
                           Hahn-Hahn, Ida Grfin von

                                    Sibylle

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                              Ida Grfin Hahn-Hahn

                                    Sibylle

                             Eine Selbstbiographie

                                  Erster Band

                          An Frst Fritz Schwarzenberg

Ihnen, mein lieber Fritz, dies traurige Buch? - Ja, grade Ihnen! Sie knnen es
aushalten, Sie trift es nicht: Sie haben ein Herz. Hat man das, so giebt es
freilich nichts desto weniger Zeiten in denen man dunkle, zweifelnde,
verachtende Blicke in das Gewirr des Menschenlebens und auf das lhmende
Schauspiel eigener und fremder Schwche wirft; aber mit der dem Herzen eigenen
Schwungkraft schnellt man den wsten Ballast von Staub, Moder und
Verwelklichkeit fort, gedenkt ihrer als melancholischer Warnung, und fhlt
deshalb den goldenen heiligen Faden nicht abgerissen, der unser kleines Wesen an
das groe, lichte, liebende, ewige Wesen des Alls knpft. Das Herz ist an sich
selbst eine Sonne, die Licht und Wrme, die Leben giebt. Fehlt sie, so herrschen
Chaos und Tod, und der Mensch, der dieser Finsterni anheimfllt, ist unselig,
und ich glaube es giebt manche solcher Unseligen in unsrer Welt, die so klug und
so kalt ist. Darum, lieber Fritz, wende ich mich recht zu meiner Erquickung in
Gedanken an Ihr gutes rasches warmes Herz, und ohne zu erwarten da Sie als
chter und rechter Lanzknecht die Lanze fr meine Ueberzeugungen und Meinungen -
welche nicht immer die Ihren sein mgen - einlegen mten, wei ich doch da Sie
mir herzlich die Hand schtteln und sagen werden: In der Hauptsache denken wir
berein! -

Dresden, den 26. April 1846.
                                                                  Ida Hahn-Hahn.
Wir Alle haben sie gekannt. Sie wohnte zwischen uns, sie lebte mit uns. Bemerkt
mgen nur Wenige sie haben, doch jezt, da sie todt ist, werden Manche sich ihrer
erinnern. Die Welt ist wie ein Meer: Jeder hat so viel damit zu thun das Schiff
seines Lebens durch Klippen und Strme zu bringen, da er weder Zeit noch Ruhe
noch Theilnahme genug brig hat, um sie den fremden Lebensschiffen zuzuwenden;
hchstens aus Neugier sieht er einmal flchtig hin. Kommen aber Trmmer daher
geschwommen - starrt aber von einer Sandbank ein gestrandetes Wrack schwarz und
formlos empor - tauchen aber aus den Wellen Gegenstnde auf, die ein
untergegangenes Dasein verrathen: dann fhrt man auf, das Interesse erwacht, man
mgte wissen welch Schiff hier von den Wogen verschlungen ward, ob es dieses
war, ob es jenes war, man sieht beklommen den Trmmern nach, man denkt: so wird
auch unser Ende sein! - Dann wirbeln die Wellen sie fort - und die Gedanken
wenden sich wieder den eignen Wegen zu. Es kann den Menschen trsten oder ihn
trostlos machen, da er lebend oder todt keine bleibende Furche durch das Meer
des Lebens zieht.
    Diese Bltter sind Ueberbleibsel eines Daseins welches vor der Zeit
Schiffbruch litt; - vor der Zeit, was die Jahre betrift, die uns ja bis siebzig
oder achtzig zugemessen - fr die also Zustnde denkbar sind, welche ihnen
Gensse und Befriedigung verschaffen. Allein viel zu spt fr die schauerliche
Erschpfung in der diese Frau ihre Tage hinschleppte. Nichts auf der Welt machte
ihr Freude, nichts entlockte ihr ein Lcheln oder eine Thrne, nichts erwrmte
ihr Herz oder beflgelte ihren Geist, nichts ruhte sie aus, nichts regte sie an.
Sie stand neben ihrem unterminirten und ausgedeten Leben wie der Genius des
Todes jezt neben ihrem Grabe stehen mag: unberwindlich gleichgltig.
Gleichgltig - das war sie! aber nicht blos fr Andere, sondern mehr noch fr
sich selbst. Es ist ja Alles gleich vorber! - sprach sie mit ihrer tonlosen
Stimme und ihrem Marmorantlitz, und Krperleiden die Andere wahnwitzig machen
wrden, erpreten ihr keine Klage. Als sie im Sarge lag fiel mir dieser
gleichgltige Ausdruck ganz unsglich schmerzlich auf. Die Zge der Todten
pflegen fast immer mit Frieden und Milde gleichsam berstralt zu werden, so da
unschne schn - entstellte und zerwhlte vershnt erscheinen. Ein gewisser
majesttischer Ausdruck von besiegten Leiden macht das Todtenantlitz zugleich
rhrend und glorreich. Sie hatte ihn nicht, denn sie hatte keine Leiden besiegt,
die Leiden hatten sich nur von ihr zurckgezogen; und wo kein Sieg ist keine
Verklrung.
    Als ich die Bltter las in welche sie ihr Leben verzeichnet hat und welche
ich auf ihren Wunsch nach ihrem Tode empfing, war es mir als she ich einen
einsamen Vogel auf einer kahlen Felsenklippe im Meer sitzen, der eine
melancholische monotone Weise singt, die er der Brandung rings umher abgelauscht
und der Unermelichkeit die ihn umgiebt angepat hat. Die Eindrcke ihrer ersten
Jugend, die trumerischen, sehnsuchtsvollen, unbestimmten, groartigen Bilder,
welche am Meeresufer, in Buchen- und Eichenwldern, in Herbstnebeln an ihr
vorber gezogen sind, haben ihrer Seele die entsprechende Frbung aufgedrckt,
und ihre Phantasie ber alles Ma hinaus entwickelt. Sie hatte sich so gewhnt
in ihren Trumen zu leben, da die Wirklichkeit ihr berall nchtern und bla
erschien; und weil die Phantasie ihr den Genu des Unerreichbaren bot, so lie
sie das Erreichbare matt und traurig fallen, hielt es nur fr Tuschung des
Herzens oder Irrthum des Verstandes, und suchte und suchte - erst mit Sehnsucht,
dann mit Verzweiflung, dann mit Entmuthigung - das unbekannte Gut, das sie
berall wahrzunehmen whnte und nirgends fand.
    Nun liegt sie still und khl gebettet in ihrer Heimat auf einem Hgel dessen
runde Kuppe einen Busch von Eichen trgt. Unausgesetzt tnt das Brausen der See
herber, eben so monoton in ihrer Bewegung wie die stille grne Landschaft rings
umher monoton in ihrer Ruhe sich ausbreitet. Inmitten der Eichengruppe deckt ein
Wrfel von Granit ihr Grab, und auf demselben stehen die drei Worte:
    Sibylla wach auf!

Langsam und mit groen Qualen zieht sich das Leben von mir zurck und ich wei
es. Wre irgend eine Spur von Trauer, Schmerz oder Bedauern in mir, so wre das
keine gnstige Stimmung um mein Leben wahr zu beschreiben. Der Abschiedsschmerz
knnte auf mich wirken wie die Glut der untergehenden Sonne auf das Auge: mge
die Erde noch so fahl und grau sein, das Abendroth verklrt sie! und so knnte
auch mir Manches sich schner darstellen als es war. Oder wren jubelnde
Hofnungen in mir, snge meine Seele im Glauben Psalmen, in der Liebe Hymnen: so
wrde ich den Tod mit feuriger Sehnsucht begren und auch dann die Erde und
meine Vergangenheit wie einen Tummelplatz kindlicher Spiele betrachten wohin
sich der Blick mit Wehmuth wendet. Aber so ist es nicht mit mir! ich lebe ohne
Interesse fr mich, daher habe ich auch keine Theilnahme fr meinen Tod. Alles
hrt auf: Alles! Kein Gedanke ist wechsellos, keine Empfindung dauernd, kein
Wille anhaltend, kein Gefhl unvergnglich; der Wunsch stirbt in der Erfllung,
das Verlangen im Genu, der Schmerz an der Erschpfung, die Freude am Ueberdru,
das Glck an der Langenweile - kurz Alles an unsrer Unvollkommenheit. Die Summe
unsrer Gedanken und Gefhle, und der aus ihnen sich entwickelnden Bestrebungen
und Handlungen, bildet unser Leben: da dessen smtliche Bestandtheile
vergnglich sind, wohin denn sollen wir das Unvergngliche verlegen? in welchen
verborgenen Winkel unsers Seins knnte es sich eingenistet haben? und der Tod,
der jene Bestandtheile und ihre Wechselwirkung auflst, sollte im Zersetzen das
Unvergngliche gestalten oder herausbilden? - Man hoft es. - Ich habe mir die
Hofnung abgewhnt! - Welche Enttuschungen und Tuschungen mich dahin gefhrt
haben will ich aufzeichnen, und da ich gleichgltig gegen mich selbst bin, so
kann ich hchst gelassen meine Irrthmer, Fehler und Verrechnungen betrachten.
Ob sie fr Andere eine warnende Lehre sein knnen, wei ich nicht; aber
erschrecken kann wol mein Bekenntni: ich hatte Alles was man Glck im edelsten
Sinn nennt, und war dennoch nicht einen einzigen Tag meines Lebens ganz
glcklich, weil ich ein absolutes Glck, nmlich das Bewutsein von dessen
Unwandelbarkeit und Unsterblichkeit begehrte; das relative gengte mir nicht.
Daher war ich auer dem Gleichgewicht mit den Gesetzen, welche das menschliche
Leben bedingen und beherrschen. Ich grmte mich keine Gttin zu sein, die
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Ewigkeit in ihrem Busen trgt - und
darber versumte ich tchtig als Mensch zu werden. In unsrer Zeit liegt etwas
Bethrendes, wie in aller Schrankenlosigkeit. An den Grundgesetzen rtteln heit
nicht sie berflgelt haben; nach den Grundursachen forschen heit nicht sie
ergrndet haben; dennoch traut Derjenige sich Beides zu der es versucht hat, und
reichen die Flgel alsdann doch nicht zum Schwung aus - und ist der Grund
alsdann doch weiter nichts als Triebsand hier und ein finstrer Schacht dort: so
unterwirft er sich nicht demthig der Erkenntni, sondern er trotzt oder
verzagt. Mir ist eins und das andere widerfahren. Zuweilen sag' ich mir ich sei
dazu prdestinirt gewesen; Organisation, Erziehung, Schicksale wirkten auf einen
Punkt zusammen, und das war nicht der aus welchem sich ein segenvolles
friedliches Dasein entwickelt.
    Im grnen Holstein am Strande der Ostsee bin ich geboren. Eine reiche
Erbtochter war meine Mutter; mein Vater ein armer frnkischer Edelmann, der ihr
zu Liebe die heitern rebenumlaubten Hgel am Main mit dem Sitz auf ihrem
nordischen Stammschlo vertauschte. Das Rauschen des Sturmes in den knorrigen
Aesten der alten Eichen, das Krchzen der Raben die auf ihnen Schutz suchten,
das Brausen der Brandung die bis in den Garten schlug - waren meine
Wiegenlieder. Am Tage Aller Seelen bin ich geboren. Ich war ein Sptling in der
Familie; eine Schwester war zehn, ein Bruder sieben Jahr lter als ich, und ich
schlo die Reihe der Kinder. Ich entsinne mich keines Eindrucks noch Ereignisses
aus meinen ersten Lebensjahren. Spter, wo mir die Erinnerung auftaucht, beginnt
sie mit unbestimmten Leiden. Ich war von krankhafter Reizbarkeit: ein Wort, ein
Blick, ein Lcheln gengte um mir trostlose Thrnen zu entlocken. Bei einem
drei- oder vierjhrigen Kinde darf unmglich von dem Herzen die Rede sein! so
waren denn also die Nerven von so bebender Erregbarkeit, da sie durch Nancen
des Tons und Ausdrucks erschttert wurden, welche ich jezt nicht mehr zu
bezeichnen vermag. Um diese Reizbarkeit zu schonen ging man nachsichtsvoller mit
mir um als ich es verdienen mogte. Ich hatte meine Eltern lieb, meine Schwester
war mir ziemlich gleichgltig, an meinem Bruder hing ich mit grenzenloser
Zrtlichkeit: das erste Gefhl dessen ich mir bewut geworden bin, gehrte ihm.
Wir waren unzertrennlich so weit seine Lectionen und der Unterschied des Alters
und Geschlechts es gestatteten. In einem leichten Wgelchen mit zwei kleinen
Pferden von der Insel Oeland fuhr er mich spazieren; auf einem dieser Pferde
lehrte er mich reiten indem er nebenher ging, und als ich etwas sicherer und
ungefhr acht Jahr alt war, durfte ich auf meinem kleinen Oelnder mit ihm
wirklich spazieren reiten. Zuweilen begleitete uns der Vater; aber das war uns
nicht sehr angenehm, denn in seiner Gegenwart extemporirten wir nicht so
unverlegen als unter vier Augen die Komdien, welche wir bestndig mit einander
spielten. Der Unterricht den mein Bruder geno bot uns Stoff dazu. Bald war er
Hector und ich Andromache; bald war er ein Ritter der im Turnier von einer
Knigin - oder ein Troubadour der von seiner Dame den Preis erhlt; und hatte
ich eben das holde Frulein dargestellt, so verwandelte ich mich schleunigst in
die Aehrenleserin Ruth, welche durch die Hand des Boas beglckt wird, oder in
Arria, die sich mit einem majesttischen Non dolet den Dolch ins Herz stt.
Tancred und Clorinde war unser Lieblingsspiel zu Pferde; der Moment meines Todes
rhrte mich bis in die innerste Seele! aber nichts, nichts bertraf unser beider
Entzcken, wenn mein Bruder den geblendeten Belisar und ich den Knaben seinen
Fhrer darstellte; dann irrten wir Hand in Hand durch die verwachsenen waldigen
Partien des Parks, oder auf den schmalen Fusteigen zwischen den Feldern, oder
im hohen Wiesengras umher, langten auf irgend einem jener baumbewachsenen Hgel
an, die man dort zu Lande Hnengrber nennt, setzten uns nieder, - und nun mute
ich dem blinden Belisar die Landschaft beschreiben, welche sich vor uns
ausbreitete; aber nicht die holsteinische Landschaft die ich wirklich sah,
sondern Byzanz mit seiner Propontis, oder Rom mit seiner Campagna, oder Neapel
mit seinem Golf - wozu mein Bruder mir durch Bilder und Erzhlungen zuvor das
Material geliefert hatte. Bisweilen war ich zerstreut und unaufmerksam; dann
fiel mein Belisar aus der Rolle und half mir zurecht um nicht Capri und Ischia
mit den Prinzeninseln zu verwechseln; hatte ich ihn aber durch eine treue
Schilderung seiner innern Bilder ergtzt; so versetzten wir uns aus dem
Traumleben der Gegenwart in das der Zukunft, und mein Bruder schilderte mir
wiederum die Reisen die er zu machen beabsichtige, wenn er seine Studien
vollendet habe.
    Aber Du mut mich mitnehmen, Heinrich! rief ich wehmthig wenn er so recht
im Zuge war mir Gott wei welche Herrlichkeiten auszumalen.
    Das versteht sich, Sibylle! entgegnete er zuversichtlich; wenn Du fnfzehn
Jahr alt bist ziehen wir in die weite Welt.
    Und in meinem Sinn schnrte ich schon mein Bndelchen und sah mich um nach
einem Wanderstab.
    Der Winter war unsre seligste Freudenzeit! dann froren die Canle zu, welche
in allen Richtungen den weitluftigen Park durchschnitten, und wir liefen darauf
Schlittschuh - eine Uebung die mein Bruder mir gleichfalls beigebracht hatte.
Abends, wenn die weie Erde, der blaue Himmel, die bereiften Bume und das
spiegelblanke Eis vom Mond und vom Frost wie versilbert flimmerten - dann
hinaus! Heinrich rechts ich links auf den Canlen, ein Punkt bestimmt wo wir
zusammentreffen wollten und dann fort wie der Vogel, wie der Wind! Ach, das war
ein Jubel! Oder wir verfolgten, jagten und haschten uns, und fuhren dann Hand in
Hand weiter, oder Arabesken und unsre Namenszge in das Eis hinein. Oder wir
fhrten dann Elfentnze aus - wie wir unsere Evolutionen nannten, denn ohne
phantastische Spiele in unsren Vergngungen htten uns diese nur die halbe
Freude gewhrt.
    Die Eltern, ein alter Hofmeister, ein junger Musiklehrer, eine Englnderin
halb Gouvernante halb Gesellschafterin, und wir drei Kinder, endlich eine Menge
von Dienstboten wie man sie auf dem Lande in reichen Husern oft recht
berflig zu halten pflegt - das war unsre Hausgenossenschaft. Besuch kam
selten, und noch seltener wurde eine Gesellschaft zum Mittagsessen gebeten.
Beides war ein Ereigni in unserm stillen Leben, aber fr mich ein hchst
widerwrtiges. Bei den Diners wurde ich von der Tafel ausgeschlossen und einsam
in die Kinderstube verbannt; und den fremden Besuchen gegenber verging ich fast
vor Angst und Schchternheit. Htte ein Tancred oder ein Hector, eine Fee oder
eine Prinzessin mich angeredet, so wrde ich schon geantwortet haben, allein mit
diesen Menschen, die mir Alle so bekannt aussahen und so fremd waren, fhlte ich
mich grenzenlos verlegen. Zeit und Verhltnisse waren auch nicht von der Art um
eine frhliche Geselligkeit zu begnstigen: die Franzosenherrschaft lastete auf
Deutschland wie die Schwle eines Gewitters. Jeder fhlte so knne und drfe es
nicht bleiben, whrend er sich doch bang nach der Explosion umschaute, welche
einem besseren Zustand vorhergehen mute. Ich war zu jung um die traurigen und
finstern Gesprche der Erwachsenen ber diesen Punkt zu verstehen; aber meine
Schwester mag wol eine sehr trbe und freudlose Jugend gehabt haben.
    Pltzlich wurde aber Alles anders! es hie nun gebe es Krieg gegen die
Franzosen. Ein Neffe meiner Mutter, ein Hannoveraner, der grade bei uns zum
Besuch war, verlobte sich im Gefhl knftiger Siege mit meiner Schwester, und
eilte die Rosen der Liebe mit dem Lorbeer des Helden zu durchflechten. Alles war
in Begeisterung, Alles jauchzte der Befreiung entgegen, Alles war bereit Blut
und Leben dran zu setzen. Wir feierten die gewonnenen Schlachten, bewunderten
die verbndeten Monarchen, priesen Landwehr, freiwillige Jger, hanseatische
Legion, Kosaken; vergingen in Angst und Mitleid bei der Belagerung Hamburgs, und
jauchzten bei dem Einzug in Paris. Es war solcher Schwung und solche Bewegung in
das wirkliche Leben gekommen, da mein Bruder und ich unser Phantasieleben
darber vergaen, und unsre Helden des Alterthums und der Romantik in den
Schatten stellten neben all den glorreichen Namen von lebenden Frsten und
Feldherren.
    Paul, der Verlobte meiner Schwester schrieb aus Paris wie aus einem
Wunderlande, einer Feenwelt. Im Lauf des Sommers kam er zurck und brachte mir
Bonbons mit von so unbegreiflicher Schnheit, da ich sie wie Kunstwerke
anstaunte ohne den Muth zu haben auch nur einen einzigen zu verzehren. Ebenso
reizend waren die Geschenke, welche er meiner Schwester machte, und seine
Erzhlungen bertrafen nun gar Alles was ich je von Herrlichkeiten getrumt
hatte. Nur das Wort zu hren Palais royal machte mir einen ganz zauberischen
Eindruck. Die Verlobten sprachen von einer Hochzeitreise nach Paris; zum ersten
Mal in meinem Leben beneidete ich meine Schwester! - An ihren Brutigam schlo
ich mich mit einer Art von Leidenschaft, weil er durch seine Erzhlungen meiner
Phantasie Nahrung bot. Ich hielt mich zu ihm so viel ich konnte, und er war
immer sehr freundlich gegen mich - was der armen Amalie nicht sehr zu gefallen
schien, denn sie schickte mich zuweilen mimuthig fort. Auch Heinrich war nicht
so gut gelaunt wie sonst. Der Knabe wuchs in den Jngling hinein, alle
Uebergangsepochen mssen sich durch Strme ringen. Aber das wute ich damals
nicht. Ich konnte nicht begreifen weshalb Heinrich gar nicht so lustig und
frhlich wie sonst - und nicht so bereit mit mir zu spielen war. Als ich ihn
einmal mit Bitten plagte, rief er verdrielich: Ach Sibylle, Du bist mir ganz
unangenehm geworden! ich kann's nicht leiden, da sich die Mdchen immer
verlieben und heirathen wollen. Amalie - nun ja, die ist schon neunzehn Jahr
alt, da lt man's hingehen! aber Du! solch ein winziges Ding und schon verliebt
.... und noch dazu in den Brutigam Deiner Schwester! O schme Dich! das htte
ich nie von Dir gedacht.
    Ich brach in ein Jammergeschrei aus. Ich sei nicht verliebt! ich wrde mich
nie verlieben und nie heirathen! - Mein Bruder beschwichtigte mich, aber zum
ersten Mal hatte er mich tief verletzt.
    Der Wiener Congre und die Vorbereitungen zu Amaliens Hochzeit wurden auf
gleiche Weise unterbrochen - nmlich durch Napoleons Rckkehr nach Frankreich.
Wieder brach der Krieg aus; wieder trat der Verlobte in die Reihen, und diesmal
erklrte Heinrich er wolle und msse auch gegen die Franzosen kmpfen; er sei im
siebzehnten Jahr, gro und stark, Jngere als er htten den vorjhrigen Feldzug
mitgemacht. Es sei eine Schmach in solchem Augenblick bequem und sicher im
Vaterhaus zu sitzen. Verweigere man ihm die Erlaubni, so wrde er heimlich
fortgehen. Man mute sie ihm gewhren und er ging mit Amaliens Brutigam fort!
Das waren entsetzliche Tage! meine Mutter und Schwester in Verzweiflung, Klagen
und Thrnen; mein Vater in banger stummer Sorge, alle Hausgenossen bengstigt
und gedrckt; aber ich in einem Zustand von Bewilderung der mich fast aufrieb.
Ich konnte nicht essen, nicht lernen, nicht spielen, nicht schlafen. Ich sah
mich wachend und trumend umringt von Schlachtgetmmel, und vor mir Heinrich
verwundet, blutig, sterbend. Meine Nerven geriethen in solchen Aufruhr, da ich
laut schrie wenn eine Thr schnell gefnet wurde oder wenn ein Diener pltzlich
eintrat. Doch beachtete man nicht sehr meinen krankhaften Zustand, der auch
nicht lange whrte, indem die Schlacht von Waterloo den Krieg beendete, und
baldige Rckkehr der jungen Krieger verhie.
    Gott, welche Sehnsuchtsqual erduldete ich bis sie nun endlich da waren! und
als sie kamen verfiel ich in einen solchen Taumel von Jubel und Entzcken, da
ich wie besinnungslos in Heinrichs Armen hing. Er war noch grer geworden, aber
so dnn und schmal aufgeschossen, so ganz ohne Haltung und Kraft, da seine
Gestalt einen beklemmenden Eindruck machte. Indessen - er war da! gesund,
freudig, unverwundet! man whnte alle Gefahren berstanden zu haben, und
abermals wurde Amaliens Hochzeitsfest bestimmt.
    Da klagte Heinrich eines Morgens ber Kopfschmerzen, ber Schwere und
Schwche in allen Gliedern; - er bekam das Nervenfieber, und am
einundzwanzigsten Tage war er todt. Mein Vater und Amalie erkrankten Beide an
seinem Sterbetag und die grliche Krankheit ri sie binnen wenig Wochen ins
Grab. Am Tag Aller Seelen wurden sie bestattet, und ich wurde zehn Jahr alt!
Meine arme Mutter, im seelischen und physischen Lebensorganismus an der Wurzel
erschttert, verfiel in den allerklglichsten Zustand. Die Nachtwachen, die
Todesangst um das Geliebteste whrend sieben langer Wochen, die herzzernagende
Sorge, der herzzerspaltende Schmerz am Sarge des Gatten in voller Kraft - und
der Kinder in voller Blte des Lebens; die Verzweiflung des Verlobten und meine
wilde unsinnige Traurigkeit: das Alles berwltigte sie. Eine gnzliche Lhmung
der Nerven, die zu Zeiten mit den heftigsten Nervenkrmpfen abwechselte, machte
ihre fernere Existenz zu einer langen, trostlosen Qual. Sie lag auf dem Sopha
oder im Bett, mute gehoben, getragen, angekleidet und gespeist werden, war
hlflos wie ein kleines Kind, behielt zwar immer ihre geistigen Fhigkeiten,
konnte sich aber in keiner Weise beschftigen und manchmal aus Schwche nicht
drei Worte im Tage sprechen. So vegetirte sie in gnzlicher Unfhigkeit sich mit
mir zu beschftigen; - aber ich begann sie leidenschaftlich zu lieben. Mein
Vormund schlug vor mich in eine berhmte Pension nach Altona zu bringen;
Amaliens Verlobter: mich im Hause seines Vaters in Hannover erziehen zu lassen,
der ein Stiefbruder meiner armen Mutter war; aber ich bat auf meinen Knien und
mit solchen fanatischen Ausbrchen von Schmerz mich nicht von ihr zu trennen,
da Niemand den Muth hatte darauf zu bestehen. Ich blieb bei ihr, d.h. ich blieb
ungefhr allein auf der Welt. Heinrichs Hofmeister und die gute Mi Johnson
besorgten meine Erziehung. Der Musiklehrer, Herr Sedlaczech, pflegte mein
geringes, musikalisches Talent. Mit diesen drei guten Menschen lebte ich.
    Bei zehn Jahren war ich also, was den Schmerz betrift, fast durch alle
Stadien des Gefhls gegangen: der Vater und die Geschwister todt, die Mutter
abgestorben, und ehe ich den Bruder und in ihm den Gegenstand einer tiefen
innigen und ausschlielichen Liebe verlor, hatte ich die frchterliche Trennung
aushalten mssen, die mir um so grauenhafter erschien als ich sie fr die
Grundursach seines Todes hielt. Die Vergnglichkeit des Lebens und des Glcks
war mir in der grellsten Gestalt entgegen getreten; aber die Unvergnglichkeit
der Gefhle schien mir ein Naturgesetz. So drcke ich mich jezt aus um meine
damalige Empfindung wiederzugeben, ber welche ich, wie sich von selbst
versteht, gar nicht reflectirte, die sich aber in dem Lebensplan offenbarte, den
ich mir fr meine Zukunft machte: ich wute da ich die alleinige Erbin eines
groen Vermgens und Herrin der schnen Besitzung war auf der ich lebte. Ich
wollte nie unser Schlo Engelau verlassen, mich nie von meiner kranken Mutter
und von den Grbern meiner Dahingeschiedenen trennen, ihr Andenken wollte ich
durch ein frommes wolthtiges Leben ehren, gleichsam in ihrem Namen Gutes thun,
mich nicht verheirathen, und jung sterben nachdem ich meiner Mutter die Augen
zugedrckt. Ich nahm entschlossen den Schmerz zu meinem unwandelbaren Gefhrten
an. Das Alles ist entsetzlich unreif und dmmlich, ich wei es wol! - aber es
ist doch seltsam da das unreife Kind durch den Instinkt die Unwandelbarkeit der
Gefhle als die Wrde des Daseins begreift, und da die eine wie die andre dem
reifen Menschen verloren geht. Erfahrungen, o Erfahrungen! sie sind die
Entzauberer und wenn man mir spricht von der Weisheit die sie geben, so
schttele ich trbe den Kopf und entgegne: Ja! aber um den Preis der Seligkeit!
denn Seligkeit ist Ruhe in einer ewigen Gewiheit - gleichviel in welcher, aber
in einer, heie sie Liebe, heie sie Andacht, heie sie Unsterblichkeit, heie
sie Fortschritt; - knpfe sie sich an die Erde oder den Himmel, an Gott oder die
Menschen, an heilige Offenbarung oder ingeborne Ueberzeugung; - gebe sie uns
Kraft oder Geduld, Energie oder Resignation, Muth oder Frieden; - o gleichviel!
gleichviel! nur ruhen in einer ewigen Gewiheit .... nur glauben! denn allein
der Glaube giebt Ruhe und diese Ruhe ist Seligkeit.
    Also bei zehn Jahren glaubte ich an mich und richtete danach mein Leben ein.
Engelau umfing und beschlo fr mich die Welt; ich wollte Alles lernen und
wissen, was sich auf Gegenstnde und Menschen bezog die mich umgaben. Ich war
von einer frchterlichen Wibegier um auf den Grund der Dinge zu kommen. Durch
praktische Anschauung und wo mglich durch hlfreiche Thtigkeit machte ich mich
mit allen Vorkommenheiten des Landlebens vertraut. Ich verfolgte das Weizenkorn
von dem Punkt wo es in die Furche gestreut, bis zu dem wo es zu einem Backwerk
verbraucht wird. Auf dem Felde und der Kche wute ich gleich gut Bescheid. Mit
dem Grtner trieb ich eifrigst die Bestellung des Gartens, Blumen-
Gemse-Obstzucht, neue Anlagen, Baumpflanzungen. Ich kannte die Angelegenheiten
des Hhnerhofes und der Milchwirthschaft - aber nicht aus oberflchlicher
kindischer Neugier, sondern wirklich mit dem Trieb ihr kleines Rderwerk - das
mir damals unsglich wichtig schien - grndlich zu verstehen. Schreiben und
rechnen zu lernen war mir ein Greuel, und nichts bewog mich dazu als die
Aussicht dereinst selbst die Gutsrechnung zu fhren. Der Hofmeister lie mich
gewhren und plagte mich nicht sehr mit Schulstunden.
    Sie haben Champagner im Kopf, kleine Sibylle, sagte er mir einmal, Sie
mssen nur Schwarzbrot dazu essen damit Sie im Gleichgewicht und bei Gesundheit
bleiben.
    Und dann ging er mit mir durch die Felder und in den Wald und ans Meer, und
erzhlte mir die Naturgeschichte nicht aus todten Bchern sondern aus frischer
freier Anschauung, so da sich jede Erklrung mit einem Bilde verbunden in mein
Gedchtni prgte. Das nannte er Schwarzbrot, der liebe freundliche Mann, weil
ich es ohne drre Ceremonien von Schulzwang geno! Ach, fr mich wre Umgang mit
Kindern, mit Altersgenossen und Spielgefhrten, das wahre gesunde Schwarzbrot
gewesen! - Die gewhnlichen Kinderspiele kannte ich nicht; mit Puppen langweilte
ich mich. Ich selbst war eigentlich Heinrichs Puppe gewesen und hatte mit ihm
die Spiele getrieben, die ihm zusagten und die weit ber mein Alter hinaus
gingen. So konnte ich mich auch unmglich mit einer Puppenkche befassen,
nachdem ich in unserer Kche schon ganz ernsthaft Hand angelegt und manchen
Pfannkuchen verbrannt hatte. Mein Onkel schickte mir eine solche zum
Weihnachtsgeschenk. Alles Geschirr darin war von Meissner Porzellan und auf
Spiritus konnte darin gekocht werden. Ich betrachtete sie mit Interesse -
ungefhr so wie ich spter einmal das Coliseum in Kork gearbeitet betrachtete -
und stellte sie als eine recht merkwrdige Nachahmung der Wirklichkeit in meinem
Zimmer auf. Ach! das Kind mu zwischen Seinesgleichen in der Kinderstube
aufwachsen; da ist der Erdboden und der Horizont wie sie fr die schwache
Pflanze taugen. Meine Kinderstube aber war Engelau und zwischen alternden
Menschen wuchs ich einsam auf! Von der Wiege an bin ich ber ein Paar Stufen der
Lebensentwickelung hinweggerissen, und so kommt es da ich zwar ein Kindesalter,
doch keine eigentliche Kindheit gehabt habe. Bei zehn Jahren war mir zu Muth als
msse ich das Leben meiner Dahingeschiedenen fortsetzen und das meiner Mutter
ergnzen. Es vergingen Tage in denen ich sie nur flchtig sah, nur ihre Hand
kte, kein Wort von ihren Lippen vernahm. Sie wechselten mit besseren ab, wo
ich neben ihrem Lager sitzen und ihr von meinem Thun und Treiben ein halbes
Stndchen lang erzhlen durfte, und als Zeichen ihrer Zufriedenheit ein Lob,
einen Ku, eine Ermunterung von ihr empfing. Das machte mich sehr glcklich,
allein es gengte mir nicht! ich ersehnte einen innigeren Verkehr mit geliebten
Wesen; mein Bruder war mir von allen der liebste gewesen - mit seinem Geist oder
seinem Schatten trat ich in eine Art von Gemeinschaft, sprach mit ihm, fragte
ihn, gab mir selbst in seinem Namen Antwort, und fhlte mich glcklich in diesem
Gemisch von Spiel der Imagination und Bedrfni des Herzens. Im Winter, wenn ich
in Mondscheinabenden auf dem Eise Schlittschuh lief - im Frhling, wenn ich bei
Sonnenuntergang tief hinten im Park auf einem Hnengrabe im Grase lag - oder im
Herbst, wenn die Nebel aus der See herauf kamen, und so geheimnivoll auf den
Wiesen sich lagerten und die Bume und Gestruche umspannen und verschleierten:
immer glaubte ich Heinrichs Schatten an mir vorbergleiten zu fhlen. Ob die
Menschen die mich umgaben das Verstndni meiner kleinen Seele hatten? - ich
glaube kaum. Sie liebten mich sehr, sie beschftigten sich viel und gern mit
mir, aber sie wuten nicht in meine eigentliche Innerlichkeit zu dringen, nicht
mir das Vertrauen zu entlocken, das ich fr den todten Bruder hegte. Das hatte
fr mich den Nachtheil, da ich, obgleich umringt von Freunden und von Liebe,
mit Schattengebilden einen innigeren Umgang pflog als mit Menschen, und mich
gewhnte meine glcklichsten Stunden in einsamen Trumereien zu suchen und zu
finden. Die Menschen liebte ich eigentlich nur insofern als ich ihnen wol thun
konnte; die Armen liebte ich, die Kranken, denen ich eine kleine Untersttzung
oder Labung und Arzenei bringen durfte. Mit unserm Hausarzt, der zweimal
wchentlich meine Mutter besuchte, ging ich zu allen Kranken und sorgte nach
seiner Vorschrift fr sie. Die armen Kinder liebte ich, denen ich die
Weihnachtsbescheerung unten im Billardsaal um drei groe funkelnde Tannenbume
aufschmckte. Das war Alles nicht bel - aber so einseitig! ich gab immer und
empfing immer Dank - das reinste was der Mensch empfangen kann! Allein ich
selbst kannte nicht die Dankbarkeit, dies weiche Gefhl welches das Kind in so
rhrender Abhngigkeit von seinen Eltern zeigt. Wie ein gereiftes, ichloses
Wesen stand die arme Kleine zwischen ihren Umgebungen. Daher war ich zwar recht
glcklich, nur heiter und frhlich war ich nicht. Der Respect vor Eltern und
Vorgesetzten, der sich zuweilen bei Kindern bis zur Furcht und Angst steigert,
zuweilen eine Qual aber stets eine Wolthat fr sie ist, weil sie dadurch im
Zgel der Ehrfurcht und des Gehorsams gehalten werden - fehlte mir. Ich
beherrschte das Haus und gehorchen hatte ich nicht gelernt. Mi Johnson liebte
mich abgttisch; mit blinder Zrtlichkeit hingen meine beiden Lehrer an mir; fr
die Untergebenen war ich die knftige Gebieterin, fr meinen Vormund ein
ungeheuer kluges wunderhbsches Kind; wer htte mir imponiren sollen?
Dergleichen Lcken welche die Verhltnisse - und Migriffe welche die
Erziehungen mit sich bringen, rchen sich spter immer. Das soll nicht heien
als wolle ich den Gang meiner Entwickelung ihnen zuschreiben und mich dadurch
entschuldigen! O nein! ein andrer Character als der meine htte sich in dieser
Freiheit zu einer wolthtigen Selbstndigkeit entwickeln knnen; - noch ein
andrer wre in Trotz, Eigensinn und Hrte verfallen. Das Licht lockt die Farbe
hervor, die in der Blume aus ihren eigenthmlichen Bestandtheilen quillt;
dieselbe Sonne frbt die Rose roth und das Veilchen blau; so wirkt auch die
Erziehung: sie lockt hervor. Ist sie einseitig, so wirkt sie aber nicht
vollstndig genug auf den vielseitigen Menschen, dessen Wesen nicht in Rosenroth
und Veilchenblau, sondern in alle Farben des Prismas getaucht ist.
    Alljhrlich besuchte uns mein Onkel, und blieb sechs bis acht Wochen in
Engelau. Er plauderte und scherzte mit mir, neckte mich nach der Gewohnheit
alter Herren kleinen Mdchen gegenber, lobte mich ber alle Gebhr um meiner
armen Mutter und der guten Mi Johnson Freude zu machen, und war mir ziemlich
gleichgltig. Er wre es wol ganz gewesen - aber er war Pauls Vater und
interessirte mich als solcher. Denn Paul gehrte im Grunde mit zu der
Gemeinschaft meiner Abgeschiedenen. Er war noch drei Monat nach Amaliens Tod bei
uns geblieben, hatte meine Mutter im Beginn ihrer traurigen Krankheit mit wahrer
Sohnesliebe gepflegt, hatte mit mir tausend Thrnen an unsern theuern Grbern
geweint, und war endlich auf den Wunsch seines Vaters in die diplomatische
Laufbahn getreten und nach England geschickt worden. Kam der Onkel, so war immer
meine erste Frage nach Paul, und mein letztes Wort ein Gru an ihn.
    Nach drittehalb Jahren kam er zum ersten Mal nach Deutschland und besuchte
uns mit seinem Vater in Engelau. Ich wute nichts von seiner Ankunft. Ich stand
in der Hausthr um den Onkel zu empfangen, als ich das Posthorn hrte das
alljhrlich einmal und nur fr ihn im Schlohof von Engelau ertnte. Ich hatte
mich nach besten Krften geschmckt, hatte mir einen prchtigen Rosenkranz
gewunden und einen rosenfarbenen Grtel ber mein weies Kleidchen gebunden.
Mein kleiner zahmer Kanarienvogel sa mir auf der Schulter halb versteckt von
meinen dicken Locken an denen er zuweilen ungeduldig pickte. Als ich in der
ofnen Kalesche Paul neben seinem Vater erkannte, stie ich ein helles
Freudejauchzen aus und ich erinnere mich da ich heimlich dachte: Wenn der
Postillon doch so vorfhre da Paul zuerst ausstiege! - - - Richtig! so fuhr der
Postillon vor - - und in Thrnen gebadet warf ich mich in seine Arme, und konnte
mich nicht fassen vor Wehmuth und Freude. Der Onkel hatte mich nie so gesehen,
er wollte mich beruhigen, beschwichtigen; aber ich rief heftig: La mich doch
weinen, guter Onkel! siehst Du denn nicht da dies der glcklichste Tag meines
Lebens ist?
    Sehr schmeichelhaft fr Dich, Paul! sagte der Onkel neckend und
streichelte mir die Wangen, indem er hinzufgte: Wenn man von den glcklichsten
Tagen seines Lebens spricht, Schtzchen, so mu man hbsch in die Hhe wachsen
damit man die Kinderschuhe ausziehen kann; - denn das pat nicht zusammen.
    Er hatte wol Recht! aber ich fand es hchst grausam keine glckselige Tage
haben zu sollen, weil ich klein sei. Ich sah Paul mit thrnenschweren Blicken
an, und seine herzliche Freundlichkeit trstete mich. Er ging mit mir um wie mit
einem Kinde, rcksichtslos vertraulich; aber da er mich auf der einen Seite wie
Seinesgleichen behandelte, mit mir ausritt, spazieren ging, plauderte, erzhlte;
und auf der andern mir die kleinen Schmeichelworte und Liebkosungen sagte mit
denen man gegen Kinder so unbedachtsam freigebig ist und die man gegen ein
junges Mdchen nicht mehr zu uern wagt: - dies warf den zndenden Funken in
meine bis dahin schlummernde Eitelkeit. Ich war im dreizehnten Jahr und er
achtundzwanzig; das war ein groer Unterschied, dennoch stand er meinem Alter
nher als irgend Jemand meiner Umgebung oder Bekanntschaft - Sedlaczech
ausgenommen, der mir aber als Lehrer imponirte: ich fhlte mich zugleich geehrt
und geschmeichelt, und that was in meinen kleinen Krften stand um ihm zu
gefallen. Er war grenzenlos eingenommen von England! englische Meubles,
englische Parks, englische Kche, englische Dichter, englische Lebensweise -
Alles war eben englisch, das hie unvergleichlich, und ich sann heimlich darauf
Engelau in eins jener bezaubernden .... park oder .... lodge zu verwandeln
die er so lieblich beschrieb. Er hatte den eben erschienenen Waverley
mitgebracht; er las uns Scenen daraus vor; Mi Johnson war entzckt - mir ging
eine neue Welt auf: die der Bcher. Bis dahin hatte ich einen Abscheu vor
Bchern gehabt, welk und todt waren sie mir vorgekommen; nur Erzhlungen, nur
das lebendige Wort machten Eindruck auf mich, prgten sich in mein Gedchtni,
lebten in mir fort; so einst Heinrichs Erzhlungen, so spter der Unterricht
meines Lehrers. Jetzt ergriff mich ein Buch - war es eben der Zauber des
Waverley, war es da Paul ihn vorlas - Gott wei es! aber ich war hingerissen,
verzaubert. Wo ich ging und stand, wachend und trumend schwebten mir Flora und
Fergus Mac-Ivor vor. Ich bat Paul mir dies Buch zu schenken; Mi Johnson hatte
nichts gegen diese Lectre einzuwenden: ich erhielt es. Ich bat um noch einige
dieser wundervollen englischen Bcher. Paul, den meine Begeisterung sehr
ergtzte, hatte die grte Lust mir Childe Harold zu geben, das er gleichfalls
mitgebracht; allein Mi Johnson schrie Zeter ber den Gedanken ein unerfahrnes
Kind gleichsam auf dies Weltmeer der Leidenschaft hinaus zu schleudern, und
Byron blieb verpnt. Auch andre Vorschlge Pauls nahm sie nicht an, bis sich
endlich Beide im Ossian vereinigten. Ossians melancholische Nebelwelt ganz voll
der joys of the grief, wurde einem Kinde aufgethan, dessen Phantasie ohnehin
allen anderen Fhigkeiten mit Riesenschritten voraus geeilt war! - Im Besitz
Waverleys und Ossians verschmerzte ich leichter Pauls Abreise, als es sonst
wrde der Fall gewesen sein: immer stumpften mich Trume und Beschftigungen der
Imagination gegen die Wirklichkeit mit ihrem Leid und ihrer Lust ab, und ich
selbst bemerkte mit Befremden und mit Gewissensunruh, da mich Fergus Mac-Ivor
und Ossians Helden sehr vom Andenken Heinrichs entfernten. Paul hatte ihm
ohnehin schon einigen Abbruch gethan. Paul antwortete mir ebenso traulich aber
ernster und verstndiger als ich mir selbst im Geist Heinrichs antworten konnte;
jezt verschmolz er mir dermaen mit meinen geliebten Bchern, da ich ihn in
ihren Helden zu finden glaubte, und mein inneres Leben ihm gleichsam widmete,
wie ich es sonst dem Bruder gewidmet hatte. Ich kmpfte gegen diese seelische
Untreue - doch umsonst! das Zwiegesprch meiner Gedanken - und wenn ich es auch
regelmig mit Heinrich anfing - endete ebenso regelmig mit Paul. Das machte
mich unglcklich, und ich kam so weit in meiner Selbstanklage, da ich nie an
Heinrich dachte ohne verstohlen die Augen zum Himmel aufzuschlagen gleichsam als
msse ich ihn um Verzeihung bitten. Aber es geschah selten und immer seltener,
und somit war mir die erste Blte vom Lebenskranz, der mir um die Stirn
geschlungen war, entfrbt vor die Fe gefallen; denn ich verga Heinrich nicht
gedankenlos, wie es in Kinderseelen auf und ab zu wirbeln pflegt, sondern ernst
und sinnend wie ich war, sagte ich mir selbst: Also man kann die Todten
vergessen. Und mit bitterm Schmerz warf ich mich nieder auf den Kieselwllen,
welche die Brandung wie eine natrliche Mauer zwischen dem Park und dem Meer
angesplt hatte. Da lag ich stundenlang und weinte weil die Rosen verblhen,
weil die Bume kahl werden, weil es nicht ewig Frhling bleibt, weil der Mensch
sterben mu und vergessen wird. Die ersten gelben Bltter erfllten mich mit
Entsetzen! ich ri sie ab so weit ich reichen, so lange ich es mglich machen
konnte; und nahmen sie berhand so grollte ich mit den Gesetzen der Natur. Fiel
der erste Schnee so war es noch bler! ich sehnte mich zu sterben um nur nicht
die allgemeine Erstarrung zu berleben. Anfangs hatte ich Gott bitter verklagt
ber diese Mangelhaftigkeit seiner Schpfung, war aber von Mi Johnson sowol als
von unserm Prediger der mir Religionsunterricht ertheilte, streng
zurechtgewiesen worden: die Schpfung seiner Allmacht und Weisheit wolle
angebetet, aber nicht bekrittelt und gerechtfertigt sein. Das erschien mir
ungerecht; wir lebten in dieser Schpfung und sollten nicht ihre Geheimnisse
kennen? - Ich fragte nie wieder den Prediger oder Mi Johnson, denn ich hatte in
diesem Punkt kein Vertrauen zu ihnen. Mit meinem Hofmeister harmonirte ich
ebensowenig. Die Naturwissenschaften waren sein Steckenpferd; er erklrte mir
das Leben der Pflanzen, der Thiere, der Erde aus den organischen Gesetzen
welchen jedes Ding unterworfen ist, weil sie sich aus ihm selbst und seiner
Eigenthmlichkeit entwickeln. Das verstand ich nun zwar sehr gut, allein es
trstete mich nicht. Hchst niedergeschlagen kehrte ich mich von dieser
unvollkommenen Welt ab, in welcher Winter auf Sommer, Schnee auf Wiesengrn
folgt, und warf mich in die der Poesie. Da war Alles schn, rein und edel! da
liebte man nur Helden und herrliche Jungfrauen! da wohnte die ewige Treue! da
gab es nur erhabene Schicksale! da war der Schmerz immer in Wonne getaucht, das
Herz in Liebe, der Tod in ich wei nicht welche Glorie von ser Auflsung -
denn nur fr den Geliebten oder auf ruhmvollen Schlachtfeldern oder am
gebrochenen Herzen starb man. Das schien mir des Menschen wrdig, und ich sehnte
mich Menschen kennen zu lernen, welche dies Pom realisirten. Da ein Paar
Millionen von den Tausend Millionen auf unserm Erdball ihm entsprechen wrden,
bezweifelte ich natrlich gar nicht, und so stieg eine flammende Sehnsucht in
mir auf Menschen kennen zu lernen, d.h. chte, nmlich erhabene Menschen. Alle
die mich umgaben lie ich kaum dafr gelten, meine Mutter ausgenommen - denn sie
litt. Das Leid potisirte in meinen Augen den Leidenden. Auch andre Gegenden und
Stellen der Erde wnschte ich zu sehen, namentlich Schottland, das vor meinem
inneren Blicke lag - - und an Schottland grenzte England, und in England lebte
Paul - der mich in das Wunderreich der Poesie eingefhrt hatte! - Eine
leidenschaftliche Liebe fr Musik erwachte gleichzeitig in mir. Da Ossian und
Flora Mac-Ivor die Harfe spielten, so wurde sie mein Lieblingsinstrument, und so
gering bis dahin meine Fortschritte auf dem Piano gewesen sein mogten, so
glnzend waren sie auf der Harfe, und der gute Sedlaczech jubelte in seiner
blinden Liebe fr mich: er habe stets geahnt da ein groes musikalisches Genie
in mir stecke. Ich aber setzte mich an Sommerabenden mit der geliebten Harfe auf
einen Hgel am Meer, und improvisirte trotz der durch die feuchte Luft
verstimmten Saiten Gesnge  la Ossian - so da Sedlaczech bald zu der
Ueberzeugung kam da auch der Dichtergenius sich in mir rege. In welcher jungen
glhenden Seele regt er sich nicht? Bei mir aber bewhrte er sich nur darin, da
ich auf meine eigene Hand die Kinderspiele fortsetzte, welche ich einst mit
Heinrich getrieben - nur, meinem vorgerckteren Alter gem, gingen sie jezt
mehr in mir vor, waren schweigend, still und innerlich, und gewhrten mir einen
so intensiven Genu, da ich stundenlang unbeweglich auf einem Fleck, gleichviel
wo! sitzen und die Zeit und ihre Anfoderungen gnzlich vergessen konnte. Kam ich
durch irgend eine uere Berhrung wieder zu mir selbst, so war mir als stiege
ich von der Himmelsleiter auf die Erde herab, und ich eilte meine kleinen
Obliegenheiten mit Liebe und Pnktlichkeit zu erfllen um mich dann wieder mit
ruhigem Gewissen in meine heigeliebten Trume versenken zu knnen. Ich war sehr
aufmerksam in den Lehrstunden, sehr sanft und freundlich fr meine Umgebungen,
beinah zrtlich und sehr fleiig fr die Hlfsbedrftigen - denn whrend ich fr
die Wchnerinnen Weizeug und fr kleine Mdchen Rcke und Schrzen nhte, lie
sich gar herrlich phantasiren, und dann that es meinem Herzchen wol auf irgend
welche sichtbare Gegenstnde ein kleines Bchlein vom Strom der Empfindungen
abzulenken, welcher ohne Ufer, Ziel und Regel mein ganzes Wesen durchflutete. -
Ach, ich htte so glcklich in der Wirklichkeit sein knnen! - allein ich
versumte es aus schmachtender Sehnsucht nach einem unbekannten Glck.
    Es war Ende Mrz, ein bitterkalter aber windstiller Abend, wie wir ihn
selten in unserm Norden und noch seltner in jener Jahrszeit haben. In
kupferfarbenen fast versteinerten Wolken - so hart sahen sie aus! - war die
Sonne untergegangen. Die Krhen flogen mit schwerem Flgelschlag rauh krchzend
ber die weien Schneefelder und sammelten sich zur Nacht auf den kahlen Eichen,
die sich wie Riesen im schwarzen Harnisch gegen den glhenden Himmel
abzeichneten. Hie und da zwitscherte eine arme kleine Goldammer gleichsam ein
Stogebet nach dem zgernden Frhling. Auf den Meierhfen bellten die
Kettenhunde. Das schallte Alles so weit durch die klare Luft und ber das stille
Land. Ich lief Schlittschuh auf dem festgefrorenen Canal. Ich dachte ob in
andern Welten vielleicht die Seelen ohne Leiber so therisch dahin gleiten
knnten, ob der Geist von Loda so auf den Wolken gefahren wre. Ich dachte an
Heinrich mit dem ich in dieser Dmmerstunde immer Schlittschuh gelaufen war und
ach! mit welchem Jubel. Ich dachte da er, wenn er lebte, jezt ein schner
Jngling sein wrde, so schn und vollkommen wie er zu werden versprach - da
ich alsdann nicht einsam zu sein und mit mir selbst zu reden brauchte - da wir
mit einander durch die Welt ziehen und Alles suchen und sehen wrden, was es
Schnes unter der Sonne giebt - und mit pltzlicher Rckkehr in meine Gegenwart
rief ich traurig und halblaut: Ach wenn ich doch nicht so sehr und so ganz
allein wre!
    Da hrte ich das Rollen eines Wagens im Schlohof, und bald darauf erscholl
der Ruf Hahoh! dreimal; das war ein Signal welches mich zur Heimkehr auffoderte
und welches ich in den entferntesten Theilen des Parks bei abendlicher Stille
hren konnte. Es war Montag, einer der Tage an denen der Arzt kam. Ich wunderte
mich da er mir so dringend etwas zu sagen habe, berflog im Geist die Reihe
unsrer Kranken, schnallte geschwind die Schlittschuh ab und lief wie ein Pfeil
dem Schlo zu.
    Was giebts, Herr Sedlaczech? was soll ich? rief ich athemlos als ich ihn,
dessen krftige Stimme den Wchterruf auszustoen pflegte, vor der Thr zu
erkennen glaubte. Statt mir zu antworten kam er mir zu meinem hchsten Erstaunen
schnell entgegen, und als eine andere liebere Stimme rief: Guten Abend
Sibylle! - da erkannte ich meinen Irrthum - denn es war Paul. Mir stockte der
Athem vor Freude, Ueberraschung und vom schnellen Lauf. Sprachlos umarmte ich
ihn, aber ganz flchtig, denn ich zitterte vom Scheitel bis zur Sohle und wollte
es mir nicht merken lassen. Als meine Lippen scheinbar gleichgltig seine Wange
streiften und ich mit keiner Sylbe ihn begrte, fragte er verwundert:
    Meine kleine Sibylle, freust Du Dich denn zum ersten Mal in Deinem Leben
nicht wenn der Paul kommt?
    O ja ja! stammelte ich.
    Nun so gieb mir doch einen Ku wie sonst sagte er herzlich.
    Ja ja! wiederholte ich, komm' nur herein - es ist so dunkel da ich Dich
nicht erkennen kann.
    War es ein Instinkt von Koketterie, der mich wnschen lie Paul mge sehen
wer ihm einen Ku gab und da es nicht mehr die kleine Sibylle sei - ich wei
es nicht! ich zog ihn geschwind herein ins hellerleuchtete Theezimmer. Aber als
wir eingetreten waren schwieg er vor Ueberraschung, und ich vor Verlegenheit
ber sein Verstummen, und es trat ein peinlicher Moment ein, bis Paul meine Hand
nahm und leise sagte:
    Ich sehe schon - Du bist ein groes wunderschnes Mdchen geworden, Du
machst Dir nichts mehr aus mir und wirst mir auch wol keinen Ku geben wollen.
    Ich sah ihn an - Gott wei wie, und ich entsinne mich auch nicht mehr wie es
hernach Alles kam und wie ich mich in seinen Armen fand. Nur da er ganz anders
wie sonst vor mir stand, da sein Blick, seine Stimme, sein Ausdruck, sein Ku
nicht mehr die frheren waren, da er gleichsam in ein verklrendes Licht hinein
gehoben war und da ich diese Erscheinung in ihm bewirkte - dessen entsinne ich
mich, weil kein Weib dergleichen vergit sobald dies den Mann betrift den man
zuerst geliebt - oder zu lieben gewhnt hat. Also liebte ich Paul? - Ja, was ist
die Liebe? man kann von ihr alles Gute und alles Bse sagen, und es wird ganz
wahr und ganz passend sein, und sich nicht blos nach einander oder in
verschiedenen Individuen, sondern zu gleicher Zeit und in demselben Menschen
nachweisen lassen. Sie ist zugleich der bewutlose Trieb, der das Individuum zur
Vervollstndigung seiner animalischen Bestimmung drngt und der erhabene
Schwung, welcher den Mrtyrerschritt und den Todesgang zwischen allen
Verlockungen, Reizen und Bedrohungen der Snde giebt. Sie ist die schwle
brodelnde Glut welche das Mark aus den Knochen, die Gedanken aus dem Hirn, den
Athem von den Lippen, das Herz aus dem Busen aufsaugt, und die leichte
zauberische Flamme welche die Gestalt in Schnheit, das Gehirn in Schpferkraft,
das Herz in eine Glorie, das ganze Wesen in ein erneutes geistiges Dasein
taucht. Sie ist die Wiedergeburt und die Vernichtung des Menschen. Sie ist eine
Bachantin die ihn in mysterise Extasen der Wollust schleudert und ein
tiefsinniger Genius der ihn auf schneeweien Flgeln in Regionen erhebt zu denen
sich die Sinnenwelt verhlt wie das Sandkorn zu den Gestirnen. Sie fhrt ihn zu
Thaten des Fluchs und zu Thaten des Segens. Sie drckt ihm den Stempel der
Thierhnlichkeit und das Geprge des gttlichen Ebenbildes auf die Stirn. Sie
schlgt ans Kreuz und reit empor zur Himmelfahrt. Sie befleckt im Lasterpfuhl
und reinigt in einem Element gegen welches die klarsten Gebirgswasser und die
frischesten Frhlingslfte unklar und dumpf sind. Sie macht elender als alles
andre Leid, und seliger als alles andre Glck. Sie macht stupid und giebt
Intuition. Sie ist so reich da sie die Welt verschmht und so bettelarm da ein
Blick, ein Ku sie wie mit Perlen und Demanten berrieselt. Sie ist allgengsam
und unbefriedigbar, seelisch und sinnlich, frohlockend und klagend - und das
Alles in einem und demselben Herzen, am Morgen so und am Abend anders. Sie
bildet eine festverschlungene Kette von Gegenstzen, die augenblicklich
untereinander zu Widersprchen werden, sobald nicht ein unerhrt tapferes und
starkes Herz jedes einzelne Glied lst indem es dasselbe mit Geduld und Ausdauer
trgt. Nur eines bersprungen oder zerrissen, und die ganze Kette verwirrt sich!
Wo aber wre ein Herz stark genug um sich stets im Gleichgewicht zwischen diesen
Strmen und Schwankungen zu erhalten? von all dem Herumzerren und
Hinundherwerfen wird es mde, matt, schlaff, marklos - mit einem Wort: schwach!
- und dies Wort bricht den Stab ber ihm: Schwche macht elend. Der Starke ist
gut und glcklich, aber nur in einzelnen gnadenvollen Momenten ist der Mensch
stark wenn das Kind Gottes in ihm die Oberhand gewinnt und der vom Weibe
Geborene in ihm zurcktritt. So hat die ewige Allmacht es gewollt. So hat sie
die Essenz seines Wesens gemischt. - - - - - - - Ja, bei der Liebe fing ich an
und bei der Schwche hr' ich auf! das ist ganz richtig.
    Als Mi Johnson nach einer Viertelstunde eintrat und Paul zu meiner Mutter
beschied, waren wir schon ganz einig, gingen Hand in Hand zu ihr und baten um
ihren Segen. Sie sprach sehr bewegt:
    Ists mglich, Paul! dies Kind willst Du heirathen?
    Dies Kind ist ein holdes Mdchen, liebe Tante - entgegnete Paul
schmeichelnd.
    Aber sieh sie genau an, Paul! sieht denn so ein junges Mdchen aus?
    Ich trug allerdings einen etwas befremdlichen Anzug, der mir aber zu meiner
Schlittschuhluferei und berhaupt zu winterlichen Spaziergngen bequem und
nothwendig war. Ich trug lange Pantalons und ein kurzes Kleid von weiem Merino,
darber einen Spenzer von dunkelblauem Sammet mit langen Schen und mit Zobel
besetzt, und auf dem Kopf ein kleines Sammetbaret ebenfalls mit einem Pelzstreif
umgeben. Letzteres hatte ich nun zwar abgenommen, aber ich trug mein Haar noch
immer nach Kinderart in dicken natrlichen Locken, und sie mogten mir wol
ziemlich wild um Stirn und Nacken hngen. Die kindische Tracht abgerechnet hatte
ich gewi das Ansehen eines jungen Mdchens, denn meine Gestalt war ganz
ausgebildet und war grer als manche Erwachsene. Das fand auch Paul, und meine
Mutter willigte gern in unsre Verlobung. Er wnschte mich auf der Stelle zu
heirathen; doch das gab sie durchaus nicht zu; ich sollte erst confirmirt und
fnfzehn Jahr alt werden, woran mir noch sieben Monat fehlten. Paul war auf drei
Tage nach Engelau gekommen. Seinen Urlaub auf sieben Monat zu verlngern, war
unmglich. Sein Vater wirkte ihm noch drei Wochen aus; dann sollte er fort und
im Sptherbst wiederkommen.
    So war ich denn fast noch Kind, kaum Jungfrau und schon Braut. Das Leben
strzte sich mir mit drngender strmischer Hast entgegen als habe es Eil mir
seine berauschenden Trnke darzubringen damit sie nicht unterwegs verschumten.
Natrlich fand mich Paul geistig ganz unreif, aber die Gefhlswelt war im
Treibhaus der Phantasie gezeitigt, und die Lebendigkeit und Bereitwilligkeit
meiner Auffassung verhie groe Bildungsfhigkeit. Ueberdas kam mir mein heier
Drang zu wissen, zu verstehen, zu erkennen, zu Hlfe. Ich war unermdlich Fragen
ber Welt, Menschen, Bcher, Gesellschaft - ber all diese Dinge welche ich nur
dem Namen nach kannte, an ihn zu richten, und unersttlich seine Antworten,
seine Beschreibungen und Erzhlungen zu hren. Erzhle mir vom Palais-royal!
hatte ich vor Jahren gebeten, als Paul noch der Verlobte meiner Schwester war;
auch jezt war kein Ende mit hnlichen Bitten und immer fanden sie Gehr. Paul
liebte mich mit einem Gemisch von leidenschaftlicher Zrtlichkeit und von
beschtzender Ueberlegenheit das ihm sehr gut stand. Bald machte ihn der
Liebesrausch zum Kinde, das auf mein Wesen und mein Treiben einging - bald war
er ein ernster und belehrender Freund der mich im ruhigen Gesprch zu sich
heraufzog - bald ging die Ruhe sowol als die Kinderei in dem Liebenden unter,
der ein junges reizendes Geschpf als das Eigenthum und die Freude seines
Herzens und seiner Sinne betrachtete. Ich hing an ihm mit einer qulenden
Anhnglichkeit. Ganz einsam war ich ohne Gefhrten und Altersgenossen, ganz
abgeschieden vom Umgang mit jungen Mnnern und Mdchen, sogar ohne eine
Freundin, welche fr ein fnfzehnjhriges Herzchen gleichsam der Blitzableiter
dunkler Liebesgefhle ist. Auf einmal stand mir ein Mann liebend und
liebeverlangend gegenber, bereit mich in seinen Armen durch das Leben zu
tragen, mich glcklich zu machen, sein Glck von mir zu fodern und in mir zu
finden. Leben und Glck war fr mich gleichbedeutend; glcklichwerden und lieben
ebenfalls; so sank ich an sein Herz weil ich eben ein Herz zu lieben begehrte,
wie die Knospe aufblht wenn Frhlingssonne und Frhlingsregen ber ihren noch
verschlossenen Kelch geheimnivoll lockend stralen und rieseln. Aber ich glaube
da ich mit derselben Wonne eine Freundin oder jeden andern liebenswrdigen Mann
geliebt haben wrde. Ich mgte sagen es sei der allgemeine aber nicht mein
individueller Gefhlsdrang gewesen, der mich zu Paul und ausschlielich zu ihm
gefhrt. Ich war zu sehr Kind, zu ungebt, zu unerfahren um eine Wahl treffen zu
knnen; zu jung um das Se, Ahnungsvolle einer stillkeimenden, verschwiegenen,
wachsenden, jungfrulichen Neigung empfunden zu haben. Es waren keine Uebergnge
in mir, kein Erwachen zum Bewutsein, keine Schwankungen. Die leisen
schchternen Nancen durch die man zur Vertraulichkeit mit einem Verlobten
bergeht, der noch vor Kurzem als Fremder uns fern stand, konnten bei mir nicht
statt finden, indem Paul mein Vetter war, indem ich ihn seit der Wiege kannte,
indem ich mich von je her an ihn geschlossen hatte Aus der Dmmerung der
Existenz, ohne Aurora, ohne Sonnenaufgang, ohne Morgensonne - trat ich pltzlich
unter die Mittagsglut, und die Leidenschaftlichkeit erwachte bevor die
Liebeskraft gereift war, so wie es Pflanzen giebt die Blten tragen bevor sie
Bltter haben. Aber in der vegetabilischen Natur compensiren bestimmte Zwecke
und Eigenthmlichkeiten derartige Anomalien, whrend der Mensch eine so
wunderzarte reizbare Pflanze ist, da eine berreizte Entwickelung in spteren
Momenten keine Compensation - sondern eine rchende Vergeltung findet.
    Wie gesagt ich hing mit qulender Anhnglichkeit an Paul. Ich ging wohin er
ging, ich stand wo er stand, ich blickte wohin er blickte. Wre er nicht so
grenzenlos in mich verliebt gewesen, so htte er mich unertrglich finden
mssen, denn ich beging eine Indiscretion ber die andre, bltterte in seinen
Papieren, besah seine Bcher, durchwhlte seine Portefeuilles - nicht aus
kindischer Neugier allein (obwol Alles was er hatte und was ihn umgab mir ganz
neu war) sondern um mich aus allen Krften mit ihm zu identifiziren, um seinen
Geschmack zu kennen, seine Wnsche zu errathen, seine Neigungen mir einzuimpfen.
Mi Johnson verwies mir einmal ich wei nicht mehr welche Frage oder Bitte die
ich an Paul richtete. Er rief lebhaft:
    O stren Sie sie nicht! mit solchen unschuldigen Augen ist man nie
indiscret.
    Und er fuhr fort mir Alles mitzutheilen was mein flammendes Interesse fr
ihn begehrte.
    Dennoch war ich nicht glcklich, denn mich qulte ein Gedanke - nmlich der,
da er Amalie vergessen hatte. Darber nachsinnend blickte ich ihn eines Tages
so lange an bis mir die Thrnen in die Augen traten. Er las die Zeitung. Als er
meine Thrnen bemerkte warf er das Blatt fort, nahm mich in seine Arme und
fragte zrtlich was mir geschehen sei. Ich sagte ihm den Grund meiner Betrbni,
und da ich mir einen ebenso lebhaften Vorwurf ber mein Vergessen Heinrichs
mache.
    Wir haben Amalie und Heinrich nicht vergessen, entgegnete er sanft. Wir
gedenken ihrer mit wehmthiger Liebe. Aber Empfindungen an die keine Pflichten
sich knpfen gengen unsrer Thatkraft und unserm Liebesbedrfni nicht.
Erinnerungen nehmen einen Platz in unserm Leben ein ohne es ganz auszufllen,
und in edler Weise es auszufllen suchen ist keine Untreue, meine Sibylle,
sondern eine ernste und wrdige Aufgabe.
    Diese ruhigen klaren Worte beschwichtigten mich und berhrten mich zugleich
wie mit kltendem Hauch. Mein Unverstand strubte sich gegen jene Anschauung
welche das Leben zu einer ernsten Aufgabe macht. Ich wollte einen
ununterbrochenen Seligkeitsrausch daraus machen.
    Der meine ging zu Ende als Paul uns nach drei Wochen verlassen und zurck
nach England mute. So weit fort, und bers Meer, und bis Ende Oktobers - ich
meinte es nicht berleben zu knnen, und ich empfand eine Art von Verachtung
gegen mich selbst, da ich es dennoch berlebte. Er versprach mir fleiig zu
schreiben - und er hielt Wort! damals aber flogen noch keine Dampfschiffe
zwischen England und dem Continent hin und her, das machte den Briefwechsel
unsicher und unberechenbar, und diese Unsicherheit versetzte mich in ein Fieber
von Angst. Wenn ich meine oder Pauls Briefe auf der See wute lief ich wol
zehnmal tglich an den Strand um den Wind zu beobachten, gnzlich vergessend da
er anders an der Kste, anders auf hohem Meere wehe, da ein Unterschied
zwischen der Nord- und der Ostsee statt finden knne - und dann verloren sich
die Gedanken in die Unermelichkeit des Meeres hinein, das mir wie ein Bild
meiner Zukunft erschien und meinen Wnschen, meinem Streben, meinen Ahnungen ein
Symbol grenzenloser Verheiung darbot.
    War es die Gemthsbewegung welche meine Mutter in dieser Zeit gehabt oder
berhaupt eine Krisis in ihrem Leidenszustand - genug, es regte sich wieder
einige Lebensthtigkeit in ihrem Nervensystem und unser Hausarzt erklrte da
eine Reise nach Gastein nothwendig zu unternehmen sei. Der Bruder meines Vaters,
der Bischof von Wrzburg war, hatte schon lngst in seinen Briefen meiner Mutter
diese Heilquelle empfohlen und sie eingeladen sich auf der Hin- und Rckreise
bei ihm in Wrzburg auszuruhen. Bis dahin hatte ihr Zustand es unmglich
gemacht; jezt erklrte sie selbst es fr mglich eine so weite Reise zu
unternehmen. Die Hofnung auf ihre Genesung beseligte mich, und die
Reiseanstalten die ich eifrig betrieb warfen ein glckliches Gegengewicht in die
Schaale meiner Sehnsucht nach Paul. Aber ich machte mir aus diesem getheilten
Interesse einen Vorwurf und fragte mich selbst mit trbem Erstaunen, ob ich denn
eines exclusiven Gefhls gnzlich unfhig sei? Da der Mensch in zahllos
verschiedenartigen Verhltnissen zu leben hat, da die heterogensten Beziehungen
Ansprche an ihn machen zu deren Bercksichtigung er gesthlt und bereit sein
mu, da das Menschenherz rundum tausend Berhrungspunkte hat durch die es
zugnglich und bewegbar wird - oder eigentlich: da mein Herz, soll ich sagen zu
meinem Heil oder zu meinem Unheil, keines Gefhls fhig war wodurch es absolut
ausgefllt wurde - dies Alles hatte ich damals noch nicht erkannt.
    Zu Ende des Frhlings fand meine Confirmation statt. Meine glhende Seele
erfllt von Liebe zu Paul, von Hofnung fr meine Mutter, von Erinnerung an meine
Todten, von Ahnung eines liebedurchglhten Daseins - so unschuldig da Liebe und
Veredlung, Glck und Tugend ihr synonym klangen und ihr als das hohe Ziel
erschienen, zu dem jeder Mensch unablssig mit festem Gang und klarem Willen
vorschreite - meine Seele bedurfte nicht der kirchlichen Belehrungen, welche der
Prediger ihr ziemlich trocken zukommen lie, um sich freudig zu Gott
aufzuschwingen und ihre Geschicke aus seiner segnenden Hand zu empfangen. Ich
geno das Abendmal als das Symbol des heiligen Bundes, welcher von Christus
gestiftet sei um die ganze Menschheit zu Kindern Gottes auszubilden.
    Einige Tage spter reisten wir ab in zwei groe Wagen vertheilt: meine
Mutter, Mi Johnson, Sedlaczech, ich, zwei Kammerjungfern, und zwei Diener. Die
Kranke machte diesen Schwarm der Bedienung nothwendig, und er veranlate
wiederum Sedlaczechs Begleitung, welcher als Reisemarschall fungiren sollte. Fr
mich, die ich nie grere Stdte als Eutin und Kiel, nie eine andere Landschaft
als die holsteinische gesehen, war diese Reise eine Wonne - nmlich die
Vorstellung: jezt wirst du die weite Welt, Strme, Gebirge, Stdte und Lnder
schauen, wirst erfahren was es Alles unter der Sonne giebt! Anfangs entsprach
das aber gar nicht meinen Erwartungen! in Hamburg, in Braunschweig gab es kein
Palais royal, der Thringerwald schrumpfte neben dem gigantischen Mastab meiner
Phantasie zu einem Maulwurfshgel ein, die Ufer des Mains waren niedrig, der
Flu selbst schmal und gelb, die Rebgelnde monoton, hei und schattenlos. Ich
vermite die frischen Wiesen, die klaren Landseen, die Buchen und Eichen meiner
Heimat, und allberall fand ich meinen Horizont beschrnkt weil ich das Meer
nicht hatte, welches mehr noch fr den Gedanken als fr den Blick unermelich
ist - aber nicht ermdend wie die Ebene, von welcher die Vorstellung von Staub,
Mhsal, Schmutz, Qualen, Erdigkeit untrennbar ist, sondern ausruhend weil es ein
Spiegelbild des Himmels zu sein scheint.
    Aber Wrzburg gefiel mir ungemein - die alte Stadt, die zahlreichen Kirchen,
der bischfliche Hof, mein Onkel der Bischof, der uns mit groer Herzlichkeit
und sddeutscher Ungezwungenheit wie liebe Familienglieder und alte Bekannte
empfing, obgleich er uns nie gesehen - Alles machte mir einen poetischen warmen
Eindruck.
    Das rhrt vom katholischen und vom sddeutschen Wesen her, sagte
Sedlaczech, dem ich diesen Eindruck mittheilte und dem ich mich auf der Reise
sehr angeschlossen hatte.
    Am Tage nach unsrer Ankunft fand ein groes Kirchenfest Mari Heimsuchung
statt, und mein Onkel celebrirte das Hochamt im Dom. Ich wnschte demselben
beiwohnen zu drfen. Mi Johnson erklrte es mit puritanischer Trockenheit fr
Gtzendienst und war dagegen, meine Mutter, die keine andre Religion als die
Liebe kannte und deren angebeteter Gemal Katholik gewesen war, gnnte jeder
Kirche ihren Cultus und gewhrte meine Bitte. Ich ging mit Sedlaczech in den
Dom. Er war Katholik. Er erklrte mir das Symbol der Messe, und gab mir sein
Gebetbuch damit ich ihrem Gange folgen knne. Sie machte einen berwltigenden
Eindruck auf mich. Zum ersten Mal begriff ich mit zerknirschter Seele das Opfer
Christi! Musik, Weihrauch, Blumen, Prachtgewnder, Bilderschmuck, Goldglanz,
Kerzenlicht, flammende Altre, der majesttische Dom - welch ein groartiges
Bild der Weltherrlichkeit, der irdischen Gre, die Christus verschmhte und
gelassen in den Tod der Verbrecher ging um fr seine Lehre der Barmherzigkeit:
da die opferwillige Liebe von Snde und Furcht erlse, zu sterben. Wie
angedonnert strzte ich auf meine Knie und fragte mich heimlich mit blassen
bebenden Lippen ob ich wol eines solchen Opfers fhig sei, und gestand mir:
Nein, o nein! - und betete der Kelch mge vorber gehen! -
    In dem Tagebuch welches ich damals fr Paul schrieb und welches jezt vor mir
aufgeschlagen liegt, lese ich an jenem 2. Julius:
    Paul! Paul! zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in einer Kirche
gebetet, aber so, als ob Engel meinem Herzen Flgel gegeben htten und als ob es
aus der engen Brust herauswolle. - Und zum ersten Mal hab' ich einen Mann beten
sehen! Sedlaczech kniete neben mir und betete still, andchtig, gesammelt, ohne
Gesangbuch und ohne Predigt, was er eben in seiner Seele fand. Ach Paul! wie das
schn ist wenn ein Mann so betet und sich nicht schmt vor Gott auf den Knien zu
liegen! .... und auf den kahlen Quadersteinen knieten wir, und alles Volk um uns
herum, ohne Absperrung und Gittersthle, und es fiel Keinem auf. Ach das ist
auch schn, denn es ist so demthig! - Knnen wir nicht den Gottesdienst in
Engelau so einrichten? - Ich sag Dir, Paul: wie Sedlaczech betete kann ich gar
nicht vergessen. - - - -
    Das Hochamt im Wrzburger Dom war der Glanzpunkt meiner Reise. Zwar besuchte
ich noch hufig die Messe mit Sedlaczech, aber immer aufpassend ob er wieder so
andchtig beten wrde, zerstreuten mich diese Gedanken. Ich kam nicht recht zu
innerer Sammlung, und die seine schien mir auch nicht mehr so extatisch wie das
erste Mal, eben weil ich ihn mit gespannter Erwartung beobachtete. Es kamen auch
neue Eindrcke! die Welt des Hochgebirges that sich mir auf mit ihren
Wasserfllen, ihrem ewigen Schnee, ihren starren Felswnden an die sich grne
Matten schmiegten. Diese unerhrte Majestt zerschmetterte mein kleines Herz. Es
war nichts in mir das mit diesem erhabenen Ernst sympathisirte. Er machte mich
melancholisch. Ich schrieb an Paul.
    Was wollen die Leute mit ihrer Bewunderung des Hochgebirges - ich versteh'
es nicht! mich machen diese starren gigantischen Massen frieren, denn sie leben
ja nicht. Das Meer lob' ich mir, nicht wahr, Paul? was da fr Leben drin ist!
das athmet wie ein Mensch; das lchelt, trauert, klagt, wthet, grollt, scherzt
wie ein Mensch. Ich meine immer dem Meer mgte ich mich ans Herz werfen - da
wrde mir wol sein. Aber den Felsen gegenber fllt mir das nicht ein! sie
locken mich nicht, sie wlzen sich mir drckend entgegen; ich mgte mich gegen
sie vertheidigen und fhle da so recht meine Unmacht .... schwaches
Erdenwrmchen das ich bin. Neben Dir, Paul, wrde ich auch den Felsen gegenber
ein Gefhl von Sicherheit haben, das mir jezt fehlt und das mich zittern macht.
- - - -
    Meiner armen Mutter that der Gebrauch von Gastein nicht gut. Nach
sechswchentlichem Aufenthalt daselbst traten wir unsre Rckreise an, und
langten Mitte Oktobers mhselig und niedergeschlagen in Engelau an, wo ich mein
Reisetagebuch fr Paul mit den Worten schlo:
    Bis jezt habe ich die Welt und die Gensse einer Reise ganz unter meiner
Erwartung gefunden. Ueberrascht hat mich nichts als das Hochamt in Wrzburg und
da Sedlaczech betete; alles Andre hatte ich mir schner vorgestellt. - - - -
    Bald darauf kam Paul mit seinem Vater und der Allerseelentag beschlo mein
fnfzehntes Jahr und mein allzukurzes Mdchenleben: es war ebenso unvollkommen
und berreizt wie meine Kindheit gewesen.
    Nun war ich Frau! - Warme schlichte Pflege des Gefhls und ein bestimmter
Wirkungskreis in huslichen Pflichten und in einer geregelten Thtigkeit, ist
die naturgeme, folglich die gesundeste Atmosphre fr die Entwickelung des
Weibes. - Statt mich in sein Haus zu fhren, setzte Paul mich in seinen
Reisewagen! - Er war vier und ein halbes Jahr mit geringen Unterbrechungen in
London gewesen, und so ermdet und abgespannt durch die kolossalen Proportionen
und die Riesenbewegungen im englischen Leben, denen das deutsche Spiebrgerthum
nun einmal nicht gewachsen ist, da er sich nach der Zwanglosigkeit des
Reiselebens sehnte, und sich berdas ein Fest daraus machte mich in alle
Herrlichkeiten, Freuden und Schnheiten der Welt einzuweihen. Er verzog mich wie
nur je ein verliebter Ehemann seine Frau verzogen und sie zu seiner Puppe und zu
seinem Kleinod gemacht hat. Paul war ein ganz liebenswrdiger Mensch von edler
Gesinnung, von gebildetem Verstande, von tadellosen Sitten, hchst angenehm in
der uern Erscheinung; er hatte nur einen Fehler - und dieser Fehler wre
vielleicht neben einer andern Frau gar nicht zum Vorschein gekommen: es war
seine grenzenlose Schwche fr mich. Er liebte in mir Alles was das Menschenherz
rhrt: Erinnerungen an seine frhere Jugend, an seine erste Liebe, an seine
ersten Schmerzen - ein Kind das sich ihm angeschmiegt hatte, ein Mdchen das fr
ihn aus der Kindheit erwachte - - und endlich ein reizend schnes Weib. Ich war
unwiderstehlich fr ihn! - Ach wie viel tausendmal mibrauchte ich diese
Allgewalt .... nicht grade zum Bsen, denn ich war nicht verderbt - aber aus
Laune, aus kindischem Uebermuth, zuweilen sogar um zu versuchen wie weit meine
Macht reiche. Ich erbat und erschmeichelte, erweinte und erscherzte Alles was
mir durch den Sinn flog. Das soll nicht heien als htte ich Verkehrtes oder
Unsinniges begehrt, sondern eben nur da mein unbedingter Wille die Axe unsrer
Existenz wurde. Als ich es dahin gebracht hatte - absichtslos, immer
ungengsamer werdend, Schritt vor Schritt bis zur uersten Grenze vordringend!
- da empfand ich Mitleid mit Paul, und dies Mitleid wuchs bis zur Miachtung, um
nicht Verachtung zu sagen. Ein Mann, und unfhig ein Nein! gegen mich zu
behaupten, wenngleich Vernunft und Recht bei dem Nein waren - ich fand das
unmnnlich, folglich weibisch, folglich erbrmlich, folglich konnte ich Paul
nicht wie ein hheres Wesen verehren: so lautete meine unerbittliche Logik. Da
ich nicht im Gefhl, sondern nur in Ideen und Phantasien lebte, welche stets
einen bertriebenen Mastab an Menschen und Dinge legen, whrend nur das Gefhl
ihn rectificirt, so war ich ohne Schonung und ohne Zartheit, und suchte nicht
den Punkt zu vermeiden oder zu umgehen, der mir Pauls Schwche im grellsten
Licht zeigte. Es ist unmglich die intimen Verhltnisse der Ehe in ihrem
ununterbrochenen Zusammenhang und Contact in Worte zu bringen die nicht plump
und nicht bertrieben klingen. Es finden Nancen statt fr die man Wahrnehmungen
doch keine Beschreibungen hat und Erkenntnisse die mit uerlich unfabaren
Uebergngen in die Seele schlpfen - und dann wieder Anomalien, die jeder
Erklrung widerstehen, und den Character als ein planlos zusammengewrfeltes
Modell von einem Menschen erscheinen lassen. Ich kann nur im Allgemeinen sagen,
da ich mich benahm als habe ich es darauf abgesehen mein Leben muthwillig zu
verderben. Ich trieb Alles bis auf die uerste Spitze, und da Nichts sich dort
halten kann, so erlebte ich eine Enttuschung, einen Sturz von der Hhe nach dem
andern, und fand mich zwischen Ruinen sobald ich zur Besinnung kam.
    Wie einst Don Quixote auf Abenteuer aus der Epoche der Paladine - so zog ich
in die Welt um groen Menschen zu begegnen, und um im Leben der Vlker, in den
Leistungen der Individuen, in den Bildern der Natur die absolute Vollkommenheit
und Schnheit zu finden, deren Ideal ich in meinem Kopf herumtrug. Ich suchte
Charactere, Zustnde, Kunstschpfungen, Seelen, die zugleich vollkommen
abgerundet wie Perlen und brillant facettirt wie Diamanten wren. Ich suchte
Stoff zu ununterbrochener Bewunderung - und fand ihn nur ausnahmsweise; Gensse
die permanente Befriedigung bieten mgten - und fand sie nur in einzelnen
Momenten. Pausen der Leerheit, der Drre, der Klte traten bei mir ein, und zwar
schon in den Flitterwochen und whrend unsers Aufenthaltes in Paris - von denen
ich frher keine Vorstellung gehabt hatte. Ganz natrlich! ich lebte jezt in
einer solchen Aufregung, da sie mit Abspannung abwechseln mute, whrend in
meinem friedlichen Engelau kein Rausch und folglich keine Ernchterung eintreten
konnte. Von den vierundzwanzig Stunden eines Tages verbrachte ich zwanzig in
fieberhaftem Wachen und vier in fieberhaftem Schlaf. Alle Sehenswrdigkeiten von
Paris, alle Schtze seiner berreichen und verschiedenartigen Museen wollte ich
grndlich kennen, beurtheilen, verstehen lernen. Sachverstndige muten mich
begleiten, mir historische oder technische Erklrungen geben, mein ungebtes
Auge auf Fehler oder Schnheiten aufmerksam machen. Mit derselben Grndlichkeit
wurden die Magazine der Modistinnen, der Juweliere, der Schneiderinnen, der
Schuh- und Handschuhmacher heimgesucht. Ich trieb einen unsinnigen Luxus, denn
ich hielt mich fr unermelich reich ohne zu bedenken, da dasselbe Einkommen in
Engelau fr kolossal - in Paris fr mittelmig gilt. Tglich eine neue und ganz
exquisite Toilette um nach den Anstrengungen meines Morgens zum Diner, in das
Theater und in Soireen zu gehen, schien mir ganz in der Ordnung. Nur
ausnahmsweise begngte ich mich mit dem Besuch eines Theaters. Spielte Talma
oder die Mars, oder tanzte die Montessu, so mute ich sie wenigstens in einer
Scene oder einem pas bewundern, wenngleich ich bereits in einem andern Theater
war. Hufig folgten noch Blle den Soireen - so da ich Nachts um vier Uhr in
Pauls Arme sank, um Morgens um acht wieder aufzustehen und dem Maler der mein
Portrait machte eine Stunde spter Sitzung zu geben. Ich lie mich fr meine
Mutter malen, und heimlich fr Paul in meinem Schlittschuhlaufer-Anzug fr den
er eine groe Vorliebe hatte. Aber dies rastlose Treiben ermdete mich gar nicht
krperlich. Ich blhte erst recht auf in diesem glhenden, drngenden,
genusprudelnden Leben, und der Gegensatz schlug mich hufig nieder, da meine
physische Organisation wie von Eisen und Stahl gebildet keine Ermattung kannte,
whrend ich geistig ach wie oft! unberwindliche Schlaffheit in mir empfand.
    Unsern Aufenthalt in Paris endete nach sechs Wochen die lngst befrchtete
Nachricht vom Tode meiner Mutter. Berauscht aber nicht befriedigt zog ich mich
aus dem Tumult zurck, dem die Trauer ein Ende machte, und wir reisten nach
Florenz und Rom. Aus dem Gesellschaftsrausch warf ich mich in den Kunstrausch -
aus der Verschwendung fr Schmuck, Shawls und Kleider, in die fr Gemlde,
Statuen, Cameen, etrurische Vasen und Alterthmer. Wo ein Atelier war - ich
mute in ihm nach dem himmlischen Funken der Begeisterung spren, und fand statt
dessen in zehn Fllen neun Mal Eitelkeit, handwerksmige Berufsausbung,
Hunger, als Anschrer des himmlischen Funkens. Ich fand das entwrdigend fr den
Knstler, nachtheilig fr die Kunst. Ich untersttzte die miserabelsten Talente,
nicht nach Magabe ihrer Fhigkeiten - die waren gering! sondern nach denen
ihres Elends - und das war denn freilich oft gro. Ich machte ihnen groe
Auftrge, die entweder gar nicht oder so kmmerlich vollzogen wurden, da ich an
der Genialitt meiner Schtzlinge verzweifelte und den himmlischen Funken eine
uerst seltne Sache fand, die eben so selten im Knstler wohne, als Geist in
der Gesellschaft. Aber auch manches treffliche Kunstwerk kaufte ich, das keinen
andern Fehler hatte als den - meine Mittel zu bersteigen. Durch den Tod meiner
Mutter war ich in den Besitz ihres ganzen Vermgens gekommen, welches mir damals
eine Rente von zwanzigtausend Thalern brachte, und sich erst spter um die
Hlfte vermehrte, als die Nachwehen des Krieges gnzlich gehoben waren, und als
eine tchtige Verwaltung an die Stelle der lssigen Vormundschaft trat, welche
nach dem Tode meines Vaters und whrend der Krankheit meiner armen Mutter die
konomischen und finanziellen Geschfte versehen hatte. Zwanzigtausend Thaler
waren fr meinen Train, meine Liebhabereien und meine Mcenatsallren sehr
wenig. Paul hatte als einziger Sohn ein groes Vermgen von seinem Vater zu
erwarten, allein vor der Hand bekam er von diesem nicht mehr als was er als
Junggesell bekommen - ein Tropfen im Meer fr unsre Bedrfnisse! - Smmtliche
Diener meiner, Mutter pensionirte ich reichlich; Mi Johnson glnzend damit sie
in ihrem geliebten Vaterlande bequem leben knne; ebenso meinen lieben alten
Hofmeister damit er sich recht schne naturhistorische Werke mit kostbaren
Kupfern anschaffen drfe; endlich Sedlaczech, der sich in der Musik durch Reisen
nach Wien, Paris und Italien ausbilden sollte. Abgesehen von diesen stehenden
Ausgaben unsers Budgets, hatten wir in dem ersten Halbjahr unsrer Ehe und Reise
fnfundzwanzigtausend Thaler verbraucht.
    Paul hatte wol zuweilen kleine Einwendungen versucht - doch immer umsonst.
Jezt legte er mir schweigend die unwiderleglichen Berechnungen vor. Natrlich
war ich auer mir vor Ueberraschung und Bestrzung. Ich warf mich in seine Arme
und bat bengstigt um Rath.
    La uns auf der Stelle zurckreisen und die andern sechs Monat meines
Urlaubs in Engelau zubringen, damit ich an Ort und Stelle eine Uebersicht Deiner
Gter und Einknfte gewinnen kann - und ich stehe dafr, da Alles wieder ins
rechte Gleis kommt - erwiderte er.
    Zurck? .... ohne Neapel, Sorrent und Sicilien gesehen zu haben? unmglich,
Paul!
    Sehr mglich, liebe Sibylle, fr ein Paar vernnftige Menschen, die
vermeiden wollen sich von Hause aus zu ruiniren.
    Guter Gott! rief ich mit kindischen Thrnen, wie traurig ist es da nichts
auf der Welt zu den Bedrfnissen des Menschen ausreicht! nicht einmal das Geld!
    Verschwendung ist kein Bedrfni, Sibylle - nur eine ble Gewohnheit, die,
wie fast alle Gewohnheiten, fr uns selbst und fr Andere mit der Zeit hchst
lstig wird - abgesehen davon da es unsinnig ist mehr Geld auszugeben als man
einnimmt.
    Aber ich habe bisjezt noch gar nicht meine Vermgensumstnde gekannt, Paul!
.... jezt werde ich mich schon nach der Decke strecken. Wir wollen die Pferde
abschaffen und ganz idyllisch in Sorrent leben, nicht wahr?
    Nach langer Berathung machten wir gegenseitig Concessionen. Paul bestand
nicht auf die Heimkehr, ich gab die Reise durch Sicilien auf. Wir verkauften die
sieben Pferde, welche wir bei unsrer Ankunft in Florenz gekauft, entlieen die
berflssigen Dienstboten; ich nahm Bestellungen von ich wei nicht welchen
Kunstgegenstnden zurck, und in den ersten Tagen des Mais verlieen wir Rom und
gingen, Neapel nur flchtig berhrend, nach Sorrent. Uebersttigt vom
Gesellschaftstaumel verlie ich Paris - vom Kunsttaumel Rom. In Sorrent warf ich
mich in den Liebesrausch. Whrte er nicht lnger als die beiden anderen, so war
er wenigstens ser. Wir mietheten fr den ganzen Sommer ein kleines schlichtes
Haus, das von einem Orangengarten umgeben und von der Stadt abgesondert war. Die
Terrasse vor demselben breitete sich auf einem Felsen aus, der unmittelbar und
schroff ins Meer hinabfiel. Der zauberische Golf von Neapel, die reizenden
Ksten des Landes, die wilden Formen der Insel Capri, die phantastischen Felsen,
Grotten und Hlen des Sorrentinischen Ufers - waren die feenhaften Bilder,
welche sich vor unserm Huschen ausbreiteten. Damals verband keine Chaussee
Sorrent mit Castelamare; nur zu Fu und zu Maulthier auf kstlich wilden
Felsenpfaden, oder im Nachen konnte man es erreichen. Die Reisenden versumten
freilich nicht Sorrent und Tassos Haus zu besuchen, nach Capri zu schiffen und
ber das Gebirg nach Amalfi zu ziehen - allein es geschah ohne den brutalen und
alltglichen Tumult einer staubigen Poststrae, ohne Wagengerassel und
Peitschenknall, ohne die grlichen Bequemlichkeitserfindungen der gegenwrtigen
Menschentransporte. Es gab Momente, Tage, in denen man sich abgeschieden von der
Welt da drauen fhlen konnte, verzaubert auf irgend ein seliges Atlantis; und
kamen Reisende, so liehen ihre Zge der Gegend ein gewisses malerisches
Interesse: hier saen elegante Frauen ganz befremdet auf Eseln - dort trieben
kecke Reiter vergeblich bedchtige Maulthiere zu schnellerem Schritt an - dort
sa unter einem Oelbaum eine Gruppe von malenden und zeichnenden Dilettanten -
hier wanderten rstige Fugnger mit dem Rnzelchen auf dem Rcken - da
kletterte ein Botaniker oder ein Mineralog mit den Ziegen um die Wette ber
Felsabhnge - hier hatte ein studirender Landschaftsmaler unter einem riesigen
Sonnenschirm sein kleines ambulantes Atelier aufgeschlagen - das Alles
betrachteten wir aus der Ferne als Staffage des wundervollen Gemldes, mit dem
ich, was Reiz und Lieblichkeit betrift, kein anderes vergleichen kann.
    O ihr Tage von Sorrent! ihr wart die sesten meines Lebens. Ja ja, ihr mt
es gewesen sein, denn in der Erinnerung und mit der unerbittlichen Kritik der
Gleichgltigkeit vermag ich nichts aufzufinden was euch entzaubern knnte. Als
ihr mich umfingt suchte ich nicht das unbekannte Gut, das mich zu rastloser,
wilder, thrichter Pilgerschaft zu irgend einem getrumten Heiligenbilde trieb.
Bei euch hatte ich die Oasis gefunden, in der sich die lechzende Seele auf
Blumen bettete. Ueber euch wehten erquickende Lfte, euch umrieselten frische
Bche, um euch gingen lichtere Gestirne auf. Ich verga zu fragen ob es
Schneres und Hheres gebe; ich geno unbefangen das Dasein: darum war ich
glcklich. Es war ein Sinnenglck - ja! eine Schwelgerei in den materiellen und
doch therischen Essenzen, welche die Seele umflieen und tragen - ja! ein Genu
der Schnheit, die durch alle Poren wie ein magnetisches Fluidum drang und das
Wesen in tiefere mystische Verbindung mit dem Wesen der Natur brachte - ja! Ich
war ganz allein mit Paul; wir sahen Niemand, wollten Niemand kennen lernen. Die
Natur mit ihren immer wechselnden Schauspielen ist keine Zerstreuung fr zwei
einsame Menschen, sondern bewirkt ihre innigere Vereinigung. Im contemplativen
Genu einer Mondnacht, eines Meersturmes, eines Sonnenuntergangs - oder bei
Streifereien durch Schluchten und Thler, ber Felsen und Klippen - bei
Wasserfahrten auf den phosphoreszirenden Wellen in heier stiller Mitternacht -
welche magische Berhrungen gehen da von Seele zu Seele! mit einem Augenblitz,
einem tieferen Athemzug, einem Wink des Fingers fliegen ganze Gedankenreihen,
ganze Gefhlsketten mit elektrischer Spontaneitt aus dieser Brust in jene! mit
einem leise geflsterten Wort thut sich eine Unendlichkeit fr die Sehnsucht,
ein Paradies fr die Erinnerung auf! mit einem Ku senken sich Extasen aus
bersinnlichen Sphren in die Sinnenwelt hinein, wie Mond und Sterne sich
zitternd ins Meer senken um verklrt daraus hervor zu stralen - wie die Sonne
sich in lichte Wolken senkt um sie in Rosen und goldne Kugeln zu verwandeln -
wie eine mystische Essenz in den Felsenspalt dringt um als Diamant daraus
aufzuleuchten. - O ihr Liebenden! warum verlat ihr die Einsamkeit! nur einsam
knnt ihr das Leben der Liebe leben - sobald ihr vom Leben der Welt gefangen
seid, werdet ihr zu dessen Sclaven. Ihr mt aufstehen und schlafen gehen wie
die Andern, essen und trinken, euch kleiden und euch unterhalten, loben und
tadeln, denken und sprechen, lieben und hassen wie die Andern! ihr mt Besuche
machen und empfangen, spazieren fahren, Billets schreiben, Romane und Zeitungen
lesen, Toilette machen, Fadaisen hren, Banalitten sagen - und das Alles
verabscheut die Liebe! Bleibt doch einsam! - - - Und wenn wir's bleiben, wird
sie uns nicht verlassen? - - Versucht es! - Vielleicht ist euer Herz ein Gef
der Ehrer in welchem sich die himmlische Manna in primitiver Frische erhlt. -
- -
    So lebten wir: mit der sinkenden Sonne begann unser Tag. Die Terrasse war
durch Segeltuch in ein gerumiges Zelt - und dies Zelt durch bequeme Sessel und
Ottomanen, durch groe Tische mit Bchern und Portefeuilles, durch eine Harfe
und viele Blumentpfe in einen sehr bequemen Salon verwandelt. Da frhstckten
wir um sechs Uhr Abends, und machten einen Spaziergang nach irgend einem
Lieblingsplatz um den Sonnenuntergang zu sehen und die Abenddmmerung zu
genieen. War es finster geworden, so kehrten wir heim; unser Zeltsalon war mit
Lampen erleuchtet; ich spielte die Harfe, Paul las; wir trieben eifrig das
Studium der italienischen Sprache in ihren Dichtern; wir bersetzten zuweilen
eine Stanze Ariostos oder Tassos, ein Sonett Petrarcas; wir sangen zusammen
deutsche Lieder und franzsische Romanzen. Nachts um drei Uhr speisten wir zu
Mittag, bestiegen dann einen leichten Kahn und erwarteten den Aufgang der Sonne
auf dem Meer. Mit dem Tage kehrten wir zum Lande zurck und machten einen
greren Spaziergang, bisweilen einen Ritt auf Eseln in die Berge. Die Hitze des
Tages fhrte uns ins Schlafgemach. Es lag ein unsglicher Zauber in dieser
Existenz, die sich so ganz von der Alltglichkeit losgerungen hatte und sich so
sehr in einer poetisch traumhaften Region bewegte, da alle Berhrungen mit dem
gewhnlichen Leben von selbst aufhrten.
    Dies dauerte so lange wir es ertragen konnten! es ist aber sehr gewi da
man in dieser wechsellos glhenden Atmosphre des feinsten Sinnengenusses die
Energie verliert, welche des Genusses fhig macht. Ich ertappte mich zuweilen
auf dem heimlichen Wunsch: Knnte ich doch urpltzlich in Kamtschatka sein und
nichts um mich herum sehen als Schneefelder! das wrde mir Nerven und Augen
erfrischen. - Nerven und Augen schob ich vor; im Stillen fhlte ich da dies die
Aeuerung eines noch greren intellektuellen Bedrfnisses sei, das nach irgend
einer Darlegung der Thatkrftigkeit lechzte. Bemerkte ich in Paul eine hnliche
Regung, so krnkte sie mich. Ohne ein volles Gengen zu finden begehrte ich doch
da er es finden solle. In andern Augenblicken hingegen, bei Gesprchen ber
Aussichten fr seine Laufbahn oder ber Zukunftsplne - wenn er da nicht ganz
auf meine hochfliegenden Trumereien einging weil er die Verhltnisse richtiger
beurtheilte als ich - oder wenn er sagte:
    La uns nicht die Paar sen friedlichen Tage durch Unruh des Ehrgeizes
verkmmern; - so schien mir wiederum seine geistige Spannkraft erschlafft, und
ich fand darin einen bittern Vorwurf der Unvollkommenheit unsrer Liebe. Einmal
hub ich an:
    Paul, sage mir: liebe ich Dich?
    Ich hoffe es! entgegnete er lchelnd.
    Und liebst Du mich, Paul?
    Gewi, Sibylle!
    Woran erkennst Du da Du mich liebst?
    Daran, da Du mein dominirender Gedanke bist, Sibylle - da mein inneres
Leben in Deinem Besitz zu einem Abschlu mit sich selbst gekommen ist und eine
Regel gefunden hat: Dein Glck.
    Ich schwieg und starrte vernichtet in die See hinaus, denn ich vernahm eine
in mir flsternde Stimme: Aber du Paul bist nicht mein dominirender Gedanke -
aber mein inneres Leben hat in deinem Besitz keinen Abschlu mit sich selbst
gefunden! .... Wie ein entstellendes Echo hallten diese Worte in mir wieder. Mir
war als sei ein Schleier von einem Abgrund in mir selbst weggezogen, und betubt
starrte ich in ihn hinein. Ach, es war ganz richtig! Paul hing mit seinem Herzen
an mir - darum beherrschte ich ihn; und ich hing an der Idee der Liebe - nicht
an Paul. Ich wollte durch die Liebe die ganze sinnliche und bersinnliche Welt
ergrnden, erkennen und umfassen; sie sollte mich wie Dante in mystisch erhabene
Geheimnisse weihen, mich Ariosts zauberische Verfhrungen, Tassos romantischen
Schwung, Boccaccios lockende Ueppigkeit lehren und sie genieen lassen; sie
sollte mir Lorbeer- und Stralenkrone, unter welchen sich Dornen verbergen, ums
Haupt flechten, wie dem Petrarca. Das erwartete ich von der Liebe; sie war meine
dominirende Idee. - Wie soll das werden? murmelte ich vor mich hin.
    Hast Du Dich besonnen da Du mich liebst, mein Engel? fragte Paul nach
einer Weile.
    Ich konnte nicht antworten, ich war gelhmt, erstickt durch das pltzlich
erwachte Bewutsein eines groen innern Elends. Ich hatte meinen Kopf an die
Harfe gelehnt auf der ich gespielt, und an die ich mich jezt mit beiden Armen
klammerte, weil mir war als thue sich der Felsen unter mir auf. Paul sprang auf,
lehnte die Harfe zurck, richtete mich in seinen Armen empor und fhrte mich zur
Balustrade der Terrasse damit ich freiere Luft schpfen mge.
    Kind! Kind! sprach er zrtlich, Du ngstigst mich! es gehen Dir Strme von
Leidenschaft durch die Seele, die Dich zerbrechen mssen.
    Das ist wahr! entgegnete ich beklommen, aber la sie nur austoben! jeder
Mensch mu durch die Gewitterjahrszeit seines Lebens hindurch. In mir ist
unmig viel Unklarheit - das erzeugt eben die Gewitter. Aber glaube nur Paul,
da Eines mir klar ist: Dein Glck soll auch die Regel meines Lebens sein.
    Und gleich jedem unsrer Gesprche ging auch dieses am Ku unter. - - - Aber
mich berfiel seitdem in Pauls Armen zuweilen ein ma- und namenloses Entsetzen,
ein Grauen das mich bis in die Haarspitzen durchrieselte, weil ein Gespenst in
mir auftauchte das lautlos doch vernehmlich sprach: Du liebst ihn nicht! - Ich
verfiel darber in unsinnige Traurigkeit, ich erschpfte mich in Beweisen der
Zrtlichkeit, ich ersehnte schwierige trbe Zustnde um sie in andrer Form ihm
zu bethtigen. Unsre holdselige Abgeschiedenheit wurde mir ganz lstig, und als
wir Sorrent Anfang Oktobers verlieen, war ich bersttigt vom Liebesrausch!
    Wir kamen nach Engelau. Ach, wie war es dort so einsam und traurig. Eltern
und Geschwister todt, die Freunde und Pfleger meiner Jugend fort, Mi Johnson in
England, Sedlaczech auf Reisen! wie viel Grber unter - und leere Pltze auf der
Erde! Nur unser alter Hofmeister empfing uns, aber sehr niedergeschlagen, denn
er fhlte sich verwaist an dem Ort der ihm zwanzig Jahre lang lieb wie eine
Heimat gewesen war. Der Tod meiner Mutter berhrte mich hier viel tiefer, als in
dem Augenblick wo ich die Nachricht empfing. Damals machte er mir nur den
Eindruck eines schmerzlichen, jedoch unvermeidlichen und lngst vorhergesehenen
Ereignisses; hier, an diesem Ort wo sie stets gelebt und den sie so hei geliebt
hatte - der Alles umfing woran je ihr Herz gehangen: hier war mir zu Sinne als
stnde ich immerdar an ihrem Grabe, als wre ganz Engelau der groe traurige
Sarg, der ihren Staub umschlo und der selbst bald in Staub zerfallen msse.
Urpltzlich von Sorrents lachender Kste im Sptherbst an die strmischen
Gestade der Ostsee versetzt, grauete mir vor den Nebeln, den kahlen Bumen, dem
Gekrchz der Krhen, dem hohlen Sausen des Windes, der grauen Frbung der
Landschaft. Hier hatte ich leben, lieben, frhlich sein knnen? .... ich begriff
es nicht mehr! mein verwhntes Auge blickte befremdet umher und traf berall auf
Klte und Leere. Ich drngte Paul zur Abreise nach England; ich stellte ihm vor,
da in dieser Jahreszeit mit jedem Tage die Unbehaglichkeit der Ueberfahrt
wachse, da sie gefhrlich werden knne; da er Gefahr laufe ganz aus der
Carriere zu kommen, wenn er sich so wenig pnktlich und eifrig im Dienst
erweise. Paul wnschte um Nachurlaub zu bitten und den Winter mit mir in Engelau
zu verbringen, theils um die Verhltnisse meines Vermgens und die Art kennen zu
lernen in welcher dasselbe verwaltet wrde, theils um in Folge unsrer
bermigen Reiseausgaben auf dem Lande eingeschrnkt zu leben. Aber unsre
sorrentinische Einsamkeit hatte mich auf lange Zeit mit der Einsamkeit berhaupt
abgefunden, und berdas war in mir der tumultuarische Drang das Leben nach allen
Seiten hin kennen zu lernen, welcher sich nun einmal nicht in Engelau
befriedigen lie. Paul gab nach - wie immer, mit einer Gte, einer freundlichen
Nachsicht, wie nur der Starke sie fr den Schwachen haben kann. Aber es rhrte
mich nicht! ich glaubte nur Recht zu haben. Ich hatte eben kein Herz und lebte
nicht mit und von dem Herzen, sondern fr meine Trume.
    Wolbehalten langten wir in London an. Ich hatte die besten Vorstze gefat
mich von jedem Luxus fern zu halten und mich in der Einrichtung meines Hauses
und meiner Toilette auf die schlichten Ansprche des Anstandes zu beschrnken.
Den Luxus der Pracht glaubte ich vermeiden zu knnen und mied ihn auch; aber
ach! der Luxus des Comfort war viel verfhrerischer und auch viel
unwiderstehlicher, weil er wie eine Nothwendigkeit aussah. Unser Haus war weder
gro noch prchtig; allein ich mgte es in seiner koketten Elegance mit dem
Anzug einer schnen Frau vergleichen bei welchem von der Haarnadel an bis zum
Schuh herab die feinste und ausgesuchteste Wahl geherrscht hat. Ebenso ging es
mit meiner Toilette. Ich wollte durchaus nichts Prchtiges; nur Stickereien -
nur Spitzen - nur jene allerliebste leichte Waare, welche die franzsische
Sprache so auerordentlich bezeichnend Chiffons nennt. Was die Kostbarkeit
dieser Schelchen erhhte war, da ich sie nun gar aus Paris kommen lie, weil
mir der englische Geschmack in dieser Richtung nicht zusagte.
    Ich war schn, elegant, fand mich mit groer Leichtigkeit in den englischen
Manieren zurecht, sprach gelufig englisch; meine groe Jugend interessirte
einige ltere Frauen der ersten Gesellschaft fr mich, welche mich protegirten
und hoben bis ich auf eigenen Fen stehen konnte, was - Dank jenen
Eigenschaften! - - sehr bald geschah. Als diese gleichsam materiellen
Erfodernisse nach allen Seiten hin berwunden waren - sah ich mich um: Was nun?
- - Ich hatte gar keinen gengenden Wirkungskreis; meine selbstgewhlten
Beschftigungen waren keinesweges aus innerer Nothwendigkeit hervorgegangen;
Lectre und Harfenspiel fllen mssige Stunden, aber kein leeres Leben, Besuche,
Spazierritte, Soireen sind mehr Zeiteintheilungen als Ausfllung der Zeit. Ich
wnschte glhend fr Paul etwas thun, ihm ntzlich sein zu knnen. Ich war ihm
behlflich die Zeitungen zu lesen und aus diesen englischen, franzsischen,
deutschen Papiermassen die Notizen auszuziehen, die irgend ein Interesse boten.
Htte mein Verstand eine positivere Richtung gehabt, so wrde er sich
unzweifelhaft bei meinem Heihunger nach Beschftigung auf die Politik geworfen
und in deren Combinationen ein Feld fr die geistige Regsamkeit gefunden haben.
Aber fr mich waren Whigs und Tories nichts Anderes als die weien und die
schwarzen Figuren welche sich auf dem Schachbrett Treffen liefern, die von List,
Feinheit, Intrigue, Benutzung fremder Schwche dirigirt werden. Meinem armen
Kopf fehlte die Capacitt um Staatsfragen verfolgen zu knnen. Doch habe ich,
vielleicht veranlat durch Pauls Vorliebe oder auch durch den ersten Eindruck
den in dieser Beziehung meine Unerfahrenheit hier empfing - eine groe Achtung,
einen fast unwillkrlichen Respect vor den englischen Staatsformen bekommen und
bewahrt. Dadurch da die englische Adels-Aristokratie nie ihre Reihen schliet,
und Mnner von wahrem und ernsten Verdienst, gleichviel von welcher Herkunft,
bereitwillig zwischen sich aufnimmt, ist sie eine durchaus organische
Institution, die im Schoo des Volkes, im Grund und Boden des Landes Wurzel
geschlagen und dessen edelste Krfte in wrdiger Weise sich einverleibt hat. Sie
ist nicht zu einer Kaste mumificirt, sondern frische Sfte und junges Blut
strmen unablssig ihr zu, und weil sie so krftig ist, darum ist sie auch
populr, denn sie flt Vertrauen ein. Rastloses Streben liegt in der Natur des
Menschen; aufwrts streben veredelt sie; diesen Spielraum nach oben hat die
englische Aristokratie den brigen Classen der Gesellschaft gelassen, und daraus
entspringt fr diese der Sporn des Ehrgeizes. In Deutschland hat der Adel nicht
verstanden diese edle und weise Stellung einzunehmen und ist durch Kuflichkeit
der Adelsbriefe vllig erniedrigt. Das macht ihn unpopulr; dadurch versiegt ihm
der Zuflu der Lebenskrfte, und indem er sich selbst gleichsam die Wurzeln in
mtterlicher Erde abgeschnitten, hat er auf die brigen Classen frchterlich
nachtheilig gewirkt: er hat ihnen Neid eingeflt! Knnen sie nicht aufwrts -
wolan, so zerren sie abwrts! Diese Richtung entadelt beide Theile. Weil Alles
allgemein sein soll, drum wird es gemein: das ist die Basis des
Nivellirungsystems! in starrer Abgeschlossenheit scheelschtig und mignstig,
ohne Athem zum Wettlauf verharrt der Adel in einer Stellung die hunderttausend
Blen bietet.
    Dieser schiefen Position wegen fhlte sich Paul hchst unbehaglich in
Deutschland. Seine Gesinnung war viel zu hoch und viel zu klar um ihn zum
Ueberlufer zur Partei der Demagogen zu machen, welche damals an der
Tagesordnung war. Diese Projecte von Republiken, von Brgerthum widerten ihn an,
weil er in diesen Staatsformen nur den Uebergang zu absoluten und despotischen
Monarchien sah, gegen welche die Aristokratie eine heilsame und nothwendige
Schranke zieht. Darum hielt er immer das aristokratische Princip aufrecht;
allein er verhehlte sich nicht, da man es in Deutschland nicht verstand oder
miverstand, und da in Hofjunkern und Landjunkern kein belebendes Element der
Aristokratie zu suchen sei. Sein Lebensplan war der: sich in England durch seine
diplomatische Stellung gleichsam einzubrgern und alle zwei oder drei Jahr nach
Deutschland zu gehen um seinen Vater zu besuchen und um die Gter in Holstein zu
inspiciren. Die Vorstellung war ihm unertrglich die Beamten-Carriere machen
oder in den Hofdienst treten zu mssen, oder in diplomatischer Stellung an einen
deutschen Hof zu kommen. Das wute ich, denn es war der Gegenstand hufiger
Gesprche; ich theilte Pauls Ansichten, ich bestrkte ihn darin; ich dachte es
mir grlich auf Paris, Rom und London einen Aufenthalt in kleinen Landstdtchen
wie Cassel etwa oder Carlsruh folgen zu lassen. Dennoch richtete ich den
Zuschnitt unsers Hauses und unsers Lebens so kostspielig ein, da die
Unmglichkeit ihn durchzufhren vorauszusehen war. Was half es da ich jeden
Morgen mit unserm Steward und jeden Abend mit meiner Kammerfrau Rechnung hielt
und abschlo! Was half es da ich jede Ausgabe hchst pnktlich in mein
Rechnungsbuch eintrug! - Nicht das genaue Verzeichni der Ausgaben, sondern die
Beschrnkung der unntzen macht die gute Hausfrau aus. Paul war zu nachsichtig
gegen mich; jeden Einfall lie er hingehen; immer gab er seine Ansicht, seine
Wnsche gegen die meinen auf.
    Nachdem im ersten Jahr unsers Londoner Aufenthaltes das Parlament
geschlossen und die Season vorber war, schlug er mir vor auf drei Monate nach
Engelau zu gehen; aber ich bat um eine Reise durch Schottland - und wir machten
sie. Im zweiten Jahr wnschte er dringend die Reise nach Holstein, aber ich noch
viel dringender den Besitz einer kleinen Privat-Yacht. Sie wurde gekauft,
bemannt, eingerichtet, und wir machten mit ihr eine Reise lngs der
franzsischen Kste von Boulogne bis Brest, und die Fahrt rund um Irland herum.
In den Hafenstdten verlieen wir die Yacht und machten Streifzge ins Land
hinein. Im dritten Jahr bereisten wir auf gleiche Weise die Ksten der
pyrenischen Halbinsel. Als wir im Spatherbst nach London zurckkamen empfingen
uns die belsten Nachrichten aus Holstein. Es war ein schlechtes Jahr gewesen,
die Schulden hatten sich gehuft, ein Paar Glubiger waren mitrauisch geworden
und verlangten Auszahlung ihrer Capitalien, zwei Pchter hatten den Jahreszins
nicht gezahlt, der Verwalter des Hauptgutes Engelau hatte sich dem Trunk ergeben
whrend seine Frau ihr Schfchen ins Trockne gebracht und sich in Meklenburg ein
schnes Landgut gekauft hatte; kurz die volle Verwirrung der Zustnde war
eingetreten, die mit Verschwendung und Verwahrlosung von Seiten des Herrn
berall Hand in Hand geht. Mein Geschftsfhrer schrieb mir warnende Briefe,
mein Schwiegervater schrieb fulminirende an Paul; der Sinn von dem Allen war -
da uns ein Concurs bedrohe.
    In vier Jahren hatte ich es dahin gebracht! bei neunzehn Jahren hatte ich es
mglich gemacht mein Vermgen, das Vermgen einer alten wolbegterten Familie zu
compromittiren, und vielleicht - Pauls Zukunft zu zerstren!
    Paul machte mir keine Vorwrfe und berhrte mit keinem Wort weder diese
Mglichkeit noch die Vergangenheit. Ich umschlang ihn ganz bewildert und rief:
    Aber Paul, was knnen wir denn thun?
    Wir mssen nach Deutschland und in Engelau leben - - sagte er sanft und
fgte beruhigend hinzu als mir die Thrnen aus den Augen strzten: Nur vor der
Hand .... wie ich glaube, meine Sibylle.
    O Paul! rief ich, warum hast Du Deine bessere Einsicht nie mir gegenber
geltend gemacht?
    Er sah mich traurig an und erwiderte:
    Weil ich schwach gegen Dich bin.
    Leider! flsterte ich vor mich hin.
    Du machst mir diesen, Vorwurf! rief er schwankend zwischen Zorn und
Schmerz.
    Ja Paul, sagte ich und kte seine Hand, das ist immer so: wer Unrecht hat
mgte die Schuld von sich ab und auf einen Andern wlzen.
    Wer knnte Dir zrnen, Engel? entgegnete Paul. Wenn es ein Fehler ist zu
liebenswrdig zu sein, so hast Du ihn! Du siehst, auch ich will meine Schuld von
mir ab und auf Dich wlzen.
    Paul nahm Urlaub auf ein Jahr. Wir gaben unser Haus auf, verkauften unsre
ganze Einrichtung, die wir vor drei Jahren mit solcher Sorgfalt gemacht hatten,
entlieen unsre englischen Dienstboten, und schifften uns Ende Novembers nach
Hamburg ein.
    Diese drei Jahr in London waren mir schwer gewesen! - Wie einst in Sorrent
da ich Paul nicht liebe: so hatte ich jezt erkannt, da ich ihn dominire ohne
ihn doch eigentlich zu beglcken. Ich hatte ihn mit ich wei nicht welchem
Zauber umsponnen, der ihm zugleich s und doch schwer war, der ihn eigentlich
mehr magnetisirte als befriedigte. Ich hatte seinen Lebensplan durchkreuzt - ich
veranlate ihn in groer Einschrnkung und mit widerwrtigen Geschften
wenigstens ein ganzes Jahr und vielleicht noch lnger auf dem Lande zu leben -
ich erfllte nicht seinen heiesten Wunsch, denn ich war nicht Mutter; - und
dennoch liebte er mich! Es giebt fatalistische Leidenschaften! sie bemchtigen
sich eines Menschen, und Alles was sie sonst tdtet, dient nur dazu sie in ihm
zu entznden. Paul hofte Kinder zu haben, hofte die Vermgensverwickelungen zu
entwirren, hofte seine Laufbahn seinen Wnschen gem fortzusetzen, und wenn ich
ihn fragte:
    Wie kannst Du immer so muthig sein? so erwiderte er:
    Weil ich Dich liebe.
    Gott, wie mich das rhrte! - Unser Herzensverhltni war dadurch ganz
eigenthmlicher Art; denn ich liebte ihn nicht, er imponirte mir nicht, es gab
Momente wo ich mich ihm berlegen fhlte, weil ich das Bewutsein hatte ihn
lenken zu knnen; und dennoch hing ich mit Zrtlichkeit, ich mgte sagen mit
Wehmuth an ihm. Er war mir nicht geworden was ich von einem Gatten, einem
Geliebten getrumt hatte; da er aber so gut und edel war betrbte seine
Unvollkommenheit mich nur und nie fhlte ich mich versucht bei einem anderen
Mann eine hhere Vollkommenheit zu suchen. Es wurden mir viel und flammende
Huldigungen dargebracht: sie rhrten mich nicht. Ich blieb kalt wie Eis, nicht
aus Tugend, nicht vorstzlich, sondern nur weil ich nichts Verlockendes in ihnen
fand. Ich hatte meine Erwartungen von den Mnnern in frher Jugend so hoch
gespannt, da sie denselben nicht entsprechen konnten; und ich selbst war jung
genug um noch nicht meine eigenen Erwartungen vergessen zu haben. Ueberdas
graute mir vor der Untreue, der Lge, der Intrigue, der Angst und Verzweiflung,
welche im Gefolge jeder pflichtwidrigen Neigung sich einfinden. Ich konnte mir
nicht vorstellen, da wahre Liebe sich unter diesen entwrdigenden Umstnden
Platz machen und entwickeln knne. Ueberdas hatte meine Phantasie eine ganz
andre Richtung genommen; ich dachte an nichts - als an Mutterglck! und Alles
was ich that und trieb und unternahm, geschah um mich gegen diese heie
ungestillte Sehnsucht zu betuben. So schien es mir damals. Vielleicht war das
aber auch nur ein unbewuter Vorwand um meine Unstetigkeit zu beschnigen! -
Genug: ich vertiefte mich jezt in ebenso regellose Phantasien der
Mutterseligkeit, wie ehedem in die Seligkeit Helden und Halbgtter auf jedem
Schritt und Tritt zu finden. Das gab mir etwas Trumerisches, Schwermthiges,
und dieser geistige Trauerflor bildete mit meiner Jugend einen auffallenden
Contrast.
    Wer sich mir mit unverholener Huldigung genhert hatte war Graf Otbert von
Astrau. Diesen Namen nennen heit einen berhmten Mann bezeichnen, dem die
Mitwelt und vielleicht die Nachwelt einen ehrenvollen Platz aufbewahrt. Ein
Dichter betrachtet das Leben mit anderem Auge als wir brigen Menschenkinder.
Jezt habe ich das erkannt. Darum kann ich auch unparteiisch von Otbert sprechen.
Er kam nach London. Seine Ankunft war uns lange vorher verkndet; seine Gedichte
waren auch in England bekannt und geliebt. Man war gespannt auf seine
Erscheinung, ich, die Deutsche, natrlich noch mehr als die Uebrigen, denn seine
Gedichte hatten mich bezaubert. Otbert kam mitten in der Season und brachte an
Paul ein halbes Dutzend der dringendsten Empfehlungsschreiben. Dadurch wurde er
ein tglicher Gast in unserm Hause. Sein Ruhm, sein Name, seine Persnlichkeit
bahnten ihm einen Siegerpfad in der Gesellschaft. Er war hchstens
siebenundzwanzig Jahr alt und so recht in der Sonnennhe seiner
poetisch-lyrischen Entfaltung; auerdem schn, geistreich, liebenswrdig,
brillant - geschaffen um alle Frauenkpfe zu verdrehen. Das that er denn auch
nach besten Krften! nur der meine sa fest.
    Ich stand in stummer Bewunderung ganz fern und demthig, und staunte das
Meteor an, das ber meinen Lebenshimmel dahinzog. Natrlich hatte ich mir unter
einem Dichter ein begeistertes prophetisches Wesen mit Sehergaben, mit der
Intuition der Seelen und der Zukunft vorgestellt. Meine Bewunderung ging in
Verwunderung ber, als ich einen brillanten, eiteln und koketten Mann fand, der
im Salon glnzen und die Frauen erobern wollte. Beides gelang ihm, und die
Siegesgewohnheit machte ihn zum Fat. Seine Schaustellung erknstelter Gefhle,
das halbe Dutzend von Passionen, welche er im Lauf einer Season erregte, bald
theilte, bald nicht theilen konnte - machte mir einen widerwrtigen Eindruck,
und oft sagte ich zu Paul:
    Wie schade da ich Astraus persnliche Bekanntschaft gemacht habe! mir ist
der glhende Frhling seiner Poesie wie in Schneeflocken untergegangen.
    Was ist Dir nicht schon untergegangen, arme kleine Sibylle! entgegnete
Paul einmal mit gutmthigem Spott.
    Ihm gefiel Astrau auerordentlich. Dieser hatte Mnnern gegenber nicht die
geringste Eitelkeit, weder Ansprche noch Launen; er sparte sich das Alles fr
den Verkehr mit Frauen auf. Er ritt, er scho, er jagte, er schwamm, er spielte,
er plauderte, er erzhlte - genau wie alle Uebrigen, nur mit einem so
unmerklichen Anflug von Superioritt, da Keiner sich verletzt dadurch fhlen
konnte und da Jeder seine Freude an dem geschickten Gegner oder Gefhrten haben
und doch dabei denken durfte: er werde dennoch einmal zu bertreffen sein.
    Ich war so still und schweigsam im Umgang mit Astrau - Anfangs aus Andacht
spter aus Gleichgltigkeit - da ich ihm ziemlich unbedeutend erscheinen mogte;
er beschftigte sich gar nicht mit mir. Wir verlieen London frher als er um
unsre erste Reise in meiner geliebten Yacht zu machen und als wir wiederkehrten
war er fort und - wie das im Leben der groen Welt nicht anders ist - halb
vergessen.
    Aber eine Frau hatte ihn nicht vergessen, und das war meine Freundin
Arabella -gh. Ich nenne sie Freundin, weil es die Frau ist, die mich am Meisten
angezogen hat von allen Frauen die ich je gekannt - nicht durch Sympathie,
sondern durch den schneidenden Gegensatz unsrer Charactere. Der Grund der Dinge
und das Wesen der Erscheinung war ihr gleichgltig; nur die Oberflche lockte
und reizte sie, und mit besinnungsloser Genusucht, die sich zu schwrmerischer
Leidenschaftlichkeit steigern konnte, gab sie sich derselben hin. Sie hatte
weder Tiefe, noch Ernst, noch Treue, folglich keine Wrde im Character; aber die
unglaubliche Wrme mit der sie sich den Eindrcken hingab und sie aufnahm, lieh
ihr eine bezaubernde Innigkeit. Sie hatte die Flatterhaftigkeit und die Anmuth
eines Schmetterlings. Man konnte ihr nicht zrnen und am wenigsten wenn sie es
am meisten verdiente - nmlich wenn sie sich selbst anklagte. Die Selbstanklage
sobald sie sich einem Andern gegenber wiederholt und huft, verhlt sich zur
wirklichen Reue, wie sich ein aus Schwche thrnendes Auge zur wirklichen Thrne
verhlt. Aber Arabella war nun einmal unwiderstehlich in ihrer Schwche! sie ist
die einzige Frau die mich je interessirt hat - vielleicht weil sie sich mit
rhrender Demuth an mich schmiegte, vielleicht weil ich whnte sie ruhiger und
pflichtgetreuer zu stimmen, vielleicht weil alle andern Frauen mich stets
gelangweilt haben.
    Astrau war der erste Mann, der ihr nicht Zeit gelassen hatte ihn zu
verlassen; er war ihr zuvorgekommen. Diese Ueberraschung berhrte sie in so
neuer Weise, da sie ihr Herz tdtlich verwundet glaubte. Ich fand sie tief
niedergeschlagen, bla, abgehrmt; sie sprach davon die nchste Season auf dem
Lande zuzubringen, London und die Welt zu fliehen. Otbert und immer Otbert war
ihr drittes Wort; sie nahm keine Huldigung an, sie zeichnete keinen Mann aus.
Ich wnschte ihr Glck da ihr inneres Leben eine ernstere Richtung genommen.
Indessen kam die Season heran und siehe da! ein Brief Astraus an Paul verkndete
seine nahe Ankunft. Ich theilte Arabellen ganz besorgt diese Nachricht mit, und
rieth ihr jezt aufs Land zu gehen um jede Begegnung zu vermeiden.
    Was fllt Dir ein! rief sie lebhaft. Ich sollte gehen wenn er kommt? sollte
die Gelegenheit meiden ihn zu sehen? O nein, jezt bleibe ich gewi.
    Daraus werden fr Dich qualvolle und fr Astrau peinliche Augenblicke
entspringen, meine arme Arabella! .... La doch geschieden sein was einmal
gebrochen ist.
    Ach, Du hast nicht geliebt .... nicht ihn geliebt, Sibylle! sonst wrdest
Du begreifen, da ich gern bereit bin mit unsglichen Qualen das Glck ihn zu
sehen zu erkaufen! rief Arabella, und Flammen und Thrnen funkelten zugleich in
ihrem groen, sammetschwarzen Auge, und die schwarzen Locken rieselten so weich
auf die zarten Schultern herab, da ich hingerissen von ihrer Schnheit und
Grazie unwillkrlich ausrief:
    Warum hat Dich Astrau aber verlassen?
    In der Liebe giebt es keine Antwort auf ein solches Warum, sprach sie
resignirt.
    Astrau kam und war unverndert der Alte. Bei seiner ersten Begegnung mit
Arabellen, welche sie bei mir zu veranstalten gewut, benahm er sich vortreflich
- ich mute es gestehen - ruhig, ernst, ohne erzwungene Freundlichkeit, ohne
bertriebene Klte, whrend sie eine stumme Scene machte, weinte, in mein
Cabinet ging, wiederkam - was mich in Verlegenheit gebracht haben wrde, da ich
mit ihnen Beiden allein war, wenn Astraus Haltung nicht unbewegt geblieben wre.
    Endlich verlie uns Arabella. Ich begleitete sie bis ins Vorzimmer und sagte
ernst:
    Welch ein unpassendes Benehmen!
    Schweig! rief sie heftig, was weit Du von Liebe? ... liebe ihn, und dann
urtheile ber mich.
    Gott behte mich! rief ich und kehrte in den Salon zurck ganz erleichtert
durch Arabellas Entfernung. Mein Gesicht mute diese Empfindung verrathen, denn
Astrau sah mich an und sagte:
    Ists nicht Jammerschade da eine so liebliche Frau wie Lady Arabella es
dahin bringt?
    Wohin? .... ich habe nichts gesagt! stammelte ich verwirrt.
    Ich habe mir nur erlaubt Ihrem Ausdruck Worte zu leihen.
    Auf eine Conversation durch Mienen und Blicke kann ich mich nicht
einlassen, Graf Astrau.
    Frchten Sie die Wahrheit so sehr? fragte er mit einem unglaublich feinen
Ausdruck. Wesen wie Sie sollten sie nicht frchten.
    Mir mifiel dies Compliment und ich sprach khl:
    Ich frchte weder die Wahrheit noch sonst irgend etwas auf der Welt.
    Ah bah! das ist eine kleine Prahlerei! Sie werden doch das Gewitter
frchten ... oder den Tod .... oder die Leidenschaft .... oder doch eine
unschuldige Maus oder Spinne .... - -
    Nichts von dem Allen, Graf! ... aber doch etwas Andres - die Langeweile!
die hatte ich vergessen .... - -
    Bis ich Sie daran erinnerte! rief Astrau. Aber glauben Sie denn da ich
mich nicht vor der Wahrheit frchte?
    Ah bah! das ist eine kleine Prahlerei! parodirte ich ihn. Wahrheit ist
Sonnenlicht, und das bedarf der Dichter in seiner Seele .... und zu einer
Glorie! - nicht wahr?
    Schwrmerin! sprach er sanft. Wie denken Sie sich denn eigentlich den
Dichter?
    Genau so wie Sie nicht sind, erwiderte ich schnell.
    Wollen Sie mir absichtlich weh thun, gndigste Frau? fragte er mit Klte.
    Wie kme ich dazu? sprach ich noch klter. Aeuerlich warm, schlicht und
wahr, innerlich durchflutet vom Strom groer Gedanken und vom Sturm hoher
Leidenschaften - daher unfhig kleinlicher Gedanken und drftiger Gefhle: so
denke ich mir den Dichter und so sind Sie nicht.
    Sagen Sie lieber: so ist er nicht.
    Weil Sie nicht so sind? fragte ich spottend. Das hiee doch dem Dichter
Unrecht thun.
    Astrau sah mich starr an: Und dies Alles .... weil ich Lady Arabella nicht
liebe?
    O Gott! rief ich lachend, wir verstehen uns ja gar nicht, guter Graf! ich
spreche von meinem Dichterideal, und Sie halten mich fr einen Advokaten!
    Lassen Sie mir die Hofnung da wir uns verstndigen werden, sprach Astrau
und Besuche strten dies Gesprch, das erste welches mir eine Erinnerung
zurcklie. Seitdem unterhielten wir uns viel. Ich kann nicht sagen da Astrau
sich ausschlielich mit mir beschftigt htte, allein er war fr keine andre
Frau aufmerksamer. In dieser Season spielten die Passionen der Damen fr ihn
keine so groe Rolle als in der vorigen; das stand ihm besser. Uebertriebene
Huldigungen geben dem Gegenstand derselben immer etwas Lcherliches - denn wahre
Liebe, wahre Bewunderung, wahre Ehrfurcht werden nie in kindisch albernen
Fetischdienst ausarten. Ihrer Natur nach sind sie wie alle Innerlichkeit
schweigsam, ernst und gehalten, und nur in gewichtigen Momenten geben sie ihre
Macht und Tiefe kund. Es ist ein groes Unglck wenn talent- und genievolle
Menschen wie Astrau, durch die Gesellschaft zum lion of the day gemacht werden
und sich dazu hergeben. Statt ihr Leben zu leben spielen sie nur ihre Rolle.
    Weshalb Graf Astrau anfing sich mit mir zu beschftigen wei ich nicht;
glaube aber deshalb: weil ich so ungewhnlich gleichgltig fr ihn und berhaupt
fr Alles war. Das Leben trug nicht die Glorie von Glanz, Glut, Majestt und
Wonne, nicht den Purpurmantel, nicht die Rosenkrone, nicht den Sternenschleier
womit ich dessen heilige Gestalt in meinen Kindertrumen auf den grnen Hgeln
von Engelau ausgeschmckt hatte. Es kam mir Alles so mittelmig vor! ich kannte
manche gute Menschen - doch sie hatten groe Fehler! manche kluge - doch sie
hatten groe Schwchen! Ich sah wol da recht viel und mitunter auch recht
Tchtiges gethan wurde; aber es wurde nichts Groes geleistet wie ich mir das
Groe dachte: im gottbegnadeten Individuum als eine neue Sonne aufgehend zu der
die Menschheit betet. Ich sah mir die Liebe an zwischen den Menschen: hatte sie
Schwung, so brauchte sie ihre Flgel um bald zu entfliehen; - hatte sie keinen,
so blieb sie wie sie war, matt und lahm; - fr junge Herzen war sie ein Rausch,
fr alte ein Irrthum, eine Krankheit, ein Traum - zuweilen, aber ganz
ausnahmsweise! ein tiefer Ernst, der mit frchterlichen Schmerzen, mit
trostlosen Erfahrungen, mit Mrtyrerleiden erkauft werden mute. Ich sah mir den
Genius an zwischen den Menschen: auch an seinen vollkommensten Schpfungen
haftete Staub; und Neid, Verleumdung, blinder Ha, Fetischdienst umschwirrten
und verdunkelten ihn - whrend nun gar der Trger des himmlischen Funkens ein
schwacher Sterblicher gleich uns Anderen war! - -
    Da weder die That, noch die Liebe, noch das Genie sich zu jener therreinen
Hhe aufschwang, die so hoch ist, da es unter ihr weder Aufgang noch Niedergang
giebt, weil sie Ruhe in der Einheit des ganzen Wesens gewhrt: so mute ich
darauf gefat sein in den untergeordneten Richtungen und Sphren des Seins noch
greres Stckwerk, noch mehr Zersplitterung und Mangel an Zusammenhang zu
finden; - und ich fand sie! Es befremdete mich nicht. Wer Palste
zusammenstrzen sieht erstaunt nicht wenn Htten einfallen.
    Die Aufgabe meines Lebens wre also gewesen: mich in der Mittelmigkeit
zurecht zu finden, und sie in mir und in meinem Kreise bis zu dem ihr gegnnten
Grad von Vervollkommnung auszubilden. Dies ist berhaupt die ganz allgemeine
Aufgabe jedes Menschen, und wer schlecht und recht, warm und wahr, mit klarem
Kopf und redlichem Willen an ihr arbeitet, lst sie theilweise gewi - wenn auch
mit blutender Hand und mit blutendem Herzen. Aber ich hatte mich viel zu tief in
ein phantastisches Traumdasein eingesponnen um jenes zu versuchen. Htte Paul
mich aufgerttelt und aufgeweckt, htte er irgend etwas Bestimmtes, Schweres von
mir verlangt, so mgte ich zur Besinnung gekommen sein und mich ermannt haben.
Jezt fhlte ich mich bestndig wie in einer grauen Dmmerung, die man
verschlafen und vertrumen msse. Die Spiegelbilder meiner Trume waren dann
einzelne Handlungen, die ich unsinnig nennen mu, weil sie das Gleichgewicht
meiner Verhltnisse strten - wie meine kolossale Wolthtigkeit und meine
Liebhaberei fr Wasserfahrten im groen Styl das ganz natrlich mit sich
brachten. Fr die Welt mit ihren Freuden und Genssen war ich gleichgltig. Die
frchterliche Oberflchlichkeit ihres Lobes, ihres Tadels, ihres Beifalls, ihres
Urtheils berhaupt, widerte mich an.
    Armer Graf! sagte ich einmal zu Otbert, der mit trivialen Lobeserhebungen
berschttet worden war; - wie bewundere ich Sie da Sie nicht ghnen.
    Ghnen wenn man mir angenehme Sachen mit freundlichem Lcheln und holdem
Blick sagt? - wie unnatrlich wre das! Kann ich denn etwas Anderes wnschen als
die Seelen zu erfreuen? und wenn die Lippen stumm fr mich bleiben, wie soll ich
erfahren ob es mir gelungen ist?
    Das mu Ihr Genius Ihnen sagen.
    Gndigste Frau, mein Genius thut genug fr mich indem er mir meine Poesien
zuflstert. Sie hinterdrein auch noch zu loben ist nicht mehr sein Fach; - das
berlt er Anderen und ich habe dies Lob von Anderen nthig - nicht um zu
dichten, aber um mich dieser Gabe mit Freude hinzugeben. Empfindungen zu wecken,
Gedanken anzuregen ist mein Streben: Lob und Dank sind mir Brgschaft des
Gelingens.
    Ja, wenn ein wrdiger Areopag sie Ihnen darbrchte! aber diese Leute - was
wissen die von Poesie!
    Und was wissen Sie mehr von ihr? fragte Astrau hchst ungeduldig.
    Ich wei da Poesie ein Dreiklang ist, dessen Tne Liebe, Sehnsucht und
Gebet heien.
    Sie wissen himmlische Geheimnisse, nahm Astrau nach einer langen Pause das
Wort, aber von Liebe - wissen Sie nichts.
    Das ist eine Phrase welche die Frau oft hrt.
    Nicht oft .... denn die eigentliche Wissenschaft der Frau ist die Liebe.
    Und dennoch oft! .... und zwar immer wenn ein Mann ihr seine Liebe
eingestehen oder die ihre begehren mgte.
    Das glauben Sie von mir? rief Otbert starr vor Erstaunen sich in dieser
keimenden Richtung schon errathen zu sehen.
    Aber ich hatte nur instinctmig gesprochen. Ich entgegnete:
    Von Ihnen glaube ich nichts, denn ich glaube berhaupt nicht an Sie. Was
ich sagte war nur eine allgemeine Bemerkung, die sich auf Erfahrung sttzt.
    Sehen Sie mich einmal an! rief Astrau, setzte sich pltzlich zu mir auf
die Causeuse, nahm meine Hand und fixirte mich scharf. Ich ertrug das hchst
gelassen und nach einer Weile sprach er: Wie kann man so unglaublich schn und
zugleich so unglaublich nichtssagend aussehen!
    Wenn ich nichts zu sagen habe mu ich wol nichtssagend aussehen.
    Aber was sind Sie denn fr ein merkwrdiges seltsames Geschpf, da man Sie
gar nicht necken, verwirren und rgern kann! Sie sehen aus wie ein engelhaftes
Kind und sprechen wie eine fnfzigjhrige Frau! Sie kennen nichts und wissen
Alles! Sie lassen Ihre Gestalt zwischen uns auf der Erde umherwandeln und Ihre
Seele macht whrend der Zeit Peregrinationen durch andre Welten! Sie mssen sich
sammeln, denn dies ist ein ganz unnatrlicher Zustand! Sie mssen sich auf einen
Punkt zu concentriren suchen .... - - -
    Richtig! unterbrach ich ihn, dieser eine Punkt ist ja eben das unbekannte
Gut.
    Suchten Sie es schon? und wo suchten Sie es?
    In einer Hhe und in einer Tiefe die mir Beide unzugnglich zu sein
scheinen.
    Suchen Sie es doch vor sich!
    Ich blickte starr gradeaus und sagte: Da ist es nicht! da gewahre ich immer
das Ende, entweder im Leben oder im Tode.
    Astrau schttelte ein wenig meinen Arm.
    Sibylle wach auf! sprach er; so werde ich ein Gedicht fr Sie machen.
    Das thun Sie, lieber Graf!
    O, Sie sind ein verschrobenes Geschpf, das mir fast Grauen einflt, sagte
er unmuthig. Sein Sie doch jung, frhlich, genubegierig, glcksdurstig. Sie
verlieren ja Ihr Leben und das ist Schade fr Sie und fr Andere. Nach dreiig
Jahren drfen Sie denken und trumen; bis dahin mssen Sie leben.
    Leben? das heit das unbekannte Gut finden, den Punkt in welchem sich das
Wesen fr die Ewigkeit sammelt und ruht; - denn Leben heit doch ein ewiges Sein
- nicht wahr?
    Wir wollen uns mit dem Leben beschftigen welches der Endlichkeit angehrt,
sagte Otbert und als Paul eintrat rief er ihm zu indem er auf mich deutete:
    Diese Richtung ist doch allzu transcendental.
    Paul und ich wir lchelten Beide; aber von dem Augenblick an beschlo Otbert
mich zu gewinnen. Nicht da ihm eine gemeine Verfhrung in den Sinn gekommen
wre! solch leichtes Glck lockte ihn nicht; aber ich sollte ihn lieben. Die
Liebe zu ihm sollte die Morgensonne sein die mich aus dem Schlaf meines Herzens
weckte; - aus ihrer unentwickelten Existenz wollte er meine Seele erlsen und
die grne Knospe an das Licht bringen damit sie sich in holden Farben entfalte.
Wie jene durch Liebe beseelte Statue an ihrem Bildner hing, so sollte ich an ihm
hngen und durch diese Liebe mich selbst und das Leben und das Glck verstehen
lernen. Er dichtete sich ein Pom zurecht und beschlo dasselbe zuerst zu leben
und spter etwa als Stoff oder Sporn zu Gedichten zu benutzen. Er wurde immer
allmlig wrmer, wenn er sich auf den Wellen der Poesie schaukelte; und so wurde
er denn auch nach und nach so warm in dieser poetischen Phase, da er sich bis
zur Glut steigerte, gnzlich verga da er sich in dieselbe hineingearbeitet
hatte und von der Aufrichtigkeit seiner Liebe berzeugt war. Er glich jenen
wunderbaren Schauspielern welche auf der Bhne dasjenige wirklich empfinden, was
sie darstellen sollen, so da ihre Thrnen, ihre Leidenschaft, ihr Schmerz
keinesweges erknstelt oder gar erheuchelt zu nennen, und daher von wundersam
hinreiender Wirkung sind. Man konnte Otbert nicht Lgner, Heuchler oder
Betrger nennen, wenn er nach erreichtem Zweck pltzlich gleichgltig ward, oder
sich und sein Streben ironisirte, oder erschpft sich selbst wie ein Maskenkleid
fallen lie. Es war in ihm eine unbewute Verachtung der Wahrhaftigkeit, die ihn
antrieb sein Wesen in immer neue Gestaltungen umzuformen. Statt in den
Schpfungen seines Geistes zu leben, wollte er stets von Neuem sich selbst
gleichsam erschaffen fhlen. Fest glaubte er an die Metempsychose und
schmachtete danach sie schon bei lebendigem Leibe an sich zu erfahren. Daher
sein wahnsinniger Durst nach An- und Aufregung. Dann kommt ein neuer Geist ber
mich, pflegte er zu sagen. Htte sein Character seinem Talent das Gleichgewicht
gehalten, so wre er ein groer Dichter geworden; bei seinem Mangel an
Wahrheitsdurst, an Ernst, Tiefe und Wrde fehlte ihm natrlich der Glaube an
sich selbst. Man mu sich berufen fhlen um berufen zu werden. Wen dies Gefhl
nicht umpanzert, der hlt die Hammerschlge nicht aus, welche das Schicksal auf
das Genie fhrt um das Gtterbild aus dem Marmorblock zu schlen. Otbert konnte
sich jenen Glauben vorspiegeln, allein er vermogte nicht ihn festzuhalten:
deshalb war er eitel, nach Beifall lechzend; und mit einer Offenheit die etwas
Kindliches und Rhrendes haben konnte, gestand er selbst diese Schwche ein.
Schmeichelei that ihm wol. Kleine Seelen schmeicheln gern; sie meinen von dem
Nimbus welchen sie um eine ausgezeichnete Persnlichkeit verbreiten helfen,
falle doch wol ein Stral auf die ihre herab, so litt Otbert nicht Mangel an
Schmeichelei, doch sie befriedigte ihn nicht. Daher waren ihm Emotionen ein
Bedrfni, denn sie betubten ihn wie Opiumrausch gegen eine unabweisliche
innere Leere, die er sich bei all seinem Talent und Verstand nicht ableugnen
konnte.
    Dieser Punkt war derjenige auf welchem wir uns begegneten - nur mit dem
Unterschied da er diese Leere um jeden Preis auszufllen und auszuschmcken
versuchte und da es mir graute und ekelte die Lcke in mir mit Phantomen zu
schlieen, - - die Urbilder hielten mir ja nicht Farbe!
    In Thrnen aufgelst kam eines Tages Arabella zu mir, berhufte mich mit
Vorwrfen und nannte mich eine falsche Freundin, die ihr Otberts Herz entwende.
    Erstens ists fraglich ob Astrau ein Herz hat, entgegnete ich gleichmthig;
doch habe er es und es sei Dir gegnnt! - Du weit, Arabella, ich liebe nicht
die Sorte von Liebe die in der Gesellschaft Mode ist.
    Aber er liebt Dich - kannst Du's leugnen?
    Nennst Du Liebe da er fnf Mal in der Woche bei mir speist?
    Er kommt am Morgen, er kommt am Abend, Ihr seid den halben Tag beisammen
und hufig allein .... und Du solltest ihm gleichgltig sein?
    Gleichgltig bin ich ihm nicht! ich bin fr ihn ein Buch mit sieben Siegeln
das er entrthseln mgte.
    Um diese Mystik schwebt immer Liebe - entweder Liebesahnung oder
Liebesbedrfni .... und das ist sehr lockend. Du bist gefhrlich, Sibylle, und
es ist glcklich fr Dich und Andere da Du Deine Waffen nicht zu brauchen
verstehst. Du knntest Otbert in ewige Fesseln schlagen.
    In ewige? fragte ich zweifelnd.
    Ja ja! in ewige! wiederholte sie eifrig. Grade dadurch da Du so
verhngni- und verheiungsvoll aussiehst und Dich nicht zur Gewhrung
herablassen kannst.
    Sie sprach noch lange .... ich hrte nichts mehr. Das Wort ewige Fesseln,
hatte Wurzel in mir gefat. Es warf einen Zauber ber die Zukunft. Wie ein
Glanzmeer breitete sie sich vor mir aus und ich starrte geblendet in sie hinein.
Als ich Otbert wiedersah kam er mir verndert vor. Nicht er war es, sondern ich.
Mein Auge war bestochen durch die Vorstellung dieser rastlosen umherschweifenden
Seele ewige Fesseln anlegen zu knnen. Er bemerkte natrlich meine Vernderung
auf der Stelle. Es war auf einem groen Rout. Die Menschenmasse stand wie eine
Mauer. Ich lehnte am Kamin um wenigstens den Rcken frei zu haben; Paul sprach
angelegentlich mit der streichischen Botschafterin die ihn sehr auszeichnete.
Otbert fand Mittel vom andern Ende des Saales zu mir zu dringen.
    Mirakel! sagte ich als er neben mir stand.
    Kein Mirakel .... schwarze Kunst hat mir geholfen, sagte er mit leichter
Handbewegung gegen mich.
    Ich trug ein Kleid von schwarzen Spitzen ber rosenfarbenem Tafft und einen
Kranz von schwarzen Sammetrosen mit Laubwerk von rosenfarbenem Atlas um die
Stirn geschlungen. Das Haar fiel in schweren Locken zu beiden Seiten lang herab.
Lawrence malte mich in diesem etwas phantastischen Anzug, der ebensoviel Furore
machte als das Gemlde selbst.
    Die Wunder des lieben Gottes heien Mirakel und die der Menschen schwarze
Kunst. Ihn betet man dafr an und unsereins wagt den Scheiterhaufen. Ist das
gerecht?
    Indessen ist doch zu bemerken, erwiderte Astrau trocken, da diese
Scheiterhaufen nicht fr den errichtet werden der schwarze Kunst treibt, sondern
von ihm.
    Nun dann gerathen Beide in die Flammen und haben ihren Lohn dahin: der
Schwarzknstler fr seine Vermessenheit und der Wunderschtige fr seine
Neugier, antwortete ich munter und in heiterm Ton scherzten wir fort. Da
streifte Arabella an uns vorber. Ihr vorwurfsvoller Blick machte mich traurig
und ich wurde einsylbig.
    Wie Sie ungleicher Laune sind! rief Otbert unmuthig; ein Nichts stimmt Sie
um! mitten im Scherz verfallen Sie in Grbeleien, und pltzlich fahren Sie aus
denselben mit einem Scherz empor. Es ist gar nicht mit Ihnen zu leben, und doch
hat man unwiderstehliche Lust dazu. Ihr Gemal mu bermenschliche Geduld
besitzen.
    Das ist wahr! bekrftigte ich aus voller Seele.
    Ich habe gar keine mit Weiberlaunen.
    Ihre dereinstige Frau wird sie Ihnen schon beibringen! sagte ich
zuversichtlich.
    Ihre Naivett vershnt mich immer wieder mit Ihnen, erwiderte Otbert
lachend. Halten Sie es denn fr mglich, da der Dichter auch Gatte und
Familienvater sein knne?
    Aufrichtig gestanden - nein! - Aber Sie sind kein Dichter - Sie dichten
nur.
    Ich bin nun einmal an die bittersten Wahrheiten aus Ihrem holden Munde
gewhnt, sprach Otbert gutmthig; aber sagen Sie mir doch weshalb behandeln Sie
mich hrter als alle unsre deutschen Recensenten thun?
    Car tel est notre plaisir, lieber Graf, entgegnete ich und besah meinen
Fcher.
    Sie sind eine Erz-Kokette!
    Beruhigt Sie dieser Glaube?
    Ich bedarf keiner Beruhigung, denn Ihre im steten Halbschlaf gesprochenen
Worte knnen mich nicht erzrnen.
    Er war aber doch erzrnt, denn er fand mich nicht so einfltig wie er
vorgab, und es reizte ihn heftig da ich ihm weder Bewunderung noch Theilnahme
aussprechen wollte.
    Und weshalb, fuhr er fast heftig fort, haben Sie mich vorhin ganz
freundlich angesehen, wenn Sie doch nur in Ihrer kleinen falschen Seele darauf
sinnen mich zu krnken?
    Ich brach in helles Gelchter aus.
    Nun mu ich mir auch noch gefallen lassen von einem Kinde ausgelacht zu
werden! sagte Otbert selbst lachend und mit einer Harmlosigkeit die ihm sehr
gut stand.
    Es war etwas das uns zu einanderzog, und sich in Scherz und Neckerei als in
das unverfnglichste Gewand kleidete. Gegen das Ende der Season fragte er mich:
    Wrden Sie es ungern sehen, wenn ich Ihr Reisegefhrte bis Barcelona wrde?
Ihr Gemal und ich haben heute beim Spazierritt diesen Plan ausgesponnen. Sie
haben eine unbenutzte Cabine in Ihrer Yacht - was meinen Sie dazu?
    Da es ein hbscher Plan ist! nun werden wir uns genau kennen lernen.
    Immer wissen, immer auf den Grund gehen - wie unntz das ist! ich freue
mich auf die schne Meerfahrt, und die angenehme Gesellschaft - Sie hoffen durch
irgend ein Guckfensterchen irgend einen Abgrund in meiner Seele zu ersphen.
Kann Ihnen das wirklich Freude machen?
    Die allergrte! rief ich. Wissen wie es in den Menschenseelen - besonders
in den reichbegabten - hergeht, welche Keime Blten treiben, welche Gebilde Form
finden, wie die Intelligenz arbeitet, wie Leidenschaft und Wille ihre Kmpfe
haben, wie heimliche Vulkane und Erdbeben sich austoben, was sie zerstren,
befruchten, erzeugen - o Gott ja! das in Bildern vorberziehen zu sehen ist mir
eine Wonne.
    Gndige Frau, diese zersetzende Beobachtung macht nicht glcklich. Lassen
Sie doch Ihrer Jugend das Vorrecht derselben: heitern Genu der Erscheinung wie
sie sich darbietet - ohne Kritik.
    Ich habe nun einmal nicht die Gabe der Besinnungslosigkeit! unterbrach ich
ihn.
    Leider! fuhr er fort; contemplativ und reflectirend wie Sie durch Natur,
Erziehung und Gewohnheit geworden sind, gnnen Sie dem Zweifel zu viel
Spielraum, und der macht so mde.
    Mit allen meinen Gefhlen habe ich Schiffbruch gelitten! rief ich bitter,
wie sollte ich nicht an Ihnen zweifeln!
    Die Macht des Gefhls haben Sie bis jezt noch nicht gekannt, gndige Frau;
vielleicht nur dessen Ueberflle, wilde Ranken, doppelte Blten; - das Alles mu
geknickt werden damit jene Platz finde.
    Diese Worte ermuthigten mich unsglich. Ich wurde heitrer als ich je
gewesen. Paul fragte mich seinerseits ob Otberts Begleitung mir nicht lstig
sein wrde. Ich versicherte das Gegentheil und fgte hinzu:
    Es ist mir sehr lieb da ich auf unsrer Yacht gastfreundliche Rcksichten
zu nehmen habe, denn wenn wir Beide allein sind, Paul, so sind doch alle
Rcksichten fr mich.
    Nun, Astrau wird sie nicht mibrauchen, entgegnete Paul, es ist so leicht
und bequem mit ihm zu leben wie mit wenigen Mnnern, und es freut mich recht da
Du Dein Vorurtheil gegen ihn hast fahren lassen.
    Ich habe nie ein Vorurtheil gegen ihn gehabt! versicherte ich; sein
Benehmen im Salon zwischen den Frauen gefiel mir nicht und gefllt mir noch jezt
nicht. In der Intimitt ist er jedoch weit angenehmer - das finde ich seitdem
ich ihn von dieser Seite kennen gelernt; allein Du wirst doch auch eingestehen
mssen, da der Zauber des Genius ihn nicht umgiebt.
    Ich glaube berhaupt nicht, liebe Sibylle, da der Zauber des Genius sich
auf die persnliche Erscheinung eines Knstlers und Dichters erstreckt: aus
seinen Schpfungen spricht er uns an. Groe Knstler sind oft einsylbige,
unbeholfene, in sich versunkene, schweigsame, langweilige Leute - was geht uns
das an? wir haben nur mit ihren Kunstschpfungen zu thun. Ich finde es eine
bertriebene Anfoderung da sie noch ganz besonders liebenswrdig sich geberden
sollen! Die Liebenswrdigkeit erheischt wiederum ihr eigenes und ganz specielles
Genie. Indessen mag es Ausnahmen geben.
    Aber weshalb stellt man den Menschen in die Glorie welche dem Knstler
gebhrt?
    Weil man unersttlich ist und dadurch das klare Urtheil verliert. Einer
meiner Freunde verlor augenblicklich seine Passion fr eine wunderschne
Figurantin der groen Oper, als er das arme Ding einmal mit schwarzwollnen
Strmpfen und derben Lederschuhen durch den Straenschmutz gehen sah. Sein
sthetisches Gefhl emprte sich diese Nymphe, Elfe und Najade in so gemeinem
Aufzug erscheinen zu sehen. Und so geht es uns Allen hufig. Die prosaische
Wirklichkeit wirft einen Schatten auf die poetische Gestalt; wir knnen ihn
nicht leugnen und mgen ihn nicht dulden - das macht uns rgerlich und
ungerecht, und Dir ist es mit Astrau nicht anders ergangen.
    Ich mute das eingestehen. - Wir traten sehr munter unsre Reise an. Jeder
von uns hatte seine kleine Cabine, die ihm zum Schlaf- und Toilettenzimmer
diente. Im Ezimmer waren Waffen an den Wnden aufgehngt; im Salon befand sich
eine kleine Bibliothek und ein Pianino. Keiner von uns litt durch die
Seekrankheit, Keiner frchtete sich vor Strmen, Keiner langweilte sich. Wir
machten Musik, sangen, lasen, Otbert schrieb viel; zuweilen mute der
Schiffskapitn sich zu den beiden Herren gesellen um eine Whistpartie zu machen.
Ich lag meistens bei gutem Wetter in meiner Hngematte auf dem Verdeck. In
trumerischer Seligkeit lag ich da .... und phantasirte wenn das schlanke Schiff
mit ausgespannten Segeln pfeilgeschwind ber die blauen Wellen flog. An die
geflgelten Chimren die ich auf pompejanischen Wandgemlden gesehen, dachte
ich: sie tragen ein Weib auf ihrem Rcken - wohin? Ich schlo die Augen.
Unbestimmter blulicher Glanz flimmerte vor meinen Wimpern; war es der Aether?
waren es die Wellen? ging es in die Hhe oder in die Tiefe, in den Himmel oder
in den Abgrund? .... und war es mir nicht ganz, ganz gleichgltig, wenn mich nur
- meine Chimre trug! - Und an die abendlichen Schlittschuhfahrten meiner
Kindheit dachte ich, wie so anders die waren! harter Himmel, starres Eis,
schneidende Luft - lauter Gegenstze zur sen sdlichen Lauheit und
Beweglichkeit; und doch so viel Aehnlichkeit! dies Fessellose, Fliegende,
Fortreiende! auch damals war ich ja nicht auf der Erde und versetzte mich in
Regionen, welche der menschliche Fu nicht betreten kann. - Ich rauchte in
meiner Hngematte spanische Cigaritos, oder summte spanische Melodien die ich
mit dem Gerassel der Castagnetten und mit dem eintnigen fronfron der Guitarre,
wie die Spanier sie spielen, begleitete. Bei dem Allen aber schlief das Herz und
nur die Phantasie wachte.
    Otbert betrachtete mich kopfschttelnd. Das Gegentheil hatte er gehoft,
gewnscht und geglaubt. Er behauptete ich besitze die Gaben, welche zur hchsten
Vervollkommnung befhigten, allein sie wren so wunderlich gemischt, da immer
die eine der andern im Wege wre - weshalb ich denn auch eines der
unvollkommensten Geschpfe auf der Welt sei.
    Sie werden erst dann zur Besinnung und durch sie zur Energie kommen, sagte
er einst, wenn Ihnen das Herz brechen wird.
    So mge es geschehen! entgegnete ich.
    Frevle nicht, Sibylle! rief Paul und sprach zu Astrau. Mignne ihr doch
nicht ihre zarte Unerfahrenheit! es ist so selten und so schn wenn das Weib sie
hat.
    Ja wol! dann mssen aber auch die Gedanken unerfahren sein - und hier haben
sie schon Kmpfe, Zweifel und Enttuschungen durchgemacht.
    Dies war so richtig da mir Thrnen aus den Augen strzten. Paul beachtete
es nicht.
    Wer im Strudel der Welt den Kopf oben behalten will mu manche Illusionen
aufgeben, entgegnete er, und man wird sich deshalb nicht tiefunglcklich fhlen.
Aber die herzbrechenden Geschicke sollte man nicht herausfodern und nicht
wnschen! bilden sie den Menschen, so zerstren sie ihn auch eben so oft und
eben so leicht.
    Ich umarmte Paul und sagte: Ich danke Dir fr Deine grenzenlose Nachsicht.
    Astrau sagte: Und ich tadle Dich deshalb! Ja ja, holdeste Sibylle, ich
tadle Ihren Gemal. Wozu denn die ewigen Schlummerlieder? ein Wchterruf von der
Zinne wre Ihnen heilsamer.
    Mir schien als habe Astrau Recht. Mir war zu Sinn als msse ich mich in
seine Arme werfen und ihn fragen: Kannst Du mich wecken?
    Unsre Reise ging glcklich von Statten. In den Hafenstdten machten wir nach
Gutdnken lngeren Aufenthalt, und zuweilen Excursionen tiefer ins Land hinein.
Bordeaux war unsre erste Station; dann Lissabon. Andalusien fesselte uns mehr
als alles Uebrige. Land, Volk, Leben, Kunst - trugen damals noch ein Geprge von
Originalitt, welches bereits im brigen Europa verwischt war, und es
gegenwrtig auch dort sein mag. Astrau war ganz hingerissen.
    Andalusien ist ein Land fr den Dichter! rief er oftmals; da ist
Leidenschaft - folglich Wahrheit und Natur, und das sind die Urelemente der
Schpfung, denen er sich nhern soll.
    Er und Paul lernten in der grten Geschwindigkeit genug spanisch um den
Frauen sagen zu knnen - was sie gern hren, und zum ersten Mal in meinem Leben
fand ich mich - vernachlssigt! so weit es mit allem Anstand und aller Rcksicht
mglich war - vernachlssigt! Das krnkte mich ber alle Maen, ich kann nicht
entscheiden ob mehr von Paul oder mehr von Astrau. Letzteren sah ich in Cadiz
fast gar nicht. Wir wohnten und schliefen an Bord, und fuhren Morgens zur Stadt
und Abends zur Yacht zurck. Astrau aber nahm eine Wohnung in der Stadt; Paul
war fast immer bei und mit ihm. Da es in Cadiz nicht viel Sehenswrdigkeiten
giebt, mogte ich nach einigen Tagen nicht mehr hereinfahren, und da wir vierzehn
Tage dort blieben war ich fast bestndig allein.
    Mich ergriff zuweilen eine ganz kindische Ungeduld. Unbeschftigt wie ich
war, arbeitete ich mich innerlich desto mehr ab; ich wollte durchaus etwas
ersinnen um mein Leben voll, glnzend und reich zu machen! aber das hat noch
Niemand ersonnen, denn nur Genie und Schicksal geben Flle und Glanz. Ich blieb
in meiner Oede - und darber ergriff mich zuweilen ungeduldiger Schmerz.
    So lag ich eines Abends in meiner Hngematte auf dem Verdeck. Es war kaum
neun Uhr; daher sah ich mit Erstaunen da ein Boot die Richtung vom Lande nach
der Yacht nahm, denn Paul kam nie vor Mitternacht. Das Meer phosphorescirte
prchtig! bei jedem Ruderschlag flogen Myriaden von leuchtenden Funken um das
Boot. Es giebt nichts Schneres als diesen mystischen Glanz ber der schwarzen
Tiefe. Astrau sprang aus dem Boot und an Bord.
    Ich habe Sie in drei Tagen nicht gesehen, sagte er. Paul versichert Sie
wren lieber an Bord als in der Stadt; aber ich glaube das nicht! er versteht
nur nicht Sie aus Ihrer Hngematte herauszulocken. Stehen Sie auf, kommen Sie!
es ist wunderschn auf dem Platz S. Antonio. Es taugt nichts da Sie sich gar
keine Bewegung machen.
    Sie sind recht gut .... aber ich mag nicht.
    Sie mssen ja umkommen vor Langerweile.
    Ich bin kein Mann - also mu ich schon auf eine gute Dosis Langerweile
gefat sein.
    Thrichtes Kind! rief er und hob mich mit einer raschen Bewegung aus der
Hngematte. Und nun kommen Sie mit mir.
    Aber ich machte mich los, setzte mich auf den breiten Divan der auf dem
Verdeck stand und wollte nicht fort.
    So bleibe auch ich! rief Astrau und setzte sich zu mir.
    O das ist mir sehr lieb! sagte ich froh.
    Groer Gott, Sibylle! wenn Sie mich freundlich und freudig ansehen, so
berrieselt mich ein Freudenschauer. Es ist lieblich berraschend als ob Sterne
vom Himmel fielen!
    Ah bah! erzhlen Sie mir etwas Andres! was haben Sie den ganzen Tag
gemacht?
    Wir haben einen wunderschnen Fcher fr Sie gekauft.
    Und um den auszuwhlen haben Sie den ganzen Tag gebraucht?
    Ich nicht .... aber Paul! ein Fcher war immer schner als der andere, und
am allerschnsten - - war die Verkuferin.
    Sehen Sie wol, sagte ich gelassen, so unterhlt man sich vortreflich.
    Ungeheuer! herz- und seelenloses Ungeheuer, brach Otbert aus. Ich wei
nichts von Fchern und von Paul! aber ich wei da Sie nicht einmal der
Eifersucht fhig sind.
    Und welchen Schlu ziehen Sie daraus?
    Da Sie keiner Liebe fhig, folglich gar kein Weib, sondern die Incarnation
irgend eines Elementargeistes, einer Nixe oder einer Elfe sind! - - Knnen Sie
denn wirklich nicht lieben? - ist in der kindischen Unwissenheit mit der Sie
Ihrem Gemal die Hand reichten wirklich die Liebeskraft erstorben, welche so
himmlische Blten treibt? - hat die fremde Hand vor der Zeit die arme grne
Knospe geknickt, da sie nun auf ewig welk dahin siecht? - sind beim ersten
Flugversuch die jungen Schwingen gebrochen und nun auf ewig gelhmt? - O armes
beklagenswerthes Kind! - - -
    Er sprach so weich, und seine groen dunkeln Augen glnzten so ungewhnlich
sanft, und seine Worte klangen wie ein Bannspruch der das Leid verscheucht! Mir
war als lse sich eine Eisrinde von meinem Busen. Ich wei nicht was fr ein
frisches Leben sich pltzlich wie Springfluten in mir regte. Ich htte jauchzen
knnen ber das entschwindende Weh und die geahnte Lust. Otbert umschlang mich
leise. Ich sa regungslos da, umsponnen vom Zaubernetz, das sich fest und fester
um mich webte. Otberts heie Lippen berhrten meine fiebernd heie Wange wie ein
sengender Funke, der aber keine Flammen, sondern Licht entzndete. Pauls Gestalt
und Arabellas Wort von der ewigen Fessel blitzten mir durch die Seele. Ich
sprang auf, streifte Otberts Arm herab, und floh scheu und hastig wie eine
Schwalbe ber das Verdeck, die Treppe hinab in den Salon; - und um mir jede
Mglichkeit der Rckkehr abzuschneiden, rief ich meine Kammerfrau, klagte ber
pltzliches krampfhaftes Uebelbefinden, ging in meine Cabine und lie mich
entkleiden. Im Bette liegend hrte ich ber eine Stunde Otbert auf dem Verdeck
hin und her gehen. Endlich bestieg er wieder das Boot das ihn zur Stadt
zurckbrachte. Da sprang ich auf, nahm einen Mantel um, schlpfte leise herauf,
kauerte mich auf dem Divan zusammen und blickte mit einem unentwirrbaren Gemisch
von Sehnsucht und Befriedigung ihm nach. Aber die Sehnsucht oder vielmehr der
Reiz des Verbotenen behielt die Oberhand, und mit glhenden Thrnen fragte ich
halblaut: Wohin geht er jezt? - Wo wird er jezt sein? - Und Er - war nicht Paul,
sondern Otbert.
    Endlich schlief ich erschpft auf dem Divan ein, und so schwer, da ich erst
erwachte als Paul heimkehrend vor mir stand. Es war tiefe Nacht. Bewildert und
schauernd fuhr ich zusammen als er meine eiskalte Hand nahm.
    Schlafe nicht im Freien, es ist schdlich, sagte er. Dein Haar, Dein Pelz
sind ganz feucht.
    Es war so beklommen in meiner Cabine, stammelte ich und setzte hinzu um
jeder Errterung vorzubeugen: Und .... ich wartete.
    Das war meine erste Lge. - -
    Am andern Morgen gab mir Paul wirklich einen ganz wunderschnen Fcher. Also
doch! dachte ich. - Ich fuhr mit Paul zur Stadt. Wir sahen Astrau nicht, und es
war mir ganz lieb. Aber drei Tage vergingen und ich begegnete ihm nicht in der
Stadt und er kam nicht an Bord - das versetzte mich in fieberhafte Spannung.
Endlich kam er mit Paul; die Abreise nach Sevilla war beschlossen und auf den
andern Tag festgesetzt. Ich jubelte und lie meine geliebten Castagnetten
freudig rasseln. Die Freude galt Otbert, aber ich lie sie auf Sevilla deuten.
Kein Wort, keine Andeutung streifte an unsre Abendscene. Ich war selig da
Otbert berhaupt wieder in meinen Gesichtskreis gekommen war.
    Wir machten die Reise zu Pferde und sehr angenehm. Auch unser Aufenthalt in
Sevilla und spter in Granada war es bis zur Bezauberung. Paul hatte ein wenig
den Kopf und die Haltung verloren. Die frische Grazie, die aufrichtige
Koketterie, die feurige Schnheit der spanischen Weiber war ihm so neu, fremd
und berwltigend, da ihm der Strudel ber das Herz fortging. Er berlie mich
mir selbst und Otbert. Dieser nahm sich wol in Acht mich wieder in meine
angstvolle Scheu zurckzujagen. Mit tiefem Vertrauen sollte ich mich an seine
Seele schmiegen und ein Herz zu ihm fassen. Er sprach das unbefangen aus.
    Es giebt Frauen, die den Mann hassen, welcher sie bethrt hat und es ihm
nie vergeben, weil sie es sich selbst nie vergeben fr ihn schwach gewesen zu
sein. Das ist fr beide Theile Schmach und Elend - und das fliehe ich. Liebe mu
glcklich machen, zuversichtlich und stolz.
    Ach! entgegnete ich, den Stolz begreife ich nicht in der Liebe. Doch
Zuversicht und Glck gehen fr mich stets Hand in Hand! ich ahne ihre
Mglichkeit .... aber nicht fr mich.
    Wer sie ahnt - ahnt sie auch fr sich, denn Ahnungen beziehen sich auf
geheimnivolle Mglichkeiten im innersten Wesen, welche eine second sight
nebelhaft andeutet. Aber Sie wollen immer eine gleichsam verbriefte Gewiheit.
Nicht im Sturm - sondern langsam nur sind Sie zu gewinnen, Sibylle. Aber ich
werde Sie gewinnen, Ihr tiefstes heiligstes Vertrauen rechtfertigen; und wenn
Sie glcklich sind .... werde ich selig sein.
    Er beherrschte sich in der That auf eine so auerordentliche Weise, da ich
begann von einer platonischen Liebe zu trumen und mit sehr ruhigem Gewissen
tausend Untreuen des Herzens und der Gedanken beging. Ich lie Paul seine
Freiheit ungestrt genieen; er benutzte sie auf seine Weise; weshalb sollte ich
es nicht in der meinen thun? Es war pltzlich ein Reiz, eine Lockung in mein
Leben getreten. Ich behandelte sie mit geheimnivoller Scheu, das war mir ganz
fremd, denn es berhrte Regionen des innern Wesens, die ich bis dahin noch nicht
gekannt. Das Erlaubte, das Gestattete hatte mich beschftigt, und ich erschpfte
und verschwendete dabei mich in den Gegenstand bis ich bemerkte, da ich ihm
mde und mit leerer Hand gegenber stand. Den sinnlichen und geistigen Freuden
des Lebens hatte ich mich zu rcksichtslos entgegen gedrngt um sie nicht
schleierlos - und folglich drftig zu finden. Sie lagen wie zerpflckte Blumen,
wie geknickte Schmetterlinge zu meinen Fen; ich sah sie mit einem Gemisch von
Niedergeschlagenheit und Gleichgltigkeit an und sprach zu mir selbst: Es mu
doch noch ganz andere Schnheiten und Seligkeiten unter der Sonne geben! - Ich
erwartete innerlich unendlich viel; ich war so recht darauf vorbereitet mich dem
Unbestimmten hinzugeben und in seiner schwlen Atmosphre die Leidenschaft gro
zu ziehen. Dies Unbestimmte nahm die Gestalt der Neigung fr Otbert an. Ich
vermied es mir Rechenschaft zu geben wohin sie mich fhren knne. Hchst
sophistisch gab ich mir selbst folgenden Vorwand: Die Ergrndung hat bisher
immer Nchternheit in mir zur Folge gehabt, und sie macht muthlos weil sie das
Leben entzaubert; aber ohne frischen Muth, ohne animo fhrt man eine unntze
Existenz! ich will suchen mir fortan jene zu bewahren.
    Ich gab mich der Gegenwart hin, und die war so poetisch, feenhaft,
anmuthig-schwelgerisch und seelenberauschend, da ich nicht htte das
feinorganisirte, reichbegabte Geschpf sein mssen das ich war, um unter ihrem
Einflu kalt zu bleiben. Ich hatte damals in Sorrent mit Paul ebenso
phantastische Tage verbracht; aber das flammende sprudelnde Sinnenleben der eben
entfalteten Jugend hatte den ersten Platz in ihnen behauptet, und ihnen trotz
aller Phantasterei einen Stempel von Wahrheit aufgedrckt. Jezt - trat es
zurck, oder es trat wenigstens nicht ehrlich hervor. Es war nicht die schlichte
heie Sonnenglut die dem Sommer angehrt; sondern ein fremdartiges Feuer halb
therisch halb vulkanisch, das unwiderstehlich schlummernde Krfte weckte und
trieb.
    Otbert war unaussprechlich liebenswrdig. Die seltsame Mischung seines
Characters, welche vielleicht zu seiner Dichterorganisation nothwendig war,
verschmolz in ihm eiskalte und haarscharfe Beobachtung mit flammender Feinheit
und fliegender Glut der Empfindung; zugleich Zersetzung und Wahrnehmung des
Gefhls. Daher erschien er stets bewegt vom Bannspruch den ich ihm zuwarf und
stets beherrscht von seiner Willenskraft, und ich mute ihn zugleich lieben und
verehren. Schne Lieder dichtete er die nie gedruckt worden sind.
    Es sind die St. Elmsfeuer, sagte er, welche beim Gewitter auf den Spitzen
der Mastbume schweben. Nach dem Sturm tritt das gemeine Tageslicht wieder an
die Stelle dieser elektrischen Flammen. Ich weihe sie der Macht die sie
hervorgerufen hat.
    Dann setzte er sich zu meinen Fen nieder und las sie mir vor, oder sprach
sie mit Begleitung der Guitarre, was ihre leidenschaftliche Wirkung ungemein
erhhte.
    Werde ich aber nie den Sngerdank bekommen? rief er einmal und warf
unmuthig die Guitarre fort. Die alten Troubadours, Sibylle, lebten und starben
fr einen Ku den die Geliebte ihnen freiwillig gab.
    Da hatten die Troubadours sehr Unrecht, erwiderte ich scherzend, denn so
einen freiwilligen Ku giebt nur der Dank .... nicht die Liebe.
    Und was giebt die Liebe?
    Das Herz!
    Falsch! - Sie giebt immer das was grade ersehnt wird! - Sie verstehen
nichts von der Liebe, Sibylle.
    Er sprang auf und verlie mich dann immer pltzlich, so da ich meinem
trumerischen Nachsinnen berlassen zurckblieb. Das war in Granada. Ich hatte
durchaus in der Alhambra wohnen wollen. Es wurde bewerkstelligt, aber nur fr
mich, meine Kammerfrau und einen Diener. In der Wohnung des Pfrtners wurden
einige unbenutzte Zimmer fr mich nothdrftig eingerichtet. Die Fenster gingen
in den Patio de los arraynes, und ich geno die Wonne zu jeder Stunde des Tages
und der Nacht in den Slen, Hallen und Grten der maurischen Knige ungestrten
Zutritt zu haben. Mein Diener besorgte meine hchst einfache Kche; ich a Reis
und trank Chocolade. Paul und Otbert wohnten unten in der Stadt. Ich lebte wie
es mir eben einfiel! ich lie mir Tnzerinnen kommen und lernte geschickt ihre
ppigen, grazisen Tnze. Ich lie Zigeuner holen, die mir wahrsagen und wilde
Lieder singen muten. Einmal gab ich fr Paul und Otbert ein Fest in der Sala de
los Embajadores, ganz voll Tnze, Gesnge, bunter Lampen und Blumen. Sie muten
Beide in der Majo-Tracht kommen. Otbert trug sie charmant! Man mu ein bischen
Schauspieler und ein bischen Fanfaron sein um ihre Vortheile gehrig geltend zu
machen. Er verstand das! aber mit so ernster Grazie, da er wieder einmal alle
Frauen bezauberte. Ich sagte ihm:
    Wre ich eine Knigin, so drfte kein Mann anders als in Majo-Tracht an
meinem Hof erscheinen.
    Da Ihr Hof unfehlbar nur ein Snger- und Liebeshof sein wrde, so wre die
neue Hoftracht an ihrem Platz. Aber stellen Sie sich einmal unsre Minister,
Generle, Diplomaten und Kammerherrn als Majos vor! das wre ja ein ewiges
Pasquil auf alle Grazie.
    In Sevilla hatte sich mein kleines Talent fr Aquarel-Zeichnungen sehr
angeregt gefhlt und ich hatte Skizzen der Gebude und der Gemlde von Murillo
gemacht, die jezt vor mir liegen und die mir trotz ihrer Unvollkommenheit
verrathen, da ich mit Flei, Ausdauer und Stetigkeit einen gewissen Grad der
Vollkommenheit htte erringen knnen; - die Ausfhrung ist berall hchst
mangelhaft, aber in Auffassung und Wurf des Gegenstandes ist etwas Geniales. In
Granada arbeitete ich mit Eifer; Zigeuner und Tnzerinnen muten mir sitzen.
Paul in seiner Majo-Tracht gelang mir auerordentlich. Ich hob sein naturtreues
Bild in den Geist hinein - wie die Kunst das immer soll - und machte ein hchst
characteristisches Portrt von ihm. Astrau hingegen gelang mir gar nicht. Stand
er vor mir und fixirte ich ihn, so flimmerte stets etwas wie ein rosenfarbener
Schleier zwischen uns. Wollte ich ihn aus dem Gedchtni zeichnen, so
verschwebte er mir ganz und gar in Duft und Glanz. Ich konnte ihn nicht treffen.
    Was ist denn das? rief er unmuthig; ein halbes Dutzend der gleichgltigsten
Leute malen Sie sprechend hnlich ... und nicht mich! - weshalb nicht mich, ich
bitte!
    Ich kann Sie nicht erfassen, entgegnete ich traurig; kann Ihr Bild nicht
genug in meinem Innern concentriren um es aus mir selbst wieder heraus zu
erschaffen.
    Das ist ja eben krnkend fr mich.
    Nein nein, Astrau, krnkend nicht ..... denn so ist es: treten Andre vor
den Spiegel meines Auges und meiner Seele, so fngt er gelassen ihr Bild auf und
gelassen zeichnet die Hand es ab. Doch Sie .... Astrau! Sie werfen mir einen
Regenbogen, einen Sonnenhimmel, ein tausendfarbiges Prisma ber den Spiegel ....
ich bin geblendet! - Kann ich dafr?
    Ihr Auge spinnt eine Welt aus Ihrem eigenen innerlichsten Selbst heraus -
und in dieser Welt wohne ich nicht, Sibylle! so wird es sein! sprach er
schwermthig.
    Wenn nicht Sie - wer denn, Otbert?
    O! rief er heftig, Du liebst mich nicht .... aber wirst Du mich denn
niemals lieben? Gieb mir Hofnung, Sibylle! sprich Ja!
    Er umschlang mich strmisch mit dem rechten Arm, hob mit der linken Hand
mein Gesicht zu sich empor und sah mich so dringend, forschend, glhend an, da
ich mich magnetisirt fhlte und ganz trumerisch sagte:
    Ja Otbert .... das wei ich nicht.
    Ein Blitz des Zornes glitt ber seine Zge, er schleuderte mich aus seinem
Arm und eilte fort. Dies geschah in dem sogenannten Grtchen der Lindaraja. Ich
war entsetzt, Herz und Nerven thaten mir weh. Immer wenn ich traurig war zog es
mich zur Erde herab, wenn froh - in die Lfte empor. Ich setzte mich auf die
Erde und weinte bitterlich. Otbert hatte ein Paar Gnge durch den Lwenhof
gemacht und kam beruhigt wieder. Er hob mich liebreich auf und sagte in dem
scherzhaft hofmeisternden Ton den er oft gebrauchte um mir Wahrheiten zu sagen:
    Excentrisches Kind das Sie sind, Sie mssen mich nicht so frchterlich
qulen wenn Sie mich nicht lieben. Es ist freilich Frauenart mit dem Blick zu
verheien, mit dem Wort zu verneinen - allein man entdeckt doch bald welches von
beiden die eigentliche Meinung ist. Bei Ihnen ist das unmglich! Sie sind nicht
falsch, aber Sie sind auch nicht aufrichtig. Sie nhren absichtlich Widersprche
in sich und verstehen keinen derselben durch einen Entschlu zu brechen. Es
whlt ein Kampf in Ihnen und Sie bringen es zu keinem Siege, denn - Sie lieben
nicht. Sibylle, wach auf.
    Mit diesen Worten fhrte er mich nach meiner Wohnung zurck und ich war
unfhig ihm etwas zu erwidern - dermaen hatte er durch seine richtige
Erkenntni meines Innern Alles in mir aufgewhlt. Arabellas ewige Fessel war
fr mich das bethrende Wort gewesen unter dessen Einflu ich mich bewegte.
    Als wir bald darauf nach Malaga zurck gingen wo unsre Yacht im Hafen lag,
fand Astrau Briefe vor, die ihn in mglichster Eil zu seiner Mutter beschieden.
Er hatte mit ihr in Nizza zusammentreffen und den Winter verleben wollen; nun
aber hielt ihre schlechte Gesundheit sie in Genf fest. Sie hatte den Muth
verloren ber die Alpen zu gehen, whrend die Aerzte nur in dieser Reise ihre
Rettung sahen; Otbert sollte diesen Zwiespalt vermitteln. Ohne Zaudern entschlo
er sich zur pltzlichen Abreise, da ein Schiff segelfertig fr Marseille im
Hafen lag. Ich war ganz betubt! Um fnf Uhr Abends waren wir in Malaga
angelangt, um fnf Uhr Morgens sollte er fort! Die Ausfertigung seiner Psse,
die Umschiffung seiner Sachen beschftigten ihn ausschlielich; Paul war ihm
dabei behlflich und ich - allein. Meinetwegen! sprach ich mit stumpfer
Gleichgltigkeit, und ging zu Bett.
    Sibylle, wachst Du? ... Astrau will Dir Lebewol sagen - darf er? - fragte
Paul gegen Morgen und fnete die Thr meiner Cabine nachdem er mich durch leises
Anklopfen geweckt hatte.
    Otbert trat hastig ein, nahm meine Hnde, prete sie an seinen Mund, legte
die Rechte auf meine Stirn und sprach bewegt:
    Leben Sie recht wol .... und auf Wiedersehen, denn wir sehen uns wieder! -
Vergebung, da ich Sie im Schlaf gestrt! ... schlafen Sie fort und trumen Sie
s.
    Fort war er! - Eine stille Betubung legte sich ber meine Seele, und
verlie mich auf der ganzen Reise nicht mehr. Mir war als sei ein Vorhang
zwischen mir und der Auenwelt herabgelassen. Mechanisch sah ich Valencia und
Barcelona; mechanisch zeichnete ich hier einen Baum, da ein Gebude, dort einen
Menschen; mechanisch blieb der Krper bei seinen Verrichtungen und Gewohnheiten.
Ich kann nicht sagen ob unsre Heimreise nach England traurig oder langweilig
war. Meine Gedanken hatten ihre unablssige Beschftigung: sie waren bei Otbert.
Paul benahm sich sehr gut, sanft ernst und ruhig. Er mogte sich wol einen leisen
Vorwurf ber die Unbesonnenheit machen Astraus Reisegesellschaft angenommen zu
haben.
    Die Holsteinschen Angelegenheiten wirkten bei unsrer Heimkehr wie ein
Sturzbad auf mich: ich kam zur Besinnung und Paul trat wieder in den Vorgrund
meines Lebens, ohne da ich jedoch in mir Otbert berwunden htte. Ich
verschleierte ihn gleichsam nur. Paul zeigte sich bei diesem Ereigni, welches
zerstrend in seinen ganzen Lebensplan eingriff, so nachsichtig und gromthig -
er wute mir das drckende Bewutsein da mein Leichtsinn es herbeigefhrt so zu
erleichtern - er fand sich so muthig und gefat in Engelau und in den gebotenen
Verhltnissen zurecht - er ordnete die Verwirrungen so umsichtig in allen
Richtungen, da ich begann eine wahre Achtung vor ihm zu haben. Die leichte
Klte welche sich in der letzten Zeit zwischen uns gelegt, schmolz wie ein
Nachtreif vor der natrlichen Innigkeit, die aus einem abgeschlossenen Leben mit
gemeinschaftlichen Interessen erfllt, in gutgearteten Menschen von selbst
entspringt. Ordnete Paul die Geschfte im Groen, so wollte ich es im Kleinen
thun. Ich beaufsichtigte das Hauswesen, schaffte kleine Mibruche ab, sorgte
fr hinreichende Beschftigung der Dienstboten, nahm mich der Kranken und Armen
auf meinen Besitzungen mit Rath und That an - kurz ich entwickelte einige
Anlagen eine vernnftige Person werden und zu innerer Ruhe und Befriedigung
gelangen zu knnen. Ununterbrochene Gewohnheit sanfter Pflichterfllung, durch
Theilnahme belebt, durch Wolwollen verschnt: das ist die lautre Quelle des
wahren, d.h. des dauernden Glckes. Die leidenschaftlichen Seelen, die Kinder
des Sturmes nennen es Apathie und fliehen es so lange bis sie sterbensmde am
vorzeitigen Ende ihrer Laufbahn zusammenfallen, auf dieselbe zurckschauen, und
auf dem einen Punkt wie gebannt den Blick ruhen lassen. Und warum auf dem einen?
- Weil er in dem langen Wirrsal voll kurzer Entzckungen, voll langer Schmerzen,
voll ewiger Unruh, voll dauernder Reue - in diesem nachtschwarzen Gewebe,
welches einzelne Faden von Gold und Purpur regellos durchschieen - weil jener
Punkt unwandelbar licht ist. Nicht flammend, nicht glhend, nicht stralend,
nicht rosig, nicht prismatisch! nur hell! hell wie der Tag, hell wie ein liebes
Lcheln, hell wie ein guter Gedanke, wie ein unschuldvolles Auge, wie eine
wolwollende That ..... hell, wie das chte Glck! - Dann seufzen sie: Ja, da war
es! - aber dann ists zu spt! die verwegene hastige Hand hat voreilig den Baum
des Lebens entlaubt; das Paradies ist verloren. - - -
    Eine lange Hofnung sollte uns endlich erfllt und ich - Mutter werden. Bei
dieser Aussicht regte sich in mir ein wunderliches Gemisch von jauchzender
Seligkeit und von Gewissensbengstigung. Ich warf mir die Schatten der Gedanken
vor, die zwischen mir und Paul gewesen waren, und ich verhehlte mir nicht da
diese Hofnung mir vor einem Jahr wenn keine grere doch eine frischere Freude
gemacht haben wrde. Es rcht sich jede Unlauterkeit die man an seiner Seele
begeht. Rohe Naturen bemerken das nur wenn sie eine uere Wirkung zur Folge
hat; feine nehmen es an der leichtesten Nance von Frische und Zartheit wahr um
welche ihr Empfindungsvermgen rmer geworden ist.
    Paul war rhrend in seiner Freude. Jedes persnliche Interesse trat fr ihn
in den Hintergrund. Er gab seine Laufbahn und das Leben in England ohne Bedenken
auf, obwol er seit zehn Jahren sich gewhnt hatte es als das einzig ihm
zusagende zu betrachten. Er entschlo sich das einsame und ein bischen
langweilige norddeutsche Landleben zu fhren.
    Denn, sagte er lchelnd, hier fehlen uns die Verlockungen zur
Verschwendung, denen wir nun einmal in London nicht widerstehen knnen, und die
nicht unser Vermgen sondern das unsers Kindes zerrtten wrden.
    Es war sehr gromthig da er wir sagte! - - Sein Vater sah ihn ungern
seine Carriere verlassen, und meinte da ich unverstndig genug sei um mich nicht
mit meinem so reichlichen Einkommen in London einrichten zu knnen, so msse
Paul etwa sechs Monate des Jahres als Junggesell allein dort leben und ich mit
dem Kinde in Engelau; die andern sechs Monate drfe er dann bei mir zubringen.
Er untersttzte diesen Vorschlag mit verschiedenen theils scherzhaften theils
cynischen Grnden, welche beweisen sollten da eine solche Trennung fr das gute
Vernehmen in der Ehe hchst vortheilhaft - und fr die Vergrerung der Familie
uerst zweckmig sei - so da zu gleicher Zeit die Ansprche der Liebe und die
Interessen der Carriere bei dieser Einrichtung bercksichtigt wrden. Aber Paul
ging nicht darauf ein. Knnen Mann und Frau sechs Monate ganz heiter und
wolgemuth von einander getrennt leben, so knnen sie es auch sechs Jahr und
sechszig Jahr. - Man mu sich den Glauben zu bewahren suchen, da man zu einem
frohen und zufriedenen Leben einander nothwendig in der Huslichkeit sei.
    Ich glaube Du bist noch verliebt, entgegnete mein Schwiegervater etwas
geringschtzig; das finde ich stark, Paul, und ich kann es nur mit Deiner ersten
Vaterfreude entschuldigen.
    Paul nahm scherzend den Vorwurf hin ohne sich in seinem Entschlu irre
machen zu lassen. Er richtete seine ganze Zukunft fr Engelau ein. Ich sah
freudezitternd der nchsten entgegen. - - -
    Und wieder am Tage Aller Seelen gab es ein Geburtsfest. Ohne vorhergehende
Furcht, ohne lange Qual gebar ich eine Tochter. Wir hatten aber Beide, und ich
besonders, auf einen Sohn gerechnet. Hundertmal hatte ich gesagt zu Pauls
hchstem Ergtzen:
    Nur kein Mdchen! kein Mdchen! zwlf Knaben sind nicht so schwer durch die
Welt zu bringen als ein einziges Mdchen!
    Der Name, die kleinen Anzge, die Pathen - Alles war auf einen Knaben
berechnet. Benvenuto sollte er heien; - und nun war es keiner! Ich empfand im
ersten Augenblick einen dummen unsinnigen Schmerz darber, der erst dann wich
als Paul das Kind auf den Armen hielt und es freudig: Benvenuta! nannte. Ich
nhrte es selbst. Es war eben so frisch und gesund als ich. Ich befand mich
leiblich und geistig in einem Normalzustand, ohne Excentricitt oder
Phantasterei irgend einer Art. Das Kind beschftigte mich zu sehr, zu praktisch
um nicht meine Grbeleien zu ersticken. Ich mute sorgen, pflegen, nachdenken,
berlegen. Das Alles htte ich auch einigermaen als Hausfrau und Gattin thun
knnen; aber Paul hatte mich nicht sowol als Frau, sondern mehr als Kind und
Schmuck des Hauses behandelt und keine Sorge von mir begehrt. Das kleine
hlflose Geschpf war aber auf mich allein angewiesen, und meine Aufmerksamkeit
mute ersetzen, was mir an Erfahrung und Rathgebern fehlte. Dadurch war ich auf
dem Wege mich an eine gewisse innere und uere Disciplin und mein Gefhl an
gesunde Nahrung zu gewhnen. Jene htte meinem Leben Haltung - dieses ihm
Tchtigkeit gegeben; Beides meine Kraft geweckt, meine Schwche berwinden
helfen. Da trat die frchterlichste Katastrophe ein! - - Um Weihnachtseinkufe
zu machen fuhr Paul nach Kiel, erkltete sich bei der Heimkehr und starb binnen
drei Tagen an einer Gehirnentzndung, die ihm Gottlob! von Anbeginn seine
Besinnung raubte. So war ihm wenigstens der Schmerz des Abschieds erspart. Er
ging heim mit heitern Phantasien von Weihnachtsbumen und Engelsgesichten! -
wahrscheinlich schwebte Benvenuta an dem verschleierten Spiegel seiner Seele
vorber. Er ging heim - ein Mann wie ich nie einen ehrenwertheren gekannt habe -
so gut wie es der allgemeinmenschlichen Schwche verstattet ist zu sein - bei
fnfunddreiig Jahren! und ich war Wittwe in einem Alter wo die meisten Frauen
erst ihr Leben zu beginnen pflegen, und ein Kind von wenigen Wochen war meiner
Unerfahrenheit einzig und allein anvertraut. Die arme Kleine mute sogleich den
belsten Einflu empfinden. Ich bekam heftige Nervenzuflle, konnte sie nicht
mehr nhren; sie hingegen sich nicht an ihre Amme gewhnen, so da sie whrend
zwei Jahre einem welken Pflnzchen glich, das in der Erde nicht Wurzel schlagen
kann. Mit ihr und meinen Dienern und Untergebenen blieb ich allein in Engelau,
ohne Familie, Verwandte, Freunde, einzig auf mich beschrnkt - denn auch
Heinrichs alter Hofmeister starb in dieser Zeit, friedlich wie er gelebt hatte
am Nervenschlag, zwischen getrockneten Blumen, gespieten Kfern und gemalten
Schmetterlingen. Er war das letzte uere Kettenglied zwischen mir und der
Vergangenheit. Er hatte meine Kindertage gekannt und meine Todten. Diese
wehmthigen und melancholischen Capitel im Buch des Lebens konnte ich mit ihm
allein durchblttern, - nun fehlte mir auch dieser Trost! ich war auf mich
selbst angewiesen.
    Ich lebte mit einem tiefen eisernen Ernst. Alle Geschfte die Paul gefhrt,
bernahm ich; was er begonnen hatte wollte ich zu Ende bringen: die Ordnung
meines Vermgens herstellen um es meiner Tochter zu berliefern wie ich es von
meiner Mutter empfangen. Ich lebte mit der uersten Einschrnkung, versagte mir
sogar Bcher und manche Gegenstnde des Comforts, brauchte nur meine schlichten
Trauergewnder. Paul hatte den grten Theil unsrer Einknfte dazu bestimmt
unsre Schulden abzutragen, mit dem vierten Theil hatte er leben wollen. Ich
setzte es durch mit dem achten zu leben um desto frher dieser Last entledigt zu
sein. Ich verkaufte uerst vortheilhaft ein kleines Gut, das ein Hamburger
Banquier zu besitzen wnschte, weil es gar freundlich am Plner-See lag. Das
half mir sehr! ein Paar gute Jahre - was der Landmann gut nennt, d.h.
eintrgliche - kamen dazu; die Pachtungen wurden gesteigert, und zwei Jahr nach
Pauls Tode waren meine Verhltnisse vollkommen geordnet, die Schulden bezahlt,
sichere Pchter eingesetzt. Ein umsichtiger und zuverlssiger Verwalter stand an
der Spitze der Geschfte. Brauchbare und tchtige Leute hatte ich mit Glck,
Geschicklichkeit und gutem Gehalt als Schullehrer, Frster, Grtner gewonnen.
Engelau war in vollem Flor, eine der cultivirtesten und gepflegtesten
Besitzungen Holsteins. Der Pfarrhof, die Pchterwohnungen, die Bauernhuser, die
Htten der Tagelhner, die Schulhuser - alle waren tchtig, warm und ihrer
Bestimmung entsprechend gebaut, immer reinlich, zuweilen freundlich umgeben. Der
rothe Backstein als Baumaterial nimmt sich gut und sicher unter den Strohdchern
aus, welche allgemein die Ziegeldcher berwiegen, weil sie leichter und wrmer
sind; und diese in die grne Landschaft zerstreuten rothen Punkte erheitern
deren Monotonie und machen sie lustig wie Blumen eine Wiese. Tglich - das hatte
ich mir zum Gesetz gemacht - auch im tiefen Winter bei Sturm, Regen und Schnee,
ging, ritt oder fuhr ich aus: heute zu einem Holzwrter tief im Walde, morgen zu
einem Armenvorsteher, bermorgen zu einem reichen Bauern oder zu einer
Schulstunde. So hatte Paul es gemacht! er hatte gesagt: Die Leute mssen sich
daran gewhnen da der Herr sie beobachtet und zugleich Theilnahme fr sie hegt;
sonst kommt man nicht zu einem guten Vernehmen und hat kein Vertrauen zu
einander. Das hatte er whrend des Jahres seiner Anwesenheit treu befolgt, und
da ich Aehnliches, nur nicht so systematisch, schon als Kind gethan: so wurde es
mir nicht schwer. Da lernte ich die wirklichen Zustnde des Landvolks kennen,
welche zwar beim Tagelhner bis zur Armseligkeit herabsteigen, aber in Elend nur
in Krankheitsfllen ausarten knnen. Greift in solchen Momenten der Herr mit
wirksamer Hlfe so zweckmig ein, da der kleine Haushalt fortgehen kann, als
ob des Mannes oder Weibes Krankheit keinen Ausfall im Verdienst zur Folge htte:
so tritt keine Zerrttung in den kleinen Verhltnissen ein. Vernachlssigt der
Herr diesen Moment, so ist der Ruin der Familie fast unvermeidlich. Durch diesen
steten Hinblick auf das Geringe mit welchem der Mensch friedlich leben und zu
der Brauchbarkeit tchtig sein knne, welche sein Platz in der Welt von ihm
begehrt - entwhnte ich mich von all den entnervenden Bedrftigkeiten, welche
nichts sind als niedliche Migeburten von dem Unverstand mit der Langenweile
erzeugt. Die kriechende heuchlerische Gesinnung unsrer Tage mgte es verbergen,
da sie sich vor dem Golde im Staube wlzt; sie nennt das Raffinement eines
hirnlosen Luxus Verfeinerung des Geschmacks, Veredlung des Lebens; sie setzt der
Erfahrung da dieses marklos, jener blasirt, und Beide durch berreizende
Gensse verzerrt werden, die Behauptung entgegen: die Civilisation werde ganz
neue und reichhaltige Elemente entwickeln um dem Dasein frische Nahrung
zuzufhren. Aber bis diese Quellen aufgegangen sind, gerathen die Menschen in
die Sclaverei ihrer Bedrfnisse, und das ist die zersetzendste aller
Demoralisationen. Wie der schrfste Frost sogar Steine sprengt, so weicht der
materiellen berhandnehmenden Richtung jedes Bedenken und jede Scheu. Genu!
wird das Losungswort der Gesellschaft, und damit ist der in ihr gefesselte Tiger
losgelassen.
    Mir that mein strenges Leben wol. Ich hatte ein Ziel dem jeder Gedanke und
jede Handlung sich unterordnete und das ich durchaus erreichen wollte: vollenden
was Paul begonnen. Ich erreichte es wirklich. - Aber was nun weiter? - In meiner
ganz praktischen Richtung, immer beschftigt, umsichtig sorgsam, geregelt
thtig, hatte der Gram nicht in mir aufkommen knnen. Auf den ersten wilden
Schmerz folgte gelassene Trauer. Die Vergangenheit lag hinter mir wie ein Garten
durch den ich nur selten Mue hatte zu wandeln. In der Gegenwart stand ich wie
auf einem Felde das ich zu bebauen hatte. Aber recht wie der Landmann der mit
seiner Arbeit immer an die Zukunft und die Hofnung gewiesen ist, so knpfte sich
auch Alles was ich wollte, that und trieb an die Zukunft. Anfangs hatte ich nur
die meiner Tochter im Auge; allmlig mischte sich die meinige hinein. Jezt wei
ich da ich sehr gut meinen Geschften vorstehen und mein Haus fhren kann;
sprach ich zu mir selbst; - und mit dieser Erkenntni wich jeder Reiz aus meinem
Leben. Ich war zu ehrlich gegen mich selbst um eine Rckkehr zur Trauer um Paul
zu erzwingen. Ach, in meiner ersten Jugend hatte ich das ja umsonst bei der
Erinnerung an Heinrich versucht! Ist ein Gefhl wie ein Ast abgestorben, so
grnt es nie wieder; anders - wenn's abgehauen ward. Ich fiel wieder meiner
alten Unruh anheim. Statt mein Leben nach seinem eingefhrten Zuschnitt
fortzusetzen, gab ich es auf. Das Uhrwerk in Gang zu bringen hatte ich als eine
heilige Aufgabe betrachtet. Zusehen wie es sich regelmig abrollt schien mir zu
geringfgig. Ob ich nicht auch in der Fremde verstndig und ohne jugendliche
Verschwendung werde leben knnen? fragte ich mich. Es lockte mich
unwiderstehlich hinaus sobald ich mir gestattet hatte ber meine enge Begrenzung
in die Weite und Ferne zu schauen. Wieder sa ich stundenlang auf dem Hnengrabe
oder auf den Kieselwllen des Strandes, und dachte mir wie das schn und
glcklich sein mte alle Ksten des vor mir ausgebreiteten Meeres zu kennen,
und ob man auf diesen Wanderungen nicht die Inseln der Glckseligkeit entdecken
mte. Und bei Ausmalung dieser Glckseligkeit verfiel ich in Trumereien und
vergeudete meine Seele und ihre Krfte, statt sie mit Gefhlen und Handlungen zu
nhren. Das Herz drrte ich mir frmlich dabei aus, so da ich mich erschpft
und trostlos fhlte, wie Ixion der die Wolke statt der geliebten Gttin in seine
Arme schlo.
    Ich komme um! rief ich ganz laut eines Abends als das Gefhl unbestimmter
erwartungsvoller Sehnsucht bermchtig in mir rege geworden war. Ich traf meine
Anstalten; ich wollte reisen, wollte mich zerstreuen von dem einsamen Einerlei;
wollte verhten da Benvenutas erwachendes Seelchen die Frbung annhme, welche
die meine hier empfangen hatte. Heitre bunte Bilder sollten sie umgeben, ein
milderes Klima ihr Gedeihen frdern. Ueber Wrzburg wollte ich nach der
Lombardei, die ich bei meiner ersten italienischen Reise nur im Durchflug
gesehen hatte.
    Acht Tage spter reiste ich ab. Ich besuchte meinen Schwiegervater der mich
ziemlich trocken empfing und meine Reise noch trockener mibilligte. Ich knne
ja im Sommer in ein Bad gehen, den Winter in Hannover, Frhling und Herbst in
Engelau zubringen: das sei eine vernnftige und passende Lebensweise, wie sie
sich fr eine Frau in meinen Verhltnissen schicke. Er mogte nicht Unrecht
haben, aber ich strubte mich heftigst gegen diese Tretmhle des Hergebrachten,
und erklrte in einer so kleinen Stadt wie Hannover nicht leben zu knnen. Das
nahm er grenzenlos bel, nannte mich mauvaise tte, und mit groer Klte
trennten wir uns. Um desto wrmer und freundlicher empfing mich der Bischof von
Wrzburg. Sobald diese geistlichen Herrn das Bewutsein ihres Berufs und ihrer
Stellung haben, schpfen sie aus demselben so viel Wrde und die Umgebung erhht
diese so sehr, da ihrer Erscheinung eine gewisse Weihe eigenthmlich werden
kann, die ganz unabhngig von groen oder berwiegenden Gaben ist. So war mein
Onkel. Er war kein philosophischer Kopf, kein brillanter Geist, kein
majesttischer Character. Er war ganz Milde und Gte; - nicht Gte der Schwche,
sondern des Wolwollens. Dieselbe Milde lag im Blick seines guten Auges, in jedem
Wort seines Mundes, in jeder Handlung seines Lebens. Seinen Wahlspruch hatte er
von St. Augustin gelernt: In omnibus caritas. Er that mir wol bis ins Herz
hinein. Mein Schwiegervater auch ein Greis, auch mit ehrwrdigem weien Haar,
war so recht ein alter gescheuter Mann, den die Welt charmant und respectabel
findet. Freilich war er Beides! aber mir kam er vor wie jene Leiche des Klosters
auf dem St. Bernhard: ganz menschlich wolerhalten in der eisigen Luft; - whrend
mein Onkel mir den chten Eindruck des guten Hirten machte. Als ich ihm
Benvenuta brachte, segnete er sie und mir war zu Sinn als sei das Kind nun erst
recht der Obhut Gottes anvertraut. Allabendlich wenn sie ihm zur Gute-Nacht die
Hand kte, berhrten seine Finger segnend ihre Stirn, und ich konnte nicht
anders als mir etwas Gutes und Frommes dabei vorstellen.
    Gedenken Sie Benvenutas in Ihrem Gebet! bat ich ihn mit Rhrung. Meinen
Schwiegervater wrde ich nur gebeten haben ihres Vermgens zu gedenken.
Uebrigens wre mein Onkel ein ebenso treuer Haushalter desselben gewesen; aber
eben nur als ein Haushalter, nicht als Eigenthmer betrachtete er jeden
irdischen Besitz - und darum htte er ihn so verwaltet, da er mit seiner
Rechnung vor dem Herrn, dem barmherzigen Gott bestanden wre - indessen jener
den mglichsten Vortheil soweit Pflicht und Ehre es gestatteten, beabsichtigt
htte. Nicht die leiseste Anwandlung von kindlichem Vertrauen fhlte ich bei
meinem Schwiegervater, den ich doch seit meiner Wiege kannte - und ein
unsgliches berflutete mein Herz meinem Onkel gegenber, den ich in meinem
Leben etwa vierzehn Tage gesehen hatte. -
    Ich fhlte zuweilen ein Verlangen in Wrzburg bei meinem Onkel zu bleiben,
zu seiner Kirche berzutreten, Benvenuta in derselben zu erziehen, und wenn sie
erzogen und verheirathet sei in einem ernsten edlen Kloster den Schleier zu
nehmen. Ich sprach sogar mit meinem Onkel ber diese Mglichkeit. Er entgegnete
sanft:
    Liebe Tochter, Deine unruhige Seele wirft sich an Alles was sie noch nicht
kennt, und wendet sich von Allem ab, was sie kennt. Unsre Kirche ist Dir
gleichsam eine neue Bekanntschaft, welche Dich durch innere Gediegenheit und
uere Schnheit anzieht. Aber fr jezt bist Du nicht ruhig genug um den Kelch
des Labsals, welchen sie den wahrhaft Durstenden bietet, mit fester Hand
ergreifen zu knnen. Ein solcher Schritt will mit tiefer Besonnenheit gethan
sein; wo nicht - so ist er kindisch oder sndhaft zu nennen. Unsre Kirche giebt
Frieden Denen die ihn aufrichtig suchen; aber Du, mein Kind .... Du suchst ihn
nicht.
    Theurer Onkel! rief ich heftig bewegt, das erste und das letzte Schmachten
jeder Seele, so gro oder klein, so weise oder thricht sie sei - strebt nach
Frieden, und ich allein sollte dies Bestreben nicht haben?
    Du strebst nicht nach Frieden, erwiderte er mit unerschtterlicher
Sanftmuth - sondern nach Befriedigung.
    So war's. Er las in meinem Herzen. Er fuhr fort:
    Wer den Frieden sucht, wei was er sucht, nmlich das Eine: sich hingeben
der Hand Gottes und ihrer Fhrung, ohne Angst, ohne Hast, mit unerschtterlich
demthiger Seele. Wer Befriedigung sucht, sucht etwas Unbestimmtes, Namenloses -
etwas das hier sein knnte oder auch dort - etwas das in himmlischen Dingen zu
finden sein drfte oder auch in irdischen - etwas das dem Ewigen angehren mgte
und zugleich dem Vergnglichen. Wer Frieden begehrt will zu Gott kommen, wer
Befriedigung - zu sich selbst.
    Mir war als wrde mein Herz aus der Brust geschlt und durchsichtig vor
meine Augen gehalten. Ich sagte:
    Ganz Recht! aber nur der, welcher bei sich selbst und in sich zu Hause ist,
vermag sein Ziel und den Weg zu demselben ins Auge zu fassen, weil er einen
festen Standpunkt hat. Befriedigung mu der Erdboden sein auf dem die Palme des
Friedens gedeiht. Befriedigung sammelt uns in uns selbst und schmilzt unsre sich
verflchtigenden Krfte zum Goldkorn der Einheit zusammen. Glauben Sie nicht da
eine hhere Hand das Geprge gttlichen Friedens auf ein solches Goldkrnchen
drcken knne?
    Liebes Kind, entgegnete liebreich mein Onkel, das heit fragen ob ich an
die Barmherzigkeit Gottes glaube! - Ich sagte Dir nur .... und Deine Worte
besttigen es .... da Du nicht genug innere Sammlung besitzest um vor der Hand
den Uebertritt zu unsrer Kirche machen zu knnen. Dergleichen darf nicht im
Sturm geschehen. Habe Geduld - auch mit Dir selbst.
    Er drckte mir vterlich die Hand und ich kte die seine mit zrtlicher
Ehrfurcht. Dies war nicht das einzige Mal da wir ber diesen Gegenstand
sprachen; aber stets uerte sich mein Onkel in gleicher Weise, und ich kam
endlich nicht mehr darauf zurck. Allein es war mir dabei zu Sinn, als sehe ich
einen Nachen sich entfernen, den ich herbei gewinkt um mich vom sandigen den
Strande an ein jenseitiges blumen- und schattenreiches Gestade zu tragen.
    Bald wurden meine Gedanken auf einem andern Gebiet beschftigt. Ich empfing
folgenden Brief:
    Sibylle! ich habe Ihren Willen geehrt - dann Ihr Glck - dann Ihre Trauer;
vergessen habe ich Sie nie ..... nie Ihr verheiungsvolles, verschleiertes, ich
wei nicht ob ber menschliches, doch gewi nicht menschliches Auge, in dem sich
Ihre ganze Seele spiegelt! Ist diese Seele zum Bewutsein gekommen durch Zeit,
Leid und Erfahrungen, welche alle Menschen reifen und entwickeln? Darf ich Sie
demnach um Antwort auf eine einzige Frage bitten? Glauben Sie mich lieben zu
knnen? - Diese Frage wrde vermessen sein, wenn Sie nicht die heimliche
Ueberzeugung meiner Liebe fr Sie htten - und wrde matt sein, wenn ich den
Talisman bese, der mich befhigte wozu noch kein Mensch befhigt worden ist:
in Ihrer Wolkenseele zu lesen. Antworten Sie mir die volle Wahrheit, ohne
Rckhalt, bestimmt und klar. Oder mte ich noch immer sagen wie damals:
Sibylle, wach auf! - Otbert Astrau.
    Ja, auerordentlich beschftigten mich diese wenigen Zeilen. In Jahren hatte
Astrau mich nicht gesehen und nichts von mir gehrt als was zwei gedruckte
Schreiben ihm sagten; und dennoch dachte er an mich, wute er von meinem
Aufenthalt, hatte er sein Gefhl fr mich bewahrt, hofte er auf Erwiderung. Das
ergriff mich mchtig. Aber konnte man das Liebe nennen? Ich besann mich acht
volle Tage; endlich schrieb ich:
    Sie sagten mir einst ich wisse nichts von der Liebe. Da ich in dieser
Beziehung keine Erfahrungen gemacht habe, und noch auf demselben Punkt stehe wie
damals, so mu ich Ihnen mit voller Wahrheit auf Ihre Frage antworten: Wie soll
ich wissen ob ich Sie werde lieben knnen. Sie haben einst meine Phantasie
beschftigt und meine Gedanken angeregt, vielleicht meiner Eitelkeit wolgethan -
Sie sehen ich bin wahr! -; ich habe auch nie vergessen da Sie mir jenen
Eindruck machten; aber das Alles, scheint mir, ist sehr fern von Liebe. Liebe
mu das Herz, diesen Mittelpunkt unsers Seins, in Flammen setzen, und das ganze
Wesen dermaen durchglhen, da, wenn auch die Flamme erlischt, doch ihr Reflex
als ein unirdisches und daher unvergngliches Licht in uns zurckbleibt. So
denke ich mir die Liebe. Empfunden habe ich etwas Derartiges nie. Meine Gefhle
waren auflodernd und verschwindend wie Blitze; dauernd wie Naphtaflammen die
unter der Erde fortbrennen - wie die Gestirne, die ber der Erde fortleuchten
waren sie nicht. - Ihr Zuruf kann mich nicht wecken denn .... ich wache! fast
mgt ich hinzusetzen: leider! Wer schlft, trumt - und zuweilen s. O nein,
ich wache. Leben Sie wol. Sibylle.
    Ich war, obgleich ich es mir nicht eingestehen wollte, doch heimlich
gespannt auf den Erfolg dieses Briefes. Ich verschob meine Abreise von Wrzburg
von einem Tage zum andern, obzwar ich mir selbst sagte, da Astrau mich
ebensogut in Italien als in Deutschland auffinden knne, wenn ihm etwas daran
gelegen sei. Ich dachte sogar es wrde nicht viel mehr als Hflichkeit sein,
wenn er von Mnchen - wohin er mir seine Adresse geschrieben hatte - nach
Wrzburg kme um mich zu besuchen. Ein frchterlicher Schreck mit einem leichten
Freudenschauer gemischt durchbebte mich, als sich eines Morgens frh um neun Uhr
ein fremder Herr bei mir melden lie. Das wird er sein, mein Gott! giebts denn
wirklich eine ewige Fessel? dachte ich tiefinnerlichst erschttert. Aber Astrau
war es nicht! und meine gemischte Freude ging augenblicklich in eine ganz reine
ber, als Sedlaczech in mein Zimmer trat.
    Meister Fidelis! rief ich jauchzend und flog ihm entgegen.
    Gr Gott! gr Gott, Sibylle! sagte er, fate meine beiden Hnde und sah
mir mit rhrender Innigkeit in die Augen, whrend sich ein feuchter Glanz ber
die seinen legte. Sie wurden mir zum Spiegel meiner Vergangenheit: meine ganze
untergegangene Jugend mit dem Kreise ihrer Freunde und Freuden tauchte daraus
empor. Ich hatte ihn nicht gesehen seit jenem Augenblick wo ich mit Paul vom
Traualtar zum Reisewagen ging. Erschttert durch diese Erinnerungen strzten mir
heie Thrnen aus den Augen und ich rief:
    O Meister! welch ein Leben dessen Epochen durch nichts zu bezeichnen sind -
als durch Leichensteine!
    Er schttelte sanft den Kopf und wies auf Benvenuta, die sorglos mit ihren
Puppen spielte.
    Sie ist eine Blume zwischen den Grbern! erwiderte ich auf diese
Pantomime.
    Es giebt auch Grber ohne Blumen, sprach er, fuhr mit seiner langen,
feinen, magern Hand ber die Stirn und warf den Kopf zurck, als wolle er ihn
von etwas Drckendem befreien.
    Ich folgte seinen Bewegungen mit jener Aufmerksamkeit, die wir so gern
lieben Erinnerungen zuwenden, und rief nur:
    O Gott! grade so pflegten Sie die Ungeduld abzuschtteln, welche Sie
bisweilen whrend des Unterrichts zu bermannen drohte, wenn ich allzu
unaufmerksam war.
    Und das wissen Sie noch Alles? fragte er innig. Sogar meinen Namen wissen
Sie noch?
    Franziscus Fidelis Sedlaczech! rief ich; whrend der Lection: Herr
Sedlaczech, weil das der Schlerin imposanter vorkommen mute; auer derselben:
Meister Fidelis; - - wie Paul zuerst Sie nannte als er Sie einmal die Orgel
spielen hrte in Engelau - Psalme des Marcellus, sie klingen noch in mir! -
    Meister bin ich freilich noch immer nicht, entgegnete er gerhrt; aber
Fidelis - bin ich wol.
    Obzwar ich ihn in all seinen Zgen und Bewegungen, in Haltung und Sprache,
in allem was den Menschen charakterisirt wieder erkannte: so kam er mir dennoch
gnzlichst verndert vor. Theils hatte er sich entwickelt und sich dadurch
individueller gebildet; hauptschlich aber betrachtete ich ihn nicht mehr mit
dem befangenen Auge einer Schlerin. Whrend er sich zu mir setzte, von seinen
Reisen und Studien mir erzhlte, von seinem Vorsatz nach Italien zu gehen und
sich dort niederzulassen, betrachtete ich ihn mit dem gespanntesten Interesse.
Er kam mir vor wie ein sehr merkwrdiger, sehr begabter und sehr interessanter
Mensch. Seine von Natur feinen Zge waren bis zur Schrfe ausgearbeitet - sei es
von innern oder uerlichen Anstrengungen! - und mit so wenig Fleisch und Farbe
bekleidet, da man sein Gesicht ein Marmorantlitz htte nennen drfen, wre mit
dieser Bezeichnung nicht leicht die Vorstellung von stolzer Regelmigkeit oder
von einer an Hrte streifenden Entschiedenheit verknpft - whrend die tiefen
Augenhlen, die ausgearbeitete Stirn, und ein unsglich zarter fast schchterner
Zug um den Mund keine Spur von stolzer Kraft zeigten. Blut war nicht in dem
Gesicht, denn es wurde durch das Herz und das Gehirn verarbeitet. In der Tiefe,
nach Auen abgeschlossen, ging das eigentliche Leben dieses Menschen vor: das
ahnte man wenn man die mchtige Stirn mit dem wehmthigen Munde verglich; sie
verkndeten zwei Gewalten, die sich vielleicht feindlich gegenber gestanden
hatten und die noch immer nach Vershnung rangen: Genie und Gemth. Als
Vermittler lagen zwischen ihnen seine genialischen Augen, couleur d'eau chaude
- was wir farblos nennen wrden - still, gleichsam horchend, unter breiten,
schweren Augenlidern, welche bis fast zur Mitte des Sterns herabgedrckt waren
und eine Art von Vorhang ber dem Blick bildeten, damit derselbe sich nicht zu
sehr an die Auenwelt verlieren mge. Er war klein und nervig, aber so mager da
er unansehnlich und da besonders sein Kopf zu gro fr seine Gestalt erschien.
Oberflchlichen Leuten konnte er unbedeutend vorkommen; aber wer auch nur eine
Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Wesen und Erscheinung hatte, mute durch
ihn frappirt werden. Ich ward es im allerhchsten Grade. Sein Blick fascinirte
mich, obgleich er mich gar nicht ansah; ich strengte mich an um die Gegenstnde
zu gewahren, die er zu schauen schien. Vor lauter Betrachtung kam ich gar nicht
recht zur Aufmerksamkeit auf seine Worte.
    Also eine feste Anstellung haben Sie nicht gefunden? fragte ich ganz
zerstreut in einer Pause.
    Eine solche wie ich sie wnsche und wie ich glaube sie ausfllen zu knnen,
findet sich nicht leicht, weil sie immer von Tchtigen gesucht, und vermuthlich
durch den Tchtigsten besetzt wird. Meister bei einer Kirchenkapelle, wie Mozart
bei St. Stephan zu Wien - das mgt' ich werden! allein ich bin noch Schler und
kein Meister, und mu noch arbeiten und studiren um so weit zu kommen. Andre
Anstellungen, als Kammermusikus etwa, reizen mich nicht. Man liebt heutzutag so
wenig die Kammermusik und so sehr die Oper mit ihrer stupiden Augenlust, da ich
gewrtig sein mte mein Leben in Rossinis und Aubers Opern zu verklimpern. Da
bleibe ich lieber unabhngig, verdiene mein Brod durch Unterricht geben, und
widme mich der Composition.
    Durch Unterricht geben? fragte ich hchst erstaunt, weil ich glaubte ihn
durch sein Jahrgeld von dieser Pein befreit zu haben.
    Ihre Gte kommt mir dennoch zu gut, antwortete er mehr auf meine Gedanken
als auf meine Worte.
    Und gewi auf eine weit edlere Weise! rief ich. O das bezweifle ich nicht!
Da ich jedoch aus frherer Zeit wei welche eine Marter Ihnen die Lectionen
waren .... - -
    Nein, nein! unterbrach er mich; das schien Ihnen nur so, weil sie Ihnen ein
Greuel waren! Ich lebe wie ich nun einmal lebe, aus freier Wahl und aus Liebe:
denn ich erwerbe mir selbstndig mein Brot und gnne meinem Herzen die seste
Befriedigung die es genieen kann.
    Sind Sie verheirathet? fragte ich hastig. Mir schien da man nur einem
Weibe, einem Kinde solche Opfer bringen knne.
    Nicht doch! entgegnete er gelassen; ich habe ewige Messen gestiftet fr
eine geliebte Seele.
    Das war mir unverstndlich; und da man leicht geneigt ist zu seiner eigenen
Beruhigung das Unverstndliche kurzweg unverstndig zu nennen: so verfehlte auch
ich nicht dies Verfahren hchst unsinnig zu finden.
    Welch eine seltsame Art von Befriedigung! rief ich geringschtzig. Und wie
ist denn der Genu den Ihr Herz dabei empfindet?
    Er besann sich eine Weile und sagte dann unbefangen:
    Ich denke es ist der jener Magdalene, welche die Fe des geliebten
Heilandes mit kstlichen Narden salbte.
    Und Judas bedauerte da das Geld fr die Narden verschwendet - und nicht
lieber den Armen gegeben wrde, sagte ich mit einem bittern Rckblick auf mich
selbst, denn neben dieser Gesinnung kam mir die meine roh und niedrig vor.
    Ich verstehe Sie nicht! sprach er aufrichtig.
    Desto besser! rief ich; - doch nun sagen Sie mir wohin Sie Ihren Wanderstab
setzen wollen?
    Nach Italien. Ich kam von Wien hieher nur um den ehrwrdigen Bischof einmal
wieder zu sehen, und diese Piett ist mir gelohnt, da ich Sie gefunden habe.
Heut Abend geht die Post nach Mnchen, da will ich fort.
    O ich bitte Sie, nicht so sehr flchtig! bleiben Sie ein Paar Tage hier!
wir haben so viel zu plaudern .... von Engelau .... von der Vergangenheit ....
und - ich will auch nach Italien; da reisen Sie mit mir.
    Ja, das thue ich gern, rief er lebhaft; mir ist wol bei Ihnen! zu Ihren
eleganten Gesellschaften und zu Ihren Kunstgenssen werden Sie mich wol aus
Barmherzigkeit nicht verdammen - und sonst werden wir uns recht gut mit einander
vertragen.
    Zuweilen werden Sie mich aus Barmherzigkeit gute Musik hren lassen?
fragt' ich lchelnd.
    Was nennen Sie gute Musik?
    Nun, solche welche mich von dem Kampfe innerhalb meines engen Selbst
befreit und mich in eine Welt fhrt wo Geisterschlachten geliefert werden an
denen meine Seele Theil nimmt.
    Sind Sie so ernst? sagte er zweifelnd.
    Ich bin eine Tochter des Nordens und Sie fragen ob ich ernst sei! mein
Gott, das ist ja die Mitgift welche uns in die Wiege gelegt wurde. Ich gehe nach
Sden um etwas heiterer zu werden und um das Kind in eine frhlichere Atmosphre
zu bringen.
    Ist die Seele ernst, so wird sie durch die frhliche Umgebung nicht
frhlich. Hchstens zerstreut sie sich, und das thut ihr nicht immer wol. Der
ernste Mensch sollte darauf bedacht sein sich zu sammeln um sich dann resigniren
zu knnen.
    Resigniren? aber wozu?
    O zu Allem! zu seinem Glck wie zu seinem Leid.
    Sie lieben Paradoxen!
    Ich mgte wol wissen ob Sie sich zu einem Glck resigniren knnten? sprach
er gedankenvoll und fixirte mich mit seinen seltsamen Augen. Denn das Glck,
sehen Sie, ist immer irgend eine Gestalt die am Saume unsers Horizontes schwebt,
und eine aurorenhafte Glorie trgt, welche halb der irdischen und halb einer
idealischen Welt angehrt. Tritt nun jene Gestalt - die wir Ruhm, Ehre, Liebe,
Genu, oder sonst wie nennen! - an uns heran, liegt sie zu unsern Fen,
schmiegt sie sich in unsre Arme - nun ja, dann halten wir sie am Herzen, dann
schauen wir ihr Aug in Aug; aber! aber! die Glorie schwebt noch immer fern am
Horizont, am Saum zweier Welten! das Glck das in die Erdenwelt hineintritt,
tritt aus der Glorie heraus - und da mu man sich wol vorbereitet haben zur
Resignation um nicht zu verzweifeln, um nicht die Rose fallen zu lassen weil sie
Dornen hat, und den Freudenbecher weil er einen schaalen Bodensatz bietet.
    Und was thun Sie, Fidelis?
    O ich! - ich suche weder die Rose noch den Freudenbecher.
    Stoiker! rief ich, schwankend zwischen Unglauben und Vorwurf.
    Er lchelte und fragte dann: Und Sie?
    Nun .... wenn ich sie nicht suche, so rhrte das wol nur daher, da ich
.... sie erwarte, und immer und ewig erwarte, und gar nicht begreife wie das
Leben vergehen knnte ohne sie. - Aber wie sind Sie zu Ihrer melancholischen
Ansicht ber das Glck gekommen? setzte ich nachdenklich hinzu, weil sie
ungefhr mit meinen Erfahrungen bereinzustimmen schien.
    Wie alle Menschen: durch Erfahrung! jedoch nicht wie alle durch eigene,
sondern durch fremde Erfahrung.
    Eine solche pflegt sehr unvollkommen zu sein.
    Meistentheils, ja! sprach er abbrechend und fragte ob ich schon etwas ber
meine Abreise festgesetzt htte. Unwillkrlich errthete ich, weil mich in der
That nichts daran gehindert hatte als meine kindische Erwartung eines Briefes
von Astrau.
    Ich dachte bermorgen, sagte ich pltzlich entschlossen - und dabei blieb
es.
    Mit Rhrung und Liebe verlie ich meinen guten Onkel und bat ihn um
Erlaubni ihn einmal wieder besuchen zu drfen.
    Du wirst mir immer willkommen sein, entgegnete er mit seinem sanften
Lcheln; da Du aber nur dann eine Zuflucht bei mir suchen wirst, wenn Dein Herz
schwer ist und wenn es Dir bel in der Welt gehen wird: so kann ich nicht sagen
da ich wnsche Dich bald wieder zu sehen. Mein Segen begleitet Dich wohin es
sei.
    In Mnchen blieb ich nur einen Tag; ich hatte nicht Lust Astrau dort zu
begegnen, und dennoch sollte das sein! Ich fuhr am Nachmittag mit Benvenuta im
englischen Garten spazieren. Eine Gesellschaft von Reitern und Reiterinnen
begegnete mir und ich erkannte Otbert zwischen ihnen. Sie ritten rasch und ich
fuhr rasch - so hatten wir nicht Zeit uns zu gren, und es war mir auch
zweifelhaft ob er mich erkannt, ja - ob er mich habe erkennen wollen. Da er es
nicht that, machte mir einen flchtig schmerzlichen Eindruck; jedoch bald gefat
sprach ich zu mir selbst: So ist es natrlich - drum ist es besser so. - Acht
Tage spter war ich in Venedig.
    Ich hatte diese Wunderstadt auf meiner italienischen Reise mit Paul nicht
kennen gelernt. Sie berraschte mich mehr als irgend etwas, das ich vorher oder
nachher gesehen htte. Einzelne Vorzge, einzelne Schnheiten mag es in hherem
Grade auf anderen Sttten geben; aber eine solche Harmonie, eine solche in sich
abgeschlossene Einheit und Vollendung - fand ich nie und nirgend sonst.
    Hier mu man sich ewig wol fhlen! sagte ich zu Sedlaczech, als wir an
einem herrlichen Maiabend gegen Sonnenuntergang in die vom Abendroth verklrte
Marmorstadt hinein schwammen. Fr diesen Gttersitz haben wir kein Ideal in uns.
Der gewohnte Mastab entfllt unserer Hand - die gewohnten Ansprche verstummen:
das wre der Ort und der Moment um ein neues Leben zu beginnen.
    Aber weshalb denn ein neues? fragte er sehr erstaunt. Es ist ja bisher ein
sehr gutes gewesen - leben Sie das doch fort.
    Es klang mir hart was er sagte. Sehr gut? war ich denn je vierundzwanzig
Stunden ungestrt zufrieden mit mir selbst und mit meinem Leben gewesen? Gewi
nicht! und er nannte es sehr gut! - Diese Miempfindung fiel strend wie ein
falscher Ton in den Freudenchor hinein, welcher durch meine Seele brauste. Das
wird Tausenden tausend Mal geschehen; doch nur Einer von ihnen Allen wird die
unselige Fhigkeit haben die momentane Verstimmung in der Erinnerung
aufzuspeichern, whrend sie bei den Meisten, den gut und glcklich Organisirten,
aus dem Gedchtni schwindet, und ihnen die Erinnerung ungetrbt und glanzvoll
lt.
    Venedig gefiel mir unsglich, sprach mich in der Tiefe meines trumerischen
Imaginationslebens an. Ich beschlo mich recht einzuspinnen in diese Wunderwelt,
ruhig den groartigen Eindruck auf mich wirken zu lassen, fleiig die Geschichte
zu studiren, und berhaupt nach innerer Sammlung zu streben. Sei die nur erst
erlangt, so wrde ich schon auffinden knnen was ich eigentlich wolle und was
ich vermge.
    Ich miethete auf ein Jahr einen verdeten Palast Gradenigo am Canal grande,
eines dieser unvergleichlich zierlichen und edlen Gebude, die auerhalb
Venedigs ihres Gleichen nicht haben; und die nicht sowol durch Gre und
Ausdehnung - wie etwa die rmischen - sondern durch einen eigenthmlichen Adel
ihrer Proportionen, den Namen Palste verdienen. Ein Gebude ihrer Gre in
Norddeutschland, aus Backstein, mit spitzem Ziegeldach, von hundert schmalen
Fenstern durchbrochen, im Innern mit hlzernen Treppen versehen - wre ein
gewhnliches Haus; aber: - Marmormauern, Marmorwnde, Marmortreppen,
Marmorfuboden - Marmorarbeit wie Schnitzwerk an Balcons, Fensterbogen und
Fensterrosacen - Incrustationen von Verde und Rosso antico von Auen - Gemlde
von Titian und Tintoretto im Innern - eine majesttische Festhalle von kleinen
behaglichen Gemchern umgeben - eine Grotte zur Station fr die Gondel: das ist
ein venetianischer Palast.
    Ich miethete den meinen fr geringes Geld. Es war damals noch nicht so viel
wie jezt fr den Flor Venedigs geschehen. Es war noch kein Freihafen, der Handel
stockte, der Verkehr lag danieder; die Palste standen leer, wenn die alten
Familien ausgewandert - verfielen wenn sie verarmt waren; man konnte dort,
vergleichsweise, mit einem kleinen Vermgen glnzend leben. Ich richtete mich
recht bequem, aber ganz einfach ein, und das war sehr gut; denn als ich mit
meiner Einrichtung fertig war, bemerkte ich, da ich zwar sehr gut fr mich -
aber sehr schlecht fr Benvenuta gesorgt hatte. Sollte das arme Kind in diesem
Marmorhause gefangen sitzen? was hatte sie von Gondelfahrten? von Spaziergngen
auf dem Markusplatz? - Schnell entschlossen fuhr ich nach der kleinen grnen,
lndlichen Insel Torcello hinber und miethete bei stillen Grtnerleuten ein
kleines Zimmer fr Benvenuta. Dort sollte sie mit ihrer Wrterin einen Theil des
Tages zubringen und im Garten umherlaufen drfen. Ich schenkte den guten Leuten
ein Paar Ziegen, Hhner, Tauben, an denen die Kleine ihr Ergtzen hatte. Es
machte sich Alles leicht und gut. Ich kaufte zwei Gondeln, ich nahm drei
Gondoliere in meinen Dienst und lie sie in meine Farben kleiden. Ich war sehr
beschftigt mit diesen verschiedenen Einrichtungen, auerdem unglaublich
gefesselt durch Venedigs Scenerie und Kunst, und ich begann zu hoffen eine
Sttte gefunden zu haben, wo ich mich auf die Dauer in meiner Bestimmung
zurechtfinden knne.
    Mit Sedlaczech lebte ich gut und angenehm, aber nicht eigentlich intim. Er
war mir zu sehr berlegen, als da ich das unwillkrliche innerste Zutrauen, ich
mgte sagen diese Seelenstrmung zwischen Gleich und Gleich, fr ihn empfunden
htte. Nicht als ob mich meine Inferioritt gedrckt - nicht als ob ich nicht
gewut htte, da es grern Genu gewhrt sich zu Menschen hinaufals
herabzustimmen! Nur fhlte ich instinctmig da wir nicht auf einer Stufe der
Entwickelung standen und da die seine weit hher als die meine sei. Wird eine
solche Kluft nicht durch die Liebe ausgefllt, die Hhen und Thale gleich macht
- so kann man wol zu einem gemeinschaftlichen Leben, doch nicht zu einer
befriedigenden inneren Gemeinschaft des Lebens gelangen. Uebrigens war es
keinesweges sein Talent, das mir imponirte - so gro es war! so hoch ichs
schtzte! - nein, es war sein Seele; eine Seele von deren Thaten und deren
Wegen ich nichts wute, denn er sprach nie ber seine Schicksale. Als er vor
Jahren von dem Banquier meines Vaters in Lbeck, als Musiklehrer empfohlen nach
Engelau kam, sagte er: er sei ein Bhme, Waisenkind, Katholik, und zwischen
achtzehn und zwanzig Jahr alt. Das war Alles; und auch jezt blieb es Alles. - Er
studirte fleiig in seiner Kunst, mehr auf Composition als auf Ausbung, und nie
beschftigten ihn andre als erhabene und groe Gedanken. Ein Oratorium mit einem
dem Hohen Lied entnommenen Text - war die Idee zu welcher sich seine Krfte zu
concentriren schienen. Er bewohnte ein Zimmer ber dem meinen. Wenn ich in
tiefer Nacht auf dem Balkon sa, und mich verlor in Trume ohne Ziel, in
Sehnsucht ohne Ma, in Wnsche ohne Gegenstand - wenn ich inmitten der
Unermelichkeit dieser Gefhle und inmitten einer Umgebung die an Schnheit und
Groartigkeit ohne Rival ist: dennoch mein Leben nicht anders empfand als der
Gefangene den Kerker der ihn elend macht - o wie oft haben mich dann seine
Phantasien, seine Accorde - getrstet kann ich nicht sagen, aber beschwichtigt.
Von oben herab klangen sie, feierlich, fromm, tiefsinnig, klagend, unendlich
melancholisch, aber in glhende Andacht getaucht wie das Gebet eines Heiligen.
Ja, sprach ich dann zu mir selbst, das Leben ist ein Kerker, aber der Schlssel
des Kerkers ist die Liebe! der sprengt die Pforte zur Freiheit, und das drftige
abgesperrte Ich fliegt in ein ewiges und seliges Universum hinein. In dieser
himmlischen Freiheit lebt mein Onkel: er liebt Gott! - lebt Fidelis: er liebt
die Kunst! Ich aber verstehe nicht zu lieben, drum bin ich fr alle Ewigkeit in
den Kerker gebannt.
    Den grten Theil der Nchte verbrachte ich in meiner Gondel. Bald fuhr ich
nur in den Canlen und erfreute mich an dem feenhaften Anblick Venedigs im
Mondlicht, dessen mysteriser Glanz die passendste Beleuchtung dieser
mysterisen Existenz ist. Bald fuhr ich weiter in die Lagune hinaus, nach
verschiedenen Inseln, die ich besonders gern hatte - vorzugsweise nach Torcello
und zum Lido. Torcello war der Anfangspunkt der groen Stadt, des groen Staats
Venedig. Das was in jener Zeit der menschlichen Vergesellschaftung Kern und
Einheit gab: die Religion, in einem Monument, in einer Kirche ausgeprgt, fehlt
der kleinen verwilderten und vereinsamten Insel nicht. Der alte kleine
tausendjhrige Dom hat Venedigs Hhe und Fall berdauert. In drflicher
Verwahrlosung steht er auf einem grnen Wiesenplatz, und vielleicht zwei Dutzend
Huschen von Grtner- und Fischerleuten liegen ebenfalls drflich zerstreut
zwischen Hecken, Gemsegrten, Gebschen und Rasenflecken. Diese Vegetation so
wenig gepflegt sie sein mogte, gedieh dennoch vortreflich auf dem ppigen
Schlammboden, und erquickte mich durch Farben, Frische und Duft. Der Garten, der
am Morgen Benvenutas Tummelplatz war, ruhte mich in der Nacht aus. Es war so
etwas Friedliches, Idyllisches auf dieser kleinen Insel, das den einfachen
Bedrfnissen der menschlichen Natur entsprach. Dies schlichte Element that mir
wol! ich dachte da Gott in seiner Schpfung nicht Einmal sondern immer neu das
Paradies geschaffen hat: erstens in der Natur, zweitens im Kinde; und da mir
ein Labetrunk aus diesen beiden heiligen Quellen gegnnt sei. Zu Zeiten konnte
mich das ganz heiter stimmen; aber es dauerte nicht lange, wie denn nichts bei
mir dauerte! reizbar um einen Eindruck zu empfangen, kraftlos um ihn
festzuhalten, so war ich! und daher war in meiner Seele nichts dauernd als
drngende Unruh - dies chte und rechte Princip aller Thaten des Fluchs, der
Thorheit, des Unheils. - Wenn diese Unruh recht in mir strmte, fuhr ich zum
Lido, der sich als ein Erdwall zwischen der Lagune und dem Meer aufwirft. Ueber
den trostlosen, steinernen Gottesacker der Juden hinweg ging ich zum
entgegengesetzten Strande, den das Meer besplt. Ein Gondolier trug mir ein Paar
Polster nach und blieb in meiner Nhe, whrend der Andre die Gondel bewachte. Da
lag ich manche Nacht, berwachte den Auf- und Untergang aller Gestirne - welche
auch die meiner Heimat waren; lauschte auf das Brausen der Wellen, welche mit
demselben harmonischen Takt und mit demselben weien Schaum an die Kste meiner
Heimat schlugen; und fragte mich mit unsglicher. Trostlosigkeit, ob ich denn
wirklich thricht genug gewesen sei um zu glauben, da es fr mich am
adriatischen Meer anders und besser sein knne als am baltischen. O! rief ich,
die Elemente des Glcks mssen in der Schpfung sein, sonst wre die
Organisation des Menschen mit seinem unlschbaren Durst nach Glck ein
Widersinn! aber weshalb versteht er nicht sie zu finden, zu sammeln,
festzuhalten? weshalb ist er so unvollkommen beschaffen, da er meistens nur
Eins oder das Andre kann? ja, weshalb ist er zuweilen so blind da er nicht
einmal deutlich sein Glck zu erkennen vermag? .... denn mir fehlen nicht die
Elemente dazu, sondern der Brennpunkt in dem sie sich vereinen mten.
    Kehrt' ich dann heim, seelenmde und seelenwund - sah ich den ruhigen
Lampenschein in Sedlaczechs Zimmer - hrt ich ihn mit gleichmigem Schritt in
der lautlosen nchtlichen Stille ber mir auf und nieder gehen - klangen gar
seine musikalischen Phantasien oder Eingebungen zu mir herab: so staunte ich
fast stupid diese feste klare Seele an. Gewi gewi! sprach ich dann in
Betrachtung ber ihn versunken, sein Genius giebt ihm eine andre Strke als die,
welche uns gewhnlichen Menschen zu Theil ward! wir verwachen in Lieb oder Leid
diese versengenden Nchte - oder wir verschlafen sie; aber er ist frei genug um
sich ungestrt in geistiges Schaffen zu versenken.
    Eines Tags kam mein Capo de' gondolieri - wie er sich nannte als er in
meinen Dienst trat um meine Gondeln und die beiden andern Gondoliere zu
beaufsichtigen - und trug mir die Bitte vor einen vierten Mann anzunehmen. Ich
fahre, die Kleine fahre, Sedlaczech fahre - Tag und Nacht sei irgend ein
Mitglied meines hohen Hauses auf der Lagune zu finden; das sei freilich eine
groe Ehre fr die arme, schlechte Lagune, aber nichts desto weniger ein
schwerer Dienst, besonders in dieser hllenheien Sommerzeit. In diesem halb
pomphaften, halb spttischen Styl, mit einem Lcheln das auf der Grenze zwischen
Harmlosigkeit und Unverschmtheit schwebte, mit unverwstlicher guter Laune -
diesem Erbtheil des venetianischen Volkes - im kleinen blitzenden Auge, lie
sich Gino uerst wortreich ber die Nothwendigkeit eines vierten Mannes aus.
Ich sah das ein, nur drang ich auf einen erprobt geschickten und treuen
Menschen, sowol Benvenutas als meiner eigenen nchtlich einsamen Fahrten wegen.
    O, rief Gino, der ist treu - treu wie die Madonna mir ist! - Er zog bei
diesen Worten ein zinnernes Medaillon der Madonna das er um den Hals trug
hervor, und kte es mit Andacht. - 'Lustrissima knnen fahren wohin Sie wollen,
thun und sagen was Sie wollen .... der schwazt nicht.
    Ich hoffe auch Du nicht, Gino.
    Kein Fisch in der Lagune ist stummer als ich .... was meine Herrschaft
betrift, 'Lustrissima! entgegnete er mit tiefer Verbeugung. Schweigen ist die
Pflicht des Gondoliers, folglich schweige ich und wenn's mir noch so schwer
wird, aus Tugend. Nino schweigt aus Nothwendigkeit .... und die Nothwendigkeit
ist denn doch ein noch festeres Ding als die Tugend - wenn 'Lustrissima
gestatten meine Ansicht von der Sache auszusprechen. Genug, Nino ist stumm.
    Ich fhlte mich durch sein Unglck fr ihn gewonnen, und fragte nur noch ob
Gino ihn gut kenne.
    Wie sollt' ich nicht, 'Lustrissima! er ist ja mein Sohn .... nmlich der
Sohn meiner Frau, die schon lange todt ist .... dolce anima, requiescat in pace!
.... sie hie Ninetta, drum heit er Nino.
    Nino trat in meinen Dienst und wurde mir vorgestellt. Er machte mir einen
unangenehmen Eindruck. Hartes rothes Haar hing ihm dick und verwirrt bis auf die
Augenbrauen herab und schlo sich an einen buschigen Backenbart. Er hatte nicht
den lebhaften Blick, das heftige Mienenspiel und die raschn Geberden der
Taubstummen; er schien mehr das Stumpfsinnige, Plumpe, Schwerfllige des Idioten
zu haben. Er stand mit niedergeschlagenen Augen vor mir whrend ich mit Gino
ber ihn sprach, und verrieth auf keine Weise eine Theilnahme, die doch sehr
natrlich gewesen wre. Sein Anblick war nicht vertrauenerweckend; drum gab ich
an Gino den strengen Befehl, da die beiden andern Gondoliere immer und ohne
Ausnahme Benvenutas Gondel - er und Nino die meine fahren sollten. Und so
geschah es.
    Abends nach Sonnenuntergang pflegte ich tglich mit Sedlaczech eine Fahrt zu
machen und dann in einem der Cafs auf dem Markusplatz Gefrornes zu nehmen. Von
dort ging er gewhnlich gegen Mitternacht zu Hause, whrend ich meine
nchtlichen Excursionen begann. Gegen Morgen, bald frher, bald spter, kehrt'
ich heim und ging zuweilen erst schlafen, wenn die Sonne aufging. Es war
ungefhr die Sorrentinische Lebensweise, die ich einst mit Paul gefhrt hatte;
nur fehlte in dieser das sinnlich ppige, berauschende Element, welches damals
dessen eigentlichste Essenz gewesen war. Dennoch - und trotz all der
Lebenskraft, und Glut und Lust, die mich durchstrmten - wnschte ich nicht jene
Zeit zurck, noch ihre Wiederbelebung an Pauls Seite. Es war mir zu klar
erinnerlich, da sie damals in eine Art von Seelen-Marasmus bergegangen war.
Daher sprach ich oft zu mir selbst: Ist in dieser sinnlichen Lebensrichtung fr
mich nichts Anderes zu erwarten, als eine lange Atonie fr eine kurze
Befriedigung: so ist das ungestillte Verlangen vorzuziehen; denn in ihm weht
doch der Athem der Sehnsucht - wenn auch nur einer irdischen. Das war verkehrt,
ich wei es wol! ich htte ja nur das Ma zu halten brauchen um nicht in Atonie
zu verfallen! da ich diese Weisheit und diese Kraft nicht besa - da meine zu
den Extremen geneigte Natur immer ber das rechte Ma hinweg bis zu den
uersten Grenzen sich drngte und dort statt der geahnten Seligkeit .... Leere
fand: das eben machte mich unselig.
    Als ich eines Morgens, d.h. um ein Uhr Mittags, aus meinem Schlafzimmer in
mein Cabinet trat, fand ich dasselbe in eine blumige Laube verwandelt.
Granatbsche mit ihren feurigen Blten berset, Oleander mit den groen
rosenfarbenen Sternen, Jasmin und Mirthen - bildeten einen kleinen duftigen Hain
um mein Sopha. Benvenuta hatte sich auf dessen dunkelrothe Polster gesetzt, und
sah aus wie ein Wachspppchen inmitten einer Christbescheerung. Da ich Abends
zuvor an Fidelis gesagt hatte, ich knne gar nicht recht meine Blumenliebhaberei
hier befriedigen: so zweifelte ich keinen Augenblick da er mir diese
Ueberraschung bereitet habe. Ich schickte Benvenuta zu ihm hinauf; sie sollte
ihm vorlufig meinen Dank sagen. Er kam mit ihr zurck um sich eine Erklrung
der ihm unverstndlichen Botschaft auszubitten. Genug - die Blumen waren nicht
von ihm. Die Dienstboten wurden befragt und es ergab sich, da zwei
Grtnerburschen sie in einer Gondel hergebracht und sie meinem Kammerdiener
berliefert hatten mit der Bemerkung: ich wisse schon wer sie sende. Die Sache
kam mir wie ein Miverstndni ber Namen des Palastes oder der Bewohner vor,
und ich erwartete jeden Augenblick da die Grtner wieder erscheinen und sich
ihre Blumen ausbitten wrden. Allein sie blieben ohne fernere Nachfrage bei mir.
    Ich scherzte mit Fidelis ber diese kleine Begebenheit und malte ihm aus,
da mglicher Weise die Erkaltung zweier Liebenden aus dieser Blumensendung
entspringen knne. Der Cicisbeo finde sie nicht im Zimmer seiner Dame - oder die
Dame erwarte sie vergebens an ihrem Namenstage, etc. Schlielich sagte ich:
    Die eigentliche Blume von Venedig ist aber doch die mystische auf dem
Wasser schwimmende Lotosblume, dies Symbol der Vereinigung der Tiefe und des
Lichts zur Liebe, d.h. zum Leben.
    Am andern Morgen stand auf der Brstung meines Balkons eine ganze Reihe der
schnsten aller Wasserblumen: der Calla aethiopica. Die groen weien
mandelduftenden Kelche neigten sich alle wie zum Gru von dem schlanken Stengel
in die gefnete Thr meines Cabinets hinein. Diesmal wird Fidelis doch nicht
seine Hand verleugnen knnen! rief ich entzckt. Aber er leugnete ganz bestimmt.
    Es kme mir auch gar nicht zu, Ihnen Blumen zu schenken, sagte er endlich.
Ein unbekannter Verehrer wird diese Boten gewhlt haben um Ihnen seine stumme
verschwiegene Huldigung darzubringen.
    Ich fand diese Aufmerksamkeit befremdlich, da ich an kein zweites
Miverstndni glauben konnte; und noch befremdlicher die Wahl der Blumen,
welche in der That auf den Lotus Bezug zu haben schien. Gino hatte sie diesmal
wiederum von zwei Grtnerburschen in einer Barke in Empfang genommen. Ich fragte
ihn etwas mitrauisch ob er deutsch verstehe.
    Bestia ch' io sono .... no, 'Lustrissima! rief er, sich scherzhaft
verwnschend nicht meine Sprache zu verstehen.
    Ich befahl ihm und den brigen Dienstboten eine abermalige Blumensendung
sofort abzuweisen, und war grenzenlos erstaunt als dennoch am andern Morgen drei
riesenhafte Strue von purpurfarbenen Nelken auf meinem Schreibtisch lagen. Ich
lie meine Leute zusammen rufen, und erklrte ihnen, ich wrde sie alle
entlassen so wie Einer von ihnen - ich frage nicht welcher! - gegen meinen
ausdrcklichen Befehl handle. Mein Kammerdiener und meine Kammerfrau waren
Deutsche; Benvenuta's Wrterin war eine Englnderin; alle drei lange und treu
befunden in meinem Dienst. Aber ich hatte auer Gino und den drei Gondolieren
noch einen franzsischen Koch bei meiner Einrichtung in Venedig genommen, und
einen jungen Menschen, der dem Kammerdiener bei seinen Geschften zur Hand ging
und Sedlaczech insoweit bediente, als dessen einfache Gewohnheiten es nthig
machten. Ich wollte schon irgend einen Verdacht von Bestechung oder sonstigen
Umtrieben auf ihn werfen, als Gino kam und mich tausendmal um Verzeihung bat fr
den fanciull - wie er den groen starken Nino zu nennen pflegte. Der poveretto
habe natrlich keine Ahnung von meinem gestrigen Befehl gehabt, und daher heute
frh ganz unschuldig die Nelken in Empfang genommen - und obenein die
Verwegenheit gehabt eine derselben zurck zu behalten und ber's Ohr zu stecken.
Knftig sei nichts mehr von seiner Unwissenheit zu befrchten; er habe ihm
meinen Befehl deutlich gemacht.
    Es schien als habe auch der Unbekannte ihn verstanden, denn die
Blumensendungen unterblieben - bis nach acht Tagen Gino mir erzhlte, es habe
sich abermals die Grtnerbarke mit einer Blumenfracht gemeldet, sei jedoch von
ihm zu allen tausend Teufeln geschickt worden. Seitdem kam das nicht mehr vor.
Mich frappirte weit mehr eine gewisse Gondel, die seit einiger Zeit
allnchtlich, wenn ich von meinen Wasserwanderungen heimkehrte, an der Einfahrt
meines Hauses lag. Hier war kein Traghetto.1 - Man fuhr durch eine gewlbte
Grotte, aus der eine Treppe in den kleinen innern sogenannten Hof fhrte, in
mein Haus hinein. Fr Fremde war da weder Landungsnoch Hafenplatz. Der Gondolier
jener festverschlossenen Barke sa vermummt in seinem braunen Capot auf deren
Boden und schien zu schlafen.
    Was machst Du hier? Weg da! fuhr Gino ihn das erste Mal an. Hier ist kein
Traghetto! Pack Dich fort zu Deiner Madonna.
    Statt in dem nmlichen rauhen und znkischen Ton zu antworten, wie das die
Weise der Gondoliere ist, die sich in fnf Secunden zum wthendsten Wortstreit,
der aber nie in Thtlichkeiten ausartet, steigert - entgegnete der fremde
Gondolier gelassen:
    Ich bin hier schon im Schutz meiner Madonna.
    Das mag eine rare Hndin sein .... Deine Madonna! kreischte Gino, der in
Schimpfreden dieser Art all' seine Genossen bertraf.
    Eine solche Herausfoderung zu Zank und Schmhung wird immer angenommen, und
mit dem sanften lispelnden Dialect Venedigs der so klingt als sei er von
Kinderlippen erfunden, schreien sich dann beide Helden die grausigsten
Verwnschungen und Verspottungen zu. Als Jener nichts auf Ginos Apostrophe
erwiderte, sondern sich stumm noch tiefer in seinen Capot wickelte, fuhr mir der
Gedanke durch den Sinn, dies sei kein Gondolier sondern ein Verbannter, ein
Flchtling, ein verarmter Sohn des stolzen Hauses Gradenigo, der vielleicht sein
Leben wage um eine Nacht unter dem Dach seiner Vter zuzubringen, und hastig
rief ich:
    Schweig, Gino! hier hat Niemand zu befehlen als ich! Hlt jene Barke sich
ruhig, so darf sie bleiben.
    Sia benedetta, Madonna! rief der fremde Gondolier mit Ton und Geberden,
die es ungewi lieen ob mir oder der heiligen Jungfrau der Segenswunsch gelte.
    Aber nicht Einmal, sondern hinfort allnchtlich bei meiner Heimkehr lag
dieselbe verschlossene Gondel mit demselben vermummten Gondolier auf demselben
Platz! Und sobald ich die Treppe erstiegen hatte, die aus der Einfahrt ins
Innere des Hauses fhrte, hrte ich den leisen Ruderschlag womit sie sich
fortbewegte. Trat ich in meinem Cabinet auf den Balkon um ihr nachzusehen, so
bemerkte ich nur da sie nach der Kirche Maria Salute ihre Richtung nahm. Einmal
fragte ich Gino ob er nicht wisse was es mit ihr fr eine Bewandni habe.
    Da 'Lustrissima ihr die Station vor Ihrem Palast verstattet haben, so
werden Sie das wol besser wissen als ich, entgegnete Gino mit so tiefer Demuth
in Ton und Haltung, da es unmglich war ihm die Impertinenz der Worte
vorzuwerfen.
    Nein, Gino, ich wei es nicht! entgegnete ich; und ich wrde mich auch
nicht weiter darum bekmmern, wr' mir nicht eingefallen da der vermummte
braune Mann ein Spitzbube sein knnte.
    Gino brach sehr unehrfurchtsvoll in ein schallendes Gelchter aus.
    Sangue di Cristo! rief er, ein Barcarole soll ein Spitzbube sein. Man sieht
wol da 'Lustrissima keine Tochter Venedigs ist, sonst wrde sie wissen, da der
Barcarole neben tausend unleugbaren Fehlern auch eine eben so unleugbare Tugend
hat: die Ehrlichkeit. Nein! was den Punkt betrift, dafr steh' ich ein.
    Und nur der ist wichtig, Gino! brigens geht mich jene Barke nichts an.
    Ganz wie 'Lustrissima befehlen! sagte er wieder mit der tiefsten
Unterwrfigkeit.
    Venedig war von jeher die Stadt der Geheimnisse, sprach ich zu mir selbst,
das liegt in ihrer Atmosphre. Aber unwillkrlich beschftigte sich meine
Phantasie mit jenem geheimnivollen Unbekannten, den ich bald zu einem
verbannten Anhnger der giovine Italia, bald - und noch lieber - zum drftigen
Nachkommen eines glnzenden Geschlechts machte. Da Einer oder der Andre sich
trotz seiner tragischen Geschicke dennoch in mich verliebt haben knne, erschien
mir nicht unnatrlich; erstens: weil dergleichen einer Frau niemals unnatrlich,
sondern ziemlich in der Ordnung erscheint; zweitens: weil ich wol wute wie
schn ich war. Die Blumensendungen brachte ich auch mit jenem Unbekannten in
Verbindung; - doch blieb mir das Alles bis jezt nur eine Spielerei fr meine
unbeschftigte, ewig rege Phantasie, und wochenlang ging das so fort.
    Einst kam ich zu Hause gegen drei Uhr Morgens, wo Todtenstille und
Einsamkeit auf den Canlen herrscht. Es war eine tief dunkle Nacht, so dunkel,
da ich kaum die mysterise Barke hatte gewahr werden knnen. So wie ich mein
Cabinet betrat stieg dem Balkon grade gegenber aus der Mitte des Canal grande
eine Rakete wie ein Signal empor, und ungefhr zwei Minuten spter flammte im
herrlichsten Brillantfeuer mein Name Sibylla Regina an jener Stelle auf. Nachdem
er eine Weile gebrannt hatte, verwandelte er sich in tausend buntfarbige
Leuchtkugeln, und flog wie Myriaden von Schmetterlingen in den dunkeln Himmel
hinein. Dann blieb Alles stumm und finster, und ich vernahm nur den taktmigen
Schlag einiger Ruder, welche eine groe Barke, wahrscheinlich die des
Feuerwerkers, fortbewegten. Ich hatte Lust an Zauberei zu glauben; denn ich
hatte Tags zuvor mit Fidelis ber die Schnheit eines Feuerwerks auf dem Canal
grande gesprochen und hinzugefgt: Wre ich noch in der verschwenderischen Laune
meiner frheren Jahre, so wrde ich mir dies Vergngen verschaffen. Jezt
verschaffte es mir ein Anderer - mir! das war kein Zweifel! mein Name sagte es
mir. Und wer, um Gottes Willen! wer konnte wissen, da ich Regina hie .... kaum
Sedlaczech!
    Nun was sagen Sie zu der Ueberraschung der letzten Nacht? fragte ich ihn
am nchsten Morgen.
    Ich sage, sprach er lchelnd, da Jemand in Venedig lebt, welcher Sibylla
zur Knigin seines Herzens erkoren - wie uns die Flammenschrift gesagt hat.
    Nicht doch! Regina ist ja mein zweiter Name.
    Das ist seltsam! rief er berrascht. Das deutet auf einen alten genauen
Bekannten!
    Ich habe hier keinen andern, als Sie.
    Nun? Sie trauen mir doch wol nicht solchen allerliebsten Unsinn zu? fragte
er gutmthig. Erstens hab ich kein Geld; zweitens aber - und htte ich
Goldminen! - - wrde ich einen geliebten und verehrten Namen still in mein Herz
schlieen, statt ihn als Leuchtkugeln verflattern zu lassen.
    Ich hatte es im Grunde auch nicht geglaubt. Nach einigen Nchten, die ich
absichtlich bis zur Morgendmmerung auf Torcello zugebracht, kehrte ich eines
drohenden Gewitters wegen frher zurck; und siehe! die Rakete gab das Signal
und das frhere Schauspiel wiederholte sich. Ich bin von einem Dmon umgeben,
sprach ich zu mir selbst, der meine Worte hrt und meine Schritte sieht. Halb
war dieser Gedanke mir unheimlich, halb lieblich! So gab es doch Jemand der sich
fr mich interessirte - wenngleich in etwas befremdlicher Weise. Ich berlegte
ob ich meine Leute fortschicken und Andre nehmen sollte Wer brgte mir jedoch
dafr, da die neuen einer mglichen Bestechung weniger zugnglich sein wrden,
als die alten? und waren diese es berhaupt? - Lieber keine Nachforschungen
anstellen, als sie anstellen und zu keinem Resultat kommen! Ich verhielt mich
passiv und sprach nur mit Sedlaczech ber diesen mysterisen Dmon, der
seinerseits hchst activ war. Einmal wurde Beethovens C moll-Symphonie unter
meinem Balkon von der vortreflichen streichischen Regimentsmusik ausgefhrt.
Ein andres Mal folgte eine Barke mit Sngern der meinen, und liebliche
Barcarolen und andre Volkslieder begleiteten meine Spazierfahrt. Zufall konnte
das Alles nicht sein, weil es immer Bezug auf Aeuerungen hatte, die ich gemacht
und deren ich mich sehr wol erinnerte.
    Aber was soll eigentlich dies Alles vorstellen? fragte ich einmal ganz
ungeduldig Sedlaczech. Dieser liebenswrdige unsichtbare Sylf beginnt mich zu
langweilen.
    Soll das heien, da er sichtbar werden mge? entgegnete Sedlaczech. Nehmen
Sie sich in Acht! er erfllt pnktlich Ihre Wnsche .... und wer wei in welcher
abschreckenden menschlichen Gestalt er sich Ihnen nchstens prsentiren wird.
    Das wre unangenehm! rief ich unbefangen.
    Also interessiren Sie sich genug fr ihn um ihn in Ihrer Vorstellung
liebenswrdig zu finden?
    Aufrichtig gesagt - ja! Es ist unmglich der Gegenstand einer so
aufmerksamen und ausdauernden Huldigung zu sein, ohne sich mit Demjenigen zu
beschftigen der sie uns darbringt; und da ist es doch ebenso unmglich ihn in
der Phantasie zu einem Monstrum zu machen.
    Wr' er es nicht, so wrde er vielleicht lngst zu Ihren Fen liegen.
    Wie sollt' er das anfangen? ich kenne ihn ja nicht.
    Sie kennen ihn nicht, d.h. er ist Ihnen nicht in aller Form mit Namen, Rang
und Wrden feierlich vorgestellt worden! .... Ist denn diese ceremonise
Etikette sogar Ihnen gegenber, wenn eine Seele in Flammen lodert, nothwendig?
sagen denn auch Sie: Ich bitte um Namen, Stand und Herkunft, mein Herr, bevor
ich mich entschliee ob ich mich soll von Ihnen lieben lassen oder nicht.
    So ist die Welt! entgegnete ich halb lachend und halb miachtend; - und ich
gehre ihr an.
    O Sibylle! rief er, das sollten Sie nicht so kalt eingestehen. Wer der Welt
Aug' in Auge gesehen und sich als ihr Kind erkannt hat, dem mte es gehen wie
dem Basilisken: ihm graut vor seinem eigenen Bilde, er stirbt an seinem eigenen
Blick. O Sibylle! diese hohlen Existenzen, die nach Regeln der Convenienz leben,
statt nach Idealen - schmhen die ewige Wahrheit und die heilige Natur! Nicht
da sie alle und immer selbstbewut der Lge und Falschheit anheimfielen; aber
Unnatur ist die Snde wider den heiligen Geist, die ihren Fluch in sich selber
trgt, denn sie entwurzelt so zu sagen den Menschen, und macht aus ihm, diesem
erhaben-organischen Gebilde - eine Maschine, die ohne Zusammenhang mit der
Natur, und abgelst von der Gottesidee ist. Das rcht sich durch die sittliche
Verkmmerung des Geschlechts. Das macht ehrlos d.h. bewutlos ber die wahre
Ehre. O Sibylle, stellen Sie sich nicht mit so kalter Entschlossenheit in die
Reihen der Welt.
    Mit grenzenlosem Staunen hrte ich ihm zu, wenn unsre Gesprche eine solche
Wendung nahmen. Ich konnte seine Ansicht nicht in Einklang bringen mit seinem
Leben, konnte nicht begreifen wie er zu derselben gekommen sein mogte. Er lebte
fleiig und zurckgezogen wie ein Knstler der alten Tage, mig wie ein
Brahman, keusch wie ein Anachoret, er hatte seinen eigenen Aeuerungen zufolge
nie anders gelebt - woher denn dieser feindliche Contrast mit der Welt? - -
    Sie tragen die Farben Ihres Gemldes zu grell und hart auf, entgegnete ich,
und das rhrt daher, weil Sie der Welt wirklich nicht Aug' in Auge - sondern sie
durch irgend einen entstellenden Zerrspiegel gesehen haben. Es sind auch gute
Elemente in ihr, und edle Geister wandeln auf ihr. Ein Mensch wie Sie, Fidelis,
mte vor allen Andern an das Gute und Wahre im Menschen glauben.
    O ich glaube daran! rief er lebhaft. Liebe und Wahrheit sind die Gottesidee
in uns, und diese bildet den Keim und Kern des Ideals zu dem wir streben, dem
wir nachleben, wozu wir uns mglichst entwickeln sollen. Daran zweifle ich
nicht, da dies Aetherflmmchen die irdische Form beseelt - nur daran, da es in
der Welt zu einem reinen Feuer aufflamme. Es wird erstickt im Wust und im Staube
des fremden Unwerths und der eigenen Schwche - die auch unwerth macht und
unwerth ist.
    Die auch unwerth ist! wiederholte ich wie ein bewutloses Echo - dermaen
trafen mich solche Worte im Mittelpunkt meines Wesens. Ich war mir so recht
dieser Schwche bewut, die nicht im Stande ist das heilige Feuer zu pflegen,
weil es dabei Vigilien und lange kalte Nchte giebt.
    Sedlaczech machte mich durch dergleichen Gesprche ohne es zu beabsichtigen
namenlos traurig indem er mich zugleich exaltirte. Ich wnschte mich zu opfern,
mich beherrschen zu lassen, gar Ketten zu tragen, nur um aus dem Bewutsein der
inneren Unsicherheit gerettet zu werden. Ich betete um irgend eine entscheidende
Wendung meines Lebens, die mich auf einen bestimmten Pfad und zu einem
bestimmten Ziel fhren msse. Bei diesem Gebet verga ich nur da uere
Umstnde von geringer Wirkung sind, sobald die innere Entschiedenheit der Seele
fehlt.
    Der Winter war gekommen und hatte kltere Nchte und zuweilen Strme
gebracht. Ich wagte mich nicht mehr so viel in die Lagune hinein; dadurch fiel
ein groer Theil meiner Unterhaltung fort; ich sah der langen Weile entgegen und
um einen Versuch zu machen ihr zu entgehen beschlo ich etwas in die
Gesellschaft einzutreten und den Brief abzugeben, den mir mein Onkel an den
Gouverneur von Venedig, seinen langjhrigen Freund, fast aufgezwungen hatte -
weil ich damals durchaus nichts von Bekanntschaften wissen wollte. Jezt schienen
sie mir doch nothwendig zu sein, und heimlich hofte ich dem Sylfen zu begegnen
und ihn zu erkennen.
    Also ich machte und empfing Besuche, ich hatte Soireen, ich nahm eine Loge
in der Fenice, ich lie mich bei Hof vorstellen, als der Erzherzog Viceknig auf
einige Zeit nach Venedig kam - und langweilte mich grlich, weil ich mit
Ansprchen von Belebung in die Gesellschaft trat, welche nie in diesem groen
Getmmel gefunden werden kann. Ich kleidete mich, ich sprach, ich tanzte, ich
that wie die Uebrigen, aber mit maschinenmiger Gleichgltigkeit. Heimlich
hatte ich wol die Hofnung gehegt irgendwo dem Unbekannten zu begegnen oder
irgend etwas ber ihn zu erfahren. Das schien vergeblich! nichts ereignete sich
was mich an ihn htte erinnern knnen - gar nichts als der eine kleine Umstand,
da die Loge neben der meinen im Theater Fenice stets geschlossene Vorhnge
hatte, obgleich sie allabendlich - oder wenigstens immer wenn ich in der Oper
war, besucht war. Whrend lngerer Zeit bemerkte ich es gar nicht, man sieht
hufig geschlossene Vorhnge; entweder sind die Eigenthmer nicht in der Loge
oder sie wollen nicht gesehen sein. Endlich einmal, im Augenblick wo das ganze
Publikum lauschend in den Gesang der Prima Donna vertieft war, rauschte
vernehmlich, wiewol leise der Vorhang. Ich sah mich neugierig um, weil ich die
Erscheinung einer schnen Frau erwartete, und bemerkte mit Erstaunen, da der
Vorhang nicht in der Mitte von einandergezogen, sondern nur nach meiner Loge
seitwrts ein wenig aufgehoben worden war. Er fiel hastig herab als ich die
wahrscheinlich unerwartete Bewegung machte, und ich sprach unwillkrlich zu mir
selbst: Das ist er. Mir klopfte doch ein wenig das Herz bei dieser Vorstellung.
Weshalb vermied dies mysterise Wesen so scheu meinen Blick, da es sich doch so
sehr mit mir beschftigte und den Wunsch an den Tag zu legen schien, da ich
mich mit ihm beschftigen mge? welche Furcht entfernte - welcher Umstand
trennte es von mir? Mit leisem Herzpochen betrat ich nun allabendlich meine
Loge. Immer lag seitdem auf ihrer Brstung ein kstlicher Blumenstrau; immer
verkndete mir eine leise Bewegung der festgeschlossenen Vorhnge der seinen,
da mein geheimnivoller Nachbar gegenwrtig sei. Diese stete Aufmerksamkeit war
mir weder lstig noch peinlich, und streifte doch an Beides. Wer ein so
unausgesetztes Interesse mir bewies mute, nach meiner Meinung, nicht in diesem
seltsamen Schleier bleiben. Im Unmuth hierber verlie ich einen Abend im ersten
Zwischenact die Oper, und warf im Hinausgehen den Blumenstrau vor die Logenthr
des Unsichtbaren.
    Am andern Morgen fand ich auf meinem Frhstckstisch ein Billet, das ich in
der Erwartung irgend einer Einladung erbrach. Statt dessen las ich folgende
Zeilen in italienischer Sprache:
    Sie zrnen mir, denn ich erscheine Ihnen trotz aller Zurckhaltung dennoch
zudringlich. Darum wird ferner kein Zeichen meiner Huldigung Sie belstigen.
Aber gnnen Sie mir - ich sage nicht: einen Blick; sondern nur: Ihren Anblick
allabendlich in der Oper, und verkrzen Sie nicht grausam die wenigen Stunden in
denen ich selig - weil in Ihrer Nhe bin.
    Eine anonyme Liebeserklrung oder eine Mystification, und Eines ist so
unbehaglich als das Andre sprach ich halblaut zu mir selbst; das mu ein Ende
nehmen! - Und ich ging in drei Tagen nicht in die Oper. Am Morgen des vierten
ein abermaliges Billet.
    Ich habe Sie verstanden: Sie wollen mir mein demthiges Glck nicht gnnen.
Gut! ich stre Sie ferner nicht. Gehen Sie in die Oper .... ich werde nicht mehr
dort sein, mein Wort darauf. Ich beschwre Sie frchten Sie keine
Zudringlichkeit! - aber sehen .... mu ich Sie und werd' ich Sie.
    Er wird mich sehen, aber ich! .... werde denn ich ihn nie sehen? sprach ich
gedankenvoll und beklommen zu mir selbst; und die unbestimmte traumhafte
Sehnsucht richtete sich nun bestimmt auf diesen Gegenstand. Schon diese
Bestimmtheit that mir wol. Mir war wie Einem, der nach langer Seereise endlich
einmal wieder festen Boden unter den Fen fhlt; ich empfand nicht mehr das
ermdende Schaukeln der Wogen; ich hatte Land gewonnen. Ich begann etwas
Bestimmtes und Begrenztes zu hoffen und zu wnschen: ich war fast glcklich!
    Ich ging Abends in die Fenice. Die Nachbarloge war leer, weitgefnet der
Vorhang. Wo konnte er nun sein? mein Blick schweifte gedankenlos ber die Menge
dahin; was war sie mir? was war ich ihr? ein buntgefrbtes Nebelbild ohne Wesen,
ohne Wahrheit; eine vergngliche Erscheinung, die heute gefllt und morgen
vergessen ist. Dein Leben oder Tod .... Dein Glck oder Leid wiegt keines
Sandkorns Gewicht in dem Dasein dieser Menge - sprach ich zu mir. Ist denn
solche schauerliche Vereinzelung - Leben zu nennen? Leben ist Reflex des eignen
Seins im andern, Gegenseitigkeit, Wechselwirkung, Entwickelung. Wo das fehlt -
existirt man in einer Schattenwelt, und ihr ist der Tod vorzuziehen, der
wenigstens ungestrte Ruhe bringt. Aber mein Wesen im fremden Herzen gefat und
getragen - das lebt, und lebt ewig; denn die Liebe zieht die Unsterblichkeit
gro.
    Am nchsten Tage ging ich in die Marcuskirche, nicht zur Messe, nur zum
Gebet. Bisweilen wurde mir unaussprechlich wol in diesen ernsten, heiligen
Rumen, die sich seit langen Jahrhunderten feierlich ber die geheimsten und
tiefsten Gedanken zahlloser Geschlechter und Generationen schweigend gewlbt
hatten. Wie beseelt von Allem was sie gehrt und gesehen, kamen mir die
majesttischen Gestalten der zahllosen Mosaikbilder vor. Es that mir wol mit so
viel Tausenden vor mir und nach mir gemeinschaftlich in ihren Schoo mich zu
betten, und sie in das geheime Elend meines Lebens schauen zu lassen, welches
selten, selten! ein Mensch vor dem Andern enthllt. Denn vor unsers Gleichen
schmen wir uns unsrer Snden, unsrer Thorheit, unsers Elends mehr, als vor
hheren Naturen. Unsers Gleichen kennen wir als schwach, und ach! die Schwche
im Bewutsein ihrer Unmacht wappnet sich mit Strenge und Hrte gegen Andre. Die
hhere starke Natur, welche die Schwche nur kennt, aber nicht theilt, ist
barmherzig. Hierin liegt die trstende Macht der katholischen Beichte auf das
Gemth. Aber giebt es denn Menschen, die so stark und so gut sind, da wir uns
mit unserem Elend nie vor ihnen gedemthigt fhlen? -
    Tief in diese Gedanken versunken hatte mich ein Kapuziner nicht gestrt, der
ganz in meiner Nhe sein Gebet verrichtete. Endlich erhob er sich, trat zu mir
heran und bat um Almosen fr die Armen seines Klosters. Ungeschickter Weise trug
ich nie Geld bei mir, und Gino, der bei meinen Excursionen mein Schatzmeister
war, lag mit der Gondel an der Piazzetta. Ich zog eine goldne Nadel mit einem
Knopf von Perlen und Trkisen aus dem Haar und gab sie ihm indem ich sagte:
    Verkaufen Sie dies, mein Vater, geben Sie den Ertrag den Armen .... und
beten Sie fr mich.
    Er stand gebckt vor mir, beugte sich noch tiefer und fragte:
    Sie sind jung, gesund und reich, Signora ... um was soll ich beten?
    Um Ruhe, mein Vater, und um Kraft.
    Dies ist das Allerwelts-Leid, Signora.
    Ja, mein Vater, aber es drckt den Einzelnen darum nicht minder schwer! Es
ist vielgestaltig und nimmt jede Form an .... daher sieht es fr Jeden anders
aus, so wie auch Jedem die Versuchung in andrer Form naht.
    So jung .... und schon so nachdenkend! sagte er.
    Es machte mich lcheln, da ihn eine ganz oberflchliche Bemerkung frappirt
habe und ich fragte:
    Glauben Sie denn da man nur im Kloster und bei fnfzig Jahren die Kunst
des Nachdenkens ben knne?
    Ich glaubte nur da man in der Welt andre Dinge zu thun habe, Signora, als
sich mit den Hnden im Schoo hinzusetzen und den Gedanken im Kopf
nachzuhngen.
    Fr die Mnner ist das richtig, mein Vater; die verbrauchen ihr Leben! wir
.... mssen es vertrumen oder vertndeln - und da ich fr das Letztere nicht
die Gaben habe, so begnge ich mich mit dem Ersteren.
    Aber unwillig?
    Nicht unwillig, mein Vater, nur traurig, sehr traurig wie Derjenige es sein
mag, der sich verschmachten fhlt vor Hunger weil er nichts zu essen bekommt als
Orangen - whrend er sich nach einem derben Stck Brot sehnt. Er ist nun aber
einmal auf Orangen angewiesen und mu mit ihnen leben und sterben, und noch gar
hren, da Andre ihn sehr beneiden um die herrliche Kost.
    O Signora, das ist ein eingebildetes Leid! Derjenige den das Schicksal in
einen Orangengarten gestellt hat, kann auch ber einen Bckerladen befehlen.
Umgekehrt ist es nicht so leicht.
    Das ist so recht gesprochen wie Jemand dem ein wenig Reichthum, Jugend und
Unabhngigkeit ber Alles geht .... weil er sie nicht besitzt! rief ich mit
einiger Bitterkeit.
    Ich wei zu schtzen was ich besitze und was ich nicht besitze, Signora!
entgegnete er sehr gelassen. Unabhngigkeit, Jugend und Reichthum besitze ich
nicht; allein ich betrachte sie als vortrefliche Mittel zu schnen Zielen, wenn
sie mit Einsicht und Vernunft gepaart sind .... welche letztere Ihnen zu fehlen
scheinen; - denn sonst wrden Sie wol auch das besitzen um was ich in Ihrem
Namen beten soll: Kraft! - Sie ist nichts als Ausbung unsrer Selbsterkenntni.
    Er verbeugte sich und entfernte sich rasch durch das Mittelschiff, whrend
ich ihm bestrzt nachblickte und pltzlich ganz laut rief: Ah! das war er! -
denn sein Gang und die Haltung seiner Arme verriethen deutlich, da er kein
Klosterbruder sei. Ich rgerte mich, da ich mich in solchem unvortheilhaften
Licht ihm gezeigt, und freute mich doch vollkommen unbefangen und aufrichtig
gewesen zu sein. Hatte ihm das mifallen, so - wrde er sich mir nicht wieder
nhern. Oder .... sollte es ein Maskenscherz irgend eines meiner Bekannten
gewesen sein? das war nicht unmglich .... wir waren im Fasching! und ich hatte
ihm unbesonnen die Nadel geschenkt. - -
    In groer Unruh verbrachte ich die nchsten vier und zwanzig Stunden; dann
ging ich wieder in die Marcuskirche. Ich bildete mir ein, wenn er der Kapuziner
sei, wrde ich ihn dort finden. Und siehe, er war da! Er grte mich demthig.
Die Kapuze war tief ber sein Obergesicht herabgezogen, und das Untergesicht in
einem grauen langen Bart begraben; dazu die tiefe Dmmerung die stets in dieser
Kirche herrscht; es war unmglich auch nur einen Zug seines Antlitzes zu
erkennen. Ich grte ihn wieder und sagte:
    Ich mu Sie um Verzeihung bitten, da ich einen Maskenscherz fr Ernst
genommen habe. In meinem Lande kennt man das nicht, und diese Unkenntni mag
mich entschuldigen. Ich erlaube mir nur eine Frage, mein Herr: haben Sie die
Nadel zum Besten der Armen verkauft?
    Ich sprach ernst und ruhig und in demselben Ton antwortete jezt der
Kapuziner:
    Nein Signora! ich habe das Doppelte ihres Werthes den Armen gegeben und
.... die Nadel behalten.
    Sie legen dadurch ein seltsames Interesse fr mich an den Tag, mein Herr,
welches nicht von der Art ist um das meine zu wecken.
    Das habe ich auch nie gehoft, Signora.
    Durch diese Aeuerung sprechen Sie wenigstens aus, da Sie es wenn nicht
gehoft .... doch versucht haben.
    Und wenn ich das eingestanden?
    So wrde ich fragen: weshalb diese Blumen, diese Musik, diese
Unsichtbarkeit in der Loge, diese Billets, diese gegenwrtige Verkleidung - da
es doch unendlich viel einfacher gewesen wre und unsre Bekanntschaft mehr
gefrdert htte, wenn Sie den Zutritt in meinem Hause gesucht htten, den ich
keinem wolerzogenen Mann verweigere.
    Einfacher, d.h. hergebrachter wr' es gewesen, Signora; doch ich zweifle
da es unsre Bekanntschaft gefrdert htte. Denn das ist nicht Jemand kennen:
seinen Namen wissen und von tausend Gleichgltigkeiten mit ihm sprechen; sondern
das ist es: den Grundzug seines Herzens kennen - und Sie kennen den meinigen.
    Nun gut, mein Herr! ich kenne ihn also! - was weiter? fragte ich kalt.
    Sie interessiren sich fr mich.
    Ja, mein Herr, das Menschenherz ist so wunderlich beschaffen, da es sich
vom Geheimni gelockt fhlt.
    Also Sie denken an mich, Signora, Sie beschftigen sich mit mir, Sie
interessiren sich fr mich - folglich nehme ich einen Platz in Ihrem Leben ein!
- Ich sagte Ihnen vorhin, da ich soviel nie gehoft htte.
    Mein Herr! nahm ich entschlossen das Wort, dies Alles hat seine amsante,
seine rhrende, seine ridikle und seine unschickliche Seite. Ich wnsche
dringend da diese mysterise Huldigung aufhren mge, und ich wnsche
Denjenigen von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, der sie mir seit
dreiviertel Jahren mit so seltsamer Ausdauer darbringt. Nennen Sie das Interesse
oder gewhnliche Weiberneugier; ich mu es mir gefallen lassen! aber ich sage
Ihnen die Wahrheit. Haben Sie einen Grund meine Bekanntschaft zu meiden, so
kommen Sie nicht; allein hren Sie auf mir Ihre Theilnahme so seltsam und
unbegreiflich wie bisher an den Tag zu legen.
    Kann ich die Ehre haben Sie morgen frh um zwlf Uhr allein zu finden,
Signora? und wird Ihre Nadel, die ich dem Portier vorzeige, gengen um mich zu
Ihnen zu fhren?
    Ja mein Herr! sagte ich, grte ihn und verlie die Kirche in der grten
Spannung.
    So sollte ich ihn denn sehen, den Sylf, den Verbannten, den Unsichtbaren,
den Flchtling, der meine Phantasie so lebhaft beschftigt und mir mehr
Theilnahme fr ihn, den ich nicht sah, als fr Alles was ich sah eingeflt
hatte. Ich schlief in der nchsten Nacht nicht fnf Minuten, ich stand drei
Stunden frher als gewhnlich auf; ich befahl Denjenigen, der eine goldne Nadel
mit blauen Steinen vorzeigen wrde ohne Umstnde zu mir zu fhren; - und
verbrachte darauf in zitternder Erwartung die Stunden.
    Mit dem Glockenschlag zwlf gingen rasche Schritte durch den Saal - die Thr
meines Cabinets flog auf - und Astrau trat ein.
    Ah, Otbert! wie kommen denn Sie hieher? rief ich ganz freudig und
ahnungslos.
    Kraft dieses Talismans! entgegnete er und zeigte mir die Nadel, die er wie
eine Blume zwischen den Fingern hielt.
    Sie .... Otbert! Sie? stammelte ich in der hchsten Ueberraschung und
lehnte mich zitternd an einen Stuhl.
    Ja, nur Otbert .... sonst Niemand, sagte er.
    Spannung, Erwartung, Trume, Phantasien, Ueberraschung, Gewiheit, Freude -
alle diese chaotischen Empfindungen, die mir Herz und Nerven vibriren machten -
brachen sich urpltzlich in einen Strom von Thrnen.
    So betrbt sind Sie, da nur ich es bin, Sibylle? fragte Astrau sanft und
traurig.
    Nein nein! rief ich hastig; Sie wissen ja da ich viel trume! Vielleicht
bin ich jezt erwacht und danke Ihnen mit meinen Thrnen.
    Drfte ich das hoffen, Sibylle!
    Warum denn nicht? ich hoffe es ja.
    Gewi? fragte Astrau mit stralenden Augen. O Sibylle .... dann wird auch
der Glaube nicht fern und die Liebe nah sein .... dann werden Sie mir verzeihen,
da ich trotz Ihres khlen abwehrenden Briefes aus Wrzburg nicht zurcktrat,
sondern Ihnen hieher folgte.
    Aber warum beachteten Sie mich nicht in Mnchen?
    Um nicht zudringlich zu erscheinen! - nur mit meinen Gedanken, nicht mit
meiner Person wollte ich einen Platz erringen in Ihrem Leben. Sie sollten gewahr
werden, da unablssig die Richtung meiner Seele zu Ihnen gehe, und da die
Attraction, welche Sie auf mich gebt haben nicht jene gewhnliche sei, die eine
schne Erscheinung mit sich fhrt und die aufhrt wenn sie verschwindet. -
    Knnte ich das Alles glauben, Otbert, sagte ich zaghaft; ach, ich mgte es
so gern glauben! Aber sehen Sie, ich kann und kann mir nicht vorstellen, da die
Seele unvernderlich von einem Gedanken bestimmt, von einem Bilde beherrscht
werde. Sie folgt den uern Eindrcken und Bedrfnissen, den innern Neigungen,
je nachdem Umstnde und Verhltnisse Eines oder das Andre begnstigen oder
nicht. Sie fhlt dumpf da es ihre Seligkeit sein wrde in einen Hafen des
Lebens-Oceans einlaufen und dort den Anker der Zuversicht: hier ist dein Platz!
fallen lassen zu drfen; aber sie bleibt schwankend auf hohem Meer, denn kein
Sturm treibt sie gebieterisch in irgend einen Hafen, und sie selbst fhlt sich
zu keiner Wahl veranlat. Jede wird ihr Gutes und ihr Schlechtes haben - jede
wird von Hause aus den Stempel auf der Stirn tragen, den Alles trgt, was dem
Menschen zu seinem Genu, seiner Entwickelung, seiner Freude, seinem Streben und
Gelingen und Erreichen gegeben ist - das eine frchterliche Wort:
Unvollkommenheit. Diese schliet sowol die Dauer als die Unwandelbarkeit aus;
denn nur die Vollkommenheit besitzt Einheit, und widersteht demnach jeder
Wandlung und Auflsung denen unwiderruflich die Unvollkommenheit verfallen mu
.... weil sie Stckwerk ist.
    Astrau sah mich traurig an whrend ich sprach, und traurig antwortete er:
    Entzaubert zu werden nachdem man zuvor verzaubert gewesen ist - mag bitter
sein! doch tausendmal bittrer ist es mit diesem eiskalten nchternen Blick
Bestimmung und Schicksal zu betrachten, und das Glck fallen zu lassen wie eine
Sdfrucht, die verschmht wird, weil sie unter unserm gemigten, nicht unter
ihrem eigenen tropischen Himmel reifte. Diese Nichtachtung der irdischen
Zustnde, Sibylle, mag die Wonne der Heiligen sein - aber sie ist die Qual des
Menschen! und wenn Sie denn doch so sehr heilig sind, so sein Sie es wenigstens
mit ganzem Herzen; so leben Sie ein von der Welt abgeschlossenes Leben voll
Meditation, Andacht und Barmherzigkeit; so widmen Sie sich ganz der Betrachtung
und Uebung gttlicher Dinge, da Ihnen menschliche zu gering sind; so wenden Sie
sich berhaupt ganz und aufrichtig dem Schpfer zu, und lassen Sie das Geschpf
nicht in dem Wahn, als wren Sie zugnglich seiner Empfindungsweise und seiner
Sehnsucht; so trennen Sie sich von uns ab, Sibylle, und sagen Sie uns redlich:
Ich habe mit euch Allen nichts zu thun und nichts zu theilen! - - Denn wer Sie
zwischen uns sieht, beobachtet, wer Ihr phantastisches Dasein und die
Melancholie und Gleichgltigkeit Ihres Wesens bei einer solchen Schnheitsflle
verfolgt - wer unter diesem schillernden Schleier Ihre hohe reine Natur erkannt
hat - dem erscheinen Sie wie von einem bsen Zauber befangen, und er mgte Ihnen
ein Wort zurufen, das denselben sprengte. Also sein Sie ganz ehrlich, Sibylle,
und sagen Sie uns - Ich liebe euch nicht und nie; ich liebe Gott.
    Aber Astrau! wer sagt Ihnen da ich Gott liebe? entgegnete ich mit
traurigem Erstaunen. Ich sage Ihnen: ich liebe ihn nicht! Wer nicht der Liebe
fr das Geschpf fhig ist - das Meinesgleichen in Gefhl, Gedanke und Richtung
ist - das mich anspricht mit meinen Worten und Blicken, mit meinem Verlangen und
meiner Bedrftigkeit - das wechselsweise Mitglied, Theilnahme, Wolwollen,
Anregung in mir weckt - und dennoch trotz all dieser Anklnge und Harmonien
nicht den Ton trift auf den meine Seele gestimmt ist und der, Einmal berhrt,
nicht wieder verhallt, sondern innerlich fortvibrirt wenn er auch nach Auen
nicht immer laut klingt - - wer nicht Schwung genug im Herzen hat um ein Wesen
seines Geschlechts zu umfassen, woher soll dem Glut und Macht kommen um sich an
ein hheres anzuranken und anzusaugen? Nein, Otbert! durch die Liebe zur Creatur
bt sich der Mensch in der Liebe zum Schpfer, denn in ihren Wonnen und
Schmerzen, in ihrer Begeisterung, in ihrer Luterung, in ihren Wundern der
Kraft, der Ausdauer und Geduld, erkennt er die Herrlichkeit des Geschpfs, und
nur durch sie ahnt er die Herrlichkeit des Schpfers. Immer durch seine Boten,
seine Gesandten, immer durch einen menschlichen Vermittler, hat Gott seine
Offenbarungen auf die Erde geschickt, und was Allen geschehen ist das wiederholt
sich auch im Einzelnen und Kleinen: die gttliche Liebe mu Mensch geworden sein
damit mein Herz sie fasse .... und das ist mir nicht geschehen.
    Vielleicht lieben Sie Ihr Kind mehr als alles Andre? fragte Astrau mit
tiefster Theilnahme in Blick und Ton.
    Ich liebe das Kind mit meinem Thun, entgegnete ich nach kurzem Nachdenken.
Hiee es: stirb fr das Kind! oder: geh betteln fr das Kind! so tht' ichs ohne
Besinnen .... aber ich mgte sagen: aus Instinct meines Herzbluts, nicht aus
Liebe. Denn Liebe, wie ich sie verstehe, fllt die Seele, und das Kind fllt die
meine nicht.
    Aber Sibylle! rief Otbert beinah fassungslos vor innerer Bewegung - was um
Gotteswillen, was regt sich denn eigentlich in Ihrer Seele?
    Die intensivste Sehnsucht nach einem unbekannten Glck, Otbert, die so
drngend, so hei, so wild, so unbezhmbar ist, da ich Meere durchschiffen und
Welttheile durchpilgern mgte um es zu suchen.
    O suchen Sie es nicht! geben Sie es .... und es ist da! rief Otbert, sank
zu meinen Fen nieder und ergriff meine beiden Hnde wie um mich fest zu
halten.
    Warum zittere ich bei dem Gedanken, Otbert, jezt mit Entschiedenheit zu
sagen: ich suche nicht mehr, denn ich habe gefunden!
    Weil Sie ihr Wesen mit unfruchtbaren Grbeleien dermaen unterminiren,
Sibylle, da Sie in krankhafte Unentschiedenheit und Verzagtheit verfallen sind,
welche sich als geistiges Siechthum immer mehr in Sie einnisten und gleichsam
Ihre Seele nervenschwach machen werden.
    Mit drhnender Wahrheit schlugen seine Worte an mein Ohr. Ich ri meine
Hnde aus den seinen, faltete sie angstvoll und rief in Thrnen:
    Ja so ist es, Otbert! ach, retten Sie mich.
    Ich kann nur den retten, der mir vertraut, sprach er ernst.
    Ueberwltigt, erschpft, hofnungsdurstig, sehnend, zagend .... reichte ich
ihm die Hand und lie es geschehen da er mich jubelvoll, selig in seine Arme
schlo. Doch in seinen Freudenrausch vermogte ich nicht einzugehen und beklommen
bat ich ihn mir zu erzhlen wie er diese Jahre verlebt habe. Er that es.
    Damals in Malaga verlie ich Sie sehr muthlos, sagte er, denn es gab
Momente in denen Sie mir falsch, kokett und heuchlerisch - andre, in denen Sie
mir tief unglcklich erschienen. Drum freute ich mich fast Ihrer Nhe entrckt
zu werden, die fr mich so viel hatte, was ich bald Bethrung, bald Beseligung
nennen mute. Solche gemischte Freude thut immer mehr weh als wol. Indessen ....
ich mute zu meiner kranken Mutter nach Genf, ich begleitete sie nach Nizza, ich
lie mich dort auf zwei Jahr mit ihr nieder, und machte, whrend sie sich
huslich einwohnte und leiblich genas, Excursionen nach Corsica und Sardinien,
in die Pyrenen, und wohin Lust und Drang mich fhrten. In diese Zeit fiel die
Nachricht von der Geburt Ihrer Tochter. Paul machte mir diese Mittheilung durch
einen gedruckten Brief, der mich vielleicht noch mehr verstimmte als das
Ereigni selbst. Ja, es verstimmte mich sehr, Sibylle! Jezt wird sie vollends
keinen Gedanken mehr fr mich haben! sprach ich zu mir selbst; ihr Leben wird
voller und befriedigter denn je - und daher ferner denn je von der Erinnerung an
mich sein! ich will doch auch sehen ob die Vorstellung eines huslichen und
Familienlebens keinen Reiz fr mich gewinnt! - - Meine Mutter hat immer glhend
gewnscht mich zu verheirathen. Jezt fand sich eine wundervolle Heirath fr
mich; sehr schn, sehr reich, sehr liebenswrdig, war ein junges Frauenzimmer,
das eine lebhafte Neigung fr mich empfand. Bei dem Besinnen wie ich sie
aufnehmen solle, traf mich Ihre Anzeige von Pauls unerwartetem frhzeitigen Tod.
Meine erste Empfindung war Postpferde zu bestellen und in einem Zug von Nizza
nach Engelau zu fahren. Aber mir fehlte der Muth. Sie hatten mich nie zu solchem
Vertrauen berechtigt. Ich verfiel der Ueberlegung, dann der Schwankung, dann der
Furcht Sie kalt und mich selbst zudringlich nennen zu mssen - und ich beschlo
Ihr Trauerjahr vorber gehen zu lassen, ohne mich Ihnen zu nhern. Aber es war
mir unmglich jezt an eine andre Verbindung zu denken; ich brach sie ab unter
allerlei Schmerzlichkeiten fr beide Theile, denn meine Mutter zrnte mir. Ich
ging nach Deutschland zurck, arbeitete fleiig, schrieb viel, dachte an Sie und
harrte mit brennender Ungeduld auf das Ende Ihrer Trauerzeit. Nun war es da ....
und ich zagte nach wie vor. Sie liebten mich nicht, hatten mich nie geliebt,
hatten in dieser einsamen Zeit, wo ein Freund Ihnen doch vielleicht ein
Herzensbedrfni htte sein knnen, nie an mich gedacht, keinen Gru, keinen
Zuruf mir gesendet - - ja ja, Sibylle! lcheln Sie nur, verwundern Sie sich nur
da ich so zaghaft war! es war nun einmal so. Sie behaupteten sonst immer ich
sei eitel; glauben Sie nicht da ein eitler Mensch mehr Selbstvertrauen gehabt
htte? Mir war die Vorstellung da Sie mich khl empfangen, khl ansehen, khl
behandeln knnten .... vernichtend! Ich ging nicht, schrieb nicht, fragte nicht
.... ich wollte mich nicht dieser Vernichtung entgegen drngen Aber Ihrem Arzt
schrieb ich: er solle mir sagen wie Sie lebten und gegen Sie ber diese Frage
schweigen. Er beschrieb mir Ihr ernstes, thtiges, praktisches Leben in Engelau.
Da verlor ich abermals alle Hofnung, und jene Heirathsepisode, von meiner Mutter
nie ganz aufgegeben, wurde wieder ohne Zuthun von meiner Seite angeknpft. Ich
wollte mich von Ihnen losreien, ich fand es unbeschreiblich albern meine Seele
an die Ihre zu hngen, die nichts von mir wissen wollte; ich war empfindlich,
gereizt, traurig so ganz von Ihnen vergessen zu sein; ich nannte Sie kalt,
herzlos .... ich zrnte Ihnen und mir - aber es war mir unmglich den
entscheidenden Schritt zu thun der mich auf ewig von Ihnen getrennt htte.
Wieder schrieb ich Ihrem Arzt und erhielt mit namenloser Freude zur Antwort: Sie
wren in Wrzburg und auf dem Weg nach Italien. O wie rauschten die Flgel der
Hofnung in mir auf! ich jauchzte laut: Also will sie doch noch etwas Andres im
Leben als ihre Tochter erziehen und ihre Geschfte fhren!! - Ich schrieb Ihnen
und Ihre Antwort entmuthigte mich nicht. Ich beschlo mit dem finstern Geist zu
ringen, dem Sie verfallen schienen; ich folgte Ihnen hieher; ich war als Nino in
Ihrer Nhe .... - -
    Unmglich! unterbrach ich ihn.
    Fragen Sie Gino, entgegnete er. Und weshalb denn unmglich? ich wollte in
Ihrer Nhe sein, mich in die wundersame Atmosphre Ihres Wesens tauchen, die
mich mit fabelhaftem Glck berauscht. Und ich hab' es im vollsten und reinsten
Ma genossen! Da saen Sie in der Gondel neben Sedlaczech, mit ihm redend, ihn
anschauend, auf ihn hrend; mir wendeten Sie den Rcken zu - denn ich hatte mit
Gino ausgemacht, da ich immer den Platz im Hintertheil der Gondel einnehmen
knne. Oder Sie fuhren allein, und saen stumm und unbeweglich da. In beiden
Fllen dachte Ihre Seele nie an mich, hatte nicht die leiseste Ahnung da ein
magnetischer Zug von ihr ausgehend den Faden meiner Existenz in die Ihre
hinberspann. Nun sehen Sie: dennoch war ich selig, denn mich beschftigte
unablssig die Vorstellung wie s dereinst Ihr Uebergang aus dem traumumfangnen
Zustand zu dem Bewutsein so geliebt zu werden, sein msse. Zitternd da durch
die Erfllung Ihrer kleinen Wnsche und Einflle irgend ein Verdacht auf mich
selbst oder auf Gino fallen knne, suchte ich Ihre Gedanken auf einen Fremden zu
lenken, und ersann daher die geheimnivolle Gondel. Als im Winter Ihre langen
Gondelfahrten und mit denselben Ninos Dienst aufhrte, wurde ich Ihr
Logen-Nachbar. Doch allmlig ward mir schwer, ja unertrglich was mir Anfangs
s gewesen: schweigen zu mssen in Ihrer geliebten Nhe. Allmlig ersehnte ich
den Moment, der mich zu Ihren Fen niederziehen und mir ein Gestndni
gestatten wrde - - - und ich hab' es gethan: Sie sind die Herrin meiner Seele,
die Knigin meines Lebens; und das sag' ich Ihnen nicht blos mit Worten, die
lgen knnten - sondern mit einer consequenten Reihe von Thatschlichkeiten, die
sich bis zum Anbeginn unserer Bekanntschaft erstrecken, und die unmglich lgen
knnen.
    Ich fhlte mich in seltsamer Weise ergriffen, mehr berwunden als berzeugt,
mehr gefangen als gerhrt. Und doch war ich auch gerhrt, aber mehr auf der
Oberflche als in der Tiefe meines Wesens. Ich mgte sagen da der Kopf mehr als
das Herz gefesselt war. Das Alles hatte Otbert fr mich gethan, so lange ohne
Hofnung an mir gehalten, o! dann mu er mich lieben! so rsonnirte ich ....
allein ich fhlte es nicht ohne diese Beweise. Er drang nicht in mich mit
Liebeswnschen und Liebesfoderungen; er schien nichts zu begehren als seine
Empfindung an den Tag zu legen. Diese Zuversicht war vielleicht das was ihn fr
mich unwiderstehlich machte. Ich willigte in unsre Verbindung.
    Denk' ich jezt an ihn zurck, so mu ich sagen: er war ein merkwrdiger
Mensch! Er hatte in seiner Empfindungsweise die feine Glut, die bewegliche
Reizbarkeit und den gewissen Eigensinn - was Alles man sonst den Weibern
beizumessen pflegt, was aber vielleicht ebenso sehr mit einer nervenfeinen und
sinnlich flammenden Organisation zusammenhngt, aus welcher wiederum die
Dichternatur sich entwickelt. Diese feine lodernde anregende Liebe fr alles
Schne, fr jeden Genu, ist fr eine solche Dichternatur das, was die
feuchtwarme, treibende Frhlingserde fr den Pflanzenkeim ist: sie drngt ihn
mchtig aus ihrem Schoo empor und hlt ihn stets im innigen Zusammenhang mit
sich selbst und ihren ahnungsreichen Geheimnissen und Symbolen. Aber sie bleibt
nur die Basis seiner ferneren Entwickelung. Lfte, Gestirne, Ungewitter, alle
Elemente, alle Naturwesen, gieen ihren Segen und Unsegen ber den zur Blume
sich entfaltenden Keim aus; und wird sie zu jener Wunderblume, die wir Genie
nennen, dann stralen wiederum von ihr magische Einflsse aus - Farbenspiele,
Dfte, Stralen, welche Andere ihrer Art nicht ben und nicht haben, und welche
die Essenz einer hhern Ordnung der Wesen verrathen. Allein es giebt manche
Dichternatur und wenig, sehr wenig Genies. Otbert hatte schne und reiche Gaben;
frage ich mich was ihm fehlte? so mu ich sagen: eine gewisse Schwere, die ihn
nach Innen gezogen und gesammelt htte; die Schwere, welche dem Diamant, der
Perle, dem Golde eigen ist und sie so kstlich macht. Weil sie ihm fehlte, drum
verflchtigte er sich.
    In jener Zeit benahm er sich gegen mich in der anmuthig koketten Weise,
welche man ebenfalls als Erbtheil der Frauen betrachtet. Wie er ging, wie er
stand, wie er sprach, wie er sich kleidete, wie er sich bewegte - Alles war, ich
will nicht sagen berechnet, jedoch bewut. Es stand ihm so gut, und er verga
nie was ihm gut stand! Zuweilen warf ich ihm seine spielerische Eitelkeit vor.
    Gefalle ich Ihnen oder nicht? fragte er.
    Dann mute ich freilich eingestehen, da er mir ganz auerordentlich und
mehr als je irgend ein Mann gefalle.
    Nun, dann lassen Sie mich doch gewhren! entgegnete er. Ich gehre nun
einmal nicht zu jenen tppischen Gesellen, welche sich die Liebe der schnsten
Frau der Welt plump gefallen lassen, und durch ihre Derbheit eine hliche Folie
zu der Anmuth des Weibes bilden. Ich kann mir den Adonis nicht als einen schnen
aber brutalen Jger - nicht den Endymion als einen schwerflligen Schfer
vorstellen nachdem sich die Gttinnen zu ihnen geneigt hatten. Vorher - ja!
nachher - nein! Zu mir hat sich die Gttin geneigt, Sibylle, und mich in die
duftige Atmosphre ihrer sen Schnheit gehllt; - wie wollen Sie mir
verbieten, da ich mir nun selbst geweiht und verschnt erscheine! - Komme ich
Ihnen weibisch und verweichlicht vor? - Bedenken Sie doch da Nino in der
gemeinen Tracht des Gondoliers Ihre Barke stundenlang gerudert, und stundenlang
auf den Quadern des Quais, auf dem Strande von Torcello und Lido gelegen hat!
    Das war ebenso unbegreiflich als wahr; und die Summe von dem Allen war
endlich - da ich mich heftig in Otbert verliebte. Er beschftigte so sehr meine
Phantasie, er schmolz in ihre Silberwogen die Bilder seines Wesens so anmuthig
ein, er funkelte und gaukelte in so poetischem Licht um Sinne und Seele - da
ich langsam und leise von unbestimmten Mchten fortgezogen wie in ein Glutmeer
von aufgelstem Purpur, Gold und Rosen hinein schwamm. Ich verga meine
gewohnten Zweifel, Fragen und Grbeleien. Sie sanken gleichsam in ein
verborgenes Fach, in einen tiefen Abgrund meiner Seele hinein, whrend ich
whnte, da sie sich in Nichts aufgelst htten. Ich verga den dunkeln Strom,
der sein Bett an das Ufer meiner Existenz drngte und es zu untergraben suchte;
ich sa an dessen Abhang unter Blumen, Lauben und Krnzen und trumte von einem
unvergnglichen Frhling.
    Dieser Mann, so flatterhaft, wankelmthig und unstt in seinen Neigungen,
hatte sich seit Jahren mit dem Herzen an mich gefesselt gefhlt, und keine
Trennung, keine Hofnungslosigkeit, keine Entmuthigung, keine Lockung zu andrem
Glck, hatte ihn von mir abgelst: das war Treue! - und aus dieser Treue hatte
er zugleich se Befriedigung und heimlich erkrftigende Zuversicht geschpft:
das war Liebe. Wie Jemand der sich krperlich berarbeitet hat und dem ein
Wolthter die Werkzeuge aus der mden Hand nimmt - oder wie Jemand der sich bei
der Lsung eines Problems bis zum Schwindel angestrengt hat und endlich durch
Intuition das Wort findet - so war mir zu Muth, so ruhte ich in ser,
auflsender Befriedigung, die als Reaction der unfruchtbaren und heftigen
Anspannung ber mich kam. - Nie hat mir ein Mensch besser gefallen als Otbert!
ging er durchs Zimmer, so sah es gut aus; sagte er Ja oder Nein, so klang es
gut. Mit seiner Meinung oder seiner Richtung war ich keinesweges immer
einverstanden; aber ich betrachtete es als einen Beweis, da zwei Menschen in
einer hheren Sphre als in der des Verstandes sich harmonisch zusammenfinden
konnten. Er war ein fascinirender Mensch wenn er es sein wollte; man hatte jeden
Augenblick Lust ihn zu tadeln oder Veranlassung zu Mibilligung; allein man
brachte es nie dahin. Eine oberflchliche Ansicht, welche meint der Mensch sei
derselbe heute wie vor zehn und wie nach zehn Jahren, drfte in Erstaunen
gerathen da ich nicht frher Otberts Zauber verfallen sei. Ich kann darauf nur
entgegnen: frher war der Augenblick nicht fr mich gekommen. Das unbegreifliche
und meistens unselige Wechselspiel unsers innerlichsten Lebens, hngt wie der
Klang der Aeolsharfe von unberechenbaren und unbekannten Gewalten ab. Dieser
Luftzug - sie tnt! jener - sie schweigt! und noch einer - sie braust! Durch
welche innere Umbildungen und Umwandlungen ein Mensch geht, den man doch vor
fnf oder zehn oder zwanzig Jahren in derselben Lage und Hauptrichtung gekannt
hat: das freilich wei nur er und Gott allein! Wren sie nicht - wie kme es
denn da die Menschen mit Freudenflaggen ins Lebensmeer hinaus segelnd nach
kurzer Frist unter Trauerflagge heimkehrten? Und der Eine hlt doch das ersehnte
und errungene Weib in den Armen - aber an einem erkalteten Herzen! Und der Andre
trgt noch seine stolze Krone - aber ber einer geknickten Seele! Und der Dritte
hat noch all sein Gold und all seine Schtze - aber sie sind ihm ohne Werth! Und
der Vierte lchelt noch immer - aber aus Hohn! Und der Fnfte hlt noch immer so
hoch und herrscherisch sein Haupt - aber heimlich verachtet er sich selbst! - -
- Du der mich liesest, sprich, ist es nicht so? - -
    Einst kam etwas zur Sprache was ich nie geahnt.
    Ich bin nicht reich, Sibylle, sagte Otbert, bei ich wei nicht welcher
Veranlassung.
    Nicht reich? wiederholte ich sehr erstaunt.
    Warum erschreckt Sie das?
    Es erschreckt mich gar nicht .... es berrascht mich nur! denn wenn Sie es
nicht sind, wie kommen Sie alsdann zu Ihren Nabobs-Allren?
    Theils durch Gewohnheit keinen Werth auf Reichthum zu legen - was zur Folge
hat da die Leute mich fr einen Millionr halten und mir Geld geben so viel ich
verlange; theils spiele ich zuweilen sehr glcklich.
    Ich habe oft gehrt da das Spiel die Menschen arm - nie da es sie reich
gemacht habe .... auer - Spieler von Profession.
    Ich verachte ein wenig jede Sorte von Profession, weil sie den Menschen
kriechend vor seinen Kunden macht. Aber zuweilen, Sibylle, bin ich in high
spirit, glckerwartend, glcksgewi: dann wag' ich enorm auf einen Satz, und der
gelingt mir alsdann immer. Ich hab' auch mitunter Anwandlungen von Aberglauben,
von Zeichendeuterei. Ich sage mir: Gelingt dir dieser Wurf, so ist das Glck dir
hold und dir werden noch ganz andre Dinge gelingen. In solchen Stimmungen spiel'
ich auch immer glcklich.
    Und wenn Sie in low spirit sind - wie dann?
    Dann suche ich berhaupt gar nicht zu spielen - wie ich im Allgemeinen zu
nichts Gutem fhig bin, wenn ich mich matt und grundlos herabgestimmt fhle.
    Stellen Sie Glck haben und zum Guten aufgelegt sein in eine Linie? fragte
ich lchelnd.
    Zuweilen .... warum nicht? Jedem Augenblick gewachsen und fr ihn tchtig
sein ist - gut sein. Spiele ich, so will ich Glck haben, setze ich meinen
Willen durch, so bin ich tchtig .... -
    Ja, sobald Ihre eigne Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer Ihren Willen
untersttzt und geregelt haben! unterbrach ich ihn.
    O! rief er, Sie knnen gar nicht wissen ob nicht der bloe Wille des
Menschen ohne alle jene Sttzen und Regeln von einem weit beherrschenderen
Einflu auf unsre Geschicke ist.
    Das meinte ich nicht, Otbert. Ich meinte nur da wollen und das Gute wollen
zweierlei sei.
    Leider ist es im Allgemeinen so; denn der Mensch ist zugleich roh und
beschrnkt. Wenn er seinen Willen von seiner individuellen Bedrftigkeit
abklrte und ihn ber den Horizont seiner Persnlichkeit hinaus erweiterte -
wenn er sich zugleich feiner und freier aus der Brutalitt und aus der Sclaverei
seines Ichs heraus schlte - so wrde wollen und das Gute wollen immer
zusammenfallen.
    Das Gesprch spann sich leicht und angenehm mit Otbert fort, und ich verga
gnzlich da er mir zwei Dinge gesagt, die mich im Grunde hchst unangenehm
berhrt hatten: da er enorm spiele und keine Vermgen habe. Ich, meiner Natur
nach, legte kein Gewicht auf Reichthum, weil ich aus Erfahrung wute wie leicht
ich ihn entbehren knne; denn ich hatte ber zwei Jahr mit der grten
Einschrnkung in Engelau gelebt und mich nicht unglcklicher gefhlt als in Rom,
Paris und London wo ich mit der unsinnigsten Verschwendung lebte. Allein grade
jene zwei Jahr in Engelau hatten die Ansicht in mir gereift, da ich das
Vermgen meiner Vorfahren auch auf meine Nachkommen bertragen - da es durch
meine Hand gehen, jedoch nicht in derselben aufgehen msse. Astraus Verfahren,
welches ich sehr richtig mit Nabobs-Allren bezeichnet hatte, beklemmte mich wie
eine unheimliche Ahnung, und umsomehr als mir meine Besorgni um Geld und Gut
wie ein Zeichen gemeiner Gesinnung vorkam.
    Unbehaglicher noch als diese Entdeckung war mir die Eifersucht, die Astrau
gegen Sedlaczech an den Tag legte, weil es mir unmglich schien, da er sie
wirklich empfinden knne. Er hatte mich ja monatelang als Nino in der grten
Zwanglosigkeit meines Lebens beobachtet - hatte wahrnehmen mssen, da eine
ernste, fast mgt' ich sagen schchterne Freundschaft zwischen mir und
Sedlaczech walte, da ich ihn nicht einmal in der vertraulichen Weise eines
langjhrigen Lehrers und Hausfreundes behandle, da mehr Zurckhaltung als
Hingebung, mehr Schweigen als Reden zwischen uns herrsche; - woher denn der
lcherliche Verdacht? Das sagte ich ihm einmal - zwanzig Mal. Umsonst. Er blieb
bei seiner Behauptung: Sedlaczech sei ein hchst gefhrlicher Mensch, der mich
liebe, und der eher sterben als mir seine Liebe gestehen werde, und ob ich
glaube da es ihm gleichgltig sein knne mich neben einem solchen
unterirdischen Vulkan zu wissen.
    Warum nicht, sobald Sie die Ueberzeugung haben da nie ein Ausbruch kommen
wird? fragte ich sorglos.
    Sehen Sie wie sich Ihre geheime Ueberzeugung in dieser Aeuerung verrth!
brach er aus.
    Ich besa die Eigenschaft aller stolzen Seelen: dem Vorwurf und besonders
dem ungerechten Vorwurf gegenber, schwieg ich kalt. Meine Gedanken dabei waren:
Hab' ich den Vorwurf verdient, so darf ich nichts sagen; hab' ich ihn nicht
verdient, so wei ich nichts zu sagen. Und hier allerdings wute ich gar nichts
Beruhigendes anzufhren als mein Leben - und das sollte nicht gelten!
    Auf seinen Knien bat Otbert mich endlich Sedlaczech zur Abreise zu
veranlassen.
    Wie eine finstre Wolke steht er in unserm Frhlingshimmel! rief er; lassen
Sie ihn doch gehen! Ich fhle mich so bedrckt durch ihn wie ehedem Venedig
durch die Staatsinquisition! Er ist mir nun einmal antipathisch und macht mein
ganzes Nervensystem auf die peinlichste Weise vibriren. Verstehen Sie das nicht?
giebt es nicht auch fr Sie Individuen bei denen es Ihnen unbegreiflich wol oder
weh wird ohne da Sie sich ber das Warum Rechenschaft ablegen knnten? Nun
sehen Sie, er thut mir weh .... durch Nichts wenn Sie wollen .... d.h. durch
Alles.
    Ein edler Sinn, ein hohes Herz, ein reicher Geist mte sich durch das
Gleichartige nicht abgestoen sondern angezogen fhlen, Otbert, und sich hten
flchtige Launen als unberwindliche in der Essenz des ganzen Organismus
wurzelnde Antipathie zu betrachten.
    Sibylle, glauben Sie nicht da um jedes Geschaffne, heie es Gestirn oder
Grashalm, Mcke oder Mensch, eine ihm und nur ihm angehrende Atmosphre
schwebt, welche sich aus seiner Gesamt-Eigenthmlichkeit entwickelt? Bei jeder
Pflanze, jedem Baum ist sie wahrzunehmen: die Einen ben gedeihlichen Einflu
auf einander, die Andern schdlichen, gar vernichtenden. Die feine und reiche
Organisation des Menschen ist dieser Eigenthmlichkeit aller Naturwesen nicht
enthoben. Im Gegentheil! die Uressenz seiner Individualitt macht sich um so
strker geltend je mehr diese ausgeprgt, je origineller sie geblieben ist - und
der Duft, der Aether, das Unfabare und Unnennbare welches sich aus ihrer ganzen
leiblichen und geistigen Beschaffenheit entwickelt, bt auf andre Organismen
eine ebenso entschiedene Anziehungs- und Abstoungskraft, wie der Magnet nur das
Eisen, wie die Erde nur den Mond an sich zieht - wie das Glas springt wenn der
Ton aus dem Instrument gelockt wird der in ihm schlummert. Warum zieht der
Magnet nicht das Gold an? warum rollt nicht der Sirius um die Erde? warum
springt von funfzig Glsern nur dies eine? - weil da der Zusammenhang in der
Uressenz fehlt.
    Das sind Phnomene ber welche die Natur einen Zauberschleier wirft, den
die plumpe sinnliche Hand nicht heben kann, unterbrach ich ihn; allein der
Mensch kann mit dem Licht des Bewutseins diesen dunkeln Gewalten Widerstand
leisten.
    Er kann es wenigstens versuchen, und er soll es - entgegnete Astrau. Aber
bei diesen Versuchen ereignen sich Phnomene andrer Art. Hier sehen Sie ein Paar
Eheleute, dort Mutter und Tochter, da zwei Brder sich abarbeiten in dem
Bestreben zu einem zufriedenstellenden ertrglichen Verhltni zu gelangen. Wre
ein Theil lasterhaft und der andre tugendhaft - der eine ein Spitzbube, der
Andere ein Ehrenmann: so erklrte sich die Unvereinbarkeit der Naturen. Aber
nein! es sind Beides brave Menschen, Beide geben sich redlich Mhe - doch
umsonst! sie reiben sich auf in unfruchtbaren Bestrebungen, fhlen sich
gedrckt, gehemmt, elend, oft ohne die Ursach zu wissen oder sich selbst
eingestehen zu wollen. Es kommt eine unwillkrliche Erstarrung ber sie, eine
Lhmung ihrer edelsten und feinsten Fhigkeiten; und das schwindet und
zerschmilzt sobald sie dem feindlichen Einflu enthoben und unter einen
wolthtigen gebracht sind. Dann kommen sie zu Athem und zu Besinnung, und mssen
dennoch zugeben, da die Menschen bei denen sie sich wol fhlen nicht besser,
nicht klger, nicht tchtiger als Jene sind; allein sie haben einen gemeinsamen
und homogenen Lebensther. Sedlaczech und ich - wir haben einen heterogenen.
    Otbert! Otbert! es ist unleugbar viel Wahrheit in dem was Sie sagen und
Jeder von uns hat gewi dergleichen Erfahrungen gemacht. Aber man mu behutsam
zu Werk gehen, wenn man diese Richtschnur brauchen will; man mu sich mglichst
partei- und leidenschaftlos, mglichst menschenfreundlich und unselbstschtig
erhalten; - man mu eine Seele von der sensitivsten Zartheit haben: sonst wird
man in die schneidendsten Ungerechtigkeiten und in die wunderlichsten und
traurigsten Irrthmer verfallen. Der Mensch - durch Cultur der Sphre seiner
primitiven Begabung entrckt - durch Civilisation zu einer knstlichen
ausgearbeitet - durch Erziehung noch ganz speciel soll ich sagen gebildet oder
zugestutzt - durch Gewohnheit der Gesellschaft abgestumpft gegen die Erscheinung
des Menschen - durch persnliche Erfahrungen bald mitrauisch bald
blindvertrauend gemacht: der Mensch aus unsrer Zeit und unsrer Welt, ihren
Einflssen, Regeln und Gesetzen unterthan, durch sie gesugt, von ihnen gewiegt
- sollte eine solche clairvoyance der Erkenntni haben, da dieselbe mit seinem
dunkeln Instinct zusammenfiele, und ihn sicherer fhrte als Beobachtung und
Prfung!?
    Meine arme Sibylle, entgegnete Otbert mitleidig, Beobachtung und Prfung
fhren uns meistentheils so verkehrt und in die Irre, da der Instinct wenig zu
thun braucht um es besser zu machen! - Ich fr meine Person halte es, wenn es
auf ein Urtheil ankommt, in den meisten Fllen mit dem Ergebni der
unwillkrlichen, unrsonirten Regung; denn unser mehr oder weniger sophistisches
Rsonnement, durch das zweifelnde Dmmerlicht unsers Verstandes mehr beleuchtet
als erleuchtet, ist ganz dazu geeignet um uns an der Wahrheit selbst irre zu
machen.
    Das ist richtig! entgegnete ich traurig. Ach, wie er es auch beginne, dem
Menschen vom Mittelschlag ist Irrthum und Tuschung gewi! Unsre unvollkommnen
Fhigkeiten werfen ihren tiefen Schatten ber die flchtige Erkenntni die
zuweilen in uns auftaucht um wie eine himmlische Vision in dem Nebel der
Alltglichkeit zu verschwinden.
    O mein Engel! nichts von diesem Rckfall ins Schattenreich! rief Otbert,
kniete vor mir nieder und umspann mich mit dem eindringlichen warmen Blick
seiner glnzenden schwarzen lnglichgeschnittenen Augen. - Sieh, ich bin wie
Orpheus! ich habe die geliebte Eurydice in jenem Reich gesucht, gefunden,
befreit - - ich trage sie in meinen Armen zum goldnen Tageslicht, zum sen
Liebesleben empor - ich bin freudezitternd ber meinen Sieg und meine Seligkeit;
- o jezt keinen Rckblick mehr, keine Gemeinschaft mit den Schatten der
Vergangenheit. Sieh! Sedlaczech gehrt ihr an; er ruft jene empor,
unabsichtlich, nur durch sein Dasein. La ihn gehen, Sibylle! o ich mgte Dich
von der ganzen Welt isoliren, alle frheren Eindrcke aus Dir verwischen, damit
Du mit mir und durch mich das Leben kennen lerntest.
    Mit welchen Grnden sollte ich diese Bitten und Wnsche abweisen? Ich hatte
keine. Wir waren im Mai; im hohen Sommer wollten wir nach der Schweiz gehen und
uns dort verheirathen. Wollte Otbert in seiner jungen Huslichkeit keinen
Dritten haben - ich begriff das! allein jezt einen Mann zu entfernen, meinen
Lehrer, Freund und Gast, den ich eingeladen hatte, das schien mir tyrannisch
gegen mich und roh gegen Sedlaczech. Und dennoch erfllte ich Astraus Wunsch! -
- So wie ich den Entschlu gefat ihn zu heirathen, hatte ich denselben gegen
Sedlaczech ausgesprochen. Er antwortete mir nichts als:
    Gott segne Sie in all Ihrem Thun.
    Seitdem hielt er sich noch ferner als sonst von mir und war auch noch
schweigsamer und zurckhaltender in meiner Gesellschaft. Zuweilen in Otberts
Gegenwart, angeregt durch dessen Gesprche, wurde er lebhaft und mittheilend,
und dann gab es keinen greren Contrast als diese beiden Mnner sowol in der
ueren Erscheinung als in dem Ausdruck ihrer inneren Richtung. Astrau - ein
Sohn der Sonne, glnzend, prchtig, herrschend, siegesgewohnt und bewut, ein
heitres ses Spiel aus dem Leben und dessen ernstesten Gaben machend, die
Schatten fliehend, also auch Wehmuth, Kampf und Schmerz fast ngstlich
vermeidend - ein verzogenes Kind des Schicksals und der Menschen, dem Alles
geglckt war was er sich je in den Kopf gesetzt, und daher von einem
Selbstvertrauen ohne Gleichen, das ihn zu seinem eignen Gott erhob. Sedlaczech -
eine Mondscheingestalt, die von Millionen unbeachtet lautlos zwischen ihnen
dahin glitt; ein Verstoener aus den Reihen der sogenannt Glcklichen der Welt;
von der grten Schchternheit, wie der Mangel an Erfolg und vielleicht herbe
Erfahrungen das mit sich brachten; von der nachhaltigsten Ausdauer, die aus dem
unabweislichen Instinct seines Genies hervorging; voll tiefem Glauben an
gttliche Fhrung, daher voll tiefer Ueberzeugungen und gewappnet zu jedem
Kampf; stolz genug um stets das Bewutsein festzuhalten, da er seinen Weg
erkannt habe und verfolgen msse, und wenn auch nicht Einer dies anerkenne; aber
nicht eitel genug um im Selbstvertrauen eine Brgschaft zu finden, da seine
Krfte ausreichen wrden fr die Mhsale des Weges. Astrau dem Beifall der Welt
entrckt, wrde vielleicht ohne poetische Inspiration geblieben sein und gewi
nicht das Bedrfni gehabt haben sich ihr hinzugeben. Er behauptete zum
Improvisator oder zum Schauspieler geboren zu sein, da nichts ihn so anfeure und
belebe als die elektrische Spontaneitt der geistigen Berhrung zwischen einem
solchen Knstler und der bewundernden, hingerissenen, athemlosen Menge.
Sedlaczech wrde in der tiefsten Einsamkeit die mchtigsten Inspirationen gehabt
und sich durch sie beseligt gefhlt haben, wenn auch deren Blten, seine
Schpfungen, nie fr ein menschliches Ohr erklungen wren. Jener lechzte nach
Lob und Schmeichelwort; dieser wehrte khl auch den geringsten Ausdruck des
Beifalls ab. Astrau wollte die volle Huldigung der Zeitgenossen, Sedlaczech
schmachtete nach dem Ruhm der Nachwelt. Jener sagte:
    Wer die Gegenwart beherrscht indem er ihrer Gesinnung den entsprechenden
Ausdruck leiht, und die in ihr ghrenden Elemente in eine klare feste Form
giet, welche sich jedem Auge als das tausendmal getrumte Bild befreundet
entgegenstellt: der ist der Knig seiner Zeit, und es ist gleichviel ob eine
sptere ihn dafr anerkennt .... da ohnehin die frhere es nicht kann. Fr eine
Epoche ist der Mensch geboren, drum soll er sie fllen wenn er es vermag. Das
ist sein chter lebendiger Ruhm. Der todte Nachruhm ferner Jahrhunderte beweist
sehr hufig da der Berhmte seine Zeit und seine Mission nicht verstanden hat.
    Sedlaczech sagte gelassen als ob es sich um die einfachste Sache der Welt
handle: Ich bin nur durstig nach Unsterblichkeit und nach dem Bewutsein da
ich gestrebt habe als ob ich sie verdiente.
    O! rief ich dazwischen, wie seid Ihr glcklich, Ihr Beide, da Ihr eine
Idee habt, welche Euch in jedem Moment beseelt - welche Ihr mit jedem Athemzug
verfolgt - woran Ihr Eure Seele unabtrennbar vor Anker gelegt habt, so da Ihr
nie in der Irre auf diesem ungeheuren Ocean umhertaumelt den man Leben nennt!
.... Ihr wit was Gott mit Euch will! Ihr lebt seine Idee in Euch aus! sei das
nun gro oder klein, viel oder wenig, hoch oder niedrig in den Resultaten -
einerlei! Ihr verfolgt Euer Ziel. Astrau will den Genu, Sedlaczech will das
Streben .... o Ihr Beneidenswerthen! - Was will denn ich? Was will denn Gott mit
mir? .... Nichts, nichts und abermals nichts. Und so verfalle ich denn auch dem
Nichts.
    Und Sie whnen zu lieben, Sibylle! rief Otbert heftig bewegt. Ein Weib das
liebt hat nie gefragt was Gott sonst noch mit ihm wolle.
    Auch ich werd' es lernen ohne zu fragen, Otbert! sagte ich herzlich und gab
ihm die Hand. Es ist nur so schwer sich von alten Gewohnheiten loszumachen.
    Als Otbert mir aber in Folge dieses Gesprchs vorwarf ich htte mehr
Theilnahme fr Sedlaczechs Lebensanschauung als fr die seine an den Tag gelegt,
so beschlo ich diesen Qulereien ein Ende zu machen und Letzterem offenherzig
zu sagen um was es sich handle. Ich that es.
    Lieber Meister! sagte ich, ich wei nicht ob Sie wissen da die Mnner
wunderliche Grillen haben und da vor allen Anderen die Liebenden sich darin
hervorthun.
    Inwiefern knnten Graf Astraus Grillen mich betreffen? fragte Sedlaczech
trocken.
    Grade Sie! entgegnete ich tdtlich verlegen und daher mit erzwungener
Munterkeit. Er findet Sie zu liebenswrdig um neben Ihnen seiner eignen
Liebenswrdigkeit gewi zu sein und das beklemmt ihn.
    Sedlaczech legte seine seltsamen Augen mit einem langen Blick auf mich,
sagte dann ruhig:
    So leben Sie denn recht, recht wol und in eine glckliche Zukunft hinein!
- schttelte mir die Hand und wollte gehen.
    Aber wohin werden Sie denn gehen? rief ich bengstigt. Und soll ich nichts
von Ihnen hren und Sie nicht wiedersehen? Ach Gott! Sie sind mir wie ein
Vermchtni meiner lieben Todten .... ich htte so gern mit Ihnen fortgelebt wie
bisher.
    Ich auch! sagte er traurig, setzte dann aber gleich freundlich hinzu: Einem
groen Glck mssen kleine Opfer gebracht werden, theure Sibylle: halten Sie das
recht fest jezt, da Sie in neue Verhltnisse treten, und lassen Sie getrost
alles Unwesentliche, wodurch es gestrt werden knnte fallen.
    Also glauben Sie doch wirklich an ein groes Glck fr mich! rief ich
hofnungsfreudig. Ich gestehe Ihnen mir schien zuweilen als ob Sie daran
zweifelten.
    Kein Mensch begreift ein fremdes Glck! das Paradies des Einen wrde des
Andern Hlle sein. Da ich Ihr Glck inbrnstiger wnsche als irgend Jemand -
das wei ich .... sonst nichts! - Ich denke nach Rom zu gehen, setzte er
abbrechend hinzu, um die neue rmische Kirchenmusik kennen zu lernen, da man die
alte vielleicht nirgends seltner hrt als dort - in der Charwoche ausgenommen.
Ich habe viel zu arbeiten, zu studiren, zu vollenden, und ich denke es wird mir
wol gehen in der Heimat Palestrinas.
    Aber wie .... womit .... werden Sie leben? fragte ich schchtern.
    Wie sonst! ich habe ja meine alten Hlfsmittel und berdas wenig
Bedrfnisse. Ich habe mein Leben nicht darauf eingerichtet stets in einem Palast
Gradenigo zu wohnen - fgte er lchelnd hinzu - und in einer einsamen Htte
braucht man nicht viel.
    Ich wei nicht warum, allein mir wurden die Augen feucht.
    Grmt Sie das, Sie Verwhnte! da der Mensch wenig bedarf? fragte er
liebreich.
    Da Sie gehen grmt mich! rief ich mit heien Thrnen, und da Sie in die
einsame Ferne, wo Niemand Ihrer harrt, ziehen - grmt mich noch mehr. Wt' ich
Sie glcklich, sei's in Rom, sei's am Nord-oder Sdpol - ich wrde nichts sagen,
aber jezt .... mu ich weinen.
    Leben Sie wol, Sibylle! sagte er mit bebender Stimme, mit schimmerndem
Blick, und reichte mir abermals die Hand.
    Ich umklammerte diese Hand mit der Linken, ich legte die Rechte auf seine
Schulter, und sagte:
    Vor Jahren - ich selbst wei nicht mehr vor wie langen Jahren .... hab' ich
Sie einmal beten sehen; das was ich beten nenne: nicht bitten um irdische Gter
oder himmlische Gaben, sondern die Seele aufschwingen zur Ruhe in Gott. Seitdem,
Fidelis, hab' ich viel gesehen und viel vergessen, aber .... wie Sie beteten
hab' ich nie und nimmer vergessen. Nun sagen Sie mir: knnen Sie noch jezt so
beten?
    Jezt erst recht! sprach er fest.
    Ich trat zurck, faltete meine Hnde vor der Brust und rief: Nun so gehen
Sie denn, Sie gesegneter und verehrter Mensch! und wenn ich dessen wrdig bin,
so gedenken Sie meiner Seele in Ihrem Gebet, damit sie im Schutz der Ihren zu
Gott komme.
    Eine Welt von extatischen Empfindungen trat whrend ich sprach in
Sedlaczechs Antlitz. Als ich schwieg legte er wie aus einem Traum erwachend die
Hand ber die Augen, neigte sich stumm und tief vor mir und verlie langsam mein
Cabinet.
    Otbert schlo mich freudig in seine Arme als ich ihm Sedlaczechs
bevorstehende Abreise mittheilte und sagte:
    Sie sind so bewegt durch den Abschied, Sibylle, da ich mich derselben
doppelt freuen mu.
    Durch den Abschied bin ich es allerdings, entgegnete ich, denn die
Entfernung einer treuen Seele thut immer weh; - durch unser Zusammensein bin ich
es jedoch nie gewesen.
    Otbert war unendlich dankbar, hchst liebenswrdig und angeregt, und oft
gedachte ich Arabellas und begriff da sie, grade sie, seinem Zauber nicht habe
widerstehen knnen. Obgleich mein Bewutsein mir sagte, da ich auf keine Weise
strend zwischen sie und Otbert getreten sei, so war mir doch immer zu Sinn als
msse ich sie heimlich meines Glckes wegen um Verzeihung bitten. Einmal gerieth
ich auf den Einfall ihr zu schreiben, da ich auf dem Punkt sei Otbert zu
heirathen; da aber unsre freundschaftliche Verbindung seit meiner Abreise von
England abgebrochen und durch keinen brieflichen Verkehr wieder angeknpft war:
so schien es mir nach reiflicher Ueberlegung taktlos und grausam sie bei dieser
Veranlassung wieder anspinnen zu wollen. Ueberdas gerieth ich durch das Glck in
jene Verweichlichung welche uns ngstlich jede bittere oder peinliche Empfindung
fliehen lt. Ich wollte glcklich sein, und Otberts Liebe machte mich
glcklich. Seine Treue und Ausdauer hatte er mir bewiesen; jezt legte er mir
sein Bestreben an den Tag auch in seiner geistigen Richtung, in seinen Studien
und Beschftigungen meinen Beifall zu gewinnen. Er arbeitete damals an seiner
reizenden Sirene. Der Gegenstand foderte Bekanntschaft mit der venetianischen
Geschichte. Wir lasen sie zusammen. Wir durchfuhren und betrachteten zusammen
bis in die geringsten Einzelheiten ganz Venedig um das Characteristische und
Eigenthmliche bis in dem entferntesten Winkel, der abgelegensten Sandbank
aufzusuchen. Wir ruhten zusammen von diesen Excursionen bei Venedigs
unvergleichlichen Kunstschtzen aus und gaben uns bei abendlichen Gondelfahrten
dem vollen Zauber dieser Feenstadt hin. Zuweilen recitirte Otbert whrend dieser
Fahrten einzelne Strophen aus der Sirene welche auf die Scenerie oder auf
unsre eigene Stimmung paten; oder er besprach mit mir irgend ein Bild oder eine
Idee, die er dem Gedicht einverleiben wollte. Zuweilen ordnete er Musik zu
unsrer Begleitung an und dann war schweigen noch ser als reden. So kam der
Julius heran, den ich zu meiner Abreise nach der Schweiz festgesetzt hatte. Es
war ein frchterlich heier Sommer; die Sonnenhitze verwandelte Luft und Wasser
in geschmolzenes Blei und brtete, ich mgte sagen mit dumpfer Wuth ber der
Lagune. Ich frchtete fr Benvenutas Gesundheit; ich hatte freilich wieder die
kleine Wohnung auf Torcello fr sie genommen, aber sie kam ihr wenig zu gut,
denn die Hitze begann mit Sonnenaufgang und dauerte bis gegen Mitternacht, so
da eigentlich nur die Paar Stunden der Nacht gegen den Morgen zu Khlung
gewhrten. Ich sehnte mich nach der frischen Bergluft der Schweiz. Um so
berraschender war es mir als Otbert mich eines Tages bat diese Reise
aufzugeben, aber sein Glck nicht lnger zu verzgern. Die Arbeit unter den
gegenwrtigen Verhltnissen mache ihn so glcklich - die Umgebung wirke so
harmonisch mit der innern Stimmung zusammen - die poetische Erregung sei so
mchtig und bersprudelnd in ihm, da ihm zu Muth sei als begehe er einen Frevel
an seiner Muse wenn er von dieser geweihten Sttte weiche. Ueberdas sei ihm
Venedig so lieb durch die Seltsamkeit und Seligkeit des Geschicks, welche er
hier gekostet habe, da er an keinem andern Ort der Welt den Moment der
Erfllung seines hchsten Glcks erleben mge. Er trug mir das Alles in seiner
Weise vor, die ich unwiderstehlich fand, und die Folge davon war, da Alles
genau so gemacht und eingerichtet wurde wie er es wnschte. Wir wurden in aller
Stille vermlt. Otbert verlie das Hotel Danieli am Quai der Slavonier wo er bis
dahin gewohnt hatte und bezog meinen Palast Gradenigo. Eine kleine Wohnung auf
Torcello - aber eine andere als Benvenutas - erwhlte er sich fr Stunden und
Launen in denen ihm vllige Einsamkeit nothwendig sei; und das fiel mir weiter
nicht auf, da ich selbst mehr als jeder Andre die aller unabhngigsten, ja
vielleicht grillenhafte Lebensgewohnheiten hatte.
    So war ich denn Otberts Frau! - bis dahin hatte mich eine unberwindliche
Schchternheit zurckgehalten mit ihm ber seine pecuniren Verhltnisse
grndlich zu sprechen. Jezt that ich es; denn aus den Zeiten meiner Ehe mit Paul
wute ich in welch ein Labyrinth von Sorgen man sich durch nachlssige
Verschwendung und gedankenlose Unordnung verwickelt.
    Geliebter Engel, entgegnete Otbert sehr gelassen, ich habe unzhlige
Schulden.
    Ich wnschte doch sehr da Du sie zhlen mgtest .... weiter nichts,
Otbert!
    Ja sieh, das werden die Leute, welche mir geborgt haben, wol genauer knnen
als ich. Mit dem unseligen Gelde war ich immer bel dran. Wir haben uns nie mit
einander vertragen knnen, drum nahm es immer mit der grten Eile bei mir
Reiaus.
    Erlaubst Du mir knftig Dein Schatzmeister zu sein?
    O! rief Otbert entzckt, dann wird mir das Leben noch einmal so freudig
vergehen als sonst. Die Qual nie Geld zu haben und immer Geld zu brauchen, ist
mit keiner andern zu vergleichen! Zuweilen fhlte ich mich durch sie gelhmt an
allen Sinnen und Krften .... wahrhaft elend. Ich verstehe diese Geschfte
nicht, habe sie nie gelernt, erwuchs als der Sohn eines reichen Mannes, der aber
noch zwei Shne auer mir hatte. Nach seinem Tode wurde das Vermgen zwischen
uns und der Mutter vertheilt. Meine Brder haben es verstanden reiche Mnner zu
werden; ich habe mich nie um mein Vermgen gekmmert! meine gute Mutter hat es
nach besten Krften verwaltet .... jezt wird ihr, glaub' ich, diese Verwaltung
nicht mehr viel Mhe machen. Indessen .... wenn wir einmal nach Deutschland
heimkehren, wollen wir doch die Sache genau untersuchen um zu erfahren, was ich
eigentlich habe oder nicht habe .... wenn's Dich interessirt, mein Engel.
    Nie hab' ich einen Menschen gesehen, der das Geld weniger beachtet und mehr
verbraucht htte! er war nichts weniger als habschtig; er verschenkte und
verschwendete eignes wie fremdes Gut mit derselben Fahrlssigkeit; er war im
hchsten Grade freigebig und gromthig; das gefiel mir sehr! allein ebensosehr
mifiel mir diese bodenlose Unordnung. Es kam ihm nicht in den Sinn irgend
Jemand bervortheilen zu wollen. So wie seine Gelder einliefen, berief er seine
Glubiger und zahlte ihre Foderungen; blieben jene aber aus oder reichten sie
fr seinen Verbrauch nicht hin, so beunruhigte ihn das nicht im Mindesten; er
borgte aufs Neue und verzehrte in dieser Weise seine Habe. Als mein Haus das
seine ward und er mir die unbeschrnkte Leitung desselben bertrug, ordnete ich
seine ganzen pecuniren Verhltnisse insoweit sie sich an Venedig knpften aufs
Pnktlichste. Er dankte mir herzlich - aber nur fr meine Mhe; die Sache selbst
war ihm gleichgltig. Ich fhlte mich einmal verpflichtet ihn ber deren
Wichtigkeit aufzuklren. Er hrte mir verwundert zu und erwiderte dann:
    Lieber Engel! ganz unabhngig ist auf unsrer Sclavenwelt Niemand. Lebt man
wie ich, so ist man, wie Du ganz richtig bemerkst, etwas abhngig von Juden,
Wucherern und dergleichen Gesindel; - lebt man wie Du, so ist man abhngig von
seinem Budget. Der Eine fhlt sich frei durch die Ordnung in seinen
Rechnungsbchern; den Andern bedrckt der Gedanke sie in Ordnung halten zu
sollen. Wenn ich gestern zehntausend Thaler ausgegeben habe, so wei ich heute
kaum - und morgen gewi nicht mehr die Zahl. Wozu auch? Den Genu den sie mir
verschaft hat habe ich erstrebt und erlangt: und das ist der Zweck des Geldes.
    Ich sah ein da es ganz umsonst sein wrde ber diesen Punkt mit ihm zu
streiten. Aus Neigung und Bequemlichkeit hatte er sich ein System ber diesen
Zweck des Geldes gemacht, wohinter er sich mit der hchsten Gelassenheit
verschanzte. Ganz wahr ging er nicht dabei zu Werk - wie das mit der sogenannten
consequenten Durchfhrung jedes Systems verbunden ist - aber um so fester hing
er an demselben. Kurz nach unsrer Verheirathung schickte ihm seine Mutter eine
Anweisung auf 2000 Thaler, wenn ich nicht irre, mit der Bemerkung dies wren
seine einzigen Einknfte fr das laufende Jahr. Was that er? - Mir war ein
wunderschner trkischer Shawl fr einen enormen Preis angeboten; ich hatte ihn
nicht genommen. Otbert kaufte ihn; - kaufte dazu einen Kasten von Cedernholz,
der im orientalischen Geschmack mit Arabesken von kleinen vergoldeten Ngeln
beschlagen war, und legte mir dies Prachtgeschenk zu Fen. Ich freute mich
eigentlich nur an seiner Freude ber dasselbe. Er hing mir den Shawl um, erst so
, dann so, er lie meine brigen Shawls bringen, legte sie alle selbst in den
herrlichen Kasten, und freute sich an ihrer Zartheit und ihren Zeichnungen.
    Eine Schnheit wie Du mu nichts als die kstlichsten Stoffe tragen, sagte
er, und von den kstlichsten Stoffen umgeben sein. Deine kleinen weien
Linonkleider sind mir ganz unangenehm. Warum kleidest Du Dich nicht in
ostindischen Musselin?
    Ich sagte ihm ostindischer Musselin sei eine Tradition aus der Jugendzeit
unsrer Mtter, und heutzutag aus der Mode. Er versicherte er wrde mir ein
solches Kleid verschaffen. Am andern Tage erschien er triumphirend:
    Siehst Du, ich hab' ihn gefunden, den zarten wasserdnnen Stoff! ich
foderte das leichteste und kostbarste der Art .... da bekam ich ihn gleich.
    Ich fnete das Pckchen welches er mir gab - es war wunderschner Batist die
Elle zu drei Dukaten. Er war so froh ber seinen vermeintlichen Fund da ich ihn
nicht enttuschen mogte. Ich versprach mir daraus ein Kleid machen zu lassen
ganz berrieselt von Brsseler Kanten. Das Kleid wurde gemacht, aber von dem
feinsten weichsten Musselin den ich finden konnte; und als ich darin vor ihm
erschien, schmckte er mich mit meinen Perlen, hing mir einen Spitzenschleier
ber das Haar und den neuen blagrnen Shawl um die Schultern.
    Nun siehst Du aus wie Adriatica des Dogen Braut! rief er entzckt. Komm!
la uns fahren!
    Bei der Gondel neue Ueberraschung! Am Tage fuhr ich immer in einer
bedeckten; Abends lie ich den Kasten abnehmen. Jezt schwebte ein Baldachin von
weiem Tafft mit Silberfranzen, an allen vier Ecken mit groen Blumenstruen
geschmckt, ber ihr. Die Polster waren ebenfalls von weiem Seidenstoff und
purpurfarbener Sammt diente als Futeppich. Sie war von elfenhafter Zierlichkeit
und gefiel mir sehr. Otbert sagte:
    Jezt ist sie Deiner wrdig.
    Gino meinte ihm sei zu Muth als fahre er die Gttin Venus selbst, und so
ging es den Canal grande hinauf und herab, von einer Barke mit Musik begleitet.
Dann zur Piazzetta. Ich hatte nicht groe Lust in meinem etwas fabelhaften Anzug
die Gondel zu verlassen und auf den Markusplatz zu gehen; doch Otbert sagte:
    In Paris oder London, vollends in unsern deutschen Krhwinkeln, wrde es
unpassend sein weil Du auffallen wrdest; hier ist man vernnftig und ungenirt!
hier bemerkt man eine Frau um ihrer Schnheit - nicht um ihres Anzugs willen.
Komm nur getrost.
    Die Wahrheit ist - da er Recht hatte! Es war Musik und groes Gedrnge auf
dem Markusplatz: allein ich wurde dennoch bemerkt.
    Oh! che maraviglia! riefen Einige.
    Das machte Otbert mehr Vergngen als mir! er sah ganz freudig dazu aus, und
ich ganz ernst, so ernst da eine Frau rief:
    Sie ist wol schn, aber sie hat ein bses Auge.
    Nicht bse, nur traurig, entgegnete ein Mann.
    Wie kann man traurig sein wenn man einen so schnen und zrtlichen Gemal
hat! sprach Jene.
    Es giebt nichts Treffenderes und Unbefangeneres als die Auffassungs- und
Ausdrucksweise des Venetianers! - Ein Menschenknuel folgte uns spter zu unsrer
Gondel und unsre Musiker empfingen uns, wei der Himmel warum! mit einem God
save the king. Die feierliche Musik ergriff die beweglichen Gemther: man rief
Evviva's und Segensworte uns zu. Otbert warf eine Hand voll Geld worunter sich
einige Goldstcke befanden, unter die Menge, wodurch sich das Entzcken noch
steigerte. Ich war froh als unsre Gondel von der Piazzetta abstie! - Aber solch
ein Abend war ganz nach Otberts phantastischem Geschmack. In dem Punkt
harmonirten wir mit einander - nur mit dem Unterschied, da ich immer von
innerlichen, er von uerlichen Entzckungen trumte; da meine Phantasie mir
unerhrtes, unsgliches, aber ganz stummes Glck - die seine ihm Jubelruf,
Freudejauchzen und selige Huldigung einer Welt vormalte; da ich gleichsam in
einen Feenpalast unter die Meereswellen zu versinken - er auf einen weithin
leuchtenden Knigsthron erhoben zu werden wnschte. Ein andrer Zug den wir mit
einander gemein hatten war der, da wir uns den Berauschungen durch unsre
phantastischen Grillen zu sehr hingaben um je durch das, was die Wirklichkeit
uns bot befriedigt zu werden.
    War ich nun glcklich als Otberts Frau? ich wollte es sein, ich nannte mich
so, ich prgte mir ein, da es jezt keine andre Mglichkeit von Glck fr mich
gbe und da ich mein Herz diesem Bewutsein weit, weit aufthun msse. Ich
bemhte mich immer tiefer in Otberts Wesenheit einzudringen, sie mit der meinen
zu verschmelzen. Ich studirte frmlich seine Meinungen und Ansichten um auf
dieselben einzugehen - seine Wnsche um sie zu erfllen. Ich lie keine meiner
alten Grbeleien in mir aufsteigen: ob dies Gefhl nun das chte, das wahre, das
unvergngliche sei; ich nahm es dafr an. Das machte mich sehr ruhig - so ruhig
da ich in der Erinnerung darber staune; denn es vergingen nicht sechs Wochen
unsrer jungen Ehe und Otbert bekmmerte sich gar nicht mehr um mich. Ich hatte
aber ein solches Zutrauen zu ihm, da ich mit wunderbarer Gelassenheit zu mir
selbst sagte: Dies ist der Moment der Reaction, welche auf jede bermige
Anspannung des Gefhls folgt, um dasselbe nach einiger Zeit ins Gleichgewicht
zurckzustellen. Er hat ein Jahr in so bertriebener, grenzenloser Erregtheit
zugebracht wie sie auf die Dauer unmglich zu ertragen ist. Er mu sich jezt von
dem Schwung ausruhen, aus der Sphre der Imagination in die des Herzens
zurckkehren, und seine Liebe in dem schlichten gesunden Erdboden des Gefhls,
statt in dem Treibhauskasten der Phantasie wurzeln lassen. Die Verpflanzung
einer so zarten Blte lt sich nicht ohne einen gewissen leichten Choc
bewerkstelligen; aber nach demselben kommt sie erst recht zu ihrer
eigenthmlichen Kraft und Entfaltung.
    Meine Betrachtung war ganz richtig und fast auf jedes Verhltni das neu
gegrndet wird anwendbar, mge es Liebe, Freundschaft, Ehe, sogar untergeordnete
Zustnde betreffen. Im Allgemeinen ist der Moment einer Verbindung, welcher Art
sie sei! zufriedenstellend; in der Folge entwickeln sich deren Schattenseiten:
das pflegt man Enttuschung zu nennen, es ist aber nur die sehr natrliche
Reaction, die auf alle Uebertreibungen in der Empfindungs- oder Handlungsweise
folgt. Haben sich die ghrenden Elemente abgeklrt und gesetzt, so tritt bei
gut- und glcklichgearteten Menschen die dritte Epoche dauerhafter Befriedigung
ein - oder entschiedene Trennung, wenn nicht des Lebens, doch der Gemther,
falls ein Irrthum sie zusammengefhrt hat. Ich traute mir Kraft zu um zu dieser
dritten Epoche durchzudringen, und in Otbert setzte ich sie voraus, weil seine
standhafte Ausdauer mich dazu veranlate. Nur verga ich seinen Charakter dabei
in Anschlag zu bringen! Er begehrte immerwhrend in Athem gehalten, in Feuer
gesetzt, in Emotionen geschleudert zu werden, um Flammen zu werfen und sich an
denselben zu wrmen und zu ergtzen, whrend sie Andre blendeten und zur
Bewunderung hinrissen. Htte ich ihn zehn Jahre lang die Komdie seiner Liebe
spielen lassen und derselben mit Interesse zugesehen, so wrde ihn das
unbeschreiblich an mich gefesselt haben. Er empfand dabei den feinen und
lebhaften Genu den ein guter Schauspieler haben mag, wenn er sich ganz in seine
Rolle versetzt und als Hamlet oder Wallenstein glnzenden Beifall einerndtet:
unwillkrlich traut er sich die Ader des Philosophen oder des Feldherrn zu. So
glaubte Otbert in der That etwas an seine Liebe fr mich. Wie der Schauspieler,
wenn er die Bhne verlassen hat und neue Rollen zu studiren findet, allmlig
seine Wallensteins-Launen vergit um etwa ein Marquis Posa zu werden: so ging es
auch Otbert; nur mit dem Unterschied, da bei ihm die Natur bewirkte, was beim
Schauspieler die Kunst. Ich habe es schon einmal gesagt und ich mu es jezt
wiederholen um sein Bild zusammen zu fassen: er war nicht gradezu falsch,
lgenhaft, heuchlerisch - er hatte es nur durch unbewute Miachtung der
Wahrhaftigkeit zu einer solchen Schauspielerschaft gebracht, da sie ihm zur
zweiten Natur ward; und in jene Miachtung war er allmlig durch seine
grenzenlose Eitelkeit verfallen: er wollte das Idol der Welt sein. Dies war das
Haar an welchem der Satan ihn hielt! Sprach der zu Otbert: Bete mich an und du
sollst Knig sein - Knig der Liebe, des Ruhmes, der Ehren, der Herrlichkeit! -
so betete Otbert ihn unbedingt an.
    Es war bel fr mich, da ich nicht im Stande war Otberts Talent so ber
Alles zu bewundern wie sein Beifallsdurst es erheischte. Er warf mir hufig vor,
da alle Welt ihm hhere Anerkennung schenke als ich. Ich entgegnete einmal:
    Ich liebe Dich selbst so sehr, da ich Dein Talent mit in den Kauf nehme,
ohne es besonders in Anschlag zu bringen.
    Khl wie Cordelia! rief er spttisch.
    Und wahr wie sie! entgegnete ich sanft.
    Ich fand seine Gedichte lieblich, harmonisch und doch auch tief und krftig;
aber Otbert erschien mir nicht als der erste Dichter der Welt, nicht als ein
gewaltiges Genie, nicht als ein deutscher Byron. Letzteres besonders war seine
heimliche Sehnsucht! Es war sehr natrlich da in Venedig wo Byron so viel, so
gern und vor wenigen Jahren gelebt hatte, unsre Gesprche sich hufig um ihn
bewegten, und da hatte ich ebenso hufig Gelegenheit jene Schwche Otberts zu
bemerken. Da ich wirklich frchtete da sie ihn in eine falsche Richtung werfen
knne, so warnte ich ihn einmal sich durch seine Bewunderung fr Byron nicht
beherrschen und zur Nachahmung hinreien zu lassen.
    
    Du mut auf andern Wegen gehen als er - setzte ich hinzu, Du hast nicht
seine wilde, schroffe, melancholische Seele .... wie knntest Du seinen Genius
haben.
    Also Du meinst ich htte eine zahme, schlaffe, lustige Seele, entgegnete
Otbert tiefgekrnkt. Mit einer solchen kann man freilich nur ein jmmerlicher
Dichter sein.
    Meine aufrichtigen Versicherungen, da es mir nicht eingefallen sei ihn zu
Gunsten Byrons herabsetzen zu wollen, vershnten ihn ganz und gar nicht.
    Du deprimirst mich wenn Du mich so sehr gering achtest - entgegnete er. Das
ist fr mich wie Regen auf den Flgeln des Vogels: er kann nicht fliegen. Wenn
nicht einmal die Nchsten, die Liebsten mich ermuntern, woher soll mir dann die
Zuversicht kommen? - Und sage mir nicht, da ich auf Dein Urtheil nicht zu hren
brauche, Sibylle! Du hast ein feines und richtiges Urtheil! berdies hre ich
auf ein jedes .... um wie viel mehr auf das einer geliebten Frau.
    Wenn ich nicht frchtete aufs Neue etwas Ungeschicktes zu sagen, entgegnete
ich verschchtert, so wrde ich meinen, da Du nicht auf jedes Urtheil als auf
einen magebenden Richterspruch hren solltest. Du magst sie anhren als ebenso
viel Beweise verschiedenartiger Ansichten .... allein Dich danach richten -
niemals.
    Du hast eine schroffe wilde Seele! Dir wrde in der Vereinzelung nicht weh
sein! Aber ich kann ohne Theilnahme und Wolwollen nicht leben, nicht athmen,
nicht denken, nicht dichten - nichts! ich werde dann eine todte Sache und hre
auf Mensch, geschweige Dichter zu sein.
    Der innigste Zusammenhang mit dem All, das Verstndni der Menschenseele in
ihren verschleierten Tiefen, auf ihren therischen Hhen - die Ahnung ihrer
Qualen und Wonnen - die Erkenntni der Natur, nicht nach den Regeln der
Wissenschaft, sondern nach geheimnivollen Anschauungen - und mehr als das
Alles: ein starkes Herz, vom Strom der Empfindung umbraust und nie
untergewirbelt; das, Otbert, sind nach meiner Meinung die Nervenfaden durch
welche der Dichter feiner und fester als jeder Andre mit der Menschheit
zusammenhngt! Allein banales Wolwollen Aller fr ihn folgt daraus nicht! im
Gegentheil! so ein Dante, so ein Byron konnten nicht ein gelassenes Wolwollen
einflen. Sie sind unendlich geliebt und unendlich gehat. Denke doch nur welch
einen Eindruck das machen mu, wenn die Welt der Liliputaner so einen Titanen
ber sich dahin schreiten sieht und von ihm nur als Gattung, nicht als so und so
viel wichtige Individuen betrachtet wird! - und an die Schlfrigen, die Trgen,
die Engherzigen denke, welche sein drhnender Schritt aus ihrem bequemen
Halbschlummer weckt und aus den Trumen welche auf schmackhafte Kost und leckere
Gensse folgen - wie die ihm zrnen werden! - und an die Zaghaften, die
Schchternen denke, welche sich in ihrem Kmmerlein, in ihrem Httchen
verschanzt haben gegen Eindringlinge und denen pltzlich etwas wie Fanfaren zu
Kmpfen, Schlachten und Triumphen ins Ohr klingt - wie die erschrecken mssen,
als ob ein Feind nahe! - und an die Wolgesinnten denke, denen es so herrlich auf
der Welt geht, da sie meinen diese wundervolle Welt msse in Ewigkeit in ihrer
gegenwrtigen Gestaltung fortbestehen - wie die ihn verachten werden, den rohen
uncivilisirten Titanen, der gelassen sagt: sie tauge so gar viel nicht! - Das
bedenke, und dann sage mir: glaubst Du da aus diesen Jammerseelen die
Opferflamme und der Weihrauchduft der Begeisterung und Liebe aufschlagen knne?
Nimmermehr, mein armer Otbert! nimmermehr! was die bewundern, was die mit ihrem
Wolwollen beehren - das mu ihres Gleichen sein und mit ihnen Schritt halten,
das mu ihren Schwchen schmeicheln und ihre Niedrigkeit - Hoheit nennen. Ich
zweifle nicht da in diesem Sinn sehr viele Verse gemacht sein mgen; ich sage
nur - da kein Dichter sie je gemacht hat.
    Wenn ich in dieser lebhaften Weise sprach, gefiel ich ihm auerordentlich.
    Meine Muse! rief er, Knigin meiner Seele! fhre mich zu irgend einem Stern
empor, wo ich an Deiner Seite das Reich des Genius grnden knnte. Die Aera
Deiner Ideen ist nicht unser Jahrhundert! Was Du begehrst vom Menschen, vom
Dichter - hat Keiner geleistet und wird kein Sohn des Staubes je leisten. Er ist
nicht so unantastbar und unwandelbar wie Du ihn trumst, denn ewig wandelt er
unter nicht ber dem Geschick. Haben ihm die Gtter einen Silberpanzer an den
Sonnenstralen geschmiedet, der ihn schtzt gegen Pfeile von Menschenhand: so
glaube Du jezt mir: unter dem Panzer, im eignen Busen hegt er den Geier der ihm
das Herz abfrit und ihn in namenloser unruhvoller Qual umhertreibt - grade wie
Dante, grade wie Byron! O Sibylle! zu jenem alten gemarterten Titanen
Prometheus, der ein Dichter der Menschheit im grten Styl war, kamen die
Oceaniden um mit ihm zu klagen, denn menschliche Klage reichte fr dieses Leid
nicht aus. O wnsche mir nicht die einsame Felsenklippe auf dem Caucasus! gnne
mir das schne reiche bunte Leben zwischen unsers Gleichen.
    Ich stelle mir zuweilen vor, entgegnete ich, das Wesen sehr begabter
Individualitten sei irgend einer elementarischen Essenz, irgend einem
Naturwesen entlehnt und mit menschlichem Geist und Krper verwebt. Deren
Sympathien und Neigungen verriethen alsdann stets die ursprngliche
Verwandtschaft. In Dich ist gewi ein Sonnenstral hineingesponnen, Otbert, so
glnzend, funkelnd, helle und licht bist Du.
    Das klingt lieblich, Schmeichlerin! - aber nun in Byron? - -
    Ein trauriger Stern.
    Und in Gthe?
    Ein Regenbogen.
    Und in Beethoven?
    Ah in den .... die ganze Welt!
    Und in Dich selbst?
    Nichts! .... oder Staub, was dasselbe ist.
    Das ist falsch! Meereswellen sind in Dir .... und weit Du wol da sich aus
Deinem Einfall ein wunderniedliches Gedicht machen liee? und schenkst Du mir
wol Deinen Einfall?
    Gewi, lieber Otbert! bei mir liegt er roh und grau wie ein Kiesel da. Du
schleifst ihn ab und erst dann wird etwas draus! - Aber warum arbeitest Du nicht
an der Sirene?
    Sie schlft, Sibylle, und ich mgte sie mit meinen Liedern wecken.
    Allein er verfiel auf tausend andre Dinge, die ihn von der Arbeit abhielten,
auf das Studium von ich wei nicht welcher orientalischen Sprache im armenischen
Kloster von San Lazaro - auf eine Regatta, die er fr die Gondoliere
veranstalten und an der er Theil nehmen wollte. Er bte sich stundenlang in der
Lagune zu rudern und vor der Hand mit Gino Wettkmpfe anzustellen, bei denen er
immer sagte:
    Gino! wenn Du siegst geb' ich Dir drei Dukaten; wenn ich siege ....
Stockprgel!
    Dadurch war er sicher da Gino aus Gier nach dem Gelde die Hflichkeit des
Dieners gegen den Herrn aus den Augen setzen werde. Spter, nachdem er sich
genug gebt hatte, fand die Regatta wirklich statt und Otbert empfand bei ihrer
Veranstaltung das grte Vergngen. Er hatte sich eine leichte zierliche Barke
und einen Gondolieranzug von Tafft machen lassen, der ihm ungemein gut stand; er
hatte ferner drei Preise fr die Sieger, und fr jeden Theilnehmer ein kleines
Geldgeschenk bestimmt. Trotz des Wetteifers den er zwischen ihnen entzndete und
wodurch er sie zur Entfaltung ihrer Kraft und Geschicklichkeit anfeuerte, ward
ihm dennoch die Freude zu Theil der Dritte am Ziel zu sein, und sich dadurch und
durch seine Freigebigkeit, die Liebe und Verehrung der Gondoliere in einem
solchen Grad zu erwerben, da sie ihn fortan ihren Knig nannten.
    Dies beschftigte ihn in unglaublicher Weise, und als ich ihm einmal meine
Verwunderung ber das lebhafte Interesse aussprach, das er im Stande sei an
solchen Beschftigungen zu nehmen, entgegnete er noch verwunderter:
    Begreifst Du nicht welch ein unaussprechlicher Genu darin liegt in jeder
erreichbaren Region der Erste zu sein, arme Sibylle? Das gewhrt stets eine se
Berauschung, und in derselben athme ich mehr poetische Inspiration ein, als mit
der Feder in der Hand am Schreibtisch. Alles was das Herz klopfen macht ist des
Dichters Element - wenn nicht der Dichter ein engbrstiger Duckmuser ist, der
sich vor dem starken Herzschlag frchtet als ob es krankhaftes Herzklopfen sei.
Ich bekenne Dir, da mir die Bewunderung meines geschickten und starken
Ruderschlages, meiner Leutseligkeit und Gromuth von Seiten der Gondoliere zu
Zeiten viel angenehmer, viel erfrischender ist, als das fade Lob irgend eines
kritischen Journals oder eines eleganten Salons.
    Das begriff ich auerordentlich gut! was ich nicht begriff und was ich
unmglich an Otbert sagen konnte, war die Frage: warum er mich wol eigentlich
geheirathet haben knne? Es gab eine Antwort auf dieselbe, allein mir grauete
sie mir zu geben! sie hie: Um eine reiche Frau zu haben! - Denn von einem
intimen traulichen Leben schwand jede Spur immer mehr und mehr. Er mute sich
bestndig neue Interessen schaffen, und um so heftiger sein Wunsch und sein
Bestreben mich zu gewinnen gewesen war, um so grer war die Lcke welche auf
deren Befriedigung folgte, um so eifriger suchte er sie auszufllen. Den Winter
verlebten wir in dem lebhaftesten gesellschaftlichen Verkehr. Es waren viele
Fremde in Venedig. Der Carneval war auerordentlich munter und besonders darum
so lustig, weil das Volk mehr als an jedem andern Ort, Rom nicht ausgenommen,
Theil daran nimmt. Weil man nur zu Fu oder in der kleinen unscheinbaren Gondel
seinem Vergngen nachgeht, so tritt eine uere Gleichheit der Zustnde ein,
welche da nicht statt findet wo die eine Hlfte der Theilnehmer den Wagen und
Pferden der andern Hlfte bestndig ausweichen mu. Dies ist zu jeder Zeit ein
auffallender und ganz characteristischer Zug von Venedig gewesen, welchem auch
das von je her zwischen Volk und Vornehmen herrschende gute Einverstndni
entspricht; da war weder Neid noch Migunst auf der einen - weder Hochmuth noch
Unterdrckung auf der andern Seite! sie waren Alle Kinder der Lagune, und Alle
von der Regierung auf gleiche Weise berwacht. Damals war das alte Regiment der
Republik erst vor einem Menschenalter zu Grunde gegangen, folglich hatte dessen
alter tausendjhriger Einflu noch nicht verwischt werden knnen. Er lebte fort
in Gewohnheit, Sitten und Gebruchen, und was von denselben in frhlicher
Ungezwungenheit zum Vorschein kam, sprach mich ungemein an durch ein
eigenthmliches Gemisch von Harmlosigkeit, Mutterwitz und Schlauheit.
    Dennoch nahm ich im Grunde nur Theil an diesen Vergngungen um mich nicht
meinen Gedanken hinzugeben. Ich floh sie instinctmig; mir war als mten sie
mich in ihrem Strudel verschlingen. Ich wollte mich betuben gegen meine eigene
heimlich anpochende Angst - mich klammern an mein Glck und meine Liebe - nicht
weichen von dem Boden des Bewutseins einen Platz gefunden zu haben auf dem ich
eine ernste dauernde Befriedigung gewhren und empfangen knne. Ich lebte auch
sehr gut mit Otbert, freundlich, theilnehmend, allein lauter und immer lauter
wollte in mir eine Stimme sprechen: Aber dies Alles soll doch wol nicht Glck
und nicht Liebe sein? es wird nur so genannt! und wie heit es denn in Wahrheit?
sollte es wol .... Komdie heien, welche die Menschen mit einander spielen um
die Hohlheit des Lebens mit einigen bunten Fetzen aufzuputzen? - Es war eine
frchterliche Zeit! ich ging wie ein Seiltnzer der Thurmspitze zu, die ich mein
Ziel, mein Glck nannte; und fhlte dabei wie der Schwindel in mir aufstieg,
mich umspann, mich umschwebte, da es mir schwarz vor den Augen ward; und wie
ich ihn berwinden msse um nicht einen grlichen, einen zerschmetternden Sturz
zu thun; und wie dabei das Herz immer schwerer, der Fu immer lahmer, der Blick
immer umflorter werde. So durchlebte ich den Winter, so den Frhling; ich war
nun zwei Jahr in Venedig. Ich schlug Otbert einen Sommeraufenthalt in Engelau
vor.
    Im nchsten Sommer, lieber Engel! sagte er abwehrend.
    Nicht um ihm zu widersprechen, sondern wirklich weil ich es fr zweckmig
hielt, bat ich ihn mir Urlaub zu geben: ich msse einen Blick auf die Geschfte
und in die Zustnde meiner Heimat werfen. Er entgegnete freundlich:
    Drei Monat gebe ich Dir! Das ist grade genug um halb erstarrt aus
Norddeutschland hieher zurckzukehren und um noch wieder aufthauen zu knnen.
    Die unbefangene Freundlichkeit mit welcher Astrau in unsre ziemlich lange
Trennung willigte, sprach deutlich seine sanftgleichgltige Gesinnung aus. Mir
schien als ob ich fortan gar nicht mehr in seinem Leben zhlen wrde, und
dennoch trstete mich zuweilen die Hofnung, da in der Trennung seine Liebe
wieder erwachen knne.
    Als es in meinem Hause bekannt ward da ich meine Abreise vorbereite, bat
Gino mich dringend in Venedig zu bleiben. Ich entgegnete: da ich im Herbst
wiederzukommen hofte, so wrde ich ihn in meinem Dienst behalten, und berdas
bleibe ja auch der Graf hier. - Er spreche nicht seinet- sondern meinetwegen
jenen Wunsch aus, meinte Gino.
    Mir kann weder auf der Reise noch in meiner Heimat etwas Uebles geschehen,
Gino! erwiderte ich gerhrt durch seine Theilnahme.
    Weder auf der Reise noch in der Heimat - das wei ich, entgegnete er mit
einem seltsamen bedeutungsvollen Ton, der mir unwillkrlich den fast angstvollen
Ausruf entlockte:
    Aber hier?
    Obwol ich allein mit ihm in der Gondel war machte er eine
schweigengebietende Pantomime, und nickte dann bejahend aber fast unmerklich nur
mit den Augenwimpern.
    Was kann mir hier widerfahren? sprich Gino! sagte ich ernst; - halbe
Warnung ist Verrath nach zwei Seiten hin! Ich habe Dir verziehen da Du Dich vom
Grafen zu der Nino-Maskerade erkaufen lieest .... weil es eben der Graf war,
aber ich habe Dir seitdem nicht mehr getraut. Also sei ehrlich: was fhrst Du im
Sinn? wer hat Dich erkauft? sprich!
    Ich kann sagen und schwren, 'Lustrissima: so wahr ich der Frbitte meines
Schutzpatrons zur Erlsung aus dem Purgatorium vertraue - so wahr bin ich von
Niemand erkauft! allein sprechen, 'Lustrissima .... sprechen kann ich nicht.
    Kannst Du denn schreiben, Gino? fragte ich wieder ganz unwillkrlich, denn
mir war als legte er mir durch seine sonderbare Betonung gewisse Worte auf die
Lippen.
    Die gelehrte Wissenschaft hab' ich nie gelernt.
    Was kannst Du denn, Gino? fragte ich seltsam gespannt.
    Er schwieg, sah mich an wie um meine Aufmerksamkeit zu fesseln, und that
dann einige Ruderschlge mit der theatralischen Bewegung eines Menschen, der
sich sehen lassen mgte mit seiner Geschicklichkeit.
    Du kannst rudern, Gino? fragte ich immer gespannter.
    Er nickte mit freudiger Hast.
    Nun ja! das wei ich lngst! rief ich erwartungsvoll. Aber was weiter?
    Er zuckte stumm die Achseln.
    Auch ich schwieg und verfiel in Nachdenken. Verstand ich ihn richtig, so
konnte er mir seine Ergebenheit nur dadurch beweisen, da er mich nach einem Ort
hinbrachte wo ich die Erklrung seiner Warnung finden wrde. Ich verfiel den
Wellen des Zweifels; aber .... wie ich denn bin! hat er mich einmal gepackt, so
frchte ich nicht bis zu dessen allerletzten Consequenzen zu gehen um zu
entdecken welche Art von Gewiheit hinter ihm liegt. - - Ich hatte jezt einige
Besuche zu machen. Auf der Heimfahrt sagt' ich:
    Gino, da Du so gut rudern kannst, so wr' es mir lieb wenn Du mir noch
heute Deine Geschicklichkeit zeigtest.
    'Lustrissima befehlen um zwei Uhr Nachts und mit mir allein?
    Um zwei Uhr Nachts und mit Dir allein.
    Den spten Abend verbrachten wir wie gewhnlich mit einigen Bekannten. In
der Regel versammelten sie sich bei mir; wir musicirten, wir plauderten;
zuweilen gingen wir auf den Markusplatz, oder machten eine Gondelfahrt, oder
betrachteten im Mondschein irgend eines der herrlichen Gebude von Venedig. Am
heutigen Abend verscheuchte uns ein heftiges Gewitter gegen Mitternacht vom
Markusplatz und Jeder kehrte nach seiner Wohnung zurck. Ich war gespannt ob
meine nchtliche Fahrt stattfinden wrde. Das Gewitter lste sich in einen
sanften Frhlingsregen auf, und bis ein Uhr sa Otbert mit mir auf dem Balkon um
die frische Luft zu genieen; dann ging er in sein Zimmer, welches ber dem
meinen lag und wo es bald ganz stille wurde. Mit Herzklopfen wartete ich auf
Gino. Zuweilen wnschte ich er mge lieber nicht kommen. Aber er kam um zwei Uhr
und fragte ob es mir gefllig sei, und ich folgte ihm entschlossen.
    Irgend eine vorherrschende Ahnung hatte ich gar nicht. Zuweilen dachte ich
an Sedlaczech im Elend, krank, sterbend - zuweilen an Astrau am Spieltisch, bei
einem verliebten Abenteuer, bei irgend einer peinlichen Begegnung; allein das
rollte Alles wirr wie im Kaleidoscop durch einander.
    Wir fuhren nach Torcello; aus langer Gewohnheit erkannte ich die Richtung
trotz der Dunkelheit. Nun wirbelte sich auch noch Benvenutas Bild in meine
Phantasmagorien hinein. Wir stiegen nicht beim gewhnlichen Landungsplatz aus,
sondern an einer Stelle welche gar nicht dazu bestimmt war, denn Gino trug mich
aus der Gondel ungefhr zwanzig Schritt durch Morast bis er auf trocknen Boden
und wie es schien in einen kleinen Gemsegarten kam. Da setzte er mich nieder,
flsterte: 'Lustrissima! .... jenes erleuchtete Fenster dort .... ich harre bei
der Gondel! und schlich leise zurck. Ich leise vorwrts, bis ich vor jenem
Fenster stand und mit einem Blick das liebliche Bild bersah welches sich mir
darbot. Dies Fenster war das letzte in einem unscheinbaren Huschen, und das
einzige des Zimmers das vor mir lag; Gitterstbe sicherten es nach auen, und
eine Flle von lila- und rosenfarbenem Convolvulus umrankte dieselben. Die
Fensterflgel waren gefnet und die Vorhnge weit zurckgeschoben um die Luft
einstrmen zu lassen. Das Zimmer war weder gro noch hoch, wie sich das in einem
solchen Hause nicht anders erwarten lie - aber wie geschmckt! Rosenfarbener
Seidenstoff mit weiem Musselin berzogen bekleidete die Wnde und Decke, umgab
als Vorhang das Bett, den Toilettentisch, das Fenster, und die Thr welche zu
meiner Rechten in ein Nebenzimmer fhrte. Ein andrer Seidenstoff, wei mit
Rosengewinden, bedeckte Sopha und Sthle. Der Futeppich war ebenfalls wei und
mit Rosen bestreut. Zu beiden Seiten des Fensters auf Marmor-Consolen brannten
Lampen, und an der Hinterwand des Zimmers, dem Fenster grade gegenber stand das
Bett. In dem Bett lag eine Frau in sitzender Stellung, durch Kissen untersttzt.
Sie hatte eine Wange in die aufgestemmte Hand gelegt. Eine Flle von schwarzen
Locken umrieselte sie, hob den wundervollen Farbenschmelz ihres Colorits hervor,
und umgab ihr Antlitz und ihre Bste wie mit einem Rahmen von Ebenholz. Ich habe
nie eine liebreizendere Schnheit gesehen - das sage ich heute wie ich es
damals, wie ich es immer fand! - und der Gondolier der am Fuende ihres Bettes
sa und sie mit liebetrunkenem Auge ansah, war der schnste Mann den ich je
gesehen .... denn es waren Arabella und Otbert.
    Wie in einen Zauberspiegel starrte ich in dies Fenster hinein. Ich war
nichts als Auge. Mein Herz fate, mein Verstand begriff dies nicht: sie waren
wie todt in mir! nur mein Auge lebte, wachte, sah! .... und sah ein reizendes
Bild, wrdig durch Titians und Giorgiones Pinsel unsterblich gemacht zu werden:
die Transfiguration der Ueppigkeit.
    Sie sprachen ganz laut und unbefangen wie man eben spricht wenn man sich in
seinen vier Wnden sicher wei. Einmal lachte Arabella. Das Alles rauschte wie
ein Waldbach an meinem Ohr vorber. Pltzlich hrte ich; denn Arabella fragte:
    Wann reist Sibylle ab?
    In acht Tagen, entgegnete Otbert.
    Und reist sie gern?
    Das ist schwer zu sagen! Du kennst ja ihren Mangel an Animo. Ihre Gedanken
nehmen sie zu sehr in Anspruch um ihre Gefhle aufkommen zu lassen.
    Indessen hast Du denn doch ihre Gefhle geweckt.
    Sage lieber, da ich ihrer Phantasie einen bestimmten Gegenstand dargeboten
habe, Arabella, auf dem sie sich niederlie wie ein umhergescheuchter Vogel auf
einem grnen Zweig. Die Wahl ihres Herzens wre nie auf mich gefallen. Ich
glaubte es einst und gab mir darum unsgliche Mhe. Allein .... ich glaub' es
nicht mehr. Sie ist partiel ein sehr vollkommnes Geschpf, aber sie verbraucht
sich selbst in unfruchtbarer Weise durch Phantasie und Reflexion, von denen jene
ihr heute eine Seligkeit vormalt, welche morgen von dieser vernichtet wird. Im
Ganzen ist sie merkwrdig unvollkommen, denn ihr fehlt dasjenige was den
Menschen zu Schwung erst und dann zur Ausdauer befhigt: die treibende Kraft der
Leidenschaft! jenes innere Naphthafeuer welches die Elemente des ganzen Wesens
zu jenem Punkt zusammenschmilzt, den man beim schmelzenden Metall Silberblick
nennt und der durch ein liebliches Farbenspiel den Moment bezeichnet, wo es
flssig genug geworden ist um in eine Form gegossen zu werden. Fr den Menschen
heit diese Form: That, und je nachdem sein Character edler, sein Wille reiner,
seine Selbstbeherrschung gewaltiger, seine Erkenntni tiefer ist, wird der That
ein schnerer und groartigerer Stempel aufgedrckt. Ist der Character gemein
oder lasterhaft oder roh, so wird der Abdruck desselben, seine That es auch
sein; denn adeln kann ihn die Kraft der Leidenschaft nicht immer. Ich sage nur
da dieselbe den innern Adel wenn er vorhanden ist in seiner Glorie zum
Vorschein bringt, und da er ohne sie nur stckweise und ohne gttliche Flle
sich zeigt. Und diesen Mangel beklage ich an Sibyllen fr sie selbst und fr
Andere. Sie ist aller Achtung werth und alles Bedauerns, denn sie wird nie weder
glcklich sein noch machen.
    Beklag ihn nicht! rief Arabella. Htte sie jene erwrmende Seelenglut, so
wrdest Du bei ihr und nicht bei mir Dein Glck gefunden haben, und ich, Otbert,
bin nun einmal so beschaffen, da ich will Du sollst das Glck bei mir finden
.... bei keiner Andern! - Ich liebe Dich zu sehr, Otbert, um gromthig sprechen
zu knnen: Sei glcklich .... aber nicht durch mich! - Das knnte Sibylle.
    Ja, das knnte Sibylle! aus Ueberlegung ist sie zu jedem Opfer fhig ....
nicht aus Liebesdrang wie Du. Sprche ich zu ihr: stirb fr mich! - so wrde sie
der Nichtigkeit des menschlichen Daseins gedenken und gelassen sterben. Sprche
ich so zu Dir, so wrdest Du Dich freudejauchzend in den Tod strzen, und wenn
Dir das Leben auch noch so lieb wre, ohne Reflexion, aus Liebe fr mich.
    Das ist gewi! entgegnete Arabella. Sie sprach ganz wie sonst mit ihrer
tiefen gedmpften Stimme, die etwas Rhrendes hatte und die mir immer so sehr
gefiel. Ihre wunderschnen schwarzen Augen ruhten mit solcher Macht und
Innigkeit auf Otbert, da mir war als msse ihr Blick ihn wie laue Luftwellen
umflieen und von der Erde heben. Schner, verfhrerischer, feenhafter als ich
sie je gesehen, ganz wie eine Houri des muhamedanischen Paradieses erschien sie
mir. Otbert mogte dasselbe finden. Er stand rasch auf.
    Du mut schlafen, Arabella, und Dich ausruhen, sagte er. Auf morgen, Se!
    Aber er ging nicht; er kniete vor dem Bett nieder, sie umschlang seinen
Nacken, sie sprachen ganz leise mit einander, und tausend Liebkosungen
durchschwebten das Gesprch. Endlich sagte Otbert laut:
    Nun zum letzten Mal - gute Nacht, Arabella, und gieb mir einen Ku fr
Astralis mit.
    Astralis schlft, Otbert, wecke sie nicht und behalte meinen Ku! sagte
Arabella mit holdseligem Liebreiz einen Ku auf seine Lippen drckend.
    Dann sprang Otbert auf und verschwand hinter dem Thrvorhang zu meiner
Rechten. Ich hrte unverstndliche Stimmen im Nebenzimmer; dann fnete sich die
Hausthr und durch die lautlose Nacht hrte ich Otberts Schritt, der dem
Landungsplatz zuging. Arabella aber hatte inzwischen schon geschellt, ihre mir
wolbekannte irische Kammerfrau war eingetreten und beide sprachen irisch
zusammen, was ich nicht verstand. Aber das Folgende verstand ich nur zu gut! Die
Kammerfrau ging ins Nebenzimmer und kam nach einigen Augenblicken mit einer
Wrterin zurck, die ein ganz kleines Kind trug und es in Arabellas Arme legte.
Sie empfing es zrtlich, kte seine Hndchen, sah es an und wieder an,
plauderte abwechselnd mit ihm und den beiden Frauenzimmern italienisch und
irisch, und gab es erst zurck als es anfing zu weinen. Da trug die Wrterin es
fort, und Arabella bereitete sich zur Ruhe. Die Kammerfrau schlo Fenster und
Vorhang, lschte die Lampen - - - verschwunden war das Bild im Zauberspiegel und
ich stand da in der feuchten, grauen Dmmerung.
    Da es Tag wurde brachte mich zu mir selbst. Ich fhlte nichts als da eine
Art von Erstarrung sich meiner bemchtigt hatte, welche mir die Empfindung gab,
als ob statt des Herzens mir ein Marmorblock im Busen liege eiskalt und schwer.
Ich ri eine Convolvel-Ranke vom Fenster ab um ein sichtbares Zeichen zu haben,
da meine Vision kein Traum gewesen sei, und kehrte zur Gondel zurck in die
mich Gino hineintrug. Zu meiner eigenen Ueberraschung sagte ich sehr gelassen
und mit fester Stimme:
    Gino, wie hast Du dies Geheimni erfahren?
    Er wollte Ausflchte machen; aber ich sagte:
    Bevor ich es wute mutest Du schweigen, das versteht sich, Gino! allein
jezt wei ich es bereits - also rede .... und die Wahrheit.
    Da erzhlte er mir, er habe lngst bemerkt da Astrau zu seinen nchtlichen
Fahrten nicht unsre eigenen Gondoliere gebraucht habe, sondern zu einem
traghetto gegangen sei, und dieser Mangel an Vertrauen habe ihn tief gekrnkt,
da er sich doch als ein Muster von Verschwiegenheit und Treue bewhrt. Seine
Ergebenheit fr mich, die gute Herrin, sei dazu gekommen um ihn zu einer
tadelnswerthen Handlung zu verleiten: vor acht bis zehn Tagen sei er heimlich
der Barke Astraus nachgefahren, und auf Torcello vorsichtig ihm nachgeschlichen.
In dem Huschen sei es in jener Nacht sehr unruhig gewesen, viel Hin- und
Her-Gehens, klagende Stimmen - ihm habe gegraut, und er habe nicht auf Astraus
Rckfahrt gewartet, sondern vor ihm Torcello verlassen - was auch sehr gut
gewesen indem dieselbe erst am andern Morgen um zehn Uhr erfolgt sei. Am
nchsten Tage sei er wieder hinber gefahren, habe sich beim Hauswirth von
Benvenutas Wohnung erkundigt wer in jenem Huschen wohne, und erfahren es sei
eine fremde vornehme Frau, die es schon im vorigen Sommer bezogen habe, in
tiefer Einsamkeit lebe und in letzter Nacht ein Kind geboren habe - wie es durch
die Wehmutter verlaute, die ganz erstarrt sei ber die Herrlichkeit welche die
Dame umgebe und ber deren Schnheit. Gino suchte in den folgenden Tagen
unbemerkt dem Hause sich zu nhern, fand es nur mglich in der Weise wie er es
auch heute bewerkstelligt hatte, entdeckte bei der Gelegenheit das erleuchtete
Fenster mit Allem was hinter demselben vorging, und wollte mich nun von seiner
Entdeckung unterrichten, damit ich meinen Mann in diesem wichtigen Augenblick
nicht verliee.
    Ich bewunderte im Stillen Ginos Takt, der ihn die hohe Wichtigkeit des
Moments errathen lie, denn allerdings! jezt konnte bei Astrau eine gewisse
Gleichgltigkeit gegen - oder eine verstrkte Hinneigung zu Arabella eintreten;
aber was ging das mich an? ich hatte nur mit dem einen, dem niederschmetternden
Gedanken zu thun: Nichts dauert! die Gefhle des Menschen sind Seifenblasen,
bunt, leer, nichtig - abhngig von den Wellen des Blutes und den Nervenfasern,
welche heute angeregt und morgen abgespannt sind und ihn in diese oder jene
Emotion versetzen. - - Ich sa nicht mehr auf der grnen blumigen Wiese auf der
es mir vor einem Jahr so wol gefallen hatte, da ich meinte ich wolle nie meinen
Platz verlassen. Ich war aufgestanden .... war wieder an den Rand des Abgrunds
getreten .... sah tief unten den schwarzen Strom flieen der Endlichkeit heit,
und der stckweise und gliederweise alle Bestandtheile des menschlichen Daseins
verschlingt und fortwirbelt .... und sah starren Blicks ein Stck meines eigenen
Lebens darin untergehen. Ich war nicht entsetzt, nicht verzweiflungsvoll - nur
unerhrt traurig. Ich hatte keine bittre, zrnende Empfindung gegen Andre, keine
mitleidige oder resignirte mit und in mir selbst; - nur den Wunsch: O knntest
du versteinern, Sibylle, um wenigstens auf Einmal und nicht so grlich
stckweise den Sturz in den unvermeidlichen Abgrund zu thun! - und mir war als
ob die Klte des Steines langsam und schwer durch meine Adern zum Herzen hinauf
krche und mich ersterben mache.
    Als ich zu Hause angelangt mich zu Bett legte, meinte ich unter einem Felsen
begraben zu werden. Aber ich schlief als sei mir nichts geschehen einen traum-
und leidlosen, von den Qualen der Seele unbelstigten Schlaf. Wird dereinst der
Tod also sein? Ich schlief als ginge mich Glck und Unglck, Freude und Schmerz
nichts an; und ebenso erwachte ich. Eine Stunde darauf trat Otbert,
ausnahmsweise, zum Frhstck bei mir ein.
    Du kehrtest recht spt oder eigentlich recht frh von einer einsamen
Spazierfahrt heim? sagte er.
    Ungefhr eine halbe Stunde nach Dir, entgegnete ich ruhig; - denn nachdem
Du Arabella verlassen hattest, sah ich noch Astralis, die zu ihrer Mutter
gebracht wurde. Ich war auf Torcello vor dem Huschen um dessen Fenster diese
Convolveln sich schlingen - setzte ich hinzu auf die Ranke deutend, die eine
Wasserschaale umgab.
    Astrau starrte mich an als ob ein Medusenhaupt zu ihm sprche.
    Du hast Dich einst mit dem Orpheus verglichen, fuhr ich fort, der Vergleich
wird immer treffender! Eurydice hat sich umgeschaut nach der Schattenwelt, der
sie nun einmal schon verfallen war; jezt ist sie es mehr denn je und
unwiederbringlich gehrt sie dem Orkus an.
    Bleich und stumm war Astrau vor mir auf die Knie gesunken. Er sagte leise:
    Hasse mich nicht, Sibylle!
    Wie kme ich zum Ha, Otbert? Wer nicht liebt kann auch nicht hassen. Liebe
und Ha entspringen aus einer Wurzel: Kraft des Gefhls. Der Liebende braucht
nicht zu hassen, allein die Fhigkeit es zu knnen wird in ihm sein. In mir ist
sie nicht! nicht einmal Zorn fhle ich gegen Dich und Arabella, nicht
Eifersucht, nicht Emprung .... gar nichts Uebelwollendes. Aber nicht aus
Gromuth, Otbert, sondern weil sich eine gewisse Miachtung des Menschen in mir
regt, der so viel von seiner Gttlichkeit trumt und fabelt, und so sehr
ungttlich ist, willenlos und wankelmthig wie die Wolken am Himmel, wie die
Nebel auf dem Meer.
    Siehst Du, Sibylle! rief Astrau und sprang lebhaft auf - mir grauet vor Dir
wenn Du Dich so in Deiner eigenthmlichen Wesenheit aussprichst! Das zog mich
an, das lockte mich ein Senkblei in diese stille See hinab zu lassen um auf
festen Grund zu stoen! Es schien mir so schn, so beseligend Dir den Kern
Deiner Nebelwelt zu enthllen, Dir den sichern und frohen Genu des Lebens zu
erringen und mit Dir zu theilen, da ich - Du weit wie! - ich mgte sagen jeden
Deiner Athemzge belauscht habe um Dich zu begreifen .... und zwar jahrelang!
Aber die innere Verklrung, die ich zu Deiner Beseligung und zu meinem Entzcken
fr Dich ersehnte, trat nicht ein! Du liebtest mich nicht: Deine Imagination war
nur durch mich gefesselt. Ich beglckte Dich nicht: Du wolltest nur glcklich
sein. Es legte sich immer Deine Hand ganz khl auf mein heies Herz. - Das soll
nicht heien, Sibylle, als sei Deine Hand nicht goldrein, und tausendmal reiner
als mein Herz! - aber .... - - -
    Sprich nur, Otbert! sprich! es wird mir wol thun Alles zu wissen!
    Aber mir frstelte bei Dir. Immer ging ein Suchen durch Deine Seele und
durch Dein Auge! immer schweiften Deine Wnsche in einem Raum ohne Horizont
umher! immer stand ich neben Dir .... etwa wie die Grenzsule Deines
Lebensbezirks: es ist ziemlich ertrglich diesseits derselben, und jenseits
gehrt mir nicht; allein es mag doch noch schner sein .... jenseits! - solche
Gedanken verriethest Du - natrlich ohne sie zu sagen.
    Ich mute traurig lcheln, denn dies war nicht unrichtig. Ich fragte:
    Aber warum heirathetest Du mich, Otbert?
    Ich will Dir beweisen welch unerhrtes Vertrauen ich zu Dir habe und Dir
die ganze Wahrheit sagen, Sibylle! - sprach Otbert entschlossen. - Ich dachte
wol daran Dich zu bitten mir mein Wort zurck zu geben und mir meine Freiheit zu
lassen. Zwei Beweggrnde hielten mich ab. Erstens: nach Allem was ich gethan
hatte um Dich zu gewinnen mute ich Dir wie ein Narr erscheinen, wenn ich in der
vorletzten Scene des Dramas sagte: Verzeihung! ich habe mich getuscht! - -
    Also Eitelkeit! Otbert!
    Nenne es wie Du willst! solche Grnde sind mannigfach gemischt. - Zweitens
war es meine Mutter! seit Jahren sann sie auf eine mglichst glnzende Heirath
fr mich. Ich war mehr dagegen als dafr. In Nizza lockte mich einen Augenblick
die Aussicht auf ein groes Vermgen, welches sie mit Recht als eine
unerlliche Bedingung fr mich betrachtete. Ich konnte doch nicht zu dem
Entschlu kommen meine Freiheit fr Gold zu verkaufen. Dich liebte ich wirklich,
wie ich Dich noch jezt liebe, mit Verehrung und Bewunderung, mit Theilnahme und
Freundschaft - nur nicht mit Liebe! - Bei Dir fhlte ich mich nicht an den
Mammon verkauft. Als ich dennoch gegen meine Mutter mein Bedenken in unsrer sehr
intimen Correspondenz aussprach, drang sie mit so trostloser Verzweiflung auf
mich ein doch endlich einmal das Glck festzuhalten, welches mir aus der
Verbindung mit einer so ausgezeichneten Frau erblhen msse, da ich mir selbst
wirklich wie ein Narr mit meinen Scrupeln vorkam.
    Welche freiwillige Selbstverblendung, Otbert! .... - Doch erzhle weiter!
erzhle Dein Zusammentreffen mit Arabella.
    Was soll ich Dir darber sagen! - Ich begegnete ihr eines Tages in der
groen Halle im Hotel Danieli: sie war eben angelangt. Du kennst sie - Du kennst
mich - la mich schweigen. Ihre wilde primitive, besinnungslose Natur that mir
wol; der Kern ihres Wesens gab deren Pulsschlag an. Mogte es kein gediegener,
kein reiner, kein hoher Kern sein: so war er dafr wenigstens ganz, und voll
Spontaneitt. Darin liegt ein unaussprechlicher Reiz. Deiner Eigenthmlichkeit
gegenber bildete Arabellas einen so vollkommnen Gegensatz, da ich eine
Beruhigung, wenngleich etwas sophistischer Art, in dem Gedanken fand: ich wende
ihr diejenige Richtung meiner Wesenheit zu, welche bei Dir nie Anklang finden
wrde. So kam es, da ich Dich bat die beabsichtigte Schweizerreise aufzugeben.
Arabella verzichtete auf die Welt, auf die Gesellschaft, auf Alles - wenn sie
mich nur tglich eine halbe Stunde sehen drfe. Vom tiefsten Geheimni
umschleiert, das ich ihr zur ersten Pflicht machte und das sie als solche
begriff, lie sie sich auf Torcello nieder. Ich kann Dir nichts weiter sagen!
    Also liebst Du sie wirklich ber alle Maen, und hast sie doch frher
verlassen knnen!
    Sibylle! es giebt interessante Frauen und verfhrerische Frauen, und Du und
sie - Ihr seid der Typus derselben. Weil dieser bis zum uersten Grade
gesteigert ist, nimmt jeder Etwas von der Frbung seines Gegensatzes an: das
Interessante wird verfhrerisch, und so umgekehrt. Als ich Arabella vor einigen
Jahren .... verlie, wie Du es nennst - war es die unerhrte Ueberraschung
Deiner Erscheinung, die ich mit nichts zu vergleichen wte, was ich vorher oder
nachher gesehen; und ich folgte der anziehenden Macht .... - -
    Bis Du gewahr wurdest, da sie nur einseitig auf Dich wirkt, und da von
der andern Seite eine nicht minder gewaltige Macht Dich in Anspruch nehmen mu,
wenn Du dich glcklich fhlen sollst: nicht wahr, Otbert, so ist es? Aber dies
zersplitterte, getheilte, zwiespltige Dasein trgt in sich selbst den Keim des
Zerfallens - was dann?
    Die Blume blht auch nicht ewig; aber sie hat doch geblht und aus ihren
zerstubenden Atomen entwickeln oder ernhren sich andre Organisationen.
Ausbildung, Umbildung, ist Leben. Eine absolute Dauer haben dessen Formen nicht.
Ueber ihnen, nicht in ihnen webt und wohnt das Gttliche.
    Ein trauriger Glaube, Otbert, mit Tand und Spielwerk gleichsam abgefertigt
zu werden, und wie aus Neckerei nur das Rauschen der Flgel eines uns
umschwebenden gewaltigen Geistes zu hren ohne jemals seiner Offenbarung
gewrdigt zu werden! - So erscheint er wenigstens mir, da ich ihn nicht theile.
Ich mgte die Form ehren als eine Schaale deren Inhalt etwas Gttliches ist;
kann ich das nicht: so werde ich sie bald bei Seite schieben oder fallen lassen
.... wie Du es machst. Es liegt eine gewisse materialistische Weisheit in Deiner
Auffassung, die nicht fr Jedermann ist.
    Astrau starrte mich sprachlos an vor Verwunderung ber die Gleichgltigkeit
und Ruhe mit der ich redete. Ich war nicht einen Augenblick aus der Fassung. Mir
war als befnde ich mich wieder in meinem recht eigentlichen Element: in der
Erkenntni der Nichtigkeit von Allem was Menschen Glck nennen; - und als htte
ich schon lange heimlich diesen Augenblick vorhergeahnt.
    Ich habe weder Vorwrfe noch Klagen, fuhr ich fort; mehr noch: ich will
annehmen, da Du auf Deinem Standpunkt nicht Unrecht habest. Dir ist das Leben
nun einmal ein Spaziergang zwischen Wolkenbildern, welche eine verhllte Sonne
so und so frbt, und welche Dir gefallen je nachdem die Netzhaut Deines Auges
wolthtig von ihnen berhrt wird. Durch das Auge streifen sie denn auch zuweilen
bald an Dein Herz, bald an Deinen Verstand; und was sie am Meisten in Bewegung
setzen .... ist Deine Imagination. Vielleicht geht es mir eben so! wir sind nie
so klar ber uns selbst als ber Andere. Der Unterschied zwischen uns wird nur
der sein: da Du zerstreuende Trstungen fr Deine Tuschungen suchst und
findest, und da mich die Zerstreuungen doppelt traurig und die Trstungen
vollkommen elend machen. Lebe Du in deiner Weise fort wie ich in der meinen! wir
knnen nichts Wesentliches mehr fr einander thun, und nichts sein als eine
Last: das mu man meiden. Es bleibt bei meiner Abreise nach Engelau .... aber
.... ich komme nicht wieder, Otbert.
    Ueberwltigt von Traurigkeit lie ich den Kopf in die Hand sinken und
verhllte meine Augen. Otbert kniete abermals vor mir nieder.
    Sibylle, sprach er sanft, Du bist so bewegt und erschttert als ob Du mich
liebtest .... -
    Nein! unterbrach ich ihn, wir wollen uns nicht geflissentlich tuschen. Ich
habe meine Sehnsucht nach Liebe fr Liebe gehalten, und Du hast Dein
psychologisches Interesse fr mich so genannt; von dem pecuniren will ich
schweigen, weil ich die Ueberzeugung habe: den ersten Platz nimmt es nicht bei
Dir ein. Aber so steht es mit uns .... und weshalb es leugnen! die Wahrheit ist
besser als alles Andre. Ich grme mich nur weil die Wahrheit eine so
frchterlich traurige Sache ist.
    Ich wollte da Du mir Vorwrfe machtest, Sibylle.
    Worber denn, Otbert? ich habe mehr Schuld als Du. Ich verschmhte es
meinem Instinct zu folgen der mich, so lange ich unbefangen war, fern von Dir
hielt. Das weit Du! Du wirst auch noch wissen, da ich dessen Stimme nicht
wollte gelten lassen, als Du dich auf ihn wegen Deiner Abneigung gegen
Sedlaczech beriefst. Der Instinct ist die Stimme der Natur, ist unser guter
Genius in dieser confusen Welt, und ihn verleugnen ist - wenn nicht die grte
Schuld, so doch gewi die an welcher wir am schwersten tragen. Mich drckt die
meine dermaen, da in ihrem Weh Vorwurf gegen Dich oder Arabella, oder Klage
ber Euch nicht auftauchen kann.
    Er wollte reden; aber ich bat ihn mich zu verlassen:
    Wenn das entscheidende Wort gesagt ist, so ist jedes andre unntz, Otbert.
Er ging endlich. Ich wollte berlegen; - aber was gab es denn zu berlegen? ich
war elend; ist man dahin gekommen, so braucht man keine Ueberlegung mehr. Sie
taugt nur um uns dagegen zu schtzen. Nein! ich mute andre dinge vornehmen als
stumpfsinnig ber Trmmern brten.
    Ich griff nach den Papieren welche auf meinem Schreibtisch lagen. Es waren
Rechnungen die ich wegen meiner bevorstehenden Abreise hatte einfodern lassen.
Ich sah sie mechanisch durch ohne ihren Inhalt genau zu beachten. Doch frappirte
mich die ungeheure Summe der einen so, da ich zum Bewutsein kam. Statt jeder
Specificirung enthielt sie nur die Worte: Einrichtung eines Hauses auf Torcello
- - - und darunter: Alphonse. Alphonse war Otberts Kammerdiener. Er selbst in
seiner verschwenderischen Fahrlssigkeit kmmerte sich nicht um die Art und
Weise in der seine Auftrge vollzogen wurden; Alphonse mute Alles besorgen und
auf sich nehmen. Das wute ich freilich lngst. Aber die Naivett mit der mir
diese Rechnung vorgelegt wurde streifte an Gemeinheit und Frechheit, und emprte
mich. Ich hatte Lust sie nicht zu bezahlen. Aber wenn ich es nicht that - was
sollte denn daraus werden? Es bestand doch eine Art von Solidaritt zwischen
uns: ich mute es thun. Ich that es, aber mit widerwilliger Empfindung. Ich
strubte mich dagegen Astrau gemein zu finden, und meiner Denkungsart zufolge
war er es sobald mein Vermgen die hauptschlichste Triebfeder in seiner
Handlungsweise gewesen war. Auch seine eiferschtige Grille hinsichtlich
Sedlaczechs kam mir nicht mehr wie Eifersucht vor, sondern wie eine Berechnung
um den treuen Freund von mir zu entfernen, der vielleicht ein strender
Beobachter htte werden knnen. Mich ergriff eine tiefe Sehnsucht an Sedlaczech
zu schreiben. Aber meine verschlossne Seele brachte es nicht dahin. Von Kindheit
auf hatte ich mich gewhnt meine geheimste Innerlichkeit vor keinem Menschen zu
erschlieen. Diese keusche stolze Scheu ist sehr gut insofern wir durch sie
veranlat werden in uns selbst einzukehren und von uns selbst Hlfe und Klarheit
zu fodern. Allein es ist ein unseliges Geschpf dasjenige, welches nie in seiner
geheimsten Innerlichkeit dermaen vom Licht der Liebe durchleuchtet worden ist,
da es sich vor einem geliebten Herzen gleichsam transparent gefhlt, und in
diesem Gefhl unbewut Qualen ausgestammelt, Freuden ausgejauchzt hat, fr
welche es sonst niemals Worte gefunden. Und ich war so ein unseliges Geschpf!
Ich schrieb und schrieb fr mich allein Folianten von Tagebchern. Diese
Gewohnheit mag gut sein als Anhaltspunkt fr die Erinnerung, als Meilenstein auf
dem Lebenswege; aber ich, meiner grbelnden Richtung folgend, whlte mich
frmlich wie in einen unterirdischen Bau, dessen Gnge kein Sonnenlicht und kein
Menschenauge erspht, in diese Gewohnheit hinein. Da speicherte ich all mein
Empfinden, Denken und Sinnen auf. Wie wolthtig htte mir die geistige
Mittheilung nicht sein knnen! sie ist unendlich wichtig fr die innere
Ausbildung! sie bringt eine Menge Material in Flu, die immer gestockt htte;
sie beleuchtet von einer andern Seite die Gegenstnde, welche wir auf unserm
Standpunkt nur von der einen erkennen; durch die Verschiedenheit der Meinung
bekommen wir denjenigen Respect vor der fremden, den wir fr die eigene
begehren; durch den Vergleich mit einer andern Auffassung machen wir in uns
selbst berraschende Entdeckungen. Wenig von dem Allen bietet ein Tagebuch wo
auf der ersten Seite - Ich steht und auf der letzten - Ich, und wo wir auf den
unbelebenden Vergleich mit uns selbst, zwischen dem was wir waren und dem was
wir sind uns beschrnken. Allein dies war nun einmal mein hchster Genu! Meine
kindischen Selbstgesprche mit Phantasiegebilden oder mit abgeschiedenen
geliebten Geistern, waren voll so stiller ser Lust, da ich sie in das
schweigsame Tagebuch verwandelte.
    Astrau berraschte mich sehr als er mich in Arabellas Namen dringend bat,
sie vor meiner Abreise zu sehen. Ich hatte gar keine Lust und sagte es
unverholen; aber er lie nicht nach! er solle mich durchaus dazu bewegen; sie
wnsche es glhend. Ich begriff das nicht! .... vielleicht gab ich deshalb nach.
    Ich fuhr eines Morgens nach Torcello und ward in ihr Cabinet gefhrt, das
eben so anmuthig als ihr Schlafzimmer eingerichtet war. Der Vergleich mit meinem
ernsten stolzen Palast Gradenigo lag nahe und berhrte mich schmerzlich; er kam
mir kalt und leer wie meine Seele vor, und ihr Huschen war lieblich und warm
wie ihr Herz. Ich fhlte mich zu ihren Gunsten, nicht zu den meinen gerhrt, und
konnte nicht meine Thrnen zurckhalten. Da trat sie ein. Sie war eben in Hast
aufgestanden; das warme Roth des Schlafes lag noch auf ihrem lieblichen Antlitz.
Sie flog mir entgegen, umschlang mich inbrnstig, und rief:
    Sibylle! sage mir da Du mir mein Unrecht gegen Dich verzeihst.
    Wer geliebt wird hat immer Recht und nur der Ungeliebte hat Unrecht. Ich
hab' es gewi, wenn auch nicht gegen Dich, meine arme Arabella; so doch gegen
mich selbst. Du sagtest mir einst ich knne Otbert in ewige Fesseln schlagen.
Dies Wort hat mich tiefer ergriffen, als ein Wort von fremden Lippen uns
ergreifen soll, und hat mich folglich irre gefhrt. Wir thun zu unsern
Irrthmern stets Dasjenige hinzu was unsrer Neigung, Ansicht, Leidenschaft
schmeichelt, und Niemand hintergeht uns so sehr als wir es selbst thun! denn
sobald uns nichts daran liegt hintergangen zu werden, sobald wir nicht die Augen
darber schlieen und die Hand dazu bieten: so hintergeht uns Niemand. Das sehe
ich jezt sehr deutlich, und ich wnschte nur, da ich ebenso klar ber die
Zukunft wre - besonders hinsichtlich Deiner als ich es ber Gegenwart und
Vergangenheit bin. Denn was soll aus Dir werden?
    Aus mir werden? fragte sie verwundert.
    Ich wute nicht ob ich diese Zuversicht unter diesen Umstnden und zu diesem
Mann stupid oder sublim finden sollte. Sie, mit einer sndhaften Liebe im
Herzen, die Pflichten gegen sich selbst und Andre verletzend, herausgetreten aus
den Schranken der Sitte, Mutter eines Kindes ohne Namen: sie war sicher wie fr
die Ewigkeit; - und mein Leben ohne Schuld, ohne Vorwurf, ohne Tadel war von
einem immerwhrenden Erdbeben dermaen durchzittert, da ich zu Nichts und zu
Niemand Zuversicht hatte. Das ist die Macht der Liebe! .... Sei die Liebe
verirrt im Gang und Gegenstand, begehe sie Migriffe, Thorheiten und Fehltritte,
werde sie verhhnt oder verdammt, schleppe ihr ein Bugewand oder ein
Trauermantel nach: dennoch, dennoch, und dennoch! ist sie ein Segen fr
Denjenigen der sie empfindet.
    Ach Sibylle! aus mir wird nichts Anderes als was ich nun einmal bin! fuhr
sie nach einer Pause fort. Mir scheint als sei mein Leben bevor ich Otbert
kannte, ein langes angstvolles thrichtes Suchen nach ihm gewesen - und seitdem
ich ihn kenne, ein Aufgehen in ihm: folglich kann ich nicht anders werden.
Frher galt ich fr leichtsinnig und gefallschtig, fr eitel und weltlich; Du
erinnerst Dich gewi da das aufhrte als ich ihn fand, und das ist so geblieben
obgleich er sich von mir losri. All diese Jahre hab ich in Irland gelebt, von
Lord -gh getrennt wie in den ersten Monaten unsrer Ehe, aber ohne Zerstreuung,
ohne Gesellschaft, allein mit meinen traurigen Gedanken, die immer nur Otbert
und Otbert suchten, und zuletzt so traurig wurden und das Herz so zernagten, da
der Krper erkrankte. Da schickten sie mich in ein besseres Clima, und da ....
ging mir meine Sonne auf in deren Stral ich mich neubelebt fhle. O Sibylle!
httest Du wie ich auf der einen Seite Tod und Vernichtung gefunden, auf der
andern Liebe und Seligkeit .... o Du wrdest auch nicht whlen .... nicht whlen
knnen - sondern zu der Liebe als zu Deinem Recht ohne Dich zu besinnen
bertreten. Aber mein Recht thut Dir Unrecht .... beeintrchtigt das Deine! ich
wei es! ich fhle es! .... Sibylle, Du wirst es nicht glauben aber es ist doch
so: trotz des Bewutseins meiner Schuld gegen Dich habe ich Dich dennoch lieb; -
und das will viel sagen! gewhnlich kann man die Menschen nicht leiden, denen
man weh gethan hat, denn man fhlt sich im Unrecht und dadurch gedemthigt. Aber
Du bist so gut da man sich nicht gedemthigt fhlt. Du bist gut wie Gott; Du
wirst mich nicht verdammen! Du nicht - obgleich grade Du es eher als jeder Andre
knntest! Du bist nachsichtig und barmherzig denn Du bist stark, und wo die
Macht ist auch die Gnade; nur die Schwche ist erbarmungslos .... sie hat keine
Verwandtschaft mit Gott.
    Arabella war vor mir niedergesunken, aber nicht wie eine reuige Snderin,
sondern wie ein Kind das sich voll Vertrauen und der Verzeihung gewi an das
Herz der Mutter schmiegt. Sie stzte ihre Elbogen auf meine Knie und ihr Kinn
auf ihre gefalteten Hnde: so blickte sie zu mir empor mit ihren groen
nachtschwarzen Augen, deren Blick lind und liebkosend wie Sammet mich berhrte.
Hatte sie mir weh gethan, so verga ich es bei ihrem Anblick gnzlich; jezt that
sie mir nur wol. Ich umarmte sie zrtlich und rief:
    O Arabella! warum hat Otbert nicht Dich geheirathet! ich wre dann Eure
Freundin und uns Allen wre manche Qual erspart. Jezt, Arabella, zittere ich
doch vor Deiner Zukunft bei Otberts Wankelmuth und Flattersinn.
    Und wre das in unsrer Ehe anders gewesen? fragte sie. Mir liegt nichts
daran, Sibylle, seine Frau zu sein und durch sein Versprechen ihn zu fesseln.
Von ihm geliebt zu sein - daran liegt mir! und sieh! ich mte mir zuvor das
Herz aus dem Busen reien, ehe ich an das Aufhren seiner Liebe glauben knnte.
    Du vergit die Vergangenheit! rief ich schmerzlich.
    Nicht doch! entgegnete sie gelassen; damals war Alles anders, denn Otbert
kannte mich nicht so wie jezt.
    Es schwebte mir die Bemerkung auf den Lippen:
    Er kannte Dich nicht, aber er war immer derselbe. Allein ich unterdrckte
sie weil sie unntz war, und sagte lieber nach einer Pause:
    Versprich mir Arabella, Dein Vertrauen auch gegen mich zu bewahren, und an
mich zu denken als an eine Freundin auf welche Du rechnen darfst - wenn Dich
einmal, was Gott verhte! traurige Schicksale heimsuchen sollten.
    Ein Thrne trat wie ein silberner Stern in Arabellas Augen und machte sie
doppelt schn.
    Das kannst Du Dir doch wol vorstellen! rief sie.
    Und nun, sprach ich aufstehend, zeige mir Deine Tochter.
    Nein! sagte sie lebhaft.
    Fragend und befremdet sah ich sie an.
    Nein! wiederholte sie mit Bestimmtheit - das kann ich nicht, das wrde Dir
allzu weh thun .... denn das ist unnatrlich.
    Ja, meine arme Arabella, ich bin doch so weit in der Unnatur gekommen, da
ich nicht genau wei was mir wol und was mir weh thut. Also erflle meinen
Wunsch: ich bitte Dich.
    Sie sah mich bengstigt an, ergriff dann stumm meinen Arm und fhrte mich in
das Zimmer der Kleinen die friedlich schlummerte.
    Ein trumendes Wesen mehr auf dieser Welt! sprach ich in ihren Anblick
versenkt, nahm einen raschen warmen Abschied von Arabella und verlie Torcello.
    Du bist gromthig, Sibylle! sagte Otbert der mich bei meiner Heimkehr
empfing.
    Ich bin nur kalt! entgegnete ich; und das war ganz richtig. Mein Benehmen
mogte einen Anstrich von Gromuth haben, wie das oft geschieht fr
oberflchliche Beobachter; aber sie war nicht im Herzen: ich that was ich that
aus Gleichgltigkeit, nicht aus Liebe, drum wurde mir nicht warm und nicht wol
trotz der Vershnlichkeit und Milde meiner Handlungsweise. Wer nicht aus voller
Seele handelt wird sich selbst in seinen besten Thaten elend fhlen. Sie glnzen
und stehen ihm gut; ja! sehr gut! wie funkelnde Diamanten die ihn prchtig
schmcken, aber ihn nicht froh und nicht schn machen. Doch ein Lcheln, ein
Blick in dem die volle Seele sich ausstralt - die stehen ihm ganz anders gut und
machen ihn schn und froh. Ich schleppte meine Diamanten! - - -
    Bevor ich abreiste mute ich noch einmal mit Otbert ber unser knftiges
Verhltni sprechen.
    Es ist an Dir es zu bestimmen sagte er.
    Dann bleiben wir getrennt, Otbert.
    Aber Freunde, Sibylle?
    Freunde .... insofern unsre heterogene Natur das gestattet. Wir sind es
aber eigentlich nie gewesen - bedenke das. Die Freundschaft will auch eine Basis
haben auf der sie sich feststellen knne und ich - habe weder Vertrauen zu Dir
noch Verehrung fr Dich - woher soll da Freundschaft kommen?
    Du bist streng geworden, Sibylle.
    In meiner unbefangenen Zeit - Du wirst es wissen! - war ich immer so gegen
Dich gesinnt. Die der Selbsttuschung ist dahin und ich nehme wieder meinen
frheren Standpunkt ein. Wenn ich Dich jedoch nicht berschtze, so glaube mir,
da ich mich noch tausendmal geringer anschlage: man mu sehr erbrmlich sein um
eine Komdie fr Wahrheit halten zu wollen. Sie mit mglichster Wahrheit
darzustellen, sich mit uerster Geschicklichkeit in die Rolle hinein zu
arbeiten - das ist reizend und dazu gehren manche Gaben; ich begreife das ....
und Dich. Deine Bethrung, die doch wenigstens activer Art war, kann ich
entschuldigen. Meine passive unmglich.
    Whrend ich sprach war Astrau im Zimmer auf und nieder gegangen. Nun blieb
er vor mir stehen, schlug die Hnde zusammen und rief in einem Ausbruch der
qualvollsten Ungeduld:
    Sibylle! Deine Rsonnements sind frchterlich! .... sind gradezu tdtend!
Sie sind nicht falsch, nicht ungerecht - aber da Du sie machen kannst in einem
Augenblick wo Dir das Herz zittern und Deine Seele wund und Dein Geist gedrckt
sein mte - da Du mit Analyse zu Werke gehst statt mit Empfindung, und
gelassene Betrachtungen anstellst statt eine heimliche Thrne zu trocknen -
sieh, das ist mir frchterlich! Ich erstarre neben Dir, Sibylle! und glaube mir,
kein Mensch kann neben Dir glcklich sein. Paul, der Dich so liebte .... war
nicht glcklich! Ich, der ein unbeschreibliches Interesse fr Dich hegte - bin
nicht glcklich! Es ist nichts Erquickendes in Deinem Wesen, Sibylle; nicht die
Wrme, die Frische, die Innigkeit, die uns so wol thut, da wir ihretwegen
tausend Fehler und zehntausend Mngel bersehen! Es geht keine Belebung von Dir
aus .... und Du bist doch reich und schn begabt, bist umflossen vom Glanz der
Verheiung, wie ich ihn nennen mgte - der aber nie zur Erfllung wird.
    Und welche Verheiung wird denn berhaupt je zur Erfllung? unterbrach ich
ihn trbe. Keine, Otbert, keine. Meine Erscheinung ist der Ausdruck des
Zwiespalts, der ewig zwischen sehnen und erreichen obwaltet, und der meine Seele
in unfruchtbaren Exaltationen und ebenso unfruchtbaren Desolationen aufzehrt.
Ich kann mich nicht umbilden .... allein ich kann mich fern von den Menschen
halten, denen ich allerdings mehr weh als wol thun mag. Ich habe nicht die
liebliche Gabe der demthigen Seelen: mich an dem Kleinen zu freuen das aus dem
Untergang des Groen brig bleibt. Und ich habe auch nicht jenen mchtigen
Schwung der starken Seelen, durch den sie zu einem Hhepunkt getragen und auf
ihm gehalten werden, wo sie den Ariadnesfaden der durch das Leben luft stets
bersehen indem sie von oben herab in das Labyrinth alles Daseins schauen. Ich
bin drin .... in diesem Labyrinth! Ich ergreife jauchzend den rettenden Faden -
siehe! da zerreit er in meiner Hand! Ich finde ihn wieder .... aber stckweise!
immer reit er ab! immer hat er ein Ende! immer gerathe ich auf Fragmente ohne
Zusammenhang und daher ohne Sinn. So verbleibe ich im Chaos, Otbert! Gott hat
noch nicht das Schpfungswort: es werde Licht! ber mir gesprochen.
    Und denken zu mssen da ich Dein Retter htte sein knnen! rief Astrau
heftig bewegt.
    Dazu httest Du eben eine andre Seele haben mssen, Otbert! eine Seele wie
ich sie trume voll ganz gttlicher Unwandelbarkeit. Und httest selbst Du sie,
so ist es immer noch die Frage, ob ich sie wrde ertragen haben. Beklage das
nicht .... und la uns scheiden.
    Aber nicht auf immer, Sibylle!
    Und Arabella? fragte ich streng.
    O! rief Astrau, ich bin unselig.
    Ja, das bist Du! entgegnete ich; aber nicht durch mich .... nicht durch
Arabella .... durch Niemand als durch Dich, denn die Poesie welche Du im Leben
finden mgtest ist nicht der besinnungslose egoistische Rausch, in den Du Dich
aus Eitelkeit oder Genusucht verlierst .... um nach einiger Zeit zu erwachen.
    Mein Gott! mein Gott! rief Astrau in gewaltiger Aufregung, was fr ein
Leben fhren wir denn eigentlich Alle! In Trumereien, hherer oder niederer
Art, wird es verschwendet - feineren oder grberen Genu begehrt man bis zum
Wahnsinn - die Folgen erduldet man - bei alten Klagen oder neuen Wnschen lernt
man vergessen - und gethan und gehandelt wird nicht. O Sibylle! gieb mir etwas
zu thun! la mich Dich nach Engelau begleiten .... la mich dort Dein Verwalter,
Dein Geschftsfhrer sein .... la uns als Freunde leben .... -
    Unsinn das Alles! unterbrach ich ihn. Du bist dem Eindruck des Augenblicks
unterworfen wie ein schwaches Weib. Drei Wochen in Engelau .... und Du
entfliehst! Uebrigens wiederhole ich Dir: denke an Arabella.
    Aber Du begehrst doch wol nicht, da ich meine Existenz fr Arabella opfern
soll? rief Astrau sehr ungeduldig.
    Und warum nicht .... da sie Dir die ihre opfert!
    Ah bah! .... Das wird Arabella nie verlangen.
    Ich sah ihn an mit tiefer Emprung und sagte:
    O knnte ich sie mit mir nehmen, die Arme! Bei Dir .... stehen ihr
frchterliche Schicksale bevor.
    Und dennoch bleibt sie bei mir! rief er trotzig; denn es war ihm
unangenehm da ich mich mehr fr Arabella als fr ihn interessirte.
    Genug! sagte ich abbrechend. Die Ehe ist eine heilige Sache, Otbert! wer
nicht sein Glck in ihr findet dem ist durch sie sein Elend gewi. Ich bleibe
dem Namen nach Deine Frau. Solltest Du aber je Deine Freiheit wnschen .... so
bin ich auch dazu bereit.
    Ich gab ihm meine Hand; er kte sie kalt und ersuchte mich alle Dienstboten
zu verabschieden und den Palast Gradenigo aufzugeben. Das geschah. Heulend
strzte Gino zu mir. Ob dies der Lohn fr seine Treue sei? dem Grafen habe er
einen so groen, hochwichtigen Dienst geleistet, mir desgleichen, - und nun
wrde er von uns Beiden fortgeschickt.
    Niemand kann zweien Herren dienen, Gino, entgegnete ich und beschwichtigte
seinen Jammer durch ein Geldgeschenk.
    Nach einem ernsten kurzen Abschied von Otbert reiste ich grade am zweiten
Jahrestag meiner Ankunft in Venedig wieder ab. Es war ein wunderschner Abend
als ich ber die stille Lagune zum festen Lande fuhr. Myriaden Sterne breiteten
ihren Glanz ber den dunkeln Himmel, Myriaden leuchtender Gebilde versilberten
die dunkle Tiefe: dort oben wie hier unten schwebte der Silberschleier ber
einem schwarzen Grund. Weshalb an diesen schauerlichen, endlosen Grund denken,
wenn es sich doch so lieblich zwischen seinen stralenden und schimmernden
Auenseiten dahin gleiten lt? fragte ich mich selbst. Weshalb? .... unntze
Frage! die Antwort wrde auf meine Organisation deuten, welche wiederum
gleichsam die sinnliche Form ist, welche den Grundgedanken, das Princip meiner
Individualitt zusammenhlt und ausspricht. Der Eine bewegt sich auf der
Oberflche, der Andere sinkt in die Tiefe - nicht aus Wahl, sondern weil er dem
Princip seines Wesens auf die Dauer nicht widerstehen kann. Der Eine ist darum
nicht besser nicht glcklicher, nicht bevorzugter als der Andre! Jeder mu nur
seinen Platz und seine Bestimmung erkennen und dann - ruhig sein.

                                  Zweiter Band


Aber ich war nicht ruhig - nur stumpf. Ich mied Wrzburg und eilte nach Engelau
ohne irgendwo auf der ganzen Reise zu verweilen. Ich wollte es nie wieder
verlassen und ward durch den herzlichen Empfang meiner Untergebenen in diesem
Vorhaben bestrkt. Was hatte ich in diesen zwei Jahren der Abwesenheit gewonnen?
Schmerz und bittre Erfahrung; weiter nichts! Nur Benvenutas Gesundheit hatte
sich sehr gebessert; sie war blhend und krftig und gewhrte mir die
Beruhigung, da die Reise fr sie nicht umsonst gewesen sei. Tdtliche Pein mit
einiger Verlegenheit gemischt verursachte es mir, da ich als Grfin Astrau aber
- ohne Gemal heimkehrte. Meinem Arzt, meinem ehemaligen Vormund und allen
Personen, welche direct oder indirect nach ihm fragten, sagte ich: er knne
unser Klima nicht gut ertragen und sei auerdem mit Arbeiten beschftigt, welche
ihn an Italien fesselten. Man begriff das einigermaen, man beklagte es fr mich
.... und bald war nicht mehr davon die Rede. Was mich am meisten an ihn
erinnerte war ein Schmerz am Herzen, der mich in jener Nacht vor Arabellas
Fenster ergriffen hatte, und der seitdem nie ganz mehr wich. Er war aber
durchaus krperlich; seelisch - war ich mehr erstarrt und durchkltet als
durchschmerzt. Ein Stckchen vom Faden der Ariadne war mir in die Hand gefallen
- und fiel ebenso hinweg .... das war Alles. Sollte ich mich grmen? - Warum? -
Ich wute ja da der Gram etwas ebenso Vergngliches sei.
    Wie nun das Leben hinbringen? Der Sommer verging ganz gut. Der lndliche
Aufenthalt war mir neu. Die grnen Wiesen, die schnen Bume, die ppigen
Kornfelder, die Viehheerden, die demthige und doch nicht armselige drfliche
Umgebung contrastirte so auffallend mit Venedigs Wasser- und Marmorwelt, mit
seiner zerfallenden Herrlichkeit und seiner grandiosen Armuth, da der Genu des
Contrastes mir interessant war. Ueberdas gab es eine Menge Geschfte, die ich
einmal wieder in der Nhe bersehen oder von deren gutem Fortgang ich mich
berzeugen mute. Es gab zu loben und zu tadeln, zu berichtigen und anzufeuern,
zu helfen und zu rathen. Es war eine Wiederholung der Heimkehr aus England - nur
unter gnstigen Umstnden, und daher ohne jenen Sporn den ein bestimmtes Ziel
der Thtigkeit gewhrt. Schwierige Verhltnisse keiner Art lagen mir zu
berwinden oder zu entwirren vor. Die Geschfte gingen ihren hchst geregelten
Gang. Meine Schulen gediehen, meine Baumpflanzungen wuchsen. Zuweilen stiegen
Gedanken in mir auf als msse ich den gemeinen Mann auf meinen Gtern unerhrt
beglcken. Fragte ich mich jedoch ernsthaft welche Sorte von Beglckung ihm denn
beizubringen sei: so beschrnkte sie sich auf Arbeit und auf einen Sparpfennig
fr die Noth. Dafr sorgte ich mit wahrer ausdauernder Theilnahme und zu jeder
Zeit; und nie haben mich meine Verstimmungen dagegen gleichgltig gemacht.
    Als der Herbst mit seinen Tagen voll Regen und Sturm und mit seinen langen
Abenden kam, sah ich indessen ein, da ich nothwendig andere Beschftigungen
brauche; und um meine Gedanken an eine bestimmte Disciplin zu gewhnen, beschlo
ich frmlich ernsthaften Unterricht zu nehmen. Ein Cursus etwa der Chemie,
Physik oder Astronomie schien mir aber gar nicht ernsthaft genug, sondern wie
die Mnner gebildet werden, mit alten Sprachen und mit Mathematik: so wollte
auch ich es anfangen. Ohnehin hatte ich in meiner ersten Jugend klglich wenig
gelernt! Spterhin war mir auf meinen Reisen allerlei angeflogen, was ich mit
Geschicklichkeit mir aneignete, wie Sprachen der fremden Lnder, Kenntni ihrer
Geschichte, ihres Bodens, ihrer Literatur. Allein jede Beschftigung in dieser
Richtung oder mit meinem ganz hbschen Talent zur Malerei, schien mir kein
gengendes Joch um den Sturm meiner Gedanken und Trumereien zu bndigen. Ich
hatte so oft sagen hren welch eine Grundlage aller tiefen Bildung die alten
Sprachen wren - hatte in England gesehen wie sie auf integrirende Weise zu der
so ganz praktischen Erziehung gehren - da ich mir Wunder was fr Vortheile
davon trumte. Ich verga nur den ungeheuern Unterschied zwischen einer
unentfalteten Jnglingsseele, die bereitwillig den Keim aufnimmt, welcher in
ihrem frischen Erdreich aufgehen soll und kann - und zwischen mir. Ich war uralt
an Lebenserfahrung und Kenntni; Leid und Lust, Schmerz und Glck, Verlust und
Gewinn, welche sich fr Andere ber fnfzig und sechszig Jahre ausbreiten,
hatten sich fr mich mit so beklemmender Schnelligkeit gedrngt, da ich mir bei
fnfundzwanzig Jahren sagen mute: glck-oder leidbringende uere Ereignisse
htten sich fr mich erschpft. Obwol ich eine namenlose und bodenlose Leere in
mir fhlte - obwol ich mir vorkam wie die Wste ber welche wenigstens das
Weltmeer fluten mu um sie zu beleben - obwol mir manchmal zu Sinn war als htte
ich noch gar nicht gelebt und nichts gehabt: so hielt mir meine Vernunft doch
immer eine und dieselbe ermdend langweilige Predigt: Dir sind die guten und
bsen Schicksale bereits zu Theil geworden welche dem Menschenleben zugemessen
sind; drum halte Dich ruhig; rume die Trmmer aus dem Innern fort, vergi Dich
selbst, sei Andern ntzlich und lerne da es eine Menge Dinge zu thun giebt die
weit ersprielicher sind als mit Gebilden der Phantasie zu schwelgen.
    Also: die Trmmer meines Innern wollte ich aufrumen mit Mathematik und
alten Sprachen. Zu meinem Geburtstag machte ich mir selbst das Festgeschenk
zweier Lehrer, welche sich entschlossen sich auf drei Jahr in Engelau zu
vergraben. Herr Becker hatte so eben seine philologischen Studien vollendet und
da sich ihm nicht gleich die gewnschte Stelle an der Universitt zu Kiel
darbot, so nahm er die in meinem Hause an, die ihm wenigstens Mue zu eigenen
Studien lie. Er war sehr jung, sehr lebhaft, ein glhender Bewunderer des
Alterthums, das er in Leben und Kunst, Institutionen und Religion als das Ideal
vergtterte zu dem die Menschheit hinstreben msse - ein einseitiger Verchter
alles Neuen (nmlich der letzten zweitausend Jahre) - kurz ein Mensch der nichts
kannte als seine Wissenschaft, und die Ueberzeugung hegte durch ihre Verbreitung
msse die Welt zu ihrer wahren Gesittung erhoben werden. Dies hatte den groen
Vortheil fr mich da er gern zu mir kam, weil er seinen Aufenthalt bei mir als
die erste Stufe zur Grcisirung der nordischen Barbaren betrachtete; und da er
mir mit dem zwiefachen Feuer der Jugend und der Begeisterung Unterricht gab.
    Herr Mller, der Mathematiker, war ein ltlicher Mann, welcher
fnfunddreiig Jahr sich abgeqult hatte der Schuljugend eines Gymnasiums seine
Wissenschaft insoweit beizubringen, als dieselbe ein Ingrediens der nothwendigen
Examina ausmachte, welche man zu bestehen hatte. Die unendliche Gleichgltigkeit
mit der Herr Mller seinen Unterricht an unendlich gleichgltige Schler
ertheilte, hatte ihn nach und nach dermaen zerstreut gemacht, da er sich nicht
mehr bei ihnen in den nothwendigen Respect zu setzen vermogte. Mit einem
winzigen Jahrgeld wurde er entlassen, und da ich ihm die Zusage machte es nach
drei Jahren zu verdoppeln, so sah er sich veranlat meinen Vorschlag, auf
Zureden seiner Freunde anzunehmen. Sie waren bemht ihm eine sorgenfreie
Existenz zu sichern. Er fr seine Person fhlte sich sorgenfrei sobald er von
dem Verkehr mit den bsen Buben - wie er die Gymnasiasten nannte - befreit war.
Die Leibesnahrung und Unterkunft machte ihm keine Sorgen; er lebte von Kaffee
und Brot und war, Dank dieser strengen Dit und seinem sterilen Studium zu einer
so mumienhaften Ausdrrung gediehen, da er die Bedrftigkeit des lebendigen
Lebens nicht mehr empfand. Er war so gengsam und so wolwollend, da ihm Welt
und Menschen vortreflich und nur im Betreff der Gymnasialjugend etwas mangelhaft
erschienen. Ein Fortschritt - Einer! war freilich fr die Welt zu machen und
stand ihr bevor .... sobald die allgemeine Formel fr die Primzahlen gefunden
sei! Was ihr aber dann noch zu ihrer Vollkommenheit und Glckseligkeit mangeln
knne, das - gestand er unbefangen - - sehe er nicht ein. Seine Seele war auf
der Jagd nach dieser Formel. - In seinem beschrnkten Berufsleben war es ihm nie
vorgekommen, da Jemand zum Vergngen Mathematik studirt habe. Er betrachtete
mich wegen dieser Neigung als ein von Gott begnadigtes Geschpf. Meine
Aufmerksamkeit und Ausdauer freuten ihn so sehr, da er mich nach seiner Weise
herzlich lieb gewann, und Selbstliebe und Eifersucht lagen ihm so fern, da er
mir zuweilen den Wunsch aussprach: zum Lohn meiner Achtung fr die erhabenste
Wissenschaft, der ich hoffentlich mein ganzes Leben widmen wrde, verdiene ich
die Ehre - die allgemeine Formel fr die Primzahlen zu finden, und mein
unsterblicher Ruhm werde ihn mehr beglcken als sein eigener.
    Ich hatte also zwei Lehrer wie man sie sich nicht besser wnschen kann, und
berdas den festen Willen mglichst viel von ihnen zu lernen. Im schneidendsten
Contrast zu meinem vagabondirenden Leben in Venedig, wurde das gegenwrtige mit
einer zuchthausmigen Pnktlichkeit Stunde fr Stunde eingetheilt, und von
sieben Uhr frh, wo ich aufstand - bis zwlf Uhr Abends, wo ich schlafen ging -
gab es keine Minute, welcher nicht ein Geschft zugetheilt gewesen wre: denn
auch die Erholungen bekamen ihrer Regelmigkeit wegen einen Geschftsanstrich.
Mein Haus kam mir wirklich vor wie eine Strafanstalt, whrend es fr Herr Becker
und Herr Mller, und fr eine junge musikalische Gesellschafterin ein ganz
angenehmer Aufenthalt war: dermaen kommt Alles auf die Deutung an, welche wir
den Zustnden geben und auf die Gesinnung mit der wir in sie hineintreten. Aber
ich wollte es nun einmal so! ich wollte meine Thtigkeit nicht vergeuden noch
versplittern, sondern sie auf einem Punkt sammeln um sie gleichsam zu einem
Pfeil zu machen, der von der gespannten Bogensehne des Gedankens geschnellt, das
Ziel in der Mitte treffen mute - das Ziel nach dem ich nun schon so lange rang,
das mir stets in andrer Form erschien, und das ferner denn je von mir zurckwich
sobald ich der Form scharf ins Auge sah - das Ziel jedes Menschen, sein
glhendstes Bedrfni, nach welchem er heimlich seufzt oder laut schreit, und um
welches er herum irrt wie um ein unentdecktes Land, das der Schiffer mit Magnet
und Compa nicht aufzufinden wei - - das Glck!
    Ich studirte mit groem Eifer, aber ohne eigentliche Vocation! Ich lag
heimlich bei mir selbst auf der Lauer ob nun nicht bald ein genuvoller Zustand
eintreten werde. Dadurch wurde natrlich die unbefangene Hingebung getrbt, und
die bertriebene Erwartung die ich mein Lebenlang von jedem Ereigni gehabt
hatte, verlie mich auch hier nicht. Immer war mir zu Muth als stnde ich an
jenem Brunnen in welchem nach einer Fabel die Wahrheit sitzen soll, und als
schpfte ich mit der grten Anstrengung nichts als Wasser heraus! - Auch jezt
war ich wieder auf Verfolgung der Gttin begriffen.
    Whrend dieses unfruchtbaren Bemhens dachte ich doch zuweilen an Otbert und
Arabella - mit Neid. Mogten sie in einem Wahn befangen sein, so war derjenige
der Liebe doch der seste von allen. Bald nach dem Ausbruch der Julirevolution
war Otbert nach Paris gegangen. Die fiebernde Aufregung der Gemther und die
tobende Ghrung aller Zustnde waren ihm eine zauberische Lockung. Wie ein
gebter Schwimmer, der seiner Krfte sicher ist, lie er sich bald von dieser,
bald von jener Welle heben, schaukeln, fortziehen, und fand ein eigenthmliches
Behagen an ihrem Gebraus und Gewirbel. Die religisen und socialen Fragen mit
deren Lsung diejenigen sich beschftigten, welche auf dieser Basis eine neue
Ordnung der Gesellschaft auffhren wollten, interessirten ihn aufs Hchste. Mit
einer Wrme gab er sich dem St. Simonismus hin, als sei er bereit ein Apostel,
ein Mrtyrer der neuen Lehre zu werden; und mit einer Leichtigkeit wandte er
sich ab sobald der Reiz des Neuen erschpft war, als habe es sich nicht um
Ueberzeugung sondern um Persiflage der Sache gehandelt. Er selbst htte nicht
genau bestimmen knnen ob er wirklich ergriffen war oder nur das Ergriffensein
spielte um es als Mittel zu irgend einem Zweck zu gebrauchen: denn bald wollte
er als ein Propagandist neuer Ideen populr werden, bald suchte seine Eitelkeit
ihren Genu in dem Nimbus des Auergewhnlichen, bald begehrte er nichts weiter
als in Feuer gesetzt zu werden, gleichviel wodurch! gleichviel fr wen! um nur
nicht der grauen Monotonie zu verfallen. Sehr flchtige Briefe, die er mir nur
schrieb um mich von seinen pecuniren Verhltnissen zu benachrichtigen, deuteten
mir das an. Ich hatte ihm bei unsrer Trennung die Hlfte meines Einkommens
bestimmt. Es schickte sich nicht anders - so schien es mir - da ich seine Frau
war und, mit ihm zusammenlebend, das Ganze mit ihm wenn auch ungetheilt genossen
haben wrde. Aber mein Schicklichkeitsgefhl ward in diesem Punkt durch seinen
gnzlichen Mangel daran verletzt. War es die gemeine Gesinnung oder die
kindische Nachlssigkeit die sich darin aussprach - genug, es peinigte mich in
seiner Seele, da er von seiner Frau gar nichts begehrte als Geld! und immer
wieder Geld! Der St. Simonismus kostete ihn unglaubliche Summen. Spter waren es
die ausgewanderten Polen. Dann untersttzte er legitimistische Bestrebungen.
Noch spter warf er sich zu einem Trger des Socialismus auf. Immer hatte er das
Bestreben in der jedesmal herrschenden Richtung bemerkt zu werden; und da jede
derselben ihre sehr materielle Seite hatte fr welche nur wenig Adepten bereit
waren Opfer zu bringen, so zeichnete er sich zwischen denselben um so mehr aus.
In seinen Briefen berhrte freilich nur ein Postscript von zwei Zeilen den
fraglichen Punkt; allein es war sehr klar, da die Briefe berhaupt nur des
Postscripts wegen geschrieben waren. Daher beantwortete ich sie mit der
trockensten Krze, und fhlte mich nie veranlat eine Frage nach Arabella an ihn
zu thun.
    Kaum zwei Jahr nach unsrer Trennung erhielt ich aber von Arabella selbst
einen Brief - und zwar aus Hamburg. Sie bat mich in wenig Worten, jedoch
dringend, zu ihr zu kommen; sie sei auf dem Weg nach der Heimat. Dieser Weg
schien mir ein seltsamer Umweg. Ich ri mich von meinen Studien los und fuhr
nach Hamburg. Gott! wie fand ich sie! Zwischen Melancholie und Schwindsucht
schwankte ihr armes Leben an einem seidnen Faden hin und her. Ich war
fassungslos bei ihrem Jammeranblick. Sie sagte:
    Du findest mich auf dem Heimweg .... zum Grabe, Sibylle. In meiner Familie
sterben wir Alle vor dem dreiigsten Jahr. Ich habe das oft an Otbert gesagt!
ich dachte er wrde mir vergnnen die wenigen Jahre bei ihm, d.h. glcklich zu
verleben. Aber nein! Du hast mein Glck mit Dir aus Venedig entfhrt. O Sibylle!
warum bliebst Du nicht in Venedig? So wie Du fort warst hrte Otberts Liebe zu
mir auf. Er brachte mich bald darauf nach Paris .... aber er dachte nicht mehr
an mich. An Dich dachte er .... oder an die groen Welterschtterungen .... oder
an sonst etwas! wer kann sagen woran Otbert denkt! nicht an mich - das wurde mir
allmlig klar - doch unter welchen Qualen .... magst Du daraus schlieen, da
ich endlich ihn verlie und hieher kam um Dir Astralis zu bringen. Nun bin ich
fertig und nun - lebe wol. -
    Ich nehme Astralis, aber ich nehme auch Dich mit mir, Arabella! rief ich
mit einem namenlosen Wehgefhl. Glaubst Du denn da ich Dich Deinem einsamen
Leid berlassen knnte?
    Ich glaube es nicht: ich will es! sprach sie bestimmt und kalt. Glaubst
denn Du da Deine Nhe mir lieb ist? Ich sage Dir mir ist nichts lieb als der
Tod, und Du bist es weniger noch als tausend Andre, denn mit Dir .... zog mein
Glck aus Venedig fort.
    Das war ihre fixe Idee und daher war sie bitter und feindlich gegen mich
gestimmt. Ehedem in London hatte sie mir schon den Vorwurf des Verraths an der
Freundschaft gemacht: er war ungerecht! doch dieser war gradezu unsinnig. Trbe
bersann ich unser seltsames Schicksal, das sich zweimal feindlich durchkreuzte,
whrend wir im Herzen Freundinnen waren; - denn Arabella hatte immer Vertrauen
zu mir, und ich hatte sie immer lieb. Sie lehnte sich an mich, und ich freute
mich ihrer. Trotz unsrer Verschiedenheit paten wir zusammen .... aber Otbert
schleuderte uns wie ein unheilvoller Komet so weit auseinander, da jede fernere
Berhrung eine Anstrengung und daher schmerzlich sein mute. Ich drang deshalb
nicht heftig in Arabella mich nach Engelau zu begleiten, obwol ihr Vorsatz mir
trostlos vorkam in Hamburg zu bleiben und dort ihr Ende zu erwarten. Ein Arzt in
Paris hatte ihr gesagt sie wrde den Herbst im Norden nicht berleben.
    Und der ist nah, ich fhl' es! sagte sie. Drum wollte ich zuvor Astralis in
Sicherheit bringen.
    Willst Du Dich aber wirklich schon jezt von dem Kinde trennen? fragte ich.
    Ja! denn wenn ich es vor Augen habe, so wird mir das Leben nicht leichter
und nur der Tod schwerer. Ueberdas frchte ich die Ansteckung meiner Krankheit
fr Astralis. Sie wird also in jeder Beziehung besser bei Dir als bei mir
aufgehoben sein.
    Ich war Arabellen behlflich in einer Vorstadt Hamburgs eine kleine
Gartenwohnung zu finden, die sie mit ihren treuen irischen Dienstboten bezog.
Ich begleitete sie dahin. Als sie in ihr Zimmer trat, das zu ebner Erde lag und
die Aussicht auf ein schlichtes Grtchen bot, ergriff sie eine nagende
Erinnerung.
    Auf Torcello war es anders! rief sie. O Sibylle! httest Du denn nicht in
Venedig bleiben knnen?
    So unbeschreiblich war ihr Einflu auf mich, da ich mir selbst egoistisch
und grausam erschien; und er rhrte nur daher, weil sie ganz und rcksichtslos
in einem einzigen Gefhl lebte. Mogte sie Anderen tadelnswerth erscheinen -
mogten Moral und Sitte ihr Benehmen verwerfen - mogte ich selbst sie in dieser
Beziehung nicht rechtfertigen: mir kam diese Einheit des Wesens, welche von
einer und derselben Idee lebt und stirbt, doch so majesttisch und wunderbar
vor, da ich mehr Achtung vor ihr als vor mir empfand. Denn sie hatte eine Kraft
die mir gnzlich fehlte: sie hielt fest was sie einmal hielt.
    Ich brachte einen geschickten Arzt zu ihr und beschwor sie sich seiner
Behandlung zu unterwerfen, und sie versprach es bereitwillig. Er sagte mir aber
Tags darauf, da ein fast ununterbrochenes Fieber ihre Krfte aufzehre und da
sie es wisse.
    Selten habe ich eine so melancholische Scene erlebt, als die unsers
Abschieds. Arabella hatte meine Heimreise auf den vierten Tag festgesetzt und
mich gebeten Astralis bei ihr abzuholen, damit die Kleine durch die Fahrt von
dem dumpfen Gefhl der Trennung zerstreut wrde. So geschah es. Als ich bei
Arabella eintrat fhrte sie mir Astralis reizend geschmckt entgegen und sagte
gelassen:
    Dieser Engel soll bei Gott und bei Dir fr mich um Verzeihung beten.
    Sprich nicht so .... aus Barmherzigkeit! rief ich geqult mit erstickter
Stimme.
    Gut, gut! sagte sie immer ganz gefat. Ich schenke Dir Astralis. Sie hat
nichts als die Existenz, keine Eltern, kein Vermgen! ich kann ihr nichts
hinterlassen als ein Paar Diamanten, denn nach meinem Tode fllt meine Rente an
Lord - gh zurck. Verlasse sie also nicht und sorge dafr, da sie in meiner
Religion erzogen werde. Versprich mir das, Sibylle, und dann .... la uns
scheiden.
    Ich gab ihr mein Versprechen, nahm Astralis auf den Arm und stand
unschlssig ob ich gehen ob ich bleiben solle mitten im Zimmer. Da fiel sie mir
feurig um den Hals, umarmte und kte mich.
    O Du bist gut! rief sie; - aber geh! geh! ich kann Deinen Anblick doch
schwer ertragen.
    Ich wandte mich rasch der Thr zu. Da rief sie - - oder nein! ein
herzzerreiender Schrei rang sich aus ihrer Brust:
    Astralis!
    Ich flog zu ihr: O komm' mit mir, Arabella.
    Nein nein! geh! unterbrach sie mich wieder gefat. Mir war nur eben als
berhre mich der Tod eiskalt. Geht! geht!
    Sie kte noch einmal mich und das Kind, sank dann matt auf einen Stuhl, sah
durch das Fenster zum Himmel auf und sang den Anfang eines Liedes das sie sehr
liebte: 'T is the last rose of the summer. O wol war es die letzte Rose ihres
Lebens, die ich jezt mit mir forttrug! - -
    Am Abend desselben Tages war ich wieder in Engelau. Whrend der Fahrt hatte
ich nur einen Gedanken! Zwei Menschen kannte ich - unter so vielen nur zwei! -
welche, seitdem sie ber sich selbst zum Bewutsein gekommen, nie um eines
Strohhalms Breite von dem Gegenstand abgewichen waren, der ihre Seelen in der
Grundtiefe ergriffen hatte: eine Snderin war die eine zu nennen, und der andre
ein Narr. Arabella war es und mein alter Mathematiker! Wenn dies das Resultat
der Thorheit ist, so behte mich, Gott! vor dem der Weisheit, denn diese zwei
Menschen - sie miachtet, er verhhnt, kamen mir ehrwrdiger vor als alle die,
welche aus ihrer klglichen Eigenschaft vergessen und sich zersplittern zu
knnen, eine Tugend zu machen wuten. Namenloses Grauen vor dem Zwiespalt in
welchem der Mensch durch das Leben geschleudert wird, zerarbeitete mir die
Seele. Wer da festhlt kommt aus dem Gleichgewicht nach Auen, so da die Leute
hohnlchelnd mit dem Finger auf ihn weisen; - wer nicht festhlt kommt aus dem
innern Gleichgewicht indem er in Conflict mit seiner jammervollen Bedrftigkeit
und seiner unabweislichen Ueberzeugung gerth. Wie ein zerschellter Nachen von
den Wellen an die Kste geschleudert und von der Brandung wieder zurckgetrieben
wird: so flogen meine Gedanken auf und ab, hin und her, und fanden nirgends,
nirgends Ruhe.
    Ein Brief von Astrau erwartete mich in Engelau - ein ganz widerwrtiger
Brief, in welchem er Arabellas pltzliche Abreise von Paris eine ihrer
weltbekannten Excentricitten nannte und sich mit weitluftiger Erbitterung
ber die unsinnigen Ansprche der Frauen auslie, welche von einem Mann immer
und ewig nichts weiter begehrten, als da er ihr Liebhaber sei - etwa ein
romantischer, idyllischer oder heroischer Liebhaber, aber vor Allem der. Dadurch
wrden die Frauen zu einer so marternden Last, da der Mann aus Verzweiflung in
scheinbare Hrte verfallen msse um seine Freiheit und Thtigkeit dem Weltleben
und dessen grandiosen Interessen gebhrend zuwenden zu knnen. So huften sich
am Ende die Miverstndnisse. zu einer unbersteiglichen chinesischen Mauer -
und das sei lediglich die Schuld der egoistischen Beschrnktheit des Weibes. -
Dieser Brief kam mir vor als werfe Astrau sich in die Maske des Zorns um sich
gegen eigene und fremde Vorwrfe zu panzern. Aber es war mir entsetzlich, da er
gegen Arabella Vorwrfe aussprach, whrend sie sich keinen einzigen - ja keine
einzige Klage ber ihn erlaubt hatte. Als Antwort meldete ich ihm die Lage der
Dinge und fgte schlielich hinzu:
    Ich bin so ganz der Ansicht, da einem Mann Greres zu erfllen obliegt,
als zu den Fen des Weibes die Rolle eines romantischen Liebhabers zu spielen,
da ich auf dem Punkt sein wrde einen solchen Mann zu verachten - wenn nicht
zum Unglck Du selbst Dich mir gegenber in eine solche Rolle geworfen httest:
folglich stehe ich Dir zu nah um Dich beurtheilen zu knnen. Unser Urtheil ber
einen Menschen begehrt ebensowol wie das ber ein Kunstwerk die gebhrende
Perspective. Ich bin also gar nicht mit jenen Frauen ber welche du klagst,
einverstanden und bin gern bereit sie mit Dir egoistisch beschrnkt zu nennen.
Nur sind die Mnner dieser Frauen gewhnlich in ihrer Art ebenso egoistisch
beschrnkt; denn nachdem sie deren Wahn geflissentlich hervorgelockt und genhrt
haben - nachdem sie sich in Schaustellung aller Rasereien der unsinnigsten
Leidenschaft gefallen haben - sind sie pltzlich der Sache berdrssig, die
ihnen nicht Ernst war, und begehren vom Weibe es solle nun auch der Komdie satt
sein. Aber das hat die Sache fr wahr gehalten und findet sich nicht so leicht
in den Irrthum. Daher die Miverstndnisse! - O wollte Gott da Ihr verstndet
ein Weib zu lieben ohne Euch zu deren Liebhaber zu machen! dann wrden Treue und
Friede, Achtung und Zutrauen zwischen uns walten. Aber zu jenem gehrt Wahrheit
und Wrme des Gefhls; und zu diesem - - Du wirst besser als ich wissen was dazu
gehrt.
    Umgehend antwortete mir Astrau:
    Die Welt kehrt sich um! Emancipationsideen dringen sogar bis zu Deiner
ultima Thule und Du bist ganz dazu geschaffen deren Priesterin in Beziehung auf
das Weib zu sein. Welch einen Fluch hat denn aber Gott auf uns gelegt, da das
Geschlecht welches die Freude und Wonne des unsern sein sollte, sich allmlig zu
einer Caricatur zu verbilden droht, von der wir uns mit Schreck und Widerwillen
abwenden mssen! Wir mssen auswandern und Euch die Herrschaft Europas
berlassen - dann wird beiden Theilen geholfen sein. Auf der einen Seite
berfllt uns eine Arabella und will im Liebesrausch uns ersticken; von der
andern tritt eine Sibylle uns entgegen und theorisirt, philosophirt, dogmatisirt
und systematisirt, da uns der kalte Schwei auf der Stirn perlt ber diese
Scene aus der verkehrten Welt. Vertiefe Dich nicht in diese Farce, die Du fr
ein Drama hltst, meine arme Sibylle! Du hast groe Neigung und Talent dazu une
froide raisonneuse zu sein. Auf deutsch lt sich das gar nicht ausdrcken; uns
fehlte bisher die Sache, also auch die Bezeichnung; aber Du wirst gewi ein Wort
dafr finden. Bis dahin mu ich Dich so nennen. Wre Dein Kopf ebenso kalt wie
Dein Herz es ist, so wrdest Du einsehen da Eure Rsonnements nicht die
Grundordnung der Natur hinsichtlich des Verhltnisses zwischen Mann und Weib
aufheben knnen. Wir spielen nicht Komdie mit Euch - wie Du behauptest - weil
wir in einer Epoche unsers Lebens voll leidenschaftlicher Glut zu Euren Fen
liegen; sondern es macht sich in uns die Sphre des Gefhls geltend, aus der wir
uns allmlig in die der Intelligenz hinein arbeiten, fr die wir hauptschlich
bestimmt sind. Ihr aber bleibt in der inferiren des Gemths und verfolgt
innerhalb derselben den Kreislauf Eurer Entwickelung, der Euch bestimmt den Reiz
Eures Daseins als Liebende und Geliebte, die Wrde desselben als schne und
heitere Mtter zu finden. Jede andre Entwickelung streitet mit dem Gesetz, das
Gott in Eure Natur gelegt hat, und dieser Widerspruch rcht sich an Euch selbst
durch Mimuth und Unzufriedenheit, welche Ihr umsonst hinter hochtrabenden
Redensarten und Bestrebungen zu verbergen sucht. Ja, diese letzteren machen Euch
immer elender, denn sie bringen Euch um Euer Glck und um Eure Glorie: Ihr
werdet nicht geliebt! - Ich gestehe Dir aufrichtig die Vorstellung peinigt mich
da Astralis bei und von Dir erzogen werden soll. Ich mgte das Kind fr mich in
Anspruch nehmen, sobald der traurige Fall eintreten sollte, da es seine arme
Mutter durch den Tod verliert. Freilich wrde das eine Umgestaltung meiner Lage
mit sich bringen auf die ich vor der Hand nicht eingerichtet bin. - - - Es
folgten Auseinandersetzungen derselben, die mir deutlich zeigten, da sie
verwickelter denn je sei.
    Ich war fest entschlossen ihm unter keiner Bedingung Astralis anzuvertrauen
und hatte auerdem die Ueberzeugung da er sie nie ernsthaft begehren wrde.
Daher schickte ich ihm eine ziemlich bedeutende Summe und schrieb ihm dazu: er
mge sie zu der Einrichtung verwenden, die er zu machen habe wenn Astralis zu
ihm kme. Ich wute sehr gut da er sie fr ganz andre Zwecke verwenden wrde,
aber ich suchte fast vor mir selbst Vorwnde um sein Verfahren zu bemnteln.
Indessen brauchte ich doch die Vorsicht Arabella zu bestimmen, da sie mir in
einem rechtsgltigen Testament die Erziehung, Bildung und Versorgung ihrer
Tochter anvertraute. Auf den ersten Theil von Astraus Brief antwortete ich mit
ungeheuchelter groer Ruhe:
    Du nennst mich froide raisonneuse. Dieser Vorwurf hat mich getroffen. Ich
glaube selbst da keine Harmonie zwischen meinem Kopf und meinem Herzen ist. Ich
habe mich von der Wiege an mit Trumereien und Phantastereien abgemattet, gegen
welche jede Wirklichkeit armselig war - und dann habe ich diese Wirklichkeit mit
dem Verstande durchforscht und das Sinnenleben wie das Gefhlsleben unvollkommen
und daher unbefriedigend gefunden. Dies gebe ich zu. Aber was beweist es? -
weiter nichts als da ich unvollkommen bin. Die arme Arabella blindlings
versunken in das Gefhls- und Sinnenleben ist in andrer Art ebenfalls
unvollkommen; und Du fhlst Dich so verletzt und beklemmt durch die weibliche
Unvollkommenheit, deren thrichte und bertriebene Richtungen wir versinnlichen,
da Du vor derselben in eine neue Welt entfliehen mgtest. Ich habe hierauf nur
mit einer einzigen Frage zu antworten: bist Du vollkommen? - - Genug der
drftigen Persnlichkeiten! ich rede jezt nicht von Dir und mir, sondern von
Mann und Weib. Du hltst dieses fr ein inferires, jenen fr ein superires
Wesen. Warum? - Weil hier mehr dunkles Gefhl, dort mehr klarer Verstand
herrscht. Wer hat festgesetzt da der Verstand etwas Gttlicheres sei als das
Gefhl? - der Mann. Warum hat das Weib diesen lcherlichen Ausspruch angenommen?
- weil in der Welt materielle Strke dermaen auf der materiellen Schwche
lastet, da im zwlften Jahrhundert des Christenthums christliche Theologen noch
darber disputiren konnten: ob das Weib eine Seele habe. Zwlf Jahrhunderte der
humanisirendsten aller Religionen - und noch eine solche Frage! - Die Seele,
insofern man darunter den unsterblichen Theil des Menschen begreift, ist im Lauf
von sechs andern Jahrhunderten dem Weibe, ich mgte fast sagen - octroyirt
worden. Versteht man aber den erkennenden, bildenden, selbstthtigen Geist, die
Intelligenz darunter - ja, dann stehen wir auf dem Punkt der alten Scholastiker.
Das Weib als eine Unmndige behandelt, kann sich nicht als eine Mndige
benehmen. Es unterwirft sich und vegetirt so hin in dumpfen Gefhlen, welche
hufig zu unbndigen Leidenschaften aufflammen, und welche durch eine
verschrobene, hohle, prunkende Erziehung wol geschwcht, jedoch nicht gelichtet
werden knnen. Ach ja! das Weib unsrer Tage ist eine klglich unvollkommne
Erscheinung; - aber durch den Mann unsrer Tage wird es warlich nicht in Schatten
gestellt, nur durch die einseitige Richtung in welche es gezwngt wird. Und
ebenso geht es dem Mann! in der handwerkernden Beamten- in der pedantischen
Gelehrtenwelt mgen wol Studien genug zu Hause sein, aber was hat mit denen die
Intelligenz zu thun? Oder wohnt sie etwa in den Kpfen der Soldaten die in
Parade aufmarschiren? der Virtuosen, die von den vierundzwanzig Stunden des
Tages zwanzig ihren Fingerbungen widmen? der Journalisten, die ihre
Zeitungsartikel aus Klatschereien, Lgen und Trumen zusammenschmieden? der
Philosophen und Menschenbeglcker von denen die Welt strotzt, whrend dieselbe
Welt nie rmer an Weisheit und Glck war als eben jezt? der Knstler die zu
Tausenden in den Akademien und Ateliers herum vagabondiren? - Du wirst nicht
behaupten da in diesen verkmmerten, leeren, drren Geschpfen der Geist zur
Entfaltung gekommen sei. Sie sehen auf das Gefhl herab, whrend sich die Weiber
vor dem Verstande scheu zurckziehen. So bleibt jeder Theil in seiner
Einseitigkeit, und ohne Verschmelzung beider Elemente ist fr keinen Theil an
Vollkommenheit zu denken, und ebenso wenig an die wahre heilige Gemeinschaft,
die der Schpfer zwischen den beiden Geschlechtern gewollt hat, indem er die
eine Hlfte zum Vertreter der Intelligenz, die andere zum Vertreter des Herzens
bestimmt hat. Das sind zwei Stralen die von demselben Licht ausgehen - und dies
Licht heit gttliche Liebe. Schmelzen sie zur Einheit zusammen, so stellen sie
das Abbild jenes Urbildes dar. Ihr verhhnt Gott und lstert die Natur wenn Ihr
sprecht das Weib sei ein inferires Geschpf. La Dir Eine nennen in der vollen
Glorie wie Gott und die Natur sie gewollt haben, und dann sprich: ist der Mann
superir? - nicht blos der, welcher neben ihr steht; nein! der allergrte, den
die Welt aufzuweisen hat? - Gewi nicht! Heloise darf neben einem jeden stehen.
Diese Schnheit, diese Liebe, dieser Geist, diese Entsagung, diese Treue, diese
Weisheit, dies Marterthum, diese lichtvolle Klarheit, diese flammende Glut,
diese standhafte Ausdauer ber allen Schmerz, alles Elend, alle Zeit hinweg,
dieser Stralen- und Dornenkranz von Seligkeit und Jammer, den Ablards finstre
Liebe auf ihre Stirn drckt - bildet das Alles nicht ein geistig bewegtes Leben
von solcher Entwickelung und solcher Intensitt da einem das Herz - der
Mutterschoo dieses Lebens - als ein Weltmeer von Macht und Tiefe erscheint.
Nein, Otbert! ich bin sehr unvollkommen und meine arme Arabella ist es auch und
Millionen unsers Geschlechts sind es mit uns; aber wir sind es weil wir auf
einer embryonischen Stufe unsrer Entwickelung stehen - nicht weil uns die
Fhigkeiten zu einer hheren mangeln. Deine Bemerkung da ein Geist der
Unzufriedenheit und des Mibehagens sich in uns rege - ist vollkommen richtig:
die Chrysalide erwacht, fhlt sich in Haft und Dunkel, und strebt nach Befreiung
und Licht. Aber Deine Behauptung, da dies Bestreben uns um das Glck bringe
geliebt zu werden - hat mich herzlich lachen gemacht, weil sie so sehr nach
deutschem Spiebrgerthum schmeckt. Es mu wirklich namenlos schwer fr einen
Deutschen sein den Philister auszuziehen, da es sogar Dir, einem Dichter! einem
Cosmopoliten! nicht gelingt. Um bei Heloisen stehen zu bleiben, so vernichtet
sie Deine Behauptung; und ich frage Dich: wrde es Dir nicht eine grere
Genugthuung sein ein Weib wie Heloise geliebt zu haben, obwol sie lateinisch und
griechisch verstand, als ein Dmchen unsrer Tage, welches statt dessen die
hergebrachten Theetisch-Phrasen versteht. Bist Du denn auch, mein armer Otbert,
mit des Philisters fixer Idee von der versalzenen Suppe behaftet? Ach, gieb sie
auf! schon deshalb, weil heutzutag auch des Philisters Frau viel zu gebildet,
elegant und bequem ist um sich mit Suppenkochen zu beschftigen. Glaube mir -
wenn Ihr doch so sehr an dieser gebenedeiten Suppe hngt - Heloise wrde sie
Euch eher kochen, als Philisters-Frau; denn eine Knigin fhlt sich durch
Mgdedienst nicht erniedrigt, weil sie ihres Knigthums gewi ist; aber die Magd
strubt sich, weil sie fr etwas Besseres gelten mgte als was sie ist.
    Diesen Brief beantwortete Astrau nicht. Bis er bei ihm anlangte mogte er
Arabella, welche die eigentliche Veranlassung unsrer Correspondenz gewesen war,
bereits ganz vergessen haben. Sie starb im Sptherbst desselben Jahres. Das
Leben hatte ihre Krfte zu sehr aufgeregt um sie nicht zu verzehren, als sie
keinen Gegenstand fanden an dem sie sich ben konnten. Sie starb an Erschpfung
in ihrem achtundzwanzigsten Jahr. Zu der Zeit wute Astralis schon nicht mehr,
da sie eine andre Mutter gehabt als mich. Sie wuchs zwischen uns auf als mein
italienisches Pflegekind - wie meine Hausgenossen sie nannten.
    Ereignisse gab es in jener Zeit gar nicht, also keine uere Veranlassung zu
Glck oder Unglck. Mein Schwiegervater brachte alljhrlich im hohen Sommer vier
Wochen bei mir zu. Dann gab ich zu seinem Empfang und zu seinem Abschied zwei
groe steife langweilige Diners, zu denen sich meine wenigen Nachbarn zwei bis
drei Meilen weit herbemhten. Ab und an mute ich auch ihre Einladungen
annehmen, was denn freilich eine groe Plage war; denn zwei Stunden brauchte ich
zur Hinfahrt, zwei Stunden sa man an der Tafel, eine Stunde trank man Kaffee
und ging man im Garten spazieren, und zwei Stunden whrte die Heimkehr. Das
gesellschaftliche Landleben in Norddeutschland ist auf einen ceremonisen,
steifen Fu gesetzt, der Alles erdrckt was man Vergngen nennen knnte. Da man
sich nie anders als in Galla und bei Tafel sieht, so tritt man nie aus einer
frm- und feierlichen Stimmung zu einander heraus. Mge man zehn Jahr im
sogenannten nachbarlichen Verkehr gelebt haben - dennoch kommt man immer wie
Fremde zusammen. Das Familienleben wird dadurch gehegt, spricht man, und das ist
gewi ein groer Vorzug. Ich leugne es nicht! ich sage nur da jene Geselligkeit
mir schwerfllig erschienen ist und hchst reizlos.
    Mein Verkehr war lebhafter mit den Personen zu denen ich als Herrin von
Engelau in Beziehung stand. Wie das zur Zeit meines Vaters gewesen war, so
richtete ich es wieder ein: an jedem Sonntag speisten meine beiden Pfarrer, mein
Arzt, mein Gerichtshalter, und etwa ein oder zwei Pchter mit ihren Frauen und
Tchtern bei mir. Das war kein eleganter und kein geistreicher Zirkel; aber er
war hausbacken praktisch. Ich lernte durch ihn Verhltnisse, Zustnde, Ansichten
und Bedrfnisse kennen, die mir sonst fremd geblieben wren - was immer ein
Mangel ist; und hauptschlich lernte ich Theilnahme gewinnen fr das Leben im
kleinen Zuschnitt, an welchem man, wenn man es grer und weiter gekannt hat, so
leicht wie an etwas Geringem und Kleinlichen vorbergeht - und das ist ein
groer Gewinn. Man kommt durch ihn zur Erkenntni der einzigen Gleichheit,
welche zwischen den Menschen etwas Andres als ein Phantom ist: zu derjenigen,
da, welchen Platz der Mensch auf der socialen Leiter einnehmen mge, Licht und
Schatten wird ihn immer umgeben, und immer werden sich Licht und Schatten
ungefhr die Waage halten. Das soll nicht heien, man drfe nun gleichgltigen
Auges auf Leid und Elend und Armseligkeit blicken. Nein, im Gegentheil! es ist
eine dringende Auffoderung, so viel an uns ist den Mangel an gleicher
Vertheilung von Licht und Schatten zurecht zu rcken, damit dieser nicht jenes
berwuchere - denn der Schatten wird ohnehin nimmer fehlen.
    Was ging mir ab um mich in diesen friedlichen Verhltnissen glcklich zu
fhlen: freiwillige Beschrnkung - denn ich war nicht vernnftig! Resignation -
denn ich war nicht fromm! Ich sprach zu mir selbst: Du erfllst Deine Pflicht,
Du thust das Gute, Du suchst es in Andern zu wecken und zu frdern - warum giebt
Dir das denn nicht Befriedigung? Wo das Leben ein klarer stiller reiner Bach
ist, sollte da der Durst nicht aus dessen Wassern gelscht werden knnen? - - O
mit welcher heimlichen trostlosen Verzweiflung that ich mir nicht tausendmal
diese und hnliche Fragen. Ich verga nur da ich meine Befriedigung nicht da
suchte wo ich sie htte finden knnen, weil ich fortwhrend von einem idealen
Glck trumte - und meinen Durst mit einem Nectartrank stillen wollte, der
freilich aus meinem Bach nicht zu schpfen war.
    Inzwischen lernte ich fleiig und gern - wenigstens in den beiden ersten
Jahren. Da waren mir die Sachen noch fremd genug um mich durch den Reiz des
Unbekannten zu locken. Geheimnivolles Licht spielte ber der untergegangenen
schnen Alterthumswelt, wie ber vergrabenen Schtzen blaue Flmmchen tanzen.
Aber je mehr ich die Schwierigkeit des Studiums berwand, desto mehr schwand
auch jener Reiz. Ja, ich las mit groem Vergngen Homer und Sophokles; ja, ich
folgte mit tiefem Interesse der antiken Weltanschauung - allein mit dieser
nmlichen, gleichsam unpersnlichen Freude, hatte ich auch Shakspeare, auch
Dante gelesen. Der Horizont welcher sich um die Geschichte der Menschheit wlbte
wurde weiter; aber mein bldes Auge kehrte immer wieder zu dem eigenen zurck,
den es, trotz dessen Enge, nicht berblicken lernte. - Und dann erschrack ich
auch vor dem ungeheuern, titanischen Ringen des Geistes zu allen Epochen, in
allen Religionen, unter allen Formen, welches - was Glck spenden und Glck
genieen betrift - so geringe Resultate gehabt hat. Jeder Mensch mu sein
eigenes Leben von der Wiege bis zum Sarge durchleben; Einer wie der Andre mu
die Befangenheit der Kindheit, den Rausch der Jugend, die Erkenntni reiferer
Jahre, die Hinflligkeit des Alters willenlos erleiden, und die Freuden,
Leidenschaften, Erfahrungen und Schwchen, welche mit diesen vier groen Epochen
verbunden sind, willenlos annehmen. Er kann sie ein wenig modificiren und ordnen
- darin besteht sein freier Wille! - aber er kann nicht heraus aus dem Bannkreis
der Natur. Wenn er Alles liest was ber das Glck geschrieben ist - Alles thut
was Andre gethan haben um glcklich zu sein - Alles studirt und bewundert,
wodurch Andre das Glck erstrebt oder erlangt haben: so hilft das gar nichts,
sobald er nicht seine volle ganze Seele mit in den Kauf giebt und daran setzt.
Es ist mit dem Glck wie mit dem Reich Gottes von dem geschrieben steht: Siehe,
es ist inwendig in Euch. Und eben darum verhilft uns die ganze majesttische
Erscheinung einer vieltausendjhrigen Weltgeschichte nicht dazu.
    Bei der Mathematik war mir nun vollends zu Muth wie dem Fisch auf dem
Trocknen! Ich, die immer auf den Grund der Dinge losging, die sich nicht
abfertigen lie mit der uern Erscheinung sondern den Lebenspunkt in ihr suchte
- ich hatte mir von der Mathematik ich wei nicht welche Grunderkenntni alles
Daseins versprochen - ich wei nicht welche Wissenschaft, die mir das Rthsel
der Natur, den Zusammenhang zwischen dem Endlichen und Unendlichen, offenbaren
wrde; - und statt dessen fand ich eine Methode, welche die Auffindung der
quantitativen Verhltnisse der Dinge erleichtert. Indessen - ich hatte mir
vorgenommen drei Jahr lang Mathematik zu treiben; und ich that es - aber immer
matter und matter. Htte mein guter alter Mller nicht seine Bewunderung und
Freude der ersten Zeit allmlig in Wolwollen fr mich verwandelt, so vermuthe
ich, da er sich mit gnzlicher Nichtachtung von seiner ignoranten und
oberflchlichen Schlerin abgewendet haben wrde.
    Die Tage vergingen; mit ihnen die Zeit sehr schnell, zu schnell. Ich habe
nie begreifen knnen warum die Menschen so oft freudig sagen: Schon wieder sechs
Monat vorber! man merkt gar nicht wo die Zeit bleibt! - - Ist denn das ein
Vorzug da sechs Monat wie sechs Stunden vergangen sind? Im Gegentheil! ein
Mangel ists, eine Leere! - Nichts hat Epoche gemacht, nichts ist geleistet,
nichts erstrebt worden; keine ernste Mhe, kein hoher Genu bezeichnet die Tage.
Ein Winter ist durchgemacht, etwa wie die Pflanzen im Gewchshause, in
gemthlicher Ungestrtheit. Ist es das was den Menschen erfreuen soll? - Wol
giebt es Perioden, die einen merkwrdigen Anstrich von Monotonie haben; aber
unter ihrer stillen Hlle ist die Menschenseele in groer, rastloser Thtigkeit,
und hren sie auf, so zeugen die Resultate von derselben - wie die
wegschmelzende Schneedecke das grne Saatfeld zum Vorschein bringt, das whrend
der kalten starren Winterruhe sich festgewurzelt hat. Eine Zeit die uns nichts
bringt, nichts gewhrt, oder die wir so wenig zu ntzen und auszufllen
verstehen, da weder ihre Gegenwart noch ihre Erinnerung anders in unsrer Seele
zhlt, als eine Aneinanderreihung von Tagen - ist mir immer als eine verlorne
erschienen. Und so kamen mir jene Jahre vor. Das wollte ich zuweilen nicht in
mir aufkommen lassen. Ich rechnete mir vor, was ich gelernt, was ich gethan;
dann zog ich die Summe und die war: Nun ja! aber was geht das mich, meine
innerlichste Bedrftigkeit, an? - Ich trieb Spiegelfechterei mit der
Annehmlichkeit so Manches zu wissen, was Anderen viel Kopfbrechens koste, und
was ich Alles so hbsch zu lesen, zu begreifen, zu erklren verstnde; und wenn
ich mir Mhe gab so recht damit einher zu stolziren, verfiel ich in ein bittres
trauriges Lachen, das mich fragte: Also ist es mit Dir schon zu dem letzten
Stadium bettelhaften Dnkels gekommen, da Du zu Papierfetzen greifst um Dir
daraus einen Staatsrock zu schneidern? - Oder ich berdachte das sogenannt Gute
was ich geleistet, woran die Menschen so viel Vergngen zu finden pflegen. Nun
ja! ich hatte mich der Glcklichen und Unglcklichen, der Verabsumten und
Verwahrlosten angenommen; ich hatte in meinem Kreise Keinem das Leben schwer -
Manchem es leichter gemacht; ich hatte vielleicht einige Veranlassung mit mir
zufrieden zu sein; o mein Gott! das machte mich erst recht traurig - denn wo lag
die Befriedigung wenn nicht in jenem Bewutsein? - Ich verfiel in einen
frchterlichen Zwiespalt, weil sich mir die Frage aufdrngte: Ob nicht das Bse
und das Unrecht einen greren Reiz gewhren indem sie in eine Spannung
versetzen, welche man bei Verfolgung des Guten nicht findet? und ob die Strme
welche Kampf und Widerstand mit sich fhren, nicht einen greren Aufschwung des
inneren Lebens erzeugen, als so ein negativer Friede; - denn Schwung, der war es
doch hauptschlich, der Trank der Begeisterung! nach dem ich lechzte; und war
der zu theuer erkauft durch die Region der Gewitter in welche sein Rausch uns zu
schleudern pflegt? - - -
    Und whrend dies Alles in mir tobte, whlte, grollte, arbeitete - nahm ich
Lectionen der Mathematik und andrer vortreflicher Dinge, die mir ein Greuel
waren! und gab meiner armen Benvenuta Lectionen der englischen Sprache, die ihr
wiederum ein Greuel waren. Die Schulmeisterei ri dermaen in meinem Hause ein,
durch mein Beispiel angespornt war Jeder so eifrig zu lehren und zu lernen, da
mir Astralis als die Einzige von uns welche noch nicht den Wissenschaften oblag,
beneidenswerth erschien; und da ich dem Himmel dankte mich nur auf drei Jahr
und nicht auf drei Jahr und drei Tage den Studien angelobt zu haben. Denn in
diesen drei Tagen htte ich ohne Zweifel nrrisch werden mssen und meine
Umgebung mit mir, meinte ich.
    Letzteres war aber mit nichten der Fall. Herr Becker und meine
Gesellschafterin Frulein Mathilde hatten sich durch Philologie und Musik die
Seele nicht absorbiren lassen, sondern sich mit einander verlobt - was mir,
obgleich Beide blutarm waren, unendlich vernnftig und erfreulich vorkam. Ich
fragte ihn lchelnd, ob er nicht frchte da sein Apostelamt der Grcisirung in
den Schatten treten wrde neben den Pflichten des Hausvaters. Er entgegnete
ebenfalls lchelnd: ihn wolle jezt bednken als sei die Familie eine eben so
trefliche Schranke gegen Barbarei als das Griechenthum, und er wolle es lieber
auf beide Weisen versuchen - worin ich ihn mit Aufrichtigkeit und Theilnahme
bestrkte.
    Sogar Herr Mller hatte bei mir einen Fortschritt wenn nicht in der
Wissenschaft doch so zu sagen im Menschenthum gemacht, indem er sich ganz
unsglich fr die polnische Revolution, ihre Anhnger, ihre Auswanderer,
interessirte. Der Grund war nmlich - Copernicus! Er fand es nicht zu viel wenn
ganz Europa diesen Mann in seinem Volk geehrt htte, und aufgestanden wre zu
dessen Wiederherstellung. Mit dem unsterblichen und unvergleichlichen Verdienst
dieses Mannes knne Keiner in die Schranken treten, denn er habe durch sein
System, worin die Erde sich um die Sonne drehe, doch zuerst Ordnung in die Welt
gebracht und diese gleichsam erst auf die Fe gestellt. Er seines Theils knne
nicht begreifen, da die Menschen bei einem so grundfalschen Princip wie die
Bewegung der Sonne um die Erde, nicht ihrerseits in die grten Verkehrtheiten
verfallen, und etwa auf allen Vieren umhergewandelt oder auf den Kpfen
umhergehpft seien. Freilich wisse man auch nicht was in den germanischen,
hercynischen und sonstigen Wldern passirt sei! und daher sei es ein Greuel des
Undanks nicht vor einem Volk auf den Knien zu liegen, das einen Copernicus
geboren. Das System ging dem alten wunderlichen Mann ber Alles, und von allen
menschlichen Empfindungen war es nur die Dankbarkeit, welche seine mumificirte
Seele vor gnzlicher Abtdtung rettete. Mit einiger Freude nahm ich wahr, da
dies Gefhl bei mir in ihm wach geworden sei. Sah ich mich berhaupt in meinem
Kreise um, so konnte ich mir nicht verhehlen, da mehr oder weniger alle
Menschen die ihn bildeten sich in ihrer Weise entwickelt hatten; und nur ich
selbst machte eine Ausnahme. Bei den gnstigsten uern Bedingungen fehlten mir
nach wie vor Glck, Ruhe, Sammlung - Alles was nothwendig ist um jene schtzen
und genieen zu knnen.
    Der Gedanke da meine drei Studienjahre zu Ende gingen mit dem nchsten
November, bereitete mir einerseits ein unsgliches Wolbehagen; - wie erlst kam
ich mir vor! Jedoch auf der andern berschlich mich ebenso namenlose Angst womit
dann - ich sagte nicht die Zeit, denn die blieb leer! aber die Stunden, aber die
Tage, auszufllen sein mgten. Nur nicht mehr lernen und lesen! - war ein
Hauptwunsch; nur nicht mich langweilen! war ein zweiter. Wol fielen mir Reisen
ein; doch wohin? mit unbesieglicher Bestimmtheit lockte mich kein Ort und keine
Sttte in der weiten Welt. Sollte ich mich selbst, und Benvenuta und Astralis
mit mir ins Blaue herum schleppen? Darin lag fr mich keine Erquickung, und
vielleicht ein Nachtheil fr die Kinder; also war ich entschlossen in Engelau zu
bleiben - nur htte ich gern Menschen um mich gehabt, verschieden geartete,
verschieden gebildete Menschen, die das Leben verstanden - nicht ihr Fach, ihre
Wissenschaft, ihre Kunst, u. dgl. mehr. Ich setzte mich eines Tages pltzlich
hin und schrieb:
    Meister Fidelis, wo sind Sie in der Welt? Wie oft seit Jahren thue ich
Ihnen in Gedanken diese Frage, und wie traurig war mir's oft, da Sie mir nie
darauf geantwortet haben. Vielleicht haben Sie's gethan in derselben Weise wie
ich Sie fragte; aber die Geister, durch die Krper von einander abgesperrt,
knnen sich nicht verstndlich machen und in trauriger Einsamkeit schleicht
Jeder dahin und whnt sich vergessen. Sie haben es schlecht auf dieser Welt, die
Geister! wie Sennen auf Bergeshhen kommen sie mir vor; durch Klfte und
Abgrnde sind sie unberwindlich von einander getrennt, und von ihrem Dasein
zeugt nichts als der schallende Laut den sie zuweilen ausstoen wenn ihnen die
Seele bervoll ist. Ob bervoll von Lust oder Leid, von Angst oder Jubel, von
Jammer oder Seligkeit - das hrt man nicht heraus! O Fidelis, was ist das aber
fr eine unharmonische Welt in welcher die Frage ohne Antwort, und der Grundton
ohne Terz bleibt. Statt in majesttischen Harmonien zu erklingen, verursacht sie
uns eine Art von gellendem Ohrensausen, aus welchem Dissonanzen hufiger
aufkreischen als Melodien emporschweben. Da bin ich ja bei der Musik angekommen,
von der ich mit Ihnen zu reden habe. Ich bitte, schaffen Sie mir einen tchtigen
Musiklehrer fr meine Tochter, der auer den erfoderlichen Kenntnissen und
Fertigkeiten eine musikalische Seele habe. Das ist selten, ich geb' es zu! Zum
Handwerk und Broterwerb durch Musik braucht man weder eine musikalische noch
sonstige Seele, nur gleisnerische Geschicklichkeit. Aber ich wei nicht .... es
ist etwas so Ausdrrendes, Saftloses in diesen Geschicklichkeiten, da ich mich
frchte sie meiner Tochter quasi einimpfen zu lassen! Die mit ihnen behafteten
Menschen kommen mir vor wie die Chinesen: petrificirt in ihrer wundersamen
Geschicklichkeit, daher unerquicklich wie alle Curiositten, welche stets einen
linden Beischmack von Monstrositt haben. Also schaffen Sie mir einen Lehrer
nach meinen Andeutungen, lieber Meister, und schreiben Sie mir einmal.
Vielleicht ermuntert mich das. Meine vereinsamte Seele verfllt immer tiefer und
tiefer in einen murmelthierartigen Winterschlaf, aus dem es nur fr das Thier,
nicht fr den Menschen ein Erwachen giebt. Wird der Mensch kalt und mde bei
seiner Winterwanderung, und lt er sich gehen an die Erschpfung: so schlft er
ein - und stirbt. Ich suche mich zu vertheidigen gegen diesen Tod; allein es
wird mir schwer. Helfen Sie mir! und leben Sie wol.
    Nach Rom schickte ich diesen Brief an die Adresse unter welcher ich
Sedlaczech seine Pension seit unsrer Trennung in Venedig bestndig zahlen lie.
Ich wartete lange auf die Antwort. Endlich kam sie - und zwar aus Hamburg. Er
selbst brachte einen jungen Italiener und fragte an, ob er ihn nach Engelau
begleiten drfe. Meine Erinnerungen waren so stumpf und grau, da ich mich kaum
mehr seiner Verbannung durch Otbert entsann. Ich lud ihn ein so schnell wie
mglich zu kommen, und er kam an dem fr mich so ereignireichen Tage Aller
Seelen. Er wurde sehr gefeiert; er war so wichtig fr Engelau, denn er war mein
und meiner Tochter Geburtstag. Sie wurde acht Jahr alt, ein schnes Kind mit den
guten Augen und dem lieben Herzen ihres Vaters, aber still und verschlossen wie
ich selbst es gewesen war. Am Morgen gab es Gesnge und Blumenkrnze, am Abend
Musik und Tanz. Ich hatte mich ein wenig ermdet gegen zehn Uhr in mein Cabinet
zurckgezogen, als pltzlich die Thr gefnet ward und Sedlaczech eintrat.
    Da sind Sie! sprach ich bewegt. O Fidelis! Gott segne Ihren Eintritt in
dies Haus, das Haus meiner Vter und meiner Kindheit!
    Er segne diesen Tag! entgegnete er und drckte meine Hand innig zwischen
den seinen.
    Ich kehrte in den Salon zurck um den Italiener Herrn Mezzoni zu begren.
Philologie und Mathematik sollten morgen auswandern, und statt ihrer zog die
himmlische Kunst unter mein Dach; das stimmte mich sehr heiter, ja sogar
frhlich. Doch diese seltene Stimmung entschwand als Sedlaczech fragte:
    Graf Astrau ist doch nicht krank?
    Er ist wol - so viel ich wei! entgegnete ich .... und weshalb sollte er
denn krank sein?
    Weil er am heutigen Tage unsichtbar ist.
    Er lebt schon seit Jahren in Paris - erwiderte ich ruhig, aber ich fhlte
da ich erbleichte.
    Verlegen darber etwas Unpassendes gesagt zu haben, fiel der arme Sedlaczech
um dies Gesprch abzubrechen auf etwas ebenso Unpassendes.
    Heute vor dreizehn Jahren war Ihr Vermlungstag - brachte er fast
stotternd hervor.
    Wol hatte ich daran gedacht, und meine ganze Kindheit und Jugend, und mein
ganzes Schicksal voll seltsamer Einsamkeit waren auf diesem Gedanken an mir
vorber gerauscht und hatten mich whrend des Tages trbe gestimmt. Jezt verga
ich es einen Augenblick in der Freude Sedlaczech wiederzusehen und er, er selbst
mute mich daran erinnern.
    Schon dreizehn Jahr den bewuten Traum des Lebens zu trumen .... ist fast
zu viel, erwiderte ich kalt. Ueberdies ist dreizehn eine schlimme Zahl. Mir
graut vor diesem Jahr.
    Man beruhigte mich damit da das vierzehnte beginne und die bse Dreizehn
berwunden sei; und bald darauf trennten wir uns. Du bist ein Novemberkind,
vergi das nicht! - sprach ich zu mir selbst, als ich mein Cabinet wieder
betrat, das ich vor einer Stunde so frhlich verlassen hatte. Der Monat ist ein
Symbol Deines Lebens: die Sonne sendet wol zuweilen einen Stral herab, allein er
geht unter in Wolken und Nebeln und sie selbst steigt nicht hoch genug um das
wste Grau zu berwinden. Abwrts, abwrts sinkt sie in den ersterbenden
December hinein .... da erlischt sie im Eise.
    Am andern Morgen reiste Herr Becker ab, nach Paris. Ich fhlte mich
verpflichtet ihm nach der tdtlichen Langenweile der drei Engelauer Jahre die
Erholung dieser Reise zu verschaffen. Er wollte freilich von der Langenweile
nichts wissen, und es ist auch ganz richtig: wenn man sich verliebt langweilt
man sich nicht. Um desto grer war aber seine Freude, und sie contrastirte
lebhaft mit den Thrnen welche Frulein Mathilde wegen der Trennung vergo.
Indessen auch diese versiegten. Sie war ein gutes Geschpf; doch glaube ich da
sie binnen Jahresfrist im Stande gewesen wre Mezzoni ebenso gern zu heirathen
als Becker. Aber Mezzoni verabscheute sie, eben um diese ihre negative Natur,
die ihn auch ber ihr Clavierspiel zu der Bemerkung veranlate: Ihm sei dabei zu
Muth wie zwischen den Perlfabriken seiner Heimat - (er war ein Venetianer) - so
glatt, kalt und sauber gehe da Alles von statten. Zwei Jahr spter
bewerkstelligte sich endlich Mathildens Verheirathung und Beckers Anstellung,
und ich denke sie leben in friedlicher Ehe. - Der alte Mller lie sich in Eutin
nieder und widmete sich mit erneutem und gnzlich ungestrten Eifer der
Forschung nach jener bewuten Formel. Ich trug sorgsam all meine mathematischen
Bcher in die Bibliothek und begrub sie dort zwischen ihres Gleichen. Die Ste
Papiere aber die mich mit meinen Arbeiten anghnten, begrub ich noch viel
sorgsamer in den Flammen meines Kamins. Wie sie dort als ein Hufchen
zerstiebender Asche lagen, sagt' ich ganz laut zu mir selbst: Da sind drei Jahre
meines Lebens in Rauch aufgegangen .... und um zu diesem Resultat zu kommen hab'
ich die Existenz eines Gymnasiasten - jugendlichen Uebermuth abgerechnet -
durchgemacht. Welch ein Unsinn! - - -
    Als ich mit Sedlaczech allein war, erzhlte ich ihm ausfhrlich und
aufrichtig wie ich mit Otbert gelebt, und warum wir uns getrennt. Er kam mir
noch immer - und in Engelau mehr denn je! - als eine Autoritt vor und es
gewhrte mir Erquickung mich an eine solche zu wenden, da grade sie mir seit
meinem zehnten Jahr gefehlt hatte. Die krnkliche Mutter, der zrtliche Paul,
der gleichgltige Otbert, lieen mich gewhren - aus sehr verschiedenen Grnden,
welche aber fr mich die nmliche Wirkung hatten. Mein Schwiegervater wrde
vielleicht versucht haben mich zu dominiren, wenn wir mehr zusammen gelebt
htten; allein grade ihm wrde es schwerlich gelungen sein, weil ich nur khle
Achtung, keine warme Verehrung fr ihn empfand. Und mein Onkel der Bischof, fr
den ich letztere im hohen Grade hegte, mied mit zarter Vorsicht jede persnliche
Autoritt um nicht unwillkrlich die geistliche hinein zu mischen. So hatte ich
Niemand als mich selbst und meine eigene Zustimmung und Abmahnung, woraus ich
mir das Tribunal meiner Handlungen zusammensetzen konnte; - und wie bestechlich
.... im besten Fall wie einseitig, ist ein solches.
    Wie glauben Sie denn da Ihre Zukunft sich gestalten werde? fragte
Sedlaczech.
    Da giebt es zwei Wege, entgegnete ich. Entweder ich verfalle in die schaale
Routine des Lebens, welche die Eigenschaft besitzt die Leute - wie man es nennt
zu conserviren; nmlich so wie Leichen sich in manchen Gewlben mit dem Anschein
von Leben erhalten; und dann kann ich es zu grauen Jahren bringen .... vor denen
der Himmel Alle behten mge die er liebt! Oder solche Existenz ohne Reiz, ohne
Nerv, ohne erhebende Gedanken, ohne beseelende Idee, ohne Leidenschaft - fhrt
eine Atonie smtlicher Krfte herbei .... welche bald gnzliche Auflsung zur
Folge hat. Acht bis zehn Jahre geb' ich mir noch. Dann ist meine Tochter
erzogen, dann bin ich fertig, dann werd' ich vielleicht erfahren zu welchem
Zweck ich gelebt habe; - denn bis jezt, das gesteh' ich Ihnen, begreif' ich es
nicht. Das Leben aus Instinct fortzupflanzen, welches mir meine Eltern aus
Instinct gegeben haben, scheint mir keine erschpfende Bestimmung zu sein, und
alles Uebrige: diese Gesetze nach denen - diese Pflichten fr welche - diese
Gensse um welche man lebt: entsprechen so wenig unsrer Natur, sind so sehr das
Product eines knstlich zusammengesetzten Zustandes, da man sich selbst
verknsteln mu bevor man sich an sie gewhnt.
    Wer kann sagen: ich begreife das Leben! erwiderte Sedlaczech. Niemand! Das
ist eben die Sache Gottes. Wir aber, die wir es nicht knnen, sollten die Hnde
davor falten, weil es eine Hieroglyphe ist, die ein gttliches Geheimni
verbirgt. -
    Immer die Fabel von der verschleierten Isis!
    Ja! aber auch immer im Fabelkleide die urewige Wahrheit.
    O Meister! rief ich, wie sind Sie nur zu Ihren unumstlichen
Ueberzeugungen gelangt.
    Als ich in meine Seele hinein blickte fand ich sie dort vor; denn sie sind
uns eingeboren.
    Nimmermehr! rief ich.
    Doch! unterbrach er mich sanft. Als die Engel in Menschengestalt zu jenen
Zeiten von denen nur Legenden uns erzhlen, auf der Erde umher wandelten, hatten
sie ein geheimnivolles Wort, kraft dessen sie augenblicklich zu ihren Gestirnen
und ihren Himmeln emporsteigen konnten. Die Menschenseele wei auch von einer
solchen Bannformel mit der sie sich ber den Staub hinaufschwingen kann, und die
ist ihr eben eingeboren, ohne Unterschied der intellectuellen Gaben - Allen! sie
heit: Glaube und Liebe! - der Glaube einer ewigen Einheit anzugehren, die
ihrer Essenz nach nichts Andres als eine Vollkommenheit sein kann: das ist der
Schpfer! .... die Liebe, welche uns die Vielheit, das Geschpf, als unsers
Gleichen, als Gef seines unerforschten Willens, als Symbol seiner Idee zeigt.
    Das ist genug fr erhabene Menschen, entgegnete ich traurig; - nicht fr
mich. Diese gleichsam unpersnliche Gemeinschaft mgte ich die der Heiligen
nennen .... und die Heiligen, Fidelis, ber welche Dornen und Kohlen sind sie
gewandelt ehe sie dahin gelangten. Lesen Sie doch die Bekenntnisse des heiligen
Augustin, der heiligen Theresia! ist nicht jede Zeile, jedes Wort in ihre
Thrnen getaucht, von ihrem Herzblut berrieselt? wie sich eine wunde Brust aus
unsrer harten nordischen Luft in eine sdlichere flchtet: so haben sie ihre
Herzen einer Region zugewendet, deren Aether feiner als unser derber irdischer
ist, den die kaum vernarbten Wunden nicht ertragen wrden. Sie tragen eine
Glorie, ja! aber deren Stralen sind verwandelte Dornen.
    War Christus nicht von seinem Herzblut berrieselt auf dem Weg zu Golgatha?
- Sie frchten das Leid zu sehr, Sibylle!
    Ich frchte es nicht! ich wei nur aus unseliger Erfahrung, da es uns
nicht frdert und nicht hilft - und darum meid' ich es .... - -
    Das heit Sie lassen es fallen anstatt es reifen zu lassen.
    Das Leid pflegen .... ist Miverstand.
    Es reifen lassen .... grenzt an Weisheit! sprach er lchelnd. Es lebt sich
dann durch alle Phasen durch und aus; es gestaltet sich zuweilen zu einer
kstlichen Essenz - wie starker Wein, das Leben krftigend, wie Rosenl, es mit
Balsamduft durchhauchend. Zuweilen wird es freilich auch zu einer sehr, sehr
bittern Frucht, durch die man nichts gewinnt als - eine schmerzliche Warnung
oder Erfahrung. Doch gleichviel! bei dieser inneren Arbeit ist der Boden so
zergraben und gelockert, da er fhig ist ein neues Samenkorn zu empfangen. Wird
aber die Frucht hastig und unreif abgerissen - wie Sie es thun - so ist die
ganze Entwickelung gewaltsam unterbrochen, und ringende Krfte reagiren
schdlich .... ja feindlich, weil sie nicht ihren natrlichen Gang gehen
durften. Sie stocken, und es wird daraus das Allertraurigste was den Menschen
befallen kann und was ich versetztes Leid nenne: Bitterkeit. Hten Sie sich
davor, theure Sibylle.
    O Meister! rief ich bewegt und mit feuchten Augen, wie thun Sie mir wol!
bleiben Sie nur immer bei mir! bei Ihnen fhl' ich mich zu Hause und bei meines
Gleichen; denn Sie denken, empfinden und sprechen wie ein Mensch - whrend ich
so lange! so lange! nur sprechen hre vom Standpunkt aus, den Beruf oder
Gelehrsamkeit oder Verhltnisse zur Pflicht und zur Gewohnheit machen. Das ist
natrlich .... ach, es mag sogar respectabel sein! aber .... ich kann's nicht
aushalten - ich kann es nicht! All dies kluge Wissen, all dies brave Thun kommt
mir vor wie der Teich Bethesda, dessen Gewsser stagniren und ohne Leben und
Wirksamkeit sind bis ein Engel ber sie dahin rauscht und sie segensvoll macht.
Nach diesem lebendig machenden Geist schmachte ich - und von Ihnen weht er mich
an. Bleiben Sie hier.
    Und wenn Graf Astrau kommt? .... - -
    Er wird nicht kommen! Kme er aber, so wrde er ein Gast unter meinem Dach
sein gleich Ihnen - und das Gastrecht meines Hauses genieen wie ein Fremder -
und nicht wie Sie, mein Freund.
    Ich werde bleiben so lange ich kann! entgegnete Sedlaczech nach einigem
Schweigen und mit gepreter Stimme. Kann ich nicht mehr so .... -
    So sind Sie frei - das versteht sich! unterbrach ich ihn. Aber jezt ....
bleiben Sie bei mir. Und glauben Sie mir: es ist Ihre Pflicht! wo der Mensch die
heilsamste Wirsamkeit bt - ist sein Platz. Es ist nicht Jedem gegeben
wolthtige Lebensluft um sich zu verbreiten. Trockne, drre, harte Seelen
hauchen Stickstoff aus, worin das Leben erlischt, das in ihre Atmosphre gerth.
Aber Sie entznden das bereits halb erstorbene .... -
    Wozu dies Alles! unterbrach er mich unruhig. Ich kenne ja Ihre Art: heute
fanatisiren Sie sich fr einen Menschen der Ihnen ein Prophet zu sein scheint,
und binnen drei Wochen sind Sie seines falschen Prophetenthums berdrssig,
klagen ihn der Tuschung, sich selbst des Irrthums an, und geben sich einer
ebenso bertriebenen Schwermuth hin als Ihre Freude bertrieben war.
    Mit Otbert war es allerdings so, antwortete ich beschmt.
    Und nicht mit ihm allein, sondern mit Allen und Allem was Sie je ergriffen
haben.
    Wolan es ist so! rief ich entschlossen, denn meine Seele will Ruhe finden
in dem was sie liebt, und findet statt dessen Unruh, Angst, Verzweiflung - weil
die Gegenstnde ihrer Liebe wesenlos an ihr vorber und in das Nichts hinein
schweben dem sie angehren. Ich kann das nicht ndern, weder meine Sehnsucht
noch meinen Schmerz kmpfen. Beide sind gleich gro, gleich gewaltig. Wie jene
Halb-Verdammten des Dante befinde ich mich in einem bestndigen Wirbelwind. Das
Unbekannte lockt mich mit den sesten Verheiungen, die in dem Bekannten ebenso
sicher untergehen, wie eine gewisse flammende Morgenrthe einen Tag voll Regen
bringt. Zwischen jenen Chimren und dieser Nichtigkeit stehe ich auf einem so
ungewissen Punkt wie der Krater eines Vulkanes ist! ich habe ihn nicht gewhlt,
nicht gesucht! ich bin durch meine angeborne Richtung zu ihm hingefhrt worden
.... und Sie machen mir Vorwrfe! ist das gerecht?
    Ja, ich mache Ihnen Vorwrfe, Sibylle! Wer klar genug ber sich selbst ist
um die Richtung zu erkennen in welche seine Natur ihn drngt - wer dieselbe
unablssig verfolgt: dem ziemt keine Klage wenn deren letzte Consequenzen ihm
begegnen - denn er sollte auch ber sie allmlig klar werden und sie als
Bedingungen der Existenz annehmen. Ein Ringen aus der Unvollkommenheit zur
Vollkommenheit - das ist das Leben; das ist das Ziel des Menschen; dahin mu er
streben durch Licht und Schatten, in Sieg und Niederlage, durch handeln und
denken, mit Kreuz und Schwert; darin mu er seine Seligkeit suchen - denn seine
Bestimmung ist Seligkeit. Nur mu zuvor mancher herbe Kelch geleert werden, der
auf ewig geheiligt ist weil ihn der Allerheiligste nicht verschmht hat. Aber
Sie .... lassen ihn fallen! Aber Sie .... mgten in der Vollkommenheit geboren
sein und bequem die Seligkeit als Hausmannskost genieen in Ihrer olympischen
Trgheit!
    Ja! denn ich bin mir bewut sie nimmermehr verdienen zu knnen!
    Verdienen? Wer spricht von verdienen .... ich gewi nicht, Sibylle! die
Seligkeit kann nicht verdient - sie mu errungen werden. Sie verdienen wollen
wre Knechtes- und Miethlingswerk, von denen geschrieben steht: sie haben ihren
Lohn dahin. Der Freie ringt. Das braucht kein sichtbarer Kampf zu sein voll
Getmmel und Geschrei; - er kann ebensowol in tiefer Stille entschieden werden
und der erbleichenden Lippe nicht eine Klage entlocken. Der Eine ringt .... und
die Erde bebt, die Vlker zittern, die Welt droht aus ihren Angeln zu gehen; -
der Andre ringt .... und die Thrne eines Dankbaren fllt auf seine Pfade, und
der Segen eines Geretteten folget ihm nach. Dieser ringt um sich zu verstehen -
Jener um sich zu beherrschen - Der, um sich zu entwickeln - und Der nach
Weisheit! und Der nach Brot! und Der nach Ruhm! Alle .... auf ihre Weise, nach
ihren Einsichten, mit ihren Krften, welche so verschieden sind wie die
Individuen selbst. Aber sie ringen, das heit sie sammeln ihr ganzes Wesen auf
einen Punkt, von wo sie den Zug ins gelobte Land beginnen - vielleicht, wie
Moses, es nie erreichend! - Und auch Sie mssen ringen, Sibylle, sonst werden
Sie untergehen.
    Und wohin - wohin soll ich ringen? rief ich.
    Zu Gott! sagte er sanft.
    Himmlisch mild wie der Schluaccord einer Hymne fiel dies Wort und diese
Stimme in mein Ohr. Zu Gott! wiederholte ich leise, und mein Gesicht sank in
meine Hnde, und mit tausend Thrnen brach ich in mir selbst zusammen und ihre
heie Flut hob den starren Frost unter dem mein Herz seit Jahren eingeschrumpft
war. Als ich aus diesem Paroxismus wieder zu mir selbst kam und mich ganz
bewildert umsah - war Sedlaczech fort! - -
    Hatte ich eine Vision gehabt? - hatte unter Orgelton und Glockenklang eine
Stimme zu mir geredet? - Ich war doch jeden Sonntag in der Kirche gewesen und
hatte ein Paar hundert Predigten gehrt und hatte auerdem manches ernste gute
Wort ber religise Dinge mit meinen Pfarrern - und nicht blos mit ihnen! -
geredet, und nie war mir so zu Muth gewesen. Nie bebte meine Seele vor ihrem
Wort und dennoch ihrem Wort entgegen! Nie stand ihnen der Mosisstab zu Gebot,
der aus dem Felsen Wasser schlug! - Und jezt kommt ein Mensch, sagt das
Allereinfachste, das Allernatrlichste, was ich, was Jeder ebensogut oder besser
htte sagen knnen - schpft es aus dem warmen tiefen Quell seines Herzens - und
bewegt mich so .... aber so, da ich zu mir selbst sprach:
    Vielleicht ist der Engel ber den Teich Bethesda dahin gerauscht, und die
Blinden und Lahmen, welche jezt in ihm baden, werden genesen! - Vielleicht ist
Ostertag gekommen .... der Morgen der Auferstehung. - O welche Gotteskraft ist
im Menschen .... wenn er ein gttlicher Mensch ist! - - -
    Das Leben bekam jezt eine andre Frbung, als ob ein wrmerer,
farbenreicherer Himmel einen khlen und eintnigen verdrngt habe. Freilich war
nicht mehr jeder Stunde ihre unvernderliche Bestimmung wie von einem Fatum
zugewiesen. Freilich waren meine Beschftigungen willkrlicher und
unregelmiger. Ich trieb nicht mehr die Eintheilung der Zeit bis zu
pedantischer Genauigkeit. Eben daher ward mein Leben mannigfaltiger weil
Stimmung und Neigung des Augenblicks befragt wurden, weil der Tag nicht wie die
Musik einer Spieluhr mechanisch abgearbeitet wurde. Was war das nur fr ein
unsinniger Einfall sich dermaen in ein Extrem zu sperren? fragte ich mich
selbst ganz verwundert - und bedachte nicht, da ich mir diese Frage wol schon
zwanzig Mal vorgelegt hatte und immer aus einem Extrem in das andre geschwankt
sei. Jezt wollte ich auf der schnen klaren Mitte bleiben. Ein stiller Geist kam
ber mich. Mir ward woler denn je. Ich wei nicht was fr friedliche Anklnge
voll ser Melancholie aus den Tagen meiner Kindheit, aus der Erinnerung an
meine Todten, mich anwehten! Sedlaczech war der Reprsentant jener
Vergangenheit! unwillkrlich sah ich ihn von dem Kreise geliebter Geister
umringt; unwillkrlich reihte ich ihn einer andern Ordnung der Wesen an. Ich
hegte ihn mit zrtlicher und ehrfurchtsvoller Piett in meinem Hause, wie den
Barden aus den Tagen der Vter in den Ossianischen Gesngen. Ich sagte ihm das.
    Bin ich wirklich so sehr alt und ehrwrdig? fragte er lchelnd.
    Ich mute ihn auf diese Frage einmal grndlich betrachten. Nach einer Pause
sagte ich:
    Das Genie hat kein Alter, und Sie haben ein merkwrdiges Antlitz, Meister
Fidelis - als htte die Natur bei dessen Bildung mchtig tiefsinnige Gedanken
gehabt, und als htten Sie diese Gedanken alle errathen, alle ausgefhrt.
    Dies war ganz richtig! die Zge waren fest geschnitten und fester noch
ausgebildet. Flammenfinger schienen magische Zeichen auf seine Stirn geschrieben
- Elfenfinger deren strenge Furchen geglttet, und den Abglanz ihres eigenen
Schimmers ber sie gebreitet zu haben. Die graden starken Augenbrauen, der
festgeschlossene Mund zeugten von unberwindlicher Entschiedenheit; aber wenn
diese Lippen sich im Lcheln oder im bewegten Sprechen lsten, so legte sich ein
schmerz- und seelenvoller Schmelz weich und fast zitternd ber sie. Das Auge
ruhte unter der Felsenstirn in tiefer Hle wie ein farbenspielender Diamant, der
sein Licht nach innen wendet und nur zuweilen dessen Reflex nach Auen blitzen
lt.
    Sind Sie eine Jngerin Lavaters? fragte er scherzend; und glauben Sie an
dessen Physiognomik?
    Ich glaube an die Urmacht der Natur. Ist der Mensch nicht der Aus- und
Abdruck der in ihm wohnenden, ihm uranfnglich eingehauchten Idee: so ist er ein
Larvenbild, und dieses ist von einer wahrhaften Gestalt zu unterscheiden. Ich
glaube da Genius und Gre nicht wie Zieraffen aussehen und sich geberden; und
glaube da im Zieraffen ebensowenig Gre und Genius stecken. Ich glaube da ein
Engel nicht aussieht wie ein Teufel - da ein Teufel die Maske eines Engels
vornehmen und Diejenigen tuschen kann die gedankenlos mit ihm umgehen und sich
tuschen lassen wollen - und da der unbefangen beobachtende Blick sie
unterscheidet. Und ich glaube endlich da unser in dieser Beziehung ursprnglich
scharfer Blick stumpf wird, weil er die allgemeine Sitte mitmacht den Menschen
nach dem Rock zu beurtheilen. Und Rock nenne ich nicht blos seine Kleider - -
sondern die ganze Form unter der er zur Erscheinung kommt, und die von den
gekruselten Haarspitzen bis zu den viereckigen Schuhspitzen conventionel ist.
    Wre es nicht ein unerhrtes Unternehmen, entgegnete Sedlaczech, aus einem
modernen Schuh auf das schne Gebilde eines menschlichen Fues mit seiner feinen
und festen elastischen Gliederung schlieen zu wollen? Und wie der Schuster mit
unserm Fu, so verfhrt der Mensch mit dem Menschenantlitz.
    Aber dem unbezwinglichen Herzens- Geistes- und Leidenschaftsleben bleiben
dennoch immer Canle gefnet in denen es sich ausstrmt und ausstralt. Und ich
meine auch nur da der Grundzug einer Natur, die Hauptrichtung eines Characters
erkennbar sind - etwa so wie Beethovens Antlitz die sturmbewegten und
durchfurchten Zge eines Titanen an Macht und Tiefsinn nicht verleugnen kann -
und Rafael nicht die liebende Anmuth seiner Seele.
    Ich bin ganz Ihrer Meinung! sagte Sedlaczech, und da ich finde da die
Hauptrichtung eines Menschen die einzige ist, welche bei seiner Beurtheilung von
Wichtigkeit ist, so freut mich stets die Wahrnehmung, da sie sich zwischen den
kleinen verwickelten Zickzacklinien der Zuflligkeiten Platz macht.
    Wenn Sie mich nicht kennten, Fidelis, sprach ich gedankenvoll, was wrden
Sie ber meine uere Erscheinung sagen?
    Das ist schwer .... fast unmglich! .... Vielleicht wrde ich sagen: eine
schne schicksaltrumende Walkyre! - Vielleicht .... eine Somnambule, so
ahnungsvoll, aber befangen und gebunden; eine immense Seele - aber leer.
    Frulein Mathilde hatte dem Gesprch zugehrt in ihrer Weise, d.h. jedes
meiner Worte als einen Orakelspruch bewundernd. Als ich jezt ernst und sinnend
schwieg, nahm sie gekrnkt das Wort und rief lebhaft:
    Herr Sedlaczech! besinnen Sie sich! wie knnen Sie die Grfin eine leere
Seele nennen! sie ist ja so voll Gte und Wolwollen! Ich htte gemeint da Sie
auf Ihren Reisen mehr Menschenkenntni erworben haben mten.
    So wird man verkannt - und gar von seinen Freunden! rief ich scherzhaft
und abbrechend. Aber zu Sedlaczech sagte ich spter:
    Sie hatten ganz Recht, Fidelis! statt zu leben - trume ich mir Schicksale,
und ich suche die Seele durch Handlungen der Gte und des Wolwollens zu fllen -
denn sie ist leer.
    Er schwieg. Ueberhaupt schwieg er viel, und ich htte doch gewnscht er mge
viel sprechen. Ich fragte ihn auch einmal weshalb er so wortkarg sei? er habe
doch Gedanken vollauf.
    Worte sind nicht die eigentliche Sprache meiner Gedanken; antwortete er.
Ich bin so daran gewhnt die besten und tiefsten in Musik auszusprechen, da
ich, wenn ich reden soll immer jene Unbeholfenheit fhle mit der wir uns in
einer fremden Sprache ausdrcken. Ueberdas habe ich nicht jene Gabe der
Unterhaltung, die man nur im Verkehr mit der groen Welt entwickeln kann.
    Ganz Recht, Fidelis: mit der groen Welt, in der alle Menschenbildungen
ihren Platz einnehmen, sich durch einander drngen und bewegen, und jede auf
ihre Art die Sprache verstehen und handhaben. Da mu der Gedanke schnell und
beweglich, der Ausdruck fein, schmiegsam und doch prcis sein, und immer
wechseln je nach dem Verstndni Desjenigen mit dem man eben redet. Dazu gehrt
ein erstaunlicher Scharfblick und eben so erstaunliches Wolwollen. Die groe
Welt bietet zu diesen Uebungen einen vortreflichen Tummelplatz. Aber ihre
Fractionen, diese Masse von kleinen Welten welche sich smtlich nur darum gro
finden und nennen, weil sie fr die wirklich groe weder Mastab noch Ahnung
noch Verlangen haben: die sind recht eigentlich dazu geschaffen den Menschen um
die edle Gabe der Sprache zu bringen. In der eleganten Welt - welch ein frivoles
Gezwitscher! in der gelehrten Welt - welch ein pedantisches Dociren! in der
literarischen - welch ein babylonisch verwirrter Wortschwall! Wer sich nur in
einer derselben bewegt und mit ihrer Redeweise unwillkrlich auch ihre
Gedankenrichtung annimmt, wird in den andern so unverstehend und unverstndlich
sein, wie ein Kamtschadale zwischen Hottentotten und Botokuden. Und es kann
unsereinem wol begegnen in eine derselben hinein zu gerathen! .... aber Ihnen,
Meister, Ihnen steht die ganze groe Welt gefnet.
    Was hilft das einem schchternen Menschen? ich bin schchtern - meine Seele
ist's! Das mag mit meinem Schicksal, mit meinen Fhigkeiten zusammenhngen.
Meine Gedanken und Empfindungen kommen mir so beschrnkt, alltglich und
armselig vor wie Nachtviolen, die unschnen grauen Blumen, die nur dann zu
duften wagen, wenn die Nacht mit ihren ewigen Gestirnen heraufzieht; dann
verschwinden sie unbemerkt unter den goldnen Sternen. Meine Nacht - ist die
Musik. Sie breitet ihren Sternenmantel ber mich und in ihrem Schutz fnet sich
unbefangen meine Seele.
    Ihr inneres Leben mgt' ich kennen, Meister, sagte ich gedankenvoll. Es mu
gleich dem Karfunkel sein: mystisch und licht.
    Ist nicht jedes innere Leben so?
    O nein! so ist es! statt der Mystik - Verwirrung, und statt des Lichtes -
farblose Wssrigkeit! rief ich.
    Sie sind sehr hart, Grfin Sibylle! sprach er.
    Nur gegen mich, Fidelis! meine Bemerkung galt hauptschlich mir! .... aber
freilich nebenbei manchen Anderen. Denken Sie doch nur: der bewute Geist, der
die Persnlichkeit genau bestimmt und ausprgt - der macht licht. Und die
Inspiration, die Begeisterung, die Gefhlsstrmungen von Andacht und Liebe,
welche jene Persnlichkeit durch- und umflieen und sie im unbewuten
Zusammenhang mit dem Ganzen, mit dem All zeigen - die sind mystisch. Glauben Sie
wirklich da dieser hochheilige Tag und diese tiefheilige Nacht eine alltgliche
Erscheinung in unsern verschrumpften, verfinsterten, engen, matten Seelen sei?
    Ich glaub' es nicht, erwiderte er sanft, und daher glaub' ich auch nicht
da sie in mir zu finden sind. Aber ich denke so Einer wie Sie ihn meinen mu
Beethoven gewesen sein! frei im Geist, wie ein chtes Kind Gottes; und im
Einklang mit den Gestirnen, den Elementen, seinen Geschwistern! In der Symphonie
seines Daseins, welche unter der Hand Gottes dahin gerauscht ist, bildet sein
Geist die ewig lichte, sonnenschne Melodie, die auf dem Zusammenbrausen
unirdischer Strme - auf dem Zusammenklingen unirdischer Glocken - auf einer
Unendlichkeit von Harmonien ruht, die alle in der Urtiefe seines Wesens
wiederhallen und neugestaltet aus ihr empor quellen.
    Wenn Sedlaczech durch den Gegenstand hingerissen sprach - wenn er gleichsam
das Wehr fnete und die Flut der Empfindung nicht lnger hemmte - wie vernderte
sich dann sein Gesicht, sein Ausdruck, seine Stimme! Die Stirn wurde so
transparent, da man meinte hinter ihr die Gedanken weben und walten zu sehen; -
das hagre bleiche Antlitz war erfllt und erwrmt von der Ueberflle der Seele;
- die kalte monotone Stimme klang und vibrirte wie ein tonreiches Instrument das
erst jezt seinen Meister gefunden. Ebenso war es auch wenn er spielte. Ich wrde
geglaubt haben, da jene Vernderung nur fr mein Auge mit ihm vorgehe, wenn
nicht Frulein Mathilde mich berrascht und neugierig gefragt htte, ob ich
dieselbe bei vielen Menschen auer bei Sedlaczech wahrgenommen habe; was ich
verneinte.
    Welch ein herrlicher Schauspieler htte er werden mssen, setzte sie hinzu,
da er im Stande ist seine Mienen und Bewegungen so in Uebereinstimmung mit
seinen Worten zu bringen.
    Sie war mir immer ziemlich einfltig vorgekommen, die gute Mathilde! jezt
fand ich sie gradezu dumm: sie konnte whnen da er absichtlich diesen und jenen
studirten Ausdruck annahm! - Und wenn ich es recht bedachte machte sie keine
Ausnahme von der Regel; denn in der Regel betrachtet die Gewhnlichkeit die
Zeichen und Geprge des Auergewhnlichen wie Jonglerie, Kmdie und
Maskenspiel, welche aufgefhrt werden um Staunen und Aufmerksamkeit zu fesseln.
Das kann sie nun einmal durchaus nicht begreifen - abgesehen von allem Uebrigen
was sie ebenfalls nicht begreift! - da der Auergewhnliche sich gehen lt in
der Sorglosigkeit seiner Natur, statt zu schwimmen in ihren bodenlosen
Ansprchen von Bemerkt- und Begafftwerden.
    Zwischen Sedlaczech und Mezzoni entwickelte sich Mathildens bis dahin etwas
seelenloses Talent. Letzterer spielte wunderschn das Violoncello, Ersterer die
Geige, Mathilde den Flgel; damit wurden herrliche Sachen von Haydn, Mozart und
Beethoven ausgefhrt. Oder Mezzoni und Sedlaczech spielten auf zwei Flgeln -
oder endlich dieser allein! Ich liebe nicht das Piano; Holz bleibt Holz! hat das
Holz eine Seele, so ist sie darin eingesargt, whrend sie um die Saiten vom
Bogen berhrt, mit Schmetterlingsflgeln schwirrt und wirbelt. Aber wenn er
spielte so war es kein Holz, berhaupt kein Piano mehr, sondern ein niegehrtes
Instrument, das er nach eigener Erfindung behandelte. Ich Ungeschickte mute
immer zuhren! ich hatte es auf dem Piano nie bis zur Mittelmigkeit, und auf
der Harfe nur so weit gebracht um meinen Gesang zu begleiten. Jezt wurde ich
zuweilen meiner passiven Theilnahme berdrssig und begann meine Stimme wieder
zu ben, woran ich stets Vergngen gefunden hatte. Dadurch kamen wir auf die
Vocalmusik und nun in Sedlaczechs geliebtes Fach - den Kirchengesang. Er
verstand es seine Liebe, seine Bewunderung, seine Andacht uns Andern
einzuflen, und ohne da Einer von uns eine wahrhaft schne oder glnzend
ausgebildete Stimme gehabt htte, wurde es uns doch mglich durch Flei,
Ausdauer und Ernst von den altitalienischen Kirchenmusiken Manches vierstimmig
auszufhren. Mit ihren Worten voll bermenschlicher Klage und Sehnsucht - voll
gttlicher Verheiung und Barmherzigkeit - den Psalmen und Propheten entnommen -
von Palestrinas, Leos und Durantes glaubensstarken Seelen in die mchtige
Sprache ihres Genius bertragen, der sich von allen Qualen, Snden und
Leidenschaften der Welt in dem geweihten Born eines unantastbaren Glaubens
frischbadete: machte diese Musik mir einen ganz unerhrten Eindruck. Ich kam mir
wie geadelt vor indem sie ber meine Lippen ging. Die dumpfen Aengste meiner
Seele lsten sich auf in dieser Ruhe welche das Leben und den Tod berwunden hat
und von den Wonnen des Paradieses nichts erwartet - als dessen unzerstrbaren
Frieden. Immer war mir dabei zu Muth wie einem sterbensmden Pilger, der
erschpft im Schlaf gefallen ist und der in seines Traumes seligen Visionen
nicht merkt, da sein Leib auf steinigem Boden liegt und seine Fe von Dornen
bluten. Ich begann nie anders als mit Andacht; ich schlo nie anders als in
Extase. Dieses Ringen zwischen Krper und Seele - diese Uebermacht der letzteren
mit der sie sich schauernd, bebend, die flammendste Kraft zusammenfassend,
allendlich in den Aether einer Region schwingt, die ihr im gewhnlichen Zustand
versagt bleibt - diese Extase, welche uns in einzelnen, in den hchsten Momenten
von Glck, von Liebe, von Opfer, ber uns selbst emporrafft: nie empfand ich sie
reiner und strker, weder vorher noch nachher, als eben bei jener Musik. Daher
lebte und webte ich in ihr. Nach meiner excentrischen Art ging Alles neben ihr
unter. Der Tag hatte nur Werth fr mich weil er den Abend und mit ihm meinen
Hochgenu brachte, der bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt wurde. Mezzoni
und Sedlaczech dachten ebenso wenig als ich an das Aufhren. Frulein Mathilde
dachte wol zuweilen im Stillen daran, betrachtete aber die Sache zu sehr als
eine trefliche musikalische Uebung, die ihr in Zukunft, als Lehrerin vielleicht,
zu gut kommen knne, um sie nicht mit Eifer obgleich ohne Andacht zu treiben.
Unser Auditorium strte oder befeuerte uns nicht, denn wir hatten keines. Ich
hatte ein Musikzimmer neben dem Salon eingerichtet in welchem wir uns Abends
Alle versammelten - auch die beiden Kinder und Benvenutas Gouvernante und
Hofmeister. Aber die ersteren gingen frh schlafen, und die letzteren, zwei
leidenschaftliche Schachspieler, blieben immer im Salon vor ihrem Schachbrett
und kmmerten sich so wenig um Palestrina als wir uns um Philidor. Ich hatte
freilich versucht meine Sonntagsgesellschaft durch unsre Musik zu entzcken;
aber das gelang nicht! Der geistliche Theil hrte nicht ohne Erbauung wenn auch
ohne Vergngen zu; der weltliche kmpfte mhsam mit Schlfrigkeit; er war nicht
daran gewhnt zu diesem ernsten Gedankenkreis sich zu erheben. Frulein Mathilde
mute spielen und singen, oder Mezzoni eine Scene aus einer Opera buffa oder die
Barcarolen seiner Heimat vortragen, was er mit unbeschreiblich guter Laune und
Gewandtheit that: das war ihnen angenehmer, erheiternder, gleichsam mehr ein
Sonntagsvergngen voll Contrast mit ihrem Alltagsleben. - - -
    Wieder vergingen die Tage ungezhlt und unbemerkt; Winter und Sommer; und
wieder ein Winter und noch ein Sommer. Ich war wol nicht glcklich, aber ich
verga da ich es nicht war - und damit war viel gewonnen nmlich etwas
Beruhigung! denn das suchen, sehnen und jagen nach Glck lie nach, und daher
war mir das Leben nicht lnger ein heier Kampf oder eine lhmende Last. Ich
forschte nicht, ich fragte nicht. Ich glaube zum ersten Mal seit ich geboren,
gewhrte mir die Gegenwart wie sie eben war stillen Genu. Ich htte vielleicht
Zuwachs, Vermehrung und Erhhung desselben gewnscht, doch gewi nicht um den
Preis irgend einer Vernderung. Die alten Astrologen sagten: diejenigen sind
unfehlbar unglckliche Menschen, deren Stern bei ihrer Geburt unter dem Horizont
gestanden hat; das Glck wird auch stets unter demselben bleiben. So ging es
mir! mein Glcksstern warf nur hchstens eine zarte Dmmerung in meinen Horizont
herein; er selbst schwang sich nicht so hoch empor. Mehr noch! wenn diese
Mondaurora, wie ich sie nennen mgte, sich zeigte - so war fast mit Gewiheit
darauf zu rechnen, da sie Vorbote eines Ungewitters sein wrde.
    Ich hatte der Kirche von Engelau eine neue Orgel geschenkt, so gro und
schn wie die Rumlichkeit es nur immer gestattete. Der Organist verstand
durchaus nicht sie geltend zu machen; - Sedlaczech erbot sich sie einmal zu
spielen damit ich ihre eigentliche Kraft und Flle hren knne. Wir gingen eines
Nachmittags smtlich in die Kirche. Es war ein warmer milder Septembertag, ein
letzter Gru des scheidenden Sommers. Die uralten Ulmen, welche mit einem tiefen
Schattenkreis den Gottesacker, die Heimat der Schatten, umgaben - zeigten schon
manch welkes Blatt zwischen ihrem fahlen Grn. Die Drosseln zirpten ihr
Wanderlied und sammelten sich zur gemeinsamen Rckkehr in die Winterquartiere.
Die Felder waren Stoppeln; die Wiesen noch grn, aber moos- und nicht mehr
smaragdgrn. Das Laub der Hecken und Bume war berall schon gelichtet. Nur die
Eichen standen noch in voller Kraft und Frische, wie behelmte geharnischte
Helden, bereit mit dem Feinde Herbst einen Kampf zu bestehen, whrend alle
andern Bume die Waffen streckten. Sie rhrten mich, die alten Helden! sie sahen
so krftig und schn aus im Goldglanz der tiefstehenden Sonne, welcher sich mit
zitterndem Geflimmer um die gewaltigen Aeste wob. Es hilft euch nichts, sagte
ich und sah sie wehmthig an, ihr mt auch in den Staub! etwas frher, etwas
spter - aber er bleibt nicht aus .... der Tod! - Da fiel mir ein da eben heute
Heinrichs Todestag sei; und pltzlich zog an meiner Seele ein langer
Trauerreigen vorber: gestorbene Menschen und gestorbene Freuden und Hofnungen!
gestorbene Leben der verschiedensten Art! und ber ihnen Allen, von Heinrich bis
auf Arabella, ein Tropfen meines Herzbluts ausgegossen, und mit ihnen ....
verwest? .... verweht? - -
    Hundertmal schon glaubte ich bemerkt zu haben, da Sedlaczech die geheimsten
Regungen meiner Seele ahnte und mir dies Verstndni in einer Weise kund gab,
die wiederum nur mir verstndlich war. Jezt - begann er Mozarts Requiem. Die
Trauerflre verdichteten sich um meine Seele. Dies irae donnerte mich an,
mich! nicht meine Todten. Aus dem Zornbrand der Welten waren sie bereits hinber
gerettet in die ewigen Htten. Aber ich! aber ich! Quid sum miser tunc
dicturus? - diese Figur wechselte unter Sedlaczechs Hand immer ab mit dem: Nil
inultum remanebit; - und erfllte mich mit unsglichem Verzagen. Strme von
Traurigkeit ergossen sich um mich; schwarze Schaalen voll Schwermuth leerten
sich ber meinem Haupt. Fr die Snde fr die Tugend hatte die gttliche
Gerechtigkeit Strafe und Lohn; allein was konnte sie mit einem Wesen machen, das
ihre hchste Gabe, das Leben! nicht gebraucht, und eigentlich nicht gelebt
hatte? - Es vergessen! weiter nichts. Quid sum miser tunc dicturus? klagte die
Orgel. Ja, ich war die Elende, die nichts zu sagen wute, als das eine Wort,
welches schon jezt der Fluch und das Schreckbild meines Daseins war: Nichts! und
abermals: Nichts! Schwer mogte es sein mit Snden und Verbrechen belastet zu
erscheinen; jedoch aus dem Munde dieser Beladenen wie inbrnstig ertnte es:
Recordare, Jesu pie! Fleisch und Blut und ihre Snden konnten nicht strenger
gercht werden, als ein Schattenleben, das in Nichts Verlockung und Genu
gefunden - in Nichts seine Rechtfertigung zu suchen hatte. Wer wird mich
erlsen! chzte ich in der schauerlichen Finsterni welche sich in der Kirche
verbreitet hatte.
    Salva me, fons pietatis! klang es von der Orgel herab; und darin lie
Sedlaczech wie in ewiger Wonne die Tne verhallen. Wir verlieen Alle tief
ergriffen die Kirche. Keiner sprach ein Wort. Der Mond ging langsam auf. Ich
nahm Sedlaczechs Arm und schlug mit ihm den lngern Rckweg durch den Garten
ein; die Uebrigen gingen gradesweges nach Hause. Ich theilte ihm den gewaltigen
Eindruck des Requiems auf mich mit:
    Wie ein Donnerruf des Gewissens klang es.
    Ich denke nicht da das Ihre mit so frchterlicher Stimme zu Ihnen
spricht, sagte er mit seinem gewissen kalten Ton, der mir hufig das Wort auf
den Lippen tdtete, weil er mehr zum Schweigen als zum Reden auffoderte.
    Allein es war Sturm in mir gewesen; da gingen die Wellen noch hoch! ich
fragte kurz:
    Wie kommt es, Meister, da Sie, ein so innerlicher Mensch, so wenig lieben
von innern Zustnden zu sprechen?
    Das dchte ich nicht! ich spreche darber wenn ich grade in der Stimmung
bin; aber ich habe sie freilich nicht immer und ich setze sie noch seltner bei
Andern voraus. Was in uns vorgeht hat doch eigentlich nur fr uns selbst
Wichtigkeit, sobald es sich nicht durch das Organ der Kunst oder der
menschenfreundlichen und gemeinntzigen That an den Tag legen lt. Ich meide
gern das Unntze, am Meisten das unntze Wort.
    Wer sagt Ihnen da jedes gesprochene Wort ein unntzes sei? es kann nicht
Jeder groe Thaten thun, nicht Jeder Kunstwerke schaffen, der doch ein hohes
Streben und einen Schatz von Poesie in seiner Seele trgt: mir ist es ebenso
wichtig wenn das im Wort zum Vorschein kommt als durch Handlungen.
    Sie setzen innere Herrlichkeiten voraus - Perlen und Korallen unter den
Wellen des Busens; ich leugne sie nicht! nur sind sie umschlungen von wsten
wirren Thier- und Pflanzengebilden, und abschreckende Ungeheuer verdecken sie
oft gnzlich. Wenn der Mensch genau wte, wie es in der Seele seines
Geliebtesten aussieht - so wrde er sich von unberwindlichem Schauer ergriffen
fhlen. Nicht von Abscheu, Entsetzen oder Verachtung - obgleich auch das
vorkommen knnte! Nein! nur von Schauer ber die malosen Zerrttungen und
Verwilderungen, ber die stillen Unsinnigkeiten einer sogenannt schnen, edlen,
reinen Seele. Es ist sehr gut da die Brust mit ihrem gleichmigen stummen
Wellenschlage die schauerlichen Geheimnisse der Tiefe zudeckt, und sehr verwegen
sie durch irgend eine magische Beschwrung hervorlocken zu wollen.
    Und doch glauben wir da Gott die dunkeln Abgrnde unsers Wesens kenne ohne
sich von uns abzuwenden.
    Gott ist barmherzig und gndig: das ist die Essenz seiner Liebe. Bei dem
Menschen aber geht in Gnade und Barmherzigkeit hufig die Liebe unter - die
Liebe welche ihn beseligt hat.
    Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Ich habe diesen Ausdruck der
bilderreichen Sprache des Orients nie anders verstehen knnen, als da ein Hauch
seines Wesens auch uns beseele - auch uns befhigen solle den Reflex der
gttlichen Liebe warm und licht in uns zu bewahren; folglich kann unsre Liebe in
der Barmherzigkeit nicht untergehen, Meister Fidelis.
    Gott ist barmherzig, der Mensch nur mitleidig, theure Sibylle! nmlich der
gewhnliche Mensch von dem wir sprechen, der seine Selbstsucht mit sich
herumschleppt, welche das Bild nach welchem er geschaffen ist in ihm verdunkelt.
Der Heilige, der unselbstische Mensch, kann allerdings auch barmherzig sein,
weil in ihm jene Flut gttlicher Liebe wogt, die ohne Anfang, ohne Steigerung,
ohne Ende ist.
    Ohne Ende! ja Fidelis, das ist das Wort des Geheimnisses unsrer Qual.
    Es knnte auch das Wort: ohne Anfang! sein.
    Ich sah ihn befremdet an. Er hatte mit einem seltsamen Ausdruck gesprochen,
wie bebend von zurckgehaltenem Schmerz.
    Ohne Anfang .... wie das Keimen und Aufblhen unsrer Gedanken, wie die
Manifestation unsers Willens, wie die Entwickelung unsrer Neigungen - was Alles
schon im Wiegenkinde zum Vorschein kommt! - fuhr er fort. Und so finden wir auch
in uns Richtungen, Bestimmungen, Schicksale, die fertig und mchtig in uns
aufstehen, und die - wenn wir zitternd fragen: Woher kommst du? - gelassen
entgegnen: wir waren immer bei dir! -
    Glckseliger! rief ich; o dreimal Glckseliger, der ewig im Tempelhain
seiner Gottheiten geblieben ist. Die Unseligen sind nur die, Fidelis, welche
einem ewigen Abfall unterliegen, und den Rubin, welcher nach jener Sage
purpurflammend vom Himmel in die Kaaba fiel, vor ihren Augen in kohlenschwarz
verwandeln sehen. Die sind unselig, denn sie knnen nicht lieben, nicht hoffen,
nicht einmal leiden! sie wissen da der Karfunkel der Liebe, der Hofnung, der
heiligen Schmerzen, in eine todte Kohle sich verwandelt, weil etwas so
Entzauberndes an ihrer Hand ist, da dieselbe, wohin sie streift, Farben
erbleichen, Blten fallen, Licht erlschen macht. Sie wissen da das Ende kommt,
die Harpye in deren Erwartung die Gegenwart zunicht wird so da ein Chaos daraus
entsteht worin nichts hausen mag und kann als Chimren. O Sie sind glcklich!
was Sie auch bedrcken mge weil es ohne Anfang ist - es ist nicht so schwer als
die Last der Erkenntni .... da Alles ein Ende hat!
    Ich lie seinen Arm los, umschlang mit beiden Armen einen Baum und rief:
    Sehen Sie! der Baum erquickt mich! er hat keine Seele - drum weicht und
wankt er nicht. Was Seele hat .... wankt! Irrthum, Tuschung, Wankelmuth,
Verlust, Tod - umspinnt uns von Auen und Innen - die ganze Masse dieses Gewebes
heit Leben, und mit demselben sollen wir uns befreunden indem wir Vernunft,
Entschlossenheit, Resignation und Frmmigkeit zu unserm Trost herbeirufen. Aber
es ist ja ein Elend sich zu trsten, Fidelis! es ist ja ein Elend abzufallen von
unsrer Liebe, unsrer Zuversicht, unsrer Erinnerung, und dann mit gelassener
Nchternheit zu sprechen: Nun ja! ich hab' mich geirrt .... und irren ist
menschlich! - Oder: Gott hat mir gndig einen Ersatz meines Verlustes geschenkt!
- Und so sprechen doch die Vernunft und die Frmmigkeit, und das wird von Andern
sehr verehrt - whrend es mir jmmerlich vorkommt! Ich' hab es ebenso gemacht,
mich auch beruhigt, mich auch getrstet - aber ich gehe an diesem Ersatz und
diesem Trost zu Grunde .... denn jeder Wechsel ist ein Abfall .... und weiter
nichts.
    Ich prete meine Stirn an die Rinde des Baumes, als wolle ich mich durch
uern Schmerz gegen die Gedanken betuben. Sedlaczech sprach langsamer:
    Eine immense Seele .... aber leer!
    Das haben Sie schon einmal von mir gesagt! rief ich. Ich bin's ja nicht
allein die so beschaffen ist wie ich es beklage! alle Anderen sind ja ebenso
.... nur da sie sich die Schmach zur Ehre rechnen, und die traurige
Naturnothwendigkeit Product ihrer Vernunft, Philosophie oder Religiositt nennen
- zur Jmmerlichkeit die Lge gesellend! Alle Anderen halten mir ja ebensowenig
Farbe und Stich als ich mir selbst. Fnde ich nur einen Menschen, einen
Einzigen! der keinen Abfall begangen htte, so wrde mir der zum Eckstein werden
an den ich meine Htte lehnen knnte. Aber ich finde keinen in der ganzen
Weltgeschichte von Adam an - denn Christus ist unsers Gleichen nicht! vor Dem
liegen wir auf den Knien! unsre eitle Armseligkeit ist denn doch nicht eitel
genug um sich neben Den zu stellen. Also ich finde keinen Einzigen, Fidelis! wie
Einer ist sind Alle. Ich las heute frh einen Ausspruch Luthers: jeder Christ
sei zum Priester berufen. So hie der Commentar den ich dazu machte: Und diese
Priester haben auch ihren gemeinsamen character indelebilis: den Abfall. Welch
ein Priesterthum! welch eine Menschheit! - Es kommen nicht Alle zum Bewutsein
darber, ich will es glauben - ich sehe es sogar; doch ich kann nicht mein Auge
willkrlich dagegen schlieen. Ich bin nun einmal in die Sphre gerathen, die
von Licht, doch gewi nicht vom himmlischen, beleuchtet ist. Ich stehe in deren
Centrum, und die Welt, die wie immer nichts wei und noch weniger ahnt, nennt
mich einen Engel. Ja, ich bins! immer fragend und die Frage verneinend - immer
gestaltend und die Gestaltung wieder zerstrend - immer isolirt, weil ich - ich
wei nicht durch welche Mchte aus dem Zusammenhang geschleudert bin und in dem
gesammelten Stckwerk keine Einheit finde - bin ich so recht das Bild eines
abgefallnen Engels: ich stelle mich Gott gegenber und frage ihn und meistre
ihn: Warum hast du mich so geschaffen? Sollte ich Tochter des Staubes sein -
wozu denn dieser Durst nach Ewigkeit? Ist aber Etwas in mir fr die Ewigkeit
bestimmt - wozu diese Wirbel und Wolken von Staub, die mich so betuben und
verwirren, mich in solchen Strudel reien, da mich vor Zeit und Ewigkeit ein
Ekel anwandelt.
    Sibylle! rief Sedlaczech wie um mich zur Besinnung zu bringen; -
Sibylle!
    O ich bin sehr besonnen! unterbrach ich ihn; - aber ich will reden! ich
will einmal sagen wie mir zu Sinn ist, und diese Last meiner Gedanken in eine
fremde Brust wlzen! Wir haben ja keine Priester zu denen wir beichten knnen.
Unsre Geistlichen sprechen: das sei sndiger Mibrauch. Ich wei es nicht! aber
das wei ich: ich bin in Euren Kirchen in solchen Stimmungen gewesen, da wenn
ich einen Priester im Beichtstuhl sah, ich mich htte vor ihm niederstrzen und
schreien knnen: Rette mich .... denn ich verderbe. Mglich da er mich nicht
gerettet, nicht beschwichtigt htte! - aber schon diesen Schrei auszustoen an
geweihter Sttte im Schutz und Schirm des Altars, wre eine halbe Seligkeit
gewesen. Es kann eine unerhrte Erlsung und Befreiung, eine wahre
Seligsprechung in einem solchen Wort liegen, und jeder Mensch bedarf derselben
wenigstens Einmal in seinem Leben; - denn Einmal wenigstens thrmen sich um
Jeden die Schrecknisse dermaen auf, da er schreien mu: rette mich, denn ich
verderbe! - Wir haben keine Priester; wir mssen diesen Jammerzustand allein
abmachen, in uns selbst, mit uns selbst .... eine geschlagene, gequlte,
verzweifelnde Seele und ganz allein! wer im Stande wre dies Alleinsein im
vollen Umfang zu ermessen - mte wahnsinnig werden! aber wir sind nun einmal
von vollkommner Unvollkommenheit und knnen ihn daher nicht ermessen. Und dann
hngt die Seele auch an einem Faden, nur von Seide und ber einem Abgrund - und
das ist ihr Instinct von Gott; das ist grade genug um sie in ihrem Leid zu
erhalten .... ganz allein! Freunde sollen wir um Rath ansprechen: das soll uns
strken, anfeuern, erfrischen - so sagt man. Hat die verzweifelnde Seele
Freunde? gewi nicht! es wre dann nie so weit mit ihr gekommen. Sie ist und
bleibt allein! Wendet sie sich einmal in ihrer tiefsten Noth an Einen, dem
Friede, Kraft und Klarheit die Weihe des Priesters gegeben haben, so wendet der
sich entsetzt und schaudernd von ihr ab - wie Sie es thun, Fidelis! .... so
mgte er ihre Klagen ersticken, weil er nicht helfen kann und nicht mit ihr
leiden mag - wie Sie, Fidelis.
    Ich hatte mit fieberhafter Glut und Hast geredet. Meine verschlossene Natur,
durch die erschtternde Musik aufgewhlt, zugleich fr und wider die Gewohnheit
des Schweigens ringend, hatte diesen Ausbruch nicht unterdrcken knnen. Es mag
ergreifend sein Zeuge einer solchen Haltungslosigkeit zu werden, wo man sonst
immer gefate Sammlung gesehen. Sedlaczech wenigstens stand mit einem ganz
unbeschreiblichen Ausdruck von Desolation vor mir; und als ich sein frheres
Wort nachsprach:
    Dies sind die stillen Unsinnigkeiten einer edeln Seele vor denen Sie so
groe Furcht haben! - -
    Da sank er wie zerbrochen auf seine Knie und flsterte leise:
    Aber sehen Sie denn nicht da Sie mich vernichten?
    Als ich ihn so erblickte, im stillen khlen Mondlicht, auf den Knien und
doch nicht vor mir kniend - nahmen meine Gedanken eine andere Wendung und ich
fragte:
    Knnen Sie noch beten, Fidelis? so wie damals - Sie wissen was ich meine.
    Noch kann ich es! sprach er ganz, ganz leise und erhob sich langsam.
    Ich nahm wieder seinen Arm, und wir gingen schweigend dem Hause zu. Als wir
uns nherten ging auf der Terrasse eine Mnnergestalt auf und nieder, die mich
frappirte, weil das vor den Fenstern meiner Zimmer nie zu geschehen pflegte; und
als wir ganz nah waren ging sie in den erleuchteten Salon wie um uns dort zu
empfangen. Ich ging hastig die Stufen zur Terrasse hinauf, trat ein - und stand
vor Otbert. Diese unangenehmste aller Ueberraschungen, so pltzlich folgend auf
die heftigsten Emotionen, traf mich wie ein eiskalter Luftzug an einem glhend
heien Sommertage. Jener Schlag auf das Herz, den ich vor Arabellas Fenster
empfunden, berhrte mich abermals aufs Heftigste und ich sank leblos in
Sedlaczechs Arme. Alles gerieth in Aufruhr: - aber es whrte nicht fnf Minuten,
so hatte ich meine Besinnung und folglich auch meine Krfte wieder, und ich
grte Otbert hflich und befremdet. Er beobachtete mich mit scharfen fast
lauernden Blicken, suchte aber sehr ungenirt, vertraulich, ganz wie zu Hause zu
sein, und sagte mir die grten Schmeicheleien ber mein gutes Aussehen. Es mu
fr meine Hausgesellschaft ein merkwrdiges Schauspiel gewesen sein dies
Wiedersehen von zwei Eheleuten, die nach mehr denn fnfjhriger Trennung in den
ersten Stunden von nichts sprachen als von Fieschis Attentat gegen Knig Louis
Philipp, das im Lauf des Sommers statt gefunden hatte. Die gewohnte Abendstunde
hatte sie Alle versammelt und ich merkte ihnen - Sedlaczech ausgenommen - ihr
Unbehagen an. Astralis war nicht wol und kam daher nicht zum Vorschein.
Benvenuta hatte Otbert gnzlich vergessen, und hielt sich in scheuer Ferne von
ihm.
    Gleich nach dem Thee verschwand Einer nach dem Andern. Da wandte ich mich
freundlich aber eisig an Otbert und fragte ihn welcher Umstand ihn nach Engelau
fhre. Er sprang auf, ergriff meine Hand und rief lebhaft:
    Die Sehnsucht Dich zu sehen, Sibylle!
    Ich lie ihm meine Hand mit tdtender Gleichgltigkeit und erwiderte:
    Lieber Otbert, Eines merke Dir: Komdie wird nicht mehr gespielt - und jezt
wollen wir schlicht und verstndig ber den Zweck Deines Kommens reden; - denn
Du hast einen Zweck.
    Traust Du Dir wirklich so wenig Attractionskraft zu, Sibylle?
    Du selbst hast mich gelehrt wie wenig Veranlassung ich habe mir die
geringste zuzutrauen.
    Erinnere mich nicht an meine Thorheiten, theure Sibylle! ein Weib mit allen
Tugenden und Grazien so reich geschmckt wie Du, bleibt auf die Dauer der
einzige Magnet fr einen Mann. Nimm mich auf! rief er mit einem Gemisch von
Zrtlichkeit und Unterwrfigkeit; - - nimm mich wenn auch nicht gleich zu Gnaden
auf! la mich ein Noviziat bestehen .... aber hier, bei Dir!
    Ich betrachtete ihn mit seltsamen Empfindungen. Er war immer derselbe schne
eitle Otbert, er wollte immer gefallen und - merkwrdiger Weise! er gefiel mir
auch noch immer, jedoch so wie etwa ein Kunstwerk zweiter Ordnung, das in unsrer
Seele Raum lt fr die Kritik, uns gefallen mag. Von warmen vibrirenden
Lebensfibern so wie einst, regte sich nicht eine einzige fr ihn.
    Otbert! sagte ich sehr gelassen, ich nehm' es Dir nicht bel, da Du in
Deine Schauspielerknste verfllst! sie sind Dir genugsam zur zweiten Natur
geworden um Dich glauben zu machen ich sei noch zu tuschen - ich! die einen
tiefen Blick in Deine Coulissenwelt gethan. Ich habe nicht das geringste Talent
und folglich auch nicht die geringste Lust zur Schauspielerei: Du bist zu klug
um das nicht lngst erkannt zu haben - was ist also Deine eigentliche Absicht?
Nimm Dich zusammen und sprich die Wahrheit.
    Ich habe sie Dir gesagt: ich will Dich sehen und bei Dir leben.
    Bei mir und nicht mit mir ist peinlich.
    Es lebt ja Deine ganze Hausgesellschaft nichts weniger als peinlich,
sondern sehr ungenirt bei Dir, mit Dir - .... ich wei nicht was Du da fr
spitzfindige Unterschiede machst!
    Ich kann sie Dir erklren: meine Hausgenossen leben unbefangen und
zufrieden bei und mit mir innerhalb der Verhltnisse in denen wir zu einander
stehen sollen. Du und ich hingegen - wir leben innerhalb eines schiefen,
zerrissenen Verhltnisses. In der Ehe bedeutet mit einander - die Intimitt der
Liebe - also Glck; bei einander - Schein, Lge, Rcksichten, Zwecke .... was
wei ich! also - ein uerliches, unbefriedigendes und deshalb auf die Dauer
peinliches Thun und Treiben. Spare es Dir und mir.
    Das heit mit andern Worten: geh! rief Otbert mit aufwallender
Empfindlichkeit.
    Wenn Du das fhlst - weshalb bist Du gekommen?
    Fast mit Ha im Blick entgegnete er ruhig:
    Um meine Tochter zu holen.
    Deine Tochter? und bei mir? fragte ich gedehnt.
    Nun ja, Astralis! wen sonst?
    Astralis ist Arabellas Tochter und ich habe der heimgegangenen Mutter den
Eid abgelegt Mutterstelle bei ihr zu vertreten, bei dem verwaisten Kinde,
welches sie mir in ihrem Testament zu Erziehung und Versorgung anvertraut hat.
    Das Alles ist ganz gut .... allein der Vater hat nhere Rechte - und ich
nehme sie in Anspruch.
    Astralis Flowrence lautet der Taufschein meiner Pflegetochter. Arabella hat
sie mir als ihr verwaistes Kind bergeben. Ob Du der Vater bist, ob ein Andrer
es ist, kmmert mich nicht.
    Ah jezt spielst Du Komdie! rief Otbert; Du weit sehr gut da ich und kein
Andrer Astralis Vater bin.
    Ich habe gesagt: es kmmert mich nicht; und das ist mein voller Ernst.
    Wie? die Gattin hab' ich in Dir verloren und mein Kind soll ich durch Dich
verlieren? das ist ja aber himmelschreiend.
    Ja es ist entsetzlich welch Unrecht Du zu erleiden hast! sagte ich mit
kaltem Spott, stand auf, schellte, und zu dem eintretenden Kammerdiener:
    Der Herr Graf befiehlt sein Zimmer, das grne.
    Astrau verbeugte sich kalt und frmlich und folgte dem Diener; ich ging
todtmde in mein Cabinet. Am andern Morgen lie er mich um ein Gesprch bitten.
Heute hatte er die Taktik verndert. Nicht schauspielerisch sondern cynisch
griff er mich an.
    Ich habe Dir einen Vorschlag zu machen, begann er. Ueberla mir meine
Tochter und ich lasse Dir den Herrn Sedlaczech.
    Ich hatte mir vorgenommen von eiserner und eisiger Unbeweglichkeit zu sein
und es wurde mir auch gar nicht schwer es durchzufhren. Ich erwiderte:
    Glaubst Du Rechte an Astralis beweisen zu knnen, so wende Dich an die
Gerichte, welche ich alsdann zur Anerkennung der meinen auffodern werde. Was
Herrn Sedlaczech betrift, so bedienst Du Dich eines unstatthaften Ausdrucks. Er
ist hier nach seinem Belieben.
    Das bezweifle ich nicht; - auch nicht, da sein Belieben das Deine ist. Nur
ich bin in diesem Bunde nicht der Dritte.
    Ich darf sagen, da dies auch keinesweges mein Wunsch ist.
    Du trotzest mir?
    Wer in seinem Recht zu sein glaubt, spricht sich dem gem aus, ohne dem
andern Theil trotzen oder ihn beleidigen zu wollen. Beides sind Waffen des
uneingestandenen Unrechts.
    Wir kommen von unserm Thema ab. Du benimmst Dich hier wie eine Knigin ....
Deiner Scholle, was beilufig gesagt einen Anstrich von landjunkerlicher
Krhwinkelei hat, die mich sehr belustigt. Du hast Dir einen vollstndigen
Hofstaat organisirt; ich lasse das gelten - nur nicht den bhmischen Trabanten.
    Werde ich allendlich den Zweck Deines Kommens erfahren? fragte ich unmig
gelangweilt.
    Eine wunderliche Frage in dem Munde einer Gattin! freundlich und liebevoll,
mit den theilnehmendsten Gesinnungen komme ich, und werde wie ein Fremder
aufgenommen. Man empfngt mich nicht, man spaziert zwei Stunden im Mondschein
mit dem Gnstling, man lt mich bei dem Hofstaat und der Langenweile, man kehrt
endlich heim und begrt mich mit Verstrung und Ohnmacht und sucht zuletzt
hinter hochmthigem Fremdethun innere Unruh zu verbergen. Ist das die Art einen
Gemal zu empfangen?
    Ich konnte Dich nicht empfangen weil ich Deine Ankunft nicht wute, und ich
ging mit Sedlaczech - was sehr oft geschieht - weil ich mich ungestrt mit ihm
unterhalten wollte .... - -
    Und worber, ich bitte!
    Ueber Dinge welche ich mit Dir nicht besprechen kann.
    Astrau wurde leichenbla; ich wei nicht ob er in diesem Augenblick Zorn und
Eifersucht nur heuchelte oder wirklich empfand. Wahrscheinlich wute er selbst
es nicht! aber ich glaube da er aus beleidigter Eitelkeit in der That gereizt
wurde. Ingrimmig stie er die Worte aus:
    Das ist allzu frech!
    Wer mich geflissentlich beleidigt hrt auf mein Gast zu sein! sagte ich
aufstehend.
    O ich begehre auch nicht Dein Gast zu sein - ich bin Dein Gemal.
    Du bist mein Gemal .... allerdings! was weiter?
    Was weiter? ich will wachen da meine Rechte nicht gekrnkt werden.
    Die Rechte auf meine Person hast Du durch Deine Schuld verloren. Die Rechte
an meinem Vermgen habe ich nie geschmlert, sondern dessen Einknfte mit Dir
getheilt. Also: was weiter?
    Dermaen versteinert bist Du also in der Snde, da nichts Deine eiserne
Stirn errthen macht!.... Oder begreifst Du wirklich nicht meinen Verdacht?
Schon vor Jahren habe ich Dir gesagt da dieser verhate Sedlaczech Dich liebe
und ich habe auf seine Entfernung gedrungen. Ich komme wieder - und finde ihn
tiefer in Deiner Gunst als je. Und das soll ich ruhig ertragen?
    Du wirst es mssen.
    Er soll fort .... auf der Stelle! rief Otbert wild.
    Er bleibt .... oder ich gehe und mein ganzes Haus geht mit mir .... - -
    Ihm nach? und in die weite Welt zum allgemeinen Scandal - nicht wahr?
    Du lt mich nicht ausreden! oder ich gehe mit meinem ganzen Hause, wozu
auch Sedlaczech gehrt, zu meinem Schwiegervater nach Hannover, unter dessen
Aegide ich den uern Schirm gegen Deine Brutalitt finden werde, vor welcher
die innere Schutzwehr meines Selbstgefhls mich nicht behtet.
    Dieser Entschlu kam ihm unerwartet. Er wute wol, da mein Schwiegervater
ihn nicht leiden konnte, mir dringend die Heirath mit dem hirnlosen und
leichtsinnigen Verschwender, wie er ihn nannte, abgerathen hatte und mir auch
jezt Rathschlge nicht zu seinen Gunsten geben wrde. Daher suchte er mich von
einer andern Seite anzugreifen.
    Also die Emancipirte ist inconsequent genug, hinter einem siebzigjhrigen
Greise sich verschanzen zu wollen! sagte er hhnisch um mich in ein neues
Gebiet zu locken.
    Bleiben wir bei der Sache! entgegnete ich streng. Du hast die Wahl:
entweder Du bleibst hier unter den Bedingungen die man an einen Gast machen kann
- oder bermorgen um diese Zeit steht dies Haus leer und ich bin auf dem Wege
nach Hannover. Du weit, Otbert, ich thue was ich sage.
    Ah Du bist ein knigliches Weib! rief Astrau abermals eine andre Maske
ergreifend. Du bist zum herrschen geboren. Befiehl! befiehl auch mir, Sibylle!
was willst Du?
    Bleiben! sprach ich kurz.
    So bleib' auch ich .... im grnen Zimmer! sagte er mit einem kleinen
Seufzer, den ich nicht Lust hatte zu beachten. Darf ich die Kinder sehen?
setzte er hinzu.
    Ich lie sie rufen. Er berschttete sie mit Liebkosungen, namentlich
Benvenuta. Das mifiel mir. Sollte diese Verleugnung seines vterlichen Gefhls
eine Schmeichelei fr mich sein, so war sie schlecht gewhlt, denn das gttlich
schne Kind Astralis lag mir ebenso am Herzen wie Benvenuta Genau so wie in der
ersten Zeit unsrer Bekanntschaft fand ich jezt Otbert: - verschroben von
Eitelkeit. Und dieser Mann hat dich fangen knnen indem er deiner eigenen
Eitelkeit schmeichelte! sprach ich zu mir selbst; welch eine unerhrte,
erbrmliche Schwche.
    Otbert blieb; allein er trug nichts zur Annehmlichkeit unsers Lebens bei. Er
war einen andern Schauplatz und andere Anregungen gewohnt als er in Engelau
finden konnte; er verlangte sie von uns, wir konnten sie ihm nicht geben: das
versetzte uns smtlich in Unbehagen; Jeder von uns empfand einen Mangel. Unsre
Lectren geriethen in Stocken, denn er wollte vorlesen und fand keine Bcher
nach seinem Geschmack. Unsre Musik verstummte, denn er erklrte er sei zu sehr
Laie um an diesem berernsten Styl Vergngen zu finden. Mezzonis Barcarolen lie
er gelten - aber nicht lange, denn er ertrug es auf die Dauer nicht Zuschauer
und Bewunderer zu sein. Zuweilen las er einige seiner Gedichte vor; das war am
angenehmsten! sein schmiegsames Organ, sein Feuer im Vortrag, hoben die
Schnheit der Verse noch mehr hervor. Nahm er Bewunderung und Interesse bei uns
wahr, so versetzte ihn das in die liebenswrdigste Laune; er begann zu erzhlen
wo und wie er das Gedicht gemacht; er kam auf tausend Dinge die freilich nicht
zur Sache gehrten, aber sehr unterhaltend waren. Er kannte Paris wie ich
Engelau. Mit allen Sommitten der Politik, der Gesellschaft, der Literatur, des
Theaters, der Fremden - mit Allem und Jedem was in irgend einer Beziehung Ruf
und Namen hatte - verstand er sich in Berhrung zu bringen; - ob in die intime,
funkensprhende mit der er ein wenig prunkte, sei dahin gestellt. Aber er konnte
einen Tag mit den religisen Ceremonien der Jnger des Pre Enfantin beginnen,
ihn durch die Ateliers der Knstler, die Kammern und ein diplomatisches Diner
fhren, und ihn in den rococo Slen des Faubourg St. Germain oder in dem
Dachstbchen eines socialistischen Weltverbesserers beschlieen. Das unterhielt
uns natrlich sehr, und auch ihn - so lange er davon erzhlte und mit seiner
Person und durch seinen Vortrag dabei glnzte. Aber ein Magazin von Wissen,
Studium und Erkenntni, das ihn in der Stille genhrt - oder einen Heerd an dem
er in der Stille sich gewrmt - hatte er sich nicht daraus gebildet. Von
Schtzen umgeben lechzte er, wie ich, nach einem unbekannten noch hheren, noch
erschpfenderen Gut: und das war eben der Punkt in welchem ich mich noch jezt
ihm verwandt fhlte - ganz wie sonst. Jedoch nur in dem Punkt selbst! sein
verlangen und streben, sein ringen und thun waren schnurstracks den meinen
entgegen. Ich achtete seinen Charakter nicht, aber seine Seele flte mir
Theilnahme ein - und diese war mit im Spiel gewesen, nicht blos die Eitelkeit!
als ich mich von ihm fesseln lie. Diese Entdeckung gewhrte mir einen groen
Trost. Es ist dem Menschen unendlich angenehm wider Erwarten in sich selbst
bessere Motive seiner Handlungen zu finden! Er ist niemals so vershnlich als
wenn es gilt mit sich selbst sich zu vershnen.
    Astrau war aber nicht immer und nie lange in muntrer Laune: das
Damen-Auditorium war ihm nicht glnzend genug. Der armen Mathilde gab er
zuweilen beiende Antworten.
    Welch ein Vorrath von Erinnerungen fr's Leben! rief sie bei einer seiner
Erzhlungen.
    Da haben Sie gleich Ihre Speisekammer im Sinn in die Sie tglich gehen und
sich regelmig ein Stck Brot, ein Stck Fleisch und ein Stck Kuchen holen
wrden; und an Sonn- und Festtagen gb' es ein Glas Wein dazu: nicht wahr,
Frulein Mathilde? fragte Astrau spttisch.
    Sie errthete und wurde verlegen; verga es aber bald wieder in ihrer
Harmlosigkeit. Benvenutas Gouvernante ging es bler! sie war eine vortrefliche
Person - jedoch sehr hlich und sehr vielwissend - Beides ein Greuel fr
Astrau; umsomehr da sie von ihrer Hlichkeit keine Ahnung hatte und auf das
Wissen einen groen Werth legte, wie alle Menschen bei denen es grer ist als
der Verstand. Bei Otbert war es grade umgekehrt, und daher der Disputationen
kein Ende zwischen ihnen, obgleich sie ihm gegenber bestndig im Nachtheil und
er schonungslos war. Mit wahrer Todesverachtung kmpfte sie fr Geist und Gaben,
Herrlichkeit und Wrde, Befhigung und Berechtigung ihres Geschlechts, welches
Astrau angriff weil er sie nicht leiden konnte und mir dabei einige Nadelstiche
zu versetzen hofte. Gott wei wie er erfahren hatte da Madame Schtz - (so hie
sie und sie war Wittwe) - Gedichte mache und zwar recht hbsche. Er bat ihm
einige mitzutheilen und obzwar ich ihr dringend davon abrieth, widerstand sie
nicht der Lockung. Eines Abends gab er ihr das Heft hchst verbindlich zurck
und sagte mit der grten Freundlichkeit: er habe nur zwei kleine Fehler an
diesen smtlichen Gedichten entdeckt; der erste, da sie berhaupt gemacht - der
zweite, da sie Gedichte genannt worden wren. Die arme Schtz war aus der
Fassung. Ehe sie Zeit hatte etwas Ungeschicktes vorzubringen sagte ich geschwind
und auch hchst freundlich:
    Und Deine Kritik, lieber Otbert, hat gar nur einen einzigen kleinen Fehler;
nmlich den, da ein Dichter sie macht.
    Dieser Rivalitt glaube ich ohne Unbescheidenheit berlegen zu sein! rief
er spttisch.
    Die wahre Ueberlegenheit ist nachsichtig, lieber Otbert, und reicht die
Hand um weiter zu helfen. Die unchte - sucht in den Staub zu drcken.
    Das ist excellent! sagte er lachend. Glaubst Du wirklich da diese Gedichte
den meinen gefhrlich werden knnten?
    Ich sprach nicht von Deinen Gedichten, nur von Deiner Gesinnung.
    Vermuthlich trittst Du nchstens mit einem Bndchen Gedichte vors Publikum,
und brandmarkst im Voraus jeden der sie nicht bewundert mit neidischer
Gesinnung.
    Darauf entgegne ich wie jener Gelehrte, den Johannes Falk fragte ob er
dichte? - Nein! so gemein hab' ich mich Gottlob nie gemacht.
    Vor Dir mu man die Waffen strecken! sagte Otbert verbindlich. Du bist wie
gepanzert.
    Man mu es sein wenn man mit Euch in die Schranken tritt.
    Dann mu man aber auch noch mit Gttern und Dmonen in Verbindung sein, die
einen solchen Panzer schmieden.
    Ganz und gar nicht! man braucht nur seine Eitelkeit abzulegen. Da uns das
eher mglich ist als Euch: so sind wir dann im Vortheil.
    Mit Dir ist auf keine Weise zu streiten! die Verblendung fr Dein eignes
Geschlecht - hinter der sich natrlich die ber Dich selbst verbirgt - ist allzu
kolossal! der Mann soll eitler sein als das Weib! .... unerhrte Behauptung, da
Ihr nur lebt, webt, athmet und denkt in Bezug auf Eure Eitelkeit oder in deren
Genu - da Ihr von der Schleife an, die Ihr an Euren Busen steckt, bis in Eure
Leidenschaften, ja, Tugenden hinein, unter deren Scepter steht!
    Ganz richtig! dies behaupten, mein lieber Otbert, heit aber nicht das
Gegentheil fr den Mann beweisen. Nachdem ich also den Vorwurf dieser groen
Snde fr mein Geschlecht angenommen, nehme ich auch eine Tugend fr dasselbe in
Anspruch, die es sich, an lange Unterwerfung, ja Unterdrckung gewhnt,
angeeignet hat - Selbstverleugnung: die Fhigkeit hinter das Geliebte
zurckzutreten. Dies Geliebte, Otbert, braucht nicht immer ein Mann, nicht immer
ein Kind zu sein. Es kann auch eine Ueberzeugung, ein Glaube, eine Liebe, eine
Idee sein. Wo die herrscht - ist die Eitelkeit todt.
    Ob sie nicht Ideen hatten, und fr diese sterben wollten? - spricht Platens
Mopsus neben seinen zwlf todten Kindern. Du willst da das Weib fr Ideen lebe!
Er vervollkommnet Deine Weltanschauung, theure Sibylle.
    Er persiflirt sie .... und das unterhlt mich sehr. Es wre gar langweilig
wenn man ernste Dinge immer mit feierlichem Ernst, und nicht zuweilen mit jenem
Humor betrachten wollte, den ihre Uebertreibung oder ihre Kehrseite in jedem
aufrichtigen Gemth hervorlockt.
    Du nimmst also auch den Humor fr Dein Geschlecht in Anspruch? ein
humoristischer Mann gilt bisjezt fr einen halben Phnix! Indessen .... die
elektrische Schnellkraft, die aus dem Gebiet der Empfindung in das der
Ueberlegung hinberspringt - die sich mit berraschendem Schwung aus den
Rosenwolken der Gefhle auf die Gletscherspitze der Ironie oder in den klaren
Aether der Betrachtung erhebt - deren bedrft Ihr dazu nicht. Ihr macht Verse,
plaudert von Emancipation, raucht Cigarren und findet das ungemein humoristisch
.... whrend man es in der That burlesk nennen mte! Diese Verschrobenheit ist
eben eine Folge des Emancipationsprincips, das jezt in der Welt grassirt.
    Otbert! eine Welt die Ihr, Ihr Mnner! durch Eure Civilisation so
verschroben, so materialistisch gemacht habt, da Weiber whnen knnen durch
dichten und durch rauchen einige Stufen ihrer Entwickelung zu erklimmen - kommt
mir lcherlich vor, und so de, so hohl, da sie nicht dauern kann. Und wenn die
Weiber Rauchclubs stifteten, es wrde ihnen zu ihrer Emancipation ebensowenig,
als Euch Eure Jagd-Spiel- Jockey- Rauch- Schach- und sonstige Clubs zum
Fortschritt helfen. Lange Meditationen, tiefe innere Sammlung, ruhige fragende
vergleichende Einkehr in sich selbst, mssen jeder hheren Entwickelung
vorhergehen. Davon ist jezt bei Mnnern und Weibern keine Spur! sie sind
zerfahrner, haltungsloser, uerlicher denn je. Vielleicht werden die Weiber
zuerst darber zum Bewutsein - und somit zur Besinnung kommen, da ihre
Emancipation nicht mit Cigarren und dergleichen Unsinn, sondern mit der
gleichmigen Ausbildung ihrer Innerlichkeit, mit der Pflege ihrer Pflichten und
ihrer Rechte beginnen msse. Warum sie zuerst? weil in ihnen groe Krfte sich
dunkel regen. Wenn die licht werden .... - -
    So tritt eine Regeneration ein, nach der auch alle socialen und religisen
Emancipationen streben und drngen! Nun sprichst Du cht sibyllinisch, theure
Sibylle! d.h. Du sprichst aus was Jeder ohnehin sagt, ohne es zu verstehen. Bei
der Mglichkeit der Weltumgestaltung mu auch der ewiglebendige Weltgeist, der
alle Regenerationen hervorruft: die Vernunft, in Anschlag gebracht werden.
    Hat Christus mit der Vernunft die alte Welt aus ihren Angeln gehoben?
sagte zu meinem Erstaunen Sedlaczech, der sich fast immer fern von unserm Kreise
und Gesprch Abends im Musikzimmer aufhielt. Die groen Regenerationen die ber
das Menschengeschlecht vom Anbeginn gekommen, sind durch zwei Mchte
bewerkstelligt, welche mit der Vernunft so wenig zu thun haben als die Sonne mit
einem chinesischen Feuerwerk - durch Glaube und Liebe. Wo der Glaube und die
Liebe sein werden, da wird die segnende Kraft sein welche rettet was die
Schwche verwahrlost - die Schwche, dies Symptom des Verfalls einer Epoche,
welche heutzutage durch den ganzen Aufwand von speculativer Vernunft nur
bemntelt werden soll.
    Jezt werde ich versuchen meine Niederlage zu bemnteln indem ich mich von
dem Felde der Discussion in die Freistatt der Kunst flchte und Herrn Mezzoni
bitte um seine liebliche Composition von: Ah senza amare; - sagte Astrau.
    Er wollte immer nur necken und rgern. Wir waren keine Gegner bei denen er
es der Mhe werth hielt sich in voller Ueberlegenheit zu zeigen: diesen Eindruck
beabsichtigte er zu machen.
    Aber das war Alles nichts weniger als angenehm, und die Aussicht er knne
den Winter in Engelau zubringen, im hchsten Grade strend. Ich lie eines
Morgens seinen Kammerdiener, seinen Geschftsfhrer und Vertrauten zu mir
bescheiden, und da erfuhr ich denn nach unendlichen Umschweifen und verwickelten
Redensarten, da der Herr Graf in Folge seiner Gromuth und Munificenz, die von
Anderen zur Ungebhr gebraucht und mibraucht worden sei - die nchste Aussicht
auf St. Pelagie gehabt habe. Also eine vollkommene Zerrttung seiner Finanzen? -
Auf diese Bemerkung antwortete Monsieur Alphonse durch ein trostloses
Achselzucken. Mit Mhe prete ich ihm die Summe der Schulden ab; sie war enorm.
Dennoch mute ich sie bezahlen - das sah ich ein! - um Otberts unheimlichen
Aufenthalt in Engelau zu beenden; und andrerseits war es mir ebenso klar, da
sich dies Ereigni noch zehn Mal wiederholen und ich durch diese unsinnige Ehe
das Vermgen meiner Tochter ruiniren knne. Ich begriff jezt da er sich zu
einer Art von Execution bei mir mache, wie sie sonst sumigen Schuldnern von
Gerichtswegen ins Haus gelegt wird. Nur sein erstes drohendes Auftreten hab' ich
nie begreifen und nur vermuthen knnen, da er irgend eine Schuldhaftigkeit bei
mir voraussetzte, bei der er mich wrde fassen und durch sie genug einschchtern
knnen um mir gleichsam meinen Abla von ihm zu erkaufen. Da er seinen Verdacht
nicht besttigt - und mich in Betreff seiner Tochter entschlossen fand ihm nicht
nachzugeben: so stand er von seinem anfnglichen Verfahren ab, und lie uns
dafr smtlich seine ble Laune empfinden. O wie oft dachte ich an Scheidung!
Aber ich wute vorher, da er mir eine Komdie voll Verehrung u.s.w. vorspielen
wrde, hinter welcher sich sein Entschlu verbarg sich von einer reichen Frau
nicht zu scheiden. Um meines Vermgens willen hatte er mich ja doch nur
geheirathet: diese Ueberzeugung stand fest in mir, und machte mich so kalt, da
ich beschlo unser Verhltni als ein kahles Geschft zu behandeln.
    Als ich ihn eines Tages in dieser Absicht zu mir bitten lie, bekam ich eine
Staffette aus Hannover, die mich an das Sterbebett meines Schwiegervaters rief.
Auf der Stelle war ich entschlossen dem Ruf zu folgen und befahl den Dienern die
nothwendigen Vorkehrungen zu treffen. Zu Astrau sagte ich: ich setzte voraus da
er mich nach Hannover begleiten wrde. Er willigte sehr verbindlich ein.
Alphonse hatte ihm bereits unser Gesprch mitgetheilt. In dem Augenblick wo mir
eine groe Erbschaft bevorstand htte ich ihn mit mir nach Sibirien nehmen
drfen - dermaen abhngig war er vom Gelde, er! dem die geringste sittliche
Fessel unertrglich war. Binnen zwei Stunden waren die Anordnungen gemacht, und
ich nahm von den Kindern und Hausgenossen Abschied. Sedlaczech kam mir
frchterlich verndert vor, fast entstellt. Ich hatte es schon bemerkt in diesen
letzten Wochen; aber nie so wie heut.
    Erkranken Sie nur nicht in meiner Abwesenheit, Meister! sprach ich
beklommen.
    Wann kehren Sie zurck? fragte er hastig.
    Das kann ich nicht bestimmen.
    Knnen Sie bestimmen, da Sie berhaupt zurckkehren werden?
    Ja! wenn ich nicht sterbe.
    Halten Sie es nicht fr besser sich mit Graf Astrau zu vershnen? sagte er
noch hastiger, noch murmelnder, wie Jemand der sich mit Ueberwindung eines
Auftrags entledigt.
    Hat Graf Astrau Sie um seine Frsprache ersucht? fragte ich und ein
unbeschreibliches Gemisch von Zorn und Trauer quoll in meiner Brust auf.
    Nein, sagte er verlegen.
    Nun, lieber Meister, dann haben Sie eine Gehirnentzndung! lassen Sie mich
bei meiner Heimkehr Sie genesen finden, sprach ich und gab ihm meine Hand, die
er nach seiner Weise drckte und gefat sagte:
    Jezt hoff' ich es.
    Ich stieg in den Wagen und Astrau setzte sich zu mir. Sein erstes Wort war:
    Leugnest Du noch immer da Herr Sedlaczech Dich anbetet?
    Ich habe das nie geleugnet! sagte ich gefat; denn als ich diese Frage
stellen hrte war es mir unmglich eine andre Antwort zu geben.
    Und das rhrt Dich nicht? fragte er, immer in einem halbspttelnden Ton,
der mich verletzte.
    Lassen wir die Geheimnisse meines Herzens so unberhrt als die des Deinen,
entgegnete ich eiskalt, umsomehr da sie fr Dich nur Nebensache sein knnen! die
Hauptsache ist fr Dich .... mein Vermgen.
    Ich finde Dich sehr undankbar, da Du meine Entsagung nicht anerkennst.
    Es wurde mir schwer nicht zu lcheln als ich sprach:
    Ich will glauben da Du gromthig sein kannst! - Uebrigens bin ich nur
gerecht gegen Dich und mich wenn ich behaupte da Du es in diesem Fall nicht
bist. Ich bin Dir gnzlich gleichgltig! um mich zu gewinnen hattest Du Dich in
eine knstliche Wrme hinein gearbeitet, die genau in dem Augenblick verdampft
war, als Du Dein Ziel erreichtest. Meine Eitelkeit knnte sich dadurch verletzt
fhlen - allein ich habe ja eine hnliche Schuld gegen Dich begangen - so sind
wir quitt. Es wrde Dir ebenso unmglich sein Liebe fr mich zu erzwingen, als
mir - sie zu erwiedern. Es giebt Frauen deren Widerstand lockend ist, weil
Trotz, Scheu, Eigensinn, kurz etwas Positives ihn begrndet. Aber meine
unendliche Gleichgltigkeit ist ganz negativ und wirkt demnach nur lhmend auf
Dich. Und jezt la uns von Deinen Geschften reden.
    Meerweib! Amphibie! froide raisonneuse! rief Otbert mit knstlichem Zorn,
Du machst einem Mann das Blut in den Adern gefrieren! mir graut vor Dir!
    Da Du mir das Alles schon Einmal oder ein Paarmal gesagt hast, so begreif'
ich nicht warum Du nach Engelau gekommen bist.
    Weil ich hofte Dich verndert zu finden.
    In diesem Kreislauf bewegte er sich. Die Reise ging rasch durch Tag und
Nacht vorwrts. Ich fand meinen Schwiegervater noch am Leben; ein Fieber zehrte
ihn auf, aber er war bei voller Besinnung, und sagte mir den Inhalt seines
Testamentes, das ganz zu Benvenutas Gunsten war und ihr fr dies enorme Vermgen
Vormnder bestimmte.
    Ich kenne Dich, und wute da ich Dir durch diese Bestimmung nur eine Last
abnahm, sprach er freundlich.
    Astrau zu sehen, was dieser sehr wnschte - Gott wei warum! - kostete ihn
Ueberwindung.
    Ein schlechter Nachfolger unsers guten Paul! sagte er spter. La Dich
scheiden, arme Sibylle.
    Dieser Rath war fast sein letztes Wort. Er entschlief vor Erschpfung. - - -
    Astrau war ebenso unzufrieden mit dem Testament als ich zufrieden. Bei den
Geschftserrterungen die jezt mehrfach zur Sprache kamen, drang ich denn auch
auf die seinigen, und fand die Angaben des Kammerdieners besttigt. Ich erklrte
ihm ich sei bereit diesmal seine Schulden zu bezahlen, aber auch entschlossen
mich fr die Zukunft gegen eine hnliche Zumuthung zu verwahren. Was kmmerte
ihn die Zukunft! war er doch fr die Gegenwart wieder frei. - Natrlich nahm er
die Sache auf als geschhe mir der grte Gefallen durch seine Abreise nach
Paris, die er ersehnte; und als lasse er mir Astralis aus besonderen Rcksichten
fr Arabella, die mich zu ewiger Dankbarkeit im Namen meiner Freundin
verpflichteten. Mit der grten Klte trennten wir uns. Ich fhlte mich
grenzenlos gedemthigt an einen Mann geschmiedet zu sein, dem ich ein
uerliches Interesse widmen mute ohne ihn zu achten oder zu lieben. Ach die
ewige Fessel - dies Wort der Bethrung welches Arabella einst mir zuwarf, wie
seltsam hatte es sich bewhrt! nicht um Otbert - nein! .... um mich selbst hatte
ich sie geschlungen! - Und was war das fr ein unbegreiflicher Einfall von
Sedlaczech ich solle sie noch fester ziehen .... von ihm der mich anbetete. - -
    Nun ja, ich wute es! Otbert hatte es ausgesprochen und seitdem sprach auch
ich es aus! aber ich hatte es schon lnger gewut, ohne bestimmen zu knnen
wann, wie, wodurch. Meine Mathematik lie mich hier im Stich, und ohne ihre
Hlfe wute ich da Sedlaczech mich anbete - lange, o schon sehr lange!
vielleicht - immer! Welch eine Labung lag in dem Gedanken - immer! gleich war es
mir als baue sich am heien, leeren, bestaubten Lebenswege ein Kapellchen auf
und ein mchtiger Baum breite seine grnen khlen Aeste schattig darber aus.
Auf diesem Pltzchen voll himmlischer Andacht und voll irdischem Wolbehagen war
es zugleich selig und s zu ruhen, und wie das Loretto-Huschen von Engeln
getragen schwebte es mir vor und winkte mir als holdselige Freistatt in die ich
von der den langweiligen Landstrae fliehen durfte. Solch ein reizendes Bild
zauberte mir das arme kleine Wort immer herauf. Wol strubten sich meine
Erfahrungen und Zweifel dagegen! .... was half es? - wie heilig lag die Kapelle
da! wie frhlingslieblich wehten die grnen Zweige in denen die Vgel sangen und
die Morgenlfte rauschten und die Goldfunken der Abendsonne blitzten! - - -
    In dieser Stimmung kehrte ich nach Engelau zurck! Freudig wre ich wol
stets empfangen worden; jezt wurd' ich es doppelt da ich allein kam. Obzwar
Keiner mir diesen Grund sagen konnte, fhlte ich ihn dennoch bei Allen im
Hinterhalt. Sedlaczech sah verklrt aus vor innerem Jubel.
    Ich habe nicht geahnt da Sie sich so freuen knnten, lieber Meister!
sagte ich.
    Ach, ich bitte um Verzeihung! entgegnete er und in seinem Blick, seiner
Stimme, seiner Bewegung erlosch urpltzlich das Freudenlicht. Er war wieder der
stille verschlossene khle Mensch als den er sich gewhnlich zeigte.
    Das Leben ging alsbald wieder fort im gewohnten Gleis der kleinen Pflichten
und der friedlichen Beschftigungen. Der Todesfall meines Schwiegervaters und
Astraus Erscheinung hatten keinen umgestaltenden Nachhall. Die Musik trat wieder
in ihre frheren Rechte. Ich erklrte, nachdem wir uns bis dahin dem
Kirchengesang der Alten gewidmet htten, wrde ich in diesem Winter nichts
singen als Compositionen von Sedlaczech, und er mute seine Psalme und seine
Pastoralmesse vierstimmig fr uns setzen. Seine Musik war gleich seiner Seele:
ernst und geheimnivoll wie ein Dom, der die Klagen, Kmpfe, Schmerzen und
Aengste des gesamten Menschengeschlechts wiederhallt. Nur die Feier der Heiligen
Nacht machte eine Ausnahme: wie eine himmlische Vision von Fra Angelico kam sie
mir vor. Der ganze Himmel mit seinen Engeln, Glorien und Paradiesen fnete sich
ber der Erdennacht der Welt und der Seele, die mit mystisch seligem Schauer die
Offenbarung der Liebe empfing. Das Halleluja das am Schlu die Hirten, die
Magier und die Knige sangen - die Armuth die Weisheit und die Macht! - und in
das die Engel wie aus seliger ferner Hhe herab einstimmten, war ein Meisterwerk
der Idee wie der Ausfhrung nach. Sedlaczech componirte den Text immer selbst,
immer lateinisch und mglichst bibeltreu, und die feierliche majesttische
Sprache, die man nie in einer Opernarie, nie in einer Chansonette, Romanze oder
Bolero gehrt, verstrkte den religisen Eindruck auerordentlich indem sie die
Ausdrucksweise beseitigte, welche profane Gedanken mit sich bringen. Diese
Vigilie der Heiligen Nacht wurde unser Aller Lieblingsmusik.
    Wo ist Ihnen diese Vision aufgegangen, Fidelis? fragte ich ihn eines
Morgens als wir allein im Musikzimmer waren.
    In Venedig, sagte er.
    In Venedig? als wir zusammen dort waren?
    Ja! aber erst in Rom wurde sie mir klar genug um sich in Tnen fassen zu
lassen. Bis dahin .... umrauschte mich ein melodischer Strom, dem keine
Einzelheiten abzugewinnen waren.
    Es mte von hohem Interesse sein zu erfahren wo und wie die Ideenkeime
groer Kunstwerke oder groer Thaten sich einer Seele bemeistert haben. Es mte
uns wichtige psychologische Aufschlsse geben.
    Und wrde uns zu tausend Trugschlssen veranlassen! rief er lebhaft. Der
Geist Gottes, der alles gute, edle und schne Thun hervorruft, weht wo er will
und meistens ohne irdische Spuren. Wir knnen ihn nicht locken, nicht bannen;
nur ihm folgen! aber am wenigsten ihn zersetzen.
    O Fidelis! rief ich mit einem jener Ausbrche von Schmerz die mich zuweilen
berwltigten - wenn ich Sie sehe und hre - fest, klar, eins mit sich selbst,
nicht forschend, grbelnd, deutelnd, Ihre Krfte verschwendend, sondern sie
sammelnd zum bewuten Ziel - sehen Sie, Fidelis! so komme ich mir vor wie jene
unseligen Adepten der vergangenen Jahrhunderte, welche grade wie ich das
unbekannte Gut suchten und darber das bekannte verloren. Schtze von Gold und
Diamanten warfen sie besinnungslos in den verlockenden Schmelztiegel! - Freuden,
Pflichten, Gesundheit, ja sogar Vernunft und Leben, opferten sie dem Wahn ihrer
Goldmacherei! In Rauch lsten sich die Herrlichkeiten auf, oder schrumpften ber
dem schmelzenden Feuer und durch die zersetzenden chemischen Versuche zu
Materien ein, welche ihren Erwartungen durchaus nicht entsprachen. Aber das
Alles strte nicht den Reiz der Alchymie, nicht die rastlosen, verzehrenden
Anstrengungen um den Stein der Weisen zu entdecken, der die Schtze der Erde und
das Geheimni des Lebens verlieh. Ich bin ein solcher Adept - nur nicht fr
irdische Dinge! die himmlischen Gter mgte ich unermelich und unendlich
besitzen!
    So wenden Sie sich mit Hingebung, aber nicht mit Fragen denselben zu.
    Der Rath ist gut - nur kann ich ihn nicht befolgen! meine Seele ist auf die
Frage gestellt.
    So entschlieen Sie sich .... zu leiden.
    Geh unter, weil du nicht schwimmen kannst! - o wie oft hab' ich so zu mir
gesprochen! - sagte ich und bittere Thrnen traten mir in die Augen.
    Ich sage nicht: Geh unter! ich sage: Kmpfe!
    Aber wofr denn? aber weshalb denn? rief ich in Verzweiflung. O Fidelis!
Sie haben so recht die starre Klte der Glcklichen! ein frommer Mensch sind Sie
und ein groer Knstler .... doch kein Freund, denn Sie geben mich gleichgltig
auf.
    Ich verstummte weil er pltzlich vom Flgel aufsprang und in heftigster
Bewegung etwas entgegnen wollte. Aber mit ungeheurer Selbstberwindung fate er
sich, schwieg, setzte sich wieder und spielte den Trauermarsch aus Hndels
Samson, der fr den todten Helden erklingt. Als er ihn durchgespielt sagte er:
    Sie wissen wol da ich Ihr Freund bin.
    Ich kann's nicht beschreiben, nicht einmal andeuten welch einen
erschtternden Eindruck er auf mich machte! Er frchtet in mir eine Dalila; -
dieser Gedanke erfllte pltzlich meine ganze Seele; - und er will sich gegen
sie waffnen und wird gewaffnet bleiben. Ich htte diesen Willen ehren sollen.
Ich wei auch da alle Frauen Zeter! ber mich schreien werden, weil ich es
nicht that; da sie sagen werden: Also doch Koketterie, trotz all der Klte! -
Aber ich wei ebenfalls da sie Alle es ebenso gemacht haben wrden wie ich, nur
vielleicht aus andern Motiven. Ich dachte: mein Gott! wenn der Mann dich liebte,
so lange, so immer .... das wre doch eine Vershnung mit dem Unbestand des
Lebens, eine Errettung aus dieser Leichengruft des ewigen Zweifels! - Und dachte
ich ferner: Wenn er dich liebt - was wirst du thun? - so war nie die Antwort:
Ihn wieder lieben! - sondern immer: Ihm danken, o Gott! danken, wie man fr das
Leben - wie das Geschpf dem Schpfer dankt. - - - Ach! als ob die Liebe sich
mit einem auch noch so glhenden Dank begngen knnte! als ob sie nicht
verkmmern oder verzweifeln mu wenn sie nicht volle Erwiderung findet!
    Seiner einfachen ernsten Antwort entgegnete ich an jenem Morgen nichts; aber
er kam mir vor strker als Simson, den er wie seinen Schutzpatron anrief, und es
regte sich in mir etwas von jener diabolischen Neugier der Eva, welche um jeden
Preis Dasjenige wissen will, was eine hhere Macht vor ihr verbirgt. Indessen
imponirte er mir viel zu sehr und es widerstrebte auch meiner Natur zu sehr in
Koketterie ihm gegenber zu verfallen. Ich zeigte ihm eben nur wie sehr ich an
ihm hing, ihm vertraute, auf ihn rechnete, mein Leben mit ihm eingerichtet
hatte; und er nahm das hin mit dem grten Dank, mit dem tiefsten Ernst, wie
Jemand der sich mit seinem Loos zu bescheiden sucht, nicht mehr verlangt noch
erwartet - aber in seinem verschwiegenen Busen und hinter seinen stummen Lippen
eine ganz andre Sehnsucht trgt. Wendete sie sich zu mir? - Ich wute es nicht!
- Oft flsterte mir mein guter Genius zu: La ruhen was ruht! wecke nicht das
Schlummernde! Du hast es jezt besser denn je! halte dich still! - Aber nein!
dagegen stand ein andrer Geist auf und sprach: Im Traum verrinnt dein Dasein und
mit ihm das Glck, das du immer verlangt und nie gefunden nie genossen hast! aus
der elektrischen Berhrung einer starken flammensprhenden und zugleich
tiefgesammelten Seele kann dir eine Metamorphose erblhen: versume das nicht! -
Ueber diesen Zwiespalt fiel ich in Unruh und Beklommenheit, und die wirkte
dermaen auf Sedlaczech, da er in eine weit heftigere gerieth. Etwas fieberhaft
Gespanntes und Aufgeregtes berfiel ihn; endlich hie es er sei krank und knne
nicht sein Zimmer verlassen. Mezzoni sprach von Heimweh, von Abzehrung, von
nordischem Winter: mich berfiel Todesangst bei dem Gedanken er knne abreisen
wollen. Ich schickte ihm den Arzt; der empfahl ihm Ruhe, calmirende Mittel,
Bewegung, Zerstreuung - im Grunde .... nichts! denn es sei keine Gefahr
vorhanden nicht einmal Krankheit. Mezzoni sprach aber immer vom nordischen
Winter, der einen schwchlichen Menschen tdten knne. Ich versicherte ihn
Sedlaczech sei durchaus nicht schwchlich. Er meinte man knne es werden. Das
war richtig. Ich verbrachte einen qualvollen Tag.
    Am nchsten Morgen lie ich Sedlaczech zu mir bitten, wenn's ihm mglich
sei. Er kam; aber er sah geisterhaft aus. Entschlossen fragte ich sogleich das
was ich ahnte:
    Ist's wahr, da Sie nach Italien wollen?
    Ich denke das wird am Besten fr mich sein - entgegnete er nach einer
Pause in der er sich zu dieser Antwort Kraft gesammelt hatte.
    Warten Sie bis zum Frhling, Fidelis, dann wollen wir Alle fort - nach der
Schweiz, nach Italien .... wohin Sie wnschen, bat ich mit Thrnen.
    Mein Wunsch kann keine Richtschnur fr Sie abgeben, theure Grfin! sprach
er sanft.
    O doch! doch! lassen Sie mir die seltne Freude, da ich Ihren Wunsch
erfllen darf! ich habe wenig Menschen, Fidelis, ach! ich mgte sagen keine -
wenigstens keine Freunde, deren Wnsche mein Leben bestimmten. Gnnen Sie mir
doch dies Glck.
    Mein Wunsch ist .... jezt und allein zu gehen! entgegnete er noch sanfter.
    Und fhlen Sie nicht da ich frchterlich allein sein werde, wenn Sie
gehen?
    Nicht so wie ich.
    Da mir ein belebendes und beseelendes Princip fehlen wird, welches die
Nhe eines treuen und verstndnivollen Freundes, der Ihr Herz und Ihren
Charakter hat, in mein hinflliges Wesen bringt?
    Nicht so wie mir.
    Mir war als brche er mit entschloner Hand mein Herz entzwei. Ich wurde
kalt und starr, mein Blut wie Eis, und so sagte ich:
    Wolan, Meister, gehen Sie und .... beten Sie.
    Wenn ich kann, sprach er tonlos.
    O Sie knnen! - beten knnen Sie .... aber nicht lieben, Fidelis!
    Er wich einige Schritte zurck, sah mich fest an und fragte mit einem
furchtbaren Ernst:
    Sie wissen also wirklich nicht da ich Sie liebe?
    Wer beten und glauben kann - der kann auch lieben! - ich wute es,
Fidelis! rief ich und sank auf die Knie, berwltigt von ich wei nicht welcher
Macht, welcher Freude, welcher Angst, welchem innerlichen Jauchzen und Weinen,
das mich mit heiem Dank in den Staub warf.
    Heiliger Gott! was nun? sagte er und prete die gerungenen Hnde gegen
seine Stirn.
    Nun bleiben Sie hier, Fidelis! nun bleiben Sie bei mir, immer - o immer!
immer! sagte ich, stand auf, und ergriff sanft seine Hnde, die ich auseinander
lste indem ich hinzu setzte: Nicht mehr in Qual drfen sie gerungen sein, nur
gefaltet in liebender Andacht, wie sich das fr Sie geziemt.
    Und Sie verzeihen mir? fragte er ganz, ganz leise. Sie kennen meine Gefhle
und nennen sie nicht Thorheit .... nicht Vermessenheit .... nicht Wahnsinn? -
wie ich selbst so viel tausendmal sie genannt! - Sie verbannen mich nicht von
Ihrem Angesicht .... darf ich es glauben?
    Warum wollten Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben zweifeln? sagte ich.
    Weil dies eine Gewiheit sein wrde, welche mich weit .... weit ber alle
Grenzen und Schranken des Daseins hinweg in die Seligkeit heben wrde! .... Weil
es eine Himmelfahrt bei lebendigem Leibe wre! .... - O Sie sehen wol, Sibylle,
da man daran zweifeln mu, so lange man nicht rasend ist.
    Bleiben Sie immer bei mir, Fidelis! entgegnete ich mit unbeschreiblicher
Rhrung. Ich kann's Ihnen nicht sagen wie glcklich Sie mich machen!
    Er sank vor mir nieder mit der nmlichen extatischen Geberde mit der ich
einst im Dom zu Wrzburg ihn auf den Knien gesehen, und dieselbe Ueberflle der
Empfindung stralte von seinem Antlitz aus. Und wie damals meine kindische Seele
- so ward jezt die bewute Seele gleichsam angedonnert von der Ueberlegenheit,
welche die seine ber sie hatte, blos darum .... weil er liebte. Klein und
unwrdig erschien ich mir selbst, und mit unsglicher Trauer sprach ich:
    Fidelis! ich bin Ihrer nicht werth.
    Er hrte nicht auf mich; er blieb in seiner Stellung, nahm meine Hnde und
sagte:
    Ja, ich liebe Sie mit einer Liebe von der ich nicht wei ob sie mir den
Himmel ob die Hlle bringt .... aber ich liebe Sie! - nicht jezt nicht frher,
nicht seit dieser oder jener Zeit .... nein, immer! eingeschreint in meiner
Seele, wortlos, malos, grenzenlos, wie Sie es nie verstehen noch begreifen
knnen, weil Sie nur den Mastab der andern Mnner haben, welche Sie zur
Abwechselung liebten! ich, ohne Wechsel, nur Sie! nur Sie!
    Er sprach beinah flsternd, wie man eben ein Gestndni macht, und doch mit
einem solchen vibrirenden Nachdruck, da mein Herz erbebte, und von diesem Beben
aus ein leises Zittern durch meinen ganzen Krper rieselte. Wenn Geister
unsichtbar an uns vorberschweben, mag ein solcher Schauer die Folge ihrer
unirdischen Nhe sein. Ich sagte:
    Stehen Sie auf, Fidelis! Sie sind auer sich .... und sprechen Sie nicht so
heftig - ich bin nicht daran gewhnt.
    Er stand auf, sank in einen Lehnstuhl und entgegnete fast mitleidig:
    Das glaube ich gern! Arme Sibylle, so wenig sind Sie an die Sprache tiefer,
das Leben durchglhender Empfindung gewhnt, da Sie vor deren Ausdruck
erschrecken .... .... whrend mir kein andrer zu Gebot steht. Und so werden wir
ewig wie auf zwei Planeten fern von einander bleiben, weil uns die unausfllbare
Kluft trennt, welche lieben von nicht lieben scheidet. Ich liebe Sie, ohne jene
Zwischenspiele der Sinne, der Gedanken, der Phantasie, welche alle Menschen mehr
oder weniger mit gutem Gewissen sich erlauben: daher ist meine Liebe von andrer
Kraft, von andrer Sehnsucht, von andrem Schwung, und von einer Intensitt,
welche Vernichtung, Wiedergeburt und ewiges Leben in sich schliet.
    Er hielt immer meine Hand; ich kann nicht sagen da er sie drckte, nein! er
hatte sie nur in der seinen begraben. Seine mchtige, ausgearbeitete,
wunderschne Hand, die ganz Nerv war, hielt mich wie an einem ehernen Anker. Er
kam mir als der Herr meiner Seele vor. Wie der Magnet beim Nordlicht zittern
soll, so zitterte ich .... denn zum ersten Mal in meinem Leben stand ich einer
Leidenschaft gegenber - der Leidenschaft eines Mannes, welcher unangetastet
durch die Welt, die Jugend und den Frhling seines Lebens gewandelt war, und
jezt, in dessen Sommer, mit all' ihren Gewittern und Gluten, mit ihren langen
Sonnentagen und ihren tropischen Sternennchten, mit ihrer unendlichen Flle und
unermelichen Sehnsucht mir entgegen trat. Gott wei welche Himmel sich mir
fneten! Gott wei welch ein Paradies sich vor mir erschlo! Ich werde ihn
lieben! blitzte es wie mit Stralen und Flammen auf mich herab.
    Ich liebe Sie! stammelten die Lippen fast tonlos, fast gedankenlos, als
Echo eines innern Traumes hervor.
    Mit einer elektrischen Vehemenz umschlang mich Fidelis; aber im nmlichen
Augenblick lie er den Arm wie gelhmt sinken und sagte, mir tief ins Auge
sehend:
    Das ist nicht wahr, Sibylle! .... Eine immense Seele .... aber leer!
    Sie wollen mich lieben! rief ich, und zweifeln da jener Strom der
Empfindung, der Sie so reich macht, in meine Brust hinber wallen knne? - da
jene Gluten die in Ihnen flammen in mir ein homogenes Element finden knnen? -
Aber, Fidelis, wogt die Liebe denn so ins Blaue ohne Ziel hinein? erfat und
umschlingt sie nicht ihren Gegenstand mit dem tiefen unabweislichen Bewutsein
ihres Rechts und ihrer Macht, welches in jedem unrsonnirten primitiven Gefhl
liegt? - Ist meine Seele leer, so lieben Sie mich nicht .... sonst mten Sie
darin den Reflex einer Sonne finden. - -
    Er sank zu meinen Fen hin und fand keine Worte mehr. - - - Er blieb. - Das
Leben bekam eine wunderbare Frbung. Ich stelle mir vor da es den Opiumessern
so erscheinen mag .... wie durch einen rosenfarbenen wehenden Schleier! Fidelis
hatte ganz Recht: mir fehlte der Mastab fr seine Empfindungsweise. Mir war
dergleichen nie vorgekommen, nie in mir, nie auer mir. Diese Intensitt der
Leidenschaft, die ein ganzes Menschenleben absorbirte, lie andre Krfte, andre
Gaben, andre Fhigkeiten .... eine andre Organisation voraussetzen.
    Wie sind Sie so ganz anders als die Uebrigen! sagte ich zuweilen mit
ungeheucheltem Erstaunen.
    Ja, ich bin's! sagte er einmal; denn es leben sich Alle in Bruchstcken
ihres Daseins zu Tode, von frhster Jugend an. Das that ich nicht. Von diesen
Tropfen am Nectarbecher des Lebens fhlte ich mich nie angelockt.
    Erzhlen Sie mir den Gang Ihrer innern Entwickelung, Fidelis! ich kenne Sie
so lange, aber immer verschlossen schweigend.
    Schweigend? hab' ich nicht mein Herz in Ihre Hnde gelegt? spricht meine
Seele nicht zu Ihnen in Rhapsodien der Liebeslust und Klage? giet sie nicht
ihre tiefsten, traurigsten, sesten Mysterien in Gedanken und Tnen, in Wort
und Musik, wenn auch nur dithyrambisch vor Ihnen aus? - Was soll ich in der
Vergangenheit whlen? und doch ist sie mir lieb und heilig - denn Sie waren da,
ewig da! als Kind - lieblicher denn alle Kinder, und dann urpltzlich dies Kind
verwandelt in ein Weib, und mir entrckt in jene Ferne und jene Heiligkeit die
es mit der Himmelsknigin theilt - den Regenbogen zu ihren Fen, den
Morgenstern zu ihren Hupten - meinen Sinnen und Gedanken wie meinen Augen
entrckt! und dennoch mit mir in heiliger Gemeinschaft, denn das reinste Band
welches unsre Sinnenwelt mit einer bersinnlichen verknpft - denn die reinsten
Schwingen welche Gott uns gab um zuweilen aus der Region des Staubes in die des
Aethers aufzufliegen - wurden mein Theil! die Kunst nahm mich unter ihren
Sternenmantel und ihre heiligen Gestirne verdeckten mir die Dunkelheit meiner
Wege, und ihre Sphrenmusik verbarg mir die unendliche Oede meiner Tage - bis
allendlich mit einem Accord die Sonne mir aufging und mein Schpfungstag
anbrach.
    Und keine Erinnerung aus der Kindheit senkte ihren balsamischen Thau in
dieses flammende, drstende Herz, mein armer Fidelis?
    O, rief er mit wildem Schmerz, wozu dies Zerwhlen der Vergangenheit,
Sibylle!
    Ich bin eiferschtig, Fidelis.
    So wahr Gott ber uns ist: in meiner Vergangenheit war nur das Weib das
auch in meiner Gegenwart ist, und kein andres, Sibylle.
    Kein andres Weib und keine andre Liebe?
    Das Feuer in seinen Augen, die Farbe auf seinen Wangen, die Bewegung in
seinen Zgen verschwand. Er legte die Arme auf die Lehne des Sophas und den Kopf
auf die Arme indem er langsam die Worte der Apokalypse sprach:
    Ich habe wider dich da du verlssest deine erste Liebe.
    Bei dieser Bewegung schob sein Aermel sich zurck und ich sah da er einen
Goldreif ber dem linken Handgelenk trug.
    Was fr ein Amulet tragen Sie da? fragte ich und berhrte mit dem Finger
den Reif.
    Statt zu antworten reichte er mir die linke Hand; ich betrachtete den Reif.
Zwei Steine bildeten sein Schlo: ein Rubin, warm und glhend wie ein Tropfen
Bluts, und ein wunderschner Saphir, der wie ein Stern oder wie ein Auge
beruhigend daneben lag. Ich wei nicht was fr eine melancholische Symbolik aus
diesen schnen Steinen mich ansprach! ich fragte traurig:
    Also doch ein Abfall, Fidelis?
    Immer noch schweigend richtete er sich auf, zog aus dem Busen an einem
schwarzen Bande ein goldnes Medaillon auf dem jene apokalyptischen Worte
eingegraben waren, und drckte es auf nachdem ich sie gelesen hatte. Ein
liebliches Miniaturbildchen kam zum Vorschein, ein ses Kpfchen berflutet von
blonden Locken und einem schwarzen Schleier, unter welchem zwei gttlich schne
dunkelblaue Augen, tief und stralend wie Saphire mit einem Ausdruck
hervorblickten, der zittern machte - solch eine Glut und solche Schwrmerei
schmolzen in ihrem Feuer zusammen. Ich fand eine unbestimmte Aehnlichkeit mit
Fidelis, ungefhr wie eine Tochter ihrem Vater hnlich sieht.
    Ah Fidelis! es ist also doch ein Weib in Ihrer Vergangenheit! rief ich mit
Schmerz.
    Eine Mutter ist kein Weib, entgegnete er und legte die Hand beruhigend auf
mein Haupt.
    Ich drckte sie dafr an meine Lippen und sagte:
    Ich wei es ja lngst da Du anders bist als wir brigen Menschen, und
dennoch erfllt es mich immer wieder mit Andacht und Rhrung! - Aber erzhle mir
von Deiner Mutter.
    Fidelis verwahrte wieder das Bild im Busen, knpfte sorgsam den Hemdrmel
ber dem Goldreif zu, damit kein profanes Auge seine Reliquien entweihe, und
sagte:
    Von meiner Mutter! .... Ich kannte sie nicht; ich wute nichts von ihr; ich
wuchs auf in dem kleinen Stdtchen Aussig in Bhmen bei meinem Pflegevater der
fr meinen Oheim galt und der Organist an der dortigen Kirche und ein tchtiger
Musiker war. Ich hatte eine wilde selige Kindheit. Ich verbrachte sie mit Musik
und mit Wanderungen durch die romantischliebliche Gegend. Die Kunst und die
Natur, und deren gemeinsame Mutter die Schnheit, theilten seit meinen frhsten
Jahren den Cultus meiner Seele. Es war etwas in mir das Thrnen in mein Auge
trieb und mich auf die Knie warf, wenn ich ergreifende Musik hrte, einem
Sonnenuntergang oder einem Gewitter zusah, oder einen Frhlingsmorgen auf den
grnen, nubaumbeschatteten Abhngen der Ruine Schreckenstein verlebte. Denn
immer trug die Schnheit, welcher Art sie sei, fr mein Auge eine Glorie; sie
war mir heilig. Nie vergesse ich den Moment als ich zum ersten Mal das Kleinod
und den Stolz von Aussig, das Altargemlde von Carlin Dolce sah! Ein kleiner
Madonnenkopf ists im dunkelblauen Schleier. Eine Thr schliet sich sorgsam ber
dem Gemlde, das in einem Schrein von weiem Alabaster wie in einem
Wandschrnkchen ber dem Altar verborgen ist und nur bei groen Festen oder wenn
Reisende und Fremde es begehren, zum Vorschein kommt. Eine fremde Gesellschaft
lie sich das Bild zeigen; ich war aus Neugier ihr gefolgt. Als sich die Thr
aufthat, sank ich auf die Knie, und murmelte andchtig mein Ave Maria! Als ich
fertig war bemerkte ich zu meinem Erstaunen da ich allein kniete, und da eine
lange drre blonde Dame aus der Gesellschaft mich streng und mibilligend ansah.
Ich stand auf und schlich errthend bei Seite, hrte aber wie die Dame mit
scharfer Stimme sagte:
    Bemerktet Ihr den fanatischen Ausdruck des Knaben? ist es nicht unerhrt
da solcher heidnische Gtzendienst in unsrer aufgeklrten Zeit und in unsrer
Nhe noch existirt!
    Es ist sndhaft Kinder fr die Heiligenverehrung dermaen zu fanatisiren,
bemerkte ein fetter Herr mit groer Salbung.
    Obwol ich nur die Worte, nicht den Sinn verstand, machten sie mir einen
starken Eindruck. Spter sind sie mir oft eingefallen. Gtzendienst ist: wenn
die Form statt der Idee angebetet wird, wenn die Formel mehr gilt als der
Inhalt, wenn die verkncherte Gestalt ohne Geist jene Huldigungen empfngt,
welche ihm gebhren. Demnach trieb ich damals keinen Gtzendienst.
    Meine Pflegemutter, eine sanfte zrtliche Seele, und mein Pflegevater ein
rechtschaffner warmherziger Mann, waren beide wahrhaft fromm und erzogen mich in
wahrer, inniger Andacht und Liebe zu unsrer heiligen Kirche. Was in ihnen milde
erquickende Frmmigkeit war, wurde in mir, zufolge meiner wilden schwrmerischen
Natur, flammender Glaube, inbrnstige Andacht. Dies religise Element entsprach
vollkommen der Richtung und dem Bedrfni meiner Seele, und die Pflegeeltern
nhrten es sorgsam in mir. Sie hatten keine Kinder und liebten mich zrtlich,
verwhnten mich weit ber meinen Stand, hatten unbegreifliche Nachsicht mit mir.
Ich sollte in die Schule gehen; ich that es nicht, es langweilte mich so sehr -
der pedantische Lehrer, die gedankenlose Bubenschaar, die kahlen Wnde der
Schulstube, diese grlichen braunen Bnke und Tische! - Menschen und Dinge
kamen mir so unerhrt hlich vor, und drauen die Sonne, die Berge, der Flu,
die Vgel, die Schmetterlinge - ach Alles! so schn, so wunderschn! - Lesen
hatte ich frh bei der Pflegemutter gelernt, der Legenden wegen die ich zu lesen
wnschte, weil sie nicht immer Zeit hatte sie mir zu erzhlen. Auch rechnen
lernte ich bei ihr um ihr behlflich zu sein bei den Wirthschaftsrechnungen, die
der Vater nicht immer correct finden wollte. Bis zum schreiben bracht' ich es
endlich auch noch - hauptschlich durch den Gedanken angefeuert, Noten copiren
und den Text darunter setzen zu knnen. Weiter nichts! freilich auch Clavier-
Orgel- und Geigenspiel und den Generalba; aber in der Schule galt das nichts,
sondern ich fr einen dummen und trgen Buben. Es liefen Klagen ber mich ein;
doch die Eltern meinten das msse Schuld der Lehrer sein, denn Alles was sie
mich lehrten lerne ich mit Flei, Ausdauer und Geschick. Es machte sich endlich
so, da ich im Winter mit Leidenschaft die Musik trieb, so da ich ganz mager
und abgezehrt wurde, und im Sommer mich davon erholte, meine Krfte bte und
meine Nerven sthlte, indem ich wiederum mit Leidenschaft in Berg und Thal,
stromauf, stromab umherschweifte. Tagelang blieb ich fort! nach Tetschen
pilgerte ich, und nach Teplitz. Einmal durchwanderte ich die schsische Schweiz;
auf Prebisch-Thor hatte ich ein furchtbares Gewitter; - in Schandau gesellte ich
mich zu bhmischen Musikanten und setzte die ganze Bande durch mein Geigenspiel
in Erstaunen. Liebe Erinnerungen - das! Geld hatte ich nicht viel auf meinen
Wanderungen. Der Vater schenkte mir nie Geld: ich mute es mir mit
Notenschreiben verdienen; aber die Mutter gab mir zuweilen ein blankes
Fnfkreuzerstck. Damit zog ich ins Weite. Sie sorgten auch nie um mich! sie
hatten Vertrauen zu mir und ich rechtfertigte es. Ich kehrte heim an dem Tage,
zu der Stunde, die ich ihnen vorher bestimmt hatte. Aber ich selbst lie mir
nichts vorschreiben! es mute Alles nach meinem Willen gehen, jedoch blieb ich
meinem einmal gegebenen Wort mit einer unerschtterlichen Festigkeit treu. Die
Freunde und Nachbarn sprachen zuweilen ihr Erstaunen gegen meine Pflegeltern
ber meine seltsame Art aus, und fragten was aus mir werden solle. Dann sagte
die Mutter immer mit unbeschreiblicher Zrtlichkeit: Was Gott will! und der
Vater meinte: Ein tchtiger Musiker.
    Zu Letzterem war ich fest entschlossen. Musik! Musik! ich begriff nichts
Anderes, und begriff auch sie wiederum in meiner Weise. Die Seele welche ich der
Natur und dem Weltall lieh, sprach zu mir in Musik. Ich hrte Musik auf den
Wellen der Elbe, im Rauschen der Bume, im Summen der Insecten - Musik am hohen
heien Sommermittag wenn tiefe Stille und Schwle ber der Natur brtete - Musik
an Winterabenden wenn der Sturm pfeifend und sausend wie ein ungestmer Eroberer
daher tobte - Musik in lauen Frhlingsnchten wenn ein ser wilder Schauer wie
ein trumerisches Erwachen der Leidenschaft, wie ein therischer, entzndender
Ku, die Natur durchrieselte. Die Berge hatten eine Stimme fr mich; sie hie
Musik. Ja die Sterne wandelten fr mich am Firmament im harmonischen Reigen
einher, und ich hrte Musik wenn ich zu ihnen emporsah. Aber gleichsam nach
Innen mute ich lauschen um all jene Musik zu verstehen. Meine Seele mute jene
ungeheuern Harmonien in sich aufnehmen und verarbeiten, und sie mir dann in ihre
Sprache bersetzt mittheilen. Mein Pflegevater rieth mir meine musikalischen
Gedanken aufzuschreiben; ich that es auch nach den Regeln der Composition, die
ich fleiig bei ihm studirte. Doch das waren schwache, matte Exercitien, und
fand sich einmal eine musikalische Idee dazwischen, so war sie nichts als eine
Reminiscenz. Die kleine kindische Seele hrte nur die gewaltigen Schwingen des
Genius der Musik um sich rauschen und klingen; sie zeigte nur Verstndni, nur
Befhigung. Die Schpferkraft liegt nicht in der Sphre der Kindheit. Unsinn ist
es sie von ihr zu erwarten, Missethat - sie erzwingen zu wollen. Wer nicht mit
sich selbst gerungen hat, kann auch nicht mit dem Genius ringen, ihn bannen, ihn
zu Red' und Antwort zwingen, ihm das Zauberwort ablocken wodurch er seinen
Gebilden die Weihe ertheilt, und welches er nicht auf die erste Bitte und an den
Ersten Besten verschwendet. Wer bestimmt ist die Weihe zu empfangen mu andre
Wege gehen als die Talentvollen, die Begabten, welche bei ihrem ersten
Erscheinen ein Paar Rosen um sich her streuen und dann mit leeren Hnden weiter
ziehen. Ihn mu eine Gttin, die einzige, die ewige Gttin alles Lebens und
alles Seins, die Liebe, in ihre Arme nehmen und an ihrem Busen mu sie ihn gro
ziehen und nhren mit zwei Quellen die ewig strmen: mit Schmerzen und mit
Meditationen. - - Ich lebte bis zu meinem fnfzehnten Jahr unbndig, seelig und
phantastisch dahin.
    Da trat eine vollstndige Revolution ein. Mein Pflegevater und mein
Beichtvater, Pater Melchior, verkndeten mir: ich sei fr den geistlichen Stand
bestimmt. Dabei kam es fr mich zum ersten Mal klar und deutlich zur Sprache,
da meine geliebten und geehrten Pflegeltern eigentlich gar nicht mit mir
verwandt waren. Ich wei nicht welche von diesen beiden Nachrichten mich tiefer
erschtterte. Nur das wei ich, da ich auf der Stelle in mir selbst sprach:
Beides gilt mir nichts! ich werde nicht Geistlicher und ich bleibe ihr Kind! -
Mit herzzerreiendem Schmerz strzte ich zu meiner Pflegemutter. Ich schrie, ich
weinte, ich schluchzte: ich sei ihr Sohn, ich wolle es bleiben; sie solle nicht
leiden da man mich ihr raube! und Geistlicher wolle ich nicht werden, sondern
Musiker. Sie suchte mich zu beschwichtigen indem sie mit mir weinte und mit
Liebkosungen mich trstete: ich sei ihr Fidelis; wenn nicht ihr Sohn .... doch
immer und ewig ihr herzeigener Fidelis! sie habe mich gro gezogen an ihrer
Brust! Gott habe ihren Sohn zu sich genommen und dafr mich in ihre Arme gelegt,
und so viel Thrnen habe sie geweint um seinen Tod und um mein Leben, da etwas
ebenso Heiliges als die Mutterliebe fr mich daraus zusammengeschmolzen sei.
    Nun so rette mich, Mutter, rette mich von dem geistlichen Stande! flehte
ich.
    Deine Mutter hat es so bestimmt, Fidelis! entgegnete sie sanft und
traurig.
    Ich war wie wahnsinnig. Was ist das fr eine Mutter die mich erst ins Leben
gestoen hat und mich nun in den Tod .... in mehr als den Tod! stoen will. Ich
wei von keiner Mutter! schrie ich.
    Mein Pflegevater sprach mir mit Ernst zu; Pater Melchior mit linder Gte.
Ich lie mir auch all ihre Ermahnungen und Trstungen gefallen; gingen sie aber
auf den fraglichen Gegenstand ber, so geberdete ich mich wie ein junges Pferd
auf den Steppen der Ukraine, das eingefangen werden soll. Ich, lernen? ich,
studiren? ich, ein heiliges Amt regelmig verwalten und es nie verlassen? ich,
im geistlichen Gehorsam meinen Obern mich unterwerfen? thun, treiben, denken,
lehren, wie sie gebieten? - Nimmermehr! Ich wollte in die Welt.
    Ich will ja nichts Bses und nichts Verbotenes in der Welt thun! - aber ich
will und mu in die Welt, sagte ich so recht in kindischer Weise; - und wenn mir
das nicht erlaubt wird, so laufe ich heimlich fort.
    Mein Entschlu schien so fest, da man mir Ruhe gnnte. Allein nach kurzer
Zeit kndigte Pater Melchior mir an ich solle ihn nach Prag begleiten, wo man
mich zu sehen und zu sprechen wnsche. Abermaliger, heftiger Widerstand, der
doch zulezt berwunden ward! whrend dieses Kampfes bildete sich mein Entschlu
fest aus die Flucht zu ergreifen, wenn mir keine andre Rettung brig bliebe. Das
machte mich ruhig, und ich fuhr mit Pater Melchior nach Prag, erwartungsvoll
aber gewappnet.
    Dort geleitete er mich in ein ernstes stilles alterthmliches Gebude,
dessen Pforte sich uns geheimnivoll fnete; dann ber einen einsamen Hof, durch
lange hallende de Gnge, in ein dstres, unschnes Gemach: ich stand im
Sprachzimmer eines Klosters. Ich fhlte mich einer Ohnmacht nah: die Luft war so
beklommen .... die Wnde so dunkel .... und das Gitter, das frchterliche Gitter
und der braune Vorhang hinter demselben erfllten mich mit Vorstellungen von
Kerker und Grab.
    Wenn ich hier eingesperrt werden soll, so renne ich mit dem Kopf gegen die
Mauer! sagte ich fassungslos zum frommen Pater Melchior, der sanft entgegnete:
    Was fllt Dir ein, Fidelis! Hier lebt Deine Mutter und sie wnscht Dich zu
sehen.
    Indem rauschten schleppende Gewnder jenseits des Gitters, der Vorhang wurde
zurckgezogen, und eine Klosterfrau in der Ordenstracht der Karmeliterinnen
stand mir gegenber.
    Hier ist Fidelis, sagte der Pater.
    Sie neigte ihr Haupt zum Gru, zum Dank, und er verlie das Sprachzimmer. So
wie ich diese Frau sah flog meine Seele ihr entgegen und ich liebte sie. Ich
strzte wie zerschmettert am Sprachgitter nieder, ich rang die Hnde, ich
breitete meine Arme gegen die starren Eisenstbe aus und stammelte schluchzend,
athemlos:
    O meine Mutter .... Du meine wahre, meine wirkliche Mutter - wie lieb' ich
Dich!
    Welch ein Antlitz schaute auf mich herab! Sibylle, dies holde kleine Gemlde
entzckt Sie und spricht Sie an wie ein verkrperter Sonnenstral. Nun stellen
Sie sich vor da dies himmlische Wesen durch ein Luterungsfeuer nach dem andern
hindurch gewandelt, nicht verzehrt sondern verklrt davon geworden ist, und
endlich wie von einem andern Gestirn, und aus einem andern Licht auf uns
herabschaut: so war sie.
    Fidelis! sagte sie und immer wieder und wieder: Fidelis! - und mit ihrem
zarten Finger durch das Gitter schlpfend berhrte sie segnend meine Stirn, und
zrtlich meine Wange, mein Haar; und dann faltete sie ihre Hnde, die aus den
dunkelbraunen weiten Aermeln ihres Ordenskleides wei heilig und rein wie
Taubenflgel hervor leuchteten und sagte: In Deine Hnde, o Herr! befehl' ich
ihn.
    O Sibylle! ganz unirdisch sah sie dazu aus! solche Augen hat man nicht in
der Welt! solche Augen sind der Spiegel einer hheren - und hhere Gestalten
wandeln stralend an ihnen vorber, und ihr Wiederschein wirft noch eine
Verklrung auf uns herab. Und diese Stirn! sie mute Kronen getragen haben, um
durch die Wolken von Schmerz und den Schleier der Entsagung hindurch noch in
solcher Majestt zu stralen. Ganz bewildert von extatischer Liebe rief ich:
    O Mutter wer bist Du? wo kommst Du her? bist Du eine Heilige oder eine
Knigin? - -
    Ich bin eine groe Snderin, sagte sie mit gelassener heiliger Demuth;
allein ich vertraue Dem, der in die Welt gekommen ist um die Snder zu erretten
und nicht die Gerechten - zu Dem ich flehe Tag und Nacht in heien Gebeten, da
er eine Leuchte sei auf Deinem Pfade, Dich zu sich ziehe in Israels ewige
Htten, und die Versuchung und den Fall von Dir abwende .... in die ich gestrzt
bin. Ich lebe fr dies Gebet und fr dessen Erfllung.
    Ich verstand sie nicht recht; allein ich hrte nichts als Musik, und mein
Herz pochte vor Freuden da sie fr mich bete.
    O meine Mutter! sagte ich, Dein Gebet ist wie der Schild des Erzengels ber
mir: er beschirmt mich in allen Gefahren der Welt.
    Thrichtes Kind! erwiderte sie, Du weit nicht, was Du sprichst! Du hast
noch keine Vorstellung von den Gefahren, welche Dir drohen, grade Dir, mit
Deiner .... ach, mit meiner Seele! - und vor denen es keine Rettung giebt als
Flucht - Flucht zu den Altren des Heils. Wende Dich zu ihnen, Fidelis, und ab
von der Welt! tritt in den Dienst der heiligen Kirche, weihe Dich den gttlichen
Dingen und bringe Deine Seele dar im ununterbrochenen Opfer.
    Ich will auch meine Seele im Opfer darbringen, rief ich, sie soll nicht
verloren gehen! glaube mir, meine Mutter! aber ich mu frei bleiben! ich kann
nicht studiren, kann nicht lernen und nicht lehren - ich mgte lieber sterben,
als Priester werden.
    Thrichtes Kind! wiederholte sie kopfschttelnd.
    Ja! rief ich in einem Paroxismus von Todesangst; ich werde sterben wenn man
mich gegen meinen Willen zum Priesterstande zwingt. Ich will in die Welt .... in
die schne freie weite herrliche Gotteswelt! ich will mir mein Brot verdienen!
ich will so brav, so rechtschaffen, so fromm werden, da Dein Herz, meine
Mutter, keine Sorge um mich haben soll .... aber Priester kann ich nicht werden!
ich kann nicht! ich kann nicht!
    Niemand zwingt Dich zu Deinem Heil, Fidelis! entgegnete sie resignirt und
melancholisch. Du bist noch nicht reif zur Erkenntni dessen was dem Menschen
Noth thut: da wnschte ich da Gott durch meine schwache Stimme Dich derselben
entgegen fhrte. Aber Du willst sie nicht hren .... vielleicht kannst Du sie
nicht hren .... Du bist noch so sehr jung! - - Wir wollen warten, Fidelis! die
Gnade kommt zuweilen in einer Nacht, und ich bete da Du derselben mgest wrdig
befunden werden. Der Herr sei mit Dir! fgte sie mit unaussprechlicher
Zrtlichkeit in Blick und Ton hinzu, berhrte wieder meine Stirn und verschwand
hinter dem zusammenrauschenden Vorhang.
    Ich blieb noch eine Zeitlang allein in einem Mittelzustand von Betubung und
Berauschung; dann erschien Pater Melchior, dem ich den Schlu meines Gesprchs
mittheilte, welchen er seinerseits besttigte; - und noch am Abend desselben
Tages saen wir wieder auf dem Postwagen von Aussig. Ich - selig! denn ich hatte
meine Mutter gefunden und meine Unabhngigkeit gerettet. Schner denn je kam mir
die Erde vor, namenlos herrlich Prag, das mir aus lauter Kirchen und Palsten zu
bestehen schien und das ich zu meinem Leid so schnell verlassen mute. Und dies
war doch nur Prag! wie mute erst Wien sein, unsre Kaiserstadt, wo Beethoven
lebte! oder gar London, wo Hndel gelebt hatte und wo er sein Grabmal in der
Westminster-Kirche zwischen Englands gresten und hchsten Mnnern hatte - er,
ein deutscher Musiker! - Tausend phantastische Bilder liefen mir durch den Kopf,
und nur ein Gedanke stand unwandelbar fest in ihm: ich wollte tchtig und gro
werden! meine Mutter sollte nicht umsonst fr mich beten! - -
    Mit rhrender Liebe empfingen mich meine Pflegeltern, hrten meine Erzhlung
und den Ausspruch Pater Melchiors:
    Wir warten auf die Vocation.
    Da wird gewartet bis in die Ewigkeit! flsterte ich ins Ohr der
Pflegemutter und zog sie hinaus um sie mit Fragen ber meine Mutter zu bestrmen
- zwischen denen mir denn auch einfiel, da ich gleichfalls einen Vater haben
msse, und wer und was und wo der sei? Auf die ersten Fragen entgegnete meine
Pflegemutter nur Liebes, Gutes, Schnes - aber stets ganz unbestimmt; auf die
letzten sehr bestimmt, fast hart, wie ich sie nie gehrt:
    Von dem wei ich nichts, und Niemand wei von ihm! - Armes Kind, Du lebst
durch seine Snde.
    Einen furchtbaren Eindruck machten mir diese Worte und dieser Ton auf den
Lippen meiner guten zrtlichen Pflegemutter.
    O! rief ich, was hab' ich fr ein verfluchtes Dasein! der Vater sndhaft
und unbekannt, die Mutter im Kloster bend! knnt' ich doch lieber sterben als
solchen Gram und solche Schmach mit mir herumtragen! .... - -
    Sprich nicht so, Fidelis! unterbrach sie mich liebevoll. Wie Du geboren
bist - dafr hast Du nicht Rechenschaft abzulegen. Wie Du lebst - dafr, mein
Kind! Sind Andre schwach gewesen, so nimm es Dir zur Warnung und sei um desto
strker; sind sie gefallen, so hte Dich zu straucheln; haben sie gesndigt, so
bleibe Du gottgefllig und gottgetreu.
    Wie Morgenthau nach einer versengenden schwlen Sommernacht fielen diese
guten klaren Worte in mein Herz und beschwichtigten die Extasen welche dasselbe
neben meiner Mutter und bei dem Gedanken an sie durchzitterten. Ich legte meine
beiden Hnde auf ihre Schultern, sah dankbar in ihre unaussprechlich guten Augen
und sagte:
    Mutter! Du bist meine Mutter, Du verstehst, Du trstest, Du belehrst mich,
Du weit wie mir zu Muth ist! sie wei es gar nicht, die betende bende Heilige
hinter ihrem Kerkergitter - aber .... ich liebe sie doch!
    Liebe sie, Fidelis, ich gnne es ihr und Dir! sagte meine Pflegemutter.
    Mit grenzenlosem Eifer gab ich mich fortan dem Studium und der praktischen
Uebung der Musik hin. Sie war meine Vocation und in jeder Weise wollt' ich mich
fr sie ausbilden. Da ich mir durch sie nicht blos den zuknftigen Ruhm -
sondern fr nherliegende Zeiten auch Unterhalt und Fortkommen verschaffen
mute, so versuchte ich Unterricht zu geben - und auch das gelang. Mein
Pflegevater war karg mit Lob; aber er mute mich loben. Mein Talent begann sich
zu emancipiren, selbstndig zu werden. So jung ich war hatte ich doch schon
einen unwandelbaren Entschlu gefat und eine bestimmte Richtung ergriffen: das
ist die Basis aller Selbstndigkeit. Mein rastloser Flei und meine geliebten
Arbeiten brachten mich ber die unruhvolle Epoche des Eintritts in die
Jnglingsjahre hinweg. All die drngenden ghrenden Krfte brauchte ich als
Sporn fr meinen Eifer, als Strkung fr meinen Willen. Wie im Sturm ward ich
vorwrts getrieben.
    Mit Pater Melchior hatte ich hufige, lange Gesprche an denen ich
aufrichtige Freude hatte, sobald sie sich nicht meinem in Frage stehenden
geistlichen Beruf zuwendeten, was immer seltner geschah. Ich war nicht blos
religis, sondern durch und durch glubig. Mit inbrnstiger Andacht hing ich an
den Lehren der Kirche, und sie selbst, diese heilige Kirche war fr mich den
Einsamen, den Ausgestoenen, so recht die heimatliche Freisttte auf Erden in
deren Schoo ich die Gemeinschaft mit allem Geliebten fand. Mein Herz fate all
ihre sen und tiefsinnigen Mysterien, ihre Wunder, ihre Opfer, ihre
Gnadenmittel mit Liebe auf, und weil ich mich in Liebe ihnen hingab, so
erquickten sie mich unsglich und bildeten mir eine Himmelsleiter auf der ich
schchtern und selig heilige Boten wandeln sah, die mein armes drftiges
strebendes Wesen mit dem Allerreinsten und Allerhchsten in eine ebenso
geheimnivolle als gewisse Verbindung brachten.
    Aber Priester wollte ich nicht werden. Ich fhlte mich dazu nicht stark,
nicht selbstlos genug. Er - unter dessen Gebeten das Sacrament des Altars sich
vollzieht; er - in dessen Ohr Tausende von Sndebeladenen, von Gramgebeugten das
Elend und die Aengste ihrer Seelen durch die Beichte ausschtten; er - der ber
alle Trauer- und Freudenfeste unsers Lebens Worte des Heils und des Segens ruft
und selbst ein Fremdling bleibt in den Wonnen und Schmerzen zu denen er weiht;
er mu sich durch Gott selbst zu seinem erhabenen Amt berufen fhlen - und
dieser Ruf war nicht an mich ergangen.
    Das Alles erklrte ich dem Pater Melchior fters mit dem Ton warmer
Ueberzeugung und Wahrhaftigkeit, und ich durchdrang ihn dermaen mit meiner
Unerschtterlichkeit, da er mir unaufgefodert die Zusage gab: er selbst wolle
meine Mutter zu bewegen suchen ihren frommen Wnschen fr mich eine andre
Richtung zu geben.
    So wurde ich siebzehn Jahr alt, als ich wieder mit Pater Melchior nach Prag
berufen wurde. Mit gefater ernster Sammlung ging ich diesem Wiedersehen
entgegen. Zu jedem Opfer der Liebe war ich entschlossen - nur nicht zu dem
Einen. So stand ich vor ihr. Wieder erfllte mich ihre Erscheinung mit
wunderbarem Entzcken. Ich meinte sie schwebe auf Wolken; ich meinte in einer
Glorie von Engeln ruhe ihr Haupt; - so therisch sah sie aus! - Es zog mich zu
ihren Fen nieder. Sie blickte mich lange an, traurig, zrtlich, stumm.
    Das waren zwei schwere Jahre! sprach sie endlich mit bebender Stimme.
Fidelis, hast Du denn nie mein Angstgebet gehrt?
    Ja, meine Mutter, und es hat mich stark gemacht! Du willst mein Heil ....
la es mich finden auf meinem Wege.
    In diesem Sinn hatten wir ein langes Gesprch, das uns Beide heftig
erschtterte ohne den einen Theil zur Ueberzeugung des Andern hinber zu ziehen.
Ihre schwrmerische Seele war eine Opferflamme: und um so heier wallte sie
empor, als sie Bue dafr that, da der Altar ihres Herzens nicht immer dem
Hchsten geweiht gewesen war. Die klsterliche Abgeschiedenheit, ihre Einsamkeit
mit traurigen Erinnerungen voll Reue und Leid, das ewig wache Liebesbedrfni
einer zrtlichen Seele, das heie Verlangen zur innersten Vershnung mit Gott
und ihrem Gewissen zu gelangen, das eben so heie ihr Kind gerettet zu sehen vor
den, wie es ihr schien, unwiderstehlichen Verlockungen - dies Alles ungestrt
durch lange Jahre mit Thrnen, Gebeten, Bu- und Andachtsbungen genhrt, hatte
meine Mutter in jene tiefe religise Schwrmerei versetzt, in welcher Wesen wie
sie vielleicht einzig und allein ihre Befriedigung finden knnen, weil sie zu
schwach fr den Kampf mit der Versuchung - und zu rein sind um ihr ohne
Verzweiflung zu unterliegen. Fr solche Wesen ist mit tiefsinniger Kenntni des
Menschenherzens die Freistatt des Klosters gefnet, und diese Kenntni ist es
eben, welche unsrer Kirche den Stempel einer ganz gttlichen Liebe aufprgt,
denn man kann den Menschen nicht kennen wenn man ihn trotz seiner Snden, seiner
Fehler, seiner Schwchen nicht liebt. Ihre Kirche, Sibylle, belehrt den
Menschen, die unsre liebt ihn. Ihre Kirche stellt ihn auf seine Fe, giebt ihm
die Bibel die Tausende nicht lesen und Zehntausende nicht verstehen, und
spricht: nun mache deinen Weg. Die unsre behlt ihn an der Hand sorgsam warnend
und beschirmend, trstend und erquickend, durch das Bewutsein der Gemeinschaft
ihn rettend von dem trostlosen Verzagen, das fr Manchen aus dem Gefhl seiner
Vereinzelung und Nichtigkeit quillt. - - Aber eben weil jenes Bewutsein damals
so lebendig in mir war, konnte ich mich nicht auf den Standpunkt meiner Mutter
stellen. Mir war die Welt ein Tempel, und rein aber frei und ohne Priesteramt
wollte ich in ihm dienen.
    Fidelis! sagte meine Mutter, unsre erste Liebe ist Gott und unsre letzte
Liebe ist auch Gott - allein .... die Liebe fr die Gtzen liegt zwischen
beiden. Ich hatte mich frh dem Herrn gewidmet, war im Kloster erzogen und
wollte den Schleier nehmen. Da riefen mich weltliche Feste ins Haus meiner
Eltern. Den Vater ngstigte mein frher Entschlu; ob er wolberlegt sei sollte
sich erproben bei den Freuden und Feierlichkeiten, die zur Vermlung meiner
beiden Brder statt fanden. Dieser Glanz, dieser Jubel, dieser Reichthum, diese
Schnheit, diese Weltherrlichkeit betubten mich. Ihre trgerischen Wellen von
Goldschaum und Blumenstaub schlugen ber mein bethrtes Herz und mein
besinnungsloses Haupt zusammen. Es giebt immer Menschen welche unsre Schwche zu
benutzen wissen. Der Versucher fehlte auch mir nicht .... und meine Schwche
nicht ihm! - Er war gefesselt durch unzerreibare Bande .... und meine Seele,
von der Liebe zu Gott zur Anbetung des Gtzen hingerissen - ward vergiftet! -
Sieh, Fidelis! so bist Du geboren! - und da ich es Dir sage und vor Deinem
unschuldigen Auge mich mit unabwaschbarer Schmach bedecke, geschieht um Dir ein
Beispiel zu geben, welche unwiderstehliche Bethrung in dem Anhauch des ppigen
Weltlebens liegt, weil es zu keiner hheren Richtung Deines Wesens als zu Deinen
Sinnen und Deiner Eitelkeit spricht. Die priesterlichen Gelbde sind Helm,
Panzer und Schild gegen sie: der Gehorsam giebt dem bermthigen Sinn die
heilsame Demuth; die Armuth erhlt den Leib in Nchternheit und Abhrtung; die
Keuschheit giebt ihm eine heilige Kraft - denn, wer sich selbst bei dem Reiz der
Sinne berwinden kann, der kann die ganze Welt berwinden, und die Engel dienen
ihm, mein Sohn.
    Langsam glitt sie hinter dem Gitter auf ihre Knie und hob die Hnde gefaltet
zu mir empor.
    Meine Mutter! entgegnete ich feierlich, steh' auf. Ich will Dir die Gelbde
thun in denen Du eine Rstung meiner Seele zu ihrem ewigen Heil erblickst. Ich
gelobe Gehorsam gegen gttliche Gebote; Armuth .... und wenn ich von den
Schtzen der Knige umgeben wre; und Keuschheit. Ich gelobe es Dir feierlich
vor dem Angesicht Gottes! .... aber Priester werd' ich nicht! ich mu frei sein.
    Mit einem Lcheln voll seliger Beruhigung entgegnete sie: Wen der Herr so
weit gefhrt hat, den fhrt er auch noch einen Schritt weiter in das Tabernakel
hinein! - Sei gesegnet, Fidelis! und nimm und trage dies zum Gedchtni dieser
Stunde.
    Den Goldreif hie sie mich an- und nie ablegen.
    Der Karfunkel ist Dein Herz und der Saphir ist mein Auge; es wacht darber!
sprach sie. Und dies Bildchen zeigt mich Dir wie ich war vor achtzehn Jahren,
ehe ich verlassen hatte meine erste Liebe. O Fidelis! verlasse Du die Deine
nicht.
    Und abermals rauschte der Vorhang zusammen, und abermals kehrt' ich
aufgewhlt in den Grundtiefen meiner Seele zu meinen Pflegeltern zurck. Aber
nun war es aus und vorbei. Nun hatte ich Alles gethan was ich fr die Wnsche
meiner Mutter thun konnte; ferneren Bitten und Eindringen, deren Andeutung in
manchem ihrer Worte lag, fhlte ich mich nicht gewachsen. Ich wollte fort - und
ich ging fort! ich floh, heimlich, ohne Abschied! ich konnte nicht diese
Herzzerreiungen des Abschieds ertragen. Ich fhlte unbestimmt das Bedrfni
mich zu sammeln und nicht zu zerflieen. Da ich mir wrde mein Brot verdienen
knnen, davon war ich so fest berzeugt wie von meinem Leben. Nach England
wollte ich ber Hamburg. Dies Alles schrieb ich in einem zrtlichen dankbaren
Brief an die Pflegeltern, versprach ihnen Nachricht und Wiedersehen, steckte
meine 27 ersparten Gulden zu mir, packte mein Rnzelchen und ging in einer
stillen Juliusnacht ber die Berge meiner Heimat nach Sachsen hinaus.
    Da gab es Krieg und Krieg, Bengstigungen und Hofnungen. Ich nahm Theil
daran, aber nur oberflchlich. Andre Gedanken bewegten sich zu mchtig in mir.
Man widerrieth mir nach Hamburg zu gehen: da wren die Franzosen, aber keine
Schiffe fr England. Ich ging nach Lbeck in der Hofnung eine Ueberfahrt nach
Kopenhagen zu finden, und mir dort weiter zu helfen. In Lbeck las ich am Tage
meiner Ankunft in den Zeitungsanzeigen, in Holstein auf dem Lande werde ein
Musiklehrer gesucht; wer dazu Neigung habe solle sich melden bei dem Cantor der
Marienkirche. Das kam mir vor wie eine Weisung ruhigere Zeiten abzuwarten. Ich
meldete mich - - und so kam ich hieher.
    Mit fieberhafter Bewegung, bald abgebrochen, bald bei einzelnen Momenten
verweilend, hatte Fidelis gesprochen; Schweitropfen perlten auf seiner Stirn
und seine Lippen zitterten; der Doppelausdruck seines Gesichts, die geistige
Kraft und die Macht der Leidenschaft, war noch nie so lebendig mir entgegen
getreten. Hinter seiner uern Ruhe und schchternen Zurckgezogenheit mogte es,
wie hinter dem Nonnenschleier seiner schnen zrtlichschwrmerischen Mutter,
nicht so gelassen zugegangen sein, als man es nach der ewigen Selbstbeherrschung
glauben durfte, mit der er sich selbst im Zgel zu halten gewohnt war. Wol hatte
ich ihn in der letzten Zeit von jenen Orkanen des Gefhls durchstrmt gesehen
unter denen das Herz wie der Frhling nach Wiedergeburt ringt. Doch so wie heute
sah ich ihn nie! Er lag am Boden, der Titane war gefesselt, berwunden und
zerbrochen. Meine elende Seele erschrack vor ihm und vor seiner frchterlichen
Liebe, die gleichsam mit Gott um seine Seele rang. Also auch er, dieser Mensch
von Stahl und Gold, war nicht unerschtterlich, harrte nicht aus bei dem Einen,
kmpfte nur so lange es eben ging - und ergab sich dann! - Und wem? - Mir! -
Einem Weibe das die Verwirklichung einer Chimre suchte, und gnzlich unfhig
war seine Liebe in gleichem Ma zu erwidern.
    Er schwieg und ich schwieg auch. Ich dachte an meine Verblendung neben ihm
in Venedig ein Bild meiner Phantasie, einen Otbert zu lieben! - ich dachte daran
wie mein Herz seitdem so morsch, so hohl in diesen Enttuschungen geworden sei,
da es wol noch sich nach Liebe sehnen, aber nicht mehr sie empfinden, ja nicht
einmal die seine begreifen knne. Ich hielt in diesen wenigen Secunden Gericht
ber mich - aber in dem Augenblick wo ich den Stab htte brechen sollen warf ich
mich in Todesangst in die aufschwellende Flut des Gefhls und dachte: Vielleicht
trgt sie mich dennoch an ein lieblicheres Gestade! leiden ist nichts; - lieben
ist Alles! -
    Nun weiter, Fidelis! sprach ich sanft und nahm seine Hand.
    Es giebt nichts weiter, entgegnete er. Jezt wre nur noch von den
Resultaten meiner jugendlichen Entschlsse und Bestrebungen zu reden, und die
sind drftig genug. Ich bin allerdings ein ziemlich tchtiger Musiker, aber sehr
fern von der frher getrumten Gre. Und was die Freiheit betrift von der ich
mein hchstes Heil erwartete: so habe ich erkannt, da ich derselben nicht fhig
war. Eine Liebe - die unsinnigste und zugleich die gttlichste, hat mich unfrei
gemacht! Sie war verboten .... aber zugleich durch eine solche Kluft von
Unmglichkeiten von mir getrennt, da diese mich sicher machten. Wie auf den
schwindelnden Brckenstegen des Hochgebirges fhlte ich mich: Hlt dich der
wankende Steg ber dem Abgrund - wolan! so zeugt das von Muth, Macht und Glck;
trgt er dich nicht, so geht deine Schuld vielleicht in dem Sturz unter! - Aber
weil ich mich von dieser Liebe umstrickt fhlte, so hatte ich keine feste
Zuversicht zu mir selbst. Ich mitraute mir und meinen Leistungen. Ich glaubte
in ihnen allen die Fessel wahrzunehmen, die mich zu Zeiten dermaen band, da
Kunst und Genie mir Puppenspiel und Fratze schienen, und ein Wort, ein Blick der
Liebe - Wahrheit und Heil! Ich glaubte sie trgen den eisernen Reif, der sich zu
Zeiten um meine Stirn und Brust schmiedete und sie unzugnglich fr den labenden
Anhauch aus einer hheren Welt, unempfindlich fr die frischen Lfte aus
geistigen Regionen machte. Die stolze Jugendfreude an mir selbst, an der Welt
und dem Leben ging mir unter, und ohne diese Freudigkeit - welche den tiefen
Melancholien jeder schpferischen Richtung die Waage halten mu - ist es schwer,
wol gar unmglich Ausgezeichnetes zu leisten. Meine Liebe machte mich
schchtern, und der Genius will auf einem sichern Boden die Grundlage seines
Tempels grnden. In ein Meer von Verworrenheit und Wirrsal, von Anziehungs- und
Abstoungskraft, von Selbstbeherrschung und Erschlaffung, von Feigheit und
Tollkhnheit bin ich durch sie gerathen, und tausendmal hab' ich gedacht: Wer
doch den Rath seiner Mutter befolgt und sich aus diesem Wellenstrudel zu dem
Crucifix auf der Felsenklippe gerettet htte! - Aber nichts da! Unberwindlich
lockte mich die Lorelei .... nur sie! Dieselbe Allmacht welche bewirkte da sie
mich unangetastet in ihrer Zauberwelt hielt, machte auch da ich mich von ihr
nicht losreien konnte. Durch lange Jahre der Trennung herrschte sie! in den
bittersten Erkenntnischmerzen meiner Thorheit und Nichtigkeit herrschte sie!
ber meinem knstlerischen Thun und Treiben herrschte sie! ber meine
Entschlsse, meine Richtung, meine Gedanken, meine Seele herrscht sie dermaen,
da keine Vernunft, noch Kraft, noch Uebung stark genug waren - um ihr in meinem
Herzen stumm zu huldigen und sie stumm darin zu begraben. Dies ist das Weiter
wonach Sie fragen.
    Immer wenn Fidelis schwieg erschrack ich. Jezt wird er hoffen da ich ihm
etwas Aehnliches sage - dachte ich mit Herzpochen - ach, Du Unselige, weshalb
hast du ihm ein Gestndni abgelockt? Veranlat eine Frau einen Mann zu solchem
Vertrauen, so ist es ein Beweis da sie bereits durch ihn gerhrt ist.
Erheuchelt sie die Rhrung, so ist sie eine erbrmliche Kokette! Aber ich hatte
sie nicht erheuchelt, nur ersehnt. Was ich eigentlich wnschte war: unter dem
Tropenhimmel seiner Liebe meine Erstarrung zu verlieren. Seine Wrme that mir
wol, sein Schwung hob mich, seine Kraft labte mich - das Alles brauchte ich,
fand ich bei ihm .... und wie auf mein Eigenthum legte ich meine harte kalte
Hand darauf. Ich schauderte vor mir selbst. Um nur Etwas zu sagen, sagte ich
ganz stupid:
    Sie verleumden sich indem Sie sich schwach nennen, Fidelis! Ihr ganzes
Leben ist ja eine Kette aus Ringen von Erz.
    Ein Gelbde kann man immer erfllen - Gott allein wei wie! - Aber die
Kette selbst doch zuweilen als eine Kette zu fhlen: das eben beweist da man
schwach ist! Schwche ist Knechtschaft .... und ich! ich! der nicht uerlich
gebunden sein wollte, bin innerlich Knecht - ich! der uere Sclaverei mehr als
den Tod frchtete, bin nicht im Stande zu sagen: ich bin frei! Obgleich mir die
weite Welt offen steht, obgleich ich vor Niemand auer vor meinem Gewissen
Rechenschaft meines Thuns abzulegen brauche, obgleich meine Bedrfnisse noch
geringer sind als meine Gewohnheiten, und Entbehrung mich nicht drckt - trotz
all dieser Bedingungen der Freiheit bin ich nicht frei! - Sclav des Goldes, der
Eitelkeit, der Sinnlichkeit, des Ehrgeizes zu sein - hab' ich gemieden, denn das
Alles lockte mich nicht, war unschn, kleinlich oder roh. Sclav der Liebe mute
ich werden - der Idee der Liebe! denn ich liebe kein Weib, sondern eine von den
Schicksalsgestalten, welche hie und da ins Leben hinein gestellt werden, damit
sich an und in ihnen, und fr und um sie seltene Geschicke ausleben, Anderen zur
Warnung oder zum Beispiel.
    O Fidelis! wenn Sie mich so erkennen, wie knnen Sie mich denn lieben?
fragt' ich schmerzlich.
    Ich wei es nicht! sagte er niedergeschlagen. Es ist etwas Gewaltiges in
Ihnen. Dies rastlose Suchen, das durch kein Glck und keinen Genu der Welt
befriedigt - durch keine Polster des Glanzes, des Reichthums und des Behagens
ausgeruht - durch kein Lernen, Wissen und Thun beschwichtigt - durch kein
Schellengeklingel der Eitelkeit und Thorheit betubt wird: das gehrt keiner
gemeinen Natur an. Sie haben eine ganz abgrndliche Seele, so abgrndlich da
Niemand deren Tiefe ermessen hat, denn kein Senkblei reicht so weit hinab. Was
ist denn da unten, Sibylle? soll es ein ewiges Geheimni bleiben? lagert sich
diese Wolkenschicht ber einem Sonnenhimmel oder, ber der Leere? Sie sind klug,
gut, tugendhaft, gromthig, menschenfreundlich - aber ohne Freude darber, ohne
Genu daran. Sie sind ohne Schwche und ohne Leidenschaft, Sie hassen nicht, Sie
knnen verzeihen .... - -
    Ja ja ja! rief ich in einem Paroxysmus von Schmerz: so bin ich! das kann
ich! Aber ich kann Eines nicht .... ich kann nicht lieben! - ich handle nie aus
vollem Drang und Trieb des innersten Lebens. Meine Phantasie malt mir das Gute
und Schne mit den bezauberndsten Farben vor; dann betrachte ich diese Gebilde
mit der Reflexion, die Farben schwinden, aber die Ueberlegung sagt mir, auch die
Pflanze ohne Blte verdiene Pflege. Dem gem handle ich klug, gut wenn Sie
wollen; aber .... ich behandle das wie ein Rechenexempel, welches ein richtiges
Facit ergeben mu. Schwung der Seele macht allein glcklich. Er fhrt jene
Strme herbei welche diese verhllenden Wolkenschichten, wie Sie sie nennen,
zerstreuen. Mgen dabei Fehltritte und Schwachheiten vorkommen - sie werden
schon ihren Rcher finden - es kommen auch wunderschne, schmetterlingsartige
Entwickelungen zum Vorschein und hauptschlich: man fhlt sich unter Einflu und
Lenkung einer hheren Gewalt als unsre Klgelei ist! - Es ist vernichtend fr
einen ganzen Lebensweg auf die Klgelei angewiesen zu sein! Die Menschen nennen
es Klugheit, Tugend, Vernunft; - ich Fidelis - nenne es von Gott vergessen
sein.
    Wer geliebt wird ist nie ganz von Gott vergessen, sagte er und kniete vor
mir nieder.
    Das mag sein! - aber ich verstehe Ihre Liebe nicht; entgegnete ich, wieder
aus diesem fragenden Forschungstrieb, der mich wnschen lie ein Herz wie ein
anatomisches Prparat vor mir zu haben.
    Ich glaub' es! entgegnete er entmuthigt.
    - - - - -
    So war denn nun ein frchterlich qualvolles Verhltni zwischen ihm und mir.
Seine Erzhlung hatte es in uns Beiden so recht zum Bewutsein gebracht, da ich
ihn nicht liebe. Htte ich sonst nicht berwunden von dieser unbegreiflichen
Liebe in seine Arme oder zu seinen Fen hinsinken mssen? htte ich nicht den
Lohn fr die Treue und die anbetende Huldigung eines halben Lebens in die Extase
einer Minute zusammendrngen knnen? htte ich nicht diesem Herzen, das ich mit
meiner ewigen Wissensqual durchgraben und aufgewhlt hatte, ein beseligendes
Ausruhen an dem meinen gnnen sollen? - - Aber nichts von dem Allen. Ich wute
nun da und wie er mich liebe, und ich gestand mir ein, da ich, so lange ich
dies nur geahnt, mir eine grere Wirkung davon versprochen hatte - Beseligung,
Verklrung, Offenbarungen die ich nicht empfand.
    Fidelis verfiel in eine unsgliche Schwermuth. Tagelang kam er gar nicht zum
Vorschein, oder wenn - so doch nur in den Stunden wo die ganze Hausgesellschaft
um mich versammelt war. In der ersten Zeit nachdem ich ihm sein Gestndni
entlockt und ihm dadurch Hofnung gegeben hatte, war es ihm Bedrfni und Labsal
gewesen den Goldstrom der Empfindung schrankenlos an mir vorberfluten zu
lassen; nun wurde er wieder sorgsam eingedmmt. Allein das kostet eine ganz
andre Mhe als wenn der Damm nie weggerissen worden ist. Ich zitterte vor ihm;
ich war unsinnig genug zu frchten er knne mir in einem Ausbruch von
Verzweiflung Vorwrfe machen da ich ihn nicht damals abreisen lie. Ich htte
mein Leben drum gegeben, wenn ich das Verhltni wieder auf den Standpunkt htte
fhren knnen wo es bei meiner Rckkehr von Hannover war, als ich mich
unbestimmt hofnungsfreudig neben ihm fhlte. Ich fragte ihn einmal ob er jezt
viel arbeite.
    Sehr viel, entgegnete er. Doch ich hrte an seinem Ausdruck da er nicht
musikalische Arbeit im Sinn habe.
    Indessen nach und nach schien er doch wieder zu einiger Sammlung zu kommen,
und der geliebten Musik mit Andacht sich zu widmen. Sie war ja seine erste
Liebe! - Es whrte nicht lange so brachte er uns einige Gesnge aus dem
Salomonischen Hohen Liede. Als ich sie hrte rief ich:
    Fidelis! ich sehe den Karfunkel und den Saphir auf Ihrem Goldreif!
    Nicht wahr? fragte er und sah mich an.
    Aber sie sind auch noch mit Perlen berrieselt, setzte ich hinzu.
    O, sagte er mit einem ganz unbeschreiblichen Ausdruck, Sie sind klug,
Sibylle, so klug da Sie das Gefhl nachfhlen ohne es wirklich zu fhlen. Das
klingt etwas mystisch, nicht wahr? Ich bitte, halten Sie es der Nachwirkung des
mystischen Salomonischen Liedes zu gut.
    Er selbst hatte wie immer den biblischen Text zusammen gestellt, aber nicht
lateinisch - sondern zum ersten Mal deutsch. Mir traten die Thrnen in die Augen
ber diese deutschen Worte. Sein Herz spricht darin - sagte ich zu mir selbst -
zum ersten Mal hat es der Liebe Worte gegeben und das konnte nur in der
Muttersprache sein.
    O ich begriff das Alles! ich verfolgte all diese Schattirungen mit Rhrung,
mit Freude; aber bei dem himmlischen Schlu des Gesanges, der so ganz auf
Fidelis pate:
    Ich schlafe, aber mein Herz wacht - sagte ich: Bei mir ist's grade
umgekehrt: ich wache, und mein Herz schlft.
    Der Frhling war gekommen in seiner ewigjungen Lieblichkeit, mit seiner
ewigneuen Erlsungskraft. Die winterliche Befangenheit schien sich zu lsen und
vor den weichen Lften zu schmelzen. Fidelis sah aus als habe er eine
Auferstehung gehalten; ich fate wieder etwas Muth zum Leben; da kam er eines
Morgens zu mir mit der Erklrung: er msse nun fort.
    Fort? jezt fort? aber weshalb denn jezt? stammelte ich starr vor
Erstaunen.
    Gerade jezt! entgegnete er mit einer himmlischen Liebe im Blick. Jezt ist
es wieder uns Beiden mglich ohne Verzweiflung an einander zu denken - folglich
ist die Trennung auszuhalten; meinerseits sag' ich nicht .... zu ertragen.
    Meinerseits .... nicht auszuhalten! rief ich bewildert. Fidelis, ich komme
um wenn Sie mich verlassen.
    Nicht doch! nicht doch! Sie ertragen Schmerz, Verlust, Tuschungen,
Erfahrungen mit seltner Kraft. Sie haben frh gelernt sich zu fassen und zu
berwinden, und das Schicksal hat Sie eine tchtige Schule in dieser Richtung
durchmachen lassen; ich sage mit Ueberzeugung: Sie werden es ertragen, meine
geliebte Grfin.
    Ja, Fidelis, ja, ich werd' es ertragen! rief ich auer mir; aber wie Niobe,
indem ich versteinere. O bleiben Sie bei mir! es ist in Ihnen ein Gemisch von
Wrme und Kraft, von Energie und von Innigkeit, von Schwung und von Klarheit -
welches um Sie eine eigenthmliche Atmosphre voll Glanz und Frische verbreitet
in der mir wol ist. Im tiefeinsamen Wald, im Hochgebirg, auf dem Ocean - da weht
auch so ein wunderbar erfrischender Lebenshauch, so ein Aether der in unsrer
engen schwlen kleinlichen Alltagswelt nicht wehen kann, und der sich daher in
die Seelen der Auserwhlten flchtete, welche die groartigen Anlagen der Natur
wie durch Mirakel auch groartig entwickelt und deren Tiefe, Hhe und Weite mit
einer gttlichen Essenz von Liebe gefllt und durchdrungen haben. Alle Menschen
kommen mir vor wie Schatten .... aber Sie haben ein Sein. Sie knnen was Sie
wollen - nicht heut und nicht morgen, sondern immer! Sie halten fest, Sie
vergessen nicht, Sie trsten sich nicht mit dem Endlichen darber da die
Unendlichkeit nicht mit Hnden zu greifen ist! Sie sind unberwindlich wie die
gefeyten Helden der Romantik! O lassen Sie mich leben von Ihrem Leben und
bleiben Sie bei mir, Fidelis!
    Aber siehst Du denn nicht, Du unseliges Weib, da Du zehren willst vom Mark
meines Lebens? fragte er mit einem Ton der mich durchschauerte.
    Ja, ich seh' es, sagte ich vernichtet.
    Nun dann werden Sie auch sehen, da ich nicht bleiben kann, nahm er nach
einer Pause das Wort. Ich liebe Sie - ich mgte aus Liebe den Athem meiner Seele
und das Blut meines Herzens Ihnen geben - und Sie .... Sie mgten wie ein
himmlischer Vampyr dies Herzblut saugen, diesen Seelenhauch trinken um .... ja
warum? - um zu erproben ob ich Stich halte Ihren abstracten Vorstellungen von
Unwandelbarkeit. Das ist Unsinn, Sibylle! Unsinn es zu begehren, Unsinn darauf
einzugehen. Ich wrde ewig in die Versuchung gefhrt werden den Blick Ihres
schnen Auges, das Lcheln Ihres holden Mundes, jeden Hndedruck, jedes Wort,
jede Frage, jedes Zeichen von Theilnahme mit und nach mienem Herzen zu deuten,
und da ich Sie liebe, so wre das ganz aber ganz unaushaltbar.
    O bleib .... aus Erbarmen! rief ich und fiel halb besinnungslos auf meine
Knie und hob flehend die Arme zu ihm empor.
    Welch eine Folter! sagte er dumpf. Sibylle, wenn ich bleibe, so bleib' ich
aus unheilvoller Schwche der Liebe .... nicht aus Erbarmen.
    Er bleibt! o Gott, er bleibt! rief ich jubelvoll.
    Er ri mich auf vom Boden und in seine Arme.
    Willst Du denn durchaus da ich zu Deinen Fen sterben soll? fragte er
mit erstickter Stimme.
    Nein nein! o nein! jauchzte ich, bog seinen Kopf zu mir herab und kte
seine Stirn.
    - - O ich unseliges Weib! armer Fidelis! - - - - - - -
    Lebewol! sagte ich mit vernichtender Klte.
    Sibylle! schrie er mit einem Ton als wrde ihm ein Dolch in die Brust
gestoen. Er lag zu meinen Fen; er wollte meine Hand nehmen; ich zog sie
zurck. Die Vergtterung, die Andacht waren dahin! geliebt hatte ich ihn nicht;
- er war mir nichts mehr als ein ganz gewhnlicher Mann. Auch an ihn glaubte ich
nicht mehr! - Erbarmen! nur jezt kein Lebewol! nur nicht in diesem Augenblick!
flehte er.
    Lebwol, Fidelis! sagte ich mit unbeweglicher schauerlicher Klte, die mein
ganzes Wesen paralysirte; - lebwol! und kannst Du auch noch beten, Fidelis?
    
    Er stand langsam auf. Er trat von mir zurck mit einem unbeschreiblichen
Ausdruck in welchem Zorn und Schmerz, Entsetzen und Liebe kmpften, und ber
welchen eine namenlose Wehmuth wie ein schwerer Trauerflor gebreitet war. So
sagte er:
    Ob ich beten kann fragst Du? ich wei es nicht, Sibylle! .... aber das wei
ich: Du - wirst es nie und nimmer knnen! - Lebwol.
    Langsam ging er der Thr zu. Auch ich war aufgestanden, hatte meine Arme um
eine Sule geschlungen die einen Candelaber trug, und lehnte meine Stirn an den
Marmor. Ich sah nicht mich um, nicht ihn an! ich sah nichts .... als jenen
schwarzen Abgrund vor mir, in mir, in welchem Alles! Alles! untergewirbelt wird.
Aber er blieb stehen. Er konnte nicht in Groll und Zorn von mir scheiden. Er
wollte nicht da ich den Dolch in seiner Brust sehen sollte. Er kehrte zurck,
legte die Hand auf mein Haupt und sagte mit seiner tiefen von Empfindung
vibrirenden Stimme:
    Sibylle! nicht fr mich, aber fr Dich, Du ewiggeliebtes Geschpf, werd'
ich dennoch beten knnen. Lebwol.
    Er drckte meine Hand an seine Stirn und Lippen, und ich fhlte an dem
eisernen und doch bebenden Griff der seinen in welcher Bewegung er war. Aber
kein Wort, kein Blick, keine Regung verrieth ihm Theilnahme oder Trost. Da sagte
er abermals mit jenem unsglich schmerzhaften Ausdruck:
    Oh! Sibylle! und verlie mein Zimmer. Er ging. Durch mein Cabinet, durch
das Musikzimmer, durch den Salon hrt' ich seinen raschen Schritt hallen - und
verhallen. Dann hrt' ich nichts mehr. Ich horchte .... horchte .... umsonst!
.... nichts mehr! - Da machte es sich um mich herum wie eine ungeheure Leere
zurecht. Ich glitt an der Sule nieder und chzte:
    Er kann beten, denn Er liebt! - aber ich nicht! Und der wilde Schmerz am
Herzen, der mich bei groen Emotionen mit der Gewalt eines Starrkrampfs packte,
bemeisterte sich auch jezt meiner.
    Ich habe Fidelis nicht wieder gesehen.
    - - - -
    Jezt folgen zwei Jahr von denen ich eigentlich gar keine andre Erinnerung
habe, als da ich krperlich litt! Bei der geringsten Anstrengung einen ganz
lhmenden Schmerz! Ich lag auf dem Ruhebett und - litt. Die Kinder, die
Geschfte - Alles ging wie es ging! ich konnte mich um nichts kmmern, denn mir
fehlte die Kraft meine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten.
Miachtet hatte ich immer das Thun und Treiben der Menschen; das war bel! -
jezt verachtete ich mich; das ist am schlimmsten! Vielleicht war das die
Eisscholle die mir auf dem Herzen drckte und in dessen Wunden immer scharf und
frisch hineinschnitt. Ich kann nicht sagen, da ich Fidelis verachtet htte;
aber ich bemitleidete ihn. Ich hatte den Sohn der Sterne zum Sohn des Staubes
gemacht! ich konnt' es ihm nicht vergeben, da er nicht strker gewesen, da er
fr und durch mich aus seiner Glorie herausgetreten war, zu der ich aufgeschaut
hatte mein Lebenlang mit der einzigen wahren Andacht meiner Seele. Und
andrerseits konnt' ich ihm nicht vergeben da ich ihn verloren hatte, da sein
belebender, geist- und seelenvoller Umgang, da die Nhe eines zuverlssigen,
rcksichtslos ergebenen Freundes mir fehlte - da ich ihn in meinem an
Entbehrungen ber reichen Leben auch noch entbehren mute. Ich hatte nun gar
nichts mehr; denn ich besa nicht einmal das, was alle Menschen in ihr spteres
Leben mitnehmen: Erinnerungen. Sie waren todt oder welk, und mir fehlte die Gabe
sie lebendig zu machen und meine arme Gegenwart mit ihnen zu schmcken.
    War es eine Wiederkehr physischer, oder ein Zusammenraffen geistiger Kraft -
genug, pltzlich berfiel mich die Angst ich knne in den nervosen Marasmus
meiner armen Mutter versinken und mein Kind derselben innern Entwickelung oder
Verwahrlosung - wie soll ich sie nennen! - Preis geben, die ich bei mir selbst
fr so schdlich erkannt hatte. Die Aerzte riethen mir berdas Vernderung der
Luft und Umgebung, und ich fhlte mich durch diese acht Jahr eines
ununterbrochenen Aufenthaltes in Engelau so ausgesogen, so zusammengeschrumpft,
da mir wie einem Kranken im abgesperrten Zimmer die Lebensluft ausging.
Gespenster, Gespenster wohin ich blickte! Gespenster meiner Menschen, meiner
Hofnungen, meiner Thaten, meiner Gefhle! Gespenster von Epochen, Tagen,
Stunden, an diese Rume, an diese Localitten gebannt, uerlich mich
umzingelnd, die innere Oede nicht fllend. Ich wollte fort um etwas Andres zu
sehen als diese Gespenster und um den Kindern etwas Andres zu zeigen als die
melancholische krnkliche Mutter. Ich wollte fort um meine Geschfte welche sich
in diesen zwei Jahren durch Otberts wahnsinnige Verschwendung und meine
Untchtigkeit bedenklich verschlechtert hatten, zu ordnen. Ich selbst konnte es
nicht. Ich bertrug also die Verwaltung meines Vermgens einer Vormundschaft von
redlichen und verstndigen Mnnern, welche das Recht meiner Tochter
hauptschlich gegen Otberts Foderungen vertheidigen sollten. Uebrigens theilte
ich mein Einkommen nach wie vor mit ihm, und so trat ich meine Reise zu meinem
Onkel dem Bischof an. - Sie that mir wol, die Bewegung, der Wechsel, die
freudige Neugier der Kinder zerstreuten mich; der herzliche Empfang des
geliebten und verehrten Greises erquickte mich. So gab es doch wirklich noch
einen Menschen auf der Welt, der an mir Theil nahm, der sich fr mein Wolergehen
interessirte! - Aber er war bereits fnfundsiebzig Jahr alt, und krperlich sehr
schwach. Er konnte gar nicht sein Zimmer, kaum seinen Lehnstuhl verlassen: die
Fe trugen ihn nicht mehr. Und doch keine Spur von Abgestorbenheit! sein Herz
war frisch. Er hatte es immer fr Andre, nie fr sich in Athem gehalten, daher
fehlte ihm auch jezt die Thtigkeit und Regsamkeit nicht, welche bei Denjenigen
im Alter so leicht versiegt, welche ihr Herz mit selbstischen Bestrebungen
berfllt haben. Es wird ertrnkt im Durst der Ichsucht. Den kannte er nicht. Er
schien Alles zu besitzen - fr Andere. Was Jeder begehrte fand er bei ihm: Rath
oder That, Gold oder Liebe.
    Mir war in Wrzburg als wehe ein linder Thauwind ber die Eisgefilde meiner
Seele. Zum ersten Mal seit meiner Trennung von Fidelis trat mir sein Bild ohne
herbe Bitterkeit nur mit unsglicher Wehmuth entgegen. Ich ging in den Dom zu
jenem Platz am Pfeiler wo ich einst ihn beten sah. Ich fand ihn gleich. Er kam
mir geweiht, geschmckt, erleuchtet vor, als sei ein Engel ber ihn
fortgeschritten. Ich bin's nicht werth ihn zu betreten, sprach ich zu mir
selbst. Aber daneben sank ich zu Boden. Ich kann nicht sagen, da ich kniete,
da ich betete; nein! ich lag nur da und chzte stummen Jammer aus. Hier ahnte
ihn zum ersten Mal das kindische Mdchenherz; aber unbewut ging es an ihm
vorber und zu einem andern Mann. Hier fand das Weib ihn nach Jahren wieder,
befhigt ihn zu erkennen und zu wrdigen; aber es war verblendet, erkannte und
wrdigte ihn nicht, und ging abermals an ihm vorber und zu einem andern Mann.
Jezt war ich zum dritten Mal auf dieser Sttte, doch ohne ihn. Auch er, sogar
er! war dem Fluch des Daseins erlegen: der Schwche. Dennoch blieb er das
Altarbild in meinem Leben, aber - es war verschleiert.
    An die Kirche zu der er gehrte, welche die Ihren liebt und nicht belehrt -
wie Fidelis sagte - dachte ich viel. Eine geistige Gemeinschaft mit ihm,
vermittelt durch Gebet, geheiligt durch Andacht, wre mir s gewesen. Ohnehin
hatte ich Veranlassung mich mit ihr zu beschftigen, denn ich verga nicht
Arabellas letzten Wunsch Astralis in der Katholischen Religion zu erziehen; ich
wollte sie in eine gute Erziehungsanstalt geben. Die der Damen vom Sacr Coeur
zu Freiburg in der Schweiz wurde mir sehr gerhmt; das pate zu meinem Vorhaben
mich auf einige Jahre in der Schweiz niederzulassen, und Benvenuta in Genf oder
Lausanne zu erziehen. Einstweilen aber bekamen Beide in Wrzburg passenden
Unterricht, denn ich konnte mich nicht entschlieen meinen guten Onkel jezt zu
verlassen, da die Aerzte mir sagten: das friedliche Erlschen seiner Lebenskraft
stehe tglich in Aussicht.
    Nicht nur Sommer und Herbst, auch den ganzen Winter blieb ich bei ihm, und
nicht blos aus Anhnglichkeit, sondern auch aus Interesse andrer Art: ich dachte
an meinen Uebertritt zur Katholischen Kirche, oder vielmehr: ich nahm diesen
Gedanken wieder auf. Ich hatte lange Gesprche mit meinem Onkel ber religise
Fragen und Lehren; ich las mit Aufmerksamkeit Alles was diesen Punkt betraf,
Controversen fr und gegen; die alten Kirchenvter und die neuen Rationalisten
der protestantischen Theologie; Lamennais und Schleiermacher, Fnlon und
Strau. Ebenso unsinnig wie ich im Studium der alten Sprachen und der Mathematik
- Weisheit zu finden gewhnt hatte, whnte ich jezt in der Theologie - Religion
zu finden. Ich folgte ziemlich geschickt den Subtilitten der Dialektik, welche
wie auf dem gespannten Seil der Tnzer seine Schritte, vorsichtig und pnktlich
ihre Beweise setzt. Kam nun aber der Augenblick wo der letzte Beweis dem
fraglichen Punkt die Krone aufsetzen oder ihn zu Boden schmettern sollte, so
fate ich ihn gelassen ins Auge und sprach zu mir selbst: Also die sogenannte
Wahrheit dieses Lehrsatzes ist bewiesen; nun gut! was man mir bewiesen hat
glaub' ich aber nicht, und mir thut Glaube noth! - - Das war hchst richtig; nur
bedachte ich nicht da man aus Bchern freilich Ueberzeugungen, aber nimmermehr
Glauben schpfen kann. Glaube ist das Element in welchem eine liebende,
schwungvolle, krftige Seele zugleich ihre Wiege, ihre Ruhe und ihre Nahrung
findet. Da unsre Zeit einen unermelichen Mangel an Liebe, Schwung und Kraft
hat, und da ich eine chte und rechte Tochter unsrer Zeit bin, so war meiner
Seele nichts so fern als grade der Glaube. Ich las und las unermdlich weiter.
    Gott, wie disputirte ich zuweilen mit meinem guten Onkel ber die Mysterien
und Wunder der Kirche. O wie oft sagte er gelassen:
    Kind! Du weit nicht woher der Wind weht - nicht wie die Sterne der
Milchstrae gehen - nicht woher der drre Zweig die Rose treibt - nicht was das
Leben ist - nicht wohin der Tod Dich bringt. Wenn Du das Alles wirst ergrndet
haben, dann sage: es giebt keine Mysterien! dann will auch ich zweifeln! bis
dahin glaub' ich an sie. Was bedeutet denn das: Mysterien und Wunder verneinen?
sehr wenig, mein liebes Kind! nur etwa dies: den Sternenhimmel leugnen, weil man
die Nchte hindurch schlft; oder die Sonne leugnen, weil man in einer
Nebelatmosphre lebt. Die Verneinung, Kind, hat es immer nur mit Schatten, nicht
mit den Wesen zu thun. In der Bejahung liegt ein Sein, eine Essenz, ein Leben;
sie verfhrt schpferisch, wie die Wahrheit, wie die Allmacht, wie die Liebe.
Die Negation ist impotent, und ich meine da nur drftige Naturen, nur
unvollkommne Charactere bei denen die kritisch forschende Richtung das Herzblut
in Gehirn verwandelt hat, sich ihr hingeben knnen. Hast Du diese Richtung so
wende Dich der Wissenschaft zu: da kannst Du ergrnden und erkennen, und das
kann Dir vielleicht eine gesunde, heilsame Nahrung sein. Die Religion bietet
freilich ein ganz andres, hheres Labsal, allein nur glauben und lieben gilt in
ihr, und dies beruht auf Intuition nicht auf Forschung.
    Welch eine Ungerechtigkeit des gerechten Gottes, rief ich heftig, mit
dieser Intuition nur einige Auserwhlte begnadet zu haben.
    Meinst Du? sagte er mild. Nun, la Dir doch einmal von dem geschwtzigen
Alten eine Parabel erzhlen. Ein Grtner sprach zu seinem ltesten Sohn: In
diesen Blumentopf habe ich den Kern einer kstlichen Frucht niedergelegt. La
ihn keimen, treiben, wachsen im Stillen und in der dunkeln Erde; gieb ihm
Wasser, gieb ihm auch Sonne und Schatten je nachdem er es bedarf; la Dir Zeit,
und es wird daraus der schnste Baum der Welt werden Der Sohn that nach des
Vaters Gebot, lie sich keine Mhe, keine Zeit, keine Geduld verdrieen, und
siehe! allendlich kam der Keim glnzend grn ber der schwarzen Erde zum
Vorschein, wuchs, trieb Bltter, ward ein Stmmchen, ein Stamm, ein Baum, immer
ganz langsam und allmlig - - und zuletzt .... der schnste Baum der Welt, der
Orangenbaum! Wie freute sich der Sohn ber diese Herrlichkeit! Laub, Blten,
Frchte - Alles war unvergleichlich! Schatten, Duft und Erquickung strmten in
Flle auf ihn nieder, und alle Tage seines Lebens dankte er dem Vater fr dies
segensreiche Geschenk und bat ihn es vererben zu drfen auf Kind und Kindeskind;
und der gute Vater Grtner entgegnete freundlich: Dazu habe ich Dir eben den
Baum geschenkt. - Fr seinen jngern Sohn hatte er desgleichen einen Kern in die
Erde gesteckt; er gab ihm dieselben Lehren und Rathschlge und dieselben
Verheiungen, aber dieser Sohn befolgte sie nicht! Wie? sprach er zu sich
selbst, der ganze herrliche Baum soll in dem Kern stecken? wie ist das mglich?
wie kann das zugehen? ich mu sehen wie das zugeht! - Um das Werden zu
belauschen kratzte er sorgsam die Erde ab und beobachtete den Kern. Natrlich
sah er nichts. Das langweilte den Knaben. Man mu ihm helfen! sprach er, bego
ihn bermig, stellte den Blumentopf in die Sonne, dann auf den Heerd, grub
auch die Erde um - kurz, er that alles Mgliche unntze und nur nicht das Eine:
er gnnte dem Kern nicht in der Stille und Dunkelheit zu keimen und Wurzeln zu
schlagen. Was ist denn das? sprach unwillig der Knabe; so viel Mhe habe ich mir
gegeben und es kommt und kommt nichts zum Vorschein! das mu kein chter Kern
sein! Er kratzte ihn heraus, betrachtete ihn rundum, stach mit einem spitzen
Messerchen hinein, schlte die Oberhaut ab, und steckte ihn zuletzt unwillig
wieder in die Erde. Aber all diese Experimente hatten den Kern getdtet. Er war
saftlos und kraftlos zusammengeschrumpft. Der Knabe aber stand neben dem
Blumentopf in dessen fetter guter Erde die Regenwrmer treflich gediehen, und
klagte und zrnte da sein Vater, der gute Grtner, ihm einen tauben Kern
gegeben habe, was doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit sei.
    Ah! schrie ich, mein Vater, das ist allzu grlich, denn es ist ganz wahr:
in der guten Erde meiner Natur gedeihen Wrmer! der Kern, aus dem der schnste
Baum der Welt hervorgehen sollte, ist verschrumpft. Kann er nie mehr grnen?
    Ich warf mich vor ihm nieder und legte den Kopf auf seine Knie, whrend er
sanft meine Stirn berhrte und eben so sanft sagte:
    Hofnung lt nicht zu Schanden werden! Bete, meine Tochter! Es ist viel
Gutes in Dir; ein groer Durst nach Wahrheit und ein mchtiges Ringen; nur ist
es zu himmelstrmerisch, zu sehr uere Mittel verwendend. Denk' an den Kern des
Orangenbaums, gnne ihm Stille, Schatten und Sammlung. Durch sie mut Du den
Mangel einer innerlich religisen Erziehung zu ersetzen suchen; sie hat Deiner
Kindheit und Jugend gefehlt. Die Lcke die dadurch in der Seele entsteht, kann
in sptern Jahren nur durch gewaltige und meistens zerreiende Umwlzungen
gefllt werden.
    Ich sah das ein; aber auch, da diese Einsicht mich um nichts frderte. Ich
sollte beten, ich sollte in frommer Stille harren; - - ja, htte ich das
gekonnt, so wre mir freilich geholfen gewesen. Ich sagte meinem Onkel was ich
frher zu Fidelis gesagt hatte:
    Meine Seele ist auf die Frage gestellt. Der fragende Ton ist der unsrer
Zeit. Es wird Alles zur Frage gemacht: Gott in seinem Himmel, die Macht auf
ihren Thronen, die menschlichen Zustnde in ihren Hhen und Tiefen - Glaube,
Geschichte und Tradition. Aber so verwegen man fragen, so geschickt und
spitzfindig man antworten mge, welche subtile Erklrung oder stupide Negirung
von Kanzel und Katheder erschallen mgen, wie man sich aufblase in dem
Bewutsein durch den Geist al pari mit Gott zu stehen und durch die Vernunft das
Schpfungswort der Welt, die Grundursach der Dinge erfat zu haben - dennoch,
mein Vater, dennoch geht eine Geisterstimme ber den majesttischen Wust unsrer
Weltweisheit dahin und fragt ebenso heimlich als vernehmlich: Warum? Weshalb?
Wohin? - Aber die Zwillingsstimme welche ihr sonst antwortete: Glaube, hoffe,
liebe! ist bertubt und verstummt durch die Lehren der Weltweisheit, welche
doch fr jene Fragen keine gengende Antwort haben. Und so hallt wie ein
Klageruf voll unendlichem Weh jene Geisterstimme fort und fort, und unsre Hymnen
an das Licht und an die Freiheit gellen unter ihr dahin. O mein Vater! die Erde
war immer dunkel; - aber da wo an unserm Gesichtskreis der Himmel sie zu
berhren scheint, schwebte sonst ein Genius im silbernen Gewande, mit goldnen
Flgeln, mit einer Sonnenglorie ums Haupt, und bei seinen leisen Schwingungen
quoll solch ein Strom von Glanz herab, da die Erde davon verklrt wurde. Der
Glaube war's. Nun heit's ein Popanz sei es gewesen und Eure Priester htten ihn
aufgestellt. Das ist nicht wahr! was sie Popanz nennen ist nur ein Spiegelbild
der hchsten und allmchtigsten Sehnsucht in jeder Menschenbrust, und haben Eure
Priester verstanden diesen Wiederschein in eine himmlische Form zu gestalten: so
waren sie es werth Fhrer und Lehrer langer Generationen zu sein.
    Wenn Du jezt dies Vertrauen zu unsrer heiligen Kirche hast, warum trittst
Du nicht in ihre Gemeinschaft? - Welche Befriedigung kannst Du in der Deinen
finden?
    O nicht die geringste, mein Vater! der Protestantismus ist in meinen Augen
keine Kirche, sondern das reflectirende, opponirende, kritisirende Element,
welches scharfe Wache neben der Katholischen Kirche hlt. Deren immanente
religise Lebenskraft fehlt ihm gnzlich. Er lebt von der ewig regen und
thtigen Verstandesrichtung im Menschen, und wird in dieser immer fortbestehen.
Eine Kirche auf ein unantastbares durch fast zwei Jahrtausende unbewegtes Dogma
gegrndet, bildet er nicht! hchstens Kapellen stiften seine zahllosen Secten!
die Einheit fehlt ihm, dies Symbol der Gttlichkeit! das Gehirn des Menschen ist
seine Basis; die der Katholischen Kirche ist das Herz. Aber ich, mein Vater, im
Protestantismus geboren, in einer protestirenden Zeit zum Bewutsein gekommen,
ich habe eben nur die Fhigkeiten zu denen er den Impuls giebt: ich begreife
Eure Kirche, ich knie vor ihr - allein .... ich glaube nicht an sie.
    Damit war Alles gesagt und mein Uebertritt unmglich. Das sah mein Onkel
auch klar ein. Er beklagte mich aufrichtig, doch ohne die geringste Beimischung
von Verachtung oder Selbstberhebung. Er hielt sich mir gegenber als Katholik
keinesweges fr besser; nur fr glcklicher. Und so betrachtete ich ihn auch,
aber so veredelt durch inneres Glck, als ich verfinstert war durch innere
Desolationen und Zwiespltigkeiten. Meine theologischen Studien setzte ich fort
so lange ich in Wrzburg war. Es fehlte nicht viel so htte ich mich auf die
orientalischen Sprachen geworfen, auf hebrisch namentlich um das Alte Testament
in seiner wahren Sprache zu lesen, denn ich kannte genug fremde Sprachen und
ihre Uebersetzungen um zu wissen, da diese sich zu jener verhalten, wie eine
Lithographie zu einem Oelgemlde.
    Aber der Tod meines theuern Onkels gab meinem uern Leben eine andre
Richtung. In den ersten schnen Frhlingstagen entschlummerte er am gefneten
Fenster sitzend, durch welches Maiengrn, Bltenduft, Vogelsang und der Gold-
und Rosenglanz des Abendhimmels ihn berstrmten. Die Kinder wollten sich eben
zurckziehen und kten ihm die Hand zur Guten Nacht. Wie immer segnete er sie
zrtlich, lehnte sich zurck, schlo lchelnd die Augen - und war nicht mehr.
Sein Antlitz schwamm in der Verklrung zu der seine Seele aufstieg. Ich erkannte
sogleich da er todt war. So himmlisch sieht das Leben nicht aus.
    Er ist bei Gott! - Auf Eure Knie, Kinder! sagte ich, kniete mit ihnen
nieder, und ein Strom von schwarzer Traurigkeit, nicht um den Tod, sondern um
das Leben, wlzte sich schwer durch meine Seele. - - -
    Am Vorabend meiner Abreise nach der Schweiz ging ich in den Dom zu der
bewuten Stelle, und auf ihr verga ich fr ein Paar Augenblicke die
schauerliche Vereinsamung meines Daseins. Mich berfiel eine Sehnsucht ohne
Gleichen nach Fidelis - nicht ihn zu sehen, ach! nur von ihm zu wissen. In
solchen Momenten war mir zu Sinn als entdecke ich in mir ein ungeahntes Gestirn,
in welchem ich die Bedeutung fand: Du hast Fidelis nicht geliebt, aber Du
httest ihn lieben knnen unter einem schneren Schicksalshimmel! - Und die
bloe Ahnung von lieben knnen, war mir schon eine halbe Beseligung.
    Bei meiner Heimkehr lag ein Brief von seiner wolbekannten Hand auf meinem
Tisch, der nach Engelau adressirt und von dort hieher geschickt war. Nach drei
vollen Jahren das erste Lebenszeichen von ihm! - also lebte er doch wenigstens
noch! Die erste Empfindung war freudig; die nchste - namenlose Angst. Was
konnte, was wrde er mir sagen. Es zog sich eine furchtbare Schwle um mich
zusammen; ich ahnte einen niederschmetternden Wetterstral. War's Furcht, war's
Demuth? genug, mein Instinct warf mich zu Boden und auf meinen Knien erbrach ich
den verhngnivollen Brief.
    Sibylle! Alles leiden, aber frei sein - war der Traum und der Wunsch meiner
Jugend. Ich litt und war nicht frei. Die eine, die frchterliche, die
verzehrende Leidenschaft meines Lebens machte all meine Freiheit zunicht, und
hat weder meinem Genius, noch meinem Herzen, noch meinem Character ihre volle
Entwickelung gegnnt, wenn sie ihnen auch zuweilen Flgel gegeben hat. Es ist
umsonst die Vergangenheit zu durchwhlen und zu sagen: Dies httest du als
Jngling - jenes als Mann thun oder nicht thun sollen. Es ist gethan. Erkenntni
reift durch die That als bittre Frucht heran. Ich kann innerlich nicht frei
sein, so mag ich es auch uerlich nicht sein - denn ein Magnet, der strker ist
als Vernunft und Wille zieht mich in der Freiheit allewig an - - und zu Ihnen.
Ich widerstehe ein Jahr, ein Paar Jahr .... lnger nicht. Wozu das aber? Sie
lieben mich nicht; Sie werden hchstens einmal wnschen mich wiederzusehen um
mir ein Wort des Trostes zu sagen - oder der Vergebung, oder des Mitleids -
lauter Dinge vor denen ich zurckschaudere, weil sie mich so frchterlich an
meine Schwche mahnen. Mich in der Welt herum zu schleppen mit diesem Dorn in
der Seele wie bisher, vermag ich lnger nicht. Das Gebet meiner armen Mutter
wird im vollsten Umfang Erhrung finden: ich bin auf dem Punkt das Ordenskleid
der Benedictiner zu Kloster Lilienfeld zu nehmen. Meine Mutter lebt noch immer -
nur um zu beten. Mein Entschlu hat sie beseligt und ich denke sie wird nun bald
ihre irdische Laufbahn vollendet haben. Leben Sie wol, Sibylle! sollten Sie
meiner gedenken, so sei es in Milde. Htte ich mich meinen Jugendtrumen
zufolge, die in tiefer Uebereinstimmung mit meinen natrlichen Gaben waren,
einzig der Kunst gewidmet, so mgte Groes aus mir geworden sein statt des
jetzigen Stckwerks. Der Mensch entwickelt sich durch und um die Idee, die
seiner Individualitt zum Grunde liegt; bleibt er derselben treu, so hat er
Freiheit, Macht, Muth, Energie, Alles was dazu dienen kann sie hervorzutreiben
und auszubilden. Sie begehrt, braucht und verzehrt das Alles, und entfaltet sich
dann zur hchsten Kraft und Schnheit in ihm, weil sie sich von den reinsten und
besten Elementen seines Wesens nhrt. Wird er aber seiner Idee untreu: so wird
er schwach, abhngig von Zuflligkeiten, zwiespltig mit sich selbst; - und das
ist mir geschehen. Aus Bruchstcken kann nichts Ganzes mehr werden! sie mssen
bei Seite gebracht werden - und das thue ich mit mir selbst. Verzeihen Sie mir
diese lange Auseinandersetzung, ich hielt sie fr nthig damit Ihre rastlosen
Gedanken ber mich zur Ruhe kommen knnten. Sibylle .... Gott segne Sie.
    Ich stand auf nachdem ich diesen Brief gelesen und sagte gelassen und ganz
laut: Ja ja! der Mensch wird fertig mit seinen Qualen und seinen Wonnen! und was
nach dem Zersetzungsproce seines Wesens durch die Leidenschaft noch brig
bleibt, das wird in Sicherheit gebracht - bald bei der Gottseligkeit, bald bei
der praktischen Thtigkeit; im Kloster oder in der Welt! Es findet immer sein
Pltzchen - und nur ich! nur ich ... finde keines.
    Es schien mir eine Art von Unrecht gegen mich, da Fidelis kampfesmde gegen
die Sehnsuchtsqual, sich hinter jene Mauern zurckzog, die ihn in stillem Bann
hielten. Mit chtprotestantischem Hochmuth sah ich eine Feigheit darin sich zu
einer uerlichen Scheidewand zu flchten. Konnt' er sich nicht verlassen auf
Gott und auf die eigne Kraft? Haha! auf die eigene Kraft! rief ich mit bitterm
Lachen nach einer Pause. Armer Fidelis! vielleicht hat er sich aus Demuth und
Weisheit in sein Ordenskleid gehllt! - -
    Unter den zahlreichen schlaflosen Nchten meines Lebens war dies eine der
finstersten. Am andern Morgen fuhr ich mit den Kindern den Main entlang nach
Frankfurt und dann weiter ber Basel und Bern nach Freiburg, wohin ich fr die
Superiorin der Damen vom Sacr Coeur Empfehlungsbriefe hatte. Astralis war jezt
grade neun Jahr alt. Es wurde mir sehr schwer mich von dem lieblichen Kinde zu
trennen, aber Arabellas Wunsch bestimmte mich: sie sollte in ihrer Kirche
erzogen werden, d.h. sie sollte sich nicht dermaleinst in der Welt zur
Katholischen Kirche halten und bekennen, sondern vielmehr schon jezt in der
Kindheit jene religise Erziehung empfangen, welche den Menschen befhigt eine
organische Pflanze auf dem Erdboden seiner Kirche zu werden. Nachdem ich
Astralis jener Erziehungsanstalt bergeben, und um ihre neuen Verhltnisse
kennen zu lernen einige Wochen in Freiburg zugebracht hatte, ging ich mit
Benvenuta an den Leman um mir dort irgendwo ein Pltzchen zu suchen wo ich
Htten bauen knnte.
    Das war aber unsglich schwer wegen der verschiedenen Rcksichten welche zu
beobachten waren. Pestalozzis groer Name hat der Schweiz eine pdagogische
Berhmtheit verliehen, und bedeutende Institute zu Genf, Lausanne und Yverdun
rechtfertigen sie. Ich wnschte mich in einer kleinen Villa bei Genf oder
Lausanne niederzulassen und rechnete darauf alle Lehrer zu finden, welche
Benvenuta nthig hatte. Ich hatte mich in Bern, im Oberland und in den
Ur-Kantons sechs Wochen - dann wieder in Freiburg aufgehalten; so kamen wir
Anfang August aus der schnen frischen Berg- und Wiesenluft in die erstickende
Hitze von Genf. Kein Landhaus, nicht einmal das einfachste Gartenhaus war fr
uns zu finden - Alles von Einheimischen und Fremden berfllt. Wir wohnten im
Htel des Bergues das eine wunderschne Aussicht auf den See hat; aber
Benvenuta, ungewohnt des stdtischen Treibens, des Gasthofs, der beschrnkten
Rumlichkeit, vielleicht hauptschlich ihrer eigenen Einsamkeit in der Fremde,
bat mich schchtern aber mit heien Thrnen die Stadt zu verlassen, und am
nrdlichen Ufer des Sees nach einem Landhause zu suchen. Dort fand ich nun wol
einige die mir sehr zugesagt htten, aber zu fern von Lausanne und Genf um mir
Lehrer verschaffen zu knnen. Am nrdlichen Ufer war es brigens noch heier!
von dem Rebgelnde des Jorat prallten die Sonnenstralen auf das Ufer herab und
reverberirten mit scharfer Blendung aus dem See. Der Aufenthalt in den kleinen
Stdten - so lieblich ihre Lage - und in deren Gasthfen - so gro ihre
Bequemlichkeit war - wurde mir und meiner Tochter ganz unertrglich. Mein
Herzkrampf regte sich wieder - und halbtodt vor Ermattung und Anstrengung fiel
ich frmlich in der kleinen khlen Villa paisible, eine Stunde von Vevay nieder,
welche durch ein glckliches Ungefhr zu miethen war. Vor der Hand mute ich
durchaus Ruhe und Erfrischung haben. Ich richtete mich ein und fhlte mich
whrend der ersten drei Tage ganz behaglich - aber da erkannte ich, da diese
einsame Existenz wol fr mich, doch nicht fr meine Tochter zu ertragen sei. Zum
ersten Mal war sie ganz allein mit mir. Mezzoni war von Wrzburg nach Italien,
die Schtz nach Holstein zurckgegangen; Astralis in Freiburg geblieben! mit
tiefer Anhnglichkeit umfate Benvenuta Lehrer und Gespielin - und urpltzlich
fand sie sich von ihnen Allen getrennt und einsam bei ihrer melancholischen
Mutter! - Sie gab sich unendlich viel Mhe ihre Traurigkeit zu bemeistern, und
ich gab mir noch grere Mhe sie zu zerstreuen; ich bte sie nach der Natur zu
zeichnen, bertrug ihr kleine husliche Geschfte und die Aufsicht ber den
Garten; berwand mich sogar genug um Musik mit ihr zu treiben - Musik die ich
gnzlich verlassen hatte seitdem Fidelis abgereist war! - allein ich konnte
weder ihren Tag noch ihr Herz gengend fllen. Sie war in dem Alter wo das
Gefhl leicht eine krankhafte Frbung annimmt weil die Nerven in gereizter
Spannung sind; - sie wurde im November vierzehn Jahr. Sie durchweinte halbe
Nchte und hrmte sich dermaen ab, da ich sie oftmals mit Thrnen bat mir zu
sagen was ihr fehle und was sie wnsche - es solle Alles geschehen. Da wnschte
sie denn bald nach Engelau heimzukehren, bald ein Paar Lachtauben, bald einen
Besuch von Astralis, bald eine Fahrt nach Chamouny; hufig auch gar nichts.
Armes Kind! sie wute eben nicht was sie wnschen sollte. Ich hatte sie von je
her mit Sorglichkeit und Liebkosungen berstrzt. Ich wollte durchaus sie sollte
glcklich sein und nicht meine freudenlose ernsthafte Kindheit haben. Allein ich
verweichlichte sie anstatt sie glcklich zu machen. Dazu kam noch ein groer
Uebelstand: ich hatte eine namenlose Scheu sie in meine Seele blicken zu lassen,
die von so manchem Erdbeben verwstet war. Kinder jedoch sehen klar und scharf!
und so strengte ich mich bermig an im Gesprch mit ihr stets auf meiner Hut
zu sein um keine Bemerkung zu machen, die ihre junge reizbare Seele in Unruh
htte versetzen knnen. Das veranlate mich hufig meine Ueberzeugung nicht
unumwunden auszusprechen, und dadurch verfiel ich oft in Widersprche. Denn da
ich meine wahre Meinung nicht gesagt hatte, so konnt' ich mich nicht immer
besinnen ob ich sie halb oder dreiviertel - mit himmelblauer oder rosenfarbener
Frbung ausgesprochen. Das befremdete und verstimmte das Kind - und mit Recht!
aber ich konnt' es nicht ndern, weil ich mich selbst nicht ndern konnte.
    Htte Benvenuta die geringste Vorliebe fr die katholische Kirche an den Tag
gelegt: so wrde ich sie mit Astralis zusammen dem Institut zum Sacr Coeur
anvertraut haben. Ich fragte sie darber und mit kindlicher Piett entgegnete
sie: sie wnsche bei der Kirche ihrer Eltern und ihrer Heimat zu bleiben. Was
diesen Punkt betraf durfte ich, meiner Ueberzeugung zufolge, mir keine
Einmischung erlauben. Bei Fidelis hatte ich so recht gesehen wie ein heftiges
Eingreifen der Eltern, sogar in der allerbesten Absicht, die Kinder in
bengstigende Unruh und oft fr ihr ganzes Leben in eine unheilvolle Richtung
schleudert. Aber ich erkannte da Benvenuta an meiner Seite, unter diesen
Umstnden, Eindrcke empfangen msse, die ihr ebensowenig segensvoll sein
knnten als fr mich die lange Krankheit meiner Mutter gewesen war, und ich
entschlo mich sie in eine Erziehungsanstalt in Ouchy bei Lausanne zu geben.
Diese war nicht gro, nahm nie mehr als zwlf junge Mdchen auf, war auf einen
hchst einfachen, huslichen Fu eingerichtet, lag inmitten eines herrlichen
Gartens am See, und erfllte durch sorgsame Aufsicht und vortrefliche Lehrer
meine Ansprche. Benvenuta fand dort frhliche Gefhrtinnen; nicht nur
Beschftigung, sondern, durch Wetteifer belebt, auch Interesse fr dieselbe; und
endlich in der Einfachheit des Zuschnitts des Lebens eine hchst nothwendige
Schranke gegen bermige Verwhnung, in die sie als einziges Kind und als
Erbtochter eines reichen Hauses verfallen war.
    Es kostete mich einen harten Kampf diesen Entschlu festzuhalten. Mir graute
vor der grenzenlosen Einsamkeit die mich nach Benvenutas Abreise umgeben wrde.
Ich sagte mir, ich knne ja in der Villa paisible so gut wie in Engelau
Gouvernante, Hofmeister, Lehrer fr sie halten - diese Lieferanten des
Bildungsproviants. Aber die Gespielen, die jugendlichen Gefhrten bei Unterricht
und Erholung konnte ich ihr nicht schaffen, und das bestimmte mich vorzugsweise.
Zum neuen Jahr brachte ich sie nach Ouchy, und hatte die Freude, da sie sich
leicht in ihren fremden Umgebungen zurechtfand. Die Villa paisible war fr das
junge Wesen zu abgeschieden gewesen! Ich aber kehrte beruhigt dahin zurck und
sah mich mit einem halb beklemmenden und halb wolthuenden Gefhl in gnzlicher
Einsamkeit. - - - - - -
    Ich hatte wieder einen Gegenstand gefunden, von dem ich Beschftigung und
Nahrung fr meinen ewigarbeitenden Geist hofte. Im Canton Waadt herrscht die
Calvinische Kirche, die sich an manchen Orten zu uerst streng religisen
Secten, deren Anhnger dort Methodisten und Momiers genannt werden, zugespitzt
hat. Sie ziehen sich ganz von der Welt zurck, verschmhen nicht nur die
geselligen Zerstreuungen dermaen, da Blle und Schauspiele ihnen sndhaft
erscheinen, sondern meiden auch geistige Unterhaltung, Musik, Lectre, sobald
sie nicht religisen Inhalts sind und sich um Christus, um Gnade,
Rechtfertigung, Erlsung und Genugthuung bewegen. Sie lesen nur derartige
Andachtsbcher und hauptschlich die Bibel, kommen nur mit Gleichgesinnten
zusammen, und unterhalten sich in ihren Vereinigungen nur durch geistliche
Gesprche, Bibelerklrung, Lesen von frommen und ascetischen Schriften -
zuweilen mit einem geistlichen Gesang. Uebrigens sind es stille Leute, nicht
besser und nicht schlechter als Andre, und etwas langweiliger und dafr weniger
frivol. Am ganzen Leman, in Genf, Lausanne, Vevay, Montreux sind sie sehr
zahlreich in allen Stnden und Classen, und ich war in der hchsten Spannung
Menschen kennen zu lernen, die ihr Leben um einen einzigen Gedanken, das Sterben
Christi, aufgebaut hatten. Es wurde mir auch mglich durch einen Arzt aus
Montreux, den ich durch eine Krankheit meines Kammerdieners kennen lernte, mit
ihnen bekannt zu werden, denn dieser Mann und seine ganze Familie war ganz
methodistisch. Ich fand bei ihnen die Lehrstze mit einer Schrfe und Strenge
ausgeprgt und festgehalten wie nur immer in der Katholischen Kirche - aber nach
meiner Ansicht ohne die Consequenz der letzteren.
    Was hlt denn Eure Dogmen aufrecht, was giebt ihnen Basis und Krone, da
Euch die Autoritt der Kirche und die Gemeinschaft des Glaubens fehlt? fragte
ich zuweilen; und erhielt immer die Antwort:
    Das Wort Gottes, die heilige Schrift, ist unsre Autoritt. Was sie sagt und
gebietet, nehmen wir an, was sie nicht sagt - verwerfen wir.
    Aber kein Mensch wird geboren mit der Kenntni der heiligen Schrift; sie
mu ihm gedeutet und erklrt werden. Wer erklrt sie Euch?
    Die lautre Milch des Wortes gewhrt auch dem unmndigsten Geist eine leicht
verdauliche Nahrung. Wir haben die Verheiung des Herrn: Wo zwei oder drei
versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter Euch. Wir getrsten
uns derselben und wissen, da beschirmt vom heiligen Geist die Wahrheit wchst
und gedeiht.
    Eure eigene Autoritt ist also Eure letzte Instanz?
    Unsre Lehre ist es in Uebereinstimmung mit der heiligen Schrift, wie sie
uns von unsern Lehrern und Geistlichen berliefert wird.
    Also haben Eure Lehrer doch fr Euch die Autoritt der Unfehlbarkeit! aber
letztere ist gegen das Princip der Reformation, welche die Unfehlbarkeit
antastete und verwarf.
    Und eben deshalb besitzt ein Jeglicher in der heiligen Schrift die Leuchte,
welche seinen Fu auf den Weg des Friedens fhrt.
    Also dennoch wie ich sagte in letzter Instanz Eure eigene Autoritt, wie
sie sich aus den Bedrfnissen und der Auffassung des Individuums herausbildet!
rief ich. Mein Gott! ist die ein Anker fr die unruhige schwankende
Menschenseele?
    Wir sind fest im Glauben und ruhen in Gott.
    Wol Euch! sagte ich; es ist eine glckliche Gabe sich ber alle
Widersprche hinweg in den Schoo des Glaubens flchten zu drfen.
    Sie wird auf dem Weg des Kreuzes gefunden - in der Schule des Leidens,
nennt es die Welt! Drum segnen wir die Trbsale und damit sie jeden Stachel fr
uns verlieren, gedenken wir des herben Leidens und Sterbens des Heilands
unaufhrlich. Durch den Gedanken da er sie mit uns getheilt hat, wandelt sie
sich in Wonne. Halleluja! meine Seele lobe den Herrn!
    Die Person mit der ich dies Gesprch und zahllose hnliche hatte, war die
Schwester des Arztes, eine Frau in meinem Alter, Wittwe und Mutter von sieben
Kindern. Ihr Mann, ein wolhabender Kaufmann in Genf, hatte sich ums Leben
gebracht in einem jener spleenitischen Anflle, welche nicht selten durch
religise Schwrmerei veranlat werden. Die Gegner der Methodisten behaupteten,
er, ein Mensch voll Lebenslust und Kraft, geistvoll, mittheilend, regsam, habe
nicht gewut wohin mit all den Gaben, die nicht zum Vorschein kommen und nicht
in ihrer homogenen Richtung verbraucht werden durften. Er verkmmerte bei den
Predigten und Bibelerklrungen seiner Frau. Die graue Atmosphre frmmelnder
Andacht beklemmte zuerst und lhmte zuletzt seine Fhigkeiten; und als sein
Geist ganz paralysirt war - gab er sich den Tod. Anders sprach seine Wittwe und
deren Familie:
    Ihn drckten die Snden und Uebertretungen seiner Jugend, denn ihm fehlte
der Glaube an die Vershnung und Genugthuung durch das theure Blut des Heilands.
Wer schwach im Glauben ist welkt dahin wie eine Blume des Feldes.
    Diese gelassene Ergebung bei einem solchen Donnerschlag des Schicksals, der
zugleich den uern Wolstand zertrmmerte, imponirte meiner Vernunft ohne mein
Herz zu erquicken. Ich sah keine Thrne, hrte keine Klage, fhlte keinen
Pulsschlag; halb erstarrt, halb gleichgltig ward ich neben diesen vom
Stoicismus ihres Glaubens umpanzerten Seelen. Weicher, lieblicher, trstender
schien mir der Quietismus der Katholischen Kirche; es wehte in ihm ein wrmerer
Hauch: die Liebe zum Heiland. Thomas a Kempis, die Guyon, Fnlon, haben
zuweilen Worte wie Balsam so lind und labend, Worte in denen sie gleichsam durch
Thrnen lcheln und der Melancholie einen Anflug von rhrender Grazie geben. Das
Wort Fnlons auf die Frage: Was wrdest du thun wenn du nichts von Gott
wtest? - J'aimerais! - ist die bezeichnende Quintessenz dieser Richtung. Der
protestantische Pietismus mit seinen Bibelstudien, Traktaten-Lectre und
reflectirenden Betrachtungen ber Tod und Genugthuung des Heilands, hatte fr
mich einen drren und herben Beischmack, als htten sich seine Anhnger zur
Frmmigkeit resignirt, anstatt da dieselbe aus ihren Seelen quellen mte. Es
war keine Frische, kein Duft, keine Anmuth um sie; zuweilen etwas Respectables,
in einzelnen Fllen etwas Imponirendes, hufig eine abstoende Trockenheit und
Klte welche mit ihren salbungsvollen Worten verglichen, letzteren den Anstrich
von Heuchelei gaben.
    Wie oft, wenn ich meinem verstorbenen Onkel zuhrte, hatte ich mit heier
Sehnsucht gesagt: O welche Erquickung mit diesem liebenden Schwung glauben zu
knnen. - Aber den zuversichtlichen Glauben meiner neuen Freunde zu theilen
hatte ich nie! nie gewnscht! Ich fhlte mein Herz wrde durch ihn noch mehr
brach gelegt werden, als es in meinem gegenwrtigen Zustand der Fall war. Unsre
Freundschaft war auch nicht von Dauer; sie warfen mir philosophische und
freigeisterische Ansichten vor, wogegen ich mich nicht vertheidigen konnte; -
und ich ihnen Intoleranz und Inconsequenz, bei denen sie im Recht zu sein
behaupteten. Ich sagte ihnen:
    Im Katholicismus setzt die Kirche - die gemeinsame Einheit im Glauben -
eine unantastbare Schranke, vor welcher der Menschengeist sich beugen, oder sich
daran brechen, oder sie berfliegen und dann von der Gemeinschaft abfallen mu.
Im Protestantismus haben Individuen Schranken gesetzt nachdem sie selbst deren
niedergerissen hatten. Ich sage nicht da der geistige Horizont nicht
betrchtlich dadurch erweitert sei; ich sage nur da die Protestanten sich nicht
wundern drfen, wenn im Namen dieser Geisteserweiterung und Geistesbefreiung
Schranken weggerissen werden, welche sie um ihren Glauben aufgebaut haben. Der
Schatz der christlichen Lehren ist ein lauterer Quell. Die Katholische Kirche
hat ihn mit einem feierlichen, grandiosen Tempel berwlbt und ihre Priester zu
dessen Htern bestellt. Die schpfen das Wasser, spenden und vertheilen es nach
gewissem Ma und Gesetz an die Drstenden, und wachen ber dessen Gebrauch. -
Der Protestantismus fand den lautern Quell in der Bibel enthalten, er verwarf
die Tradition und gab den Zutritt zu demselben Jedermann frei. Der Priesterstand
ward fortan unntz, denn Jeder durfte schpfen und Jeder nach seinem eignen
Bedarf - viel der Eine, der Andre wenig, Dieser mit einem schnen
Krystallbecher, Der mit einem unsaubern Eimer, Jener mit einer reinen - und noch
Einer mit einer schmutzigen Hand. Wer von ihnen darf jezt behaupten er schpfe
das richtige Ma und mit dem richtigen Gef? Keiner oder Jeder. Die Katholische
Kirche ist consequent: ein Priesterstand, Autoritt und Glaubenseinheit. Den
Protestantismus vermag ich nicht Kirche zu nennen, denn er ist ohne
Priesterstand, ohne Autoritt, ohne Glaubenseinheit. Dennoch gilt er fr eine
Kirche und herrscht als solche, aber nur durch Widersprche und Inconsequenzen.
Um sie zu vertheidigen wirft er sich auf Gelehrsamkeit; um sie zu betuben auf
Fanatismus; um sie aufzuheben auf Rationalismus; und fllt dadurch immer mehr
auseinander, wie seine zahllosen Secten das beweisen, die sich in Ermangelung
einer Kirche jede ihr eigenes Betstbchen zurecht machen.
    Wol uns wenn unsre Seelen in ihren demthigen schlichten Betstbchen die
Ruhe und Zuversicht im Herrn finden, welche Denen stets fehlen werden die in
prachtvollen Domen papistischen Greuel treiben, und Jenen die in der Welt dem
rationalistischen Baal huldigen.
    Ja! wol Euch wenn Ihr neben der Ruhe im Herrn auch Demuth fr Eure Seelen
fndet! aber Ihr seid von geistlicher Hoffahrt besessen, die bei dem
separatistischen Wesen fast unvermeidlich ist, denn die Abtrennung von der
Gemeinsamkeit ruft stets ein Sichbesserdnken hervor. Ihr nennt das begnadigt
sein, auserwhlt sein; aber das ist doch weiter nichts als eine Art von
Selbst-Heiligsprechung.
    Man wollte mir das Gegentheil beweisen; vielleicht bewies man es mir auch -
ich hab' es vergessen! Dies Alles war nicht das was ich brauchte. Das unbekannte
Gut, welches ich in jeder dem Menschen gegnnten Richtung gesucht hatte, in der
Welt, in den Gefhlen, in der praktischen Thtigkeit, in der geistigen
Ausbildung, und immer umsonst! - ich suchte es jezt im religisen Glauben - und
ebenso vergeblich; und es war doch das einzige was ich brauchen konnte.
    Ihnen ist bei uns nicht zu helfen! sprach meine Freundin. Ihre Phantasie
wird durch den Katholischen Pomp gefangen, und Ihr Verstand huldigt dem
Rationalismus. Diese zwei Elemente ersticken den wahren Glauben.
    Es halfen keine Discussionen mehr! ich konnte ihr nicht anschaulich machen,
da nicht der Katholische Pomp sondern die Katholische Einheit mich anzog;
nicht, da ich den Rationalismus als ein Attribut steriler, drftiger Naturen
betrachtete, welche sich im Uebersinnlichen dermaen unheimisch fhlen, da sie
es sinnlich sich erklren mssen; und endlich nicht, da es mir unmglich sei
mich einer religisen Gemeinschaft hinzugeben, so lange ich entweder uerlich
mit ihrer Form - oder innerlich mit ihrem Princip und mit meiner
Anschauungsweise in Conflict gerathen knne.
    So war mir der einsame Winter in der Villa paisible vergangen; fast tglich
ging ich nach Montreux, und jeden Sonntag fuhr ich zu Benvenuta nach Ouchy.
Lectre und Spaziergnge fllten meine brigen Stunden. Im Junius mute ich sie
aber den Besitzern rumen. Ich besuchte Astralis in Freiburg, und hatte die
herzliche Freude sie ebenso zufrieden, und geistig und krperlich in gesunden
Elementen gedeihend zu finden, als Benvenuta. Beide waren krftiger, munterer,
frischer als bei mir. Otberts Behauptung fiel mir ein: jeder Mensch habe einen
eigenen Lebensther um seine Persnlichkeit, und dieser wirke entweder belebend
oder vernichtend auf andre Persnlichkeiten. Der meine schien in der That
verzehrender oder austrocknender Art zu sein. Es konnte Niemand so recht
behaglich neben mir bestehen noch gedeihen.
    Ich ging nach dem Berner Oberland um mir dort ein stilles Pltzchen zu
suchen. Das ist schwer genug. Allberall wimmelt es von Reisenden. Grindelwald
schien mir am meisten von dieser Stille zu bieten. Der weite Kessel am Fu des
Wetterhorns von dem die Lavinen donnernd herabstrzen - die grnen Matten der
Abhnge auf denen zahlreiche Heerden weiden - der nackte Fels der hheren
Bergwnde und der ewige Schnee ihrer Hupter - unten die blumigen duftenden
Wiesen mit einzelnen Bauerhusern, Sennhtten und Gehften, mit Grten und
Obstbumen berset - machen das Thal von Grindelwald vielleicht nicht so
malerisch und reich als das von Interlachen, Lauterbrunn und Meyringen; aber sie
geben ihm den Character eines einfachen Hirtenlandes, der mich wolthuend
ansprach. An Reisenden fehlt es freilich auch dort nicht! die beiden Gletscher,
welche ihre Eisblcke von den Bergen herab und auf den lachenden Teppich der
Wiesen schieben, sind Merkwrdigkeiten welche die Touristen locken, ohne sie
jedoch zu lngerem Aufenthalt zu veranlassen.
    Am unteren Gletscher, der ber dem Quell der Ltschine einen saphirfarbenen
Betthimmel von Eis wlbt, lag ein Bauerhaus zwischen einem Nubaum und einer
Linde. Wer kennt sie nicht diese malerischen Htten des Berner Oberlandes, ganz
von Holz, mit flachem, breitem, weitschirmendem Dach, mit zierlich geschnitztem
Altan rund ums obere Gescho laufend, mit frommen Sprchen am Gesims des
unteren; ein Brunnen daneben und zwei Schuppen: der grere fr die Kuh und die
Ziegen, fr die Bienen der kleinere. Aus schnen Bildern oder aus der schneren
Wirklichkeit kennt Jeder sie und jenes Haus glich ihnen vollkommen. Nur war es
ganz frisch und neu, und nie bewohnt gewesen; denn eine Englnderin hatte es
bauen und einrichten lassen zu ihrer Villeggiatura; aber sie war im Frhling
gestorben ohne es je gesehen zu haben, und ihre Erben wnschten dringend es zu
verkaufen. Ich widerstand dieser Lockung nicht: fr einen migen Preis brachte
ich das trauliche Httchen an mich, und mit unbeschreiblichem Wolbehagen nahm
ich auf der Stelle davon Besitz. Es war so recht in meinem Sinn und nach meinem
Geschmack in Harmonie mit Umgebung und Bestimmung eingerichtet: das untere
Stockwerk fr Dienstboten und wirthschaftliche Rume; das obere fr einen
einsamen Menschen - vielleicht fr zwei, wenn sie gengsam waren und sich
liebten - und Alles mit der grten Einfachheit und Sauberkeit, die Wnde nach
Schweizersitte getfelt mit braunem polirten Nubaumholz; von demselben Holz
Tische und Schrnke; Vorhnge und Meublebezge von hellem buntgeblmten Zitz -
ein wahres Ideal von Einfach heit! Schlaf- Wohn- und Ezimmer nahm ich sogleich
fr mich in Besitz. Das vierte Zimmer bestimmte ich fr Benvenuta, wenn sie in
den Schulferien mich besuchen wrde.
    Wie immer ging es mir Anfangs wol, denn ich geno mit vollen Zgen den
Zauber der Hochgebirgsnatur - - aber nicht wie auf der Reise, sondern in einer
selbstgewhlten Heimat. Das war mir neu! eine Eigenthumssttte hatte ich in
fremden Landen nie gehabt. Es wrde mir vorgekommen sein als nhme ich Besitz
von einer neuen Welt im Kleinen, wenn ich die Frage htte beschwichtigen knnen,
welche sich vorwitzig aus meiner Selbstkenntni mir entgegendrngte: Wie lange
wird der Reiz whren? wann wird er abgestumpft sein? Das strte meinen Genu.
Uebrigens gab ich mich lediglich meinen Gedanken und den Einflssen und
Eindrcken der Natur hin. Ich hatte so viel gelesen und so wenig Befriedigung
davon gehabt, da Bcher mich anghnten; ich verdankte das meiner eingewurzelten
Thorheit: statt in ihnen die relative Wahrheit zu suchen und mir aus derselben
einen Nahrungsschatz fr eigene Meditationen zu sammeln, hatte ich nach der
absoluten in ihnen geforscht und sie muthlos fallen lassen, als ich dieselbe
nicht fand, nicht finden konnte. Immer wute ich hinterher sehr genau was ich
htte thun, was meiden sollen, und meine ganze Erkenntni bestand darin, da ich
mit immer klarerem Blick die Summe meiner Irrthmer berschaute, ohne ein
einziges vershnendes Resultat ersphen zu knnen. Durstend wie Keiner hatte ich
mich in das Leben geworfen um mich an dessen Bchen und Quellen, Meeren und
Strmen satt zu trinken. Durstend wie Keiner sah ich es um mich herum rinnen und
verrinnen .... wie Wasser, das man mit der hohlen Hand schpft und das zwischen
den Fingern hindurchfliet, bevor es die lechzenden Lippen erfrischt hat. Aber
wo gab es denn noch zu schpfen? zu welchem Brunnen konnte ich noch pilgern? -
Die Einsamkeit, die Natur, die Drftigkeit der Verhltnisse die mich umgaben und
mich zu wolwollender Theilnahme auffoderten - sollten sie meiner Seele ihr
Gengen bereiten? - - - Die Einsamkeit ist gut und nothwendig fr mchtige
Naturen die zum Bewutsein ber sich selbst, ber ihr Ziel und ihre Mittel
kommen wollen und einer erhabenen Bestimmung entgegen gehen. Sie ist der
Concentrirung aller Gedanken auf einen Gegenstand gnstig, und ist dieser ein
groer, ein wrdiger, so kann sie die ganze Seele unauslschlich fr ihn in
Flammen setzen, die dann ausbrechen, wenn sie genug Nahrung gesammelt haben und
der staunenden Welt ein neues Licht zum Himmel hinauf oder ber die Erde hinweg
anznden. Aber fr uns drftige Menschen, die wir unser Ich zum Hauptgegenstand
unsrer Betrachtung machen, taugt die Einsamkeit nicht, eben weil sie die
Gedanken so concentrirt; sie macht uns sehr leicht egoistisch, einseitig und
fanatisch. Gre und Genie sind Knige in der Einsamkeit, denn sie ist ihr ihnen
angebornes Reich: sie sind immer einsam. Aber die Masse der Menschen zhlt nur
als Gattung etwas, weil ihre Individuen der intensiven Kraft entbehren, welche
ein eigenthmliches Leben erzeugt. Sie mssen in Schaaren leben; fr sie ist die
Einsamkeit ein Kerker oder ein Grab.
    Ich fiel sehr bald in derselben der schwrzesten Melancholie anheim. Dies
ungestrte Leben in der Natur, ohne ein beseelendes Gefhl, ohne eine
beherrschende Idee, ohne jene glckliche physische Organisation die von ihren
Elementen mit Wonne zehrt - berwltigte mich mit namenloser Traurigkeit; denn
ich fhlte mich auer Zusammenhang mit ihr: sie brauchte mich nicht - wie konnte
ich mich an sie schmiegen? Kein einziges der Bande womit sie den Menschen
umschlingt und ihn heimisch und ntzlich macht auf der Erde und ihm in diesem
Bewutsein sen Genu gewhrt - kein einziges hielt mir Farbe! Nicht von den
Todten zu reden, deren Erinnerung mir lngst wie Schatten in der grauen
Dmmerung entschwebt war; - nur von den Lebenden: von dem Gatten, von der
Tochter, von dem Freund - was war ich ihnen und was waren sie mir? Mit keinem
Einzigen von ihnen hatte ich verstanden mich in das rechte Gleichgewicht zu
setzen. Dem Einen war ich nur gleichgltig, dem Andern nur schmerzlich, und
meinem Kinde entbehrlich. Sie hatten Alle sich von mir trennen knnen, und wir
Alle lebten fort - in Freuden die Einen, in Qualen die Andern; aber wir lebten.
Auch wir Gequlten lebten uerlich ruhig genug! Wir standen alle Morgen auf,
versumten am Tage nie fr unseren Lebensunterhalt zu sorgen, und gingen jeden
Abend schlafen. Mit der Pnktlichkeit einer Uhr rollte sich die animalische
Existenz mit ihren Functionen ab: sie allein hatte Bestand. Aber die Liebe, die
Kraft, die Andacht, die Treue, der Glaube - diese Genien welche dem Menschen die
Lehmhtte seines materiellen Daseins zu einem Tempel ausschmcken und lichten,
in welchem er sich selbst geadelt und einer hheren Bestimmung wrdig erscheint:
sie hatten sich in mein Leben nicht wie ewige Gestirne, sondern wie zerplatzende
Seifenblasen herabgelassen, und ich fhlte mich in das Nichts zerflieen, weil
sie ins Nichts zerflattert waren. Ich verging an der allgemeinen
Vergnglichkeit.
    Und das Ende von dem Allen - war der Tod! und er konnte kommen heut, morgen
- und ich mute fort, und hatte nicht gelebt! fort mit meiner weiten leeren
Seele, die sich in dieser Welt des Unbestandes von nichts hatte fesseln lassen,
und die nun vielleicht durch Aeonen ihren unerquicklichen Lauf fortsetzen mute
um das zu finden was sie ersehnte. Aber ist denn berhaupt fr eine leere Seele,
ohne Glaube und ohne Liebe, die Unsterblichkeit bestimmt? hat sie sich durch
ihre Leere nicht als unwrdig derselben erwiesen?
    O wie beneidete ich Diejenigen, welche den Tod lieben als ihren Erlser und
Befreier von dem Folterbette des Daseins! .... und wie viel mehr jene Anderen,
jene Begnadeten, welche das Leben lieben, weil sie sich ihm trotz verzehrender
Wonnen und Schmerzen gewachsen fhlen! Ich konnte keins von Beiden! - - - - - -
-
    Gott, welche Nchte durchwachte ich in dem Thal von Grindelwald! Das waren
nicht die ppigen von Sorrent, nicht die phantastischen von Venedig, die meiner
Jugend angehrten und durch deren Hofnungen, Trume und Erwartungen gelichtet
waren. O nein! ich war nicht mehr jung, ich hatte zu frh, zu viel, zu
verzehrend, zu gewaltsam gelebt, um nicht vor der Zeit alt zu sein! Jezt war
eine Nacht wirklich fr mich Nacht, dunkel, kalt und kerkerhaft. Nicht ihre
sen Geheimnisse erzhlten mir die Sterne, sondern meine eigenen traurigen
Gedanken, Fragen und Geschichten knpften sich an sie. Nicht in groen Harmonien
umrauschten mich die Naturstimmen, die Nachts so vernehmlich vom Gebirg
herabkommen, auf den Wipfeln der Bume und auf den Wellen des Flusses suseln,
und in die Ferne hinein hallen; - denn sie klangen mir wie eine lange, unendlich
lange, ewig wiederholte Frage .... ohne Antwort! und das macht mde. Aber
dennoch war mir die Nacht lieber als der Tag mit seinem angstvollen
Menschengewimmel, das nach nichts Anderem als nach Zerstreuung und Vergessenheit
ringt! der Arme: nach der Leibesnothdurft eines Bissen Brotes, der Reiche nach
Befriedigung imaginrer Bedrftigkeit. Darum verschlief ich die Tage, und die
Nchte - vertrumt' ich.
    Im Herbst besuchte mich Benvenuta, und vierzehn Tage lang unterhielt sie
sich vortreflich bei mir. Sie hatte mir so viel zu erzhlen, da sie
meistentheils die Kosten der Unterhaltung trug. Ueberdas gefiel ihr das ganz
lndliche Leben das sie an ihr geliebtes Engelau erinnerte. Ich machte groe
Spaziergnge mit ihr, besuchte mit ihr die Htten der Landleute, meiner
Nachbarn, mit denen ich auf einem viel freundlicheren Fu lebte als mit den
Nachbarn von Engelau - nicht nur weil ich im Stande war ihnen zuweilen Hlfe und
Beistand zu leisten, sondern hauptschlich weil ich sie besuchen durfte ohne
weie Handschuh anzuziehen. Indessen nach vierzehn Tagen waren wir wiederum
Beide von der Anstrengung erschpft uns gegenseitig dieselbe zu verhehlen, und
ich brachte sie nach Ouchy zurck. Besorgt fragte sie mich ob ich wirklich dem
Winter in meiner einsamen Cottage zwischen Schnee und Gletschern trotzen wolle.
Ich war dazu entschlossen; meine Gesundheit hatte sich in der frischen Bergluft,
bei der hchst einfachen Kost und Lebensart sehr gebessert; dazu waren mir meine
vier Wnde behaglich, die ganze husliche Einrichtung bequem; weshalb sollte ich
diese Vortheile aufgeben fr die ich in Lausanne oder Genf kein Aequivalent
fand, da Geselligkeit und Umgang mich langweilten und abstieen?
    Und wirst Du Dich nicht zu sehr langweilen, so ganz .... ganz allein? meine
arme liebe Mama! fragte Benvenuta, mich zrtlich umschlingend und mit den guten
Augen ihres Vaters mich ansehend.
    Nein geliebtes Kind! entgegnete ich wehmthig und durch die Wehmuth die
Vorsicht vergessend: - wenn ich ganz allein bin langweile ich mich noch am
wenigsten.
    Ach! da bin ich Dir wol auch langweilig! rief sie betroffen.
    Du bist mein Kind: das zhlt nicht als Gesellschaft! erwiderte ich
lachend.
    Aber solche kleine bedenkliche Aeuerungen fielen auf beiden Seiten doch
bisweilen, und darum war es gut wenn wir nicht lange beisammen blieben.
    Im October fiel schon Schnee und ich machte mich zu meinem Winterschlaf
zurecht. - Die groe Schaar der Reisenden hatte sich lngst im Oberland
verlaufen; nur einige Nachzgler kamen noch zuweilen nach Grindelwald, wenn ein
schner Tag und ein tiefblauer Himmel das Gebirg und die Gletscher in ihrer
Pracht zeigten.
    Es war um die Mitte eines solchen Tages. Ich war lange umhergestreift und
hatte hier und da nach meiner Gewohnheit in einigen Htten eingesprochen um zu
sehen ob und wie sich das arme Volk zum Winter einrichten knne, wo so mancher
Verdienst und Vortheil wegfllt, den der Sommer mit sich bringt. Ich kehrte
heim. In einiger Entfernung hinter mir gingen zwei Mnner, ein Reisender und
sein Fhrer. Durch die klare stille Luft drangen ihre Worte zu mir als der erste
fragte:
    Wer ist die Dame die vor uns geht?
    's ischt die guti Fru vom Grindelwald, entgegnete der Fhrer, dessen
Stimme ich kannte, denn ich hatte mich seiner Schwestern angenommen, die hier
lebten - zwei brave blutarme Weiber.
    Da ich nicht zweifelte da nun der gute Aloys eine lange mich betreffende
lobende Geschichte erzhlen wrde - und da ich es nie habe ertragen knnen mein
Lob zu hren: so blieb ich am Wege stehen und sagte:
    Gr Gott, Aloys! Ihr habt einen strkern Schritt als ich: da geht nur erst
vorber ehe Ihr weiter von mir sprecht.
    Aloys zog seine Kappe und entgegnete unverzagt:
    Nichts fr ungut, Fru! der Herrgott thut's auch hren wenn man ihn
lobpreist.
    Wohin geht's, Aloys? fragte ich abbrechend.
    Ins Gasthaus zuerst, denn wir kommen von Meyringen, und dann zu den
Gletschern! morgen frh nach Lautrbrunn ber die Wengernalp, und Abends nach
Interlachen; - von da gen Bern.
    Glckliche Reise! sprach ich und winkte dem Reisenden an mir vorber und
weiter zu gehen, was er mit einem etwas verwunderten Gru auch that. Aloys
folgte ihm.
    Einige Stunden spter machte sich ein groer Auflauf beim unteren Gletscher
und es verbreitete sich die Nachricht ein Paar Englnder wren in einen Spalt
hinabgestrzt. Allmlig berichtigte sie sich dahin, da ein Fremder einen hchst
gefhrlichen Sturz gethan und schwer verwundet aber noch am Leben sei. Nach
einiger Zeit brachte man den Reisenden von heute frh besinnungslos getragen,
und Aloys strzte voran und zu mir mit der Bitte ihn bei mir aufzunehmen. Ich
htte es ohnehin gethan. Mein Gastzimmer war schon bei der ersten Kunde in
Bereitschaft gesetzt. Als die Leute ihn bei mir untergebracht sahen, entfernten
sie sich mit der tiefen Zuversicht: nun wrde er schon wieder gesund werden und
es knne ihm keine Pflege fehlen. Mich rhrte dies Vertrauen, weil es mir ihre
wolwollende Gesinnung bewies; aber zerbrochene Glieder und ein zerschmetterter
Kopf begehrten rztliche Behandlung. Ich schickte reitende Boten nach Unterseen,
nach Thun und Bern. Bis aus Bern ein berhmter Wundarzt kam, vergingen ber
vierundzwanzig Stunden. Die beiden Andern waren frher da, und es erwies sich zu
meinem nicht geringen Entsetzen, da das rechte Bein und der rechte Arm an der
Schulter gebrochen sei. Die Verwundung am Kopf war ebenfalls hchst gefhrlich.
Es war ein junger, schner, gesunder Mensch, der vielleicht sterben - vielleicht
Zeitlebens ein Krppel bleiben konnte. Mich erbarmten die Seinen .... seine
Mutter, die ihn in frischer Jugendblte entlassen hatte und Gott wei wie und
wann wiederfinden mogte. Ich gab mir das Wort ihn wie einen Sohn zu pflegen.
    Wie er hie, wer und woher er war - davon hatte Niemand die leiseste Ahnung.
Von Luzern war er mit Aloys ber den Brnig ins Berner Oberland gekommen und
seinen Koffer hatte er von dort nach Genf geschickt. In seinem kleinen
Mantelsack befanden sich so wenig Sachen und Geld als man zu einer Fureise
braucht - brigens weder Briefe, noch Pa, noch legitimirende Papiere. Aloys
meinte er habe ein kleines Portefeuille in der Brusttasche seiner Blouse
getragen und dasselbe vermuthlich bei seinem Sturz verloren. Mich beunruhigte
dies nur in dem traurigen Fall seines Todes. Blieb er am Leben, so wrde er sich
mit der Zeit schon legitimiren.
    Er blieb am Leben; aber es war qualvoll, der Leib gemartert, der Kopf fast
immer besinnungslos; und traten lichte Augenblicke ein, so waren sie von so
unerhrter Schwche begleitet, da Gedanken und Gedchtni sich nicht sammeln
konnten. Auer meiner Mutter hatte ich nie einen Menschen so heftig, so lange,
so in jedem Nerv vom Scheitel bis zur Sohle leiden sehen. Aber er hielt es aus!
der Krper ist eine wunderbar krftige Pflanze so lange sie in der Jugend
wurzelt. Wir hatten Alle schwere Zeiten! er - durch Leiden; wir - durch leiden
sehen und nicht helfen knnen. Unter wir verstehe ich Aloys, den ich zu seinem
speciellen Dienst bei mir behielt, mich und meine Dienstboten. Ich befand mich
vielleicht von ihnen Allen am wolsten: ich verga mich selbst, und meine Tage
waren mit etwas Andrem gefllt als mit meinem erbrmlichen Ich. Ich konnte noch
ntzlich sein, noch einem Menschen zu demjenigen helfen, was eine so kstliche
Gabe sein kann, wenn man sie zu benutzen versteht: zum Leben! konnte fr Eltern
ein Kind retten, vielleicht ein Einziges, vielleicht den letzten Trost einer
elenden Mutter.
    So vergingen Wochen und Monate. Um Weihnachten trat endlich wahrhafte
Besserung ein; die Lethargie wich, die Besinnung kehrte zurck, Fieber und
Phantasieen hrten auf. In den qualvollen Schienen eingezwngt konnte er nur
seinen linken Arm brauchen und bedurfte daher einer Menge kleiner
Dienstleistungen. Sein erstes Wort an mich das er mit Bewutsein und mit dem Ton
innigster Dankbarkeit aussprach, war:
    O! die gute Frau vom Grindelwald!
    Der fieberhafte Schleier war also endlich von seinen Blicken genommen. Jenes
Wort des Aloys war nicht das letzte welches er gehrt - aber das letzte welches
Eindruck auf ihn gemacht hatte; seine Erinnerung war bei demselben stehen
geblieben und kam mit ihm zur Besinnung.
    Gott sei Dank! Sie erkennen mich! sagte ich froh. - Mit erleichtertem
Herzen konnte ich nun daran denken zum Neujahrsfest, das in der Schweiz den
Platz unsers Weihnachtsfestes einnimmt, die Kinder zu besuchen. Am Tage vor
meiner Abreise kndigte ich dieselbe meinem Kranken an, und fragte ihn ob in
Genf oder Bern keine Briefe ihn erwarteten, die ich ihm mitbringen oder zusenden
knne. Auf dem Postamt in Genf mten deren wol einige sein - meinte er.
    Dann mu ich um Ihren Namen bitten, sagte ich lchelnd, damit ich die
richtigen fodern kann.
    Nicht einmal meinen Namen wissen Sie! .... und wo ist denn mein Pa
geblieben?
    Da ich kein Thorwchter bin der nach Pa und Namen zu fragen hat, so habe
ich mich bisher um Beides nicht gekmmert. Was ersteren betrift, so glaubt der
Aloys Ihr kleines Portefeuille sei bei Ihrem Sturz verloren gegangen.
    Darin war mein Pa und ein Creditbrief an einen Banquier in Genf, sagte er
besorgt.
    Trsten Sie sich! entgegnete ich lchelnd. Ein Pa ist Ihnen vor der Hand
ganz berflssig da Sie Grindelwald nicht verlassen knnen; - und ich gebe Ihnen
mehr Credit als Ihr Banquier in Genf! - Aber den Namen mu ich wegen der Briefe
wissen.
    Ich heie Graf Wilderich Wildeshausen, sagte er, und auf einem Schlo
dieses Namens in Ostfriesland lebt meine Mutter, der ich gern Nachricht von
meinem Unfall zukommen liee.
    Ich will ihr schreiben und ihr die Wahrheit nicht verhehlen, aber auch die
Gewiheit Ihrer Genesung ihr geben! unterbrach ich ihn lebhaft.
    Er nahm meine Hand, kte sie und fragte:
    Sie verlassen mich nicht? Sie kommen wieder?
    Gewi, in vierzehn Tagen komme ich wieder, und Sie werden whrend meiner
Abwesenheit keine Pflege entbehren.
    Aber Ihre Gegenwart!
    Allerdings! denn eine Doppelgngerin bin ich nicht.
    Er lchelte. Es war mir eine stille Freude ein Lcheln auf diesem Antlitz zu
sehen, das so lange von Schmerz und Krankheit zerstrt war; mit dem Lcheln ging
das Menschliche wie eine Sonne ber ihm auf; Leidensausdruck hat auch das
Thiergesicht.
    Tags darauf reiste ich ab, ber Bern und Freiburg nach Ouchy. Ich hatte
schon viel von meinem unbekannten Kranken an Benvenuta geschrieben, die sich wie
alle junge Mdchen auerordentlich fr das Geheimnivolle interessirte. Jezt
mute ich ihr noch viel mehr von ihm erzhlen; aber als sie erfuhr da er ein
ganz gewhnliches Menschenkind - kein entthronter Frst, kein Flchtling, kein
Verbannter, kein groer Knstler, Maler oder Dichter sei: nahm diese Theilnahme
wenigstens um die Hlfte ab, denn es blieb nur noch die fr sein Unglck, und
die fr seine Persnlichkeit fiel weg.
    Ich schickte meinen Diener nach Genf, der sich Wilderichs Briefe und
Effecten einhndigen lie; und ich selbst schrieb an die Grfin von
Wildeshausen. Ich bekam jeden dritten Tag ein Blletin seines Befindens von
meiner Kammerfrau, die seit zwanzig Jahren in meinem Dienst und eine so
zuverlssige Person war, wie man es unter diesen Umstnden nur wnschen konnte;
deshalb hatte ich sie zurckgelassen. Die Nachrichten lauteten befriedigend, und
als ich wieder nach Grindelwald kam fand ich Wilderich merklich besser und sehr
erfreut ber meine Heimkehr. Die Briefe die ich ihm mitbrachte erhhten seine
Freude, obgleich die letzten groe Besorgni ausdrckten veranlat durch sein
langes Schweigen.
    Ein Schreiben seiner Mutter an mich, das bald darauf anlangte, sprach mir
den Dank eines sorgengedrckten, tiefbekmmerten Herzens aus. Wie sie wnsche
anstatt dieses Briefes selbst zu kommen! wie ihre zahlreiche Familie und ihre
Verhltnisse es unmglich machten! Ich gab den Brief an Wilderich; er las ihn
mit Thrnen.
    Immer mu ich ihr Sorgen machen! - sprach er bewegt.
    Das ist das allgemeine Schicksal der Eltern ihren Kindern gegenber;
entgegnete ich trstend. Aber wie man um einen Sohn Sorgen haben knne - die
abgerechnet, da er sich Arme und Beine bricht - begreif' ich nicht. Unsre Welt
ist fr die Mnner eingerichtet, nmlich so da man durch ringen, stoen,
drngen, ja einiges boxen vorwrts kommt - und das verstehen die Mnner, das
knnen sie aushalten, das bekommt ihnen sehr gut. Eine Frau kann daran zu Grunde
gehen und wird immer frchterlich leiden. Darauf mu eine Mutter fr ihre
Tochter vorbereitet sein! die Chancen des Glcks sind unendlich viel seltner fr
sie.
    Sie haben kein Herz fr die Shne weil Sie nur eine Tochter haben, gndige
Grfin, sagte Wilderich. Ich denke mir da das Kind der Mutter Sorge macht, und
ein Sohn ist auch ein Kind.
    So wird's wol am richtigsten sein, mein armer Wilderich! und eben deshalb
sagte ich, Sie sollten sich nicht zu sehr um die Sorgen Ihrer Mutter qulen;
denn die sind nun einmal dem mtterlichen Herzen eingeboren.
    Mein Vater ist seit zehn Jahren todt, ich bin der Aelteste von acht
Kindern, und meine Mutter mu uns mit einem sehr geringen Vermgen erziehen: das
ist eine unsglich sorgenschwere Aufgabe.
    Ach! rief ich, ohne die Verwhnungen des Reichthums erzogen zu sein ist ein
auerordentlicher Vortheil! darin liegt der Sporn zur Entwickelung des
Mittelstandes. Wenn unsre Zeit hhere Interessen als die des Materialismus, des
Genusses in hchster Potenz, htte: so knnte dieser Sporn der Unverwhntheit zu
etwas Tchtigem und Groen treiben. Aber die Idee, welche der Mittelstand von
den Bedrfnissen des Jahrhunderts, der Zeit und der Vlker hat, ist folgende:
Jezt sollen mir die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, welche bisjezt dem
einen bevorzugten Stande zugeflogen sind! - An diese fixe Idee von den gebratnen
Tauben und wie ihnen beizukommen sei, vergeudet er seine Krfte, denn all seine
liberalen Machinationen und seine schwindelnden Speculationen sind ja weiter
nichts als Bestrebungen um den Traum von den gebratnen Tauben zu realisiren.
Lassen Sie ihn fahren, Wilderich! er macht den Menschen nicht gut und nicht
glcklich, sondern das, was er am meisten frchten und fliehen sollte - gemein.
    Sie sprechen wie eine reiche Frau, die Sie auch sind, gndige Grfin ....
- - -
    Lebe ich wie eine reiche Frau? unterbrach ich ihn. Wo sind Pferde und
Wagen, Livreebediente, Sofas von Sammt, Vorhnge von Seide, goldene Spiegel?
.... was Alles die erste beste Doctorsfrau in unsrer Heimat hat.
    Sie leben dennoch wie eine reiche Frau: nmlich - unabhngig! und das ist
der grte Vorzug des Reichthums.
    Lieber Wilderich! der Reichthum knechtet die Seele und macht sie in
zehntausend Fllen hchstens Einmal unabhngig.
    Ach, gndige Grfin, Sie wrden anders sprechen wenn Sie nicht reich, und
hingegen Mutter einer zahlreichen Familie wren! Ich habe vier Brder: die
beiden jngsten sind schne, prchtig aufgeweckte Kinder, die sich schon ihr
Fortkommen in der Welt erringen werden. Aber die beiden andern sind arme
unfhige Knaben. Was soll aus ihnen werden? In welcher Weise sollen sie es
mglich machen ihren Stand, ihren Namen zu vertreten, da ihnen jedes Mittel dazu
versagt blieb? Wren sie die Shne einer unbemittelten brgerlichen Familie, so
wre ihre Unfhigkeit ein stilles Unglck das eben nicht ber die vier Wnde
ihres Hauses hinaus reichte; sie knnten ein leichtes Handwerk lernen, sich ihr
Brot erwerben und Keinem zur Last fallen. Bei uns ist das anders! uns wird
solche ein Unglck zur Schmach und zum Vorwurf gemacht! Da heit es hier:
nichts als Dummkpfe sind diese Hochgebornen! - da heit es dort: Wie diese
sogenannt Vornehmen degeneriren und nichts als Bld- und Schwachsinnige
erzeugen, welche dennoch mit uns in die Schranken treten und sich gar ber uns
erheben wollen! - Dieser Hohn ist schwer zu ertragen, gndige Grfin. Der
Reichthum ist ein Bollwerk gegen ihn. Sie werden das nicht glauben, weil Sie
nicht solche gemeine Brut gekannt haben; aber ich wei es: sie hat Respect vor
Demjenigen, den sie beneidet.
    Wilderich schwieg ganz erschpft und ich ganz erstaunt. Dies war unser
erstes lngeres Gesprch und ohne meine Absicht hatte es eine Wendung genommen
die ihn so schmerzlich ergriff. Dies war eine neue Phase des Leides welches
durch unsre Welt geht! Nach einer Pause rief Wilderich:
    O wie tausendmal hab' ich gewnscht lieber ein Taglhner zu Wildeshausen zu
sein, der unter krperlichen Anstrengungen sein Schwarzbrot gewinnt, als der
Graf von Wildeshausen, dem es obliegt als Herr, als Haupt einer Familie fr
seine Untergebenen und seine Verwandten zu sorgen und dem dazu die Mittel
fehlen!
    Mein armer Wilderich, was sind das fr unzeitgeme Gedanken: fr etwas
Anderes sorgen zu wollen als fr sich selbst! entgegnete ich, die traurige
Wahrheit hinter einem scherzhaften Ton verbergend um ihn von seiner Verstimmung
abzulenken. Aber heftig und traurig fuhr er fort:
    Die Isolirung durch den Egoismus .... diese anti-aristokratische Richtung
unsrer Zeit, welche das Individuum ohne positive Religion, ohne Liebe zur
Heimat, ohne Anhnglichkeit an die Familie, ohne Respect vor Tradition, ohne
Gefhl fr die Untergebenen, in den grauen Wust einer communistischen
Menschenverbrderung hinausstt - durch philosophische Speculation dermaen die
Thatkrftigkeit abschwcht, da wir der Praxis einer schlichten Lebensweisheit
ich wei nicht was fr eine fade spitzfindige Theorie von Fortschritt, von
Freiheit vorziehen, welche uns aber nicht frdert, nicht befreit - diese
frchterliche Vereinsamung des Menschen, ohne Gott, ohne Herz, ohne Kraft, ohne
Basis, ohne Ziel - ohne irgend einen der groen Gedanken fr welche es der Mhe
lohnt zu leben oder zu sterben - o die eben ist es welche mir an der Seele nagt
und nicht fr mich, sondern fr uns Alle mich martert.
    Die Krankheit hat Sie ermattet, sagte ich. In Ihrem Alter mu man
Zuversicht haben, Wilderich, denn ein halbes Jahrhundert der Wirksamkeit liegt
vor Ihnen und wie wollen Sie derselben gewachsen sein, wenn Sie nicht daran
gehen mit Zuversicht auf regenerirende Elemente! Die rckkehrende Gesundheit
wird Ihnen das schne Vorrecht der Jugend: die ewige Hofnung - - wiederbringen.
Ich begehre nicht da Sie eine herrschende Mode mitmachen, und unsre
Weltzustnde rosenroth gefrbt betrachten sollen! aber Sie sollen nur nicht
schwarz sehen wo hchstens ein sanftes Grau ist. Grau, lieber Wilderich, ist
immer das Chaos - und ber dem Chaos schwebt immer der Geist Gottes.
    Glauben Sie das wirklich?
    Die Geschichte lehrt es.
    Eine Lehre welche unser Herz oder unsre Erfahrung nicht besttigen - ist
fr uns todt. Deshalb frage ich ob Sie aus Ihrer Seele oder nur nach Bchern
sprechen.
    Und wenn ich sagte: nicht aus meiner Seele!
    So wrden Ihre Worte eben nur todte Worte sein - wie fast alle sind die
heutzutag gelehrt werden.
    Da mgen Sie Recht haben! sagte ich immer mehr und mehr erstaunt. Aber was
sind Sie fr ein trauriger ernsthafter Mensch!
    Ich bin's! denn in mir ist ein Chaos und ich wei nicht ob der Geist Gottes
darber schwebt.
    Kind! Kind! rief ich, Sie thun mir weh!
    Sie sehen wol, gndige Grfin, da man auch um einen Sohn Sorgen haben
knne, sagte er.
    Auf dies erste Gesprch folgten viele derselben Art. Er hatte eine von
inneren Kmpfen ganz zerarbeitete Seele. Ich kam zu der Ueberzeugung da seine
Krankheit eine groe Wolthat fr ihn gewesen sei indem sie den Geist in Schlaf
gelullt. Der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen, zwischen Altem und Neuem,
zwischen Vergangenheit und Zukunft, welcher in unsrer Gegenwart keine
befriedigende Lsung gefunden, hatte sich auch in ihm noch nicht zur Vershnung
durchgebildet. Er war ja noch nichts als ein deutscher Student! Er kannte noch
nichts als seine Familie und die Schule; und was jene gepflanzt, hatte diese
entweder zerstrt oder in Frage gestellt. Jeder hohe Grad von Civilisation
bringt eine solche Complication der Verhltnisse mit sich, da die Einheit des
Characters, die Uebereinstimmung zwischen Gesinnung, Wort und That, fast eine
Anomalie genannt werden drfte. Nun giebt es aber Menschen welche das Bedrfni
empfinden zur Aufrichtigkeit und Einheit sich zu entfalten, Menschen welche in
der Lge eine unwrdige Feigheit - in der Zersplitterung eine Schwche sehen -
Menschen welche nicht handeln, nicht sprechen und nichts thun knnen, sobald
ihre Ueberzeugung sie nicht dazu auffodert, und welche sich nun darauf
angewiesen finden die Widersprche zu lsen oder zu leiden, welche bei ihrem
Eintritt ins Leben aus jedem Verhltni ihnen entgegen springen. Im Staat, in
der Kirche, in der Wissenschaft, in der Gesellschaft - all berall Parteien,
welche ihre Rechte, ihre Wahrheiten, ihre Ansichten und ihren Standpunkt in ein
System gebracht haben, das seiner Natur nach immer einseitig ist, folglich mit
Consequenz durchgefhrt eine gewisse starre Abgeschlossenheit erheischt, welche
Demjenigen schwer fllt, der Recht und Wahrheit berhaupt, und nicht vom
Standpunkt einer Partei sucht. Ein solcher Mensch war Wilderich: stolz, grade,
aufrichtig, vom allerempfindlichsten Ehrgefhl, unfhig in diesem Punkt
Concessionen zu machen, und daher jeden Augenblick in seinem vielleicht
bertriebenen Begriff von Ehre tdtlich verletzt.
    Er bekam einmal die Verlobungsanzeige seines Vetters mit einer
Banquierstochter, und gerieth darber in solche Trostlosigkeit, namentlich ber
ihren groen Reichthum, da ich ganz ernsthaft ihn fragte ob er den Verstand
verloren habe um ber ein so alltgliches Ereigni zu jammern.
    Wenn sie arm wre knnt' ich's verzeihen, entgegnete er, aber reich - sehen
Sie, das finde ich nichtswrdig.
    Sie sind unsinnig, Wilderich! Aehnliches geschieht tglich in England, denn
da ist die Aristokratie nicht blos stolz und wrdig, sondern auch klug und
praktisch, und versteht es frisches Blut und frisches Geld sich zu assimiliren.
Dadurch ist sie ein immergrner Baum. Der deutsche Adel aber - von einer
Aristokratie drfen wir Norddeutschen schon gar nicht sprechen! - hat es nicht
verstanden den Zuflu jener Lebenselemente sich offen zu erhalten; drum stirbt
er ab.
    Da sei Gott vor! rief Wilderich. Dann ginge ja die Ehre verloren! - Was
fragt der Breaukrat, der Industrielle, der Speculant, der Gelehrte - nach der
Ehre! Nach ihrer persnlichen Ehre, oder da ihnen die gebhrenden Ehren
widerfahren - o ja! danach fragen sie sehr! Aber die Ehre des Standes, der
Genossenschaft kmmert sie nicht, denn sie haben keine Genossen, sie sind nicht
von einer gemeinsamen Idee beseelt, von der Idee: die Besten sein zu mssen weil
sie die Ersten sind. Sie sind nur durch ihr Interesse zusammengehalten, sei es
fr ihre Carriere oder ihren Geldbeutel, und ein solches Interesse ist nur
uerlicher Art. Jeder vertritt seine Person, seine Meinung, seine Stellung, und
was ihn zuweilen zur Gemeinsamkeit schaart ist - Opposition gegen uns! das ist
jedoch kein Lebensprincip. Wir aber vertreten die Idee der Ehre, und Individuen
gehen unter, allein Principe leben ewig! drum kann der Adel nicht absterben,
denn die alte Tradition kann nicht untergehen.
    Er hat aber keine Basis mehr in den Zustnden! versicherte ich unermdlich.
Ihm fehlen seine eigenthmlichen und wesentlichen Bevorzugungen und
Verpflichtungen seitdem er seinen lebenskrftigen Character als Grundherrschaft
verloren hat und als solche um die alten Rechte gekommen ist, die ehedem
zwischen dem Herrn und den Unterthanen bestanden haben. Ihr seid Alle die ersten
Bauern auf Euern Besitzungen und weiter nichts. Herren seid Ihr gar nicht mehr!
die Regierung - das ist der Herr! die schreibt Euch aufs Genaueste Euer
Verhalten vor Darber mssen Sie sich keine Illusion machen: adlige Bauern, das
seid Ihr.
    Warum bemhen Sie sich so sehr mich herab zu stimmen? fragte Wilderich.
Gnnen Sie mir doch wenigstens meine Idee und die Begeisterung fr dieselbe! in
der Wirklichkeit ist wenig genug wofr ich mich enthusiasmiren knnte.
    Ich mgte nicht da Sie Ihre Begeisterung so zu sagen schlecht
unterbrchten. Ihre Gesinnung: weil wir die Ersten sind mssen wir die
Tchtigsten sein, ist durchaus aristokratisch, ist das Band zu der edelsten
Gemeinschaft die nur zwischen den Menschen statt finden kann; aber verabsumt
nicht die Mittel, die im Stande sind Eure Gesinnung durch uere Macht zu
untersttzen. Sie betrachten den Reichthum als ein Mittel zur Unabhngigkeit.
Ihn zu erwerben ohne kaufmnnische und industrielle Speculationen ist heut zu
Tage unmglich; Sie fhlen keine Neigung fr dieselben, oder Ihre Stellung, Ihre
Laufbahn gestatten sie Ihnen nicht; Sie finden ein schnes angenehmes Mdchen,
deren Erscheinung Ihnen gefllt, deren Character und Bildung Ihnen zusagt - und
Sie wollen sie nicht heirathen weil sie eine reiche Banquierstochter ist: lieber
Wilderich, in dieser Ansicht finde ich mehr Subtilitt als Zartgefhl.
    Reiche Frauen sind mir berhaupt unertrglich! sagte er. Ich meines Theils
werde nie ein andres Mdchen heirathen als aus einem guten alten Hause und ohne
Vermgen .... - -
    Wie das gewhnlich bei uns Hand in Hand geht! setzte ich lachend hinzu.
    Was ich ihm dringend rieth - waren Reisen in fremden Lndern, zu fremden
Vlkern, um das deutsche Spiebrgerthum abzuschleifen, dieses kleben und
klauben an Formen, deren Inhalt ausgestorben ist, diese Devotion vor dem
Fremdlndischen, diese Ueberschtzung der Magistergelahrtheit, diesen matten
Dnkel auf Geist und Bildung.
    Das mu man gestehen, Sie sind nicht blind eingenommen fr Deutschland!
rief Wilderich. Haben Sie denn je in der Fremde eine stolze Wallung bei dem
Gedanken gehabt eine Deutsche zu sein?
    Ja, eine sehr stolze!
    Nun bei welcher Veranlassung?
    Wenn ich eine Symphonie von Beethoven auffhren hrte .... dann war ich
stolz, denn so aufgefat und so ausgedrckt ist nie der Geist des deutschen
Volks als von ihm! Er hat ihn wiedergegeben den Tiefsinn in der Verklrung.
Sonst aber erinnere ich mich keiner Veranlassung.
    Und das sagen Sie so gelassen! ich wrde darber verzweifeln.
    O all diese schlaffen Verzweiflungen mu man sich abgewhnen! Man mu die
Welt nehmen wie sie ist; und warum soll man nicht eben so stolz sein auf einen
Genius der Symphonien componirt als der ber Staatskonomie schreibt?
    Wenn man sich in der Welt wie sie ist zurechtfinden mu, warum denn,
gndige Grfin, sind Sie in diese Einsamkeit geflchtet, wo Sie durch nichts an
dieselbe erinnert werden?
    Weil ich mein Leben bereits verbraucht habe und zu nichts Tchtigem mehr
brauchbar bin - - als hchstens .... um die gute Frau von Grindelwald zu sein.
    Kann man mehr sein als gut?
    O ja! man kanns auf dem rechten Fleck, zu rechter Zeit und Stunde, am
rechten Ort sein. Die gute Herrin von Engelau, die gute Gattin, die gute Mutter
zu sein: das wr' ein Lob. Jenes ist keins. Ich bin gut - was man hier gut
nennt, nmlich wolthtig - weil ich es angenehmer fr mich als das Gegentheil
finde.
    Ich verstehe Sie zuweilen gar nicht! entgegnete Wilderich. In Ihren
Handlungen sind Sie ein hohes und edles Herz, in Ihren Worten - welche man
schwer von Ihrer Gesinnung trennen kann, da Sie nicht lgen - haben Sie gar kein
Herz.
    Daraus sehen Sie da ich die Kraft zum thun .... nicht die zum sein habe.
Ich habe vielleicht weniger Unrecht gethan als Tausende meines Gleichen und
dennoch weniger Befriedigung als eben sie.
    Das ist unnatrlich! rief er.
    Davon bin ich vollkommen berzeugt! entgegnete ich gelassen. Mein Dasein
ist wie eine Tropfsteinhhle: darin stehen allerlei schne Sachen, Altre,
Kapellen, Heiligenbilder .... aber versteinert und in Finsterni; und das sollte
nicht sein.
    Und warum ist es so?
    Weil der Geist der Liebe fehlt.
    Das ist ja aber eine frchterliche Gleichgltigkeit! sagte er fast mit
Entsetzen. Und wie kann man sie mit Ihrer Barmherzigkeit, mit Ihrem Mitleid in
Einklang bringen?
    Barmherzigkeit auf und ber der Welt - von Ewigkeit zu Ewigkeit gehend -
ist das Eine woran ich glaube.
    Weil Sie sie ben!
    Nein! .... weil ich ihrer bedarf.
    Ich sprach zwar immer wenn unsre Unterhaltung eine Wendung auf mich nahm in
einem mglichst kalten Ton von mir selbst, aber er machte dennoch auf Wilderich
Eindruck.
    Giebt es viel Frauen wie Sie? fragte er einst.
    Ganz wie ich - vielleicht Keine! mir hnlich - Unzhlige! - Natrlich
werden sie das aber nicht eingestehen. Verstand und Phantasie werden bermig
entwickelt, und das Herz vertrocknet. Solch Miverhltni macht elend. Da soll
nun die Oede durch Emotionen ausgefllt werden: die Einen werfen sich in die
Andacht, die Andern in die Studien und schnen Knste, noch Andre ins Weltleben
mit seinen blasirenden Genssen. Es mu immer etwas gethan werden! Natrlich
luft zwischen all dem unsinnigen und abgeschmackten Thun zuweilen auch etwas
Gutes mit unter - grade wie bei mir! - aber es ritzt Alles nur die Haut,
hchstens die Nerven - nicht das Herz.
    Gott! rief Wilderich, und an dies Geschlecht sind wir mit unsrer Liebe
gewiesen!
    Nun! entgegnete ich lachend, Eure Liebe wird es wol noch erwidern knnen!
Und dann giebt es ja immer Ausnahmen, und die Geliebte, mein Wilderich, ist ein
fr alle Mal eine Ausnahme.
    That ich ihm wol oder weh? ich vermuthe das Letztere. Nichts - und auch ich
nicht - war so wie er es getrumt, wie es seinen Idealen entsprach.
    Was soll ich glauben, lieben, hoffen, wollen - da neben dem Allen der
Zweifel steht! rief er einmal in schmerzlicher Aufregung. War die Welt gut wie
sie bisher gegangen ist - warum legt sie sich denn auf die andre Seite? War sie
schlecht - wie hat sie so lange bestehen knnen? - O wie beneide ich die, welche
an einen unbedingten Fortschritt glauben und daher im Stande sind aufrichtig mit
der Vergangenheit zu brechen. Ich kann es nicht! ich finde nicht mehr
Lebensweisheit, mehr Tugend, mehr Glck, mehr Freude in den Lehren welche unsre
Tage beherrschen und unsrer Zeit als Richtschnur dienen und als Ziel vorleuchten
- als in frheren Epochen. Ich finde nicht da die Menschheit hochherziger und
kernhafter wird - nicht da die Aufklrung sie klar macht ber das was ihr Noth
thut, ber Bestimmung und Pflicht. Klger wird sie insofern als sie mehr lernt,
und zwar bis zum letzten Mann des Volks herab, und als mancher Aber-und
Wahnglaube z.B. an Gespenster, Hexen und Zauberei schwindet. Dafr glaubt sie
jedoch an politische, sociale, wissenschaftliche Charlatans - was doch ein sehr
verdumpfender Glaube ist! und ob sie an Gott glaubt - das ist wol nicht
unbedingt zu bejahen. Die Weltweisen sprechen zwar von einem Gott in der
Geschichte, von einem Gott im eigenen Bewutsein: das ist ein Gott ungefhr so
wie ein Kartenknig einen Knig von altem Schrot und Korn vertritt. Ich meine -
Gott, den Lenker des Weltalls, den Vergelter des Guten und Bsen, den Vater der
Barmherzigkeit, ohne dessen Willen mir kein Haar gekrmmt werden kann! Gott -
wie der Mensch ihn braucht, zu welchem ich schreien kann in meinen Schmerzen,
jauchzen in meinen Freuden, und zu dem ich den Glauben habe, da er mich hrt
und erhrt zu seiner Zeit! Gott - zu dem das Herz und der Blick emporfliegt bei
groen Geschicken, weil es einen Dank und eine Klage giebt, die man nur vor ihm
aussprechen kann und weil diese Geschicke, so reich oder so schwer sie sein
mgen, immer eine Stelle unbesetzt lassen in unsrer Seele, welche nur durch ihn
auszufllen ist. Glaubt die Christenwelt in dieser Weise ihrer Vter noch an
Gott?
    O Kind! rief ich gerhrt, was kmmern Sie sich um den Unglauben der Welt,
wenn in Ihrer Seele die ewige Ampel des Glaubens brennt? - Was wollen Sie mehr?
    Ich will die Gewiheit nicht in Traum oder Irrthum dahin zu taumeln! Und
der Zweifel der mich umringt macht mich irre an mir selbst.
    Der Zweifel ist so alt als der Glaube! Petrus glaubte und Thomas zweifelte,
und dennoch hat neben diesem Zweifler der Glaube des Petrus eine Kirche
gestiftet von der geschrieben steht da die Pforten der Hlle sie nicht
berwinden werden.
    Nur ein Zweifler zwischen zwlf Aposteln! In unsrer Zeit ist's anders! da
wohnen Schwankung, Unsicherheit und Zweifel wenigstens in eilf Kpfen unter
zwlf.
    Das beweist weiter nichts als da jene Eilf eben nicht zu Aposteln bestimmt
sind, obzwar sie sich wol dazu berufen finden mgen und sich ja auch Apostel der
Wahrheit, der Freiheit, des Fortschritts und des Lichts nennen - wie sich das
fr die Aufgeblasenheit geziemt. Glaubt doch unser Nachbar im Waadtland, der
Schneider Weitling, eine sociale Weltreform predigen und einleiten zu mssen -
warum sollen sich da nicht Andere an die religise machen?
    Was haben Sie gegen den Schneider, da Hans Sachs und Jacob Bhme Schuster
waren?
    O gar nichts! ich meine nur - da alle hundert Jahr einmal das Mirakel eines
Lichtes aus der Werkstatt hervorgegangen ist: so knnte ja auch wol einmal ein
Irrlicht draus hervor gehen. Uebrigens hab' ich nichts weder gegen Reformen noch
gegen Schneider. Im Gegentheil! da Staat, Kirche und Gesellschaft mir wenigstens
in Deutschland vorkommen wie Adam nach dem Sndenfall, der seine Ble kennt,
sich schmt oder frchtet, und nach einem Feigenblatt greift; so wre wol sehr
ein Mann zu ersehnen, der ein groartiges Gewand, einen neuen Purpur und
Knigsmantel ihnen umhinge.
    Das ist es ja ebenfalls was mich so sehr irre macht! ich habe Augenblicke
in denen ich mir selbst mit Aufrichtigkeit gestehen mu, da viel abgenutzter
und verbrauchter Plunder sich bei uns in allen Ecken angesammelt hat und uns
sehr zur Last fllt. Allein das Aufrumen ist eine schwierige Sache! das alte
Germpel strzt ber den Haufen und reit vielleicht noch Brauchbares mit um.
    Er konnte sich stundenlang in diese Gesprche vertiefen, bei denen es jedoch
unmglich war zu einem Abschlu zu kommen. Die Jugend braucht ihn nicht! im
Gegentheil wrde er ihr schdlich sein weil sie Gefahr liefe pedantisch und
systematisch zu werden. Sie lebt sich zum Abschlu heran. Ob je ein Mensch die
ganz klare und richtige Summe seines Strebens in sein Rechnungsbuch, und nicht
zuweilen halb unbewut ein X. fr ein U. schreibt - ist die Frage. Indem wir
leben wachsen wir in unser neues Wollen und Denken dermaen hinein, da wir uns
nicht mehr genau besinnen wie es ehedem damit beschaffen gewesen ist. Zwanzig
Mal denken wir: jezt sind wir zum Abschlu gekommen, jezt wissen wir was wir zu
erwarten, zu geben, zu thun, zu meinen haben - und ber's Jahr, oder ber drei
Jahr, oder doch ganz gewi ber zehn Jahr ist Alles anders. Und dann spricht man
von Treue als von einer Tugend! Treue ist Gewohnheit mit Nothwendigkeit und
Bequemlichkeit .... vielleicht sogar mit ein klein wenig Heuchelei vermischt.
    Sie sind eine frchterliche Frau! rief Wilderich als ich einmal diese
Aeuerung machte.
    Fr Sie und Ihresgleichen mag es anders sein. Ihr Herz mag einen so starken
und gleichmigen Schlag haben, da seine Ermattungen und seine Fieber nur die
Oberflche bewegen ohne es im tiefsten Grunde zu erschttern. Oder auch liegt es
an einer groen Idee, deren Realisirung das Leben fllt, vor Anker und ist mit
ihr still, fest und treu. Aber Treue gegen den Menschen - dazu gehrt eben auer
Ihnen noch ein Gegenstand, und wer brgt Ihnen fr den?
    Mein Vertrauen.
    Und wenn das nicht auf den Rechten gesetzt ward?
    O! rief Wilderich, haben Sie denn nie einen Menschen geliebt?
    In dieser Frage hat Ihr Instinct Ihnen die richtige Antwort eingegeben.
    Und warum .... mein Gott, warum denn nicht?
    Ich zuckte die Achseln. Auf manches Warum giebt es gar keine - oder die
trostlose Antwort: Weil man es nicht verstanden oder nicht verdient hat.
    Wilderich nahm meine Hand, drckte sie lebhaft an seine Lippen und rief:
    O Sie Himmlische! was kann bei Ihnen von verdienen die Rede sein! Auf Sie
mssen alle guten Gaben wie Morgenthau und Sonnenlicht herab sinken.
    Auf die frchterliche Frau? .... wie Sie eben mich nannten! Sie verfallen
in Widerspruch, sagte ich spttisch und zog meine Hand khl zurck.
    Er errthete flchtig und sah traurig zu Boden. - - - - So verging die Zeit.
Wilderich hatte allmlig wieder den Gebrauch seiner Glieder erlangt; aber sein
Gang sowol als seine Armbewegungen waren steif und schwer. Der Arzt rieth ihm
nach Baden zu gehen. Er hatte gar keine Lust dazu. Er behauptete die Bergluft
des Oberlandes sei viel heilsamer, viel gesnder, und die Bemerkung da sie
steife Glieder nicht geschmeidig mache, lie er fallen. Er wollte eben nicht
fort. Das fing an mich zu bengstigen. Wilderich war ein Mensch der sich aus
Dankbarkeit fr eine Frau fanatisiren konnte.
    Benvenuta sollte mich in den Frhlingsferien besuchen. Ich benutzte das um
ihm eines Tages zu sagen:
    Es ist zwar sehr unfreundlich einem Gast und einem Kranken die Thr zu
weisen, aber es hilft nichts, lieber Wilderich, Sie mssen meiner Tochter das
Feld rumen! Ich habe in diesem engen Huschen nur ein Gastzimmer.
    Sie haben mich so lange geduldet aus bergroer Gte; nichts als
Beschwerden und Last habe ich Ihnen gemacht und doch mibrauche ich Ihre Gte
genug um nicht von selbst Ihr Haus zu verlassen! das wre eine grenzenlose
Unbescheidenheit - wenn .... - - -
    Es ist keine! unterbrach ich ihn schnell. Sie fhlen sich noch nicht
vollkommen hergestellt, und fhlen ebenfalls - was Sie auch von Beschwerden
u.s.w. sagen - da Sie mir nicht lstig sind: drum wollten Sie die trben
Winter-Erinnerungen und den Rest von Schwche an demselben Orte in der schnen
Frhlingsluft abbaden; das ist ganz natrlich.
    Ich werde mich also im Gasthaus niederlassen; denn Ihre Tochter, gndige
Grfin, mu ich durchaus kennen lernen! sie ist wol so ziemlich das einzige
Geschpf auf der weiten Welt fr das Sie sich interessiren.
    Von Ihnen, Wilderich, hab' ich diesen Vorwurf doch kaum verdient.
    Es ist kein Vorwurf .... wenigstens keiner fr Sie, sondern fr Andere.
Aber Ihre Tochter mu ich kennen lernen!
    Ich habe gar nichts dagegen, sagte ich ein wenig befremdet, da ich nicht
begriff welch Interesse er pltzlich an der unbekannten Benvenuta nahm, deren
Portrt ihm nicht einmal sehr gefiel.
    Er blieb also in Grindelwald nahm ein Zimmer im Gasthof und verbrachte
brigens seine Tage bei und mit mir.
    Bald darauf kam Benvenuta. Sie war jezt in ihrem sechszehnten Jahr, und
lieblich .... ach lieblich, wie man eben nur in dem Alter ist, frisch, blhend,
rosig und doch so zart wie eine Purpurwolke am Morgenhimmel. Ihre frhere
Krnklichkeit hatte sie wie es schien gnzlich berwunden. Ein lebhafter Wechsel
der Farbe bei jeder Gemthsbewegung - in welcher sie berdas immer schwieg -
deutete auf eine feine reizbare Organisation und auf ein stilles tiefes Gefhl.
Von der fliegenden Heftigkeit meiner jugendlichen Empfindungsweise war Gottlob!
keine Spur in ihr. Ich glaube nicht ein holdseligeres Mdchen je gesehen zu
haben. Sie war so recht ein junges Mdchen - unbefangen und doch schchtern,
schelmisch und doch blde. Was weiter in ihr war - wer konnte es wissen? - -
    Wilderich empfing Benvenuta mit stralender Freude. Ich verstand das gar
nicht. War es Dankbarkeit gegen mich? hatte sich seine Phantasie zuvor von ihr
fesseln lassen? war es eine urpltzlich entzndete Liebe? Zuweilen glaubte ich
eines dieser Motive in seinem Benehmen zu finden, zuweilen keines. Was er nur
erfinden konnte um Benvenuta zu unterhalten, wendete er an. Zuerst lie sie sich
das nur gefallen; allmlig war es ihr angenehm der Gegenstand einer so
unausgesetzten Huldigung zu sein. Ich erinnerte ihn tglich an seine Reise nach
Baden; er behauptete sie tglich mehr entbehren zu knnen.
    In dem Fall wrde Ihre Mutter doch sehr froh sein Sie nach all diesen
berwundenen Gefahren wiederzusehen; sagte ich.
    Allerdings! .... und ich auch die gute Mutter! entgegnete Wilderich. Allein
ich bin berzeugt sie gnnt mir von Herzen da ich jezt ein wenig die Schweiz
geniee - und umsomehr da ich meine Zeit nicht verliere, sondern bei Ihnen
perfect englisch gelernt habe! denn Zeitverlust ist nun einmal den Mttern ein
Greuel.
    Sie genieen aber gar nicht die Schweiz, lieber Wilderich, wenn Sie immer
hier bleiben.
    Kann man sie schner genieen als hier? liegt mir nicht grade hier ihr
characteristischer Zauber vor Augen: feierliche Majestt und idyllische Anmuth?
Dies Thal ist eine Wiege in der wie Zwillinge Gletscher und Wiese friedlich bei
einander ruhen. Um unsre kleinen niedrigen Htten halten die Titanen der Natur,
die hohen Berge Wache, recht wie es sich ziemt fr die Groen da sie die
Kleinen beschtzen. Da oben donnern die Lavinen, hier unten summen die Bienen! -
Und waren wir nicht gestern in Interlachen und vor drei Tagen in Lauterbrunn? -
Wollen wir nicht morgen zum Rosenlaui-Gletscher, und ein andres Mal zur Handeck
und auf das Faulhorn; und immer wieder hieher zurck unter dies gesegnete Dach?
Nein, gndige Grfin, weder in der Schweiz noch in der Welt kann ich etwas
Schneres sehen.
    Ich kann mir nicht helfen, Wilderich, ich bin eine chte Mama: mir thut
Ihre Zeitverschwendung leid!
    Ach! die sogenannt verschwendete Zeit ist fast immer eine glckliche von
der uns spter fr Nachwirkung und Erinnerung kein schner Augenblick, kein
seliger Athemzug verloren geht, von der ein erquickender Duft und ein
melodischer Nachhall in der Seele bleibt.
    Kind! was wissen Sie mit Ihren zweiundzwanzig Jahren von Erinnerungen?
    Wenn ich auch nichts wei, so ahne ich doch ihren Zauber und ihre Macht.
    Wie das jugendlich gesprochen ist! Von den Erinnerungen erwartet die Jugend
allgewaltige Magie; aber auch von der Zukunft! .... und auch von der Gegenwart,
nicht wahr? Ihre ungebte und ungeprfte Kraft erscheint ihr so malos und
unerschpflich, da sie von keiner andern Empfindung als von unendlichen - sogar
in der Erinnerung noch unsterblich! - wissen will. Aber! aber! die Kraft ist
nicht bermig, mein armer Wilderich! sie hlt nicht so fest wie der Magnet das
Eisen; sie umschliet nicht so fest wie die Muschel ihre Perle! - Meistens ist
sie ein Sieb; zuweilen eine Schaale von Porcellan oder Krystall, der nichts
fehlt als da sie einen kleinen feinen Ri hat, durch den ganz langsam, ganz
unmerklich der Inhalt entstrmt oder verfliegt. Nein nein, rechnen Sie nicht auf
die Wonne der Erinnerung.
    Und was htte ich denn am Schlu meines Lebens um mein mdes Haupt darauf
zu betten wenn nicht den Blumenpfhl der Erinnerung?
    Und wer sagt Ihnen denn da Sie am Schlu Ihres Lebens Ihr mdes Haupt auf
einem Blumenpfhl betten mssen? - Es kann ja auch sein auf den Dornen des
Schmerzes oder in der Asche der Trostlosigkeit.
    Benvenuta nahm meine Hand, legte sie auf ihre Augen und sagte bittend:
    Mama, ich kann's nicht aushalten vor Traurigkeit wenn Du so sprichst.
    Zu gleicher Zeit sagte Wilderich mit Zuversicht:
    Nein, so elend ist und macht das Leben nicht! Sei es drum da die Blumen
fehlen, da die Dornen ihren Platz einnehmen! .... aber Asche - nein! so lange
mein Herz schlgt, und es kann ja nur mit meinem letzten Athemzug still stehen,
lebt ein Funke in ihm, der es vor dem Zusammensinken in Asche bewahrt! sei es
ein Glaube, eine Hofnung, eine Liebe - sei es noch Anderes was ich nicht kenne
oder nicht zu nennen wei! Der Mensch soll Leid und Schmerz haben damit er sich
bei ihrer Bekmpfung sthle; aber umkommen .... so in der Asche von ich wei
nicht was fr namenlosen Dingen - das soll er nicht, das ist nicht seine
Bestimmung; und geschieht es dennoch, so geschiehts durch seine eigene Schuld.
    Benvenuta hatte ihren Kopf von meiner Hand allmlig gehoben, und sah mit
einem Ausdruck von rhrender klarer Zuversicht auf Wilderich. Ihre Gesinnung
entsprach der seinen. Ein Blick auf dies liebe unschuldige Gesicht machte mich
schweigen; sonst schwebte schon die Frage an Wilderich auf meinen Lippen: wie er
die Schuld vom Leben trennen - und wie er die Verschiedenheit der
Individualitten aufheben wolle, welche bewirke da der Eine leicht, der Andre
schwer, der Dritte gar nicht das Schuldbewutsein von sich werfe. - Statt dessen
sagt' ich:
    Um wieder auf unser eigentliches Gesprch zurck zu kommen, Wilderich: wann
gehen Sie nach Baden?
    Wenn Frulein Benvenuta abgereist sein wird; entgegnete er, nicht eben in
froher Laune.
    Benvenuta rief aber ganz vergngt und freudig errthend: Mit der
Einrichtung bin ich sehr zufrieden!
    Am andern Tage ritten wir zum Rosenlaui-Gletscher, den Benvenuta noch nicht
kannte, und der unstreitig zu den allerschnsten Punkten gehrt, welche die
Schweiz aufweisen kann, denn er ist phantastisch - und das ist ihre Natur nur
ausnahmsweise. Diese saphirfarbenen Eisblcke, Eisgrotten, Eispfeiler, liegen da
wie Trmmer einer wundersamen fremden Welt an deren Erstarrung man nicht glauben
kann weil sie so schn ist. Man meint sie msse sich wieder zu Tempeln und
Hallen auf den Wink eines geheimnivollen Baumeisters zusammenfgen um dann der
Tummelplatz von einem Elfengeschlecht oder von Elementargeistern zu werden. Es
ist die schnste Ruine eines Undinen-Palastes von blauem Krystall, welche die
Phantasie eines Mrchendichters erfinden knnte. Von einer ungeheuern Gewalt ist
sie in diese Scenerie hineingeschoben, die mit ihren scharfen Gebirgesspitzen,
ihrem zerklfteten Boden, ihren rauschenden schwarzen Tannen und brausenden
milchweien Bchen, ein chtes Bild der wilden Bergnatur darstellt.
    Benvenuta war ganz bezaubert und ich ganz erstaunt da sie es war. Ich hatte
sonst nie bemerkt da dergleichen Bilder einen solchen Eindruck auf sie machten.
Und doch konnte es nicht anders sein! in dem Kinde schlft die Seele, giebt sich
nur in einzelnen aufblitzenden Regungen kund, die aber noch weiter nichts als
Trume sind. Beobachtung und Wibegier sind vorherrschend im Kinde: es will die
Welt der groen Leute verstehen. Ist es spter in die Jugend hinein getreten -
aus der Vorhalle des Lebens auf dessen Tempelschwelle - dann wird es gedrngt
das Rthselwort seiner eigenen innerlichen Welt zu suchen; dann braucht es seine
Seele, dann schttelt diese ihren Schlummer ab, erwacht - und mit diesem
Erwachen geht das Gefhl in ihr auf, diese Sonne um welche sich tausend Planeten
der Gedanken drehen. Benvenuta war still nach ihrer Weise, aber ihre Augen
stralten, und als ich sie auffoderte eine schne Baumgruppe neben dem Gletscher
zu zeichnen, sagte sie bittend:
    Ich mu heut' einen Feiertag haben, liebe Mama! es ist hier so sehr
feierlich.
    Wir setzten uns Beide auf das frische Moos und lehnten uns an den rauhen
Stamm einer ungeheuern Tanne, deren mchtige Zweige ganz still ber uns hingen
wie zerrissene Trauerflre durch welche der tiefblaue Himmel und der goldne
Sonnenstral freudeverheiend schimmerten. Vor uns lag die Wunderpracht des
Gletschers. Ringsum war Alles still, nur die Bche brausten. Die ganze Natur
hielt Mittagsruhe. Seitwrts von uns sa Wilderich mehr zu uns als zu dem
Gletscher gewendet. Sein tiefes ernstes Auge schlug zuweilen glanzvolle Blicke
zum Himmel auf und sank dann wieder nach Innen blickend unter die Wimpern
zurck. Einmal sagte er:
    Als ich ein kleiner Knabe war erzhlte mir meine Mutter: allberall sei der
unsichtbare groe gute Gott. Wenn ich nun in der tiefen Stille der Mittags- oder
Abendstunden, wo kein Lftchen sich zu regen scheint, doch die allerhchsten und
feinsten Wipfel der Bume ohne bemerkbare Ursach sich sanft umbiegen sah, so
glaubte ich in meinem kindischen Sinn sie beugten sich unter den Schritten
Gottes, der unsichtbar ber ihnen dahin wandele um zu sehen ob auf Erden Alles
gehe wie es gehen solle; und hauptschlich ob ein gewisser Knabe Wilderich auch
seine Schuldigkeit thue. Das erfllte mich mit so namenloser andchtiger
Ehrfurcht, da mir zuweilen helle Thrnen langsam aus den Augen liefen und ich
mir vornahm immer ein ungeheuer guter Knabe zu sein und Mann zu werden. Jezt
streifen meine Blicke freilich mehr ber die Erde und die Menschen hinweg,
senken sich auf Bcher und Papier und allerlei nichtswrdiges Treiben, wo
freilich die Schritte Gottes nicht wol zu erkennen sind. Kommt es aber einmal so
wie heut da ich in feierlicher Stille zu den sanftbewegten Baumwipfeln
aufschaue, so wollen ihre leisen Beugungen mich noch immer fragen, ob ein
gewisser Wilderich auch seine Schuldigkeit thue; und das stimmt mich ernst -
ganz wie damals.
    Und thut er sie? fragte ich.
    Darauf ist schwer zu antworten.
    Doch nur in dem Fall da er sie nicht thut.
    Wie unerbittlich hart sind Sie! rief Wilderich.
    Und ungerecht, Mama! rief Benvenuta lebhaft. Soll er sich denn selbst
loben? - das wrde Dir auch nicht gefallen!
    Er soll eine aufrichtige Antwort geben! sagte ich. Ob das nun ein Selbstlob
sein wrde .... bleibe dahingestellt.
    Sie haben eine bessere Meinung von mir als Ihre Frau Mutter, sagte
Wilderich freundlich zu Benvenuta. Dafr mu ich Ihnen recht dankbar sein.
    Mama scherzt nur, entgegnete sie errthend. Wenn sie keine gute Meinung von
Ihnen htte wrde ich ja auch keine haben.
    Sie sprang auf und pflckte schne Genzianen, die wie dunkelblaue Sterne den
Boden an manchen Stellen bedeckten. Wilderich half ihr; dann kam sie zurck und
wand einen Kranz immer frhlich mit ihm plaudernd. Ich sa unbeweglich auf
meinem alten Platz. Es kam eine groe Stille ber meine Seele. Das Rauschen des
Baches, der Duft des Tannenharzes, der Kruter und des Mooses, der Sonnenstral
der mich in sein Licht und seine Wrme hllte - webten einen Schleier um mich,
hinter welchem ich wie aus weiter Ferne Benvenutas und Wilderichs junge frische
Stimmen zu mir klingen hrte; - aber aus der Ferne der Zeit, nicht des Raums.
Ich dachte sie knnten dereinst Beide glcklich mit einander werden, glcklicher
als ich es je gewesen und wie ich es doch stets ersehnt. Und bei dem Gedanken an
mich wollte diese uralte ewige Sehnsucht wieder ihre Geierkralle in meinen Busen
schlagen. Aber wie man zuweilen im Halbschlaf sich beschwichtigt ber einen
bsen Traum, so sprach ich jezt heimlich zu mir: La das! denke nicht an dich
selbst! das macht dir Schmerz. Die intenseste Sehnsucht und das intenseste
Bewutsein von ihrer Unerfllbarkeit - das allein ist Schmerz .... die chte
Perle des Schmerzes, wogegen alle andern nur Glasperlen sind. Die Offenbarung
der Liebe, so stralend und stark, da sie momentan den Schmerz berflutet: das
ist Extase! - Freude, Wonne, Entzcken, Seligkeit, sind keine Extase; sie mssen
mit dem Schmerz versetzt sein. Er allein ist dein Erbtheil. Dir ward die dunkle
Folie ohne den funkelnden Diamant .... aber die Kinder werden es vielleicht
besser haben; denk' an sie.
    Ich schlug langsam meine Augen auf und begegnete Wilderichs, die mit
melancholischer Glut auf mich gerichtet waren whrend er mit Benvenuta plauderte
und ihr die Genzianen zum Kranz reichte. Sie hatte ihren Hut abgenommen.
    Setze Deinen Hut wieder auf! rief ich hastig. Die Sonne brennt, Benvenuta!
das schadet Deiner Haut und Deinen Augen.
    Du bist eitel fr mich, Mama, und nicht fr Dich, entgegnete sie lchelnd
und gehorchend. Du sitzest hier seit zwei Stunden ohne Hut. Jezt da ich meinen
Kranz vollendet habe kann ich ihn nicht tragen. Da mu ich ihn verschenken.
    Und mit rascher graziser Bewegung setzte sie den Kranz auf Wilderichs
glnzend braune Locken. Aber er nahm ihn ab und sagte:
    Verzeihung! wir Mnner sehen mit Krnzen eigenthmlich ungeschickt aus, so
etwas wie Ungeheuer. Finden Sie nicht, Frulein Benvenuta? - Was Ihre schnen
Hnde geflochten haben mu zu Ehren kommen.
    Mit diesen Worten erhob er sich und setzte mir den Kranz auf
    Da Ihr Beide ihn verschmht, so mu ich ihn freilich behalten .... und
berdas erfrischt er mir angenehm die Stirn, sagte ich.
    Mama! rief Benvenuta lebhaft, erlaubst Du mir den Versuch Dich so zu
zeichnen? Du glaubst nicht wie Du schn aussiehst mit diesem dunkelblauen Kranz
- ganz wie ein Bild der Melancholie, das ich einmal in einem englischen Album
gesehen habe. Die herrliche Tanne - Deine halb liegende Stellung - Alles ist so
schn.
    Gut! - ich gebe Dir eine Viertelstunde. Erlaubni.
    Benvenuta schrie das sei unmglich. Wilderich sagte:
    Fangen Sie nur geschwind an! ich werde nach meiner Uhr sehen und Ihnen
sagen wenn die Frist abgelaufen ist. - Jezt ist es halb drei.
    Benvenuta machte sich emsig an ihre Arbeit. Mehrmals sah sie fragend zu
Wilderich hinber, der die Uhr in der Hand hielt und immer den Kopf verneinend
schttelte. Ich lie ihr den Spa, ich wei nicht wie lange. Endlich sprang ich
auf und sagte:
    Die Viertelstunden scheinen unter diesem Baum verzaubert zu sein.
    Ja, sagte Benvenuta lieblich, das hat ein guter Geist mir zu Gefallen
gethan, denn die Zeichnung ist weit genug vorgeschritten um sie zu Hause
vollenden zu knnen.
    Warlich, ein guter Geist! rief Wilderich. Meine Uhr steht noch immer auf
halb drei - ist also vermuthlich abgelaufen.
    Die meine ist vier! sagte ich. Jezt zu Pferde.
    Whrend des ganzen Heimrittes bat Wilderich Benvenuta um dies Bild. Sie
wollte es nicht geben.
    Bedenken Sie doch welch eine dreifach liebe Erinnerung sich fr mich daran
knpft, bat er: an Ihre Mutter, an diesen Tag .... und an Sie.
    Genau so geht es mir auch! entgegnete sie.
    Aber Sie haben dabei eine Erinnerung weniger.
    Nicht doch! Sie waren der gute Geist der die Zeit still stehen hie damit
ich berhaupt das Bild vollenden knnte.
    Endlich vereinigten sich Beide darber, da Benvenuta das Original behalten
und fr Wilderich eine Copie machen solle. Zufriedengestellt langten wir in
Grindelwald an. Da erwartete mich ein Brief aus Ouchy mit der Nachricht, da die
Vorsteherin des Instituts pltzlich an einer Brustentzndung gestorben sei. Ihre
Tochter schrieb tief traurig an Benvenuta, welche mich sogleich mit heien
Thrnen bat zu ihrer betrbten Freundin zurckkehren zu drfen. Ich sagte ihr
ich wrde am nchsten Tage mit ihr abreisen und Wilderich, welcher Zeuge dieser
Scene gewesen war erklrte: dann wrde er nach Baden gehen. Sein Entschlu war
mir sehr lieb! hatten er und Benvenuta Neigung zu einander, so mute sich diese
in der Ferne entwickeln und bestrken. Geschah das nicht, so war die Trennung
doppelt nothwendig, indem ein Zusammenleben aufhrte, welches durch seine
Intimitt unerfahrne Herzen in einen Traum von Liebe htte verwickeln knnen.
    Wilderich fragte mich nach meinen Plnen. Ich hatte keine vor der Hand. Er
sah ganz verstrt aus und bat mich um Erlaubni mir aus Baden schreiben zu
drfen, was ich gern bewilligte. Ich zhlte fast mit Gewiheit auf seine Werbung
um Benvenuta. Die groe Jugend und Unerfahrenheit Beider abgerechnet war es mir
ein lieber Gedanke. Ich hatte Wilderich sehr lieb. Vielleicht sind uns immer die
Menschen lieb denen wir wolgethan, so wie wir selten die leiden knnen gegen die
wir ein Unrecht begangen haben. So paradox das klingen mge hngt es dennoch eng
mit unserm Bedrfni zusammen uns selbst achten zu knnen.
    Wirklich fuhr ich am andern Morgen mit Benvenuta fort, und Wilderich
begleitete uns bis Bern, wo sich unsre Wege trennten. Es war keine heitre Fahrt!
Benvenuta schwamm in Thrnen. Wilderich im Wagen ihr gegenber sitzend, starrte
sie stumm und beinah finster an. Ich, nur dann gesprchig wenn ich eine innere
Auffoderung dazu empfand, war von Natur, durch Gewohnheit, Richtung und
Schicksal schweigsam, konnte tagelang schweigen und fhlte mich gar nicht
berufen jezt gesprchig zu sein. Dieser Tag war so recht ein schneidender
Contrast zu dem vergangenen! wir waren die nmlichen Menschen; wir befanden uns
in einer der schnsten Gegenden der Welt; wir fuhren leicht und bequem durch die
herrlichen Thler von Grindelwald und Interlachen, am Ufer des Thuner Sees, und
ber die anmuthige Ebene von Thun nach Bern; - aber Niemand beachtete es, und
Jeder wickelte sich in seine traurigen Gedanken einsam ein - whrend wir uns
gestern in glnzender Heiterkeit und inniger Theilnahme einander nah fhlten.
Solch ein Wechsel - ist leben! sprach ich heimlich. Aber es mute halblaut
gewesen sein, wie mir das in tiefen Gedanken zuweilen begegnete, denn Wilderich
sagte:
    Jedoch ein trauriges Leben.
    Der Wechsel ruht aus und erfrischt - heit es.
    Auch Sie?
    Nein, mich nicht! im Gegentheil! mich zehrt er auf, mich verbraucht er
stckweise - denn ich will immer etwas das ohne Ende sei! es brauchte nicht
grade Glck .... es drfte auch Schmerz sein .... und ohne Ende! Da Alles ein
Ende hat, das frohe Gestern, das trbe Heute, so Alles! Alles! .... das konnte
ich eben nicht ertragen, und deshalb habe ich wenig Ruhe genossen im Leben.
Phantastische Sehnsucht schmachtete nach dem Unendlichen; frhe Erfahrung lie
mich berall das Ende sehen oder ahnen! Eine Hand streckte ich nach geliebten
Chimren aus; die andre streute erblate Bilder gleichgltig in den Wind. Und
dies Alles rhrte daher weil ich nicht stark genug war das Leben wie es ist und
wie Gott es uns gegeben hat - nicht blos zu tragen, sondern zu ehren.
    Das Leben ehren mit seinem schaalen Wechsel, seiner dumpfen Verwirrung,
seiner schreienden Ungerechtigkeit, seiner gekrnten Erbrmlichkeit - mit seinen
Qualen der Leidenschaft und des Zweifels, der Sorge und der Schwche - ist das
mglich?
    Das Leben ehren, Wilderich! denn so lange Ihre Augen offen stehen, Ihr Herz
klopft, Ihre Hand sich regt - knnen Sie das Gute thun und das Schne lieben!
und dies nenne ich das Leben ehren wie Gott es uns gegeben hat.
    Das Schne lieben und das Gute thun, wiederholte Wilderich ernst und sank
in sein Schweigen zurck.
    In Bern ging Benvenuta sogleich schlafen, und ich mit Wilderich auf die
wunderschne Promenade vor der Kathedrale, genannt die Plateforme, wo man die
herrlichste Aussicht auf die Jungfrau und ihre majesttischen Genossen hat. Es
war um Sonnenuntergang und im stralendsten Glanz lagen sie da wie goldene
Riesenpfeiler welche den Himmel tragen. Wir setzten uns auf eine Bank unter den
Kastanienbumen. Mein Auge hing an dem Farbenspiel der Berge; meine Seele flog
unbestimmten Hhen und Fernen zu. Ich erschrack fast wie ein Nachtwandler den
man bei seinem Namen ruft, als Wilderich mit bebender Stimme sagte:
    Gndige Grfin .... morgen sehe ich Sie nicht mehr, und meine Seele hat
sich an Sie gewhnt.
    Whrend er sprach sah er aber nicht mich, sondern die Berge an. Ich fhlte
nun wol da sie nicht die Berge waren; aber voll meiner Voraussetzung, da
zwischen ihm und Benvenuta eine Liebe keime, glaubte ich ihr gelte dies sie.
Und als er nach einer Pause noch leiser und beklommner sagte:
    Werde ich Sie nie wiedersehen drfen? - - entgegnete ich liebevoll:
    Warum denn nicht, Wilderich! Aber versuchen wir eine Trennung von einigen
Wochen; sammeln und besinnen Sie sich, berlegen Sie die Zukunft was Sie zu thun
und zu bieten haben; - und wenn Sie nach vollendeter Badecur mich in Grindelwald
oder wo es sei besuchen: so wollen wir darber sprechen. Jezt nicht. Es scheint
mir noch zu frh, zu unreif.
    Ein ganz extatischer Freudenschimmer blitzte in seinem Auge auf und zu mir
herber, als er rief:
    Also wiedersehen! .... o gelobt sei Gott!
    Damit war unser Gesprch zu Ende, und Jeder von uns hing wieder seinen
Trumereien nach - lange! lange! Ich hatte nun einmal die Gewohnheit mich nicht
um die Zeit zu kmmern. Der starke Schlag der Uhr, die an der Kathedrale zehn
schlug, machte mich auffahren. Es war ganz finster geworden.
    Warum erinnern Sie mich nicht an die Heimkehr, Wilderich! rief ich schnell
aufstehend und seinen Arm nehmend.
    Ich fhlte mich daheim in meiner Seligkeit, sagte er.
    Hoffen Sie nicht zu viel, Wilderich! .... ich wei ja nicht einmal ob Sie
berhaupt hoffen drfen.
    O still! still! Sie sagten selbst: jezt nicht! - Einige Wochen voll
himmlischer Hofnung liegen vor mir und dann - .... dann wird mir zu Sinn sein
als wrde ich von Rosenwolken zum goldnen Gipfel der Jungfrau emporgetragen.
    Welche Schwrmerei! sagt' ich lachend.
    O lachen Sie nicht! bat er sanft; ich bin ja glcklich.
    Ist Ihre Liebe wirklich so tief? fragt' ich gerhrt.
    Er antwortete nicht, aber er nahm meine Hand die auf seinem Arm lag und
drckte sie mit tiefer Bewegung an seine Lippen und an sein Herz.
    In unserm Gasthof angelangt setzte ich mich an den Theetisch; Wilderich ging
auf und ab im Salon mit einer Hast die beunruhigend war. Ich bat ihn sich zu mir
zu setzen: er wollte nicht. Ich fragte dies und das: er antwortete zerstreut.
Endlich sagt' ich:
    Sie sind ungeselliger Laune; also gute Nacht, mein Wilderich! gehen Sie
schlafen!
    Und morgen frh um fnf Uhr mu ich mit dem Zrcher Eilwagen fort ohne
Ihnen zuvor Lebewol sagen zu knnen! rief er.
    Desto besser! Abschied nehmen ist so traurig.
    Er kniete pltzlich vor mir nieder. Ich sagte kurz:
    Auf, Wilderich! diesen Ausdruck der Andacht nicht zum Spa mibraucht!
    Zum Spa? .... mibraucht? - o meine Grfin! selten mag wol ein Mensch mit
so tiefem heiligen Dankgefhl niedergekniet sein - Dank fr das Erbarmen der
Vergangenheit - Dank fr die Huld der glckseligsten Hofnung. Sie haben mir das
Leben gerettet! in langen Nchten haben Sie mich bewacht, in schweren Tagen mich
gepflegt, immer ein Lcheln, einen Trost, eine unbesiegliche Geduld fr mich
gehabt, den Unbekannten, den Fremdling! - dann haben Sie mich gelehrt welch eine
herrliche Gabe das Leben sei, weil wir darin das Gute thun und das Schne lieben
sollen - und allendlich haben Sie mir ein berirdisches Glck zugesagt! .... -
Und dafr gbe es einen bertriebenen Ausdruck von Dank und Andacht? - - O sehen
Sie denn nicht da ich nicht anders kann als vor Ihnen knien?
    Dieser junge warme Ausbruch des Gefhls that mir unsglich wol. Ich sagte:
    O Wilderich! es ist doch wunderschn wenn das Herz den Regenbogen der
Empfindung - und sei es nur auf Secunden! - ber unser graues Lebensgewlk
wirft.
    Er hatte sein Gesicht in meine Hnde und auf meine Knie gelegt. Ich hob
seinen Kopf empor; an seinen Wimpern hingen Thrnen. Sanft legte ich meine Hand
ber seine Augen und sprach:
    Ich bin wie die Mnner! ich kann in lieben Augen keine Thrnen sehen.
    Und ich bog mich herab um seine Stirn zu kssen. Aber eine frchterliche
Erinnerung schmetterte urpltzlich wie ein Wetterstral durch meine Seele. Ich
lehnte mich zurck, lie die Hand sinken und sprach ruhig:
    Und nun genug, lieber Wilderich! dieser Augenblick ist mir s und freudig
gewesen wie eine Frhlingsblume die man im Sptherbst unter welken Blttern
findet. Ich wnschte sie nie zu vergessen. Leben Sie wol - bis zum frohen
Wiedersehen!
    Ich gab ihm die Hand, und verlie den Salon. - Wie oft habe ich es spter
beklagt ihm jenen Ku nicht gegeben zu haben! er htte vielleicht Wilderichs
Lippen gelst und den wahren Zustand seiner Seele zur Sprache gebracht. Er kann
Wunder thun - ein Ku! kann die Herzen entsiegeln oder besiegeln die in
Beklommenheit und Schwankung zitterten. Aber ich in der Verkehrtheit meines
Herzens verstand nie! nie! das Rechte zu treffen. Am Abend des andern Tages war
ich mit Benvenuta in Ouchy. Sie war unterwegs noch viel betrbter. Sie sprach
gar nicht von Wilderich was mir unnatrlich vorkam, da sie ihm nicht Lebewol
gesagt hatte; aber ich lie sie gewhren, denn ich hatte Scheu etwas anzurhren
oder aufzustren, was vielleicht der Stille bedurfte um klar zu werden. Es ist
unsglich schwer ein junges Wesen zu verstehen, das sich selbst nicht versteht.
Die Mtter behaupten freilich immer sie kennten ihre Tchter bis in die Seele
hinein; ich mgte behaupten, da sie durch immer neue und die allergrten
Ueberraschungen zu dieser Kenntni gelangen.
    Die ganze Erziehungsanstalt war durch den Tod der Vorsteherin in Auflsung.
Deren Tochter Gabriele ein durch Geist und Bildung ausgezeichnetes Mdchen, war
bei einundzwanzig Jahren noch nicht erfahren genug um den Platz der Mutter
auszufllen, und die Oberlehrerin geno nicht eines so unbedingten Vertrauens.
Ich war schnell entschlossen und bot Gabrielen an als Benvenutas
Gesellschafterin zu mir zu kommen. Das erfllte beide Mdchen mit Freude und
Dank. Binnen acht Tagen waren die alten Verbindungen gelst, die neuen geknpft,
und Benvenuta bat mit freudig berwallendem Herzen:
    Nicht wahr Mama, nun gehen wir geschwind nach Grindelwald zurck?
    Es wird sehr eng fr uns drei in der Cottage sein! entgegnete ich um zu
erfahren welche Sehnsucht sie dahin treibe.
    O, Gabriele und ich - wir werden uns schon zusammen in einem Zimmer
vertragen! wir sind daran gewhnt. Ach Mama! es ist so lieb, so herzig in der
Cottage von Grindelwald wie nirgends sonst.
    Auch nicht in Deinem geliebten Engelau?
    Nein! - nirgends!
    Im vorigen Herbst gefiel sie Dir doch gar nicht besonders.
    Benvenuta wurde purpurroth und erwiderte verlegen und schchtern:
    Jezt aber sehr! .... ich meine .... im Frhling sehr.
    Es wird aber jezt nicht so munter dort sein, weil Wilderich fehlt; sagte
ich unbefangen, zum ersten Mal seit seiner Abreise seinen Namen aussprechend.
    Sie erbleichte und schlo momentan die Augen, als habe sie eine heftige und
schmerzliche Erschtterung empfunden. Ich sah da sie unfhig war mir eine
Antwort zu geben die arme Kleine! darum fuhr ich gelassen fort:
    Indessen wird er ja auch bald wieder kommen.
    Ist es mglich! rief Benvenuta durch namenlose Freude ber ihre
Schchternheit emporgehoben.
    Wenn Du es wnschest - ist es gewi! Wilderich kommt wohin es sei, sobald
ich ihm nicht ausdrcklich schreibe er solle nicht kommen; und dies wrde ich
nur in dem Fall thun, da er Dir gleichgltig wre und da Du mir den Auftrag
gbest ihm das schonend beizubringen.
    Wenn er kommt, Mama, so ist es mir ganz einerlei ob wir hier bleiben, oder
nach Grindelwald oder sonst irgend wohin gehen! sagte Benvenuta wieder ganz
blde und errthend. Aber glaubst Du wirklich da mein Wunsch ihn wiederzusehen
Einflu auf sein Kommen oder Nichtkommen haben knnte?
    Ich glaube es nicht - sondern ich wei es! am Abend in Bern hat er es mir
gesagt. Er wnscht innig Dich wiederzusehen um Deine Neigung gewinnen und Dein
Herz fesseln zu knnen. Und dazu hab' ich ihm Hofnung gemacht.
    O Mama! wie himmlisch gut bist Du! rief Benvenuta und warf sich entzckt
in meine Arme.
    Gleich nach diesem Gesprch schrieb ich an Wilderich:
    Es ist so eben bestimmt worden, lieber Wilderich, da wir fr den ganzen
Sommer nach Grindelwald gehen. Sie wissen also wo Sie uns finden und da Sie uns
willkommen sein werden, in dem Fall da Sie Ihren Entschlu nicht gendert
haben. Zuvor mssen Sie aber fein ruhig Ihre vierwchentliche Badecur abmachen.
Den groen Festen des Lebens mu man gesund und krftig entgegen gehen. Adieu,
Wilderich. Eine Menge angenehmer Dinge die Sie vermuthlich wissen mgten, mag
ich nicht schreiben, weil sie unendlich viel lieblicher zu hren und zu sagen -
als zu lesen und zu schreiben sind. Gott mit Ihnen.
    In Grindelwald erhielt ich seine Antwort. Sie war kurz wie mein Brief, ein
unterdrcktes Freudejauchzen, ein Herzpochen der Seligkeit. Ich gab das Blatt an
Benvenuta. Sie las es, kte es mit feierlicher Rhrung, faltete die Hnde
darber und sagte indem sie ihre schnen unschuldigen Augen thrnenvoll zum
Himmel aufschlug:
    Gott, wie danke ich Dir da es wirklich wahr ist.
    Uebrigens sprach sie nach ihrer Art fast gar nicht von Wilderich weder mit
mir noch mit Gabrielen; allein ich sah an ihren Beschftigungen, da er der
Mittelpunkt ihrer Gedanken war. Mein Bild unter der Tanne am Rosenlaui-Gletscher
machte sie im Original und in der Copie fertig, und alle Spaziergnge die
Wilderich mit uns gemacht, suchte sie als die schnsten und liebsten auf. Je
nher der Tag seiner Ankunft rckte, um desto bewegter wurde sie.
    Ich glaube ich freue mich zu sehr ihn wiederzusehen! sagte sie am Morgen
des Tages dessen Abend ihn bringen sollte. Wenn nur dem Dampfboot auf dem Thuner
See kein Unglck geschieht.
    Und wenn eins geschhe? fragte ich.
    Dann wr' es aus und vorbei, sagte sie so merkwrdig gefat, da ich
staunend fragte:
    Was wre aus und vorbei, seltsames Kind?
    O, ich wei nicht was! .... ich denke nur .... Alles.
    Beruhige Dich, Benvenuta! das Dampfboot wird friedlich seinen Weg machen
und um acht Uhr Abends, wie er es geschrieben hat, wird Wilderich hier sein;
sonst gewi morgen frh.
    Um acht Uhr Abends war Wilderich nicht da; nicht um neun und auch nicht um
zehn. Benvenuta war fast bewutlos vor nervoser Unruh.
    Er hat in Interlachen weder Wagen noch Pferde bekommen knnen - wie das in
dieser Jahreszeit bei groem Fremdenzudrang ziemlich hufig geschieht - morgen
zum Frhstck ist er hier, wiederholte ich wol funfzig Mal; aber ich selbst
gerieth in fiebernde Aufregung und bat Gabriele Benvenuta zum Schlafengehen zu
bewegen. Das geschah. Ich aber warf mich halbtodt vor Erschpfung auf die
Chaiselongue die auf dem Altan stand, und lag dort gedankenlos von
unerklrlicher Angst befallen bis gegen Mitternacht.
    Rasche Schritte drauen auf dem festen Wege weckten mich aus meiner
Lethargie. Ich sprang auf, bog mich ber den Altan und fragte halblaut:
    Sind Sie es, Wilderich?
    Freilich bin ich es, rief er und sprang in groen Stzen die Freitreppe
zum Altan hinauf.
    Aber warum so entsetzlich spt? fragte ich ganz matt und gab ihm die Hand.
    Der Maschine des Dampfboots geschah ich wei nicht was fr ein Unfall, der
uns ber zwei Stunden aufhielt. Dann fand ich kein Pferd in Interlachen. Um die
Nacht dort zu bleiben fehlte mir die Ruhe; ich nahm einen Burschen der meinen
Mantelsack trug, und wanderte zu Fu von dannen. Eine unbestimmte Hofnung
flsterte mir zu, da Ihre Gewohnheit tief in die Nacht hinein zu wachen Sie
gewi auf dem Altan festhalten wrde. Da konnte ich Sie sehen, oder Ihr Kleid,
oder das Licht in Ihrem Zimmer .... oder doch wenigstens die liebe Cottage! - -
und so bin ich hier .... selig wie nie ein Mensch gewesen ist.
    Auf der Brustwehr des Altans stand eine Reihe von Nelkentpfen. Aber nicht
steif an Stbe gebunden war die schne Blume, sondern lang und geschmeidig, wie
es der Gebrauch in den Schweizer-Bauerhusern ist, fiel sie mit ihren feinen
Blttern grazis ber die Brustwehr herab und bildete eine Art von Teppich oder
Behang ber derselben. Ich hatte mir einen Strau gepflckt dessen gewrziger
Duft mich erquickte, und whrend Wilderich hastig bis zur Athemlosigkeit sprach,
drckte ich mein Gesicht ein Paarmal in die frischen khlen Blumen, denn es
lastete eine gewitterhafte Schwle auf der ganzen Natur.
    Als Wilderich schwieg nahm er mir pltzlich den Nelkenstrau aus der Hand
und bedeckte ihn mit Kssen. Ein namenloses Entsetzen kroch bei dieser
leidenschaftlichen Bewegung wie eine Schlange an mich heran. Wir saen auf dem
Altan, der durch die Lampe im Salon und durch den berwlkten Sternenhimmel nur
matt erleuchtet war, so da ich Wilderichs Gesicht nicht deutlich sehen konnte;
allein es giebt Momente wo man den Ausdruck eines Gesichtes fhlt ohne ihn zu
sehen, und dies Gefhl war nicht beruhigend. Indessen gab ich seinem letzten
Ausruf mit Fassung zur Antwort:
    Wir wollen ber diese Seligkeit sprechen, kommen Sie herein, Wilderich.
    Ich stand auf; aber er blieb sitzen, umschlang mich heftig und rief mit
gepreter Stimme halblaut:
    Nein nein nein! ich mag nicht sprechen.
    Ich wich zurck, ging in den Salon, trat an ein Fenster und sagte:
    Wenn Sie zu mde oder zu aufgeregt sind um noch heute ein ernstes Gesprch
fhren zu knnen, so wollen wir es auf morgen verschieben. Gute Nacht, lieber
Wilderich. Ich schlo das Fenster.
    Er kam schnell herein. Verzeihung, meine Grfin! sagte er wieder mit seinem
alten lieben innigtreuen Ausdruck. Drauen ist Gewitterluft; in mir ist ein
wenig Fieber; ich bin die vergangene Nacht und den heutigen Tag durchfahren,
zuletzt tchtig marschirt, dann die Ungeduld, endlich die Freude! .... - - Hier
sind auch die Nelken welche Sie drauen vergessen haben.
    Er gab mir den Strau zurck, schenkte aus einer Caraffe voll Limonade, die
immer auf einer Console stand, ein Glas ein, leerte es und sagte indem er sich
zu mir setzte:
    Worber befehlen Sie mit mir zu sprechen?
    Nun, ber das was Sie am meisten interessirt: ber Ihr Glck.
    Darber ist schwer zu sprechen, meine Grfin! entgegnete er sanft und
gedankenvoll und verschrnkte die Arme ber der Brust.
    Vielleicht schwer mit mir; mit Benvenuta wird es Ihnen leichter werden.
    Was knnte ich mit Ihrer Tochter ber mein Glck zu sprechen haben? Sie
wissen ja da es einzig in Ihrer Hand liegt.
    Ja .... als Mutter, sagte ich bebend.
    Wie das - ich verstehe Sie nicht, erwiderte er unsicher und fuhr mit der
Hand ber die Stirn.
    Sie werden mich sogleich verstehen wenn ich Ihnen sage, da Benvenuta um
Ihre Liebe wei und sie erwidert, entgegnete ich mit einer Entschlossenheit die
aus einer innern Folterung entsprang.
    Ein dumpfer Schrei rang sich aus Wilderichs Brust und bewutlos sank er im
Lehnstuhl zurck. Mir war zu Sinn als msse der Himmel auf uns herabstrzen und
uns alle drei begraben. Durch starke Essenzen weckte ich ihn aus seiner
Ohnmacht.
    Ich will nicht leben wenn Sie mich nicht lieben! rief er mit einem
Ausdruck von unerhrter leidenschaftlicher Verzweiflung, und begrub sein
eiskaltes Gesicht in meinen Hnden.
    Ich war keines Gefhls, keines Gedankens, keines Wortes mchtig. Krampfhaft
schlugen meine Zhne an einander; mein Herz klopfte so unbndig da ich mich dem
Ersticken nah fhlte. Ein Bild aus der Hlle umschwirrte mein Gehirn: der Mann
den mein Kind liebte - liebte mich! - Aber die Todesangst um dies Kind lieh mir
Worte:
    Wilderich! rief ich, dies Alles ist ein Traum, ein Alp, ein Unsinn! nicht
wahr, lieber Wilderich, Sie lieben meine Tochter?
    Meine Grfin, sagte er traurig, wie kme ich dazu Ihre Tochter das liebe
Kind .... aber doch ein Kind nur! - zu lieben. Ich bin ihr gut wie einer kleinen
Schwester; ich beschftigte mich mit ihr und interessirte mich fr sie auf das
Lebhafteste - weil sie Ihre Tochter ist, weil es Ihnen angenehm war uns in gutem
Vernehmen zu wissen, weil es eine Verbindung zwischen Ihrem Herzen und mir war,
weil ich ein Mittel darin sah Ihnen immer nher zu kommen - - o, Sie sehen wol
aus diesen tausend weil, da nicht ein Funke tieferer Empfindung sich in mir
fand! Mein Herz ist kalt fr Ihre Tochter; meine Seele wei nichts von ihr! und
wie knnte das auch anders sein .... neben Ihnen! Wer von uns bemerkt ein
niedliches Kind wenn eine Gttin tiefsinnig und geheimnivoll durch unser Leben
geht?
    Aber dies Kind ist ein junges Mdchen, unterbrach ich ihn, das in der
zarten Einfalt seines Herzens Ihre Freundlichkeit anders - und weit natrlicher
gedeutet, und sich dieser Deutung mit tiefer warmer Innigkeit hingegeben hat.
    Davor htten Sie Ihre Tochter warnen sollen, gndige Grfin! sprach
Wilderich eiskalt.
    Aber, Unseliger! rief ich hnderingend, ich deutete Ihr Wesen in dem Sinn
meiner Tochter! Ich mte rasend gewesen sein um Ihren Wunsch bei uns zu
bleiben, mit uns zu leben, uns wiederzusehen - auf mich zu beziehen! Die Jugend
pat zur Jugend! Es ist unnatrlich in Ihrem Alter von einem sechszehnjhrigen
blhenden Mdchen sich wegzuwenden und zu deren Mutter hin, die zwanzig Jahr
lter ist.
    Ich habe nie nach Ihrem Taufschein gefragt, gndige Grfin! sprach
Wilderich immer eiskalt.
    Es ist unnatrlich, fuhr ich fort, gleich beim Eintritt ins Leben die Blte
und Kraft der Empfindung in einer Richtung zu verschwenden, die mit dessen
eigentlicher und ernster Bestimmung nichts gemein hat. Die Liebe soll uns
tchtig machen fr die Mhsale die uns erwarten, indem sie unser Glck an ein
bestimmtes Ziel knpft: an ein gemeinschaftliches Leben mit einem geliebten
Geschpf, das uns ergnzt und vervollstndigt.
    Der Meinung bin ich auch, gndige Grfin!
    Nun Wilderich, wenn Sie dieser Meinung sind, wie knnen Sie dann Ihre Liebe
an eine Frau verschwenden, die durch Alter, Erfahrung, Verhltnisse und Richtung
gnzlich derjenigen Sphre entrckt ist, welche Ihrer in der Gegenwart und fr
die Zukunft harrt! Ich bin ermattet vom Leben - und Sie sind erwartungsvoll und
drstend nach seinen Gaben. Ich zweifle an dem menschlichen Glck - und Sie
sehen es an diese Zweiflerin geknpft. Ich glaube nicht an die Dauer der Liebe -
und Sie lieben als msse sie in Ewigkeit fortbestehen. Ich spreche nur von
inneren Verschiedenheiten. Der ueren mag ich nicht erwhnen. Sie wrden
erschrecken wenn ich sie Ihnen grell vor die Augen hielte.
    Ich htte lange fortreden knnen; aber ich schwieg, denn Wilderich starrte
mich wie geistesabwesend an. Er hielt seinen Kopf in beiden Hnden, und zuweilen
berlief ein Zittern seinen ganzen Krper. Als ich schreckenvoll verstummte
sprach er matt und tonlos:
    Es ist aber doch grlich so miverstanden zu werden! nicht verstanden -
ist schon traurig; allein so miverstanden - das ist noch nie geschehen! Sie
Grfin, Sie mit Ihrem tiefen Blick und Ihrer ernsten Erkenntni, Sie konnten
nicht das schlichte Herz begreifen, das sich Ihnen zu eigen gab? .... O, das ist
unnatrlich, meine Liebe ist es nicht! - Das Schne zu lieben sei die Glorie des
Lebens - lehrten Sie mich. Ich hab' es gethan .... weiter nichts.
    O Kind! Kind! rief ich mit herber Trostlosigkeit, was hilft der Tiefblick
der Erfahrung und der Erkenntni, wenn er unser Herz nicht zu Rath zieht! das
eigene Herz lehrt uns das fremde verstehen, und ich - Sie wissen es ja! - lebe
in meinen Gedanken und Trumen, jedoch nicht mit meinem Herzen. Drum war ich
nicht glcklich an der Seite des besten und zrtlichsten Mannes; - drum tuschte
ich mich ber Otbert in einem solchen Grade, da ich an seine Liebe fr mich
glauben konnte; - drum erkannte ich nicht die mchtige flammende Liebe, die
Fidelis fr mich empfand; - drum whnte ich da Sie mit Dankbarkeit an mir und
mit einer erwachenden Neigung an meiner Tochter hingen. O sehen Sie diese
schauderhafte grenzenlose Verwirrung meines Daseins, Wilderich, und vermehren
Sie sie nicht durch Hingebung an Ihre Schwche.
    Ich hatte mir ein Leben getrumt, sagte Wilderich mit heier Wehmuth, edel
reich und gut, wie Sie mir den Impuls dazu gegeben hatten. Es ist etwas Groes
in Ihnen, das meine Seele weit macht; und da Sie dafr keinen festen
Anknpfungspunkt gefunden: so war ich stolz genug zu whnen, da Sie ihn in mir
finden sollten und festhalten mten. Ich wollte meinen Weg gehen, meine
Laufbahn machen, meine Wirksamkeit auf mich nehmen mit jenem Bewutsein der
inneren Berufung, welche uns ber all dessen Sorgen und Aengste erhebt. Ich
wollte Sie stolz machen - ja ja, meine Grfin, stolz darauf da Sie dies stille
Feuer einer unberwindlichen Beharrlichkeit im Guten entzndet htten. Ich
wollte unausgesetzt mit Ihnen leben - nicht bei Ihnen - in der schnsten
Gemeinschaft die zwischen Menschen denkbar ist: in einem Geist, mit einer
Gesinnung, zu einem Ziel; stets eingedenk da das Leben gttlich sein kann, wenn
wir das Gute thun und das Schne lieben.
    
    O! rief ich tief bewegt, das kann ja Alles so werden - nur ein wenig
anders! .... - -
    Nicht so und nicht anders! unterbrach er mich schwermthig. Denn ein Wort
der Ermunterung wollt' ich hren und das sollte heien: Ich liebe dich,
Wilderich.
    O Wilderich! rief ich - ich will Sie lieben wie die zrtlichste Mutter den
edelsten Sohn liebt, wenn Sie nur zur Besinnung ber Ihre eigene Empfindung
kommen knnten!
    Ich bin ber sie zur vollstndigsten Besinnung gekommen .... und grade
jezt, meine Grfin! - Da mu ich Ihnen denn der Wahrheit gem und auf meine
Ehre bekennen, da ich Sie nicht liebe wie ein Sohn seine Mutter.
    Ueber's Jahr wird es anders sein, Wilderich, oder doch in fnf oder zehn
Jahren!
    Ich wei wol da dies Ihre Ansicht ist.
    Und Sie vertrauen ihr?
    Ich kann es nicht mehr da Sie mich so frchterlich miverstanden haben!
folglich mu Etwas in mir sein, das Ihr Auge nicht ergrndet - und dies
Unergrndliche ist vielleicht meine Liebe fr Sie.
    Mein Gott! chzte ich, welch ein Unstern waltet ber meinem Leben, da
Alles mir zum Fluch wird, was einem Andern Heil und Segen bringt! - Aber was
liegt an mir? - gar nichts! - desto mehr an Ihnen und an ihr .... mein Gott, an
ihr!
    Ich fhle da wir jezt nicht mehr wie sonst zusammen leben knnen, sagte
Wilderich. Es soll auch sogleich anders werden!
    Er stand auf und ging einmal durch den Salon als wolle er jeden Gegenstand
der ihn fllte in seine Seele prgen. Das Bild vom Rosenlaui, Original und
Copie, zierlich in purpurfarbenen Sammt eingerahmt, stand auf der Staffelei. Er
nahm eins derselben, betrachtete es und sagte:
    Es ist gut! .... ich nehme es mit mir! - kehrte dann zu mir zurck, kniete
vor mir nieder und sprach in einem Ton der durch seine Ruhe mein Herz beben
machte:
    So leben Sie denn wol, meine Grfin! ich bitte Sie nicht um Verzeihung fr
meine Liebe; das wre eine Schmach fr mein Herz; - aber dafr da ich Ihren
Wunsch hinsichtlich Ihrer Tochter nicht erfllen kann. Zum Beweis Ihrer
Vergebung geben Sie mir einen Ku - und dann leben Sie wol! ich sehe Sie nie
wieder! ich verdamme mich selbst zur ewigen Trennung.
    Sie drfen nicht fort, Wilderich! sagte ich ganz auer mir und umklammerte
seine Hnde. Benvenuta liebt Sie. Ich selbst habe die Hofnung in ihr geweckt,
die Gewiheit ihr gegeben da Sie sie liebten. Sie zagte, sie zweifelte .... ich
zweifelte nicht. Sein Sie barmherzig! machen Sie mich nicht meiner Tochter
gegenber zur Lgnerin! ersparen Sie ihr und mir den grlichen Schmerz, woran
ich wei nicht was fr ein sndhafter verbrecherischer Anstrich klebt, da Sie -
die Mutter lieben! besinnen Sie sich ein Jahr, zwei Jahr auf Ihren Irrthum, auf
diese Tuschung Ihres schnen warmen dankbaren Herzens! - O Wilderich! wenn Sie
mich je geliebt haben, so erbarmen Sie sich meiner!
    Er war aufgestanden und sagte nun langsam und beklommen:
    Wie ist es denn aber mglich mich nicht zu verstehen, wenn ich doch sage
und wieder sage: ich liebe Sie!
    Ich verstehe nichts, nichts, gar nichts .... als da ich meine Tochter
vielleicht frs Leben elend gemacht habe - wenn Sie nicht Erbarmen haben.
    Meine Grfin, wie kann ich das? fragte er sanft.
    In einem Paroxismus von Schmerz sank ich vor ihm nieder und flehte mit
gerungenen Hnden:
    Wilderich .... Sie mssen meine Tochter lieben!
    Angstvoll hob er mich auf und rief:
    Um Gotteswillen, Sie sind auer sich; fassen Sie sich .... dann werden Sie
einsehen da Sie Unmgliches von mir verlangen! - Ich liebe nicht Ihre Tochter,
kann und werde sie nie lieben, denn bei dem bloen Gedanken packt mich ein
namenloses Grauen. Und gar sie zu heirathen - das wre sndhaft, das wre
verbrecherisch. Und dann wissen Sie ja auch, setzte er schwermthig lchelnd
hinzu, da ich kein reiches Mdchen heirathen mag.
    Sie scherzen und mir zerspringt der Kopf oder das Herz, Wilderich! .... was
soll ich denn morgen meiner Tochter sagen? wie soll ich ihr gegenber treten?
wie ihre Fragen, ihre Unruh, vielleicht ihre Klagen oder Vorwrfe aushalten? ich
mu umkommen in dieser Qual.
    Sagen Sie ihr, meine Grfin, ich sei todt.
    Wieder eine Lge! .... und sie wird es nicht glauben.
    Oder sagen Sie ihr ich htte mich als unwrdig erwiesen! ich sei ihrer
nicht werth - leichtsinnig, Spieler, unbestndig - was Sie wollen.
    Ich soll Sie verleumden, Wilderich?
    O, rief er lebhaft, es ist mir ganz gleichgltig was Benvenuta von mir
denkt! ich sinne nur auf Erleichterung fr Sie.
    Wollen wir einmal ruhig berlegen! sagte ich da ich ihn so sehr gesammelt
sah! Wilderich, erfinden Sie einen Brief von Ihrer Mutter, der Sie pltzlich
zurckgerufen htte! - Eine Unzufriedenheit mit der Neigung welche Sie in so
frher Jugend fesselt, ein Verlangen zuvor Rcksprache mit ihr zu nehmen, wrde
nicht ganz unwahrscheinlich sein. Einige Zeit wrde darber hingehen und
Benvenuta vielleicht gleichgltiger werden - oder Sie knnen sich ndern! Wenn
Sie uns in zwei oder drei Jahren wiedersehen, staunen Sie vielleicht ber Ihre
jetzige Verblendung.
    Mglich, meine Grfin! mglich! sagte er mit einer himmlischen Sanftmuth,
denn ich sah an seinen entstellten Zgen und seiner leichenhaften Blsse wie
sehr er litt und welche ungeheure Gewalt er sich anthat um nicht in Ausbrche
von Schmerz und Leidenschaft zu verfallen. Aber ich hatte kein Mitleid mit ihm;
ich dachte nur an Benvenuta, nur an ein Mittel den Schlag zu lindern, der ihr
bevorstand. Ich bat ihn einen Brief zu schreiben des obigen Inhalts. Er
entgegnete:
    Mir ist als km' ich von der Folterbank, der Kopf wst und schwindelnd, die
Hnde lahm ... -
    Desto besser, d.h. unruhiger und schmerzvoller, also passender fr unsern
Zweck, wird er sein; - erwiderte ich unbarmherzig, drngte ihn zum Schreibtisch
und schob ihm Papier und Feder zu.
    Also in dieser Weise soll ich die letzte Stunde unsers Zusammenseins
verbringen? rief er.
    Ich sah ihn nur bittend an. Er setzte sich und schrieb was ich ihm
angedeutet hatte. Whrend er schrieb ging ich auf und nieder und berdachte
Alles was ich an Benvenuta sagen wollte. Im September sollte eine Reise nach
Italien und ein lngerer Aufenthalt daselbst ihren Gedanken eine ganz andre
Richtung geben; und wie eine noch sptere Zeit sich gestalten wrde, mute ich
uern Fgungen und inneren Umgestaltungen berlassen. Nachdem ich mich
einigermaen ber Benvenuta beruhigt hatte, kehrte sich doch endlich meine
Theilnahme auf Wilderich. Er hatte den Brief vollendet, berschrieben und
gesiegelt, und sa unbeweglich am Schreibtisch die Arme fest ber der Brust
verschlungen. Ich legte die Hand auf seine Schulter:
    Dies ist Ihr erster Schritt ins wirkliche Leben, Wilderich, sagte ich; das
erste Glied der langen Kette genannt Enttuschung aus der wir uns heraus oder
hinein - ich wei nicht recht! - wickeln mssen. Das darf Sie nicht zu Boden
werfen, nicht einmal momentan. Ich wei auch da Sie es berwinden werden - aber
weil Sie doch einmal dahin kommen, so sei es lieber gleich. Werfen Sie mit einem
starken Entschlu die unntze Last ab, schtteln Sie den Druck von der Brust und
die Wolke von der Stirn, und sein Sie tapfer.
    Wenn ich Ihrem Rath folgte, entgegnete er mit groem Ernst, so wrde ich
mich nur als leichtsinnig nicht als tapfer zeigen, meine Grfin. Vielleicht
giebt es Naturen von so merkwrdiger Spontaneitt oder von so eiserner
Willenskraft da sie auf der Stelle Herr ihrer selbst werden knnen. Ich kann es
nicht. Ich brauche Zeit um mich zu sammeln, zu fassen und zu trsten. Die Gaben
sind verschieden! Sie berwinden vielleicht in einer Minute wozu ich ein Jahr
brauche. Und dann sind mir auch die Ereignisse meines Lebens wichtig - mgen sie
Anderen noch so drftig erscheinen! Ich will sie nicht gleichgltig bei Seite
schieben oder fallen lassen und zu etwas Anderem bergehen; sondern vielmehr bis
in den Kern hinein ihre Bitterkeit oder ihre Se kosten und mein Wesen mit
ihnen nhren, damit sie in dessen Nerv, Blut und Kraft bergehen. Gefhle,
Begegnisse, Empfindungen die so zu sagen aus meinem Herzblut geboren sind, kann
ich nicht willkrlich von mir abschtteln wie eine Last die etwa meinen
Schultern aufgebrdet wird. Sie mssen sich in mir austoben bis zu ihrem Ziel,
und dieses ist nicht der Tod - denn sie hatten ein organisches Leben - sondern
eine Verklrung, eine Auferstehung, eine Befruchtung neuer Keime, ein
Fortschritt in der Wahrheit oder Selbsterkenntni, ein frischer Aufschwung. So,
als eine organische Entwickelung, verstehe ich berhaupt das Leben! so finde ich
Zusammenhang und Einheit darin, und wo diese sind kann jenes zu einer groen
herrlichen Harmonie ausgebildet werden. Fliegt Alles nur wie Staub an mich heran
und wieder ab: so gewinnen die Gedanken und Bilder des Staubes die Oberhand, und
ich werde untergewirbelt in ihrer Nichtigkeit. So bin ich beschaffen, meine
Grfin, und demgem mu ich handeln.
    Ich faltete meine Hnde ber seinem Haupt und sagte mit maloser
Traurigkeit: O des Jammers da Sie nicht mein Sohn sein wollen! O des Glckes
mein Kind an Ihr Herz zu legen!
    Da sprang er hastig auf und sagte zum ersten Mal mit einer wilden
Heftigkeit: Dies will ich nicht hren! es ist Lsterung meines Gefhls fr Sie.
In einer hohen Empfindung miverstanden zu werden vom Pbel - ist natrlich; von
Gleichgltigen - ist erklrlich; aber von einem edlen und befreundeten Wesen -
das ist ein scharfer Dorn, welcher den Schmerz sehr wild macht. Was soll mir
dies Kind und immer dies Kind! es ist mir verhat da ich die Mutter liebe. - -
Und sich mit aufflammender Leidenschaft vor mir niederwerfend rief er: Ja ich
hasse es, denn es steht zwischen Ihnen und mir! Sie wrden mich lieben, wenn es
nicht da stnde! Sie opfern mich und vielleicht sich selbst den exaltirten
Phantasien eines Kindes, das sich einbildet beim ersten Schritt aus der
Kinderstube einen Geliebten finden zu mssen. Wie kommt sie dazu grade auf mich
ihre Wahl zu werfen? Vier Wochen voll brderlicher Intimitt berechtigen doch
warlich nicht dazu? - -
    Ich kann Ihnen mit denselben Fragen antworten, unterbrach ich ihn khl. Wie
kommen Sie dazu bei Ihrem ersten Schritt aus der Schule sich fr eine Frau zu
fanatisiren, die Ihnen whrend vieler Monate keine andre Berechtigung gegeben
hat als die: eine mtterliche oder schwesterliche Freundin in ihr zu sehen? - -
- Ich hob ihn auf und fuhr sanft fort: Nein, Wilderich! Schuld ist nicht bei
Ihnen, nicht bei meiner Tochter; - nur bei mir! Weil ich ohne Herz bin - drum
verstand ich Eure Herzen nicht und tappte so hin in der Dmmerung meiner uralten
Trume. Vergeben Sie mir den Schmerz den ich Ihnen htte ersparen knnen, mein
lieber Wilderich! ich will Ihre Vergebung als ein Wahrzeichen betrachten, da
keine Rachegeister aus diesem trben Wirrsal sich gegen mich erheben.
Wiedersehen knnen wir uns nur unter einer Bedingung, die ich nicht aussprechen
darf .... - -
    Weil ich sie nicht erfllen kann! warf er ein. Auf diesen Brief, meine
Grfin, werden Sie schon eine Fabel zu bauen wissen, welche Ihre Tochter auf
dasjenige vorbereitet was unvermeidlich ist. Unsre Trennung ist es auch - drum
sei der Abschied kurz! ich fhle da ich matt werde.
    Ein krampfhaftes Zittern flog um seine Lippen, und seine Augenlider sanken
mde und krank ber die trben Augen herab. Ich dachte mit Entsetzen an die
Mglichkeit da er vor Erschpfung vielleicht nicht mehr mein Zimmer verlassen
oder auf dem Wege zum Gasthof ohnmchtig werden knne.
    Kommen Sie, mein armes liebes krankes Kind, sagte ich und nahm seinen Arm;
ich bringe Sie zur Ruhe.
    Mit unnachahmlicher Innigkeit des Ausdrucks und der Bewegung warf er einen
langen Blick durch das ganze Zimmer, grte es mit der Hand und sagte:
    Lebewol du liebes unvergeliches Haus!
    Dann ergriff er das Bild und lie sich von mir ber den Altan, die
Freitreppe hinab und auf den Weg zum Gasthof fhren.
    Schlafen Sie ein Paar Stunden, bat ich ihn unterweges. Sie sind noch
angegriffen von Ihrer Badecur und die Nerven furchtbar erschttert. Nicht blos
den Festen des Lebens - wie ich Ihnen nach Baden schrieb - auch dessen Kmpfen
und Schlachten mu man mit dem Panzer einer sthlernen Gesundheit entgegen
gehen. Wenn Sie mich wirklich lieben, so machen Sie mir Ehre und sein Sie
stark.
    Ich werde es sein! entgegnete er. Ich werde schlafen und morgen ber den
Rosenlaui-Gletscher nach Meyringen gehen. Das war der Weg der mich vor
dreiviertel Jahr in dies geliebte Thal zur guten Frau von Grindelwald brachte,
und beim Rosenlaui hatte ich meinen letzten seligen Tag. Mit diesen Bildern und
Erinnerungen kehr' ich heim nach Wildeshausen. Dann weiter in's Leben .... wie
Gott will!
    Ueberwltigt von heimlich nagendem Gram sagte ich:
    Es wird ein mhseliges Leben sein, mein Wilderich. Solche diamantene Herzen
wie das Ihre schafft Gott nicht umsonst. Klar, rein, fest und schroff wie der
Diamant, mu es in schwerer Arbeit sich selbst und Andere schleifen. Verbrennen
kann der Diamant - nicht schmelzen wie der Rubin, der dann Glanz und Feuer
verliert und trbe wird. Es giebt auch Rubinherzen, Kind! aber ein diamantenes
ist hher. Denk' daran.
    Meine Seele zitterte in der Erinnerung an Fidelis. - -
    So kamen wir zur Thr des Gasthofs. Wilderich pochte und bis Jemand von
Innen fnete, sagt' ich:
    Lebwol! lebwol! - kte flchtig seine Lippen und lief rasch von dannen.
    Es dmmerte schon; der Morgenwind lste die nchtlichen Gewitterwolken in
einen starken Regen auf, der mich durchnte und erquickte. Ich trug ein weies
Musselinkleid, keinen Hut, keinen Shawl; mein Haar hing aufgelst ber meine
Schultern herab. So kehrte ich heim, stieg die Freitreppe hinan, ging langsam
ber den Altan in den Salon und sank unter einer pltzlichen Erstarrung meines
Herzens bewutlos zu Boden, als Benvenuta mir freudig mit der Frage entgegen
trat:
    Nicht wahr, er ist gekommen? - - -
    Mein altes Herzbel, das sich in dem verhltnimig ruhigen Zustand des
letzten Jahres beschwichtigt hatte, brach mit neuer Gewalt herein. Und doch
mute ich, kaum zu mir selbst gekommen, meiner Tochter Red' und Antwort stehen!
- Leugnen war vergeblich! Sie hatte seine Stimme gehrt und es fehlte ein Bild
vom Rosenlaui! - Der Brief auf dem Schreibtisch befremdete sie freilich: war
Wilderich hier, wozu der Brief? - Ich half mir mit einer Unwahrheit und sagte:
    Sein Inhalt ist so wichtig da er ihn selbst bringen - und fr ihn so
peinlich da er denselben nicht mndlich mittheilen wollte. Wider Erwarten traf
er mich .... und sagte mir Alles! - aber ich behielt dennoch den Brief -
Deinetwegen!
    Meinetwegen? stammelte sie erblassend, erbrach und las ihn aufmerksam,
faltete ihn dann zusammen und sagte leise: Er liebt mich nicht!
    Ich hatte nicht den Muth sie des Gegentheils zu versichern. Ich schwieg und
zitterte wie eine Verbrecherin welche Entdeckung frchtet. Es war mir lieb, da
jede Gemthsbewegung mich paralysirte; so litt ich weniger; d.h. mehr physisch.
Benvenuta schwieg auch. Sie sprach nicht mehr von Wilderich, sie fragte nie nach
ihm. Es war als sei er gar niemals da gewesen! Und nicht blos gegen mich
beobachtete sie diese Zurckhaltung, sondern auch gegen Gabriele, welche ich
gebeten hatte mit mglichst linder Hand die Wunde ihres Herzens zu sondiren.
Nach einiger Zeit sagte mir Gabriele ihre Bemhungen wren umsonst, und fgte
hinzu:
    Es kommt mir vor als fnde ich in ihr nicht sowol eine Wunde, als ein
Grab.
    Und ber dem Grabe wachsen Blumen, sagte ich mit Zuversicht zu meinen
Erfahrungen.
    Das war ein trauriger Sommer! Ich, fast immer leidend; Gabriele in Trauer um
ihre Mutter; Benvenuta still und ernst, vor der Zeit eingeweiht in das groe
Geheimni des Schmerzes. Nichts interessirte sie; sie sprach keinen Wunsch und
keine Hofnung aus. Es war ihr gleichgltig ob wir zum Winter nach Italien oder
nach Engelau gingen oder in der Cottage blieben. Sie las und zeichnete, sie ging
und ritt spazieren, sie besorgte kleine husliche Verrichtungen mit groer
Pnktlichkeit und groer Sanftmuth, aber ohne Theilnahme und Freude. Ihre
liebliche Heiterkeit war ganz von ihr gewichen, und ihr liebes Gesicht auf dem
der wundervolle Schmelz der ersten Jugendblte lag, ward bla und welk.
Unerhrte Angst um sie, und ein unerhrter Gram ber Wilderichs Verblendung, der
sich zuweilen zu zrnendem Groll steigern konnte - marterten mich in einer Weise
die mir bisjezt unbekannt geblieben war. Es gab Momente wo ich sie Beide
hartnckige, eigensinnige Kinder nannte, welche durch ihren Trotz Unheil auf
sich selbst und auf Andere herabziehen wrden.
    Im September entschlo ich mich zur Reise nach Italien. Beim Abschied von
Grindelwald schien Benvenutas Herz brechen zu wollen. Dies waren nicht Thrnen
wie die Jugend sie weint: ein Frhregen auf welchen der schnste Tag folgt; es
waren Blutstropfen aus einer tdtlich verwundeten Seele. In Genf erkrankte sie
bedenklich. Der Arzt erklrte ihre Nerven mten einen gewaltsamen Sto erlitten
haben, und mten durch wolthtige Einflsse von Luft, Klima, Zerstreuung und
Freude gehoben und ermuntert werden. Blieben sie in dem gegenwrtigen Zustand,
so sei Melancholie oder Abzehrung zu frchten. Ich dachte an meine arme Mutter,
bei der auch Seelenleiden die traurige Krankheit herbeigefhrt hatten - und
erbebte. Nicht mehr ber mir sondern ber der reinen Stirn meines Kindes sah ich
den Unglcksstern schweben, der mein Dasein beherrschte.
    Wir gingen nach Neapel. Dort und in Sorrent verlebten wir ein Jahr - o Gott,
welch ein Jahr! Eine Dolchspitze berhrte meine Brust, anfangs nur drohend, aber
bald eindringend, ganz allmlig, Tag um Tag, ohne Barmherzigkeit, ohne Gnade,
und als sie bis zum Heft mich durchbohrt hatte - starb Benvenuta. Sie starb am
Tage Allerseelen als sie siebzehn Jahr alt wurde. Sie starb in Sorrent in
demselben Hause wo ich mit ihrem Vater meinen Liebesfrhling verlebt hatte. Sie
starb an einer Nervenverzehrung - wie die Aerzte es nannten. Ihr Organismus sei
berangestrengt, meinten die klugen Mnner, entweder durch zu anhaltende
geistige Arbeit, oder durch zu rasches Wachsen des Krpers. Vielleicht haben sie
Recht! vielleicht kam Eines zum Andern um sie aufzureiben! Aber ich meine, sie
starb an dem Gefhl fr welches sie, der Natur und ihrer Bestimmung zu Folge,
htte leben und glcklich leben sollen. Durch mein unheilvolles Sein wurde es
unheilvoll fr sie, und ich - die an keine Macht und Dauer der Gefhle glaubte -
mute meine Tochter daran sterben sehen. - - - Sie verging, sie schwand dahin,
sie ward immer stiller und stummer. Die Komdie einer allmligen Entfremdung und
Ablsung Wilderichs, die ich mir anfnglich ausgedacht, hatte ich nie vor ihr
spielen knnen. Ihre Augen sahen so seltsam wissend aus. Ueberdas lie sie jedes
Wort, jede Andeutung, die zu einem Gesprch ber ihn htte fhren knnen,
augenblicklich fallen. Nur in ihren allerletzten Tagen sagte sie einmal zu mir:
    Gre Wilderich .... wenn Du ihn wiedersiehst.
    Ich werde ihn nicht wiedersehen, sagte ich - um irgend etwas zu sagen.
    O doch! jezt grade wirst Du es knnen! erwiderte sie mit Ueberzeugung.
    Ich schttelte schweigend und verneinend den Kopf. Spter begann sie:
    Ich htte eine Bitte, liebe Mama! - Versprich mir Wilderich wiederzusehen.
    Ich kann Dir das nicht versprechen, Kind! Es hngt nicht von mir allein ab,
und Wilderich hat gar kein Interesse, glaube mir, mich wiederzusehen.
    In Allem was Du von Wilderich sagst - verzeihe mir! - kann ich Dir nicht
glauben, denn ich wei es besser! Er wird glcklich sein wenn er wieder nach der
lieben Cottage von Grindelwald kommen darf.
    Benvenuta, Du weit nicht wie weh Du mir thust.
    Ich wei es wol - und darum hab' ich nie mit Dir ber Wilderich gesprochen,
entgegnete sie und kte meine Hand. Nachdem ich in jener Nacht seinen Brief
gelesen und Dich so verstrt gesehen hatte: wute ich da er nicht mich sondern
Dich liebe.
    Ich winkte ihr zu schweigen; ich fhlte mich hinsterben wie unter dem
Richtbeil. Sie wute also da ihre Mutter ihre Nebenbuhlerin war! - Mir
vergingen die Sinne, Gedanken, Worte. Was sollte ich ihr erklren? wie mich
rechtfertigen? ich kam mir schuldbeladen vor, als habe ich eine Todsnde
begangen. Als Rcher fr die lange Verkehrtheit meines Lebens stand diese Minute
wider mich auf, diese grliche, wo der Gipfel aller Verkehrtheit in dem Wort
erreicht ward, welches die Tochter zur Mutter ber den Geliebten sprach: Er
liebt dich! - - -
    Dies war Benvenutas letzte selbstbewute Lebensuerung. In Phantasien mit
Lethargie abwechselnd, verbrachte sie noch dreimal vierundzwanzig Stunden, und
trumte sich hinein in den Tod oder in das ewige Leben. - - - - -
    Das ewige Leben! - Ja, sie hat es, denn es war ein Kern in ihr aus welchem
sich in einer neuen Phase des Daseins eine neue Blte entwickeln kann. - - - - -
    In die Heimat zu den Grbern der Meinen wollte ich die geliebte Leiche
bringen. Es ging nicht. Ich kam nur bis Rom, wo ich erkrankte. An der Pyramide
des Cestius wurde sie bestattet.
    Als ich mich im Frhling ein wenig erholt hatte reiste ich nach Freiburg um
Astralis zu sehen. Schn und lebenstralend fand ich sie, aber ich fhlte mich
durchaus unfhig das vierzehnjhrige Mdchen zu mir zu nehmen und die Vollendung
ihrer Erziehung und ihren Eintritt ins Leben zu berwachen. Ich schrieb seit
Jahren einmal wieder an Otbert, der immer in Paris im Strudel des groen und
ereignivollen allgemeinen Lebens die Emotionen ersetzte, welche seiner
Persnlichkeit nach und nach entschwanden. Ich sagte ihm da ich den grten
Theil meines disponiblen Vermgens, das sich durch Benvenutas Tod mehr als
verdoppelt habe, auf Astralis vererben wolle, sobald ich mich berzeugt halten
drfe, da er ihr wahrhaft ein Vater sein und nicht nach meinem Tode ber ihr
Vermgen mit seinen verschwenderischen Hnden herfallen wolle.
    Er antwortete mir tief erschttert: er werde jede Bestimmung heilig halten,
die ich anzuordnen fr gut fnde. Er bat auch mich besuchen zu drfen; aber
dankbar fr seine Theilnahme und freundlich lehnte ich es ab, nicht aus
Widerwillen, sondern nur weil es so sehr berflssig gewesen wre.
    Die Cottage von Grindelwald sah ich auch nicht wieder. Ich schenkte sie an
Gabriele, die mir in meiner Jammerzeit eine treue Freundin und feste Sttze
gewesen war. Sie blieb in ihrer Heimat, und ich ging nach Engelau, das ich schon
nicht mehr als mein Eigenthum betrachtete, denn nach meinem Tode fiel es meinem
Mann zu. Ich ordnete auf's Pnktlichste meine Geschfte, machte fr Astralis das
bewute Vermchtni, und ein kleineres fr jene beiden Brder Wilderichs deren
Zukunft ihm Sorge machte; Legate fr alle meine Diener. Damit waren die
irdischen Angelegenheiten abgethan, und da der Aufenthalt in Engelau auf mir
lastete wie der Deckel eines Sarges, so ging ich unter dem Vorwand berhmte
Aerzte zu consultiren nach einem mir gnzlich fremden Ort - nach Dresden. - - -
- - -
    Zwischen Dresden und Aussig hab' ich mich fast zwei Jahr umher geschleppt.
Auf den grnen nubaumbeschatteten Abhngen um Schreckenstein war mir am wolsten
auf der Welt; - so, als habe Fidelis mir diese Sttte bereitet. Er hat Frieden,
mge er leben, mge er todt sein. Er hat die Seele die ihn befhigt zum ewigen
Leben. Mit diesem Bewutsein kommt der Mensch frher oder spter zum Frieden.
Aber habe ich sie? - Salva me, fons pietatis! .... klingt es wie das Echo
einer hhern Welt durch meine Seele. Von Rettung spricht man mir. Mich dem Leben
der Menschen wiedergeben, wre das Rettung? - O nein! Gott und ich - wir wissen
es anders. Salva me, fons pietatis! - - - -
    Nicht gelebt hab' ich durch mein Herz; es rcht sich, und ich sterbe am
Herzen - - - -

                                    Funoten


1 Traghetti sind die Stationspltze der ffentlichen Gondeln lngs den Canlen,
und sind fast alle durch ein Madonnenbildchen beschirmt vor dem Nachts eine
Lampe brennt.

