er erklrte, unter jeder Bedingung dort
landen und den Platz untersuchen zu wollen. Lag ein Irrthum zum Grunde, so
konnten es ihm die Ansiedler nur Dank wissen, da er wenigstens den Willen
gezeigt habe, ihnen beizustehen, und erwies sich die Sache als begrndet, so war
es vielleicht nur durch augenblickliche und nachdrckliche Maregeln zu
ermglichen, die Flupiraten zu berraschen und gefangen zu nehmen.
    O'Toole warf zwar hiergegen ein, da er eben so wenig eine Idee habe, wo
jene Bande hause, als wo er sich selber gegenwrtig befinde, da er im Nebel
frmlich blind umhergefahren sei. Edgeworth dagegen bezeichnete Capitain Colburn
ziemlich genau den Platz, wo sie am letzten Abend gelandet waren, und da von
dort aus die Strmung gerade auf Nr. Einundsechzig zufhrte, so blieb es denn
auch nicht langem Zweifel unterworfen, da diese bis dahin fr de gehaltene
Insel der Zufluchtsort der Verbrecher sei.
    Vor allen Dingen wurden einige Matrosen mit der Jolle nach dem Flatboot
hinunter gesandt, um den Steuermann Bill an Bord des Black Hawk zu bringen,
dieser aber verharrte trotz Versprechungen und Drohungen in hartnckigem
Schweigen, und lie nur, als er die fremden Matrosen um sich sah, den Blick von
Einem zum Andern schweifen, ob er nicht doch vielleicht ein ihm freundlich
gesinntes Antlitz darunter entdecke. Ueberall aber hafteten die Augen der Mnner
mit dunklem, Unheil verkndendem Ernst auf seiner gefesselten Gestalt, und er
wandte sich endlich mit wildem Unmuth in Wort und Miene ab von der feindlichen,
von flammenden Kienholzspnen grell beleuchteten Schaar.
    Ehe sich der Nebel zertheilte, war brigens ein Vordringen unmglich, denn
erstlich htten sie stromauf die Insel gar nicht auf's Ungewisse hin gefunden,
und dann durften sie sich auch nicht der Gefahr aussetzen, auf den Sand zu
laufen, da sich sonst die Verbrecher leicht und ungestraft auf Booten gerettet
htten.
    Edgeworth wollte nun allerdings auf seinem Fahrzeug bleiben, um nicht allein
seine Ladung stromab zu nehmen, sondern auch das Mrs. Everett gegebene
Versprechen zu halten. Das sah er aber bald durch zwei Umstnde unmglich
gemacht, erstlich durch den Capitain Colburn selbst, der seine Gegenwart
unbedingt verlangte, um ihn auch fr diese eigentlich willkrliche Handlung bei
der nchsten Behrde zu vertreten, mehr aber noch durch die feste und bestimmte
Erklrung seiner Leute, lieber den letzten Cent ihres Gehalts im Stiche zu
lassen, ehe sie nicht das Rubernest mit aufsuchen und die Schlangen zertreten
mchten, die die giftgeschwollenen Fnge auch gegen sie erhoben htten. Allein
konnte Edgeworth das Boot unmglich stromab nehmen. Der Capitain beseitigte aber
endlich auch die letzte seiner Bedenklichkeiten dadurch, da er, als er erst
erfahren hatte, welche Ladung Jener fhre, erklrte, die Waaren selber, und zwar
fr die Garnison am Missouri ankaufen zu wollen. Ueber den Preis verstndigte er
sich leicht mit dem alten Mann, und da er selbst fast gar keine Fracht an Bord
hatte, so lie er sein Dampfboot langsam den Strom hinab bis neben das Flatboot
schaffen. Whrend nun die Mannschaft beider Fahrzeuge, von den Soldaten redlich
dabei untersttzt, mit einem Eifer arbeitete, als hinge ihre knftige
Glckseligkeit an dem schnellen Ueberladen der Fracht, und als handle es sich
hier nicht darum, einem Kampf mit Verzweifelten, vielleicht dem Tod entgegen zu
gehen, schlossen die beiden Mnner in der Kajte den Handel ab. Das der Dame
gegebene Versprechen durfte den alten Mann jetzt auch nicht lnger hindern, denn
diese erklrte, nach den Vorfllen der letzten Nacht viel lieber wieder mit dem
Black Hawk nach Helena zurckkehren und das nchste Dampfboot stromab benutzen
zu wollen, als sich noch einmal solcher Gefahr auszusetzen. Ueberdies konnte man
nicht wissen, ob die Verbrecher nicht vielleicht auf ihren Booten flchtig
geworden wren oder noch wrden, und dann machten sie gewi den Strom auf die
nchste Zeit unsicher.
    Die Zertheilung des Nebels war nun das Einzige, was noch abgewartet werden
mute, und ein frischer Morgenwind, der sich gegen Sonnenaufgang erhob, lie sie
in dieser Hinsicht das Beste hoffen. Indessen vertrumten sie ihre Zeit nicht
unntz; alle Vorbereitungen wurden getroffen, einem gefhrlichen Feind zu
begegnen, die Waffen in Ordnung gebracht und die Leute gemustert. Der Capitain
wollte anfangs Freiwillige auswhlen, die erste Landung mit diesen zu wagen, sah
sich aber bald gezwungen, selbst eine Auswahl zu treffen, denn Alle traten vor
und verlangten, den ersten Fu an Land setzen zu drfen. Auer ihren
gewhnlichen Waffen empfingen die Leute noch, um das von O'Toole beschriebene
Dickicht zu durchdringen, Beile, Aexte und schwere Messer, so viel sich
auftreiben lieen, und ihr erster Angriff sollte sich auf den Platz richten, von
dem die Mnner auf der Insel gesprochen - die untere Spitze, wo aller
Wahrscheinlichkeit nach ihre Boote versteckt lagen. Gelang es, sich dieser zu
bemchtigen, so schnitten sie den Piraten die Flucht ab, und der Tapferkeit der
Angreifenden blieb es in dem Fall allein berlassen, der gerechten Sache den
Sieg zu gewinnen.

                                      30.

                                        

                        Mrs. Breidelford und ihre Gste.


Der Leser mu noch einmal mit mir zu jener Zeit zurckkehren, wo Tom Barnwell,
so unerwarteter Weise angeklagt und verhaftet, von dem Constabler dem Gefngni
oder der sogenannten County jail zugefhrt wurde, whrend der Squire mit Sander
den Weg nach dessen eigenem Hause einschlug. Diese Jail befand sich aber in
derselben Strae mit Mrs. Breidelford's Haus, und zwar gerade schrgber von
ihm, auf der andern Seite des schon frher erwhnten freien Platzes, so da also
die beiden Mnner, sobald sie in die links abfhrende Strae traten, den dem
Gefangenen nachdrngenden Menschenhaufen verlieen. Tom dagegen sah sich bald
darauf in einer kleinen, nach dem Platz hinausfhrenden Zelle einquartirt und
seinem eigenen, nichts weniger als angenehmen Nachdenken berlassen.
    Unruhig schritt er in dem engen, dunkeln Raum auf und ab und suchte sich die
wunderlichen Vorgnge dieses Abends nach Mglichkeit zusammen zu reimen; doch
umsonst, des Richters Betragen selbst blieb ihm rthselhaft, und da Hawes ein
Schurke sei, bezweifelte er jetzt keinen Augenblick mehr. War er verhaftet
worden, um an der Entdeckung irgend eines Bubenstcks verhindert zu werden? Er
blieb - als ihm dieser Gedanke zum ersten Mal das Hirn durchzuckte, schnell und
betroffen stehen und sah starr vor sich nieder. War das mglich? - Nein, nein,
der wirkliche Constabler hatte ihn ja verhaftet - der Richter war dabei gewesen,
das konnte nicht sein; ja der Mann selbst, der ihn beschuldigt, war ihm fremd,
er hatte ihn in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen, das wute er gewi; es
mute also ein Irrthum sein, der sich bald aufklren wrde. Sollte er aber
indessen hier sitzen? Edgeworth htte unmglich so lange auf ihn warten knnen -
und Marie? - Was wurde aus dem armen, unglcklichen Wesen?
    Wiederum schritt er schnell und heftig auf und ab und suchte in der raschen
Bewegung auch jene wilden, tobenden Gefhle zu beschwichtigen, die ihm Herz und
Sinn durchglhten. Endlich, als sein Blut anfing, sich ein wenig abzukhlen,
trat er an das kleine, durch schwere Eisenstbe wohlverwahrte Fenster und
blickte in die nebligte, nur hier und da von einem mattschimmernden Licht
erhellte Strae hinaus.
    Der Platz vor der Jail war menschenleer; Die, die ihm dorthin gefolgt,
hatten gesehen, wie sich die schwere eichene Thr hinter ihm schlo - eben diese
Thr dann noch eine Weile angestarrt und nun langsam wieder den Weg nach ihren
verschiedenen Wohnungen eingeschlagen. Nur ein einzelner Mann kam durch die
Strae herunter und blieb - er hatte sich den Ort deutlich genug gemerkt -
gerade vor demselben Hause stehen, vor dessen Thr er jenen jungen Mann
berrascht hatte. Sollte das Hawes wieder sein? War er zurckgekehrt von seinem
kranken Weibe? Und suchte er jetzt noch einmal da, wo ihm der Einla frher
verweigert worden, Zutritt zu erhalten? Es dunkelte zu sehr - er konnte die
Gestalt nicht mehr erkennen, deutlich aber vernahm er das mehrmalige, zuletzt
ungeduldige Klopfen, und endlich wurde es in dem Hause lebendig. An den unteren
Fenstern erschien ein Licht, bald darauf ffnete sich die Thr - ein heller
Strahl fiel wenigstens auf den Weg hinaus - und gleich darauf verschwand die
Gestalt. Nach und nach erstarb auch das letzte Gerusch; die letzten Lichter,
die er theils oben, theils unten an der Strae beobachtete, erloschen. Nur in
jenem Hause blieb es hell.
    Stunde nach Stunde stand Tom so an dem kleinen Fenster und blickte hinaus in
die feuchte, trostlose Nacht; Stunde nach Stunde lauschte er dem fernen
monotonen Gerusch der Frsche und dem wunderlichen, dann und wann die Stille
unterbrechenden Schrei einzelner ber die Stadt hinwegstreichender Nachtvgel.
Trumend hingen seine Augen an dem Nebel, und er dachte der vergangenen Tage -
der vergangenen Liebe. Manche Thrne war ihm dabei, so recht hei aus dem Herzen
kommend, ber die gebrunte Wange getruft, und er gab sich nicht einmal die
Mhe, sie wegzuwischen, ja er fhlte sie vielleicht nicht einmal.
    Allein - ganz allein stand er in der Welt, keine Seele hatte er mehr, die
ihn liebte, kein Herz, das an ihm hing; starb er jetzt, wer war da, der sich
viel um ihn gekmmert, der seiner vielleicht mit einer Thrne gedacht htte? -
Niemand, Niemand, und als ihn der Gedanke durchbebte, barg er tief aufseufzend
das Antlitz in den Hnden und starrte in die wilden, wirren Bilder hinein, die
an seinem inneren Auge vorberstrmten.
    Einmal fuhr er empor - es war ihm fast, als ob er ber die Strae herber
einen schwachen Schrei gehrt htte - sein Blick traf auf das noch schimmernde
Licht in dem geheimnivollen Hause, aber Alles war ruhig, kein Laut strte die
tiefe Stille, und ermdet warf er sich endlich auf sein hartes Lager nieder, um
ein paar Stunden zu schlafen und wenigstens fr kurze Zeit alles das zu
vergessen, was ihn jetzt mit so schmerzlichem Weh erfllte.

                                     * * *

    Gar lebhaft ging es indessen in dem kaum zweihundert Schritt entfernten und
noch erleuchteten Hause zu, wo Mrs. Louise Breidelford ihre, wie sie oft
uerte, bescheidene und anspruchslose Wohnung aufgeschlagen hatte. Allerdings
hatte Tom Barnwell ganz recht gesehen, oder wenigstens recht vermuthet - jene
Gestalt, die bald nach seiner Gefangennehmung vor das Haus zurckkehrte, war
wirklich die des vermeintlichen Hawes gewesen, und lange mute er wieder
klopfen, ehe er Einla erhielt. Der junge Verbrecher war aber nicht so leicht
abzuweisen, und viel zu schlau, als sich durch ein einfaches Ruhigverhalten der
Inwohnenden gleich davon berzeugen zu lassen, das Haus sei wirklich fr den
Augenblick unbewohnt. Er kannte seine Leute besser und vermuthete gar nicht mit
Unrecht, da Mrs. Breidelford, trotz ihrer sonst in der That ungewhnlichen
Schweigsamkeit, sicherlich hinter der Thr stehe und jede seiner Bewegungen
belausche. Als sein Klopfen deshalb immer noch erfolglos blieb, bog er sich zum
Schlsselloch nieder und flsterte durch dieses:
    Meine verehrte Mrs. Breidelford, es thut mir zwar unendlich leid, da Ihnen
meine Gesellschaft nicht bermig interessant oder wnschenswerth zu sein
scheint, ich mu aber nichtsdestoweniger Einla haben, und wenn Sie die Thr
nicht ffnen, so klopf' ich hier so lange, bis die ganze Nachbarschaft
rebellisch wird - dort unten hr' ich schon wieder Leute kommen. Und wiederum
begann er mit beiden Fusten an die Thr zu hmmern. Keine halbe Minute hatte er
es diesmal fortgesetzt, als er von innen einen schweren Riegel zurckschieben
hrte - gleich darauf noch einen, dann war Alles wieder ruhig. Er versuchte
jetzt die Thr zu ffnen, diese mute aber auf jeden Fall noch verschlossen
sein, und ohne sich auf weitere Demonstrationen einzulassen, begann er sein
Klopfen auf's Neue.
    Herr Du mein Gott! sagte da die entrstete Stimme der ehrsamen Mrs.
Breidelford, whrend sie jedoch den Schlssel im Schlo umdrehte und die Thr
ein klein wenig aufmachte - da sich unser Herr Jesus erbarme - wer in aller
Welt -
    Sander schnitt ihr hier den Redeschwall kurz ab, denn kaum zeigte die Thr
so viel Oeffnung, da er einen Fu dazwischenschieben konnte, so legte er sich
rasch mit seinem ganzen Gewicht dagegen und befand sich im nchsten Augenblick
im innern Raum. Ohne jedoch hier den Ausruf des Schrecks wie die entfernte
Andeutung unverweilt eintretender Krmpfe weiter zu beachten, warf er die Thr
schnell hinter sich zu und verwahrte sie nun seinerseits eben so sorgfltig mit
Schlo und Riegeln wieder, wie sie vorher verwahrt gewesen war.
    Aber ich bitte Sie um Gottes willen - rief die bestrzte Frau.
    Ruhe, meine se Lady! bat Sander lchelnd, Ruhe, holde Louise - Deine
Unschuld ist unbedroht, Deine freundlichen Augen sind nicht gefhrdet, nur Deine
herzigen Lippen mut Du verschlieen,

Und wenn Dir dann das Herz, zu voll,
Im wilden Drange berquillt,
Dann wirf Dich, Lieb', an diese Brust,
Und all' Dein Sehnen ist gestillt,
Dein Sehnen, das Dir -

    Der Henker ist Euer Du! unterbrach ihn jedoch hier Louise Breidelford auf
nicht gerade freundliche Art; was in des Teufels Namen vollfhrt Ihr fr einen
Lrm an einsamer Wittwen Thren, als ob Ihr Euch ein Gewerbe daraus gemacht
httet, die Fllungen einzuschlagen. Mensch, seid Ihr rasend, oder wollt Ihr
mich und Euch selber unglcklich machen?
    Keins von Beidem, holde Ariadne, sagte Sander und machte einen Versuch,
seinen rechten Arm um ihre Taille zu legen, welche Bewegung sie aber auf
geschickte und rgerliche Weise parirte - keins von Beidem, ich hatte nur
Wichtiges mit Ihnen zu bereden, und da meine Zeit etwas beschrnkt ist - aber,
holdseligste der Krmerinnen Helenas, wollen Sie mich denn hier die ganze Nacht
auf der Hausflur stehen lassen? Ich bin kalt, na, hungrig, durstig, beraubt,
verliebt und in Gefahr - Eigenschaften, von denen jede einzelne hinreichend sein
mte, bei einer so liebenswrdigen entzndlichen Frau auch das grte Interesse
fr den Eigenthmer zu erwecken. Zuerst bitte ich also um Beseitigung der ersten
vier, nachher wollen wir ber die anderen reden. Mrs. Breidelford, mein Name ist
Sander, und ich habe schon frher das Vergngen gehabt -
    Ei so soll Einem doch der liebe Gott in Gnaden beistehen! rief die Frau im
hchsten Erstaunen aus - geht dem nicht das gesegnete Mundwerk wie die
Yankee-Dampfmhle am Whiteriver. Was wollt Ihr von mir, Sir? Was kommt Ihr in
spter Nacht in einzelner und allein stehender Frauen Huser, und macht zuerst
einen Lrm vor der Thr, da die ganze Nachbarschaft aufmerksam werden mu? Bin
ich hier in Helena, um Logis fr vagabondirende Landstreicher zu halten, soll
ich jeden hergelaufenen Bootsmann bei mir aufnehmen, jeden nichtsnutzigen
Galgenstrick der gerechten Strafe entziehen? Aber das geschieht mir schon recht,
mein Seliger - wenn er jetzt von oben auf mich herabsieht, wei er, da ich die
Wahrheit rede - mein Seliger hat mir das schon immer tausendmal gesagt - und
tausendmal reichen nicht - Louise, sagte er - halt, was soll's da? Die Thr ist
verschlossen - was wollt Ihr an der Thr?
    Nur Einla, holde Louise, sagte lchelnd Sander, wenn nicht hier, doch
oben - ich hre solche moralische Bemerkungen des alten seligen Breidelford
ungemein gern, aber ich mu ein Glas heien Grog oder Stew vor mir und einen
weichen, behaglichen Sitz unter mir haben - also, wenn's gefllig wre -
    Die Thr da ist verschlossen, sag' ich, rief Mrs. Breidelford jetzt
wirklich rgerlich, hol' Euch doch der Henker, Mann, was wollt Ihr? Weshalb
kommt Ihr her?
    Nachtquartier will ich, theuerste Louise, erwiderte Sander mit
unzerstrbarem Gleichmuth - Nachtquartier, ehrbare Wittib, und einen guten
warmen Imbi, um dabei mit Dir von einigen Geschftssachen reden zu knnen.
    Das geht nicht - ich beherberge Niemanden, rief Mrs. Breidelford schnell -
kommt morgen am Tage wieder, wenn Ihr Geschfte mit mir abzumachen habt.
    Mrs. Breidelford!
    Geht zum Teufel mit Eurem Unsinn, ich will nichts mehr hren - macht, da
Ihr fortkommt, oder ich rufe, so wahr ich selig zu werden hoffe, den
Constabler.
    Mrs. Breidelford, sagte Sander mit sanfter, schmelzender Stimme - theure
Mrs. Breidelford - wollen Sie einen Unglcklichen von Ihrer Schwelle, wollen Sie
mich jetzt in den feuchten Nebel, fast in der Gewiheit eines lebensgefhrlichen
Schnupfens und Katarrhs, hartherzig hinausstoen?
    Geht gutwillig, Sir, oder ich rufe wahrhaftig den Constabler, rief die
Frau und schob die beiden Riegel wieder zurck. Sander aber, der jetzt einsah,
da er den Scherz weit genug getrieben, flsterte ernst und drohend:
    Halt, Madame, nicht weiter! - Gutwillig wollen Sie mich nicht hren, meine
Bitten konnten Sie nicht bewegen, so mag die Furcht Sie dazu zwingen!
    Furcht, Sir? rief Madame heftig auffahrend.
    Soll ich Ihnen vielleicht einen Namen nennen, der, wenn nur laut
geflstert, Ihren Hals schon dem Henker berliefern wrde? sagte Sander jetzt
mit immer gesteigerter Stimme, - soll ich Ihnen einen Nagel nennen, der der
Nagel Ihres Sarges werden knnte? - Soll ich Ihnen - doch nein, brach er
pltzlich ruhiger ab, ich will das nicht thun, ich bitte Sie nur um ein
Nachtlager und Speis' und Trank, das Uebrige bereden wir drin - ich bin ein
Freund - Sie verstehen, was ich damit meine. Kann ich hier bleiben?
    Mrs. Breidelford sah ihn verstrt an - ein leichtes Lcheln spielte um seine
Lippen, und seine Augen schienen ihr in nur zu deutlicher Sprache zu sagen: ich
wei mehr, als ich Dir jetzt mittheilen will - hte Dich. - Ihr Gewissen schlug
sie - ihr Herz klopfte ngstlich - und sie sagte mit zitternder Stimme, die sie
nur noch durch angenommene Verdrielichkeit zu verdecken suchte:
    Ei, zum Henker! Sir, Ihr gebraucht sonderbare Worte, Jemanden um eine
Geflligkeit zu bitten, aber - geht nur hinauf - 's ist ein hlicher Abend
heut, und - es ist auch noch Jemand oben, den Ihr vielleicht kennt. Eigentlich
ist mir's sogar lieb, da ich mit dem - mit dem Herrn nicht ganz allein bleibe.
- Nein, hier ist die Treppe - ach Du lieber Gott, ob denn mein Seliger nicht
Recht hatte, wenn er sagte - Louise - es sind seine eigenen Worte -
    Bitte, Madame, wen soll ich oben finden, wenn ich fragen darf? unterbrach
sie Sander hier, Sie werden begreifen, da ich nicht jede Gesellschaft -
    Louise Breidelford sah sich einen Augenblick um, als ob sie selbst hier
frchte, gehrt zu werden, und flsterte dann, whrend sie mit dem Lichte rasch
an ihm vorbei- und die Stiegen hinaufschritt:
    Henry Cotton - Ihr werdet begreifen, da ich Ursache hatte, vorsichtig zu
sein, ehe ich Gste einnahm.
    Hm, sagte Sander und blieb, sinnend das rohe Treppengelnder mit der einen
Hand erfassend, noch einen Augenblick unten an der Treppe stehen - hm -
wunderbar - Henry Cotton jetzt hier, und heute Morgen - doch - was thut's?
Vielleicht ist es sogar gut, da ich ihn hier treffe. Und mit flchtigen Stzen
folgte er der schon vorangeschrittenen Lady, die jetzt ein Seitenzimmer ffnete
und dem spten, wenig willkommenen Gast hineinleuchtete.
    Es war ein kleines, dsteres Gemach, von innen und nach der Strae zu mit
Gardinen verhangen; die Wnde nicht tapeziert, doch die Spalten der Stmme, aus
denen sie bestanden, wohlverklebt und das Ganze bertncht; der Fuboden auch
ziemlich rein und sauber gehalten. Die Mbel schienen brigens, wenn auch
einfach, doch bequem, und das im Kamin lodernde Feuer, ber dem ein
breitbauchiger kupferner Kessel zischte, gab dem Ganzen etwas Heimliches und
Gemthliches. Dies aber schien besonders dem hier schon frher eingetroffenen
Gaste wohlzuthun. Er lag, die Hnde auf der Brust gefaltet, in einem groen
Sorgenstuhl, dem sonstigen Leibsitz der Eigenthmerin, behaglich zurckgelehnt
und mute so ganz in die Betrachtung des vor ihm stehenden halbgeleerten Glases
vertieft sein, dessen purpurrother funkelnder Inhalt von einer hellbrennenden
Studirlampe beleuchtet wurde, da er den jetzt Eintretenden kaum eines Blickes
wrdigte. Er that auch wirklich, als ob er hier Herr im Hause und nicht ein
Flchtling und vogelfreier Verbrecher wre, auf dessen Einlieferung sogar schon
bedeutende Prmien gesetzt worden. Uebrigens wute er recht gut, da ihm seine
Wirthin Niemand bringen wrde, der ihm gefhrlich war, und es freute ihn sogar,
Gesellschaft zu bekommen, da er in der alleinigen Gegenwart von Mrs. Breidelford
wohl nicht mit Unrecht einen hchst langweiligen Abend befrchtete. Madame hatte
nmlich, um selbst nicht in die Gefahr zu kommen, da ihr Dienstmdchen ahnen
konnte, wer ihr Gast sei, dieses heute Nachmittag, und noch ehe Cotton ihr Haus
betrat, unter irgend einem Vorwande zu ihren Eltern geschickt, von wo sie vor
morgen frh auf keinen Fall zurckkehren wrde.
    Sander schritt auf den Tisch zu, an dem der Flchtling sa, und sagte
lachend:
    Nun wie geht's, Sir? Die Bewegung gut bekommen?
    Cotton sah staunend zu ihm auf, und es dauerte wohl eine halbe Minute, ehe
er den frheren Kameraden und Gehlfen erkannte, dann aber streckte er ihm rasch
und freudig die Hand entgegen und sagte schnell:
    Ach, Sander, bei Gott - das ist kostbar, da ich Euch hier finde - haben
uns verdammt lange nicht gesehen.
    Nun, so verdammt lange ist das eigentlich nicht, meinte der junge
Verbrecher, die dargebotene Hand ergreifend - es mte denn sein, da Ihr einen
so ausgedehnten Begriff von zehn oder zwlf Stunden httet.
    Von zehn oder zwlf Stunden? frug Cotton verwundert, und Sander erzhlte
ihm jetzt lachend, wie und auf welche Art er einer seiner Verfolger geworden
sei, und sehr wahrscheinlich, vielleicht auch etwas unfreiwillig, das Leben des
mit dem Pferde gestrzten Cook gerettet habe.
    Ei, zum Teufel, das htte ich wissen sollen! rief Cotton erstaunt und
schlug mit der Hand auf den Tisch - die Pest noch einmal, wie htte ich dem
vermaledeiten Hund den Ritt versalzen wollen! Doch - 's ist vielleicht so eben
so gut; es htte das County nur noch rebellischer gemacht, das mir berdies
gerade genug auf den Hacken sitzt.
    Die beiden Mnner unterhielten sich jetzt von seiner Flucht und den am
Fourche la fave vorgefallenen Szenen, ber die Sander wenig Bestimmtes wute,
whrend Mrs. Breidelford geschftig das Abendbrot auftrug, das sie fr ihre
Gste reichlich und schmackhaft bereitet hatte. Diese lieen sich denn auch
nicht lange dazu nthigen. Cotton, obgleich er schon zu Mittag wirklich
fabelhafte Portionen zu sich genommen, fing noch einmal an zu essen, als ob er
Wochen lang gefastet habe, und Sander, der ebenfalls seit diesem Morgen
gehungert hatte, untersttzte ihn hierin mit einem Eifer, der die wrdige Wittib
bald fr ihre Speisekammer besorgt machte. Whrend des Essens wurde denn auch,
nach amerikanischer Sitte, fast kein Wort zwischen den Mnnern gewechselt. Jeder
schien zu sehr mit sich selbst beschftigt, um an irgend etwas Anderes zu
denken, und erst als die Mahlzeit beendet und die Bowle mit dem dampfenden
Gebru gefllt war, lsten sich wieder ihre Zungen, und Cotton fing nun an - ein
Gegenstand, den sie bis dahin Alle vermieden - von der Insel zu reden, ber die
er von dem Gefhrten Auskunft verlangte.
    Hol's der Henker, rief er dabei - ich sehe ein, da ich's am Ende doch
nicht umgehen kann. Die Pest ber die Schufte, aber sie hetzen mich wie einen
Wolf, und es ist ordentlich, als ob sie mir nur mit Willen den einen
Schlupfwinkel offen gelassen htten. Gut - sie treiben mich zum Aeuersten, so
mgen sie's denn haben. - Wer dick aufstreicht, darf sich nachher nicht wundern,
wenn ihm das Brod zu fett wird - es wre mglich, da ich der Brut auch noch
einmal zu fett wrde. Sander, ich bin Euer Mann - nehmt mich morgen, oder
meinetwegen noch heute Nacht, mit auf die Insel hinunter - aber nein, heute und
morgen mu ich mich erst einmal ordentlich ausruhen - ich bin halbtodt gehetzt,
und abgemattet mag ich mich da unten nicht vorstellen. Aber nun sagt mir auch -
wie steht's mit der Insel - wie sind die Bedingungen, unter denen man
aufgenommen werden kann, und was hat man dafr zu thun? Es ist nicht um der
Gewissensbisse willen, aber man mchte doch gern, eh' man in eine solche Falle
geht, ein klein wenig vorher wissen, was dort von Einem verlangt wird. Nun? Ihr
schweigt? Ihr habt doch nicht etwa Angst, da ich Euch verrathen knnte?
    Sander schttelte mit dem Kopf und sah eine Weile sinnend vor sich nieder. -
Sollte er jetzt dem Mann von der Gefahr sagen, in der sie schwebten? - Da Alles
auf dem Spiele stand und ihre ganze Sicherheit an einem Haar hing? - Nein - Mrs.
Breidelford war noch im Zimmer, oder ging doch wenigstens ab und zu, und erfuhr
sie das, so blieb ihm natrlich keine Hoffnung, auch nur einen Cent von ihr zu
erhalten. -
    Das hat keine Gefahr, Cotton, sagte er endlich, also Ihr wollt mit
hinber? - Kennt Ihr denn schon die Wirksamkeit der Insel?
    Ih nun, Rowson hat mir einmal einen kurzen Ueberblick gegeben. - Es
existirt auch ein gewisses Zeichen, nach dem sie Einen aufnehmen.
    Allerdings - kennt Ihr aber auch den Schwur, den Ihr leisten mt?
    Ich kann ihn mir wenigstens sehr lebhaft denken, brummte Cotton - doch -
heraus mit der Sprache - seid nicht so verdammt geheimnivoll. Donnerwetter,
Mann, bei mir habt Ihr doch wei Gott nichts zu frchten, denn wenn irgend Einer
in der weiten Welt Ursache hat, Schutz zu suchen, so bin ich es.
    Mrs. Breidelford hatte in diesem Augenblick das Geschirr hinausgetragen, und
Sander bog sich rasch zu Cotton hinber und flsterte:
    Lat die Alte nur erst zu Bette sein. Ich habe Euch wichtige Nachrichten
mitzutheilen, von denen sie aber gerade nichts zu wissen braucht.
    So? Ueber die Insel?
    Ruhig - sie kommt wieder - reden wir jetzt lieber von etwas Anderem.
    In diesem Augenblick trat die wrdige Dame wieder ein, und Sander erzhlte
jetzt lachend dem Kameraden, wie sie vorhin, unten vor ihrer Thr, einen ganz
unschuldigen Mann verhaftet htten, von dem sie frchteten, da er ihnen
gefhrlich werden knnte.
    Nun, wie ist's? sagte da Mrs. Breidelford und trat mit zum Tisch - wie
steht's? Schon verabredet? Geht Cotton mit hinunter? 's ist das Beste, Mann, was
Ihr thun knnt, und ich wrde noch diese Nacht dazu benutzen. Louise, sagte
mein Seliger immer, schneller Entschlu, guter Entschlu - nur nicht zaghaft,
wenn Du auch eine Frau bist. - Ein merkwrdiger Mann war Mr. Breidelford -
Gentlemen, und -
    - Mute ein so unglckliches Ende nehmen, fiel Sander hier mit einem
Seitenblick auf Cotton ein.
    Unglckliches Ende, Sir? rief Madame schnell, und ihre Blicke flogen von
einem der Mnner zum andern. - Unglckliches Ende? Oh, ich wei recht gut, was
Sie damit meinen, Sir. - Pfui, schmen Sie sich, Mr. Sander, solche
niedertrchtigen Gerchte auch noch in den Mund zu nehmen, seine Zunge solchen
nichtswrdigen Verlumdungen zu leihen. - Aber ich sehe wohl, wie es ist; mein
Seliger, das liebe, gute Herz, hatte ganz Recht - Louise, sagte er immer -
    Lassen Sie's gut sein, meine liebe Mrs. Breidelford, sagte Sander rasch
und suchte ihre Hand zu ergreifen, die sie ihm jedoch unwillig entri - 's war
wahrhaftig nicht so bs gemeint, Sie mssen auch nicht immer gleich das
Schlimmste darunter verstehen. Haben Sie mir nicht selbst einmal versichert, da
Ihr Seliger gesagt htte - Louise, sagte der gute Mann, der nun im Grabe liegt -
denk nicht gleich von Jedem das Schlimmste - die Welt ist besser, als man sie
macht?
    Ja, Mr. Sander, das hat er gesagt, mehr wie tausendmal hat er das gesagt,
fiel hier die Frau, an ihrer schwachen Seite angegriffen, schnell beruhigt
wieder ein, und darin hab' ich ihm auch gefolgt. - Breidelford, sagte ich oft -
ich wei, Du hast Recht, und wir sind Alle sndige Menschen, aber ich kenne
meine Schwche, und wenn ich auch in manchen Stcken selbst schwach und
fehlerhaft sein mag, meine Nebenmenschen acht' ich und verehr' ich, und bisse
mir eher die Zunge ab, eh' ich mir ein bses Wort gegen sie ber die Lippen
kommen liee.
    Nun sehen Sie wohl, beste Madam, fiel hier Cotton, mit einem spttischen
Zucken um die Mundwinkel, beruhigend ein - es ist manches nicht so schlimm, wie
es aussieht. Aber - um was ich Sie noch bitten wollte - Sie redeten mir da erst
von Cigarren. - Denken Sie, ich habe seit drei Wochen keine vernnftige Cigarre
geraucht und vergehe fast vor Sehnsucht danach. - Nicht wahr, Sie thun mir den
Gefallen?
    Und habe nachher mein bestes Zimmer so verruchert, da ich mich zu Tode
pusten kann? Der Geruch zieht Einem in die Betten, da ihn zehn Pfund Seife
nicht wieder herausbringen! erwiderte Mrs. Breidelford.
    Wir rauchen Jeder nur eine einzige, betheuerte Sander - seien Sie nur
nicht so hartherzig. - Ach, Mrs. Breidelford, ich habe auch drben einen Kasten
mit Bndern und Pariser Blumen stehen.
    Wie die Herren artig und hflich sein knnen, wenn sie von einem armen
Frauenzimmer etwas haben wollen, sagte Mrs. Breidelford, aber schon bedeutend
milder gestimmt - also Bnder und Blumen? Ach Du lieber Gott, was sollte eine
alte Frau, wie ich bin, mit Bndern und Blumen? Uebrigens sehen mcht' ich sie
doch einmal - es wre doch mglich -
    Alte Frau? wiederholte staunend Sander - alte Frau? Mrs. Breidelford, ei,
ich mchte Ihnen nicht gern widersprechen, aber so viel wei ich doch, da Sie
es in manchen Stcken mit den Jngsten -
    Oh - Schmeichler! - sagte Madame und schlug naiv lchelnd nach ihm - aber
ich sehe schon, ich werde die Cigarren holen mssen. Nein, ich danke, ich
brauche kein Licht - ich bin gleich wieder oben; und mit raschen Schritten
verlie sie das Zimmer und eilte die Treppe hinab.
    Ihr knnt nicht auf die Insel! flsterte Sander schnell, als sich die Thr
hinter der Frau schlo - der Mulatte, der mit Euch floh, ist gefangen und hat
Alles bekannt. - Wir sind verrathen und mssen sobald als mglich fliehen.
    Was? Die Insel verrathen? rief Cotton wirklich erschreckt - also auch der
letzte Zufluchtsort abgeschnitten - Pest und Tod! Das fehlt noch - und was habt
Ihr jetzt im Sinn?
    Mrs. Breidelford mu mir Geld vorstrecken. Sie wei noch nichts von der uns
drohenden Gefahr, und braucht es auch jetzt noch nicht zu erfahren.
    Hat sie Geld?
    Sie leugnet es zwar immer, ich bin aber fest berzeugt, da sie Tausende
liegen hat - sie ist zu schlau, als da sie umsonst Jahre lang die Hehlerin
eines solchen Geschfts gewesen sein sollte.
    Und Ihr glaubt, da sie Euch gutwillig Geld giebt? frug Cotton rasch.
    Ruhig - nicht so laut - ich hoffe es wenigstens, das bleibt auch meine
einzige Aussicht, denn wir Alle mssen jetzt flchtig werden, und verbreitet
sich erst einmal das Gercht im Lande, da ein solches Nest aufgehoben und die
Mannschaft zerstreut sei, dann wre Der, der ohne Geld entkommen wollte, rein
verloren. Jeder erbrmliche Farmer wrde zum Polizeispion, und er wrde den
Gerichten berliefern, was ihm nur irgendwie verdchtig vorkme.
    Und wann wollt Ihr fort? frug Cotton.
    Ich ginge gleich, erwiderte Sander mrrisch - aber noch hoff' ich, da
wir bis morgen Abend ungestrt bleiben; dann haben wir unten unsere
Hauptversammlung und auch Theilung der Beute. - Jedenfalls mu ich mich aber auf
das Aeuerste vorsehen, und dazu soll mir unserer freundlichen Wirthin
Schatzkammer helfen.
    Wenn aber, sagte Cotton sinnend und sah starr vor sich nieder - wenn aber
nun - wenn wir aber nun - noch diese Nacht ein sicheres Unterkommen brauchten -
wre das hier in Helena zu finden?
    Sander sah ihn fragend an und sagte dann endlich mit einem halb spttischen
Lcheln:
    Das sicherste liegt uns hier schrg gegenber - ein guter Bekannter von mir
ist dort einquartiert.
    Unsinn, brummte Cotton - wit Ihr keinen Platz - bst - ich glaube, die
Frau kommt wieder - wit Ihr keinen Platz, fuhr er schnell, mit noch viel
leiserer Stimme fort, wo man, so lange es morgen Tag ist, vor Nachforschungen
sicher wre?
    Gerade ber der Stadt oben - fragt nur nach dem grauen Bren, flsterte
Sander schnell zurck ha - ich glaube, unsere Mistre horcht!
    Die beiden Mnner saen einige Minuten schweigend neben einander, bis die
Thr, ohne da sie vorher einen Schritt gehrt htten, aufging und Mrs.
Breidelford mit den erbetenen Cigarren eintrat. Sander war nun allerdings ganz
Freundlichkeit. Er bat die Dame, an ihrem Tische mit Platz zu nehmen, um doch
auch ein Glas von dem hchst delicaten Stew zu kosten, whrend Cotton, ganz in
seine Gedanken vertieft, fast bewutlos nher zum Lichte rckte, die Cigarre an
der hellen Flamme zu entznden. Mrs. Breidelford dankte aber und schpfte sich
nur ein kleines Tpfchen voll Stew aus der Bowle, trug dieses in die
entfernteste, dunkelste Ecke des Zimmers, wohin sie sich auch einen anderen
Lehnstuhl zog, und schien nun - ihrer sonstigen Gewohnheit sicherlich ganz
entgegengesetzt - gar nicht den mindesten Antheil mehr an dem ferneren Gesprch
der Mnner zu nehmen. Ja, als diese noch ein halbes Stndchen etwa unter sich
geplaudert, bewies der vorgebeugte Oberkrper und das unregelmige, oft
lebensgefhrlich aussehende Nicken des grobehaubten Kopfes, da Madame dem
Schlummergott in die Arme gesunken und heut Abend auf jeden Fall fr die
Unterhaltung verloren sei.
    Dem war keineswegs so - Madame behielt ihre Sinne so gut beisammen wie
irgend einer der beiden Mnner, aber ihr Verdacht war erregt worden. An der Thr
drauen hatte sie gehrt, wie jene leise zusammen flsterten - sie horchte eine
ganze Weile, konnte jedoch kein Wort davon verstehen, und beschlo nun auf jeden
Fall herauszubekommen, was es sei, das sie so geheim zu halten wnschten. Durch
Fragen wrde sie nie etwas erfahren haben, das wute sie recht gut, List mute
ihr also helfen, und ihr eifriges Nicken wie ihr ziemlich gut nachgeahmtes
schweres Athmen tuschte auch die beiden Verbrecher bald so weit, da Cotton,
dem jetzt vor allen Dingen daran lag, etwas Nheres ber die Gefahr, die ihnen
drohe, zu hren, erst eine Weile nach der Schlummernden hinberhorchte und sich
dann mit leise geflsterter Rede wieder an den Kameraden wandte.
    Sander erzhlte ihm jetzt, aber ebenfalls noch mit unterdrckter Stimme, die
Begebenheiten auf Lively's Farm (wobei er jedoch natrlich verschwieg, was ihn
selbst dorthin gefhrt habe) und rieth ihm dann, sich nur an Kelly zu wenden und
Untersttzung von ihm zu verlangen. - Er wrde sie ihm keinesfalls versagen.
    Aber treff' ich den Capitain auch? frug Cotton ngstlich - bedenkt, Mann,
hier kann das Leben an jeder Secunde hngen. Finden sie mich, so werden, davon
mgt Ihr berzeugt sein, wahrhaftig keine Umstnde gemacht - mich knpfen sie an
dem ersten besten Baum auf. Htt' ich den Rckhalt der Insel nicht gehabt - nie
wrd' ich so keck den ganzen Staat fast herausgefordert haben. Jetzt ist mir der
mit einem Schlage abgeschnitten, und ohne einen Cent in der Tasche wei ich bei
Gott nicht, wie ich entkommen soll. Wie wr's denn, wenn wir lieber gleich
aufbrchen und nach dem grauen Bren hinaufgingen? Die Straen sind ruhig, und
mir brauchen nicht zu frchten, da uns Jemand sieht.
    Noch nicht, sagte Sander - erst mu ich mit der Frau da reden.
    Und glaubt Ihr, da sie Euch gutwillig Geld auszahlen werde? frug Cotton
lauernd.
    Ja, sagte der junge Verbrecher - ich kenne einen Zauberspruch, der sie
wahrscheinlich berreden wird.
    Hm - vielleicht derselbe, der mir hier Einla verschafft hat - aber sie mu
sich fgen. - Die Pest ber sie! - sie hat das Geld, und wir - sein Blick flog,
durch die linke Hand gegen den blendenden Schein des Lichts gedeckt, nach der
Gestalt der Frau hinber, aber mit einem lauten Ausruf der Ueberraschung sprang
er empor und rief, als er die groen grauen Augen der schlafend Geglaubten fest
und entsetzt auf sich gerichtet sah - verdammt, sie schlft nicht!
    Nun, Sir? frug die Witwe, die trotz der frchterlichen Angst, die ihr fr
den Augenblick den Athem zu benehmen drohte, dennoch ihre Geistesgegenwart
behielt - das ist dann wahrhaftig nicht Eure Schuld. Wenn Ihr so verwnscht
langweilige Geschichten erzhlt, knnt Ihr kaum verlangen, da man die Augen
offen behlt - Jesus, die Lampe geht ja beinahe aus - wie spt ist's denn?
    Die Blicke der beiden Mnner begegneten sich, was sollten sie thun? - Wie
sollten sie sich benehmen?
    Zehn Uhr mu es vorbei sein, sagte Sander endlich - ich habe die Stcke
der Wachen schon unten an der Straenecke gehrt.
    Dann will ich noch ein wenig Oel fr die Lampe holen, sagte Mrs.
Breidelford, whrend sie aufstand und sich nach der Thr wandte - nachher zeig'
ich Euch Euer Bett - Ihr mt Beide vor Tagesanbruch unterwegs sein und wollt
doch vorher ein wenig schlafen.
    Sie erfate die Klinke und wollte eben die Thr ffnen, aber das Herz drohte
ihr dabei vor Furcht und Entsetzen die Brust zu zersprengen. Der Blick des
Mrders, dem sie begegnet, hatte ihr das Schrecklichste verrathen - ihr Leben
stand auf dem Spiel. - Nur noch zwei Schritt, und sie konnte die Thr von auen
verriegeln und das Freie erreichen - nur noch eine Secunde, und sie war gerettet
- ihr Fu betrat die Schwelle, und Sander, der an einen Gewaltstreich kaum
gedacht, sah ihr unschlssig nach. Da sprang Cotton, der ihre Absicht ahnte, und
jetzt wute, es galt das Aeuerste, rasch auf sie zu und fate, als sie gerade
die Thr hinter sich zuziehen wollte, ihren Arm.
    Mrder! schrie die Frau in Todesangst, und der Ruf hallte gellend und
schauerlich in dem leeren Hause wieder - Mr -
    Es war ihr letztes Wort gewesen - Cotton's Faust, voll riesiger Kraft
gefhrt, schmetterte sie mit einem einzigen Schlag bewutlos zu Boden, und
Sander sprang in wildem Entsetzen empor. Kein Laut unterbrach Minuten lang die
Stille, und der ausgestreckte Krper der unglcklichen Frau lag auf der Schwelle
ihres eigenen Zimmers.
    Cotton, flsterte Sander endlich und sah sich erschreckt um, was habt Ihr
gethan - ist sie todt?
    Ich wei nicht, brummte der Mrder und wandte sich scheu von der zu Boden
Geschlagenen ab - macht jetzt schnell, da wir finden, was wir brauchen - wo
hat sie denn wohl ihr Geld aufbewahrt? Donnerwetter, Mann, steht nicht da, als
ob Ihr mit Thran begossen wret; jetzt ist keine Zeit mehr zum Gaffen; 's ist
geschehen, und an uns liegt's nun, den Zufall so gut als mglich zu benutzen.
    Wie soll ich wissen, wo sie ihr Geld hat, sagte Sander - doch wohl dort,
wo sie schlft -
    Dann kommt, entgegnete Cotton - der Platz mu gleich hier nebenan sein -
ich sah die Thr offen stehen, als ich eintrat. - Nun? - Frchtet Ihr Euch etwa,
ber den Cadaver zu treten? Ihr habt wohl noch keine Leiche gesehen?
    Cotton hatte die Lampe ergriffen und war ber den Krper weggestiegen -
Sander folgte ihm, doch die Schlafkammerthr fanden sie verschlossen, und der
Mrder drehte sich noch einmal gegen sein Opfer um.
    Ach beste Mrs. Breidelford, sagte er hhnisch, und sein Gesicht verzog ein
in diesem Augenblick wirklich teuflisches Lcheln -drft' ich Sie wohl einmal
um Ihre Schlssel ersuchen?
    Er bog sich rasch zu dem Krper nieder und hakte das Schlsselbund auf;
Sander hatte ihm die Lampe aus der Hand genommen, und Beide betraten nun das
Schlafzimmer der Wittwe. Vergebens durchstberten sie aber hier alle Winkel und
Kasten, vergebens whlten sie selbst das Bett auf und suchten jede einzelne
Schieblade aus. Es war Alles umsonst, keinen Cent an Geld fanden sie, nur
einzelne Schmucksachen, die sie zu sich steckten, die ihnen aber doch fr den
Augenblick das nicht waren, was sie bedurften. Wer kannte in dieser Wildni den
Werth solcher Sachen, und mute nicht allein schon der Besitz derselben den
Verdacht noch mehr auf sie lenken? -
    Schne Geschichte das, knirschte Sander endlich, als er eine Masse
werthlosen Plunders mit wildem Fluch neben sich auf die Erde schleuderte - das
kommt von Eurem verdammten gleich mit Fusten Dreinschlagen. Httet Ihr mich
gewhren lassen -
    So war Madame jetzt auf der Strae und schrie Zeter und Mord! erwiderte
Cotton unwillig. Sie hatte gemerkt, was wir wollten, und wre auf jeden Fall
geflohen.
    Und jetzt?
    Verrth sie wenigstens nicht mehr, wen sie beherbergt, brummte der Mrder.
Doch ich dchte, wir beeilten uns ein wenig; - wo nur die alte Hexe ihre
Schtze stecken hat? - Hol's der Teufel, mir wird's unheimlich hier, und je eher
wir den Mississippi zwischen uns und -
    Ein lautes donnerndes Pochen an die Thr machte, da er entsetzt emporfuhr
und fast krampfhaft den Arm seines Kameraden fate.
    Pest, zischte er dabei und sah sich wild nach allen Seiten um - wir sind
verloren! Knnen wir nicht hinten hinaus entfliehen?
    Ich wei nicht, flsterte Sander - der Teufel traue aber, der Platz hier
ist mir vllig unbekannt, und sprngen wir in einen fremden Hof und wrden von
Hunden angefallen und gestellt, so wr' es um uns geschehen.
    Hallo da drinnen! rief jetzt eine rauhe Stimme von auen, und der schwere
Hickorystock schlug gegen die Thr an - Mrs. Breidelford, was giebt's da? Sind
Sie noch munter?
    Cotton stand wie vom Schlage gerhrt, Sander aber, dem die Nhe der Gefahr
auch wieder seinen ganzen kecken Uebermuth gab, ri schnell eine der vielen im
Zimmer umhergestreuten Hauben der Ermordeten vom Boden auf, zog sie sich ber
den Kopf und schritt nun rasch damit zum Fenster.
    Was wollt Ihr thun? frug Cotton erschreckt.
    Sander gab ihm gar keine Antwort, schob die Gardinen von innen zurck,
ffnete das Fenster ein wenig, so da sein Kopf von unten herauf nur etwas
sichtbar blieb, und frug, die kreischende Stimme der Mrs. Breidelford auf das
Treffendste nachahmend, anscheinend rgerlich und rasch:
    Nun, was giebt's da wieder? Hat man denn in diesem unseligen Neste nicht
einmal des Nachts Ruhe, da sich eine arme alleinstehende Frau -
    Hallo - nichts fr ungut, rief da eine rauhe Stimme von unten, die, wie
Sander augenblicklich hrte, von einem der in den Straen postirten Wachmnner
oder sogenannten Watchmen herrhrte - mir war's, als ob ich hier im Hause einen
Schrei gehrt htte, und da ich durch die Fensterspalten noch Licht sah -
    Schrei - Fensterspalten! rief unwillig die vermeintliche Mrs. Breidelford
und zog sich vom Fenster zurck - wer wei, wo Ihr die Ohren gehabt habt. Geht
zum Teufel und lat arme alleinstehende Frauen - das Andere wurde dem
Nachtwchter drauen durch das Zuschlagen des Fensters unverstndlich.
    Nu, nu, sagte der Mann lachend, als er hrte, mit welcher Heftigkeit sich
Madame zurckzog - wieder einmal nicht richtig im Oberstbchen? - der Stew mu
heut Abend absonderlich gut geschmeckt haben - hahahaha, das hat mein Seliger
tausend und tausendmal gesagt; - Louise, sagte er immer, ich wei, Du
verabscheust geistige Getrnke, und mit Recht - sie passen auch nicht fr das
zarte Geschlecht; aber Du mut das auch nicht bertreiben - sagte er, ach, ich
sehe ihn noch vor mir, das liebe, gute Herz, das jetzt kalt in seinem Grabe
liegt - es giebt Zeiten, wo ein Trpfchen Rum, mit Migkeit genossen, Arznei
werden kann, und Du bist eine zu verstndige Frau, Louise - das waren seine
eigenen Worte, Ladies - als da Du nicht wissen solltest, wann Dir ein Trpfchen
ntzen und wann es schaden knnte - hahahaha!
    Und der Mann ging, halblaut dabei die im ganzen Stdtchen bekannten
Redensarten der wrdigen Dame citirend, whrend er mit dem rechten Arme dazu
gesticulirte, langsam die Strae hinunter. Erst an der Ecke stie er den
schweren Stock, den er bis dahin im linken Arm getragen, auf die Steine nieder:
ein Zeichen, das von anderen Theilen der Stadt beantwortet wurde, und
hauptschlich dazu diente, die Wachen gegenseitig zu berzeugen, ihre Kameraden
seien munter und sie knnten im Nothfall auf deren Schutz rechnen.
    Die Schritte des Wchters waren lange verhallt, und noch immer standen die
beiden Verbrecher laut-und regungslos neben einander. Sander aber, der, sobald
er den Laden geschlossen, die Mtze gleich abgeworfen hatte, brach zuerst das
Schweigen und flsterte:
    Wir sind gerettet - den Wachen wird es jetzt nicht wieder einfallen,
nachzufragen, und die ganze Nacht bleibt uns, das versteckte Geld zu suchen;
vergraben kann es doch unmglich sein.
    Wr' es nicht besser, wir flhen jetzt, wo es noch Zeit ist, sagte
ngstlich der Mrder - mir graut es hier in dem Hause.
    Ist Euch das Herz in die Schuhe gefallen, weil Ihr da unten den Zauberstab
habt klopfen hren, lachte hhnisch Sander, der in der pltzlichen Angst des
Gefhrten und durch die gelungene List neuen Muth gewann - nein, nun wollen wir
auch sehen, ob unsere blutige Saat nicht goldene Frchte tragen wird. Geld
befindet sich hier im Hause, davon bin ich berzeugt, nur den Platz brauchen wir
zu finden.
    Und rasch nahm er die vorhin auf den Tisch gestellte Lampe wieder auf und
begann, von Cotton dabei eifrig untersttzt, seine Nachforschungen auf's Neue.
Es blieb aber Alles vergebens, sie ffneten zwar mit den Schlsseln alle Thren
und Ksten und durchstberten jeden Winkel, aber keine Spur von Geld konnten sie
entdecken - Waaren und Gter genug, nur nicht das, was in diesem Augenblick fr
sie zehnfachen Werth gehabt htte - Silber oder Banknoten.
    Der dmmernde Tag mahnte sie erst, ihre nutzlosen Bemhungen einzustellen
und auf die eigene Rettung zu denken; - traf man sie in diesem Hause, so konnte
selbst Dayton sie nicht retten. Sie verschlossen also rasch wieder die Thren,
um nicht gleich, beim ersten Betreten des Hauses, augenblicklichen Verdacht zu
erregen, trugen dann den Leichnam der Unglcklichen auf ihr Bett - lauschten
vorher sorgfltig aus dem jetzt dunkeln Zimmer auf die Strae hinaus, ob auch
keiner der Wchter in der Nhe sei und sie aus dem Hause der Wittwe kommen she,
schlichen dann schnell die Treppe hinunter in's Freie, und eilten nun, als sie
erst einmal die Stadt hinter sich hatten, schnellen Schrittes der Schenke zu, in
welcher sie den Capitain zu sprechen und Hlfe und Schutz zu erwarten hofften.

                                      31.

                                        

                            Cook kommt nach Helena.


Der Tag dmmerte - die Dunkelheit der Nacht wich unbestimmten grauen Schatten,
die, Grabesschleiern gleich, das ganze dstere, noch immer von dichtem
schwadigen Nebel erfllte Land wie den leise gurgelnden Strom berhingen. Die
Massen aber, die bis dahin mit der Nacht verschmolzen gewesen, schienen sich
jetzt erst wieder zu einem festeren, compacteren Ganzen auszuscheiden. Es sah
fast so aus, als ob sie den Feind ahnten, der sich im Osten gegen sie rste,
denn immer drngten sie ineinander und bildeten bald einen frmlichen Schutz und
Wall gegen den gefrchteten Gegner. Wolke thrmte sich ber Wolke, und links und
rechts klammerte sich der wilde Nebelkreis mit den milchweien Armen krftig ein
in Busch und Baum des waldigen Ufers; links und rechts stemmte er sich gegen die
Landspitze, ja gegen jeden in den Strom hinausragenden Baum, als ob er selbst
durch die kleinste Hlfe und Sttze auch neue Kraft und Festigkeit gewinnen
knnte. So matt und entkrftet aber auch gestern die Sonne, als sie der
Uebermacht weichen mute, in ihr stilles Lager gestiegen war, so kampfesmuthig
und frisch erstand sie heute Morgen wieder, und schon der khle Luftzug, den sie
voraussandte, trieb die Plnkler des Feindes zu Paaren, und warf sie auf die
Hauptmacht zurck. Das waren aber auch eben nur Plnkler, kleine naseweise
Wlkchen, die in tollem Muthwillen hoch oben in freier Luft spielten, und die
ersten sein wollten, die dem Vater Nebel das Nahen des Feindes verkndeten.
Schon sein Anblick jagte sie wie Spreu vor sich her, und hoch errthend, von
seinem rosigen Licht bergossen, flchteten sie schnell in die Arme des Vaters,
der sie sich rasch in den Busen schob und nun dem anrckenden Kmpfer die Stirn
bot.
    Von Westen aus hatte gestern der Sonnengott umsonst gesucht, mit seinen
Pfeilen den Schuppenpanzer des Alten zu durchbohren, heute griff er die Sache
vom andern Ende an. Der scharfe Nord lieh ihm dazu die Hlfstruppen -
pausbckige Gesellen, die sich rcksichtslos auf den Feind warfen; rohes Volk
freilich, aber zu solchem Kampfe ganz geeignet. Die griffen denn auch ohne
Zgern von allen Seiten zugleich an, und als sich der Kern der Bestrmten mehr
und mehr in sich selbst zusammenzog, da demaskirte pltzlich Gott Phbus seine
gewaltigen Batterien. - Hellleuchtende Strahlen scho er mitten hinein in die
scheu Zurckweichenden - wie glhende Keile trieb er die Licht- und Sonnenboten
selbst in das Herz der nach allen Himmelsgegenden hin geformten Carrs, von oben
herab kamen seine Streiche, das Haupt trafen sie, trotz Schild und Wehr, und
zurckgeworfen von der frchterlichen, unwiderstehlichen Gewalt, wichen die
Massen und geriethen in Schwanken.
    Das aber hatten die leichten Bataillone der derben Nordwinde kaum bemerkt,
als sie sich mit erneuter Kraft auf den einmal in Unordnung gebrachten Feind
strzten. Hier und da sonderten sie einzelne schwache Schwrme von dem
Hauptcorps ab und trieben sie rasch hinaus in alle Weite - mehr und mehr drangen
sie nach dem Centrum vor, wo noch der trotzige Alte in voller Strke die weie
wehende Fahne schwang, immer nher rckten sie dem Panier, immer nher und
nher, und jetzt - jetzt hatten sie es erreicht, jetzt trieben sie die um dieses
geschaarten Kerntruppen erst langsam und schwerfllig, dann immer rascher vor
sich hin, und nun, - einmal zum Weichen gebracht, zeigte das ganze Gefilde bald
nichts als flchtige Massen, die sich links und rechts in wilder, unordentlicher
Eile durch die wehenden Wipfel des Urwalds jagten. Hinterdrein aber, da die
alten Bume gar bedenklich dazu mit den wehenden Zweigen schttelten, die jungen
schlanken Weiden aber den Flchtigen sehnend die Arme nachbreiteten, strmten
die kecken Nordbrisen immer toller, immer muthwilliger, und drangen durch den
rauschenden Hain und sprangen ber die leichtgekruselte Fluth. Droben am Himmel
inde, in all' ihrer siegreichen Herrlichkeit, stieg die glhende, funkelnde
Sonnenscheibe empor, zu stolz, den Feind zu verfolgen, den sie geschlagen, zu
rein aber auch, um sich ihr helles Himmelslicht durch seinen giftigen Hauch
verhllen zu lassen.
    Adele stand in Hedwig's Zimmer an dem Eckfenster und blickte sinnend nach
dem aufsteigenden Tagesgestirn hinber, dessen Strahlen eben die Nebel theilten
und ihr holdes Antlitz mit zartem rosigen Hauch bergossen.
    Sieh, Hedwig, sagte sie jetzt pltzlich und wandte sich nach der Freundin
um - sieh nur, wie die Sonne jetzt auch den letzten Zwang abzuwerfen scheint
und frei und rein aus den hlichen Schatten heraustritt; man sieht fast, wie
sie hoch aufathmet und ordentlich froh ist, all' den Zwang und Dunst berwunden
zu haben. - Ach, ist mir's doch gerade so, wenn ich aus der Stadt komme und den
Fu in den freien, herrlichen Wald mit seinen Blthen und Blumen setze.
    Mrs. Dayton war neben sie getreten und schlug das groe treue Auge zu dem
reinen, von keinem Wlkchen getrbten Firmament empor. Zwei klare Thrnen hingen
aber an ihren Wimpern, und sie wandte sich ab, sie zu verbergen.
    Hedwig, sagte Adele leise und ergriff die Hand der Freundin - was fehlt
Dir? Du bist seit gestern Abend so ernst geworden - hat Dich Mariens Zustand -?
-?
    Mrs. Dayton schttelte leicht mit dem Kopf und sagte seufzend:
    Wei ich's denn selbst, was mich drckt? Seit gestern, ja seit wir von
Livelys zurckritten, ist mir das Herz so beklemmt, da ich in einem fort weinen
mchte und doch nicht sagen kann warum.
    Jener Vorfall dort hat Dich so angegriffen, beruhigte sie die Freundin,
liegt mir's doch selber seit der Zeit ordentlich in den Gliedern. Es war recht
hlich, da wir auch gerade drauen sein muten.
    Ach nein - das ist es nicht allein, erwiderte Mrs. Dayton unruhig - auch
hier - das ganze Verhltni in Helena wird mir von Tag zu Tag drckender. Dayton
lebt jetzt mehr auer dem Hause als bei uns, und ist seit kurzer Zeit total
verndert.
    Ja, das sei Gott geklagt, betheuerte Adele, sonst war er froh und heiter,
oft sogar selbst ausgelassen lustig - weit Du noch, wie Du ber mich lachtest,
als ich mich deshalb vor ihm gefrchtet hatte - und jetzt ist er ernst wie ein
Methodist, spricht wenig, raucht viel, und fhrt vom Stuhl auf, wenn nur irgend
Jemand unten vorbeigeht.
    Er hat davon gesprochen, da wir Helena verlassen wollen, sagte Mrs.
Dayton - wollte Gott, das knnte heute geschehen. - Helena wird mir mit jedem
Tag verhater, je mehr die Einwohner wilder und roher zu werden scheinen.
    Das sind die Einwohner nicht, entgegnete Adele, die verhalten sich
ziemlich ruhig, nur die vielen fremden Bootsleute, welche hier fortwhrend
kommen und gehen, werden die Ursache des ewigen Haders und Unfriedens; ach, ich
wollte ja auch froh sein, wenn ich Helena verlassen knnte. Ist denn Mr. Dayton
die Nacht noch nach Hause gekommen? Ich hrte die Thr ffnen.
    Ja, er kehrte etwas nach zwei Uhr und todtmatt zurck - das ewige Reiten,
und noch dazu in Nacht und Nebel und in der feuchten Sumpfluft, mu ihn ja
endlich aufreiben. - Aber es wird bald Zeit, da ich ihn wecken lasse, er wollte
um acht Uhr aufstehen.
    Wer war denn der fremde Neger, dem ich heute Morgen hier unten im Hause
begegnete? frug jetzt Adele - er schaute ganz entsetzlich wild und verstrt
drein - ich erschrak ordentlich, als er mich ansah.
    Den hat Dayton, wie er mir nur flchtig sagte, gestern von durchziehenden
Auswanderern billig gekauft - er ist wohl unterwegs krank geworden. Morgen oder
bermorgen will er ihn auf eine Plantage nach Mississippi hinberschicken. Aber
wie geht es denn Marie?
    Hoffentlich besser - ich sah heute Morgen einen Augenblick in ihre Kammer
hinein, und sie schlief sanft und s; Nancy soll mich rufen, wenn sie erwacht.
Vorher werde ich auch noch auf einen Augenblick nach Mrs. Smart hinbergehen
mssen; sie hat mich darum gebeten, ihr Nachricht von dem Befinden der Kranken
zu geben.
    Dann leg' Dich aber auch nachher selbst ein wenig nieder, sagte Mrs.
Dayton, Ruhe wird Dir gut thun, Du hast ja fast die ganze Nacht kein Auge
geschlossen.
    Ich bin nicht ermdet, entgegnete Adele wehmthig - ach wie gern wollte
ich Nacht fr Nacht an der Unglcklichen Bett sitzen, wenn ich nur dadurch ihren
Zustand um das Mindeste lindern knnte. Wo aber Mr. Hawes sein mag? Wie Mrs.
Lively Csar drauen gesagt hat, ist er schon gestern Nachmittag hierherzu
aufgebrochen. Es ist doch kaum wahrscheinlich, da er gleich bergefahren wre,
ohne noch einmal hier erst vorzusprechen.
    Sollte er vielleicht von dem Zustand seiner Frau Kunde erlangt haben und,
ihren Aufenthalt nicht kennend, nach Hause gesprengt sein? - Aber wahrhaftig -
da kommt er die Strae herab und zwar im vollen Carrire gerade auf unser Haus
zu. - Der arme - arme Mann!
    Das ist Mr. Hawes nicht! rief Adele, die sich rasch nach ihm umwandte und
den Blick hinabwarf, das ist der Mann, dessen Kleider er gestern trug - Mr.
Cook - was mag der wollen?
    Der Reiter zgelte in diesem Moment, und zwar dicht vor ihrem eigenen Hause,
sein schnaubendes Pferd scharf ein, sprang aus dem Sattel und gab sich nicht
einmal die Mhe, das schumende Thier anzuhngen. Ruhig lie er ihm den Zgel
auf dem Sattelknopf liegen und trat rasch in die Thr, whrend sein Pony erst
den schlanken, schngeformten Hals schttelte und den Kopf auf- und niederhob,
da der weie Schaum rings um es her flog, und dann mit dem rechten Vorderhuf
den Grund vor sich zerscharrte und stampfte, als ob es nur ungeduldig hier des
Herrn warte und die Hetze so schnell als mglich fortzusetzen wnsche.
    Im nchsten Augenblick wurde Cook's rascher Schritt auf der Treppe gehrt
und seine Stimme frug nach Squire Dayton. Mrs. Dayton bernahm aber hierauf die
Antwort; sie ffnete die Thr und bat den jungen Farmer einzutreten. Dieser
leistete allerdings der Einladung augenblicklich Folge, entschuldigte sich aber
auch zugleich mit der dringenden Nothwendigkeit der Sache, da er so ungebeten
und in so wildem Aufzug vor ihnen erschiene.
    Ich mu den Squire sprechen, Ladies, und mchte Sie bitten, mich sobald als
mglich zu ihm zu fhren. - Es betrifft Sachen von dringendster Wichtigkeit,
sagte er heftig.
    Ich will ihn gleich rufen, Sir, erwiderte Mrs. Dayton, er schlft noch,
mde und matt von gestriger, vielleicht zu groer Anstrengung -
    Dann thut es mir leid, ihn gleich wieder so in Anspruch nehmen zu mssen,
sagte Cook, aber die Sache, wegen der ich hier bin, betrifft Leben und
Eigenthum von vielleicht Tausenden und wird, wie ich fast frchte, unserer
ganzen Energie, unseres strksten Zusammenwirkens bedrfen, ihr mit Erfolg zu
begegnen. Doch Mr. Hawes hat dem Squire wahrscheinlich gestern schon einen
ungefhren Ueberblick ber das, was wir entdeckten, gegeben.
    Mr. Hawes? riefen beide Frauen erstaunt und zu gleicher Zeit aus, und Mrs.
Dayton, die schon die Thrklinke in der Hand hatte, blieb stehen.
    Mr. Hawes war nicht hier - wir haben ihn jede Stunde, ja jeden Augenblick
erwartet, versicherte Adele - der Neger brachte den Brief an ihn wieder
zurck.
    Ja - allerdings, aber - wie ist mir denn? sagte Cook verwundert, er kann
sich doch wahrlich auf der ebenen, breit ausgehauenen Strae nicht verirrt
haben, und sprengte doch gestern Nachmittag nicht allein nach Helena, um selber
Squire Dayton aufzusuchen, sondern sogar mit in unserm Auftrag, um ihm vorlufig
eine Meldung zu machen, damit er die nthigen Schritte thun knne.
    Er war nicht hier.
    Cook blickte sinnend vor sich nieder und stampfte endlich, ziemlich in
Gedanken, ungeduldig und fest den schweren Hacken so stark auf den Teppich, da
die Glser auf dem Tische aneinander stieen. Er schrak zusammen und errthete;
andere Gedanken verdrngten aber bald diese Kleinigkeit. - Er strich sich, wie
im Nachdenken ber etwas, das er nicht recht begreifen knne, langsam mit der
Linken ber die Stirn und flsterte dann noch einmal, aber mehr mit sich selber
redend, wie als Frage:
    Also Mr. Hawes war nicht hier?
    Nein, mit keinem Schritt!
    Ach, bitte, Mrs. Dayton - rufen Sie den Squire, sagte der junge Farmer
jetzt pltzlich - ich mu ihn wahrhaftig sprechen, denn ich frchte fast -
    Was frchten Sie? rief die Frau besorgt - ist denn etwas so
Erschreckliches vorgefallen - betrifft es meinen Mann selber?
    Nein, nein, beruhigte sie Cook, ganz und gar nicht, ich verlange auch
nicht Mister Dayton, sondern den Squire in ihm zu sehen. - Ich habe berhaupt
noch gar nicht einmal das Vergngen, ihn persnlich zu kennen.
    So will ich ihn rufen; bitte, bleiben Sie einen Augenblick hier bei Adelen,
ich bin gleich wieder zurck.
    Sie verlie rasch das Zimmer, und Cook, die junge Dame fast gar nicht
beachtend, ging rasch und mit untergeschlagenen Armen auf und ab in dem kleinen
Raume.
    Sie finden Mrs. Hawes' Betragen sonderbar? sagte Adele endlich, Sie
scheinen sogar unruhig darber.
    Cook blieb vor ihr stehen und sah ihr einige Secunden, noch ganz in seine
Gedanken vertieft, in's Auge.
    Ja, Mi, sagte er dann und nickte leise mit dem Kopfe - ja, rthselhaft
und - verdchtig; verdchtig von vornherein. Doch das sind Sachen, wegen deren
ich lieber mit dem Squire sprechen will, und ich hoffe, wir werden schon Alles
zu gutem Ende fhren.
    Wie befindet sich denn der Verwundete? frug jetzt Adele. - Haben Mr.
Hawes' Mittel ihm gentzt?
    Mr. Hawes' Mittel? Hawes ist doch kein Doctor!
    Allerdings - wenigstens sagte er uns, da er deswegen zurckbleiben msse.
    Hm - also nur deshalb - doch es mag sein. - Ja, der Verwundete befindet
sich besser - seine krftige Natur lt ihn vielleicht sich wieder erholen. Also
Mr. Hawes wollte ihn curiren? - Und gerade er war es doch, der ihn, ohne der
Uebrigen Dazwischenkunft, getdtet htte. - Ich will verdammt - ah - bitte um
Verzeihung, Mi, aber - ha, ich glaube, der Richter kommt - ich hre Schritte.
    Squire Dayton war es wirklich, der seine Kleider, als ihn Mrs. Dayton von
dem Besuch benachrichtigte, rasch bergeworfen hatte und eben jetzt in's Zimmer
trat. Er ging auf den jungen Farmer zu und sagte, ihm die Hand
entgegenstreckend:
    Herzlich willkommen, Sir, in Helena und in meinem Hause. - Das mssen
wichtige Dinge sein, denen ich Ihren angenehmen Besuch so frh zu verdanken
habe.
    Er sah bla und angegriffen aus; die Haare hingen ihm noch wirr um die
marmorbleiche Stirn, und die Augen lagen tief in ihren dunkeln Hhlen. Es war
fast, als ob Krankheit ihren Schreckensarm nach der sonst so krftigen Gestalt
des starken Mannes ausgestreckt und seine Sehnen erschlafft habe.
    Squire Dayton, erwiderte Cook, und hielt dabei den Blick fest und erstaunt
auf den Richter geheftet, als ob er hier Jemandem gegenberstehe, den er schon
frher einmal gesehen habe, und sich nun gar nicht erinnern knne, wo und wann
das gewesen, Squire Dayton - ich wei nicht - alle Wetter, ich mu - ich mu
Sie doch schon irgendwo einmal - ha - Mr. Wharton - am Fourche la fave. - Waren
Sie nicht, vor vierzehn Tagen etwa, bei dem Regulatorengericht am Fourche la
fave?
    Ich? Nein, in der That nicht, lchelte der Squire und sah dem jungen Mann
unbefangen in's Auge. - Ein Regulatorengericht wrde zu meiner Stellung als
Friedensrichter auch gerade nicht besonders passen. Wie kommen Sie darauf?
    Dann haben Sie eine merkwrdige Aehnlichkeit mit irgend einem andern Mann,
der sich - am Fourche la fave wenigstens - fr einen Mr. Wharton von Little Rock
ausgegeben hat, sagte Cook, sah aber noch immer dabei dem Squire fest und wie
es schien unglubig in's Auge. - Eine solche Aehnlichkeit in den Gesichtszgen
wre noch gar nicht dagewesen.
    Wharton - Wharton, wiederholte sinnend der Richter - den Namen habe ich
erst krzlich gehrt - Wharton, Wharton - wer erzhlte mir doch von einem
Wharton - Advocaten, ganz recht. Nun es wird mir schon wieder einfallen. Trsten
Sie sich brigens, ich bin schon mehrere Male fr einen Andern angesehen worden.
- Mein Gesicht mu doch so ziemlich alltglich sein, da es einer Menge anderer
gleicht.
    Das wt' ich gerade nicht, erwiderte, immer noch fest das Auge auf ihn
geheftet, Cook - Squire - mich soll der Teufel holen, wenn ich nicht glaube -
nein, wenn ich es nicht fast gewi wei, da Sie jener Wharton sind. - Ich habe
mir die Zge des Advocaten damals zu deutlich eingeprgt.
    Mr. Cook, sagte der Richter jetzt lachend, ich habe das Vergngen, Ihnen
hier Mrs. Dayton, meine Frau, vorzustellen. Der werden Sie doch wenigstens
glauben, da ich nicht der Advocat Wharton, sondern George Dayton,
Friedensrichter hier in Helena und dem County bin.
    Cook machte eine etwas verlegene Verbeugung gegen die ebenfalls lchelnde
Dame und sagte dann, jedoch immer noch wie halb zweifelnd:
    Eine wunderbare, merkwrdige Aehnlichkeit bleibt es dann aber - eine
Aehnlichkeit, wie sie mir noch gar nicht vorgekommen ist. Selbst die kleine
Narbe da auf der Stirn hatte jener Wharton.
    Und was war es, was mir die Ehre Ihres Besuches heute verschaffte?
    Kann ich ein paar Worte mit Ihnen allein reden? sagte Cook - durch solch'
directe Frage rasch auf die Ursache seines Kommens zurckgefhrt. Es ist etwas
von hchster Wichtigkeit, und betrifft nicht allein die Sicherheit Helenas,
sondern die des ganzen Staates, des ganzen Mississippi.
    Dayton wandte sich, als ob er mit dem Gaste das Zimmer verlassen wollte,
nach der Thr, in welcher zu gleicher Zeit Nancy erschien, und Mrs. Dayton sagte
rasch:
    Wir wollen gehen, Adele; Marie wird erwacht sein - nicht wahr, Mr. Cook,
Sie bleiben doch zu Mittag bei uns?
    Ich wei wahrhaftig nicht, Madame, ob ich Ihre freundliche Einladung werde
annehmen knnen, erwiderte der Farmer - es hngt wohl ganz davon ab, wie sich
hier unsere Maregeln gestalten.
    Nun gut, Sie sollen sich nicht binden; sind Sie zu der Zeit noch in Helena,
so finden Sie sich hbsch ordentlich ein - um ein Uhr wird gegessen; und ohne
weiter ein Antwort abzuwarten, verlie sie, von Adele gefolgt, rasch das Zimmer.

                                      32.

                                        

                    Die Aufforderung. - Der entdeckte Mord.


Squire Dayton, sagte Cook, als sich die Thr hinter den Frauen schlo - Mr.
Hawes verlie gestern Nachmittag unsere Farm, und zwar einzig und allein in der
Absicht, ja sogar mit dem ganz besondern Auftrag, Sie zu sprechen und Ihnen
wichtige Mittheilungen zu machen. Wie ich aber eben hre, so hat er sich hier in
Helena nicht einmal sehen lassen. Mrs. Dayton -
    Sie irren sich, entgegnete ihm ruhig der Squire - er war hier, und wenn
Sie in derselben Absicht hierher kommen, wie er selbst, so sehe ich allerdings
Ihre Eile und Aufregung gerechtfertigt.
    Er war hier? frug Cook erstaunt - Mrs. Dayton sagte aber doch -
    Ich traf ihn unten in der Stadt, fiel ihm der Squire in's Wort, und weil
mir die Sache zu wichtig schien, auch nur eine Secunde zu verzgern, so sandte
ich ihn, damit er nicht durch einen bloen Hflichkeitsbesuch die kostbare Zeit
vergeuden sollte, augenblicklich nach Sinkville, whrend ich selbst das zu
besorgen bernahm, was hier zu thun blieb. Wie er mir sagte, wollten Sie im
Lande oben an Mnnern aufbieten, was Sie in der Eile zusammen bekommen knnten,
damit wir, sobald er zurckkehrte, den entscheidenden Streich fhren knnten.
Ist das geschehen?
    Ich sollte es meinen, rief Cook schnell - der Alte und Bill, mit noch ein
paar von Drapers sind mit einer tchtigen Schaar im Anzuge.
    Gut, dann wollen wir uns wenigstens jetzt so lange ruhig verhalten, bis wir
von Sinkville Nachricht bekommen. Mr. Hawes hatte ganz Recht, da er mir
besonders an's Herz legte, die Verbrecher nicht vor dem entscheidenden Schlage
gegen das aufsteigende Unwetter zu warnen. Auf jeden Fall mchte es gerathen
sein, die Farmer nicht frher nach Helena selbst herein zu lassen, bis wir nicht
auch ungesumt gegen den Feind aufbrechen knnen.
    Mr. Hawes mochte damals Recht haben, fiel ihm hier Cook in die Rede - die
Sache hat sich jetzt aber gendert. Allerdings waren wir ebenfalls der Meinung,
nicht Alle auf einmal in die Stadt zu rcken, denn jene Bande hat ganz gewi
ihre Spione in Helena. James und ich ritten deshalb sogar voraus, und die
Uebrigen lagern etwa eine Meile von hier in der Scalpprairie, Ihr kennt ja wohl
den Platz, Squire, wo vor zwei Jahren die beiden Mnner beraubt und scalpirt
wurden. Der entscheidende Streich wird auch verschoben werden mssen, bis wir
die hinreichende Macht zusammen haben; andere Vorbereitungen sind aber indessen,
und zwar hier in der Stadt selbst, nthig geworden.
    Hier in Helena?
    Ja - Hawes wird Ihnen gesagt haben, da Cotton entflohen ist.
    Der Squire nickte einfach mit dem Kopfe.
    Gut, fuhr Cook fort - im Anfange glaubten wir, er wrde entweder suchen
in die Smpfe, oder ber den Mississippi hinber zu entkommen. Dem ist aber
nicht so - er mu hier nach Helena zu geflchtet sein, mein Schwiegervater und
Drosly haben seine Spur verfolgt, und so ritten wir Beiden denn, James und ich,
gestern Abend noch von zu Hause fort, um heute Morgen gleich von Tag an unsere
Forschungen beginnen zu knnen. Unterwegs wollten wir nun ein paar Stunden
lagern und die Pferde rasten lassen, berlegten uns aber die Sache, da wir
nicht wissen knnten, ob wir die Thiere vielleicht in nchster Zeit sehr
anstrengen mten, deshalb beschlossen wir, scharf zuzureiten und im Union-Hotel
den Nigger herauszuklopfen. So kam es denn auch, da wir etwas vor Tagesgrauen
den obern Theil der Stadt und zwar, wie James sagte, das Wirthshaus zum grauen
Bren erreichten, wo noch Licht und Lrm genug war. James versprte hier
merkwrdige Lust nach einer Tasse heien Kaffee, und da ich ebenfalls nichts
dagegen hatte, klopften wir an. Wre das einfache Klopfen ein Donnerschlag
gewesen, der das kleine Nest bis in die Wurzel hinein getroffen, so htte die
Wirkung nicht zauberhafter sein knnen. Der ganze Lrm verstummte im Nu, und
James, der noch ein paar Schritte hinter mir war und die erleuchteten
Seitenfenster bersehen konnte, meinte, sie seien dunkel geworden, ehe er htte
Jack Robinson sagen knnen.
    Und antwortete Niemand dem Klopfen? frug der Richter gespannt.
    Ei, allerdings, fuhr Cook fort, ganz Opossum konnten sie doch nicht gut
spielen1), und ein alter Bursche kam endlich heraus und frug, was wir wollten.
James, der indessen neben mich trat, brachte jetzt unser Anliegen vor, der Alte
aber lie ihn nicht einmal ausreden, versicherte, keinen Mais und keinen Kaffee
zu haben, wnschte uns einen guten Morgen und schlug uns die Thr vor der Nase
zu.
    Nun - und das Verdchtige? frug der Richter.
    Ei, ich sollte denken, das wre verdchtig genug gewesen, meinte Cook,
doch hatten wir noch immer kein Arg, gingen wieder zu unseren Pferden zurck,
die indessen auf der Strae angebunden standen und ritten eine kurze Strecke
nach Helena zu. Da - gerade als wir den offenen Fleck erreichten, wo der
einzelne rebenumhangene Gum neben dem Papaodickicht steht - sahen wir von ber
dem Flusse drben ein paar Raketen aufsteigen, die nach gar nicht langer Zeit
vom grauen Bren aus erwidert wurden. Natrlich blieben wir jetzt, wo wir uns
gerade befanden, halten, um das, was hier vorging, abzuwarten, und hrten auch
in kaum einer halben Stunde die regelmigen Ruderschlge eines Bootes, das vom
andern Ufer drben herberkam. Es konnte etwa von derselben Stelle ausgefahren
sein, wo die Raketen aufgeblitzt waren.
    Und es landete am grauen Bren?
    Allerdings that es das, erwiderte ihm Cook, wenigstens an dem Flatboot,
welches unter dem Haus am Ufer liegt. Weiter konnten wir freilich fr den
Augenblick nichts erkennen.
    Der Squire blickte lange Zeit nachdenkend vor sich nieder, endlich wandte er
sich rasch gegen den Farmer um und frug ihn: Wie viel Raketen waren es - und
was fr Licht hatten sie?
    Was fr Licht? frug verwundert der Farmer, der wohl schon Raketen gesehen
und davon gehrt hatte, eine Lichtunterscheidung aber nicht kannte - wie viel?
- Kennen Sie etwa das Zeichen?
    Ich? Nein, lchelte der Richter - ich meine nur, wenn es vielleicht blos
eine, irgend eine gewhnliche Rakete war, so konnte die auch zufllig geworfen
sein. Flatboote machen sich oft den Spa oder geben sich auch manchmal Zeichen,
wenn zum Beispiel Arbeiter von ihrem Boot vorausgerudert sind und am Ufer
warten, ihnen das Fahrzeug anzudeuten, zu dem sie gehren.
    Ja ja, das wei ich wohl, sagte Cook - dasselbe wrden wir auch gedacht
haben - wozu aber dann das augenscheinliche Verborgenhalten Derer im Haus?
Weshalb lieen sie uns nicht ein, und ffneten den Anderen, die spter kamen,
die Thr?
    Ich wei nicht, meinte Squire Dayton - Sie knnen sich doch wohl irren.
    Ja, Squire, sagte der Farmer, etwas eifriger werdend, wir knnen uns
irren, jetzt aber ist nicht die Zeit, solche Sachen auf die leichte Schulter zu
nehmen. Da eine gefhrliche Bande auf jener Insel im Mississippi existirt,
wissen wir, und es ist mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, auch in Helena ein
Absteige- und Hehlquartier dieser Schurken zu vermuthen. Jener graue Br soll
noch dazu, wie mir James versichert, schon seit lange einen fast mehr als
zweideutigen Ruf haben, und andere Verbrechen sind ebenfalls in unserer Nhe,
und zwar auf dem festen Lande verbt, von denen der Verdacht noch strker auf
Helena fllt. Der Farmer Howitt, der am Mittwoch Abend hier von Helena fortritt,
ist gestern im Walde, gar nicht weit von uns entfernt, erschlagen gefunden, und
einen andern armen Teufel haben sie hinter Strong's Postoffice kalt gemacht und
beraubt. Cotton ist ebenfalls nach Helena her geflohen, und wir mssen jetzt
ernsthafte Maregeln ergreifen, dem ein Ziel zu setzen.
    Aber wo ist denn jetzt James Lively? frug der Richter und blickte sinnend
vor sich nieder - ist er mit nach Helena gekommen?
    Die Thr ffnete sich und Adele schaute herein.
    Ist es erlaubt, mir nur mein Bonnet zu holen? frug das junge Mdchen
lchelnd - ich mchte einen Sprung zu Mrs. Smart gehen und habe es hier liegen
lassen - oder sind es Geheimnisse, in denen ich stre? Ich gehe gleich wieder
fort.
    Der Richter sah zerstreut zu ihr auf, Cook aber erwiderte:
    Oh bewahre, Mi, nicht fr Sie, wenn auch vielleicht fr andere Leute. -
James Lively, Sir? wandte er sich dann wieder, die Frage beantwortend, an den
Squire, whrend Adele, die schon das Bonnet ergriffen hatte und eben wieder
hinaus wollte, fast unmerklich zusammenfuhr und ordentlich fhlte, wie sie roth
wurde. Das durfte sie die Mnner doch nicht merken lassen, und verlie sie jetzt
das Zimmer, so mute sie gerade an ihnen vorbei. Sie trat schnell an den
Nhtisch, wo sie den Beiden den Rcken zukehren durfte, und zog ihn auf, als ob
sie darinnen etwas suche. Cook fuhr fort:
    James Lively, als wir Zeugen des Vorherbeschriebenen gewesen waren, traute
dem Frieden nicht recht und meinte, dem geheimnivollen Wesen lge wohl noch
mehr zu Grunde. Er bat mich also, hierher zu reiten und Sie von dem
Vorgegangenen in Kenntni zu setzen, whrend er selbst sein Pferd in dem
Papaodickicht, neben dem wir hielten, befestigte, und dann zurck zum Hause
schleichen wollte. Von Nebel und Dunkelheit begnstigt, hoffte er, heraus zu
bekommen, was dort getrieben wrde, und er flsterte mir nur, als ich ihn
verlie, noch zu, wir sollten ihn, falls wir selber herauskmen oder nach ihm
schickten, in dem Kieferndickicht gleich ber dem grauen Bren droben finden.
    Adele hatte indessen ihr Sonnenbonnet aufgesetzt, zog es sich fast ganz in
die Stirn hinein und schlpfte gleich darauf mit einem kaum halblaut
geflsterten Guten Morgen, Gentlemen, rasch aus der Thr.
    Mein Rath ist jetzt, sprach Cook weiter, ohne den Gru zu erwidern, ja
wahrscheinlich ohne ihn zu hren, da wir vor allen Dingen die Spelunke da oben
umzingeln, den Insassen derselben die Flucht zu Wasser und zu Lande abschneiden,
und dann einmal sehen, was fr ein Kern in der Schale sitzt. Wer wei, ob wir da
nicht die Wurzel des ganzen Uebels fassen und vernichten knnen, so da wir
nachher mit den Uebrigen leichtes Spiel haben.
    Lieber Mr. Cook, sagte der Squire ernst - auf einen bloen Verdacht hin
kann ich in das Privateigenthum eines Brgers der Vereinigten Staaten nicht gut
eindringen. Ja, wenn Sie nur fr irgend etwas eine Art Beweis htten -
    Ei zum Henker mit Ihren Beweisen, Sir, rief der Hinterwldler trotzig aus
- wenn ich die htte, brauchten wir Sie und alle Umstnde nicht; Beweise sind
es ja gerade, zu denen uns das Gesetz verhelfen soll; finden wir die, nachher
werden wir auch wissen, wie wir zu handeln haben.
    Mein guter Sir, erwiderte der Richter achselzuckend - Sie scheinen zu
glauben, da Sie noch am Fourche la fave sind und nur einen Aufruf ergehen zu
lassen brauchen, um die ganze Nachbarschaft zur Ausbung des Lynchgesetzes
bereit zu finden. Nicht wahr, Sie gehrten mit zu den Regulatoren?
    Allerdings, sagte finster der junge Mann.
    Nun sehen Sie wohl - Sie werden sich getuscht finden. Wir leben hier in
einer civilisirten Stadt, und so sehr ich auch selbst geneigt bin, jeden
Verbrecher seiner gerechten Strafe berliefert zu sehen, so werde ich mich doch
andererseits sicherlich jedem willkrlichen Gerichtsverfahren widersetzen.
    Also haben wir auf Ihre Hlfe nicht zu rechnen? frug Cook scharf.
    Allerdings haben Sie das, entgegnete der Richter, ich halte es sogar fr
meine Pflicht, Ihnen in jeder gerechten Sache Vorschub zu leisten, ebenso aber
auch jede ungerechte zu unterdrcken. Uebrigens glaub' ich wirklich, brach er
pltzlich lchelnd ab, da Sie diese Sache mit zu schwarzen Farben sehen. Ich
habe jenes Haus schon seit lngerer Zeit selber im Verdacht, bin aber ziemlich
fest berzeugt, da es nichts Schlimmeres, wenn das wirklich, als eine
Spielhlle ist, die allerdings auch ungesetzlich wre und deshalb nchstens
einmal aufgehoben werden soll. Nur fehlen mir erst noch die Beweise; hab' ich
die erst, so sollen auch die Gesetze in aller Strenge ihre Ausbung finden.
    Ja, das haben wir in Vicksburg gesehen, sagte Cook unwillig, was hat der
Magistrat dort ausrichten knnen? - Nichts! Die Brger muten sich erst selbst
ihre Hlfe verschaffen, und htten sie nicht damals die Verbrecher ohne weitere
Umstnde gehangen, so liefen sie jetzt noch zum Skandal der Menschheit und zur
Schande der Stadt herum. Doch wir vertrdeln hier die schne kostbare Zeit,
Squire Dayton, deshalb jetzt direct zu meinem Auftrag. Ich fordere Sie, vermge
der mir verliehenen Vollmacht, hiermit im Namen meiner Nachbarn nochmals auf,
uns vor allen Dingen und ohne weiteren Aufschub Ihre Hlfe zu leihen, jene
Kneipe, zum grauen Bren genannt, zu umstellen und durchsuchen zu lassen. Ich
verspreche Ihnen auch noch, da wir Farmer uns bei der ganzen Sache gar nicht
wirklich thtlich betheiligen, sondern nur Ihre Schutzwache bilden wollen. Das
Uebrige mag sich spter nach dem bestimmen, was wir dort finden.
    Sir, entgegnete ernst der Richter, bedenken Sie, was Sie thun; Sie wollen
gesetzlose Menschen bestrafen, und stellen sich zu gleicher Zeit auf dieselbe
Stufe mit ihnen. - Sie wollen -
    Er hielt pltzlich inne und horchte hoch auf, und auch Cook bog sich,
aufmerksam lauschend, dem Fenster zu. Ein wunderlicher Laut tnte von dort
herauf. Fast wie das schumende Gebraus der See vor Ausbruch eines Sturmes
murmelte es in dumpfen, drohenden Tnen, und nur dann und wann scholl der
einzelne gellende Schrei einer zrnenden Menschenstimme hervor aus dem Chaos von
immer wachsendem Lrm und Aufruhr. Aus dem Fenster, an dem sie standen, konnten
sie die in die Stadt hineinfhrende Strae bersehen, und von dorther wlzte
sich jetzt ein wildverworrener Menschenknuel gerade auf des Squire Haus zu und
verlangte, den Constabler an der Spitze, nach dem Friedensrichter.
    Hallo, da ghrt's schon! rief jetzt Cook freudig, nun, Sir, wollen wir
doch einmal sehen, ob die Mnner von Helena aus anderem Teig geknetet sind, als
die vom Fourche la fave.
    Er ri schnell das Fenster auf und rief mit lauter, frhlicher Stimme auf
die Strae hinunter:
    Was giebt's, meine wackeren Burschen? Wo hat's eingeschlagen? Wo brennt's?
    Ein tolles, entsetzliches Geschrei, aus dem nur manchmal die einzelnen Worte
Breidelford - Mrder - Ruber hervorschallten, war die Antwort, und Cook, der
sich rasch gegen den Richter wandte, sah, da dieser leichenbla wurde und vom
Fenster zurcktrat.
    Alle Wetter, Sir, rief der Farmer und blickte ihn erstaunt an - Sie
werden ja ksewei - sind Sie krank?
    Krank? - Ich? Nein - wahrhaftig nicht, sagte Squire Dayton schnell - aber
die Nachricht berraschte mich. - Ich wei kaum, ob ich recht gehrt habe - es
wre frchterlich!
    Was ich aus dem Gebrll heraushren kann, sagte Cook und griff rasch nach
seinem Hute, ist, da sie einen gewissen Breidelford ermordet haben - kenne den
Menschen nicht. Und mit flchtigen Stzen sprang er die Treppe hinab, ri
beinahe den Constabler um, dem Csar eben die Thr geffnet hatte, und sprang
mitten zwischen das Volk hinein.
    Hallo, Boys! rief er, als er hier mehrere Bekannte aus der Nachbarschaft
erblickte, seid Ihr gekommen, die Gerichte zu holen, oder was giebt's sonst?
Keine Spur von den Mrdern gefunden?
    Noch keine, Cook, sagte ein langer Virginier, der sich vorarbeitetete und
dem Freunde die Hand bot; ich denke aber, wir finden sie, haben auch noch gar
nicht gesucht, denn die Burschen da wollten sich absolut erst den Richter holen,
damit der Magistrat vor allen Dingen die Nase in die Geschichte stecke. Nun, mir
kann's recht sein, Zeit wr's aber, da auch in Helena ein bischen nachgesprt
wrde.
    Schndlich ist's! rief ein Anderer aus der Schaar - eine arme
alleinstehende Frau zu berfallen. - Das Haus mu versiegelt werden, bis ihre
Verwandten kommen - so eine gute, brave Seele, wie sie war.
    Nun, ihre Gte lie sich allenfalls noch tragen, murrte Einer von der
entgegengesetzten Seite, sie hat in letzter Zeit besonders viel mit
verdchtigem Gesindel verkehrt. - Aber, Donnerwetter, wenn das hier dem Einen
mitten in der Stadt passiren kann, so ist auch der Andere nicht besonders
sicher, und da mssen wir doch sehen, ob wir den Mrder nicht herausbekommen
knnen.
    Heda, Richter! schrie jetzt ein Vierter aus der Menge, macht, da Ihr
herunterkommt - die Zeit vergeht und die Schufte gewinnen mit jeder Minute nur
noch greren Vorsprung.
    Gentlemen, sagte Squire Dayton, der neben dem Constabler in der Thr
erschien, und die Versammelten aufmerksam und forschend zu prfen schien, mit
tiefer, fast tonloser Stimme, es ist, wie ich eben hre, ein entsetzlicher Mord
geschehen. Ohne Zgern sollen augenblicklich die nthigen Vorkehrungen -
    Ist schon smmtlich in bester Ordnung besorgt, fiel ihm hier der Virginier
ohne groe Umstnde in die Rede, der Constabler hat gleich Alles gethan, was
sich fr den Augenblick nur thun lie. Vor allen Dingen haben wir den Flu
besetzt, da uns kein Kahn entrinnen kann. Es fehlt jetzt nur noch eine
Untersuchung des Hauses selbst, ob wir dort vielleicht irgend eine Spur von den
Mrdern finden, und wir wollten Euch dazu abholen, Sir, damit die Sache doch
auch ein bischen gesetzlich aussehe und wir spter keine weiteren Umstnde
haben.
    Der Richter schaute wie in tiefen Gedanken die Strae hinunter und hinauf -
sein Antlitz hatte eine unheimliche Blsse angenommen, und seine Augen blickten
stier und glanzlos. Die Wege, die er bersehen konnte, waren menschenleer, Alles
schien sich dem Schauplatze des Mordes zugedrngt zu haben. Da tnte das
Gerusch knarrender Ruder an sein Ohr. - Sein Blick flog ber den Strom hin und
erkannte dort eins jener mchtigen Kielboote, die im Westen Amerikas gewhnlich
noch solche Flsse befahren, auf denen Dampfer nicht gut angewandt werden
konnten, wie sie auch manchmal auf dem Mississippi zu allerlei Zwecken benutzt
und, mit Waaren beladen, stromab gefhrt werden. Es trieb augenscheinlich auf
die Stadt zu, und vier Bootsleute arbeiteten langsam mit den schweren Finnen das
breitbauchige Fahrzeug dem Land entgegen. Dayton's Lippen umzuckte aber ein
triumphirendes Lcheln, denn auf der langen knarrenden Steuerfinne der
sogenannten Arche2) flatterte ein roth und grnes Fhnchen.
    Habt Ihr die Geschworenen schon zusammengerufen, Constabler? frug er und
wandte sich gegen diesen.
    Ja, Sir, sagte der Mann, sie werden wohl schon oben sein.
    So komm, Gentlemen, entgegnete der Squire und schritt, von den Wenigen
gefolgt, die bis dahin noch zurckgeblieben waren, rasch dem Hause der Wittwe
zu.
    Cook war schon ein kleines Stck voraus, und der Virginier wollte ebenfalls
gerade folgen, als er sich von der Hand eines jungen Burschen gehalten fhlte,
der ihn wie schchtern mit einem kaum hrbaren Sir anredete.
    Er ging in die gewhnliche Tracht der Hinterwldler gekleidet aber Alles,
was er trug, schien nicht fr ihn gemacht, und viel zu weit und gro. Der blaue
grobe Rock hing ihm frmlich auf den Schultern, und die Aermel bedeckten fast
seine Hnde. Besonders war ihm der alte schwarze Filz bis tief in die Augen
hineingerutscht. Der Virginier lachte, als er ihn ansah.
    Sir, sagte der Kleine und wandte sich, um den Davoneilenden nachzusehen,
halb von dem Mann, mit dem er sprach, ab - war der Eine - ich meine den mit dem
weien Filzhut - wirklich der Richter hier aus Helena?
    Ja wohl, mein Bursche, sagte der Lange - weshalb?
    Und er heit - wie heit er denn eigentlich?
    Dayton - Squire Dayton nennen sie ihn gewhnlich; - der Andere, der mit ihm
geht, ist der Constabler.
    Wohnt er hier in der Stadt?
    Wer? - Der Constabler?
    Nein, der Richter.
    Das versteht sich doch wohl von selber, wo denn sonst? Aber ich mu fort. -
Nun, was giebt's jetzt noch?
    Kennt Ihr ihn sonst nicht - ist er vielleicht - wit Ihr nicht, ob -
    Nein - kenne ihn weiter gar nicht, rief der Virginier und machte sich von
der Hand, die ihn hielt, frei, habe auch jetzt keine Zeit, denn ich mchte
nicht gern zu weit zurckbleiben. Wollt Ihr mehr ber ihn wissen, so steht da
oben am Fenster seine Frau, die wird Euch nhere Auskunft geben. - Und er eilte
fort, blieb aber gleich darauf unwillkrlich wieder stehen und sah sich nach dem
jungen Burschen um. Die Hand, die er eben in der seinigen gehalten, war so weich
und warm gewesen - der Hutrand hatte ihn bis jetzt noch ganz daran verhindert
gehabt, das Gesicht des Kleinen zu sehen. Dieser mute sich indessen rasch von
ihm abgewandt haben, denn er drehte ihm jetzt den Rcken zu und starrte nach dem
geffneten Fenster hinauf, aus welchem Mrs. Dayton ngstlich der davonstrmenden
Volksmenge nachschaute.
    Hallo, Mills! rief da Cook dem Virginier zu, kommt - wir drfen nicht die
Letzten drben sein.
    Ay, ay, lautete dessen Antwort, indem er dem Rufe rasch Folge leistete
bin gleich dort - merkwrdig zartes Brschchen das, murmelte er dann vor sich
selber hin, whrend er durch schnelleren Lauf das Versumte wieder nachzuholen
suchte, die Hand fhlte sich an wie fliegendes Eichhornfell - mu mir ihn doch
nachher einmal genauer betrachten.
    Der junge Bursche stand vor Squire Dayton's Thr allein, und sein Blick hing
stier an dem lieblichen Frauenbild, das sich bleich und thrnenden Auges aus dem
Fenster bog.
    Wenige Secunden schien er mit sich zu kmpfen, that ein paar schnelle
Schritte nach dem Hause zu - blieb nochmals stehen, wandte sich, als ob er den
Platz fliehen wollte, und trat dennoch pltzlich, wie von einem raschen
Entschlu bestimmt, hinein. Gleich darauf schlo sich hinter ihm die Thr.

                                     * * *

    Im Hause der sonst so genauen und ordentlichen Mrs. Louise Breidelford sah
es gar wild und schauerlich aus. - Die stets festverschlossen gehaltene Hausthr
stand heute weit geffnet, und aus und ein strmten Schaaren von Neugierigen,
treppauf treppab in dem kleinen Gebude. Freilich konnten sie nur ein einziges
Zimmer betreten, die brigen hatte der Constabler schon durch gewaltige
Vorhngeschlsser verwahrt, und nur hier und da suchten die in reichlicher
Anzahl versammelten Knaben und jungen Burschen durch Schlssellcher und
Thrspalten, wenn auch meist erfolglos, einen Blick in die geheimnivollen Rume
zu gewinnen.
    Oben in dem Zimmer aber, wo man die Leiche gefunden, standen in ernstem und
feierlichem Schweigen die Leichenbeschauer - geschworene Brger von Helena - und
sahen auf das bleiche, krampfhaft verzerrte Antlitz der Erschlagenen nieder.
Wunden hatten sich weiter nicht an ihr gefunden, als am Kopf. Dort war die Haut
von dem gewaltigen Faustschlag versehrt, und einzelne Tropfen geronnenen Blutes
zeigten die Stelle an, wo sie zum Tod getroffen worden. Der Richter, der zu den
Geschworenen trat, hielt ein Paket Papiere in der Hand, das man, nebst einigen
Schlsseln und einem Geldtschchen, bei ihr gefunden und ihm berliefert hatte.
    Der Constabler gab jetzt Bericht, wie man heute Morgen dem Mord auf die Spur
gekommen: Die Wachen wollten, ihrer Aussage nach, in der Nacht einen Schrei
gehrt haben, waren jedoch spter durch den Anblick der jetzt Ermordeten selbst
beruhigt worden, und achteten nicht weiter darauf, bis sie, und zwar erst mit
grauendem Morgen, zwei Mnner aus eben dieser Strae kommen und die Uferbank am
Flusse hinaufgehen sahen. Wohl fiel ihnen jetzt der gehrte Schrei wieder ein,
und sie schritten rasch hinter den Beiden her, verloren sie aber in Dunkelheit
und Nebel bald wieder aus den Augen. Indessen war, aber doch erst mit
Sonnenaufgang, das Mdchen zurckgekehrt, das Mrs. Breidelford am vorigen Abend
zu ihren vor der Stadt wohnenden Eltern geschickt hatte, und fand zu ihrem
Erstaunen die Hausthr nicht allein nur angelehnt, sondern auch noch unten im
Hause Manches in hchst auffallender Unordnung. Rasch lief sie die Treppe
hinauf, und ihr Hlfeschrei, als sie zurckschreckend die Leiche erkannte, rief
bald nachher die Nachbarn zusammen. Dort konnte natrlich ber den gewaltsam
verbten Mord - den noch berdies die wild in den Zimmern umhergestreuten Sachen
als Raubmord besttigten - kein weiterer Zweifel bleiben. Der Ausspruch der
Geschworenen lautete:
    Durch heftigen Schlag an den Kopf gewaltsam getdtet!
    Die Aufmerksamkeit der Mnner richtete sich jetzt auf das Zimmer selbst, um
hier vielleicht etwas zu entdecken, was auf die Spur der Mrder fhren konnte.
Besonders wichtig schienen hierbei einige Gegenstnde, die man, neben einer
geleerten Stew-Bowle und der niedergebrannten Lampe, auf dem Tische fand. Es
waren dies eine kleine lederne Brieftasche, ein gewhnliches, aber noch neues
und erst wenig gebrauchtes Jagdmesser mit ordinrem Holzgriff, und zwei
halbgerauchte und verlschte Cigarren. Mrs. Breidelford, obgleich das sonst im
Westen von Amerika nichts Ungewhnliches gewesen wre, hatte selber nie
geraucht. Mnner muten sich also auf jeden Fall, und zwar eine ziemlich geraume
Zeit, im Innern des Hauses, ja, wenn man das Zeugni der Wache annahm, auch mit
Bewilligung der Frau, aufgehalten haben. - Wer aber konnten diese gewesen sein?
    Cook, dem es grauste, in all' dem wilden lauten Treiben der Gerichtsbeamten
die Leiche der Frau mit dem blutigen Angesicht so kalt und starr daneben
ausgestreckt zu sehen, war mit dem Virginier wieder unten vor die Thr getreten,
whrend indessen oben die gefundenen Sachen von Hand zu Hand gingen und genau
besehen und geprft wurden.
    Unter den Leuten, die sich jetzt herzudrngten, befand sich auch ein
deutscher Krmer, der in Helena mit allerhand Sachen, sie mochten Namen und
Werth haben wie sie wollten, handelte. Dieser aber hatte kaum das Messer
gesehen, als er rasch danach griff, es von allen Seiten aufmerksam betrachtete
und schnell hin- und herwandte. Die Augen der Umstehenden hafteten schon auf
ihm, als wenn sie eine Erklrung erwarteten. Da sagte der kleine Mann, whrend
er das Messer in die Hhe hob und die rechte Hand dabei auf's Herz legte:
    Soll mer Gott helfe - ich wai, wem das Messerche ischt.
    Und wem gehrt es, Bamberger? rief der Constabler und fate den kleinen
Burschen an der Schulter - heraus mit der Sprache, Mann. - Die Frau ist
allerdings mit keinem Messer getdtet, aber der Mrder kann es hier vergessen
haben.
    En elender Mensch will ich sain, betheuerte Bamberger, indem er sich gegen
den ihn scharf beobachtenden Richter wandte - en erbrmlicher, elender Mensch,
wenn's Messerche nich  jungem Borschen vom Lande isch - Schmes Lively hait er
met Nomen. - Hot er mer doch erscht am vergangena Donnerschtog  blanken baaren
Silberdoller defir gegebe.
    James Lively, brummte der Constabler, nun, der hat die Frau nicht
ermordet - wei aber der Henker, wie sein Messer hier hereinkommt.
    James Lively? wiederholte der Richter schnell - das wre wunderbar - wo
ist Mr. Cook? Nach jenes Mannes Gestndni soll er selbst, gerade mit diesem
James Lively heute Morgen, schon vor Tagesanbruch, in Helena gewesen sein.
Watchman - Ihr saht heute Morgen zwei Mnner rasch am Fluufer hinaufgehen?
    Ja, allerdings, entgegnete der Angeredete - aber ich kann natrlich nicht
gewi behaupten, da es die Mrder waren.
    Gentlemen, sagte der Richter ernst - die Sache verdient mehr Erwgung,
als Sie vielleicht jetzt glauben. - Dieser Cook ist ganz pltzlich, und zwar
gleich nach jenem am Fourche la fave gehaltenen Regulatorengericht, von dort her
hier eingetroffen.
    Das spricht in der That nicht besonders fr Cook, erwiderte der
Constabler, James Lively aber ist ein ehrlicher braver Mann, und als solcher
auch hinlnglich bekannt.
    Sein Messer ist hier gefunden worden, sagte ruhig der Richter.
    Ja - und zum Henker auch - wir wollen den Burschen doch erst einmal
sprechen, fiel hier Einer der Beistehenden ein. Auf jeden Fall sind die
Beweise stark genug, einen Verdacht zu erwecken. Ueberdies mchte ich hier noch
bemerken, da vorgestern erst - kaum eine Meile von eben dieses Lively Haus
entfernt - ein Mann erschlagen und beraubt gefunden worden ist. - Und wenn er
auch des Constablers Freund wre -
    Halt da, Sir, fiel ihm der Constabler in's Wort, es soll Niemand sagen,
da ich meine Freunde begnstigte. - Ich bin augenblicklich bereit, James Lively
zu verhaften, desto schneller wird er seine Unschuld beweisen knnen.
    Heda - wer sagt hier 'was gegen James Lively oder Bill Cook? rief in
diesem Augenblick der Letztere, indem er rasch in die Thr sprang. Ein Freund
von ihm hatte ihn schnell gerufen, damit er sich gegen die auftauchende Anklage
vertheidigen knnte. Hier kommt Cook, und Lively ist auch nicht weit - wer hat
Muth oder Unverschmtheit genug, meiner Mutter Sohn einen Mord in's Gesicht zu
werfen?
    Halt, Sir, bedeutete ihn ernst der Squire - nicht mit Prahlen kann solche
Sache beseitigt werden. Hier - dieses Messer hat man auf dem Tische neben der
Ermordeten gefunden.
    Cook drngte sich durch die ihm bereitwillig Raum gebenden Mnner zum
Richter hin, erblickte aber kaum das Messer, als er auch die geballte Faust auf
den Tisch schlug und ausrief:
    Heilige Dreifaltigkeit! - Hat dieser neunhutige Schurke auch hier wieder
die Hand mit im Spiele? - Steckt denn die blutige Bestie berall? Aber wart', Du
sollst uns nicht lange mehr ffen, einmal kommst Du uns doch in die Hnde, und
dann -
    Sir? sagte der Richter ungeduldig.
    Dieses Messer, wandte sich jetzt Cook rasch gegen ihn, kann kein Anderer
als der berchtigte Cotton hierhergebracht haben. - Der hat es vorgestern Abend,
mit noch zwei Kugeltaschen, aus unserem Hause gestohlen. Jetzt drfen wir aber
auch keinen Augenblick mehr verlieren, wenn wir diesen niedertrchtigen Schurken
noch erreichen wollen. Kommt, Leute, hier gilt es den Staat von einer wahren
Geiel zu befreien!
    Der Constabler vertrat ihm auf einen Wink des Richters den Weg, und dieser
frug jetzt, ohne des jungen Mannes Entrstung darber weiter zu beachten:
    Wann sind Sie heute nach Helena gekommen, Sir?
    Ich? Weshalb? rief Cook rgerlich.
    Ich verlange meine Frage beantwortet, lautete die ernste Entgegnung.
    Nun gut denn, heute Morgen.
    Und zu welcher Zeit?
    Ei, zum Donnerwetter - ich fhre keine Taschenuhr bei mir, sagte Cook
unwillig - 's war noch dunkel - das mag Euch gengen!
    Und wo hlt sich der junge Mann jetzt auf, der, wie Ihr sagt, mit Euch
gekommen ist, und dem dieses Messer hier gehrt?
    Squire Dayton - ich habe darber schon heute Morgen -
    Ich mu Sie bitten, Sir, meine jetzigen Fragen einfach zu beantworten. Wo
ist James Lively in diesem Augenblick?
    Squire, sagte Cook und richtete seinen Blick fest und ernst auf den
Richter - es will mir fast so vorkommen, als ob hier eine Art Spiel mit mir
getrieben werden sollte - Wetter noch einmal, ich bin kein Kind mehr! Was
bedeuten diese Fragen?
    Einer Frage gebhrt auch eine Antwort, sagte in diesem Augenblick eine
scharfe, schneidende Stimme, und ein langer, hagerer Mann, dem vier oder fnf
Andere, ebenfalls Fremde, folgten, wandte sich freundlich gegen den jungen
Farmer. Fast Aller Blicke hefteten sich verwundert auf die so pltzlich
Eintretenden, der Richter aber fuhr mit einem freudig berraschten - Ah! -
empor, streckte dem Ersten die Hand entgegen und rief in frohem Erstaunen:
    Mr. Porrel, von Sinkville. - Sie kommen wie gerufen, um Theil an unseren
Verhandlungen und Geschften zu nehmen, die, wie ich fast zu frchten anfange,
gar ernster Art werden knnten.
    Guten Morgen, Squire, sagte der eben Gekommene - - es ist, wie ich hre,
ein Mord geschehen -
    Lassen Sie sich die Geschichte ein anderes Mal mittheilen, rief Cook
unwillig dazwischen und wandte sich der Thr zu - wir haben jetzt keine Zeit
weder fr Erzhlungen noch fr leere Gerichtsformen, wenn wir nicht die
Schuldigen inde wollen entfliehen lassen. Hallo, meine Burschen, wer geht mit
mir?
    Ei, eine ganze Menge, denk' ich, sagte der Virginier und sah sich dabei im
Kreise um - vor allen Dingen mssen wir die Kneipe da oben aufheben.
    Halt, Sir - Ihr seid mein Gefangener! rief in diesem Augenblick der
Constabler und legte seine Hand auf die Schulter des Farmers - im Namen des
Gesetzes!
    Das Gesetz soll zum Teufel gehen! schrie der Backwoodsman, der keineswegs
gesonnen schien, sich solcher Willkr geduldig zu fgen. - Zurck da, Mann -
hierher, Virginny - hierher, meine Helena-Burschen! Das ist Gewalt!
    Schtzt das Gesetz! rief es aber von allen Seiten, und wenn der junge
riesige Hinterwldler auch den Constabler wie einen Federball zurckschleuderte
und, von dem Virginier und zwei oder drei Anderen untersttzt, der Thr
zukmpfte, so sahen sich diese doch bald von der Uebermacht bewltigt, die Cook
endlich umschlangen und trotz seines wthenden Strubens mit schnell
herbeigebrachten Stricken banden.
    Die Pest ber Euch! schrie der Farmer und suchte, freilich vergebens,
seine Arme frei zu bekommen - nennt Ihr das Gesetz, ehrliche Mnner
festzuhalten, damit Eure Schurken frei ausgehen? Und Ihr da - vermaledeiter
Dintenkleckser - Dayton oder Wharton, wie Ihr nun heien mgt, Ihr sollt mir
Rede stehen fr dies - Hallo, Virginny - sind denn keine Mnner mehr da?
    Raum da! schrie in diesem Augenblick der baumlange Virginier und strzte
sich mit einigen rasch geworbenen Freunden auf's Neue zwischen die hinein, die
Cook gefangen hielten.
    Schtzt das Gesetz, tnte es ihm aber berall entgegen, und nur Widerstand
fand er, wo er Hlfe erwartet. Es schien auch fr kurze Zeit wirklich zu einem
ernsten Kampfe zu kommen, die Mehrzahl befand sich jedoch zu stark auf Seiten
der gesetzlichen Partei - die Uebrigen waren nicht im Stande, den Gefangenen zu
befreien, und Dayton, der mit kaltem Lcheln dem tollen Wirni zugeschaut hatte,
gab jetzt ruhig den Befehl, den Gefangenen in die Jail hinber zu schaffen.
    Virginny! rief Cook, als er unten in der Thr stand und den Virginier sah,
der sich noch immer vergebens bemhte, bis zu ihm hinzudringen - wollt Ihr mir
einen Gefallen thun?
    Ruhe da, Sir! rief der Constabler - kein Wort weiter, oder -
    Ay ay! rief der Lange hinber.
    Keine Verabredungen, Sir, - duldet keine Verabredungen Constabler! schrie
jener Mr. Porrel und eilte rasch herbei - Leute - bringt die Beiden
auseinander.
    Warnt James Lively! schrie da der Farmer, so laut er schreien konnte, und
sah sich im nchsten Augenblick von den Wchtern erfat und fortgerissen.
    Ja, aber - wo find' ich ihn? rief der Virginier zurck.
    Fort da - weg mit dem Burschen - habt Acht auf Euch - damn you - schlagt
ihn zu Boden, tobte es indessen von allen Seiten, und whrend die Einen den
Farmer mit sich auf die Strae zogen, verhinderten die Anderen den Virginier,
ihm zu folgen, so da, ehe er im Stande war, sich Bahn zu brechen, die Thr des
County-Gefngnisses hinter dem jungen Mann in's Schlo fiel.
    Der Virginier schritt, da er sah, da jeder weitere Versuch vergebens sein
wrde, die Strae hinunter, whrend sich die Uebrigen theils um das Haus der
Wittwe schaarten, das der Constabler eben verschlo, theils auf dem Platze
selber zusammentraten und das Geschehene mit einander besprachen. - Mit seinem
Auftrag war er aber gar nicht zufrieden. Hm, brummte er vor sich hin und schob
die Hnde in die Taschen jetzt soll ich Jimmy Lively warnen - da werd' ich nach
Livelys hinauslaufen knnen. - Zum Henker auch - ob man denn hier nicht irgendwo
ein Pferd kriegen knnte. - He, Bob! rief er dann einen Bekannten an, der auf
der andern Seite der Strae dem eben beschriebenen Schauplatz gerade zueilte -
wer borgt Einem wohl in der Stadt ein Pferd, wenn man keins hat?
    Smart, lautete die allerdings lakonische Antwort, und der Angeredete, der
sich weiter gar nicht nach dem Frager umschaute, eilte rasch vorwrts.
    Smart? - so? murmelte der Virginier und sah dem Laufenden nach -
verdammte Eile - kommt auch noch zur rechten Zeit - Smart, mu einmal zu Smart
gehen und hren, was er sagt. Da der Henker brigens das Reiten hole - bin noch
in meinem Leben auf keinem so vierbeinigen Dinge gesessen, auer einmal, wo's
mich aber schon abwarf, eh' ich nur recht aufgestiegen war.
    Und mit leise in den Bart gebrummten Flchen schritt der Lange dem
Union-Hotel zu, dort sein Glck zu versuchen.

                                    Funoten


1 Das Opossum, die amerikanische Beutelratte, stellt sich, wenn angegriffen oder
auch nur berhrt, augenblicklich todt und lt Alles ber sich ergehen; es ist
daher ein in den Backwoods sehr hufiges und allgemeines Sprchwort fr
Jemanden, der sich verstellt, zu sagen: Er spielt Opossum.

2 Eine hufige Benennung dieser Fahrzeuge.


                                      33.

                                        

       Squire Dayton beschliet, mit seinem Weibe aus Helena zu fliehen.

Squire Dayton war, whrend sich das brige Volk zerstreute, mit Porrel und einem
Theil seiner Verbndeten zurckgeblieben, und stand, die Arme fest verschlungen,
mitten auf dem breiten Platze, der Mrs. Breidelford's Haus von dem Gefngni
trennte. Er wute recht gut, da sich jetzt - vielleicht heute noch - nicht
allein sein Schicksal, sondern auch das aller Uebrigen entscheiden mute, und
tollkhne Plne waren es, die fr den Augenblick sein Hirn durchkreuzten. Sollte
er hier der Gefahr ausgesetzt bleiben, verrathen und vielleicht einmal
berrascht und gefangen zu werden? Sein Blick schweifte wild ber die wogenden
Menschenmassen hin -, oder sollte er sich - der Macht, die er jetzt um sich
versammelt sah, vertrauend - im letzten entscheidenden Streich den Feinden
entgegen werfen? Noch war ihm Zeit gegeben, das, was er an Schtzen angehuft,
in Sicherheit zu bringen, der nchste Augenblick vernichtete vielleicht schon
alle Hoffnungen und Plne. - Porrel, der eben erst von Sinkville eingetroffene
Verbndete, mochte ahnen, was in seiner Seele vorging, er schritt auf ihn zu,
blieb wenige Secunden neben ihm stehen, und flsterte dann, indem er leise seine
Schulter berhrte:
    Nun, Sir - beschliet rasch, was Ihr thun wollt, unsere Augenblicke sind
gezhlt.
    Wit Ihr? frug Dayton und schaute fragend zu ihm auf.
    Ich wei Alles, entgegnete mrrisch der Fremde, - Sander, der Euch oben
im grauen Bren sehnschtig erwartete, hat mir wenigstens das Wichtigste
mitgetheilt.
    Wo ist Simrow? frug der Squire rasch, - habt Ihr nichts von ihm gesehen?
    Die Pest ber den Burschen, rief der Advocat, ich habe ihm nie getraut!
    Dayton sah ihm berrascht und mitrauisch in's Auge.
    Wahrscheinlich spielte er ein falsches Spiel, fuhr Porrel, ohne den Blick
zu beachten, fort, so viel ist gewi, er hatte sich, als der alte Benwick kaum
begraben war, bedeutender Capitalien ganz gegen seinen Auftrag bemchtigt und
wollte damit fliehen. Ein paar Georgier setzten ihm nach, holten ihn ein und -
schossen ihn glcklicher Weise gleich nieder.
    Und das Testament? frug Dayton mit fest zusammengebissenen Zhnen.
    Man soll allerlei darber munkeln, grollte der Sinkviller, ich glaube, es
wird das Beste sein, wenn wir uns nicht weiter um die Sache bemhen.
    Sind denn alle Teufel heut auf einmal losgelassen? rief der Richter, mit
dem Fue stampfend. Mord und Tod! Es ist ja fast, als ob uns das Schicksal
selbst zum letzten entscheidenden Schritt treiben wollte.
    Verzgert den wenigstens so lange als mglich, warnte Porrel, denn wenn
der milingt, sind wir natrlich verloren, weil es eben der letzte war.
    Seid auer Sorge, entgegnete finster der Richter, wir haben bisher zu
trefflich gebaut, um uns jetzt, Wahnsinnigen gleich, das Sparrwerk selber ber
den Huptern zusammen zu reien. Ich habe einen Plan entworfen, der uns nicht
allein Freiheit, sondern auch Rache sichert. Vor allen Dingen mssen wir aber
die Unseren, die sich noch oben im grauen Bren aufhalten, in Sicherheit
bringen. - Wohl ahn' ich, wer der Rasende war, der am Tage der Entscheidung
durch einen solchen Mord uns Alle der grten Gefahr aussetzte, doch drfen wir
die Kameraden nicht verderben lassen, und dorthin wird sich die bis jetzt nur
mhsam gedmmte Rache des Volkes am ersten Bahn brechen. Eilt also schnell
hinauf und schickt mir Alle, die man hier in Helena nicht kennt, augenblicklich
herunter, Sander aber mit Thorby und - noch einigen Anderen, die ich dort
vermuthe, mgen gleich den oberhalb liegenden und fr sie bestimmten kleinen
Chickenthief1) benutzen und so rasch als mglich mit der Strmung unterhalb
Helena antreiben.
    Was aber zum Donnerwetter habt Ihr vor? sagte Porrel rgerlich; thut doch
nicht so verdammt geheimnivoll und schiet einmal los. Wie kann ich denn sonst
wissen, wie ich zu handeln habe?
    Die Sache soll fr Euch Alle gar kein Geheimni mehr sein, entgegnete der
Fhrer. Wollten wir jetzt, in offenem Ansturm, das Dampfboot, das gerade an der
Landung liegt, nehmen, so wrde uns natrlich die ganze Bevlkerung von Helena
nicht daran hindern knnen, ich selbst verstehe ein Dampfboot zu fhren, und der
Van Buren ist auch schnell genug, um jeder Verfolgung zu spotten.
    Weshalb greifen wir denn da nicht zu? sagte Porrel - wo bte sich eine
bessere Gelegenheit?
    Wir selbst wren vielleicht im Stande, uns zu retten, fuhr Dayton, den
Einwurf nicht beachtend, fort, drften es aber gar nicht wagen, an der Insel zu
halten. Das Land wre augenblicklich in Aufruhr, und Ihr wit recht gut, da bei
dem jetzigen Wasserstand fast keine Stunde vergeht, in der nicht Dampfboote hier
vorbeikommen, die wir dann augenblicklich auf den Fersen htten. Nicht allein
unsere ganze, mhsam aufgespeicherte Beute wre in dem Fall verloren, nein, auch
unser Leben fast mehr als gefhrdet, wir mssen daher sicher gehen.
    Aber wie das? frug Porrel gespannt.
    Einfach genug, sagte der Richter. Die Existenz der Insel ist den Farmern
verrathen; wie ein Lauffeuer fliegt jetzt die ihnen fast noch fabelhaft
scheinende Mhr von Mund zu Mund. Leugnen knnen wir es nicht mehr und eben so
wenig den Sturm aufhalten, der sich noch heute dort hinunter wlzen wird. Ein
einziges Mittel giebt es nur, den Todesstreich, der unserem Haupte droht, nicht
allein abzuwenden, sondern auch auf Stirn des Feindes zurckzufhren. In wenigen
Stunden werden wir Hunderte von berittenen Waldleuten hier in der Stadt sehen,
dieser Cotton hat das ganze Land gegen uns in Aufruhr gebracht, und offenen
Kampf in Helena drfen wir nur als letzte Rettung wagen. Sie werden jetzt
ungesumt gegen die Insel aufbrechen wollen; bleiben wir zurck, so erregen wir
nicht allein Verdacht, sondern theilen auch zugleich unsere Krfte, also mssen
wir vereint mit den Feinden sie scheinbar begleiten und untersttzen. - Einen
Boten habe ich vor etwa einer Viertelstunde schon abgeschickt, der setzt die
Insulaner von unserem Plane in Kenntni. Wir selbst aber, mit allen
kampfesfhigen Mnnern des Countys, ziehen mit dem United States-Paketboot gegen
die Insel. In etwa zwei Stunden landet ews hier auf seiner Fahrt von Memphis
nach Napoleon, und mu mir als Richter zu diesem Zweck, wo es die Sicherheit des
ganzen Staates gilt, zu Diensten stehen. Meine wackeren Backwoodsmen wrden auch
gar nicht anstehen, den Capitain zu zwingen, sollte der wirklich genewigt sein,
Schwierigkeiten zu machen.
    Porrel nickte lchelnd mit dem Kopfe.
    So dampfen wir rasch zur Insel hinunter, fuhr Dayton, schon in der
Begeisterung des Kampfes, freudig fort. Dort ordne ich die Schaaren; die
Unseren unter die Farmer gemischt und in ihrem Rcken, bis wir das Fort in Sicht
haben, hinter dem die Freunde lauernd des Zeichens harren. Langes Zgern dulden
die Hinterwlder nicht, in ihrem tollen Muth werden sie blind darauf losstrmen
wollen. Dann aber brechen die Insulaner von allen Seiten hervor, wir fallen den
berraschten Gegnern in die Flanke, und in dem dichten Unterholz unserer
Verhaue, von Denen selbst angegriffen, die sie bis dahin als die Ihrigen
betrachtet, erschreckt - zerstreut - werden sie nicht einmal mehr wissen, gegen
wen sie sich vertheidigen, wen sie bekmpfen sollen. Haben wir dann gesiegt -
und der Sieg mu unter diesen Umstnden ein ganz leichter sein -, dann schaffen
wir unsere Schtze auf das dort liegende - auf unser Dampfboot, und fort mit
wehender Flagge durch den Atchafalaya fliegen wir in den Golf von Mexico.
    Der Plan ist vortrefflich! rief Porrel - die hitzkpfigen Hinterwlder
gehen unbedingt in die Falle - aber - weshalb haltet Ihr da noch Cook und den
andern Bootsmann gefangen? Das wird bses Blut machen.
    Sie htten mir durch ihre Hitze den ganzen Plan verdorben, sagte Dayton -
eilt nur jetzt hinauf zum grauen Bren, da wir die Unseren frh genug
zurckziehen, und nachher bleibt uns immer Zeit, die Gefangenen zu befreien -
wenn das berhaupt ntig ist. Vielleicht sind wir sogar im Stande aufzubrechen,
ehe sie Allle hier eintreffen, desto leichtere Arbeit haben wir dann. Auf jeden
Fall mssen wir suchen, Einen von ihnen, den jungen James Lively, hierher zu
bekommen, ehe er uns die ganze wilde Schaar auf den Hals hetzt und - auch mehr
vielleicht sieht, als gerade nthig ist. - Er liegt in dem kleinen, dem grauen
Bren fast gegenber befindlichen Kieferndickicht versteckt, um von dort aus das
ihm verdchtige Haus zu beobachten. Bringt ihn wo mglich in Gutem mit her, geht
aber das nicht - ei, dann auch mit Gewalt. - Es ist derselbe, dessen Messer in
dem Hause der Ermordeten gefunden wurde.
    Gut! sagte Porrel und rieb sich freudig die Hnde, vortrefflich, da
giebt's doch endlich einmal ein ordentliches Dreinschlagen, wo man nicht mehr
s und freundlich zu sein braucht. Tod und Teufel, das Leben hatt' ich satt -
nun wei man doch, woran man ist, und braucht nicht mehr in steter Angst und
Noth zu leben. Also Good bye - meinen Auftrag richt' ich aus, sorgt Ihr nur auch
dafr, da wir, wenn das Memphis-Paketboot kommt, die Unseren alle beisammen
haben.
    Und rasch eilte er die Strae hinab, wo er bald ein paar seiner Freunde an
sich rief und mit ihnen um die Ecke der seitabfhrenden Gasse verschwand.
    Der Squire schritt indessen langsam und sinnend der eigenen Wohnung zu.

                                     * * *

    Wer war der Knabe, der da eben das Haus verlie? frug Squire Dayton, als
er in die Thr trat und, auf der Schwelle stehend, nach einem jungen Burschen
zurcksah, der jetzt flchtigen Laufes die Strae hinabeilte. Was wollte er,
und von woher kommt er?
    Gott wei es, Massa, sagte Nancy, die ihrem Herrn zugleich einen eben fr
ihn eingetroffenen Brief berreichte - noch gar nicht so lange ist's, da kam er
herein - ging zu Missus hinauf, blieb ein paar Augenblicke oben, und wre dann
beinahe die Treppe wieder heruntergefallen. Unten setzte er sich auf die Stufen
da hin und weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte. Weil ich mich vor ihm
frchtete, schickte ich den neuen Nigger zu ihm, den Massa gestern mitgebracht
hat. Von dem wollte er aber gar nichts wissen, steckte den Kopf fest unter die
Arme - er schmte sich wahrscheinlich, weil er weinte - und rhrte und regte
sich nicht. Erst als Bolivar wieder fort war, stand er auf, drckte sich den Hut
fast bis in die Augen hinein und verlie rasch das Haus - keine zwei Minuten,
ehe Massa kam.
    Sind die Damen oben? frug der Squire jetzt, ohne des fremden Burschen
weiter zu gedenken.
    Mi Adele ist nach Mr. Smarts gegangen, erwiderte Nancy - Missus ist aber
oben, soll ich -
    La nur, sagte der Squire und stieg langsam die Stufen hinauf - kme
Jemand und frge nach mir, so mag er hier im Zimmer warten. - Ich bin gleich
wieder unten.
    Der Friedensrichter Helenas - der blutige Piratenhuptling des Mississippi -
betrat das Gemach seines braven, unschuldigen Weibes, das keine Ahnung hatte,
welche Verbrechen die Brust barg, die ihr Liebe gelogen und ihr reines Herz an
sich zu fesseln gewut hatte.
    Das Zimmer war leer - Hedwig sa whrend Adelens Abwesenheit oben am Bett
der armen Marie. Dayton aber blieb an der Thr stehen und lie die Augen sinnend
in dem kleinen friedlichen Raum umherschweifen, wo er Alles, Alles besa, was
ihn zum Glcklichsten der Menschen htte machen knnen, Alles, was das Herz
eines braven, rechtlichen Mannes mit Stolz erfllen mute. Aber der Ehrgeiz
hatte die scharfen, giftigen Krallen in seine von wilden Leidenschaften
durchwhlte Brust gehauen, - kalte Berechnung allein leitete seine Handlungen,
und das Heiligste opferte er rcksichtslos dem eigenen Ich. Wohl giebt es
Tausende, wie er war - Menschen mit eisernem Herzen, die eben so kalt und
entsetzlich in das Leben hineingreifen und alles Andere rcksichtslos unter die
Fe treten, wenn sie nur fr sich jede Lust, jede Befriedigung ihrer Wnsche
erlangen knnen; aber der kecke, tollkhne Muth fehlt ihnen, den der
Piratenhuptling in so entsetzlichem Mae besa - sie strecken die spitzigen,
behandschuhten Finger vorsichtig aus, da sie nirgends anstoen, und nur dann,
wenn sie sich vollkommen unbeachtet wissen, zeigen sie sich in ihrer wahren
Gestalt. - Und die Welt ehrt sie - das Gesetz schtzt sie, denn es ist ihm
gegen sie ja nichts bekannt geworden, aber dennoch fluchen ihnen zahllose
Unglckliche, die sie elend gemacht, die Verwnschungen der Wittwen und Waisen
heften sich an ihre Sohlen, und Schtze und Reichthmer, in verzweiflungsvoller
Stunde an fromme Stiftungen hinausgeschleudert, knnen nicht die feige Angst der
letzten Augenblicke betuben.
    Anders war es mit dem Fhrer jener gesetzlosen Schaar - seine Rechnung mit
dieser Welt hatte er abgeschlossen und ruhig und fest sein Facit gezogen. Er
scheute weder den Tod, noch achtete er das Leben, deshalb aber war er gerade so
entsetzlich, so frchterlich geworden, denn die Gesetze der Menschen konnten ihn
nicht mehr schrecken, Glaube und Schwur an das Heiligste ihn nicht mehr binden.
Fest und bestimmt ging er seine verbrecherische Bahn, und wie auf dem Brett die
Schachfiguren, so stellte und benutzte er die Menschen zu seinen Zwecken und
Plnen - nur dann besorgt um sie, wenn ihr Verlust ihm selber schaden konnte.
    Und jetzt, als er so dastand und wilde Scenen des Bluts und Entsetzens vor
seinem innern Auge vorberglitten, schweiften seine Blicke, im Anfang fast
bewutlos, ber den kleinen, freundlichen Raum hin, der ihn umschlossen hielt.
Mehr und mehr aber hafteten sie an den einzelnen Gegenstnden, die Gegenwart
erzwang sich den Eintritt in sein Herz, und zum ersten Mal vielleicht seit
langer Zeit durchzuckte ihn ein Gedanke an das, was er sein knnte, an das, was
er war. - Hier - hier wohnte Liebe und Treue - hier schlug ein Herz fr ihn, das
ihm mit freudigem Lcheln in Noth und Elend gefolgt wre - hier athmete ein
Wesen, das nur in ihm seine Seligkeit kannte, - und er -?
    Die Sonne schien warm und freundlich in das trauliche Gemach, die finsteren
Nebelschatten hatte sie berwunden und spielte jetzt in funkelnder Luft mit den
Staubkrnchen, die der Schritt des finstern Mannes aufgeregt hatte, legte sich
ber die bunten Farben des Teppichs hin, dem sie noch weit hhern Glanz verlieh,
und drang wie ein neugieriges Kind in alle Winkel und Ecken. Dort aber, an dem
einen Fenster, wo sich ihre Strahlen erst sanft und leise durch blhende Myrten-
und Rosenstcke stahlen, die Orangeblthe kten und die sanfte Vanille, und
einen purpurnen Schein zogen um die blaurothen Glocken der prachtvollen Fuchsie,
da ruhten sie auch um so friedlicher und lieber auf dem freundlichen Pltzchen
der Herrin vom Hause: auf dem weichgepolsterten Stuhl und dem kleinen zierlichen
Mahagoni-Nhtisch, auf den Strick- und Arbeitskrbchen und dem kleinen
eingespannten Stickrahmen. Selbst nach der zierlichen Fubank blinzelte ein
etwas gar zu geschftiger Strahl hinab, und von Blumen und grnem Laub umgeben,
auf dem noch die klaren Perlen des Frhtrunks blitzten und funkelten, lag ein
Zauber ber dem Ganzen, der nicht beschrieben, nur gefhlt und empfunden werden
konnte.
    Und in diesem Kreise huslicher Glckseligkeit und Ruhe stand die dunkle
ernste Gestalt des Mannes, der ihn zum Paradies htte schaffen knnen, wie der
vernichtende starre Todesengel - die Faust schon zum letzten frchterlichen
Schlage erhoben. Sein Auge aber, das immer wilder und ngstlicher den Raum
berflog, haftete endlich, fast unwillkrlich, an dem Bilde seines Weibes, das
neben dem seinigen dort drben hing. Das waren die sanften Engelszge des holden
Angesichts, die mit freundlichem Lcheln zu ihm herberblickten, das war das
treue dunkle Auge, das ihm damals Liebe - Liebe, wie sie nur das Weib gewhren
kann, geschworen, und ihren Schwur nie - nicht einmal durch einen leisen
Gedanken gebrochen hatte, - und er?
    Starr und regungslos stand er dort, seine Hnde hatten sich krampfhaft
geballt und Alles um ihn her schien sich pltzlich im tollen, wirren Kreise mit
ihm zu drehen. Da rang sich das Herz noch einmal frei, einmal noch tauchte es
auf aus Snde und Verbrechen, die Zeit kehrte vor sein inneres Auge zurck, wo
er zuerst die holde zchtige Jungfrau gesehen und um sie geworben hatte. Was
hatte er ihr damals gelobt, welche Schwre hatte er der hold Errthenden in das
Ohr geflstert, und jetzt - jetzt? War er nicht hierher gekommen, um diesen Raum
auf immer zu meiden? War er nicht hierher gekommen, um Die zu verlassen, die
kein Glck weiter kannte als das, welches sie an seiner Seite, in seiner Liebe
fand? Wollte er nicht jetzt mit roher Hand das Band zerreien, das in dem Herzen
seiner Gattin die festen, unzerreibaren Wurzeln geschlagen? Der Gedanke an
Alles, Alles, was sie ihm bisher gewesen, so lange und gewaltsam zurckgehalten,
strmte da mit ganzer vernichtender Kraft auf ihn ein. -
    Hedwig - Hedwig! sthnte er und barg das bleiche, starre Antlitz
verzweifelnd in den Hnden.
    Da vernahm er auf der Treppe leichte Schritte, - sie war es selbst, und
krftig zwang er den Schmerz hinein in sein altes Bett. - Die Zge nahmen wieder
ihren starren Ernst an, nur die Augen lagen noch hohl und glanzlos in ihren
Hhlen, und seine Wangen waren bleich und gefurcht.
    Georg! rief die junge schne Frau, als sie in die Thr trat und freudig
erstaunt den fern geglaubten Gatten erkannte - Georg - Gott sei gedankt, da Du
wieder bei mir bist. Ach, Georg, ich kann Dir gar nicht sagen, wie beengt mir
das Herz war, als Du heute von mir gingst.
    Nrrisches Kind, sagte der Squire, und ein mattes Lcheln zuckte um seine
Lippen, mut Dir nicht unnthige Sorge um mich machen; es giebt Leid genug in
der Welt - wir sollten es nicht bei den Haaren herbeiziehen.
    Thu' ich denn das? flsterte Hedwig bittend - sieh nur einmal, Georg,
sieh nur, wie bleich und angegriffen Du aussiehst - habe ich da nicht Ursache,
besorgt zu sein?
    Sie zog ihn mit leiser Hand vor den breiten Spiegel, der zwischen den beiden
Fenstern befestigt war, und Dayton's Blick fiel auf das Glas; rasch aber wandte
er sich ab - sein eigenes Antlitz neben dem ihren - der Gegensatz war zu
frchterlich. Da wurden rasche Hufschlge auf der Strae gehrt. - Mrs. Dayton
wandte sich unwillkrlich dorthin, und Beide riefen im gleichen Moment, gleich
berrascht aus:
    Adele!
    Und wohl hatten sie Ursache, erstaunt sein, denn auf schnaubendem Rappen,
das Kpfchen gegen den scharfen Luftzug niedergebogen, das Sonnenbonnet mit der
Linken haltend, inde sie mit der Rechten die Zgel des feurigen Thieres
regierte, flog Adele in sausendem Galopp vorbei, und kaum war der Ruf ihren
Lippen entflohen, so verschwand auch schon die wilde Reiterin um die nchste,
dem obern Theil des Fluufers zufhrende Ecke.
    Nun seh' Einer das tolle Mdchen an, sagte endlich Mrs. Dayton, whrend
der Squire im ersten Augenblick einen raschen, fast unwillkrlichen Schritt nach
der Thr gethan hatte, als ob er sie zurckhalten wollte, jetzt aber wieder
langsam zum Fenster trat - kein Pferd ist ihr zu wild und unbndig, sie mu es
besteigen; was sie nur wieder vorhaben mag? Sie wird es so lange treiben, bis
sie einmal wirklich Schaden nimmt.
    Der Richter sttzte die Hand auf das Fensterbrett und blickte sinnend der
Richtung nach, welche die Reiterin genommen. - Was wollte Adele dort? Weshalb
trieb sie ihr Pferd zu so wilder, entsetzlicher Eile an? War etwas vorgefallen,
was ihn selbst bedrohte?
    Dayton! rief seine Frau, die sich jetzt gegen ihn umwandte - Du siehst
todtenbleich aus, fehlt Dir etwas?
    Mir? sagte der Squire und bog sich mit einem krankhaft gezwungenen Lcheln
zu ihr nieder, mir? Was soll mir fehlen, Du wunderliches Kind? Nur den Kopf
hab' ich voll von all' dem Lrm und Treiben dieser guten Stadt. - Mir wird
dieses wilde, ruhelose Leben nachgerade verhat.
    Ach, Georg! flsterte die junge Frau und schmiegte sich leise an den
Gatten an, wie oft ist es - lange, lange Nchte hindurch, die Du fern von mir
weilen mutest - mein heier, inniger Wunsch gewesen, da Du dieses Leben
wirklich verlassen mchtest. Sieh, Du bist hier geachtet und geehrt, bist der
Erste in dieser Stadt, und ich kann begreifen, da der Ehrgeiz einen Theil an
dem Herzen des Mannes haben mu, wie es dem des Weibes fremd sein sollte; aber
Deine Gesundheit leidet, Deine Krfte reiben sich auf; Aerger und mhevolle
Arbeiten und Pflichten rauben Dir jede Ruhe, halten Nchte lang den Schlaf von
Deinen Augen. Ach, wenn Du Dich losreien knntest von all' diesem Schaffen und
Treiben, wenn Dir das Herz Deines Weibes gengte, das nur durch Dich, nur in Dir
seine ganze Seligkeit findet -
    Sie barg das Haupt an seiner Brust, und viele Secunden lang hielt er sie
fest, fest umschlungen; aber ein anderes, wunderbares Gefhl berkam ihn. -
Seine Zge verloren das Finstere und Starre - seine Blicke hafteten sinnend mit
einem neuen belebenden Glanz auf dem liebend an ihn geschmiegten Haupt seines
Weibes, seine Hand zitterte, die ihre schlanke Gestalt umschlo, untersttzte,
und bunte, freudige Bilder waren es, die pltzlich an seiner innern Seele
vorberglitten. Dort in weiter Ferne, auf einsam gelegener, meerumtoster Insel,
unter Palmen und Blthenhainen erstand eine Htte - milde Lfte fchelten seine
Wangen, an seiner Seite ruhte sein treues Weib, und der Ocean wlzte sich
zwischen ihm und seinen Verbrechen; die mchtige Fluth wusch und tilgte an der
Vergangenheit - und die Gegenwart? - Ein Eden erstand ihm in jedem neuen
sonnigen Tag. Noch war es Zeit - noch war der letzte entscheidende Schritt nicht
geschehen - noch hatte ihn das Verderben nicht ganz in die ehernen Arme
geschlossen.
    Er bog sich nieder zu ihr - seine Lippen preten sich fest und innig an ihre
reine Stirn, und dort - ha! war das eine Thrne, die dem Auge des finstern
Mannes einen so herrlichen Glanz verlieh? War es eine Thrne der Reue, die ihn
noch durch den Ku der Peri mit dem Himmel verband?
    Hedwig! flsterte er, und sein Arm zog sie fester und inniger an sich.
    Da lutete drauen die erste Glocke des Van Buren - das Boot rstete sich
zur Abfahrt - in kaum einer Viertelstunde verlie es den Landungsplatz. In
wenigen Tagen konnte er in Louisville sein, und floh er von dort aus unter
fremdem Namen nach irgend einem der stlichen Hafenpltze, so war es unmglich,
ihn zu verfolgen. - Der nchste Monat schon sah ihn frei, auf offenem Meere, Tod
und Verderben lag hinter ihm - er war gerettet!
    Hedwig, flsterte er, und die Erregung dieser neuen mchtigen Gefhle
drohte fast ihn zu ersticken, seine Lippen zitterten, als sie die flsternden
Worte sprachen - Hedwig, ich bin Deiner unwerth, ein Snder bin ich, den Du
reiner Engel zu Dir emporziehen sollst - aber ich mu fort - fort von hier, oder
ich bin verloren - fr immer und ewig verloren. - Doch jetzt, jetzt ist es noch
Zeit - noch ist Rettung mglich. - Hrst Du den Laut jener Glocke? Nur Minuten
noch, und das stolze Boot, das sie trgt, braust in gewaltiger Kraft dem Norden
zu. Jetzt - jetzt ist es mir noch mglich, mich loszureien von Allem, was mich
bindet - in der nchsten Stunde wre es vielleicht zu spt. - Willst Du mich
retten, Hedwig - retten vor mir selbst, und aus diesem Gewirr, das mich zu
erdrcken droht?
    Du willst fort, Georg? rief sein Weib und blickte erstaunt zu ihm empor,
wir sollen Alles verlassen? Ohne Abschied hier von Allen scheiden, die uns
lieben?
    Alles - Alles mut Du verlassen, wenn Du mich liebst, wenn Du mich retten
willst, drngte ihr Gatte, an Deinen Lippen hngt jetzt mein Geschick - Tod
oder Leben bindet sich an ihren Spruch - Hedwig, Du ahnst nicht, wie glcklich -
wie elend Du mich mit wenigen Worten machen kannst.
    Und Adele? frug Mrs. Dayton schon halb besiegt.
    Bleibt hier - ihr mag das Haus gehren und Alles, was wir zurcklassen -
ich habe genug fr uns und fhre Dich dem Ueberflu entgegen.
    Aber jetzt, Georg? Wie soll ich Alles packen und besorgen, was nur - Du
lieber Gott, es ist ja gar nicht mglich; ich brauchte wenigstens acht Tage, ehe
ich daran denken knnte.
    Hedwig, willst Du mir folgen? rief der Mann, und seine Stimme, sein ganzer
Krper zitterte vor wilder, innerer Bewegung, noch kannst Du mich der Liebe,
dem Leben erhalten - ja, Hedwig, mein Leben vielleicht hngt an dem Ausspruch
Deines Mundes - meine und Deine Seligkeit. Willst Du mir folgen, oder - mich
allein in die kalte Welt, mit dem Verderben im Herzen, hinausstoen?
    Georg! rief Mrs. Dayton erschreckt, und ihr Blick haftete angstvoll an dem
des Geliebten - Georg, um Gottes willen, was redest Du da fr Worte? Dich
allein hinausstoen? Heiliger Gott, wenn Du mich lieb hast, sprich - was ist
geschehen?
    Ich mu fort, flsterte der Richter, und sein Blick wandte sich
erschttert von ihr ab - die frchterlichste Gefahr schwebt ber meinem Haupte
- Du, Du allein kannst mich jetzt noch retten - willst Du mir folgen - Hedwig?
    In den Tod, Georg - wohin Du mich fhrst, - rief sie aus und warf sich an
seine Brust - in Mangel und Elend, nur nicht - nur nicht getrennt von Dir!
    Lange Minuten hielten sie sich so fest umschlungen, dann richtete sich der
Squire langsam auf und flsterte, ihre Stirn noch leise mit einem Ku berhrend:
    Dank, Geliebte, Dank, innigen Dank - aber jetzt eile Dich auch, mein ses
Kind; das Wenige, was Du mitnehmen mut, kann bald geordnet sein. Ich selbst
schicke indessen Bolivar voraus und lasse den Capitain des Van Buren bitten,
noch wenige Minuten auf uns zu warten. Csar und Nancy mgen unter der Zeit
hinabtragen, was Du ihnen giebst, und die nchste Stunde finde uns fern von
hier, neuem Leben, neuer Freiheit entgegen eilend.
    Er trat jetzt rasch an seinen Secretr, aus dem er mehrere fest versiegelte
Briefe und Pakete nahm und in den nicht weit entfernten Kamin warf. - So,
sagte er, diese Papiere mag die Gluth zerstren, und hiermit reie ich mich von
der Vergangenheit los; diese Brieftasche bewahre Du mir, sie enthlt, was ich an
eigenem Vermgen mein nennen kann. Jetzt mu ich Dich fr wenige Minuten
verlassen - noch bleiben Anordnungen zu treffen, die ich nicht versumen darf -
Du aber, mein ses Lieb, rste Dich schnell, und bald - bald kehr' ich zu Dir
zurck, mich nie wieder von Dir zu trennen.
    Noch einen Ku drckte er auf ihre Lippen, schob sie dann leise von sich und
verlie rasch das Zimmer, whrend Hedwig, die sich kaum berreden konnte, sie
wache, und das Ganze sei nicht ein wilder, wirrer Traum gewesen, die wenigen
Gegenstnde, die sie auf einer nur etwas ausgedehnten Reise bedurfte, in einen
kleinen Koffer packte und dann, aber mit thrnenverdunkelten Augen, den kurzen
Abschiedsgru an die Freundin schrieb. Mit ngstlich klopfendem Herzen harrte
sie jetzt der Rckkehr des Gatten, um Helena und Alles, was ihr sonst noch hier
durch einen lngeren Aufenthalt lieb geworden war, fr immer zu verlassen.
    Der fremde Neger verlie indessen, ein kleines wohlverschlossenes
Mahagonikstchen unter dem Arm tragend, das Haus und schritt dem Dampfboot zu,
whrend auf diesem die zweite Glocke das Signal zur baldigen Abfahrt lutete.

                                    Funoten


1 Chickenthief oder Hhnerdieb ist, besonders an der Louisianakste, auf dem
Mississippi der Name kleiner scharfgebauter Segelboote, die, ihrer Leichtigkeit
und Schnelle vertrauend, wohl frher manchmal die Hhnerhfe der Pflanzer
geplndert haben mgen und davon ihren Namen bekamen.


                                      34.

                                        

                           Adele warnt James Lively.

Vor dem Union-Hotel der guten Stadt Helena war es an diesem Morgen wie
ausgestorben. Einige Pferde standen allerdings an dem Reck und lieen, unmuthig
ob des langen Wartens, die Kpfe hngen, oder blickten schlfrig zur Seite nach
den Hausschwalben, die sie in kreisenden Zgen umschwrmten, um Mosquitos und
andere in ihre Nhe gezogene Insecten wegzufangen. Aus der Einfriedigung aber,
die des Wirths eigenen Thieren und denen seiner Gste gewhnlich zum
Aufenthaltsort diente, kam Scipio und fhrte Mr. Smart's Rappen am Zgel dem
Hause zu, aus welchem eben Smart und unser Bekannter von vorhin, der Virginier,
traten.
    Leg' rasch den Sattel auf, Sip, rief Jonathan seinem langsam
heranschlendernden Neger entgegen - potz Zwiebelreihen und Holzuhren, Du gehst
ja, als ob Du Blei in den Beinen httest - ah, Mi Adele - schnen guten Morgen;
nun, nehmen Sie meine Alte mit? ja, 's giebt heute Morgen nicht viel zu thun
hier - Mrs. Breidelford hat all die Kundschaft -
    Pfui, Mann, schme Dich, wie kannst Du nur so hlich reden, sagte hier
Mrs. Smart, die eben mit gewaltigem Sonnenbonnet und riesigem Arbeitsbeutel
neben Adele auf die Veranda trat und die linke Treppe niederstieg - ich machte
mir auch nichts aus ihr, aber solch schreckliches Ende -
    Mr. Smart meint's nicht so bs, entgegnete, sie beruhigend. Adele - ach,
wissen Sie wohl, Sir, wie Sie vor wenigen Abenden noch jenen Scherz mit ihr
trieben? - Wer htte da gedacht, da ihr auf fast hnliche Weise ein so
frchterliches Schicksal bevorstand? Sie ist sicherlich berfallen worden.
    Nein, Mi, sagte der Virginier, indem er die Mittelstufen hinabstieg und
auf das Pferd zuging - ich war dort. Die Buben, die sie erschlagen haben,
hatten sich's vorher ganz bequem gemacht; es sind wahrscheinlich welche von
ihren Freunden gewesen, die auch Hausgelegenheit kannten. Aber, Smart - ich mu
wahrhaftig fort, sonst komm' ich zu spt. Wie weit ist's denn eigentlich bis zu
Lively's und nach welcher Richtung zu liegt die Farm?
    Ihr knnt sie, wenn Ihr Euch dazu haltet, in zwei Stunden recht gut
erreichen, erwiderte der Yankee, die Richtung ist ziemlich Nordwest.
    Wen wollen Sie denn von Livelys sprechen? frug, sich gegen den Virginier
wendend, Adele, denn sie gedachte des heute gehrten Gesprches zwischen dem
Squire und William Cook. - Ich glaube kaum, da Sie Jemand von ihnen zu Hause
finden werden.
    Na, weiter fehlte mir nachher nichts, brummte der Virginier - erst den
Ritt, und dann umsonst. Ich will James Lively aufsuchen, und die Sache hat Eile
- er ist in Gefahr.
    In Gefahr? frugen Smart und Adele zu gleicher Zeit - wie so? Durch wen?
    Ei, sie haben Cook verhaftet -
    Cook verhaftet? rief der Yankee und zog aus lauter Verwunderung zum ersten
Mal die Hnde aus den Taschen - William Cook?
    Ei ja wohl, und wollen James auch an den Kragen - man hat James' Messer in
der Ermordeten Haus gefunden.
    Das ist nicht mglich, rief Adele entsetzt - groer Gott, sie knnen doch
nicht solch' frchterlichen Verdacht - Squire Dayton wei ja selbst, da er erst
heute Morgen, und weshalb er in die Stadt gekommen ist.
    Der Squire? Hm, das glaub' ich kaum - der ist's gerade, der mir am meisten
auf Lively's Verhaftung zu dringen scheint. - Wenn ich nur wte, wo er wre -
    Oben gleich ber der Stadt, am Fluufer, sagte Adele rasch und heftig -
es ist keine Viertelstunde von hier - gerad' an der kleinen Schenke vorber, wo
das Kieferndickicht steht -
    So nahe? Hm, da werd' ich wohl zu spt kommen, meinte der Virginier und
drckte sich den Filz mit beiden Hnden fest in die Stirn - den Henker auch,
wenn's nicht weiter ist, sind sie schon lange oben -
    Ja, aber was macht er denn im Kieferndickicht? fragte Smart verwundert.
    Adele beobachtete, die Frage wahrscheinlich ganz berhrend, die jetzigen
Bewegungen und Anstalten des langen Virginiers mit fast fieberhafter Aufregung.
Dieser nmlich, auf der linken Seite des Pferdes stehend, hob hchst sorgfltig
das rechte Bein in die Hhe und stellte es in den Bgel, und wurde erst durch
das vergngte Grinsen des Negers darauf aufmerksam gemacht, das er die
Larbord-Finne zuerst lften msse, um, Bug nach vorn, in's Fahrwasser zu
kommen. - Er wechselte hierauf die Fe.
    Sie knnen nicht reiten, Sir? rief Adele ngstlich, whrend sich Smart mit
hochgezogenen Brauen ganz ungemein auf das in den Sattel Klettern des Langen zu
freuen schien.
    Ein Boot wre mir lieber, meinte Mills - 's hat mir 'was schrecklich
Unbehagliches, da die Beine so an beiden Seiten herunterhngen sollen.
    Er hatte jetzt den richtigen Fu in den Steigbgel gebracht, warf das rechte
Bein ber den Sattel und kam, als das kleine muntere Thier ein wenig
zusammenfuhr, mit pltzlichem Ruck an Bord, wie er's nannte.
    Groer Gott, ist der Steigbgel kurz! sagte er, whrend er erschreckt auf
seine bis fast an die Brust gezogenen Kniee blickte, und wo hngt denn
eigentlich das andere Ding?
    Er bog sich etwas rechts hinber und suchte vorsichtig mit dem Fu den
ziemlich hochhngenden Riemen zu treffen; das Pony aber, schon durch den
schwankenden Sitz des Bootsmanns etwas gengstigt, warf scheu den Kopf zur
Seite.
    Brrrrr! rief Mills - Brrrrr, mein Thierchen - no bottom1 und immer noch
fhlte er mit dem rechten Bein vergebens nach dem weiter oben hin- und
herschlenkernden Bgel. Da kam dieser unter den Bauch des Pony, das einen
raschen und kurzen Seitensprung machte, Mills' Hinterlufe, wie sie der alte
Lively betitelt haben wrde, zuckten schnell und unwillkrlich zusammen und
begegneten sich unter dem Rappen, dieser aber, solcher Behandlung ungewohnt,
schlug krftig hinten aus und warf den Kopf zwischen die Vorderbeine, whrend
der Virginier mit einem
    Avast da -
gerade ber die Ohren des scheuen Thieres hinweg und mit dem ganzen langen Leibe
auf den Hofraum flog.
    Hallo! lachte Smart, bedeutendes Stck Arbeit das - war der lngste Wurf,
den ich in meinem Leben gesehen habe.
    Mrs. Smart's Sattel - Sip! - rief Adele und zitterte vor Angst und
Aufregung - Mrs Smart's Sattel -
    Meinen Sattel? rief, whrend Scipio rasch dem Befehl gehorchte, Rosalie
Smart etwas erstaunt - meinen Sattel, Kind? Ich denke gar nicht daran, zu
reiten.
    Nicht wahr, Sie borgen ihn mir auf wenige Stunden? bat Adele, und ergriff
dabei den Zgel des ihr willig gehorchenden Thieres - Mr. Smart - bitte, den
anderen Sattel -
    Aber, beste Mi Adele -
    Mr. Smart, sagte das schne Mdchen, und der Ton, mit dem sie diese Worte
sprach, klang so weich, so ngstlich, da Jonathan Smart htte kein Yankee sein
mssen, wenn er dem widerstehen konnte. Mit einem Ruck hatte er den Sattelgurt
geffnet und den Sattel abgehoben, Scipio legte den andern in derselben Minute
von der rechten Seite, wo der Damensattel auch geschnallt wurde, auf, und ehe
noch Mrs. Smart, die durch das Schnelle dieses Entschlusses total aus den Wolken
zu fallen schien, auch nur im Stande war, eine Frage zu thun, ja kaum von Smart
selber so weit untersttzt, da er ihr leise den linken Ellenbogen hob, legte
das schne, in ihrer Eile jetzt lieblich erglhende Mdchen die rechte Hand auf
den Sattel und schwang sich hinauf. Smart reichte ihr auf der einen Seite den
kleinen, fr den linken Fu bestimmten Bgel, Scipio eine kurze, dort gerade
liegende Weidengerte, und im nchsten Moment, ja bevor sich Mills ganz von
seinem Sturz erholt hatte, warfen schon die rasch ber den harten Boden dahin
klappernden Hufe des kleinen Pony den Staub hinter sich auf, die Mnner, vor
Allen aber Mrs. Smart, in wirklich unbegrenztem Erstaunen zurcklassend.

                                     * * *

    James Lively hatte indessen, sobald Cook ihn verlassen, vorsichtig seinen
Platz gewechselt und sich, einem Indianer gleich, bis dicht an das Haus
geschlichen. Das aber war viel zu gut verwahrt, ihm auch nur das Geringste zu
verrathen. Blos ein dumpfes Stimmengemurmel hrte er, als ob viele Menschen mit
einander sprchen, und ein paar Mal wurden Thren geffnet und wieder
geschlossen. Da vernahm er auf's Neue vom Flusse her Ruderschlge, die nher und
nher kamen, und glitt nun so rasch und geruschlos als mglich zum Ufer
hinunter, wo er den Platz bersehen konnte, der zwischen dem Boot und dem Hause
lag. Es waren dies etwa zwlf bis vierzehn Schritt Zwischenraum, denn der Strom
hatte noch lange nicht die Uferhhe erreicht. Ein Versteck fand er aber hier
weiter nicht, als den Stamm einer angeschwemmten Cypresse, hinter der er sich
niederkauerte und mit gespannter Aufmerksamkeit dem nher und nher kommenden
Fahrzeug entgegensah.
    Endlich erkannte er durch den Nebel den dunkeln Schein desselben - es legte
an, und acht Mnner, einige in der Tracht der Bootsleute, andere wie Stdter
gekleidet, stiegen aus.
    He, Thorby, sagte eine groe, grobknochige Gestalt, als ihr ein Anderer -
der Wirth der Schenke - entgegenkam, war Kelly schon da? Was giebt's denn
eigentlich? Waterford hat uns weiter nichts gesagt.
    Wei auch nicht recht, brummte der Wirth, werdet's schon erfahren -
Donnerwetter, es geht jetzt wild in der Stadt zu, 's ist fast so, als ob Jemand
auszge! Habt Ihr Porrel mitgebracht?
    Toby? Nein, der kommt mit einem Kielboot - mu aber auch bald da sein.
Kelly zieht ja seine ganze Mannschaft zusammen, es mu uns doch von irgend einer
Seite Gefahr drohen! Wie steht's mit der Insel?
    Gut, sagte Thorby - es ist eben ein Boot von dort hier eingetroffen; doch
geht hinein, drinnen besprechen wir das Alles viel besser; kommen noch mehr?
    Ja - Waterford selbst bringt alle die Sumpfmnner mit. Wie er uns sagt,
wollen wir dann gleich von hier aus heut Abend zur Versammlung nach
Einundsechzig hinunterfahren. - Und mit diesen Worten verschwanden die Mnner
im Innern des Hauses, das sich augenblicklich hinter ihnen schlo.
    James Lively blieb noch ein Weilchen in seinem Versteck liegen, bis er ganz
sicher war, da keiner der mit dem Boote Gekommenen mehr in diesem weile, und
kroch dann, vorsichtig und geruschlos wie er gekommen, zum Hause zurck.
Obgleich er dort aber deutlich genug hren konnte, wie die darin Befindlichen
ein lebhaftes Gesprch mit einander unterhielten, und hier also keineswegs nur
zum Spielen und Trinken zusammengekommen schienen, so war er doch auch nicht im
Stande, etwas Nheres darber zu bestimmen. Uebrigens fhlte er sich jetzt fest
davon berzeugt, der graue Br stnde, wie sie schon heute Morgen vermuthet,
mit jener Insel, dem Nest der Piraten, in genauer Verbindung, und ungeduldig
harrte er der Rckkehr des Schwagers, die entscheidenden Schritte deshalb zu
thun.
    Der Tag dmmerte endlich. - Die dem jungen Farmer nchsten Gegenstnde
lieen sich deutlicher erkennen, und ein leiser sich erhebender Luftzug, der die
dichtbelaubten Zweige der Niederung durchrauschte, fing an, die schwerflligen
Nebelmassen nach und nach in Bewegung zu setzen. James hielt es fr gerathener,
sich zurckzuziehen, um nicht durch das schnell hereinbrechende Tageslicht
berrascht und vielleicht vom Hause aus gesehen zu werden. So leise als mglich
schritt er deshalb an der Wand des kleinen Gebudes hin, bis er den vorderen
Theil desselben und mit diesem die Strae erreichte. Gleich hinberkreuzen
wollte er aber nicht, weil ein neben der Thr angebrachtes Fenster auf den
offenen Platz hinausfhrte; dicht am Wege hin waren dagegen eine Anzahl junger
Hickories aufgewachsen, die er zwischen sich und das Haus zu bringen suchte,
damit sie ihn in ihrem Schatten verbargen. Kaum zehn Ellen mochte er in denen
langsam fortgekrochen sein, als er den Schritt von Mnnern auf der Strae hrte,
die rasch herankamen. Zuerst glaubte er, sie wrden an ihm vorbeigehen, und
schmiegte sich fest auf die Erde nieder; als sie jedoch am Hause waren, blieben
sie stehen, und er konnte deutlich erkennen, wie der Eine vorsichtig viermal
anklopfte und dann horchte.
    Von innen heraus schien da irgend Jemand zu fragen, und die Antwort lautete:
    Sander! - Macht auf!
    Die Stimme kannte er - das war Hawes, er hatte sich den Mann nur zu gut
gemerkt. - Was aber wollte der hier zu so frher Tageszeit? In welcher
Verbindung stand er mit diesen Mnnern? Und was sollte das Zeichen? Er strengte
jetzt seine Augen an, die Gestalt des Zweiten zu erkennen, es war aber noch zu
dunkel, und ehe er auch nur einen ordentlichen Blick darauf hinwerfen konnte,
schlo sich die vorsichtig geffnete Thr rasch wieder hinter den Beiden.
    Was jetzt thun? Sollte er dem Freunde folgen und diesen von dem Gesehenen in
Kenntni setzen? Das htte ihm nichts gentzt, denn Cook war ja schon in der
Absicht zum Richter geritten, eine Untersuchung dieser verdchtigen Schenke zu
beantragen. Er beschlo also, seine Beobachtungen hier fortzusetzen und Jenes
Rckkehr abzuwarten, ehe er selber von der Stelle ging. Zu diesem Zweck aber,
und um unentdeckt zu bleiben, brauchte er einen besseren Versteck und verfolgte
jetzt in den Hickories seine Bahn, bis er sich dem kleinen, Cook bezeichneten
Kiefernanwuchs gerade gegenber sah. Dieser begann etwa sechzig Schritt vom
grauen Bren und lief bis zur Mndung desselben Baches hinauf, an welchem
weiter oben Lively's und Cook's Farmen lagen. Hier kreuzte er den Weg und blieb
in der spitzen Ecke des Dickichts geduldig Stunden lang auf dem Anstand liegen.
    Mehrere Reiter passirten indessen die Strae nach Helena zu, von denen die
meisten ebenfalls vor dem geheimnivollen Hause anhielten, abstiegen und nach
kurzem Aufenthalt ihren Ritt fortsetzten. Selbst als es schon vollkommen Tag
geworden war, sah James noch mehrere, ihm jedoch gnzlich fremde Gestalten dort
einkehren und dann in die Stadt hineinreiten. Von dort aus kamen nur Zwei, der
Eine ein Kaufmann aus Frontstreet, der Andere ein Farmer aus der nchsten
Umgebung, die sich jedoch nicht bei der Schenke aufhielten, sondern, an dem
versteckten jungen Mann vorbei, der Eine in die Hgel, der Andere einen schmalen
Pfad einschlagend am Ufer hinaufzogen.
    So mochte es zehn Uhr geworden sein, und in Helena selbst hatten indessen
die oben beschriebenen Vorflle stattgefunden. Da, als ihm die Zeit schon anfing
lang zu werden und er eben mit sich zu Rathe ging, ob er nicht doch vielleicht
jetzt, trotz seiner Verabredung mit Cook, diesen aufsuchen, ihm das Gesehene
mittheilen, wie auch um Beschleunigung der zu nehmenden Maregeln treiben solle,
sah er aus der Stadt heraus vier Mnner kommen, die aufmerksam nach Etwas zu
spren schienen und von denen zwei sogar in die Bsche an der Seite der Strae
hineingingen. Gleich an einem niedern Papaodickicht, dem gegenber ebenfalls ein
kleiner, freilich kaum hundert Schritt im Durchmesser haltender Kiefernschlag
lag, hatten sie angefangen, und es dauerte nicht lange, so fanden sie dort sein
angebundenes Pferd.
    Wetter noch einmal, dachte James, als er aus seinem Versteck heraus sah,
wie es vorgefhrt und einem der Mnner bergeben wurde - was haben die Burschen
im Sinn? - was geht sie mein Pferd an, und wer sind sie denn eigentlich?
    Er richtete sich ein wenig empor und erkannte deutlich, wie zwei von ihnen
die Kiefern abgesucht hatten und wieder auf die Strae kamen. Eine kurze
Berathung fand jetzt statt, und der Fhrer, wenigstens der, den er dafr hielt,
deutete den Weg hinauf nach dem Platze zu, wo er sich befand. Der Zug setzte
sich gleich darauf, und zwar nach ihm hin, in Bewegung. Da vernahm sein scharfes
Ohr donnernde Hufschlge, und er sah, wie sich die Mnner ebenfalls danach
umschauten. Gleich darauf traten sie rasch aus dem Wege zurck, und im selben
Moment flog auch ein schumender Rappe daher, auf dessen Rcken - konnte er denn
seinen Augen wirklich trauen? - mit fliegenden Locken und vom scharfen Ritt
erhitzten, glhenden Wangen - Adele Dunmore sa und, weder rechts noch links zur
Seite blickend, das feurige Thier durch raschen Gertenschlag zu noch immer
wilderer Eile antrieb.
    So gern er sie aber gesprochen und um das Ungewhnliche dieses einsamen
Rittes befragt htte, so war es auch wieder ein Gefhl, ber das er sich selbst
keine Rechenschaft zu geben wute, und das ihn fast unwillkrlich zwang, sich
vor der Jungfrau zu verbergen. Er trat rasch hinter eine niedere buschige Kiefer
und erwartete natrlich, sie im nchsten Moment vorbeibrausen zu sehen. Da hielt
durch pltzlichen Zgeldruck, der das feurige Thier fast auf die Hinterbeine
zurckbrachte, Adele ihr Pony an, und James hrte zu seinem unbegrenzten
Erstaunen, wie sie mit rascher, ngstlicher Stimme seinen Namen rief:
    Mr. Lively - Mr. James Lively! Wo um des Himmels willen sind Sie, Sir?
    Htte James in diesem Augenblick eine zwanzig Fu hohe Kluft hinabspringen
mssen, um dem Rufe Folge zu leisten, er wrde sich nicht eine Secunde lang
besonnen haben. Was Wunder also, da er mit Blitzesschnelle aus dem Dickicht
vorglitt, und so pltzlich und unerwartet, wenigstens von Seiten des Pony, vor
diesem stand, da es entsetzt zurckfuhr und alle Anstalten machte, aus
Leibeskrften empor zu bumen, James aber warf seine Bchse hin und fiel ihm mit
schnellem Griff in die Zgel, whrend Adele mit einem leise gemurmelten Gott
sei Dank aus dem Sattel und in den ihr helfend entgegengestreckten Arm des
jungen Farmers glitt. Ohne aber auch nur einen Augenblick zu zgern, warf sie
den scheuen Blick zurck, nach den rasch herbeieilenden Mnnern, und rief mit
vor Angst fast erstickter Stimme:
    Fort, Sir - um Gottes willen fort - nehmen Sie mein Pferd und fliehen Sie!
    Mi Adele - rief James ganz berrascht aus.
    Fort, bat aber diese - wenn Sie - wenn Ihnen meine Ruhe nur etwas gilt -
fort. - Mr. Cook ist gefangen - Helena in Aufruhr - jene Mnner dort kommen, Sie
zu fangen.
    Mich? - weshalb?
    Mein Pferd - Heiland der Welt, es wird zu spt!
    James, obgleich er in diesem Augenblick wirklich nicht wute, ob er wache
oder trume, begriff leicht, da hier irgend etwas ganz Auergewhnliches und
ihm wahrscheinlich Gefahrdrohendes geschehen sein msse. Wenn auch sich selber
keiner Schuld bewut, erschreckte ihn doch Cook's Gefangenschaft; ein dunkler
Verdacht durchzuckte sein Hirn, und als er auch noch die Fremden, wie er jetzt
glauben mute in feindlicher Absicht, herbeieilen sah, fhlte er, da er sich
wirklich in Gefahr befinde. Adele hatte aber indessen schon fr ihn gehandelt;
schnell lste sie den Sattelgurt des Ponny, das ihr indessen, vor dem
herbeigesprungenen Jger scheuend, die andere Seite zugedreht hatte, und warf
den Damensattel ab. - Die Verfolger waren nicht fnfzig Schritt mehr entfernt.
    Und Sie, Mi Adele, soll ich hier allein zurcklassen? rief James
unschlssig - das kann ich bei Gott nicht.
    Mir droht keine Gefahr! rief die Jungfrau, ich habe nichts - gar nichts
zu frchten - aber Sie - groer Gott, es ist ja jetzt schon zu spt.
    Nein, noch wahrlich nicht, lachte der junge Hinterwldler, der bald
erkannte, da die herbeieilenden Mnner unbewaffnet seien, whrend er rasch
seine Bchse vom Boden aufgriff - den will ich doch sehen, der -
    Wenn Ihnen mein Frieden heilig ist, flehte Adele jetzt in wilder
Verzweiflung, denn sie frchtete das Schlimmste - wenn Sie mich lieben - James,
oh so fliehen Sie!
    Oh htte sie ihn doch mit diesen Worten aufgefordert, sich dem Feind
entgegen zu werfen, James wre dem Tod mit Freuden in die Arme gestrmt - aber
fliehen? Doch ihr flehender Blick traf ihn - mit der Linken, in der er die
Bchse hielt, legte er sich auf den Rcken des Pferdes, schwang sich hinauf und
griff jetzt erst in die Zgel.
    Halt da, Sir! rief Porrel, der kaum noch zehn Schritt von ihm entfernt war
- halt - wir kommen als Freunde - Ihr habt nichts zu frchten!
    Frchte auch nichts, brummte James und hielt sein Pferd noch immer
eingezgelt - wenn ich nur -
    Glaubt ihnen nicht! bat Adele in Todesangst, fort - zu den Euren - fort!
    Squire Dayton schickt mich nach Euch! rief Porrel, sprang auf ihn zu und
griff nach dem Zgel. - Adele, die den jungen Mann verloren glaubte, starrte mit
wildem, verzweifeltem Blick zu ihm empor.
    James! hauchte sie und mute sich an dem Baum, an dem sie stand, aufrecht
halten.
    Ich gehorche, rief da James und stie mit dem Kolben seiner Bchse die
Hand, die schon fast seinen Zaum berhrte, bei Seite - zurck da, Sir!
donnerte er dann den Fremden an, sei's in Freundschaft oder Feindschaft - in
einer Stunde bin ich in Helena; - und whrend er den Zgel locker lie, bohrten
sich seine Hacken in die Flanken des Pony, das mit flchtigem Satz nach vorn
sprang. - Im nchsten Augenblick flog es, von der ruhigen Hand des Reiters
gelenkt, seitab in die Bsche hinein, und war gleich darauf in dem dichten
Unterholz der Niederung verschwunden.
    Mi Dunmore, sagte Porrel, der sich jetzt gegen das noch immer zitternde
und erschpfte junge Mdchen wandte, ich begreife wahrlich nicht, was Sie
veranlassen konnte, den Burschen da so dringend zur Flucht zu bewegen. Ihm droht
keine Gefahr.
    Sie wollten ihn verhaften, Sir, rief Adele noch immer in hchster
Aufregung - man hat ihn des Mordes angeklagt!
    Und sollte das etwa ein Beweis seiner Unschuld werden, wenn er, anstatt
sich freizustellen, dem Richter entflieht? frug der Mann von Sinkville, und ein
spttisches Lcheln zuckte um seine Lippen. Adele schwieg bestrzt still. Doch
wie dem auch sei, fuhr er endlich fort, der Squire ist, wie er mir versichert,
schon auf der Spur der wirklichen Mrder, ich war eben hierher geschickt, das
dem jungen Mann mitzutheilen und ihn von jeder Besorgni zu befreien; Sie mgen
jetzt selber urtheilen, Mi, ob Sie ihm mit dieser Warnung, wenn Sie ihm in der
That wohl wollen, einen Gefallen gethan haben.
    Mr. Porrel, sagte Adele und errthete tief - die bestimmte Nachricht, die
jener Bootsmann brachte, der selbst hierher wollte, Mrs. Lively aufzusuchen -
    Wollen Sie sich berzeugen, mein Frulein, ob ich die Wahrheit geredet,
erwiderte Porrel, so fragen Sie Squire Dayton selber. Cook, den man, wie ich
gehrt habe, heute Morgen allerdings, aber nur wegen Ruhestrung - verhaftete,
ist jetzt wahrscheinlich auch schon wieder frei, es lastet wenigstens kein
Verdacht mehr auf ihm. - Bitte, Jim, legt doch einmal der jungen Dame hier den
dort heruntergeworfenen Sattel auf - sie wird sicherlich lieber reiten wollen,
als in unserer Gesellschaft in die Stadt zurckzugehen.
    Der Mann gehorchte schnell dem Ruf und fhrte bald James Lively's Pferd
Adelen vor. Diese wandte sich erst in aller Verlegenheit gegen den Advocaten,
als ob sie sich bei ihm entschuldigen wolle, aber sie besann sich bald eines
Bessern, stieg rasch auf das Holz, neben dem das ungeduldig scharrende Thier
stand, sprang in den Sattel und sprengte, unwillig ber sich und die ganze Welt,
in die Stadt zurck.
    Porrel sah ihr mit leise gemurmeltem Fluche nach und ging dann, nachdem er
seine Begleiter nach dem nicht mehr weit entfernten Chickenthief gesandt und sie
unterrichtet hatte, ihn so schnell als mglich zu dem Flatboote des grauen
Bren herunter zu bringen, auf den kleinen Gasthof zu, in dessen Thr er bald
darauf verschwand.

                                    Funoten


1 No bottom! - kein Grund! Der Ruf des Senkbleiwerfers, wenn er mit der Leine
keinen Grund gefunden hat.


                                      35.

                                        

           Die Flucht der Mnner des Grauen Bren. - Smart erzrnt.

Waren Mr. und Mrs. Dayton schon ber den wilden Ritt Adelens erstaunt gewesen,
so beobachteten die gegenwrtigen Insassen des grauen Bren mit kaum
geringerem Interesse die sich in ihrer unmittelbaren Nhe ereignenden Vorgnge.
Galt diese scheinbare Verfolgung des Einen, den sie durch die Bsche nicht
erkennen konnten, ihrer Sache, oder hatte die Begegnung so vieler Menschen auf
der Countystrae nur zufllig stattgefunden? Ihr bses Gewissen machte sie
zittern, und von Allen stand Sander, als er unter den Mnnern Adele erkannte,
mit bleichem Antlitz und ngstlich pochendem Herzen oben an dem kleinen, im
zweiten Stock befindlichen Fenster, um von da aus sowohl die Vorgnge auf der
Strae zu bersehen, als auch, im Fall ihm wirklich Gefahr drohe, augenblicklich
zu wissen, nach welcher Richtung hin er sich am besten retten knne.
    Was hatte Adele Dunmore hier so allein zwischen die fremden Mnner gefhrt?
Und wer war es, der dort in tollen Stzen durch den wildverwachsenen Wald
davonsprengte? Einzelne dichtbelaubte Hickories verstatteten ihm nicht, den
ganzen Schauplatz zu bersehen, aber nur um so mehr fhlte er sich beunruhigt,
da ihm das Wenige, was er erkennen konnte, so rthselhaft schien.
    Da wurde seine Aufmerksamkeit pltzlich von der Strae abgezogen, denn einer
der Fremden kam rasch auf das Haus zu. Sander war noch in Zweifel, wer es sein
knne, denn die Mnner trugen fast smmtlich Strohhte, und von oben herunter
entzog ihm der breite Rand das Gesicht. Da ffnete sich die Hausthr und lie
den Klopfenden ein; er gehrte also auf jeden Fall zu den Freunden, Thorby htte
ihm sonst nimmer den Eintritt verstattet, und rasch sprang der junge Verbrecher
die Stufen hinab, um zu hren, was jener bringe.
    Es war Porrel selbst, der hierher kam, den Auftrag ihres Fhrers
auszurichten und den Kameraden in der Krze zu melden, was in Helena geschehen,
welcher Gefahr sie ausgesetzt gewesen, welche Vorkehrungen dagegen getroffen
wren, und welchen Plan vor allen Dingen Kelly entworfen habe, nicht allein ihre
Flucht zu sichern, sondern auch zugleich Rache an den Feinden zu nehmen.
    Aber, beim Teufel, rief da Sander rgerlich aus, weshalb kommt der
Capitain nicht einmal selber hierherauf; er wei, was er mir versprochen hat und
weshalb ich mich jetzt in der Stadt nicht gut sehen lassen darf. Wenn die ganze
Sache, was mit jedem Augenblicke geschehen kann, wirklich auseinanderbricht,
dann sitzen wir nachher fest auf dem Sande, whrend er sehr behaglich im Trben
fischt und angelt, oder doch auf jeden Fall seine eigene werthgeschtzte Person
in Sicherheit bringt.
    Habt keine Angst, beruhigte ihn lachend Porrel, oder Toby, wie er
gewhnlich von den Kameraden genannt wurde, glaubt ja nicht, da Ihr, wenn es
wirklich an den Kragen ginge, beim letzten Tanze fehlen sollt. Ihr, die Ihr Euch
jetzt noch versteckt halten mt, bleibt in dem Chickenthief, mit dem Ihr nun so
schnell als mglich unter die Helenalandung hinabfahrt, ruhig liegen. Gelingt
unser Plan und gehen wir mit den Bewaffneten von Helena wirklich
gemeinschaftlich auf das Dampfboot, dann setzt Ihr Eure Segel, und mit diesem
und etwas Rudern knnt Ihr, wenn auch nicht mehr zum Kampf, doch auf jeden Fall
noch zur Einschiffung kommen. Gelingt er aber nicht, mssen wir, was ich uns
brigens nicht wnschen will, schon in Helena zuschlagen, so sind vier schnell
hintereinander abgefeuerte Schsse das Signal. Dann ist Alles entdeckt und nur
Gewalt kann uns befreien; in dem Fall zgert aber auch nicht, wenn Ihr nicht
abgeschnitten werden wollt. Die Maske haben wir nachher berhaupt abgeworfen,
und Ihr braucht Euch nicht lnger zu scheuen, an's Licht zu treten.
    Ich fr meinen Theil wollte fast, es wre so weit, brummte Sander; meines
Bleibens ist hier nicht mehr, und ein Glck war's nur, da sie in Helena den
verwnschten Hosier verhafteten; der htte mich sonst in eine bse Patsche
bringen knnen. Was wolltet Ihr mit dem Burschen, der da so merkwrdig eilig
durch den Wald sprengte?
    Das war James Lively, erwiderte Porrel, der hier im Kieferndickicht auf
der Lauer gelegen und dieses Haus beobachtet haben mu.
    Nun da habt Ihr's rief Sander erschreckt, - das sind die Folgen dieses
verdammten Zgerns, und wir, die wir unsere eigenen Physiognomien zum
allgemeinen Besten haben mssen verdchtigen lassen, werden wohl noch zum guten
Ende, whrend Ihr Anderen frei durchbrennt, in einer sauber gedrehten
Hanfschlinge an's Licht gezogen werden. Tod und Verdammni, so ganz in die Hnde
dieses Kelly gegeben zu sein!
    Nun, das hat die lngste Zeit gedauert, beruhigte ihn Porrel - dort kommt
auch das Boot schon, jetzt zu Schiffe, Ihr Herren, James Lively wird, wenn er so
schnell zurckkehrt, als er gegangen ist, die Hinterwldler bald genug hier
versammelt haben, dann lat sie das leere Nest finden, und wir ziehen indessen
in Helena unsere Mannen zusammen. Sind Eure Sachen gestern Abend noch hinunter
auf die Insel geschafft, Thorby?
    Nein, gestern Abend nicht, wer Teufel sollte denn bei dem Nebel fahren?
erwiderte der Gefragte; aber heute Morgen hab' ich sie abgeschickt, auf jeden
Fall treffen wir sie dort, bis wir selbst hinunterkommen.
    Sollen wir denn aber so offen auf's Boot gehen? frug Sander - wenn nun
noch irgend ein Halunke hier versteckt lge und nachher in Helena unsern
Schlupfwinkel verriethe?
    Da, hngt die Decken ber, sagte Thorby - sie mgen Euch fr Indianer
halten, und nun rasch, mir ist's immer, als ob ich schon Hufschlge hrte.
    Die Mnner stiegen ohne weiteres Zgern in das dicht am Flatboot liegende
kleine Segelboot hinunter, und Porrel eilte, von noch Mehreren der Leute aus dem
grauen Bren begleitet, schnellen Schrittes nach Helena zurck.

                                     * * *

    Indessen hatte sich Jonathan Smart, der von dem Virginier die nheren
Umstnde ber Cook's Verhaftung rasch erfragte, ohne Zgern mit diesem auf den
Weg gemacht, um den Richter selbst darber zur Rede zu stellen. Der war aber
nirgends zu finden, und der Constabler erklrte, die angebotene Brgschaft ohne
dessen Bewilligung auf keinen Fall annehmen zu knnen.
    Dagegen lie sich nicht wohl etwas einwenden, das wute Smart gut genug, und
obgleich sich der Virginier hchst entrstet verschwor, er habe unmenschliche
Lust, der ehrsamen Gerichtsbarkeit in Helena Arme und Beine zu zerschlagen, so
hatte er doch an diesem Morgen selber gesehen, da er sich mit denen, die
gleichgesinnt waren, bedeutend in der Minoritt befinde, und machte deshalb fr
den Augenblick seinem gepreten Herzen nur in einer unbestimmten Anzahl von
Kernflchen und Verwnschungen Luft.
    Die beiden Mnner waren unter der Zeit langsam die Strae hinab und dem
Gefngni zu gegangen, dem gegenber, vor der seligen Mrs. Breidelford Hause,
sich noch immer einzelne Bootsleute und Kinder aus der Nachbarschaft
herumtrieben, wenn auch die festverschlossenen Thren jeden ferneren Eintritt
versagten. Da wurden sie pltzlich aus einem der oberen Jailfenster mit einem
Boot ahoi! begrt, und Smart, der im Anfang glaubte, es sei Cooks Stimme,
erstaunte nicht wenig, hier auch seinen Freund von gestern, den jungen
Indiana-Bootsmann zu treffen. Es war derselbe, der ihm das junge Mdchen
gebracht, und den er schon lange, weil er sich gar nicht wieder hatte sehen
lassen, stromab vermuthete.
    Hallo, Sir! rief er erstaunt aus, was zum Henker macht denn Ihr hier
hinter den Eisenstben? Potz Zwiebelreihen und Holzuhren, was ist denn auf
einmal in den Richter gefahren, der war doch sonst nicht so bei der Hand mit
Leuteeinsperren.
    Gott wei, auf welches Schurken Anklage ich hier sitze, rief der junge
Matrose - der Halunke hat sich nicht wieder sehen lassen, und wie es scheint,
bekmmert sich gar Niemand um uns hier. Ist denn das ein freies Land, wo man die
Brger ohne Weiteres in ein Loch, wie dieses hier, werfen darf und dann auch
ruhig darin stecken lt?
    Aber weshalb sitzt Ihr denn? frug Smart erstaunt.
    Gentlemen, mischte sich da ein Fremder - Smart hatte ihn wenigstens frher
noch nie in Helena gesehen - in das Gesprch, derlei Unterhaltungen drfen hier
nicht stattfinden. Ein Freund von mir hat den Mann da verklagt und - der
Constabler hat verboten, da Jemand zu ihm gelassen werde.
    Schlagt doch dem einmal Eins auf den Kopf, Smart! rief Tom von oben
herunter - ich bin Euch auch wieder einmal gefllig.
    Mein lieber Sir, sagte der Yankee ruhig, ohne jedoch dem Gefangenen diesen
kleinen Dienst zu erweisen, es wre fr Sie gewi hchst vortheilhaft, glaub'
ich, wenn Sie sich um Ihre eigenen Geschfte bekmmern wollten. Ich meines
Theils wenigstens bin keineswegs -
    Das sind aber meine Geschfte, Sir, fiel ihm der Andere trotzig in's Wort,
und von der entgegengesetzten Straenreihe zogen sich nach und nach einzelne
Mnner herber - ich bin ganz besonders hierher gestellt, derlei Unterhaltungen
zu hindern, und verbiete sie hier ein fr alle Mal.
    - geneigt, mir von irgend einem Fremden Vorschriften machen zu lassen,
fuhr Smart fort. Der Virginier aber, dem die Galle schon gleich von der ersten
Anrede gekocht hatte, trat ohne weitere Worte vor, warf seine Jacke ab, streifte
die Aermel auf und bat Smart, das Gesprch nur ruhig fortzusetzen, denn er wolle
verdammt sein, wenn er dem Breitmaul, wie er sagte, nicht den Rachen stopfe,
sobald er seinen Bug nur noch ein einziges Mal hier einschiebe.
    Ruhe hier, Gentlemen, da drben liegt eine Leiche! riefen jetzt Andere,
die hinzutraten, pfui, wer wird sich schlagen und raufen vor dem Todtenhause.
    Ich, wenn Ihr's wissen wollt, rief trotzig der Virginier - ich, sobald
ich die Ursache dazu bekomme, und vor der da drben brauch' ich noch lange keine
Ehrfurcht zu haben. - Verdient hat sie, was ihr geworden ist, und das
hundertfach - mich hat sie zum Beispiel betrogen, da mir die Augen bergegangen
sind.
    Ei, so dreht doch dem lgnerischen Schuft den Hals um! rief da ein Anderer
aus der sich jetzt mehr und mehr sammelnden Volksmenge heraus, und als sich der
Virginier rasch nach ihm umwandte, begegnete er lauter kampffertigen Gesichtern,
unter denen er seinen Angreifer nicht im Stande war zu erkennen.
    Heilige Dreifaltigkeit - wenn ich doch jetzt unten wre! wnschte sich Tom
aus dem Fenster hinaus; aber Smart, ber solche Feigheit einer Mehrzahl gegen
den Einzelnen auf's Tiefste emprt, wandte sich gegen die Menge und rief, den
langen Arm mit der keineswegs unbetrchtlichen Faust gegen sie ausstreckend:
    Fellows - denn Gentlemen kann man Euch Lumpengesindel nicht mehr nennen -
feiges, erbrmliches Pack, das sich nicht schmt, in Masse gegen Einen
aufzustehen - Amerikaner wollt Ihr sein? - Niedertrchtiges Halbbrutzeug seid
Ihr, das man in Neu-England bei den -
    Hurrah fr Smart! tobte jubelnd der Haufe, der durch diesen derben Ausfall
des sonst so ruhigen und gleichmthigen Wirthes mehr ergtzt als gereizt wurde -
Hurrah fr den Yankee - bringt einen Stuhl - einen Tisch herbei - Smart soll
auf den Tisch - eine Rede halten - Smart soll reden - Hurrah fr Smartchen!
    - Beinen aufhngen wrde, berschrie Smart, jetzt wirklich in Wuth
gebracht, den Haufen - Bande, verdammte - fluwassersaufendes Piratenvolk - das
Ihr seid - Einer und Alle! - Eure Vter haben ihr Blut fr die Unabhngigkeit
ihres Vaterlandes vergossen und Ihr, Schandbuben, wegelagert jetzt dasselbe Land
und bringt Schimpf und Schmach auf die Grber Eurer Eltern, auf Euer Vaterland.
Aber Ihr habt gar kein Vaterland - Ihr seid vogelfrei - Wasserratten seid Ihr,
die man mit Gift ausrotten sollte, da die Erde von solcher Brut befreit wrde.
    Bravo, Smart, bravo! jubelte es ihm von allen Seiten entgegen, und der
Virginier stand mit halb erhobenen Fusten und schien sich jetzt wirklich nur
ein Gesicht auszusuchen, in das er seinen Arm zuerst hineinstoen konnte.
    Es wre am Ende doch noch zu Thtlichkeiten gekommen, und wer wei, wie weit
nachher der Uebermuth des Pbels diesen gefhrt htte, wenn nicht jetzt der
Constabler zwischen die Mnner und ernstlich und nachdrcklich Ruhe geboten
htte. Smart mute aber noch keine Lust haben, dem Rufe Folge zu leisten, denn
es sah aus, als ob er eben wieder mit frisch gesammelten Krften gegen die ihn
umgebenden feixenden Gesichter einen neuen Anlauf nehmen wollte. Da besann er
sich wahrscheinlich eines Bessern, warf noch einen verchtlichen Blick ber die
rohe Schaar, schob pltzlich beide Arme fast bis an die Ellbogen in seine tiefen
Beinkleidertaschen hinein und schritt pfeifend die Strae hinab. Dabei gaben ihm
brigens Alle willig Raum, denn sie hatten den Yankee schon frher als einen
entschlossenen und, wenn gereizt, auch gefhrlichen Mann kennen gelernt, mit dem
wenigstens kein Einzelner Streit auf eigene Faust zu beginnen gedachte.
    Der Constabler, der indessen mit ernsten, aber zugleich freundlichen Worten
die wilde Schaar zu beruhigen suchte, theilte dabei dem Virginier mit, er habe
schon mit einem hiesigen Kaufmann gesprochen, der sowohl fr Cook als auch fr
James Lively Brgschaft leisten wolle, und Mills verschwor sich hoch und theuer,
das sei der einzige vernnftige Mensch in ganz Helena, und er wolle verdammt
sein, wenn er von jetzt an bei irgend jemand Anderem als bei ihm seinen Tabak
kaufe.
    Als Porrel die Stadt wieder betrat, fand er den Richter, der ihn schon
ungeduldig an der Dampfbootlandung erwartet zu haben schien.
    Alles besorgt! rief ihm der Sinkviller entgegen und deutete auf den Strom
hinaus, ber dessen Flche eben mit geblhten schneeweien Segeln, den scharfen
Ostwind in die straff gespannten Arme fassend, das kleine schlankgebaute
Fahrzeug heranglitt und seine Bahn gerade dem Platze zu zu nehmen schien, aus
dem sie standen. Der Kahn dort birgt unsere Musterexemplare, fr die wohl
Arkansas einen ganz hbschen Eintrittspreis geben wrde, um sie nur sehen zu
drfen. - Wir knnen jetzt alle Augenblicke losschlagen.
    Ja, sagte der Richter und schaute finster vor sich nieder, und uns hier,
und was wir in unserer Nhe haben, bringen wir in Sicherheit - Andere aber, die
wir zurcklassen, sind verloren - wir knnen nicht fort.
    Alle Teufel! rief Porrel erschreckt, das wre ein schner Spa - der
junge Lively ist, durch Eure Verwandte gewarnt, entflohen, und wir werden die
ganze Waldbande in noch nicht einer Stunde auf dem Halse haben - lngerer
Aufschub ist bei Gott nicht mehr zu erhalten - wer fehlt denn jetzt noch?
    Eben bekam ich einen Brief von Memphis, sagte der Richter - ein reitender
Bote hat ihn durch die Smpfe gebracht - drei von unseren Kameraden befinden
sich da oben in grter Gefahr, und nur mein Erscheinen dort kann sie retten.
    Wegen der Drei darf doch nicht das Ganze zu Grunde gehen! rief Porrel
unwillig.
    Nein, sagte der Squire, aber unsere Pflicht ist es, fr sie, so lange das
noch in unseren Krften steht, wenigstens einen Versuch zu machen.
    Doch wie?
    Porrel - Ihr kennt unsere Plne und wit, da ihr Gelingen ganz in unsere
Hnde gegeben ist. Bin ich im Stande, mich auf Euch zu verlassen? Wollt Ihr die
Unseren fhren jetzt in den leichten Kampf und nachher der Freiheit entgegen?
Wollt Ihr die Beute an Bord des Dampfbootes schaffen, die Gelder, die Euch
Georgine bei Vorzeigung dieses Ringes bergeben wird, in Verwahrung nehmen, und
bis dahin, wo ich Euch an dem verabredeten Orte in Texas treffe, halten, oder -
wenn ich unterginge - vertheilen?
    Was habt Ihr vor? frug Porrel erstaunt - Ihr wollt nicht mit?
    Ich allein kann Die, deren Sicherheit bisher meine Pflicht war, noch
retten, fuhr Dayton, ohne die Frage direct zu beantworten, fort - noch hat
Niemand eine Ahnung, wer ich sei oder da ich berhaupt in solcher Verbindung
stand; dieses Dampfboot geht in wenigen Minuten stromauf - heut Abend schon bin
ich in Memphis - morgen kann der Rest der Unseren auf dem Weg nach Texas sein.
    Und was ntzte das? erwiderte Porrel - Hunderte sind noch oben in den
verschiedenen Flssen und Flustdten vertheilt - die Alle mssen dann
zurckbleiben, und haben sie nicht dasselbe Recht, als die in Memphis?
    Sahet Ihr heute Morgen den alten Baum fllen, der hier am Ufer stand? frug
ihn Dayton.
    Ja - was hat der mit meiner Frage zu thun?
    Er ist allen stromabkommenden Booten das Wahrzeichen vom Bestehen der
Insel, entgegnete ihm der Richter - sehen sie den Stamm nicht mehr, so wissen
sie, da die Inselcolonie entweder untergegangen oder es fr jetzt doch nicht
mglich ist, dort zu landen, und fahren vorber.
    Hm - verdammt vorsichtig, brummte Porrel und blickte halb berzeugt, halb
mitrauisch den Gefhrten an. Es war ein eigener Verdacht, der in ihm aufstieg -
wollte der Capitain sie im entscheidenden Moment verlassen? Des Richters
Aussehen besttigte das Alles, und er sagte:
    Hrt - Squire - soll ich das, was Ihr mir da eben mittheilt, den Leuten
erzhlen, wenn sie nach Euch fragen, und wollt Ihr mir offen sagen, was Ihr
vorhabt, oder - ist die Geschichte fr mich mit erdacht?
    Der Squire sah ihn einen Augenblick unschlssig zgernd an, dann streckte er
dem Freunde rasch die Hand entgegen.
    Nein, rief er - nicht fr Euch, Porrel - Euch werde die lautere Wahrheit.
Ich will fort - will dies Leben, wie diese Schaar verlassen - Ihr, Porrel, mgt
der Vollstrecker meines letzten Willens - mein Erbe sein!
    Und Euer Weib nehmt Ihr mit? frug der Mann von Sinkville. Der Squire
nickte schweigend mit dem Kopfe.
    Aber Georgine -
    Lest den Brief! sagte dumpf der Richter. Porrel nahm das Schreiben und
berflog es rasch.
    Eifersucht! sagte er lchelnd - blinde Eifersucht! - an? - er drehte, um
die Aufschrift zu lesen, das Papier herum - ha, da sind Blutflecken - mit einem
Tuche verwischt. Wer hat dies Schreiben so roth gesiegelt?
    Der Trger, entgegnete Dayton finster - doch wie dem auch sei, nie will
ich sie wiedersehen, aber sie soll auch nicht darben - hier dies Paket und
seinen Inhalt bergebt ihr von mir.
    Also Ihr habt fest beschlossen -
    Fest, Porrel - fest, und Euch - wenn Ihr meine Bitte treu erfllt, die
Leute in Sicherheit bringt und die Beute redlich unter sie theilt - sei mein
Antheil bestimmt; gengt Euch das?
    Der ganze Antheil? frug erstaunt der Advocat. - Mann, wit Ihr auch,
welche Reichthmer wir besonders in letzter Zeit erbrigt haben?
    Wohl wei ich es, flsterte mit abgewandtem Antlitz der Richter - es ist
das Eure. - Wer von den Unseren nach mir fragen sollte, dem sagt, zu welchem
Zweck ich mit diesem Boot und wohin ich mit ihm gegangen. Doch jetzt beruhigt
die Leute da oben, ich hre noch immer den wilden Lrm und Zank. Die Burschen
sind doch unverbesserlich und nicht im Zaume zu halten, ob ihnen Tod und Henker
auch schon vor Augen stnden. Good bye, Porrel - ich gehe jetzt hinauf, mein
Weib zu holen - Glck zu - der beste Wunsch, den ich fr Euch habe, ist: Texas
und den Golf hinter Euch!
    Adele war indessen rasch die kurze Strecke zum Union-Hotel getrabt, um Mrs.
Smart's Sattel zurckzubringen. Dort fand sie aber das ganze Haus wie
ausgestorben; der einsame Barkeeper schaukelte sich in der Veranda auf den
Hinterbeinen seines Stuhles, Madame war, wie Scipio sagte, zu Squire Daytons,
Mr. Smart selbst mit dem Virginier fortgegangen und er, Scipio, wute nun - wie
er meinte - vor langer Weile nicht, ob er seine gewhnliche Arbeit besorgen oder
hinter den Anderen hergehen solle.
    Ist Mrs. Smart schon lange drben? frug Adele, whrend der Neger den
Sattel abnahm und den Zgel des Pferdes ber das Reck warf.
    Nein, Missus, lautete die Antwort - gar noch nicht lange - Golly Jesus -
Missus hat ja das Pferd verwechselt - Nancy war hier - ist bei Jingo Mr.
Lively's Pony - fremde Missus soll recht krank geworden sein.
    Marie? rief Adele erschreckt - armes, armes Kind - aber ich bin gleich
bei Dir - ach, Scipio, weit Du nicht, ob Squire Dayton zu Hause ist - ich mu
ihn augenblicklich sprechen.
    Steht unten am Wasser, Missus, sagte Scipio, gleich unten, wenn Ihr hier
die Strae hinuntergeht - Ihr knnt gar nicht fehlen, er mte denn wieder
weggegangen sein.
    Scipio, sagte Adele, willst Du mir die Liebe thun und einmal
hinunterlaufen und ihn bitten, er mchte doch - oder nein - ich will lieber
selber gehen - Scipio, nicht wahr, Du begleitest mich an den Flu. Eine solche
Menge fremder Bootsleute ist heute in der Stadt, ich frchte mich fast, allein
zu gehen.
    Groer Golly, sagte Scipio und schttelte bedenklich mit dem Wollkopf -
geht heute merkwrdig wild in Helena zu - dies Kind hier - Scipio, wenn er von
sich selber sprach, nannte sich immer gern mit diesem allerdings fr ihn etwas
zu jugendlichen Beinamen - dies Kind hier hat noch keine solche Wirthschaft
gesehen. - Wundert mich, da der Leichendoctor noch nicht da ist -
    Willst Du mit mir gehen, Scipio?
    Be sure - Mi, be sure - Scipio geht immer mit! - und der Afrikaner
drckte sich seinen alten, abgegriffenen Strohhut noch fester in die Stirn, hob
sich, nach Matrosenart, den Bund ein wenig, streckte erst das rechte, dann das
linke Bein, und gab nun durch eine kurz abgeknickte Vorbeugung der jungen Dame
zu verstehen, da seine Toilette beendet und er vollkommen bereit sei, zu
folgen, wohin sie ihn fhren wrde.

                                      36.

                                        

Die Piraten zum Aeuersten getrieben. - Der Van Buren vom Black Hawck verfolgt.


Adele schritt rasch ihrem schwarzen Begleiter voran, und sie erreichten in
demselben Augenblick Frontstreet, als der Richter von Porrel Abschied genommen
und, Elmstreet hinauf, seinem Hause zueilen wollte. Obgleich er die junge Dame
nun freilich lieber vermieden htte, so ging das doch nicht an; sie hatte ihn
schon gesehen und kam rasch auf ihn zu. Da blieb sie pltzlich stehen und
schaute die Strae am Ufer hinab - Scipio starrte ebenfalls dorthin und schlug
die Hnde in lauter Verwunderung zusammen, und als der Squire ihrem Blick mit
den Augen folgte, sah er eben noch, wie dicht am Ufer ein Pferd mit seinem
Reiter zusammenbrach und diesen weithin ber sich schleuderte. Von allen Seiten
eilten Menschen herbei, ihm beizustehen; der Mann aber, obgleich von dem
gewaltigen Sturz etwas betubt, raffte sich doch schnell wieder empor und warf
den Blick scheu im Kreise umher. Dort aber mute er wohl bekannte Gesichter
treffen, denn Dayton sah, wie er dem Einen die Hand reichte und ein paar Worte
mit ihm wechselte, und wie dieser dann der Stelle zudeutete, wo er selber stand.
    Dayton erschrak - es lag etwas Unheimliches in dem ganzen Benehmen des
Reiters, der nicht einmal nach dem gestrzten Thier zurckschaute, sondern nur
weiter und weiter strebte, als ob er etwas Entsetzliches hinter sich wisse, das
er fliehen wolle. Er ging ihm ein paar Schritte entgegen und blieb, als er ihn
erkannte, wie in den Boden gewurzelt stehen. Es war Peter - bleich und mit Blut
bedeckt - die Kleider zerrissen und beschmutzt, den Hut verloren, das Haar wirr
um den Kopf hngend - die kaum geheilte Narbe auf der Wange blutroth und
entzndet - er htte ihn kaum wieder erkannt.
    Capitain Kelly, sthnte der Mann, als er ihn jetzt erreichte und den Blick
scheu zurckwarf, ob auch der, dem die Worte galten, sie allein vernhme -
rettet Euch - die Insel ist genommen.
    Bist Du rasend? rief der Richter und trat entsetzt zurck - rasend oder
trunken?
    Gift und Verdammni! zischte der Narbige durch die zusammengebissenen
Zhne hindurch - ich wollte, ich wr' es und sprch eine Lge - ein Dampfboot
landete dort heute Morgen - bei allen tausend Teufeln, da unten kommt's schon um
die Spitze - ich habe Euern Fuchs todtgeritten, und so dicht sind sie hinter
mir.
    Alles verloren? rief Dayton und sah den Unglcksboten mit stierem Blick
an.
    Alles! sthnte dieser.
    Und Georgine? frug der Capitain.
    Verlie heute vor Tag in Eurer Jolle die Insel!
    Allmchtiger Gott, Dayton - was ist Dir? - Du bist todtenbleich, rief die
in diesem Augenblick herbeieilende Adele - die ganze Stadt scheint in Aufruhr -
Mr. Cook und Tom Barnwell sollen verhaftet sein - der Constabler sprengt zu
Pferde hin und wieder - eine Masse fremder Menschen zieht bewaffnet durch die
Straen -
    Fort von hier, Adele, sagte der Richter und that sich Gewalt an, ruhig zu
bleiben - fort - dies ist nicht Dein Platz - Scipio, geleite sie wieder nach
Hause, ha - was ist das?
    Er horchte den Flu hinauf, und die Erde schien pltzlich von den donnernden
Hufen heransprengender Rosse zu beben - die Strae herab strmte es, in wilder
Hast - Reiter nach Reiter jagte heran - Elm-, Walnut- und Frontstreet nieder und
ber den Platz hin, dem Gefngni zu. Es waren die wilden Rotten der
Hinterwldler, in Jagdhemden und Moccasins, die langen Bchsen auf der Schulter,
die Messer an der Seite. Wie ein Ungewitter strmten sie herbei - der gellende
Jagdruf, scharf hinaustnend wie der Schlachtschrei der kaum wilderen Indianer,
sammelte sie auf dem freien Platze vor den Husern, und ganz Helena schien sich
jetzt um sie sammeln zu wollen.
    Adele schmiegte sich ngstlich dem Richter an - James war der Fhrer der
Schaar, und sein Befehl sandte flchtige Reiter hinauf und hinab in die Stadt
mit Windesschnelle.
    Der Squire stand starr und regungslos, von tausend auf ihn eindrngenden
Gefhlen bestrmt. Dort, fast neben ihm, lag das Boot, das ihn der Rettung
entgegenfhren konnte - seine Schornsteine qualmten, das Oeffnen der Ventile,
die den eingehemmten Dampf mit wildem Rauschen in's Freie lieen, bewies
deutlich die Ungeduld des Ingenieurs - die schnellen Schlge der Glocke mahnten
zur Abfahrt. Bolivar drngte sich in diesem Augenblick zu ihm hin.
    Massa, flsterte er leise, der Capitain vom Dampfer lt Euch sagen, er
msse fort - er knne nicht lnger warten.
    Ha - Squire Dayton! rief da James Lively, dessen Blick, durch das lichte
Kleid der jungen Dame angezogen, den Richter erkannte - er ritt noch das Pferd,
das ihm Adele gebracht, und sein Schenkeldruck trieb es rasch dem Platze zu, wo
Dayton stand.
    Squire! sagte er hier, whrend er rasch von seinem schnaubenden Thier
herabsprang und tief errthend die junge Dame grte - Squire - es sind heute
Morgen wunderliche Sachen in Helena vorgegangen. Wir hatten die Nachbarn
aufgeboten, dem Gesetz, wo es Hlfe brauche, beizustehen - Cook eilte zu diesem
Zweck voraus, und wie ich jetzt hre, ist er verhaftet.
    Mr. Lively, sagte der Squire, und sein Herz klopfte, als ob es ihm die
Brust zersprengen sollte - das Dampfboot von stromauf kam mit jedem Augenblick
nher - nur Zeit jetzt gewonnen, nur wenige Minuten Zeit - Cook's wilder
Hitzkopf hatte sich allein das zugezogen - ich mute ihn fast mehr noch seiner
eigenen Sicherheit wegen verhaften lassen, als eines andern Grundes wegen. - Das
Alles hat sich jetzt jedoch erledigt, und da nun auch kein weiterer Grund
vorliegt, will ich selbst hinausgehen und ihn in Freiheit setzen.
    Mchte kaum nthig sein, Sir, sagte lchelnd der junge Hinterwldler,
Vater ist dorthin aufgebrochen und wird ihn wohl mitbringen - wahrhaftig, ich
glaube, dort kommen sie schon. Er richtete sich rasch empor, und in der That
sprengten eben einzelne Reiter, mit Cook und Tom Barnwell in ihrer Mitte, aus
der obern Strae heraus. Der Squire bog sich schnell zu seinem Neger nieder.
    Bolivar! flsterte er - hinauf, und bringe Mrs. Dayton hin auf's Boot -
Leben und Freiheit hngt an Deiner Eile.
    Squire! Wir haben eben den grauen Bren gestrmt, wandte sich James wieder
an diesen - aber das Nest ist leer! Unser Geheimni ist verrathen - die Bande
hat -
    Ein lauter Ruf des Entsetzens, den Bolivar in Furcht und Staunen ausstie,
unterbrach ihn. - Der Neger, schon im Begriff, den ihm gegebenen Befehl zu
erfllen, hatte aber auch Ursache, zurckzuschrecken, denn dicht vor ihm - den
alten schwarzen Filzhut abgeworfen - das marmorbleiche Antlitz von wilden
dunkeln Locken umwallt - die Augen stier und geisterhaft - die blassen Wangen
von zwei kleinen blutrothen Flecken gefrbt - die Lippen zitternd und halb
getrennt - stand ein Knabe - und hob langsam die Hand gegen den Richter auf -
    Georgine! sthnte der Huptling, und das Blut wich aus seinen Wangen.
    Dayton, bat Adele in Todesangst - was um des Himmels willen ficht Dich an
- was bedeutet dies Alles?
    Hahahaha! lachte mit markdurchschneidendem Hohn Georgine und richtete sich
stolz und wild empor - sie hielt in diesem Augenblick Adele, die sie frher noch
nicht gesehen, fr des Richters Gattin - Richard Kelly, der Kindesmrder,
frchtet die eine seiner Frauen zu begren, weil die andere daneben steht -
herbei Ihr Leute, herbei!
    Wahnsinnige! rief Dayton und ergriff rasch ihren Arm.
    Zurck von mir! schrie aber das Weib in wilder Wuth - wahnsinnig? Ja, ich
bin wahnsinnig, ich will es sein - aber Du - Du hast mich dazu gemacht. -
Herbei, Ihr Farmer - herbei, Ihr Mnner von Helena - herbei - der, der hier vor
Euch steht als Richter und Squire - der, der Jahre lang in Eurer Mitte gelebt
hat - wie sich die Schlange im stillen Haus, in der Nhe der Menschen ihr Nest
sucht -
    Georgine! rief Dayton in Entsetzen.
    - ist Kelly! der Huptling der Piraten - der Herr jener Ruberinsel - und
ich - ich - ich bin sein Weib!
    Der schwache Krper konnte nicht mehr ertragen - Aufregung, Schmerz, Wuth
und Rache hatten ihre Krfte wohl noch bis zu diesem Augenblick aufrecht
erhalten, jetzt aber lie auch die letzte, zu straff angespannte Sehne nach, und
bewutlos sank sie zurck und wre zu Boden gestrzt, htte nicht James sie in
seinem Arm aufgefangen.
    Dayton stand, einer aus Stein gehauenen Bildsule gleich, starr und
regungslos da, und hrte die Worte, die sein Todesurtheil sprachen, wie Einer,
der einem fernen, fernen Tone lauscht. So lange der Blick Georginens auf ihm
haftete, war er nicht im Stande, sich zu regen - jetzt aber, als sie zurcksank,
als ein Ausruf des Entsetzens den Lippen Adelens entfuhr und der Racheschrei der
ihn umgebenden Feinde zum Himmel emporstieg, durchzuckte auch ihn wie mit
wilder, zndender Gluth das Gefhl seiner Lage, das Bewutsein der Gefahr, in
der er schwebe. Jetzt war jede Verstellung unntz - der letzte Augenblick
erschienen, die Maske gefallen.
    Fat den Ruber - lat ihn nicht entkommen! schrie es von allen Seiten,
und Adele trat unwillkrlich und erschreckt von ihm zurck; James aber, ihm der
Nchste, wurde noch durch die Gestalt Georginens am Vorspringen verhindert und
war auch wirklich durch das Ueberraschende und Frchterliche dieser Anklage so
betubt, da er kaum wute, ob er wache oder trume. Whrend aber jetzt von
allen Seiten die brigen Mnner herbeieilten, Farmer und Bootsleute - zum
Angriff - zur Vertheidigung, die bis dahin offen getragenen oder verborgenen
Waffen gezogen, ri Kelly zwei kleine Doppelpistolen aus seinen Taschen.
    Verloren! schrie er mit heiserer Stimme - verloren, und verdammt - herbei
denn, Piraten, herbei! Schaart Euch um Euren Fhrer - Freiheit und Rache! Und
die Ersten, die ihm entgegenstrmten, fielen von den nur zu sicher gezielten
Kugeln durchbohrt, whrend die Angreifer berrascht zurckfuhren, denn rechts
und links tauchten Feinde auf - in ihrem Rcken knallten Pistolenschsse und
blitzten Messer, und fr einen Augenblick wuten sie nicht, wie es der
entsetzliche Mann ja auch berechnet hatte, wer Freund noch Feind sei, und fr
wen oder gegen wen sie zu kmpfen htten.
    Das Signal ward gegeben - oben und unten in der Stadt wurde es beantwortet -
aus den Straen kamen eilenden Laufes wilde, trotzige Gestalten - die Boote
spieen sie aus, mit Bchsen, Aexten, Messern und Harpunen, der kleine
Chickenthief besonders, der dicht vor dem Dampfboot lag, wurde lebendig, und
Cotton und Sander, von jubelnden Piraten gefolgt, sprangen in's Freie.
    Der Capitain des Van Buren sah erstaunt die pltzlich der Erde und dem
Wasser scheinbar entsteigenden Schaaren, und frchtete nicht mit Unrecht fr die
Sicherheit seines Bootes, denn ber dessen Planken flohen auch schon viele
Einzelne an Bord. Rasch gab er den Befehl, die Taue zu kappen und die Planken
einzuziehen, whrend die Klingel des in sein Haus springenden Lootsen den
Ingenieur zum Bereitsein mahnte. Wohl kam eben so schnell die Antwort zurck,
und die Matrosen flogen an ihre Pltze, aber - es war zu spt.
    An Bord, Boys! schrie die donnernde Stimme des Piratenhuptlings - entert
das Dampfboot - an Bord!
    Die Matrosen, die sich niedergebogen hatten, die Planken zu fassen und
einzuziehen, wurden von schon frher Eingeschlichenen rasch zur Seite geworfen.
- Im nchsten Augenblick sprangen von allen Richtungen her dunkle Gestalten ber
die Bretter. An den Seiten des Bootes und aus Khnen kletterten sie herauf, und
whrend die noch am Ufer Befindlichen Front gegen die jetzt vorstrmenden Farmer
machten, bemchtigten sich jene des ganzen Dampfers, rannten auf die erste
Kajte und auf das Hurricane-Deck hinauf, und erffneten von hier aus ein
tdtliches Feuer gegen die mehr und mehr sie umzingelnden Feinde.
    Georgine, wenn auch fr den Augenblick durch den sie bewltigenden Sturm der
Leidenschaften betubt, raffte sich jetzt, von dem Lrm und Schieen umtobt,
wieder empor; James aber sah sich kaum von seiner Last befreit, als er auch auf
Adele zusprang und sie rasch aus dem Getmmel fhrte, wo ihr Leben ja von allen
Seiten bedroht war. - Hier traf er glcklicher Weise Csar und Nancy, die gerade
im Begriff gewesen waren, mit Koffern und Schachteln dem Van Buren zuzueilen,
und bergab ihnen das arme Mdchen, das nach dem eben Erlebten fast Alles
willenlos mit sich geschehen lie.
    Dann aber sammelte auch der wohlbekannte, scharf ausgestoene Jagdruf die
Seinen, mit denen er sich, von Cook, Smart und dem Virginier untersttzt, im
wilden Ansturm auf die Feinde warf. Diese, von den Uebrigen umdrngt, behielten
natrlich keine Zeit, die abgeschossenen Gewehre wieder zu laden, und suchten
die Angreifer nur mit Messern und Bchsenkolben abzuhalten. Mehr und mehr aber
zogen sie sich dabei auf das Boot zurck; der Raum, den sie zu vertheidigen
brauchten, wurde immer kleiner, das Feuer vom Boot selbst aus immer
vernichtender, und fast alle Farmer waren verwundet, whrend Kelly, in der
Linken sein breites Bowie, in der Rechten den Lauf einer abgebrochenen Bchse,
Tod und Verderben um sich her sete.
    Oben auf dem Hurricanedeck stand Sander und jubelte, whrend er sein Gewehr
zwischen die am Ufer Stehenden abscho:
    Hurrah, Boys! Kommt an Bord - Anker gelichtet, der Freiheit entgegen!
    Aus einem rasch in den Flu hinausgeruderten Boot sprang ein Mann und
schwang sich auf das Steuer des Van Buren.
    An Bord! schrie Kelly - an Bord, Ihr Leute - kappt die Taue -
    Hierher - Ihr Rcher - hierher! rief eine weibliche Stimme, und Georgine,
den Tomahawk eines der Gestrzten in hochgeschwungener Rechte, sprang den
Kmpfenden zu.
    James, dessen Absicht es jetzt war, die Planke zu gewinnen, damit er denen,
die am Ufer standen, den Rckzug abschneiden und den Huptling wo mglich lebend
fangen knnte, sprang in das Wasser und wollte das Boot schwimmend erreichen,
zwei Kugeln aber trafen ihn fast zu gleicher Zeit und er sank. Cook warf sich
indessen, von Mills und Smart untersttzt, auf den Kern des Ganzen, wo Kelly die
Seinen antrieb, auf das Boot zu flchten, whrend er selbst ihren Rckzug decken
wollte.
    Der Virginier hatte sich dabei den Capitain der Schaar ganz besonders zum
Angriff ausersehen.
    Teufel! schrie er und warf sich ihm mit keckem Sprung entgegen, die
Stunde der Rache ist gekommen - fahre zur Hlle! Und mit seinem Messer fhrte
er einen Streich nach dem Piraten, der sein Schicksal sicherlich besiegelt
htte; doch Bolivar fiel dem jungen Mann in den Arm, umfate ihn und schlug ihn
mit dem Eisenschdel so gewaltig gegen die Stirn, da er bewutlos hintenber
strzte. Kelly sprang auf die Planke - die Taue waren gekappt, das Boot lag frei
und die Rder fingen an zu arbeiten - die Planken bewegten sich schon - ein
Kolbenschlag warf Jonathan Smart, der berdies auf dem durch Blut schlpfrig
gewordenen Holze ausglitt, in den Flu hinab - er war gerettet!
    Du bist mein! drang da ein gellender Ton in sein Ohr - mein und mein sei
auch die Rache! Und Georgine, in wilder, Alles um sich her vergessender Wuth,
strzte sich mit funkelnden Augen und Jubelgeschrei ihm entgegen. Fast
unwillkrlich zuckte Kelly's Hand empor und die stahlbewehrte Faust senkte sich
im nchsten Augenblick auf die Schulter des schnen Weibes nieder - Georgine war
zum Tode getroffen, aber fallend ergriff sie die Kniee des Verrthers, und
whrend sich dieser bemhte, das dadurch gefhrdete Gleichgewicht zu bewahren,
sprang Cook vor, schlug den Neger zu Boden, deckte sich mit dem rechten Arm,
indem er sein Bowie schwang, gegen den nach ihm gefhrten Hieb eines der Feinde,
ergriff mit der Linken den Piratenfhrer und stie ihm, mit dem Racheschrei auf
den Lippen, das breite Messer in die Brust. Eine nach ihm geschossene Kugel
streifte ihm die Schulter - ein Kolbenschlag fuhr ihm am Haupte nieder, aber er
wankte und wich nicht, und als die Planke von dem zurckgleitenden Boot in den
Flu strzte und Alle in dem hoch aufschlagenden Wasser versanken, hielt er sich
krampfhaft fest in die Kleider des Feindes geklammert und mute mit dem Leichnam
an's Ufer gezogen werden.
    Da, whrend das flchtige Boot vom Lande scho, wurde ein Schrei vom
menschengedrngten Hurricanedeck gehrt. - Aller Augen richteten sich dorthin,
und der alte, ebenfalls aus zwei tiefen Wunden blutende Lively, der seinen Sohn
gerade an's Ufer gezogen hatte, rief erstaunt aus:
    Hawes - bei Gott! Im nchsten Augenblick strzten aber auch schon zwei
menschliche, fest zusammengeklammerte Gestalten von der nicht unbetrchtlichen
Hhe des obern Decks herab in den aufgewhlten Strom, whrend von allen Seiten
Boote abstieen, die wthenden Kmpfer aufzunehmen.
    Noch hatte der Van Buren die Landung aber keine zweihundert Schritte
verlassen, als der Black Hawk, seine Decks mit Soldaten erfllt, unter dem
raschen Anschlagen der Glocke heranfuhr. Wohl standen auch die Matrosen vorn mit
den Tauen bereit, sie an's Ufer zu werfen, aber Capitain Colburn, der das
Schieen gehrt und den Kampf schon von Weitem mit dem Fernglas beobachtet
hatte, schrie oben vom Pilothaus mit dem Sprachrohr sein -
    What's the matter? herunter. Die einzelnen, dem davonbrausenden Dampfboot
nachgefeuerten Schsse, das Winken und Schreien der am Ufer Stehenden und die
umhergestreuten Leichen waren seine Antwort und lieen ihn mit dem, was er schon
selbst ber die Verhltnisse in Helena erfahren, nicht lnger mehr in Zweifel.
    Give her hell, boys rief er vom Deck herunter, - feuert, da die Kessel
roth werden, den Burschen da vorn mssen wir einholen - hurrah fr old Kentucky!

    Rasch an den weiter oben liegenden Flatbooten vorbei glitt der Black Hawk,
wie der Vogel, dessen Namen er trug; die Feuerleute schrten mit ihren mchtigen
Eisenstangen in der Gluth, die Soldaten und Mannschaften trugen Holz und Kohlen
herbei, und die Maschine that, ohne selber Gefahr zu laufen, ihr Aeuerstes.
Aber der Black Hawk war ein altes, der Van Buren dagegen ein neues und fast das
schnellste Boot des Mississippi. - Wie ein Pfeil scho es eine kurze Strecke den
Strom hinauf, dann fiel sein Bug pltzlich vor der Fluth ab - von Helena aus
konnten sie das von Menschen gedrngte Steragedeck bersehen - und Jauchzen und
Jubeln scholl von dort herber. Die Schnelle, mit der es die Fluth durchschnitt,
war entsetzlich - der eingehemmte Dampf jagte die Rder in rasendem
Wirbelschwung um ihre Achsen - Fett und Oel schleppten die Piraten herbei und
warfen es unter die Kessel - whrend sich zwei der Mnner an die Ventile hingen,
um selbst der unbedeutendsten Quantitt Dampf den Ausgang zu verwehren. Es galt
ja auch hier nicht allein dem Feind zu entgehen, sondern weiten Vorsprung genug
zu gewinnen, um nicht Gefahr von anderen Booten frchten zu mssen.
    Aber wo war der Mann, der diese wilde, zuchtlose Schaar htte in Ordnung
halten knnen? Wer verstand die Leitung dieser Maschinen, um die Sicherheit
ihrer Kraft zu bestimmen? Nur wilde, ungeregelte Flucht war der Gedanke der
Piraten. - Die Maschine arbeitete - Holz lag noch an Bord, die Kessel glhten,
die Bucketplanken der Rder peitschten die Fluth - vorn am Bug zischte der gelbe
Schaum empor, und dort - ha, wie weit zurck hatten sie schon die Verfolger
gelassen. Fast war die Landspitze erreicht, die sie ihren Blicken entzog - und
dort vor ihnen lag der weite ruhige Strom, der sie der Freiheit entgegentragen
sollte. Noch leuchtete hoch und hell die Sonne am Himmel, und wenn sie
unterging, wenn dunkle Nacht - heiliger Gott, der Schlag, der das Innerste des
stolzen Baues erbeben machte! - Weier siedender Qualm stillte den Raum oder
quoll aus den Seiten des Decks, und zum Himmel emporgeschleudert schossen
zerstckte Leichname und Bootstrmmer, und strzten nach kurzem schauerlichen
Flug, schwerfllig und matt tnend, auf die zitternde Wasserflche nieder. - Das
halbe Boot war verschwunden, aber Verzweifelnde kmpften noch mit den Wogen, als
der Black Hawk vorberbrauste und auf derselben Stelle einschwenkte, auf welcher
wenige Minuten vorher die Kessel des Van Buren gesprungen waren.
    In Helena stieg, als sie von dort aus die Explosion des Piratenbootes
erkannten, ein Jubelruf aus hundert Kehlen und mischte sich mit dem fernen
Angstschrei und Todesrcheln der Verbrecher. - Die Feinde waren vernichtet, die
Insel hatte der Black Hawk gestrmt, und was nicht im Kampfe seinen Tod fand,
brachte er gefesselt an Bord. An der Landung von Helena aber suchten weinende
Frauen und Mdchen unter den Todten ihre Lieben und Freunde und ernste Mnner
trugen die verwundeten Kameraden in die nchsten Huser hinauf.
    Wer aber waren die Beiden, die noch immer mitsammen ringend dem Wasser
entstiegen? - das Volk sammelte sich um sie, und Manche wollten mit Hand anlegen
und die Feinde trennen. Tom Barnwell, der Eine von ihnen, hatte aber sein Opfer
zu fest und sicher gepackt, und wenn auch dieses in verzweifelter, wilder Wuth
gegen ihn ankmpfte, und Ngel und Zhne einschlug in das Fleisch seines ihm
berlegenen Siegers, so schien der die Wunden kaum zu fhlen, viel weniger zu
achten.
    Zurck! rief er - gleichen Kampf und Einer gegen Einen - der hier ist
mein - bei dieser rechten Hand hab' ich's geschworen, da ich ihn zwingen will,
mir zu folgen, und meine rechte Hand soll den Schwur halten, ob er den Arm auch
bis auf die Knochen abnagte.
    Hallo, Tom, rief ihn hier ein Bekannter an, will ihm die Beine ein
bischen heben, da er's bequemer hat.
    Zurck da, Bredschaw - zurck! schrie aber der junge Bootsmann - hinauf
schleifen will ich ihn, wenn die Bestie nicht mehr gehen kann, aber kein Mann
weiter soll Hand an ihn legen.
    Mit wildem Jauchzen schleppte, in fast wahnsinniger Aufregung, der wilde
Bootsmann sein heulendes Opfer die Strae hinauf, des Richters Wohnung zu;
einzelne der Mnner folgten ihm, aber er sah sie nicht - nur vorwrts - vorwrts
strebte er. Marie! war das Wort, das er manchmal zwischen den
zusammengebissenen Zhnen vorknirschte, - Marie, ich bring' ihn Dir - ich
bring' ihn Dir.
    Jetzt erreichte er das Haus - Niemand war in dem Vorsaal - die Hausthr nur
angelehnt - Adele hatte, selbst kaum stark genug, sich aufrecht zu erhalten, die
ber den Kampf zum Tod erschrockene Hedwig hinauf in ihr Zimmer gefhrt, da sie
das Grlichste noch nicht hren, noch nicht erfahren sollte. Unten aber in dem
kleinen khlen Gemach, das man erst heute der Kranken angewiesen, - an dem
Lager, auf dem eine bleiche Mdchengestalt starr und regungslos ausgestreckt
lag, standen zwei Frauen - Mrs. Smart und Nancy - und der ersteren liefen,
whrend sie mit gefalteten Hnden vor sich nieder sah, die klaren, hellen
Thrnen ber die Wangen hinunter, inde sich Nancy zu Fen des Bettes
niederkauerte und die groen dunkeln Augen fest und ngstlich auf die Zge der -
Leiche geheftet hielt.
    Ich bring' ihn, Marie - ich bring' ihn! schallte die wilde, jubelnde
Stimme des Rasenden in das Zimmer der Todten - hier herein, hierher, und jetzt
auf die Kniee nieder vor einer Heiligen - herein hier, Bestie! Und mit
gewaltigem Griff, dem selbst der in verzweifelter Angst sich strubende
Verbrecher nicht widerstehen konnte, ri er den Verrther in den schmalen
Hausgang und in die erste offene Thr, die er erreichte.
    Mrs. Smart und Nancy stieen einen Schrei der Angst und Ueberraschung aus,
und Tom, der den Verbrecher nachschleppte, schlug jetzt selbst erschreckt die
Augen auf und starrte verwundert umher. Sein Blick flog ber die beiden entsetzt
zu ihm aufsehenden Frauen, ber die ganze wohnliche Umgebung des kleinen
Gemachs, ber die dichtverhangenen Fenster hin, durch die sich nur hier und da
ein einzelner schimmernder Strahl die leuchtende Bahn erzwang; - es war fast,
als ob er Jemanden suche und sich doch frchte, nach ihm zu fragen. - Da -
erkannte er das Bett, das in der dunkelsten Ecke stand; nur dort, wo sich der
Vorhang ein klein wenig verschoben hatte, stahl sich, von der dnnen Gaze noch
gemildert, ein lichter Glanz hindurch und legte sich wie ein Heiligenschein um
das bleiche, ruhige Todtenantlitz.
    Der Bootsmann zuckte, wie von einer Kugel getroffen, zusammen - er sah
weiter nichts mehr, als jene blasse, rhrende Gestalt - seine Hand lie bewulos
in ihrem Griff nach, mit dem sie ihr Opfer bis dahin in eisernen Fngen
gehalten; Sander aber, den vielleicht nie wiederkehrenden Augenblick zur Flucht
benutzend, schlpfte, von jenem unbeachtet, rasch aus der Thr und in's Freie.
    Tom sah ihn nicht mehr - als ob er die vielleicht nur Schlummernde zu wecken
frchte, trat er auf das Bett zu, faltete die Hnde und schaute ihr lange still
und ernst in das liebe bleiche Angesicht. - - Viele, viele Minuten stand er so;
kein Laut entfuhr seinen Lippen, kein Seufzer seiner Brust, und die Frauen
wagten kaum zu athmen, der stumme Schmerz des Armen hatte etwas gar zu
Ehrfurchtgebietendes und Gewaltiges - sie konnten es nicht ber's Herz bringen,
ihn zu stren. Endlich beugte er langsam den Kopf zum todten Liebchen hinab, ein
einzelner Wehelaut:

                                    Marie!

rang sich aus seiner Brust, und laut schluchzend sank er neben der Leiche in die
Kniee nieder.

                                      37.

                                        

                                    Schlu.


Wenn die wilden und zerstrenden Aequinoctialstrme ausgetobt, den Wald recht
tchtig abgeschttelt und die heien, drckenden Sommerlfte mit polterndem
Brausen gen Sden gejagt haben; wenn die Wildni ihr in den wundervollsten
Farben und Tinten prangendes Herbstkleid angelegt; wenn der Sassafras seine
blutrothen Flecken bekommt, die den Jger so oft irre fhren und necken; wenn
die Hickorybltter, whrend das brige Laub sich noch einmal, um nur nicht alt
zu scheinen, von Frischem schminkt und putzt, ganz allein jenes herrliche
hellleuchtende Gelb annehmen; wenn die Wandervgel lebendig werden, und die
fallenden Eicheln und Beeren das Wild schrecken und scheu machen: dann beginnt
im nrdlichen Amerika die schnste, herrlichste Zeit - der indianische Sommer
- und blau und wolkenlos spannt sich das therreine Firmament Monate lang ber
die fruchtbedeckte Erde aus.
    Dann kommt die Zeit, wo im fernen Westen der naschhafte Br
Fensterpromenaden unter den Weieichen macht, die schnsten und reichsten
aussucht, hinaufklettert und mit einem Kennerblick und leisem behaglichen
Brummen die schwerbeladenen Aeste fat und niederbricht. Dann zieht der Hirsch
auf den Fhrten der Hirschkuh durch den Wald, die Truthhner thun sich in Vlker
zusammen und geben sich nicht einmal mehr die Mhe, ihrer Nahrung nach in die
Bume hinauf zu fliegen, denn die sesten, herrlichsten Beeren decken ja den
Boden; das graue Eichhrnchen raschelt im Laub und hascht nach den fallenden
Nssen; der blaue Heher schreit und lrmt in den Zweigen, und die Taube streicht
in ungeheuren Zgen gen Sden. Die ganze Natur lebt und athmet, und wirkt und
webt sich aus weichen welkenden Blttern, in die sie gar sinnig Frchte und
Aehren hineinflicht, ihr warmes, behagliches Winterkleid, ihren Schutz gegen den
kalten, unfreundlichen Nordwind.
    Es war an einem solchen milden, lauen Sonnentag zu Ende des Monats October,
als im Staat Georgia zwei Reiter auf der breiten, trefflichen Strae
dahintrabten, die von dem kleinen Stdtchen Cherokee aus, dicht an dem rasch dem
Golfe zufluthenden Apalachicola hinauf, einer groen, wohlbestellten Plantage
zufhrte. Vor dem Gartenthor des reizend gelegenen Herrenhauses, neben dem aus
fruchtbedeckten Orangenhainen die hellen Dcher der Negerwohnungen
hervorschimmerten, hielten sie einen Augenblick und bersahen von hier aus das
wunderliche Schauspiel, das sich ihren Blicken bot.
    Das nur einstckige, aber mit breiter, es rund umlaufender Veranda versehene
Haus stand mit dem Thor durch eine Allee schlanker, breitstiger Chinabume in
Verbindung, um deren mchtige Beerenbschel Schaaren von Seidenvgeln schwrmten
und die berauschenden Frchte naschten. Die Treppe, die von der Gallerie in den
Garten fhrte, war von wilden Myrten fast wie von einer Laube umschlossen, und
daneben glhten schwellende, wrzig goldene Orangen und berreife Granaten.
    An den beiden Ecken des Hauses standen zwei stattliche Peconbume, von deren
Zweigen lange, wehende Streifen grauen Mooses herabhingen; einen fast
wunderbaren Anblick aber gewhrte ein hoher, graustmmiger Magnoliabusch, an dem
die weie, rothgefllte Lianenrose ihre Ranken hinaufgeschlungen und die
herrlichen, duftigen Arme fest hinein in sein tief dunkelgrnes Laub und
zwischen die vollen, saftigen Bltter gewoben hatte. Wie mit lebendigen
Guirlanden umschlossen sie diesen duftenden Strauch, und noch einmal so laut und
freundlich sang hier zu Nacht der Mockingbird seine sen, schmelzenden Weisen,
wenn tausend und tausend Feuerkfer die stillen, heimlichen Pltzchen mit ihrem
Funkenlicht erhellten.
    Wahrhaftig, Bill, sagte jetzt der Eine der Reiter und strich sich zugleich
den Spann des nackten Fues, auf den ihn ein Mosquito gestochen hatte, unter dem
Bauch seines Pferdes - Jimmy wohnt merkwrdig fein hier - seh' mir Einer den
Jungen an, wird nun Pflanzer und lt seinen alten Vater in Arkansas sitzen und
trockenes Hirschfleisch kauen.
    Hat er Euch denn nicht bis auf's Blut geqult, Lively, Euch und die
Schwiegermutter, da Ihr mitkommen solltet und hier bei ihm wohnen? frug da der
Andere, habt Ihr denn gewollt?
    Werde nicht so dumm sein, Cook, lachte der Alte und richtete sich ein
wenig in den Steigbgeln auf, um ber das Staket zu sehen - werde nicht so dumm
sein. Sind wir nicht heute Morgen sieben richtige Meilen geritten und haben wir
auch nur eine Hirschfhrte gesehen? Ist hier ein Truthahnzeichen in dem ganzen
Wald? - von Bren gar nicht zu reden, die wahrscheinlich in Menagerien
hergebracht werden. Nein, Billy, fr uns Beide pat Arkansas am besten, wir
mten denn Lust kriegen, in Kalifornien drben mit anzufangen. Ich werde aber
beinahe zu alt dazu. Doch - wie ist's denn da drinnen, wie kommen wir hinein? Ob
die Thr wohl auf ist?
    Er ritt dicht an die Gartenpforte hinan und trat auf die Klinke; diese ging
auf und die Thr knarrte langsam in ihren Angeln.
    Hallo the House! rief der Alte mit weit drhnender Stimme, und
blitzschnell glitt um die viereckigen Backsteinsulen, die das ganze Gebude
trugen, ein Mulatte und eilte auf die Mnner zu.
    Dein Master zu Hause, Dan? frug Cook und bog sich nach ihm hinber.
    Mein Master? wiederholte der Mulatte und starrte dazu die beiden Mnner so
verwundert an, als ob er sie eben htte aus dem Monde fallen sehen. Da
pltzlich, als er sich erst berzeugt, da es Die auch wirklich seien, fr die
er sie im Anfang, kaum seinen Augen trauend, gehalten, sprang er hoch empor und
rief jauchzend:
    Bei Golly - Massa Lively - Massa Cook - oh Jimmini, Jimmini, wie wird sich
Missus freuen! und er flog rasch auf die Mnner zu, ergriff ihre Hnde, die er
kte und drckte, und dachte gar nicht daran, die Pferde abzunehmen, die ihm
ungeduldig entgegenwieherten.
    So, Dan - das thut's nun, sagte Cook und gab ihm den Zgel seines Thieres
in die Hand - wie geht's hier? Alle wohl?
    Alle wohl, Massa! besttigte freudig der Bursche, whrend er geschftig
nach den Zumen griff und einen Kratzfu nach dem andern machte - Alle mit
einander, Dan auch - behielt sein Bein selber - Leichendoctor kann sehen, wo er
ein Mulattenbein sonstwo herkriegt -
    Und Dein Herr? frug der Alte.
    Geht auch besser! versicherte Dan - nur noch ein bischen krank. - Hier,
Nancy - fhr' 'mal die Gentlemen zu Missus und Massia 'nauf; Golly, was fr eine
Freude wird Missus haben!
    Dan plauderte noch fortwhrend vor sich hin, die beiden Mnner aber folgten
rasch dem jungen Mdchen, das schnell die niedere Treppe hinaufsprang und die
Thr des Hauses ffnete. Da blieb der alte Lively auf einmal stehen.
    Wetter noch einmal! Das htt' ich bald vergessen, Dan - heh, Dan - bring
einmal schnell mein Pferd wieder her!
    Was giebt's denn? frug Cook erstaunt und sah sich nach ihm um. Dan fhrt
es in den Stall und bringt uns unsere Sachen nachher heraus.
    Willkommen, tausend und aber tausendmal willkommen! rief da eine freudige
Stimme, und Adele - aber nicht Adele Dunmore, sondern James Lively's reizendes
kleines Frauchen - flog die Treppe herab und ihnen entgegen. Lieber, lieber
Vater Lively - herzlich willkommen - Schwager Cook - das ist schn, da Ihr
endlich einmal Euer Versprechen erfllt habt.
    Sie fiel dem Vater um den Hals und reichte dem jungen Farmer die Rechte hin.
Obgleich der alte Mann aber mit dem herzlichen Ku, den sie ihm auf die Lippen
drckte, vollkommen einverstanden sein mochte, so blieb er doch immer noch wie
verlegen stehen und sah sich ngstlich nach dem ruhig mit seinem Pferd
davonschlendernden Mulatten um. Ja, er rief ihm sogar noch einmal mit lauter
Stimme nach und verlangte das Pony.
    Aber so kommen Sie doch nur herauf, Vater, bat Adele - James wird auch
gleich wieder da sein. Nancy mag Ihnen nachher bringen, was Sie brauchen.
    Der alte Lively stand auf dem einen Fu und hielt den andern dahinter
versteckt. Adele sah zufllig hinunter und lachte laut auf:
    Hahaha - wieder keine Schuhe - noch immer der Alte - oh, Mr. Lively - Mr.
Lively!
    Sie stecken wahrhaftig in der Satteltasche, betheuerte der alte Mann und
blickte wehmthig hinter dem eben um die Ecke verschwindenden Dan her.
    Aber die wollenen Socken hat er unterwegs verloren, lachte Cook. Wie wir
aus Cherokee herausritten, schob er sie in den Hut, um sie nachher anzuziehen,
und da sind sie ihm wahrscheinlich herausgefallen.
    Der alte Lively drohte seinem nichtswrdigen Schwiegersohn mit der Faust,
Adele aber fate ihn unter dem Arm, gelobte ihm strenge Verschwiegenheit gegen
Mrs. Lively, die ltere, und fhrte nun ihre lieben Gste rasch in das Haus
hinauf.
    Hier mute brigens Dan schon Lrm geschlagen haben, denn aus dem Garten
sprang, zwar noch den linken Arm in der Binde, aber sonst wohl und krftig,
James herbei, und in dem Saale oben begrte sie mit herzlichem Wort und
Hndedruck Mrs. Dayton. Sie ging ganz in Trauer gekleidet, und um den kleinen,
feingeformten Mund hatte sich ein wehmthig ernster Zug gelegt, der dem
bleichen, zarten Antlitz etwas ungemein Rhrendes gab; Freude aber ber die
lieben, so lange herbeigewnschten und erwarteten Gste rthete ihre Wangen ein
wenig und verlieh ihren sanften Augen einen hheren Glanz.
    Cook und Lively muten jetzt erzhlen, wie es all' den Lieben zu Hause ging,
was Mutter und die Kleinen machten - wie sich Bohs und die brigen Hunde
befnden, ob die und die Kuh noch recht wacker Milch gbe und das und das Kalb
noch immer den Melkeimer umstiee, und tausend und tausend Kleinigkeiten ber
Farm und Haus, ber Feld und Wald. Immer aber, wenn Einer der Beiden nur mit
Wort oder Miene auf jene entsetzlichen Vorgnge in Helena zurckkommen wollte,
lenkte Adele rasch ein und hatte so viele und wichtige Fragen zu thun, so manche
Kleinigkeiten und Schtze zu zeigen und bewundern zu lassen, da Cook wohl
endlich merkte, sie wollte die Sache nicht berhrt haben, und nun auch
seinerseits die dorthin zielenden Aeuerungen des alten Lively parirte. Dieser
aber, Winke und Blicke nicht achtend, arbeitete nur immer auf das neue Ziel
wieder los, fing schon wenigstens zum zehnten Mal von Helena an und schien noch
eine ganze Menge Sachen auf dem Herzen zu haben, die er unmenschlich gern los zu
sein wnschte.
    Endlich stand Mrs. Dayton auf, flsterte Adelen leise einige Worte in's Ohr,
kte sie und verlie dann mit ihr das Zimmer.
    So - nun schiet los! sagte jetzt Cook zum Alten, der ihn verwundert ansah
- ist mir schon im ganzen Leben so ein alter Mann vorgekommen -
    Aber, Cook, rief erstaunt Vater Lively - ich will mein Lebenlang Schuh'
und Strmpfe tragen, wenn ich wei, was Ihr wollt!
    Bester Vater! sagte James und trat, seine Hand ergreifend, auf ihn zu,
nicht von Helena reden, wenn Mrs. Dayton dabei ist. Wir vermeiden es hier
stets, und es erneut nur ihren Schmerz.
    Aber, entgegnete der alte Mann - sie wei doch -
    Kein Wort von dem, was ihr, wenn sie nur eine Ahnung davon htte, das Herz
brechen wrde.
    Was? rief Cook erstaunt - sie wei noch nicht, da Dayton der heimliche
Fhrer der Piraten und ein Verbrecher war, wie ihn die Welt kaum wieder
aufzuweisen hat?
    Nein - und soll es nie erfahren, sagte James - Ihr erinnert Euch noch,
da sie an jenem unglckseligen Tage gleich auf die Farm hinausgeschafft wurde,
und wie sie nach der Nachricht von ihres Gatten Tode, den sie im Kampf gegen die
Piraten geblieben glaubte, lange Wochen krank lag.
    Allerdings, erwiderte Cook, und Ihr waret ja alle Beide damals so elend,
da Euch der Arzt mit Gewalt aus Arkansas fortschickte; wir glaubten aber immer,
sie mte die Wahrheit am Ende doch noch erfahren.
    Sie wrde es nicht berleben, versicherte James, und Adele wacht
sorgfltig darber, da sie mit Niemandem spricht, der ihr das Schreckliche aus
Unwissenheit oder Schwatzhaftigkeit verrathen knnte. Auch die Zeitungsbltter
sind deshalb fr jetzt noch streng aus unserem Hause entfernt gehalten, so da
ich eigentlich selbst nichts Genaueres ber die damaligen Vorgnge wei,
obgleich ich im Anfang mittendrin stak. Dies Andenken hier werde ich wohl noch
eine Weile zu schleppen haben, bin aber doch froh, da ich Monrove damals nicht
gewhren lie, der mich fast auf den Knieen bat, ihn den Arm absgen zu lassen.
    Der Leichendoctor hat in jener Zeit eine gar bedeutende Rolle gespielt,
sagte Cook schaudernd - ist denn Dayton's Leiche, die er einbalsamiren mute,
glcklich hier angekommen?
    Ja, erwiderte James - wir haben den Krper in unserem Garten beigesetzt,
und Mrs. Dayton verbringt an jedem Morgen die Stunde, in der sie in Helena
Abschied von ihm nahm, auf seinem Grabe. Sie ist auch jetzt dorthin gegangen,
und findet in diesem Todtenopfer Beruhigung und Trost.
    Da haben die Uebrigen, die es vielleicht weniger verdient, ein schlimmeres
Bett bekommen, sagte Cook dster - Dayton starb doch noch im wilden Kampfe,
Mann gegen Mann und mit den Waffen in der Hand, aber seine Kameraden -
    Also ist es wahr, was das Gercht darber sagt? frug James leise.
    Cook nickte schweigend mit dem Kopf, und der alte Lively flsterte:
    Ja. Jimmy - das war ein schlimmer Tag, und Du magst froh sein, da Du im
Bett lagst und nichts davon wutest. - Ich kann seit der Zeit gar kein
Mississippiwasser mehr trinken, denn es ist mir immer noch, als ob ich die weite
Blutflche vor mir she. Denke Dir nur, vierundsechzig Menschen nahmen sie dem
Constabler weg und -
    Ich bitt' Euch, Vater - hrt auf, bat Cook - lat die Todten ruhen - sie
haben frchterlich genug gebt. Nein, da lob' ich mir offenen, wackern Kampf,
wie wir's zuerst begonnen, und da hat von Allen Tom Barnwell, den sie mit mir
aus dem Gefngni holten, den kecksten, verwegensten Streich ausgefhrt. Auf dem
Hurricanedeck des Van Buren ersah er sich seinen Feind, kletterte ganz allein
zwischen die Piraten an Bord, die ihn natrlich eben dieser grenzenlosen
Tollkhnheit wegen fr einen der Ihrigen halten muten, lief auf das oberste
Deck, fate mitten aus der Schaar seinen Mann heraus und ri den Entsetzten mit
sich ber Bord.
    Aber er hat sich doch spter wieder von ihm losgemacht, sagte der alte
Lively - er war wenigstens bald nachher wieder allein auf der Strae und wollte
spornstreichs in den Wald.
    Nun, fort ist er nicht, erwiderte Cook - denn Bredschaw mu ihn gleich
nachher wieder aufgefangen haben. Ich sah selbst, wie er ihn dem Flusse
zuschleifte. - Er kam zu den Uebrigen.
    Was ist denn nur aus Tom Barnwell geworden? frug James, das mu ein
wackerer Bursche gewesen sein.
    Ich wei nicht, sagte der alte Lively; Edgeworth, jener Indianafarmer,
der eigentlich die Ursache war, da die Insel so rasch und glcklich gestrmt
wurde, blieb noch ein paar Tage in Helena, und ging dann auf den nchsten
stromaufgehenden Dampfer; Tom jedoch, der zu seinem Boot gehrt hatte, blieb
zurck und ist wohl spter nach New-Orleans gefahren; ich glaube, er wollte nach
Texas. Aber hre, Jimmy, Dan scheint sich ja ganz hbsch hier eingerichtet zu
haben - sind die alten Mucken vergessen?
    Die Lection scheint ihm sehr gut bekommen zu sein, erwiderte James, Dan
ist jetzt ein recht wackerer Bursche, und Adele hat schon nach Texas an Atkins
geschrieben und ihm angezeigt, da sein Neger bei uns sei und wir ihn zu
behalten wnschten. Ich schickte den Brief an Smart, der ihn auch besorgt haben
wird.
    Apropos, Smart, rief der alte Lively, wo steckt denn der jetzt
eigentlich? - Aus Helena, wo er Alles verkauft hat, ist er seit vierzehn Tagen
fort; seine Frau behauptet aber, er wre mit O'Toole nach New-Orleans gefahren,
um sich eine neue Einrichtung zu kaufen, die er hier in Georgia zu benutzen
gedenke. Ist das wahr?
    Allerdings, lachte James - ich habe fr ihn, hier in Cherokee, das Bunker
Hill-Hotel gekauft, und erwarte ihn schon seit gestern Morgen jeden Augenblick,
um das Weitere mit ihm in Richtigkeit zu bringen.
    Und er kommt wirklich hierher? frug Cook rasch.
    Gentleman noch zu Hause? frug in diesem Augenblick unten eine Allen
bekannte Stimme, und Cook, der rasch das Fenster aufwarf, rief frhlich hinab:
    Smart - hallo da - wie geht's in Georgia?
    Gut - uncommonly so, sagte Smart, glitt von seinem Rappen und rieb sich,
whrend er zu dem Fenster hinaufnickte, vergngt die Hnde - prchtige Gegend
hier - ungewhnlich prchtige Gegend. Damit sprang er in zwei Stzen die kleine
Treppe hinauf, die aus dem Garten in's Haus fhrte, und stand im nchsten
Augenblick im Zimmer zwischen den Freunden, denen er die Hnde schttelte, als
ob er ganz besonders hier nach Georgia gekommen wre, ihnen bei erster
Gelegenheit smmtlich die Arme auszurenken.
    Nun, Smart, rief James, als die ersten Begrungen vorber waren, habt
Ihr Euer neues Besitzthum schon in Augenschein genommen? Gefllt's Euch und seid
Ihr mit dem Handel zufrieden?
    Unmenschlich, sagte Smart und fing an James' gesundem Arm die kaum
eingestellte Operation von vorn wieder an, unmenschlich, in vier Wochen bin ich
mit Kind und Kegel hier; O'Toole ist jetzt schon drin geblieben und kommt heut
Abend nach. Aber - wo ist denn die kleine Frau? sagte er, sich berall dabei im
Zimmer umsehend - Mrs. Adele Lively mcht' ich doch vor allen Dingen begren.
    Wird gleich wieder da sein, Smart, erwiderte James; aber was habt Ihr in
Eurer Tasche? - Was arbeitet Ihr denn da aus Leibeskrften - sie hat sich wohl
verstopft?
    Ich wei nicht, murmelte Smart und suchte dabei mit aller nur mglichen
Anstrengung ein fest zusammengedrcktes Paket aus der linken Fracktasche an's
Licht zu bringen, ich habe da auf der Strae hierherzu 'was gefunden, - Cook
sprang auf und trat rasch neben den Yankee - es mu es wohl ein Reisender oder
Jemand aus Cherokee verloren haben.
    Hurrah, Schwiegervater - das ist ein Glck! jubelte jetzt Cook, als Smart
ein Paar wollene Socken zum Vorschein brachte - sie sind wieder da!
    Htten eben so gut fortbleiben knnen, Bill, brummte der Alte - hol' der
Henker die Dinger - meinen Kautabak hab' ich auch verloren, den bringt mir kein
Mensch wieder - die aber sind nicht los zu werden. Er fuhr rasch mit ihnen in
die eigene Tasche, denn die Thr ging in diesem Augenblick wieder auf und die
Damen traten ein.
    Ah, Mr. Smart! rief Adele und eilte mit ausgestreckter Hand auf ihn zu -
willkommen in Georgia - herzlich willkommen - und Sie werden jetzt, wie frher
in Helena, unser Nachbar.
    Verlasse die Union, sagte Smart lchelnd, und ziehe nach Bunker Hill.
Schade, da Mrs. Vreidelford nicht ebenfalls -
    Und Ihre liebe Frau kommt auch bald nach, wie? fiel ihm Adele, die jede
Beziehung auf jene Zeit gern vermeiden wollte, rasch in die Rede. Jonathan Smart
aber war, der alten Gewohnheit treu, nicht leicht aus dem einmal eingeschlagenen
Satz zu bringen.
    - im Stande ist, ihre bescheidene Wohnung hier aufzuschlagen, fuhr er
deshalb hchst bekmmert fort - knnten doch noch manchmal eine Tasse Thee
zusammen trinken. Sehen Sie, Mrs. Lively, da hatt' ich doch einmal wieder Recht
- Gottes Wort im Munde und den Teufel im Herzen; diese Frau, die sich und ihren
seligen Mann, wie sie ihn so gern nannte, in einem fort lobte, gehrte ebenfalls
mit -
    Ach, bester Mr. Smart, wenn Sie nur wenigstens Mr. Cook und Vater Lively
bewegen knnten, hierher zu ziehen, es wre gar zu hbsch, wenn wir Alle
zusammenwohnen knnten -
    - zu jener schndlichen Raubbande, versicherte Jonathan, ohne fr jetzt
wenigstens von dem Einwand Notiz zu nehmen. Man hat in ihrem Hause eine Unmasse
von Waaren und viele ber die ganze Sache Aufklrung gebende Briefschaften
gefunden. Etwas aber, was ein noch frchterlicheres Licht ber die Thtigkeit
und Wirksamkeit dieser scheulichen Verbrecher gab, ist ein Theil von des
ertrunken geglaubten Holk Sachen, von dem es nun auer allem Zweifel bleibt, da
er ebenfalls ermordet wurde. Der Bube, der sich fr Holk's Sohn ausgegeben, war
denn auch richtig mit unter den Gefangenen. Mrs. Breidelford soll brigens, wie
man aus unter der Diele versteckten Papieren ersehen, frher schon einen andern
Namen gefhrt und Dawling geheien, ihren ersten Mann aber mit Hlfe des zweiten
und vermittelst eines groen, ihm in den Schlaf getriebenen Nagels getdet
haben, wonach Breidelford in Missouri von Regulatoren gehangen wurde, sie selbst
aber mit genauer Noth nach Arkansas entkam.
    Aber, mein guter Mr. Smart, wenn ich sie nun recht herzlich bitte, alle die
alten grlichen Geschichten ruhen zu lassen, bat Adele - thun Sie mir den
Gefallen und erzhlen Sie uns lieber etwas Freudiges.
    Hm, meinte Smart, auch damit kann ich dienen - Mrs. Everett hat nach
ziemlich einstimmigem Beschlu einen sehr groen Theil der gefundenen Gter als
Entschdigung ausgeliefert bekommen, und in Helena ist jetzt Ruhe und Frieden.
Doch um wieder auf Ihre frhere Anfrage zurckzukommen, Mrs. Lively, so stimme
ich selber dafr, da die Firma Cook und Lively so schnell als mglich Anstalten
mache, den Sqatterstaat Arkansas zu verlassen, um hier zwischen Chinabumen und
Cocogras ein neues Leben zu beginnen. Wie, Gentlemen - keine Lust, Ihre Farm zu
verkaufen und mit herzuziehen? Prchtiges Land hier, und die ganze Familie dann
auf einem Pltzchen zusammen!
    Hm, meinte Cook, ich wei nicht - ich wohnte wohl gern hier - meine Frau
wnscht sich's auch -
    Ne, Kinder! sagte Lively senior und schttelte bedeutend mit dem Kopfe,
ich hab' Euch recht lieb und meine Alte auch, und ich - ich wre ganz gern mit
Euch zusammen, aber stlich zieh' ich nicht mehr. - Hier giebt's keinen Wald,
lauter Plantagen und Niggers - die wildesten Thiere sind die Kaninchen und die
grten Vgel die zahmen Gnse. - Selbst die Hunde wissen hier nicht mehr von
Brenfhrten als Smart da, der, glaub' ich, noch gar keine gesehen hat, und man
kann keine zehn Schritt von der breiten Strae abgehen, ohne ber zwlf Fenzen
klettern zu mssen. Jimmy ist nun einmal aus der Art geschlagen, aber ich passe
nicht hierher, und da wir die Flupiraten einmal -
    Mr. Lively, da bringt Dan Ihre Schuhe, flsterte Adele lchelnd und
deutete nach dem grinsenden Mulatten zurck.
    Kinder, sagte Lively und sah erschreckt und mit komischer Verzweiflung zu
dem jungen Frauchen auf - morgen - morgen will ich wahrhaftig Schuh' und
Strmpfe anziehen und so lange tragen, wie ich hier bin, aber heute - heute
wollen wir noch einmal recht vergngt sein.

                                     Ende.
