
                                 Aston, Louise

                            Aus dem Leben einer Frau

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                                  Louise Aston

                            Aus dem Leben einer Frau

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Das Leben ist fragmentarisch; die Kunst soll ein Ganzes schaffen!
    Diese Bltter gehren in Dichtung und Wahrheit dem Leben an, und machen
nicht Anspruch auf knstlerischen Werth! Darum sind sie fragmentarisch, wie
diese ganze moderne Welt, aus deren ghrenden Elementen sie hervorgegangen, ein
Beitrag zur Charakteristik unseres Lebens! Wer den reichen Zauber der Gestaltung
besitzt, und die Idee zu bannen versteht in ewige Formen: der wird nach Ma und
Regeln der Schnheit, auch dies zersplitterte, moderne Leben zu einem
harmonischen Kunstwerk zusammenfassen, ihm dauernde Bedeutung geben und sich
selbst mit ihm unsterblich machen! Wir andern aber knnen nur einzelne Bltter,
vielleicht Frchte von den Lebensbumen dieser Zeit pflcken! Wir schreiben
flchtige Zeilen; aber wir schreiben sie mit unserem Herzblut! Findet dies
Fragment Anklang, hat der Kern dieses Lebens und sein Schicksal eine allgemeine
Bedeutung: so schliet sich vielleicht ein zweites Fragment daran, das manche
Entwicklungen weiter fhrt, und manche confessions vollendet.

Hamburg, im Mrz 1847.
                                                                   Louise Aston.

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Eine alterthmliche Pfarrerwohnung gilt von jeher fr das heimathliche Reich der
Idylle. Hier quartiert, seit Vossens Louise, die gemthliche Phantasie der
Dichter ihre behaglichen Gestalten ein, welche in dem Comfort eines stillen, in
sich befriedigten Lebens das letzte Ziel und den ganzen Werth der Existenz zu
erschpfen whnen. Etwas Lindenschatten und Abendroth, Mittagessen und Gebet,
eine Promenade durch die Kornfelder, die Bereitung des Kaffees und wenn es hoch
kommt, eines Hochzeitbettes - das gengt dieser friedlichen Poesie, welche die
breite Prosa des Lebens in ihre langathmigen Verse bersetzt. Doch der
idyllische Kuhreigen hat in unserer Litteratur ausgetnt, da die Beschrnktheit
solcher Existenzen auch nicht auf Natur und Wahrheit Anspruch machen kann;
sondern mit Recht als ein affectirtes Ignoriren des Lebens in der Welt und ihrer
Geschichte angesehen wird, das Utopien einer spiebrgerlichen Phantasie. Diese
Genrebilder ohne Perspective und Hintergrund finden kein Publikum mehr; denn sie
sind poetische Grillen, welche der Wirklichkeit fern liegen. Selbst in das
abgeschlossenste Pfarrhaus hinein dringt das Leben mit seinen Beziehungen und
Gegenstzen, mit seiner Noth und Bedeutsamkeit; dringt der Zeitgeist mit seinen
Kmpfen und seinen Zielen. In eine solche Pfarrwohnung, die nur uerlich den
idyllischen Frieden zur Schau trgt, whrend in ihrem Innern das moderne Leben
seine socialen Schlachten schlgt, versetzen wir jetzt die Phantasie unserer
Leser.
    Die ersten Strahlen der Maiensonne drangen verstohlen durch zwei kleine,
runde Schiebfenster, ber welche dichtbelaubte Kastanienbume die ehrwrdigen
Schatten warfen, in ein traulich enges Gemach, und beleuchteten hier eine
eigenthmliche Scene. Auf einem altmodischen mit groblumigen Kattun berzogenen
Sopha sa ein Greis mit finstern, unheimlichen Zgen. Die kleinen, grauen Augen,
der stechende Blick kontrastirten unangenehm mit dem silberweien Haar, und
strten den Eindruck des ehrwrdigen Alters. Vor diesem Greise knieete ein
liebliches Mdchen von siebenzehn Jahren. Lichtbraune Locken fielen noch
ungeregelt auf den weien Hals und Nacken nieder, und gaben dem zarten Oval des
Angesichts eine se, trumerische Frbung. Die groen blauen Augen sahen in
tiefem Schmerz zu dem Greis empor, whrend ihre Hnde krampfhaft gefaltet auf
dem Busen ruhten, als wollten sie den heftigen Schlag des Herzens hemmen. Die
ganze Erscheinung des Mdchens hatte etwas Rhrendes; denn ihre Zge waren von
jener eigenthmlichen Schnheit, deren Reiz durch den Ausdruck des Schmerzes
erhht wird, denen der Menschenkenner schon im Voraus prophezeiht, da sie einst
den Stempel tiefen Leidens tragen werden. - Die Einrichtung des Gemachs
entsprach dem Sinn der Bewohnerinn. Sie war einfach und klar, und entbehrte
aller unntzen Zierrathen, mit denen sich sonst die Eitelkeit der Damen zu
umgeben pflegt. Ein blankgebohnter Nubaumtisch, drei geflochtene kleine
Rohrsessel, ein Spiegel in Duodezform bildeten mit dem Sopha das ganze
Meublement. In einer Ecke lehnte eine Harfe, mit einem halbverwelkten
Immortellenkranz geschmckt, whrend auf dem niedrigen Fenstergesimse wie zum
Hohn fr das abgestorbene Bild der Unsterblichkeit ppig blhende Geranien und
Rosen prangten. Die Wnde des Zimmers waren blendend wei, nur hin und wieder
mit schwarzen Kreidezeichnungen dekorirt, denen Nubaumholz zum rohen Rahmen
diente, wahrscheinlich Reminiscenzen aus der frhesten Jugend des Mdchens.
Mitten in dieser Einfachheit that es dem Auge fast weh, auf dem Roccoco-Tisch
Gegenstnde des feinsten Luxus zu finden. In chaotischer Unordnung lagen die
kostbarsten Preciosen umher. Ein elegantes, rothes Saffian-Etui lie einen
prachtvollen Rubinschmuck hervorschimmern; Blonden und Kanten blickten neugierig
aus ihren halbgeffneten Kartons zu einem Atlas-Kleid hinber, das ber der
Sophalehne hing, gleich als ob sie sich sehnten, an dem schweren, weien Gewand
als blendender Schmuck zu prangen.
    Es ist fest und unwiderruflich, Johanna, sprach der Greis mit heiserer
Stimme; heute wirst Du die Gattin des Herrn Oburn. Ich habe mein Wort gegeben;
ich halte mein Wort. Der Mann ist reich, sehr reich; Du wirst ein glnzendes,
vielfach beneidetes Leben fhren, da vergit sich rasch die sentimentale
Jugendliebe, das Spiel einer mssigen Phantasie, das vor dem Ernst des Lebens
verschwinden mu. Du wirst es mir spter Dank wissen, da ich Dein Geschick
gewhlt.
    Mir schaudert, Vater, entgegnete das Mdchen, wenn ich an den Mann nur
denke, von dem man so viel Unheimliches sagt, dessen ganzes Wesen mir
widerwrtig ist. Aus seinen Zgen spricht ein Geist, der mir ewig fremd bleiben
wird, den ich nicht verstehe, nicht verstehen will, der mir wie eine feindliche
Macht gegenbertritt und mein Gefhl emprt. Nie, nie knnte ich diesem Manne
angehren! D'rum, la mir mein Glck, meinen Frieden, Vater! Sieh', ich bin noch
so jung! Du hast mich so oft Deine holde Blume genannt! O la' mich hier
fortblhen ungestrt bei Dir, und wachsen und werden, was der innere Trieb
gebietet. Dort mu ich verwelken, verdorren - ich fhl's - dort ist meine
Heimath nicht. Und dann, fuhr sie fort mit lieblicher Schchternheit, Du weit
es ja mein Vater, ich liebe, hei und innig, habe dem Geliebten das Wort
gegeben, ihm allein auf immer anzugehren. Und Du willst mich zwingen, meineidig
zu werden, Du, ein Diener des Herrn? Du mut es ja wissen, wie fluchwrdig eine
Untreue vor Gott ist.
    Der Greis hrte in hchster Aufregung die Worte der Tochter an; doch er
bekmpfte die Aufwallung seines Innern, die aus seinen feurigen Blicken und
seinen Zgen sprach, und erwiederte ruhig: Hre aufmerksam zu, Johanna! Was ich
Dir jetzt sage, wird Dir jede weitere Einrede ersparen. Ich tadle Dich nicht;
denn auch mir war die Liebe, als ich noch jung war, das Hchste, das einzig
Begehrenswerthe, dem man jedes Opfer willig bringen mu. Ich war sehr arm, hatte
frh die Eltern verloren, und stand unter der Aufsicht eines Vormundes, eines
redlichen, aber strengen Mannes, der mich fr den Handwerkerstand bestimmte,
weil mir die Mittel zu einer hheren Ausbildung fehlten. Doch ich traute mir
Kraft und Talente zu, eine andere Laufbahn zu whlen: und brachte es durch
eifriges Studium dahin, da ich die Universitt zu H. beziehen konnte. Ohne
Geld, ohne Connexionen, mit dem bittersten Mangel kmpfend, verlebte ich meine
Studienjahre. Die Freuden der Jugend, das Glck eines frischen Lebens, die
ungehemmte Freiheit der Existenz - mir war das alles unbekannt. Ich suchte
diesen Verlust zu verschmerzen, in eifrigem Studium, in begeistertem
wissenschaftlichen Streben Ersatz zu finden fr ein sonst freudloses Dasein.
Aber auch die Schtze der Wissenschaft sind der Armuth verschlossen; und nur das
Gold ist die Zaubersalbe des Abdallah, welche den Zutritt zu ihnen ffnet, und
dem Auge erlaubt, in ihre Tiefen zu schauen. Mit groer Mhe mute ich mich
durchkmpfen zu den Quellen des Wissens, welche den begterten Studenten mhlos
und leicht zuflossen. Da schien mir dieses Metall eine Zaubermacht, gegen die
anzukmpfen, nutzlos ist, mit der man sich verbnden mu, um das Leben zu
besiegen. Seit jener Zeit ist mir der Reichthum ein hohes Gut, das ich gehat
und doch mit Gier erstrebt; dem ich nachjagte, whrend es mich floh, wie mein
eigener Schatten. Du, mein Kind, kennst die Noth und den Hunger nicht! Das waren
die Gefhrten meiner Jugend, die mich von Tag zu Tag hetzten durch ein Leben,
das keinen andern Zweck kannte, als den, sich selbst zu behaupten, sich selbst
fortzufristen. Wie oft schlich ich mich des Nachts auf die Aecker der begterten
Brger, um mit den Frchten des Feldes, dem fremden Eigenthum, mich vor dem
Hungertod zu erretten. - Doch auch diese qualvolle Zeit ging vorber. Ein
glnzendes Examen, das ich nach dreijhriger Studienzeit zurcklegte, verschafte
mir die Gunst und Empfehlung eines Professors und durch dieselbe eine
Hauslehrerstelle in einer grflichen Familie. Ein achtjhriger Knabe wurde
meiner Sorgfalt anvertraut, whrend ich der fnfzehnjhrigen Tochter nur
Musikunterricht ertheilen sollte. Hier in diesem Hause war ich tglich den
empfindlichsten Demthigungen ausgesetzt. Die ungebildete, hochmthige Familie
behandelte mich, den Erzieher ihres Kindes, gleich einem Domestiken. Wenn ich
oft nahe daran war, das Haus zu verlassen - da tdtete der Gedanke an meine
Armuth, an eine Zukunft ohne Mittel und Aussicht, den freien Entschlu.
Allmhlig fand ich in meinen Zglingen Ersatz fr die bittern Krnkungen, welche
die Eltern mir zufgten. Elise, die Tochter des Hauses, machte mir das Leben zum
erstenmale wnschenswerth. Unsere gegenseitige Neigung wurde bald zur Liebe; die
Liebe zur heftigsten Leidenschaft, die nicht nur ber mich, sondern auch ber
die Schlerinn malosen Jammer brachte. Die Mutter, eine herzlose Kokette,
eiferschtig auf die Reize der Tochter, entdeckte bald mein Verhltni zu Elisa.
Ich wurde in einer entehrenden Weise, die meinen Namen an den Pranger stellte,
aus dem Hause gejagt. Ohne eine andere Stellung zu finden, irrte ich lange Zeit
in der Welt umher, im Herzen verzehrende Liebe, von Noth und Sorge treu
begleitet. Die bewegtesten Schicksale waren an mir vorbergegangen; - Jahre voll
Arbeit und Mhe lagen hinter mir; - ich hatte tchtig mit dem Leben gerungen,
bis ich diese Pfarrstelle erhielt, ein bescheidenes Loos, das meine Existenz
sicherte; ohne mein Streben nach hheren Lebensgenssen jener Welt, die der
Reichthum zu schaffen vermag, zu befriedigen. Meine Liebe war nicht erloschen -
unter allen Kmpfen des Lebens dachte ich mit Sehnsucht an den kurzen Traum
meines Glcks. Sechs Jahre lang hatte ich nichts von der Grfinn gehrt; ich
glaubte sie lngst vermhlt, und htte ihr keinen Vorwurf daraus gemacht, wenn
sie mir ihr gegebenes Wort gebrochen. Da hrte ich von einem Freund, da, jedem
Zwang, allen Mihandlungen zum Trotz, mir die Geliebte treu geblieben und mein
in unvernderter Liebe gedenke. Diese Nachricht machte mich unaussprechlich
glcklich. So geliebt, um seines Selbst wegen so geliebt zu sein, ist fr den
Mann ein berauschendes Glck, das mir alle Ruhe und Ueberlegung raubte. Ich fand
Mittel, mich der Grfinn zu nahen. Sie wollte mein Weib werden, mir der Eltern
Liebe, Rang und Reichthum zum Opfer bringen; und ich war nicht edel genug, dies
Opfer abzulehnen. Ohne den Segen der Eltern wurde Elise meine Gattinn - Deine
Mutter. - Erschpft hielt hier der Greis einige Augenblicke inne; dann fuhr er
bewegter fort: Aus groer, alles bezwingender Liebe war diese Ehe geschlossen
worden; dennoch war sie nicht glcklich. Glaube mir, Mdchen, Liebe beglckt nur
auf kurze Zeit! Deine Mutter ist edel und liebenswrdig; - dennoch waren wir
Beide elend; deine Mutter, weil sie alle gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens
entbehren mute; ich, weil ich nicht im Stande war, sie ihr zu verschaffen. So
sind uns freudlose Jahre vorbergegangen, welche mir die traurige Lehre gaben,
da unter bedrckten uern Verhltnissen jede Hoffnung auf Glck getuscht
wird. Das Glck kehrt nur bei den Glcklichen ein! Du bist mein einziges Kind -
die Erfahrung meines Lebens soll Dir zum Heile werden! Du sollst einer
jugendlichen Tuschung nicht den wahren Genu des Daseins opfern! Ich mu Dich
schtzen vor all' dem Jammer, den Deine Mutter erlebt.
    Mit sichtlicher Spannung hatte Johanna den Worten des Vaters gelauscht, und
schien in einer kurzen Pause ber ihren Inhalt nachzudenken. Aus ihren Zgen sah
man, da dies Denken ein Erleben war, das ihr Wesen in seinen innersten Tiefen
fate; da sich in diesem Augenblick die ganze Zukunft bedeutsam in ihr zusammen
drngte. Pltzlich begann sie mit jener Entschiedenheit, welche, wie mit einem
gewaltsamen Ruck, alle Zweifel abschttelt:
    Deine Geschichte, Vater, pat nicht auf mich! Ich bin keine Grfinn, bin an
Entbehrungen gewhnt. Mir wird ein einfaches Leben gengen. Und dann - fuhr sie
fast feierlich fort, - meine Mutter war Dir treu; auch ich werde meiner Liebe
treu sein, als ihre echte Tochter. Ich lasse mich nicht verhandeln gegen
schndes Gold; ich kenne etwas Edleres, als dies Metall - meine Liebe! Ich
schwre Dir's - nie werd' ich Oburns Gattin! Alle Heftigkeit, die der Greis
bisher bezwungen, kam nun bei ihm zum Ausbruch. So wagst Du, mit mir zu
sprechen, thrichtes Kind? Bist Du nicht mein Geschpf? Ist nicht mein Wille Dir
Gesetz? Du mut ihm gehorchen; denn ich bin Herr ber Dich! Es bleibt dabei:
heute Abend wirst Du dem Herrn Oburn ehlich angetraut! Ich will es und befehle
es! Bei diesen Worten blitzte es im Auge der Tochter dmonisch auf; das
blhende Antlitz wurde marmorbleich; doch fest und ruhig erhob sie sich; sah den
Vater durchdringend scharf an, und sprach mit Bestimmtheit: Aber ich - ich will
es nicht! So weit gehen die Rechte eines Vaters nicht, einer flchtigen Laune
die Jugend, ja das ganze Leben eines Kindes zu opfern. Hier hrt der Gehorsam
auf, und mir allein gebhrt die Entscheidung. O sieh' mich nicht so zornig an,
als zge ich mit diesen Worten auf ewig eine Scheidewand zwischen unsere Herzen!
Ich bin jung - noch sehr jung - kenne die Welt und ihre Freuden nicht; dennoch
ahnt es mir, da es ein Glck geben mu, ein Glck der Liebe und des Genusses,
in das sich zu versenken hchste Befriedigung ist! Und ich will glcklich sein,
mein Herz hat die Kraft dazu, die Kraft, in der Seligkeit aufzugehn. Das fhl'
ich jetzt, denn Du verurtheilst mich, des Lebens unschtzbarste Gter einem
ungeliebten Manne hinzuopfern, dessen verlebte Zge nur das Todesurtheil
aussprechen ber meine Jugend. Mich reizt nicht all' diese Pracht der uern
Existenz, die seelenlos auch der Seele nichts zu bieten vermag, sie nur fesseln
kann in blendender Sklaverei. Nie werde ich diese Fesseln ertragen! Bei diesen
Worten nahm sie mit zitternder Hand eine schwere goldene Kette vom Tisch; und
ihre zarten Finger rttelten und spielten gedankenlos mit den Ringen und
Gliedern des prchtigen Geschmeides. Doch ber den Greis kam der Sturm des
Unwillens, und unterbrach gewaltig die kurze Pause sprachlosen Erstarrens, in
das ihn die Rede der Tochter versetzt. Die unbeherrschte Leidenschaft
triumphirte! An dem braunlockigen Haar ri er die Tochter wild hin und her, und
stie sie dann mit den Fen von sich, in malosem Zorn ausrufend: Ungerathene!
Ich fluche Dir! Erschpft, todesmatt, mit blauen Lippen und festgeschlossenen
Augen sank der Greis, nach diesem Ausbruch der Wuth, ohnmchtig auf das Sopha
zurck. Der gellende Schrei: Mein Vater ist todt, tnte in dem sonst so
stillen Pfarrhaus wider.

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Es war Mittag geworden. Schwler drangen die Sonnenstrahlen durch die Fenster,
die sie des Morgens nur angenehm erhellt hatten. Todtenstille herrscht in dem
Gemach. Noch liegt der Kranke bewutlos da. Eine Matrone steht vor ihm, reibt
die erstarrten Hnde, kt die blauen Lippen, um sie zu erwrmen, und sieht,
nach dem vergeblichen Versuch, trostlos zum Himmel empor. Der Arzt steht neben
ihr, und prft ruhig nach seiner goldenen Cylinderuhr den Pulsschlag des
Kranken. Dann unterbricht er das Schweigen; Es war ein Nervenschlag, verehrte
Frau, der ihren Gatten getroffen. Doch hoffen Sie - seine Erstarrung wird
nachlassen; er wird zum Leben zurckkehren; nur frchte ich, mit einer Lhmung
mancher edeln Organe!
    Mit einem seligen Lcheln schaute die Frau den glckverheienden Arzt an. So
traurig auch das Ende seiner Rede war - sie hatte es berhrt; und nur die
Worte: er wird zum Leben zurckkehren, freudig aufgefat und ihrem Gedchtni
eingeprgt. Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises, schlich
leise in eine Ecke des Zimmers, wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem
Estrichboden lag. Segnend legte sie die Hand auf des Mdchens Haupt, und sprach
weich: Johanna, mein Kind, wache auf! Dein Vater wird nicht sterben - Gott ist
uns gndig! Er lt diesen Kelch an Dir vorbergehen. Doch bete, bete, Kind, da
auch die Lippen noch den Fluch zurcknehmen, den sie ber Dich ausgesprochen;
denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift fr's Leben. Mit irren Mienen
richtete sich das junge Mdchen auf, strich sich die ungeordneten,
thrnenfeuchten Locken von der Stirn, und erwiederte klanglos: Was soll ich
thun, Mutter? Soll ich beten - soll ich heute noch Oburns Weib werden? Mein
Muth, mein Herz ist gebrochen. Dieser unselige Morgen hat mich willenlos
gemacht. Ich bin bereit - la' die Hochzeitglocken luten - flicht mir den
Brautkranz! Zitternd an allen Gliedern sank sie zurck in ihren Stumpfsinn; und
kein ueres Zeichen gab den innern Kampf der Seele kund. Wieder waren einige
bange Stunden vorbergegangen, Stunden, die ein ganzes Leben voll Freude quitt
machen. Da hob der Greis matt die Augenlieder auf; die Lippen regten sich; er
versuchte zu sprechen; - doch die Zunge war auf immer gelhmt!

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Ein frhliches Posthorn schmetterte in der Ferne. Nher kam's und nher, zum
einsamen Pfarrhaus hinan. Bald hielt ein eleganter englischer Reisewagen, den
vier prchtige schwarze Rosse zogen, vor demselben still, Herr Oburn, der
glckliche Brutigam, sprang jugendlich keck aus dem Wagen, und strzte auf das
Zimmer seiner Braut zu, wie ein Raubvogel auf seine Beute. Am Abende dieses
Tages standen die Thren der altmodischen Dorfkirche weit offen. Der mit
hlzernem Schnitzwerk verzierte Altar war reich mit Krnzen und mit frischem,
grnen Laube geschmckt; zwei Wachskerzen brannten auf kolossalen
Messingleuchtern. Eine Bibel, in schwarzem Sammet eingebunden, lag auf dem
Betpult, vor dem zwei rothe, dem Anschein nach neu angeschaffte Sammetsessel
standen. An dem Weg von der Kirche bis zum Pfarrhaus, der mit weiem Sand und
Blthen bestreut war, bildeten die festlich geputzten Dorfbewohner ein Spalier,
durch welches das Brautpaar nach alter Observanz, hindurch gehen mute. Jetzt
ertnte das Gelute der einzigen Glocke; ein Zeichen, bei dem sich alle Blicke
nach der Thre der Pfarrwohnung richteten. Gravittisch berschritt Herr Oburn
die Schwelle, und berschaute das Volk mit triumphirendem Blick. Seine
Persnlichkeit gab der Menge zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung, in denen
der idyllische Witz der Landleute sich mit vielem Behagen erging. Herr Oburn war
ein Mann von 50 Jahren, klein und fett, mit einem wrdevollen Hngebauch, einem
vollen, aufgedunsenen, dunkelrothen Gesicht, mit einer unfrmlichen, groen
Nase, neben der sich eine zweite kleinere, wie eine Tochterloge, etablirt hatte.
Beide waren mit den Farben von Burgunder und Rum malerisch schattirt. Die
Stirne, gewi von der Natur dazu bestimmt, in diesem Gesicht die beste Parthie
zu sein, war durch veilchenblaue Adern, die dick hervorquollen und sich
kreuzten, wie Heereszge auf strategischen Karten, unangenehm entstellt. Um den
gemeinen breiten Mund zog sich ein Lcheln grober Sinnlichkeit, das an ein
thierisches Grinsen erinnerte. Um das Gesicht wrdig einzurahmen, fiel
sprliches rothes Haar, genial vernachlssigt, von dem ziemlich kahlen Scheitel
auf die Schlfe herab. Dies Meisterwerk der Natur war durch eine
modisch-elegante Kleidung verhllt. Der schwarze, feine Anzug, die Weste und
Kravatte von weiem Atlas, suchten nach Krften mit dem Gesichtsteint zu
harmoniren, dem das feste Zuschnren der Halsbinde zu der traurigen Aehnlichkeit
mit einem gekochten Krebse verhalf. Das ganze Bild erinnerte an den Mann im
feurigen Ofen, obgleich jeder Anstrich alttestamentlicher Salbung fehlte.

    An der Seite dieses Feuerknigs schwankte ein bleiches Engelsbild, ein
Mdchen mit dem hchsten Liebreiz geschmckt, voll Harmonie und Ebenmaa. Ein
echter Madonnenkopf mit unaussprechlich schnen Augen, einer kleinen,
feingeschnittenen Nase, und einem Munde, den die Grazien um sein Lcheln htten
beneiden knnen; eine hohe, schlanke Figur, an der dennoch jede Form, rund und
weich, eine selbststndige Vollendung erstrebte; Hals, Hand und Fu von seltener
Schnheit - alles das schien diesem Wesen von der Natur mitgegeben, auf da es
beglckend in Liebe glcklich sei. Darum emprte der Anblick des Zerrbildes,
das, wie ein wahrer Popanz, an der Seite dieses schnen Menschenbildes,
einhertrottirte. Heute war das feine Roth, das sonst die jugendlichen Wangen
zierte, verschwunden, der Mund festgeschlossen, und das Auge blickte starr und
regungslos umher. Ein weies Atlaskleid umgab in malerischen Falten die
frischen, edeln Glieder; ein Kranz von blhenden Myrthen schmckte die hohe
Stirn - sonst war alles an ihr schmucklos und einfach. Whrend das ungleiche
Brautpaar der Kirche zuschritt, sprach sich in den verschiedensten Aeuerungen,
in Lauten der Bewunderung und des Spottes, die Stimme des Volkes aus. Ein
pietistischer Prediger, den man rasch aus der Nachbarschaft herbeigeholt, hielt
eine salbungsvolle Traurede, durchdrungen von berschwnglichem Christenthum;
und suchte besonders die groe Gte des lieben Gottes nachzuweisen, die sich der
Braut so sichtbar offenbarte, indem sie ihr einen mit Glcksgtern vielfach
gesegneten Ehegemahl zu Theil werden lie. Als endlich die Ceremonie zu Ende
war, und der Prediger nach christlichem Gebrauch die Worte der Bibel vorlas:
und er soll dein Herr sein, da zuckte es schmerzhaft um die Lippen der Braut;
und als sie das ewigbindende Ja! aussprach, da richtete sie die Augen gegen den
Himmel, ein Blick, aus dem das verzweiflungsvolle Bewutsein sprach, da sie mit
diesem Wort ihr Leben zu einem ununterbrochenen Opferfeste mache. Die Ehe war
geschlossen.
    Es war ein schner, warmer Maiabend; der Vollmond stand gro am Himmel, die
Blumen dufteten strker und zarter; Nachtigallen sangen se Lieder der Liebe;
die Natur war still und ruhig, und schwelgte in ihren ewiggleichen Harmonieen,
als wre sie bewut des sichern Gesetzes, das ihren wandellosen Kreislauf
beherrscht. Was kmmerte es sie, da ein Herz gebrochen, ein junges Leben
gemordet war?
    Eine Stunde spter hielt der Reisewagen des Herrn Oburn vor der Thre.
Koffer und Schachteln, mit Garderobe und Weizeug, der einzigen Aussteuer der
eben vermhlten Madame Oburn, wurden in den bequemen Wagen gebracht. Herr Oburn
sah den Vorkehrungen gemthlich zu, rieb sich seelenvergngt die weichlichen und
doch unzarten Hnde, spielte mit der bermig dicken Uhrkette, und sah mit
widerlichem Lcheln von Zeit zu Zeit auf seine Uhr. Gott sei Dank, murmelte er
vor sich hin, der langweilige Tag neigt sich zu Ende, und nher kommt die
Stunde, in der mein Weib ganz mein eigen wird. Wie will ich schwelgen in ihren
jungfrulichen Reizen! Wahrhaftig, sie ist schn, und werth, meine Frau zu
sein! Und sich zum Diener wendend, fuhr er fort: James, hre! Du giebst dem
Postillon dreifaches Trinkgeld, wenn er mich rasch, sehr rasch zur nchsten
Station fhrt; Du nimmst ein Pferd, reitest meinem Wagen voraus; jage, so rasch
Du kannst, wenn auch das Pferd drauf geht - darauf kommt es nicht an - nur
schnell, schnell wie der Teufel! Bestelle im Hotel Zimmer zur Nacht fr mich und
meine Frau; hrst Du, James, so schn wie mglich! Ich hab' ja Geld; ich kann's
bezahlen! Nur schnell, schnell! Ich komme gleich nach mit meiner Frau! Whrend
dieses Gesprchs verweilte die Heldinn unserer Erzhlung allein in dem stillen,
freundlichen Gemach, in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben. Ihr
Auge haftet unverwandt auf der Stelle, wo am Morgen der alte Vater den Fluch
ber sie ausgesprochen. Sie wirft sich auf die Kniee, faltet die Hnde und will
beten; doch ihr fehlen die Worte - sie kann es nicht; ihr Elend ist zu gro
selbst fr die Gnade des Himmels. Thrnenlos sieht sie sich um in den
unbegrnzten Rumen, die sie seit frhester Jugend bewohnt. Hier hatte sie ein
kurzes, ideales Liebesglck genossen; und durch die Reihe der Jahre hindurch
verfolgte sie trumerisch alle Wnsche und Hoffnungen, die hier in traulicher
Dmmerstunde ihre Brust geschwellt. Nun lag alles hinter ihr - abgeschlossen,
ein Paradies, aus dem sie verbannt war. Sie bltterte in dem Buch dieser schnen
Vergangenheit, in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprgt!
Noch war es ein Stammbuch voll duftiger, zarter Bltter, Blumen der Freundschaft
und Liebe; auch manches unbeschriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen, ber
das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog! Dies Buch war geschlossen
auf immer; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben!
O, knnte ich nur weinen! seufzt sie, und schlgt mechanisch einige Tne auf
der Harfe an, als knnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwren, und
bewutlos geht sie dann in eine ihr unendlich theuere Melodie ber. Diese Tne
versetzen sie auer sich; ihr ganzer Krper zittert krampfhaft; jede Fiber bebt;
ihr Wesen ist im Innersten erschttert - und doch bleibt das Auge trocken; keine
Thrne khlt die innere, verzehrende Glut. Noch einmal faltet sie ihre Hnde zum
Gebet - dann springt sie unheimlich rasch auf, und ruft: Beten kann ich nicht -
wohlan so will ich fluchen. Es giebt keinen Gott der Liebe; warum leide ich
sonst: Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist, wie sein Regen und sein
Sonnenschein; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend
herniedersteigt: dann ist sie ja nichts, als ein Traum der Glcklichen, die ihr
ses Vorrecht in so schne Bilder kleiden. Ich will nicht lnger zu diesen
Trumen schwren. Meine Trume hat die Wirklichkeit zertrmmert, die
Wirklichkeit dieser Welt und ihre eherne Macht! Wohlan, so will ich sie
anerkennen, und mit ihr kmpfen um jeden Fu breit Landes, den ich mir
umschaffen will in ein Paradies.
    Fr die Welt, die den Sieg davongetragen ber mein Herz, fuhr sie feuriger
fort, fr die Welt nur will ich leben. Das Geld, mit dem der Seelenhandel
getrieben wird, dem ich die Ideale meiner Jugend geopfert, ist ja der Schlssel
zu dem Reich dieser Welt, zu allen Quellen des Genusses und der Freude! Geld war
mein Verhngni - es soll mein Verhngni bleiben, dem ich willig folge; gegen
das ich lnger nicht thricht kmpfe! Ich gelobe es mir fest in dieser
qualvollen Stunde; und breche mit den frommen Trumen und heiligen Gelbden
meiner Jugend.
    Das Aeuere der jungen Frau war wie umgewandelt durch den innern Kampf. Mit
stolzer, fester Haltung erhob sich die frher so weiche, kindliche Gestalt, und
berschritt mit einer Entschiedenheit, welche auffallend gegen den frhern,
schwankenden und zgernden Gang abstach, die Schwelle, um von ihren Eltern den
letzten Abschied zu nehmen. Der Vater lag, zwar lebend, doch fr immer der
Sprache beraubt, ermattet auf seinem Bette. Bei dem Eintritt der Tochter erhob
er mit groer Anstrengung seine Hnde und legte sie auf ihr Haupt, das noch
immer mit dem brutlichen Kranze geschmckt war; doch die Lippen bewegten sich
nicht und konnten den Fluch nicht zurcknehmen. Mutter und Tochter hielten sich
darauf, einige Minuten lang, fest umschlungen; das Haupt der Tochter ruh'te an
dem eingefallenen Busen der Matrone, wie eine geknickte Blume an dem
mtterlichen Erdreich; und ihre Thrnen vermischten sich. Ihr Schmerz war stumm
- noch ein Ku auf die heien Lippen der Mutter, auf die eiskalten des Vaters -
und rasch strzte sie zum Pfarrhaus hinaus. Herr Oburn hob mit geckenhafter
Galanterie seine Gattin in den Wagen. Die Thr wurde zugeschlagen; der Postillon
blies das alte Lied: Welche Lust gewhrt das Reisen! und schnell entschwand
der Zug dem schmerzlich nachblickenden Mutterauge.

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Die Saison des Jahres 18** war glnzender, als alle frheren des an Pracht
gewhnten Karlsbad. Drei gekrnte Hupter waren hier versammelt, nicht, um
Genesung zu suchen fr irgend ein Leiden, sondern um ber das Wohl ganzer
Nationen zu entscheiden. Von Karlsbad aus wurde schon einmal das Schicksal der
Welt bestimmt, als die mrrische Diplomatie ber die jugendlichen
Freiheitsbestrebungen der Vlker den Stab brach, und alle, der neuen Entwicklung
gnstigen Paragraphen, mit feinen Wendungen aus der Bundesakte hinaus
interpretirte. Damals strmten in Karlsbad alle gewandten Vertheidiger und
Anhnger des status quo zusammen, welche aus den nationalen Bewegungen der
Jugend das revolutionaire Element herauswitterten, das den bestehenden Mchten
und ihrem wohlgeordneten System Gefahr drohte. Die ganze Camarilla des
Absolutismus, die Diplomaten mit der eleganten Beweisfhrung, die aus
juristischen, historischen und theologischen Fetzen dem gottesgndigen Knigthum
den Mantel zusammenschneiderte, die heilige Legitimitt proklamirte, das
unwandelbare Gesetz der politischen Welt; die Aristokraten jeder Art, welche
ihre alten Rechte zu wahren hatten, gegenber den Anforderungen einer neuen Zeit
- alle schienen hier ein Schutz- und Trutzbndni zu schlieen, eine heilige
Ligue des neunzehnten Jahrhunderts. Doch auch in dem Jahre, in dem unser
sociales Drama spielt, hatte die Zusammenkunft des Kaisers von Ruland, des
Knigs von Preuen und des Knigs von Hannover alle treuen Vasallen dieser
Potentaten in Karlsbad versammelt. Der ganze Ort wimmelte von Frsten und
Grafen. Wem daher nicht ein sehr groer Reichthum zu Gebote stand, der konnte in
diesem Sommer nicht daran denken, in Karlsbad ein Unterkommen zu finden. - An
einem drckendheien Juli-Morgen, an dem die Natur in Glutgedanken zu trumen
schien, war die hchste Aristokratie auf der weltbekannten Wiese versammelt.
Unter den schnen, blhenden Lindenbumen hatten sich Coterieen gebildet, die
Chocolade schlrften, Bltter lasen, oder durch leichtes Plaudern die Stunden
verkrzten, die sich vom Brunnentrinken bis zum Diner trg und langweilig
dahinschleppten. Schnheiten aller Art, bleich und blhend, im ersten und
letzten Stadium, junge, reiche Wittwen, interessante, geschiedene Frauen, Mtter
mit mannbaren Tchtern - alles war wie noch heute, auf diesem Markt der
Schnheit anzutreffen. - Auf der Promenade von der Wiese zum Freundschaftssaal
lustwandelten zwei junge Mnner von hherem Rang, in lautem Gesprch, das fr
sie ein besonderes Interesse zu haben schien. Pltzlich unterbrach der Eine
seine Rede, mit dem Ausruf: ach, da kommt sie! Diese begeisterten Worte galten
keiner berhmten Persnlichkeit, keiner Prinzessin oder Schauspielerin, sondern
einer jungen Frau in einfacher eleganter Kleidung, die rasch an den Herren
vorberging, als wollte sie ihre frechen Blicke fliehen. Ich mchte nur wissen,
wer sie eigentlich ist, sprach Graf Reitzenstein zu seinem Gefhrten, dem Baron
Stein, sie lt sich Madame Oburn nennen: aber ich glaube nicht an das
Mhrchen. Dies Gesicht, diese Tournre, diese Toilette, Baron - ma foi, das pat
nicht zu einer spiebrgerlichen Madame! Und lebt sie nicht frstlich? Sie hat
vor ihrem Wagen die schnsten Pferde, die ich je gesehen, Pferde, in die der
Frst Metternich gnzlich vernarrt ist, die er als diplomatische Flgelrosse
gern vor seinen Triumphwagen spannen mchte. Er bot ihr tausend Dukaten; doch
Madame antwortete mit Stolz: Durchlaucht, ich will so gut wie Sie, edle Pferde
vor meinem Wagen haben. Ma foi, hier werden nicht alle Trmpfe ausgespielt! Ich
mchte wohl in die Karten sehen knnen! Hier mu irgend ein Coeur-Knig Trumpf
sein, Baron! wer wei, was hinter dem unscheinbaren Namen steckt! Stein
erwiederte nichts auf diese Vermuthungen, sah nur der schnen Frau mit glhenden
Blicken nach, bis er den Entschlu fate, ihr mit dem Grafen zu folgen. Die
junge Dame hatte von alle dem, was um sie vorging, nichts gemerkt; theilnahmlos
und der Auenwelt unzugnglich, schwebte sie auf kleinen Fchen mit groer
Schnelligkeit weiter. Nur in der Nhe des Freundschaftssaals sah sie sich
ngstlich um, ob Niemand ihren Schritten folge, verlie dann pltzlich den
gewhnlichen, breiten Weg, und schlug einen Seitenweg ein, der durch eine
Nebenpforte zu dem groen, parkhnlichen Garten fhrt, welcher zu diesem
beliebten Etablissement gehrt. Hier sa in einer blhenden Fliederlaube, die
fast undurchdringlich von dem grnen Gezweig umschlungen war, ein schner,
ernster Mann von 30 Jahren, in dessen regelmigen, rmischen Zgen sich
deutlich die Ungeduld der Erwartung und ihre ngstliche Spannung malte. Als er
die Pforte leise ffnen hrte, sprang er auf, strzte mit ausgebreiteten Armen
aus der Laube, umschlo mit unbeschreiblicher Leidenschaft das junge Weib, das
eben eingetreten, und sagte mit dem Ton der glhendsten Liebe: meine Johanna,
Du kommst! O ich danke Dir! Dann zog er sie zrtlich in die Laube, nahm ihr den
feinen Strohhut ab, strich die vollen Locken, die sich zu ppig vorgedrngt, von
der Stirn, kniete dann zu ihren Fen nieder, prete die kleinen Hnde fest in
die seinen, und drckte lange, brennende Ksse auf ihre Lippen. So saen sie
stumm eine geraume Zeit - alles war still und heimlich; kein fallendes Blatt
unterbrach die Ruhe ringsum. Es war jene Mittagsstille in der Natur - das
orientalische Brten, die Ruhe, die sich selbst geniet, welche die Fhlhrner
des Lebens zurckzieht und ihre groen Wnsche, die in fernen Blitzen aufzucken
am Horizont, in schwlen Schlummer wiegt. Doch des Menschen Herz hat den
rastlosen Pulsschlag des Lebens; und mchtiger wird sein heies Begehren, wenn
alles ringsum wnschelos und regungslos schlummert. Die Blicke des jungen Weibes
zogen den Zauberkreis immer enger um den Geliebten. Er flsterte: Sieh' mich
nicht so an, - das ertrag' ich nicht! Du willst mir nicht gehren; du willst
nicht mein werden - o so la' Deinen Blick sanft sein wie den Blick der Taube,
ein stilles, argloses Glck spiegeln, die Idylle der Unschuld, den sen Wahn
der Kindheit! La' ihn ohne Verlangen sein, wie die stille, abendliche Flut, die
keinen Sturm und keine Brandung kennt! Doch selber glhend, weckst Du meine
Glut, die mich verzehrt, die mich ringen macht nach Deinem Besitz!
    Und Du siehst es nicht, da ich Dich besitzen will, besitzen mu! - Er
sprang auf, wie von bachantischer Wuth erfat, von dem Taumel des Gottes
ergriffen, drckte krampfhaft die Frau an sich - kte Busen und Schultern in
flammender Leidenschaft. Franz, vernichte mich nicht! Du weit es ja, wie ich
Dich liebe! Jede Fiber sehnt sich nach Dir, jeder Nerv zuckt nach Vereinigung.
Ach, ich mchte Dir ja alles geben, was Dich glcklich macht; und doch flehe ich
zu Dir: schtze mich vor mir selbst, schtze uns Beide. Du bist der Strkere!
Deinem Schutz mu ich vertrauen! O warum bist Du so heftig? Nun ist's das letzte
Mal, da ich Dich hier gesehn! Unterbrich mich nicht - la' mich ganz ausreden!
Ich mu Dir jetzt Alles sagen, was mich schon lange geqult. Seit ich Dich
gesehen, liebe ich Dich, mein Leben - bis dahin ohne Gehalt und Bedeutung, hat
in Dir seine wahre Erfllung gefunden. Ich habe mich diesem berauschenden Glck
berlassen, ohne zu fragen: wie kann, wie soll das enden? Jetzt aber sehe ich
klar - wie unrecht ich daran gethan, wie gefhrlich uns Beiden dieser
Dmmerzustand des Herzens geworden. Als ich vor vier Jahren gezwungen wurde,
meinen Gatten zu heirathen, wider meine Neigung - da glaubte ich zu lieben, ein
ser Irrthum, in dem jedes junge Mdchen befangen ist. Schon damals
unterdrckte ich dies Gefhl; nicht aus moralischen Grundstzen; nicht aus
Pflichtbewutsein; sondern aus Stolz. Ich war die Frau eines Andern; ich wollte,
den Menschen gegenber, vorwurfsfrei dastehen. Seit ich Dich kenne - wei ich
wohl, da ich frher nie geliebt. Und die Seligkeit zu lieben, so mit aller
Kraft lieben zu knnen, hat mir nie Zeit gelassen zur Reue. Und ich werde es nie
bereuen, Dir die ganze Strke meiner Leidenschaft offen gezeigt zu haben. Ich
bin keine von den christlichen Hausfrauen, welche die heien Wnsche ihres
Herzens, aus Furcht vor moralischer Abkanzelung oder ewiger Strafe,
unterdrcken, und in ihrem Tugendbewutsein reichlichen Ersatz fr alles
geopferte Glck finden. Ich bin nichts weiter - als stolz - ich will keine
Seligkeit, die ich mir stehlen, ber die ich vor der Welt errthen mte. Darum
und darum allein - gehre ich Dir nicht ganz in Liebe an. Erschwere mir nun
durch kein Wort, keine Bitte, mein Opfer! Beklage mich auch nicht - ich bin
durch die Liebe zu Dir so selig gewesen, als eine Sterbliche sein kann. Was sie
auch fr Schmerzen in ihrem Gefolge haben mag - ich scheue sie nicht; ich werde
Dir ewig fr das hchste Glck meines Lebens dankbar sein. Eine Pause folgte
diesen Worten. Den Kopf fest in die Falten des Kleides gedrckt, sa der Mann
unbeweglich da. Als er das Gesicht erhob, war es bleich zum Erschrecken, doch
ruhig. Seine Hand zitterte sichtbar, als er die andere, ihm so theure Hand
erfate. Doch fest stand er auf, und erwiederte: Ich verstehe Dich, Johanna,
wir mssen uns trennen! Ich habe in Dir gefunden, was mir von Jugend an
vorgeschwebt, als das Ideal des Weibes! Und wenn der Traum eines ganzen Lebens
zur Wirklichkeit geworden - so verrauscht er nicht mit den andern flchtigen
Wellen der Zeit; sondern er prgt sich tief ein in das innerste Wesen mit ewig
bleibender Bedeutsamkeit. So standest Du vor mir - so wirst Du immer vor mir
stehen, in dem schalen Marionettenspiel aufgeputzter Puppen mit dem Hauch des
Lebens und seiner Wrde! Doch da auch die Weiblichkeit, die sich selbst
behauptet, die nimmer herabsteigt zu unedlem Thun und Treiben, und dem Pariathum
trotzt, zu dem das Gesetz dieser Gesellschaft die Frau verurtheilt - da auch
diese Weiblichkeit der rohen Gewalt verfllt, und schmachvoller Mihandlung, da
ein roher Wstling Macht hat ber eine Seele, deren Heiligthum ihm verschlossen
ist, deren unendlichen Reichthum er nicht ahnt - das emprt mein Innerstes gegen
dies unverstndige Gesetz der Welt, das solche Frevel zu heiligen Rechten, und
solche Tempelschnderei zu einem gottgeflligen Wandel stempelt!
    O wie viel wirst Du noch leiden mssen unter den Menschen, die Deines Wesens
Bedeutung nicht verstehn! Und ich, der ich sie verstehe, der ich werth bin sie
zu verstehn, der ich, beseligt von jeder neuen Offenbarung, auch aus dem
kleinsten Zug seine ganze Tiefe herausfhle; der ich Dich, wenn die
verstndnilose Klte der Welt Dich eisig anhaucht, mit meinem Odem erwrmen,
mit meinen Pulsen beleben mchte - ich - kann nichts thun - als Dich fliehn!
    Der Schmerz des Mannes mute gro sein: denn eine Flut schwerer Thrnen
entstrzte seinen Augen; doch er schmte sich dieser Zeichen seiner Qual,
drckte noch einen innigen Ku auf die Augenlieder seiner Geliebten, und
verschwand rasch.
    Sie selbst sa starr und unbeweglich, so lange sie noch die verhallenden
Tritte hren konnte. Dann bedeckte sie noch einige Minuten mit beiden Hnden die
Augen - und erhob sich pltzlich mit entschiedener Willenskraft. Nur den
verstrten Zgen war es anzusehn, da sie erst nach schwerem Kampf diesen Sieg
ber ihr Gefhl errungen. Mit fester Haltung, das Haupt khn und frei erhebend,
ging sie dann nach ihrer Wohnung, dem lieblichen Wiesenthale.
    Wieder einmal ein Schferspiel gratis, ohne Entre, eine rhrende Scene,
lie sich die kreischende Stimme des Grafen Reitzenstein vernehmen; was sagen
Sie dazu, Baron? Irgend eine wohlmeinende Fee fhrt uns a tempo herbei, wenn von
dem Gott der Liebe eine Episode in Scene gesetzt wird. Doch zum Teufel, wer war
denn der Glckliche, der diesen Schfer spielen und im Schatten dieses
Paradieses flott d'rauflos lieben konnte? Ein beneidenswerthes Loos! Im Salon
drfen wir armen Weltkinder die Liebe nur mit Glachandschuhen anfassen; hier in
Gottes freier Natur wird die Aktion lebhafter; es arrangirt sich alles
ungenirter, wie weiland im seligen Olympos. Doch wer mag der Kavalier gewesen
sein, der in diesem romantischen Irrgarten herumtaumelte, bis er seiner Dulcinea
an's Herz sank? Ich mu ihn schon irgendwo gesehen haben - es ist eins von jenen
Kupferstich-Gesichtern, die an den Lden zu hngen pflegen - etwas Apartes, was
den Weibern gefllt; etwas in seinem Wesen, was sich nicht nach dem gewhnlichen
Versmaa unserer Salons skandiren lt! Ach, nun fllt mir ein! Es ist ja der
Leibarzt des Prinzen C., ein sehr liebenswrdiger Doktor, der schon manche recht
glckliche Kuren, besonders bei den Frauen gemacht haben soll! - Aber
wahrhaftig, Stein, die Oburn ist sperb! Wie trefflich sie die kleine
Tugendhafte spielte! Man htte fast glauben knnen, es wre ihr damit Ernst!
Doch ich mchte wohl sehen, wie weit ihr gerhmter Stolz ausreichen wrde, wenn
unser Prinz selbst einmal mit dem Leibarzt die Rollen vertauschte! -
    Glauben Sie an die Tugend dieser Frau? Heuchelei, nichts als Heuchelei! Die
Tugend einer Frau, das perpetuum mobile, die Unsterblichkeit der Seele - das
sind so verschiedene Variationen zu dem unerschpflichen Thema der Chimren;
lauter Erfindungen miger Kpfe, patentirter Unsinn! Wie wr' es, lieber Stein,
wenn wir selbst unser Glck versuchten? Sollte es uns so schwer werden, ihr
Trost zu spenden und ihrem Stolz ein wenig unter die Arme zu greifen? Khn und
siegsgewi strich der Graf nach dieser Philippika seinen Schnurrbart, trllerte
eine beliebte Opernmelodie und spielte mit der Reitgerte. Doch Stein entgegnete
empfindlich: Ich mu Sie bitten, ein fr allemal ber diese Dame in einem
andern Ton mit mir zu sprechen. Nach dem Auftritt, dessen Zeugen wir eben waren,
achte ich sie sehr hoch, wer sie auch sein mag; und wenn Sie es wagen sollten,
ber diese Scene, die wir unritterlich genug waren, zu belauschen, frivole
Klatschereien zu verbreiten, so werde ich die Ehre der Dame zu vertreten
wissen. Aha, steht es so mein Freund? Nun ich gratulire, und wnsche besseren
Erfolg, als Daphins der Erste erlangt, entgegnete hmisch Graf Reizenstein.

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Am Abende dieses Tages gab der Grofrst Constantin von Ruland der haute-vole
Karlsbads einen glnzenden Ball. Dieser Ball war ein Ereigni fr die Badewelt,
die sich in mancherlei spttischen und geistvollen Bemerkungen ber die
persnlichen Beziehungen des Frsten, ber sein Familien- und Herzensleben
erging. Denn diese Verhltnisse waren keinem der Karlsbader Gste ein Geheimni.
Sah man doch seine Gemahlin, die edle Frstinn Helene, tglich bleicher und
krnker am Brunnen erscheinen, whrend das Auge ihrer Hofdame, der ppig schnen
Grfinn Sidonie von Lichtenfels jeden Morgen freudiger strahlte, wenn es den
flammenden Blick des Frsten traf. Daraus schlo denn die natrliche Logik der
Karlsbader Gesellschaft, da dieser Ball von dem Frsten, weniger zu Ehren der
kranken Gemahlin, als zur Unterhaltung der Grfinn Sidonie gegeben wurde, welche
den Tanz leidenschaftlich liebte.
    Da Schnheit und Reichthum sich berall Geltung verschaffen, so war auch
Madame Oburn mit zu diesem Feste geladen. Es war nicht Leichtsinn, da sie
erschien, nach so tiefen schmerzvollen Erlebnissen des Herzens: es war der
Stolz, der weder andern, noch sich selbst einrumen wollte, da sie unendlich
litt.
    Als sie am Morgen ihre Wohnung wieder erreicht, schlo sie ihr Gemach, lie
die Vorhnge nieder, drckte das Gesicht tief in die Kissen des rothseidenen
Divans, und prete die Hnde fest an das Herz. Das war die Feierstunde, in der
sie alle Bilder der Seele heraufbeschwor, den Schmerz walten lie mit aller
Macht, bis die wilden, zerreienden Akkorde allmhlich bergingen in sanftere
Melodien, bis sie schwelgen konnte in diesen phantastisch-sen Uebergngen, und
so den Schmerz besiegte, indem sie sich ganz ihm hingab. Als die Zeit der
Toilette kam, erhob sie sich ruhig, klingelte ihrem Kammermdchen, und lie sich
zum Ball schmcken. Gleichgltig betrachtete sie in dem hohen Mahagoni-Spiegel
ihr Bild. Und wenn sie auch ohne Eigenliebe sich zugestehen konnte, da es
reizend war - so konnte die Gestndni doch kein Lcheln der Befriedigung
hervorrufen. Ein echtes Weib ist nur dann eitel, wenn sie den Geliebten durch
ihre Reize beseligen will. Was lag ihr Heute an ihrer Schnheit, da ihr
Geliebter sie nicht bewundern konnte?
    Ihr Anzug war einfach, aber schn. Sie trug ein weies Blondenkleid, mit
Rosa-Atlas gefttert, einen Kranz von natrlichen Rosen in den langen braunen
Locken, und um den marmorweien Hals eine Schnur echter Perlen. O Madame, wie
engelsschn sind Sie heute, sprach die treue Lisette, die schon Jahrelang die
Dienste einer Kammerjungfer versah; dabei musterte sie die holde Erscheinung von
allen Seiten. Wie werden die alten, hlichen, vornehmen Damen noch hlicher
werden vor Neid, und gelber, als sie schon jetzt sind; und wie glcklich werden
all' die schnen, feinen Frsten und Grafen sein, wenn sie nur einen Blick von
Ihnen erhaschen. Schweig doch, Lisette, mit diesen albernen Reden; Du weit es
ja zu gut, wie traurig mein Herz unter diesem Atlas schlgt. Ich bin wohl
kindisch, da ich solche Angst habe; doch ich frchte mich fast, allein in diese
Gesellschaft zu gehn. Der heutige Tag steht so bedeutsam vor meiner Seele, als
mte er ein Wendepunkt meines Geschickes sein, der mich unvermeidlich in ein
neues Verhngni hineinreit. Sinnend und ernst sah sie sich darauf noch einige
Sekunden im Spiegel mit prfendem Blick an - lie sich dann die weie
Spitzen-Mantille um den edlen Nacken legen, sprang grazis in den Wagen, und
rief mit jugendlich heller Stimme dem Kutscher zu: Zum Palais des Grofrsten
Constantin!
    Hier sa im Empfangzimmer die Frstinn auf sammetnem Divan, neben ihr die
ltesten und vornehmsten Damen, und hatte fr jeden der ankommenden Gste ein
freundlich-gewinnendes Lcheln in Bereitschaft. Doch hinter diesem Lcheln,
hinter all' dem Glanz, der sie umgab, lauerte der schadenfrohe Dmon, welcher
den Groen dieser Welt auf der Ferse folgt.
    Noch am Abend waren die Augen der Frstinn trbe und geschwollen durch
anhaltendes Weinen! Vergebens umstrahlte sie die Pracht der Diamanten; vergebens
borgten ihre eingefallenen Wangen von der Schminke einen lgnerischen Glanz. Ihr
unseliges Schicksal sprach allzu beredtsam aus ihrem Blick. Der jngere Theil
der Damen ging inde gruppenweise, auf die ersten Tne des Orchesters
sehnschtig harrend, im Saale auf und nieder. Unter den jugendlichen Gestalten
zeichnete sich die Grfinn Lichtenfels auffallend aus. Es war eine Junonische
Figur, mit tiefschwarzen Locken, brennenden groen, braunen Augen und
strengregelmigen Zgen. Ihr Teint war blendendwei, therisch gehoben durch
ein feuerrothes Creppkleid, das den ppigen Busen, die Schultern und Arme frei
lie. Aehren von Diamanten waren berreich in die Locken genestelt und zeugten
von dem feinen Geschmack und dem Reichthum der Dame. Mit herausforderndem,
frechem Blick musterte sie durch die geffneten Flgelthren die Herren, die in
dem nchsten Salon versammelt waren. Bei aller Schnheit war diesem Wesen doch
der Stempel einer Sinnlichkeit aufgedrckt, die jedes geistige Element
ausschlo, und sich, im vollen Bewutsein ihrer alleinigen Berechtigung breit zu
machen suchte. Unangenehm berhrt wandte die reine Frstinn ihr gekrnktes Auge
von ihr, so oft sie eine unfreiwillige Zeugin von der heien Glut war, mit der
ihr Gemahl an jeder Bewegung dieser Circe hing. - Ein Gerusch im Vorzimmer
verkndete den Eintritt eines neuen Gastes. Die Herren hielten ihre Lorgnetten
unverschmt vor die blden Augen, und nahmen die widerlich sesten Minen an.
Auch Grfinn Sidonie wandte ihr schnes Kpfchen dorthin, und ein unangenehmer,
hhnischer Zug um den kirschrothen Mund lie errathen, da die neue Erscheinung
gerade keinen erfreulichen Eindruck machte. Mit groer Verachtung, die sich
besonders im Ton der Stimme aussprach, wandte sich die Grfinn zu einer neben
ihr stehenden Dame mit den Worten: Nein, das ist emprend; das ist zu arg!
Sehen Sie nur - da erscheint sogar die Madame Oburn in unserem Kreis. Ich
begreife wirklich nicht, wie der Frst die Rcksichten, die er der Gesellschaft
und seinem Range schuldig ist, so sehr vergessen kann, da er diese Brgerliche
hier einfhrt. Aber so sind die Mnner! Wo sie ein hbsches Lrvchen entdecken,
da bersehen sie die fehlenden Ahnen, und ergehen sich noch in lcherlichen
Phrasen, in denen die guten und bsen Geister eine Hauptrolle spielen, der gute
Zeitgeist, der den bsen Kastengeist besiegt, und wie die schnen Redensarten
alle heien. Ich werde aber nie vergessen, was ich mir schuldig bin. Auf denn,
meine Damen, wir wollen uns gegen diese Toleranz der Herren opponiren, und fr
den heutigen Abend auf die Freude des Tanzes verzichten, wenn wir sie mit Madame
Oburn theilen sollen. Sie mu es fhlen, da sie in diese Gesellschaft nicht
gehrt, und uns knftigen Skandal ersparen. Sehen Sie nur, sehen Sie nur,
zischelte es von vielen sen Lippen, wie unbeholfen und ngstlich sie scheint;
wie haltlos sie nach Rath und Hlfe sucht! Und welche gewhnliche Schnheit -
ein frisches Landgesicht, wie man's bei der Heuernte dutzendweise sieht; nichts
weiter! Und darber machen die Kavaliere so viel Geschrei, da man in allen
Gesellschaften von dieser obskuren Person hren mu! Die junge Frau, welche den
hochadligen Damen so groes Aergerni verursachte, schien inde nichts weniger
als verlegen. Mit einer Sicherheit, als sei sie von Jugend auf an so prchtige
Rume und an so geistlos vornehme, nichtssagende Physiognomien gewhnt, schritt
sie stolz durch das Vorzimmer in den Empfangssalon der Frstinn Helene, sah die
unglckliche Frau mit lieben, unschuldsvollen Augen so bittend, so
verstndniinnig an, da sie bei ihr augenblicklich das regste Mitgefhl
erweckte. Die Frstinn verlie ihren Platz, trat der Oburn einen Schritt
entgegen, reichte ihr freundlich, wie zum Schutze die Hand, und zog sie neben
sich auf ein leeres Tambourett nieder. Die Hofgesichter wuten nicht, wie sie
bei diesem unerwarteten Anblick ihre Mienen zurecht legen sollten. Zum Glck fr
sie wurden jetzt die Thren des Ballsaals geffnet und ein rauschender Walzer
des in jenem Sommer so beliebten Componisten Labitzki berhob sie aller Zweifel.
Die beatlasten Fchen der Damen trippelten vor Ungeduld, ob der Vornehmste der
Gste, Prinz C**, nicht das Signal zum Tanze geben werde! Alle hatten den
groartigen Entschlu, mit einer ahnenlosen Frau nicht in die Reihen zu treten,
ber der verfhrerischen Melodie vergessen. Grfinn Sidonie stand grazis in
stummer Erwartung; denn es handelte sich um die Frage, mit welcher Dame wohl der
Prinz den Reigen erffnen werde. Obgleich sie die erklrte Geliebte des
Grofrsten war, hatte sie doch alle ihre Koketterieen angewandt, whrend der
Saison die Aufmerksamkeit des Prinzen auf sich zu ziehen, dessen Empfnglichkeit
fr weibliche Schnheit keineswegs zu den Mysterien Carlsbads gehrte. Bis jetzt
hatte er allen ihren Lockungen ein kalt hfliches Benehmen entgegengesetzt, und
ihren Hochmuth dadurch bitter gekrnkt. Gerade dehalb war sie bereit, zu dieser
Eroberung alle ihre Krfte aufzubieten, und hoffte viel von dem heutigen Abend,
weil sie die Kniginn dieses Festes war, welcher der Prinz, nach allen Regeln
der Etikette, sich nhern mute. Schon eine geraume Zeit hindurch ertnte die
Musik, und noch immer stand der Prinz, vornehm nachlssig, in der Salonthre,
den reich und bunt geschmckten Frauenkreis mit gleichgltigem Blick bersehend.
Endlich ging er, dem Ceremoniell gem, langsam auf die Grofrstinn zu, um mit
ihr, als der Dame vom Hause, die Polonaise aufzufhren. Als er ganz nahe vor ihr
stand, blieb er pltzlich, wie verzaubert, stehen - ein unbeschreiblicher
Ausdruck der Ueberraschung und des Entzckens berflog seine Zge. Starr blickte
er einige Sekunden die Madame Oburn, die neben der Frstin sa, an; ging, wie
bewutlos, zu ihr, und bat sie fast schchtern um das Glck mit ihr zu tanzen.
Freundlich reichte sie ihm den Arm, und, von den Wellen der Musik getragen,
schwebte das schne Paar durch den Ballsaal. Das Geflster der Medisance,
aufgeregt durch so unerhrten Vorfall, zischelte rechts und links. Nur wenige
Herren, namentlich der Grofrst, rumten ein, da der Prinz ganz vernnftig
handle, wenn er, unbekmmert um Rang und Etikette, mit der Dame tanze, die ihm
am besten gefalle. Zu jener Zeit war der Prinz C** ein verfhrerischer Mann, mit
einem schnen Kopf, geistreichen Augen, einer edeln griechischen Nase, einem
beraus feinen Mund, der bei dem eigenthmlich-angenehmen Lcheln zwei Reihen
auffallend kleiner, weier Zhne blicken lie, mit einer eleganten, groen und
schlanken Figur. Auch lag in seinem Wesen eine Ritterlichkeit, deren Zauber
durch echt modernen esprit erhht wurde und dem Prinzen da, wo es ihm darauf
ankam, all' die brillanten Pointen seiner Persnlichkeit zusammen zu fassen,
unwiderstehlich machte. Zum ersten Male in seinem Leben war dieser feine
Weltmann befangen, und um Worte verlegen. Dieser Frau gegenber wollte ihm eine
gewhnliche Ball-Conversation nicht gelingen. Er fhlte wohl, da er hier andere
Saiten berhren msse. Mit leidenschaftlichem Blicke versenkte er sich in das
reizende Formenspiel dieser Frau, fester, als es die Sitte des Tanzes verlangt,
umschlang er ihre zarte Taille; fr alles andere waren seine Sinne verschlossen.
Er bemerkte weder die boshaften Blicke der Grfinn Sidonie, noch die
ngstlich-besorgten der Frstinn Helene; frei und ohne Zwang berlie er sich
seinem Gefhl. Doch seine Tnzerinn verrieth deutlich die Angst, die sie ber
diese sichtbare Auszeichnung fhlte. Sie entzog sich ihm, wo es nur irgend
mglich war, obgleich der Prinz sie fast keinen Augenblick verlie. In hchster
Bedrngni irrte ihr Auge umher, Schutz suchend bei irgend einem befreundeten
Wesen. Doch alle Gesichter waren ihr fremd - alles sah sie an mit lauernd kaltem
Blick; Niemand tanzte mit ihr, aus Respekt vor dem Prinzen, dessen Gewalt sie
ganz anheim gegeben schien, und so Reden ruhig anhren mute, die ihr das Blut
immer heier in die Wangen trieben. Endlich, als der Prinz sich einen Augenblick
entfernt, um ihr ein Glas Eis zu holen, trat ein ernster junger Mann, der Baron
Stein zu ihr und bat sie um einen Tanz. Freudig, als sei sie erlst von einer
groen Qual, sah sie ihn an, und schlo sich, als der Prinz wieder eintrat,
fester an seinen Arm. Der junge Mann verstand dies stumme Zeichen der Furcht und
flsterte ihr zu. Vertrauen Sie mir; ich schtze Sie, und mte ich mein Blut
fr Sie opfern! Mit groer Heftigkeit drngte sich der Prinz an den Baron Stein
heran - versuchte auf jede Art, ihn zu reizen - und gerieth fast auer sich, als
er die Ruhe bemerkte, mit der Stein sich selbst bezwang. Den nchsten Tanz
erffnete er wieder mit der Oburn. Unter dem Vorwand, sie msse sich in einem
khlen Zimmer durchaus etwas erholen, zog er sie in ein kleines Gemach, ber das
Orangenblthen ihren Duft und eine dunkelrothe Kristall-Ampel ihr dmmerndes
Licht ausgo, fhrte sie zu einem Atlas-Divan, und nahm neben ihr Platz. Stumm
saen beide da; ihr Busen flog heftig; die Hnde bebten; sie hatte nicht den
Muth, in seine flammenden Augen zu sehen. Strmisch sprang er auf, kniete vor
ihr nieder, und rief in hchster Extase: Sie sind das gttlichste Weib, das ich
je gesehen! Ich liebe Sie, liebe Sie wahnsinnig, will Sie besitzen um jeden
Preis! Wohin Du auch gehst, ses Weib, ich werde Dir folgen; ich werde nicht
eher ruhn, bis ich Deine Liebe errungen! Das schwre ich Dir bei meiner
frstlichen Ehre! Mit leiser, aber fester Stimme erwiederte die Frau, ohne ihre
innere Bewegung zu verrathen: Was hab' ich Ihnen gethan, mein Prinz, da Sie es
wagen, mich so tief zu krnken; mir Worte zuzurufen, aus denen ich nur sehe, wie
tief Sie mich verachten. Mgen Sie Ihre galanten Phrasen an Damen von Stande
richten, die das zu wrdigen verstehen; mir ist eine Liebe, wie sie aus Ihren
Worten spricht, gnzlich unverstndlich. Sie kennen mich nicht; was lieben Sie
denn an mir? O, Sie profaniren die heilige Liebe, denn das, wehalb ich
vielleicht werth wre, geliebt zu werden - das ahnen Sie nicht. Sie lieben die
flchtigen, jungen Reize meines Krpers; und darin liegt die Schmach und
Entwrdigung fr mich. Nach diesen Worten wollte sie sich erheben; doch er
hielt sie gewaltsam zurck, und rief leidenschaftlich: Weib, so darst Du nicht
von mir gehen, um Gottes Willen, Weib, so nicht. Sieh, ich bin reich; ich bin
Frst; allen Glanz, alles Glck der Erde lege ich zu Deinen Fen nieder. Du
sollst Herrinn werden ber alles, was ich besitze - nur liebe, liebe mich! Und
wenn Dein zgernder Muth Dir nicht hinweghilft ber alle Schranken und Hemmnisse
zu raschem Entschlu - o so la mir wenigstens die Hoffnung, da ich einst nach
Wochen, Monaten - oder selbst nach Jahren Dich besitzen werde. Mit einem
prchtigen, stolzen Blick sah die junge Frau den Prinzen an, und erwiederte nur:
Ich verachte Ihren Glanz - und Sie selbst von Herzen! Auer sich vor
Leidenschaft, umklammerte der Prinz Ihre Kniee und drckte heftige Ksse auf ihr
Gewand. In diesem Augenblicke wurde die Thre leise geffnet und das schne,
doch malicise Gesicht der Grfinn Lichtenfels schaute hinein. Ein spttisches
Lcheln verklrte gleichsam ihre Zge und bildete den besten Commentar zu ihren
Worten: Entschuldigen Ew. Knigl. Hoheit, wenn ich stre; ich wnschte nur,
mich hier an diesem khlen Ort etwas von der Hitze des Balles zu erholen. -
    Grfinn Sidonie sorgte, nach den Grundstzen der christlichen Liebe und
weiblichen Ritterlichkeit dafr, da nach wenigen Minuten die ganze
Ballgesellschaft ber die Liebesscene im Klaren war. Ueberall flsterte man von
der zrtlichen Attitde, in der Prinz C** mit Madame Oburn im einsamen Gemach
betroffen worden, und fgte natrlich hinzu, da die Frau den Bewerbungen des
Prinzen ein williges Ohr geschenkt. Die Stimmung in der Gesellschaft war
hierber sehr verschieden. Die jungen Fruleins, nebst den altadligen Mttern,
konnten es einer Brgerlichen nimmer vergeben, zu der Ehre einer frstlichen
Maitresse, nach der sie alle selbst strebten, erhoben zu werden. Darum sprach
man das Anathem ber sie aus; aus Neid wurde sie gechtet. Bei den Mnnern hatte
die Frau dadurch an Ansehen gewonnen; und man war nur unschlssig, wie man das
Betragen gegen sie einrichten msse, um die hohe Gnade des Prinzen nicht zu
verscherzen. Doch auch nicht einem Einzigen in der Gesellschaft schien es
mglich, da eine brgerliche Frau zu stolz sein knne, Maitresse zu werden. Nur
Baron Stein entgegnete dem Grafen Reizenstein, der sich auf seine
Prophezeihungen viel zu Gute that: Nach dem, was ich heute Morgen gehrt, werde
und kann ich nimmer glauben, da die Oburn, dem Prinzen gegenber, sich nur das
Geringste vergeben habe; es ist ein Etwas in dieser Erscheinung, was mich
durchaus an eine edle Natur glauben lt.
    Frstinn Helene hatte sich, ihrer Krnklichkeit wegen, frh in ihre
Privatzimmer zurckgezogen - Grfinn Sidonie, gergert und gelangweilt, war
weniger liebenswrdig, als sie es sonst zu sein pflegte, und folgte bald dem
Beispiel der Frstinn. Dies war das Signal zum allgemeinen Aufbruch; und zeitig
trennte sich die Gesellschaft. Prinz C** fhrte die Oburn zu ihrem Wagen, hob
sie scheinbar vertraut hinein, wurde aber von zwei nervigen Armen unsanft
zurckgeschoben, als er sich selbst ohne Umstnde mit hinein setzen wollte. Er
wandte sich um; und ihm entgegen blitzten die zornigen Augen des Baron Stein,
der ihm die Worte: Du Schurke verstndig ins Ohr flsterte. -
    Im Innersten aufgeregt und erschttert, betrat die Oburn ihr trauliches
Gemach. O das war ein bser, bser Tag fr mich, sprach sie zu ihrer
vertrauten Lisette, froh, ein Wesen zu finden, dem sie alles mittheilen konnte,
was auf ihrem Herzen lastete; ach wre ich doch fort, weit fort von hier, fort
von allen diesen Erinnerungen! Wie reizend dachte ich mir als Kind das Leben der
Welt; wie verwebten sich stets in alle meine Trume Bilder des Glanzes und
Glcks - und nun? Wie fade erscheint mir alles; wie hat doch so Nichts von all'
dem Glck mich befriedigt! Ich bin doch recht elend, fuhr sie in einem Tone
fort, der fr die Wahrheit der Worte die beste Brgschaft war; so jung und so
freudlos hinsterben zu mssen; mein Herz so hei - und nirgends Erquickung; die
Eltern todt - und mein Mann - o mein Mann - das ist ja gerade mein Elend! denn
in meiner Ehe fhle ich mich am einsamsten, weil ich nie verstanden werde; weil
mein Herz, mit all' seinem glhenden Ringen nach einem edeln Leben, hier an
Gemeinheit und Bosheit scheitert - o das ist wohl ein tiefes Unglck! Einzelne
Thrnen entstrmten den schnen Augen; dann fuhr sie leise, doch
leidenschaftlich fort: Vergieb mir, Franz! Nein, ich bin nicht elend; ich habe
Dich ja gefunden, und die Liebe zu Dir ist Erlsung von all' der Noth, von all'
dem Schmerz des Lebens! Welche Seligkeit liegt darin, den Mann, den man liebt,
in jeder Beziehung edel und gro zu wissen! Ob ich ihn wohl lieben knnte,
sprach sie trumerisch weiter, wenn diese Gre eine erlogene wre, zu der ihn
die Sophistik eines vielgewandten Geistes emporgeschwindelt oder die trunkene
Phantasie meiner Liebe? Ob ich ihn lieben knnte, wenn ich ihn verachten mte?
Ahnungsvoll hielt sie hier inne, bedeckte die Augen mit der Hand, als wolle sie
ein Bild verhllen, das unheimliche Angst in ihr erwecke!
    Bei dem Auskleiden bergab ihr Lisette einen Brief ihres Mannes. Er lautete:

Meine liebe Johanna!
    Es freut mich herzlich, da Dir das Leben in Carlsbad auch ohne mich
gefllt. Wie ich hre, sollst Du und unsere schnen Pferde allgemeines Aufsehen
bei den Mnnern machen. Mir ist das recht! Sehen doch die Leute daraus, da ich
einen guten Geschmack habe. Meine Frau mu bemerkt werden; das verlange ich -
denn ich bin ein reicher Mann. Da Du mein Vertrauen nicht tuschest, das ich,
in Betreff Deines Umgangs mit den Mnnern in Dich setze, wei ich sehr gut; denn
ich kenne ja Deine platonische Liebe, von der ich nichts verstehe und nichts
verstehen will, weil sie dummes Zeug ist. Adieu, liebe Frau! Morgen reise ich
von hier ab, um Dich zurckzuholen, und hoffe, Dich recht blhend und krftig
anzutreffen.
    Dein Dich liebender Mann.
                                                                   David Oburn.

Seufzend legte die Frau das zarte Billet wieder zusammen; und suchte auf ihrem
einsamen Lager Schlaf - und Vergessenheit!

                                       6


Das Wiesenthal bei Karlsbad ist eine beraus nette, kleine Meierei, und zugleich
ein sehr beliebter Vergngungsort der Kurgste. Es liegt ungefhr 1/8 Meile von
der Stadt entfernt, dicht unter dem Kreuzberge, in einer entzckenden Umgebung.
Ein sehr, schner, groer Garten mit den reichsten Blumenpartieen und
dichtverwachsenen Laubgngen, durch den sich die Eger gleich einem Silberbande
schlngelt, umgiebt das freundliche Wohngebude. Alles war hier so friedlich und
still, und bildete einen schneidenden Contrast mit all' den Leidenschaften der
Menschen, die das bewegte Karlsbad umschlo. Madame Oburn mit ihrer Dienerschaft
bewohnte in diesem Sommer die fr Badegste eingerichteten Zimmer der Meierei.
Mit den Fremden, die Nachmittags dort herauskamen, um ihre Tasse Kaffee mit
Schmellen und Hrnchen zu trinken, kam sie in keine weitere Berhrung. Nur an
Concerttagen ffnete sie wohl die Flgelthren ihres Gartensaales oder setzte
sich in die Geisblattlaube, die eigens zu ihrem Logis gehrte. Doch sah man sie
gewhnlich allein. Nur dann und wann lie sie einen Musiker, bei dem sie ein
bedeutendes Talent entdeckte, zu sich einladen. Weil sie Musik leidenschaftlich
liebte, zeigte sie sich, solchen Knstlern gegenber, stets artig und geners,
und wurde in manchen Kreisen die Beschtzerin der Kunst genannt. Auch kam sie in
den Ruf eines beispiellosen Reichthums. Die Besitzerin der Meierei, eine gewisse
Frau Meier, war ein originelles Weib, das eine nhere Charakteristik verdient.
Von ihrem wahren Namen und ihrer Herkunft wute man nichts. Der Sage nach war
sie vor vielen Sommern mit einem polnischen Grafen, der sie seine Frau nannte,
nach Carlsbad gekommen. Obgleich ziemlich roh, hatte sie doch whrend der Saison
die Aufmerksamkeit vieler stattlichen Cavaliere auf sich gezogen, und da sie
glnzend lebte, war sie sogar eine von den Damen geworden, welche den Ton in der
Gesellschaft angaben. Eines Morgens war der Graf pltzlich verschwunden, und die
trauernde Gattinn blieb allein zurck, ohne Geldmittel dem allgemeinen Hohn
preisgegeben. Doch die Pseudo-Grfinn fate sich kurz, verkaufte ihre Juwelen
und kostbaren Gewnder, und erstand fr das daraus erlste Geld die Meierei
Wiesenthal, die gerade zum Verkauf ausgeboten wurde. Hier lebte sie nun schon
seit 10 Jahren still und zurckgezogen von der brigen Welt - eine echte
Philosophinn, ruhig weiter, bis sie, durch die vielen Fremden, die dort eifrig
die Gegend durchstreifen, vielfltig dazu aufgefordert, ihr kleines Eldorado zu
einem ffentlichen Lustort umschuf. Zu den schwchsten Seiten dieser Frau
gehrte eine groe Schwatzhaftigkeit, die besonders mit vielem Behagen bei den
Thaten ihrer Jugend, und all' den Eroberungen, die sie gemacht, verweilte. Die
jungen Herren, die namentlich in diesem Sommer sehr hufig zu ihr herauskamen,
hatten diese Schwche bald bemerkt, hrten mit bergroer Geduld Stundenlang den
Erzhlungen ihrer Erlebnisse zu, bis es ihnen gelang, ganz unvermerkt die Rede
auf die jetzige Einwohnerin der Meierei, die Madame Oburn, zu bringen. So hatten
sie glcklich entdeckt, da die junge Frau sehr unglcklich sein msse, da sie
viel, viel weine, und ihr Mann in einigen Tagen erwartet werde, um seine
Gemahlinn zurck zu holen. Diese Notizen gengten den neugierigen Forschern, um
selbstgefllige Hoffnungen und Folgerungen daran zu knpfen, wie es junge Mnner
immer thun, wenn sie von einer unglcklichen Ehe hren.
    Es war schon spt am Morgen, als Madame Oburn nach jener Ballnacht erwachte.
Ihr fieberhaft gerthetes Antlitz, ihr wogender Busen, zeugten von keiner s
durchtrumten Nacht. Im Zimmer war es unertrglich schwl; rasch zog sie die
grn seidenen Vorhnge zurck, ffnete das Fenster, und sah, ungenirt, noch im
weien Nachtkleide und Schlafhubchen, in den blhenden Garten hinaus. Der
frische, von Blumenduft durchwehte Morgen that ihr unendlich wohl, die Brust
athmete geregelter; die unnatrliche Rthe wich ihrer gewhnlichen, gesunden
Farbe. Heiter, wie ein Kind, schlug sie die tiefinnigen Augen bald zum
Himmelsgewlk auf; bald lie sie den Blick auf einer durch die Nacht
erschlossenen Blume haften. Da pltzlich schrack sie sichtbar zusammen: sie
erblickte den Prinzen C**, der hchst leutselig im eifrigen Gesprch mit Frau
Meier, im Hauptgang des Gartens auf und ab promenirte. Wie ein gescheuchtes Reh
sprang sie vom Fenster, und zog sich in die entfernteste Ecke des Zimmers
zurck. Der gestrige, bewegte Abend, den sie noch vor wenigen Minuten, wie einen
bangen Traum ansah, stand lebendig vor ihr; verworrene Ahnungen eines nahen und
groen Unheils ergriffen sie; und als wollte sie dem eigenen, dunklen Verhngni
entfliehen, vertiefte sie sich in die Lektre der Indiana. Whrend sie
andchtig alle Empfindungen und Leidenschaften nachfhlte, die in diesem Buche
so hinreiend geschildert sind; whrend sie in dem Geschick der Indiana das
Walten derselben Mchte erkannte, die ihre Gegenwart beherrschten und mehr noch
ihrer Zukunft verhngnivoll zu werden drohten: wurden in dem Nebenzimmer, mit
geschftiger Hast, die Waffen geschmiedet zu ihrem Verderben. Das dicke,
morchelartige Gesicht der Frau Meier strahlte vor Wonne und Glck. Geschftig
lief sie hin und her, blieb dann vor ihrem Schenkmdchen, einer verschmitzten
Wienerin, stehen, und sprach mit Mund und Hnden: Therese! Schnell! Spute Dich!
Prinz C** wollen hchsteigen heute Mittag hier speisen. Schlachte die Hhnel,
pflcke Schoten, oder rhr' lieber erst die Mehlspeise ein! Nur rasch, rasch,
Mdchen! Wir haben wenig Zeit, und der Prinz wird viele Gerichte essen wollen.
Gott, fuhr sie mit komischem Pathos fort, ist das ein liebenswrdiger Prinz!
Therese, denke nur! Se. Durchlaucht haben lange mit mir gesprochen, und finden
alles so schn bei mir, da Sie hier hufig diniren wollen! Das ist noch ein
Prinz, so familiair, so leutselig; an dem sollten alle Kavaliere sich ein Muster
nehmen! Es ist recht schade, meinen der Prinz, da mein Logis schon vermiethet
ist, sonst wrden Sie es gern bewohnen; doch vertreiben wollen Sie die Oburn
nicht, um keinen Preis! Nun, das ist wahr, sie zahlt auch gute Miethe - doch,
nicht wahr, Therese, schner wrde es klingen, Prinz C** nebst Gefolge logiren
im Wiesenthal, als Madame Oburn nebst Dienerschaft. Doch es ist nun einmal so;
und weil es dem Prinzen hier gar so sehr gefllt, und er doch inkognito leben
will, so habe ich ihm mein eigenes Wohnzimmer abgetreten. Therese! Ich verbiete
Dir, darber zu sprechen, am wenigsten mit der zimperlichen Jungfer Lisette;
denn wenn die Oburn das erfhre, wre sie im Stande, gleich abzureisen. Bei Tage
wollen Se. Durchlaucht auch gar nicht hier sein; nur des Nachts, um hier ruhiger
zu schlafen, als in der geruschvollen Stadt. So kann es auch Niemand erfahren.
Wenn Du klug bist und schweigst, haben Dir der Prinz 3 Friedrichsd'or Trinkgeld
versprochen; - danach richte Dich, Mdchen! Mit einer sehr bezeichnenden
Pantomime gelobte die wrdige Gehlfinn der Frau Meier Verschwiegenheit; und
beide fuhren eifrig in ihrem Gesprche fort. Ganz vertieft in dasselbe, hatten
sie die leisen Futritte eines Mannes nicht gehrt, und erschracken gewaltig,
als der Baron Stein mit lauter Stimme um eine Tasse Chokolade bat. In
lebhaftestem Selbstgesprch schritt er hierauf dem Garten zu: Ist's Dir und
allen Deines Gelichters nicht genug, euch zu nhren von dem Schwei und Blut der
geknechteten Vlker; mt ihr auch noch tief hineingreifen in das Allerheiligste
der Herzen, und Seelen vergiften, Seelen, deren innerstes Leben ein Gottesdienst
ist aller groen und edeln Gedanken? Und jetzt, da Rang, Schnheit und Geld
machtlos sind, gegenber dieser innern, stillschaffenden Gewalt der Seele, die
an sich selber ein unwandelbares Gesetz hat - jetzt verbindest Du Dich,
Nichtswrdiger, mit einer Kupplerinn, um das Weib, das Dich stolz verschmht
hat, durch List und Gewalt zu besiegen. Doch solchem frechen Beginnen will ich
entgegentreten; und beglcken soll es mich, wenn Du Schiffbruch leidest mit
Deinen nackten Hoffnungen und Wnschen, und die Qual unbefriedigter Liebe Dich
aufzehrt! - - Die Oburn soll nichts erfahren von dem Gewlk, das sich an ihrem
Himmel zusammenzieht! Sie schlafe in Frieden; ich selbst will ihren Schlummer
bewahren! Zum erstenmale besuchte Baron Stein heute das Wiesenthal; und es
gefiel ihm, in seinen Phantasieen diesen bedeutungsvollen Zufall einem dunkeln
Beruf zuzuschreiben, der ihn zum Schutzgeist der Oburn bestimme. Der Zug der
Sympathie fhrte ihn in die Geisblattlaube; hier sa er trumerisch, und schrieb
Hieroglyphen in den gelben Sand, der die Erde bedeckte. Nachdem Madame Oburn
sicher war, da ihr Schreckbild, der Prinz C**, den Garten verlassen, nahm sie
Buch und Handschuhe und ging ihrer Laube zu. Verwundert und zgernd blieb sie
einen Augenblick stehen, als sie den fremden, jungen Mann, dessen Anblick die
Erinnerung an den letzten, verhngnivollen Abend in ihr erweckte, darin sitzen
sah. Dann trat sie jedoch rasch ein, und sprach, als sie bemerkte, da er sich
entfernen wolle, freundlich zu ihm: O bleiben Sie doch, wenn Ihnen der Platz
gefllt. Ich verdrnge Niemanden von da, wo es ihm wohl ist! Dann setzte sie
sich dem jungen Manne gegenber, und las, ohne die geringste Notiz von seiner
Gegenwart zu nehmen, ruhig in ihrem Buche weiter. Regungslos sa Stein da; in
seinen Zgen wechselten Farbe und Ausdruck; er wollte gehen; aber es hielt ihn
mit unsichtbaren Hnden zurck. Was ihn so magisch hinzog zu dieser Frau: war es
Liebe, war es Mitleid? Er wnschte, sie mchte zu ihm sprechen; denn die
Lieblichkeit ihres Wesens gewann durch den geistigen Ausdruck, der bei'm
Sprechen ihre Zge verklrte; und ihre Worte klangen so einfach und innig, ein
Evangelium des Herzens.
    Es war eine liebenswrdige Eigenthmlichkeit der Oburn, mit den fremdesten
Menschen, sobald sie mit sicherem Blick einen geistig verwandten Zug in ihnen
entdeckt, so vertraut umzugehen, als sei sie lngst mit ihnen befreundet, ohne
die Furcht, dies off'ne Entgegenkommen knne miverstanden werden. So sah sie
auch hier den ihr gegenbersitzenden Mann traulich an, und sprach, whrend sie
das Buch fortlegte und einige Geisblattblthen zerpflckte: Ich las eben in der
Indiana, und bin von der lebenswahren Schilderung der Leidenschaft und des
Schmerzes so ergriffen, da ich heute nicht weiter lesen kann.
    Im Glcke, gndige Frau, entgegnete Stein, mu man ein solches Buch nicht
lesen, so schn es auch sein mag. Sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst!
Eine edle Natur mu ein reines, ungetrbtes Glck genieen; und wie ein
gerechtes Geschick den Schmerz und die Trauer von ihr fern halten wrde, so mu
sie selbst jede Berhrung mit diesen unheimlichen Gewalten vermeiden, gleich als
wrde sie dadurch entweiht und herabgezogen.
    Das sind ideale Trume! Und wissen Sie denn so sicher, ob ich glcklich
bin; ob nicht ich gerade ein Recht habe, alle Schmerzen der Indiana
mitzufhlen?
    Stein sah ihr mit prfendem Blick, den sie nicht vermied, in das
thrnenfeuchte Auge:
    Wohl, ich will glauben, da Sie leiden; und bin gewi, da Sie werth sind,
solche Schmerzen zu ertragen!
    Nun, das klingt sonderbar, entgegnete sie mit erzwungener Heiterkeit; Sie
wnschen mir Kummer und Elend, so ernsthaft, so von Herzen, wie die gewhnliche
Welt Freude und Glck zu wnschen pflegt.
    Wenn ich einer Frau Schmerzen wnsche, wie sie Georges Sand die Indiana
fhlen lt, heilige Schmerzen ber die Entwrdigung des Weibes und ihre
modernste Knechtschaft - dann mu ich diese Frau sehr hoch stellen, und ihr
groe Kraft und eine alles bezwingende Liebe zutrauen.
    Wiederum trat eine lngere Pause ein, die beiden gleich peinlich war. Sie
fhlte nur zu gut, da die innerste Quelle ihrer Leiden entdeckt sei, und er
erkannte, da es nicht in seiner Macht stehe, diese Schmerzen zu heilen. Sie
reichte ihm stumm und ohne Ziererei die Hand; es war ein geistiges Verstndni,
das diese edeln Naturen einander nher fhrte.
    Es thut mir wirklich leid, brach die Oburn das Schweigen, da uns das
Schicksal erst jetzt, kurz vor meiner Abreise zusammengefhrt; wir htten doch
manche gemthliche Stunde verplaudern knnen! Wie habe ich mich whrend der
ganzen Zeit meines hiesigen Aufenthalts nach einem echten, wahren Menschen
gesehnt! Diese Puppen und Zerrbilder, dies ganze Marionettenspiel einer
innerlich hohlen Gesellschaft, diese platten, indifferenten Gesichter, denen
eine Spur zurckzulassen der Gedanke und das Gefhl, der Schmerz und die Freude,
wie aus gerechtem Stolz verschmhn: das alles mattet mich innerlichst ab, und
lt mich an der menschlichen Natur verzweifeln!
    Sie wollen Carlsbad wirklich so bald verlassen? fragte Stein gepret.
    In einigen Tagen wird mich mein Gatte von hier abholen, erwiederte sie
leise.
    Und gehen Sie gern von hier? O verzeihen Sie diese unbescheidene Frage,
gndige Frau! Nicht wahr, Sie sehnen sich nach der Heimath, nach dem
Familienleben! Wohl kann ich mir denken, wie Sie dort vermit werden, welchen
Segen Sie ber Ihre Umgebungen verbreiten!
    Ich habe keine Heimath; ich kenne kein Familienleben, entgegnete sie
tonlos; berall stehe ich allein! dehalb ist es mir gleichgltig, wo ich lebe!
Vielleicht wrde ich mich, wenn mir die Wahl freistnde, gerade fr Carlsbad
entscheiden; denn hier hatte meine Seele auf kurze Zeit eine Heimath gefunden.
    Stein fhlte zu zart, um hierauf etwas zu erwiedern; er bemhte sich nur,
den Trbsinn der Frau durch eine leichte Unterhaltung zu verscheuchen. Als er
bemerkte, da sie sich entfernen wolle, bat er sie innig um die Erlaubni, sie
in diesen Tagen noch fter sehen zu drfen, er wolle eine theure Erinnerung mit
fortnehmen: dies zu gewhren, sei ihr so wenig, ihm so unendlich viel!
    Gern gewhre ich das, entgegnete sie lchelnd; und damit Sie sehen, wie
ernst es mir damit ist, bitte ich Sie, mit mir heute Nachmittag nach meinem
Lieblingsplatz Schlackenwerth zu reiten! Bei diesen Worten erhob sie sich, und
ging auf ihren Salon zu. Hier wandte sie sich noch einmal um, und rief
freundlich: Bitte, Sie Unbekannter, Ihr Name? - Eduard von Stein! - Das
klingt ja ritterlich genug; und erinnert an die ganze, reichsunmittelbare
Romantik! Also auf Wiedersehen, mein lieber Ritter! Der junge Mann sah ihr in
stillem, Entzcken nach. Diese Erscheinung bte eine Macht ber ihn aus, der er
sich nicht entziehen konnte. Gerade die liebenswrdige Kindlichkeit, vereinigt
mit einem tiefsinnigen Zug, der Zauber einer seltenen Harmonie, der, alle
Gegenstze vershnend, ber ihr ganzes Wesen ausgebreitet war, muten einen Mann
fesseln, den Denken und Leben in allen Widersprchen herumgeworfen; der gerade
nach einer Harmonie suchte, in der die schreienden Miklnge aufgelst wrden.
Doch da sie selbst nicht glcklich war, sie, die zum Glcke berufen schien, die
den Mann ihrer Liebe zum Gott beseligen mute: das war ein neuer, schmerzlicher
Ri in der harmonisch vollendeten Schpfung, die er im flchtigen Traume dieser
seligen Minuten sich zusammenphantasirt!

                                       7


Um vier Uhr hielten die gesattelten Reitpferde vor dem Wiesenthale. Madame Oburn
sah reizend aus in ihrem stahlgrnen, enganschlieenden Reitkleide, mit dem keck
in die Locken gedrckten schwarzen Sammetbarett. Sie ritt sicher und khn, mit
Grazie in jeder Bewegung. Stolz auf seine Begleiterinn ritt Stein ihr zur Seite.
Unter leichten, scherzhaften Gesprchen, den Eingebungen des Augenblickes,
erreichten sie den Schlogarten Schlackenwerths. Leicht sprang die Reiterinn vom
Pferde, bergab es dem Diener und warf sich nachlssig auf eine geflochtene
Weidenbank, die in der alten Kastanienallee, unter dem Schatten hoher Bume,
stand. Hier ist mir wohl und heimlich, rief sie aus; hier erinnert mich alles
an meine Jugendzeit! Drben die alte Dorfkirche, das kleine trauliche Pfarrhaus.
O welches friedliche Glck mag jene engen Rume bewohnen! Wie thricht, sich
immer hinauszusehnen in's Weite, whrend allein in dem nchsten Kreis, in enger
Umgrnzung wahre Befriedigung mglich ist!
    Sie sind auf dem Lande erzogen, gndige Frau? O schildern Sie mir Ihre
Kindheit! Meine aufrichtige Theilnahme macht mich ihres Vertrauens werth.
    Mein Vater war Prediger auf dem Lande; ich sein einziges Kind! Aus den
engen Lebensverhltnissen sehnte ich mich hinaus und vor meiner Seele stand, als
einzig erstrebenswerth, ein bewegtes Leben mit allen Freuden der Welt: Ich war
bis zu meinem sechszehnten Jahre fast nie ber die Grnzen unseres Dorfes hinaus
gekommen; nur meine Phantasie, deren angeborene Glut durch mannigfache Lektre
genhrt war, schuf mir, jenseits des idyllischen Bereichs, ein Eldorado voll
unbestimmten Glckes. Jedes Posthorn, das von ferne her durch die einsame Gegend
schmetterte, entlockte mir Thrnen der Sehnsucht. Ich wollte in die Welt; ich
wollte glcklich sein! Jetzt - fuhr sie bewegter fort; - jetzt habe ich die
Welt, und was darin Glck heit, kennen lernen; Reichthum, ein glnzendes Leben
hat mir das Schicksal geschenkt, und nun ich alles das erreicht, alles genossen
- nun ist es mir werthlos - hat in Wahrheit nie fr mich Werth gehabt. Das habe
ich mir lngst mit Schmerz bekannt, und fhle es stndlich drckender! Und so
sehne ich mich jetzt zurck nach der friedlichen Heimlichkeit engumschlossener
Verhltnisse, die ich einst in jugendlicher Hast zu durchbrechen wnschte!
    Sie sind ungerecht gegen sich, gegen andere, gndige Frau! Ein freundliches
Schicksal hat sie in die Welt gefhrt - uns allen zum Heil! Es liegt in Ihrem
Wesen etwas Freies und Frisches, das Erlsung bringt von all' den verkncherten
morschen Verhltnissen, von all' der Heuchelei einer in sich zerfallenen
Gesellschaft! Und ist es nicht lohnender Beruf genug, auch nur einzelne Geister
erquickend aufzurichten, welche in der allgemeinen Erschlaffung und Zerrttung
sonst rathlos untergehen wrden! Solche Erlsung haben Sie mir gebracht; solche
Erlsung werden Sie noch Vielen bringen!
    O Egoismus der Mnner! Auch die besten denken nur an sich selbst!
entgegnete die Oburn scherzend.
    Der Abend war drckend schwl geworden; ein schweres Gewitter war am
Horizont heraufgezogen, einzelne Blitze zuckten durch grauschwarze Wolken, denen
kein khlendes Na enttropfte. Es ging ein stummer, drckender Schmerz durch die
Natur, und das Auge des Himmels schien fast krampfhaft seine Thrnen
zurckzuhalten. Die Blitze fuhren hin und her, angstvoll, wie prophetische Boten
eines nahen Unheils, und unheimlich dumpfe Ahnungen bemchtigten sich der
Gemther der Menschen. Schweigend ritt Madame Oburn mit ihrem Begleiter wieder
dem imposanten Carlsbad zu. Sie war sehr ernst geworden. Ihre Brust hob sich
unter tiefen Seufzern, und ihr Auge folgte den kreuzenden Blitzen in stiller
Melancholie. Stein sah nichts auer ihr. Fast verzckt, mit der Inbrunst des
Snders, der die verklrte Himmelskniginn um Gnade fleht, hingen seine Blicke
an ihrem Antlitz, an der jugendlich idealen Gestalt, und nahmen dies Bild in
sich auf, unvergelich, unverlschbar! Er suchte ihre Gedanken zu entrthseln
und erkannte wohl an dem schmerzlichen Ausdruck ihrer Zge, da sie nicht von
Liebe trumte; denn die Liebe mute diese Zge ja wunderbar lichten und
erhellen, wie die Frhlingssonne die Erde nach starrem Winter! Mit einer ihr nur
eigenen, holden Biegung des Halses sah die Oburn jetzt zu ihrem Begleiter
herber: Ich bin malos langweilig, lieber Stein, vergeben Sie mir! Ich gab
meinen Gedanken Audienz! Wie wechselvoll ist doch das Innere des Menschen!
Frher erfate mich stets eine groe Bangigkeit whrend des Gewitters! Um den
Blitz nicht zu sehen, verbarg ich als Kind mein Kpfchen in den Schoo der
Mutter, als wre ich hier gegen jede Gefahr gefeit. Heute weitet sich meine
Brust bei dem Rollen des Donners, mein Auge labt sich an den feurigen Strahlen,
die so keck, wie junge, lebensfrische Gesellen, den Wolkenvorhang zerreien, als
wollten sie der Natur in's Herz sehen. Ja, ich kann es mir schn denken, zu
verglhen, von diesen Strahlen getroffen! O, die Welt mit ihren Freuden ist mir
oft zu verchtlich! Auf diese Worte aus dem Munde einer ein und
zwanzigjhrigen, schnen, gefeierten Frau wute der junge Mann nichts zu
erwiedern, und stumm langten Beide in dem Wiesenthale an.
    Mgen die guten Geister der Liebe Sie in dieser Nacht umschweben! rief der
Baron bedeutungsvoll zum Abschiedsgru.
    Kaum war Madame Oburn unter ihr schtzendes Dach getreten, als sich das
Gewitter gewaltig entlud. Frau Meier, als gute Katholikinn, lag vor ihrem
Crucifix, das auf einer Art Betpult im Schlafzimmer stand, auf den Knieen. Sie
betete ihr Ave Maria, flehte die Mutter Gottes um Schutz an, zankte dann wieder
mit ihrer Therese, und wechselte so mit himmlischen und irdischen Gedanken.
Sobald die Heftigkeit des Donners etwas nachgelassen, ffnete sie die Hausthre
und sah sich rings mit sphenden Blicken um. Endlich gab ein heftiger,
grotropfiger Regengu dem krampfhaft zusammengezogenen Gewlk, das in schwler
Spannung am Himmel lagerte, und den durch Angst zusammengepreten Menschenherzen
die ersehnte Erleichterung. Frau Meier wnschte der Madame Oburn, wie sie es
gewhnlich zu thun pflegte, eine sanfte Nacht, versicherte Dero Gnaden, das
Gewitter sei vorber; sie brauche sich nicht zu ngstigen, und solle es ja
wiederkehren, so schlafe sie dicht neben Madame und sei zu jedem Dienst bereit.
Hierauf ffnete sie noch einmal die Pforte, um den Himmel zu observiren, und
lie dabei leise eine hohe, dicht in den Mantel gehllte Gestalt
hereinschlpfen. Dann verrichtete sie ihr bliches Nachtgebet und entschlief mit
dem stolzen Bewutsein, einen wichtigen Tag verlebt zu haben.
    Madame Oburn hingegen ging unruhig im Zimmer auf und ab. Endlich ffnete sie
die Fenster wieder und sah in die schne, nun stille Nacht hinaus. Die Luft war
prchtig frisch und khl geworden. Die Oburn konnte dem Verlangen nicht
widerstehen, noch im Freien umherzuwandeln. Rasch warf sie ber das leichte
Nachtkleid eine Mantille, steckte die zarten Fchen in feste Schuhe, und
huschte gedankenleise zum Saal hinaus. Es war gerade die reichste, ppigste
Blthenzeit des Jahres; tausend erschlossene Blthen strmten s betubenden
Duft aus, der wie ein magisches Netz die Sinne gefangen hielt. Von Rose zu Rose
ging die junge Frau, trank mit durstigen Lippen aus jedem Kelch die frischen
Regentropfen, und nachdem sie so erquickende Frische eingesogen, brach sie noch
tyrannisch die beraubten Blthen und warf sie zerpflckt den Wellen der Eger zu.
Einzelne helle Sterne lauschten dem kindischen Spiel und blickten doch so heilig
ernst dazu, als begriffen sie des Spieles tiefe Bedeutung. Ich bin mild gegen
euch, ihr schnen, schnen Blumen; ich vernichte euch in eurer Schnheit; ich
erspare euch den Schmerz nach und nach verwelken zu mssen! Ich bin gerechter
als die Natur, die auch uns nur so kurze Zeit das Recht auf Glck und Liebe
ertheilt, und uns dann, wenn die Tage der Jugend vorber, zu den Qualen langer
Entsagung verdammt! So whlte die junge, schne Frau gedankenvoll in den
unheimlichen Tiefen des Lebens. Am Ufer des Flusses stehend, sah sie starr in
das Wasser hinein, so lange, bis es ihr unheimlich wohl ward und die Fluth sie
lockend herab zu ziehen drohte! Da eilte sie rasch fort, als wollte sie der
Gefahr entfliehen, und es war ihr, als ob sie hinter sich leise Futritte hrte.
Gengstigt beflgelte sie ihren Schritt, dem Schlafgemach zu.

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Mitternacht war vorber. - Madame Oburns Gemach war ganz von frischem, wrzigem
Dufte durchdrungen, den es, aus tausend Blumenkelchen, nach dem Gewitterregen
eingeschlrft hatte durch die offenen Fenster. Es wurde erhellt durch eine weie
Alabaster-Ampel, die zwischen den faltigen, durchsichtigen Vorhngen des
Himmelbettes hing, das auf bronzenen Fen ruh'te. Das trauliche Helldster, die
ppigen, bunten Futeppiche, eine kleine Orangerie, die auf zierlichen
Blumentischen am Fenster stand, und nur einzelne, groe Silberflecken des
anschwellenden Mondlichtes auf den Fuboden durchfallen lie: alles das gab dem
Zimmer einen so malerischen Anstrich, da die hohe dunkle Gestalt, welche so
eben die Thre ffnete, und dann fest hinter sich verschlo, eine Zeitlang wie
festgebannt dastand, und hochaufathmend die Blicke umherschweifen lie. Es war
der Prinz C**, in ein feines, etwas phantastisches Neglige gekleidet. Leichte
mit Gold gestickte Stiefel von weiem Sammet machten sein Auftreten fast
unhrbar. Weite, orientalische Beinkleider von rosenrother Seide, und ein
faltiger kurzer Rock von dem selben Stoff bildeten die brige Bekleidung. Ein
weier, schner Mnnerhals, von dichtem schwarzem Bart beschattet, stieg aus dem
zurckgeschlagenen Battist-Hemdkragen hervor, und machte der Weie einer
schngeformten Hand, an der es von werthvollen Steinen blitzte, den Preis
streitig.
    Eine fieberhafte Glut hatte sich auf seinen Schlfen gelagert, und mit jedem
Schritte, den er vorwrts that, fing sein Herz lauter an zu schlagen. Von einem
tiefen gesunden Schlaf leise gerthet, lag die junge Frau auf ihrem Bette,
dessen leichte, roth seidene Decke sich gestrubt zu haben schien, die vollen,
reizenden Formen ganz zu verhllen. Sie lag dem Zimmer zugewandt, die Hnde auf
dem Busen gefaltet. Ein ser Traum schien im Vorberschweben sich in dem
seligen Lcheln ihres Mundes gefangen zu haben. In dem ganzen, zauberhaft
wirkenden Bilde lag nichts Ueppiges, nichts Kokettes. Keine herabwallenden
Locken, keine entblte Schulter. Aber das Nachthubchen, welches die
aufgewickelten Haare barg, umschlo mit seinem Rahmen von feinen, Brsseler
Kanten ein so liebliches Madonnenantlitz, zwei bereinandergeschlagene Fchen
sahen am Ende des Bettes so unschuldig aus den weien Leinen hervor, da dies
ganze reizende Bild mehr zur Andacht einlud, als zu wilder Begierde. Dem Prinzen
aber, dem jede hhere Regung fern lag, weil er nur eine Liebe kannte, die dem
Schimmer des Goldes feil war oder der Eitelkeit zum Opfer fiel - zog es mit
stets wachsender Gewalt zu dem Bette der schnen Frau. Zitternd vor Aufregung,
gepret und heiathmend war er nur noch einen Schritt von der Schlferinn
entfernt. Leise lie er sich auf ein Knie nieder, hob, noch unschlssig ber
seinen Angriff, die Decke in die Hhe, und kte den rosigen Fu der Madame
Oburn. Das aufwallende Blut rthete seine Augen. Einen Augenblick verweilte er,
halb betubt von so vollendeter Schnheit; dann pltzlich, mit den Zhnen
knirschend, strzte er mit den Worten: Weib, Du mut mir gehren! ber sie,
schlo ihren Mund fest durch den seinigen, so da sie nur einen schwachen Laut
von sich zu geben vermochte, zerri mit gewaltiger Kraft ihr Nachtgewand, und
schleuderte es mit der Decke weit in das Zimmer hinein. Madame Oburn hatte ihn
erkannt; doch trotz der gewaltigsten Anstrengungen war es ihr unmglich, sich
loszuwinden; sie fhlte sich einer Ohnmacht nahe, als der Prinz, der ihre
allmhlige Abspannung fr ein Zeichen der Nachgiebigkeit hielt, das Haupt
emporhob, um etwas zu sprechen. Diesen Augenblick benutzend, stie die Oburn
einen Schrei aus, der seine Wirkung nicht verfehlte. Man hrte eine
Fensterscheibe klirren, sah eine krftige Mnnerfaust durch die Oeffnung
hindurch, nach dem Fensterriegel langen, whrend der Prinz, durch den Lrm aus
seinem Taumel geweckt, aufsprang, und regungslos dastand; die Oburn aber alles,
was sie von Leinenzeug und Gardinen zusammenraffen konnte, um sich zog, damit
zur Thre hinstrzte, wo die Klingel fr ihre Dienerschaft hing, heftig
schellte, und dann ohnmchtig niedersank. In diesem Augenblick sprang Herr von
Stein - denn er war es, der die ganze Nacht hindurch unter dem Fenster der von
ihm so hochgeehrten Frau zugebracht - in das Zimmer, und stand, bleich vor Wuth,
mit funkelnden Augen, vor dem Prinzen, der nicht mehr wute, was um ihn vorging.
Die Worte des Barons, voll heftigster Beleidigung, brachten ihn endlich wieder
zur Besinnung. Er, der mit dem Bewutsein eines ertappten Schulknaben, dem Baron
gegenberstand, schien pltzlich einen raschen Entschlu zu fassen, und sprach
in spttischem Ton: Es thut mir leid, lieber Baron, Ihnen hier zuvorgekommen zu
sein, und ging auf die Thre zu, vor welcher man schon die Tritte der nahenden
Dienerschaft hrte. Seine Absicht war augenscheinlich, wenigstens den guten Ruf
der Oburn zu vernichten. Die Dienerschaft kannte ihn nicht - und wre auch seine
Anwesenheit im Zimmer dieser Dame bekannt geworden, so htte doch Niemand
vorausgesetzt, da der schne geistreiche Mann hier Widerstand gefunden. Im
schlimmsten Fall lie sich die Geschichte mit einem geringen Aufwand von
Escamotage drehen, indem man das Gercht verbreitete, da der Prinz die Madame
Oburn vor den Zudringlichkeiten des Herrn von Stein gerettet. Natrlich wre es
hier wiederum allen einleuchtend gewesen, da der Prinz nicht unbelohnt einen
solchen Ritterdienst geleistet. Stein, ein Mann von vieler Geistesgegenwart und
raschem Ueberblick, hatte in einem Moment alle diese Mglichkeiten erfat und
berdacht. Schnell sprang er nach der Wand zu, wo ein Paar Pistolen des Herrn
Oburn hingen; ein Blick berzeugte ihn, da sie geladen seien, und so bewaffnet
trat er zwischen den Prinzen und die Thre, an welcher schon die Kammerjungfer,
von Zeit zu Zeit, um Hlfe rufend, mit aller Anstrengung rttelte. Oben im Hause
war alles lebendig geworden. Noch einen Schritt weiter, flsterte Stein, und
bei Gott, ich schiee Ihnen diese Kugel vor den Kopf! durch das Fenster ist
unser Weg. Der Prinz wollte vorwrts; Stein legte an. Der starre, durchbohrende
Blick, der festzusammengeprete Mund dieses Mannes zeugten dafr, da er es bei
einer bloen Drohung nicht lassen wrde. Der Prinz, dem die nahe Mndung einer
Pistole ein unerwarteter Anblick schien, ward kreidewei, wandte sich rasch um,
und schwang sich ber das Fenstergesimse des hohen Parterres hinab in den
Garten, wo er im Dunkel verschwand. Stein folgte ihm sogleich, nachdem er noch
einen Blick unaussprechlicher Trauer auf die ohnmchtig daliegende Frau
geworfen, und einen Rubinschmuck, der sich auf den Toilettentisch befand, zu
sich gesteckt. Die fast gleichzeitig durch die aus ihren Angeln gehobene Thre
eindringenden Diener sahen ihn noch am Fenster verschwinden, und fanden auf dem
Boden das leere Schmuck-Etui! Der Ruf: Diebe, Diebe! tnte durch das ganze
Wiesenthal; Laternen zeigten sich in der Ferne; alles war in Aufruhr und
Bewegung; bis zum lichten Tage dauerten die Nachforschungen; doch weder von den
Dieben, noch von dem Schmucke war irgend eine Spur aufzufinden.

                                       9


Aus einem kurzen und unruhigen Schlummer wurde Madame Oburn nach jener Nacht
durch die Ankunft ihres Gatten geweckt. Lrmend und pfeifend, wie es seine
gewhnliche Art war, polterte er in's Zimmer und rief: Gott verdamme mich! Da
finde ich Dich noch Mittags in den Federn! Habe ich Dich nicht nach Carlsbad
geschickt, damit Du mit den Hhnern aufstehn lernst, Brunnen trinkst und tchtig
spazieren lufst? Na, Kleine, mach' nur nicht ein gar zu betrbtes, weinerliches
Gesicht! Es ist ja nicht bse gemeint; aber mach' nur rasch, la' Dich ankleiden
und komme zum Frhstck in den Garten; denn ich trinke gern ein Glschen Wein
mit Dir! Donnerwetter, unterbrach er sich pltzlich selbst; was ist denn das?
Da liegen ja meine Pistolen auf der Erde; die Fensterscheiben sind
eingeschlagen; Du siehst bleich und angegriffen aus; was ist hier geschehen?
Verschweige mir nichts! Denn ich bin strenge und wthend, wenn Du mich
hintergehst!
    Am ganzen Krper zitternd und sichtbar mit sich selbst kmpfend, schlug die
Frau das Auge scheu zu Boden. Sie war immer wahr gewesen. Ohne da sie ihren
Mann liebte, hielt sie die Ehe doch fr so heilig, da sie aus ihren Erlebnissen
ihm nie ein Geheimni machte. So wollte sie auch jetzt treu die Vorflle der
letzten Nacht schildern; doch als sie erschreckt von dem zornigen Blick ihres
Gatten, sich umwandte, sah sie das leere Schmuck-Etui. Wie ein Blitz durchzuckte
sie der Gedanke, da Stein, um ihre Ehre zu retten, mindestens allen
Klatschereien, die das Abenteuer nach sich ziehen knnte, vorzubeugen, ihren
Schmuck zu sich gesteckt. Sobald ihr diese Absicht klar geworden, stand auch ihr
Entschlu fest. Die Farbe vom zartesten Wei bis zur Purpurglut wechselnd,
erwiederte sie erschpft und zitternd:
    In vergangener Nacht mssen hier Diebe eingebrochen sein und meinen
Rubinschmuck entwandt haben. Als ich durch das Klirren der Fensterscheiben aus
meinem festen Schlaf geweckt wurde, sah ich zwei mnnliche Gestalten durch das
offne Fenster dringen. Trotz meines groen Schrecks hatte ich noch die
Besonnenheit, rasch aufzuspringen und meine Leute durch das heftige Ziehen der
Klingel zu wecken. Dann schwand mir das Bewutsein, und ich sank ohnmchtig zu
Boden. Was weiter geschehen, wei ich nicht. Als ich nach langer Zeit wieder zu
mir kam, fand ich mich im Bett, und neben mir die gute Lisette, die mir unter
dem heftigsten Weinen meinen Verlust mittheilte.
    Eine Flut von Thrnen verhinderte sie, weiter zu reden. Herr Oburn, der
diese Thrnen dem verlornen Schmuck zuschrieb, dem berhaupt nichts in der Welt
verhater war, als das Weinen, sprach liebkosend: Nun, grme Dich nicht zu sehr
um das bischen Gold, mein Herzchen! Ich kaufe Dir wieder einen andern Schmuck;
aber nun sei auch heiter; zeige mir ein freundliches Gesicht; das ist mir
lieber, als alle Deine Preciosen. Durch diese unerwartete Milde ihres Gatten
weich gestimmt, lehnte sie ihr Haupt an seine breite Brust, und flsterte: Du
httest mich nicht so lange allein hier lassen sollen, lieber Oburn! Ich sehnte
mich fort von hier; nun la' uns aber auch schnell abreisen - heute noch; oder
lieber gleich in dieser Stunde. Herr Oburn, geschmeichelt, durch diese
Sehnsucht seiner Frau, nach Hause zurckzukehren, strahlte vor Glckseligkeit,
nahm sie jubelnd in seine Arme, tanzte mit ihr im Zimmer umher, und erdrckte
sie fast vor lauter Zrtlichkeit.
    All' die vielen unangenehmen Vorbereitungen, die eine Abreise immer mit sich
bringt, waren beseitigt, Rechnungen und Trinkgelder bezahlt, die Reisekoffer
gepackt. Madame Oburn ging noch einmal in den Garten, nahm wehmthig von jeder
Lieblingsstelle Abschied, pflckte hier und da eine Blthe und band sie zum
Strau, den sie vor den wallenden Busen befestigte. Als sie eben den Reisewagen
besteigen wollte, kam ihr Brunnenarzt, um fr das reichlich bersandte Honorar
seinen pflichtschuldigen Dank abzustatten. Die unermdliche Zunge dieses jungen
Aeskulaps erging sich noch nebenbei in mancherlei Mittheilungen aus der
Badewelt. Er schlo die Carlsbader Tageschronik mit einer interessanten, aber
traurigen Neuigkeit. Wissen Sie schon, da heute Morgen im Schlogarten zu
Schlackenwerth ein Duell zwischen dem Prinzen C** und dem Baron Stein
stattgefunden hat, und da der Letztere dabei gefallen ist? Man beklagt
allgemein den liebenswrdigen, jungen Mann, und die Neugier mht sich ab, die
verborgene Veranlassung zu diesem unglcklichen Duell zu entdecken. Prinz C**
soll, wie mir eben sein Leibarzt erzhlt, durch diesen Fall tief erschttert
sein, und ist, wie Sie, meine Gndige, eben im Begriff, Carlsbad zu verlassen.
    Madame Oburn prete, ohne ein Wort zu entgegnen, krampfhaft ihre beiden
Hnde auf das Herz. Ihrem Gatten sowohl, wie dem Arzt, entging es, welch'
unheilbaren Ri diese Worte in ihr Leben gemacht. Fast gefhllos, lie sie sich
in den Wagen heben, und lehnte das Haupt in die weichen Kissen. Bei der ersten
Barrire traf ihr Wagen mit dem Reisezug des Prinzen zusammen - dann fuhr sie
gen Osten, er nach Westen!

                                       10


Das traurige Schicksal des Baron Stein hatte in Carlsbad berall die regste
Theilnahme erweckt. Wenn auch die Bedeutung seines Wesens der Menge entging;
wenn ihn auch viele fr einen Schwrmer, fr einen Sonderling hielten, fr einen
Melancholiker, der mitten in dem Leben und Treiben der groen Welt fr seine
Gedanken sich ein eigenes Reich erschuf, so wurde er doch in allen Salons gern
gesehen; denn er galt fr eine interessante Erscheinung, und hatte die feinen
Manieren und den edeln Anstand eines Gentleman. Baron Stein war von seiner
Familie fr die diplomatische Carriere bestimmt worden; doch sein Herz blieb der
kalten Taktik dieses Feder-Despotismus fremd, und hing mit treuer Begeisterung
an den burschenschaftlichen Idealen seiner Jugend. So war sein Inneres in einen
unlsbaren Zwiespalt zwischen Neigung und Beruf, zwischen den Ansprchen des
Herzens und den Forderungen der Welt hineingerathen. Dieser innere Kampf, der
ihn nach auen hin kalt und abgeschlossen machte und auch jedes vershnende
Element fernhielt, mit dem vielleicht ein edles, weibliches Herz in treuem,
innigem Verstndni, sein Leben beglckt htte, spricht sich, in seiner ganzen
Bedeutung, in dem Tagebuch des Barons aus. Einzelne Bltter daraus wollen wir
unsern Lesern nicht vorenthalten, da gewi die kurze Episode aus dem Leben des
Barons, die wir mitgetheilt, bei ihnen das Interesse fr sein inneres Leben
erweckt.

                               Tagebuch-Bltter.

Die Feuer der Wartburg sind ausgebrannt, und die officielle Geschichte trgt
eine jugendliche Verirrung in ihre Bcher ein, whrend die Inquisition mit ihren
Ketten und Torturen, wiederum durch die deutschen Lande rasselt. Eine
jugendliche Verirrung! Doch diese Jugend kam ja nicht von den Schulbnken her,
trumte ja nicht von der Republik eines Cato und Brutus, mit der Inbrunst eines
schwrmerischen Lateiners, der die todten Lettern seiner Klassiker zum Leben
erwecken will in der Gegenwart. Diese Jugend hatte mitgestritten in den
Schlachten von Leipzig und Belle-Alliance, nhrte sich mit dem Marke groer
Thaten, hrte die Wrfel eines bedeutsamen Weltgeschicks auf den blutigen
Schlachtfeldern fallen, sah dem Tod in das Auge, und lernte die Geschichte,
indem sie dieselbe schaffen half! Das eiserne Kreuz schmckte ihre Brust! So
hatten sie das Vaterland erls't aus langer Knechtschaft, auf da es, von innen
heraus, nach eigenem Gesetz, sich emporringe zur Freiheit, und sie nicht
empfange als die Gabe eines fremden Volkes, als die Nachlese einer fremden
Revolution! Wohlan, ihr diplomatischen Klger, ihr habt Recht! Ihr macht diese
Begeisterung, die eure Schlachten schlug, die an die Freiheit glaubte, sie nach
auen errang, sie nach innen erringen wollte - ihr macht sie zu einer
jugendlichen Verirrung.

Fast wird es mir schwer, zu glauben an den Fortschritt der Menschheit, an eine
innere, heilige Nothwendigkeit, an des Geistes siegreiche Macht, der in immer
neuen Formen zu immer hhern Entwickelungen reift? Aber ich mu daran glauben -
soll mir die Geschichte nicht zu einem groen Leichenfeld werden, auf dem eine
malose Willkhr triumphirt; auf dem des Lebens Gestalten zu gespenstischen
Schatten werden. Und doch - Griechenland und wir, das Volk der gttlichen
Schnheit und Jugend und Freiheit - und wir! der Areopag - und der Bundestag!
Oder die Zeiten des vorigen Jahrhunderts, das rmische Reich, mit seinen
Reichstagen, seiner Reichsarmee, seinem Reichskammergericht, seinen lcherlichen
Reichsmittelbarkeiten, mit den Frsten, die das Mark und Herzblut vergeudeten,
mit ihren Maitressen und Juristen und Pfaffen, mit ihren Kriegen um ein
Titelchen des Rechts oder der Etikette, um einen Fetzen Landes; mit ihren
Ministern und Juden, die sich in die Beute theilten! O, auch der Glaube an den
Fortschritt der Menschheit mu stark sein in der innersten Seele, so stark, da
er Berge versetzen kann! Denn die Geschichte selbst scheint an ihm zu
verzweifeln; ihre Bltter stehen voll khner Skepsis; und die Gegenwart bietet
keinen Trost und keinen Halt.

Ein blasirtes Geschlecht hlt es fr Thorheit, an Ideen zu glauben und nach
ihrer Verwirklichung zu ringen. Die feine Welt verachtet die Ideologen, die
Schwrmer, deren Compa nicht von dem Wind der faden Mode umgetrieben wird; die
in dem flchtigen Genu des Augenblicks nicht aufzugehn vermgen! Da schlrfen
sie, die Diplomaten, die Aristokraten, die ganze Seligkeit eines komfortablen
Lebens, spielen, wie Mckenschwrme in der Abendsonne, whrend es in den Vlkern
rollt und grollt, wie Donner ferner Revolutionen, und ihre Blitze aufzucken am
Horizont der Geschichte! Ein gewandter Styl, eine glckliche Wendung, ein
Federstrich, eine Laune hat ber das Schicksal ganzer Nationen entschieden,
deren blutige Heldenthaten nichts waren, als Tagelhnerdienst im Sold der
Diplomatie, welche Siege und Niederlagen, das credit und debet der Geschichte,
in ihre offiziellen Contobcher eintrug! Doch die Zeit wird und mu anders
werden; es sind nicht blos Gespenster, die in meinem Kopf herumpoltern; es ist
ein Geist, der drauen in den Vlkern gro wird, eine neue Geschichte nervig und
markig, die nicht mehr in den Salons der bevorzugten Stnde die diplomatischen
Polonaisen auffhrt, um deren Gunst man nicht freit mit Glac-Handschuhen und
eleganten Phrasen; nein, eine ungezogene, demokratische Geschichte mit der
wilden Musik der a ira's, dem strmischen Aufjauchzen einer lang unterdrckten
Volkskraft. Die Kirche und Pfaffen der Restauration haben das Volk lange genug
mit ihren Hungersuppen gespeist! Panis et circenses - Brodt will das Volk; die
blutigen Spiele giebt es aus eigenen Mitteln dazu!

Das nennen sie: leben! Aus einem Boudoir in das andere, aus einem Salon in den
andern, tanzend ber das Parquet mit gefirniten Stiefeln, oder den Estricht
fegend mit den Schleppen ihrer Kleider! Eine Minute jagt athemlos der andern
nach; und so hetzen sie sich selbst durch das Leben! Und mit wilder Gier hufen
sie Amsement auf Amsement, nur die Stunden auszufllen, und dennoch fhlen sie
immer wieder, trostlos und gengstigt, die ewige, frchterliche Leere.

Und was ist aus den Frauen geworden? Wir Burschenschafter glaubten an das Ideal
der Jungfrulichkeit. Es war eine Reminiscens aus Tacitus oder aus dem
katholischen Glauben des Mittelalters. Doch die Zeit der alten, germanischen
Frauen ist vorbergegangen, wie die Zeit der Madonnen. Jede Zeit hat ihr eigenes
Recht. Nicht in der Entsagung, sondern in der liebenden Hingabe finden wir die
edle Weiblichkeit. Eine reflektirende Zeit, die in den Gedanken, in das
Bewutsein die Gttlichkeit setzt, kann keinen Respekt mehr haben vor
paradiesischer Unschuld und Bewutlosigkeit, die nur einem naiven Zeitalter
eigen ist. Darum wre es thricht, von den Frauen solche utopische
Gedankenarmuth zu fordern, oder wohl gar das weibliche Ideal in diesen
schuldlosen Zustand zu setzen, der bei unseren Verhltnissen nur gemacht sein
kann, eine affectirte Prderie. Eine andere Schranke aber mu die Weiblichkeit
wahren; und wenn sie die Scylla der Prderie vermeidet, nicht in die Charybdis
der Prostitution gerathen. Prostitution aber ist die Hingabe der Liebe, in oder
auer der Ehe, ist das Wegwerfen der eigenen Persnlichkeit! Diese hoch zu
halten, diese nur gegen den Preis der Liebe hinzugeben, dies schne Ma zu
bewahren - das ist in unserer Zeit des Weibes einzige Unschuld und Sittlichkeit.

Nichts geht doch ber eine harmonische Erscheinung; der Triumph, den die Natur
in ihren Schpfungen feiert! Wenn der Krper zum lebendigen Ausdruck der Seele
geworden, jede seiner Bewegungen ihre Grazie athmet, und das Ebenma seiner
Formen ein Abbild ist ihrer innern, mavollen Schnheit: dann ist schon der
Anblick eines solchen Wesens Gttergenu, ein trunkenes Schwelgen in den ewigen
Rhythmen der Welt! Ich habe ein solches Weib gesehn, und ich bin andchtig
geworden! O es giebt einen schnen Katholicismus des Herzens, der mich zum
Proselyten machen knnte! Eine solche gnadenreiche Madonna in ihrer Glorie, eine
fleischgewordene Offenbarung der ewigen Schnheit kann Wunder thun an mir! Und
sie befreit den Geist und knechtet ihn nicht; denn Schnheit ist Freiheit.

Leidenschaftlich, rcksichtslos folgt er ihrem Schritt, hngt sich an ihre
Fersen! Denn die Herren der Welt machen ihre Rechte geltend, und fordern die
Schnheit als ihr Regal! Mit dem unwiderstehlichen Zauber ihrer Macht, der die
fluchwrdig erniedrigte Sclavenwelt mit den Schauern der Unterthnigkeit
schttelt, sprengen sie alle Riegel, die man vorsichtig dem Gewissen des Volkes
vorschiebt, und sanktioniren das Verbrechen, indem sie es selber begehn! Es
liegt etwas Groes in der ungebundenen Schrankenlosigkeit eines nur sich selbst
gehorchenden Lebens! Doch wenn diese Gre ein Recht der Menschheit ist, so darf
sie nicht ein Vorrecht Einzelner sein. So kann sie nur zerrtten, zerstren; und
ich werde ankmpfen gegen dies Monopol des Verbrechens bis zum letzten Athemzug!

Ein schner Nachmittag! Dies Weib ist Poesie; ihr ganzes Wesen ein Gedicht! Mir
war's, als umschwebten sie all' die herrlichen Geister der Vergangenheit, von
den lieblichen Idyllen Griechenlands, ber denen ein ewig heiterer Himmel ruht,
wie das klare Auge eines Gottes, bis zu Petrarkas trumender Romantik, die an
Vaucklsens rauschendem Quell der Liebe unsterbliche Lieder singt! Und dann
wetterleuchtet's wieder auf in ihr von modernen Gedankenblitzen, aus dem Scho
einer zerrissenen, ghrenden Zeit geboren, prophetisch die dunklen Tiefen der
Zukunft erleuchtend! Der Besitz eines solchen Weibes wre der Schlssel zu allen
Mysterien des Lebens, zu allen Offenbarungen der Poesie.

Ich habe nie geliebt! Auch das ist nicht Liebe! Liebe ist unruhig und voller
Wnsche; stets unzufrieden mit dem Nchsten, stets hinauslangend in die Ferne!
Von einer Stufe der Seligkeit strebt sie nach der hhern hinan; und ihre
Himmelsleiter ist unendlich! Ich bin ruhig und zufrieden, glcklich, wenn ich
vor roher Hand ein vollendetes Werk beschtzen kann, das die Natur in ihrem
Allerheiligsten aufgestellt. Das beseligt mich; das gengt mir! Ich bin ein
treuer Wchter, und werde es nicht dulden, da der Vandalismus der rohen
Begierde dies harmonisch gestimmte Saitenspiel zertrmmert.

Das Gewitter hat sich entladen! So folge Schlag auf Schlag - und sei er auch
tdtlich! Er wagt sein prinzliches Blut gegen das meine - er nimmt es auf mit
dem Tod, dem uralten Demokraten! Ich seh' ihm dreist in das Auge! Ich falle, wie
der Soldat auf seinem Posten! Oder ist meine Kugel dreist genug, ihm in's Herz
zu dringen, und ihm unwiderleglich das Evangelium der Gleichheit zu predigen -
so bezieh' ich wieder meine Wacht, stumm und treu, ohne Dank zu verlangen! Doch
ich werde fallen - ich wei es! Solcher Tod ist schn - und das Leben knnte
noch schmerzlich werden! Es knnte anders kommen! Eine Leidenschaft, so tief sie
verborgen, so schwer sie gefesselt, knnte aufsteigen, malos, alles verlangend,
alles durchbrechend, und den treuen Hter zum frevelnden Ruber machen! Dagegen
giebt es nur ein Radikalmittel - der Tod! Die Pistolen sind geladen! Glck auf!

                                       11


Im Comtoir des Fabrikherrn Oburn war wenige Monate nach seiner Rckkehr vom Bade
unter den Commis eine groe Unruhe und Unthtigkeit wahrzunehmen. Die Feder
hinter das Ohr geklemmt, sahen sie entweder neugierig in die nahe Fabrik, die
von den Fenstern des Comtoirs zu bersehen war, oder auf den Buchhalter Ehrig,
und flsterten sich dabei verstohlen einige Worte in's Ohr. Das Gesicht des
Herrn Ehrig gab ihnen inde nicht den gewnschten Commentar - es war heute so
undurchdringlich ernst, wie es immer zu sein pflegte. Nur die hohe,
tiefgefurchte Stirn war noch etwas finsterer als gewhnlich zusammengezogen, und
die schwarzen intelligenten Augen verschlangen gleichsam die Zahlen des vor ihm
aufgeschlagenen Hauptkassenbuchs. Da mu es nicht richtig sein, lispelte einer
der pomade-duftigen Comtoristen seinem Nachbar zu, der ihm hnlich sah, wie ein
nichtssagender Abdruck; da fehlt's, o, das habe ich schon lange bemerkt.
    Der Buchhalter, der mit seinem Ohr diese Bemerkung gehrt, wandte sich rasch
auf seinem runden, hohen Schreibsessel um, sah die faden Gestalten drohend an,
und schien im Begriff, ihnen eine Lektion geben zu wollen, als das pltzliche
Oeffnen der Thr, die zur Fabrik fhrte, und der Anblick, der sich ihm hier
darbot, ihn alles andere vergessen machte. Zwlf Mnner aus der arbeitenden
Klasse, dem Greisenalter nah, sichtbar abgemagert, mit eingefallenen, hohlen
Augen, den Rcken krumm gezogen durch bermiges Arbeiten, die Hnde voller
Schwielen, um den elenden Leib einige Kleiderfetzen hngend, traten langsam,
einer nach dem andern, ein. Es waren die verschiedenen Werkmeister der
Oburnschen Fabrik. Kummervoll berschaute Ehrig jede einzelne Figur; doch er
suchte seine Rhrung zu verbergen, und frug ziemlich barsch: Nun, was soll das?
Warum verlat ihr die Fabrik whrend der Arbeitsstunden? Ich mu euch fr diese
Versumni die bliche Taxe eures Wochenlohns abziehn. Geht schnell zurck; was
wollt ihr hier? Da ergriff der lteste unter ihnen, Webermeister Schmidt, das
Wort: Was wir wollen, Herr Buchhalter, das will ich Ihnen jetzt im Namen aller
meiner Kameraden sagen. Wir sind hier um mit unserm Herrn zu reden, weil wir
nicht Hungers sterben wollen mit Weib und Kind. Das ist wahrhaftig Grund genug!
Ihr Herren wit nicht, wie weh der Hunger thut, wie es einem alten Vater fast
das Herz bricht, wenn die Kinder, die ihm der Himmel geschenkt, vergeblich nach
Brod rufen. Ja, Herr Ehrig, so kann es nicht lnger mit uns bleiben! Wir sind
Menschen und wollen auch menschlich leben. Vor Jahren, als Herr Oburn diese
Fabriken grndete, bekamen wir doch wenigstens Lohn genug, um, wenn wir des Tags
rechtschaffen und fleiig gearbeitet, des Abends ein gesundes Nachtessen zu
genieen, und in einem reinlichen Bett Krfte fr den kommenden Morgen zu
sammeln. Sonntags ruhten wir uns aus, gingen mit unseren Kindern in die Kirche,
und dankten dem lieben Gott fr die Wohlthat der Ruhe. Dann gings in die
Schenke; und bei einem Kruge Bier, bei einer Pfeife Taback vergaen wir alle
Lasten des Lebens. Mehr brauchen wir nicht - dabei waren wir glckliche Leute,
und trsteten uns dafr, da wir auf Erden nicht alle gleich sein knnen, mit
der Hoffnung auf ein besseres Jenseits. Denn wer hier Arbeit und Mhsal hat, dem
verspricht ja die heilige Schrift im Himmel tausendfltigen Lohn. Mit uns ist's
aber von Jahr zu Jahr schlechter geworden. Unser Herr ward inzwischen ein
reicher Mann. Unser saurer Schwei hat die Fabriken gehoben, und das Gold in
seiner Kasse gehuft. Wir meinen denn, da wr's recht und billig gewesen, uns
eine kleine Zulage zu geben. Es htte uns schon gefreut, weil wir des Herrn
Freundlichkeit und Menschenliebe daraus ersehen. Und das thut wohl, und weckt
auch bei uns Liebe und Vertrauen, und in die Arbeit kommt ein guter Geist. Doch
statt einer verdienten Zulage, hat man uns nach und nach immer mehr Abzge
gemacht, so da jetzt unser ganzer wchentliche Verdienst sich auf anderthalb
Thaler beluft. Davon knnen wir mit unseren Familien nicht leben. Sehen Sie
unsere morschen, ausgemergelten Knochen - woher soll uns die Kraft kommen, Tag
fr Tag sechszehn Stunden zu arbeiten? Wir wollen daher alle einstimmig unsern
Herrn bitten, uns wieder unseren frheren Lohn auszuzahlen. Sonst arbeiten wir
alle nicht mehr! Noth kennt kein Gebot! Kommt keine Hlfe von oben, so mssen
wir uns selbst helfen! Fast drohend hatte der alte Mann die letzten Worte
gesprochen, und schwieg hier erschpft still. Seine Kniee zitterten, und
schienen ihn nicht lnger tragen zu knnen. Der Buchhalter aber sprach
freundlich und begtigend, Setzt euch, Meister Schmidt! Ihr seid mde geworden,
und ich hab' auf euer Anliegen doch Manches zu erwiedern. Leider ist es wahr,
da euch in den letzten Jahren bedeutende Abzge gemacht sind; doch nicht dem
bsen Willen des Herrn drft ihr diese harte Maregel zuschreiben, die er nur
mit Widerstreben ergriff, von ungnstigen Conjunkturen gezwungen. Ihr wit es
nicht, welche groen Verluste der Herr in den letzten Messen erlitten hat durch
Grndung neuer Fabriken, welche dieselben Stoffe billiger liefern. Doch vertraut
mir eure Angelegenheit an! Ich will sie vor eurem Herrn vertreten, als wre es
meine eigene, und alles aufbieten, da eurer grten Noth abgeholfen werde!
Diese Worte der Hoffnung bten einen mchtigen Zauber aus auf die Gemther der
Bittenden. Alle diese abgemagerten Gestalten, die nicht das Alter, sondern das
Elend, der Hunger und die Sorge zu Greisen gemacht, drngten sich zu dem
Buchhalter, reichten ihm, zum Dank fr diese Aussicht, die harten Hnde, und
lieen sich, getrstet von diesem Hoffnungsschimmer, geduldig wieder einspannen
in das alte Joch. Whrend dieser Scene sa der Fabrikherr in einem eleganten
Neglige mit seiner jungen Gattinn an einem reichgedeckten Frhstckstische.
Alles war komfortable eingerichtet in dem whnlichen Arbeitszimmer. Ein lustiges
Kaminfeuer wetteiferte mit der mattgelben Oktobersonne, die mitunter neugierig
einen Strahl durch das Fenster fallen lie, und dem Gemach den Schein einer
behaglichen Wrme lieh. Dfte von gebratenen Speisen und auslndischen Weinen
stiegen so lieblich auf, als sollten hier den alten Gttern Opfer dargebracht
werden. Gemthlich schlrfte Oburn ein Glas Burgunder nach dem andern,
verspeiste dazwischen mit seltener Virtuositt ein halbes Schock Austern, und
tranchirte eben ein delikates Rebhuhn, als der Buchhalter in das Zimmer trat.
Verzeihen Sie, Herr Oburn, wenn ich jetzt stre; aber die Angelegenheit ist so
dringend, da ich jede Verzgerung mir als ein Unrecht anrechnen mte.
Erschreckt durch diese Anrede, lie Oburn aus seiner Hand die schwere, silberne
Gabel fallen, und fragte heftig: Nun, was giebts? Wieder ein neuer Verlust?
Sind die Ballen Baumwolle, welche wir von England steuerfrei erwarten, etwa in
die Hnde der Zollbeamten gerathen? Sprechen Sie doch, Mann! Machen Sie mir
keine Angst!
    Nein, Herr, das Geschft ist gut beendet! die Ballen sind in Sicherheit. Es
erwchst Ihnen durch diesen billigen Einkauf ein groer Gewinn, und gerade dies
giebt mir den Muth, jetzt als Abgesandter smmtlicher Arbeiter zu Ihnen zu
sprechen. Die Noth der Leute hat den hchsten Grad erreicht. Erbittert durch die
letzten Abzge, die ich auf Ihren Befehl machen mute, haben sie fest
beschlossen, unverzglich die Fabrik zu verlassen und die Arbeit bei Ihnen
gnzlich aufzugeben, wenn Sie den Lohn nicht wieder bis zu der frheren Taxe
erhhen.
    Was, schrie Oburn wthend, das Volk will nicht mehr arbeiten? Ist fr
solche Kreaturen nicht 1 Rthlr. 15 Sgr. wchentlich ein reiches Einkommen? Was
brauchen sie denn mehr zum Leben? Wollen sie bermthig ein ganz besonderes
Glck in Anspruch nehmen? Ein fr allemal, Herr Ehrig - reden Sie hierber kein
Wort mehr - es bleibt so; und damit Punktum!
    Ehrig's Blick berflog mit bedeutsamen Ausdruck den mit den feinsten
Leckereien besetzten Tisch, den er mit der krglichen Kartoffel-Mahlzeit der
Arbeiter verglich. Seine Gedanken verweilten bei der malosen Kluft zwischen den
Besitzenden und den Besitzlosen, nach deren Ausfllung das Jahrhundert in
jugendlichem Streben ringt, bei jenem Bruch der Gesellschaft, den noch kein
System der edelsten Denker zu heilen vermochte, bei jenem Abgrund, an dessen
Rand die Revolutionen der Zukunft stehen. Voll Verachtung gegen die Herren der
Welt, die ihren Besitz als den sichtbaren Ausdruck der gttlichen Gnade, als ein
Monopol betrachten; die nicht einmal die bescheidensten Procente einer malosen
Einnahme auf dem Altar der leidenden Menschheit niederlegen, entgegnete Ehrig:
Nun denn, wenn Sie die herzzerreiende Lage Ihrer Leute nicht rhrt; - ich habe
Ihrem Willen keine Macht entgegenzusetzen. Doch Sie erlauben mir, da ich Ihr
Geschft verlasse; denn der immerwhrende Anblick von Sorge und Gram und
Verzweiflung reibt mich auf. Ich hatte mein Wort gegeben, bei Ihnen Frsprache
zu thun. Da sie fruchtlos geblieben, so will auch ich nicht lnger, auf Unkosten
der Armuth, ein gutes Gehalt beziehn, und gebe hiermit freiwillig meine Stellung
auf.
    Nach diesen Worten entfernte sich Ehrig schnell. Oburn sah ihm bestrzt
nach; der Appetit war ihm vergangen; er stand hastig auf und ging im Zimmer auf
und nieder. Madame Oburn war eine stillschweigende Zeuginn dieser Unterredung
gewesen. Sie hatte sich whrend der ganzen Ehe nie um die Geschfte ihres Gatten
gekmmert. Sein Reichthum berhob sie sogar jeder kleinen Sorge fr die
Huslichkeit, der auch Frauen aus den hchsten Stnden sich sonst oft
unterziehn. Besonders seit ihrer Rckkunft von Karlsbad hatte sie, der Auenwelt
fast unzugnglich, sich ganz einem innerlichen Leben zugewendet, und trumerisch
vor ihrer Seele die Gestalten vorbergehn lassen, die so bedeutsamen Eindruck
auf ihr tiefstes Wesen gemacht. Nur auf den Klngen der Musik wiegte sie oft die
wechselnden Gefhle: Schmerz und Freude, all die Erinnerungen einer inhaltvollen
Zeit. Denn die Tne sind die sanftesten Dollmetscher des Gefhles und der
Schwrmerei, und lassen die leisesten Schwingungen der Seele ausklingen, wo das
Wort in seiner scharfen und schneidenden Bestimmtheit das Gefhl verletzen
wrde. Oburn hielt diesen apathischen Zustand fr Krankheit, und ngstigte sich
ab, bis ihm der Arzt die Versicherung gab, da seine Frau sich krperlich
vollkommen wohl befinde. Getrstet begann er nun, sie eine Nrrinn zu schelten,
die ihm das Leben durch ihre Launen verbittere und immer ihren abgeschmackten
Trumereien nachjage. Auch zog er sich ganz von ihr zurck, und nur eine
zufllige Stimmung hatte die beiden Gatten zusammengefhrt. Madame Oburn, tief
erregt durch Ehrigs Worte, folgte scharf betrachtend, jeder Bewegung ihres
Mannes; erhob sich dann pltzlich, nherte sich ihm leise, legte freundlich
ihren Arm auf den seinen, und sprach: Du thust nicht wohl daran, den Arbeitern
Abzge zu machen; es wird fr Dich selbst schlimme Folgen haben; glaube es dem
redlichen Ehrig, und la' es um keinen Preis dahinkommen, da der treue Mann,
der so eifrig fr Dein Wohl sorgt, das Haus verlasse!
    Erstaunt sah Oburn seine Frau an; denn es war das erstemal, da sie ber
Angelegenheiten seines Geschftes mitsprach. Erfreut ber diese Theilnahme und
berzeugt von der Nothwendigkeit, Ehrig zu behalten, sprach er in einem
liebevollen Ton: Du hast wohl recht, liebe Johanna! doch nach den vielen
Verlusten, die ich krzlich erlitten, bin ich wirklich nicht im Stande, die Lage
meiner Arbeiter zu verbessern! Doch das findet sich vielleicht mit der Zeit
wieder! Und dann, mein Kind, Du kennst dies Volk nicht! Wenn sie sehn, da ich
jetzt bei meinem Willen bleibe; da ich mich nicht schrecken lasse, so werden
sie schon ruhig fortarbeiten. Wo wollen sie denn hin? Die sind mir sicher! Grade
ihre Armuth fesselt sie an mich! Ich kann ihnen noch weit grere Abzge machen
- sie mssen doch bleiben, und nach meiner Pfeife tanzen! Aber den Ehrig kann
ich nicht entbehren, ich will ihm das Doppelte seines Gehaltes bieten, wenn er
bleibt. Verwundert hrte die junge Frau ihrem Manne zu: Du hast Verluste
gehabt, lieber Oburn? Du kannst dehalb den Leuten nicht geben, worauf sie durch
mhsame Arbeit ein Recht sich erworben? Aber warum brauchen wir denn so viel?
La uns einfach leben! Fort mit dem bermigen Aufwande! Die Summen, welche wir
dadurch nutzlos vergeuden, knnte die Lage aller Deiner Arbeiter sorgenfrei
machen. Htte ich nur frher von Deinen Verlusten gewut: ich wrde schon lngst
Einschrnkungen im Hause gemacht haben.
    Bei diesen Worten lachte Oburn hell auf: Nrrchen! Wir wollen uns dehalb
nichts abgehen lassen! Kmmere Dich nicht weiter darum, und sei zufrieden, wenn
Deine kleinen Fchen auf weichen Teppichen gehen, und die niedlichen, weien
Hnde nicht durch Arbeit ihre Schnheit einben.
    Errthend mit vorwurfsvollem Blick sah Madame Oburn den Gatten an, und
entgegnete: Oburn, htte ich die Noth Deiner Leute in ihrer ganzen Gre
gekannt, ich wrde mich geschmt haben, ihnen, mit Gold und Sammet geschmckt,
unter die Augen zu treten! O da ich mich nicht frher darum bekmmert! Wie
mancher Noth htte ich abhelfen, wie manchen Fluch in Segen verwandeln knnen!
    Rasch als knnte jeder ungentzte Augenblick ihr verderblich werden, eilte
sie in ihr Boudoir, ffnete eilig alle Fcher ihres Sekretairs, packte
verschiedene, sehr werthvolle goldene Ketten, Ringe, Geschmeide, Arm- und
Stirnspangen aus, wog mit sichtlicher Freude diese Preciosen in der Hand hin und
her, schellte, und lie den Buchhalter zu sich rufen. Als dieser bald darauf
eintrat, rief sie ihm zu: Herr Ehrig! Ich war zugegen, als Sie meinem Gatten
die Bitte der Arbeiter um Erhhung ihres Lohnes vortrugen! Da Oburn, selbst
bedrngt, sie fr den Augenblick nicht erfllen kann, so bitte ich Sie dringend,
meine Schmucksachen zu verkaufen, und den Erls zum wchentlichen Zuschu fr
die Leute insgeheim zu verwenden. Lange wird diese Summe leider nicht
ausreichen; doch wenigstens fr den kommenden Winter die grte Noth lindern!
Und, im Frhjahr, hoffe ich, wird mein Gatte im Stande sein, die pekunire Lage
der Arbeiter fr immer besser zu gestalten.
    Ehrig sah sprachlos bald die glnzenden Preciosen, bald die liebliche junge
Frau an, und frug darauf zweifelnd: Gndige Frau, Sie wollten wirklich zum
Vortheile der Armuth sich von ihrem Schmucke trennen? Das will ich in allem
Ernste! Jetzt, da ich mit den Zustnden der Armuth vertraut geworden, will ich
solchen Schmuck nicht eher tragen, bis unsere Leute vor Noth geschtzt sind!
Aber, Herr Ehrig, bitte! Sagen Sie meinem Gatten nichts davon! Ich kenne ihn!
Sonst wrde auch diese kleine Hlfe den Armen entgehn! Stumm packte Ehrig die
Sachen zusammen, und verlie eilig das Gemach, um die ihn bermannende Rhrung
zu verbergen. Sobald Madame Oburn sich allein sah, rief sie Kchinn,
Stubenmdchen, Bediente und Kutscher zu sich herein, zahlte ihnen den
rckstndigen Gehalt aus, und verabschiedete sie smmtlich. Nur die treue
Lisette behielt sie um sich. Als Herr Oburn spter diese eigenmchtige Maregel
erfuhr, polterte er arg im Hause umher, schalt seine Frau eine Romanheldinn, und
beruhigte sich endlich durch die Hoffnung, da diese Grille doch nur von kurzer
Dauer sein und das ancien rgime im Haushalt bald wieder herrschen wrde. Doch
Madame Oburn blieb fest in ihrem Vorsatz. Die bis dahin so verwhnte, weichliche
Frau bernahm jede husliche Beschftigung, mochte sie ihr noch so ungewohnt und
fremd sein, ohne je den Wunsch nach Untersttzung zu uern. Von frh bis spt
sorgte sie bereitwillig fr die Bedrfnisse und Bequemlichkeiten ihres Mannes,
und fand immer noch Zeit genug, die Fabriken zu besuchen. Ihr natrliches,
richtiges Gefhl sagte ihr, da freundlicher Zuspruch und menschliche Behandlung
diesen Leuten noch nthiger sei, als die Erhhung ihres Lohnes. Dehalb sprach
sie freundlich mit allen, erkundigte sich nach den Familien und half nach
Krften, wenn sie von einer Krankheit oder einem Unfall hrte. Die Arbeiter, die
sie bisher als die Ursache ihres gesteigerten Druckes angesehen hatten, beteten
sie jetzt an. Die brtigen Gesichter glnzten vor Freude, wenn sie in die
Arbeitssle trat; und von dem Wiederschein dieser Freude wurde selbst das sonst
undurchdringlich ernste Gesicht des Buchhalters verklrt, der seine Herrinn auf
diesen Gngen zu begleiten pflegte! Bei all' ihrer Milde und Menschlichkeit,
trotz des Segens, den sie berall verbreitete, konnte Madame Oburn doch bei den
Werken der Wohlthtigkeit ein peinliches Gefhl nicht berwinden. Ihr richtiger
Takt gab ihr das Bewutsein, das die tiefsten Denker dieses Jahrhunderts
erkannt, und in khnen Problemen wissenschaftlich ausgearbeitet, das Bewutsein,
da in der Wohlthtigkeit selbst, und mag sie mit noch so viel christlicher
Liebe prunken, eine Erniedrigung liege fr die Bedrftigen, deren ewige
Menschenrechte zu einem Gegenstand frommer Herablassung herabgewrdigt wrden,
zu einem Gnadengeschenk, das eine aus dem Katechismus geschpfte Sittlichkeit
mit den andern zugleich sich selbst macht! Abgesehen von dem Posaunenton des
Phariserthums, der noch jetzt in allen Gassen, an allen Ecken ertnt, wenn er
sich auch in den Heroldruf berschwnglicher Christlichkeit verwandelt;
abgesehen von der eigenntzigen Wohlthtigkeit, welche ihre Gaben nur auf
Abschlag himmlischer Belohnung spendet: wird nicht durch unsere socialen
Verhltnisse selbst die milde Humanitt gezwungen, die Miene der Herablassung
anzunehmen, und einem entwrdigten Pariathum als Gnade und Segen gegenber zu
treten? Doch allmhlich beginnt auch in den Massen das Bewutsein der ewigen
Menschenrechte, wie sie die franzsische Revolution proklamirt, die keine Form
der Freiheit geben ohne ihren Inhalt; sondern den Anspruch auf eine Existenz,
die in allem Reichthum der Schpfung sich mit Freiheit auszubreiten berechtigt
ist. In den neuesten Entwickelungen des franzsischen Geistes ghren diese
Probleme mit dunkler Gewalt, eine Ghrung, die noch keine feste Form gewinnen
kann, die proteusartig ihre Gestaltungen wechselt, oft in leere Luftbilder
verweht, in eiteln Dunst ausdampft; aber stets Zeugni ablegt von der innern,
schaffenden Nothwendigkeit, welche fortzuleugnen eine Blasphemie ist gegen den
neuen Geist der Menschheit. Die deutsche Philosophie hat die Aufgabe, diese
Erscheinungen auf ihren wahren Gehalt zurckzufhren, ihre innerste Bedeutung
aufzufassen, ihnen ihre Stelle anzuweisen in der Entwickelung des Geistes.
    In Rousseau's Urwlder zurck zu fliehen, die ganze Cultur als Flitterwerk
und Unnatur, als aufgedrungene Last von sich zu werfen, und ein vierbeiniges
Leben zu fhren: das ist der neuen Menschheit nicht mglich: das hiee ihre
innerste Entwicklung verlugnen; das ist der Gedanke der kolossalsten Reaktion,
den je ein Menschengeist gedacht! Doch die tiefern Gegenstze, welche aus dieser
Kultur hervorgegangen, mssen auf ihrem eigensten Terrain sich auskmpfen. Die
Industrie, die Mutter des Proletariats, die zugleich den Reichthum und die
Armuth bringt, den Reichthum fr Einzelne, welche die Nation reprsentiren; die
Armuth fr die Massen: sie ist das neueste Kind der Cultur, unter bedenklichen
Auspicien geboren, einer bedenklichen Zukunft entgegensehend. Sie hat die
Armuth, die bisher zufllig war und isolirt oder in der Knechtschaft Rettung vor
dem Hunger fand, zuerst freigegeben und organisirt, so da sie jetzt als eine
imposante Macht in die Geschichte tritt.
    Die Associationen der Armuth, der englische Chartismus, ihre ersten
Schlachten in Lyon und Paris, ihre verzweifelte Experimental-Revolution in den
schlesischen Gebirgen: das sind Thaten, mit denen ein neues Blatt in der
Geschichte beschrieben wird. Dazu der Zweifel an dem Eigenthum, dessen
Heiligkeit von der khnen Kritik eines Proud'hon aufgelst wird; der
phantastisch organisirte Communismus eines Cabet und Weitling. Die socialen
Theorien eines Dezamy und Louis Blanc: sie alle legen Zeugni ab von den neuen
Gedanken, welche der Gemther der Menschen sich bemchtigen, und von dem tiefen
Bruch in unseren Verhltnissen, der sie hervorruft. In all' diesen prophetischen
Trumen, in diesen oft chimrischen Zukunftsbildern, wie in der khnen,
zersetzenden Dialektik der Denker, welche keine bestehende Einrichtung wegen
ihres verjhrten Brauches respectirt: webt und lebt ein neuer,
Menschheiterlsender Genius, eine neue, erhabene und aufopferungsfhige
Sittlichkeit, die in Frieden und Krieg, in Leben und Tod, mit der That des
Hasses oder dem Werk der Liebe, mit Ueberredung oder Gewalt den Segen der
allgemeinen Verbrderung herauffhren will ber eine innerlich verfallene Welt.
Du armes Proletariat, Erbe des alten Fluches vom Paradiese, verdammt, im
Schweie des Angesichts dein Brod zu essen, und nimmer frei und unbefangen den
Blick emporzurichten mit all' der Majestt der Menschenwrde; verdammt, die
Maschine zu sein, die gedankenlos von Tag zu Tag sich abarbeitet fr fremden
Genu und nimmer die Frchte des eigenen Fleies rndtet: auch dir wird bald die
Sonne eines bessern Lebens aufgehen, eines Lebens, da deine Arbeit mit
Bewutsein und mit Genu belohnt, und alle Entbehrung und Bedrftigkeit
kmmerlicher Verhltnisse von dir fernhlt.
    Die Arbeit der Denker wird und kann nicht vergebens sein; die Macht des
Gedankens wird und mu die Welt unterwerfen. Das geheiligte Recht, das eine
sklavische Gelehrsamkeit nur zu glossiren und zu erlutern wagte, ist von der
Wissenschaft nachgewiesen als ein Unrecht, das in seinen neuesten Entwickelungen
schwer auf der Menschheit lastet und sich selbst auflsen mu. Eine Reform tief
eingreifender Uebel, die den Schein des Guten, das bestehende menschliche und
gttliche Gesetz fr sich haben, mu eine Revolution verhindern.
    Die Besitzenden mssen nicht lnger ihre Ohren verstopfen vor dem neuen
Evangelium der Liebe, das ihnen gepredigt wird, ein verstocktes Pharaonenthum
wird ihr eigenes Verderben sein. Die kleinen Geldtyrannen, welche auf ihr Erbe
so stolz sind, wie die Herren von Gottes Gnaden auf das ihre, und einen
Despotismus en miniature ausben, werden, wenn sie nicht freiwillig abstehen von
so qulendem rgime, eine Revolution hervorrufen, welche den ganzen Bau der
Gesellschaft zusammenschttelt; der gegenber die franzsische Revolution nur
ein politisches Kegelschieben war. Darum, ihr Besitzenden! Erkennt die
unveruerlichen Menschenrechte an, in einer Association des Friedens und der
Liebe, ehe sie euch proklamirt werden, von einer blutigen Association des Hasses
und des Krieges.
    Herr Oburn war inde von solchen Gedanken weit entfernt. Er sah, da die
Arbeiter sich beruhigten, ohne die geheime Ursache zu kennen. Darber
triumphirte er: Sehen Sie, Herr Ehrig! die Leute sind, ohne Lohnerhhung, doch
geblieben! O ich wei sie zu beurtheilen; ich verstehe, sie zu behandeln! Das
Volk mu gedrckt sein - der Druck ist sein Lebens-Element! Wenn es erst
anfngt, frei aufzuathmen, dann ist es um den Wohlstand der Fabrikherrn
geschehn!
    Ehrig erwiederte nichts auf diese Reflexion. Seine Gedanken waren bei der
schnen, jungen Frau, die durch eine so edle Praxis der Humanitt ihres Gatten
Theorieen beschmte.

                                       12


In der ziemlich bedeutenden Provinzialstadt, in welcher Oburn seinen Wohnsitz
aufgeschlagen, war in diesem Winter ein auergewhnliches reges,
gesellschaftliches Leben. Zwar nahm Oburn und seine Frau gegen die frhere
Gewohnheit keinen Theil an diesen Vergngungen, sondern lebte still und
zurckgezogen, in einsamer Verstimmtheit, whrend der ganze Ort wie ein in Scene
gesetzter Roman der Grfinn Hahn-Hahn aussah, in welchem bekanntlich die
Gesellschaft und die Gesellschaften die Hauptrolle spielen und alles Heil der
Welt in den feinen Ton und in die konventionellen Formen gesetzt wird.
    Veranlassung zu diesem lebendigen Treiben mochte wohl der Aufenthalt des
Prinzen C** geben. Ihm zu Ehren reihte sich Fest an Fest, Ball an Ball; die
reiche Kaufmannschaft lie ihre Goldminen springen; selbst Offiziere und Beamten
strzten sich in ehrgeizigem Wetteifer in eine Schuldenlast, um mit der
Bewirthung eines frstlichen Hauptes prahlen zu knnen, eine Begnadigung und
Ehre, die sich in heiligen Familiensagen forterbt von Kind zu Kindeskind!
Besonders zeichnete sich das Banquierhaus Neumann durch seine glnzenden,
geschmackvoll arrangirten Feste aus. Obgleich man gewohnt war, da der reiche
Banquier jedes Quartal mit einem groen diner begann, bei welchem aller Glanz
des Silbers und Tafelzeuges entfaltet wurde, so staunte man doch in's geheim
ber diesen noch nie dagewesenen Pomp, zuckte die Achseln, und zischelte sich
bedeutsam in die Ohren. Man frchtete allgemein, dieser Hochmuth werde zu Fall
kommen und das Fortunatusscklein seine Flle urpltzlich erschpfen. An dem
Tage, als diese Furcht grere Begrndung zu gewinnen schien, herrschte gerade
in den Oburnschen Fabriken eine besondere Freude, wie sie nur Festtagen eigen zu
sein pflegt. Die Dampfmaschinen waren polirt und blank geputzt; die Sle
reingefegt und mit frischem Sande bestreut; die Arbeiter, mit reinlicher Wsche
bekleidet, saen vor ihren Websthlen, die ebenfalls von dem verjhrten Staube
gesubert waren; die Comptoiristen hatten, mit noch kunstgebterer Hand, als
gewhnlich, Busenstreif und Manschetten geordnet; und die blauen Fracks mit den
gelben Knpfen angezogen. Alles schien gespannt und erwartungsvoll; am meisten
wohl der Fabrikherr selbst. Unruhig ging dieser in seinem geffneten Prunkzimmer
auf und ab, besah dann wohl eine Minute lang seinen neuen eleganten Anzug im
Spiegel, sprach laut, wie mit einer andern Person, mit sich selbst, indem er mit
den Hnden gestikulirte und tiefe Reverenzen machte. Dann ffnete er eine
Nebenthre die in das Boudoir seiner Gattin fhrte, sah hinein, und rief
ungeduldig: Johanna, bist du noch nicht angekleidet? Was? in diesem einfachen,
schwarz seidenen Kleid willst Du den Prinzen empfangen? Wo ist Dein Schmuck? Ich
will nicht, da meine Frau, wie eine Nonne einhergehen soll! Rasch! Putze Dich!
Zieh' ein reiches Gewand an, und schmcke mit den Rubinen Deinen weien Hals.
    Madame Oburn, die berhaupt nicht mehr so frisch und blhend aussah, wie in
Carlsbad, war gerade heute auffallend bla; doch diese edle Blsse, das Attribut
geistigen Leidens, raubte ihr nichts von ihrer Schnheit. In dem schlichten,
tiefschwarzen Kleide, das Haar auf der hohen Stirn kindlich gescheitelt, sah sie
so ideal aus, hatte ihr Wesen eine so eigenthmliche Verklrung, da es schwer
zu bestimmen war, ob sie an jenem Abend auf dem Ball des Frsten Constantin,
oder an diesem Morgen einen greren Zauber ausbte. Ruhig, doch bestimmt,
erklrte sie ihrem Gatten, da es ihre Absicht nicht sei, den Prinzen zu
empfangen, da sie in ihrer gewhnlichen huslichen Toilette bleiben wrde. Die
aufschwellende blaue Stirnader des Gatten lie eine heftige Gegenrede erwarten;
doch das Heranrollen der prinzlichen Equipage verhinderte den Ausbruch des
drohenden Sturms. Noch einmal musterte der Fabrikherr seine Figur in dem hohen
Trmeaux, postirte sich dann, mit seinem Comptoir-Personal, an dem Portal des
Hauses, um hier den Prinzen zu empfangen, der nur von seinem Adjutanten und
Leibarzt begleitet war. Oburn hatte, zu der feierlichen Anrede, das ganze
Wrterbuch der stammelnden Unterthnigkeit auswendig gelernt; und war, in
Mienen, Bewegung und Sprache, ein leuchtendes Vorbild der treuesten Loyalitt.
In seines Nichts durchbohrendem Gefhle stand er da mit gesenktem Haupt, und
stotterte einige Redensarten von unendlicher Ehre und Gnade heraus, in denen
sich sein zusammengepretes Innere Luft machte. Der Prinz bersah mit vornehm
nachliger Miene die Befangenheit oder Unbeholfenheit des Herrn Oburn; und
verlangte gleich die Fabriken zu besichtigen. Persnlich umhergefhrt von dem
Besitzer, dem das Bewutsein seines Besitzes einigermaen eine behbige Fassung
wiedergab, fand er alles vortrefflich eingerichtet, lobte die Intelligenz des
Grnders, sprach leutselig mit den Arbeitern, und lie ihnen von seinem
Adjutanten ein reiches Douceur berreichen. Als die Umschau vorber war, nahte
fr Herrn Oburn ein schwerer Augenblick, dessen Erwartung ihm schon seit Ankunft
des Prinzen den Angstschwei auf die Stirn getrieben; nmlich die Bitte, der
Prinz mchten die Gnade haben, hchsteigen ein Frhstck bei ihm einzunehmen.
Doch wie es ein harmloser Witz des Schicksals ist, da gerade das, was man im
Leben am meisten frchtet, am glcklichsten vorbergeht, so hatte auch Oburn fr
seine ausgestandene Angst, die groe Genugthuung, da der Prinz sichtbar erfreut
die Einladung annahm und mit raschen Schritten in die geffneten Gastzimmer
eintrat. Die Einrichtung derselben war elegant und geschmackvoll; das servirte
Frhstck htte die verwhnteste Zunge eines Epikurers befriedigen knnen.
Madame Oburn war nicht sichtbar. Der Prinz in irgend einer lieben Hoffnung
getuscht, wurde verstimmt und schweigsam. Herrn Oburn berfiel bei dieser
sichtlichen Vernderung ein panischer Schrecken; auf allerlei geistlose Fragen,
die er an den Prinzen richtete, erhielt er kurze, einsilbige Antworten; seine
Verzweiflung steigerte sich immer mehr, je mehr die Aussicht schwand, da seine
Frau ihn durch ihre Ankunft von dieser Marter erlsen werde. Der Gedanke an
seine Frau brachte ihn brigens auf den glcklichsten Einfall. Ihr lebensgroes,
sehr hnliches Portrait, von einem der ersten, jetzt lebenden Knstler gemalt,
hing in reichem, goldenen Rahmen in seinem Geschftszimmer. Schnell ffnete er
die Thre, die dahin fhrte, und zog den Prinzen hinein mit den Worten: Wie
gefllt Ihnen dies Bild?
    Wie die Sonne pltzlich durch finsteres Gewlk bricht: so erhellte sich das
verdsterte Gesicht des Prinzen zu einem Freudenschein, der im Nachglanz noch
die Zge des Herrn Oburn verklrte. O mein Gott! wie schn ist sie doch!
sprach der Prinz nach langem Anschauen fast bewutlos vor sich hin; und wie
wunderbar ist dies Bild getroffen! Den Schritten des Prinzen war sein Leibarzt
unmittelbar gefolgt. Auch er stand vor diesem Portrait wie festgebannt;
Erinnerungen an eine theure Vergangenheit berkamen ihn mchtig bei dem Anblick
dieser Zge. Sein Auge blitzte auf wie vor Freude und Seligkeit; die strengen,
edeln Zge wurden weicher, ein Hauch des Friedens wehte darber hin; doch diese
stille Seligkeit wich pltzlich einem hhnischen bittern Ausdruck. Wie von
heftigen innerm Leiden erfat, ballte er beide Hnde, prete die Lippen fest
zusammen, und wandte sich dem Fenster zu. Herr Oburn hatte beide aufmerksam
beobachtet; eine Ahnung durchzuckte sein mitrauisches Gemth, als ob nicht das
schne Bild, sondern das Original der Gegenstand sei, der Beiden ein so
lebhaftes Interesse einfle; doch wute er sich zu beherrschen, und frug
unbefangen: Kennen Sie, mein Prinz vielleicht meine Frau?
    Ich war vergangenen Sommer so glcklich, in Carlsbad eine Dame flchtig zu
sehen, der das Bild sprechend gleicht. Wo die Schnheit so berraschend ist,
prgen sich alle Zge tief ein. Dehalb mag es Sie nicht befremden, wenn ich
dies Portrait mit Bewunderung betrachte. Ist diese Dame wirklich ihre Gattinn,
so sind Sie der beneidenswertheste Mann, den ich kenne. Wie eine herbe Pille,
schluckte der Ehemann diese Schmeichelei herunter: Ja wohl, bin ich das und ich
bedaure nur, da meine Frau durch Krankheit verhindert ist, die Wirthinn meines
hohen Gastes zu sein!
    Alle drei Personen waren in eine Stimmung versetzt, welche den materiellen
Genu eines feinen Frhstcks verschmhen mute. Die auserlesensten Leckereien
verlieen unberhrt den Tisch; nur dem Wein, dessen Gte und Alter solchen
Vorzug verdiente, lieen sie sein volles Recht widerfahren. Als der Rebentrank
eben anfing, das Gesprch frischer und lebendiger zu machen, wurde die Thre
rasch und heftig aufgerissen; der Buchhalter Ehrig trat leichenbla in das
Zimmer, und schrie fast konvulsivisch, ohne auf den hohen Gast die geringste
Rcksicht zu nehmen: Banquier Neumann hat fallirt!
    Die Wirkung dieser wenigen Worte auf Oburn war unbeschreiblich. Vollkommen
erstarrt, ohne die geringste Spur des Lebens stand er, einige Minuten an die
Wand gelehnt. Dann arbeitete seine breite Brust gewaltig; und die Worte: dann
bin auch ich ruinirt, entrangen sich mhsam seinen Lippen. Im Innern des
Prinzen mute whrend dieser Scene irgend ein Entschlu reifen. Fast freudig sah
er auf die vom Schreck zerschmetterte Gestalt des Fabrikherrn, reichte ihm
herablassend die Hand, und sprach: Adieu fr Heute, lieber Oburn! Sollten Sie
in irgend einer Beziehung Hlfe brauchen, so wenden Sie sich nur an mich. Meine
Kasse und meine Connexionen stehen Ihnen gern zu Gebote.
    Durch das Fallissement des Banquierhauses verlor Herr Oburn eine baare Summe
von 50,000 Thalern. Dieser Schlag hatte ihn so unerwartet getroffen, da er in
den ersten Tagen nach diesem Ereigni wie betubt umherging. Dann raffte er sich
auf, nahm mit dem Buchhalter seine Credit- und Debetbcher genau durch, und
erhielt als Resultat die traurige Gewiheit, da sein Ruin unabwendbar sei, wenn
er nicht irgendwo eine Anleihe von 50,000 Thaler machen knnte. Oburn war
brigens eine thatkrftige Natur. Sobald ihm seine verzweifelte Lage ganz klar
geworden, sah er diesem Schreckbild fest ins Auge, und versuchte Alles, um
diesem Unglck vorzubeugen. Alles, was an ihn zahlbar war, wurde eingezogen; und
wo er selbst Verpflichtungen hatte, bat er auf einige Monate um Stundung. Doch
selbst die befreundetsten Kaufleute schlugen ihm dies ab; und drangen,
vielleicht selbst durch Neumanns Bankerott gezwungen, auf augenblickliche
Zahlung. Eben so vergebens war Oburns Bitte um ein Darlehn, obgleich er selbst
in hnlicher Lage oft seinen Freunden thtige Hlfe geleistet. Doch jetzt fand
sich keiner dazu bereit; alle lehnten es, unter diesem oder jenem Vorwande ab.
Seine Lage wurde wirklich verzweifelt, als auch noch ein englisches Haus, das
fr ihn Geschfte in Baumwollgarn machte, ihm einen bereits acceptirten Wechsel
von 10,000 Rthlr. zu augenblicklicher Zahlung prsentirt und ber Oburn, im Fall
einer Zgerung, als sumigen Wechselschuldner Personal-Arrest verhngte.
    Dieser Schlag vernichtete Oburns letzte Hoffnung. Er verschlo sich 24
Stunden lang in sein Zimmer; man hrte ihn darin laut chzen und sthnen, Tag
und Nacht mit heftigen Schritten auf und ab gehen. Nachdem der wildeste Sturm
ausgetobt, trat er in das Zimmer seiner Frau. Er mute frchterlich gelitten
haben, denn seine Zge waren tief eingefallen; und der hochrothe Bart an dem
einen Tage grau geworden.
    Madame Oburn hatte alle diese Schreckensnachrichten mit bewundrungswrdiger
Ergebenheit aufgenommen. Der Gedanke, da sie von jetzt ab in Armuth und
Drftigkeit leben msse, hatte fr sie nichts vernichtendes: denn sie kannte den
Werth des Geldes noch nicht, und war durch den Besitz desselben zu wenig
glcklich geworden. Liebevoll eilte sie ihrem Gatten entgegen und brach bei dem
Anblick seiner verfallenen Gestalt in heftiges Weinen aus. Dieser Beweis ihres
Mitgefhls erschtterte ihn, und als ob er sich jeder weichen Regung schmte,
unterdrckte er schnell eine hervorquellende Thrne, und sprach: Prinz C** wird
heute zu uns kommen; ich mu bei ihm eine bedeutende Anleihe machen. Ich erwarte
von Dir, Johanna, da Du Dich vernnftig betrgst, und Deine ganze
Beredungskunst und Liebenswrdigkeit aufbietest, um den Prinzen willfhrig zu
stimmen; denn von der Herbeischaffung dieser Summe hngt nicht allein unser
eigenes Glck und das Wohl unserer Arbeiter ab; sondern meine Ehre, - merke Dir,
Johanna, meine Ehre! Bis Morgen frh mu ich im Besitz dieser Summe sein, oder
mein Name ist gebrandmarkt fr immer, und meiner wartet gefngliche Haft. Alles
steht auf dem Spiel; alles mu gewagt werden und daran gesetzt an die Rettung.
Wie ein schwerer Unheil drohender Traum, aus dessen Banden sich die Seele
vergebens loszureien sucht: so wirkten diese Worte auf Madame Oburn, und es
whrte lange, ehe sie ihren ganzen Sinn gefat. Auer sich warf sie sich vor
ihrem Gatten auf die Kniee nieder, und rief leidenschaftlich: Oburn, verlange
das nicht von mir! Ich will fr Dich arbeiten, fr Dich betteln; doch nimmer den
Prinzen um Hlfe flehen! Wenn Du wtest - ja wenn Du wtest - ein eisiger
Frost schttelte bei dieser Erinnerung die zarten Glieder - welch' unseliger
Stern mich schon mit ihm zusammengefhrt; Du wrdest das nimmer von mir
verlangen! Nrrinn! Ich mag, ich will nichts wissen - es ist mein fester
Entschlu, da Du, gerade Du, den Prinzen bewegen sollst, uns zu retten. Auf ein
paar Weiberthrnen kann ich nicht Rcksicht nehmen, wo es darauf ankommt,
Hunderte von Menschen vor gnzlichem Verderben zu retten. Das solltest Du selbst
berlegen, wenn es Dir berhaupt mit Deinen schnklingenden Redensarten Ernst
ist. Hier ist nichts mehr zu whlen und zu besinnen!
    Herr Oburn hatte das Zimmer schon lngst verlassen, als seine Gattinn noch
immer starr dasa, bewutlos und gefhllos. Es giebt solche Augenblicke, in
denen die Seele alle Farben und Formen des Lebens, alle festen Gedanken und
festen Gefhle verliert, und sich ganz in die einfrmig schwarze Nacht der
Existenz versenkt. Nur das dumpfe Brten bleibt, und der Alpdruck eines
namenlosen Schmerzes!
    Madame Oburn rang sich pltzlich aus dieser Apathie los, sprang hastig auf,
lief in das Comtoir, und ersuchte athemlos den Buchhalter um das Contobuch ihres
Gatten: Ich beschwre Sie, Ehrig, sagen Sie mir aufrichtig, wie steht es mit
meinem Mann?
    Ehrig schaute sie mit kummervollen Blicken an, und erwiederte ganz leise:
Gndige Frau! Werden Sie auch stark genug sein, die Wahrheit zu ertragen?
Wohlan denn, ich schwre es bei meiner Ehre! Wenn Ihr Gatte nicht bis Morgen die
Wechselschuld von 10,000 Rthlr. decken kann, so ist das Geschft ruinirt und die
Fabriken werden von den Creditoren um einen Spottpreis verkauft.
    Haben Sie alles versucht, alles? frug die junge schne Frau mit einem
flehenden Blick, der dem Buchhalter bis in's Innerste drang. Oburn hat viele
Freunde; will ihm Niemand helfen?
    Niemand, gndige Frau!
    Unser Mobiliar und Silberzeug ist von bedeutendem Werth! Verkaufen Sie
alles - und retten Sie die Ehre meines Mannes!
    Die Summe ist zu gro, und kann dadurch nicht getilgt werden. Auch ist es
zu spt. In zwlf Stunden mu die Zahlung geschehen sein - oder -
    Madame Oburn bedeckte die Augen mit den Hnden, und rief leidenschaftlich:
Genug, Ehrig, genug!
    Eine Stunde spter hatte Herr Oburn eine lange, geheime Unterredung mit dem
Prinzen C**. Sie mute fr beide befriedigend ausgefallen sein; denn das Gesicht
des Prinzen sah bei'm Abschied triumphirend aus, und auch Herr Oburn trat
sichtlich erheitert und ruhig in das Comtoir, und verkndete dem Buchhalter, da
der Prinz bereit sei, Morgen frh die Summe von 10,000 Rthlr. vorzuschieen. Bei
dieser Nachricht erbleichte Ehrig, und sah Oburn mit einem vorwurfsvollen Blicke
an, den dieser nicht ertragen konnte. Rasch wandte er sich ab, und ging in das
Gemach seiner Frau.
    Stumm trat er ein; es war eine unheimliche Pause! Sie lag auf dem schwarzen
Sammet-Sopha, betubt und lautlos, er ging hastig im Zimmer auf und ab. Dann
sprach er pltzlich in bittendem Ton: Johanna, Johanna!
    Bei meiner Ehre! Es giebt nur dies eine Mittel, uns zu retten! Glaube nicht,
da ich leichten Sinnes mich dazu entschlossen! Es hat mich schweren Kampf
gekostet; denn ich liebe Dich! - Du mut - - - - - - -!
    Oburn, schrie die Frau ihm entgegen, Du willst mich verkaufen, wie eine
Sache, wie Dein Eigenthum verhandeln! Fhlst Du nicht die namenlose Beschimpfung
und Entwrdigung, die Dich trifft, wie mich!
    Die Welt erfhrt nichts davon; diese Beschimpfung bleibt im Stillen, und
wir knnen uns, wenn es uns auch schwer fllt, ber Vorurtheile hinwegsetzen.
Hier gilt es die Ehre vor der Welt, unsere ganze brgerliche Stellung! davon
hngt der Werth unseres Lebens ab; und sie mssen wir gegen jedes Opfer
erretten! Oburn - es ist nicht mglich - noch glaub' ich nicht, da es Dir
Ernst ist mit so schimpflicher Barbarei -
    Es ist mein Ernst; ich bin entschlossen. Gerade an diesem Opfer will ich
Deine Liebe erkennen! Es bleibt dabei!
    Du hast kein Recht, ber meine Liebe und meine Ehre zu bestimmen. Ich werde
die heiligsten Rechte meines Herzens und Lebens wahren - dies ist die Stelle,
die uns auf ewig trennen mu.
    Oburn nahm einen bittenden Ton an, ein Ton, der seinem Wesen fremd war, zu
dem ihm nur die schmerzlichste Zerknirschung seines Innern treiben konnte. Das
hchste Gut seines Lebens stand auf dem Spiel - und in die Gewalt seiner Frau
war es gegeben, den drohenden Sturm zu beschwren. Gerade der nahe Verlust
zeigte ihm den ganzen Werth des klingenden Mammons; seine fiebernde Angst lie
ihn ngstlich nach Rettung umhersuchen; das Gold stand wie ein Phantom vor
seiner Seele, unentfliehbar, ihn fesselnd mit eherner Macht; und wuchs in den
phantastischen Bildern, die durch seine Seele jagten, zu riesenhafter Gestalt.
Wie klein schien ihm dagegen das Opfer, das seine Frau bringen sollte, ein
kurzes Liebesglck an einen Fremden verschwendet, eine selige Nacht, untreu den
Laren des Hauses, unter einem fremden Gestirn getrumt! Dennoch ngstigte ihn
die fieberhafte Spannung seiner Frau. Er stand vor ihr wie ein Delinquent, der
um Gnade fleht; doch sie wies ihn mit Entschiedenheit zurck.
    Er wollte ihre Erklrung nicht als fest, ihren Entschlu nicht als wandellos
hinnehmen, und verlie das Zimmer, mit dem Versprechen, nach zwei Stunden
zurckzukehren, indem er die Hoffnung aussprach, sie dann bekehrt zu sehn, und
geheilt von ihren thrichten Vorurtheilen. -
    Madame Oburn war in jene Spannung versetzt, die, wenn sie nicht die Seele
aufzehren sollte, sich in uerer Handlung rasch und entschieden bethtigen
mute. Der Bruch in ihrem Leben war vollendet: sie fhlte sich durch die
Zumuthung ihres Gatten entehrt, in dem innersten Kern ihres Wesens verletzt.
    Die vollstndige Entfremdung lie sie nicht einen Augenblick lnger mit ihm
unter demselben Dache verweilen. Er hatte sich des Rechts auf ihre Liebe unwerth
gemacht, eine Liebe, die gerade jetzt im Unglck ihm treu zur Seite stehen
sollte.
    Dieser Gedanke verzgerte auf kurze Zeit ihren Entschlu; doch sie wurde
sich darber klar, da von Pflichten zwischen ihr und ihrem Gatten nicht mehr
die Rede sein knne. Rasch und geheim lie sie ihre Sachen einpacken, den
Reisewagen fertig machen, und fuhr, ohne von Oburn Abschied zu nehmen, aus dem
Hause, die Schande fliehend, die ihr drohte. Frei athmete sie drauen auf; es
ging der Hauptstadt zu, einer strmischen Welt voller Klippen und Untiefen,
deren Wogen manch leuchtendes Segel zur Tiefe hinabziehen, aber auch manch
lichte Perle aus ihrem Schoe zu Tage frdern.
    Das war der erste Abschnitt ihrer Ehe, reich an allen Conflikten, welche das
Leben der Gegenwart bewegen. Gewaltsam hatte sie sich losgerissen von qualvollen
Verhltnissen, die in innerer Auflsung sie zu zertrmmern drohten. Ihren Gatten
lie sie allein, anheimgegeben dem modernen Fatum, das Menschen und Gtter
beherrscht, dem Golde, das wie Saturn seine eigenen Kinder verschlingt! Sie
rettete ihr besseres Selbst vor der brutalen Gewalt, die sich in hundert
Gestalten gegen sie verschwor! Sie rettete die Heiligkeit der Ehe, indem sie
dieselbe zerri! Doch noch hatte sie eine Gewalt nicht besiegt, die mchtiger
war, als Rang und Geld und Freiheit; die im Hintergrund zurckgedrngt, bald
siegsgewi auftrat, ein Gestirn, das ihr Leben beherrschte von jetzt ab, eine
Kraft, welche in ureigener, angestammter Heiligkeit die Formen zerbrach, die das
Gesetz und die Sitte der Menschen geheiligt - die Liebe.
