
                                  Otto, Louise

                               Schlo und Fabrik

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                  Louise Otto

                               Schlo und Fabrik

                                     Roman

                                  Erster Band

                                    Vorwort

An dem Tage, wo ein Autor zu seinem Buche die Vorrede schreiben kann, sagt Jean
Paul irgend wo, ist er glcklich.
    Jean Paul hat mit diesem Wort so Recht, wie mit manch' anderm - ich fhle
das jetzt und heute. Aber wenn ein Mensch eine glckliche Stunde hat, wie sie
ihm selten kommt, so macht sie ihn fter stumm, als beredt, so da er zu all'
denen, welche ihm begegnen, oder zu ihm kommen, nicht anders zu reden wei, als
durch einen herzlichen Druck der Hand.
    Und so denn auch Euch, meine Leser, jetzt kein Wort weiter, aber Gru und
Handschlag von
                                                                der Verfasserin.
    Meien, im Januar 1846.

                            I. Die Erziehungsanstalt


 Was er mir ist? O, frage Blumenkelche,
 Was ihnen wohl der Thau, der sie besprengt?
                                                                    Betty Paoli.

Zehn Uhr Abends. Um diese Stunde muten in dem groen Hause des Herrn Doctor
Nollin alle Lichter verlscht und sollten alle Augen geschlossen sein. Und es
waren viel schne Augensterne, die da mit den Lichtern um die Wette zu leuchten
aufhren muten, statt da manche von ihnen gewi noch so gern abendlich
geschwrmt und geblinkt htten. Denn mehr als zwanzig junge Mdchen bewohnten
dieses Haus auf der breiten, aber etwas einsamen Knigsstrae einer Deutschen
Residenz zweiter Gre. Herr und Madame Nollin leiteten nmlich ein Institut zur
Erziehung und Ausbildung junger Mdchen aus den hheren Stnden. Das Institut
war eben so vornehm, als kostspielig eingerichtet und daher auch nur von den
Tchtern solcher Familien besucht, welchen Rang und Reichthum einen groen
Aufwand gestattete. Dasselbe das erste der Residenz nennen zu knnen, war der
Stolz von Madame Nollin.
    Zehn Uhr Abends. Auch die junge Grfin Elisabeth von Hohenthal hatte ihr
Licht verlscht und, der Hausregel folgend, das Lager gesucht. Aber sie richtete
sich bald wieder unruhig auf, zog mit der kleinen Hand die Vorhnge ihres
Himmelbettes auseinander, streckte das Kpfchen hervor und vom matten Mondlicht
untersttzt, blickte und lauschte sie nach der nebenan offen stehenden Thre,
dann rief sie halblaut:
    Aurelie!
    Kichernd sprang auf diesen Ruf ein junges, leichtfiges Mdchen, in den
leichten Schlafrock gehllt, die niedlichen Pantoffeln, um Gerusch zu
vermeiden, in den Hnden, herein und warf sich in den Sessel neben Elisabeths
Lager.
    Nun, gestrenge Herrin, lachte sie, da bin ich zu Dero Befehl - ich brenne
nmlich vor Neugier, zu wissen, warum Du heute den ganzen Tag so bla und
schmachtend ausgesehen hast, und mit welchen groartigen Plnen Du umgingst, als
Du heute Deine Stickerei drei Mal auftrennen mutest, ehe sie sich vor
kritischen Augen sehen lassen konnte - nun beichte -
    Kann man nicht ernsthaft mit Dir reden, Aurelie? fegte Elisabeth mit etwas
vorwurfsvoller Betonung.
    Nun, warum denn nicht? Wer wei denn, da Deine Gestndnisse so gewaltig
wichtig sind? Aber wirklich, was hast Du denn? und Aurelie, indem sie die
letzten Worte mit liebreich theilnehmender Stimme sprach, nahm die Rechte der
Freundin zwischen ihre beiden kleinen Hnde.
    Thalheim, begann diese, ist heute abermals auen geblieben -
    Nun, und was weiter?
    Was weiter? Wre nicht dies allein schon genug, um -
    Um Dich zu rgern? Mglich! sagte Aurelie, indem sie zu ghnen begann, es
thut mir zwar sehr leid, da du dadurch verhindert worden bist, Deinen letzten
geistreichen Aufsatz vortragen zu knnen, da Du heute sein Lob nicht
eingerntet hast - allein hat Deine heutige Sentimentalitt keinen andern Grund,
als diesen etwas lcherlich ehrgeizigen, so thut es mir wirklich leid um den
Schlaf, den ich jetzt versume.
    Es sollte mir leid thun, hielte ich Dich von irgend einem Vergngen zurck;
ist Dir der Schlaf ein solches, dann, gute Nacht! versetzte Elisabeth kalt und
lehnte sich in die Kissen zurck.
    Aurelie stand stumm auf, ffnete leise das Fenster und sah hinaus. Sie that
dies nur, um ein wenig Luft zu schpfen oder vielmehr um Zeit zu gewinnen, sich
mit der Freundin wieder auszushnen; zu schnell wollte sie dieselbe aber nicht
vershnen, um sich selbst Nichts von ihrer eignen Wrde zu vergeben. Bald jedoch
ward ihre Aufmerksamkeit durch Stimmen, welche sich auf der Strae hren lieen,
gefesselt.
    Zwei mnnliche Gestalten gingen unten vorber und die Lauschende hrte die
Worte:
    So viel ist gewi, dies ist das Institut, welchem sie angehren, aber wie
aus einer so scharfbewachten Heerde gerade die Eine herausfinden, die man im
Sinne hat und von der man nicht einmal wei, ob sie Pauline oder Aurelie heit
-
    Das Wort Heerde klang Aurelien zwar etwas anstig, sie konnte es nicht
ohne Nasenrmpfen hren, doch als sie ihren eignen Namen verstanden hatte,
strengte sie ihr Gehr auf's Aeuerste an, um vielleicht noch ein die erregte
Neugierde befriedigendes Wort zu vernehmen, und so hrte sie noch eine zweite
Stimme sagen:
    O, ich habe mir das Engelsgesicht zu deutlich gemerkt, um es je wieder
vergessen zu knnen, wer sie auch sei, wie tyrannisch sie vielleicht auch
bewacht sein mag, ich werde Mittel finden, mich ihr zu nhern.
    Die erste Stimme lie darauf ein wieherndes Gelchter vernehmen - darber
schien die vorher friedliche Unterhaltung in ein Geznk berzugehen, von dem
Aurelie, da die Sprechenden sich immer weiter entfernten, kein Wort mehr
verstehen konnte. Ueber diesem kleinen Vorfalle verga Aurelie ganz und gar, da
sie noch vor ein paar Minuten mit Elisabeth nicht im besten Vernehmen gewesen
war - sie trat zu dieser und berichtete, mit einem Denke Dir beginnend,
umstndlich und pathetisch das Erlauschte und stellte in einem langen
Wortschwall Tausend Vermuthungen auf, die sich daran knpfen lieen.
    Elisabeth hrte geduldig zu und sagte dann lchelnd: Nun Du ein solches
Abenteuer erlebt, bereust Du wohl nicht mehr die wenigen Minuten des verlornen
Schlafes?
    Da besann sich Aurelie erst wieder, da jene ihr vorhin gezrnt und sie
sagte weich: Vorhin wurdest Du mir bse - ich will Dir zugeben, da mir mit
Deinen Worten Recht geschah, und so soll es wieder gehen wie immer - ich bin
vorlaut, Du bist stolz - wir gestehen uns dies ein, und ich selbst bin die
Erste, welche nachgiebt. So ist denn wieder Alles bei'm Alten und fiel ich Dir
vorhin in's Wort, so hast Du nun die Gte, es zu vollenden.
    Elisabeth drckte die dargebotne Hand und begann nach einer Weile mit
niedergeschlagenen Augen: Ihr nennt mich eitel und ehrgeizig und die Meisten
der Gefhrtinnen witzeln ber mich. Ich bin es nicht, ich will nur den groen
Vortheil nicht unbenutzt lassen, der mir zu Theil geworden, indem ein Thalheim
unser Lehrer ist. Ich wrde mich dieses Gefhlsunwerth fhlen, wenn ich nicht
danach streben wollte, dies auch zu verdienen - - Aber wie kannst Du denken, nur
Eitelkeit sei im Spiel, wenn ich darber klage, da Thalheim nicht gekommen?
    Nun wirklich, lachte Aurelie pfiffig, da machst Du ein naives Gestndni,
so bist Du wohl gar in Thalheim verliebt?
    Welch' einfltiges Wort und welcher noch einfltigerer Gedanke! Siehst Du
dort, und Elisabeth legte sich mit dem Oberkrper ein wenig vor und deutete mit
der Hand nach dem geffneten Fenster, siehst Da da oben den kleinen Stern am
Himmel, der gerade unter dem Orion steht? Er ist verschwindend klein gegen dies
glnzende Sternbild und Niemand, der jenes nennt, nennt und zhlt ihn mit - aber
deshalb ist er doch des Orion steter Begleiter. Was wr' es denn weiter, wenn
ich jener kleine Stern wre und Thalheim mein Orion? Wenn ich in seiner Bahn ihm
nachwandelte, unzertrennlich von ihm und doch immer in derselben Ferne wie ein
Stern neben dem andern?
    Was schwrmst Du wieder?
    Ja, so seid ihr, seufzte Elisabeth und wieder den gewhnlichen
Gesprchston annehmend, sagte sie kurz: Thalheim's Gattin ist dem Tode nahe, er
will nicht von ihrem Schmerzenslager weichen und deshalb hat er sich bei uns
entschuldigen lassen. Aber das ist nicht Alles. Erst gestern, als ich bei meiner
Tante zum Besuch war, habe ich dort zufllig gehrt, was mich in's Innerste
bewegt hat.
    Nun, das wre? -
    Thalheim soll so arm sein, da er sich seiner Frau wegen die grten
Entbehrungen auferlegt und jetzt durch ihre Krankheit in die grte Noth
gestrzt Tag und Nacht allein an ihrem Lager wacht, jeden Dienst ihr leistet und
unter den qulendsten Sorgen ringt. Ach, Aurelie, in diesem Augenblick, wo wir
friedlich zusammen sprechen, kniet er vielleicht in Verzweiflung, da er der
sterbenden Gattin irgend einen Wunsch nicht erfllen kann, an ihrem
Schmerzenslager, und eine Hand voll elenden Goldes knnte sie zwar nicht dem
Leben erhalten, aber es ihr doch leichter machen, zu sterben, und er wre doch
der niedrigsten aller Sorgen enthoben.
    Das thut mir wirklich leid, wenn er so unglcklich ist - Armuth mu doch
sehr schlimm zu ertragen sein - Aber wie knnen wir es ndern? Einem Bettler
knnte man schon helfen - ihm aber nicht.
    Es ist freilich hier nicht so leicht, aber doch nicht unmglich. - Das ist
es, worber ich heute den ganzen Tag nachgedacht habe. Ich mu aber vor allen
Dingen wissen, ob jenes Gercht von Thalheim's Armuth wirklich wahr ist. Ich
habe mich heute bei unserm Laufmdchen nach seiner Wohnung erkundigt und
erfahren, da eine Blumenmacherin mit ihm in einer Etage wohnt, zu ihr will ich
morgen gehen und hoffentlich erhalte ich da genaue Auskunft, vielleicht wird es
mir auch gar durch diese mglich, ihm helfen zu knnen, oder der Zufall giebt
mir irgend ein andres Mittel an die Hand. Willst Du mich nun morgen zu der
Blumenmacherin begleiten? Wir sagen, da wir zu Deinem Verwandten Obrist
Treffurth gehen, schicken an der Hausthre den Bedienten heim, thun dann erst
unsern Gang und begeben uns dann zu Treffurth's, wo der Bediente uns wieder
abholen mag. Du kannst sie ja morgens von unserm Besuch benachrichtigen, den wir
lngst versprochen.
    Aurelie war mit Allem zufrieden, hatte vermuthlich aber heute weiter keine
Lust, noch mehr von Thalheim zu hren, und sagte deshalb der Freundin herzlich,
aber schnell gute Nacht und legte sich zur Ruhe. Sie berlie sich den Gedanken
ber die am heutigen Abend gehrten Worte, die ihr anmuthige heitre Bilder vor
die Seele zauberten, bis der Schlaf dieselben in wirrer gaukelnder Weise
fortsetzte. Aber aus Elisabeth's Augen schlich leise eine Thrne nach der andern
und bis zum Morgengrauen entwarf sie sinnend einen Plan nach dem andern, wie sie
ihren Zweck, Thalheim zu helfen, erreichen knne, und doch ward jeder dieser
Plne wieder von ihr verworfen. -
    Elisabeth war das einzige Kind eines Grafen von Hohenthal. Schn, begabt mit
einem glnzenden Verstande und mannichfachen Talenten war sie der Eltern Stolz;
all ihr Streben, ihr Ehrgeiz war auf diese gerichtet. Schon frhe war es dahin
gekommen, da fast jeder von Elisabeth's Wnschen als Befehl galt, da Alles im
vterlichen Hause sich ihr unterordnete. Es konnte nicht anders kommen, als da
sie, dadurch irre geleitet, schon in frher Jugend etwas Herrisches und
Gebieterisches annahm, das besonders die schwache, aber engelmilde Mutter
zuweilen erschreckte und fr das knftige Glck der theuern Tochter besorgt
machte. Ein Hauslehrer und eine Gouvernante hatten Elisabeths Erziehung bis zu
ihrer Confirmation geleitet; so war sie einsam, ohne Jugendgespielinnen, ohne
Lerngefhrtinnen aufgewachsen auf dem einsamen Stammschlo ihres Vaters. Den
alten Grafen hielt auf denselben mittelalterliche Grille fest. Er konnte sich
nicht mit dem neuen Zeitgeist befreunden, welcher allen alten Vorurtheilen,
mithin auch der Wrde des alten Adels den Krieg erklrt hat und seinen Feldzug
gegen denselben allmlig immer siegreicher fortsetzt. Deshalb lebte er
zurckgezogen auf seiner Herrschaft Hohenthal, wo er die ihn Umgebenden noch als
seine Unterthanen betrachten und in ehrfurchtsvoller Ferne von sich halten
konnte, wo man ihn trotz seines Stolzes, da er gerecht, freigebig und wohlthtig
war, wie einen Vater und Frsten verehrte und aus ehrfurchtsvoller Ferne mit
Hochachtung zu ihm aufsah. Er hatte sich besonders, seit der Regent seines
Vaterlandes diesem die mehr abgenthigte als freiwillig verliehene Constitution
gegeben hatte, nicht wieder entschlieen knnen, in der Residenz zu erscheinen,
welche durch die vernderte Zeitrichtung auch ein ganz verndertes Ansehen und
Leben gewonnen hatte. Die Grfin Hohenthal, die von frstlicher Herkunft war,
theilte die stolzen aristokratischen Ansichten ihres Gatten, doch in ihr hatten
sie eine mehr poetische Grundlage und prgten sich auch poetisch und deshalb
minder verletzend als bei dem prosaischen Grafen in ihrem sanften Charakter aus.
Wenn der Graf mit allen neuen Zeitbestrebungen grollte, welche auf eine
Ausgleichung der Verhltnisse, auf das Zunichtwerden veralteter Vorurtheile
hinarbeiten, welche der Aristokratie die Uebermacht entreien und bald jede
frhere Willkhr und Ungebhr ihr unmglich machen, war die Grfin vorzglich
deshalb mit der Gegenwart zerfallen, weil alle jene uern
Lebensverherrlichungen, welche frher nur bei den hchsten Stnden zu finden
gewesen, jetzt auch Eigenthum der brgerlichen Stnde wurden, welche, wie die
Grfin meinte, dieselben misbrauchten. Die Geldaristokratie, diese Geburt der
neuen Zeit, die Macht in den Hnden der Industriellen war es, welche ihr
vornmlich die neue Zeit verhat machte, so da auch sie, halb mit dem Leben
zerfallen, es wnschenswerth fand, von seinen weitern Kreisen sich
zurckzuziehen. Der nchste Nachbar ihrer Besitzungen trug jedoch noch
unausgesetzt nicht wenig dazu bei, sie in der Trauer ber die Sitten und
aristokratischen Vorrechte entschwundener Zeiten zu bestrken. Es war dies Herr
Christian Felchner, welcher vom Vater des jetzigen Grafen Hohenthal, als dieser
durch einen Proze, den erst der Sohn gewann, seine Vermgensumstnde sehr
zerrttet sah, ein ansehnliches Stck der zu den Hohenthal'schen Gtern
gehrigen Lndereien gekauft und sie zur Anlegung einer groen Wollfabrik
benutzt hatte. Graf Hohenthal, besonders durch seine Gattin dazu aufgemuntert,
hatte dem Fabrikbesitzer enorme Summen geboten, um wenigstens theilweise und so
viel, als irgend mglich, wieder den frher zu seinen Gtern gehrigen Grund und
Boden in seinen Besitz zu bekommen - allein Christian Felchner war nicht der
Mann, der, wo er einmal sich angesiedelt, sich wieder vertreiben lie, nicht der
Mann, der je seine Ansprche vor den Forderungen einer Aristokratie der Geburt
gemigt htte. Auf die Antrge des Grafen gab Christian Felchner nur kurz zur
Antwort: er knne durchaus nicht darauf eingehen; und als jener seine
Anerbietungen noch steigerte und nachdrcklicher zu machen suchte, traf er eines
Tages an einer Stelle, die seinen Park begrnzte und in Felchner's Besitz war,
eine Menge Arbeiter daselbst beschftigt. Bald erhob sich an diesem Platz eine
neue Spinnerei und bald schallte das Getse der arbeitenden Dampfmaschinen weit
hinber in die stillsten Pltze des grflichen Parkes, und die Fabrikarbeiter
verzehrten an seinen mit prachtvollen Blumen und majesttischen Baumgruppen
verschntem Ausgang ihr Frhstck unter derben Scherzen oder rohem Geznke. Der
nchste Umgang des Grafen Hohenthal war ein Herr von Waldow, Rittmeister auer
Dienst, dessen Rittergut auf der andern Seite das Eigenthum des Fabrikanten
begrenzte. Herr von Waldow hatte whrend eines flotten Militrlebens ungleich
mehr ausgegeben, als eingenommen, und um sich seinen guten Namen zu bewahren und
zugleich sein glnzendes Leben fortsetzen zu knnen, lie er willig von seinem
Besitzthum ein Stck nach dem andern an Felchner gelangen, so da dessen
Besitzthum sich immer weiter ausbreitete, und was Hohenthal ihm an seiner
Westgrenze gern wieder streitig gemacht htte, das trat im Osten Waldow mit
Vergngen an Terrain ihm ab. -
    So verging Elisabeth's Kindheit einsam im Schlo des Vaters, ohne da eine
Gespielin dieselbe erheitert htte. Lehrer und Gouvernanten, welche man ihr
hielt, betrachtete sie nicht als Personen, denen sie Gehorsam schuldig sei,
sondern als solche, welche ihrem Willen sich zu fgen htten. Bei ihren
bedeutenden Geistesgaben und Talenten, verbunden mit einem angebornen Triebe
nach Wissen, und einem frh erwachten Ernste und geistigen Stolz entwickelte sie
sich frh und schnell, so da die, welche ihre Erziehung leiteten, dies Geschft
dennoch belohnend fanden, obwohl Elisabeth immer eigenwillig, oft herrisch sich
gegen sie zeigte und zeigen durfte. So war sie siebzehn Jahr alt geworden, als
eine Verwandte ihrer Mutter, Baronin von Treffurth, mit ihrer Tochter Aurelie
auf einige Zeit nach Hohenthal zu Besuch kam. Aurelie war zwei Jahr jnger als
Elisabeth, weniger schn, weniger talentvoll und lernbegierig als diese - aber
lebendiger, kindlicher, heitrer. Frau von Treffurth bewohnte ebenfalls ein
einsames Landgut und hatte deshalb beschlossen, die Erziehung ihrer ltesten
Tochter in dem ersten Institut der Residenz vollenden zu lassen. Aureliens
Abgang dahin war bereits bestimmt, und da sie und Elisabeth einander
liebgewonnen hatten, so gab die Letztere bald den Wunsch zu erkennen, das
elterliche Schlo auf einige Zeit mit jenem Institut zu vertauschen. Grfin
Hohenthal vernahm dies mit Freuden, denn sie hoffte auf diese Weise vielleicht
den stolzen Eigenwillen ihrer Tochter brechen und im Kreise gleichfhlender
Gespielinnen sie sanfter und zufriedener werden zu sehen, wie sie bis jetzt war.
    So kam es, da Elisabeth und Aurelie in Nollins Institut zusammen waren.
    Als Elisabeth bei ihrer Ankunft sich die Namen ihrer Gefhrtinnen hatte
nennen lassen, ward bei jedem derselben ein Comtesse - Baronesse u.s.w.
vorgesetzt, nur eines dieser Mdchen nannte man ihr kurzweg als Pauline
Felchner.
    Als Elisabeth die Genannte befremdet mit kaltem Blicke ma, sagte ein
schnippisches Frulein bitter: Sie werden einander wohl nicht kennen, obwohl
Sie eigentlich Nachbarinnen sind, denn Fabrikant Felchner's Dampfmaschinen hrt
man ja wohl bis in das Schlo des Grafen Hohenthal lrmen.
    Nein, wir kennen uns nicht, versetzte Elisabeth kalt.
    Es wre auch anders nicht mglich, nahm Pauline errthend und mit bebender
Stimme das Wort, denn seit meiner frhesten Kindheit, wo ich mutterlos ward,
bin ich vom Vaterhaus entfernt gewesen. Desto mehr, fgte sie hinzu, indem ihre
sanften blauen Augen unwillkhrlich na wurden, sehne ich mich nun dahin
zurck.
    Ward Pauline als das einzige brgerliche Mdchen unter so vielen
hochgeborenen zurckgesetzt und von diesen selbst geringschtzig behandelt, oder
doch wenigstens allen Andern nachgesetzt, so hegte Elisabeth noch ein anderes
Vorurtheil gegen sie; ihre Kameradin sollte die Tochter desselben Fabrikherrn
sein, dessen Nachbarschaft mit dem Hohenthal'schen Schlo fr dessen Besitzer
schon so unbequem, als widerwrtig war. Zwar verschmhte es Elisabeth, die
sanfte, bescheidne Pauline gleich den andern Mdchen absichtlich zu krnken und
sich fhlbar ber sie zu erheben, allein sie hielt sich immer fern von ihr, eine
Annherung schien zwischen Beiden unmglich und sie waren gegenseitig nicht da
fr einander. Dies konnte Paulinen von Elisabeth aber weniger verletzen, als von
jeder Anderen, denn fr Elisabeth schienen berhaupt nur die Wenigsten da zu
sein, nur an Aurelie schlo sie sich mit Wrme an, aber doch immer nur so, da
diese die geistige Ueberlegenheit Jener fhlte, sich ihr freiwillig unterordnete
und ihr auch sonst in Allem zu Willen war.

                               II. Ein Gestndni


 Herz ward vom Herzen blutend losgerissen,
 Und jetzt auf meinem Sterbelager mu
 Ich Deines Anblicks sen Trost vermissen.
                                                                    Betty Paoli.

In derselben Nacht, in welcher Elisabeth und Aurelie den Namen Thalheim
flsterten, wachte der, von dem sie sprachen, einsam und sorgenvoll am
Krankenlager der Gattin.
    Eine dster brennende Lampe beleuchtete matt das kleine Gemach. Die Fenster
waren dicht verhangen. In der Nische des einen hing ein hlzerner Vogelbauer,
dessen kleiner Inwohner zuweilen das bunte Kpfchen aus der dichten Federhlle
hervorsteckte, als wolle er sehen, ob es noch nicht bald tage. Hie und da sang
er auch leise unruhige Tne im Schlafe. Eine groe Stutzuhr, deren prachtvolles
Gehus von Silber und Alabaster auffallend von der einfachen, ja armseligen
Meublirung der Stube abstach, folgte mit hellem, forttnendem Klange den
fliehenden Minuten. Auer ihr und den einzelnen Lauten des Vgelchens vernahm
man Nichts, als die langen, unruhigen Athemzge der Kranken.
    In der dunkelsten Ecke des Gemaches sa der Gatte der Kranken in einem
schwarzen Lehnstuhl. Sein Arm sttzte sich auf eine Seitenlehne des Sessels, so
da die emporgehaltene Hand das mde herabgesenkte Haupt trug.
    Thalheim mogte einige dreiig Jahre zhlen. Die Zge seines Antlitzes waren
von mnnlicher Schnheit und antiker Regelmigkeit; aber aus den leichten
Furchen seiner hohen, breiten Stirn, Furchen, welche nur der Schmerz gezogen
haben konnte, war bald zu lesen, da manch hartes Geschick den Mann getroffen
haben mogte, und die Blsse seines Antlitzes, das dunkle Feuer, das in seinen
tiefblauen Augen brannte, das schmerzliche Zucken um den Mund, das die Oberlippe
emporzog und ihn halb ffnete, so da man eine Reihe groer mormorweier Zhne
gewahrte, deutete auch jetzt auf ein schmerzlichbewegtes Innere. Bei All' dem
aber konnte Thalheim's Anblick auch in seiner jetzigen niedergebeugten Stellung
weniger Mitleid, als Ehrfurcht erwecken. Etwas Unaussprechliches, Unnennbares
prgte sich in seiner Gestalt, auf seinem Gesichte aus, etwas Heiliges,
Unberwindliches.
    Er stand jetzt auf, denn die Kranke, welche er im Schlummer glaubte, hatte
sich jetzt pltzlich rasch aufgerichtet und rief ungeduldig:
    Johannes!
    Im Augenblick stand er geruschlos neben dem Bett und legte sanft seine Hand
auf die fieberheie seines Weibes, indem er flsterte:
    Willst Du etwas, gute Amalie?
    Sterben! chzte sie, indem sie beide Hnde vor ihre Stirn schlug und das
Haupt auf ihre Kniee legte. So zusammengebeugt seufzte sie laut und ungeduldig
unter ihren Schmerzen. Er legte ihr die in einander gewhlten Kissen wieder
zurecht, schlang den Arm sanft um ihre Schultern und wollte sie zrtlich
aufrichten. Aber sie zuckte zusammen, als mache seine Berhrung ihr Schmerz,
verzog den Mund bitter und flsterte ein zurckweisendes: Geh! und: La!
    Thalheim nahm seinen Arm zurck und blieb eine Weile schweigsam stehen,
seine Augen weilten unverndert mit zrtlicher Theilnahme auf der Kranken, die
jetzt ihren Kopf aufrichtete, und hastig flehend sprach: Nur einen Wunsch
erflle mir noch, damit ich sterben kann - auch mit bitter'm Tone hinzufgte:
Du kannst es - er kostet kein Geld.
    Thalheim warf einen Blick an die Decke des Zimmers, einen Blick, der den
Himmel suchte - aber es schien kein Himmel ber ihm zu sein, sein Blick traf nur
die graue Decke. Amalie war schon lange krank, und er war arm - diese Armuth
wagte er Niemand einzugestehen, denn in der Stadt, in der er jetzt lebte, hatte
er keine Freunde, die er um Hlfe htte angehen knnen, und Bekannte in Anspruch
zu nehmen, war er zu stolz. Sein Gehalt reichte nur gerade hin, ihn mit Weib und
Kind zu ernhren, weiter nicht - die lange Krankheit hatte ihn bereits in
Schulden und Verbindlichkeiten verwickelt, die ihm unertrglich waren, und um
sie nicht noch zu mehren, um nicht sich und seine Familie noch immer tiefer in
eines jener Labyrinthe des Elends zu fhren, aus welchen der Rckweg so schwer
zu finden ist, hatte er der Kranken hie und da einen jener grilligen Wnsche
unerfllt lassen mssen, an denen Kranke gewhnlich so reich sind, und deren
Erfllung ihnen weder Erleichterung noch Freude giebt, deren Verweigerung sie
aber unmuthig macht. Thalheim hatte das Bewutsein, da er mit Aufopferung aller
seiner Krfte Alles fr seine Frau that, was ihm irgend mglich war. Er hatte
nie ein Wort des Dankes, der Anerkennung von ihr verlangt, denn er sagte sich,
da er nur seine Pflicht thue, - aber statt eines milden Liebesblickes, nach dem
er sich sehnte, gab sie ihm Vorwrfe. - Aber jener einzige Blick aufwrts und
ein schnell wieder unterdrcktes Zucken um den Mund war Alles, wodurch er einen
Moment seiner heftigen innern Bewegung einen Ausdruck geben mute, er sagte mit
unvernderter Freundlichkeit: Und welchen Wunsch hast Du? Gewi, ich werde
Alles aufbieten, ihn Dir zu erfllen!
    Du weit, da ich sterben mu, begann sie milder, als sie vorhin sprach,
und er fiel ihr in's Wort und rief:
    O, sprich nicht so!
    Aber sie bat weiter: Unterbrich mich nicht, um mich zu schonen, es ist mir
ja Erleichterung, wenn ich einmal frei sprechen darf. Suche mir das nicht zu
verheimlichen, was ich ja doch wnschen mu. La mich reden. Hre mir zu. Du
hast es selbst mit angesehen, wie oft der Tod zu mir gekommen ist - er packte
mich, warf mich hin und her, da ich vor unsglichen Schmerzen sthnen und
wimmern mute, wie ein Kind - aber die Stunde ging vorber, und der Tod mit ihr
- ich blieb immer noch sein zuckendes Opfer - und nun ist es mir klar geworden,
warum ich nicht sterben kann - ich soll nicht unvershnt aus dem Leben gehen.
Ich bedarf der Verzeihung zweier Menschen, an denen ich mich schwer vergangen
habe - Deiner und seiner - - -
    Sie hielt inne - er sah sie fragend an und sprach kein Wort. Nach einer
Pause fuhr sie fort:
    Johannes! - Auf dem Sterbebette lass' mich nicht mehr heucheln. Nicht aus
Liebe ward ich Dein Weib - in diesem Herzen hat ewig nur das Bild eines Andern
gelebt! sie sprach die letzten Worte kaum hrbar und mit niedergeschlagenen
Augen, dann aber heftete sie dieselben weitgeffnet ngstlich auf ihren Gatten,
um zu erforschen, welchen Eindruck dieses Gestndni auf ihn mache.
    Ueber seine ganze Gestalt rieelte es wie ein eisiger Schauer - seine Hnde
lieen die Bettpfoste los, auf die sie sich vorhin gesttzt hatten - er sah auf
sie, eben so starr, eben so fest, wie sie auf ihn - doch lag ein unglubiges
Forschen in diesem Blick und eine innige Zrtlichkeit, welche flehte: nimm das
Wort zurck - ich verstehe Dich nicht.
    Sie hielt diesen vertrauenden Liebesblick nicht aus, und indem sie ihr
Gesicht abwendete, schrie sie auf: Fluch mir lieber! Ich kann das eher
ertragen, als Deine Engelmilde, als Deine blindvertrauende Liebe - - ich habe
Dich geachtet, ich habe Ehrfurcht vor Dir gehabt - ich habe mir tausend Mal
gesagt, da Du edler, besser seiest, als all' die andern Mnner - auch als er -
mein Geist hat es mir gesagt, nicht mein Herz - mein Verstand, aber nicht mein
Gefhl - und so habe ich Dich niemals lieben knnen, wie Du Dich geliebt
glaubtest - niemals wie ihn - - und so habe ich doppelt gefehlt, an ihm, dem ich
die Treue brach, und an Dir, dem ich Liebe heuchelte - ich habe Euch Beide
unglcklich gemacht, Ihr mt mir Beide vergeben, damit ich vershnt aus dem
Leben gehen kann.
    Johannes trat noch ein paar Schritte zurck und lehnte sich an den Ecktisch,
auf dem die Nachtlampe stand - durch den kleinen Sto an den Tisch tauchte das
Lmpchen unter das Oel, auf dem es schwamm, und verlschte. Amalie schrie auf -
ihm gab der kleine Umstand die Fassung wieder - er erinnerte ihn daran, da er
ja der Wrter einer Kranken sei, welche Schonung bedrfe. Er nahm das Feuerzeug
zur Hand, und gab der Lampe ihre Flamme wieder, sie brannte aber jetzt
unruhiger, flackernder als zuvor. Johannes sah, wie Amalie im Fieber glhte - er
warf einen besorgten Blick auf sie und setzte sich stumm neben ihr Bett.
    Bin ich keines Wortes mehr werth? fragte Amalie seufzend.
    Du wolltest mir einen Wunsch nennen, den ich Dir erfllen knnte, sagte er
ruhig und bezwang sogar das Beben seiner Stimme - Warum nennst Du ihn nicht?
Ich bin zu Allem bereit, was Du verlangst, wenn es in meiner Macht ist.
    Vershne mich mit ihm! rief sie.
    Mit wem? fragte er tonlos.
    Mit Jaromir von Szariny! flsterte sie und drckte ihr erglhendes Antlitz
in die Kissen. Ich kann nicht sterben, wenn er mir nicht vergeben! - Ach, lass'
Dich beschwren, fuhr sie fort, der Tod ls't ja alle Bande der Convenienz,
macht Alles gleich - im Angesicht seiner drfen alle Schranken fallen und Seele
zur Seele reden, wirf mit mir alle Vorurtheile bei Seite und erflle meine
Bitte, ich mu ihn sehen!
    Wie wre das mglich? sagte Johannes bestrzt. Ist der Graf denn hier?
Und dann - und - er war zu betroffen von dem nun eben Gehrten, in dem er ja
noch gar keinen Zusammenhang fand, um darber ruhig denken und sprechen zu
knnen, und dabei sagte er sich selbst unaufhrlich, da er die Tod ranke
schonen, jede Aufregung vermeiden msse - und doch war sein Herz so voll von
eben darin erweckten Qualen, da es Tausend verzweiflungsvolle Fragen, welche
der Mund nimmer auszusprechen wagte, an die Gattin that.
    Ach, Johannes, begann sie wieder, ich habe Dir Alles sorgfltig
verborgen, was mich gemartert hat bis zu dieser Stunde. Darber bin ich oft
launenhaft und hart gegen Dich gewesen, denn es ist nicht leicht, sein Herz zu
einem Gefhl berreden zu wollen, zu dem es ewig nein sagt.
    Aber Amalie, ich beschwre Dich! - sagte er mit gepreter Stimme.
    Still, Johannes, fiel sie ihm in's Wort, ich wei, was Du sagen willst,
schone mich nicht - doch Du willst dies, und so will ich denn selbst fr Dich
reden. Du willst mich fragen, warum ich Dein Weib ward, da ich doch einen Andern
liebte. - - - Ach, ich war ein thrigtes, eitles Mdchen. Jaromir studirte in
meiner Vaterstadt - wir hatten uns gesehen, erst nur aus der Ferne, als wir uns
schon liebten - der schne, stolze Graf, der liebenswrdige Pole, um dessen
Zuneigung sich die vornehmsten Frauen und Fruleins der Stadt vergebens bemhten
- er lag zu meinen Fen, zu den Fen des armen Mdchens, das Niemand kannte,
Niemand beachtete, das um Lohn manche Stickerei fr jene reichen Damen liefern
mute, die ihn in ihre Netze ziehen wollten. O, ich war selig! Meine Mutter
machte erst Einwendungen gegen unser Liebesverhltni, der Abstand der
Verhltnisse machte sie mitrauisch - aber Jaromir besiegte ihre Einwendungen -
re wechselte den Ring mit mir, er erklrte uns, da er selbst ziemlich so arm
sei, wie wir, da er ein Gechteter sei, dessen Gter der Russischen Krone
verfallen, da er keine Familie habe, die seine Wahl misbilligen werde, da er,
wenn er selbst ein andres Mdchen als mich lieben knne, doch zu stolz sei, als
Bettler und Gechteter um die Hand einer Reichen und Hochgestellten zu werben -
und Allem fgte er hinzu, da er mich ber Alles liebe und da dies ja der beste
Grund sei, ihn nicht abzuweisen. - Ach, wie beredt er immer sprach, und welch'
selige Stunden wir verlebten, als meine Mutter selbst unsere Liebe beschtzte!
- Und Amalie lchelte, als sie so sprach, und blickte vor sich nieder, in
selige Erinnerungen versunken, Erinnerungen, welche eine solche Gewalt ber sie
hatten, da sie jetzt ihrer Sprache einen lebhafteren Ausdruck gaben, da vor
ihnen die Schwche des kranken Krpers zu weichen, seine Schmerzen aufzuhren
schienen. Unter entsetzlichen Qualen rang Johannes whrend dieses Gestndnisses,
er vermogte nicht mehr, die begeistert Sprechende anzusehen, er blickte vor sich
nieder, und blieb stumm.
    Nach einer Weile begann sie wieder: Niemand ahnte unser verborgenes Glck -
Jaromir galt in der Gesellschaft als ein Sonderling, den nur die Einsamkeit
reize - o, es war die Einsamkeit meines kleinen Zimmers, das fr uns ein
Paradies war. Aber so schn, so geistreich, wie er war, so unbedeutend kam ich
mir neben ihm vor, und je leidenschaftlicher ich ihn liebte, desto hufiger
qulten mich auch eiferschtige Befrchtungen! - Ein halbes Jahr, nachdem wir
uns kennen gelernt, ward er auf der Universitt in Hndel verwickelt, welche ihn
zwangen, diese und die Stadt zu verlassen. Wir nahmen traurig Abschied, und
gelobten uns ewige Treue. - Mein Leben ward furchtbar de, da er fort war - wir
schrieben uns oft, wenn auch die Mutter darber schalt, da ich Tage lang
schrieb, ohne zu nhen, und ber das viele Postgeld. Aber nun ward die
Eifersucht zu meinem Dmon - ich hatte keine ruhige Minute mehr. Schrieb er mir
einmal lnger nicht, als gewhnlich, so sprach ich im nchsten Brief meine
Unruhe darber aus, machte ihm Vorwrfe, nannte ihn untreu - die Kranke
unterbrach sich hier, sie fing an zu schluchzen, nach einer Weile sammelte sie
sich wieder und fuhr fort: So war in stiller Pein ein halbes Jahr verstrichen,
da wurdest Du der Lebensretter meiner Mutter - sie war auf den vom Eise glatten
Stufen gefallen, hatte den Arm gebrochen, Du hobst sie auf, brachtest sie zu dem
Chirurgen, dann in unsre Wohnung - Du sahst, wie arm wir waren, wie wir noch
rmer werden muten, da die Mutter nun nicht mehr arbeiten konnte, Du bezahltest
den Arzt, Du halfst berall, und doch warest Du selbst arm. So war ich Dir
gleich, als ich Dich kennen lernte, zu Dank und Lohn verpflichtet.
    Verpflichtet? O, mein Gott! rief jetzt Thalheim, sich vergessend, auer
sich. Pflicht - wo ich ein Herz bot fr ein Herz, Dank und Lohn, diese Kinder
des Hochmuthes und des Egoismus, wo ich nach wahrer Liebe mich sehnte! O,
Amalie, wie jmmerlich klein mut Du von mir gedacht haben! Und er sprang mit
diesen Worten auf, ging an's Fenster und drckte die brennende Stirn an die
khlen Glasscheiben.
    Bleibe hier, Johannes, bat sie, ich gestehe Dir jetzt meine Schuld, damit
ich vershnt sterben kann. Warum klagst Du in schmerzlicher Ueberraschung? Ich
habe es Dir zuvor gesagt, da ich Deiner Vergebung ja so sehr bedarf! Komm,
komm!
    Vergieb mir, sagte er, diese Aufwallung, ich will still anhren. Und er
setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz, drckte schmerzlich-lchelnd
Amaliens Hand, die sie ihm entgegen streckte, und sah dann aufmerksam lauschend
vor sich nieder. Niemand konnte es ihm mehr ansehen, welche widerstreitenden
Gefhle in seiner Seele tobten.
    Die Kranke begann wieder: Lass' mich kurz sein. Du gingest oft bei uns aus
und ein, meine Mutter hing mit der wrmsten Hochachtung und zugleich
zrtlichsten Mutterliebe an Dir - ich bewunderte Deine Gromuth, Deine
Aufopferungen, Deine stete Milde - aber mir war ewig, als stndest Du auf einer
kalten, klaren Hhe, die ich nimmer erklimmen knnte, die mich auch nimmer
lockte. Da war es wieder einmal, da mir Jaromir lange nicht geschrieben, ein
Gercht nannte ihn als den Liebhaber einer schnen verwittweten Grfin - ich
machte ihm eiferschtige Vorwrfe, die er stolz ignorirte, endlich antwortete er
aufgebracht, ich mge ihn nicht so unzart qulen, er thue es ja auch mir nie,
denn er vertraue mir - - In diesen edlen Worten sah ich nur die Sprache der
Gleichgltigkeit, mein Stolz berredete mich, da er mich so sehr in seiner
Gewalt zu haben glaube, da neben ihm fr mich jeder andere Mann verschwinden
msse - dafr wollt' ich ihn demthigen, ich schrieb ihm begeistert von Dir, war
auch freundlicher als zuvor gegen Dich, um ihm zu zeigen, da noch andere edle
Mnner um meine Gunst sich bewerben knnten. O, er kannte mich nur zu gut! Er
machte einen Scherz aus meinem Bestreben, seine Eifersucht zu erregen, wie er es
durchschaute, und schrieb mir, da er trotz dem meiner unvernderten Liebe gewi
sei - - ich hatte kaum diesen Brief, der meinen Stolz emprte, durchflogen, und
ihn zrnend weggeworfen, als Du kamst, mir Deine Liebe gestandest, mir Deine
Hand botest - und wenn ich nun Ja! sagte, rief eine teuflische Stimme in mir, so
wre Jaromir doch gedemthigt, und ich sagte Ja in derselben Stunde, und meine
Mutter kam und segnete uns.
    Amalie hielt erschpft inne, und Johannes flsterte zwischen den Lippen:
Unberlegte, kindische Rache eines eitlen Mdchens, und meine wahre,
riesenstarke Liebe!
    Sie fuhr nach einer Weile fort: Du warst so gtig, so edel, ich sah mich so
unendlich geliebt, Du btest einen mchtigen Zauber ber mich - meine Mutter
dankte Dir ihr Leben und mehr, sie hatte lngst gehofft, mit der Zeit werde mein
Verhltni zu diesem Jaromir enden, denn sie sah nicht ab, was daraus werden
sollte - sie war glcklich ber meine Handlung, ich war wie eine Trumerin -
erst nach Wochen, als ein Brief Jaromir's anlangte, worde er sein Befremden ber
mein lngeres Schweigen ausdruckte, und ngstlich zrtlich fragte: ob ich krank,
oder was sonst geschehen sei? - da kam ich erst eigentlich zum klaren Bewutsein
dessen, was ich gethan hatte. Ich war in Verzweiflung - meine Mutter schrieb fr
mich an Jaromir, besinnungslos unterschrieb ich den Brief - ich ward krank,
dadurch entging Dir mein tiefes Herzeleid. Ich hoffte immer noch, er wrde
wieder schreiben, mich beschwren, zu widerrufen - dann wollte ich mein Wort von
Dir zurckverlangen, es mchte daraus entstehen, was da wolle. Aber er schickte
mir meinen Ring wieder und schrieb kein Wort dazu. Da wollte ich glcklich sein
- ihm zum Trotz. In solchen Momenten war ich dann so zrllich gegen Dich, wie
ich es nur immer gegen ihn gewesen - und es war doch nur eigentlich er, den ich
in Dir liebkoste. Ach, ich habe untreu gegen ihn gehandelt, mein Gefhl konnte
ihm nie untreu werden!
    Sie hielt wieder inne, von Erinnerungen berwltigt. - Das Nachtlicht
flackerte unruhig, die Uhr im Zimmer schlug helltnend Mitternacht. -
    Nach einer langen Pause begann Amalie auf's Neue: Meine gute Mutter starb,
ich wre verlassen und hilflos gewesen, wenn Du Dich meiner nicht angenommen. Du
fhrtest mich zum Altar. Ich mute das Schicksal segnen, das mir in Dir diese
Sttze gab - aber doch war ich nicht ruhig, nicht glcklich, ich konnte Jaromir
nicht vergessen! - Ach, Johannes, kannst Du mir das Alles vergeben? Kannst Du
mir es vergeben, damit ich ruhig sterben kann?
    Vergeben ist eine heilige Pflicht, sagte Johannes aufstehend und
feierlich, aber mit gepreter Stimme. Ich vergebe Dir Alles!
    Du vergiebst mir - nur aus kalter strenger Pflicht, nicht aus zrtlichem
Herzen, Du vergiebst mir, weil es Deine strenge Tugend Dir so befiehlt -
flsterte sie vorwurfsvoll, doch ja, ich verdiene das - Du vergiebst doch - ich
danke Dir! Aber vollende, krne Dein Werk, wenn ich, mit Dir vershnt, sterben
darf, so vershne mich auch mit Jaromir, ich habe an ihm unrecht gehandelt, wie
an Dir, ich habe ihn unglcklich gemacht, wie Dich - -!
    Johannes sah sie fragend an und schwieg.
    Nach einer Pause begann Amalie wieder hastig: Du willst mich nicht
verstehen - Jaromir ist hier, ich habe ihn wiedergesehen!
    Auch noch das! sagte Johannes tonlos.
    Einige Tage vorher, eh' ich krank ward, sah ich ihn unter meinen Fenstern
vorbergehen - die fnf Jahre unsrer Trennung hatten ihn sehr verndert, er sah
bla und abgezehrt aus, und ein tiefer Gram wohnte in seinen frher so frhlich
glnzenden Augen, Mehrmals des Tages ging er vorber, immer sah er herauf - aber
ich bezwang mich, und verbarg mich immer hinter den Blumen am Fenster - nur ein
Mal in der Abenddmmerung warf ich ihm eine geknickte Rose zu, an die ich einen
Zettel mit den Worten gebunden hatte: Wir drfen uns einander nicht nhern, aber
mein Herz bewahrte fr Jaromir immer dasselbe Gefhl. Er drckte die Rose an
seine Brust, bedeckte sie mit Kssen, und obwohl es schon dunkelte, sah ich doch
an allen seinen Bewegungen die eines Glcklichen. Am andern Tag ward ich so
krank, da ich das Bett nicht wieder verlassen konnte. - Weiter habe ich ihn
nicht gesehen und Nichts von ihm gehrt, denn ich wagte nicht, Jemanden nach ihm
zu fragen. Nun geht es mit mir zu Ende - ich kann nicht sterben, bis ich ihn
nicht noch ein Mal gesehen, bis er mir nicht vergeben. Der Sterbenden darfst Du
es nicht verweigern, den letzten Abschied von dem zu nehmen, der dem Herzen, das
bald nicht mehr schlgt, Alles war.
    Thue, was Dir Dein Herz gebietet, sagte er, Du bist mir fr keinen Deiner
Wnsche, Deiner Gefhle mehr verantwortlich, seitdem ich wei, da ich Deine
Liebe nie besessen. - Du betrachtest Dich als eine aus dem Leben Scheidende -
aber Du kannst Dich irren; Du betrachtest den Mann Deiner Liebe als einen durch
fnf lange Jahre sich gleich Gebliebenen - und Du kannst Dich auch irren.
Bedenke, da es Dich dann reuen knnte, durch ein Wiedersehen, wie Du es
ersehnst, dem Herkmmlichen, dem man Achtung schuldig ist, zuwider gehandelt zu
haben.
    Bemhe Dich nicht, mich von meinem Wunsch abzubringen - fiel sie ihm
bitter in's Wort, seiner bin ich gewi! Ich habe mich bezwungen, so lang' ich
lebte, dem Tod gegenber hrt dies elende Spiel auf, wie bald das elende Leben.
Ich bin eine hilflose Kranke, es steht in Deiner Macht, mir meinen letzten
Wunsch nicht zu erfllen, und mich unvershnt und qualvoll sterben zu lassen -
thu' es - und mein verzweifelnder, brechender Blick wird ewig vor Deiner Seele
stehen - Du wirst -!
    Spare Deine Worte, sagte er mild zu der Heftigen, gnne nun endlich
Deinem Krper Ruhe, das viele Sprechen macht Dich matt. Ich will dem Grafen
schreiben, da er zu seiner sterbenden Amalie kommen soll - und er wird kommen.
    Aber lnger konnte sich Johannes nicht beherrschen, er eilte zur Thre
hinaus in den finstern Vorsaal, ri drauen das Fenster auf und starrte in die
Nacht hinaus.
    Es wre vergebens, schildern zu wollen, was ihn jetzt so heftig bewegte. Er
liebte seine Gattin - und all' die Stunden, in denen er frher an ihrer Seite
glcklich gewesen, sanken vor ihm in Nacht - er war auch um seine Erinnerungen
betrogen - ein Betrug waren diese vier Jahre - sie hatte ihn nie geliebt.

                                  III. Jaromir


 Zu lieben mit dem reinsten, wrmsten Triebe,
 Bis Dir das Herz im Rausch der Weihe bricht -
 Und grt Dich dennoch keine Gegenliebe,
 Das ist der Leiden bitterstes noch nicht.
                                                                      Karl Beck.

In einer geschmackvoll meublirten Stube lag im modischen Schlafrock ein junger
Mann auf dem weichen Sopha bequem und schief ausgestreckt. In der einen feinen,
weien Hand hielt er eine glimmende Cigarre, mit der andern, an der ein
kostbarer Siegelring blitzte, hielt er die Bltter eines Romanes, der vor ihm
aufgeschlagen auf dem Tisch lag und in dem er eifrig las. Der junge Mann hatte
eines jener Gesichter, deren ganzer Ausdruck in den Augen ruht; wenn sie mit
diesen vor sich nieder sehen, so ist das ganze Gesicht hchst unbedeutend, sind
dieselben aber gerad aus oder aufwrts auf irgend einen Gegenstand gerichtet, so
gengen sie allein, den, dem sie gehren, schn und interessant zu machen. Die
Augen des Lesenden waren von einem dunklen Braun, aber so glnzend und hell bei
dieser tiefen Dunkelheit, da man oft nicht wute, ob man sie licht oder dunkel
nennen sollte. Lange Wimpern beschatteten sie, und gaben ihnen einen
schwrmerischen Ausdruck. Die braunen Haare fielen zu beiden Seiten des blassen
Gesichtes in leichten Wellenlinien, ringsum in gleicher Lnge die Halsbinde
berhrend, herunter, ein kleiner Bart umgab den Mund, um welchen ein
verchtliches Lcheln spielte.
    Eine malerische Unordnung herrschte in der Stube. Bcher lagen auf den
Sthlen, ja hie und da auch darunter. Leere Cigarrenkistchen standen auf einem
Bcherbreie, und mancher gelbe Glacehandschuh steckte seine fnf Finger aus
einem Winkel des Schreibtisches, wie bedenklich drohend, hervor. Ein feiner
schwarzer Filzhut sa verwegen genug auf einer weien Bste Gthes, und eine
gefllte Geldbrse lag zu den Fen einer niedlichen Statuette der Taglioni. Auf
einem Seitentisch lagen Briefe, Visitenkarten, Journale u.s.w. wirr genug
durcheinander. An den Fenstern hingen mehrere zierliche Diophonieen von
Porzellan, an den buntgemalten Wnden hingen einige werthvolle Stahlstiche in
goldenen Nahmen und manche niedliche Stickerei, die als irgend ein brauchbares
Meubel diente. Luxus und Nachlssigkeit, die doch immer noch geschmackvoll und,
wenn man will, sthetisch blieb, reichten einander in diesem Zimmer die Hand.
Sein Bewohner war Graf Jaromir von Szariny. -
    Die Thre ward geffnet, und ein junger Mann trat herein. Er war ziemlich
lang und blond, hatte sehr lichte Augen, und sah berhaupt sehr farblos und sehr
langweilig aus. Es war Baron von Fli.
    Die Herren begrten einander heiter und freundschaftlich, und Szariny
entschuldigte sich leichthin, da er noch nicht zum Ausgehen fertig sei, indem
er die Zeit unbeachtet habe verstreichen lassen. Er schritt darauf zur
Vollendung seiner Toilette, whrend sich Fli in den Lehnsessel am Fenster warf
und ghnend sagte:
    Aber, mein Bester, wissen denn auch Sie gar nichts Neues?
    O, ich sage Ihnen, diese Residenz ist eines der langweiligsten Nester, die
ich kenne, selbst auf dem Gute meines Oheims war es nicht langweiliger, und
Berlin wrde ich im Leben nicht verlassen haben, wenn nicht Bella auf den
wahnsinnigen Einfall gekommen wre, sich hier engagiren zu lassen - und ganz
aufrichtig gestanden, auch sie fngt jetzt an mich zu langweilen. - Wre sie nur
noch einige Monate in Berlin geblieben, so war meine Leidenschaft ruhig
abgekhlt, und ich htte sie ruhig reisen lassen, statt da ich den dummen
Streich machte, ihr zu folgen. Sechs Wochen bin ich nun schon hier! Und warum?
Um mich so zu langweilen, da mir diese sechs Wochen wie eben so viel Monate, -
ach, was sage ich, eben so viel Jahre erscheinen.
    Nun, versetzte Jener, ich fange seit Kurzem an, mir einiges Amsement zu
versprechen. Neulich im Theater hab' ich ein bildhbsches, muntres Mdchen
gesehen, von dem ich jetzt wei, da es eine Pensionrin des Nollin'schen
Instituts ist. Sie war jugendfrisch, wie eine Obstbaumblthe, hatte blitzende
Augen, die sich munter und keck nach allen Seiten drehten, lebendige
Beweglichkeit - kurz, ich glaube ein muntres Fischlein, das leicht zu fangen -
und wenn es dann an meiner Angel hngt - wer wei, im Nollin'schen Institut sind
nur reiche Mdchen - -
    Wahrhaftig, Sie amsiren mich - ein hbsches Kind gefllt Ihnen auf dem
ersten Anblick, und Sie knpfen sofort weitlufige Combinationen daran, welche
bis zum Traualtar gehen. - Alle Liebesverhltnisse arten in Langeweile aus -
aber bis zur Langeweile des ehelichen Lebens nein, dahin soll es mit mir nicht
kommen, daran knnen auch Sie nicht ernsthaft denken!
    Der Baron sagte achselzuckend: Je nun, eine reiche Partie ist oft das
einzige Mittel, einige finanzielle Lcken auszufllen - man spielt eine neue
Rolle in der Welt, wenn man das eigne Haus zum Mittelpunkt glnzender Feste
machen kann. - Und was wollen Sie? Eine fashionable Ehe ls't doch nur ein
Liebesverhltni auf - das, welches wir mit unsrer Gattin hatten, bevor sie
solche war - jedes andere wird dann nur um so pikanter.
    Jaromir lachte und sagte dann kopfschttelnd: Dann whlen Sie nur kein
harmloses, unschuldiges Mdchen, sondern eine Kokette, die mit Ihren Grundstzen
bereinstimmt - sonst sollte mir das arme Wesen leid thun. Zu einer solchen
Scheinehe bin ich zu stolz, zu stolz, einem Wesen meinen Namen zu geben, dem ich
nicht fr immer mein Herz zu geben gedenke - und da mich dieser Jugendwahn nicht
mehr befallen kann - so bleibt es denn bei meinem Entschlusse.
    Aber es ist gttlich! rief der Baron mit lautem Lachen. Wie wir hier ber
Sein und Nichtsein der Heirath philosophiren, whrend wir uns doch anders
amsiren knnten - wir machen eine Runde um die Stadt, und dann begleite ich sie
zu Bella, sie war gestern gttlich als Lukrezia.
    Gut, so wollen wir zu ihr gehen - nach einer groen Opernpartie ist sie
immer angegriffen, schmachtend, sanft und macht weniger ihre eigenwilligen
Launen geltend, als an Tagen, wo sie sich heiser melden lt, und in ihrem
Muthwillen ausgelassen lustig darber ist, ihren Mitsngern und der Direction
einen rgerlichen Streich gespielt zu haben.
    Als sie zur Vorhausthre heraustraten, kam der Briestrger die Treppe
herauf. Von der Stadtpost, sagte er, und gab Jaromir einen Brief.
    Eine unbekannte Hand und ein T im Siegel - bemerkte der Empfnger. -
    Eine unbekannte Hand - das ist in den meisten Fllen interessant, wenn es
nicht von einem unsrer Handwerksleute und Lieferanten kommt - doch die
Mahnbriefe sind immer unfrankirt. Es scheint eine niedliche Damenhand zu sein -
so ffnen Sie doch nur, ich bin ungeheuer neugierig.
    Nein, das ist eine Theologenhand, sagte Jaromir, der in Folge eines
unerklrlichen Gefhls sich beinahe scheute, den Brief zu ffnen und ihn sinnend
in der Hand hielt. Endlich war das Siegel gels't. Er las:
    Klingt Ihnen der Name Amalie noch bekannt? Amalie, die Sie einst liebten,
ist eine Sterbende, und hat auf dieser Welt nur noch den einen Wunsch, sich
sterbend mit Ihnen zu vershnen, Ihre Vergebung zu erlangen. Wenn Ihnen je der
letzte Wunsch einer Sterbenden heilig war, so kommen Sie heut' Nachmittag
zwischen 4 und 6 Uhr in die Klosterstrae Nr. 18, zwei Treppen, links, wo Sie an
der Thre den Namen finden: Doctor Thalheim.
    Eine ganze Vergangenheit wachte pltzlich vor Jaromir auf - er starrte
regungslos auf das Papier, und stand wie angewurzelt fest - - Amalie, Thalheim
- ganz recht, das war der Name ihres Gatten - -
    Nun, fragte der Baron, wollen Sie ewig hier stehen bleiben? Worber sind
Sie so auer sich gerathen? Kommen Sie - Bella wird Sie wieder beruhigen.
    Bella? Gehen Sie allein zu ihr, ich kann nicht mitgehen. - Aber was ist
denn das? fuhr er fort, auf das Papier starrend. - Klosterstrae Nr. 18 - da
wohnt ja Bella auch! -
    Aber was haben Sie denn? So kommen Sie doch nur! - Was ist denn das fr ein
verhngnivolles Billet, das Sie so gedankenlos, so verdreht macht - so lassen
Sie doch sehen! - Oder ist es ein zu zartes Geheimni, das einen Vertrauten
nicht duldet?
    Ja, rief Jaromir, indem er den Brief einsteckte, es ist ein Geheimni,
das einer frhern Zeit und einem frhern Menschen angehrt, als der Szariny ist,
der Ihr Freund ward! und ruhiger fgte er in seinem gewhnlichen Ton hinzu:
Rechnen Sie es mir nicht als Unart an, wenn ich Sie heute nicht zu Bella
begleiten kann. -
    Was, und Sie versprachen mir noch gestern, mich sobald als mglich bei ihr
einzufhren?
    Sie werden ihr auch ohne Einfhrung von meiner Seite willkommen sein - oder
kommen Sie noch eine Augenblick in mein Zimmer, ich gebe Ihnen ein Billet von
mir an sie mit, das ist der sicherste Weg zu ihr.
    Jaromir kehrte eilig wieder in sein Zimmer zurck, und schrieb, whrend der
Baron langsam und kopfschttelnd nachkam, hastig an seinem Schreibtisch:
    Leider ist es mir heute unmglich, selbst nachzufragen, wie meiner schnen
Freundin die gestrige Anstrengung bekommen ist. Ich lasse mich durch meinen
vertrauten Freund, Baron von Fli, bei Ihnen vertreten, der schon lngst nach
dem Glck Ihrer Bekanntschaft strebte. - Sie werden in ihm einen geistreicheren
und liebenswrdigeren Gesellschafter finden, als in ihrem ergebenen
                                                                       Szariny.

    Er las diese Zeilen hastig vor, siegelte sie dann rasch ein, und trieb damit
den Baron zum Fortgehen, indem er ihm nochmals zurief: Sie werden Bella sehr
schn finden, und ich bin es gern zufrieden, wenn sie alle Rechte, die mir ihre
Freundschaft gewhrt, auch auf Sie bertrgt.
    Der Baron fand Jaromir heute so sehr in seiner von ihm so genannten
Sonderlingslaune, da er es wirklich fr das Beste hielt, nicht neugierig in ihn
zu dringen, und so ging er.
    Als er fort war, warf sich Jaromir in das Sopha, nachdem er die Thre
verriegelt hatte, und sagte: Endlich bin ich ihn los!
    Er lehnte sein Haupt mit der Stirn auf das Sophakissen, drckte noch beide
Hnde vor, als wolle er gar Nichts sehen von der Auenwelt, und versank in ein
tiefes Sinnen.
    Polen war gefallen, und Jaromir war in den ersten Jnglingsjahren mit seiner
deutschen Mutter nach Deutschland geflchtet. Der Vater war im Kampf geblieben -
ein Bruder der Mutter nahm die armen Flchtlinge auf seinem Gute auf. Die Grfin
Szariny, die in der letzten Zeit so viel erlebt hatte, alle Schrecknisse des
Kriegs, alle Gefahren und blutigen Scenen der Revolution, den blutigen Tod des
Gatten, den Verlust ihrer groen Standesherrschaft und all' ihres Reichthums, so
da sie zuletzt in rascher Flucht Nichts retten konnte, als das Leben des
einzigen, theuern Sohnes und ihr eigenes - erlag bald so vielfachen
Lebensstrmen und starb. Ihr Bruder, Graf Galzenau, versprach der Sterbenden,
sich ihres Sohnes anzunehmen. Der Graf war verheirathet, und hatte selbst eine
zahlreiche Familie, und ein im Verhltni zu dieser und seinem Stand nicht eben
betrchtliches Vermgen. Er selbst that fr den Schwestersohn, was er thun
konnte, aber die Seinigen sahen immer ein Wenig scheel auf den. Polenflchtling,
und behandelten ihn nie mit verwandtschaftlicher Herzlichkeit, sondern oft mit
kaltem Stolz, mit verchtlicher Zurcksetzung. So lernte Jaromir frh das Leben
von der ernstesten Seite kennen; er bezog ein Gymnasium, und dann die
Universitt. In den Ferien kam er nur auf den ausdrcklichen Wunsch seines
Oheims in dessen Haus, wo er sich gedrckt fhlte. Jaromir war fest
entschlossen, so bald als mglich die Wohlthaten seines Oheims nicht mehr
anzunehmen, deshalb studirte er. - Aber was konnte es ihm ntzen? Konnte ein
vertriebener Pole auf eine Anstellung in Deutschen Staaten rechnen? - Er griff
zu dem einzigen Mittel, welches ihm brig blieb, um wenigstens im Augenblick
eine kleine Quelle des Erwerbes sich zu ffnen - er ward Schriftsteller! Er
hatte Genie - und er schrieb mit Begeisterung - er whlte den neuen Beruf nicht
allein aus Noth, und weil keine Wahl ihm blieb, er war ihm zugethan mit Lust und
Liebe. Aber trauriges Schicksal des Armen, der in Deutschland der Muse leben
will, und zugleich auch gezwungen ist, von ihr zu leben! Jaromir entging ihm
nicht - - - oft, wenn er sich gedrungen fhlte, die Feder zur Hand zu nehmen,
und ein Lied niederschreiben wollte, wie er es tief im Herzen fhlte - oft warf
er das kleine Blatt Papier wieder weg, auf das er die erste Zeile geschrieben,
und griff nach einem groen Bogen, denn noch heute mute der Journalartikel
fertig sein, den er zu liefern versprochen hatte, und den man ihm gut bezahlte;
das Lied aber bezahlte ihm Niemand, kaum da es im Winkel irgend einer
Zeitschrift berhaupt auf einen Platz rechnen konnte, und so wurde es in der
Geburt erstickt, der bestellte Artikel hingeschrieben ohne Lust und Behagen, und
dann mit einem: Gott sei Dank, da ich fertig bin! die Feder rgerlich
weggeworfen. Oder wenn er irgend eine Skizze, die ihm just durch den Sinn fuhr,
fr die er aber nicht gleich einen Verleger wute, niederschreiben wollte, so
sandte man ihm Polnische und Englische Bltter, und verhie fr die schnelle
Uebersetzung ein gutes Honorar - und er bersetzte - - - dann warf er die Feder
mit Ekel weg, und konnte sich oft lange nicht berwinden, sie wieder anzurhren,
aus Verachtung vor ihr und sich selbst, da er sie so oft halb gezwungen fhren
mute. - Er hatte es seinem Oheim gesagt, da er allein fr sich selbst sorgen
knne, und nur mit Mhe hatte dieser ihn vermogt, wenigstens so lange, als die
Zeit seiner Studien bestimmt sei, fr diese das Geld von ihm anzunehmen. Jaromir
hatte jenen edlen Stolz unabhngiger Charaktere, der Nichts gemein hat mit jenem
gemeinen Stolz auf Rang und Ansehen. Daher hielt er sich auch entfernt von der
hhern Gesellschaft, die seinen Rang und Stand, aber nicht seine brigen
Verhltnisse kannte, und begierig den schnen, geistreichen jungen Mann in ihre
Kreise zu ziehen suchte. Da dies vergebens war, erklrte man ihn fr einen
Sonderling und Grillenfnger - dadurch ward er nur noch mehr zum Gegenstand des
allgemeinen Interesses, und manches zrtliche Briefchen kam auf einem geheimen
Weg zu ihm, das ihm Theilnahme und Trstung bei dem Kummer verhie, der ihn zu
drcken scheine. Er warf diese Billets, verchtlich lachend, in's Camin, und
ging zu seiner Amalie. - Er hatte das schne, arme Mdchen kennen und lieben
gelernt - er sah sich von ihm angebetet, und gab sich mit aller Innigkeit des
ersten Liebeserwachens in einem noch von keinem unlautern Gefhl entweihten
Herzen demselben hin. - Er liebte Amalien wirklich und wahrhaftig mit der reinen
Gluth, deren seine schwrmerische Seele fhig war, mit all' der edlen Hingabe
seines starken Charakters. Da sie ein armes, brgerliches Mdchen war, das
kmmerte ihn nicht - er war auch arm, und sein Grafentitel galt ihm Nichts. Er
hoffte, sich spter eine sorgenfreiere Existenz zu sichern, die er ihr bieten
knnte, und ob seine Verwandten ihm ber die Mesalliance zrnen wrden -
kmmerte ihn nicht, er war ihnen nicht mehr verpflichtet. Von seiner eignen,
festvertrauenden Liebe schlo er auf die Amaliens - er hielt ihre Liebe fr so
fest, wie die seine, er war ruhig und glcklich im Besitz ihres theuern Herzens.
Er wute es, wie sie ihn liebte. - Mute nicht auch sie es wissen, da er es ihr
einmal gesagt, wie wechsellos und treu er sie liebte? Wozu bedurfte es immer
neuer Wiederholungen? Sein schnes Vertrauen nahm sie fr Klte. Ihr Gestndni
gegen ihren Gatten erklrt, wie es zwischen ihr und Jaromir zum Bruch kommen
konnte. Er lebte, wie in ***. als er es hatte verlassen mssen, eingezogen und
einsam. Er war bald wieder in literarischen Verbindungen, da er sie suchte, denn
der angenommene Name, unter dem er schrieb, hatte einen guten Klang bekommen. Er
dachte an sein Liebchen, und schrieb fleiig an einem grern Werke, auf das er
manche Hoffnung fr sich und Amalien baute. Wohl krnkte ihn zuweilen ihre
Eifersucht, allein er hielt diese mehr fr eine weibliche Laune, die nur auf der
uern Oberflche erscheine, nimmer aber aus der Tiefe des Herzens komme - wute
er sich doch so frei von jeder kleinsten Regung, die einen Vorwurf verdient
htte. Es beruhte in Wahrheit: eine Polnische Grfin, in deren Hause er zufllig
wohnte, hatte ihn zu sich einladen lassen, und er hatte keinen Grund gehabt, die
Einladung auszuschlagen. Aber bald fand er, da es in ihrem Hause ein Wenig
frivol zugehe, da die Grfin all' ihre Koketterie-Knste anwende, um in ihm
einen galanten Ritter zu finden - da zog er in ein entlegenes Stadtviertel, und
schickte der Grfin eine Abschiedskarte. Ein Bekannter der Grfin, der ihn in
diesem Cirkel kennen gelernt hatte, traf ihn einige Zeit darauf zufllig, und
als er ihm seine Verwunderung aussprach, da er noch in Berlin sei, da er der
Grfin doch eine Abschiedskarte geschickt habe, sagte Jaromir: Fr die
Personen, denen man Abschiedskarten schickt, ist man nicht mehr da - gleichviel,
ob man die Stadt gewechselt hat, oder nur die Straen. - So selbstbewut nun
durch diese und hnliche Handlungen Jaromir sich fhlte, von Amalien auch nicht
den kleinsten Zweifel an seiner Liebe zu verdienen, so glaubte er auch nicht
daran, da sie im Ernst an seiner Treue zweifeln, und da sie selbst je anders
handeln und fhlen knne, als er - so fiel es ihm doch, wie er nun den Brief von
Amaliens Mutter und seinen Ring mit der Anzeige ihrer Verlobung mit Thalheim
erhielt, pltzlich wie Schuppen von seinen Augen. - Sie hatte ihn nie geliebt,
nie geliebt, wie er allein geliebt sein wollte! - Sie hatte nie das groe,
heilige Gefhl verstanden, das ihn bewegte; er hatte seine edelsten
Empfindungen, sein ganzes groes Herz weggeworfen an ein Wesen, das nur damit
gespielt hatte! - Es war ber ein Jahr vergangen, und er hatte keinen andern
Gedanken gehabt, als den: Amalie! - Fr sie hatte er gearbeitet, fr sie gedarbt
- fr sie seine Nchte am Schreibtisch, oft seine Neigungen in der Literatur dem
sicheren Erwerb geopfert - und jetzt sah er sich von ihr bei Seite geworfen,
einem Andern geopfert! - Wre sie ihm entrissen worden durch den Tod, durch
irgend eine Allgewalt der Verhltnisse, er htte es mit edler, mnnlicher
Entsagung ertragen - aber durch ihre Untreue wurden die bittersten Gefhle in
ihm rege, durch ihren Verrath sah er sich um das schnste Jahr seines Lebens
schrecklich betrogen. Er mute die Erinnerung an dieses Liebesglck fliehen denn
dieses selbst erschien ihm jetzt als nichts Anderes, als eine ungeheure Lge. Er
schickte Amalien ihren Ring wieder, ohne ein Wort des Vorwurfs, ohne irgend eine
Erklrung - sie war seinem stolzen, edlen Herzen pltzlich so verchtlich, als
sie ihm erst theuer gewesen. Er suchte jeden Gedanken an sie zu verbannen - -
aber wie nun die tdtende Leere ausfllen, die dadurch in seinem Innern, in
seinem ganzen Leben entstand? Er strzte sich in einen Strudel von
Zerstreuungen, er trank und spielte, und wenn der Schlaf nach durchschwrmten
Nchten auf ihn herabsank, so fand er ihn selten nchtern. Wenn er schreiben
wollte wie sonst, und er allein in seiner stillen Stube sa - da stand Amaliens
Bild pltzlich vor ihm, und er schaute es liebesselig an wie sonst - aber dann
besann er sich, da das Alles ja vorber und Nichts gewesen sei, als ein langer
Betrug, und sprang auf, floh das Nachdenken, floh die Einsamkeit, um nur auch
ihrem Bild zu entrinnen, und suchte wieder den goldnen Stern der Vergessenheit
im goldnen Wein, Dies wilde Leben strzte ihn in Schulden, er hatte bald mit der
entsetzlichsten Noth, den peinlichsten Sorgen zu kmpfen. Da erhielt er einen
Brief seines Oheims. Ein Verwandter Jaromirs in Ruland hatte diesem
geschrieben. Jaromirs Standesherrschaft war der Russischen Krone verfallen, und
er selbst durfte nicht wieder dahin zurckkehren, aber der Verwandte, der auf
Rassischer Seite stand, und daselbst viel Einflu hatte, hatte es dahin
gebracht, da Jaromir sein briges betrchtliches Vermgen erhielt. Das schrieb
ihm Golzenau, und bersandte ihm die betreffenden Documente. Der arme Jaromir
erwachte eines Morgens und fand sich reich. Er frohlockte, der Reichthum gab ihm
ja die Mittel, sich zu zerstreuen, zu betuben. Er verlie Berlin und ging auf
Reisen. Nach einem Jahre kehrte er wieder zurck. Er war nunmehr auch ein gern
empfangner Gast auf Schlo Golzenau - kam zuweilen dahin, weil der Graf ihn wie
einen Sohn liebte, und weil er den alten Mann schtzte, der frher, trotz den
Widersprchen der eignen Familie, so vterlich an ihm gehandelt hatte. Jaromir
hatte ihm Alles wieder erstattet, was er frher von ihm empfangen, und um so
unbefangener konnte er ihm jetzt seine Dankbarkeit bezeugen. Uebrigens lebte
Jaromir die folgenden Jahre in Berlin unter der groen Welt, der er so lange
fremd geblieben war. Er galt fr einen der ersten Salonherrn in diesen Kreisen
und da er unter ihnen nicht nur seinem Aeuern nach der schnste, sondern
zugleich auch der geistreichste war, da man es sich zuflsterte, da er ein
Dichter, ein Journalist sei so gab dies seiner ohnehin bedeutenden
Persnlichkeit noch einen besondern Glanz, der ihn fr die Frauen besonder
anziehend machte, und nicht wenig dazu beitrug, da manch Mnner ihn halb mit
Neid, halb mit Furcht betracheter So beherrschte er die Gesellschaft durch
hundert Eigenschaften, vor welchen eben diese Gesellschaft sich bewundernd
neigt. Es war ein neues Leben im Aeuern fr ihn aufgegangen. Er war ein andrer
Mensch geworden. Er huldigte jeder Modethorheit, jeder Grille, die in ihm
aufstieg - er war heute der dienstbare Sklave irgend einer schnen Frau, um sich
morgen ber sie lustig zu machen. Er lie heute wirklich sein Herz und seine
Sinne von irgend einer blendenden, weiblichen Erscheinung verfhren, und morgen
stand sie wieder vor ihm all' dieses Glanzes bar, den seine Phantasie um sie
gewoben, und er wandte sich mit bitterm Lcheln ab. Er redete sich heute selbst
ein, zu lieben und selig zu sein, wenn ein schnes Weib die Arme berauscht und
berauschend um ihn schlang - aber morgen verhhnte er das eigne Gefhl und
ls'te zrnend das raschgeknpfte Band. Er achtete nicht darauf, da wohl viel
Thrnen still um ihn flossen, da manche Wange bleich ward, die er einst gekt
- er hatte lngst aufgehrt, an das weibliche Herz zu glauben, was galten ihm da
noch weibliche Thrnen, Seufzer und Worte? - Und sein eignes Herz blieb so leer
und de, wie eine Wste, so hatte er ja das weibliche genannt. Er dachte nicht
mehr an Amalien, die Erinnerung an sie war verloren. Nicht um den Gedanken an
sie zu entfliehen, fhrte er ein zerstreuendes Leben - ihr Bild erschien ihm
schon lange niche mehr, sondern nur um die Leere seines Innern in den
Augenblicken auszufllen, wo er diese Leere am drckendsten fhlte, und jeder
solcher Versuch zeigte ihm doch nur, welche vergebliche Mhe es war, ihn zu
machen. - Er war noch Schriftsteller, und jetzt glcklich: er brauchte nicht
mehr fr Geld zu schreiben - diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichthum von
ihm genommen; er konnte schreiben, was der Geist ihm eingab, und er that es. In
solchen Stunden war ihm dann am wohlsten. Aber seine Anonymitt behauptend, war
er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen. Seine
Ansichten und Aussprche machten ihm viele Freunde, und erwarben seinem
angenommenen Namen Anerkennung - aber er war und blieb allein, da er sich eben
nicht selbst dazu bekannte, der Trger dieses Namens zu sein. Nicht die warmen,
ehrlichen Herzen, die mit ihm zugleich schlugen, und auf dem Tummelplatz der
Journale kmpften fr Freiheit und Recht, waren seine Gefhrten, sondern jene
vornehmen, blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen, deren Augen
nicht weiter reichten, als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmckter Salons,
und denen die wirkliche groe Welt, die ber und auer ihrer sogenannten groen
Welt lag, ein unbekanntes Reich war. Mit einigen von ihnen theilte Jaromir ein
gemeinschaftliches Interesse: das Theater. Whrend jene aber zumeist die
Operngucker auf die verfhrerischen Bewegungen der Ballettnzerinnen richteten,
sa Jaromir sinnend im Schauspiel, im Lustspiel, in der Oper, und war ein
aufmerksamer, kritischer Beobachter, ob die Darsteller ihre Rollen richtig
auffaten, ob sie ihre schwierigen Aufgaben ls'ten. Er hatte in dieser Zeit
eine frmliche Leidenschaft fr das Theater, fr die Kunst, und lie es dann an
ffentlichen oder privaten Aufmunterungen oder Zurechtweisungen nicht fehlen, wo
ihm dies der Mhe werth schien. In der Rolle der Norma sah er Bella zuerst, und
noch nie hatte er gesehen, wie diese Rolle, welche alle Leidenschaften und
Gefhle des weiblichen Herzens zur Anschauung bringt, so vollkommen dargestellt
wrde. Gesungen hatten wohl schon Andere diese Arien und Recitative eben so gut
- aber Keine mit seelenvollerer Stimme, Keine hatte das Hochtragische in dieser
Rolle so edel und richtig aufgefat, als Bella. Ihre schne Gestalt, ihre
anmuthigen Zge waren es nicht, was Jaromir zu ihr hinzog, sondern das groe
Knstlertalent, das ihn einen verwandten Genius, eine der seinen verwandte
Begeisterung fr die Kunst ahnen lie. - Er mute sich ihr nhern, aber es war
nicht leicht, Zutritt bei Bella zu finden - sie war noch unvermhlt, und lebte
unter dem Schutze einer alten Verwandten, ziemlich eingezogen, und wute ihre
Schmeichler und Bewunderer immer in gehriger Entfernung zu halten. Endlich
aber, da Jaromir erst unter seinem Dichternamen einen Briefwechsel ber ihre
Kunst mit ihr angeknpft hatte, nahm sie seinen Besuch an. Es whrte nicht lange
und Jaromir galt als Bella's Liebhaber. Eine Zeit lang war dieses Verhltni
eine Quelle reinen Glckes fr Beide - aber bald bemerkte er, wie er sich
getuscht hatte, wenn er geglaubt, da Bella's Dienst am Altare ihrer Kunst der
einer Priesterin sei, welche in edler Begeisterung auf demselben Alles opferte.
Es war wahr, Bella liebte ihre Kunst, sie weihte sich ihr mit Eifer und that
sich selten in einer Rolle genug, denn sie hatte ihren groen Beruf begriffen -
aber deshalb war sie nicht frei von jenem trotzigen Eigenwillen, jenen
kleinlichen Rnken, mit denen Publikum und Theaterdirection sich so oft zum
Besten haben lassen mssen. Der Weihrauch, den die enthusiastischen Berliner ihr
streuten, verfehlte seine unheilvolle Wirkung nicht, sie ward eitler, stolzer,
zugleich auch leichtfertiger und trotziger, als sie je gewesen war, und endlich
berwarf sie sich in hochmthiger Laune mit der Theaterintendanz, und
vertauschte sofort Berlin mit der kleineren Residenz, in welcher sie jetzt
lebte. Jaromir, obwohl er sie nicht mehr wirklich verehrte, wie einst, war doch
noch zu sehr durch Hundert Bande zrtlicher Gewohnheit an sie gefesselt, als da
ihm Berlin ohne sie nicht bald htte verdet sein sollen. Er folgte ihr also
nach wenig Wochen in ihren neuen Wohnort. Noch eh' er sie selbst gehend von
Berlin mit ihr entzweit, und sie waren nicht in friedlicher Stimmung von
einander geschieden, ging er mehrmals an dem Hause vorber, das man ihm als ihre
Wohnung bezeichnet hatte. Er hoffte, auf diese Weise sie zufllig zu sehen,
einen Wink, einen Ruf von ihr zu erhalten - lange war es aber vergebens, bis
endlich eines Abends eine Rose zu seinen Fen fiel, an welcher ein Zettel
befestigt war. Wo anders her als von Bella konnte dieses Zeichen kommen, er
drckte es entzckt an seine Lippen und las dann bei'm Schein der nchsten
Laterne den Zettel. Es war offenbar hastig und mit zitternder Hand geschrieben -
es war nicht Bella's zierliche Handschrift - aber in der Eile war es wohl
mglich, da sie so nachlssig geschrieben hatte. Er las verwundert lchelnd:
Wir drfen uns einander nicht nhern, aber mein Herz bewahrt fr Jaromir
unverndert dasselbe Gefhl.
    Er wute sich diese Worte nicht recht zu deuten - hatte Bella irgend ein
andres Verhltni angeknpft, da er sich ihr nicht nhern drfe? Er mute
darber Gewiheit haben, und eilte am nchsten Morgen zu ihr. Sie empfing ihn
mit frhlicher Ueberraschung. Er wollte endlich Ausschlu ber die Rose - das
war vergebens, denn sie war nicht von Bella gekommen - diese vermuthete endlich,
eines ihrer Kammermdchen habe sich vielleicht einen schlechten Spas damit
machen wollen - man lie die Sache auf sich beruhen, und verga sie bald in den
ersten frohen Tagen zrtlichen Wiedersehens. Aber Wochen waren vergangen, und
Jaromir erlag wieder dem Dmon, der ihn unaufhrlich verfolgte, seitdem er in
der vornehmen Welt lebte: der Langeweile. Auch Bella war ihm langweilig
geworden.
    In solcher Stimmung erhielt er Thalheims Billet.
    Er las den Namen: Amalie - und die Erinnerungen seiner frhen Jugend wachten
wieder auf.
    Nicht Amaliens Bild war es, was ihn jetzt am Meisten bewegte, denn er hatte
lngst aufgehrt, sie zu lieben - ihn bewegte das Bild dessen, der er selbst in
jenen Tagen gewesen war: glcklich und zufrieden bei allen Sorgen, denn er
nannte ein Herz sein, fr das er sich mhen, und an dem er dann ausruhen konnte
- er hatte stolz und selbstbewut in's Leben schauen knnen - er hatte markige
Jugend- und Geisteskraft in sich gefhlt, die ganze Welt zu erobern, er hatte
sich vertrauend in die Arme des bewegten Lebens geworfen, und frhlich auf die
eigne Kraft gebaut - er hatte wohl Schmerz und Kmmerni empfunden - aber nie
Langeweile - er hatte nie mit seinen Gefhlen gespielt, nie ber das eigne Herz
sich lustig gemacht, wie er es jetzt so oft that.
    Und er streckte jetzt sehnend seine Arme aus nach dieser Vergangenheit, und
er hatte sie fr ewig verloren.
    Amalie, die erste, die einzige reine und allmchtige Liebe seiner Jugend,
war eine Sterbende - und sterbend, wie sie, das fhlte er, war sein besseres,
unentweihtes Selbst!
    Er drckte die Hnde vor die Stirn und versank wieder in lange, bange
Gedanken.

                        IV. Nr. 18 in der Klosterstrae


 Die Kette, die die Herzen band,
 ist nun zerstckt, zerschellt
                                                              Otto v. Wenkstern.

Die beiden Pensionrinnen, Elisabeth von Hohenthal und Aurelie von Treffurth,
waren im Begriff, ihr Vorhaben auszufhren, welches sie in spter Nacht
beschlossen hatten. Sie wollten zu der Blumenmacherin gehen, welche mit Thalheim
in einer Etage wohnte. Elisabeth, sonst nicht gewohnt, viel Zeit auf ihre
Toilette zu verwenden, machte sie heute mit besondrer Sorgfalt. Sie war ganz in
Wei gekleidet, nichts Farbiges war in ihrem Anzug. Als sie in den Garten trat,
wo Aurelie sie erwarten wollte, und die andern Mdchen versammelt waren, blieb
Elisabeth in der Thre stehen, weil sie die Gefhrtinnen in Aufregung, wie es
schien, in einem Streit gewahrte, und erst von fern sehen und hren wollte, was
es gbe, ehe sie sich in eine Sache mische, fr welche sie vielleicht kein
Interesse hatte. Sie ehnte sich an das von Ephen umrankte Portal des Einganges,
die rechte Hand auf das zierliche Sonnenschirmchen gesttzt, und blieb in
lauschender Stellung.
    Pauline Felchner stand in der Mitte der andern jungen Mdchen, welche theils
mit hohnlachenden, theils hochmthigen, zrnenden Blicken auf sie sahen.
    Solches Gesindel in unsre Gesellschaft zu bringen!
    Ich habe es immer gesagt, sie taugt besser zu dem Bettelvolk, als zu uns -
es ist ja ihres Gleichen.
    Ihr Geld ist ja das Einzige, worauf sie stolz sein kann!
    So und hnlich schallten die Reden von Paulinen's Gefhrtinnen. Sie selbst
brach endlich in Thrnen aus und sagte: Ihr mgt mich schelten, wie Ihr wollt,
httet Ihr nur das arme Mdchen in Frieden gelassen - ich bin es ja schon
gewohnt, um Nichts von Euch verachtet zu werden.
    O, sie thut noch hochmthig - sagte Aurelie, aber dort steht Elisabeth -
es ist Schade, da sie nicht da war - ein Wort von ihr wrde Paulinen so
imponirt haben, da sie nicht zu antworten wagte.
    Elisabeth ist kalt und stolz, aber sie ist nicht ungerecht, sie hat mich
niemals beachtet, aber sie ist nicht fhig, Jemandem absichtlich Unrecht zu
thun, sagte Pauline entschieden.
    Elisabeth trat vor - sie sah Paulinen gro und verwundert an - womit hatte
sie es verdient, um Paulinen verdient, da diese eine so ehrende Meinung von ihr
hegte? In diesem Augenblicke, als die stille Pauline ihre groen blauen
Kinderaugen o vertrauend auf Elisabeth richtete, als suche sie bei ihr Schutz
gegen die Unbilligkeiten der Andern, drang dieser Blick so tief in den Grund
ihrer Seele, da sie sich davon ungewohnt bewegt fhlte. Sie nherte sich ihr,
ergriff ihre Hand freundlich und sagte: Rede doch! Was giebt es? Nie hatte
Elisabeth so liebreich zu Paulinen gesprochen, wie sie jetzt diese wenigen Worte
sagte - Pauline drckte ihr die Hand und lie sie nicht wieder los, whrend sie
ihre Rede nur an sie richtete:
    Wir waren hier bei einander, und warfen Reifen, als wir drauen an der
Thre eine weinende, bittende Stimme hrten, dazwischen scheltende Worte eines
unsrer Dienstmdchen - dabei ward mein Name genannt - ich war deshalb Eine der
Ersten, welche hinliefen, um zu sehen, was es gbe. - Ich mu durchaus mit
Mamsell Paulinchen sprechen, der liebe Gott wird's Ihnen segnen, wenn Sie mich
zu ihr lassen - hrte ich wieder sagen - da macht' ich rasch die Gartenthre auf
- und ein rmlichgekleidetes, blasses Mdchen, ein altes Krbchen mit Blumen am
Arm, stand vor mir. Es sah sehr leidend und kummervoll aus, und sein Anzug war
aus vielen Stcken mhsam zusammengenht. - - - Die Armuth mute die andern
Mdchen wohl sehr belustigen, sie brachen in ein lautes Gelchter aus, da die
Fremde hoch errthete, und die Augen niederschlagend ein paar helle Thrnen
verschluckte. Ich nahm sie bei der Hand, indem ich ihr sagte, da ich Pauline
Felchner sei, und die Andern bat, doch nicht zu lachen - sie lachten aber nur
desto mehr, sagten, ich habe wohl solche Jugendfreundinnen - die reichen
Fabrikanten htten immer Bettelvolk zu Verwandten, und lieen solche hmische
Worte mehr fallen, so da jene immer verwirrter ward, mir zu Fen fiel, und
schluchzend bat: Ach, Mamsell Paulinchen, meine Mutter hat Sie oft mit mir auf
einem Arme zugleich getragen - jetzt liegt sie hier auf den Tod, und die kleinen
Geschwister sterben vielleicht auch bald vor Hunger. Sie hat mir oft erzhlt,
wie gut sie es in Ihrem Hause gehabt - und wie ich nun hrte, da Sie hier
wren, so dacht' ich in meinem Innern: die hilft euch vielleicht. Ich sah einmal
bei Doctor Thalheim's, wo ich die Aufwartung habe, ein Buch, auf welches Ihr
Name gedruckt war - da fragte ich den guten Herrn Doctor, ob er Etwas von Ihnen
wisse - und er erzhlte mir, wie Sie hier so fromm und gut wren, da Sie mir
gewi helfen wrden - nicht mir, sondern der kranken Mutter, den hungernden
Kindern - da fat' ich mir ein Herz und lief her, und da bin ich nun - sie hielt
inne, und barg ihr Gesicht unter der Schrze, es war vielleicht das erste Mal,
da sie fremdes Mitleid in Anspruch nahm - und diese vornehmen Fruleins
antworteten ihr mit Gelchter - sagte Pauline mit Bitterkeit, indem sie inne
hielt.
    Es war auch ein ganz nrrischer Auftritt, sagte ein Frulein - die
Bettlerin nahm sich sehr possirlich aus, und Pauline machte die Scene
vollkommen, indem sie uns trotz dem besten Kanzelredner eine hochtrabende
Strafpredigt hielt - ihr Eifer war es, ber den wir natrlich noch mehr lachen
muten, und darber, da sich berhaupt Mamsell Paulinchen unterstand, sich zu
unsrer Gouvernante und Sittenrichterin aufzuwerfen.
    Es kann sein, da ich mich vergessen habe, sagte Pauline, aber ich war
jetzt nicht die Erste von uns, der dies geschah -
    Lass' das gut sein, unterbrach Elisabeth. Was antwortetest Du der Armen?
    Ich hatte zum Glck in meiner Schrzentasche einen Thaler, da ich mir eben
Etwas wollte holen lassen - den gab ich dem Mdchen mit dem Bemerken, da ich
nchstens zur kranken Mutter kommen wrde. Wenn sie Thalheim zu mir geschickt,
so wrde er mir auch sagen knnen, womit ihrer Noth am Besten geholfen sei. -
Sie wollte mir die Hand kssen, aber das duld' ich von Niemand, so umarmte ich
sie, und bat sie, so schnell als mglich zur kranken Mutter zu gehen, und
drngte sie fort, denn ich wollte sie so schnell als mglich den Demthigungen
hier entziehen - ich wei ja, wie weh sie thun! Ich wollte dadurch, da ich sie
kte, sie vergessen machen, was die Andern an ihr verbrochen - - und nun hast
Du nur einen Theil von dem gehrt, wie sie mich deshalb verhhnen. - -
    Elisabeth fiel Paulinen um den Hals, und sagte: Vergieb mir, da ich Dich
mit thrigtem Hochmuth gekrnkt habe - ich habe Dich frher ja nicht gekannt -
nun aber kenne ich Dich, und bitte Dich: sei meine Freundin! - Und Ihr Andern,
wenn Ihr sie wieder krnkt - so krnkt Ihr mich auch. Das wird Euch freilich
einerlei sein, und wie Ihr vorhin sie ausgelacht habt, so werdet Ihr mich jetzt
auslachen - aber Du, gute Pauline, wirst nicht mehr allein und unverstanden
unter uns sein!
    Und Pauline erwiderte innig die herzliche Umarmung, und vermogte weiter
Nichts zu sagen, als: Ich danke Dir! und eine groe, helle Freudenthrne fiel
aus ihrem Auge auf Elisabeth.
    Diese hatte eine solche Autoritt bei smmtlichen Pensionrinnen, da ihr
wenigstens in's Gesicht keine ein Wort zu erwidern wagte. - Einige griffen
wieder zu den Reifen, als seien sie durch Nichts unterbrochen worden. Andere
rmpften die Nasen, und tauschten halblaut spitzige Bemerkungen ber die neue
Freundschaft - nur Aurelie, die immer muthwillig, und in ungezhmter heitrer
Laune war, sagte: Ach, ich bitte Euch, welche sentimentale Scene! Ich glaubte
eine solche heute wenigstens an einem ganz andern Ort, als hier, zu erleben, und
niemals htte ich mir trumen lassen, da Du, Elisabeth, ber eine Kinderei
unsern wichtigen Ausgang ganz vergessen knntest! Ich warte schon lange auf
Dich, und wir mssen sehr eilen, wenn Du nicht Dein ganzes Vorhaben aufgegeben
hast. -
    Ja, wir haben Eile, sagte Elisabeth, aber auch Du, Aurelie, konntest? -
    O, ich war nicht im Geringsten besser, als die Andern. - Wenn ich aber eine
zu erwartende Strafpredigt von Dir ohne Unterbrechung anhren soll, so mu ich
mir dabei ein Liedchen singen. Und indem sie dies gesagt hatte, fieng Aurelie
an eine Tyrolienne zu jodeln.
    Elisabeth antwortete nicht, nahm Aureliens Arm, und so gingen sie, von dem
lngst harrenden Diener gefolgt, schweigend durch die Straen. Im Hause von
Obrist Treffurth, als sie den Diener fortgeschickt hatten, sagte Elisabeth; Es
ist zu spt geworden, als da wir Beide zu der Blumenmacherin gehen knnten,
geh' Du nur immer herauf zu Deinen Verwandten, hier durch den Garten ist es
nicht weit, und ich komme bald zurck.
    Aurelie sah sie erstaunt an: Du willst uns Alle hofmeistern, und dies soll
die Strafe sein, die Du fr mich ausgesonnen hast, sagte sie erbittert, aber
Du bist in meiner Hand, sobald ich Alles sage. - -
    Du bist muthwillig, aber Du bist nicht hinterlistig - - Du wirst mich also
nicht verrathen - und wenn Du es thun knntest, so scheue ich auch das
Unangenehme nicht, was mich allein trifft.
    Elisabeth schlpfte schnell durch den Garten, und hatte dann nur wenig
Schritte zu gehen, so stand sie in der Klosterstrae vor dem Hause Nr. 18.
    Mit klopfendem Herzen trat sie hinein und eilte schnell die breiten, hohen
Treppen hinauf. Sie hatte sich auer Athem gelaufen, und mute ein Wenig
ausruhen, als sie in der 2. Etage anlangte. An der Thre links, die nach dem
Hintertheile des Hauses zu fhren schien, stand der Name: Doctor Thalheim.
Unwillkhrlich lief Elisabeth nach der entgegengesetzten Thre, und zog hastig
an der Klingel: Wenn er jetzt kme! dachte sie ngstlich. An dieser Thre war
ein groes, rothes Schild befestigt, worauf mit goldnen, stattlichen Buchstaben
zu lesen war: Blumenfabrik von Henriette Krau.
    Ein Dienstmdchen kam heraus, bat Elisabeth, einzutreten, indem sie ihr auch
eine zweite Thre ffnete.
    Es war ein groes, helles Zimmer, ringsum mit Glasschrnken, in welchen die
von Sammt und Seide und andern kostbaren Stoffen knstlich geschaffenen Blumen
in den mannigfaltigsten Gestalten und Farben prangten. Aus einer Nebenstube
schallte helles Gelchter vieler weiblicher Stimmen. Es war das Arbeitslocal -
aus ihm trat jetzt die Leiterin dieses Geschftes, Henriette Krau, ein Mdchen
von ungefhr dreiig Jahren, eine verblhte Schnheit, welche derselben durch
etwas aufflligen, dabei nachlssigen Putz nachzuhelfen suchte. Ein Kind von
etwa drei Jahren, mit einem braunen Lockenkpfchen und wunderbar groen,
tiefblauen Augen drngte sich ihr nach.
    Womit kann ich dem Frulein dienen? fragte Henriette mit verbindlichem
Knix, und Elisabeth verlangte ein Hutbouquet. Whrend sich nun das Gesprch um
die Wahl dieser Blumen drehte und Elisabeth, dabei verlegen nachsinnend, wie sie
wohl das Gesprch auf Thalheim bringen knnte, eine Anzahl blauer Blumen in der
Hand hielt, sagte das Kind, sie gro ansehend:
    Blau gefllt dem Papa am Besten - nicht wahr blau? Und ich gehe auch blau,
fgte es, auf sein blaues Kleidchen deutend, hinzu.
    Geh hinein, Annchen, sagte die Verkuferin, Du sollst nicht immer mit
heraus kommen, wenn Damen da sind.
    Ich habe aber die schnen Damen lieb, versetzte die Kleine.
    Elisabeth neigte sich zu ihr: Mich auch? fragte sie. Kennst Du mich
denn?
    Nein, antwortete Annchen kleinlaut, und fing an mit der goldnen Kette zu
spielen, welche an Elisabeths Halse herabhing. Diese fragte:
    Wie heit Du denn weiter, Anna?
    Es ist das einzige Kind vom Doctor Thalheim, der mit mir in einer Etage
wohnt, antwortete Henriette fr das Kind. - Die arme Mutter ist so krank,
berhaupt immer so hlich gegen das liebe Kind, da ich es seit mehreren Wochen
ganz mit zu mir herber genommen habe.
    Da war nun auf einmal Elisabeth der Erreichung ihres Zweckes so nahe!
    Ist die Doctor Thalheim ohne Aussicht auf Rettung krank? fragte sie.
    Es wre ihr wohl eine baldige Erlsung zu wnschen, freilich mehr noch fr
Mann und Kind, denn sie ist die grilligste Kranke, die mir vorgekommen, und
dadurch ist die Noth auf's Hchste bei ihnen gestiegen - man sieht es dem Doctor
an, wie viel er leidet, obwohl er es Allen zu verbergen strebt - er ist der
edelste Mann, den ich kenne.
    Whrend die Blumenfabrikantin so sprach, spielte das Kind noch immer mit
Elisabeths Fingern unter dem seidnen Handschuh, und diese sagte jetzt zu jener
leise: Ich mgte Etwas mit Ihnen allein reden, vor Allem darf es das Kind nicht
hren.
    Letzteres war bald entfernt, und Elisabeth nahm Henriettens Hand und sagte:
Darf ich auf Ihre Verschwiegenheit rechnen? Ich bin beauftragt, diese
Kleinigkeit an Doctor Thalheim gelangen zu lassen - aber ich wute nicht, wie
ich es anfangen sollte, um ihn nicht zu beleidigen, und zugleich auch zu dessen
Annahme zu vermgen. Sagen Sie ihm, da es aus der Hand des Reichthums kommt,
die sich am Frhlichsten ffnet, wo sie es fr Nothleidende kann, da man es fr
seine Gattin bestimmt, da es die Dankbarkeit sendet - sagen Sie ihm Alles,
wodurch Sie ihn bewegen knnen, es nicht zurckzuweisen, aber verschweigen Sie
ihm, da man mich als erste Mittelsperson gewhlt hat - wenn Sie mich kennen
sollten - verschweigen Sie berhaupt, da es ein Mdchen Ihnen bergeben hat -
wenn Sie es nicht verschweigen, fuhr sie mit ngstlicher Stimme fort, knnte
es leicht traurige Folgen fr die Personen haben, welche Thalheims beste Freunde
sind - mit diesen Worten gab sie an Henriette ein Couvert, welches eine
Banknote von 50 Thalern enthielt, und empfing dafr das feierlichste
Versprechen, sowohl der pnktlichsten Abgabe, als des strengsten Schweigens.
    Als Elisabeth an der Vorhausthre, welche ihr Henriette ffnete, eben den
letzten Knix empfing, ffnete sich auch die entgegengesetzte Thre. Eine Scene
anderer Art hatte unterde in dem Zimmer Statt gehabt, zu welchem diese Thre
fhrte.
    Es war eben vier Uhr vorber, als Graf Jaromir von Szariny an Thalheims
Thre schellte.
    Er ffnete selbst.
    Sie standen sich gegenber.
    Sie standen sich gegenber, Jaromir, dem die Braut, Thalheim, dem die Gattin
untreu geworden - und Braut und Gattin waren eine Person.
    Man hat mich hierher beschieden - sagte Jaromir.
    Es war Amaliens Wille, antwortete Thalheim.
    Sind Sie Amaliens Gatte, und kamen die Zeilen, die ich diesen Morgen
erhielt, von Ihrer Hand? - Nur dann habe ich das Recht, hier zu erscheinen.
    Ich bin Thalheim - Sie werden unser Zusammentreffen hier seltsam finden,
aber der Wille einer Sterbenden war mir heilig. Sie wartet jetzt auf uns mit
Ungeduld, und dehalb mu unsere Unterredung hier kurz sein. Es wird spter Zeit
sein zu einer nhern Erklrung. Amalie meint, nicht eher sterben zu knnen, bis
sie Ihre Vergebung fr ergangenes Unrecht und Weh erlangt hat. - Sie werden sie
ihr nicht verweigern. Sie haben sich hier wiedergesehen -
    Wiedergesehen? fragte Jaromir, Thalheim unterbrechend, ich habe gar nicht
gewut, da sie hier ist. -
    Thalheim sagte, mit einem langen Blick auf den Grafen: Sie hat Ihnen eine
Rose mit einem Zettel zugeworfen, als Sie unter ihren Fenstern weilten -
    Unter ihren Fenstern - die Rose kam von Amalien? rief Jaromir, immer
verwunderter und bestrzter. Wahrhaftig, der Zufall treibt ein nrrisch Spiel
mit mir! und ein bittres und schmerzliches Lcheln zuckte dabei um seinen Mund.
    Thalheim starrte ihn verwundert an - auch um seinen Mund zuckte ein bittres
Lachen - er verstand jetzt Alles: der Graf hatte Amalien lngst vergessen, und
nicht um ihret Willen sah er leidend aus, nicht um ihret Willen war er in diese
Stadt gekommen - aus andern zarten Hnden hatte er gehofft, Rosen und
geschriebene Worte zu empfangen, als aus ihren - es war der Selbstbetrug der
Liebe, welcher Amaliens Herz und Sinne gefangen genommen. So sagte er jetzt sehr
ernst, beinah feierlich zu Jaromir:
    Herr Graf, Amalie glaubt sich von Ihnen noch geliebt - schonen Sie die
Sterbende, ohne sie zu tuschen - vergeben Sie ihr als ein milder, mitleidiger
Richter. Er trat jetzt aus dem Vorsaal, in dem beide leise diese Unterredung
gefhrt, in das Zimmer, in welchem Amalie angekleidet auf dem Bette lag, und
sagte zu ihr mild:
    Bist Du stark genug, Szariny zu empfangen? Er wartet drauen.
    Ich hrte seine Stimme lngst, warum lt Du ihn warten? rief sie
ungeduldig.
    Szariny trat ein.
    Welch ein Wiedersehen!
    Er ein glcklicher, lebensfroher und lebensfrischer Jngling, Sie ein
glckliches, blhendes Mdchen - beide glcklich allein durch die zrtliche
Liebe, in welcher sie fr einander schwrmten und glhten - so hatten sie einst
einander verlassen mit den heiligsten Liebesschwren.
    Vier Jahre waren seitdem vergangen.
    Jetzt sahen sie sich wieder. Sie hatte ihn wieder erkannt, denn sie liebte
ihn noch, und das liebende Frauenherz findet aus Tausenden den wieder heraus,
dem es in' Liebe schlgt - und trotz der Macht der Jahre, jedes ueren
Einflusses den Gemthsbewegungen und Leidenschaften, uere und innere Leiden,
ja selbst Lebensverhltnisse und Tracht auf eine Menschengestalt und ein Antlitz
ausben. So hatte sie ihn erkannt. Aber htte man ihm nicht gesagt, diese
bleiche Kranke sei Amalie - er htte es nimmer geglaubt.
    Vielleicht hatten die innern, steten Kmpfe Amaliens - dieses stete Ringen
in einem zuckenden Herzen, das es sich selbst nicht einmal wissen lassen will,
wie es stndlich kmpft - dieses Ringen, das vielleicht nur die Frau mit seinen
ganzen grlichen Qualen ganz verstehen kann, welche selbst an einen Mann
gefesselt ist, den sie hochachten mu, aber fr den ihr Herz sich vergebens
bemht, Liebe zu empfinden - vielleicht hatte dieses Ringen Amalien schon vor
ihrer Krankheit verndert. Es hatte ihr inneres Leben verbittert - und dieses
Verbittertsein prgte sich deutlich auf ihrem Gesicht aus, ihr Charakter war
heftig und herrisch geworden, und dadurch, da sie fr Alles, was sie im Stillen
litt, Niemand und nichts Anders verklagen konnte, als sich selbst, so nagte das
Bewutsein, nur selbst verschuldetes Weh zu tragen, und zwar durch Leichtsinn
und Unrecht verschuldetes, nur um so zehrender an ihrem Innern. - Und weder dies
Bewutsein, noch die Reue, die sie verbergen mute, war geeignet, sie ergeben
und friedlich zu machen - sondern sie ward dadurch nur immer heftiger - und so
war auch aus ihrem Antlitz lngst jede Spur von Milde und Friede gewichen - ein
unheimliches Etwas, das immer Unzufriedenheit und Unbehagen ausdrckte, war an
dessen Stelle getreten. Anderen Frauen verleiht die Mutterwrde und das
Mutterglck einen neuen, oft einen heiligen Zauber, auch dem Aeueren, besonders
dem Ausdruck der Zge - bei Amalien war das nicht so. Sie liebte ihr Kind nicht,
denn es war das Kind eines ungeliebten Gatten, und da sie allein sich seiner
mhsamen Pflege hatte unterziehen mssen, oft kmpfen mit tglichen
Entbehrungen, und manches Opfer bringen mute, so erschien es ihr oft eher eine
Last als ein Glck - Mutter zu sein. Sie fhlte sich einmal nicht glcklich, und
so ward Alles, was in andern Fllen geeignet ist, das Glck zu erhhen, fr die
einmal Unzufriedene eine neue Quelle zur neuen Unzufriedenheit. Durch all'
dieses hatte ihr Gesicht schon lngst jeden Ausdruck von Milde und Lieblichkeit
verloren. Nun hatte die Krankheit ihre Wangen bleich und hohl gemacht, ihre
Augen waren matt geworden, und hatten ihren frher schnen Glanz verloren; ihren
bleichen Lippen konnte man es nicht ansehen, wie glhend sie einst gekt
hatten, und so glich ihre ganze Erscheinung einer verwelkten Blume.
    Jaromir stand erschttert vor ihr. Es war eine lange, peinliche Pause.
    Jaromir, als er so das Weib seiner heiligen, ersten Liebe vor sich sah,
hielt den Anblick kaum aus. Er drckte die eine Hand vor die Augen, und ihm war,
als sehe er so seine eigene Jugend selbst vor sich, verwelkt und vergiftet, und
langsam dahinsterbend - diesem Weibe hatte er seine Jugend gegeben, und wie ein
Gespenst, das keine Ruhe finden kann, stand sie jetzt vor seiner Seele - wie ein
schner Traum, den er nur ein Mal getrumt, nicht wieder trumen kann, und der
ihn doch immer mit Erinnerungen qult. Er konnte sich nicht fassen, er stand
regungslos da, und war keines Wortes mchtig.
    Thalheim hatte das Zimmer verlassen.
    Nun Jaromir, flsterte endlich Amalie, Du bist gekommen, aber Du hast
kein Wort fr mich?
    Es liegt Viel zwischen dem Heut und unserer letzten Zusammenkunft, sagte
er, aber auch eine lange Zeit ist seitdem verflossen, und wir knnten einander
jetzt ruhig gegenberstehen, wenn der Zufall uns anders zusammengefhrt htte,
als heute und hier.
    Als durch meinen Gatten, meinst Du? - Jaromir, kannst Du mir vergeben, wenn
ich Dir sage, was ich um Dich gelitten?
    Sei ruhig, sagte er, ich habe Dir lngst vergeben. - Warum berhaupt
diese Erinnerungen wecken an Schmerzen, die ja nun berwunden, an Kmpfe, die
nun ausgekmpft sind? - -
    Ja, ausgekmpft, wenn das Leben aus ist - bei mir nicht eher! - Jaromir -
ich habe es wohl gesehen, wie Du verlangend nach meinen Fenstern sphtest, bis
ich Dir die Rose sandte - ich sah, wie ich Dir noch theuer war, und deshalb
dachte ich, wir mten uns noch ein Mal in diesem Leben wiedersehen.
    Es war ihm peinlich - aber er nahm ihr ihren sen Wahn nicht - Thalheim
hatte ihn ja selbst gebeten, ihn zu schonen.
    Eine Thrne trat in seine Augen, er nahm ihre Hand und die Thrne fiel
darauf.
    Amalie zuckte zusammen, die innere Aufregung rief einen heftigen Anfall
ihrer Krperschmerzen herbei. Thalheim eilte sogleich in das Zimmer, und an ihr
Lager. Es war ein heftiger Krampfanfall, der sie in Zuckungen hin und her warf.
- Ich sterbe! sthnte sie dazwischen. Vergebt mir Beide!
    Beide! riefen Thalheim und Jaromir feierlich zugleich.
    Ich danke Dir, sagte sie zu Jaromir. - Seid Beide glcklich, ich segne
Euch - jetzt sterb' ich schn und in Frieden.
    Ihre Augen schlossen sich, und so sank sie in die Kissen zurck. Aber der
Tod kam noch nicht.
    Es war nur eine Ohnmacht, welche auf diese Krmpfe folgte, und dann ein
sanfter, stiller Schlaf.
    Mag sie es fr einen Traum nehmen, sagte Jaromir, ich will sie verlassen,
damit sie aufwachend mich nicht wiederfinde, und auf's Neue sich aufrege. -
Doctor Thalheim - ich danke fr Ihr Vertrauen - Amalie war meine erste Liebe -
aber ich habe ihr entsagt von da an, wo sie freiwillig sich von mir wandte - fr
mich war sie nun lngst gestorben - und wie auch jetzt ihre Krankheit sich
gestalte, und welchen Ausgang sie nehme - fr mich ist Amalie keine Lebende
mehr, so hab' ich sie immer betrachtet, wenn ich jetzt einmal trumend meiner
Jugend und ihrer gedachte - und so wird es immer bleiben.
    Herr Graf, versetzte Thalheim, nur der sehnliche Wunsch einer Sterbenden
konnte meine Aufforderung an Sie und diese Scene entschuldigen und heiligen - es
ist in Ihrer Macht, mich und Amalien dem allgemeinen Spott preiszugeben - aber
ich denke besser von Ihnen.
    Das hoff' ich zu verdienen. Sie werden nie Ursache haben, es zu bereuen,
mir gegenber der Stimme des Gefhls gefolgt zu sein. Ob und wie wir uns auch
wieder im Leben begegnen, wir werden es mit dem Bewutsein knnen, einander
vertrauen zu drfen.
    So schieden sie von einander.
    Als Thalheim die Vorsaalthre geffnet hatte, bot ihm Jaromir noch die Hand,
die jener schweigend drckte.
    Dies war der Augenblick, in welchem Elisabeth aus der entgegengesetzten
Thre trat, welche zu der Blumenfabrikantin fhrte.
    Thalheim trat zurck und schlo die Thre, ohne sie bemerkt zu haben. Aber
sie hatte ihn und den Hndedruck gesehen, mit dem er von dem Grafen schied, und
war deshalb unwillkhrlich einen Augenblick auf ihrem Platze stehen geblieben.
    Jetzt begegnete ihr Auge dem des Grafen - sein Blick auf sie ward immer
schwrmerischer, leuchtender - sie senkte schnell ihre Augenlider und eilte die
Treppe hinab. Sein Weg fhrte ja auch hinunter, aber er folgte ihr nur langsam.
    Fr Amalien hatte er Nichts mehr empfinden knnen, als Mitleid - er empfand
jetzt dasselbe beinahe fr sich selbst. Ihr Leben schien vergiftet und elend
geworden zu sein von dem Augenblick an, wo sie das Liebesverhltni zu ihm
aufgels't hatte, und so war es ihm selbst auch ergangen. Von jenem Augenblick
an hatte fr immer seine glckliche Jugend mit all' ihren glcklichen
Zukunftstrumen geendet - er war ein anderer Mensch geworden. Er dachte jetzt an
dieses Jugendglck. - Da fiel sein Blick auf Elisabeth - - auf diese schlanke,
weigekleidete Gestalt mit den schwrmenden Augen, der stolzen Stirn und den
ernsten, fest aneinander geschlossenen Lippen, diese ganze Erscheinung, um
welche der Zauber der heiligsten Jungfrulichkeit schwebte, einer schnen
Unschuld, welche doch nicht mehr die eines spielenden Kindes war - es war eine
Unschuld, die Wrde und Grazie zugleich hatte und von hohem Ernst zeigte neben
dem Ausdruck unentweihten Engelfriedens.
    Jaromir fhlte in diesem Augenblick ein neues Gefhl in seinem Herzen, das
er aber nicht einmal zu fragen vermogte: woher kommst Du mir?
    Als er so hinter ihr in ihrem Anblick verloren langsam die Treppe
herabschritt, trat die Schauspielerin Bella aus dem Garten am Arme eines
geschwtzigen Leutnants.
    Sie suchten mich in meinem Zimmer, lieber Graf? sagte Bella zu Jaromir.
Vermuthlich um Ihr unartiges Billet von diesem Morgen wieder zurckzufordern,
oder wenigstens dessen Ausdrcke zu corrigiren? Nun - kommen Sie als reuiger
Snder, wer wei, ob nicht Vergebung fr Sie zu hoffen ist - ich bin gerade in
gndiger Laune.
    Bella htte zu jeder andern Stunde eher Jaromir begegnen und ihn wieder zu
ihrem Sclaven machen knnen - aber nur jetzt nicht!
    Der Contrast der Stimmungen und der Erscheinungen war zu gro - er fhlte
pltzlich einen heftigen Widerwillen gegen Bella, und alle Hflichkeit, sogar
alle gewhnlichen Rcksichten vergessend, antwortete er heftig:
    Es thut mir leid, da ich in meiner jetzigen Stimmung unfhig bin, Ihr
Gesellschafter zu sein, und eilte mit flchtigem Gru an ihr vorber.
    Elisabeth war eben zur Hausthre herausgegangen, Bella hatte sie vorher auch
begegnet, und war von der idealischen Schnheit des Mdchens berrascht gewesen.
- Wer ist diese junge Fremde, fragte sie sich jetzt, mit welcher Szariny es
wagt, sich in demselben Haus ein rendez-vous zu geben, welches ich bewohne, und
mit der er es zugleich verlt? Da sie den hchsten Stnden angehrt, sah man
auf den ersten Blick. - Und trotz dieser stolzen Haltung und diesem hochmthigen
Ausdruck im Gesicht wagt sie es, um des Grafen willen, die Etiquette zu
verletzen? - Ja, Szariny ist ein Zauberer! - Und indem Bella dies dachte, fhlte
sie heute mehr, als jemals, welche Macht Jaromir ber Frauenherzen besitzen
msse, da das ihre, das er so eben schwer verletzt, gerade heute glhender, als
jemals, fr ihn schlug.

                               V. Eine Genesende


 Du aber, Mensch, dem Gott die Mittel gab
 Das Elend Deines Bruders zu vermindern -
 Du legtest ihm zu seiner Noth die Qual
 Der Tuschung noch und des Verlassenseins! -
                                                                      H. Riedel.

Der Tag, wo Jaromir und Amalie einander wiedersahen, war fr den Zustand dieser
ein entscheidender gewesen. Eine groe Krisis war in ihrer Krankheit
eingetreten. Von diesem Tage an besserte es sich mit ihr.
    Ihr Arzt erklrte bald, da jede Gefahr fr sie vorber sei. Schon hatte sie
wieder Kraft, das Lager zu verlassen.
    Unterde waren die Sorgen in Thalheim's Familie auf's Hchste gestiegen.
Henriette Krau hatte ihm zwar Elisabeth's Geld gegeben, aber da sie hartnckig
den Namen der Person verschwieg, von der sie es empfangen, und da sie es an
demselben Tag erhalten, an welchem Jaromir bei Thalheim gewesen war, so glaubte
dieser nicht anders, als die Gabe komme von dem Grafen. Von ihm aber eine Gabe
anzunehmen, vermogte er nicht; weder sein Stolz, noch sein Ehrgefhl duldeten es
- er siegelte die Banknote ein, und ohne ein Wort hinzuzufgen, adressirte er
sie an den Grafen. Dieser lie durch ffentliche Bltter bekannt machen, da er
durch einen Irrthum eine Banknote von funfzig Thalern zugeschickt erhalten, und
forderte zu einer Erklrung darber auf. Die Erklrung blieb aus, er gab spter
eine gleiche Summe an die Armencasse der Stadt.
    Thalheim versah wieder pnktlich sein Lehramt am Institut. Aber wie
verndert fanden ihn die Pensionrinnen, als er wieder in ihrer Mitte erschien!
Die stille, edle Heiterkeit, welche sonst oft ber sein ganzes Wesen gehaucht
war, und den hohen Ernst seines Antlitzes milderte, war spurlos davon
verschwunden. Gram und Sorgen schienen immer tiefere Furchen in seine Stirn zu
graben. Er brachte keine Freudigkeit mehr mit zu seinem Geschft, denn alle
Freudigkeit seines Herzens war verschwunden. Amalie hatte ihm gestanden, da sie
ihn hintergangen, da sie ihn nie geliebt hatte. Der letzte Sonnenblick war mit
dem kalten Wettersturm dieses einzigen Wortes fr immer aus seinem ehelichen
Leben verschwunden; diese ganze Ehe war fr ihn selbst zu einer entsetzlichen
Lge geworden; und wie sollte er eine solche Lge ruhig ertragen, dessen ganzes
Reden und Handeln Wahrheit war? - Amalie war stiller, in sich gekehrter, sie
behandelte den Gatten mit mehr Zartgefhl und Sanftmuth, als frher - aber das
verhngnivolle Wort war doch gesprochen worden, es konnte nicht wieder
zurckgenommen werden. Thalheims Milde gegen sie war unvernderlich, wie frher
- aber er nherte sich ihr mit keinem zrtlichen Wort, keinem innigen Blick
mehr, er schlang nie mehr, wie sonst, seinen Arm um sie, er drckte keinen Ku
mehr auf ihre Lippen. Von Jaromir, von jener Stunde war zwischen ihnen niemals
mehr die Rede, und doch stand die Erinnerung an sie immer lebendig vor Beiden,
und also auch immer zwischen Beiden.
    Thalheims Entschlu war gefat. Er hatte ihn lange geprft und erwogen, nun
stand er unerschtterlich fest. - Freiherr von Waldow und Graf Osten suchten fr
ihre beiden Shne einen Lehrer, welcher dieselben zugleich als Mentor auf Reisen
begleiten knne. Er hatte sich dazu gemeldet, und war mit Freuden angenommen
worden. Der Gehalt, den man ihm zusicherte, war bedeutender, als sein
bisheriger.
    Er hatte diesen Schritt gethan, weil er fhlte, er knne nicht mehr an der
Seite seiner Gattin leben, er mute fort von ihr, andere Luft, andere Menschen
um sich haben.
    Er liebte seine Gattin - auch noch jetzt, wo er wute, da dieses Gefhl nie
eine hnliche Erwiderung gefunden. Ihre Fehler und Schwchen, die er nicht zu
verkennen vermogt hatte, nahm er nicht fr individuelle, er entschuldigte sie
mit der Schwche des ganzen weiblichen Geschlechtes. Amalie war sein nach Recht
und Gesetz, nach dem Ausspruch und Segen der Kirche, sein durch jahrelange
Gewohnheit des innigsten Miteinanderlebens, und er liebte sie als sein trautes
Weib - aber von jenem Augenblicke an, als sie ihm die ganze Wahrheit ihrer
Gefhle gestanden hatte, ward dieses Verhltni fr ihn zu einer ungeheuern Lge
- er konnte sie nicht mehr vor Gott als die Seine betrachten, und da er es noch
vor den Menschen mute, war ihm peinlich. Deshalb suchte er eine Stelle, welche
ihm Gelegenheit bot, sich von ihr zu trennen, ohne da deshalb ihre Umgebung ihr
ganzes Verhltni durchschauen konnte.
    Auch ihn hatten Sorgen und Arbeit krnklich gemacht, der Arzt rieth zu einer
Reise. Thalheim hatte dazu keine Mittel, wenn er nicht diese Reise selbst mit
seinem Beruf als Lehrer oder mit irgend einem Amt verbinden konnte - er ergriff
also die Gelegenheit, die jungen vornehmen Leute zu begleiten, und kehrte dann
neugestrkt zu seiner Gattin zurck. Von diesem Standpunkt aus konnte seine
Umgebung die Vernderung seiner Verhltnisse betrachten, obwohl nebenbei auch
nicht gehindert werden konnte, da andere Gerchte darber im Publikum umliefen.
    Whrend er nun noch daheim weilte, und Amalie, welche wieder krftig genug
war, in den Zimmern umherzugehen, der neben ihr wohnenden Blumenfabrikantin den
ersten Besuch gemacht hatte, und bei dieser unverholen klagte ber die tgliche
husliche Noth, kam die Sngerin Bella auch herab, um fr sich selbst einen
Blumenschmuck auszuwhlen.
    Henriette Krau war geschwtzig und gutmthig zugleich, und erzhlte Bella
im Nebenzimmer, wie krank Amalie gewesen, und in welche Noth sie dadurch
gekommen, und bat zugleich um eine Untersttzung fr sie. Bella war leicht
gerhrt und immer beraus wohlthtig, sobald ihr dies keine groe Mhe machte.
Ihre Wohlthaten ertheilte sie immer auf eine einfache, vertrauliche und deshalb
ungewhnliche Weise. Sie schrieb einfach an Amalie:
    Die Glcksgter auf der Erde sind ungleich vertheilt. Indem ich mir einen
Abend das Vergngen mache, ffentlich zu singen, verdiene ich zuweilen Hunderte.
- Andere vermgen dies bei angestrengter Arbeit in Jahren nicht. Ich halte es
also fr meine Pflicht, wenigstens im Kleinen fr eine Ausgleichung dieser
Ungleichheiten zu sorgen, und da ich gehrt habe, da Sie minder glcklich sind,
als ich, bitte ich, die beifolgende Kleinigkeit von meinem Ueberflu anzunehmen.
Lassen Sie aber von dem, was zwei Frauen unter sich ausmachen, keinen Mann etwas
wissen, der mnnliche Stolz hat fr mich oft etwas Beleidigendes. Wenn Sie mein
Anerbieten nicht annehmen, kommt es in minder gute Hnde, und das sollte mir
leid thun. Bella.
    Mit diesen aufrichtigen Worten erhielt Amalie am andern Tag eine kleine
Summe in Geld, welche durch die ungezwungene Art, mit der sie geboten ward, ihr
doppelt willkommen war. Sie erfllte den Wunsch der Geberin, sprach mit ihrem
Gatten nicht darber, und befriedigte davon einige Bedrfnisse, deren
Nothwendigkeit dem Mnnerauge entgangen war.
    Nach einigen Tagen, als sie auch die Treppen allein zu gehen wagen konnte,
ging sie zu Bella, um derselben ihren Dank zu sagen.
    Die Kammerfrau ffnete sogleich die Thre, welche in das Zimmer der Sngerin
fhrte.
    Amalie trat ein.
    Sie warf einen Blick im Zimmer einher und sank an der Schwelle mit einem
Schrei bewutlos in sich selbst zusammen.
    Amalie hatte auf dem Sopha neben Bella Jaromir gesehen.
    Nur einen Blick hat die unglckliche Frau hingeworfen: er hatte ihr gezeigt,
wie schn und lebendig Bella war - wie geschmackvoll und prchtig Alles, was sie
umgab, mit welchem feurigen Blick sie zu Jaromir aufsah, wie vertraulich ihre
kleine weie Hand auf seinem Arm ruhte. Mir diesem einen Blick sah Amalie, wie
Jaromir es gewohnt sein msse, diesen Platz einzunehmen - wie heiter er eben
jetzt gescherzt haben mogte - sie liebten einander und waren glcklich und
heiter - vielleicht waren sie verlobt - es war nur ein Moment, in dem Amalie
dies Alles dachte, und in demselben Moment vergingen ihr die Sinne.
    Mein Gott, die arme Frau ist gewi noch krnker, als sie denkt! rief
Bella, indem sie, aufstehend, die Klingel zog, und die Hingesunkene aufhob.
    Kennen Sie diese Frau? sagte Jaromir, der auch aufgesprungen war, und mit
unruhigen Blicken zu Amalien hinstarrte.
    Sie wohnt mit in diesem Hause, sagte Bella unbefangen, es ist die Frau
des Doctor Thalheim, mit dem Sie neulich das geheime Geschft abzumachen hatten,
wodurch Sie so verstimmt, und deshalb so unhflich geworden waren. Ach, ich wei
es noch recht gut. Sie drohte dabei lchelnd mit dem Finger, und fuhr dann
weiter fort: Sie kommt das erste Mal zu mir, vielleicht ist es ihr erster Gang
die Treppe herauf, und das wird sie zu sehr angegriffen haben.
    Jaromir verstand die Ursache von Amaliens Zustand besser, er schwieg jetzt,
und griff nach seinem Hut, whrend eine eingetretene Kammerfrau sich um die
Ohnmchtige beschftigte.
    Warum wollen Sie nun pltzlich fort? fragte Bella.
    Es ist besser, ich gehe jetzt, fragen Sie weiter nicht, antwortete Jaromir
in einem sanften Tone, aber mit jenem eigenthmlichen entschiedenen Ausdruck der
Stimme, welcher keinen Widerspruch gestattet. Er warf noch einen Blick zurck
auf Amalie und ging.
    Dieser Blick brachte sie wieder zum Bewutsein. Sie schlug in demselben
Moment die Augen auf, als er die seinen eben wegwandte, und hastig das Zimmer
verlie.
    Er geht, flsterte sie leise, dann suchte sie sich zu fassen, und stand
auf.
    Ist Ihnen schon besser? fragte Bella, indem sie sich wieder nach ihr
umgewandt hatte.
    Ich bitte um Vergebung, da ich gestrt habe - man wie mich sogleich in
dieses Zimmer, es war nicht meine Schuld, da ich eintrat - ich wute nicht, da
ich noch so schwach war.
    Amalie sagte dies mit zitternder Stimme, aber nicht ohne leise Bitterkeit,
welche der Sngerin nicht entging. Sie konnte aber eher dazu jeden anderen Grund
vermuthen, als den wahren, denn wie htte sie je glauben knnen, da Jaromir, um
dessen freundliches Lcheln sich so manches schne Weib umsonst bemhte, er, der
in den hchsten Zirkeln lebend, schon von Manchem angewidert ward, was dem
anmuthigsten und, wenn man so sagen will, sthetischsten Luxus nicht gengte,
da er, der Alles besa, was ein Leben beneidenswerth machen kann, Reichthum und
Standesvortheil, Ruf und Ruhm, Jugend und Schnheit - in irgend einem Verhltni
stnde zu einer armen, beinah hlichen Frau, welche jetzt Krankheit und Elend
fast zehn Jahre lter erscheinen lieen, als sie wirklich war? - Bella nahm
Amaliens Ohnmacht fr ein wahres Zeichen einer noch nicht gehobenen Krankheit,
und den bittern Ton ihrer Stimme schob sie auf Rechnung eines kleinbrgerlichen,
philistrsen Sinnes, welcher es unschicklich finde, eine Dame an der Seite eines
schnen Mannes allein zu treffen - und ob zwar sich Bella gestehen mute, da
durch Jaromirs pltzliches Entfernen es wirklich scheinen konnte, als htte sie
Ursache gehabt, sich nicht gern in seiner Nhe berrascht gesehen zu haben, so
verdro sie es doch, da Amalie, welche gewi kam, um ihr zu danken, ganz im
Gegentheil davon sie mit einer Art von Vorwurf begrte.
    Bella gerieth dadurch selbst unwillkhrlich in eine bittere Stimmung gegen
Amalien, welche sie gegen diese weniger freundlich erscheinen lie, als sie
auerdem gewesen sein wrde.
    Amalie begann wieder: Ich kam nur, um Ihnen zu danken -
    Lassen Sie das, fiel ihr Bella in's Wort und wollte noch Etwas beifgen,
als zum Glck fr die ziemlich peinliche Stellung, in welcher sich beide Frauen
einander gegenber befanden, Baron von Fly gemeldet ward, und auch sogleich
eintrat.
    Amalie bat um Erlaubni, sich entfernen zu drfen, um sich von der gehabten
Ohnmacht auf ihrem Lager zu erholen.
    Bella's Kammerfrau begleitete sie die Treppe hinab.
    Sagen Sie mir doch, begann Amalie mit vertraulichem Tone, obwohl dabei
ihre Stimme merklich zitterte, kommt der Graf oft zu Ihrer Dame?
    Meinen Sie den Grafen Szariny oder den Herrn, welcher eben jetzt kam? Sie
wohnen mit uns in einem Haus, und sollten nicht wissen, was die ganze Stadt
wei? gegenfragte die Kammerfrau.
    Mein Gott, so ist es wohl ihr Verlobter? - Den Graf Szariny mein' ich,
sagte Amalie immer aufgeregter.
    Die Antworten der Kammerfrau blieben unbefangen: Nun, das geht doch wohl
nicht so schnell - eh' sich eine so gefeierte Sngerin, wie meine Herrschaft, zu
einer Heirath entschliet, kann schon manches Jahr vergehen, und ein eben so
gefeierter, als reicher Graf, wie dieser, findet es auch bequemer, den Liebhaber
zu spielen, als den Ehemann. Die Sache ist einfach die, da er schon in Berlin
meiner Dame ihr grter Gnstling war, und da er ihr hierher nachgereist ist,
um es wieder zu sein. - Natrlich ist meine Dame durch diesen Beweis von
Anhnglichkeit sehr gerhrt, denn sie wei recht gut, da es dem Grafen an
Eroberungen weiblicher Schnheiten weder jemals gefehlt hat, noch fehlen kann,
da er neben allen seinen bestechenden Eigenschaften zugleich eine sehr glnzende
Partie ist - daher kommt es denn, da sie sich von ihm sogar manche unhfliche
Sonderbarkeit gefallen lt, die sie niemals einem andern Mann nachsehen wird. -
- Aber es scheint, als wrde Ihnen wieder unwohl? Sie zittern ja so, halten Sie
sich fester an mich, damit Sie nicht etwa auf der Treppe hinsinken.
    Amalie zitterte allerdings heftig - sie dachte aber immer noch, sie habe
nicht recht gehrt, es sei vielleicht doch noch ein Irrthum mglich, und fragte
wieder:
    Sie nannten den Grafen reich - ich habe geglaubt, er sei sehr arm - er habe
in Polen Alles verloren.
    Sie scheinen sehr ber den Grafen unterrichtet. - Haben Sie ihn gekannt?
    Nein, nein! - Aber man hrt doch, was die Leute reden.
    Er hat sein Vermgen wieder; jetzt ist es gewi, da er sehr reich ist -
aber ich habe ihn manchmal darber scherzen hren, wie elend er frher gelebt -
dadurch ist er den Leuten nur noch interessanter geworden.
    Leben Sie wohl, sagte jetzt Amalie schnell, indem sie vor ihrer Thre
stand, und deren Schlo hastig erfate, wie um sich daran zu sttzen, ich danke
fr Ihre Begleitung.
    Sie ffnete schnell, ging hinein, verschlo die Thre wieder hinter sich,
und warf sich mit einem lauten. Schrei und krampfhaften Zucken auf ihr Bett.
    Sie war allein.
    Erst fhlte sie gar Nichts.
    Dann kam sie nach und nach zum Gefhl, zum Gefhl eines einzigen
riesenhaften Schmerzes.
    Dann dachte sie ber diesen Schmerz, ber sein Entstehen, seine Ursachen,
ber Alles, was sie soeben erlebt, ber Alles, was sie soeben gehrt hatte.
    Es schien ihr Alles pltzlich klar geworden: Jaromir hatte sie vergessen -
er war reich geworden, er lebte in einer andern, in der groen Welt, er dachte
ihrer nicht mehr, er verachtete sie vielleicht jetzt, und prie das Schicksal
und ihre Untreue, die ihn vor einer Mesalliance bewahrt hatten. Er liebte Bella
jetzt, wie einst sie, und war um Bella's willen hierher gekommen, um Bella's
willen an diesem Hause vorbergegangen - und sie hatte geglaubt, es sei das
unerloschene Feuer der Liebe fr sie selbst, was ihn dazu treibe, sie hatte ihm
die Blumen zugeworfen, und wer wei, wie er sich darber lustig gemacht hatte -
sie hatte ihn zu sich beschieden, und er war gekommen, aus Mitleid gekommen -
nur aus Mitleid, wo sie an Sehnsucht gedacht hatte. Vielleicht war er von ihrem
Sterbebette in Bella's Arme geeilt, und hatte ihr die Scene, die sie sich so
erhaben gedacht hatte, als eine Lcherlichkeit erzhlt - hatte ihre Armuth
gesehen, und das Geld, was Amalie durch Bella empfing, war gewi aus seinen
Hnden gekommen, er hatte vielleicht diesen Weg gewhlt, um sich so nicht
verrathen und die Gabe abgewiesen zu sehen - und deshalb hatte sie Bella in
ihrem Billet gebeten, es dem Gatten zu verheimlichen - wie sie bei diesen
Gedanken ankam, verhllte sie ihr Gesicht, und schrie auf:
    Es giebt keinen grern Fluch, als die Armuth!
    Sie htte so gern das Geld zurckgegeben, das sie nun so drckte und so
beschmte und so demthigte - aber sie war es nicht mehr im Stande, sie besa es
nicht mehr, sie hatte es ausgegeben. Und wo war die Mglichkeit, bald im Besitz
einer gleichen Summe zu kommen?
    Die Armuth darf ja keinen Stolz und keine Scham haben, sagte sie sthnend
zu sich, was bei den Reichen Tugend und Recht ist, ist bei den Armen Verbrechen
und Unrecht.
    Von diesem einen Augenblick an war ihre Liebe zu Jaromir in Ha umgewandelt.
    Sie war es zufrieden, ja sie war froh darber, da sich Thalheim von ihr
trennen wollte. Fr sie sorgen wrde er, das wute sie - seine Gegenwart aber,
seine Nhe vermogte sie, wie nun sich Alles vor ihren Blicken enthllt hatte,
noch weniger ohne Scham zu ertragen, als selbst damals, wo sie ihm das
Gestndni gemacht hatte, ihn nicht zu lieben. Denn wie sich jetzt Amalie in
ihren eignen Augen gedemthigt fhlte, so fhlte sie sich es noch um so mehr
ihrem Gatten gegenber. Konnte er es nicht schon vielleicht lngst wissen, da
Szariny Bellas Geliebter sei, da er niemals mehr der einstigen Braut gedacht
habe, welche ihm die Treue gebrochen? - Amalie fhlte, da das, was ihr ihre
heiligsten Gefhle geboten hatten - ohne da sie selbst es geahnt, sie zu einer
Lcherlichkeit gefhrt hatte - und man wei, wie eher ein Unrecht Vergebung
findet, als eine Lcherlichkeit; darum konnte Amalie jetzt um dieser willen am
Meisten mit sich zerfallen. Von einer zu bereuenden That sich wieder zu erheben,
wrde sie Kraft gefunden haben - aber von einer Handlung, welche sie nicht als
eine unbesonnen Fehlende, sondern als eine eitle Thrin erscheinen lie,
vermogte sie nicht, ihre niedergeworfenen Gefhle wieder aufzurichten. - Sie
fhlte das Alles schon in dieser ersten Minute der bittern Enttuschung, und wie
um ihrem Groll nur in Etwas Luft zu geben, ffnete sie hastig eine Commode, nahm
aus derselben ein kleines verschlossenes Kstchen, ffnete auch dieses, welches
Briefe und verwelkte Blumen enthielt. Es waren Liebespfnder von Jaromir. Sie
nahm sie heraus, ffnete die kleine Thre des Ofens und warf die Blumen da
hinein. Auch die Briefe wollte sie folgen lassen. Pltzlich aber zog sie die
Hand wieder zurck, that die Briefe wieder in das Kstchen, und murmelte fr
sich:
    Liebespfnder knnen ja auch zu Rachepfndern werden - ich werde sie
sorgfltig bewahren, wie sonst.

                                 VI. Trennungen


 Und ich sah's, und habe sinnend
 An das Einst und Jetzt gedacht:
 An ein Leben, das beginnend,
 Und ein Leben, das vollbracht. -
                                                                 Eduard Mautner.

Elisabeth und Pauline waren die Wohlthterinnen des kleinen Mdchens geworden,
welches bei jener Gartenscene, wo es nach Mamsell Paulinchen gefragt hatte, so
arg von den Pensionrinnen verhhnt worden war. Durch diese mein schaftliche
Handlung hatten sich jene Beiden einander sehr genhert, und einander
liebgewonnen, indem sie sich gegenseitig, was unter Mdchen so zarten Alters
allerdings selten ist, mehr Achtung abnthigten, als sich gerade Vertrauen
zollten. Die arme Christiane, so hie das Mdchen, welches Paulinens Schtzling
war und in Thalheims Dienst stand, hatte zuweilen ein Wort ber dessen
husliches Unglck fallen lassen, welches Elisabeth auf's Schmerzlichste
erschtterte. Ach, sagte sie dann wohl zu Paulinen, hast Du es gesehen, um
wie viel ernster und bleicher er jetzt geworden ist? - So tief kann Armuth
allein einen solchen groen Menschen nicht beugen, eher, eher kann dies
vielleicht - unglckliche Liebe.
    Kennst Du die Macht der Liebe? sagte Pauline. Mir klingt das Wort wie aus
einem Mhrchenlande, darin es wunderbare Formeln giebt, die man wohl niemals zu
lsen vermag, ja, welche vielleicht nicht einmal eine Lsung haben - aber die
Macht der Armuth, der bin ich schon hundertfach im Leben begegnet - ich glaube,
das ist eine furchtbare Gewalt, welche aus guten Menschen Verbrecher machen
kann, aus sanften Charakteren wthende und erbitterte, eine Macht, welche auch
die grten Geister so herabdrcken kann, da sie ganz und gar von dem Staube,
der sie wider ihren Willen herabzieht und seine Rechte fordert, bedeckt und
berwltigt werden.
    Es war im Garten, wo die beiden Mdchen so allein in einer Laube sprachen -
sie bemerkten nicht, wie Thalheim whrend Paulinens Rede sich ihnen genhert
hatte; noch verbargen ihn grne Ranken halb - auch hatten die Mdchen ihre Augen
auf den Boden geheftet, und sahen Beide sinnend nieder. Elisabeth drckte
Paulinens Hand, indem sie sagte:
    Vielleicht hast Du Recht - was ich Liebe nenne, mu immer nur erheben
knnen, ja, beseligen, allein durch sich selbst - aber die Armuth mu
niederdrcken, ja vielleicht gar vernichten.
    Aber es ist auch ein Segen darin fr die Andern, begann Pauline. Siehst
Du, wen Liebe unglcklich macht, den mu man es schon sein lassen - aber wer
durch Armuth unglcklich ist, dem kann man helfen - darum freue ich mich darauf,
wenn ich in das Vaterhaus komme, ich werde dort wohl den Armen, denen mein Vater
Arbeit und Brod giebt, noch manche Wohlthat erzeigen knnen. Wenigstens soll
dies mein Streben sein - es wird dort in der friedlichen Einsamkeit mein Glck
ausmachen. Die Gefhrtinnen hier haben oft gesagt, da ich mit ihnen Nichts
gemein habe, da ich zu den Niedriggeborenen gehre - so will ich es beweisen,
da es mein Stolz sein soll, eine Schwester dieser Armen zu sein.
    Thalheim hatte mit einem schmerzlichen Lcheln diese naiven Worte eines
unschuldigen Kindes angehrt, welches es sich so leicht dachte, Elend zu lindern
- aber um so mehr rhrte ihn diese edle kindliche Gesinnung, und indem er jetzt
vortrat, sagte er:
    Pauline - versprechen Sie es in die Hand Ihres Lehrers, niemals diesem
edlen Vorsatz untreu zu werden - versprechen Sie es mir, wenn nicht die
Schwester, doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein, und niemals
die schnen Regungen des Mitgefhls dadurch ersticken zu lassen, weil Sie
vielleicht gewaltsam daran gewhnt werden, das Elend um sich zu sehen, weil Sie
vielleicht eines Tages sich sagen werden: was ich thun kann, um die Noth zu
verringern, ist nur ein Tropfen, den ich hinwegschpfe von der Fluth des
Unglcks, die Alles berschwemmt - - - - versprechen Sie mir das in dieser
Stunde, wo ich Sie vielleicht zum letzten Male sehe!
    Gewi, ich verspreche es! sagte Pauline gefhlvoll, indem sie ihre Hand in
die seinige legte, die er ihr bot.
    Aber Elisabeth blieb regungslos sitzen, und sah ihn starr an, keines Wortes
fhig.
    Er fhlte diesen Blick, verstand, was er fragte, und sagte erklrend: Ja,
ich komme, um Abschied zu nehmen. Man hat mich aufgefordert, ein paar junge
Leute auf Reisen zu begleiten - ich fand es unnthig, vorher davon zu sprechen -
ich habe den Stellvertreter gefunden, der mich bei Ihnen ersetzt, und bin nun im
Begriff, in wenig Tagen abzureisen.
    Elisabeth war todtenbla geworden - sie senkte ihre Augen nieder, ffnete
ihre Lippen, als ob sie sprechen wollte, brachte aber kein Wort heraus.
    Auch fr Sie, sagte er, indem er sich zu Elisabeth ewandte, habe ich ein
letztes Wort. Sie werden dem Lehrer eine aufrichtige Mahnung gestatten -
besonders jetzt, wo wir ohne fremde Zeugen sind, und wo ich von ihnen scheide,
wo Sie bald meiner nur vielleicht wie eines ernsten Traumbildes gedenken
werden.
    Sie winkte ihm mit einem flehenden Blick, zu reden, aber selbst vermogte sie
Nichts zu sagen. Ihr Herz schlug laut und strmisch, ihre Zge versuchten
umsonst, die leisen Schauer, welche ber Stirn und Wangen glitten, durch den
Ausdruck der Ruhe zu verscheuchen.
    Meine erste Bitte, sagte Thalheim, ist an Beide. Versprechen Sie mir,
einander Freundinnen zu bleiben! - Ich war berrascht, aber erfreut, als ich
diesen Bund entstehen sah - versprechen Sie mir, ihn niemals zu lsen. Sie,
Pauline, bedrfen es, an ein starkes, muthiges Herz sich zu schlieen, und Sie,
Elisabeth, bedrfen eine sanfte und milde Seele, um sich ausruhend an sie zu
schmiegen - darum mssen Sie beisammen bleiben.
    Elisabeth umarmte Paulinen und Beide sagten: Wir geloben Alles! - Alles,
was Sie gebieten, fgte Elisabeth errthend hinzu.
    Vielleicht, sagte Thalheim, wird dieser Bund nicht ohne Prfungen sein -
und gerade deshalb freut er mich. - Sie werden Beide stark genug sein, sie zu
bestehen, Sie werden zu stolz sein, um Ihre Neigung irgend einem Vorurtheile
auszuopfern - wenn Sie das Leben kennen lernen, so werden Sie finden, da immer
das Beste den grten Kampf kostet aber auch nur das Beste ihn verdient - dann
wird es gut sein, wenn Sie sich vorher gebt.
    Er nahm Elisabeths Hand, sie zitterte krampfhaft in der seinen, er hielt sie
so fest, da sie nicht mehr zittern konnte, und sagte: Sie schrieben einmal
einen Aufsatz ber das Bibelwort: Wem Viel gegeben, von dem wird man Viel
fordern - beherzigen Sie das wohl - machen Sie die groen Erwartungen wahr, zu
denen Ihr Charakter berechtigt - und nun leben Sie wohl, und weihen Sie mir
zuweilen einen Augenblick freundlicher Erinnerung.
    Leben Sie wohl, sagte Pauline unter Thrnen, wir werden Sie niemals
vergessen, wir werden oft zusammen von Ihnen sprechen, vergessen Sie auch Ihre
Schlerinnen nicht ganz.
    Leben Sie wohl, antwortete Elisabeth - sah ihn noch mit einem
unaussprechlichen Blick an, und wie er ihre Hand los lie, warf sie sich an
Paulinens Brust.
    Thalheim verlie schnell den Garten.
    Jetzt erst brach Elisabeth in lautes Schluchzen aus - nach einer Weile sagte
sie: Es kann, es darf nicht sein!
    In diesem Augenblick kam Aurelie in den Garten und in die Laube. Ei, sagte
sie lachend, Ihr befindet Euch ja in einer ganz besonders zrtlichen Stellung -
wenn diesem weinerlichen Duo etwa ein schmachtendes Finale vorhergegangen, wobei
Thalheim, wie die Theaterkritiker sagen, einen glnzenden Abgang gehabt, so bin
ich froh, da er von mir in corpore mit den andern Mdchen Abschied genommen,
und mir nicht die Auszeichnung mit Euch zu Theil geworden ist.
    Die Beiden wrdigten sie keiner Antwort. Dies gefhllose Geschwtz Aureliens
drngte diese vollends und fr immer aus Elisabeths Herzen.
    Nun, das ist ja allerliebst, fuhr Aurelie spttisch fort, die Damen sind
nicht einmal mehr so hflich, zu antworten, und ich kam gutmthig genug hierher,
um Dir, Elisabeth, zu sagen, da ich mich wahrscheinlich verloben werde.
    Was ist das wieder fr ein schlechter Spa? fragte Elisabeth rgerlich,
und nachdem sie hastig ihre Thrnen zurckgedrngt hatte.
    Gar kein Spa - da ist der hbscheste Liebesbrief, das formellste
Anhalteschreiben vom Baron von Fly, derselbe, der sich auf den ersten Blick im
Theater sterblich in mich verliebt hat, mich dort fter gesehen, und im letzten
Conzert so Viel mit mir gesprochen hat. Er wei, da heute mein Theatertag ist,
und wenn ich ihm Hoffnung gebe, soll ich eine rothe Rose anstecken, auerdem
eine weie. Nach diesem Zeichen meines Einverstndnisses will er bei meinen
Eltern um mich anhalten. Ist das nicht allerliebst, mit sechzehn Jahren schon
die Braut eines so zierlichen Herrn zu sein? Damit er ja keinen Zweifel hat,
will ich lieber gleich einige rothe Rosen anstecken, und um mir diese zu holen,
kam ich eigentlich herab.
    Aber Aurelie - Du wirst doch keine leichtsinnige Uebereilung begehen?
sagte Elisabeth warnend.
    La jetzt Deinen Gouvernantenton, er macht keinen Eindruck auf mich, und
ich habe jetzt nicht einmal Zeit, Dich anzuhren, denn meine Toilette mu heute
besonders niedlich werden, und da brauch' ich wenigstens ein paar Stunden Zeit,
und habe also gar keine dazu brig, langweilige und abgeschmackte Moralpredigten
anzuhren.
    Und indem sie dies sagte, entfernte sich Aurelie trallernd und tnzelnd.
    Pauline, sagte Elisabeth, ich mu Thalheim noch ein Mal sehen - noch ein
Mal wenigstens! - La die kleine Christiane herkommen, wir knnen uns von ihr ja
Blumen bringen lassen - sie mu dann fr uns erfahren, wann Thalheim, und auf
welcher Strae er abreis't - das Weitere wird sich finden.
    Ein paar Tage waren vergangen - der Morgen von Thalheims Abreise war
angebrochen. Es war noch sehr frh. Amalie hatte ihm zum letzten Mal das
Frhstck bereitet, sie war ihm freundlich behilflich, wie er sich reisefertig
machte, aber sie sprachen Wenig zusammen. Die kleine Anna schlief noch sanft in
ihrem kleinen Bettchen. Sie hatte sich die Wangen roth geschlafen, und ihr
rechtes Hndchen ruhte auf ihren goldnen Locken - so glich sie einer rosigen
frischen Apfelblthe mit goldenen Fden. Der Vater neigte sich auf das Bettchen,
ganz verloren in den holden Anblick des theuern, einzigen Lieblings - eine
Thrne fiel aus des Vaters Augen.
    Ach diese Thrne! Wie viel Sorgen und Schmerzen lagen nicht darin, wie viel
bange Fragen an das Schicksal ohne Antwort, wie viel stumme Gebete gen Himmel.
    Er zog seine Hand an die andere Seite des Bettchens, er reichte ihr ber
dasselbe hinweg seine Hand.
    Das ist eine heilige Stelle, an der wir stehen, sagte er, ich kenne keine
heiligere. Ich verlasse Dich, weil wir jetzt nicht ohne Selbstvorwrfe,
Heuchelei oder Bitterkeit und Kummer neben einander zu leben vermgen - wir
werden so eher wieder Frieden finden, und vielleicht kommt noch ein Tag, der uns
wieder durch Vereinigung glcklich macht. - Aber unsere Anna! Von ihr scheide
ich mit schwerem Herzen. Du mut ihr nun Beides sein - Vater und Mutter
zugleich. Ach Amalie - nimm mir die Liebe unsres Kindes nicht! La es mein Bild
rein und treu bewahren, bis ich es wieder einmal selbst an das Vaterherz drcken
darf. La es fromm und gut werden, und stre den heitern Frieden seiner
Unschuldsjahre nicht. Versprichst Du mir, Alles das wenigstens zu versuchen?
    Ich verspreche, sgte sie gerhrt und drckte ihm die Hand. Wenn ich
Deinen Aufenthalt wei so werde ich Dir zuweilen von Anna schreiben - und sobald
sie es selbst kann, will ich sie lehren, den ersten Brief an ihren Vater zu
schreiben.
    So scheide ich ruhiger, sagte er, aber nun mu es sein - der Wagen wartet
unten. - Lebe wohl, Amalie, lebe wohl, Anna! Und er kte das Kind noch ein Mal
- es zuckte leise im Schlaf zusammen, aber schlief dennoch ruhig und ahnungslos
fort.
    Thalheim eilte die Treppe hinab, und sprang in den Wagen, in welchem Graf
Osten ihn auf sein Gut, wo sein Sohn des Reisebegleiters wartete, abholen lie.
    Es war ihm seltsam zu Muthe, unendlich traurig und unendlich leicht zugleich
- er hatte nun die Trennung hinter sich, mit all' ihrem Weh, und ein neues Leben
vor sich - aber er hatte sich auch aus alten Banden gerissen, die ihn einst
beglckt hatten - und immer mute er wieder an seine kleine Tochter denken, und
wie leicht Amalie sie falsch erziehen knnte - da wurde ihm bang und traurig zu
Sinn.
    Elisabeth hatte die Stunde von Thalheims Abreise erfahren. Sie fhlte nur,
da sie ihn noch ein Mal sehen msse - weiter war sie sich in Nichts klar, aber
dies Eine war bei ihr unumstlichste Gewiheit geworden.
    Beim ersten Morgengrauen war sie aufgestanden nach einer schlaflosen Nacht.
Sie hatte sich angekleidet, und war leise aus ihrem Zimmer durch den Corridor
und die Treppen hinab geschlichen. Alles im Hause schlief noch, und Todtenstille
herrschte. Sie weckte den schlafenden Portier: Oeffnen Sie mir die Hausthre!
sagte sie ihm. Der Portier zauderte. Sie gab ihm ein groes Geldstck und sagte,
auf den Nelkenstrau deutend, den sie in ihrer Hand hielt: Es gilt eine
Ueberraschung bei einem Geburtstage, ich habe Niemand ein Geheimni daraus
gemacht, und wenn ich zurckkomme, werde ich Alles verantworten.
    Geld ffnet ja so viele Thren - warum nicht auch die einer
Erziehungsanstalt? Elisabeth durfte sie ungehindert verlassen. Die
Entschiedenheit, mit der sie es als ein Recht verlangte, frappirte ihn - er
dachte, um das zu wagen, msse sie wohl wissen, da sie es wagen drfe - und so
ffnete ihr der Portier.
    Sie eilte hastig durch die noch ziemlich menschenleeren Gassen dem Thore zu,
durch welches Thalheim fahren wrde. Es war noch nicht fnf Uhr - um diese
Stunde hatte er fort gewollt - das rasche Klopsen ihres Herzens benahm ihr oft
fast den Athem, ihre Pulse bewegten sich fieberhaft, strmisch - sie hatte gar
keinen klaren Gedanken, nur auf einen Punkt richtete sich ihr Geist: sie mute
ihn noch ein Mal sehen - zum letzten Mal - alles Andere lag vor ihr in Nebel
gehllt, wie die Thler und Bche und all' die Fernen, ber welche der Morgen
erst leise aufdmmerte - nur die Berge hatte er schon mit blitzendem Sonnengold
gekrnt.
    Sie ging ein Stck auf der Strae fort bis zu einem kleinen Rasenhgel, auf
dem eine Steinbank zwischen hohen Lindengruppen angebracht war. Hierher setzte
sie sich, denn von hieraus konnte sie den Wagen schon von Weitem kommen sehen.
Sie nahm ihren Hut ab, und legte ihn auf die Bank, damit er sie nicht etwa am
Sehen hindere. Bange Minuten vergingen ihr - sie fhlte und dachte dabei aber
sonst Nichts, weil sie immer nur auf den einen Punkt der Gegend hinstarrte, von
wo der Wagen kommen mute, der Wagen, den sie so sehnlich erwartete, und vor
dessen Nahen sie doch auch wieder so zitterte, weil dann bald der Augenblick fr
immer vorber sei, wo sie noch ein Mal vor dem theuern Menschen gestanden.
    Jetzt wirbelten Staubwolken auf - ein zurckgeschlagener Wagen ward sichtbar
- ein einzelner Mann sa darinnen - er war es - sie sprang auf den Wagen zu, wie
er bei ihr vorberfliegen wollte, warf den Strau hinein, und rief: Mein
Lehrer!
    Er befahl hastig, den Wagen zu halten - er sprang heraus.
    Sie hier, Elisabeth? fragte er sanft im Tone der hchsten Verwunderung.
    Sie stand zitternd vor ihm mit gesenktem Blick, und wie die Morgenrthe am
Osthimmel aufflammte, so erglhte auch ihr Gesicht wie im sanften Wiederschein -
und gleichsam, als fhle sie jetzt bei Thalheims Befremden ber ihr Hiersein,
da der Schritt, den sie gethan, vielleicht nicht nur ungewhnlich, sondern auch
unmdchenhaft sei, hauchte sie leise Vergebung und senkte ihr Haupt auf seine
Hand herab, welche die ihrige hielt, so da sie in einer gebeugten, halb
knieenden Stellung vor ihm verharrte, bis er selbst sagte:
    Richten Sie sich auf, Elisabeth, Sie haben mir vielleicht noch Etwas zu
sagen, zgern Sie nicht - ist es ein Wunsch, vielleicht ein Auftrag, ich werde
wenigstens versuchen, Ihnen Nichts unerfllt zu lassen.
    Sie richtete sich pltzlich auf mit aller Kraft, welche ihr zu Gebote stand,
und sagte unter Thrnen, lchelnd: Ich habe um Nichts bitten wollen, als da
Sie diese Blumen mitnehmen - Nelken sind ja Ihre Lieblingsblumen - und deshalb
kam ich hierher - und zu einem letzten Lebewohl.
    Sie hatte diese Worte mit ruhiger Fassung gesagt: Ich werde Sie niemals
vergessen, Elisabeth - ich habe es sie immer ahnen lassen: Sie sind meine
theuerste Schlerin gewesen, und es wird mir eine se Genugthuung sein, wenn
Sie mir ein freundliches Andenken bewahren.
    Sie zitterte, und vermogte Nichts zu antworten, er nahm ihre Hand, fhrte
sie zu der Steinbank unter den Linden, und sagte: Ruhen sie hier aus in der
schnen Morgenfrische, und lassen Sie uns Beide dieser Stunde ein dauerndes
Andenken bewahren. Leben Sie wohl und glcklich.
    Leben Sie wohl! rief sie ihm noch nach, als er sie hastig verlie und in
den Wagen sprang, blieb aber wie angewurzelt auf der Bank sitzen, an welche er
sie gefhrt hatte.
    Der Wagen rollte davon.
    Sie sah ihm starr nach - wie er ganz verschwunden war, glitt sie von der
Bank herab auf ihre Kniee, drckte die bleichwerdenden Wangen auf die kalte
Steinplatte der Bank, und lie ihr Antlitz von den feuchtgewordenen Locken
verhllen. So lag sie regungslos da. Ihr schwarzes Morgenkleid umflo weit, wie
das Trauerkleid einer Berin, die knieende Gestalt.
    Nachdem sie eine lange Weile so gelegen, hauchte sie: Nun ist Alles aus,
und wollte sich langsam erheben. Da - pltzlich, wie sie ihr Gesicht wandte,
blickte sie in ein paar Augen, in welche sie schon ein Mal geblickt - sie
erschrak - denn eine hohe Mnnergestalt hatte sich ber sie geneigt - sie
bemerkte es erst jetzt, als sie rasch und erbebend aufsprang.
    Es war Jaromir von Szariny, welcher sich ihr genhert hatte.
    Jaromir war nicht frh aufgestanden - fr ihn war der heutige Tag noch
gestern. Er hatte die Nacht mit Bekannten bei einem Trinkgelag zugebracht - er
hatte wieder einmal fr die Leere, die Unbefriedigtheit seines Herzens
Vergessenheit gesucht in den goldnen Fluthen des Weines - er hatte sie auch
gefunden, er hatte sich einige Stunden unbeschreiblich amsirt, und wie Einer
nach den Andern lrmend oder stumm gegangen war, so war er doch noch geblieben,
und hatte Fly und noch ein paar andere Herren mit zurckgehalten. Endlich
waren sie auch aufgebrochen. Drinnen das groe, durch geschlossene Laden gegen
das Morgengrauen verwahrte Zimmer, in welchem Cigarrenrauch mit hellem Gaslicht
kmpfte, in welchem der Dunst starken Weines und dampfenden Grogs eine
betubende warme Luft hervorbrachte, hatte wohl zu dieser nchtlichen Orgie
gepat. - Aber wie pate zu dieser Aufregung derer, welche sie gefeiert, nun die
frische Morgenluft, in welche sie traten? Der reine, blaue Himmel mit dem
sanften Morgenroth und ziehenden Silberwlkchen ber ihnen? - Die geschftige
Thtigkeit, mit welcher die vom Schlaf noch rothen und frischen Gesichter der
Dienstmdchen, welche zum Brunnen liefen? Wie die frhlichen Morgenlieder, mit
welchen die Handwerker zur Arbeit gingen? Wie das guten Morgen, was
Vorbergehende ihnen zuriefen? Gute Nacht! sagten die vorhin so Heitern und
Glcklichen pltzlich belgelaunt und verstimmt zu einander, und an den
verschiedenen Straenecken sich trennend, ging Jeder, verdrielich vor sich
ausschauend, den Weg nach seiner Wohnung.
    Jaromir war pltzlich ernchtert - vielleicht auch noch nicht ganz - er
fhlte nur auf ein Mal wieder, da sich eine Last auf sein Herz senkte, welche
er vorhin fr immer abgeschttelt zu haben meinte. So fremd und unharmonisch er
jetzt seine eigne, verstrte Erscheinung fand in und mit dieser frischen,
thtigen Morgenwelt - so unharmonisch kam ihm wieder sein ganzes Sein zur ganzen
groen Erdenwelt, so unharmonisch seine innere Sehnsucht zu seiner Stellung im
Leben, zu seiner Umgebung, der Gesellschaft vor - in seiner innern Gefhlswelt
vernahm er wieder nur lauter schrillende Mistne - er fhlte, da er heute noch
ganz derselbe zerrissene Mensch sei, wie gestern, ja da er dies Bewutsein
heute nur tiefer hatte, als jemals. - Und so war er denn jetzt auch wieder
unglcklicher und nchterner als jemals erwacht aus dem kurzen Taumel des
Vergngens.
    Er htte heimgehen, und den Morgen verschlafen knnen, wie andere Male, sich
in sein Lager vergraben, damit er auf ein paar Stunden wenigstens Nichts sehe
und hre von dieser Welt, deren Treiben ihn eben jetzt so anekelte - aber er
kehrte wieder um, als er an seiner auch schon offen stehenden Thre ankam, und
eilte die Strae entlang, durch das Thor, hinaus in's Freie.
    Erst verdro ihn die Lerche, die jubelnd neben ihm aus der Saat aufwirbelte,
und sich in's Blaue des Himmels hineinstrzte - verdro ihm der Thau, der in
luftigen Silberketten von Grashalm zu Grashalm schwebte, sah er die Blumen, die
gro und wunderbar dem jungen Sonnenstrahl entgegen die Augen aufschlugen,
verdrielich an. - Aber wie er so hastig immer weiter lief, und auf eine Hhe
kam, von welcher herab er pltzlich einen weiten Blick thun konnte in die ganze
lachende Gegend hinein: da ging ihm pltzlich das Herz auf - da fhlte er, da
die Erde so schn sei, und die Natur so reich - und immer heller ward sein
Blick, und er sah die Natur an, wie eine erste, jungfruliche Geliebte, von der
ihn lange ein feindliches Schicksal und der eigne unstte Sinn getrennt - die
aber jetzt ihm entgegentrat in aller Anmuth einer erblhten Schnheit, und ihn
wieder zu sich zu ziehen strebte an ihre treue Brust. - Da war ihm, als habe er
hastig hintereinander viele Masken im wechselnden Spiel getragen, bald habe er
sich fr einen Salonmenschen, bald fr einen Trunkenbold bald fr einen
theatralischen Liebhaber, bald fr einen leidenschaftlichen Spieler ausgegeben,
und so immer wieder eine Maske mit der andern vertauscht - jetzt aber hatte er
sie alle weggeworfen, und in dem Spiegel, welchen ihm die Natur vorhielt,
schaute er sein wahres Gesicht - er fhlte sich wieder, er erkannte sich wieder
- er war ein Poet! -
    Er war nicht mehr in Verzweiflung, er verachtete sich nicht mehr selbst, wie
vorher, aber er fhlte, da sein Herz schmerzlich allein sei - allein,
unverstanden, und da in der Sehnsucht, die Wnsche des Innern zum Schweigen zu
bringen, eben dieses Herz sich so oft zum Unwrdigen verirrte. Er versank in
tiefes Sinnen - endlich schienen seine Gedanken und Gefhle zu dem Resultat zu
kommen, das er leise vor sich hin sprach: Ideale, wie ein Dichterherz sie
trumt, giebt es in der Wirklichkeit nicht - und einer wirklichen Erscheinung
das Ideal, das ich ersehne, anzudichten - dazu reicht meine Phantasie nicht mehr
aus!
    Wie er das gesagt hatte, war er auf der andern Seite der Hhe
herabgeschritten - er stand jetzt auf dem Hgel, wo zwischen den Linden sich die
Steinbank befand, vor welcher Elisabeth auf die Kniee hingeworfen lag.
    Er blieb hastig, beinah erschrocken stehen - er erkannte sie wieder.
    Es war dieselbe hohe Jungfrau, welcher er begegnet war, als er von dem
erschtternden Wiedersehen Amaliens gekommen war. So begegnete ihm diese schne
Erscheinung zum zweiten Male - ja zum zweiten Male in einem Moment, wo in ihm
all' seine Gefhle im Sturm sich erhoben hatten. Aber wie anders jetzt, als
damals! Damals hatte ein leuchtender Friede auf ihrem Gesicht gelegen, mit
festen, leichten Schritten war sie an ihm vorbergegangen - jetzt lag sie hier
hingeworfen, wie innerlich vernichtet - ihre goldenen Locken bemhten sich
vergebens, ihre Thrnen zu verschleiern, ihre gefalteten Hnde zeugten wohl vom
Gebet, aber doch von keinem Gebet, das Frieden und Erhrung gefunden.
    Langsam nherte er sich ihr, bis er ganz dicht neben ihr stand - da fuhr sie
auf, und ma ihn mit einem langen, fragenden Blick der Bestrzung.
    Sie sind noch so jung, und schon so unglcklich? sagte Jaromir mit der
sanftesten Stimme des Mitgefhls.
    Sie griff nach ihrem Hut, und wollte sich rasch entfernen, ohne zu antworten
- da warf sie unwillkhrlich noch einen vorbergehenden Blick auf ihn - und er
erwiderte ihn so aus tiefster Seele, so ernst und voll innigster,
schmerzlichster Theilnahme, da sie leise sagte: Schonen Sie mich! und wieder
in einen Strom von Thrnen ausbrach.
    Frchten Sie keine beleidigende Annherung von mir, sagte er mit sanftem
Ernst, ich werde Sie nicht stren, wenn Sie in diese morgentliche Einsamkeit
flchteten, um Ihren Schmerz auszuweinen - glauben Sie mir, ich kenne das, und
ich wei jede Thrne zu ehren! Bleiben Sie hier, ich stre Sie nicht, mein Weg
fhrt nach der Stadt.
    Ich kann nicht lnger hier bleiben, ich mu zurck! sagte Elisabeth.
    Nun dann, antwortete er, will ich bleiben an dieser Stelle, welche
Thrnen geheiligt haben.
    Ich danke Ihnen, Sie scheinen auch nicht glcklich - mgen Sie an dieser
Stelle mehr Beruhigung finden, als ich. Nachdem sie diese Worte gesagt hatte,
entfernte sie sich hastig.
    Er setzte sich auf die Bank, welche sie verlassen hatte, sah ihr nach, und
berlie sich dann wunderlichen Trumen.

                                VII. Ein Empfang


 O, meiner Mutter blasse Wangen,
 Im ganzen Haus kein Stckchen Brod!
 Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen -
                                                          Ferdinand Freiligrath.

Das Jahr hatte sich seinem winterlichen Ende genaht. Elisabeths sehnlichster
Wunsch war, aus dem Institut, in dem ihr der Aufenthalt, nachdem es Thalheim
verlassen, unertrglich schien, sobald als mglich zu scheiden. Ihre Eltern
hatten diesen Wunsch erfllt. Sie verlie die Residenz zu Weihnachten mit
Paulinen zugleich.
    Aber sie reis'ten in verschiednen Wagen, und zu verschiedenen Stunden ab.
Vielleicht, sagte Pauline bei'm Scheiden, vermgen wir uns in der ersten Zelt
nicht wiederzusehen; wir wollen uns aber ein groes Zeichen unsres
Einverstndnisses geben, ein Zeichen, das unsere ganze Umgebung sehen soll: wir
wollen am Christmorgen den armen Kindern bescheeren, Du denen des Dorfes, ich
denen unsrer Fabrik. Willigst Du ein?
    Von ganzem Herzen - es wrde Thalheim freuen, wenn er unsern Entschlu
ahnen knnte - aber wir werden uns bald wiedersehen, wir werden einander
bleiben, was wir uns bisher gewesen sind. Die Freundinnen fielen einander noch
ein Mal in die Arme, und Pauline fuhr zuerst davon; bald folgte auch Elisabeth.
    Pauline athmete frei und leicht auf, als sie die Residenz hinter sich hatte.
Sie hatte dort auer Elisabeths Freundschaft, welche ihr doch auch erst in der
letzten Zeit zu Theil ward, Nichts als Krnkungen erfahren, sie hatte sich
berall zurckgesetzt gesehen - nur weil sie aus brgerlichem Stande war. Nun
war sie geschtzt gegen all' die bittern Wirkungen dieser festsitzenden
Vorurtheile, denn das traute Vaterhaus erwartete sie. Wie sehnte sie sich nach
dem heitern Frieden dieses lndlichen Lebens, wie freute sie sich, in die Arme
ihres theuern Vaters zu fliegen, den sie so lange nicht gesehen hatte. Mit
welcher Zrtlichkeit und Umsicht gedachte sie seinen Wnschen nachzukommen, wie
wollte sie sein Alter erfreuen und erheitern! - Seit ihren Kinderjahren war sie
nicht wieder in die Fabrik des Vaters gekommen, wenn auch dieser selbst sie hier
und da besucht hatte. Sie besa ein groes Bild von dieser Fabrik. Wie schn
erschien darauf das von Bumen umgebene palastartige Wohnhaus - daneben die
nicht minder groen Gebude mir den vielen hohen hellen Fenstern, hinter denen
viele Maschinen und Hunderte von Menschen arbeiteten! Wie malerisch nahmen sich
auf diesem Bilde die Htten aus, welche die Arbeiter bewohnten - und in der
Mitte des hofartigen Platzes der kleine Thurm mit der Uhr, welche man weithin
sehen konnte, und der groen, freischwebenden Glocke. Auch ein prachtvoller
Garten mit Terrassen blhender Blumen und seltner Bume fehlte nicht. Und
dieser reizende Aufenthalt, dachte Pauline, wird mein bleibender Aufenthalt
sein, ist meine Heimath! Wie glcklich werde ich sein! - Jetzt freilich war es
Winter, wie sie ankam. Sie reis'te allein, ihr Vater und ihr ltester Bruder
hatten nicht Zeit gehabt, sie abzuholen - ihr jngerer Bruder wurde selbst erst
spter erwartet. Es that ihr doch leid, da der Vater keine Zeit hatte fr sein
Kind, das er so lange nicht gesehen - doch sie dachte, es msse wohl einmal so
sein, und beruhigte sich dabei. - Sie hatte einen Tag lang zu fahren. Es war
Abend geworden, als sie auf der Hhe ankam, von welcher aus sie die Fabrik
zuerst konnte liegen sehen.
    Da, sagte der Kutscher, und zeigte auf die seitwrts liegende Ebene, in
welche sie jetzt einen Blick thun konnten.
    Dort ist das Haus des Vaters! rief Pauline jubelnd, klopfte frhlich in
die kleinen Hnde, und eine Thrne der Rhrung und Freude fiel aus ihren Augen.
Aber was ist denn das? sagte sie nach einem Weilchen, als sie genauer
hingesehen hatte, so helles Licht kann doch nicht in allen Zimmern sein? Und
sogar drauen die Terrassen schimmern hell, und am Himmel breitet sich ein
lichter Schein ber das Ganze aus.
    Ei, ja doch, sagte der Kutscher, der Herr Vater hat Ihretwegen
illuminiren lassen. Das nimmt sich ganz schn aus!
    Der gute, liebe Vater, wie lieb er mich haben mu! sagte Pauline immer
frhlicher und gerhrter.
    Ja, er hat es sich Etwas kosten lassen, Sie recht groartig zu empfangen,
versetzte der Kutscher wieder.
    Sie hatten nur noch eine kleine halbe Stunde zu fahren - dann fuhren sie an
den ersten Husern vorbei, welche von Fabrikanten bewohnt waren.
    Da kommt sie! rief eine Schaar versammelter Kinder, und nherte sich mit
Hallogeschrei dem Wagen.
    Macht keinen solchen Lrm! sagte eine barsche Mnnerstimme.
    Lassen Sie den guten Kindern immer ihren Spa, sagte Pauline zu dem Wagen
heraus, der jetzt langsam fuhr, damit die Pferde vor dem nahen Lichtglanz sich
nicht scheuen mgten. Lassen Sie die Kinder, ich freue mich, wenn sie mich mit
solchem Jubel empfangen.
    Ein grobes, bittres Gelchter antwortete diesen Worten, es klang Paulinen so
unheimlich und widerwrtig, da sie sich beinah erschrocken in eine Wagenecke
zurckzog. - Halt's Maul, Canaillen! antwortete der Kutscher auf dies
Gelchter und knallte drohend mit der Peitsche.
    Pauline erschrak vor diesen derben Redensarten eben so sehr, wie vor dem
Gelchter, und wnschte um Alles bald vor dem Wohnhaus zu halten. Bis dahin war
aber immer noch ein gutes Stck zu fahren.
    Ein paar zerlumpte Frauen, die Eine von ihnen ein schreiendes Kind auf dem
Arm, saen auf einem Stein, an dem der Wagen nahe vorbei kam. Eine Rakete stieg
als Zeichen der Ankunft vor dem Thurme auf, und die Glocke wurde gelauten.
    Gar noch Feuerwerk! sagte die Eine der Frauen. Machen's denn die Lichter
nicht hell genug, unser Elend zu beleuchten?
    Das ist doch wahrer Spott, versetzte die Andre, lt sein sndhaft
erworbnes Geld lieber in Feuerkugeln aufgehen, als da er sich unsrer Noth
erbarmte.
    Lat's nur gut sein, Else, sagte ein zerlumpter Mensch, der hinzutrat,
der Feuerstrahl schreit fr uns um Rache zum Himmel auf - und mag sich der
Himmel nicht erbarmen, nun zum Teufel auch, wir haben ja Fuste! Sind schwielig
von der Arbeit geworden, werden schon gut dreinschlagen knnen - und er schwang
die Arme drohend in der Luft. Weiter fuhr er fort: das sag' ich, Else, wenn Dir
der Wurm auch noch verhungert an der Brust, wie die Andern, die auf dem Kirchhof
liegen - da seh' ich nicht mehr mit ruhig zu.
    Pauline hrte das Alles mit Grausen - Schrecken und Angst erfate sie - sie
ri hastig den Geldbeutel aus ihrer Tasche, nahm das Geld, was sich darm befand,
heraus, ein paar Thaler in kleiner Mnze, und warf es zum Wagen heraus:
    Nehmt, nehmt, wenn Ihr wirklich so arm seid, und seid nicht bse, wenn es
nicht mehr ist! rief sie hinaus mit ihrer kindlichen, von noch nie empfundnem
Schauer bebenden Stimme.
    Sie hrte nur noch, wie die Leute mit einem thierischen Freudengeschrei sich
nach dem Gelde bckten, dann darum schlugen und zankten. Sie drckte den
Sammthut fester an ihre Ohren, um nur diese rohen Stimmen nicht lnger zu
vernehmen. Sind wir denn noch nicht vor dem Haus? rief sie vor Angst
ungeduldig dem Kutscher zu. Wir wellen doch schneller fahren.
    Ein Betrunkner wankte noch vorbei und sang ein freches Lied. - Fahr zu,
Kutscher! rief Pauline auer sich.
    Nun, was ist's denn weiter? sagte der Kutscher kopfschttelnd. Das
Fabrikvolk ist einmal nicht anders, so hrt man's alle Tage, das werden Sie
schon noch gewohnt werden.
    Endlich war das berstanden - der Wagen hielt.
    Zwischen der Hausthre stand der Vater der Ankommenden. Herr Felchner war
ein kleines, mumienartig zusammengetrocknetes Mnnchen. Seine Gesichtsfarbe war
gelb, die Haut lederartig und in vielen Runzeln zusammengezogen, die Nase war
ungemein spitzig, und zwischen ihr und der Stirn befand sich ein tiefer
Einschnitt. Die Augen lagen dicht bei einander, sie waren klein, grau und
stechend, und konnten, ohne gerade schielend genannt zu werden, nach beiden
Seiten verschiedene Blicke auf verschiedene Gegenstnde werfen. Die Augenlider
zeigten in diesem fahlen Gesicht die einzige Spur von Roth auf, besonders in den
Winkeln. Die Augenbrauen trafen ber der Nase fast zusammen, und waren buschig
und grau, die Haare spielten ebenfalls aus lichtem Braun in Grau hinber, waren
nur sehr sprlich und dnn, ebenso der Backenbart, den man eigentlich nur einen
Versuch dazu nennen konnte, denn in der Nhe des Ohrlppchens erschien er wie
frmlich ausgerissen - oberhalb und unterhalb dieser Stelle fanden sich aber
einige Haarpartieen, die jedoch mehr einzelnen Stachelbschen glichen, als einem
Bart. - Herr Felchner trug einen grauen, abgetragenen Ueberrock, auf dem die
Nhte wei schimmerten, und die Aermelaufschlge von langem Gebrauch spiegelhaft
glnzten, jeder seiner Knpfe war gewissenhaft zugeknpft vom obersten bis zum
untersten Knopf, den dritten ausgenommen, weil das zu diesem gehrige Knopfloch
ausgerissen war. Ein beschmuztes, bis zur Schmalheit eines Strickes
zusammengedrehtes Halstuch von weier Leinwand befand sich unter dem spitzen
Kinn, die drren Beine umgaben weit umschlotternde Beinkleider, welche nur bis
zum Knchel reichten, grauwollne Socken und ein paar buntgestickte Schuh, an
derem einen sich der Lederbesatz an der rechten Seite widerspenstig von dem
bunten Zeug getrennt hatte, so da er noch wie eine zweite verschobene oder zu
breite Sohle erschien - dies war das vollstndige Bild eines Mannes, dessen
Vermgen man nicht mehr nach Tausenden, sondern nach Millionen zhlte, welcher
neben dieser Fabrik, die er selbst bewohnte und verwaltete, noch im Ausland
groe Fabriken besa, und dessen Reichthum Tausende von Menschen, denen er
Arbeit und Elend zugleich gab, zu weien Sklaven erniedrigte. Das war der Mann,
welcher eine von solcher ahnungslosen reinen Kindlichkeit, einem so heitern
Vertrauen fr die Menschen und das Leben erfllte, mit einer so warm fr alle
Menschen, fr all' ihr Glck und ihre Noth schlagendem Herzen begabte Tochter
besa, wie Pauline.
    Guten Abend, mein Kind! sagte er munter und zrtlich, als Pauline rasch
aus dem Wagen in die Hausflur sprang, und sich in die Arme des harrenden Vaters
warf. Guten Abend, mein liebes Kind! - Aber Du siehst mir ja ganz erfroren und
bla aus, bist Du nicht warm angezogen? 's ist ja eben fr eine Decembernacht
gar nicht kalt. Nun komm nur herein in die Stube, da wird Dir schon warm werden,
oder willst Du, ehe wir essen, erst oben in Deinen Stuben ablegen, mein
Pppchen?
    Nein, das ist nicht nthig, sagte Pauline.
    Nun, so komm nur herein, Kind, Du zitterst ja am ganzen Leibe! Und der
Vater schob sie in die groe Stube im Erdgescho, wo der Tisch gedeckt war.
Warum sie so zitterte, und so bla aussah, konnt' er freilich nicht wissen.
    Die groe Stube war einfach eingerichtet, besonders trugen die Dielen Spuren
von vielen schmuzigen Stiefeln. An der Oeffnung, aus welcher der heie
Luftstrahl der Dampfheizung hereinstrmte, stand Georg, Paulinens ltrer Bruder,
und lie sich den heien Strom an den Rcken wehen. Sie lief auf ihn zu und
umarmte ihn. Er erwiderte den Gru kalt, und als sie freundlich zu ihm sagte:
Nun, wie geht es, lieber Bruder? Wir haben uns lange nicht gesehen! antwortete
er finster:
    Wie soll's gehen? Es sind schlechte Zeiten, da wei man wohl wie's gehen
kann!
    Was meinst Du?
    Nichts als Aerger den ganzen Tag mit dem verfluchten Pack, das bald von der
Arbeit laufen, bald hhern Lohn verlangen will, und noch Gesichter schneidet,
wenn man ihm viel Geld oder gute Waaren auszahlt fr Pfuscherarbeit.
    Pauline wandte sich an den Vater, der sich schon an die Tafel gesetzt und
sie neben sich gewinkt hatte: Lieber Vater, la doch die vielen Lichter
auslschen - es blendet so, ich bin ja nun da.
    Sie knnen immerhin noch ein Weilchen brennen, damit die Leute sehen, wie
ich mein Kind empfange, sagte Felchner schmunzelnd.
    Und brennen sie mir zu Ehren, fiel ihm die Tochter wieder in's Wort, so
wollen wir sie heute auslschen, und noch an einem andern Tage fr mich
anznden.
    Nun, meinetwegen, la sie brennen oder auslschen, aber jetzt wird
gegessen.
    Georg setzte sich neben Felchner, Pauline stand noch ein Mal auf und rief
zur Thre hinaus: Wer die Lichter angezndet hat, soll sie wieder auslschen,
die Illumination ist vorbei. Dann setzte sie sich wieder auf den vorigen Platz.
In demselben Augenblick lutete drauen die Glocke, es war sieben Uhr, und damit
ward das Zeichen zum Abendessen gegeben. Der Tisch war noch fr acht Personen
gedeckt - es waren die unverheiratheten Factoren und Buchhalter Felchners,
welche bei ihm den Tisch hatten. Sie traten rasch und geruschvoll ein, mit
einer stummen Verbeugung vor Paulinen, und nahmen stumm ihre Pltze ein. Pauline
sah sie verstohlen der Reihe nach an, wie sie hastig zulangten, und
unbeschreiblich schnell aen, mit Messer und Gabel auf Teller und Tisch
klirrend. Es waren noch einige junge Leute unter ihnen - aber alle hatten
mrrische, halbvertrocknete, theilnahmlose Gesichter, in deren Falten es war,
als ob lauter Zahlen verzeichnet stnden. Dieses stumme Essen, wobei Keines auf
das Andere Rcksicht nahm, Keines dem Andern irgend einen tischnachbarlichen
Dienst erwie, hatte fr Paulinen etwas Befremdendes, Widerliches, ja es kam ihr
sogar thierisch vor - die Stille bei Tische war ihr namentlich peinlich.
Felchner lie jetzt einige Weinflaschen die Runde den Tisch hinab machen, indem
er dabei sagte: Wir wollen die Ankunft meiner Tochter feiern.
    Das war das einzige Wort, womit er diese den Anwesenden vorstellte - diese
machten als Antwort darauf einige hastige Bewegungen mit Schultern und Kpfen,
Bewegungen, welche wohl dankende Verneigungen vorstellen mogten, schenkten sich
ein, tranken aus, standen dann auf, schoben geruschvoll die Sthle zurck, und
indem Einer nach dem Andern zur Thre hinausging, murmelte Jeder halb
unverstndlich:
    Ich wnsche wohl zu schlafen!
    Der Fabrikherr und sein Sohn antworteten mit einem einzigen
halbverschluckten: Gleichfalls.
    Auch Pauline erhob sich, und sagte zu dem Vater: Kann ich nun nicht mit Dir
in Deine Stube gehen?
    In mein Comptoir, Kind? Was wolltest Du dort?
    Nein in Deine Stube, wo Du Dich aufhltst, wenn Du nicht arbeitest - oder
in die Wohnstube, wo wir noch oft zusammen sitzen und traulich plaudern werden!
    Nun, wenn ich nicht mehr arbeite, bin ich in dieser Stube hier, es ist
meine und Deine Wohnstube.
    Die Magd rumte eben lrmend ab - der Kutscher trat ein, und nahm aus einem
an der Wand befestigten colossalen Schlsselschrank ein Bund klirrender
Schlssel, mit dem er wieder hinausging, kurz nachher lief ein Factor stumm
durch die Stube in das Zimmer neben an, holte da ein Buch heraus, und ging mit
demselben unter dem Arm wieder zu derselben Thre hinaus, durch welche er
gekommen.
    Dieses geschftige, rcksichtslose und stumme, aber doch keineswegs stille
Thun kam Paulinen so ungewohnt und wunderlich vor, und machte darum einen so
unfreundlichen, ja verletzenden Eindruck auf sie.
    Das ist meine Wohnstube? sagte sie deshalb befremdet zu dem Vater.
    Nun, nun, sagte er, der glnzenden Stellung, welche Du einnehmen sollst,
wird Nichts vergeben, wenn Du auch manchmal in einem weniger brillanten Zimmer
bist. Du findest oben die schnsten fr Dich, und wenn Gste kommen, wie sie
keine Prinzessin schner haben kann; aber fr gewhnlich ist der Luxus unbequem,
und da befinde ich mich in dieser Stube ganz gut. Willst Du hinauf, so mag Dich
Deine Rieke hinauffhren, wenn Du etwa auspacken und Dich oben umsehen willst,
Du wirst auch mde sein von der Reise.
    Ja, sehr mde und erschpft, sagte sie. Aber erst htte ich eine Bitte an
Dich, wenn sie nicht gleich heute von meinem Herzen herunter kommt, so kann ich
nicht ruhig schlafen. Georg hatte die Stube verlassen. Sie hing sich
schmeichelnd an den Hals des Vaters, mit dem sie jetzt allein war.
    Herzensmdel, sagte er, ich kann Dir Nichts abschlagen - wenn's nur nicht
wider meine Grundstze ist.
    Nein, das ist's gewi nicht! sagte sie zuversichtlich. Ich bat Dich
vorhin, die Lichter auslschen zu lassen - erlaube mir, sie am Christmorgen
wieder anzubrennen fr die armen Kinder, die in unsrer Fabrik arbeiten, erlaube
mir, diesen armen Kleinen zu bescheeren.
    Herr Felchner machte ein sehr bses Gesicht: Das ist eine einfltige Idee,
fr solche Narrenspossen habe ich kein Geld, das ist wider meine Grundstze.
Geh' zu Bette und trume etwas Bessers, als solches dummes Zeug.
    Liebes Vterchen, sagte sie, das ist nicht Dein Ernst, und wre es: la
die Christbescheerung fr mich nur halb so reich sein, wie voriges Jahr, und
gieb mir die Hlfte fr die Kinder.
    Nein, mit solchen Narrheiten richtet man bei mir Nichts aus, das la Dir
ein fr alle Mal gesagt sein, ich will von solchen Possen Nichts hren, das
merke Dir!
    Herr Felchner ging aufgeregt in der Stube hin und her, und seine Augen
blinzelten und funkelten unruhig und verdrossen nach beiden Seiten, seine Nase
schien noch spitziger zu werden, als sie ohnehin schon war. Er nahm eine Prise,
und niete mehrmals so laut, da Pauline bei jedem Male zusammenfuhr. Sie sa
zitternd in der Sophaecke, und sah stumm vor sich nieder - nach langer Pause
sagte sie schnell, und man hrte an ihrer Stimme, da sie weinte:
    Wie wird sich nun die grfliche Herrschaft ber uns lustig machen - die
Grfin Elisabeth will allen Kindern des Dorfes bescheeren, um damit ihre Ankunft
zu feiern, und ich soll nun zurckstehen.
    Der Fabrikherr stand horchend still: Ist das wahr? Auch gewi?
    Wie knnt' ich es sonst behaupten? Du wirst es erfahren, man wird die
Herrschaft rhmen, und uns verhhnen.
    Freilich, freilich, das ndert Alles - ich werde sie beschmen - unsre
Bescheerung soll noch ein Mal so prachtvoll sein, als die ihrige, Du magst Alles
besorgen, ich will Dir morgen das Geld dazu geben. Freilich, freilich, es wird
mich rgern, fr die nichtsnutzigen Wrmer - aber nun kann es einmal nicht
anders sein, nun mu ich schon.
    Herzensvater! rief Pauline, ihn umarmend, und dankte mit liebkosenden
Worten Tausend Mal. Aber so recht von Herzen ging es ihr doch nicht - sie
schmte sich beinah vor sich selbst, da sie nur dadurch zu ihrem Ziel gekommen
war, da sie hinterlistig, wie sie es nannte, ein minder edles Gefhl, als sie
gewnscht htte, in ihres Vaters Innerm hatte wecken mssen - ja, sie schmte
sich mehr noch als vor sich selbst in ihres Vaters Seele hinein - und das that
ihr noch weher. Sie nahm daher bald gute Nacht von ihm, und klingelte dem
Mdchen, welches sie in ihr Schlafzimmer fhrte.
    Ihr Vater hatte Recht gehabt, es war prachtvoll eingerichtet, wie das einer
Frstin, nur zu prachtvoll, es war durch Prunk berladen. Die Tapete war
silbergrau mit rothen Blumen, die Vorhnge von gelber Seide mit goldnen Quasten,
die Futeppiche ebenfalls gelb mit rothen Kanten - es herrschte ein grelles,
geschmackloses Bunt durch das ganze Zimmer - das Licht darin war so hell, da es
ihre Augen kaum aushalten konnten. Sie verlschte es so bald als mglich, und
begab sich zur Ruhe.
    Da war sie nun in dem ersehnten Vaterhaus - und seitdem sie da war, hatte
sie noch keine andern, als verwundende Eindrcke empfangen.
    Glnzend im Lichtermeer hatte ihr die heimathliche Wohnung zuerst wie ein
Feenpalast entgegengelacht - da hatte sie schon den schneidenden Hohn und die
Jammerflche des Elendes und der Noth gehrt, von diesen Menschen gehrt, in
deren Mitte sie sich glcklich waltend trumte, von denen sie whnte, da ihr
Vater auch ihnen Vater sei, und sie ihn kindlich verehrend liebten - und weiter
lie sie Alles an sich vorberziehen, was sie in diesen wenigen Stunden erlebt -
und es war Nichts, was sie htte beruhigen, oder heitrer stimmen knnen. Sie
seufzte. Aber sie war mde von dem taglangen Fahren, der kalten Luft, von all
dem Erlebten dieses Tages, dieses Abends, sie schlo die mden Augen, und
schlief sanft und fest bis in den sptanbrechenden Tag hinein.

                            VIII. Ein Fabrikarbeiter


 Aus dem Munde des Heloten
 Strmen die Rthsel des neuen Bundes.
                                                                 Alfred Meiner.

Elisabeth war bei ihrer Ankunft in dem vterlichem Schlo mit keiner
Illumination empfangen worden, aber von einem zrtlichen Mutterherzen und einem
glcklich stolzen Vater. Sie fhlte sich stolz und befriedigt, als sie wieder
diese alten ehrwrdigen Rume betrat, welche sie seit Jahrhunderten in dem
Besitz ihrer Vter wute. Sie fhlte, da sie hier Herrin sei, und dies
Bewutsein gab ihr wenigstens auf Augenblicke Befriedigung.
    Die beiden Freundinnen hatten sich am Christmorgen das leuchtende Zeichen
ihrer einigen Freundschaft gegeben. Nach dem Schlo hinauf zogen die Kinder der
rmeren Landleute und empfingen dort die Gaben, welche Elisabeth unter den
flimmernden Christbumen fr sie ausgebreitet hatte - und zu derselben Stunde
zog eine ungleich grere Schaar von Kindern in den ebenfalls glnzend
geschmckten Saal des Fabrikgebudes. Aber dies waren bleiche, schmchtige,
drftig in unreinliche Lumpen gehllte Kinder, welchen man es ansah, da ihre
kleinen Hnde und halbverkrppelten Glieder schon an schwere Arbeit gewhnt
waren, auf deren Gesichtern man es las, wie oft ihr kleiner Mund mit den blassen
Lippen umsonst nach Brod verlangen mute, wie in diesen trben,
niedergeschlagenen Augen ein Ausdruck thierischen, stummen Duldens lag. Diese
kleinen, blassen Kinder hatten einander seltsam angestarrt, wie man sie zu den
schimmernden Christbumen gefhrt, und ihnen dann die warmen Rckchen und Schuh
mit den rothen Aepfeln und klappernden Nssen gegeben hatte. Sie hatten die
Gaben hingenommen ohne Dank und Jubel, beinah ohne Freude - und nur einem groben
Instinkt folgend das Obst zum Munde gefhrt - so sehr ohnmchtig jeder
Gefhlsregung hatte sie das tgliche Elend und die stete Arbeit gemacht, Pauline
hatte laut weinen mssen, als sie diese unglcklichen Kleinen um sich versammelt
sah - aber sie weinte nicht aus stiller Rhrung, wie sie sich es wohl ausgemalt
hatte, sondern aus tiefem, unendlichem Jammer, bei dem sie meinte, er msse ihr
ganz das weiche Herz durchschneiden.
    Seitdem waren einige Tage vergangen, die Freundinnen hatten sich noch nicht
wiedergesehen. Da sagte sich Elisaheth, da sie, als die Hhergestellte, den
ersten Schritt zu ihrer Wiedervereinigung thun msse. Sie wute, da dies ihre
Eltern krnken wrde, aber lnger, fhlte sie, durfte sie es ihnen nicht
ersparen. Aber als sie sich anschickte in die Fabrik zu gehen, sagte sie noch
nicht, wohin sie ihre Schritte lenkte.
    Es war ein Sonntag Nachmittag. In der Fabrik ward gefeiert. Elisabeth hatte
deshalb absichtlich diesen Tag gewhlt, weil sie da weniger glaubte jenes
Getreibe roher und lrmender Arbeiter dort zu finden, welches ihr so lstig war,
und fr das sie eben so viel Furcht als Abscheu empfand.
    Sie ging allein durch den Park, an welchen bereits die ersten Fabrikgebude
grenzten. Es war ein kalter, heller Wintertag, denn seit Weihnachten war der
Winter in seiner ganzen empfindlichen Strenge gekommen, eine groe Menge Schnee
war gefallen, und von einer sptern festen Eiskruste berzogen, lag er
undurchdringlich ber den Fluren. Die Sonne schien hell, aber ihr Strahl
vermogte nicht, auch nur einen Thautropfen hervor zu locken. Auf den Tannen im
Wald lagen die weien Flocken wie dichte Federdecken, krchzende Krhen flogen
darber hin, und ihr Geschrei war der einzige Laut, welcher die winterliche
Todtenstille strte. Nur Elisabeths Pelzstiefelchen hrte man auf den halb ganz
verschneiten Wegen knarren, auf welchen man keine andere Spur eines Trittes
gewahrte, als hier und da die kleine eines Eichhrnchens oder eines Hasen.
    Sie wute nicht, welchen Weg sie einzuschlagen hatte, als sie aus dem Park
getreten war, und nun eine Menge kleiner, unregelmiger Wege gewahrte, die bald
in diese, bald in jene Htte, bald in dieses oder jenes Fabrikgebude sich
verliefen. Da kam ein junger Mann aus einer der Htten. Er trug einen alten
kurzen grauen Rock, einen rothen Shwal unter dem weien herausgeschlagnen groben
Hemdkragen um den Hals gewunden, wollne blaue Fausthandschuh, und eine hohe
Pelzmtze, aus welcher ein rother Sack mit langer Quaste auf der linken Seite
heraushing. Dieser an sich zwar nicht ungewhnliche, zwar sehr abgetragene, aber
doch reinliche Anzug, gab doch dem jungen Mann etwas Abenteuerliches - sein
Gesicht aber machte auf Elisabeth einen seltsamen Eindruck, so da sie ihn eine
Weile aufmerksam betrachtete. Er hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit
Thalheim. Dieselbe lange, schmchtige Gestalt, dieselbe blasse Gesichtsfarbe.
Auch das Haar zeigte dieselbe Farbe, nur da es lnger als das Thalheims zu
beiden Seiten des Gesichtes lockig herabfiel. Seine Augen waren blau und
glnzend. Aber auf diesem Gesicht, das brigens noch das eines Jnglings von
etwa 24 Jahren war, thronte neben dem Zug des Schmerzes, welcher es wie das
Thalheims charakterisirte, nicht wie bei diesem jener heilige Friede, sondern
eine bittre Unzufriedenheit, ein kecker Ungestm, welcher Ausdruck jedoch nicht
hinderte, da dieses Gesicht, besonders wenn man es fter und lnger
betrachtete, von edlen und liebevollmilden Empfindungen zeugte.
    An diesen Jngling wandte sich Elisabeth mit der Frage: Welcher von diesen
Wegen fhrt zunchst in Herrn Felchners Wohnhaus?
    Hier rechts, gerade aus, ich gehe jetzt auch dahin, antwortete der
Angeredete mit einer schnen klangreichen Stimme, welche nicht den entferntesten
gemeinen Ausdruck hatte, ohne jedoch etwa einen sehr hflichen oder
unterwrfigen Ton anzunehmen.
    Nachdem sie durch verschiedene kleine Straen und Hfe gekommen waren,
langten sie vor der Hausthre zu Felchners Wohnung an. Der Fhrer trat zur
Seite, und nahm ehrerbietig die Mtze zwischen die Finger - ein Fabrikarbeiter
trat aus dem Hause, und sagte, ohne Elisabeth zu gren, oder irgend auf sie zu
achten: Willst Du zum alten Herrn, Thalheim? Da wirst Du jetzt Wenig
ausrichten, denn er hat ganz schlechte Laune.
    Ist gleich, sagte der junge Mann kalt. Fr uns wird er ja doch niemals
gute haben.
    Elisabeth konnte sich des Ausrufs grter Ueberraschung nicht enthalten:
Sie heien Thalheim?
    Zu dienen, Franz Thalheim, antwortete Jener mit einer Art von
Selbstgefhl.
    Siehst Du, sagte der Andre, die Mamsell wird Deinen Namen wohl kennen, in
der Stadt lesen sie Alles, was Du schreibst.
    Franz schttelte mit dem Kopfe.
    Sie sind also wohl Literat? fragte Elisabeth.
    Literat! versetzte Franz. Das Wort klingt zu vornehm fr einen armen
Fabrikarbeiter, welcher nur in seinen wenigen Muestunden hier und da ein offnes
Wort geschrieben hat fr seine armen geplagten Brder - und was ein schlichter
Arbeiter in seiner Einfalt schreibt, lesen doch die vornehmen Leute nicht - -
    In diesem Augenblick hpfte Pauline, welche soeben Elisabeth bemerkt hatte,
durch eine rasch geffnete Zimmerthre und warf sich jubelnd an den Hals der
Freundin. Sie zog sie mit sich die Treppe hinauf in eines jener mit Glanz und
Bunt berladenen Prunkgemcher, welche ihr Vater speciell fr sie bestimmt
hatte.
    Was ist das fr ein Mensch, der mich hierher geleitete, und der sich Franz
Thalheim nennt? fragte Elisabeth nach der ersten herzlichen Begrung. Er
sieht ihm so hnlich! fgte sie bei, indem sie sinnend vor sich nieder sah.
    Ja, antwortete Pauline lchelnd, das httest Du wohl nicht gedacht? Er
ist nur ein gewhnlicher Arbeiter in unsrer Fabrik, aber ein jngerer Bruder
unseres Lehrers Thalheim.
    Wr's mglich! rief Elisabeth.
    Ja, dieser Franz hat mir es selbst erzhlt, sein Vater ist Schuhmacher
gewesen, und da sein ltester Sohn viel Anlagen gehabt, so hat er ihn zum
Studiren bestimmt. Darber ist aber der Vater gestorben, und da unser Lehrer das
Studium nicht hat aufgeben wollen, so hat er sich auf der Universitt sehr
kmmerlich behelfen, und allerhand kleine Erwerbsquellen aufsuchen mssen. Die
andern Knaben haben an die Erlernung eines Handwerkes gehen mssen, und so
befindet sich denn seit Kurzem dieser Franz in unsrer Fabrik. Er ist nicht roh
und ungesittet, wie die andern niedriggestellten Fabrikarbeiter, aber diese
scheinen ihn mehr als irgend einen zu lieben, trotzdem, da er ihnen manchmal
mit strafenden Worten die Wahrheit sagt.
    Ich hrte einen Andern davon sprechen, da er schreibe - wohl fr's Volk?
    Ja, er hat einige einfache, aber rhrende Geschichten geschrieben, welche
die Noth der Fabrikarbeiter, der arbeitenden Classen berhaupt schildern - er
hat mir selbst am Tage nach unsrer Christbescheerung ein Exemplar davon
geschickt, und eine gefhlvolle Dedication fr mich beigefgt. Bei dieser
Gelegenheit war es auch, wo ich berhaupt zuerst von ihm hrte, ihn sah und er
mir seine Familiengeschichte und die Verwandtschaft mit unserm Lehrer erzhlte.
    O, erzhle mir Alles wieder, es interessirt mich Alles, was ich von seinem
Bruder hre, la Nichts aus, erzhle, wie Du ihn zuerst sprachst, und was er
sagte, bat Elisabeth.
    Gern, antwortete Pauline mit einem leichten Errthen, denn ich mu Dir
gestehen, da auch mich dieser junge Mann lebhaft interessirt, welcher so
verschieden von den andern Arbeitern der Fabrik ist, mit denen ich hier und da
gezwungen bin, ein Wort zu wechseln.
    Es war an demselben Tag, begann sie zu erzhlen, wo wir den Kindern
bescheert hatten. Weder mein Bruder, noch mein Vater waren dabei gegenwrtig,
denn die ganze Sache war ihnen unangenehm, mein Bruder hatte lngst gestrebt,
sie zu verhindern, und mein Vater mir nur auf lange Bitten die Erlaubni dazu
gegeben. Wie ich nun so die armen Kinder, die ber den hellen Lichterglanz mehr
vor Furcht, als vor Freude schrieen, an ihre kleinen Tische gefhrt hatte, vor
denen sie mit halbblden Blicken still und ohne sich zu regen standen, wie ich
sie eben gestellt hatte - wie dann ihre Angehrigen, die sich zur Aufsicht der
Kinder, und aus Neugier mit hereingedrngt hatten, den Raum der Stube erfllten,
wie von dieser meist in zerlumpte und unreinliche Sachen gekleideten Menge ein
erstickender Dunst in der geheizten Stube entstand, und Viele dieser Leute unter
sich unschickliche Spe machten, und in groben Ausdrcken sich unterhielten,
wohl hier und da auch halblaut die Gaben tadelten, oder darber lachten - so
ward mir unheimlich zu Muthe, und ich fing an zu weinen. Mein Kammermdchen
Friederike, welche ich mitgenommen hatte, mir bei der Bescheerung behilflich zu
sein, erschien mir unter diesen Leuten wie das einzige mir gleichstehende Wesen,
und als ob es meine beste Freundin sei, sucht' ich an ihrer Seite Schutz vor
dieser bengstigenden Umgebung, und indem mich ein kalter Schauer berrieselte,
sagte ich leise ausrufend zu ihr: O, mein Gott, und das sind auch Menschen, wie
wir!
    In diesem Augenblicke war es, fuhr sie weiter fort, nachdem sie einige
Momente lang in sinnendem Schweigen vor sich niedergesehen hatte, als ich Franz
Thalheim zuerst sah. Er stand mir zunchst, und hatte meine unvorsichtigen Worte
gehrt. Er warf einen unbeschreiblichen Blick voll Schmerz und Vorwurf auf mich,
vor dem ich beschmt und zitternd meine Augen senkte - er ffnete den Mund zum
Sprechen, und ich frchtete tadelnde, vielleicht rohe Worte von ihm zu hren -
ich fhlte, da ich sie verdient hatte - aber er sprach mit sanfter,
bescheidener Stimme, indem er aber ganz dicht neben mich trat, da auer
Friederiken Niemand weiter hren konnte, was er sagte. Ja, Frulein, es sind
Menschen, wie Sie, aber es ist eben ihr Unglck, da man diesen Tausenden ihre
Menschenrechte genommen, und deshalb sogar auch die Fhigkeit, sich ber das
Thier, zu dem man sie herabgestoen, zu erheben. Ich fhlte, da in diesen
Worten eine groe Wahrheit lag, ja, ich empfand auch zugleich, da ich ihm eine
Abbitte, und fr seine Klage ein trstliches Wort schuldig war, und ich
erwiderte: Mich jammert jede Noth, und was ich thun kann, um ihr abzuhelfen,
will ich versuchen. Er lchelte kummervoll bei diesen Worten, und statt der
Antwort gab er mir eine dnne Broschre. Ich bitte Sie, das zu lesen, wenn Sie
einmal ein Wenig Zeit haben fr diese Unglcklichen alle, welche Sie hier
umgeben. Dann trat er ehrerbietig mit einem Grue zurck und sprach mit einer
Frau, welche zwei kleine Kinder auf den Armen hatte. Diese kam dann auf mich zu
und dankte mir, ihrem Beispiel folgten dann noch viele der Leute; Manche thaten
es unmuthig und frmlich. Andere herzlich und mit Thrnen, ich glaube, es
geschah nur auf Franz Thalheims Aufforderung, da sie mir dankten - ich htte es
ihnen gerne erspart, obwohl ich mir dabei sagte, da es auch Hochmuth sei, ihren
Dank nicht annehmen zu wollen, so gut als es Hochmuth sei, ihn zu fordern, -
denn was mir bei diesem Dank unwillkhrlich lstig war, waren die vielen
unreinen, derben und schwieligen Hnde, welche die meinen drckten, und die
Annherung dieser schmuzigen Lumpen, welche sie trugen.
    Pauline stand auf, und holte aus ihrem Bcherschrank eine Broschre, welche
sie an Elisabeth gab. Diese las den Titel.
    Aus dem armen Volke. Erzhlungen von Franz Thalheim, allen Menschenfreunden
gewidmet. Auf das leere Blatt hinter dem Titel hatte der Verfasser geschrieben:
Dem Frulein Pauline Felchner mit besondrer Hochachtung gewidmet. - Wie ein
Engel in der Christnacht sind Sie unter uns, den armen Sclaven Ihres Vaters,
erschienen. Sie wollen die Herzen dieser armen Kinder erfreuen, welche niemals
eine Ahnung von dem gehabt haben, was man Glck der Kindheit nennt. Wir Alle
segnen Sie dafr! Aber wir mgten Ihnen auch zurufen: vergessen Sie ber den
Segen, welchen Ihre Milde ber diese unglcklichen Kleinen bringt, niemals, da
eben diese Kinder einem Elend entgegengehen, von welchem Sie gewi keinen
Begriff haben, Frost und Hunger ist noch das Geringste, das ihrer wartet - ihr
Geist erstarrt ohne die Nahrung des Schulunterrichts, und ihr Herz vertrocknet
mit ihrem kleinen Krper unter der anhaltenden Arbeit, zu welcher man sie
benutzt, Ihre Sitten werden verderbt, alle ihre edleren Gefhle erstickt, weil
man sie gnzlicher Verwilderung Preis giebt. Bei diesem Frevel an der
menschlichen Wrde rufe ich Ihnen zu: mgten Sie diesen Verstoenen auch als ein
Engel erschienen sein, welcher sie aus dem Abgrund emporhebt, in dem sie tglich
immer tiefer versinken. - Vergeben Sie, wenn diese Worte zu khn sind fr einen
armen Fabrikarbeiter, wie der Verfasser.
    Ja, rief Elisabeth erschttert, als sie noch eine Weile in diesem Buche
geblttert hatte, das ist ein unabsehbares Elend, von dem ich bis jetzt Nichts
gewut habe, und ihre Haut berlief ein leiser Schauer.
    Wie ich Alles gelesen, sagte Pauline, versuchte ich, meinem Vater
Vorstellungen zu machen, ob er, wenn einmal Kinder arbeiten mten, ihre Zahl
nicht noch vermehren knnte, aber so, da sie, einander ablsend, nur wenig
Stunden des Tages arbeiteten, und Schulunterricht haben knnten. - Er antwortete
mir: den htten sie, und ob ich denn den Lehrer noch nicht kenne? Wie ich aber
weiter sprechen wollte, ward er so bse, wie ich ihn noch niemals gesehen, und
verbot mir bei seinem hchsten Zorn, jemals wieder ber solche Dinge zu
sprechen, welche ich nicht verstnde - ja er lachte mich geradezu aus, und
schlo endlich damit, da ein lngeres Leben hier mich wohl berzeugen wrde,
wie seine Arbeiter ganz glcklich wren, und auch alle Ursache dazu htten,
whrend nur Einige ber Elend jammerten, weil ihre unverschmten Forderungen
nicht erfllt wrden. Nach Allem, was er sagte, fhlte ich, da ich gegen meinen
Vater schweigen msse. Sie seufzte, und fuhr dann weiter fort: Ich sagte ihm
Nichts von Franz Thalheims Buche, ich verbarg es unter meinen andern Bchern.
Ich schickte aber nach Thalheim, als eines Sonntags Nachmittags mein Vater in
die Stadt im Schlitten gefahren war. Franz kam, ich will ihn nun so nennen,
damit wir nicht immer an unsern Lehrer denken, oder ihn doch mit diesem
verwechseln, denn auch die Fabrikarbeiter nennen ihn nur bei seinem Taufnamen.
Franz trat leise ein, und blieb bescheiden mit der Mtze in der Hand an der
Thre stehen, aber er war nicht verlegen, wie ich gedacht hatte; wenn Jemand von
uns Beiden verlegen war, so glaube ich eher, ich bin es gewesen. Ich hatte mich
auf sein Kommen vorbereitet, und nun wute ich eigentlich nicht, was ich ihm
sagen sollte. Ich danke Ihnen fr Ihr Buch, begann ich endlich, aber ich wrde
Ihnen rathen, damit vorsichtiger zu sein, wenn es in die Hand meines Vaters,
Bruders oder irgend eines Factors unserer Fabrik kme, so knnten Sie wohl einen
schweren Stand bekommen. - Franz erwiderte: Kann man die Wahrheit schonender
sagen, als ich es gethan? Ich habe ja auch in diesem Buch gar nicht von den
Einrichtungen dieser Fabrik gesprochen, sondern was ich versucht habe, ist
weiter Nichts, als darauf aufmerksam zu machen, da die Noth der arbeitenden
Classe gro ist, und da, wenn Einzelne unter ihnen zu Verbrechern herabsinken,
nicht sie allein dafr verantwortlich sind, sondern diejenigen, denen es ein
Leichtes gewesen wre, sich ihrer Noth zu erbarmen, und welche es doch nicht
gethan haben. Verzeihen Sie, wenn ich zu laut und zu heftig spreche, setzte er
hinzu, indem er wieder zurcktrat, und seine Augen senkte, aber ich kann nicht
anders. Ich suchte ihn darauf deutlich zu machen, wie glcklich es mich selbst
machen wrde, wenn ich all' dies Elend verschwinden she, wie ich aber selbst
ganz unbekannt sei mit aller Leitung des Fabrikwesens, und wie es mir nicht
zukomme, ich mithin auch nicht im Stande sei, andere Einrichtungen zu
bewerkstelligen, durch welche die Arbeiter besser gestellt, und die Kinderhnde
erspart wrden - ja da ich nicht einmal wisse, ob dies wirklich mglich sei,
wenigstens sagten mir Alle, welche Fabriken zu leiten htten, es sei nicht
mglich - und das mache mich selbst am Allertraurigsten. Unwillkhrlich traten
mir, als ich dies Alles sagte, Thrnen in die Augen, und ich konnte nicht weiter
sprechen. - Ja, ich glaube es wohl, sagte er. Diejenigen, welche gern helfen
mchten, knnen es nicht, und Alle die, welche es recht wohl vermchten und
sollten, die wollen nicht helfen. Ich lie das unbeachtet, und sagte: Ich lie
Sie rufen, ein Mal, um Sie zu warnen, von Ihren Bchern wo mglich meinem Vater
Nichts wissen zu lassen, und dann wollte ich Sie bitten, da, wo Sie eine
augenblickliche Noth welcher zu helfen ist, in den Familien unsrer
Fabrikarbeiter sehen, mich davon zu unterrichten, und da werde ich Alles thun,
was ich vermag. Oder haben Sie selbst nicht ausreichenden Verdienst? Nehmen Sie
dies Geld fr Diejenigen, welche es am Meisten bedrfen. Er nahm, was ich ihm
gab, mit leuchtenden Augen, sagte, er habe fr sich schon Erwerb genug, aber er
wisse Viele, die es brauchen knnten - und er drckte mir herzlich, mit edler
Freimthigkeit die Hand. Darauf fragte ich ihn, ob er ein Bruder des Doctor
Thalheim in *** sei, und er erzhlte mir kurz, was ich Dir bereits mitgetheilt.
Ehe jener weiter gereis't war, hatte er Franz hier besucht, da er vorher ein
paar Tage auf Waldow's Gut gewesen, und er habe gesagt, wiederholte mir Franz:
Frulein Pauline ist ein edles Mdchen, das, wo es kann, sich Eurer Noth
annehmen wird.
    Elisabeth umarmte die Freundin, und sagte: Also war es deshalb, als
Thalheim Dir das Versprechen abnahm, immer, wenn nicht die Schwester, doch die
Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein - es ist sein Befehl, sein
Wunsch, darum ist er so heilig.
    Whrend dieses langen Zwiegesprches der Freundinnen war bereits das
sprliche Sonnenlicht lngst verlscht, und der frhe Abend begann
hereinzudunkeln. Elisabeth brach auf. Pauline schlug vor, sie zu begleiten, um
sie noch lnger sprechen zu knnen. Beide hllten sich in ihre warmen
Schleierhte und dichten Pelzmntel, und gingen.
    Es war kalt.

                               IX. Sonntag-Abend


 Es ist so leicht, die Menschen zu verachten,
 Weil sie die Quintessenz des Staubes nur;
 Viel grer ist's, sie liebend zu betrachten,
 Und kennen ihre arme Staubnatur!
                                                                 Alfred Meiner.

Es war kalt, ach schneidend kalt drauen. Der Himmel schien sich immer hher
wlben zu wollen, als mg' er gar Nichts mehr wissen von der armen erstarrten
Erde, und die Sterne kamen funkelnd heraus, einer nach dem andern, und es war
als wetteiferten sie alle mit einander im hellen Flimmern und Prunken.
    Es war kalt, ach schneidend kalt drinnen. Drinnen in den elenden Wohnungen
der Fabrikarbeiter. Auf den meisten Heerden war lngst das letzte im Walde
aufgelesene Reisholz verbrannt, und wo ja noch ein paar Stcklein Kohlenvorrath
waren, da glimmten sie in einem alten groen Ofen, der nur die empfangene Wrme
von sich gegeben htte, wenn ein groes Feuer ihn htte zu durchhitzen vermogt.
Durch die halb mit Papier verklebten, mit Lumpen verstopften Fenster drang
unaufhrlich ein eisiger Luststrom ein. - Auf verfaultem Stroh lagen die
halbnackten Kinder, und rieben mit den blauen erstarrten Hnden in den blden
Augen, die gar nicht zubleiben wollten, weil Frostschauer, die ber die kleinen
Gestalten liefen, sie immer wieder aufrissen. Die Mutter lag daneben in einer
groen, weiten Bettstelle - das Weib lag weder auf Stroh, noch auf Federn,
sondern auf den Latten des Gestelles, zum Kopf hatte sie die zerrissene
Pelzjacke ihres Mannes, zur Decke einen alten wollnen Rock, den sie am Tage
trug.
    Es war kalt, ach schneidend kalt drinnen.
    Dem Manne war es zu kalt, drum war er fortgegangen in die Schenke.
    In der Schenke war es warm, da brauchte Niemand zu frieren, und Branntwein
hatte der Wirth auch - und der Branntwein wrmte dann noch fort zu Hause die
wenigen Stunden der Nacht bis die Glocke zur Arbeit gelutet ward.
    Es war eine groe von Rauch geschwrzte Stube. Einige Talglichter, meist
schon herabgebrannte Stmpfchen, erleuchteten sie sprlich. Branntweindunst, der
Qualm aus vielen Tabakspfeifen und das Athmen vieler Mnner verdichteten die
Luft in dieser Stube so, da es den darin Versammelten unmglich war, einander
in grerer Entfernung, als der von ein paar Schritten, zu erkennen.
    An zwei Tischen saen Einige dieser Mnner in zerlumpten Kleidern mit theils
bleichen, theils vom Trunk glhenden Gesichtern, und spielten mit beschmuzten
Karten, auf denen man kaum noch die Figuren unterscheiden konnte, Schafkopf und
Solo. In ihren Augen las man theils ngstliche Spannung, theils verzweifelnde
Gleichgltigkeit, theils den Ausdruck thierischen Abgestumpftseins gegen Alles,
theils endlich eine halb wahnwitzige Lustigkeit, welche in ihren lrmenden
Aeuerungen selbst auf die meisten Andern der Anwesenden einen widerwrtigen
Eindruck machte. Die Aeltesten unter diesen Spielern waren die rohesten, so auch
unter denen, welche trinkend, fluchend und schimpfend den brigen Raum fllten.
    Nur wenige der jngern Fabrikarbeiter befanden sich unter dieser
Gesellschaft, aber diesen Wenigen sah man es an, da sie zu den Verworfensten
und Liederlichsten gehrten.
    Die Meisten der jungen Fabrikarbeiter waren in einer andern Stube
versammelt, deren Anblick in der That nicht im Entferntesten den widerlichen
Eindruck machte, wie jene.
    Diese jungen Leute trugen zwar auch wenig bessere Kleidungsstcke, als die
alten, aber sie waren meist reinlicher, und zum Wenigsten alle mit einiger
Sorgfalt angelegt. Ihr Haar war glatt gekmmt und unverwildert.
    Vor ihnen standen Glser mit Vier, daneben lagen die kleinen Pfeifen, welche
wenigstens jetzt nicht brannten. Kein Glas Branntwein, keine Karte war in dieser
Stube zu sehen.
    Sie saen Alle an einer langen Tafel auf hlzernen Bnken sich gegenber,
und sangen.
    Franz Thalheim und Wilhelm Brger saen obenan - sie waren Vorsnger.
    Diese beiden jungen Arbeiter waren innige Freunde und hatten gemeinsam
endlich die Einrichtung zu Stande gebracht, von welcher wir jetzt Zeuge sind.
    Sie hatten die smmtlichen unverheiratheten Arbeiter aufgefordert, mit ihnen
zu einem Verein zusammen zu treten, dessen hauptschlichste Regeln waren:
    Keine Karten anzurhren.
    Keinen Branntwein zu trinken.
    Keine Schulden in der Schenke zu machen.
    Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn voraus bezahlen zu lassen.
    Dies war der negative Zweck dieses Vereins. Er hatte aber auch einen
positiven.
    Die Arbeiter hatten eine gemeinschaftliche Kasse, in welche jedes Mitglied
wchentlich eine Kleinigkeit beisteuerte. Aus dieser Kasse bezahlte man an den
Schenkwirth, bei dem man Sonntags und Mittwochs Abends zusammenkam, das Bier
gemeinschaftlich. Auch bezahlte man davon die Noten-, Sing- und Lesebcher,
welche sich der Verein anschasste, um gemeinschaftlich zu singen und zu lesen.
In dieser Kasse hielt man immer auf einen kleinen Fonds, von welchem man auch,
wenn eines der Mitglieder krank ward, dasselbe untersttzen konnte.
    Diese Einrichtung war nicht ohne die heilsamsten Folgen fr die Linderung
der uern Noth, und die Erhebung und Veredlung des Innern fr Alle, welche ihr
angehrten, deshalb war ihr nicht einmal der Fabrikherr entgegen, obwohl es ihm
ziemlich einerlei war, wie es um die Moral seiner Arbeiter stand, und wiewohl
ihm die Bedingung: Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn vorausbezahlen
zu lassen ziemlich verdrielich war, denn wenn dies die Arbeiter thaten, konnte
er dann ihre Arbeit leicht zu einem geringen Preis erhalten, und hatte dadurch
die Leute ganz in seiner Gewalt. Dies eben hatten die Arbeiter nur zu oft schon
erfahren mssen, und suchten daher, eh' sie noch ferner zu diesem uersten
Mittel griffen, lieber, wenn sich ein Mitglied durch irgend einen Unglcksfall
in dringender Noth befand, durch die gemeinschaftliche Kasse zu helfen, und wenn
es auch oft nur in der Art eines Darlehns geschehen konnte.
    Zum Kassirer war Wilhelm Brger erwhlt worden. Er sa jetzt obenan. Es war
ein junger Mann, der einige Jahr ber zwanzig zhlen mogte. Seine Figur war
klein und gedrungen, von krftigem Gliederbau. Er hatte kraues, schwarzes Haar,
dunkle Augen und eine frische, gesunde Gesichtsfarbe. Er trug eine Art Blouse
von grau und schwarz melirter Wolle, eben solche Beinkleider, und ein roth und
gelb gewrfeltes Tuch um den Hals geknpft, da zwei ziemlich lange Enden davon
herabhingen.
    Ich dchte, drben in der groen Wirthsstube ginge es recht laut zu? Da
sind wohl schon wieder Einige trunken? sagte Wilhelm, als der Gesang, welchen
man soeben gesungen hatte, zu Ende war, und eine augenblickliche Stille
herrschte, in welche pltzlich lautes Geschrei, wie von rohem Geznk vieler
Stimmen, herein schallte.
    Viele sind ja den ganzen Sonntag betrunken, erwiderte einer der andern
jungen Arbeiter. Da kann es wohl bald zu einer Prgelei kommen.
    Ich hre August's Stimme, sagte wieder ein Andrer. Der Junge sollte sich
schmen, lt sich da mit verfhren von den Alten - nun die alten Arbeiter sind
einmal von Jugend an den Branntwein gewohnt, knnen einmal nicht anders leben,
Vielen thut er gar Nichts mehr - da mag es schon sein, aber der August sollte
sich doch schmen.
    Ja, er lacht uns nur immer aus, versetzte ein Dritter. Mich sollt's aber
freuen, wenn ihn die alten Kerle drinnen einmal recht durchhieben.
    Htte es wohl verdient, sagte Franz Thalheim, aber da eine groe
Prgelei wird, wollen wir doch nicht wnschen, da heit es dann gleich in der
Fabrik, es sei groes Unrecht geschehen und ein Exce verbt worden, da dabei
die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden mssen.
    Der Lrm, der hereinschallte, ward immer grer.
    Nun, wenn's was Ernstliches giebt, mu ich auch mit dabei sein! riefen
Einige der jungen Arbeiter, und sprangen hinaus.
    Mengt Euch doch lieber nicht hinein, und bleibt! riefen Andre. Aber es war
schon zu spt, Viele waren trotz der Warnung hinausgeeilt.
    Pa Du doch auf, da sie keine dummen Streiche machen, sagten Einige zu
Franz. Du hast ja schon manchmal gewut, sie von Prgeleien und unvorsichtigem
Gelrm zurckzuhalten.
    Franz trat in den Hausflur. Die Thre, welche derjenigen gerade
entgegengesetzt war, aus welcher er kam, fhrte in die groe Wirthsstube, in
welcher die lteren Fabrikarbeiter zechten und spielten. Diese Thre war jetzt
weit aufgerissen, und Viele Derer, welche vorhin in dieser Stube saen, hatten
sich dazwischen gedrngt.
    Im Hausflur wand sich ein junger Bursche - es war der vorerwhnte August -
unter den derben Fusten von einigen der lteren Arbeiter, deren Krfte durch
die Wuth verdoppelt erschienen, und deren Wuth durch die Trunkenheit
verdreifacht war. Die entsetzlichsten Flche und Schimpfworte sandte man von
allen Seiten auf ihn.
    Was hat denn der August gethan? fragte Franz die Umstehenden.
    Falsch gespielt! - Er hat dem alten Bttcher den letzten Dreier auch noch
abgewonnen. Er hat uns Alle um's Geld betrogen - uns, wo zu Hause Frau und
Kinder fast erfrieren und verhungern - uns hat er das Letzte abgewonnen - ist
erst zwanzig Jahr, und doch so ein Gauner! So riefen viele Stimmen zugleich,
und grobe Schimpfreden hallten immer dazwischen.
    Nun aber die Prgelei hilft Euch doch zu Nichts - spielt nicht wieder mit
ihm, seht ihn nicht mehr an, da wird er schon bestraft sein, redete Franz zur
Shne.
    Knnen wir uns jetzt anders rchen, als wenn wir ihn zu Schanden treten?
rief Einer der Wthendsten. Sollen wir ihn etwa verklagen und einstecken
lassen, da wir dann wochenlang umsonst arbeiten knnen, weil man uns die
Gerichtskosten vom Lohne abziehen wrde?
    Franz, Franz! schrie der unglckliche August, welchen eine starke Faust an
den Haaren gefat hielt und zur Erde auf die Steintafeln drckte, whrend ein
Anderer einen Fu, den ein schwerer mit Ngeln beschlagener Stiefel bekleidete,
auf seinen Rcken setzte. - Franz, ich habe schon Alles wieder herausgegeben -
Du bist ja sonst menschlich und gerecht! La es nicht zu, da sie mich
todtschlagen!
    Wir wollen ihn hinauswerfen, sagte Franz. Da seid Ihr ihn los, und Euer
Aerger hat ein Ende, denn er kommt gewi nicht wieder - das Geld hat er Euch
doch herausgegeben?
    Ja, das haben sie ihm alles wieder abgenommen, und sein eignes dazu,
schrieen Einige, welche gemigte Zuschauer abgegeben hatten.
    Nun, sagte Franz, so wollen wir ihn hinauswerfen, und mit Riesenkraft
schob er den Fu des Einen von Augusts Schultern, und unwillkhrlich lie der
Andere, welcher sein Haar gefat hielt, los, und Franz schleppte nun mit einem
raschen Griff den Geschlagenen vor die Hausthre und rief: Nun lauf, wenn Du
noch laufen kannst!
    August lief wirklich. Einige der Arbeiter sprangen ihm nach, Andere
schimpften wenigstens hinter ihm her.
    In diesem Augenblicke hrte Franz eine zarte, schluchzende Stimme rufen:
    Helft mir! Erbarmen, wenn ich noch unter Menschen bin!
    Franz kannte diese Stimme, er kannte auch diese Worte, welche er voll
desselben entsetzlichen Vorwurfes schon einmal vernommen hatte. Wie ein
zweischneidiger Dolch drangen sie wieder in sein Herz, aber wie ein Dolch,
welchen eine reine Kinderhand fhrt, ohne zu ahnen, wie schwer sie verwunden
kann.
    Er kannte diese Stimme, und sprang in demselben Moment dahin, woher er sie
kommen hrte.
    Es war dunkel.
    Er sah nur eine kleine weibliche, zitternde Gestalt neben einem taumelnden
Mann, welcher ihren Schleier mit der einen Hand wegzog, und mit der andern ihren
Arm hielt - dabei lachte er, und fhrte unanstndige Reden.
    Aber mit starkem Arm schleuderte ihn Franz auf die Seite, da er taumelnd zu
Boden fiel.
    Pauline athmete auf - aber sie frchtete auch den Befreier, und begann zu
laufen.
    Gehen Sie lieber langsam, sagte Franz. Ich bin es, Franz Thalheim, ich
werde Sie sicher bis in Ihr Haus begleiten, gehen Sie nicht schneller, als
gewhnlich, ich folge Ihnen, Sie haben Nichts zu frchten.
    Er sagte dies mit so schmerzlich bewegter Stimme, weil es ihm weh that, da
nun Pauline vor jedem Fabrikarbeiter fliehen werde, da sich Einer erlaubt hatte,
ihr roh zu begegnen - und Pauline errieth an dieser wehmthigen Stimme, was in
ihm vorging, und noch an allen Gliedern zitternd, blieb sie stehen, gab ihm ihre
Hand, und sagte unendlich mild:
    Ich danke Ihnen, ich bin so erschrocken, da ich kaum wei, wie ich noch
das kleine Stck bis nach Hause gehen soll - und Ihnen meinen Dank ganz
auszudrcken, vermag ich jetzt auch noch nicht.
    Sie lie diese kleine Hand mit dem weichen, geftterten Handschuh in seiner
groben Hand, welche nur leise ihre Fingerspitzen zu fassen wagte, und so lie
sie sich von ihm fhren. Bald waren sie an dem Wohnhause angelangt - die
Laternen davor brannten schon hell.
    Ich danke Ihnen nochmals, sagte sie freundlich, und wenn ich wte, womit
ich Ihnen diesen groen Dienst besser als mit Worten vergelten knnte -
    Nein, dafr drfen Sie mich nicht bezahlen! rief er rasch und wie auer
sich - Pauline sah, da bei diesen Worten seine Augen seltsam glnzten, und eine
groe Thrne in sie trat, whrend ein schmerzliches Zucken seinen Mund bewegte,
und doch ber sein ganzes Gesicht eine Art von Freudenglanz flog - er eilte
hastig von dannen.
    Friedericke kam Paulinen an der Treppe entgegen. Da sind sie ja endlich,
mein Frulein! Mein Gott, welche Angst habe ich um Ihretwillen gehabt! Es ist
schon acht Uhr vorber, Sie sind ganz allein gegangen, und wir wuten nicht, wo
Sie waren, um Ihnen Jemand entgegen zu schicken.
    Whrend Pauline ablegte, sich in den Lehnstuhl warf und die kleinen
erstarrten Hnde wrmte, erzhlte sie: Ich hatte meine Freundin bis an das
kleine Haus begleitet, welches in der Nhe des Parkes steht, und in dem unser
Oberfaktor mit seiner Frau wohnt. Da fing es sehr heftig an zu schneien, es
schien uns vorbergehend, und da wir die Oberfaktorin allein zu Hause sahen,
gingen wir Beide hinein, um dort die Schneewolke vorber zu lassen. So kam es
denn, da wir dort lnger blieben, als wir erst gedacht hatten, denn Elisabeth
schickte einen Knaben nach ihrem Schlitten in's Schlo, und es dauerte ziemlich
lange, ehe dieser kam. Dann hatte es aufgehrt zu schneien, ich frchtete mich
nicht, da es so sternenhell war, und nahm nur den Knaben auf Zureden als
Bedeckung mit, denn weiter war Niemand zu Hause. Als ich bei der Schenke vorber
kam -
    Ach, liebes Frulein, Sie zittern ja am ganzen Krper - es wird Ihnen doch
Nichts begegnet sein? sagte das besorgte Mdchen.
    In der Schenke war ein entsetzlicher Lrm - auf einmal umringte mich ein
Trupp Mnner und fhrten gemeine Reden - ich lief stumm fort so schnell ich
konnte - da kam mir ein Trunkener von ihnen nach - fate mich an - und was er
sagte, mag ich nicht wiederholen - ich weinte und schrie nach Hilfe - da kam
Franz - - er fhrte mich sicher hierher.
    Pauline hatte dies unter immer heftigerem Zittern erzhlt, und sank jetzt
ohnmchtig in die Kissen des Lehnstuhls zurck. Friedericke war auf's
Theilnehmendste um sie beschftigt, und weinte selbst mit ber die doch bereits
berstandene Angst ihrer Herrin. Als diese wieder zu sich kam, fragte sie:
    Ist mein Vater schon zurck?
    Nein.
    Wenn er kommt, so la ihm sagen, es sei mir nicht ganz wohl, ich habe mich
zeitig niedergelegt - sage aber Niemand, was mir begegnet ist - hrst Du,
Niemand!
    Wenn Sie es wollen, so kann ich schweigen, als wre ich stumm, versprach
Friedericke. Pauline lie sich von ihr entkleiden, und legte sich zu Bette.
    Sie war so erschpft, aber doch zugleich so aufgeregt, da sie lange
vergeblich zu schlafen suchte. Endlich gelang es - aber auch durch ihren Traum
klangen immer noch die rohen, schreienden Stimmen hindurch, welche sie im Wachen
so gengstet hatten, bis denn auch im Traum Franz Thalheims Bild wie das eines
Schutzengels vor ihr auftauchte, da sie selbst im Schlafe beruhigt und
friedlich lchelte.
    Auf Franz wartete man an diesem Abend vergeblich in der Schenke, er ging
nicht wieder dahin, obwohl es erst acht Uhr war, und bis gegen zehn Uhr pflegten
sie gewhnlich dort beisammen zu bleiben.
    Er ging in seine kleine Kammer, er zndete sich nicht erst seine kleine
Oellampe an - er hing beim Sternenlicht den Rock, den er auszog, an seinen
Nagel, den Shwal ber den hlzernen dreibeinigen Schemel, und legte sich auf
seinen Strohsack. Es war kalt, aber seine Wangen brannten. Zuweilen aber doch
berrieselte ihn ein kalter Schauer - es kam aber nicht nur vom Frost und weil
es kalt durch das kleine, in seinen Rahmen klappernde Fenster hereinzog - dieser
Schauer kam in den Momenten, wenn er daran dachte, da Pauline gesagt hatte:
    Helft mir, wenn ich noch unter Menschen bin!
    Und immer wieder mute er daran denken. Sie hatte diese vielen Stimmen
gehrt, diese Stimmen Derer, welche arme Arbeiter waren, wie er auch - und sie
hatte daran gezweifelt, unter Menschen zu sein - ja sie hatte ihn in der Angst
ihres Herzens herausgeschrieen diesen ungeheuern Vorwurf! Ach, freilich! Sie
hatte diese Trunkenen, diese rohen Schreier gehrt, welche sich sogar mir
niedrigen Worten an ihr vergangen hatten - an Menschenwrde hatte sie ja da wohl
zweifeln mssen! Und ach, das war es ja eben - sie war auch vor ihm geflohen,
denn er war ja auch unter diesen armen, unglcklichen Menschen ohne
Menschenrechte, an deren Fhigkeit zur edelsten Menschenwrde Niemand glauben
will - sie dachte nun es sei Keiner unter ihnen im Stande, Recht zu handeln -
sie war auch vor ihm geflohen, als er sich ihr genhert.
    Aber da leuchtete es wieder hell auf in seinem kummervollen Antlitz, und er
sagte sich selbst, wie sich pltzlich besinnend: Nein - vor ihm war sie nicht
geflohen - - nur vor dem ungekannten Mann. Als er seinen Namen genannt, hatte
sie ihm vertrauend die Hand gegeben - sie hatte ihn nicht hinter sich gehen
lassen, wie einen Diener, wie er bescheiden gewollt - sie hatte ihm die Hand
gegeben, und war neben ihm gegangen, wie neben einem Freund - und dann hatte sie
ihm gedankt. Aber gewi htte sie ihn dafr gern mit irgend einer Gabe gelohnt -
aber das sollte sie nicht, nein, dies Mal gewi nicht, sie sollte ihn nicht
bezahlen, wie die reichen Leute die armen fr jeden Liebesdienst, womit sie oft
so weh thun - sie sollte ihn nicht bezahlen, weil er ein paar Minuten so
glcklich gewesen war.
    Und so dachte und grbelte er noch lange fort, bis endlich der Schlaf kam,
und mit ihm der Traum, und mit diesem Paulinens Bild.

                               X. Der Rittmeister


 Wie drunten die Puppen rennen,
 So winzig, so kferklein,
 Die selbst nicht vor Stolz sich kennen,
 Will jede was Mehres sein.
                                                                   C. Schreiber.

Monate waren verstrichen - der Frhling war gekommen.
    Der Frhling ist gekommen! Das war wie ein Jubelruf ber die ganze, vom
langen schweren Wintertraume erwachende Erde gezogen. Alle Fluren waren wieder
grn geworden, alle Mrzblmchen und Veilchen blhten wieder, alle Schwalben
waren gekommen und suchten die verlassenen Nester wieder, und alle Lerchen
sangen wieder - und dieser ganze lebende, lachende Frhling klang und blhte
auch in manchem Herzen wieder.
    Elisabeth und Pauline waren glcklich, als sie Beide, dem verschwiegensten
Leben und Weben der Natur so nahe, den Frhling kommen sahen. Beide sahen sich
jetzt fter, und genossen die schnen Tage zusammen.
    Zwar sahen Elisabeths Eltern diese Freundschaft so ungern, als Paulinens
Vater sie gern sah, weil es ihm immer Freude machte, wo er die Aristokratie der
Geburt sich vor der seinen, vor der des Geldes, demthigen sah. Aber wie oft
auch Anfangs die Grfin sanfte Vorstellungen an Elisabeth versuchte, in welchen
sie Pauline als einen unpassenden Umgang schilderte - Elisabeth erklrte fest
und bestimmt, da sie dieser Freundin nie entsagen werde - und so war Pauline
auf Schlo Hohenthal vorgestellt und hatte immer freien Zutritt. Die Grfin war
zu hoch und fein gebildet, um je dem brgerlichen Mdchen merken zu lassen, da
seine Gegenwart ihr unangenehm sei - sie behandelte es immer mit zuvorkommender
Herablassung, aber zugleich mit kalter Frmlichkeit. Von dem Grafen galt
dasselbe.
    Uebrigens hatte man im Schlo den Winter ganz einsam verlebt. Nur
Rittmeister von Waldow war mit seiner Gattin fter gekommen - ein langweiliges,
unbedeutendes, langsam alterndes Ehepaar - und einige andere alte
aristokratische Herren, welche in der Nhe lebten, und an einem bestimmten Abend
zum Spiel mit dem Grafen kamen. Unter diesen langweiligen Verhltnissen, fhlte
die Grfin selbst, wre es Grausamkeit gewesen, Elisabeth Paulinens Umgang zu
entziehen - allein das Frhjahr brachte die ebenbrtigen Nachbarn zurck, welche
im Winter die Einsamkeit ihrer Landgter mit dem Leben in der Residenz
vertauscht hatten.
    Es war also auch an einem schnen Frhlingsmorgen, als die beiden
Freundinnen Arm in Arm durch die saftgrnen Wiesen gingen. Sie hatten sich
Veilchen und Maasliebchen gepflckt, und um daraus kleine Krnze zu winden,
setzten sie sich nebeneinander auf eine Bank.
    Es war ein liebliches Bild. Pauline trug einen runden Strohhut mit
flatternden Enden; ihr blondes Haar war darunter glatt gescheitelt, ihre kleine,
zarte Gestalt umgab ein luftiges Kleid von rosaer Farbe mit einer Art von
schwarzem, den Hals umschlieenden Sammetmieder. Ihre ganze Erscheinung hatte
etwas Idyllisches. Eine Art Gegensatz zu diesem Eindruck empfing man durch
Elisabeths Bild. Um ihre langen blonden Locken hatte sie einen Tllschleier
geknpft, ihre edle, schlanke Gestalt umschlo ein schwarzes Wollenkleid mit
weiten Aermeln und einer langen Grtelschnur um die zarte Taille, so glich sie
halb einem Burgfrulein, halb einer Nonne vergangener Zeit.
    Als so die beiden Mdchen im kindlichen Naturgenu mit den Veilchen auf
ihrem Schoos spielten, und ihre Blicke darauf gesenkt hatten, ahnten sie nicht,
da sie pltzlich der Gegenstand einer lebhaften Unterredung geworden.
    Jaromir von Szariny und ein jngerer Baron von Waldow, Neffe des
Rittmeisters, waren in einem Seitenweg, und von ihnen ungesehen,
vorbergegangen.
    Da ist sie wieder! rief Jaromir, und blieb traumverloren stehen. Es
befremdete ihn gar nicht, da er die Unbekannte wieder sah, obwohl er sie am
Wenigsten jetzt und hier erwartet htte - aber da er ihr einst wieder begegnen
werde, hatte ihm Tausend Mal sein Herz gesagt, und er hatte diesem seltsamen
prophetischen Herzen immer geglaubt.
    Ah, Sie meinen die Damen dort, Schade, da ich meine Lorgnette vergessen
habe, sagte Waldow nachlssig, indem er auch stehen blieb.
    Ich bitte Sie, Waldow, Sie waren schon fter hier, Sie mssen die Damen
dieser Umgegend kennen - sagen Sie mir endlich, wer dieses Mdchen ist!
    Was denn endlich? erwiderte Waldow, der die Dringlichkeit seines Freundes
nicht begriff. Ich habe sie noch niemals gesehen - doch ja, ich entsinne mich,
gestern sah ich die Eine von ihnen mit dem alten Felchner, dem Fabrikanten,
fahren, man sagte mir, es sei seine Tochter.
    Seine Tochter? Aber welche meinen Sie? fragte Jaromir ziemlich befremdet.
    Die Kleine.
    Die Kleine - aber die Schlanke, wer ist sie?
    Nun jedenfalls auch so ein Fabrikantenmdchen, vielleicht eine Untergebene,
eine Verwandte - was wei ich. Etwas Nobles kann es keines Falls sein, sagte
Waldow leicht, und fuhr scherzend fort: Indessen Sie wissen, der Adelsverein
erlaubt eine Mesalliance mit diesen schnen brgerlichen Kindern, sobald sie die
Tchter reicher Fabrikanten oder Bankiers sind, und man mit ihrer reichen
Mitgift den Glanz eines durch die fluchwrdigen Verhltnisse dieser
neuerungssichtigen Zeit herabgekommnen adligen Hauses wieder auffrischen und
erhhen kann. - Sie haben das freilich nicht nthig, aber leider Gottes giebt es
Leute mit sehr viel Ahnen, und doch keiner Aussicht auf ein andres Erbe, als
einen Namen, und das gilt jetzt kaum so Viel - er schnippte mit den Fingern,
welche der gelbe Glachandschuh bedeckte, in die Luft, und fuhr dann geschwtzig
plaudernd fort: Kommen Sie, wir wollen diese Mdchen begren, wir wollen uns
einen Spa mit ihnen machen, man kann dies mit diesen brgerlichen Pppchen,
ohne sie zu erzrnen, sie werden entzckt sein, in der Einsamkeit ihrer
Dampfmaschinen und prosaischen Wasserwerke ein Abenteuer mit ein paar Lwen der
feinsten Salons zu erleben. Kommen Sie - und er wollte Jaromir am Arme mit
fortziehen.
    Gewaltsam widerstand dieser und hielt ihn zurck. Sind Sie bei Sinnen - ich
glaube, Sie wren im Stande, sich auch gegen dieses Mdchen einen unziemlichen
Scherz zu erlauben, rief er auer sich.
    Unziemlich oder nicht, sagte Waldow, darber liee sich ein langer
Monolog halten - aber ich begreife wahrhaftig nicht, warum heute unpassend sein
soll, was unter gleichen Verhltnissen Ihnen selbst sehr amsant war - es kann
auch nichts Spahafteres geben, als das halb verlegene, halb erzrnte Errthen
eines niedlichen brgerlichen Dingelchens.
    Die Mdchen waren unterde, ohne das Geringste von dem zu ahnen, was man
unweit von ihnen ber sie verhandelte, und ohne die Sprecher nur zu sehen, einen
Pfad herabgegangen, welcher sie von diesen noch weiter entfernte.
    Um Alles in der Welt nicht htte Jaromir das heilig stille Geheimni seines
Herzens von seiner Begegnung Elisabeths an diesen seichten Salonmenschen
verrathen, und noch weniger wre er im Stande gewesen, sich ihr mit ihm zugleich
zu nhern - als Ausfluchtsmittel sah er daher nach der Uhr, und sagte:
    Aber Sie vergessen, da uns Ihr Onkel um 10 Uhr zum Frhstck erwartet, und
da die schon vorber ist - lassen Sie uns eilen, zurck zu kommen, nicht in
allen Fllen ist es guter Ton, auf sich warten zu lassen.
    Besonders wenn man selbst Appetit hat, sagte Waldow, und indem er ber der
Aussicht auf ein gutes Frhstck die schnen Mdchen verga, ging er rasch mit
Jaromir dem Herrnhause zu, wo sie jetzt Beide als Gste wohnten.
    Wirklich waren sie von dem Paar bereits zum Frhstck erwartet worden, bei
dem sie noch einen fremden Gast fanden. Man stellte ihn als Hofrath Wispermann
vor. Es war ein langer, hagerer Herr, den man, wenn man diese dnnen Beine und
Arme, diesen langen Hals, auf welchem ein groes Haupt mit sprlichen braunen
Haaren und einem leichenblassen, abgezehrten Gesicht sich befand, recht wohl fr
einen riesigen Schatten halten konnte.
    Und dieser Schatten war ein Sohn des Aesculap, welchem einer der kleinsten
deutschen Frsten den Titel als Hofrath gegeben. Er hatte mit seinen Curen
nirgend groes Glck machen knnen. Manche Patienten waren ihm unter den Hnden
gestorben, gerade in den Augenblicken, als er sich geschmeichelt hatte, da er
durch die starke Dosis einer modernen Arzenei, welche freilich aus giftigen
Substanzen bestand, sie auf der Stelle und urpltzlich curiren werde. Wie sich
nun die Sachen oft so ganz anders verhielten, als er vorausgesagt hatte, und
endlich von allen seiner ehemaligen Freunde und Bekannten nur der Todtengrber
und die Leichenfrau ihm treu blieben, erklrte er pltzlich aller modernen
Medicin den Krieg, und ward ein Verkndiger des neuen Evangeliums vom Wasser.
    Er hatte ein ziemlich ansehnliches Kapital zusammengespart, und es jetzt zur
Anlegung einer Wasserheilanstalt, und zwar in der Nhe des Schlosses Hohenthal,
benutzt, wo eine kleine Villa zu verkaufen gewesen war, welche er Hohenheim
nannte. Eine kleine Anzahl elender Huser umgaben sie, die meist von
Fabrikarbeitern Herrn Felchners bewohnt waren.
    Der Wasserdoctor machte nun Herrn von Waldow seine Aufwartung, um ihm die in
allen ffentlichen Blttern pomphaft angekndigte Erffnung seiner
Wasserheilanstalt noch besonders mndlich anzuzeigen.
    Nun, das wird Leben und Gesellschaft in unsere Umgegend bringen, sagte der
Rittmeister vergngt. Gesunde werden die Kranken begleiten, und vielleicht
entwickelt sich noch ein ganz comfortables Leben in unsrer Nhe.
    Das wre sehr schn! stimmte seine Gemahlin ein. Man brauchte dann nicht
selbst in ein Bad zu reisen, wenn das Bad umgekehrt selbst zu uns kommt. Wie
viel haben Sie schon Kurgste, Herr Hofrath?
    Diese naive Frage machte den langen Doctor ein Wenig verlegen, er sah vor
sich nieder, scharrte mit dem Fu, und sagte dann lispelnd: Bis jetzt ist nur
ein kranker Herr da - gleichsam aber als wolle er den fr ihn niederschlagenden
und beschmenden Eindruck dieser Antwort gnzlich vernichten, setzte er mit
Nachdruck und Stolz hinzu: aber es ist ein Englnder.
    Der jngere Waldow konnte sich des Lachens kaum erwehren, und brach jetzt
heraus: Wahrhaftig, nur ein Englnder ist es im Stande, in einem verlassenen
deutschen Erdwinkel der einzige Kurgast einer Wasserheilanstalt zu sein.
    Man mu bedenken, wie frh es noch im Jahre ist, sagte der Doctor sehr
ernst.
    Und da eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, fiel Waldow ein. Aber
wahrhaftig, fuhr er begtigend fort, ich versichere Ihnen, mein Herr Hofrath,
Ihre Anstalt mu berhmt, von vielen Fremden besucht werden - es soll in der
feinen Welt bald zum guten Ton gehren, ein paar Wochen in Hohenheim zu leben. -
Alles kommt ganz darauf an, ob mein Freund, Graf Szariny, will: - erklrt er
Hohenheim fr berhmt, so wird es dasselbe auch in Kurzem sein - und da ein
Englnder gerade schon da ist, wird uns sehr zum Nutzen gereichen, man braucht
da weniger aufzuschneiden. - Was meinen Sie, mein Freund?
    Jaromir hatte nur scheinbar dem Gesprch zugehrt, seine Gedanken waren
anders beschftigt gewesen, er glaubte jetzt den Kern des Gesprches ganz
richtig erfat zu haben, als er antwortete: Man wird doch in Deutschland nicht
immer so bornirt sein, alles dumme Zeug nachzuffen, was ein Englnder angiebt.
    Der Hofrath stand entrstet auf.
    Die gndige Frau war unbeschreiblich verlegen.
    Der Rittmeister nthigte zum Trinken.
    Jaromir sah sehr harmlos die ganze bestrzte Gesellschaft der Reihe nach an.
    Waldow wute sich nicht mehr zu helfen, und hielt sich laut lachend die
Seiten - endlich sagte er: Sie sehen, Herr Hofrath, an welchem frchterlichen
Spleen mein armer Freund bereits leidet - Sie werden eine glnzende Genugthuung
von ihm erhalten, denn ber kurz oder lang werden Sie ihn in Ihrer Anstalt
finden.
    Eh' man ber dieses Miverstndni sich deutlicher erklren konnte, fuhr
unten ein Wagen vor, und ein Diener meldete Herrn Felchner.
    Der Rittmeister ward ein Wenig bla. Der Mensch kommt in Geschften zu mir,
welche keinen Aufschub leiden, sagte er, und fgte eilig, wie sich besinnend
hinzu: Es betrifft Grenzstreitigkeiten und Ablsungsverhltnisse. Ich bitte zu
entschuldigen, wenn ich mich in mein Zimmer zurckziehe.
    Auch der Wagen des Hofraths hielt unten, und so trennte man sich fr den
Augenblick schnell von einander. Die Gattin des Rittmeisters warf diesem einen
flehenden Blick zu, und ging ebenfalls in ihr Zimmer - Waldow warf sich ghnend
in eine Sophaecke, wo er alsbald entschlief, whrend Jaromir ein Packet
Zeitungen ergriff, eine Cigarre anzndete, und damit in den Garten ging.
    Es war ein unerquickliches Geschft, was der Rittmeister mit Herrn Felchner
abzuthun hatte.
    Er trug auch hier seinen alten grauen Hausrock - diese Misachtung aller
conventionellen Sitte im Haus eines Aristokraten war fr ihn charakteristisch.
    Gehorsamer Diener, sagte er im Eintreten, wollte mir nur selbst die
Antwort auf meine beiden Briefe holen, welche Sie mir schuldig geblieben sind.
    Es freut mich, da ich das Vergngen habe, Sie selbst persnlich bei mir zu
sehen, sagte der Rittmeister hflich, aber Felchner fiel ihm in's Wort: Sie
entschuldigen, da ich Ihre hflichen Redensarten unterbreche, allein wir
Geschftsleute haben immer nicht viel Zeit, dergleichen zu erwidern und
anzuhren, und heute bin ich ganz besonders pressirt. Wir wollen uns einander
nicht unnthig mit hflichen Redensarten aufhalten. Mein Besuch, frcht' ich,
wird Ihnen nicht erwnscht sein, denn Sie werden wohl wissen, weshalb ich komme,
sollken Sie sich dessen, was wir zusammen verabredet haben, jedoch gar nicht
mehr erinnern, so werde ich mir selbst die Freiheit nehmen. Mit diesen Worten
zog Herr Felchner aus seinen groen Rocktaschen einige actenmig aussehende
Papiere.
    Herr Felchner, sagte der Rittmeister vertraulich, wir haben immer gute
Nachbarschaft gehalten, wir wollen nicht um eines solchen Bagatells willen -
    Bagatell! unterbrach ihn dieser, und seine kleinen Augen funkelten, seine
Nase ward noch spitzer, als sie ohnehin war. Bagatell! Wenn es Ihnen das ist,
so zahlen Sie mir meine zehn Tausend Thaler aus! Fr einen Fabrikanten giebt es
kein Bagatell, dem Industriellen ist jeder Groschen ein Kapital, das seine
Zinsen tragen mu, sonst stocken die Geschfte - sprechen Sie nicht von
Bagatell!
    Beruhigen Sie sich, ich meinte nur nicht dieses Geld allein, sondern Geld
berhaupt sei eine Bagatell dem Glcke uns nahestehender Personen gegenber, von
welchen ich mit Ihnen vor allen Dingen zu sprechen wnschte.
    Ich verstehe Sie nicht, aber ich mu Sie bitten, zur Sache zu kommen, ich
habe durchaus nicht viel Zeit.
    Nun - Sie haben eine erwachsene, liebenswrdige Tochter -
    Ja, wahrhaftig! Sie ist mein Stolz und meine Freude.
    Ich habe einen einzigen Sohn, welcher jetzt auf Reisen ist -
    Ich bitte - zur Sache, zur Sache! und Herr Felchner rutschte ungeduldig
auf seinem Stuhle hin und her.
    Wir sind Nachbarn, unsere Besitzungen stoen aneinander -
    Wei es, wei es, verschmelzen immer mehr in einander, sagte Felchner
hhnisch.
    Das ist auch meine Meinueg, fiel der Rittmeister rasch in's Wort, ohne den
Hohn in der Stimme des Fabrikherrn zu bemerken, oder bemerken zu wollen, und
fuhr freundlich fort: Es wrde Sie schmerzen, jemals Ihre Tochter weit von sich
zu entfernen - nun, ich denke, Sie schlagen mit Freuden ein, Sie mssen meinen
Sohn von frher kennen, Sie haben den Vortheil, da Ihre Tochter Ihnen
unentfhrt bleibt, den Vortheil ihrer Standeserhhung - schlagen Sie ein, mein
lieber Freund - wir wollen aus unsern Kindern ein glckliches Paar machen - und
der Rittmeister hielt dem Fabrikanten mit freundlichem Lcheln die Hand hin.
    Dieser aber, statt, wie Jener wohl erwarten mochte, mit seiner Hand in die
dargebotene einzuschlagen, schlug heftig mit dem Actenstck darauf, das er in
der Hand hielt, warf aufspringend den Stuhl um, auf dem er gesessen, und
zitternd vor Wuth brachte er nur die Worte heraus:
    Nein, das ist zu unverschmt. Bleich stand er da, sein lederartiges
Gesicht zuckte in jedem Fltchen seiner Haut, die zornsprhenden Augen drehten
sich wild nach zwei verschiedenen Seiten, die einzelnen Haare seines Hauptes
strubten sich zur Decke.
    Auch der Rittmeister sprang auf, und indem er einige Schritte gewissermaen
furchtsam zurcktrat, sagte er: Welches Benehmen, mein Herr - in meinem
Zimmer!
    Ich frage Sie, sagte Herr Felchner, auf's Aeuerste gereizt, wie kamen
Sie dazu, mir dieses unverschmte Anerbieten zu machen? Wie konnten Sie denken,
ich werde die Hand meiner einzigen Tochter einem Krautjunker geben, ja einem
Krautjunker, von dem ich noch dazu wei, da er in Kurzem ein Betteljunker sein
wird, da ich die Wirthschaft seines Vaters kenne! Oder konnten Sie sich wirklich
einbilden, ich solle es mir zur Ehre schtzen, wenn meine Tochter eine gndige
Frau wrde? Die adligen Freier werden sich zu Duzenden finden, denn das Mdchen
ist ein Engel, und wre sie hlich wie die Snde, ihr Geld wrde sie in den
Augen altadliger Hungerleider doch zu einem Engel machen. - Aber bilden Sie sich
nicht ein, da heut zu Tage ein Industrieller noch Respect hat vor einem groen
Wappenschilde und einem vornehmen Namen - Herr Rittmeister - das sind Bagatellen
- Bagatellen, zu erbrmlich, sie nur zu beachten.
    Es ist gut, fuhr er ruhiger fort, nachdem er die heftige Rede abgebrochen
und hochaufathmend frische Kraft zum Weitersprechen gesammelt hatte - das Wort
Bagatell bringt mich wieder auf die Ursache meines Kommens, und auf die zehn
Tausend Thaler zurck, welche Sie fr ein Bagatell erklrten, und welche ich
Ihnen wahrscheinlich mit meinem Kinde schenken sollte - Sie haben das Vaterherz
so in Wuth gebracht, da ich beinah Narr genug gewesen wre, darber meine zehn
Tausend Thaler zu vergessen - sie waren schon vor einem Monate gefllig - Sie
werden meine Nachsicht zu schtzen wissen - ich bin da, um das Geld in Empfang
zu nehmen.
    Mein Herr Industrieller, sagte der Rittmeister, der unterde mhsam nach
Fassung gerungen, und vergebens berlegt hatte, wie er sich noch am Besten aus
der Schlinge ziehen knnte, mit beleidigtem Ton in der Stimme und einem Anflug
von Spott, es ist mir unmglich, mit Leuten, welche alle Rcksichten und
Hflichkeiten aus den Augen setzen, auf die jeder Mensch von Bildung Anspruch
macht, zu verhandeln, ich werde Ihnen Ihr Geld noch heute in Ihre Wohnung
schicken - und der Rittmeister kehrte dem Fabrikanten vornehm den Rcken, und
war im Begriff, das Zimmer zu verlassen.
    Sie knnen bleiben, sagte dieser, ich werde gehen - Ihre elende Ausflucht
ist eines Aristokraten des neunzehnten Jahrhunderts wrdig. Sie haben das Geld
nicht, ich sehe sehr wohl ein, da ich es also nicht mitnehmen kann, und werde
daher gehen. Brechen Sie aber Ihr Wort abermals, und ich erhalte das Geld nicht
noch heute, so begebe ich mich morgen mit dieser Verschreibung zu den Gerichten,
und Ihre Waldung ist mein Eigenthum. Ich empfehle mich Ihnen.
    Mit diesen Worten ging der kleine graue Mann zu der groen Flgelthre
hinaus, und fuhr dann in seinem glnzenden Staatswagen heim. Whrend er einen
Blick auf die nahe Waldung warf, rieb er sich vergngt die Hnde, und sagte zu
sich selbst:
    Es ist nicht mglich, da er das Geld bis heute Abend schafft, der Wald ist
also mein, und ich habe im Grunde keinen schlechten Handel gemacht. Den Wald
lasse ich umhauen, benutze den Platz zu einer Bleiche, der Bach, welcher
durchfliet, lt sich zu einem Graben machen, und kann eine neue Walkmhle
treiben - nein, nein, es ist wirklich kein schlechter Handel - es ist gut, wenn
ich auf so billige Art, und ganz allmlig meinen Grundbesitz vergrern kann
    Dem Rittmeister merkte man bei Tafel nicht an, welchen groen Aerger er kurz
vorher gehabt, in welcher innern Aufregung er sich noch befand, welche schlimmen
Sorgen er sich machen mute. Er war der liebenswrdige Wirth, wie gewhnlich.
    Als man die Tafel aufhob, sagte er: Ich mu heute noch einen Besuch bei
Graf Hohenthal machen, wollen mich die Herren begleiten, so werde ich mich
freuen, Sie vorstellen zu knnen.
    Jaromir und der Neffe waren mit Vergngen dazu bereit.

                                XI. Wiedersehen


 Ein Thor, wer auch die Hefen schlrfte,
 Weil er den Becher ausgeleert;
 Wir wren, wenn's so enden drfte,
 Eines des Andern nimmer werth.
                                                              Franz Dingelstedt.

Die Langeweile war es, welche Jaromir noch lange an Bella gefesselt hatte,
obwohl sein Herz lngst Nichts mehr wute von diesem Bande. Auch hatte sich das
Verhltni gendert, frher war er der Sklave ihrer Launen gewesen, spter mute
sie die seinen ertragen.
    Zuweilen war er lange auen geblieben, aber endlich war er doch immer wieder
zu ihr gegangen, weil er fr die Stunden, die er bei ihr zuzubringen pflegte,
doch nirgends andern Ersatz fand. Um es mit einfachen Worten kurz zu sagen: es
fehlte ihm Etwas, wenn er lange nicht bei ihr gewesen war, und so ging er immer
wieder zu ihr. Wollte sie ihn dann mit Vorwrfen empfangen, da er so lange
nicht da gewesen, so setzte er ihrer leidenschaftlichen Heftigkeit eine ernste,
fast schwermthige Ruhe entgegen, welche sie bald entwaffnete - ja sie selbst
war auch so an ihn gewhnt, da sie oft ber der Freude, den lang Vermiten
wiederzusehen, verga, da sie ihm hatte grollen wollen.
    Einmal jedoch, als eine ganze Woche vergangen war, ohne da Jaromir bei
Bella gewesen war, erwachte die Eifersucht in ihr - sie frchtete, da er eine
Andere liebe. Das schne junge Mdchen - Elisabeth - fiel ihr wieder ein, mit
welchem ziemlich zugleich sie einst Jaromir hatte das Haus, welches sie
bewohnte, verlassen sehen. Zwar hatte ihr spter Jaromir gesagt, da er von
Thalheim gekommen sei, mit dem er ein Geschft abzumachen gehabt - sie mochte
denken, ein literarisches - aber sie war sich doch genau bewut, da seit diesem
Tage Jaromir's Stimmung verndert war, da er von diesem Tage an aufgehrt hatte
ihr Sclave zu sein. Baron Fly, welcher mit Aurelie Treffurth wirklich ein
kleines Liebesverhltni angesponnen, und bei ihren Eltern um ihre Hand geworben
hatte, da er sie fr eine gute Partie betrachtete, war zurckgewiesen worden, da
umgekehrt Aureliens Eltern, welche von seinen Schulden und ausschweifendem,
thatlosem Lebenswandel hrten, ihn fr eine sehr schlechte Partie hielten, und
ihre Tochter seinen Ueberredungsknsten dadurch entzogen, da sie dieselbe aus
der Residenz in ihren Familienkreis zurckriefen, wo Aurelie, die erst stolz
darauf war, sich bald verheirathen zu knnen, es nun auch darauf war: einen Korb
ausgetheilt zu haben, und sich ber diese Trennung weiter nicht grmte. Fly
aber war ber diese fehlgeschlagene Hoffnung ziemlich verstimmt, und suchte bei
der schnen Schauspielerin seine ble Laune zu vergessen. Er fand auch ziemlich
Gnade vor ihren Augen, und von ihm, als Jaromirs intimsten Bekannten, konnte sie
wohl erfahren, welche Gesellschaften dieser jetzt besuche, und welches neue
Interesse ihn fesselte. Es wre nun vielleicht in Flys Interesse gewesen,
Jaromir bei Bella zu verdrngen, aber in seinem noch greren war es, ihn sich
zum Freund zu erhalten, denn auer von der Nachsicht seiner Glubiger lebte
Fly jetzt nur noch von Jaromirs Gromuth. Daher suchte er Bella die reine
Wahrheit zu sagen, da Jaromir in keiner Gesellschaft eine Dame besonders
auszeichne, da er berhaupt meist nur in Herrengesellschaft gehe, und da sein
verndertes Benehmen wohl Nichts sei, als eine Dichterlaune, da er jetzt an
einem greren Werke arbeite. Bella war dadurch noch nicht vollkommen beruhigt,
und verschmhte es nicht, auch durch ihr Kammermdchen, welche mit Jaromirs
Diener vertraut war, ber ihn Erkundigungen einzuziehen. Aber auch hier blieb es
dabei: Jaromir erhielt weder Briefe oder Billette von einer Dame, noch schrieb
er dergleichen an solche, ging auch nicht heimlich aus, noch fand sich berhaupt
bei seinem ganzen Thun irgend etwas Geheimnivolles. Bella konnte sich
beruhigen.
    Eines Tages, als er nach langer Abwesenheit wieder bei ihr eintrat, und wie
gewhnlich neben ihr auf dem Sopha Platz nahm, schmiegte sie sich zrtlich an
ihn, und sagte:
    Ist es auch Recht, da Sie jetzt ber Ihren Dichtungen das wirkliche Leben
ganz vergessen? Ist es Recht, da Sie ber Ihren Traumbildern Ihre Geliebte
vernachlssigen?
    Er sah sie halb erschrocken an, machte sich von ihr los, stand auf, und
sagte sehr ernst: Also immer noch diesen Traum, Bella? Diesen Traum, aus dem
ich lngst aufgewacht bin, in dem ich Sie schon lange nicht mehr befangen
glaubte.
    Sie erhob sich rasch, ihr Gesicht glhte. Und das sagen Sie so ruhig. - Sie
bekennen, da Sie mich getuscht haben, da Sie eine Andere lieben! rief sie
auer sich.
    Er schttelte langsam die dunkeln Locken: Getuscht? Was sind alle
Liebesverhltnisse, ja alle Lebensverhltnisse berhaupt anders, als eine Kette
oft gezwungener, immer wenigstens absichtsloser Tuschungen? Ich eine Andere
lieben? Nein, das ist fr mein Herz vorbei - das hat gelernt, da das Glck der
Liebe nur ein Traum ist. In der Zeit, wo aus der knospenden Kindheit ein
heiliger Zauberschlag die volle Blthe reifer Jugend entfaltet - da liebt man
ganz und wahrhaftig, da lebt man im lachenden Frhling, wo der Himmel ewig blau
ist, und die ganze Natur grn und blhend und ein seliges Paradies. - - Aber
jeder Mensch mu sein Paradies verlieren; die Einen treibt der Racheengel
gewaltsam fort, die Andern kehren ihm langsam, aber freiwillig den Rcken,
freiwillig - bis sie pltzlich gewahr werden, was sie verloren, und nicht mehr
zurck knnen.
    Er hielt inne - er hatte begeistert, aber sanft gesprochen, als wenn er
daheim allein an seinem Schreibtisch se, und nur sein Papier zum Zeugen htte
- seine Augen glnzten, seine Lippen zuckten schmerzlich lchelnd, ein sanftes
Roth lag auf seinen Wangen - sie hatte ihn nie schner gesehen. Sie setzte sich
wieder, und wagte Nichts zu entgegnen, endlich sagte sie:
    Sprechen Sie so weiter, und whrend ihre Augen innig an ihm hingen, fuhr
er fort:
    Was man spter von Liebe spricht, so ist es ein Spiel, das man nicht mit
dem fremden Herzen allein, sondern auch mit dem eignen treibt - aber das Spiel
ermdet, man lt das Spiel auch fallen - und wenn es dabei zerbricht, so sagt
man mit einem Seufzer, wie das Kind: ich habe Nichts dafr gekonnt; ich hab' es
nicht zerbrechen wollen - oder man wendet sich mit Ekel ab - oder -
    Jaromir! fiel sie ihm auer sich in's Wort.
    Er fuhr ruhig fort, wo er abgebrochen: Oder man sagt einander: Wir sind zum
Spielen zu alt, wir wollen das aufgeben, und nicht mehr kindisch sein - unsere
Puppen taugen nicht mehr, sie sind schlecht geworden, wir wollen das elende Zeug
bei Seite werfen, es soll uns nicht mehr qulen! Er setzte sich wieder neben
sie, und nahm ihre Hand:
    Bella, unsere Liebe war ein Spiel, unsere Freundschaft wird uns dauernd
beglcken.
    Sie sah stumm vor sich nieder.
    Bella, wiederholte er wieder, erinnern Sie sich noch des Abends in
Berlin, als Sie die Armida gegeben hatten? Sie waren wirklich diese allgewaltige
Zauberin gewesen, welcher Niemand widerstanden hatte, Rinaldo nicht auch Jaromir
nicht. Ich begleitete Sie in Ihre Wohnung. Sie waren erschpft von der
Anstrengung der Rolle - ich trug Sie halb ohnmchtig in Ihr Zimmer; ich legte
Sie auf Ihr Sopha, und knieete zu Ihren Fen - ich war nicht um Sie
beschftigt, Sie wieder zum Bewutsein zu bringen, ich hielt nur Ihre kleine
Hand zwischen der meinen, und schaute Sie unverwandt an - Sie kamen wieder zu
sich, und wir lagen einander in den Armen, aber wir sprachen nicht. Wir waren
allein, Ihre Verwandte lag krank in einem entfernten Zimmer, bei ihr waren Ihre
Dienerinnen - - ich verga Alles, ich vermeinte in den Zaubergrten Armidens zu
sein - von einer andern Wirklichkeit wute ich Nichts, als von der, da mich
Armida in ihren Armen hielt.
    Warum diese Erinnerung? fragte sie errthend. Warum das jetzt?
    Eben weil es eine Erinnerung ist, die niemals wieder Gegenwart werden
kann, versetzte er, und fuhr fort: Wir waren allein, unsere Ksse wurden
Flammen - da riefen Sie pltzlich: Schonung! Ich bin ein schwaches Weib - da
besann ich mich, ich erwachte aus meinem Sinnentaumel - ich hatte mich einer
Zauberin ergeben - an ein schwaches Weib hatte ich nicht gedacht - ich sagte: ja
ich mu fort - und schied pltzlich. - Sie sind stumm? fgte er nach einer
Pause hinzu.
    Es ist nicht zart, da Sie mich bei einer solchen Erinnerung zum Antworten
zwingen wollen, sagte sie, und sah vor sich nieder.
    Wir mssen einmal wahr gegen einander sein, sonst kann es zu keiner
Freundschaft kommen, wie ich sie ersehne; wir mssen uns einander keine
Erklrung schuldig bleiben. Wir haben ja keine That begangen, vor der wir
errthen mten - und was Sie Hundert Mal auf der Bhne ohne Errthen
geschildert haben, und schildern gehrt, das knnen wir ja einander auch ein Mal
ohne Vorstellung und ohne Redepomp im wirklichen Leben sagen, antwortete er
ernst mit unvernderter, sanfter, freundlicher Stimme.
    Nun, erwiderte sie, seit jenem Abend sagte ich mir: Jaromir ist kein
Lstling, wie die andern Mnner, er ist edler - ich mu ihn hher achten, als
die andern - aber vielleicht hat er auch keine Leidenschaften, vielleicht auch
kein Herz.
    Es kann sein, da man mir das Herz ertdtet hat, sagte er dumpf, erkltet
wenigstens hat man es gewi. - Nach jenem Abend sahen wir uns einige Tage nicht
- ich war mit mir zufrieden. Ich prfte mein Herz - ich fragte mich, ob uns
Beide die Ehe beglcken knnte. - Sie lcheln?
    Ich werde mich nie vermhlen, sagte Bella. Sie wissen es, eine
verheirathete Schauspielerin ist eine Art Amphibie - sie mu dem verwsserten
Element der Ehe angehren, und doch zugleich auf dem Land der Bhne leben - sie
wird weder vom Gatten, noch vom Publikum vernachlssigt sein wollen - und
vielleicht wird sie es gerade von Beiden sein. Nein, nein! Niemand kann zweien
Herren dienen, ich wre eine sehr schlechte Gattin, und htte dabei vielleicht
auch die Aussicht, eine schlechte Sngerin zu werden, fgte sie mit munterm Ton
hinzu.
    Jetzt endlich sind Sie wieder Sie selbst, rief Jaromir, und legen die
Sentimentalitt ab, mit welcher Sie mich vorher empfingen, und die mir an Ihnen
so fremd ist. - Was Sie da von sich selbst gestehen, dacht' ich auch, und noch
mehr: wenn ich mir sagte, da sie keine hingebende Gattin, und als solche auch
nicht glcklich sein wrden, so sagte ich mir auch noch, da ich als Gatte
vielleicht der unertrglichste, bestimmt aber der unglckseligste aller Menschen
sein wrde.
    Das ist ein sehr naives Gestndni! sagte Bella.
    Gewi, fuhr Jaromir lebhaft fort, ich sagte mir, da ich nicht einmal
einige armselige Tage in der Ehe wrde glcklich vertrumen knnen, wie es doch
die Andern im Stande sind, eben weil ich mir mitten in jedem leidenschaftlichen
Rausch sagen konnte: morgen wirst Du nchtern und ermdet sein. Ich fhlte, da
Ihr Besitz mit einem elenden, gefesselten Leben zu theuer erkauft sei - und weil
ich dies fhlte, erkannte ich, Sie nicht wahrhaft zu lieben, denn der Liebe ist
kein Preis zu theuer! Und dazu, Bella, liebte ich Sie eben zu sehr - oder, wenn
das deutlicher ist: Sie waren mir zu werth, ich stellte Sie zu hoch, um Ihnen
Reue und Kummer zu bereiten. - Bella! Sie sind mir heute so theuer und so werth,
ja so unentbehrlich, als irgend einmal - aber niemals haben Sie wieder jenes
strmische Verlangen in mir erweckt, wie an jenem Abend in Berlin -: urtheilen
Sie, ob ich noch leidenschaftlicher Liebe fhig bin. Nein, ich habe Sie fr
immer begraben! - Und wissen Sie, wenn das war? - An jenem Tage, als Sie sich
zuerst darber beklagten, da ich gegen Sie verndert und unhflich gewesen. Ich
sage Ihnen Alles. Meine erste Liebe war ein allmchtiges, heiliges Gefhl, das
mein ganzes Dasein, mein ganzes Streben ausfllte - meine erste Geliebte ward
mir untren - begreifen Sie, was das heit? Meine Liebe war mein Leben gewesen,
sie allein hatte ihm Farbe und Glanz gegeben, und diese Liebe ward verhhnt, in
den Staub getreten, und dadurch ward mein ganzes Leben zu einem wesenlosen,
finstern Schemen. O, es ging Alles sehr natrlich zu - es war gar nichts
Auergewhnliches - das Mdchen war gewi sehr vernnftig, sagte er hhnisch,
indem er dabei innerlich zitterte - es machte eine gute Partie - es war arm,
und ich damals auch, und htte auf mich noch lange warten mssen - der Andere
wandte ihr den Brautkranz sogleich in's Haar - so Etwas geschieht alle Tage -
warum nicht auch eines Tages mir? - Jahre sind vergangen, ich hatte meine
Verzweiflung und das Mdchen vergessen - an jenem Tage, wo sie zuerst ber mich
klagten, stand ich an dem Sterbebette dieser Einstgeliebten - wohin sie mich
verlangt hatte. Ich brachte keine Liebe mehr mit zu ihr - keine Liebe - sie war
fr immer aus meiner Brust gerissen - und das war der Fluch ihrer That! - Aber
ich kam zu der Erinnerung von ehemals, ich hatte wieder das klare Bewutsein von
dem, was Liebe eigentlich sei, was sie einst aus mir gemacht, wie sie mich
beglckt und erhoben hatte - und da fhlte ich, da es fr mich damit aus sei.
    Er hielt beinahe erschpft inne, sie hatte sanft seine Hand ergriffen, und
drckte sie theilnehmend, indem er fortfuhr: Vielleicht begreifen Sie nun, da
mich pltzlich wieder jedes Liebesspiel anekelte, da ich keinen zrtlichen
Liebhaber spielen mag, da ich erkannte, da ich nur ein Mal es wirklich gewesen,
und auerdem Nichts als ein gemeiner Gaukler, der aber seine Kunst so weit
gebracht hat, da er sogar sich selbst zu betrgen gelernt! - Darum, Bella,
fordern Sie keine zrtlichen Worte und Blicke mehr von mir, aber seien Sie
meiner Freundestreue gewi. Sie sind mir unentbehrlich, lassen Sie mich bei
Ihnen die Sttte finden, wo ich meine besten Freuden geniee!
    Sie fhlte, wie Recht er hatte, sie hatte Mitleid mit ihm, sie war gerhrt -
und ihr Stolz war geschmeichelt, da er sich nicht ganz von ihr losreien
konnte, ihrer Eitelkeit war genug gethan, da er keine Andere liebte - sie
selbst hatte auch keine tiefe Leidenschaft fr ihn empfunden, aber sie vermite
ihn schmerzlich, wenn sie ihn entbehren mute, und deshalb sagte sie in heiterm
Tone:
    Nun, so sollen Sie denn das Recht haben, ein ungalanter Liebhaber zu sein,
wenn Sie nur ein desto treuerer Freund sind - ich werde mir andere Anbeter
suchen mssen, sie sind ja auch keine Seltenheit - aber treue Freundschaft ist
eine, und so wollen wir denn davon ein musterhaftes Exemplar zu Stande bringen.
    So aufrichtig war dies neue Bndni zwischen diesen Beiden geschlossen
worden. Aufrichtig, denn was Jaromir verschwieg, das schlummerte selbst in
seiner Seele Tiefen als ein ungelstes, heiliges Rthsel.
    Er hatte Elisabeth zum zweiten Male gesehen, er war von diesem Augenblicke
an wieder ein begeisterter Dichter geworden. Aber er hatte nicht nach ihr
geforscht, er hatte sie nirgends gesucht. Wie ein wunderherrliches Traumbild war
sie ihm erschienen, so, sagte er sich, sollte sie in ihm fortleben. Warum auch
diese himmlische Erscheinung hereinziehen in die gemeine Wirklichkeit? Sie wrde
in ihr doch auch in ein leeres Nichts zerflieen, so meinte er, und das wollte
er sich ersparen; er wollte nicht auch dieses Ideal vernichten, um es mit zu den
andern umgestrzten Gttern seines Innern und seines Lebens zu werfen, deren
Fall er schon beweint oder verspottet hatte. Dieselbe Macht, welche sie ihm zwei
Mal in den Weg seltsam gefhrt, die werde es auch noch ein drittes Mal so fgen,
er wute es - aber er fragte weiter nicht darnach, er bemhte sich nicht darum.
Aber wie eine leuchtende Gestalt stand sie immer vor seiner Seele, und es gab
Momente, wo er sinnend in selige Trumereien versank - sie kamen ihm dann, wenn
er ihrer gedachte.
    Der Frhling war gekommen. Bella nahm Urlaub zu einer Kunstreise. Jaromir
hatte sich nun noch mehr, als je gelangweilt. Er hatte daher mit Vergngen den
Vorschlag eines seiner Bekannten, von Waldow, angenommen, ihn auf das Gut seines
Oheims, welchen er frher schon einmal kennen gelernt, zu begleiten, um fern von
der Stadt in Bergen und Thlern den Frhling in seinem ersten Kommen zu
belauschen.
    Und so hlt denn jetzt der Wagen, in welchem der Rittmeister von Waldow mit
seinem Neffen und Jaromir sitzt, im weiten Hofe des Schlosses Hohenthal.
    Die Ankommenden wurden gemeldet, und in das Empfangzimmer gefhrt. Die
Grfin, eine sehr hohe Gestalt, mit edlen, feinen Zgen, welche noch im Alter
Spuren einer stolzen Schnheit zeigten, sa auf dem Sopha - der Graf trat einige
Schritte nach der Thre den eintretenden Gsten entgegen. Jaromir ward
vorgestellt, und mit besondrer Huld begrt. Bereits hatte man sich eine Weile
ziemlich lebhaft unterhalten, und der Rittmeister dem Grafen fein zu verstehen
gegeben, da er ihn allein und in Geschften zu sprechen wnsche; man stand eben
auf, um, weil jetzt gerade die Sonne noch so warm schien, einen Spazier gang in
den Park zu unternehmen, als sich eine Seitenthre ffnete, und Elisabeth
eintrat.
    Meine Tochter Elisabeth - Graf von Szariny - Herr von Waldow - sagte die
Grfin.
    Elisabeth verneigte sich mit einem leisen Errthen, und einem Ausdruck der
Ueberraschung im Blick, als sie diesen auf Szariny richtete.
    Szariny verneigte sich tief, und warf einen seelenvollen, bittenden Blick
auf sie, welcher zu flehen schien: verrathe unser Geheimni nicht - la es vor
diesen gleichgiltigen Augen Niemand sehen, da es heute nicht zum ersten Male
ist, wo wir uns gegenber stehen - - denn er hatte es auf ihrem Antlitz gelesen,
da sie ihn erkannt hatte. Ihn selbst hatte ihre pltzliche Erscheinung
geblendet - er war nicht gleich eines Wortes fhig, aber er war zu sehr
Weltmann, um lnger, als durch einen Augenblick stummer Bestrzung sein
Erstaunen zu verrathen.
    Der Rittmeister ging mit dem Grafen in dessen Zimmer. Die beiden jungen
Herren begleiteten die Damen des Hauses in den Park. Jaromir wute sich davon
keine Rechenschaft zu geben - aber er war nicht im Stande, mit Elisabeth eine
Unterhaltung anzuknpfen, er ging an der Seite der alten Grfin, welche in ihrer
frhesten Jugend Jaromirs Mutter, ehe dieselbe nach Polen gezogen war, als
Mdchen gekannt hatte, und daher mir warmer Theilnahme Jaromir nach derselben
befragte. Dadurch kamen sie Beide in ein mit Innigkeit gefhrtes Gesprch,
welchem Waldow wenig Aufmerksamkeit schenkte, und er schien an Elisabeths Seite
schlendernd diese mit seinem seichten Salongeschwtz mehr zu langweilen, als zu
unterhalten.
    Man nahm in einem sonnigen Bosquet Platz, da die Grfin niemals weit zu
gehen vermogte, als pltzlich hinter einem meldenden Diener eine lange, hagere
Gestalt mit klapperdrren Beinen einhergeschritten kam.
    Hofrath Wispermann - ward angemeldet, und erschien auf einem leichten Wink
der Grfin unter tiefen Verbeugungen.
    Mein Gott, sagte Waldow, noch eh' Jener herzutrat, halblaut zu Jaromir und
Elisabeth, zwischen denen er sa, da ist wieder dieselbe stereotype Gestalt von
heute Morgen, welche ich nun nicht anders, als den Unvermeidlichen nennen werde
- denn jetzt ist gewi kein Haus und Schlo in unsrer Nachbarschaft, in welchem
sein Schatten nicht erschienen.
    Wie der Hofrath mit bei der Gesellschaft sa, war natrlich wieder die neue
Wasserheilanstalt der Kern des Gesprchs.
    Elisabeth fand das sehr langweilig, und da sie in nicht geringer Entfernung
ein Maiblmchen blhen sah, so ging sie hin und bckte sich, dasselbe zu
pflcken.
    Jaromir stand auch auf und folgte ihr, indem er sich stellte, als sei er der
Meinung, sie wolle etwas Verlorenes aufheben. Ach, Sie wollten nur das arme
Maiblmchen pflcken, das so silberschn aus dem feuchten Moose hervorschaut,
sagte er, wie sich berichtigend.
    
    Sie zog die Hand von dem zarten Stengel wieder hinweg, den sie noch nicht
geknickt hatte, und sagte, zu ihm aufblickend:
    Soll das eine Bitte sein, das Maiblmchen nicht zu pflcken? Es ist das
erste, welches ich blhen sehe in diesem Frhling.
    Das erste - ja alles Erste mu man schonen, sagte Jaromir. Dann freilich
brechen Sie es wenigstens nicht eher, als bis alle seine kleinen Glckchen
aufgeblht sind - morgen ist der erste Mai, den haben sie einluten wollen.
    Alles Erste mu man schonen, wiederholte Elisabeth sinnend. Warum alles
Erste gerade - warum nicht alles Letzte?
    O, sagte er, weil alles Erste von hoher Bedeutung ist - eine erste Blume
und eine erste Begegnung und ein erstes Wort.
    Sie errthete leicht, und sagte nur, auf den Rasen umschauend.
    Es werden bald noch mehr nachfolgen.
    Das lassen Sie mich hoffen, erwiderte er.
    Sie waren nur wenige Schritte von der sitzengebliebenen Gesellschaft
entfernt gewesen, und traten jetzt wieder zu dieser zurck.
    Der Rittmeister und der Graf kamen jetzt auch in den Garten - Beide sahen
sehr aufgeregt und verstimmt aus, und bemhten sich vergebens, diese Stimmung
den Anwesenden zu verbergen.
    Der Rittmeister mahnte zum Aufbruch. Die Aufforderung der Grfin, zum Abend
zu bleiben, ward von ihm unter einem unbedeutenden Vorwand hflich abgelehnt.
Man empfahl sich einzeln von einander. Jaromir sagte dabei zu Elisabeth: Geben
auch Sie mir die Erlaubni, Sie fter zu sehen, wenn ich hier bleibe?
    Und Sie antwortete leise: Bisher waren Ihre Gedichte fr mich eine
angenehme Gesellschaft, warum sollte es nicht ihr Dichter sein.
    Er blickte sie froh berrascht an - aber er antwortete weiter Nichts, denn
Waldow trat eben hinzu, um auch Abschied zu nehmen.
    Jaromir wandte sich jetzt an den Wasserdoctor, welcher ihm seine
Impertinenz, wie er die Zerstreuung und das daraus entstandene Miverstndni
von demselben Morgen nannte, noch nicht vergessen, ihn deshalb nur scheel und
von der Seite angesehen hatte, und brigens seiner Nhe ausgewichen war, und
jetzt nur eine steife Neigung mit dem Kopfe machte, als der junge Graf auf ihn
zutrat, dieser aber sagte freundlich:
    Ich werde mir morgen erlauben, Ihrer Anstalt einen Besuch abzustatten, und
wenn mir die Localitten gefallen, auf einige Wochen mich dahin zurckziehen.
    Da auf einmal heiterte sich das Gesicht des Hofrathes urpltzlich auf, es
war, als htten bisher lauter Gewitterwolken dasselbe verdunkelt, und ein
einziger unerwarteter Westwind trieb sie alle auseinander, und machte sie
spurlos verschwinden. Der Doctor erwiderte mit einem tiefen Bckling, und begann
lchelnd und schmunzelnd einen langen Sermon zu halten, wie sehr ihn die
Bekanntschaft des Herrn Grafen ehre und freue, und wie er dem Himmel nicht genug
fr den gnstigen Zufall danken knne, diese Begegnung herbeigefhrt zu haben.
Eine zweite Rede, welche er ber die vortreffliche Einrichtung seiner Anstalt
halten wollte, ersparte Jaromir sich und ihm, indem er versicherte, sich das
Alles lieber morgen am schicklicheren Orte erklren zu lassen, und sich mit den
andern Herren, mit denen er gekommen war, entfernte.

                           XII. Folgen eines Besuches


 In jenen Rumen des lebendigen Todes
 Zeigt Deine Hand das Elend kalt und tief,
 Die Noth - die Kinder mordet, wie Herodes,
 In deren Schaar vielleicht ein Heiland schlief.
                                                                 Alfred Meiner.

Als die drei Herren wieder in dem Hause des Rittmeisters angekommen waren, zog
sich Letzterer sogleich in sein Zimmer zurck, um nthige Geschftsbriefe zu
schreiben, wie er sagte. Er hatte vorher eine lange Unterredung mit seiner
Gemahlin, welche sich nach dieser bei den jungen Herren entschuldigen lie, und
wegen Kopfschmerzen auf ihrem Zimmer blieb.
    Im Grunde ist es sehr langweilig hier, sagte Waldow, als er bei dem
einsamen Abendessen Jaromir ghnend gegenber sa.
    Wissen Sie, begann dieser, da mir Ihr Wort von diesem Morgen nicht
wieder aus dem Sinne will: es ist leicht, Hohenheim berhmt zu machen?
    Gewi eine gttliche Idee von mir! rief Waldow Wir wollen den Ort in die
Mode bringen - Sie brauchen sich nur zu entschlieen und die Presse in Bewegung
setzen, sie fr diese Idee gewinnen, und wir erreichen unser Ziel - die Presse
ist eine Macht -
    Ja, eine Macht, der man selten gestattet, etwas Groes und Gutes zu
bewirken, und welche man dafr doch negiren mgte, der man aber ungestrt
gewhren lt, wenn es ihr einmal gefllt, eine Narrheit zu erfassen - und es
soll mir Spa machen, dies den Leuten zu zeigen.
    Sie brauchen nur einige emphatische Artikel ber Hohenheim zu schreiben,
eine Novellette, welche dort spielt, und unser Ziel ist erreicht.
    Ich werde noch mehr thun - ich werde selbst nach Hohenheim ziehen.
    Sie scherzen.
    Mein voller Ernst. Ich habe mich bereits bei dem Wasserdoctor vorhin
angemeldet.
    Waldow hielt sich vor Lachen die Seiten, wie seine Gewohnheit war - und er
hatte sie nthig, denn er pflegte immer ungewhnlich laut und lrmend zu lachen.
Das ist gttlich! Ich an Ihrer Stelle wrde das bis ber's Jahr versparen, wo
der Ort Mode ist - jetzt werden Sie sich mit dem Englnder allerliebst amsiren,
und das Spazierenlaufen zu dem einsamen Brunnen, die frugale Kost mu eine
sperbe Sache sein.
    Die Narrheiten der Kur werde ich nicht mitmachen - was ich will, ist nur,
mich in eine romantische Natureinsamkeit zurck zu ziehen, dort ungestrt zu
arbeiten, der tdtlichen Langeweile des Salonlebens mich zu entziehen, und was
mir dabei Spa machen soll, ist, nach und nach die Kurgste ankommen zu sehen,
von deren Kommen ich die einzige Ursache sein werde, und die doch niemals weder
dies, noch berhaupt einsehen werden, da sie doch eigentlich nur mystificirt
sind. Man mu endlich raffinirte Mittel ersinnen, um sich die Langewcile zu
vertreiben.
    Ein kniglicher Spa! rief Waldow ein Mal ber das andere. Sie verdienten
dafr den rothen Adlerorden oder eine Civilverdienstmedaille.
    Scherz bei Seite, sagte Jaromir, vielleicht knnen wir Eines oder das
Andere dem unvermeidlichen Hofrath verschaffen, der natrlich auch ein berhmter
Mann werden mu - ein Glck, da er bereits Hofrath ist - das empfiehlt sehr -
wir wren sonst auch noch in die Verlegenheit gekommen, ihm einen Titel zu
kaufen. - Morgen fahren, reiten oder gehen wir hin, und dann schildere ich
sogleich mit poetisch begeisterter Feder den reizend gelegenen Ort als ein
wahres Paradies. Die Anstalt wird als im ersten Erblhen geschildert, in der
aber bereits ein reicher Graf, ein junger Pole, ein berhmter Schriftsteller und
Englnder eingetroffen sind. Dabei ist nicht die geringste Lge, denn die ersten
drei Personen vereinige ich alle in einer, und ich werde da sein. Die Umgegend
wird als eine von vielen der ersten aristokratischen Familien bewohnte
geschildert - einige Sagen werden von den Schlssern, welche sie bewohnen, mit
eingewebt.
    Und vergessen Sie nicht, einzuschalten, da schne Burgfruleins und
hbsche Fabrikkinder in dieser Umgegend zu sehen sind. - Apropos - es war also
kein Fabrikmdchen, sondern Comtesse Elisabeth, welche wir diesen Morgen sahen;
indessen find' ich es hchst sonderbar, da sie so vertraut mit dieser Tochter
ihres brgerlichen, gemeinen Nachbars that. - Nun, und wie gefiel Ihnen
Elisabeth? Ich mu gestehen, mein Geschmack sind diese schlanken, kalten Damen
nicht. Wie gefiel sie Ihnen?
    Ich urtheile selten nach erstem, flchtigem Eindruck, sagte Jaromir
ausweichend, und fuhr dann wieder, zu dem ersten Thema schnell zurckkehrend,
fort: Ich lasse meine romantische Schilderung von Hohenheim die Runde durch
mehrere Journale machen - gefllige literarische Freunde ersuche ich, kleine
Notizen daraus noch auszumalen, meinen Bekannten in meinem letzten Wohnorte und
Berlin schreibe ich privatim - und es mte in der That seltsam zugehen, wenn es
nicht innerhalb weniger Wochen fr viel fashionabler glte, in die
Wasserheilanstalt nach Hohenheim zu wallfahrten, als nach Grfenberg, und selbst
nach Teplitz, Baden, Kissingen u.s.w.
    Nun, und Niemand wird darber erfreuter sein, als ich, da eigenthmliche
Verhltnisse es fr mich vortheilhaft machen, einige Monate bei meinem Onkel
noch auszuhalten, wo man, wie Sie sehen, nicht immer auf's Beste unterhalten
wird.
    Whrend so diese Beiden frohgelaunt den Abend heiter verplauderten, befand
sich der Rittmeister unterde in einer ganz andern Stimmung; seine Laune war
viel eher grau in grau zu nennen, als rosenfarben.
    Er hatte vorher im geheimen Zwiegesprch dem Grafen von Hohenthal den hchst
unangenehmen Fall vorgetragen, welcher ihn nthigte, entweder sogleich zehn
Tausend Thaler zu schaffen, oder einen der besten Theile seiner Besitzung zu
verlieren. Er hatte zuerst von dem Grafen die bittersten Vorwrfe erhalten, da
er, wie dieser sich ausdrckte, eher zu einer gemeinen Krmerseele seine
Zuflucht genommen, als zu einem Genossen seines Standes, und da er ihn
wenigstens nicht frher von dem ganzen unglckseligen Contrakt unterrichtet
habe. Es msse ihm doch viel leichter werden, den Wald an einen adligen Besitzer
abzutreten, als an einen Industrieritter, der ihn gewi umhauen, und als Brenn-
und Nutzholz verwerthen lasse, und das schne Wild daraus vertreibe, so da, wo
bisher in der feierlichen Waldstille nur die Flinte eines herrschaftlichen
Jgers geknallt, bald der elende Lrm irgend einer Fabrik sich werde hren
lassen. Endlich fragte der Graf, was der Rittmeister denn nun zu thun gedenke?
Dieser meinte, wie ihm keine Wahl bliebe, als entweder noch vor Nacht dieses
Geld an Herrn Felchner zu schicken, oder gewrtig zu sein, da dieser morgen von
dem Walde Besitz nehme. Dies war dem Grafen ein so entsetzlicher Gedanke, da er
sogar seine Ausfhrung fr eine Unmglichkeit erklrte - endlich ffnete er
seinen Sekretr, sah viele Fcher und Papiere durch, und berreichte nach langem
Suchen und Zhlen dem Rittmeister fnf Tausend Thaler in Staatspapieren und
Actien. Mehr war ihm fr jetzt nicht zur Hand, in acht Tagen, sagte er, wrde es
ihm mglich sein, auch die andere fehlende Hlfte der Schuldforderung zu
liefern. Er lie sich darber von dem Rittmeister eine Bescheinigung geben, und
gab ihm selbst schriftlich das Versprechen, in wenig Tagen ihm fnf Tausend
Thaler auszuzahlen, damit sich dieser dessen als einer Beglaubigung Herrn
Felchner gegenber bedienen knnte, da dieser Nichts mehr auf seinen Credit gab.
    Der Rittmeister mute sich nun wieder zu einem hflichen Brief an den
Fabrikherrn entschlieen. Er legte die fnf Tausend Thaler und die Brgschaft
des Grafen Hohenthal fr das fehlende bei, und bat nun, sich noch einige Tage zu
gedulden. - Der Brief war ein seltsames Gemisch von hflichen Redensarten,
kriechenden Bitten und aristokratischen Anmaungen. - Er sandte diesen Brief
sogleich durch einen erpressen Boten an Herrn Felchner.
    Dieser sa eben mit Pauline, Georg und den Factoren beim Abendessen, welches
so hastig und schweigsam eingenommen ward, wie immer, als man ihm des
Rittmeisters Brief berbrachte. Er ri das Siegel verdrielich auf - sollte er
doch noch das Geld aufgetrieben, und mich so um den guten Handel, den ich so
leicht mit dem Walde gemacht htte, betrgen?
    Als er gelesen, und die Papiere durchgesehen, stand er halb rgerlich, halb
lchelnd auf, und ging in sein Comtoir. Hier schrieb er an den Rittmeister:
Euer Hochwohlgeboren haben mir kein baares Geld geschickt, sondern elende
Papiere, zum Theil von sehr relativem Werth. Wer wird eine Schuldzahlung in
Actien annehmen? Die Brgschaft des Grafen Hohenthal ist fr mich ohne Werth,
denn sie ist nicht gerichtlich. Ein Mann, ein Wort - ich habe sechs Wochen
Geduld gehabt, und Ihnen heute erklrt, da dieselbe zu Ende ist. Bemhen Sie
sich ja nicht weiter, mit hflichen Redensarten mich andern Sinnes zu machen.
Ich schicke Ihnen Ihre Papiere wieder, und bergebe morgen unsere Sache dem
Gericht.
    Er versiegelte Alles, und gab das Paquet dem Boten des Rittmeisters. Dann
rief er seine Tochter.
    Mein Kind, sagte er freundlich, ich habe heute in Deinem Namen einen Korb
ertheilt, ist Dir das recht, oder httest Du schon Lust, Dich zu verheirathen?
    Nein, gewi nicht, lieber Vater, sagte Pauline halb errthend, halb
lachend. Es kann auch nur ein Scherz von Dir sein, denn ich wte nicht, wer
knnte im Ernst um mich angehalten haben.
    Ei doch, es ist gar kein Scherz - der junge Baron von Waldow, dessen Vater
dadurch aus seinen Schulden kommen wollte - ein neues Mittel fr einen Vater -
in der That ein neues Mittel, sonst suchen nur die adligen Taugenichtse eine
reiche Partie, um ihre Schulden zu bezahlen, und ihr faules und lockres Leben
bequem fortsetzen zu knnen - aber der Speculationsgeist dieser Herren macht
immer riesenhaftere Fortschritte - jetzt suchen die herabgekommenen adligen
Gutsbesitzer fr ihre Shne die Goldfischchen zu angeln, um durch einen guten
Fang zugleich sich selbst mit aufzuhelfen - eine sehr bequeme Art, sich zu
bereichern, eine allerliebste Industrie! - Wie, oder wrst Du etwa selbst gern
gndige Frau geworden, Pauline - auch wenn - -
    Der Alte hatte sich selbst immer mehr in Heftigkeit geredet, so da Pauline,
um ihn zu begtigen, die kleine Hand auf seinen Arm legte, und sanft sagte:
Aergere Dich nicht unntz, ich habe gar keine Lust, an's Heirathen zu denken,
und die adligen Herren sind mir eben so uninteressant gewesen, als die
brgerlichen.
    Das ist gut, Kind, sagte der Fabrikant, denn ich sage Dir, wenn ein
reicher Graf kommt und um Dich wirbt, ich werde es mir noch berlegen, aber das
sage ich Dir, ehe ich zugebe, da so ein herabgekommener Krautjunker, der Nichts
hat, und Nichts gelernt hat, und Nichts verdienen will, eh' ein solcher Tagedieb
Dein Mann wird - eher gebe ich Dich lieber dem Geringsten meiner Leute, der
seine Sache versteht, und redlich arbeiten gelernt hat.
    Pauline wute nicht, wie es kam, aber die letzten Worte ihres Vaters thaten
ihrem Herzen wohl.
    Ein Factor trat ein, um eine Geschftsangelegenheit mit Herrn Felchner zu
besprechen, und das Zwiegesprch hatte ein Ende.
    Der Abend war noch schn, die Dmmerung brach nur langsam herein, und
Pauline ging noch in's Freie. Sie war noch nicht lange im Garten, und hatte sich
nur eben in die stille, knospende Hollunderlaube gesetzt, als Franz Thalheim
leise in den Garten trat, und sich schchtern nherte, und ehrerbietig grte.
    Guten Abend, sagte sie freundlich, was bringen Sie mir?
    Ja, Frulein, ich komme schon wieder, antwortete er traurig, und immer
nur mit Bitten -
    Lassen Sie die Bedenklichkeiten, fiel sie ihm mild in's Wort, ich habe es
Ihnen ein fr alle Mal gesagt: es ist nicht in meiner Mache, der allgemeinen
Noth abzuhelfen, und dabei mein einziger Trost, wenn ich im Kleinen sie lindern
kann.
    Und Sie werden Niemals mde werden, unser guter Engel zu sein, auch wenn
Sie fr uns leiden mssen: sagte er flsternd, fragend.
    Ich verstehe Sie nicht recht, antwortete sie, aber sagen Sie mir, welche
Bitte Sie herfhrt.
    Ein Kind, ein Mdchen von sieben Jahren, hat die Hand nicht zeitig genug
unter der sgenden Dampfmaschine weggezogen, und dadurch ist ihm der Arm halb
zersgt und abgerissen worden.
    Pauline verhllte ihr Gesicht und ward bleich. O, mein Gott, ein Kind!
seufzte sie leise.
    Die Mutter hat die kleine, halb todte Lise mit zu Hause genommen. Einer von
uns, der es mit angesehen, bat den Factor, er mge nach dem Chirurgen schicken,
von welchem Herr Felchner seine Leute curiren lt, denn die armen Eltern haben
Nichts, wovon sie dem Chirurgen seinen Weg bezahlen knnten, und ohne Geld - Sie
wissen ja - -
    Mein Vater wird gewi - begann Pauline.
    Aber Thalheim fiel ihr in's Wort: Ach nein, leider kennen wir Herrn
Felchner besser - wir haben zur Antwort erhalten, da es eine lcherliche
Zumuthung wre, wenn er fr jedes Kind, das rein aus bloer Ungeschicklichkeit
einen Schaden nhme, sorgen solle - dann wrden wohl gar die Arbeiter ihre
Kinder versichtlich verstmmeln, damit sie gut gepflegt wrden, und faullenzen
knnten - ach, Frulein, so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten.
    Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel, aber sie wute Nichts zu
antworten. Franz fuhr fort:
    In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor, um von seiner Frau nur
ein wenig alte Leinwand zu erhalten, damit sie selbst das blutende Kind
wenigstens reinlich verbinden knnte - der Factor stand selbst an der Thre, er
warf sie zum Hause hinaus, und sagte, da die Bettelei jetzt gar nicht aufhrte
- da kam ich dazu, ich sagte der Unglcklichen, ich knne ihr vielleicht
Leinwand verschaffen - da bin ich nun, und bitte um weiter Nichts, als um ein
paar Stcke alte Leinwand.
    Ich komme gleich wieder, sagte Pauline, und lief schnell in das Haus.
    Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz
Thalheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten, ja
zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat. Sie hatten Beide
einander ihr Versprechen gehalten - er, da er ihr mittheilte, wo in den
Familien der Fabrikarbeiter einer augenblicklichen grten Noth abzuhelfen
mglich war - sie, indem sie dann Nichts unversumt lie, die beste Hilfe zu
bringen.
    So war er mehrmals zu ihr gekommen, so hatten sie gemeinschaftlich
gehandelt. Immer aber war er in ehrerbietiger Ferne von ihr geblieben, immer war
sie ihm mit gleich unbefangener Freundlichkeit begegnet.
    Er hatte es immer so einzurichten gewut, da er in den Stunden zu Paulinen
kam, wo er Herrn Felchner entweder fern, oder doch beschftigt wute, denn wie
er ihn kennen gelernt, frchtete er, da er gewi auch der Wohlthtigkeit seiner
Tochter Schranken setzen wrde, sobald er von derselben eine hinreichende
Kenntni erhielte - und aus gleichem Grunde, wiewohl ihn Pauline aus kindlicher
Schonung fr ihren Vater nicht auszusprechen wagte, hatte sie Thalheim gebeten,
nicht immer zu sagen, woher die Hilfe kam. So bestand zwischen Beiden ein
stillschweigendes Einverstndni, und der Schleier des Geheimnisses war ber
ihren Bund gebreitet - dies Alles trug dazu bei, denselben eine freilich nie
ausgesprochene, aber grere Innigkeit zu geben, als er auerdem vielleicht fr
sie gehabt htte.
    Jetzt trat Pauline aus dem Hause wieder in den Garten, einen schweren Korb
am Arme, und sagte zu Franz:
    Fhren Sie mich zu der armen Mutter - ich will selbst hingehen.
    Franz war im ersten Augenblick frhlich berrascht - nach einer kleinen
Pause sagte er aber: Sie wurden schon vorhin bla, wie ich Ihnen nur von dem
zerrissnen Arm des Kindes sagte - es wird Ihnen widerlich sein, diesen Anblick
wirklich zu haben - wer wei, vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus.
    Halten Sie mich nicht fr so schwach - und wird mir der Anblick weh thun -
die andern Leute mssen ihn ja auch haben, und empfinden dabei gewi dasselbe.
    Aber die Wohnung der groen Lise ist sehr schmuzig und schlecht, die Frau
selbst ist roh, und war durch die Verzweiflung heute zur Wuth aufgestachelt -
sie wre im Stande - er hielt pltzlich inne, und fgte dann bei: ersparen Sie
es sich.
    Was wre die Frau im Stande? Warum reden Sie nicht aus? Sie wissen, da Sie
vor mir Alles sagen drfen.
    Sie wre im Stande, Sie verletzende Reden hren zu lassen, weil Sie heute
Schlimmes erfahren.
    Sie wrde Grund dazu haben, uns zu verurtheilen - es war in unserm Dienst,
da ihr Kind verunglckt ist - sie hat von meinem Vater harte Worte hren
mssen, der Factor hat sie noch hrter behandelt - sehen Sie, deshalb will ich
hin, ich fhle, da ich diesen armen Leuten eine Genugthuung schuldig bin.
    Mein Frulein - Sie sind mehr als ein Engel der Armen! rief er mit
Begeisterung. Sie wissen, was die reichen Leute niemals glauben wollen, da es
auch fr die armen Leute ser ist, das Brod, um das sie betteln mssen, mit
einem freundlichen Blick geboten, als mit einer zrnenden Miene vor die Fe
geworfen zu erhalten - er fate ihre Hand, er hatte es nie wieder gewagt seit
jenem Wintersonntagabend, wo er ihr Beschtzer gewesen war, und sie ihm die
ihrige gegeben hatte - aber jetzt konnte er nicht anders, er fate sie mit
raschem Drucke.
    Sie erwiderte diesen leise, sah ihn mit einem unbeschreiblich innigen Blicke
an, und sagte sanft: Wer hat mich denn gelehrt, die Gefhle dieser
Unglcklichen zu verstehen?
    Beider Augen glnzten feucht - in diesem Glanz spiegelte Eines das Bild des
Andern zurck - so standen sie einander still gegenber, ihre Lippen schwiegen,
nur diese Blicke sprachen, diese Blicke erzhlten das ganze Geheimni von zwei
gleichschlagenden Herzen, und ihre Hnde blieben sanft in einander.
    Nachdem so eine stille, feierliche Minute ber sie hingezogen war, sagte
Pauline: Wir gehen zusammen - lassen Sie und nicht lnger zgern.
    Ja, wir gehen zusammen! rief er frhlich. Ich widerspreche Ihnen nicht
mehr.
    Sie zog ihre Hand aus der seinen, er nahm ihr den Korb ab, welchen sie trug,
und folgte ihr. Die Dmmerung brach immer schneller herein. Bald stand Franz vor
einem kleinen aus Holz und Lehm erbauten Hause still, Die Hausthre stand offen.
Er wies auf eine kleine, schmuzige Treppe von Holz, welche hinauf fhrte, er bat
Paulinen, hinauf zu gehen, und folgte ihr mit dem Korbe, der Druck auf eine
verrostete, feuchte Thrklinke ffnete die armselige Kammer, in welcher die Frau
wohnte, welche man in der Fabrik nicht anders, als die groe Lise nannte.
    Auf einem Haufen von verfaultem Moos und Stroh, das ein alter Fetzen von
grobem Zeug von vielen Schlitzen und Lchern nur wenig berdeckte, lagen zwei
wimmernde Kinder, ein Knabe von etwa zehn, und ein Mdchen von sieben Jahren, in
einem andern Winkel hockten noch zwei kleine Mdchen, die etwa fnf und vier
Jahre zhlen mogten. Alle diese Kinder sahen bleich und abgezehrt aus, und ihre
Augen glotzten stumpf und blde vor sich aus; durch den matten Schein der dster
brennenden, kleinen Oellampe wenig beleuchtet, ward ihr Ansehen noch
unheimlicher, und sie glichen in den schmuzigen Lumpen, in welche sie gehllt
waren, mit den struppigen Haaren, die ungekmmt in die ausdruckslosen Gesichter
hereinhingen, eher unheimlichen Kobolden, als lebenden Menschenkindern. Ein
Tisch, auf welchem das rauchende Oellmpchen unter einigen andern halb
zerbrochenen und beruten irdenen Gerthen stand, und daneben zwei alte hlzerne
Sthle mit zerschlitztem Leder beschlagen, und eine alte Lade - das war der
ganze Hausrath einer Familie.
    Zwei Frauen standen in dieser Stube; die eine war hager, aber von
riesenhafter Gre. Sie hatte mit einem bunten Tuch um den Kopf die schwarzen
Haare aufgebunden; ihr Gesicht war bleich und starr - aus ihren Augen und dem
Zucken um ihren welken Mund sprach ein verwilderter Ausdruck. Das war die lange
Lise, die Mutter dieser vier Kinder.
    Die andere Frau war eine Fabrikarbeiterin, welche Frau Martha genannt ward,
und welche nur aus Mitleid mit zu der langen Lise gegangen war. Sie war kleiner,
als diese, aber von strkerem Gliederbau, hatte ein rothes, offnes Gesicht, und
war in der uern Erscheinung weniger abschreckend, als Jene, vor welcher
Pauline gleich auf den ersten Anblick einen innerlichen Schauer empfand. Pauline
war nun zwar schon an das Rohe und Abschreckende bei Manchen dieser Proletarier
gewhnt, aber sie erschrak doch wieder, als die lange Lise sich rasch nach ihr
umdrehte, und mit zorniger Stimme heftig fragte:
    Was giebt's?
    Ich bringe Euch Leinwand, um das Kind zu verbinden, das -
    Liese lie Pauline, welche mit schchterner Stimme, fast zitternd gesprochen
hatte, nicht ausreden, sondern sagte halb lachend:
    Nun, wenn Eure schne, weie Leinewand nur wieder ganz machen knnte, was
Eurr verfluchten Maschinen zerreien - ja, ja Eure verfluchten Maschinen, die
der Teufel erfunden hat - aber Ihr knnt Euch darauf verlassen, wir haben gerade
Lust, ein Mal Gottesgericht zu halten mit unsern schwachen Hnden ber diese
Teufelswerke - wenn sie auch die Hnde unsrer armen kleinen Kinder zerdrcken,
unsre Fuste sind stark genug, mit den Maschinen einmal ein Ende zu machen.
    Ich bringe etwas Essen fr Eure Kinder - und wenn Ihr selbst Hunger habt -
sagte Pauline, und hatte, indem sie suchte sich zu stellen, als habe sie die
drohende Rede nicht gehrt, whrend dessen den Korb geffnet, den Franz herein
getragen hatte. Dieser hatte sich entfernt, und sie nahm Brod aus dem Korb,
welcher noch andere Lebensmittel enthielt, und gab den beiden kleinsten Mdchen
ein paar Semmeln, welche gierig darber herfielen.
    Da thut Ihr ein Gotteslohn, sagte Frau Martha.
    Die lange Lise aber sagte in demselben Tone, wie vorher: Ja, die Wrmer
sind alle dem Verhungern nahe - dort der Junge, der hat sich schon lange zu
Schanden gearbeitet - das kann kein Kind aushalten, tagelang auf dem Bauche
kriechend zu arbeiten - konnt's auch nicht lnger, nun liegt er da, und wenn er
nicht schlft, wimmert er und will essen, und wo soll's herkommen? Mir haben sie
neulich auch vom Lohne abgezogen, nun bringen sie mir heute auch die kleine Lise
als Krppel von der Arbeit - wer soll nun verdienen? Nun mu man's so mit
ansehn, wie Eins nach dem Andern verkommt, die man erst unter Angst und Weh auf
die Welt gebracht hat. Was? Verkommt? Todt gemacht werden die Kinder von Euch in
Eurer verfluchten Fabrik!
    Pauline wute vor Erschtterung Nichts zu sagen, sie sah sich ngstlich nach
Franz um, aber er war nicht da, und so sagte sie zu Martha: Haben denn die
Kinder keinen Vater, der fr sie arbeitet?
    Martha zischelte ihr leise in's Ohr: Das ist's ja eben - fragt darnach
lieber nicht, da wird sie vollends wthend.
    Aber die Warnung kam zu spt, die lange Lise hatte die Frage gehrt, und
fuhr jetzt heraus:
    Vater, der fr sie arbeitet? Ei ja doch, auf dem Zuchthause! Haben wohl
einen Vater die armen Wrmer, 's sind keine unehelichen Kinder, deren ich mich
schmen mte - aber seht einmal, da war der Winter so hart, und die Kinder halb
erfroren und verhungert - und wie der Lohntag kam, da hie es, mein Mann habe
Fehler in seiner Arbeit, und statt des Lohnes bekam er gar Nichts, nur harte
Worte - da ist er in seiner Wuth hingegangen, und hat gedacht, eh' die Kinder
verhungern, mag es werden, wie's will - und was sie mir heute an Lohn verweigert
haben, das hol' ich mir, es ist mein ehrlich Verdienst, und ich bin kein
Spitzbube, sondern die sind's, die mir meinen Lohn nicht geben - aber es war zum
ersten Mal in seinem Leben, drum hat er's nicht geschickt angefangen, und sie
haben ihn erwischt, nun sitzt er - denn hren Sie, wir haben ein gutes altes
Sprchwort unter uns, das heit: die kleinen Diebe hngt man, die groen lt
man laufen. Seht, so habt Ihr uns Alles genommen: erst den Lohn, dann den Mann
und Vater, dann den Jungen hier, der's nicht lange mehr machen wird, und heute
ist nun auch das Mdel zum Krppel geworden, und soll dran sterben, denn Ihr
wollt mir nicht einmal den Chirurgen schicken, und werft mich selber zur Thre
hinaus.
    Pauline fate sich, und fiel ihr in's Wort: Der Chirurg wird bald kommen,
wir haben schon nach ihm geschickt, an all' Eurer Noth bin doch ich nicht
Schuld, und bin hergekommen, weil Ihr mich dauert - und wenn Ihr noch Etwas
wollt, so sagt es mir, oder wenn Ihr spter Etwas braucht, sagt es Franz -
    Lise aber hrte nicht mehr, sondern kauerte bei ihren wimmernden Kindern
nieder, und sagte, indem sie die weie Leinwand um den verstmmelten Arm des
Mdchens wand, mit zrnender Verzweiflung: Das macht doch Niemand wieder ganz!
    Martha sagte zu Pauline: Ihr seid ein gutes Mamsellchen, aber geht lieber.
    Pauline folgte der Weisung. Franz hatte unten auf sie gewartet.
    Ach, Franz, sagte sie, solches Elend, und ein gtiger Gott!
    Wenn auch die Engel so fragen, die er sendet, was sollen dann die armen
Menschenkinder? versetzte Franz.


                                  Zweiter Band

                                I. Zwei Freunde

 Doch zittert nicht! Ich bin allein,
 Allein mit meinem Grimme;
 Wie knnt' ich Euch gefhrlich sein
 Mit meiner schwachen Stimme?
                                                                  Georg Herwegh.

Dem schnen Maisonntag war eine gleich schne, gleich milde Mainacht gefolgt.
    Es war zehn Uhr vorber und die Arbeiter aus Herrn Felchners Fabrik, welche
unter sich den Verein der unverheiratheten Arbeiter und Junggestellen gestiftet
hatten, traten eben aus der Schenke, denn dies war die Stunde, welche nach dem
einen Paragraphen der Statuten ihres Vereins zum Nachhausegehen bestimmt war.
    Mit dem gewohnten Wunsche einer guten Nacht trennten sich die jungen Mnner
und Jeder schlug den Weg nach seiner Wohnung ein. Wilhelm Brger und Franz
Thalheim gingen Arm in Arm und blieben auch bei einander, als sich die Andern
trennten. Ein Dritter gesellte sich jetzt zu ihnen, es war August, derselbe
Jngling, welcher mit den alten Arbeitern falsch gespielt hatte und dafr von
diesen so unmenschlich geschlagen worden war.
    August war noch sehr jung, aber er war immer ein ziemlich lderlicher
Bursche gewesen. Als Franz den Verein der unverheiratheten Fabrikarbeiter
bildete, war August nebst einigen Wenigen der jungen Leute nicht mit dazu
getreten, weil sie es fr eine lcherliche Zumuthung erklrten, dem Genu des
Branntweins und dem Kartenspiel zu entsagen. Am Tage nach jenem Vorfall aber war
August zu Franz gekommen und hatte ihm fr seinen Beistand gedankt, fr diesen
Beistand, welcher eigentlich in Nichts bestanden hatte, als im Hinauswerfen.
Franz hatte ihn sehr kalt und ernst empfangen; sie hatten folgendes Zwiegesprch
gehabt:
    Du hast falsch gespielt, also betrogen, sagte Franz; das ist in allen
Fllen ein schweres Vergehen und eine groe Schlechtigkeit; allein durch den
besondern Fall wird dieses Thun noch verchtlicher, als es schon ist. Du hast
Diejenigen betrogen, welche die Verhltnisse zu Deinen Kameraden gemacht haben
und in welchen Du Deine Brder lieben solltest; Diejenigen, welche eben so arm
sind wie Du und sich ihr Geld eben so sauer verdienen mssen - Du weit es, wie
viel Mhe und Schwei an dem Gelde hngt, welches ein Fabrikarbeiter in seiner
Tasche trgt, und Du hast es ihnen doch betrgerisch abgenommen; Du hast
Denjenigen ihr armseliges Eigenthum schmlern wollen, welche davon ihre
nothleidenden Frauen und ihre elenden Kinder ernhren mssen - Du hast Dich also
auch an diesen hilflosen und hilfsbedrftigen Geschpfen versndigt. Wahrlich,
wenn ich Dich der verdienten Zchtigung der Kameraden entzog, an welchen Du so
himmelschreiendes Unrecht begangen, so war es nur, weil ich frchtete, die
Trunkenen mgten Dich in ihrer blinden, tollen Wuth noch todtschlagen und
dadurch sich selbst mit zu Verbrechern und Strafwrdigen machen - das wollte ich
ihnen ersparen und so half ich Dir zur Flucht.
    Du sprichst hrter, als Du denkst, sagte August; ich wei wohl, da die
leichtsinnigen Streiche, wie ich sie mir wohl zuweilen und auch gestern habe zu
Schulden kommen lassen, ein Gruel sind, aber ich wei eben so gut, da Du jene
Rohheiten verachtest, welche sich die Andern gegen mich erlaubten, und da Du
mich ihnen eben so gut aus angebornem Edelmuth entzogst, als aus kluger
Voraussicht der Dinge, welche daraus entstehen konnten. Ja, Franz, ich gebe wohl
denen Recht, welche Dich einen gescheiten Kerl nennen, aber ich habe ihnen mehr
als ein Mal geantwortet: sein Herz ist noch grer, als sein Kopf.
    Ich sehe nicht ein, warum Du mir schmeicheln willst -
    Ich rede nur unbefangen Alles heraus, was ich denke, ich habe Dich immer
lieb gehabt -
    Und wenn das wre - warum hast Du die Verbindung verhhnt, welche ich
mhsam mit unsern Genossen zu Stande gebracht habe, warum bist Du nicht mit dazu
getreten, sondern hast es uns sogar erschwert, wie Du nur konntest? - Versuche
nicht, Dich herauszureden, denn ich wei Alles!
    Alles weit Du nicht, und um Dir dies zu erzhlen, bin ich eben
hergekommen, mein Gestndni soll mein Dank sein. Du wirst bald sehen, da ich,
wenn ich zu Eurer Verbindung getreten wre, eine viel grere Schlechtigkeit
begangen htte, als dadurch, da ich mich weiter nicht mit Euch einlie.
    Das ist eine sonderbare Rede - und wenn Du vielleicht auch im Lgen
geschickt sein solltest, wie Du es gestern im Betrgen warst, so bitte ich Dich
doch, mich damit nicht unntz aufzuhalten.
    Du wirst es bald bereuen, wenn Du mich zum Zorne reizen willst, aber ich
werde Dich beschmen, indem ich Dir ruhig die Wahrheit erzhle. Ich war mit
Anton eines Sonntags in die Stadt gegangen, es war vor ein paar Monaten, als Du
uns immer zu dem Arbeiterverein Vorschlge machtest, die Sache aber noch nicht
zu Stande gekommen war. Wir saen in einer Bierstube, in welcher sich noch viele
Arbeiter aus andern Fabriken befanden, auch manche Brger und andere Leute,
welche sich wohl noch etwas mehr dnkten. Ein langer, drrer Mann, der mir zu
diesen Letztern zu gehren schien, kam auf uns zu, nachdem ich gesehen hatte,
wie ein anderer Arbeiter, der nicht mit bei Felchner ist, aber Anton kannte, auf
diesen den drren Mann aufmerksam gemacht hatte. Er fragte uns, ob wir in
Felchner's Fabrik arbeiteten, und als wir bejahten, fragte er uns nach Tausend
Dingen aus, wie Viel wir ihrer wren, ob wir untereinander zusammenhielten, ob
wir im Ganzen zufrieden oder unzufrieden wren. Wir sagten ihm unbefangen die
Wahrheit, da wir Alle fleiige Arbeiter wren, aber doch wenig verdienten, und
da besonders es erbarmungswrdig sei, wie man die Kinder behandele. - Er schien
sehr mitleidig zuzuhren und fragte weiter, ob wir Nichts thten, dieser Noth
abzuhelfen, oder ob wir nicht unsere Unzufriedenheit aussprchen. - Da sprach
Anton von dem Vereine der unverheiratheten Arbeiter, welchen wir bilden wollten.
Wie Jener das hrte, nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an, halb wie
vor Schreck, halb wie vor Freude. Dem ungeachtet fragte er nicht weiter danach,
sondern lie sich nur von unsern Familienverhltnissen erzhlen, ich sprach von
meiner armen, kranken Mutter - Anton war sehr verdrielich, weil er im Schafkopf
seinen letzten Groschen verloren hatte und nicht wute, was er darauf antworten
sollte, als der Wirth die Zeche verlangte. Kaum sah dies der drre Mann, als er
fr Anton bezahlte und uns noch Jedem ein groes Glas Schnaps geben lie. Er
sagte, da Diejenigen, welche uns zu einem Vereine bewegen wollten, wo wir sogar
dem Branntwein entsagen sollten, unmglich uns wohl wollen knnten, und da alle
solche Vereine fr uns hchst lstig und gefhrlich werden knnten, wir htten
ja dann gar keine Freiheit mehr, wenn wir nicht einmal mehr trinken, spielen und
in die Schnke und herausgehen drften, wenn wir Lust htten. Nachher sagte er,
wir mgten nur bald wieder kommen, wir gefielen ihm, er kme jeden Sonntag an
diesen Ort und er wrde sich freuen, uns zu treffen. Ich war einmal
hinausgegangen, whrend dem hatte er mit Anton heimlich gesprochen, wie ich wohl
merkte, denn whrend ich nun, aufgehetzt von Jenem, ganz gegen den Verein war
und es dann Dir und Allen offen sagte, auch wegblieb, sagte Anton: ich trete
dazu, sonst wei man ja gar nicht, wie es dabei hergeht. - Am nchsten Sonntag
beredete mich Anton, wieder mit hin in die Schnke zu gehen, wo wir den langen,
drren Mann getroffen hatten - er war auch richtig wieder da, er gab mir Geld
fr meine arme Mutter, und Anton gab er auch welches. Er sagte, wir sollten nun
wenigstens alle vier Wochen in die Schnke kommen, wo wir ihn treffen wrden,
und ihm aufrichtig erzhlen, was etwa unterde in unsrer Fabrik und unter uns
Arbeitern vorginge; es wre zu unser Aller Vortheil, zum Vortheil der ganzen
arbeitenden Classen, besonders aber solle es unser Schaden nicht sein. - Die
Sache schien uns auch gar nicht so bel, besonders da wir aufgeregt waren und es
wenigstens in meinem Kopfe nicht mehr ganz klar herging, denn er lie uns sehr
viel Branntwein einschnken. Dennoch fragte ich ihn, wer er sei, und warum er
sich so um unsre ganzen Angelegenheiten bekmmerte? Er nannte sich Stiefel und
da er das nur aus menschenfreundlichen Absichten thue, weil ihm unsere Lage am
Herzen liege und es nothwendig sei, da er darber alle mgliche Notizen
sammele, dann knne er vielleicht durch Schrift und Wort dazu beitragen, unsere
Lage zu verbessern. - Wie wir nun das nchste Mal wieder beisammen waren,
gestern, nannte ihm Anton Deinen Namen und gab ihm das Buch Erzhlungen aus dem
armen Volke, welches Du geschrieben und nach der Aufschrift allen
Menschenfreunden gewidmet hast. Stiefel nahm es mit derselben sonderbaren Miene,
mit welcher er damals die Erzhlung von der Bildung Eures Vereins anhrte und
rief: Ein Fabrikarbeiter, der solche Sachen schreibt, ist ein entsetzlicher
Mensch, nun, dessen wird man sich bald zu bemchtigen wissen - hier habt Ihr
noch mehr Geld und wer mir von Euch noch Etwas von seinen Schreibereien bringt,
der erhlt das Dreifache - aber wo mglich Ungedrucktes, Papiere, die er geheim
hlt. - Da ging mir pltzlich ein Licht auf, ich ward zornig, ich warf ihm das
Geld in's Gesicht und sagte, ich bin kein Judas, der seinen Bruder an einen
Elenden verrth, der vielleicht die Macht hat, ihm Uebles zu thun - und damit
lief ich schnell fort aus der Stube, aus der Schnke, aus der Stadt gerade Wegs
heim. Da fand ich meine kranke Mutter hungernd und frierend und sie machte mir
Vorwrfe, da ich ihr kein Geld mitbringe, wie frher - ich konnt' es nicht
ertragen, sie so vor mir zu sehn, bittend und fluchend, matt vor Hunger und
Frost, wimmernd unter unsglichen krperlichen Schmerzen - ich war noch trunken,
es kochte in mir vor kalter, stiller Wuth - ich ging in unsre Schnke - ich
spielte falsch - es war ja nicht fr mich, es war fr meine Mutter - ich spielte
auch erst falsch, als ich sah, da ich anders nicht gewann, denn ich dachte, ich
wr' es in der Stunde wohl werth gewesen zu gewinnen, wo ich den Versucher von
mir abgeschttelt hatte wie eine giftige Schlange, die mich schon umringelt
hatte. - - Nun wei ich Alles, und wenn ich mit in Euren Verein treten knnte -
nun tht ich's gern. -
    Sie werden Dich jetzt nicht aufnehmen, sagte Franz, der mit wachsendem
Interesse seinen Bericht angehrt hatte. Komm aber nchste Mittwoch mit mir
hin, wir wollen sehen, was sich thun lt.
    Franz hatte fr diesen Abend Wilhelm und einige der vertrauteren Freunde auf
das, was er unterde erfahren, vorbereitet, und August war dann aufgefordert
worden, sein Gestndni noch ein Mal zu wiederholen. Er hatte es gethan, Alle
waren nun wthend auf Anton geworden - dieser aber hatte mir ruhiger Miene
August's Aussage besttigt, aber es Allen zugeschworen, da er Stiefel wirklich
fr einen Menschenfreund gehalten, der ihr Bestes wolle, da er ihm auch in
diesem Vertrauen Thalheims Buch gegeben habe, da ihm aber mit August zugleich
die Augen aufgegangen wren, als man eine Schlechtigkeit von ihnen verlangt
habe, und er auch, nachdem er Stiefel noch tchtig die Wahrheit gesagt, die
Schnke verlassen habe. Er suchte sich aus Allem herauszureden und man konnte
ihn nur dafr bestrafen, da er Branntwein getrunken habe, und unterwarf sich
auch reumthig der blichen Strafe. August versprach man erst dann in den Verein
aufzunehmen, wenn er einige Wochen lang dem Spiel und Branntwein entsagt und
sich berhaupt ordentlich aufgefhrt habe. Diese Probe hatte er bestanden und er
ward nunmehr gern unter ihnen gesehen. Um dem Herrn Stiefel nher auf die Spur
zu kommen, hatten sich an mehrern Sonntagen Franz oder Wilhelm mit August oder
Anton selbst zur Schnke in der Stadt begeben wo er gewhnlich sich eingefunden
hatte, aber sich niemals wieder sehen lie. Auch der Wirth, welcher brigens
versicherte, gar Nichts als den Namen von ihm zu wissen, sagte aus, da er seit
jenem Sonntag sich nie wieder eingestellt habe. - Man sah sich genthigt, diese
Sache auf sich beruhen zu lassen, da alle Bemhungen fruchtlos geblieben waren.
- -
    An dem Maiabend, an welchem August sich zu Wilhelm und Franz gesellte, sagte
er zu den beiden Freunden:
    Ihr knnt Euch darauf verlassen - Stiefel ist da.
    Stiefel - Du httest ihn gesehen?
    Saht Ihr nicht auch den Einspnner, der vorhin auf der Strae nach
Hohenheim fuhr - und den langen drren Mann drinnen? Das war er.
    Was kann er nur wollen? sagte Wilhelm.
    Wenn Du Deiner Sache gewi bist, warum sagst Du es erst jetzt und theiltest
es nicht oben Allen mit? fragte Franz.
    Weil ich dem Anton nicht traue, sagte August ernst.
    Das ist nicht schn von Dir, Dein ewiges Mitrauen, versetzte Franz.
Sieh, Du bist gar nicht besser gewesen als er, wir haben Dir Alles vergeben und
vergessen, Niemand beargwohnt Dich, und Du allein willst Anton, der wie Du nur
getuscht worden ist und dann auch richtig bekannt hat, noch verdchtigen. -
Geh', das ist ein hlicher Zug, den mgte ich nicht bei Dir finden!
    Weil ich allein den Anton kenne - murmelte August.
    Lass' das alte Lied! meinte Wilhelm. Und wenn nun auch - Gefahr hat's ja
doch nicht, sind wir denn etwa auf unrechten Wegen, da wir Verrther zu
frchten htten? Ist denn unser Verein eine geheime und gefhrliche Verbindung?
Wei nicht Jedermann darum? Und hat denn nur Herr Felchner das Geringste dagegen
einwenden mgen und knnen? Und ich dchte doch, weiter ginge die Sache
Niemandem Etwas an.
    Aber Franz hat wieder ein Buch geschrieben: Die Rechte des Armen - den
Verzweifelnden gewidmet. - Mir ist vor ihm bange, antwortete August, mir ist
als knne daraus noch Unheil fr Dich kommen, obwohl ich gerade nicht recht
begreife, wie aus einem Buche irgend etwas Gefhrliches entstehen knne. Aber
mir ist innerlich angst.
    Das lass' Dich nur nicht kmmern, sagte Franz ruhig, mein Buch enthlt
Nichts als eine Schilderung von dem Loose der Fabrikarbeiter, wie es Jedermann
kennt, der nur irgend einmal aufmerksam in einer Fabrik sich umgesehen hat. Ich
habe nicht das Geringste bertrieben, bin nirgends von der Wahrheit abgewichen,
habe berhaupt gar Nichts gethan, als einfache Thatsachen geschildert.
Aufmerksam sollen die Leute werden auf unsere Noth, das ist es ja, was ich damit
bezwecke. Wenn noch andere Leute, als die Fabrikherren, welche von unserm Elend
sich msten - und welchen es deshalb freilich nicht sehr erwnscht sein mag, da
es allgemein bekannt wird, wie sie uns behandeln - wenn also noch andere Leute
von unserm Elend hren, so werden weise Gesetzgeber und gerechte Regierungen uns
doch vielleicht ein besseres Loos verschaffen. Ich denke von den Menschen nicht
so gering. Ich glaube, vieles Schlimme und Unheilvolle besteht nur deshalb in
der Welt, weil allein Diejenigen, welche darunter leiden, es kennen, den Andern
es aber fremd bleibt und daher sie, welche die Macht und gewi auch den Willen
htten zu helfen - nur eben deshalb nicht mit ihrer Hilfe kommen, weil sie gar
nicht wissen, da man ihrer bedarf und wie viel es zu helfen giebt!
    Wilhelm versetzte: Du hast immer noch gutes Zutrauen zu den Menschen, ein
viel besseres als sie verdienen - unsre tglichen Erfahrungen knnten Dich eines
Andern berzeugen.
    Nun, wir werden ja sehen, wer von uns Recht behlt. In meinem ersten Buche
habe ich mich nur an die Menschenfreunde gewendet, in meinem zweiten an die
Verzweifelnden - ich denke, man mu es mit Beiden versuchen! sagte Franz.
    Ja, rief Wilhelm, vielleicht helfen die Menschenfreunde, wenn sie
einsehen, da sie es auerdem mit Verzweifelnden zu thun haben.
    August schttelte den Kopf und sagte: Auf alle Flle ist es doch besser,
wenn Ihr auch meint, da uns Stiefel nicht schaden kann, wir suchen dahinter zu
kommen, wer und was er eigentlich ist und was er will; aber nur wir Dreie, denn
von den Andern sind einige tppisch und geschwtzig, sie knnten Alles
verderben. - Das ist mein erster Vorschlag und mein zweiter, da wir jetzt ein
wachsames Auge auf Anton haben.
    Um ihn vor ungerechten Beschuldigungen zu sichern, sagte Franz etwas
aufgeregt und fgte gelassener hinzu: Mit Deinem ersten Vorschlag bin ich
einverstanden.
    Ich auch, sagte Wilhelm. Ueber Nacht kommt guter Rath, wir wollen's
beschlafen.
    Nun denn gute Nacht, erwiderte August, und Du, Franz, sei nicht bse. Bei
Gott, Franz, wenn ich minder Dein Freund wre, wrde ich auch minder bedenklich
sein!
    Franz drckte ihm die Hand. Es ist gut, Du bist ein braver Junge geworden -
gute Nacht!
    August schlenderte der Htte zu, in welcher seine alte Mutter krank lag, und
verschwand in der Thre.
    Es ist ein guter Junge, wiederholte Franz; seitdem er sich aus seinem
unordentlichen Leben herausgerissen hat, ist Keiner fleiiger und im Guten
beharrlicher, als er.
    Bei Alle dem bin ich froh, da er nicht lnger mit uns ging, sagte
Wilhelm, ich habe noch Etwas mit Dir allein zu reden - es hat mir schon lange
auf dem Herzen gelegen und mu nun endlich einmal herunter.
    Wir wollen ein Stck in diese Allee gehen und uns dort auf der Steinbank
unter der Linde ein Wenig niedersetzen, gab Franz an.
    Als sie sich gesetzt hatten, begann Wilhelm: Du bist seit einiger Zeit
verndert - wenn wir Alle beieinander sitzen und unter Gesang und harmlosen
Reden uns von den Mhen des arbeitvollen Tages erholen - so bist Du oft still
und zerstrent, und wenn wir Dich aufmuntern, so fhrst Du wie im Traume auf und
besinnst Dich endlich, wo Du bist. - Das Loos der unglcklichen Brder hat Dir
immer Kummer gemacht, das Elend, das Dich umgiebt, hat immer an Deinem
theilnehmenden Herzen gefressen. Ein Dichter, der noch andere Trume, ein
Schreibender, der noch andere Dinge zu denken hat, als wir andern nchternen
Menschenkinder, bist Du immer gewesen - allen diesen Dingen kann man Deine
Vernderung nicht zuschreiben - auch bist Du ja nicht immer traurig - zuweilen
glnzt Dein Auge in lauter stiller Freude. - Ach! Ich wei recht gut, was allein
ber einen Menschen solche Macht hat.
    Franz sah stumm vor sich nieder und scharrte mit seinen Fen im Sande.
    Wilhelm fuhr fort: Franz! Du gehst oft in Herrn Felchners Haus und wenn Du
zurck kommst -
    Wilhelm! Wilhelm! rief Franz mit einem flehenden Tone, als wolle er sagen,
schone mich! fgte dem Ruf aber weiter Nichts hinzu; doch Wilhelm fuhr dumpf
fort:
    Ich verstehe Dich - wrest Du weniger verschlossen gewesen - wer wei, es
wre dahin nicht gekommen, es wre mir leichter geworden, sie zu fliehen -
httest Du nicht geschwiegen - es wre besser gewesen - ja wohl, wre besser
gewesen!
    Wilhelm - um Gottes Willen - Du auch - Du auch?
    Ja, ich habe sie auch lieb, wie ich noch kein anderes Mdchen geliebt, ich
habe sie so lieb, wie sie irgend Jemand lieb haben kann, so lieb wie Du!
    Wilhelm! Du sprichst es aus, Du wagst es - was ich niemals wagte, niemals
gewagt haben wrde? - Mir ist, als fatest Du mit einer ruhigen festen Hand nach
meinem Herzen, rissest es mir aus der Brust und sprchest kalt, indem Du es mir
vor die zuckenden Augen hieltest: so sieht Dein Herz aus - Du Frevler!
    Es mu sein - Du oder ich! - Ich habe Dir Freundschaft geschworen bis in's
Grab - wir dachten damals nicht, da ich Dir meinen Eid bewhren mte am Grabe
meiner Liebe. Franz, ich entsage ihr, sobald ich nur wei, da Du ihr Deine
Liebe gestanden.
    Franz fiel ihm ins Wort: Wie drft' ich das wagen?
    Aber Wilhelm fuhr ununterbrochen fort: Sobald ich nur wei, da sie gern
Dein ist -
    Bist Du von Sinnen? rief da Franz auer sich. Wie kannst Du von Deiner
Entsagung sprechen? In dem Sinne, wie Du das Wort meinst - da mssen wir ja
Beide entsagen! - Wie kannst Du mich fr so frech, so anmaend halten, da ich
diesem Engel gegenber ein Wort der Liebe auszusprechen wagte? Und verstummt
nicht jedes schmerzliche Gefhl, das mich fern von ihr zuweilen berfllt,
sobald ich ihr gegenber stehe, ihr folge? Dann fhle ich weiter Nichts, als das
unaussprechliche Glck, diese sanfte Heilige unsre unglcklichen Brder segnen
zu sehen, und in ihren Augen die Thrne des Mitleids zu erblicken fr die
leidenden Armen - und dann fhle ich nur Dank gegen Gott, da er, der in ihrem
Vater uns einen Tyrannen, uns in ihrer Tochter doch zugleich einen hilfreichen
Engel sandte.
    Staunend rief Wilhelm: Vater - Tochter - von wem sprichst Du denn? Wer ist
Friederikens Vater?
    Friederike? rief Franz in gleich staunendem Tone. Friederike - Du liebst
Friederiken? Und wie er erkannte, da nur ein Miverstndni ihm das selbst nur
leise geahnte Geheimni seines Herzens entrissen, lehnte er sich zurck an die
Linde, drckte wider ihre rauhe Rinde seine heie Stirn, wie um sich zu
verbergen, und flsterte: Vergi, was Du mich hast sagen hren!
    Du liebst Friederiken nicht - aber Du kennst sie, Du sprachst sie oft -
noch gestern sah ich Dich bei ihr stehen - es prete mir schier das Herz
entzwei.
    Ihre Herrin hat sie lieb, es ist ein gutes Mdchen - und wenn Du sie
liebst, wird sie Dich, denk ich, wieder lieben und Ihr werdet glcklich zusammen
sein. Und Du hast gedacht, ich stnde dieser Liebe und diesem Glck entgegen?
    Nun ja - ich wute, wie die Liebe thut - wute es nur gar zu gut, darum
verstand ich Dein verndert Wesen, das den Andern ein Rthsel - und da ich wohl
sah, da Deine Augen leuchteten, wenn Du in das Wohnhaus des Fabrikherrn gingst,
so wut' ich, da Du dort die finden mtest, welche Du liebest - - nun versteh'
ich es anders - das hatte ich nicht denken knnen! Vielleicht werde ich einst
glcklich sein - und Du? - Armer Freund!
    Nein, nicht arm! sagte Franz sich aufrichtend. Sie wird mich nie aus
ihrer Nhe verbannen, sie wird mich immer dazu whlen, den Segen auszuspenden,
welchen sie fr die Nothleidenden hat, Sie wird mich zuweilen freundlich
ansehen, wenn ich im Vertrauen auf ihre Gromuth in ihrem Namen gehandelt habe -
ich werde glcklich bleiben, wie ich es geworden bin, seitdem ihre Erscheinung
verklrend hereintrat in mein Leben. Komm, Wilhelm, wir wollen ruhig nach Hause
gehen und schlafen und von ihnen trumen.

                                II. Haussuchung


 Auf des Lagers Kissen schlummert
 Kalt die lieblichste der Leichen.
                                                                 F. Freiligrath.

In der Residenz, in der Stube Amaliens, der Gattin Gustav Thalheims, stand ein
kleiner schwarzer Sarg.
    Eine schne blasse Kinderleiche lag darin im weien Sterbekleidchen, einen
Rosenkranz in den blonden Locken - die ganze kleine Gestalt zur Hlfte mit
Blumen berdeckt.
    Die kleine Anna war gestorben. Amalie kniete an dem Sarge ihres einzigen
Kindes.
    Der Schmerz einer Mutter ist riesengro und meerestief, wie kaum ein zweiter
in der Welt. Fast jede Mutter, die ein todtes Kind beweint, wird zu einer
heiligen mater dolorosa, vor welcher selbst jeder Fremde in ehrfurchtsvoller
Ferne stehen bleibt. Eine heilige Wrde ist in dem Schmerz einer Mutter, welche
an das Wehe denkt, unter dem sie das Kind geboren, welches nun wie ein Theil von
ihr selbst losgerissen worden und dem Grabe verfallen ist, whrend sie doch
unter den Tausend Dolchstichen, unter welchen ihr blutendes Herz zuckt, noch
beten kann: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen - sein Name werde
gepriesen.
    In Amaliens Schmerze war das Geprge dieser ehrwrdigen Heiligkeit
verdunkelt. Erst jetzt, als ihr das anvertraute Kleinod fr immer entrissen war,
begann sie zu empfinden, welches Glck sie in demselben besessen, und es traf
sie als ein entsetzlicher Vorwurf ihres eigenen Innern, da sie das Kind nicht
mit wahrer Mutterzrtlichkeit geliebt, weil es das Kind eines ungeliebten Vaters
war. Und so war denn ihr Schmerz eine anklagende Verzweiflung, denn sie sagte
sich selbst, da ihr das Kind vielleicht nicht genommen worden wre, wenn sie
ihm eine bessere, zrtlichere Mutter gewesen; ja, sie machte sich selbst den
Vorwurf, vielleicht auf eine leicht verletzte Gesundheitsregel nicht genug
geachtet zu haben und dadurch selbst sogar vielleicht mit Theil an der schnellen
und so unheilvollen Krankheit zu haben. So brachte ihr der Schmerz nicht den
heiligen, strkenden Thau frommer Ergebung und Erhebung, sondern nur verwundende
Stacheln, welche sie sich selbst wie im grausenhaften Spiel wechselnd in ihr
blutendes Innere stie und herausri.
    Als sie jetzt in dieser Stimmung an dem kleinen Sarge stand, in welchem in
wenig Stunden ihr die schwarzen Trger auf immer ihr einziges Kind, ihr bestes
Besitzthum forttragen wrden, ging die Thre auf und ein junger Mann in der
grnen Uniform eines gemeinen Soldaten trat herein. Er war gro und schlank
gewachsen, hatte lichtbraunes, lockiges Haupthaar und langen Schnurrbart - ein
freundliches offenes Gesicht, das Munterkeit und Gutmthigkeit zeigte.
Erschrocken blieb er zwischen der Thre stehen, als er sah, da er in die
Engelkammer eines verblichnen Kindes gekommen - dann ging er auf Amalien zu,
nahm ihre abgezehrte Hand, schttelte sie treuherzig und sagte, indem eine helle
Thrne auf seinen Schnurrbart rollte:
    Das ist ein sehr trauriger Empfang, Frau Schwgerin! - Kennst Du mich denn
noch? fgte er nach einer Weile hinzu, wo sie wortlos dagestanden und ihm
mechanisch ihre Hand berlassen hatte.
    Ja, Bernhard, sagte sie. Es ist gut, da Du mich nicht vergessen hast und
mit zu mir kommst, es ist gut - Du darfst doch wohl meiner Anna das letzte
Geleit mit geben?
    Ja, ich will's - sieht wie ein Engel aus, das arme Kind, sieht wahrlich dem
Vater hnlich. Der Eingetretene, der dies sprach, war Bernhard Thalheim, der
jngste der drei Brder. Er war unter die Soldaten gegangen, weil er kaum wute,
was er sonst htte ergreifen sollen. Er sah den Brdern hnlich, aber seine
Gesichtszge hatten nicht den schwrmerischen, ernsten Ausdruck jener Beiden, er
sah freundlicher, wenn man so sagen kann, einfach-gutmthiger, aber auch
ungleich unbedeutender aus, als sie. Er hatte ein vortreffliches Herz, aber
seine geistigen Fhigkeiten, wenn er sie gleich den Brdern besa, hatten doch
nur eine hchst untergeordnete Ausbildung erlangt - er schien aber damit
glcklicher zu sein als Jene, denn, wie gesagt, sein ganzes Ansehen zeigte von
einem heitern, lebensfrhlichen Charakter.
    Wei es der Bruder schon? fragte er jetzt leise mit betrbtem Tone.
    Amalie schttelte das Haupt und sah starr vor sich nieder.
    Es wird ihn sehr erschttern! seufzte Bernhard. -
    Schreib Du es ihm - ich kann es nicht! chzte sie.
    Ein trauriges Geschft - aber wenn du willst - nun da will ich es Dir schon
zu Liebe thun, glaub' es wohl, da es Dir schwer wird zu schreiben.
    Es ist, als habe Dich mir der Himmel zur Hlfe, zur Erleichterung
hergeschickt - da Du gerade jetzt kommen mutest. -
    Ja, unser ganzes Bataillon ist hierher versetzt worden - ich bleibe nun
hier - es ist doch Schade, da Gustav nicht mehr da ist.
    Sie hrte nicht weiter auf ihn, denn sie lauschte auf ein Gerusch von
Tritten, die unten im Hausflur klangen - dann die Treppe heraufkamen - nun immer
nher und nher - die Thre ging auf - - sie stellte sich vor den Sarg, legte
sich mit dem halben Leib darauf, schlang ihre Arme darum und rief auer sich:
Sie drfen nicht, sie drfen nicht!
    Die schwarz gekleideten Trger waren eingetreten - die Leichenfrau war ihnen
gefolgt - sie ergriff den schwarzen Sargdeckel mit den versilberten Zierrathen.
-
    Ein junges Mdchen mit blondem Haar trat ein und zog Amalien sanft von dem
Kinde auf - helle Thrnen fielen dabei aus den Augen des Mdchens. Kommen Sie
mit herauf, arme Frau, bat es, hier knnen Sie doch nicht bleiben.
    Ich kann nicht fort! sagte sie mit herzzerreiendem Schrei und sank an dem
Sarge ohnmchtig zusammen. Das Mdchen kniete neben sie und legte das bleiche
Haupt der unglcklichen Mutter auf ihren Schoos, indem sie leise sagte:
    Es ist am Besten, wenn sie bewutlos ist - nun eilt, da Ihr die Leiche
hinausbringt, ehe sie wieder zu sich kommt.
    Die Trger befolgten den Rath, Bernhard selbst drckte den Sargdeckel
darauf; weil die Leute ihn hastig und geruschvoll aufhoben, nahm er ihn ihnen
ab, damit es ohne Lrm geschehe; das Mdchen dankte ihm dafr mit einem innigen
Blick. Wie aber die Trger den Sarg zur Thre hinaustrugen, stieen sie damit
wider die Pfoste - es klang hohl und dumpf - dieser Ton brachte Amalie wieder zu
sich, sie verstand ihn - schrie auf, wollte nachspringen, aber die Thre war
in's Schlo geworfen; das Mdchen zog Amalie mit sich auf das Sopha, wohin
Amalie, ohne ohnmchtig zu sein, aber wie vor Verzweiflung erstarrt sich ziehen
lie und regungslos sitzen blieb.
    Die beiden Frauen waren allein.
    Eine Stunde mogte vergangen sein, wo sie so stumm und unbeweglich
nebeneinander gesessen hatten.
    Amalie hatte ihr Logis, das sie frher mit ihrem Gatten bewohnt, mit einem
kleineren in der Vorstadt vertauscht. Das Mdchen, welches bei ihr sa, war die
Tochter des Hauswirthes, eines Korbmachers und hie Auguste. Sie hatte ihrer
einsamen Hausgenossin getrenlich beigestanden bei der Pflege des kranken Kindes
- sie hatte auch in den herbsten Stunden des Leides die Unglckliche nicht
verlassen. Sie fhlte wohl, da sie keinen Trost fr sie hatte, aber sie wollte
sie ihrer Verzweiflung nicht allein berlassen. So sa sie auch jetzt still
weinend neben ihr und hatte ihre Arme um die im Schmerz wie Erstarrte
geschlungen.
    Ein starkes Pochen an der Thre schreckte sie auf von den marternden
Gedanken, welche sie sich so lange berlassen hatten.
    Es wird mein Schwager sein, sagte Amalie tonlos. Er wird wieder
zurckkommen - es wird nun Alles vorbei sein! -
    Auguste stand auf und ffnete die Thre; befremdet trat sie einen Schritt
zurck - ein fremder, langer, drrer Mann stand drauen - hinter ihm ein
Polizeidiener.
    Zu wem wollen die Herrn? fragte Auguste schchtern, bestrzt.
    Wohnt hier nicht die Frau des Doctor Thalheim? fragte der Lange.
    Dort ist sie - sagte Auguste.
    Amalie blieb ruhig sitzen: Ich habe Alles angezeigt, alle Gebhren
entrichtet.
    Sie haben schon Alles angezeigt, Frau Doctorin? sagte der Lange
verwundert, aber vor Freuden schmunzelnd. Desto besser, dann werden Sie sich
die Behrden zu groem Danke verpflichtet haben. Pltzlich migte er sich
jedoch in seiner Freude und sagte: Allein, wenn ist dies gewesen - man wrde
mich sogleich davon unterrichtet haben.
    Vor drei Tagen, in derselben Stunde, wo sie gestorben war, wie es das harte
Gesetz will.
    Der Lange und der Polizeidiener sahen einander unbeschreiblich albern an und
schienen sich schweigend zu befragen. Endlich sagte der Lange zu Amalien: Aber
wovon sprechen Sie denn eigentlich?
    Mein Gott! Sie fragen noch - wovon - ach, wovon! und sie schrie laut auf
und verfiel in Zuckungen.
    
    Auguste eilte zu ihr und sagte zu den Mnnern: Aus Barmherzigkeit, schonen
Sie die Unglckliche - sie spricht von ihrem einzigen Kinde, das man so eben
begraben hat.
    Die Beiden sahen sich einander verdutzt und albern an, wie vorher.
    Das ist ein sehr bler Zufall, sagte der Lange verdrielich.
    Was wollen Sie noch - ist nicht Alles in Ordnung? fragte Amalie, sich
wieder aufrichtend, nach einer Pause, whrend welcher die Beiden mit ihren
Blicken ringsum das Zimmer gemustert hatten.
    Wir sind nicht deshalb gekommen, sagte der Lange. Wir sind gekommen,
einige Fragen an Sie zu richten, welche sie uns geflligst beantworten werden.
    Amalie schwieg.
    Zuerst, fuhr Jener fort: Ihr Mann hat einen Bruder, welcher Franz heit?
    Ja!
    Er ist Arbeiter in der Fabrik des Herrn Felchner bei Hohenthal?
    Ja!
    Er ist diesen Morgen bei Ihnen angekommen?
    Nein!
    Nein? - Leugnen Sie nicht - es wird Ihnen Nichts helfen, die Polizei
tuscht man nicht so leicht.
    Ich habe keinen Grund Etwas zu leugnen, das meinen Mann und seine Brder
betrifft, sagte Amalie beleidigt. Er hat zwei Brder, sein jngster Bruder
Bernhard ist gestern Abend mit dem Militr hier angekommen, bei dem er steht,
und vorhin bei mir gewesen - - jetzt hilft er mein Kind begraben - - und bei
den letzten Worten ward ihre Stimme wieder undeutlich und sie versank wieder in
ihren Schmerz.
    Die Beiden machten wieder ihre betroffenen und verdutzten Gesichter.
    Auguste zeigte als nchsten Beweis auf Bernhards Soldatenmantel, welchen
derselbe zurckgelassen hatte.
    Sie kennen aber Ihren Schwager, den Fabrikarbeiter Franz Thalheim?
    Er ist nur ein Mal vor drei Jahren ein paar Tage hier gewesen.
    Das ist wunderlich.
    Gar nicht - denn die armen Fabrikarbeiter haben kein Geld, das sie
verreisen knnten, um ihre Angehrigen zu besuchen. -
    Der Lange flsterte dem Polizeidiener zu: Das ist eine bedenkliche
Aeuerung, sie ist also auch schon angesteckt, wir mssen vorsichtig sein - wer
wei, gelangen wir hier nicht zu berraschenden Resultaten - - dann fuhr er
laut fort, gegen Amalien gewendet: Sie stehen im Briefwechsel mit diesem
Schwager?
    Nein.
    Aber die Brder pflegten einander zu schreiben?
    Das ist natrlich.
    Ihr Mann schreibt Ihnen oft?
    Das ist ebenfalls natrlich - aber mein Herr, ich sehe nicht ein, warum sie
mich hier wie eine Delinquentin verhren, und zwar ber Familienangelegenheiten,
ber welche man durchaus Niemand Rechenschaft schuldig ist - sagte Amalie
schnell und ziemlich heftig.
    Wer mir das Recht giebt? - sagte der Lange. Die Polizei - und er wies
auf den Polizeidiener.
    Frau Doctorin, sagte dieser, Sie werden sich in die Fragen und
Anordnungen des Herrn Polizeicommissairs fgen.
    Dieser trat jetzt zu dem Pulte, an welchem der Schlssel steckte und ffnete
es. -
    Mein Herr! Was fllt Ihnen ein? rief Amalie auer sich und sprang auf.
    Keine Widersetzlichkeit! mahnte der Polizeidiener und hielt sie am Arme.
    Fremde Mnner kommen in mein Haus und forschen nach meinen
Familienangelegenheiten - bei einer armen hilflosen Frau, deren Mann abwesend
ist und sie beschtzen knnte - deren einziges Kind man begrub, jammerte sie.
Auguste weinte und sagte beruhigend:
    Sie haben ja kein Unrecht zu verbergen, lassen Sie ihnen immer ihren Willen
- Ihr Widerstand wre doch fruchtlos.
    Der Polizeicommissair hatte jetzt ein Fach mit Briefen herausgezogen und sah
sie flchtig durch, die meisten schob er unbefriedigt auf die Seite. Es ist
Keiner von Franz Thalheim darunter - sagte er heimlich zu dem Polizeidiener.
Das ist nur ein verdchtiger Umstand mehr, der Doctor wird diese Briefe als zu
gefhrlich verbrannt oder mitgenommen haben. - Jetzt zog er ein kleineres Fach
mit Briefen heraus, es enthielt nur diejeninigen, welche Thalheim an seine
Gattin geschrieben hatte, seitdem er von ihr getrennt war.
    Amalie trat wieder hinzu und sagte: Mein Herr, was zwischen Gatten
verhandelt wird, gehrt doch mindestens nicht vor die Augen der Polizei -
    Frchten Sie Nichts! sagte der Commissair mit widerlichem Lcheln. Die
Augen der Polizei vergessen sogleich wieder, wenn sie auch Etwas erfahren
sollten, das nicht vor ihr Forum gehrt - nur was vor diesem Forum bedenklich
und gefhrlich erscheint, bewahrt ihr Gedchtni treu - und darin lt sie sich
nicht tuschen und irren.
    Whrend er dies mit Nachdruck sagte, hatte er wieder einen Brief entfaltet
und indem er ihn berflog, nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an,
halb wie vor Schreck, halb wie vor Freude. Es war der erste Brief, welchen
Thalheim an seine Gattin geschrieben, er datirte von dem Gute des Rittmeisters
Waldow und die Stelle, welche solch' eigenthmliches Leben in das Gesicht des
Polizeicommissairs brachte, lautete:
    Ich bin bei Franz gewesen - ich habe die Noth und das Elend gesehen,
welches dort unter den Fabrikarbeitern herrscht - ach, Amalie, dieser Armuth
gegenber haben wir in beneidenswerthem Reichthum geschwelgt! - Ich habe Franz
das Versprechen gegeben, da, wenn mir in meinem neuen Wirkungskreise Zeit
bleibt, mich mit literarischen Arbeiten zu beschftigen, ich auch ber die Noth
der Fabrikarbeiter schreiben werde. Vielleicht wird mir auf meiner Reise
Gelegenheit, darber noch anderweite Notizen zu sammeln. Franz selbst schreibt
in seinen Muestunden, aber diese einfachen Stimmen mitten heraus aus dem Volke
werden wohl von alle Denen gehrt, fr welche sie laut werden, welche das
geschilderte Elend theilen, aber nicht von Denen, welche es verbreiten, und
Denen, welche die Macht und Pflicht haben es aufzuheben und zu lindern. Darum
fiel er mir weinend um den Hals, als wir von einander Abschied nahmen und sagte:
Leb' wohl Du - nun doppelt mein Bruder, wenn Du derselben Sache dienen willst,
welcher ich mich geweiht habe!
    Diesen Brief wollte der unberufene Leser erst in seine Brieftasche schieben
- er besann sich aber anders und notirte nur die angezogene Stelle
stenographisch. In den andern Briefen fand er nichts Beachtenswerthes, auer da
er sich den jedesmaligen Ort anmerkte, von welchem aus sie geschrieben waren.
Jetzt griff er nach einem kleinen hlzernen Kstchen, zwischen dessen Schlu
unterhalb des Deckels ein Stckchen beschriebenes Papier hervorschimmerte. Hier
sind auch Briefe darin - sagte er. Das Kstchen ist verschlossen - es thut mir
leid - aber ich mu um den Schlssel bitten.
    Das ist unmglich, rief Amalie. Ich kann es beschwren, da es der
Polizei ganz gleich sein kann, den Inhalt dieses Kstchens zu erfahren - und
wenn Sie gekommen sind, um nach Papieren von Franz, von meinem Gatten in meinen
Sachen herum zu spren, so wiederhole ich nochmals - ich will es beschwren -
von ihrer Hand finden Sie kein Wort in diesem Kstchen.
    Dieser Eifer macht die Sache nur um so verdchtiger - ich mu durchaus Sie
bitten, zu ffnen.
    Um keinen Preis - sagte sie auer sich, aber fest.
    Es thut mir leid, bemerkte darauf der Polizeicommissair mit feinem
Lcheln, aber es mu sein, - und ehe Amalie es nur bemerken, noch weniger
verhindern konnte, hatte er ein kleines Instrumentchen aus seiner Westentasche
geholt und mittelst desselben das Schlo des Kstchens geffnet.
    Aus Barmherzigkeit, rief Amalie, als sie es sah und fiel auf ihre Kniee.
    Jener bemerkte es nicht - sein Gesicht strahlte vor Freude und Staunen.
Jaromir von Szariny! rief er leise fr sich. Das ist ja der anonyme Publizist
- nun ist kein Zweifel mehr. Er sah die Briefe alle eifrig durch, schien aber
unzufrieden mit ihren Inhalt zu sein und da er keine mit neuerem Datum fand -
sie waren alle schon vor sieben Jahren geschrieben.
    Ich werde Nichts ausplaudern, sagte er zu Amalien, welche Auguste wieder
von der Erde aufgehoben hatte. - Nur eine Frage: Sind Sie noch mit dem Grafen
Szariny in Verbindung?
    Sie wandte sich tief verletzt ab und antwortete nicht.
    Ich mu Sie um aufrichtige Antwort bitten - es ist die letzte Frage, welche
ich an Sie zu richten habe - ich bedauere Ihnen lstig gewesen zu sein und wir
werden uns dann sogleich entfernen - es wre vielleicht meine Schuldigkeit
gewesen, einige dieser Briefe mitzunehmen, allein aus schonenden Rcksichten
gegen Sie habe ich es unterlassen - meine Schonung gegen Sie verdient wahrlich
nicht diese Halsstarrigkeit von Ihrer Seite - antworten Sie; Niemand wird es
erfahren. Sind Sie mit dem Grafen Szariny noch in Verbindung?
    Nein - er war mein Verlobter, ehe ich in meinem jetzigen Gatten eine andere
Wahl traf - - aber nun lassen Sie diese Qualen endigen, die Sie jetzt ber mich
brachten, whrend mein Kind begraben ward - als sei dies nicht schon entsetzlich
genug - - rief Amalie und verhllte ihr Gesicht.
    Bedauere herzlich, Ihnen lstig geworden zu sein und da wir an solchem
Unglckstage kommen muten, sagte der Polizeicommissair mit schlecht
erheuchelter Theilnahme und ging. Der Polizeidiener folgte ihm.
    Amalie war schon zu sehr von dem Jammer der letzten Tage angegriffen, als
da sie sich eigentlich htte klar darber bewut sein sollen, was jetzt
vorgegangen war, als da sie fhig gewesen wre, nur Etwas davon zu begreifen.
Sie war nur froh, da die fremden Mnner sich wieder entfernt hatten, da sie
nun wieder ungestrt ihrem Schmerz um ihr verlornes Kleinod, um ihr gestorbenes
Kind nachhngen konnte.
    Ihr Schwager Bernhard kam wieder zurck. Er ging schweigend auf sie zu und
drckte ihr die Hand - sie seufzte tief und sagte dann: Ich danke Dir - ist
doch eine verwandte Seele dabei gewesen, ich htt' es nicht vermogt.
    Ich habe die erste Hand voll Erde auf den hinabgesenkten Sarg geworfen fr
Dich, dann eine fr Gustav, dann fr mich selbst - sagte er und verschlang eine
Thrne.
    Nun war es wieder lange stumm in dem kleinen Zimmer zwischen den drei
Menschen.
    Nachher stand Auguste auf, trat zu Bernhard und erzhlte ihm Alles, was
whrend seiner Abwesenheit vorgekommen war und ihr so rthselhaft und unheimlich
erschien.
    Ihm war es so nicht minder - er verstand es gar nicht, fragte zu
wiederholten Malen und ward doch nicht klger. Endlich fuhr er heraus:
    Donnerwetter! Wr' ich da gewesen - ich htte die Kerle die Treppe hinunter
geworfen - trotz Polizei - nicht einmal die Sprnasen vor solchem Elend
ehrfurchtsvoll ein Weilchen zurckzuziehen!
    Dieser Vorfall hatte sich an dem Tage vorher ereignet, an welchem Franz
Thalheim so unbesorgt war ber die Ankunft des langen drren Herrn Stiefel.

                                III. Wiedersehen


 An dem hellsten Sommertag,
 Unter Zweigen lichtdurchbrochen,
 Bei der Lerchen Jubelschlag
 Hab' ich Dich zuerst gesprochen.
                                                                    Betty Paoli.

Einige Wochen waren seit dem Tage vergangen, an welchem Graf Hohenthal und
Rittmeister Waldow sich vergeblich bemht hatten, Herrn Felchner zu einer
kleinen Gestundung zu vermgen - er war im Recht gewesen und er hatte von diesem
Recht Gebrauch gemacht - der Wald war ihm als Eigenthum zuerkannt worden.
    Jaromir hatte eine der Htten, welche zu der Wasserheilanstalt Hohenheim
gehrten, fr sich gemiethet und vollkommen Alles das ausgefhrt, was er mit
Waldow in Bezug auf die Heilanstalt verabredet hatte. Ehe er sich ganz in
dieselbe begab, war er noch auf ein paar Wochen zurck in die Residenz gereist,
um dort seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, da er vorher seine
Abwesenheit nicht auf eine lngere Dauer berechnet hatte. Zugleich benutzte er
die Zeit dieses Aufenthaltes dazu, den idyllischen Aufenthalt in Hohenheim mit
entzckenden und glnzenden Farben in einigen aristokratischen Zirkeln so
verfhrerisch zu beschreiben, da ihm beim Abschied mehr als ein Mal, und von
mehr als einer Person das Wort entgegentnte: Ich denke, wir sehen uns wieder -
in Hohenheim.
    Vollkommen befriedigt von den Resultaten dieser Wochen, vollkommen ermdet
und gelangweilt von der Gesellschaft in der Residenz, dagegen aber auch nach
seiner elenden Htte sich sehnend - vielleicht auch noch verlangender nach Etwas
mehr kam er in Hohenheim an.
    Der Restauration der Wasserheilanstalt gegenber, welche ein speculativer
Gastwirth auf Zureden des Wasserdoctors fr einen geringen Pacht bernommen
hatte, befand sich eine Baute aus Brettern, welche man den Kursalon zu nennen
beliebte. Er war nach vorn geffnet, von einigen Bumen umgeben, mit Markisen
von grauer Leinwand versehen und sein Fuboden mit grobem Kies bestreut. Wei
angestrichne Lattenbnke, ebenfalls wei gefirnite Tische und ein Duzend
Feldsthle mit Sitzen von groben Gurtbndern, dies war das Meublement dieses
Salons, welcher dazu bestimmt war, da die Kurgste zu den Stunden in ihm sich
versammelten. wo sie ein solches Mittelding von freier Luft und Bretterschutz
gegen diese wnschenswerth fanden. In der That, ein Aufenthalt, welcher mehr als
einfach war.
    Jaromir hatte ihn sogar zu einem Lesesalon gemacht, indem er gefllig genug
war, diejenigen Journale, welche er vermge seiner literarischen Verbindungen
zugeschickt erhielt, daselbst zur allgemeinen Lectre auszulegen. Niemand war
glcklicher als Hofrath Wispermann, in Jaromir eine so gute Acquisition gemacht
zu haben, er berhufte ihn dafr mit Artigkeiten, wiewohl es ihn im Stillen
verdro, da der Graf durchaus seine rztliche Behandlung, seine Bder
verschmhte.
    Gleich am ersten Nachmittag nach seiner Ankunft besuchte Jaromir diesen
Salon.
    Der junge Waldow traf am Eingang mit ihm zusammen. Hierher ist fast mein
tglicher Spazierritt, sagte er, um zugleich jeden neuen Ankmmling mustern zu
knnen und zu erfahren, wie er die gttliche Romantik dieses Ortes findet, mit
welcher Ihre Schilderungen ihn so reichlich versehen haben. - Dort sitzt ja ein
ganzer Klubb - lassen Sie uns die Gesellschaft erst aus der Ferne in Augenschein
nehmen. Lorgnetten heraus! Dort das rothbackige Gesicht des Englnders mit dem
groen Mund, der die verhltnimig gleich groen Vatermrder zu kssen
scheint, kennen wir schon - er behauptet ewig dieselbe stereotype Figur - er
sitzt allein und liest in einem Buche. Mein Himmel! Was mu der Mensch nicht
Alles schon zusammengelesen haben, wenn er's immer so treibt wie hier - ich habe
ihn noch niemals anders als lesend gesehen, ich kann mir ihn auch gar nicht
anders vorstellen. Wie jene Wilden, welche, als sie die ersten Reiter sahen,
glaubten, Mensch und Ro wren ein Wesen, so scheint mir der Englnder mit
seinem Buch durchaus ein Ganzes zu bilden. Den eleganten Herrn mit den gelben
Glacehandschuhen und der rothen Sammtweste kenne ich und werde Sie nachher
einander vorstellen. Es ist ein Kammerjunker von Aarens, der sich nur
Courmachens halber hier aufhlt - er ist nmlich hierher gegangen, weil er den
Grafen Hohenthal kennt und eine reiche Partie beabsichtigt - er ist seit einer
Woche hier und schon sehr oft in dem benachbarten Schlo gewesen.
    Jaromir hatte zuletzt aufmerksamer als Anfangs zugehrt, den eben
Besprochenen mit prfenden Blicken gemustert und sagte jetzt ruhig: Der Mensch
sieht sehr unbedeutend aus.
    Was ihn aber bedeutend machen kann, ist ein alter Name, bedeutendes
Vermgen und groe Gunst, welche er an seinem Hof geniet. Den Herrn zwischen
ihm und unsern Doctor, eben so lang und drr wie dieser, aber mit einer so
ausgesucht malitisen Miene, kenne ich nicht, es mu ein neuer Ankmmling sein.
Der Geheimrath von Brodenbrcker daneben hat sich bis jetzt schrecklich
gelangweilt, er ist aus Geflligkeit fr seine Frau, welche vollkommnes
Pantoffelregiment geltend macht, hierher gekommen, denn sie will nmlich gern in
jeder Mode den Ton angeben und hat sich es deshalb nicht nehmen lassen, krank zu
sein und von einem geflligen Arzt in eine Wasserheilanstalt geschickt zu
werden. Sie scheint eine sentimentale Kokette zu sein, bei welcher man sich
Etwas erlauben darf. Nun kommen Sie, ich stelle Sie den Herrschaften vor, Ihr
Name wird frappiren, wenn ihn nicht etwa der Doctor schon ausgeplaudert hat.
Bemerken Sie wohl, welche schmachtenden Blicke die Geheimrthin auf uns wirft -
ich glaube, es ist ihr lange nicht so wohl geworden, die einzige Dame in einem
Badeort zu sein.
    Waldow trat jetzt mit Jaromir zu der Gruppe und stellte diesen vor:
    Graf Jaromir von Szariny.
    Der Name frappirte allerdings - aber obwohl die Geheimrthin vor freudigem
Erschrecken beinah in eine Ohnmacht gefallen wre, war doch Niemand davon in
gleichem Maae betroffen, als der fremde, lange, drre Herr. Als er Szariny's
Namen nennen hrte, nahmen seine Augen einen ganz eigenthmlichen Ausdruck an,
Schreck paarte sich mit Freude. Sein ganzes Wesen schien verndert zu werden, er
sah vor sich nieder, als beachte er den Grafen weiter nicht, aber wer ihn
aufmerksam beobachtet htte, wrde gewi bemerkt haben, wie sich seine Ohren
sichtlich spitzten, als er diesen Namen hatte nennen hren.
    Als Jaromir einige Worte mit dem Wasserdoctor sprach, stellte ihm dieser
seinen Nachbar als: Herr Schuhmacher, Doctor Juris, vor.
    Es wurden nur wenig Worte gewechselt. Diese Gesellschaft behagte Jaromir
wenig, und als Waldow sich nach einem Stndchen wieder zum Nachhauseritt
anschickte, brach auch er auf, lie seine Droschke anspannen und fuhr hinauf
nach dem Schlo.
    Elisabeth sa auf dem Balkon, zu welchem man aus dem Gesellschaftszimmer
gelangte und welcher ber dem Hauptportal sich erhob. Sie war so in das Lesen
eines Buches vertieft, da sie erst, als der Wagen auf den Steinplatten des
Hofes rasselte, durch das Gerusch aufmerksam gemacht wurde und hinab sah. Die
Droschke hielt vor dem Haupteingang. Jaromir hatte Elisabeth lngst gesehen -
jetzt grte er, als er bemerkte, da sie aufstand und ihn gewahr ward. Sie trat
von dem Balkon in den Saal - er aus dem Hof in die Hausflur, Sie war ein Wenig
in Verwirrung, denn ihre Eltern hatten einen Spaziergang in den Park gemacht, an
dem sie nur aus zuflliger Laune nicht Theil genommen hatte. Sie wute nicht,
wenn sie zurckkehren wrden, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatten - es war
eben so gut mglich, da sie in den nchsten Minuten, als da sie erst nach
Stunden zurckkommen wrden. Sie wollte Jaromir's Besuch abweisen lassen, aber
er hatte sie gesehen und gegrt, sie konnte sich nicht selbst verleugnen lassen
- in dem Augenblick ihrer Unschlssigkeit meldete ein Diener den Grafen.
    Haben Sie gesagt, da der Graf und die Grfin ausgegangen sind?
    Ja, zu Befehl - der Herr Graf beauftragte mich, ihn bei Ihnen zu melden.
    Sie sah noch einen Augenblick schweigend vor sich aus, dann sagte sie: Ich
erwarte den Herrn Grafen.
    Der Diener entfernte sich - gleich darauf trat Jaromir ein.
    Die gewhnlichen Begrungen fanden statt. Sie sagte ihm, da ihre Eltern
ausgegangen wren und da sie nicht wisse, ob sie dieselben bald oder spter
zurck erwarten drfe. Er bemerkte, da er sie, Elisabeth, bei seiner Ankunft
auf dem Balkon gesehen, und da nicht seine Gegenwart Ursache sein solle, die
freie Luft mit der des Zimmers zu vertauschen.
    So traten denn Beide hinaus auf den Balkon.
    Die Gegend breitete sich malerisch vor ihnen aus in lichter
Frhlingsklarheit. Das hochgelegene Schlo beherrschte auf hherem Bergesrcken
ein groes Panorama.
    Es war ein schner Nachmittag - man wute nicht, war es noch Frhling oder
schon Mitte des Sommers. Gegend und Luft gaben die Wonnen von Beiden. Der Himmel
war ein glnzendes, lachendes Blau, die Luft ein ewiges lindes Wehen.
Durchleuchtete Wlkchen zogen wie leichte Silberschleier hin und her und warfen
kleine wandelnde Schatten auf die Gegend. Rechts erhob sich eine lange
Hgelkette, die dem Berge sich anschlo, auf welchem die Burg stand. Die einen
waren mit dstern Tannen und Fichten bewachsen, an welchen die jungen,
hellgrnen Triebe wie zarte Finger von viel Tausend emporgehobenen Hnden sich
aufwrts streckten, als schwren auch die ernsten Gestalten der Tannen frhlich
dem Frhling Treue. Und so dicht war die Waldung, da sie, wo das Auge zu ihr in
die Ferne schweifte, wie ein groes weiches Bett von schwellendem Moos aussah,
in dem sichs gut liegen und ruhen msse. Andere Hgel waren von grauem Gestein
nur sprlich von dunkeln, roth blhendem Moos und lichtgrnem, niedrem Gras
bedeckt und mit getrennt stehenden Birken bewachsen. Ihre weien Stmme standen
aufgerichtet wie heilige Friedensstbe mit grnen, wehen den Krnzen geschmckt.
Zwischen diesen Hgeln trat ein kleiner Flu hervor und schleppte mit seinen
blau und silbern blinkenden, tanzenden Wellen geduldig das Flholz - die
abgehauenen Glieder des Waldes - herab in's Thal, dann strzte er sich brausend
ber ein hohes Wehr und die Scheite sprangen khn und lustig mit dem Wasser
taumelnd hinber. Geradaus that dem Blick ein weites Thal sich auf, die
Landstrae zog sich durch und auf ihr wirbelte gerade jetzt eine lutende Heerde
lichtweier Schaafe eine gelbliche Staubwolke auf. Links grnzte an das Schlo
der weite Park. Seine Eichen standen im prangendsten Jugendgrn und ihre stolzen
Kronen berragten die andern Bume. Alle Gestruche blhten bunt dazwischen.
Hier schlngelte eine Allee wei blhender Kirschbume sich wie eine lange
Guirlande durch die blumigen Wiesen. Dort glich eine Gruppe von Apfelbumen,
deren rothe schwellende Knospen sich eben erschlieen zu wollen schienen, einem
riesenhaften, leicht hingeworfenen Rosenkranz. Und aus all' diesem malerischen
Gemisch von Bumen, Blthenstruchen und Graspltzen schimmerte hier ein weier
kleiner Marmortempel, wie ein ernstes Mausoleum hervor, wehten dort die Fahnen
und Glckchen eines japanischen Lusthauses, wie im heitrem Spiel grend mit
Flattern und Luten, erhob sich an einer andern Stelle ein grauer Thurm, und so
noch manches abenteuerliche, malerische Gebude. In weiter Ferne begrnzte ein
hoher Berg mit einer verwitterten Burgruine den Horizont. Balsamische
Blumendfte zogen wie wallender Weihrauch von den Frhlingsopfern der Erde aus
den nahen Gartenbeeten empor und eine Schaar wirbelnder Lerchen tummelte sich
wie trunken im Aetherblau.
    Jaromir und Elisabeth hatten eine Weile stumm neben einander gesessen und
bewundernde und entzckte Blicke auf die reichen Naturschnheiten dieser
Landschaft geworfen. Jetzt sagte Jaromir:
    Es ist das erste Mal, da ich unwillkrlich durch Sie angeregt in
Naturbetrachtungen versinke - vergeben Sie, wenn ein Blick auf dieses feierliche
Frhlingswalten ringsum mich zu lange stumm gemacht.
    Sie sagte mit einem leichten Errthen und ohne aufzusehen: Mein frheres
Zusammentreffen mit Ihnen fand auerhalb der gewhnlichen Schranken und auf
befremdende Weise Statt - ich fhle, da ich Ihnen dafr eigentlich eine
Erklrung schuldig wre, aber ich wei dennoch nicht, wie ich sie Ihnen geben
knnte, und indem ich gerade fordern mu, mir sogar den Versuch dazu zu
ersparen, fhle ich, da ich vielleicht Viel von Ihnen verlange, wenn ich Sie
bitte, ohne zu gering von mir zu denken, diese frhere Begegnung wo mglich zu
vergessen - fr sich selbst und fr Andere.
    Sie lie einen Moment ihre schnen Augen mit einem flehenden Ausdruck auf
den seinen ruhen, dann senkte sie wieder die langen Wimpern, whrend er rasch
das Wort nahm:
    Vergessen? sagte er mit sanfter Stimme. Vergessen? Sehen Sie da unten die
weie Blume, welche ihr Haupt der Sonne zugekehrt hat, soll sie auch vergessen,
da der Lichtstrahl auf sie fiel, welcher ihren Kelch erschlo? Soll dort der
Wanderer, den Sie von dem hchsten Berge langsam herabsteigen sehen, auch
vergessen, da er einen entzckenden Anblick dieser weiten Frhlingslandschaft
genossen, der ihn vielleicht trunken schwrmen machte, wie der Blick in ein
seliges Eden? Warum vergessen? Nein, ich werde ewig an diese Stunde denken
mssen, rief er schwrmerisch vor sich aussehend, sie ist ein Theil geworden
von meinem Leben.
    Elisabeth schlug die Augen nieder und schwieg.
    Nach einer Pause begann Jaromir wieder, aber ruhiger: Sie schweigen -
vielleicht weil Sie die Sprache seltsam, finden, welche ich fhre, vielleicht
weil Sie Ihnen ungeziemend erscheint - aber wenn Sie mir vergnnen, aufrichtig
fortzufahrrn - so werden Sie mir vergeben, wenn Sie es nicht schon jetzt thun.
    Sie sind ja Dichter, sagte Elisabeth, da mu Ihnen schon gestattet
werden, Ihre Trume auszusprechen, in welcher Form Sie wollen - wei man doch,
da es eben poetische Trumereien sind, was man hrt.
    Dieser Dichter hatte lange Zeit vergessen, da er einer war, bis Sie ihn
wieder dazu machten - antwortete Jaromir und fuhr dann fort: Sehen Sie, Ihnen
allein gegenber darf ich doch wahr sein? Sie haben es ja eben ausgesprochen,
da ich ein Dichter sei - nicht jedem Wesen entschleiert ein solcher seine Seele
- und darum, als ich Sie das erste Mal in diesem Schlosse sah, als ich
unerwartet in der Tochter dieses Hauses das weinende Mdchen wieder erkannte,
das ich einst fern von hier begrt, da fesselte nicht allein das Erstaunen
meine Zunge, da ich es nicht aussprach, wie Sie mir nicht ganz fremd seien,
sondern ich blieb darber stumm, weil diese Begegnung immer ein ses Geheimni
meiner Seele geblieben war, das ich nun nicht auf ein Mal mit gleichgltigen
Worten gleichgltigen Ohren und Herzen Preis geben konnte. Und dann - ich wute
ja nicht, ob es nicht vielleicht auch Ihr stilles Geheimni war, das keine
Zeugen und keine Mitwisser duldete, an jenem Tag und an jener Stelle sich
auszuweinen? Und lieber noch htte ich mich selbst verrathen, als Sie!
    Ich danke Ihnen fr diese Rcksicht. Thrnen, mit denen man sich in die
Einsamkeit flchtet, um sie auszuweinen, werden von Andern verstanden - sagte
Elisabeth.
    Er fuhr fort: Sie waren gewi an jenem Morgen so frh aufgestanden, der
Schmerz hatte Sie nicht ruhen lassen - bei mir war das Anders, ich kam von einer
festlich durchschwrmten Nacht - aber wessen Herz in diesen Stunden
schmerzlicher gezuckt haben mag - das Ihre unter Ihren Thrnen, das meine unter
meinem Lachen - wer mgt' es entscheiden? Ich habe das Wort nicht vergessen, das
Sie zu mir sagten: Sie scheinen auch nicht glcklich zu sein! So hatten Sie mich
allein verstanden, eine Fremde - unter all' den Hunderten, welche mich zu kennen
meinen, welche mir tglich versicherten: ich sei der glcklichste Sterbliche.
    Ich hatte Ihnen schon einmal begegnet, wo Sie noch trauriger aussahen -
fiel sie ihm rasch in's Wort, aber sie hielt pltzlich inne und errthete und
fragte sich mdchenhaft schchtern im Stillen, ob sie nicht unvorsichtig zu Viel
gesagt.
    Fast war es auch fr Jaromir zu Viel, zu viel berraschende Freude, da sie
dieses sagte - ihm wars, als msse er ihr zu Fen fallen, oder ihre Hand fassen
und drcken, oder sie selbst in seine Arme ziehen - aber er bezwang sich, er
blickte sie nur noch inniger an, doch wagte er nicht, sie zu berhren, oder sich
ihr leidenschaftlich zu nhern - er sagte sich, da er das schne Vertrauen, mit
dem sie ihn allein bei sich empfangen, nicht mibrauchen drfe. Ja, sagte er,
damals lag auf Ihrer Stirn, in Ihren Blicken leuchtender, ungetrbter Friede
und ich dachte, so mss' es immer sein - damals meinte ich nicht, da ich nach
wenig Monaten Sie so wiedersehen wrde, wie es geschah. Jener erste Moment, in
welchem ich sie sah, ist einer der erschtterndsten meines Lebens gewesen, ich
werde ihn nie vergessen, und als ich Sie zum zweiten Male sah - darf ich es
Ihnen gestehen? so htt' ich dem Leben fluchen mgen, das auch aus Ihren Augen
Thrnen prete, das auch Sie schon so schmerzlich fassen und bewegen konnte!
Aber ich lernte auch von Ihnen - ich hatte oft das Weh meines Herzens bertuben
wollen in rauschender Lust, aber ich dachte dann, es sei besser, gleich Ihnen
dies Leid auszuweinen in Gottes freier Natur, an der Brust der mtterlichen Erde
- und so that ich - und so kam ich auch hierher, um in der heiligen
Frhlingswelt alle kleinen menschlichen Schmerzen zu vergessen - und mir ist,
als wrde das Herz gesund, wenn es wie hier neben lchelnden Blumen und
wirbelndenden Lerchen schlagen kann - er wollte noch mehr sagen, aber er hielt
inne.
    Das Herz wird still, wenn es wie hier auf dieser Hhe dem Himmel nher
schlgt, ergnzte Eisabeth, ich bin jetzt zufrieden. Ich geniee den Fhling -
was will man mehr?
    Die Nhe verwandter Seelen, sagte Jaromir.
    O, ist man nicht selber reich genug, dem Wald, dem Bach, den Blumen allen
verwandte Seelen zu geben? Und bringt nicht jede Schwalbe, die sich in unsrer
Nhe anheimelt, nicht jede Lerche, die aus der Saat zum Himmel jubelnd
emporschwirrt, jede Nachtigall, die im Stillen und Dunkel sich hren lt, die
verwandte Seele mit, nach welcher wir uns sehnen? Fhlen Sie nicht, da das
Lied, welches von dem wechselnden Vgelchen da drunten im Garten ertnt, alle
die Regungen zur Sprache bringt, ber welche Sie mit sympathisirenden Wesen sich
unterhalten mgten? Nun und warum nicht mit diesen gefiederten Sngern? fragte
Elisabeth.
    Nun, wer von uns Beiden ist denn der Poet? sagte Jaromir lchelnd.
    In diesem Augenblick traten der Graf und die Grfin in den Saal. Jaromir und
Elisabeth hatten sie vorher nicht bemerkt - sie standen jetzt schnell berrascht
auf und traten zu ihnen in den Saal.
    Die Unterhaltung war allgemein und kam nicht aus der Sphre des gewhnlichen
Conversationstones heraus. Jaromir hielt das nicht lange aus und entfernte sich
sobald als es schicklich war.
    Spter sagte die Grfin zu Elisabeth: Du lieest gestern den Kammerjunker
von Aarens abweisen, weil Du allein warst, und nimmst heute im gleichen Falle
den Grafen Szariny an - ich liebe solche Inconsequenzen nicht.
    Elisabeth verlie ohne Antwort das Zimmer.

                                IV. Erklrungen


 Doch wehe, wehe dem Mittellosen,
 Wenn siech der Leib zusammenbricht,
 Da rettet nicht des Weibes Kosen,
 Da rettet die Pflege der Mutter nicht,
 Da helfen nicht die Gebete der Kleinen.
                                                                      Karl Beck.

Ein paar Wochen waren vergangen, seitdem Pauline sich von Franz hatte zu der
langen Liese fhren lassen. Pauline hatte ihn unterdessen nur von Weitem
gesehen, wenn er in die Fabrik oder an den Zahltagen in ihres Vaters Comptoir
ging; sie war ihm auf ihren Spaziergngen, auch wenn sie dieselben nach dem
allgemeinen Feierabend machte, niemals begegnet, und niemals hatte er sie im
Garten aufgesucht, wie sonst, um irgend eine Angelegenheit, eine Bitte fr die
Unglcklichen, fr welche er sich schon so oft verwendet hatte, vorzutragen. Nur
ein Mal war sie ihm nahe in der Hausflur begegnet, wo er mit andern Arbeitern
bei einem Factor gestanden hatte, der sie eben Alle ziemlich hart anlie. Franz
hatte Paulinen einen schmerzlichen Blick zugeworfen, zum Sprechen war der Moment
nicht geeignet gewesen. Den Chirurgen hatte sie gleich, als er das erste Mal zu
den verunglckten Kindern auf Ihr Geheis gekommen war, im Voraus bezahlt. Sie
hatte Nichts wiedre von diesen armen Leuten gehrt, denn sie selbst war nicht
wiedre hingegangen, da sie nach dem ersten Empfang der langen Liese recht wohl
einsehen gelernt, wie diese ihren Besuch weniger als eine Art Genugthuung,
sondern mehr als Verhhung betrachte. Ihren Bruder oder die Factoren nach der
langen Liese und ihren Kindern zu fragen, hielt eine innere ngstliche Scheu sie
ab.
    Eines Abends sa Pauline allein im Garten wie gewhnlich, denn um diese
Stunde allein spazieren zu gehen wagte sie nicht, weil sie immer frchtete, da
sie, wenn sie Fabrikarbeitern begegnete, von diesen roh behandelt werden mgte,
oder doch wenigstens unziemliche Redensarten anhren mte. Sie war sehr
traurig, denn sie hatte auch Elisabeth lange nicht gesehen. Herr Felchner war
sehr gegen den Grafen erbittert, seitdem dieser versucht hatte, sich mit in die
Waldow'sche Angelegenheit zu mischen und jetzt auch vor Gericht gegen ihn
auftretend gestrebt hatte, es dahin zu bringen, da der Fabrikherr den Bach -
welcher nun durch sein neu erlangtes Gebiet flo - aber zugleich durch
Hohenthal'sche Besitzungen ging - nicht zu einem Graben einengen und zum Treiben
irgend eines Mhlwerks benutzen drfe. Es war darber ein Proze entstanden,
welchen man nach der Art, wie er unter aristokratischen Einflssen betrieben
ward, eine ziemlich lange Dauer vorhersagen konnte. Herr Felchner liebte aber
Alles mit Dampfschnelligkeit zu betreiben. Er hatte daher gegen den Grafen, der
ihn dies Mal so hinderlich in den Weg trat, den giftigsten und bittersten Ha
gefat und seiner Tochter streng verboten, wieder in das Schlo seines
Todfeindes zu gehen. Diese war an Strenge gegen sich von ihrem Vater wenig
gewhnt, denn er begegnete ihr immer mit der zrtlichsten Liebe und lie sie in
Allem frei walten. Nur durfte sie niemals versuchen, ein Wort zu seinen
industriellen Einrichtungen zu sagen, oder fr die gedrckten Arbeiter eine
freundliche Bitte vorzubringen. Er hatte ihr dies mit leidenschaftlicher
Heftigkeit ein Mal fr immer verboten und da sie bemerkte, da sie durch ihre
Vorstellungen meist nur gerade das Entgegengesetzte von dem, was sie zu
erreichen wnschte, eintreten sah, so hatte sie fr immer auf solche verzichtet.
So wagte sie aus kindlicher Ehrfurcht wenigstens nicht sogleich das Verbot des
Vaters in Bezug auf Schlo Hohenthal zu bertreten, da sie hoffte, er werde es
vielleicht eher zurcknehmen, wenn sie ihm Gehorsam zeige, so lange noch die
erste Heftigkeit seiner Erbitterung whrte. Elisabeth selbst war nicht in die
Fabrik gekommen, weil leichte Unplichkeit sie im Schlosse zurckhielt.
    Noch niemals war es Paulinen einsamer vorgekommen, als jetzt, wo sie sinnend
allein im Garten weilte.
    Ein Gru weckte sie aus ihren traurigen Trumereien.
    Guten Abend, Mamsellchen.
    Es war eine kleine dicke Frau mit rothem Gesicht, welche vorber ging und
den Gru hinein rief. Pauline erkannte sie; es war die gutmthig aussehende
Frau, welche sie bei der langen Liese getroffen hatte.
    Guten Abend, Frau Martha, sagte Pauline, lauft doch nicht so vorber. Was
macht die lange Liese mit ihren armen Kindern?
    Sie haben mich gleich erkannt? sagte Martha schmunzelnd. Sonst merken
sich die feinen Mamsellchen uns arme Weiber nicht so leicht; das ist hbsch von
Ihnen. Was die lange Liese macht? Da mag sich Gott erbarmen, die flucht Tag und
Nacht. - Sie wissens wohl gar nicht, da die Kinder Beide todt sind, der Junge
und auch die kleine Liese!
    Todt - Beide?! rief Pauline, Das ist ja entsetzlich!
    Freilich wohl - aber ein Glck ist's doch auch, da sie starben, was htte
aus den elenden Krppeln werden sollen? Und gut noch, da sie Beide wenigstens
gleich an einem Tage starben, da sind sie auch in einen Sarg und ein Grab
gekommen und dadurch Kosten erspart worden.
    Ein leichter Schauer berrieselte Pauline, als sie diese Rede hrte, es war
ein neuer tiefer Blick in das Elend der Armuth, die sich ber den Leichen
geliebter Kinder noch damit trsten mu, da sie wenigstens zugleich starben,
damit nur ein Sarg fr zwei nthig war.
    Martha fuhr fort: Ja, wenn es nur wenigstens Nichts kostete, der Tod ist ja
auch nicht umsonst, wenn gleich das Sprichwort so heit - nicht einmal die
Sprichwrter wollen auf die armen Leute passen. Ich kann sagen, mir wird wohl
manchmal Angst, wenn die lange Liese so flucht und dazwischen lacht und
schluchzt, da sich's greulich mit anhrt - denn da wei sie nicht mehr, was sie
spricht, und versndigt sich gar gegen den lieben Gott im Himmel droben. Aber
wahr ist's, schlecht hat sie's gehabt ihr Leben lang - ich und mein Mann, wir
sind Beide gesund, und der Junge ist's auch, nun da mag's schon sein, wenn man
auch wenig verdient, wenn man nur arbeiten kann und gesund ist, da ist unser
eins schon zufrieden - aber wie ist nun die lange Liese selber elend geworden
und wie sahen die Kinder jammervoll aus, die sie mit in die Fabrik schleppt -
halten's einmal nicht aus und mu doch froh sein, wenn sie nur arbeiten drfen.
Wenn Sie mir's nur gesagt htten, wie die Kinder starben, ich htte vielleicht
Etwas thun knnen.
    Ja, ich unterstand mir's nicht und dem Franz sagt' ich's ein Mal, weil der
Sie doch heimgefhrt hatte - aber er schttelte den Kopf und sagte: ich gehe
nicht wieder hin, geht lieber selbst - und sehen Sie, da dacht' ich in meinen
Gedanken: wenn's der Franz nicht mehr wagt, da wag' ich's auch nicht.
    Franz sagte: er wage nicht mehr zu mir zu gehen? sagte Pauline mit dem
Tone unglubiger Verwunderung.
    Nun ja, er sagte wenigstens: ich gehe nicht wieder hin.
    Er gehe nicht wieder zu mir?
    Nun ja, es ist, als ob Sie Sich darber verwunderten - ich dachte seiner
Rede nach, Sie htten es ihm verboten, oder gesagt, da er zu oft kme.
    Niemals, niemals! Sehen Sie Franz zuweilen?
    Selten, doch trifft es manchmal, da er mit meinem Manne zusammengeht, denn
der hlt groe Stcke auf ihn.
    Nun dann sagen Sie ihm, da ich es seltsam fnde, da er mir sein Wort
nicht mehr hielte - er wird schon wissen, was ich meine.
    Schon gut - aber da steh' ich hier so lange und schwatze und wollte heute
Abend noch Manches arbeiten.
    Damit Ihr nicht umsonst hie geblieben seid, so wartet noch einen
Augenblick, sagte Pauline und ging in das Haus.
    Nach einer Weile kam Friederike mit einem Korb Ewaaren heraus, welchen sie
der Martha bergab. Etwas davon mgt Ihr der langen Liese geben.
    Das Mamsellchen ist gar gut, rief Martha, ich hab' es immer gesagt. Ich
lasse mich schnstens bedanken, der liebe Gott mag's ihr vergelten, die Armen
haben Nichts zu geben als fromme Wnsche.
    So ging denn Martha ihres Weges. Friederike that auch einige Schritte weiter
und sah sich berall um. So stand sie eine Weile. Da rief pltzlich eine Stimme:
    Also endlich einmal! Es war Wilhelm Brger, welcher hinzutrat und ihre
Hand erfate.
    Guten Abend, Wilhelm.
    Wilhelm hatte gleich am andern Tage, als er erkannt hatte, da es ein groer
Irrthum von seiner Seite gewesen, seinen Freund Franz fr seinen Mitbewerber zu
halten, Friederiken am Feierabend am Brunnen aufgesucht und ihr einfach gesagt,
wie lieb er sie habe. Das gute Mdchen hatte verschmt und errthend das
angehrt, und ihm durch einen herzlichen Hndedruck versichert, da sie ihm gar
nicht gram sei, da sein Wort ihr eine wahre Herzensfreude gegeben. So pflegten
sie nun seitdem sich oft auf gleiche Weise zu sehen. Wilhelm war heute ziemlich
ernst und sagte nach einer Weile:
    Ist es wahr, da Deine Herrschaft, ich meine Mamsell Paulinchen, seit
einiger Zeit so krnklich ist?
    Da habe ich Nichts davon bemerkt - das mte ich wissen.
    Verndert sieht Sie mir auch nicht aus - gleichwohl hat es der junge Herr,
ihr Bruder Georg gesagt.
    Was hat der gesagt? Er wei gar Nichts von ihr, denn die Beiden sind
verschieden wie Tag und Nacht.
    Du weit, da sie den Chirurgen fr das Kind der langen Liese bezahlt hat.
    Und da sie mit Franz selbst zu dem unglcklichen Kinde gegangen ist,
seitdem sind aber Wochen vergangen und Franz hat sich nicht wieder blicken
lassen, wie doch sonst.
    Es ist ihm schwer genug geworden.
    Warum ist er also nicht gekommen? Und was meinst Du mit dem jungen Herrn
und dem Chirurgen?
    Das wollt ich ja eben erzhlen.
    So rede schnell, denn ich kann jetzt nicht lange hier bleiben und wei
wirklich nicht, was Du eigentlich zu sagen hast.
    Drum eben lass' mich zu Worte kommen. Wie der Chirurg das zweite Mal wieder
gekommen ist, hat er Franz aufgesucht und gesagt, es sei unrecht von ihm, da er
Frulein Pauline immer so mit Erzhlungen von Unglcklichen qule, und sie dann
berede, das Elend selbst mit anzusehen. Eine junge zrtliche Dame, wie sie,
knne so Etwas nicht vertragen, sie werde dadurch selbst noch krank, weil es sie
immer so angreife; ihre Gesundheit sei dadurch schon ganz zerrttet - sie setze
ihr Leben auf's Spiel, wenn sie es noch lnger so treibe; sie selbst habe
freilich davon keine Ahnung, um so mehr sei es jedes Menschen Gewissenssache,
sie zu schonen. Franz war unglubig gewesen - ich war es auch, dann sagte ich
mir: die armen Leute mssen in diesem Elend leben und es selbst ertragen und die
vornehmen Leute sollten gleich daran sterben, wenn sie es nur ein Mal erzhlen
hren, oder von Weitem einen flchtigen Blick darauf werfen?
    Mein Frulein ist ganz wohl - und was will denn der Chirurg von ihr wissen,
der sie niemals behandelt hat? Sie hat Gott sei Dank noch gar keinen Arzt
gebraucht, seitdem sie hier ist. Und dieses alberne Mhrchen hat Franz glauben
knnen?
    Er hat es auch nicht so recht geglaubt, aber ngstlich hat es ihn doch
gemacht. Sie gnnen uns diesen Engel nicht! sagte er ernst und bitter - aber
wie er es sich nher berlegte, so hatte die Sache doch auch etwas
Wahrscheinliches - diese Mdchen sind einmal so zart, sagte er, und wre ich
dann daran Schuld, da sie wirklich litte - ich vergb' es mir nie - und geistig
leidet sie durch mich - nein, nein, ich will ihr Nichts mehr sagen - - so
meint' er.
    Aber welch' dummes Zeug! rief Friederike: Und warum hat er da nicht mich
gefragt, oder warum es Dir nicht aufgetragen?
    Er hat sich genug mit seinen Gedanken geqult und wie sie ihm nicht mehr
Ruhe lieen, ist er selbst hergegangen, um sie zu sehen oder Dich zu sprechen.
Der junge Herr hat ihn da zuerst getroffen und gefragt, zu wem er wolle? Er habe
jetzt hier Nichts zu thun. Er hat Dich genannt, da hat ihn Georg sehr hart
angelassen und gesagt - aber das ist zu hart!
    Was hat er gesagt? Rede nur gerade heraus!
    Er hat gesagt, da ihn seine Schwester beauftragt habe, nicht lnger den
Skandal zu dulden, da ihre Dienstmdchen mit den Fabrikarbeitern unpassenden
Umgang htten und da es so schon eine Schande sei, da die Christiane -
Wilhelm hielt inne und besann sich, da er hier nicht weiter fortfahren knne.
    Friederike ward roth und sagte: Das ist eine Niedertrchtigkeit! Die
Christiane wre lange aus dem Hause, wenn er sie nicht selbst hielte, und wir
wissen recht gut, wer an ihrem Unglck Schuld ist - die armen Fabrikarbeiter
nicht, aber so will er freilich thun. Und nun gar dem Franz gleich das
Schlechteste unterzuschieben - und nur weil er nach mir gefragt hat; das ist
abscheulich! Sie stampfte mit dem Fu und hielt die Schrze vor das von Zorn
und Scham zugleich gerthete Gesicht.
    Natrlich hat da Franz seine Migung doch ein Wenig verloren, fuhr
Wilhelm fort, er ist heftig geworden und der Herr hat ihm fr immer verboten,
das Wohnhaus zu andern Zeiten zu betreten, als wenn er zum Zahltag in das
Comtoir kommen mu. Nun siehst Du, wie Alles gekommen ist; Franz ist seitdem
ganz traurig, nur manchmal sagte er: ich mgte doch wissen, ob ihr Alles so
recht ist, ob sie es wei, oder ob es sie nicht einmal wundert, da ich nicht
mehr komme - gestern sprach er auch so und weinte - nun wenn so ein starker
Junge weint wie der Franz einer ist, das kann ich nicht gleichgltig mit
ansehen, da wendet sich mir das Herz im Leibe um. Da sagt' ich mir: heute mut
Du mit Friederiken reden.
    Weit Du was? sagte diese. Mein Frulein ist auch recht verdrielich
gewesen, da Franz nie mehr gekommen, denn von All' dem, was Du mir erzhlt
hast, wei und ahnt sie kein Wort - ich mu jetzt fort von Dir, wir haben schon
zu lange geplaudert - wenn Du Franz triffst, so geh' mit ihm dort drben in der
Allee ein Weilchen hin und her - wer wei, macht nicht mein Frulein noch einen
Spaziergang dahin, und Franz darf ein paar Worte mit ihr sprechen, wo es Niemand
gleich gewahr wird - denn das merk' ich nun schon, dem saubern Herrn Bruder ist
es ein Gruel, da sie fr die armen Leute menschenfreundlich fhlt und da
helfen mgte wo er nur thrannisirt - leb wohl! Wir wollen sehen, ob wir uns
heute noch wieder treffen. Mit diesen Worten und einem raschen Hndedrucke
hpfte Friederike fort.
    Pauline war allein in ihrem obern Zimmer und hatte schon ein Mal vergeblich
nach dem Mdchen geschellt. Als es jetzt eintrat, fragte sie: Warum kommst Du
so spt?
    Ich bitte Tausend Mal um Vergebung, sagte Friederike, ich sprach einige
Worte mit meinem guten Wilhelm.
    Du weit, begann Pauline mit ernstem, warnendem Tone, da ich gegen Eure
Neigung Nichts habe, allein -
    Liebes Frulein, fiel ihr Friederike in's Wort, ich fragte ihn nach Franz
und da hatte er so Viel zu erzhlen - ich wre sonst nicht so lange geblieben.
    Pauline verga die mahnende Rede, welche sie begonnen hatte und fragte
rasch: Was sagte er Dir da? Vergi nicht, Alles genau zu wiederholen, denn
durch das, was ich von der Frau Martha erfuhr, ist mir Franz noch wunderlicher
vorgekommen.
    Friederike kam diesem Befehle getreulich nach. Als sie Alles erzhlt hatte,
ward Pauline immer nachdenklicher. Es ist klar, sagte sie, mein Bruder will
nicht, da die Fabrikarbeiter zu mir Vertrauen fassen und da ich die
Schattenseiten einer groen industriellen Anstalt, wie die unsere ist, kennen
lerne, er will nicht, da ich mich mit diesen armen Leuten in eine gewisse Art
von Verbindung setze. Er verachtet sie nur und meint vielleicht, sie um so
williger zu jeder Arbeit zu finden, je rmer und unglcklicher sie sind. Es ist
gewi, da er den Chirurgen zu diesem seltsamen und abgeschmackten Mrchen von
meiner Krankheit verleitet hat. So werde ich freilich in Zukunft noch behutsamer
sein mssen, als ich bereits war, damit er mich nicht hindert, irgend ein Elend
zu lindern, wo ich kann und will.
    Friederike hatte ihrer Herrin nicht gesagt, da sie Wilhelm und Franz in die
Allee bestellt habe, sie verschwieg es auch jetzt, aber sie suchte Paulinen
dahin zu einem kleinen Spaziergang zu bewegen, indem sie ihr beredt den schnen
Sternenabend drauen schilderte und die leuchtenden Johanniswrmchen, die gerade
in jener Allee sich jetzt so lustig tummeln sollten. Pauline willigte endlich
ein, da der Weg nahe und berhaupt dort einer ihrer Lieblingspltze war.
    Franz stand dort allein. Was er fr Paulinen fhlte, hatte er dem Freund
einmal gestanden, obwohl er selbst es sich noch niemals zu gestehen gewagt
hatte, obwohl er es, was nur ein Mal seinem Innern zur Aussprache entlockt
worden war, wieder in seines Herzens Tiefen zu verbergen strebte. Was er jetzt
gelitten, wute Wilhelm auch, und er gnnte dem Freunde die Stunde der
Genugthuung, welche jetzt vielleicht fr ihr schlug, so aufrichtig aus vollster
Seele, da er sie ihm durch seine Gegenwart nicht stren wollte - denn ein
Zartgefhl, welches bei den feinen, gegltteten Menschen der Salons fast
gnzlich in seiner Ursprnglichkeit verloren gegangen ist und nur als leere
Etikettenform noch hier und da zur Erscheinung kommt, sagte diesem einfachen,
unverdorbenen und unverbildeten Arbeiter, da seine Gegenwart vielleicht den
Freund stren knne, dem er, ohne es zu wollen, ein Gestndni seiner Liebe
entlockt hatte, welches nun nicht mehr zurckzunehmen war, aber von dem, welchem
das stille Geheimni gehrte, doch gern wieder vergessen gemacht worden wre.
    Friederike, welche diese Grnde fr Wilhelms Auenbleiben nicht ahnen
konnte, weil sie Thalheims wahre Gefhle nicht kannte, und welche vielleicht
auch dann Wilhelms Zartgefhl nicht ganz wrde verstanden und getheilt haben,
schmollte in Gedanken ein Wenig mit ihm, da er die schne Gelegenheit, ein
Wenig mit ihr zu plaudern, ungentzt vorber gehen liee.
    Guten Abend, Franz! sagte Pauline freundlich zu diesem.
    Er zitterte fast, als er diese sanfte Stimme wieder hrte, welche er Wochen
lang nicht mehr, nur in seinen Trumen gehrt hatte. Sie sprechen so sanft zu
mir, rief er erschttert, nicht wahr, Sie zrnen mir nicht, wenn ich -
    Wenn Sie eine Zeit lang Ihres Versprechens uneingedenk sein konnten, das
Sie mir gaben, als ich nicht lange hierher gekommen war, oder da Sie denken
konnten, ich mge mein Wort nicht mehr halten - weiter habe ich Ihnen Nichts zu
vergeben. Ich wei - aber erst seit heute - Alles - da man Sie ber mich
getuscht und hintergangen hat - aber ich versichere Ihnen, da ich an unserm
damaligen Versprechen, da Sie mich von jeder augenblicklichen Noth unsrer
Fabrikarbeiter, welcher abzuhelfen mglich ist, unterrichten sollten, und da
ich dann Alles thun wrde, was ich vermge - gar Nichts gendert wissen will,
und da wir ihm treu bleiben wollen, nur - mit mehr Vorsicht als bisher, da es
Leute geben kann, welchen es nicht recht ist, da ich die Wunden verbinde,
welche sie erst geschlagen.
    Franz schwieg.
    Ich ehre ihr Schweigen, fuhr sie fort. Sie wissen, da Diejenigen, welche
mir nahe stehen, die Ursache sind, welche uns verhindern sollte, unser
Versprechen zu halten, und Sie mgen deshalb keine Klagen wider sie erheben -
ich ehre das, denn Vorurtheile sind gewi auf beiden Seiten, und diejenigen, in
welchen ein Mensch erzogen ist, leben mit ihm fort und beherrschen ihn, so da
er von einem andern Standpunkt aus ungerecht erscheint, wo er auf dem, welchen
er nun einmal einnimmt, von Gerechtigkeit reden kann. Ich aber bin in den Lehren
Ihres Bruders erzogen, welchem ich in der Stunde, wo er von mir Abschied nahm,
gelobte - ich wei es noch wrtlich wie einen Eid, den er mir abnahm, er sagte:
Versprechen Sie mir, wenn nicht die Schwester, doch die Freundin der Armen und
Niedriggeborenen zu sein und niemals die Regungen des Mitgefhls ersticken zu
lassen, weil Sie vielleicht gewaltsam daran gewhnt werden, das Elend um sich zu
sehen, weil Sie vielleicht eines Tages sich sagen mssen: was ich thun kann, um
die Noth zu verringern, ist nur ein Tropfen, den ich hinwegschpfe von der Fluth
des Unglcks, die Alles berschwemmt.
    Ach, in diesen Worten erkenn' ich meinen Bruder.
    Die Zeit ist schon da, wo ich mir das sagen mu, fuhr sie fort, aber
niemals wird die Zeit kommen, wo ich diesen Schwur brechen werde.
    Ja, rief er begeistert, aber mit Thrnen, wenn mehr Herzen schlgen wie
das Ihre, wenn mehr Augen wie die Ihrigen shen, Augen, welche, wenn sie gleich
von Kindheit auf an den Glanz des Goldes und die bunten Flitter des Reichthums
gewhnt, doch nicht davon geblendet sind, wie die jener Tausend, welche dann
das, was auer dem Bereich ihrer eigenen Lebensverhltnisse liegt, nicht blos
unter lauter falschen Lichtern, grauen Nebeln und dstern Spinnengeweben,
sondern so wie es wirklich ist gewahrten. Wenn Diejenigen, welche zufllig unter
seidnen Betthimmeln geboren wurden, nicht das gleiche Bruderbild verleugnen
wollten, weil es vielleicht auf elendem Stroh zur Welt kam - wenn sie nicht
fortgesetzt die edle Menschengestalt verhhnen wollten, weil die Lumpen sie nur
schlecht bedecken und die Verwilderung des Elendes sie hlich macht -
vielleicht wrde es anders, vielleicht knnte noch Alles gut werden. Der Arme
verlangt ja so Wenig! Nur einen kurzen heitern Frhling fr sein Kind, wo es
nicht zu friern und zu hungern braucht, wo es lernen darf, wie man ein Mensch
wird! Aber hier diese Kinder! Sie werden zu niedrer Thierheit herabgedrckt, und
wie die heilige Wassertaufe den Teufel austreiben soll aus den Kindern - so ist
es hier umgekehrt! Der Engel, der das Kind in's Leben begleitet, wird mit Gewalt
aus der reinen Seele des Kindes gejagt, und in der heien Hlle, wo die
Dampfmaschinen arbeiten, zu denen man es schickt, da kommen all' die finstern
Teufel zu ihnen, welche Alle qulen, die zu ewiger Erniedrigung, zu ewiger
Stumpfheit im Leben verdammt sind. - - Und wenn dann diese Kinder, welchen man
kaum ein Wort von Christus gelehrt hat, auf dessen Namen sie doch getauft sind -
wenn sie dann Mnner werden - Mnner, welche eine gleich abstumpfende Arbeit
verrichten, wenn sie auch mehr Kraft dazu brauchen, als bei der, zu welcher sie
als Kinder gezwungen waren, dann verachtet man sie, weil sie fluchen und trinken
und rohe Worte haben und endlich vielleicht gar einmal auf den Gedanken kommen,
blinde Rache zu ben an ihren Peinigern - was dann? Ich gehre selbst zu diesem
ausgestoenen Geschlecht, und doch graut mir vor ihm, denn ich kenne es! Ach,
da es mehr gerechte Menschen gbe, welche sich des Armen erbarmten! Nicht ihren
Reichthum, nicht ihre Schtze brauchten sie ihm zu geben - aber nur nicht ihn
fr immer auch des Reichthums, des innern Lebens zu entblen, das entehrende
Brandmahl ewiger Unfhigkeit ihm aufzudrcken! Es knnte gut werden, wenn man
die Kinder zu guten Menschen erzge, statt zu blden Sklaven - es ist ja der
Vortheil Aller, da berall gute Pflanzen getrieben und erbaut werden. - Niemand
zieht ein Beet Unkraut in seinem Garten - wenn man nur das bedchte - es wrde
Alles gut.
    Franz hatte sich im Selbstvergessen zu so langer schnell und feurig
gesprochener Rede hinreien lassen. - Pltzlich hielt er inne - ein
schrillendes, widerliches Gelchter klang hhnisch durch die friedliche
Abendruhe, und da verstummten pltzlich seine Lippen.
    Pauline, die mit ngstlicher Spannung seinen Worten gefolgt war, schrak
jetzt zitternd zusammen vor diesem lauten, grlich hallenden Gelchter.
    Friederike, die etwas entfernt gestanden, drngte sich rasch und dicht an
ihre Gebieterin.
    Das Gelchter hatte die lange Liese ausgestoen, welche jetzt mit raschen
Schritten des Wegs gekommen war.
    Knnte noch Alles gut werden? rief sie mit unheimlicher, wie wahnsinniger
Stimme. Wrde Alles gut? Was denn? 's liegen viel Kinderleichen auf dem
Kirchhofe, von den verfluchten Maschinen zerrissen - das wird doch nicht wieder
gut, die stehen nicht wieder auf und kmen Engel vom Himmel! Gute Menschen aus
Kindern - ei ja doch, gute Menschen, die gut arbeiten und gutwillig sich die
Kinder verderben und sterben lassen - immer Eins von Beiden, verderben - sterben
- verderben - sterben.
    Sie sang die letzten Worte mit kreischender Stimme ab und ging ihres Weges.
    Sie ist wohl wahnsinnig geworden? fragte Pauline schaudernd.
    Das nun wohl so eigentlich nicht - aber so ist ihre Art - sie ist in
Verzweiflung ber ihre Kinder, versetzte Franz.
    Gute Nacht, Franz, sagte Pauline und gab ihm die zitternde Hand.
    Er drckte sie leise und sagte: Ich darf es nun nicht wagen - durch Wilhelm
und Friederike mgen Sie erfahren, wo wir um Ihre Hilfe bitten mgten.
    So trennten sie sich.

                                V. Ein Schreiben


 Ich bin erwacht, ich fhle Kraft -
 Die Lumpen rei' ich von den Gliedern,
 Aus freier Seel' die feige Angst,
 Den Schlaf von meinen Augenlidern,
 Der Liebe Bndni will ich schlieen,
 Nicht lnger hassend einzeln stehn,
 Des Lebens Wohlthat mit genieen,
 Nicht lnger hungernd zu nur sehn.
                                                              Herrmann Pttmann.

Franz war aufgeregt aber glcklich von dannen gegangen. Pauline hatte ihn nicht
von sich verbannt, wie er zuweilen gewhnt hatte, sie war nicht krank, wie man
sich bemhte ihn glauben zu machen; sie war sogar stark genug, sich dem Willen
derer, welche sie zunchst umgaben und welche, wie es nur zu klar war, sich
bemhten, ihre Bestrebungen des Wohlthuns zu hemmen, ihnen Schranken zu
errichten - zu widersetzen. Das gab ihm hohe Freude. Er hatte sie verloren
geglaubt fr sich, verloren fr all' die Armen, welche das Schicksal zu seinen
Brdern und Schwestern gemacht hatte, verloren fr sie, welche bei ihrem Nahen
die Erscheinung eines Engels segnen sollten.
    Und es war nicht so! Sie war nicht ihm verloren, nicht ihnen! Sie hatte ihm
auf's Neue die Hand zu diesem schnen Bunde gegeben.
    Wer wei? sagte er sich hoffend. Sie ist noch nicht lange hier und schon
sind viele Thrnen getrocknet worden und Manches ist besser geworden, als es
jemals war. wer wei, ob nicht, wenn sie lnger hier weilt, noch bessere Zeiten
kommen! Ob sie nicht auch ihren Vater zu milderen Gesinnungen zu stimmen vermag
und nicht nur die Wunden heilt, die seine Hrte schlgt, sondern seine Hrte
schwinden macht, da Alles besser wird!
    Als er eben so zukunftsfreudig vor sich hinging, kam Wilhelm ihm entgegen.
Er rief:
    Da hat man mir einen Brief an Dich gegeben - es ist nicht die Hand Deiner
Brder auf der Aufschrift - auch lautet sie nicht wie gewhnlich, an den
Fabrikarbeiter Franz Thalheim, sondern dem Namen ist noch beigefgt: Verfasser
der Erzhlungen aus dem armen Volke. Sieh' einmal, wie schn sich das ausnimmt;
ich glaube, Du hast einen Namen - nun man merkt es doch, da Deine Eltern gute
Brgersleute waren und Du nicht im Straenkoth geboren bist, wie unser einer.
    Franz errthete, als er einen Blick auf die Aufschrift geworfen, die ihm
allerdings sehr schmeichelhaft erschien. Es ist zu dunkel zum Lesen hier,
sagte er, komm mit in meine Kammer, wir znden die Lampe an und lesen
zusammen.
    Sie traten in das Haus und stiegen hinauf in die kleine Kammer, welche Franz
bewohnte. Bald brannte die kleine Lampe und erhellte dster und sprlich den
elenden Raum. Franz hielt den Brief nahe an die dstre Flamme, ffnete das
dunkle Siegel und sah zuerst auf der letzten Seite nach der Unterschrift. Es war
unterschrieben: Mehrere gleichgesinnte Fabrikarbeiter. Ort und Datum waren
nicht angegeben.
    Das ist seltsam, sagte Franz, und das Schreiben ist so lang.
    Weit Du was? sagte Wilhelm. Du hast gewi davon gehrt, wie es seit
einiger Zeit unter denen, welche sich um die Staatswirthschaft bekmmern, oder
doch darum bekmmern mgten, Mode geworden ist, an Diejenigen, welche in diesen
Angelegenheiten einflureiche Schritte gethan haben, oder thun knnten, ein
Schreiben zu richten, welches von Einem verfat und von Vielen unterschrieben
wird.
    Ja, man nennt das eine Adresse, sagte Franz.
    Nun sieh! Vielleicht haben diese Fabrikarbeiter in Bezug auf Dein Buch, das
sie doch auf der Aufschrift erwhnten, eine solche beifllige Adresse an Dich
verfat. Wenn sie auch ihre Namen darunter gesetzt htten, so wren uns
dieselben doch unbekannt gewesen und deshalb ist es gleich, wenn sie es
unterlassen haben. Das ndert in der Hauptsache ja doch Nichts.
    Nun lass' uns lesen, sagte Franz, Deine Ansicht gefllt mir wohl, aber
ich wei nicht, ob Du Recht hast - ich kann nicht glauben, da man mir eine
solche Ehre erweisen wrde.
    Ei, alle Donnerwetter! rief Wilhelm heftig, ich wte nicht, warum Jemand
Dir nicht dieselbe Ehre erweisen knnte, wie Denen, welche oft unntzere Bcher
schreiben, als Du und weniger Herz fr die Sache haben, welche sie fhren
wollen, als Du.
    Franz seufzte und sagte: Wir wollen doch lieber lesen. Wilhelm sah ber
seine Achsel hinweg mit in das Papier.
    Das Schreiben begann:
    Lieber Franz Thalheim! Wir nennen Dich Du, weil wir alle Menschen. Du
nennen, die wir in allgemeiner Liebesvereinigung als unsere Brder anerkennen.
Dich nennen wir aber ganz besonders mit Stolz und Freude Kamerad, denn Du hast
es ffentlich ausgesprochen, da Du dem armen Volke angehrst, fr das Du leben
willst bis zu Deinem Tode. Wir danken Dir, da Du Worte gefunden hast, das Elend
Deiner Mitbrder in ergreifenden Geschichten vor aller Welt zu schildern.
    Wir sind Dir fr dies und alles Andere sehr dankbar, was Du bisher im
Dienst unserer guten Sache gethan hast, aber um so mehr hoffen wir auch, da Du
nicht dabei stehen bleiben wirst, den Menschen zu zeigen, da dieses Unglck
besteht - sondern da Du auch auf diesem Wege weiter schreiten und sagen wirst,
wodurch diesem Unheil allein zu helfen.
    Franz seufzte und sagte, ehe er weiter las: Es wird diese gleichgesinnten
Brder freuen, wenn sie mein zweites Buch sehen werden: die Rechte des Armen -
den Verzweifelnden gewidmet. Es enthlt manchen Vorschlag, wie dem Uebel, wenn
nicht gnzlich abzuhelfen, doch zu steuern wre - aber freilich - wenn kein
Fabrikbesitzer darauf eingeht - -
    Lies nur weiter, sagte Wilhelm gespannt.
    Franz las: Wir wollen Dir in kurzen Abschnitten einige von den Ansichten
mittheilen, welche wir zu den unsrigen gemacht haben. Mnner, hochgebildete und
gelehrte, welche es aber gut mit dem armen Volke meinen, haben das
ausgesprochen, was wir Dir jetzt in kurzen Bruchstcken zu lesen geben, damit Du
zu derselben Einsicht ber unsere Gegenwart und Zukunft kommst, wie wir und
danach Dein Streben und Wirken regeln lernst.
    In dem Brief waren nun einige Stellen aus communistischen Schriften
angezogen, in welchen die Grundlehren des Communismus mit feuriger Beredtsamkeit
und scharfsinniger Dialektik entwickelt waren. Mit glnzenden Farben ward dies
System als das einzige angepriesen, in welchem allein das Heil der gesammten
Menschheit zu finden sei - ja, der als zu erwartend und unausbleiblich
geschilderte Sieg des Communismus ward geradezu als eine historische
Nothwendigkeit, als eine zweite Welterlsung dargestellt, welcher die in Irrthum
und Unnatur befangene Menschheit bedrftig sei.
    Franz Thalheim rief unter dem Lesen einmal ber das andere dazwischen, das
ist Wahnsinn - das verstehe ich nicht! aber Wilhelm sagte fieberhaft aufgeregt:
    Ich bitte Dich, lies weiter - ich versteh' es auch noch nicht - aber es
klingt wie lauter Musik vor meinen Ohren und klingt so in meinem Herzen wieder!
    Sie lasen weiter und immer verfhrerischer klangen ihnen die neuen
Auffassungen von Menschenrecht und Lebenswonne, welche sie aus dem Briefe
gewannen.
    Wilhelm rief wie bezaubert: So Etwas hab' ich in meinem Leben noch nicht
gelesen - mir schwindelt! Vor meinen Blicken geht eine neue Welt auf bei diesen
groen, herrlichen Worten - ich habe wohl manch' Mal schon gedacht, da doch
dies ganze Leben, welches jetzt alle Menschen fhren, die Einen gezwungen, die
Andern freiwillig - eine Tollheit ist, eine Niedertrchtigkeit - aber ich habe
es noch niemals gesagt, nun sagen es Andere statt meiner!
    Franz verwie ihm seine Rede und sagte ruhiger: Diese Leute singen das Lied
der Armuth aus einem ganz anderm Tone, als man es zu hren gewohnt - aus einem
anderm Tone, als gut ist. Es kann Niemand froh werden, der es so hrt. Es ist
als wenn Jemand zu einem Krppel sagte: Du knntest ein schner Mensch sein,
wenn Du nicht als ein Krppel zur Welt gekommen wrest - er kann es doch nicht
ndern - oder zu einem Menschen: Du bist eigentlich ein Engel, aber in eine
irdische Gestalt gezwungen, die Deiner hheren Entfaltung hinderlich ist. - -
Wie soll der Krppel, wie der Mensch das ndern knnen?
    Erst hatte das Schreiben von den Prinzipien des Communismus gehandelt und
davon begriff der gesunde Verstand der schlichten Arbeiter nicht das Geringste.
Franz hatte Lust, diese Theorien geradezu fr hohle Hirngespinste mssiger Kpfe
zu erklren, welche, selbst in einer spitzfindigen Philosophie gefangen und von
ihr irre geleitet, es dennoch wagten, die Philosophie zu verhhnen - nur Wilhelm
lie sich von diesen ihm, wie er selbst sagte, unverstndlichen Redensarten
blenden und bestechen. Aber in dem weitern Verlauf der Schrift ward die Sache
des Communismus von der praktischen, von der unmittelbar in's Leben greifenden
Seite angefat, und endlich schlo der ganze Brief mit einem Aufruf an alle
Arme, namentlich alle arme Arbeiter zu innigster Vereinigung, damit es durch sie
gelingen mge, die Reichen und Besitzenden all' ihrer Vortheile ber die
sogenannten untern Schichten der Gesellschaft verlustig zu machen.
    
    Der Schlu des Schreibens lautete:
    Auch Dich, Franz Thalheim, rufen wir auf, Deine und unsere unglcklichen
Brder darauf aufmerksam zu machen, da die Zeit einer neuen Ordnung der Dinge
nahe herbeigekommen ist. Du hast die Kraft dazu, unser Werk unter Deinen
Genossen zu frdern - so frdere es unter Deinen Mitarbeitern in der Fabrik
durch erklrende und berzeugende Reden, frdre es durch Deine Schriften in
weiteren Kreisen. Sehen wir, da Du die thun willst und da es Dein eifrigstes
Bestreben ist den unglcklichen Millionen Deiner Brder zu helfen - so wirst Du
bald wieder von uns hren, so werden wir gemeinschaftlich berathen knnen, auf
was wir Dich jetzt nur durch einzelne, bruchstckweise Erklrungen aufmerksam
gemacht haben!
    Sei uns herzlich gegrt, wenn Du wirklich einer der Unsern bist und gre
alle Deine Kameraden, die es auch sind.
    Der Brief war hier zu Ende.
    Franz starrte vor sich nieder und stand regungslos.
    Die Lampe flackerte ungewi auf, dann ward sie trber und trber. -
    Drauen fuhr der Wagen des Fabrikherrn mit vier munter wiehernden Pferden an
dem kleinen Haus, in welchem Franz weilte, rasselnd vorbei, da die Scheiben
zitternd, klagend und grollend zugleich in den lockern Fensterrahmen klirrten.
    Hundert Mal schon mogte dieser Wagen so vorbeigerasselt sein, wie jetzt und
die beiden Arbeiter hatten nicht darauf geachtet - sie hatten nicht darauf
geachtet, wenn eben so oft schon die Scheiben unruhig mit einander gemurmelt
hatten - jetzt horchten sie Beide auf und riefen Beide zugleich - Wilhelm mit
wildem Gelchter des Hasses, Franz unendlich schmerzlich bewegt:
    Da fhrt er hin! -
    Die Laternen seines Wagens blitzen durch den hereinbrechenden Abend, sagte
Wilhelm, und so fhrt er hin durch die Dunkelheit. - Jetzt auf einmal begreif'
ich Alles.
    Wilhemo Augen glnzten im dunklen Feuer, die Adern auf seiner Stirn
schwollen, seine ganze Gestalt schien grer zu werden, indem er sich hoch
aufrichtete. Mit feierlicher, gehobener Stimme sagte er:
    Ja, die Zeit ist gekommen, wo die Armen ihre Rechte wiederfordern drfen!
Da ich wte, wer diese erhebenden Worte geschrieben, diese herrliche
Verkndigung eines neuen Evangeliums! Da ich hineilen knnte zu diesen armen
Brdern, welche zu solcher Erkenntni gelangt sind, da ich ihnen sagen knnte:
wir wollen zusammen stehen, zusammen handeln!
    Franz nahm seine Hand und sah ihn an. Du auch, Bruder, Du auch? sagte er
erschrocken. Was fat Dich an? Beginnt schon das Gift zu wirken, welches aus
diesem Schreiben uns entgegenhaucht? Lt sich Dein Verstand so bald umnebeln,
da Du schon jetzt zu taumeln beginnst? Ach! diese Worte bethren Dich, diese
schlimmen Worte, welche verfhrerisch klingen, wie Worte des Teufels.
    Lass' den Teufel aus dem Spiel! lachte Wilhelm, mahne mich nicht an die
elenden Mhrchen! Vor hohlen Schrecknissen zu erzittern habe ich aufgehrt - die
armen Leute brauchen wahrhaftig nicht erst an eine Hlle da drben zu glauben.
    Wilhelm, lstere nicht! mahnte Franz. Ich htte nicht geglaubt, da dies
Schreiben voller Trugschlsse und Widersprche Dich so packen, so berwltigen
knnte! Es klingt freilich schn, wenn sie sagen: die Liebe, die allgemeine
Menschenliebe, welche in den Himmel geflohen ist, als die kindische, junge Erde
sie noch nicht zu fassen vermogte, wird ihren Wohnsitz wieder an dem Orte, wo
sie geboren und genhrt ward, in der Menschen Brust haben. Wir werden unser
wahres Leben nicht mehr vergebens auer und ber uns suchen - wir werden es in
uns tragen, in uns selbst und werden es so wiederfinden in den Andern, in dem
Verbande der ganzen Menschheit! - Ach es klingt wohl sehr schn, wenn man so
Etwas liest - aber es klingt auch nur so - es ist ein tnendes Erz, es sind
Worte ohne Sinn und Verstand. Kannst Du Dir eine menschliche Gesellschaft
denken, in welcher Alle zufrieden, Alle in harmonischer Gleichheit leben? - Du
mut das verneinen, Du kannst Dir nicht einmal eine Vorstellung von einem
solchen Zustand machen und willst doch Schritte thun, ihn herauffhren zu
helfen? Und jetzt willst Du sie thun - und wie? Knnen ein paar Menschen und
noch dazu arme, ausgestoene, zum Theil verwilderte Menschen das Bestehende
umstrzen, und eine neue Ordnung der Dinge herauffhren? Verndert knnen,
mssen unsere Zustnde werden - aber nicht durch einen Umsturz aller gegebenen
Verhltnisse, sondern durch deren vernnftige Weiterentwicklung und Fortbildung.
Ach Wilhelm, ich htte Dich fr verstndiger gehalten, htte nimmer geglaubt,
da Du dem Verfhrer ein so williges Ohr liehest! -
    Verfhrer - nein, Erretter! Das ist nicht die Sprache der Heuchelei, welche
man sonst nur zu hren gewohnt ist - es ist die Stimme der Wahrheit, welche mich
mchtig ergreift. - Gieb' ihn her, diesen Brief - ich eile damit in die Schenke,
ich lese ihn vor in unserm Kreis und man wird mir mit Jubelgeschrei zuhren -
komm mit - gieb den Brief!
    Bist Du rasend? rief Franz abwehrend. Nimmermehr! - Komm zu Dir! Bedenke,
welches Unheil Du anrichten wrdest, wenn sie den frevelhaften Worten dieses
Briefes Beifall riefen, wenn Dein erhitztes Gemth sie zu gleicher blinder Hitze
fortrisse, Du setztest Alles auf's Spiel!
    Du hast Recht, da Du zur Vorsicht rthst, sagte Wilhelm gefater - ja,
sie knnten Alles verderben, und meine eigne frohe Wuth knnte jetzt vernichten,
was wir erst im Dunkeln bauen mssen - Du bist verstndiger - ich werde noch
Nichts sagen, aber ich mu hinaus in's Freie - mir wirbelts im Hirne - mir ist,
als wollt' es mir die Brust zersprengen - mir ist, als htt' ich in meinen Armen
Kraft, eine Welt ihrem gewohnten Gang zu entreien und Alles zu zertrmmern.
Leb' wohl! - oder gehst Du mit?
    Franz sagte: Ich bleibe hier. - Aber Du versprichst mir, von diesem Briefe
keinem etwas zu sagen? Du versprichst, wenigstens jetzt und bis Du Die selbst
darber deutlicher geworden, von diesen Gedanken nicht zu reden, welche dies
Schreiben in Dir erweckt hat? Um Deiner selbst willen - um der guten Sache
willen - gleichviel, ob die Sache die gute sei, welche ich dafr halte, oder
diejenige, welche Du dafr hltst - versprich es, jetzt nicht von diesen Dingen
zu reden!
    Ja, ich versprech' es! Ein Wort ein Mann! sagte Wilhelm ernst.
    Es ist gut, ich glaube Dir - versetzte Franz. Gute Nacht!
    Gute Nacht - wenn Du jetzt schlafen kannst, sagte Wilhelm mit wilder
Stimme, die halb wie Gelchter klang, und ging fort.
    Franz war allein.
    Er setzte sich auf den hlzernen Schemel vor den Tisch, auf welchem die
Lampe stand und das verhngnivolle Schreiben lag.
    Ich will es jetzt nicht noch ein Mal lesen, sagte er zu sich und schob es
in den Tischkasten, in welchem seine Papiere und Schreibereien lagen. Dann
verlschte er die Lampe, sie sollte nicht umsonst brennen. Das Oel ist theuer
und ein armer Arbeiter mu das bedenken. Die Julinacht drauen war hell, durch
das kleine offen stehende Fenster der Kammer schauten die Sterne hell zu ihm
herein, sie leuchteten ihm genug zu seinen verworrenen Trumereien. Er hatte
seinen Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, das Haupt in die Hand gesttzt. So
sann er. Bald rieselte es wie eisiger Schauer ber seine ganze Haut, bald fhlte
er sein Herz, seine Schlfe, seine Adern heftig pochen - dann glitt eine groe
Thrne langsam, sehr langsam und sehr hei ber seine bleiche Wange.
    Er flsterte leise fr sich. Solch' stillgefhrtes Selbstgesprch allein mit
sich oder mit seinem Gott war fr ihn eine Art von Bedrfni geworden. Seine
Genossen verstanden ihn ja nicht - nicht einmal Wilhelm, das hatte er erst jetzt
wieder erfahren. Ein Wesen gab es freilich, das ihn vielleicht verstanden htte
- aber von all' diesen Dingen wollte er ja nicht einmal zu der schweigend
verehrten Geliebten sprechen, selbst wenn er es gekonnt htte.
    Jetzt sprach er zu sich:
    Und was haben sie denn nun da Anderes gesagt und geschrieben, da es mich
so gewaltsam bewegt hat? Waren es nicht hier und da meine eigenen Worte, was ich
da las? - und doch wirbelt mir das Hirn, brennt meine Stirn - mir ist, als sei
ich pltzlich fieberhei hinausgestoen in eine groe Nacht und lge da ringend
in Fieberphantasieen mit tausend bleichen, wilden und wesenlosen
Spukgespenstern, die ich nicht zu verscheuchen vermgte, die immer wieder sich
zu mir herandrngten in ihre wirbelnden Kreise, mich mit fortzureien, da ich
selbst nicht mehr wei, wo aus, noch ein. Ich zrnte Wilhelm, da er den
verfhrerischen Stimmen dieses Schreibens, die mir doch so wahnwitzig, ungerecht
und gotteslsterlich sind, ein so williges Ohr lieh, da er sich ganz von ihnen
bethren lie - und doch hallten sie auch mir immer wieder, wie harmonisches
Getn in den Ohren, in der Seele und wollen mich auch umstricken und
berwltigen. -
    Es ist fast vergebens, da ich sage: hebe Dich von mir, Versucher! Er will
nicht gehen - es ist als habe meine Seele keine Macht mehr ber ihn! -
    Er lehnte sich wie erschpft an die Wand zurck und fuhr fort: Das sind
auch die Versuchungen der Armen, von denen die Reichen nichts wissen, sie werden
wohl auch oft hart versucht von ihren Schicksalen, von ihren Wnschen - und
selbst aus ihrer eklen Uebersttigung an den Bedrfnissen des lsternen Lebens,
selbst durch ihre Befriedigung, ihre Uebersttigung entspringt ihnen eine neue
Quelle der Versuchung - aber wie unerschpflich dagegen ist doch die, welche
zugleich mit dem Leben des Armen entquillt und es nimmer verlassend
durchfluthet.
    Den Armen qult der Hunger, der Frost, der Mangel an Allem, was zu den
Lebensbedrfnissen gehrt - und sich von irgend einer dieser Qualen zu befreien,
wei er dein gesetzliches Mittel. Denn wie er auch arbeiten mag - seine Arbeit
wird so gering bezahlt, da sie nimmer jene schlimmen Begleiter des Armen
verbannen kann, welche von dem Augenblick an, als er auf hartem schlechten Lager
geboren wird, ihn mit schauerlicher Treue auf allen seinen Wegen begleiten - -
aber am Schlimmsten ist doch der Versucher, der zu dem Armen tritt und ihn
hhnisch fragt: warum bist Du arm? Habe den Muth, es nicht mehr sein zu wollen
und Du bist es nicht mehr - und Tausende Deiner Brder sind es nicht mehr - -
aber diesen Muth zu haben, ist ein Verbrechen - - das sieht wohl der Arme ein
und schaudert vor dem Verbrechen zurck - er will es nicht begehen, er kann
standhaft bleiben - er kann den Versucher immer sieghaft bekmpfen, aber er kann
ihn nicht vernichten - er kann den Feind seiner Ruhe nicht verbieten,
wiederzukommen.
    Wenn einst diese Versuchungen aufhren knnten - wenn eine in Liebe und
Gleichheit verbrderte Gesellschaft sie unmglich machte? Wenn alle Menschen es
vermchten in heiliger Eintracht neben einander zu leben, da nicht die Einen
darben mten, wo die Andern mitten im Ueberslu sich noch unbefriedigt fhlen?
    Nachdem er eine Weile still und sinnend am Fenster gestanden, stumm in die
Nacht hinaus und empor zu den Sternen geschaut hatte, trat er wieder zurck an
den kleinen Tisch, auf dem die verlschte Lampe stand. Er zndete sie wieder an,
setzte sich nieder, nahm Feder und Papier zur Hand und begann zu schreiben. Er
wute es: wenn so in ihm alle Gefhle in Aufruhr waren, wie jetzt, dann kam der
Gott des Liedes ber ihn. In Versen versuchte er es, den gewaltigen Sturm seines
Herzens ausrasen zu lassen, indem er ihn durch die Worte und Tne, welche er ihm
gab, zwar noch vermehrte und erhhte, aber ihn so auch wohlthuend und weihevoll
fr seine Seele machte.
    So schrieb er jetzt:

Es zieht ein Ahnen durch die Menschenseelen
In banger Lust, in des Verlangens Pein,
Als knnten Erd' und Himmel sich vermhlen,
Als knnte auch die Menschheit glcklich sein.
Doch alles Leben ist ein dumpfes Qulen,
Vergeblich Jagen nach des Glckes Schein,
Es ist ein Ringen ohne Rast und Frieden,
Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden.

Und ob auch ringsum Freudenblumen blhen -
Wer ist, der sie zum Heil der Menschheit bricht?
Die Menschheit ringt im Staub, in dumpfem Mhen,
Der Arme wei von anderm Ziele nicht,
Der Sclave kann nicht fr das Recht erglhen,
Von dem nur leis' die innre Stimme spricht.
Ein groer Fluch ist in die Welt gekommen,
Er lastet schwer - er wird nicht weggenommen!

Den Armen ist das Himmelreich beschieden -
Einst klang dies Wort als Trstung durch die Welt,
Der Mensch soll dulden, leiden nur hienieden,
Der Glaube ist es, der ihn aufrecht hlt!
Im stillen Hoffen auf des Himmels Frieden
Ertragen alles Leid, wie's Gott gefllt,
So heischen es die frommen Christuslehren,
Durch Himmelstrost die Erde zu verklren.

Doch warum nur die Armen so ermahnen?
Warum, nur sie verweisen auf das Dort?
Warum da nur auf ihren Lebensbahnen
Das Grab erscheint als einzger Friedensort?
Warum? - und wieder naht ein banges Ahnen -
O flieh', Versucher, fliehe von mir fort!
Die Menschen nur - nicht Gott ist zu verklagen,
Die Menschen, die den Gott an's Kreuz geschlagen.

Ach km' er, diese Welt erlsend, wieder
Und stiftete ein irdisch Liebesreich,
Wo alle Menschen nicht nur Glaubensbrder,
Wo sie in Wahrheit all' einander gleich,
Dann km' der Himmel zu der Erde nieder,
Dann wr' gelst der Fluch von Arm und Reich,
Und Millionen snken Brust an Brust
Und wrden sich des Daseins Glck bewut!

O da er kme zu der armen Erde
In dieser bsen unglcksel'gen Zeit -
Auf da es Frieden bei den Menschen werde,
Auf da er sie aus ihrer Schmach befreit'
Und durch die Liebe alles Sein verklrte,
Das jetzt durch Druck und Selaverei entweiht.
O da ein Gott zu uns herniederkme
Mit unserm Wahn auch unser Leid uns nhme! -

Er stand auf, legte die Feder weg, trat an's Fenster und faltete seine Hnde.
    Schner Traum, sprach er wieder, seine sinnende Stirn in die rechte Hand
drckend: vielleicht erfllbar auf einem schnern Sterne! - Vielleicht, da da
oben unter diesen Tausenden strahlender Kugeln, auch eine solche Erde ihre
ewigen Bahnen zieht, auf der alle Wesen in brderlich heiliger Eintracht vereint
leben - vielleicht, da dort dieser Traum mehr ist, als ein mssiges Spiel der
Phantasie - aber hier kann er nimmer zur Wirklichkeit werden, auf dieser
unfhigen Erde mit diesen schwachen Wesen, die sich Menschen nennen. Wir haben
ja mit uns selbst nie Frieden im Innern - wir knnen nicht, wir drfen nicht im
getrumten seligen Frieden leben - wir mssen kmpfen, damit wir unsere Kraft
ben, kmpfen und ringen.
    Wir sollen uns nehmen, was man uns verweigert? Wir sollen die Reichen
zwingen, mit uns zu theilen. - Und unser Gewissen? Und unser Gott?
    Ha! Das ist es! Auch mit der Religion wollen sie ein Ende machen - auch den
Glauben nennen sie eine Dummheit! Und da wachen laut in meiner Brust Tausend
Stimmen auf und schreien dagegen - da ist mir, als rissen sie mir mein Herz aus,
whrend ich noch athme - und lieen mich allein in einer Nacht - nicht sanft und
mild und hell wie diese - in einer Nacht ohne Sterne.
    Ach, seht Ihr auf mich herab Sterne des Himmels, gebt mir Licht!
    Es war auch einmal so eine Stunde, wo ich den Himmel fragte, ob es einen
Gott gebe! Da lebte meine Mutter noch und hrt' es und ward bleich - und sank
auf ihre Kniee nieder und betete einen frommen Spruch und weinte laut. Sie fat'
es gar nicht, da man so fragen knnte, und meinte vor Schauder zu sterben. Was
ist's denn nun weiter? fragt' ich sie noch. - Weiter? Es ist Alles - sagte sie.
- Wenn Du keinen Gott mehr hast, bist Du auch kein Mensch mehr - - Sie wute es
nicht zu erklren - aber ich ging fort, dachte lange darber nach und fhlt' es:
sie hatte Recht.
    Mir ist, als hrt' ich das dunkle Wort meiner Mutter von den Sternen
herber.
    Und die Armen - die Reichen?
    Ach, nur Menschenrechte den Armen, sonst ntzt es ihnen auch nicht, da sie
Gott haben!
    Gebt uns Menschenrechte - gieb uns Menschenrechte, o Gott!
    Sollen wir sie uns selbst nehmen?
    Hebe Dich von mir, Versucher!

                               VI. In der Fabrik


 Laut lutet das Herz der Jungfrau!
 Mit ihres Gebetes rauschender Harfe
 Begrt sie den Aufgang der Liebe,
 Des grogeaugten Sterns.
                                                                      Karl Beck.

Kammerjunker von Aarens erschien graziser und eleganter als je auf Schlo
Hohenthal. Vor einigen Tagen hatte ihn Elisabeth abweisen lassen - er hoffte sie
heute mit ihren Eltern zu treffen und wollte sie durch unwiderstehliche
Liebenswrdigkeit dafr bestrafen, da sie sich bei seinem letzten Besuche
unsichtbar gemacht, sie sollte dies bereuen.
    Die Grfin Hohenthal hatte ihn empfangen, er war siegesbewut eingetreten,
sie hie einen Diener Elisabeth rufen. Die Augen des Kammerjunkers leuchteten,
er that einen Griff in die gebrannten Locken, kruselte mit zwei Fingern den
Schnurrbart, warf einen verstohlnen Blick in den Spiegel und lehnte sich
selbstgefllig auf dem Sessel zurck. Da kamen Tritte - er whnte schon
Elisabeths seidnes Kleid rauschen zu hren - die Thre ffnete sich - er sprang
auf und warf sich in eine unnachahmliche Stellung - aber statt der Ersehnten
trat ein Diener ein und sagte:
    Das gndige Frulein ist vor einer Viertelstunde ausgeritten. Sie hat den
Portier beauftragt, wenn nach ihr gefragt wrde, da im Augenblick ihrer
Entfernung die gndige Frau Grfin wohl noch Mittagsruhe halte, zu sagen, sie
sei nach der Fabrik geritten und werde vielleicht erst in ein paar Stunden
wiederkommen.
    Aarens machte ein bestrztes und einfltiges Gesicht, er hatte bei dieser
Enttuschung alle Fassung verloren. Die Grfin rang mhsam danach, die ihrige zu
erhalten.
    Ist meine Tochter allein ausgeritten? fragte sie.
    Der Reitknecht hat sie begleitet - weiter war Niemand bei ihr.
    Es ist gut.
    Der Diener war entlassen.
    Liegt die Fabrik besonders schn, da Ihre gndige Frulein Tochter dahin
Ausflge macht, noch dazu einen Ausflug von einigen Stunden?
    Ich war niemals dort, sagte die Grfin ausweichend, mir ist alles
Fabrikwesen zuwider, ich habe eine, glaub ich, angeborene Abneigung dagegen.
    Diese theile ich vollkommen. Sowohl der Lrm dieser Maschinen, wie die
Rohheit Aller, welche damit umgeben, ist das Abschreckendste, was ich kenne. Und
nun besonders dieser Herr Felchner! Man zeigte mir ihm neulich im Cursaal. Er
kam mit vier Pferden angefahren wie ein Frst - und aus dem Staatswagen stieg
das kleine, zusammengedrrte Mnnchen, in dem schbigsten grauen Anzuge, den man
sich denken kann. Sein Benehmen war auch von der grten Unhflichkeit, es war,
als sage er mit jedem Blick: ich bin hier der Erste, denn ich bin der Reichste.
Nein! Es giebt nichts Entsetzlichers, als diese Geldmenschen, diese
Industrieknige.
    Gewi - sagte die Grfin und htte das Thema gern auf einen andern
Gegenstand gelenkt, aber Aarens war einmal im Zuge und fuhr in gleichem Tone
fort:
    Von seiner Tochter erzhlt man die fabelhaftesten Dinge, ich selbst habe
sie noch nicht gesehen, es soll ein niedliches Kind sein, welches auch frstlich
erzogen worden und erst seit Kurzem hier ist. Sie soll sich aus Ermangelung
anderer Anbeter die hbschesten Fabrikarbeiter zu ihrem Umgang whlen - nicht
etwa die Factoren, Buchhalter und Commis, die ihr vielleicht ebenbrtig sind,
sondern Menschen der ausgeworfensten Classe, die um den niedrigsten Tagelohn
arbeiten - in der That, das ist ein gttlicher Stoff zu einem Lustspiel - Seirbe
sollte ihn benutzen.
    Das ist ja unmglich, sagte die Grfin, ein Mdchen von so guter
Erziehung kann niemals so weit herabsteigen, und wenn sie auch von brgerlichem
Herkommen und die Tochter eines gemeinen Vaters ist.
    Eben darin liegt der grte Spas - der Vater ist in Verzweiflung ber diese
Auffhrung seiner Tochter und bewacht sie deshalb streng - aber sie wei ihn zu
hintergehen. Wenn man nicht frchten mte, es wre zu widerwrtig, mte es
eigentlich interessant sein, dies Mdchen einmal zu sehn.
    Die Grfin litt whrend dieser Rede unbeschreiblich, sie wollte es nicht
zugestehen, da dies Mdchen Elisabeths Freundin sei, und war doch gewi, da
binnen Kurzem ein Zufall oder Elisabeth selbst es dem Kammerjunker verrathen
wrde. Die Grfin konnte Paulinen nicht bel wollen, sie konnte nicht glauben,
was Aarens von ihr erzhlte, aber sie sah ungern die Freundschaft Elisabeth's
mit diesem brgerlichen Mdchen, welches die Tochter eines Mannes war, der ihr
wie der rgste Feind ihres Hauses erschien. Aber sie wute, da in dieser Sache
ihren Vorstellungen Elisabeth kein Gehr gab, und dafr hatte ihr ja nun eben
der gegenwrtige Augenblick einen Beweis geliefert. Der Umgang der Freundinnen
hatte ihr abgebrochen geschienen seit den Differenzen zwischen dem Grafen und
dem Fabrikanten - und jetzt wute sie die Tochter auf dem Wege nach der Fabrik!
    Elisabeth war noch keine Viertelstunde fort, wie sie dem Portier aufgetragen
hatte zu sagen, als man nach ihr schickte, sondern erst wenig Minuten. Sie war
schon entschlossen gewesen auszureiten, um Paulinen zu sehen, denn das Bedrfni
nach freundschaftlicher Mittheilung lie sie nicht lnger zgern - aber als sie
Aarens ankommen sah, lie sie sogleich ihr Pferd vorfhren und entfernte sich.
Sie wute selbst nicht warum, aber Aarens war ihr nicht nur langweilig, sondern
sogar widerlich und dies beinahe um so mehr, als ihre Eltern von ihm meist
Abend's sprachen und seine Gesellschaft gern hatten.
    Elisabeth war der Fabrik schon ziemlich nahe, und die Ungeduld, ihr Ziel
bald zu erreichen, lie sie ihr Pferd zur Eile antreiben, als sie einen einsamen
Wanderer des Wegs kommen sah, sie erkannte ihn und lie pltzlich ihr Thier
langsamer gehn. Es war Jaromir. Er hatte sie lngst erkannt, er stand still und
grte. Ein seelenvoller, inniger Blick, ein frohes Lcheln schner
Ueberraschung begleiteten den blichen Gru. Aber er wagte nicht sie anzureden.
Sie warf ihm einen gleich frohen, innigen Gru zu und ritt langsam vorber. Nach
einer Weile kehrte er um und folgte ihr, das Auge fest auf die schne Gestalt
der Reiterin gerichtet. Auf dem kleinen Hgel blieb er stehen, von dem aus man
die nahe tiefer liegende Fabrik bersehen konnte. Er sah, wie Elisabeth ihr
Pferd vor dem Hauptgebude anhielt, wie ein junges Mdchen heraustrat und der
Absteigenden um den Hals fiel, dann das schne Thier, das sie hergetragen,
schmeichelnd mit der kleinen Hand klopfte. Er besann sich, da dies dasselbe
Mdchen sei, mit welchem er hier Elisabeth zuerst wiedergesehen, und welches ihm
Waldow als die Tochter des Fabrikanten bezeichnet hatte. So freute sich jetzt
Jaromir, als er in Elisabeth eine neue ungewhnliche Eigenschaft bei einem
Mdchen ihres Standes und ihrer Erziehung entdeckte, sie frhnte also keinem
Vorurtheil, nach welchen: sie ihr Vertrauen abma, wie es das Herkommen wollte!
    Es war gerade vier Uhr und die Glocke lutete zu der Feierstunde des
sogenannten Halbabend. Die Arbeiter ergingen sich im Freien. Es fiel Jaromir
ein, da er zu ihnen hinabgehen wolle, ob man ihm vielleicht eine oder die
andere interessante Maschine zeigen, ob er vielleicht eine oder die andere Notiz
von Wichtigkeit ber industrielle Einrichtungen und Erfindungen erhalten knne.
Er ging also hinunter und auf die vier ersten Arbeiter zu, welche ihm
begegneten. Es war Franz neben August; Wilhelm neben Anton.
    August stie Franz an und sagte: Sieh einmal, das ist ein schnes Herrchen
- wer wei, am Ende ein Freier fr unser Mamsellchen.
    Franz warf einen prfenden Blick auf Jaromir und sagte ernst: Ja, er hat
Etwas in seinem Gang und seinem Gesicht, was die andern vornehmen Leute nicht
haben - er sieht vornehmer aus als sie Alle - aber das macht bei ihm nicht nur
der Anzug - es ist, als km' es von innen heraus, als hab' er einen vornehmen
Geist.
    Ich mgte wohl wissen, wie unser eins ausshe in solch' feinem Rock,
meinte August, ich glaube nrrisch genug, und doch, wenn wir Geld htten,
knnten wir uns eben so anziehen, und wenn wir nicht zu arbeiten brauchten und
den ganzen Tag faullenzen knnten, htten wir auch solche Hnde - sieh' einmal,
die sind so wei, wie sie bei uns kein Mdchen hat, nur etwa Mamsell
Paulinchen.
    Der so Gemusterte trat jetzt zu den Arbeitern und sagte leicht:
    Guten Tag, meine Herren.
    Er hatte sich diese Redensart einmal angewhnt, seitdem das Jahr 1830 nicht
mehr hatte dulden wollen, da der Aristokrat den Brger anders als Herr anrede,
und da er recht wohl fhlte, wie ein Duzend Jahre spter mit der Zahl der Jahre
auch die Zahl der Fordernden sich ins Ungeheure vermehren mute, so dehnte er
seine Redensart meine Herren von den Brgern auch gern auf die Proletarier
aus, und in dieser unwillkrlichen Gewhnung lag ein viel tieferer Sinn, als er
selbst sich trumen lie. Er sagte also:
    Guten Tag, meine Herren.
    ber die Gesichter der so Begrten zog es wie ein augenblicklicher
Sonnenschein, so erfreuen kann ein armseliges, gedankenlos hingesprochenes Wort.
Aber Wilhelms Gesicht verfinsterte sich noch schneller, als eine schwarze
Gewitterwolke einen Sonnenblick vernichtet, denn auch so verwunden kann ein
armseliges Wort, und indes die anderen hflich ihre schlechten Mtzen abnahmen,
antwortete er dster:
    Wir sind keine Herren, wir sind arme Arbeiter.
    Sind Sie ihrer viele hier? fragte Jaromir.
    Ein paar Hundert, antwortete Anton und spitzte die Ohren, Weiber und
Kinder nicht gerechnet.
    Eine Schar blasser, in Lumpen gehllter Kinder hatte sich mde auf einen
sonnigen Platz gelegt, einzelne von ihnen kauten an harten Brotrinden, andere
warfen auf diese neidische Blicke. Jaromir warf einen mitleidigen Blick auf
diese armen Geschpfe und sagte:
    Diese Kleinen sehen sehr mde aus.
    Ist wohl ein Wunder! versetzte Wilhelm bitter. Sie mssen den ganzen Tag
beschwerliche Arbeiten verrichten so gut wie unsereiner, drum sind sie froh,
wenn sie ein paar Minuten in der Sonne ausruhen knnen.
    Den ganzen Tag? Gehen sie denn in keine Schule? rief Jaromir verwundert.
    Sonnabends nachmittags, wo wir um vier Uhr Feierabend haben sagte August,
brauchen sie gar nicht zu arbeiten, da kommt ein Lehrer aus der Stadt heraus,
ein abgedankter Unteroffizier, und prgelt sie, weil sie wieder vergessen haben,
was er ihnen vor acht Tagen vorher gesagt - das heit, sie in die Schule
schicken.
    Jaromir flsterte fr sich: Mein Gott! Auch in Deutschland?
    August fuhr fort: Die Faktoren versichern uns, da sie da genug lernen,
denn was sie fr's Leben brauchen, lernen sie ja eben bei der Fabrikarbeit. Zu
lesen und zu schreiben braucht ein Mensch nicht, der es doch nie weiterbringen
kann, als bis zu einem armen Fabrikarbeiter.
    Jaromir warf einige kleine Mnzen unter die Kinder, welche mit tierischem
Geschrei deraber herfielen, die Geldstcke einander wieder gegenseitig
wegzureien suchten, sich darum prgelten und herumzerrten, es war ein trauriges
Schauspiel! Ein kleiner Knabe stellte sich schreiend vor Jaromir hin und
jammerte, indem er die leeren Hnde zeigte:
    Ich hatte ein groes, rothes Stck, die Andern haben es mir wieder
weggerissen.
    Schme Dich! sagte Franz. Du weit, da Du nicht betteln sollst. Er fuhr
fort, whrend Jaromir noch ein kleines Geldstck fr das Kind suchte. Herr, nun
werden Sie gewi sagen, da die Fabrikkinder eine bse Brut sind - so ist's
auch, sie fluchen wie alte Snder, sie fhren hliche Reden und machen sich
freche Spe, sie betteln und stehlen, sie betrgen und balgen sich
untereinander - und wenn diese Kinder gro werden, so wachsen ihre Laster mit -
Herr! Sie haben Mitleid fr diese Elenden, ich sehe es Ihnen an, sonst htten
Sie sie auch nicht beschenkt - d'rum sag' ich's Ihnen: was knnen diese Kinder
dafr, da man sie wild aufwachsen lt und zu Verbrechern erzieht?
    In diesem Augenblicke mahnte die heftig gezogene Glocke wieder zur Arbeit -
Alles lief wieder in die Fabrikgebude. Wir mssen an die Arbeit, sagte Franz
zu Jaromir, der ihn staunend angesehen hatte, whrend er sprach, wollten Sie
etwa zu Herrn Felchner - dort ist das Wohnhaus.
    Jaromir folgte Franz, der mit den Andern schnell zur Arbeit laufen wollte.
Er sagte: Ich mgte mich wohl ein Wenig umsehen und auch noch lnger mit Ihnen
reden, kann ich Ihnen nicht folgen?
    Franz schttelte mit dem Kopf. Das geht nicht, umsehen drfen Sie sich
wohl, aber nicht gleich so mit einem Arbeiter hereingehen, und reden knnen wir
eben auch nicht viel bei der Arbeit, das wrde bel vermerkt werden - dort kommt
gerade der junge Herr Felchner selbst, der kann Ihnen ja Alles am Besten
zeigen.
    Die Fabrikherrn beschreiben die Sachen wohl anders als die Arbeiter -
sagte Jaromir, doch ich danke fr Ihre Geflligkeit - damit drckte er Franz
einen Thaler in die Hand und wandte sich schnell nach Georg Felchner, welcher
unweit von ihm stehen geblieben war.
    Ich danke, Herr, sagte Franz, das kommt in unsere gemeinschaftliche
Casse, und ich danke Ihnen im Namen aller meiner Kameraden. Damit ging er
eilends, wohin ihn die Glocke rief.
    Jaromir wandte sich an Georg: Mein Herr, ich bin fremd hier - es wrde mir
interessant sein, wenn ich mich in dieser Fabrik umsehen drfte - man hat mir
Sie als den Besitzer bezeichnet und ich frage deshalb bei Ihnen um Erlaubni
an?
    Georg sah gerade fast noch mrrischer als gewhnlich aus, doch bemhte er
sich ziemlich hflich zu sagen: Ich bin eben im Begriff, in dies Gebude rechts
zu den neuen Dampfmaschinen zu gehen, welche wir krzlich haben aus England
kommen lassen, wenn Sie mich begleiten wollen, so stehe ich gern zu Diensten,
Ihnen die Sache zu erklren. - Zwar Sie sprechen wohl auch Englisch?
    Allerdings.
    Nun dann knnen Sie es Sich auch von dem Englnder selbst erklren lassen,
welcher dort die Oberaufsicht hat und den wir uns mit den Maschinen zugleich
haben kommen lassen, er spricht nur ganz schlecht Deutsch, auer mir und meiner
Schwester kann Niemand hier Englisch, und so macht er uns zuweilen viel zu
schaffen. Es entstehen immer Miverstndnisse zwischen ihm und den Leuten, oder
diese lachen ihn gar aus.
    Es mu lstig sein, in einer solchen Fabrik einen Auslnder im Dienst zu
haben.
    Bah - wir sind froh, da wir ihn haben.
    In diesem Augenblick kam ein Factor auf Georg zu und sagte aufgebracht: Der
alte Andreas kam wieder halb betrunken zur Arbeit und stie wider eine Walze,
da wir Mhe genug hatten, den grten Schaden zu verhindern - ganz so ist es
aber nicht abgegangen.
    So soll man ihm, dem Andreas, am Lohn abziehen, versetzte Georg rgerlich.
    Der Schaden ist grer.
    Desto schlimmer - auf seine Kosten kommt man einmal bei diesem Volke
niemals, es soll nur eine Warnung sein, da er sich ein ander Mal besser in Acht
nimmt. Whrend der Factor sich entfernte, fuhr Georg fort: Nichts als Aerger
und Unkosten bei diesem rohen Volke; das dann noch immer thut, als wren
schlechte Zeiten, diese Leute verdienen wahrhaftig ihr Geld mit Snden.
    Whrend dieser hingeworfenen Aeuerungen waren sie in das Innere der Fabrik
getreten.
    Georg gab Jaromir in der Krze die nthigsten Erluterungen, die sich mehr
auf die Einrichtungen einzelner Maschinen im Besondern, als auf diese der Fabrik
im Allgemeinen bezogen. Jaromir schien zwar sehr aufmerksam zu sein, lieh diesen
Worten aber doch nur ein halbes Ohr; seine Blicke lie er fter ber die
jammervollen kleinen Gestalten und blden Gesichter der Kinder gleiten, oder
ber die mrrischen und thierischen Zge der ltern Fabrikarbeiter, oder ber
die gemeinen und bswilligen Erscheinungen der Frauen; seine Gedanken aber
weilten noch in ganz anderem Kreise. Elisabeth war bei Georgs Schwester - er war
ihr so nahe und sollte sie nicht sehen - sie hatten denselben Weg zurckzulegen
- und er sollte sie allein lassen?
    Er sagte jetzt zu Georg: Sie haben Sich so bereitwillig fr einen Fremden
bemht, nehmen Sie dafr meinen verbindlichsten Dank, und wenn Sie einmal den
Namen Jaromir Szarinh hren, so erinnern Sie Sich meiner.
    Georg machte eine stumme Verbeugung und sagte dann: Sie sind wohl ein Gast
der neuen Wasserheilanstalt?
    Allerdings; die romantische Umgebung hat mich einige Zeit hierher in die
freie Natur gelockt.
    Da haben Sie aber einen weiten Weg gemacht, Sie werden das bei der Rckkehr
empfinden, wenn Sie nicht erst eine Weile bei uns ausruhen wollen.
    Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie mir dies erlauben wollen, allein
ich mu frchten, Sie in Ihren Geschften zu stren.
    Erlauben Sie mir, Sie in das Wohnhaus zu begleiten, und entschuldigen Sie
dann, wenn ich Sie wieder auf einige Augenblicke verlasse.
    Man trat in das Haus. Wo ist mein Vater? fragte Georg eine Magd, die in
der Hausflur beschftigt war.
    Sie antwortete: Er hat sich in das Comptoir mit zwei Rechnungsfhrern
eingeschlossen und mir den Auftrag gegeben, Jedermann zu sagen, er sei nicht zu
Hause, kein Mensch drfe ihn vor dem Abend stren.
    Sie entschuldigen, sagte Georg zu dem Grafen, ohne durch die allzunaive
Antwort der Magd im Mindesten in Verlegenheit gesetzt zu werden, das ist so
Brauch in unserm Geschftsleben, es lt uns wenig Zeit fr andre, Dinge und fr
andre Menschen. Dann fragte er die Magd wieder: Ist meine Schwester in ihrem
Zimmer oder unten?
    Sie wird Besuch haben, antwortete die Magd, und sagte mir, ich solle sie
nicht unnthiger Weise rufen.
    Jaromir lachte, diese Art und Weise Jemand zu empfangen, der einen Besuch
machen will, kam ihm sehr spashaft vor, Georg aber fuhr hitzig auf: So werde
ich wohl selbst Pauline fragen mssen, ob es ihr gefallen wird, meine
Anordnungen fr nthig oder unnthig zu halten.
    Kaum hatte er dies ganz ausgesprochen, als Pauline an Elisabeths Arm die
Treppe herab kam. Die Mdchen waren im Begriff, in die Gartenlaube zu gehen. Man
ward einander vorgestellt, und ging dann gemeinschaftlich in den Garten und nahm
da in der Laube Platz. Nach wenig Augenblicken entfernte sich Georg.
    Elisabeth und Pauline erzhlten Jaromir wechselsweise, wie sie zusammen
erzogen und Freundinnen geworden wren und sich nun unbeschreiblich glcklich
fhlten, gerade in dieser Einsamkeit einander so nahe zu sein. Jaromir hrte mit
Vergngen zu und warf manchen innigen Blick auf Elisabeths leuchtende Augen.
    Eine glckliche Stunde zog sich ber die drei Menschen hin, eine Stunde, die
nach ihren besten Momenten sich nicht beschreiben, sondern nur fhlen lt. Ein
Sommerabend still und heiter, an dem die Heimchen flsternde Weisen unter
wallenden Grashalmen zirpen, wo die Abendblumen ihre geheimnivollen
Blthenkelche scheu und vorsichtig ffnen, Dfte wunderbar aushauchen, groe
goldne Augensterne allmlig aufschlagend, wo Schmetterlinge darber hinziehen,
in mystischen Kreisen von Blthe zu Blthe tanzend. Und wieder ber den
Schmetterlingen empor schwingen sich freudetrunkene Lerchen, schmettern ihre
Lieder hoch in die Lfte, lassen ihre lieblichen Tne wieder leise fallen und
wieder klingen zu den lauschenden Feldern und Grten. - Da ist es, als richteten
sich alle Halme auf und lauschten, als fragten alle Blumen mit emporgeschlagenen
Augen zum Himmel auf, woher die wunderreichen Lieder tnten - und auch das
weichgewordene Menschengemth lauscht empor und wird wonnetrunken und still -
und doch ist nichts Aeuerliches geschehen, nichts Neues, nichts Unerlebtes.
    So war es auch jetzt den drei Menschen in der Laube. Pauline fhlte sich
froh und verstanden, dehalb zufrieden und heimisch, zum ersten Mal so recht
heimisch in der Heimath, in der sie hinter lauter bekannten Gesichtern lauter
fremde Seelen finden mute. Jaromir und Elisabeth waren glcklich, ein ganzer
Frhling blhte und sang in ihren Herzen und eine lachende Sonne strahlte
wrmend darein. Ihre Worte waren aber nicht anders als das Heimchenzirpen, das
Duften und Blhen der Abendblumen, das farbige Spielen der Schmetterlinge, das
Singen der Vgel rings um sie - nicht auerordentlicher, nicht neuer, nicht
unerlebter. So wie diese Heimchen, Blumen, Schmetterlinge, Vgel schon an
Tausend Abenden zu gleicher Naturfeier sich vereinigt, so wie es die drei
Menschen schon oft selbst mit angesehen und erlebt hatten, so waren sie auch
jetzt sich bewut, noch niemals eine stillglcklichere Stunde verlebt zu haben,
als diese, und doch war ihre Unterhaltung einfach und konnte alltglich klingen
und verrieth Nichts von der Herzen tiefinnerster Bewegung, auer, da zuweilen
das Feuer poetischer Beredtsamkeit von Jaromir's Lippen flammte, da seine Worte
den Klngen der Lerche selber glichen, welche sich in das obere Himmelblau
strzte, indem die scheidende Sonne noch ihre Flgel vergoldete.
    Es fiel Elisabeth schwer, an den Aufbruch zu denken; - Jaromir blieb so
lange unter dem Vorwande, da er Georgs Rckkunft erwarten wolle; aber als jetzt
Elisabeth aufstand, von dem hereindmmernden Abend erinnert, fragte er doch: Ob
er sie begleiten drfe?
    Mein Pferd habe ich weggeschickt, sagte sie, weil ich den kleinen Rckweg
zu Fu machen wollte, und da ich noch am Tage zurckzukommen dachte und ein
nachfolgender Diener mir lstig ist, hab' ich auch diesen nicht bestellt, wollte
vielmehr um Paulinens Begleitung bis an den Park bitten - in unserm Park geh'
ich ja doch allabendlich allein.
    Nun, sagte Pauline, so brechen wir zusammen auf.
    Die Mdchen baten nun Jaromir, zu warten, bis sie ihre Hte und Hllen aus
dem oberen Zimmer geholt, und entfernten sich dehalb. So eben ward Feierabend
gelutet. Jaromir trat aus dem Garten auf den freien Platz vor dem Hause.
    Wilhelm und Anton kamen vorber, sie stieen einander an, wie sie ihn gewahr
wurden, und Anton sagte: Er ist immer noch da und treibt sich hier ganz allein
herum. Glaubst Du nicht, da das Etwas zu bedeuten hat? Und wer es wte, ob
Gutes oder Schlimmes?
    Nun, was knnte denn noch Schlimmes kommen? Anton, ich hoffe jetzt: Es
giebt Leute, welche sich unsers Elendes erbarmen wollen, welche es gut mit uns
meinen; gelehrte Leute, welche schreiben und was Rechtes gelernt haben, die
sagen es gerade heraus, da man uns Unrecht thut, und solche Leute mssen jetzt
in unsrer Nhe sein - ich wei es gewi - wer wei, ob er nicht Einer von ihnen
ist - er schien doch freundlich zu sein.
    Und nun ist er noch immer hier, sagte Anton, am Ende hat er den
Feierabend abgewartet, um noch mit uns zu sprechen.
    In diesem Augenblick kamen Pauline und Elisabeth aus dem Haus und Jaromir
ging mit freundlicher Anrede auf sie zu.
    Die Arbeiter entfernten sich kopfschttelnd, zusammen murmelnd.
    In heitrer Unterhaltung wie vorher war die Stelle am Eingang des Parkes bald
erreicht, an welcher Pauline von Jaromir und Elisabeth scheiden wollte. Die
Freundinnen hielten sich eben umschlungen, als ein Wagen vorber fuhr. Es war
ein leichter zurckgeschlagener Phaeton, ein einzelner Herr sa darin - man
wrde weder ihn noch seine Lorgnette bemerkt haben, wenn er nicht ein hmisches:
Guten Abend - aus dem Wagen der Gruppe zugerufen htte.
    Es war Kammerjunker von Aarens, welcher mit diesem Gru, und indem er
langsamer als erst vorber fuhr, die Erkannten niederzuschmettern glaubte. Aber
sowohl Elisabeth als Jaromir dankten unbefangen in gewohnter Art und Weise.
    Wer war denn die Dame, welche jetzt das Paar allein lt? fragte Aarens
auf Paulinen deutend, welche den Rckweg antrat, seinen Kutscher.
    Die Tochter des Fabrikanten Felchner? antwortete dieser.
    Was - Kerl, ist das wahr? rief Aarens auer sich.
    Bestimmt, ich kenne sie genau - versetzte der Kutscher.
    Aarens schlug ein Gelchter auf und rief ein Mal ber das andere: Das ist
gttlich, himmlisch - unvergleichlich!
    Unterde ging Jaromir an Elisabeths Seite dem Schlosse zu.
    Sie sprachen Wenig - ihre Herzen schlugen zu laut und doch auch zu
befriedigt, als da sie htten sprechen knnen. Sie gingen langsam, aber das
Schlothor war bald erreicht, an dem sie sich trennten.
    Wie sie einander guten Abend boten, fragte er nun leise, ob sie morgen
Nachmittag zu Hause sei, und sie antwortete ein freudiges, leises: Ja.
    Spter traf Anton wieder mit Franz zusammen. Was nur der fremde Herr so
lang in der Fabrik wollte? fragte er.
    Ich glaube wohl, da Du in Allen Spione siehst, seitdem Du mit einem
Stiefel zusammen gewesen.
    Hre, sagte Anton, hat Dich das Mhrchen auch angesteckt, Stiefel soll
hier sein? Der, den August dafr hlt, hat dunkle Haare und keinen Bart - und
Stiefel hat rothes Haar und langen Bart um's ganze Kinn.
    Spter gefragt, mute August dies selbst zugeben, man lachte ihn aus und
ermahnte ihn, ein anderes Mal besser Acht zu geben - Stiefel werde nicht wagen,
je wieder in ihre Nhe zu kommen, versicherte Anton.

                                 VII. Die Zwei


 Denkt Euch der Herren Wandergang,
 Voran des Bettlers Kleid als Fahne!
                                                                 Alfred Meiner.

Es war Abend. Die Geheimrthin von Vordenbrcken hatte mit dem jngern Waldow
ein empfindsames Stelldichein in irgend einem romantischen Bosquet, ihr Gatte
sa allein zu Hause und dachte zum tausendsten Mal darber nach, wie schlimm es
sei, eine schne Frau mit einer reichen Mitgift zu haben. Eine Frau, welche
jedem eiferschtigen Vorwurf des Gatten sogleich den andern entgegen setzen
konnte, recht wohl zu wissen, da er mehr um ihre Staatspapiere, als um ihr Herz
geworben habe, eine Gattin, welche es immer geltend zu machen wute, da ohne
ihren Reichthum ihr Gatte eine unbedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen
wrde, und da er dehalb sie niemals in der glnzendsten Ausstattung derjenigen
Rolle beschrnke, welche sie selbst sich einmal vorgenommen, zu behaupten. So
mute er alle ihre Launen dulden, sie berall hin in die groe Welt begleiten,
wo er selbst sich und Andere langweilend eine erbrmliche Figur spielte, mute
ihre Liebhaber als Hausfreunde verbindlich willkommen heien, und jetzt hatte
sie es gar dahin gebracht, ihm durch seine Aerzte zu beweisen, da der Gebrauch
einer Wassercur in einer entfernten Wasserheilanstalt fr seine Gesundheit ganz
unerllich sei. Er hatte vergebens versichert, da er sich ganz wohl fhle und
einen ordentlichen Abscheu gegen alles Wassertrinken habe - gerade deshalb fand
man die Wassercur fr ihn um so unabweilicher nothwendig. Die zrtliche Gattin
versicherte, da sie sich ewig Vorwrfe machen wrde, wenn sie zugebe, da der
Gemahl die Pflege seiner Gesundheit in gleicher Weise vernachlssige wie bisher
- da sie darauf bestehen msse, da er rztlichem Ausspruche sich fge, und da
sie ihn selbst begleiten werde, um den gewissenhaften Gebrauch des Bades selbst
zu berwachen. Frau von Vordenbrcken gehrte mit zu den durch die Journale
Mystifizirten; sie hatte gelesen, da jetzt die Wasserheilanstalt zu Hohenheim
der fashionableste Kurord Deutschlands sei - so durfte sie dort nicht fehlen.
Die Kur selbst zu brauchen, fand sie langweilig und brdete sie deshalb ihrem
Gatten auf. Da dieselbe sehr viel Zeit erforderte und die Abendluft dabei
gemieden werden mute, konnte sie um so mehr ohne seine stte Nhe und
Begleitung ihren Vergngungen ungehemmt nachgehen.
    Als jetzt der Geheimrath sich in diese unerquicklichen Betrachtungen seines
ehelichen Lebens versenkte, hrte er ein bedchtiges und zugleich eiliges
Klopfen an der Thre. Auch ein Thrklopfen kann voll tiefster Charakteristik
sein - das jetzt gehrte war es: es war das Klopfen eines Menschen, welcher in
allen Dingen sehr vorsichtig zu Werke geht und doch zugleich immer sehr pressirt
ist.
    Der Geheimrath rief laut: Herein! erfreut eine Unterbrechung seines
Gedankenkreises zu finden, und schritt schnell der Thre zu, um zu ffnen.
    Ein langer drrer Mann mit einer ausgesucht malizisen Miene trat ein.
    Guten Abend, mein lieber Doctor Schuhmacher! rief der Geheimrath. Ihr
Besuch freut mich auerordentlich - ich htte Sie lngst schon gebeten, mir
denselben fter zu gnnen - allein Sie schienen mir immer mit so viel wichtigen
Dingen beschftigt, so pressirt, da -
    Wirklich schien ich das? unterbrach Schuhmacher und machte dabei ein
bestrztes und ziemlich albernes Gesicht. So htte ich dies Mal meine Rolle
wirklich schlecht gespielt?
    Ihre Rolle? Ich verstehe Sie nicht recht - aber nehmen wir Platz. Sie
werden mir doch heute Ihre Gesellschaft nicht sogleich entziehen?
    Schuhmacher setzte sich. Wenn wir ungestrt sind, sagte er; mich fhrt
allerdings eine Angelegenheit von grter Wichtigkeit zu Ihnen. - Aber
vielleicht ist in Ihrem Nebenzimmer Gesellschaft - oder Ihre Frau Gemahlin - -?
    Ich bin vollkommen einsam - es ist dies nicht das Local dazu, viel
Gesellschaft zu empfangen, und was meine Frau betrifft, so ist sie ausgegangen,
und ich denke, sie wird noch lange nicht wiederkommen - der geduldige Ehemann
konnte dabei doch einen leisen Seufzer nicht unterdrcken.
    Nun so bin ich zur guten Stunde gekommen, sagte Schuhmacher geheimnivoll,
denn die Unterredung, welche ich mit Ihnen haben werde, wird allerdings keine
Zeugen dulden - - es ist doch Niemand von Ihren Dienstboten im Vorsaal oder
nebenan? Sie erlauben, da ich nachsehe und die Thren verschliee.
    Der Geheimrath versicherte wiederholt, da Niemand in der Nhe sei,
Schuhmacher untersuchte aber doch zu bessrer Vorsicht alle Thren, verschlo
dann die uere, setzte sich und begann:
    Da ich mich hier befinde, geschieht nicht etwa, um die Mode mitzumachen,
oder diese lcherliche Cur zu brauchen.
    Der Geheimrath bi sich in die Lippen - Schuhmacher stellte sich, als ob er
das nicht bemerke und fuhr fort:
    Ich bin von Amtswegen hier, und Nichts konnte mir bei der wichtigen
Angelegenheit, welcher ich mich schon seit lngerer Zeit unterzogen habe, mehr
zu Statten kommen, als da in dieser Gegend, welche der geheime Schauplatz
staatsgefhrlicher Bewegungen ist.
    Der Geheimrath schrak auf: - Staatsgefhrliche Bewegungen! Hier! In der
That, ich erstaune! Wie sollte hier der Sitz einer staatsgefhrlichen Bewegung
sein, wo es weder eine Universitt, Akademie, noch irgend ein Institut giebt, in
dessen Schoose sie keimen oder sich verkriechen knnte? Staatsgefhrliche
Bewegung hier, wo es keine gefhrlichen Menschen giebt - weder Advocaten, noch
Knstler, Literaten und andere unntze Subjekte, aus deren rebellischen Kpfen
demagogische Plne kommen knnten - hier!
    O, mein theurer Freund, Sie mikennen die Zeit, Sie stellen sich auf den
Standpunkt, welchen wir vor dreiig oder auch vor zehn Jahren einnahmen. Jetzt
gilt es ja gar nicht mehr, vor den Burschenschftlern mit ihren
schwarz-roth-goldnen Tiraden auf der Hut zu sein, auch haben wir nicht den
schumenden Julirausch zu frchten, welcher achtzehnhundertunddreiig auf ein
Mal aus den Brgern ganz aparte Menschen machen wollte - nein, vor diesen Dingen
frchten wir uns nicht mehr. Die Deutschthmelei ist, wie Sie wissen, vollkommen
erlaubt, denn die Majestten sprechen ja selbst von einem einigen Deutschland
und die Toaste auf dieses sind vollkommen offiziell. Auch die Julimnner machen
uns Nichts mehr zu schaffen, es ist ihnen ja unbenommen, in den Stndeslen
schne Reden zu halten und einander Adressen zu schicken. Da dies Alles ohne
weiteren Erfolg bleibt, wird uns ergebenen Dienern der Regierung und der Polizei
ein Leichtes zu bewerkstelligen - aber hier haben wir es mit einem ungleich
gefhrlicheren Feinde zu thun - und dehalb - um meinen Satz von vorhin zu
beenden, konnte mir Nichts erwnschter kommen, als die Anlegung dieser
Wasserheilanstalt. Sie gab mir Gelegenheit, hier einen lngern Aufenthalt zu
nehmen, ohne mich irgend Jemand verdchtig zu machen, ohne den wichtigen Zweck
meines Hierseins irgend wem zu verrathen.
    Ich begreife jetzt immer noch nicht klar, wo Sie hinaus wollen - denn die
Nachricht von den Unruhen der Eisenbahnarbeiter ist doch zu neu, bedarf noch der
Besttigung.
    Schuhmacher fiel dem Geheimrath in's Wort: Unruhen, Eisenbahnarbeiter - was
wollen Sie damit?
    Also ist es nicht gegrndet? fragte der Andere gelassen. Da Sie es
htten lange vorausahnen knnen, schien mir mindestens unglaublich.
    Ich bitte Sie um Gottes willen, rief Schuhmacher auer sich, was wollen
Sie mit den Eisenbahnarbeitern? Was wissen Sie?
    Sie wissen also Nichts?
    Foltern Sie mich nicht lnger, reden Sie heraus.
    Nun, da Sie es nicht wissen, ist es gewi nur ein leeres Gercht - meine
Wirthsleute erzhlten mir, die Arbeiter an der nchsten Bahn - Sie wissen, man
arbeitet jetzt ungefhr sieben Stunden von hier - htten ihre Arbeit
eingestellt, um einen hhern Lohn zu erzwingen.
    Das wre ja entsetzlich! Und wenn soll das geschehen sein?
    Ich glaube erst heute.
    Sonst htt' ich es wissen mssen - ich mu sogleich mit Ihren Wirthsleuten
sprechen, die Geschichte von ihnen selbst hren. - Waren sie dort?
    Ich glaube, Ihr Sohn arbeitet dabei und ist eben zurckgekommen, um sich so
aus der Schlinge zu ziehen.
    Theuerster Freund! Erweisen Sie mir vor allen Dingen die Geflligkeit,
lassen Sie diesen Menschen unter irgend einem Vorwand zu sich kommen, fragen Sie
ihn geschickt aus und erlauben Sie mir, im Nebenzimmer Ihr Gesprch mit
anzuhren, es wird dies ungleich zweckmiger sein, als wenn ich sogleich selbst
mit ihm rede. Schuhmacher rannte aufgeregt, bestrzt und nachsinnend zugleich
in der Stube hin und her. Der Geheimrath ma ebenfalls das Zimmer, aber mit
langsamen, abgemessenen Schritten. - Beide waren nachdenklich, jeder in seiner
Sphre und seiner Weise.
    Der Geheimrath trat an's Fenster - drunten im Hof war sein Diener
beschftigt, Stiefeln zu putzen und schkerte dabei mit einer muntern
Bauerdirne, welcher er drohte, mit der Brste voll Schuhwichse ber ihr
flachsblondes Haar zu fahren, wenn sie sich noch lnger gegen einen Ku strube.
In diesem allerliebsten Kriege war er eben nahe daran, Sieger zu werden, als der
Ruf seines Herrn vom Fenster herab diesem ein unerwartetes Ende machte.
    Was steht zu Befehl? schrie der Diener, mhsam seine ble Laune
verbergend, als Antwort hinauf, whrend die Dirne kichernd und verschmt in den
Kuhstall eilte.
    Ist unten der Sohn der Wirthin zu Hause, der vorhin angekommen ist?
    Gndiger Herr, ich werde zu Dero Befehl erst nachsehen, war die
umstndliche Antwort.
    Was giebts? rief mit Stentorstimme ein kleiner stmmiger Bursche aus dem
Hause heraus - es war derselbe, von dem die Rede war, der Eisenbahnarbeiter
Adam, welcher das Frag- und Antwortstck von Herr und Diener mit angehrt hatte
und jetzt heraustrat.
    Wollten Sie wohl einmal zu mir heraufkommen, rief der Geheimrath dem
Burschen zu, ich wnschte mit Ihnen zu sprechen.
    Der Bursche nahm ehrerbietig die Mtze ab und sagte hflich aber mit grober
Stimme: Ich komm gleich.
    Schuhmacher gab dem Geheimrath die Hand. Die Regierung wird es Ihnen Dank
wissen, wenn Sie auch dieser Angelegenheit sich annehmen! sagte er feierlich.
Fragen Sie den Menschen geschickt aus - ich gehe in das Nebenzimmer, und damit
huschte er schnell zur Thre hinaus, als er bereits schwerfllige Tritte auf der
Treppe hrte.
    Adam trat ein und drehte stumm die Mtze in der Hand.
    Man hat mir gesagt, begann der Geheimrath, da Sie Arbeiter bei der
Eisenbahn sind?
    Ja, war die kurze Antwort.
    Ist es wahr, da die Leute dabei heute ihre Arbeit eingestellt haben?
    Sie hatten's im Willen.
    Sie wollten nur und es ist nicht geschehen?
    Das wei ich nicht so genau.
    Guter Freund, antworten Sie mir ordentlich und ohne Scheu - es liegt mir
sehr Biel daran, ber diese Sache Etwas zu erfahren - und es soll sein Schade
nicht sein, wenn ich Wahrheit zu hren bekomme.
    Der Herr haben wohl viel Actien dabei?
    Nein - keine einzige - ich habe einige Leute, welche ich fr zuverlssige
und gute Arbeiter hielt, zur Arbeit bei dieser Bahn empfohlen, sie sind
angenommen worden und es sollte mir leid thun, wenn sie sich mit bei den
Unruhstiftern befnden, oder auch, wenn sie nicht mit zu diesen gehrten, aber
mit unter ihnen, unschuldig mit den Schuldigen leiden mten. Erzhlen Sie mir
also Alles aufrichtig und wie es kommt, da Sie Sich heute hier befinden, da
doch weder Feiertag noch Sonntag ist?
    Ja sehen Sie, sagte der Bursche treuherzig und durch die freundliche Art,
mit welcher der Geheimrath zu ihm sprach, zutraulich gemacht, das ist ein
nrrisches Ding - das Beil war mir auf den Arm gefallen, ich konnte nicht ohne
groe Schmerzen arbeiten, da dacht' ich: es ist besser, Du gehst jetzt fr krank
nach Hause - und so bin ich denn da. Feiertag steht heute freilich nicht im
Kalender - auf der Bahn wird aber wohl welcher gewesen sein.
    Wie so - die Leute mgen nicht mehr arbeiten? Ist denn der Lohn so gering?
    Nun, Viel setzt es freilich nicht, indessen, wir waren gerade nicht
unzufrieden, wir hier aus der Gegend wutens nicht anders. Aber da sind viel
Auslnder unter uns, die hetzten uns auf und meinten, sie htten bei andern
Bahnen viel mehr gehabt. Nun wollten wir die und jene Erleichterung haben - wir
kamen deshalb ein; Alles in Ordnung und Friede. Darauf hie es, unsere Sache
wre verschickt und wir bekmen gewi bald Erleichterung und manchen Vortheil.
Ein paar Wochen vergingen - auf einmal hie es: nun kme die Erleichterung -
nein und wissen Sie, was das war?
    Nun?
    Es ist zu nrrisch! Man machte uns bekannt, da, wenn wir an unsre
Angehrigen Briefe mit Geld schicken wollten, wir kein Porto zu bezahlen
brauchten. Nun da schlag Einer ein Rad! Knnten wir so Viel Geld verdienen, da
wir welches wegschicken knnten, so wrde gewi Keiner klagen und das Porto
wrden wir da vielleicht auch noch zusammen bringen knnen.
    Nun - und Ihr waret also damit nicht zufrieden?
    Gndiger Herr, wir, die wir vorher nicht gerade unzufrieden gewesen waren,
wir lachten nur ber so eine Verordnung und lieen es gut sein - die Andern aber
murrten und sagten, sie lieen es nicht gut sein - - Da wird aber einem
ehrlichen, ruheliebenden Kerle, wie ich nicht wohl bei solchen Gesichtern, bei
solchem tckischen Treiben. - Wie mir nun der Arm jetzt weh that, nahm ich's fr
ein Zeichen, 's sei wohl das Beste, jetzt wegzugehen. Nun calculirt' ich: Keiner
von uns soll arbeiten, bis man ihm hhern Lohn verspricht - gut! Verspricht man
den hhern Lohn und geht Alles vergngt und lustig an die stehen gelassene
Arbeit, so geh' auch ich vergngt und lustig mit daran - luft es aber schlecht
ab - zwingt man uns, wieder wie erst um denselben Tagelohn zu arbeiten, hetzt'
uns wohl gar mit Soldaten dazu und bestraft die, die es erst anders gewollt
haben - mu man's wohl auch gut heien, denn wer die Macht hat, hat das Recht,
und das Recht mu wohl immer gut sein. - Dann, calculirt' ich, arbeit' ich auch
wieder mit, aber Niemand kann mir Etwas anhaben, denn ich bin gar nicht da
gewesen, sondern krank zu Hause wie der Teufel los ging.
    War also etwas Bestimmtes beschlossen?
    Weiter gar Nichts - als gestern, wie es von der Arbeit heim ging, sagt' es
Einer dem Andern: Bruder, morgen machen wir gleich frh Feierabend - keine Hand
rhrt Etwas an - und wer doch an die Arbeit gehen will, dem soll's bald
vergehen, wir werden keine groen Umstnde mit ihm machen, er mag seine Knochen
wahren - so hie es, und so sagte man weiter: wenn sie dann kommen und fragen,
was das heien solle, da wir Feiertag machten, so antworten wir, da wir fr so
geringen Lohn etwas Besseres thun knnten, als uns den ganzen Tag zu plagen;
wenn man uns nicht versprche, uns tglich wenigstens einen Groschen zum Lohn
zuzulegen, so mgten die Herren Actionaire die Bahn mit eignen hohen Hnden
fertig bauen - wir fragten dann den Geier danach. So wrden sie schon klein
zugeben, hofften die Leute - - mir aber ward gar nicht wohl zu Muthe und wie ich
schon sagte - da macht' ich mich in der Stille auf und ging heim - da ich
fortgelaufen, kann kein Mensch sagen, denn ich habe dem Aufsher meinen gelhmten
Arm gezeigt und Urlaub genommen.
    Das ist eben so pfiffig gehandelt, als treuherzig gesprochen, sagte der
Geheimrath - eigentlich htten Sie aber den Aufsssigen Gegenvorstellungen
machen sollen.
    Habe wohl - aber was nutzt das? Da schimpfen sie Einen gleich einen feigen
Lumpenhund, eine Schafnatur und was der Ehrentitelchen mehr sind, und was man
zum Frieden redet, das hilft nicht das Geringste. - Wer am Meisten schreit,
schimpft und flucht, der ist ihnen dann der rechte Mann, vor dem haben sie
Respect, auf den hren sie, den machen sie zum Fhrer - und sonst Keinen.
    Und das waren Auslnder oder -
    Herr! fiel ihm Adam in's Wort und seine Stirn ward pltzlich zornroth -
aber eben so schnell, als er das eine Wort gesagt, brach er auch ab und schwieg
wieder. - Der Geheimrath hatte Recht; Adam war wirklich so pfiffig als
treuherzig; bei der letzten Frage errieth er pltzlich, da man ihm zum Angeber
machen wollte, und dagegen emprte sich seine redliche, Deutsche Natur. Adam war
ein echter Typus Deutschen Charakters. Er war nicht gerade unzufrieden, aber da
man ihm gesagt hatte: er verdiene es eigentlich, bessere Arbeit zu haben, als
eben diese, so dachte er, ein hherer Lohn sei freilich mitzunehmen und eine
schne Sache - aber er frchtete sich, dazu einen entscheidenden Schritt zu
thun, ein Mal, weil er berhaupt trge zur That war und lieber geduldig wartete,
bis, wie ihm die Auslnder hhnend zuriefen: die gebratenen Tauben ihm einmal
aus der Luft in den Mund geflogen kmen; - und dann aus angestammter Liebe zu
Frieden und zur Ordnung, aus christlicher Ergebung in die einmal bestehenden
nothwendigen Uebel, aus angeborner Unterwrfigkeit und treuem Gehorsam gegen
Vorgesetzte, aus Achtung einmal bernommener Pflichten. Dazu gesellte sich ihm
die Furcht der Erfahrung, da eben, wer die Macht habe, immer Recht behalte, und
da einige arme Arbeiter gegen diese Macht, welche sie beherrschte, nicht das
Geringste wrden ausrichten knnen, weder im Guten, noch im Bsen. Dehalb also
mogte er nicht gemeinschaftliche Sache mit den Widersetzlichen machen und zog
sich deshalb mit guter Art ganz von dem Schauplatz zurck, auf welchem jene
wahrscheinlich ein elendes Trauerspiel auffhren wrden; - und weil er sich
sagte, da er darin ganz verstndig und nach seinem besten Gewissen handle, so
war er unbefangen genug, dem fremden Geheimrath den wahren Sachverhalt zu sagen.
Als aber dieser nach den Fhrern zu fragen begann, begriff Adam pltzlich, da
nun seine fernere harmlose Aufrichtigkeit hliche Angeberei sein wrde, da man
ihm nun, weil er mit den Kameraden nur keine gemeinschaftliche Sache habe machen
mgen, zu deren heimlichen Feind machen wolle, und da er vielleicht zu ihrem
Verderben beitrage, wenn er die Fragen, welche man nun ihm vorlegen mgte, eben
so offen und arglos beantworte wie die frheren. Gegen diesen Gedanken schon
emprte sich die Deutsche Ehrlichkeit und biedere Freundestreue so heftig in
seiner redlichen Brust, da er den Geheimrath auf die erste verfngliche Frage
mit einem pltzlich herausgestoenen: Herr! frmlich anfuhr. Aber sich
sogleich im Innern unwillkrlich selbst zurechtweisend, da eine solche
Heftigkeit wider den ihm doch eigentlich zur andern Natur gewordenen Respect
gegen vornehme Leute und Beamte sei und in dem Gefhle, da Vorsicht zu allen
Dingen gut, fgte er dem aufgebrachten Herr! hflich hinzu:
    Fhrer gab es eigentlich ja gar nicht, denn das Ganze war doch nur so ein
schnelles Vorhaben und keine lange vorher abgeredete Sache. Einer raunte es dem
Andern zu, wie ich schon gesagt: morgen arbeiten wir nicht und das war Alles.
Und wie ich sah, da sie fest entschlossen waren und Gegenrede nur Drohungen
hervorrief, so macht' ich mich aus dem Staub.
    Und wie es nun wirklich abgelaufen, davon wissen Sie Nichts?
    Wie sollt' ich auch? Weil ich eben fort ging, ehe der Teufel los war -
gleich gestern Abend. Die Nacht blieb ich dann im nchsten Dorf und heute Mittag
bin ich vollends hierher gegangen.
    Der Geheimrath ging aufgeregt im Zimmer hin und her, Adam wnschte je eher
je lieber von ihm loszukommen, und da er wohl merkte, da, da Jenem so sehr Viel
daran zu liegen schien, ber die Sache mehr zu wissen, er wohl noch manche Frage
wrde beantworten sollen, wie er's vielleicht nicht ohne Verlegenheit konnte, so
kam ihm ein guter Gedanke, um fort zu kommen, und er sagte: Heute ist gerade
der Tag, wo der Bote Martin von hier nach dem der Eisenbahn nchst gelegnen
Flecken geht und Abends wieder zurckkommt, von dem knnte man wohl Etwas
erfahren, ich will doch zusehen, wo er steckt, zurck kommt er immer um diese
Stunde und dann kann ich Ihnen wohl mehr erzhlen.
    Dies Mal kehrte sich das Verhltni um; die Maus hatte die Katze gefangen.
Der Geheimrath ging glcklich in die Falle - er entlie nach diesem Vorschlag
Adam gern. Dieser wute recht gut, da Martin immer erst einige Stunden spter
zurckzukommen pflegte - unterde kam die Nacht und er selbst war des Verhrs
enthoben.
    Schuhmacher trat nun wieder aus dem Nebenzimmer.
    Was sagen Sie - Freund? sagte der Geheimrath mit einer vielsagenden Miene.
    Freund! Das ist ein furchtbares Complot! Gewi ein sehr weit verzweigtes,
dem auf den Grund zu kommen wir Alles aufbieten mssen! rief Schuhmacher.
    Und Sie wuten davon Nichts?
    Davon?! Mein Gott im Himmel, nein! Das ist Alles ganz heimlich gekommen -
wie der Dieb in der Nacht!
    Und was fhrte Sie sonst zu mir? Und was lie Sie sonst von
staatsgefhrlichen Bewegungen in unsrer Nhe sprechen? Von gefhrlichen Feinden
der Regierung und der bestehenden Ordnung, die Sie mich wollten nicht unter
Studenten, Schriftstellern und Brgern, sondern in den untersten Classen der
Gesellschaft kennen lehren - wenn Sie mich an die Eisenbahnarbeiter -
    Eisenbahnarbeiter, Eisenbahnarbeiter! fiel ihm Schuhmacher hitzig in's
Wort. Wer hat an Eisenbahnarbeiter gedacht! Durch diese Entdeckung tritt die
ganze Sache in ein neues Licht, in eine neue Phase! - Fabrikarbeiter - so hie
meine Loosung und das haben Sie bersehen knnen! Und ich habe die
Eisenbahnarbeiter bersehen - - o, da sind ungeheuere Fehler geschehen - es ist
himmelschreiend - und in hitziger Wuth wie ein Mensch, der mindestens ein
verlorenes Knigreich bejammert, rannte er in der Stube auf und nieder - endlich
warf er sich erschpft in einen Lehnstuhl - athmete tief auf, fuhr sich mit dem
seidnen Schnupftuch ber die Stirn, auf welcher groe Schweitropfen standen -
athmete tief auf - und hatte die verlorne Fassung wieder. - Gewohnt, sich immer
zu beherrschen, im Leben oft die verschiedensten Rollen durchzufhren, die
unhnlichsten Masken vorzunehmen, war es ihm eine ordentliche Wohlthat, wenn er
sich einmal ohne Zeugen sah, vor welchen er nthig hatte, seinen innern
Bewegungen zwngende Hemmketten anzulegen - dann berlie er sich denselben
ganz, lie sie eine Weile toben, bis er dann nach diesem Aufruhr, sobald er
einmal den Entschlu fate, wieder gefat zu sein, gleichsam zu sich selbst
sagte: Nun ist's genug, und im Moment all' seine Ruhe wieder hatte.
    Mit dieser begann er jetzt: Es sind die Arbeiter in Felchners Fabrik, auf
welche ich schon seit einem halben Jahr ein wachsames Auge geworfen habe. Einer
von ihnen, Franz Thalheim genannt, hatte ein Buch geschrieben: Aus dem armen
Volk - Allen Menschenfreunden gewidmet. Dieses Buch war mir in die Hnde
gefallen - es enthielt die allerbertriebensten Schilderungen von der Noth der
arbeitenden Classen. Ein Arbeiter derselben Fabrik hatte mir dies Buch gegeben.
Sie wundern sich, wie ich mit einem solchen Menschen zusammenkam? - Nun wohl, es
war schon lngst von communistischen Verbindungen in Deutschland unter dem
Fabrikvolk die Rede gewesen - man hatte sie aber noch nie entdecken knnen - ich
hatte mich verbindlich gemacht, da ich, wenn und wo solche existirten, sie auch
wrde ausfindig zu machen vermgen. Aber ich wute. wie ich es anzufangen hatte.
Ich begab mich hier in die nchste kleine Stadt - unter einem andern Namen - ich
nannte mich Stiefel - und mit einer falschen Haartour unkenntlicher gemacht,
begab ich mich in die Vierstuben und Schnken und suchte Verkehr mit diesen
Leuten, um ihre Stimmung zu erforschen. Endlich gelang es mir, einen der
Fabrikarbeiter bei Felchner mir ganz dienstbar zu machen. Von ihm hab ich immer
die gewissenhaftesten Berichte erhalten ber das, was seine Kameraden vornahmen.
Nachdem ich ihn geworben, kehrte ich wieder in die Residenz zurck und
durchsphte andre Distrikte, wenn auch nicht mit gleichem Erfolg. Eines Tages
entdeckte ich, wie jener Franz Thalheim einen Bruder als Gelehrten in der
Residenz habe, welcher sich pltzlich auf eine auffallende Weise von Weib und
Kind trennte und seine Stelle aufgab - Niemand wute so eigentlich, weshalb? -
Da er sich auch mit Schriftstellerei beschftige, war lngst bekannt - und
solche Menschen sind immer verdchtig. Ich erfuhr, da er spter, bevor er mit
einem jungen Grafen eine weite Reise angetreten, sich hier bei seinem Bruder
aufgehalten habe. Nach allen Erkundigungen, die ich einzog, erschien mir dieser
Mensch als ein Radicaler von der gefhrlichsten Sorte. Verdacht hufte sich auf
Verdacht - ich stellte bei seiner Frau eine Haussuchung an. Sie wollte sich
widersetzen - denn sie mogte frchten. Leider schien ihr Mann sehr vorsichtig
gewesen zu sein - er mogte alle Papiere, Korrespondenzen und Mannscripte, welche
gegen ihn zeugen konnten, mitgenommen haben. Aber aus einigen Stellen in den
Briefen, welche er an seine Frau geschrieben, wurden doch alle meine
Vermuthungen besttigt. Dieser Thalheim reiste jedenfalls als ein
communistischer Missionair - er reiste nach der Schweiz, Belgien und Frankreich
- vermuthlich, um sich dort am Heerde des Communismus neue Funken und
Feuerbrnde zu holen, welche er in den unterirdisch ausgehuften Zndstoff
werfen knnte. Aber welch' berraschende Entdeckung mute ich noch machen! Der
freimthige und berhmte Schriftsteller: Graf Jaromir von Szariny war ebenfalls
in Verbindung mit diesen Thalheims! Ich fand Briefe von ihm aus frherer Zeit -
die Gattin wollte es zwar leugnen, da diese Verbindung noch bestnde - allein
wie fand ich es besttigt, als ich diesen Szariny hier traf. Er hat sich hier
angesiedelt, um sich nun in unmittelbare Verbindung mit den Fabrikarbeitern zu
setzen. So eben berichtete man mir, da er gestern den Muth gehabt, sich in der
ganzen Fabrik herumfhren zu lassen, die Arbeiter aufzuhetzen, Geld unter sie,
besonders unter die Kinder zu vertheilen, und - -
    In diesem Augenblick hrte man das Rauschen eines Seidenkleides - die
Geheimrthin kam zurck. Die Unterhaltung unter vier Augen war abgebrochen.
    Kommen Sie morgen frh zu mir, ich - oder viel mehr die Regierung bedarf
Ihrer Dienste, sagte Schuhmacher zum Geheimrath, als er sich entfernte.

                              VIII. In der Schweiz


 Horch wie die Reu im Sturze in's Thal jetzt nieder klingt,
 Und wie ein Gemsenjger von Fels zu Felsen springt;
 Sieh, wie der Vollmond drben aufglht so roth wie Blut
 Und lauf dem Gotthard mlig erlischt die Opfergluth.
                                                                Anastasius Grn.

An demselben Abend, wo die Zwei die wichtige, fr Beide nur zu schnell
abgebrochene Unterredung gefhrt hatten, arbeitete Schuhmacher noch bis tief in
die Nacht fr das Wohl des Vaterlandes. Er ging noch ein Mal all' diese mhsamen
und erzwungenen Zusammenstellungen und Beziehungen durch, in welche er hungernde
Fabrikarbeiter mit einem ernsten, unglcklichen Privatgelehrten, der zwei
vornehme junge Leute auf Reisen begleitete, mit einem schwrmenden Dichter, dem
seine erste Liebe gelogen hatte und der eben jetzt willen- und ahnungslos eine
neue strahlendheie Flamme in seinem Herzen aufglhen und von ihr sich leiten
lie, so glcklich gebracht hatte. Auf dieselbe geschickte Art hatte nun
Schuhmacher auch die ganze schlechte Presse und Tagesliteratur mit der Noth
geistig und krperlich verkmmernder Kinder in eine harmonische Einheit gebracht
und nun war er damit beschftigt, in dieses aus so verschiedenen Elementen
geordnete Ganze auch die widersetzlichen Eisenbahnarbeiter in passender Weise
einzureichen.
    Whrend seine an mhsamen Combinationen und geschickten Erfindungen so
schpferische Seele ber diesem Chaos ineinander geworfener Umstnde finster
brtend lag, stand einer von Denen, in dessen Inneres er so gern einen
Spionenblick geworfen htte, weit von ihm entfernt und sah dem Alpenglhen zu.
Und htte Schuhmacher doch zu dieser Stunde in die klare hohe Seele dieses Edlen
blicken knnen - er wrde dadurch beschmt vielleicht die eigne Erbrmlichkeit
gefhlt oder doch vielleicht einmal an die argwohnvergiftete Brust geschlagen
haben und von sich selbst beschmt worden sein. -
    Gustav Thalheim, der Aelteste der drei Brder, weilte in der Schweiz.
    Die Beiden jungen Leute, welche er begleitete, Karl von Waldow und Eduin von
Golzenau, hatten sich auf's Liebendste an ihn angeschlossen. Karl war ihm
sogleich mit heitrer Freundlichkeit entgegen gekommen. Er war das, was man einen
guten Jungen zu nennen pflegt. Er schlo sich leicht und schnell an Jedermann
an und pflegte allen augenblicklichen Eindrcken zu folgen. Er war leichtsinnig,
aber mit dem besten Herzen von der Welt. Sein Gemth war ungleich
hervorstechender, als sein Geist. Immer gefllig, munter, aufgeregt lie er,
wenn er vielleicht auch nicht zu Uebereilungen zu verfhren war, sich doch eben
so leicht zum Guten leiten - und so war es fr ihn ein Glck, bei guten Anlagen
aber Mangel an Grundstzen und jeder Art von Tiefe und Charakterfestigkeit der
ernstfreundlichen Leitung eines Menschen wie Thalheim anvertraut worden zu sein,
der er sich dann auch mit kindlicher Hingabe berlie.
    Anders war es mit Eduin. Er hatte anfangs eine Vorurtheil gegen den
aufgedrungenen Mentor, denn erglaubte mit achtzehn Jahren vollkommen mndig zu
sein, um seinen Weg durch die Welt allein und selbststndig zurcklegen zu
knnen. - Ein tiefer Ernst, ein hochfliegender und weitstrebender Geist waren
die Grundtypen seines ber seine Jahre hinaus entwickelten Wesens. Meist
verschlossen, in sich gekehrt, ja abstoend, war er nicht der Mann, der Anfangs
auf Jemanden einen angenehmen Eindruck htte machen knnen. Dabei war er
wortkarg und hlzern, so jedoch, da man nicht wute, ob diese Eigenschaften
Folgen eines eitlen Dnkels oder knabenhafter Schchternheit waren. Thalheim war
Menschenkenner genug, um bald zu finden, wie ungleich mehr es lohne, nach der
Liebe und dem Vertrauen dieses schwerzugnglichen Herzens zu streben, als nach
dem Karls, da sich jedem freundlich Entgegenkommenden sogleich frhlich ffnete
und sonder Rckhalt anschlo. Lange Zeit sah er sich von Eduin nur mit kalter
Hflichkeit behandelt. Ein an sich unbedeutender Vorfall hatte aber Alles
gendert. Die drei Reisenden hatten einst einen Ausflug zu Pferd gemacht. Die
Dunkelheit hatte sie bereilt, als sie auf dem Rckweg waren, es brach eine
Gewitternacht herein mit kaum aufhrendem Blitzen und Wetterleuchten. Davor
scheute Karls Pferd, warf den Reiter ab und entfloh. Thalheim war um den
Verwundeten beschftigt. Eduin suchte das Pferd wieder zu fangen und bracht' es
triumphirend zurck. Nachher sagte Thalheim: Mir wr' es das schnste Geschft,
im Stillen Wunden zu verbinden und Balsam aufzulegen - fr Sie taugt es besser,
in's Weite zu jagen und widerspenstigen Trotz zu besiegen - so will ich die
Jugend - einst war ich auch so.
    Und es wird Zeit, da ich anders werde? antwortete Eduin kalt und hhnisch
fragend.
    Nein - es wird hchstens Zeit, da Sie Anderes als ein Ro bezwingen lernen
- denn das Wort ist so wahr als alt: Wem Viel gegeben, von dem wird Viel
gefordert werden - versetzte Thalheim.
    Meinen Sie - da ich lernen soll, mir selbst die Zgel berzuwerfen? - O,
der Mhe hat mich ja mein Vater berhoben, sagte Eduin gereizt, er hat mir ja
die Zgel selbst umgelegt und dann zur Leitung in gebte Hnde gegeben.
    Thalheim nahm seine Hand und sah ihn fest an, indem er ruhig sagte: Sie
wollen mich beleidigen - Womit hab' ich das verdient? Wenn ich noch ein Jngling
wre, wrde ich mich in Ihre Arme werfen und sagen: Wir denken gleich in Allem -
lass' uns Brder sein! Vor funfzehn Jahren wrd' ich dies gekonnt haben - aber
ich wei es wohl: das Alter mu vergebens betteln gehn um die Liebe der Jugend,
weil man in jeder Falte des Angesichtes die Linie eines strengen Richtmaaes zu
sehen whnt - und doch! - Eduin, wren wir uns frher begegnet - wir htten uns
einander ebenbrtig gefunden - nun trennt uns die Kluft der Jahre und wenn ich
ber sie hinweg meine Arme nach Ihnen ausbreite, so stehen Sie argwhnisch mir
gegenber und bleiben fern - eine groe Thrne war in sein Auge getreten - da
lag pltzlich Eduin zu seinen Fen - erst jetzt verstand er die liebestarke
Seele dieses hohen Menschen.
    Eduin rief: Vergeben Sie meinem Stolze - Ihre Freundschaft schien mir ein
unerreichbar hohes Gut - ich sagte mir Tausend Mal, da es Knabenthorheit sei,
darum zu werben - und im gleichen Maas, als ich Sie liebte, mogt' ich nicht von
Ihnen mich lenken lassen - ich wollte Ihnen gegenber kein Kind sein, weil ich
danach strebte, von Ihnen geliebt zu werden.
    Diese Stunde, als der liebgewordene Zgling endlich dieses stolze Gestndni
an Thalheims Herzen ausweinte, war fr diesen die schnste, welche er seit
langer Zeit empfunden.
    Und so hatte von da der stolze, schwrmerische Jngling sich mit der
innigsten Zrtlichkeit an Thalheims Herz gehngt, und oft forderte er in
jugendlichem Aufwallen edelster Gefhle das Schicksal heraus, ihm den Augenblick
zu schicken, wo er dem geliebten Freund beweisen knne, da er bereit sei, fr
ihn zu leben und zu sterben und Alles zu thun und zu dulden und hinzugeben, was
das Leben bieten und das Sterben erschweren knne.
    Monate waren seitdem schon vergangen. Jetzt weilten die Drei in der Schweiz.
Nun eben waren sie an dem Ort angekommen, wo sie die nchsten Briefe zu finden
erwarten konnten. Karl und Eduin empfingen Briefe aus den vterlichen Husern
mit herzlichen Gren und frhlichen Nachrichten von allseitigem Wohlergehen.
Auch fr Thalheim lagen zwei Briefe bereit, der eine von Amalien, der andere von
Bernhard, seinem Bruder. Er wunderte sich, da ihm dieser geschrieben, denn der
Briefwechsel zwischen diesen beiden Brdern war immer unbedeutend gewesen und
hatte sich nur auf einfache Notizen beschrnkt, damit sie nur nicht ganz auer
Verbindung kmen - aber hierher hatte er ihm ja nicht einmal seine Adresse
gegeben. Weil ihm dies Schreiben so befremdlich vorkam, so ffnete er dies
zuerst und warf einen hastigen Blick hinein - und wieder und wieder - und sah
schrfer hin, denn vor seinen Augen flimmerte es und die Buchstaben schwankten
alle unruhig auf dem Papier vor ihm hin und her - sie schienen alle zu
zerfallenden, morschen, schwarzen Kreuzen zu werden, die auf einem Kirchhof
schief untereinander stehen und im Mondlicht am Charfreitag, wo alle Grber sich
erschrocken aufspalten, darauf ruhelos hin und wieder wanken, sich neigen und
beugen - und doch immer schwarze Kreuze bleiben, Kreuze auf einem Kirchhof - so
sagten auch ihm die Buchstaben immer dasselbe, obwohl er es ihnen nicht zugeben,
durchaus nicht glauben wollte - sie stellten sich doch immer wieder so vor ihm
zusammen, da er lesen mute:
    Dein Kind ist todt - Dein einziges Kind Deine Anna!
    Er sa da in sich zusammengesunken - er wagte kaum zu athmen, am Wenigsten
zu denken.
    Mechanisch griff er nach dem andern Brief, der von seiner Gattin kam. Das
Datum, welches er trug, war ein um vier Wochen spteres. Bernhards Brief hatte
wahrscheinlich schon lnger als jener hier gelegen.
    Er las. Nochmals fand er das Grliche besttigt.
    Amalie schrieb ihm:
    Unser Kind ist todt. Ich hatte lange nicht die Kraft, Dir das Entsetzliche
zu schreiben - nun Du es bereits durch Bernhardt weit, finde ich den Muth
eher.
    Sie schilderte ihm herzzerreiend ihren Jammer um den Verlust ihres einzigen
Kleinodes - herzzerreiend die Leiden der letzten Stunden des so frhe Engel
gewordenen Kindes - dann fuhr sie fort:
    So ist auch das letzte Band gelst, das uns noch zusammenhielt, und so ist
auch dies der letzte Brief, welchen Du von mir erhltst. Betrachte mich auch als
eine Gestorbene, als sei ich mit unserm Kinde zugleich begraben worden. Wollte
Gott, es wre so! Fr Dich wenigstens soll es so sein. Binnen Kurzem verlasse
ich meinen jetzigen Wohnort und werde Gesellschafterin bei einer vornehmen und
hochgeachteten Dame - frage nicht das Weitere, sphe nicht danach, wohin wir
gehen, Du sollst es nicht erfahren - auch nicht durch Deine Brder, denn deshalb
habe ich es auch ihnen verschwiegen. So lange ich noch die Mutter Deines Kindes
war, so lange ertrug ich es, von Deiner Gte, welche ich so oft gemibraucht,
auch den Unterhalt fr mich zugleich mit dem anzunehmen, was Du mir zur
Erziehung unseres Mdchens sandtest. Nun hab' ich keinen Zweck mehr im Leben,
fr Dich bin ich gar Nichts mehr - und da es denn einmal gelebt sein mu, so ist
es nun meine Schuldigkeit, mir nun die Mittel zur Existenz selbst zu
verschaffen. Ich habe dazu das passendste Mittel ergriffen, indem ich
Gesellschafterin werde.
    Ich danke Dir nochmals fr alle die Gte und Langmuth, mit welcher Du mich
in den Jahren unserer unglcklichen und qualvollen Ehe behandelt hast. Ich habe
sie nicht verdient, wie ich ja berhaupt Dich selbst und Deinen Besitz niemals
verdiente und verdienen konnte. Du warst ein hheres Wesen neben mir - Du
httest mich niemals lieben sollen - so tief habe ich unter Dir gestanden, das
habe ich wohl gefhlt - und eben weil Du so hoch ber mir warst, konnt' ich Dich
nicht lieben - Deine Gre drckte mich nieder - und um selbst weniger diesem
beschmenden, lastenden Gefhl zu erliegen, strebte ich Dich zu verkleinern.
    Auch Du wirst es mir niemals vergeben knnen, da ich die Kette ward,
welche Dich in niedere Verhltnisse bannte, statt da Du mich erheben wolltest.
Wir haben uns gegenseitig das Leben erschwert, ohne da wir es gewollt haben -
es ist gut, da wir getrennt sind - so wirst Du mich vergessen und Alles, was
ich Dir sein sollte und nicht sein konnte und von mir ist der Druck genommen,
als eine Heuchlerin durch's Leben gehen zu mssen.
    Ich bin allein und grenzenlos elend - aber eben weil ich allein bin, so
trage ich's leichter - so kann ich eher Ruhe finden. Deine Liebe und Gre wird
mir nicht mehr zur Qual, und der Gedanke an Jaromir hat fr mich keinen Stachel
der Liebe mehr - denn wenn ich jetzt noch an ihn denke, so geschieht es nur mit
Ha und Verachtung. - Mein Kind ist todt - ich fange nun an, auch darber
ruhiger zu denken, denn es trstet mich, da es ein Mdchen war, und da ein
Mdchen zu keiner andern Bestimmung geboren wird, als zu der: unglcklich zu
sein.
    Lebe wohl und fr immer - vergieb mir, da ich Dir viele Jahre Deines
Lebens hindurch Glck und Frieden gestohlen habe - ich kann Dir diesen Raub
nicht vergten - aber ich will ihn wenigstens nicht noch vergrern.
    Noch Eines: Du bist durch die Ehe zu unglcklich geworden, als da ich
glauben sollte, es triebe Dich zu einer zweiten Verbindung, Sollte es aber einst
so sein, und ich schleppte mich immer noch unglcklich durch's Leben, so wird
wohl auch unsere gerichtliche Scheidung kein Hinderni finden - wre es dennoch,
so will ich kein Mittel scheuen und jedes Opfer bringen, das im Stande ist, sie
zu bewerkstelligen - und mt' ich mich selbst - ehrlos nennen. Nur in diesem
Falle suche meinen Aufenthalt zu erfahren - auerdem, dies Versprechen nehm ich
Dir ab: frage niemals nach mir.
    Noch ein Mal brachen alle Wunden seines Herzens auf - zwar hatte er nie mehr
an eine Widervereinigung mit Amalien gedacht, zwar hatte er gestrebt, die Liebe
zu ihr aus seinem Herzen zu reien, seitdem er wute, da sie sein innigstes
Gefhl niemals wahrhaft erwidert hatte - aber noch oft war sein lang und
treugehegtes Gefhl strker gewesen, als sein mnnlich stolzer Wille, und oft
noch hatte er jenes als Sieger gefunden. So begann jetzt in ihm ein neuer Sturm
- ihm war zu Muthe wie einem Schiffbrchigen, der das Schiff, auf dem er bisher
heimisch durch die wechselnd trbe und klare Fluth des Lebens gesteuert, unter
sich zerkrachen sieht und Weib und Kind und all' seine Habe von den wilden Wogen
verschlungen und da und dorthin getrieben. - Alles ist untergegangen, begraben,
hinweggesplt - und nur obenauf schwimmt die schne blasse Leiche eines Kindes -
die gebrochenen Augen, die staaren weien Hndchen nach der Stelle zu gerichtet,
wo in weiter Ferne der einsame Vater verlassen und verzweifelnd steht.
    Bei diesem letzten Bilde weilte er am Lngsten und immer wieder.
    Eduin und Karl traten zu ihm und wollten ihre frhlichen Nachrichten vom
Hause fr die seinen austauschen - aber als sie den Verehrten so erschttert und
wie in Verzweiflung zusammengesunken vor sich erblickten, wie sie ihn noch
niemals gesehen, da traten sie ehrfurchtsvoll von ihm zurck.
    Er hatte ihr Eintreten bemerkt und stand auf.
    Er ergriff Beider Hnde und sagte ruhig, indem eine helle Thrne aus seinen
Augen fiel: Sie knnen den groen Kummer, den ich heute erfahren, kaum ahnend
begreifen; ich hatte ein einziges Kind - ich habe Ihnen zuweilen von meinem
kleinen Mdchen gesprochen - - es ist todt. -
    Die Beiden waren zu bestrzt, als da sie vermogt htten, Etwas zu erwidern,
sie drckten ihm nur innig die Hand und sahen zu Boden. Karl weinte, Eduin warf
sich heftig an die Brust des Trauernden.
    Ich bin Ihres Mitgefhls gewi, sagte Thalheim nach langer Pause, aber
lassen Sie mich jetzt allein mit meinem Schmerz in die Berge gehen, ergehen Sie
Sich jetzt zusammen mit heiterern Genossen - ich werde ruhiger werden wenn ich
in der Einsamkeit mit meinem Schmerze trauliche Zwiesprache halten kann.
    Alles, was Sie wollen! sagten Beide.
    Und so ging Thalheim allein hinaus.
    Und so stand er jetzt einsam auf einer Hhe und sah dem Alpenglhen zu, als
sei seine Seele ruhig und ganz verloren in den Anblick eines groartigen
Schauspiels.
    In den Thlern war es schon Nacht - aber die Hhen glnzten noch leuchtend
in Gold und Purpur und Himmelblau.
    Wie hohe Knige, so ragten die ewigen Alpen empor; wie auf festen Thronen
von weiem Marmor, Stahl und Silber - so glnzten die Gletscher; - auf Teppichen
von grnem Sammet mit bunter Blumenkante gestickt - so waren die Matten und
Felder - wie auf solchen Thronen saen die groen Knige, die weiten Mntel von
schneeigem Hermelin umhangen, die das Abendroth zugleich zu schnen Purpuren
frbte, goldne Strahlenkronen auf den ernsten Huptern, von denen die silbernen
Locken und Brte ehrfurchtgebietend niederflossen. Und darber hinweg die blaue
Luft als herab sich senkenden Thronhimmel mit goldner Sternenschrift. - Aber mit
einem Mal, gleichsam wie aus der Tiefe aufgestiegen, krochen schwarze Wolken
schattend und unheimlich zu den Fen dieser Throne heran, lagerten trotzig vor
ihren Fen sich nieder; wuchsen endlich immer hher auf, bereinander sich zu
dicken Knueln ballend und verdichtend; wuchsen endlich herum um die
Purpurmntel mit den Kragen von Hermelin und verhllten sie ganz wie mit grauen
hlichen Decken, und so immer hher, immer weiter, bis nur noch die goldenen
Knigskronen wie mit unvernichtbarer und unerreichbarer strahlender Herrlichkeit
in stolzer Ruhe ber sie hinwegglnzten.
    Aber da begann ein Murmeln, Grollen und Rollen in den finstern Wolken - dann
wurde es lauter, wilder, heftiger, endlich ri eine gelbe Blitzesschlange nach
allen Seiten hinzngelnd die dichteste Wolkenschicht auseinander, und furchtbar
krachend wetterte zugleich ein drhnender Donnerschlag wie erderschtternd vom
Himmel nieder. Mit Eins brach die Blitzschlange von ihrem geheimnivollen Lager
auf und hervor - mit Eins fand der Donner seine furchtbar drhnenden
Posaunentne, mit denen er aus der Hhe hernieder rief wie der Engel des
Weltgerichts - und mit Eins sanken pltzlich die goldnen Kronen von den blassen
Stirnen und silberweien Locken der Knige. Nun begann ein tobender Kampf der
Elemente, es war, als htten alle die Waffen ergriffen, eines wider das andere,
und schleuderten jetzt ihre unheilbringenden, lrmenden Geschosse.
    Und Mitten in diesem Aufruhr stand Thalheim und bot seine Locken dem Sturm.
    Ein Gewitter in der Alpenwelt! Da mogte wohl dem, der es noch nimmer erlebt,
zu Muth sein, als gehe die Welt aus ihren Fugen!
    Aber nicht geringer war der Aufruhr in der Brust dieses schmerzerschtterten
Menschen, der jetzt Mitten in diesem Toben stand. Er fate zuweilen krampfhaft
mit der Hand nach der Stelle seiner Brust, hinter welcher sein zuckendes Herz
schlug, um zu fhlen, wie viel Schlge es wohl noch thun und zugleich aushalten
knne, ehe es ganz breche und vielleicht still stehe.
    Er hatte nicht darauf geachtet, wie in diesem Augenblick eine elegante Dame
am Arm eines vornehm aussehenden Herrn an ihm vorbereilte.
    In der nchsten Htte suchten die Beiden Obdach vor dem Regen, der jetzt
prasselnd und strmend niederfiel.
    Thalheim stand noch in dem Wetter und achtete es nicht. Ein zweiter
Donnerschlag rollte jetzt hinter dem ersten her, vergrub sich immer tiefer
zwischen die Berge, in die Thler, weckte immer neuen Widerhall aus allen
stummen Felsen und rauschenden Wldern - es war, als wrden viel Hundert
Kanonenschlnde auf ein Mal thtig und lieen drhnende Laute hren, welche
nimmer wieder enden und sich zur Ruhe finden wollten.
    Da auf einmal fate Eduin Thalheims Arm und bat: Ach kommen Sie herab in
die Htte, hier kann Sie der Blitz erschlagen - oder wenn das nicht, so
durchnt der strmende Regen Ihre Kleider und Sie knnen sich erklten.
    Thalheim sah erst erschrocken, dann aber freundlich auf den besorgten
Jngling, der, als das Wetter losbrach, die Angst ihn zu suchen getrieben durch
Sturm und Regen - sie schritten miteinander den Berg herab.
    Da stie Eduins Fu auf einen kleinen glnzenden Gegenstand, nach dem er
sich bckte und ihn aufhob. Auf der schnellen Flucht vor dem Wetter betrachtete
er ihn nicht nher und steckte ihn zu sich.
    Auch diese Beiden suchten jetzt in der Htte Schutz, in welche vor ihnen die
Dame und der Herr getreten waren. Diese Beiden saen im Hintergrund auf einer
alten Bank, und die durch den herabsinkenden Abend und das aufsteigende Gewitter
zugleich entstandene Dmmerung lie ihre Gesichtszge nicht weiter
unterscheiden. Eine muntere Buerin, die Bewohnerin der Htte, stand am Eingang
derselben und rief Thalheim und Eduin gleich freundlich entgegen, doch bei ihr
einzutreten, bis das Wetter vorber sei. Die Beiden blieben an der Thre stehen
und sahen von innen dem Toben drauen zu.
    Eduin zog jetzt den kleinen Gegenstand heraus, welchen er vorher gefunden
hatte. Es war ein groes, goldenes Medaillon, am Rand mit Perlen besetzt. Ein
leichter Druck ffnete es. Es zeigte auf Elfenbein gemalt das Bild eines schnen
blassen, jungen Mannes. Immer sphender, verwunderter betrachtete Eduin das Bild
und rief endlich aus: Das ist mein Vetter Jaromir, nicht nur die Aehnlichkeit
tuscht mich - er ist's gewi und wahrhaftig, da steht unten in das goldene
Blttchen eingegraben sein Name.
    Thalheim starrte auf das Bild. Er ist's! sagte er langsam, ward noch
bleicher als vorher und verstummte sogleich wieder, denn dieser Name lie ihn
auf's Neue in ein tiefes Meer schmerzlich grollender Gedanken versinken.
    Was? Sie kennen ihn auch, rief Eduin berrascht, und haben mir nie davon
gesprochen, wenn ich Ihnen von ihm erzhlte, wie er mir schon von Kind auf ein
Vorbild war? Mit tiefster Innigkeit hab' ich ihn immer geliebt und seine schne
Mutter, die, als sie mit ihm in das Haus des Vaters kam, mich zu ihrem Liebling
machte und mich immer auf dem Schoos wiegte, ist meine frhste und liebste
Erinnerung! Wie er dann eine Zeit lang unser Schlo mied und erst wiederkam,
nachdem er reich und berhmt geworden, da sagt' ich mir wohl oft: so will ich
auch handeln und werden wie er! - Und er hatte mich auch recht lieb und war oft
vergngt mit mir und schickte mir immer gleich jedes seiner Lieder. Nun habe ich
ihn seit ein paar Jahren nicht gesehen und pltzlich mu ich hier in den
Schweizer Bergen sein Bild finden. Sollte er gar selbst hier sein? Aber nein!
Das eigne Bild fhrt man ja nicht mit sich!
    In diesem Augenblick trat die Dame, die bisher im Hintergrund gesessen,
schnell vor auf Eduin zu und sagte: Nun ich hier so unerwartet diese
begeisterte Lobrede auf meinen Freund gehrt, darf ich mich wohl als
Eigenthmerin dieses Bildes bekennen und dem glcklichen Zufall danken, der mir
zu der Wiedererlangung des verlornen Kleinodes verhilft und noch dazu durch
einen Verwandten des Grafen - wenn ich recht gehrt?
    Thalheim erkannte die Dame und zog sich von ihr zurck, indem er
unwillkrlich leise fr sich sagte: Bella!
    Eduin aber stand wie bezaubert vor dem schnen Weibe, glhende Rthe scho
auf seine Stirn, er zitterte unwillkrlich und hielt, keines Wortes mchtig, das
Bild hin. Die Schauspielerin Bella reiste von Paris durch die Schweiz zurck
nach Deutschland. Jaromir's Bild begleitete sie immer, sie trug es meist an
ihrem Halse, denn wie leichtsinnig sie auch zrtliche Verhltnisse knpfen und
lsen mogte - ihn zhlte sie nicht mit in die Categorie ihrer gewhnlichen
Liebhaber, fr ihn bewahrte sie in ihrem Herzen einen besondern Platz. Sie
betrachtete ihn mit andern Augen, als die Mnner, welche sie so lange zu ihren
Sklaven machte, bis sie ihrer berdrssig war; sie ehrte ihn als ihren Freund,
und ihr Gefhl fr ihn war ein bleibendes, unvernderliches, aber einfaches
Immergrn, whrend sie wohl fr Andere strkere Gefhle hegte, die aber eben so
schnell wieder abblhten, als sie sich vorher entfaltet hatten und aufgewuchert
waren. So konnte sie jetzt neben Einem ihrer Anbeter, der ihr von Frankreich
gefolgt war, die lebhafteste Freude empfinden, das verlorne Bild des Deutschen
Freundes wieder zu erlangen; so konnte es sie berraschend beglcken, hier
pltzlich sein Lob von jugendlich begeisterten Lippen zu hren.
    Sie nahm jetzt das Bild aus der zitternden Hand des jungen Mannes und sagte:
So habe also ich das Vergngen, Deutsche Landsleute hier zu finden und diesen
dankbar verpflichtet zu werden? Darf ich vielleicht um den Namen des Freundes
des Grafen Szariny bitten - dem ich so viel verdanke?
    Eduin von Golzenau! sagte dieser schchtern und stand da wie trunken,
verloren in Bella's Anblick.
    Drauen aber fuhr ein Wagen vor - es war der Bella's, der Franzose ergriff
ihren Arm, um sie an diesen zu fhren. Sie zog eine Karte aus einer Brieftasche,
gab sie Eduin und sagte: Ich darf jetzt nicht lnger sumen, sonst verfehl ich
die Eilpost, mit welcher ich weiter reisen mu Vielleicht wird mir ein ander Mal
Gelegenheit, Ihnen besser danken zu knnen.
    Sie stieg in den Wagen und fuhr davon.
    Eduin war stumm geblieben - jetzt warf er sich ungestm an Thalheims Brust
und weinte laut.

                     IX. Gesellschaft auf Schlo Hohenthal


 O heilge Stunde, wo in Gottes Strahl
 Zwei Menschenherzen ineinander schauen.
                                                                    Betty Paoli.

Bei dem letzten Besuch des Kammerjunkers von Aarens auf Schlo Hohenthal hatte
ihn die Grfin, da er auch ihren Mann so wenig als Elisabeth getroffen, fr den
andern Tag zum Mittag geladen.
    Wie an jenem Tag Elisabeth zurckgekommen, hatte ihre Mutter ihr noch ein
Mal die ernstlichsten Vorstellungen gemacht, wie unpassend ihr Umgang mit dem
Mdchen eines Mannes sei, welcher ein Feind ihres Hauses wre, weil sie diesen
Umgang selbst verwerfe, indem seine Tochter nicht mehr das Schlo besuchen
drfe, mit einem Mdchen, dem die ganze Umgegend gemeine und unpassende
Handlungsweisen vorwerfe und es dadurch in den belsten Ruf bringe.
    Weiter hatte Elisabeth die Mutter nicht sprechen lassen, sie hatte Aufschlu
und Rechenschaft verlangt, wer sie ber Pauline so ganz umgestimmt, und endlich
- da wenigstens frher die letzten Ansichten die Grfin nicht hatte uern
knnen, da sie gewut, da Aarens dagewesen - diesen errathen. Dadurch wuchs ihr
vorgefater Widerwille gegen ihn bis zum heftigen Unwillen.
    Sie betheuerte ihrer Mutter, da sie Paulinen nur um so mehr liebe, als fade
Gecken sie zu verkleinern strebten. Zuletzt fgte sie bei, da sie Graf Szariny
in der Fabrik getroffen.
    Als Aarens kam, so war Elisabeth ihm gegenber stumm, streng und ernst.
    Eine seiner ersten Bemerkungen war natrlich die, da er unendlich
bedauerte, sie gestern nicht getroffen zu haben, da aber sein widriges
Schicksal ihn doch wieder in Etwas dadurch habe ausshnen wollen, da er sie
noch am Abend wenigstens gesehen - mit dem Grafen Szariny und einem kleinen,
unbekannten Mdchen.
    Mit meiner liebsten Freundin, Pauline Felchner, welche ich besuchte - wie
Ihnen wohl meine Mutter gesagt hat - erwiderte Elisabeth mit stolzem Tone.
    Und wohin Sie Graf Szariny begleitete?
    Von wo er mich zurckbegleitete, da er dort einen Besuch gemacht hatte und
ich den Weg zu Fu zurcklegte. Aarens wute auf diese Strenge und
Unbefangenheit ihr lange Nichts zu erwidern, bis er sich von der Verwunderung
ber die letztere ein Wenig erholt, und dazu bedurfte es bei ihm einiger Zeit.
Er knpfte also ein unbedeutendes Gesprch mit der Grfin an, das nachher
allgemein ward. Whrend dem berzeugte er sich, da er durch einen beleidigenden
und spttelnden Ton gegen Elisabeth Nichts ausrichte, und er suchte daher so
liebenswrdig, sanft und zrtlich als mglich zu erscheinen. Sie blieb ihm
gegenber unverndert.
    Das Diner war vorber, die spteren Nachmittagstunden rckten heran.
Elisabeth hatte es zu arrangiren gewut, da man den Kaffee in einem
hochgelegenen Pavillon des Gartens einnahm, von dem aus man einen Theil der nach
dem Schlosse fhrenden Strae bersehen konnte. Zuweilen warf sie dorthin einen
sphenden Blick - und jetzt schlug ihr Herz hher und sie bemhte sich ein
frhlich aufsteigendes Roth der Wangen zu unterdrcken - denn sie sah
aufwirbelnden Staub - bei einem zweiten Blick zwei Reiter, und bei einem dritten
erkannte sie Jaromir auf seinem Rappen - sie zerpflckte ein paar Grashalme und
hatte Aarens Frage berhrt: ob sie die Morgenoder Abendpromenade schner und
genureicher finde?
    Er mute ihr die Frage noch ein Mal wiederholen und dann sagte sie sinnend:
Die Morgen sind schn, denn da kommt man jugendfrisch aus den Armen des Schlafs
und der Trume, die ganze Schpfung ist wie neu geboren und wir sind es selbst
mit ihr - man wei noch Nichts von Zwang, man lebt noch halb im Traume fort und
schmt sich nicht, wahr und unverstellt zu sein. Sie dachte, als sie dies
sagte, an den Morgen ihres letzten Abschiedes von Gustav Thalheim und ihrer
ersten Rede mit Jaromir - aber sie dachte zugleich an den gestrigen Abend, als
sie weiter hinzusetzte: Aber die Abende sind auch schn - nur in ganz andrer
Weise; da zieht ein wonniges Trumen durch die ganze Natur, und die Natur theilt
es der Menschenseele mit, und da drinnen haust es sich ein in dem klopfenden
Herzen, in dem dann zugleich wie im Freien alle Nachtigallen laut zu schlagen
anfangen und alle Nektargefe verhllender Blthen sich ffnen.
    Ihre Gedanken weilten bei Jaromir, den sie so eben gesehen, es war ihr, als
wenn sie schon mit ihm sprche, und jetzt hielt sie pltzlich inne, als sie sich
besann, da Aarens es war, der ihr gegenber stand und zu dem sie in solcher
Weise geredet.
    Aarens, obwohl er sich ber diese Sprache verwunderte, fand doch, da er
Elisabeth nie schner und hinreiender gesehen, als in diesem Augenblick - und
er war eitel genug, sich diese pltzliche Gehobenheit ihres ganzen Wesens zu
seinem Gunsten auszulegen.
    Elisabeth entfernte sich auf einige Augenblicke bis zur nchstgelegenen
Laube, sie war seltsam bewegt - ihr war, als msse sie einen freien,
unbeobachteten Blick zum Himmel emporschicken, weil sie jetzt sich im Innersten
so wunderbar selig durchschttert fhlte, weil ihr war, als strahle der blaue
Himmel gerade in ihr Herz und wohne in diesem.
    Auch dies augenblickliche Entfernen und die ruhige Freudigkeit, welche, als
sie zurckkam, auf ihrem Gesicht thronte, legte Aarens zu seinen Gunsten aus,
und er wollte eben wieder ein empfindsames Gesprch mit ihr beginnen, als ein
voraneilender Diener: Graf Szariny und Herr von Waldow meldete, welche ihm
langsam folgten. Aarens hatte groe Lust, mit dem Fue zu stampfen, da er dies
aber als Mensch von gutem Ton unmglich konnte, bi er sich die Lippe beinah
blutig und wnschte nur stumm, aber von Grund der Seele aus, die lstigen
Ankmmlinge in's Pfefferland, in die Hlle, oder zu allen Teufeln; nur so weit
als mglich weg. Diese christlichen Wnsche halfen ihm aber leider nur sehr
Wenig, denn statt sich zu entfernen kamen, die Beiden immer nher und ein
innigerer, zwei Menschen beglckenderer Blick ward noch nie gewechselt, als der
erste, mit welchem sich Jaromir und Elisabeth begrten. Zum Glck war Aarens
noch zu sehr verblendet von der ersten Wuth ber die Ankunft der neuen Gste,
als da er htte diesen Blick bemerken sollen.
    Aber wenn auch dieser erste Blick ihm entging, so sah er doch bald, da
zwischen diesen Beiden ein geheimes, ses Einverstndni walten msse, das ihm
unertrglich war. Er sann nach, wie er dies stren knne, und war whrend des
ersten Gesprchs ziemlich schweigsam.
    Nachher sagte er leicht und halblaut zu Jaromir, aber doch laut genug, da
es wie zufllig Elisabeth hren konnte. Nicht wahr, ein niedliches Kind die
kleine Felchner? Ich sah Sie gestern mit ihr. - Sie stehen bei ihr in groer
Gunst, wie ich hre?
    Jaromir sagte unbefangen aber ernst: Sollten Sie das Frulein auch kennen?
    Nun, Sie brauchen nicht gleich eiferschtig zu sein, sagte in demselben
leisen Tone wie vorher, doch zugleich ironisch lachend, Aarens. Ich kenne Sie
nur von Ansehen und habe ihr noch keinen Besuch gemacht - aber man bemerkt unser
Flstern - und rasch gegen die Gesellschaft gewendet, fuhr er laut fort: Ich
erging mich eben im Lobe von des Grafen Kunstgeschmack, der sich in allen
Dingen, welche er auswhlt und anordnet, bewhrt - auch in der Wahl seines
Pferdes und Reitzeuges.
    Da ein Gesprch von Pferden beginnen konnte, war Waldow ganz in seiner
Sphre; er richtete deshalb sogleich mehrere Fragen an Jaromir, welche dessen
Pferde betrafen, so da dieser ihm antworten mute, whrend er gern Aarens,
dessen Reden und Benehmen ihm befremden mute, etwas Zurechtweisendes htte
erwidern mgen. Der Graf Hohenthal selbst nahm an dem Pferdegesprch lebhaften
Antheil, lie es nicht sogleich wieder sinken, und so kam es, da dies Mal
Aarens ungestraft davon kam. Von den Pferden kam das Gesprch auf Thierqulerei,
der alte Graf legte in diesem Punkt das grte Zartgefhl und den jugendlichsten
Enthusiasmus fr alle diesen Punkt betreffende Vereine an den Tag - und um nur
die Unterhaltung endlich von dem lieben Vieh hinwegzubringen, ging Jaromir von
der Thierqulerei zur Menschenqulerei ber.
    Es ist wahr, den Thieren wird oft eher geholfen, als den Menschen - so
will's die moderne Barmherzigkeit.
    Natrlich, weil die Menschen sich selbst helfen knnen - sagte Aarens.
    Das sagen Sie - nicht ich, versetzte Jaromir - Was meinen Sie dazu, wenn
nun die untern Classen beschlieen, sich selbst zu helfen, und wir haben dann
z.B. einen Aufstand der Eisenbahnarbeiter wie der jetzige?
    Also wre es wirklich gegrndet? sagte der Graf Hohenthal. Ich glaubte
den Nachrichten meiner Leute nicht.
    Die Grfin ward todtenbla und sagte: Mein Gott, was wollen denn diese
Menschen? Ach, es ist eine entsetzliche Zeit, in welcher wir leben mssen!
    Gewi, fgte Aarens bei, eine widerwrtige Zeit, wo nicht einmal mehr der
gemeinste Pbel in seinen Schranken bleiben will. - Doch wozu hat man Soldaten?
Es ist Frieden, und da einmal das Militair da keine Beschftigung hat, so
benutze man es hier und mache es zu seiner Hauptaufgabe, diese Volkshefe, wenn
es nicht anders mglich, durch die Gewalt der Waffen im Zaum zu halten.
    Das wre ja frchterlich - Brder gegen Brder - das knnte doch kaum der
uerste Punkt der Nothwehr entschuldigen. - Sie denken wie ich, Graf Szariny?
fragte Elisabeth.
    Ich denke wie Sie, aber ich wei, da Ansichten, wie die des Herrn von
Aarens, in den hchsten Kreisen sehr viel Vertreter finden - ich befrchte
Schlimmes - sagte der Gefragte.
    Elisabeth fhlte sich pltzlich von einer schrecklichen Angst erfat. Das
sind Dinge, von denen ich frher keinen Begriff hatte. Ich sah die untern
Classen immer nur von fern, wie sie friedlich ihre Arbeit verrichteten, vom
Morgen bis zum Abend, und dabei zufrieden aussahen. Diese Leute, sagte ich mir,
wissen es nicht anders, ihr mhvolles Tagewerk ist ihnen wohl gar eine
freundliche Gewohnheit; die Leiden, welche sie uerlich treffen, sind ihnen
vielleicht nicht hrter, als diejenigen, welche die Wohlhabenden und Reichen
geistig empfinden und in ihrem Herzen durchzukmpfen haben.
    Und so ist es auch, unterbrach sie ihre Mutter, diesen Leuten ist nicht
Entbehrung, was uns so scheint - sie sind in vielen Dingen glcklicher, der
Hunger wrzt ihr Mahl, von der Arbeit ermdet schlafen sie auf hartem Lager
besser, als wir auf weichen Polstern, der Feierabend giebt ihnen genureiche
Stunden, die gewi so wohlthuend sind, da wir uns gar keinen Begriff davon
machen knnen.
    Gewi, nahm Aarens das Wort, es ist Nichts als wahre Sittenverderbni,
was den Pbel unzufrieden machen kann; Faulheit, Trunksucht und Ausschweifungen
aller Art sind die Ursachen des Elendes, welches sich ffentlich zur Schau
stellt, um unsere Augen auf sich zu ziehen, unser Mitleid zu erregen, damit wir
ihm die Mittel geben, ein sittenloses Leben fortzusetzen.
    Elisabeth nahm hastig wieder das Wort, das man ihr vorher abgeschnitten
hatte, und sagte: Ach nein, nein! Jetzt wei ich es anders! Wir brauchen hier
nicht weit umzusphen, um die Noth der untersten Classen in ihrer rgsten
Gestalt zu erblicken - und seitdem ich sie gesehen, seitdem hab' ich mich oft
Hundert Mal gefragt, was es denn eigentlich sei, das diese Unglcklichen noch
dazu vermge, freiwillig die hrtesten Arbeiten zu verrichten, da sie fr ihren
geringen Tagelohn sich doch nie eine glckliche Stunde kaufen knnen. Das
Gewissen? Die Moral? - Kann das Menschen zurckhalten, deren Sitten man so
verdorben schildert und die man wirklich entsittlicht hat? Und wenn sie
tagtglich gegen sich unrechte Bedrckungen erfahren, knnten sie dann nicht
einmal sagen: Wenn Jene gegen uns unredlich sind, warum wollen wir es nicht
wieder gegen sie sein? - Und seitdem ich mir dies gesagt habe, seitdem berfllt
mich oft ein entsetzliches Grauen - denn wenn sich der Pbel entfesselt und
aufsteht, welche Schrecknisse werden dann ber uns Alle hereinbrechen? - Und Sie
sagten: es sei wirklich geschehen?
    Jaromir antwortete, indem seine Augen bewundernd in Liebe und Stolz an
Elisabeth hingen: Noch ist weiter Nichts geschehen, als da ein paar Hundert
Eisenbahnarbeiter einen erhhten Lohn fordern und unterdessen Nichts gethan
haben, als ihre Arbeiten friedlich eingestellt - das ist ja noch keine Emprung.
Vielleicht ist es ein wohlthtiges Warnungszeichen fr alle die, welche die
Macht hier zu helfen oder zu bedrcken in den Hnden haben, da es besser sei,
den armen arbeitenden Klassen freiwillig Concessionen zu machen, ehe sie einmal
in wilder Raserei den Versuch machen sollten, die Ordnung der Dinge umzukehren
und sich reich und die Reichen arm zu machen. Fr's groe Ganze ist so
vielleicht, wenn auch gerade nur indirect, dieser gefhrlich aussehende Schritt
der Eisenbahnarbeiter von guten Folgen.
    Ich vernehme hier seltsame Ansichten, sagte der Graf Hohenthal; kaum wei
ich, ob ich recht hre und sie fr Scherz oder Ernst nehmen soll - aus dem Mund
meiner Tochter wenigstens klingen sie mir befremdend. - Und auch Sie, Graf,
knnen Sie wirklich glauben, da die Eisenbahnunternehmer sich von ihren
Arbeitern werden Vorschriften machen lassen? Ist es denn nicht schon entsetzlich
genug, da jetzt jeder Brger sich anmaen mgte, auch mit regieren zu knnen,
und da ein verblendetes Zeitalter ihm dies wirklich als ein Recht einrumt -
sollen wir es auch noch erleben, da der unterste Pbel nun dem Brger
nachdrngt und auch auf seine Weise im Lande Vorschriften machen mgte?
    Jaromir zuckte die Achseln, er kannte den starren Aristokratismus des
Grafen, mit dem dieser noch festwurzelte in einer Weltanschauung frherer
Zeiten, aus welcher es unmglich war, ihn in eine neue zu versetzen. Der Stamm
war in jener Zone allein ernhrt zu fest und altersgrau geworden, um jetzt noch
der Versetzung fhig zu sein, darum und aus Rcksicht gegen den Hausherrn und
gegen Elisabeths Vater sagte er, um ihn nicht zu beleidigen, nur leicht:
Freilich, htte man gedacht, da es so kommen werde, so wrde man dem Brger
auch noch lnger verweigert haben, was man ihm zugestand, halb freilich
gezwungen und von den Verhltnissen gedrngt, aber doch auch halb freiwillig.
    Elisabeth, die auf Jaromirs Antwort ngstlich gespannt gewesen war, weil sie
zwischen ihm und dem Vater einen Zusammensto frchtete und Nichts lieber
vermied, vernahm diese ruhige Antwort, welche sogar eine doppelte Deutung
zulie, mit Freude, und um nun das Gesprch von diesem Gegenstand
hinwegzulenken, machte sie darauf aufmerksam, da auf dem Platz, welchen man bis
jetzt eingenommen hatte, die Sonne so vorgerckt sei, um sie bald Alle zu
bescheinen, und da man ihn dehalb wohl mit einem andern vertauschen knne.
    Der Vorschlag fand Beifall und beendete glcklich ein Gesprch, in welchem
so verschiedene Ansichten aufgekommen waren.
    Man hatte sich kaum an den andern Platz begeben, als zum Bewei, wie man die
Gastfreiheit auf Schlo Hohenthal zu schtzen wute, Rittmeister von Waldow und
Geheimrath von Bordenbrcken mit ihren Frauen anlangten.
    Der Vorgang bei dem Eisenbahnbau war und blieb aber einmal die groe
Neuigkeit des Tages und ward jetzt abermals Stoff der Unterhaltung.
    Der Geheimrath that uerst geheimnivoll, versicherte aber, da er genau
wisse, da sofort Militair requirirt worden sei, und da dies gewi wieder zur
Ordnung verhelfen werde. Da einige Auslnder, welche auch bereits verhaftet
wren, die inlndischen Arbeiter aufgehetzt, die hoffentlich selbst einsehen
wrden, wie sehr sie im Unrechte wren. Im Ganzen sei die Sache hchst
unbedeutend, kaum der Rede werth, man habe nur unntzen Lrm gemacht, die Leute
wren dort gar nicht unzufrieden, wie er selbst von den Besserdenkenden gehrt.
- Alles sei auch mit daher entstanden, da man in den Zeitungen lauter Lgen
verbreite, wie man in Frankreich und England hhern Lohn erzwinge, da die
Deutschen Arbeiter es auch so haben knnten, da sie selbst schuld wren, wenn
man sie schlecht bezahle - so sei die freche Tagespresse mit ihrem Geschrei an
Allem Schuld u.s.w.
    Der Geheimrath spielte das Berichtigungsbreau in eigner Person ganz comme
il faut, auch, da er sich in einem Athem viel Mal widersprach, pate vollkommen
zu dieser Rolle.
    Die so vergrerte Gesellschaft blieb auf der Grfin Aufforderung bis zum
Abend im Schlo vereinigt.
    Der Abend dmmerte fr die Jahreszeit frh, trbe und khl herein, und man
beschlo, sich zum Souper in das Schlo selbst zu begeben. Durch den Park hatte
man bis dahin ein ziemliches Stck Wegs zurckzulegen.
    Elisabeth neben Jaromir war ein Wenig zurckgeblieben von den Andern. Sie
lenkte jetzt in eine Seitenpromenade ein, welche von den Uebrigen nicht betreten
wurde, und sagte zu ihm: Wenn wir einen Umweg von zehn Schritten machen, kann
ich Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen, zu dem ich immer gehe, wenn ich mit der
Natur allein sein will, um zu lesen oder zu trumen.
    Wie dank' ich Ihnen, wenn Sie mich zu dieser geweihten Stelle fhren!
sagte er. Und jetzt, wo Niemand da ist, um uns zu widerlegen, Niemand von all'
Denen, welche es noch nicht begreifen knnen oder nicht begreifen wollen, da
man ein warmes Herz hat fr alle Menschen, und fr die Unglcklichsten das
wrmste, jetzt kann ich Ihnen sagen, wie laut mein Inneres jubelte, als ich Ihre
Worte hrte - die mir bezeugten, da Sie anders dachten, wie - nun wie man sonst
denkt, wenn man in einem Schlosse unter den Augen ehrwrdig-stolzer Ahnenbilder
erzogen!
    Und haben Sie nicht ein gleiches Loos und denken doch auch wie ich? sagte
sie.
    O, doch nicht gleich! Doch mu ich verwundert fragen, woher Sie die Armuth
und ihr Unglck und ihre Versuchungen kennen gelernt haben? Ich kenne sie - denn
mir waren sie alle Genossen!
    Ihnen? Ihrer Phantasie - Ihren Dichterwerken.
    Warum sollt ich mich schmen, Ihnen die Geschichte meiner Armuth zu
erzhlen? Meine Mutter hatte aus Polen flchten mssen, glaubte sich dadurch
ihrer Gter verlustig. Ein Verwandter, Graf Golzenau nahm mich, den Knaben, auf
und lie meine Erziehung vollenden. Wie ich zum Jngling geworden, konnt' ich es
nicht mehr ertragen, von Anderer Gte zu leben, da ich sah, wie Tausende neben
mir sich auch ohne Vermgen und fremde Untersttzung durch's Leben schlagen
muten - ich nahm Nichts mehr an von meinem Verwandten - und so lebt' ich in
Armuth und Drftigkeit whrend meiner schnsten Jugendjahre - und daher kenn'
ich die Armuth und ihr Unglck und ihre Kmpfe und ja - auch ihre Versuchungen.
    Er konnte niemals dieser Zeit denken, ohne bis in seine innersten Tiefen
erschttert zu werden; so hielt er auch jetzt inne, als sie im Gehen in eine
kleine Rotunde gekommen waren, und lehnte sich auf eine kleine weie
Marmorsule, mit der einen Hand seine Augen bergend, mit der andern nach der
Elisabeths fassend. Sie gab sie ihm willig, drckte die seine innig und trat
nher zu ihm.
    Die Rotunde, in welcher sie standen, war von hohen Eichen gebildet, die
dicht nebeneinander standen, daran eine Hecke weier und rother Rosen. Wilder
Wein rankte an den Eichenstmmen empor und zog seine grnen Guirlanden von einem
zum andern, sie so mit einander verbindend. Wie ein kleiner Thron vor der
Rosenhecke unter diesem grnen Thronhimmel von Eichenlaub und flatternden Ranken
erhob sich ein schwellender Moossitz, zu dem zwei Stufen fhrten, ebenfalls mit
sammetnen Moos wie mit einem grnen Teppich berkleidet. Zwei kleine weie
Marmorsulen erhoben sich daneben, auf der einen stand mit goldenen Buchstaben
eingegraben: Trume! auf der andern: Ruhe!
    An einer dieser Sulen lehnte jetzt Jaromir.
    Das ist mein Heiligthum, in das ich Sie fhren wollte! sagte Elisabeth.
    Er warf erst jetzt einen Blick auf seine Umgebung und rief davon bezaubert
aus: Ja, das ist eine heilige Friedensstelle! Und indem er Elisabeth zu der
Moosbank fhrte, sagte er lchelnd: Nehmen Sie Ihren Thron ein, Knigin!
    Sie wollte nicht die Stufen hinauf und sagte: Zu lngerem Weilen haben wir
keine Zeit - die Andern -
    Und wozu diese Andern? fiel er ihr in's Wort. Wir haben bei ihnen schon
schne Stunden verloren - warum ihnen unausgesetzte Opfer bringen? Wenigstens
fr einige Momente knnen wir uns ihnen entziehen! und er drngte mit sanfter
Gewalt Elisabeth auf den Sitz und warf sich selbst auf die oberste Stufe, so da
er zu ihren Fen sa.
    Elisabeth! flsterte er, und ihre Hand immer noch in der seinen haltend,
sah er mit einem unbeschreiblichen Liebesblick zu ihr auf.
    Sie las in diesem Blick, was er ihr zu sagen hatte, eine se Beklemmung
berfiel sie - aber mit jungfrulicher Schchternheit suchte sie seinem
Gestndni auszuweichen, es noch zu verhindern, und sagte sanft aber ein Wenig
zitternd: Sie sagten mir, wie Sie zum Verstndni der Armuth gekommen, und ich
bin Ihnen das Gleiche noch schuldig. Ich hatte im Institut, wo ich erzogen ward,
einen Lehrer, den ich auf's Innigste verehre. Durch lange Krankheit seiner
Gattin und ich wei nicht, durch welches Migeschick noch, lebte er in der
tiefsten Armuth, die er Jedermann verbarg. Aber ich habe erfahren, wie
schrecklich auch dieser hohe Mensch darunter gelitten - und er lehrte uns
Mitleid haben mit dem Elend und der Noth der Niedriggeborenen; und als er zum
letzten Mal von uns Abschied nahm von mir und von meiner guten Pauline, welche
Sie gestern kennen lernten, so muten wir ihm versprechen, auch in den Armen und
Unwissenden den Menschen zu ehren und ein liebendes Schwesterherz ihnen zu
bewahren. Pauline hat den grten Wirkungskreis dies zu beweisen und sie thut's,
und durch sie hab' ich hier die Noth der rmsten Classen gesehen, vielleicht in
ihrer schlimmsten Gestalt.
    Er hrte ihr zu, ganz in ihrem Anblick versunken, er zog ihre Hand an seine
Lippen und blieb so darauf ruhen. Dann sagte er: So hat vielleicht nur dies
Unglck, das Sie gesehen, dstere Schatten auf ihr Jugendleben geworfen, so sind
Sie vielleicht nur unglcklich gewesen fr Andere, und nicht, weil Sie selbst
ein Leiden traf? Elisabeth! Dies Selbstvergessen - diese Engelmilde - -
    Sie unterbrach ihn: Denken Sie nicht zu schn von mir! sagte sie. An
jenem Tage, in jener Morgenfrhe, als Sie mich allein und weinend fanden, hatte
ein egoistischer Schmerz mich niedergeworfen - ich hatte den letzten Abschied -
vielleicht fr's ganze Leben von meinem verehrten Lehrer genommen. Jetzt hab'
ich in das Unvermeidliche mich fgen lernen, aber da ich ihn entbehre, hat mich
noch manche Thrne gekostet.
    Elisabeth! Wenn Sie den Freund verloren, der ihr Lehrer war - werden Sie
den andern Freund verstoen - den andern Freund, Elisabeth - der Sie liebt?
    Sie neigte sich zu ihm herab - er erhob sich von seinem Sitz zu ihr hinauf.
- Jaromir! flsterte sie leise und hing zitternd in seinen Armen.
    Nach ein paar Minuten selig stummer Berauschung des Einen im Anschauen des
Andern, wo bei dem innigen Anschmiegen ihre Augen einander wiederspiegelnd eine
ganze wunderreiche Traumwelt ffneten, schreckten sie ein paar Vgel, die ein
liebejauchzendes Brautlied sangen, aus sem Selbstvergessen auf.
    Wir mssen in das Schlo! sagte sie, entwand sich seinen Armen und lie
nur ihre kleine Hand in der seinigen, an der sie ihn aus der Rotunde zog.
    Und wenn ich jetzt gehorche - darf ich morgen diese Sttte wieder betreten
- wenn wir allein sind? fragte er.
    Ich ruhe dort alle Nachmittage aus - sagte sie schchtern.
    So sind wir morgen dort wieder vereinigt! gelobt' er.
    Als sie jetzt wieder zur Gesellschaft, die bereits im Schlosse angelangt
war, zurck kamen, war bei dieser das Gesprch ber die Eisenbahnarbeiter wieder
im grten Schwunge. Der Rittmeister hatte es jetzt glcklich in eine neue Phase
gebracht, indem er, ein trauriger Beweis der tglich herabkommenden
Aristokratie, diesen traurigen Umstand dem Ausschwung der Industrie zuschrieb.
Er konnte es niemals Herrn Felchner vergeben, da er seinen Wald in Besitz
genommen und fr Pauline die Hand seines Sohnes Karl ausgeschlagen habe. Er
schimpfte also jetzt auf die Thyrannei aller Fabrikherren und nahm ihnen
gegenber die arbeitenden Classen in Schutz. Am Ende vereinigte man sich gar
dahin, ber die Ablsung zu klagen, die Abschaffung der ganzen Frohndienste als
ein Werk zur Entsittlichung darzustellen, es schrecklich zu finden, da auch der
gemeine Mann auf dem Dorfe jetzt lesen und schreiben knne und diese fr seinen
Beruf ganz unntzen Dinge auch so unntz anwende, da er z.B. Zeitungen lese und
da nur aus dieser Ueberbildung alles Unheil komme. Denn die Eisenbahnarbeiter
wrden sich jetzt nicht erhoben haben, wenn die Presse sie nicht aufgereizt, da
aber die grte Ungerechtigkeit doch die sei, da jetzt gemeine Brgerliche,
Industrielle die Herren der Welt wren, und da gegen diese, weil sie eben nicht
viel besser als sie selbst, der niedere Pbel sich zu empren wage, whrend er
vor einem adligen Wappenschild immer noch Respect gehabt.
    Man war so in das Gesprch vertieft, da nur Aarens die Versptung des
Paares bemerkt hatte, aber doch ihren wirklichen Grund noch nicht ahnte.

                                X. Versuchungen


 Auch Dich beschimpfte man als Knecht -
 So oft die Stirn Du wolltest heben.
 Doch bist Du Mensch und hast ein Recht
 Auf Deinen Antheil Lenz und Leben!
                                                                 Alfred Meiner.

Einige Tage spter, als man eben Feierabend in der Fabrik des Herrn Felchner
gelutet hatte, gingen Wilhelm und Franz miteinander von der Arbeit nach Hause.
    Franz, weit Du es schon?
    Ich wei Alles!
    Und wutest es wirklich schon voraus, wie Du vorhin sagtest?
    Wut' es!
    Und warum hast Du es verschwiegen?
    Das ist einfach - damit nicht auch wir mit in's Unheil kmen.
    Nein, so ist es nicht - Du hast sie in das Unheil gebracht - Du bist an
Allem Schuld!
    Ich? Bist Du rasend?
    Mgt' es bald fein, Franz, rasend vor Wuth - seit Du nicht mehr der
ehrliche Kerl bist wie sonst, der Leib und Leben gelassen htte fr die
Kameraden, wenn's zu helfen gegolten - jetzt bist Du feig und ngstlich
geworden.
    Wilhelm! Nimm Dich in Acht! Das drfte mir auer Dir Keiner sagen! Und rede
vernnftig, ich wei nicht, wo Du hinaus willst mit Deinen Beschuldigungen.
    Nun schau - Du sagst, gleich am ersten Abend, wie es geschehen, sei der Adam
aus Hohenheim zu Dir gekommen und habe Dir gesagt, da die Eisenbahnarbeiter
jetzt Feiertag machten.
    Ja, das ist wahr.
    Warum hast Du das uns nicht gleich gesagt; htten wir es gewut, so htten
wir gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen knnen - wir htten den Tag auch
gefeiert.
    Da Ihr rasend genug gewesen wret - und die Soldaten htten uns dann mit
dem Bajonnette zur Arbeit gehetzt, wie sie es an der Eisenbahn gemacht haben.
Dort arbeiten sie nun wieder gerade wie vorher, fr dasselbe Geld, nur da sie
ein paar Tage Lohn eingebt haben, wo sie Nichts machten. Traurig freilich, da
es so ist, da nicht einmal der sogenannte freie Arbeiter seine Arbeit
verwerthen kann wie er will, und da man aus dem, was sonst jeder Handwerker,
jeder Kaufmann darf: seine Arbeit, seine Mhe bezahlt zu nehmen wie er will, den
um Tagelohn arbeitenden Armen ein Verbrechen macht. Aber es ist ein Mal so! -
Das haben auch die Eisenbahnarbeiter vorher wissen knnen - und unter ihren
Verhltnissen ist, was sie thaten auch wirklich Unrecht, denn es ist ein
Wortbruch, da sie sich vorher anheischig gemacht hatten, um den ihnen einmal
bewilligten Lohn zu arbeiten - sahen sie, da sie es so nicht lnger aushalten
konnten, so htten sie wenigstens einen gesetzlichen Termin abwarten sollen, wo
sie die Arbeit in Ruh und Friede kndigen konnten.
    Aber das wrde ihnen auch Nichts geholfen haben - im besten Falle htten
sie dann doch nur die Wahl gehabt: entweder fr den kargen Lohn fortzuarbeiten,
oder pltzlich arbeitslos - zu verhungern.
    Nun freilich schlimm genug, da es so ist - aber wie kommst Du dazu, mir
Vorwrfe zu machen?
    Wenn wir gewut htten, da unsere entfernten Kameraden sich erhoben, so
wrden wir ihnen gefolgt sein und gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht
haben. Dann wren wir ihrer gleich mehrere Hunderte gewesen und die paar
Soldaten htten Nichts vermogt.
    Nun, und was wre denn dabei noch herausgekommen, da Du erst selbst sagst,
da wir auf diesem Wege nicht zu unsrem Rechte kmen?
    Auf diesem Wege freilich! - Aber was haben wir denn zu verlieren, warum
sollten wir nicht einmal Alles wagen? warum nicht wider die Reichen zu Felde
ziehen - sie mgten dann sehen, ob denn wirklich in ihrem Gold ein allmchtiger
Gott wohne, da wir gar Nichts gegen sie ausrichten knnten!
    Bruder, Bruder - lass' diese frevelhaften Reden!
    Ei ja doch - frevelhaft! Und was sind denn die Handlungen der Reichen?
Nenne mir doch einen Frevel, den nicht sie an uns verbt haben? Wir sind schon
im Mutterleibe verflucht und von der Berechtigung als Menschen zu leben
ausgeschlossen - und so geht es fort, Fluch an Fluch und Frevel an Frevel ber
uns, an uns, durch unser ganzes elendes Leben, und so geht es wieder fort auf
unsere Kinder und Kindeskinder. - Aber nein! So soll es nicht lnger fort gehen
seit dem Tage, wo mir jener Brief an Dich die Augen mit Eins geffnet!
    Ach, jener Brief, wr' er nimmer gekommen!
    Nein, das war ein Glckstag, wo er kam, den hab' ich als meinen Feiertag
roth angestrichen im Kalender.
    Wilhelm - meinst Du, ich habe nicht Alles das, was Du vorhin aussprachst,
in meinen bsen Stunden auch gedacht, Tausend Mal mir gesagt, mir wiederholt,
immer wieder und wieder? Denkst Du nicht, ich habe oft Stunden lang in das
unselige Papier gestarrt, es weggeworfen, wieder hergeholt, immer noch ein Mal
durchgelesen - und dann mit mir gerungen und gekmpft Tag und Nacht? Auf meine
Kniee bin ich gestrzt und das Vaterunser, wie mich's allabendlich die Mutter
beten lehrte, da ich ein Knabe war, ist mir wieder durch die Seele gezogen, und
auf die Lippen trat immer das einzige Gebet: fhr' uns nicht in Versuchung!
    Ja wenn Du immer noch denken willst: beten hilft!
    Mir half's - ich habe berwunden, ich brauchte nachher nicht mehr zu beten,
ich hatte endlich die Kraft, da ich sagen konnte: Hebe Dich von mir, Versucher!
Und da ward ich sein los.
    Da Du ein Feigling bist, mag ich nicht glauben - so bist Du ein Schwrmer,
und mit solchen Leuten fngt man Nichts an.
    Sieh einmal, Wilhelm! sagte Franz mit milder treuherziger Stimme und
Thrnen traten dabei in seine Augen und mit seiner einen Hand ergriff er die
Wilhelms, mit der andern klopft' er ihm freundlich auf die Schultern: Sieh
einmal, Wilhelm, wir waren einander die besten Freunde, waren uns Herzensbrder!
Wir hatten immer einerlei Meinung und haben zusammen manche gute Einrichtung zu
Stande gebracht unter unsern Kameraden, wir haben das Beste gewollt und
gestrebt, der allgemeinen Neth entgegen zu arbeiten, und habennie Etwas fr uns
gewollt, oft unsere letzten Groschen hingegeben. Fr einander haben wir noch
manches Hrtere ertragen, aber mehr noch, als da wir selbst Eines fr das
Andere zu Aufopferungen fhig waren, freute und strkte es uns, da wir in Allem
gleich dachten, da wir miteinander all' diese Tausend Dinge besprechen konnten,
welche fr unsere Kameraden ein fremdes Gebiet sind - und da dann Keiner von
uns einen Gedanken oder ein Gefhl aussprechen, das nicht der Andere schon
gehabt hatte, oder dann wenigstens sogleich erfassen und theilen konnte - und
wie anders ist das jetzt geworden! Es ist, als ob wir einander gar nicht mehr
verstnden - und obwohl wir noch allabendlich uns zusammenfinden, mit einander
plaudern, so will's niemals mehr werden wie sonst - und obwohl Du mich gerade
immer aufsuchst, begegnet mir doch Keiner der Kameraden so hart wie Du.
    Weil eben Keiner wie ich so auf Dich gebaut und vertraut hat - und sich nun
so von Dir hintergangen sieht!
    Hintergangen? Doch ich begreife, wie Du das meinst - weil ich nicht Deinem
unsinnigen Verlangen nachgegeben habe und unsere Genossen aufgehetzt, wie es
einzelne Auslnder unter den Eisenbahnarbeitern gemacht haben.
    Nicht allein deshalb habe ich mich in Dir getuscht, sondern weil Du auf
einmal nicht einsehen willst, was allein vernnftig ist - Du, von dem ich immer
besser dachte, als von mir selbst, den ich fr verstndiger hielt als mich und
all' die Andern -
    Ach, so thu' dies nur auch das eine Mal, mitraue Dir und Deiner
unzufriedenen Heftigkeit, die Alles verderben wird - traue nur dies Mal meiner
ruhigen Ueberlegung - ich habe das sonst nie von Dir gefordert, jetzt fordre
ich's - Dich verblendet Leidenschaft - Du hast Dich irre fhren lassen.
    Nein! Ich habe nur zum ersten Mal begriffen, wie lange ich irre geleitet
gewesen bin, wie wir Alle es sind, wie die ganze Gesellschaft es ist - jener
Brief hat mir die Augen geffnet. Du hast es nicht hindern knnen, ich habe mir
daraus wenigstens eine Stelle abgeschrieben, und sie Einigen mitgetheilt.
    Wilhelm - um Gottes Willen, welche?
    Diese - sagte Wilhelm und zog ein beschmuztes Blatt Papier hervor, auf
welchem stand:
    Wir wollen nicht mehr lnger geduldig unser elendes Leben fristen - wir
haben Alle gleiche Rechte, gleiche Ansprche auf gleiche Gensse. Unsere Bitten
rhren nicht die versteinerten Herzen der Reichen, freiwillig geben sie kein
Theilchen ihres Besitzes ab. Es wird Zeit, da wir ihnen nehmen, was sie uns
nicht geben wollen. Wir haben ja Nichts zu verlieren, wir knnen schon einmal
Etwas wagen. Ja wir knnen Alles wagen - es ist unsre Pflicht. Die Reichen mgen
sich in Acht nehmen, wir werden sie aus ihrer behaglichen Ruhe aufschrecken. Wir
haben Nichts mehr zu verlieren, denn wir haben schon Alles verloren durch ihre
Erpressungen, ihre Betrgereien, ihren Privaterwerb, ihr Erbrecht. Sie haben zu
verlieren, was sie uns entzogen - und das mssen sie verlieren. Man will uns
sagen: das Bestehende drfe nicht umgestrzt werden! - Aber wodurch ist das
Bestehende gut und unverletzlich gemacht? Es ist schlecht, soll man das
Schlechte beibehalten? Aendere hiee die Ordnung stren, sagt man. Aber der
jetzige Zustand ist kein geordneter, er ist eine Unordnung, da dem Einen mehr
Recht gegeben ist, als dem Andern. Wre es Ordnung, wenn Millionen hungern und
mit der Armuth kmpfen, whrend einige Tausend Reichthmer aufhufen und mehr
haben als zu einem glcklichen Leben nothwendig? - Die Noth wird grer und
grer - es handelt sich um Sein und Nichtsein des grten Theils der Menschheit
- wir mssen siegen oder sterben! - Nicht ewig wollen wir die Diener der Reichen
sein, wir haben gerechte Ansprche an das Leben und das Leben soll uns unsern
Antheil nicht lnger verweigern!
    Wilhelm hatte das laut gelesen und sagte jetzt: Und bist Du noch nicht
berzeugt? Mein Wahlspruch ist: Wir mssen siegen oder sterben! Aber bisher hat
unsere Loosung wie ein hlicher Reim darauf gelautet: Wir mssen kriechen und
verderben! Denkst Du noch immer so?
    Es sind schlimme Zeiten jetzt und grausame Gesetze herrschen! Ich habe das
offen vor aller Welt gesagt, eh' Ihr Andern noch daran dachtet - aber es werden
einst bessere Zeiten kommen und auch die Armen werden ihre Menschenrechte finden
- aber nicht dadurch, da sie dieselben verletzen und sich auch noch des letzten
Scheines davon, welchen man ihnen gelassen hat, sich freiwillig entledigen. Ich
wei, da meine Bcher allein mit ihren Bitten und ihren Anklagen Nichts ndern
knnen - aber sie helfen dazu beitragen, da man unsere Sache prfen lernt, da
hochherzigen Menschen, welche bis jetzt mit edler Begeistrung ihre Pflichten ein
Volk zu vertreten, oder fr die Freiheit und den Fortschritt in geistreichen
Schriften zu kmpfen - zu gengen glaubten, wenn sie die Sache der Brger
fhrten - da diesen die Augen aufgehen werden, da es noch unter der Classe der
Brger eine noch tiefer gestellte giebt, welche auch einen groen Theil des
Volkes ausmacht, und die sie bisher bersehen konnten, - dann werden sie auch
unsre Sache fhren und so wird es auf dem Wege friedlicher Fortentwicklung auch
fr uns besser werden.
    Wenn vorher noch Millionen zu Grunde gerichtet worden sind.
    Und wenn es so sein mte - sie werden zu Grunde gehen auch auf anderem
Wege. - Siegen oder sterben, soll Deine Loosung sein? Aber siegen werden die
nicht, die Du in einen ungerechten und ungleichen Kampf fhren mgtest, die dann
von keiner Ordnung Etwas wissen und nur einem unklaren, wilden Drange mit
Rachegefhlen und entfesselten Leidenschaften berlassen bleiben, um mit diesem
Unheil zu stiften - nicht nur Unheil fr die Reichen, sondern auch Unheil fr
die Armen. Siegen werden diese in Unwissenheit und Druck aufgewachsenen Massen
nicht gegen eingebte Heere, gegen die geistige Ueberlegenheit! Und sterben?
Sterben werden vielleicht ihrer Viele, und das mgte sein, denn sie sind dann
erlst - aber Viele, viel Tausende werden nicht sterben und als Lohn fr ihren
khnen Versuch in immer hrtere Sclaverei, in immer greres Elend
zurckgestoen werden. Willst Du dies Loos auf Deine unglcklichen Brder
wlzen?
    Wilhelm hatte mit immer finstrer werdenden Mienen zugehrt - jetzt
schttelte er Franz's Hand heftig, lie sie los und sagte dann mit dumpfer
Stimme: Du berzeugst mich nicht anders, gieb Dir weiter keine Mhe mehr, von
nun an trennen sich unsre Wege, bis Du vielleicht doch noch zur Erkenntni
kommst und den meinen betrittst.
    Hastig ging er zur Thre hinaus, Franz sprang ihm nach - Wilhelm drngte ihn
zurck: Lass' es gut sein, sagte dieser, es wird mir schwer, Dich nicht mehr
als Bruder zu betrachten - aber ich trage nicht die Schuld! Vielleicht besinnst
Du Dich noch anders - doch nein! Du wirst freilich Nichts gegen unsere
Fabrikherrn unternehmen - er ist ja der Vater Deines Liebchens! Sich! Vor der
Versuchung httest Du Dich bewahren sollen. Das vornehme Frulein hat Dir's
angethan - da Du nun zu keiner That mehr kommen kannst, die ihr vielleicht ein
schnes Thrnchen kosten knnte - aber schau doch! Wenn sie arm wre und Du
reich, so knnte sie doch Dein werden - so wird sie's nimmer. - Wie, httest Du
nun nicht Lust, die Ordnung der Dinge einmal umzukehren?
    Franz stand erschttert still - vorher hatte es ihm nie an Worten gefehlt,
den Freund, der nun sein schlimmster Gegner geworden, zurck und zurecht zu
weisen - jetzt war er pltzlich verstummt.
    Hab' ich's getroffen? rief Wilhelm triumphierend. Gut! Ich lasse Dir noch
ein Mal Bedenkzeit. Verchtlich ist es und dumm zugleich, wenn Du unsere
Thrannen und all' seine Helfershelfer, Deinen Thrannen und den Tyrann Deiner
Brder schonen willst um eines hbschen Kindes willen, das sich zum Zeitvertreib
und aus Langerweile zu Dir herabgelassen - aber edel wr's, wenn Du auch Etwas
wagtest, sie Dir zu erkmpfen, und was auerdem vielleicht milnge, wrde durch
die Liebe gelingen! Ich lasse Dich mit Deinem Herzen und Deinem Verstand allein
- die werden Dir's noch deutlich vortragen, wie ich's meine.
    Er ging.
    Franz war wieder allein in seinem Kmmerchen, allein mit dem aufgeregten
Innern, in dem jetzt Wilhelm geschickt einen neuen Kampf aufgeregt hatte.
    Daran hatte Franz noch nicht gedacht, was Jener jetzt mit rohen Worten und
pltzlich angeregt hatte.
    Als der Mann des Volkes mit sich gerungen und all' jene Versuchungen
bekmpft hatte, welche in ihm selber rege geworden, oder von auen zu ihm
herangetreten waren, so hatte er immer nur das groe Ganze vor Augen gehabt, er
hatte niemals an den besonderen Fall, niemals gerade an sich selbst, seine
eignen Verhltnisse und seine nchste Umgebung gedacht. Er hatte sich nur als
Einen betrachtet, der, aus der Masse des verdumpften Volkes aufgewacht,
gewahrte, wie er und Alle, welche in Armuth und Niedrigkeit bei drckender
Arbeit beschwerliche Tage abhaspelten, um die einfachsten Menschenrechte
gebracht seien. Er bemhte sich, dies verlorene heilige Eigenthum vieler
Tausende wieder erringen zu helfen, indem er die Noth der Arbeiter vor aller
Welt erzhlte, indem er durch den Verein der jungen Arbeiter unter diesen selbst
sittliche und bessere Elemente zu ihrer Geltung zu bringen suchte. Als nun jenes
anonyme Schreiben mit seinen verfhrerischen Theorieen, seiner glnzenden
Veredtsamkeit und seinen goldnen Verheiungen ihn so erschtterte - ganz neue
Gesichtskreise ihm aufschlo und ihm die Weit durch ein seltsam verkehrt
geschlissenes Glas ansehen lie, da er Mhe hatte sich mit seiner geistigen
Anschauung noch in dieser wirr gewordenen und verrckten Weltordnung zurecht zu
finden - als er darin weiter den offenbaren Aufruf zur Emprung und Grwalt
gelesen - so hatte er dies Allgemeine noch immer nicht auf seine besondern
Verhltnisse bezogen.
    Er war einige Augenblicke schwenkend geworden - er hatte so viel neue
Lebensansichten vernommen, wie sie ihm bisher noch niemals durch die Seele
gezogen waren, und er mute ihnen erst genau in die Augen sehen, ehe er sie
verwerfen, eh' er die unreinen Geister, welche sich an ihn herandrngten, von
sich stoen und verdammen konnte. Er hatte nur geprft, ob diese neue
Weltanschauung die rechte sei, oder seine alte - und da er erstere falsch
gefunden, hatte er sich mit Abscheu von ihr abgewendet. Es war ihm nicht
gelungen, Wilhelm zu einer gleichen Ueberzeugung zu bringen, das hatte Franz fr
Wilhelm mitleidig gestimmt, aber diesen gegen ihn erbittert. Sie waren nun
einander Gegner geworden, denn wenn Wilhelm unter den Kameraden die Ansicht zu
verbreiten suchte, da sie auch recht gut wie die reichen Leute leben knnten,
sobald sie nur den Muth dazu htten und nicht von alten unseligen Vorurtheilen
sich zurckhalten lieen, arbeitete dm nun Franz wieder entgegen und sagte, da
auf gesetzlichem Wege mit Ruhe viel Mehr erreicht werden knne, als wenn man es
versuchen wollte, sich mit Gewalt gegen die hergebrachte Ordnung der Dinge
aufzulehnen.
    Am Tage vor dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter hatte nun Franz ein zweites
anonymes Schreiben, durch einen unbekannten Knaben berbracht, erhalten, in
welchem ihm der fremde Schreiber anzeigte, da die Eisenbahnarbeiter einen
ersten entscheidenden Schritt thun wrden - ihre Arbeit einstellen, hhern Lohn
fordern und wenn man dies nicht bewillige, wieder zerstren wrden, was man
bisher gebaut. Wenn die Fabrikarbeiter zu gleicher Zeit muthig genug wren, ihr
verhates Joch abzuschtteln, so sei vielleicht der Augenblick gekommen, wo die
neue Welterlsung sichtbar beginnen knne. Man wrde sich dann vereinigen und
alle Arme auffordern, mit Theil zu nehmen an dem groen Kriegs- und Siegeszug
der Armen wider die Reichen.
    Dies Schreiben hatte Franz sogleich verbrannt, damit es nicht in unrechte
Hnde falle, am Wenigsten in die Wilhelms, von dem er jetzt Alles frchtete. Er
selbst hatte sich entschieden, aber traurig abgewendet von diesem Bilde
kommenden Elendes, welches das jetzige nicht lindern, sondern nur vermehren
knne.
    Als nun jetzt Wilhelm ihm vorwarf, da er vielleicht nur um Paulinens willen
eine verwegene That scheue, so ri ihn diese Beschuldigung in ein tobendes Meer
innerer Zweifel und harter Seelenkmpfe wieder hinein. So roh und abscheulich
ihm auch Wilhelms Worte klangen, er war mitrauisch und streng gegen sich selbst
und prfte sich genau, ob dennoch nicht in irgend einem kleinen Winkel seines
Herzens er einen Altar fr Pauline wie fr eine Heilige aufgerichtet habe, auf
dem er all' seine andern Gelbde und Schwre opfere.
    Aber er fand sich ohne Schuld.
    Und wie er so ihrer dachte, da trat ihr Bild in aller mdchenhafter
Lieblichkeit vor ihn hin, da meinte er den innigen, liebenden Blick ihres Auges
zu sehen und den zrtlichen Hndedruck der kleinen weichen Hand zu fhlen - und
da gellten ihm pltzlich wieder Wilhelms Worte in die Ohren: wenn sie nun arm
wre und Du reich, so knnte sie doch Dein werden! - Wie? Httest Du nun nicht
Lust die Ordnung der Dinge umzukehren?
    Sein ganzer Krper zitterte in unaussprechlichem Verlangen, sein Herz schlug
hher in brnstigem Sehnen.
    Was litten denn die Andern, da sie wider die gesellschaftliche Ordnung
murrten? Hunger, Frost, niederbeugende Noth und lstige Arbeit - aber er litt
Tausend Mal mehr!
    Ihm war jetzt, als habe an ihm allein sich die Gesellschaft versndigt, denn
sie nahm ihm die Geliebte!
    Dieses Gefhl, das er so rein und heilig in seinem Innern trug, ward es
nicht zum Verbrechen, zur Tollheit gestempelt von der Gesellschaft? Und was gab
es denn noch Groes und Schnes auf der Welt, wenn nicht dies Gefhl seines
Herzens dazu gehrte?
    Aber was half es, da dieses Herz so in inniger Liebe, da es so gro und
begeistert schlug - dies Herz schlug ja unter Lumpen, und die, fr welche es
schlug, htte ihren zarten Leib mit blinkendem Gold bedecken knnen, wenn sie es
nicht verschmht htte.
    Welch' eine unvernnftige Gesellschaft, welch' eine frevelhafte Unordnung in
den bestehenden Verhltnissen mute das sein, die um solcher Erbrmlichkeit
willen zwei gleichschlagende Herzen fr immer auseinander ri?
    War es nicht gerecht und natrlich, sich wider eine solche Ordnung der Dinge
zu empren?
    Er konnt' es nicht mehr aushalten in der engen Kammer, er lief hinaus, fort
in die Nacht, in's Freie.

                                XI. Berathungen


 Sie hrens nicht, sie schlummern gut,
 Der Mahnung Zeichen kann nicht frommen.
 So mag denn ber Dich, Du Brut,
 Du stolze Brut, das Aergste kommen!
                                                                     A. Meiner.

Ein paar Wochen waren seit dem Tage vergangen, an welchem der
Geheime-Polizeirath Doctor Schuhmacher mit dem Geheimrath von Bordenbrcken die
lange geheime Unterredung gehabt, in welcher sich die beiden geheimen Mnner
erst so schwer ber Eisenbahnarbeiter und Fabrikarbeiter verstndigt hatten.
Dieser Unterredung war am nchsten Tage eine gleich geheime gefolgt, in welcher
der Geheimrath von Doctor Schuhmacher seine ganz besondern, geheimen
Instructionen empfangen hatte.
    Man sieht, wie geheim diese ganze Verbindung der beiden Wrdigen und Alles,
was damit zusammenhing, war.
    Schuhmacher hatte jetzt nmlich seine werthe Person mglichst zu schonen, da
er im Augenblick auf die bei ihm beliebten Vertleidungen, wo es galt, irgend
Etwas auszugattern, das an sich nicht verdchtig war, sich aber doch bei einem
geschickten Verfahren verdchtig machen lie - nicht eingerichtet war und sie
ihm auch im gegenwrtigen Moment und unter den jetzigen Verhltnissen nicht
anwendbar schienen. Er hatte daher den Geheimrath zu seinem und seiner Regierung
Vertrauten gemacht und theilte ihm jetzt eine der wichtigsten Rollen in dem
Drama zu, von dem er in dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter bereits ein kleines
Vorspiel gesehen zu haben meinte - dem Drama, dessen Mitspieler er
auskundschaften und das ganze Stck selbst auffinden, vielleicht auch gar erst
verfertigen helfen wollte. Die Eisenbahnarbeiter waren vorher der genauen
Beobachtung Schuhmachers entgangen, - den Fabrikarbeitern hatte er ein anderes
Loos zugedacht - sie sollten ihm Mindestens eine bedeutende Gehaltzulage aus dem
geheimen Fonds, einen Orden, vielleicht auch einen Titel und einige goldene
Uhren und Dosen einbringen. Den Geheimrath machte er gleiche lockende
Aussichten, um seinen Eifer gehrig anzuspornen und in allen Fllen seiner gewi
zu sein, was um so mehr wirkte, als Bordenbrcken einmal mit tiefster
Indignation geuert hatte, da er der einzige Geheimrath in der Residenz sei,
welcher keinen Orden habe, was Schuhmacher zu der Bemerkung Anla gab, da dies
gerade so ein Gefhl sein msse, wie wenn man in einer Gesellschaft geschwnzter
Affen der Einzige sei, welcher keinen Schwanz besitze, oder was dasselbe sei,
unter lauter Herren, welchen der Zopf hinten hngt, kurz geschorenes Haupthaar
habe.
    Der Geheimrath hatte vorzglich zwei Auftrge zu besorgen, zwei Pflichten zu
erfllen: Sich in Szarinys Nhe zu drngen, ihn wo mglich zum Hausfreund und
Anbeter seiner Gemahlin zu machen und dadurch gelegentlich auszuhorchen, und
dann bei dem Fabrikherrn Felchner selbst sich Eingang zu verschaffen, ihm einige
Warnungen zukommen zu lassen und sich durch ihn selbst ber den Stand der Dinge
in der Fabrik unterrichten zu lassen und von seinem Standpunkt aus sich darin zu
orientiren
    Whrend dem war Schuhmacher auf einige Tage an den Ort gereist, wo die
Eisenbahnarbeiter wieder friedlich und geduldig wie vorher um denselben Lohn
arbeiteten und wo man drei der sogenannten Rdelsfhrer vor der Hand durch
Einsperren unschdlich gemacht hatte. Um diese drei war es Schuhmacher
vorzglich zu thun. Einer seiner Freunde und geheimen Bundesgenossen in solchen
Sachen, wo auch die Regierung selbst die geheimen Bundesgenossen, die in Nacht
und Dunkel fr ihre Wohlfahrt wachen, nicht verschmht, hatte ihm geschrieben,
da aus dem sitzenden Kleeblatt auch nicht das Mindeste heraus zu bekommen sei,
als was alle Welt schon wisse, und da der Grund hierzu sonst in Nichts Anderm
zu suchen sei, als da die drei wirklich nicht schuldiger als die Anderen wren,
und da sie also gar Nichts auszusagen htten. Dieser Brief seiner Creatur mit
dieser Bemerkung kam nun Herrn Schuhmacher uerst bedenklich und gefhrlich
vor, denn seine Marime war stets die, da, wo aus Mangel an Thatbestnden und
Stoff berhaupt sich Nichts feststellen lie, durch ein geschicktes Verhr so
Viel als mglich herauszuklgeln und dann doch noch bogenlange Protocolle zu
erhalten, wo man erst ganz hatte an allen Aussagen verzweifeln wollen. Um ber
diese edle Kunst seinem Vertrauten einige sachgeme Winke zu geben, reiste er
selbst zu demselben.
    Die zwei von Vordenbrcken bernommenen Auftrge gewissenhaft zu erfllen,
war nicht so leicht, als es auf den ersten Augenblick den Schein haben konnte,
denn Jaremir schien ihm wenig geneigt zu sein und hatte wenigstens seitdem die
schmachtenden Blicke seiner Frau ganz unbemerkt gelassen. Gleich an demselben
Tag, wo dem Geheimrath der neue Auftrag zugekommen, hatte er erfahren, da
Jaromir nach Schlo Hohenthal geritten sei, und dies bestimmte ihn, sogleich
dort mit seiner Gemahlin auch einen Besuch zu machen.
    Wenn nun auch an diesem Tage weder er, noch seine Frau Fortschritte in der
Gunst des Grafen machten, vielmehr Beide wie gewhnlich von ihm ziemlich so gut
wie ganz ignorirt blieben, so brachte der Geheimrath doch heraus, da Jaromir
und Elisabeth sich der Eisenbahnarbeiter angenommen und berhaupt zu Gunsten der
armen Leute und der arbeitenden Classen gesprochen hatten und namentlich ber
die Nachricht von der Requirirung des Militairs sehr aufgebracht gewesen wren.
Als fabelhaftes Curiosum theilte Aarens dem Geheimrath diese wahre Nachricht
mit.
    Ein paar Tage spter machte er eine Spazierfahrt nach der Fabrik und fragte
nach Herrn Felchner.
    Herr Felchner war nicht ganz wohl und lag in der Wohnstube auf dem Sopha.
Pauline sa am Fenster mit einer mhsamen Arbeit im Stickrahmen beschftigt. Ein
Ktzchen schnurrte zu ihren Fen und spielte mit dem kleinen Schlsselbund, das
von Paulinens Grtel herabhing.
    Der Geheimrath ward von einer Magd drauen sofort und ohne weitere Meldung
hereingeschoben. Er stand darber etwas verdutzt an der Thre und machte sein
Compliment, indem er, sein Wort an Paulinen richtend, welche aufgestanden und
ihm mit einer leichten Verbeugung entgegengekommen war sagte:
    Ich habe wohl die Ehre, mit Frulein Felchner zu sprechen? Habe ich das
Vergngen, Ihren Herrn Vater daheim zu treffen, so mgte ich Sie bitten - -
    Herrn Felchners Anzug bestand nmlich in seinem alten grauen Rocke, seinen
niedergetretenen und zerriss'nen gestickten Schuhen, ber welche graue Socken
herabhingen, um den Hals ein strickartig zusammengedrehtes weies Tuch, ohne
Vorhemdchen und Weste; und so hatte er sich jetzt nur halb vom Sopha erhoben und
den Eintretenden mit seinen kleinen blitzenden Augen angeschielt, dessen Gru
nur mit einem leichten Kopfnicken erwidernd.
    Jetzt aber stand der Genannte auf, schlug die Arme  la Napoleon ineinander
und that einige Schritte nach dem Geheimrath zu, warf ihm aus seinen grauen
Augen einen durchbohrenden Blick voll Stolz und Ironie zugleich zu und sagte
seine Rede unterbrechend: Mein Herr, was beliebt?
    Mein Vater ist selbst hier! sagte gleichzeitig Pauline als Antwort auf den
Herzutretenden zeigend.
    Der Geheimrath suchte sich schnell von seinem Staunen zu fassen, da dieser
kleine drre Mann in diesem schmuzigen Anzug hier der Hausherr sei, der Besitzer
der Fabrik, der Besitzer von Millionen! Der Erstaunte sagte mit hflichem
Kratzfu: Es sollte mir leid thun, wenn ich vielleicht in der Mittagsruhe
gestrt -
    Der Fabrikherr war Menschenkenner genug, um zu bemerken, da ein adeliger,
ein sogenannter vornehmer Herr vor ihm stand, aber es war immer seine grte
Lust, wenn er einen von diesen Leuten demthigen konnte, und da dieser jetzt
sein Herrn Felchner's unhfliches Liegenbleiben auf dem Sopha zu seinem Gunsten
mit der Mittagsruhe entschuldigen wollte, fiel ihm der Fabrikherr beinah
rgerlich in die zierlich wohlgesetzten Worte, indem er hastig sagte:
    Ich bitte, mein Herr, keine Umstnde, ich habe nicht geschlafen, die Zeit
der Mittagsruhe ist bei mir lngst vorber - aber ich bitte, kommen Sie zur
Sache, unsereins hat selten viel Zeit, und ich liebe die unnthigen Worte
nicht.
    Ich mu dennoch wiederholen, da es mir leid thut, wenn ich gestrt habe -
man schob mich ohne Meldung in dies Zimmer, ich konnte nicht vermuthen, sogleich
in ein Wohnzimmer zu kommen - ich bin Geheimrath von Bordenbrcken und mein
Wunsch ist einzig, Ihnen einen nachbarlichen Besuch zu machen.
    Ah, wenn es so ist, Sie sind sehr gtig, freue mich, das Vergngen zu haben
- sagte der Wirth nun freundlicher und nthigte den Besucher neben sich auf das
Sopha - ich glaube, es sei Jemand, der mich in Geschften zu sprechen wnsche.
    Das nun endlich eingeleitete Gesprch schrnkte sich eine Zeitlang um
alltgliche und gleichgltige Dinge. Endlich fand der Geheimrath Gelegenheit,
die Unterhaltung auf den Aufstand der Eisenbahnarbeiter zu bringen.
    Ja, das Volk wird tglich unverschmter, sagte der Fabrikherr. Wo es eine
Eisenbahn zu bauen giebt, kommt auch gleich lauter Gesindel aus aller Herren
Lndern herzugelaufen, verlaufene Mssiggnger, welche sonst nirgends Arbeit
bekommen haben. Die Leute verdienen Viel bei leichter, gesunder Arbeit in freier
Luft - da wird's ihnen zu wohl, sie werden bermthig, so ist es denn auch hier
gekommen. Htten sie schlechtern Lohn und wren sie abhngig und auf lange Zeit
gebunden, so wre es ihnen nicht eingefallen zu revoltiren, nur wo zu Viel gute
Zeit ist, wird das Pack unverschmt im Fordern.
    Wie Recht haben Sie - es sind schlimme Zeiten. Viel verschuldet an solchen
gesellschaftlichen Uebeln die sogenannte Volksaufklrung, fr welche eine
gewisse Partei sich rastlos abmht und der sogar die Regierungen viel zu wenig
Hemmung in den Weg legen; dieses Streben nach Volksaufklrung ist recht
eigentlich der furchtbare Krebsschaden der Gegenwart, durch den noch Viel edle
Sfte zu Grunde gehen werden - das fehlte noch! Auch den Pbel aufzuklren -
    Wirklich gelingen wird dies niemals, da ist Nichts zu frchten.
    Aber mssen nicht Erreignisse wie das letzte ngstlich machen? Es zeigt,
wie der Pbel freilich nicht leicht aufgeklrt, aber desto leichter aufgeregt
ist - und da es nicht an einzelnen Subjekten fehlt, welche ihn aufregen.
Glauben Sie nicht, da es solche Leute giebt, welche, wie es Thatsache ist, da
sie unter die Eisenbahnarbeiter sich gemischt, auch unter die Fabrikarbeiter
sich mischen, und die verderblichsten Lehren verbreiten?
    Ich verstehe Sie nicht ganz - meine Arbeiter wei ich im Zaum zu halten,
das knnen Sie versichert sein.
    Ich meine, da der Communismus -
    Herr Felchner unterbrach diese Meinung mit einem lauten hnhischen Gelchter
und rieb sich vergngt die Hnde. Nein, mein Herr, vor einer Sache, die blo
auf dem Papiere steht, erschrecke ich nicht. Ich habe auch einmal Etwas ber
diesen romantischen Unsinn gelesen und die ganze Sache als ein hchst albernes
Mhrchen erkannt.
    Wenn auch die Verwirklichung des Communismus noch ein Mhrchen ist und so
Gott will, immer bleiben wird, die Communisten selbst sind leider keine
Mhrchenfiguren.
    Ich mgte wohl einmal ein solches Exemplar sehen, ein Exemplar von einem
leibhaftigen Communisten comme il fat.
    Nun, vielleicht haben Sie nicht weit danach zu schen, vielleicht finden
Sie deren Einige unter Ihren eignen Arbeitern.
    Sie sind, wie Sie vorhin sagten, erst seit ein paar Wochen in unserer
Nachbarschaft und wollen mich meine Arbeitsleute kennen lernen, in deren Mitte
ich wohne, welche ich meist habe aufwachsen sehen, mit denen ich tglich seit
vielen Jahren in Berhrung komme und von denen ich wei, was fr Menschen es
sind - und Sie wollen sie mich erst kennen lehren - das ist sehr komisch!
    Um manche Dinge im rechten Licht zu sehen, ist oft ein entfernter
Standpunkt nthig.
    Und was fr Dinge gehen denn in meiner Fabrik vor? Ich bin auf Ihre
Mittheilungen in der That sehr gespannt, klren Sie mich auf.
    Nennt sich nicht Einer unter Ihren Arbeitern Franz Thalheim?
    Einer meiner geschicktesten und fleiigsten Arbeiter, ein ordentlicher
Mensch wie Wenige.
    Sie wissen, da er schreibt?
    Mein Gott, ja! Er ist von besserm Herkommen, als die andern Arbeiter, und
hat eine gute Erziehung gehabt - darauf bildet er sich nun Viel ein, und whrend
die Andern dumme Streiche machen, sitzt er allein zu Hause, schreibt und dnkt
sich vielleicht ein groer Dichter zu sein. Das lt mich sehr gleichgltig und
geht mich Nichts an, denn er ist immer der Erste und Letzte bei der Arbeit - was
er auerdem treibt ist seine Sache.
    Was er aber schreibt, regt die Arbeiter auf.
    Davon habe ich noch Nichts bemerkt - auch knnen die meisten meiner
Arbeiter gar nicht lesen. Und mag er ihnen seine Geschichten vorlesen - die
regen sie nicht auf, denn sie handeln unter Fabrikarbeitern, und wie es da
zugeht, wissen sie ja alleine - auch wird ihnen eine solche Lectre ber so
Alltgliches nicht im Geringsten zusagen.
    Es kommen aber doch Stellen darin vor -
    Nun, Sie haben ihm wohl gar die Ehre angethan, das Ding selbst zu lesen?
Beruhigen Sie Sich, mein Herr, ich kenne diesen Pbel - Bcher regen ihn nicht
auf, und wollten meine Arbeiter Manifeste und Adressen aneinander erlassen, ich
lie' es geschehen, denn das schadet ihnen und mir Nichts. Das Beste ist aber,
da gleich gar Keiner Lust zum Lesen und Schreiben hat, auer eben dieser Franz,
der in seiner Art ein Sonderling ist.
    Er ist vermuthlich gescheid genug, seine communistischen Principien weniger
in seinen Bchern zu vertreten, als sie gleich praktisch einzufhren.
    Ich sag' es Ihnen nochmals, vor diesem Popanz Communismus erschreck' ich
nicht.
    Ich habe mir sagen lassen, da unter Ihren unverheiratheten Arbeitern ein
Verein besteht, welcher auf den Grundsatz der Gtergemeinschaft sich grndet.
    Herr Felchner ward jetzt zum ersten Mal aufmerksam und spitzte seine Ohren.
Der Geheimrath bemerkte diesen Eindruck seiner Worte und fuhr fort:
    Franz hat diesen Verein gestiftet.
    Ich wei das, und obwohl mir die Sache unntz vorkam, mogte ich es ihnen
doch nicht verbieten, nach ihrer Art zusammenzukommen. Ich wei, da sie diesen
Verein deshalb gestiftet haben, um lieber zu singen als Karte zu spielen und
statt Branntwein Bier zu trinken - das kann mir ziemlich gleich sein, es ist
ihre Sache.
    Mein Herr, sagte der Geheimrath sehr ernst, Ihr eigenes Wohl hngt davon
ab, aber auch das Wohl des Staates, da der Communismus keine Wurzel fasse - ich
hielt es fr meine Schuldigkeit, Sie auf das aufmerksam zu machen, was ich
erfuhr: durch jenen Verein, welcher Ihnen so unschdlich scheint, haben Ihre
Arbeiter den ersten Schritt zur Verwirklichung des Communismus gethan. Es
herrscht Gtergemeinschaft unter ihnen, sie helfen einander und stehen Einer fr
Alle und Alle fr Einen - sie singen zusammen Lieder auf eine neue goldne Zeit
und Bundeslieder, welche ihren Bund frdern, seine immer grere Ausbreitung und
Ewigkeit in Aussicht stellen - sehen Sie dies noch lange Zeit ruhig mit an, so
werden Sie es erleben, da sie einen gleichen Versuch wagen, wie ihre andern
Verbndeten die Eisenbahnarbeiter - nur da etwas Langvorbereitetes auch in
seinen Folgen bedeutender ist und sich gar nicht bersehen lt.
    Meine Arbeiter, sagte der Fabrikherr, werden ihre Arbeiten nicht
einstellen, um einen hhern Lohn erzwingen zu wollen - sie kennen mich zu gut,
sie wissen, da ihnen dies Nichts helfen wrde - dazu sind sie klug genug. -
Noch ein Mal gab sich Herr Felchner, dem aber jetzt gar nicht recht wohl zu
Muthe war, eine zuversichtliche und selbstgefllige Miene.
    Ja, sagte der Geheimrath, ich theile Ihre Ansicht - Ihre Fabrikarbeiter
werden es klger anfangen, als die Eisenbahnarbeiter, denn sie haben die
schnste Zeit mit gehriger Mue in ihren nchtlichen Vereinen ihre finstern
Maaregeln zu prfen und zu berlegen, was am Besten zu thun sei. Doch ich
berlasse Alles Ihrer eignen Klugheit, es war nur meine Schuldigkeit, Sie darauf
aufmerksam zu machen, da, wenn Sie Ihren Arbeitern nicht bald ihre
ungesetzliche communistische Verbindung verbieten - die Regierung, welche
bereits begonnen hat sie zu berwachen, sich genthigt sehen wird, zu thun, was
Sie selbst unterlieen - denn sie darf nicht dulden, da Andere es zulassen, da
unter ihren Augen der Boden, auf welchem die gesellschaftliche Ordnung ruht,
unterwhlt wird. Ich habe die Ehre. mich Ihnen zu empfehlen und bitte meinen
guten Willen und meine Freimthigkeit nicht bel zu deuten; vielleicht
untersuchen Sie wenigstens die Sache genauer - aber was Sie etwa beschlieen
mgen, so bitte ich nur, alles Aufsehen zu vermeiden, dies knnte nur schaden
und Alles verderben.
    Der Geheimrath empfahl sich. Herr Felchner war wirklich bestrzt, er
geleitete ihn bis zur Thre und sagte artig: Ich danke fr Ihre Bemhungen in
meinem Interesse - eine fernere Antwort behalt' ich mir vor, bis ich selbst
Ihnen meinen Besuch abstatten werde.
    Pauline war whrend dieser ganzen Scene zugegen gewesen; als das Gesprch
auf die arbeitenden Classen gekommen war, hatte sie weiter keinen Theil mehr
daran genommen. Sie hatte sich wieder an ihren Stickrahmen gesetzt, sie war so
still als mglich gewesen, um ihre Anwesenheit vergessen zu machen. Mit der
ngstlichsten Spannung war sie jedem dieser Worte gefolgt, und als Franz
Thalheim's Name genannt worden, hatte sie vor innerer Aufregung kaum gewagt zu
athmen. Die Beschuldigungen, welche gegen ihn vorgebracht wurden, fielen mit
Centnerlast auf ihr Herz - sie wute ihn unschuldig, aber sie zitterte fr ihn,
wenn ihres Vaters Argwohn geweckt werde, und er war geweckt - sie sah es an
seinen Mienen, seinen blitzenden Augen. Sie kannte sein Wesen - da er pltzlich
dem Geheimrath gegenber, dem er erst beinah Antworten voll verchtlicher
Geringschtzung gegeben, verstummte - da er zuletzt ihn hflich und aufgeregt
beim Abschied hinaus begleitete - da er jetzt von der Thre zurckkommend mit
ineinander geschlagenen Armen im Zimmer mit langen Schritten heftig hin und her
rannte - das waren bse Zeichen!
    Sie stand auf und warf ngstlich fragende Blicke auf ihn.
    Schenk mir ein Glas Wein ein, rief er ihr jetzt zu, mir ist, als bekm'
ich Schwindel - diese verdammte Sprnase - mir ist, als wenn ich pltzlich in
einen offnen Abgrund she, der mich hinabzge und all' mein Hab und Gut - und
auch Dich mein Kind.
    Sie reichte ihm das Glas: Setze Dich, lieber Vater, bat sie, Du bist so
aufgeregt.
    Er setzte sich und nahm ihre Hand, sie streichelte ihm mit kindlichem
Lcheln die Stirn, wie um ihn zu besnftigen. So saen sie lange still neben
einander. Es war, als ob die zrtliche Sorgfalt der Tochter ihm wirklich
wohlthue, ihn beruhige, aufheitre. Er nahm ihre Hand und sagte ziemlich mild zu
ihr:
    Hr' einmal, Kind, Du bist ja oft unter das gemeine Volk gekommen - ich
wei es wohl, wie Du mitleidig hingelaufen bist in manches schmuzige Haus, wenn
irgendwo Kinder und Alte krank lagen - Du bist oft mitten hineingekommen unter
das Gesindel - und das legt seiner Rohheit keinen Zgel an, wenn auch die
Tochter seines Herrn dabei ist - rede einmal gerade heraus: was sagt denn das
Gesindel von mir - und was sagst Du von ihm? - Glaubst Du, da der Geheimrath
Recht hat? Sage einmal Alles, wie Du's selber denkst!
    Pauline warf einen Blick aufwrts, der ein Gebet um Kraft und Segen war. Die
Stunde war jetzt pltzlich gekommen, die sie so oft ersehnt und die sie nie zu
erleben geglaubt hatte - die Stunde, wo ihr der Vater selbst ein freies Wort
gestattete fr die Unglcklichen, deren Loos sie tglich bejammerte, und aus
welchen ihr Vater so leicht glckliche, vielleicht auch gute Menschen machen
konnte.
    Mein Vater, begann sie und wnschte sich alle Beredtsamkeit der
berzeugendsten Redner und wnschte, da all' jene Hundert, fr welche sie
sprechen wollte, im Stillen mit ihr um Segen fr ihre Worte beten mgten. Mein
Vater, die Leute sind gut - und wenn Hunger, Frost, Krankheit, oder irgend eine
Noth sie unzufrieden macht, so murren sie gleich laut und machen sich mit
Schimpfen und Fluchen Luft - aber heimtckisch sind sie nicht und finstere Plne
spinnen sie nicht - dazu sind sie viel zu unwissend und wie Kinder. Aber sie
klagen und murren wohl, wenn ihnen von ihrem Lohn abgezogen wird und die
Factoren sie schlecht behandeln, und wenn ihre Kinder bei der angestrengten
Arbeit zu Krppeln werden und erliegen. Die Noth unter ihnen ist gro, mein
Vater, und sie selbst sind daran unschuldig - ich habe es mit angesehen. - Ach,
und Vater! Das Sprichwort knnte wohl einmal wahr werden: Noth kennt kein Gebot
- die Noth der Armuth lehrt nicht beten, die macht Verbrechen! Und wenn sie
einmal etwas Verzweifeltes thun knnten - wie der Geheimrath meint - so thun sie
es nur, weil sie vorher haben verzweifeln mssen. - Darum la' sie nicht
verzweifeln - Vater, wir sind reich genug und bleiden's auch, wenn Du die
Arbeiter ein wenig besser bezahlst, auch wenn die Kinder nur den halben Tag
arbeiten statt den ganzen; und wenn Du sie in eine Schule schickst, so werden
brauchbare und gute Menschen aus ihnen, vor denen Du Dich dann niemals zu
frchten hast.
    Deine Vorschlge sind eben wie die eines Kindes - sagte der Vater
freundlich. - Aber Du glaubst, da der Geheimrath Unrecht hat?
    Das hat er gewi - aber es ist traurig, da Du doch immer frchten mut,
diese Menschen knnten sich einmal an Dir rchen, Vater! Mein Herz hat dabei
geblutet - aber ich habe es hren mssen, da sie Dich einen - Tyrannen nannten
-
    Mdchen! Doch sie lie sich von der Mahnung nicht stren und fuhr heftiger
fort. Von Hunderten Thrann genannt zu werden! Und es kostete Dich kein Opfer,
sondern nur scheinbar wre Deine Einnahme verringert, wenn Du durch Milde und
Nachsicht - der Wohlthter dieser Hunderte wrdest - wenn sie Dich dann ihren
Vater nennten - wenn sie Dich liebten statt Dich zu frchten.
    Sie umschlang ihn innig, heftig. Nun, sagte er, ich sollte es einmal
versuchen mit der Milde, um Dir zu beweisen, da dieser Pbel anders ist, als Du
denkst.
    Versuch es und ich habe gesiegt! rief sie frohbegeistert.
    Er lchelte sie mild an.
    Die Thre ging auf und Georg trat ein und sagte: Zwei Arbeiter haben so
eben den Factor Eckert, weil er ihre unverschmte Forderung nicht erfllt hat,
im Finstern aufgelauert und ihn frchterlich durchgeprgelt, da er jetzt kein
Glied rhren kann.
    Der Fabrikherr erhob sich wthend und stie Paulinen bei Seite: Das sind
Deine vortrefflichen Menschen, Nrrin! rief er hhnisch und heftig zugleich. -
Du wirst es wohl auch noch begreifen lernen. - Der Geheimrath hat Recht - einen
Factor prgeln - das sieht sehr nach communistischen Grundstzen aus, wo Alle
gleich sind.
    Pauline warf auf Georg einen Blick voll schmerzlich bittrer Anklage und
eilte hinaus.
    Es war dieselbe spte Abendstunde, in welcher Franz, von Wilhelm wie von
einem bsen Versucher aufgestachelt, auch in's Freie gelaufen war.
    Pauline war kaum in hchster Aufregung ein Stck gegangen, als ihr Franz
begegnete.
    Sie wute nicht, was sie that, sie strzte wie auer sich auf ihn zu und
rief: Franz! Ich sehe Unheil ber Sie kommen, ber uns Alle - aber Sie sind am
Meisten bedroht. - Wie knnen Sie Sich retten?
    Er verstand sie nicht - aber er hielt ihre Hand in der seinen; er sah ihr
mit glhenden Blicken, wie er es noch nie gewagt hatte, in das bleiche,
gengstete Angesicht.
    So schnell als mglich erzhlte sie ihm die Unterredung des Geheimrathes mit
ihrem Vater, dann die ihrige. - Er hrte gespannt zu. - Wie sie ihm auch ihre
Worte zu ihrem Vater wiederholt hatte, sagte er mit innigstem Ton, aber
schmerzlich bewegt:
    Sie sind eine Schwester aller Unglcklichen, ich zhle Sie mit unter
diesen.
    Sie verstand ihn - Franz! rief sie mit leisem Vorwurf und lehnte das
goldne Lockenhaupt an seine Schulter.
    Selige Schauer durchzogen ihn - er wagte nicht, sie zu kssen, er beugte das
Knie vor ihr und verstummte vor Entzcken.
    Wilhelm hatte von fern gestanden - er hatte Alles mit angehrt - jetzt
lachte er hhnisch erfreut vor sich nieder und zog sich vorsichtig zurck.


                                  Dritter Band

                                I. Ueberraschung

 Mein Herz, ich will Dich fragen,
 Was ist die Liebe? - Sag'!
 Zwei Seelen, ein Gedanke,
 Zwei Herzen und ein Schlag.
                                                                 Friedrich Halm.

Jaromir fhlte ein neues Leben, einen neuen Lenz in sich. Es gab fr ihn
Stunden, wo er sich selbst nicht mehr erkannte, wo er sich ganz wie verwandelt
vorkam. Mit welch' neuem Reiz lag jetzt das Leben wieder vor ihm, wie fllte
wieder ein seliger Hochgedanke seine ganze Seele aus, ein Hochgefhl, an das er
lange nicht mehr geglaubt, das er oft im bittern Unmuth seines unbefriedigten
Herzens, im Uebermuth seines stolzen Geistes verspottet und verlacht hatte. -
Und wieder gab es andere Stunden fr ihn, wo eine ganze Reihe zuletzt verlebter
Jahre vor ihm wie ein bser Traum versunken, wo er sich wieder Jngling fhlte
und alle Begeisterung, alle sen Schwrmereien seiner Jugendjahre wieder
empfand. Er war wieder Poet aus der Flle seines Herzens, und jene seligen
Momente kamen ihm wieder, wo in lauter, rauschender Sphrenmusik ein ganzer
Himmel urewiger Harmonieen im Innern einer Menschenbrust aufweckt, die so lange
wogen und dringen und nicht zur Ruhe kommen wollen, bis sie eine uere
Erscheinung gefunden - ein Lied, das jubelndes Zeugni ablegt von ihrem Dasein,
ihrer Macht und Herrlichkeit.
    Ein seliges Liebeleben vereinigte ihn mit Elisabeth.
    Und sie, die ernste, verschlossene Jungfrau, weihte ihm die ersten vollsten
Blthen eines Gefhls, dem bisher ihr Herz kaum eine leise Ahnung gezollt hatte.
Man konnte ihr Inneres einer hohen weien Lilie vergleichen, die schlank
aufgesprossen ist und deren Blthen ber Nacht in heiliger, schweigender Ruhe
bei melodischem, gleichfrmigem Quellengeriesel trumend gro geworden sind und
im weien silberreinen Glanze viel heilige Geheimnisse in sich selbst noch
ungeahnt und schlummernd verschlossen halten. Da strahlt der Morgenstern hell
und tagverheiend auf die Blthenkrone, der erste Morgenthan hngt sich an sie,
mit einem zarten, durchsichtigen Perlenschleier sie noch verklrend, vorahnend
schlgt die erste Lerche ihr Lied ihr vorber im dunkeln Morgengrauen empor - es
klingt mit seltsamer Bewegung wieder im Blumenkelch - er richtet sehnschtig
sein Haupt noch hher auf - aber er bleibt verschlossen. Nun graut es im Osten -
nun fallen alle Nebel, wirbeln und singen alle Vgel zugleich - ein heiliges
Schauern zieht erschtternd durch die ganze Natur, regt sich in der hchsten
Eiche, wie im kleinsten Halme - ein tausendstimmiger Jubel bricht los - als
pltzlich die Sonne aufgegangen und mit viel Tausend strahlenden Liebesbndern
die ganze Schpfung an ihr unsterbliches Herz zieht. Und einer dieser
allmchtigen Strahlen rhrt auch an den verschlossenen Lilienkelch - und die
Blthenseele wacht aus ihrem Traum auf, thut ihre verhllenden Bltter
auseinander, ffnet sich dem heien Lichtglanz und lt ihn segnend eindringen
in ihre goldenen Tiefen, da kstliche Nektartropfen darinnen hervorperlen. -
Dieser hohen Lilie glich Elisabeth. Gleich einem strahlenden Morgensterne hatte
einst Gustav Thalheim ihr nahe gestanden, zu dem sie mit heiligen Vorgefhlen
emporschaute - aber Jaromir war ihr als eine leuchtende Sonne aufgegangen, ihr
tief in's Herz gedrungen, so da es all seiner Schnheit Fund seines Reichthums
sich dadurch erst selbst bewut geworden war und immer vollendeter Beides
entfaltete. -
    So war denn das ganze Maileben glhender keuscher Liebe fr sie angebrochen.
-
    In den ersten sonnigen Stunden des Nachmittags eilte Jaromir tglich in den
Park von Hohenthal und in die stille, von Bumen verschwiegen beschattete
Rotunde, in welcher er Elisabeth zuerst seine Liebe gestanden hatte. Dort harrte
er dann - und harrte selten vergebens - bis die Geliebte unter den Bumen hervor
ihm entgegentrat und zart errthend in seine geffneten Arme sich warf. Nur
zuweilen, wenn Gste zu Mittag im Schlo waren, blieb sie aus oder flog nur
eilend hin zu ihm, um ihn nach wenig Momenten wieder fortzutreiben. Denn noch
lag der zarte Schleier des Geheimnisses ber ihrer Liebe und es war, als htte
Keines von Beiden ihn heben mgen. Zwar machte er jetzt noch fter als vorher
Besuche in Elisabeths Familie und ihre Eltern empfingen ihn gern, obwohl es
schien, als ob sie Aarens noch mit freundlicherer Auszeichnung willkommen
hieen.
    So waren denn auch eines Nachmittags Elisabeth und Jaromir in der Rotunde
bei einander. Er hatte ihr einen Strau Rosen mitgebracht und wollte jetzt, da
sie diese sich zum Kranze winde.
    Wir wollen hier die kleinen Marmorsulen unsers heiligen Liebestempels
umkrnzen, sagte sie, wir drfen wohl heute ein geheimes Fest feiern, denn
heut' ist es ein Jahr, da wir zuerst uns sahen.
    Sei mir nicht bse, sagte er und kte sie innig, aber ich brachte Dir
dazu die Rosen mit, um zu sehen, ob Du auch diesen Tag im treuen Gedchtni
bewahrt haben wrdest.
    Nun, dafr, da Du mich erst prfen wolltest, verdientest Du wohl eine
Strafe - geh, pflcke mir Eichenlaub, inde ich die Krnze zu winden beginne -
erwiderte sie lchelnd.
    Er gehorchte. Das ist ja eine Scene, wie aus dem Sohn der Wildni, sagte
er, als er mit den gepflckten Zweigen sich zu ihren Fen setzte und ihr die
Blumen zureichte.
    Sie lachte und begann, um das Bild zu vervollstndigen, mit ihrer schnen
melodischen Stimme zu singen:

Mein Herz, ich will Dich fragen,
Was ist denn Liebe? - Sag'!
Zwei Seelen, ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!

Er hatte sie noch niemals singen hren - sie liebte es nicht, vor fremden
Zuhrern auf Bitte oder Gehei zu singen, sie that es nur in den Stunden, wo es
ihr innerstes Bedrfni war, dann lag ihre ganze Seele in ihrem Gesange, und so
auch jetzt. Von Bewunderung hingerissen lauschte er bezaubernd den hellen Tnen,
die so frei und freudig wie jubelschlagende Lerchen hervorflatterten aus der
Brust seines theuern Mdchens. Er lie sie das Lied vollenden, ohne sie zu
unterbrechen, und bat dann nur einfach:
    Sing' es noch ein Mal!
    Und sie antwortete der Bitte nur dadurch, da sie es noch ein Mal sang.
    Die Augen halb geschlossen vor sich niedergesenkt hrte er ihr trumend zu -
wie oft hatte er sonst Bella's Tne bezaubert gelauscht - aber nie hatten sie
ihn so im tiefsten Innern angegriffen, wie dieser einfache seelenvolle Gesang
Elisabeths. Es war die Sprache glhender, oft wilder Leidenschaft, welche er aus
Bella's Tnen hrte, Sirenenklnge, die mit wunderreichem Zauber
verderbendrohend ihn umstricken - die ihn erst hinschmelzen lieen in weicher
Wollust, rasend vor glhendem Verlangen, dann vernichtet in sich selbst
zusammensinkend - bis er pltzlich ernchtert, besonnen, aber innerlich ermattet
und zerrissen aufwachte wie aus einem fieberheien Traum. Aber jetzt, wo
Elisabeth sang, war ihm als stimmten droben im Himmel alle Engel dazu ihre
Harfen und spielten dazu auf ihren feinsten Saiten Elisabeths einfache Worte als
heilige Gebete nach, es war ihm, als stimme die ganze Schpfung vor leisem Jubel
zitternd sanft mit ein in das Liebeslied. Wie Orgelgetn und Glockenklang, wie
Vgelgesang im Mai, wie ein Liebespan einer seligen Schpfung, den fromme
betende Menschen und eine ganze gottdurchgeisterte Natur zusammenstimmend
aufsteigen lassen - so zog es jetzt durch seine Seele.
    Und als sie geendet hatte und er noch immer trumend vor sich niederblickte,
sagte sie lchelnd:
    Nun, mein Lied hat wohl gar das groe Kind in Schlummer gesungen? Und wie
sie ihre Wange an die seinige lehnte, sah sie eine helle Thrne in seinem Auge -
sie kte sie ihm hinweg, und unaussprechlich selig hielten sie einander in den
Armen.
    Sie hatte zwei Guirlanden vollendet und wand sie um die Marmorsulen. Die
schnsten Rosen hatte sie noch zurckbehalten.
    Aus diesen winde Dir selbst eine Krone! bat er.
    Sie begann das anmuthige Geschft von Neuem. Er sa neben ihr; sie
umschlungen haltend, sah er ber ihre Schultern hinweg ihren regen Fingern zu.
    Da rauschte es pltzlich wie von Tritten und im Grase schleppendem
Seidenzeuge - Elisabeth sah auf, sprang erschrocken empor - die Rosen fielen von
ihrem Schoos zu ihren Fen - ein Ausruf der Ueberraschung drang aus ihrem
Munde.
    Du streust mir Blumen, Elisabeth! rief lachend eine jugendfrische Stimme.
Sie kam von einer jungen Dame mit einem hbschen muntern Gesicht, zu dem
schwarze Locken und ein blumengeschmckter Strohhut recht gut paten.
    Aurelie! rief Elisabeth - und die jungen Verwandtinnen umarmten und
bewillkommten sich mit Herzlichkeit.
    Jaromir ging einstweilen in dem nchsten Gange etwas unbehaglich hin und
her.
    Aber wie kommst Du hierher?
    Gerade hierher? Nun sieh - ich wollte Dich berraschen, obwohl ich nicht
wissen konnte, da meine Ueberraschung fr uns Beide so gro sein wrde.
    Du bist noch immer muthwillig. - Aber wie kamst Du gerade hierher?
    Durch meinen vortrefflichen Ortssinn und Deine getreue Beschreibung diese
Platzes. Du hattest mir in einem Deiner Briefe diese Rotunde beschrieben und
erzhlt, da Du alle erste Nachmittagsstunden hier allein zubrchtest - was
freilich der Wahrheit nicht ganz gem war -
    Aurelie, doch - damals!
    So, nur jetzt ist es anders - ich nahm mir also vor, ehe Du etwas von
meiner Ankunft erfhrest, ehe ich das Schlo betrte und Deine Eltern begrte,
Dich hier zu berfallen. Im Park war ich noch ziemlich bekannt und so ist es
gerade kein Wunder, da ich mich zurecht fand.
    Und Tausend Mal willkommen, Du Gute! Wir werden uns Viel zu erzhlen haben
-!
    Ja, nun beichte - Dein Ritter dort wird seiner Irrgnge mde werden -
    Ich werde Dich ihm vorstellen - aber Eins, Aurelie! Du bist die Vertraute
unsers Geheimnisses - vergi das nicht - wir lieben uns - aber Du bist die
Erste, welche es erfhrt -
    Das wrde fr mich sehr schmeichelhaft sein, wenn es minder zufllig wre -
um so neugieriger bin ich - Dein romantischer Hang hat Dich am Ende einem
Dichter oder Knstler entgegengefhrt, der nicht recht in unsere Verwandtschaft
pat. - Hab ich Recht oder nicht? -
    Beides zugleich - und Elisabeth rief Jaromir und stellte ihm Elisabeth
vor: Meine Cousine, Aurelie, von Treffurth. Dann nannte sie ihr seinen Namen -
    Sie war frhlich erstaunt - Ich begreife Deine Wahl, sagte sie halblaut zu
Elisabeth und gegen Jaromir gewendet, fgte sie hinzu:
    Und ber die Ihrige erstaun' ich gar nicht - auch hrt' ich Manches aus der
Schule schwatzen - Elisabeth wollte immer nur Gedichte von einem neuesten
Dichter lernen und war deshalb auf einem ihrer Hauslehrer gar nicht gut zu
sprechen, welcher behauptete: die neuen Dichter taugten alle nicht und gerade
die, welche die Besten hieen, wren der Leute Verderben - was wrde er gesagt
haben, wenn er jetzt, wie sonst so oft, mich auf der Wanderung hierher begleitet
htte.
    So scherzte Aurelie ungezwungen und muthwillig, wie immer ihre Weise gewesen
war.
    Die Drei nahmen auf den Moosstufen neben einander Platz, so gut es eben
gehen mogte.
    Aber nun erzhle, wie Du eigentlich hierher kommst, sagte Elisabeth zu
Aurelie, so allein und berraschend - und Du siehst eher aus, als ob Du von
einem Spaziergang kmst, als von einer Reise!
    Aurelie nahm ihren Hut ab, knpfte die Handschuh auf, zog sie aus, wickelte
sich aus der seidnen Mantille heraus, warf Alles zusammen neben sich in's Gras
und sagte lchelnd:
    Sieh, da wirst Du Dich wundern; ich bin nicht etwa gekommen, um wie sonst
Euer Gast zu sein - ich bin nun Eure Nachbarin und wahrscheinlich Ihre nchste,
Herr Graf!
    Ich wohne in der Wasserheilanstalt; sagte dieser.
    So ist mir, hab' ich gehrt, fuhr Aurelie fort, und ich wohne auch da -
    Du? - Nicht mglich! rief Elisabeth.
    Ich glaube, ich bin noch im Stande, Deinen Neid zu erregen, plauderte
Aurelie neckend weiter, ich bin mit Oberst Treffurth hier, meinem Onkel. Die
Tante ist schon lange krnklich, wie Du weit, und der Arzt rieth ihr die
Wasserkur. Seit der Verheirathung ihrer Tochter fhlt sie sich sehr verlassen
und einsam, und da sie zu krnklich ist, um nur irgendwie dem Hauswesen noch
vorstehen zu knnen, hingegen einer weiblichen Pflege und Umgebung bedarf, so
hat sie sich eine Gesellschafterin in's Haus genommen. Erst hatte die Tante ihre
Tochter in deren neue Heimath begleitet, mit dem festen Entschlu, sich selbst
dort anzusiedeln - allein das gebirgige Klima hat ihr nicht zugesagt, die Aerzte
haben es ihr als eine Unmglichkeit geschildert, da sie dort lnger als ein
paar Wochen zubringen knne, ohne ihre Gesundheit ganz zu untergraben. So hat
sie denn nachgeben und ihren frhern Wohnort behalten mssen. Sehr verstimmt kam
sie dahin zurck und bat mich zu ihr zu kommen, um ihr wenigstens auf kurze Zeit
die Tochter zu ersetzen zu suchen. Wie ich nun ankam, war bereits davon die
Rede, da sie eine Wasserheilanstalt besuchen solle - es fragte sich nur welche?
Ich war natrlich gleich fr Hohenheim um Deiner Nhe willen, doch flsterte man
sich in der Residenz leise zu: eigentlich sei die hiesige Anstalt erbrmlich,
und Alles, was man darber geschrieben und lobpreisend gefabelt, sei Nichts als
eine Mystification des Publikums, eine neue Art Markschreierei, welche der
Wasserdoctor von Hohenheim zu seinem Vortheil erfunden habe.
    Jaromir lachte und sagte: Man thut dem guten Doctor Unrecht - an der ganzen
Mystification sind Sie allein Schuld, Elisabeth, das will ich Ihnen ein Mal
spter erklren, da Sie jetzt unglubig lcheln.
    Aurelie sagte: das wre wirklich so allerliebst, als seltsam - aber um
meine Erzhlung fortzusetzen: die Nhe von Hohenthal in dem neuen Badeort wirkte
endlich auch entscheidend auf meine Tante und schneller als mit dem Entschlu
ging es mit unsrer Abreise, daher erhieltst Du auch keine vorbereitende
Nachricht. Gestern am spten Abend sind wir hier eingetroffen und haben uns
nothdrftig placirt. Onkel und Tante folgen mir in einem Stndchen zu Euch nach.
Unterde mag die Doctor Thal - - Aurelie unterbrach sich pltzlich: Ach, das
hab' ich Dir noch gar nicht einmal gesagt. Die Gesellschafterin meiner Tante ist
nmlich niemand Anders, als die Doctor Thalheim, die Frau unsers Lehrers,
welchen Du so schwrmerisch verehrtest und welcher -
    Elisabeth fiel ihr in's Wort: Nicht mglich! rief sie. So haben sie sich
ganz und fr immer getrennt? Und hat er ihr auch sein Kind nicht lnger
anvertrauen mgen? Sie war zu sehr berrascht von Aureliens Neuigkeit, zu
gespannt auf deren Antwort, als da sie htte bemerken sollen, wie ein leises,
bitteres Zucken, eine vorbergehende schauernde Blsse der Bestrzung ber
Jaromirs vorhin so glckstrahlende Zge flog - auch ward er bald dieser uern
Bewegung Meister; doch Aureliens Blick war zufllig whrend derselben auf ihn
getroffen; jetzt fuhr sie fort:
    Ich glaube, die Thalheim hat gesagt, sie sei von ihrem Mann geschieden, ihr
Kind ist gestorben - das mag sie noch zusammengehalten haben, jetzt soll er gar
nicht mehr nach ihr fragen. Man knnte wirklich neugierig sein zu wissen, was
eigentlich zwischen den beiden Menschen vorgefallen, es hie ja immer, er sei
der beste Gatte von der Welt, und auf einmal, als sie kaum von der schwersten
Krankheit genesen, verlt er sie, um sich auf einer Reise zu amsiren.
Verdenken kann ich's ihm nicht, denn hlich ist sie und furchtbare Langeweile
mag er auch bei ihr gehabt haben. Aber da er das nicht schon viele Jahre vorher
empfunden hat! Da nannte man aber die Armuth sein einziges Unglck! Du weit es
ja selbst.
    Aber vielleicht ist sie doch nicht sein grtes gewesen, oder vielleicht
war sie es allein, die ihn bestimmte, die Reiseofferte von Graf Golzenau
anzunehmen; sagte Elisabeth.
    Sie lebten in Noth? fuhr Jaromir hastig heraus - und Golzenau - ich
besinne mich - dieser Thalheim, welcher mit meinem Vetter Eduin Golzenau reist,
ist derselbe, dessen Gattin jetzt hierher kommt, ist Ihr Lehrer, von dem Sie,
Elisabeth, mir noch jngst mit Begeisterung sprachen. - Sie hatten mir seinen
Namen nicht genannt.
    Der nmliche, Jaromir, sagte Elisabeth. Aber Sie sind so bewegt, nehmen
Antheil an diesem Thalheim? - Sie kennen ihn ja - vor einem Jahr, als wir uns
zuerst sahen, kamen Sie von ihm.
    Und eine neue Liebe ging in meinem Herzen auf! rief er, den ganzen Sturm
seiner aufgeregten Empfindungen in diese Worte pressend und zog ihre Hand heftig
an seine zuckenden Lippen.
    Sie nahm diese Aufwallung fr den einfachen Ausdruck der berwltigenden
Erinnerung an jene erste Stunde, wo zwei Menschen sich begegnen, welche trotz
der Bewegung ihrer Herzen dabei und der wunderbaren, unerklrten Empfindung,
welche in ihre Seelen schlgt, auch nicht ahnen knnen, da einst ein
Himmelsgefhl und ein Himmelsglck sie vereinigen werde - und so blickte sie ihn
zrtlich an und verga darber, was sie und er noch im letztverwichenen Moment
gesprochen.
    Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Elisabeth zu Aurelie: Durch den
Rittmeister von Waldow, der mir zuweilen von der Reise seines Sohnes erzhlte,
habe ich auch von Thalheim sprechen hren - auch lebt ihm ein Bruder hier -
    Ein Bruder? sagte Aurelie. Nun da wird die Doctor Thalheim gewi um so
weniger ausgehen, als sie dies schon zum voraus erklrt hat - es wird ihr
unangenehm sein, da ihr Gatte Nichts mehr von ihr wissen will, in der
Gesellschaft mit einem Schwager zusammentreffen.
    In der Gesellschaft? - Das wird sie nicht! lchelte Elisabeth. Franz
Thalheim ist Fabrikenarbeiter -
    Aurelie schlug ein lautes Gelchter auf und sagte unglubig: Du bist sogar
witzig geworden, Elisabeth. -
    Unterde hatte Jaromir an seine Uhr gesehen: Man wird Sie im Schlo
erwarten, es ist Zeit, da ich gehe, sagte er und entfernte sich nach kurzem
Abschied.
    

                                 II. Die Brder


 Ich bin gewandert, hab' gesehen,
 Es steigt empor ein bses Zeichen,
 Ein Kampf liegt in den ersten Wehen,
 Ein Kampf der Armen und der Reichen.
                                                                 Alfred Meiner.

Der Geheimrath von Bordenbrcken hatte seine Mission vollkommen erfllt. Gewi
hatte er den Orden, um den er sich bewarb, schon jetzt verdient. Wenigstens
hatte er sich alle mgliche Mhe darum gegeben und kein Mittel gescheut, zu
irgend einem Resultat zu gelangen, durch das er sich den Dank seiner Regierung
verdiene. Um jeden Preis wollte er Entdeckungen von der grten Wichtigkeit ber
staatsgefhrliche Verbindungen und Umtriebe machen. Wo er nur einen Keim dazu
fand, wollte er daraus wo mglich eine Giftpflanze erziehen und sie dann
frohlockend ausreien.
    So hatte der Geheimrath auch den unheimlichen Funken in die Seele des
Fabrikherrn geworfen - war er dort einmal eingedrungen, so werde es ihm, da
wute er, an weiterem Brennmaterial und Zndstoff nicht fehlen.
    Der Geheimrath war ein geschickter Rechenmeister, sein Exempel traf bei der
Probe.
    Herr Felchner hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Er theilte seine
Unterredung mit dem Geheimrath seinem Sohn mit. Georg war von Charakter fast
noch finsterer und hartherziger als sein Vater. Herr Felchner, der Vater, war
ein Thrann gegen Alle, die von ihm abhingen, aber er war es um eines Zweckes
willen: er war es aus Ehrgeiz, der reichste und industriellste Mann in seinem
Vaterland zu sein. Alles, was er war und besa, hatte er seiner Klugheit, seinem
Flei und seiner Ausdauer zu verdanken, denn er hatte zuerst mit einem geringen
Geschft und klein angefangen. Darauf war er stolz und auf diesem sichern
Fundament baute er nun mit rastlosem, unermdlichem Eifer weiter. Es war seine
Freude, wenn er durch seine Geldmacht den Adel demthigen konnte, es war sein
Stolz, bei dem groen Grundbesitz, den er sich nach und nach erworben, bei der
Masse der Leute, welche er beschftigte und welche dadurch Alle von ihm abhngig
waren, selbst eine Art von Souverain vorzustellen, es war sein Ruhm, die
Industrie durch alle zweckmige Neuerungen zu bereichern und sie in seinen
Fabriken und durch dieselben auf eine immer hhere Stufe zu heben - und es war
so seine Lebensaufgabe, in Allen diesem noch weiter zu schreiten -: das Mittel
dazu war erhhter Reichthum: Sich diesen zu verschaffen, war ihm kein Mittel zu
gering, zu kleinlich und schimpflich - so bald sich dies Alles nur unter einem
Schein des Rechtes verbergen lie. So lag seinem Handeln immer noch eine Idee,
ein Zweck zum Grunde, und so war er nicht hart und grausam, weil er es unter
allen Verhltnissen gewesen sein wrde, sondern er war es nur unter den
gegebenen, er glaubte so sein zu mssen, wenn er den Platz ganz ausfllen
wollte, auf den er sich gestellt, den er fr sich gehrig in Anspruch genommen.
    Aber anders war es mit Georg. Er war Nichts als eine todte Maschine. Er
hatte nicht einmal einen Ueberblick ber den weiten Geschftskreis seines Vaters
- er stand still auf dem Platz, auf welchen ihn dieser gestellt. Er war einer
jener Zahlenmenschen, welche ihr Leben lang niemals gedacht, sondern immer nur
gerechnet haben. Aber darber waren alle edleren Regungen seines Herzens
erstorben. Der Grundzug seines Characters war bse Hrte geworden. Glckliche
und heitere Gesichter waren ihm frmlich unertrglich - sobald er solchen
begegnen mute, ward er noch mrrischer als gewhnlich; - da es so kam, war der
Neid seines Herzens, weil er selbst fr Freude und Glck ganz unempfindlich
geworden war; aber er war dies auch fr Schmerz und Trauer. In ihm war immer nur
eine Empfindung lebendig: der Aerger und seine Aeuerungen bestanden in Hrte
und Grausamkeit. So rgerte er sich stets ber die Fabrikarbeiter, und weil er
sich ber sie rgerte, hate er sie, und weil er sie hate, mitraute er ihnen,
und weil er ihnen mitraute, behandelte er sie mit der ausgesuchtesten Strenge.
    Es war natrlich, da er jetzt, als ihm sein Vater die Warnungen des
Geheimrathes mittheilte - dieselben begierig in sich aufnahm, das Mitrauen des
Vaters vergrern half und zu verstrkter Strenge gegen die Arbeiter rieth.
    Und so kam es, da am nchsten Lohntag jedem der ledigen Arbeiter
angekndigt ward, da man ihm am nchsten Lohntag ein paar Groschen von seinem
Lohn abziehen werde, dafern er wieder in den Arbeiterverein in die Schnke gehe,
hinter dessen gefhrliche und aufrhrerische Zwecke man endlich gekommen sei.
Man wolle keine weiteren Nachforschungen anstellen, aber Jeder mge sich hten,
wieder Aehnliches zu versuchen - und der Verein sei jetzt ein fr alle Mal
unwiderruflich aufgelst.
    Der Eindruck, welchen diese Maaregel auf Alle, welche sie betraf, machte,
war ein sehr verschiedener.
    Das leiden wir nicht! Wir sind freie Arbeiter! Wir sind keine Sclaven,
keine Bedienten! - Man darf uns keine solchen Vorschriften machen! - Wir wollen
doch sehen, wer dazu ein Recht hat!
    So redeten die Arbeiter unter einander hin und her im ernsten lauten Zorn.
    Nachher klang es anders - da kamen all' die Aber hinterdrein, gar viel und
mannichfaltig - all' die Aber der armen Leute.
    Da hie es nun wohl so:
    Aber was wollen wir thun? - Wie wollen wir's anfangen uns zu widersetzen?
Leicht zwar ist's gethan, zusammenzukommen wie gewhnlich; aber dann, dann kommt
der Lohntag, dem wir jedes Mal so sehnschtig entgegen harren - kommt der
Lohntag und kein Lohn! Denn wird unser Lohn noch mehr geschmlert, so mssen wir
verhungern und elend zu Grunde gehen. - Wollen wir klagen vor Gericht? - Die
Gerichtsklagen sind theuer und den armen Leuten helfen sie nicht! - Wer die
Macht hat, hat das Recht! -
    So sprachen die Arbeiter hin und her und sahen traurig und nachdenklich vor
sich nieder.
    Anton hatte seine Ohren berall.
    Wilhelm hrte mit innrer Freude all' das Murren der Zornigen, sah vergngt
all' die groe Bestrzung. Nun werden sie es wohl einsehen, sagte er fr sich,
nun werden sie's nicht mehr lange tragen! Aber laut und zu den Andern sprach
er nur:
    Da seht Ihr es! Wir sind freie Arbeiter, wir knnen die Freiheit haben zu
verhungern - wir sind keine Sclaven - unser Herr kann uns fortjagen, wenn wir
ihm nicht zu Willen sind - aber so ist es einmal, dem Reichen gehrt die Welt -
bis sich einmal das Ding umkehren und der Reiche der Welt gehren wird. Zu
Franz sagte er dann halblaut: Was meinst Du nun, Bruder? Was Du mhsam Jahre
lang ringend aufgebaut, um Deine Kameraden fr Menschenwrde zu erziehen, um sie
zu sittlicher Erstarkung zu fhren, um sie vor der uersten Noth zu bewahren -
das sinkt nun Alles in Nichts zusammen vor dem Machtwort des reichen Thrannen.
Was meinst Du nun? Glaubst Du nun, da es fr uns besser werden knne, so lange
wir die Sclaven der Reichen bleiben, so lange wir vor jeder Selbsthlfe feig
zurckschaudern?
    La' mich jetzt, Wilhelm! bat Franz mit wehmthiger Stimme, la' mich,
bis ich mit mir selbst zu Rathe gegangen; zu unerwartet kam der Schlag.
    Wilhelm lachte hhnisch.
    Nach dem Feierabend ging Franz auf der Strae nach Hohenheim. So entmuthigt,
so niedergeschlagen wie jetzt, war er noch niemals gewesen. Wie ein Schlag aus
blauem Himmel war ihm diese neue unerhrte Strenge des Fabrikherrn gekommen. Er
hatte ja von Anfang an Nichts gegen den Verein gehabt, als ihn Franz zuerst
davon benachrichtigt und sogar um seine Zustimmung gebeten hatte. Woher nun
dieses pltzliche Mitrauen gegen eine Sache, welche man nie mit dem Schleier
irgend eines Geheimnisses umhllt gehabt hatte? Woher diese pltzliche Hrte?
    Franz sann lange darber nach, doch immer vergebens. Und je weniger er einen
Grund herausfand, welcher diese auerordentliche und unerwartete Maasregel des
Fabrikherrn htte rechtfertigen knnen, desto trber und unheimlicher ward ihm
zu Muthe - eine ungeheure Angst vor kommenden Dingen begann sich wie ein
drckender Alp auf seine Seele zu lagern. Diese Ankndigung, die ihm und allen
Arbeitern heute geworden, - war sie nicht der Vorbote nahenden groen Unheils?
Glich sie nicht dem ersten schmetternden Blitz, dem ersten rasch abbrechenden
Donnerschlag, die ohne die Gewitterschwle der Luft durch lindernde Regentropfen
zu khlen aus finsterm Gewlk hervorbrechen? Und dann ist es wieder still,
todtenstill und keine Bewegung am Horizont. Nur da die schwarzen Wolken immer
grer wachsen, immer hher sich aufthrmen, ohne doch sichtlich weiter von
ihrer Stelle zu rcken, ihre dunkeln Massen mit schneehellen Spitzen schmcken,
mit rothschillernden Streifen durchziehen - so da der Beobachter des Wetters
wohl sieht: das ist mehr als ein Gewitter, das mit vorbergehenden Schrecken der
Erde Segen bringt - das verkndet schlimmen Hagel, das wird sich nicht eher
entladen, als im grlichen Wolkenbruch. Auf die todesngstliche stille Erde,
die unter dieser drohenden schwarzen Last sich nicht zu rhren wagt, wird
pltzlich das Entsetzen hereinbrechen - und sie wird ohnmchtig aufschreien
unter den frchterlichen Kampf der Elemente, aber unhaltbar werden die groen
Hagelkrner herunterstrzen und die Bume zerbrechen, die nicht geduldig sich
beugen wollen, die junge Saat zerstampfen, die hilflos dasteht, und unter allen
Frchten ringsum eine furchtbare Ernte halten vor der Zeit. Und tosende
Wasserschlnde wird der Himmel ffnen, die werden zusammenstrmen mit den
Wassern auf der Erde und sie aus ihren friedlichen Betten aufjagen, heraushetzen
auf blumige Wiesen und Felder und ber sie hinweg bis hinein in die schutzlosen
Huser armer Menschen. Und dann, wenn das Werk der Zerstrung vollendet sein
wird, dann wird von droben ein ruhiger blauer Himmel herniederlachen auf all'
den Jammer unten, und kleine Silberwlkchen werden im spielenden Tanz erzhlen:
das Unwetter sei nun vorbei und komme nicht wieder, es herrsche nun wieder
lauter Klarheit und Ruhe. Als ob nun Alles gut sei! Als ob es Nichts sei, eine
zertrmmerte Ernte! Als ob die vernichteten Hoffnungen von Tausenden Nichts
wren!
    So zog es durch Franzens Seele. So hatte er das bestimmte Vorgefhl wie vor
solch' grlichem Gewitter. So legte es sich wie ein drckender Alp auf seine
Brust. Da drinnen fhlte er es bestimmt: so werde es kommen.
    Wer so die niedern Arbeiter tagtglich freiwillig und friedlich sieht an
ihre einfrmigen und schweren Geschfte gehen, der ahnt wohl nicht, welch'
ungeheuere Kmpfe oft mgen ausgekmpft werden in diesen stummen Herzen, die
hinter einem groben grauen Hemd und unter einer zerrissenen Jacke schlagen. -
Und wenn auch fter noch vielleicht diese Herzen kein Verlangen haben, weil der
hungernde Magen daneben eine beredtere Sprache als sie gelernt hat, wenn auch
all' diese Sinne durch frhe Gewhnung thierisch abgestumpft sind und nur aus
Gewohnheit ein lstiges Leben fortfhren, ohne ein anderes zu begehren, weil
ihnen von ihrer Geburt an vorgesagt worden ist: das sei ihr Loos - und sie fr
sich niemals ein anderes erstreb'bar hielten: ach, so trifft doch doppelte Qual
diejenigen, welche aus ihrer dumpfen Lebensnacht aufgewacht sind und sich doch
ausgeschlossen sehen von All' dem, was man eigentlich Leben nennt. Dann beginnt
jenes Ringen des innern Menschen wider das Loos, zu dem der uere Mensch durch
seine Geburt verdammt ist. Und wer nun frommer Sieger bleibt in solchen Kmpfen,
vielleicht der hrtesten von allen, welche den Menschen beschieden sind, dessen
wartet dafr kein Wort der Anerkennung, kein Hauch der Bewunderung, kein
leuchtendes Ziel und kein ehrender Kranz - kaum da von ihm die Welt sagt: er
thut seine Pflicht; sie sagt entweder: es ist so seine Bestimmung, was kann er
Anderes wollen? Oder sie spricht gar nicht von ihm - denn von dumpfen Maschinen,
die man sich nur zu einem bestimmten Gebrauch hlt, pflegt man nicht zu
sprechen.
    Wer mogte diese Kmpfe ahnen, in welchen Franz tglich mit sich selber rang?
Wer diese Versuchungen, welche gleich der lernischen Hydra, wenn er sich Sieger
whnte, ihm immer wieder ein neues Haupt zngelnd und gifthauchend
entgegenbumten?
    Und jetzt rang er wieder.
    Er hatte sich jenseit des Grabens der Strae, auf welcher er ging, unter
einen Baum geworfen und starrte, die Hnde krampfhaft vor seine Brust gedrckt,
vor sich nieder. Zwei groe schwere Thrnen rannen ungehemmt ber seine bleichen
Wangen.
    Da ist er ja! rief pltzlich eine Stimme und ein Mann sprang rasch ber
den Straengraben hinweg und stand vor Franz.
    Der Wandrer glich ihm - und doch auch wieder nicht. Er war grer als Franz,
seine Haare waren von lichterem Braun, seine Augen hatten einen sanfteren und
milderen Glanz. Der Schnitt der Gesichter war gleich wie ihre Blsse und in den
Furchen Beider las man groe geistige Kmpfe verzeichnet. Aber whrend man es
Franz ansah, da eben jetzt diese Kmpfe am Heftigsten tobten, schienen sie bei
dem Andern berwunden und der Ausdruck eines ruhigen Schmerzes lagerte auf
seinem Antlitz, welches beinah etwas Heiliges und Verklrtes hatte. - Einem
fremden Beobachter wre vielleicht noch aufgefallen, da diese Beiden, die sich
bis auf den Unterschied der Jahre, denn Franz mogte um zehn Jahre weniger zhlen
als Jener, so hnlich sahen, in ihrer Kleidung um so unhnlicher erschienen.
Denn whrend Franz Beinkleider von grobem Tuch, eine geflickte und zerknitterte
Leinwandblouse und einen alten rothen Shawl um den Hals unter den groben
Hemdkragen geschlungen trug, erschien jener in dem feinen, modernen und netten
Anzug eines Mannes von Welt.
    Aber die Bruderherzen schlugen in gleicher Liebe zu einander, gleichviel ob
unter feinen Stoffen, ob unter Lumpen.
    Franz!
    Gustav!
    So riefen sie sich gleichzeitig einander zu. Und sie schttelten einander
die Hnde und sahen sich an mit allen Freudenzeichen des Wiedersehens.
    Du bist schneller wieder zurckgekommen, als ich dachte, sagte Franz.
    Waldow bekam auf einmal das Heimweh und ward krnklich. Befragte Aerzte
riethen zur Heimkehr; Golzenau trieb auf einmal auch dazu an - und so reisten
wir Alle hierher zurck, da Waldows Heimath unserm Wege nher lag, als Golzenau.
Ich begleite Eduin nach einigen Tagen, welche wir hier zubringen, zu den
Seinigen. Er will sich durchaus nicht von mir trennen, wahrscheinlich treten wir
dann nach ein paar Wochen des Weilens im Vaterland eine neue Reise nach Norden
an, da er den Sden so bereitwillig aufgab. - Aber Franz, Du weintest, wie ich
Dich zuerst sah? sagte Gustav Thalheim.
    Weint' ich? - Nun es kann wohl sein - wundern mu man sich freilich, wie
man noch weinen kann! Ach, es ist gut, da Du da bist - ich mu Viel mit Dir
reden, vielleicht weit Du Rath, wo ich rathlos bin! - Aber nicht hier - um
diese Fabrik herum mu jetzt die Luft verpestet sein, mu einen neuen Wellengang
erfunden haben fr den Schall, da er gleich bis in die Ohren des Fabrikherrn
trgt, was man spricht, aber verndert, verschlimmert - auch weht der Herbstwind
schon rauh ber die Stoppeln - Du wirst frieren, weil Du aus Sden kommst. -
Aber wo gehen wir hin - in meiner Kammer ist's vielleicht auch nicht mehr
geheuer - wer kann's denn wissen?
    Komm mit mir, antwortete der Doctor Thalheim, ich bewohne bei Waldow eine
einsame Stube, dort wird uns Niemand belauschen, wenn Du Etwas zu frchten hast,
dort knnen wir uns einander nher erklren, denn noch verstehe ich Dich nicht.
    So gingen sie denn zusammen dem Gute des Rittmeisters von Waldow zu.
    Unterwegs fragte der Doctor Franz, ob er Etwas von Amalien wisse.
    Franz verneinte. Er wute es selbst noch nicht einmal, da das Kind
gestorben war - weder Amalie noch Bernhard hatten ihm geschrieben.
    Von diesen traurigen Verhltnissen sprachen sie zusammen, bis sie an das
Ziel ihrer Wanderung kamen. Gustav fhrte den Bruder in seine Stube:
    Hier sind wir ungestrt, sagte er und zog ihn neben sich auf das Sopha.
    Die Stube war zwar etwas altmodisch eingerichtet, Gardinen und Meubles waren
von ziemlich verblichener Pracht - aber es war doch immer einst Pracht gewesen
und die eingedruckten Polster gaben noch immer weich und elastisch genug nach,
um in ihrer Bequemlichkeit einem Proletarier ziemlich wunderlich vorzukommen. Er
schttelte den Kopf darber wie ber all' die zierlichen, knstlichen Gerthe
des Zimmers. Es mischte sich kein Neid und keine Bitterkeit in seine Worte, als
er zu dem Bruder sagte: Du gehrst jetzt zu der Classe der Reichen und
vornehmen Leute - denn er gnnte ihm das Alles; aber er sagte es doch.
    Bruder, sagte Jener, ich wei wohl, da Du unglcklich bist - aber noch,
als ich vor Jahresfrist hier von Dir Abschied nahm, versichertest Du mir:
Zuweilen habest Du doch Stunden, wo die Arbeit Deine Lust sei, Du strebtest
nicht ber Dein Loos hinaus - und drck' es Dich auch ein Mal hart, nun so
erhebe Dich doch der Gedanke, da Du all' Dein Streben Deinen Kameraden weihtest
und da es Dich erhbe, danach zu trachten, soviel, als Dir mglich sei, zur
Verbesserung der Lage der arbeitenden Classen beizutragen. - Denkst Du nun
anders?
    Du hltst mir ein Bild meines Selbst vor, wie es einst war und wie es bald
ganz zertrmmert sein wird Ja! Ich bildete mir das ein! Was ich schrieb, sollte
die Augen einflureicher Menschen, der Schriftsteller, der Brger auf die Noth
der Armen lenken - was ich that, sollte, da ich anders nicht helfen konnte, die
Kameraden hier eines besseren Looses werther machen. Und so geschah es auch. Mit
einem von ihnen, Wilhelm, welcher fhlte und dachte wie ich, stiftete ich einen
Verein unter uns unverheiratheten Arbeitern. Ich habe Dir einmal seine Statuten
mitgetheilt. Dadurch ward Vieles besser. Trunkenheit und Spiel verschwanden bei
den Jngern. Dadurch, da wir aus einer gemeinschaftlichen Casse uns
untersttzten, wenn Einer in unverschuldete Noth kam, so da wir nicht nthig
hatten, uns unsere Arbeit von den Factoren vorausbezahlen zu lassen, bten wir
weniger an unserm Verdienst ein. Wir redeten ein vernnftiges Wort zusammen,
sangen krftige Lieder zu Trost und Erheiterung, lasen wohl auch hier und da ein
ntzliches Buch zusammen - und so kam manches Gute. Das Alles ist nun hin! Wir
drfen nicht mehr in unsrer besondern Stube zusammenkommen, keine Lieder mehr
singen - Alles nicht mehr, was wir bisher gethan - spielen und uns betrinken
aber - ja das drfen wir!
    Gustav bat erschrocken theilnehmend um weitere Erklrung. Franz wute seine
Worte durch weiter Nichts zu ergnzen, als durch den auerordentlichen,
drohenden Befehl von diesem Morgen. Dann fuhr er fort:
    Aber ist denn das etwa Alles? Unter diesem kleinen Haufen elender Arbeiter,
von deren Dasein die Classe der bevorrechteten Menschen kaum mehr Notiz nimmt,
als von einem Ameisenbau - werden die seelenerschtterndsten Trauerspiele
auffhrend gedichtet. Es giebt auch bei uns nicht nur uerliches Elend und
krperliche Schmerzen - wir haben all' die andern auch in frchterlicher Gre.
Ich bekam einst ein Schreiben von Ungenannten, das die Gleichheit aller Menschen
predigte, von unsern Rechten sprach den Reichen gegenber und das endlich zum
Widerstand gegen sie alle Armen aufforderte - Wilhelm ward ein Opfer dieser
Ideen - wir sind seitdem unserer Freundschaft nicht mehr froh geworden.
    Aber Du, Franz - Du? So will der wahnsinnige Communismus auch hier sich
einnisten?
    Ich habe oft Tag und Nacht gerungen - aber davon nachher. Nach einigen
Wochen bekam ich einen zweiten Brief - er zeigte mir an, da die
Eisenbahnarbeiter hier in der Nhe aufstehen wrden - der Sieg msse den Armen
bleiben, sobald sie nur wollten - wir wren ja einige Hundert - es gelte, ein
Heldenbeispiel zu geben - die Andern wrden folgen - der Tag der Erlsung sei
nahe fr die Armen -
    Franz - und was thatest Du -?
    Meine Antwort war - Schweigen. Du bist der Erste, der von diesem Brief
erfhrt -
    Gott sei Dank, da Du aushieltest in der Versuchung, mein starker Bruder!
    Sie war gro - und wenn nun gar noch Reue kme? Die Eisenbahnarbeiter haben
es nun schlimmer als frher, Einige von ihnen sind im Gefngni. - Und wir? Wir
haben es nun auch schlimmer. - Und was hatten wir denn weiter zu verlieren? Und
wenn ich nun aus dem Brief kein Geheimni gemacht htte - und die Kameraden
wren seiner Mahnung alle beigesprungen - und viel Hundert Arme wren pltzlich
aufgestanden wie ein Mann und htten ihr Recht gefordert von den Reichen - was
htten sie denn beginnen wollen im ersten Schrecken? Nun ben jene armen Brder
traurig ihre Khnheit; und wenn nun ich daran Schuld wre? Sie hatten Vertrauen
zu mir, sonst htten sie ja an einen Andern von uns ihre Mahnung schicken knnen
- und ich habe ihr Vertrauen gemibraucht - ach, das ist ein hlicher Vorwurf -
-
    Franz, um Gottes Willen, Deine Gefhle verirren sich grlich, Deine
Gedanken werden wirr -
    Und la' mich Alles sagen, dann richte, ob es mir nicht zu vergeben, wenn
es so wre, da meine Seele die gewohnten Gedankengnge verlernte. - Du kennst
ja Paulinen, Du bist ihr Lehrer gewesen - ich liebe sie - ja, ja - und sie liebt
mich auch!
    Die Tochter des Fabrikherrn? rief Gustav in uerster Erschtterung.
    Ja, und wer anders ist Schuld daran als Du? Du hast ihr Mitleid gelehrt mit
den Armen und Gleichheit der Menschen - und so bist Du es, dem wir unsre
Seligkeit und unsern Jammer danken!
    Es verging lange Zeit, bevor die Brder wieder zusammensprachen, sie waren
Beide zu schmerzlich bis in ihre innersten Seelentiefen durchschttert. Der Eine
von der Mittheilung, wie er sie noch niemals ber seine Lippen hatte gleiten
lassen, der Andere von dem Ueberraschenden und Erschreckenden des Gehrten.
    Endlich begann Franz wieder gefat: Du bist ja jetzt weit herumgekommen, Du
bist ja in jenen Staaten gewesen, wo die Brger freier sind, als bei uns, und
die Arbeiter nur desto gedrckter - dort sagt man ja, es ghre berall, dort
wohne das, was Du Communismus nennst? Erzhle!
    Ja, es will sich berall regen mit unheilvollen Zeichen. Gefhrliche
Verbindungen grnden sich auf gefhrliche Systeme, die auf den Umsturz aller
bestehenden Verhltnisse hinaus laufen -
    Aber, Gustav, was soll endlich werden? Du nennst jene Systeme gefhrlich -
gefhrlich sind sie fr die wenigen Tausende, welche jetzt im Besitz und im
Rechte sind - aber fr die Millionen Rechtloser und Enterbter sind sie doch die
einzige Rettung! - Meine Geduld geht zu Ende; ich schwre sie ab. Wenn ein edles
Volk unter schndlichen Tyrannen Fessel nach Fessel um sich schlagen sieht - so
emprt es sich endlich gegen seine bermthigen Herrscher - die Armen sind alle
ein groes unglckliches Brudervolk - warum sollen sie es nicht auch thun? Warum
sollen die Armen nicht: Freiheit und Gleichheit! rufen? Wir wollen ein groes
Brudervolk werden - brderlich die Arbeit theilen, brderlich den Genu - und
hat man uns jetzt mit Gewalt unglcklich gemacht - warum sollen wir nicht
versuchen, durch Gewalt glcklich zu werden? -
    Du appellirst an die Gewalt - Dein Gefhl sagt Dir, da die Gewalt der
Reichen ein Unrecht, ein Verbrechen ist - und was wrde die Gewalt der Armen
Anders sein? Gustav griff nach einem Buche, das unter andern Bchern und
Papieren auf dem nchsten Tische lag. Jene Leute, sagte er, deren Lehren zum
Theil in dem Schreiben enthalten sind, welches man an Dich gerichtet hat, meinen
es vielleicht redlich mit der Menschheit, ich will sie nicht verdchtigen. Sie
lieben die Menschheit und ihre Noth hat ihnen in's Herz geschnitten - und so
haben sie einen Plan ausgesonnen, die ganze Welt zu beglcken, welcher auf den
ersten Anschein viel Bestechendes hat, weil er durch ein allgemeines Band der
Liebe die Menschen zu vollkommner Gleichberechtigung vereinen will. Aber darin
ginge die persnliche Freiheit zu Grunde - und eine solche Gemeinschaft, in der
ein Jeder seine bestimmte Arbeit zu genieen bekme, dafr aber nie mehr zu
hungern und zu frieren, nie fr sich selbst zu sorgen brauchte - hat ihre
Vorbilder bei dem Loos der Amerikanischen Sclaven und der Russischen
Leibeigenen. Dawider emprt sich der freigeborene Mensch, dessen Glck im
Streben beruht. Und emprte sich nicht Dein Herz dagegen, als man Dir Deinen
Gott und Dein Vaterland nehmen wollte? Jenes System des Communismus macht die
Menschen zu Sclaven, denn es zwingt einen Jeden zur Arbeit, es macht sie zu
Kindern, denn es nimmt ihnen die Freiheit des persnlichen Willens - aber noch
mehr - es macht sie zu Thieren, denn es nimmt ihnen Gott und mit ihm alle
Menschenwrde, es nimmt ihm die Familie und wrdigt die Liebe der Gatten herab
zu einem gemeinen sinnlichen Triebe - ja, es wrdigt den Menschen noch unter das
Thier, denn es reit auch die Kinder von den Eltern und spricht ein
Verdammungsurtheil aus ber diese heiligsten Bande des Blutes! - Aber es giebt
noch Andere, welchen die Noth der Erde eben so an's Herz geht, welche es auch
ehrlich mit der Menschheit meinen, welche aber statt wahnsinnig zu zerstren mit
klarem Blick und regem Fleie fortbauen. Hre wie ein Solcher spricht. Und
Gustav schlug das Buch, das er ergriffen hatte, auf und las:
    Die Aufgabe der Menschen ist Vervollkommnung; Vollkommenheit wrde sie
tdten. Dem Gang der Vervollkommnung durch rohe Gewalt vorgreifen wollen, heit
nur die Unvollkommenheit verlangen. Die Ansprche aller Menschen auf politische
Rechte wie auf Glck und Gut sind gleich; die Theilung aber durch Gewalt
bewerkstelligen wollen heit nur die Rollen tauschen und den Bevorrechteten zum
Rechtlosen, den Besitzenden zum Armen machen um den Kampf der Gewalt auf's Neue
hervorzurufen. So lang es Vernunft giebt, mu auf sie vertraut, so lang es ein
Recht giebt, mu an seinen Sieg geglaubt werden. Wer Vernunft und Recht
verwirklichen will, wende auch Vernunft und Recht dazu an.
    Das Gewordene hat auch sein Recht. Es mu umgewandelt, nicht zerstrt
werden. Ist das Gewordene als Zweck nicht gut, so ist es gut als Mittel. Man
denke nur daran es zu gebrauchen. Die Lage von Millionen unsrer Brder ist
beklagenswerth. Aber wie sie mit dem Gewordenen zusammenhngt, so mu sie auch
in dem Gewordenen ihre Heilung finden. Das Gewordene in unserm Ganzen ist der
Staat. Im Staat mssen wir die Mittel zur Besserung suchen. Gebt kein Gehr
jenem leichtfertigen, die Nothwendigkeit des Entwicklungsgesetzes
berspringenden Zerstrungsgeist, welcher glaubt die Welt zu bessern, wenn er
sie umkehrt. Halten wir die gewordene Welt fest, aber reformiren wir sie durch
Vernunft und Recht, durch Ueberzeugung und Gesinnung. Wir alle zusammen haben
wenig Rechte im Staat, aber die Armen haben gar keine; so streben wir dahin,
ihnen Rechte zu verschaffen, damit sie sich Glck verschaffen knnen. Wir haben
wenig Mittel dazu, so gebrauchen wir um so mehr diejenigen, die wir haben. Es
giebt noch viel vernnftige und rechtliche Leute unter den Besitzenden. die sich
uneigenntzig dem Streben anschlieen, dem Menschen zu erringen, was dem
Menschen gehrt, und die zu Opfern wie zu Kmpfen bereit sind. Und diejenigen,
die fhllos genug sind, sich aus Eigennutz diesem Streben entgegenzusetzen,
werden wir zu berzeugen wissen, da gerade der Eigennutz sie bewegen soll, sich
ihm anzuschlieen. Wir werden jener Blindheit den Staar stechen, welche glaubt,
ihren Besitzstand zu sichern, indem sie ihm durch feindliche Abwehr gegen die
Gleichberechtigung nur erbitterte Gegner schafft; wir werden sie besiegen jene
Blindheit des Besitzes, welche ihr Interesse zu wahren glaubt, indem sie sich
der Blindheit der Gewalt anschliet und dienstbar macht. Wir werden sie
verbannen, jene Verstocktheit des Egoismus, welche Alles behalten will, um
endlich Alles zu verlieren.
    Nur ernsten redlichen Willen, aber keine Gewalt! Die Gewalt strzt aus der
Luft, sobald sie nicht mehr umgangen werden kann; aber wer sie herabruft, ist
ein Frevler an der Vernunft und an der Menschheit. Welche einzelne Gestaltungen
ein friedlicher Kampf um die Besserung unserer Zustnde uns noch bringen wird
und wie viel Geduldproben wir noch zu bestehen haben werden, das vermag kein
Mensch vorher zu bestimmen. Das aber prge man sich ein: es giebt keinen zweiten
Schritt ohne den ersten, es giebt keinen wahren Fortschritt ohne Ueberzeugung,
und die Frchte des gesellschaftlichen Fortschrittes haben keine Dauer ohne den
politischen!
    Und wenn auch das Billigste als Verbrechen betrachtet wird, wir drfen
dennoch die Geduld nicht verlieren; je mehr Hindernisse desto festeren Willen!
Ein schlechter Soldat im Kampf der Politik, der wegen eines Flintenschusses aus
der Festung die Belagerung aufgiebt! Aber es war bis jetzt unser erster Fehler,
da wir kmpften wie die Wilden: im Anlauf sind sie strmisch, in Schlichen sind
sie thtig, aber in ehrlicher, offener Schlacht nehmen sie die Flucht, so bald
der erste Mann fllt.
    Gustav hielt inne. Franz sagte: Es beginnt schon wieder ruhiger in mir zu
werden - vielleicht wird mir das Loos: der erste Mann zu sein - welcher fllt.
Knnt' es die Sache der Armen frdern! - - Aber hier meine Hand, Bruder - ich
will die Geduld nicht verlieren!
    Noch lange sprachen die Brder zusammen und Franz strkte die edle Seele an
der gesthlteren und zuversichtlicheren des ltern Bruders.

                            III. Mutter und Tochter


 Fester ist der Seelen Band als Eisen,
 Heiliger als Opfer ihre Gluth.
                                                                   Karl Haltaus.

Einige Tage nach Aureliens Ankunft sa Elisabeth allein in ihrem Zimmer. Sie
warf wehmthige Blicke zum Fenster hinaus auf die abgemheten Saatfelder, von
denen die Stoppeln de und starr gleichsam zum Himmel in trostloser Eintnigkeit
aufklagten, da man ihnen ihre goldenen Halme genommen, mit denen sie einst ein
wogendes Spiel auffhren konnten zur Ehre der Schpfung. Auch drben der Wald
begann sich schon zu frben, rothe und gelbschillernde Stellen wurden darin
bemerkbar, wo vorher nur grne Schattirungen sich gezeigt hatten. Und recht
still war's drauen geworden, kaum da noch hier und da eine wirbelnde Lerche
aufflatterte oder ein Heimchen still verborgen im Grase zirpte auf der Wiese,
die schon zum zweiten Male gemht ward - aber stumm geworden waren all' die
fliegenden Snger im Walde, auf dem Felde und im Garten. Die im Lenz den ganzen
Tag lang von Zweig zu Zweig geflogen waren, um vom frhen Morgen bis zum spten
Abend sorglos frei und froh ihre Lieder zu singen, die saen jetzt still in den
heimischen Nestern bei der jungen Brut und lehrten ihr, sich putzen und fliegen
und Nahrung suchen - Lieder lernten sie ihnen nicht, das nutzlose Singen trage
doch Nichts ein, meinten sie, das lernten sie schon allein und dchten dann, sie
htten nichts Anders zu thun, so leichtsinnig und schlimmgeartet sei nun jetzt
einmal die Jugend. Die klugen alten Vgel! Sie betrgen sich nur selbst - aber
sie sind nicht klug genug, um diese Rolle lange durchzufhren - im neuen Lenz
suchen sie all' ihre alten Lieder wieder hervor und probiren und musiciren, da
es eine Lust ist. Aber jetzt waren sie alle still und schwiegen verstndig. Die
Pyrolen schttelten gar schn die goldenen Gefieder, breiteten die glnzenden
schwarzen Schwingen aus und riefen einander mit ihrem verabredeten Zeichen, dem
Pfeifenaccord zusammen zum groen Fluge nach Sden. - Unten am Teiche wanderten
zwei Strche bedchtig nebeneinander und setzten mit ernsthaftem Geklapper Tag
und Stunde der Reise fest.
    Elisabeth sah dem Allen trumend zu, und wie jetzt auch noch ein herbstlich
kalter Wind ihr entgegen wehte, so zog auch ein unheimlicher Schauer durch ihre
Seele, der ihr bisher fremd gewesen. Die Vgel, die sich zur Reise rsteten,
mahnten sie daran, da bald nach ihnen ihr Snger fortziehen, da ihr Jaromir
die sterbende Natur mit der lebendigen Stadt vertauschen werde. Sie malte es
sich aus, wie der Park verden werde ohne ihn.
    Auch ein kleiner Auftritt von gestern kam ihr nicht wieder aus dem
Gedchtni und trug dazu bei, ihre trbe Stimmung zu erhhen. Sie hatte nmlich
gestern im Gesellschaftszimmer einen Band Gedichte von Jaromir liegen lassen.
Aarens war dagewesen und hatte ihn zur Hand genommen, man hatte ber die
Gedichte und den Dichter gesprochen und der Graf Hohenthal hatte Aarens
aufgefordert, eines oder das andere davon vorzulesen, da ihm noch alle unbekannt
seien. Aarens hatte mit lchelnder Miene ein Freiheitslied aufgesucht und
vorgetragen, das dem Grafen wegen seiner radicalen Tendenz hchlichst mifiel -
er wollte ein anderes hren, Aarens suchte ein anderes: An die Frauen - und
sagte, der Titel lasse doch auf einen zarteren Inhalt schlieen - aber in diesem
Lied wurden die Worte: Frau und frei als zwei Synonymen gebraucht und die Frauen
aufgefordert, auch nicht zurckzubleiben im wrdigen Dienst der neuen Zeit -
dies Lied emprte die Grfin noch mehr als den Grafen, sie fand es ganz
unvertrglich mit der Achtung und zarten Ergebenheit, welche sie fr ihr ganzes
Geschlecht in Anspruch nahm, Aarens machte bittere Bemerkungen, fgte bei: an
Achtung gegen die weibliche Wrde drfe man bei einem Menschen wie Szariny nicht
denken - bltterte dann in dem Buch und erklrte nachher: die Gedichte wren
alle in dieser Weise und warf es mit verchtlicher Miene weg. Elisabeth hatte
whrend dessen unaussprechlich gelitten, jetzt wute sie sich nicht mehr zu
fassen - sie nahm das Buch und sagte erzwungen ruhig: Ich kenne diese Gedichte
besser als Sie, Herr von Aarens, und werde nun selbst eins vorlesen - ihr Vater
wollte das erst berflssig finden, sie lie sich aber nicht abbringen und las
eine Ballade, welche ein mittelalterliches Sujet behandelte und nun wirklich dem
Grafen sehr gefiel. - Sobald sie dieselbe aber zu Ende gelesen, entfernte sie
sich mit dem Buch, um es nicht lnger entweihen zu lassen. - Der angenehme
Eindruck verwischt sich aber schneller, als der unangenehme, und so ging es auch
dem Elternpaar mit Jaromirs Gedichten. - Spter, als Aarens ging, sagte er beim
Abschied zu Elisabeth mit einer besonders feierlichen und zrtlichen Miene, da
er am andern Tag wiederkommen werde - und bis dahin bitte er alle guten Genien
bei ihr ein freundliches Wort fr ihn zu reden. -
    Dies Alles zusammen machte Elisabeth heute wehmthig, verstimmt, unruhig.
    Da ging die Thre ihres Zimmers auf und ihre Mutter trat ein. Es war dies
ungewhnlich - auch sah sie besonders feierlich aus und deshalb schrak Elisabeth
bei ihrem Kommen unwillkrlich leise zusammen.
    Mein Kind, sagte die Grfin, sie umarmend, Du bist mir seit einiger Zeit
ausgewichen, Du hast bemerkbar ein Alleinsein mit mir vermieden - und so komme
ich denn zu Dir in Dein Zimmer - -
    Liebe Mutter! rief Elisabeth und schmiegte sich mit Vergebung suchenden
Augen an sie und zog sie neben sich auf das Sopha.
    Wir sind hier am Ungestrtesten, begann die Grfin, wir knnen hier gegen
einander Alles aussprechen, was wir auf unsern Herzen haben - und die
Scheidewand wird fallen, welche sich seltsam zwischen uns aufgerichtet hat.
    Elisabeths Augen senkten sich zu boden, sie schwieg, obwohl die Mutter eine
Antwort von ihr zu erwarten schien. Letztere fuhr endlich fort:
    Nicht nur, da Du seit einiger Zeit verschlossen gegen mich geworden bist,
Dein ganzes Wesen hat sich verndert, zuweilen habe ich Dich weich und
gefhlsinnig gesehen oder kindlich heiter wie sonst niemals - aber dann wieder
bist Du ernst und kalt und loderst dennoch dabei mit einer Art Feuerbegeisterung
fr Dinge auf, fr welche ich diese Begeisterung am Allerwenigsten billigen
kann.
    Mutter, sagte Elisabeth, diesen letzten Punkt gerade festhaltend, um
dadurch das Gesprch vielleicht auf eine allgemeinere Bahn zu bringen und sich
ein Examen zu ersparen, welches ihr jetzt zu drohen schien, Du siehst die Dinge
in einem andern Lichte, als wir, die Jugend von heute, sie sehen. Wenn Du statt
in dieser Zurckgezogenheit mit der Welt fortgelebt httest, so wrde Dir Vieles
weder auffallend noch befremdlich vorkommen, das mich in tiefinnerster Seele
bewegt. Du hast es oft selbst gesagt, da die Welt anders geworden sei seit
Deiner Jugend, und da Du deshalb Dich von ihr zurckgezogen, um so Wenig als
mglich von diesen Vernderungen gewahr zu werden - das durftet Ihr wohl thun,
Du und der Vater, Ihr hattet Eurer Zeit gelebt und ihr genug gethan und sie Euch
- aber die nach Euch kommen, mssen nun wieder ihrer Zeit leben und drfen nicht
nach Vergangenem zurcksehen - und so geht es von Geschlecht zu Geschlecht -
    Elisabeth, unterbrach sie die Grfin in zrnendem Ton, diese Sprache
htte ich nie gewagt gegen meine Mutter zu fhren.
    Das Mdchen sah bestrzt vor sich nieder und kte mit einem Seufzer die
Mutterhand - es fhlte eben, da es nichts Unehrerbietiges gesagt und da nun
nie ein inneres Verstehen mehr mglich sei, wo nicht zwei verschiedene Menschen,
sondern zwei verschiedene Zeiten sich einander unvereinbar gegenberstanden.
    Nach einer kleinen Pause begann die Mutter wieder: Ich meinte, es gebe fr
Frauen nur ein Gefhl, welches die Charaktere verwandeln, die Herzen aufregen
und erheben knne - ich dachte, diese Zeit sei jetzt fr Dich gekommen - aber
Dein ungleiches Benehmen machte mich wieder irre - nun sah' und sch' ich oft,
wie unweiblich Du an mnnlichen Dingen Interesse findest - und nun wei ich
nicht, was ich denken soll!
    Nenne nicht unweiblich, Mutter, was -
    Suche mich nicht wieder von dem abzuleiten, was ich jetzt mit Dir zu
besprechen habe. Ich habe mir nun Dein Wesen erklrt: Du siehst Dich geliebt -
aber weil Dein Herz kalt und stolz ist, so will es keinem sanften Gefhl Einla
geben, es wehrt sich dagegen - -
    Ach Mutter - wie kannst Du so Dein Kind verkennen? Wie seltsam denkst Du
von mir!
    Ich glaube nicht, da ich mich tusche - Du siehst, wie zrtlich und
ergeben Dich Aarens liebt -
    Aarens?!
    Wie ihn selbst Deine Klte nicht ndert, wie geduldig er Deine Launen
ertrgt - ende dies unwrdige Spiel Deines Uebermuthes! - Aarens warb gestern um
Deine Hand - er hat das Jawort Deiner Eltern und heute wird er sich das Deinige
holen.
    Elisabeth sprang auf: Ist das Dein Ernst? Kann das Dein Ernst sein?
    Welche Frage! Hast Du mich jemals scherzen hren ber solche Dinge?
    Und wie soll ich glauben, da Aarens, nachdem ich es ihm nie verborgen, so
weit dies Zartgefhl und feine Sitten erlauben, da ich nicht eine einzige
Sympathie fr ihn habe - da er eitel und thrigt genug ist, sich einzubilden,
ich werde ihm meine Hand geben?
    Elisabeth - diese Einbildung theilen Deine Eltern!
    Ich wei vor Verwunderung nicht, was ich sagen soll - um Liebe kann man
doch nur bei dem Herzen werben, das man feix nennen mchte! Und Du und der
Vater, Ihr konntet Euch so in mir tuschen, um ein Wort zu geben, das Ihr heute
doch wieder zurcknehmen mt? - Ihr glaubtet, ich liebe ihn, denn sonst -
    Wir werden Aarens mit Freuden Sohn nennen und Dein verletzter Eigensinn
wird sich endlich darber beruhigen, da wir so handelten, wie es von jeher bei
unsern Ahnen Sitte gewesen - auch meinen Gatten bestimmte mir die Wahl meiner
Eltern und ich lernte ihn innig und treu lieben - weil er mir bestimmt war. Das
Beispiel einer Mutter heischt Ehrfurcht und Nachahmung von der einzigen Tochter.
Ich erwarte das von Dir. Jetzt will ich Dich allein lassen, damit Dir Zeit wird
zu berlegen, da hoffentlich auch Deine neue Zeit den Gehorsam fr den
Elternwillen nicht zum Mhrchen gemacht hat.
    Die Grfin war aufgestanden und nach der Thre gegangen, um sich zu
entfernen. Sie ward jetzt von Elisabeth zurckgehalten, durch deren aufgeregte
Seele jetzt pltzlich ein Gedanke scho. Meine Mutter, sagte sie stumm zu sich
selbst, ist zu mir gekommen, damit ich kindlich mein Herz vor ihr ffne - sie
mu meine Liebe zu Jaromir errathen haben und es krnkt sie, da ich ein
Geheimni vor ihr habe. Und es mir zu entlocken, sprach sie vorhin von Liebe,
ich schwieg - und um mich dafr zu bestrafen, um mir zu zeigen, da dieser
Mangel an Vertrauen von mir, mir selbst verderblich werden knne, hat sie das
Mhrchen von Aarens ersonnen - vielleicht auch hat er wirklich um mich
angehalten und sie droht nun mit dem Jawort, wenn meine Weigerung keinen andern
Grund angiebt, als den, ihn nicht zu lieben. -
    Und wie Elisabeth dies Alles mit Blitzesschnelle gedacht hatte, warf sie
sich um den Hals der Mutter und sagte weich und zrtlich, beinahe frhlich:
    Vergebung, meine Mutter, fr meine Verschlossenheit - aber Du hast das
Mittel gefunden, sie zu beendigen, und mein Jaromir wird mir vergeben! Aber wenn
Du es wutest, da ich ihn liebte, so httest Du auch denken sollen, da ein
Herz, das einem Jaromir gehrt, niemals auch nur an den Vorschlag einer
Verbindung mit einem Aarens glauben kann!
    Mdchen! rief die Grfin in uerster Bestrzung. Bist Du bei Sinnen? Was
denkst Du? Von wem sprichst Du?
    Mutter, magst Du mir Wahres gesagt haben oder Erdichtetes, sagte Elisabeth
ernst, nun doch wieder in ihrer Voraussetzung irre gemacht, ich habe Dir auf
Beides nur eine Antwort zu geben: vergieb mir, da ich Dir nicht schon frher
die unendliche Seligkeit meines Herzens gestand: Jaromir von Szariny liebt mich
- und keine Gewalt der Erde kann mich zwingen, einem andern Mann anzugehren.
    Szariny! - O, ich htt' es denken sollen - da ein poetischer Schwrmer und
Schwindler auch mein Kind bethren sollte!
    Mutter!
    Und der Graf warb um Deine Hand!
    Er gestand mir seine Liebe. -
    Und Du? -
    Was ich ihm erwiderte, wei ich nicht, nur da ich ihm bewie, ich fhle
wie er - meine Seligkeit berwltigte mich.
    Und er warb um Deine Hand?
    Elisabeth schwieg.
    Er warb bei Dir um Deine Hand?
    Mutter, wir lebten selige Stunden im Genu der Gegenwart.
    Ich wei nicht, ob ich staunen, zrnen oder weinen soll - Du hast eine
Liebesverbindung im Geheimen mit einem Abenteuerer eingegangen - ohne da er von
Dir oder Deinen Eltern Deine Hand begehrt und zugesagt erhalten htte?
    Ich kenne ihn besser als Alle.
    Hat er Dir erzhlt, wie viel Frauen er schon vor Dir betrogen?
    Mutter!
    Bist Du kindisch genug zu glauben, Du wrest die erste Liebe eines solchen
Menschen?
    Darnach habe ich nicht zu fragen.
    Und wenn er frhere Verhltnisse leichtsinnig knpfte und lste?
    So hatten ihm die Herzen, die er fand, nicht gengt - und er durfte sie
brechen - fr ein armes Mdchenherz ist es schon Glck, um einen Jaromir zu
verbluten.
    Welche widerliche Schwrmerei - und dies beneidenswerthe Loos will mein
verblendetes Kind sich schaffen!
    Elisabeth brach in Thrnen aus und sank erschpft in das Sopha, weinend
sagte sie: es ist umsonst - wir verstehen einander nicht. Du weit nicht, wie
man liebt - Du hast es niemals gewut, oder doch vergessen - ich liebe Jaromir -
und ich bin stolz genug, es Dir zu wiederholen, da ich seine Liebe besitze -
weiter habe ich Nichts zu sagen - durch dies Gestndni ist schon Alles
bestimmt, wie ich handeln werde.
    Ich werde Deinen Vater von Deinem Gestndni benachrichtigen.
    Thue es - vielleicht ist er mir ein milder Richter und ein gtiger Vater
wie immer.
    Die Grfin ffnete die Thre, um hinaus zu gehen. Pltzlich blieb sie
zwischen der Thre stehen und starrte streng vor sich aus.
    In der That, Herr Graf, sagte sie im Tone strafenden Erstaunens.
    Jaromir von Szariny verneigte sich ehrerbietig und ohne Bestrzung.
    Sie verzeihen, sagte die Grfin sehr kalt und stolz, da ich frage, was
Sie in diesen Theil des Schlosses fhrt?
    Ich wollte um die Gunst einer Unterredung mit Ihnen bitten - man sagte mir,
da Sie Sich in das Zimmer der Grfin Elisabeth begaben - aber, fgte er sich
unterbrechend schnell hinzu, kann ich die Ehre haben, Sie auf Ihr Zimmer zu
begleiten, wo ich mich entschuldigen will?
    Elisabeth, als sie diese Stimme hrte, eilte zur Thre und sagte: Treten
Sie ein, Graf.
    Sie wollte hinzufgen, da sie kein Geheimni vor ihrer Mutter habe, aber
mit stolzer Scheu hielt sie pltzlich das Wort zurck: die Zimmer sind ja
gleich und das nchste wohl das beste, setzte sie erzwungen leicht hinzu.
    Die Grfin nahm stumm auf dem Sopha Platz und sah ihn nun mit durchbohrenden
Blicken an, als wollte sie sagen: erklren sie mir endlich, mein Herr!
    So hab' ich es gewollt, sagte Jaromir, ich hoffte, Elisabeth bei Ihnen zu
finden, gndige Grfin, als ich vorhin kam, um endlich mein volles Herz auch vor
Ihnen zu entlasten - es war nicht so - ich durfte hoffen, Sie hier zu finden,
ich eile hierher, und im Augenblick, wo ich die Thre ffnen will, um zu der
groen Khnheit meiner Bitte auch diese kleinere zu fgen - treten Sie mir
entgegen - aber Ihre Tochter ist neben Ihnen! Das giebt mir meinen Muth wieder -
nicht ich allein wollte vor Sie hintreten und um Ihr schnstes Kleinod Sie
bitten - nur neben Elisabeth finde ich den Muth, Ihnen zu sagen: Segnen Sie mit
Ihrem mtterlichen Seegen unsre Liebe.
    Er hatte die Hand der bestrzten Grfin gefat und kte sie. Elisabeth sank
zu ihren Fen und richtete die berstrmenden Augen mit flehenden Blicken zu
ihr empor.
    Die Grfin erhob sich kalt - Elisabeth sprang rasch von ihren Knieen empor,
schmiegte sich, als wollte sie gleichsam im Liebestrotz ihres stolzen Herzens
dem Geliebten eine Genugthuung geben, innig an ihn und verbarg von der Mutter
abgewendet ihre weinenden Augen an seiner Brust.
    Die Grfin sagte mit frostiger Hflichkeit: Herr Graf, Sie verzeihen, Ihr
Antrag selbst wie seine Art und Weise haben mich berrascht, so mu ich, bevor
ich Ihnen eine Antwort darauf gebe, mit meinem Gemahl Rcksprache nehmen, der
anders ber die Hand meiner Tochter verfgt hatte.
    Jaromirs Stolz war verletzt - er sagte mit erzwungener Ruhe: So erlauben
Sie mir, Sie zu dem Herrn Grafen zu begleiten.
    Begleiten Sie mich in das Empfangzimmer - ich werde ihn auf Ihr Erscheinen
vorbereiten, sagte die Grfin.
    Elisabeths Herz schlug strmisch, jetzt brach sie beinah heftig in die Worte
aus: Nein, Mutter - wo die Herzen so laut schlagen, mssen sie auch einmal ein
Recht haben und an kein Ceremoniel sich binden. Komm, Jaromir - Hand in Hand
wollen wir zu unserm Vater gehen und ihn bitten: segne Deine Kinder. Wir wollen
ihm erzhlen von unsern seligen Herzen, wie sie in einander jubelnd
zusammenschlagen - und wie sie brechen mssen, das eine getrennt von dem andern.
Ich will ihn daran erinnern, wie oft er gesagt hat, er kenne kein andres Glck,
als das meine zu schaffen und wie jetzt dazu die Stunde gekommen sei. Er hat mir
noch keinen Wunsch verweigert, warum denn gerade diesen einen? Und wie mu ihn
die Wahl seiner Tochter ehren, wie stolz mu sie ihn machen! - Komm, mein
Jaromir, mein Vater wird uns segnen - und dann meine Mutter auch - Du wirst es
ihr vergeben, wenn sie nicht anders ber uns entscheiden will als zugleich mit
dem Vater! Sie hing ihren Arm in den seinen, um mit ihm der Mutter zu folgen,
die in tiefem Unmuth schweigend vor ihnen herging.
    Elisabeth, rief Jaromir begeistert - erst jetzt, wo ich um Deinen Besitz
werben will, zeigst Du mir, welche Khnheit es ist, Dich fr ewig sein nennen zu
wollen.
    Sie standen an der Thre zu des Grafen Zimmer - Elisabeth ffnete.

                                IV. Zwei Werber


 O sich, es schliet mein ganzes Leben
 Vor Dir sich auf, mein bestes Sein:
 Um Dich zu werben und zu streben,
 Dir meine ganze Kraft zu weih'n.
                                                              Franz Dingelstedt.

An jenem Morgen, an welchem Jaromir um Elisabeths Hand warb, war er vorher dem
Geheimrath von Bordenbrcken begegnet, welcher so eben den zehnten Becher kalten
Brunnenwassers glcklich hinabgewrgt hatte. Getreu seinem Plan, sich so viel
als mglich an den Grafen zu drngen, hatte auch jetzt der Geheimrath ein
Gesprch mit ihm angeknpft und seinem Spaziergange sich angeschlossen.
    So kam es, da sie zusammen an dem Haus vorbergingen, welches der Oberst
Treffurth mit seinen Angehrigen bewohnte. In der Stube des Parterres stand ein
Fenster auf und eine Dame lehnte in demselben. Der Geheimrath sagte fragend zu
ihm: Bieten wir der Frau Oberst einen Morgengru?
    Jaromir warf einen Blick in das Fenster - er sah auf Amalien - er htte sie
wohl kaum erkannt, wenn er nicht gewut htte, da sie hier sei und dies Haus
bewohne - in diesem Augenblick begegneten Amaliens Blicke den seinigen und im
Moment darauf stie sie einen Schrei aus und warf das Fenster zu.
    Jaromir blieb stumm.
    Der Geheimrath aber hatte Alles beobachtet. Er hatte recht wohl gesehen, da
nicht die Oberst, sondern Amalie am Fenster war. Da ein Verhltni zwischen
Beiden bestanden hatte, wute er vom Doctor Schuhmacher - Dank dessen
Haussuchung bei Thalheim! - er wute nur nicht, ob es noch jetzt bestand, oder
ob Jaromir es gelst hatte; er glaubte das Letztere, zugleich auch, da Amalie
ihn nicht aufgeben wolle und absichtlich ihm hierher nachgereist sei. Dies
schien ihm das Wahrscheinlichste und so hatte er es auch bereits Aarens erzhlt.
Da er nun gern Jaromir sich verpflichten wollte und ihm auch zugleich zeigen,
da er selbst ihm vielleicht auch gefhrlich werden knne, so sagte er jetzt
vertraulich leise zu ihm:
    Die Erscheinung dieser Person hier in unsrem kleinen Kreis, wo wir Alle wie
eine Familie leben knnten, ist mir in Ihre Seele zuwider.
    Jaromir sah mit unverstellter Verwunderung den Sprecher an und sagte
unbefangen: Man sieht sie ja nicht einmal in Gesellschaft.
    Aber dennoch - hten Sie Sich - ich habe in diesem Punkte traurige
Erfahrungen gemacht, und wie mir scheint, werden dieselben auch fr Sie nicht
ausbleiben.
    Jaromir ward jetzt wirklich etwas verlegen, da er sich die Worte des
Geheimraths gar nicht zu deuten wute, obwohl sie ihn als wahr trafen. - So
hatte vielleicht Amalie selbst sich ihres frheren Verhltnisses gerhmt? Der
Geheimrath, als er dies bemerkte, hatte sich fr jetzt selbst genug gethan und
hatte vollkommen Grund, es zu vermeiden, da Jaromir von ihm Rechenschaft
fordere, wie er in den Besitz seines Geheimnisses gekommen - deshalb eilte er
sogleich auf den daherkommenden Aarens zu und sprach mit ihm leise einige Worte,
whrend welcher der jenen begleitende Wasserdoctor, der lange drre Hofrath
Wispermann, seine Worte an Jaromir richtete.
    Aarens und der Hofrath waren nicht sobald vorber, als der Geheimrath sich
mit leuchtenden Augen zu Jaromir wendete - denn jetzt hatte er die Gelegenheit
in Hnden, diesen zugleich zu verwunden und doch auch ihm einen Dienst zu
leisten, der Anspruch auf die grte Dankbarkeit hatte.
    Ich mibrauche das Vertrauen, sagte der Geheimrath, welches Aarens in
mich setzt - aber der Wunsch, Ihnen, theurer Freund, einen Dienst leisten zu
knnen, lt mich alle andern Rcksichten vergessen.
    Ich bitte, antwortete Jaromir kalt und stolz, beschweren Sie meinetwegen
Ihr Gewissen nicht.
    Sie werden bald anders denken - Aarens flsterte mir zu, da er gestern vom
Grafen Hohenthal und seiner Gemahlin das Jawort zu einer Verbindung mit ihrer
Tochter erhalten habe.
    Wie? - Das ist nicht mglich!
    Er versichert es auf seine Ehre.
    Das ist seine gewhnliche Redensart.
    Aber bedenken Sie, Graf.
    Es ist unmglich! Das ist Alles, was ich bedenken kann!
    Dennoch - bedenken Sie - wie kann er heute erzhlen, was ihn, wenn er es
widerrufen mte, in den Augen aller Welt lcherlich machte? - Dazu ist er viel
zu stolz und eitel.
    Seine Eitelkeit verfhrt ihn selbst, sich das als gewi zu denken, was er
wnschen mag.
    Sprechen Sie vielleicht aus Erfahrung?
    Herr Geheimrath!
    Ereifern Sie Sich nicht - glauben Sie mir, Ihrem alten Freund, ich meine es
aufrichtig mit Ihnen und sehe als unparteiisch und unbetheiligt ganz klar in
dieser Angelegenheit: Sie sind vielleicht des Herzens der jungen Grfin gewi -
Aarens ist, wie er mir sagt, des Willens der Eltern gewi - und daraus entsteht
ein sehr natrlicher Conflict und jetzt haben Sie Beide gleiche Macht auf dem
Kampfplatze. - Es ist gewissermaen die neue und die alte Zeit, welche hier
zusammen kmpfen - sehen wir zu, welche in den Gesetzen des Schlosses Hohenthal
vertreten wird: - Sonst warb man zuerst bei den Eltern, die Einwilligung der
Tochter war Nebensache - jetzt will man es umgekehrt machen - mir scheint aber,
als widersetzte man sich auf Schlo Hohenthal sehr standhaft dem
neuerungsschtigen Zeitgeist.
    Jaromir war wirklich zu bestrzt, als da er den Geheimrath htte
unterbrechen sollen - auch fhlte er nur zu gut, da dieser eigentlich
vollkommen Recht habe. - Wie er dazu kam, von diesem Manne so in allen seinen
Geheimnissen, in den ltesten wie in den neuesten ausgekundschaftet zu sein,
dieser Umstand vermehrte zwar im Allgemeinen seine Bestrzung, aber es fiel ihm
doch jetzt weit weniger auf, als es zu anderer Stunde der Fall gewesen sein
wrde, und darber nachzudenken, hatte er gleich gar keine Zeit - er drckte dem
Geheimrath wirklich herzlich die Hand und rief:
    Ich mu sie jetzt veranlassen - Tausend Dank fr Ihre Theilnahme, fr Ihre
Nachricht und ein ander Mal bessere als jetzt.
    Er strmte fort in seine Wohnung.
    Der Geheimrath sah ihm lachend nach und war jetzt auerordentlich mit sich
selbst zufrieden.
    Jaromir warf sich schnell in einen eleganten Anzug und eilte nach Schlo
Hohenthal.
    Er lief eine Seitentreppe hinauf, von welcher er wute, da sie gleich aus
dem Garten nach Elisabeths Zimmer fhrte. Er hatte es noch nie betreten, nur ein
Mal Elisabeth bis hinauf begleitet. Die Vormittage brachte sie dort meist allein
zu, das wute er. Seine pltzlich erregte Angst, die Dringlichkeit des Momentes,
sagte er sich, berechtigte ihn zu Allem - Elisabeth werde ihm verzeihen - und im
Uebrigen vertraute er seinem guten Stern. Er lauschte an der Thre - wie
erschrak er, als er Elisabeths weinende Stimme hrte - darauf die aufgeregte der
Grfin - er hrte die ganze letzte Hlfte ihrer Unterredung - wie gering die
Grfin von ihm dachte, mit welch' zuversichtlicher Liebe, welch' zrtlicher
Begeisterung Elisabeth von ihm sprach - und so fate er seinen Entschlu.
    Als die Grfin ffnete, hatte er bereits die kleine Lge ersonnen, als sei
er mit dem Vorsatz gekommen, bei ihr um Elisabeths Hand zu werben - aber er
segnete den Zufall, der Alles so fr ihn gefgt hatte.
    Nun waren sie zusammen zu dem Grafen geeilt. Er war nicht wenig verwundert,
als er so unangemeldet und zu so ziemlich frher Stunde Jaromir eintreten sah
und noch dazu an Elisabeths Hand.
    Mein Gemahl - Du wirst, begann die Grfin.
    Elisabeth fiel ihr in's Wort und sagte gleichzeitig: Du wirst verwundert
sein, mein theurer Vater, ber unser Kommen - sollen wir es entschuldigen,
aufklren mit vielen Worten? Unsre Herzen sind dazu zu voll, wir haben nur ein
Wort zu sagen: La Jaromir durch mich Deinen Sohn werden! Und sie hing sich an
den Vater mit ser schmeichelnder Umarmung und einer Thrne in den sanften
Augen.
    Zugleich fate Jaromir nach der Hand des Grafen und sagte: Vergeben Sie dem
liebebangenden Herzen, wenn ich nicht nach hergebrachten Formen, sondern mit dem
Ungestm allmchtiger Gefhle um die Hand Ihrer Tochter werbe.
    Die Grfin stand uerlich ruhig und kalt fern von der Gruppe und sah auf
ihren Gemahl - er warf einen fragenden Blick auf sie, denn er stand bestrzt und
unschlssig und wute so zu sagen gar nicht, woran er eigentlich war.
    Elisabeth bemerkte diesen Blick und sagte: Die Mutter hat uns auf Deine
Entscheidung verwiesen - sie sagte, Du habest etwas anders ber meine Hand
verfgt. - Du hattest Dich in mir getuscht, als Du das thatest, denn Du wutest
nicht, da ich Jaromir liebte; denn das weit Du, da ein Herz, welches liebt
wie ich, nicht mit einem Andern und also ohne Herz zum Traualtare treten kann -
diese Schmach, dieses Elend, dieses Verbrechen knntest Du nie auf mich brden
wollen und nie wrdest Du mich willig finden, ein solches Verbrechen zu begehen!
- Nein, so hast Du niemals von mir gedacht, Du willst mein Glck und weiter
Nichts - segne uns jetzt - und so machst Du mich selig - so selig wie es weiter
kein Herz ist auf der Welt.
    Als das meine! rief Jaromir und sank mit ihr zu den Fen des Grafen.
    Er stand noch immer regungslos - auch die Grfin stand regungslos - nur da
sie jetzt nicht mehr auf den Grafen, sondern zu Boden sah - das Herz der Mutier
begann in ihr eine Sprache zu reden fr die flehende Tochter, welche jetzt leise
zu schluchzen begann.
    Aber als der Graf noch immer schwieg, erwachte Jaromir's stolzer Sinn, und
er sprang auf - er zog Elisabeth mit sich empor und rief:
    Hr' auf zu bitten, Elisabeth - sie verstehen uns nicht - sie haben nie
geliebt - sie verstehen unsre Sprache nicht - sie wissen nicht, was sie thun! -
Zum letzten Mal denn, rief er mit verzweifelnder Stimme, indem er sie kte.
    Jaromir! rief sie und umschlang ihn fest.
    Er machte sich los und fhrte sie zu ihrer Mutter - er machte dieser eine
kalte Verbeugung und wollte gehen.
    Aber das Mutterherz ertrug nicht den brechenden Blick der zusammensinkenden
Tochter. Sie ging auf Jaromir zu:
    Ihr Stolz, sagte sie, bezeichnet Sie als einen Verwandten und Theilnehmer
an unsrem grten Familienfehler, und wenn Stolz dem Stolz begegnet, so mssen
sie sich an einander brechen oder es giebt ein Unheil. - Bedenken Sie, mein Sohn
, da, wenn Sie Sich darber empren wollen, da Eltern ber ihr heiligstes
Eigenthum nach ihrem besten Ermessen verfgen wollen - es sie wohl krnken kann,
wenn sie ohne ihr Wissen sich ihres Rechtes ber ihr schnstes Kleinod schon
verlustig sehen.
    Zugleich war der Graf zu Elisabeth getreten und fhrte sie jetzt in
Jaromir's Arme.
    Du brichst das Wort, das ich gestern gab, sagte er, ich will es
zurcknehmen - ich betrachte Euch als Verlobte, als meine Kinder - und die Welt
betrachte Euch so - aber unter Jahresfrist drfen Sie mir mein Kind nicht
entfhren - und den Elternsorgen drfen Sie es nicht verargen, wenn wir den, dem
wir unser einziges Kleinod anvertrauen, eh' dies unwiderruflich geschieht, noch
nher kennen lernen mgten.
    Kaum hrten die Beseligten den ziemlich ernst gesprochenen Nachsatz vor
Glck und Ueberraschung.
    Jetzt aber lat mich allein, sagte der Graf Hohenthal, vielleicht habe
ich noch Zeit, mein gegebenes Wort schriftlich zurckzunehmen. - Sie, Szariny,
bleiben doch den Tag ber bei uns, und wir besprechen und errtern dann alles
Nhere, was unser neues Verhltni betrifft.
    Die Grfin blieb noch bei ihrem Gatten.
    Jaromir und Clisabeth entfernten sich.
    Wir gehen doch in den Park? fragte sie - und so lenkten sie ihre Schritte
die breite Treppe vor dem Schlo hinab. Sie gingen Arm in Arm und konnten jetzt
auch nicht sprechen, sondern waren nur Eines verloren im Anschaun des Andern. So
hatten sie nicht gleich bemerkt, wie so eben Aarens mit festen, siegesbewuten
Schritten aus dem groen Hofthor trat und der Treppe zuschritt. Elisabeth an
Jaromir's Arm! Das brachte ihn auer Fassung - aber er baute zu fest auf seinen
Sieg - es konnte nur eine Hflichkeit sein, wie sie Elisabeth ja auch von ihm
selbst schon zuweilen angenommen hatte.
    Jetzt stand Aarens grend vor dem Paare.
    Elisabeth berlegte schnell, da sie, wenn sie jetzt unbefangen Jaromir als
ihren Brutigam vorstelle, ihrem Vater eine schwere Pflicht und Aarens eine
Krnkung ersparen knne, indem er dann glauben werde, Jaromir habe um sie
angehalten, eh' sie selbst von Aarens Werbung erfahren - im Augenblick bedachte
sie nicht, da jener um so beleidigter sich fhlen knne, wenn man nicht einmal
seine Werbung gegen die Jaromir's in die Waagschaale geworfen, und so stellte
sie, bedacht und unbedacht zugleich, Jaromir als ihren Brutigam vor und fgte
bei:
    Und so bitt ich denn den werthen Freund unsres Hauses, uns auch in Zukunft
ein solcher zu bleiben! Sie sagte dies mit der freundlichsten, herzlichsten
Stimme, denn so glcklich, wie sie jetzt war, htte sie gern auch nur lauter
glckliche Menschen um sich gesehen, und empfand daher Mitleid fr den
Getuschten.
    Er stand wie vom Donner gerhrt.
    Nach einer Weile sagte er sehr gezwungen: Ich werde nachher die Ehre haben,
Ihnen Glck zu wnschen - jetzt erwartet mich Ihr gndiger Herr Vater.
    Damit eilte er die Treppe hinauf.
    Die beiden Glcklichen aber gingen in die Rotunde, welche so oft schon zum
Tempel ihrer Liebe geworden war - um auch jetzt dort vor einander die selig
klopfenden Herzen zu entlasten.
    Zu derselben Stunde, in der Jaromir nach Schlo Hohenthal ging, hatte sich
Gustav Thalheim nach der Fabrik des Herrn Felchner begeben, um dort seinen
Besuch zu machen. Zwar hatte der Rittmeister von Waldow versucht, ihn
zurckzuhalten, hatte Herrn Felchner als einen gemeinen, groben und
unertrglichen Menschen geschildert, mit dem ein wohlerzogener Mensch gar nicht
verkehren knne - denn der Rittmeister konnte es niemals vergessen, da sein
schner Wald mit all' seinen stolz und aristokratisch hochgewachsenen Bumen ein
Eigenthum des Fabrikanten geworden war, der mit diesen Bumen nun seine Fabrik
heizte. - Zwar hatte der Rittmeister Paulinen, die ihm einst fr seinen Sohn
eine so wnschenswerthe als nun unerreichbare Partie gewesen - als eine
berspannte Nrrin geschildert, welche mit den untergeordnetsten Arbeitern auf
eine seltsame Weise verkehre - aber Thalheim lie sich nicht in seinem Entschlu
irre machen und seufzte nur innerlich, da auch hier in dieser Abgeschiedenheit
gerade das Edelste und Weiblichste einer zarten weiblichen Natur so falsch
beurtheilt werden konnte.
    Als Thalheim in die Fabrik kam und nach Herrn Felchner fragte, sagte man
ihm, da er in die Stadt gefahren sei und vor Abend nicht zurckkme.
    Er fragte nach dem Frulein.
    Ich will sie suchen, antwortete die Magd, warten Sie - unten wird
gescheuert, weil der Herr nicht da ist - kommen Sie mit herauf.
    Thalheim folgte der vorauseilenden Magd und sie schob ihn in eines jener
Prachtgemcher des oberen Stokkes, welche gar nicht benutzt wurden und in denen
daher eine schwle, dumpfe Luft herrschte.
    Die Ueberladung, der Luxus dieses Gemaches, dessen Einrichtung in einer
geschmacklosen Ueberhufung prachtvoller Meubles und kostbarer Kleinigkeiten
bestand, machte einen hchst widrigen Eindruck auf Thalheim und versetzte ihn in
eine peinliche Stimmung.
    Pauline lie lange auf sich warten.
    Endlich trat sie ein - die Magd hatte ihr nur gesagt, ein Herr warte auf sie
- wie gro war ihr Erstaunen, als sie jetzt den Lehrer wieder erkannte! Sie bot
ihm herzlich die Hand und hie ihn mit froher Ueberraschung willkommen.
    Thalheim erzhlte, wie es gekommen, da er jetzt fr einige Tage hier sei.
    Sie treffen auer mir noch zwei Menschen hier, die sich innig dieses
Wiedersehens freuen werden, sagte sie leise errthend, Ihren Bruder und
Elisabeth, und hastig fgte sie bei: waren Sie schon auf Schlo Hohenthal?
    Ich beabsichtige, von hier dorthin zu gehen.
    Das trifft sich gut - so darf ich hoffen, da wir zusammen dahin fahren -
ich beabsichtigte dies schon, da ich Elisabeth lange nicht gesehen.
    Sie leben hier in gut nachbarlichem Verhltni?
    Nicht mehr so ganz - es gab Differenzen zwischen unsern Eltern - Sie hatten
nur zu Recht: unsrer Freundschaft standen Kmpfe bevor - aber wir hielten sie
aus - Elisabeth kam dann wohl noch zu mir - aber ich mute des Vaters Gehei
befolgen - heute aber ist er in die Stadt gefahren in Geschften, weil ihm eine
neue Handelsspeculation gelungen ist - er war sehr vergngt und sagte - ich mge
ihm eine Bitte nennen, er werde sie gewhren, und so -
    So baten Sie darum, die freundlichen Beziehungen zum Schlo wieder
anknpfen zu drfen?
    Sie schwieg und sah vor sich nieder, wie um zu prfen, ob sie Etwas sagen
oder verschweigen solle - dann begann sie und eine Thrne glnzte in ihrem Auge:
    Sie kennen ja doch einmal die Einrichtungen in unsrer Fabrik, warum Ihnen
nicht die Wahrheit sagen? - Die Freundschaft gilt mir viel - aber ihrer bin ich
ja doch sicher und selbst wenn es nicht wre, warum nicht ein Gefhl meines
Herzens der Zufriedenheit vieler Unglcklicher zum Opfer bringen? Ich bat meinen
Vater: den Arbeitern, denen er gestern gebot, ihren Verein aufzuheben -
denselben doch wieder zu gestatten.
    Thalheim ergriff ihre Hand und drckte sie mit warmer Herzlichkeit, indem er
wehmthig fragte: Es war umsonst?
    Umsonst - er ward zornig - er sagte, das sei keine Bitte fr mich - und so
that ich erschreckt die zweite, die er gewhrte.
    Und da wir denn einmal auf diese bengstigenden Zustnde gekommen sind -
waren es nicht fremde Einflsterungen, welche Ihren Vater dahin brachten, etwas
zu verbieten, das er Jahre lang wenigstens als unschdlich geduldet hatte?
    Ja, ein Fremder sagte ihm, da communistische Principien sich hier
eingeschlichen, da er das Schrecklichste erleben wrde - er war lange
unglubig, und je schwerer er sich erst zum Mitrauen bringen lie, um so
hartnckiger beharrt er nun in demselben.
    Aber wenn ein Fremder ihn nach der einen Seite hin mitrauisch machen
konnte - vermchte nun nicht ein andrer Fremder dasselbe nach der andern Seite?
Sollte es ihm nicht einleuchten, da es gefhrlich ist, den Unglcklichen durch
Hrte zur Verzweiflung zu treiben? Sollte man nicht von dieser Seite ihn warnen
knnen? - Ich gestehe, um deswillen thut es mir leid, Sie allein getroffen zu
haben.
    O, wagen Sie das nicht - Sie am Wenigsten - er mitrauet Ihrem Bruder - er
knnte das Schrecklichste vermuthen. Es ist Alles vergebens! Er hrt auch kein
Wort von mir mehr an ber diesen Punkt - und mein Bruder ist noch mitrauischer
und strenger als der Vater. - Ach, ich sehe das Frchterlichste kommen - aber
der Blick der ungehrten Kassandra ndert Nichts an dem kommenden Unheil - es
wird kommen, schrecklich kommen ber uns Alle und seine Opfer fordern - und dann
wird Alles sein wie vorher! Pauline sagte dies mit so tiefem Grausen, da kalte
Schauer ber ihren Krper rieselten und sie sichtbar zu zittern anfing.
    Sie haben ein trauriges Loos, Pauline, nur weil Sie ein Herz fr die
Menschheit haben.
    Sie rasste sich zusammen und stand auf: Wir wollen einander nicht
erweichen, sagte sie, ich glaube, ich werde noch viel Kraft brauchen! -
Drunten lutet eben die Mittagsglocke. - Wollen Sie vielleicht mit Franz
sprechen? Unterde mach' ich mich zur Fahrt zurecht und bestelle den Wagen.
    Er stand auf, stimmte bei und ging.
    Unten traf er bald auf Franz, der mit gesenktem Haupt daher kam. Er
schttelte ihm die Hand und sagte, da er von Paulinen komme.
    Franzens Augen leuchteten: Begreifst Du nun, wie Alles kommen mute?
fragte er traurig.
    Andere Arbeiter gingen vorber, machten bse Gesichter und murmelten mit
einander:
    Habt Ihr gesehen - was er fr einen Bruder hat, sieht aus, wie was
Rechtes.
    Der bringt ihm vielleicht noch den Verstand zu Recht, das ist so Einer,
die's mit dem Volke halten, wenn's der Franz auch nicht zugeben will - ich wei
es besser! Er kommt aus der Schweiz, wo die armen Leute viel aufgeklrter sind
als hier und besser zusammenhalten - und wo auch Leute, die fein angezogen gehen
wie er, mit denen zusammenkommen, die in schlechten Blousen und geflickten
Lumpen gehen wie wir! sagte Anton.
    Was Du nicht immer wissen willst! meinte ein Anderer.
    Wit Ihr's, zischelte ein Dritter, der Alte ist heute verreist, und wenn
die Kae nicht zu Hause ist - nun da wit Ihr schon.
    Bleibt er ber Nacht weg?
    Nein - das nicht.
    Nun, da ist auch Nichts - die Muse knnen nur die Nacht tanzen und pfeifen
- die Nacht mu es losgehen!
    Ja, die Nacht! Und mag der alte Kater selber das Zusehen umsonst haben!
    Pst, Brder, pst! ermahnte Wilhelm. Wenn Jemand Euch hrt - und wenn Ihr
auch murmelt - jetzt, hat jedes Steinchen im Wege ein Ohr.
    Die Burschen gingen ruhiger vorber.
    Jetzt fuhr der Wagen vor und Pauline stieg ein - der ltere Thalheim kehrte
um und setzte sich zu ihr. Franz blieb am Wege stehen, bis der Wagen vorbeifuhr.
Seit jenem Abend, wo sie von ihrem Gefhl berwltigt an seine Brust gesunken
war, hatte er noch weniger als vorher gewagt, sich ihr wieder zu nhern - aber
jetzt in dieser Entfernung, in diesem Moment konnte er es schon wagen, ihr einen
Blick zuzuwerfen, in dem seine ganze Seele lag und sie erwiderte ihn mit einem
gleichen.
    Dann besprachen die Beiden noch Manches, das sie einander nur immer werther
machte und nher brachte.
    So kamen sie gerade kurze Zeit nach Aarens im Schlo an. Man sagte ihnen,
da der Graf und die Grfin im Augenblick nicht zu sprechen wren, die Comtesse
aber sei in der Rotunde.
    Dorthin eilte Pauline mit dem Lehrer.

                       V. Ein Blick hinter die Coulissen


 Ich will Euch sagen was in's Ohr:
 Die Hungersnoth ist vor dem Thor,
 Die Leute klagen nicht, sie jodeln und scherzen,
 Und das ist schlimm! Ich kenne die Menschenherzen.
 Wollt ihr, da noch zu dieser Noth
 Ein Glaubenskrieg mit berreizten Nerven
 In stille Htten mag den Pechkranz werfen?
                                                                        K. Beck.

               Schreiben des Pater Xaver an den Pater Valentinus.

Gesegnet sei der heilige Loyola! Er lt die Seinen niemals sinken und die
Seinen niemals ihn.
    Verleugnen mssen wir ihn zuweilen - aber dafr straft er uns nicht - das
vergilt er uns tausendfach.
    Du in Deiner glcklichen Einsamkeit, welche Dir gestattet, in friedlicher
Stille den Pflichten unsers heiligen Ordens zu leben, Deinen frommen Wandel mit
einen freudigen Gehorsam fortzusetzen, der keine Selbstverleugnung von Dir
fordert, da Alles, was er Dir auferlegt, als natrlich von Dir bernommen werden
kann - wirst Dir kaum einen Begriff machen knnen von all den knstlichen
Mitteln und mhevollen Combinationen, zu welchen unser Orden oft greifen mu, um
sich seine Weltherrschaft nicht entreien zu lassen. Du in einem glcklichen,
gesegneten Lande lebend, das wir als unsere Heimath betrachten drfen und in dem
Alles still, glubig, fromm und friedlich zugeht, wirst Dir auch davon keinen
Begriff machen knnen, wie unser Leben in einem Lande ist, in dem das
verderbliche Licht der Aufklrung tglich grere Fortschritte macht, in einem
Lande, in dem der grere Theil der Einwohner aus Ketzern besteht!
    Hier war der Spruch unsers Heiligen schon eingetroffen: sie hatten uns
verjagt wie Wlfe, aber wir hatten uns verjngt wie Adler.
    Schon wagten wir es wieder die Lnder siegesbewut in unsere Klauen zu
fassen, schattend unsere weitreichenden Flgel ber die Vlker auszubreiten, da
es Nacht ward bei ihnen - schon dachten wir, es sei die Zeit gekommen, da wir
zugreifen knnten, uns unserer Beute zu versichern, sie zu zerfleischen, ihr das
Herz zu entreien, das doch ein Mal unwillig und aufrhrerisch gegen uns
schlagen knnte.
    Aber wir hatten uns getuscht, schrecklich getuscht!
    Wir erlebten nur einen kurzen Triumpf und dann eine um so schmerzlichere
Niederlage.
    Die Franzosen hatten ein entsetzliches Buch gegen uns geschrieben - das in
das verfhrerische Gewand eines Romans gekleidet, berechnet war, unsern heiligen
Namen auf's Neue vor aller Welt zu brandmarken. Das war schon entsetzlich! Und
auf den Namen Eugen Sue ward der tausendstimmige, einhellige Fluch unsrer ganzen
Brderschaft fr alle Zeiten geworfen! - Ach, ein Fluch, der leider ohnmchtig
abgeprallt ist, denn er hat uns vorher verflucht und alle Welt mit ihm.
    Vor den Bchern der Deutschen frchteten wir uns nicht, obwohl sie wie eine
groe Schneelawine ber uns hereinbrachen! - Es begann damit frmlich in
Deutschland ein ganz besonderer Zweig der Literatur zu grnen und zu blhen, den
man hhnisch geradezu Jesuitenliteratur nannte - als ob unser heiliger Orden
selbst solche gotteslsterliche Bcher verfat htte, oder als ob sie recht fr
ihn allein bestimmt gewesen wren!
    Nun, wir dachten die deutschen Bcher sind ja immer so ziemlich unschdlich
gemacht - wir frchten diese guten Deutschen nicht, die theils aus Schwrmerei,
theils aus Speculation der Buchhndler so viel abscheuliche Bcher zur Welt
bringen! Wir lieen sie schreiben und phantasieren.
    Aber wer htte das diesem Bchervolke zugetraut? Die Franzosen hatten nur
ein Buch gegen uns gehabt - die Deutschen hatten diesmal gar eine That.
    Es war entsetzlich - an allen Ecken und Enden brannte es pltzlich
lichterloh. - -
    Das wenigstens weit Du - die Kunde von diesem pltzlichen Unheil ist auch
bis in Deine glckliche Abgeschiedenheit gedrungen, wiewohl das schne Land, in
dem Du lebst, von ihren traurigen Folgen unberhrt geblieben ist. Ich wiederhole
Dir nicht erst das allgemein Bekannte.
    Wr' es ein Ketzer gewesen, der sich so gegen uns emprt htte! Man ist ihr
Zetergeschrei schon gewohnt, es macht keinen Eindruck auf das Herz der heiligen
Mutterkirche!
    Aber es war ein Priester unsers Glaubens, ein Priester von Rom geweiht, ein
Kind und Diener unsrer Kirche, der das Herz der Mutter und Herrin mit dem
weitreichenden Speer seines Wortes traf.
    Das war's.
    Das Kind entlief der Amme und sagte, es sei mndig.
    Wie dies Alles geschah, sahen wir nur eine Aussicht, die uns reizte und
lockte - es gab Ghrung in den Gemthern - der Bruder fing schon an wider den
Bruder zu murren - das Volk blickte mit ngstlicher Spannung zu seinen Frsten.
-
    Das war das Einzige, was wir bei all' dem, was geschehen war, mit Jubel
sahen.
    Vielleicht - riefen wir - vielleicht kann das zu Etwas fhren.
    Brgerkrieg! Religionskrieg! Worte, vor denen die andern Menschen schaudern
- unsern Ohren haben sie immer wie Musik geklungen! Ja, das war immer unser
Element; wenn es jetzt ber die Lande hereinbrche, so wrden wir uns dabei wohl
befinden und bei der allgemeinen Verwirrung wieder im Trben fischen knnen -
vielleicht in blutiger Weise beides: Seelen und Geld.
    Die Hauptsache ist, auf alle Dinge gefat zu sein.
    Betrachtet man die Gegenwart mit klarem, ruhigem Blick, so kann man sich
eigentlich keine Aussicht auf einen Brgerkrieg und Religionskrieg machen - die
Civilisation und die Begriffe der Menschenwrde sind dazu zu weit
vorgeschritten. Man liebt den Frieden. Man glaubt an die friedliche Entwicklung
aller Dinge. Auch sogar diejenigen Regierungen, welche dem Zeitgeist nur die
allergeringsten Concessionen machen, suchen wenigstens immer den Schein zu
bewahren, als wren sie dem Fortschritt hold - und berall geht es so, wenn auch
ziemlich unmerklich, gleich dem Wachsthum der Eiche allmhlich vorwrts. An
diese friedliche Erfllung ihrer Wnsche, einer Entfaltung segensreicher
Zustnde gleichsam von innen heraus glauben die meisten politischen Parteien in
Deutschland - und von ihrem Standpunkt aus die Sache besehen, mu man es mit
glauben - und so sind, wie gesagt, gar keine Aussichten zu blutigen
Kriegesscenen im deutschen Lande, wie man sie frher erlebt hat.
    So scheint fr uns denn die Zeit gekommen, wo wir auch in unsrer Macht uns
bedroht sehen, wo diese zu wanken scheint, wie die ganze alte Zeit selbst, auf
welche wir sie grnden.
    So mssen wir uns denn neue Sttzen suchen fr unsre Macht, da die alten
morsch werden und zu zerfallen drohen, trotz all' unsrer Bemhungen ihnen eine
ewige Dauer zu sichern.
    Wir wollen zusehen, wie weit wir mit unserm alten Systeme noch kommen - mit
dem Systeme, wonach wir durch Krummstbe, Kronen, Thronen und Scepter die Welt
regierten.
    Aber daneben wollen wir noch ein neues System verfolgen, das wir sofort in
Bereitschaft haben, wenn das alte uns keine guten Dienste mehr thun will. Diesem
Systeme gem wollen wir es mit dem Volke halten.
    Jenes alte System grndet sich auf die alte Zeit - unser neues System wird
sich auf die neue Zeit grnden. Wenn dann der Tag kme, wo die Freunde des
Fortschrittes und Lichtes in Deutschland meinten, gesiegt zu haben, und nun
jubelnd die alte Zeit zu Grabe trgen, so wrden wir doch der allgemeinen
Vernichtung entgangen sein - wir wrden unerkannt der Siegesfahne der neuen Zeit
folgen - wir wrden unerkannt hinter dem Sarge der alten Zeit hergehen - und
nicht etwa als Leidtragende, sondern als lachende Erben.
    Und wenn man uns jetzt vertreiben will als Wlfe, so werden wir uns dennoch
wieder einschleichen wie Lmmer und verjngt wiederkommen wie Adler.
    Es war von jeher eine unsrer bewhrtesten Ordensregeln: divide et impera.
    Halten wir daran fest.
    Es knnte doch sein, da die neue Zeit, von welcher jetzt die Radicalen nur
so viel in fieberhafter Aufregung trumen und schwrmen, einst doch vielleicht
von diesen Radicalen heraufgefhrt und zur Wirklichkeit werden knnte.
    Nun denn, wohlan! Wir wollen gemeinschaftliche Sache mit diesen Radicalen
machen!
    Ich sehe meine Brder erschrocken zurckfahren. - Gemeinschaftliche Sache
mit dieser Partei, welche mit ihrer verwegnen Leuchte all' unser Thun der Welt
gezeigt hat, durch deren Bestrebungen es so hell geworden ist, da wir - wenn
dieses Licht noch heller und strahlender brennt, kaum noch einen dunklen
Schlupfwinkel finden werden, in den wir uns verkriechen knnen und aus dem wir
uns doch niemals wieder werden heraus wagen drfen, um in unserm eignen
Interesse zu wirken?
    Ihr Kurzsichtigen, ihr Kleinmthigen!.
    Wit Ihr denn nicht, da man aus einer Leuchte eine Brandfackel machen kann,
die mit rother, unheimlicher Gluth Alles niederbrennt und verwstet? Und solche
zerstrende Gluth, wobei es viel schwarzen Rauch, graue Wolken und erstickenden
Dunst giebt - ist denn nicht sie auch gerade unser Element?
    So wollen wir es machen mit dem Lichte der Aufklrung der Radicalen und sie
sollen, ohne da sie selbst es bemerken, uns noch dazu vortrefflich in die Hnde
arbeiten.
    Also: divide et impera!
    Reform! ist jetzt das allgemeine Loosungswort des Tages geworden. Alle, die
dem Fortschritte huldigen, verlangen Reform - darin sind die Parteien einig -
aber hchst uneinig sind sie ber die Begriffe, welche sich mit diesem
allgemeinen Ausdruck verbinden lassen.
    Die Liberalen wollen Volksvertretung, den sogenannten constitutionellen
Fortschritt - sie wollen neben einer Reform des Staates auch eine Reform der
Kirche.
    Die Radicalen wollen Volksherrschaft - Glaubensfreiheit - nach der Kirche
fragen sie weiter nicht.
    Die Sozialen wollen Reform der Gesellschaft - und die Eifrigsten unter ihnen
nicht erst Reform, sondern Aufhebung des Staates und der Kirche - allgemeine
Gleichheit.
    Das sind die Communisten.
    Mit den Communisten mssen wir es halten.
    In den Communisten mssen wir unsere Helfershelfer suchen, die unsere Sache
am Besten frdern helfen - es giebt keine andere Partei, von welcher wir gleiche
fr uns segensreiche Dienste erwarten knnten. Gelingt ihr Werk, so ist auch das
unsere gelungen - so ist die Zeit nicht fern, da wir uns abermals verjngen
werden wie Adler. Gerade unter diesen Menschen, welche als unsre
frchterlichsten Gegner erscheinen, indem sie die heilige Kirche selbst, in der
ja bisher all' unser Heil und der Grund unserer Herrschaft und Macht ruhte,
nicht erst bekmpfen - sondern auf eine gotteslsterliche, abscheuliche Weise
geradezu negiren und deshalb aufheben wollen - gerade unter diesen werden wir
unsere Erretter suchen und finden - man denke an das alte Wort: da die Extreme
sich berhren.
    Diese Communisten gehen damit um, die Ordnung der bestehenden Dinge
umzukehren. Nun! Bielleicht ist auch fr uns die Zeit gekommen, wo wir dies
wnschen mssen - wo es mit all unsrer Kraft ein vergebliches Bemhen ist, den
Rossen der Zeit, die wir so lange glcklich zurckhielten, noch lnger in die
Zgel zu fallen und ihren Lauf und den Fortschritt aufzuhalten. Trotz unseres
unermdlichen Widerstandes sind sie dennoch unmerklich vorwrts gegangen und
haben uns selbst mit nahe bis an einen Abgrund gezogen. Nun denn! Man mu sich
in Alles zu schicken wissen. Wollen die Rosse nicht wieder zurck, wollen sie
nicht sich wieder einfangen lassen, um noch lnger still zu stehen -: so hetzen
wir sie selbst nur um desto schneller vorwrts, da sie wilde Sprnge machen,
Alles zerschlagen und zerstampfen und, das rechte Ziel verfehlend, endlich
todtmde niederstrzen - dann sind wir wieder schnell und dienstfertig bei der
Hand, die gestrzten Rosse aufzurichten und zu ewigem Stillstand wieder
zurckzufhren in den alten Stall.
    Um nun auf das Nhere und auf Thatsachen berzugehen: der Communismus
predigt das Himmelreich auf Erden. Und mit dieser Predigt wendet er sich an alle
Diejenigen, welchen freilich bis jetzt die Erde nichts weniger sein kann als ein
Himmel! An die Armen, Niedriggeborenen, Unerzogenen, Entsittlichten wendet man
sich zuvrderst mit dieser neuen Lehre - mit einem Wort an die niedrigsten
Classen, an die untersten Schichten der Gesellschaft, deren Hefe: die
Proletarier, den Pbel. Also an die Mehrzahl der Menschen - an den groen
Haufen. Und an den Orten, wo sich dieser in der tiefsten Erniedrigung,
Verwahrlosung, Rohheit und Unwissenheit befindet, wird es am leichtesten sein,
ihn zu alle den Dingen aufzureizen, welche endlich - wenn auch auf langen
Umwegen - zu uns fhren.
    Wir haben bisher unsere Herrschaft doch meist auf die Macht und den Glanz
der Hochgestellten gebaut - jetzt mssen wir sie neu grnden, auf das Elend, auf
den Schlamm der in Gemeinheit und Erniedrigung Versunkenen. Einzelne passende
Werkzeuge fr unsere Zwecke muten wir uns immer unter ihnen whlen - aber jetzt
gilt es mehr, jetzt gilt es nicht blo Einzelne passend zu verwenden, jetzt gilt
es, sich der Menschen zu bemchtigen, durch die Massen zu wirken.
    Es ist keine Frage: die Massen leiden -
    Alles Unglck macht die Menschen zu Verbrechen fhig, von denen sie im Glck
sich nimmer Etwas trumen lieen - der Hunger aber vollends macht die Menschen
zu reienden Thieren.
    Trachten wir also uns allen Reformen zu widersetzen - gleichviel, ob sie von
weisen Regierungen oder von schwrmerischen Oppositionsparteien ausgehen -
welche sich damit beschftigen, den Nothstand der armen Arbeiter zu lindern und
durch Volkserziehung und eben so milde als weise Gesetze auf eine allmhliche
Hebung der untern Classen hinzuwirken. Fhren wir in der Stille Krieg mit diesen
Regierungen, mit dieser Opposition und halten wir es nur mit einer Partei - mit
den Communisten. Aber diese drfen nicht ahnen, da wir ihre Freunde sind, so
wenig als jene, da wir ihre Feinde. Es gilt, sich jetzt mehr als jemals in
undurchdringliches Dunkel zu hllen.
    So gro als die Communisten sie schildern wollen, ist die allgemeine Noth
nicht - besonders sind die Massen noch gar nicht zum Bewutsein ihres Elendes
gekommen. Wir mssen also streben, sowohl sie dahin zu bringen, als auch die
allgemeine Noth der Armen und Arbeitenden selbst noch in der Wirklichkeit zu
vergrern.
    Der Communismus predigt das Himmelreich auf Erden. Er will es in seinem
Wahnsinn dadurch verwirklichen, da er Staat und Kirche als von ihm unmenschlich
und unnatrlich genannte Einrichtungen aufhebt, da er Politik, Religion,
Volkssitte, Vaterlandsliebe - alle diese Dinge, fr welche Jahrtausende lang die
Menschen aller Zonen und Zeiten lebten und starben - als Trugschlsse verwirrter
Menschengeister erklrt, aus denen endlich die ganze zu Verstande gekommene
Menschheit wieder heraus msse, wenn sie nicht lnger ein sinnloses Treiben
fortsetzen und darber zu Grunde gehen wolle. Der Communismus will das
Himmelreich auf Erden verwirklichen, indem er ferner Gtergemeinschaft verlangt,
Aufhebung des Capitals, Abschaffung des Geldes, jenes wesenlosen Dinges, welches
nach ihrer Meinung als ein entseeltes Gespenst, das vergebens nach seinem Leibe
jagt, (denn es hat eigentlich Beides: Seele und Krper - und doch auch wieder
Beides nicht!) und die Menschen von einander trennt, indem es ihre Verbindung
vermitteln will. So sollen knftig diese verbrderten Menschen (was, nebenbei
gesagt, unendlich langweilig sein mu!) zusammen wohnen in schnen bequemen
Palsten, wo Niemand mehr zu hungern und zu frieren braucht, sondern fr Alle
das Haus geheizt und der Tisch gedeckt ist. Ihr ganzes Leben soll Genu sein,
Genu der freien Liebe und aller andern sinnlichen Freuden, und dafr soll ein
Jeder nur tglich zwei Stunden arbeiten - und diese Arbeit ihm selbst ein Genu
sein.
    Das ist das Ideal der Communisten.
    Trachten wir danach, dieses Ideal verwirklichen zu helfen, oder lassen wir
vielmehr sie mit ihrem redlichen Willen und ihrem verblendeten Verstand danach
streben - denn sobald sie terra rasa gemacht haben fr die ganze Menschheit,
sobald sie die Millionen friedlich eingepfercht haben in die groen Stlle, in
welchen sie ausruhen und sich nhren knnen von der gleichen Weide zu gleichem
Theil - alsbald werden sie auch des Hirten wieder bedrfen, die Heerde in
Ordnung zu halten.
    Damit diese Gleichheit in Arbeit und Genu niemals gestrt werde, wird eine
so organisirte Gesellschaft einer Beaufsichtigung, einer Bewachung bedrfen, wie
sie bisher ohne Beispiel gewesen in der ganzen Welt - denn die ganze
Weltgeschichte wei nichts Aehnliches! - Und dann werden wir an unserm Platz
sein.
    Wir werden dann diese Aufsichtsfhrungen uns zu verschaffen wissen - und
dann wird die Zeit unsrer glnzendsten Herrschaft kommen.
    Lange Jahrhunderte hindurch haben wir die menschliche Gesellschaft ber uns
zu tuschen gewut - so wird es uns auch nicht an Mitteln fehlen, diese neue
Gesellschaft zu tuschen. Wir werden das Regiment ber sie in unsere Hnde
bringen, ohne da sie ahnt, in welchen Hnden es ist.
    Und wenn sie gleich auf einige Zeit unsere Kirche abgeschafft haben, so
werden wir sie doch in Kurzem wieder herrlich aufbauen.
    Denn das bezeugt die Geschichte und alle Erfahrung: es wohnt tief in jeder
Menschenbrust ein religises Bedrfni. Ein Bedrfni, fr sich selbst ein
hheres Wesen zu fhlen und zugleich ein verwandtes Hchstes ber sich
anzuerkennen.
    Dieses Bedrfni wird auch in dieser Gesellschaft wieder erwachen, denn der
Mensch von heute ist immer noch gleich dem Menschen von Jahrtausenden und bei
aller Fhigkeit zu Vervollkommnung ist doch die Menschennatur an sich keiner
Vernderung fhig.
    Wenn nun dieses religise Bedrfni wieder erwachen, sich zur Geltung
bringen und seine alten Rechte fordern wird - um so ungestmer und brnstiger
als man sie ihm ganz nehmen wollte und genommen hatte - und hier berhren die
Extreme sich wieder - dann werden wir unsere Masken und Mntel von uns werfen
knnen! Dann werden wir wieder vor der sehnschtigen Menge erscheinen und werden
wieder zu ihr reden: Sehet da die Herrlichkeit des Herrn, seiner Diener und
seiner Kirche - wir sind bei Euch gewesen allezeit, auch da Ihr es nicht ahntet
und werden bei Euch bleiben bis an der Welt Ende! - Und wir werden erzhlen, wie
man den jetzigen Zustand der Dinge uns allein verdanke und es wird leicht sein,
ihnen wei zu machen: Jesus sei der erste Communist gewesen - denn wir haben uns
ja niemals gescheut, diesen heiligen Namen zu manchen frevelhaft scheinenden
Dingen zu gebrauchen, welche aber eben durch seinen Namen geheiligt wurden - und
wir werden uns als seine treuesten Diener bekennen und sagen, es sei gleich, ob
wir nun Jesuiten oder Communisten hieen. Wir thtten ja schon seit
Jahrhunderten Gtergleichheit gehabt und gleiche Arbeit in unsrer Gemeinschaft,
damals habe die Welt, die bse Welt, die ja eben damals in so groer Unordnung
befangen gewesen, uns dafr oft verfolgt - wir wren lngst die Mrtyrer fr den
Communismus gewesen - nun aber mit seiner Verwirklichung habe unser System
gesiegt. Und man wird uns glauben und zujauchzen, man wird sich wieder betrgen
lassen, wie vordem, und mit Freuden das Regiment unsern geweihten Haiden
bergeben.
    Dann werden wir unser Ziel erreicht haben! Vieler Selbstverleugnung wird es
bis dahin bedrfen - aber sie wird uns herrlich vergolten werden und der heilige
Loyola wird seine treuen Diener nicht verlassen.
    Wir werden siegen in diesem Zeichen.
    Jetzt gilt es also, auf dieses groe Ziel hinzuwirken.
    Ueber den Blick in diese groe Zukunft drfen wir das Nchste nicht
bersehen.
    Wir mssen die Parteien wider einander aufstacheln.
    Wir mssen den Communismus berall in der Stille ausbreiten helfen - und wo
er noch gar nicht da ist, da mssen wir den Teufel an die Wand malen, damit er
komme. Dies ist eine Maxime, eben so schn und bewhrt, als es das Sprichwort
selbst ist.
    Um zu zeigen, wie man dies machen mu und wie ntzlich fr unsern Zweck dies
Verfahren ist, will ich unter Hunderten nur ein kleines Beispiel aus einem
deutschen Staate anfhren, in dem wir jenes Verfahren krzlich mit viel Glck in
Anwendung brachten.
    Wir wuten gleichzeitig durch anonyme Briefe, welche wir ganz und gar nur
mit Stellen aus communistischen Bchern von den entschiedensten Verfechtern
dieser Doctrinen ausfllten - damit man sie um so weniger fr ein Werk unsers
frommen und rechtglubigen Ordens halte - Eisenbahnarbeiter und Fabrikarbeiter
aufzuhetzen, ihnen communistische Lehren beizubringen, ihr eignes Elend
vorzuhalten und sie wider die bestehenden Verhltnisse aufzureizen. Die
Eisenbahnarbeiter waren fr unsere Lehren ziemlich zugnglich, es waren
Auslnder unter ihnen, denen diese Dinge bereits nichts Neues waren - und
welche, wenn sie auch an der Mglichkeit ihrer Ausfhrung zweifelten, doch die
Inlndischen mit aufreizen halfen - und so kam es, da sie jngst aufstanden,
ihre Arbeiten einstellten und einen hhern Lohn verlangten.
    Mittlerweile hatten wir unter den Arbeitern der nahen Fabrik eines Herrn
Felchner auf einen der jngern Arbeiter unser Augenmerk geworfen. Dieser, Franz
Thalheim, besitzt, eine ungewhnliche Intelligenz fr seinen Stand bei einem
schwrmerischen aufopfrungsfhigen Herzen. Er hatte einige keine Schriften
geschrieben, welche, allerdings weit entfernt von communistischen Tendenzen,
doch die Rechte des armen Volkes vertreten und sein Elend zur Sprache bringen.
Wir glaubten, es sei leicht, aus ihm einen Verbreiter des Communismus zu machen,
wie wir ihn nur wnschen konnten. Leider scheint es, da wir gerade in ihm uns
verrechnet haben - er hat ein zu strenges Rechtsgefhl, um einer Auflehnung
gegen das gesetzlich Bestehende fhig zu sein, um Etwas auf anderen als
gesetzlichen Wegen erringen zu wollen, auch hat er zu Viel gesunden und
unverblendeten Menschenverstand, um von einem im Augenblick noch unpraktischen
System sonderlich Notiz zu nehmen. Auf ihn also - das haben wir erkannt - werden
wir schwerlich zhlen drfen - desto leichter ging durch ihn einer seiner
vertrautesten Kameraden in die Falle.
    Jetzt haben wir in dieser Fabrik Alles in die beste Ghrung gebracht und
zwar durch die verschiedenartigsten Mittel.
    Zuerst wuten wir - auf unserm gewhnlichen Wege - einigen Regierungsbeamten
zuzuflstern, da in jener Fabrik - als sich noch nicht das geringste
Verdchtige dort zeigte - gefhrliche Verbindungen bestnden und da dort sich
von einem Menschen, der sich auf derartige Sachen verstnde, ein
staatsgefhrliches Complott entdecken liee. Begierig, diese Entdeckung zu
machen, setzte sofort der geheime Polizeirath Schuhmacher alle seine geheimen
Maschinerien in Bewegung, um durch Entdeckung dieser gefahrdrohenden Zustnde
sich Ansprche auf den Dank seiner Regierung zu erwerben. Er scheute kein
Mittel, um zu seinem Ziele zu gelangen. Vortrefflich arbeitete er uns in die
Hnde. Einer seiner Helfershelfer mute - worber wir besonders frohlocken - den
Fabrikherrn selbst warnen und zu grerer Beaufsichtigung seiner Leute
auffordern. Dies geschah - und nun werden wir es bald erleben, da diese Strenge
und Vorsicht bewerkstelligt, was unserm Zureden und Vorspiegeln allein nicht
gelungen wre: - die Fabrikarbeiter werden sich empren, und wenn sie gleich
damit Nichts thun, als blind in ihr Unglck rennen - so ist es doch von da an
eine beglaubigte Wahrheit: der Communismus spukt in Deutschland und greift schon
zu praktischen Mitteln - und dadurch ist fr uns schon Viel erreicht: wir knnen
von da an den Communismus als Popanz brauchen! - Als Popanz zuerst fr die
Regierenden, damit sie hinter freien Regungen berhaupt gleich Communismus
vermuthen - und dehalb sich um so weniger zu Zugestndnissen verleiten lassen;
- fr die Besitzenden, damit sie gegen die armen und arbeitenden Classen desto
hrter verfahren und durch Druck und Hrte sie um so eher dem Communismus in die
Arme fhren, damit die Schwergedrckten endlich gar dem blinden Glauben der
Verzweifelten sich hingeben: es gebe fr sie kein anders Heil und keine
Bestimmung, als Blut und Leben einzusetzen fr die Verwirklichung des
Communismus; - endlich auch als Schreckbild fr die Liberalen, damit sie, weil
sie nun nach zwei Seiten hin zu kmpfen haben, um so leichter ermden, und damit
sie, um nicht auch als Communisten verschrieen zu werden, vorsichtiger und
zurckhaltender werden in Tadeln und Fordern.
    Damit ist schon Viel gewonnen.
    Zugleich sind auch in den Verdchtigungsnetzen des Polizeirath Schuhmacher,
zwei Liberale mit gefangen worden: Graf Jaromir von Szariny und Gustav Thalheim,
zwei Schriftsteller fr uns von der gefhrlichsten Sorte. Man wird sie der
Regierung als Theilnehmer an communistischen Comploten bezeichnen, da sie mit
den aufsssigen Fabrikarbeitern in Berhrung gekommen sind - man wird sich
entweder ihrer bemchtigen, oder doch wenigstens ihre Schriften verbieten -
obgleich diese radical und Nichts weniger als communistisch sind - oder sie des
Landes verweisen, ihnen ihre literarische Thtigkeit erschweren, und so werden
wir mit guter Manier zwei unsrer gefhrlichsten Gegner los - indem sie entweder
ganz unschdlich gemacht oder vielleicht aus Rache und Erbitterung das werden,
fr was man sie bisher nur hielt und als was sie nun einmal verdammt und
gebrandmarkt sind: Communisten. So ist es zugleich mit gelungen, der schlechten
Presse die Schuld an den Arbeiteraufstnden mit zuzuschreiben - auch davon
werden die guten Folgen nicht ausbleiben.
    So mssen uns alle Dinge zum Besten dienen.
    Das ist immer unsere Ordensregel gewesen.
    Und so habe ich denn in der Krze versucht, mein frommer Bruder, Dir
anzudeuten, welche schwierige Stellung wir hier haben - wie wir aber trotzdem
nicht verzagen, sondern bereits auf eine neue Aera uns vorbereiten - damit auf
alle Flle unser heiliger Orden selbst dann nicht untergeht, wenn man alle
bestehende Ordnung der Dinge umkehrt.
    Gesegnet sei der heilige Loyola, der die Seinen schtzt!
    Grsse alle unsere Brder.
                                                                   Pater Xaver.

                              VI. Auf dem Schlosse


 Der Bund, der sich auf Treue grndet,
 Hat Schild und Schwert zu Schutz und Wehr;
 Die Flamme, die im Herzen zndet,
 Durchstrahlt die Nacht als Feuermeer.
                                                                     K. Haltaus.

Als Pauline mit dem Doctor Thalheim in die Rotunde in Hohenthal ging, in welcher
sie Elisabeth treffen sollte, hrte sie leises Geflster und sagte deshalb zu
Thalheim:
    Elisabeth scheint nicht allein dort zu sein.
    Diese Worte hatte Elisabeth selbst vernommen. Das ist Paulinens Stimme,
sagte sie zu Jaromir; komm - Hand in Hand wollen wir ihr unser Glck verknden,
das sie vielleicht ahnt, das ich ihr bis jetzt aber noch nicht zu gestehen
wagte. - Ohne daran zu denken, da wahrscheinlich auch Pauline nicht allein
kme und nicht nur laut mit sich und den Bumen gesprochen - trat die von ihrer
Seligkeit halbberauschte Braut an der Hand des Geliebten unter den Bumen
hervor.
    Pltzlich standen sich vier berraschte Menschen sprachlos gegenber.
    Elisabeth war pltzlich regungslos wie festgezaubert, die Blicke zu Boden
gesenkt, als sie Thalheim erkannt hatte. Diesen selbst durchzuckte bei Jaromirs
Anblick eine seltsame Art von Schmerz - wenn auch unschuldig, war dieser doch
die Ursache seines gemordeten Lebensglckes und da er nun gerade ihm hier
begegnen mute.
    Jaromir sann nach, wer der Fremde wohl sei, der ihn mit einem so seltsamen
Blicke ma - und der ihm wohl auch kein ganz Fremder sei - er mute ihn schon
irgend einmal gesehen haben.
    Am Unbefangensten war noch Pauline, die sich doch ber weiter Nichts zu
verwundern hatte, als da sie Jaromir so vertraulich an der Freundin Seite sah.
Daher konnte auch sie zuerst das Wort nehmen, und indem sie Elisabeths Hand
drckte, sagte sie: Also berraschen wir Dich doch! Schon glaubte ich, Du
wrest auf dieses Wiedersehen vorbereitet. Und eh' noch die Angeredete
geantwortet, bernahm sie deren Amt und stellte die Herrn einander frmlich vor.
    Bei Nennung von Thalheims Namen zuckte es auch seltsam ber Jaromirs Gesicht
- aber das war bald verbannt und vorber und er erwiderte Thalheims Gru mit
einigen freundlichen Worten. Elisabeth war noch immer sprachlos geblieben - ein
Schweigen, das fr die Andern beinah peinlich zu werden begann - da sagte sie
pltzlich mit der ihr eignen Heftigkeit, welche sie jedes Mal berkam, sobald
sie sich bei erschtternden Momenten bemht hatte, ihrer Bewegung Meister zu
werden und dann still bei sich dies Bemhen um uerer Formen und des Herkommens
willen kleinlich und unwrdig der edleren Gefhle gefunden hatte, gegen deren
Aeuerung sie damit eben ankmpfte:
    Es ist zu viel Glck auf ein Mal! Neben mir der, den mir heute Elternsegen
zum Brutigam gegeben - mir gegenber pltzlich mein verehrter Lehrer, den ich
kaum wiederzusehen hoffen durfte - neben mir die langentbehrte Freundin - was
fehlte noch, um ein Menschenherz so von Wonne berflieen zu lassen, da es
darber die Sprache verliert?
    Vielleicht ich? sagte lachend Aurelie, die eben auch zu der Gruppe trat -
eine neue Ueberraschung fr Thalheim und Pauline, denn Beide wuten noch Nichts
von ihrer Anwesenheit.
    Und wie es dann manchmal geht, wenn je mehr der verschiedenen Elemente mit
ihren verschiedenen Berhrungspunkten, je nachdem innre Wahlverwandtschaften zu
einander hintreiben oder uere Einwirkungen die Annherungen und Mischungen
erleichtern - so war denn auch jetzt durch das Hinzutreten der Allen bekannten,
aber Allen mehr gleichgltigen Aurelie in ihrer heitern Harmlosigkeit pltzlich
die feierliche Stimmung, welche sich mit einem beinah ngstigenden Druck dieser
vier Menschen hatte bemchtigen wollen - von ihnen genommen und wich einer
leichtern heiteren Unterhaltung, aus Glckwnschen fr das Brautpaar, Fragen
nach dem inzwischen Erlebten und Gesehenen gemischt.
    Elisabeth erklrte dann frhlich entschieden, da heut' ihr schnster
Festtag sei und da Niemand, wer einmal gekommen sei, unterlassen drfe, ihn mit
zu feiern - Niemand werde vor Abend wieder vom Schlo entlassen. Ein Diener
berief dann die kleine Gesellschaft zur Grfin, und als diese dann hier
Elisabeths Einladung freundlich wiederholte, so galt weiter keine Einrede, man
blieb beisammen wie der Zufall es einmal gefgt hatte.
    Aurelie begegnete Paulinen mit Herzlichkeit, obschon sie sich vorher nicht
hatte berwinden knnen, sie in der Fabrik aufzusuchen, freute sie sich doch
jetzt aufrichtig dieses unverhofften Wiedersehens.
    Pauline empfand bei Elisabeths Glck die frhlichste Theilnahme - aber
zuweilen, wenn sie einen jener zrtlichen Blicke sah, wie Liebende sie gern zu
tauschen pflegen, oder einen jener innigen Hndedrcke bemerkte, oder ein
liebeseliges Wort, das sie einander zuflsterten, vernahm - da beschlich eine
unendliche Wehmuth ihr Herz, ein bitteres, unzufriedenes Gefhl mischte sich
hinein, und tief in ihrem Innern schrie es auf, wie eine schrillende Dissonanz.
- Und wenn sie auf Thalheim sah, der mit obenan sa neben dem Grafen Hohenthal
und von diesem mit hochachtungsvoller Aufmerksamkeit behandelt ward - da zuckte
es auch seltsam traurig durch ihre Seele wie zu einer anklagenden Frage an das
Schicksal - sie dachte an Franz, an den ausgestoenen armen Franz und deshalb
war sie zuweilen so still und in sich gekehrt unter all' diesen frohen Menschen,
deren Glck ihr doch auch so Viel galt. Sie meinten wohl, es sei ihre Art so,
oder brgerliche Schchternheit, wenn sie still war. Nur Thalheim sah, was in
ihr vorging - er fhlte dann das Gleiche mit und konnte selbst sie kaum ohne
Wehmuth betrachten.
    Aber auch Elisabeth's Schicksal bekmmerte ihm Der erklrte Geliebte der
Sngerin Bella, er, der schon so viel Mdchenherzen durch seine Schnheit, sein
einnehmendes Wesen, durch all' seine geistig hervorragenden Eigenschaften,
freilich oft mehr willenlos als absichtlich an sich gefesselt hatte - und sie
dann wegwarf, weil er keine Befriedigung bei ihnen gefunden - gleich viel, ob
sie dabei brachen und blutend zuckten - konnte der eine Brgschaft dafr geben,
da Elisabeth endlich dies ruhelose Herz ausfllen und da er sie dauernd
beglcken werde?
    Elisabeth war von Thalheims Gegenwart wunderbar ergriffen. Sie fhlte es
jetzt wohl, wo ihr Herz mit dem Jaromirs so selig zusammenschlug - nicht Liebe
war es gewesen, was sie einst fr den Lehrer empfunden hatte - denn noch fhlte
sie sich von demselben Gefhl beherrscht wie damals. Es war eine Art kindlicher
Ehrfurcht, welche sie vor ihm hatte, und zugleich auch zrtlichste Verehrung,
die sie ihm darbrachte, wie einem hhern Wesen. Es war, als habe er eine
unsichtbare Gewalt ber sie, von der freilich er am Wenigsten Etwas ahnte, die
aber sie selbst um so tiefer fhlte.
    Am Nachmittag im Park ging sie einmal neben Thalheim allein - die Andern
folgten in einiger Entfernung.
    Die Beiden hatten zusammen von ver angenen Tagen in der Residenz gesprochen.
    Als ich Szariny zum ersten Mal sah, sagte Elisabeth, war es an Ihrer
Seite - er war bei Ihnen gewesen - Sie hatten ihn herausbegleitet - ich trat aus
der entgegengesetzten Thre - nachher war mir der Gedanke immer so freundlich,
da doch gerade Sie es sein muten, der uns zuerst zusammenfhrte.
    Diese Erinnerung durchzuckte Thalheim schmerzlich - er sagte nur betroffen:
Ich? weil er gar nicht wute, was er sonst sagen sollte.
    Freilich ohne es zu wissen - und dann wieder! O, wir haben oft davon
gesprochen, Szariny und ich.
    So hat er Ihnen Alles erzhlt?
    Was meinen Sie?
    Nein - dann wrden Sie nicht fragen! sagte er mehr zu sich selbst als zu
ihr - aber sie hatte es doch gehrt und war davon betroffen - er wollte diesen
Eindruck verwischen und fgte dann bei: Sie hatten den Grafen schon in der
Residenz nher kennen gelernt?
    Nur da ich ihn zwei Mal sah, lohne seinen Namen zu kennen - Sie wissen,
wie eingezogen wir dort im Institut lebten. Ein Mal noch hatte ich ihn ganz
flchtig gesehen, wo er mich nicht bemerkte - es war im Opernhaus - ich wei es
noch genau, Othello ward gegeben und Bella sang die Desdemona.
    In diesem Augenblick waren die folgenden Personen den Vorangegangenen nher
gekommen. Jaromir trat neben Elisabeth und indem er ihr den Arm bot, sagte er
scherzend zu Thalheim gewendet:
    Wenn ich wagen darf, die Schlerin ein Wenig zu zerstreuen?
    Ei, sagte Elisabeth in gleichem Tone - wir hatten zuletzt von der Oper
und der Sngerin Bella gesprochen, und da kannst Du mich noch besser belehren.
    Diese heiter und unbefangen gesagten Worte nahm er fr argwhnischen Spott -
Thalheim kannte sein frheres Verhltni zu Bella, da er mit ihr in demselben
Haus wohnte - und wie wre Elisabeth gerade jetzt darauf gekommen, wenn nicht
Jener sogleich seine Entfernung benutzt htte, um das vertrauende Herz der
Geliebten fr ihn mit einem elenden Stadtgeschwtz zu vergiften? Er schwieg tief
in innerster Seele verwundet - aber seine Augen flammten zrnend und
herausforderd gegen Thalheim auf.
    Dieser begriff sogleich, was in Jaromir vorgegangen und dessen Verdacht -
aber er fhlte sich so ber denselben erhaben, da er davon, wie ihn Jener hegen
konnte, innerlich beleidigt ward; und deshalb sagte er in einem kltern Ton, als
in dem seiner gewohnten Milde: Ich werde Ihnen Alles erklren, sobald Sie
wnschen.
    Jaromir versetzte kalt: Nun kann es mir gleichgltig sein.
    Elisabeth begriff nicht, wie diese beiden ihr so theuern Mnner auf ein Mal
zu so sichtlicher Gereiztheit kamen, sie zog mit edelm Stolz ihren Arm aus dem
Jaromir's, trat einen Schritt zurck und sagte: Wenn ein Miverstndni
zwischen Ihnen waltet, das vielleicht in meiner Gegenwart nicht aufzuklren ist,
so bitt' ich doch, dies nicht lnger zu verschieben.
    Jaromir wollte sie um Verzeihung bitten, wenn er sich vergessen - Thalheim
aber stimmte Elisabeth bei und fhrte ihn mit sich fort, whrend sie Aureliens
Arm nahm, welche vorhin mit Jaromir zugleich ihnen nachgekommen war.
    Aurelie lachte zu Elisabeths Nachsinnen ber diesen kleinen Auftritt, sie
sagte heiter: Hast Du denn nicht bemerkt, da Jaromir nur sein Gewissen schlug,
als Du von Bella sprachst? Ich kann mir denken, da ein Brutigam ungehalten
wird, wenn man Anspielung auf eine frhere Geliebte macht.
    Ich verstehe nicht.
    Als wenn nicht alle Welt wte, da er Bella's erklrter Liebhaber war.
    Jaromir?
    Das httest Du wirklich nicht gewut? Nun dann freilich htt' ich's nicht
ausschwatzen sollen.
    Die beiden Mnner hatten sich schnell verstndigt und kehrten jetzt wieder
zu den beiden Damen zurck, auch Pauline kam mit hinzu. Elisabeth war, von
Aureliens Worten betroffen, erst ein Weilchen still und in sich gekehrt, - aber
Jaromir, der gern seine vorige Aufwallung wieder vergessen machen wollte, war
liebenswrdiger, lebendiger denn je, und so ward auch sie wieder von ihm
hingerissen und dachte nicht mehr an das Wort, das sie vorhin bestrzt gemacht
hatte.
    Man nahm einen Platz im Freien ein. Eine halbrunde Bank von Eisengu
zierlich ineinander gefgt in einen Halbkreis, im Hintergrund mit Weingelnde
umgeben, das aber vorn fr eine weite lachende Aussicht sich ffnete, war dazu
ausgewhlt.
    Elisabeth sa zwischen Thalheim und Jaromir, der dicht zu ihr gerckt war
und ihre Hand in der seinigen hielt. Aurelie sa auf der andern Seite Thalheims
und neben ihr Pauline.
    Bald waren Alle in einem heiter ernsten Gesprch vereinigt und auf all'
diesen Gesichtern malte sich eine angenehme Befriedigung der Stunde, eine
harmonische Stimmung zu einander und zu der schnen friedlichen Umgebung, zu der
ganzen schnen Natur.
    Welch' eine frchterliche Unterbrechung war auf einmal der gellende Schrei,
welcher sich aus nchster Nhe hren lie.
    Alle schraken zusammen - am Meisten Thalheim - ihm war diese Stimme bekannt
- und dennoch schien es ihm unmglich, da er sie jetzt hier hren knne.
    Nur einige Schritte hatte man zu gehen - eine weibliche Gestalt, deren auf
den Boden gedrcktes Gesicht man vor einem seidnen Hut nicht sehen konnte, lag
auf dem Wege und warf sich wie in Krmpfen hin und her.
    Aurelie hatte sie zuerst erkannt und war hingeeilt und um sie beschftigt,
ohne ihren Namen zu nennen
    Thalheim rief unwillkrlich: Amalie! und nahm sie in seine Arme.
    Jaromir trat betroffen in einige Entfernung hinter die Bume zurck.
Elisabeth stand bei ihm.
    Dies unerwartete Wiedersehen getrennter Gatten mu frchterlich sein!
sagte sie.
    Frchterlich! wiederholte er dumpf und sah vor sich nieder, dann fate er
pltzlich Elisabeths Hand, sah sie mit unaussprechlichem, flehendem Ausdruck der
Liebe an und sagte feierlich:
    Elisabeth - das ist ein Stck aus meinem Leben - ich habe Dir bis jetzt nur
von meiner Gegenwart, von unsrer Zukunft gesprochen - aber nun will ich Dir all
mein Leben erzhlen - wie mein Herz in seinen ersten heiligen Regungen betrogen
und zertreten ward - wie es dann vergebens suchte und niemals das Rechte fand -
bis mein Herz endlich bei all' diesem vergeblichen Ringen sich selbst Hohn
sprach, sich selbst verlachen und verspotten konnte - und als es aufgehrt hatte
zu suchen, fand es, woran es nie mehr geglaubt - solches mit Dir Elisabeth! Aber
Dein Herz ist ein heiliger Altar und Du bringst mir seine heilige
Erstlingsflamme als Opfer dar - gro und heilig stehst Du in Deiner lichten
Unschuld davor als geweihte Priesterin und weit nicht, da Du es bist - und
vielleicht weit Du nicht, da es mit der Liebe auch anders kommen kann in einem
Menschen. - Wirst Du mich verstoen, wenn ich Dir sage, wie Viel mein Herz schon
erfahren?
    Sie unschlang ihn innig, wie zum Zeichen, da sie ihn nimmer lassen knne -
aber sie antwortete nicht.
    Elisabeth! seufzte er schmerzlich. Nicht wahr - nun glaubst Du meiner
Liebe nicht?
    Sie machte sich sanft von ihm los, um ihm desto inniger in die Augen zu
sehen - da fielen ihre Augen auf zwei blhende Struche Monatsrosen - der eine
war buschig und hatte einen starken Stamm, der andere war klein und schlank,
aber sie blhten Beide. Elisabeth brach von jedem eine Rese und gab sie Jaromir.
    Er sah sie fragend an.
    Sieh - der eine dieser Struche hat schon manchen Sommer geblht, der
andere hat jetzt seine Rosen gebracht - ich sehe keinen Unterschied an den
Blumen!
    Im seligsten Entzcken drckte er sie in seine Arme, an sein Herz.
    An der ganzen Scene und an der welche in der nchsten Nhe des Paares
spielte, war Nichts Schuld, als ein verlegter Schlssel.
    Die Oberstin Treffurth litt, vielleicht auch weil ihre Nerven immer
angegriffen waren, sehr an Zerstreutheit, in dieser verlegte sie oft die
nthigsten Dinge an die unpassendsten Pltze, ohne es selbst zu wissen, und
konnte dann, wenn sie einen solchen Gegenstand vermite, wieder Stunden lang in
ungeduldiger Hast danach suchen, durch welche sie am Allerwenigsten zum Ziele
kam. So hatte sie auch heute einen Schlssel verlegt, den sie nothwendig haben
mute, und da er durchaus nicht zu finden war, kam sie auf die Vermuthung, da
er von Aurelien mitgenommen worden sei, wie denn die Oberstin berhaupt nie ihre
Zerstreutheit eingestand, sondern deren Folgen immer auf Rechnung Anderer
brachte. Der Kutscher war schon weggeschickt, das Dienstmdchen mute im Garten
und Hofe suchen, und so ward denn Amalie gebeten, auf das Schlo zu gehen und
Aurelien nach dem Schlssel zu fragen.
    Amalie wute, da Jaromir in Hohenheim war, und an demselben Morgen hatte
sie ihn vom Fenster aus gesehen, sein Verhltni zu Elisabeth kannte sie aber
nicht. Auch die Ankunft ihres Gatten war ihr noch fremd.
    Als sie jetzt in das Schlo kam und nach Aurelien fragte, zeigte ihr ein
Kammermdchen den Platz, wo sie Aurelien finden werde: bei dem neuem Braupaar.
    Amalie erreichte die Stelle, von wo aus sie pltzlich Elisabeth Hand in Hand
mit Jaromir und neben Thalheim sah - neben ihrem Gatten, den sie niemals hatte
wiedersehen wollen.
    Beides war zu Viel fr die Reizbarkeit einer Frau wie Amalie - und so stie
sie den Schrei der Ueberraschung aus, welcher Jene erschreckte, und verfiel in
Krmpfe, von denen sie bei allen heftigen Gemthserschtterungen erfat ward.
    Thalheim, gleichfalls auf's Tiefste von diesem Wiedersehen erschttert,
kniete neben ihr nieder und hielt sie halb in seinen Armen. Aurelie und Pauline
waren scheu und verlegen zur Seite getreten.
    So waren einige Minuten vergangen - da raffte sich Amalie pltzlich auf, ri
sich von dem Gatten los und eilte zwischen die Bume hinein auf die Stelle, wo
Elisabeth und Jaromir standen.
    Junge Grfin! sagte sie hastig in seltsam schneidendem Tone, ich wnsche
Ihnen Glck dazu, da sie jetzt meine Stelle einnehmen - Jaromir war vor Ihnen
mein - er war der Grund, da ich mich von meinem Gatten trennte - und da ich
Sie jetzt wie einst mich selbst in meiner Jugend zwischen diesen Beiden Mnnern
sah, die an meinem Elend Schuld sind - nahm mir die Fassung.
    Groe und unschuldige Frauenseelen haben, besonders wenn die erste Allmacht
der Liebe sie pltzlich mit ungeahnten Offenbarungen geweiht hat, oft einen
Seherblick, der das verwandte Edle, das sich ihm naht, auch ohne ueres Zeichen
erkennt und das Niedrige, Unreine, das sich in seinen Kreis drngt, eben so
schnell, auch wenn es eine andere Maske borgen will, herausfindet und
zurckweist - so zog auch jetzt Elisabeth mehr ahnend als verstehend Jaromirs
Hand an ihr Herz und sagte im allmchtigen Vertrauen der Liebe:
    Ich will Alles gut machen, was verbrochen ward.
    Amalie konnte es nicht ertragen, lnger dieser hohen Jungfrau gegenber zu
stehen - um so mehr als sie fhlte, da sie es schon durchschaute, wie ja sie,
Amalie, selbst es war, welche an Jaromir ein Unrecht begangen, nicht er an ihr -
auch kam sie jetzt erst eigentlich zur Besinnung, wie sehr sie Ort und Personen
vergessen und wo und zu wem sie sprach. Als nun Thalheim ihr den Arm bot, um sie
hinweg zu fhren, so folgte sie erst willig - dann aber machte sie sich
pltzlich los und sagte:
    Jetzt ist eine Erklrung zwischen uns nicht mglich, es bedarf auch weiter
keiner - wir wollten uns nicht wiedersehen - denke, es sei so gewesen. Willst Du
mir einen Dienst erweisen, so entschuldige mich bei Frulein Aurelie.
    Und damit eilte sie schnell fort. Er konnte ihr nicht folgen, wenn er nicht
das Auge der Spaziergnger auf sich und sie lenken wollte, welche auf der Strae
vorber gingen, die sie bereits erreicht hatten.

                            VII. Zwei Gesellschaften


 Und still versammeln sich die Streitgenossen.
                                                                  Fr. Steinmann.

In der Schenke der Fabrikarbeiter ging es ziemlich lrmend her. Der Wirth hatte
die zweite Stube zugemacht, weil sich nun Niemand mehr absondern durfte. Im
Grunde war's dem Wirth so Recht. Die jungen Arbeiter hatten sonst nur Bier
getrunken und keiner mehr als ein Glas. Dabei konnten sie wenig betrogen werden
und der Verdienst dabei war ein geringer. Nun drngte sich Alles in der groen
Stube zusammen. Nach dem Kruge Vier trank nun wohl fast Jeder noch einen Schnaps
- die Hitze der und Dunst in der Stube vermehrten den Durst und da folgte dem
ersten Schnaps wohl noch ein zweiter und dritter. Das war berer Verdienst fr
den Wirth. Auch lste er wieder mehr an Kartengeld - denn wer einmal dem Spiel
zusah, bekam bald Lust, auch einmal die Karte zur Hand zu nehmen und sein Heil
zu versuchen. Und hatte nun einmal die Hand nach den Karten gegriffen, so gab
sie die neue Bekanntschaft sobald nicht wieder auf. Wer verlor, spielte fort, um
endlich das Verlorene zurckzugewinnen, und wer gewann, spielte fort, weil es
doch eine schne Sache war, so sein Geld zu mehren. Dabei trank man sich noch
Muth und desto mehr, je lnger man blieb. So mehrten sich wieder die Znkereien
und Schlgereien unter den Fabrikarbeitern - dies schien den Herrn
Fabrikbesitzern und Factoren gleichgltig zu sein - vielleicht hatten sie auch
noch den beliebten jesuitischen Grundsatz: divide et impera.
    Wilhelm lehnte mit August und ein paar Andern in einer Ecke.
    August warnte wieder: Ich bitte Euch nur vor allen Dingen, seid gegen Anton
auf Eurer Huth! - Was hat er denn ewig, wenn's Dunkel wird, nach Hohenheim zu
schleichen, wenn dahinter nicht eine Schufterei steckt?
    Ach was, er wird dort einen Schatz haben - versetzte einer der Arbeiter.
    Das braucht er nicht vor uns geheim zu halten - einen Schatz hat Jeder -
sagte ein Anderer.
    Wilhelm meinte ruhig: Er denkt aber gerade wie wir, da er den Franz nicht
mehr leiden kann, und sagt, wir sollten uns vor dem in Acht nehmen - nun wer
wei, ob er darin Unrecht hat.
    Denkt wie wir, eiferte August, ei ja doch, spricht wie wir! Woher weit
Du denn seine Gedanken? Ein gutes Maul hat er immer gehabt. Und wenn er nun
vollends den Franz verlstern will, da soll er mir nur kommen! Als ob es einen
bravern Burschen gebe!
    Nun ja, ein guter Junge war er, rief Wilhelm, das hab' ich wohl am Besten
gewut - den letzten Heller hat er oft hergegeben, wenn er damit helfen konnte -
aber jetzt ist er eigensinnig verstockt geworden und will mit offnen Augen nicht
sehen - mir hat er neulich geradezu erklrt: nun sei er mein Gegner.
    Das ist ehrlich und daran erkennt man den Franz - Anton wrde das im Leben
nicht sagen. Am Ende bleibt doch Franz besser als wir Alle, wenn er gleich jetzt
mit uns nicht fort will - seine Tugend lehrt ihn die Noth ertragen - wir haben
keine Tugend, darum mssen wir es freilich umkehren und aus der Noth eine Tugend
machen. Franz mag uns widersprechen, verrathen wird er uns nie! Anton
wiederspricht nicht und wird uns verrathen! Seht, ich wei gewi, da er in
Hohenheim ein Mal bei demselben Schuft gewesen ist, der den Fabrikherrn wider
uns aufgehetzt hat, denn nach dem Tage, wo so ein alter Schwarzfrack in der
Fabrik gewesen, kam das Verbot unsers Vereins, wit Ihr? erzhlte August.
    Es ist wahr, wir wollen uns vor Anton in Acht nehmen! Franz hat mir ein Mal
erzhlt, wie es auch in andern Verhltnissen, unter den Brgern zum Beispiel,
solche Leute gebe, die am Schlimmsten auf Vorgesetzte schimpften und dagegen
lrmten, nur damit man ihnen beistimme und sie Einen hernach anzeigen knnten!
Vorsicht ist nthig, mahnte ein anderer Arbeiter.
    Eben trat ein ltrer Arbeiter mit verstrtem Gesichte herein. Gebt mir
einen Schnaps, da man sich den Jammer vertrinken kann - weiter giebt's ja doch
keinen Trost auf der Welt fr unser Einen!
    Was hast Du denn, Berthold? Du siehst ja ganz grimmig aus und wie
zerschmettert obendrein! bestrmten ihn Einige fragend.
    Bin's auch - bin auch grimmig und zerschmettert, da habt Ihr ganz Recht!
    Nun und was hast Du denn?
    Was? Da habt Ihr gut fragen - mein Weib ist eine Leiche!
    So schnell?
    Hatte sie nicht Aussicht auf Mutterschaft?
    Ich habe sie doch noch heute frh gesehen? so fragte man ihn wieder.
    Das war's, sagte Berthold und schrie in schmerzlicher Wuth: Sie hatte
heute noch eine Arbeit in der Fabrik, wobei sie Schweres heben mute, sie hat
gesagt, das knne sie nicht - aber ein Aufseher meint, es sei Ziererei und sie
mu - sie hat aber Recht gehabt - bis zum Feierabend schleppt sie sich noch so
hin - wie sie zu Hause kommt, legt sie sich - und da ist sie nicht wieder
aufgestanden - das Kind ist todt, weil's zu frh kam und es hat auch ein
grliches Ende gehabt - - er strzte den Branntwein hinter und trank seine
bittern Thrnen mit hinab, die in das Glas fielen.
    Das ist Jammer!
    Es ist schndlich!
    Das ist doppelter Mord.
    Ein abscheuliches Verbrechen!
    Das mt Ihr auf Mord klagen! so hallten die Antworten der Arbeiter durch
einander.
    Donner und Teufel! Davon werden Weib und Kind nicht wieder lebendig. Und
denkt Ihr, da die Unmenschen, die sie in den Tod brachten - Etwas auf ihren Tod
geben werden? Es ist weniger Bettelvolk auf der Welt, so sprechen sie - ihr habt
nun weniger zu sorgen - es ist eine Wohlthat! rief Berthold.
    Ja! sagte Wilhelm, der jetzt hervortrat, die einmal todt sind, die stehen
nicht wieder auf! Aber wir, wir leben noch und das wollen wir ein Mal unsern
Peinigern beweisen. Sie sollen vor der Lebenskraft erschrecken, die noch in
unsern ausgehungerten Krpern wohnt! - Verthold, wir wollen alle mit Deiner Frau
zu Grabe gehen - und dann, wenn wir armes Volk einer armen Todten die letzte
Ehre angethan haben - dann wollen wir hingehen und ein Mal ein deutliches Wort
mit den reichen Lebenden reden!
    Ein allgemeines Geschrei und Gelrm erhob sich, man stimmte Wilhelm
jauchzend bei und wechselte damit ab, ihm Recht zu geben, den Fabrikherrn, ihre
ganzen Bedrcker, alle Reichen zu verfluchen, Berthold zu beklagen und mit
Zerstrung aller Maschinen und der ganzen Fabrik zu drohen. Wilhelm und August
mahnten zur Ruhe, warnten davor, den Plan laut werden zu lassen, und die Meisten
folgten diesen Mahnungen.
    Whrend sich hier Entsetzliches vorbereitet, gab der Rittmeister von Waldow
auf seinem Gut in nchster Nhe ein groes Fest.
    Es galt, die Rckkunft seines Sohnes Karl zu feiern, whrend Thalheim und
Eduin noch anwesend waren.
    Die smmtliche Gesellschaft des Kurortes war geladen und die Familie
Hohenthal.
    Ein paar Tage waren seit Jaromirs und Elisabeths Verlobung vergangen und
diese eben jetzt durch Karten und Zeitungen die groe Neuigkeit des Tages
geworden.
    Jaromir hatte gleich am Tage nach derselben wegen eines dringenden
literarischen Geschftes in die Residenz reisen mssen, und ward erst am Tage
des Waldow'schen Festes wieder zurck erwartet. So hatte er Elisabeth noch nicht
wieder gesehen und so auch sein Wort nicht halten knnen, ihr sein Leben zu
erzhlen. - Als an jenem Morgen Aarens bei dem Grafen Hohenthal gewesen, hatte
der unglckliche Bewerber, der so pltzlich aus seinem Himmel, den er eben mit
sichern Schritten hatte betreten wollen, herabgeworfen worden war, sich nicht
gleich in seine gewohnte Stellung wieder zurecht finden knnen und war kleinlich
genug gewesen, dem Grafen Hohenthal Vorwrfe zu machen, da er sein Wort um
eines Szariny willen habe brechen knnen, an dem er allerdings schon oft das
Talent kennen gelernt habe, Frauenherzen zu bethren, aber jetzt auch das neue:
verstndige Eltern zu betrgen.
    Mit dieser Unart war er gegangen und hatte dadurch erreicht, was er am
Allerwenigsten bezweckt hatte: sowohl der Graf als die Grfin waren erfreut, den
nicht Schwiegersohn nennen zu mssen, der im Stande war, wenn er sich gekrnkt
fhlte, sogar alle ueren Formen so sehr zu verletzen.
    Den Auftritt mit Amalien hatte man zu verbergen gesucht, so gut es eben
gehen wollte. Nur da die getrennten Gatten sich unerwartet wiedergesehen, war
der Familie Hohenthal und Treffurth bekannt geworden, die Sache war zu delicat,
um weiter danach zu fragen - auch interessirte die Aristokratin sich wenig fr
dieses brgerliche Paar, das sie nur in einem untergeordneten Verhltni zu sich
betrachtete. Amaliens Aeuerung ber Jaromir hatte freilich fr Aurelie und
Pauline Manches zu denken gegeben - aber Beide hatten Zartgefhl genug, das
Gehrte nicht weiter zu verbreiten.
    Elisabeth hielt fest an ihrer Liebe, Jaromir selbst hatte diese Ueberzeugung
gewonnen. Aber Thalheim war schmerzlichst bewegt. Er hatte Amalien
wiedergesehen, seine treue Liebe zu ihr war pltzlich in all ihrer frhern
sanften Gre wieder aufgewacht - da hatte sie ihm durch die halb wahnsinnig
gesprochenen Worte gezeigt, wie unwerth sie seiner Liebe sei - und wie er
jahrelang sie bei sich entsmldigt, mit ihr Geduld gehabt und Nachsicht mit
ihrer Schwche und ihren Launen, was Monate lang, als sie in steter Vereinigung
zusammen lebten, ihm entgangen war, - das trat jetzt in dem einen Augenblick des
Wiedersehens in seiner widerwrtigsten Gestalt vor ihn hin - als er Amalien
wieder und gerade so gehssig sprechen hrte - so starb pltzlich seine Liebe zu
ihr, endete sein Mitleid - er fhlte, wie sie beides nicht mehr werth sei, und
sein Inneres wendete sich mit Verachtung von ihr ab.
    Nur fhlte er, da sie darin Recht hatte: sie wollten sich nicht
wiedersehen, sie waren getrennt fr immer; sie hatten einander auch Nichts mehr
zu sagen. Am Liebsten wre er nun gleich abgereist und htte den Ort verlassen,
wo er ihr wieder begegnen konnte. Aber Eduin von Golzenau wollte noch bleiben
bis zu Jaromir's Rckkehr. Denn wie es manchmal geht, so hatte erst Eduin
Jaromir in Hohenheim verfehlt und dann war Jaromir gerade in einer Stunde zu dem
Rittmeister gekommen, als Eduin ausgeritten gewesen, so hatte Jaromir abreisen
mssen und die beiden Verwandten, die einander von frhern Zeiten her noch innig
zugethan waren, hatten sich noch gar nicht einmal begrt. -
    Die Gesellschaft war in dem Gartensalon des Rittmeisters von Waldow bereits
versammelt - nur Jaromir fehlte noch. Eduin und Elisabeth warteten auf ihn mit
gleicher Ungeduld. Dem unbestimmten Zuge der Herzen folgend, hatte dies Gefhl
einer gewissen Leere und einer sehnschtigen Erwartung sie einander nahe
gebracht, und sie freute sich innig der liebevollen Aeuerungen des Jnglings,
mit welchen er schwrmerisch von ihrem Jaromir als seinem Ideal sprach. Auch
Thalheim sa in ihrer Nhe und sie wrde sich ganz dem freundlichen Behagen an
diesem Zusammensein berlassen haben, wenn sie nicht mit einer noch sern
Erwartung fr die kommenden Stunden beschftigt gewesen wre.
    Aarens war auch da, er behandelte Elisabeth mit kalter Hflichkeit und
machte, wie es schien, auf eine ziemlich absichtlich bemerkbare und auffallend
zudringliche Weise Aurelien den Hof. Diese, welche nicht wute, welche andern
Absichten er noch kurz vorher gehegt, nahm diese Huldigungen mit sichtlichem
Wohlgefallen auf und ward durch sie in die heiterste und muthwilligste Laune
versetzt.
    Waldow, der Neffe, war noch immer der treue Schatten der Geheimrthin von
Bordenbrcken, welche, indem sie alle ihre Bemhungen, auf Szariny einen
Eindruck zu machen, hatte scheitern sehen, gegen diesen nun einen erbitterten
Groll gefat hatte, welcher sie, nachdem es ihr milungen war, ein blindes
Werkzeug fr die Untersuchungscommission ihres Gatten zu sein, vielleicht um so
brauchbarer zu einem sehenden machte, da ihr gekrnkter Stolz sich gern fr ihre
vernachlssigten Bemhungen an Jaromir gercht htte.
    Die brige Gesellschaft bestand auer den bereits bekannten noch aus
mehreren unbedeutenderen Badegsten und den Bewohnern und Besitzern benachbarter
Rittergter.
    Die Stunden waren vergangen - Jaromir war noch nicht gekommen. Man setzte
sich zur Tafel und er war noch immer nicht da - Elisabeth ward blsser und
stiller und suchte dann doch wieder durch lebhafteres Sprechen ihre innere
Unruhe zu verbergen. Eduin strzte in seinem Unmuthe manches Glas Wein hinunter
und ward dadurch nur immer ungeduldiger. Die Grfin Hohenthal sah sehr kalt und
unbeweglich aus wie immer, wenn sie irgend eine innere Erregtheit zu verbergen
hatte. Die Anwesenden flsterten sich hier und da, mit Blicken auf Elisabeth,
Bemerkungen zu, welche sie zum Gegenstand hatten, aber ja nicht von ihr gehrt
werden durften.
    Es schien Elisabeth, als habe man schon ewig bei Tafel gesessen, als man
endlich aufstand, um in den Garten zu gehen, wo ein Feuerwerk angebrannt werden
sollte.
    Eduin war vom Wein aufgeregter als gewhnlich - er nahm Elisabeths Arm und
sagte heftig: Kommen Sie mit mir, denn die Andern amusiren sich und warum
sollen Ihretwegen warme Herzen sich Zwang anthun und lachen, wo sie weinen
mgten?
    Sie ging mit ihm. - Als sie dann im Garten von der Gesellschaft etwas
entfernt im Gebsch standen, rief es pltzlich hinter ihnen: Elisabeth!
    Sie erkannte Jaromir's Stimme und sank in seine Arme. Dann bewillkommnete er
Eduin:
    Endlich! rief dieser. Wie oft hab' ich mich, seit ich in den Alpen Dein
Bild fand, nach dieser Stunde gesehnt, nun hattest Du sie immer weiter
hinausgeschoben und doch hatte ich gerade Dich jetzt Viel zu fragen, Du solltest
mir erzhlen von der herrlichen Frau, an die ich Dein Bild wieder zurckgab, ich
mu sie wiedersehen, weit Du, wo ich sie finden kann?
    Jaromir sah ihn verwundert an, denn er konnte ihn nicht verstehen.
    Aber aus Eduin sprach der Rausch, der sich jetzt nur noch vermehrt hatte,
als er aufgestanden und in das Dunkel getreten war, aus dem doch jetzt die
unruhigen Gebilde des Feuerwerks vor ihm aufzitterten, er rief laut: Du liebst
ja nur Elisabeth - gieb mir Bella, - aber sie liebt Dich auch - und Du konntest
sie vergessen! - Wie kann man jemals einer Bella untreu werden?
    Jaromir schwieg.
    Sie ist in der Residenz - Jaromir! - Du bist bei ihr gewesen! rief Eduin
immer heftiger.
    Elisabeth trat zurck und lehnte bleich und halb bewutlos an einem Baume.
    Wenn Du Deinen Rausch ausgeschlafen hast, Knabe, sagte jetzt Jaromir stolz,
will ich Dich um Erklrung Deiner jetzigen Rede bitten.
    In diesem Augenblick trat der Rittmeister zu dem neuangekommenen Gast. Er
entschuldigte seine Versptung mit der Wegsunkenntni seines Kutschers. - Die
Gesellschaft vereinigte sich wieder, dann fuhr der Graf Hohenthal mit Gemahlin
und Tochter ab, ohne da diese noch ein vertrautes Wort mit Jaromir hatte
wechseln knnen.

                               VIII. Der Aufstand


 So mag denn ber Dich, Du Brut,
 Du stolze Brut, das Aergste kommen!
                                                                     A. Meiner.

Polizeirath Schuhmacher war triumphirend zurckgekehrt. Er hatte mit Erfolg
seinen Unterricht ertheilt in der von ihm gerhmten Kunst, da hinein zu
verhren, wo Nichts heraus zu verhren war; und so hatte er denn glcklich
erfahren, da einer der gefnglich eingezogenen Eisenbahnarbeiter frher ein
guter Freund von Franz Thalheim gewesen war und einen Brief von diesem an ihn
ausgeliefert erhalten, in welchem Frau; geschrieben hatte: da die
Fabrikarbeiter noch weniger verdienten, als die Arbeiter bei den Eisenbahnen.
    Diese Worte gengten, um die weitlufigsten Folgerungen und Combinationen
daran zu knpfen und die lange Reihe von Anklagen, welche man schon gegen Franz
in Bereitschaft hatte, zu vervollstndigen.
    Der Polizeirath brachte einen Polizeidiener und einen Verhaftsbefehl mit.
    Es schien ihm aber gerathener, den Befehl gleich in in aller Frhe, wenn
Franz noch zu Hause, Alles noch still und dmmerig sei, als am hellen Tage, und
vielleicht mitten unter den Arbeitern, zu vollziehen.
    Daher gingen der Polizeidiener, der Gensdarm des Ortes und noch zwei
zuverlssige Mnner in aller Frhe, da es noch dunkel war, nach Thalheims
Wohnung.
    Aber so frh und dunkel es auch noch war, schon trieben sich viele Frauen
und Kinder vor den Thren herum und machten seltsame neugierige Gesichter.
    Wie die vier Mnner an ihnen vorberkamen, stieen ein paar
beisammenstehende Frauen sich leise an und sagten:
    Was wollen denn die?
    Sie werden es doch nicht schon gehrt haben mit ihren Maulwurfsohren?
    Mit denen nehmen wir's auch noch auf, lat sie nur kommen!
    Sie machen grimmige Gesichter -
    So wollen wir ihnen bald noch bessere schneiden.
    So murmelten die Frauen unter einander hin und her -
    Jetzt kam Franz mit gesenktem Haupte langsam des Weges her - zwei andere
Mnner folgten ihm. -
    Heute war nmlich der Morgen, an welchem Berthold's Weib sammt Kind begraben
wurde. Alle Arbeiter waren leise aufgestanden und mit hingezogen auf den fernen
Kirchhof. Auch Franz war mitgegangen - dieser neue Jammer hatte ihm in tiefster
Seele weh gethan - - ihm selbst war wie einem Menschen zu Muthe, der aus hundert
Wunden blutet und darber nicht mehr fhlt, welche ihn am Meisten schmerzt. Aber
er wute noch nicht, was die Arbeiter sannen, warum sie gerade heute Alle einer
Leiche folgten, da doch oft eine solche einsam hinausgetragen ward. Denn die
Kameraden mitrauten ihm jetzt und hielten deshalb ihre Absichten vor ihm
geheim. Auch wuten eigentlich nur Wenige von einem bestimmten Vorsatz und Plan,
die Meisten thaten aus einem blinden Instinkt wie die Andern.
    Drauen am Grabe hielt Wilhelm eine Rede: Das ist das Loos unsrer Weiber
und Kinder, sagte er. Uns macht man zu elenden Sklaven, unsre Weiber und
Kinder mordet man! - Ich brauche Euch nicht erst an unser ganzes erbrmliches
Dasein zu erinnern - Ihr habt es ja tglich vor Augen! Und Ihr habt es auch
tglich vor Augen, wie, whrend man so mit uns verfhrt, unsere Peiniger von
unsrem Schwei und Blut Palste aufbauen und mit dem schwelgen, wovon uns ein
gutes Theil gehrt - eilen wir uns dieses Theil zu nehmen!
    Wildes Beifallsgeschrei folgte darauf.
    Ein Anderer sagte: Und Ihr wit auch, wie die verfluchten Maschinen daran
Schuld sind, da wir jetzt schlechtern Verdienst haben - sie machen unsere Hnde
entbehrlich - nun, so wollen wir auch hier das Ding umkehren und die Maschinen
vernichten - sie sind unsre schlimmsten Feinde!
    Weg mit den Maschinen, wir wollen sie alle zerstren! schrie die Menge.
    Brder, Kameraden, das wird nicht gut, hrt mich, begann Franz.
    Lat ihn nicht zu Worte kommen! riefen viele Stimmen.
    Franz suchte sie zu berschreien: Hrt mich dennoch! wenn wir Recht haben
wollen, drfen wir nicht mit einem Unrecht anfangen! - Wir wollen Einige
hingehen und sagen, da wir nicht lnger arbeiten knnten, weil solche Theuerung
geworden sei, wenn -
    Aber die Andern bertubten ihn. So haben die Eisenbahnarbeiter angefangen
und sind dafr bestraft worden und schlecht genug weggekommen; wir mssen es
gleich besser anfangen, nicht betteln, sondern zugreifen.
    Franz hatte sich aus dem Gedrnge zurckgezogen, er war tief bekmmert, denn
er sah ein, da Keiner auf seine Warnungen mehr hren werde. So ging er schnell
und traurig von dannen.
    Wie Andere dies bemerkten und ihn allein auf die Fabrik zugehen sahen,
riefen sie: Eilt ihm nach, damit er uns nicht verrth!
    Das thut er nicht, sagten Andere, er hat nun einmal immer seinen Kopf fr
sich.
    So folgten ihm zwei Arbeiter, gleichsam um ihn zu bewachen.
    Als sie so eine Weile gegangen waren, wurden sie die Vier von vorhin gewahr:
den Polizeidiener, den Gensdarm und die zwei Mnner.
    Diese traten auf Franz zu, griffen ihn und sagten roh: Du kommst mit!
    Wohin? Und was wollt Ihr? fragte Franz und trat zurck.
    Dich verhaften und einstecken!
    Das ist nicht mglich, ich habe Nichts verbrochen, Ihr tuscht Euch!
    Nein, denn Du bist Franz Thalheim, und hier gilt weiter kein Federlesen.
    Der eine der Arbeiter, welche Franz begleitet hatten, stie einen gellenden
Pfiff aus und lief den Weg zurck, auf dem sie hergekommen; der Andere holte
weit mit dem groen Knittel aus, den er in der Hand trug, und schlug damit den
Einen, welcher Franz binden wollte, da er hinfiel.
    Bindet ihn auch! rief der Gensdarm.
    Franz hatte sich geduldig den Strick umlegen lassen der Andere wehrte sich
tchtig mit seinem Stock.
    Da scholl hundertstimmiges Geheul durch die Luft - die ganzen Arbeiter kamen
mit Stcken, Kntteln und Steinen bewaffnet dahergezogen und berfielen jene
Vier, die sich dessen nicht im Geringsten versehen hatten.
    Franz stand ruhig da und regte sich nicht - aber eine groe Thrne trat in
sein frei aufblickendes Auge. Diese Vier waren gekommen, ihn wie einen
Missethter zu verhaften, weil sie ihn anklagten gegen Ordnung und Gesetz, gegen
das Bestehende aufgewiegelt zu haben - und jene wilden Rotten hatten ihm noch
vorhin gezrnt und ihn einen Verrther genannt, weil er zur Ruhe geredet hatte -
aber es waren seine Kameraden, welche jetzt kamen, ihn zu befreien und nicht
duldeten, da Andere ihm Unrecht thaten, wie sie ihm nur eben erst selbst
gethan.
    Das war seine Genugthuung.
    Er hatte sich von beiden Partieien verketzert gesehen, eben weil er nur das
Recht wollte und auf den beiden Seiten seiner Angreifer das Unrecht war - so
sprach ihn sein Gewissen frei und unschuldig! Und so stand er gro da, der Mann,
den die Gesellschaft von sich ausstie, dem sie ein paar Lumpen zuwarf und Brod,
da er nicht verhungerte - das war ihre ganze Gabe fr ihn! Und unter den
Tausenden, welche schimmernd sich kleideten und in Prunkgemchern wohnten,
schlug kaum ein Herz so gro wie dieses, an das sie niemals glaubten.
    August trat schnell vor und zerhieb mit seinem Beil die Stricke, welche um
Franz geknpft waren und dabei rief er:
    Seht, der lie sich fr uns geduldig binden von unsern Feinden, den Ihr
einen Verrther nanntet, hier bittet es ihm Alle ab!
    Andere Stimmen riefen: Nun, Franz, siehst Du wohl, wie gut die es mit Dir
meinen, fr die Du bei uns sprechen wolltest! Nun, siehst Du wohl, wie weit die
armen Leute kommen, wenn sie von den Leuten des Gesezzes ihr Recht erwarten! Nun
hast Du eine gute Lehre empfangen, und wirst es nun doch mit uns halten! Wozu
Dich unser Zureden nicht brachte, dahin bringt Dich nun die Strenge des
Gesetzes! Was willst Du nun thun?
    Am Liebsten an die Arbeit gehen wie alle Tage - und da Ihr friedlich mit
mir kmet! sagte Franz.
    Wildes Gelchter antwortete darauf.
    Whrend dem hatten Einige die beiden Mnner mit denselben Stricken gebunden,
welche fr Franz bestimmt gewesen waren, whrend Andere sich noch mit dem
Polizeidiener und Gensdarme herumprgelten.
    Unter Wilhelms Anfhrung zog ein ganzer Haufe gegen das Fabrikgebude, in
welchem sie meist zu arbeiten pflegten. Schreiende Weiber und Kinder schlossen
sich jubelnd dem Zuge an - verwundert standen hier die Aufseher, da noch
Niemand bei der Arbeit erschienen war; der unerhrte Fall konnte nichts Gutes
bedeuten; aber als jetzt die tobende Rotte herbeikam, so lste sich die
Verwunderung jener bald in das grte Entsetzen. Einige fielen ber sie her,
mihandelten sie und drangen dann in das Innere des Hauses. Unter Spotten,
Fluchen und Lachen wurden hier die Maschinen mit Aexten, Stangen und Stmmen
zerstrt, und was etwa von den einzelnen, zertrmmerten Stcken an Eisenwerk
brauchbar schien, damit bewaffnete man sich fr sptere Zerstrungen. Am
Aergsten trieb es hier die lange Lise:
    Fr jedes Kind eine Maschine! rief sie. Da langen die Maschinen nicht zu,
jede hat mehr als einen Kindermord auf dem Gewissen - unsre Vergeltung ist noch
immer viel zu gndig! Ein Kind ist mehr werth als eine Maschine, das hat doch
eine Seele und Leben - die Maschinen aber sind todt und lgen sich nur lebendig
und sind doch schndlich genug, um morden zu knnen!
    Pauline ward von dem entsetzlichsten Geschrei aus sanftem, gaukelndem
Morgentraume geweckt - sie wute sich die Tne nicht zu erklren - auch im
ganzen Hause hrte sie ein ngstliches Hin- und Wiederlaufen, Threnffnen und
zuwerfen, lautes Rufen und leises Murmeln durch einander.
    Sie sprang auf, ffnete die Thre und rief nach Friedericke. Dann eilte sie
an das nchste Fenster - drauen lag in schner Morgendmmerung der Wald
dampfend von silberweien Nebeln, und erste blitzende Sonnenlichter flatterten
feeenhaft aus blhenden Himmelsrosen hervor - denn so zierten den Himmel
morgenrothe Wolken wie ein Halbkranz gluthvoller Rosen. Und drunten in den
zitternden Thautropfen auf dem sammtnen Rasengrn spiegelte auch dies Roth sich
wieder, wie ein farbiger Schleier. Es war ein schner Anblick - aber Paulinen
fate ein eigenes Grausen dabei. Waren vielleicht ihre Augen vom Schlummer noch
blde? Dies Morgenroth sah ihr heute aus wie lauter Blut, und sogar im
Rasenthau, wo es so sanft und schn sich spiegelte, schienen ihr blutige Bche
darber hinzuflieen. Das seltsame Stimmengewirr, wie sie es noch niemals
gehrt, hrte sie noch immer - die ganze Luft zitterte davon.
    Jetzt trat Friedericke ein, bleich und verstrt, nachlssig angezogen und
mit herabfallenden Haaren. Sie konnte ihr Schluchzen nicht verbergen.
    Um Gottes Willen, was ist denn geschehen, Friedericke? fragte Pauline.
    Ach, liebes Frulein - das Unglck! Die ganzen Arbeiter widersetzen sich -
sie sind alle bewaffnet gekommen, und statt an die Arbeit zu gehen, sind sie
jetzt Alle dabei, die Maschinen zu zerstren - dabei fluchen und schimpfen sie
und singen gotteslsterliche Lieder, da es ein Gruel ist - ach, und das
Allerrgste dabei bleibt doch - -
    Nun was denn, was kann es noch Schlimmeres geben? Wo ist mein Vater - rede
heraus und sage Alles!
    Der Herr ist unten und wagt sich nicht heraus - aber was ich meine, das ist
-: Wilhelm fhrt die ganze Bande an! Ach, das htt' ich doch in meinem Leben
nicht gedacht!
    Und Franz?
    Von dem wei ich Nichts.
    Ich mu mit meinem Vater sprechen, sagte Pauline, zog schnell einen
dunkeln Morgenberrock ber und steckte die halb aufgelsten, goldenen Hagre
unter ein Hubchen hinauf; dann eilte sie die Treppe hinab und in das Comptoir.
    Herr Felchner war ganz auer Fassung - er hatte so zu sagen von dem
ungeahnten pltzlichen Schrecken den Kopf ganz und gar verloren. Vor sich
hinstaunend, die Hnde auf den Rcken rannte er jetzt im Zimmer hin und her.
Eine furchtbare Angst und Verzagtheit hatte ihn ergriffen. Wie jetzt Pauline
eintrat, so lief er auf sie zu und fate sie bei beiden Hnden:
    Du weit es auch, Pauline? Die Schndlichen zerstren meine Maschinen,
meine schnen neuen Maschinen! Erst vor wenigen Tagen kam die letzte aus England
- und sie zerstren sie auf's Abscheulichste, sie werden gar nicht wieder
herzustellen sein - Tausende sind vernichtet - ich bin ein geschlagener Mann! -
    Ach, Vater, das ist wohl das Wenigste!
    Das Wenigste! Kind, rede nicht so unverstndig! Hast Du einen Begriff vom
Gelde und wie mhsam man es erwerben mu, da Du so sprechen kannst, als ob man
Tausende wie Nichts zu verlieren htte?
    Ach, mein Vater, nur jetzt sprich nicht so, wo die Hunderte gegen uns
wthen, die nie Etwas erwerben konnten und sich dennoch immer mhen mssen. -
Aber was willst Du thun, damit das Unheil nicht noch schlimmer ber uns kommt,
damit die tobenden Leute wieder zur Besinnung kommen?
    Die Soldaten werden sie zur Besinnung bringen!
    Willst Du ein Mittel der Gte nicht eher als das des Zwanges versuchen?
    Was wre das fr ein Mittel? - Meine Faktoren haben sie mit Steinwrfen
zurckgejagt.
    Vater! Du hrtest nicht auf mich, als ich die Einflsterungen des
Geheimraths widerlegen wollte; da Du jetzt meinen Worten folgtest!
    Der Geheimrath hatte ganz Recht, wie Du siehst, da diesem Volke nicht zu
trauen war.
    Weil Du ihm vorher nicht trautest, das Mitrauen hat sie verdorben -
httest Du sie zuletzt nicht hrter behandelt, so htten sie jetzt Nichts an uns
zu rchen.
    Soll ich von einem Kinde und noch dazu von meinem Kinde in der Stunde des
Unglcks auch noch Vorwrfe hren? Doch der Schreck hat Dich verwirrt - wie
kmst Du sonst zu solcher Auffassung?
    Vater, nur ein Mal folge meinem Rath. Diese Leute haben vor Dir immer nur
Furcht gehabt, alle schlimme Behandlung, die sie von den Factoren erfahren
haben, schreiben sie Dir zu. - Was soll daraus werden, wenn sie jetzt so
fortwthen? Siehe, ich bin ihnen manchmal freundlich gewesen und habe ihnen
geholfen in meiner Weise - mich lieben sie, mir thut keiner Etwas zu Leide.
Komm, Vater, wir wollen zusammen hinausgehen, wir wollen es wagen - und dann
will ich sie fragen: was wollt Ihr? Geht wieder heim in Eure Wohnungen und an
Eure Arbeit, wir wollen Euch bessern Lohn dafr geben und Euere Kinder sollen
Schule bekommen und nur vier Stunden des Tages arbeiten - aber wer von Euch
nicht zu Hause geht, den wollen wir bestrafen lassen, wie es recht ist. Komm,
Vater, komm, folge nur dies Mal Deinem Kinde!
    Du bist irre geworden - ich folge keiner Nrrin!
    Vater, was hat es denn gentzt, wenn Du dem Rath der Menschen folgtest, die
Alles nur weise berechnen wollten? Nur ein Mal wage mit mir den Versuch! Was
willst Du thun? Eine Schlgerei anfangen zwischen diesen rohen Meschen? Dann sie
mit Soldaten zur Arbeit hetzen lassen? Warum Gewalt, wo Du Alles in Gte kannst?
Sie werden Dich segnen - oder Dir fluchen, Dir und uns Allen. - Ach Vater, es
ist hart, den Fluch so Vieler durch ein ganzes Leben mit sich schleppen zu
mssen - und vielleicht noch ber das Leben hinaus!
    Ueberwltigt von ihrer Angst, von der Wichtigkeit seiner Entscheidung, fiel
sie ihm zu Fen und umklammerte seine Kniee - da klangen von drauen die
Stimmen wieder lauter, ein freches Spottlied singend mit pfeifenden und
jauchzenden Lauten begleitet.
    Der Fabrikherr, wie er das hrte, stie sein Mdchen mit dem Fue zurck und
machte sich los: Fr diese freche Bande kann ein sittsames Mdchen bitten? Mut
Du nicht bei ihren schlechten Liedern errthen? - Drauen fhren sie eine
wahnsinnige Posse auf und Du willst mit Deinem Vater auch Comdie spielen - geh'
und besinne Dich! Ich htte Dir mehr weibliches Zartgefhl zugetraut.
    Vater, rief sie auer sich, ich errthe nicht mehr ber die grobe
Gemeinheit schlechter Worte, als darber, da es solche verwilderte Menschen
noch giebt - und ber uns, die wir Schuld sind an dieser Entsittlichung. Vater -
hast Du schon um militairische Hlfe gebeten?
    Ja - sie kann schon diese Nacht kommen, wenn sie nicht langsam sind.
    Sie wollte zur Thre hinaus.
    Wo willst Du hin? rief er und hielt sie fest.
    Ich will es den Leuten sagen, da sie ruhig werden, ehe man auf ihre
Verzweiflung mit Waffen antwortet.
    Das fehlte noch! schrie Felchner vor Unmuth bla und bebend, whrend seine
kleinen Augen unheimlich funkelten. Das fehlte noch, da auch mein Kind gegen
mich rebellirte! - Geh' hinauf in Deine Stube!
    Er fhrte sie bis an die Treppe; sie ging schweigend hinauf von Friedericken
gefolgt.
    Wie er hrte, da Beide oben waren, lief er selbst nach, schlo sie leise
ein, zog den Schlssel ab und steckte ihn zu sich.

                                  IX. Ein Plan


 Wird der Retter ihm erscheinen?
 Bricht er dann das Joch entzwei?
                                                                        K. Beck.

Am Morgen nach dem Waldowschen Fest kam Gustav Thalheim nach Hohenthal, um
Abschied zu nehmen. Am Abend wollte er abreisen.
    Die Grfin Mutter war unwohl von der Gesellschaft und nicht zu sprechen, der
Graf war auf die Jagd gegangen, und so empfing Elisabeth Thalheim allein. Sie
sah sehr bla aus und ihre Augen waren matt wie von einer durchwachten Nacht und
von Thrnen. Sie trat ihm freundlich entgegen und sprach ihre Freude darber
aus, da er noch ein Mal komme, um Abschied zu nehmen. Aber auch bei ihrem
Lcheln entging es ihm nicht, da sie im Innersten schmerzlichst bewegt war.
    Um ihm das eigne Weh im Herzen zu verbergen und es bei sich selbst nicht
qulender aufkommen zu lassen, begann sie von Fremden zu sprechen - und zwar von
Paulinen.
    Seitdem ich wei, was Liebe ist, begann sie mit einem unterdrckten
Seufzer, kann mich Paulinens Schicksal auf das Tiefste bekmmern - was auch ihr
Loos sein mag: glcklich wird sie niemals werden knnen!
    Und fhlt sie das selbst schon, oder sprechen Sie nur aus der Erfahrung
theilnehmender Freundschaft?
    Ich habe sie pltzlich besser selbst verstehen lernen, als sie sich
versteht - weil ich zum Bewutsein der Liebe gekommen bin - sie ist's vielleicht
noch nicht.
    So wissen Sie Alles - und besttigen die Ahnungen meines Bruders?
    Ja - ich habe es errathen. - Und was wird ihr Loos sein?
    Sich dem Herkommen zu fgen - und die grauen Haare eines zrtlichen Vaters
zu ehren.
    Eines Tyrannen, dem sie eben deshalb gehorcht, weil sie ihn weder achtet
noch liebt - und er ihr doch das Leben gegeben hat. Und was hat Pauline mit dem
andern Tyrannen - mit dem Herkommen zu thun? Sie lebt hier still und
abgeschlossen von der Welt, sie hat keinen Umgang mit ihr - die Leute wissen
nur, da der reiche Felchner ein Tchterlein hat - das wieder einen Reichen
freien mu! - Und so soll ihr Leben ein lcherliches Opfer sein, fr gar Nichts
gebracht, whrend, wenn sie ihrem Herzen folgte, sie Hunderte beglcken knnte?
    Elisabeth - bevor die Erde kein Paradies ist, sind die Gefhle unsrer
Herzen nicht immer zu verwirklichen. Prfen Sie die Sache besser. Pauline giebt
vielleicht einem Fabrikherrn, den sie achtet, die Hand und lt es die Aufgabe
ihres Lebens sein, indem sie ihn zur Milde und Menschenliebe stimmt,
Einrichtungen zu verwirklichen, welche auch Tausende beglcken, oder wenigstens
ihr Loos verbessern.
    Und Ihr Bruder?
    Mein Bruder ist ein armer Arbeiter - und fr einen solchen ist es schon
eine Genugthuung, wenn das Weib, das er vor Allen hochstellte, ihr Leben dem
Wohl seiner Kameraden weiht.
    Sie sind Brder - ich habe mich gefragt: Wenn Sie um Paulinen geworben,
wenn sie ihren Vater mit Bitten bestrmt htte - vielleicht wrde er sich haben
erweichen lassen, denn er will sie im Grunde doch nur glcklich machen - aber
auf seine Weise - aber Ihr Bruder ist ein armer Arbeiter - ist sein Sclave - er
mu aufhren das zu sein!
    Was meinen Sie?!
    Befreien Sie ihn aus dieser unwrdigen Lage, sie stand auf und gab ihm ein
versiegeltes Papier unter seiner Adresse. Hier ist Geld, unntz fr mich,
ntzlich fr ihn, wovon er leben kann, bis er eine andre Stellung sich erworben.
Ich habe die Bcher gelesen, die er geschrieben - er hat Talente, die ihm weiter
helfen knnen - dann kommt er vielleicht in Jahren wieder wie Sie - Pauline ist
ihm treu geblieben - Felchner vielleicht todt - dem bescheidnen Mann, der mit
der Feder sein Brod verdient, darf sie ihre Hand reichen vor den Augen der Welt
- nur dem armen Proletarier nicht - und dann, o, dann wird aus den Schpfungen
dieser beiden Menschen ein Utopien aufblhen -
    Er nahm das Geld und ihre Hand zugleich: Ihr groes, schwrmendes Herz,
rief er, macht mich selbst mit schwrmen - ja! Und ist es ein Irrthum - einem
schnen und edeln sich hinzugeben, ist auch kein verlorenes Gefhl. - Wenn man
verzagen will im Glauben an die Menschheit und findet noch Herzen wie Sie und
Pauline, da richtet man wieder begeistrungsmuthig sich auf!
    Diese Herzen danken Ihnen, was Sie jetzt an Ihnen rhmen wollen - und sie
sah innig zu ihm auf.
    In diesem Augenblick trat ein Diener ein und bergab ihr ein kleines
Pcktchen, welches mit der Post gekommen war und die Bemerkung trug: sogleich
zu erffnen.
    Sie bat um Entschuldigung und ffnete - es enthielt ein groes goldenes
Medaillon. Auf einer beigefgten Karte stand nur:
    Ich wnsche Ihnen zu ihrer Verbindung Glck und bergebe das Bild, das ich
bisher an meinem Halse trug, dem Herzen, das jetzt dem Original vertraut! -
Bella.
    Sie ffnete das Medaillon - es war Jaromir's Bild.
    Durch die rckhaltlose Unterredung ber die Freundin war jetzt auf ein Mal
das Band des Vertrauens innig geknpft zwischen diesen Beiden, darum fate sie
wieder seine Hand und sagte flehend und strmisch:
    Von Ihnen allein kann ich einen Rath fordern - mein Vertrauen in Jaromir
war nicht erschttert - wenn er vor mir geliebt, was habe ich davon Rechenschaft
zu fordern? - Aber gestern Eduins Worte und nun dieser Brief - Wenn er eine
Andere um mich betrogen htte - wenn ich daran Schuld wre? Ich htte es ihm
verbergen sollen, da ich ihn liebte - aber ich wute es ja selbst nicht eher,
bis das Wort ausgesprochen war! - Und wenn ich nun die Ursache geworden, da ein
anderes Herz um ihn brche?
    Er sah vor sich nieder und schwieg - was sollte er auch sagen? War Jaromir
dieser vertrauenden Liebe werth - er, den eine leichtfertige Schauspielerin
bethren konnte? Und sollte er ihn verklagen - konnte er es, ja durfte gerade er
es? War er es nicht, der ihm, wenn gleich ohne es zu wissen, die erste Geliebte
genommen - und sollte er ihm jetzt vielleicht auch die letzte nehmen?
    Sein Verstummen erschreckte sie: So habe ich Recht? fragte sie tonlos.
    Er besann sich und sagte nun: Sie irren! Fllt Ihnen denn der Name nicht
auf? - Die Dame, von der Eduin sprach, und diese, welche Ihnen jetzt das Bild
schickt, ist nur eine und dieselbe - die Sngerin Bella.
    Da richtete sie sich pltzlich gro auf und sagte: Dank dem Himmel! So darf
ich ihn mein nennen, so darf ich darauf vertrauen, da meine reine Liebe ihm
vollen Ersatz geben wird fr diese, die ihn aufgiebt und zu der sein
sehnschtiges Herz sich verirren konnte.
    Thalheim stand auch auf und sah bewundernd zu ihr - vor einer solchen Liebe
begann er pltzlich selbst wieder ihre Allgewalt zu empfinden. In diesem
Augenblicke ging Etwas in ihm vor, das seinem Herzen eine stumme Sprache zu sich
selbst gab, auf die er nicht lnger hren mogte.
    Leben Sie wohl und glcklich, sagte er, vergnnen Sie mir einen schnellen
Abschied. Er drckte ihre Hand sanft an seine Lippen - eine Thrne fiel darauf.
    Ich scheide heute anders von Ihnen - als das letzte Mal - damals hatte ich
meinen Lehrer verloren - jetzt habe ich einen Freund gefunden - Sie werden mich
auch nicht vergessen, und wir werden uns wiedersehen! sagte sie innig bewegt,
aber mit edler jungfrulicher Wrde.
    In diesem Augenblick ffnete sich die Thre und Jaromir trat ein. Thalheim
lie Elisabeths Hand los und warf sich erschttert in seine Arme:
    Graf, rief er, wir haben uns in einer der schwersten Stunden des Lebens
begegnet, wo unser Beider Herzen heftiger schlugen als gewhnlich - es war bei
einem Weibe, das nicht werth war, da wir es Beide geliebt hatten. - Heute ist
es anders, heute schlagen unsere Herzen wieder anders als gewhnlich - aber der
Himmel hat einen seiner Engel in eine Frauengestalt zu uns gesandt, damit ein
Weib Alles shne, was ein Weib verbrach. - Graf! Der Augenblick, wo das
Mnnerherz vor dem weiblichen Ideal sich neigen darf, wiegt Alles auf, was man
durch Weiberfalschheit gelitten - streben Sie danach, den Engel zu verdienen,
der sich Ihnen weiht - enden kann Ihre Liebe niemals, das fhl' ich jetzt, und
Ihre Liebe ist ihre Seligkeit.
    Darauf lie er den seltsam Ueberraschten los, fhrte ihn zu Elisabeth und
strzte fort.
    Sie lehnte sich innig in Jaromir's Arme und sagte mit in Wonne leise
vergehender Stimme: Ja! Unsere Herzen sind vereint fr ewig!
    Als sie sich aus dieser Umschlingung wieder aufrichteten, sah er auf das
Madaillon - er ward bestrzt und blickte sie wieder an.
    Ich kam, Dir heute mein Leben zu erzhlen - und man hat mir wohl wieder
vorgegriffen? sagte er finster.
    Sie lchelte: Und Du siehst, was man damit erreicht hat!
    Nun setzten sie sich zusammen und er sagte ihr sein ganzes Leben und sein
ganzes Herz - und sie schwor ihm dazwischen, da nun seine Tuschungen ein Ende
htten und da ihn niemals ein Herz geliebt wie das ihrige.
    Als ihm auch jetzt Elisabeth Alles sagte und er sah, welche kleinliche und
niedrige Rache Bella's beleidigte Eitelkeit an ihm hatte nehmen wollen, so
endete auch das Gefhl der Freundschaft, das in seinem Herzen noch fr sie
gesprochen.
    Aber whrend Bella bei andern Liebhabern den Einen zu vergessen strebte,
sann die unglckliche Amalie noch in finstrer Migunst, wie sie Jaromirs Glck
verderben wolle.
    Seltsame Verirrung des weiblichen Herzens!
    Amalie selbst war es ja, welche das erste Unrecht begangen an Jaromir, als
sie ihm untreu geworden aus thrigter Eifersucht, aus eitler Grille. Sie war es,
welche den Glauben an das Schne und Edle der weiblichen Natur in ihm zerstrt,
weil sie seiner heiligen ersten Liebe sich unwerth zeigte, sie hatte Rauch und
Asche in das heilleuchtende reine Feuer seiner Liebe getrieben, so da dann die
Flamme auseinander wehte und lange Zeit vergeblich nach edler Nahrung suchte und
trbe und dster lodernd auf niedrigem Boden dahinkroch. Sie hatte ihn
unglcklich gemacht, denn ihr Verrath war die Ursache, da er fr sein
zertretnes Herzensglck Ersatz suchte bei niedrigen Leidenschaften. - Und als
sie darauf nach Jahrelanger Neue ber ihr Unrecht, eine Neue, die mehr Egoismus
als ein edles Gefhl war - ihn wiedersah und erkannte, wie er von seinem Schmerz
genesen war und die Zeit geshnt hatte, was sie an ihm verbrochen - da kehrte
ihr Herz sich wieder um, und sie hate ihn nun, weil er im Kampfe mit sich
selbst und dem Schmerze Sieger geblieben war. Und jetzt - als sie ihn abermals
wieder sah, glcklich durch Liebe an der Seite einer schnen, bewunderten
Jungfrau - da erwachte all' ihre Eitelkeit wieder - sie sah sich verblht, alt
und hlich geworden, und doch hatte sie einst derselbe schne Mann geliebt, der
jetzt eine wrdige Wahl war fr jenes hohe Mdchen - und er wre der Ihrige
gewesen, wenn sie nicht selbst sich von ihm getrennt htte. Die Schuld zu tragen
an dem eignen vernichteten Lebensglck! Wohl mag das hart sein - und eine Frau
wie Amalie ohne hhern Schwung der Seele, ohne Gre des Herzens konnte wohl bei
solchem Bewutsein untergehen, von Stufe zu Stufe sinken und endlich noch ein
Recht zu haben meinen, die eigne Schuld fremden Menschen oder einem blinden
Schicksal aufzubrden. Wer niemals gelernt hat, gerade darin einen Stolz zu
setzen, grer zu sein als sein Schicksal - der lt sich in ohnmchtiger
Schwche von ihm darnieder beugen und nennt das dann noch: christliches Dulden.
    Amalie hatte dies gethan - sie hatte geduldet - nun verlangte sie dafr eine
Genugthuung.
    Sie hatte durch ihr Benehmen, als sie Jaromir bei Elisabeth wieder sah, und
wo das Unerwartete sie zu einer niedern Heftigkeit hinri, ihren Zweck verfehlt,
das sah und wute sie. Erst hatte sie Jaromir's Briefe aufbewahrt, um durch sie
vielleicht einmal sein Liebesglck zu zerstren - dazu waren sie ihr jetzt
nutzlos, wenn Elisabeth bereits um Jaromirs erste Liebe wute. Von dieser Seite
konnte sie nicht zu ihrem Ziel kommen.
    In dstrer Stimmung war sie eines Abends allein zu Hause, als ein Herr kam
und den Oberst von Treffurth zu sprechen wnschte.
    Als er eintrat, standen die Beiden sich betroffen gegenber und sahen sich
an.
    Amalie erkannte in dem Polizeirath Schuhmacher denselben, welcher bei ihr
Haussuchung gehalten - und er erkannte sie, denn ein Mann bei der geheimen
Polizei hat ein fabelhaftes Gedchtni fr Personen. Da er jetzt einige Wochen
von Hohenheim entfernt gewesen war, hatte Amalie bisher seiner Aufmerksamkeit
entgehen knnen. Er knpfte sogleich weitlufige Combinationen an diese
Begegnung.
    Durch ihre Seele scho es ebenfalls wie ein Blitz: um Jemand zu ntzen,
stellt man keine geheimen Haussuchungen an - dieser Mann hatte also damals
Gefhrliches im Sinne gehabt - und er hatte sich gefreut, als er Papiere von
Szariny gefunden - vielleicht war es in der Macht dieses geheimnivollen Mannes,
Szariny irgend ein Uebel zuzufgen - sie durfte die Gelegenheit nicht
vorbergehen lassen.
    Nach den ersten Fragen und Antworten ber des Obersten Abwesenheit begann
Amalie:
    Sie wollten einst Auskunft von mir ber den Grafen Szarinh.
    Sie meinten damals, Sie htten mir keine weitere zu geben.
    Sie fanden mich damals in einer entsetzlichen Stimmung, Sie wissen es.
    O, regen Sie Sich durch die Erinnerung nicht auf - wenn Sie damals
verschlossen gegen mich waren, so haben Sie allerdings Recht, da jetzt der
Augenblick gekommen ist, es auszugleichen.
    Sie suchten nach Briefen von Szariny; die Sie fanden, waren Ihnen zu alt -
vielleicht kann ich Ihnen neue geben.
    Sie wrden Sich dadurch ein groes Verdienst erwerben.
    Es kam nun zu einem weitlufigen Hin- und Herreden, wo Keines dem Andern
seine Absichten verrathen wollte, man capitulirte frmlich und gelobte sich
Schweigen. Endlich sagte Amalie: Wir haben hier mit einigen Familien ein
gemeinschaftliches Portefeuille, worein die Briefe kommen, welche am andern Tage
zur Stadt gebracht werden sollen. Der Oberst macht von diesem kleinen Verein
gewissermaen den Postrath - das Portefeuille ist hier, - sie holte es. Graf
Szariny hat heute einige Briefe hergeschickt.
    Dem Polizeirath war es doch bedenklich, seine Geheimmittel, wie man
allwissend wird, eine Frau wissen zu lassen. Er wie ihren Vorschlag zurck.
    Sie hatte dennoch das Portefeuille geffnet und hielt ihm einen Brief mit
Szarinys Wappen und Handschrift hin. Er war an den Redacteur eines neuen
Volksblattes adressirt, welches eine ziemlich radicale Frbung hatte. Der
Umstand war bedenklich.
    Der Polizeirath wog ihn bedenklich und bemhte sich, durch das dnne Couvert
zu lesen; er unterschied die Worte: Franz Thalheim, ein Fabrikarbeiter.
    In staatsgefhrlichen Zeiten lie sich am Ende Alles entschuldigen - auch
wenn Amalie nicht schwieg - und sie gelobte Schweigen - ein heigeglhtes
Federmesser hob mit leichter Mhe das starke Siegel unverletzt ab.
    Der Brief enthielt an den befreundeten Redacteur eine Empfehlung Franz
Thalheims zum Mitarbeiter, da dieser wahrscheinlich sich in Kurzem ganz der
Volksschriftstellerei widmen werde. Es hie darin unter Anderm: Sein Bruder und
ich halten ihn fr vollkommen befhigt zu dem neuen Lebensplan, welchen jener
fr ihn ausgesonnen.
    Der Polizeirath war befriedigt, der Brief ward notirt und wieder vorsichtig
versiegelt. Amalie erfuhr den Inhalt nicht, aber sie las es in seinen Mienen,
da sie einen Schritt zu ihrem Ziel gethan. Ehe er mit ihr ein neues Verhr ber
Gatten und Schwager anstellte, fand er es gerathen, mit Bordenbrcken
Rcksprache zu nehmen. Darum ging er.
    Von dem Geheimrath erfuhr er alles unterde Vorgefallene. Anton, der schon
seit jener ersten Bekantschaft mit Schuhmacher, als er den Namen Stiefel
angenommen, immer als Aufpasser und Berichterstatter in dessen geheimen Sold
geblieben war, hatte angezeigt, da die Brder Thalheim mehrfach lange
Zwiesprache gehabt, da seitdem Franz sie Alle meide, immer zur Ruhe und Frieden
rede, aber da hinter dieser Maske jedenfalls die rebellischsten Absichten
steckten. Da ferner durch den Tod einer Frau und ihres Kindes unheimliche
Stimmung entstanden sei. Da man sich zuletzt vor Anton htete, so hatte er nicht
mit berichten knnen, was eigentlich wirklich schon Bestimmtes zu frchten war.
    Der Polizeirath hatte seinen Verhaftsbefehl gegen Franz schon mit und so
sollte er denn in morgendlicher Stille benutzt werden.
    Am Abend vor diesem Morgen war Gustav Thalheim ahnungslos abgereist. Er
hatte den Bruder nicht noch ein Mal sprechen knnen, ihm aber seinen Plan
geschrieben und diesen Brief einem gewissenhaften Diener Waldows zur Besorgung
gegeben. Das Geld sollte er sich selbst bei Karl von Waldow holen.
    Den erffneten Brief hatte Jaromir auf Elisabeths Bitte geschrieben, welche
ihm ihre Unterredung mit Thalheim mitgetheilt hatte.

                                 X. Vereinigung


 Der Zorn, da noch der alte Fluch
 Vom armen Volke nicht gewichen,
 Da aus dem groen Lebensbuch
 Das Wort Despot noch nicht gestrichen;
 Dann mge durch Dein Herz wie Gluth
 Die Thrne Deiner Mutter lodern,
 Dann gebe Gott Dir Kraft und Muth,
 Die Schuldner vor Gericht zu fodern!
                                                                  Ludwig Khler.

Waldows Diener, um den Brief gewissenhaft zu bergeben, den er von dem Doctor
Thalheim erhalten, war auch frhzeitig nach der Fabrik gegangen. Er wute sich
den Tumult nicht zu deuten. Als er endlich nher kam und das Entsetzliche gewahr
ward, kamen einige Arbeiter auf ihn zu, fragten ihn, ob er wie sie thun wolle
und gegen die Reichen zu Felde ziehen, deren Sclave er ja doch auch nur sei?
Andere verhhnten sein Tressenkleid, sagten, da er sich darin wohl gefalle und
noch Staat mache mit seiner Sclaverei. Mit Schlgen und Schimpfreden umringten
sie ihn.
    Da schrie der Gemihandelte laut aus Leibeskrften nach Franz Thalheim.
    Das rettete ihn, denn Franz war in der Nhe und nahm ihm den Brief ab. Er
bat die Andern, den Diener laufen zu lassen, er mge es den Leuten immer
erzhlen, was hier vorgehe, verborgen knne es doch nicht bleiben. Von Mehreren
wie ein Wild gehetzt entfloh der Befreite.
    Unterde hatte Franz den Brief seines Bruders gelesen - erst leuchteten
seine Augen - denn es war ihm, als griffen erbarmungslose Hnde in sein Herz und
rissen es in Tausend Stcke - und um die innere Empfindung im Aeuern
nachzuahmen, zerri er den Brief und streute die Blttchen rings um sich. Noch
gestern - wenn er da den Brief erhalten, htte er seiner Mahnung folgen,
fortgehen und irgendwo eine andre Heimath suchen knnen - fr die Kameraden hier
konnt' er ja doch Nichts mehr thun, sein Werk hatte man ihm zerstrt und gewehrt
und die Kameraden liebten ihn und trauten ihm nicht mehr - hier war sein
Geschft aus.
    Aber heute konnte er nicht gehen, heute nicht! Das wre feige Flucht
gewesen! - Man hatte ihn einkerkern wollen und die Kameraden hatten ihn befreit,
das mute er ihnen vergelten. Jetzt waren sie aufgestanden in wilder,
zerstrender Wuth - sie hatten das Entsetzliche gethan und jede nchste Stunde
konnte fr sie eine entsetzlichere Vergeltung bringen - nun durfte er sie nicht
verlassen in der Stunde der Gefahr, da sie ihn nicht verlassen hatten - nun
hatte diese Alle eng verbrdert. Er mute mit ihnen stehen und fallen, siegen
und verderben oder sterben. Das fhlte er klar. Und Pauline? Welche Gefahren
konnten ihr jetzt drohen? Wer sollte sie schirmen und schtzen, wenn nicht er?
    Komm August! rief er jetzt, indem er auf diesen zueilte. Komm! Da ich das
Verderben einmal nicht aufhalten konnte, das jetzt hereingebrochen, so wollen
wir's auch redlich theilen! Nur stellt mich nicht hin zur blinden Zerstrung,
ich mag nicht kmpfen mit wehrlosen Dingen! Aber wo Gefahr ist, da lat mich
sein - ich gehre zu Euch, denn Ihr habt mich frei gemacht, und konnt' ich Euch
im Leben nicht mehr ntzen - wollte nun nur Gott, ich knnt's mit meinem Tod!
    Ein Wagen nherte sich der Fabrik und wollte durch ein Gedrnge von Mnnern,
Weibern und Kindern nach den Wohnhause zu - aber die Menge fiel den Pferden in
die Zgel, zerhieb die Strnge und rief: Auch die Pferde sollen heute frei
sein, wenn sie's gleich im Leben besser gehabt haben als wir!
    Dann ward der Kutscher verspottet, der entsetzt vom Bocke sprang und den
Pferden nachsah. Elisabeth hatte ihren Wagen geschickt, um Pauline zu holen, und
so ward er empfangen.
    In den nchsten Drfern hatte man die Bauern aufgeboten, herbei zu kommen
und die aufrhrerischen Rotten von weitern Zerstrungen abhalten zu helfen. Aber
Herr Felchner hatte sonst oft vor Gericht in Streitigkeiten mit ihnen gestanden,
er hatte ihre Feld-und Gartenfrchte immer so schlecht als mglich bezahlt, und
sie waren in keinem Stck mit ihm in gutem Einvernehmen gewesen, So kam es, da
nur Wenige Lust hatten, ihm zu Hlfe zu eilen und die Meisten von Denjenigen,
welche sich dazu entschlossen, waren solche, die nur gern bei Raufereien und
Schlgereien waren. Sie bewaffneten sich mit Spaten, Sensen und Dngergabeln,
tranken sich erst Muth und zogen singend und lrmend nach der Fabrik. Da kam
ihnen ein Haufe junger Arbeiter entgegen, Wilhelm an der Spitze.
    Was wollt Ihr? rief er ihnen zu. Kommt Ihr als unsre Feinde - dann wrdet
Ihr verloren sein, denn Ihr seid nur eine kleine Schaar und wir sind viel mehr
als Ihr. Aber wir knnen auch nicht glauben, da Ihr so thrigt wret, in uns
Euere Feinde zu sehen. Wir sind von Natur Eure Freunde und Brder, und nur die
unbarmherzigen Reichen, welche elendes Geld aufhufen, um Tausende verhungern zu
lassen, sind unsere Gegner. Wir wollen nur diesem geizigen Tyrannen hier zeigen,
da seine Reichthmer von Rechtswegen uns gehren mten, und da er uns unser
rechtmiges Eigenthum entzogen hat, so wollen wir es uns nehmen. Deshalb werdet
Ihr nun uns doch nicht Uebles anthun wollen, weil wir in die Welt ein Bischen
bessere Ordnung bringen mgten? Und wer von Euch arm oder dienend ist, der ist
unser natrlicher Bundesgeno und wird uns beistehen gegen diesen geizigen
Tyrannen hier!
    Und so sprach er noch weiter - da stimmten ihm viele von den Bauern bei und
schrien: Ja wir wollen Euch helfen! und mischten sich unter die
Fabrikarbeiter; Andere aber, welche dies nicht mogten, ergriffen die Flucht und
wurden von Steinwrfen und Peitschenhieben wieder zurckgejagt in ihre Drfer.
Einzelne, welche sich widersetzten, geriethen in ein frchterliches Handgemenge,
und eine blutige, entsetzliche Scene folgte auf die andre - aber berall zogen
die Bauern den Krzern.
    Der Fabrikherr ward vor Schrecken noch bleicher, als er das hrte. - Wo nun
Hlfe finden? Das Militair konnte kaum vor dem andern Morgen kommen - und was
konnte nicht Alles geschehen bis dahin! Jetzt war es erst Mittag, und schon
hatten die Leute fast alle seine Maschinen zerstrt und wtheten noch in den
vordern Fabrikgebuden. Jetzt hatten sie den etwas entfernt liegenden, einzeln
in den Felsen gehauenen Keller erbrochen, ein Fa Wein heraufgeschroten und
saen nun um dasselbe herum und tranken die Gesundheit der neuen Zeit und der
armen Leute in dem besten Franzsischen Weine des Fabrikherrn. Sie ruhten dabei
aus von ihrem Zerstrungswerk, um sich neue Krfte und frischen Muth zu trinken.
    Nur die Factoren, Markthelfer und Kutscher waren dem Fabrikherrn treu
geblieben, die Andern waren Alle gegen ihn. Helfen konnten diese wenigen
Menschen gegen den berlegenen und wthenden Feind auch nur Weniges -
durchkommen konnte jetzt auch Keiner mehr, weder herein noch heraus. Georg war
auch ganz wie vernichtet - er hatte nie weiter Etwas gekonnt als rechnen und
schelten - jetzt wute er nicht mehr, was zu thun sei. Es blieb Nichts brig,
als auf die militairische Hlfe zu warten, die von auen das umzingelte Wohnhaus
der Fabrik gleichsam wie eine Festung entsetzen mute. Man mute sich darauf
beschrnken, dieses zu verschlieen und zu verrammeln, desgleichen auch den Hof,
der es umgab und die nchsten Gebude, welche noch frei waren.
    Ein Gewlbe mit Vorrthen von Fleisch, Butter, Kraut und Rben, das sich
neben dem Weinkeller befand, war auch erffnet worden - an einem groen Feuer im
Freien kochten die Weiber davon und die Mnner lieen es sich dann mit ihnen
trefflich schmecken, so da jetzt Alles ganz friedlich und gemthlich aussah.
War es ja doch eigentlich nur der Hunger, welcher die Meisten dieser Armen zum
Aufstand gebracht hatte! Denn von communistischen Theorien, die sie etwa
verwirklichen wollten, wuten sie Nichts, die spukten nur in Wilhelms Kopf,
welcher sie in unklaren Reden zu verbreiten suchte, aus denen Jeder die Sache
nur gerade so verstand, wie sie in seinem Gedankenkram pate. Darin waren sie
einig, da sie Alle Etwas zu rchen hatten an dem Fabrikherrn: Hunger, Frost,
Ble, Krankheit, verstmmelte Glieder, Tod oder Elend ihrer Kinder, harte
Behandlung und all' die Noth und Sorge von einem jammervollen Tag zum andern.
Ihre leiblichen Bedrfnisse waren es, welche jetzt diesen Wuthausbruch
hervorgerufen - und wie viel er hier unbefriedigt gelassen und doch htte
befriedigen knnen, wenn er menschlich gewesen, das wuten sie - aber ein
unklarer Instinkt drngte sie in gleicher Weise zur Rache - jener Instinkt,
welcher sie hie, fr Alles, was in ihren und ihrer Kinder Seelen Gutes und
Edles und Bildungsfhiges erstickt und todtgeschlagen worden war, durch all' ihr
ueres Elend, sich auch dafr zu rchen und eben gerade dadurch, da sie ihrer
Entsittlichung und Verwilderung in ihrer schlimmsten Art und ohne Zgel
verderbensvoll walten lieen.
    Der Abend begann schon herein zu dmmern - im Haus des Fabrikanten herrschte
Todtenstille. Alles war in banger Erwartung des Kommenden, was man thun konnte,
war gethan. Es blieb nichts Anders brig, als zu warten. Dieses Warten war
frchterlich!
    Pauline war nicht mehr eingeschlossen in ihrem Zimmer, die Vorsicht war
nicht nthig, da nun das ganze Haus verrammelt war. Aber sie war allein in ihrer
Stube geblieben, weil sie bei diesem Ereigni ganz anders dachte und fhlte, als
die Andern alle, welche mit ihr in dies Haus eingeschlossen waren.
    Das Alles wre nicht geschehen, wenn mein Vater nicht seine Hrte und
Unbarmherzigkeit auf's Aeuerste getrieben htte, es wre nicht geschehen, wenn
seine Geschftsfhrer und Diener auch in den armen Menschen den Menschen geehrt
htten! Und das Verbrechen, das jetzt diese armen entehrten, gemihandelten,
gequlten Menschen begingen, was war es denn anders, als ein zweites Verbrechen,
um ein erstes zu rchen? Was war es denn anders, als eine zweite schlechte That,
die eine erste voraussetzte, ohne welche sie nie geschehen konnte und die ihr
Geschehen eben voraussetzte? Und selbst diese rohen abscheulichen Tne, welche
wie ein thierisches Geheul durch die Luft hallten und doch von Menschen kamen -
was waren sie anders als der Aufschrei der beleidigten menschlichen Natur,
welche zum thierischen Stumpfsinn herabgestoen und entwrdigt war - durch
andere Menschen? So sagte sie zu sich - aber sie wollte die grauen Haare ihres
Vaters ehren und nicht jetzt, wo er oft in Verzweiflung in sie hineinfuhr, um
sie auszuraufen, seinen Jammer noch mit ihrer Anklage vermehren, sie wollte
nicht zu ihm sprechen: Vater - ich hab' es Dir vorausgesagt - wie ein
Strafgericht Gottes kommt es nun ber uns - und wir drfen in der Stunde der
Gefahr und des Entsetzens nicht frei und unschuldig unsere Hupter zu ihm
aufheben, wir mssen sie in Demuth neigen und still Alles dulden. Sie wollte
ihm das nicht sagen, denn das Kind ist nicht berufen zum Richter des Vaters und
sie fhlte es wohl: jetzt richtete Gott durch seine geschndeten, verstmmelten
Creaturen - aber vielleicht htte sie doch auf sein Klagen, das mit Beten und
Fluchen abwechselte, etwas Hartes erwidert - und darum wich sie ihm aus.
    Aber wie sollte sie Ruhe und Sammlung finden selbst allein in ihrem stillen
Zimmer? Als sie es zum ersten Mal betreten, wo sie kurz vorher die erste Ahnung
von dem Elend der Armuth empfangen hatte, war sie schon vor der Pracht dieses
Zimmers erschrocken - es war ihr, als hnge der Jammer von Hunderten daran - und
nun vollends! Sie schauderte vor diesem Ueberflu und sie begriff, da die Armen
ein Recht htten, die Reichen nicht nur zu beneiden, sondern auch zu verachten.
    Zuweilen lief sie dann auf den Oberboden des Hauses, um weiter sehen zu
knnen, ob sie vielleicht eine neue Bewegung der Aufrhrer ersphen knne - ob
sie vielleicht Franz gewahre. Ihn sah sie nicht. Aber sie sah, wie die Arbeiter
mit den Bauerburschen, Manche taumelnd vor Trunk unter sittenlosen Scherzen, mit
den Frauen in dem Schutt eines zertrmmerten Gebudes Steine zusammensuchten -
und schaudernd wendete sich Pauline ab.
    Dann lief sie wieder hinunter, fragte, was weiter geschehen sei. Man zuckte
die Achseln. - Die Gefahr und der Pbel wchst wie eine anschwellende
Wasserfluth - wir knnen noch Grliches erleben, ehe die Hilfe kommt.
    Dann fate sie wieder Friedericken, die ihr das einzige fhlende Wesen
schien, welches sie verstehen knne - aber Friedericke jammerte immer nur ber
das ganze Unglck und da Wilhelm auch mit dabei sei - und nun knnten sie sich
im Leben nicht heirathen!
    So dmmerte denn der Abend herein.
    Pauline lag in ihrem Zimmer auf ihren Knieen und betete still.
    Sie hatte kein anderes Gebet als nur die vier Worte: Herr, wie Du willst!
    Da war es pltzlich, als bebte das ganze Haus von einer ungeheuern
Erschtterung.
    Sie fuhr zusammen - durch ihre Seele zuckte eben so pltzlich ein kleiner
Gedanke: Ach, mcht' es zusammenstrzen, dies auf Flchen erbaute Haus, wenn es
nur mich und ihn unter seinen Trmmern begrbe!
    Sie hatte nicht Zeit, den Gedanken weiter auszudenken. Sie stand auf, ruhig,
muthig - eine seltsame Klarheit leuchtete auf ihrer Stirn - sie war gefat, denn
sie fhlte, da sie in Gottes Hand stehe. Wer einmal in der Stunde der Gefahr
und der bangsten Entscheidung dies Gefhl so recht in seiner tiefsten Allgewalt
empfunden hat, der allein begreift, wie Paulinens leicht erschrecktes
Mdchenherz jetzt pltzlich ruhig schlagen konnte, wie in den stillsten Stunden.
    Das Haus war erschttert worden von dem Wehruf der Hunderte, welche jetzt in
den verrammelten Hof gebrochen waren und einen Steinhagel nach dem Hause
schleuderten, Pauline ward das gewahr und sah von der Seite durch das Fenster.
    Da sah sie, wie Franz todtenbleich aus der Menge hervorsprang, nach einem
gegenberstehenden Haus sich wandte und laut schrie:
    Hierher, Brder! Auf dies Haus! Was wollt Ihr dort? Ich wei, in diesem
Hause hat er seine besten Schtze aufbewahrt - kommt hierher, wir wollen dies
Haus erbrechen!
    Das Haus, auf welches er deutete, war nicht bewohnt und enthielt nur
Vorrthe der Fabrikerzeugnisse - Pauline hatte Franz verstanden - um sie zu
schonen, warf er sich auf dies Haus und leitete die Kameraden irre. Viele
folgten seinem Wink. Wilhelm aber schrie:
    Nein, nicht dorthin - hierher, komm Franz, wir holen uns unser Liebchen!
    Klirrend strzten von neuen Steinwrfen einige Fenster ein.
    Tiefer sank der Abend herab - es ward endlich ganz dunkel.
    Die Arbeiter begannen mit ihren Aerten an der Thre zu arbeiten, um sie
aufzusprengen.
    Da scho Georg zum Fenster heraus ber ihnen eine Flinte ab und rief:
    Wenn Ihr nicht zurckgeht, so schieen wir mit Kugeln - es sind Soldaten im
Hause!
    Das kam unerwartet - im ersten Schrecken zogen sich die Arbeiter zurck.
    Bald aber rief Wilhelm: Lat Euch nicht auslachen, Lat Euch nicht belgen!
Wie wren Soldaten hereingekommen? - Da wrden sie uns nicht blos damit drohen!
Kommt, wir wollen doch nachsehen, wo diese Soldaten stecken - und wer uns
belogen hat, den spieen wir auf!
    Brder, rief Franz, ein Menschenleben darf's nicht kosten - wir
wenigstens wollen kein Blut vergieen! Die armen Leute mssen barmherzig sein,
sonst drfen sie die Reichen, die es nicht waren, auch nicht zur Rechenschaft
fordern!
    Mit erneuter Wuth drangen nun die wilden Rotten auf das Haus ein - alle
Versuche zur Gegenwehr waren fruchtlos - endlich waren die verrammelten Thren
doch aufgestoen und ungehindert strmten die rasenden Aufrhrer hinein. In
blinder Rachewuth zertrmmerten sie unter Lachen und Fluchen die Spiegel, alle
Meubles und alles Gerthe. Der roheste Spott ward damit getrieben, der
schrecklichste Vandalismus machte sich geltend.
    Franz war mit Einer der Ersten, die in das Haus gestrmt, nicht um mit zu
zerstren, sondern um zu retten. Da er die Wthenden einmal nicht hatte
zurckhalten knnen, so wollte er wenigstens nun nicht zurckbleiben, wo er
vielleicht Paulinen gegen diese Entsetzlichen beschirmen konnte.
    Er wute den Weg zu ihrem Zimmer - er lief hinauf - die Thre war schon
aufgerissen - da stand sie allein vielen rohen Mnnern gegenber. Zwei von ihnen
waren trunken und wollten sie umfassen, August aber hielt die Axt vor sie hin
und schrie:
    Rhrt sie nicht an - sie hat uns Nichts zu Leide gethan; wenn sie gekonnt
htte, wie sie gewollt, wir htten's ganz anders gehabt.
    Und ein Anderer sagte: Frchten Sie Sich nicht, Mamsellchen, wir thun Ihnen
Nichts, denn Sie haben Gutes an unsern Kindern gethan - aber kommen Sie mit uns
herunter, denn, sehen Sie, wenn wir das Haus anbrennen, mssen Sie erst heraus
sein.
    Da trat Franz ein.
    Franz, rief sie, als sie ihn sah - ich will mit Dir gehen - ich wei es,
da ich Dir noch trauen darf - aber schtze mich vor diesen -
    Er fate sie fest in seine Arme und wehrte mit August die Trunkenen zurck,
die sie ihm streitig machen wollten. So trug er sie die Treppe hinab.
    Franz, rief sie, rette meinen Vater! Und weiter bat sie in hchster
Angst, la' mich! Du siehst, ich finde immer noch Beschtzer, wenn ich gleich
ein wehrloses Mdchen bin, thun sie mir doch Nichts - aber meinen Vater hassen
sie, denn er ist ihnen niemals freundlich gewesen - rette Du ihn, rette ihn um
meinetwillen, Franz, wenn Du mich liebst!
    Da rannte Wilhelm an ihm vorber. Ha, lachte er, Du hast Dein Mdchen und
das meine ist entwischt!
    Wo ist Friedericke? fragte Pauline bebend.
    Durch die Hinterthre fort mit dem Herrn Papa, lachte er, aber entgehen
knnen sie uns nicht!
    Mein Vater ist geflohen?
    Ja, sie haben ihn laufen sehen - wie eine Maus ist er fortgewischt - aber
ich werd ihn schon finden! Und Wilhelm lief fort.
    Gott sei Dank! Er wird ihn ferner schtzen! sagte Pauline, inde Franz
durch den Hof und das finstre Gedrnge lief mit der sen Brde.
    Sie waren schon aus den Hof heraus auf einen freien Platz gekommen, wo Franz
einen Augenblick ruhte in der tiefen Dunkelheit.
    Du bringst mich doch nach Hohenthal - zu Elisabeth? fragte sie. O, ich
werd' es Dir ewig danken.
    Ach, Pauline, Du siehst mich mit unter den Schuldigen und Du vergiebst
mir?
    Ich habe Dir Nichts zu vergeben, Du hast es nicht so gewollt. - Was kann
Einer wider Hunderte. Du hast Dich ihnen nicht widersetzen knnen, wie ich mich
nicht meinem Vater - Du und ich, wir Beide haben Nichts verbrochen, da es so
kommen mute.
    Ach unsere Herzen sagen's uns, da wir nur das Beste gewollt haben - aber
das Schicksal ist grausam.
    Nein, klage es nicht an - es hat uns ja auch selbst in diesem Schrecken
zusammenzefhrt. - Du hast mich gerettet - ich werde Dich dann wieder retten
knnen, wenn die Menschen Dich verklagen wollen.
    In diesem Augenblick kam eine schreiende, heulende Bande auf sie zu und die
Beiden befanden sich pltzlich Mitten in dem Getmmel, ohne zu wissen, woher es
so pltzlich kam.
    Sie kommen! Sie kommen! Weh uns! schrie es durcheinander von allen Seiten.
Sie kommen! - Die Soldaten! Die Schtzen - weh uns! Sie sind schon da!
    Und sie waren da.
    Und sie riefen die Aufrhrer an, da sie auseinander gehen mgten.
    Aber der Ruf ward bertnt von dem Geschrei der Menge.
    Und da tnte das Commando: Feuer!
    Und da knackten die Hhne.
    Da war's geschehen!
    Wehruf ertnte - das entsetzlichste Geheul schallte zum Himmel auf und
berschallte auch das Rcheln der Sterbenden.
    Die Kugel folgt ihrem blinden Lauf und wei nicht, wohin sie trifft - und
die Hand, die im Dunkeln und auf Commando den Hahn abdrckt, die Hand wei auch
nicht, da sie das Herz des Bruders treffen kann.
    Pauline - das traf!
    Franz - Du auch? - Die Kugel steckt in meiner Brust - ach, so sind wir
vereint, so ist's ja gut - der Himmel ruft die vereinten Seelen vereint -
hinauf.
    Pauline! Nun bist Du mein!
    Und sie drckten sich fest aneinander und lieen ihr Blut zusammen strmen
und im heien Ku der Liebe flohen die Seelen nach kurzem Erdenkampf aus den
jugendlichen Krpern.

                                   XI. Schlu


Was nun weiter geschah? Was soll's weiter? Man wei es ja wie das alle Mal kommt
und alle Mal endet. Es ist hart, so Etwas wieder erzhlen zu mssen, wieder
erzhlen zu hren! -
    Im Publikum, in den Zeitungen trug man sich mit allerhand abenteuerlichen
Gerchten voller Unklarheiten und Widersprche. Endlich begngte man sich mit
dem Vericht der in der Krze festgestellten Thatsachen.
    In der Fabrik des Herrn Felchner hatte lange eine unheimliche Ghrung
geherrscht. Endlich war es sogar dahin gekommen, da eines Tages die Arbeiter
bewaffnet in die Fabrikgebude drangen, die Maschinen zerstrten und als es
Abend geworden war, sogar das Wohngebude frmlich erstrmten und darin den
barbarischsten Unfug verbten. Das aus der nchsten Stadt requirirte Militair
war noch in spter Abendstunde auf den Schauplatz dieses unheilvollen
Ereignisses eingetroffen und so war es ihm gelungen, noch in derselben Nacht
ziemlich und am andern Tage vollkommen die Ordnung wieder herzustellen. -
    Herrn Felchners groe Verluste die er durch die sinnlose Wuth der Aufrhrer
erlitten, gab man auf noch unberechenbare Tausende an - als den schrecklichsten
Verlust, der ihn betroffen, galt natrlich der seiner einzigen Tochter Pauline,
welche in jener entsetzlichen Nacht so pltzlich und unbeschtzt um's Leben
gekommen war - getdtet von den Kugeln derjenigen, deren Kommen ihr strenger
Vater mit solcher Ungeduld erwartet hatte! - Er hatte wohl nicht daran gedacht,
nicht darnach gefragt, ob unter den Schuldigen, denen er die mrderischen Kugeln
entgegenschickte, auch Unschuldige sein knnten - und wenn er daran gedacht
hatte, so hatte es ihn nicht gekmmert - er litt ja eben jetzt auch unschuldig -
wie er meinte - das Schlimmste - aber da stand er wie vom Donner gerhrt, als
das eigne unschuldige Kind mit getroffen war von dem blinden Strafgericht, das
er den Schuldigen zugedacht hatte. -
    Darber, ob in der Fabrik des Herrn Felchner wirklich groer Nothstand der
Arbeiter geherrscht habe - ob wirklich communistische Verbindungen unter ihnen
bestanden - und ob die Noth - ob communistische Aufhetzereien - ob die Organe
und Vertreter der schlechten Presse die meiste Schuld trgen an all' dem Unheil,
das so pltzlich hereinzebrochen war: darber waren die Meinungen der
Zeitungsleser sehr getheilt - ein jeder von ihnen bildete sich wohl seine eigene
selbst.
    Herr Felchner rauste sich seine grauen Haare an der Leiche seiner
Herzenstochter - aber es war, als sei mit ihr sein guter Engel gewichen - er
ward immer mitrauischer, immer tyrannischer und berlebte sie nicht lange.
    August und Wilhelm kamen in's Zuchthaus. Anton erhielt eine Medaille.
    Der Geheimrath von Vordenbrcken bekam einen Orden und der Polizeirath
Schuhmacher, weil er schon Orden aus allen Classen hatte, eine goldne Dose.
    Gustav Thalheim und Graf Jaromir von Szariny waren von ihnen als Theilnehmer
an communistischen Verbindungen angeklagt worden. Thalheim war aber mit Eduin
von Golzenau schon ber die Deutsche Grenze, als man sich seiner bemchtigen
wollte - so ward ihm nun die Rckreise in das Vaterland verweigert. Da gegen
Jaromir der Verdacht noch geringer, er ein Graf war und einflureiche
Verbindungen hatte, so begngte man sich damit, die Censoren auf seine Artikel
besonders aufmerksam zu machen. -
    Amalie verzweifelte daran, sein Glck zu zerstren, und schleppte ihr
freudloses, berflssiges Leben, dem es weder gelingen wollte, Glck noch
Unglck zu verbreiten, in stiller Apathie mit sich weiter.
    Aurelie gab ihre Hand dem Kammerjunker von Aarens.
    Jaromir und Elisabeth standen an dem schnen Marmordenkmal ber Paulinens
Grab:
    Sie dort oben in Liebe vereint - wir hier unten - wem ist das bessere Theil
geworden?
    Fr ihre Liebe war das nur dort erreichbar - die unsere darf schon auf der
kleinen trauten Erde ihre Freudenfeste feiern!
    So sprachen die Liebenden und hielten sich selig umfangen.
