
                             Gerstcker, Friedrich

            Die Regulatoren in Arkansas. Aus dem Waldleben Amerikas

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                              Friedrich Gerstcker

                          Die Regulatoren in Arkansas

                           Aus dem Waldleben Amerikas

                                    Vorwort

Wenige Worte werden gengen, diese Erzhlung aus den westlichen Wldern Amerikas
bei dem Leser einzufhren und ihn darauf vorzubereiten, was er berhaupt darin
zu erwarten hat.
    Arkansas, von den Vereinigten Staaten seit 1836 in die Union aufgenommen,
hatte sich in frheren Jahren den Ruf erworben, da alles Gesindel aus dem Osten
und Sden in seinen weglosen Wldern und Smpfen einen Zufluchtsort gegen den
strafenden Arm der Gerechtigkeit gesucht und gefunden habe und dort auf eigene,
freie Hand sein Wesen treibe.
    Solche Gerchte waren nicht ohne Grund, Spruch und Gesetze aber machtlos in
diesen Wldern. Ehe der Sheriff einen Verbrecher erfassen konnte, hatte sich
dieser auf dem Rcken seines eigenen oder eines fremden Pferdes in ein anderes
County geflchtet und wurde nicht mehr gesehen. Aber auch wirklich ergriffen,
blieb es eine fast noch schwierigere Aufgabe, den Gefangenen festzuhalten.
Entweder brach er sich selbst Bahn aus dem Blockhaus, in das man ihn gesperrt,
oder er sah sich von einer Bande seiner Freunde, die es vielleicht kaum fr
nthig hielten, ihre Gesichter zu frben und unkenntlich zu machen, in der
ersten Nacht befreit und trieb nach wie vor sein Unwesen.
    
    Auf den Pferdediebstahl legte sich die Genossenschaft besonders, da nach der
westlichen Sitte die Thiere und Herden der Pioniere frei im Walde selbst ihr
eigenes Futter suchten und also keiner so genauen, ja oft nicht der mindesten
Aufsicht unterworfen waren. Als nun noch berdies im Jahre 1839 die Todesstrafe
fr Pferdediebstahl aufgehoben warde, machten in verschiedenen Theilen des
Staates Manche ein wirkliches Geschft daraus, und die Hinterwldler sahen sich
endlich zu ernsten Maregeln gezwungen.
    Die Gesetze vermochten nicht, sie auf ihren einzelnen, oft viele Meilen von
einander entfernten Farmen zu schtzen, die Mnner von Arkansas traten daher
zusammen und bildeten den Regulatorenbund, ergriffen, was ihnen verdchtig
schien, peitschten die Gefangenen, bis sie ihre Vergehen gestanden und ihre
Mitschuldigen nannten, und hngten oder erschossen die Missethter, sobald das
Verbrechen nur erst einmal hinlnglich bewiesen werden konnte.
    Da bei diesem willkrlichen Verfahren auch manches Unrecht geschah, lt
sich denken. Mehrere Male wurden sogar Unschuldige aus ihrer friedlichen Htte
geschleppt und gezchtigt. Deren freies arkansisches Blut emprte sich dann
natrlich gegen die unverdiente Mihandlung, die sie nicht auf dem Wege der
Gesetze, sondern durch eigene Kraft wieder zu rchen suchten und ihre Richter
heimlich oder ffentlich niederschossen. Im allgemeinen erreichte aber doch
dieses ernste Durchgreifen der Pioniere seinen Zweck, und als dem Lynchgesetz,
wie die Regulatoren ihr Gerichtsverfahren nannten, erst an verschiedenen Orten
des Staates mehrere Opfer gefallen waren, fingen die Pferdediebe an einzusehen,
da es in Amerika noch sicherere und wohnlichere Pltze fr sie gbe, als gerade
Arkansas, und die meisten flchteten nach Texas.
    Meine Erzhlung fllt nun in jene Zeit, wo das Unwesen seinen hchsten Grad
erreicht hatte und Selbstschutz den Farmern und Jgern zur Nothwendigkeit wurde.
Der grte Teil der Ereignisse ist auch keineswegs erdichtet, sondern hat sich,
wenn auch auf verschiedenen Pltzen und in ausgedehnterem Zeitraum, wirklich
zugetragen, besonders ist der Methodist eine geschichtliche Figur. Ich selbst
war Zeuge mehrerer Scenen und schrieb einst an Ort und Stelle sechsundzwanzig
Namen solcher Ehrenmnner nieder, die durch die Regulatoren und mit Hlfe des
schwarzen Hickorys einem der aufgegriffenen Verdchtigen entlockt wurden.
    So mge sich denn der freundliche Leser auf kurze Zeit mit mir
zurckversetzen in die schnen Wlder jenes herrlichen Landstriches, und wenn er
auch nicht gleich nach Durchsicht des Buches sattelt und aufsitzt und nach den
fernen Regionen des Westens, wie die Hinterwldler sagen, Fhrten macht so
hoffe ich doch, da er, neben einigen weniger angenehmen Bekanntschaften, auch
recht gute, liebe und herzige Leute kennen lernen wird, die ihn mit den Nacht-
und Schattenseiten der Uebrigen ausshnen mgen.

                                       1.

  Der Leser macht die Bekanntschaft von vier wrdigen Leuten und erfhrt etwas
                      Nheres ber ihre Lebensverhltnisse


Dem freundlichen Mai waren die wilden Frhlingsstrme gewichen. Blumen und
Blthen drngten sich zwischen dem gelben Bltterlager hervor, das dicht den
Boden bedeckte und nur hier und da von saftgrnen, lebensfrischen Grasflecken
unterbrochen wurde. Aber Blthe an Blthe quoll auch aus den Zweigen der
niederen Dogwoodbume und Gewrzbsche hervor; Blumen und Knospen hingen an den
ppigen Lianengewinden, die sich von Baum zu Baum schlangen, nieder,
verwandelten die Wildni in einen Garten und erfllten mit lieblichem Wohlgeruch
den von riesigen Fichten-, Eichen- und Sassafrasbumen berwlbten Waldesdom.
Drngte sich die Sonne durch die dichtbelaubten Wipfel der gewaltigen Stmme, so
lie dieses Gewirr von Schlingpflanzen und Buschwerk kaum hier und da einen
verstohlenen Strahl zur Erde nieder, und Dmmerung herrschte in diesem Theil der
Niederung, whrend das Tagesgestirn schon hoch am Himmel glhte. Damit schienen
brigens die Gestalten, die sich hier am Fu einer mchtigen Kiefer
niedergelassen hatten, ganz einverstanden zu sein, denn der Eine von ihnen
reckte die Glieder und sprach, zu dem grnen Laubdach ber sich emporschauend:
    Ein herrlicher Platz das fr vertrauliche Zusammenknfte - ein ganz
vorzglicher Platz. Der Rohrbruch, nach dem Flusse hin, hlt gewi jeden
vernnftigen Christenmenschen ab, seinen Weg in dieser Richtung einzuschlagen,
und die Dornen und Greenbriars hier oben sind ebenfalls nicht so einladend, als
da sich Einer ganz nutzlos hineinwagen sollte - und nutzlos wr's, denn da
kein Wild mehr in der Nhe weilt, dafr, denk' ich, htten wir gesorgt.
    Der Sprecher war, soweit es seine behagliche, auf dem Laub ausgestreckte
Gestalt erkennen lie, ein Mann von ber sechs Fu, mit muskulsem Krperbau und
freien, offenen Zgen; die Augen hatten aber etwas unheimlich Wildes und flogen
unstt von einem Ort zum andern, und sein ganzes Aeuere verrieth berhaupt
einen hohen Grad von Nachlssigkeit. Der alte, zerstcke Filzhut war ihm vom
Kopf gefallen, und das Haar stand struppig und ungekmmt empor; der borstige
Bart schien eine Woche lang vernachlssigt zu sein, und ein sehr abgetragenes
blauwollenes Jagdhemd, an dem einzelne einst gelb gewesene Franzen wild
herabhingen, war mit alten wie neuen Blutflecken berdeckt. Diese wurden
brigens durch ein frisch abgestreiftes Hirschfell an seiner Seite erklrt.
Ueberhaupt schien der Bursch den Wald zum Hauptaufenthalt zu haben. Die Bchse
lag neben ihm am Boden; die Beine staken in vielfach ausgebesserten ledernen
Leggins oder Gamaschen, und ein Paar Mokassins von Rindshaut vollendeten den
keineswegs kleidsamen Anzug.
    Sein Gefhrte, der neben ihm, mit dem Rcken gegen den Baumstamm gelehnt,
sa und mit einem langen Messer (in der Landessprache gewhnlich
Arkansas-Zahnstocher genannt) Holzsphne schnitzelte, unterschied sich etwas,
und zwar zu seinem Vortheil, von dem rauhen Nachbar. Seine Kleidung war
sauberer, sein ledernes Jagdhemd, das, wenn auch alt und viel gebraucht, doch
mit besonderem Flei gearbeitet schien, etwas besser gehalten, als das des
Ersteren, und sein ganzes Aussehen bewies, da er eine bessere Erziehung
erhalten, als der wilde Waldbewohner, oder doch wenigstens erst krzlich aus dem
elterlichen Haus gekommen sei. Das letztere wurde noch durch seine Jugend so
viel wahrscheinlicher, da er kaum mehr als siebzehn Jahre zhlen konnte.
    Der Dritte war den beiden Beschriebenen total unhnlich, und was jene an
Wildheit und Lebensmuth zu viel besaen, schien dieser durch Sanftmuth und
Leutseligkeit wieder ausgleichen zu wollen. Seiner Kleidung nach gehrte er der
Klasse wohlhabener Farmer an. Der blaue, vom besten wollenen Stoff gefertigte
Frack - die gewhnliche Tracht der amerikanischen Landleute -, die saubere gelbe
Weste, die sorgfltig geschwrzten Schuhe, der neue breitrndige Hut, Alles
bewies, da er etwas auf sein Aeueres halte und, wenn auch in manchen anderen
Stcken, doch keineswegs in jener Miachtung jeder anstndigen, reinlichen
Kleidung mit der Gesellschaft, in der er sich gerade befand und zu der er
offenbar zu gehren schien, harmoniere. Er lehnte, ein Bein ber das andere
geschlagen, an einer kleinen Eiche und sah sinnend zu dem Sprecher hinber, der,
nach der oben geuerten Bemerkung, seinen Kopf wieder faul auf das die Wurzeln
des Baumes bedeckende Moos zurcksinken lie.
    Oder sorgt vielmehr jetzt noch dafr, Cotton, fuhr er, mit etwas nselnder
Stimme des Jgers Aeuerung beantwortend, fort; wenn's auch nicht in Ordnung
ist, da Ihr selbst am heiligen Sabbath ohne dringende Noth umhergeht und die
friedlichen Thiere des Waldes erlegt.
    Oh geht zum Teufel mit Eurer Predigt, Rowson! fuhr der Jger halb
rgerlich, halb lachend auf, whrend der junge Bursch einen spttischen Blick
auf die ernsthafte Gestalt des Mahners warf - spart die Moral, bis Ihr in die
Ansiedlung kommt, und verschont uns hier mit dem Unsinn. - Wo aber nur Rusch
stecken mag - verdammt will ich sein, wenn ich mir das erklren kann. Er
versprach, mit Sonnenaufgang hier zu sein, und jetzt ist die Sonne bald drei
Stunden hoch - die Pest in seinen Hals!
    Ihr werdet ihn mit Eurem gotteslsterlichen Fluchen nicht herbeirufen,
erwiderte kopfschttelnd der Andere - aber, fuhr er dann, etwas lebhafter
werdend, fort, auch mir dauert die Zeit zu lang'. Ich mu um zehn Uhr in der
Betversammlung sein und habe noch sechs Meilen bis dahin zu reiten.
    Die beiden Geschfte scheinen sich bei Euch sehr gut zu vertragen!
lchelte verchtlich der Jger. - Predigen und Pferde stehlen - hm, pat
wirklich recht gut zusammen, kann auch recht gut neben einander bestehen, denn
der Sabbath, wie Ihr ihn nennt, ist doch ein schlechter Tag fr unser Geschft.
Aber lat die Faxen hier im Wald, wo wir unter uns sind; 's ist - das Wenigste
zu sagen - langweilig.
    Nun, habt keine Angst, Ihr sollt nicht lange mehr damit belstigt werden,
lchelte der Farmer, whrend er mit Wohlbedacht eine Prise aus einer Muscheldose
nahm. - Doch seht, fuhr er dann schneller und lebhafter fort - Euer Hund
spitzt die Ohren - er mu etwas wittern.
    Ein grau und schwarzgestreifter Schweihund hatte sich, einige Schritte von
den Mnnern entfernt, auf dem einzigen kleinen sonnigen Fleck zusammengeknult,
wo ein umgestrzter Baum in das dichte Laubdach eine Lcke gerissen. Vorsichtig
windend hob dieser jetzt die Nase einen Augenblick in die Hhe, knurrte dann
leise, wobei er einen schwachen Versuch machte, mit dem Schwanz zu wedeln, und
fiel wieder in seine alte Lage zurck. Sein Herr, der ihn indessen aufmerksam
beobachtet hatte, sprang mit zufriedenem Blick auf und rief:
    Nun endlich - Zeit ist's, da er kommt. Deik kennt ihn auch gut genug, mag
aber seinen warmen Fleck dort nicht verlassen. Hallo - da ist er schon! - Nun,
Rusch, Ihr glaubt wohl, man hlt sich hier der Annehmlichkeit wegen zwischen den
Mosquitos und Holzbcken auf! Was, zum Henker, hat Euch abgehalten, zur rechten
Zeit hier zu sein?
    Der Letztgekommene zeigte sich als ein Mann in mittleren Jahren und ging,
wie der Farmer, anstndig und reinlich gekleidet. Auerdem trug er aber,
obgleich sonst gerade nicht jagdmig angezogen, eine Kugeltasche an der rechten
Seite und eine lange gezogene Bchse auf der Schulter.
    Guten Morgen, Gentlemen, wandte er sich jetzt an die ihn begrenden
Mnner, guten Morgen, und seid nicht bse, da Ihr habt auf mich warten mssen,
aber - ich konnte nicht frher kommen. Der junge Laffe, der Brown, und der alte
Harper, mit der verdammten Rothhaut, krochen mir im Weg herum, und ich wollte
mich nicht gern nach dieser Richtung zu sehen lassen. Die guten Leute fangen mir
berhaupt an zu gescheidt zu werden, und das schleichende Scalpirmesser
schnffelt in einem fort im Wald umher. Hll' und Teufel, warum dulden wir den
Indianer eigentlich hier in der Nachbarschaft! - Ich habe fast so eine Ahnung,
als ob die Kugel schon gegossen wre, die ihm in seine Jagdgrnde verhelfen
mag.
    Ich glaube selber, Rusch, sagte Cotton, da das Stck Blei vortrefflich
angewandt wre.
    Hrt einmal, Cotton, wandte sich der Neugekommene halb rgerlich an den
Jger - ich wollte, Ihr nenntet mich nicht immer bei dem verwnschten Namen. -
Er fhrt Euch einmal heraus, wenn es Fremde hren, und dann km' ich in des
Teufels Kche. - Sagt Johnson, wenn wir auch untereinander sind - Ihr gewhnt
Euch besser dran.
    Nun meinetwegen, lachte dieser - mir auch recht, Rusch oder Johnson, dem
Strick entgeht Ihr doch nicht, so wenig wie wir Anderen. Aber fidel wollen wir
sein, so lange wir noch beisammen sind, und dann an's Geschft, denn wir haben
in den letzten vierzehn Tagen keinen Cent verdient. Es wird Zeit, da wir wieder
anfangen.
    Er hatte bei diesen Worten eine kleine Whiskyflasche aus seiner wollenen
Decke herausgewickelt, drehte, whrend er lchelnd nach Rowson hinbernickte,
den Stpfel heraus und setzte sie dann mit einem sehr selbstzufriedenen Prost
an die Lippen. Erst nachdem er sich in langem Zug Genge geleistet, hielt er sie
dem ihm am nchsten stehenden Rowson hin und rief:
    Da - strkt Euch zu Eurer Predigt heute Morgen, Ihr werdet's brauchen
knnen. Verdammt will ich sein, wenn ich nicht drei solche Flaschen im Leibe
haben mte, um ruhig zuhren zu knnen, und sogar dann wrde ich noch die
Bedingung stellen, da ich eingeschlafen sein mte, ehe Ihr angefangen httet.
    Danke, sagte Rowson, den dargebotenen Trunk abweisend - danke schn - ich
mchte nicht gern heute Morgen nach Whisky riechen. - Gebt die Flasche an
Johnson; der wirft ihr ohnedies schon sehnschtige Blicke zu.
    Nichts besser als ein heier Trunk am Morgen, sagte der Neugekommene,
indem er ohne weitere Umstnde dem Jger Bescheid that. - Aber, Weston, fuhr
er dann, sich an den Jngsten wendend, fort - was habt Ihr denn, Ihr kratzt
Euch ja, als ob Ihr wie eine Schlange die Haut abschlen wolltet; hat Euch ein
Mosquito gestochen?
    Einer? fragte der junge Mann rgerlich, indem er hinzutrat und die Flasche
aus Johnson's Hand nahm - Einer? Die Luft ist hier dick voll von ihnen, und es
kommt mir fast so vor, als ob Harper Recht habe, der neulich behauptete, es
wren so viele von den verwnschten, scharfgesichtigen Burschen hier, da man
bei Tisch, wenn man nur einmal mit dem Messer durch die Luft hiebe, den ganzen
Teller voll Flgel und Beine htte.
    Hoho! lachte Cotton, - Ihr gewhnt Euch schon daran; kommt da freilich
gerade aus den Missouri-Bergen herunter, wo ich mir habe erzhlen lassen, die
Leute Nachts ohne Rauch im Freien schlafen knnten; hier mchte ihnen das schwer
fallen.
    Gentlemen, denken Sie daran, weshalb wir hier sind, bemerkte Rowson jetzt
etwas ungeduldig, die Zeit vergeht und ich mu wahrhaftig fort. Ueberhaupt ist
dies keineswegs ein so ungemein sicherer Platz, wenn Johnson wirklich den
Indianer mit seinen Genossen hat in der Nhe herumkriechen sehen. Ich schlage
also vor, da wir ohne weitere Umstnde an's Werk gehen und verabreden, was wir
eigentlich verabreden wollten.
    Brav gesprochen, groer Prophet! rief Cotton, dem Redner dabei mit so
krftiger Faust auf die Schulter schlagend, da dieser schmerzhaft das Gesicht
verzog und dem Allzufreundlichen einen tckischen Seitenblick zuwarf, jedoch mit
groer Selbstberwindung seinen rger verbi und, die Mnner bedchtig im Kreis
ansehend, fortfuhr:
    Wir haben, Dank den geschftigen Schuften, die nicht allein in der
Ansiedlung, sondern im ganzen County, ja im ganzen Staate umherstreifen und sich
unter dem Namen Regulatoren breit machen, mehrere Wochen lang brach gelegen und
nicht einen Pfennig verdient. Gestern ist, wie Ihr Alle wit, ein Botschafter
von der Insel dagewesen, der einen Transport guter Pferde dringend fordert, die
zu einem Landtransport oder was wei ich verwandt werden sollen, und wir kleben
hier und legen die Hnde in den Schoo. - Das geht nicht lnger - ich brauche
Geld - wie Jeder von Euch, und mit Maisbau und Schweinezucht das durch Jahre
lange Arbeit zu verdienen, was gewissermaen auf dem Tischtuch vor uns liegt,
wre lcherlich; also zur That denn. Da ich durch den guten Ruf, den ich mir zu
erwerben gewut habe, obgleich ich doch eigentlich nur ein schwacher, sndhafter
Mensch bin -
    Hll' und Teufel, lat den Unsinn! rief Cotton, rgerlich mit dem Fu
stampfend - plappert Euren Gebetkram her, wenn Ihr bei Roberts seid, aber
schenkt uns hier reinen Wein ein.
    Da ich durch den guten Ruf, den ich mir zu erwerben gewut, wiederholte
Rowson, eine besnftigende Geberde gegen Cotton machend - auf vielen, sehr
vielen Farmen Zutritt erhalten habe, so hat mir das natrlich Gelegenheit
gegeben, den Vieh- und besonders den Pferdestand der Eigenthmer genau zu
untersuchen. Meiner Meinung nach also gibt es fr uns keine ergiebigere Gegend
als Springcreek, an der anderen Seite vom Petite-Jeanne. Husfield dort hat
herrliche Tiere, und ich bin fest berzeugt, da wir von der einen Farm allein
acht Pferde wegholen knnen, wobei ich noch zwei Tage Vorsprung garantiere.
    Nicht so bel, meinte Johnson, aber bedenkt auch, da uns das wieder fast
fnfzig Meilen weiter vom Mississippi fortbringt.
    Hchstens fnfunddreiig, erwiderte Rowson, und zwei Tage und zwei Nchte
Vorsprung. Hier in der Gegend mssen wir gewrtig sein, da sie uns noch in
derselben Stunde auf der Fhrte sind, und das ist denn doch, das Wenigste zu
sagen, strend.
    Wie wr's, wenn wir den Zug bis auf nchste Woche verschben? meinte
Johnson, ich htte gern einen kleinen Abstecher an den Washita gemacht.
    Keine Stunde, rief Rowson - wozu die Zeit versumen, die wir bald so
hchst nthig brauchen werden.
    Was, zum Henker, habt Ihr denn auf einmal fr eine verwnschte Eile?
fragte Cotton verwundert, Ihr lat's ja doch sonst an Euch kommen.
    Ich brauche Geld sagte Rowson lakonisch - mein Land ist vermessen, und
wenn ich bis zum ersten Montag im Juni die volle Summe nicht einliefere, so kann
es mir, wie Ihr Alle recht gut wit, vor der Nase weggekauft werden. Auerdem
leben hier in der Gegend einige so freundliche Seelen, die sich ein ganz
besonderes Vergngen daraus machen wrden, mir den Gefallen zu thun. - Da ist
unter Anderen dieser Mr. Harper - die Pest auf seinen Kopf -
    Hahahaha, Rowson, lachte Cotton, - wenn Mrs. Roberts hrte, da Ihr einem
andern Christenmenschen die Pest auf den Schdel wnscht, ihre fromme Meinung
von Euch wrde einen bedeutenden Leck bekommen.
    Spottet nur, Cotton, Ihr habt Euch das Recht dazu erworben - 's ist ja Euer
tglich Brot - aber wenn ich nicht Wahrheit rede, da hier Einige leben, denen
ich selbst mit Wollust ein Messer - doch das gehrt nicht hierher, fuhr er,
sich schnell fassend, fort - sprecht Euch jetzt aus, wollt Ihr meinem Rath
folgen, oder nicht? Wir knnen in acht Tagen  Person dreihundert Dollar
verdienen, und das ist mehr, als sich auf ehrliche Art und Weise zu Stande
bringen lt.
    Gut! mir ist's recht - rief Cotton - diesmal geht Ihr Beiden aber; wir
Zwei, Weston und ich, haben das vorige Mal den Hals riskirt.
    Ja, ja stimmte Weston bei - 's ist wahr - wir wren auch beinahe noch
erwischt worden - diesmal ist die Reihe an uns, auszuruhen.
    Oh halt! nicht so schnell, unterbrach sie Johnson, vorerst mssen wir
ber den Plan einig werden, und dann bitt' ich, da die beiden Herren bedenken
mgen, welche Last wir mit dem Verkauf hatten, und da ich selbst bis jetzt noch
nicht einmal von jedem Verdachte frei bin. Erst also der Plan - wie hattet Ihr's
Euch gedacht, Rowson?
    Nun seht, erwiderte dieser, indem er ein breites Bowiemesser unter der
Weste vorzog und damit zu schnitzeln anfing - Zweie von uns - (mehr drfen es
auf keinen Fall sein, um nicht Verdacht zu erwecken, wenn sie zuflliger Weise
gesehen werden sollten) - also Zweie von uns gehen mit ihren Bchsen - und jeder
mit drei oder vier Zgeln, die er auf irgend eine Art an sich verbergen mu, von
hier aus ber Petite-Jeanne nach der Mhle am Springcreek zu. Die Zgel erwhn'
ich deshalb, damit wir nicht wieder solchen Aerger beim Verkauf der Pferde
haben, da das letzte Mal die scharfe Baumrinde den Thieren die Muler blutig
gerissen hatte und die Seelenverkufer auf der Insel am Preise mkeln wollten.
Von der Mhle aus ist's nicht mehr weit, ein paar Meilen hchstens, zu
Husfields, und an der ersten Fenzecke angelangt, haltet Euch nur gleich links
auf dem ersten Fupfade hin, der scheinbar in den Wald wieder hineinluft; er
biegt aber nur deshalb aus, um ein paar umgestrzten Eichen Raum zu geben,
nachher dreht er sich wieder der Farm zu und luft gerade nach dem Pferdehofe
hin, der auf der andern Seite mit dem Haus selbst in Verbindung steht.
    Husfield hat etwa siebenundzwanzig Pferde, Alles gerechnet, mit Fllen und
Hengsten, von denen er gewhnlich acht fttert. - Die letzteren aber drfen wir
nicht berhren, er wrde sie schon am nchsten Morgen vermissen und ist ein zu
guter Waldmann, als da er uns nicht auf der Fhrte bleiben sollte. Die brigen
weiden, unter der Fhrung eines jungen, dreijhrigen Hengstes, drauen im
Freien.
    Er darf ja im Frhjahr keinen Hengst frei herumlaufen lassen, unterbrach
ihn Johnson.
    Ich wei wohl, fuhr Rowson fort - er thut's aber doch. Jetzt wenigstens,
dessen bin ich sicher, ist der Hengst noch drauen und kommt jeden Abend
regelmig an die Fenz der Umzunung - nach ein paar Stuten, denen er, auswendig
herumtrabend, wiehernd seine Liebeserklrung macht, und kehrt dann wieder in den
Wald, nach seinem gewhnlichen Schlafplatz, zurck. Ihm folgt der ganze Trupp,
und das ist der Zeitpunkt, sich der besten zu bemchtigen, denn die Bewohner des
Hauses achten nicht viel auf die Thiere. Ich bin zweimal dort eingekehrt, um
dessen auch gewi zu sein.
    Wenn man die Stuten aus der Umzunung nehmen knnte, meinte Weston
schmunzelnd, dann htte man nachher die ganze Herde und knnte so schnell
reiten, wie die Thiere laufen wollten.
    Ja, und htte am nchsten Morgen etwa zehn oder zwlf von den Schuften, mit
Bchsen und ellenlangen Messern, auf einer Fhrte hinter uns her, der ein
Blinder mit dem Stock folgen knnte, rief Rowson dagegen. - Nein, sicher
mssen wir gehen, denn wir wollen nicht allein nicht erwischt sein, sondern auch
jeden Verdacht vermeiden, und das knnen wir nur dadurch bezwecken, da wir die
Sache so vorsichtig wie mglich anfangen. An der Mhle drfen Die, welche die
Pferde entfhren sollen, sich ebenfalls nicht blicken lassen. Am besten ist's,
man geht gleich da, wo die Strae den Springcreek berhrt, hindurch, an's andere
Ufer, was zufllig des Weges Kommende zu der irrigen Meinung veranlassen wird,
die Reiter htten hinber nach Dardanella gewollt. An der Ecke der Fenz, eben
da, wo sich der Weg links abzieht, ist noch dazu ungemein steiniger Boden, und
eine Fhrte, ber den Weg zurck, kann kaum bemerkt werden. Was nachher zu thun
ist, wenn man sich erst einmal an Ort und Stelle befindet, brauch' ich Euch
nicht weiter zu sagen, das wit Ihr gut genug.
    Wer geht aber? brummte Cotton unwillig, Ihr gebt uns so gute Lehren, als
ob Ihr selbst gar nicht mit zur Partie gehrtet. - Wir haben's das letzte Mal
riskiert, es ist nicht mehr als recht und billig, da jetzt zwei Andere ihren
Hals dransetzen.
    Noch dazu, da Ihr so sehr gut dort in der Gegend bekannt seid, warf Weston
ein. Andere, die alle jene beschriebenen Pfade erst suchen mssen, wrden sehr
viel Zeit dabei verlieren.
    Wahr - wahr, in vielen Stcken, meinte Rowson lchelnd, aber, junger
Mann, Johnson und ich haben, wie schon gesagt, das letzte Mal fast mehr Angst
und Gefahr ausgestanden als Ihr Beiden, die Ihr blos die Pferde abholtet. Doch
es sei - ich biete mich zu Einem der Abholenden an, bestimmt Ihr den Andern;
doch nur unter der Bedingung, da ich blos verpflichtet bin, die Entfhrten bis
an die Mamelle zu schaffen, das heit bis auf den Bergrcken, der die Wasser der
Mamella vom Fourche la fave trennt. Dort an den Quellen des Creeks wollen wir
zusammentreffen, und von da an mgen die anderen Beiden die Pferde nach der
Insel befrdern.
    Dann wr's das Beste, da Ihr und Johnson den ersten Theil bernhmt;
Weston und ich wollen sie dann schon in Sicherheit bringen.
    Halt da - rief Johnson - dem schurkischen Husfield gehe ich nicht
freiwillig auf's Land - Ihr wit vielleicht nicht, da wir vor vierzehn Tagen
einen Streit mit einander hatten, in dem ich - das verdammte Pistol schnappte
und der Schuft schlug mich nieder. - Ich bin der Canaille dafr etwas schuldig
- fuhr er zhneknirschend fort - mchte das aber nicht auf seinem eigenen Grund
und Boden abmachen, das sprche nachher vor Gericht gegen mich. - Nein, lat
lieber das Loos bestimmen, wer gehen soll; wir knnen ja Grashalme ziehen.
    Ach was, Grashalme, brummte Cotton - die Jagd soll entscheiden. - Wir
wollen morgen frh alle Vier - oder vielmehr mir Drei, da Rowson diesmal
Freiwilliger ist, nach verschiedenen Revieren aufbrechen, und kommen hier den
Dienstag Morgen wieder zusammen. Wer morgen die meisten Hirsche schiet, oder
berhaupt die beste Jagd macht, ist frei.
    Einverstanden! rief Rowson, das ist ein guter Einfall, da geh' ich auch
mit, und wenn es nur des Spaes halber wre.
    Meinetwegen, sagte Johnson, wir sind Alle gute Jger und das Glck mag
entscheiden, wer von uns diesseit oder jenseit der Mamelle Pferdefleisch zu
befrdern bekommt; also morgen frh. Wir mssen aber auch eine Gegend bestimmen,
da wir einander nicht in die Schulinie laufen. Ich meines Theils will den Flu
ein Stck Weges hinauf gehen und in der Niederung jagen.
    Da kommt Ihr mir in mein Revier, sagte Weston - ich mu dort hinauf, denn
ich habe mein Lager noch, mit Decke, Kochgeschirr und zwei Hirschhuten, da
oben.
    Gut - dann gehe ich hinber an den Petite-Jeanne; Jones von drben sagte
mir gestern, er htte Unmassen von Fhrten gesehen.
    Und ich gehe ebenfalls nach der Gegend zu, sagte Rowson, werde aber nicht
den ganzen Tag jagen knnen, weil ich der Mrs. Laughlin versprochen habe, gegen
Abend hinber zu kommen und Betstunde zu halten.
    Und wo thust Du indessen Deine Bchse hin? lachte Johnson.
    Ih nun, zu Fulweals denk' ich. Dort ist ja auch Cotton's Schwester, und
wenn ich Abends nach Hause reite, nehme ich sie wieder mit.
    Rowson, Rowson, rief Cotton, lachend mit dem Finger drohend - mit der
Witwe Fulweal ist mir die Sache nicht so ganz richtig. Ihr kriecht und
schwnzelt in der Gegend herum, und wie ich neulich einmal so unverhofft zu
Eurer Betversammlung kam, da knietet Ihr Beide mir sehr verdchtig nahe
zusammen.
    Unsinn! sagte Rowson, schien aber doch ein wenig verlegen zu werden und
wandte sich jetzt schnell an Weston, dem er zurief: Apropos, junger Mann, die
beiden Felle, die Ihr schon im Lager habt, zhlen nicht mit.
    Oh bewahre, erwiderte dieser, ehrliches Spiel - morgen frh, wenn es hell
genug wird, das Korn auf der Bchse zu erkennen, geht die Jagd an.
    Jetzt ist's aber Zeit aufzubrechen, sagte Rowson, die Hnde in die Tasche
schiebend - also, Gentlemen, auf ein frhliches Wiedersehen!
    Halt! noch Eins, rief ihm Cotton zu, als er sich schon nach der Richtung
hin, wo er an der Auenseite des Dickichts sein Pferd angebunden hatte,
entfernen wollte, - wir drfen nicht auseinander gehen, ehe wir nicht einen
festen Entschlu gefat haben, wie wir uns verhalten wollen, falls - die
vermaledeiten Regulatoren uns auf die Spur kmen. Hlle und Gift, ging's nach
mir, so lebte morgen Abend um diese Zeit keiner von den Schuften mehr.
    Rowson kehrte wieder um und blieb, an den Ngeln kauend, neben Cotton
stehen. - Ich htte bald vergessen, Euch eine Nachricht mitzutheilen, sagte er
dann nach einer kleinen Pause, indem er einen Seitenblick auf seinen stmmigen
Nachbar warf, da Cotton aber gerade von den Regulatoren anfngt, fllt mir's
wieder ein.
    Und was ist das? fragte Johnson eifrig.
    Nichts mehr und nichts weniger, als da der Sheriff von Pulasky County
einen Verhaftsbefehl fr unsern guten Cotton in der Tasche trgt.
    Der Teufel! fuhr dieser auf, und weshalb?
    Oh - ich wei nicht, ob gerade irgend etwas Besonderes erwhnt ist, es
waren aber so verschiedene Sachen. Ich hrte etwas von einer Fnfzig-Dollar-Note
munkeln, und von einem Heirathsversprechen in Randolph County, und von einem
Menschen, den man eine Zeit lang vermit habe, und dessen Leichnam dann spter
aufgefunden sei, und so mehrere Kleinigkeiten.
    Die Pest! rief mit dem Fu stampfend der Jger - und das httet Ihr
beinahe vergessen? mich ganz arglos in die Ansiedlung hineintraben lassen? Ja,
es wird Zeit, da ich mich hier fortmache - Arkansas mchte mir ein wenig zu
warm werden, oder ich bekomme vielmehr zu viele Bekannte hier.
    Habt wohl eine recht ausgebreitete Bekanntschaft? schmunzelte Rowson.
    Sehr, sagte - die Frage halb berhrend - nachdenkend der Jger. Aber was
thut's, fuhr er dann pltzlich, sich hoch aufrichtend, fort, was thut's - in
wenigen Tagen ist unser Geschft beendet, und mit dem Geld kann ich bis an den
Mississippi und von da aus bequem nach Texas kommen.
    Warum geht Ihr nicht lieber von hier zu Land? Da kostet's Euch keinen Cent
und ist nicht den zehnten Theil so weit.
    Wohl recht, ich habe aber meine Grnde, den nrdlich lebenden Indianern
nicht so besonders nahe zu kommen.
    Alle Wetter, Cotton, erzhlt uns die Geschichte, bat Weston, ich habe
schon so viel davon reden hren und mchte gar zu gern wissen, wie das Alles
zusammenhngt; was hattet Ihr mit den Cherokesen?
    Jetzt wr' die Zeit dazu, eine Geschichte zu erzhlen, brummte der
Gefragte.
    Man soll an Euren Armen, lchelte Rowson, noch die Spuren von eisernen -
    Geht zum Teufel mit Eurem Kindergeschwtz - wir haben jetzt mehr zu thun.
Nicht allein auf mich ist's gemnzt, sondern auf Euch Alle. Die Regulatoren
haben durch irgend einen Schuft Wind bekommen und uns Alle auf dem Korn!
    Mich nicht, lchelte Rowson - in dem frommen gottesfrchtigen
Methodistenprediger sucht Keiner den Wolf.
    Keiner? lchelte Cotton ihn hhnisch an, Keiner? was sagte doch neulich
Heathcott, als er Euch einen Lgner und Schurken nannte?
    Rowson's Antlitz entfrbte sich und Todtenblsse vertrieb die frhere Rthe;
seine Hand fuhr krampfhaft nach dem verborgenen Messer.
    Was fr Beschuldigungen brachte er da zum Vorschein? flsterte der Jger
leise weiter, dem vor Wuth und Ingrimm Erbebenden einen Schritt nher tretend,
he? kam da nicht auch das Wort Seelenverkufer mit vor? Und Ihr lieet Euch das
Alles ruhig gefallen? - Pfui! ich schmte mich damals in Eure eigene Seele
hinein -
    Cotton, sagte Rowson, sich gewaltsam sammelnd, Ihr habt die rechte Saite
berhrt - der Mensch ist uns gefhrlich. Er hat nicht allein eine Ahnung, wer
ich bin, sondern er lie auch neulich einzelne verdchtige Worte ber Atkins
fallen.
    Was, Atkins? - der noch nie die Hand in einem Diebstahl gehabt hat und nur
ruhig auf seiner Farm uns untersttzt?
    Eben der Atkins. Wei der Teufel, wie der Schuft darauf kommt, nach dieser
Seite hin zu winden, wahr ist's aber, und da ich damals den Lgner und Schurken
hinnahm, hatte seine wohlweislichen Grnde. Wre ich als Prediger aufgefahren
und htte ihm den Schuft zurckgegeben -
    So htt' er Euch zu Boden geschlagen, lachte Cotton.
    So htte das mir und meinem sonstigen gottesfrchtigen Wandel einen
gewaltigen Sto gegeben, fuhr Rowson, ohne sich irre machen zu lassen, fort.
    Ja wohl Sto, sagte Cotton, an den Schdel oder zwischen die Augen.
    Lat das Necken, zum Teufel, fuhr jetzt Johnson auf - wir sind doch nicht
hier, um Eure Narrenspossen mit anzuhren. Rowson hatte ganz Recht; wenn er
einmal predigt, so mu er sich auch wie ein Prediger betragen -
    Und Pferde stehlen - lachte der unverbesserliche Cotton.
    Wollt Ihr jetzt ernsthaft die ernste Sache betreiben oder nicht? - sagt's,
denn ich habe Euer Gewsch satt, rie Rowson rgerlich - wir sind hierher
gekommen, um zu einem gemeinsamen Plan gemeinsam zu wirken, und nicht, um uns zu
entzweien. - Mir ist noch mehr bekannt - die Regulatoren werden heute oder
morgen hier zusammenkommen.
    Hier? wo? frugen Alle schnell.
    Bei Roberts oder Wilkins, oder sonst Jemandem, was wei ich - aber da sie
kommen, ist sicher - und dann - haben sie im Sinn, das allbeliebte Lynchgesetz
wieder in Aufnahme zu bringen.
    Das drfen sie nicht! rief Cotton, die Gesetze sind erst krzlich
deswegen verschrft.
    Was drfen sie hier in Arkansas nicht, lchelte Rowson, wenn zwanzig oder
fnfundzwanzig zusammentreten und ernsthaft wollen. Glaubt Ihr, der Gouverneur
liee Soldaten gegen sie anrcken? Nein, wahrhaftig nicht - und wenn er's thte,
hlfe ihm das eben so wenig. Sie drfen Alles, was sie nur ordentlich wollen,
und sie wollen unser Geschlecht (ich rede nicht von unseren stillen,
freundlichen Familienkreisen), unser Geschlecht, sag' ich, ausrotten, auf da
ihre Pferde Abends vollzhlig nach Hause kommen, und sie den Leuten nicht mehr
aufzupassen brauchen, die unter der Weste ein Bowiemesser, ein Paar Pistolen und
einen leichten Trensenzaum tragen.
    Im Grunde genommen kann ich ihnen das auch eigentlich nicht so sehr
verdenken, lchelte Johnson - da es sich aber keineswegs mit den Ansichten
vertrgt, die wir selbst vom Leben haben - was hat das Thier da? es hebt schon
seit ein paar Minuten die Nase so sonderbar in die Hhe - sollte sich etwas
nahen?
    Nein, es ist nichts, sagte Cotton, den Hund von der Seite ansehend, der
sich jetzt wieder ruhig zusammenknulte - er bekam vielleicht Witterung von
einem Truthahn, und den zeigt er wohl an, folgt ihm aber nicht.
    Da sich dies also nicht mit unseren Ansichten vertrgt, so mssen wir mit
Gewalt oder List dagegen wirken. - Zur Gewalt sind wir zu schwach, denn glte es
Ernst, so wrden uns nur Wenige beistehen, also mu uns List retten, und ich
denke, da wir mit Atkins' Hlfe, der auf keiner besseren Stelle wohnen knnte,
sie Alle noch bei der Nase herumfhren und wenn sie diesen dummstolzen Heathcott
auch zum Anfhrer haben -
    Heathcott ihr Anfhrer? fuhr Rowson schnell auf.
    Ja! so sagte mir Harper wenigstens neulich, als ich ihn an der Mhle traf.
    Dies mssen die letzten Pferde sein, die wir hier aus der Nachbarschaft
holen, murmelte Rowson sinnend vor sich hin, 's ist doch zu gefhrlich. - Die
nchsten, denk' ich, beziehen wir aus Missouri; Weston macht da den Fhrer, und
ich selbst bin am Big Black und um Farmington herum gut bekannt.
    Auch gekannt? frug Cotton.
    Ja gewi, entgegnete Jener, ohne den boshaften Sinn dieser Worte verstehen
zu wollen -auch gekannt, und die Leute haben mich dort Alle meines
gottesfrchtigen Wandels wegen liebgewonnen.
    Die Pferde auch, lachte Weston, als er von da fortging, folgten ihm drei
der guten Thierchen aus purer Anhnglichkeit.
    Diesmal stimmte Rowson in das Gelchter, das dieser Bemerkung folgte, mit
ein, war aber auch gleich darauf wieder ernsthaft und rief laut:
    Gentlemen, das geht nicht lnger - bedenken Sie, da unser Hals auf dem
Spiele steht; es hat Alles seine Zeit, Possen und Ernst - hren Sie also jetzt
meinen Plan. Ich habe mir die Sache anders berlegt; wir wollen die Pferde nicht
in gerader Richtung nach der Insel schaffen, es wre doch mglich, da sie trotz
aller Schlauheit von unserer Seite auf der Spur blieben, und nachher brchten
wir nicht allein uns, sondern auch die Fluleute in Gefahr; wartet daher
oberhalb Hoswells' Canoe - etwa eine halbe Meile weiter oben, da wo der
Hurrikane anfngt, auf mich. Von dort aus habe ich einen Plan, wie wir die
Verfolger herrlich an der Nase herumfhren und selbst sicher fort knnen. Ich
will sie nmlich auf eine falsche Fhrte bringen, und das kann nur am Flusse
geschehen. Doch davon spter, zuerst mssen wir sehen, wer sich morgen frei
jagt, und mit Einem von denen will ich dann Abrede nehmen.
    Wenn sie uns nun aber zu Atkins folgen und damit unsern letzten
Zufluchtsort entdecken? frug Cotton mitrauisch.
    Wir brauchen vielleicht gar nicht zu Atkins zu gehen, rief lachend Rowson,
ich habe lange genug im Walde gelebt, um ein paar klffende Hunde von der
Fhrte zu bringen. Bereinigt Euch nur jetzt darber, wer noch mit mir gehen
soll; Ihr Anderen seid dann richtig an dem bezeichneten Platze, und mein Name
soll nicht Rowson sein, wenn ich mein Wort nicht lse.
    Das ist ein gewaltiger Schwur! lachte Cotton, - in wenigen Wochen gbt
Ihr vielleicht Gott wei was darum - wenn Euer Name nicht Rowson wre. Nun, ich
habe wenigstens den Trost, da ich nicht mehr riskire, als ihr Alle. Jetzt aber
noch den Schwur, einander in Noth und Tod nicht zu verrathen. - Ein Schuft, wer
nur mit einem Blick, nur mit einem Athemzug falsch ist, und die Rache der
Anderen treffe ihn, wo er sich auch hinflchten mag, und sei's in den Armen
seiner Mutter.
    Blutigen Tod dem, der zum Verrther wird, rief Weston, das breite Messer
aus der Scheide reiend, und mge sein Arm und seine Zunge verdorren und sein
Auge erblinden!
    Das ist ein Kraftschwur, sagte Johnson - ich stimme aber mit ein!
    Auch ich, sprach Rowson, doch hoff' ich, der Schwur wird nicht nthig
sein, uns eng und fest zu verbinden; der eigene Nutzen thut es bis jetzt, und
der hlt strker als Schwur und Brgschaft. Sollte sich das freilich einmal
ndern, dann will ich wnschen, da ich - in Texas wre!
    Ihr werdet doch nicht glauben, da Einer von uns niedertrchtig genug sein
knnte, die Freunde zu verrathen? fiel Weston, hitzig ein, schon der Gedanke
wre Verrath und Treubruch an unserer Freundschaft.
    Gut, gut, ich will's glauben, da Ihr's es aufrichtig meint, Weston, sagte
Rowson, ihm die Hand reichend, Ihr seid aber noch jung, sehr jung, und wit gar
nicht, in welche Lagen ein Mensch kommen kann.
    Die Tortur selbst sollte mir keine Antwort auspressen, die -
    Es freut mich, da Ihr so denkt, doch jetzt good bye, Gentlemen - adieu,
Johnson - wo treffen wir uns denn morgen frh zur Jagd?
    Da, wo Setter's Creek aus den Hgeln kommt; es stehen dort auf einer
kleinen Erhhung eine Menge Wallnubume zusammen -
    Ich kenne den Platz.
    Gut, dort also - bis dahin gute Geschfte. - Macht's den armen Leuten nur
nicht gar zu rhrend -
    Und der Wittwe, rief ihm Cotton nach - Rowson hrte aber nicht weiter
darauf, sondern verschwand bald in dem den kleinen lichten Fleck eng
umschlieenden Dickicht, dessen Zweige sich wieder hinter ihm zusammenbogen.
    Cotton sah ihm eine lange Weile schweigend nach, endlich schulterte er, ohne
ein Wort weiter zu sagen, die Bchse und wollte sich ebenfalls entfernen.
    Ihr traut Rowson nicht recht? frug Johnson jetzt, ihn scharf betrachtend.
    Cotton blieb noch einmal stehen, blickte wenige Secunden lang forschend in
das Auge des Fragenden und sagte dann derb und entschieden:
    Nein! - aufrichtig geantwortet, nein! Das schleichende Wesen, das selbst
bei den grbsten Beleidigungen freundliche Gesicht kann kein Vertrauen erwecken.
Gift und Tod, der Bursche hat Heathcott wie die Snde - halt - das Gleichni
war nicht gut gewhlt - wie die Tugend, wre hier besser am Platz, und doch sah
ich, wie sich die Beiden wieder vershnten; d.h. Rowson ging zu Heathcott hinan,
schttelte ihm die Hand und versicherte ihm, da er weiter keinen Groll gegen
ihn hege. Lebendig will ich mich in Stcke hacken lassen, wenn mir das mglich
gewesen wre. Mein Messer, aber nicht meine Hand htte der Hund zu fhlen
bekommen. Doch meinetwegen, es gilt hierbei seinen eigenen Nutzen, und da glaub'
ich, da er treu ist; auf keinen Fall brcht' es ihm Vortheil, uns zu verrathen,
denn noch ist kein Preis auf meinen Kopf gesetzt. Hahaha, denken die
Tintenlecker, den Cotton im Walde zu fangen? Das mchte schwer halten und knnte
wahrhaftig auch nur durch Verrath geschehen.
    Ihr denkt zu schlimm von Rowson, beruhigte ihn Johnson, er hat natrlich
seine Fehler, nun die haben wir ja Alle, sonst ist er aber treu, und ich bin
fest berzeugt, die Regulatoren knnten ihn schinden, ehe sie ihm einen Namen
seiner Freunde ber die Lippen preten.
    Ja - dann mte aber erst noch bewiesen werden, da ich zu denen gehrte,
lachte Cotton. - Doch ade, Johnson - Ihr meint's gut, das wei ich, und auf
Euch kann man auch einmal im Nothfall rechnen - gehabt Euch wohl. Uebermorgen
frh finden wir uns hier wieder zusammen, und haben wir erst einmal ein paar
hundert Dollars in den Taschen, dann lebt sich's auch schon besser und sicherer.
Es gibt Manche hier unter den Ansiedlern, die jetzt das Maul auf eine
entsetzliche Art aufreien und ber Diebstahl und Snde schreien, denen doch mit
einer einzigen Fnf-Dollar-Note die Lippen zusammengeheftet werden knnten, da
sie sich nur noch zum freundlichsten Lcheln wieder ffneten. - Doch die Zeit
drngt - auf baldiges und frohes Wiedersehen.
    Die Mnner trennten sich jetzt, Cotton und Weston gingen zusammen dem Ufer
des Flusses zu, Johnson aber wandte sich in gerader nrdlicher Richtung durch
die Bsche, berschritt die ausgehauene County-Strae und verschwand in den
steilen, kieferbedeckten Hgeln.
    Der Versammlungsort der Pferdehndler, wie sie sich selbst nannten, lag
nun ruhig und verlassen in Sabbathstille da. - Wohl eine Viertelstunde wurde
diese auch durch nichts unterbrochen, als durch das einfache Schirpen des
Eichhorns und das muntere Geschrei des Hehers, als sich die Bsche wiederum,
ohne jedoch das geringste Gerusch zu verursachen, theilten und die dunkle
Gestalt eines Indianers den kaum verlassenen Platz betrat.
    Vorsichtig horchte er nach allen Seiten hin, ehe er den lichten Fleck
berschritt - gerade wie ein Hirsch, der, aus dem Waldesdunkel tretend, einen
Pfad zu kreuzen im Begriff ist, fast stets stehen bleibt und zuerst rechts und
links hinberblickt, ob ihm keine Gefahr drohe - und glitt dann lautlosen
Schrittes, die Augen auf den Boden geheftet, darber hin. Pltzlich aber, und
sehr wahrscheinlich durch die vielen Fustapfen aufmerksam gemacht, blieb er
stehen und berschaute sphend den engen Raum. Besonders genau betrachtete er
den Platz, wo der Hund gelegen hatte, und umging dann in weiterem Kreise die
kleine Lichtung, als ob er die Spuren zhlen wolle, die von hier fortfhrten.
    Er war eine krftig schne Gestalt, dieser rothe Sohn des Landes, und das
dnne buntfarbige baumwollene Jagdhemd, das seinen Oberkrper bedeckte, konnte,
an vielen Stellen von Dornen zerrissen, nicht ganz die breiten Schultern und
sehnigen Arme verhllen, die darunter hervorschauten. Dieses wurde um den Leib
durch einen ledernen Grtel zusammengehalten, der zugleich einen kleinen
scharfen Tomahawk und, nach der Sitte der Weien, ein breites Messer trug. Seine
Beine staken in dunkelgefrbten ledernen Leggins, mit dem wohl zwei Zoll breiten
Saum nach auen, und um den Hals trug er eine groe silberne Platte, schildartig
ausgeschnitten, auf der sehr einfach, aber nicht ungeschickt ein Rennthier
graviert war. Sonst hatte er keinen Schmuck an sich, und selbst die Kugeltasche,
die an seiner rechten Seite hing, war aller Glasperlen und bunten Lederstreifen
bar, mit denen die Eingeborenen sonst so gern ihre Jagdgertschaften schmcken.
Der Kopf war ebenfalls unbedeckt, und die langen schwarzen, glnzenden Haare
hingen ihm in Streifen an den Schlfen bis auf die Schultern hinunter. Seine
Bchse war eine der gewhnlichen langen amerikanischen Reifel.1
    Mehrere Minuten lang hatte er seine Untersuchung fortgesetzt, dann richtete
er sich hoch auf, strich die vorgefallenen Haare aus der Stirn, warf noch einen
prfenden Blick umher und verschwand auf der entgegengesetzten Seite von da, wo
er den Platz zuerst betreten hatte, im Dickicht.

                                    Funoten


1 Rifle von rifled, gezogen.


                                       2.

 Mehrere neue Personen erscheinen auf dem Schauplatz. Wunderbares Jagdabenteuer
                             des kleinen Mannes.

Auf der County-Strae zogen an demselben Morgen, und kaum fnfhundert Schritt
von dem im vorigen Capitel beschriebenen Dickicht, zwei Reiter hin, die
augenscheinlich der besseren Farmerklasse des Landes angehrten. So sehr sie
brigens in ihrem ganzen Wesen und Aussehen von einander abstachen, so sehr
schienen sie dagegen im Uebrigen zu harmonieren, denn sie unterhielten sich auf
das Beste mitsammen. Der junge schlanke Mann, auf einem braunen feurigen Pony,
das sich nur mit augenscheinlichem Unwillen und oft versuchter Widersetzlichkeit
dem langsamen Schritt fgte, in den es sein Herr zurckzgelte, lachte
wenigstens oft und laut ber die Spe und Bemerkungen, die ihm sein kleiner
wohlbeleibter Gefhrte zum Besten gab.
    Dieser war ein Mann etwa in den Vierzigen, mit sehr vollem und sehr rothem
Gesicht und dem freundlichsten, gemthlichsten Ausdruck in den Zgen, der sich
nur mglicher Weise in eines Menschen Gesicht hineindenken lt. Seine runde,
stattliche Gestalt entsprach dabei seiner Physiognomie auf eine hchst
liebenswrdige Weise, und die kleinen lebhaften grauen Augen blitzten so
frhlich und gut gelaunt in die Welt hinein, als htten sie in einem fort sagen
wollen: Ich bin ungemein fidel, und wenn ich noch fideler wre, wr's gar nicht
zum Aushalten. Er war von Kopf bis zu Fen, die schwarzen und spiegelblank
gewichsten Schuhe ausgenommen, in schneeweies Baumwollenzeug gekleidet. Die
kleine baumwollene Jacke aber, die er trug, htte er um alle Schtze der Welt
nicht mehr vorn zuknpfen knnen, so war sie entweder in der Wsche eingelaufen
oder, was wahrscheinlicher, so hatte sich sein runder Leib ausgebreitet und
verburgemeistert, wie er es selbst gern nannte. Ein hellgelber Strohhut
beschattete sein Gesicht, und ein hellgelbes dnnes Halstuch hielt seinen
offenen Hemdkragen vorn zusammen, zwischen dem ein Theil der breiten,
sonnverbrannten Brust sichtbar wurde. Nicht ohne etwas Stolz oder wenigstens
Eitelkeit zu verrathen, lugte dabei der Zipfel eines brennend rothen
Taschentuches aus der rechten Beinkleidertasche, die wohl gerumig genug gewesen
wre, ein halbes Dutzend derselben zu verbergen.
    Sein Begleiter war ein junger, stattlicher Mann mit freiem, offenem Blick
und dunklen, feurigen Augen. Seine Tracht hnelte der der brigen Farmer im
Westen Amerikas und bestand aus einem blauwollenen Frack, eben solchen
Beinkleidern und einer schwarzgestreiften, aus demselben Stoff verfertigten
Weste. Den Kopf bedeckte ein schwarzer, ziemlich abgetragener Filzhut, und in
der Hand hielt er eine schwere lederne Reitpeitsche. Schuhe trug er jedoch
nicht, sondern nach der indianischen Sitte sauber, aber einfach gearbeitete
Mokassins, und dies sowohl wie der nicht unruhige, aber fortwhrend
umherschweifende und auf Alles achtende Blick verrieth den Jger. Uebrigens
fhrte er keine Bchse bei sich, so wenig wie sein Begleiter.
    Ein verfluchter Kerl, mein Bruder, lachte der Kleine, in irgend einer
begonnenen Erzhlung fortfahrend - und eine Wuth hatte er, alte Sachen zu
kaufen, rein zum Rasendwerden! Wie ich vorigen Herbst in Cincinnati war, klagte
mir seine Frau ihre Noth: das ganze Haus stand voll alter Mbel und Hausgerthe
und Kochgeschirre, von dem sie nicht den zehnten Theil gebrauchen konnte, und
alle Abende lief trotzdem der Sappermenter noch auf den Auctionen herum, um
Alles, was nur irgend billig war, aufzukaufen. Was er einmal hatte, sah er
nachher nicht wieder an. Da gab ich denn meiner Schwgerin den Rath, sie solle
einen Theil des Plunders heimlich auf eben diese Auktionen schaffen lassen, um
es nur los zu werden, das Geld knne sie nachher hinlegen und spter einmal
etwas Ntzliches dafr anschaffen. Der Plan war gut, ich bestellte einen
Karrenfhrer, besorgte, als mein Bruder Nachmittags im Geschft war, die ganze
Bescherung selber hinunter nach Frontstreet, und ehe es dunkel wurde, war alles
aus dem Haus. Meiner Schwgerin fiel ein Stein vom Herzen, und als ihr Mann
Abends halb zehn Uhr, zu seiner gewhnlichen Stunde, hchst aufgerumt heimkam,
machte sie uns noch einen capitalen Punsch. - Apropos, Bill, Punsch mssen wir
uns einmal hier brauen, das verwnschte Volk in dieser Gegend gehrt fast
smmtlich zum Migkeitsverein. Also - wo war ich doch stehen geblieben, ja,
beim Punsch. Bei dem Punsch blieben wir bis elf Uhr zusammen sitzen, und mein
Bruder erzhlte eine Schnurre nach der andern; konnte merkwrdige Schnurren
erzhlen, mein Bruder! Ich fragte ihn ein paar Mal, weshalb er so lustig sei, er
wollte aber nicht mit der Sprache heraus; geht am nchsten Morgen wieder um
sechs Uhr fort, und denke Dir, was bringt er auf drei Wagen nach Haus? den
ganzen Plunder, den ich am Abend vorher fortgeschafft hatte. Kein Stck fehlte,
und dabei prahlte er, was er fr einen unmenschlich guten Handel gemacht htte.
    Nicht bel, Onkel, lchelte der junge Mann, ihm einen schnellen
Seitenblick zuwerfend, vortrefflich sogar - wenn es wahr wre.
    Ei Du Sapperments-Junge, hab' ich Dir schon jemals etwas vorgelogen? Nie!
Wenn ich Dir brigens knftig eine Tatsache erzhle, so brauchst Du nicht zu
feixen und das Maul von einem Ohr zum andern zu ziehen; hrst Du, Musj?
    Aber, bester Onkel, Sie mssen mir das nicht so bel nehmen. Wenn Sie
anfangen, freu' ich mich immer schon auf's Ende, denn gewhnlich ist etwas
Komisches dabei - und da mag ich dann wohl manchmal ein wenig zu frh lachen -
    Komisches? da hr' Einer den Laffen an. Ich erzhle nie komische
Geschichten - hast Du schon je eine komische Geschichte von mir gehrt? Ernst
war das Berichtete, bitterer, trauriger Ernst; mein Bruder wird sich auch noch
mit der verdammten Leidenschaft zu Grunde richten - er mu sich ruinieren.
    Ihr Bruder soll doch aber ein sehr gewandter Geschftsmann sein, und wenn
er in dieser Hinsicht auch eine freilich etwas sonderbare Liebhaberei hat, so
bringt er das sicherlich auf andere Art zehnfach wieder ein.
    Gewandter Geschftsmann? Gott segne Dich, Junge - es giebt keinen
pfiffigeren Kaufmann, als mein Bruder ist; nur zu pfiffig manchmal, nur zu
pfiffig! - Ich wei die Zeit noch recht gut, wo wir zusammen in Kentucky jagten,
und wie er die Krmer immer ber's Ohr hieb mit alten Opossum-Fellen, denen er
Waschbrenschwnze annhte und sie nachher fr Schuppenfelle verkaufte. Manches
Quart Whisky haben wir auf die Art zusammen vertrunken. - Aber einen Streich mu
ich Dir doch erzhlen, den er mir einmal am Cane-See spielte. Wir ruderten
zusammen in einem alten Canoe auf dem See herum, theils um Fische zu
harpunieren, theils um Hirsche zu schieen, die des khlen Tranks wegen an den
Wasserrand kamen. Es war merkwrdig hei und die Sonne brannte auf eine
strfliche Art; um's mir daher bequemer zu machen, wollt' ich mein Jagdhemd
ausziehen. Wie ich aber mein Pulverhorn vorher abnehme (ein capitales hrnernes
Pulverhorn mit luftdichtem Stpsel), bleib' ich mit dem Finger in der Schnur
hngen, und wie der Blitz rutscht's ber Bord und hinunter in's Wasser.
    Da sa ich. Der See war klar wie Krystall, und obgleich er etwa fnfzehn Fu
tief sein mochte, so konnt' ich das Horn unten so deutlich liegen sehen, als ob
ich's mit den Hnden zu ergreifen vermchte. George war nun immer ein
merkwrdiger Springer, Lufer und auch Schwimmer und Taucher gewesen; als er
daher meine Verlegenheit bemerkte, erbot er sich unterzutauchen und sprang auch
ohne weitere Umstnde ber Bord. Pulver war damals in der Gegend unmenschlich
theuer und berdies schwer zu bekommen. Als er auf den Grund und in den weichen
Schlamm kam, wurde das Wasser ein wenig trbe, und er mute einen Augenblick
warten, bis es wieder klar wurde. Ich zog indessen mein Jagdhemd aus und setzte
mich darauf; wie er mir aber doch endlich zu lange da unten blieb und ich ein
wenig ngstlich ber Bord hinuntersah - was meinst Du, was er da machte - heh?
    Ja, ich wei wahrhaftig nicht, was Einer in solcher Lage anders machen
knnte, als den Versuch, so schnell als mglich wieder an die Oberflche zu
kommen.
    Fehlgeschlagen! rief der Alte und hielt in der Erregung des Augenblicks,
wie von der Erinnerung berwltigt, sein Pony einen Augenblick an,
fehlgeschossen! - Unten stand er - ruhig, als wenn er sich auf ebener Erde
befnde, und bog sich vorn ber, da ich nicht sehen sollte, was er machte, ich
sah's aber gut genug. - Der Spitzbube lie mein Pulver heimlich in sein eigenes
Horn laufen, und wie er nachher wieder heraufkam, war mein Horn halb leer. -
Nun, Du brauchst nicht zu lachen, als ob Du vom Pferde fallen wolltest. - Das
ist am Ende auch nicht wahr? - Hat Dir Dein alter Onkel schon jemals eine Lge
erzhlt? - heh?
    Nein, Onkel Ben, seien Sie nicht bse, ich glaube jede Silbe; aber - ha -
sehen Sie das Rothe dort? - da drben - hinter der umgestrzten Fichte hin -
gerade dort zwischen dem Maulbeerbaum und der Eiche hindurch?
    Wo denn? ach da - ja, das ist ein Hirsch fischer genug; wenn Assowaum mit
seiner Bchse hier wre, knnt' er ihn bequem schieen; hinter den Bumen hin
lie er Einen sicher bis auf fnfzig, sechzig Schritt herankommen.
    Wo nur Assowaum berhaupt bleibt? sagte der junge Mann jetzt, sich etwas
ungeduldig im Sattel aufrichtend und auf die Strae zurckschauend, als ob er
dort die Gestalt des Indianers zu sehen erwartete; er schlich auf einmal in den
Wald hinein, und ich glaubte, er she ein Stck Wild, wei aber der liebe Gott,
was ihn wieder abgefhrt hat. - Welch' herrlichen Schu er von hier aus htte,
fuhr er jetzt mit etwas unterdrckter Stimme fort, ich wollte, ich htte meine
Bchse mitgenommen.
    Roberts wrden Dich schn bewillkommt haben, wenn Du ihnen am Sabbath mit
dem Schieeisen gekommen wrst; will's die Frau doch nicht einmal von dem
Indianer leiden, und dem - aber hol' mich Dieser und Jener - das Ding ist
ordentlich zahm - es mu uns gar nicht hren.
    Die beiden Mnner waren indessen, die Strae ruhig hinaufreitend, dem Hirsch
sehr nahe gekommen. Dieser stand in einer der unzhligen Salzlecken, die sich an
beiden Ufern des Fourche la fave, besonders reichhaltig aber am nrdlichen
finden, und schien keine Ahnung von einer nahenden Gefahr zu haben. Einmal hob
er zwar den Kopf, das mochte aber mehr sein, um Athem zu schpfen, als weil er
irgend etwas Auergewhnliches frchtete. Die Mnner sahen nmlich, da er in
einem tiefen, in dem Lehmufer des kleinen Baches befindlichen Loch geleckt
hatte, das durch hufigen Gebrauch von Pferden, Khen, insbesondere aber
Hirschen, ausgehhlt worden. Wenige Secunden blieb er in dieser Stellung und
peitschte, den Rcken unseren beiden Freunden zugewandt, mehrere Male mit dem
Wedel die ihn umschwrmenden Fliegen fort, dann aber bog er sich wieder nieder,
um auf's neue den Salzgeschmack des fetten Erdbodens zu genieen. Er hatte erst
frisch aufgesetzt. Das kaum vier Zoll lange Gehrn hinderte ihn deshalb nicht
sehr in der Verfolgung seines Zweckes, so da er bald darauf den Kopf, ihn
seitwrts herumbiegend, wieder in die Hhlung hineinschob, um mit der langen
Zunge die salzigsten Theile aus dem Innern herauszuholen.
    Wo nur der Indianer stecken mag, Bill! sagte jetzt Harper leise und mit
schlecht verhehlter Jagdlust; ich glaube, man knnte sich bis auf fnf Schritt
an das dumme Ding heranschleichen, es merkt' es nicht. - Ach, Bill, wie ich jung
war da httest Du mich sollen schleichen sehen, ich bin einmal, -
    Wenn Sie sich hinter der Hickorywurzel hielten, Onkel, ich glaube, es
ginge, flsterte ihm lchelnd der junge Mann zu.
    Unsinn, Junge! Glaubst Du, ich will mit meinen alten Knochen Sonntags im
Walde herumkriechen, unschuldiges Viehzeug erschrecken? ich denke nicht dran. -
Trotz der abweisenden Worte war Harper aber doch vom Pferde gestiegen, das
geduldig und regungslos stehen blieb, und auf den Zehen schlich jetzt der kleine
dicke, weigekleidete Mann mit immer rther werdendem Gesicht, die Wurzel eines
umgestrzten Baumen zwischen sich und dem Wild haltend, auf dasselbe zu.
Augenscheinlich nur in der Absicht, seinen Spa an den gewaltigen Stzen des
Thieres zu haben, wenn dieses ihn endlich, und so ganz in der Nhe, wittern
wrde. Dieses schien ihn aber nicht zu wittern, da er gerade gegen den Wind
stand, denn wieder hob er den Kopf, streckte sich einen Augenblick und begann
seine leckere Mahlzeit auf's Neue.
    William Brown, oder Bill, wie ihn sein Onkel der Krze wegen nannte, fing
jetzt selbst an, sich fr den Gegenstand zu interessiren, denn unbeweglich auf
seinem Pferde sitzen bleibend, um auch das geringste Gerusch zu vermeiden,
schaute er mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vorrcken seines Onkels zu, der in
diesem Augenblick zu der Wurzel kam und sich jetzt in kaum zehn Schritt
Entfernung vom Hirsch befand. Hier blieb er einen Moment stehen und sah nach
seinem Neffen zurck, verzog aber das Gesicht dabei zu einem wunderkomischen
Grinsen, als wenn er htte sagen wollen: Na, Bill, bin ich nicht ein
verfluchter Kerl? Hier zgerte er jedoch wenige Secunden, denn entweder war er
selbst ber die unbegreifliche Sorglosigkeit des jungen Hirsches erstaunt, oder
er scheute sich auch wohl, mit seinen reinen Schuhen weiter vorzutreten, da dort
die wirkliche sogenannte Lick oder Salzlecke begann, und der kleine Bach, der
durch den weichen Lehmboden rieselte, von unzhligen Wildfhrten und Viehspuren
zu einem weichen Schlamm zusammengetreten war. Die alte Jagdlust berwog jedoch
zuletzt jede andere Bedenklichkeit, denn jetzt schien sich ihm zum ersten Mal
die Mglichkeit aufzudringen, da er das Wild wirklich ergreifen knnte, und
ohne sich weiter zu besinnen, trat er leise und vorsichtig in den flssigen
Brei, den Glanz seiner wohlgeschwrzten Sonntagsschuhe auf eine wahrhaft
unverantwortliche Weise vernichtend. Nher und nher kam er dem Thier, Brown hob
sich, athemlos vor gespannter Erwartung, im Sattel in die Hhe, und das Herz des
alten Mannes schlug, wie er spter wohl hundertmal erzhlte, so laut, da er mit
jedem Augenblick frchtete, der Hirsch mte ihn hren. Da hob dieser den Kopf;
ehe er aber nur, ber die Nhe des weischeinenden Gegenstandes erschreckt, mit
einer Muskel zucken konnte, warf sich Harper auch, Sabbath und Sabbathkleider
vergessend, vorwrts und ergriff ihn gerade in demselben Augenblick mit beiden
Hnden an den Hinterlufen, als sich das zum Tod entsetzte Thier auf diesen in
die Hhe hob, um mit einem Sprung der gefhrlichen Nachbarschaft zu entgehen. -
Es war zu spt, der alte Mann hing wie mit eisernen Klammern an dem seinem
Geschick verfallenen Thier. Vorwrts ri ihn aber die verzweifelten
Kraftanstrengung des also Gefangenen. In voller Lnge hineingezogen in die
lehmige Masse, schleifte es ihn in seinem letzten Struben, und vergebens hob
er, so weit es ihm der kurze dicke Nacken erlaubte, den Kopf, um diesen
wenigstens dem Schlammbad zu entziehen. Hochauf spritzte die dnne Masse, als
er, einem Schiff gleich, das von Stapel gelassen wird, hineintauchte.
    Haltet fest, schrie Brown, hoch aufjauchzend und seinen gewhnlichen
Jagdschrei ausstoend - haltet fest, Onkel - hurrah fr den alten Burschen, das
nenne ich eine Jagd!
    Der Zuruf war aber keineswegs nthig, denn nichts fiel dem alten Mann
weniger ein, als jetzt loszulassen, wo er nicht allein seinen ganzen
Sonntagsstaat, sondern sogar sich selbst total preisgegeben hatte. Um Hlfe zu
rufen durfte er freilich nicht wagen, denn unter diesen Verhltnissen den Mund
aufzumachen, htte mit hchst unangenehmen Folgen verknpft sein knnen, aber
fest hielt er, als ob seiner Seele Heil daran hinge. Gewi lag in diesem
Augenblick der Ausdruck eiserner Willenskraft und Entschlossenheit in seinen
Zgen, als er mit fest zugekniffenen Augen ruckweise durch die Salzlecke gezogen
wurde, doch hatte ihm die vaterlndische Erde die ganze Physiognomie mit einer
solchen Kruste berzogen, da an Erkennung irgend eines Ausdrucks gar nicht zu
denken war.
    Brown sprang zwar schnell zu seiner Hilfe herbei, der Anblick war aber so
komisch, da er sich am Rande der Lick in's Laub niederwarf und so krampfhaft
lachte, da ihm die groen Thrnen an den Backen herunterliefen, und er sich
wohl eine Minute lang nicht erholen konnte. Wie er aber endlich wieder
emporsprang, hrte er den scharfen Krach einer Bchse, zum letzten Mal zuckte
das schwer getroffene Thier im Todeskampfe empor und strzte dann, die
gefesselten Lufe dem Griffe des alten Mannes entreiend, verendend in den
Schlamm zurck.
    Den Knall der Bchse hatte Harper aber gehrt, und sich aufraffend, rief er
mit wilder Stimme: Wer hat geschossen? wobei er sich, da er die Augen nicht
ffnen konnte, nach der falschen Seite, auf der Niemand stand, wandte und
dadurch Brown's Lachlust auf's Neue unwiderstehlich erregte.
    Der verborgene Schtze lie jedoch nicht lange auf sich warten, denn aus
einem kleinen Sassafrasdickicht trat der Indianer und stie, als er die traurige
Gestalt des sonst so ernsten und ehrbaren Mannes erblickte, wie er mit
weitgespreizten Fingern und geschlossenen Augen dastand, in komischer
Verwunderung ein lautes Wah! aus.
    Bill - Bill - verfluchter Junge - Bill - komm her und fhr' mich an die
Quelle. Donnerwetter, soll ich denn hier den ganzen Tag stehen bleiben, bis der
Lehm so hart wird, da ihn kein Teufel wieder abkratzen kann? Bill, sag' ich -
Schurke, willst Du Deinen alten Onkel hier im Stiche lassen?
    Bill brauchte aber wirklich erst einige Sekunden, bis er sich sammeln
konnte, dann trat er an das uerste Ende des weichen Schlammes und reichte dem
armen kleinen Mann einen gerade dort liegenden trockenen Zweig hinber, den
dieser auch gar schnell ergriff, und von seinem gehorsamen Neffen gleich darauf
an den Bach gefhrt wurde, wo er sich vor allen Dingen die Augen auswusch, um
sehen zu knnen, was um ihn her vorgehe.
    Das Erste, was seinem Blick begegnete, war die Gestalt des Indianers, der,
ohne weiter eine Miene zu verziehen, seine Bchse wieder lud.
    So, Mr. Rothfell - also Ihr glaubt, ich krieche Sonntag Morgens im Schlamm
herum und halte Euch die Hirsche bei den Hinterlufen, bis es Euch gefllig ist,
nher zu treten und sie nach Bequemlichkeit niederzuschieen, he? Wenn ich einen
Hirsch mit Lebensgefahr lebendig fange, habt Ihr dann ein Recht, ihn todt zu
schieen? Warum geht Ihr denn nicht auch nach meinem Hause und schiet Khe und
Schweine ber den Haufen?
    Aber, Onkel, wir kommen zu spt in die Kirche!
    Die Kirche mag zum - glaubst Du, ich ginge in einem solchen Aufzug in die
Kirche? - Nein, dieser Rothhaut will ich erst noch ordentlich meine Meinung
geigen. Ist das Sitte, sich leise und nach der verdammten indianischen Art an
einen Gentleman hinanzuschleichen und ihm das Wild aus den Hnden
herauszuschieen?
    Aber, Onkel, Sie htten den Hirsch ja keine zwei Secunden lnger halten
knnen!
    Keine zwei Secunden lnger? und was wei denn der Gelbschnabel davon, wie
lange ich ihn htte halten knnen? Hat mein Bruder doch einmal einen Bren eine
ganze Nacht hindurch -
    Lebendig wollten Sie sich den Hirsch doch nicht aufheben? unterbrach ihn
der Neffe, der nicht mit Unrecht eine der langen Geschichten befrchtete.
    Und warum nicht? - Hab' ich nicht eine Fenz, die hoch genug ist, ein Rudel
Hirsche drin zu halten, und geht das die Rothjacke etwas an, was ich mit meinem
Eigenthum zu thun beabsichtige? Nun, was giebt's dabei zu grinsen? eh?
    Der Indianer, gegen den alle diese zornigen Redensarten geschleudert wurden,
war indessen ruhig, und ohne ein Wort zu erwidern, mit dem Laden der Bchse
beschftigt gewesen, die er zuerst etwas ausgewischt und gereinigt hatte. Dabei
verzog sich aber sein Gesicht zu einem breiten, freundlichen Lcheln, das zwei
Reihen blendend weier Zhne sehen lie, und er erwiderte in gebrochenem
Englisch:
    Mein Vater ist sehr stark, aber ein Hirsch ist schnell, und einmal aus den
Hnden des weien Mannes, wrde er nie wieder seine Fhrten in den weichen Boden
des Fourche la fave gedrckt haben. Mein Vater wollte Fleisch - hier ist es.
    Der Teufel ist Dein Vater, brummte Harper vor sich hin; wenn ich das
Fleisch Jemandem zu verdanken habe, so ist's diesen beiden Knochen, und er
zeigte dabei seine krftigen Arme. Aber nicht wahr, Junge! fuhr er in der
Erinnerung an seine Heldenthat wieder freundlich werdend, fort, nicht wahr, das
macht mir so leicht Keiner nach? Ein Glck ist's brigens, da Ihr Beiden es
gesehen habt, denn hol' mich Dieser und Jener, wenn Roberts mir allein ein Wort
davon geglaubt htten. Schndliches Volk das, als ob ich jemals eine Lge
erzhlte! Aber da feixen sie und feixen und sehen sich einander an, und stoen
sich in die Rippen, als wenn sie in einem fort sagen wollten: Du - das ist
wieder einmal eine gttliche Geschichte. Doch jetzt mu ich mich waschen, das
Zeug wird sonst trocken -
    Wir werden zu spt zur Predigt kommen, sagte Brown, etwas ungeduldig nach
der Sonne sehend.
    Oh geh mit Deiner Predigt, wohin Du willst - was liegt daran, den
Schleicher, den Rowson, predigen zu hren! So gut kann ich's auch, und was des
Burschen Frmmigkeit -
    Wollen Sie denn erst wieder nach Hause reiten?
    Versteht sich - geh nur immer voran, ich komme schon noch zur rechten
Zeit.
    Was wird aber mit dem Wildpret?
    Was mit dem Wildbret wird, Musj Naseweis? Das ist sehr leicht zu sagen,
das marschiert auf meinem Pony in meine Kche, ich denke, ich htt' es redlich
genug verdient; - so, Assowaum, das ist recht - wandte er sich jetzt an den
Indianer, der das erlegte Wild an dem kurzen Gehrn hinab zum Bache zog, um den
dicken Lehm davon abzusplen - wasch ihn ab, da ihn ein ehrbarer
Christenmensch mit Anstand auf's Pferd nehmen kann; aber hallo - was ist das,
Mr. Skalpiermesser - was zum Henker machst Du?
    Der Ausruf bezog sich auf das Beginnen des Indianers, der mit grter
Kaltbltigkeit den Hirsch aufbrach und anfing, eine Keule abzustreifen. Ich
will das Fell nicht herunter haben, hrst Du? - Der Kerl ist taub.
    Assowaum lie sich aber nicht irre machen, sondern lste hchst ruhig und
gelassen eine Keule aus dem Wildbret, hing sich diese mit einem Streifen
Hickoryrinde ber die Schulter und erwiderte erst dann ganz ruhig:
    Der weie Mann ist allein in seinem Wigwam, und Assowaum ist hungrig.
    O! Nimm meinetwegen die Hlfte vom Wildbret. Ich werde ja aber ganz
blutig.
    Aber nicht mehr schmutzig, antwortete der Indianer lakonisch, nahm seine
Bchse wieder auf die Schulter und schritt schnell die Strae hinauf, den beiden
Mnnern die weitere Sorge fr ihr Wild berlassend. Brown half seinem Onkel den
angebrochenen Hirsch auf's Pferd heben, der sich dann dahinter in den Sattel
schwang und, bald wieder guter Laune, seinen Neffen nun vor allen Dingen
beschwor, die Geschichte bei Roberts nicht eher zu erzhlen, als bis er selbst
nachkme. Er wolle nur schnell nach Hause reiten und seine Kleider wechseln, und
bliebe nicht lange. Brown versprach ihm das und trabte schnell hinter dem
Indianer her, der durch den Aufenthalt des jungen Mannes einen groten Vorsprung
gewonnen hatte.

                                       3.

         Der Indianer und der Methodist. - Die Einladung zur Hochzeit.


Assowaum, der befiederte Pfeil, gehrte zu einem der nrdlichen Stmme Missouris
und war vor mehreren Jahren, da das Wild immer seltener in den dichter und
dichter bevlkerten Jagdgrnden der Seinigen wurde, mit den beiden Weien,
Harper und Brown, bekannt geworden und nach dem Sden gewandert. Aber nicht des
Wildes wegen allein htte er seinen Stamm verlassen, sondern er war auch
gezwungen worden, der Rache seiner Feinde zu entgehen, da er einen Huptling
erschlagen, der, von dem Feuerwasser der Europer berauscht, seine Squaw
berfallen, whrend ihr Hilferuf den Retter und Rcher herbeirief. Mit dieser
hatte er sich jetzt unfern von Harper's Wohnung einen kleinen Wigwam erbaut und
lebte von der Jagd. Sein Weib aber flocht aus dem schlanken Schilf, das in den
Niederungen des Sdens wchst, zierliche Krbe, und aus der geschmeidigen Rinde
des Papaobaumes weiche Matten, die Assowaum dann, mit seinen Fellen, den Flu
hinunter nach Little Rock schaffte und an die Handelsleute der noch jungen Stadt
gegen Pulver und Blei oder sonstige Lebensbedrfnisse, auch wohl, aber freilich
sehr selten, gegen baares Geld eintauschte.

    Hier nun war sein Weib von dem Methodistenprediger oder sogenannten Circuit
Rider (da er abwechselnd fast in allen Ansiedlungen dieses wie des benachbarten
County predigte) zur christlichen Religion bekehrt worden. An Assowaum dagegen
scheiterten alle derartigen Versuche, und vergebens bemhte sich Rowson
fortwhrend, den Verstockten, wie er ihn nannte, dem Glauben seiner Vter
abwendig zu machen und den Armen der alleinseligmachenden Kirche der
Methodisten zuzufhren. Der Indianer beharrte darauf, in jenem sterben zu
wollen, und lie sich durch all' die Ermahnungen und Drohungen des fanatischen
Priesters nicht irre machen.
    Alapaha, die Squaw1 Assowaum's, war schon am frhen Morgen zur Ansiedlung
des weien Mannes aufgebrochen, um dort den Geistlichen predigen zu hren, und
Assowaum selbst folgte ihr jetzt dahin, theils um sie von dort abzuholen, theils
um eine Partie Otterfelle nach seinem Wigwam mitzunehmen, die er vor mehreren
Wochen in der dortigen Gegend erbeutet und in Roberts' Haus aufbewahrt hatte.
Der grte Theil der Ansiedler war brigens den beiden Indianern freundlich
gesinnt, denn sie betrugen sich ordentlich und waren gefllig, wo sie nur
Jemandem einen Dienst leisten konnten. Doch blieb der Krieger stets viel ernster
und zurckhaltender als sein Weib, das sich gern mit den Kindern beschftigte
und ihrer tollen Spiele nie mde zu werden schien.
    Bist Du schon je einer solchen Figur begegnet, wie sie mein Onkel eben
darstellte? frug der junge Mann lachend, als er den Indianer endlich einholte.
    Sah aus wie eine Schlammschildkrte, grinste dieser, nur noch viel
schmutziger. - Der alte Mann wird eine groe Geschichte erzhlen, wenn er zu den
Htten der Freunde kommt.
    Ob der eine groe Geschichte erzhlen wird! Sonderbar war's aber doch, da
er das Thier so lange halten konnte; ich wrd's ihm selbst nicht glauben, wenn
ich's nicht mit eigenen Augen gesehen htte.
    Seine Knochen sind eisern, erwiderte Assowaum. Aber der Hirsch ist auch
stark, und wre Assowaum eine Minute spter gekommen, so fand er weiter kein
Fleisch in der Salzlecke, als den kleinen Mann.
    Mag sein; das bestreitet er jedoch gewaltig, er schwrt jetzt sicherlich
darauf, da er den Hirsch htte die ganze Nacht halten knnen.
    Der alte Mann hat dicke Worte, sagte der Wilde.
    Kennst Du den alten Bahrens, der krzlich das kleine Haus am Petite-Jeanne
gebaut hat?
    Der Wilde lchelte und sah seinen Begleiter von der Seite an.
    Hast Du schon mit ihm gesprochen? frug dieser.
    Er erzhlt von seinen Jagden an der Bai de view und am Cashriver - neunzehn
Hirsche hat er an einem Tag geschossen, und die kleinste Haut wog elf Pfund,
getrocknet, ohne den Pelt.2
    Ja, er ist stark in solchen Sachen, lachte Brown lachend, ich mchte
Onkel und Bahrens einmal zusammen sehen.
    Ich auch, sagte Assowaum, dem der Gedanke sehr wohl zu thun schien.
Schweigend zogen die beiden Mnner jetzt, ohne irgend Jemandem weiter zu
begegnen, auf der breiten Strae fort, bis ihnen aus der Ferne die langgezogenen
schrillen Tne eines geistlichen Liedes entgegenschallten. Diesen lauschte der
Indianer erst einige Sekunden lang mit gespannter Aufmerksamkeit, dann aber
schritt er wieder ruhig weiter, indem er nur sagte:
    Der blasse Mann (so nannte er Rowson seiner auffallend bleichen
Gesichtsfarbe wegen) hat eine sehr laute Stimme; er ist wie ein junger Wolf. -
Die alten mgen noch so gut heulen - Du hrst stets den jungen.
    Du kannst den Priester nicht leiden Assowaum?
    Nein - Alapaha liebte den Groen Geist - sie betete zu dem Manitou, der
ihre Vter beschtzt hatte, und war ein folgsames Weib. Sie kreuzte nie
Assowaum's Pfad, wenn er auf die Jagd ging, und zog sie in der ersten dunkeln
Nacht ihre Matchecota3 um das frischgepflanzte Mondmiefeld (Mais), so mieden es
die Wrmer und Raubthiere, und die Frucht war gesegnet. Alapaha lacht jetzt ber
den groen Geist Assowaum's, und das Wild weicht aus seinem Pfade, wenn er in
den Wald geht.
    Der Indianer schien nicht weiter zum Reden aufgelegt. Er schritt schweigend
und schnell vorwrts, bis sie an die uere Fenz von Roberts' Farm kamen. Von
hier aus lief ein breiter Weg, zwischen zwei Maisfeldern hinfhrend, nach dem
Hauptgebude zu, aus dem jetzt klar und deutlich der schon lange gehrte Gesang
heraustnte. William Brown hing, am Hause angekommen, den Zgel seines Pferdes
ber eine Fenzstange und trat in das Zimmer, wo sich die Andchtigen versammelt
hatten.
    Der Gesang war eben beendigt, und smtliche Zuhrer lagen, den Rcken dem
Prediger zugekehrt und sich auf die Sessel ihrer Sthle sttzend, auf den
Knieen. Rowson aber, dem wir schon frher unter ganz anderen Verhltnissen im
Walde begegneten, stand aufrecht in der Mitte und sprach mit andchtig
geschlossenen Augen und scharfer, abstoender Stimme ein lautes Gebet, worin er
die entsetzliche Sndhaftigkeit der Gegenwrtigen dem Allmchtigen an's Herz
legte und nicht um die so reichlich verdiente Strafe, sondern um Gnade und
Erbarmen bat.
    Brown, der einer anderen Sekte angehrte und sich zu dem Knieen nicht
verstehen wollte, blieb mit gefalteten Hnden und andchtig zuhrend auf der
Schwelle der Thr stehen, trat aber nicht nher. Vergebens winkte ihm Rowson
mehrere Male freundlich zu, den Platz an seiner Seite einzunehmen; er schien es
nicht zu beachten und starrte schweigend vor sich nieder. Endlich schlo jener
sein Gebet, Alle standen auf, und der Gottesdienst war beendet.
    Brown begrte jetzt mehrere der Anwesenden, mit denen er bekannt war und
die sich aus der ganzen Nachbarschaft hier zusammengefunden hatten.
    Sie sind recht spt gekommen, Mr. Brown, sagte Marion Roberts, des alten
Roberts liebliches Tchterlein, und seit sechs Monaten die verlobte Braut des
frommen Predigers Rowson.
    Haben Sie mich vermit, Mi Roberts? - Dann bedaure ich freilich, den
grten Theil des Gottesdienstes versumt zu haben.
    Aber, Mr. Brown, das ist nicht schn gesprochen. Ich habe eine zu gute
Meinung von Ihnen, als da ich glauben sollte, Sie wohnten nicht der Sache
selbst wegen so heiliger Handlung bei, sagte Marion.
    Ich bin nicht Methodist.
    Und schadet das etwas? Sind wir nicht alle Christen?
    Ihr Brutigam denkt darber anders. Brown betonte das Wort Brutigam
besonders und schaute dem schnen Mdchen dabei forschend in's Auge. Dieses aber
vermied seinen Blick und erwiderte:
    Er mag wohl auch manchmal ein wenig zu strenge Ansichten haben; ich meines
Theils denke darber viel milder und - Vater ebenfalls. Mutter ist freilich sehr
streng, besonders in dieser Hinsicht. Mutter und Mr. Rowson haben berhaupt sehr
hnliche Ansichten.
    Diesmal lag auch die Schuld nicht an mir, mein Frulein, ich war zeitig
genug auf dem Wege - aber mein Onkel - ein Zufall hielt ihn auf, und er mute
wieder nach Hause.
    Er ist doch nicht krank geworden? fragte schnell und ngstlich Marion.
    Herzlichen Dank fr die Theilnahme, mit der Sie sich fr ihn
interessieren, erwiderte der junge Mann treuherzig - es wird dem alten Onkel
wohl thun, wenn er es erfhrt. Er hlt sehr viel von Ihnen.
    Marion errthete ber die etwas zu lebhafte Frage und sagte ausweichend:
    Warum kam er aber nicht mit Ihnen?
    Es war ein Abenteuer, lchelte Brown, das er mir verboten hat zu
erzhlen, da er es selbst mittheilen will. Sie kennen seine Leidenschaft fr
Erzhlungen.
    Oh ich freue mich schon darauf, rief Marion, in die Hnde klatschend, das
wird herrlich!
    Und darf man wissen, was herrlich werden wird? frug Mr. Rowson
hinzutretend und den jungen Mann freundlich grend.
    Ein Spa, der meinem Onkel passierte, oder vielmehr eine Heldenthat, die er
ausbte und -
    Haben Sie es auch selber gesehen? fragte Marion lchelnd, Sie wissen, Ihr
guter Onkel -
    Aber, Marion, warnte ernst ermahnend Rowson, ist es recht, Dich so kurz
nachdem Du Deinem Gott gedient, mit irdischen, profanen Gegenstnden zu
beschftigen? Es wrde Deiner Mutter sehr leid thun, wenn sie das hren mte.
    Mr. Rowson, sagte Brown, in dem unangenehmen Gefhl, Zeuge eines Tadels zu
sein, der das Blut strker als je in die Wangen des Mdchens trieb, Sie sind
der Brutigam von Mi Roberts und der Prediger dieses County, haben also ein
doppeltes Recht ber die junge Dame. Ich sollte aber doch denken, ein
unschuldiger Scherz, ein heiteres Wort knnte dem lieben Gott nicht mifllig
sein. Alles zu seiner Zeit - fromm beim Gebet und froh beim Mahl.
    Rowson wrde sicher etwas darauf erwidert haben, aber in diesem Augenblick
trat der alte Roberts selbst zu ihnen und dem jungen Brown herzlich die Hand
schttelnd, rief er aus:
    Das ist brav, mein Junge, da Ihr auch einmal herberkommt - hol's der -
Es ist mglich, da er seine Rede auf eine keineswegs sabbathmige Art beendet
htte, wre er nicht noch zur rechten Zeit dem Blick des Predigers begegnet, der
ernst und streng auf ihm haftete, und einlenkend fuhr er fort: Seit vier Wochen
- wie lange seid Ihr eigentlich jetzt in Arkansas?
    Sieben Wochen, antwortete Brown.
    Nun ja, seit ungefhr vier Wochen habt Ihr Euch kaum zweimal blicken
lassen, und in der ersten Zeit waret Ihr alle Tage hier - 's ist doch meiner
Seel gar nicht so sehr amsant hier, auf dem einsamen Fleck Landes, da man gute
Gesellschaft so leicht entbehren knnte. Da kommt Harper noch fter - wo steckt
denn der heute?
    Er wird gleich hier sein.
    Apropos, Brown, da ich's nicht vergesse - heute ber vier Wochen lade ich
Euch zur meiner Tochter Hochzeit ein - Euch und Euren Onkel - Ihr mt dabei
sein, sonst geht's nicht, und da -
    Verzeiht, erwiderte Brown schnell, indem er sich halb von ihm wandte, in
- vier Wochen werde ich - schwerlich mehr in Arkansas sein.
    Nicht mehr in Arkansas - was? Ich dachte, Euer Onkel htte sich Land
gekauft und wollte ganz hier bleiben?
    Ja, mein Onkel wird das auch, aber ich - ich werde mich den Freiwilligen
anschlieen, die nach Texas ziehen. Wie ich vor einigen Tagen in Little Rock
gehrt habe, will es sich von Mexiko frei machen und - braucht amerikanische
Arme.
    Thorheiten, rief Roberts, freundlich dabei des jungen Mannes Hand
ergreifend, lat die in Texas ihre eigenen Kriege kmpfen und bleibt Ihr hier
bei uns. Wir brauchen am Fourche la fave auch tchtige, brave Kerle, die den
vielen Schuften in hiesiger Gegend die Wage halten, und - zur Hochzeit kommt die
ganze Mdchenwelt zusammen, da mt's ja mit dem T - mt's ja ganz sonderbar
zugehen, wenn sich nicht etwas fr Euch darunter finden sollte. - Oh - habt
keine Angst - fuhr er lachend fort, als er sah, da Brown leise dem Kopf
schttelte - es gibt wackere Mdchen hier, sie wohnen nur so zerstreut. Ein
Mensch wie Ihr freilich, der nirgends hingeht und keinen einzigen Besuch macht,
bekommt sie nicht zu sehen. Aber wahrhaftig, da kommt Harper; Blitz und - hm,
wie roth er aussieht!
    Es war wirklich dieser wrdige Gentleman, der in scharfem Trabe ankam.
Wahrscheinlich hatte er befrchtet, Bill wrde plaudern, und schon von Weitem
rief er diesem zu: He, Junge, reinen Mund gehalten?
    Keine Silbe erwhnt, Onkel.
    Nun, das ist brav! - Kinder, heute Morgen habe ich einen Spa erlebt - eine
Jagd gemacht -
    Eine Jagd, Mr. Harper? rief vorwurfsvoll Madame Roberts aus, die
hinzugetreten war und die beiden Mnner freundlich begrte, eine Jagd am
heiligen Sabbath?
    Ohne Bchse, Mrs. Roberts, ohne Bchse, ganz unschuldig. Aber das mu ich
von vorne an erzhlen, denn so 'was erlebt man nicht alle Tage. - Bill - halt -
hiergeblieben, Junge, Du bist mein Zeuge - wo ist Assowaum?
    Er ging dort in's Feld zu dem brennenden Baumstamm, wahrscheinlich um sich
ein Stck Fleisch zu braten.
    Gut, der mu spter auch her - Zeugen mu ich haben, sonst glaubt's das
Volk nicht - Alles wollen sie selbst sehen, selbst mitmachen - da httet Ihr
einmal sollen meinen Bruder erzhlen hren.
    Oder den alten Bahrens! lachte Roberts.
    Puh - wer ist der alte Bahrens? Hre in einem fort von dem alten Bahrens;
ich mu ihn doch einmal besuchen. Das ist wohl ein Wunderthier?
    Wir wollen Dienstag in jene Gegend, um nach wild gewordenen Schweinen zu
sehen, sagte Roberts; wenn Ihr Lust habt, Harper, so knnt Ihr mitkommen. Wir
bleiben dann bei Bahrens ber Nacht.
    Topp! rief Harper - jetzt aber meine Geschichte.
    Whrend der Kleine nun mit vielem Wohlbehagen den aufmerksam Zuhrenden sein
wunderbares Abenteuer vortrug, ging Rowson, der es seiner Wrde nicht fr
angemessen hielt, nach kaum beendigter Predigt in die allgemeine Frhlichkeit
mit einzustimmen, durch die Hinterthr des Hauses in das Feld, oder eigentlich
urbar gemachte Land, denn noch war kein Mais hineingepflanzt und auch das
umgeschlagene Holz noch nicht einmal alles aus dem Wege geschafft. Um aber die
groen Stmme am besten zu beseitigen, hatte Roberts unter einige Feuer gelegt,
und Assowaum jetzt eine solche Stelle benutzt, dort mehrere Stcke des von
Harper gefangenen Hirsches zu braten. Hier aber bemerkte ihn Alapaha und
bereitete fr ihn, der indianischen Sitte gem, das Mahl.
    Nachlssig auf seine ausgebreitete Decke hingestreckt, aus einer kurzen
selbstverfertigten Rohrpfeife den Tabaksrauch einziehend und langsam wieder
ausstoend, lag ausgestreckt die krftige Gestalt des rothen Waldsohnes neben
dem riesigen Stamm der Eiche, dem Sinnbild seiner eigenen Race. Noch vor kurzer
Zeit berschaute er stolz und khn das weite Land als Eigenthum, und jetzt,
gefllt am Boden, wute der weie Eindringling nicht einmal gleich, auf welche
Art er sie am schnellsten und sichersten aus dem Weg schaffen knne. Wie am
Stamm des Baumes die Gluth, so wirkte am Stamm der Krieger das Feuerwasser, und
langsam erst, dann aber immer weiter und reiender um sich greifend, vernichtete
es die schnen, stattlichen Lebensfasern, das gesunde Mark des Baumes, und lie
nur Asche und Kohlen zurck. Das Grab der Krieger dngte den Boden, den der
Weie mit seinem Pflug aufri, und die Herdsteine ihrer Beratungsfeuer wurden zu
eben so vielen Grabsteinen ihres gesunkenen, geschwundenen Ruhmes.
    Es mochten wohl das Hirn des wackern Assowaum, der, unhnlich Tausenden
seiner Race, den Snden der Weien keinen Eingang in sein Herz verstattet hatte,
hnliche Gedanken durchkreuzen, als er trumend in die zerfallenden Kohlen
starrte; da stand sein Weib pltzlich von ihrer Arbeit auf und ging dem Hause
zu. Sie sah die sich nhernde Gestalt des Predigers und eilte ihm entgegen. Der
aber reichte ihr die Hand und sprach ein langes, salbungsvolles Gebet ber sie.
Unterdessen zischte das Fleisch auf den Kohlen und verbrannte auf der einen
Seite.
    Alapaha war eine jener wenigen indianischen Schnheiten, denen die
sonstigen, fr das Auge des Weien nicht angenehmen Unterscheidungszeichen ihrer
Abstammung zur Zierde gereichten. Die vorstehenden Backenknochen verloren sich
unter den vollen, von Gesundheit strotzenden Wangen, die reifen Lippen waren
ppig geschwellt, die schwarzen Augen blitzten mit einem kaum zu unterdrckenden
Feuer aus dem dunklen Teint der Waldschnheit hervor, der Elfenbeinglanz ihrer
Zhne htte eine Negerin beschmen knnen, und die schlanke, ppige Gestalt
wurde keineswegs durch die anschlieenden Falten des feingegerbten ledernen
Gewandes oder Ueberwurfs genug verhllt, um nicht ihre schnen, fehlerfreien
Formen wenigstens ahnen zu lassen. Die zierlichen Fe staken in sorgfltig
gearbeiteten Moccasins, das Haar wurde durch ein brennend rothes Tuch auf dem
Scheitel zusammengehalten, und Glaskorallen schmckten ihre Ohren und ihren
Nacken.
    Alapaha! rief Assowaum jetzt in nicht unfreundlichem, aber ernstem Tone,
Alapaha - sagt Dir der groe Geist der Christen, da Du die Pflichten
vernachlssigen mut, die Du deinem Mann und Huptling schuldig bist? Alapaha
floh mit schnellen Schritten zu ihrer Arbeit zurck, und Rowson nahte sich dem
rothen Krieger, der, ihn nur leise mit dem Kopfe grend, ruhig liegen blieb.
    Zrnt Eurer Frau nicht, Bruder Assowaum, redete er den Indianer freundlich
an, zrnt ihr nicht, wenn sie den Worten des Herrn lauscht. Es ist ihr einziges
Seelenheil, dem sie entgegeneilt, und Ihr solltet der Letzte sein, der ihr dabei
hemmend in den Weg trte.
    Assowaum zrnt nicht und hindert sie in der Ausbung ihres Glaubens nicht,
antwortete der Wilde; aber er ist hungrig, und das Fleisch verbrennt. Alapaha
ist das Weib des rothen Mannes.
    Ich habe lange die Gelegenheit wieder einmal herbeigewnscht, sagte Rowson
mit freundlichem Blick, Euch den Segen des Christenthums recht anschaulich zu
machen. Ihr wichet mir aber stets aus - darf ich die jetzige Gelegenheit
benutzen?
    Der Indianer erwiderte nichts, sondern nahm nur das Fleisch, das ihm Alapaha
auf einem rohgearbeiteten hlzernen Teller darreichte, und begann seine
Mahlzeit. Der ehrwrdige Priester rief ihm jetzt auf's Neue alle jene
Kraftstellen der heiligen Schrift in's Gedchtni zurck, die auf die Snden der
Menschen und die Gnade des dreieinigen Gottes aufmerksam machen, wobei er nicht
verga, ihm die vielen Wunder herzuerzhlen, die Christus in seinem Lebenslauf
gethan, bis er zur Vershnung alles Fleisches am Kreuze gestorben sei.
Wahrscheinlich glaubte er durch diese bilderreichen Erzhlungen am leichtesten
auf die sinnliche Natur des Waldsohnes einwirken zu knnen. Der Indianer a
ruhig fort; aber selbst als er sein Mahl beendet hatte, unterbrach er dennoch
den Redner mit keiner Silbe, mit keinem Blick, und lauschte aufmerksam dessen
Worten, so da Rowson, hierdurch ermuthigt, immer eifriger fortfuhr, die
christliche Religion stets nur durch solche Sachen hervorzuheben, die, wie er
nicht ganz mit Unrecht glaubte, in den Augen seines Zuhrers den meisten Werth
haben muten.
    Hat der blasse Mann geendet? fragte Assowaum endlich, als Jener erschpft
stillschwieg.
    Ich habe, antwortete der Priester; und was sagt mein Bruder dazu?
    Assowaum warf die Decke von sich, die er halb um sich herumgeschlagen hatte,
richtete sich auf und sprach, dicht vor den Christen hintretend:
    Vor alten Zeiten hat der groe Geist - den Ihr Gott nennt - die Welt
erschaffen, und aus der Welt machte er Menschen - Indianer. - Sie kamen nicht
ber die See. Er deckte etwas ber die Erde und steckte die Menschen darunter;
alle Stmme waren dort versammelt. Ein Stamm von ihnen aber sandte Einen seiner
jungen Leute hinauf, zu sehen, was es oben gbe, und dieser fand Alles sehr hell
und freute sich ber die Schnheit des Ganzen. Ein Hirsch lief vorbei und ein
Pfeil stak in seiner Seite; er folgte ihm und kam zu dem Platz, wo er gestrzt
und verendet war; andere Fhrten sah er noch, und bald kam der Mann, der das
Thier angeschossen hatte. - Es war der Schpfer selbst, und er zeigte ihm jetzt,
wie er die Haut des Hirsches abstreifen und das Fleisch zerschneiden sollte.
Gott befahl ihm dann, ein Feuer zu machen, aber der Indianer wute nicht wie.
Gott mute es selber thun. Gott hie ihn nachher ein Stck des Fleisches auf
einen Stock stecken und es braten; der Indianer wute aber nicht wie und lie es
auf der einen Seite verbrennen, whrend die andere roh blieb.
    Rowson machte eine Geberde, als ob er sprechen wollte, der ernste Blick des
Wilden hielt ihn jedoch zurck.
    Nachdem er den rothen Mann also gelehrt hatte, das Wild zu erlegen und das
Fleisch und seine Haut zu benutzen, rief er die Anderen hervor aus der Erde, und
sie kamen Stamm nach Stamm und erwhlten jeder einen Huptling.
    Gott machte auch das Gute und Bse - es waren Brder. Der Eine ging aus, um
Gutes zu thun, der Andere, um seines Bruders Werke wieder zu zerstren. Dieser
machte steinige, kiesige Stellen, lie giftige Frchte wachsen und stiftete
Unheil an. Der Gute wollte den Bsen gern vernichten, aber nicht mit Gewalt,
schlug ihm also vor, da sie einen Wettlauf anstellen wollten, wonach der
Verlierer das Feld rumen sollte. Der Bse willigte ein und -
    Halt! rief der Methodist jetzt, indem er sich in seinem Eifer von dem
Stamm erhob, auf dem er bis dahin gesessen, nicht geziemt es mir, am heiligen
Sabbath solchen Erzhlungen zu lauschen. Armer, verblendeter Heide - das ist
Dein unseliger Aberglaube, der dich an diesem Gewebe der Lge hngen lt -
scheuche ihn von Dir! Jesus Christus -
    Der Indianer sprach, whrend der Methodist diese Warnung schnell ausstie,
kein Wort, er unterbrach ihn mit keiner Silbe, aber er heftete einen so wilden,
Zorn und Ingrimm sprhenden Blick auf den Prediger, da dieser erschreckt in
seiner Rede einhielt und scheu nach dem nicht weit entfernten Hause zurcksah.
Assowaum bezwang jedoch den in seiner Brust tobenden Sturm, und nur finster den
fremden Apostel betrachtend, sprach er, als dieser pltzlich schwieg, mit
fester, wenn auch leiser Stimme:
    Ich habe Euren Worten gelauscht. Ihr habt mir von dem Huptling erzhlt,
der Stcke in Schlangen verwandelte und Wasser aus dem Felsen prete; von dem
Fisch, der den Menschen Tage lang in seinem Bauch aufbewahrte und dann wieder
an's Land spie; von dem Propheten, der auf einem feurigen Wagen in den Himmel
fuhr, und von Dem, der geopfert wurde und starb, und doch wieder lebendig auf
die Erde kam. Assowaum hat alles geglaubt. Ich erzhle Euch jetzt, wie der groe
Geist in diesem Theile der Welt seine Kinder erschaffen habe, und Ihr nennt mich
einen Lgner. Geht! sagte er, seinen Arm dabei gegen den etwas beschmten
Priester ausstreckend, das Auge des blassen Mannes sieht nur auf die Seite, auf
der sein eigener Wigwam steht - alles Andere ist schwarz.
    Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt Assowaum, das Nachbringen des
Gepcks seiner Squaw berlassend, dem Hause zu.
    Hier hatte Harper indessen seine Geschichte unter dem Gelchter und den
Beileidsbezeigungen der Uebrigen vollendet, die sich, als Mittag heranrckte,
grtentheils wieder nach ihren verschiedenenen Wohnrtern zerstreuten, um dort
ihre Mahlzeiten nicht zu versumen. Nur Harper und Brown waren von der alten
Mrs. Roberts als so gar seltene Gste eingeladen worden, an dem einfachen
Mahle Theil zu nehmen.
    Ehe jetzt der Tisch gedeckt ward, winkte Roberts noch einmal dem jungen
Brown zu, mit ihm zu der Einfenzung zu kommen, wo er seine guten Pferde hielt,
denn das war ein Gegenstand, in dem sich sein ganzer Stolz und Ehrgeiz
concentrirte. Pferde durfte Niemand im Staate besser haben als er, und wer mit
dem alten Roberts tauschte, konnte sicher sein, da er den Krzeren zog, denn
Keiner hatte ein sichereres Auge fr die Fehler oder Tugenden des edlen Thieres,
als gerade dieser.
    Ehe wir brigens mit dem alten Mann nher bekannt werden, mchte es
vielleicht nthig sein, eine kleine Schwche zu erwhnen, die er sich in seinen
Reden angewhnt hatte. Er kam nmlich stets aus dem Hundertsten in's Tausendste,
das heit: er vermochte nie den Satz, von welchem er ausgegangen, festzuhalten.
Die, welche nher mit ihm bekannt waren, wuten das schon und unterbrachen ihn
immer zur rechten Zeit, wo er sich dann augenblicklich zu seinem ersten Satz
zurckfand. Lie man ihn aber ungestrt gehen, so verlor er die Bahn und kam
dann endlich, ohne sich auch nur mit einem Worte noch an das erinnern zu knnen,
was er hatte sagen wollen, zu einem pltzlichen Halt.
    In dem sogenannten Lot angelangt, machte er nun den jungen Mann auf die
einzelnen Thiere besonders aufmerksam, pries ihm, wie billig er dieses, wie
theuer er das gekauft, was fr Wetten jenes gewonnen, in wie viel Minuten ein
anderes die Bahn durchlaufen. Er befand sich auch hier so recht in seinem
Element, noch dazu, da ihm Brown nicht undeutlich zu verstehen gab, er gedenke
in diesen Tagen selbst ein Pferd von ihm zu kaufen, und zwar ein starkes,
krftiges, das fr den texanischen Freiheitskampf tauglich sei.
    Das knnt Sie bei mir bekommen, Brown, das knnen Sie bekommen! rief der
Alte freudig, in dem Augenblick ganz vergessend, da er dadurch den jungen Mann
aus der Nachbarschaft verlieren wrde. Dort der Fuchs ist ein Mordpferd - nicht
todt zu machen - Abends so munter wie Morgens und erst vier Jahre alt - aber -
wie ist mir denn? Ihr wollt nach Texas? Ih zum Henker, das leiden wir nicht -
ich verkaufe gern ein Pferd, doch soll mich - Er sah sich unwillkrlich um, ob
seine Frau nicht zufllig in der Nhe wre und sein Fluchen hren knnte. Nein,
Brown, das ist nichts. Texas ist ein Land, wo es keinem Christenmenschen gut
geht; - nur die Indianer allein - und was fr Bande ist das! Ich wei noch recht
gut, wie die von der Creek-Nation hier durchkamen; Mais kostete damals zwei
Dollar der Bushel, und wir konnten nicht genug fr sie anschaffen. Jetzt ist der
Mais freilich billiger, nur wer ihn nach Little Rock -
    Dieses ruhige Leben hier sagt mir nicht zu; ich mu mich ein wenig in der
Welt umsehen, unterbrach ihn Brown - spter komm' ich wieder zurck.
    Von Texas? eh? Von dort kommt niemand mehr zurck - kein ordentlicher Kerl
wenigstens -, alle Schufte und Spitzbuben gehen ja jetzt dorthin, und das
Sprichwort Geh in die Hlle ist ganz abgekommen, man wird noch boshafter und
wnscht den Leuten eine Reise nach Texas. Der Boden dort ist auch nicht besser
als der unsere; ich habe unten im Canebottom Land, das ich nicht fr zehn Dollar
den Acker verkaufen mchte, und die Mast - Sie sollen einmal im nchsten Winter
meine Schweine sehen; ich habe mir auch von Atkins eine neue Art gekauft - die
mit ungespalteten Hufen. Atkins lie mir zwei ab, und ich htte noch mehr
genommen, sein Bruder aber - der Advokat in Poinsett County, der sich erst
neulich dort niedergelassen hat - denn das wissen Sie doch, da jetzt eine Menge
Menschen dort in den Sumpf gezogen sind?
    Bei Ihnen wird es jetzt auch recht still im Hause werden! sagte Brown, der
einen Augenblick in tiefen Gedanken vor sich hingestarrt hatte - Ihr Sohn ist
nach Tennessee, und wenn - Marion heirathet -
    Ja, das ist wahr; wird mir sonderbar vorkommen. Nun, ich bin auch nicht
schuld daran, habe genug dagegen geschimpft. Ich wei nicht, ich kann den
Prediger nicht leiden.
    Er scheint sonst ein ordentlicher, stiller Mann zu sein!
    Still? Ja - sehr still; aber - unter uns - er kommt mir gar nicht wie ein
Mann vor. Neulich hat ihm Heathcott Sachen gesagt, nach denen ich ihm ein Messer
durch den Leib gerannt htte, er erwiderte aber nichts. Der Heathcott ist zwar
ein wilder Bursche, sein Vater war noch einer von den alten Virginiern, die
damals -
    Wie Sie mir sagten, ist die Hochzeit in vier Wochen, nicht wahr?
    In vier Wochen - ja - ich hab' ihm gesagt, da er meine Tochter nicht eher
bekommen kann, bis er das Land gekauft, auf dem er wohnt, und sich berhaupt so
eingerichtet hat, da er eine Frau anstndig ernhren kann. Man braucht hier im
Walde gerade nicht viel, aber ein kleines Kapital ist doch nthig; baar Geld ist
berhaupt etwas sehr Seltenes, und die Bnke -
    Wovon ernhrt sich Rowson eigentlich? Fr sein Predigen empfngt er doch
kein baares Geld -
    Nein - bewahre, er hat aber noch ein kleines Vermgen in Tennessee, acht-
oder neunhundert Dollar, wie er mir gesagt hat. Einen Theil von dem erwartet er
in drei Wochen, und dann hab' ich meine Einwilligung zugesagt - die Mutter ist
ganz versessen auf die Verbindung. Ich htte auch nichts dagegen, aber - der
Blick von dem Menschen gefllt mir nicht. Es ist sonderbar, was der erste Blick
manchmal fr einen Eindruck macht. In Tennessee, wo ich doch frher wohnte, und
wo mein Vater am Wolfriver achtzig Acker Land hatte - Sie kennen doch den
Wolfriver? - herrliches Land, und in Memphis, kaum eine halbe Meile davon, ist
auch ein vorzglicher Markt fr alle Produkte. - Wie lange ist's nun her, da
ich nicht in Memphis war? Lieber Gott, wie die Zeit vergeht, das war damals, als
das erste Dampfboot vorbeikam - die New Orleans. Ja, ja, das mu 1811 gewesen
sein - 1811. Nachher kam der Krieg wieder und wir marschierten hinunter nach
Louisiana, kamen aber zu spt; Old Hickery hatte die Britischen schon geklopft.
Dann spter, 1815, war der starke Frost, der uns damals die ganze Frucht verdarb
- so ein Frost ist mir auch im Leben noch nicht wieder vorgekommen. Aber, Brown
- an was denken Sie denn eigentlich? Sie sehen ja so starr vor sich nieder,
fehlt Ihnen etwas? - wovon sprach ich doch gleich?
    Mir? nein - nichts - ich habe etwas Kopfschmerz und glaube, ich habe heute
Morgen zu viel ber Onkel Ben's Abenteuer gelacht. Ja, wir sprachen von unserem
Pferdehandel.
    Oh, das hat noch Zeit! - Aber hallo - wer kommt da? Eins, zwei, drei, vier,
fnf, sechs Mann zu Pferde, und alle mit Bchsen und Messern? Nun, das ist eine
gute Empfehlung bei meiner Frau; Heathcott und Mullins und Smith und Heinze, der
Herr segne uns, das sind die Regulatoren, da brennt's wieder irgendwo. Nun, wir
werden ja gleich hren.
    Der alte Mann ffnete schnell die Pforte, und Brown folgte ihm hinaus, die
Reiter zu begren, die jetzt in kurzem Trab den breiten Weg zwischen den
Feldern von westwrts herkamen.

                                    Funoten


1 Squaw - indianischer Name fr Frau.

2 Pelt ist die dnne Fleischhaut, welche die amerikanischen Jger gewhnlich mit
dem Hirschfell zusammen abstreifen und trocken werden lassen, damit dieses, da
es pfundweise verkauft wird, schwerer wiege.

3 Obergewand; eine Sitte bei den nrdlichen Stmmen, die dem Feld Fruchtbarkeit
sichern und die Raubthiere von den Frchten abhalten soll.


                                       4.

                       Die Regulatoren. - Zank und Kampf.

Das Lynchgesetz, d.h. die Ausbung der Gerechtigkeit von nicht dazu befugten
Personen, das Bestrafen von Verbrechern durch die einzelnen Brger des Staates
selbst, hatte in Arkansas wieder einmal seit Kurzem recht berhand genommen, und
es zu verhindern, waren die Gesetze geschrft, ja sogar schwere Strafen auf die
Bildung von eigenmchtigen Geschworenengerichten gesetzt worden. Wenig half das
aber in einem Staate, wo noch kaum ein Weg die Wildni durchschnitt und der Arm
der Gerechtigkeit nicht hinausreichte ber die nchsten Ansiedelungen. Arkansas
war dabei in jener Zeit der Sammelplatz aller der Raubbanden geworden, die sonst
in Missouri, Illinois, Kentucky, Tennessee und Mississippi ihr Wesen getrieben
hatten, und mit Recht traten die Ansiedler zusammen und zogen gemeinschaftlich
gegen den Erbfeind zu Felde, der ihnen den Frieden ihrer Wohnungen zu zerstren
drohte. Wie aber jede Sache ihre Licht- und Schattenseiten hat, so auch hier. Wo
einestheils mancher Schurke pltzlich und unerwartet vor Gericht gezogen und
seiner gerechten Strafe berantwortet wurde, ohne da man Friedensrichter oder
Sheriff deshalb bemhte, traf es sich auch manchmal, da persnlicher Ha und
Rachgier die Erbitterung der Menge gegen einzelne Unschuldige lenkte, um diese
die Macht fhlen zu lassen, die fr den Augenblick in die Hnde ihrer Feinde
gegeben war. So rissen in White County die Regulatoren eines Tages einen
ehrbaren, fleiigen Farmer aus der Mitte seines Familienkreises, banden ihn vor
den Augen seiner Frau, die noch glcklicher Weise durch eine Ohnmacht dem
Schrecklichsten entzogen wurde, unter dem Jammern und Wehklagen seiner Kinder an
einen Baum und peitschten den Unglcklichen auf eine entsetzliche Art, um ihm
das Gestndni eines Verbrechens zu erpressen, das er nicht begangen hatte. Zwar
bewies er spter seine Unschuld und erscho den Rdelsfhrer jener Bande, seine
Frau hatten der Schreck und die Angst aber so angegriffen, da sie in ein
hitziges Fieber verfiel und wenige Monate danach starb. Man sagte auch, da
Heathcott damals mit unter jenen Regulatoren gewesen sei und er deshalb White
County habe verlassen mssen. Auf jeden Fall war er ein wilder, roher Bursche,
mit dem Niemand gern etwas zu thun hatte - ein chter Kentuckier voller
Prahlerei und Rauflust, wenn auch sonst ehrlich und brav.
    Die brigen Mnner waren grtentheils Farmer aus der Nachbarschaft und alle
in ihre Jagdhemden gekleidet, mit Bchsen, Bowiemessern, Pistolen und Tomahawks
bewaffnet. Heathcott war besonders starrte von Gewehren und Dolchen und
rechtfertigte den Ausruf Roberts', der zu Brown sagte, er sehe aus wie ein
Kaperschiff, das seine Waffen an Deck geschafft htte und entern wollte.
    Hallo, Gentlemen, rief der alte Mann jetzt, sie begrend, we Weges?
wohin soll die Reise gehen? Kommen die Indianer, da Sie sich auf eine so
entsetzliche Art mit Messern und Schiegewehren versehen haben?
    Indianer? nein! rief Heathcott, aber noch etwas viel Schlimmeres; die
Pferdediebe sind wieder los; oben am Arkansas haben sie dem Richter Rowlove vier
Stck gestohlen, und die Fhrten fhrten sdstlich. Der verdammte Regen
vorgestern Nacht hat sie aber verwaschen und wir konnten nicht mehr erkennen, ob
sie nach den heien Quellen zu oder weiter stlich gingen. Vergebens haben wir
gestern den Wald nach allen Richtungen durchsucht, es lie sich weiter nichts
mehr thun, als da wir Hostler den Flu hinunter und Bowitt nach Hot Spring
County hinber schickten. Wir Anderen wollten jetzt hinunter zu Wilkins, um
weitere Schritte fr die Zukunft zu bereden. Geht Einer von Ihnen mit?
    Danke schn! sagte Roberts - macht das untereinander aus, Ihr jungen
Burschen. Meine alten Knochen sind das Waldlaufen nicht mehr gewohnt.
    Ihr habt aber ebenfalls viele Pferde. Wer wei, wann Euch die Schufte
einmal einen Besuch abstatten; nachher werdet Ihr schon kommen - lachte
Heathcott.
    Wollen's abwarten, ich mu ihnen aber doch an keiner recht bequemen Stelle
hier liegen, sonst wre mir schon etwas weggekommen. Mich verschonen sie
wirklich merkwrdig.
    Sollte beinahe verdchtig aussehen - grinste der Kentuckier.
    Nein, nein, lachte gutmthig der alte Mann, das gerade nicht. Aber wollt
Ihr denn nicht zum Haus gehen, Gentlemen, und einen Bissen essen? Guten Morgen,
Heinze, guten Morgen, Mullins, hallo, Peter, das ist wohl ein neues Pferd, das
Ihr da reitet? Das hab' ich noch nicht gesehen - hbsches Thier.
    Wir nehmen Euer Anerbieten an, sagte Heathcott, vom Pferd steigend,
whrend die Uebrigen seinem Beispiel folgten, Wilkins hat berdies nie etwas zu
essen, und da ist's doch besser, wir sehen uns hier vor. Aber nur keine Umstnde
- die Pferde mgen inzwischen ein bichen ruhen.
    Brown hatte indessen einige der Mnner, mit denen er in der kurzen Zeit
seines Aufenthalts bekannt geworden war, begrt und schritt mit ihnen dem Hause
zu, wo das kleine Negermdchen emsig bemht war, fr die unerwarteten Gste
Maisbrod zu backen und Schweinefleisch zu braten.
    Und Ihr, Mr. Brown? frug Heathcott jetzt, sich an den jungen Mann wendend,
habt Ihr keine Lust, der guten Sache Euren Arm und Euer Auge zu leihen? Es
knnen unserer gar nicht zu viel sein, da wir, mit dem Gesetze gegen uns, dem
Staate beweisen mssen, wie sehr es uns Ernst um die Sache ist.
    Ich mu bitten, mich zu entschuldigen, erwiderte Brown; erstlich bin ich
nur ein sehr flchtiger Besuch in dieser Gegend, mit dem Wald und der ganzen
Lage des Landes noch nicht einmal recht bekannt, und dann will ich Euch auch
aufrichtig gestehen, habe ich keine Freude an dem Richtwesen der Regulatoren,
das nur zu oft zum Unwesen wird.
    Sir! sagte der Kentuckier etwas gereizt - Sie werden uns doch wohl
zugestehen, da wir hier am besten wissen, wo uns der Schuh drckt?
    Natrlich - natrlich, erwiderte Brown freundlich. Ich mae mir auch
weiter kein Urtheil darber an, behalte mir aber dafr auch meine eigene
Handlungsweise vor.
    Mit Euch Herren, wie Ihr nur immer von einem Staate zum andern huscht, wei
man nie, woran man ist, sagte Heathcott, einen keineswegs freundlichen
Seitenblick nach dem jungen Mann hinberwerfend. Einmal seid Ihr in Missouri,
einmal in Texas, und habt berall Bekannte und Freunde. - Ihr tretet vielleicht
aus Rcksicht gegen Eure Freunde den Regulatoren nicht bei?
    Mr. Heathcott, erwiderte Brown sehr ernst, aber auch sehr artig, ich will
diese Anspielung von Ihrer Seite nicht verstehen, denn ich kann mich dadurch
nicht getroffen fhlen. Was mein Betragen, mein Reisen aus einem Staate in den
andern betrifft, so bin ich darber keinem Menschen Rechenschaft schuldig, als
mir selbst.
    Die anderen Farmer mischten sich aber jetzt in das Gesprch und duldeten
nicht, da Heathcott noch etwas sagte, das die Gefhle des jungen Mannes
verletzen konnte. Sie hatten ihn Alle lieb gewonnen, frchteten dagegen ihren
Fhrer mehr, als sie ihn achteten.
    Herein, Gentlemen, herein hier! rief ihnen Roberts aus der offenen
Hausthr zu - Sie mssen frlieb nehmen, ich habe Ihnen schnell etwas
herrichten lassen, damit Sie nicht bis zum Mittagessen zu warten brauchen. Also
setzen Sie sich und - helfen Sie sich selbst.
    Die Leute lieen sich das nicht zweimal sagen, und nachdem sie die Frauen im
Hause begrt, setzten sie sich ohne weitere Umstnde, ja ohne nur all' die
vielen Mordgewehre, mit denen sie umsteckt waren, abzulegen, an den reichlich
gedeckten Tisch. Eben wollten sie auch zulangen, als Rowson, der neben Mrs.
Roberts am Feuer gestanden hatte, an die Tafel trat, die Hnde faltete und ein
Tischgebet zu sprechen begann.
    Die Farmer, die eines Theils selbst Methodisten waren, andern Theils die
Sitte des Hauses ehrten, legten die schon ergriffenen Messer wieder nieder und
sahen andchtig auf die leeren Teller hinunter, Heathcott hingegen blickte
rgerlich zu dem Prediger empor, der ihn brigens gar nicht zu bemerken schien
und ruhig in der Ausbung seiner Pflicht, wie er es nannte, fortfuhr.
    Wren die Damen nicht gegenwrtig gewesen, so htte sich der Zorn des rauhen
Mannes wohl schon bei dieser Gelegenheit Luft gemacht, so aber unterdrckte er
ihn, oder versparte ihn wenigstens fr eine passendere auf und begann sein Mahl,
whrend der Betende noch das Amen sprach. Da solches Betragen Mrs. Roberts auf
das Tiefste verletzte, braucht wohl nicht erwhnt zu werden. Sie setzte sich
hchst erbittert in ihren Schaukelstuhl nieder und murmelte etwas von rohen
sndhaften Menschen, was jedoch nur zu dem Ohr des Priesters gelangte, der
wieder an ihre Seite getreten war und jetzt seufzend dazu mit dem Kopfe nickte.
    Mrs. Roberts - Sie fhren wohl nicht einen Schluck Whisky im Hause? fragte
Heathcott nach einer kleinen Pause, sich dabei mit dem Aermel seines ledernen
Jagdhemdes den Mund wischend. - Wir haben da drben bei Bowitts so verdammt
scharfes Zeug getrunken, da es Einem die Eingeweide fast verbrennt.
    Ich halte keinen Whisky, erwiderte Mrs. Roberts, durch diese Frage auf's
neue erregt. - Mrs. Bowitt thte ebenfalls besser, solches Getrnk nicht in
ihrem Hause zu dulden.
    Ja - das hab' ich ihr auch gesagt, lachte Heathcott, der entweder die
Meinung der alten Dame nicht verstand oder nicht verstehen wollte, es ist eine
Schande. Bei dem Krmer am Petite-Jeanne knnte sie, fr einen Dollar die
Gallone, das beste Gebru in der Welt bekommen - chten Monongahela.
    Mr. Heathcott sollte doch eigentlich sehen, sagte Rowson milde, da ein
Gesprch ber Whisky den Ohren der Mrs. Roberts nicht gerade angenehm ist.
    Mr. Rowson thte wohl, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu bekmmern,
antwortete Heathcott scharf.
    Ich habe den Pferden etwas Korn geben lassen, Gentlemen! rief jetzt der
alte Roberts, der eben mit Harper und Brown aus dem Pferdestalle zurckkehrte,
zur Thr herein.
    Dank Euch! Dank Euch! riefen Smith und Heinze, froh, eine Ausrede zu
haben, vom Tische aufzustehen und ein Gesprch zu unterbrechen, das nur
unangenehm enden konnte.
    Smith blieb noch einen Augenblick zurck, als die anderen Mnner
hinausgingen, und sagte freundlich zu Mrs. Roberts:
    Sie mssen Heathcott die rauhe Rede nicht so bel nehmen, Madame. Wir sind
scharf geritten heute Morgen, und wie wir zu Bowitts kamen, trank er wohl
eigentlich ein wenig mehr, als sich gehrte.
    Die alte Dame erwiderte nichts und schaukelte sich nur heftiger, Rowson
dagegen dankte dem Nachbar freundlich fr seine gute Meinung, und versicherte
ihn, er hege nicht den geringsten Groll gegen Heathcott. Er ist ein rascher,
junger Mann, fuhr er gutmthig lchelnd fort, und meint auch wohl nicht Alles
so bs, als es bei ihm herauskommt.
    Ich werde ihm sehr verbunden sein, wenn er mein Haus nicht wieder mit
seiner Gegenwart beehrt, platzte Mrs. Roberts endlich heraus - ich erziehe
mein Kind gottesfrchtig und will weder, da dieses in meinen eigenen vier
Wnden ein bses Beispiel sieht, noch -
    Aber, Mutter! bat Marion.
    Noch, da fromme Leute, fuhr die alte Frau, ohne sich unterbrechen zu
lassen, fort, die das reine Gotteswort predigen, unter meinem Dache beleidigt
werden - sagen Sie das dem Mister Heathcott. Und auf's Neue begann sie in dem
Stuhle zu schaukeln, als ob sie sich vorgenommen htte zu versuchen, wie weit
sie es treiben knnte, ohne umzuschlagen.
    Smith, ein ruhiger, friedliebender Mann und selbst Methodist, war zu sehr
mit alledem, was Mrs. Roberts eben gesagt hatte, einverstanden, um etwas dagegen
einzuwenden, und folgte schweigend den Uebrigen vor die Thr. Dort hatten sich
die Meisten theils auf Sthlen, theils auf Baumstmmen und Trgen niedergelassen
und sprachen von dem, was ihnen Allen am nchsten lag, von den immer mehr und
mehr um sich greifenden Pferdediebsthlen.
    Die Schufte mssen hier im County einen Hehler haben, sonst begreif' ich
nicht, wie es mglich ist, da sie uns immer irre fhren, sagte Mullins.
    Ja, und wohin sie die gestohlenen Pferde schaffen, bleibt mir auch ein
Rthsel, rief Roberts - ein Gaul ist doch kein Vogel, der ber die Erde geht,
ohne Spuren zu hinterlassen.
    Nur Geduld! betheuerte Heathcott - nur Geduld, es hat Jedes sein Ziel,
und wir erwischen die Burschen einmal, wenn sie sich's am wenigsten versehen.
Aber dann will ich verdammt sein, wenn ich Einem von den Hunden das Leben
schenke. Lumpig ist's, da sie im vorigen Jahr die Todesstrafe auf
Pferdediebstahl hier in Arkansas abgeschafft haben - das hie dem Volke mit
klaren Worten sagen: Jetzt helft Euch selber - wir wollen's nicht mehr.
    Ich wei nicht, hart bleibt's immer, eines Pferdes wegen ein Menschenleben
zu nehmen, warf Brown ein.
    Hart? Zum Teufel auch! rief Heathcott, sein groes Messer neben sich in
die Rinde des Stammes stoend, auf dem er sa - wer mir ein Pferd stiehlt,
stiehlt einen Theil meiner selbst. - Ich habe jetzt drei verkauft und trage das
Geld davon bei mir - es ist so zu sagen mein ganzes Vermgen, mit dem ich mich
anzubauen gedenke. - Wer mir die Pferde gestohlen, htte mir damit auch zugleich
meinen ganzen knftigen Lebensplan zerstrt, und das ist schlimmer, als wenn er
mich ber den Haufen geschossen. Nein, Tod den Schuften! - Lat sie nur sehen,
da es uns Ernst ist, und wir werden sie, das heit die, die wir nicht gehangen
haben, bald aus Arkansas los sein.
    Euch scheint an einem Menschenleben wenig zu liegen, warf Brown ein.
    Sehr wenig, antwortete Heathcott, sein Spiel mit dem Messer wiederholend.
    Ihr taxirt dann das Eure auch nicht besonders hoch? lachte Harper, eh?
sonst wrdet Ihr's nicht mit dem jedes Lumps in die Wagschale legen.
    Hoch genug, um Den neun Zoll kalten Stahles schmecken zu lassen, von dem
ich glauben mte, da er mir gefhrlich werden knnte, rief Heathcott, sich
wild im Kreise umsehend. - Dies ist ein freies Land und Jeder hat seine
Ansichten, ich will aber verdammt sein, wenn ich die meinigen nicht oben behalte
- so viel ist sicher. - Aha, da ist auch der Mr. Rowson wieder, fuhr er
hhnisch fort, als er die ehrwrdige Gestalt des Mannes, mit dem Hut auf dem
Kopfe und dem Gebetbuch unter dem Arme, in der Thr bemerkte. - Auch einer von
den Schleichern, die mit dem Schafsfell prahlen und den Fuchs nur zuweilen
durchschauen lassen.
    Rowson wandte sich an den Negerknaben, der eben zum Hause kam, und bat ihn,
sein Pferd zu holen; Heathcott aber, durch die Nichtachtung des Predigers, der
sich stellte, als ob er die Worte gar nicht gehrt htte, erbost, sprang auf und
rief drohend:
    Nun, Meister Hllentreter, ich dchte, ich wre einer Antwort werth, wenn
ich auch ein Snder bin.
    Ehe aber Rowson nur ein Wort erwidern konnte, sprang Brown auf, fate
Heathcott an der Brust und schleuderte ihn mit so gewaltigem Griff zurck auf
seinen Platz, da er ber den Stamm hinweg und sich im Fall blutig schlug. Alle
Anderen sprangen erschreckt empor, mit ihnen aber auch der Kentuckier. Das
Messer ergreifend, das neben ihm heruntergefallen war, setzte er mit einem
Sprunge ber den umgestrzten Baum hinweg und wollte sich eben auf seinen
Angreifer werfen, als dieser ihm, ohne einen Zoll breit von seiner Stelle zu
weichen, ein gespanntes Terzerol entgegenhielt. Heathcott, der keine Waffen bei
ihm vermuthet hatte, fuhr zurck und wollte seine Bchse ergreifen. Die brigen
Mnner fielen ihm aber in den Arm und riefen einstimmig, da sie keinen Mord
hier dulden wollten.
    Zurck mit Euch, schrie Heathcott - zurck! Lat mich an den Buben - das
fordert Blut. - Sein Herzblut mu ich haben - verdamm' Euch - die Augen aus
seinem Kopfe.
    Lat ihn los, sagte Brown jetzt, das Terzerol einsteckend und ein eben
solches Messer, wie es Heathcott fhrte, unter der Weste hervorziehend - lat
ihn los, und wir knnen dann gleich sehen, wer der beste Mann ist.
    Um Gottes willen, Mr. Harper, dulden Sie das Schreckliche nicht - bat
Marion, die mit todtenbleichem Antlitz aus dem hause flog und die Hand des alten
Mannes zitternd ergriff - der bse Heathcott bringt ihn um.
    Seien Sie ruhig, liebes Kind, beschwichtigte Harper die Flehende - und
gehen Sie vor allen Dingen in's Haus zurck. - Dies ist jetzt kein Platz fr ein
junges Mdchen - hat die Kugel erst einmal das Rohr verlassen, so wei niemand,
wohin sie geht.
    Er wird ihn tdten, klagte das Mdchen.
    Wen? Ihren Brutigam? nein. - Er hat ja den Streit mit meinem Neffen.
    Marion barg das Antlitz schluchzend in ihrem Tuche und lie sich willenlos
von Rowson, der zu ihr getreten war, in's Haus geleiten.
    Zurck! sag' ich, schrie Heathcott in hchster Aufregung - gebt mir meine
Bchse - ich mu den Hund ber den Haufen schieen.
    Lat ihn los, rief nun auch Brown in schnell auflodernder Kampflust. -
Lat ihn frei - er hat Messer genug an sich herumstecken, einen ehrlichen Kampf
zu wagen - weg da, Mnner von Arkansas! Wollt Ihr einen gleichen Streit
hindern?
    Gut! sagte Mullins - Ihr mgt es ausfechten, aber die Bchse bekommt er
nicht. - Wir wollen keinen Mord dulden; - ein Kampf ist etwas Anderes.
    Heathcott sah sich im nchsten Augenblick frei, und die Mnner bildeten
einen Kreis um die beiden. Der eben noch so wilde Kentuckier schien jedoch durch
den kalten, furchtlosen Blick seines Gegners gewaltig abgekhlt, und wenn er
auch krampfhaft das Messer mit der Hand umschlo und dem ihn fest Erwartenden
wthende Blicke zuschleuderte, so blieb er doch wie festgebannt auf seiner
Stelle stehen und griff nicht an. Eine peinliche Stille trat ein, die Mnner
umstanden die Feinde und wagten kaum zu athmen, whrend Marion in der Thr des
Hauses mit leichenblassen Wangen und stieren Augen hinberstarrte nach dem
Kreise und in krampfhafter Aufregung, die Hnde fest auf die Brust gefaltet,
zitternd und bangend den Erfolg des Grlichen erwartete.
    Heathcott befand sich in einer peinlichen Lage, er frchtete augenscheinlich
den Stahl des Feindes, aber mehr fast noch den Spott oder das hhnische Lcheln
der Kameraden, das er glaubte erwarten zu mssen, wenn er den dargebotenen Kampf
nicht annhme; da schlugen sich die Freunde in's Mittel, und zwischen die Mnner
tretend, trennten sie die Streitenden.
    Kommt, Heathcott, sagte Heinze - Ihr habt alle Beide Unrecht, und es ist
eine Snde und Schande, da sich zwei ordentliche Kerle zerfleischen sollten, wo
es noch Lumpengesindel genug im Walde giebt, an dem sie ihre Wuth auslassen
knnten. Kommt - es wird Zeit, da wir aufbrechen, und es ist auch nicht recht,
den Sonntag der Leute hier zu stren, die uns freundlich aufgenommen haben.
    Das ist Alles, was mich bis jetzt abgehalten hat, jenen Gelbschnabel zu
zchtigen, knirschte Heathcott - aber warte, Bursche - ich finde Dich, und
Gnade Dir Gott, wenn Du mir einmal vor's Rohr kommst.
    Heathcott - Heathcott, warnte Mullins, das sind bse, gefhrliche Reden,
sehr gefhrliche Worte.
    Lat ihn, lachte Brown verchtlich, das Messer in die Scheide
zurckstoend - lat ihn prahlen; es ist der einzige Genu, den er vom Leben
hat.
    Komm, Bill, sagte Harper, den Widerstrebenden in's Haus ziehend, komm,
Bill, - la die Burschen erst fort - Du hast jetzt Deiner Ehre gengt, und es
freut mich, da sich meiner Schwester Sohn so brav benommen hat. Das thut's aber
nun auch - denk' an die Frauen - Marion ist vorhin erst ohnmchtig geworden.
    Marion ohnmchtig? frug Brown schnell, indem er dem Hause zusprang. Ja
so, sagte er aber dann langsammer, indem er wieder stahen blieb - ihr
Brutigam ist ja bei ihr, daran dacht' ich nicht. Sie wird sich wohl wieder
erholen.
    Die Regulatoren hatten indessen den Platz verlassen, und auch Rowson
schickte sich an, heim zu reiten. Harper folgte dagegen der Einladung Roberts'
und blieb in dessen Hause, um am nchsten Morgen die versprochene Jagd
mitzumachen und den alten Bahrens zu besuchen, von dem er so viel gehrt hatte.
    Rowson sprach noch ein langes Gebet, ehe er sein Pferd bestieg, theils um
die Vergebung des Hchsten fr die entsetzliche Entweihung des Sabbaths zu
erflehen, theils um ihm zu danken, da dieser Kelch ohne Blutvergieen
vorbergegangen war. Ehe er sich jedoch auf's Pferd schwang, ging er zuerst noch
auf den jungen Brown zu und sagte:
    Ihr habt Euch heute meiner angenommen, und ich danke Euch. Wenn aber jener
Bube auch auf Rache sinnt, frchtet nichts, der Himmel wird Euch beschirmen,
baut auf dessen Schutz.
    Ich dank' Euch, Mr. Rowson, erwiderte Brown ruhig; ich baue aber mehr auf
des Burschen Feigheit und meine eigene Kraft, als auf irgend etwas Anderes. Der
geht mir schon aus dem Wege, das hat keine Noth, und streitschtig bin ich auch
nicht. So werden wir denn schwerlich wieder zusammenkommen.

                                       5.

                               Brown und Marion.


Rowson war fortgeritten, um, wie er sagte, das Wort des Herrn in einer andern
Ansiedlung zu predigen, und Marion lehnte bleich und erschpft in einem Sessel.
Nur noch dann und wann stahlen sich einzelne groe Thrnentropfen ber ihre
Wangen hinab und rollten leise auf die zarten Finger nieder, die sie im Schooe
gefaltet hielt; aber tiefer Schmerz sprach aus den sanften Zgen des schnen
Mdchens. Harper, Roberts und Brown saen am Kamin, in dem die Negerin wohl mehr
der Gewohnheit, als der wirklich khlen Luft wegen ein Feuer entzndete, und
Mrs. Roberts stand neben ihrer Tochter und streichelte ihr das nubraune Haar.
    Komm, Kind - la das Sorgen und Trumen, sagte sie beruhigend zu dem
Mdchen, sieh, es ist ja Alles vorbei. Mr. Rowson kann den Mnnern auch heute
unmglich mehr begegnen, er hat ja eine ganz entgegengesetzte Richtung
eingeschlagen - geh hinaus an die frische Luft, dann wird Dir besser - Mr. Brown
begleitet Dich vielleicht und fhrt Dich ein wenig spazieren. Sieh, Du hast
wirklich Fieber - wie erhitzt Du nun auf einmal wieder aussiehst - komm, komm -
schm' Dich doch, so ein groes Mdchen und weint.
    Marion hatte bei den letzten Worten ihr Gesicht an der Mutter Brust
verborgen und schluchzte laut. Nicht wahr, Mr. Brown, Sie fhren das nrrische
Kind ein wenig in's Freie? Ich wollte wirklich, Mr. Rowson htte heute bei uns
bleiben knnen, aber freilich - der Dienst Gottes geht dem der Menschen vor.
    Brown war schon bei der ersten Andeutung, da seine Begleitung erwnscht
werde, aufgesprungen und nherte sich jetzt, etwas verlegen, der Tochter des
Hauses, ihr seinen Arm anzubieten.
    So, das ist recht, mein Kind, ermunterte sie die Mutter - das ist brav -
Kpfchen hoch - drauen wird Dir's besser werden, und laufen Sie tchtig, Mr.
Brown, da sie ordentlich in Bewegung kommt. Gott verzeih' es den bsen Leuten,
solchen Streit und Unfrieden in die ruhigen Huser seiner Diener zu tragen.
    Harper war indessen sehr nachdenklich geworden und starrte schweigend auf
das knisternde, nasse Holz hin, whrend Roberts, der ein Gesprch ber den
letzten Streit begonnen, durch seine gewhnliche Reihenfolge von Ideen in den
Revolutionskrieg gekommen war und eben eine Anekdote aus Washington's Leben
anfangen wollte, als die beiden jungen Leute das Haus verlieen und langsam und
schweigend den breiten, ausgehauenen Fahrweg hinwandelten, der den Flu hinauf
nach den oberen Ansiedelungen fhrte.
    Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, und der Schatten der riesengroen
Bume fiel ber den Weg hinber; Scharen von munteren Peroquets1 flatterten
kreischend von Baum zu Baum, graue Eichhrnchen sprangen in khnen Stzen ber
die Zweige hin oder kauerten knuppernd an irgend einer aufbewahrten Nu, deren
Schale dann raschelnd in das Laub herunterfiel. Vorsichtig den schnen Kopf
erhebend, schritt leise eine Hirschkuh mit dem jungen Kalbe ber den Weg, blieb
einen Augenblick, die breite Strae hinauf- und hinabschauend, stehen und
verschwand dann langsam im Dickicht, als ob sie wisse, es drohe ihr von den
Nahenden keine Gefahr. Stiller Friede lag auf der Landschaft, und majesttisch
rauschten die gewaltigen Wipfel der Kiefern und Eichen im darber
hinstreichenden Sdostwind.
    Wir sind Ihnen eigentlich recht groen Dank schuldig, Mr. Brown, brach
endlich Marion das peinlich werdende Schweigen. Sie nahmen sich so freundlich
und tapfer meines - des Mr. Rowson an und - setzten sich selbst so groer Gefahr
aus.
    Nicht so groer, als Sie vielleicht glauben, mein Frulein, erwiderte
Brown zgernd - der Bursche ist ein Feigling und suchte nur mit Mr. Rowson
Streit, weil er von diesem - weil dieser als Prediger nicht darauf eingehen
konnte.
    Sie wollten etwas Anderes sagen? Sprechen Sie es aus - Sie halten Mr.
Rowson fr feig?
    Er ist Prediger, Mi Roberts, und es wrde ihm einen gar schlechten Namen
in der Gemeinde machen, wollte er Hndel suchen.
    Nicht suchen, aber - es bleibt sich gleich - Sie nahmen sich seiner an - es
ist mir ein recht wohlthuendes Gefhl, da Sie so gut mit einander befreundet
sind. Wo haben Sie sich eigentlich kennen gelernt?
    Kennen gelernt? befreundet? Mi Roberts, ich kenne Mr. Rowson gar nicht -
wir haben heute die ersten Worte mit einander gewechselt.
    Und Sie setzten Ihr Leben fr ihn auf das Spiel? frug Marion schnell,
whrend sie erstaunt stehen blieb und dem jungen Mann in das groe blaue Auge
sah.
    Ich hrte, da - er - Ihnen verlobt sei - ich sah Sie erbleichen und - ich
bin etwas heftiger Gemthsart. Der Zorn bermannte mich selbst ber den rohen
Burschen; ich war wohl etwas rascher, als ich eigentlich htte sein sollen; aber
mein Gott, Mi Roberts - Sie werden wieder unwohl, wollen wir uns nicht einen
Augenblick auf diesen Stamm setzen?
    Marion lie sich von ihm zu einem der Bume fhren, die beim Aushauen der
Strae gefllt und auf die Seite gerollt waren, um dort im Lauf der Zeit
zerstrt zu werden. Wieder trat eine lange Pause ein, und Marion frug endlich
leise:
    Sie wollen uns verlassen, Mr. Brown? Vater sagte vorhin, da Sie in den
Freiheitskampf nach Texas zgen.
    Ja, Mi Roberts, es wird besser fr mich sein, wenn ich eine derartige
Beschftigung finde. - Ich mchte Manches vergessen, und dazu ist ein Kampf wohl
das passendste Mittel. Vielleicht kommt dann auch eine mitleidige - ich werde
wahrscheinlich einen Pferdehandel mit Ihrem Vater machen.
    Sie scheinen nicht glcklich zu sein, sagte leise das schne Mdchen,
indem es ernst und sinnend zu ihm aufsah. - Sie lebten lange in Kentucky?
    Ich verlie Kentucky mit leichtem Herzen!
    Und hat Arkansas Ihnen solchen Schmerz bereitet? Das ist nicht schn - ich
habe das Land bis jetzt so lieb gehabt. -
    Sie werden es auch lieb behalten. - In wenigen Wochen feiern Sie die
Verbindung mit dem Manne Ihrer Wahl, und mit dem Herzen, das man liebt, mu ja
die Wste zum Paradies werden, wie viel mehr denn der schne Wald, das
wunderliebliche Klima von Arkansas. - Ach, es giebt doch noch recht glckliche
Menschen auf der Erde!
    Und wen zhlen Sie dazu?
    Rowson! rief der junge Mann und erschrak dann selbst ber die Khnheit
dieses Wortes.
    Die Mosquitos sind recht arg auf dieser Stelle, sagte Marion, indem sie
schnell aufstand, lassen Sie uns weiter gehen, Mr. Brown. - Wir werden auch
bald wieder umkehren mssen - die Sonne steht nicht mehr hoch.
    Auf's Neue verfolgten sie schweigend eine Zeit lang ihren Weg.
    Sie wohnen mit Ihrem Onkel ganz allein, nicht wahr, Mr. Brown? frug
endlich Marion wieder nach langer Pause, Mutter sagte mir wenigstens so.
    Ja, mein Frulein - wir fhren eine Junggesellenwirtschaft; ein rauhes
Leben.
    Ihr Onkel ist gar ein wackerer Mann - immer heiter - immer zu einem Scherz
bereit; und hat dabei so etwas Ehrliches, Offenes im Blick - ich war ihm vom
ersten Augenblick an gut, wo ich ihn sah; - so ernst wie heute hab' ich ihn
brigens noch nie gesehen. - Aber auch Sie kommen mir heute recht ernst vor; die
bsen Menschen sind an dem Allen schuld.
    Mr. Rowson wird sich wohl hier in der Gegend ankaufen? Ich hrte, da Mr.
Roberts sagte, er erwartete erst einen Theil seines Vermgens.
    Ja - flsterte Marion - Vater wollte es so - Vater - war berhaupt gegen
diese Verbindung.
    Das ist nicht recht von Ihrem Vater, Mi - er darf dem Glck des eigenen
Kindes nicht im Wege stehen.
    Er behauptete aber, da ich nicht glcklich werden wrde, sagte Marion,
wehmthig lchelnd.
    Ist die Liebe nicht das grte Glck?
    Man sagt so.
    Man sagt so? Lieben Sie denn nicht Ihren Brutigam?
    Mutters ganzes Herz hing an dieser Verbindung. Durch den gottesfrchtigen
Wandel des frommen Mannes eingenommen, glaubte sie fr mich nicht besser sorgen
zu knnen, als wenn sie mich vermochte, ihm meine Hand zu reichen. Ich bekam
hier im Walde wohl manchen Mann zu sehen, aber keiner hatte Eindruck auf mich
gemacht. - Die wilden, rauhen Streifschtzen, die zgellosen Floleute - die
Otterfnger und selbst die ungebildeten Farmer, die sich hier in unserer Nhe
niederlieen, waren Alle nicht geeignet, mein Herz zu gewinnen. Mr. Rowson war
der Erste, der sich durch sein gesittetes, freundliches Betragen meine Achtung
erwarb. Er kam fter in diese Gegend, predigte hufig hier, und - Mutter lernte
ihn schtzen. - Sie selbst beredete ihn, sich unter uns niederzulassen und ein
Weib zu nehmen - er bat um meine Hand, und Mutter - sagte sie ihm zu.
    Ich hatte bis dahin nie an eine Verbindung mit ihm gedacht, fuhr Marion
nach einer Weile zgernd fort, immer mehr den vterlichen Freund, als den
mglichen Geliebten in ihm gesehen, und der Antrag berraschte mich. Dabei hatte
- Ihnen kann ich es vielleicht gestehen - sein Auge Etwas, das mir Grauen
einflte, wenn ich schnell und unerwartet zu ihm aufblicke; sah ich ihn aber
recht ernst und fest an, so lag wieder etwas so Mildes, Sanftes in den Zgen,
das mich endlich selbst fr ihn einnahm. Durch Mutters nicht endende
Vorstellungen getrieben, gab ich zuletzt mein Jawort. Aber Vater wollte nicht
einwilligen; er mochte den stillen, ruhigen Mann nicht leiden und hatte darber
mit Mutter ein paar recht ernste Auftritte. Aufrichtig gestanden, war es mir
ziemlich gleich, wer von ihnen Recht behielt, denn ich glaube wohl mit Mr.
Rowson glcklich, ohne ihn aber auch nicht unglcklich zu werden. Wie daher
Vater sich entschlo, der Mutter das Feld zu rumen, und nur noch darauf
bestand, da Mr. Rowson ein Eigenthum haben msse, welches ihm die Hoffnung
gebe, eine Frau zu ernhren, ohne blos auf das Predigen angewiesen zu sein,
versprach ich Mr. Rowson, - sein Weib zu werden. - Wie er uns nun heute sagte,
hat er die Hoffnung, in wenigen Wochen eine hinreichende Geldsumme zu erhalten,
um nicht allein das Land, auf dem er wohnt, zu kaufen, sondern sich auch noch
einen Anfang zur Viehzucht, wie alles brige nthige Ackergerth, anzuschaffen.
Dann steht der Erfllung seines Wunsches weiter nichts im Wege und ich - werde
die Seine.
    Marion sprach diese letzten Worte mit so leiser, zitternder Stimme, da
Brown unwillkrlich stehen blieb und zu ihr hinabsah - sie hatte den Kopf
abgewendet, und das Bonnet, das sie trug, verbarg ihm ihr Antlitz.
    Sie werden glcklich werden, flsterte er, und ein tiefer Seufzer entrang
sich seiner Brust.
    Wir mssen umkehren, Mr. Brown, sagte Marion nach einer kleinen Weile -
sehen Sie nur, die Wipfel der Bume rthen sich schon, die Sonne ist bald
unter, und in diesen dichten Wldern wird es gleich Nacht - Mutter mchte sich
ngstigen.
    Die beiden jungen Leute wandten sich stumm zum Heimweg, und Marion sprach
nach einigen Minuten lchelnd:
    Ich habe Ihnen jetzt meine ganze Lebensgeschichte in den wenigen Worten
erzhlt und dadurch erstaunlich viel Vertrauen bewiesen; Vertrauen aber, wie Mr.
Rowson sagt, erweckt Vertrauen, und es wre jetzt nicht mehr als recht und
billig, da ich ein Gleiches von Ihnen forderte. Das heit - wenn Sie keine
Geheimnisse zu bewahren haben, die ein geschwtziges Kind, wie ich bin,
natrlich nicht erfahren drfte.
    Mein Leben ist ziemlich einfach verflossen, erwiderte Brown - fast zu
einfach. Ich bin in Virginien geboren, doch zog mein Vater, als ich noch ein
Kind war, mit uns nach Kentucky, wo er mit Daniel Boon die ersten Ansiedlungen
grndete. Ich war kaum stark genug, die Bchse zu tragen, als ich schon mit
gegen die Indianer kmpfen mute, die uns damals Tag und Nacht beunruhigten.
Lange trotzten wir all' ihrer Hinterlist und Uebermacht, einmal aber doch, in
einer unglckseligen Nacht, hatten sie meinen Vater von unserer Wohnung
abgeschnitten, berfallen und erschlagen. Mit Tagesanbruch weckte uns ihr
Schlachtgeschrei und das Prasseln der Flammen, die unsere Blockhtte zerstrten.
Alle die Meinigen fielen unter dem Tomahawk der rothen Teufel, und nur wie durch
ein Wunder entging ich ihren Blickenund dadurch dem Scalpirmesser. Ich floh und
erreichte die nchste Ansiedlung. Von da an aber trieben wir kmpfend die Wilden
aus ihren Schlupfwinkeln und zwangen sie, uns in Frieden zu lassen. Es ist in
jenen Zeiten viel Blut - viel unschuldiges Blut vergossen, und ich wei noch
nicht, ob die weien Mnner damals ein Recht hatten, so hart und grausam von
Anfang an gegen die Eingeborenen aufzutreten. Freilich rchten sich die Wilden
dann auch wieder auf eine entsetzliche Art.
    Spter zog ich zu meinem Onkel nach Missouri, wo wir mehrere Jahre lebten
und dann von dem herrlichen Lande und dem gesunden Klima am Fourche la fave
hrten - wir beschlossen hierher auszuwandern. Onkel hatte mich nun immer
angetrieben zu heirathen, denn die Junggesellenwirthschaft, die wir fhrten, war
wohl Beiden schon zur Last geworden, nie aber fand ich ein Wesen, das dem
Begriff entsprach, die ich von meinem knftigen Weibe gebildet hatte. - Ich
konnte mich nicht entschlieen, eine Frau zu nehmen, ohne da ich mich von
meinem Herzen zu ihr hingezogen fhlte - ach, ich ahnte wohl die Liebe, aber ich
kannte sie noch nicht. Da ritt ich eines Abends spt - es war noch in Missouri -
durch eine Gegend, die mein Fu frher nicht betreten hatte, Wolken verhllten
den Himmel, ich verlor meine Richtung und kam an eine Htte, von der aus ich
zwar meinen Weg wiederfand, meine Ruhe aber und meinen Frieden auf ewig verlor -
    Ich sah ein Mdchen in dieser Htte - ich sah - doch wozu einen Engel
schildern, den ich nur finden mute, um die Gewiheit zu bekommen, da ich ihn
nie besitzen knnte. - Jenes Mdchen, Mi Roberts, war verlobt. Ich blieb
nachdem nur noch wenige Tage in Missouri und ging nach Texas - ging nach
Arkansas; daher mag denn wohl mein oft verstrtes Wesen kommen, was Sie, mein
Frulein, freundlich entschuldigen mssen. Es thut weh, wenn man einmal sein
Glck gefunden zu haben glaubt, und sieht es dann in Schaum und Nebelbilder
zerrinnen; ach und doch war es ein so schner Traum!
    Marion hatte den Kpfchen gesenkt, und heie Thrnen quollen unter den
langen seidenen Wimpern vor, aber Brown sah sie nicht, denn neben ihnen, im
dichten Gebsch von Sumach und Sassafras, rauschte und rasselte es, ein leiser
Tritt war im drren Moose gehrt, und in demselben Augenblick, als der junge
Mann, eine mgliche Gefahr befrchtend, still stand und mit der Hand nach der
Waffe fuhr, ffneten sich die dichten Zweige gerade vor ihnen, und ein
gewaltiger Panther trat in den Weg und schaute, keineswegs ngstlich, sondern
eher wild und frech zu den beiden Menschen empor, die es gewagt hatten, seine
Einsamkeit zu stren. Mit einem leisen Schrei warf sich das zum Tod erschreckte
Mdchen in die Arme Brown's, der es mit seiner Linken umfate, whrend die
Rechte das Terzerol aus der Tasche zog, das er schon einmal heut' auf den wilden
Kentuckier gerichtet hatte.
    Der Panther schwang indessen den langen Schweif halb zornig, halb spielend
in der Luft und schlug sich die Flanken damit, als ob er noch unschlssig sei,
was er thun solle - angreifen oder den Platz verlassen. Brown zielte ruhig auf
den Kopf des Thieres, das sich eben, fast wie zum Sprung, niederbog, und drckte
ab. Durch das Zittern des schnen Mdchens aber, das er in seinem Arm hielt,
vielleicht selbst durch die se Last zu aufgeregte, verfehlte er den Kopf, und
die Kugel fuhr ber der rechten Schulter der Bestie in die Weichen. Hochauf
sprang diese in peinlichem Schmerz, dann aber, als ob die unverhoffte Kugel jede
weitere Kampflust vernichtet htte, stie es einen scharfen, gellenden Schrei
aus und floh mit mchtigen Stzen in das Dickicht.
    Die Gefahr ist vorber, Mi Marion - wenn uns berhaupt eine Gefahr gedroht
- das Thier ist entflohen, sagte Brown leise, indem er die an seiner Brust
ruhende bebende Gestalt sanft zu heben versuchte, mein Schu hat es verscheucht
- Marion - was ist Ihnen - Marion, fassen Sie sich - um Gottes willen - Marion!
Die lang' verhaltenen Gefhle brachen sich aber jetzt mit Gewalt Bahn aus dem
bis zu diesem Augenblicke fest verwahrten Herzen. Schluchzend lehnte sie an der
Schulter des Geliebten und flsterte leise, aber in tiefem, bitterem Schmerz:
    Oh, ich bin recht - recht unglcklich!
    Marion - Sie tdten sich und mich! rief, von wildestem Seelenschmerz
erfllt, der junge Mann; oh, da die glcklichste Stunde meines Lebens auch die
sein mu, die mich mein ganzes Elend mit einem Blick berschauen lt! Ja,
Marion, ich liebe Dich, liebe Dich mit all' der Gluth eines Herzens, das auf
Erden weiter kein Glck kennt, als Dich zu besitzen, das nur in Dir den Stern
sieht, der seine knftige Lebensbahn erleuchten knnte, und nun verzweifelnd dem
letzten hellen Schein nachblickt, als er auf ewig am Horizonte seines
Glckshimmels verschwindet, um ihm nie wieder zu erstehen.
    Es ist Zeit, da wir scheiden, fuhr er mit leiser, unterdrckter Stimme
fort - ich darf nicht hier bleiben; meine Gegenwart wrde nur Unheil stiften,
nur Dich und mich elend machen. Morgen schon verlasse ich Arkansas, und im
wilden Schlachtenlrm will ich versuchen, das Andenken an Dich zu betuben. -
Vergessen, Marion - vergessen kann ich Dich nie! -
    Schluchzend lehnte das schne Mdchen an seiner Brust, und lange hielten
sich die Liebenden schweigend umfat. Brown fhrte sie endlich wieder auf
denselben Stamm, auf dem sie vorher gesessen hatten, und im tiefsten Schmerz
barg Marion das Engelsantlitz in ihren Hnden.
    Liebst Du den Mann, dem Du Dich zugesagt? frug Brown jetzt leise, indem er
ihre Hand ergriff und fanst zu sich herberzog - hast Du ihn je geliebt?
    Nie - nie! beteuerte Marion, die freie Hand auf das Herz pressend - ich
hatte keinen Willen, kannte Niemand, dem ich freundlicher gesinnt gewesen wre,
als ihm, weil meine Mutter mit wahrer Verehrung an ihm hing, und alle anderen
Leute sagten, da er ein braver, guter Mann sei. Ich glaubte, es wre Liebe, was
ich fr ihn empfand. Da kamen Sie, da sah ich Sie, sah Ihr freies, offenes
Benehmen, lernte Ihr redliches, treues Herz kennen und - wurde elend. In
Trauerbildern stieg meine Zukunft vor mir empor, ein Leben endlosen Jammers
breitete sich an der Seite des Mannes vor mir aus, den ich nun nicht mehr lieben
konnte, htte er sich auch nicht heute so feig und unmnnlich benommen; ein
dunkler Nebel umhllte alle meine Trume von Glck und Zufriedenheit, und mit
Ihnen - nimmt das lichte Leben von mir Abschied. - Aber es mu Abschied nehmen,
fuhr sie, sich sich eehebend, fort - selbst unser Zusammensein hier ist Snde.
- Ich bin dem fremden Manne verlobt - bin seine Braut - lassen Sie also dies das
letzte Mal sein, da wir uns sehen - es ist besser fr uns Beide. - Schonen Sie
meiner, ich bin ja nur ein schwaches Weib und mte dem Schmerz unterliegen.
    Sie haben Recht, Marion - wir mssen scheiden, ich bin das Ihrem Herzen,
Ihrer Ehre schuldig. Ich will Sie nur noch zurckgeleiten zu den Ihrigen, dann
kreuze ich Ihren Pfad nie mehr. - Aber ein Angedenken an diese Stunde lassen Sie
mich mit mir nehmen in meine trbe, freudlose Zukunft, gnnen Sie mir eine Locke
Ihres Haares, da das Auge einen Halt hat, an dem es hngen kann, wenn das Herz
fr Sie und Ihr Wohl Gebete zum Lenker unserer Schicksale hinaufsendet.
    Marion bog das liebe Haupt zu ihm hinber, und leicht trennte er mit dem
scharfen Jagdmesser eine kleine Locke von ihrer Stirn.
    Dank, mein Mdchen, flsterte er dann, Dank, heien Dank, und mge Dich
Rowson so glcklich machen, als Du es verdienst, und wenn Du zu Deinem Gott
flehst, so denke auch manchmal des armen Streifschtzen, der dann vielleicht
schon das Land der Freiheit, das jugendliche Texas, mit seinem warmen Herzblut
getrnkt hat. Lebe wohl und Gott schtze Dich!
    Er umschlang im heftigen Schmerz die Geliebte, und ihre Lippen begegneten
sich zum ersten Mal im langen, Abschiedsku; dann ri sich Marion aus seinem
Arm. Harper und Roberts begegneten ihnen gleich darauf; sie hatten den Schu
gehrt und gefrchtet, es knne ihnen etwas begegnet sein. Roberts nahm jetzt
seiner Tochter Arm, und Harper und Brown folgten ihnen in geringer Entfernung.
    Onkel, sagte Brown, nachdem sie eine Weile schweigend neben einander
hingeschritten waren, Onkel - ich reise morgen frh!
    Unsinn! rief Harper und blieb, seinem Neffen in's Auge sehend, erschreckt
stehen. Unsinn! sagte er dann noch einmal, aber mit ungewisser, nur noch halb
zweifelnder Stimme - und wohin willst Du?
    Nach Texas.
    Willst Deinen alten Onkel hier allein auf dem Trocknen sitzen lassen? ist
das recht?
    Ich mu fort, Onkel!
    Du mut? und wer zwingt Dich? Brown schwieg und wandte sein Gesicht ab,
drckte aber krampfhaft des alten Mannes Hand.
    Und da soll ich wirklich hier zurckbleiben, trbselig und einsam in meiner
Htte? Bill, das ist hart - das ist nicht halb recht von Dir. Ich werde Dich
enterben, Bill! fuhr er nach einigen Secunden wehmthig lchelnd fort - ich
enterbe Dich wahrhaftig!
    Brown ergriff seine Hand und schaute ihm mit von Thrnen verdunkelten
Blicken in's Auge. - Der alte Mann war arm, und Alles, was Beide jetzt an Land,
Vieh und Geld vereint besaen, gehrte eigentlich dem Neffen an.
    Haben Sie keine Angst, Onkel - Ihr Alter ist gesichert; Sie wissen ja, da
ich vor acht Tagen einen Brief von meinem Advocaten aus Cincinnati erhielt. -
Mein Proce ist gewonnen, und die Auszahlung der Gelder kann nicht mehr lange
dauern; heute Abend noch schreibe ich an Wolfey und gebe ihm den Auftrag, Alles
an Ihre Adresse zu befrdern. - Sie werden es dann verwalten, bis ich
zurckkehre, und - kehr' ich nicht zurck - nun - doch darber sprechen wir
noch. Ich will morgen frh an den Petite-Jeanne und von da nach Morrisons Bluff
am Arkansas hinber, wo ich Geschfte zu besorgen habe. In acht Tagen komm' ich
dann auf meinem Wege nach Texas noch einmal an Ihrem Hause vorbei. Unter der
Zeit erhandeln Sie den Fuchs fr mich von Mr. Roberts. -
    Hallo da! rief Roberts jetzt vom Hause aus, das er mit seiner Tochter
indessen erreicht hatte - hallo da! - Ihr geht ja, als ob Ihr Blei an den
Sohlen httet - kommt, Brown - das Abendessen ist fertig.
    Und Du willst wirklich fort?
    In diesem Augenblicke brech' ich auf - ich mu noch den Brief schreiben und
Kugeln gieen, auch etwas Brot backen, um einige Provisionen mitnehmen zu
knnen.
    Und kommst Du aber auch gewi in acht Tagen wieder hier vorbei?
    Hier meine Hand darauf - ich mu ja auch das Pferd abholen; bis dahin -
leben Sie wohl, Onkel, in acht Tagen bin ich sicher wieder da. - Sagen Sie aber
Roberts nichts davon, da Sie mich zurck erwarten - ich - ich knnte dann keine
Zeit haben, ihn zu besuchen, und er mchte das bel nehmen.
    Heda, Brown! - Was will denn Brown im Stalle, Harper? fragte Roberts, als
dieser allein zum Hause kam, das Essen wird kalt - meine Alte hat schon
gebrummt.
    Er will fort, meinte Harper traurig, wei der liebe Gott, was ihm in den
Schdel gefahren ist.
    Fort? Heut abend? riefen Mr. und Mrs. Roberts - aber weshalb denn?
    Er hat Geschfte morgen am Petite-Jeanne und mu erst noch vorher nach
Hause. Da wrd' es zu spt werden, wenn er heute Nacht hier bliebe.
    Sonderbar, da ihm das so auf einmal eingefallen ist, sagte Mrs. Roberts -
heute Nachmittag war er doch ganz damit einverstanden, den Abend hier
zuzubringen.
    Er hat mit mir schon unterwegs davon geredet, sagte Marion, whrend sie
sich abwandte, ihr Bonnet abzulegen, und da es ihm leid sei, nicht bei uns
bleiben zu knnen. Er mu wohl dringende Geschfte haben.
    Ja, und ich will ihn lieber begleiten, warf Harper ein, wir haben keine
Kchin weiter zu Hause, als mich, und da mu ich doch fr Proviant sorgen. - Es
knnte sein, da er einige Tage wegbleibt.
    Aber, Mr. Harper! rief Mrs. Roberts halb beleidigt - ich begreife Sie
Beide gar nicht - das Abendbrot ist angerichtet. - So essen Sie nur wenigstens
erst einen Bissen!
    Danke schn, Mrs. Roberts - danke schn - morgen frh, wenn Sie nichts
dagegen haben, lad' ich mich zum Frhstck ein, denn die Jagd mach' ich mit,
Roberts. - Jim, bring mir mein Pferd auch - aber schnell, unterbrach er sich
dabei, whrend er einem kleinen Neger den Befehl gab. Also um sechs Uhr bin ich
hier - soll ich den Indianer mitbringen?
    Der kann uns beim Aufsuchen der Schweine von wesentlichem Nutzen sein,
meinte Roberts.
    Aber, Mr. Harper - nur eine Tasse Kaffee, ehe Sie gehen. - Sie haben doch
nichts Warmes, wenn Sie nach Hause kommen.
    Das ist eine unbestrittene Wahrheit, Mrs. Roberts, erwiderte der alte
Mann, whrend er zum Tische trat und die dargebotene Schale heien Kaffees
leerte, leider wahr - 's ist ein elendes Leben, so eine Junggesellenwirthschaft
- ich denke, ich heirathe!
    Hahaha! lachte Roberts, das ist ein gescheidter Einfall. Reitet hier in
der Nachbarschaft herum und macht den Mdchen den Hof. Dazu mt Ihr aber den
neuen hellblauen Frack anziehen, den Euch der Schneider in Little Rock gemacht
hat, wie? Ihr habt mir noch nicht einmal gesagt, was er kostet. Ja, die
Schneider sind merkwrdig theuer in Little Rock. Neulich, wie ich unten war -
    Gute Nacht, Mr. Roberts - gute Nacht, Ladies! rief Brown's vor dem Hause,
wo er mit dem Pferd hielt.
    Aber, Mr. Brown - so kommen Sie wenigstens einen Augenblick herein und
trinken Sie eine Tasse Kaffee - Ihr Onkel -
    Danke herzlich, Madame - habe gar keinen Durst - gute Nacht nochmals zu
Allen!
    Halt da, Bursche - ich komme mit, rief Harper.
    Sie, Onkel?
    Ja wohl - da ist schon das Pferd. - Nun also morgen frh, und, Roberts,
nehmt nicht etwa wieder die kleingebohrte Bchse mit, giet lieber heut Abend
Kugeln zu der andern - 's ist elendes Schieen mit einem so erbrmlichen kleinen
Blei - gute Nacht zu Allen denn, fuhr er fort, als er aufstieg und sich im
Sattel zurechtsetzte - gute Nacht!
    Mr. und Mrs. Roberts standen in der Thr - hinter ihnen Marion.
    Gute Nacht! rief Brown noch einmal und schwenkte den Hut - noch einmal sah
er die Gestalt der Geliebten - er wute, ihr Auge ruhte auf ihm; zum letzten Mal
rief er den Gru hinber und stie dann dem treuen Thier den Hacken so wild in
die Seite, da dieses mit jhem Seitensprung in die Hhe fuhr und in wenigen
tollen Stzen aus dem Lichtkreise verschwand, der aus der offenen Thr des
Hauses strmte.
    Halt da! rief Harper dem Neffen zu - bist Du toll - willst Du Hals und
Beine brechen? - Hbsch langsam, wenn ich Schritt halten soll - toller Bursche,
das - wahnsinniger Bursche, das - und noch lange hrten sie den alten Mann
schimpfen und raisonieren, wie er sein Pferd antrieb, um das uurch den Sporn
erschreckte, unruhig tanzende Thier seines Neffen wieder einzuholen.
    Wunderbar! sagte Mrs. Roberts, als sie sich zum Abendessen mit ihrem Mann
und ihrer Tochter niedersetzte - - wunderbar! - das war doch ein ganz
absonderliches Betragen von den Beiden - htten den heiligen Sabbath auf eine
wrdigere Weise beschlieen knnen, als heim zu reiten und -
    Thorheit, Alte! unterbrach sie Roberts - dem Jungen, dem Brown, geht die
Geschichte mit dem Lump, dem Heathcott, noch im Kopf herum; kann's ihm nicht
verdenken. Der Bube drohte sehr unzweideutig, ihn ber den Haufen zu schieen,
wo er ihn finden wrde, und er ist schlecht genug dazu, in dieser Hinsicht sein
Wort zu halten.
    Glauben Sie wirklich, Vater? - frug Marion leichenbla werdend.
    Nun, der Junge wird schon seinen Mann stehen, fuhr der Alte fort - ein
tchtiger, braver Bursche ist's - hat das Herz auf dem rechten Flecke. Seit der
Zeit, wo er mit seinem Onkel herkam - das sind nun jetzt etwa sechs Wochen;
nicht wahr? Ich dchte, ich htte damals gerade das neue Stck Land eingefenzt,
wo uns noch das eine Stck wieder abbrannte. Ja, die Tagelhner soll der Henker
holen, und wenn es aus einem fremden Sckel geht -
    Trinkst Du noch eine Tasse Kaffee, Roberts? frug sein Weib.
    Nein, danke schn.
    Nun, dann wollen wir unser Abendgebet halten, sagte die Matrone und holte
vom kleinen Gesims die sorgsam aufbewahrte heilige Schrift herunter.
    Oh, mit welcher Andacht betete an diesem Abend das arme unglckliche
Mdchen; wie hei erflehte sie von dem Allerbarmer Glck und Ruhe fr den
Geliebten! Und als sie endlich ihr Lager suchte, netzte sie mit unzhligen
Thrnen das schneeweie Kissen und schlief, wie ein vom Weinen ermdetes Kind,
mit gefalteten Hnden und den Namen des theuern Mannes auf den Lippen, ein.

                                    Funoten


1 Eine Art von Papageien.


                                       6.

       Die Brenhetze. - Der sonderbare Fund. - Des Indianers Scharfsinn.

Der nchste Morgen brach klar und hell herein. Im Osten stahl sich der erste
lichte Schein ber die Berge; der Whip-poor-will schrie noch seine wehmthig
monotone Weise - die Eulen riefen aus dem dichten Oberholz der Niederungen, und
hier und da antwortete ihnen das erboste Kollern eines balzenden Truthahns. In
den Bschen wurden die kleineren Singvgel munter, und weit im Walde drinnen
krhte auf einem einsam liegenden Farmhof ein wackerer Haushahn sein gellendes
Morgenlied in die frische, erquickende Morgenluft hinaus. Thau war reichlich
gefallen, an jedem Grashalm hing eine Reihe klarer Krystalle, und von den
Zweigen fielen die groen hellen Tropfen tnend auf das feuchte Laub nieder.
Dabei dufteten Blumen und Blthen so wonning erquickende Wohlgerche aus, da
die Brust sich freier hob und mit Entzcken den balsamischen Wohlgeruch einsog.
    Zwei Reiter ritten langsam auf der Countystrae hin. - Es waren Harper und
Brown, Beide heute in der Tracht der westlichen Jger: ledernes Jagdhemd,
Leggins und Moccasins, gekleidet mit Bchsen auf den Schultern und ihre breiten
Jagdmesser an der Seite. Brown hatte seinem Onkel Alles gestanden; es wrde ihm
das Herz abgedrckt haben, htte er es dem vterlichen Freunde verschweigen
sollen, und ohne ein Wort zu wechseln, waren Beide, Jeder mit seinen eigenen
ernsten Gedanken beschftigt, bis nahe zu der Salzlecke gekommen, wo Harper am
vorigen Tage den Hirsch fing. Von dort aus zog sich ein kleiner Seitenpfad
rechts ber den Gebirgsrcken nach dem Zypressenflu und dem Petite-Jeanne
hinber, und Brown hielt hier, um von seinem Onkel Abschied zu nehmen.
    Nun lebe wohl, mein Junge! sagte dieser endlich, nachdem sie sich die
Hnde herzlich geschttelt hatten, besorg' Deine Geschfte und kehre dann mit
heiterem Sinn zurck. Du wirst das Mdchen schon vergessen lernen. - Nun ja, ich
glaub' Dir's, es wird schwer halten, aber, Du lieber Gott, man vergit ja so
Vieles. Ich knnte Dir darber auch eine recht traurige Geschichte erzhlen,
doch sind wir Beide schon verstimmt genug ohne ein zweites Jammerlied. Ich
besorge Dir indessen hier alles das, was Du besorgt haben willst: den Fuchs
werde ich kaufen, die Decken will ich Dir bermorgen selbst von Little Rock
holen, oder doch durch sichere Hand beschaffen lassen, die Kugeltasche sollst Du
auch bekommen, und Alapaha mu bis dahin die Felle zum neuen Jagd hemd fertig
gegerbt haben. Es hat ja bis jetzt auch nur an Hirschgehirn gefehlt, sie fertig
zu machen, und vier Hirsche werden wir doch wohl noch zusammenschieen. - Also -
behte Dich Gott, mein Junge - komm bald wieder und hab' wohl Acht auf Dich, und
kommst Du den Regulatoren in den Weg - die Kerle sind dahinauf geritten - so
fange keinen neuen Streit mit ihnen an. - Es nutzt nichts, und Du hast keine
Ehre davon.
    Haben Sie keine Angst, Onkel - der Bursche geht mir schon aus dem Wege, und
drngt er sich mir wirklich entgegen, nun so werde ich mir sicherlich Raum zu
verschaffen wissen. Doch jetzt ade - sollte in meiner Abwesenheit das Geld von
Cincinnati kommen, wohl - Sie wissen, was Sie damit zu thun haben - ade. - In
acht Tagen bin ich wieder da und - nicht wahr? einen Gru bestellen Sie noch an
Marion - den letzten Abschiedsgru - dann will ich mich daran gewhnen, sie zu
vergessen. Good bye, Onkel, wenn wir uns wiedersehen, hoff' ich, da wir Beide
die alte frhliche Laune wiedergewonnen haben.
    Die Mnner schieden, und Harper hielt noch so lange auf der Strae, bis die
schlanke Gestalt seines Neffen, auf dem kleinen rauhhaarigen Pony, hinter dem
scharfkantigen Bergrcken verschwunden war. Dann verfolgte er, bedeutend mit dem
Kopfe schttelnd, seinen Weg wieder, pfiff aber auf eine entsetzlich scharfe und
gellende Weise ein altes Lied, ohne dabei eine Idee von Takt oder Tonart zu
beachten. Nur seine Gesichtsmuskeln arbeiteten gewaltig, und es war
augenscheinlich, da der arme alte Mann den Schmerz ber das Unglck und der
Verlust seines Nessen verbeien wollte. Bald darauf erreichte er Roberts' Haus
wieder.
    Hier herrschte jedoch ein regeres Leben; noch zwei Jger aus der
Nachbarschaft waren eingetroffen, und Harper wurde mit einem lauten Hallo
begrt. Die Mnner jubelten, die Hunde heulten, die Gnse und Enten
schnatterten, und es war ein Spectakel, da der alte Haushahn erschrocken auf
das Dach flatterte und, hchst verwundert den Kopf wendend, auf die Lrmenden
niederblickte.
    Das Frhstck stand bereit - heier Kaffee mit guter Sahne und braunem
Zucker, gebratener Speck und Brenrippen - etwas Hirschfleisch, saure Gurken,
Honig und Butter. Die Mnner lieen sich auch nicht lange nthigen, und bald
verriethen die geleerten Schsseln, wie gut es ihnen geschmeckt hatte. Jeder
hing dann seine Kugeltasche um, nahm die Bchse und bestieg sein vor der Thr
harrende, oder vom Neger gehaltene Pferd; Harper nur trat noch, ehe er den
Uebrigen folgte, zu Marion hin, die sinnend am Kamin sa, und drckte schweigend
ihre Hand. Das Jungfrau blickte erschrocken zu ihm auf, als sie aber seinem
Blick begegnete, las sie in diesem den Abschiedsgru des Geliebten, und tief
aufseufzend barg sie das Antlitz in der linken Hand. In der nchsten Minute
waren die Jger beritten. Der Ton des an Roberts' Seite hngenden kleinen Hornes
brachte die Hunde alle zur Stelle, die heulend und winselnd an den Pferden
emporsprangen, und fort ging's mit dem frhlichen Jagdgeschrei, hinein in den
grnen blhenden, den wunderherrlichen Wald.
    Harper's Trauer schwand jedoch in dem Augenblick, wo sein Pferd den dunklen
Schatten der Bume betrat; er war nur noch Jger, und ein Jger in Arkansas hat
nicht Zeit fr Sorge, Noth und Kummer. Wenn ihn die grne Waldesheimath umfngt;
wenn das Ro selbst, das ihn trgt, wiehernd wie in toller, freudiger Lust
freiwillig ber Bche und umliegende Stmme hinwegsetzt; wenn die Hunde in
wilder Hast nach der warmen Fhrte des Bren oder Panther zu suchen anfangen,
spielend manchmal hinter einem aufgescheuchten flatternden Volk Truthhner
hersetzen, oder heulend mit strubendem Haar neben den Spuren des Wolfes stehen
bleiben; wenn der Thau von den duftenden Bschen die heie Wange netzt; wenn
endlich die Meute mit wildem Gebell dem aufgescheuchten Wilde folgt und, ihr
nach, die Jagd in wildem Toben rast: wer denkt da noch an Schmerz oder Gram, wen
drcken da noch qulende Sorgen? Vorwrts! heit sein einziges Gefhl -
vorwrts! ist der alleinzige Gedanke, dessen er sich bewut ist. - Ach, es ist
ein wonniges Leben im freien, grnen Walde!
    Die Jger schlugen sich rechts ber den Bergrcken, der die Wasser des
Fourche la fave von denen der Cypres trennt, ritten in diesem kleinen Flchen
bis zu seiner Quelle stromaufwrts und folgten dann dem Bergrcken, den
Petite-Jeanne hinauf, bis sie auch zu diesem niederstiegen und jetzt die
Niederung, das breite, fruchtbare Thal dieses Flusses betranen.
    Wo nur der Indianer stecken mag, Harper? frug Roberts endlich - wie Ihr
sagtet, wollte er uns doch am Petite-Jeanne treffen?
    Wei der liebe Gott, wo sich der Bursche herumtreibt. Na, unsere Fhrten
sind breit genug, denen kann er folgen - aber, Curtis - was hat Eddy dort? Seht
einmal, wie sie mit dem Schwanze wedelt. - Wenn nur Poppy hier wre - die
verwnschten Kter treiben sich auf der falschen Fhrte umher.
    Roberts sprang bei diesen Worten vom Pferd und eilte zu dem Platz, wo Eddy,
ein junge Hndin, augenscheinlich mit der sehr interessanten Besichtigung einer
noch frischen Fhrte beschftigt war. Ein Br hatte an diesem Morgen seinen Weg
hier vorbei nach dem etwa zwei Meilen entfernten Flusse zu genommen und mochte
an dieser Stelle wahrscheinlich eine kurze Zeit gesessen haben, denn der Hund
lie sich gar nicht wieder von der Stelle fortbringen.
    Pest und Donner! rief Curtis, der jetzt ebenfalls vom Pferde gestiegen
war, das mu ein derber Bursche sein, und scheint auch gar nicht so leicht -
seht nur, wie er die Ballen eingepret hat. Und hier - das hier ist gar keine
Brenfhrte - da ist ein Mann gegangen - vielleicht der Indianer - und da noch
einer; Assowaum konnte das nicht sein. Wo zum Henker stecken nur die Hunde? Der
Br ist schwerlich schon ber den Flu gegangen - blast einmal das Horn,
Roberts.
    Dieser blies ein paar laute, schrille Tne auf dem einfachen Instrumente,
und nicht lange whrte es, bis er ein Keuchen in den Bschen, zu gleicher Zeit
ein Rascheln hrte, und gleich darauf sprang das Poppy, wie es der alte Jger
nannte, auf den kleinen freien Platz, an dessen Rande die Mnner hielten. Ihm
folgten bald die brigen Hunde, denn Poppy war der Leiter der Meute, und
winselnd fuhren sie auf dem Platze umher, wo sie die Spuren ihres Feindes
witterten. Da kam ein junger Brake auf die warme Spur, stie ein scharfes Geheul
aus und scho wie ein Pfeil auf der Rckfhrte in den Wald hinein, den Hgeln
zu; Poppy, zum ersten Male seit langen Jahren irre geleitet, lie sich anfhren,
sprte ebenfalls die warmen Zeichen und flog dem jngeren Hunde nach. Die
anderen waren natrlich jetzt nicht zu halten, und mit wildem Toben verschwanden
sie bald in dem Dickicht, das sich mehrere hundert Schritt breit am Fue der
Hgel hinzog.
    Vergebens schrie Roberts und stie abwechselnd in sein Horn, da es ihm die
Halsadern zu zersprengen drohte; vergebens vereinigten die anderen Jger ihr
Geschrei mit dem seinigen, die Meute hrte es nicht.
    Giftpilze und Klapperschlangen, rief der alte Roberts jetzt wthend, indem
er seine Jagdmtze mit wildem Ingrimm auf die Erde schleuderte, hol' der Teufel
die Canaillen, rennen sie auf der Rckfhrte fort - nein, so 'was ist noch gar
nicht dagewesen. Nun knnen wir uns mit unserer Jagd abmalen lassen!
    Was den verrckten Hunden nur einfiel? brummte Curtis.
    Das rothe Vieh war dran schuld, sagte der andere Jger, ein Krmer aus den
stlichen Staaten, der gerade bei Curtis angekommen war und gern einmal eine
ordentliche Jagd in Arkansas mitmachen wollte - das rothe Vieh kratzte zuerst
wieder nach den Bergen zu aus.
    Das rothe Vieh! rief Roberts in hchsten Unmuth, war Curtis' Hund - die
Canaille hat nicht mehr Begriff von einer Brenfhrte, wie ein Schaf von
Cherokesischen. - Curtis - wenn der Hund mein wre, schss' ich ihn, wei es
Gott, ber den Haufen.
    
    Na, ich wnschte mir weiter nichts, als da Mrs. Roberts und Mr. Rowson
Euer Beten hier mit anhrten! lachte Harper.
    Mr. Rowson soll sich um seine eigenen Geschfte kmmern, ich wrde mich
auch nicht besonders geniren, wenn er da wre -
    Auch nicht vor Mrs. Roberts?
    Die kommt nicht an den Petite-Jeanne-Sumpf. - Es ist aber wahr, jetzt
stehen wir hier wie ein Br im Pflaumengarten und wissen nicht, nach welcher
Seite wir zuerst hinsollen. Da die Hunde nicht vor drei, vier Stunden
wiederkommen, darauf knnt Ihr Euch verlassen, und nachher sind sie mde wie -
wie die Hunde.
    Euer Poppy war aber doch auch dumm genug, zu folgen, rief Curtis, selber
rgerlich.
    Nun ja - weil eine solche Bestie vornweg Bahn bricht und einen Spectakel
macht, als ob sie Gott wei was gefunden htte! Na, freu' dich, Poppy - die
Schlge!
    Bst! rief Harper pltzlich, indem er seinen linken Arm schnell vorstreckte
und die rechte Hand, whrend er die Bchse vor sich auf den Sattelknopf legte,
trichterfrmig an das Ohr hielt. - Bst - ich hrte etwas, das nicht wie
Hundebellen tnte - ha - da noch einmal - das ist Assowaum, und jetzt wollt' ich
meinen Hals darauf verwetten, er hat die Canaillen umgedreht. - Blast, Roberts -
blast - er wei noch nicht recht, wo wir eigentlich sind.
    Roberts lie wiederum sein Horn schallen, und deutlich wurde der Ton jetzt
durch einen langgezogenen Schrei beantwortet, der von dem nicht fernen
Bergrcken herunter zu kommen schien.
    Hurrah - das war Assowaum's Stimme, und wenn der den Hunden begegnet ist,
so bringt er sie auch wieder mit zurck - Poppy kennt ihn zu gut.
    Harper hatte Recht gehabt, nach einer kurzen Viertelstunde erschien der
Indianer und vor ihm her, immer noch suchend, die Meute; Poppy brachte er jedoch
an einem dnnen Lasso aus gedrehtem Lederriemen gefhrt.
    Hallo, Rothhaut, wo hast Du die Hunde gefunden? rief ihm Roberts freudig
entgegen.
    Ueber den Berg kam ein groer Br, sagte der Indianer - tiefe Fhrten und
nicht hungrig; keinen Stein hat er unterwegs aufgehoben, um nach Wrmern zu
sehen, kein faules Holz umgedreht oder zerkratzt; seine Spur fhrte gerade dem
Flu zu. Im Rohrdickicht dort ist ein ruhiges Lager und nicht viel Mosquitos.
Assowaum kennt die Stelle.
    Aber wie kamst Du zu den Hunden?
    Wenn Assowaum die Fhrte eines Bren findet, so wei er auch, auf welcher
Seite er die Nase trgt; Poppy begegnete mir, und als er an mir heraufsprang,
hielt ich ihn fest; wenn die Bienen schwrmen, so folgen sie immer einer, der
grten, der gescheidtesten - so machen's die Hunde, wenn der Fhrer die Fhrte
verlt, halten sie auch die anderen nicht lange mehr warm. Assowaum hat manches
Stck Hirschfleisch in der Htte - sie kennen ihn - Wah! - und er breitete
seinen Arm aus und zeigte ringsherum auf die Meute, die sich jetzt, einige junge
Thiere ausgenommen, um die Jger versammelt hatte.
    Capitaler Bursche, der Assowaum, sagte Harper, sich vergngt die Hnde
reibend, capitaler Bursche. Jetzt die Kter auf die rechte Fhrte gebracht, und
wie ein Blitz -
    Laufen sie wieder nach den Bergen zurck, - sagte Assowaum; nein - ich
fhre Poppy - die anderen folgen - haben wir sie erst im Gange, nachher
verlassen sie die rechte Richtung nicht mehr.
    Der Rath des Indianers wurde augenblicklich angenommen, und schon nach
wenigen Schritten schien Poppy wollkommen begriffen zu haben, da er vor kurzer
Zeit einen sehr dummen Streich gemacht, denn er lie den Schwanz hngen und
schaute trbselig zu seinem Fhrer empor. Dieser traute ihm jedoch noch immer
nicht, bis er ihm wohl zweihundert Schritt auf der Fhrte gefolgt war und nun
sah, da er ihn kaum mehr an der Schnur halten konnte. Da lie er ihn los, und
von seinem wilden Jagdschrei, der gellend durch den Wald hin schallte,
angefeuert, fuhr das groe, schne Thier mit Winseln und Heulen der Spur nach
und verschwand bald, von der laut klaffenden Meute gefolgt, im Dickicht.
    Jetzt heit's auf den Pferden sitzen geblieben, rief der alte Roberts, der
in diesem Augenblick um zwanzig Jahre verjngt schien, hussa! Poppy ahuh - pih
! Und er stie die letzte Silbe mit solcher Kraft hervor, da selbst die
Pferde, von der Jagdlust angesteckt, hoch aufsprangen und dem Rufe Folge
leisteten.
    Durch Dickicht und Sumpf, ber Bume und Lachen hinweg, in Stellen hinein,
wo der ganze Wald nur durch ein einziges Gewebe von dorningen Schlingpflanzen
verbunden schien, bis an das Rohrdickicht, das den Flu in etwa dreihundert
Schritt Weite umgab, ging die Jagd. Bis hierher hatten sich auch Alle ziemlich
gut im Sattel gehalten, nur der Krmer ausgenommen, der gleich nach dem ersten
Eintritt in die Greenbriars1 von einem dieser oder einer Weinrebe abgestreifet
war. Wenigstens rief sein klgliches Schreien die Jger mit solcher
herzzerreienden Wehmuth zurck, da Harper wirklich im ersten Augenblick seinem
Pferd in die Zgel griff. Es war aber auch wirklich nur einen Augenblick, denn
im nchsten Moment fhlte das treue Thier schon wieder den Hacken. Das wre kein
Arkansas-Jger, der auf einer warmen Brenfhrte neben einem gestrzten
Kameraden bliebe.
    Am Rand des Rohrdickichts muten jedoch auch die Anderen von den Pferden,
und diese ihrem Schicksal berlassend, sprangen sie mit einem Satz aus dem
Sattel und brachen sich durch das tolle Gewirr von Schlingpflanzen und Rohr, das
an manchen Orten wirkliche Wnde bildete und erst mit dem Messer durchhauen sein
wollte, Bahn. Wohl hatten aber auch die Jger Ursache, so schnell wie mglich
vorzudringen, denn mitten im Dickicht und gar nicht mehr weit von ihnen
entfernt, erhob sich jetzt der frchterlichste Lrm, der sich nur in einem
Rohrbruch denken lt. Die Hunde heulten und bellten, das drre Rohr krachte,
das Laub raschelte, und die Mnner schrieen, um die Kmpfenden noch mehr
anzufeuern, da man eben so gut htte glauben knnen, ein Hurricane kme durch
den Wald gebraust, oder der wilde Jger gbe mit seiner gespenstischen Meute im
Urwald von Amerika Gastrollen.
    Der Br war gestellt, die Hunde hatten ihn im Lager berrascht, wo er sich
wahrscheinlich erst vor kurzer Zeit niedergelassen, und so spt mute er
aufgestiegen sein, da ihm die vordersten, Poppy und Eddy, schon dicht auf den
Haken waren, ehe er sich vom ersten Schrecken erholen konnte.
    Eddy war nur ein Hound2 und auf einer Fhrte ausgezeichnet, beim
wirklichen Kampf aber nicht viel werth, Poppy dagegen - eher etwas
schwerflliger gebaut - kannte keine grere Wonne, als einen Bren bei den
Keulen zu nehmen, denn sehr vorsichtiger Weise machte er sich nahe den
Vordertatzen desselben selten viel zu schaffen. Als sich Ptz daher mit wildem
Sprunge, die Nase dicht am Boden, damit er unter all' den Schlinggewchsen
wegschlpfen konnte, empfehlen wollte, hatte ihn Poppy, ehe er sich's versah, am
Fell und packte ihn so derb, da er sich brummend wandte um den Zudringlichen
mit krftiger Klaue zurckzuweisen. Hierauf wartete Poppy aber keineswegs.
Sobald er nur sah, da der Br hielt, war sein Zweck erreicht, denn mit
Blitzesschnelle flog er zur Seite und entging dadurch dem gefhrlichen Schlage;
er wiederholte aber das Spiel von Neuem, sobald der Verfolgte ihm wieder die
Kehrseite zuwandte. Lange htte er ihn freilich nicht auf diese Art halten
knnen, aber jetzt kamen auch die brigen Hunde herbeigestrmt, und nun mute
Ptz ernstlich an Fersengeld denken, wollte er nicht die Hetze mit seinem Pelze
bezahlen.
    Er floh also dem nicht mehr sehr fernen Flusse zu, nach welcher Richtung hin
das Dickicht auch am undurchdringlichsten war; doch immer wieder warf sich ihm
die Meute entgegen, die ihn wie rasend umschwrmte, von der aber nur der
kleinste Theil sich nher heranwagte. Endlich sah er sich genthigt, einen
offenen Theil des Waldes zu whlen und den Strom hinab eine seichte Slew3 zu
benutzen, deren etwas steile Ufer die Hunde verhinderten, ihm zu nahen. Im Fall
eines Angriffs htten sie ihm nicht ausweichen knnen. Hierdurch erwehrte er
sich zwar eine Zeit lang der Zhne seiner Verfolger, die Jger bekamen aber auch
zugleich Gelegenheit, ihm den Weg abzuschneiden, da sie am Geheul der Meute
augenblicklich merkten, wohin sich die Jagd wandte. Als der Br daher,
keineswegs in der besten Laune, eben wieder links abspringen wollte, um einen
zweiten Versuch zu machen, zum Flu zu kommen, brach Roberts dicht neben ihm aus
dem Dickicht, legte an und feuerte. In demselben Augenblick krachte eine zweite
Bchse, und Curtis' Kugel sauste nach der Bestie hinber. Obgleich brigens
beide Kugeln saen, so schienen sie doch wenig Wirkung auf den Bren zu haben,
der nur einmal hoch aufsprang und ein schwaches Gesthn, das fast wie ein
Seufzer klang, ausstie, dann aber mit gewaltigem Satz den Rand der Slew
erreichte, hier den Rden, der sich ihm entgegenwarf, mit einem Schlage seiner
frchterlichen Tatze zu Boden streckte und dem Flusse zu floh.
    Roberts hatte unterdessen seine Zeit ebenfalls genutzt; mit einem Sprunge,
der einem Panther Ehre gemacht haben wrde, setzte er ber die Slew und war mit
seinem Messer dicht hinter der Bestie, als sie den Rand des Flusses erreichte.
Hier krachte eine dritte Bchse, und in demselben Augenblick erreichte auch
Roberts das tdlich verwundeten Thier und stie ihm den breiten Stahl in die
Flanke. In der Hitze des Nachsetzens hatte er aber den Ort nicht beobachtet, wo
er sich befand. Der Br fuhr noch mit letzter Kraftanstrengung, im Todeskampf in
die Hhe, wehrte nicht einmal die beiden Hunden Poppy und Watch (Harper's Hund),
die sich auf ihn warfen, sondern sprang die steile Uferbank hinab in den Flu,
und Br, Roberts, Poppy und Watch verschwanden gleichzeitig in der ber ihnen
zusammenschlagenden, trben Petite-Jeanne.
    Wah! sagte Assowaum lachend, als er, sich mit der Linken an einem jungen
Stamme festhaltend, ber den Uferrand hinabschaute, der weie Mann hlt
merkwrdig fest. Ehe jedoch einer der brigen Jger den Kampfplatz erreichen
konnte, tauchten die Untergesunkenen wieder empor, und Roberts, keineswegs durch
den freilich etwas unerwarteten Sprung auer Fassung gebracht, zog den jetzt
verendeten Bren mit den beiden Hunden, die ihren Halt selbst unter dem Wasser
nicht hatten fahren lassen, an's Ufer und nahm sich erst dann Zeit, zu der
Stelle hinaufzusehen, von der er so urpltzlich, und keineswegs freiwillig,
heruntergekommen war. Hier begegnete er dem Blick Harper's, der verwundert zu
ihm hinabschaute und ausrief:
    Holla, Roberts, was zum Henker macht Ihr da unten mit der Bestie? wie
sollen wir sie denn jetzt wieder heraufbekommen?
    Ja, wenn ich selbst nur erst oben wre, erwiderte lachend der Gefragte -
herunter ging's' merkwrdig leicht, jetzt mcht' es aber seine Schwierigkeiten
haben.
    Warte! rief Assowaum - ich schaffe Rath.
    Warten? meinte Roberts mit komischer Wehmuth, ich mchte wissen, was ich
Anderes thun knnte, als warten; wer in so einer Falle drin sitzt, wie ich hier,
hat gut warten.
    Ist denn der Br fett? frug Harper.
    Ziemlich! erwiderte Roberts, die Flanken des Thieres, das neben ihm noch
halb im Wasser lag, befhlend, wollt Ihr Euch nicht selbst berzeugen?
    Danke schn, lachte dieser, ich glaube Euch auf's Wort, habe auch
wirklich keine so gewaltige Eile.
    Assowaum hatte indessen einen kleine Hickory abgehauen, den er dort, wo er
zuerst auszweigte, abhackte und nun den ganzen obern Theil von den Aesten
befreite, diese aber doch noch so weit stehen lie, da sie eine Art leicht zu
ersteigender Leiter bildeten. Dann erkletterte er eine kleine Weieiche, die an
einer Cypresse in die Hhe wuchs, und hieb von dieser eine dnne Weinrebe, so
hoch er sie erreichen konnte, ab. Zuerst lie er nun den schlanken Stamm zu
Roberts hinunter, und dann reichte er ihm das eine Ende der Rebe, wobei er ihm
bedeutete, die Hunde einen nach dem andern daran fest zu binden. Mit Hlfe des
Grtels und Taschentuchs war das leicht geschehen, und jene, durch die vereinten
Krfte der Mnner hinaufgezogen, waren bald oben auf der Uferbank.
    Wie bekommen wir aber jetzt den Bren herauf? frug Harper - der Kerl
wiegt wenigstens seine dreihundert Pfund, und ohne Stricke werden wir ihn wohl
unten lassen mssen!
    Ahem! nickte Assowaum - das ist auch gerade recht - seht Ihr die zwei
Stcke faulen Holzes hier am Wasserrande? - die wlzen wir in's Wasser - binden
den Bren daran fest, und Assowaum geht mit, den Flu hinunter. Eine und eine
halbe Meile von hier wohnt Mister Bahrens. - Ihr Anderen nehmt die Pferde und
reitet am Rohrbruch hinunter. Mit Sonnenuntergang sitzen wir Alle bei Mister
Bahrens.
    Ein kstlicher Einfall, Assowaum, rief Roberts, der jetzt mit groer
Gewandtheit an dem dnnen Stamm emporstieg und bald wieder bei den Uebrigen war,
ein kstlicher Einfall. Bahrens hat berdies einen Weg bis zum Flu hinunter
gegraben, und da knnen wir unsere Beute mit grter Bequemlichkeit auf's
Trockene legen.
    Aber hre, Assowaum! rief Curtis, als sich der Indianer schon mit groer
Geschicklichkeit an die Ausfhrung seines Vorschlages machte, wenn Du ber
Bahrens' Haus ankommst, da, wo wir im vorigen Sommer den Honigbaum fllten, dann
binde doch Dein Fahrzeug eine Weile dort irgendwo an und komm erst ohne den
Bren zum Haus. Bahrens prahlt immer so frchterlich mit der Menge von Wild, das
er erlegt, und wir wollen doch einmal sehen, was er fr Lebensmittel im Haus
hat. Sei also vorsichtig, da er Dich nicht mit Deiner fetten Ladung bemerkt.
    Der Indianer lchelte und nickte mit dem Kopf, uerte aber weiter nichts
mehr und war bald emsig beschftigt, die zwei Kltze in den Flu zu rollen und
den Bren dann mit abgeschlten Stcken Hickory-Rinde festzubinden. In kaum
einer Viertelstunde hatte er Alles in Ordnung, legte seine Bchse ber den
Bren, der durch die leichten Holzstcke theilweise ber Wasser gehalten wurde,
und stie, theils hinterher schwimmend, theils watend, das sonderbare Fahrzeug
vor sich den Flu hinunter.
    So ein Indianer ist im Walde gar nicht so bel, meinte Harper endlich, als
die Rothhaut hinter einer Biegung des Flusses verschwunden war, hchst
praktische Einflle haben die Burschen, und was sie sich erst einmal im Kopfe
zurecht gemacht, fhren sie auch aus. - Aber hallo: - da kommt Hartford, der
Krmer; hol' mich Dieser und Jener, wenn ich den nicht ganz vergessen hatte.
    Nun sagt mir nur, was Ihr fr curiose Dinge treibt? rief der sich durch
die Bsche Arbeitende, - wo ist denn der Br?
    Assowaum stt ihn den Flu hinunter, bis zu Bahrens' Haus, antwortete ihm
Roberts. Wir selber wollen aber zurck zu unseren Pferden gehen und am
Schilfbruch hinabreiten, bis wir an den schmalen Weg kommen, der zu des alten
Jgers Wohnung fhrt. Auf die Art erreichen wir sie am besten, denn sie liegt so
tief im Dickicht versteckt, da man sie sonst nur durch Zufall, oder Morgens,
wenn die Hhne krhen, finden kann.
    Ja, was hilft mir denn da aber meine Brenjagd? klagte Hartford, wenn ich
nicht einmal den Bren zu sehen bekomme!
    Sollt ihn schon noch zu sehen bekommen, Mann, rief Harper, und zu kosten
auch; aber jetzt vorwrts! Die Sonne ist keine Stunde mehr hoch, und aus diesem
Dickicht mcht' ich doch gern heraus, ehe es dunkel wird. Hallo da, ihr Hunde -
auf mit euch, heut Abend sollt ihr auch ordentliches Fressen haben - so recht,
Watch, so schn, Poppy - geht den anderen mit einem guten Beispiel voran!
    Die Hunde, die sich erschpft gelagert hatten, sprangen, von Harper's Stimme
ermuntert, in die Hhe und folgten den Jgern. Diese benutzten im Anfang eine am
Flu hinabfhrende lichte Stelle und hielten dann erst, quer durch, nach den
Hgeln hinber, als der Krmer pltzlich stehen blieb und Roberts' Arm erfate.
    Bst - seht Ihr dort nicht - das da? rief er mit schneller, aber
unterdrckter Stimme.
    Was denn? wo denn? frug Roberts.
    Dort im Busch - das Rothe!
    Ah - wahrhaftig, ein Hirsch - er ist eben aufgestanden. - Schiet, ehe ihn
die Hunde wittern, sonst ist's zu spt!
    Der Krmer hob schnell die Bchse, zielte einen Augenblick, und beim Krach
sprang der Hirsch in die Hhe und floh mit gewaltigen Stzen in das sich hinter
ihm ausdehnende Dickicht.
    Der hat's - der hat's! jubelte der Krmer, der schnell nach der Stelle
hingelaufen war, wo er glaubte, da der Hirsch gestanden habe - seht Ihr? da
ist Blut, und Poppy, das gute Thier, sprt ihn auch schon - er wittert das
Blut.
    Die Hunde benahmen sich brigens sehr sonderbar dabei. Eddy und einige der
brigen folgten allerdings dem flchtigen Hirsch. Watch dagegen schnupperte
hchst eifrig und aufmerksam in den Bschen herum, ohne auf das einladende
Geheul der anderen Hunde zu achten, und Poppy setzte sich gar nieder, hob die
Nase in die Hhe und heulte, da es einen Stein htte erbarmen mgen.
    Was, zum Teufel haben denn die Bestien? rief Roberts, verwundert nher
kommend. Der heult wohl, weil Ihr den Hirsch gefehlt habt?
    Gefehlt? sagte der Krmer hchst entrstet, seht her - sieht das aus wie
gefehlt? und da - und hier? und dort, nennt Ihr das gefehlt?
    Wahrhaftig, da ist Schwei genug, sagte Curtis verwundert, aber - wie ist
mir denn, lief denn der Hirsch nicht dort hinber, wohin die Hunde auch folgten?
Mir war's doch, als wenn ich seinen weien Wedel zwischen jenen Greenbriars
htte durchschimmern sehen?
    Ja wohl, sagte Harper - da zwischen den beiden Zypressen ist er durch.
    Nun, dann ist dies hier auch anderer Schwei, rief Curtis - dieser fhrt
nach dem Flusse zu.
    Nicht mglich - war denn der Br hier?
    Ih bewahre - ein gut Stck weiter oben.
    Kann man denn keine Fhrten erkennen?
    Nein - doch ja - hier ist der Jger gegangen, da ist der Fu eines Mannes,
rief Curtis, sich hinunter zur Erde beugend - und da noch einer - es mssen
Zwei gewesen sein, und sie haben sich sorgsam an beiden Seiten vom Schwei
gehalten, um die Zeichen nicht zu verwischen.
    Was heit denn das nur? brummte Roberts vor sich hin - der Boden ist doch
weich genug hier, und ich kann nicht eine einzige Fhrte im Schwei erkennen!
    Glaub's gern, lachte Harper - das ist kein Wild mehr, das sie verfolgt,
sondern ein Thier, das sie erlegt haben. - Seht Ihr denn nicht, wie tief hier
ihre Fersen eingedrckt sind! Zum Flu haben sie's getragen, und es sollte mich
gar nicht wundern, wenn es Bahrens gewesen wre und wir heut Abend ein gut Stck
Wildbret in seinem Hause fnden.
    Bahrens trgt nie etwas Anderes als Moccasins, meinte Curtis
kopfschttelnd, aber der Eine hier hat grobe Schuhe angehabt, und der Andere
ein Paar von den Ladenstiefeln, wie sich Brown krzlich welche von Little Rock
mitbrachte. Aber darum kann's doch sein, da sie ihre Beute nach Bahrens' Hause
hingeschafft haben.
    Oh, kommt, Leute, lat die Fhrte in Ruhe, rief Roberts jetzt - die Sonne
ist bald unter, und wir mssen wirklich machen, da wir aus diesem verwnschten
Schilfbruch herauskommen. Haben sie das Wild nach Bahrens' Hause geschafft, und
ist der alte Bahrens wirklich dabei gewesen, so finden wir sie dort heut Abend
und werden eine gewaltige Geschichte anhren mssen, das ist sicher; also
vorwrts!
    Aber so seht nur, wie sonderbar sich der Hund betrgt, sagte Harper -
Poppy - schmst du dich denn nicht? das ist ja ein Geheul zum Rasendwerden.
    Poppy schien aber diesmal wirklich gar nicht auf seinen Herrn zu achten,
sondern beschnupperte nur von Zeit zu Zeit die Schweiflecken und fing dann
wieder so jmmerlich an zu heulen, da sich die von der nutzlosen Hirschjagd
zurckkehrenden Hounds um ihn sammelten und, ebenfalls die Schnauzen
emporhebend, in das schauerliche Klagelied mit einstimmten.
    Gentlemen! rief Roberts, pltzlich stehen bleibend, indem er seinen Hund
scharf ansah - hier ist etwas nicht in Ordnung - Poppy ist ein zu gescheidtes
Thier, um unntz solche Gefhle zu verrathen; - mit dem Schwei dort ist's nicht
richtig - das ist kein Schwei, das ist Menschenblut!
    Den Teufel auch! sagte Curtis und sah ngstlich den Gefhrten an.
    Lat uns der Fhrte bis zum Flusse folgen, fuhr Roberts fort, dort werden
wir Aufklrung erhalten, oder wenigstens den Platz verbrechen knnen, auf dem
wir morgen frh im Stande sind, die Untersuchung zu erneuern. Hier geht die Spur
- deutlich genug - alle kleineren Bsche sind niedergetreten, der Krper mu
schwer gewesen sein. - Bei einem Stck Wild wren die Trger auch vorn und
hinten gegangen, also in einer Reihe, und hier sind die Spuren auf beiden Seiten
der Last.
    Mir graust's, wenn ich das Blut ansehe, sagte der Krmer und wandte sich
schaudernd ab.
    Das kommt davon, weil Ihr noch nicht lange in Arkansas seid, meinte
Curtis; lebt Ihr erst einmal, wie ich, Eure zehn Jahre im Staate, denn werdet
Ihr gleichgltig gegen derartige Sachen. Ich habe manche Leiche gesehen, seit
ich hier bin, manchen Ermordeten mit begraben helfen - man gewhnt sich wirklich
dran. Nur einmal - einmal war mir's doch bald zu viel -
    Jetzt hrt auf mit Eurer Geschichte, rief Roberts unwillig, wir haben
hier Schreckliches genug vor Augen, als da Ihr noch mit Eurer groen
Leichenschau herauszurcken httet - lat die Todten ruhen.
    Die Geschichte mt Ihr mir erzhlen, rief der Krmer, ich hre so etwas
fr mein Leben gern -
    Ein ander Mal, erwiderte Curtis - aber dort ist der Flu, nun werden wir
wohl finden, was wir suchen.
    Hier haben sie ihre Last abgelegt, sagte Roberts, auf einen etwas
niedergedrckten Platz deutend - Hirsch oder Mensch, von da aus mu er in den
Flu geschafft sein.
    Curtis kniete neben die Stelle hin und bog sein Gesicht tief hinunter,
aufmerksam den geringsten Eindruck im weichen Boden untersuchend, pltzlich
sprang er auf und rief:
    Es war ein Mensch - da - da ist der Eindruck eines Knopfes in der weien
Ufererde. - Ihr knnt es deutlich erkennen - dort - gleich neben dem schwarzen
Blutstreifen - vor dem gelben Blatte da -
    Ja wahrhaftig, sagte Roberts, der die Stelle ebenfalls betrachtet hatte -
es war ein Mensch - hier ist auch die Stelle, wo seine Hand gelegen hat, da ist
das Zeichen des Fingernagels noch ganz deutlich. Gentlemen, hier ist ein Mord
verbt - das unterliegt keinem Zweifel mehr, und morgen mssen wir hierher
zurckkommen, die Sache genauer zu untersuchen - heute ist's zu spt. Bleiben
wir noch zehn Minuten lnger im Rohrbruch, so sind wir gezwungen, die Nacht hier
zu campiren, denn im Dunkeln wr's unmglich, durch das Dickicht zu dringen.
Morgen aber mit Tagesanbruch wollen wir sehen, ob wir nicht das Opfer oder den
Thter ermitteln knnen. Jetzt fort von hier; mir graust's an der Stelle.
    Die Mnner bedurften weiter keiner Aufforderung, den Platz zu verlassen.
Schweigend hieben sie sich mit ihren breiten Jagdmessern Bahn durch das Rohr,
erreichten bei schon einbrechender Dmmerung ihre Pferde wieder, schwangen sich
in die Sttel, trabten, den ziemlich offenen Wald zwischen dem Rohr und der
dicht mit Bschen bewachsenen Bergreihe benutzend, scharf weiter und erreichten
noch vor vlliger Dunkelheit die Fuhrt des Petite-Jeanne, an dessen anderem Ufer
die kleine Htte des alten Bahrens stand, der den nicht gerade ehrenhaften
Beinamen Lgen-Bahrens in der Nachbarschaft trug.

                                    Funoten


1 Greenbriars, eine dornige Schlingpflanze: das schlimmste Hinderni in den
nordamerikanischen Waldungen fr den Jger.

2 Brake.

3 Flieendes Sumpfwasser; in den Riederungen eine Art kleiner trber Bche.


                                       7.

         Zwei chte Backwoodsmen. - Bahren's und Harper's Erzhlungen.

Der Alte stand vor der Thr und blickte, augenscheinlich die Jger erwartend,
nach der Stelle hinber, auf der sie aus dem Walde treten muten. Neben ihm
kauerte Assowaum und zog seine Moccasins wieder an, die er bei der Wasserpartie
abgelegt und neben der Bchse festgebunden hatte.
    Hallo da drben, schrie Roberts, ist die Furth seicht genug?
    Ay, ay! war die Antwort - knietief.
    Die Mnner hielten die Versicherung fr gengend und trieben die Pferde
gerade die Bank hinunter und in den Flu. Curtis aber, der voranritt, wre der
Spa beinahe bel bekommen, denn er sank augenblicklich unter und sein Pferd
mute mit ihm an's andere Ufer schwimmen.
    Verdamm' Eure schwarze Seele, rief er hier, wirklich rgerlich aus, als er
erst festen Boden erreicht hatte, was zum Teufel jagt Ihr Einen denn mit Euren
verdammten Lgen in's Wasser - he - ist das knietief?
    Nun, versteht sich, lachte Bahrens - seht Ihr dort nicht das
Cypressenknie1 in der Mitte vom Flusse? Dem geht's noch nicht einmal an den
obern Rand - 's ist freilich sieben Fu hoch -
    Roberts hatte augenblicklich gehalten, als er Curtis so Hals ber Kopf in
die Fluth eintauchen sah, und dieser rief ihm jetzt vom andern Ufer zu:
    Reitet noch ein Stckchen den Flu hinunter, Roberts - dort, wo Ihr den
Kies seht, da werdet Ihr trocken durchknnen.
    Wenn Ihr den Weg so merkwrdig gut wit, lachte Bahrens, warum seid Ihr
denn nicht selbst weiter hinunter geritten?
    Weil ich Narr genug war, Euch auch nur ein Wort zu glauben, erwiderte ihm
dieser, galoppirte die steile Uferbank hinauf, sprang vom Pferd und schttelte
dem Alten die Hand, der ihn herzlich willkommen hie.
    Bahrens war einer von den chten Pionieren oder Squattern des Westens. Vor
fnf Jahren etwa hatte er sich in Poinsett County, in den frchterlichsten
Smpfen und zwanzig Meilen von jeder menschlichen Wohnung entfernt,
niedergelassen. Dort hatte er auch eine Zeit lang hchst zufrieden von der Jagd
gelebt. Dann aber war etwas vorgefallen, von dem er nicht gern sprach und das er
Familienverhltnisse nannte, was ihn zwang, jene Gegend zu verlassen. Die
Bewohner des Fourche la fave munkelten zwar etwas von Pferdefleischliebhaberei,
das war aber grundlos. Erstlich kannten sie die Gegend nicht, denn was sich nach
seiner Htte zu verlief, war ohnedies wild geworden und der Bchse des Jgers
verfallen, und zweitens hatte sich Bahrens stets als ein ehrlicher Mann
bewiesen, und keiner seiner Nachbarn konnte ihm etwas Bses nachsagen. Da er
manchmal die Wahrheit ein wenig zerhackte, wie sich Roberts ausdrckte, wurde
freilich von den meisten seiner Bekannten besttigt, er selbst aber leugnete
auch dies hartnckig und war stets bereit, jede seiner Geschichten zu
beschwren, nur - wetten wollte er nicht darauf, obgleich er sich sonst nie
lange zu einer Wette bitten lie. Hauptschlich trieb er Viehzucht und bebaute
nur ein sehr kleines Stck Land, etwa fnf Acker, um Mais fr sich und die
Seinen zu ziehen; auch hatte er mehrere Pferde, doch nicht viele. Er meinte, die
Luft in Arkansas sage den Pferden nicht zu. Seine Familie bestand aus seiner
Frau, zwei Tchtern und einem Sohn, der aber nicht bei den Eltern lebte, sondern
vor zwei Jahren fortgewandert war und natrlich, da er weder schreiben noch
lesen konnte, nichts weiter von sich hatte hren lassen.
    Das Haus selbst war eine der im Westen Amerika gebruchlichen Blockhtten,
aus rohen, unbehauenen Stmmen aufgefhrt, deren Dach - grobgespaltene, kurze
Bretter - durch schwere Stangen, sogenannte weight-poles, festgehalten wurde.
Dem aus rohem Lehm und Balken aufgefhrten Schornstein entstieg ein dnner
blauer Rauch, und Bahrens war eben damit beschftigt, Feuerholz fr den Abend zu
hacken, um eine freundliche Flamme im Kamin zu unterhalten. Nur eine kleine
niedere Fenz hielt eine Masse von jungen Ferkeln ab, die friedliche Einsamkeit
der Wohnung zu stren, und quietschend und grunzend umrannten sie die hindernde
Einfriedigung, als ob sie das gewhnliche Abendbrot, ein paar Maiskolben,
erwarteten. In einer kleinen Einzunung dicht daneben melkte die lteste
Tochter, ein hbsches, schwarzugiges Mdchen, eine groe weie Kuh, whrend die
jngere ein kleines Kalb an einem Stricke zurckhielt, da es die Schwester
nicht in ihrer Arbeit stren und warten sollte, bis die Reihe an es selbst kme.
Neben dem Hause aber, auf den gewaltigen, durch die Axt des Farmers getdteten
Stmmen, die noch in dem nur urbargemachten Felde standen, saen eine Unmasse
Aasgeier, als ob sie entweder von ihrem Raube verscheucht wren, oder diesen nur
verlassen htten, um mit dem nchsten Morgen ihr ekles Mahl wieder zu beginnen.
    Die drei Jger ritten jetzt ebenfalls zum Hause hin und Roberts rief dem
Alten schon von Weitem zu:
    Ich hab' Euch doch wohl Unrecht gethan, Bahrens. Wir glaubten, wir wrden
Euch ohne Fleisch antreffen, die Aasgeier da oben zeigen aber, da irgend 'was
vorhanden sein mu, wenn nicht etwa eine Kuh gefallen wre.
    Guten Abend, Boys2, guten Abend - recht so, da Ihr den alten Bahrens auch
einmal aufsucht. - Kuh gefallen? Roberts, kein Fleisch in meinem Hause? Da kennt
Ihr den alten Bahrens schlecht. Wie ich noch am Cashriver wohnte, konnte ich
tglich, heit das im Durchschnitt, zwischen acht- und neunhundert Pfund Fleisch
erlegen - Curtis wei es, nicht wahr, Curtis?
    Ja gewi, lachte dieser - zahmes!
    Zahmes? - wilde Thiere, Bffel und wildgewordenes Rindvieh natrlich
eingerechnet; aber steigt ab, steigt ab, macht's Euch bequem. - Betsy, wirf den
Thieren einmal jedem einen Arm voll Mais in den Trog - hrst Du - bleib aber bei
ihnen stehen, bis sie fertig sind, und wehre die Schweine ab, da die Bestien
den Trog nicht wieder umwerfen, wie gestern.
    Bahrens, hier mu wahrhaftig ein Aas in der Nhe liegen! rief Roberts,
nachdem die ersten Begrungen vorber waren - es riecht meiner Seel' nach
faulem Fleische.
    Faulem Fleische? lachte Bahrens, Ihr habt gute Nasen - hier in der Nhe
liegt nichts - die Canaillen, die Aasgeier, kommen immer, wenn man schlachtet -
    Schlachtet? frug Curtis entsetzt - das, was Ihr geschlachtet habt, riecht
so? Was hast Du denn, Assowaum? der Bursche zieht ja ein Gesicht, als ob er
lachen wollte.
    Mister Bahrens hat ein kleines Schwein geschlachtet, - sagte der Indianer,
und es war augenscheinlich, wie sehr es ihn ergtzte - die Bussards sind aber
dumme Thiere; das Schwein ist erst vor acht Tagen umgebracht, und heute kommen
sie schon!
    Und das sollen wir essen? rief Roberts lachend - wo sind denn die
Hirsche?
    Welche Hirsche?
    Nun, die, die Ihr alle Tage schiet, wie Ihr es neulich erzhltet.
    Oh, ich habe mir den Fu verstaucht und seit drei Tagen nicht auf die Jagd
gehen knnen.
    Bahrens - hier ist ein Freund von mir, Mr. Harper - einer meiner Nachbarn,
der gern Eure Bekanntschaft machen wollte - Harper - Mr. Bahrens, der Mann, von
dem ich Euch so viel erzhlt habe - ich denke, Ihr werdet wohl Freunde werden.
- Die Mnner schttelten einander die Hand, und Bahrens schwur, er wolle
verdammt sein, wenn Harper nicht ein merkwrdig gutmthiges Gesicht htte.
    Aber, Bahrens, unterbrach ihn Curtis jetzt, morgen frh mssen wir mit
Tagesanbruch zu der kleinen Slew hinauf. Dort, wo die drei drren Cypressen
stehen, ist ein Mord verbt; es sieht wenigstens ganz danach aus.
    Ein Mord? das wre schrecklich!
    Es kann fast nicht anders sein; - wir fanden die Spuren zu deutlich, doch
hatten wir keine Zeit, die Sache nher zu untersuchen. Es ist brigens gar nicht
weit von hier, und morgen frh lt sich's leicht ermitteln. Die Thter zu
verfolgen, wre heute doch unmglich.
    Alle Wetter, das ist wunderbar! rief Bahrens, ich bin erst heute Morgen
da vorbeigekommen und habe gar nichts gemerkt!
    Ich dachte, Ihr httet Euch ein Bein verstaucht? lachte Curtis.
    Nun ja - vor drei Tagen - Holzkopf! - Glaubt Ihr, da ich deshalb mein
Lebenlang hinken mte? - Aber kommt herein, Boys, der Nebel fllt merkwrdig
feucht heut Abend, und am Kamin sitzt sich's behaglicher.
    Nein, altes Haus! sagte Roberts, ihm auf die Schulter klopfend, wenn Du
so schlecht mit Provisionen beschlagen bist, so wollen wir unsern Vorrath
anschaffen; Assowaum, la uns den Bren haben. Jetzt drfen wir nicht lnger
mehr damit hinter dem Zaun halten, sonst mssen wir dafr hungern. Ueberdies
wird es dunkel.
    Zu Bahrens' freundigem Erstaunen kam der Indianer auch bald mit dem fetten
Braten angeschwemmt. Durch die vereinten Bemhungen der Mnner schleppten sie
ihn aus dem Wasser vor das Haus hinauf, und in kurzer Zeit wurden den Frauen
einige der besten Stcke zur Bereitung bergeben.
    Guten Abend, Mrs. Bahrens, sagte Roberts, in das Haus tretend und diese
begrend, wie geht's? lange nicht gesehen; immer noch munter?
    Mu ja wohl - Mr. Roberts, erwiderte ihm die Frau freundlich, das groe
Kattunbonnet, das sie beim Kochen trug, um die Hitze von den Augen abzuhalten,
aus dem Gesicht zurckschiebend. Das ist recht, da Sie uns besuchen, nchstens
komm' ich auch einmal zu Ihnen hinber. Mein Alter ist aber gar nicht von zu
Hause fortzubringen.
    Meine Alte hat Sie und die Tchter schon lange erwartet, Mrs. Bahrens,
erwiderte Roberts, ihr die dargebotene Hand schttelnd, wie geht's den Mdchen
hier im Busch - eh? Sind aber das einsame Leben schon gewohnt, denn in den
Cashsmpfen war's wohl auch nicht lebhafter. Schreckliches Land, die Cashsmpfe,
als ich das letzte Mal dort war und bei Strongs vorbeiritt. - Sie kennen doch
Strong, der die groe Farm besitzt? Hat sich dort wahrhaftig an der besten
Stelle niedergelassen und wird -
    Halt ihn auf! - um Gottes willen halt ihn auf! schrie Bahrens jubelnd, -
da geht er wieder hin mit verhngten Zgeln; wenn man ihn gehen lt, ist er in
fnf Minuten beim Revolutionskrieg. Gott sei uns gndig, Roberts, mit Euch ist
gar kein vernnftiges Wort mehr zu sprechen. - Aber, Kinder, da Ihr so
trefflich fr Provisionen gesorgt habt, verdient eine Belohnung; hier, Lucy -
reich' einmal die Kruke unter dem Bett vor - nimm Dich in Acht, Blitzmdel, wenn
Du sie zerbrichst, sei Dir Gott gndig! Jetzt, Boys, wollen wir einen fidelen
Abend feiern, Brenfleisch und Whisky - huh pih! und der alte Mann stie seinen
Jagdschrei aus, da die Hunde drauen unruhig wurden und zu heulen anfingen.
    Bahrens, die Bestien beien sich drauen, sagte Curtis endlich - unsere
sind auch hungrig; wo habt Ihr denn das Schweinefleisch? wir wollen's den
Thieren geben, fr Menschen ist es doch nicht geniebar.
    Mein gutes Fleisch?
    Ih, geht zum Teufel mit Eurem Fleische - ich dachte, Ihr knntet so viele
Hirsche schieen? -
    Ja, aber mein Bein!
    Jetzt kommt er wieder mit seinem Bein, gttlicher Kerl! Aber, Harper, Ihr
sitzt ja so stumm da und sagt gar keine Silbe; Ihr denkt wohl an den Mord?
    Ja! aufrichtig gesagt, kann ich die Blutflecke nicht aus dem Gedchtni
bringen. Es sah zu schauerlich aus!
    Schauerlich, Mr. Harper? da htten Sie einmal sollen im vorigen Jahre am
Cashriver wohnen, erwiderte Bahrens; - verdammt will ich sein, wenn nicht dort
alle Tage zwei oder drei Leichen vorbeigeschwommen kamen - und was fr Leichen!
manche ohne Kopf.
    Wo kamen aber die Menschen alle her? frug Harper halb erschreckt und halb
unglubig, ich dachte, es wre eine so menschenleere Gegend gewesen?
    Die Menschen? nun, da sollt' ich mich doch wohl nicht drum kmmern? und was
ging das mich an?
    Halt - spart Eure Gesprche bis nach Tische auf, sagte Roberts lachend,
lat uns vor allen Dingen nach den Pferden sehen, nachher schmeckt auch das
Essen besser.
    Dem Rathe wurde augenblicklich Folge geleistet, als sie aber von den
Futtertrgen zurckkehrten, rief die Frau schon zum Abendbrot, und bald saen
die Mnner auf umgestlpten Fssern, hingerckten Ksten, Kltzen und
rohgearbeiteten Sesseln um den schmalen Tisch herum, auf dem eine mchtige
Schssel voll gebratener Brenrippen und in dnne Stcke geschnittenen Fleisches
den Mittelpunkt bildete, whrend Maisbrod, eingekochter Krbis, etwas Honig und
Milch die brigen Bestandtheile des Mahles ausmachten. Die Whiskyflasche ging
indessen im Kreise herum, und wenn auch kein Wort weiter gesprochen wurde,
bewiesen doch die klappernden Messer und die berall sichtbar werdenden, blank
abgenagten Rippen, wie den Hungrigen die delicate Mahlzeit schmeckte.
    Als sie geendet, standen sie einzeln, wie sie zuerst fertig wurden, vom
Tische auf, und die Frauen, die sich wohlweislich einige Stcke aufbewahrt
hatten, nahmen, ohne es der Mhe werth zu halten, die fetten Teller mit reinen
zu vertauschen, die leergewordenen Sitze ein.
    Die alte Madame Bahrens, etwa in den Vierzigen, zeigte noch Spuren frherer
nicht unbedeutender Schnheit, ihre schlanke Gestalt war aber von einem
keineswegs saubern baumwollenen, einst wei gewesenen Kleide umhllt, ihre
schnen, braunen Haare hatte sie ziemlich nachlssig um den Kopf herumgesteckt,
und ihre groen, dunkeln Augen verloren viel von ihrem Glanze durch die
keineswegs brillante Fassung des etwas rauh und schmutzig aussehenden Gesichts.
Die Tchter trugen sich schon besser und reinlicher, aber auch ihr Teint wrde
durch etwas warmes Seifenwasser nur gewonnen haben.
    Als das Essen oder vielmehr das Geschirr abgerumt war, denn das Essen
verschwand spurlos, schob Bahrens den Tisch ein wenig zurck, da die
verschiedenartigen Sitze wieder in einen Halbkreis um den Kamin gerckt werden
konnten, und rief dann frhlich aus:
    Nun, Gentlemen, kommt das Beste - der Stew3.
    Du hast ja keine Butter! sagte seine Frau.
    Alle Wetter, das ist wahr - aber hallo - was brauchen wir Butter, wir haben
ja Brenfett - Whisky und Brenfett wird sich noch viel besser miteinander
vertragen - Gentlemen, dies ist das Land, um drinne zu leben - es geht nichts
ber Arkansas!
    Ih nun, Mr. Bahrens, meinte Harper, der, als er die Vorbereitungen zu
seinem Lieblingsgetrnk bemerkte, aufzuthauen begann, ih nun, ich wei doch
nicht; - Missouri ist auch nicht zu verachten, ich habe lange dort gelebt, und
-
    Missouri? rief Bahrens verwundert - Missouri? da sei uns Gott gndig; und
das vergleichen Sie mit Arkansas?
    Nun, es grenzt doch dicht genug daran?
    Grenzen? Es ist gerade so, als ob der liebe Gott den Finger genommen und
einen Strich zwischen den beiden Staaten durchgezogen htte, da der eine
fruchtbar und der andere unfruchtbar werden sollte - Missouri! - na, nu hrt
Alles auf; wie lange sind Sie denn eigentlich schon in Arkansas?
    Etwa sechs Wochen.
    Ach, dann ist es etwas Anderes, dann wissen Sie's noch nicht besser; Herr,
hier ist das Land so fett, da wir, wenn wir Lichter gieen wollen, den Docht
nur in die Pftzen tauchen - es brennt eben so gut. - Wenn ein Mann in Arkansas
sein Feld mit Flei und Aufmerksamkeit bestellt, so kann er darauf rechnen,
hundert Bushel vom Acker zu ernten.
    Das wre viel!
    Viel? das ist gar nichts - wenn er sich keine Mhe mit dem Land gibt und
den Mais nur so roh aufwachsen lt, so bleiben ihm immer noch fnfundsiebzig
Bushel gewi; und wenn er gar nicht pflanzt, so - so wachsen doch noch fnfzig -
das Land ist nicht todt zu machen!
    Harper rckte ein wenig auf dem Kasten herum, auf dem er sa, und Roberts
und Curtis warfen sich verstohlene Blicke zu.
    Und was noch ein Vortheil ist, sagte Bahrens, wir brauchen immer erst im
Juni zu pflanzen, der Mais wchst so merkwrdig schnell. Denken Sie nur, im
letzten Jahre hat er mir die Bohnen, die ich dazwischen gesteckt habe, mit der
Wurzel aus dem Boden gezogen; - und die Krbisse - zehn Menschen knnen um einen
herumstehen.
    Erstaunliches Land! sagte Harper - dann ist aber wohl Alles groartig
darin, denn die Mosquitos und die Holzbcke sind noch gar nicht dagewesen.
    Alles groartig? fragte Bahrens, jetzt ganz auf seinem Steckenpferd, mit
dem Lande zu prahlen, in dem er lebte - Alles groartig? das will ich meinen;
die Mosquitos fliegen in heien Sommertagen so dick, da sie oft durch den
Schwei zusammenkleben und klumpenweise aus der Luft herunterfallen. Die
Holzbcke hab' ich mit meinen eigenen Augen beobachtet, wie sie mit den
Vorderbeinen sich an irgend einem Stck Holz aufrichteten und nach den
Kuhglocken horchten, und die Flhe gehen Abends ordentlich zu Wasser an den
Flu, wie anderes Viehzeug auch. Und was fr Flsse haben wir! der Herr sei uns
gndig - die See drngen sie mit aller Gewalt ein ganzes Stck Weges zurck,
wenn sie hineinkommen.
    Sie kommen aber nicht hinein, meinte Harper.
    Kommen nicht hinein? wo gehen sie denn hin? frug Bahrens entrstet - sie
verschwitzen sich wohl, heh? wo luft denn der Petite-Jeanne hin?
    In den Arkansas.
    Nun, und der Arkansas?
    In den Mississippi -
    Und der Mississippi?
    In den Golf von Mexiko.
    Als ob das nicht Alles Eins wre. - Da nehmen Sie einmal den sdlichen
Theil von Missouri - ist schon Jemand im sdlichen Theil von Missouri gewesen?
    Wahrscheinlich wir Alle, erwiderte Roberts.
    Auch am Elevenpoints-River oben? - Gentlemen, ich will nicht bertreiben,
aber dort war's so felsig, da wir die Schafe bei den Hinterbeinen einzeln
aufheben muten, damit sie nur zwischen den scharfen Steinen das bichen Gras
herausholen konnten; die Wlfe wurden so mager und schwach, da sie sich an
einen Baum lehnten, wenn sie heulen wollten. Nun seh' Einer den Unterschied
zwischen Missouri und Arkansas. Was fingen wir zum Beispiel im Winter an, wo wir
nichts fr das arme Viehzeug zu fressen hatten? nun? rathen Sie einmal.
    Liet es doch wohl im Walde herumlaufen? frug Curtis.
    Was htte ihm denn das fr Nutzen gebracht, das mcht' ich wissen? Der
Boden war ja so drr, da nicht einmal Rinde an den Bschen und Bumen wuchs -
nein, ich fiel auf ein ganz anderes Mittel. Ihr kennt Tom, Roberts - der spter
in aller Eile eine Geschftsreise nach Texas machen mute - ih - der groe Tom,
erinnert Euch doch nur, er war so lang, da er jedesmal niederknien mute, wenn
er sich auf dem Kopfe kratzen wollte. - Gut - der war frher einmal, in
Philadelphia glaub' ich, Mechanikus gewesen und hatte noch eine ganze Menge
Handwerkszeug mitgebracht; - der mute mir eine Partie groer grner Brillen
anfertigen, die setzt' ich den Khen auf, gab ihnen Hobelspne zu fressen, und
verdammt will ich sein, wenn sie's nicht fr Gras fraen und fett wurden.
    Gott sei uns gndig! rief Harper.
    Da haben wir's hier besser, fuhr Bahrens entzckt fort, hier sitzen wir
gewissermaen im Moos drin, und die Jagd -
    Hallo! rief Harper jetzt dazwischen, auf die la' ich, was Missouri
anbetrifft, nichts kommen. Die kann nirgends besser sein.
    Besser sein? lachte Bahrens hhnisch - besser? wenn ein Br hier nur drei
Zoll Fett auf dem Rcken hat, heit er mager, die Hirsche -
    Fngt man bei den Beinen! lachte Roberts. Bahrens sah ihn verwundert an
und Harper schnitt ein auerordentlich freundliches Gesicht.
    Nun, Roberts, das mt Ihr selber sagen, fuhr Bahrens fort - aber, Betsy,
das Wasser kocht; nun brau' das Getrnk, mein Mdchen, Du weit, wie wir es gern
haben - das mt Ihr selber eingestehen, Roberts, im Jagen thut mir's hier
Keiner gleich. Kleines Wild schie' ich gar nicht mehr, da hab' ich so meine
eigenen Manieren, das zu fangen!
    Wie bei uns die Jungen, sagte Harper, die fangen auch die Kaninchen in
Fallen.
    Fallen? lchelte Bahrens verchtlich, da braucht's auch noch Fallen dazu?
- Kommt nach Arkansas, wenn Ihr etwas lernen wollt. Liegt ein bichen Schnee,
dann geh' ich hinaus in den Wald, nur weit genug, da ich das Haus nicht mehr
sehen kann -
    Das ist nicht weit, meinte Curtis.
    Gut - dort steck' ich kleine Stcke rothe Rben in den Schnee und streue
Schnupftabak darauf - Morgens liegen die Kaninchen todt daneben.
    Fressen sie denn den Schnupftabak? frug der Krmer verwundert.
    Fressen? nein, sie riechen daran und niesen so stark, da sie sich den Hals
brechen.
    Bei dem Halsbrechen, sagte Harper, fllt mir ein, wie ich's neulich mit
einer Eule machte. Die Canaille hatte mir drei Nchte hintereinander jede Nacht
ein Huhn fortgeholt, und ich war immer vergebens hinausgeschlichen. Endlich, am
vierten Tage, kommt sie Morgens frh, es regnete ein wenig, an's Haus geflogen.
Ich merkt' es gleich an den Hhnern, die flatterten so sonderbar hin und her.
Schnell griff ich nach der Bchse und lief hinaus, fand auch bald, da die Eule
in einem kleinen, dichtbelaubten Hickory sitze, ich konnte aber nur den Kopf von
ihr sehen, und da ich sie nicht gleich todtschieen, sondern den Hunden auch
noch einen Spa lassen wollte, so ging ich im Kreise herum, um eine passende
Stelle zum Schieen auszusuchen. - Ueberall faen aber die Bltter gleich dicht,
und die Eule guckte mich indessen mit ihren groen, rollenden Glotzaugen fest
an. Dreimal war ich auf die Art, mit der Bchse im Anschlag, um den Baum
herumgegangen, als auf einmal etwas in den Zweigen raschelte und die Eule
herunterkam. Hol' mich der Bse, wenn sie sich nicht dadurch, da sie mich immer
im Auge behielt, ganz in Gedanken den Kopf abgedreht hatte.
    Das ist keine Kunst! rief Bahrens, der nicht daran dachte, die Wahrheit
der Erzhlung zu bezweifeln; wie ich noch ein junger Bursche war, konnt' ich's
mit jedem Truthahn im Rennen aufnehmen, und wenn er zu fliegen anfing und stieg
nicht zu hoch, so hatt' ich ihn gewi.
    Was das Laufen anbetrifft, meinte Harper, so htt' ich gewnscht, da Sie
meinen Bruder gesehen htten, wenn er hinter Rebhhnern her war!
    Sie wollen uns doch wohl nicht etwa hier erzhlen, da er Rebhhner im
Fliegen gefangen htte! rief Bahrens erschrocken aufspringend.
    Nein, sagte Harper, das nicht, aber verdammt will ich sein, wenn er ihnen
nicht bei jedem Sprunge eine Hand voll Federn aus dem Schwanze ri.
    Gentlemen, hier kommt der Stew! Gott segne es, Betsy - Sie haben ihn stark
gemacht! rief Roberts - nein, ich danke, kein Wasser mehr drunter, das nimmt
ihm den wrzigen Geruch, es mu mit gekocht werden. Aber, Bahrens, Ihr hattet
wahrhaftig Recht - das Brenfett schmeckt ausgezeichnet; so etwas Mildes und
doch so feurig!
    Das Gesprch wurde jetzt fr einen Augenblick unterbrochen und die Mnner
gaben sich ganz dem Genu des Getrnkes hin. Endlich brach Curtis das feierliche
Schweigen und sagte schmunzelnd:
    Mrs. Roberts und Mr. Rowson sollten nur den gestrengen Herrn Roberts hier
sitzen sehen und Whisky-Stew trinken, die wrden schne Gesichter schneiden.
    Roberts, der schon beim dritten Glase war und anfing warm zu werden, setzte
ab und rief aus:
    Mr. Rowson mag zu - Grase gehen. - Das wei ich, da er mir in Nichts
hineinschwatzen soll, was mich angeht! - Mit meiner Frau und Tochter mag er's
machen, wie er will, oder - wie die wollen vielmehr.
    Ich glaube, die wollen ziemlich, wie er will, sagte Curtis.
    Leider Gottes - der glatte, geschmeidige Schleicher ist mir von je ein Dorn
im Auge gewesen - schimpft immer auf die Rmischkatholischen - hol's der Henker,
wenn ich glaube, da er um eine Prise Schnupftabak besser ist!
    Der Rowson ist wohl hllisch in das Mdchen, in Eure Tochter, verschossen?
frug Curtis.
    Nun natrlich - in vier Wochen wollen sie zum Friedensrichter und halbpart
machen - mir recht!
    Hrt, Roberts, ich war auch einmal unmenschlich verliebt, sagte Bahrens
schmunzelnd - es war ein Mdchen aus der Stadt - aus St.-Louis. Ich handelte
damals mit den Osagen oben, nach dem Missouri-und Yellowstoneflu hinauf, und
lagerte etwa drei Meilen westlich von der Stadt. Wollt Ihr's wohl glauben? Alle
drei Tage bekam ich einen groen Brief, in dem gewi von lauter Liebe und Treue
geschrieben stand. Nur schade, da ich es selbst nicht lesen konnte, und die
Indianer, mit denen ich zusammen lebte, wuten an einem Briefe ebenfalls nicht
das Inwendige vom Auswendigen zu unterscheiden. Eine Liebesgluth mu aber in den
Dingern gesteckt haben, das war frchterlich - ich band sie zusammen und schob
sie, als ich fortging, in einen ledernen Beutel, und wie ich nach Hause kam und
machte ihn wieder auf, hatt' ich weiter nichts als Asche drin.
    Aber, Leute, ich dchte, wir gingen zu Bett! rief der Krmer ghnend,
morgen frh mssen wir doch mit der ersten Dmmerung aufbrechen, und mir ist's
fast, als ob ich mde wrde.
    Ja - 's wird spt, sagte Roberts, der in die Thr getreten war und nach
den Sternen sah - es mu schon zehn Uhr vorbei sein.
    Nur noch einen Augenblick! wandte Harper mit schon etwas schwerer Zunge
ein; da wir gerade von Liebe sprechen, so fllt mir da eine Geschichte von
meinem Bruder ein, wie er noch ein junger Bursche war. - Den httet Ihr kennen
sollen - ein verfluchter Kerl; achtzehn Jahre alt, und schon drei Mdchen die
Ehe versprochen. Kommt auch in Philadelphia zu einem Quker, und das ist
sonderbarer Weise gerade der Bruder des einen Mdchens. Der erkennt ihn, ist
aber ganz freundlich und ldt ihn ein, bei ihm zu Tische zu bleiben; doch nach
dem Essen steht er auf, schtzt einige Geschfte vor und verlt das Haus, um
die Constabler zu holen und meinen Bruder einstecken zu lassen. Was meint Ihr
aber, was er fand, als er wieder nach Hause kam?
    Nun, er hatte sich wahrscheinlich aus dem Staube gemacht -
    Ja - aber nicht allein, er war mit des Qukers Frau durchgegangen.
    Ne, kann der Mensch lgen! flsterte Bahrens heimlich Curtis zu, der neben
ihm stand.
    Also zu Bette jetzt - wo werden wir denn schlafen, Bahrens?
    Ja, das mssen wir eintheilen. Drei Betten sind nur da, eins mssen die
Mdchen behalten, eins ich und meine Alte, und das dritte sollte dann wohl den
Aeltesten bleiben, also Roberts und Mr. Harper - Mr. Harper wird nach all' den
Geschichten recht gut schlafen - und die anderen drei Gentlemen, Curtis, Mr.
Hartford und Assowaum, nun fr die finden sich Felle genug. So, das ist brav,
Betsy - mach' ihnen das Lager zurecht, und morgen brechen wir mit dem Frhesten
auf.
    Assowaum, der den ganzen Abend keine Silbe gesprochen, sich bei den
Erzhlungen der beiden Mnner aber sehr amsiert zu haben schien und dem Whisky
spter keineswegs unbedeutend zusprach, rollte sich jetzt ebenfalls in seine
Decke. Als er aber nach dem Platze, wo er sich niederlegen wollte, hinschritt
und dicht an der Kaminecke, nahe beim Feuer vorbeikam, stolperte er und wre
beinahe gefallen.
    Hallo, Indianer! lachte Harper - hast Du zu viel Whisky im Kopfe? das ist
nicht gut.
    Ist nicht gut, von irgend etwas zu viel, sagte der befiederte Pfeil,
indem er sich lang ausstreckte und einen dort liegenden Klotz unter seinen Kopf
schob - zu viel Whisky aber ist gerade genug; und mit dieser cht
philosophischen Bemerkung legte er sich auf die Seite und war auch schon in
wenigen Minuten eingeschlafen.
    Gebt Ihr irgend einer besondern Stelle des Bettes den Vorzug, Roberts?
frug Harper, als sie sich entkleidet hatten.
    Nein, sagte dieser in aller Unschuld.
    Nun, dann mgt Ihr Euch drunter legen, meinte Harper lachend, indem er
unter die darauf gebreiteten gegerbten Hirschhute kroch.
    Roberts schien aber doch mit der Stelle nicht ganz einverstanden, denn er
lag bald an Harper's Seite, und in kurzer Zeit ward weiter nichts als das leise
Knistern des Feuers und das tiefe, regelmige Athmen der Schlafenden gehrt.
    Die Nacht ging ruhig und ungestrt vorber; einmal ausgenommen, als Curtis
aufsprang und mit wildem Fluchen smtliche Hunde hinaustrieb. Diese hatten sich
nmlich, einer nach dem andern, hereingeschlichen und sich auf und neben die am
Boden ausgestreckten Jger gelagert.

                                    Funoten


1 Auswchse von der Wurzel der Cypressenbume, die oben wie ein Knie abgerundet
erscheinen und oft zehn bis zwlf Fu hoch werden, wenn sie aber niedrig sind,
das Reiten in den Smpfen besonders erschweren. Sie werden Cypressen-Knie
genannt.

2 Boys, Knaben, die gewhnliche freundliche Anrede, etwa wie meine Burschen.

3 Ein in den westlichen Wldern sehr beliebtes Getrnk, aus Whisky, heiem
Wasser, Gewrz, Zucker und Butter bestehend.


                                       8.

 Der Morgen in der Blockhtte. - Das Aufsuchen der am vorigen Abend gefundenen
                 Blutspuren. - Assowaum taucht nach der Leiche.

Auf den dichtbelaubten Pfirsichbumen, die das Blockhaus umstanden, krhten die
Hhne und verkndeten den nahenden Morgen, drauen im Walde antworteten die
wilden Welschhhner, und im Osten begannen die freundlichen Sterne ein klein
wenig zu erbleichen. Da erhoben sich in der Htte die drei Frauen, Mrs. Bahrens
mit ihren beiden Tchtern, vom Lager, um sich in dem Raume, den sie mit so
vielen Fremden theilen muten, anzukleiden, ehe es heller wurde. Vorsichtig
schritten sie dann ber die am Feuer Lagernden hinweg und bliesen die
verglimmenden Kohlen wieder zu lebendigerer Gluth an. Bald loderte auch, von
hellflackernden Kienspnen genhrt, eine wrmende Flamme empor, die groe
blecherne Kaffeekanne wurde auf hervorgezogene Kohlen gestellt, und schnell
angerhrter Brodteig flach geschlagen und auf eiserne Deckel vor die Gluth
gelehnt.
    Ich hab' es dem Vater nun wohl fnfzigmal gesagt, brummte die Frau, als
sie die gebrannten Kaffeebohnen in einen Blechbecher that und vor sich, auf dem
Herdsteine, mit dem Griff des Tomahawks zerstie - - er sollte mir von
Morrisons Bluff oder Little Rock eine Kaffeemhle mitbringen, aber nein - Gott
bewahre. An seine Jagdgertschaften denkt er, doch wenn's einmal etwas fr mich
ist, da kann ich's wer wei wie viele Male sagen. - Gestern war er wieder drben
im Laden; den Whiskykrug - den verga er nicht, oh nein - aber die Kaffeemhle
-
    Brumme nicht, Alte! - rief Bahrens aus dem Bette herber - nicht
raisoniren! -
    Ach, es ist wahr -
    Nein, es ist nicht wahr - greif einmal dort in die Ecke, wo der Salzgum
steht - mehr rechts - so - wie heit das Ding?
    Ei, meiner Seele eine Kaffeemhle, und da lt Du mich hier in einem fort
stoen!
    Wenn ich die Augen zuhabe, soll ich doch wohl nicht sehen, was Du machst?
    Hrt einmal, Roberts, sagte Harper jetzt, indem er sich im Bett aufsetzte,
mit Euch zu schlafen ist wahrhaftig eine Kunst - Ihr seid gar nicht
unverschmt.
    Nun, Ihr werdet mir doch wohl die Hlfte vom Bett zugestehen! murmelte
Roberts, noch halb schlaftrunken.
    Allerdings, erwiderte Harper, aber nicht aus der Mitte heraus, da ich an
beiden Seiten liegen mu, um mein Theil zu haben - das ist gegen alles
Vlkerrecht.
    
    Allons, Boys - get up! get up!1 rief nun der alte Bahrens, der an den
Kamin getreten war und die Whiskyflasche hoch empor hielt. Hier ist ein
Magenstrker - wer will sein Bitteres?
    Das that seine Wirkung, Alles sprang auf die Fe, nur der Yankeekrmer lag
noch und schnarchte, als ob im ganzen Hause Todtenstille herrsche. Curtis
bearbeitete seine Rippen lange vergebens und behauptete zuletzt fluchend, der
Bursche sei so lang, da man ihn nur stckweise wecken knne. Als die Sonne ihre
ersten Strahlen durch die feurig erglhenden Baumwipfel sandte, saen die Mnner
um den Frhstckstisch herum, whrend die Mdchen drauen die Pferde ftterten
und Schweine und Hhner von den Trgen scheuchten.
    Aber sagt einmal, Bahrens, fragte Roberts whrend der Mahlzeit, was wird
denn jetzt aus unserer Schweinejagd? Wenn wir dem Mord nachspren wollen, mssen
wir die Schweine laufen lassen, und da wird meine Alte schn brummen.
    Nun, Ihr knnt ja auf ein ander Mal wieder herberkommen; berdies glaub'
ich, da wir sie ziemlich alle, die natrlich ausgenommen, die von den Bren
gefressen sind, etwa zwei Meilen weiter den Flu hinunter antreffen werden. Ich
habe vorgestern eine Menge mit Eurem Zeichen bemerkt, und apropos - - auch die
Sau, die Eurem Vater gehrt, Curtis, der der Br das Stck Fett aus dem Nacken
gebissen hat.
    Was, die lebt noch?
    Ja, und hatte elf allerliebste Ferkel bei sich.
    Den Teufel auch! - rief Curtis - hrt, Bahrens - haltet reinen Mund
darber. Ich sprach noch vorgestern mit dem Alten ber die Sau, und er hlt sie
fr todt - die kauf' ich ihm ab, wie sie im Walde luft, das heit, auf Finden
und Nichtfinden. Fr einen Silberdollar bekomme ich sie und dann treib' ich sie
heim.
    Auch nicht bel! lachte Harper, jetzt will der seinen eigenen Vater
betrgen.
    Das ist doch kein Betrug! vertheidigte ihn der Krmer - wer auf eine
ehrliche Weise einen Dollar verdienen kann, betrgt Niemanden. Sein Vater ist ja
nicht verpflichtet, ihm die Sau zu verkaufen.
    Das wre auch das Letzte, was ein Yankee verdammen wrde, sagte Bahrens,
der ruhig zugehrt hatte. Aber jetzt fort, Boys - die Sonne ist auf, und wir
drfen keine Zeit weiter verlieren. Ist es wirklich ein Mord, der da verbt ist,
so wr's jetzt vielleicht noch mglich, die Thter einzuholen; ich glaube aber
noch immer, Ihr habt Euch geirrt. Erstlich bin ich gestern Morgen dort
vorbeigeritten, und dann mu Mr. Brown dieselbe Richtung gekommen sein.
    Brown? frug Harper schnell - Brown? wie gerieth denn der in diese Gegend?
er wollte ja nach Morrisons Bluff hinber.
    Das sagte er auch, und wenn er gerades Weges vom Fourche la fave kam, so
war das freilich hier ein Umweg. - Doch fort - fort. Mittags knnen wir
wahrscheinlich wieder zu Hause sein.
    Die Jger nahmen jetzt von den Frauen Abschied, ritten durch die untere
Furth, wobei sich Assowaum hinter Harper aufsetzte, um zuerst durch das Wasser
und dann auch schneller vom Flecke zu kommen, und fort ging's in scharfem Trabe
der Stelle zu, wo sie gestern die verdchtigen Zeichen gefunden hatten.
    Halt! Dort ist der Platz! rief der Indianer, indem er vom Pferde sprang,
wir drfen nicht weiter reiten, damit wir den Boden nicht mehr zerstampfen, als
nthig ist.
    Die Reiter stiegen schnell ab und befestigten die Pferde an niederhngenden
schwankenden Weinreben, da sie die Zgel nicht zerreien konnten, Assowaum aber
schritt voran und hielt an der Spur, die dem weichen Boden eingedrckt war. Er
bog sich aufmerksam dazu nieder und untersuchte genau jedes verkehrt liegende
Blatt, jeden Grashalm, stand dann wieder auf und schritt leichten Ganges neben
den Spuren bis dorthin, wo das erste Blut sichtbar wurde. Kaum hatte er aber
seine Augen hier umhergeworfen, als er ein lautes, tiefes Wah! ausstie, das
schnell die Jger um ihn sammelte. Er wies auf die Umgebung, und die Greuelthat
lie sich nicht mehr verkennen.
    Der Platz lag gerade am Fue einer umgestrzten Fichte, aus deren
Wurzelhhlung ein dichtes Gewirr von Brombeerstruchen und dornigen
Schlingpflanzen aufgewachsen war. Ein Pferd hatte dieses kleine Dickicht umgehen
wollen, die Hufspuren fhrten halb darum herum, als irgend etwas, wahrscheinlich
das mrderische Blei, den Reiter aufgehalten haben mute. Dort lag das erste
Blut; aber der Unglckliche war noch nicht gestrzt, das Pferd hatte einen
Sprung gemacht.
    Die Kugel mu das Pferd getroffen haben, meinte Roberts, sonst wre der
Reiter doch wohl heruntergefallen?
    Assowaum wies schweigend auf einen nahebei stehenden Hickory, an dessen
hellgrauer Rinde, wohl acht bis neun Fu vom Boden, deutliche Blutspuren
sichtbar waren.
    Wahrhaftig! rief Harper entsetzt - an den Hickory ist er mit dem Kopf
geschlagen - und hier ist auch die Stelle, wo er strzte.
    Der Boden war dort von vielen Futritten zerstampft - der Ermordete mute
sich augenscheinlich gewehrt haben, und einzelne Zweige zeigten, wo er sich mit
letzter, verzweifelter Kraft an sie geklammert und die Bltter abgestreift
hatte. Dort war er auf ein Knie niedergesunken, dickes, dunkles Blut bedeckte an
dieser Stelle den Boden - und nie wieder aufgestanden. Doch ja, da noch einmal -
wo die rothe Lebensfluth an allen Bschen hing und wie aus quellender Ader gegen
den Stamm jener Fichte gespritzt war. Das mochte das Aufglimmen des letzten
Lebensfunkens gewesen sein. Unter dieser Cypresse hatte er geendet, und hier war
auch die Leiche eine Zeit lang liegen geblieben; die Lage, mit dem Rcken ber
die scharfe Wurzel getrmmt, htte kein Lebender ausgehalten.
    Die Mnner starrten schweigend und schaudernd auf diese schrecklichen
Zeichen des Mordes; denn Mord war es, ein Kampf hatte nicht stattgefunden,
hchstens eine verzweifelte Vertheidigung. Der Todte war von seinem Pferde
herabgeschossen oder gezerrt, und erschlagen.
    Kommt! sagte Assowaum und folgte jetzt der Spur bis zum Ufer des Flusses,
vorsichtig dabei im Gehen jede Fuspur untersuchend. Zwei haben ihn getragen.
    Das fanden wir gestern schon - die Zeichen gehen bis an die Uferbank.
    Hier hat er gelegen, und zwei haben hier gestanden - was ist das? Da ist
ein Messer - blutig.
    Ein Federmesser, beim ewigen Gott - mit dem knnen sie den Menschen doch
nicht umgebracht haben?
    Zeigt mir einmal das Messer, sagte Roberts, die Hand danach ausstreckend -
vielleicht erkenn' ich es -
    Harper bog sich vor, und Beide beschauten es genau, endlich sprach der
Erstere kopfschttelnd:
    Habe das Ding nie gesehen - ist auch noch neu.
    Harper erkannte es ebenfalls nicht, auch den brigen Mnnern war es fremd.
    Ich will es zu mir nehmen, sagte Roberts endlich - vielleicht kommen wir
dadurch auf eine Spur; doch das Blut wasch' ich ab. Es sieht gar zu schrecklich
aus -
    A-tia, rief Assowaum jetzt und zeigte auf eine frisch aufgegrabene Stelle
im Busch, nicht weit von dort entfernt, wo die Leiche gelegen - was ist das
da?
    Dort haben sie den Krper begraben, rief der Krmer.
    Nein, bewahre, sagte Curtis, der hinzugetreten war, das Loch ist ja kaum
gro genug, ein Opossum darin zu verscharren, viel weniger einen Menschen. -
Aber gegraben ist hier und zwar mit einem breiten Messer - doch ist die Erde,
die hier herausgenommen wurde, nicht mehr da; wozu knnen sie nur die Erde
gebraucht haben?
    Assowaum betrachtete genau die Stelle zwischen dem Ort, wo die Leiche
gelegen hatte, und der kleinen Grube, dann sagte er, sich aufrichtend:
    Wenn sich die Luft in den Kleidern fngt, schwimmt ein Krper manchmal und
bleibt an irgend einem vorragenden Busch oder Baum hngen - ist der Krper mit
Erde gefllt, so sinkt er unter.
    Schrecklich! schrecklich! rief Roberts - dazu also das kleine Messer -
die Leiche aufzuschlitzen. Gentlemen, das ist eine frchterliche That. - Wer mag
nur der Unglckliche sein?
    Die Fluth verbirgt das, erwiderte Harper dumpf - wer wei, ob es je an
den Tage kommt, aber - was macht der Indianer? was willst Du thun, Assowaum?
    Ein Seil machen und tauchen, sagte dieser, indem er von einem nicht sehr
entfernt stehenden kleinen Papaobaum die Rinde abschlte und zusammenknpfte.
    Tauchen? Nach der Leiche? fragte Roberts entsetzt.
    Jau e-mau, flsterte der Indianer, mit der Hand auf das Wasser zeigend -
er ist da! und dabei warf er Jagdhemd, Leggins und Moccasins ab und wollte
eben hinunter in das Wasser springen.
    Halt! sagte der Krmer, der indessen diese Vorrichtungen mit groer
Aufmerksamkeit beobachtet hatte und jetzt einsah, was er beabsichtigte - wenn
Ihr das Seil um die Leiche binden wollt, so dauert es zu lange - hier ist ein
Fischhaken. Dabei nahm er ein kleines Packet aus der Tasche, das alle mglichen
Arten von Angelhaken enthielt, woraus er einen der grten dem Indianer reichte.
    Das ist gut, rief dieser freudig, befestigte den Haken schnell an der
zhen Papaorinde, schaute noch einmal auf den Ort zurck, wo der Leichnam den
Fluthen bergeben war, und verschwand im nchsten Augenblick an der
Schreckensstelle. - Todtenstille herrschte mehrere Secunden lang - Keiner wagte
zu athmen. Die Fluth hatte sich schon wieder gnzlich ber der darin versunkenen
Gestalt des rothen Jgers beruhigt, denn der Flu war hier ziemlich tief, und
nur schnell nach einander aufsteigende Luftblasen verriethen die Stelle, wo er
sich befand. Da tauchte das schwarze glnzende Haar empor, und gleich darauf hob
sich das Haupt des Kriegers ber der Flche. - Einmal holte er tief Athem und
dann strich er aus, dem Ufer zu, wo die Mnner standen. Er kletterte die steile
Bank hinauf, hielt den Haken aber noch immer in der Hand.
    Und die Leiche? frug Roberts.
    Ich habe sie gefhlt, war die Antwort Assowaum's - meine Hand hat sie
berhrt, als ich danach umhertappte. Das Wasser hob mich aber zu schnell wieder
- sie ist unten!
    Will Einer der Weien mir einen Stein holen? frug er dann nach einer
Weile, indem er sich erschpft unter einen Baum warf - - ich bin matt und
mchte ruhen!
    Willst Du denn noch einmal hinunter? rief Harper erstaunt. Der Indianer
nickte nur mit dem Kopfe, Hartford lief aber schnell nach der nicht sehr weit
entfernten Kiesbank und brachte von hier aus einen ziemlich gewichtigen Stein
angeschleppt, um den Curtis sogleich ein kurzes Seil schlang und eine Schlinge
daran befestigte.
    So, Indian, sagte er dann, wenn Du das auf diese Art an Dein linkes
Handgelenk hngst, so nimmt's Dich hinunter, und willst Du wieder nach oben, so
brauchst Du es nur abzustreifen - siehst Du, so!
    Der Indianer bedurfte keiner groen Belehrung, er befolgte schnell den Rath
des Weien, lie aber diesmal das Ende der aus Rinde gedrehten Schnur in Curtis'
Hand zurck und nahm nur den Fischhaken in die Rechte, dabei wohl darauf
achtend, da er sich nicht verwickeln knnte, glitt jetzt an der steilen
Lehmwand hinunter und tauchte zum zweiten Male in den Flu.
    Diesmal dauerte sein Aufenthalt unter dem Wasser lnger als das vorige Mal,
denn er war des schweren Steines wegen genthigt gewesen, langsam auf dem Grunde
fortzuschreiten und mit dem Fu nach dem Gegenstande seines Suchens zu fhlen.
Endlich zuckte es an der Schnur, die den Haken hielt, viele Schaumblasen quollen
empor, und wiederum erschien der dunkle Haupt des Indianers, der schnell an das
Ufer ruderte, dort dem Wasser entstieg und schaudernd zurckblickte. Sein
Antlitz hatte eine Aschenfarbe angenommen, und als er sich das lange
rabenschwarze Haar aus der Stirn strich, starrte sein Auge so stier und
geisterhaft drein, als gehre er selber nicht mehr dieser Erde an, als sei er
der Geist des Erstammes, der der dunkeln Tiefe entsteige, weil er das feuchte
Grab nicht mit einem Feinde seines Volkes theilen wolle.
    Die Schnur ist befestigt, rief Curtis, der das Ende in der Hand hielt,
Assowaum hat den Leichnam gefunden!
    Whrend der Indianer jetzt schweigend auf die Wasserflche hinaussah, zogen
die Mnner oben auf der Uferbank langsam und vorsichtig die Schnur an, da sie
nicht zerreie. Der Krper, in dessen Kleidern der Haken befestigt war, hob sich
dadurch, und bald war ein dunkler Gegenstand im Wasser sichtbar. - Die Fluth
theilte sich und wich, wie schaudernd vor der unheimlichen Last, zurck, und im
nchsten Augenblick ergriff Assowaum die Schulter der Leiche und zog sie auf's
Trockene. Die Mnner waren hinabgesprungen, und als der Indianer den Krper
umwandte, da das bleiche Antlitz nach oben kam, ertnte ein Schreckensschrei
von der Lippe. Einstimmig riefen die Jger:
    Heathcott!
    Heathcott, wiederholte Harper nach.
    Mehrere Minuten lang standen die Mnner schweigend da und betrachteten mit
entsetzten Blicken das frchterliche Schauspiel. Der Leib des Unglcklichen war
aufgeschnitten und mit Erde und Steinen gefllt; an der Stirn klaffte eine
breite Wunde, die Kugel schien aber durch die Brust gegangen. Roberts bog sich
zur Leiche nieder und untersuchte den Einschu.
    Wie viel Kugeln schiet Brown's Bchse? frug er leise, als ob er sich
scheue, den Namen des jungen Mannes vor dem Leichnam auszusprechen.
    Dreiig, flsterte Harper zurck. Roberts wies schweigend auf das Loch,
das die Kugel in die Brust des Todten gerissen.
    Haltet Ihr ihn fr schuldig? frug Harper jetzt, scheu den Blick im Kreis
umherwendend.
    Schuldig? nein, bei Gott nicht, rief Curtis; kein Geschworenengericht in
ganz Arkansas wrde ihn schuldig sprechen, nachdem der da, wie ich von Smith
gehrt, solche Drohungen gegen ihn ausgestoen. - Ich htt' ihn auch erschossen.
Leid thut mir's, wenn ich den krftigen Burschen da so liegen sehe, da er sein
Leben auf solche Art vergeudete, wo er ein ntzlicher Brger im Staate werden
konnte; aber Pest und Tod! wenn solche Gesellen, die dafr bekannt sind, da sie
bei Raufereien und Totschlgen ihr Wort halten, mit klaren Worten sagen, sie
wollten irgend Einen, wo sie ihn zuerst wieder trfen, ber den Haufen schieen,
so verdienen sie weiter nichts als eine Kugel - das ist meine Meinung. - Nur -
das - das Bauchaufschlitzen htte er knnen sein lassen - die Aasgeier wrden
das eben so gut und noch schneller beendet haben; seht nur, wie sie schon in
Schaaren herbeikommen. - Diesmal habt ihr euch aber geirrt, der Braten mchte
euch entzogen werden. Wir mssen doch wohl darber Meldung machen, oder sollen
wir ihn liegen lassen?
    Nein, auf keinen Fall, sagte Roberts - das drfen wir nicht; am besten
wird's sein, wir decken ihn hier mit Zweigen zu und melden es dem
Friedensrichter; der mag seinen Constabler danach schicken. Ich will mich nicht
weiter damit befassen; - was sucht Ihr, Hartford?
    Der Krmer war neben der Leiche niedergekniet und visitirte sehr sorgfltig
das lederne Jagdhemd, das in nassen Falten auf der Brust derselben klebte.
    Der Mann hier, sprach er endlich aufstehend, sehr ernst - trug in der
ledernen Tasche, die Ihr da seht - vierhundert und siebzig Dollar in Banknoten,
alle so gut wie Silber, bei sich - ich habe sie gestern Morgen in Bowitt's Hause
selbst gesehen, und verloren kann er sie nicht haben, denn der Knopf dort an der
Tasche geht schwer auf - die Tasche ist von Jemandem geffnet und das Geld -
herausgenommen worden.
    Wer wagt es hier, zu sagen, da mein Neffe einen Todten beraubt habe?
schrie der alte Harper, whrend sein Antlitz Leichenblsse bergo, das Messer
aus der Scheide reiend, in die Hhe sprang. - Wer nennt meinen Bill einen
Dieb?
    Haltet ein, Harper, sagte Roberts freundlich, ihm die Hand auf den Arm
legend, wir haben alle Ursache zu glauben, da Brown Heathcott erscho. Das
Geld kann ein Anderer genommen haben - es waren ihrer Zwei bei dem Werke.
    Wer aber sollte noch bei ihm gewesen sein?
    Das wei nur Gott - nicht wir; aber hier sind die Fuspuren von zwei
Mnnern, eine von Stiefeln, die andere von Schuhen, das ist augenscheinlich, und
wenn Brown das Rachewerk verbte, so kann der Andere leicht Gelegenheit gefunden
haben, das Geld fr sich in Sicherheit zu bringen.
    Brown wrde das nie zugelassen haben.
    Wenn er's gerade gesehen hat; aber das bleibt sich gleich; das Geld war da,
denn vor meinem Hause erwhnte er, da er eine Summe fr drei Pferde bei sich
trage. - Brown hrte das zwar, ich halte jedoch den jungen Mann fr rechtlich,
und wie gesagt, wer kennt Den, der ihm half?
    Das ist schrecklich! rief Harper, indem er das Gesicht mit den Hnden
bedeckte und sich, von den heftigsten Gefhlen bewegt, an einen Baum lehnte.
Assowaum sa sinnend, mit untergeschlagenen Fen, das Kinn in die linke Hand,
den Ellbogen auf das Knie gesttzt, am Fue desselben Stammes.
    So lat uns unser Werk denn beginnen, sagte Curtis, indem er anfing,
Zweige herbeizuschleppen - mich schaudert's in der Nachbarschaft hier und ich
mchte keine Stunde lnger neben dem unheimlichen Antlitz da zubringen.
    Recht so, Curtis, sagte Roberts, indem er ihm half, einen etwas schweren
heruntergebrochenen Ast zur Leiche hinzuschleppen - noch ein paar solche Stcke
wie dies hier, und dann ordentlich Zweige darber, so werden die Raben und Geier
den Platz schon eine Weile in Ruhe lassen; Wlfe kommen berdies nicht am Tage
her.
    Curtis, Roberts und Hartford beendeten bald das einstweilige Grab des
Gemordeten, indem sie mit ihren schweren Jagdmessern eine hinlngliche Quantitt
Zweige abhieben und davon ein Dach bildeten, Harper und Assowaum aber blieben
dabei unthtig. Endlich war die traurige Pflicht erfllt und die Mnner rsteten
sich zum Aufbruch. Harper folgte ihnen zwar, als sie den Platz verlieen, aber
scheinbar bewutlos; die Kraft des alten Mannes schien gebrochen. Er klagte
nicht, doch kndete die bleiche Wange, der stiere Blick nur zu deutlich, was in
seinem Innern vorginge. Da Brown den Mord begangen hatte, daran zweifelte
selbst er keinen Augenblick; das htte ihm aber auch in den Augen der Welt,
wenigstens in Arkansas, nicht zur Schande gereicht; doch das Geld - das Geld -
es war entsetzlich! Er kannte die Menschen, die nur zu geneigt sind, von Jedem
das Schlimmste zu denken, selbst da, wo das Schlimmste nicht solch' sprechende
Beweise fr sich hatte, und hier, wo sogar der Unbefangene schwankend werden
mute - es war frchterlich. Er stieg in den Sattel und berlie das Pferd, das
langsam den anderen folgte, sich selbst, achtete nicht einmal darauf, da der
Indianer in seiner sinnenden Stellung am Fue des Baumes verharrte.
    Assowaum blieb noch viele Minuten lang, als Jene schon Alle im Dickicht
verschwunden waren, sitzen und starrte trumend vor sich nieder, dann aber, als
auch der letzte Schall der Hufe, das letzte Klffen der Hunde verhallt war,
erhob er sich leise und begann von Neuem seine Untersuchung der Fhrten und
Zeichen. An dem Stiel seines Tomahawks bemerkte er mit dem kleinen Messer, das
er im Grtel trug, die genaue Lnge und Breite der Fustapfen, schulterte dann,
nachdem er sich berzeugt hatte, da nichts seiner Aufmerksamkeit entgangen war,
die Bchse und drang in einer der, welche die Jger eingeschlagen,
entgegengesetzten Richtung in den dichten Wald.

                                    Funoten


1 Steht auf, steht auf!


                                       9.

Das vierbltterige Kleeblatt verhandelt eine Geschftssache. - Rowson's gerechte
               Entrstung ber den Mord und Marions' Schwachheit.

Wir mssen den Leser zu dem Dickicht zurckzufhren, mit dem wir diese Erzhlung
erffneten, und wo an demselben Morgen, an dem die Jger am Petite-Jeanne den
Leichnam aus dem Flusse fischten, die vier Verbndeten eintreffen und den
Weitere ihres Planes bereden wollten. Cotton und Weston waren die Ersten auf dem
Platze, Johnson und Rowson lieen aber ebenfalls nicht lange auf sich warten und
wurden von den beiden anderen mit frhlichem Hurrah bewillkommt.
    Bst - bst - sagte Rowson beschwichtigend - lrmt doch nicht, als ob Ihr
auf der Countystrae stndet und Euch nichts daraus machtet, wer Euch hrt.
    Nun, ich mache mir auch nichts daraus, lachte Weston - was wr's denn
weiter, wenn uns hier Jemand zusammen trfe?
    Fr Euch freilich nicht - aber fr mich. - Meine Schwiegermutter ist eine
gar fromme Frau und wrde sich's wenig zur Ehre rechnen, wenn ich Euch Beide
unter meine Bekanntschaft zhlte.
    Eure Schwiegermutter? frug Cotton erstaunt; nein, sagt Rowson, ist's denn
wahr, was die Leute schwatzen? gedenkt Ihr wirklich des alten Roberts Tochter zu
heirathen? Gehrt hab' ich's schon, aber immer noch nicht glauben wollen.
    Und warum nicht, Mr. Cotton? Dies ist der letzte Handel, den wir auf diese
Art zusammen machen; - ich will ein ehrlicher Mann werden.
    Zeit wr's, das ist richtig, lachte Cotton, fast schon ein bischen zu
spt; aber Gott sei dem armen Mdchen gndig!
    Mr. Cotton, ich verbitte mir alle Anzglichkeiten; in dieser Hinsicht
verstehe ich keinen Spa.
    Frieden! sagte Johnson; wir sind nicht hierhergekommen, Eure alten
Neckereien zu beginnen, der Zweck ist ernster. - Wie ist Eure Jagd abgelaufen,
Cotton?
    Vier Hirsche und einen Fuchs.
    Dem Fuchs httet Ihr das Leben schenken knnen; und Eure, Weston?
    Zwei Hirsche und drei Truthhner.
    Dann hab' ich am wenigsten, sagte Johnson, eigentlich knnte ich aber
eine Entschuldigung geltend machen. Ich fiel gestern Morgen von einem der
steilen Bergkmme herunter, das heit ein Stein gab nach und ich rutschte,
schlug mir auch dabei den ganzen Arm auf; das hat mich denn freilich sehr im
Jagen gehindert.
    Halt da - das ist einerlei, rief Weston - da glte es bei einem
Pferderennen ja auch nicht, wenn eins der Pferde unterwegs lahm wrde. Nein,
gleichen Auslauf und eigenes Risico -
    Wo habt Ihr denn Eure Felle, heh? frug Johnson halb rgerlich.
    Neben Cotton's Htte hngen sie. - Glaubt Ihr uns nicht, so kommt mit; ich
dchte aber doch -
    Ja, ja - es ist schon gut - war ja nur ein Scherz; also Rowson und ich
beginnen den Tanz. Gott steh' uns bei, was das fr Leben in der Ansiedelung
geben wird. Doch nur vierundzwanzig Stunden Vorsprung, und ganz Arkansas soll
die Thiere nicht wieder finden. Rowson hat einen vortrefflichen Plan; verget
also den Platz nicht, ber Hoswels' Canoe, und Ihr, Weston, haltet Eure Pferde
an dem Abend, wo Ihr uns erwartet, in der verfallenen Htte am Horsecreek und
macht dorthin so wenig Spuren wie mglich. - Doch Ihr werdet das schon gescheidt
anfangen.
    Wo halt' ich mich denn indessen am besten auf? frug Cotton, brach liegen
mcht' ich gerade nicht. - Ih was, ich gehe zu Atkins hinber, da kann ich ein
wenig ausruhen.
    Dort in der Gegend ist auch genug Wild, an Fleisch wird's nicht fehlen,
sagte Johnson.
    Und die Regulatoren?
    Mgen zum Teufel gehen; ehe sie den Braten riechen, ist's zu spt, und sie
haben dann, mit all' ihrer Weisheit, die beste Zeit versumt. Freilich wird's
nachher eine Zeit lang merkwrdig unruhig hier im County werden.
    Wenn mir mein Plan gelingt, sagte Rowson, so werden uns die Regulatoren
wenig anhaben knnen. Sie mssen auf die falsche Fhrte kommen, und erst einmal
Einen von den Hunden darauf gebracht, so zieht dessen Geheul die ganze klffende
Meute hinderdrein. Es wre ein Hauptspa, wenn besonders der bramarbasirende
Husfield zum Narren gehalten wrde.
    Nun, wir werden Alle unser Mglichstes thun - wann brecht Ihr aber auf?
    Gleich, sagte Johnson - je eher das beseitigt wird, desto besser ist's.
Die Regulatoren-Versammlungen fangen jetzt an, kommt also erst das ganze Land,
durch die verdammten Halunken rebellisch gemacht, in Ghrung, so mcht' es zu
spt sein, auf ein vernnftiges Geschft einzugehen.
    Ich mu auf jeden Fall noch vorher einmal zu Roberts, sagte Rowson, und
zwar gleich heute Morgen - mache brigens dabei auch gar keinen Umweg. Johnson
kann indessen durch den Wald gehen, und wir treffen uns dann an den Quellen des
Cypressenflchens, wo die Rothbuche steht, wieder.
    Also wir gehen zu Fu? frug Johnson.
    Versteht sich, erwiderte Rowson - heit das - hinwrts, zurck
schwerlich!
    Nein, hoffentlich nicht, lachte Cotton, und nun, Boys, Good bye - ich
will machen, da ich fortkomme.
    Wann werdet Ihr am bestimmten Platze eintreffen? frug Weston, da ich
mich dort nicht gar zu lange mit den Pferden herumtreiben mu?
    Nun, vor Freitag Abend auf keinen Fall, erwiderte Rowson - das heit,
wenn nichts dazwischen kommt. Finden wir am Donnerstag Abend, denn eher knnen
wir den Platz zu Fu nicht erreichen, keine gute Gelegenheit, so dauert es
freilich bis Sonnabend, ich hoffe aber, es soll Alles gut gehen, und dann sind
wir Freitag Abend mit Sonnenuntergang am bestimmten Platze; auf baldiges -
frohes Wiedersehen also!
    Auf Wiedersehen! riefen Cotton und Weston und verloren sich in den
Bschen. - Rowson blickte ihnen noch eine Weile nach und sprach dann
kopfschttelnd zu dem Gefhrten:
    Johnson, dies mu das letzte Mal sein, da wir mit dem Burschen, dem
Cotton, etwas anfangen. Auf der Insel wollen sie auch nichts mehr von ihm
wissen, sie haben erfahren, da er sich immer betrinkt und nachher allerlei
tolles Zeug schwatzt und Hndel sucht.
    Der Junge, der Weston, ist eben so wenig nach meinem Sinn, erwiderte
Johnson - ich glaube wahrhaftig, wenn dem das Feuer recht auf den Ngeln
brennte, er schwatzte aus der Schule. - Ich trau' ihm nicht.
    Wir wollen hoffen, da seine Schweigsamkeit nie auf die Probe gestellt
wird, sagte Rowson sehr ernst - wer wei, was wir Alle in solchem Falle
thten. Es hat etwas merkwrdig Verfhrerisches, sein eigenes Fell durch die
Aufopferung von ein paar Anderen, Fremden, in Sicherheit bringen zu knnen. Mit
uns Beiden ist es freilich etwas Anderes, ich glaube nicht, da uns State's
evidence1 viel hlfe, und wo -
    Je weniger wir darber sprechen, desto besser, rief Johnson ruhig, indem
er nach dem Pulver auf seiner Pfanne sah - wo lassen wir die Pferde?
    Wieder bei Fulweals - Weston wei es schon und holt sie dort ab.
    Gut - dann geh Du jetzt zur gerade nach der Strae zu und folge der, und
ich halte mich im Walde - es ist besser, wenn wir nicht zusammen gesehen
werden.
    Glck zu indessen!
    Glck zu!
    Rowson, der jetzt den Platz erreichte, wo sein Pferd angebunden stand,
schwang sich hinauf und trabte gegen die Strae an, auf der er dem Pferd die
Zgel lie und scharf dahin galoppirte, bis er von fern das helle Dach der
friedlichen Wohnung schimmern sah, in der sein Liebchen haufte. Hier griff er
zuerst wieder dem Thier in die Zgel, nherte sich dem Hause in einem gemigten
Schritt und stieg an der Thr ab. Wenn aber auch von Mrs. Roberts mit Freude,
von Marion mit Freundlichkeit empfangen, hielt er sich doch nicht lange bei den
Frauen auf, sondern verkndete ihnen, da er nur gekommen sei, auf einige Tage
Abschied zu nehmen. Theils zwinge ihn sein Beruf dazu, den nrdlichen Theil des
County ebenfalls zu bereisen und das Wort des Herrn zu lehren, theils auch
nthigten ihn seine Geschfte, an den Arkansas River zu gehen, um dort eine
Summe des erwarteten Geldes in Empfang zu nehmen.
    Bald, meine theure Marion, fuhr er fort, indem er die Hand des leicht
erbleichenden Mdchens zrtlich in die seine nahm, bald wird nun auch mein
heiester Seelenwunsch erfllt, und wir Beide werden mit der Hlfe unseres Herrn
Jesus Christus in Frieden unsere Wohnung mitsammen aufschlagen. Es ist nicht
gut, da der Mensch allein sei; das unstte Leben sagt auch meinem Krper nicht
zu, das ewige Herumreiten zwingt mich oft, einer Nachtherberge wegen Orte
aufzusuchen, die ich sonst gern gemieden htte.
    Die Mnner von Arkansas, flsterte Marion leise, schlafen gern im Freien
- Mr. Rowson hat das wohl noch nicht versucht?
    Doch, liebe Marion, doch, aber es sagt meiner Gesundheit nicht recht zu -
ich bin ber die Jnglingsjahre hinaus; warum Beschwerden aufsuchen, die man
vermeiden kann? Aber lebe wohl, liebes Kind - der Himmel nehme Dich indessen in
seinen Schutz. Vorher nur wollen wir noch einmal brnstig zum Herrn beten, da
er unser schwaches Bemhen segne und uns gndig sei.
    Damit nahm er sein kleines, schwarz eingebundenes Gebetbchlein, das er
stets in der Tasche trug, hervor und begann mit lauter Stimme seine Andacht. Die
Frauen knieten, der Methodistensitte gem, an ihren Sthlen nieder, und Marion
schaute ber die gefalteten Hnde hinweg mit feuchten Augen zu dem klaren,
reinen Himmel empor. Ihre Gedanken schweiften weit, weit fort - sie vernahm
nicht die rauhe Stimme des Frmmlers, der an ihrer Seite seine monotonen,
auswendig gelernten Phrasen mit demselben Gefhl vielleicht hersagte, als der
Spielmann sein tausendmal gespieltes Lied anhrt - ihre Blicke hingen an dem
heitern Dome des Herrn, und wenn auch ihre Lippen sich schweigend an die zarten
Finger preten, ihr Herz sprach mit ihrem Gott.
    Reib' die Pferde ein wenig ab, - in einer Stunde mu ich wieder fort!
sprach Roberts' Stimme drauen zum Neger - kommt einen Augenblick herein,
Harper, und ruht Euch aus - was wollt Ihr jetzt zu Hause? Kommt, ich bin selbst
mde, und sehne mich danach, einen Augenblick auszuruhen. Hallo - da ist
wahrhaftig wieder Betstunde, fuhr er dann leise, zu dem Fremden gewendet, fort.
- Hol' der Teufel den Pfaffen! - Wenn ein Mensch auch gar nichts Anderes zu
thun hat, als in einem fort auf den Knieen herumzurutschen - ob denn damit dem
lieben Gott wohl ein Gefallen geschehen mag? - Tom, hol' uns ein paar Sthle aus
dem Hause, rief er dann wieder in lauterem Tone dem Neger zu, der eben die
Sttel von den Pferden nahm. Rowson hatte aber die Ankunft der beiden Mnner
gehrt, und brach sein Gebet ab, als der Neger eben in die Stube kam. Die Mnner
traten dann ohne weitere Umstnde ein.
    Guten Morgen, Ladies! sagte Harper - aber es sah bleich und elend aus,
seine Augen lagen in ihren Hhlen, seine Kniee konnten kaum das Gewicht des
Krpers tragen - er sank matt in einen Stuhl.
    Mr. Harper - um Gottes willen, was ist Ihnen?
    Nichts - ich danke - es wird vorber gehen - ein Glas Wasser, wenn ich
bitten darf.
    Marion nahm den langstieligen Flaschenkrbis, der im Wassereimer lag, und
reichte ihn dem alten Mann.
    Es ist ein Mord verbt, sagte Roberts jetzt, indem er seinen Stuhl an den
Kamin rckte und starr vor sich niedersah - ein Mord - ein schrecklicher Mord -
Heathcott ist erschlagen.
    Heathcott? rief Rowson, ihn anstarrend - Heathcott? wer sagt das?
    Ich habe die Leiche gesehen - Brown hat ihn erschlagen! Was ist dem
Mdchen? Marion - Unsinn - was braucht sie ohnmchtig zu werden, wenn man von
einem Morde spricht; es ist doch wahrlich nicht der erste, von dem sie hrt.
Harper war leise an ihn herangetreten.
    Erwhnt hier nichts von dem Geld, flsterte er Roberts zu - lat uns erst
sehen, ob wir nicht dem Andern auf die Spur kommen.
    Habt keine Angst, erwiderte Roberts - hierin glaub' ich selbst an Brown's
Unschuld.
    Rowson hatte einen Augenblick, wie in tiefes Gebet versunken, dagestanden,
jetzt aber hob er die Augen seufzend empor und sagte schaudernd:
    Es ist schrecklich - frchterlich - so jung noch, und schon Mrder und
Ruber.
    Ruber? fuhr Harper wild auf.
    Aeuerte Heathcott hier nicht, da er eine bedeutende Summe mit sich trage?
Glaubt Ihr, sein Mrder wird das Geld mit ihm begraben haben? Marion sah in
ngstlicher Erwartung nach ihrem Vater hinber, als ob sie dessen Antwort
erwarte. Roberts schwieg und starrte schweigend in die im Kamin lodernde Flamme.
    Heathcott war ein sndiger Mensch, fuhr Rowson mit strenger Stimme fort,
aber so zu sterben, so in seinen Snden hinzufahren, das ist schrecklich. Wo
ist die schauderhafte That verbt, Mr. Roberts?
    Am Petite-Jeanne - wir fanden die Spuren, und Assowaum holte die Leiche aus
dem Flusse.
    Der Prediger schwieg mehrere Minuten und starrte, in Gedanken versunken, vor
sich nieder, dann erhob er sich pltzlich und frug, die Augen fest auf Roberts
geheftet:
    Aber woher wissen Sie, da Brown der Mrder ist?
    Er ist an demselben Morgen in jener Gegend gesehen worden, sagte Roberts
seufzend, und es waren Zwei, die den Mord verbten. - Brown hatte ja auch am
vorhergehenden Tage den Zank mit dem Ermordeten, der damals solch' wilde
Drohungen gegen ihn ausstie.
    Schndlich - schndlich, rief Rowson in frommer Entrstung - ich will
selbst an den Petite-Jeanne gehen, vielleicht kann man den Mrder noch
einholen.
    Mr. Rowson - es war Ihrethalben, da der unglckliche junge Mann den Streit
mit dem jetzt Todten begann, sagte Marion ernst, zu ihrem Brutigam aufsehend -
Ihnen geziemte es am wenigsten, den Stab ber ihn zu brechen.
    Marion! rief die Mutter, entrstet ber die Khnheit des sonst so sanften
Mdchens - Marion - was unterstehst Du Dich?
    Lassen Sie das Kind, Schwester Roberts, erwiderte Rowson mild - sie
urtheilt nach ueren Eindrcken, wer kann es ihr verdenken? - Gott nur sieht
das Herz und versteht es zu prfen.
    Wrde Ihnen wenig helfen, meinen Neffen zu fangen, sagte Harper jetzt
rgerlich aufstehend - wir Alle sind bereit, die Drohungen zu beschwren, die
Heathcott hier gegen ihn ausgestoen hat. - Ein Geschworenengericht mte und
wrde ihn freisprechen - berdies kommt er in acht Tagen zurck und wird sich
selber verteidigen.
    Er kommt zurck? frug Rowson schnell.
    Gott sei gedankt - dann ist er auch nicht schuldig! rief Marion in der
Freude ihres Herzens.
    Mi Marion scheint vielen Antheil an dem jungen Mann zu nehmen, bemerkte
Rowson.
    An jedem Unschuldigen! sagte das schne Mdchen, zu gleicher Zeit aber
selbst ber den Eifer errthend, mit dem sie des fremden Mannes Sache vertreten
hatte.
    Das ist schn und lobenswerth, erwiderte freundlich der Prediger - mge
der Herr Dich dafr segnen, mein gutes Kind, und Dir Deinen frommen Glauben
erhalten. Du hast noch nicht solch' bittere Erfahrungen gemacht, wie wir - mge
es auch nie geschehen! Er trat darauf noch zu Mrs. Roberts und theilte ihr
leise etwas mit, kte dann seine Braut achtungsvoll auf die Stirn und folgte
den beiden Mnnern, die sich nach kurzem Abschiedswort wieder in den Sattel
geschwungen hatten, vor die Thr. Hier bestieg er sein kleines lebhaftes Pony,
und ritt langsam den breiten Weg hinauf, der zwischen den zwei Maisfeldern hin
und auf einen schmaleren Pfad fhrte, welcher spter nordwestlich, dem
Arkansasflu zulief!
    Mutter, sagte Marion nach einer stummen, schmerzlichen Pause, als sie
allein mit einander waren, Mutter - ich kann den Mann nicht lieben. - Mein Herz
wei nichts von einem Gefhl, das ich ihm am Altare heucheln mte.
    Kind, rief die Matrone erschreckt, indem sie der Tochter Hand ergriff -
bete! es hat nichts auf der Welt etwas so Erquickendes als ein brnstiges
Gebet, wenn der Versucher naht. - Du weit, da Mr. Rowson Dein und mein Wort
hat - Du weit, da seine ganze Glckseligkeit davon abhngt, und an der Seite
eines so frommen Mannes wirst auch Du jenen Grad von Seelenreinheit erringen,
der Dir jetzt noch so gnzlich mangelt. Mr. Rowson hat, wie er mir eben
vertraute, Hoffnung, seine Geschfte noch vor der frher festgesetzten Zeit
beendigt zu sehen, und sobald das geschehen sein wird, ist die Hochzeit. - Sei
mein gutes Kind, wie Du es immer gewesen bist, und Du wirst so glcklich werden,
wie Du es verdienst. Marion lag an der Mutter Halfe und schluchzte laut.

                                    Funoten


1 Wenn Jemand der Klger seiner Kameraden wird und fr den Staat als Zeuge
auftritt.


                                      10.

     Die Sheriffswahl in Pettyville. - Die Verfolger sind auf den Fhrten.

In Pettyville war Wahltag. - Es sollte nmlich ein Sheriff und ein Clerk1 fr
das County ernannt werden, und drei Candidaten hatten sich schon zu der
ersteren, zwei zur letzteren Stelle gemeldet. Der Eine, ein wohlhabender Farmer
aus der Nachbarschaft, Kowles mit Namen, hatte die Whler mit einem Festessen,
das er am vorigen 4. Juli, am Jahrestag der amerikanischen
Unabhngigkeitserklrung, gegeben, auf seine Seite zu bringen gesucht. Auch
jetzt noch trug er stets in der einen Tasche ein kleines Flschchen mit Whisky,
in der andern ein Stck Kautabak, und man sagte sich, da er, wo nur die
mindeste Hoffnung sei, eine Stimme zu erhalten, mit beidem sehr freigebig
umgehe. Der zweite war ein Deutscher, aber schon ziemlich lange in Amerika, und
hatte den Flu weiter hinauf einen kleinen Kramladen; der Dritte dagegen ein
Farmer vom Arkansasflu, der die Stelle schon einmal bekleidet, spter jedoch
nicht wieder gewhlt war, indem er den guten Leuten, sonst in dieser Hinsicht
wirklich sehr nachsichtig, doch etwas zu viel trank. Dreimal die Woche, hatten
Mehrere geuert, lieen sie sich ein bischen schrg wohl gefallen, aber alle
Tage, das sei zu viel. Jetzt sollte er sich brigens gebessert haben und hatte
sehr viele Stimmen fr sich. Vattel war auch wirklich ein herzensguter Bursche,
machte sehr gern seinen Spa mit, nahm nie einen Scherz bel, stand aber auch
seinen Mann, wenn es galt, sein Amt zu behaupten.
    Um zwei Uhr sollte die Wahl beginnen, und die bis jetzt anwesenden Farmer
und Jger, die in dem kleinen Huschen, in dem der Tisch mit den
Schreibmaterialien stand, und um dasselbe versammelt waren, vertrieben sich die
Zeit nach besten Krften. Das Haus war ein gewhnliches Blockhaus, mit einem
Bett in der einen, einem Tisch in der andern Ecke. An den Wnden lehnten berall
Bchsen, an allen Ngeln oder vielmehr Pflcken (denn an Eisen war im ganzen
Gebude kein groer Ueberflu) - hingen Kugeltaschen und Pulverhrner, und
theils auf Decken, theils auf den rauhen Dielen hingestreckt lagen mehrere
Hinderwldler und unterhielten sich hchst angelegentlich ber Weiden, Wild und
eine krzlich in den Fourche la fave-Bergen angeblich entdeckte Goldmine.
    Die eigenthmlichste Gruppe bildeten aber doch wohl die auf und neben dem
Bett Gelagerten. Auf der untern Kante desselben, den linken Fu gegen die Erde
gestemmt, sa die lange, drre Gestalt eine Mannes, in einem sehr abgetragenen
hellblauen wollenen Frack, dessen Rcktheil brigens keineswegs aus demselben
Stoff bestand als Kragen und Aermel. Auf dem Kopf trug er einen alten Filz, in
den er an drei verschiedenen Seiten Lcher hineingeschnitten hatte, um frische
Luft hindurch zu lassen. Ein gleiches Experiment war mit seinen Schuhen
vorgenommen, doch hier, wie es schien, weniger der Luft als der Hhneraugen
wegen, und die Beinkleider, die um die Kniee herum wirklich nur noch durch
verschiedene hirschlederne Riemen zusammengehalten wurden, sahen so buntfarbig
aus wie eine Landkarte der Vereinigten Staaten selbst, von deren es Robin's
Stolz war, sich ihren freien Brgern zu zhlen. Eine alte, abgenutzte lederne
Kugeltasche hing ihm an der rechten Seite, und ein sehr kleines Messer mit
hlzernem Griff stak vorn in seinem Gurt, der die oben beschriebenen Beinkleider
verhinderte, sich ganz von einem Krper zu entfernen, dem sie berdies nur noch
theilweise anzugehren schienen.
    Trotz seines sehr unabhngigen Aeuern aber (wenn man das Wort unabhngig
von einem Menschen gebrauchen kann, an dem wirklich Alles hing) sa er sehr
gemthlich auf dem hchst unbequemen, scharfkantigen Sitz und bekratzte in einer
so entsetzlichen Art einer alte Violine, da die Hunde, die sich drauen an der
Htte sonnten, unruhig auf ihren Pltzen hin- und herrckten, und
augenscheinlich mit sich uneins waren, ob sie den guten warmen Platz im Stiche
lassen oder noch lnger das Gequietsche mit anhren sollten. Die Mnner im
Innern der Htte schienen den ohrzerreienden Lrm brigens gar nicht zu
bemerken, sie schwatzten und lachten, und beachteten den Spieler nicht weiter.
Nur Einer, ein blondhaariger junger Farmer, der mit allen Zeichen grter
Behaglichkeit in voller Lnge ausgestreckt auf dem Bett, mit den Fen nach dem
Spieler zu lag, schien besondern Antheil an dem Vortrage des ganz in sich selbst
vergessenen Knstlers zu nehmen, denn er folgte der Melodie, indem er dieselbe
Weise, freilich in einer ganz andern Tonart, dazu pfiff. Der Spieler blieb aber
bei einem und demselben Liede, und geigte den Vers wohl fnfzigmal herunter,
immer wieder von vorn an, bis es selbst sein geduldiger Zuhrer endlich satt
bekam. Dem zweiten Paganini mit der Fuspitze also einen gelinden Sto
versetzend, um seiner Aufmerksamkeit gewi zu sein, rief er aus:
    Verdamm es - Robin, hier lieg' ich nun schon eine halbe Stunde und pfeife
immer dasselbe Lied - knnt Ihr denn gar nichts Anderes? - So - das ist recht -
Yankee Doodle. Und wieder zurck auf das Kissen fallend, von dem er sich eben
erst etwas erhoben hatte, begann er sein Pfeifen des neuen Stckes aus
Leibeskrften.
    Wie ist es denn noch mit der Leiche geworden? frug ein Farmer von der
Mndung des Fourche la fave - ich habe ja gar nichts weiter drber gehrt.
    Nun, da ist weiter nichts geworden, erwiderte ein Anderer - die Mnner,
die sie gefunden, hatten sie mit Zweigen zugedeckt, und wir gingen Alle hinaus,
um den Spuren zu folgen und den andern Burschen auszufinden, der die Hand mit im
Spiele gehabt. Ihr wit aber, da es am Nachmittag so frchterlich zu regnen
anfing, und da lie sich denn weiter nichts mehr thun.
    Also Brown hat ihn wirklich ber den Haufen geschossen?
    Nun natrlich, sagte der Friedensrichter, der zu ihnen trat - das war
auch vorauszusehen. Wer zum Teufel wird sich denn solche Drohungen an den Hals
werfen lassen? Aber den Zweiten mcht' ich ausfinden, der Bursche hatte
sicherlich keinen Grund, und man wei auch wahrhaftig gar nicht, auf wen man
eigentlich Verdacht haben soll.
    Es war doch verdammt viel von dem Indianer, so unterzutauchen, um eine
Leiche anzuhaken. - Wei nicht, was mir Einer htte geben mssen!
    Ach, die Rothhute sind so etwas gewhnt - ohne den htten wir ja auch gar
nicht erfahren knnen, wer der Todte eigentlich sei, denn auf Heathcott wrde
Niemand gedacht haben -
    Wenn sich der Indianer nicht so gut bei der Sache benommen htte, wrde ich
auf ihn selbst Verdacht werfen, sagte der Richter - Brown und die Rothhaut
sind berhaupt immer wie Hand und Handschuh mit einander, und es wre gar nicht
zu verwundern gewesen, wenn sie hier in einem und demselben Joch gezogen. Das
scheint aber doch nicht so, denn sonst mchte sich Assowaum wohl gehtet haben,
die Hand zu etwas zu bieten, was ihm gefhrlich sein mute und ohne ihn
sicherlich unterblib.
    Haben sich denn die Regulatoren schon einen andern Fhrer gewhlt?
    Am Sonntag wollen sie bei Bowitts zusammenkommen und Alles bereden. - Es
leben Mehrere hier in der Gegend, denen sie auf der Spur sind.
    Ob denn das wahr ist, da sie den Todten auch beraubt haben?
    Geld hatte er an demselben Morgen bei sich, das wei ich gewi, sagte
Cook, der auf dem Bette lag und jetzt einen Augenblick zu pfeifen aufhrte -
Geld hatte er, und zwar in einem kleinen rothledernen Taschenbuche inwendig in
seinem Jagdhemd eingeknpft - es war aber fort, als sie ihn fanden; natrlich
haben sie das bei Seite gebracht -
    Brown nicht, darauf wollt' ich schwren! sagte der Richter - Brown halte
ich fr einen ehrlichen Kerl, und es kommt mir das schon sonderbar von ihm vor,
da er sich noch jemand Anders zu Hlfe genommen hat, den Prahlhans unschdlich
zu machen.
    Robin, sagte Cook vom Bett aus, auf dem er sich jetzt halb herumdrehte und
dem Ebengenannten einen zweiten freundschaftlichen Sto mit der Fuspitze
verabreichte - Robin, wenn Ihr nun nicht bald mit Eurem Yankee Doodle aufhrt,
so hol' ich wahrhaftig die Hunde herein; knnt Ihr denn weiter nichts als die
zwei Stcke?
    Robin begann Washington's Marsch zu spielen, und Cook beruhigte sich wieder.
    Gentlemen, rief jetzt der Richter - es wird Zeit, da wir anfangen, es
mu zwei Uhr sein. Uebrigens fehlt uns noch ein Schreiber. - Wer knnte denn von
den Anwesenden die Stelle versehen, heh? Cook - Ihr knnt schreiben!
    Ja - meinen Namen; da ich aber nicht mit auf der Candidatenliste bin, so
mchte der schwerlich vorkommen.
    Smith - Ihr denn - oder Hopper - oder Moos - was zum Henker, kann denn
keiner von Euch eine Liste fhren?
    Da drauen kommt Hecker - der Deutsche, der kann schreiben, sagte Robin,
mit seinem Violinbogen nach der offenen Thr zeigend.
    He, Hecker! rief der Richter, habt Ihr eine Stunde Zeit, die Namenliste
hier zu fhren?
    Ja - zwei oder drei, erwiderte der Angeredete, indem er in die Thr trat -
ich will nur mit Dunkelwerden an der Salzlecke drben ber dem Berge sein. Wenn
ich um fnf Uhr fortgehe, komm' ich zeitig genug.
    Gut - dann stellt Eure Bchse dort in die Ecke - ist sie geladen?
    Denkt Ihr, ich schleppe ein leeres Rohr im Walde herum?
    Nun, lehnt sie nur gut an - ich habe immer Angst, die verdammten kurzen
Dinger knnten Schaden thun.
    Hecker, ein junger Deutscher, der sich dort in der Gegend von der Jagd
ernhrte, auch ganz wie die dortigen Hinterwldler gekleidet war, rckte sich
einen Stuhl zum Tisch, zog das groe, breite Jagdmesser, das ihm beim Sitzen
unbequem war, aus der Scheide, legte es vor sich hin und frug Smith, der neben
ihm sa:
    Wr's denn nicht mglich, entweder Robin und Cook zu bewegen, mit ihrer
schauderhaften Musik aufzuhren? Die Hunde werden noch krank davon.
    Mchte schwer halten, lachte dieser, sie glauben Beide wunder wie schn
sie's machen. - Aber da kommt wahrhaftig Wells! - was mag den zu uns fhren, der
hlt sich doch sonst nicht bei Wahlen auf?
    Er hat Wlfe gefangen - bei Gott! rief der Richter - - bravo, Wells, das
macht Ihr gescheidt, die Bestien thun Schaden genug!
    Guten Abend zu Allen! sagte der Jger, indem er in die Htte trat und drei
blutige Wolfsscalpe auf den Tisch warf - guten Abend, Richter - da - gebt mir
einmal die Bescheinigung2 oder kauft sie mir ab, das wre mir noch lieber, denn
mit Taxen bin ich so nicht bermig geplagt.
    Wells war ein schlanker, wohlgewachsener Mann mit grauen, lebhaften Augen,
sonst glich aber sein ganzes Wesen mehr einem Indianer als einem Weien, und
Viele behaupteten, da seine Adern eben so viel rothes als weies Blut
enthielten. In seiner Kleidung unterschied er sich ebenfalls in Nichts von den
halbcivilisirten rothen Shnen der Wildni. Wie diese trug er sein Haupt blo,
da das lange, schwarze, glnzende Haar ihm die Schultern umflatterte, oder band
hchstens bei sehr windigem Wetter einen Streifen Baumrinde um die Schlfe, es
festzuhalten. Abenteuerliche Sachen erzhlte man sich auch aus seinem Leben,
besonders aus den letzten Jahren desselben, die er grtentheils in Texas
zugebracht hatte. Jetzt wohnte er ganz ruhig und still auf einer wohlbebauten
Farm, die er mit seinen zwei Shnen, jungen Burschen von neun und elf Jahren,
versah. Doch nur im Sommer arbeitete er, und auch dann nur die wenigen Wochen
der Pflanzzeit - die anderen Monate jagte er und stellte den Raubthieren,
besonders den Wlfen, Fallen. Sonst war er harmlos und in der ganzen Gegend
seines freundlichen, wenn auch rauhen Benehmens sowie seiner unbeschrnkten
Gastfreundschaft wegen beliebt.
    Hrt, Wells, lachte Hecker, indem er mit dem Aermel seines Jagdhemdes das
Wolfsblut von dem liniirten Bogen wischte - wenn's Euch einerlei ist, so legt
die nassen Dinger unter den Tisch - es schreibt sich besser -
    Oh, ich habe das Papier schmutzig gemacht - thut mir wirklich leid. - Nun,
man kann ja doch noch drauf schreiben; es ist ja blos die eine Ecke oben. -
Hier, Richter - dreimal drei macht neune -
    Ja - neun Dollar fr drei Wolfsscalpe, das ist richtig genug, aber - Ihr
mt zuerst beschwren, da Ihr sie wirklich selbst und in diesem County erlegt
habt.
    Das kann ich nicht - ich habe sie blos gefangen, meine Hunde haben sie
nachher todtgebissen.
    Das bleibt sich gleich - ob sie durch Eure Hand, Eure Hunde oder Eure
Fallen vernichtet sind - beschwrt mir das -
    Nun, ich will verdammt sein, wenn's nicht wahr ist -
    Gut - bei Gott! rief Cook auf dem Bett, indem er Robin wieder einen
leichten Tritt versetzte - das verdient den Yankee Doodle -
    Lieber Wells, lchelte der Richter, das ist nicht der richtige Schwur.
Doch der Clerk wird Euch den abnehmen; jetzt aber zu unserer Wahl - also,
Hecker, Ihr wollt schreiben, und wer sind meine beiden Mitrichter?3 Aha - Smith
und Hawkes - setzt Euch nur, wir knnen anfangen.
    Welches Datum haben wir heute? frug Hecker.
    Den siebenundzwanzigsten -
    Und welchen Wochentag?
    Nun, Gott sei Dank, wit Ihr nicht einmal den Tag? Freitag.
    Wenn man ein paar Wochen drauen im Walde liegt, wird man ganz confus,
lachte Hecker - ich glaubte, es wre Sonntag.
    Einer der Farmer trat jetzt vor - Hecker schrieb den Namen. Guten Abend,
Heslaw - braucht weiter keine Legitimation, nicht wahr?
    Nein - der nicht -
    Fr wen als Sheriff?
    Vattel.
    Und Clerk?
    Hopper.
    Euer Name? frug Smith einen Zweiten, der zum Stimmen kam.
    Kattlin.
    Wie lange im Staat?4
    Sieben Monate.
    Wie lange im County?
    Acht Wochen.
    Knnt's beschwren?
    Ja wohl!
    Nehmt ihm den Eid ab - Clerk.
    Dieser sagte dem Mann die Eidesformel mit etwas sehr schneller Stimme vor,
hielt ihm die Bibel zum Kssen hin, und endete den Schwur mit dem blichen
feierlichen: So help you Good.5
    Hat's sehr nthig! sagte Cook ghnend, indem er sich auf dem Bett
herumdrehte.
    Die Wahl dauerte jetzt wohl in verschiedenen Zwischenrumen an zwei Stunden,
bis alle Anwesenden ihre Stimmen abgegeben hatten, und eben wollten die beiden
Schreiber zum Schlu ihre Namen unterzeichnen, denn das Protokoll mute, um
jeden Irrthum zu vermeiden, doppelt gefhrt werden, als die Drauenstehenden den
alten Bahrens ankndigten, der auf seinem kleinen Pony angetrabt kam.
    Noch vor dem Abfang, Gentlemen? rief er aus, als er in's Zimmer trat,
noch vor dem Abfang - nun aber doch wohl noch zeitig genug. - Hurrah fr Vattel
- das ist der Mann, Boys - trinkt manchmal sein Glschen, ist richtig, hat aber
nichts zu sagen, ist nachher immer wieder auf dem Zeug. - Schreibt Vattel, sag'
ich -
    's war Zeit, da Ihr kamt, Bahrens, meinte Hecker, ich wollte eben fort.
Es ist schon fnf Uhr vorbei, und ich habe noch eine halbe Stunde zu gehen.
    Wohin denn?
    Zur nchsten Salzlecke; wollt Ihr mit?
    Oh der Henker hole Eure Salzlecke; wir bleiben hier zusammen, nicht wahr,
Boys? - Heut Abend soll's eine Spree6 geben. - Ich gehe nicht eher nach Hause,
bis ich - nicht mehr gehen kann, und dann bleib' ich erst recht hier.
    Das ist brav, Bahrens! rief Cook, der zum Tisch getreten war, das la ich
gelten. Ich habe zwei Hirschfelle mitgebracht, die vertrinken wir auch, - - es
ist ja nicht alle Tage Wahl.
    Ich kann also gehen? frug Hecker.
    Geht meinetwegen zum Teufel! Boys, wer holt Whisky? In dem Laden drben mag
ich mich nicht hinsetzen, es ist mir dort so unheimlich. - Nun kommt, Hecker -
trinkt erst einmal, denn die ganze Nacht dort trocken zu sitzen, ist auch kein
Spa. - Gott segne uns, wenn ich meine Hirsche nicht mehr am Tag schieen kann,
dann geb' ich's auf; die Nacht mich drauen in's Freie zu legen, und neben mir
ein Feuer zu haben, an dem ich mich nicht einmal wrmen darf - stets in Angst zu
sein, da ich einnicke und unter der Zeit mein Feuer ausgeht, ein Hirsch zur
Salzlecke kommt und mich schnarchen hrt - nein - das ist mein Geschmack nicht.
- Gut - ich hindere Euch nicht - habt Eurern Willen - ich brauch' Euch nicht zu
pflegen, wenn Ihr krank werdet, aber halt - das mt Ihr noch hren, wie's mir
einmal in Texas an einer Salzlecke ging.
    Aber schnell, sagte Hecker, der seine Bchse schulterte, ich mchte nicht
gern die Zeit versumen.
    Wr' auch schade, wenn Ihr das Gewitter nicht ganz auf den Pelz bekmt, was
da heraufzieht, wr' wirklich schade - also. - Ich lag auch eines Nachts -
(damals war ich eben solch ein Narr, wie Hecker jetzt ist, und sa Tag und Nacht
drauen) mit der Bchse an einer Salzlecke. Wild war in Unmasse in der Gegend,
und ich hatte mich ein wenig frh an Ort und Stelle gemacht, um eine gehrige
Quantitt Felle die Nacht zusammenzuschieen. - Es war also kaum dmmerig, als
ich, neben einem tchtigen Haufen Kienholz und unter einem leicht aufgebauten
Gestell, niedergekauert war. Da hrt' ich auf einmal, gar nicht weit entfernt,
ein frchterliches Getse und Geschrei, als ob ein paar tausend Panther am
Heulen wren. Der ganze Wald bebte - ich hrte den Lrm nicht mehr, ich fhlte
ihn ordentlich - und (doch hier mu ich erst noch bemerken, da ich etwa eine
Viertelstunde von einem groen Baumwollenfeld und in einer sehr niedern
sumpfigen Gegend lagerte) ehe ich mich daher recht ordentlich besinnen konnte,
brauste es herbei, und nieder kam's auf mich wie ein Unwetter. Was meint Ihr
aber, da es gewesen wre?
    Das mag der Teufel rathen.
    Wilde Gnse - ein paar tausend wenigstens. - Mein Gestell warfen sie mir
ein, mein kleines Feuer, das ich eben angefacht hatte, schlagen sie mit den
Flgeln aus, und mich selbst behandelten sie, als ob ich gar nicht existiert
htte. Ich aber nicht faul, zog mein Jagdmesser heraus und fing an auszuholen.
Die mir am nchsten waren, merkten nun wohl, da sie unter dem falschen Baum
gebellt htten, zu spt aber, denn ehe sie sich wieder von ihrem Schreck erholen
und das Alarmzeichen geben konnten, hatte ich nicht schlecht unter ihnen
aufgerumt - wie sie fort waren, zhlte ich einundfnfzig Gnse und
achtundfnfzig Kpfe, die geblieben waren.
    Was? sieben Kpfe mehr? wo wren denn die Gnse geblieben?
    Die, denen die Kpfe gehrten? die fand ich am nchsten Tage. So dicht
waren sie geflogen, da die todten von den lebendigen Vgeln mit in die Luft und
wohl fnfhundert Schritt weit fortgenommen waren - gute Nacht, Hecker, gute
Nacht - rennt der Kerl! - und wie er die Beine wirft!
    Bahrens, Ihr seid noch immer der Alte! - lachte der Richter. - Nichts als
Unsinn, und lgen knnt Ihr, da die Fenster anlaufen.
    Das wre eine Kunst hier! rief Bahrens hhnisch, Fenster anlaufen? - Ich
glaube, es sind keine zwei Glasscheiben im ganzen County, die ausgenommen, die
Smith da auf der Nase trgt. - Was hilft mir denn aber mein Erzhlen, wenn Ihr
kein Wort davon glaubt? - Warum thut Ihr die Muler nicht auf? Na, da kommt
wenigstens der Whisky.
    Wenn's nicht gleich so dicht hinter Bahrens' Geschichte herkme, sagte
Curtis jetzt - so mcht' ich Euch erzhlen, was mir gestern Nacht passiert ist
- 's ist aber auf mein Wort wahr, und Ihr braucht nicht drber zu grinsen,
Bahrens.
    Hrt Ihr jemals, da ich solche Entschuldigungen einer von mir erlebten
Begebenheit vorausschicke? Nie - das macht sie immer verdchtig - erwiderte
Bahrens kopfschttelnd.
    Das habt Ihr auch gar nicht nthig! sagte der Richter lachend - bei Euch
bleibt sich's immer gleich. Aber weiter, Curtis, weiter - und seid so gut und
lat noch einen Tropfen von dem Stoff da im Becher.
    Ich war gestern Abend wieder am Petite-Jeanne, begann Curtis - um nach
den Schweinen zu sehen, von denen mir Bahrens neulich gesagt hatte, als wir
spter durch die Leichensucherei abgehalten wurden. Gut - ich kroch den ganzen
Tag im Busch herum und sah berall, wo sie gelaufen waren, konnte aber keinen
Schwanz von ihnen finden. Endlich gegen Abend, es fing schon an dunkel zu
werden, sah ich 'was Helles in einem kleinen Papaodickicht stehen, und richtig
war's die alte Sau mit den Ferkeln (ich habe aber nur zehn gesehen - Bahrens
redete von elfen - vielleicht hat der Br eins gefangen). Wie ich ich mich also
berzeugt hatte, da es wirklich Vaters Zeichen war, was sie in den Ohren trug -
ein Loch im linken und einen Schlitz im rechten, so lie ich sie zufrieden, um
sie nicht unnthiger Weise scheu zu machen. Da aber an dem Abend doch weiter
nichts mit ihnen anzufangen war, streute ich ihnen nur ein paar Kolben Mais hin,
die ich in der Kugeltasche mitgenommen hatte, und sah mich nach einem
vernnftigen Fleck zum Schlafen um.
    Den Petite-Jeanne-Sumpf hab' ich auf dem Striche. Alles na und feucht, und
Mosquitos so dick, das man nicht durchsehen kann. Nach langem Suchen fand ich
einen trocknen Platz, zndete ein Feuer an, wickelte mich in meine Decke und
legte mich nieder. Hunde hatt' ich nicht mitgenommen, weil ich die Schweine
nicht scheu machen, auch berhaupt nicht jagen wollte, und mde vom vielen
Umherrennen schlief ich bald genug ein. Wie lange ich gelegen haben mag, wei
ich nicht, denn die Bume standen so dicht, da ich kaum gerade ber mir ein
paar Sterne erkennen konnte, einmal aber wachte ich auf, und da war mir's, als
ob ich irgend 'was leise um mich herumschleichen hrte. Ich horchte lange und
aufmerksam, und hatte meine Bchse gespannt neben mir. Da ich aber nichts weiter
hren konnte, berredete ich mich zuletzt, ich htt' es blos getrumt, und legte
mich wieder nieder; doch ging mir das Ding im Kopf herum. Ohne Hund befand ich
mich nmlich in einer keineswegs angenehmen Lage, wenn mir so ein alter Panther
in aller Freundschaft auf den Hals gesprungen wre, wie's dem Dipolt da vor
nicht gar langer Zeit am Washita begegnete. Halb im Schlafe, halb im Wachen lag
ich also und horchte immer noch auf das geringste Gerusch, als ich dieselben
Laute wieder zu vernehmen glaubte. Leise zog ich die Decke vom Gesicht - da
war's mir, als ob ich etwas athmen hrte - deutlich und nahe, und fast in
demselben Augenblick fhlte ich auch den heien Athem irgend eines lebenden
Wesens in meinem Antlitz. Trotz der Dunkelheit konnte ich einen dicht ber mich
hinggebeugten schwarzen Gegenstand erkennen, und ganz erstaunt vor Schreck und
Ueberraschung blieb ich wirklich regungslos liegen und erwartete, was das
rthselhafte Geschpf ber mir beginnen wrde. Ein Panther konnt' es nicht sein,
das wut' ich, denn der htte mich lange an der Kehle gehabt. Das war aber auch
der einzige Gedanke, den ich zu fassen vermochte. Ich besann mich nicht einmal
auf mein Messer im Grtel, um wenigstens etwas zu meiner Vertheidigung zu haben,
sondern lag nur wie todt da und starrte auf den dunkeln Gegenstand dicht ber
mir hin, dessen glnzendes Auge ich selbst in dieser Dunkelheit matt leuchten
sehen konnte.
    Ich wei nicht, ich bin sonst nicht gerade furchtsam, hier aber war ich
wirklich wie behext, und so machtlos, da ich die sichere Beute irgend eines
Raubthieres geworden wre, das sich die Mhe genommen htte, mich anzufressen.
    Und das Thier? frugen Alle.
    Auf einmal konnte ich wieder die Sterne ber mir erkennen und fhlte den
heien Athem nicht mehr - gleich darauf hrte ich auch die leisen, sich
entfernenden Schritte. Mein Besuch hatte mich verlassen und ich athmete so frei
auf, als ob ich vom Tode erstanden wre.
    Ja, aber - brannte denn das Feuer nicht mehr?
    Es glimmte nur noch, denn ich hatte am Abend vorher lauter trockenes
Hickoryholz zusammengeschleppt.
    Nun, was machtet Ihr denn nachher?
    Ich kann mich nicht einmal mehr ordentlich darauf besinnen. - Erst wollt'
ich vor allen Dingen aufstehen und das Feuer schren, dann wollt' ich mein
Messer aus der Scheide ziehen und neben mich legen, oder es gar in der Hand
behalten, dann wollt' ich mich mit dem Rcken an einen Baum lehnen, um aufrecht
sitzen zu bleiben; wei aber nicht, wie es kam - ich mu wieder eingeschlafen
sein, denn als ich recht ordentlich munter wurde, war es heller Tag.
    Das ist doch eigenthmlich, sagte der Richter - was kann es nur gewesen
sein? saht Ihr denn nicht nach den Fhrten?
    Eigenthmlich, brummte Bahrens - ich htte die Geschichte erzhlen
sollen, da wre wieder von weiter nichts als Unsinn und Lgen geschwatzt - und
jetzt ist sie eigenthmlich.
    Natrlich sah ich nach den Fhrten, antwortete Curtis, auf der Stelle
selbst konnt' ich jedoch nichts erkennen, der Boden war trocken und das Laub lag
sehr hoch, etwas davon entfernt aber kam ich an die Spuren eines merkwrdig
groen Bren, und das mute auf jeden Fall mein Nachtwchter gewesen sein.
    Das thun die Bestien, lachte Smith - ich wei es aus Erfahrung, denn ich
hatte vor zwei Jahren einen zahmen Bren, der stand mehrere Male des Nachts auf,
kam an mein Lager und guckte mir gerade in's Gesicht - 's ist komisches
Viehzeug!
    Apropos, Curtis, frug der Richter jetzt - Ihr habt ja versprochen, mir in
diesem Frhjahr einen jungen Bren zu fangen; meine Frau mchte gar zu gern
einen haben. Ist's denn nicht mehr mglich?
    Jetzt ist's nun freilich zu spt, im Mai laufen die kleinen Canaillen schon
wie die Pferde. - Ich bin brigens im Februar und Mrz sechs Wochen deswegen im
Walde nach allen Richtungen umhergekrochen, bin sogar zweimal nach den
Magazinbergen hinbergegangen, um dort in ein paar Hhlen, die ich wute,
nachzusuchen, 's war aber nichts zu machen. - Htte selbst gern einen kleinen,
zahmen Petz - sie sind gar zu lieb.
    Thorheit, sagte Bahrens - unbeholfene Dinger werden's. Schon im ersten
Jahre werfen sie das Glaszeug und Geschirr aus den Gefachen, ziehen das
Tischtuch vom Tische mit Allem, was drauf steht, zerren die Bienenstcke um,
beien sich mit den Ferkeln und schtteln die Pfirsichbume. - Nein, da giebt's
noch manche andere Thiere, die harmlos sind und eben so vielen Spa machen. In
Nord-Carolina hatte ich einen zahmen Hring, der lief mir durch's ganze Haus
nach.
    Halt, Bahrens - verschnappt Euch nicht, lachte der Richter, ein Hring
auf dem Trocknen, wie lange sollte der leben?
    Leben! rief der alte Jger voller Eifer - leben! Ein Thier kann sich an
Alles gewhnen. Der war in seiner Jugend auf eine Sandbank geworfen und hatte
nie wieder Wasser gesehen - ich mute ihm nur jeden Tag frischen Sand geben. -
Jetzt hab' ich ein kleines Ferkel, fuhr Bahrens, ohne einen weiteren Einwurf zu
beachten, fort - ein wunderbares Ding - und doch keineswegs eigenthmlich. - Es
sieht aber gefleckt aus wie ein Hirschkalb, und der kleine Schwanz ist ihm so
merkwrdig fest zusammengedreht, da es schon seit drei Wochen die Hinterbeine
nicht mehr auf die Erde gebracht hat.
    Hurrah fr Bahrens! schrie Curtis, verstummte aber pltzlich und rief:
Heda, war das nicht eben ein Schu?
    Ja - ich glaube, ich hrte es auch, entgegnete Bahrens. - Hecker wird's
gewesen sein; die Salzlecke ist lange nicht bewacht, an der er heut Abend sitzt,
und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er ein paar Mal zum Schusse kme.
    Hallo im Hause! rief pltzlich eine Stimme vor der Thr, und die Hunde
schlugen scharf und gellend an.
    Da rief Jemand, sagte der Richter.
    Hallo im Hause! wiederholte die Stimme drauen und diesmal so laut, da
sie selbst das Gebell und Geheul der Hunde bertnte.
    Hallo da drauen - was gibt's?
    Bringt ein Licht her - wollt Ihr?
    Wer ist da?
    Husfield vom Springcreek und Freunde. Kann man hier Kienholz oder ein paar
Pfund Wachs bekommen, um groe Lichter draus zu machen?
    Ja, rief Eastley - Wachs hab' ich zwar nicht, doch Kien genug. Der mu
brigens erst gespalten werden, und Ihr steigt indessen lieber ab und kommt
herein. Ruhig, ihr Hunde!
    Husfield? was zum Henker bringt Euch hier in der Nacht her, rief der
Richter, der, von Cook gefolgt, vor die Thr trat, wen habt Ihr da bei Euch?
    Freunde vom Springcreek! - erwiderte der Angeredete, wechselte einige
Worte mit seinen Begleitern, stieg dann ab und kam in's Haus.
    Guten Abend, Gentlemen! - Ist Einer hier unter Euch, der die Furthen im
Fourche la fave kennt und auf ein paar Stunden unser Fhrer sein mchte?
    Was habt Ihr denn, seid Ihr Jemandem auf der Spur?
    Niedertrchtige Schufte, rief Husfield, haben mir in der Nacht vom
Mittwoch auf den Donnerstag sechs Pferde gestohlen. Glcklicher Weise merkte
ich's gleich am andern Morgen, eigentlich schon in der Nacht. Ein paar von
meinen auerhalb weidenden Pferden kamen nmlich zum Hause, was sie sonst nie
thun, wenn sie nicht von Fremden oder Wlfen gengstigt werden. Ich konnte aber
natrlich im Dunkeln die Spuren nicht aufnehmen, rief jedoch noch vor
Tagesanbruch meine Nachbarn zusammen, und mit der ersten Helle begannen wir die
Verfolgung. Die Spuren waren natrlich breit genug, nach kurzer Zeit theilten
sie sich aber, und drei gingen rechts, die anderen drei links. Nicht ohne Grund
vermutheten wir, da dies blos eine List sei, um Einen, der den Fhrten folgen
mchte, irre zu fhren. Da wir nun Fnf waren, so theilten wir uns, um ganz
sicher zu gehen, und wurden ber die nrdlichen Bergrcken vom Petite-Jeanne und
durch die Magazinberge auf eine so entsetzliche Art und durch solch'
frchterliche steinige Strecken kreuz und quer gefhrt, da ich noch jetzt nicht
begreife, wie es die Pferde ausgehalten haben. Das nahm uns natrlich viel Zeit
weg, denn die Schufte waren im Zickzack, und zwar, um uns von den Fhrten
abzubringen, auf Stellen herumgeritten, wo man eine Hufspur kaum erkennen
konnte. - Endlich aber muten sie sich doch sicher geglaubt haben, denn an den
Quellen des Panthercreeks, wo er sich sdlich nach dem Petite-Jeanne
hinunterzieht, hatten sie sich wieder vereinigt und sind von hier an im offenen
Walde dem Flusse zugeritten, bis sie die Strae erreichten, was wahrscheinlich
gestern Abend geschehen ist. Von dort folgten sie, so unverschmt wie mglich,
eine Strecke lang dem gebahnten Wege. Erst mit Tageslicht, schien es, hatten sie
sich wieder in den Wald geschlagen und, um sich und die Pferde ein wenig
verschnaufen zu lassen, gelagert, auch die Thiere gefttert - Gott wei, wo sie
den Mais herbekommen haben, auf jeden Fall gestohlen. Wir muten ebenfalls eine
kurze Zeit ruhen, wollten auch unsere Thiere nicht zu arg abhetzen, da uns die
Burschen jetzt ziemlich gewi sind. Nur auf gut Glck folgten wir brigens seit
Dunkelwerden der Strae, die sie ein paar Meilen von hier wieder betreten
hatten, und hielten es jetzt fr besser, sicher zu gehen und die Nacht hindurch
langsam mit Fackeln auf der Fhrte zu bleiben. Da sie aber auf jeden Fall den
Flu gekreuzt haben, so mchten wir Jemanden mitnehmen, der die Furth kennt, da
wir nicht unntz aufgehalten werden.
    Ihr thut sehr wohl, auf den Fhrten zu bleiben, sagte Cook, denn vor
morgen frh regnet's auf jeden Fall. - Die Sonne ging hchst verdchtig unter.
    Ich glaub' es auch, erwiderte Husfield. Um so mehr Ursache haben wir
aber, die Verfolgung zu beschleunigen - oh, das ist genug Kien, Eastley, das
thut's. - Wenn die Burschen sich nur die Nacht durch auf der Strae gehalten
haben, was ich keinen Augenblick bezweifle, so mssen wir sie mit Tagesanbruch
einholen, wenigstens nicht weit mehr hinter ihnen sein.
    Weshalb sollen sie aber der Strae folgen? fragte Cook. Nach den heien
Quellen hinber, glaub' ich doch unmglich, da sie die Pferde fhren knnen.
Die einzige Hoffnung, die sie haben, glcklich fortzukommen, wenn sie wirklich
nicht gleich verfolgt wrden, ist, den Arkansas zu erreichen. Aber auf eine
augenblickliche Verfolgung mssen sie doch stets rechnen und darauf gefat
sein.
    Das ist wahr, meinte Husfield nachdenkend - doch wir werden es ja sehen,
wenn wir an's andere Ufer des Fourche la fave kommen. Wollen sie zum Arkansas,
so mssen sie sich von dort an durch den Wald schlagen, um die untere Strae zu
erreichen. Dann vermgen wir freilich nichts zu thun, als bis morgen frh zu
warten. Sind sie aber am andern Ufer der Strae wieder gefolgt, so ist das ein
sicheres Zeichen, da sie nach den heien Quellen wollen, und wir knnten dann
in aller Bequemlichkeit der breiten Strae nachreiten.
    Wenn wir nur den Indianer aufzutreiben wten, sagte der Richter - der
ist ausgezeichnet auf einer Fhrte und wrde von wesentlichem Nutzen sein. Gott
wei aber, wo er steckt.
    Vielleicht war es der, den wir bei der Salzlecke hier oben trafen, der
sprach gebrochen Englisch. - Es dunkelte schon bedeutend, und ich konnte sein
Gesicht nicht ordentlich erkennen.
    Nein, das ist ein Deutscher - gingen denn aber die Fhrten dort vorbei?
    Ja - in vierhundert Schritt. Sie mssen noch ganz in der Nhe sein. Er
sagte uns, da er die Mnner, als er eben angekommen und noch kein Feuer gehabt,
gesehen, sie aber nicht htte erkennen knnen, doch wre ihm die Gestalt des
Einen sehr bekannt vorgekommen. - Denkt Euch, nur zwei von den Canaillen haben
die ganzen sechs Thiere fortgefhrt. Die mssen's aus dem Fundament verstehen.
    Wie fandet Ihr denn den Deutschen?
    Wir kamen auf der Strae herunter, sahen die Kienflamme, die auf dem
Gestell brannte, und ritten hin, um ihn auf's Gerathewohl zu fragen. Der Jger
selbst sitzt, wie Ihr wit, im Dunkeln. Unsere Gegenwart schien ihm aber nicht
besonders angenehm zu sein; da wir ihm natrlich das Wild von der Salzlecke fern
hielten, so blieben wir dort auch nicht lnge.
    Wer's nur sein mag? meinte der Richter. Wundern sollte mich's gar nicht,
wenn dieser Halunke, der Cotton, die Hand mit dabei im Spiele htte. Gesehen ist
er vor einiger Zeit hier in der Gegend, und die Constabler haben auch den
Auftrag erhalten, ihn einzufangen. Er mu aber Wind bekommen haben, denn er war
auf einmal fort, lie sich wenigstens nicht mehr ffentlich sehen.
    Der entgeht dem Zuchthause nicht, sagte Smith.
    Zuchthaus? frug Husfield rgerlich - glaubt Ihr, da wir lange Umstnde
mit ihm machen, wenn wir ihn mit den Pferden einholen? Seht Ihr das hier? er
zog bei diesen Worten einen dnnen Strick aus gedrehtem Leder hervor, den er dem
Richter entgegenhielt - so wahr ich Husfield heie, hngt der Schuft an
demselben Baume, unter dem wir ihn fassen. So lange Zeit zum Beten soll er
haben, als ich brauche, die Schleife zu machen - nicht eine Secunde mehr. Den
Canaillen mssen wir einmal Ernst zeigen, sonst ziehen sie uns noch selbst das
Fell ber die Ohren.
    Aber die Gesetze, sagte der Richter kopfschttelnd.
    Die Gesetze sind recht gut fr dort, wo sie gegeben werden, und in den
Stdten anzuwenden; hier im Walde ist das jedoch etwas Anderes. Kommt mir gerade
so vor, als ob wir Hinterwldler uns hier hinsetzten und fr die Stadtleute in
New-York Gesetze machen wollten - sie wrden die Hlfte von alledem, was wir
zusammenbrchten, nicht gebrauchen knnen, und wir wrden sieben Achtel von dem
vergessen haben, was ihnen dort unumgnglich nthig ist. Nein, lat jedes Land
seine eigenen Gesetze aufstellen, die passen auch nachher. Wenn ich mir eine
Scheide zu meinem Messer in einem Laden gleich fertig kaufe, nun ja, da find'
ich wohl so ein Ding, wo es zur Noth hineingeht, ordentlich schliet's aber nie,
und eh' ich mir's versehe, hab' ich's im Walde verloren. So ist's mit den
Gesetzen. - Es sieht so aus, als ob sie paten, bis Ihr in den Wald kommt; da
hapert's nachher an allen Ecken und Enden. So lange wir uns selbst beschtzen
mssen, so lange wollen wir auch unsere eigene Gerichtsbarkeit ausben, und -
soll ich erst einmal durch Andere beschtzt werden, nun - dann zieh' ich weiter
westlich. - Also, wer geht mit?
    Cook, Curtis und mehrere Andere waren sogleich bereit, und von Curtis
gefhrt, der als alter Ansiedler dort jeden Fubreit Weges kannte, erreichten
sie bald die Strae, die von Nord nach Sd den Fourche la fave kreuzte; dieser
folgten sie und fanden hier auch bald in der weichen Erde die Hufspuren, von
denen Husfield betheuerte, er wolle sie unter tausenden heraus als die seiner
Pferde erkennen.
    Der Himmel hatte sich indessen ganz umzogen, und ein feiner, durchdringender
Staubregen fing an niederzufallen. Wenn er aber auch nach und nach die Kleider
der Mnner durchnte, vertilgte er doch bis jetzt noch nicht die Spuren.

                                    Funoten


1 Gerichtsschreiber.

2 Auf einen Wolfsscalp standen in Arkansas drei Dollars Belohnung oder Prmie,
doch wurde diese nicht in baarem Gelde bezahlt, sondern nur ein Schein darber
ausgestellt, und dieser dann fr Staatstaxen angenommen.

3 Um die Wahlfhigkeit der stimmenden Leute zu ermitteln, werden stets drei
Brger des Staates als Richter genommen.

4 Um zu solchen Wahlen stimmfhig zu sein, mu man sich sechs Monate im Staat,
und sechs Wochen im County vorher aufgehalten haben.

5 So mge Euch Gott helfen.

6 Ausdruck der Amerikaner fr lustige Nacht.


                                      11.

Assowaum, der befiederte Pfeil, und seine Squaw. - Weston und Cotton erwarten
                           ungeduldig die Kameraden.

An demselben Nachmittag, an welchem die im vorigen Capitel beschriebene Wahl
stattfand, schritt, die Decke auf dem Rcken, die Bchse auf der Schulter,
Assowaum, der befiederte Pfeil, von seiner Squaw gefolgt, schweigend durch den
Wald am Ufer des Flusses hinauf. Alapaha trug der indianischen Sitte gem das
wenige Kochgerth, das diese Kinder der Wildni gebrauchen, sowie eine wollene
Decke und zwei getrocknete Hirschfelle, und leise trat sie in die Futapfen
ihres Gatten und Huptlings, der langsam und aufmerksam die beiden Ufer des
kleinen Stromes mit den Blicken berflog, als ob er einen Gegenstand suche und
nicht finden knne.
    Als er hoch genug glaubte hinaufgegangen zu sein, kehrte er wieder um und
begann seine Nachforschungen auf's Neue, aber mit nicht besserem Erfolg als das
erste Mal.
    Ist dies nicht der Baum, an dessen Wurzel sonst das Canoe angebunden lag?
frug er endlich, stehen bleibend, sein Weib, indem er auf eine alte,
sturmdurchtobte Platane deutete, deren schneeweie Aeste wie geisterhafte
Riesenarme nach den dunklen, hinter ihnen sich aufthrmenden Wolkenmassen hinauf
zu langen schienen.
    Assowaum kann ein Stck von der Rinde sehen, an das es frher befestigt
war, sagte Alapaha, whrend sie sich ber den steilen Flurand hinunterbog und
auf eine vorstehende Wurzel des Stammes, an der noch einige Rindenstreifen
hingen, niederdeutete.
    Das Canoe ist fort, sagte Assowaum, und wir mssen hindurchschwimmen,
wenn wir an der andern Seite lagern wollen.
    Alapaha entledigte sich ohne weiter ein Wort zu erwidern, ihres Gepcks,
rollte mit des Huptlings Hlfe zwei niedergebrochene Aeste in den Flu, um auf
diesen die wenigen Habseligkeiten, welche sie bei sich hatten, trocken ans
andere Ufer zu schaffen, und Beide klommen bald darauf die gegenberliegende
steile Uferbank empor.
    Und welchen Weg schlgt Alapaha ein? frug der Indianer jetzt stehen
bleibend, indem er mit ruhigem Blick das schne junge Weib betrachtete.
    Eine halbe Meile den Flu hinauf kreuzen wir einen Weg - der fhrt gerade
nach dem Hause des Mr. Bowitt, und dort hat Mister Rowson versprochen, morgen
Betstunde zu halten. - Will Assowaum nicht einmal den Worten des weien Mannes
lauschen? - Er spricht gut - seine Worte sind Honig und sein Herz ist rein wie
ein herbstlicher Himmel.
    Alapaha, es wre besser, wenn auch Du - ha - was ist das?
    Ein leichtes Rauschen war im drren Laube gehrt, und gleich darauf trat ein
stattlicher Hirsch aus dem Dickicht, hob den schnen Kopf in die Hhe und
schaute ruhig und sicher, keine Gefahr ahnend, umher. Assowaum hatte bei dem
ersten Laut des knisternden Laubes seine Bchse schufertig gehalten, hob sie
jetzt langsam an die Backe, und in demselben Moment sprang auch schon der
Hirsch, von dem tdlichen Blei getroffen, hoch empor und verendete zuckend.
    Gut! sagte der Indianer, indem er ruhig stehen blieb und seine Bchse
wieder lud - sehr gut - Mr. Harper hat kein Fleisch mehr und ist zu krank,
selbst den Fhrten zu folgen - Alapaha wird ihm Fleisch in sein Haus bringen -
    Und wei Assowaum nicht, da ich auf dem Wege bin, um das Wort Gottes zu
hren? flsterte die Frau, indem sie ihre schlanke Gestalt neigte und leise ein
Gebet murmelte.
    Es gab eine Zeit, sprach Assowaum, dster vor sich hinblickend - es gab
eine Zeit, wo Alapaha der Stimme des befiederten Pfeiles lauschte und das
Rascheln der Baumwipfel wie das Singen des Geistervogels darber verga. Es gab
eine Zeit, wo sie dem Gott des weien Mannes den Rcken wandte und ihre Hnde
zum Manitu der rothen Mnner erhob. Es gab eine Zeit, wo sie fr den Gatten den
geheiligten Wampum flocht und mit geheimnivollen Zeichen ihm Glck auf der Jagd
sicherte. Die Zeit ist vorbei - Alapaha ist todt und eine Christin ist dafr
erstanden - Maria. - Sie trgt dieselben Moccasins noch, in denen sie die
Ihrigen verlie und dem Gatten in die Verbannung folgte. Sie trgt dasselbe Tuch
noch um ihre Schlfe, das Assowaum einst von den Schultern jenes wilden
Huptlings der Sioux ri, um daheim die Stirn seiner Squaw damit zu schmcken.
Sie trgt dieselbe Schnur noch von den Klappern heiliger Schlangen, und deren
Tne sollten sie an die Heimath, an das Land ihrer Vter erinnern. Aber nein -
ihr Ohr ist verschlossen - es hrt nicht - aber mehr noch verschlossen ist ihr
Herz - es fhlt nicht.
    Assowaum! sagte mit leisem, bittendem Ton das schne Weib - Assowaum -
zrne mir nicht. - Sieh, unser Leben ist kurz und vor mir ausgebreitet sehe ich
die schnste, glnzendste Zukunft. - Oh, Du weit nicht, wie herrlich, wie
entzckend der Himmel der Weien ist - willst Du mir das rauben, was mir noch in
diesem Leben, auer den Pflichten gegen Dich, heilig und theuer ist?
    Nein! sagte Assowaum - Alapaha mag gehen und dem Gott der Weien dienen -
es ist gut so.
    Und willst denn Du nie den Tnen des heiligen Mannes lauschen, von dessen
Lippen Manitu selbst spricht?
    Assowaum streckte den rechten Arm aus und war im Begriff etwas darauf zu
erwidern. Ein anderer Gedanke schien sich aber gleich darauf seiner zu
bemchtigen, und er hob die Bchse auf die Schulter und sagte:
    Alapaha kann nicht allein beten, sie will auch essen. - Nicht weit von
hier, am Ufer des Flusses, steht eine kleine unbewohnte Htte - dorthin wollen
wir das Fleisch tragen, und Alapaha mag es heut abend drren. - Das Haus wird
ihr Schutz gegen Sturm und Unwetter dieser Nacht gewhren, und morgen frh ist's
nicht mehr weit zur Ansiedlung des Weien, wo der blasse Mann von seinem Gott
erzhlt.
    Und Assowaum?
    Hat dem kleinen Mann das Versprechen gegeben, seinen Sohn aufzusuchen - er
wird es halten. Die weien Mnner reden bs von ihrem Bruder, weil sie den Tritt
seines Fues nicht unter sich hren. - Er ist fern - er wird zurckkommen und
die Schuldigen werden schweigen und zu ihm aufsehen.
    Aber er ist bs -
    Welche Schlange hat ihr Gift in Alapaha's Ohr geblasen? Sie hat den Tnen
des Machinito gelauscht und wirft Staub auf die Hand, die ihr Gutes gethan!
    Mr. Rowson sagt, da der Sohn des kleinen Mannes einen Bruder erschlagen
und ihn dann beraubt habe.
    Der blasse Mann lgt! rief der Indianer, sich hoch aufrichtend, whrend
das Blut in seine Schlfe trat und seine Augen glhten - der blasse Mann lgt!
wiederholte er - und - er wei es!
    Assowaum zrnt dem Christen, weil er Alapaha dem Glauben der Ihrigen
abwendig machte. Assowaum ist brav und edel, er wird keinen Menschen schmhen,
weil er anders denkt als er.
    Wir wollen das Fleisch in die Htte tragen, brach der Indianer das
Gesprch ab - es wird spt. Assowaum mu noch Meilen weit wandern, ehe es
dunkelt.
    Mit gebter Hand brach er jetzt das erlegte Wild auf, lste Schulterbltter,
Hals und Kopf aus der Haut, was er den Wlfen oder Aasgeiern berlie, und hing
dann das Uebrige an eine schnell abgehauene Stange, deren eines Ende er erfate,
whrend Alapaha das andere auf ihre Schulter legte, und so schritten sie
schweigend weiter und erreichten nach nicht langer Wanderung den ersterwhnten
Ort.
    Es war eine roh aufgerichtete Blockhtte, von einem frheren Ansiedler
erbaut und nach kurzer Benutzung wieder verlassen, da das Land ringsum zu
niedrig und also den Ueberschwemmungen des Flusses zu sehr ausgesetzt lag. Das
Dach und die Wnde befanden sich in noch ziemlich gutem Zustande, sonst bot es
aber auch nicht die geringsten Bequemlichkeiten, denn selbst der Kamin war
eingestrzt und eine Diele nie gewesen. Der fehlende Kamin war aber keineswegs
ein Hinderni, ein Feuer im Innern anzuznden, denn die berall offenen Spalten
der Wnde ffneten dem Rauch berall einen Durchzug, und gar sonderbar rauschte
und brauste der Wind durch die breiten Ritzen der Stmme, klapperte mit den lose
daran herumhngenden Stcken Rinde und pfiff ber das moosige Dach zum Flu
hinunter, der sich dicht neben der unfreundlichen Stelle dahinschlngelte, von
dieser aber noch durch wild aufwucherndes Buschwerk getrennt wurde.
    Diesen Platz erreichte jetzt Assowaum mit seinem Weib und trug das Fleisch
in das Innere der Wohnung. Die Thr war aus den hlzernen Angeln gebrochen und
lag umgeworfen vor dem Eingange, hinderte also keineswegs den Eintritt. Assowaum
sah sich einen Augenblick in dem leeren Gebude um und sprach dann:
    Das Haus ist gut und wird Alapaha Schutz gewhren. Wenn sie von ihrem
frommen Wege zurckkommt, trgt sie das Fleisch in die Htte des kleinen Mannes.
- Assowaum wird bei ihr sein, ehe der Whip-poor-will zum dritten Mal gesungen
hat. - Damit wandte er sich und schritt schweigend mit niedergesenktem Haupt in
den Wald.
    Alapaha that indessen, wie ihr Gatte befohlen, hieb mit dem kleinen
zierlichen Tomahawk, der an ihrer Seite hing, dnne Stbe ab, und ein Gestell
davon zum Trocknen des Fleisches zu errichten, trug Holz herbei, um die leichte
Gluth zum Drren des Wildbrets und zu gleicher Ueit fr die Nacht ein erwrmende
Feuer zu unterhalten, schnitt dann das Fleisch in Streifen, steckte es an zu
diesem Zweck abgeschnittene Rohrstbe und hing es ber die durch Hlfe trockenen
Laubes entzndete Gluth.
    Der Himmel hatte sich indessen immer mehr und mehr bezogen, ein feuchter
Staubregen fiel, und der Wind rauschte wild und unheimlich durch die ber das
Dach der Htte hngenden Baumwipfel. Alapaha kauerte sich neben der knisternden
Flamme nieder, summte leise eine Hymne, die sie von den Weien gelernt hatte,
und erwartete die einbrechende Dunkelheit, sich ihr Lager zu bereiten.
Aufmerksam behielt sie aber dabei das drrende Wildpret im Auge, da es bis zum
nchsten Morgen trocken genug sei, um zusammengebunden und aufbewahrt zu werden.
    Aber nicht so ganz einsam und von Menschen verlassen war die Gegend, wie
Alapaha im Anfang geglaubt haben mochte. Zu derselben Zeit, in der sie so eifrig
mit ihrer Arbeit beschftigt war, trat auf dem Wege, der eine kleine halbe Meile
den Flu weiter hinauf lag, ein junger Mann am jenseitigen Ufer aus dem Dickicht
und schaute ungeduldig nach dem andern Ufer hinber, als ob er Jemanden von da
erwarte. Die Luft war keineswegs warm, und er rieb sich bald die Hnde, bald
schob er sie unter die Arme, bald lehnte er sich an eine berhngende Platane
und machte mehrmals Miene, auf dem mit Laub bedeckten Boden ungeduldig auf- und
abzugehen, hielt aber jedesmal gleich wieder inne und betrachtete mitrauisch
den betretenen Platz, ob seine hinterlassenen Spuren wohl auffallend und leicht
zu erkennen wren.
    Ihm schlo sich bald ein Zweiter an, der, in eine wollene Decke eingehllt,
den alten, arg mitgenommenen Filz tief in die Stirn gedrckt, die Bchse unter
dem Arm, um das Schlo soviel als mglich vor der niedertauenden Nsse zu
bewahren, leise an ihn heranschritt und lachend frug:
    Nun, Weston, Euch wird die Zeit hier lang, heh? Ihr friert - warum habt Ihr
Eure Decke nicht mitgebracht? - Ich sagt's Euch gleich. - Noch nichts gehrt?
    Nicht die Probe, erwiderte verdrielich der Angeredete - ich glaube auch
gar nicht, da sie noch heut Abend kommen; dann wird es wirklich ein charmanter
Spa. Wenn ich die ganze Nacht hier ohne Decke und Feuer lagern mu, bin ich
morgen frh eine Leiche.
    Das wr' ein Verlust von wenigstens zwanzig Dollar fr den Sheriff! lachte
Cotton, denn dies war der wrdige Begleiter des jungen Mannes. Uebrigens glaub'
ich kaum, da wir noch lange werden warten mssen. - Rowson ist dort mit jedem
Winkel bekannt, und Johnson wohl auch, da knnen sich ihnen nicht viele
Schwierigkeiten entgegenstellen. Ueberdies sagtet Ihr ja selbst, da Rowson auf
morgen Mittag Betstunde in der Ansiedelung drben angekndigt htte. Das schon
wird ihn sicher veranlassen, Alles zu thun, was in seinen Krften steht, um die
Zeit zu halten und keinen mglichen Verdacht zu erregen. Ich kann den
heuchlerischen Schuft nicht leiden, aber in Geschften ist er vortrefflich, das
mu wahr sein; man sieht's, da er aus den Yankee-Staaten stammt.
    Die Geschichte von Heathcott's Tode macht jetzt recht viel Aufsehen bei den
Leuten, sagte Weston. Brown soll ihn doch auf die Seite geschafft haben - Euer
Name wird aber auch dabei genannt.
    Meiner? was zum Donnerwetter haben sie denn mit mir dabei? Ich habe den
Laffen in meinem ganzen Leben nicht gesehen; mu ich denn an jedem Streich
schuld sein, der ihnen hier gespielt wird?
    Das kann Euch nun ziemlich gleich sein, lachte Weston - den Mord schieben
sie brigens nicht auf Eure Schultern, sondern nur das Geld!
    Was fr Geld?
    Der Todte soll den einkassierten Betrag fr drei gute Pferde in der Tasche
gehabt haben, vier- oder fnfhundert Dollars - und die sind weg.
    Alle Wetter - das wre schon der Mhe werth gewesen! - Zwei Fliegen mit
einem Schlag, einen Regulator und einen Haufen baar Geld. - Brown ist nicht dumm
- aber - hrt, Weston, Brown hat doch im Leben nichts mit uns zu thun gehabt -
was geht denn den der Regulator an?
    Andere Sachen, was wei ich's. Die Frauen oben in der Ansiedlung
behaupteten, Heathcott und Brown bewrben sich um ein Mdchen, darum der Streit.
- Doch das ist Alles Nebensache, die Hauptsache ist, da wir Heathcott los sind;
wie und auf welche Art, kann uns gleich sein.
    Aber hrt, Husfield lt auch nicht mit sich spaen, und wenn der uns
auswittern sollte, so wird's Ernst. - Ich sehe berhaupt noch nicht recht, wie
wir die Spuren so verwirren wollen, da uns die Canaillen nicht wiederfinden. So
viel ist gewi, wr' ich auf Euren Fhrten, es sollte Euch schwer werden.
    Das lieet Ihr wohl bleiben, lachte Weston verschmitzt - die Sache ist
verdammt pfiffig angefangen, Rowson hat das ausgetftelt. Seht - ehe sie den
Flu erreichen, wollen sie wieder in die offene Strae hineinreiten.
    In die offene Strae? frug Cotton verwundert.
    Ja wohl - in die freie, offene Strae, da ihre Fhrten klar und deutlich
sind - dann in den Flu und dann - nicht wieder hinaus.
    Wohin aber? Im Flu knnen sie doch nicht halten bleiben? Wohin dann?
    Den Flu hinunter, bis sie aus Sprweite sind, und dann hinein in die
Welt.
    Das lange Schwimmen halten ja die Thiere nicht aus.
    Deshalb habe ich das Canoe dort versteckt - seht Ihr da - unter dem
vorhngenden Rohrbschel - und dort, gleich daneben noch eins. Das ist unten von
der Mndung, von Stewarts, die glauben wahrscheinlich, es sei losgerissen und in
den Arkansas getrieben. Mit Hlfe der beiden Fahrzeuge knnen wir die Pferde
herrlich die nthige Strecke hinunterschaffen, bis wir den mir von Rowson
bezeichneten Platz erreichen, und von da an mt Ihr die Fhrung bernehmen,
denn ich kenne den Weg nach der Insel nicht, wie Ihr ihn nennt. Johnson soll die
Verfolger indessen auf die falsche Spur bringen, und gelingt das, so sind wir
Beide auer aller Gefahr, besonders wenn es morgen ein regnerischer Tag wird.
Dann jagen wir mit den Thieren durch den Wald, und haben wir erst einmal die
Mississippi-Niederung erreicht, gute Nacht, Verfolgung. - - Johnson hat mir
versichert, dort fnden wir berall Schutz und Hlfe, und das wissen die Schufte
hier oben wohl auch recht gut - so weit hetzen sie gar nicht hinterher.
    Ja, das ist Alles recht schn und hrt sich recht gut an, die vom
Springriver werden aber doch keine solchen Esel sein und glauben, wir wren mit
den Pferden durch die Luft davongeflogen, wie ich's neulich einmal bei den
Deutschen drben auf einem Bilde gesehen habe?
    Das sollen sie auch nicht, jetzt kommt gerade das Beste. - Hier unten im
Schilfbruch - das heit nicht im Schilfbruch, sondern unterm Schilfbruch, im
Flubett, auf den Felsenplatten, steht mein Pferd, Eures -
    Meins?
    Euer Pferd und Johnson's zwei Schimmel. - Sobald wir unsere Reise mit der
frischen Sendung angetreten haben, werden diese Pferde die kleine Strecke den
Flu hinauf, der hier vollkommen seicht ist, bis an die Landung gebracht, dort
setzt sich Johnson auf und galoppiert mit den Thieren frischweg auf der Strae
fort, als ob er nach den heien Quellen hin wollte. Kommen die Verfolger erst
morgen oder bermorgen, und regnet's indessen tchtig, so war es freilich
unnthig; sind sie aber den - abgeholten Pferden nher auf den Hufen, was ich
fast frchte, so werden sie natrlich die Hufspuren, die hier an der Furth auf
der einen Seite in den Flu, auf der andern wieder aus demselben fhren, fr ein
und dieselben halten und ohne Bedenken, was aber die Hauptsache ist, ohne
abzusteigen und die Sache nher zu untersuchen, ihnen folgen. Holen sie dann
Johnson ein, so hat er ganz natrlich nicht ihre Pferde, wei auch von denen gar
nichts, und sie sehen zu spt ein, da sie den falschen Thieren nachgerannt
sind.
    Holen sie ihn aber nicht ein? frug Cotton.
    Desto besser - dann nimmt er die Pferde auf einem Umwege zur Insel, meldet
die bald nachfolgende Sendung und verkauft die unsrigen.
    Was - mein Pferd?
    Seid doch kein Narr, Cotton, lachte Weston - erstlich bekommt Ihr das
Geld dafr -
    Ja, aber wie viel? nicht den halben Preis!
    Und dann, fuhr Weston fort, ohne sich unterbrechen zu lassen, drft Ihr
Euch berhaupt vor keinem Menschen mehr hier blicken lassen und mt die Gegend
in sehr kurzer Zeit verlassen.
    Was hat das aber Alles mit meinem Pferde zu thun?
    Da ich Euch schlecht kennen mte, wenn ich glauben wollte, Ihr wrdet auf
Eurem eigenen Pferd Abschied vom Fourche la fave nehmen - lachte Weston.
    Da habt Ihr Recht, Weston - das war ein gescheidtes Wort, lachte Cotton -
und wit Ihr wohl -
    Schreit nicht so, wei der Henker, ob hier nicht irgendwo Jemand
herumschleicht. Ich habe berdies heute Nachmittag in der Gegend schieen
hren.
    Wit Ihr wohl, da ich mir schon ein Pferd ausgesucht habe, das mir ganz
mordsmig gefllt?
    Und das wre?
    Roberts' Hengst - ein prchtiges Thier.
    Hrt, Cotton, Ihr seid gar nicht dumm. Auf dem knnt Ihr auch jeder
Verfolgung lachen. - Hu - da wird's wieder einen Spektakel geben!
    Der Plan ist brigens gut, sagte Cotton nachdenkend - ja, ja - was
Geschfte anbetrifft, da ist Rowson vortrefflich - und wie herrlich fhrt er das
Weiberzeug in der Ansiedelung an der Nase herum. - Die wrden Augen machen, wenn
sie ihn heut Abend mit zwei Pferden an der Leine durch den Wald galoppiren
shen.
    Mrs. Roberts hlt ihn fr einen wahren Heiligen - nun meinetwegen. Schade
ist's nur um das hbsche junge Mdchen, das ihn die heirathen mu; den mcht'
ich auch zum Mann haben! Aber hrt einmal, Cotton, ich mu eine Frage an Euch
thun - ich hre jetzt von weiter nichts mehr sprechen, als immer nur von der
Insel, bin sogar selbst auf dem Sprunge, sie kennen zu lernen, so sagt mir doch
zum Teufel, was hat das mit der Insel fr eine Bewandtni - was fr eine Insel
ist es und wo liegt sie?
    Ich darf nicht plaudern, erwiderte Cotton geheimnisvoll. Das ist eine
Geschichte, in die zu Viele verwickelt sind, und ich mchte die Zunge nicht im
Munde tragen, die sich daran verbrennte. - So viel nur kann ich Euch vertrauen,
da sie im Mississippi liegt, und da die Leute darauf uns freundlich gesinnt
sind. - Betreten habe ich sie selber noch nicht.
    Im Mississippi, bah, da liegen viele Inseln - und freundlich gesinnt -
freundlich gesinnt ist halb Arkansas gegen uns und fnf Sechstel von Texas;
nein, sagt mir etwas Nheres - welche Nummer ist's im Mississippi? Ihr wit
doch, da die Inseln in dem Strom alle von oben herab unter bestimmten Nummern
bekannt sind?
    Ob ich das wei! lachte hhnisch der ltere Gefhrte - doch - weiter darf
ich Euch nichts verrathen - Ihr werdet brigens die ganze Geschichte jetzt bald
genug erfahren, in wenigen Tagen sind wir dort. Bis dahin also geduldet Euch in
Eurer Neugierde. Doch halt! - Haubt Acht - was war das?
    Still! rief Weston - das war ein Whip-poor-will - Rowson wollte das
Zeichen auf diese Art geben - sollten sie es sein? - Ich will auf jeden Fall
antworten, denn sicher ist ja doch Alles hier.
    Er hielt die Finger an den Mund und ahmte eben so tuschend den
scharftnenden Laut des kleinen Vogels nach.
    Huhpih! schrie Johnson's Stimme, als jetzt auf einmal ein rasches
Pferdegetrappel hrbar wurde; gleich darauf hielten die sehnlich Erwarteten am
Ufer und schwenkten die Hte zum Zeichen des glcklichen Gelingens hinber nach
den Kameraden.

                                      12.

        List der Pferdediebe. - Die Ueberraschung. - Alapaha und Rowson.


Hurra! rief Weston, alle frhere Vorsicht vergessend, beim Anblick der
herrlichen Pferde, die in diesem Augenblick das jenseitige Ufer herunterkamen
und am Wasserrande hielten. - Hurrah - das nenn' ich Pferde!
    Seid Ihr Beide wahnsinnig? rief Rowson rgerlich hinber - wollt Ihr mit
Gewalt irgend einen hier zufllig Umherstreifenden herbeiziehen? Haltet die
Muler und spart Eure Ausbrche der Freude fr die Zeit auf, wo Ihr selbst das,
was Euch obliegt, gut und glcklich ausgefhrt habt. Wo sind Eure Pferde?
    An dem bestimmten Platz hier unten, sagte Weston.
    Gut! holt sie schnell - seht Euch aber vor und lat keine Fhrten am Ufer;
bleibt im tiefen Wasser.
    Ay, ay - wei schon - Weston ist auch nicht auf den Kopf gefallen. -
    Der junge Bursche sprang schnell zu dem Platze hinunter, wo er seine Pferde
gelassen hatte, und kehrte auch in sehr kurzer Zeit wieder zurck, vorsichtig
dabei die Thiere mitten in der Strmung haltend, die hier kaum drei Fu tief
sein konnte.
    Wo sind die Boote jetzt? fragte Rowson - es kommt nicht darauf an, ob
diese Pferde hier den Grund eine Weile zerstampfen, denn wenn sie uns wirklich
verfolgen, werden sie denken, wir wren unschlssig gewesen, ob wir den
Durchgang versuchen sollten. Lassen wir aber die anderen Thiere am jenseitigen
Ufer stehen und viele Fhrten machen, so zwingt sie das, die Spuren nher zu
untersuchen, und dann mchten sie ausfinden, da es andere Hufspuren wren.
Cotton's Pferd hat auerdem solch' groe Hufe.
    Weston verschwand mit Cotton gleich darauf im Schilfbruch, und nach kurzem
Sumen glitten sie in ihren Canoes herbei.
    Halt! rief Johnson - nicht weiter - sie drfen die Eindrcke der Boote
nicht am Ufer sehen, - so - kommt in die Mitte her - jetzt nehmt die Pferde hier
in Empfang - steigt lieber ein, Rowson. - Also Zwei in das groe und Einer in
das kleine Canoe. - Halt da - lat mich erst die Pferde wechseln; ah - nun ist
mir ordentlich ein Stein vom Herzen, da ich wieder auf dem Rcken meines
eigenen Thieres sitze.
    Jetzt zeig' aber, da Du reiten kannst, Johnson, sagte Rowson, indem Jener
sich fertig machte, die Bank hinauf zu klimmen - la die Pferde laufen, was sie
knnen, sie haben sich ausgeruht. - Gieb ihnen Sporen und Peitsche und bedenke,
da jede Viertelstunde, die wir die Verfolger von der rechten Spur abbringen,
Gold werth ist.
    Nur keine Angst! lachte Johnson - die mssen scharf reiten, die mich
einholen wollen, und wenn sie mich einholen, lach' ich sie aus. Ich habe schon
vorgearbeitet und mehreren von meinen Bekannten erzhlt, wie ich meine und noch
einige andere Pferde in den sdlichen Theil des Staates schaffen wollte, da ich
dort einen gewaltigen Preis fr sie zu erhalten hoffte.
    Also fort, erwiderte Rowson, der Teufel traue. Wer wei, wie bald sie
hinterhergekleppert kommen, und wir befnden uns gerade jetzt hier in einer
hchst interessanten Stellung. - Gott segne mich, wir wrden schn ankommen,
Alle miteinander.
    Wie wird's denn mit den Provisionen? frug Cotton.
    Den brauch' ich nicht! rief Johnson zurck, als er eben den obersten Kamm
der Uferbank erreichte. - Ausruhen mssen die Pferde doch einmal dann und wann,
und das kann eben so gut bei einem Hause geschehen.
    Nur nicht noch in dieser Nacht, da die Nachkommenden nicht zu frh die
Farbe der Pferde erfahren. Die beiden Schimmel mchten sie stutzig machen -
    Habt keine Angst - bis morgen Mittag mssen sie aushalten - auf ein frohes
Wiedersehen! Damit stie er seinen Jagdruf aus, setzte dem Thiere, das er ritt,
die Hacken in die Seiten und verschwand im nchsten Augenblick im Walde.
    Das wre also besorgt, sagte Rowson, nun, Cotton, mssen wir sehen, wie
wir mit diesen Thieren zu Stande kommen. Vor allen Dingen werden wir uns am
besten von hier entfernen und etwa eine halbe Meile den Flu hinuntergehen. An
der Strae hier sind wir nicht allein dem ausgesetzt, von jedem Reisenden
gesehen zu werden, sondern drfen auch erwarten, da uns die verdammten
Regulatoren unversehens ber den Hals kommen. Lat also die Binderei jetzt, das
kleine Streckchen Weg bringen wir sie schon so hinunter, sie haben berdies
wahrscheinlich die ganze Strecke Grund. An der ersten Kiesbank setzen wir Alles
in Stand und knnen vor Dunkelwerden noch mit unserer ganzen Einrichtung fix und
fertig sein.
    Es lag zu viel Wahres in diesen Worten, als da sie einer weiteren
Erwiderung bedurft htten. Schnell waren daher auch alle nthigen Vorkehrungen
getroffen, und wenige Minuten darauf glitten die Boote, jedes mit drei Pferden
daran befestigt, um die Biegung des Flusses, die es unmglich machte, da sie
von der Strae aus gesehen werden konnten.
    So - jetzt fngt mir's erst an ein wenig behaglich zu werden, flsterte
Rowson. - Es dunkelt immer mehr und mehr, und sollten uns unsere Verfolger
wirklich noch in dieser Nacht nachkommen, so gehen sie ohne Zweifel in die
Falle, die wir ihnen gestellt haben. - Hurra! wenn ich mir die Kerle denke, wie
sie mit mordlustigen Blicken auf den Fhrten dahingaloppieren, mit jeder Minute
eifriger den muthmalichen Dieb verfolgen - endlich ihn sehen, noch zur letzten
Anstrengung den eigenen Thieren die Hacken in die Seite setzen, und dann - die
verblfften Gesichter - das Fluchen und Schimpfen, und Johnson's unschuldige
Schafsmiene, wie er bedauern wird, die unbewute Ursache gewesen zu sein, die
vielleicht die Verbrecher der so gerechten Strafe entzogen hat - hahaha - schon
der Gedanke ist kstlich!
    Hier ist die Kiesbank, sagte Weston, indem er mit der Hand nach dem linken
Ufer hinber deutete; die Thiere haben Grund, und es wre besser, die Zume und
Halftern jetzt ein wenig in Ordnung zu bringen. Auch mssen wir die Pferde
besser an den Booten vertheilen, denn gleich hier unten, sobald wir diese
Biegung des Flusses umgangen haben, wird die Strmung tief und die Pferde mssen
jene ganze Strecke schwimmen. Ich habe es heute Morgen, als ich hier heraufkam,
genau untersucht.
    Wenn ich nicht irre, meinte Cotton, zum Ufer hinaufsehend, mu hier
irgendwo an dieser Kiesbank eine kleine verdete Htte stehen. - Vor etwa drei
Jahren lagerten wir drin, als ich damals mit Johnson in die Nation1 ging. Die
Bsche sind aber jetzt so drum herum aufgewachsen, da man gar nichts mehr von
ihr sehen kann. Ja, dies ist die Stelle, fuhr er fort, als sie mit den Khnen
landeten - ich kenne sie an der niedergestrzten Platane; - die fiel in
derselben Nacht, in der wir hier lagerten, und htte sie eine andere Richtung
genommen, so wr's um uns geschehen gewesen.
    Arkansas wrde nicht getrauert haben, lachte Rowson.
    Nein, wohl schwerlich - doch davon schweigen wir lieber. Was wollt Ihr denn
da machen?
    Wir mssen das kleine Boot an das grere anhngen, sagte Rowson -
nachher knnen wir zwei Pferde an jede Seite nehmen und zwei hinten nehmen; zu
rudern haben wir auch nicht viel nthig, denn die Strmung ist ziemlich stark.
Allenfalls kann auch Einer von uns ein wenig nachhelfen, besonders steuern, die
anderen Beiden geben dann auf die Pferde Acht, da sich diese nicht verwickeln.
Bis um Zwlf mssen wir am Devils Crook sein, dort steige ich aus und beralsse
Euch Zwei Eurem Schicksal. Schont die Pferde nicht und vermeidet nur da die
breite, offene Strae, wo der Wald licht genug ist, eben so schnell hindurch
kommen zu knnen. Sollten sie wirklich schon morgen, was aber gar nicht zu
erwarten steht, ja was fast nur durch einen Zufall mglich wre, die richtigen
Fhrten finden, nun so habt Ihr etwa zwlf Stunden Vorsprung und tchtige Pferde
- Cotton, Ihr kennt den Weg?
    Na, ich sollte denken, brummte dieser - bin ihn oft genug gehetzt -
einmal mit fnf Kerlen auf den Hacken. Haben wir nur erst den Mississippisumpf
erreicht, wo ich die Fhrten durch alle die Bayous und Lagunen wei, dann sind
wir sicher. Ein Platz ist dort besonders, wenn ich da hindurch bin und haue von
der andern Seite einen Baum ber die Stelle, so nimmt's den Verfolgern einen
ganzen Tag, um zu Pferde mir nachzukommen. - Den Platz habe ich mir bis jetzt
immer fr einen Nothfall aufgehoben.
    Wo bekommt Ihr aber eine Axt her?
    Erst im vorigen Monat versteckte ich dort meine Axt in einen hohlen Baum;
drngt die Noth, so soll's an Handwerkszeug nicht fehlen.
    So - das wird jetzt wohl in Stand sein, sagte Rowson, der eben seine
Vorrichtung an den Khnen beendet hatte - nun, Cotton, noch ein Wort zu Euch
ber Euer Verhalten, und dann fort an die Arbeit. Die Stelle kennt Weston, wo
Ihr zuerst das Land berhren drft; - es ist dort, wo die breiten Steinplatten
bis hoch hinauf zwischen die Bume laufen. Wir haben dadurch den Vortheil, da
unsere Spuren vom Wasser aus gar nicht bemerkt werden knnen. Etwa hundert
Schritt den Flu hinunter, wo eine Fichte und ein Pawcornbaum kreuzweis dem
Bette zugestrzt sind, hat Atkins einen Sack mit Mais und noch andere
Lebensmittel verborgen -
    Warum geht Ihr denn nicht mit bis an jene Stelle? frug Weston.
    Dort knnten meine Fhrten gefunden werden, erwiderte Rowson, was am
Devils Crook nicht mglich ist; mache ich daher von da aus einen kleinen Umweg
ber die Berge, so komme ich nachher wieder von einer ganz andern Richtung in
die Ansiedlung zurck. Ich traue dem verdammten Indianer nicht, besonders wenn
sie ihn einmal auf unsere Fhrten hetzen sollten, bin deshalb auch so vorsichtig
wie nur irgend mglich. Aber, Cotton - habt Ihr nicht irgend 'was zu essen mit?
Mich hungert frchterlich. Wie wir herkamen, war's mir beinahe, als ob ich
gebratenes Hirschfleisch rche - ich wollte, ich htt' jetzt ein Stck jetzt. -
Da Ihr auch gar keine Provisionen mitgebracht habt - man kann doch nicht an
Alles denken.
    Oben im Schilfbruch, wo die Pferde standen, liegt mein Halstuch mit
Maisbrot und Hirschfleisch, sagte Weston, ich habe es aber schndlicher Weise
vergessen - jetzt ist's wohl zu spt, es wieder zu holen.
    Den Teufel auch - an das httet Ihr frher denken sollen - es wird's doch
niemand finden knnen?
    Nein, es hngt versteckt - aber wollen wir nicht fort?
    Wartet nur noch, bis Cotton den Zaum ausgebessert hat, sagte Rowson -
wenn er unterwegs reien sollte, htten wir mehr Aufenthalt und knnten ihn am
Ende im Dunkeln nicht einmal zu Stande bringen.
    Wie erwischtet Ihr denn eigentlich die Pferde, Rowson? frug Cotton, der
emsig beschftigt war, den einen zerrissenen Halfter wiederherzustellen,
erzhlt's uns jetzt, denn unterwegs werden wir nicht viel Zeit zum Schwatzen
haben und erfahren es nachher gar nicht.
    Mit wenigen Worten kann das geschehen, erwiderte Rowson schmunzelnd, indem
er sich in aller Bequemlichkeit ein groes Stck Kautabak abschnitt und in den
Mund schob. Glcklicher Weise begegneten wir unterwegs keinem Bekannten und
erreichten die Stelle an der Fenzecke, wo der Springcreek dicht vorbeifliet,
gerade mit Dunkelwerden - so etwa um diese Zeit. Die Mhle hatten wir geschickt
umgangen, und als die erste Eule laut wurde, standen wir an der Umzunung, in
der sich die Stuten befanden. Mir wurde nicht wohl bei der Sache, denn meiner
Berechnung nach htten die wild umherlaufenden Pferde schon da sein mssen; das
lie sich aber nicht ndern, und Johnson und ich kletterten auf ein paar Bume,
um erstens vor Ueberraschung sicher zu sein und dann auch alles Herankommende
eher bemerken zu knnen. Ein Glck war's, da wir's thaten, denn kaum saen wir
oben, als, straf' mich Gott, - Husfield selber - sagtet Ihr 'was, Cotton?
    Nein - warum?
    Mir war's, als hrt' ich einen Laut, - Husfield selber mit einer ganzen
Koppel Hunde von der Jagd heimkehrte und dort vorbeikam. Wren wir unten auf der
Erde gewesen, so htten uns die Bestien so gewi wie was aufgestbert, und dann
gute Nacht, Johnson, denn auf den hat es Husfield besonders gemnzt; die Zgel,
die wir bei uns trugen, wrden uns auch auf jeden Fall verrathen haben. So
schnffelten die verdammten Hunde nur unter den Bumen herum, hoben die Nasen in
die Hhe und windeten eine Weile, da uns angst und bange wurde, folgten dann
aber klffend ihrem Herrn, der indessen schon eine Strecke Weges vorausgeritten
war.
    Wir Beide hatten Todesschwei geschwitzt, unsere Noth endete brigens
hiermit, denn gleich darauf kamen die Pferde. Wir suchten uns, so lange es noch
nicht ganz dunkel war, die, die uns am besten gefielen, darunten aus, zumten
sie auf, schwangen uns drauf, und fort ging's wie ein Sturmwind durch den Wald,
da ich ein paar Mal glaubte, wir mten Hals und Beine brechen. Um sie irre zu
fhren, zickzackten wir auch eine Weile auf steinigem Boden umher, schlugen
verschiedene Richtungen ein und setzten erst dann, als wir uns sicher galubten,
unsern Ritt mit weniger Vorsicht, aber dafr auch um so viel rascher fort.
    Wurden denn die anderen Pferde nicht scheu, als Ihr Euch einen Theil von
ihnen herausfischtet?
    Ja - sie schnoben gewaltig, und gerade wie wir die letzten bei der Mhne
erwischt hatten, brachen die brigen schnaubend und wiehernd davon und
galoppierten um die Fenz, wahrscheinlich wieder in den Wald hinein. - Der Fuchs
hier hat mich wohl sechsmal im Kreise herumgerissen, ehe ich ihn zum Stehen
bringen konnte.
    Na, Husfield wird schn wthen, lachte Cotton - sechs Pferde auf einmal
sind seit Menschengedenken keinem Farmer gestohlen worden -
    Und der fromme Rowson an der Spitze! jubelte Weston.
    Hrt einmal, Rowson, sagte Cotton jetzt, indem er ber den Zgel zu dem
schmunzelnd Dastehenden hinberblinzelte, ber welches Thema werdet Ihr denn
morgen predigen? Jammerschade ist's, da ich das nicht mit anhren kann; so
etwas mte der Mhe werth sein.
    Verdammt! rief Rowson rgerlich - morgen schenkt' ich ihnen den Unsinn
gern, ich werde zu unaufmerksam sein; zu viel Angst haben, was aus Euch geworden
ist.
    Aus den Pferden, meint Ihr?
    Nun ja, auch aus den Pferden, und da mu ich denn stehen und Gebete
plappern und langweilige, alberne Lieder herplrren.
    Und das Glory rufen nachher und das Ohnmchtigwerden von der dicken Witwe!
lachte Weston.
    Und die frommen Gesprche mit der schnen Indianerin, fiel Cotton ein -
hrt, Rowson, Ihr habt gar keinen so schlechten Geschmack -
    Verdamm' es! rief Rowson, macht fort, da wir vom Platze kommen, mir wird
nachgerade kalt, und die Pferde frieren ebenfalls. - Fhrt Niemand einen Tropfen
Whisky? - Johnson, der Halunke, hat meine Flasche in der Tasche und sagt kein
Wort. - Oh zum Teufel, lat noch einen Tropfen drin, Ihr saugt ja, als ob Ihr
sie luftleer pumpen wolltet!
    Cotton reichte ihm die Flasche hinber, und Rowson that einen langen Zug;
dann korkte er sie wieder zu und gab sie zurck.
    Nicht wahr, der labt? frug Cotton schmunzelnd - ja, und hitzt dazu; - ich
habe eine ganze Hand voll spanischen Pfeffer hineingethan - das giebt Wrme.
    Es thut Einem auch gut heut Abend, sagte Rowson, sich schttelnd - der
drre Regen kltet merkwrdig.
    So - jetzt kann's weiter gehen! rief Cotton - nun schnell, da wir von
hier fortkommen; es wird immer dunkler, und dort dro - dro - ben - Pest und
Gift! fuhr er schnell flsternd fort - was ist das? da schimmert ein Licht
durch die Bsche!
    Wo? fuhr Rowson wild auf.
    Da oben - das mu in dar Htte sein.
    Dort in dem Busch kauert etwas Helles! rief Weston jetzt, dessen scharfes
Auge die Umrisse einer Gestalt bemerkte, die in die dunklen Strucher, welche
das Fluufer begrenzten, hineingeschmiegt stand.
    Tod und Teufel, schrie Cotton - das ist Verrath! und wie ein Pfeil vom
Bogen flog er, von Rowson gefolgt, mit wenigen Stzen die Uferbank hinauf und
stand im nchsten Augenblick dem einsamen Wesen, das von dort oben aus das ganze
Treiben der Mnner beobachtet - jedes einzelne Wort gehrt hatte, gegenber.
    Alapaha! rief Rowson entsetzt.
    Das rothutige Weib! knirschte Cotton, fast eben so erstaunt als
erschreckt.
    Du bist allein? frug Rowson jetzt schnell die Indianerin. - Du bist
allein? wo ist Assowaum?
    Das arme Weib vermochte aber nicht zu antworten, eine Weile stand sie starr
und aufrecht, und blickte mit einem so geisterhaft ernsten, ja frchterlichen
Ausdruck in den kalten Zgen den entlarvten Prediger an, da dieser die Augen
scheu niederschlug - er konnte den Blick nicht ertragen. Es war aber nur ein
Moment, in dem dir stolze Tochter der Wlder vernichtend vor dem Mann stand, der
ihr ihren Glauben an ihren Gott, ihre Liebe fr ihren Gatten entwendet hatte.
Dann kam der Gedanke an ihr grenzenloses, entsetzliches Elend ber sie - wie sie
dem groen Geist entsagt, den ihres Vter schon im Rauschen der mchtigen
Wlder, im Rieseln des stillen Baches verehrten, wie sie den Worten eines Mannes
gelauscht hatte, den sie fr einen Heiligen gehalten, und der jetzt - das Herz
schauderte ihr, als sie ihn vor sich erblickte - ein Dieb und Ruber war.
    Sie barg das Gesicht in ihren Hnden, und groe helle Thrnen rieselten
zwischen den zusammengepreten Fingern hindurch.
    Die Pferde werden unruhig! rief Cotton rgerlich - was fangen wir mit der
hier an?
    Geht - berlat sie mir, flsterte ihm Rowson zu und richtete sich mit
teuflich wildem Blick empor.
    Sie Dir berlassen? das glaub' ich! lachte der Jger hhnisch - bist
nicht so dumm - ist's jetzt Zeit zu solchen Possen?
    Fort mit den Pferden, rief Rowson mit unterdrckter Stimme - der Flu
macht hier den Bogen, wohl drei Meilen im Umkreise - es ist aber keine hundert
Schritt gerade hinber zu Land, man kann auf die Art die ganze Biegung
abschneiden. - Fort also - Weston vermag nicht die Thiere allein zu halten.
    Und was soll mit dem Weibe geschehen?
    Habt keine Angst, flsterte ihm Rowson zu - ist Einer durch ihre Aussagen
gefhrdet, so bin ich es -
    So geht denn zum Teufel und - kommt bald nach, fluchte Cotton - die
Folgen ber Euch, wenn Ihr uns warten lat. Er sprang die Uferbank wieder
hinunter, ber die lockeren Kiesel hinweg, und wenige Secunden darauf glitten
die Boote mit den schnaubenden und keuchenden Pferden hinein in die auf dem
Wasser lagernde Dunkelheit.

                                    Funoten


1 Unter Nation werden in Arkansas fast stets die Cherokesen verstanden.


                                      13.

       Der Prediger von der Indianerin entlarvt. - Die gelungene Flucht.

Wo ist Assowaum? fragte mit leiser, aber fester Stimme der Prediger, als er
sich mit der jungen Indianerin allein sah. Diese jedoch schien seine Frage zu
berhren oder wollte ihr nicht lauschen. - Nichts unterbrach die stille Nacht,
als das Schluchzen des armen Weibes und das schwere Athmen des Priesters.
    Wo ist Assowaum? frug dieser endlich nach einer fr ihn peinlichen Pause
zum zweiten Mal und erfate zu gleicher Zeit mit seiner Rechten den Arm der
Weinenden. Wie von einer Schlange berhrt, fuhr aber die Unglckliche empor,
machte sich los von dem Griffe des finstern Mannes und rief, vor ihm
zurckschaudernd:
    Fort - fort - Dein Athem ist Gift - Deine Berhrung Tod - Deine Zunge ist
doppelt, und Deine Augen lgen Gott, whrend Deine Brust den Teufel birgt. Fort
- Gras und Blume mu welken, wohin Du Deinen Fu setzest; die Vgel mssen
schweigen, wenn Du in ihre Nhe trittst. - Der Rauch der heiligen Pfeife mu vor
Dir zurckfliehen und darf Dich nicht umgeben. Dein Gott ist ein Lgengott, denn
sonst htte er lange seinen Blitz gesandt, Dich Verfluchten zu zerschmettern -
fort!
    Wo ist Assowaum? frug der Prediger mit heiserer Stimme, ohne die Bannworte
der Indianerin zu beachten.
    Oh da er hier wre, Dich zu zchtigen! sagte diese leidenschaftlich, sich
zu ihrer ganzen Hhe emporrichtend - da er hier wre, die Schmach zu tilgen,
die Du auf den Scheitel seines armen Weibes gehuft. - Aber wehe Dir - er soll
Dich finden - er soll Dich treffen; sein Kriegsruf soll in Deine Ohren tnen; -
oh - Du hast ihn noch nicht gesehen in seiner kriegerischen Herrlichkeit, fuhr
sie stolz fort, als sie das hhnische Lcheln der Amerikaners bemerkte - Du
hast ihn noch nicht gesehen mit geschwungenem, blitzendem Tomahawk, mit dem
Schlachtschrei auf den Lippen und dem Tod der Feinde im Auge, mit wehender
Scalplocke und blitzender Speerspitze. Du hast ihn noch nicht gesehen beim
Kriegstanze mit den Tod kndenden Streifen im Antlitz; hast ihn noch nicht
gesehen roth vom Blut der Erschlagenen und mit den Skalpen der Besiegten am
Grtel. - Aber er wird kommen, er wird zurckkehren!
    Wann - Weib, wann? frug der Priester schnell, indemseine Hand ngstlich
zuckend nach der Seite fuhr.
    Wann? lachte die Indianerin triumphierend - wann? zu schnell noch fr
Dich - ehe die Sonne zweimal im Osten wieder emporsteigt, ist er da, und wehe
Dir, wenn sein Pfad den Deinen kreuzt!
    Aber wo ist er jetzt?
    Ha - wie Du zitterst, elender Feigling, schon bei dem Gedanken an seinen
Arm, an die Schrfe seiner Waffe - ha, wie Du bebst und ngstlich umherblickst,
aus Furcht, er knnte jetzt aus den Bschen treten. - Ich bin nur ein Weib, aber
ich werde stolz, wenn ich auf Dich herniedersehe.
    Wo ist er jetzt? frug zhneknirschend, aber immer noch nicht frei von
Furcht, der Weie, denn er konnte sich nicht denken, da die Indianerin ihren
Wigwam allein verlassen habe und hier im Walde ohne den Schutz ihres Mannes
gelagert sei.
    Wo er jetzt ist? fuhr Alapaha hhnisch lchelnd fort - nicht allein wird
er zurckkehren - die starke Hand ist bei ihm, die den erschlug, der sie
beleidigte - zittere, denn Dein Gott wird Dich nicht schtzen!
    Ha! fuhr Rowson auf, indem eine teuflische Freude seine Zge durchzuckte -
so ist er hinber, den Genossen zu holen; - dacht' ich's doch. - Gut! dann bist
Du mein, und weder Gott noch Teufel soll Dich mir entreien.
    Zurck! schrie die Indianerin, erschreckt auffahrend, als sie Rowson
umschlingen wollte, und flchtete nach der Htte zu - zurck, Teufel! - Deine
Augen glhen - zurck!
    Du bist mein! lachte Rowson wild auf - Du bist mein, und ich trotze dem
rothhutigen Schuft, er mag kommen - aber Dich soll mir nichts entreien - und
da Dein Mund uns nicht verrth, dafr lass' mich sorgen.
    So mge denn der Manitu unseres Volkes, dem ich von diesem Augenblick an
wieder gehre, mir Kraft geben! rief Alapaha, sich noch einmal dem Arme des
Wthenden entreiend und ihren Tomahawk, den sie an der Seite trug, ergreifend.
- Stirb, Verruchter, von der Hand eines Weibes, und mag Aasgeier und Wolf Deine
Gebeine umherzerren - stirb!
    Bei den letzten Worten sprang sie mit wildem Satz auf den erschreckt
Zurcktaumelnden zu, und der nchste Augenblick htte sein Schicksal besiegelt,
aber die aus den Haspen gestrzte Thr hielt ihren Fu, sie wankte, strzte und
sah sich im nchsten Augenblick in der Gewalt ihres Feindes. -

    Wenn Rowson dem Geschrei nicht bald ein Ende macht, brummte Cotton
unwillig vor sich hin, so wird er sich oder uns Jemanden auf den Hals locken. -
Ich habe sicher den Nachmittag hier irgendwo schieen hren, und es wre gar
kein unmglicher Fall, da die Rothhaut noch irgendwo im Walde lge.
    Ich wollte, er kme, sagte Weston, ebenfalls rgerlich - das blos mit dem
Strom Treiben geht zu langsam, und man kann doch wahrhaftig nicht drei Pferde
halten und auch noch rudern. Die Thiere werden berdies unruhig; das Wasser ist
kalt und das Ganze mag ihnen wohl ungewohnt und sonderbar genug vorkommen.
    Die Mnner lauschten einen Augenblick, und wieder drang der schrille
Hlferuf der Indianerin durch die stille Nacht daher, da die Eule in den
dunklen Fichten am Fluufer hhnend darauf antwortete und neugierig dem Orte
zuflog, von dem solch' unheimliche Laute herbertnten.
    Die Pest ber den Narren! rief Cotton noch einmal rgerlich - ich wollte
bei Gott, sie entwischte ihm, und - wenn wir nur selbst erst einige fnfzig
Meilen weiter fort wren. Entkme die Rothhaut aber jetzt und gbe Alarm, Hll'
und Teufel! ich glaube, wir htten morgen eine Armee hinter uns her.
    Er wird sie doch nicht umbringen? sagte Weston schaudernd, als er athemlos
nach der Richtung hinberlauchte. - Es ist jetzt auf einmal Alles so
todtenstill - mir graust's, Cotton - er wird doch kein Blut vergieen?
    Narr! brummte Cotton - wollt Ihr Euren eigenen Hals in die Schlinge
legen, heh? gelstet's Euch, von den Regulatoren an irgend einem bequem
gewachsenen Eichenast in die Hhe gezogen zu werden? Rowson wird thun, was
nthig ist. Kann's ohne Blutvergieen abgemacht werden, desto besser, ich bin
selbst kein Freund davon. Geht das aber nicht -
    Oh kein Blut - kein Blut - rief Weston ngstlich. Ich habe mich mit Euch
verbunden, die Pferde zu stehlen - das ist kein Verbrechen - aber Blut - mich
berluft's, wenn ich daran denke - Blut mag ich nicht auf dem Gewissen haben; -
und das war ja auch nur ein Weib.
    Desto gefhrlicher, lachte Cotton, wenigstens da, wo es gilt, etwas zu
verschweigen. Doch seid kein Narr - Rowson wird's schon machen - er thut gewi
nichts, als was er - habt auf das Pferd da Acht, es fhlt Grund und will an's
Ufer - Pest, da drben hat's schon den Huf in den Schlamm gedrckt - seht Euch
vor, Weston - wir wissen nicht, wer uns auf den Fhrten sitzen wird.
    Der Teufel mag sie alle in Ordnung halten, rief Weston rgerlich - warum
bleibt Rowson so lange - die Thiere werden ungeduldig, und mir sterben die Hnde
schon ab vom langen Halten.
    Dort ist die Stelle, wo er zu uns stoen wollte, sagte Cotton - seht Ihr
dort, wo die Wurzel im Wasser liegt - gerade vor Euch - ich habe hier oft in der
Gegend gejagt und kenne den Bogen, den der Flu macht, gut genug.
    Da steht auch Jemand neben der Wurzel! flsterte Weston leise. In dem
Augenblicke tnte der Ruf des Whip-poor-will von der Stelle her, und gleich
darauf sprang Rowson, denn er war es, von dem Steine, auf dem er stand, in das
hier nur wenige Zoll tiefe Wasser und watete an die Boote heran, da die darin
Sitzenden nicht anhalten konnten, ihn aufzunehmen.
    Hier sind Provisionen, sagte er mit heiserer Stimme, indem er einen Arm
voll auf Stbe gereihte Stcke Hirschfleisch in das Boot warf - delikates
Wildpret.
    Wo ist die Indianerin? frug Weston, dem finstern Mann ngstlich in's Auge
sehend.
    Sicher! antwortete dieser lakonisch und wandte sich ab vor dem forschenden
Blicke des Fragenden.
    Sicher? Ihr habt ihr doch kein Leid angethan?
    Unsinn - bekmmert Euch um Eure eigenen Geschfte - was geht Euch mein
Handeln an? - So, gebt mir die Pferde und nehmt Ihr das Ruder ein wenig - das
Wasser wird hier tief und wir kommen etwas schneller vom Fleck.
    Wie weit ist's noch zu dem Platze, wo wir landen? frug Cotton.
    Drei Meilen - eher etwas mehr als weniger.
    Und wie weit geht Ihr mit?
    Noch zwei etwa - wir werden die Hgelreihen bald erreichen, an deren Fu
ich aussteige - aber - Weston - kommt doch noch einmal her und nehmt die Zgel -
Cotton - habt Ihr nicht ein altes Tuch oder so etwas bei Euch?
    Was wollt Ihr damit? - mein Halstuch!
    Gebt es her - oder - bindet es mir hier um den Arm - da - da gerade an der
Schulter.
    Ja, dann mt Ihr aber den Rock ausziehen - ich kann auch nicht gut dazu -
das verwnschte Boot schwankt so, und ich frchte, es schlgt um.
    Gut - dann warte ich noch eine Viertelstunde, bis wir wieder an eine
seichte Stelle kommen, und gehe nebenher im Wasser - nachher macht sich's
besser.
    Was habt Ihr denn an der Schulter? frug Cotton, als Jener den Rock auszog
und den Aermel auffstreifte.
    Ih - die kleine Hexe erwischte einmal, ich wei selbst nicht wie, den
Tomahawk, den ich ihr schon weggenommen, und - doch es hat weiter nichts zu
sagen. - Dort unten, wo es so hell schimmert, hrt das tiefe Wasser auf, und
dann knnen wir etwas darum binden.
    Schweigend verfolgten die Mnner jetzt wieder bis zu der bezeichneten Stelle
ihre Bahn, dann aber stieg Rowson, erst vorsichtig mit dem kurzen Ruder nach
Grund fhlend, ber Bord, und whrend er neben dem langsam dahingleitenden Kahn
herging und sich mit der rechten Hand dabei am Rande desselben festhielt,
verband ihm Cotton die keineswegs unbedeutende Wunde.
    Wenn nur der Mond ein wenig schiene, rief Weston nach einer Weile, da
wir doch wenigstens den Punkt erkennen knnten, an dem wir landen mssen!
    Sehnt Euch auch noch nach dem Mond, brummte Cotton, weiter fehlte gar
nichts. - Ich wnschte, es regnete, was vom Himmel herunter wollte.
    Die Boote glitten jetzt an einer steilen Hgelreihe vorbei, deren schroffe
Felskanten bis hinein in den Strom reichten, whrend einzelne dunkle
Cedernbsche aus der senkrechten Wand emporwuchsen und lange, unheimliche
Felsspalten sich bis zu dem Gipfel der Berge hinaufdehnten. Die Kuppe krnten
hohe, schwankende Fichten und Kiefern, und Cedern und Hickories bildeten das
dichte, feste und beinahe undurchdringliche Unterholz.
    Wir sind nicht mehr weit vom Ziel! sagte Rowson, gleich dort unten ist
die Stelle, an der ich Euch verlasse, und, Cotton - Ihr kennt ja den Platz, wo
Ihr aussteigt!
    Hat keine Noth - den verfehl' ich nicht. - Doch wenn auch - etwa eine
Viertelmeile weiter unterhalb ist eben wieder eine solche Stelle. Aber halt! -
was ist das? ein Feuer am Ufer? Dort lagert Jemand.
    Nur ruhig, flsterte Rowson - wer es auch sei, das Rohr lt ihn hier
nicht dicht an's Ufer, und der Schatten der Bume wird uns wohl jedem
neugierigen Blicke verbergen.
    Am Ufer schlug jetzt klffend ein Hund an, und sie konnten sogar eine Stimme
hren, die ihn beruhigte. Das Rohrdickicht war aber, wie Rowson ganz richtig
bemerkt hatte, so dick und verworren, da es unmglich gewesen wre, gerade an
dieser Stelle den Flu zu erreichen, oder ihn von dem Orte aus, wo das Feuer
flammte, zu bersehen, und lautlos schwammen die Mnner in der hier ziemlich
tiefen Strmung vorber.
    Verdamm' die Pferde, wie sie schwanken, flsterte Cotton nach einer Weile.
    Es ist Zeit, da sie an's Land kommen, - erwiderte Rowson - hier ist
brigens der Ort, wo ich landen mu - so - haltet Euch ein klein wenig nher
heran, da ich abspringen kann - und nun macht Eure Sache klug - sitzt fest
jetzt!
    Mit diesen Worten schwang er sich aus dem schaukelnden Boot auf einen
vorspringenden Stein, winkte noch einmal mit der Hand hinber und verschwand im
Dunkel.
    Es gehrte aber ein so gebter Canoefhrer als Cotton dazu, um das schwanke
Fahrzeug bei dem Herausspringen eines Menschen vor dem Umschlagen zu bewahren.
Doch war es fr ihn mit nur geringen Schwierigkeiten verbunden; der Kahn
schaukelte kaum einige Secunden und glitt dann, ohne einen Tropfen Wasser
eingenommen zu haben, weiter auf seiner Bahn.
    Weston sprach keine Silbe mehr; seit dem letzten krampfhaften Schrei der
Indianerin, der ihm noch in den Ohren tnte, hatte sich eine eigene,
unbezwingbare Angst seiner bemchtigt. - Er fuhr bei dem geringsten Gerusch
empor, und das Herz klopfte ihm in fieberhaften Schlgen.
    Ohne weiter ein Wort mit einander zu wechseln, erreichten sie bald darauf
die von Rowson bezeichnete Stelle, wo breite, glatte Felsplatten bis in die
Hlfte des Flusses hineinliefen und sich bis oben hinauf zu dem mit dichtem,
niederem Gebsch bewachsenen Ufer erstreckten. Dort hielten sie und fhrten die
schnaubenden und ungeduldig stampfenden Pferde auf das Trockene.
    Ja, trampelt nur, lachte Cotton - es soll euch bald warm genug werden.
Haltet sie einen Augenblick, Weston, ich mu das eine Canoe erst versenken, da
es Niemand findet und Verdacht schpft; das andere mag schwimmen, das kennt
Keiner, und wenn sie's kennen, werden sie glauben, es habe sich losgerissen.
    Damit warf er schnell seine Kleider ab, um am Schwimmen nicht gehindert zu
sein, fllte das Canoe mit Steinen, ruderte es an eine tiefere Stelle und lie
es sinken.
    So, sagte er, als er bei Weston wieder an's Land sprang und seine Kleider
berwarf - so - das wird so bald Niemand zu sehen bekommen, wenigstens nicht
frh genug, uns Schaden zufgen zu knnen. - Jetzt aber fort, mir brennt der
Boden hier unter den Fen.
    Und kennt Ihr den Weg auch genau? frug Weston besorgt - Nachts gehrt ein
tchtiger Waldmann dazu, eine genaue Richtung im Walde beibehalten zu knnen.
    Seid unbesorgt, rief Cotton, wir mssen uns berdies etwas auf dem
Bergrcken halten, denn da ist das wenigste Gestrpp und ein Wegverfehlen auch
nicht mehr mglich. Wenn wir berhaupt nur erst aus dem Schilfdickicht heraus
sind, und das ist hier kaum fnfhundert Schritt breit, dann hat's keine Noth
mehr. Also frisch in den Sattel, Weston - apropos - was habt Ihr denn fr Sttel
mit von zu Hause gebracht?
    Fr Euch einen alten spanischen, fr mich gar keinen - ich nehme das
Bffelfell hier. Wie weit ist's denn?
    Nun, Gott sei Dank, lachte Cotton - morgen oder bermorgen kommen wir
nicht hin; doch was thut's. Wer solche Geschfte bernimmt, darf nicht so
besonders auf Bequemlichkeit sehen. Rowson's Plan ist brigens capital, und ich
denke, wir werden den Mississippisumpf wohl ungestrt erreichen. Soll mich nur
wurdern, ob sie Johnson nichts am Zeuge flicken.
    Wenn ich nur wte, ob Rowson der Indianerin kein Leid zugefgt hat! sagte
Weston seufzend.
    Oh, die Pest auf Eure Indianerin, was kmmert uns die! Hll' und Teufel, da
fngt's wieder an zu regnen. Doch halt, ich will nicht fluchen, das ist gut
genug und kann uns nur lieb sein, Johnson besonders, denn dem knnen sie nachher
nicht nachsuchen, von woher er mit den Pferden gekommen ist. Aber jetzt fort -
hier hindurch, Weston; das ist die Mndung eines der kleinen Bche, und
wenigstens schilffrei.
    Weston hatte indessen das erwhnte Fell auf dem Rcken eines der Pferde
befestigt, schwang sich hinauf und folgte, zwei andere fhrend, dem Gefhrten,
der unter der Zeit schon das Dickicht betreten hatte und im Dunkel verschwunden
war. Wenige Augenblicke noch konnten man das Brechen und Krachen des trockenen
und verdorrten Rohre hren, als sich die Pferde zwischen diesen
hindurchdrngten, dann verhallte auch dies; und Totenstille ruhte auf der
Wildni, und die Dunkelheit der Nacht barg Snde und Verbrechen.

    Der Leser mu aber jetzt noch einmal mit mir zu der Furth zurckkehren, an
der wir uns beim Anfang des vorigen Capitels befanden.
    Gar nicht so sehr lange waren hier die vier Verbndeten unter dem dunklen
Schatten der Bume verschwunden, als die Strae entlang, mit Kienfackeln in den
Hnden, die Reiter vom Springriver mit den in Pettyville hinzugekommenen Farmern
heransprengten.
    Hier sind sie hinunter, rief Husfield jetzt, sich im Steigbgel
niederbeugend und die Kienspne so nahe wie mglich an die Erde haltend - das
sind meine Pferde - verdammt will ich sein, wenn die Unverschmtheit nicht in's
Grenzenlose geht; galoppieren mitten auf der breiten Countystrae durch's Land,
als ob sie auf ihren eigenen Kleppern ritten. Aber wartet, Halunken, wartet -
der Strafe entgeht Ihr diesmal nicht.
    Bezweifle sehr, da sie warten werden, lachte Cook - die Spuren sehen
auch gar nicht danach aus; - Wetter, wir sie hier eingegriffen haben - Husfield,
wir werden scharf reiten mssen, wenn wir sie morgen einholen wollen.
    Ob wir scharf reiten - und wenn ich auch diese Pferde zu Grunde richte;
lieber alle verloren, aber hngen mu ich die Canaillen sehen - hngen - sonst
kann ich nicht mehr ruhig schlafen.
    Mir war's, als ob ich einen Schrei hrte, wie wir dort oben um die
umgefallene Eiche herumritten, sagte Curtis - war's Euch nicht auch so?
    Ja, erwiderte Husfield - ich hrte etwas, das wird aber wohl ein Panther
gewesen sein, es gibt deren noch einige hier im Schilfbruch.
    Oh genug, rief Cook - besonders hier in der Gegend. Vor acht Tagen habe
ich erst einen geschossen, und Fhrten sind im Ueberflu da.
    Wie ist denn die Furth? frug Husfield jetzt, sich im Sattel zurckbiegend;
irgend eine tiefe Stelle hier, die gefhrlich werden knnte?
    Ja - auf der anderen Seite, erwiderte Curtis, lat mich nur voranreiten,
ich kenne den Platz.
    Damit lie er sein Pferd langsam die steile Uferbank hinuntergehen und ritt,
von den Uebrigen einzeln gefolgt, zum anderen Ufer.
    Seht Ihr die Fhrten da? frug Husfield, der den Zug beschlo.
    Ja wohl - versteht sich, rief Curtis zurck - sie knnten auch nirgends
anders hinauf - gerade fort auf der Strae, so wahr ich Curtis heie. Sie
verlassen sich auf die schnellen Hufe ihrer Thiere.
    Wr's aber nicht besser, wir wrfen die Fackeln jetzt weg? frug Cook;
sollten wir ihnen wirklich nahe kommen, so sehen sie die leuchtenden Brnde zu
weit.
    Das ist wahr! besttigte Curtis, die Fackeln lschen wir aus; sind sie
auf der Strae geblieben, was ich jetzt keinen Augenblick mehr bezweifle, so
holen wir sie auch ein, und da knnen uns die leuchtenden Kienspne nur Schaden
thun, also fort mit ihnen! Und ohne weiter eine Zustimmung der Uebrigen
abzuwarten, schleuderte er seine Fackel hinber in das feuchte Laub, wo sie
augenblicklich erlosch. Seinem Beispiel folgte Cook, nur Husfield suchte noch
dem Licht am Boden, um die bekannten Hufspuren wieder aufzufinden.
    Sie sind hier hinauf, rief ihm Curtis zu, hier auf der Strae selbst sind
ja die Fhrten.
    Ihr habt Alles vertreten, sagte Husfield; nun, meinetwegen auch im
Dunkeln. Den Weg werden wir ja nicht verfehlen knnen.
    Ist nicht mglich, erwiderte Cook, wenigstens nicht in dieser Nacht, denn
es wird wohl hell sein, ehe wir die Stelle erreichen, wo er anfngt undeutlich
zu werden.
    Gut - vorwrts denn, rief Husfield, indem er seine Kienspne ebenfalls von
sich warf, vorwrts, und wer von Euch die erste Hand an die Schufte legt, hat
ein Fa Whisky bei mir zu Gute.
    Die Mnner jubelten laut auf ber den Preis, und hin auf der Strae, den
heien Quellen zu, flogen sie im gestreckten Galopp - Johnson's Fhrten
folgend.

                                      14.

 Brown auf dem Rckwege. - Die geheimnivolle Zusammenkunft. - Der Indianer. -
                         Der alte Farmer. - Canoefahrt.


Es war in der Dmmerung desselben im letzten Capitel beschriebenen Abends, als
das Pittsburger Fhrboot, von zwei krftigen Negern ber den Arkansas gerudert,
an dem gegenberliegenden sdlichen Ufer des Flusses landete. Es setzte dort den
einzigen Passagier, einen jungen blassen Mann, ab, der sein kleines rauhhaarigss
Pony im Boot am Zgel gehalten. Der Reisende bezahlte das verlangte Fhrgeld und
lie sein Pferd, dem er den Zgel ber den Nacken warf, allein aus dem Boote
springen. Dasselbe bewerkstelligte dies auch sehr geschickt mit einem kurzen
Satze, lief dann etwa zwanzig Schritt weiter die Uferbank hinauf, und hielt
dort, an den Wurzeln einzelner Birken das dem sandigen Boden sparsam entkeimende
Gras abzureien und zu verzehren.
    Aber, Massa, sagte einer der Fhrleute, dessen entsetzlich breite
Nasenlcher mit einem schmalen wolligen Schnurrbart zu wetteifern schienen, wer
von ihnen beiden sich am weitesten ber die Mundwinkel hinunterdehnen knnte,
und dessen Haar mehr wie von der Sonne verbrannt als gekruselt aussah, ich
hab' Euch schon drben gesagt, da kein Haus auf sieben Meilen ist, und Massa
wird die Nacht im Freien und im Regen zubringen mssen. - Whrend er diese
Worte sprach, schob er den erhaltenen halben Dollar Fhrgeld in eine kleines
schmutzige lederne Taschenbuch und barg dieses dann wieder mit groer Vorsicht
in der einen weiten Tasche seiner baumwollenen Hose.
    Ich wei das, erwiderte gleichgltig der Fremde - seit wann aber ist die
Htte nicht mehr bewohnt, die, nicht weit von hier, am Rande der kleinen Prairie
steht? Frher waren Leute darin - Ansiedler aus Illinois.
    Oh, schon sehr lange, Massa, entgegnete der Neger - die Frau starb und -
die beiden Kinder auch. Da zog denn der Mann wieder fort, verkaufte aber das
kleine Stck Land mit der Htte vorher an meinen Master in Pittsburg, und wie
ich drben hrte, soll er den Mississippi hinauf nach Hause gegangen sein.
    Das Haus steht noch?
    Ja, Massa - aber -
    Nun - aber? - ist kein Dach drauf?
    Oh ja, Massa - ein gutes Dach - Alles in Ordnung noch - aber - die Leute
drben erzhlen - es wre nicht ganz richtig in dem Hause.
    Nicht richtig, wie so?
    Nun - die Frau, die sie dort unter den fnf Pfirsichbumen begraben haben,
die soll -
    Etwa noch gar ihr Wesen treiben? lchelte der Fremde.
    Ahem! nickten die beiden Schwarzen jetzt sehr bedeutend zusammen und sahen
ngstlich die de Uferbank hinauf und hinunter.
    Weshalb glaubt man das? frug der Weie, indem er sich zum Gehen wandte -
hat Jemand den Geist gesehen?
    Wieder nickten die beiden Neger auf eine lebensgefhrliche Art mit den
Kpfen, denn es schien fast unmglich, mit solcher Kraft eine solche Bewegung
auszufhren, ohne das Genickdabei zu brechen. Uebrigens bedurfte es einer
zweiten Frage, um etwas Nheres ber die gespenstische Wohnung zu erfahren, und
der, welcher zuerst gesprochen, sagte dann aus, da man sich allerlei
entsetzliche Geschichten von jener Stelle erzhle, worunter die allgemeinste die
sei: Der Mann habe zuerst seine Frau, die er los zu sein wnschte, und nachher
die beiden Kinder ermordet und sich dann auf einem Dampfschiff den Flu hinunter
begeben; wohin? wisse man nicht. Das Grab htten jedoch nach seiner Abreise zwei
Doktoren in Gegenwart von Gerichtspersonen geffnet und ihren Verdacht besttigt
gefunden; einer der Doctoren solle brigens die beiden Kinderleichen gestohlen
haben, und die Mutter suche nun Nachts ihre Kleinen und kehre erst mit der
Morgendmmerung in das Grab zurck.
    Der Neger glaubte jetzt wahrscheinlich zu viel ber einen so schaurigen
Gegenstand gesprochen zu haben, als sich mit der Nhe des Ortes und der mehr und
mehr einbrechenden Dunkelheit vertrug, stie daher, ohne weiter eine Antwort
abzuwarten, vom Ufer, wnschte dem Fremden eine gute Nacht, und gleich darauf
glitt, unter den langsamen, aber krftigen Ruderschlgen, das breite,
unbehlfliche Fahrzeug ber den Strom zurck.
    Brown, denn kein Anderer als unser junger Freund war der Fremde, der sich
auf seinem Rckweg nach dem Fourche la fave befand, schaute ihm noch lange
sinnend nach. Weiter und weiter verschwand es in dem feuchten Nebel, der sich
auf der Wasserflche lagerte, und schien endlich nur noch ein unbestimmter
dunkler Fleck, von welchem aus jedoch die abgemessenen Schlge der Ruder scharf
und deutlich herbertnten. Endlich verschollen auch diese - das Boot hatte sein
Ziel erreicht, und wie aus einem Traum erwachend, seufzte der junge Mann schwer
und sorgenvoll, stieg dann zu seinem grasenden Thier empor, ergriff dessen Zgel
und schritt langsam den schmalen Fusteig hinauf, der von der Fhrbootlandung zu
der obenliegenden Flche fhrte.
    Dort angelangt, blieb er einen Augenblick stehen und berschaute schweigend
die vor ihm ausgebreitete, mit dsteren Regenwolken berhangene Landschaft.
Wenige hundert Schritt vom Flusse aus schien der Boden durch das Steigen des
mchtigen Stromes aufgewhlt und mit dem weien, ihm eigenthmlichen Sand viele
Fu hoch bedeckt zu sein. An manchen Stellen waren sogar Birken und
Baumwollenholzstmme halb von ihm verschlungen, und die Erde selbst glich mit
ihren langen, wellenfrmigen Erhhungen einem wogenden Meer. Weiterhin aber, wo
die Gewalt des angeschwollten Stromes durch Dickichte von Papaos und Platanen
gehemmt worden, lag die weie, blendende Sandschicht wie eine ebene Schneedecke
auf dem ursprnglichen Fruchtboden und dehnte sich bis dorthin aus, wo das Land,
hher steigend, dem gierigen Strom einen Damm entgegengestellt hatte. Dort
bildete grnes, ppiges Gras den weichen Teppich einer Art Prairie, an den sich
ein weiter, ungeheuer groer, wilder Pflaumengarten schlo. Solche
Pflaumengrten findet man in den westlichen Staaten nicht selten, und ihre
buschig niederen Fruchtstmme sind smtlich in frheren Zeiten von den
Indianern, besonders den Cherokesen, gepflanzt worden. Die frheren Eigenthmer
dieses Landstrichs hatte man jetzt freilich von ihrem Grund und Boden vertrieben
und weiter westlich transportiert, und der Garten war zur Wste geworden.
    Am Rande dieses Cherokesischen Pflaumengartens, wie der Ort von den
Bewohnern jener Gegend noch immer genannt wurde, lag nun das vorerwhnte kleine
Haus, das, nach des Negers Aussagen, solch' unheimlichen Gste beherbergen
sollte. Brown wandte sich aber nichtsdestoweniger jener Stelle zu und erreichte
mit einbrechender Dunkelheit den verrufenen Ort.
    Es war eine jener kleinen Niederlassungen, wie sie sich zu Tausenden in dem
fernen Westen Amerikas finden: eine niedere Blockhtte, mit jetzt umgeworfenem
Lehmkamin, ein kleines, verwildertes, etwas zwei Acker groes Feld, dessen
Umzunung theils niedergefault, theils verbrannt war, ein halbverfallenes
Seitengebude, das wahrscheinlich als Kche oder Vorrathskammer gedient hatte,
und ein umgestrzter Brunnen, dessen Oeffnung das abgesgte Stck eines hohlen
Baumes bedeckte. Der Platz schien seit langen Jahren nicht mehr bewohnt, aber
etwas so Wildes, Unheimliches ruhte auf der verdeten Sttte, da Brown
unwillkrlich, als er eben die niederliegende Fenz berschreiten wollte, inne
hielt und nach der benachbarten Baumgruppe hinberschaute, gleichsam mit sich zu
Rathe gehend, ob ein Nachtlager im Freien, unter den grnen Bumen des Waldes,
nicht dem in der, wenn auch trockenen, doch keineswegs traulichen Wohnung
vorzuziehen sei. Ein strkerer Windsto von Westen her, der ihm den Nebel in
dnnem, kaltem Sprhregen entgegenwarf, machte aber seiner Unschlssigkeit auf
einmal ein Ende, denn er zog jetzt, ohne weiteren Zeitverlust, das treue Thier
in die innere Umzunung und zu dem kleinen Nebengebude hin, das er vor allen
Dingen untersuchte und als noch benutzbar fand. Zwar sah er sich genthigt, ein
paar keineswegs leichte Balken aus dem Wege zu heben, um seinem Pony den
Durchgang zu gestatten; dann aber hatte er auch die Genugthuung, das wackere
Thier, das ihn heute schon eine lange, lange Strecke getragen, trocken und vor
den kalten Nordwestwinden ziemlich geschtzt zu wissen. Jetzt sehr zufrieden
damit, die Platz erreicht zu haben, schob er einen in der Ecke lehnenden Trog
herbei, holte den kleinen Sack, den er, an seinen Sattel geschnallt, mit sich
fhrte, und schttete dem freudig wiehernden Pony seine Mahlzeit geschlten Mais
hinein.
    Das zuerst besorgt, dachte er nun auch an sein eigenes Lager und trat in das
Haus, um unter dem schtzenden Dach desselben den matten Krper zu rasten und
fr neue Anstrengungen zu strken. So wst und unbewohnt die aber auch von auen
her erscheinen mochte, so fand der junge Jger doch bald, da es erst noch vor
kurzer Zeit ebenfalls einem Wanderer Schutz und Obdach gewhrt haben mute, denn
in dem Kamin lag Asche und unter dieser glimmten sogar noch einige Kohlen.
Angenehmeres htte ihm nicht leicht begegnen knnen, und schnell trug er einen
Arm voll abgebrochener Fenzstangen herbei, schnitzte mit seinem Jagdmesser dnne
Spne und sah bald darauf zu seiner Genugthuung ein helles, erwrmendes Feuer
emporlodern.
    Sattel und Decken hatte er mit hereingebracht; die letzteren breitete er
jetzt vor der freundlichen Gluth aus, verzehrte als sehr frugales Abendmahl ein
kleines Stck getrocknetes Hirschfleisch und warf sich dann auf das harte, doch
ihm vollkommen gengende Lager nieder.
    Bis jetzt hatten die Vorbereitungen zu seiner eigenen Bequemlichkeit, wie zu
der seines Thieres, die geistigen Krfte den jungen Mannes in Anspruch genommen.
Er war beschftigt gewesen und keine Zeit war ihm dabei geblieben, ber sich
oder seine Lage nachzudenken. Jetzt aber, vor dem knisternden Kohlen
ausgestreckt, in dem engen, unstten Lichtkreis des flackernden Feuers, ffnete
sich sein Herz, und neben den wenigen seligen Minuten der letzten Vergangenheit
schritt vor ihm sein Schicksal ernst und trbe in die dunkle Zukunft hinaus. Er
sah sich im heien Kampfe mit den mexikanischen Sldlingen, die Freiheit einer
jungen Nation vertheidigend; er sah sich unter dem Donner der Tod und
Vernichtung herberschleudernden Geschtze anstrmen gegen die feindlichen
Batterien - er sah sich blutend im Todeskampf unter den Gefallenen, aber auf
siegreich gewonnenem Schlachtfeld liegen, und ein fast triumphierendes Lcheln
berflog seine bleichen Zge, whrend er krampfhaft die neben ihm ruhende Bchse
erfate und, mit stolzem, todesmuthigem Blick sich halb von seinem Lager
erhebend, durch den eingestrzten Kamin hinausstarrte in die finstere,
sternenlose Nacht. Da pltzlich drngte sich das Bild der Geliebten vor seine
Seele, wie sie, einem schnen Opfer gleich, ihre Hand in die des ihr
zugetheilten Gatten legte - er sah sie erblassen, sah, wie sie ngstlich nach
Hilfe - nach ihm umherschaute - hrte ihren halbunterdrckten Schmerzensschrei,
und - der stolze, krftige Mann brach zusammen unter den auf ihn einstrmenden
tdtlichen Gefhlen. Er barg das Antlitz in den Hnden, warf sich auf das rauhe
Lager zurck und weinte - weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte.
    Aber auch dieser wilde, tobende Schmerz gab endlich einer weichen,
besnftigenden Wehmuth Raum; die Hand auf das pochende Herz, die brennende Stirn
gegen die rauhe Brenfelldecke des Sattels, die ihm zum Kopfkissen diente,
gedrckt, betete er - fr das Glck der Geliebten, fr die Ruhe der eigenen
schwerbedrngten Brust, und mit dem Namen des theuren Mdchens auf den Lippen
nahm ihn endlich der Schlummergott in die weichen Arme und trug ihn hinber an
das Herz der so hei Ersehnten.
    Mitternacht mute vorber sein, als er aus seinem sen Traum erwachte und
sich in der traurigen Wirklichkeit nicht mehr vor dem wrmenden Feuer, sondern
vor dem offenen Kamin befand, durch den ihm der wilde Sturm den kalten,
schneidenden Wind hereinjagte. Die Kohlen waren dabei gnzlich ausgebrannt -
kein Funke mehr zu finden, und frstelnd rckte er sein Lager zurck in die mehr
gegen Sturm und Wetter geschtzte hintere Ecke der Gebudes, um hier die
ersehnte Morgendmmerung zu erwarten.
    Kaum war dies jedoch geschehen, als ihm vorkam, als ob er an der Auenseite
des Hauses Stimmen hre. Schnell rief ihm dies die Erzhlung des Negers, die er
fast schon vergessen, in's Gedchtni zurck, und auf den rechten Ellbogen
gesttzt, fhlte er erst sorgfltig nach Bchse und Messer, ob ihm die treuen
Waffen zur Seite lagen, und lauschte dann mit zrckangehaltenem Athem und der
gespanntesten Aufmerksamkeit dorthin, von woher er zum ersten Mal die Tne
vernommen zu haben glaubte. Aber nichts lie sich weiter hren, und schon wollte
er, mit einem Lcheln ber seine eigene Gespensterfurcht, zurck auf das Lager
sinken, als er wieder, und zwar ganz in der Nhe, menschliche Laute unterschied.
Fast in demselben Augenblick ri Jemand die Thr auf und betrat den engen Raum,
whrend eine rauhe Stimme ausrief:
    Verdammtes Nest! Ich glaubte schon, ich wrde es in der dunklen Nacht nicht
wiederfinden. - Ist das ein Wetter - gut fr Geschfte brigens.
    Doch nicht na genug, erwiderte ein Zweiter, verwischt zwar ein bischen,
aber nicht hinlnglich.
    Hol' mich der Bse, wenn's nicht fr mich wenigstens hinlnglich ist. -
Mich schttelt's, da mir die Zhne im Munde zusammenschlagen; wenn wir nur ein
Feuer anznden knnten.
    Mit was denn? frug der Andere - Alles ist na und aufgeschwemmt, und ich
habe nicht einmal einen Tomahawk bei mir, um trockene Spne zu bekommen. Als ich
heute Nachmittag hier war, hatt' ich zwar ein kleines Feuer, hab' es auch, wie
ich fortging, mit Asche bedeckt, um Gluth zu haben, jetzt aber, sagte er, in
dem Kamin mit der Fuspitze herumfhlend und die Asche bei Seite schiebend, ist
Alles dunkel wie die Nacht. Wir drfen uns brigens gar nicht so lange hier
aufhalten, ich wenigstens nicht, denn ich mu morgen Abend wieder zu Hause sein,
da sich unsere Nachbarschaft in der nchsten Woche ein wenig in Aufregung
befinden wird. Sobald das Wetter nur etwas nachgelassen hat, geh' ich.
    Unsere Pferde werden sich doch indessen nicht losreien? wir htten sie
lieber mit herbringen sollen.
    Denken gar nicht dran - in solchem Wetter stehen sie still und rhren sich
nicht. - Nein, ich habe sie mit Willen nicht in diese Gegend gefhrt, da ich
hier nicht gern Pferdespuren haben will. Doch jetzt zu unserer Verabredung; die
Zeit ist kostbar, und das uns vergnnte halbe Stndchen mssen wir benutzen.
Wann gedenkt Ihr wieder zurck zu sein?
    Brown, fr den die erste Ueberraschung im Anfang wirklich etwas Lhmendes
gehabt hatte, wurde noch mehr durch die dunkeln Worte stutzig gemacht, die
dieses Wetter als gut fr Geschfte priesen, und er wute wirklich nicht
gleich, was er thun, ob er sich zu erkennen geben oder ruhig liegen bleiben
sollte. Der Gedanke, den Horcher zu spielen, war ihm aber zu fatal, und schon
wollte er durch einen Anruf seine Gegenwart verrathen, als ihn die Aeuerung des
Einen auf's Neue in seinem Vorsatze wankend machte. Der Widerwille des einen
Fremden gegen Pferdespuren in der Nhe dieser Htte machte ihn stutzig.
    Sollten diese Mnner zu der Bande gehren, zu deren Unterdrckung sich die
Regulatoren vereinigt hatten? war sein erster Gedanke, und das fortgefhrte
Gesprch mute ihn immer mehr in diesem Verdacht bestrken. Leise zog er deshalb
nur das Messer aus der Schneide, denn wenn er entdeckt, mute er auf einen
Angriff gefat und zur Vertheidigung gerstet sein, und schmiegte sich dann mit
angehaltenem Athem in seine Ecke zurck, um zu vernehmen, welche Plne diese
wrdigen Leute hierher gefhrt, und ob es ihm vielleicht vorbehalten sei, einen
ihrer Anschlge zu nichte zu machen.
    Wann ich zurck sein kann? antwortete der Andere nachdenkend - ja darber
knnen immer vierzehn Tage bis drei Wochen verlaufen. - Der Platz ist weit von
hier und ich mu sehr vorsichtig zu Werke gehen.
    Verget nur, ehe Ihr zu meinem Hause kommt, nicht die Vorsicht an dem
kleinen Bach, erwiderte ihm der Andere. Wenn Spuren auf mein Haus
zurckfhrten und die gottverdammten Regulatoren Wind bekmen, so mchte eine
Nachsuchung unvermeidlich werden, und das knnte Euch ebenfalls Schaden
bringen.
    Mir? wie so denn?
    Nun, wenn sie Eure Pferde erwischen, glaubt Ihr, ich bezahle Euch nachher
den Gewinn oder vielmehr Verlust heraus?
    Ja so - ich glaubte schon, Ihr meintet es auf andere Art; - nein, habt
keine Angst, ich kenne die Vorsichtsmaregeln genau. Aber halt - da fllt mir
noch etwas ein: wahrscheinlich werde ich selbst die Pferde nicht ganz bis zu
Euch transportieren knnen. Ich habe gerade in jener Zeit Geschfte, die mir
hoffentlich mehr einbringen sollen; sind diese beendet, dann kehre ich bei Euch
ein und wir knnen mit einander abrechnen. Uebrigens noch Eins: vertraut dem
Mann, der Euch die Pferde bringt, in jeder Hinsicht, nur - nur gebt ihm kein
Geld fr mich.
    Habt keine Angst. - Wird er aber die Platz kennen, wo er vor meinem Hause
vom Wege abbiegen mu?
    Genau - er hat sie mir Stelle selbst und zuerst beschrieben.
    Kenn' ich den Mann?
    Ich glaube nicht.
    Wie soll ich aber da wissen, ob er der ist, dem ich mein Geheimni
anvertrauen darf?
    Hahaha - der kennt es gut genug, doch halt - damit Ihr Euch besser
verstndigen knnt, so mag er nach dem Fourche la fave fragen. - Ihr antwortet
ihm darauf, da der neben dem Hause fliet. Seine nchste Frage hierauf sei: wie
steht's mit der Weide in hiesiger Gegend? und wenn er Euch zum dritten Mal um
einen Trunk Wasser ersucht, so ffnet ihm Thor und Thr - es ist der Rechte.
    Gut - solche Vorsicht ist allerdings nothwendig, denn ich habe nicht allein
oft Gste aus der Nachbarschaft, sondern meine Pflegetochter, die bei mir im
Hause wohnt, darf ebenfalls nichts davon erfahren. - Der Teufel traue
Weiberzungen, 's ist schon gefhrlich genug, da es meine Alte wei. Doch jetzt
gute Nacht - der Regen hat nachgelassen, und ich mu heim. Euch wr's auch
besser, da Ihr diesen Platz so schnell wie mglich wieder verlieet. Mich
wundert's, da Ihr, wenn nur die Hlfte von dem wahr ist, was man sich von Euch
erzhlt, nur noch berhaupt das Herz habt, hierher zu kommen.
    Kindergeschichten, murrte der Andere. - Es wird brigens nicht lange
trocken bleiben, wir bekommen wahrscheinlich einen nassen Morgen.
    Vielleicht nicht, meiner Meinung nach fngt es an klter zu werden, und
dreht sich der Wind -
    Nun, was habt Ihr? frug der Eine, als Jener, durch irgend etwas gestrt,
pltzlich in seiner Rede einhielt.
    War mir's doch, als ob ich hier ganz in der Nhe ein Pferd stampfen hrte,
sagte dieser.
    Oh, Unsinn, murrte sein Kamerad - die Thiere stehen eine Viertelmeile von
hier entfernt. - Doch kommt, es scheint wirklich, als ob es besser Wetter werden
wollte.
    Die Thr ffnete sich wieder - die Mnner traten hinaus, und Totenstille
herrschte auf's Neue in der verdeten, dunklen Htte. Lange aber noch lag Brown
regungslos in seine Decke gehllt und lauschte dem Sturm, der jetzt tobend durch
die Ritzen und Spalten des Hauses pfiff, mit den losgerissenen Dachbrettern
spielte, in den Wipfeln der Bume rauschte und seine Bahn in tollem Muthwillen
die breite Flche des Arkansas nieder verfolgte.
    Wer konnten nur die Mnner gewesen sein, die hier in solcher Nacht und an
solcher Stelle mit einander verkehrt hatten? Das war der Gedanke, der ihn fast
einzig und allein beschftigte. Etwas Gutes lag nicht in ihrem Plane, sonst
htten sie bessere Zeit und Gelegenheit gewhlt - wer aber waren sie? Die eine
Stimme besonders kam Brown bekannt vor, und er wute genau, da er dieselbe
schon einmal gehrt hatte. Wo aber oder wann, hier in Arkansas oder in Missouri,
ja gar ber dem Mississippi drben, das war ihm nicht mglich zu entscheiden. Im
Nachdenken darber verwirrten sich jedoch seine Ideen wieder - er schlo die
Augen, zog die Decke ber den Kopf, um ungestrt von ueren Eindrcken jene
Stimme in die verborgensten Tiefen seines Gedchtnisses verfolgen zu knnen, und
- trumte in wenigen Minuten wieder. Die beiden Stimmen wurden ihm dabei immer
bekannter, immer vertrauter, und zuletzt konnte er sogar die Gestalten erkennen
- Marion und Rowson, wie die Geliebte vor der Umarmung des ihr aufgedrungenen
Brutigams zurckfloh - immer weiter und weiter, und ihr Verfolger immer tollere
und entsetzlichere Gestalten annahm, ihr immer nher und nher kam - sie zu
erfassen drohte, und das arme Mdchen endlich in hchster Todesangst um Hilfe
hinausrief in die dunkle, strmische Nacht.
    Entsetzt warf er die Umhllung von sich und sprang empor - der kalte Schwei
stand ihm auf der Stirn, doch - es war ja nur ein Traum gewesen. Drauen aber
heulte der Uhu sein monotones, schauriges Morgenlied, ein paar Wlfe antworteten
aus weiter Ferne, und ein mattes Licht, das von dem slichen Himmel ausging,
kndete den nahenden Morgen.
    Die Luft war bitterkalt geworden, der Wind hatte sich nach Nordost gedreht,
und kein Wlkchen trbte mehr das reine, blaue Himmel. Brown, den die Vorflle
der Nacht jetzt fast wie ein wirklicher Traum vorkamen, da sie sich mit dem
seinigen verschmolzen, blieb sinnend und brtend stehen und versuchte auf's
Neue, aber wiederum vergebens, jene Personen mit von ihm erlebten Scenen zu
verbinden. Umsonst - er mute den Versuch endlich aufgeben, und ging nun mit um
so grerem Eifer daran, sich in der Beschftigung des Augenblicks zu zerstreuen
und zu vergessen, was er doch nicht ndern oder ergrnden konnte. Mit dem
letzten Mais, der ihm geblieben, ftterte er sein Pony, fhrte es dann an eine
kleine, durch das feuchte Wetter gebildete Lache, um seinen Durst zu lschen,
sattelte es und war schon im muntern Trabe auf dem Heimweg, ehe noch die Sonne
durch einen einzigen Strahlengru ihr Kommen angekndigt hatte.
    Die frische Morgenluft und der scharfe Ritt gaben aber seinem Krper wie
seiner Seele neue Spannkraft, und das kleine muthige Thier, das er ritt, trabte,
von dem leichten Schenkeldruck berhrt, mit freudigem Schnauben durch das
flache, sumpfige Thal des Arkansas, bis es die ersten niederen Hgelreihen
betrat und nun, festen Boden unter den Hufen fhlend, ber denselben hinflog,
als ob es sich selber danach sehne, die heimische Weide recht bald wieder zu
begren.
    Da sah der Reiter auf dem breiten, ausgehauenen Wege, dem er folgte, einen
Fugnger schnell daher schreiten und erkannte im Nherkommen zu seinem
unbegrenzten Staunen den Indianer.
    Assowaum! rief er, indem er dem Pony mit rascher Hand in die Zgel griff.
Das blieb brigens schon von selber stehen, da es rothen Krieger gut genug
kannte und wohl wute, es verstehe sich von selbst, da die beiden befreundeten
Mnner auch mit einander plandern mten. - Assowaum - was in aller Welt fhrt
Dich dieses Weges? wohin willst Du?
    Bis zu dieser Stelle, antwortete ruhig der Indianer, indem er die ihm
dargereichte Hand fate und drckte.
    So hast Du mich gesucht? was ist vorgefallen?
    Viel - sehr viel - und wei mein Bruder gar nichts davon?
    Ich? woher ich - war ich nicht - und doch - die beiden Mnner in der
letzten Nacht - ihre geheimnivolle Zusammenkunft - wer wei, in welcher
Verbindung das mit dem steht, was Du mir zu sagen hast. Doch heraus mit der
Sprache - ich brenne vor Neugierde.
    Und wit Ihr gar nichts?
    Oh zum Henker, Assowaum, schneid' nicht so ein ernstgewichtiges Gesicht,
rief Brown lchelnd. Wenn ich am andern Ufer des Arkansas bin, wie kann ich da
wissen, was am Fourche la fave vorgeht?
    Aber vor Eurer Abreise -
    Mein Streit mit Heathcott?
    Heathcott ist ermordet! sagte der Indianer ernst, indem er dem jungen Mann
forschend in's Auge sah.
    Gerechter Gott! rief Brown, das Pony zurckreiend, da es hoch aufbumte
in jhem Schmerz - das wre schrecklich!
    Der Verdacht ruht auf Euch, fuhr der Indianer, sein Auge nicht von ihm
wendend, fort - und man endschuldigt Euch auch vollkommen. Der Todte hat wilde
Drohungen ausgestoen - htte sie vielleicht wahr gemacht - war mglicher Weise
im Begriff, sie wahr zu machen, und Eure That wird, wie sie sagen, dadurch
gerechtfertigt, nur -
    Assowaum! rief, diesen unterbrechend, der junge Mann, indem er aus dem
Sattel sprang und neben den Indianer trat - Assowaum - bei jenem blauen Himmel
da droben, der sich ber uns ausspannt - bei dem Grabe meines Vaters - bei
dieser Hand, die ich rein und frei emporstrecke - ich bin unschuldig an dem
Morde. - Ich habe den Unglcklichen seit dem Augenblick, wo wir uns vor Roberts'
Hause trennten, nicht wieder gesehen. Glaubst Du noch, da ich schuldig sei?
    Der Indianer streckte ihm lchelnd die Hand entgegen und rief mit freudigem
Tone: Assowaum hat es nie geglaubt - wenigstens nicht von dem Augenblick an, wo
er hrte, der Ermordete sei beraubt worden.
    Und auch dessen beschuldigt man mich? frug Jener entsetzt.
    Bse Menschen - ja - die guten kennen Euch besser. Mr. Harper und Mr.
Roberts glauben es nicht.
    Brown barg bei Roberts' Namen das Gesicht in den Hnden und sttzte sich
seufzend auf den Sattelknopf des ruhig neben ihm anhaltenden Thieres.
    Lat Euern Fu sehen! sagte jetzt der Indianer, indem er den Tomahawk aus
dem Grtel zog.
    Weshalb? Hast Du die Fhrte gemessen?
    Ahem, nickte und Wilde und hielt den Stiel der Waffe an die Sohle des
Freundes.
    Dreiviertel Zoll zu lang, sagte er dann vergngt vor sich hin - dacht' es
doch!
    Ich trug die Stiefel nicht einmal an jenem Morgen, an dem ich den Fourche
la fave verlie, sagte Brown, indem er in die Satteltasche griff: hier diese
Moccasins. - Waren es Stiefelfhrten, die Du bei der That entdecktest?
    A-hem, nickte der Indianer wieder, aber langsamer als vorher, und es war
fast, als ob ein neuer Gedanke ihm pltzlich durch's Hirn zucke. - Er legte den
Tomahawk vor sich auf die Erde nieder und schien mit der Lnge am Stiel ein
anderes Ma zu vergleichen, das er sich durch Ausspannen der Finger gemerkt,
dann aber schaute er pltzlich mit einem so wilden und stieren Blick zu dem
jungen Amerikaner empor, da dieser entsetzt einen Schritt zurcktrat und ihn
frug, was er habe - an was er denke.
    Nichts - nichts, lchelte Wilde geheimnisvoll, kommt - wir mssen zurck
- die Zeit vergeht. Sie halten Euch fr schuldig; bse Menschen sprengen
allerlei Gerchte aus - und der kleine Mann ist krank geworden - er liegt
allein; Alapaha hrt die Predigt des blassen Mannes und wird erst am Abend zu
ihm zurckkehren. Will mein Bruder ihnen nicht selber sagen, da er schuldlos
ist?
    Aber wo geschah der Mord? wie erfuhr man das Entsetzliche?
    Fort - fort; wir knnen gehen und reden - Assowaum mu an den Fourche la
fave.
    Mit schnellen Schritten eilte der Indianer jetzt den Weg, den er eben erst
gekommen, zurck, und Brown mute das Pony fast stets in einem kurzen Trabe
halten, um nur an seiner Seite zu bleiben. Dabei machte jener ihn mit allen den
Vorgngen, bei denen er Zeuge gewesen war, bekannt und erfuhr nun auch
seinerseits Alles, was Brown ber das nchtliche Rendezvous der beiden Mnner
wute. Der Indianer behauptete dabei, da ihm heute Morgen ein Mann auf groem,
braunem Pferde begegnet sei. Er habe aber sein Gesicht nicht erkennen knnen, da
er ganz in seine wollene Decke eingehllt gewesen wre und diese beim Anblick
des Indianers eher noch fester um sich gezogen htte.
    Vielleicht, da dies Einer der Beiden war, fuhr Assowaum fort, indem er
auf die Hufspuren hindeutete, die vor ihnen herliefen, vielleicht nicht; aber
hier ist die Spur, und wir knnen ihr folgen.
    Davon wurden sie jedoch abgelenkt, denn als sie in das Fourche la fave-Thal
kamen, war dies durch den Regen der vorigen Nacht und durch das Austreten
einiger kleiner Gebirgsbche so sumpfig geworden, da der Indianer vorschlug,
den nicht mehr weit entfernten Flu in gerader Linie zu erreichen und den Weg in
einem Canoe, das er bei einem dort wohnenden Farmer zu erhalten hoffte,
fortzusetzen. Bei hohem Wasser scho der kleine Strom nmlich mit ungeheurer
Schnelle dem Arkansas zu, und dehnte sich auch der Weg durch die unzhligen
Wendungen der Strmung um manche Meile weiter aus, so konnte er doch in einem
leichten Fahrzeuge schneller zurckgelegt werden, als wenn die Wanderer ihren
schlammigen Bahn Meile nach Meile langsam fortsetzen muten.
    Brown gehorchte gern dem Rathe des Freundes, da er solcher Art Roberts'
Wohnung umgehen konnte. Das sumpfige Thal also vermeidend, folgten sie einem
sogenannten spur oder Ablaufe der Berge, der sie trockenen Fues bis unmittelbar
an das Ufer des Flusses brachte, und die Sonne stand noch mehrere Stunden hoch,
als sie dort die Wohnung eines der lteren Ansiedler des Fourche la fave, Namens
Smeiers, erreichten.
    Wie es der Indianer aber gedacht hatte, so schumte der Flu in zorniger
Wuth gegen die ihn beengenden Felswnde an; der Farmer warnte auch die Mnner,
sich dem kleinen, schwankenden Kahne anzuvertrauen, da sie Stellen zu passieren
htten, in denen sich selbst ein gebter Schwimmer nicht wrde retten knnen.
Doch berlie er ihnen gern den Kahn und versprach auch, am nchsten Tage, als
an einem Sonntag, das Pony mit seinem ltesten Knaben nach Harper's Wohnung
hinunter zu schicken. Das Canoe aber kaufte ihm Brown gleich ab, da er es im
Flu, an seines Onkels Hause zu behalten wnschte.
    Ihr freundlicher Wirth tischte indessen auf, was in seinen Krften stand, um
die mden Wanderer zu erquicken und zu strken: wilden Truthahn und Honig, se
Kartoffeln, Krbismu und Maisbrod, sowie einen Becher woll chten
Monongehela-Whiskys, und Beide lieen sich nicht lange nthigen, an dem
freundlich gebotenen Mahle Theil zu nehmen.
    's ist heute wieder einmal Alles ausgeflogen, sagte der alte Mann, als ein
kleines Negermdchen die letzte Schssel hereingetragen und die Glser der Gste
mit frischer, kstlicher Milch gefllt hatte.
    Wohin? frug Brown, das Glas von den Lippen nehmend.
    Betversammlung ist heute! unterbrach ihn der Indianer, indem er das Messer
neben sich in den Tisch stie und den Truthahnflgel in die Finger nahm - der
bleiche Mann mu nicht viel von der Tugend der Weien halten, denn er lt sie
alle Wochen ein paar Mal zu ihrem groen Geiste beten.
    's ist wahr! meinte der Farmer, indem er einen herzhaften Schluck aus dem
Whiskybecher gethan und diesen dann dem Weien hinberreichte - es wird mir
bald selbst zu toll. - Mein Nachbar hier - Smith - ist auf einmal mit seiner
ganzen Familie religis geworden, wie sie's nennen, und da half denn weiter gar
nichts, meine Alte mute ebenfalls mit, und schleppt sich nun zur Gesellschaft
die armen Mdchen mit hinber, die doch wahrhaftig noch an 'was Anderes zu
denken htten, als nur an Beten.
    Die Frauen fhlen eher das Bedrfni, sich zu ihrem Gott zu wenden, als wir
Mnner, erwiderte Brown - dachte er doch der Geliebten, wie er sie so oft in
kindlich-frommer Andacht gesehen. Unser ganzes Schaffen und Wirken lt uns
schon zu wenig Zeit brig, das Herz Gefhlen zu erffnen, die genhrt und
gepflegt sein wollen, und nicht auf einmal, schnell emporgerufen, in's Leben
springen knnen. Den auf den engen Kreis ihrer Huslichkeit angewiesenen Frauen
ist die Religion dagegen fast ein Theil ihrer selbst, und ich mchte sie drum
nicht tadeln, wenn sie mit einer Innigkeit und Verehrung an jenen kirchlichen
Gebruchen hngen, die der rauhere Mann in dem Grade wohl nicht fr sie
empfindet.
    Bester Herr, sagte der Alte in freundlichem Tone, der liebe Gott soll
mich behten, da ich den Frauen gram oder auch nur hinderlich werden sollte,
wenn sie beten wollen; aber verdammt will ich sein, wenn ich nicht glaube, da
sie auch noch etwas Anderes auf der Welt zu thun haben, als nur zu beten. - Der
Teufel hole die Betschwestern - das sag' ich, und das ist, glaub' ich, das
Schlimmste, was man mit gutem Gewissen selber dem Teufel wnschen kann.
    Assowaum nickte lchelnd mit dem Kopf und sagte:
    Ich werde Alapaha hier heraufschicken - solche Predigt thte ihr besser,
als die des blassen Mannes.
    Miverstehen Sie mich nicht, erwiderte Brown, Gott wei es, wie zuwider
mir das Frmmeln ist, und es scheint wirklich, als ob es in diesen Ansiedlungen
ein wenig berhand nehmen wollte, doch - liegt das vielleicht mehr an den Leuten
selbst, als an dem Prediger. Ich glaube wenigstens, da Mr. Rowson mit
Ueberzeugung spricht und das im innern Herzensgrunde fhlt, was er predigt.
    Aufrichtig gesagt, glaub' ich das nicht, rief der Farmer, ungeduldig auf
dem Stuhle herumrckend, ich habe ihn zwar erst einmal gehrt, da hat er mir
aber nicht gefallen. - Das Augenverdrehen ist ein bses Zeichen. Wenn ein Mensch
erst anfngt, wie ein krankes Huhn auszusehn, dann kann ich mir nicht denken,
da er noch im Stande ist, groe Andacht zu haben. Doch - meinetwegen - ich
werde ihm nicht wieder beschwerlich fallen, wnsche aber wirklich, er gbe
meinen Frauen, wenigstens nur einer von ihnen, jedesmal Urlaub, da es doch bei
mir auch ausshe, als ob ich eine Heimath htte. - Aber Sie sind fertig und
scheinen zu eilen; nun, mein Geschwtz soll Sie nicht lnger aufhalten. Nehmen
Sie sich brigens mit der Nuschale in Acht - die Strmung ist sehr arg und ein
Unglck leicht geschehen.
    Keine Angst, Sir, lchelte Brown. - Wir wissen Beide mit solchen
Fahrzeugen umzugehen, und habe ich ja einen Indianer, der das Steuer fhren
wird; in besseren Hnden knnt' es nicht sein. Also das Pony kommt sicherlich
morgen hinunter?
    Nach Mr. Harper's Haus - Sie knnen sich sicher drauf verlassen, sagte der
Farmer. - Ihr Name ist Harper, nicht wahr?
    Brown! Sir.
    Brown? frug der Alte schnell und erschrockt, indem er das Auge fest auf
den jungen Mann heftete, der seinem Blicke indessen ruhig begegnete, Brown?
Doch nicht der -
    Von dem man sagt, da er den Regulator ermordet habe? Derselbe, Sir,
erwiderte der junge Mann; aber, fuhr er fort, indem er einen Schritt vortrat
und ein hheres Roth seine Wangen frbte, es ist schndliche Verleumdung, und
ich bin jetzt auf dem Wege, das Gercht Lgen zu strafen. Ich habe den Mann
nicht erschlagen.
    Er hatte Euer Leben bedroht, fuhr der Farmer, noch halb zweifelnd, fort.
    Ja! rief Brown in edlem Feuer - und ich wrde ihn gettet und dann frei
und offen die That bekannt haben, htte er sich mir im ehrlichen Kampfe
entgegengestellt. Der Mann ist aber, wie mir hier der Indianer sagte, von Zweien
berfallen, gemeuchelmordet und beraubt, und - sehe ich denn aus wie ein
Meuchelmrder?
    Nein - straf' mich Gott: nicht, rief der ehrliche Landmann, des jungen
Mannes Hand ergreifend - nein. - Ich kenne Euch nicht weiter, aber Ihr habt
'was Ehrliches, Braves im Gesicht, und da Ihr selber sagt, da Ihr's nicht
waret, so will ich verdammt sein, wenn ich's nicht glaube. Meine Mdchen waren
gestern unten bei Roberts gewesen, und die meinten auch, Mr. Rowson's Braut
htte Euch sehr in Schutz genommen.
    Assowaum, wir mssen wirklich fort, rief Brown, sich pltzlich zu dem
Indianer wendend, der schon, seiner harrend, in der Thr stand.
    Ich bin bereit - es wird spt, erwiderte dieser, und noch einmal drckte
der junge Mann dem Farmer herzlich die Hand, dankte ihm nicht allein fr seine
Freundlichkeit und Gte, sondern noch mehr fr das Zutrauen, das er in ihn
setzte, und sprach die Hoffnung aus, seine Unschuld bald und vllig an's
Tageslicht gebracht zu sehen. Die Mnner bestiegen nun das Boot, Assowaum setzte
sich in das Hintertheil desselben, den schmalen Nachen zu lenken, whrend Brown
im Vordertheile nahm und Beide ihre Gewehre an sich befestigten, damit sie
diese, im Fall eines Unglcks, nicht einbten. Vom Ufer losgebunden, glitt das
scharfe, leichte Fahrzeug, jetzt von den zwei krftigen und geschickten Mnnern
getrieben, mit fast wunderbarer Schnelle ber die kochende, schumende Fluth und
verschwand schon in der nchsten Minute um den vorspringenden, eine spitze
Landzunge bildenden Felsen, der sich mehrere hundert Schritt unterhalb der
Wohnung in den Flu hineinstreckte.
    Glcklicher Weise aber passierten die beiden Freunde die gefhrlichsten
Stellen noch bei Tageslicht, besonders solche Pltze, wo in den Flu
hineingeschwemmte Birken und Weiden einem so schwanken Fahrzeuge leicht htten
gefhrlich werden knnen. So erreichten sie, als es eben anfing zu dmmern, den
seichteren, aber auch breiteren Theil des Stromes, der auf seiner nicht mehr so
dunkelschafttig berhangenen Bahn jeden fremden Gegenstand im Fahrwasser leicht
erkennen lie.
    Schweigend glitten sie jetzt, nicht mehr rudernd, sondern blos steuernd, mit
der Fluth hinab, als Assowaum pltzlich mit der Hand nach vorn deutete und
seinen Gefhrten, der mit dem Rcken nach dem Bug des Kahnes gewendet sa, auf
einen hellen, vor ihnen sichtbar werdenden Schein aufmerksam machte.
    Sonderbar - was kann das sein? sagte Brown, sich danach wendend, so weit
es die dichten Bsche erkennen lassen, sieht es aus wie viele Lichter oder
Fackeln. In welcher Gegend mgen wir uns nur befinden? Ist denn hier ein Haus am
Ufer?
    Ja! sagte der Indianer leise, den Kahn dort hinbersteuernd - ja - eine
leere Htte. - Alapaha war hier gestern Abend - wir wollen landen, - und im
nchsten Augenblicke scho auch schon das kleine leichte Fahrzeug an die
Uferbank -, wo es von seine Eigenthmern schnell mit der gewhnlichen
Ankerkette, einer dnnen Weinrebe, am Stamme einer jungen Birke befestigt wurde.

                                      15.

                 Die Betversammlung. - Die Schreckensbotschaft.


Die Sonne hatte die Mittagslinie etwa zwei Stunden berschritten, als von
mehreren Seiten zu gleicher Zeit verschiedene Gruppen an einem kleinen
Blockhause erschienen, das einsam und allein im weiten, stillen Walde lag. Der
Besitzer desselben, Mr. Mullins, ebenfalls ein neuer Ansiedler und ein
fleiiger, ordentlicher Mann, hatte schon in kurzer Zeit ein recht hbsches
Stck Land urbar gemacht. An dem Haus selbst konnte man aber nichts davon
bemerken, denn dieses stand, ganz unhnlich der sonstigen amerikanischen
Farmsitte, wohl eine halbe Meile vom Felde entfernt, am Abhang eines kleinen
felsigen Hgels, dee die erste Abdachnung jenes die Wasser des Fourche la fave
und den Petite-Jeanne scheidenden Gebirgsrckens bildet. Um die Wohnung selbst
lagen dabei in wilder Unordnung gefllte Bume und gespaltene Fenzstangen umher,
was dem Platz ein zwar neues, aber auch zu gleicher Zeit ungemthliches, ja
trauriges Aussehen gab.
    Wie de und still jedoch auch Alles den ganzen Morgen ber dareingeschaut
hatte, so belebt wurde es jetzt. Kein Busch, an dem nicht ein Pferd angebunden
stand, kein gefllter Stamm, auf dem nicht ein paar sonntglich gekleidete
Mnner saen und traulich mit einander plauderten, whrend die Frauen in das
Haus traten, um dort vor allen Dingen ihre Hte und Tcher abzulegen. Dort bot
sich fr sie dann allerdings auch zugleich die Gelegenheit, sich, ehe der
Prediger kam, nur ein klein wenig und ganz insgeheim ber die Snden ihrer
Nebenmenschen aufzuhalten, natrlich mit dem sehr freundlichen Zweck, dieselben
so sehr zu bemnteln, wie sich das nur mglicher Weise mit einer genauen und
vollstndigen Aufzhlung derselben vereinigen lie.
    Sonderbar, da Mr. Rowson noch nicht da ist, sagte Madame Pelter zu Madame
Mullins, er hlt doch sonst so pnktliche Stunden.
    Wird wohl mit Roberts kommen, war die Antwort - in drei Wochen ist ja die
Hochzeit, und da darf er die Braut doch nicht so lange mehr allein lassen.
    Was? - Hochzeit? frugen drei oder vier Andere, sich neugierig
hinzudrngend, ist's wirklich wahr, da Mr. Rowson Marion heirathet?
    Ich hab's von der Mutter selbst, und die sollt' es doch wissen - da sie
einander lieben, war ja auerdem schon lange eine altbekannte Sache. Uebrigens
mu ich Sie bitten, noch keinen Gebrauch davon zu machen, denn ich wei nicht,
ob es schon verffentlicht werden darf. - Aber wahrhaftig, da kommen Roberts
ohne Mr. Rowson; nun wei ich doch in der That nicht -
    Er war ja an den Arkansas gegangen, meinte ein Verwandter von Bowitt, am
Ende hat er so viele Geschfte dort zu besorgen, da er gar nicht zur rechten
Zeit zurck sein kann.
    Das wre recht schade, seufzte die jngste Mi Smeiers; ich hatte mich so
auf die Predigt heute gefreut.
    Oh, er kommt gewi, rief die alte Madame Smeiers, eine wohlbeleibte,
freundliche Matrone, es thut auch noth, da wir in der Ansiedelung hier Gottes
Wort recht fleiig hren. Solche Sndhaftigkeit, wie jetzt berhand zu nehmen
droht - der Herr wolle uns nur gndig bewahren!
    Und dabei giebt's noch Leute, die gar nicht an's Beten denken, sagte Mrs.
Bowitt - Leute, die zu keiner Versammlung gehen, und wenn sie im Nachbarhause
gehalten wrden - Leute, die fluchen und schwren -
    Ach, wenn ich nur meinen Mann ein einziges Mal dazu bewegen knnte, das
Wort Gottes mit anzuhren, sagte Mrs. Hostler - jedesmal verspricht er's mir,
und nie hlt er's.
    Sie mssen es mit ihm so machen, wie ich neulich mit meinem Manne,
erwiderte Mrs. Hennigs; der hatte sich Nachmittags ruhig in die Ecke zum
Schlafen hingelegt, und wie er erwachte, sa das ganze Zimmer voller Menschen
und der Prediger vom Petite-Jeanne drben fing gerade sein Gebet an. Die Augen
htten Sie einmal sehen sollen, die Hennigs machte; er konnt' es aber nicht mehr
ndern und mute geduldig aushalten. Noch zwei- oder dreimal so, und ich bin
berzeugt, er kommt von selbst. - Ach, wenn sie nur erst einmal das Se und
Wohlthuende einer solchen Predigt empfunden haben, dann zieht sie's immer wieder
hin.
    Mr. Hennigs hat aber zu meinem Mann gesagt, behauptete Madame Smith, da
er sich das nchste Mal die Hunde mit zum Schlafen hineinnehmen wollte, damit
die Spektakel machten, sobald Jemand kme.
    Das soll er sich nur unterstehen! rief Mrs. Hennigs entrstet; die Hunde
auf meine Betten, nicht wahr? Da wollt' ich denn doch einmal sehen, wer - Guten
Abend, Mrs. Roberts, unterbrach sie sich selbst, als in diesem Augenblick die
Genannte mit ihrer Tochter in das Haus trat - wie geht's, Mi Marion?
    Begrungsformeln wurden nun von allen Seiten gewechselt, und die Frauen
hatten, in bergroem Eifer, den neuen Putz der immer wieder neu Hinzukommenden
zu mustern, ganz bersehen, da Mr. Rowson indessen wirklich angekommen war und
jetzt pltzlich mit einem freundlichen Gru mitten unter ihnen stand.
    Aber, groer Gott, wie sah er aus! Sein Antlitz war bleich, seine Wangen
hohl, die Augen eingefallen und seine Sprache zitterte merklich, als er, den
linken Arm tief in die Weste hineingeschoben, die niedere Schwelle heraufstieg.
    Mr. Rowson! riefen die Frauen fast wie aus Einem Munde - sind Sie krank?
Was fehlt Ihnen denn? - Sie sehen ja todtenbleich aus!
    Sie mssen krank sein! sagte Mrs. Roberts, indem sie an ihn herantrat -
oder ist etwas vorgefallen?
    Nein - gar nichts - ich danke Ihnen, erwiderte freundlich lchelnd der
Prediger - von ganzem Herzen danke ich Ihnen fr Ihre Theilnahme, meine
verehrten Freundinnen und Schwestern, es ist aber nur eine etwas bermige
Anstrengung. Ich komme aus den nrdlichen Niederlassungen herunter und bin die
ganze Nacht geritten, um mein Wort zu halten und zur bestimmten Zeit hier zu
sein. Das mag mich wohl etwas zu sehr angegriffen haben, da mein Krper an
dergleichen nicht gewhnt ist.
    Er trat dabei zu Marion und reichte ihr freundlich die Rechte, als diese die
sonderbare Haltung seines linken Armes bemerkte und ihn besorgt frug, ob er sich
auf irgend eine Art verletzt habe.
    Eine Kleinigkeit, erwiderte der Priester - die bald vorbergehen wird.
Mein Pferd strzte gestern Abend ber einen im Wege liegenden Ast und warf mich
gegen einen Baum, wobei ich mir den Arm ein wenig aufri. Da es ganz unbedeutend
war, achtete ich im Anfange gar nicht darauf; nach der sehr feuchten,
unfreundlichen Nacht schwoll es jedoch gegen Morgen an, und der Arm ist mir
jetzt etwas steif geworden. Es wird jedoch, wie gesagt, bald vorbergehen.
    Ach, Mr. Rowson - ich habe eine herrliche Einreibung, sagte Mrs. Mullins,
zu ihm herantretend - wenn Sie mir erlauben wollen -
    Danke wirklich - danke innigst fr all' diese Freundlichkeit; es ist in der
That nicht der Mhe werth, sich auch nur im Mindesten darum zu sorgen. - Nein,
ich mu, auf mein Wort, danken, beste Schwester Mullins. Wre es auch
bedeutender, als es ist, eine kleine, bald vorbergehende Erkltung, so mchte
ich dadurch nicht die Veranlassung sein, die so viele fromme und glubige Seelen
eine Stunde lnger ihrem Herrn entzieht. Lassen Sie uns beginnen, verehrte
Freundinnen, Sie sehen, wie zahlreich sich die Guten versammelt haben. Wollen
wir im Hause bleiben, oder sollen wir in's Freie gehen? Des Raumes wegen mchte
wohl der offene Platz vorzuziehen sein.
    Wenn es Ihnen nur nicht zu kalt in der frischen Luft ist! sagte Mrs.
Roberts ngstlich. - Es weht immer noch ein recht kalter und feuchter Wind.
    Tragen Sie meinethalben keine Sorge, lchelte der Prediger, indem er ihr
die Hand drckte, ich stehe im Dienste des Herrn, und in solchem Dienste darf
man nicht lssig sein. Die Bewegung wird mir brigens gut thun, und in wenigen
Tagen hoffe ich wieder ganz hergestellt zu sein.
    Alles weitere Zureden blieb fruchtlos. Der kleine Tisch wurde unter die zwei
Maulbeerbume getragen, die der Farmer, als er den brigen seine Wohnung
umschattenden Baumwuchs fllte, ihrer sen Frucht wegen stehen gelassen hatte,
und in einer kleinen halben Stunde spter sandte die scharfe, weitschallende
Stimme des Priesters ihre Gebete und Danksagungen zu dem reinen Himmelsblau
empor. - Und die Bume brachen nicht schmetternd ber ihm zusammen, die Erde
verschlang nicht den Heuchler, der die blutbefleckten Hnde zu dem Allerbarmer
erhob und ihm dankte, da er seine schwachen Bemhungen mit seiner Vaterhuld
gesegnet und sie Alle - Alle die Seinigen fromm und glubig hier unter dem
grnen Laubdach seines Domes zusammengefhrt habe! Dort stand er und errthete
nicht, als sich ein freundlicher Sonnenstrahl hindurchstahl durch das dichte
Bltterdach des Unterholzes, und errthete nicht, als sich die Frauen in seiner
Nhe zuflsterten, ein Heiligenschein umgebe die Schlfe des Gottseligen. Dort
stand er und schlug das freche Auge nicht zu Boden, als er dem reinen, frommen
Blick seiner Braut begegnete, die sich zum ersten Mal mit inniger Zuneigung zu
ihm hingezogen fhlte, da auch sie glaubte, der bergroe Eifer seines frommen
Berufes habe ihn so angegriffen und verndert. Der Frauen Herz wird ja oft durch
Mitleiden gewonnen, und der bleiche Mann hatte dem leidenden Ausdruck seiner
Zge das zu danken, was er durch Monate lange Mhe und Anstrengung nicht zu
erreichen vermochte. Marion glaubte an diesem Abend zum ersten Mal, an seiner
Seite, wenn auch nicht glcklich, doch ruhig und zufrieden leben zu knnen.
    Rowson beendete indessen mit unerschtterter Ruhe die heilige Handlung.
Seine Lippe bebte nicht, als er die Verzeihung des Hchsten fr sich und seine
Zuhrer erflehte, seine Stimme zitterte nicht, als er das Amen und den Segen
sprach. Nur einmal, einmal nur, als Alles um ihn her in Andacht hingegossen auf
den Knieen lag, durchzuckte ihn ein jher Schreck, und er stockte mehrere
Sekunden lang; denn hoch - ber den wehenden Wipfeln der Eichen strichen nach
Nordwest hinber vier Aasgeier. Er konnte das schwere Schlagen ihrer Flgel
nicht hren, aber er wute, welchem Orte sie mit gierig vorgestreckten Hlsen
entgegenstrebten; wute, was ihr Mahl sein wrde, ehe die Sonne dort drben im
Westen untersank. Da, sich mit Gewalt emporraffend, stimmte er ein lautes
Hallelujah wie im grimmen Spott seiner selbst an, und die Gemeinde fiel ein in
die bekannte Melodie, whrend er unter den lautschwellenden Tnen sich wieder
sammelte und fr den Schlu des Gottesdienstes krftigte.
    Indessen schienen nicht alle dort eingetroffenen Ansiedler auch Theil am
Gebete zu nehmen, denn eine kleine Gruppe derselben war etwa hundertfnfzig
Schritt von der Versammlung entfernt gelagert. Zu diesen gehrten besonders
Bahrens, der Krmer Hartford, Roberts und Wilson, Letztere ebenfalls ein junger
Ansiedler an demselben Flu, nur auf der ander Seite. Ihr Gesprch, das der
Krmer bis jetzt grtentheils mit Klagen ber den schlechten Handel belebt,
hatte jedoch in den letzten Minuten etwas gestockt. Die lautschallenden
Ermahnungen Rowson's waren nmlich bis zu ihnen gedrungen, und Bahrens schob ein
kleines Flschchen mit Whisky, das er eben zu Tage frdern wollte, verschmt
wieder in die Tasche zurck. Wilson aber bemerkte diese Bewegung und griff nach
dem Arm, der ihm das Labsal entziehen wollte.
    Halt da! sagte er lachend - das ist gegen die Gesetze der Menschlichkeit;
zeigt Einem erst den chten Stoff, und wollt ihn dann wieder bei Seite schaffen?
- da wird nichts daraus.
    Aber, Wilson - wenn Rowson zufllig hierher sehen sollte, oder gar eine von
den Frauen!
    Ach - was da; die mten scharfe Augen haben, wenn sie durch die Bsche
erkennen knnten, was wir hier angeben. - Und wenn auch - zum Donnerwetter, was
schert uns das Geplapper; wren wir deshalb hergekommen, so sen wir mitten
zwischen ihnen.
    Lat's aber nicht mehr sehen, als nthig ist, sagte Bahrens; meine Alte
singt auch mit, und das mu ich sonst acht Tage hren.
    Keine Noth - Alterchen, lachte Wilson, indem er der frommen Gesellschaft
geschickt den Rcken wandte und, die Flasche an die Lippen hebend, den
hellklaren Himmel einige Angenblicke mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete.
    Nun, sagte Roberts, whrend er das Ende des Gefes herunterdrckte -
erstickt nur nicht gar - Ihr wollt wohl drin wohnen bleiben? httet Ihr vorhin
ein klein wenig besser aufgepat, so wrde Euch Rowson's Moral: Andern zu thun,
wie Ihr erwartet, da sie Euch thun, von groem Nutzen gewesen sein.
    Ach, geht mir zum Henker mit Eurer Moral, sagte Wilson rgerlich, indem er
sich unter der Fichte, wo er bis jetzt gesessen hatte, ausstreckte und in die
dichten Zweige derselben hinaufschaute - das ist ein ewiges Morallesen und auf
den rechten Weg Bringen in unserer Ansiedlung; es gefllt mir gar nicht mehr.
    Ihr wit's wohl, was ich eigentlich sagen will. Mir behagt das ewige
Wegweisen nach dem Himmel nicht; wer zum Henker soll sich danach zurechtfinden?
    Ich glaub' auch nicht, sagte Bahrens lachend, da der Bursche da drben,
der die Augen so fromm und andchtig in dem bleichen Gesicht herumdreht, den Weg
richtig beschreiben kann. Sei dem aber wie ihm wolle, mir gefllt er nicht.
    Meine Frau hat einen Narren an ihm gefressen, sagte Roberts. Noch gestern
Abend behauptete sie, er wre ein Heiliger, sie knnte ordentlich fhlen, wie
fromm und gut ihr um's Herz wrde, wenn er nur zur Thr hereinkme.
    Gott sei uns gndig! rief Bahrens erschrocken - nchstens wird er ein
Paar Flgel bekommen, auf einen Baumast fliegen und Manna fressen.
    Seht nur einmal, wie die Aasgeier heute Nachmittag da hinberstreichen,
sagte Wilson, das ist nun schon der dreiundzwanzigste, den ich zhle, seit ich
hier liege.
    Die Predigt scheint beendet zu sein, sagte der Krmer, der seit einigen
Minuten dem Gesprch schweigend gelauscht hatte - das ist das Schlulied - ich
kenn' es.
    Ihr seid wohl auch musikalisch, Hartford? lachte Bahrens.
    Und warum nicht? erwiderte dieser etwas pikirt - ich spiele die Violine
und kann einige ausgezeichnete Stcke auf der Flte. Wenn Sie es nicht glauben
wollen, ich habe sie bei mir, und mit diesen Worten langte er mit der Hand in
die tiefe Rocktasche hinein, und war eben im Begriff, seine Drohung wahr zu
machen, als ihm Roberts erschrocken in den Arm fiel und ausrief:
    Um Gottes willen, Mann, behaltet das schreckliche Instrument im Beutel. Was
denkt Ihr wohl, was die fromme Versammlung da drben sagen wrde, wenn wir hier
anfingen zu musiciren. Wir hatten einmal so einen Spa im vorigen Jahre mit
Wells unten, der jetzt freilich ganz zurckgezogen lebt und nirgends mehr
hingeht, wenn er nicht apart zu einem Kltzerrollfest oder etwas Derartigem
gerufen wird. Neulich war er einmal bei mir, als er den Bienenbaum gerade am
Flusse gefunden hatte; er mute eine Axt haben, weil er nicht erst deswegen nach
Hause gehen wollte, und da bin ich mit ihm hinaus in den Wald gegangen, aber so
'was von einem Bienenbaum hab' ich doch im Leben noch nicht gesehen. - Der und
ein Anderer - -
    Ja, aber - unterbrach ihn der Krmer, der die Angewohnheit Roberts' noch
nicht kannte - Ihr wolltet ja von Musik erzhlen -
    Oh, warum hieltet Ihr ihn auf! lachte Bahrens. Er war auf dem besten
Wege, und es htte gar nicht lange gedauert, so fnd er sich in New-Orleans oder
New-York wieder.
    Wie so denn? sagte Roberts, das ist nun wieder barer Unsinn - ich dachte
weder an New-Orleans noch an New-York, ich wollte Euch von Wells erzhlen,
dessen Nachbar auch so ein langes spitzes Ding mit Lchern drin, gerad' wie eine
Flte, mitgebracht hatte. Er nahm es aber an der Spitze in den Mund, nicht an
der Seite. Gut, der war oben bei Smiths ber Nacht geblieben, und Abends, wie
gebetet werden soll, nimmt er das Ding vor. - Er war gerade von Fort Gibson
heruntergekommen und kannte unsere Gebruche noch nicht, hatte auch, glaub' ich,
eine unmenschlich lange Zeit an der indianischen Grenze gelebt, und erzhlte
merkwrdig gern, was sie fr ewigen Kampf und Streit mit den Choktaws gehabt
htten, die erst damals von Georgien nach dem Westen geschafft waren. Die armen
Teufel haben mir brigens selbst leid gethan, denn um ihr Land hat man sie
damals doch schndlich betrogen; da kamen aber die groen Herren von Washington
und New-York -
    Hurrah! schrie Bahrens, der nur auf das Stichwort, wenngleich mit der
ernsthaftesten Miene von der Welt, gewartet hatte - ob ich's denn -
    So schreit doch nur nicht so! sagte Wilson - sie sehen ja Alle hierher.
Aber Gott sei Dank, es ist vorbei; heute hat's Rowson einmal recht kurz
gemacht.
    Er sieht auch elend genug aus, warf Roberts ein, ich erschrak ordentlich,
wie er mir vorhin an der Feldecke dort unten begegnete.
    An der Feldecke? ich glaubte, er wre von oben herunter, aus den nrdlichen
Ansiedlungen gekommen - sagte Wilson.
    Nun, das kann er ja auch, entgegnete Bahrens, wenn er sich drei Meilen
von hier rechts gehalten hat, um den sumpfigen Stellen aus dem Wege zu gehen, so
mute er bei der Feldecke ungefhr wieder herauskommen; ich bin den Weg auch
schon einmal geritten. An den Hgeln ist's aber doch trockener.
    Die Versammlung war indessen aufgebrochen, und Alles bewegte sich jetzt bunt
durcheinander. Madame Bahrens kam aber vor allem Dingen auf die sehr muntere
kleine Gesellschaft zu, erwichte ihren Alten, wie sie ihn nannte, bei einem
Knopf, und hatte ihm dann, etwa eine Viertelstunde lang, irgend etwas sehr
ernsthaft einzuprgen, wobei Wilson Roberts bedeutend in die Rippen stie und
ihn frug, ob er dergleichen Verhandlungen wohl kenne?
    Kinder, es wird spt, sagte endlich Smith, der die Betversammlungen eifrig
besuchte und fr einen sehr frommen Mann galt - die Sonne ist in der That schon
am Untergehen, und ich habe noch mehrere Meilen zu machen. - Wilson, Ihr
begleitet mich wohl?
    Doch wohl nicht, entgegnete dieser, ich habe Bahrens versprochen, mit ihm
nach Hause zu reiten - er will mir gern etwas erzhlen, was er in der letzten
Woche erlebt hat.
    Nun, dann Glck zu, lachte Mullins, lat's uns nur auch wissen, wenn's
beendet ist.
    Damit Ihr Euer Maul drber breit reien knntet, nicht wahr? sagte
Bahrens. Ich bin mit meinen Erzhlungen vorsichtig geworden, denn - Gott sei
uns gndig - wie sieht der Mensch aus?
    Dieser letzte Ausruf galt einem jungen Manne, der in diesem Augenblick aus
dem Dickicht trat und sich ihnen nherte, dabei aber ein so geisterbleiches,
entsetzliches Aussehen hatte und mit den glanzlosen, weit aufgerissenen Augen so
ngstlich umherstierte, da mehrere der Frauen wirklich erschreckt vor ihm
zurckwichen, und Wilson aufsprang und ausrief:
    Halway - zum Teufel - habt Ihr den Verstand verloren, da Ihr am hellen
Tage wie eine Leiche umherrennt und die Leute erschreckt? - Was ist
vorgefallen?
    Frchterliches! sthnte der junge Mann, indem er matt auf einen Baumstamm
niedersank. - Frchterliches! wiederholte er mit hohler Stimme, drben in dem
alten Blockhaus -
    Nun, was ist dort? fragten Zehn zugleich.
    Lat mich nur erst zu Athem kommen; drben im alten Blockhaus - liegt -
mich schaudert's, wenn ich daran denke - liegt die Leiche der Indianerin.
    Alapaha's? rief die Menge entsetzt - Assowaum's Weib? schrecklich!
frchterlich! tnte es von allen Seiten durcheinander. Wie fandet Ihr sie?
woran ist sie gestorben? wie sieht sie aus? und tausend hnliche Fragen
kreuzten sich mit Gedankenschnelle.
    Lat mir nur erst Zeit, mich zu sammeln, sagte Halway - Ich bin die
Strecke von dem Schreckensort hierher - in fast wunderbar kurzer Zeit gelaufen.
- Die Angst gab mir Flgel -
    Aber so erzhlt doch nur - was ist denn geschehen?
    Gleich - gleich - so hrt denn. Ich war in der letzten Woche an der Mndung
des Flusses gewesen und hatte dort gejagt, brach aber vorgestern von dort auf,
um von hier meine erlegten und getrockneten Hute abzuholen. Gestern schon
gedachte ich bis Tanner's Haus zu kommen, es wurde aber dunkel, und ich mute am
Fluufer, im dichten Schilf, bernachten. Wie manchen Abend hab' ich nun schon
drauen im Walde allein zugebracht, wie manchen Sturm, wie manches Gewitter
abgehalten und nie Furcht gekannt, gestern aber lief mir's ein paar Mal mit
eisigen Schauern ber den Leib, und ich schrte mein Feuer noch einmal so gro
an, als ich's eigentlich gebraucht htte. Es mute die Ahnung von dem sein, was
in meiner Nhe vorging. Sonst blieb brigens Alles ruhig, nur einmal schlug mein
Hund an, und mir war's schon, als ob ich htte ein Pferd schnauben hren, doch
mute das ein Irrthum sein, da der Schilfbruch dort undurchdringlich ist und der
Flu an der Stelle gerade sehr tief vorbeifliet.
    Hoswells hatte mir nun schon frher sein Canoe zu borgen versprochen, gleich
frh Morgens sah ich aber Bienen arbeiten und versuchte bis gegen Mittag den
Baum zu finden, und da mir das nicht glckte, so sah ich mich nach dem Canoe,
und zwar mit nicht besserem Erfolge um. Um alle Biegungen kroch ich, konnte
jedoch weiter nichts entdecken, als ein Taschentuch mit Provisionen, das ein
Jger mu im Busch aufgehangen und vergessen haben, und ging endlich bis an den
Weg hinauf, um dort durch den Flu zu schwimmen.
    Von dort aus war es nun meine Absicht, links ab und noch etwa zwei Meilen
stromauf zu wandern, um ein anderes Canoe, das ich dort wei, zu erhalten. Ich
konnte aber nicht umhin, den auffallenden Zug der Aasgeier zu beobachten, die
sich alle nicht sehr weit unterhalb des Weges niederzulassen schienen. Ueber den
Weg liefen auch zwei ganz frische Wolfsfhrten in derselben Richtung hin, und
ich beschlo, da ich doch nichts Besonderes zu versumen hatte, einmal
nachzusehen, was fr Wild dort lge, oder ob der Br vielleicht ein Schwein oder
gar der Panther ein Pferd gewrgt habe. - Allmchtiger Gott, ich war nicht auf
den Anblick vorbereitet!
    Als ich den dicht mit Unterholz verwachsenen Fleck, wo die kleine Htte
stand, erreichte, glaubte ich gewi zu sein, da eins der Schweine in die Klauen
eines hungrigen Bren gefallen sei, noch dazu, da ich erst heute Morgen Spuren
eines solchen an der Uferbank bemerkt hatte. Das aber schon machte mich stutzig,
da sich keiner der Aasgeier niedergewagt; sie saen alle auf den Aesten der
Bume um die Htte herum und schlugen gierig mit den Flgeln, als ich mich ihnen
nherte.
    Und die Wlfe?
    Nach deren Fhrten sah ich nicht - ich wute jetzt, das Aas msse in der
Htte selbst liegen, und trat nun, immer noch nicht an einen menschlichen Krper
denkend, hinein; aber - erlat mir die Beschreibung, es war die Leiche der
Indianerin, das erkannte ich noch, ehe ich wieder hinausstrmte, dann floh ich
in wilder Eile zuerst dem nchsten Haus zu, wo mich aber ein kleines
Negermdchen beschied, es sei Niemand daheim, sondern Alles zur Betversammlung
hierher gegangen, und wie von einem bsen Feind getrieben, hetzte ich nun
weiter, nur immer weiter, um wenigstens zu Menschen zu gelangen.
    So erzhlt uns aber doch -
    Nichts - gar nichts - Ihr mt es selbst sehen, und zwar gleich - die
Leiche darf auf keinen Fall diese Nacht dort liegen bleiben. Die Wlfe, die sich
heute scheuten, das einst von Menschen bewohnte Gebude zu betreten, wrden bei
wieder einbrechender Dunkelheit, und das ist nicht lange mehr hin, Muth gewonnen
haben und den Krper zerreien.
    Wo aber ist Assowaum? frug Roberts, sollte er dem Thter schon auf der
Fhrte sein?
    Wrde er seine Squaw unbeerdigt zurckgelassen haben? warf Bahrens ein,
nein - nie!
    Es ist doch nicht mglich, da Assowaum selbst - sagte scheu umherblickend
Smith, - er war stets dagegen, da sie zu den Gebeten des Weien ging, und hat
ihr manches harte Wort, ihres Uebertritts zum Christenthum wegen, gesagt.
    Eher wollt' ich glauben, da sie von ihrer eigenen Mutter, als von Assowaum
erschlagen sei! rief Roberts heftig, ich wei, wie lieb er sie hatte. Doch wir
mssen fort, die Zeit verfliegt, und es ist keine kleine Strecke bis dahin. Habt
Ihr Kienholz im Hause?
    Genug, sagte Mullins, und gleich fertig gespalten. Ich wollt' es am
Montag Abend mit an die Salzlecke nehmen, hierzu ist's aber nthiger - wir
knnen gleich aufbrechen. Wo ist Mr. Rowson?
    Hier! sagte der Priester, der bis jetzt, von Niemandem beachtet, an einem
Stamme gelehnt hatte, wir mssen augenblicklich gehen, um dem Schrecklichen
nachzuspren.
    Groer Gott, Mr. Rowson, sagte Madame Roberts - Sie mssen wirklich hier
bleiben - Sie sind krank - ernstlich krank und sehen leichenbla aus.
    Ich glaube doch wohl, da es meine Pflicht ist, sagte der Priester,
allerdings habe ich peinliche Kopfschmerzen -
    Nein, wir geben es auf keinen Fall zu, rief Mrs. Mullins - der Anblick
wrde Ihnen auch nichts taugen.
    Ich wei aber doch nicht - beste Schwester Mullins -
    Bleiben Sie nur hier, mischte sich Roberts jetzt in das Gesprch - Sie
sehen wirklich sehr unwohl aus, und bei dem traurigen Amt, das wir heute zu
versehen haben, bedarf es Ihrer nicht. Morgen, beim Begrbni, ist es etwas
Anderes, da werden wir, wenn Sie sich indessen stark genug fhlen, Ihre Hilfe in
Anspruch nehmen.
    Der Prediger nickte schweigend, halb dankend mit dem Kopfe und wollte sich
umwenden, um dem Hause zuzuschreiten, da trat ihm seine Braut noch in den Weg,
reichte ihm mit halb schchternem, halb freundlichem Blicke die Hand und
flsterte leise: Gute Nacht, Mr. Rowson - legen Sie sich nieder und erwachen
Sie morgen wieder wohl und heiter - gute Nacht.
    Es waren nur sanfte, liebende Worte, die ihm aus dem Munde des lieblichen
Mdchens entgegenstrmten, wie mit eisiger Faust griffen sie aber in sein
Inneres, und entsetzt - vernichtet wollte er vor der Berhrung der reinen
Jungfrau zurcktaumeln. Da begegnete sein Auge den auf ihm haftenden Blicke der
Umherstehenden, seine alte Seelenstrke erwachte, er zog das errthende Mdchen
zu sich heran, drckte einen leisen Ku auf ihre Stirn, legte segnend seine Hand
auf ihre Kopf und schritt dann festen Ganges in das Haus, um das fr ihn in der
Eile, aber warm und weich bereitete Lager aufzusuchen.
    Welch ein Engel! murmelte Mrs. Smith, whrend sie die Hnde faltete, den
Kopf auf die eine Seite neigte und ihm sinnend nachschaute, - aber da brechen
sie wirklich schon auf. Ob wir Frauen denn auch mitgehen?
    Das geht doch nicht gut, sagte Mrs. Bahrens, mein Alter wrd' es auch
wohl nicht gerne sehen. Ich reite nach Hause; aber zum Begrbni morgen kommen
wir doch Alle wieder zusammen.
    Sicherlich, erwiderte Mrs. Smith, indem sie ihr Pferd an einen umliegenden
Baumstamm fhrte und mit dessen Hlfe in den Sattel stieg. Die Anderen folgten
jetzt ebenfalls meistens ihrem Beispiel, und kurze Zeit nachdem die Mnner auf
ihren flchtigen Ponies davongesprengt waren und die Sonne scheidend hinter den
westlichen Hgelreihen hinuntersank, verlie auch der weibliche Theil der
Versammlung den Platz. Das geschah jedoch nicht, ohne vorher noch herzliche
Gre und Besserungswnsche fr ihren Seelenhirten der geschftigen Wirthin des
Hauses aufgetragen zu haben, die auch fest versprach, sie alle auszurichten und
fr den Kranken wie fr ein eigenes Kind zu sorgen.

                                      16.

                               Die Leichenwache.


Von Mullins' Haus bis zu der alten Htte mochte es etwa vier Meilen in gerader
Richtung sein, die Mnner aber hatten die Entfernung in auerordentlich kurzer
Zeit zurckgelegt, und noch war es nicht ganz dunkel, als sie die kleine todte
Rodung, wie derartige Pltze in der Landessprache genannt werden, erreichten.
Hier hielt Roberts, befestigte sein Pferd, welchem Beispiel smtliche Gefhrten
folgten, und schlug Feuer. Es waren sechzehn Mnner, aber Keiner von ihnen
sprach ein Wort, lautlos trugen sie Holz zusammen und fachten eine helle Flamme
an, lautlos banden sie mit dnnen Streifen Hickoryrinde ihre langgespaltenen
Kienspne zusammen - lautlos entzndeten sie dieselben an der Gluth, und von
Roberts und Wilson gefhrt, betraten sie klopfenden Herzens den Schreckensort.
    Die beiden ersten traten ziemlich bis in die Mitte der Htte und bis fast
dicht vor den Leichnam der Unglcklichen hin, die hier von Mrderhand gefallen,
whrend die Anderen leise nachdrngten und jetzt einen Kreis um das Opfer
schlossen, wobei die hoch ber den Kpfen gehaltenen Kienfackeln das Ganze
schauerlich mit ihrer rothen Gluth erleuchteten.
    Sie ist ermordet! sagte endlich Roberts leise, und leise hallte es von den
Lippen der Uebrigen nach:
    Ermordet!
    Die schreckliche Tatsache unterlag auch keinem Zweifel weiter, der Hieb ber
den Kopf, mit schweren amerikanischen Bowiemesser gefhrt, htte allein schon
gengt, sie zu tdten, jener eine Schlag, ohne die drei Stiche mit derselben
breiten und gefhrlichen Waffe, die dem Lebensquell die rothen Thore geffnet.
Uebrigens ging auch schon daraus hervor, da die erste Wunde die todbringende
gewesen, da ihr aus zartgegerbten Fellen bestehender Ueberwurf nur auf einer
Seite von Blut benetzt war, was sich auerdem an keiner andern Stelle der Htte
fand. Nach dem ersten Schlage mute sie regungslos liegen geblieben und
gestorben sein.
    Hat hier Jemand einen Verdacht, auf welche Art und durch wen diese
Unglckliche ihr unzeitiges Ende gefunden? frug Roberts jetzt. Niemand
antwortete - endlich sagte Bahrens:
    Es ist nicht mglich, den Menschen in's Herz zu sehen, was sie drinnen
brten. Diese Indianerin schien mir aber so brav und gut, so gefllig und
freundlich zu sein, da ich nicht begreifen kann, wie und auf welche Art sie
sich hier in der Ansiedlung einen Feind gemacht haben sollte. Ich wei
Niemanden, den ich fr fhig hielte, so Schreckliches zu verben.
    Ich auch nicht - wir Alle nicht, war die tieftnende Antwort.
    Wer hat die Todte zuletzt gesehen? frug Wilson jetzt.
    Ich begegnete den Beiden - Alapaha und Assowaum, gestern Nachmittag auf der
andern Seite des Flusses, erwiderte Pelter; sie schienen freundlich gegen
einander gesinnt, wer kann aber ergrnden, was ein Indianer im Sinne trgt!
    Assowaum ist unschuldig, rief Roberts heftig - ich wrde mit meinem Leben
fr ihn stehen!
    Weshalb? frug da, in der Thr der Htte, die volle, wohltnende Stimme des
Huptlings, der in diesem Augenblicke, von Brown gefolgt, in der Versammlung
erschien. Ahnungslos schritt er gegen die Mitte vor, whrend ihm die Mnner zu
beiden Seiten halb scheu, halb mitleidig Platz machten, so da er das
Entsetzliche nicht eher bemerkte, als bis er dicht vor der Leiche seines Weibes
stand.
    Wah! schrie er und sprang wie ein angeschossener Hirsch hoch vom Boden
empor - was ist das? -
    Alapaha! rief Brown entsetzt, der ihm gefolgt war - Alapaha - groer
Gott! ermordet!
    Ermordet? wiederholte in wildem, hohlem Ton der Indianer, whrend seine
Augen sich aus ihren Hhlen zu drngen drohten und die Rechte unwillkrlich das
scharfe Scalpiermesser aus dem Grtel ri, als msse er das Herz des Verrthers
finden, der sein Weib erschlagen. Wer sagt ermordet?
    Sieht das aus wie Schuld, Ihr Mnner von Arkansas? rief Roberts, indem er
seine Hand auf die Schulter des Indianers legte und die Freunde fragend
anblickte.
    Nein - bei Gott nicht! Der arme Indianer! Schrecklich! Wer war der Thter?
so schallte es in einzelnen Ausrufungen von den Lippen der Farmer, whrend
Assowaum mit stierem Blick Jeden im Kreise anstarrte, der ein Wort uerte, auch
fr den Augenblick wirklich das ganze Bewutsein seiner Lage verloren zu haben
schien. Da trat Brown neben Roberts und sagte mit leiser Stimme, von der aber
die kleinste Silbe verstanden werden konnte, whrend er dabei auf die Leiche
deutete:
    Dies ist das zweite Opfer, das innerhalb einer Woche von Mrderhand
gefallen; das Gercht legte vor meine Thr die erste Blutschuld; ich bin hierher
gekommen, um die Anklage zu widerlegen - meine Unschuld zu beweisen. Rein ist
mein Herz von so entsetzlicher Schuld, aber der Mrder lebt unter uns.
    Vor wenigen Tagen noch war es meine Absicht, diesen Staat zu verlassen und
nach Texas zu gehen; sie ist es noch, aber nicht eher jetzt, als bis die Hand
entdeckt ist, die jene Wunde schlug, bis mein Name wieder rein und schuldfrei
vor der Welt dasteht. Doch nicht meine Plne allein, nein, auch meine Ansichten
haben sich gendert.
    Ihr wit, Mnner von Arkansas, viele von Euch wenigstens, die mich nher
kannten, da ich bis jetzt dem Treiben und Wirken der Regulatoren entgegen war;
ich hielt ihre Ungesetzlichkeit fr einen vollgltigen Grund, sie zu verdammen -
ich denke nicht mehr so. Hier zu unseren Fen liegt ein Wesen ermordet, das
harmlos und unschuldig Keinen krnkte oder betrbte; wer ist hier, dem sie nicht
durch ihr anspruchslos freundliches Wesen gefallen, den sie nicht durch ihre
streng gemeinte und glubige Religiositt, wodurch sie selbst dem Glauben ihres
Stammes untreu wurde, gerhrt htte? Sie ist todt - und die Gesetze konnten sie
nicht schtzen; sie ist todt - und die Gesetze sind zu machtlos, den Mrder zu
erreichen und zu bestrafen. Hier aber hebe ich meine Hand empor und schwre bei
dem allmchtigen Gott, da ich nicht eher ruhen und rasten will, bis ihr Blut,
wie das jenes unglcklichen Mannes, gercht ist, da ich nicht eher ruhen und
rasten will, bis wir die Natterbrut, die sich unter uns eingeschlichen hat,
gefunden und ihre Kpfe zertreten haben. Mnner von Arkansas, wollt Ihr mir
beistehen mit Euren Armen und Euren Herzen?
    Ja! hallte es dumpf und leise durch die niedere Htte - ja! so wahr uns
Gott helfe!
    So lat uns vor allen Dingen den Leichnam zu dem nchsten Hause schaffen;
dorthin mu morgen frh Jemand den Prediger holen, der ja wohl in der Ansiedlung
zu finden sein wird. Wir wollen dann das arme Weib beerdigen.
    Mehrere der jungen Leute begannen, dieser Aufforderung zu Folge, Stangen
abzuschlagen und eine rohe Bahre herzurichten. Da trat Assowaum, der bis jetzt
schweigend, den Blick auf die Zge seines todten Weibes geheftet, neben der
Leiche gestanden hatte, vor, schob die ihm Nchsten mit den Armen sanft hinweg
und machte eine Bewegung, als wenn er sie bitten wollte, das Haus zu verlassen.
    Was willst Du thun, Assowaum? frug Brown.
    Lat mich allein! hauchte der Krieger, indem er das Messer, das er noch
vom ersten Augenblick an blank in der Hand trug, wieder in die Scheide
zurckschob - lat mich allein mit Alapaha - nur diese Nacht.
    Sollen wir denn nicht -?
    Eine verneinende Bewegung des Indianers drngte sie, seinem Willen zu
gehorchen. Schweigend traten sie zurck und beriethen nun vor dem Eingange der
Htte leise, was zu thun sei.
    Wr's nicht besser, wir lagerten hier drauen? meinte Bahrens, als sie
einen etwas entfernten und ziemlich offenen Platz erreicht hatten, Assowaum mag
die Leichenwache halten, und morgen frh sind wir dann gleich an Ort und
Stelle.
    Wohl wahr, sagte Brown, aber Assowaum erzhlte mir unterwegs, mein Onkel
sei krank, und er habe Alapaha mit Lebensmitteln an ihn abgeschickt. Das
unglckliche Weib wurde aber ermordet, der arme kranke Mann liegt also allein
und hilflos in seiner Htte, ich mu sptestens morgen frh dort sein.
    Wie wre es denn, sagte Wilson, wenn wir jetzt zu Mullins zurckgingen,
dort zuerst shen, wie sich Rowson befindet und ob er im Stande ist, die
morgende feierliche Handlung zu begehen, und dann vor Tagesanbruch mit einigen
Lebensmitteln fr den Indianer wiederkehrten? Alapaha nehmen wir dann in dem
Canoe zu ihrer eigenen Htte, die dicht neben unserer Wohnung liegt. Es wird
auch des Indianers Wunsch sein, die Squaw neben seinem Wigwam beerdigt zu
haben.
    Bei diesem tobenden Wasser knnen aber nur hchstens vier Personen in dem
Canoe sitzen, sagte Roberts.
    Mehr sollen auch gar nicht darin fahren, entgegnete Brown. Von Mullins zu
Harpers ist es, wenn Ihr von Heinzes aus eine gerade Richtung durch den Wald
einschlagt, kaum sechs Meilen, also nur wenig weiter als von hier; Wilson und
ich bernehmen daher das Fortschaffen des Indianers und der Leiche, und Ihr
Anderen verfolgt indessen mit dem Priester den Landweg; wir treffen dann
ziemlich zu gleicher Zeit bei meinem Onkel ein.
    Gut, sagte Bahrens - damit bin ich einverstanden. Sollen wir aber jetzt,
ehe wir den Platz wieder verlassen, nicht versuchen, die Fhrten des Mrders
aufzufinden?
    Das wre nutzlos, warf Roberts ein, der Boden hier im Innern ist zu hart
und trocken, um etwas unterscheiden, und drauen hat der Regen, der nach
Mitternacht in Strmen herabgo, Alles verwischt; wir wrden nur unntz unsere
Zeit verschwenden. Nein, der Mrder ist fr den Augenblick vor jeder Verfolgung
sicher, wer es aber auch sei, er wird unserem rchenden Arm nicht entgehen, und
daran sollen uns weder die frommen engherzigen Ermahnungen eines Priesters, noch
die machtlosen Drohungen eines Gouverneurs uns abhalten, da einzugreifen und zu
strafen, wo wir an unserem Heiligsten verletzt wurden.
    Ich mchte noch einmal zu Assowaum hineingehen, sagte Brown zgernd.
    Strt ihn heut Abend nicht mehr, bat Roberts - er hat als Indianer seine
eigenen Ansichten und Gefhle, und ich glaube kaum, da ihm bei denen der
Anblick eines Weien, und wre es der eines Freundes, willkommen ist.
    Die Mnner entzndeten hiernach ihre grtentheils verlschten Kienfackeln
wieder, bestiegen die Pferde und ritten langsam zu Mullin's Hause zurck. - Das
einsame Blockhaus aber umschlo still und schweigend die beiden Wesen, die, wenn
auch nicht freundlos, doch fremd unter einem Volke gelebt, das ihren Stamm
vernichtet und aus dessen Mitte jetzt eine Mrderhand die letzte zarte Blthe
zernickt hatte.
    Der dunkelklare Himmel funkelte in all' seiner mitternchtlichen
Herrlichkeit, rauschende Lfte spielten mit den hochragenden Wipfeln der
riesigen Bume und schlugen in abgemessenen Zwischenrumen die gewaltigen
guirlandenartigen Weinreben an die schlank aufstrebenden Stmme an; der Flu
tobte dazu schumend und brausend dicht an der halbverfallenen Htte vorbei, und
es war fast, als ob er gierig hinauflecke nach der blutigen Leiche und sich
danach sehne, sie in seinen Armen mit fortzufhren, ein Spiel dem noch wilderen
Gesellen, dem breiteren und mchtigeren Arkansas.
    In dem innern Raume aber, des Rauschens der Wipfel, des murmelnden Brausens
der aufgeregten Wasser nicht achtend, sa zu den Fen seines todten Weibes der
Indianer und schaute schweigend und sinnend, wie ihn die Mnner verlassen
hatten, auf ihr schmerzdurchzucktes, blutiges und doch noch so schnes Antlitz.
Das Feuer war ziemlich niedergebrannt und nur noch manchmal glhte vor dem
Erlschen ein rother Flammenstrahl daraus empor, um die nachfolgende Dunkelheit
so viel auffallender und unheimlicher zu machen. Da sprang auf einmal, wie von
einer Natter gestochen, der rothe Sohn der Wlder empor - seine Augen drngten
sich fast aus ihren Hhlen, mit bebenden Hnden warf er, was er an drren Spnen
in der Nhe fand, auf die fast verglommene Gluth, fachte diese in zitternder
Hast wieder zur neuen Flamme an, wandte sich jetzt in Fiebergluth zu der Leiche
und beobachtete mit ngstlicher Sorgfalt ihre Zge.
    Ach! das ungewi flackernde Licht hatte ihn getuscht, ihm war es gewesen,
als ob sich die starren Zge wieder belebt, die bleichen Lippen geffnet htten.
Er konnte sich ja noch nicht zu der Ueberzeugung zwingen, da das Weib seines
Herzens, seine Alapaha, hier todt - todt zu seinen Fen liege, und an jeden
Strahl von Hoffnung klammerte sich mit der Kraft der Verzweiflung die sinkende,
schmerzdurchschauerte Seele. Bald erfllte den Unglcklichen aber nur zu sicher
die schreckliche Wahrheit. Alapaha, die Blume der Prairien, war wirklich todt -
nur eine gefhl- und seelenlose Leiche traf sein liebender Blick, und traurig
entfielen die flammenden Spne der matt und kraftlos niedersinkenden Hand.
    Der augenblickliche Hoffnungsstrahl hatte ihn jedoch wenigstens aus seiner
trumenden Lethargie aufgerttelt; er strich sich die langen, wild und
unordentlich seine Schlfe umflatternden Haare aus der Stirn, schaute, fast wie
unglubig, einige Secunden in dem engen Raum umher und bebte erst dann
schaudernd wieder zusammen, als er dem starren Geisterblick der Gebliebten
begegnete.
    Die Wlfe, die in der vorigen Nacht nicht gewagt hatten, das von
Menschenhnden errichtete Gebude zu betreten, nherten sich jetzt, und zwar
durch Hunger khner geworden, der Stelle, welche ihre schauerliche Beute
enthielt. Scheuchte sie aber schon die Witterung der vielen frischen Fhrten
zurck, so ward ihre Furcht noch durch die Nhe eines lebenden Wesens vermehrt,
und schon umzogen sie in weiten Kreisen die Wohnung des Todes und heulten in
klagend ngstlichen Weisen ihren Leichengesang. Assowaum achtete ihrer kaum; er
kannte diese Hynen des Waldes, frchtete sie aber nicht und beschftigte sich
nur mit dem frheren Gegenstand seiner Liebe - jetzt seines Schmerzes. Noch
einmal schrte er das Feuer an, da es in hellen Flammen die Wnde der Htte wie
mit Tageshelle erleuchtete, und wanderte nun sphend umher und forschte nach
Spuren und Zeichen der verbten That.
    Die Htte, vor langen Jahren von einem neuen Ansiedler errichtet, der sie
bald darauf wieder verlie, war seit dieser Zeit nur hchst selten von einzelnen
Jgern bei strmischem Wetter als Lagerplatz benutzt worden, und deshalb
gnzlich vernachlssigt und verfallen. Frher hatte auch wohl der erste Besitzer
ein kleines Stckchen Land dicht daneben urbar gemacht und Mais darauf gezogen,
jetzt aber nahm krftig aufwachsendes Unterholz mit seinen engverzweigten
Wurzeln den Acker ein, und selbst im Innern der Htte verriethen einzelne junge
Stmme die ppige Vegetation des Bodens, der hier, von Regen und Sonnenschein
gleich entfernt gehalten und nur durch die Feuchtigkeit des vorbeistrmenden
Flusses genhrt, mehrere junge Eichen- und Hickorystmmchen an derselben Stelle
emporgetrieben hatte, wo vor noch nicht so langer Zeit Menschen unter
schtzendem Dache gehaust. Neben einem dieser Schlinge lag die Leiche,
Assowaum suchte jetzt vergebens nach Spuren, die ihm den Mrder htten verrathen
knnen. Der Boden war zu hart, um die Spuren eines Menschenfues in deutlichen
Umrissen bewahrt zu haben, und was sich noch etwa htte zeigen knnen, hatten
die Mnner zertreten. Nur dort, dicht neben dem kleinen Gestell, auf dem Alapaha
das von dem Gatten erlegte Hirschfleisch getrocknet - in der zerstreuten Asche -
entdeckte er, von den Anderen noch nicht zerstrt, die theilweise Fuspur eines
Mannes.
    Assowaum betrachtete sie lange und aufmerksam, es war aber nur der vordere
Theil des Fues, er konnte nicht die ganze Lnge erkennen, und dann wieder
rhrte sie von einem solchen Stiefel her, wie ihn Brown trug; es mochte des
jungen Mannes Spur sein, der ja eben erst die Htte verlassen hatte. Assowaum
ma die Spitze ebenfalls am Stiel seines Tomahawks und schaute mehrere Minuten
lang sinnend auf die niedergetretene Asche.
    Solches Zeichen gengte aber nicht und er wanderte weiter umher, forschte
nach irgend einem zurckgelassenen Gegenstand des Mrders und fand - den
Tomahawk der Geliebten, der blutig von rauher Hand in die Ecke der Htte
geschleudert schien und dort bis jetzt seinem Adlerblick entgangen war.
    Ein stolzes Lcheln des Triumphes durchzuckte jedoch zum ersten Mal die Zge
des wilden Kriegers, als er die Blutspuren an der leichten, doch scharfen Waffe
seines Weibes bemerkte: Alapaha war einer Indianerin wrdig gestorben, und der
Feind, der sie vernichtet, hatte zuerst von ihrer Hand geblutet. Das brachte
aber auch das Andenken an den Tod der Geliebten mit erneuter Heftigkeit vor
seine Sinne, und den Tomahawk fest mit den Eisenfingern umspannend, richtete
sich der wilde Krieger hoch empor und schaute mit blitzenden Augen umher, als ob
er den Mrder ersphen und ihn mit dem Racheschrei auf den Lippen zu Boden
schmettern wollte.
    Ach zu spt! wo war diese rettende Hand in der Stunde der Noth? wo war
dieses starke Herz im Augenblicke der Gefahr gewesen? weit - weit von hier, und
das arme Wesen mute hlflos und unbeschtzt fallen und verbluten. Assowaum
knirschte wind, in ohnmchtiger Wuth. Dann aber siegte endlich die kalte, ruhige
Ueberlegung des Indianers. Noch einmal durchforschte er jeden Winkel, jede Ecke
des kleinen Raumes, verlie dann die Htte und untersuchte im Freien jeden
Strauch und jeden offenen Moosfleck - vergebens. Der niederstrmende Regen hatte
Alles verwischt, nur zwischen dem Flusse und der Htte, jetzt zwar schon von den
steigenden Fluthen erreicht, fesselten einzelne Birkenzweige seine
Aufmerksamkeit, von denen die Bltter gewaltsam abgestreift zu sein schienen;
doch hatte, wie schon gesagt, der wachsende Flu jede Spur darunter verwaschen,
und der Indianer kehrte, ohne seinen Zweck erreicht zu haben, in die Htte
zurck.
    Hier bereitete er nun fr die ermordete Gattin das Todtenlager; seine Decke
breitete er aus und legte ihre starren Glieder darauf, aus dem Flusse trug er
Wasser herbei und wusch ihr das blutige Antlitz und Haar rein von dem rothen,
geronnenen Lebensstrom, schob ihr dann die eigene Decke unter das Haupt, da sie
gut und sanft ruhe wie vor alten, schnen Zeiten, und versuchte, ihre Hnde auf
dem Herzen, das ihn so treu und innig geliebt hatte, zu falten. Die Rechte hielt
aber krampfhaft geschlossen, und schon wollte er den Versuch aufgeben, mit
Gewalt die im Tode erstarrten Finger zu lsen, als er etwas Fremdartiges in
ihnen fhlte, seine Anstrengungen erneute und in dem Griff der Leiche einen
dunkeln Hornknopf, den sie im Todeskampf gefat und gehalten hatte.
    Was war aber mit solchem Zeichen zu beginnen? Wie konnte das auf die Spur
des Thters fhren? Assowaum schttelte traurig mit dem Kopfe, schob jedoch den
Gesundene in die Kugeltasche an seiner Seite und setzte sich nun wieder still zu
den Fen der Gattin nieder, als ob sie nur schlummere und er ihren Schlaf
bewachen wolle.
    So sa er regungslos viele lange Stunden; das Feuer fiel in sich zusammen,
flackerte noch manchmal zuckend empor und verglomm endlich; dichte Finsterni
erfllte den kleinen Raum - drauen im Walde zogen sich die Wlfe scheu vor der
Nhe des Menschen zurck, kein Laut unterbrach die feierliche Stille, als das
Pltschern und Gurgeln des Flusses. Selbst die Eule hatte den schaurigen Platz
gemieden, und nur weit, weit entfernt lockte ihr klagender Ruf den Gefhrten,
den sie dann mit leisem, geruschlosem Flgelschlag in die freundlicheren Hgel
folgte - Alles schwieg, und immer noch kauerte die dunkle Gestalt vor der
stillen Leiche, bis drauen die frische Morgenluft den Thau von den Bschen
schttelte, im Osten ein heller Streifen den nahenden Tag verkndete und die
Vgel der Nacht mit lauten, wehmthigen Tnen Abschied von dem weichenden Dunkel
nahmen.
    Da wurden Stimmen vor der Htte laut, und von Wilson gefolgt trat Brown
wieder in das stille Gemach der Trauer. Der Indianer schien ihn aber nicht zu
bemerken; sein Auge, das er keinen Augenblick von dem Antlitz Alapaha's gewandt
hatte, hing immer noch an den theuren Zgen, und erst als ihm der Freund mit
leisem Finger die Schulter berhrte, starrte er, wie aus tiefen Traum erwachend,
empor.
    Komm, Assowaum! sagte Brown jetzt, indem er ihm freundlich die Hand
entgegenhielt, sei ein Mann - schttle den Gram ab, der Dich zu verzehren
droht, und la uns an's Werk gehen, zuerst Dein Weib beerdigen, und dann sie -
rchen!
    Der Indianer hatte theilnahmslos den Worten des weien Mannes gelauscht, bis
das letzte sein Ohr berhrte.
    Sie rchen! rief er, indem er mit leuchtenden Augen emporsprang - ja -
sie rchen - komm, mein Bruder - der Anblick dieser Leiche entmannt mich -
komm! Damit nahm er den kleinen Tomahawk seines Weibes und steckte ihn in den
Grtel, half dann aber den beiden Mnnern mit festen Schritten die Leiche in das
schwankende Boot zu tragen, das an seinem Rebenanker auf den durch die
berschwemmten Bume gebrochenen Wellen schaukelte.
    Wilson bot ihm nun einige fr ihn mitgebrachte Erfrischungen an - er wies
aber Alles zurck, nahm schweigend seinen gewhnlichen Platz im Canoe ein und
steuerte dieses, das, von den krftigen Armen der beiden Mnner gerudert, mit
Blitzesschnelle ber die kochende Fluth dahinscho, sicher und ruhig stromab der
zu Wasser etwa zehn Meilen entfernten Wohnung Harper's zu.

                                      17.

                         Das Begrbni der Indianerin.


Harper's Blockhaus stand kaum hundert Schritt vom Ufer des Fourche la fave
entfernt, im Schatten von jungen schlanken Hickory- und Maulbeerbumen; die
beiden Mnner aber hatten erst seit Kurzem begonnen, das Land in der Nhe des
Hauses urbar zu machen, und noch lagen toll und wild auf der Nordseite des
Gebudes die gefllten und theils abgehauenen, theils noch unberhrten Stmme
durcheinander. Am Hause selbst schienen dagegen viele, und bei den gewhnlichen
Farmern sogar selten gefundene Bequemlichkeiten getroffen. Ein kleines Fenster
war nicht allein ausgehauen, sondern auch mit wirklichen Glasscheiben versehen,
ein Brunnen trotz der Nhe des Flusses gegraben, um frisches, gesundes
Trinkwasser zu erhalten, und eine wohlgefllte Corncrip, wie der
Aufbewahrungsort das Mais genannt wird, verrieth, da die Mnner, wenn sie auch
noch selbst kein Getreide gezogen, doch keineswegs Mangel daran litten und sich
wohl versorgt hatten. Hhner und Enten, ja selbst ein Volk stolzer Truthhner
umgab scharrend und gluckend die Thr und schien sehnschtig auf Futter zu
harren, whrend zwei braune krftige Pferde, augenscheinlich im Norden erzogen,
an dem leeren Trog standen und sich mit den Nasen daran scheuerten, als ob sie
ungeduldig und unzufrieden wren, die gewhnliche Anzahl Maiskolben nicht an
ihrer gewhnlichen Stelle vorzufinden.
    Auf dem freien Platze vor der Wohnung war aber jetzt die Gesellschaft der am
vorigen Abend bei Mullins versammelten Mnner eingetroffen, und Roberts
besonders fiel die stille, unheimliche Einsamkeit des Platzes auf. Schnell ritt
er zur offenen Thr des Hauses, sprang vom Pferde, trat ein und fand hier
wirklich seine schlimmsten Befrchtungen besttigt. Auf hartem, rauhen Lager,
die Decken in heier Fiebergluth von sich gestoen, lag der sonst so heitere,
frhliche alte Mann, der sich fast keinem Hause in der Nachbarschaft nhern
konnte, ohne mit herzlichem Hndedruck und freundlichem Lcheln begrt zu
werden, allein und hlflos, mit nicht einer Seele zu seinen Diensten, die ihm
nur einen Becher Wasser htte reichen knnen, um die brennenden Lippen zu
khlen.
    Roberts und Bahrens traten erschttert zum Bette des Leidenden und ergriffen
seine Hand, er kannte sie aber schon nicht mehr und phantasirte in wilden,
ungeregelten Bildern von Jagden und Mrschen, von seinem Bruder, der die Braut
eines Andern liebe, und von seinem Neffen, der den Gegner erschlagen habe, und
nun mit dem Blute desselben bedeckt vor ihm erschienen sei. In diesem Augenblick
trat Rowson, der seine ganze Festigkeit und Ruhe wieder erlangt hatte, in das
niedere Gemach und zu dem Bette des Kranken, der sich bei seinem Anblick
aufrichtete und ausrief:
    Fort - fort - wasche Deine Hnde - sie starren von Blut - wische den Stahl
ab, er knnte Dich verrathen - ha - Deine Kugel trifft sicher, welch ein Loch
sie reit - die Wunde wird schwer zu heilen sein - gerade durch's Hirn.
    Rowson erbleichte und trat schaudernd einen Schritt zurck, Roberts aber,
ohne den Blick von dem Antlitz des Kranken zu wenden, sagte leise: Er trumt
von seinem Neffen - er hlt ihn fr schuldig und frchtet fr sein Leben.
    Wilde Phantasien, flsterte leise der Priester, indem er sich schnell
gesammelt zu dem Kranken niederbeugte.
    Mister Harper! rief er diesem dann freundlich zu, indem er seine kalten
Finger auf dessen brennende Stirn legte, - kommt zu Euch - Freunde sind in
Eurer Nhe - Aber noch hatte er die Rede nicht ganz vollendet, als der Leidende
mit einem Schmerzensschrei vom Lager emporfuhr.
    Wasser! Wasser! schrie er, der bse Feind streckt seine Krallen nach mir
aus. - Ich war es nicht, der ihn erschlug, nein, der - nein - ja - ich war es
doch - ich bin's gewesen - nimm - mich - ich - fhrte - - den - Streich,
flsterte er dann leise und brach bewutlos auf dem Lager zusammen.
    Er ist recht krank, sagte Bahrens mitleidig, bleibt ein wenig bei ihm,
und ich will ihm einen Trunk Wasser holen, seinen Fieberdurst zu lschen. Das
Viehzeug drauen mu auch gefttert werden, ich kann's nicht mit ansehen, da
das Alles hier so hungrig und herrenlos umherluft.
    Ohne weitere Worte machte sich Bahrens augenblicklich daran, das Gesagte
auszufhren, und ehe noch die Mnner an der Landung mit ihrer traurigen Fracht
anlegten, hatte er, von Roberts untersttzt, des Kranken Schlfe durch kalte
Umschlge gekhlt, sein Lager besser in Stand gesetzt, einen erfrischenden Trunk
fr ihn bereitet, das Vieh versorgt, das Haus ausgekehrt und aufgerumt und
Alles wieder ein wenig wohnlicher und menschlicher hergerichtet. Rowson sa
indessen neben Roberts am Bett des Kranken und reichte ihm, was er begehrte, bis
er endlich, nach mehrstndigen wilden Fiebertrumen, in einen mehr durch
Erschpfung als geistige Ruhe herbeigefhrten Schlummer fiel.
    Kurz darauf landete auch das Canoe, und Brown und Wilson trugen, von dem
Indianer gefolgt, die Leiche die Uferbank hinauf und legten sie an dem moosigen
Fue einer gewaltigen Eiche nieder.
    Wo sollen wir das Grab graben? frug Mullins jetzt, zu Brown hinantretend.
Der Indianer aber ergriff schweigend die Hand des Mannes und fhrte ihn, etwa
hundert Schritt von Brown's Wohnung entfernt und dicht neben seinem eigenen, aus
breiten Rindenstcken und ungegerbten Fellen errichteten Wigwam, zu einem alten
indianischen Grabhgel, wie sie sich in groer Anzahl in Arkansas finden, und
sagte:
    Lat die Blume der Prairien bei den Kindern der Natchez ruhen. Ha und
Zwietracht entzndete in alten Zeiten die Herzen der Lenni Lenapes gegen ihre
rothen Brder im Sden. Der groe Gott hat sie dafr gestraft - ihre Asche ruhe
friedlich bei einander.
    Die Mnner warfen nun mit regem Eifer an der beschriebenen Stelle die Erde
aus, bis sie die Grube fr hinlnglich tief hielten, und wollten dann die Leiche
in den in voriger Nacht rauh zusammengezimmerten und hierher geschafften Sarg
legen. Hieran verhinderte sie aber noch der Indianer, der aus seinem Wigwam eine
Anzahl fein gegerbter Felle herausholte, den Krper seines Weibes mit
diesenumhllte und dann mit Hlfe Brown's, den Bahrens aus dem Zimmer getrieben
hatte, damit er seiner Onkel nicht wieder in dem kurzen strkenden Schlummer
stre, die junge Gattin hinein in ihr letztes, stilles Haus legte.
    Mullins nahte sich jetzt, einen Hammer und Ngel in der Hand, um den Deckel
zu bestigen. Doch auch diesem wahrte der Wilde und umschlang den Sarg mit seinem
ledernen Fangriemen, den er aber wieder ablste, als die Erde ihr rothes Kind
aufgenommen.
    Rowson trat hierauf an die offene Gruft, und Assowaum machte schon eine
Bewegung, als ob er die christliche Feier des weien Mannes zurckweisen wolle,
da fiel sein Blick auf das Kreuz, das jener in der Hand trug und zu dem die
Todte mit solcher Ehrfurcht gebetet hatte. Er barg das Antlitz in den Hnden,
kniete neben dem Grabe nieder, und jetzt zum ersten Mal brach sich der lange
verhaltene, bis zu diesem Augenblick mnnlich bezwungene Schmerz Bahn. Seine
Brust hob sich convulsivisch, und die Thrnen drgten sich in groen
krystallhellen Tropfen zwischen den dunkeln Fingern hindurch und trufelten in
die aufgeworfene Erde nieder, die in wenigen Minuten das Wesen bedecken sollte,
um das er Stamm und Freunde, Heimath und Eltern verlassen hatte und ein einsamer
Wanderer unter dem fremden Volke geworden war.
    Indessen begann der Methodistenpriester mit leiser, zitternder Stimme seine
Leichenrede ber der Asche der von seiner eigenen Hand schndlich Gemordeten. Er
pries ihre Tugend und Frmmigkeit; er lobte ihren Eifer, mit dem sie dem wahren
Gott angehangen und an ihn geglaubt habe; er rhmte ihren Flei und ihre Liebe
zu ihrem Gatten und Huptling und erflehte dann vom Himmel, zu dem er es nicht
wagte die scheuen, verbrecherischen Blicke zu erheben, Gnade fr die
Verstorbene und - Vergebung fr die Hand, die, vielleicht im Zorne, unschuldiges
Blut vergossen. -
    Er hatte sein Gebet aber noch nicht beendet, als ein eigenes wildes Feuer
den Indianer zu durchzucken schien. Langsam nahm er die Hnde von den Auge, und
wie sein fester, durchdringender Blick dem des Priesters begegnete, und dieser
vor dem dunkelglhenden Augen des Kriegers heimlich erschaudernd schwieg,
richtete sich der Huptling stolz empor, erfate mit der Rechten den Tomahawk
seines Weies, den er noch im Grtel trug, und die Linke gegen den Methodisten
ausstreckend, sprach er mit lauter, klangvoller Stimme:
    Alapaha ist todt - ihr Geist ist zu den seligen Gefilden des weien Mannes
gegangen, ihr Herz hatte sich von dem groen Geist gewandt, dessen Rache sie
jetzt erreicht hat; aber weswegen bittet der blasse Mann bei seinem Gott um
Gnade fr das Weib, das Alles verga, um nur ihm anzugehren? - das dem Glauben
ihres Stammes entsagte und zu dem weien Gott betete? Sie bedarf keiner Gnade!
Du hast mir oft gesagt, Dein Gott sei gerecht, und Assowaum's Weib soll nicht
einmal von einem Gott Gnade zu erbitten haben, wo es Gerechtigkeit verlangen
kann. Ist Dein Gott gerecht, so mu er die Unglckliche belohnen, die
seinethalben das verga, was ihr sonst lieb und heilig war.
    Rowson wollte ihn unterbrechen, doch hielt ihn wiederum der fest auf ihm
ruhende Blick des Wilden zurck, der mit immer lauterer und krftiger tnender
Stimme fortfuhr:
    Deine Lippen flehen aber auch um Vergebung fr den Mrder. Er tauchte seine
giftige Hand in das reine Herzblut der Blume der Prairien; wer ist hier, der sie
nicht kannte und - nicht liebte? Nein! Keine Vergebung - Fluch treffe den
Mrder, Assowaum wird ihn finden, sein Leben hat fortan nur den einen Zweck: den
Mrder zu strafen. Mag ihn nachher weie oder rothe Erde decken, der groe Geist
wird ihn mit offenen Armen und lchelndem Antlitz empfangen.
    Rowson, der nur mit gewaltiger Kraftanstrengung sich bezwungen hatte, den
finstern, drohenden Blick des Kriegers auszuhalten, hob jetzt schweigend, wie in
stillem Gebet versunken, die Hnde und sagte nach langer andchtiger Pause:
    Vergieb ihm, Herr, vergieb dem Unglcklichen, der, von bitterem Schmerz
bermannt, Worte des Zornes und Hasses aussprach, wie sie nicht wohlgefllig vor
Deinem Angesichte sind. Vergib ihm, Herr - vergieb uns Allen, die wir hier ber
eine That entrstet stehen, welche ja ebenfalls durch Deine unerforschliche
Weisheit verhngt wurde. - Vergieb uns, die wir vielleicht ebenfalls Gedanken
des Zornes und der Rache hegen, und erleuchte uns mit Deinem Lichte, auf da wir
erkennen, wie nur in Deiner Gnade, in Deinem Frieden das Heil liegt, das uns zu
guten und gottesfrchtigen Menschen macht, und uns strkt, das Auge zu Dir, Du
Allmchtiger, reinen Herzens emporheben zu knnen. Amen!
    Amen! hauchten die Umstehenden nach, nur Assowaum blieb in finsterem
Schweigen, die Rechte noch immer am Tomahawk, stehen, bis jetzt der Sarg von den
Mnnern erfat und langsam in die enge Gruft hinabgehoben wurde. Da brach auch
sein Stolz, er sank mit vor das Antlitz gepreten Hnden am Grabe nieder, und
als er sich wieder erhob, war der kleine Hgel gewlbt, und Rowson pflanzte das
schwarze Kreuz zu Hupten desselben oben darauf.
    Die Feierlichkeit war beendet und die Nachbarn verfgten sich zurck, in
ihre Wohnungen, nur Bahrens und Wilson blieben mit Brown in der kleinen Htte
des Freundes, um ihn in seiner Krankheit, so viel es in ihren Krften stand, zu
pflegen; Brown aber trat noch, ehe sich Rowson entfernt hatte, zu diesem, dankte
ihm fr seine freundliche Bemhung, den Leib unglcklichen Weibes beerdigen zu
helfen, da er doch selbst krank und angegriffen sei, und bat ihn, sein Haus, im
Fall er nicht augenblicklich wieder zurck wolle, ganz als das seine zu
betrachten. Doch Rowson wies das Anerbieten freundlich zurck, da er zu seiner
kurz bevorstehende vernderte Lebensweise so viele Vorbereitungen treffen msse,
da an ein miges Vergeuden ganzer Tage nicht mehr zu denken sei, und schied
mit dem friedlichen Segensgru auf den Lippen und tiefer Demuth und Frmmigkeit
im Blick von dem jungen Mann, der ihm noch lange, in finsteres Brten versunken,
nachschaute. - Das war der Mann, der ihm sein ganzes irdisches Glck geraubt,
oder ihm doch unmglich gemacht hatte, es je zu erreichen. Das war der Mann, dem
die Geliebte Herz und Hand geopfert, dem sie angehren mute, von nun an bis zu
der Zeit, wo der Tod mit seinem eisernen Griff die Bande trennen wrde, die, von
Gott selbst geknpft, fr das Leben unzerreibar sein sollten.
    Lebe wohl, hauchte er leise - lebe wohl, du schner Traum, den ich einst
in wilden Jugendphantasien getrumt - lebe wohl, du Bild huslicher
Glckseligkeit, das ich mit Tantalusqualen mich umgeben sehe, und das den
lechzenden Lippen doch ewig entzogen bleibt. - Lebe wohl, Du holdes, reines
Wesen, und Gott lindere Deinen Schmerz; Vergi den Unglcklichen, dessen bses
Geschick ihn in Deinen Weg warf, um Deinen - seinen Frieden zu untergraben. -
Lebe wohl!
    Lebewohl, flsterte Assowaum, der an seine Seite getreten war und das
letzte Wort gehrt hatte - Lebewohl - ein wunderbares Wort, einer Todten
nachzurufen!
    Einer Todten? frug entsetzt auffahrend Brown.
    Sprachst Du nicht mit Alapaha?
    Ich sprach mit einer Todten, hauchte Brown, sein Antlitz in den Hnden
verbergend - sie ist todt - todt - todt!
    Todt! sthnte Assowaum in dumpfem Echo nach - gemordet - doch den Mrder
mu ich finden. - Der Geistervogel soll mir in nchtlichen Trumen den Namen
in's Ohr flstern; neben dem Grabe will ich lagern, bis ich seine Stimme gehrt.
- Wird mein weier Bruder mir beistehen, um der Todten willen? Wird er dem Arm
des Freundes seine Sehnen leihen, ehe er in ein anderes Land geht, um fr die
Freiheit eines fremden Volkes zu kmpfen?
    Brown reichte ihm schweigend die Hand und schritt dann langsam zu dem Bett
seines kranken Oheims zurck, whrend der Indianer, fr den Augenblick seinen
Schmerz bezwingend, mit regem Flei daran ging, aus starken Rindenstcken ein
Dach ber dem Grabe zu erbauern, um den Regen davon abzuhalten. Schon neigte
sich die Sonne wieder ihrem Untergange, als er die letzte Wohnung seines Weibes
beendet hatte und nun am obern Theile derselben, da wo der Kopf der Leiche
ruhte, eine kleine Oeffnung mit dem Tomahawk hineinhieb.
    Brown litt es inde nicht lange am Bett des Kranken, dem er fr den
Augenblick doch nichts weiter ntzen konnte, und er kehrte zu Assowaum zurck,
ihm etwas Trank und Speise zu bereiten. Als er zu ihm trat, war der Indianer
gerade damit beschftigt, die Oeffnung in das Dach zu hauen.
    Und Du zerschlgst das wieder, was Du errichtet? frug ihn Brown.
    Ich zerstre es nicht, sagte der Wilde - aber die Seele mu einen Ausgang
haben, da sie den Krper verlassen und zu ihm zurckkehren kann.
    Die Seele kehrt nicht zurck, armer Freund, entgegnete ihm traurig der
junge Mann - sie ist dort hinauf gegangen, wo die Seligen wohnen. - Sie wird
die Erde nicht vermissen.
    Es giebt zwei Seelen, flsterte leise der Indianer, zwei Seelen giebt
es, wiederholte er eifriger, als er sah, da der Weie unglubig mit dem Kopfe
schttelte. Fliegt Assowaum's Seele nicht im Traume zu den Jagdgrnden seines
Stammes zurck? sieht sie nicht dort den Wigwam, vor dessen Eingang er seine
frhsten Kinderspiele spielte? folgt sie nicht dort in dunkler Schlucht dem
Elenthier, das schnaubend und prasselnd sich Bahn bricht durch den
dichtverwachsenen Wald? Sieht sie nicht dort den Vater, wie er mit starker Hand
dem schwachen Knaben hilft den Bogen spannen? Ja - sie ist weit - weit hinweg,
in fernen Landen, und dennoch lebt Assowaum - er liegt auf seinem Lager und
athmet. Knnte er athmen, wenn er nur eine Seele htte und diese im Lande seines
Stammes weilte, whrend er solbst zwischen den Htten der Weien am rauschenden
Wasser1 lebt? Nein - der rothe Mann hat zwei Seelen.
    Als die Nacht anbrach, nahm Assowaum die Speisen, die ihm Brown gebracht,
stellte sie neben die Oeffnung, zu Hupten des Grabes und zndete dann ein
kleines Feuer vor demselben an, das er auch sorgfltig unterhielt, whrend er,
als sich dichtere und dichtere Finsterni auf die schlummernde Erde lagerte, mit
leiser, klagender Stimme den eintnigen, schaurigen Todtengesang seines Volkes
sang:

Wo ach - wo ach
Weilst Du, Liebchen? Sieh, es blhen
Hier im Thale
Alle Blumen, alle - Du nur fehlest.
Wo ach - wo ach
Tnt die Stimme, die ich liebte?
Horch, es schallen
Tausend Stimmen, tausend - Du nur fehlest.

Droben - droben
In dem Wipfel jener Eiche
Sitzt der Vogel,
Und er singt des Geisterrufes Klage.
Droben - droben
Ist Dein Geist, oh werd' ich nimmer
Hier im Thale
Deine lieben Laute wieder hren?

Unten - unten -
Fest am Boden lieg' ich lauschend
Hier im Thale,
Und ich hre Deine Stimm' im Grabe.
Unten - unten
Deine leisen - leisen Klagen,
Und sie rufen
Mahnend auf zur Rache. - Lieb', ich folge!


                                    Funoten

1 Arkansas.


                                      18.

          Roberts' Abenteuer auf der Pantherjagd. - Die Wasserpartie.

Zwei volle Wochen waren seit den in den vorigen Capiteln beschriebenen Scenen
verflossen, alle Nachforschungen aber, die schuldigen Verbrecher aufzuspren,
fruchtlos geblieben, und vergebens hatte Brown, dessen Onkel sich in letzter
Zeit wieder ziemlich erholt, mit unermdlichem Eifer geforscht und gearbeitet,
um eine Spur der Mrder zu finden.
    Assowaum selbst konnte mehrere Tage nach der Beerdigung seines Weibes durch
nichts bewogen werden, ihr Grab zu verlassen. Dann aber war er pltzlich
verschwunden, und selbst Brown wute nicht, wohin er sich gewendet.
    Die Ansiedler wurden aber durch diese erfolglosen Anstrengungen keineswegs
entmuthigt und sahen darin nur einen so viel sprechenderen Beweis, wie nthig es
wre, da sie sich selbst zum Schutz ihrer Rechte verbnden, da auch in diesem
Falle die Gerichte nicht das Mindeste hatten ergrnden knnen, und der Mrder,
fr jetzt wenigstens, sicher und unentdeckt zu bleiben schien. Dadurch von der
Nothwendigkeit eines ernsten Schrittes berzeugt, war der grte Theil der
Farmer jener Verbindung, die sich die Regulatoren nannte, beigetreten, und
eine Hauptversammlung, die sehr zahlreich zu werden versprach, festgesetzt
worden. Dort sollten ernstere Schritte verabredet werden, um besonders
Verdchtige, die sich in ihrer Nachbarschaft aufhielten, denen aber kein
wirklich begangenes Verbrechen bewiesen werden konnte, vor ihr Gericht zu
fordern. Mglicher Weise wollten sie hieran den Faden knpfen, der sie auf die
Spur der Schuldigen, wenn auch nur im Anfang auf die der Pferdediebe, brchte,
und unter denen hofften sie dann, und nicht mit Unrecht, die Mrder der beiden
Erschlagenen zu entdecken. -
    Freundlich lag der warme Sonnenschein auf dem grnen Laubdach des Waldes. -
Stiller Friede herrschte in der ganzen herrlichen Natur, kein Lftchen regte
sich, aber tief, tief unten im finstern Dickicht drinnen, da, wo der Fourche la
fave seine Fluth durch unwegsam Rohrbrche und von dunkelschattigen Sumpfbumen
berhangen hindrngte, tobte die Jagd und schallte das bald dumpfe Bellen, bald
helle Klffen der Rden hervor.
    Joho - joho - ihr Hunde - Huh - pih! schrie Roberts, als er auf
schumendem Ro ber einen breiten sumpfigen Fleck dahinbrauste und das vor
frhlichem Jagdeifer schon berdies erhitzte Thier immer noch mehr durch lauten
Ruf und krftigen Hackensto anfeuerte, da es wild hinten aushieb und vorsprang
in ein Gewirr dicht verwachsener Weinreben. Die Meute war voraus, und zerstreut
hetzten die Jger einzeln, wie ihre Pferde sie gerade getragen, oder die Bahn,
den sie zufllig gefolgt, es erlaubt hatte, hinterdrein, jeder mit gellendem
Jagdgschrei die Hunde ermuthigend, sobald er nur hoffen durfte, von ihnen gehrt
zu werden.
    Huhpih! schrie Roberts noch einmal, indem er, mit der Bchse in der
Linken, die Rechte mit dem schweren Jagdmesser bewaffnet, um im Nothfalle
Schlingpflanzen und Reben zu zerhauen, eine gewaltige umgestrzte Cypresse
berflog und mit gleicher Zeit mit krftigem Hiebe eine seilartig verwachsene
Grndornliane von einander trennte, die seinen Fortgang aufzuhalten drohte.
Dadurch hatte er aber eine andere, wenn auch schwchere, doch deshalb nicht
minder zhe Weinrebe bersehen, und ehe er noch zu neuem Schlage ausholen oder
dem wild dahinstrmende Pony in die Zgel fallen konnte, schlpfte dieses dicht
darunter hin, und im nchsten Augenblicke lag Roberts mit Bchse und Messer
neben dem Stamme, den er eben erst mit so khnem Satze bersprungen.
    Pest! murmelte er, als er sich aus dem zhen Schlamme, in den er gerade
mit den Schultern gefallen war, vorarbeiten mute - Pony, hier! - kob - kob -
Pony! - der Teufel hole die Bestie, ich glaube, die will auf eigene Hand jagen!
- Er hatte nicht Unrecht; das kluge Thier, das Roberts auf allen Jagden
geritten, nahm viel zu groen Antheil an der Hetze selbst, als da es jetzt
htte auf seinen Herrn warten und dadurch die schne Zeit versumen sollen. Wie
ein losgelassener Sturmwind folgte es daher, des schweren Reiters bar, der Meute
und war in wenigen Secunden weder zu hren noch zu sehen.
    's ist wahrhaftig fort! sagte der alte Jger brummend, als er mehrere
Minuten lang aufmerksam umhergeschaut und gehorcht hatte - nicht die Spurr mehr
zu merken - jetzt sitz' ich schn auf dem Trockenen. - So wollte ich denn doch -
da die - aber halt, die Jagd dreht sich nach den Hgeln herum; da wr' es gar
nichts Unmgliches, da sich der Panther, wenn er nicht dem Petite-Jeanne zu
flieht, noch einmal hier herunter in die Niederung wendet, und dann ist sein
Lieblingsplatz der Rohrbruch da drben ber dem Flu. Wart', mein Bursche,
vielleicht bin ich dennoch, trotz meiner alten Knochen, bei der Ernte. - Nur
Geduld - ich habe mich schon in schlimmeren Lagen befunden. Roberts' Gedanken
fhrten ihn jetzt augenscheinlich wieder zu dem Revolutionskrieg zurck, denn er
lchelte sehr selbstzufrieden in sich hinein und schritt, da er whrend des
vorigen Selbstgesprchs seine Bchse von dem Schlamme gereinigt und frisches
Pulver aufgeschttet, wie sein Messer wieder in die Scheide gesteckt hatte, dem
nahen Flusse zu.
    Hier jedoch bot sich dem aus dem Sattel Gehobenen eine neue Schwierigkeit:
das Hinberkommen nmlich und vergebens hatte er schon eine Strecke hinauf und
hinab gesucht, ob er nicht irgendwo eine seichte Stelle finden und benutzen
knnte. Da sah er dicht am steilen Ufer einen angefaulten Baumstamm, an dem ein
Br ganz frisch gearbeitet und mehrere Stcken heruntergerissen zu haben schien.
Leider befanden sich aber die Hunde jetzt auf einer warmen Pantherfhrte, und
von der sie abzulenken, wre unmglich gewesen, htte Roberts auch nur je einem
solche Gedanken Raum gegeben. Daran aber dachte er wahrlich nicht. Ein Panther
hatte erst vor wenigen Tagen eins seiner Fllen und die nchste Nacht ein
groes, auswachsenes Arbeitspferd zerrissen, dem er von einem Baume aus auf den
Hals gesprungen war - diesen unschdlich zu machen, war jedenfalls das
Wichtigste, was sie vornehmen konnte.
    Der alte Jger wute aber auch, wie ungern der Panther, wenn er wirklich
seinen kaum verlassenen Schlupfwinkel wieder aufsuchte, den Flu zum zweiten Mal
durchschwimmen wrde. Um so nthiger wurde es daher, schnell an's andere Ufer zu
kommen. Ueberdies tnte das Geheul der Meute wieder deutlicher herber, und die
Jagd konnte sich jeden Augenblick nach dieser Richtung drehen. Roberts wlzte
und hob also das vorerwhnte Stck faulen Holzes dem steilen Uferrande zu, warf
es hinab und stieg dann selbst, sich an Rohrwurzeln und Schif anhaltend, zum
Wasser nieder, legte seine Bchse auf das Holz und wollte eben seinen Uebergang
beginnen, als er ganz nahe das Gebell und Geklff der Hunde hrte. Diese eilten,
was sich ganz deutlich unterscheiden lie, dem Flusse wieder zu und brachen
pltzlich in ein solch' wildes, rasendes Geheul aus, da Roberts nichts Anderes
glauben konnte, als der Panther sei aufgebunt und dadurch fr den Augenblick
den Zhnen seiner Verfolger antgangen.
    Jetzt war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren. Schnell stie er das Holz
in den Strom und hatte eben das tiefere Wasser und etwa die Mitte des Flusses
erreicht, als am gegenberliegenden Ufer die Bsche raschelten, das drre Rohr
brach und fast zu gleicher Zeit eine dunkle Gestalt am uersten Rande der
Uferbank erschien und sich mit Gedankenschnelle hineinwarf in die ber ihr
zusammenschlagende Fluth.
    Es war der Panther, und so dicht neben dem Jger sank er nieder, da dieser
durch das aufspritzende Wasser berschttet wurde. Die kleinen erregten Wellen
schaukelten sein rohes Flo, whrend der Kopf des Raubthieres wieder
emportauchte und dem andern Ufer zustrebte. Jetzt hatte aber auch Roberts seine
ganze Ruhe und Geistesgegenwart wieder gewonnen, die ihn im ersten Augenblick
wirklich durch die unvorhergesehene Ueberraschung verlassen. Das Schlo seiner
Bchse war glcklicher Weise trocken geblieben, schnell zog er den Hahn auf, und
mit dem linken Arm auf dem Holze ruhend, whrend er mit den Fen langsam
austrat, zielte er in dieser keineswegs bequemen Lage auf den Panther, der jetzt
eben glatt und triefend dem Wasser entstieg. Dieser zuckte, von der Kugel
getroffen, hoch auf und glitt in den Strom zurck und Roberts wollte schon ein
Triumphgeschrei ausstoen, versah aber das Gleichgewicht des Flosses ein wenig
und verschwand mit Bchse und Pulverhorn in dem nmlichen Augenblick in der
trben Fluth, als sich das verwundete Thier wieder aufraffte und mit flchtigen
Stzen den steilen Abhang hinanfloh.
    Als Roberts gleich darauf sprudelnd und pltschernd wieder an die Oberflche
kam, erreichten die Hunde, die vorher auf der verlorenen Fhrte geheult hatten,
gerade den Platz, von welchem der Panther abgesprungen. So wenig sie aber sonst
geneigt gewesen wren, das Wasser schnell anzunehmen, so bereitwillig folgten
sie jetzt ihrem gewandten Vorgnger, als sie die dunkle Gestalt in dem Flusse
bemerkten, die sie in dem Augenblick fr den verfolgten Feind hielten. Roberts'
Lage gehrte in diesem Augenblick keineswegs zu den beneidenswerthen, denn
htten ihn die vor Eifer winselnden Rden, die mit aller Gewalt dem
vermeintlichen Feinde zustrebten, noch im tiefen Wasser erreicht, so wrde sich
die Masse auf ihn gedrngt und ihn erstickt haben, ehe er im Stande gewesen
wre, sie von ihrem Irrthum zu berzeugen. So aber bemerkte er noch glcklicher
Weise die Gefahr, in der er schwebte, zeitig genug, schwamm, in der Linken immer
noch fest und sicher die schwere Bchse haltend, dem Ufer zu und hatte kaum
einen Ort erreicht, auf welchem er Grund fhlen konnte, als die Hunde ihn auch
umgaben und Poppy selbst an ihn hinanfuhr. Er aber hob sich schnell in die Hhe,
stie die nchsten mit dem Kolben von sich und schrie die erschrocken zu ihm
auffahrenden mit wilder Stimme an:
    Zurck, ihr Bestien - ihr verdammten Kter ihr - zurck - du, Poppy, du
nichtsnutzige Canaille - willst du deinen eigenen Herrn anbeien? Zurck da, ihr
Schlingel - nehmt die rechte Fhrte und geht zum Teufel - du, Poppy! Der letzte
Ausruf galt aber wieder, obgleich unschuldiger Weise, dem eigenen Hund, der
seinen Herrn jetzt erkannte und freudig zu ihm hinanschwimmen wollte. Roberts
jedoch, der dem Frieden nicht so recht traute, that abwehrend einen Schritt
zurck, trat in ein etwas tieferes Loch und verschwand noch einmal, und zwar in
demselben Augenblicke unter Wasser, als Bahrens am Ufer erschien. Schnell ri er
dabei die Bchse hinauf, dem Panther eins aufzubrennen, denn auch er glaubte
nicht anders, als da er es mit dem verfolgten Raubthiere zu thun habe. Diesmal
waren es jedoch die Hunde, die den Jger vor der Kugel des Gefhrten schtzten,
denn um nicht etwa einen von diesen zu treffen, hielt Jener noch sein Blei
zurck und erkannte bald darauf zu seinem nicht geringen Erstaunen den Freund.
Dieser ahnte die neue Gefahr aber nicht einmal, sprudelte nur, sobald er wieder
festen Boden erreicht hatte, das verschluckte Wasser aus und brachte dann die
Hunde fluchend auf die Fhrte des Angeschossenen. Die Meute witterte indessen
kaum das frische Blut, als sie mit wildem Toben dem Feinde nachstrmte und ihn
nicht lange darauf und noch im Thallande stellte.
    Hallo, Roberts! schrie Bahrens jetzt vom Ufer aus, was zum Henker macht
Ihr denn da im Fourche la fave?
    Ich krebse! rief dieser, noch rgerlich ber seine nichts weniger als
behagliche Lage, indem er dem Wasser entstieg und an der schlpfrigen Uferbank
hinaufkletterte. Sein Spott sollte aber zur Wahrheit werden, denn zweimal noch,
ehe er die sichere Hhe erreichen konnte, glitt er aus und kam viel schneller,
als er sich hinaufgearbeitet hatte, wieder zurck, jedesmal zum Ergtzen seines
sich vor Lachen die Seiten haltenden Freundes. Endlich siegte jedoch seine
Beharrlichkeit, er ergriff, oben angelangt, einen jungen Stamm, schwang sich
hinauf und verschwand, ohne den Jubelnden weiter eines Blickes zu wrdigen, im
Dickicht.
    Dieser eilte brigens ebenfalls seinem Pferde zu, das er, als er die Hunde
im Wasser hrte, eine kurze Strecke zurckgelassen hatte, bestieg es wieder und
galoppierte nach der weiter oben sich befindenden Furth. Er kam jedoch zu spt
auf dem Kampfplatz an, denn noch im Schilfbruch drin hrte er den scharfen Knall
der Bchse und gleich darauf das Winseln der unter dem Baume sehnschtig
harrenden Hunde. Noch aber ging der Panther oben, als er auf den kleinen offenen
Fleck trat, auf welchen sich jetzt die ganze Jagd concentrirt hatte. Die Krallen
tief in den Ast der Eiche eingeschlagen, klammerte er sich mit der letzten
Spannkraft seiner Sehnen an das schtzende Holz; bald aber bewies ein den
freischwebenden Krper erschtterndes Zucken den Todeskampf des
Schwergetroffenen. Seine Tatzen ffneten sich und zwischen die wild
aufjauchzende Meute hinein strzte er gerade auf einen der jungen Hounds, dessen
Rckgrat er im Falle brach, und der dann winselnd und heulend vorzukriechen
suchte unter dem schweren Krper.
    Im Anfange war es brigens kaum mglich, das arme verkrppelte Thier
zwischen den wthend den verendeten Panther zerzausenden Hunden vorzuziehen.
Endlich aber gelang es den vereinten Krften der Mnner und Cook, einer von
dessen Hounds es war, und der wohl einsah, da es fr das arme Geschpf doch
keine Rettung mehr gab, hielt ihm die Mndung seiner Bchse vor die Stirn und
machte mit der Kugel dem Leiden desselben ein Ende.
    Das ist nun schon der siebente Hund, den ich auf solche Art umkommen sehe,
sagte Bahrens rgerlich, indem er seinen Kolben vor sich niederstie, das dumme
Viehzeug ist aber nicht fortzubringen, wenn so eine Bestie oben sitzt. Ehe sie
sich's versehen, kommt sie dann herunter und schlgt mit den schweren,
ungeschickten Knochen ein paar zu Schanden.
    Ein Br, den ich im vorigen Jahre scho, sagte Roberts, vor Frost mit den
Zhnen klappernd, schlug auf diese Art zwei todt und brach einem dritten den
linken Hinterlauf. Ich mute ihn auch abstechen.
    Hallo, Roberts, lachte Bahrens, Ihr seht liebenswrdig aus, wir wollen
lieber ein Feuer anmachen. Doch, Cook, wo kommt Ihr denn her? Ich habe Euch ja
seit vierzehn Tagen, wo Ihr damals die nutzlose Hetze hinter den falschen
Pferden her machtet, nicht wieder gesehen. Habt Ihr die Bestie geschossen?
    Ja, erwiderte Cook, der eben seine Bchse wieder auswischte und lud, ich
war bei Harper drben und hrte die Hunde so in der Nhe, da es mir nicht
mglich war, ruhig im Hause sitzen zu bleiben.
    Wir sind wohl ganz in der Nhe von Harper's Haus? frug Roberts - die
Gegend hier kommt mir wenigstens bekannt vor. Nicht wahr, es liegt gleich da
drben, hinter jenen Cypressen?
    Kaum fnfhundert Schritt von hier, erwiderte ihm Cook; wir gehen am
besten gleich zum Hause, dort kann sich Mr. Roberts trocknen und da ist's auch
noch immer Zeit, das Bestie abzustreifen.
    Ich wollte, ich wte, wo mein Pferd wre, meinte Roberts besorgt, wenn
das nur nicht irgendwo mit dem Zgel im Busche hngen bleibt. Ich habe ihm zwar
einen Knoten hineingemacht, und er kann nicht sehr weit herunterhngen, es ist
aber doch mglich.
    Habt keine Sorge, sagte Bahrens, da kommt Mullins und bringt es mit sich.
- Wo war das Pferd, Mullins?
    Es stand dort, wo der Panther wahrscheinlich zum ersten Mal durch den Flu
setzte, und weidete, der Ufer mochte ihm zu steil gewesen sein, rief Mullins,
der in diesem Augenblick mit dem vermiten Thiere herbeikam; aber hallo, das
ist ein starker Bursche. Von dem wundert's mich nicht, da er das groe Pferd
umwerfen konnte.
    Es war auch allerdings ein auerordentlich starker Panther, dem sie von
Tagesanbruch an nachgehetzt, ehe sie ihn zum Aufbumen bringen konnten.
Wahrscheinlich htte er sich auchjetzt noch nicht ohne Roberts' Kugel gestellt,
die ihn geschmerzt und geschwcht. Er sollte nun auf Cook's Pferd gehoben
werden; obgleich Cook aber versicherte, da dies schon mehr als zehn Bren, und
ohne das mindeste Zeichen von Furcht zu verrathen, getragen habe, so war es doch
unter keiner Bedingung zu bewegen, den todten Panther auch nur auf fnf Schritt
an sich hinan zu lassen. Vergebens wischten sie ihm den Schwei des Erlegten an
das Maul - es war nicht der Schwei, vor dem es sich scheute, es war die
scharfe, ihm frchterliche Witterung und die Mnner muten sich zuletzt dazu
verstehen, den Panther an Ort und Stelle abzustreifen und die Haut allein
mitzunehmen. Aber selbst diese brachten sie nur mit genauer Noth auf den Rcken
eines der Pferde, das fortwhrend scheu den Kopf zurckwarf und durch alle nur
erdenklichen Seitensprnge der ihm unangenehmen Last sich zu entziehen suchte.
    Bald erreichten sie jedoch Harper's Wohnung, befestigten dort ihre Thiere an
den diese umgebenden Bschen und traten ein.

                                      19.

   Harper's Wohnung. - Cook's Bericht ber die Verfolgung der Pferdediebe. -
                 Harper's und Bahrens' wunderbare Erzhlungen.


Dort sah es freilich noch immer nicht so freundlich und wohnlich wieder aus, als
damals, da Harper noch krftig und stets in guter Laune die kleine
Junggesellenwirthschaft fhrte. Zwar hatte er sich in der letzten Woche wieder
ziemlich von seiner Krankheit erholt, die Schwche aber, die stets eine
unvermeidliche Folge des Fiebers bleibt, war noch aus allen seinen Bewegungen
leicht zu erkennen, ja sogar das sonst so lebensfrohe, gesundkrftige und rothe
Antlitz hatte eine recht hliche Aschfarbe angenommen und die Backenknochen
ragten daraus hervor, als ob sie sich, ber solche Vernderungen verwundert, im
brigen Gesicht umschauen wollten.
    Die Nachbarn verlieen ihn aber in der Zeit der Noth nicht; Jeder war ihm
gut und abwechselnd waren sie mit Brown an seinem Bette, so lange er noch
darnieder liegen mute, und brachten oft Tage damit zu, ihn zu zerstreuen und
aufzuheitern.
    Bahrens besonders hatte eine eigene Zuneigung zu ihm gefat und war ein
hufiger und gerngesehener Gast in der Htte der beiden Mnner geworden.
    Auf dem rauh aufgeschlagenen Bettgestell, auf seiner mit spanischem Moos
gestopften Matratze lehnte Harper, und seine Augen, wenn auch noch immer nicht
in dem alten Feuer erglhend, glnzten beim Anblick der lieben Gste fast in
gewohnter Frhlichkeit. Herzlich grend, streckte er den Eintretenden,
besonders Roberts und Bahrens, die ebenfalls etwas abgemagerte, bleiche Hand
entgegen.
    Willkommen, Ihr Alle! Willkommen, Roberts - Ihr seid mir ein schner
Patron; also wilde Bestien sind nthig, um Euch einmal zu mir zu bringen;
wahrlich nicht bel. Doch Gott segne mich, wie seht Ihr denn aus, Ihr seid ja
wie aus dem Wasser gezogen. Heh, Bill, gieb doch Roberts andere Kleider, der
kann ja den Tod davon haben.
    Danke, danke, sagte dieser, als der junge Mann ihm einen warmen, trockenen
Anzug brachte und ihm beim Aus- und Ankleiden behilflich war, danke schn; -
aber, Brown - mit Euch habe ich ein besonderes Hhnchen zu pflcken; meine Alte
ist schn bs auf Euch, da Ihr Euch gar nicht mehr sehen lat. Noch von der
Panthergeschichte her, als Marion mit Euch war, wo Ihr auf so eine Bestie
schosset, die auch ziemlich gut getroffen sein mute, denn wie ich hre, hat sie
Cook's ltester Junge zwei Tage darauf gefunden, das Gerippe wenigstens, und
einen Theil der Haut, sonst waren die Aasgeier -
    Brown htte ihn ruhig fortreden lassen, Cook fate ihn aber am Arm und rief:
    Hallo da - jetzt geht die Reise wieder fort, gerade stlich, wie die Post -
so - da setzt Euch zum Feuer, und Ihr, Harper, kommt ebenfalls lieber nher zum
Kamin, denn wenn wir auch die Spalten ziemlich verstopft haben, so ist doch noch
immer Luft genug, und Ihr knntet Euch wieder erklten. Der verdammte Wind
pfeift hindurch.
    Habt Ihr wohl ein Waschbecken hier? frug Roberts; beim Herausklettern aus
dem Flu bin ich mit den Hnden so schndlich tief in den Schlamm gefahren -
    Ach, Cook, seid so gut und gebt ihm einmal das eiserne Aufwaschgeschirr
dort - das ohne Griff - Ihr wit ja schon!
    Ob ich's wei! lachte der junge Farmer, indem er mit einem langstieligen
Flaschenkrbis das Wasser aus dem vor der Thr der Htte stehenden Eimer in das
verlangte Gef schttete, - natrlich kenn' ich Euer Geschirr hier vielleicht
besser jetzt, als Ihr selbst. Man bedarf auch keiner langen Zeit, um damit
bekannt zu werden.
    Kein Handtuch? frug Roberts.
    Nun, Ihr werdet doch wohl ein Taschentuch bei Euch haben? entgegnete Cook.
    Ja - aber es ist Alles na geworden.
    Ach so, na, dann nehmt mein's hier.
    Die Jagd mt Ihr mir erzhlen! rief Harper - das ist ein merkwrdig
groes Pantherfell - wollt Ihr's nicht aufspannen, Cook? Dort vor der Thr
liegen ja wohl noch Schilfstbe. - Hngt's nur an den kleinen Ahornbaum hier
rechts - aber hoch - die verdammten Hunde haben mir das letzte Hirschfell, das
ich so sauer verdienen mute, auch heruntergerissen und gefressen - die
Bestien!
    Roberts mute jetzt erzhlen, wie es ihm gegangen, und Cook spannte indessen
das Fell auf und brachte es in Sicherheit, hatte aber dabei vollauf zu thun, den
Erzhler an allen mglichen Absprngen und mehrmaligem Durchgehen zu verhindern.
    Sagt einmal, Roberts, rief er endlich, als dieser geendet hatte, habt Ihr
denn das damals auch so gemacht, als Ihr um Eure jetzige Frau freitet? - Hol'
mich dieser und jener, wenn ich da an ihrer Stelle nicht die Geduld verloren
htte.
    Das jetzt bei Seite, Cook, sagte Roberts, es ist heute das erste Mal, da
ich Euch oder berhaupt Einen von Denen wiedersehe, die vor vierzehn Tagen auf
den falschen Fhrten hinter den Pferdedieben herhetzten, wie war denn die Sache
eigentlich?
    Ja, das hat er mir auch noch nicht erzhlt, rief Harper, und ist doch
alle Tage ein paar Stunden hier.
    Ihr waret krank, erwiderte Cook, was sollt' ich Euch da mit der
langweiligen Geschichte qulen; nun, die Sache ist sehr einfach. Wir fanden die
Spuren, die durch den Flu gingen, und folgten, weil wir sie natrlich fr die
rechten hielten und nirgends andere gekreuzt hatten. Husfield behauptete auch
noch auerdem, ehe wir in den Flu hinunterritten, da er darauf schwren wolle,
es seien seine eigenen Pferde. Er mu sich aber doch wohl geirrt haben. Am
anderen Ufer suchten wir nicht lange, warfen die Fackeln fort und sprengten nun,
was unsere freilich schon etwas mden Klepper rennen konnten, hinter den
vermeintlichen Dieben her.
    In der Nacht hielten wir nur einmal an, um unsere Pferde rasten zu lassen
und selber etwas zu genieen, hrten auch hier, da ein Mann mit Pferden
vorbeigekommen und ziemlich scharf geritten sei. Der Farmer hatte natrlich blos
das Klappern der Hufeisen vernommen und die Thiere selbst nicht gesehen,
versicherte uns aber, wir wrden ihn bald einholen, falls das unsere Absicht
sei, denn er wre vor kaum einer halben Stunde dort vorbeipassiert. Meine armen
Pferde, sthnte damals Husfield, wie sie der Hund nun abhetzen wird - aber gnade
ihm Gott, wenn ich ihn erreiche - hier an dem Strick - er trug den Strick bei
sich - soll er seine schwarze Seele ausstrampeln! Er hatte gut Rache schwren;
bei Tagesanbruch kamen wir, als wir mit verhngten Zgeln auf den breiten Spuren
einen kleinen Abhang hinab galoppirten, pltzlich an den Mann mit den Pferden,
der ruhig unter einem Baum sa und, als er unsere Annherung bemerkte,
keineswegs die geringste Bewegung zur Flucht machte. Ich sah Husfield verwundert
an, der aber starrte mit aufgerissenen Augen nach den Pferden hinber und schrie
endlich, indem er seinen eigenen Thier in die Zgel ri, Hll' und Teufel, das
sind nicht die meinigen! Er hatte ganz Recht, es waren ein paar Schimmel dabei,
die Niemand von uns kannte, und der Fremde ritt sein eigenes Pferd und war kein
Anderer, als der Bursche Johnson, der sich seit einiger Zeit am Fourche la fave
herumtreibt und, so viel ich wei, von der Jagd lebt.
    Husfield war wthend, noch dazu da er, wie er mir spter gestand, einen
besonderen Grimm auf den liederlichen Gesellen hatte und ihm das Schlimmste
zutraute. Es lie sich aber in dieser Sache gar nichts thun. Wir ritten zu den
Pferden hin, Johnson gab uns jedoch sehr kurze Antworten und erwiderte auf die
Frage, was er mit den Pferden anzugeben gedenke, er knne doch hoffentlich mit
seinen eigenen Thieren thun, was er wolle.
    Husfield knirschte vor Wuth mit den Zhnen, und ob ich gleich versuchte, ihn
im Guten wieder zurckzubringen, so war er doch zu aufgeregt, und es dauerte
nicht lange, so standen sich die beiden Mnner im feindlichen Wortwechsel
gegenber. Johnson blieb dabei zwar sehr kaltbltig und ruhig, hielt jedoch die
rechte Hand fortwhrend unter der Weste verborgen, wo er natrlicher Weise seine
Pistolen und Messer stecken hatte.
    Husfield schwor zuletzt die frchterlichsten Eide, er wolle ihn lynchen,
sobald er ihn einmal auf seinem eigenen Lande fnde, und Johnson lachte dazu und
erwiderte, er wrde sich nchstens einmal das Vergngen machen und ihn besuchen.
Endlich bracht' ich sie auseinander. Vergebens war es aber jetzt, irgend eine
weitere Spur zu finden, der nchtliche Regen hatte Alles verwaschen und wir
muten die Verfolgung aufgeben. Husfield behauptete nun steif und fest, die
Thiere seien noch in der Ansiedlung, und wir suchten jeden Winkel der Niederung
aus, in den nur ein Pferd mglicher Weise eindringen konnte, doch umsonst. Sie
sind fort, obgleich das Wie? mir selbst ein Rthsel ist.
    Auch wohl das Wohin? sagte Bahrens.
    Nun, das weniger, doch wahrscheinlich nach Texas. Ich mu nur selbst einmal
nach Texas gehen, um das Volk dort kennen zu lernen. Wenn man auch keine
bekannten Menschen da finden sollte, bekannte Pferde trifft man sicherlich.
    Es war ja auch an jenem Abend, an welchem die Indianerin ermordet wurde,
nicht wahr? Habt Ihr denn gar nichts davon gehrt? frug Roberts - Ihr mt
dicht an der Stelle vorbeigekommen sein.
    Ich glaube - ja, mir ist es wenigstens so, als ob Jemand erwhnt htte, er
hre einen Schrei. Das war gerade, als wir an die Furth kamen, und es wird
wahrscheinlich das arme Weib gewesen sein; die Entfernung zwischen der Htte und
der Strae ist gar nicht so bedeutend. Wit Ihr denn nicht, wo der Indianer
jetzt ist, Brown?
    Nein, erwiderte dieser, vier Tage nach dem Begrbni seiner Squaw, in
welcher Zeit er ein kleines Feuer am Grabe unterhalten und fortwhrend frische
Speisen daneben gestellt hatte, verlie er die Gegend, hat sich wenigstens nicht
wieder bei uns sehen lassen. Doch erwarte ich ihn mit jedem Tage zurck, denn
da er das Land verlassen habe vor der Erfllung seines Racheschwures, glaub'
ich nun und nimmermehr.
    Wo mag er sich aber nur herumtreiben?
    Sorgt fr den nicht, sagte Bahrens - der kriecht umher und spionirt, wer
wei, wie bald er wieder da ist und irgendwo ein Nest aufgefunden hat. Ihr
Regulatoren knnt Euch kein besseres Mitglied wnschen, als eben den Indianer.
    Ist es wahr, Brown, da sie Euch zum Anfhrer an Heathcotts Stelle gewhlt
haben? frug Roberts.
    Husfield und mich, erwiderte der junge Mann, ihn am Petite-Jeanne, mich
am Fourche la fave; doch werde ich meine Stelle niederlegen, sobald mein Schwur
erfllt ist und die Mrder des jungen Heathcott wie die der Indianerin entdeckt
und bestraft sind. Wie ich aber hre, soll Mr. Rowson sehr eifrig gegen die
Verbindung der Regulatoren, als etwas nicht allein Ungesetzliches, sondern auch
Unchristliches predigen.
    Er ist seit acht Tagen verreist, sagte Roberts, wie ich hre, an den
Mississippi und nach Memphis, um dort verschiedene Einkufe zu machen, mu aber
in dieser Woche wieder eintreffen. So viel ich wei, will er Atkins Land kaufen,
was ganz guter Boden ist, wenn er nicht so viel Sumpfland -
    Atkins will ausverkaufen? frug Mullins, davon wei ich ja noch keine
Silbe. Also er hat schon einen Kufer?
    Rowson schien das Land zu gefallen, sagte Roberts, und ich habe nichts
dagegen, dann kommt Marion wenigstens nicht so weit fort. Und da wir das neue
Bethaus am Wege nach der Lefthandfork bauen wollen, denn die Stmme sind schon
seit Weihnachten dazu gehauen, und ich sollte sie zusammen -
    Gentlemen, rckt Eure Sitze her zum Tisch und nehmt frlieb mit dem, was
wir haben, rief Brown jetzt dazwischen, der indessen mit Cooks Hlfe das
einfache Mahl bereitet.
    Wie wr's, wenn wir ein Stck Pantherfleisch kosteten? lachte Roberts.
    Danke schn, sagte Bahrens, danke, das hab' ich einmal versucht, und der
Ekel hat mich nachher sterbenskrank gemacht.
    Wo denn? rief Harper, der eben seine Tasse Thee zum Munde fhren wollte
und nun erwartungsvoll inne hielt.
    Wo denn? Nun im Walde drauen, wo denn anders? erwiderte Bahrens - es war
am Washita, und wir hatten den ganzen Tag gejagt, bis Abends spt, wo ich ohne
eine Klaue an dem verabredeten -
    Ihr hattet Euch wohl den Fu vertreten? fragte Roberts, indem er Harper
von der Seite zublinzelte.
    Oh, geht zum Teufel! fuhr Jener rgerlich in seiner Erzhlung fort - zu
dem verabredeten Lagerplatz zurckkam. Da ging's hoch her. Eine Menge Knochen
lagen am Feuer und dicht daneben ber dem kurz abgehauenen Zweig eines niederen
wilden Pflaumenbumchens hing ein abgestreiftes und, wie die Anderen sagten,
junges Hirschkalb, das delicat schmecken sollte; die Lufe, der Kopf und eine
der Keulen fehlten brigens, und als ich danach frug, sagten sie, sie htten die
Keule gegessen und das Uebrige den Hunden gegeben. Ich also nicht faul ber das
Wildbret her, schnitt mir ein tchtiges Stck herunter und briet und verzehrte
es ganz allein, da die Schufte satt zu sein behaupteten.
    Wie ich im besten Essen war, kommt mein Hund, der ebenfalls hungrig, berall
herumgeschnffelt hatte, und bringt etwas im Maule angeschleppt bis dicht zu mir
hin, als ob er sagen wollte: Du, sieh einmal nach, was sie hier geschossen
haben, und was war es? der Kopf eines jungen Panthers. Der Bissen blieb mir im
Halse stecken, und ich schaute erschrocken zu den grinsenden Schuften auf, die
um mich herum saen. Wie die aber jetzt nicht mehr an sich halten konnten und in
ein schallendes Gelchter ausbrachen, da wurd' ich falsch und beschlo nun, sie
glauben zu machen, da Pantherfleisch ein Lieblingsgericht von mir wre. Ich
wrgte den Bissen hinunter, der unterwegs stak und nicht weiter wollte, schnitt
mir ein anderes Stck ab und frug sie mit der unbefangensten Miene von der Welt,
warum sie mir nicht gleich gesagt htten, das wre Pantherfleisch, da htt' es
mir noch einmal so gut geschmeckt. In Tennessee htt' ich einmal einen ganzen
Monat von nichts als Pantherfleisch gelebt und nur manchmal Sonntags eine wilde
Katze gegessen.
    Die Muler blieben ihnen indessen vor Verwunderung offen stehen, und Einer,
ein junger Bursche von siebzehn Jahren, der mir gerade gegenbersa und zusah,
schnitt, da es ihn wahrscheinlich ekeln mochte, die schauderhaftesten Gesichter
und kaute in Gedanken immer mit. Der Bissen aber, den ich im Munde hatte, wollte
nicht hinunter; je mehr ich ihn mit den Zhnen bearbeitete, desto mehr schwoll
er an; - ich zwang mich noch eine Weile, endlich konnt' ich's jedoch nicht
lnger aushalten, sprang auf und - na das Andere braucht Ihr jetzt nicht zu
wissen. - Hrt, Brown, der Truthahn ist delicat - habt Ihr viele dieses Frhjahr
geschossen?
    Es geht an, sagte der junge Mann, noch immer ber das eben Gehrte
lchelnd, sie sind dieses Jahr brigens sehr feist und schmecken
ausgezeichnet.
    Habt Ihr schon einmal Klapperschlangen gegessen? frug Mullins.
    Nein, danke, sagte Harper, den der Thee etwas aufgeregt hatte, und der
sich heute, seit langer Zeit zum ersten Mal wieder, wohl und leicht fhlte -
danke schn - gut aussehendes Fleisch haben die Bestien, so zart wie
Hhnerfleisch, aber sie riechen so fatal.
    Nur der Krper, warf Mullins ein, der Schwanz ist eine Delikatesse.
    Schadet denn das Gift nichts? frug Bahrens erstaunt.
    Nicht, wenn Ihr's verschluckt, sagte Brown; berdies sitzt doch auch im
Fleisch kein Gift, der Geruch ist nur fatal, sonst ist es unschdlich, und ich
kenne Einen, der von der gehrnten Schlange, die doch, wie Ihr wit, die
giftigste sein soll, ein tchtiges Stck gegessen hat, ohne da es ihm das
Mindeste geschadet htte.
    Ob die giftig ist! rief Harper; ich sah einst so eine Hornschlange an
einer groen Eiche auf und abspielen, und wollte sie eben schieen. Da fuhr sie
herum und bi in voller Wuth in einen der kleinen Schlinge, die im Frhjahr
hier und da am Stamm unten auswachsen; gleich darauf hielt sie sich einen
Augenblick ruhig, und ich schnitt ihr mit der Kugel den Kopf weg. Die Eiche
starb aber noch in demselben Monat ab; der kleine Ast, wo sie hineingebissen
hatte, wurde ganz schwarz und sogar die Schlingpflanzen, die daran
hinaufrankten, welkten und fielen ab.
    Das ist noch gar nichts, sagte Bahrens, sich nach Harper herumwendend -
Ihr wit, was fr eine Gegend Poinsett County ist, und das ganz besonders in
Hinsicht giftiger Schlangen; es knnen in den Mississippi-Niederungen kaum mehr
sein. Unter denen findet sich auch manchmal, wenngleich glcklicher Weise nur
selten, die Hornschlange. - Vor zwei Jahren war dorthin ein Deutscher mit seiner
Familie gezogen (jetzt ist er freilich wieder fort, das heit, er starb, und
seine Familie konnte das Klima nicht vertragen), und damals, als er gerade
ankam, lebte ein Verwandter oder Bekannter, oder was wei ich, bei ihm, der die
grbste Arbeit im Hause verrichten sollte. In der Woche hatte der aber immer das
Fieber, und sehr wundermerkwrdig sah er aus, wenn er Sonntags so recht
ordentlich herausgeputzt in's Freie kam. Dann trug er eine hellgelbe und roth
gestreifte Weste - einen frchterlichen Filzhut, kurze schwarze und ganz eng
anliegende Beinkleider (seinen Beinen wren etwas weitere keineswegs schdlich
gewesen) und einen blauen Tuchrock bis auf die -
    Aber was geht uns denn sein Rock an? sagte Harper, ungeduldig werdend.
    Mehr als Ihr denkt, nickte Bahrens bedeutend mit dem Kopfe und fuhr dann,
ohne sich weiter irre machen zu lassen, fort - bis auf die Knchel herunter,
mit sehr schmalem Kragen und sehr groen, weileinenen Rocktaschen, die immer
offen standen und in die ihm die liebe Jugend hufig zerquetschte Pfirsiche und
Stckchen von Wassermelonen und dergleichen andere Vegetabilien hineinschob.
Eine besondere Zierde daran waren noch die sehr groen messingenen Knpfe -
    Aber was gehen uns die Knpfe an? rief Harper wieder.
    Viel - sehr viel! nickte Bahrens bedeutungsvoll - doch hrt. Dieser junge
Mann also geht eines Sonntags, eine groe schwarz eingebundene Bibel unter dem
Arm, zu einem Nachbar hinber, wo eine dieser unausweichbaren Betversammlungen
sein sollte, als er dicht neben dem schmalen Fupfad, dem er folgte, einen der
kleinen grnen Papaquets oder Papageien findet, der eben erst vom Zweige
gefallen zu sein schien. Er bckt sich und will ihn aufheben, hat aber
unglcklicher Weise die Hornschlange nicht gesehen, deren Beute er sich so
unbesonnen zueignen wollte und die jetzt unter dem gelben Laube, wo sie
verborgen gelegen hatte, vorscho und den Unglcklichen gerade unter dem
Ellbogen, durch den Rock hindurch, in den Arm bi.
    Natrlich starb er schon nach wenigen Minuten und sein Verwandter, der mit
seiner Frau hinterher kam, fand ihn todt auf dem Wege. Zwar holte er gleich
Hlfe, es war aber zu spt; sie trugen ihn auf einer schnell gemachten Bahre zum
Hause, zogen ihm dort den Rock aus und fanden die kleine, aber schon schwarz
gewordene Wunde. Todte lassen sich nicht mehr erwecken, also wurde der arme
Teufel noch an demselben Abend, denn es war sehr warm, in einem schnell
zusammengezimmerten Sarg beigesetzt und der blaue Rock blieb neben der Thr an
einem Nagel hngen.
    Was geschah aber mit dem von der Schlange gebissenen Rock? Als die Deutschen
am nchsten Morgen aufstanden, hatte der Aermel, in dem das Gift sa, lauter
helle Streifen bekommen, gegen Mittag wurden die Nhte ganz hellblau und
einzelne Theile trennten sich auf, der rechte Aermel dagegen bekam eine schne
schwarze Farbe mit einem etwas rthlichen Schein; Nachmittags gingen ihm die
Knpfe aus und fielen einzeln, in schaurigen Zwischenrumen, auf die Erde, die
Knopflcher rissen aus, die Taschen und das Unterfutter schwollen an, und gegen
Abend ri der Henkel, der Rock fiel herunter und - fing an zu riechen.
    Aber, Bahrens! schrie Harper entsetzt.
    Fing an zu riechen, sage ich - sie muten ihn hinausschaffen und
einscharren, fuhr Bahrens, ohne sich irre machen zu lassen, fort.
    Ne, nu hrt Alles auf, rief Harper, die Tasse niedersetzend und
aufspringend, der Rock -
    - crepirte frmlich, sagte der alte Jger in hchster Gemthsruhe, indem
er ein Stck Tabak aus der Tasche nahm und mit dem Tischmesser ein groes Stck
davon herunterschnitt, das er dann wohlbedchtig in den Mund schob.
    Schallendes Gelchter folgte diesem Schlu, und Bahrens that ordentlich
beleidigt, da man seinen Worten nicht besseren Glauben gnne. Steif und
ernsthaft blieb er auf seinem abgesgten Baumblock, der die Stelle eines Stuhles
vertrat, sitzen und trommelte mit den Fingern auf dem hlzernen Tischtuche.
    Kinder, wir mssen wirklich nach Hause, mahnte Roberts, als der Jubel ein
wenig nachgelassen hatte. Ich wenigstens, fuhr er fort, als er sah, da sich
nur Mullins bereit zeigte, ihn zu begleiten - meine Alte brummt sonst.
Ueberdies sollte Rowson heut Abend dort eintreffen, und noch Mehreres, seine
baldige Heirath betreffend, in Richtigkeit gebracht werden. - Ihr thtet mir
wohl nicht den Gefallen, mitzureiten, Brown? Es wird Manches dabei zu schreiben
geben, und wenn ich auch in meiner Jugend - wo wir die Woche fnfmal
Schreibestunde hatten - wofr der Lehrer -
    Es ist mir heute wirklich nicht mglich, bester Mr. Roberts, sagte Brown
etwas verlegen, ohnedem wollen sich die Regulatoren vom Fourche la fave morgen
bei Bowitt versammeln.
    Ich glaubte, die Versammlungen wren bei Smith?
    Den hat Mr. Rowson so lange berredet, da eine solche Gesellschaft
sndhaft sei, lchelte Brown, bis er ausgetreten ist. Das schadet aber nichts,
Bowitt wohnt nicht weit von ihm, an einer Stelle, zu der wir es Alle fast gleich
weit haben, und ist dabei selbst ein eifriger Verfechter unserer Sache.
    Ueber Heathcott's Mrder hat man also noch gar nichts Nheres erfahren
knnen?
    Nicht das Mindeste - Sie wissen, da gleich nach der That auf mir der fast
alleinige Verdacht ruhte. Ich sollte sogar einige Tage nach Alapaha's Ermordung
verhaftet werden, doch unterblieb es, da Beweise fehlten. Die Spuren rhrten
auerdem von Stiefeln her, und ich konnte durch Hoswells beweisen, da ich an
jenem Morgen Moccasins getragen. Damit hrte aber auch aller Verdacht auf, denn
der einzige dem hnliche Schuhwerk in der ganzen Nachbarschaft trgt Mr. Rowson,
und Niemand htte wohl den anzuklagen unternehmen mgen.
    Roberts sah bestrzt zu ihm auf. - Doch, sagte er dann halbleise vor sich
hin - der Todte htte das unternommen - er konnte den Prediger nie leiden -
    Unglcklicher Weise hat es dieses ganze Frhjahr fast jeden Morgen etwas
geregnet, fuhr Brown fort - und da wurden auch jene Spuren verwaschen. - Das
kleine Messer, was wir bei der Leiche fanden, kannte ebenfalls Niemand -
    Ein Federmesser! murmelte Roberts vor sich hin.
    Uebrigens haben wir noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Wir sind, obgleich
wir diese Zeit unthtig schienen, thtig genug gewesen, und es wirft sich jetzt
Verdacht hier und da auf Leute, von denen ich es wenigstens frher nie vermuthet
htte.
    Was ist denn aus dem Mann geworden, auf dessen Fhrte die Verfolger kamen?
    Johnson? sagte Cook; der soll wieder hier gesehen worden sein, ob aber
zum Aufenthalt oder zur Durchreise, wei ich nicht.
    Hrt, Brown, Ihr knnt mir wenigstens einen Gefallen thun, wenn Ihr in die
Ansiedlung hinaufreitet, sagte Roberts, wann brecht Ihr auf?
    In einer halben Stunde etwa; ich hatte im Sinne, bei Wilson zu
bernachten.
    Oh schn! dann kommt Ihr berdies morgen frh an Atkins' Wohnung vorber,
und da wr' es mir lieb, wenn Ihr ihn btet, den nchsten Montag zu Hause zu
bleiben, weil ich dann mit Rowson hinberreiten und die Farm in Augenschein
nehmen will. - Kann ich mich darauf verlassen?
    Brown gab ihm sein Wort, es nicht zu vergessen; Roberts zog dann seine jetzt
getrockneten Kleider wieder an und verlie bald darauf mit Mullins die Htte, um
heim zu reiten.

                                      20.

                        Rowson bei Roberts. - Assowaum.


Fast drei Wochen waren seit jenem Abend, an welchem Brown von Marion Abschied
genommen, verflossen. Er hatte sich damals geschworen, sie nie wieder
aufzusuchen - und seinen Schwur treu und fest gehalten. Was er aber in jener
Zeit gelitten, wie er mit sich gerungen, wute nur er, und sein Antlitz war
bleich geworden, seine Augen hatten den Glanz, das frhere Leben verloren.
Nichts wrde ihn auch vermocht haben, lnger in einer Gegend zu weilen, wo er
nur zu bald selbst Zeuge sein mute, wie ein Wesen geopfert wurde, an dessen
Seite er einen Himmel htte finden knnen. Ehe er aber ging, wollte er
wenigstens in den Augen der Welt seinen guten Namen hergestellt wissen, da kein
Makel auf ihm haftete, keine giftige Zunge mit verleumderischer Nachrede ihn
beflecken konnte. Marion hielt ihn eines solchen Verbrechens nicht fr fhig,
davon war er berzeugt, aber auch seine Freunde in Arkansas sollten das nicht,
und so beliebt er bei ihnen sein mochte, hielten ihn doch jetzt noch Viele fr
den wirklichen Thter. Ja, sie entschuldigten ihn noch dabei, fanden den Mord
als Nothwehr vollkommen gerechtfertigt und zuckten nur mit den Achseln, wenn die
Sprache auf das Geld kam. - Es htte dem Todten auch weiter keinen Nutzen
bringen knnen, wenn er das gute Geld mit in den Strom genommen.
    Der wirkliche Thter mute deshalb entdeckt und bestraft, auch die
Indianerin gercht sein, dann wollte er ein Land verlassen, in dem doch fr ihn
fortan nur Kummer und Schmerz blhen konnten.
    Und was empfand Marion indessen fr den Freund, den sie so nahe und doch
wieder so fern wute? Das Herz des Weibes ist stark, und gewaltige Leiden mssen
es sein, die es brechen; Marion aber fhlte, da sie ihre Pflicht that, und in
dem Gedanken fand sie Beruhigung fr den sonst sicher zu herben, vernichtenden
Gram. Rowson hatte ihr Wort; zwar kannte sie damals, als sie es gab, den Mann
noch nicht, bei dessen erstem Anblick sie erst empfinden sollte, was Liebe
eigentlich sei, aber es war gegeben, freiwillig, ohne Zwang und Zureden - sie
durfte nicht zurcktreten. Und htte sie es auch vor Gott verantworten knnen,
das Herz des einen Mannes, und dieser Eine ihr rechtmiger Brutigam, zu
brechen, um einen Andern glcklich zu machen? Hatte ihr nicht Rowson mit seiner
weichen, klangvollen Stimme erst noch neulich gesagt, wie er nur in ihr seine
irdische Seligkeit finden knne, wie ihm ihr Antlitz das sei, was der Pflanze
Luft und Sonnenschein, da ihre Nhe schon eine stille, fromme Gluth durch seine
ganze Seele giee, und er verzweifeln mte, wenn sie sich je von ihm wenden
wrde?
    Ach, das arme Mdchen benetzte in jener Nacht ihr Kissen mit heien, heien
Thrnen. Kein Mensch sah sie, aber im brnstigen Gebet kam ihr Trost und
Beruhigung in das gequlte bangende Herz, und der andere Morgen fand sie stark
und gefat.

    Es war wieder ein Freitag, gerade vierzehn Tage nach jenem entsetzlichen
Abend, an welchem die arme Indianerin dem feigen Mrder zum Opfer fiel; die
Sonne stand noch ber den maigrn schimmernden Wipfeln der herrlichen
Baumgruppen, die sich an der Grenze des kleinen Feldes dicht zusammendrngten,
als ob sie jetzt fest entschlossen seien, dem weiteren Vorrcken der
tolldreisten Menschenfaust krftig und gemeinsam entgegenzutreten. Recht
ernstlich reichten sie sich die starken, gewaltigen Arme herber und hinber und
flochten mit den rankenden Schlingpflanzen die mchtigen Netze, die sie auf
immer und ewig mit einander verbinden sollten. Dazu schttelten sie im leichten
Sdwind altklug und schlau die buschigen Hupter, und kecke Eichhrnchen trugen
spielend und scherzend die Botschaften hin und her. Armer Wald - du wirst der
Axt nicht widerstehen, die sich langsam, aber sicher in deine Reihen frit.
Deine Stmme werden fallen, und ranken sich dann auch in enger, liebender
Umarmung Liane und Weinrebe fest um dich her und lassen nicht ob von dem
Gestrzten, es ist umsonst, sie knnen mit ihm sterben, aber ihn nicht retten.
    Vor und in dem Farmhause des alten Roberts herrschte indessen ein reges,
freudiges Leben. Die holde Marion stand, mit einem kleinen Korb am Arm, unter
einer flatternden und gackelnden Schaar von Hhnern, Enten und Gnsen und
streute weit hinaus in den reinlichen Hof die goldenen Maiskrner; drauen an
der niedern Fenz aber strmte ein ganzes Rudel grunzender und tobender Ferkel
auf und ab und suchte vergebens in wilder Hast einen Eingang, um an dem
freigebigen Mahle Theil zu nehmen. Die Mutter sa dabei und schaute lchelnd dem
lebendigen Treiben zu, als Marion pltzlich einen leisen Schrei ausstie und den
leeren Korb, den sie eben zum Hause zurcktragen wollte, fallen lie.
    An der Fenz stand Rowson und winkte ihr mit freundlich lchelndem Antlitz
einen Gru herber. Er hatte seine Geschfte beendet und war gekommen, um seine
Braut heimzufhren.
    Was ist Dir? rief im ersten Moment erschrocken die Matrone, bemerkte aber
auch zu gleicher Zeit den lange und sehnschtig Erwarteten und sagte - ihm
freundlich die Hand entgegenstreckend: Nun, das ist schn, Mr. Rowson - sehr
schn von Ihnen, da Sie endlich wieder da sind. Wir haben Sie recht sehnschtig
erwartet.
    Marion auch? frug der Priester lchelnd, indem er, ber die niedere Fenz
tretend, die Hand des errthenden Mdchens ergriff und leise prete, Marion
auch?
    Ich freue mich recht, Sie gesund und wohl wieder zu sehen, flsterte die
Jungfrau, Sie wissen ja, da Sie uns stets willkommen sind.
    In Ihrem Hause - aber auch in Ihrem Herzen, Marion? frug Rowson dringend.
Das Mdchen zitterte und schwieg. Marion, fuhr der Methodist nach langer Pause
fort - der Segen des Himmels ist auf meinem jetzigen Zuge mit mir gewesen. Ich
bin jetzt wohlhabend genug, um mir hier in unsern bescheidenen Verhltnissen
eine Heimath grnden zu knnen. Marion, willst Du mein sein, willst Du am
nchsten Sonntag, am Tage des Herrn, mein Weib werden?
    Ja, sagte die Mutter gerhrt, als sie das bebende, keines Wortes mchtige
Kind an ihre Brust zog - ja, ehrwrdiger Herr - sie hat es mir schon gestanden,
da sie Euch gut sei, und das Uebrige findet sich Alles, Ihr werdet sie
sicherlich glcklich machen.
    Was in meinen Krften, in den Krften eines armen sndigen Menschen steht,
sagte der Methodist, indem er die Augen fromm zum Himmel erhob, werde ich thun.
Ich glaube auch gewi, da Marion fest davon berzeugt ist; darf ich es
wenigstens hoffen?
    Das schne Mdchen reichte ihm lautlos die Hand hinber, die er an seine
Lippen drckte, und schluchzte laut am Herzen der Mutter.
    Hallo, Rowson! sagte der alte Roberts, der in diesem Augenblick neben der
Fenz erschien, Ihr habt richtig Wort gehalten. Nun, wie stehen die Geschfte?
    Vortrefflich, Mr. Roberts! erwiderte der Methodist freudig, besser sogar,
als ich erwartet hatte, und ich komme nun, um Euch um Euren Segen zu der
Verbindung mit Eurer Tochter, und zwar auf nchsten Sonntag, zu bitten.
    Wird das dem Mdchen aber nicht zu unerwartet und schnell kommen? frug
Roberts, indem er sein Pferd dem Negerknaben bergab und, die Fenz bersteigend,
zu ihnen hinantrat.
    Sie ist damit einverstanden, sagte die Mutter, was brauchen wir auch hier
im Walde groe Vorbereitungen? Wie aber ist's mit Ihrer Wohnung, Mr. Rowson?
    Ich wollte Sie Beide zu gleicher Zeit bitten, sagte der Prediger, diese
morgen frh, wenn Sie mir ein paar Stndchen Zeit schenken knnen, in
Augenschein zu nehmen. Sie ist zwar noch klein und beengt, ich werde aber
wahrscheinlich in dieser Woche mit Atkins handelseinig werden und dessen Platz
kaufen; nachher knnen wir uns schon besser rhren.
    Wre es denn aber gerade darum nicht besser, meinte Roberts, Ihr wartetet
noch mit der Heirath, bis das geschehen ist? Es ersparte viele Umstnde beim
Ausziehen und - ist auch dem Mdchen sicherlich lieber, gleich in eine kleine
Farm, als blos in eine Blockhtte einzuziehen.
    Das ist allerdings nicht zu leugnen, erwiderte Rowson dann aber ist es
noch unbestimmt, wann Atkins fortzieht, es knnen vier, ja vielleicht sogar acht
Wochen darber hingehen, und, bester Mr. Roberts, Sie werden es mir nicht
verdenken knnen, wenn ich mich jetzt, nach Beseitigung so vieler Hindernisse,
sehne, Marion die Meine zu nennen.
    Nun, in Gottes Namen, sagte der alte Mann, nehmt sie hin und seid
glcklich mit einander.
    Dank - herzlichen Dank! rief Rowson, gerhrt seine Hand ergreifend -
Marion soll nie bereuen, ihr knftiges Schicksal meiner Hand anvertraut zu
haben. Doch jetzt lebt wohl, Ihr lieben Eltern, erlaubt, da ich Euch so nennen
darf, und bald -
    Aber wollen Sie denn nicht lieber heut Abend bei uns zubringen? fragte Mrs
Roberts - Sie sind so lange fort gewesen, und es ist eigentlich nicht recht,
die Braut fortwhrend allein zu lassen.
    Die Zeit ist kurz, meine gute Mrs. Roberts, seufzte Rowson, und hier in
unserer Ansiedelung, wo die Nachbarn so weit von einander entfernt wohnen,
vergeht, mit nur wenigen Besorgungen, ein Tag ungemein geschwind. Ich hoffe aber
bis morgen Abend Alles beendet zu haben und dann wenigstens noch die letzten
Stunden vor dem glcklichen Tag in Ihrer Gesellschaft, in der Gesellschaft
meiner Braut verbringen zu knnen.
    Gut - gut, Mr. Rowson, sagte der Alte - das ist ganz in der Ordnung. Sie
sind jetzt eine Woche von zu Hause fort gewesen, da ist natrlich viel in
Ordnung zu bringen; also morgen Abend sehen wir uns wieder - apropos - es bleibt
doch dabei, da wir am Montag zusammen zu Atkins gehen?
    Sicherlich, sagte der Prediger.
    Nun gut, fuhr Roberts fort, ich habe schon heut Abend Brown darum
gebeten, uns anzumelden; der kommt morgen frh dort vorbei, um der
Regulatorenversammlung beizuwohnen, die bei Bowitts gehalten werden soll.
    Mir wurde gesagt, die Regulatoren htten sich aufgelst, sagte Rowson
etwas eifriger, als sich sonst mit seinem ruhigen, gesetzten Benehmen vertrug.
Auf meiner Reise hrt' ich das als ganz bestimmt.
    Nicht doch - es soll jetzt erst recht losgehen. Ich glaube, sie haben, wie
ich heute hrte, Verdacht auf mehrere Personen der Nachbarschaft, und da wollen
sie wohl morgen mit einander berathen, was jetzt, da die Zeiten doch einmal so
gefhrlich -
    Wre es nicht mglich, dieser Versammlung einmal beiwohnen zu knnen?
unterbrach ihn Rowson.
    Warum nicht, lachte Roberts, dann mssen Sie aber Regulator werden, und
meines Wissens haben Sie bis jetzt sehr dagegen geeifert.
    Den Regulatoren thte ein Mann noth, sagte Rowson schnell gefat, der
ihren zu strmischen Eifer manchmal zgelte und sie von Excessen, wie die zum
Beispiel in White County, zurckhielte. In diesem Sinne wrde ich es selbst mit
meiner Stellung nicht unvereinbar finden, mich ihnen anzuschlieen.
    Roberts sah ihm forschend in's Auge, und Rowson fuhr leicht errthend fort:
    Sie glauben, da ich in so kurzer Zeit meine Meinung gendert habe? Nein,
wahrlich nicht, ich halte die Versammlung der Regulatoren noch immer fr
unrecht, weil sie ungesetzlich ist -
    Aber -? sagte Roberts, als Jener stockte.
    Nun, Du hast es ja schon gehrt! rief Mrs. Roberts halb rgerlich, der
gute Mr. Rowson hat ganz Recht. Das junge Volk tobt da toll und wild in den Tag
hinein - ich sage ja gar nicht, da sie's bse meinen, - aber sie glauben recht
zu handeln und ben dann vielleicht manchmal das grte, schreiendste Unrecht
aus, und ich, an Mr. Rowson's Stelle -
    Es werden Keine in den Verein aufgenommen, sagte Roberts, den Prediger
dabei fortwhrend ansehend, whrend dieser den Blick mehrere Mal niederschlug,
endlich aber dem seinigen fest begegnete, die nicht auch thtigen Antheil
nehmen. Ich glaube nicht, da sie einen Rathgeber, wenn sie auch dessen bedrfen
sollten, dulden werden.
    Es kommt auf einen Versuch an! rief Rowson, der jetzt seine ganze
Geistesgegenwart wieder erlangt hatte. Ich werde mich morgen, wenn es mir
irgend mglich ist, dort einfinden und nicht eher gehen, bis sie mich fortweisen
; ich habe in diesem Falle meine Schuldigkeit gethan - mehr kann selbst Gott
nicht verlangen.
    Brav, sagte Roberts, ihm die Hand treuherzig schttelnd, brav gesprochen.
Es freut mich, wenn ich sehe, wie ein Mann seinen Grundstzen treu bleibt.
    Wer ist jetzt ihr Anfhrer?
    Brown - wenigstens fr den Fourche la fave.
    Der ist dann wenigstens seinen Grundstzen nicht treu geblieben,
entgegnete der Prediger, indem er zu dem alten Mann aufsah; ich erinnere mich
noch recht gut der Worte, die er hier an dieser selben Stelle ber eben diese
Verbindung uerte.
    Das ist etwas Anderes, erwiderte ernsthaft der alte Farmer. Brown sah
sich halb und halb dazu gezwungen, an dieser Verbindung thtigen Antheil zu
nehmen, da sein eigener guter Name auf dem Spiel stand. Er war als Mrder
frmlich angeklagt, und sein einziges Streben ist jetzt, den wirklichen Mrder
Heathcott's heraus zu bekommen. Er hatte zwar den Streit mit ihm, denn Heathcott
war berhaupt etwas rauher Natur, und ich wei mich noch recht gut zu erinnern
-
    Ich glaubte, die Hauptabsicht der Regulatoren beschrnkte sich auf die
Entdeckung der Pferdediebe, sagte Rowson, leicht erbleichend.
    Nur theilweise, doch wenn Ihr morgen der Versammlung beiwohnt, werdet Ihr
das Alles hren. Jetzt gilt es, so viel ich erfahren habe, die Verdchtigen
aufzugreifen, um von diesen, wenn sie auch wirklich nicht die Thter sind,
wenigstens auf die Spur gebracht zu werden.
    Wenn sie nur den schndlichen Mrder der armen Wilden entdeckten, sagte
Mrs. Roberts. Oh, Mr. Rowson, Sie glauben gar nicht, wie ich schon deshalb
gebetet habe! Die Frau war so fromm und gut und hing mit einer solchen Ehrfurcht
an Ihnen. Ach, wie oft habe ich sie whrend Ihrer Predigten weinen sehen, als ob
ihr das Herz brechen wollte - und nun so jung und auf solche Art sterben zu
mssen.
    Ja, es ist schrecklich! sagte Rowson, selbst tief erschttert, freilich um
einer andern Ursache willen. Doch, meine Freunde - ich mu wirklich fort, also
gute Nacht fr heute. - Gute Nacht, Marion, wo ist das Mdchen?
    Marion - Kind! - so komm doch heraus hier! rief die Mutter - Herr Rowson
will Dir gute Nacht -
    Lat sie gehen, verehrte Freundin, sagte der Methodist abwehrend - das
Herz ist ihr voll und sie wird sich mit ihrem Gott unterhalten. Morgen hoffe ich
sie recht froh und heiter anzutreffen.
    Damit winkte er Beiden noch einen herzlichen Gru zu, bestieg sein kleines
Pony und trabte fort, in den jetzt dmmernden Wald hinein.
    Mutter, was ist dem Mdchen eigentlich? frug Roberts, als der Priester
sich entfernt hatte - sie kommt mir so sonderbar vor. Ich will doch nicht
hoffen, da sie zu einer Heirath mit dem Manne gezwungen wird?
    Nrrischer Mann, wer sollte sie denn zwingen? lchelte die Matrone. Es
ist nur noch ein halbes Kind, und da betrgt es sich ngstlich und wunderlich;
mag ihr auch wohl schwer genug ankommen, die Eltern zu verlassen. Nun, an dieses
Mannes Seite -
    Ja, schon gut, sagte Roberts, den Sporn abschnallend und ihn auswendig am
Haus unter einem kleinen Vorbau neben den Sattel und Zaum hngend - schon gut,
das hab' ich schon oft gehrt -
    Du hast keine Vorliebe fr den frommen Mann -
    Nein - Vorliebe nicht; ich sehe nicht ein, warum unser Kind mit ihm gerade
so viel glcklicher werden sollte, als mit jedem Andern. Ein chter braver Kerl
mit einem guten Herzen, und der - etwas mehr ein Mann wre, wrde mir,
aufrichtig gesagt, eben so willkommen gewesen sein, vielleicht noch
willkommener, doch - wie Gott will. Ihr Frauen seid damit einverstanden, und ich
habe weiter nichts dabei zu thun, als Ja zu sagen. Einen Anfang hat er, um eine
kleine Farm zu beginnen, und ein fleiiger Mann wird dabei in Arkansas nicht zu
Schanden.
    Rowson's treuherziges Benehmen hatte den Alten wieder ganz fr sich
gewonnen, denn selbst so recht von Herzen gut und brav, traute er auch Anderen
nicht leicht etwas Schlechtes zu, warum also gerade Dem, der in der ganzen
Ansiedelung als ein so frommer und gottesfrchtiger Mann bekannt war.
Durchkreuzte auch wirklich manchmal ein dunkler Verdacht sein Hirn, so wurde er
sich entweder selbst nicht recht klar darber, oder er verwarf ihn
augenblicklich wieder als toll und falsch.
    Was waren aber indessen die Gefhle des Priesters, der langsam und sinnend
durch den schattig-dunkeln Wald dahinritt? Weit genug von dem Hause entfernt,
da er von dort aus nicht mehr gesehen oder beobachtet werden konnte, stieg er
von seinem Pferde, nahm es am Zgel und schritt ernst und in tiefen Gedanken
versunken auf der schmalen Strae hin, die sich, allen Hindernissen, sowie
starken Bumen und sumpfigen Stellen ausweichend, durch den Wald schlngelte.
Endlich blieb er stehen und sagte halbleise und vor sich niederstarrend:
    Es wird mir fast zu hei hier in Arkansas - der Teufel kann einmal sein
Spiel haben und durch irgend einen Zufall - man hat da wunderbare Beispiele -
Sachen an das Licht bringen, die meinem guten Rufe in dieser Gegend gerade nicht
frderlich sein wrden. Ich mu fort - und das sobald als mglich - Atkins mag
sehen, wie er seine Farm verkauft, ich will mich nicht hier fesseln, da ich
nachher, wenn alle Anderen ihren Rcken gedeckt haben, allein der Rache jener
klffenden Hounds preisgegeben bin. Nein! - Zwar ist der Indianer verschwunden,
fuhr er nach einer Weile fort - und ohne den mcht' es ihnen doch schwer
werden, irgend etwas - ich wei wirklich nicht einmal, wie es mit dessen Hlfe
mglich ist - das Federmesser -
    Das Pferd spitzte die Ohren und der Indianer stand neben ihm.
    Good day, Mr. Rowson, sagte er leise, als er aus dem Dickicht trat und
leicht grend an ihm vorberschritt.
    
    Assowaum! rief Rowson, wie er selbst fhlte mit Todesblsse im Antlitz -
Assowaum - wo - wo waret Ihr so lange? - wir haben Euch in der Ansiedelung
vermit.
    Der blasse Mann ist ja ebenfalls fern gewesen, erwiderte der Indianer, das
Auge dabei fest auf den Prediger geheftet - Assowaum kehrt zu dem Grabe seines
Weibes zurck.
    Und hast Du noch nichts von dem Mrder entdeckt?
    Nein! sagte der Wilde mit fast tonloser Stimme - noch nicht - der groe
Geist hat dem heiligen Vogel gewehrt, mir den Namen des Verrthers in das Ohr zu
flstern. Assowaum hat deshalb mit dem Geiste seines Volks an einer Stelle
gesprochen, die noch von keines Weien Fu entweiht wurde. Er harrt jetzt der
Stimme seines Manitou.
    Mge er Dir gnstig sein, sagte der Priester, ganz seinen frheren Abscheu
gegen den Gtzendienst des Indianers vergessend. Dieser aber schritt grend
weiter, der Methodist schwang sich in seinen Sattel und flog, als ihn eine
Biegung der Strae den Augen des rothen Mannes verbarg, seinem Pony die Hacken
in die Seiten bohrend den Weg entlang, da seine langen braunen Haare in dem
frischen Abendwinde flatterten, und das Ro, solcher Behandlung ungewhnt,
schumte und schnaubte, als es mit seinem ungeduldigen Reiter durch das flache
Thalland dahinbrauste.

                                      21.

   Wilson's Gestndnisse. - Die schne Wscherin. - Arkansische Wiege. - Der
                                    Rckzug.


Roberts hatte noch nicht lange Harper's Htte verlassen, als sich Brown
ebenfalls rstete, zu Bowitt hinauf zu reiten, an dessen Haus am nchsten Morgen
die Versammlung der Regulatoren gehalten werden sollte. Cook begleitete ihn ein
Stck Weges, ritt jedoch dann links ab, um in seinem eigenen Hause zu
bernachten und mit Tagesanbruch nachzufolgen, whrend Bahrens bei dem
Reconvalescenten zu bleiben versprach. Harper verschwor sich brigens hoch und
heilig, da das der letzte Tag gewesen sein solle, den er sich habe in dem
verwnschten Hause einsperren lassen.
    Ich mu wieder einmal Laub und Moos unter den Fen fhlen, rief er aus,
mu wieder einmal das grne Bltterdach ber mir sehen, eher werde ich nicht
gesund. Es wurde also verabredet, da er am nchsten Tage mit nach Bahrens'
Hause reiten und dort eine Woche zubringen solle. Da die Tour aber fr einen
durch die Fieber Geschwchten auf einmal zu gro geworden sein wrde, so wollten
die Mnner die erste Nacht bei Roberts bernachten, der sie schon lange
eingeladen hatte.
    Brown trabte indessen auf seinem feurigen kleinen Pony den schmalen, im
Laube kaum erkennbaren und sonst nur durch abgeschlte Stcke Baumrinde
bezeichneten Pfad fort und erreichte in etwa anderthalb Stunden Wilson's kleine
Farm, den er ebenfalls gerade im Begriff fand, sein Pferd zu besteigen.
    Hallo, Wilson - wohin soll die Reise gehen? auch zur
Regulatorenversammlung'? rief Brown ihm freundlich entgegen.
    Ja! sagte der junge Mann, wurde aber merklich roth dabei und schnallte mit
einem ganz verzweifelten Eifer am Sattelgurt. Der war indessen schon berdies
zum Zerplatzen angespannt und veranlate nur das Pferd, einige hchst
ungeduldige Bewegungen zu machen, whrend es mehrere Male bedeutend nach Luft
schnappte.
    Was macht Ihr denn, Wilson? lachte Brown, der es bemerkte - schnrt ja
dem armen Thiere die Seele aus dem Leibe. - Wollt Ihr denn ein Wettrennen
halten, da Ihr so nach dem Zeuge seht?
    Nein, das gerade nicht, murmelte der Andere, welchen Weg reitet Ihr?
    Ich wollte zu Euch - und Ihr?
    Ich? - ich gedachte bis Atkins -
    Nun, das ist schn, dann komm' ich ein andermal zu Euch und bleibe heute
Abend mit bei Atkins. - Ich habe berdies dort eine Bestellung von Roberts
auszurichten.
    
    Wilson wollte noch etwas dagegen einwenden, Brown achtete aber nicht darauf,
oder mute es berhrt haben, denn er rief dem Freunde nur flchtig zu,
aufzusitzen, und drehte dann seines Pferdes Kopf dem neu bestimmten Lagerplatze
zu.
    Wilson war bald an seiner Seite und frug endlich, wahrscheinlich nur um das
Schweigen zu brechen:
    Ihr habt also einen Auftrag von Roberts - wohl fr Rowson? Der will ja
Atkins' Farm kaufen, wie man sagt - wenn Atkins nmlich wirklich fortzieht.
    Ist denn das noch nicht bestimmt?
    Wer wei es denn? Der alte Bursche ist finster und verschlossen, wie das
Grab. Mir sagt er's schon gar nicht.
    Warum denn Euch nicht eben so gut als jedem Andern? frug Brown lchelnd,
whrend Wilson auf einmal ganz unerwartet ein Lied zu pfeifen anfing und mit der
Reitgerte, die er sich von einem Busche gebrochen, seine Leggins klopfte. Auch
schien er eine Weile die Antwort auf diese Frage schuldig bleiben zu wollen, bis
sie Brown wiederholte, dann aber zgelte er sein Pferd ein, streckte dem jungen
Mann, als dieser ebenfalls neben ihm halten blieb, die Hand herber und sagte
mit herzlichem Ton und Blick:
    Ihr sollt meine ganze Geschichte erfahren, Brown, mit ein paar Worten ist
sie gesagt, und - Ihr meint es gut - vielleicht knnt Ihr mir selbst einen Rath
geben.
    Nun, lat hren, entgegnete ihm der Freund, vielleicht, vielleicht auch
nicht - es ist nicht oft, da ich um Rath gefragt werde, und noch dazu in -
Herzensangelegenheiten, lchelte er zu Wilson hinber, als er sah, wie diesem
das Blut in Wangen und Schlfe stieg.
    Ja - Ihr habt Recht, flsterte er endlich - es ist eine
Herzensangelegenheit, doch - keine glckliche. Seid Ihr in Atkins' Hause
bekannt?
    Ich war nie dort.
    Er hat ein Kind - eine angenommene Waise - ein Mdchen - ach, Ihr lacht
mich aus, wenn ich von ihr reden wollte, wie's mir um's Herz ist. - Ja, ich wei
wohl, wenn Ihr auch schon mir zu Liebe an Euch hieltet, inwendig machtet Ihr
Euch doch ber mich lustig. Nun, ich will Euch die Beschreibung erlassen; ich
liebe das Mdchen schon seit einem Jahr, wo sie damals mit Atkins an den Fourche
la fave zog, und der Vater - will sie mir nicht geben. Es ist zwar nur ihr
Pflegevater, hat sie aber erzogen und eine wackere Dirne aus ihr gemacht, was
freilich nicht die Schuld seiner Frau ist. Jetzt jedoch will er ihr einen Mann
aufdringen, den sie nicht mag und den sie unter keiner Bedingung nehmen will -
aber - er qult sie doch.
    Das ist freilich schlimm, sagte Brown - wie alt ist sie?
    Ach, leider erst siebzehn Jahre, seufzte Wilson - wre sie einundzwanzig,
so brauchten wir den Alten nicht zu fragen.
    Hat sie Euch denn recht von Herzen lieb?
    Sie hat es mir mehr als tausendmal gestanden.
    Nun, worin besteht denn da eigentlich die groe Noth? Das Herz der Eltern
wird sich doch Wohl noch mit der Zeit erweichen lassen, trstete ihn Brown.
    Ja, wenn es nur Zeit htte! rief Wilson ungeduldig aus; Rowson hlt
morgen Hochzeit, und da soll Ellen hinber kommen und den jungen Leuten die
Wirthschaft fhren helfen.
    Morgen? hauchte Brown erbleichend.
    Ja - am Nachmittag, fuhr Wilson, ohne es zu bemerken, fort. Hat Atkins
dann ausverkauft, so will er nach Texas, und - das Mdchen mu mit.
    Nun, so geht Ihr mit ihm, sagte Brown, der kaum noch hrte, was der Andere
sprach.
    Das geht nicht, erwiderte dieser - ich habe meine alte Mutter in
Tennessee, nicht weit von Memphis, wohnend, und die mt' ich auf jeden Fall
erst holen. Sie lebt jetzt bei fremden Leuten, und dort soll sie mir einmal
nicht sterben.
    Da werd' ich freilich wenig fr Euch thun knnen, seufzte Brown etwas
zerstreut, ich kenne Atkins gar nicht, habe ihn erst einmal gesehen, und es ist
doch hchst unwahrscheinlich, da er auf meine Frsprache auch nur das geringste
Gewicht legen wrde.
    Das sollt Ihr auch nicht bei Atkins versuchen, sondern bei jemand ganz
Anderem.
    Und bei wem?
    Bei Madame Rowson. - Ihr seid mit Roberts gut bekannt, und Marion hlt viel
auf Euch, das wei ich. Wenn Ihr sie recht schn fr mich bitten wolltet, sie
tht' es Euch sicherlich zu Gefallen.
    Madame Rowson, sagte Brown leise und wie in tiefen Gedanken verloren, -
Madame Rowson - kann sie helfen?
    Oh, sie gilt sehr viel bei Atkins, betheuerte Wilson. Als Atkins' Frau im
letzten Sommer so lange und gefhrlich krank lag, hat sie ganze Wochen lang mit
Ellen an ihrem Bette gewacht. - Ihr thun sie Alles zu Liebe, es ist ein gar so
gutes Mdchen -
    Ja - ja! seufzte Brown tief auf.
    Nicht wahr, das glaubt Ihr auch?
    Was?
    Da sie ihr Alles zu Gefallen thun werden.
    Guter Wilson, sagte Brown, sich halb von seinem Begleiter abwendend - Ihr
httet Euch in dieser Sache sicherlich an einen Besseren wenden knnen, als an
mich. Rowson selbst wrde da vielleicht ein ntzlicherer Frsprecher sein.
    Ja, sagte Wilson halb rgerlich, das wei ich; aber verdammt will ich
sein, wenn ich den Mann leiden kann. Die ganze Nachbarschaft hat ihn gern, die
Frauen wenigstens, die ganz versessen auf ihn sind, doch ich, ich wei nicht,
mir wird's immer unbehaglich, wenn ich mit ihm freundlich thun soll. Sonderbar
mssen auch seine Verhltnisse sein. Vor einem Jahr kommt er hierher, sagt
selbst, da er arm ist, arbeitet nicht das Mindeste, predigt nur und bekommt von
keinem Menschen einen Cent dafr, hat aber immer Geld, treibt sich auf solche
Art zwlf Monate im ganzen County umher und heirathet auf einmal das schnste
Mdchen am Fourche la fave (Ellen ausgenommen, denn, ich wei nicht, die gefllt
mir doch noch besser). Ich selbst habe weiter nichts gegen Rowson, kann nichts
gegen ihn haben, denn da er feig ist, nun, was kmmert das mich, aber - um eine
Geflligkeit mcht' ich ihn nicht bitten, und wenn mein ganzes Lebensglck auf
dem Spiele stnde.
    Habt Geduld, Wilson, trstete ihn Brown, wenn Euch das Mdchen liebt und
der andere Mann ihr Wort noch nicht hat, so wird sich auch Alles noch einrichten
lassen. Ihr habt viele Freunde hier und seid jung und fleiig - was wollt Ihr
mehr?
    Das Mdchen will ich, Brown, sagte Wilson treuherzig, und wenn Ihr auch
noch so schn predigt, so seht Ihr mir doch ebenfalls aus, als wenn Ihr den
entsetzlichsten Kummer auf der Welt httet und keinem Menschen ein Wort davon
anvertrauen knntet. Nein, so still halt' ich's nicht aus. Bis Atkins fortgeht,
mu sich mein Schicksal entscheiden, und will oder kann mir bis dahin Keiner von
Euch helfen, da ich das Mdchen im Guten bekomme, nun so hol' mich der Teufel,
wenn ich sie nicht entfhre - und mit geht sie, das wei ich.
    Habt Ihr denn schon bei Atkins um sie angehalten?
    Ja, und sie - die Alte - ein bitterbses Weib, hat mir gedroht, mich zur
Thr hinauszuwerfen, wenn ich mich noch einmal dort blicken liee.
    Und jetzt wollt Ihr hin?
    Allerdings - aber nicht in's Haus, lachte Wilson - so auf den Kopf
gefallen bin ich nicht. Nein, Ellen wscht heute unten am Bache, ein paar
hundert Schritt vom Hause entfernt, im Busch drin, und da das fast die einzige
Zeit ist, wo ich ungestrt ein Wrtchen mit ihr plaudern kann, so wollt' ich die
Minuten wenigstens benutzen. Nachher, wenn sie ihre Arbeit beendet hat, reit'
ich noch nach Bowitts hinber; das Wetter ist ja warm und schn.
    Kann ich denn Euer Liebchen nicht einmal zu sehen bekommen, da ich doch
wenigstens wei, welchen Geschmack Ihr habt? lchelte Brown.
    Warum das nicht? rief freudig Wilson, sie wird Euch gefallen, und ich
brauche mich ihrer nicht zu schmen; aber kommt denn, wir sind nicht weit mehr
von dem Platze entfernt und mssen hier rechts abbiegen, sonst sehen sie uns vom
Hause aus. - Halt - hier lat Euer Pferd, denn durch die Slew knnen wir nicht
reiten, und zur Brcke liegt nur eine alte, drre Cypresse darber hin. Mein
Pony nehme ich brigens hinunter in das Schilfdickicht - da ist sein
gewhnlicher Platz.
    So, sagte er, als er jetzt schnell wieder zurckgesprungen kam und dem
Freunde ber die schmale Brcke voranlief - so - dort ist sie, aber nur leise,
wir wollen sie berraschen.
    Die Mnner schlichen auf den Zehen einem kleinen offenen Fleck im Walde,
gerade in der Biegung des Baches zu, der seine Wasser dem nicht weit entfernten
Fourche la fave in tausend Krmmungen entgegenfhrte, und blieben hier, von dem
lieblichen Schauspiel, das sich ihnen bot, wirklich berascht, stehen. Wilson
aber warf dem Freund einen triumphirenden Blick zu, als ob er htte sagen
wollen: siehst Du, da ich Recht habe? Ist das ein Wesen fr Texas, und soll ich
mir diese holde Blume entfhren lassen?
    Neben dem kiesigen Bachufer, von zwei niederen Holzgabeln gesttzt, hing
ber einem kleinen knisternden Feuer ein mchtiger schwarzer Kessel; mehrere
kleine Bnke standen in einem Halbkreis umher und trugen in einzelnen
Abtheilungen die verschiedenen Wscharten, farbige und weie, und vor einem
tischhnlich befestigten Brett stand Ellen, Wilson's holdes Lieb, schlug mit dem
breiten Waschholz die einzelnen Stcke Weizeug, die sie aus einem neben ihr
stehenden Kbel nach einander vornahm, und begleitete mit ihrer silberhellen
Glockenstimme die regelmigen Schlge des Klppels. Aber nicht ihre einzige
Beschftigung war das. Dicht daneben, zwischen zwei schlanken Hikorystmmen
befestigt, hing, von dem leichten Sdwind geschaukelt, eine kleine, aus
Papaorinde geflochtene Hngematte, in der ein rothbckiges Kindchen bis jetzt
still und friedlich geschlummert hatte. Das schlug aber jetzt die groen dunkeln
Augen auf, that einen Blick in die Hhe und verzog dann, anstatt die herrliche,
es umgebende Natur freundlich anzulcheln, das kleine liebe Gesichtchen zu einer
so entsetzlich sauern Miene, da alle Anzeichen eines nahenden Sturmes und
Wehegeschreis zu frchten waren. Ellen hatte den kleinen Schlfer aber nicht
auer Acht gelassen und bemerkte kaum das Erwachen des angehenden, ungeduldigen
Weltbrgers, als sie auch ihren Klppel schnell fallen lie, die Hngematte in
etwas lebhaftere Bewegung setzte und dem durch ihre Gegenwart sogleich
beruhigten Kinde mit leiser, schmeichelnder Stimme ein Wiegenlied vortrllerte.
Die Mnner lauschten schweigend und Ellen, ihre Nhe nicht ahnend, sang, munter
bald sich zu dem jetzt lchelnden Kinde niederbiegend, als ob sie es kssen
wollte, bald neckend von ihm zurckfahrend:

Es schaukelt so leise
Der spielende Wind
Im sicheren Netze
Das lchelnde Kind.

Es scheucht Dir die Fliegen
Und fchelt Dich, Lieb',
Und raubt tausend Ksse,
Der schelmische Dieb.

Er kt Dir die Schlfe,
Die Wnglein so rund,
Er kt Dir die Locken,
Den rosigen Mund.

Er pflckt von den Zweigen,
Was Lenz ihnen gab,
Und wirft Dir auf's Bettchen
Die Blthen herab.

So schlumm're, mein Herzchen,
Dein Wchter, der Wind,
Dein freundlicher Hter,
Er schaukelt das Kind.

Er schaukelt's so leise,
Was willst Du denn mehr? -
Mit neckischem Kosen
Wohl hin und wohl her. -

    Ach Gott! fuhr sie aber erschrocken auf, als Wilson bei dem letzten Vers
leise an sie herangetreten war und seine Hand um ihre Hfte legte - ach Du
bser Mensch, wie Du mich erschreckst hast!
    Sei nicht bse darber, mein liebes Mdchen, flsterte Wilson, einen Ku
auf die Lippen der sich nur schwach Strubenden pressend, aber sieh, hier hab'
ich Dir einen Freund mitgebracht - der -
    Ellen wandte sich rasch und erschrocken um. Als aber ihre Blicke denen des
freundlich lchelnden jungen Fremden begegneten, der ja auf jeden Fall auch den
Ku gesehen haben mute, frbte sich ihr Hals und Antlitz wie von Purpur
bergossen und flchtigen Fues wollte sie fort. Wilson aber fate noch zeitig
genug ihre Hand und bat flehend:
    Ellen - es ist ja ein guter Freund und er wei, da wir uns lieb haben;
berdies, fuhr er neckend fort, darf das kleine Frulein auch unter keiner
Bedingung fortlaufen und den ihr anvertrauten Schutzbefohlenen zurcklassen.
Also - da der Schelm in der Hngematte gerade keine besondere Lust bezeigt,
auszuwandern, so bleibst Du am liebsten hier. - Hab' ich Recht oder Unrecht?
    Unrecht, flsterte lchelnd das Mdchen, indem sie sich, immer noch von
hoher Gluth bergossen, vor dem Fremden verneigte - Unrecht, Du weit, da Du
immer Unrecht haben mut.
    Schne Gesetze, sagte Wilson mit ernst-komischer Miene zu Brown - sehr
schne Gesetze. Da sind unsere Regulatoren noch gar nichts dagegen.
    Die hlichen Regulatoren - rief Ellen.
    Halt da, unterbrach sie lachend Wilson - nicht so voreilig, Mi - hier
stehen zwei.
    Du ein -
    Stop a little - hier ist unser Hauptmann, und ich -
    Oh, Sie sind kein Regulator, nicht wahr? sagte halb ngstlich, halb
schmeichelnd das Mdchen zu Brown, das glaube ich nicht.
    Haben Sie einen so frchterlichen Begriff von diesen Menschen? lchelte
Brown.
    Ach ja - Mutter und Vater haben mir entsetzliche Dinge von ihnen erzhlt:
wie sie die unschuldigen Mnner Nachts aus ihren Betten holen, nur wenn Einer
von ihnen auf Jemanden bse ist, und sie dann an einen Baum binden und so lange
peitschen, bis sie sterben. Vater hat geschworen, Jeden todt zu schieen, der
Nachts in feindlicher Absicht ber seine Schwelle kme.
    Sie sind nicht so schlimm, als es Ihr Vater wohl glaubt, meinte Brown,
und wenn auch -
    Nun bitt' ich aber ebenfalls darum, ein Wort mit einlegen zu drfen, rief
Wilson, zwischen sie tretend. Ich bin denn doch wahrhaftig nicht hierher
gekommen, einer Abhandlung ber die Regulatoren zuzuhren. Ellen, hast Du noch
einmal mit Deiner Mutter gesprochen?
    Ja, sagte das arme Mdchen, traurig das Kpfchen senkend - sie meinte
aber -
    Du brauchst Dich vor Mr. Brown nicht zu scheuen, er wei Alles, betheuerte
Wilson, als er bemerkte, wie seine Braut diesem einen ngstlichen Seitenblick
zuwarf.
    Ach, es hilft ja auch nichts, es zu verschweigen, seufzte das arme
Mdchen, ganz Arkansas wird's doch wohl bald erfahren, da ich den rohen Cotton
heirathen soll.
    Cotton? frug Brown erstaunt.
    Ja - leider. - Zwar hat es mir die Mutter streng untersagt, den Namen gegen
irgend Jemand auszusprechen, aber weshalb nicht? - Eher sterb' ich, als da ich
den Menschen heirathe.
    Du sollst ihn auch nicht heirathen, sagte Wilson trotzig - verd - ja so,
das darf ich auch nicht, unterbrach er sich selbst, als ihm sein Liebchen einen
strafenden Blick zuwarf. Ich wei aber schon, was ich thue; haben wir erst die
Raubbande entdeckt, die hier ganz in unserer Nhe ihr schndliches Wesen treibt,
und will sich Atkins noch immer nicht erweichen lassen, nun gut, dann soll mich
- Dieser und Jener holen - das ist nicht geflucht - wenn ich nicht einen dummen
Streich mache und mit Dir davonlaufe.
    Und das nennt der Herr einen dummen Streich? sagte Ellen mit einem gar so
lieben und doch auch wieder recht wehmthigen Lcheln.
    Du weit ja, wie ich's meine, bat Wilson - aber was ist Euch, Brown - Ihr
seht so gedankenlos oder gedankenvoll, wie man's nehmen will, in die Baumwipfel
hinauf?
    Haben Sie den Mann, den Sie Cotton nannten, krzlich gesehen? wandte sich
Brown jetzt, ohne Wilson's Bemerkung zu beachten, an das junge Mdchen.
    Ja, sagte diese, vor etwa vier Tagen kehrte er, ich glaube vom
Mississippi, zurck, wohin er fast vor zwei Wochen aufgebrochen war. Er kommt
aber immer nur Abends, und ich mag sein heimliches, hliches Wesen nicht
leiden; - kennen Sie ihn?
    Ich glaube, wei es aber wirklich nicht gewi; kommt er wohl - aber was ist
mit Wilson?
    Brown hatte auch alle Ursache, diesem bestrzt nachzusehen, denn wie eine
Schlange glitt er pltzlich in's Dickicht und war in wenigen Secunden spurlos
verschwunden. Die Ursache dieses eigenthmlichen Rckzuges blieb aber nicht
lange ein Rthsel, denn fast zu gleicher Zeit erschien in dem nach dem Hause
zufhrenden Pfade die stattliche und selbst noch jugendliche Gestalt der Mrs.
Atkins, deren helles, schimmerndes Kleid Wilson noch zur rechten Zeit gewarnt
hatte, und der es jetzt dem Freunde berlie, mit dem anrckenden Feinde fertig
zu werden.
    Hallo da, Mi! rief die sich mit gewaltigen Schritten und hochgehobenem
Haupte nhernde Frau, hallo da - Herrengesellschaft? Ich habe schon seit einer
Viertelstunde keinen einzigen Schlag gehrt, die Wsche soll sich wohl allein
fertig machen?
    Das Kind - stotterte Ellen.
    Was da - Kind - das liegt so ruhig wie ein Gotteskferchen in seinem Neste;
leere Ausreden -
    Ich mu Sie bitten, die junge Dame meinetwegen zu entschuldigen,
unterbrach jetzt Brown vortretend die Zrnende, indem er sie freundlich grte,
ich komme mit einem Auftrag von den Herren Roberts und Rowson und beabsichtigte
eigentlich, die Nacht in Ihrer Wohnung zuzubringen.
    Dies ist nun freilich der breite Weg nicht, sagte Mrs. Atkins, jedoch
schon merklich besnftigt.
    Allerdings nicht, lchelte Brown, jetzt nur bemht, dem armen zitternden
Mdchen jedes harte Wort zu ersparen, ich kam aber ein Stck durch den Wald und
wute an der Slew nicht recht, ob ich hinauf- oder hinunterreiten solle, um das
Haus am schnellsten zu erreichen, ging also zuerst ber den darber
hinwegliegenden Stamm, um zu recognosciren, und fand die junge Dame hier, die
ich freilich durch meine Fragen einige Minuten in ihrer Arbeit strte.
    Junge Dame - hat sich 'was junge Dame, setzen Sie dem Mdchen nur keinen
Unsinn in den Kopf. Doch mein Mann ist oben im Hause; wo steht denn Ihr Pferd,
ich will den Jungen danach schicken!
    Gerade dort, wo die Cypresse ber der Slew liegt, erwiderte Brown, dem
jetzt daran lag, die zrnende Frau mit zum Hause zurck zu nehmen, um Wilson
freien Spielraum zu lassen.
    Gut, so kommen Sie, sagte Madame Atkins - und Du, Mamsell, hltst Dich
dazu und bist fleiig. Noch nicht die Hlfte von der Wsche geklopft - es ist
eine Schande, und schon an zwei Stunden hier unten! Da Du mir vor Dunkelwerden
fertig wirst! Und was macht das Kleine? wandte sie sich dann mit wahrhaft
mtterlicher Zrtlichkeit in dem sonst so rauhen Tone zu der schwebenden Wiege
des Kindes nieder, das der bekannten Gestalt mit freundlichem, jauchzendem
Lcheln entgegenstrampelte - das gefllt dem Kinde? nicht wahr? schaukeln - den
ganzen Tag schaukeln, und nachher schlft's die Nacht nicht, und Ellen mu bis
Tagesanbruch mit ihr herumlaufen - der kleine Schelm; aber ja - Sie warten; also
Ellen, da Du mir fleiig bist!
    Und mit den Worten warf sie noch dem Sugling einen freundlichen Ku zu und
schritt dann, von Brown gefolgt, dem nicht sehr fernen Wohnhause wieder zu.

                                      22.

              Atkins' Wohnhaus. - Der fremde Besuch. - Die Parole.


Atkins' Wohnhaus unterschied sich, und zwar sehr zu seinem Vortheile, bedeutend
von den meisten Blockhtten der Ansiedelung, obgleich es auch eigentlich nur aus
Stmmen errichtet war. Diese aber, von innen und auen behauen, bildeten zwei
vollkommen gleiche, anderthalb Stockwerk hohe Huser, welche in der Mitte durch
einen nach Norden und Sden offenen Zwischenraum verbunden wurden, wobei sich
das Ganze unter einem Dache befand. Auch inwendig war der Farmer auergewhnlich
thtig gewesen, und die sauber abgehobelten Bretter, mit denen er jede Spalte
hchst sorgsam vernagelt, wurden nur hier und da durch einige riesengroe
Ankndigungen wandernder Kunstreitergesellschaften, Wachsfigurencabinette und
Menageriebuden verdeckt. Eine der letzteren, auf hellgelbem Papier, zeichnete
sich besonders aus und stellte einen Mann dar, der, mit sehr engen Beinkleidern
und zwei auergewhnlich groen Federn auf dem Baret, einem Lwen im Arm lag und
diesem hchst angelegentlich etwas in's Ohr zu flstern schien. Andere
verkndeten Aehnliches und waren jedenfalls einmal von den Eigenthmern der
Wohnung aus Little Rock, der Hauptstadt des Staates, als Curiositt mitgebracht
worden.
    Das eine der beiden einander ganz hnlichen Gebude wurde nur zum
Schlafzimmer benutzt. Fnf Betten mit einer Anzahl von Matratzen und
Steppdecken, vielleicht noch einem Dutzend anderer Gste zum Lager dienen zu
knnen, fllten seine Rume, whrend an den Wnden die Garderobe der Frauen und
- in einem ganz besondern Winkel - der Sonntagsstaat des Eheherrn hing. In
dieses Zimmer wurden die Gste aber nur erst Abends, zur Schlafenszeit,
eingefhrt, wo die verschiedenen Lager alle hergerichtet und der mden Glieder
der Fremden gewrtig waren. Am Tage blieb es jedem nicht zu dem Hausstand
gehrenden Auge ein fest verschlossenes Heiligthum. Selbst Atkins wagte nicht,
es ohne Erlaubni seiner Frau, die den Schlssel dazu bei sich trug, zu
betreten.
    In dieses Wohn- und Staatszimmer wurde Brown jetzt eingefhrt, und dort fand
er seinen Wirth, der sich auf den Hinterbeinen eines Stuhles balancirte, dazu
ein Lied pfiff und an einem Stckchen Cedernholz mit dem halb abgebrochenen
Federmesser schnitzelte. - Das Eintreten des Gastes strte ihn aus seinen
Betrachtungen auf, er hatte aber kaum den Blick auf die Thr geworfen und den
eben Gekommenen erkannt, als er, augenscheinlich erbleichend, von seinem Sitz
emporsprang, wild nach dem Gesims ber der Thr schaute, wo eine lange Bchse
auf zwei Pflcken lag, und sich erst dann beruhigte, als er sah, da der Gast
allein und in einer keineswegs feindlichen Absicht sein Haus betreten habe.
    Brown war selber ber das unbegreifliche Erschrecken des Farmers bestrzt,
ignorirte es jedoch soviel wie mglich und sagte, indem er auf ihn zuging und
ihm freundlich und offen die Hand entgegenstreckte: Mr. Atkins, es sollte mir
sehr leid thun, wenn ich Sie etwa gestrt haben sollte.
    Oh - ganz und gar - ganz und gar nicht, stotterte, immer noch nicht recht
gefat, der Farmer, es war nur - es sollte sich doch auch -
    Ich bin allerdings in dieser Gegend ein seltener Gast, lchelte Brown,
und wenngleich am Fourche la fave heimisch, hier doch ein Fremder. Doch mag die
Zeit, in der wir leben, meine Strung, wenn ich eine solche versucht habe -
    Aber, bester Mr. Brown, unterbrach ihn Atkins, der jetzt seine ganze
Fassung wiedergewonnen hatte, erwhnen Sie doch nur so etwas nicht; Sie sind
zwar ein seltener, aber darum nicht minder willkommener Besuch, und mge dies
der Anfang zu einer recht fleiigen und fortgesetzten Bekanntschaft werden.
    Ich will es wnschen, sagte Brown, die dargebotene Hand schttelnd, und
mglich ist es, da wir in einem fremden Lande die hier begrndete Freundschaft
fortsetzen. Ich habe wenigstens gehrt, da Sie nach Texas auszuwandern gedenken
-
    Ja - aber Sie auch? wenn mir recht ist; doch wurde mir in voriger Woche
erzhlt, Sie - Sie htten sich den Regulutoren angeschlossen, ja - wren sogar
ihr Anfhrer geworden.
    Ja und nein, lchelte Brown, angeschlossen habe ich mich ihnen wirklich
und bin auch fr den Augenblick ihr Anfhrer geworden, sollte es etwas zu fhren
geben, aber nur bedingungsweise, und zwar bis zu der Zeit, wo die beiden
krzlich hier geschehenen Mordthaten aufgedeckt und die Mrder bestraft sind.
Dann leg' ich mein Amt nieder und verlasse den Staat, um ein Brger der Republik
Texas zu werden.
    Aber die Pferdediebe! warf Atkins ein.
    Kmmern mich nur insofern, als ich in ihnen ebenfalls die Mrder vermuthe.
Natrlich werde ich, so lange ich an der Spitze stehe, auch gegen sie mit allem
Eifer handeln, falls wir auf die Spur kommen sollten. Die scheint aber zu
vorsichtig versteckt zu sein, und man mu dabei dem Zufall viel berlassen.
Jetzt kenne ich nur das eine Ziel, jene Mrder aufzuspren, und der Herr sei
ihnen gndig, wenn wir sie herausbekommen. Von den Menschen habe sie keine Gnade
zu hoffen.
    Sonderbar, sagte Atkins nachdenkend, da man auch in beiden Fllen noch
auf keine Seele Verdacht geworfen hat. - Ja - ich wei - Sie wurden der ersten
That beschuldigt, doch widerstritten dem im Anfang gleich Mehrere; besonders
hatten Sie die Frauen auf Ihrer Seite, auch war Ihr Benehmen an jenem Morgen
gegen Heathcott, so weit ich es nmlich erfahren konnte, keineswegs so, als ob
Sie sich gescheut htten, ihm frei und mnnlich entgegen zu treten. Ein solcher
Ausweg wre also fr Sie sicher nicht nothwendig gewesen. Es mu ihn Jemand nur
seines Geldes wegen beraubt haben, das hab' ich mir gleich gedacht, und wer wei
da, mit wem er Alles verkehrt und wer das Geheimni der Summe, die er bei sich
trug, noch auer Denen gewut hat, die hier am Fourche la fave wohnen.
    So halten Sie keinen der Unsrigen fr schuldig?
    Aufrichtig gesagt, nein, denn selbst Die, setzte er etwas leiser und fast
wie mit sich selbst redend hinzu, die es vielleicht in anderen Fllen mit ihrer
Ehrlichkeit nicht so genau nhmen, halte ich doch, was Menschenblut betrifft,
fr unfhig, einen solchen kaltbltigen Mord zu begehen.
    Ich will es wnschen, seufzte Brown, indem er sich mit der Hand an den
obern Balken des Kamins sttzte und gegen diese die Stirn legte - ich will es
wnschen; brigens erwarte ich mit jedem Tage den Indianer zurck, und der kommt
sicherlich nicht ohne Kunde wieder.
    Nicht ohne Kunde - so? sagte Atkins; ja, der Indianer ist sehr schlau,
aber mit den Hufspuren wute er damals doch nicht umzugehen -
    Weil er nie nachforschte, erwiderte Brown. Der Tod seines Weibes hatte
ihn so erschttert, da ich wirklich ernstlich fr sein Leben frchtete.
Uebrigens kam er auch einen Tag zu spt, denn die Diebe waren schon geflohen,
und der Regen hatte indessen die Spuren verwaschen.
    Ein verwnschtes Ding mit dem Regen, lchelte der Farmer, sich hinter dem
Rcken seines Gastes leise und selbstgefllig die Hnde reibend, hat schon
manche Spur verwischt und solchen Sappermentern fortgeholfen. Mir haben sie
ebenfalls im vorigen Jahr ein paar herrliche Pferde gestohlen.
    Ihr httet schon lange krftiger gegen die Burschen auftreten sollen; sie
sind zu khn geworden und holen Euch die Thiere zuletzt unter den eigenen Augen
weg. Man sagt sogar, es wohne hier irgendwo am Flusse ein Hehler, der einen
sichern Aufbewahrungsort fr geraubte Pferde habe.
    Wer sagt das? frug Atkins schnell auffahrend.
    Es wurde in unserer letzten Versammlung erwhnt, entgegnete Brown, ohne
die Bewegung zu beachten oder seine Stellung zu verndern, man sprach auch
davon, wenn die Diebereien nicht nachlieen, eine Durchsuchung vorzunehmen, oh
man nichts entdecken knne.
    Es wird sich nicht Jeder einer Haussuchung unterwerfen, erwiderte Atkins
unwillig. Wir sind hier in einem freien Lande, und wen ich nicht auf meinem
Grund und Boden dulden will, dem sag' ich ganz einfach marsch!, und wenn er da
nicht geht, so nehm' ich die Bchse vom Haken.
    Ja, sehen Sie, Mr. Atkins, entgegnete Brown, sich freundlich nach ihm
umwendend, das ist ja gerade die Ursache, weshalb wir Regulatoren
zusammengetreten sind. In diesem Falle sind die Gesetze zu schwach in Arkansas.
Ein Mann, gegen den kein weiterer Beweis vorliegt, und wenn er der rgste
Schurke wre, knnte ruhig und ungestrt auf seiner Farm sitzen bleiben. Er hat
das Recht, Jeden nieder zu schieen, der sich mit Gewalt bei ihm eindrngen will
- gut! hierdurch wird aber auch dem Verbrechen auf eine Art Vorschub geleistet,
bei der die Bevlkerung im Allgemeinen nicht bestehen kann. Wer soll sein
Eigenthum gesichert wissen, wenn es der Ruber bei regnerischem Wetter, das die
Spuren verwischt, vielleicht nur nach Hause zu treiben braucht, um es auer
aller Gefahr zu wissen, und ein solcher nicht zu gleicher Zeit dem ausgesetzt
ist, da das Volk in Masse gegen ihn aufsteht, ihn hervorholt aus seinem
Schlupfwinkel und - zchtigt.
    Wofr haben wir aber die Gesetze? frug Atkins mrrisch, wofr, wenn sie
zu schwach sind?
    Sie sind nicht zu schwach, erwiderte Brown, knnen aber nicht ausgefhrt
werden. Ich will den Fall setzen, der Verbrecher wird von dem Sheriff erfat und
vom Gericht verurtheilt: wohin bringt man ihn, bis er in das Zuchthaus des
Staates abgeliefert werden kann? in eins der kleinen zu diesem Zweck errichteten
Blockhuser, aus dem ihn seine Freunde in der ersten Nacht befreien.
    Atkins lchelte.
    Wie mir gesagt wurde, fuhr Brown, ohne es zu bemerken, fort, haben Sie
davon selbst in diesem County einige Beispiele. Erreicht er aber wirklich im
gnstigsten Falle die Penitentiary in Little Rock, hat ihn der Staat sicher
unter Schlo und Riegel, so ist das doch kaum fr eine, hchstens zwei Wochen,
denn ein paar von den daraus entsprungenen Verbrechern sollen ja selbst geuert
haben, das Zuchthaus sei so schlecht gebaut, da sie der Sheriff gar nicht so
schnell hineinsperren knnte, wie sie wieder herauskmen. Was hilft es uns also,
wenn wir den Gesetzen gehorchen, die Strflinge abliefern und sie dann, wenn wir
sie sicher und unschdlich hinter Schlo und Riegel glauben, schon nach vierzehn
Tagen wieder unter uns und mit unserem Eigenthum beschftigt finden?
    Ach ja, lchelte Atkins, die Sache ist nicht so ganz ohne. Ich wei, da
Cotton -
    Wo ist Cotton jetzt? frug Brown schnell.
    Cotton? wiederholte Atkins schnell gefat und, wie es schien, sehr
verwundert - Cotton? Lieber Gott, wer wei, wo der jetzt steckt. Wie ich
neulich gehrt habe, sucht ihn sogar der Sheriff. Aber wie kommen Sie zu der
Frage?
    Er soll sich in dieser Gegend haben blicken lassen, erwiderte Brown, der
Ellen's Aussage nicht anfhren wollte, um dem armen Mdchen keine
Unannehmlichkeiten zu bereiten, jetzt aber, durch seines Wirthes Leugnen, zum
ersten Mal Verdacht schpfte. Man will ihn sogar auf dieser Strae bemerkt
haben.
    Ja, das ist sehr leicht mglich, lchelte Atkins, es reitet Mancher auf
dieser Strae hin, ohne gerade bei mir einzusprechen. Die Leute schwatzen aber
viel.
    Ich bin heute eigentlich im Auftrage der Herren Roberts und Rowson hier,
sagte Brown, der dem Gesprch eine andere Richtung zu geben wnschte. Mr.
Roberts nmlich - ach, da kommt mein Pferd, unterbrach er sich selbst, als der
Mulatte den Braunen vor die Thr ritt und dort aus dem Sattel sprang.
    Bitte - bleiben Sie hier, hielt ihn Atkins auf, als er sah, da sein Gast
hinausgehen wollte, Dan wird das schon besorgen. - Nimm das Pferd in den Stall,
fttere es gut und leg' das Geschirr nachher hier zwischen die Huser, rief er
diesem zu, und wenn Du damit fertig bist, so - er war bei diesen Worten zu ihm
hinaus getreten und vollendete seinen Satz mit leiserer Stimme, so da Brown
nichts weiter davon verstehen konnte. Der Mulatte nickte aber sehr bedeutend mit
dem Kopfe, als ob er Alles ganz vollkommen begriffen habe, fhrte das Pferd fort
und lie sich an diesem Abend nicht weiter blicken.
    Sie wollten mir etwas von einem Auftrage sagen? frug Atkins den Gast
jetzt, als er in das Haus zurckkehrte.
    Ja, antwortete dieser, wie aus einer Zerstreuung erwachend, Mr. Roberts
wird mit - mit seinem Schwiegersohn am Montag Morgen oder Mittag zu Ihnen
kommen, um Haus und Felder in Augenschein zu nehmen, und lt Sie daher bitten,
auf ihn zu warten, wenn er auch vielleicht ein wenig spt eintreffen sollte.
    Schn - sehr schn! erwiderte Atkins freundlich, ich denke, da wir ein
Geschft mitsammen machen knnen. Es sind Beides ein paar wackere Leute, die
einen armen auswanderungslustigen Teufel nicht drcken werden. Die Hochzeit soll
wohl morgen schon stattfinden?
    Ja! erwiderte Brown mit leiser Stimme, ich glaube - morgen.
    Sie werden wohl auch bei der Trauung sein?
    Wer - ich? nein - ich glaube nicht. - Unsere Versammlung wird
wahrscheinlich bis spt Abends dauern, und dann bleibe ich bei Bowitts.
    Welche Versammlung?
    Die der Regulatoren; wir kommen morgen in Bowitt's Hause zusammen.
    Morgen Versammlung? Das mu ja recht heimlich zugegangen sein, ich habe
keine Silbe davon gehrt.
    Natrlich wurde es nur an Die bestellt, die Regulatoren sind, fuhr Brown
fort, der in diesem Augenblick eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, fr
den armen Wilson ein gutes Wort einzulegen - doch wundert es mich, da Ihnen
Wilson nichts davon gesagt hat. - Er hatte die Bestellung in dieser Gegend
bernommen, die keineswegs geheim gehalten werden sollte.
    Mr. Wilson ist sehr lange nicht in meinem Hause gewesen, erwiderte Atkins,
dem die Erwhnung dieses Namens unangenehm zu sein schien, daher kommt es denn
wohl, da mir die Sache fremd blieb. Doch ist das einerlei; ich bin kein
Regulator, habe also auch kein Interesse an der Versammlung. In Texas sollen
sich ja ebenfalls solche Compagnien gebildet haben.
    Ja, sagte Brown, brigens nicht willens, seinen Angriff so bald
aufzugeben, aber was ich gleich sagen wollte, Wilson scheint sich ja hier in
der Gegend fr immer niederlassen zu wollen. Ich glaube kaum da Sie sich einen
besseren Nachbar wnschen knnten.
    Sie vergessen, da ich mich kaum noch zu dieser Gegend rechnen kann,
erwiderte Atkins. - Doch da kommt meine Alte schon mit dem Tischzeuge - die
Tage sind noch recht kurz. Apropos, Mr. Brown, wie geht es denn mit Ihrem Onkel?
Es hat uns Allen recht leid gethan, da das Fieber den armen Mann so gewaltig
packte. Das verwnschte Fieber will sich aber nicht abweisen lassen und die
gesndesten Menschen greift es am strksten an.
    Brown sah wohl, da, fr jetzt wenigstens, jede weitere Anspielung
vergeblich sein wrde, noch dazu, da auch Madame Atkins und bald darauf Ellen
mit dem Kinde zum Hause zurckkehrten. Gern htte er nun freilich ein wenig mit
dem schnen Mdchen geplaudert, doch frchtete er ebenfalls, ihr dadurch
unangenehme Worte zuzuziehen, ein freundlich dankender, ihm verstohlen
zugeworfener Blick sagte ihm jedoch deutlich genug, da sie seine frhere Gte,
die Pflegemutter mit fortzunehmen, erkannt und - was noch besser war - benutzt
hatten.
    Das Gesprch drehte sich jetzt um allgewhnliche Gegenstnde, um Weide,
Jagd, Vermessung des Landes in der Nachbarschaft und die nicht selten damit
verknpften Streitigkeiten der neben einander Wohnenden; um einen vor etwa fnf
Tagen vorgefallenen Mord am andern Ufer des Arkansas, wo ein Viehhndler
erschossen und seiner Brieftasche, die etwa tausend Dollars enthalten haben
sollte, beraubt worden, ohne da man den Mrder htte entdecken knnen; dann um
die jetzige Gesetzgebung, Sheriffs- und Gouverneurswahlen etc. etc., bis die
buntfarbige, den Kaminsims zierende Yankee-Uhr Acht schlug. Jetzt aber begann
das Kleine, das bis dahin sanft in seiner im Hause befestigten Hngematte
geschlafen hatte, unruhig zu werden und zu schreien. Ellen nahm es aus dem
Bettchen heraus und ging mit ihm im Zimmer auf und ab, es schrie aber immer
rger, wollte sich nicht mehr beruhigen und wurde in kaum einer Viertelstunde so
krank, da die Frauen, zu Tode gengstigt, hin-und hersprangen, um alle
mglichen, im Hause nur aufzutreibenden Heilmittel herbeizuholen.
    Es blieb aber Alles vergeblich, das Kind schrie mit jedem Augenblick rger
und in Todesangst schickte nun die Mutter nach Hlfe aus. Ein junger Amerikaner
hatte in den letzten Tagen fr Atkins ein groes und sehr gerumiges Canoe
aushauen mssen und hielt sich noch im Hause auf. Dieser wurde jetzt mit dem
Mulatten nach verschiedenen Richtungen abgeschickt, die benachbarten und fernen
Farmersfrauen, die irgend etwas von Kinderkrankheiten verstanden, mit dem
Zustande des armen Wrmchens bekannt zu machen und sie, so schnell sie ihre
Pferde tragen wrden, herbeizurufen.
    Die Mutter geberdete sich indessen wie eine halb Wahnsinnige. Wie ihrer
Sinne beraubt, lief sie im Hause umher und machte dabei der armen Ellen
fortwhrend die bittersten Vorwrfe, da sie das Kind vernachlssigt habe und es
selbst gern aus der Welt schaffen mchte, nur um seiner Wartung und Pflege
berhoben zu sein.
    Umsonst betheuerte das arme Mdchen seine Unschuld, berief sich auf die
Liebe, die es dem kleinen Schreier stets bewiesen; es war Alles vergeblich und
unter den hrtesten, ungerechtesten Vorwrfen befahl ihr die Frau, still zu sein
und keinen Mucks weiter zu thun, wenn sie nicht erfahren wollte, wie man
widerspenstige Dienstboten behandle.
    Brown war entrstet hierber und beschlo, von nun an Alles zu versuchen,
was in seinen Krften stehen wrde, den Freund zu untersttzen und das Mdchen
einer solchen Mihandlung zu entziehen, wute aber nur zu gut, da in diesem
Augenblick jede Vorstellung nicht allein nutzlos sein, sondern fr die Arme nur
noch unangenehmere Folgen haben wrde.
    Die Verwirrung hatte jetzt ihren hchsten Grad erreicht. Das arme kleine
Wesen schien mit jedem Augenblick krnker zu werden, Ellen ngstigte sich mit
stillthrnenden Augen ab, dem Liebling Hlfe zu leisten, und die Mutter lief,
des Fremden Gegenwart gar nicht mehr beachtend, im Zimmer auf und ab und rief,
fortwhrend die Hnde ringend, da dies des Himmels Strafe wre, der sie jetzt
in dem armen unschuldigen Kinde fr alle ihre Snden und Schwachheiten
heimsuche. Da begehrte von drauen her pltzlich eine fremde Mnnerstimme Einla
und die Hunde, dadurch erweckt, schlugen laut bellend und heulend an. Der Wind,
der den ganzen Tag nur schwach von Sden her geweht, hatte sich gedreht,
schttelte, von Nordwesten kommend, die Aeste und Zweige der gewaltigen Stmme
wild durcheinander und blies, als die Thr geffnet wurde, das auf dem Tische
stehende Licht aus. Das Feuer im Kamin war indessen ebenfalls ziemlich
niedergebrannt und das Haus lag pltzlich in tiefer dunkler Nacht.
    Hallo da drinnen - kann ich hier bernachten? rief da die Stimme zum
zweiten Mal - der Henker hole die Hunde - wollt ihr die Muler halten!
    Ruhig, Hector - ruhig, Deik - nieder mit euch, ihr Canaillen - knnt ihr
einen Mann nicht zu Worte kommen lassen? schrie Atkins, der in die Thr
getreten war, rgerlich nach den Hunden hinber - steigt ab! wandte er sich
dann an den Fremden, mein Bursche soll das Pferd besorgen.
    Beien die Hunde? frug Jener, vorsichtig der Einladung Folge leistend und
seinen Weg ber die Fenz fhlend.
    Nein, sagte Atkins, nicht, wenn ich dabei bin. Kommt nur hierher und
fallt nicht ber das Holz dort - halt - dort steht die Stahlmhle - stot Euch
nicht - so - drei Stufen, die unterste wackelt ein wenig. Oh, Ellen, znde doch
das Licht wieder an!
    Ellen war indessen schon emsig beschftigt gewesen, ein paar Kienspne zum
Brennen zu bringen. Bald war der Raum auch hinlnglich erleuchtet, um den Mann
wenigstens erkennen zu knnen, der in diesem Augenblick in's Zimmer trat, dort
seinen alten Reitermantel und die Otterfellmtze ablegte und nun freundlich
grend zu der Familie an den Kamin und in den hellen Schein des jetzt wieder
hoch auflodernden Feuers schritt. Es war ein kleiner untersetzter Mann mit
lebhaften grauen Augen, langen, schlichten blonden Haaren und vielen
Sommersprossen, dabei in ein baumwollenes Jagdhemd und ebensolche Gamaschen
gekleidet, whrend eine alte, vielgebrauchte Satteltasche, die er ber dem Arm
trug und jetzt neben dem Kamin niederlegte, alles Das zu enthalten schien, was
er auf einem Ritt durch den Wald und in solch wilder Gegend bedurfte. Sein Blick
schweifte brigens, als er sich den beiden Mnnern nherte, unruhig von Einem
zum Andern und er schien mit sich selber zu Rathe zu gehen, welchen von ihnen er
als den Wirth des Hauses anreden solle.
    Madame Atkins mochte brigens mit dem neuen Gaste, der nur noch mehr Strung
und Unruhe versprach, weniger zufrieden sein, denn sie nahm jetzt mit ziemlich
mrrischem Blicke das kleine leidende Wesen auf den Arm, hllte es in eine Decke
und rief Ellen zu, ihr mit dem Licht und Feuerzeug in das andere Haus zu folgen,
wo augenblicklich ein Feuer im Kamin angezndet werden sollte. Ellen gehorchte
schnell dem Befehl und es war alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, da Madame an
diesem Abend nicht weiter sichtbar sein wrde.
    Schrecklicher Wind drauen, sagte der Fremde nach einer Weile, in der er,
als er mit sich selbst ber die Identitt des Wirthes einig zu sein schien,
starr vor sich niedergesehen hatte; blst, als ob er die Eichen mit der Wurzel
ausreien wollte.
    Ja, es ist drauen ein wenig unruhig, meinte Atkins, seinem Gaste einen
forschenden Blick zuwerfend. Ihr kommt wohl weit her?
    Nein, nicht so sehr - vom Mississippi.
    Weiter westlich?
    Ja - nach Fort Gibson - wie weit ist's noch bis zum Fourche la fave?
    Ich wohne an dem Flusse, sagte Atkins und begegnete dabei dem Blick des
Fremden. Brown, durch die Unruhe mit dem Kinde und den Eintritt des
Neuangekommenen aufgestrt, hatte indessen seinen Sitz am Feuer wieder
eingenommen und unterhielt sich damit, den langen Feuerstock, der an der
Kaminecke lehnte, dann und wann in die Kohlen zu stoen, um hier und da ein in
der Gluth sich formendes Bild zu zerstren oder neu zu gestalten.
    Ihr seid am Ufer des Flusses mehrere Meilen hingeritten, mischte er sich
jetzt in das Gesprch, konntet ihn aber nicht sehen, da das Schilf wohl eine
Viertelmeile breit und sehr dicht ist.
    Ja, ich dachte mir, da der Flu in der Nhe sein mte. - Schnes Schilf
das - mu herrliche Ftterung geben. - Die Weide ist wohl gut hier?
    Sehr gut, antwortete Atkins und wieder traf er den Blick des Fremden, der,
vorsichtig Brown von der Seite im Auge behaltend, zu ihm aufschaute. Dieser aber
hrte mitten in seiner Beschftigung auf, lie ganz in Gedanken den Stock in der
Gluth, der hell zu flammen anfing, und sah sinnend in den Kamin hinein, als ob
er sich irgend etwas htte in's Gedchtni zurckrufen wollen, das ihm schon
halb und halb entfallen war.
    Ich bin scharf geritten, brach jetzt der Fremde das kurze Schweigen, und
der Wind macht durstig; drft' ich Sie wohl um einen Schluck Wasser bitten?
    Von Herzen gern, erwiderte Atkins und eilte schnell auf den Eimer zu, um
dem Gaste das Verlangte zu reichen. Aber auch Brown sah sich, von einem
pltzlichen Gedanken durchzuckt, nach diesem um und fand dessen Blicke fest auf
sich selber haftend, doch drehte er sich sogleich nach Atkins zu, nahm den
Flaschenkrbis aus seiner Hand und that einen langen, langen Zug.
    Da ich den Herrn hier nach Wasser fragen hrte, fiel auch mir ein, da ich
durstig sei, sagte Brown jetzt wieder ganz gefat, indem er sich nun mit aller
Klarheit des Gesprches in der gespenstischen Htte am Arkansas erinnerte und
auf keinen Fall die beiden Mnner merken lassen wollte, da er in irgend einer
Sache Verdacht schpfe oder ihr Verstndni ahne.
    Halt, Gentlemen, rief jetzt Atkins - Sie trinken da das kalte Zeug so in
sich hinein, noch dazu bei solchem Sturme drauen; wie wr's, wenn wir erst ein
Trpfchen Whisky vorangssen? Der mag Bahn brechen und das Wasser thut nachher
auch keinen Schaden mehr.
    Wird uns allen Dreien von Vortheil sein, sagte schmunzelnd der Fremde,
whrend der Wirth an einen kleinen Seitenschrank ging und gleich darauf einen
Krug und drei Blechbecher zum Vorschein brachte.
    Hier, Mr. Brown - schenkt Euch selbst ein, sagte er zu diesem, ihm den
Krug hinhaltend - oh - ordentlich, das ist ja kaum ein Tropfen - so recht. - Je
unfreundlicher es drauen strmt, desto freundlicher mssen wir sehen, es im
Innern zu erhalten. - Und nun Sie, Sir, wie ist Ihr Name eigentlich? ich heie
Atkins und der Herr da Brown!
    Mein Name ist Jones, erwiderte der Gast, John Jones, leicht zu behalten,
nicht wahr? nun, auf bessere Bekanntschaft, Mr. Atkins - auf bessere
Bekanntschaft, Mr. Brown! Und er hob den Becher freundlich, zu den Mnnern
aufblickend, an die Lippen. Atkins' Zge aber berflog ein halb spttisches,
halb ngstliches Lcheln, als der Mann, der sich Jones nannte, mit dem Regulator
auf bessere Bekanntschaft anstie. Er durfte aber, was er dachte, mit keiner
Miene, mit keinem Blick verrathen und begngte sich nur, die Becher der Beiden
zu berhren, whrend er wirklich aus tiefster Seele sagte, auf da wir immer
recht gute Freunde bleiben mgen!
    Ellen hatte indessen mehrere Decken und Matratzen auf der Erde ausgebreitet
und begann ein Lager daraus herzurichten, erwiderte aber auf Atkins' Frage nach
dem Befinden des kranken Kindes, da es arge Schmerzen zu haben scheine,
obgleich Keiner von ihnen wisse, was ihm fehle.
    Kannst Du ein Viertelstndchen von der Pflege desselben abkommen? frug der
Vater.
    Ich wei kaum - Madame -
    Schon gut - setze nur die Tpfe an's Feuer, unterbrach sie Atkins - Du
mut schnell noch etwas Abendessen fr Mr. Jones hier zurecht machen. Ich will
es indessen meiner Frau sagen.
    Er verlie bei diesen Worten das Zimmer und Ellen traf rasch alle nthigen
Vorbereitungen zu der einfachen Mahlzeit der westlichen Farmer, die aus nichts
mehr als warmem Maisbrod, gebratenem Speck, heiem Kaffee und etwas Butter, Kse
und Honig bestand. Die beiden Mnner saen indessen ruhig am Kamin und Brown
beobachtete die schlanke Gestalt des schnen Mdchens, das mit geschftiger Eile
und gewandter Hand alles Nthige besorgte, whrend Jones, wie in tiefen
Gedanken, mit dem langen Stock im Feuer herumarbeitete und die glhenden Kohlen
von den groen Kltzen abstie. Diese Arbeit unterbrach er nur dann, wenn er mit
etwas ungeduldiger Miene einen Blick zuerst auf die ber dem Kamin stehende Uhr
und dann nach der Thr warf, durch die er Atkins zurckerwartete.
    Dieser erschien endlich und zu gleicher Zeit war das Abendessen fr den
spten Gast bereitet. Ellen sollte aber noch mehr zu kochen bekommen, denn eben
hielten drauen an der Thr wieder mehrere Pferde; Frauenstimmen wurden gehrt
und die scharfen Tne der Mrs. Atkins riefen gellend herber, den Kaffee
aufzusetzen und eine tchtige Kanne voll bereit zu halten.
    Brown sa noch immer sinnend, den Kopf an den Seitenbalken gelehnt, neben
dem Kamin; Atkins aber zndete ein zweites Licht an und sagte freundlich zu ihm:
    Mr. Brown, Sie scheinen mde zu sein, hier ist Ihr Licht und wenn Sie sich
niederlegen wollen, will ich Ihnen Ihr Bett zeigen.
    Oh bitte, machen Sie sich meinetwegen keine besonderen Umstnde! rief der
junge Mann, der die von Ellen herbeigeschafften Betten zusammengerollt in der
Ecke liegen sah - ich kann warten und bin keineswegs schlfrig.
    Wir haben ein Bett hier oben, erwiderte ihm Atkins, dort knnen Sie
ungestrt liegen und morgen frh, so frh es Ihnen gefllt, nach Bowitts
aufbrechen. Ueberdies werden wir hier unten wenig zur Ruhe kommen, da ich eben
mehrere Nachbarinnen ankommen hrte. - Das Kind ist doch wohl krnker, als ich
im Anfang selber glaubte.
    Sie scheinen Damenbesuch zu bekommen?
    Leider, seufzte der Farmer mit unverstelltem Entsetzen, und der liebe
Gott gebe nur, da sich das arme kleine Wrmchen bald wieder erholt, sonst
schwatzen sie es todt - also wenn -
    Ja, da halt' ich es selbst fr besser, da ich mich zurckziehe, lchelte
der junge Mann; also gute Nacht, meine Herren - Mr. Jones kommt wohl spter
auch hinauf?
    Es ist nur ein Bett oben, Mr. Jones werd' ich wohl ersuchen mssen, hier
unten -
    Oh, machen Sie um Gottes willen mit mir keine Umstnde! rief dieser, Ellen
seine Tasse hinberhaltend, die von ihr wieder aus der groen schweren
Blechkanne gefllt wurde - also gute Nacht! Wenn Sie morgen nicht zu frh
aufbrechen, habe ich vielleicht das Vergngen Ihrer Gesellschaft auf der Strae
- ich wei zwar nicht, welche Richtung -
    Aufwrts. - Nein, so sehr frh werde ich nicht reiten, entgegnete Brown;
also auf Wiedersehen!
    Damit nickte er noch einen freundlichen Gutenachtgru der Jungfrau zu und
war im nchsten Augenblick in dem obern Theile des Hauses verschwunden, der
eigentlich nur durch quer ber die Balken weggelegte Bretter gebildet wurde.
Atkins kehrte bald darauf wieder mit dem Lichte zurck, und er sowohl als der
Fremde beobachteten, so lange Ellen noch im Zimmer war und theils das Lager fr
den Gast bereitete, theils das Geschirr und Tischtuch wieder abrumte, tiefes
Stillschweigen. Endlich aber hatte sie Alles vollendet, stellte das Licht auf
den Tisch, nahm die Kaffeekanne und einen Korb voll Tassen mit hinber und zog
sich mit einem leisen Gute Nacht, das von keinem der beiden Mnner gehrt,
wenigstens von keinem beachtet wurde, zurck.
    Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, als Atkins aufstand, das Licht
auslschte, da der Raum nur noch sparsam durch die knisternden Scheite erhellt
wurde, und dem Gaste winkte, ihm zu folgen.
    Euch sendet Jemand zu mir? flsterte er dann, als er ihn weit genug vom
Hause fortgefhrt hatte, um nicht von dort aus gehrt zu werden.
    Ja, erwiderte der Fremde - Euer Name?
    Atkins.
    Gut - ich bringe Pferde.
    Wo sind sie?
    In der Biegung des Baches.
    Im Wasser selbst?
    Nun versteht sich.
    Aber woher kennt Ihr die Stelle? Waret Ihr schon frher einmal in dieser
Gegend?
    Ich sollte denken, lchelte Jener. Ich habe hier den ersten Axthieb
gethan, und von mir kaufte Brogan den Platz, von dem Ihr ihn wieder erstanden
habt.
    Also Ihr selbst legtet jenen geheimen -
    Schon gut, unterbrach ihn vorsichtig Jones, was hilft's, Sachen zu
nennen, die ja doch ein Anderer hier im Dunkeln, mglicher Weise hren knnte.
Ich habe nie von solchen Gegenstnden gesprochen. Befindet sich das Thor noch an
der obern Fenzecke?
    Ja wohl; wo der Bach vorbeifliet.
    Gut, dann trefft Anstalten, die Thiere unterzubringen ich hole sie
indessen.
    Und braucht Ihr keine Hlfe?
    Keine, bis wir sie im Innern der Umzunung haben, und mit diesen Worten
wandte sich der bndige Sprecher von seinem Wirthe ab und war in wenigen
Secunden im Dunkel verschwunden. Atkins aber kehrte zum Hause zurck, umging
dieses, schritt dann quer ber den kleinen Platz einer Art Hof zu, in welchem
sechs oder acht Pferde frei umherliefen, berstieg die sich darum hinziehende
Fenz und verlor sich dann ebenfalls in der finstern, rabenschwarzen Nacht.
    Brown fand, als er durch die Spalten der Decke die beiden Mnner das Haus
leise zusammen verlassen sah, seinen Verdacht besttigt und war lange
unschlssig, ob er ihnen folgen und sie auf der That ertappen, oder ihr
nchtliches Werk ruhig vollenden lassen solle. Was konnte er, der Einzelne,
Unbewehrte, aber gegen sie ausrichten, die sicher auf eine Ueberraschung
vorbereitet und bewaffnet waren? Er htte sie nur gewarnt, da sie entdeckt
wren, und jede weitere Enthllung des Verbrechens selbst vernichtet. Ruhig
blieb er daher auf seinem Lager ausgestreckt liegen und berdachte die Vorflle
und einzelnen Umstnde des vergangenen Tages.
    Ellen, das unschuldige Kind, war auf keinen Fall in die Frevelthat
eingeweiht, sonst htte sie nicht so unbefangen den Aufenthalt und Besuch
Cotton's, dem der Sheriff schon seit mehreren Wochen nachsprte, verrathen. Wo
aber lebte dieser Cotton? wo gab es eine Htte oder ein Dickicht, das so viele
Tage lang einen Verbrecher verbergen konnte, ohne da die Nachbarn auch nur das
Mindeste von ihm versprt hatten? Hier in der Nhe mute es sein, denn weite
Mrsche durfte jener Mann, besonders bei Tage, schwerlich wagen zu unternehmen.
Wo also war sein Schlupfwinkel? Wer wohnte hier in der Nachbarschaft? Wilson?
bei dem war es nicht - Pelter? gehrte mit zu den Regulatoren - Johnson? das
wre eher mglich gewesen, und hier ffnete sich eine neue Quelle des Verdachts.
Johnson's Pferde hatten die Verfolger in jener Nacht eingeholt; Husfield schwor,
die Fhrten zu erkennen, und noch am nrdlichen Ufer seine Spuren gesehen zu
haben; am andern Ufer waren sie nur diesen Pferden gefolgt und fanden fremde
Thiere, die auf keinen Fall ihre Hufe am jenseitigen Ufer eingedrckt hatten;
Curtis, Cook und Husfield setzten wenigstens ihre Seligkeit zum Pfande, die
groen Hufe des einen Pferdes am vorigen Tage nirgends bemerkt zu haben.
    Johnson und Cotton - zwischen diesen Beiden mute ein Verstndni herrschen;
aber nicht allein konnten sie alles dies ausgefhrt haben; wer waren die
Anderen, und standen jene mit den beiden Todtschlgern in irgend einer
Verbindung?
    Der Kopf that ihm zuletzt weh vom vielen Nachsinnen, seine Gedanken
verwirrten sich. Die verschiedenen Gestalten und Pltze, die er gesehen,
verschwammen zu tollen, bunten Bildern; er trumte zuletzt, er sei in den
Prediger Rowson umgewandelt, und Marion beuge sich ber ihn hinber und ksse
ihn, und nenne ihn mit den zrtlichsten Namen, whrend ihm das Herz blutete, da
alles dieses dem Bilde seines Nebenbuhlers gelte. Endlich verlieen ihn auch
diese unruhigen Trume; der Geist unterlag, wie der Krper, der gehabten
Anstrengung, und er schlief sanft und fest.

                                      23.

       Die verbndeten Verbrecher. - Unerwartete Gste. - Der neue Plan.


Wir mssen noch einmal zu der Dmmerungsstunde dieses nmlichen Abends und zwar
in eine kleine, aber wohnliche Blockhtte zurckkehren, die im dichten Walde lag
und durch keine, wenigstens keine leicht erkennbare Strae mit den brigen
verschiedenen Wohnungen des County in Verbindung stand. Johnson hauste hier und
hatte den Platz vor etwa Jahresfrist von einem Jger fr zwanzig Dollars baares
Geld, eine wollene Decke und ein Bowiemesser erstanden, spter zwar einmal den
Anfang zu einem kleinen Felde gemacht, dieses aber gar bald wieder liegen lassen
und dann nur einen kleinen Hofraum eingefenzt, um die wild umherstreifenden
Schweine und Khe von seiner Thr abzuhalten, oder auch ein Pferd, das er bei
sich zu behalten wnschte, daran zu hindern, das Weite zu suchen. Da er brigens
nur selten in seiner Wohnung anzutreffen war, und diese selbst, wie schon
gesagt, ganz aus dem Wege und isolirt dalag, so verlor sich nicht oft ein
Ansiedler, hchstens ein Jger in diese Gegend, und der Eigenthmer sah schon
dadurch vollkommen seinen Wunsch erfllt: allein und ungestrt leben zu knnen.
    Der Einzige, mit dem er in dieser Nachbarschaft Umgang pflog, war Atkins,
und dessen Mulatte, in das Geheimni seines Herrn eingeweiht, trug oft Botschaft
herber und hinber. Jetzt aber sah es in der sonst so einsamen Htte keineswegs
leer und de aus, denn in dem Kamin knisterte ein helles, erwrmendes Feuer, an
einer darber hinweg gelegten und befestigten Stange hing ein groer eiserner
Topf, und um die Gluth herum, auf niederen Sesseln und Sthlen, saen Cotton und
Johnson im eifrigen Gesprch begriffen und Beide augenscheinlich mit Sehnsucht
das Kochen des vor ihnen hngenden Kessels oder Topfes erwartend.
    Hrt, Johnson - jetzt steigen Blasen auf, sagte endlich der rauhe Cotton
ungeduldig - macht fort, da ich meinen Trunk bekomme, ich mu eilen, sonst
find' ich Atkins vielleicht nicht mehr im Hause.
    Wartet noch ein paar Secunden, das Getrnk wird flau, wenn das Wasser nicht
ordentlich siedet, erwiderte der Gefhrte - aber halt - jetzt fngt es an; nun
reicht Euren Becher her, ich will Euch nicht lnger aufhalten.
    Donnerwetter, das ist hei! fluchte Jener, als er ungeduldig den
Blechbecher an die Lippen brachte - in den verwnschten Geschirren khlt sich's
auch gar nicht ab.
    Ja, das lt sich nicht ndern, lachte Johnson, Glas und Porzellan knnen
wir hier nicht - alle Teufel, wer kommt da?
    Wo? rief Cotton und sprang mit einem Satze die Hlfte der kleinen Leiter
hinauf, die den obern Theil des Hauses mit dem untern in Verbindung setzte.
    Oh bleibt hier, sagte Johnson, der nahe an eine der Spalten getreten war
und hindurchgesehen hatte, es ist Dan - Atkins' Mulatte.
    Nun, was zum Henker will der? rief Cotton verwundert, indem er zurckkam
und seinen Sitz wieder einnahm, doch hoffentlich keine bse Nachricht?
    Da ist er selbst und kann fr sich sprechen, sagte Johnson, die Thr
ffnend und den treuen Gelben einlassend. Nun, Dan, was bringst Du?
    Massa Cotton soll da bleiben, antwortete dieser, die Zhne fletschend und
den Hut abnehmend, Massa Brown ist oben und wird dort schlafen.
    Brown? was in's drei Teufels Namen fhrt den hier oben her? rief Cotton
rgerlich - ich htte gerade heute so Wichtiges mit Atkins zu bereden.
    Hat morgen Regulatorenversammlung bei Bowitt, sagte der Mulatte, indem er
seinen alten Kautabak in den Kamin spuckte und mit ziemlicher Vertraulichkeit
ein neues Priemchen von dem Stck abschnitt, das nebst einem Messer auf dem
kleinen viereckigen Tische, dicht neben dem einen Bett, lag.
    Regulatorenversammlung - Pest! knirschte Cotton, wenn ich knnte, wie ich
mchte, so sollten die Kerle schn tanzen morgen. - Aber wartet, Eure Zeit kommt
auch, und kann man Euch nichts im Ganzen anhaben, so wird's mit den Einzelnen
desto weniger Schwierigkeiten machen.
    Hat Dein Herr sonst noch etwas an uns bestellt? frug Johnson.
    Nein, Massa - nichts weiter, er wird wohl selbst morgen frh
herberkommen.
    Dann sag' ihm, wir wrden ihn erwarten - hrst Du? nun, was stehst Du noch
und gaffst?
    Danke, Massa, sagte Dan, go das heie Getrnk in einem Zuge die
ausgepichte Kehle hinab, nickte Beiden noch einen kurzen Gru zu und brach im
nchsten Augenblick auch schon wieder vollen Laufes durch die dichten, den Platz
umgebenden Saffafrasbsche, um so rasch er konnte nach Haus zurckzukehren.
    Nun, brummte Cotton, indem er sich behaglich auf dem eben erst verlassenen
Sitz niederlie, dann kann ich's mir wenigstens heut Abend bequem machen und
brauche mich nicht abzuhetzen. Aber dieser Brown - Regulatoren - Gift und
Klapperschlangen ber die Kerle - da sie die -
    Seine Rede wurde in diesem Augenblick durch deutliches Pferdegetrampel kurz
abgebrochen, und mit einem Satze stand er wieder, diesmal jedoch mit dem
gefllten Becher in der Hand, auf der Leiter, um, wenn es noth thte, sich jedem
unberufenen Auge entziehen zu knnen. Aber wiederum war seine Vorsicht unnthig
gewesen, denn Rowson! rief Johnson, der nachgesehen hatte, erstaunt aus, und
ehe noch Cotton zum Feuer zurckkehren und Johnson den Pflock vor der Thr
wegziehen konnte, rttelte der wrdige Mann auch schon an der nur schlecht
verwahrten Pforte und verlangte Einla.
    Hll' und Teufel, so lat Einen nicht eine Stunde hier drauen warten!
rief er ungeduldig aus, als Johnson den hlzernen Vorstecker nicht schnell genug
zurckziehen konnte.
    Hallo da, lachte Cotton, als die Thr aufging, das klingt christlich -
Ihr habt's ja verdammt eilig. Wenn wir nun zufllig fremde Gesellschaft hier
htten, heh? wrde sich da der ehrbare Methodist mit dem Maul voller Flche
nicht sehr wunderbar ausgenommen haben?
    Hol' die Pest sie Alle! zrnte der Prediger, es wird bald sehr
gleichgltig sein, ob die Leute hier glauben, da ich bete oder fluche. - Ich
mu fort.
    Was! rief Johnson, erschrocken wieder von dem Stuhle aufspringend, auf dem
er sich eben niedergelassen hatte - fort? haben sie entdeckt, da -?
    Unsinn, sagte der Prediger rgerlich - wahre lieber Deine Zunge - noch
ist nichts entdeckt, aber es kann in jedem Augenblick geschehen. - Der Indianer
ist zurck.
    Da ihn unterwegs sein Nannabozho geholt htte, grollte Cotton, mir ist
die Rothhaut ein Dorn im Auge, und ich wollte 'was drum geben, wenn ich sie aus
dem Wege schaffen knnte -
    Nun, der Indianer wird das Kraut noch nicht fett machen, lchelte Johnson
verchtlich, indem er seinen Becher auf's Neue fllte und einen andern an Rowson
hinberreichte, der ihn auf einen Zug leerte - die Spuren sind lange vertilgt,
und ohne die kann der kupferfarbene Schuft nichts ausrichten.
    Das ist's nicht allein, zrnte der Methodist, der Bse ist auch in das
Gesindel hier herum gefahren, und der alte Regulatorenteufel spukt einmal wieder
unter ihnen. Morgen ist groe Versammlung, und es leben einige Verdchtige hier
in der Gegend, die sie aufgreifen und natrlich peinlich verhren wollen. Wie
gefllt Euch das?
    Alle Wetter! rief Johnson, dann wird mir ebenfalls eine Luftvernderung
ganz zutrglich sein. Zu diesem Neste hier kommen sie zuerst; aber ich wei
nicht, was Du dabei zu frchten hast? Auf Dich kann doch Niemand auch nur den
mindesten Verdacht geworfen haben.
    Der Indianer ist's, der mich besorgt macht, knirschte Rowson; wenn ich
nur wte, wie ich den scalplockigen Halunken bei Seite schaffte.
    Das wird schwer halten, sagte Cotton nachdenkend, aber mglich ist's -
    Und bringen dann das Land erst recht in Aufruhr, nicht wahr? Nein, es ist
hier Blut genug geflossen, und das Beste wird sein, wir suchen sobald als
mglich das Weite. Das Ungewitter kann sich mit jedem Tage ber unseren Kpfen
entladen.
    Mte nur vorsichtig betrieben werden, fuhr Cotton, ohne Rowson's Einwand
zu beachten, fort. Man behauptet hier allgemein, der Indianer habe in seinem
Stamme einen Huptling erschlagen und sei dann entflohen; nichts ist
natrlicher, als da ihm von dort aus ein Verwandter des Getdteten gefolgt sein
knnte, um die Blutschuld zu shnen. So etwas aber sicher auszufhren, wrde er
natrlich auch nichts Anderes als einen vergifteten Pfeil benutzt haben, und da
mte man nicht Jahre lang in Texas und dem Arkansas-Territorium gelebt haben,
wenn man nicht so einen Pfeil zurechtmachen knnte.
    Versteht Ihr die Zubereitung des Giftes? frug Rowson schnell.
    Ach, was hilft Euch das! rief Johnson rgerlich dazwischen, der Indianer
ist immer nur eine Person, die wir uns leicht vom Halse halten knnen; die
Gefahr liegt tiefer. Wenn diese hndischen Regulatoren wirklich auf die rechte
Spur kmen und einen von Denen erfaten, die das Herz nicht, sondern nur das
Maul auf der rechten Stelle haben, so knnte der Teufel bei uns Gevatter stehen.
Nein, in dem Falle hat Rowson Recht, dann wr' es besser, wir befnden uns Alle
jenseits der Grenze von Onkel Sam's Grund und Boden; doch knnen wir es ja
abwarten. Noch sind Leute unter uns, auf die kein Verdacht gefallen ist, wie zum
Beispiel Du, Rowson, und selbst Atkins - Ihr mt Euch den Versammlungen
anschlieen, und hrt Ihr dort etwas, das Euch verdchtig scheint, nun, dann
frisch gesattelt und scharf geritten. Ein Arkansas finden wir berall wieder.
    Das mchte ich bezweifeln, sagte Rowson, und berdies habt Ihr ledigen
Leute gut reden, Ihr werft Eure Bchse auf die Schulter, und in dem Augenblick,
wo Ihr das rechte Bein ber den Sattel hebt, seid Ihr freie Menschen - aber ich
-
    Du bist auch noch ledig, warf Johnson ein.
    Ja - heute noch - morgen Abend nicht mehr.
    Ihr seht die Sache zu schwarz, Rowson, lachte Cotton - Gott verdamm'
mich, wenn ich einen solchen Namen hier in der Nachbarschaft htte, wie Ihr, und
so bei den Frauen angeschrieben stnde, mich brchten keine zehn Pferde aus Yell
County. Wenn Ihr brigens solche Angst habt, warum heirathet Ihr denn? Schiebt
doch den Bettel noch auf. Es wird berhaupt ledern, wenn man nachher zu Euch
kommt und auf jedes Wort passen mu, das man ber die Zunge bringt.
    Ich kann, ohne Verdacht zu erregen, nicht mehr zurck, sagte der Priester,
heftig dabei im Zimmer auf- und abgehend, htt' ich das Alles nur heute Morgen
gewut - da war es noch mglich, die Sache wenigstens aufzuschieben, - aber -
Pest und Gift, wenn ich erst verheirathet bin, mu mir meine Frau auch folgen,
wenn ich gehe, und das kann in sehr kurzer Zeit geschehen. Ein Brief von meiner
alten Tante in Memphis, die mich vor ihrem Tode noch einmal sehen will, wird
hinlngliche Entschuldigung sein, und bin ich erst einmal fort, dann knnen sie
mir nachreden, was sie wollen. Da sie mich nicht wiederfinden, sei meine Sorge.
- Nur der Indianer; vor der verwnschten Rothhaut ist mir bange -
    Ih nun, brummte Cotton, wenn der einmal zu gefhrlich werden sollte, dann
ist das aus dem Wege rumen immer schnell geschehen. Jetzt aber wrde es, wie
Ihr ganz richtig bemerkt, nur noch mehr bses Blut unter den Ansiedlern machen,
die durch das letztvergossene schon berdies aufmerksamer wurden, als gerade
nthig ist; aber vorbereiten -
    Lat doch nur den verwnschten Indianer aus dem Spiel, zrnte Johnson -
die Regulatoren sind's, die wir zu frchten haben; das ist die Seite, von der
uns Gefahr droht, nach der Richtung hin mssen wir also auch wirken. Kannst Du
der Versammlung beiwohnen, Rowson?
    Ja - ich hoffe es, erwiderte dieser, es giebt wenigstens keinen
erheblichen Grund, den sie bis jetzt gegen meine Gegenwart haben knnten. Ich
gedenke es auf jeden Fall zu versuchen.
    Gut - dann ist auch fr jetzt noch keine Ursache vorhanden, weshalb wir uns
ngstigen sollten. Leicht wird es Dir sein, Dich von jeder wichtigen Verhandlung
in Kenntni zu setzen, und wir brauchen nicht mehr zu frchten, berrascht zu
werden.
    Ich kann es aber unmglich jetzt wagen, Atkins' Haus und Land zu kaufen,
sagte Rowson, der Teufel kann sein Spiel haben, und dann wr' ich schndlich
gebunden.
    Es kommt darauf an, wie's mit Deiner Kasse steht, erwiderte Johnson -
liegen Dir die zweihundert Dollars, die Jener dafr verlangt, nicht so
besonders am Herzen, dann bringst Du schon durch den Kauf Manchen zum Schweigen,
der im andern Falle vielleicht hier und da Verdacht geschpft htte. Ist das
aber -
    Ja, Du hast Recht! sagte Rowson, schnell entschlossen - ich kaufe den
Platz, und zwar gleich am Montag; brigens sage ich mich von heute an los von
jedem Antheil an neuen Unternehmungen. Ich will es wenigstens einmal versuchen,
als ehrlicher Mann zu leben und ruhig zu schlafen.
    Zeit wr's, lchelte Cotton verchtlich; da wrde ich aber dem Herrn
Prediger rathen, mit seiner jungen Frau nach der Insel zu ziehen - das wre ein
herrlicher Platz fr einen Missionr.
    Rowson wandte sich finster ab, Johnson nahm aber das Gesprch auf und sagte
zu Rowson:
    Da Cotton gerade die Insel erwhnt, so denke ich, wr's wohl auch an der
Zeit, mich einmal mit deren Verhltnissen genau bekannt zu machen. Zwar wei
ich, da sie im Mississippi, auch wo sie liegt, bin aber, obgleich ich selbst
zweimal Pferde dahin abgeliefert habe, noch nie darauf gewesen. Die Schufte, die
sie in Empfang nahmen, thaten immer so geheimnisvoll, da nichts aus ihnen
heraus zu bekommen war.
    So ist mir's diesmal auch gegangen, fluchte Cotton; wren uns die
Regulatoren auf den Fersen gewesen, so htten sie uns, Gott straf' mich,
erwischt, denn verdammt will ich sein, wenn uns die Kerle in ihr Boot nahmen.
Wir muten die Pferde abliefern, und Weston und ich lagerten an der Uferbank,
bis sie nach etwa zwei Stunden wieder zurckkamen und uns das Geld brachten.
Weston ist bald vor Neugierde gestorben.
    So hrt denn, flsterte Rowson leise, als ob er frchte, von jemand
Anderem dabei behorcht zu werden, es kann uns doch Niemand von auen hren?
    Nein, sagte Johnson - Du kannst getrost reden - ich wollte aber doch,
Cotton htte seinen Hund hier und ihn nicht bei Atkins gelassen.
    Er ist besser dort aufgehoben, meinte dieser - aber macht fort - die Zeit
vergeht, und ich bin mde.
    Nun gut, sagte Rowson, ich sehe auch nicht ein, warum Ihr nicht ein
Geheimni ganz erfahren solltet, von dem Ihr doch schon alles Das wit, was es
verrathen knnte. Die Insel kennt Ihr - den Weg dahin wenigstens - weiter
unterhalb liegt aber noch eine zweite, mit mehreren trefflich versteckten
Schlupfwinkeln, im Fall die Bewohner der obern einmal angegriffen oder
berrascht werden sollten. Ein guter Schwimmer kann die untere, besonders bei
Nacht, leicht erreichen. Die Leute, die jenes Land inne haben, standen frher
unter Morrel's Befehl, der jetzt im Philadelphia-Zuchthaus ich glaube Schuster
oder sonst irgend etwas geworden ist; sie haben ihn auf jeden Fall ein Handwerk
gelehrt. In diesem Augenblick ist der Anfhrer der Insulaner ein gewisser - doch
der Name thut nichts zur Sache - ich habe schwren mssen, ihn zu verschweigen.
    Ist es denn eine wohlorganisirte Raubbande? frug Cotton.
    Ja, besser noch als je eine bestand, und fast ganz gesichert vor
Entdeckung, denn Die, mit denen sie in Verbindung stehen, knnen nur durch ihr
Existiren, nie aber durch Verrath Nutzen gewinnen.
    Und auf welche Art betreiben sie ihr Geschft, da ihre Nachbarn nie
belstigt werden, ja ihr Vorhandensein nicht einmal ahnen?
    Das macht der Fuchs ebenso, lachte Rowson, in den seinem Aufenthaltsort
nchsten Farmhfen stiehlt er nur im uersten Nothfall ein Huhn; wir hneln ihm
in der Hinsicht.
    Lat Eure moralischen Bemerkungen, wenn's gefllig ist, brummte Cotton -
zur Sache - zur Sache.
    Nun gut denn, zur Sache. - Mit den Staaten, zwischen denen sie wohnen,
haben sie sehr wenig zu thun, ausgenommen mit dem stlichen, denn nach
Mississippi hinein erstrecken sich ihre Verbindungen bedeutend, und dazu
bedrfen sie auch unserer Pferde, weil sie sich auf jener Seite in dem
dichtbebauten Lande gewaltig vorsehen mssen. Von oben herunter kommt aber ihr
ganzer Wohlstand. In allen groen Stdten nmlich, am Mississippi wie Ohio, am
Wabasch, Illinois, ja selbst am Missouri, haben sie ihre Agenten, grtentheils
junge Burschen aus Kentucky und Illinois, und diese spioniren umher, welche
Boote den Flu hinuntergehen und mit was sie beladen sind. Ist es etwas, das sie
zu haben wnschen, oder das sie in den sdlichen Stdten schnell und vorteilhaft
glauben verkaufen zu knnen, so suchen sie eine Stelle als Steuermann, und geht
das nicht, als gewhnliche Ruderer, darauf zu bekommen, fhren das Boot richtig
und ordentlich bis zu ihrer Insel und lassen es dort mit List oder Gewalt auf
den Strand laufen. Natrlich mu das in der Nacht geschehen, wenn nur hchstens
Einer der Bootsleute an Deck ist. Ein vorheriges Zeichen verkndet die Ankunft
neuer Beute, und die Mannschaft - mu in's Gras beien.
    Hlle und Schwefel! rief Cotton, dann wundert's mich auch nicht mehr,
woher die vielen Leichen im Mississippi kommen; Anfang Februar war ich in
Natchez, da kamen einmal sieben zusammen, und alle ohne die mindeste Verletzung.
Wir glaubten damals, es sei ein Boot mit ihnen umgeschlagen.
    Ja, sie wissen es schon klug einzurichten, sagte Rowson - das Geschft
ist mir aber zu blutig; ich mag nichts damit zu thun haben.
    Nein, ich auch nicht, sagte Cotton schaudernd - Gott sei uns gndig, das
heit ja die Sache wie das Fleischerhandwerk betreiben! Wenn nun Frauen in den
Booten sind?
    Junge Frauen werden auf der Insel behalten, und zwar wohl bewacht im Innern
derselben, denn jedes Mitglied darf eine Frau haben.
    Also die schaffen sie nicht bei Seite? frug Johnson.
    
    Das wei ich nicht, geht mich auch nichts an, entgegnete Rowson, das aber
ist gerade der Insel grter Schutz, da sie von uns Allen stets als letzter
Zufluchtsort betrachtet werden kann. Sind wir in uerster Gefahr, so werden wir
dort aufgenommen und auch beschtzt, darauf knnt Ihr Euch verlassen.
    Das hab' ich diesmal gesehen! rief Cotton. Verderben htte ich am Ufer
knnen, keiner der Himmelhunde wrde eine Hand gerhrt haben.
    Weil Ihr das rechte Zeichen nicht wutet, lachte Rowson. Glaubt Ihr, sie
holen Jeden hinber, der sich an den Landungsplatz hinstellt und schreit und
winkt?
    Aber welches ist das Nothzeichen?
    Lauft viermal zwischen den beiden Pawcornbumen, die dort am Ufer stehen,
hin und her - Nachts natrlich mit einem brennenden Scheit Holz - und pat auf,
wie schnell Bewaffnete mit einem Boot bei der Hand sind -
    Also viermal? sagte Cotton nachdenkend - nun wer wei, wie bald mir Alle
von der Gastfreundschaft jener Leute Gebrauch machen.
    Einmal aber die Insel betreten - warnte ihn Rowson, und Ihr seid
unrettbar der Ihrige -
    Waret Ihr schon darauf? frug lauernd der Jger.
    Nein - noch nicht, entgegnete kurz abgebrochen der Methodist - doch wo
ist Weston, wr' es nicht besser, da er ebenfalls von der uns drohenden Gefahr
in Kenntni gesetzt wrde?
    Atkins hat ihn in die oberen Ansiedelungen geschickt, warf Johnson ein.
Er wollte morgen wieder bei ihm eintreffen und dann auch zu mir kommen.
    Meinetwegen, sagte Cotton ghnend - ich bin mde und lege mich nun
schlafen. Ist noch etwas im Topfe, Johnson?
    Nein, Ihr habt den Rest da im Becher
    Nun gute Nacht denn, wer zuerst morgen aufwacht, weckt die Anderen. Damit
schob er sich ein paar Hirschhute, die in der Ecke lagen, zurecht, nahm eine
alte wollene Decke ber die Schultern, warf sich auf das harte Lager und war in
wenigen Minuten fest eingeschlafen.
    Johnson und Rowson saen schweigend neben einander und starrten in die
Kohlen; Beide hatten augenscheinlich noch etwas auf dem Herzen, aber Keiner
wollte beginnen, und mehrere Male schon war der Methodist aufgesprungen, im
Zimmer auf- und abgegangen und dann wieder am Kamin stehen geblieben. Endlich
brach Johnson das Schweigen und sagte leise:
    Frchtest Du, da man uns entdeckt hat?
    Nein, antwortete mit eben so vorsichtig gedmpfter Stimme der Prediger.
Nein - aber da es geschehen wird, frcht' ich.
    Wie ist das mglich? -
    Mglich? Frag' lieber, wie es mglich war, da es noch nicht geschehen
ist.
    Du bist ein Thor und siehst berall Gespenster.
    Solche Thorheit hat noch Niemandem Schaden gebracht, antwortete dster der
Prediger - ich frchte, der Indianer hat Verdacht geschpft. Der Blick, den er
mir heute zuwarf, lt mich fast mit Gewiheit darauf schlieen.
    Du hast freilich besondere Ursache, den Indianer zu frchten, flsterte
Johnson leise.
    Und wer hat Dir gesagt -?
    Bst, beruhigte ihn der Freund - der da - aber nur ruhig - es ist
vielleicht sogar besser fr Dich, da ich darum wei. Ueberdies war es nthig
und ich htte ebenso gehandelt. Hast Du aber auch vorsichtig alle Zeichen
vertilgt?
    Die Frage war berflssig. - Meine Kleider wusch ich noch in derselben
Nacht, obgleich mir's mit der Wunde im Arm hart genug ankam. Das Loch, das der
Tomahawk der kleinen Hexe im Aermel des Rockes machte, schnitt ich aus und
setzte einen andern Fleck darauf, und mein Messer vergrub ich eine ganze Woche
lang. Trotz alledem erfat mich aber eine unbeschreibliche Angst, wenn ich an
jenen Abend zurckdenke, und - ich wei nicht - bald ist mir's, als ob ich halb
und halb bereute -
    Oh, Unsinn, sagte Johnson verchtlich - wie ist es denn mit dem andern -
hast Du das kleine Messer wiedergefunden?
    Nein, flsterte Rowson, noch viel leiser als vorher, das ist in Roberts'
Hnden - ich hab' es selbst gesehen; er frug mich, ob ich es kennte. - Johnson,
da ich mich in dem Augenblicke nicht verrieth, begreif' ich jetzt noch kaum.
    Es sollen am Arkansasflu einem reichen Kerl ber tausend Dollars
abgenommen sein, sagte dieser jetzt, indem er einen scharfen Seitenblick auf
den Freund warf - Du warst ja zu jener Zeit in der Gegend - hast Du etwas davon
gehrt?
    Oh, die Pest ber Dein unsinniges Schwatzen! fluchte der Gefragte. - Soll
ich von jedem Morde wissen, der innerhalb des Staates verbt wird? Kmmere Dich
um Deine eigenen Angelegenheiten und la mich aus dem Spiel. Bist Du auch
sicher, da Weston reinen Mund hlt? Wir htten ihn nicht mit bis an die Insel
schicken sollen.
    Ich glaube, da er treu ist, erwiderte nachdenkend Johnson - man kann dem
Menschen brigens nicht in's Herz sehen. - Und Du willst wirklich morgen
heirathen?
    Ja - freilich unter nicht gerade freundlichen Aussichten; doch ist es das
Beste, was ich thun kann. - Wird die Sache ruchbar, nun dann mag der Teufel den
ganzen Bettel holen; das wird nachher die kleinste Snde sein, an die Frau
zuletzt zu denken.
    Bei den Grundstzen kann Dir die Ehe nicht besonders hinderlich sein,
lachte der Freund. - Du machst Dir also nichts aus dem Mdchen?
    Glaubst Du, ich wrde mich dem Allen ausgesetzt haben, sie zu erringen,
wenn ich sie nicht liebte? frug der Prediger rasch; eine wilde, rasende
Leidenschaft ist's, die mich zu dem reinen Wesen hinzieht, und ich fhle es
recht gut, da gerade diese Liebe die grte Snde ist, die ich in meinem Leben
begangen.
    Und doch kannst Du jetzt schon daran denken, sie wieder zu verlassen?
    Zeige mir die Mglichkeit, sie auf der Flucht, gegen ihren Willen,
mitzunehmen, und Du wirst mich mit Seel' und Leib bereit finden - es geht aber
nicht an. Jeder Fremde, den sie ansprche, wrde ihr Schutz gewhren, und dem
wollen wir uns nicht aussetzen. Nein - knnte ich noch zurcktreten - vielleicht
tht' ich's - vielleicht auch nicht; aber es geht nicht mehr, also mag sie mein
Geschick theilen, so lange es mglich ist. - Sie wird doch mein!
    Hast Du denn in Deinem Hause irgend welche Vorsichtsmaregeln getroffen,
wenn einmal eine Flucht nthig sein sollte?
    Ich sollte denken, Du kenntest mich lange genug, sagte der Priester. In
dem kleinen Schilfbruch, gleich unter dem Hause, liegt sorgfltig versteckt ein
kleines Canoe, ein kleiner Koffer mit allen nthigen Reisebedrfnissen steht
schon seit jener Nacht, in der uns die Indianerin entdeckte, fertig gepackt, und
meine Waffen sind stets in Ordnung und bei der Hand - den geheimen Weg kennst Du
selbst -
    Wie Viele trgt das Canoe.
    Vier, auch Fnf im Nothfall - es ist gro genug und vortrefflich gebaut;
mit drei Rudern knnten wir in sechs Stunden den Arkansas erreichen.
    Das ist vorsichtig gehandelt - ich will brigens wnschen, da wir's nicht
gebrauchen. Knnen wir dieses Mal die Regulatoren von unserer Fhrte abbringen,
so sind wir geborgen. Doch gute Nacht - leg' Dich dort auf die Matratze - ich
will indessen noch einmal nach Deinem Pferde sehen.
    Rowson, sehr ermdet, folgte gern der Einladung, und fr kurze Zeit ward
kein anderer Laut als das tiefe Athemholen der Ruhenden gehrt. Da tnte
pltzlich der laute, schrille Ruf einer Eule durch die stille Nacht; jetzt
wieder, und nun zum letzten Mal. Johnson stand auf und stieg ber die in der
Mitte der Stube Lagernden hinweg, der Thr zu.
    Nun, was kriechst Du denn da herum? frug Rowson, dem er auf den Arm
getreten hatte.
    Hast Du die Eule gehrt? sagte leise der Gefragte.
    
    Nun, Gott sei Dank, Du, willst wohl Eulen schieen? brummte der Mde; Du
hast doch wahrhaftig keine Hhner hier, die -
    Bst! rief Johnson, als dieselben Tne wiederum, und zwar diesmal in vier
einzelnen Rufen, gehrt wurden - es ist Atkins - bei allen Lebenden! Was mag
den hier in Nacht und Nebel herumtreiben? - Nur nher! rief er dann, in die
Thr tretend - nur nher - es sind Freunde hier!
    Guten Abend, Johnson, sagte der breitschulterige Farmer, als er ber die
kleine Fenz stieg und sich der Thr nherte - wir sind spte Gste, nicht
wahr?
    Wir? wen bringt Ihr noch?
    Einen Freund, der Waare abgeliefert, er wollte Euch gerne vorgestellt sein.
Aber wer ist denn berhaupt bei Euch im Hause?
    Cotton und Rowson.
    Rowson? frug der in seinen dunkeln Mantel gehllte Fremde, jetzt schnell
vortretend -Rowson? ei, htt' ich doch nicht gedacht, heut Abend noch einen
alten Bekannten zu finden!
    Alter Bekannter? brummte Rowson drin am Kamin, wo er eben bemht war, die
halb erlschten Kohlen wieder zu neuer Gluth anzufachen - alter Bekannter? Wer
mag das sein?
    Ihr kennt Rowson also?
    Ob ich ihn kenne! lachte der Kleine - predigt er noch?
    Das kann er wohl selber am besten beantworten, sagte der Methodist, nicht
eben in der freundlichsten Laune, indem er mit hochgehaltenen flackernden
Kienspnen vortrat. Kaum hatte er jedoch nach erstem, fast unglubigem Starren
den jetzt frei in das Licht tretenden Fremden erkannt, als er frhlich die Hand
ausstreckte und jubelnd ausrief:
    So wahr ich lebe, Hokker! - Was fhrt Dich denn einmal wieder nach
Arkansas? Wurde es Dir in Missouri zu warm? Nun, sei uns herzlich willkommen,
alter Junge - komm nur herein, der Wind blst hier die Fackeln aus!
    Wir drfen nicht lange bleiben, sagte Atkins, denn wir haben uns nur
leise von zu Hause fortgestohlen. Sollte -
    Oh macht keine langen Umstnde, rief Cotton aus dem Innern des Hauses
heraus - die Zeit vergeht Euch vor der Thr nicht langsamer als hier drinnen,
und durch die offene Thr kommt's verdammt kalt herein. Dagegen lie sich
nichts sagen, und die Mnner folgten dem voranleuchtenden Rowson zu dem kaum
verlassenen Kamin, wo noch die leeren Trinkgefe unaufgerumt umherstanden und
lagen.
    Habt Ihr noch einen Trunk? frug Atkins, als er den groen eisernen Topf
halb niederbog, um das Licht hineinscheinen zu lassen - keinen Tropfen mehr
drin gelassen, so wahr ich lebe!
    Geduldet Euch eine Viertelstunde, sagte Johnson, und es soll an dem nicht
fehlen.
    Nein, warf Atkins ein, wir mssen sogleich wieder fort -
    Nun, sagt nur erst, was Ihr zu sagen habt, unterbrach ihn der Wirth,
indessen kocht das Wasser. Das braucht Euch wenigstens nicht zu hindern.
    Nun, Hokker, wie sieht's in Missouri aus? frug Rowson, diesem noch einmal
derb die Hand schttelnd.
    Vor allen Dingen nicht mehr Hokker, lachte der Fremde - ich heie Jones -
J. Jones, wenn Dich Jemand fragen sollte.
    Gut, gut, schmunzelte Rowson, das bleibt sich ziemlich gleich - aber was
fhrt Dich her?
    Der Fremde, der, wie sich bald aus dem Gesprch ergab, in frheren Zeiten
ein ziemlich vertrauter Freund Rowson's gewesen war, erzhlte jetzt diesem wie
den Kameraden, da er Missouri einzelner Miverstndnisse wegen verlassen und
seinen Wohnsitz in Franklin und Crawford County, den westlichen Theilen des
Staates, aufgeschlagen habe. Dort allein sei es nmlich, wie er sich ausdrckte,
mglich, mit den Indianern wie den Weien zu gleicher Zeit in
Handelsverbindung zu bleiben. Gegenwrtig hatte ein Compagniegeschft ihn
veranlat, Yell County zu besuchen, da durch neidische Menschen der frher
beliebte Weg, den Arkansas hinunter, gefhrlich gemacht war, und er
beabsichtigte nun, sich wenigstens einige Tage hier in der Gegend aufzuhalten.
Einestheils wollte er seine Fhrten kalt werden lassen, anderntheils auch diesen
Landstrich, fr den er noch von alten Zeiten her eine besondere Vorliebe habe
und von dem er in neuester Zeit so viel Rhmliches gehrt, einmal in seinen
jetzigen Verhltnissen nher kennen lernen.
    Rowson hatte den Worten seines alten Freundes mit besonderer Aufmerksamkeit
und nicht selten mit beiflligem Kopfnicken gelauscht, jetzt aber, als Jener
geendet und Johnson mit dem indessen wieder frisch gebrauten, s und krftig
duftenden Trunke die Becher fllte, sprang er auf, streckte Jones die Hand
hinber und rief aus:
    Willst Du der Unsere sein? Willst Du augenblicklich Deine Rolle in dem
Lustspiel, das wir hier auffhren, bernehmen, so schlag ein! Morgen frh schon
beginnt Dein Geschft.
    Das hat eigentlich schon lngere Zeit begonnen, lchelte der Fremde und
was das Lustspiel anbetrifft, so bin ich sogar seit einiger Zeit mit Vortheil in
Intriguenstcken verwendet worden, wie sie in Little Rock beim Theater sagen.
Keineswegs habe ich die Zeit, die ich in New-Orleans verlebt, unbenutzt
vorbergehen lassen. Aber topp, es sei; wenn ich der Sache gewachsen bin und uns
oben im Staate vielleicht auch noch dabei ntzlich sein kann, so hast Du an mir
Deinen Mann gefunden. Ich wei nur noch nicht recht wie?
    Das sollst Du augenblicklich erfahren, sagte, sich freudig die Hnde
reibend, Rowson, whrend er seinen Sitz wieder einnahm und zu gleicher Zeit
einen ihm von Johnson dargereichten Becher halb leerte. - Morgen ist
Regulatorenversammlung.
    Nun, wenn das die ganze freudige Botschaft ist, die Du mir bringen willst,
sagte Jones lachend, dann httest Du Dir die Mhe und Anstrengung sparen
knnen. Das wrde eher ein Grund sein, mich meine Reise schneller fortsetzen zu
lassen, als ich im Anfang beabsichtigte.
    Nein, das darfst Du nicht, rief Rowson, Du mut der Versammlung
beiwohnen!
    Ich? Weiter fehlte mir gar nichts! rief Jones erstaunt aus.
    Ja, Du! fuhr Rowson, ohne sich irre machen zu lassen, fort. Keiner der
jetzigen Ansiedler kennt Dich hier; die, die damals in dieser Gegend lebten, als
Du Atkins' Haus bautest, sind lange todt oder ausgewandert. Ich selbst wollte im
Anfang den Verhandlungen beiwohnen, bei mir hat die Sache aber mehrere Haken.
Erstlich erlaubt es morgen kaum meine Zeit, das htte aber doch mglich gemacht
werden mssen, wenn Du nicht gekommen wrest. Dann aber sind auch Einige hier am
Flusse mir nicht recht grn und wrden sich, wie ich fest berzeugt bin, in
meiner Gegenwart ber Manches zu sprechen scheuen. Dich aber stelle ich morgen
frh dem jungen Brown vor (ich mu noch dort eintreffen, ehe Ihr aufbrecht), und
zwar als einen Regulator aus Missouri, der hier nach Arkansas gekommen ist, um
mit den hiesigen Regulatoren Verbindungen anzuknpfen, damit beide Staaten in
dieser Hinsicht ihre Krfte vereinigen knnten. Solcher Art sei es dann am
leichtesten mglich, dem Unwesen zu steuern, das, hinsichtlich des
Pferdefleisches, die braven und fleiigen Farmersleute der Backwoods zu ruiniren
drohen.
    Herrlich! kstlich! jubelte Atkins - das ist ein ganz capitaler Plan.
    Ich wei aber nicht, ob ich so lange Zeit habe, sagte Jones bedenklich,
indem er mit dem geleerten Blechbecher vor sich auf den Sessel klopfte.
    Zeit haben! erwiderte, Rowson; Du kannst ja Deine Zeit nicht besser
anwenden, als Plne zu ergrnden und ihnen dann zu begegnen, die, wenn
ausgefhrt, eine Verbindung fr Dich und Deine Freunde zu einer Unmglichkeit
oder doch so gefhrlich machen mchten, da kein vernnftiger Kerl mehr seinen
Hals zur Ausfhrung derselben hergeben wrde.
    Das ist allerdings wahr, sagte Jones sinnend, whrend er den Becher zum
Wiederfllen gegen den Kessel hielt - allerdings wahr - aber - wird mir Brown
glauben? Ich habe doch heut Abend nichts davon gegen ihn erwhnt.
    Du wutest ja doch auch nicht, da er Regulator war, und wirst nicht jedem
Fremden eine solche Nachricht aufhngen.
    Allerdings - nicht bel - werden aber die brigen Regulatoren -
    Das hat keine Noth, sagte Johnson, ich habe schon davon reden hren, da
sie sich mit den angrenzenden Counties in Verbindung setzen wollen, und da wird
ihnen ein solches Anerbieten gerade erwnscht kommen.
    Spion - wirklicher, unverflschter Spion! lachte der Missourier still vor
sich hin, und mitten zwischen die Regulatoren hineingeworfen, wie ein Veilchen
in ein Rosenbouquet; ganz amsantes Abenteuer!
    Und Du gehst es ein? frug Rowson.
    Versteht sich, fuhr der Kleine, immer noch mit sich selber redend,
schmunzelnd fort - werde die Einen zum Aufpassen dahinauf und die Anderen
dorthin sprengen - werde einen sehr guten Namen hier bekommen und wenn wir
einmal einen richtigen Streich fhren wollen, nun, dann schicken wir sie Alle
auf einen Klumpen in die falsche Himmelsgegend und - hahaha - haben die Luft
rein. Gottvoller Einfall das!
    Und Ihr wollt also morgen nicht mit in die Versammlung gehen, Rowson? frug
Cotton.
    Nein - nun ist es nicht nthig, erwiderte Jener.
    Wie sollen wir aber erfahren, was sie beschlossen haben?
    Ist etwas Wichtiges im Werke, sagte Rowson nachdenkend, so mag Jones, der
doch gegen Abend auf jeden Fall zu Atkins zurckkommt, dessen Mulatten
herberschicken und Euch Kunde geben. Ich selbst jedoch mu morgen frh noch
einige wichtige Geschfte abmachen und morgen Abend bei Roberts zubringen, will
aber Sonntag frh um neun Uhr an der Krenzeiche sein - Ihr kennt den Baum,
Atkins, in den der Persimonast hineingefallen ist, da es wie ein Kreuz
aussieht. Nun gut - an der Stelle halt' ich und dahin sendet mir den Mulatten;
was auch vorfllt, es ist einerlei, denn mglich wr's, ich htte selbst eine
Botschaft fr Euch, und die ganze Strecke zu reiten, bleibt mir keine Zeit.
    Das wre also abgemacht, sagte Atkins, so kommt denn, Jones, damit wir zu
Hause nicht etwa vermit werden. Der Teufel ist heut Abend bei mir los, mein
Kind ist krank und Betsy hat den Mulatten und meinen weien Arbeiter nach allen
Himmelsrichtungen ausgeschickt, um Hlfe herbei zu holen. Drei alte Weiber aus
der Nachbarschaft waren schon angekommen, ehe wir den Platz verlieen, und ich
bin fest berzeugt, morgen haben wir das ganze Haus voll. Es ist mir schon
einmal so gegangen.
    Lat aber Brown nicht fort, ehe ich dort eintreffe, ermahnte Rowson noch
einmal.
    Nein - habt keine Angst, kommt aber nicht gar zu spt, denn wenn ich auch
eine halbe Stunde oder so mit dem Frhstck zgern kann, zu lange darf's doch
nicht dauern.
    Die Mnner riefen sich jetzt leise gute Nacht zu, Atkins und Jones
bersprangen die Fenz und verschwanden in der dahinterliegenden Dunkelheit und
die Uebrigen suchten auf's Neue ihr Lager, um das jetzt an Schlaf wieder
einzubringen, was sie durch den spten und unerwarteten Besuch versumt hatten.
Cotton brummte aber noch, als er sich wieder in seine Decke einhllte: Wer mich
heute zum zweiten Mal strt, dem dreh' ich den Hals um - das ist sicher - und
schon im nchsten Augenblick bewies sein entsetzliches Schnarchen, wie mde er
sei und wie sehr er der Ruhe bedrfe.

                                      24.

   Die Pionier-Familie. - Der neue Regulator stellt sich selbst seine Falle.


Der wilde Westwind, der in voriger Nacht getobt, ballte, ehe der Morgen
hereinbrach, mit letzter, verzweifelter Kraftanstrengung noch einen Arm voll
dunkler, gewitterschwangerer Wolken zusammen, die er in fliegenden Schauern ber
die Erde ausschttete. Dann aber erschpft und matt, gab er dem siegenden Tage
Raum, und als die Sonne mit ihren ersten Strahlen die fernen Hgelspitzen und
auch hier und da einzelne hohe Kiefern im Thale kte, lagerte sich eine nach
dem vergangenen Sturm so viel heiligere Ruhe und Stille auf den nur leise
rauschenden und flsternden Wald.
    Die frh munteren Haushhne hatten schon aufgehrt zu krhen und stolzirten
mit wichtiger Miene und hochgehobenem Haupte, in dem wohlthuenden Gefhl, ihre
Pflicht erfllt und den benachbarten Genossen kundgethan zu haben, da sie sich
auch noch des Lebens freuten, auf den kleinen Hofrumen der verschiedenen Farmen
umher. Sehnschtige Blicke warfen sie dabei nach den eben geffneten Thren der
Wohnungen, ob nicht bald eine freundliche Seele mit einem Arm voll Mais
erscheinen und die schon seit einer Viertelstunde an der Fenz unruhig hin und
her trabenden und ungeduldig wiehernden Pferde fttern wollte. Natrlich
erwarteten sie in dem Falle auch ihr Scherflein von freiwillig und unfreiwillig
gegebenen Krnern. Die Gnse schnatterten, die Hunde bellten, aus den
Lehmkaminen der kleinen Wohnungen wirbelte dazu der blauklare Rauch kerzengerade
und traulich in die mit Millionen strahlenden Diamanten geschmckten Fichten
hinauf und selbst der lehmgelbe Strom, der sich unter den niederhngenden
Schilfmassen und Fluweiden hinwlzte, schien lebhafter und freudiger in dem
Alles belebenden Sonnenlichte zu rauschen.
    Ganz im Einklang mit dem freundlichen Morgen stand aber ein einzelner
Reiter, der die Ansiedelungen lange hinter sich gelassen und auf schlankem
krftigen Pony, ein munteres Lied trllernd, durch den Wald trabte.
    Es war ein alter Bekannter von uns, Cook, der heute Morgen nchtern von zu
Hause aufgebrochen war, um den Versammlungsort sobald als mglich zu erreichen,
und jetzt sein Thier manchmal zu schrferem Lauf antrieb, in dem nchsten, noch
etwa drei Miles entfernten Hause nicht etwa zu spt zum Frhstck zu kommen.
    So sorglos er aber bis dahin seinen Weg verfolgt, so erstaunt griff er
pltzlich in den Zgel des rasch stutzenden Ponys und horchte nach vorn. - Was
war das? - Sogar das Pferd schien nicht weniger berrascht als sein Herr,
spitzte die Ohren und lauschte aufmerksam einem an dieser Stelle sicher nicht
erwarteten Ton.
    In einem Umkreise von drei vollen Meilen war nmlich kein einziges Haus zu
finden und dennoch krhte hier, mitten im Walde, gerade hinter jenem Dickicht
von Holly- und Sassafrasbschen, ein sehr munterer und sich trefflich bei Stimme
befindender Haushahn, und Cook sah verwundert und wirklich verdutzt um sich her.
    Ich habe mich doch nicht verirrt? brummte er leise vor sich hin. - Ih
Gott bewahre, ich kenne ja jeden Hirsch- und Kuhpfad im Walde. Neue Ansiedler?
Das ist an dieser Stelle auch nicht gerade zu erwarten; aber hallo - sind das
nicht Radspuren hier neben dem Wege? der Regen hat es freilich verwaschen; aber
ja, wahrhaftig - dort haben sie den Busch niedergefahren und hier an der Eiche
gestreift, - also Auswanderer, da wird man etwas Neues erfahren, und mit
leichtem Schenkeldruck theilte er seinem Pony den Wunsch mit, die Fremden
einzuholen. Dieses lie sich auch nicht lange bitten, denn eine dunkle Ahnung
von verschiedenen goldglnzenden Maiskolben, in einem hlzernen Kbel
herbeigebracht, stieg vor seiner innern Seele auf (und warum sollte ein Pony,
das in den unwegsamen Waldungen so ganz auf sich und seine Geisteskrfte
angewiesen ist, keine Seele haben?), und laut wiehernd machte es durch einen
Seitensprung und das zeitgeme Hintenausschlagen beider Hinterbeine seinen
Reiter darauf aufmerksam, mit welcher freudigen Bereitwilligkeit es diesen neuen
Bekannten entgegeneile.
    In wenigen Minuten hatte der Reiter die ihn noch von den Fremden trennende
kleine Erhhung zurckgelegt und sah sich jetzt vor einem jener Lager von
Auswanderern, die, besonders in Arkansas und auf dem Wege nach dem Westen oder
nach Texas zu, hufig angetroffen werden.
    Zwei groe, mit weien Leinen berspannte Wagen bildeten den Mittelpunkt der
Gruppe, um welche mehrere Gespanne Stiere, je zwei und zwei durch das groe
hlzerne Joch zusammengefesselt, angebunden standen. Ein kleiner weikpfiger
Bursche, etwa acht oder neun Jahre alt, stand bei ihnen und schob ihnen
abwechselnd und jedem einzeln kurzgebrochene Kolben Mais in das Maul. Die Thiere
aber, die groen gutmthigen Augen matt und schlfrig auf das nchste ihnen
zukommende Stck geheftet, zerkauten und verschluckten in aller Gemthsruhe das
wirklich erfate und leckten dann mit der langen scharfen Zunge wie bittend oder
ermahnend den Aermel und die Hand ihres jungen Ftterers, ihn darauf aufmerksam
zu machen, da sie jetzt fr eine erneute Auflage empfnglich und bereit wren.
Fnf Pferde weideten, mit Glocken um den Hals und die Vorderfe
zusammengebunden - der Landessprache nach gehobbelt - in dem vorzglichen
Schilfbruch, ganz in der Nhe. Die Auswanderer selbst hatten augenscheinlich die
Nacht ber im Innern der Wagen zugebracht, da weiter kein Zelt oder Schutzdach
den Platz verrieth, wo ein Mensch im Regen geschlafen haben knnte. Jetzt aber
waren sie eben im Begriff, sich um den auf der Erde gedeckten Tisch zu lagern,
whrend ausgebreitete wollene Decken die Sitze bildeten. Der muntere Hahn, der
zuerst die Gegenwart der hier Eingetroffenen mit heller Stimme verrathen, lie
jetzt zum zweiten Mal den Warnungs- oder Begrungsruf ertnen.
    Die kleine Familie bestand, auer dem schon vorerwhnten achtjhrigen
Burschen, aus dem Mann, der Frau, zwei erwachsenen Tchtern und zwei jungen
Burschen von achtzehn und zweiundzwanzig Jahren und lie sich jetzt ganz nach
trkischer Art um das aufgetragene Mahl nieder.
    Komm, Ben, rief der Vater diesem zu - die Thiere haben genug, sie standen
ja die ganze Nacht im Schilf, fressen auch gar nicht mehr. - Ruhig, ihr Hunde,
was wittern denn die Bestien schon wieder und haben erst die ganze Nacht
geklfft und gebellt, weil es einmal einem lumpigen Panther einfiel, in der Nhe
zu heulen. - Nieder mit euch! -
    Trotz dieser freundlichen Zusprache waren die also angeredeten und unter dem
Wagen festgebundenen Hunde dennoch keineswegs gesonnen, der Warnung Folge zu
leisten. Nur so viel wthender bellten sie die Strae hinab, von der Cook jetzt,
sich der Gruppe nhernd, herbertrabte.
    Guten Morgen Allen, rief dieser freundlich, als er, kaum zehn Schritte von
ihnen, aus dem Sattel sprang und dem kleinen schnaubenden Thiere den Zgel ber
den Nacken warf, guten Morgen, schmeckt's?
    Soll erst, rief ihm der Farmer entgegen - kommt - legt Euch mit her und
et, wenn Ihr noch nicht gefrhstckt habt. - Hier, Anna - einen Becher fr den
Gentleman langt zu - helft Euch selber!
    Danke schn, sagte Cook, der ohne die mindesten Umstnde der Einladung
Folge leistete, das trifft sich prchtig, ich hatte allerdings nicht gehofft,
hier mitten im Walde so gute Gesellschaft und ein so treffliches Frhstck zu
finden, aber - er sah sich dabei nach seinem Pferde um, das sich, klug genug,
durch Grasen keinen Vortheil zu vergeben wnschte, whrend es mit andchtig
gespitzten Ohren und gerunzelter Stirn nach dem noch mit dem Mais raschelnden
Ben hinberschaute.
    Bring einen Arm voll Mais her, Ben, rief der Farmer, ohne den Gast
ausreden zu lassen - Du kannst ihn in den eisernen Topf thun, der dort neben
dem Wagen steht. Dem Pony wird wohl das Geschirr gleichgltig sein, aus dem es
frit.
    Das Pony gab durch ein halbunterdrcktes, leises Wiehern seine volle
Beistimmung zu diesem Vorschlag und that gleich darauf mit sehr geschftigen
Kinnbacken dem vor ihm hingesetzten Mahl alle Ehre an.
    Und woher kommt Ihr, Sir? frug Cook endlich, nachdem eine etwa
viertelstndige Pause von smmtlichen Mitgliedern des kleinen Kreises auf das
Zweckmigste benutzt worden war.
    Aus Tennessee, vom Wolfriver.
    Und wollt?
    Nach Franklin County, an den Fu der Ozarkgebirge.
    Schon einen Platz ausgesucht?
    Noch nichts Besonderes, werde jedoch bald einen finden. Ich habe einen
Bruder dort wohnen.
    Ahem! - ist hier auch capitales Land -
    Ja - wei wohl, die Leute am Fourche la fave sollen aber das Pferdefleisch
zu lieb haben.
    Hoho, lachte Cook, haben Euch die Arkansas-Fluleute auch schon einen
Floh in's Ohr gesetzt? So schlimm ist's nicht. Doch - aufrichtig gesagt, schlimm
genug, ich bin gerade auf dem Wege zu einer Regulatorenversammlung, hoffe aber,
wir werden dem Unwesen jetzt ein Ziel stecken. Arkansas soll nicht lnger nur
dann genannt werden, wenn man von Raub- und Diebesbanden spricht.
    Arkansas im Allgemeinen? lachte der Farmer, ja! - In den Vereinigten
Staaten berhaupt, in Tennessee und weiter sdlich, nrdlich und stlich, da
kennen sie in der Hinsicht nur Arkansas. Kommt man aber einmal ber den
Mississippi in den Staat selbst, dann heit's Fourche la fave. - Ihr habt einen
ausgezeichneten Ruf im Lande.
    Mag sein, sagte Cook, so schlimm ist's aber doch wohl nicht, wie es
gemacht wird, und sind auch einige nichtsnutzige Burschen hier in der Gegend, so
mte es mit dem T - ja so, was ich gleich sagen wollte - wir werden sie schon
fortbringen. Ich wollte, Ihr knntet unserer Versammlung heute beiwohnen. - Es
ist berdies Sonnabend, und morgen reist Ihr wohl schwerlich weiter.
    Morgen? frug der Farmer, wegen des Sonntags? Das macht keinen
Unterschied. Meine Alte da ist vernnftig genug, und die Mdchen hat auch noch
keiner von den herumkriechenden Methodisten angst und bange vor kommendem
Hllenfeuer machen knnen. Das gute Wetter mu benutzt werden, und da ich, wenn
irgend mglich, noch gern in diesem Jahre ein paar Acker Mais aussen mchte, so
hab' ich, wie Ihr wissen werdet, keine Zeit zu versumen -
    Nein, allerdings nicht. Ich glaubte aber, es wrde Euch vielleicht
interessiren, unsere Regulatorengesetze kennen zu lernen.
    Allerdings wrde es das, sagte der Tennesseer. Also wollt Ihr wirklich
das Lynchgesetz ausben? Gehrt hab' ich schon zu Hause davon, es aber immer
noch nicht geglaubt.
    Ja, es ist nthig, erwiderte Cook, wir sind hier in unserem Staate noch
nicht darauf eingerichtet, Verbrecher erst vor Gericht zu stellen und dann in
sicherem Gewahrsam zu halten. Es ist noch Alles zu neu hier. Kein Staat hat es
aber so nthig, als gerade Arkansas, und da mu etwas geschehen, wenn wir nicht
unter uns selbst zu Grunde gehen oder, wie Ihr selbst sagt, einen solchen Ruf in
den brigen Staaten erhalten wollen, da kein Mensch mehr zu uns zieht, und
unser Land, wenn nicht werthlos, doch auch nicht werthvoller wird.
    Ja, ja, sagte der Tennesseer - ganz recht, wir haben es vor fnf Jahren
ebenso gemacht, denn im District hatte sich damals auch eine nicht unbedeutende
Bande Lumpenpacks gebildet. Aber ein paar Ellen Hanf und ordentlichen Ernst
hinter der Sache, da drckten sich die Schufte bald. Es ist am Arkansas drben
auch nicht so geheuer; als wir in den ersten Tagen dieser Woche am Flu
heraufzogen, wurde ein dort anssssger Farmer, der in der Indian Nation gewesen
war und Schweine verkauft hatte, auf seiner Rckkehr von einem Halunken
gemeuchelmordet.
    Ich habe davon gehrt, sagte Cook schaudernd, hat man den Thter nicht
entdeckt?
    Nein, sagte der Alte, mit der Faust rgerlich vor sich auf das Tischtuch
schlagend, da das lose darunter liegende Brett ein kleines glsernes Salzfa
hoch emporschnellte, nein - und ich wollte nur, der glatte Schuft kme mir
wieder so nahe wie damals, als ich mit der Bchse im Anschlag hinter einem Baum
stand, oder auch auf der offenen Prairie, verdammt will ich sein, wenn ich nicht
Tageslicht durch seinen Hirnschdel liee!
    So kennt Ihr ihn?
    Nein - ich kenne ihn nicht, aber ich habe ihn gesehen; es kann wenigstens
kein Anderer gewesen sein. Unser Wagen fuhr nmlich auf der Strae hin, und ich
und Ned da, mein Aeltester, waren ein wenig mit unseren Bchsen seitab gegangen.
Wir dachten, vielleicht einen Hirsch zu schieen, von denen wir sehr viele
Fhrten im Wege bemerkt hatten. An der Spitze eines kleinen Sees hatte Ned die
eine und ich die andere Seite genommen, als ich einen schmalen Pfad bemerkte,
der aus dem Dickicht kam und augenscheinlich der eben verlassenen Strae
zufhrte, auf der die Wagen, vielleicht eine halbe Meile hinter uns, herkamen.
Da hrte ich etwas in den Bschen rascheln und trat, in der Meinung, es sei ein
Hirsch oder ein Volk Truthhner, hinter einen Baum. Es waren aber zwei Reiter,
beide in das gewhnliche blaue Wollenzeug gekleidet, der eine nur mit einem
breitrndigen schwarzen Hut auf. Diese sprachen sehr eifrig mit einander und
ritten an mir vorber, ohne mich zu bemerken; ich redete sie auch nicht weiter
an, da ich kein unnthiges Gerusch machen und mir vielleicht in der Nhe
sendes Wild verscheuchen wollte.
    Hundert Schritt mochte ich wieder langsam weiter geschlendert sein, und die
Fremden waren indessen im Gebsch hinter mir verschwunden, als ich pltzlich,
nach derselben Richtung hin, einen Schu hrte. Nun glaubte ich im Anfang, Ned
habe des Wassers wegen nicht drben um den See gekonnt, sei mir nach- und
zufllig zum Schu gekommen, denn keiner der beiden Mnner trug eine Bchse. Ich
stie deshalb meinen Jagdruf aus, um zu erfahren, ob er irgend etwas getroffen;
aber gleich darauf antwortete mir mein Junge von der gegenberliegenden Seite
des Sees, und ich vermuthete nun natrlich nichts Anderes, als da noch ein
dritter Jger dort in der Gegend sei, und mich um den nicht weiter kmmernd,
setzte ich meinen Weg ruhig fort.
    Das war schon spt am Nachmittag, und an demselben Abend noch berholten uns
Leute auf der Strae, wo wir lagerten, die uns von einem Mord erzhlten, der
vorgefallen. Der Todte sei durch den Kopf geschossen. Von den Reitern war
brigens keiner an unseren Wagen vorbeigekommen.
    Wie ich das hrte, setzte ich mich augenblicklich auf meinen Rappen (die
Weiber hier schrieen nicht schlecht, denn sie fingen an, sich zu frchten) und
galoppirte, was das Thier laufen konnte, dorthin, wo der Leichnam in einem
Farmhause nicht sehr weit von da, wo die That geschehen, liegen sollte. Es war
richtig, wie ich vermuthet, einer von Denen, die ich an demselben Tage hatte
zusammen reiten sehen, und zwar der Aeltere; der Schuft mit dem breitrndigen
Hute mute also der Mrder sein. Ich beschrieb ihn, so gut ich konnte, keiner
der Anwesenden wollte ihn aber kennen, ja erinnerte sich nicht einmal, ihm je
begegnet zu sein. Vergebens blieb ich noch zwei Tage in der Nachbarschaft, der
Thter war spurlos verschwunden, und nach Berechnungen von Leuten, die genau
wuten, wie viel Schweine der Ermordete mit fortgenommen und wie der Preis bei
den Indianern stand, mute er etwa tausend Dollars bei sich gehabt haben.
Natrlich wurde von denen ebenfalls nichts weiter gesehen.
    Ja, ja, sagte Cook, es sind hier auch hnliche Sachen vorgefallen, fast
noch schlimmer, als offener Raubmord. - Nun, wir wollen hoffen, da wir
wenigstens den Kopf der Schlange treffen, die sich in diese Gegend eingenistet
hat. Die ber dem Arkansas drben mgen sehen, wie sie mit ihrer Seite fertig
werden. - Doch welchen Weg gedenkt Ihr einzuschlagen?
    Ich wei es selbst nicht genau; die Strae fhrt wohl an dieser Seite hin?
    Ja - an beiden Seiten, die jenseits mchte aber fr Euch die gerathenste
sein, denn weiter oben, wo die Lefthandfork hereinkommt, ist der Durchgang durch
den Flu, besonders mit Wagen, sehr beschwerlich.
    Auf welche Art komme ich denn da am besten hinber? Wie weit ist's noch bis
zum nchsten Hause?
    Nun, das nchste Haus ist Wilson's, sagte Cook, das zweite, etwa
anderthalb Meilen weiter, Atkins'. Am ersten knnt Ihr aber schon bersetzen; es
ist dort ein recht gutes Fhrboot und ein breiter, bequemer Weg zum Flu
hinunter.
    Ist des Fhrmanns Name Wilson?
    Nein, der wohnt nur dort; der Fhrmann heit Curneales.
    Gut denn, ich dank' Euch fr den Rath und werd' ihn befolgen; kommt Ihr
aber einmal in meine Nhe, so fragt nur nach dem alten Stevenson und sucht mich
auf. Ihr sollt mir herzlich willkommen sein!
    Danke, danke! sagte Cook, der indessen aufgestanden war und sein Pferd
wieder gesattelt und gezumt hatte; jetzt wird's brigens Zeit, da ich
ausgreife, sonst komme ich zu spt, ich habe noch verschiedene Meilen zu machen.
Also beht' Euch Gott!
    Mit herzlichem Gru und Hndedruck nahm der junge Farmer dann von jedem
Einzelnen der Familie, Ben, der sein Pferd so wacker gefttert hatte, nicht
ausgenommen, Abschied und trabte bald darauf singend und mit seinem ebenso
zufriedenen Pony sich unterhaltend dem vorgesteckten Ziele zu.
    Nach scharfem, etwa einstndigem Ritt erreichte er Atkins' Haus, wo er zu
seinem Erstaunen Brown noch vorfand. Den hatte er schon lange an Ort und Stelle,
oder doch wenigstens auf dem Wege dahin vermuthet, und fand ihn jetzt noch hier
ganz ruhig neben den gesattelten Pferden stehen. Brown unterhielt sich brigens
sehr angelegentlich mit dem am vorigen Abend angekommenen Fremden, den ihm der
eben eingetroffene Rowson gerade als einen alten Freund vorgestellt hatte.
    Hallo, Cook! rief diesem der Regulatorenfhrer freudig entgegen, das ist
herrlich, da Ihr kommt; jetzt knnen wir zusammen reiten.
    Guten Morgen - guten Morgen! lautete der Gegengru, aber ich glaubte Euch
schon lange unterwegs.
    Das ist meine Schuld, sagte Atkins, Cook die Hand hinaufreichend, oder
eigentlich die Schuld meiner Frau, die heute Morgen unverzeihlich lange mit dem
Frhstck trdelte. Das kranke Kind mag sie aber wohl verhindert haben -
    Ich wre schon lange fortgeritten, sagte Brown, aber Mr. Atkins -
    Doch nicht ohne einen Bissen genossen zu haben? unterbrach ihn dieser,
das htte ich nie zugegeben, nein; Sie kommen berdies noch zeitig genug und
haben jetzt dadurch neue Gesellschaft gewonnen.
    Es ist auch noch nichts versumt, sagte Brown, dem Freunde Cook, der neben
ihm halten geblieben war, ebenfalls die Hand schttelnd; aber, Mr. Rowson,
wandte er sich dann zu diesem, der sein Pferd eben dem Mulatten bergeben hatte,
wollen Sie denn nicht mit uns kommen? Ich glaubte, als ich Sie sah, da das der
Zweck Ihres Hierseins gewesen sei.
    Ich wrde sehr gern dieser Versammlung beigewohnt haben, erwiderte der
Methodist, hielten mich nicht gerade heute wichtige Geschfte davon ab. Ich
feiere morgen die Verbindung mit meiner Braut, und da werden die Herren wohl
einsehen, da es unter solchen Umstnden selbst unaufschiebbare Besorgungen
geben kann.
    Allerdings, erwiderte Brown fast tonlos - und dieser Herr ist, wie Sie
sagten, ebenfalls ein Regulator? Er uerte davon gestern Abend keine Silbe.
    Sie werden das sehr begreiflich finden, lchelte Mr. Jones, wenn Sie
bedenken, da ich mich unter lauter Fremden befand.
    Allerdings eine hchst lobenswerthe Vorsicht. - Sie wollten nach Fort
Gibson, nicht wahr?
    Das war mein Wille und ist es noch. Da ich aber hier ganz zufllig und
unerwartet einen alten Bekannten in Mr. Rowson gefunden habe, gedenke ich ein
paar Tage in der Nachbarschaft zu verweilen. Es wrde mir dabei sehr angenehm
sein, wenn ich der heutigen Versammlung der Regulatoren beiwohnen knnte;
vielleicht ist es mglich, diese mit unseren Verbindungen im Norden zu
vereinigen, und mit einem gemeinsamen Ziel im Auge wre es dann weit eher
mglich, das zu erreichen, was beide Parteien jetzt einzeln nur so viel schwerer
erlangen knnen.
    Allerdings haben Sie da Recht, erwiderte Brown, ihm dabei fest in's Auge
sehend, und Sie wnschen also durch mich den Regulatoren vorgestellt zu
werden?
    Das ist mein Wunsch, und Sie wrden mich sehr verpflichten -
    Ich selbst wrde Ihnen im Namen meines Freundes sehr dankbar sein,
unterbrach ihn Rowson zu gleicher Zeit, und wenn er dann auch, meiner jetzigen
neuen Haushaltung wegen, nicht gleich bei mir ein Unterkommen finden knnte, so
ist Mr. Atkins vielleicht so gtig, ihn noch einmal in nchster Nacht zu
beherbergen Spter treffen wir dann schon ein Abkommen mit einander.
    Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Mr. Rowson, sagte Brown lchelnd,
ich zweifle nicht daran, da sich Mr. Jones einige Zeit hier bei uns aufhalten
wird. Ob ihm der Fourche la fave nur gefllt, ist eine zweite Frage.
    Ich bin leicht befriedigt, entgegnete Jones dem jungen Mann sehr
freundlich: doch, mchten wir nicht lieber aufbrechen? Es wird spt.
    Mr. Jones' Pferd! rief Aktins dem Mulatten zu, der in der Thr stand und
nach den Mnnern herberstarrte.
    Hrt, Brown, dessen Gesicht gefllt mir gar nicht, flsterte Cook dem
Freunde zu, whrend er sich zu ihm hinunterbog.
    Wenn wir zu Bowitts kommen, mu ich ein paar Worte mit Euch allein
sprechen, flsterte dieser zurck.
    Ist etwas -?
    Bst - nur ruhig - es hat Zeit, bis wir oben sind.
    Jones war indessen ebenfalls aufgestiegen, und Brown schwang sich gerade in
den Sattel, als der Mulatte noch zwei andere Pferde, und zwar eins mit einem
Damensattel belegt, herausfhrte.
    Gott segne mich! rief Cook - noch ein Frauensattel, ich zhlte eben ganz
erstaunt die da drin im Zwischenhause aufgehangenen; sieben Stck, und das hier
ist der achte; was habt Ihr denn vor?
    Es ist Besuch bei meiner Frau, sagte Atkins, Krankenbesuch, des Kindes
wegen. Der hier aber gehrt Ellen - sie soll nach Roberts hinber.
    In dem Augenblicke ffnete sich die Thr und Ellen kam mit Sonnenhut und
Tuch aus dem Hause. Sie trug ein kleines Bndel in der Hand, das der Mulatte ihr
drauen abnahm, und als sie das von dem tiefen Bonnet beschattete Kpfchen nach
Brown zukehrte, konnte dieser die rothgeweinten Augen nicht verkennen. Schnell
wandte sie sich jedoch ab, stieg mit Hilfe eines dort stehenden und zu diesem
Zweck glatt abgehauenen Baumstumpfes in den Sattel und galoppirte gleich darauf,
von dem Farbigen gefolgt, die Strae hinab.
    Was fehlt dem Mdchen? frug Brown teilnehmend den Herrn des Hauses, der
ihr kopfschttelnd nachschaute - mir kam es vor, als ob sie ganz verweinte
Augen htte -
    Ih - Unsinn, sagte der Angeredete - sie wollte nicht von dem kranken
Kinde fort - sie sagte, sie sh' es nicht wieder, und da - hatte meine Frau wohl
einen kleinen Tanz mit ihr - die Alte brummt manchmal, meint es aber nicht so
bs. - Das hat sich das dumme Ding denn zu Herzen genommen. Nun, sie wird schon
vernnftig werden, wenn sie einmal einen ordentlichen Mann bekommt.
    Brown - zum Donnerwetter, lat das Trdeln. - Die Zeit vergeht! rief Cook
ungeduldig.
    Ja, ja, erwiderte dieser, ich mu nur noch ein paar Worte mit Mr. Rowson
sprechen; eine Frage -
    Der ist in's Haus gegangen, das kann ja morgen oder heut Abend geschehen;
es wird Mittag sein, ehe wir's uns versehen, und die Leute oben erwarten uns
sicherlich schon seit vier Stunden.
    Gut denn, auf Wiedersehen! sagte der junge Mann, winkte den
Zurckbleibenden noch einmal zu und trabte dann, von den Anderen gefolgt,
schnell auf dem in den Wald fhrenden Pfade hin.

                                      25.

               Harper und Marion. - Ellen's Ankunft bei Roberts.


Still und freundlich beschien die leuchtende Morgensonne Roberts' wohnliche
Heimath. Noch hatten die das Feld und den Hofraum begrenzenden Kiefern und
Eichen ihren thauigen Perlenschmuck nicht verloren, warfen ihn aber jetzt in
leisen glitzernden Schauern auf die duftende Erde nieder und winkten und nickten
dazu mit den Zweigen, als ob sie htten sagen wollen: Geht - geht - ihr knnt
uns doch nicht verlassen, ihr glnzenden Tropfen, und wenn es nur erst dunkelt,
steigt ihr schon wieder heimlich in feuchten Dnsten empor, drngt euch uns
wieder auf und sammelt euch hier oben zu eurer stolzen, prahlenden, lieben
Herrlichkeit auf's Neue. - Geht - geht - ihr kommt schon wieder und wenn wir
euch noch tausendmal abschtteln.
    Vier groe, stattliche Truthhner, aus im Walde gefundenen Eiern aufgezogen,
strutteten stolz und kollernd auf dem das Haus umgebenden freien Fleck umher und
schienen die Maiskrner, die ihnen Marion in einem kleinen Krbchen brachte,
erst durch das ganze Ausbreiten ihrer Pracht und Schnheit verdienen zu wollen,
ehe sie sich herablieen, die Morgengabe in Empfang zu nehmen. Auf den kleinen,
niederen Hickorybschen, die des Schattens wegen in der Nachbarschaft der
Wohnungen gelassen waren, lrmten die blauen Heher und zwitscherten die
feuerrothen Cardinle und hier und da glitt ein munteres silbergraues
Eichhrnchen an irgend einem Stamme herunter. Rasch sprang es dort auf die Fenz,
lief an dieser, genau den Zickzackwindungen derselben folgend, hin und schwang
sich dann wieder, durch irgend ein im Laube raschelndes Huhn aufgescheucht, mit
flchtigem Satz an dem ihm nchststehenden Baum hinauf, bis es sich in
Sicherheit wute. Nicht lange aber dauerte es, so schaute es oben, das Kpfchen
gar schlau und pfiffig von der Seite drehend, vorsichtig um den schlanken Stamm
herum, mit den weit vorgespitzten kleinen Ohren herunterlauschend, was das
verdchtige Gerusch denn wohl verursacht habe.
    Die beiden Frauen waren allein. Roberts hatte sich mit den Hunden schon fast
vor Tagesanbruch in den Wald begeben, um dort nach seinen Heerden zu sehen, aber
versprochen, noch vor Mittag wieder zurck zu sein, und Madame Roberts
wirtschaftete jetzt auf eine wunderbar geschftige Weise zwischen allen nur
mglichen Pfannen und Tpfen herum. Ja sogar das Rauchhaus wurde durchstbert
und von dorther einige sehr geheimnivoll zugebundene und verwahrte Bchsen und
Glser herbeigeschafft, die theils saure Gurken und Honig, theils aber auch die
verschiedenen Waldesfrchte, auf treffliche und delicate Art eingemacht,
enthielten und heute zu einem sowohl seltenen als glnzenden Festmahle
hervorgeholt wurden.
    Marion hatte das Geschft des Brodbackens berantwortet bekommen und knetete
das zarte, weie Mehl mit den noch viel zarteren, feineren Hnden zu kleinen
flachen Biscuits. Spterhin sollten diese in der hohen eisernen Deckelpfanne
gebacken werden, fr jetzt aber lagen sie noch in langen, gleichen Reihen auf
dem Tisch ausgebreitet und wurden nur vor der Hand mit einer Gabel eingestochen,
um der Luft freien Zutritt zu gestatten und sie etwas zu heben.
    Die beiden Frauen waren, ganz auf die gewhnliche Art der amerikanischen
Hinterwldlerinnen, in selbstgewebte Anzge gekleidet, der Stoff aber von der
besten und vorzglichsten Art, und die Farben und Muster auf das
Geschmackvollste und Sinnigste gewhlt. Mrs. Roberts suchte etwas darin, in
dieser Arbeit von keiner Einzigen in Arkansas und in den anderen Staaten eben
so wenig, wie sie sich ausdrckte, bertroffen zu werden, obgleich sie gern und
nicht ohne fast eben so viel Stolz eingestand, ihre Tochter stnde ihr an
Geschicklichkeit fast gleich.
    Marion hatte die vollen kastanienbraunen Haare einfach und glatt
zurckgescheitelt und in einem Knoten befestigt. Der einzige Schmuck, den sie
trug, waren zwei kleine, halb aufgeblhte weie Rosen, und s und zart, wie
ihre schwellenden Lippen, glhte und duftete aus deren kaum erschlossenem Kelch
das sanfte jungfruliche Roth der aufkeimenden Blthen. Sie hatte ihre Arbeit
beendet, und schaute jetzt stumm und sinnend, die Hnde vor sich gefaltet, das
Kpfchen wie ermdet an den blank gescheuerten Thrpfosten gelehnt, die Strae
hinab.
    Kommt er noch nicht? frug die Mutter, indem sie mit Kennermiene eine eben
geffnete steinerne Bchse an die Nase hielt.
    Wer? sagte Marion, erschrocken auffahrend und sich schnell nach der Mutter
hinwendend.
    Wer? fuhr diese, ohne die Bewegung zu beachten, fort, wer? nrrisches
Mdchen - Sam - den Du doch selbst nach Mr. Harper hinuntergeschickt hast, um
ihn auf heute einladen zu lassen. Hat's aber gar nicht verdient, da man die
Leute nach ihm in die Welt hineinjagt. - Htte sich wohl in der langen Zeit
einmal wieder knnen blicken lassen.
    Er war ja krank -
    Nun, sein sauberer Neffe denn, der jetzt zu den Regulatoren bergegangen
ist. - Du warst auch unwohl und es wre nicht mehr als artig gewesen, einmal
nachzufragen, wie Dir's ginge. Er ist immer freundlich hier aufgenommen und hat
gar nichts auf der weiten Gotteswelt zu Hause zu thun -
    Er hat seinen Onkel gepflegt, sagte Marion leise.
    Oh ja - ich wei wohl, Du vertheidigst ihn immer seit der Geschichte mit
dem -
    Mutter! unterbrach sie fast noch leiser als frher und mit einem leichten
Vorwurf im Ton das tieferrthende Mdchen.
    Nun ja - er hat Dir damals einen groen Dienst erzeigt, das ist richtig,
murmelte die alte Dame, aber auch nicht mehr, als jeder Andere an seiner Stelle
gethan haben wrde, und - Doch ich will gar nichts gegen ihn sagen, Kind,
schwatzte sie dann redselig weiter, die nicht mehr nthigen Gefe dabei an ihre
gehrigen und bestimmten Pltze zurcktragend - ich habe keineswegs etwas gegen
ihn. - Es ist so weit ein lieber junger Mann, aber darum bin ich ja gerade bse
auf ihn, da er nicht manchmal herkommt. Freilich ist die Sache mit Heathcott -
    Aber, Mutter! rief mit vorwurfsvollem Tone die Tochter.
    Ich wei, was Du sagen willst, fuhr diese, ohne sich irre machen zu
lassen, fort - ich wei, was Du sagen willst; warum hat er sich denn aber seit
jener Zeit nicht wieder hier sehen lassen, wenn er ein so ganz gutes, reines
Gewissen hat? - Mr. Rowson gab mir darin neulich ganz recht.
    Und Mr. Rowson htte gerade volle Ursache, Herrn Brown zu vertheidigen, wo
es in seinen Krften steht, rief Marion, sich eifriger als bisher zu ihrer
Mutter umwendend. - Das ist etwas, was mir an ihm nicht gefllt.
    Er hat ihn auch vertheidigt, entgegnete diese, hat ihn wacker
vertheidigt; aber was kann er dafr, wenn er selbst den Verdacht nicht ganz
abzuschtteln vermag?
    Marion wandte sich zur Seite, um eine Thrne zu verbergen, die sich ihr
ungerufen in's Auge stahl. Ihre Mutter hatte aber jetzt auch vollauf zu thun, um
verschiedene Fleischstcke herbeizuholen, die sie noch vor zwlf Uhr zubereiten
wollte. Zufllig trat sie dabei einmal an das kleine, in die Stmme
eingeschnittene Fenster, das, eigentlich gegen arkansische Sitte, mit einer
Glasscheibe versehen war, und entdeckte pltzlich zu ihrem Entsetzen drei
Reiter, die auf der Strae herankamen. Es war der erwartete Harper mit seinem
Nachbar Bahrens und hinter denen ihr eigener Negerknabe.
    Ei bewahre! rief Madame Roberts erschrocken aus, da kommt Harper schon
und ich bin noch nicht fertig. - Ei, der Schlingel von einem Jungen! Er hat doch
bestellen sollen: erst um Zwlf.
    So la doch, Mutter, lchelte Marion, leise mit dem Finger den feuchten
verrtherischen Fleck von den Wimpern wischend - die beiden Mnner nehmen das
nicht so genau, es sind ja gute Freunde vom Vater; Sam hat sie sicher schon
unterwegs getroffen.
    Es war brigens hierbei auch weiter nichts zu thun; Mrs. Roberts ordnete nur
noch in aller Geschwindigkeit ihre, wie sie glaubte, etwas verschobene Haube vor
dem kleinen Spiegelglas, strich sich die Schrze glatt und trat dann den beiden
Gsten, wenn auch mit noch von der Arbeit ein wenig erhitztem Gesicht,
freundlich und herzlich entgegen.
    Willkommen, Mr. Harper, willkommen als von den Todten auferstanden! sagte
sie, diesem die Hand reichend. - Nur herein, Gentlemen, mein Mann wird gleich
wieder zu Hause sein, er will blos einmal nach ein paar Khen sehen, die lange
nicht zum Melken nach Hause gekommen sind. - Nur nher, Mr. Bahrens, wenn ich
auch noch nicht ganz in Ordnung bin.
    Madame Roberts, sagte dieser lachend, ich drnge mich heute ungeladen
ein, erfuhr aber erst, da Sie Gste htten, als ich schon auf dem Wege war.
    Ich glaubte Sie mit bei der Regulatorenversammlung, antwortete Mrs.
Roberts, sonst htt' ich schon lange zu Ihnen hinbergeschickt - aber nur
herein, vor der Thr machen wir das Alles nicht ab.
    Die beiden Mnner folgten der Einladung, und Harper, zwar noch immer sehr
bla und angegriffen, aber doch mit dem ganzen frheren gemthlichen Wesen, das
ihm gerad' so viele Freunde in der Ansiedelung erworben, mute sich nun vor
allen Dingen niedersetzen, einen Becher des fr ihn ganz apart aus Honig und
Frchten bereiteten Getrnkes zur Strkung zu sich nehmen und dann erzhlen, wie
es ihm in seiner Krankheit gegangen, wer ihn Alles gepflegt, was er fr
Arzeneien genommen und wie er wieder besser geworden sei. Er willfahrte auch mit
der freundlichsten Bereitwilligkeit von der Welt dem Allen und rhmte besonders
seinen Neffen und seine drei Nachbarn, Wilson, Cook und Roberts, die sich sehr
verdient um ihn gemacht htten. Selbst Bahrens, fuhr er, diesem die Hand
hinberreichend, fort, hat sein Maisfeld verlassen und ist auf ein paar Tage zu
mir herbergekommen. Sie haben mich Alle lieb, was kann ich denn hier im Walde
mehr verlangen?
    Das Gesprch wandte sich jetzt auf die ihnen zunchst liegenden Gegenstnde,
das heit alle mgliche Arten von Vegetabilien und andere Ewaaren, die theils
schon auf dem Feuer brodelten, theils noch der weiteren Verwendung harrend auf
einem kleinen Seitentische aufgeschichtet standen, whrend Mrs. Roberts ein
scharfes Messer heraussuchte und ihre Absicht kundthat, in den Garten zu gehen,
um etwas Salat zu holen.
    Bahrens, der ihr indessen schon einige auerordentlich wunderbare
Begebenheiten von fabelhaft groen Spargeln und mrchenhaften Kohlkpfen erzhlt
hatte, bestand darauf, sie zu begleiten, und Harper blieb mit der Jungfrau
allein im Hause zurck.
    Marion hatte sich schon den ganzen Morgen danach gesehnt, mit Harper ein
paar Minuten allein ber den fernen Freund zu sprechen. War er ja doch der
Einzige, zu dem sie sprechen durfte. Als dieser Wunsch aber wirklich erfllt
war, schien es, als ob ihr alles Herzblut hinaufstrmte nach Gesicht und
Schlfen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen und sie konnte keinen Laut
hervorbringen. Auch Harper schwieg, doch dachten Beide sicherlich nur an den
einen Gegenstand, frchteten aber, etwas fr Beide so Schmerzliches zu berhren
und konnten es doch nicht ber's Herz bringen, ein anderes, gleichgltiges
Gesprch anzuknpfen. Da brach endlich Harper das peinlich werdende Schweigen
und sagte, dem jungen Mdchen mit wehmthig freundlichem Ausdruck die Hand
hinberreichend:
    Wie geht es Ihnen, Marion? Gut, hoff' ich, nicht wahr? Das ist recht. -
Seien Sie ein braves, starkes Kind - es freut mich - freut mich herzlich, Sie so
wohl und - und zufrieden zu finden. - Mr. Rowson, fuhr er dann fort, als ihm
Marion lautlos die Hand gereicht hatte - Mr. Rowson ist ein sehr wackerer Mann
und wird Sie schon so glcklich machen, als Sie es verdienen. - Der - der Junge
ist doch ein Sausewind, und - sehen Sie, es ist vielleicht viel besser so -
    Er ist jetzt mit bei den Regulatoren, erzhlte er, ihren fragenden Blick
verstehend, weiter, will aber nur sehen, ob er nicht die wirklichen Mrder
herausbekommen kann. - Pest und Gift! - es mte eine Wonne sein, die Kerle
hngen zu sehen.
    Und er ist nicht schuldig - nicht wahr? frug das Mdchen mit bittendem
Blick.
    Schuldig? fuhr Harper in seinem Stuhl auf - schuldig? Ist da noch Einer,
der ihn fr schuldig hlt? - Nein, Sie nicht, sagte er dann, die weie Hand,
die er nicht wieder losgelassen, liebkosend streichelnd, Sie gewi nicht, aber
auch andere Leute sollen das nicht mehr. Ich selbst freilich glaubte es einmal;
ich kannte sein schnell aufloderndes Blut. Das geraubte Geld machte mich aber
gleich stutzig, und spter erst fand es sich dann, da er an jenem Tage seine
Moccasins getragen, und die Spuren waren beide von Stiefeln oder Schuhen. Nein -
er hat keine Schuld an jenem Blute, hoffentlich aber wird schon irgend einmal
ein Zufall den wirklichen Thter verrathen.
    Die Regulatoren sind ja, wie Sie sagen, deshalb versammelt, erwiderte
leise die Jungfrau.
    Ach, das sind auch nur Menschen, meinte kopfschttelnd der alte Harper -
nicht einmal Indianer. Ja, wenn Assowaum bei uns geblieben wre; der Schlingel
hat sich aber recht heimlich - recht indianisch fortgeschlichen und nie wieder
etwas von sich hren lassen. Bill behauptet freilich noch immer, da er wieder
zurckkommt.
    Mr. Rowson uerte hier neulich, die heimliche Entfernung des Indianers
spreche sehr gegen ihn, sagte Marion.
    Oh - Mr. Rowson sollte ein wenig sparsamer mit seinem Verdacht umgehen,
rief etwas ereifert der alte Mann. Es ist nicht hbsch, einem Menschen gleich
so Schreckliches aufzubrden, und wenn es auch nur ein Indianer ist. Uebrigens
war der es nicht, dagegen wollt' ich mit Freudigkeit meinen Hals zum Pfande
setzen.
    Wird Mr. Brown noch nach Texas gehen? flsterte zitternd das Mdchen.
    Ja, besttigte Harper, auf einmal wieder traurig und niedergeschlagen.
Ich kann ihm den tollen Gedanken nicht ausreden und glaube, wenn sie heute den
Mrder fnden, er ginge morgen fort. - Hat er schon das Pferd von Ihrem Vater
gekauft?
    Das eben lie mich fragen, sagte Marion - ich hrte, wie mein Vater heute
Morgen uerte, er mte den Fuchs fr Mr. Brown einfangen, der oben im
Thalgrunde gewhnlich weidet. Es thut mir unendlich weh, die Ursache zu sein,
die ihn fort - von Ihnen forttreibt -
    Es hat so sein sollen, liebe Marion, beruhigte sie der alte Mann, indem er
aufstand und ihre Stirn kte - und - es ist vielleicht recht gut, da es
gerade so und nicht anders gekommen ist; wer kann es denn wissen. Also Herz
gefat, mein liebes Mdchen, und die starke Seite nach auen gekehrt. Dabei hob
er ihr mit leiser Hand das Kinn in die Hhe und wollte recht heiter und sorglos
ihr in's Auge schauen, die Stimme zitterte ihm aber doch, und er mute hart
kmpfen, da er nicht am Ende selbst von ihrer Wehmuth angesteckt wurde.
    Gerade noch zur rechten Zeit kam jetzt Mrs. Roberts mit Bahrens aus dem
Garten zurck und zwar die Erste lachend, dennoch aber mit einer gewissen
religisen Entrstung in den Zgen, da Mr. Bahrens da Sachen erzhle, die doch
unmglich wahr sein knnten, so gern sie auch seinen Worten glaube. Bahrens
dagegen bestand fest auf dem Erzhlten und rief jetzt Harper bei Mehrerem, das
er auch ihm schon mitgetheilt haben wollte, zum Zeugen auf.
    Sie waren noch in diesem halb ernsten, halb scherzhaften Streite begriffen,
als zwei Reiter vor dem Hause hielten und Ellen, von dem jungen Mulatten
gefolgt, eintrat.
    Die Mdchen kannten sich schon von frher her und begrten sich herzlich,
aber auch Mrs. Roberts empfing die junge Waise mit wirklicher Gte, da Rowson
ihr (in diesem Falle einmal die Wahrheit) nicht allein sehr viel Liebes und
Gutes, sondern auch das von ihr erzhlt hatte, da ihre Pflegemutter, Madame
Atkins, sie eigentlich mehr wie eine Sclavin, als wie das Kind, wenn auch das
angenommene, behandele.
    Harper war Ellen noch fremd, Bahrens hatte sie aber schon hufig gesehen,
und sie frug nach den ersten Begrungen schchtern ihre neue Herrin oder
vielmehr Freundin, ob sie noch zeitig genug eingetroffen sei, da sie sich zu
Hause etwas versptet.
    Zeitig genug, liebes Kind, unterbrach sie Madame Roberts - zeitig genug;
morgen frh erst wollen wir hinberreiten in Eure neue Wohnung. Es wird wohl
noch Manches darin nthig sein, denn man kann doch nicht erwarten, da ein
Junggeselle seine Wirthschaft so ganz vollkommen eingerichtet haben sollte.
Spter besuchen wir den Richter, wo Mr. Rowson Nachmittags predigen wird, und
jener verbindet dann die jungen Leute mit einander. Abends bringen wir sie nach
Hause, und Du, liebes Kind, bleibst mit unserem Negerknaben, den Ihr zu Eurer
ersten Einrichtung eine Zeit lang dort behalten knnt, bei ihnen.
    Diese Angelegenheit war bald in Ordnung gebracht und es rckte nun die viel
wichtigere des Mittagessens heran. Weder Rowson noch Roberts kamen aber, und die
Matrone fing schon an, sehr ungeduldig zu werden. Bahrens hatte auch, auf
wiederholtes Anregen, soeben zum zweiten Mal in das lange gerade Blechhorn
stoen mssen, das den Ton weit hin durch den Wald trug, als dieser endlich von
dem freilich noch sehr fernen Jagdrufe Roberts' beantwortet wurde, und bald
tobten, als frhliche Vorboten, jauchzend und klffend die Hunde die
Countystrae herunter. Wenige Minuten spter kamen die Beiden, Roberts und
Rowson, in etwas grerer Eile als gewhnlich, zusammen angetrabt,
wahrscheinlich um dem dringenden Rufe Folge zu leisten und die Frauen nicht
lnger warten zu lassen.

                                      26.

 Die Regulatorenversammlung. - Jones befindet sich in einer hchst unangenehmen
                            Lage. - List gegen List.


Um Bowitt's kleine Wohnung hatte sich an demselben Morgen nicht allein eine
ziemliche Anzahl der benachbarten, sondern auch der entfernter wohnenden Farmer
und Jger versammelt. Das Haus selbst durfte aber Keiner betreten. Dort
wirtschafteten und arbeiteten nmlich zwei wohlbeleibte, von der benachbarten,
einem wohlhabenden Mann aus Little Rock gehrenden Mhle geliehene Negerinnen,
um fr Manche, die schon eine weite Strecke Weges gekommen, Frhstck zu
bereiten und unterdessen auch wieder die nthigen Vorbereitungen zum Mittagessen
zu treffen. Zu gleicher Zeit hing vor dem Hause auf zwei niederen Stben
befestigt und ber einem lodernden Feuer, ein nicht unbedeutender eiserner
Kessel, um kochendes Wasser bereit zu halten und dann und wann die khle
Morgenluft mit einem heien, erquickenden Trank zu dmpfen und angenehmer zu
machen.
    Trotzdem aber, da der Becher hufig im Kreise herumging, der doch sonst so
schnell Leben und Frhlichkeit unter die Mnner von Arkansas brachte, schien
heute ein fast feierlicher Ernst die Zungen der Meisten gefesselt zu haben.
Unter einem dichtlaubigen Baume, der das darunter gestreute vorjhrige Laub vor
dem niederfallenden Regen geschtzt hatte, standen die Regulatoren, finstere
Aufmerksamkeit und feste Entschlossenheit in den dunkeln, sonngebrunten
Gesichtern, und dicht um einen einzelnen Mann geschaart, der mit lebhaften
Geberden und gelufiger Zunge ihnen etwas scheinbar sehr Interessantes
mitzutheilen schien.
    Es war eins jener, keinem besondern Staate angehrenden Mitteldinge, halb
Weier, halb Indianer, dessen fast zu dunkle Farbe bei den Amerikanern gar nicht
selten den Verdacht nach niederer Abstammung erweckt. In den Backwoods hieen
aber diese Art Leute kanadische Franzosen, Halbindianer oder auch wohl mit einem
Spottnamen Gumbos.1 Dieses braune Individuum, sonst ein krftiger, derber
Bursche, erzhlte aber mit lebhaften Gesticulationen seinen Zuhrern, wie er aus
der Nation der Cherokesen der Spur von gestohlenen Pferden gefolgt sei, etwa
fnf Meilen von da aber die Fhrten verloren habe und schon wieder auf dem
Heimwege gewesen sei. Da hatte er von der Regulator Meeting gehrt und war nun
hierher geritten, die Regulatoren, wenn er die Thiere auch jetzt nicht
wiederbekme, doch auf diese wenigstens aufmerksam zu machen und ihre genaue
Beschreibung zu hinterlassen.
    Der Kanadienser, denn Kanada nannte er seine Heimath, war ein kleiner
untersetzter Mann, mit glnzend schwarzen, langen Haaren, dunkeln feurigen
Augen, blendend weien Zhnen und ganz indianisch vorstehenden Backenknochen,
wie etwas breitgedrckter Nase und groen Nasenflgeln. Seine Gesichtsfarbe
erschien freilich kaum dunkler gefrbt als die der ihn umstehenden Mnner; seine
Kleidung war aber vollkommen indianisch, und selbst der Grtel, den er trug, aus
perlengestickter rother Wolle gefertigt und reich mit Pantherfngen und
Brenkrallen verziert.
    Die Regulatoren riethen noch hin und her darber, wie sonderbarer Weise die
meisten Fhrten in ihre Nachbarschaft fhrten und da, auf fast wunderbare Weise,
verschwnden, als Brown, Jones und Cook herbeiritten und von den vor der Htte
Versammelten mit freudigem Gru empfangen wurden. Zu gleicher Zeit fast traf
auch Husfield von der andern Seite her ein und erquickte sich vor allen Dingen
an dem Frhstck, da er schon, seiner Aussage nach, fnfzehn Meilen nchtern
geritten war.
    Erst als er dies beendet, nherte er sich den letztangekommenen Freunden, zu
deren Besten der Kanadienser seine Erzhlung wiederholte. Da mischte sich Jones
mit in das Gesprch und frug den Halbindianer, ob nicht ein weies Pferd mit
einem schwarzen Hinterbein unter den vermiten gewesen sei.
    Mit freudig erstauntem Eifer bejahte es der Fremde.
    Dann hab' ich sie gesehen, sagte Jones, mit der rechten Faust in die linke
geffnete Hand schlagend, dann hab' ich sie, straf' mich Gott! gesehen.
    Aber wo? frug schnell und hitzig der Verfolger.
    Etwa fnfzehn Meilen von hier; schon spt gestern Abend und oben auf dem
Bergrcken, der die Wasser der Mamelle und dieses Flusses von einander trennt.
    Und welchen Weg nahmen sie? frug jener voll Eifer - waren sie auf der
offenen Strae, oder -
    Sie kreuzten die Strae, gerade als ich den steilen Berg von der andern
Seite heraufkam, erwiderte Jones.
    Und wie viel Mnner waren mit ihnen?
    Einer nur, den ich sehen konnte.
    Das sind sie, rief der Halbwilde frohlockend aus - ein Farmer an der
Grenze hatte sie ebenfalls gesehen, konnte mir nur den Mann nicht beschreiben,
da er zu weit entfernt gewesen war. Aber wo etwa find' ich die Fhrten?
    Die werden freilich Regen und Wind verweht haben, sagte Jones nachdenklich
- kommt Ihr aber auf den Berg (das letzte Haus, das Ihr von hier passirt, ist
Greathouses) und seid etwa vier oder fnf Meilen von da hingeritten, ohne die
Spuren anzutreffen, so thut Ihr meiner Meinung nach am besten, gleich hinber an
den Arkansas zu reiten. Der fliet von dort nicht so sehr weit entfernt, und in
den am Uferrande stehenden Blockhtten werdet Ihr sicher Kunde von den Dieben
bekommen.
    Dann will ich wenigstens keine Zeit weiter versumen, da ich nicht auch
diese, wenngleich sehr kalte Fhrte verliere, rief der Fremde - dank' Euch fr
die Weisung - Good bye, Gentlemen! Und ohne weitere groe Umstnde wollte der
Kanadienser zu seinem Pony eilen und dem Dieb nachsetzen. Brown fate ihn aber
am Aermel seines ledernen Jagdhemdes, und als ihn der also Zurckgehaltene
verwundert ansah, sagte er freundlich:
    Schenkt uns noch etwa eine halbe Stunde. Die also angegebene Spur ist doch,
wie Ihr einsehen mt, sehr unsicher und zeitraubend, und auf so wenige Minuten
kann es Euch unmglich ankommen. Ueberdies scheint Euer Pferd ermattet und
bedarf der Ruhe. Seid Ihr also in einer Stunde noch gesonnen nachzusetzen, so
knnt Ihr meins nehmen, das frischer bei Krften ist und Euch die versumte
Zeit, bald einbringen wird. Auf dem Rckwege tauschen wir wieder um.
    Wenn aber der Bursche unterdessen ein Boot finden sollte, was ihn
aufnhme? sagte Jones.
    So schnell wird das nicht gehen, denn so hufig sind die Dampfboote noch
nicht auf dem Arkansas. Also Ihr bleibt noch ein wenig und nehmt dann mein
Pferd?
    Der Indianer nickte sehr befriedigt und jetzt wieder voller Hoffnung mit dem
Kopfe, folgte aber fast noch freudiger dem Winke Bowitt's als dem Rathe Brown's,
welcher Erstere ihn zu dem gedeckten Tische lud. Dort zeigte er sich im Anfange
allerdings etwas zurckhaltend, bald gestand er aber, da er seit dem vorigen
Morgen keinen Bissen ber die Zunge gebracht, und wthete nun ordentlich, zum
Entsetzen der Negerinnen, unter den Speisen und Getrnken.
    Gentlemen, redete jetzt Brown, als sich der Halbindianer zurckgezogen
hatte, die Versammelten an, ich habe Ihnen vor allen Dingen einen mir von Herrn
Rowson empfohlenen Fremden vorzustellen, der als Regulator aus Missouri bei uns
eingefhrt zu werden wnscht. Er hofft dadurch zwischen uns und den nrdlichen
Staaten eine Verbindung herzustellen, wnscht aber zuerst vor allen Dingen
unsere Versammlung zu besuchen und den Geist kennen zu lernen, der sie beseelt.
Nicht wahr, Mr. Jones?
    Der also Gefragte verbeugte sich blos verbindlich.
    Da er gleich damit begonnen hat, fuhr Brown fort, einem Hlfsbedrftigen
auf den rechten Weg zu helfen, um sein verlorenes Eigenthum wieder zu erhalten,
so glaube ich nicht, da es noch weiterer Empfehlung bedarf, ihm den Zutritt zu
unserer, sonst eigentlich geheimen oder wenigstens geschlossenen Versammlung zu
gestatten - meinen Sie nicht auch?
    Gengt vollkommen, riefen die Mnner fast einstimmig, und Husfield trat
vor und drckte dem Fremden seine besondere Freude aus, gleich mit dem
Bruderstaat in solcher Art verbunden zu werden.
    Was wolltet Ihr mir denn sagen, Brown? frug diesen jetzt Cook, als er
einige Schritte mit ihm abseits getreten war.
    Geht dem eben Eingefhrten nicht von der Seite, flsterte Brown schnell -
er gehrt mit zur Bande - bst - kein Wort weiter - theilt es Wilson mit, und
Ihr Beide bewacht ihn - habt Ihr Euer Terzerol? (Cook bejahte es.) - Gut - ich
will nur erst die Neger dort bei Seite haben; ich traue den Schuften nicht, und
sie knnten den Alarm geben -
    Also ist das mit den gesehenen Pferden auch eine Lge? frug Cook schnell.
    Bst - er sieht hierher, flsterte Brown - er darf noch nichts merken -
nehmt Euch Wilson zur Hlfe, und dann mssen wir das Mittagessen schnell vorber
haben, da die Neger fortkommen.
    Die Mnner trennten sich jetzt auf kurze Zeit, als Jones aber gleich darauf
von dem Kanadienser wieder vorgenommen und ber mehrere Einzelheiten befragt
wurde, trat Cook noch einmal an den jungen Fhrer heran und sagte leise:
    Die Neger bekommen wir nicht fort, sie bleiben den ganzen Tag hier. Was
geschehen soll, mu also bald geschehen. Da die schwarzen Canaillen aber
nachher nicht fortkommen und das Gercht aussprenge, dafr will ich schon
sorgen.
    Habt Ihr es Wilson gesagt? frug Brown.
    Ja - seid auer Sorgen, der kommt nicht weg - das giebt einen Hauptspa.
Doch die Versammlung soll beginnen.
    Husfield nherte sich in diesem Augenblick Brown und frug ihn, ob sie nicht
anfangen sollten, da manche der hier Anwesenden vielleicht noch an demselben
Tage nach Hause zurckzukehren wnschten. Brown erwiderte, hierauf kein Wort,
fhrte ihn aber einige Schritte von den Uebrigen fort und erzhlte ihm nun in
der Krze und mit so wenig Worten als mglich seinen Verdacht.
    Und was wollt Ihr thun? frug Husfield schnell.
    Davon nachher, flsterte Brown - mir bangt nur vor den Negern. Wer wei,
wenn wir hier etwas vornehmen, ob die nicht -
    Pest! Ihr habt Recht, unterbrach ihn Husfield - mir kam es berdies schon
vor, als ob der Fremde dem einen Nigger ganz verstohlen zugenickt htte -
Verrath knnte uns hier Alles verderben - doch halt - lat mich sorgen - Bowitt
mu dafr stehen und kennt seine Leute; den will ich unterrichten. Verzgert Ihr
indessen die Entscheidung, bis Ihr mich in den Kreis treten und den Hut abnehmen
seht - fort! Jones kommt, es mag ihm wohl nicht angenehm sein, wenn Zwei mit
einander heimlich flstern.
    Husfield verlor sich gleich darauf unter den Uebrigen, und Brown, als
gewhltes Oberhaupt dieses County, rief die Mnner herbei und erffnete die
Versammlung. Nach echt arkansischer Art trat er dabei, um etwas hher zu stehen
und sowohl Alle sehen zu knnen als auch von Allen gesehen zu werden, auf den
Stumpf eines gefllten Baumes und sprach zur Einleitung ber den Zweck, der sie
hier zusammengefhrt, wie ber das Gesetzliche der Versammlung selbst, frug sie
aber zum Schlu, ob sie auch fest und ernstlich gesonnen wren, den
ungesetzlichen Theil ihrer Verbindung, die Ausbung des sogenannten
Lynchgesetzes, in krftiger Gesammtheit durchzufhren und die zu strafen, und
zwar selbst am Leben, wenn es die Mehrzahl der Regulatoren fr nthig finden
sollte, die Strafe und solche Strafe verdient htten. Ein laut donnerndes Ja
gab das Zeugni, wie aus der Seele gesprochen dies Alles sei und wie fest sie
entschlossen wren, das mit Leib und Leben zu vertreten, was sie einmal begonnen
und unternommen htten.
    Unterdessen bemerkte Brown, wie Bowitt eine Zeit lang mit zwei jungen
Burschen gesprochen hatte, und diese sich jetzt von den Uebrigen absonderten.
Einer nahm darauf seinen Platz gerade der Hausthr gegenber, setzte sich dort
auf einen Holzklotz und begann das Schlo seiner Bchse sehr aufmerksam zu
untersuchen, whrend der Andere, das gesattelte Pony am Zgel, neben ihn trat
und eine Unterhaltung mit ihm anknpfte.
    Nun, Massa, sagte die eine Negerin zu den Beiden, als sie eben einem
jungen, etwa zwlfjhrigen schwarzen Knaben einen Korb voll Spne abnahm und
diese neben die Thr der Htte schttete, wollen Sie nicht der Versammlung
zuhren?
    Noch zu jung, Lyddy, lachte der Eine, und nicht hbsch genug. - Es drfen
blos hbsche Leute dabei sein.
    O, Golly, sagte die Schwarze. Unsinn das, Massa - Massa Hokker dort -
    Wer, Lyddy?
    Oh - Massa - Massa Hostler dort, rief die Schwarze, augenscheinlich
verlegen werdend - Massa Hostler auch nicht gro hbsch; was hat Massa mit dem
Gewehr? - Alles in Ordnung -
    Das verstehst Du nicht, Lyddy, sagte der junge Bursche. Wenn eine Armee
irgendwo campirt, dann werden Posten ausgestellt -
    Oh, Golly - Golly! schrie die Schwarze lachend, da ihre Augen wie zwei
groe weie Kugeln fast aus den Hhlen herausdrngten und ein Paar Reihen von
Zhnen sichtbar wurden, deren sich ein Haifisch nicht htte zu schmen brauchen
- Schildwachen vor die Kchenthr! - oh, Golly - Golly!
    Die jungen Leute lachten ebenfalls und scherzten und spaten mit den beiden
Negerinnen, die indessen im Innern des kleinen Gebudes das Geschirr aufwuschen
und auf's Neue zum Feuer gestellte Lebensmittel beaufsichtigten. Dennoch traten
sie abwechselnd in die Thr und schienen besonderen Antheil an den nicht sehr
entfernt von da gehaltenen Verhandlungen zu nehmen.
    Wir sind also heute hier zusammengekommen, meine Freunde, fuhr Brown, sich
jetzt hochaufrichtend und im Kreise umherschauend, fort, um dem Unwesen des
Pferdediebstahls, das uns bei smmtlichen Staaten der Union in Micredit
gebracht hat, zu steuern. Wenn wir aber auch krftig und bestimmt gegen die
offenen Feinde und Die, welche uns von auen als Fremde angreifen, auftreten
knnen, so ist das bei Solchen, die sich unter uns als unsere Freunde und
Genossen einschleichen, die uns schmeicheln und am Tage herzlich die Hand
drcken, whrend sie in der Nacht mit der Raubbrut aus anderen Gegenden
verkehren, unmglich.
    Wie aber diese auffinden? hr' ich Euch fragen, wie sie entlarven, wenn
sie sich schlau und listig dem forschenden Auge der Gerechtigkeit zu entziehen
wissen? Allerdings ist das schwer, aber es lebt auch dort oben ein Gott, der die
Snder manchmal da, wo sie es am wenigsten vermuthen, in die Hand der Rcher
liefert.
    Husfield trat in diesem Augenblick heran, nahm den Hut ab und trocknete sich
die Stirn.
    Nennt es Zufall oder Schicksal, fuhr Brown, seinem Blicke begegnend, fort
- was mich gerade zum Mitwisser eines solchen Geheimnisses machen mute; aber
Mitwisser wurde ich, und jetzt, Kameraden, hoff' ich, da wir die Fhrte
gefunden haben, auf der die Wlfin nchtlich ausschleicht und ihre Beute in
Sicherheit bringt.
    Wo? - was gefunden? - was habt Ihr entdeckt, Brown? wer ist es? hier in der
Ansiedelung? am Fourche la fave Einer? tnten die Stimmen wild durcheinander,
und Jones, der bis jetzt sehr ruhig und selbstzufrieden an einem Baum gelehnt,
wandte leise und fast unmerklich seinen Kopf der Htte zu. Er wollte sehen, ob
er auch im schlimmsten Falle den Rckzug zu seinem Pferde frei habe, das unfern
von dort und etwas abgesondert von den brigen, angebunden war. Wie er jedoch
den Kopf drehte, begegnete er Cook's Blicke, der dicht neben ihm, etwas zurck,
stand und ihm freundlich und leise zuflsterte:
    Nicht wahr, Ihr httet zu keiner gnstigeren Zeit hierher kommen knnen?
Die werden in Missouri staunen, wenn sie das hren.
    Ja sehr gnstig, sagte Jones - sehr gnstig, ich - bin auerordentlich
neugierig, (er wandte den Kopf nach der andern Seite und sah Wilson dort,
anscheinend gleichgltig, am Baume lehnen) ja, wirklich auerordentlich
neugierig, wer damit gemeint ist. Schade, da ich die Leute nicht selber kenne!
    Oh, Ihr lernt sie vielleicht kennen, erwiderte Cook - aber hrt nur!
    Gleich, meine Freunde, beruhigte Brown die Ungeduldigen, Ihr sollt Alles
erfahren, habt nur ein ganz klein wenig Geduld. Ein Zufall nmlich, wenn wir's
denn einmal so nennen wollen, brachte mich vor einigen Wochen - das Wie? erzhl'
ich ein anderes Mal - in den Besitz eines Schlssels, von dem ich damals zwar
keinen Gebrauch zu machen wute, der mir aber seit kurzer Zeit klar und deutlich
geworden ist. Es war die Verabredung zweier Ehrenmnner, sich durch gewisse
Worte und Redensarten, wenn auch sonst einander gnzlich fremd, an einem dritten
Orte zu erkennen und zu verstehen.
    Wnschen Sie etwas? frug Cook Jones, der in diesem Augenblick an ihm
vorbeitreten wollte, um den uern Rand des Kreises zu erreichen.
    Nur ein Glas Wasser, flsterte dieser zurck, ich bin augenblicklich
wieder da -
    Lyddy, ein Glas Wasser fr Mr. Jones! rief pltzlich mit lauter Stimme
Cook, da sich Alle verwundert nach jener Stelle umsahen, Brown einige Secunden
lchelnd in seiner Rede anhielt und Jones leichenbla wurde. Die Schwarze aber,
die schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, den Mnnern, und besonders
jener Gegend, wo Jones stand, nher zu rcken, ergriff in aller Eile einen
Becher mit dem verlangten Getrnk und watschelte, so schnell es ihre
auergewhnlich wohlbeleibte Gestalt erlaubte, dem Baume zu, an welchem er
stand.
    Er dankte, nahm den Becher und trank, flsterte dabei aber der Schwarzen
einige Worte zu und blieb jetzt auerhalb des Kreises stehen, whrend Wilson
ebenfalls vortrat, die Negerin um einen zweiten Trunk bat und sich an die
andere, Cook entgegengesetzte Seite des Fremden verfgte.
    Brown hatte mit schnellem Blick das eben Beschriebene bersehen und fuhr
nach kleiner, hierdurch entstandener Pause wieder laut fort:
    Eine Frage nach dem Fourche la fave, eine Frage nach der Weide dieser
Gegend und eine Bitte um einen Trunk Wasser waren die Zeichen, und wo glaubt
Ihr, da der Verrther unter uns gelauert habe?
    Lyddy kam in diesem Augenblick mit einem kleinen Korb voll Mais aus der
Kche und ging zu dem Ponny des Fremden, dessen Zgel sie, wie sich Cook mit
schnellem Blick berzeugte, in Ordnung brachte. Alles in der Versammlung
lauschte dabei mit athemlosem Schweigen dem Berichte, der ihnen Die enthllen
sollte, die so lange als Verrther und Schurken verdachtlos und ruhig unter
ihnen geweilt hatten.
    Gentlemen, sagte der Regulatorenfhrer da nach kurzer athemloser Pause mit
erhobener Stimme, ich war gestern Abend in dem Hause unseres bisherigen
Nachbars Atkins, und ist er der Verrther.
    Sonderbare Geschichte das, flsterte Cook, seinen Arm vertraulich auf die
Schulter von Jones lehnend, der ihm mit stierem Blick und aschfarbenen Wangen
in's Auge sah - sehr sonderbare Geschichte das!
    Dieser fhlte, da er verrathen war; fhlte, wie der Blick des
Regulatorenfhrers auf ihm haftete, wenn er ihm auch nicht selbst in's Auge
schaute. - Er wute, da fr ihn jetzt keine andere Rettung als schnelle Flucht
sei und er sich zu dieser den Weg bahnen msse, wie er nur immer knne. Leise
daher, aber schnell die rechte Hand unter die Weste bringend, ergriff er das
dort verborgen gehaltene Bowiemesser und warf noch einen Blick forschend hinber
zu der Negerin, die eben ihre Vorbereitungen beendet hatte.
    Das Ganze, so lang hier im Erzhlen, hatte in der Wirklichkeit nur wenige
Secunden in Anspruch genommen, whrend bei den letzten Worten Brown's ein
Murmeln des Erstaunens und der Verwunderung die Versammlung durchlief.
    Jener Bube aber, fuhr Brown jetzt mit erhhter Stimme fort, indem er
seinen Arm gegen den Fremden ausstreckte, der sich mit seinem diebischen
Treiben, unter dem Mantel der Nacht, in unsere Ansiedelung, ja als Regulator aus
Missouri sogar in unsere Mitte schlich - ist dieser!
    Alles wandte sich erschrocken und emprt nach dem Bezeichneten um; Jones
hatte aber auf diesen Augenblick des Erstaunens gerechnet. Mit schnellem Griff
ri er das breite, haarscharfe Messer aus der Scheide und schwang es hoch empor,
um sich Bahn zu hauen, so da die ihm zunchst Stehenden, die keine Ahnung von
solchem Schlu gehabt, entsetzt zurckprallten. Wilson aber, der von der ersten
Bewegung Jones' an dessen Absicht errathen, wute, was er mit der Hand unter der
Weste suchte, und verstand vollkommen dessen Plan. Kaum blitzte daher der breite
Stahl in der Hand des entdeckten Verrthers, als er ihm auch mit schnellem und
sicherem Griff in den Arm fiel, und im nchsten Augenblick lag der Spion, von
der krftigen Faust des Hinterwldlers niedergeworfen, unter dessen Knie und
knirschte vergebens gegen die Macht an, die ihn, wie in einem eisernen
Schraubstock, regungslos gefesselt hielt.
    Ein wildes Staunen, eine eigene, wie sinnverwirrende Ueberraschung schien in
dem ersten Augenblick die versammelten Mnner rath- und thatlos gemacht zu
haben, so, ihrer fast unbewut, drngten sie sich durch einander, so erstarrt
standen sie ber das Ungeahnte, noch nicht Begriffene. Aber nur wenige Secunden
dauerte diese fast zauberartige Lhmung, denn zu rascher Thtigkeit wurden bald
alle ihre Krfte aufgerufen.
    Haltet den Neger! schrie Brown, der, sobald er den Feind gefangen sah, die
offene Lichtung mit seinem Adlerblick berflog und eben noch die helle Jacke des
Negerknaben bemerkte, der schlangengleich in die dichten Bsche hineinglitt.
Wahrscheinlich wollte er fliehen und die Kameraden des Verbrechers warnen. Der
Zuruf war aber nutzlos. Einer der jungen, als Wache aufgestellten Leute hatte
den Burschen, der ihm von Anfang an verdchtig vorgekommen, nicht aus den Augen
verloren und sich, sobald dieser Miene machte, das Dickicht zu erreichen, in den
Sattel seines kleinen muthigen Thieres geschwungen. Von Peitsche und Sporn
getrieben, flog dieses mit ihm wie eine Windsbraut ber die im Wege liegenden
Stmme weg, und in wenigen Secunden hatte er den Neger eingeholt.
    Dieser machte auch, da er sich auf solche Art verfolgt sah, keinen weiteren
Versuch zur Flucht, sondern drckte sich auf die Erde nieder und bat mit
flehender Stimme, ihm nichts zu thun, er wolle ja nicht weglaufen, er wolle
keinen Schritt vom Hause fortgehen.
    Die beiden dicken Negerinnen selbst waren wie vom Schlage gerhrt,
versuchten jedoch natrlich keinen Fu vor das Haus zu setzen, da ihrerseits
eine Flucht unmglich war. Das kleine Gebude mit den drei Schwarzen im Innern
wurde jetzt von mehreren Schildwachen umstellt, die ihren zeitweiligen
Gefangenen brigens freundlich zusprachen und sie besonders darauf aufmerksam
machten, um Gottes willen das Mittagessen nicht zu vernachlssigen.
    Jones war indessen gebunden und in den Kreis der Mnner gefhrt, wo er
jedoch, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen, hartnckig auf keine Frage
Antwort geben wollte.
    Legt ihm den Hickory ber! riefen da mehrere Stimmen; verdamm' den Hund -
bindet ihn an einen Doogwood und lat ihn Rinde schlen!2 - hngt ihn an den
Hnden auf und hetzt die Hunde auf ihn! - Lauter freundliche Rathschlge, die
alle dem Opfer galten, das bleich und gebunden, aber mit fest und krampfhaft
aufeinander gebissenen Zhnen zwischen ihnen stand. Er schien das Aergste zu
erwarten, aber jetzt, da es einmal ber ihn hereingebrochen, keineswegs, zu
frchten.
    Mehrere der wilden Backwoodsmen wollten brigens ihre Drohungen schon
thatkrftig in Anwendung bringen, und einer besonders streifte mit groem Eifer
die zhe Rinde eines Papaobaumes ab, um den Gefangenen damit an den
beschriebenen Baum zu befestigen. Brown wehrte ihnen aber und sagte ruhig:
    Halt - lat den Mann noch in Frieden. So lange wir die Aussicht haben,
unsern Zweck ohne solche Mittel zu erreichen, ist es immer besser. Noch bleibt
uns Atkins, der auch auf jeden Fall mehr von den hiesigen Verhltnissen wei,
als dieser Bursche, denn er und Atkins waren sich, wie ich fest berzeugt bin,
vorgestern Abend gnzlich fremd.
    Dann ist das auch eine Lge, da er meine Pferde gesehen hat, und er wollte
mich auf einen wilden Ritt in die Mamelleberge schicken! rief jetzt der
Halbindianer, zornig vortretend. Doch Brown hielt auch ihn zurck und sagte:
    Eure Pferde hat er auf jeden Fall gesehen, denn ich zweifle keinen
Augenblick daran, da er selbst Derjenige ist, der sie hierher gebracht hat -
    Ei, so soll -
    Halt! fuhr Brown fort, den Zrnenden an der Schulter fassend - sie sind
da, noch kann sie Atkins nicht weiter befrdert haben, wenn er das auch in
nchster Nacht beabsichtigt htte -
    Dann wollen wir doch gleich hin, rief Husfield - finden wir die Thiere
bei ihm, so liegt ja der Beweis klar auf der Hand.
    Ich frchte nein, sagte Brown - heute Morgen war ich in seinem Hofraum
und beobachtete die ganze Einrichtung desselben. Wenn er die Pferde in seinem
Gewahrsam hat, so sind sie keinesfalls innerhalb seiner Fenzen, und es mu
irgendwo hinter dem Feld oder Viehhof einen Platz geben (in dem niedern, mit
Schilf bewachsenen Thalgrund wahrscheinlich), wo die Thiere durch das dichte
Rohr selbst, wie vielleicht durch umsichtig abgehauene Bume, in einer
gewissermaen natrlichen Umzunung eingefenzt gehalten werden.
    Dann ist aber doch der Eingang nur von seinem Lande aus, rief Cook
ungeduldig.
    Allerdings, entgegnete Brown, ich kann es mir wenigstens nicht anders
denken, doch das ist einerlei. Er kann vor Gericht nicht dafr verantwortlich
gemacht werden. Was frei im Walde luft - denn auerhalb der Fenzen ist Freiheit
-
    Oh verdamm' die Gerichte! sagte Smeiers, jetzt vortretend und mrrisch die
Mtze rckend; wir sind hier nicht zusammengekommen, um zu fragen, was die
Gerichte dazu sagen wrden - verdamm' sie! ruf' ich noch einmal. Wir wollen
unser eigenes Recht suchen, und wenn wir davon berzeugt sind, da es Recht ist,
nun so geht uns der andere Firlefanz weiter nichts an. Darum und in diesem Sinne
haben wir Euch zu unserem Anfhrer gemacht; wenn Euch das nicht recht ist, so
sagt's, dann bernimmt's ein Anderer.
    Brown wollte darauf erwidern, Husfield unterbrach ihn aber, bat einen
Augenblick um das Wort und wandte sich hierauf, im Ganzen wohl an die
Versammlung, besonders aber an Den, der zuletzt gesprochen und jetzt den grten
Theil der Regulatoren auf seiner Seite zu haben schien.
    Gentlemen, sagte er, ich glaube, Sie kennen mich Alle, und Keiner von
Ihnen wird denken, mein Eifer, der guten Sache zu dienen, sei schwcher als der
seine, aber - Mr. Brown hat Recht. Uns gengt jetzt nicht allein, zu wissen, ob
Atkins als Helfershelfer der Pferdediebe Pferde verhehlt und aufbewahrt hat,
wenn wir auch den Beweis dort finden, sondern ob er es noch thut und auf welche
Art es geschieht.
    Da er dabei Hlfe haben mu, liegt klar am Tage - bindet den Jungen dort,
wenn er noch einen Fu aus der Htte setzt - unterbrach er sich jetzt selbst
und wies nach dem jungen Neger hinber, der in diesem Augenblicke wieder schnell
und augenscheinlich sehr verlegen, in die Thr zurckglitt - habt bessere Wacht
auf den Burschen, er knnte uns sonst den ganzen Plan verderben.
    Die Wchter hatten zu aufmerksam nach den Reden hinber gehorcht und traten
jetzt, ber ihre Nachlssigkeit beschmt, wieder in die Thr. Husfield aber fuhr
fort: Wie ich hier berall gehrt habe, geht Atkins selten oder nie von zu
Hause fort, er mu also Leute an der Hand haben, die ihm derlei kleine
Geflligkeiten besorgen. Diese knnen jedoch nicht weit entfernt von ihm leben.
    Johnson hat eine Htte nur kurze Strecke von seinem Hause entfernt, sagte
Wilson.
    Verdamm' die Canaille, brach Husfield, bei dieser Entdeckung seine ganze
frhere Ruhe vergessend, los, so steckt auch der Hund mit ihm unter einer
Decke, und das Spiel mit den Pferden damals war falsch. Die Pest ber ihn - Doch
halt - fuhr er dann nachdenkend fort - auch hier wird List und Ruhe
nachdrcklicher wirken, als tolles Toben und rohe, unberechnete Gewalt. Nochmals
also stimme ich Mr. Brown's Vorschlag bei, die Sache erst reiflich zu berlegen,
ehe wir rasch und vielleicht thricht handeln. Wir haben noch mehrere Stunden
Zeit, ehe wir gedrngt werden, etwas zu beschlieen. Mr. Brown ist vielleicht
jetzt so gut und macht uns indessen mit dem Plane bekannt, den er entworfen
hat.
    Gern, sagte der junge Mann, seine frhere Rednerbhne wieder besteigend -
er ist leicht mitgetheilt und wird eben so leicht begriffen werden. Wir wissen
die Zauberformel, die uns Zutritt zu dem heimlichen Hehlerplatz unseres Nachbars
sichert. Noch aber ist es nicht bekannt, da wir sie wissen, noch ist das
Geheimni unser. Mein Vorschlag ist also der: heut Abend einen Mann, den Atkins
nicht kennt, mit mehreren fremden Pferden zu ihm zu schicken; hier dieser
Kanadienser wre vielleicht gleich der Rechte.
    Der also Bezeichnete schttelte mit dem Kopfe.
    Nein - verdammt, sagte er dann - ich war schon dort - heute Morgen mit
Tagesanbruch - er hat wohl mein Pferd nicht gesehen, das stand drauen, aber
mich selber - viel Weiber drin -
    Das ist fatal. Nun, dann finden wir einen Andern, der bei ihm einkehren
mich, die Parole giebt, die drauen angebundenen Pferde nach seiner Anweisung
herbeibringt und zu dem Platze gelangt, auf welchem die Thiere zu dem fr sie
bestimmten Versteck gefhrt werden. Wir liegen indessen dort in der Gegend im
Hinterhalt und springen nur nach einem gegebenen Zeichen auf den Wahlplatz.
    Das ist Alles recht schn und gut, sagte Wilson, wo aber nehmen wir noch
vor Abend Jemanden her, den Atkins nicht kennt; denn Atkins kennt fast jeden
Menschen in ganz Arkansas.
    Was machtet Ihr denn bei Atkins? frug Husfield den Kanadienser.
    Was ich machte? ich frug nach Pferden, erwiderte dieser.
    Und er antwortete?
    Er habe keine gesehen.
    Das war wenigstens blos eine einfache Lge. Allerdings wird es schwer
halten, einen Mann zu finden - Euch kennt er auch, Kefner?
    Ich sollte denken, lachte dieser - seit fnf Jahren!
    Und Euch, Jankins?
    So genau wie seine Nachbarn.
    Und Euch, Williams?
    Er kennt sie Alle, Mr. Brown, sagte der zuletzt Angeredete, da mssen wir
weiter gehen. Wenn wir auf der Strae vielleicht -
    Halt! rief Cook - ich hab' es - ein kstlicher Einfall - dem alten Mann
wird es auf ein oder zwei Tage nicht ankommen, wir knnen ihm Mais und
Lebensmittel genug liefern.
    Wem denn? frugen Mehrere.
    Habt Ihr heute Morgen keine Wagen auf Eurer Fhre bersetzen sehen,
Wilson? frug diesen jetzt Cook.
    Ich bin seit gestern Abend hier, sagte der Angeredete, leicht errthend -
doch was sollen die uns ntzen?
    Die knnen hchstens uns hier gegenber, an der andern Seite des Flusses,
also kaum zwei Meilen in gerader Richtung, entfernt sein, erwiderte Cook, ein
alter Tennesseer mit seinen beiden Knaben fhrt die Wagen. Einer von diesen, die
Jungen oder der Vater selbst, mu uns beistehen. Die kennt Atkins nicht, und
Alles schlau angefangen, geht der alte Fuchs vielleicht in die Falle.
    Wer reitet aber hinber? frug Wilson, und wie soll man sie finden?
    Oh, nichts leichter als das, beschrieb ihm Cook. - Ihr setzt hier gleich
durch den Flu, schneidet gerade durch die Niederung, links an dem kleinen See
vorbei, und seht, wenn Ihr die Strae erreicht, nur nach den Wagengleisen. Sind
die Auswanderer schon vorbei, was ich kaum glaube, so mt Ihr sie in sehr
kurzer Zeit, einholen, und haben sie jene Stelle noch nicht passirt, nun desto
besser, so reitet Ihr ihnen blos entgegen.
    Da wr's aber viel besser, sagte Brown, Ihr ginget selber, Cook. Wie ich
wei, habt Ihr mit dem alten Mann schon Bekanntschaft gemacht, und vielleicht
wird es Euch gerade dadurch leichter, ihn fr unsere Bitte zu gewinnen.
    Meinetwegen, entgegnete Cook entschlossen, mir auch recht. - An mir soll
es nicht liegen, und wo ich helfen kann, thu' ich's gern. Uebrigens wird es
wahrlich nicht schwer halten, den alten Haudegen auf unsern Plan eingehen zu
machen. Ich mchte meinen Hals verwetten, da er selber kommt.
    Das wre also abgemacht, lachte Curtis, sich frhlich die Hnde reibend -
Eidechsen und Regenwrmer, jetzt glaub' ich auch, da wir den verdammten
Buschkleppern, die so freigebig mit heiem Blei und kaltem Stahl sind, auf die
Spur kommen, und dann gnade ihnen Gott. - Sie sollen Hanf zu schmecken bekommen,
da sie genug haben. Was machen wir aber indessen mit den Gefangenen? Ich traue
dem Neger nicht. Die schwarze Canaille hat schon ein paar Mal entwischen wollen,
und ich zweifle nicht im Mindesten, da sie nachher gerade zu Atkins
hinbergebrannt wre.
    Wir mssen sie binden, sagte Brown, denn der Gefahr, jetzt verrathen zu
werden, drfen wir uns nicht aussetzen.
    Die Negerinnen auch? frug Wilson.
    Den Burschen wenigstens, sagte Husfield, fr die beiden Frauen gengt
eine Wache, und macht der Junge wieder den geringsten Versuch zur Flucht, so
binden wir ihn an einen Doogwood und lassen ihn tanzen. Wo ist die Papaorinde?
    Nehmt lieber Stricke, wandte Bowitt ein, dort unter dem Bett in der Ecke
liegen einige. Ist denn auch Jones sicher verwahrt? Er trat bei diesen Worten
an den Gefangenen hinan und wollte nach dessen Banden sehen, als der Missourier,
der auf irgend eine, Allen unerklrbare Weise seine Hnde frei gearbeitet hatte,
dem Baum entsprang, an den er gefesselt gewesen, und mit flchtigen Schritten
dem Walde zueilen wollte. Er kam aber nicht weit. Wilson befand sich, als jener
den ersten Satz that, vor dem Bowitt mehr berrascht als erschreckt zurckfuhr,
in kaum zehn Schritt Entfernung von ihm und hatte ihn nach kurzem Wettlauf
eingeholt. So wthend war aber der dabei Ertappte, da er sich dem viel
strkeren Gegner stellte und ihn mit Faust und Zhnen in aller Wuth der
Verzweiflung zu verwunden strebte.
    Wilson bedurfte auch wirklich seiner ganzen Gewandtheit, den wthenden
Bissen des Rasenden auszuweichen, doch warf endlich ein krftiger, von seiner
Hand gefhrter Faustschlag den zum Aeuersten Getriebenen zu Boden. Hier wurde
er dann an Hnden und Fen festgeknebelt und in das Haus getragen, das, durch
vier Wachen mit geladenen Bchsen umstellt, keine weitere Gefahr von dieser
Seite frchten lie.
    Cook sattelte indessen sein kleines Pony und trabte bald darauf mit diesem
dem Flusse zu, um seine Bekannten vom Morgen wieder aufzusuchen. Brown und
Husfield dagegen stellten nach allen Richtungen hin Wachen aus, die Verbindung
mit den brigen Ansiedelungen abzuschneiden und zu verhindern, da Atkins
gewarnt werden knnte, whrend die anderen Regulatoren indessen dafr sorgten,
da das Mittagessen bereitet sowie sonst alles Nthige hergerichtet wrde. Im
Schatten der einzelnen, in der Lichtung stehen gelassenen Baumgruppen lagerten
sie dann gemeinschaftlich, theils ihren Plan fr den Abend zu bereden, theils
der Ruhe zu pflegen und mit Sonnenuntergang zu neuen Anstrengungen gestrkt und
gekrftigt zu sein.

                                    Funoten


1 Gumbo, ein Lieblingsgericht der von franzsischen Eltern in den sdlichen
Staaten geborenen Creolen, und als Spottname dort fr Alles, was von
franzsischer Abstammung ist, gebraucht.

2 Der Doogwoodbaum - eine Art wilder Corneliuskirsche, aber mit bitteren,
ungeniebaren Beeren, hat eine ziemlich leicht abzubrckelnde Rinde und wurde,
da er in Arkansas in ungeheurer Menge wchst und selten strker als drei bis
fnf Zoll im Durchmesser wird, von den Regulatoren oder auch von den
Sclavenaufsehern sehr hufig dazu benutzt, die Verbrecher oder Sclaven mit den
Hnden daran festzubinden, wo sie sich dann unter den Schmerzen der Zchtigung
wanden und dadurch die Rinde von den schwachen Stmmen gnzlich abrieben. Daher
der in Arkansas gebruchlich gewordene Ausdruck Jemanden Doogwood-Rinde schlen
zu lassen, anstatt ihn zu peitschen.


                                      27.

                       Die Rckkehr von der Versammlung.

In den wilden, noch wenig angebauten Wldern des Westens, wo die zerstreut und
einzeln liegenden Farmerswohnungen oft durch weite ungangbare Strecken von
einander getrennt liegen, fhlen und kennen die Bewohner derselben auch um so
mehr den Werth des Nachbarthums. Besteht er doch nicht blos darin, da sie
freundschaftlichen Verkehr mitsammen unterhalten, sondern sie greifen sich auch
einander unter die Arme, und helfen und untersttzen, wo es noth thut und die
Krfte des Einzelnen nicht mehr ausreichen. Sei das nun im Pflgen des ersten
Ackers, im Zusammenrollen der ungeheuren Stmme, die verbrannt werden mssen, um
dem Mais die segenreiche Bahn zu erffnen, sei das im Aufrichten eines Hauses
oder im Aushauen eines Canoe. Die einfache Aufforderung darf nur ergehen, und
mit Axt oder Pflug finden sie sich ein und arbeiten bis zum spten Abend so hart
und angestrengt, wie sie es vielleicht das ganze Jahr nicht einen einzigen Tag
fr sich selber thun mchten.
    Kommen die Mnner aber schon gern und willig zu solchen Arbeiten, die auch
allenfalls, ohne groe Gefahr, noch kurze Zeit liegen bleiben knnten, wie viel
bereitwilliger sind da nicht die Frauen, wenn es Krankheit gilt, und sie, was in
der That selten genug geschieht, zu Rath und Hlfe zusammengerufen werden.
Keine, die irgend ihr Haus verlassen kann, wird den zweiten Boten abwarten, und
mit allen mglichen in der Eile zusammengerafften Medicinen versehen, besteigen
sie ihre Pferde und traben dem Orte der Noth so freudig und willig zu, als glte
es ein Fest zu feiern oder einem frhlichen Tage beizuwohnen.
    Madame Atkins war nun freilich in der ganzen Nachbarschaft gerade nicht
besonders beliebt, denn erstlich besuchte sie fast Niemanden und kam nur hchst
selten zu einer Betversammlung der Frommen, was ihr vorzglich nachgetragen
wurde; dann aber lie sie sich auch zu keinem einzigen Steppdeckenfrolick, bei
keinem Kltzerrollfest blicken, bei denen doch ihr Mann selten fehlte, und
schon hierdurch mute sie den schnen Arkansanerinnen sehr entfremdet werden.
Desto mehr fiel es daher auf, da sie jetzt, und zwar mit so dringender Bitte um
Hlfe, die nchtliche Einladung umhergesandt hatte. Ohne wirkliche Gefahr war
das nicht geschehen, und dem Wunsche, einem Kinde zu helfen, konnten nur sehr
Wenige widerstehen. Des alten Grolles wurde nicht weiter gedacht, und ehe die
Sonne im Mittag stand, hatten sich elf, meistens verheirathete und ltliche
Frauen mit allen nur erdenklichen Pulvern und Elixiren, vorzglich aber mit
einer fast unglaublichen Quantitt Kalomel eingefunden, um dem armen kleinen
Wrmchen das se Leben zu erhalten.
    Whrend sich nun die Frauen damit beschftigten, die Schmerzen des kleinen
Leidenden theils durch kalte Umschlge an den Schlfen, theils durch warme auf
dem Unterleib zu lindern, und genug Latwerge, Thees und Kalomelpulver in ihn
hineinfllten, um sechs weniger abgehrtete Kinder der Stdte damit umzubringen,
ritten auf der Strae, die von Bowitt's zu Atkins' Hause fhrte, drei der
verbndeten Regulatoren im langsamen Schritt hin und blieben von Zeit zu Zeit
halten, als ob sie noch Jemanden erwarteten, der sie erst einholen msse.
Endlich, wie sie gerade eine kleine Anhhe erreicht hatten, wurde ein Reiter auf
der gegenberliegenden Hhe sichtbar, der im scharfen Galopp dahergesprengt kam
und schon von Weitem, sobald er der Mnner ansichtig wurde, mit dem Hute winkte,
als ob er wolle, da sie auf ihn warten sollten.
    Es war Cook - dessen kleines Pony in Schwei ordentlich gebadet schien -,
der mit erhitztem Gesicht endlich bei den drei Freunden, Brown, Curtis und
Wilson, einzgelte.
    Pest, rief er aus, als er sich, neben ihnen angekommen, den Hut auf den
Kopf warf und mit krftigem Schlag bis tief in die Augen trieb, was rennt Ihr
denn fort, als ob Ihr wunder was zu versumen httet? - - seht einmal mein Pferd
an, wie das aussieht. - Ich werde mir von der Versammlung ein neues ausbitten.
    Wir wollten Euch auf der Anhhe erwarten, Cook, sagte Curtis, da wir -
    Und war das nicht eben so gut bei Bowitt's Hause mglich, da wir wie
verstndige Christen zusammen aufbrechen und weiter reiten konnten? Glaubt Ihr,
der Tennesseer sa da an der Strae, fertig gesattelt und aufgezumt bis ich
kam?
    Nun? willigt er ein? frug Brown schnell.
    Wenn er nun nicht einwilligte, heh? frug Cook, sich nach ihm herumdrehend,
dann htten die Herren doch einen hbschen Spazierritt umsonst gemacht.
    Er kommt aber - nicht wahr?
    Nun, versteht sich, lachte Wilson - seht Cook nur in's Gesicht, er kann
die Freude ja gar nicht verbergen. Nur heraus mit der Sprache, Cook, die Zeit
drngt, und wenn wir hier so lange halten bleiben, knnen wir leicht Verdacht
erregen.
    Und dennoch mssen wir hier halten bleiben, bis wir Alles mit einander
verabredet haben, sagte Cook - warum habt Ihr nicht an Ort und Stelle
gewartet, das geschieht Euch ganz recht. Ihr glaubt, wenn Ihr mit Eurem
Mittagessen fertig geworden seid, dann knnen andere Menschen bis zur nchsten
Mahlzeit hungern, nicht wahr? Doch jetzt im Ernste, Stevenson kommt, und zwar
mit seinem ltesten Sohn und drei von seinen Pferden.
    Ohne die, die er reitet? frug Brown.
    Jeder Pferdedieb reitet doch natrlich die gestohlenen Pferde, lachte Cook
- Brown, Ihr seid noch sehr weit in der Cultur zurck. Das sind ja gerade die
beiden Hauptbedingnisse eines tchtigen Pferdediebes, in einem Striche Wochen
lang auf dem Rcken eines Thieres hngen und dann auch wieder unmenschliche
Futouren machen zu knnen. Jedes eigene Pferd, das er reitet, ist reiner
Verlust. - Doch welchen Plan habt Ihr Euch ausgedacht?
    Hat ihn Euch Husfield nicht mitgetheilt?
    Nein, er vertrstete mich darauf, da ich Euch berholen wrde. Der faule
Bursche lag unter einem Baum und schien sich zu der Arbeit auf heut Abend
vorbereiten zu wollen.
    Das hat er Euch doch gesagt, da Ihr und Curtis bei Atkins bernachten
mt?
    Ja - weiter aber auch nichts.
    Und wo ist der Tennesseer?
    Oben bei Bowitts mit seinem Sohne. Der Alte war ganz Feuer und Flamme, als
ich ihm von unserem Plan erzhlte, und wollte die Jungen gleich alle zusammen
mitnehmen. Wie aber die Frauen von dem Raubgesindel in der Nachbarschaft hrten,
gab es einen Hauptspectakel, und nun sollte gar keiner fort. Der alte Tennesseer
blieb aber ber Wasser und verstand sich nur endlich dazu, da die beiden
Jngsten zum Schtze der Familie zurckbleiben mchten. Die wurden dann, um die
Frauen zu beruhigen, mit Messern und Pistolen besteckt, wobei Ben, der Kleinste,
noch die besondere Warnung erhielt, sich nicht weh zu thun, und fort trabten
wir, was die Pferde laufen konnten. Nun zu Eurem Plan.
    Der ist einfach der folgende, erwiderte Brown. Der Tennesseer - wie ist
sein Name?
    Stevenson.
    Also Stevenson bleibt bis gegen Abend bei Bowitts, um etwa eine Stunde nach
Dunkelwerden bei Atkins einzutreffen. - Ihr Beide - Cook und Curtis - begleitet
uns bis Atkins und kehrt dort unter irgend einem Vorwand ein. Wir zwei, Wilson
und ich, reiten vorber.
    Weshalb kommt Ihr denn da jetzt schon mit herunter? Ihr konntet ja
ebenfalls so lange bei Bowitts bleiben, sagte Cook.
    Damit Atkins nicht mglicher Weise Verdacht schpfen soll, entgegnete
Wilson. - Sieht er uns aber hier ruhig vorbei- und nach Hause reiten, so glaubt
er natrlich, da Alles in Ordnung sei, und forscht nicht weiter nach. Da Brown
der Anfhrer von Fourche la fave ist, mu er, wie sich das von selbst versteht,
mit dessen Heimritt auch die Versammlung fr aufgehoben halten.
    Wo aber bleibt Ihr indessen?
    Wir reiten bis Wilson's Haus - lassen dort unsere Pferde und kehren zu Fu
wieder zurck.
    Hrt - da nehmt Euch vor Curneales in Acht - dem trau' ich keine
Bchsenlng! warnte Cook.
    Wir eben so wenig, erwiderte Wilson; um ihn aber irre zu fhren,
schultern wir unser Schieeisen und gehen nach der Salzlecke zu, die sdlich von
meinem Hause liegt. Von dort aus knnen wir, und wenn wir auch erst mit der
Dmmerung aufbrchen, immer noch zur rechten Zeit auf dem Platze eintreffen.
    Und wo haltet Ihr Euch verborgen?
    Wilson der frher oft in Atkins' Hause war, glaubt mit ziemlicher
Genauigkeit den Platz angeben zu knnen, wo sich die heimliche Thr befindet.
Wie dem aber auch sei, in dem Schilfbruch, der hinter Atkins' Hause bis zum
Fourche la fave hinuntergeht, mu der Versteck liegen, es giebt dort keinen
andern Platz und in den einzudringen, hat mir Hecker schon neulich versichert,
sei unmglich. Der hatte einen Truthahn geschossen und konnte ihn, obgleich er
ihn fallen gehrt, nicht bekommen, so wild und verworren lagen umgestrzte und
gefllte Bume ber- und durcheinander hin.
    Wie viel Mann mustern wir zu dem Ueberfall?
    Etwa achtzehn - die sind vollkommen hinreichend.
    Und was sagen wir ihm, wenn er nach Jones fragt?
    Das wei Curtis schon, doch kann ich es Euch noch schnell wiederholen.
Husfield htte Jones mit an den Petite Jeanne zu einer dort morgen zu haltenden
Versammlung der Regulatoren genommen. Jener Flu liegt dem Missouri-Staat etwas
nher, ist also auch Rubereien von dort her mehr ausgesetzt, und er wird es
ganz in der Ordnung finden, da man von dort eine Abtheilung unserer Leute nach
der Grenze zu schicken will.
    Wird er das glauben?
    Warum nicht? - er wird denken, Jones selber habe sie dazu berredet, um sie
von der Fhrte der hier hausenden Pferdediebe abzulenken. Ihr knnt ihm auch zu
verstehen geben, da die Anregung von Jones ausgegangen. Seid Ihr nun im Hause
und hrt Ihr unser Zeichen - den scharfen Pfiff - so bemchtigt Euch
augenblicklich der dortigen Waffen, denn Blut wollen wir, wenn es vermieden
werden kann, nicht vergieen.
    Aber die vielen Frauen, die heute Morgen dort waren?
    Die sind uns freilich im Wege, das lt sich jedoch nicht ndern. Ueberdies
schlafen die, wenn sie ja noch alle da sein sollten, in dem andern Hause, und
werden uns an der Ausfhrung unseres Vorhabens auf keinen Fall hindern knnen.
    Wre ein Schu zum Zeichen nicht besser?
    Ein Schu? - mitten in der Nacht, und nicht einmal Mondschein? Nein, das
halt' ich nicht fr gut. Wozu die Nachbarschaft alarmiren, wenn es mit einer
solchen Kleinigkeit abgemacht werden kann.
    Habt Ihr auch an den Mulatten gedacht? Der steckt natrlich mit seinem
Herrn unter einer Decke und wird, wenn wirklich Helfershelfer in der Nhe
liegen, diesen auf jeden Fall Kunde bringen.
    Wir besetzen alle Wege, sagte Curtis, und auf einem von diesen mu er uns
in die Hnde fallen.
    Sollte er nicht den Weg durch den Wald vorziehen?
    Bei solcher Dunkelheit? nein, ich glaube kaum, erwiderte Brown, doch lt
sich das nicht ndern. Haben wir den Haupthehler erst einmal auf der That
erwischt, so mu dieser die Schurken nennen, die Husfields letzte Pferde
fortschaffen halfen, und unter diesen finden wir dann auf jeden Fall den Mrder
der Indianerin.
    So kommt, sagte Cook, das lange Zgern hier auf dem Berge knnte nur, im
Falle wir von Jemandem gesehen wrden, Verdacht erregen. Ich wollte brigens,
wir htten heute den Indianer bei der Hand, der sollte treffliche Dienste
leisten. Bald fange ich selbst an zu glauben, da er nicht wiederkommt, so
unwahrscheinlich mir das im Anfange war. Jetzt hat er aber volle neun oder zehn
Tage nicht das Mindeste von sich hren lassen.
    Mullins behauptete, ihn gestern im Walde gesehen zu haben, sagte Curtis,
doch war es an einer sehr dichten Stelle und nur fr einen Augenblick gewesen.
Er erzhlte mir auch, er htte ihn angerufen, d.h. nach der Richtung hin, in der
er ihn bemerkt, in den Wald geschrieen, weiter aber nichts von ihm zu sehen
bekommen.
    Fort ist er nicht, behauptete Brown, darauf wollt' ich schwren. Ich habe
ihm mein Wort geben mssen, nicht eher aus dieser Gegend zu scheiden, als bis
Alapaha gercht sei; es ist also nicht wahrscheinlich, da er mich im Stiche
lassen sollte.
    Nun, wir werden sehen, sagte Cook kopfschttelnd; hat er aber berhaupt
im Sinne wieder zu kommen und wnscht er, da etwas in seiner Sache geschehen
soll, so htte er viel lieber hier bleiben und die Nachforschung an Ort und
Stelle eifriger betreiben sollen. - Doch, wie gesagt, wir werden ja sehen.
    Die Mnner verfolgten indessen ihren Weg wieder und nherten sich jetzt der
am Fu des anschwellenden Landes liegenden Wohnung Atkins'. Dieser stand schon
vor der Thr und schien sie erwartet zu haben. Als sie brigens die Fenz
erreichten und er den Fremden nicht bemerkte, kam er den Regulatoren bis an den
uersten Eingang entgegen und mochte wohl die Frage nach jenem auf den Lippen
haben, scheute sich aber doch, sie auszusprechen.
    Was macht das Kind, Mr. Atkins? frug Brown, whrend er sein Pferd
einzgelte und neben dem Grenden halten blieb.
    Danke - nicht besonders, Sir - ich frchte, wir werden das arme kleine Ding
verlieren. - Nun, ist die Versammlung vorber?
    Fr diesmal, ja! - Die Nachbarinnen sind noch alle hier - nicht wahr?
    Fast alle, wenigstens elf; - genug, um ein halbes Dutzend Kinder
umzubringen; meine Frau will's aber so haben. Nun, ist etwas bestimmt worden? -
Wollen Sie denn aber nicht ein wenig absteigen und rasten, Gentlemen?
unterbrach er sich selber in seiner Frage - Sie haben ja noch vollkommen Zeit,
die nchsten Huser zu erreichen - oder bleiben vielleicht gar bei mir ber
Nacht.
    Nein, ich danke, Atkins, sagte Brown ablehnend, fr mich selbst
wenigstens; Onkel ist zu Roberts hinbergeritten, und da werde ich nach dem
Hause sehen und die Thiere fttern mssen; sonst recht gern.
    Hrt, Brown - da mgt Ihr immer allein weiter reiten, sagte Curtis - ich
bleibe die Nacht hier. Zu Hause versume ich doch nichts.
    Gut - dann leist' ich Euch Gesellschaft - wenn Atkins nmlich noch Platz
fr Gste hat und die Damen nicht beide Zimmer eingenommen haben, rief Cook.
    Platz genug - steigt nur ab, ich bin berdies neugierig, Nachrichten von
oben zu hren. Wo haben Sie denn meinen gestrigen Gast gelassen?
    Der ist mit Husfield an den Petite Jeanne, doch davon im Hause, erwiderte
Cook, whrend er aus dem Sattel stieg, diesen dann augenblicklich abschnallte
und ber die Fenz hing. Curtis folgte seinem Beispiel, und Brown (Wilson war
unter der Zeit langsam vorangeritten) grte noch einmal und trabte schnell
hinter dem Freunde her.
    Indessen fhrte Atkins seine beiden Gste in das Haus, wo sie am Kamin noch
einen fremden jungen Mann fanden. Ihr Wirth stellte ihnen denselben als Mr.
Weston, seinen Neffen, vor, der an den Fourche la fave gekommen sei, um sich
hier anzusiedeln, und wahrscheinlich eine Zeit lang bei ihm wohnen werde.
    Ich mte mich sehr irren, sagte Curtis, aber ich glaube Sie schon einmal
frher gesehen zu haben - oder es war Jemand, der Ihnen ungemein hnlich sah -
    Das ist wohl mglich, lchelte Weston etwas verlegen. Ich ging damals
nach Little Rock und hielt mich hier einige Tage auf. - Ich glaube, ich bin
Ihnen einmal auf der Jagd begegnet -
    Ja wohl, sagte Curtis - jetzt erinnere ich mich auch - es war hier oben
am Flu, - wo Sie lagerten. Also hatt' ich doch Recht.
    Sie erwhnten, da Mr. Jones mit an den Petite Jeanne geritten sei,
unterbrach ihn Atkins - dort wird er wohl lngere Zeit bleiben?
    Nein, entgegnete Curtis - er trug uns noch auf, Ihnen zu sagen, da er
sptestens bermorgen Mittag zurck sein wrde.
    Die dortigen Regulatoren versammeln sich ebenfalls?
    Morgen frh, so viel ich verstanden habe. Husfield hat noch mehrere vom
Fourche la fave mit hinber genommen.
    Aber ich dachte, es sollten Verdchtige bezeichnet, gefangen genommen und
peinlich verhrt werden? frug Atkins, und man sah es ihm an, welches Interesse
er an der Beantwortung dieser Frage nahm.
    Ja - das sollte auch geschehen, sagte Cook wie nebenschlich, indem er an
den Kamin trat und dort seine Stiefel, um sie zu trocknen, in der Flamme
umdrehte, wir haben aber darber noch nicht recht einig werden knnen. Einmal
liegt hierzu gegen Niemanden genug Verdacht vor, und dann schienen auch Jones
sowohl wie Brown mit der Maregel nicht recht einverstanden.
    Mr. Brown auch nicht? rief Atkins verwundert.
    Nein - nchste Woche hoffen wir es aber durchzusetzen, denn geschehen mu
etwas, mischte sich Cook in das Gesprch. - Die Spitzbuben lachen sonst am
Ende gar noch die Regulatoren aus.
    Weston - Du bist wohl einmal so gut und siehst ein wenig nach den Pferden
der Herren hier, wandte sich Atkins jetzt zu dem jungen Mann, der aufgestanden
und an die Thr getreten war. - Nimm auch die Sttel drauen von der Fenz,
fuhr er fort, als Jener schnell dem Wunsche Folge leisten wollte. Die
verwnschten Khe haben mir erst gestern, wieder eine Satteldecke zerkaut - und
dann geh doch auch ein wenig hinber zu meiner Frau, sie wollte Dir noch etwas
sagen.
    Weston nickte ihm zu, da er Alles nach Wunsch besorgen werde - trug dann
die Sttel in die Porch und ging um das Haus herum. Hier aber, anstatt den
kleinen Stall aufzusuchen, in welchem die fremden Pferde standen, sprang er,
sobald er vom Hause aus nicht mehr gesehen werden konnte, ber die Fenz und war
im nchsten Augenblicke in dem dahinter liegenden dichten Walde verschwunden.

                                      28.

                      Der Indianer auf Johnson's Fhrten.


Wo nur Weston bleibt, sagte Cotton in der kleinen Htte, die ihm nun schon
seit einigen Tagen zum Aufenthalt und Schutzort gedient hatte, ungeduldig
auf-und abgehend; er hat mir heute Morgen versprochen, gleich Nachricht zu
bringen, und jetzt mssen die Regulatoren doch wahrhaftig schon wieder
auseinander gegangen sein. Eine ganze Woche werden sie nicht oben sitzen
bleiben. - Gift und Klapperschlangen - mir wird es hier unbehaglich bei dem
Gedanken, aufgegriffen und gelyncht zu werden; die Pest ber die Hunde! Ich
werde doch wohl der hiesigen Gegend ade sagen mssen. Das Leben, auf solche Art
gefhrt, soll der Henker holen!
    Zum Flchten haben wir noch immer Zeit, erwiderte ihm ghnend Johnson, der
auf der einzigen im Hause stehenden Bettstelle ausgestreckt lag. Ich mchte
noch gar zu gern die neue Sendung mitnehmen, von der Jones erzhlt hat, und die
in nchster Woche folgen soll. Hllenelement - siebzehn Pferde! nachher ist's
auch der Mhe werth, Fersengeld zu geben.
    Ich sehe nur nicht ein, wie wir die alle glcklich fortbringen sollen,
brummte Cotton. Auerdem werden die brigen Pferde, die Weston aufgesprt
hatte, mit jenen zu gleicher Zeit eintreffen; und wenn sie nicht auf den Spuren
bleiben knnen, mssen sie blind sein.
    Die reiten wir nicht durch den Wald, erwiderte Johnson - Weston hat schon
mit einem Dampfbootcapitain accordirt, der sie in Fort Gibson an Bord nimmt.
    Nun, dann kommen sie ja aber erst recht auf ihre Spur, rief Cotton,
erstaunt in seinem Marsch einhaltend. Wenn sie den Indianern fortgenommen und
gleich an Bord geschafft werden, kann ihnen ja ein Kind folgen.
    Und was liegt daran? lachte Johnson; dem Dampfboot knnen sie nicht
nachrennen und in Little Rock schiffen wir die Thiere wieder aus. Sollten sie
nachher wirklich in einem anderen Boote nachsetzen wollen, vorausgesetzt, da
noch ein anderes dalge, so mten sie auf den breiten Straen von Little Rock
aus unfehlbar die Spur verlieren. Wie dem aber auch sei, auf jeden Fall behalten
wir Zeit, den Mississippisumpf und von da die Insel zu erreichen, und Fourche la
fave sieht mich nachher nicht wieder.
    Wird es sehr bedauern, erwiderte Cotton; doch wahrhaftig, dort kommt
Weston! Nun, Zeit ist's - die Sonne geht eben unter.
    Whrend Cotton noch sprach, sprang der eben Erwhnte ber die niedere Fenz
und erschien im nchsten Augenblick in der schmalen Thr der niederen Htte.
    Alle Teufel! rief aber Johnson, erschrocken von seinem Lager aufspringend,
als er das leichenbleiche Gesicht des jungen Mannes erblickte - Unglcksbote,
was bringst Du? sind die Regulatoren -
    Nein - nein, flsterte Weston, mit dem Kopfe schttelnd - von denen haben
wir noch nichts zu frchten.
    Nun, was habt Ihr denn, sagte Cotton rgerlich, Ihr seht ja so blau im
Gesicht aus, wie verdorbene Buttermilch. - Heraus mit der Sprache - was ist's?
    Der Indianer ist da, keuchte Jener, sich erschpft auf den einzigen Stuhl
niederwerfend, der im Zimmer stand.
    Nun, wenn's weiter nichts ist, hhnte Johnson und nahm seine frhere
Stellung auf dem Bett wieder ein, da httet Ihr uns den Schreck ersparen
knnen. Unsinn verdammter, da hereingestrzt zu kommen, als ob Euch ein halbes
Dutzend von den klffenden Regulatorenschuften auf den Fersen wre. Wie ist die
Versammlung abgelaufen? wo ist Jones?
    An den Petite Jeanne mit Husfield - morgen ist dort ebenfalls Versammlung -
Cook und Curtis sind bei Atkins - ber uns ist noch nichts beschlossen. Das ist
Alles gut und in Ordnung - Ihr aber, Johnson, solltet den Indianer gerade nicht
so leicht nehmen, er ist auf Eurer Spur.
    Auf meiner Spur? rief Johnson, doch wieder etwas bestrzt, aber immer noch
halb unglubig. Wie soll er auf meine Spur kommen? - Husfield war doch mit der
ganzen Bande darauf und hat wieder unverrichteter Sache abziehen mssen.
    Seid Ihr heute Nachmittag den Pfad entlang gegangen, der zwischen hier und
Atkins' Hause liegt? frug Weston.
    Ja - vor etwa einer halben Stunde, und weshalb?
    Wie ich vor einer halben Stunde auf eben diesem Pfade herangelaufen komme,
erzhlte Weston, gerade dort, wo der junge Gumbaum in den Weg gestrzt ist, und
um den Wipfel desselben herumbiegen wollte, sah ich sich etwas auf dem Pfade
selbst bewegen. Im ersten Augenblick glaubte ich, es wre ein Br, der sich
hierher verlaufen htte, erkannte aber gleich darauf, und zwar nicht zu meiner
freudigen Ueberraschung, den Indianer, der niedergebckt und die Augen fest auf
den Boden geheftet heran-, und zwar gerade auf mich zugeschritten kam. Ein
Begegnen schien unvermeidlich, und schon wollte ich hinter dem Strauche
vortreten und ihn anreden, als er pltzlich, kaum fnfzehn Schritt von mir
entfernt, an eine kleine feuchte Stelle kam und dort halten blieb. Im Anfange
wurde ich nicht recht klug daraus, was er eigentlich wolle, bald aber fand ich,
da er eine der dort vollstndig abgedrckten Fhrten genau untersuchte. Er nahm
seinen Tomahawk aus dem Grtel und verglich die Spur, die er dort traf, mit
einer, die er an diesem angezeigt zu haben schien, richtete sich dann auf einmal
hoch in die Hhe, schwang, mir den Rcken zugewendet, die Waffe mit drohender
Geberde nach der Richtung des Hauses hin und verlie jetzt den Pfad, von wo aus
er rechts, gerade ber den ersten niedern Hgel hinweg, in den Wald
hineinschritt.
    Und die Spur? frug Johnson dringend.
    War die Eure, sagte Weston. Sobald der verdammte Wilde ber die Anhhe
verschwunden war, sprang ich schnell hinter meinem Versteck hervor und sah nach
der Fhrte. - Es war richtig Euer rechter Schuh, so schn und sauber in dem
weichen Schlamm abgedrckt, als ob die Form dazu ganz besonders fr Euren Fu
gemacht wre.
    Seid Ihr denn dem Indianer nicht weiter nachgegangen? frug Cotton, whrend
Johnson in tiefem Sinnen im Zimmer auf- und abschritt, mit dem Fue stampfte und
ingrimmig dazu mit den Zhnen knirschte.
    Gewi bin ich! erwiderte Weston, und Johnson frug, sich rasch nach ihm
umdrehend:
    Was wurde aus ihm?
    Erst traut' ich dem Frieden nicht so recht, sagte Weston, denn aufrichtig
gestanden, htte ich mich nicht gern von der Rothhaut in ihren eigenen Fhrten
erwischen lassen. Bis auf den Hgel zu steigen, konnte ich mir aber nicht
versagen, da ich wei, da man von dort aus die ganze lange Schlucht, bis unten
zu dem Greenbriardickicht, hinabsehen kann. Ich schlich also so leise wie
mglich bis auf den Gipfel, denn wie leicht konnte das rothe Scalpirmesser
irgendwo dort oben geblieben sein! Da war er aber nicht, und schon wollte ich
mich zurckziehen, weil ich glaubte, er htte sich vielleicht durch eine der
Seitenschluchten wieder dem Fourche la fave zugewandt, oder sei auch durch das
Kieferndickicht dem oberen Gebirgsrcken zu gestiegen. Die Dmmerung war
indessen angebrochen; da war es mir pltzlich, als ob ich tief unten in der
Schlucht einen Feuerstrahl she. Gleich darauf war Alles wieder finster, doch
nach einer kleinen Weile sah ich den Schein auf's Neue, und es blieb mir jetzt
kein Zweifel mehr, da es der Indianer sei, der dort unten sein Feuer anzndete,
um wahrscheinlich die Nacht da zu lagern.
    Und wo ist die Stelle? frug Johnson rasch.
    Kennt Ihr den Platz gleich diesseits des Greenbriardickichts, beschrieb
ihm Weston, da, wo die vielen Kiefern bei dem letzten Hurricane den Berg
heruntergestrzt sind?
    Etwa in der Gegend, wo wir die wilde Katze aus der kleinen Ulme
herausschossen?
    Gerade da, rief Weston schnell, so viel ich erkennen konnte, mu er ganz
genau in jenem Bezirk lagern -
    Dann wird er sich keinen andern Platz gewhlt haben, als unter dem etwas
vorspringenden Felsen, wo er vor dem Thau wie vor einem Gewitterschauer
hinlnglich geschtzt ist, zischte Johnson hinter den fest zusammen gebissenen
Zhnen hervor, indem er in die Ecke trat und seine Bchse aufgriff.
    Was wollt Ihr thun? frug Cotton bestrzt.
    Dem verdammten rothen Spion die Witterung legen, knirschte Jener.
    Unsinn, Johnson, rief Cotton rgerlich - Ihr werdet uns noch die ganze
Nachbarschaft auf den Hals hetzen. Was, zum Teufel, schiert es Euch denn, ob die
rothe Bestie die Lnge von Euren Sohlen wei oder nicht. So lange Unsereiner den
Schuh im Schlamm abdrckt, hat es keine Not, und er kann sich ruhig nachspren
lassen. Mit Hufeisen ist's etwas Anderes -
    Das versteht Ihr nicht, sagte Johnson finster, es ist nicht das erste
Ma, was der Hund von meinem Fue nimmt. Ich wei von sicheren Leuten, da das
auch schon bei anderen Gelegenheiten geschehen ist. Jetzt unterliegt es keinem
Zweifel mehr, er ist auf der rechten Fhrte und - das Schlimmste bei der Sache -
er wei es - darum mu er sterben.
    Verdammt will ich sein, wenn ich Euch verstehe, brummte Cotton, die
Scheite im Kamin mit dem Fu zusammenstoend. Ist die Sache brigens nicht sehr
dringend, so wrde ich Euch rathen, es noch so lange aufzuschieben, bis -
    Mich die Regulatoren am Kragen haben und an die nchste Eiche hngen? Nicht
wahr, Ihr Ueberklug? Nein - fr mich giebt es keine Sicherheit, so lange die
Rothhaut lebt, also fort mit ihr -
    Ich mchte wissen, was Ihr mit der Rothhaut habt? wandte Cotton, noch
immer unwirsch, ein. - Als die - die - Geschichte da - mit der Squaw vorfiel,
waret Ihr doch schon wer wei wie viele Meilen auf der Strae hin, und auf Euch
kann also weniger als auf irgend einen andern Menschen in ganz Arkansas Verdacht
fallen. Und was die Pferde -
    Ich sage Euch aber, rief Johnson, jetzt zum Aeuersten getrieben - Pferde
haben hierbei gar nichts zu thun, und - doch was hilft es mir, Euch den Brei
noch einmal vorzukneten -
    A-h-s-o- sagte jetzt Cotton, berrascht stehen bleibend, als ob ein neuer
Gedanke in ihm aufdmmere, weht der Wind aus der Richtung? - Also bei dem
Geschft -
    Oh geht zum Teufel mit Euren Vermuthungen, brummte Johnson. Wenn's nur
erst vollkommen dunkel wre, der Boden brennt mir hier unter den Fen.
    Ja, ja, fuhr Cotton, ohne die rauhe Anrede zu beachten, sinnend fort -
steht die Sache so, dann mchte ich freilich selber zu einem freundlichen
Ausweg rathen. Aber warum habt Ihr mir denn nie ein Wort davon gesagt, ich htt'
Euch doch wahrlich nicht verrathen.
    Von was redet Ihr denn eigentlich? frug Weston jetzt ganz erstaunt; ich
werde ja aus Eurem Wischwasch gar nicht klug. Was soll denn die ewige
Geheimnikrmerei?
    Ja, jetzt wr's Zeit, Geschichten zu erzhlen, brummte Johnson; nein, ich
breche auf, ich halt' es hier nicht lnger aus.
    Johnson, sagte da Cotton, die Bchse gefllt mir nicht. - Der Knall -
mitten in der Nacht, man hrt es zu weit, und wozu der unntze Lrm! Ich habe
die Pfeile zurecht gemacht, von denen wir neulich sprachen. Knnt Ihr mit dem
Bogen umgehen?
    Wie ein Indianer, erwiderte Johnson, ich habe ja sieben Jahre zwischen
den Shawanesen gelebt; aber zum Teufel auch, - ich wei nicht - ein Bogen kommt
mir immer wie eine verdammt unsichere Waffe vor - da lob' ich mir die Kugel -
    Gut, probirt wenigstens einmal die Pfeile, sagte Cotton, whrend er die
niedere Leiter zu dem obern Raum hinaufstieg und gleich darauf mit einem aus
zhem Hickory verfertigten Bogen und vier Pfeilen zurckkehrte. - So, sagte
er, jetzt schiet einmal, halt, da ist eine Kartoffel, die will ich hier in die
Asche legen, nun tretet zurck, dort in die Ecke - trefft mir einmal die
Kartoffel.
    Johnson wog den Bogen einen Augenblick lchelnd in der Hand, legte dann den
Pfeil auf, zielte wenig Secunden, und gleich darauf zitterte der hlzerne
Schaft, der das Ziel vollkommen durchbohrt hatte, in der weichen Erde des
Herdes.
    Vortrefflich, jubelte Cotton, ein Meisterschu; trefft den rothen
Halunken auf die Art, und er luft Euch nicht weit mehr.
    Es bleibt immer ein unsicheres Schieen, sagte Johnson, noch halb
unschlssig, aber durch den guten Schu auch wieder gereizt.
    Unsicher? Das Gift an der rauhgefeilten Spitze hier tdtet in fnf
Minuten, flsterte der Jger. Trefft Ihr den Indianer damit nur in den Arm,
nur in einen Finger, so knnte er dieses Haus nicht mehr erreichen, und wenn er
in gerader Richtung so schnell liefe, als ihn seine Beine trugen.
    Das Gift tdtet unfehlbar?
    So wahr ich hoffe, den Fngen der schurkischen Regulatoren zu entgehen -
    Oh, lat den armen Indianer leben, bat Weston, warum dessen Blut
vergieen? Es ist ja wahrhaftig schon genug geflossen. Mir wird es ordentlich
unheimlich bei Euch; Ihr redet ber ein Menschenleben, als ob es ein Hirsch oder
Br wre.
    Jetzt fngt Der an, dummes Zeug zu schwatzen, sagte Johnson rgerlich,
indem er die Pfeile immer noch unschlssig in der Hand hielt. Kmmert Euch doch
um Eure eigenen Geschichten, lat uns zufrieden. Der Indianer stirbt!
    Dann will ich wenigstens nichts weiter damit zu thun haben, rief Weston
entschlossen, sein Blut komme ber Euch, morgen kehre ich nach Missouri zurck.
Ich hatte mich mit Euch zum Pferdehandel verbunden, hier aber ist nichts als
Blut und immer wieder Blut. - Mir graust's - gute Nacht! -
    Er stand auf und wollte das Zimmer verlassen.
    Halt, rief Johnson, halb bestrzt halb drohend vor die Thr springend,
whrend er die vergifteten Pfeile, ohne jedoch wie es schien daran zu denken,
dem jungen Mann entgegenhielt - Ihr wollt uns verrathen!
    Hlfe! schrie Weston, entsetzt vor der gefhrlichen Waffe zurckspringend
- Mord!
    Pest und Tod, rief Cotton rgerlich, indem er den immer noch mitrauischen
Johnson von der Thr zurckschob und sich selbst zwischen ihn und den jungen
Mann stellte, lat doch, zum Teufel, die Possen.
    
    Ich dachte gar nicht an die vergifteten Pfeile, sagte Johnson - weshalb
aber will Weston fort?
    Weil ich bei Atkins eines Theils vermit werde und dann auch nicht Zeuge
eines neuen Mordes sein will. Zu glauben, da ich Euch verrathen wollte, ist
nicht allein schlecht, sondern auch unsinnig. Ich stecke brigens zu tief mit in
der Schuld hier, um leicht auf Vergebung hoffen zu knnen, bnde mich nicht
berdies mein Schwur.
    Ihr gedenkt des Schwures noch? frug mahnend Johnson.
    Ja, hauchte leise zusammenschaudernd Weston, Ihr habt von mir nichts zu
befrchten - ein ander Mal geht aber vorsichtiger mit solchen Waffen um und -
lat ihn leben - Johnson, lat ihn leben, bat er dringend, den Arm des finstern
Mannes ergreifend. Es kann ja doch vielleicht ohne sein Blut auch noch
Sicherheit fr uns geben. Bedenkt, da der arme Teufel schon sein Weib -
    Verdammt will ich sein, wenn ich das Geschwtz noch lnger mit anhre,
rief Johnson, rgerlich den jungen Mann von sich schttelnd. - Geht - fort mit
Euch - Ihr knnt uns hier doch nichts ntzen; doch, Weston - gedenket des
Schwures und glaubt nicht, wenn Euch auch selbst Gott verziehe, meiner Rache zu
entgehen.
    Spart Eure Drohungen, sagte Weston ernst, ich bin kein Verrther, will
mit Euch aber auch fortan keine Gemeinschaft mehr haben. Ich kehre morgen frh
nach Missouri zurck - zu solchem Handwerk bin ich verdorben -
    Oder noch zu neu, lachte Cotton; nun Glck zu, Weston, wenn's wirklich
Euer Ernst ist, und - hab' ich Glck, so komm' ich in ein paar Jahren einmal
hinauf nach Missouri.
    Lebt wohl, Johnson, sagte Weston, dem Angeredeten die Hand entgegenhaltend
- kein Groll wenigstens beim Scheiden.
    Lebt wohl, erwiderte dieser mrrisch und halb abgewendet.
    Der junge Mann verlie das Haus, berstieg die Fenz und war im nchsten
Augenblick durch die dichten, das kleine Haus umgebenden Bsche den Augen der
beiden ihm nachschauenden Mnner entrckt.
    Wir htten ihn doch nicht sollen ziehen lassen, sagte Johnson, jetzt
unruhig im Zimmer auf- und abgehend, ich traue dem Burschen nicht.
    Er ist treu, behauptete Cotton - ich kenne ihn - der verrth Niemanden. -
Da giebt es andere Menschen, denen ich nicht traue.
    Ihr meint Rowson? sagte Johnson, vor ihm stehen bleibend.
    Ja!
    Der sitzt zu tief drin - wenn Alle so sicher wren -
    Ja, jetzt - lat ihn aber einmal in die Patsche kommen, lat ihn den Strick
an der einen und die Hoffnung auf Rettung an der andern Seite sehen, und dann
pat auf, was er thut. Oder dann pat lieber nicht auf, denn in diesem Falle
mchte ich mich eher auf meine Beine, als auf seine Ehrlichkeit verlassen. Ich
traue ihm nicht.
    Es wird dunkel, sagte Johnson, ich will gehen, aber - ich wei nicht -
die Bchse wre mir lieber -
    Ihr seid ein Thor, rief Cotton, Ihr schiet, zum Henker, eben so sicher
mit dem Pfeil als mit der Kugel, und das Eine kann Euch vor Entdeckung sichern,
das Andere mu Euch verrathen. Wenn man den Leichnam findet -
    Bin ich lange fort von hier, lachte Johnson - glaubt Ihr, ich lasse bei
dieser Regulatorenwirthschaft meinen Hals in der Schlinge?
    Aber die neuen Pferde -
    Mgt Ihr allein besorgen, morgen schon breche ich nach der Insel auf -
diese Nacht kann ich meine wenigen Habseligkeiten in Ordnung bringen, und mit
Tagesgrauen hol' ich mir eins von Roberts' Pferden, die zwischen hier und seinem
Hause weiden. Ehe man den Indianer gefunden hat, bin ich ber alle Berge.
    Aber Rowson.
    Mag nachkommen, wenn er Gefahr sieht - er wei, wohin ich gehe. Wollt Ihr
mit?
    Ich habe Atkins versprochen, die nchste Sendung befrdern zu helfen, und
mein Wort will ich halten, mu ich halten, denn mit meiner Kasse sieht's
erbrmlich aus. Die letzte Hetze hat verdammt wenig eingebracht. Bin ich damit
im Reinen, so kann es sein, da ich Atkins nach Texas begleite. - Also Ihr wollt
doch die Bchse nehmen?
    Bchse und Pfeile, sagte Johnson. Erst versuch' ich das Gift, und bin ich
mit meinem Schu nicht so recht zufrieden, dann mag das Blei nachhelfen.
    Glaubt Ihr denn sicher an ihn heranschleichen zu knnen?
    Wenn er da lagert, wo ich ihn vermuthe, ja - erwiderte Johnson, die
schweren Schuhe mit den leichten geruschlosen Moccasins vertauschend. Auf
jenen Felsen liegt nicht einmal trockenes Laub, was mich durch sein Rascheln
verrathen knnte.
    Nun, wenn's doch einmal sein mu, dann trefft ihn wenigstens sicher,
warnte Cotton.
    Nur keine Angst, bin ich ihm erst einmal in Schunhe, dann ist er mein.
Uebrigens liegt jene Stelle abgelegen genug, und er mte laut schreien, wenn er
dadurch Jemanden herbeilocken wollte. Wo bleibt Ihr indessen?
    Hier - ich will einen tchtigen Stew unter der Zeit brauen, da Ihr bei der
Rckkehr etwas Warmes findet. Also Heathcott -
    Oh, schweigt mit der alten Geschichte und braut Euer Getrnk - das ist
ntzlicher.
    Lat nicht zu lange auf Euch warten, rief ihm der Jger noch nach.
    Da ich mich nicht erst zu ihm setzen werde, knnt Ihr Euch denken, sagte
Jener mrrisch, warf die Thr hinter sich zu und glitt gleich darauf mit leisem,
aber schnellem Schritt durch die dunkle Waldung hin, dem nchsten Bergkamm zu,
von welchem aus Weston das Feuer des Indianers bemerkt haben wollte.
    Die Nacht war rabenschwarz, kein Stern leuchtete an dem mit finsteren
Wetterwolken berzogenen Himmel, und das dumpfe, schauerliche Rauschen der
mchtigen Wipfel kndete schon den nahenden Sturm. Weit oben auf dem
Gebirgsrcken, der die Wasser des Fourche la fave und der Mamelle von einander
scheidet, schrie mit scharf gellendem Klagelaut ein einsamer Wolf sein Nachtlied
ab, und die Eule antwortete spottend aus dem dunkeln Kiefernwipfel heraus, in
dem sie vor dem heranrckenden Unwetter Schutz zu finden hoffte. Thier und
Mensch suchten ein Obdach, den warmen Kamin oder den dichten Schilfbruch, nur
der Mrder mit seinen blutigen Gedanken schritt, unbekmmert um die immer
strker und drohender werdenden Anzeichen einer Windsbraut, Bchse und Bogen
krampfhaft fest in der geschlossenen Hand haltend, seine dstere Bahn entlang,
und je toller und wilder die Elemente zu toben begannen, desto khner und
trotziger blitzte sein Auge. War ja doch der Sturm sein Bundesgenosse, und fand
er durch ihn gerade grere Sicherheit fr sein blutiges Werk. Lagerte nmlich
der Indianer wirklich an jener Stelle, so hatte er bei solchem Wetter auf jeden
Fall den Schutz des berhngenden Felsens gesucht, der ihn eben so vollstndig
gegen den drohenden Regen wie gegen etwa strzende Bume decken mute, und dann
war es nicht mglich, seinen Schritt oder sein Nahen zu hren: das Rauschen und
Brausen in den Aesten und Zweigen der Waldung bertobte Alles. Sein aber war die
Rache, sobald er nur das Opfer fand.
    Vorsichtig folgte er dem Lauf der kleinen Schlucht, obgleich er einen
nheren Weg nach der ihm wohlbekannten Stelle htte einschlagen knnen. Schwer
ist es aber bei Nacht, ohne Sternenlicht gerade Richtung durch den Wald
beizubehalten, und selbst der gebte Backwoodsman versucht es nicht gern ohne
dringende Noth. Die Spitzen der vergifteten Pfeile hatte er mit einem wollenen
Tuche dicht umwickelt, da er sich nicht durch bsen Zufall selbst verwunde, und
seine Waffen im linken Arm, schritt er, vorsichtig mit der Rechten seine Bahn
fhlend, hher und hher hinauf, bis er an dort heruntergestrzten Fichten die
Gegend erkannte und nun wute, wo er sich befand.
    Gerade da bildete die Schlucht einen Winkel, und dicht ber demselben war
der Stein, unter welchem der Indianer liegen mute, und zwar dem sich von dieser
Seite Nhernden schrg gegenber. Johnson beschlo also, vor allen Dingen zu
recognosciren, da Entdeckung, durch den immer strker heulenden Wind geschtzt,
gar nicht mehr zu frchten war. Jedes unnthige Gerusch jedoch vermeidend,
kroch er unter den kreuzweis ber die Schlucht hingestrzten Stmmen durch, lie
da, wo er sie augenblicklich wieder finden konnte, seine Bchse, um von den
vielen Waffen im Hinanschleichen nicht gehindert zu werden, und glitt, einer
Schlange gleich, der Ecke zu, die ihn bis jetzt noch von seinem Opfer trennte.
    Triumph! Sein Herz schlug fast hrbar - dort - am Feuer hingestreckt, lag
der rothe Sohn der Wlder, die Gefahr nicht ahnend, die ihn mit Gift und Blei
bedrohte; die Waffen ruhten an seiner Seite, und auf den rechten Arm gesttzt,
schaute er sinnend in die unstt flackernde Gluth. Johnson hob sich, den Bogen
mit starker Hand fassend, convulsivisch empor und blickte forschend hinber, um
die Stelle zu bestimmen, in die er den tdtlichen Pfeil senden sollte, denn die
Entfernung zwischen ihm und seinem Opfer betrug kaum zehn Schritt. Hier aber
fand sich ein neues Hinderni. Die aufgespannte Decke des Indianers, die dieser
an der Windseite angebracht hatte, um auch gegen den etwa schrg einschlagenden
Regen geschtzt zu sein, verbarg den grten Theil seines Krpers, so da von
diesem eigentlich nur der vordere Theil des Kopfes mit dem rechten Arm
vollkommen sichtbar war, whrend die brige Gestalt unter dem wollenen
Schutzdach versteckt lag. Zwar konnte Johnson genau die Stelle bestimmen, wo er
den Indianer treffen mute, und er wrde auch, htte er die Bchse statt der
Pfeile bei sich gehabt, keinen Augenblick lnger gezgert haben, so aber stieg
pltzlich die sonderbare Idee in ihm auf, die Wolle knne, wenn nicht den Pfeil
aufhalten, doch falsch lenken oder gar dem Gift seine Kraft nehmen; kurz, er
scheute sich, auf diese Art einen Schu in's Ungewisse zu thun.
    Dazu kam noch eine nicht unterdrckbare Furcht vor der krftigen Gestalt
seines Feindes, den er zum Aeuersten entschlossen wute, und der, wenn blos
verwundet, dennoch vielleicht so viel Kraft behalten wrde, ihn einzuholen und
des Tomahawsk Schrfe an seinem Schdel zu versuchen.
    Wie brigens die Decke gespannt war, brauchte es hchstens zwanzig Schritt
zur Rechten, gerade bis hinter die stattliche Ulme, die am Abhang des Hgels
stand, hinan zu kriechen. Dann bot sich ihm die Brust des Lagernden zum breiten,
unfehlbaren Ziel, und von da aus konnte der Pfeil seine tdtliche Wirkung nicht
verfehlen.
    Der erste Blitz zuckte jetzt durch den wilden Sturm daher und warf sein
bleiches, geisterhaftes Licht ber die Landschaft. Schaurig, wie Hlfe suchend,
schlugen und wehten in seinem grellen Schein die gigantischen Bume mit ihren
Riesenarmen, der nchste Moment aber hllte Alles wieder in noch viel
undurchdringlichere Nacht. Da hob sich Johnson empor, um schnell die ersehnte
Stelle zu erreichen und die That zu vollenden, ein Stein aber glitt unter seiner
rechten Hand, mit der er sich bis jetzt an der vorwachsenden Wurzel einer Eiche
festgehalten, vor und rollte einige Schritte hinab, in den Grund der Schlucht.
Regungslos blieb er, dicht an den Boden geschmiegt, liegen, um seinem Opfer
nicht verrathen zu werden, und hob dann nur leise den Kopf, die Wirkung zu
beobachten, die dieses auergewhnliche Gerusch auf den Indianer hervorgebracht
haben knnte.
    Der Ton war auch dem wachsamen Ohr des Wilden nicht entgangen, und hochauf
horchte er und hob den ganzen Kopf ber die Decke empor, den von dem Feuer
ausgehenden Lichtkreis zu bersehen; Johnson lag aber im Schatten der Eiche, die
etwas hher, als wo er selbst sich befand, aus dem Abhang emporstieg, und der
Blick Assowaum's schweifte ber ihn hin. Da erhellte ein noch grellerer Blitz
als vorher die Schlucht, und der Mrder bebte scheu zurck. Aber auch den
Indianer schien der Strahl geblendet zu haben, denn er prete die Hand schnell
gegen die Augen und sank dann, scheinbar beruhigt, in seine frhere Stellung
zurck.
    Jener beobachtete ihn noch einen Augenblick und glitt nun schlangengleich
etwa fnf bis sechs Schritt zurck, wo er von seinem Opfer selbst bei Tageshelle
nicht htte gesehen werden knnen. Hier klomm er an der rechten Seite bis hinter
die Ulme hinan, von der aus er das Lager des Feindes dicht vor sich hatte,
spannte, an Ort und Stelle angekommen, leise den Bogen, legte den tdtlichen
Schaft darauf und hob sich jetzt schnell, aber vorsichtig zum Schu in die Hhe.
- Da - fast unwillkrlich entfuhr ihm ein Laut des Staunens und Schrecks, denn -
die Stelle am Feuer war leer - Assowaum verschwunden.
    Ehe er jedoch nur einen Gedanken fassen, nur ein Glied rhren konnte, fhlte
er eine Hand auf seiner Schulter, schaute - entsetzt zurckfahrend, in das wild
drohende Angesicht seines Feindes, sah den Arm des rothen Kriegers erhoben - der
Tomahawk blitzte im Schein des von unten herausflammenden Feuers und von der
flachen Seite der gefhrlichen Waffe getroffen, brach er betubt und lautlos
zusammen.
    Schrecklich war sein Erwachen. Durch die schwankenden Baumwipfel prasselten
und zischten die schwefelgelben Strahlen, laut schmetternd brach der Donner
hinterdrein und die Schleusen des Himmels schienen geffnet - die ganze Natur in
Aufruhr; aber gefesselt und geknebelt, da er kein Glied rhren, keinen Laut,
ausstoen konnte, lag der ertappte Verbrecher an der Wurzel eines Hikorystammes
angebunden, allein zurckgelassen im Toben der zrnenden Elemente. Vergebens
rang er mit der Kraft der Verzweiflung, seine Banden zu sprengen oder wenigstens
einen Arm aus den seine Sehnen fast zerschneidenden Stricken zu befreien.
Vergebens dehnte er die Glieder, da das Blut unter dem scharfen ledernen
Riemen, der ihn umschlungen hielt, hervorspritzte; sein Sieger verstand die
Kunst, einen Knoten zu schrzen, seine Bande unzerreibar zu machen. Matt,
erschpft mute er endlich in seinen fast wahnsinnigen Bemhungen einhalten und
blieb nun keuchend, ja besinnungslos liegen.
    Der Sturm hatte nachgelassen; von den Blttern strmte aber noch immer das
Wasser wie im strksten Regen herunter, der Wind scheuchte die dunkeln
Wolkenmassen vor sich her und die helle Mondesscheibe sandte hier und da, durch
auseinandergerissene Dunstschleier, ihr bleiches, silberhelles Licht auf die
Erde nieder.
    Johnson war eben aus seiner zweiten Ohnmacht erwacht - - Fieberfrost
schttelte seine Glieder, und zum ersten Mal drang sich ihm jetzt der
entsetzliche Gedanke auf, da ihn der Indianer hier zurckgelassen habe, um
nicht wiederzukehren; da Cotton, der seine Rckkunft vergebens erwartet,
flchten wrde und er hier langsam verhungern msse, wenn nicht ein mitleidiger
Wolf seinem elenden Dasein frher ein Ende mache.
    Er konnte ihre schrillen Laute schon von den nahen Bergen herber hren -
sie sammelten sich nach dem Unwetter, um gemeinsam auf Raub auszuziehen, und da,
gerade da, wo er sich jetzt befand, hatte er ihre Spuren oft und oft bemerkt,
wie sie die Schlucht gekreuzt und von den Gebirgen herunter zu dem Flusse
gezogen waren.
    Allmchtiger Gott, sollte er auf so schreckliche Weise umkommen? - Das
Geheul kam nher - der Wolf wittert seine Beute auf viele Meilen Entfernung.
Wieder stemmte sich der Elende gegen seine festen Banden, wieder knirschte er in
den Knebel und strengte sich an, bis ihm das Blut die Adern zu zersprengen
drohte. Die Verzweiflung gab ihm Riesenkrfte, aber er konnte des Indianers
Fesseln nicht brechen. - Da lag er pltzlich so still und starr wie aus Stein
gehauen - wohin lauschte so ngstlich und hoffend sein Ohr? - Weshalb heftete
sich sein Blick so stier und fest auf jenen dunkeln Waldstreifen - die Schlucht
hinab? Dort heulten die Wlfe nicht, ihr Geschrei tnte von einer andern Gegend
zu ihm herber.
    Nein - die Wlfe waren das nicht, aber einen Ruf hatte er vernommen, einen
bekannten freundlichen Ruf. - Es war die Nachahmung des Eulenrufs, das Zeichen
unter den Verbndeten - es mute Atkins oder Cotton sein - vielleicht Beide. -
Sie kamen, ihn zu retten, und hier - hier lag er, gefesselt und geknebelt,
vermochte kein Glied zu rhren, keinen Ton zu antworten, um die Stelle zu
bezeichnen, auf der er schmachtete. Aber nher und nher kam die Stimme, lauter
und dringender wurden die Aufforderungen der Suchenden. Jetzt schritt er am
obern Ende der Schlucht heran - Johnson konnte die Umrisse seiner Gestalt auf
dem dunkleren Hintergrunde deutlich erkennen; wieder tnte der Eulenruf lauter
und dringender; erst drei-, jetzt viermal; der Gefangene wand und krmmte sich
wie ein Wurm - den Banden aber und dem Knebel entwand er sich nicht.
    Endlich - endlich schollen die Tritte nher; der Suchende hatte die Schlucht
durchkreuzt - er kannte die Stelle, wo der Indianer gelegen, und umging sie - er
mute jetzt an dem Freund vorbei - dicht vorbeikommen. - Wieder tnte der Ruf
und lauschend, mit vorgebeugtem Krper horchte der Jger. Johnson versuchte das
Aeuerste, nur das Laub mit dem Fu rascheln zu machen - den jungen Stamm zu
schtteln, an dem er hing - vergebens. Der Wind rauschte und wehte noch in den
Zweigen und das Laub war feucht und weich, der Fu, der sich krampfhaft
hineinwhlte, blieb unhrbar.
    Da kam die Gestalt heran - es war Cotton - Johnson konnte deutlich den Hut
erkennen, den er auf dem Kopfe trug - konnte den helleren Schein seines bleichen
Angesichts sehen, er kam gerade auf ihn zu - noch zwanzig Schritt in der
Richtung fort und er mute auf seinen Krper treten. Da hielt er - wieder tnte
der Ruf und berallhin wandte der Suchende den Blick; aber er erwartete nicht,
den Freund zu sehen, er lauschte blos hinein in die Nacht, ob er die antwortende
Stimme nicht hren wrde. Sein Auge glitt fast bewutlos und ohne alle
Theilnahme ber die Formen hin, die sich ihm boten, nur manchmal warf er einen
scheuen, ngstlichen Blick in die Schlucht hinunter, wo er wahrscheinlich den
Leichnam des Indianers vermuthete.
    Da wandte er sich um - er schien seinen Plan gendert zu haben - horchte
noch einmal hinaus in den rauschenden Wald, ob vielleicht jener winselnde Schrei
der Wlfe der erwartete Eulenruf sei, und glitt dann, als er sich wiederum
getuscht sah, schnell und lautlos in das nchste Dickicht.
    Es war vorbei - keine Aussicht mehr auf Rettung, und verzweifelt und elend
sank der Gefangene in sich zusammen. Er achtete nicht weiter auf das Geheul der
wilden Bestien, der Tod war ihm gleichgltig, wenn nicht erwnscht. Nur noch
einen Blick des Trotzes und der ohnmchtigen Wuth warf er hinauf zu dem klaren,
jetzt hell und golden ber ihm ausgespannten Sternenhimmel und schlo dann die
Augen, als wenn er mit diesem Blick von dem Leben wie von jeder Hoffnung
Abschied genommen htte.

                                      29.

         Rowson bei Roberts. - Die Truthhnerjagd. - Ellen und Marion.


Das Mittagessen war beendet, das Geschirre aufgewaschen und fortgestellt, und
vor dem Eingange der kleinen Wohnung saen im traulichen Kreise die Freunde und
plauderten von diesem und jenem. Rowson hatte seinen Stuhl neben Madame Roberts
und ihr liebliches Tchterchen gerckt und hielt die Hand der Braut in der
eigenen, whrend Harper an Ellen's und Bahrens an des alten Roberts Seite Platz
genommen. Nach welchen verschiedenen Richtungen das Gesprch aber auch immer
hinber und herber kreuzte, auf den Ehestand kam es stets wieder zurck und
Harper war nun schon zum dritten Mal gefragt worden, warum er sich nicht nach
einer Frau umsehe, die ihm seine alten Tage versen knne.
    Davor bin ich sicher - ich wte nicht, wie ich eine bekommen sollte. Die
einzige Art wre, da ich es wie mein Bruder machen mte, der sich in die
Lotterie gesetzt und ausgespielt hat.
    In die Lotterie gesetzt, Mr. Harper? sich selbst?
    Nun, die Sache war sehr einfach; er machte sechshundert Loose, jedes zu
zehn Dollars, fr Mdchen und Wittwen unter dreiig Jahren - bei der
Untersuchungscommission htten Sie sein sollen - und setzte sich selbst mit den
also gewonnenen sechstausend Dollars ein.
    Aber, Mr. Harper -
    Nun wurde er jedoch blos fnfhundert und einige dreiig los, behielt also
einige sechszig und hatte die starke Hoffnung, sich selber wieder zu gewinnen -
ja Prosit. Ein junges Mdchen, die drei Zeugen gebracht, da sie erst
achtundzwanzig Jahre alt sei, bekam ihn, und er ist jetzt glcklicher
Familienvater. Hier in Arkansas mchte es aber schwer werden, sechshundert Loose
anzubringen.
    Nicht wenn Sie im Einsatz stnden, lchelte Marion. - Ich bin fest
berzeugt, die Candidatinnen kmen von allen Seiten.
    Und wrden Sie auch ein Loos nehmen?
    Warum nicht, lachte Marion - man gewinnt ja manchmal etwas, das man nicht
gebrauchen kann. Ich knnte Sie ja im gnstigsten Falle an eine gute Freundin
verschenken; an Ellen zum Beispiel - das gilt doch?
    Ei warum nicht, sagte Harper, und ich wrde noch dazu nur wenig
Einwendungen gemacht haben.
    Rowson hatte indessen dem Gesprch zugehrt und sich nur selten
hineingemischt, hielt aber in seiner Hand einen ausgespannten Truthahnflgel als
Fcher und scheuchte damit seiner Braut die sie hier und da umschwrmenden
Fliegen und Mosquitos fort.
    Madame Roberts nahm ebenfalls einen Fcher, denn die Hitze wurde wirklich
drckend.
    Wir werden ein Gewitter bekommen, sagte Roberts, den Rock abwerfend, die
Luft ist so sonderbar schwl - ich mu doch einmal nach dem Thermometer sehen -
apropos, Rowson, fuhr er fort, indem er aufstand und der Thr des Hauses zuging
- wit Ihr, wer die Leute waren, deren Wagen wir noch sahen, als Ihr oben bei
der Salzlecke zu mir kamt? Tennesseer - ein frherer Nachbar von mir -
Stevenson, ein prchtiger alter Mann. Ich habe mich recht gefreut, ihn wieder zu
sehen; und, Marion, die Mdchen sind einmal herangewachsen, die wrdest Du gar
nicht wieder erkennen.
    Oh, warum sind sie denn nicht bei uns eingekehrt? frug Mrs. Roberts - man
sieht doch so selten alte Freunde. Kennen Sie Stevensons auch, Mr. Rowson?
    Nicht da ich mich erinnere, erwiderte dieser, und ich habe sonst ein
ziemlich gutes Gedchtni. Stevenson - der Name ist mir jedenfalls von Tennessee
her bekannt, die Familie selbst aber schwerlich.
    Er war drben am Arkansas gewesen, wie der letzte Mord vorgefallen ist,
sagte Roberts, jetzt mit dem Thermometer in der Hand zurckkommend, und hat den
Mrder gesehen - Zwanzig Grad - es ist erstaunlich -
    Das ist nicht mglich! rief Rowson, sich vergessend.
    Oh doch - sehen Sie hier! zwanzig - und noch dazu reichlich, entgegnete
Roberts, dessen Ausruf auf den Wrmegrad beziehend und ihm das Thermometer
entgegenhaltend.
    In der That, erwiderte Rowson, sich schnell sammelnd. Wie aber konnte er
das?
    Konnte was?
    Wie kann Mr. Stevenson den Mrder gesehen haben? Es wurde ja behauptet, der
Mann habe sich selbst erschossen, eben weil man Niemandes Spur entdeckt hatte.
    Unsinn, sagte Roberts, den Kopf schttelnd. Er stand hinter einem Baum,
wo die Beiden in nur wenig Schritten Entfernung an ihm vorbeigekommen sein
sollen, kaum fnf Minuten frher, als der Schu fiel. Er hat mir zugeschworen,
er wollte den Burschen unter Tausenden wieder herauserkennen. Wren Sie nur
hundert Schritt weiter oben heraus und auf die Strae gekommen, so muten Sie am
Lager vorbei; es ist ein prchtiger alter Mann; er wrde Ihnen ungemein gefallen
haben.
    Ich zweifle gar nicht daran, sagte Rowson, aber -
    Nun sagt mir einmal, Roberts, unterbrach ihn Bahrens - wie ist denn das
Ding da, das Ihr in der Hand habt und ein Thermometer nennt, eigentlich
eingerichtet, da Ihr an dem sehen knnt, ob es warm oder kalt sei?
    Nun, das Quecksilber steigt in der Hitze, erwiderte der Gefragte, und
fllt, je klter es wird, desto mehr in sich zusammen!
    Und danach richtet sich das Wetter?
    Nein, das Thermometer richtet sich nach dem Wetter -
    Ihr habt mir aber doch einmal erzhlt, in den grnen Gebirgen wre es 1829
nur deshalb so unmenschlich kalt geworden, weil sie kein solch' Ding oben gehabt
htten.
    Ih bewahre, lachte Roberts.
    Damals war aber eine Klte! rief Harper. In dem Winter lebte ich am
Eriesee in Cleveland und das Quecksilber fiel Gott wei wie tief unter Null. Ein
alter Pennsylvanier, bei dem ich wohnte, behauptete auch, es wre noch tiefer
gefallen, wenn das Thermometer nur lnger gewesen wre.
    Wird sich Mr. Stevenson noch einige Tage in dieser Nachbarschaft
aufhalten? frug Rowson, der bis jetzt in tiefen Gedanken vor sich
niedergeschaut hatte.
    Nein - bewahre! Er sagte ja - ja so, Sie kamen erst nachher zu mir - nein,
er geht direct nach der Gegend, in der er sich niederlassen will, an den Fu der
Gebirge. Wie er mir aber versicherte, gefllt ihm unser Land hier am Fourche la
fave ungemein und er schien gar nicht bel Lust zu haben, gleich hier zu
bleiben. Seine Frau jedoch und seine Tchter frchteten sich unmenschlich vor
den Pferdedieben, denn da diese, wie sie am Arkansas gehrt hatten, wo sie, wenn
ich nicht irre, zwei Tage gehalten und ein paar neue Stiere eingehandelt hatten,
denn die alten -
    Nun, deswegen brauchten sich die Frauen nicht zu frchten, sagte Bahrens,
mit der Gesellschaft werden wir schon noch fertig werden.
    Allerdings, lchelte Rowson - die Leute machen es auch gefhrlicher, als
es wirklich ist. Der Fourche la fave hat einen viel schlimmeren Namen, als er
verdient und -
    Hallo - was haben die Hunde da? rief Roberts aufspringend - Poppy hat
schon in einem fort gewindet und jetzt geht's durch's Feld, als ob der Bse
dahinter her hetzte.
    Es sind Truthhner, Vater, sagte Marion, Ellen und ich gingen vor Tisch
dort unten herum und sahen, gleich am Bach, ein ganzes Volk.
    Ei warum habt Ihr denn das nicht lange gesagt? rief Roberts, aufspringend
- ich habe seit acht Tagen keinen Truthahn geschossen - geht Ihr mit, Bahrens?
    Gewi, sagte dieser, seine Bchse, die er stets bei sich fhrte, aus dem
Hause holend - und wenn ich nicht irre, so haben sie die Hunde auch schon in
den Bumen.
    Ja wohl, ich kenne Poppy's Stimme. Doch jetzt mssen wir eilen, sonst
ziehen sie hinunter in die Niederung und da ist schlecht nachkommen.
    Bahrens bedurfte keiner weiteren Aufmunterung und schnellen Laufes rannten
die beiden Mnner an der Fenz des Maisfeldes hinab, wo die Hunde wild unter den
Bumen umherfuhren und nicht mehr zu wissen schienen, auf welchem von ihnen die
geflchteten Thiere saen. Aber auch die Jger blickten sich vergebens nach den
Gesuchten um, denn erstens war das Laub zu dicht und dann hatten sich die
schlauen Truthhner so fest an die Aeste gedrckt, da sich nirgends einer
erkennen lie.
    Es wird ein alter Gobler (Truthahn) gewesen sein, sagte Bahrens und der
ist doch jetzt nicht besonders zu essen.
    Nein, meinte Roberts, ich habe hier erst gestern vier Hennen zusammen
gesehen, die dieses Jahr auf keinen Fall brten knnen. Einen fetteren Braten
giebt's auf der Welt nicht, als eine solche Henne in dieser Jahreszeit.
    Nun, dann mssen wir uns hinsetzen, entgegnete Bahrens, - ruft die Hunde.
- Bleibt Ihr hier und ich will dahinber auf die kleine Anhhe gehen. Knnen wir
die Hunde ruhig halten, so wird es nicht lange mehr dauern, bis sich die Hennen
wieder melden - lange schweigen sie nicht gern.
    Roberts, vollkommen mit diesen Vorsichtsmaregeln einverstanden, rief seine
Hunde zu sich, die sich dicht neben ihm niederlegen muten, und wohl eine
Viertelstunde rhrte keiner der Mnner ein Glied. Endlich ahmte Bahrens leise,
aber tuschend den Ruf der Hennen nach, und es dauerte auch nicht lange, so
antwortete gerade aus einem Baume ber Roberts heraus eine andere.
    Die Hunde sahen erst altklug zu ihrem Herrn empor, als ob sie htten sagen
wollen - hrst Du's da oben? und dann wieder in die Bume und fingen an,
ungeduldig zu werden. Roberts wollte aber warten, bis Bahrens ebenfalls einen
Vogel zum Schu hatte, und erst als mehrere von verschiedenen Gegenden her
antworteten und Jener die Bchse hob, richtete er sich empor und legte auf sein
Wild an.
    Die Truthenne war indessen von dem Aste, an welchem sie dicht angeschmiegt
gesessen, aufgestanden und schaute eben, den langen Nacken nach allen Richtungen
drehend, umher, ob die frhere Gefahr verschwunden sei. Da krachte Bahrens'
Bchse, fast in demselben Augenblicke war aber auch Roberts schufertig geworden
und beide Vgel strzten mit schwerem Fall und fast in einer Secunde von ihrer
gar nicht unbetrchtlichen Hhe hernieder, wo sie von den Hunden augenblicklich
in Empfang genommen wurden.
    Madame Roberts und Harper hatten indessen, whrend die beiden Mnner dem
Wild nachgegangen waren, ein Gesprch mit dem Methodisten anzuknpfen gesucht
und bald von diesem, bald von jenem begonnen. Rowson schien aber heute wenig zu
ausfhrlichen Antworten geneigt und berhaupt entsetzlich zerstreut zu sein.
    Besser unterhielten sich whrend dessen die Mdchen, die Arm in Arm vor der
kleinen Wohnung umhergingen. Aber nicht von ihren knftigen Plnen (Beide
vermieden wunderbarer Weise jede Berhrung derselben) sprachen sie, sondern von
ihren verlebten Kinder- und Jugendjahren und riefen sich all' die zwar lngst
vergangenen, aber immer noch lieben Spiele und Freuden in's Gedchtni zurck.
    Ach, liebe Ellen, sagte Marion, indem sie stehen blieb und der Freundin
seufzend in's Auge schaute, das waren doch recht schne, selige Zeiten und wir
wuten damals noch nicht, was Sorge und Kummer, was Gram und Schmerz sei. Der
Uebergang aus diesem glcklichen Alter in das reifere Leben ist auch so
unmerklich, kommt so allmlig, da man es nicht eher bemerkt, als bis man alle
jene sen Tage weit, weit hinter sich hat und nun wie vor einem Abgrund - sie
hielt pltzlich inne, als ob sie sich scheue, den Satz zu vollenden, und wandte
den Kopf ab, da Ellen die zwei hellen Thautropfen nicht bemerken sollte, die
ihr im Auge perlten.
    Warum bist Du so traurig, Marion? fragte aber schmeichelnd die Freundin,
Du stehst doch am Ziel Deiner Wnsche, und ich sollte denken, die Verbindung
mit dem Manne, den wir lieben, drfte uns nicht so traurig und wehmthig
stimmen. Da man sich mit einem gewissen Bangen zu einem solchen Schritt
entschliet, finde ich eher begreiflich. Hast Du einen Kummer?
    Nein, liebe Ellen, flsterte Marion, immer noch das jetzt thrnenfeuchte
Antlitz von der Freundin abwendend - nein - ich bin nur ein thrichtes Kind und
- und sollte eigentlich recht freudig und mit froher Zuversicht in die Zukunft
schauen. - Aber horch - da fielen eben zwei Schsse - sie scheinen die
Truthhner gefunden zu haben. Nun giebt's fr uns Beide noch etwas zu thun, heut
Abend, fuhr sie dann, sich lchelnd zu Ellen wendend, fort. Aber auch in dieser
Augen bemerkte sie die Spuren von heimlich vergossenen Thrnen und sagte nun
schnell und ngstlich:
    Ach, Ellen, liebe, beste Ellen, was fehlt denn Dir? Sieh, ich bin ein so
verzogenes und nur immer mit mir selbst beschftigtes Wesen, da ich es kaum
bemerkt, wenigstens nicht beachtet habe, wie auch Du mir so niedergeschlagen und
still seit einiger Zeit erscheinst. Darf ich es wissen?
    Ja! sagte Ellen, durch ihre Thrnen lchelnd. - Du sollst Alles wissen -
doch nicht heute - in einigen Tagen erst, wenn Du selbst ruhiger und mit Dir im
Reinen bist. Dann sollst Du Alles erfahren; aber - fuhr sie schmeichelnd fort -
habe ich Dich erst einmal zu meiner Vertrauten gemacht, dann mut Du mir auch
helfen - ich helfe Dir wieder.
    Wenn Du knntest - liebe Ellen -
    Also fehlt Dir doch etwas?
    Mutter rief mich, wenn ich nicht irre, ich bin gleich wieder bei Dir,
sagte Marion und floh in das Haus. Aber keine Mutter hatte gerufen, nur fort
wollte sie aus der Nhe der Freundin und das Gefhl bekmpfen, das sie mit kaum
widerstehlicher Gewalt zwang, dem Herzen derselben Alles - Alles, was sie
peinigte und qulte, anzuvertrauen. Sie fhlte, da schon der Gedanke an den
ach! so heigeliebten Mann Snde sei, und ihre Aufgabe war von nun an, selbst
diesem zu entsagen und ganz den Pflichten zu leben, die ihr an der Seite ihres
Gatten heilig und theuer sein muten.
    Die Mnner kehrten jetzt, mit ihrer Beute beladen, von der Jagd zurck und
das Gesprch ward wieder allgemein. Die Mdchen hatten jedoch vollauf zu thun,
die Truthhner, ehe sie erkalteten, zu rupfen, und selbst jetzt war das mit
bedeutender Schwierigkeit verknpft. Beide behaupteten, seit langer Zeit kein so
fettes Wild unter Hnden gehabt zu haben.
    Rowson aber hatte das, was ihn beunruhigt oder gestrt, indessen ebenfalls
abgeschttelt und seine ganze sonstige Ruhe wiedererlangt. Er schien sogar an
diesem Abend einmal das ernste, strenge Wesen des orthodoxen Priesters bei Seite
legen zu wollen und zeigte sich lebhaft, ja sogar heiter und mehr als je, selbst
in Marion's Augen, zu seinem Vortheil. Madame Roberts war entzckt, und der alte
Roberts nahm Bahrens zweimal bei Seite und gab ihm im Vertrauen zu verstehen, er
glaube, der Prediger sei ausgewechselt. Erstlich wre er schon nahe an sechs
Stunden im Hause, ohne ein einziges Mal zu predigen, und dann habe er eine so
gewisse Ungezwungenheit und Keckheit nicht allein im Ton und Wesen, nein sogar
auch in seinen Bewegungen, wie er sie frher noch nie an ihm bemerkt htte.
    Er ist heut Abend eine ganz andere Person, rief er nach einer Weile
wieder, sich die Hnde reibend, verdammt, wenn's nicht wahr ist - und
merkwrdig hat er sich verndert - aber sehr zu seinem Vortheil, Bahrens - sehr
zu seinem Vortheil.
    Dem Gebete sollte Roberts aber dennoch nicht entgehen, denn vor
Schlafengehen hielt Rowson erst noch eine sehr lange, salbungsvolle Predigt, der
sich die Mnner in Geduld fgen muten.
    Am nchsten Morgen wurde nun beim Frhstck der Plan zu dem heutigen Sonn-
und Festtag entworfen, und Madame Roberts war dafr, sogleich zusammen
aufzubrechen, um ihres knftigen Schwiegersohnes Wohnung hbsch einzurichten,
dort zu Mittag zu essen und dann den Nachmittag zu dem von dort kaum eine Meile
entfernten Hause des Richters hinber zu reiten. Hierin stimmte ihr auch Mr.
Rowson vollkommen bei, bat jedoch die Gesellschaft, nur noch etwa eine Stunde
seiner zu harren, da er vorher einen kleinen Weg zu reiten habe, aber in ganz
kurzer Zeit zurck sein wrde.
    Aber nicht wahr, Mr. Harper und Bahrens, Sie bleiben heute unsere Gste?
frug Madame Roberts diese. - Nichts da - - Madame Bahrens wird nicht zanken,
setzte sie freundlich hinzu, als Bahrens Schwierigkeiten machen wollte. Wir
mssen diesen Tag zusammen feiern, und ich wnschte nur, Mr. Brown wre auch
noch hier. Das lt sich freilich jetzt nicht mehr ndern. Machen Sie also Ihre
Geschfte recht schnell ab, Mr. Rowson, und Sie sollen uns, wenn Sie
zurckkommen, fertig gerstet und bereit finden.
    Rowson bestieg das ihm von dem Negerknaben vorgefhrte Pferd, winkte noch
einen Gru zurck und trabte, schneller als es sonst seine Art war, wenn er
Roberts' oder irgend ein anderes Haus der Ansiedlung verlie, die schmale
Countystrae entlang.

                                      30.

                                Der Hinterhalt.


Nachdem Weston Atkins' Wohnung verlassen, hatten es sich die beiden Fremden so
bequem gemacht, als es die Umstnde erlaubten, und Curtis trat jetzt in die Thr
und schaute sinnend zu den blauschwarzen Wolkenmassen empor, die sich im Westen
aufzuthrmen begonnen.
    Sollte mich gar nicht wundern, wenn das Wetter hierherzu kme, sagte
Atkins an seiner Seite - seht einmal, wie die weien dnnen Nebelschleier
vorneweg jagen. - Wenn wir nur keinen Hurricane bekommen. Vor sechs Jahren am
Whiteriver sah's ebenso aus, und da war nachher der Teufel los.
    Waret Ihr vor sechs Jahren am Whiteriver? frug ihn Cook.
    Ja - und wohnte etwa zwei Meilen unterhalb der Strae, die von Memphis nach
Batesville fhrt.
    Das mu ja wohl zu der Zeit gewesen sein, wo sie den Witchalt hingen, der
seinen Vater erschlagen hatte, nicht wahr? frug Curtis.
    Spter, meinte Atkins, ich kam etwa vier Wochen, nachdem er gehangen
war.
    Die Whiteriver Boys bten strenge Gerechtigkeit, lachte Cook - den
Pferdedieb - wie hie er doch gleich - lieen sie auch baumeln.
    Das kann ich ihnen nicht verdenken, rief Curtis - mit Pferdedieben darf
kein rechtlicher Kerl Erbarmen haben - das heit, wenn er selbst Pferde hat,
nicht wahr, Atkins?
    Ihr betreibt Eure Gerechtigkeit sehr eigenntzig, - antwortete dieser
ausweichend - aber - Ihr werdet hungrig sein, nicht wahr? Ich will -
    Danke - danke, rief Curtis, ihn aufhaltend - wir haben tchtig zu Mittag
gegessen und knnen recht gut bis zur gehrigen Zeit warten - macht Euch keine
Umstnde. - Eurer Frau wird heute berdies nichts an auerordentlichen
Mahlzeiten liegen.
    Nein, allerdings nicht, sagte Atkins, denn das ist eine Wirthschaft da
drben, da Einem Hren und Sehen vergeht.
    Ist das Kind denn noch immer nicht besser?
    Leider nein - wie wr's aber auch anders mglich? Es ist schon schlimm
genug, wenn ein Kranker einem Doctor in die Fuste fllt, hier sind ihrer aber
elf drberher, und ich baue jetzt so fest auf meines Kindes Constitution, da
ich wirklich glaube, sie knnen's nicht todtmachen, sonst wr' es schon lange
gestorben. - Ich will aber lieber Licht holen, es fngt an, dunkel zu werden.
Donnerwetter, wie der Wind drauen pfeift, wir haben doch dieses Jahr einen
merkwrdig strmischen Frhling.
    Er verlie bei diesen Worten das Zimmer, und die beiden Regulatoren sahen
sich im alleinigen Besitz desselben.
    Hrt, Curtis, sagte nach einer kleinen Pause Cook zum Freunde, um Atkins
thut mir's wahrhaftig leid, da der auch Einer von den Schuften ist.
    Sprecht leiser, ermahnte dieser - wer zum Henker wei denn, ob nicht da
oben irgend Jemand versteckt liegt. - Ja mir auch, beilufig gesagt; er ist
sonst im Ganzen ein recht ordentlicher Kerl, und ich habe ihn immer ganz gut
leiden knnen. Freilich hat er einen etwas falschen Blick, das kommt aber
wahrscheinlich von dem vielen um die Ecke gucken.
    Ich bin neugierig, was sie mit ihm anfangen werden, fuhr Cook nachdenklich
fort - ich hoffe doch nicht, da sie ihn hngen - hrt, Curtis - schuld an
seinem Tode mcht' ich nicht sein; Strafe hat er verdient, und ich sehe recht
gut ein, da wir dem Unwesen steuern mssen, aber hngen - nein - schon der Frau
und des Kindes wegen nicht.
    Nun, das wre ein sauberes Schutzmittel, lachte Curtis. Dann brauchten ja
nur alle Schufte zu heirathen, um sicher vor dem Strange zu sein - das drfte
nicht als Hinderni betrachtet werden - aber leid sollt' er mir auch thun. Nein,
hngen sollte man ihn nicht, nur -
    Still, er kommt, unterbrach ihn Cook, und der verdachtlose Wirth trat mit
einem aus Wachs und Hirschtalg gegossenen Licht in die Stube, setzte es auf den
Tisch und zndete es mit einem Kienspan an.
    Das pfeift drauen, als ob es uns das Dach ber dem Kopfe wegblasen
wollte, sagte er, die Kohlen im Kamin ein wenig aufstrend; wenn's der Wind
nicht theilt und vertreibt, so mssen wir das Unwetter in zehn Minuten hier
haben.
    Bs fr Die, die heute drauen sind, sagte Curtis, das Vieh drngte sich
auch gegen Abend merkwrdig um's Haus herum.
    Waren viele Leute vom Petite Jeanne bei der Versammlung? frug Atkins.
    Nicht besonders viele, sagte Cook - sie hatten sich wohl meistens darauf
verlassen, da sie es morgen nher haben wrden. Ein Fremder nur, der ihm
gestohlene Pferde suchte.
    Ein Halbindianer - erwiderte Atkins - ja, der war auch hier bei mir und
erkundigte sich nach ihnen. Ich konnte ihm aber leider keine Auskunft geben.
    Ihr habt gar nichts von seinen Pferden gesehen? frug Cook, ihn scharf
fixirend.
    Nein - wie sollte ich, erwiderte Atkins, ohne dem Blick zu begegnen. -
Ich bin berhaupt seit den letzten vierzehn Tagen nicht aus meiner Fenz
hinausgekommen, und vor den Husern werden die Pferdediebe denn doch wahrhaftig
die gestohlenen Thiere nicht vorbeitreiben.
    Schwerlich, lchelte Curtis - aber was haben denn die Hunde - sie lrmen
ja merkwrdig.
    Vielleicht noch einer der Regulatoren, den das nahende Gewitter hier
hereintreibt, sagte Cook.
    Wahrscheinlich - erwiderte Atkins - ich will doch einmal nachsehen - Ruhe
da - ihr Bestien! - Ruhe!
    Er trat mit diesen Worten vor die Thr, und Curtis flsterte Cook zu: Das
ist Stevenson, pat auf. Der hat aber schlechte Zeit gewhlt, das Wetter werden
wir auf jeden Fall vorberlassen mssen. Die im Schilfbruch werden brigens gute
Zeit bekommen; da befinden wir uns doch hier am behaglichsten.
    Wie weit ist's noch bis zum Fourche la fave? berschrie jetzt drauen eine
Stimme das Toben der Hunde.
    Pest und Gift, murmelte Atkins vor sich hin und sprang von den Stufen
hinunter, der Fenz zu - das wre ja verdammt schnell, wenn da schon die zweite
Sendung kme - Jones hat mir doch gesagt, es wrde noch acht Tage dauern -
    Er fliet gleich nebenbei, sagte er dann laut zu dem Mann, der, in einen
weiten Regenmantel dicht eingehllt, auf seinem Pferde sa. Wer seid Ihr - Sir?
- Ich heie Atkins.
    Habt Ihr gute Weide hier? war die leise Antwort.
    Von woher kommt Ihr? flsterte Atkins eben so leise - sprecht -
    Ich bitte um einen Trunk Wasser.
    Hll' und Teufel! Jones sagte mir doch, es wrde noch acht Tage -
    Lat uns die Pferde schnell in Sicherheit schaffen, flsterte der Fremde -
ich habe meinen Jungen bei ihnen, und es ist ein frchterliches Wetter im
Anzug.
    Das Nawerden wird ihnen nichts schaden - erwiderte Atkins - ich habe
Fremde im Haus und kann jetzt nicht fort -
    Aber der Regen wrde die Fhrten so schn wieder verwaschen, wandte Jener
ein.
    Das ist allerdings wahr - aber - wie viel habt Ihr?
    Drei.
    Drei nur? Jones sagte mir von sieben.
    Die anderen kommen morgen Abend - wir durften die Fhrten nicht zu breit
machen.
    Ist das der Junge, den ich zum Weiterschaffen der Thiere hier behalten
soll?
    Den Jungen? Ja so - ja - er wei um Alles.
    Kennt er auch den Weg nach dem Mississippi?
    Wir kommen eben - verschnappte sich der alte Mann, bemerkte aber noch
glcklicher Weise zeitig genug seinen Fehler und fuhr nach kurzem Husten fort -
von Westen zwar, der Junge ist aber auch schon oft in der Gegend gewesen. Doch
macht fort - die groen Tropfen fangen schon an zu fallen.-
    Gut - dann wartet nur einen Augenblick, und ich will denen da drinnen
sagen, Ihr shet selbst nach Eurem Pferde oder sonst irgend was - hallo - wer
ist das da?
    Ein Mann nherte sich der Fenz, gab sich aber gleich darauf als Weston zu
erkennen.
    Ach - Ihr kommt mir gelegen, Weston, rief Atkins.
    Hier ist ein Fremder, der Pferde hat - Ihr wit schon - geht mit ihm hinten
herum und bringt sie in Sicherheit, und nachher kommt herein. Ich kann die
beiden Regulatoren nicht gut allein lassen!
    Regulatoren habt Ihr da drinnen? frug der Reiter scheinbar erschrocken.
    Es sind Gste, die blos hier bernachten, beruhigte ihn Atkins - aber Ihr
mt wahrhaftig warten, bis das Wetter vorber ist - es wird augenblicklich
losprasseln. Wenn die Pferde im Bach stehen, schadet's auch nichts; Fhrten
sollen sie doch nicht finden.
    Im Bach? sagte der Fremde, sie stehen aber nicht im Bach. Ich habe sie
oben an der Feldecke.
    Ei, so hol' Euch der Henker; warum brachtet Ihr sie denn nicht auf den
alten Platz?
    Es ist das erste Mal, da ich hier bin.
    Ja, dann nehmen wir sie doch lieber gleich herein, rief Atkins rgerlich -
da oben an der Fenzecke mchte ich nicht gern morgen frh Pferdehufspuren haben
- der Halbindianer ist noch in der Nhe. Geht Ihr also mit ihm bis an die
hintere Thr, Weston, ich will erst einen Augenblick in's Haus treten und komme
gleich nach.
    Entschuldigt, Gentlemen, sagte er dann zu den beiden Regulatoren, als er
wieder in's Zimmer kam und die Thr hinter sich zuzog; es ist ein Fremder
gekommen, der sehr eigen zu sein scheint und sein Pferd selbst unter Dach und
Fach bringen will. Er wird gleich hereinkommen. Aber hallo - da bricht das
Wetter los - nun wahrhaftig, das tobt nicht bel. - Der Blitz leuchtet ja, da
man sein Augenlicht kaum wiederfinden kann.
    Sonderbar, wie hell er macht, sagte Curtis, durch ein kleines, in die Wand
gehauenes Fenster schauend - bei einem solchen Blitz kann man die ganzen Felder
mit einem Blick bersehen.
    Wollen Sie sich nicht an den Kamin setzen, Gentlemen? bemerkte Atkins
etwas unruhig - es zieht dort, und hier ist's behaglicher.
    Warum nicht, rief Cook - den Stuhl hinanschiebend, whrend er sich
niedersetzte und die Fe oben unter das Kaminbrett schob - kommt, Curtis -
lat das Wetter drauen brummen und dankt Gott, da Ihr Eure eigene Haut trocken
wit.
    Dafr bin ich auch dankbar, lachte Curtis, indem er eine Flasche aus der
Satteltasche nahm, und damit Ihr seht, wie ich es zu wrdigen wei, so wollen
wir gleich einmal auf den Schreck trinken. - Wo wollt Ihr denn hin, Atkins?
    Ich mu auf einen Augenblick hinber zu meiner Frau, die Weiber frchten
sich am Ende, wenn sie so allein sind. Ich bin gleich wieder hier.
    Er schlpfte schnell aus der Thr und drckte sie zurck in's Schlo - das
heit in die hlzerne Klinke, welche die Stelle des Schlosses versah, und einige
Secunden lang blieben die beiden Regulatoren noch laut- und regungslos auf ihren
Sthlen sitzen. Dann aber sprang Cook in die Hhe und flsterte leise:
    Curtis - mir fngt das Herz merkwrdig an zu klopfen - was das fr eine
Nacht ist - die Blitze riechen ordentlich nach Schwefel. Nun, die im Schilfbruch
drauen werden gehrig eingeweicht.
    Das lt sich nicht ndern, erwiderte Curtis, berall im Zimmer
umherblickend - also da liegen zwei Bchsen - ber jeder Thre eine - das ist
vorsichtig. Das Beste wird sein, wir machen sie unschdlich. Wir werden sie
nicht gebrauchen, und Atkins knnte am Ende doch Schaden damit anrichten. Dabei
stieg er auf einen Stuhl und nahm erst die eine und nachher auf der andern Seite
auch die zweite herunter. Wahrhaftig, beide geladen; - puh - hier auf der liegt
Staub. Nun, ich denke, wir blasen ihm das Pulver ein wenig von der Pfanne. Zum
frisch Aufschtten bekommt er doch keine Zeit. Sonst noch Waffen?
    Ich sehe weiter keine, sagte Cook, berall im Zimmer umhersuchend - er
mte sie denn versteckt haben -
    Visitirt einmal das Bett - unten - ist da nichts?
    Nein - fhle nichts - aber - ja hier - wahrhaftig - zwei Pistolen. Oh,
nicht bel, recht hbsch bei der Hand, wenn Noth an den Mann geht. Nun warte,
Schelm, Dir wollen wir den Spa ebenfalls verderben - so - ihr seid auch
besorgt. Jetzt mchte ich sehen, welches von den vier Schieeisen am ersten
losginge.
    Seht Euch lieber mit den Pistolen vor - sie feuern manchmal doch, und ein
einzelner Funke -
    Ich habe ein wenig Tabakssaft hineingespritzt - thut das bei den Bchsen
lieber auch; - und wenn er die Federn abschnappt, fangen tht' keine.
    Mich sollte es gar nicht wundern, wenn der Sturm das Dach vom Hause risse -
hrtet Ihr eben den Baum strzen? Alle Wetter, mir fngt es an unheimlich zu
werden; ich wollte doch, wir htten eine ruhigere Zeit abgepat.
    Das Herz klopft mir wie ein Schmiedehammer, sagte Cook - schnell im Zimmer
auf- und abgehend - wir werden den Pfiff durch das Toben drauen gar nicht
hren.
    Das bleibt sich ziemlich gleich; unsern Posten drfen wir doch nicht
verlassen - aber - ich wollte, ich knnte etwas sehen. 's ist fatal, so ganz in
der Irre und Ungewiheit herumzutappen, wenn man indessen drauen eine Rotte
tchtiger Burschen im Hinterhalt wei. Es kommt mir gerade so vor, als ob man
Nachts im Walde lagert, hrt etwas rauschen und wei nicht, wo und was es ist.
    Oder in einer weiten Hhle mit der Kienfackel, und man hrt den Bren
winseln - und kann nicht herausbekommen, auf welcher Seite er steckt. Ich - das
mu eingeschlagen haben, Blitz und Donner waren ja fast zusammen! - Ich bin
einmal in dem Falle gewesen -
    Hrtet Ihr nichts?
    Nein - was soll man denn vor dem Toben drauen hren! - Der arme Stevenson
dauert mich nur, und sein Junge - na, die werden an Arkansas denken -
    Ist denn der Kanadienser mit bei denen im Schilfbruch, oder haben sie ihn
in den Wald postirt?
    Ei bewahre - der ist mit bei den Angreifern, und ein tchtiger Bursche
dazu. - Horcht - war das nichts?
    Ich habe nichts gehrt. - Was nur die Frauen drben dazu sagen werden?
    Mich dauert's, da das Kind gerade trank sein mu.
    Das lt sich nicht ndern, warum - bei Gott, das war der Pfiff - jetzt,
Cook, aufgepat - der Tanz beginnt -

    Kommt schnell, flsterte Atkins den drauen an der Fenz seiner harrenden
Mnnern zu - haben wir es erst einmal hinter uns, ist's so viel besser, denn
das Wetter vernichtet jede Spur - aber straf' mich Gott, wenn es nicht zu arg
ist, in solchem Regen drauen zu sein. Jones sagte mir doch, Ihr kmet erst in
acht Tagen -
    Oh zum Donnerwetter, spart Euer Geschwtz, bis wir im Trocknen sind,
brummte, sich mrrisch stellend, der Alte - ist das ein Wetter zur
Unterhaltung? Ich habe weiter nichts dabei zu thun, als die Thiere abzuliefern,
und wollte zu Gott, ich htte es einem Andern berlassen. Solchem Regensturm den
Rcken hinzuhalten, knnte Einem den Tod geben.
    Wo stehen die Pferde?
    Da oben an der Ecke irgendwo - mein Junge ist bei ihnen, heit das, wenn's
den armen Burschen nicht heruntergewaschen hat. Er schob bei diesen Worten den
Finger zwischen die Zhne und pfiff leise, aber scharf.
    Was zum Teufel macht Ihr? frug Atkins erschrocken.
    Hrt Ihr's? Da drben antwortete er, sagte der Alte, er lebt wahrhaftig
noch. Wo habt Ihr den Eingang?
    Gleich da oben - Ihr seid nicht weit davon entfernt, wenn Ihr aber wieder
kommt, so reitet etwa hundert Schritt weiter aufwrts in den Bach hinein. Seht
Ihr dort!
    Sehen? jetzt bitt' ich Einen um Gottes willen, sehen, bei solchem Wetter
sehen; keine Hand vor Augen, ausgenommen wenn's blitzt. Doch da ist der Junge -
he, Ned - komm hierher; lebst Du noch?
    Ja, Vater, flsterte der junge Mann - es ist aber ein entsetzliches
Wetter. Mir graust's.
    Unsinn - werden schon wieder trocken werden - komm, folge uns. Haben die
Thiere ruhig gestanden?
    So ziemlich - nur der Rappe scheute bei den Blitzen.
    Natrlich, welches Vieh soll denn dabei auch ruhig stehen - aber was macht
Ihr? Legt Ihr die Fenz nieder?
    Ja, sagte Atkins, - ich habe mit Willen hier oben keine Thr - sondern
Futtertrge in der Ecke angebracht. Es sind zu viel Spione in der Nachbarschaft,
und das mindeste Auffallende erregt gleich Verdacht. - - So - hier kommt herein.
- Nehmt Euch in Acht, dort liegen noch abgehauene Stmme. Ah - der Blitz kam
apropos!
    Ist denn der Platz, wo Ihr die Pferde lat, weit von hier?
    Keine hundert Schritt mehr - Pest, das war ein Schlag! - Lat die Fenz nur
liegen, bis wir wieder zurckkommen; jetzt luft keins von den Thieren fort -
sie stehen alle unter dem Schuppen - so - nur mir nach - dies ist der Platz.
    In demselben Augenblick erhellte wiederum ein greller Blitz den ganzen sie
umgebenden Raum, und Stevenson sah, da sie an einer Fenz standen, ber die von
der andern Seite abgenagtes Schilf herberging.
    Wartet einen Augenblick, sagte Atkins jetzt schnell, ich schiebe nur die
Fenzriegel und die unteren Stmme weg - es wird gleich Luft werden. - So, nun
hinunter mit den Thieren, dort sucht sie Keins, und dann in's Haus - ein warmer
Schluck - Hll' und Teufel, was macht Ihr? - Verrath! -
    Er hatte aber wohl Ursache, berrascht zu sein, denn kaum war der Eingang zu
dem geheimen Versteck geffnet, als Stevenson einen lauten schrillen Pfiff
ertnen lie. Im nchsten Augenblick erleuchtete ein greller Strahl den Platz
mit Tageshelle. Atkins, von dem Schein halb geblendet, sah eine Masse dunkler
Gestalten herbeistrmen, und whrend der Donner in mchtigen Schlgen
schmetternd und krachend am Firmamente hindrhnte, fhlte er, wie der krftige
Tennesseer die Hand nach ihm ausstreckte und ihn am Kragen erfassen wollte.
    Hier jedoch kam die Dunkelheit dem mit Grund und Boden genau Vertrauten sehr
zu statten, denn wie eine Schlange glitt er unter der drohenden Faust hinweg.
Stevenson erfate statt seiner den Sohn, der ebenfalls herbeigesprungen war, den
Verbrecher zu halten; ein zweiter Blitz verrieth ihnen aber die fliehende
Gestalt des Hehlers, und auch Weston, den die erste Ueberraschung fast gelhmt
hatte, floh der Stelle zu, auf der sie eben die Umzunung betreten.
    Der Platz war brigens besetzt, und fast wre er zwei anderen Mnnern in die
Hnde gesprungen, denen er gerade entgegenlief, als wieder ein Blitz ihm die
neue Gefahr verrieth. Schnell wandte er sich und suchte ber die Fenz zu
entkommen. Da hrte er auch hier das Zeichen der Verfolger und sah nun, da dies
keine pltzliche, zufllige Entdeckung, sondern ein verabredeter Ueberfall sei,
sah jeden Rettungsweg abgeschnitten, und hoffte nur noch, durch das Haus, oder
am Haus und Rauchhaus vorbei den schmalen, fast stets von den Hunden
eingenommenen Raum offen zu finden. Dort konnte er mglicher Weise den Wald und
mit diesem wenigstens augenblickliche Sicherheit gewinnen.
    Eben aber, als er in die Porch sprang und zwischen den Gebuden hindurch
wollte, hrte er in der Stube zu seiner Rechten wildes Ringen und Fluchen - vor
sich die laute Stimme der zusammenrckenden Feinde, im Rcken die Verfolger, und
strzte sich nun in Angst und Verzweiflung in das Gemach der Frauen, die mit
einem Schrei des Entsetzens von ihren Sitzen in die Hhe fuhren.

                                      31.

                  Die Damengesellschaft. - Die Ueberraschung.


Oh, Madame Mullins, ich mchte Sie bitten, mir noch eine Tasse Kaffee
einzuschenken, sagte die Wittwe Fulweal, als sie das ngstlich sthnende Kind
eben wieder aus der Hngematte genommen hatte und damit im Zimmer auf und ab
lief. Wie ihm das kleine Kpfchen glht, rief sie dann, den Kleinen so dicht
an's Licht haltend, da er das fieberheie Gesichtchen ngstlich verzog und eben
in einen neuen Schmerzensschrei ausbrechen wollte.
    Was kriegt denn das Kind hier fr blaue Fleckchen? sagte Madame Bowitt,
sich zu ihm niederbeugend.
    Wo? wo? schrie die Mutter entsetzt - was ist mit den blauen Flecken? Sind
die gefhrlich? Ach Gott, das Kind stirbt mir!
    Unsinn, sagte Mrs. Fulweal - blaue Flecken - ich mchte wissen, wo blaue
Flecken sein sollten. Was wei denn Madame Bowitt von Kinderkrankheiten; das
dritte, das ihr starb, war kaum sechs Monate alt, und alle drei sind keine acht
Tage krank gewesen.
    Die blauen Flecken sollen, wie mir einmal ein fremder Doctor versichert hat
- ein sehr bses Zeichen sein, piepte die jngste Mi Heifer - Bruder George's
Mdchen bekam sie, und es fehlte nicht viel, so wre es dieselbe Nacht
gestorben; so aber lebte es doch noch bis zum nchsten Morgen.
    Bekommt denn das Kind wirklich blaue Flecken? klagte Mrs. Atkins in
Todesangst - ist es denn schon so weit? Mu es denn wirklich sterben?
    Oh bewahre, sagte Mrs. Hostler, so - gefhrlich ist es gar nicht - die
blauen Flecken machen nichts. - Wenn es nur nicht das Pfeifen beim Husten htte
- mein armes, kleines Mdchen, das im vorigen Monate starb, keuchte ebenso.
    Die Mutter setzte sich in trostlosem Jammer auf das eine Bett und rang die
Hnde.
    Ladies! nahm Mrs. Kowles das Wort. Sie hatte bis zu diesem Augenblick
schweigend ihre Pfeife geraucht und klopfte jetzt die Asche auf dem einen
Herdstein aus, der den ungeheuren Vorderklotz im Kamin trug - ich sehe wirklich
nicht ein, warum Sie die arme Mutter so ngstigen. - Herr Jesus, der Blitz - ist
mir's doch in alle Nerven gefahren! - Weder blaue Flecken noch Keuchen und
Pfeifen sind so sichere -
    Sie mute aufhren zu reden, denn der rollende Donner bertubte wohl eine
Minute lang selbst das Schreien des Kindes - sichere Anzeichen, fuhr sie
endlich, als sich der Sturm legte, in ihrer Rede fort - da man bei ihnen immer
nur auf Tod zu zhlen htte. Bewahre, ich wei selbst zwei Flle, wo die Kinder
beide davon kamen, das heit, das eine wurde blind, und das andere bi ein
toller Hund, da waren aber die Flecken nicht daran schuld. Wozu sich ngstigen,
wenn noch keine Gefahr da ist?
    So glauben Sie, da mein Kind wieder genesen kann?
    Warum denn nicht? Es hat genug Medicin genommen, um sechs Kinder gesund zu
machen, und wenn es nicht so gelb in den Augen ausshe -
    Gelb in den Augen? frug die auf's Neue gequlte Mutter, indem sie mit dem
Lichte zu dem Kinde strzte - und was bedeutet das? Madame Fulweal - Sie haben
doch Erfahrung; glauben Sie, da - sie wagte nicht den Satz zu vollenden,
sondern barg ihr Gesicht in den Hnden und lispelte leise: Das habe ich
verdient - an Ellen verdient - verdient durch mein Mitwissen - Erschrocken fuhr
sie empor, ob Niemand die verrtherischen Laute gehrt habe, und sank erst dann
wieder in ihre vorige Stellung zurck.
    Da schmetterte jener schon zweimal erwhnte furchtbare Schlag ber den
Wipfeln des rauschenden und zitternden Waldes dahin, und die Frauen fuhren
entsetzt vor dem zrnenden Sturmgott zusammen, der an den Grundvesten der Erde
rttelte.
    Mrs. Atkins war emporgesprungen und horchte aufmerksam nach auen hin.
    Rief nicht da drauen Jemand? frug sie, bleich und erschrocken ihr Ohr an
die Spalten der Htte haltend.
    Ih Gott bewahre, brummte Mrs. Fulweal, wer sollte in solchem Wetter
drauen sein - ja - was ich sagen wollte - Jesus im Himmel!
    Mit ihr sprangen alle Frauen entsetzt und gengstigt in die Hhe, denn auf
flog die Thr und herein strzte - Todesfurcht und Grauen im Blick, mit
fliegenden, nassen Haaren und stieren Augen, der junge Weston - whrend er mit
von Furcht erstickter Stimme schrie:
    Verbergt mich, oder ich bin verloren! Dann brach er, schon halb bewutlos,
aber noch mit einem gewissen Instinct den sichersten und verstecktesten Winkel
der Stube in einem Sprunge erreichend, hinter dem Bett, das ziemlich die eine
Ecke ausfllte, zusammen.
    Um Gottes willen - Weston - was ist vorgefallen? hauchte in Todesangst
Mrs. Atkins. Jener behielt aber keine Zeit zum Antworten, denn in diesem
Augenblick schon sprang die dunkle Gestalt des Halbindianers in die offene Thr,
und mit rauher Stimme rief er aus:
    Hier herein mu er sein - wo ist er?
    Wo ist wer? sagte Madame Fulweal, die, mit Cotton und Weston vertraut,
halb und halb begriff, was geschehen, und also auch am ersten ihre
Geistesgegenwart wieder gewonnen hatte. Wo ist wer? Ist das eine Manier, in
fremder Leute Huser zu kommen, und noch dazu in ein Zimmer, wo Ladies und
Kranke sind? - Wo ist wer? was steht der Herr da und gafft - der Wind blst das
Licht aus - drben wohnen die Leute! und ohne weiter den verdutzten und durch
diese trotzige Bewegung berraschten Kanadienser weiter zu Worte kommen zu
lassen, schob sie ihn von der Thr zurck und warf diese in's Schlo.
    So! sagte sie, als sie den kleinen eisernen Riegel vorschob, der an dieser
Thr - ein wahrer Luxusartikel in Arkansas - angebracht war - nun wollen wir
einmal unsern Gefangenen betrachten.
    Indessen hatten aber auch die brigen Frauen, Mrs. Atkins ausgenommen, ihre
Besinnung und Zungen wieder erlangt, und ein solches Durcheinander-Rufen und-
Fragen begann jetzt, da selbst das kranke Kind erschrocken und gengstigt das
Kpfchen hob. Beim Ausbruch der Verwirrung war es wieder in seine Hngematte
gelegt worden und schwieg einen Augenblick erschreckt still. Dann aber warf es
sich wieder auf sein Kissen zurck und hob ein solches Zeter-Mordio an, da es
sich Mrs. Fulweal als eine besondere Gnade vom Himmel erbat, dieses unermdliche
Kind einmal zum Schweigen gebracht zu sehen.
    Was ist hier vorgefallen? wer ist der Mann? was hat er verbrochen? wem
gehrte das dunkle Gesicht? woher kam der nasse Mensch auf einmal? sollen wir
ihn verbergen, oder wird noch einmal nach ihm gefragt werden? Das Alles
schwirrte und schwamm in einem wahren Chaos von Tnen durcheinander, da die
einzelnen Damen kaum die Fragen hren konnten, die sie selbst stellten. Da fate
etwas an die Klinke, und gleich darauf pochte Jemand von auen an die Thr.
    Wer ist noch so spt da drauen, und was wollen Sie? frug die Wittwe
Fulweal, sich wiederum das Sprecheramt zueignend, das ihr die Andern gern
berlieen; wissen Sie nicht, da hier ein krankes Kind liegt?
    Ladies - Sie werden mir eine Frage erlauben, sagte die Stimme, die Mrs.
Atkins mit Entsetzen als die Brown's erkannte - hat sich ein junger Mann in
dieses Zimmer geflchtet?
    Mrs. Fulweal sah, ehe sie antwortete, ihre Mitverschworenen im Kreise an.
Bei denen hatte aber auch schon zu Gunsten Weston's das weiche weibliche Herz -
das Mitleiden - gesiegt, und was er auch verbrochen hatte (sie waren brigens
smmtlich fest entschlossen, das herauszubekommen), ausliefern wollten sie ihn
nicht. Ein allgemeines Kopfschtteln antwortete dem Blick, und Wittwe Fulweal,
als Dolmetscher der Festung, bernahm die Vertheidigung. Um aber nicht geradezu
eine bestimmte Lge auszusprechen, hielt sie es fr zweckmiger, die Beleidigte
und Gekrnkte zu spielen, und rief daher mit ihrer etwas scharfen und
schneidenden Stimme sehr emprt und indignirt aus:
    Nun, jetzt wird's mich wundern, was Sie sonst noch hier suchen wollen? Zu
Narrenspossen ist's doch wahrhaftig mitten in der Nacht und bei einem solchen
Wetter keine Zeit. - Wir sind im Begriff schlafen zu gehen, und wnschen
ungestrt zu sein - good night, Sir!
    Damit war die Verhandlung abgebrochen und der Frager schien befriedigt. Er
hatte wenigstens jeden weiteren Versuch, etwas Nheres ber die Sache zu
erfahren, aufgegeben und die Thr verlassen. Mehrere Minuten lang lauschten nun
Mrs. Fulweal und alle die Uebrigen, klopfenden und ngstlich schlagenden
Herzens, an der Thr. Kein Laut lie sich aber weiter hren - Alles war still
und ruhig wie das Grab, und auf den Zehen wollte jetzt die Wittwe zu dem noch
immer regungslos hinter dem Bette kauernden Flchtling schleichen, als ihre
Aufmerksamkeit, wie die der smmtlichen brigen Frauen, auf Mrs. Atkins gelenkt
wurde. Diese hielt sich nmlich krampfhaft an der Lehne ihres Stuhles fest und
that augenscheinlich Alles, was in ihren Krften stand, den auf sie
eindrngenden Gefhlen nicht zu erliegen. Nach kurzem Kampf aber verlie sie das
Bewutsein, und sie wre zu Boden gestrzt, htten die Frauen sie nicht in ihren
Armen aufgefangen.
    Das ganze Schreckliche ihrer Lage war in dem einen Moment, als sie die
Stimme des Regulatorenfhrers erkannte, auf sie eingestrmt, und das Schlimmste
frchtend, da sie wute, ihr Mann hatte das Schlimmste verdient, brach ihr so
schon durch Nachtwache und Angst geschwchter Krper unter dem Schmerz und
Bangen zusammen. -
    In dem andern Zimmer ging es indessen nicht weniger wild und unruhig her.
Kaum hatte Curtis dem Freunde die Warnung zugerufen und beide Mnner ihre Posten
an den zwei verschiedenen Thren eingenommen, als ein Sprung auf den hohlen
Dielenboden in der Verbindungs-Porch der beiden Huser gehrt wurde und auch
fast in demselben Augenblick Atkins mit wild blitzenden Augen und fliegenden
Haaren hereingestrzt kam. Er war berzeugt, da die Mnner mit zum Complot
gehrten, wute aber auch, da er ohne Waffen im Walde rettungslos verloren sei,
und die mute er sich jetzt, und wenn es mit Gefahr seines eigenen Lebens
geschehen sollte, verschaffen. Auf die erste Ueberraschung daher am meisten
zhlend, ri er mit krftiger Hand die Thr auf und sprang in das Zimmer.
    Hier aber bersah er schnell genug, da seine Bchsen in der Gewalt der
Feinde seien, das Bett war jedoch nicht besetzt, und mit einem Triumphruf flog
er diesem zu, ri die Pistolen hervor und drngte, die gespannte Waffe auf Cook
gerichtet, gegen die Thr zurck, die ihm dieser verstellt hatte. Vielleicht
wollte er ihn nur zum Weichen bringen, da der Regulator aber ruhig seinen Stand
behauptete, drckte er ab, das fremde Leben natrlich dem seinigen opfernd.
    Schrecklicher - entsetzlicher Klang fr Den, der seine ganze Lebenshoffnung,
sein Alles auf dich gesetzt hat, machtloses Schlo, wenn du mit mattem,
bleiernem Schlag gegen den Stahl triffst; - erschlafft sinkt die Hand und vermag
selbst die treulose Waffe nicht mehr zu halten. - Vorbei - das war die letzte
Hoffnung - vorbei.
    Atkins schaute wild nach der Thr, durch die er eingetreten, aber in
demselben Moment brachen dortherein seine Verfolger, Cook und Curtis warfen sich
ihm entgegen und umwanden seine jetzt widerstandslosen Glieder mit festen
Seilen.
    Wo ist der Andere? frug Brown, die Thr zurckstoend - wei ihn Jemand?
    Drben in's Haus sprang er, erwiderte der Kanadienser. Ich hab' es mit
eigenen Augen gesehen - sie wollten ihn aber nicht herausgeben.
    So will ich selbst versuchen, ob sie auch mir den Eintritt verweigern,
erwiderte der Regulatorenfhrer und trat an die gegenberliegende Thr. Wir
kennen jedoch den Erfolg, und ohne weiter Zeit und Mhe zu verlieren, traf er
augenblicklich die sichersten Maregeln, den Flchtling zu erfassen, sobald er
versuchen wrde, in den Wald zu entfliehen.
    Gentlemen, wandte er sich zu diesem Zweck an die Freunde, - jener Bursche
darf uns nicht entgehen; zu der Bande gehrt er auf jeden Fall, und wer wei, ob
er nicht einer der Mrder war, oder in wie weit er mit in die hier vorgefallenen
Verbrechen verwickelt ist. - Wir mssen also das Haus umzingeln - aber leise,
da wir ihn zu dem Glauben veranlassen, der Weg sei sicher. Hat man den Mulatten
erfat?
    Nein, sagte Bowitt - der Schuft mu mitten durch den Wald geschlpft
sein, sonst htte er uns nicht entgehen knnen.
    Bs - bs! murmelte Brown - der wird Lrm machen; das lt sich aber
nicht mehr ndern. Wir haben das Nest jener Schufte, ihren sichern Schlupfwinkel
aufgestrt; von nun an mssen wir uns auf unser gutes Glck verlassen. Also,
Gentlemen, auf Ihre Posten - der Regen hat nachgelassen, und der Wind drauen
wird uns bald wieder abtrocknen. Nehmt den Gefangenen zum Feuer, Cook - er ist
ebenfalls na.
    Gut, sagte Cook - mit Curtis' Hlfe dem Befehle Folge leistend, dann lat
uns zwei Trockne aber mit Wachtdienste thun, und Stevenson mag mit seinem Jungen
hier beim Feuer auf den Gefangenen Acht geben. Wir sind den Beiden schon so
viele Verbindlichkeiten schuldig und wollen sie doch nicht gern krank sehen.
    Nicht mehr als billig, erwiderte Brown; aber wo stecken sie?
    Die beiden Stevensons traten eben in die Thr und wurden bald mit ihrer
neuen, diesmal bequemeren, wenigstens trockneren Pflicht bekannt gemacht. Die
anderen Mnner begaben sich dann auf ihre Posten, und Brown, der noch ber
irgend etwas leise mit dem lteren Stevenson gesprochen hatte, wollte ihnen eben
folgen, als er fast erschrocken von der Thr zurckfuhr, denn in dieser stand
mit nassen herunterhngenden Haaren, mit wildglhendem Blick und stolzer,
finsterer Haltung - der Indianer.
    Assowaum! rief Brown freudig berrascht - kommst Du endlich? Wir haben
indessen fr Dich gearbeitet.
    Es ist gut so - aber - weshalb ergriffet Ihr den da? sagte der Indianer
leise, die Hand, in der er einen Bogen und mehrere Pfeile hielt gegen Atkins
hebend.
    Er war der Hehler der Verbndeten; doch Du sollst Alles erfahren. - Kehrst
Du erst jetzt zurck?
    Nein - ich habe einen Gefangenen.
    Wen? Und wo?
    Johnson - drauen im Walde.
    Weit Du ihn schuldig?
    Er ahnte einen Panther auf seiner Fhrte und frchtete dessen Fnge. Kennst
Du diese Waffen? Die Pfeile sind vergiftet. Mit ihnen schlich er zum Lager
Assowaum's und wollte ihn tdten.
    Die Pest ber ihn! - Du hast ihn doch gebunden?
    Ja.
    Und er kann nicht entfliehen?
    Assowaum lchelte und flsterte leise:
    Wen Assowaum bindet, der rhrt sich nicht.
    Wo aber warst Du so lange? Es gab hier Leute, die da behaupteten, Du seiest
geflohen!
    Du warst nicht unter Denen, erwiderte der Wilde. Aber glaubt mein Bruder,
da ich in dieser Zeit mig gewesen? - Ich kenne die Mrder Heathcott's.
    Du kennst sie? - wer, wer war es? Sprich! rief Brown in wilder Freude.
    Johnson und - Rowson! sagte leise der Indianer.
    Rowson - allmchtiger Gott - das ist nicht mglich! schrie Brown entsetzt
- das ist - das wre entsetzlich - Rowson ein - Mrder.
    Johnson und Rowson, wiederholte Assowaum eben so leise, aber eben so
bestimmt. Der blasse Mann hatte ebenfalls Theil an dem Pferdediebstahl.
    Mensch, bist Du dessen gewi? sthnte Brown, noch immer nicht im Stande,
den schrecklichen Gedanken zu fassen, Marion in den Hnden eines Verrthers zu
wissen, hast Du wirklich Beweise fr solch' entsetzliche Anklage?
    Der blasse Mann war bei dem Pferdediebstahl, ich wei es, und neben dem
Blute des weien Mannes stand sein Fu.
    Gerechter Gott - Assowaum - weit Du, wen Du beschuldigst?
    Den Methodisten, sagte der Indianer finster. Vielleicht zertrat er auch
die Blume der Prairien; doch umkreiste Assowaum bis jetzt umsonst das Lager.
Aber er erschlug den weien Mann; seit vier Tagen wei ich es.
    Und weshalb schwiegst Du?
    Wenn die weien Mnner den Verbrecher des einen Mordes fr schuldig
fanden, lchelte Assowaum mit wildem, fast geisterhaftem Blick, dann kehrten
sie sich nicht an den andern - sie hingen ihn, und Assowaum htte seine eigene
Rache in den Hnden Anderer gesehen. Assowaum aber ist ein Mann - er will sich
selbst rchen!
    Wo aber hast Du Deinen Gefangenen?
    Drauen im Walde; er glaubte einen Huptling schlafend zu finden. Hat mein
Bruder schon einen Panther gesehen, der die Augen schlo?
    So wollen wir ihn - was ist das? Schon zum dritten Mal tnte der Eulenruf
von da herber, und immer in einer andern Richtung - sollte das ein Zeichen
sein?
    Der Indianer horchte - wiederum klang der monotone Ruf des menschen- und
lichtscheuen Nachtvogels zu ihnen herber - dreimal - in langsam abgemessenen
Pausen, und dreimal, in demselben Zeitma, antwortete ihm der rothe Sohn der
Wlder. Aber drben im Dickicht verstummte von jetzt an der Ruf und wurde nicht
weiter gehrt.
    Es war eine Eule, sagte Brown, noch hinaushorchend in die stille Nacht.
    Vielleicht, erwiderte sinnend der Indianer - vielleicht auch nicht. - Der
Mann da wird das Zeichen wohl kennen.
    Atkins, dem diese Bezeichnung galt, hatte ngstlich verstohlene Blicke nach
der Thr geworfen und war, als Assowaum dem Ruf antwortete, wie erschrocken
emporgefahren. Jetzt aber, als Alles schwieg und der falsche Lockton nicht
weiter beantwortet wurde, durchzuckte ein trotzig hhnisches Lcheln seine
dunkeln Zge, und ohne weiter ein Zeichen von Theilnahme zu verrathen, kauerte
er wieder an der wrmenden Gluth nieder. Er beantwortete aber auch keine einzige
der von Brown an ihn gerichteten Fragen und wandte diesem sowohl, als dem Manne,
der ihn zuerst verrathen und jetzt sein Wchter war, in zorniger Verachtung den
Rcken.
    Der Indianer hatte indessen in Begleitung mehrerer Regulatoren die Htte
wieder verlassen, und tiefes Schweigen herrschte wohl eine halbe Stunde lang,
als auf einmal ein wilder Angstschrei an dem hintern Theil der Fenz, da, wo
diese an den Wald stie, gehrt wurde. Gleich darauf brachten Wilson und Bowitt
den gefangenen Weston, der in die Falle gegangen war und seine Flucht versucht
hatte, herein.
    Nicht viel spter erschien auch Assowaum mit zweien der Regulatoren, die den
bleichen und scheu die Augen niederschlagenden Johnson in die Stube stieen, wo
er sich pltzlich seinem grimmigsten Feinde, dem wilden Husfield gegenber sah.
    Also doch - Sir? frug dieser, ihn erstaunt von Kopf bis zu Fen
betrachtend - doch mit bei der Bande, und wie es scheint in gar verzweifelter
Situation? Wer hat den Menschen gefangen?
    Der Indianer, sagte Cook, auf ihn deutend.
    Ha, Assowaum! rief Husfield, diesen erst jetzt erkennend - das ist brav,
da Du wieder da bist und noch dazu solche Beweise Deines guten Willens
mitgebracht hast. Verdamm' mich - Assowaum, wenn ich wei, was ich Dir dafr
Liebes und Gutes erweisen soll - Pest - fnfhundert Dollar wren mir nicht so
lieb. Da, da hast Du meine silberbeschlagene Bchse - ich wei, die Deinige
taugt nichts mehr - sie versagt immer und Du hast Dir schon lange ein gutes
Gewehr gewnscht. - Nimm sie, und mge sie Dir so gute Dienste leisten, wie sie
mir geleistet hat. Und Du, Geselle - wandte er sich dann an den zitternden
Verbrecher - Du sollst diesmal Deiner Strafe nicht entgehen. Als wir uns zum
letzten Mal sahen, warst Du verdammt trotzig; jetzt mchte sich das Blatt
gewendet haben. Seht nur, wie der Schuft zittert und bebt; die Knie knnen ihn
kaum noch tragen.
    Gift und Tod ber Euch! fluchte der Gefesselte, sich jetzt zum ersten Mal
trotzig emporraffend. Ihr knnt mich hier fesseln und - lynchen - zum Teufel,
aber Ihr braucht mich nicht zu verhhnen. Hunde Ihr - die Ihr Alle ber Einen
herfallt.
    Husfield wollte auffahren, Brown wehrte ihm aber und sagte:
    Lat ihn reden. - Er mag prahlen und schimpfen; da wir aber ein Recht
haben, ihn gefangen zu halten, dafr ist uns der Indianer Brge, den er heimlich
hat berfallen und morden wollen. Das ist die erste Anklage; das Uebrige kommt
nach. Sobald wir seine Genossen haben, wird das Gericht, unser Gericht nmlich -
das Weitere bestimmen. Jetzt gilt es vor allen Dingen, die zweite Hhle dieser
Halunken aufzufinden. Wer kennt den Weg?
    Ich! sagte Assowaum; aber glaubt mein Bruder, da der Br in sein Lager
zurckkehrt, wenn er die Fhrten des Jgers am Eingange wittert? Das
Eulenzeichen galt den hier Wohnenden; wir wuten es nicht zu beantworten, und
jene Schufte wurden gewarnt - die Hhle ist leer.
    Du magst in der That Recht haben, Assowaum, sagte Brown, den Versuch
mssen wir aber machen, und von dort an sei unsere nchste Aufgabe, den - den
Zweiten zu finden, den Du fr schuldig hltst. Noch ist es, dem Himmel sei Dank,
Zeit, aber ich kann mir das Entsetzliche nicht denken.
    Wer ist denn der andere Mann, von dem der Indianer sprach? frug Stevenson
jetzt.
    Sie sollen ihn morgen kennen lernen, erwiderte, finster vor sich
niederstarrend, der junge Regulatorenfhrer - aber - nicht wahr, Mr. Stevenson
- fuhr er dann, wie aus einem Traum aufschreckend, fort - nicht wahr, Sie
bleiben jetzt bei uns, bis wir die Sache zu Ende gebracht haben? Sie mssen doch
sehen, wie wir hier in Arkansas Recht und Gerechtigkeit ben -
    Ich bleibe da - versteht sich, betheuerte der alte Farmer, mit krftigem
Druck den dargebotenen Handschlag erwidernd.
    Dann werden aber Ihre Frauen auch meine Wohnung wenigstens so lange als die
ihrige betrachten, sagte Heinze, dem Alten ebenfalls die Hand reichend. Wie
mir Cook gesagt hat, so lagern sie kaum eine viertel Meile von meinem Hause
entfernt, und da ich doch morgen frh einmal hinauf mu, will ich sie selbst
herberholen. Wann ist unser Gericht?
    Am Montag Morgen.
    Und wo?
    Diesmal im freien Walde, dort, wo unterhalb Wiswill's Mhle der steile Fels
in den Flu hineinragt. Oben auf dem Gipfel ist ein offener Platz und dorthin
wollen wir die bis dahin gemachten Gefangenen transportiren.
    Wen sucht ihr noch? frug Husfield.
    Cotton und - Rowson!
    Rowson? Den Prediger? Den Methodisten? riefen Alle erstaunt und berrascht
durcheinander.
    Den Prediger und Methodisten, erwiderte Brown leise.
    Und wer ist sein Anklger? frug Mullins bestrzt.
    Assowaum! sagte der Regulatorenfhrer, auf den Indianer deutend, dessen
dunkle Gestalt ruhig am Kamin lehnte, whrend er mit nicht zuckenden Wimpern den
auf ihn gerichteten Blicken der Menge begegnete.
    Er hat Blut an seiner Hand, sagte er endlich leise nach kurzer Pause - er
hat Blut in seiner Fhrte, und die Wasser des Petite Jeanne - die Wasser des
Fourche la fave konnten es nicht verwischen.
    Und morgen will er des alten Roberts Tochter als sein Weib heimfhren,
rief Cook erstaunt - es ist nicht mglich, der Indianer mu sich irren -
    Der fromme Rowson, sthnte Mullins, noch halb unglubig, in stummem
Entsetzen.
    Hier ntzt kein Reden, sagte Brown schnell entschlossen - hier mu
gehandelt werden. Ist es ein bloer Verdacht, der auf dem Priester ruht, so
verlangt es sein eigener guter Ruf, da er so schnell gehoben werde, als
mglich, denn auf seinem Stand darf kein Makel haften, wenn er nicht zehnfache
Verdammung auf das schuldige Haupt herabrufen will. Jetzt aber gilt's vor allen
Dingen, die Verbrecher einzufangen, die hier in der Nhe und also auch
wahrscheinlich schon gewarnt sind. Assowaum mag uns nach Johnson's Hause fhren,
und von dort brechen wir zusammen nach Roberts' Wohnung auf, die wir noch frh
am Morgen erreichen mssen.
    Das ist auf jeden Fall ein Irrthum, sagte Mullins, der Indianer ist ja
auch nur ein Mensch, und -
    Wochenlang hat Assowaum den Fhrten nachgesprt und sie gemessen und
verglichen, erwiderte finster der Wilde; so wahr jener Sturm die alten Bume
schttelt - der blasse Mann ist ein Verrther.
    Was ntzen die Worte! erwiderte Brown - er ist beschuldigt und -
    Aber von wem? unterbrach ihn rgerlich Mullins - der Indianer, der ihm
nie grn war, weil er Alapaha zum Christenthum bekehrte, klagt ihn an. - Sollen
wir auf dessen Wort hin einen frommen, gottesfrchtigen Mann ergreifen und auf
den Tod beleidigen? Das geht auf keinen Fall. - Bringt erst Beweise, eher gebe
ich meine Zustimmung zu solch rascher That nicht.
    Stellt ihn mir gegenber, sagte der Indianer, indem er sich aus seiner
ruhenden Stellung stolz emporrichtete - stellt ihn mir gegenber, und wenn sein
Auge an dem meinigen haften kann - dann hngt mich. Sind die Mnner zufrieden?
    Ja! sagte Husfield ernst. Ich sehe nicht ein, warum wir auf das Zeugnis
eines weien Mannes mehr geben sollten, als auf das eines rothen. Ich selbst
habe den Methodisten nie leiden knnen und wrde mich gar nicht wundern, wenn
jetzt ein Wolf unter dem Lammfell steckte. Er ist so gut wie jeder Andere nur
ein Mensch, und da er predigt, erwirbt ihm, in meinen Augen wenigstens, kein
besonderes Verdienst. Reinigt er sich vor Gericht von der Beschuldigung, desto
besser fr ihn. Ich frchte aber fast, der Indianer hat zu sichere Beweise, denn
sein Auftreten ist nicht gerade wie das eines Mannes, der auf bloen Verdacht
hin handelt. Fhrt uns an, Brown - jeder Augenblick, den wir noch versumen, ist
nie wieder einzubringen. Fhrt uns an, und so mge Verdammni und Strafe den
Schuldigen treffen, wie wir jetzt unser gutes Recht sichern und bewahren
wollen.
    Und was soll mit diesen Gefangenen geschehen? frug Cook, auf Atkins,
Weston und Johnson deutend.
    Am besten ist's, wir schaffen sie heute Nacht noch fort, sagte Brown -
das ganze Hans ist voller Frauen, Mrs. Atkins hat also Hlfe und Untersttzung.
Wo aber hin mit ihnen?
    Zu mir, sagte Wilson - Curneales wird sich, de bin ich berzeugt, nicht
weigern, die Regulatoren mit ihren Gefangenen aufzunehmen und wir brauchen dann
nur fr sichere Wacht zu sorgen.
    Die will ich halten! rief Curtis, ich werde Wohl noch Kameraden dazu
finden, und da sie nicht entkommen sollen, dafr brgt meine Bchse. Aber dann
brecht auch auf - es kann nicht mehr so weit bis zum Morgen sein, und ist Cotton
wirklich gewarnt, so mcht' es eine schwierige Aufgabe werden, ihn einzufangen.
Der ist mit allen Hunden gehetzt. Jetzt also vor allen Dingen eine Abtheilung
mit den Gefangenen fort und die andere auf die Suche.
    Schnell und geruschlos wurden nun die hierzu nthigen Schritte gethan, um
die Frauen nicht unntzer Weise noch mehr zu beunruhigen. Die drei Gefangenen
sahen sich in der nchsten Viertelstunde, von sechs schwerbewaffneten Mnnern
geleitet, auf dem Wege nach ihrem einstweiligen Gefngni. Pelter und Hostler
blieben als Wachen in Atkins' Hause zurck, und die Uebrigen, von Assowaum
gefhrt, brachen nach der einsamen Htte der Verbndeten auf, um dort noch wo
mglich den schon so lange Gesuchten zu erfassen, oder doch neue Beweise der
Schuld aller bis jetzt Eingebrachten und Gefangenen zu erhalten.
    Mitternacht lagerte ber den Wldern. Noch rauschten und brausten die
mchtigen Wipfel und schttelten sich die kalten Schauer aus den grnen,
wehenden Locken; noch zuckten am fernen stlichen Horizont matte Blitze, und
leise - leise grollte und murmelte der ferne Donner hinterher. Da huschte
schnell und vorsichtig eine dunkle Gestalt ber die Fenz, welche Johnson's
niedere Htte umschlo. Es war Cotton - er glitt durch die offene Thr in den
innern Raum der Htte, raffte dort, was er an Waffen und Kleidern besa,
zusammen, barg mehrere andere Sachen, die er dem Auge der Feinde wahrscheinlich
zu entziehen wnschte, in einen hohlen Baum unfern der Htte, schleppte dann das
im Kamin durch ihn schnell wieder angefachte Feuer in eine Ecke der Stube unter
das Bett, warf einen flchtigen, Abschied nehmenden Blick auf den Raum, der ihm
so lange Schutz gegen seine Verfolger gewhrt hatte, murmelte noch einen bittern
Fluch zwischen den dnnen, bleichen Lippen hindurch und verschwand dann, schnell
und geruschlos, wie er gekommen, im dichten, undurchdringlichen Schatten des
Waldes.

                                      32.

                                Die Kreuzeiche.


Die Kreuzeiche war ein bei den Jgern des Fourche la fave allgemein gekannter
Platz. Sie stand unfern vom Ufer eines kleinen Sees, am Rande einer der vielen
Slews oder Sumpfbche, die die Niederung durchkreuzen, und nahe bei einem
dichten Rohrbruch, der im vorigen Jahre durch die Nachlssigkeit einiger Jger
entzndet worden. Nur verdorrtes und halbverbranntes Schilf umgab jetzt noch den
Platz, zwischen dem das junge, maigrne Rohr kaum erst wieder an einzelnen und
sehr zerstreut liegenden Stellen anfing sich Bahn zu brechen.
    Ein gewaltiger, hochstmmiger Persimonbaum aber, dessen Wipfel der Blitz
gespalten, hatte einen seiner Aeste in die auszweigende Hauptgabel des
Nachbarstammes, eben dieser Eiche, gelegt und auf solche Art ein rohes, aber
leicht erkennbares Kreuz gebildet.
    Cotton wie Rowson kannten den Platz genau, und besonders hatte der Letztere
an dieser Stelle oft Betversammlungen oder sogenannte Camp Meetings gehalten.
Cotton war brigens heute der Erste am Platz und wohl schon eine Stunde vor der
ihm von Rowson bestimmten Zeit am steilen Ufer der Slew auf- und abgegangen. So
ungeduldige Blicke er aber nach der Seite hin warf, von welcher er den Freund
erwartete, so scheu und vorsichtig lauschte er bald nach dieser, bald nach jener
Himmelsrichtung hin, als ob er irgend eine Ueberraschung oder Gefahr befrchte,
und jedes fallende Blatt machte, da er rasch und ngstlich den Kopf dorthin
wandte.
    Da krachte ein drrer Zweig, und schlangenartig glitt der Jger hinter einen
umgestrzten Baumstamm, wo er, still und regungslos wie das Holz, das ihn
verbarg, liegen blieb. Es war aber der so ungeduldig Erwartete, und schnell
brach der Flchtling wieder aus seinem Versteck hervor.
    Endlich kommt Ihr, rief er mrrisch - seit einer Stunde stehe ich hier
Todesqualen aus, und -
    Ihr drft Euch nicht beklagen, ich bin noch etwas vor der Zeit da. - Es
kann kaum halb nenn Uhr sein, und Ihr wit, da wir hier erst um neun Uhr
zusammentreffen wollten.
    Ja, um einander vielleicht nie wieder zu finden.
    Was ist vorgefallen? frug Rowson erschrocken, denn erst jetzt fiel ihm das
bleiche, verstrte Antlitz des verbndeten Freundes auf. Ihr seht aus, als ob
Ihr eine Todesnachricht brchtet. - Sind die Regulatoren -
    Ich wollte, beim Teufel, es wre nur eine Todesnachricht - knirschte,
zwischen den auf einander gebissenen Zhnen hindurch, der Jger; die Hunde von
Regulatoren haben auf irgend eine Art Wind bekommen lind Atkins' Haus
berrumpelt.
    Alle Wetter! rief Rowson ngstlich - und hat er gestanden?
    Ich war nicht neugierig genug, mich danach zu erkundigen, brummte Cotton.
- Auch Johnson mu in die Hnde des verdammten Indianers gefallen sein, denn er
ging aus, ihn bei Seite zu schaffen, und - ist selbst nicht wiedergekehrt.
    Aber woher wit Ihr, da Atkins -
    Wie Johnson nicht wiederkam, ging ich aus, ihn zu suchen, fand aber keine
Spur von ihm und strich nun nach Atkins' Haus hinber, um dem meine Befrchtung
mitzutheilen. Dort aber fiel mir schon die Unruhe auf, die in der Farm
herrschte. - Die Pferde galoppirten wild und scheu in der Einfriedigung umher,
und als ich an der Fenz bis zu dem geheimen Eingang hinschlich, fand ich diesen
offen. Hierdurch wurde mein Verdacht nur noch mehr bestrkt; ich wollte aber
dennoch einen Versuch machen, mich dem Hause zu nhern, und gab mehrere Male
hintereinander das bestimmte Zeichen -
    Nun? frug Rowson rasch und gespannt.
    Lange ward es nicht beantwortet, fuhr der Jger fort, und endlich falsch
- nur dreimal. Jetzt wute ich, da Verrath hinter den scheinbar ruhigen Wnden
lauere. Leise umschlich ich nun eine Zeit lang die Farm, wre aber doch bald,
trotz aller Vorsicht, in die Hnde der Schufte gefallen, die sich dort herum
aufgestellt hatten. Als ich eben um die eine Ecke biegen wollte, sprangen eine
Menge dunkler Gestalten aus ihren bisherigen Verstecken hervor und warfen sich
auf einen Einzelnen, der, der Stimme nach, kein Anderer als Weston sein konnte.
Ihr knnt denken, wie ich jetzt Fersengeld gab. So schnell mich meine Fe
trugen, floh ich zu Johnson's Htte zurck, verbarg dort die fr uns
werthvollsten Sachen in den hohlen Gumbaum, der nicht weit von dem Hause nach
dem Flusse zu liegt, nahm die Waffen und steckte das Nest in Brand. Euch zu
finden, war jetzt noch meine einzige Hoffnung.
    Aber was knnen wir thun? frug Rowson, den stieren Blick angstvoll auf den
Kameraden geheftet. Wenn uns nun die Gefangenen verrathen? Wo ist Jones?
    Wahrscheinlich auch in den Hnden der Regulatoren, knirschte Cotton;
jetzt wenigstens glaub' ich's, denn sonst wr' er zurckgekehrt.
    So mssen wir fliehen, sagte Rowson - da bleibt weiter kein Ausweg. -
Noch ist es Zeit.
    Aber wie? man wird uns verfolgen und einholen.
    Zu Pferde drfen wir allerdings nicht fort, erwiderte Rowson. Jetzt, da
die klffenden Hunde einmal munter sind, mchten wir sie nur zu bald auf den
Hacken haben, und nach dem Regen lieen wir zolltiefe Spuren zurck. Aber mein
Kahn ist uns sicher, der Flu noch immer etwas hoch, und da uns auch von
Harper's Haus hellte keine Gefahr droht, knnen wir den Arkansas vielleicht
unentdeckt erreichen. Nachher hat es keine Noth weiter. Bis morgen frh mssen
wir an der Mndung der Bayou Meter sein, und erst einmal dort, sind wir auch
gerettet.
    Aber Eure und meine Braut! - Ellen wird sich gewaltig grmen, hohnlachte
der rauhe Jger.
    Wir drfen nicht mehr an sie denken, sagte Rowson. Pest und Gift, sich so
den Bissen vor den Lippen weggeschnappt zu sehen! Aber mein Hals ist mir doch
lieber, und ich zweifle, da sie viele Umstnde mit uns machen wrden, wenn wir
erst einmal in ihren Klauen wren. Ja, wrden wir den Gerichten berantwortet
und ordentlich mit Richter und Advocaten verhrt, dann wollt' ich immer noch
sagen, lat es uns abwarten; zur Flucht ist spter noch Zeit. So aber mag der
Teufel den Canaillen trauen, ich nicht. Glcklicher Weise ist Alles gerstet,
und wir knnen, sobald wir das Haus - aber alle Teufel - ich bekomme Besuch. -
Verdammt! an die htt' ich beinahe nicht gedacht.
    Besuch? rief Cotton erstaunt, was soll das heien?
    Da ich heute meine Hochzeit feiern wollte, erwiderte Rowson mit einem
gotteslsterlichen Fluch. Die ganze fromme Gesellschaft ist in diesem
Augenblick auch schon wahrscheinlich auf dem Wege nach meiner Wohnung, und
erreichen sie die frher als wir, so sind wir verloren. - Noch ist es aber
vielleicht nicht zu spt - vielleicht treff' ich sie noch unterwegs, und da wird
mir schon Etwas einfallen, sie noch einen Augenblick aufzuhalten. Kurze Zeit
mssen wir noch zu unseren Vorbereitungen haben. Gewinnen wir aber eine einzige
Stunde Vorsprung, dann frchte ich nichts mehr, dann sind wir gerettet. Eilt Ihr
also so schnell Ihr knnt nach meinem Hans, ich werde, obgleich ich erst zu
Roberts mu, ziemlich zugleich mit Euch dort eintreffen. Mein Pferd ist gut, und
hlt es nur noch heute aus, dann mag's zusammenbrechen, wann es will.
    Aber vielleicht kommt Ihr doch spter, sagte Cotton; denn glaubt mir, ich
werde mich unterwegs nicht aufhalten.
    So steigt indessen die Leiter hinauf in den oberen Theil des Hauses. Dort
steht auch der kleine Koffer, der, fr solchen Fall gerstet, Alles enthlt, was
wir unterwegs gebrauchen werden.
    Und das Zeichen?
    Ihr seht mich schon kommen. Das Haus beherrscht mehrere hundert Schritt
weit die es umgebende kleine Waldwiese, auf der ich gebaut habe.
    Aber unrecht ist's doch, die Kameraden jetzt so im Stiche zu lassen, sagte
Cotton nachsinnend. Wer wei denn, ob wir ihnen nicht von Nutzen sein knnten,
wenn wir die Nacht noch hier blieben! Es sind manche unter den hier wohnenden
Farmern, die es im Stillen recht gut mit uns meinen und uns gern Vorschub
leisteten; aber freilich werden sich die nicht rhren, wenn wir selbst beim
ersten Schreckschu die Flucht ergreifen.
    Oh zum Henker mit Euren Vernunftschlssen! rief ungeduldig Rowson aus.
Glaubt Ihr, ich soll jetzt zwischen sie treten, wo vielleicht Johnson oder
Weston gestanden haben, um augenblicklich ebenfalls ergriffen und gebunden zu
werden? Nein, verdammt will ich sein, wenn ich meinen eigenen Hals in eine
Schlinge stecke, blos um zu sehen, wie sich ein paar Andere, denen ich doch
nicht mehr helfen kann, darin befinden. - Ich gehe - Ihr mgt's jetzt machen,
wie Ihr wollt.
    Ihr wit ja aber gar nicht, ob Euer Name berhaupt erwhnt wird. Ihr kennt
doch unsern Schwur.
    Ja wohl - Alles recht gut, der Teufel aber traue auf den Schwur, ich nicht.
Das wre nicht der erste, den ein schwarzer Hikorystock gebrochen htte; - und
sagtet Ihr nicht selbst, Johnson habe gefrchtet, von dem rothen, hndischen
Wilden verrathen zu werden? Dasselbe droht mir, nur noch in einem viel rgeren
Grade. Htte sich der Indianer nicht wieder in unserer Gegend gezeigt,
vielleicht wagt' ich's dann und bliebe. Der heimlichen Rache eines solchen
Burschen mag ich aber nicht ausgesetzt sein, und darum such' ich das Weite.
Kommt Ihr also mit oder nicht?
    Nun natrlich werd' ich die Finger nicht allein im Brei stecken lassen, das
knnt Ihr Euch denken, entgegnete mrrisch der Jger. Ich darf ja meine
Physiognomie nicht einmal in Little Rock zeigen. - Nein, mir ist's gerade bequem
genug auf Gottes Erdboden, und ich habe nicht das Mindeste mit meinem Hals
zwischen den Eichensten zu suchen. Also fort denn - aber wohin wollen wir?
    Ich gehe auf die Insel, sagte Rowson entschlossen - wohin Ihr?
    Zum Ueberlegen haben wir spter Zeit genug unterwegs, erwiderte
ausweichend der Jger; jetzt vor allen Dingen hier fort, denn jeder andere
Platz, selbst das Zuchthaus von Arkansas, ist in diesem Augenblick sicherer fr
uns als der Fourche la fave. Also kommt bald nach und lat mich nicht lange
warten. - Mir ist's unheimlich, wenn ich da vielleicht eine Stunde allein sitzen
sollte; ich wrde jeden Augenblick frchten, das Haus von Regulatoren umzingelt
zu sehen.
    Habt keine Angst - ich werde schnell genug da sein. Roberts sind
hoffentlich noch nicht aufgebrochen, denn deren Gegenwart knnte uns jetzt
allerdings gewaltig stren. So rasch mich also mein Pferd trgt, bin ich bei
Euch. Uebrigens will ich verdammt sein, wenn ich nicht froh bin, die erbrmliche
Predigermaske abwerfen zu drfen. Sie ist mir, besonders in den letzten vierzehn
Tagen, schauderhaft lstig geworden.
    Ich will nur wnschen, da Euch die Luft in Arkansas unmaskirt besser
zusagt, als mit der Maske, erwiderte Cotton, indem er unter einem dichten
Gewirr von Grndornen und Schlingpflanzen sein in eine wollene Decke
eingeschlagenes Kleiderbndel hervorholte und es sich aus den Rcken warf - so
- nun bin ich reisefertig, fuhr er, einen scheuen Blick nach allen Seiten
werfend, fort - folgt also bald - Good bye!
    Good bye! antwortete der Priester und schaute ihm sinnend noch eine kurze
Zeit nach, bis er ganz hinter den dichten Papao- und Sassafrasbschen
verschwunden war. Dann aber schritt er schnell zu seinem Pferde, das ihn ruhig
grasend erwartete, schwang sich in den Sattel, setzte dem Thiere die Hacken in
die Seite und galoppirte, so rasch es ihm das dichte Unterholz erlaubte,
waldeinwrts, der Wohnung Roberts' wieder zu.

                                      33.

                           Der entlarvte Verbrecher.


Harper und Bahrens hatten sich ungern der Einladung gefgt. Sie war aber so
herzlich gestellt gewesen, da Beide nicht umhin konnten sie anzunehmen, und nun
ihre Thiere sattelten und aufzumten, um spter die Gesellschaft nicht auf sich
warten zu lassen.
    Marion betrieb mit einer gewissen unruhigen Angst alle Vorbereitungen zu dem
Schritt, der sie von nun an fr immer aus dem elterlichen Hause entfernen
sollte, und so auffallend stark war eben dieses Gefhl in ihren Zgen
ausgeprgt, da selbst der rauhe, in solchen Sachen hchst unbekmmerte und
sorglose Bahrens es bemerkte und Harper darauf aufmerksam machte. Dieser
versuchte jedoch, es ihm auszureden, und schweigend besorgte Jeder das, was er
noch zu besorgen wnschte.
    Mrs. Roberts hatte aber gar Manches vorzurichten und einzupacken und eine
Zeit lang mit augenscheinlicher Ungeduld dem Hin- und Herlaufen der
verschiedenen Menschen zugesehen. Endlich aber siegte ihre gewhnliche Unruhe,
mit der sie gern Alles selbst thun, Alles selbst besorgen wollte, und aus dem
Stuhl, in dem sie gesessen, aufstehend, wandte sie sich an Marion und Ellen, und
sagte, Marion's Bonnet dabei vom Nagel nehmend:
    Kommt, Kinder - zieht Euch an und macht, da Ihr fortkommt; das Gelaufe
wird mir hier zu arg. Ich habe noch eine Masse von Kleinigkeiten zusammen zu
rumen und mitzunehmen, die in einer neuen Haushaltung unumgnglich nothwendig
sind, in einer Junggesellenwirthschaft aber selten gefunden werden. Unterdessen
kommt dann Mr. Rowson zurck, Sam mu die beiden Krbe auf sein Pferd nehmen,
und wir Drei folgen Euch so schnell als mglich. Dort mgt Ihr Euch nachher
unterhalten, so gut Ihr knnt. Ohnedies lassen wir Euch nicht lange warten.
    Hiergegen hatte Niemand etwas einzuwenden, selbst Harper strubte sich nur
noch schwach, und bald darauf setzte sich die kleine Karawane, von Roberts und
Bahrens angefhrt, in Bewegung, whrend Mrs. Roberts, geschftiger als je,
zwischen allen mglichen Krgen und Kstchen und Kisten und Schachteln
umherfuhr. Eine ganze Menge von Sachen stellte sie heraus, die sie nachher als
gar nicht transportabel wieder wegthun mute, und hatte schon zum dritten Mal
die beiden Krbe ausgepackt, um sie immer wieder auf's Neue zu fllen. Da
pltzlich, wie sie noch in bester Arbeit war, erschien die Gestalt des Indianers
in der Thr, und so ernst und dster schaute der rothe Krieger unter seinen wild
die Stirn umflatternden Haaren hervor, da die Matrone wirklich einen leisen
Schrei des Schrecks oder vielmehr der Ueberraschung ausstie. Sie htte beinahe
das irdene Gef mit getrockneten Pfirsichen, das sie in der Hand trug, fallen
lassen.
    Ach, Assowaum, rief sie endlich lchelnd - bin ich doch beinahe
erschrocken, als ich Euch so unerwartet dastehen sah - es war fast wie ein
Gespenst. Ihr habt Euch recht lange nicht sehen lassen. Wie ist es Euch
gegangen?
    Hat der blasse Mann das braunugige Mdchen schon heimgefhrt? sagte der
Indianer, ohne ihre freundliche Anrede zu beachten und nur ngstlich forschend
im Zimmer umherschauend - ist Assowaum zu spt gekommen?
    Was habt Ihr, Mann? rief die Matrone, jetzt in der That vor den rollenden
Augen des Wilden entsetzt; was wollt Ihr mit Mr. Rowson, den Ihr ja doch wohl
immer den blassen Mann genannt habt?
    Ich will noch nichts von ihm, flsterte Assowaum, noch nicht; aber die
Regulatoren verlangen nach ihm!
    Was geht er die Regulatoren an, er gehrt ja nicht zu ihnen - billigt ihre
Versammlungen nicht einmal -
    Das glaub' ich, lchelte der Wilde, aber so schauerlich durchzuckte selbst
dieses Lcheln seine dunkeln Zge, da die Matrone ernstlich frchtete, er sei
ber den Verlust seiner Squaw wahnsinnig geworden. Vorsichtig schaute sie sich
auch nach dem Negerknaben um, der eben ihr eigenes Pferd drauen vor der Thr
sattelte.
    Assowaum mochte lesen, was in ihrer Seele vorging, denn er fuhr mit der Hand
ber die Stirn, strich sich die herbergefallenen Haare glatt und sagte leise:
Assowaum ist nicht krank - aber er kam hierher, Eure Tochter zu retten. Ist es
zu spt?
    Meine Tochter? Allmchtiger Gott, was ist mit ihr? was sollen Eure
rthselhaften Reden? Sprecht das Schreckliche aus - was ist mit meinem Kinde?
    Ist Marion schon des blassen Mannes Weib?
    Nein - aber was hat Mr. Rowson -?
    Die Regulatoren sind auf seiner Fhrte - er ist der Mrder Heathcott's -
    Groer Gott! rief die Matrone entsetzt und wankte zu dem Sessel zurck,
whrend der Indianer ruhig und ernst in der Thr stehen blieb.
    Das ist Verleumdung, sagte sie endlich, sich ermannend - schndliche,
niedertrchtige Verleumdung. Wer ist der Bube, der ihn dessen angeklagt?
    Ich selbst, sagte Assowaum leise - ich selbst, wiederholte er nach
kurzer - athemloser Pause. - Er mag sich vertheidigen, aber ich frchte - an
seinen Hnden klebt auch das Blut Alapaha's - meines Weibes -
    Entsetzlich - frchterlich, sthnte die unglckliche Frau, und mein Kind
- Aber nein, es ist nicht mglich - es ist ein Irrthum - ein schrecklicher,
wahnsinnig machender Irrthum, der sich bald aufklren wird und mu. Er wird rein
und unschuldig vor jedem Gericht hervorgehen.
    Onishin, sagte der Indianer - wo aber sind die Eurigen? - wo ist der alte
Mann, wo das Mdchen? wo der blasse Mann selbst?
    Er mu augenblicklich zurckkehren - Marion und Roberts sind vorausgeritten
nach seinem Hause; heute Nachmittag soll in des Richters Wohnung die Trauung
stattfinden. Mensch - es ist ja nicht mglich - Rowson - der fromme,
gottesfrchtige Mann kann kein Verbrecher sein. - Er mte denn den Regulator,
der ihn stets beleidigte und krnkte, in der Hitze erschlagen haben -
    Und wen beschuldigte er der That? frug der Indianer ernst; der blasse
Mann hatte zwei Zungen in seinem Munde, die eine sprach mit seinem Gott und die
andere zrnte dem Verbrecher. That er recht, wenn er das Blut an seiner eigenen
Hand wute?
    Ich kann es nicht glauben - ich kann es nicht begreifen, jammerte die Frau
hnderingend.
    Denkt Ihr an den Tag nach Alapaha's Ermordung? sagte Assowaum mit
unterdrckter Stimme, indem er den kleinen Tomahawk seiner Squaw aus dem Grtel
nahm und auf den Tisch legte. Mit dieser Waffe, fuhr er dann, fast noch
leiser, aber mit deutlicher, nur hohl und geisterhaft klingender Stimme fort,
mit dieser Waffe wehrte sich die Blume der Prairien gegen den feigen Mrder,
und Rowson's Arm war an jenem Tage verletzt. Diesen Knopf - flsterte er
weiter, die Reliquie dabei aus seiner Kugeltasche nehmend, wand ich aus den im
Tode krampfhaft geschlossenen Fingern Alapaha's. Er mu Rowson's sein - Assowaum
hat Leute gesprochen, die da sagten, das sei Rowson's Knopf.
    Das sind Alles nur noch unsichere, schwankende Vermuthungen, rief die
Matrone, sich erhebend und dem rothen Sohn der Wildni fest in's Auge schauend -
das ist noch kein Beweis, Mann. - Ich sage Euch, es ist nicht mglich - Rowson
ist unschuldig!
    Onishin! dann fragt ihn selber, denn dort kommt er, erwiderte Assowaum
ruhig. - Wird der blasse Mann noch blsser werden, wenn ihm die gute Frau sagt,
da er ein Mrder sei?
    Ehe die Matrone einer Antwort fhig war, hatte der Wilde den kleinen
Tomahawk wieder an sich genommen und mit geruschlosem Schritt ein Versteck, das
in der Ecke stehende, mit weiem Fliegennetz berhangene Bett, erreicht. Fast in
demselben Augenblick hielt auch das Pony des Predigers, ganz mit Schaum bedeckt,
an der Fenz. Der Reiter schwang sich aus dem Sattel und betrat gleich darauf die
Schwelle, wo er allerdings das bleiche Aussehen der Matrone htte bemerken
sollen. Zu sehr aber mit seiner eigenen Gefahr beschftigt, frug er nur mit
heiserer, fast tonloser Stimme, wo seine Braut, wo die Mnner wren; ja, ein
Fluch schwebte ihm auf den Lippen, als Mrs. Roberts, zwar noch zitternd, aber
doch schon wieder gesammelt, antwortete, sie wren vorausgeritten und erwarteten
ihn und sie selbst bald nach. Die alte gewohnte Scheu hielt jedoch noch jedes
rauhe Wort zurck, und er wollte sich schon wenden, um Jene noch mglicher Weise
zu berholen. Erst einmal das eigene Haus zeitig genug erreicht, durfte er ja
doch hoffen, seine Flucht zu Wasser zu ermglichen, die ihm zu Land vielleicht
schon abgeschnitten war. Da rief ihn Mrs. Roberts zurck und bat ihn, zu ihr zu
treten.
    Wohl fhlte er, da jetzt weitere Verstellung nur unnthige Zeit vergeude
und er vielleicht gar den gnstigen Moment versumen knne. Dann gewann aber
auch sein besseres Gefhl, der Frau gegenber, die er so frchterlich getuscht
hatte, die Oberhand, und er beschlo, wenigstens in Frieden von ihr Abschied zu
nehmen. Schnell schritt er in dieser Absicht zu dem Tisch zurck, an dem sie
lehnte, und hier fiel ihm zum ersten Mal ihr ganz verndertes, bleiches Aussehen
auf. Ehe er jedoch hierber eine Frage thun konnte, sagte die Matrone sehr
ernst, aber immer noch freundlich:
    Mr. Rowson, wollen Sie versprechen, mir auf Etwas, das ich Sie fragen
werde, frei und offen zu antworten?
    Ja, sagte der Prediger halb bestrzt und halb verlegen - doch mu ich Sie
bitten, sich zu beeilen, denn ich - ich mu wirklich noch einmal fort - Sie
wissen, da so viele Geschfte -
    Er hatte nicht das Herz, sein Auge zu ihr zu erheben; ein ihm selbst
unerklrbares Gefhl bengstigte ihn, - es war ihm, als ob er vor seinem Richter
stnde.
    Mr. Rowson, sagte die alte Dame jetzt mit leisem, aber deutlichem Ton -
Es sind mir heute Morgen wunderbare Sachen von Ihnen erzhlt worden!
    Von mir? von wem? frug der Prediger erschrocken, wer war hier?
    Es sind immer noch bloe Vermuthungen, fuhr Mrs. Roberts ruhig fort - und
ich hoffe zu Gott, da es auch nur Vermuthungen bleiben sollen. Aber nothwendig
ist es, da Sie selbst erfahren, was man von Ihnen sagt, um sich dann krftig
und vollstndig dagegen vertheidigen zu knnen.
    Ich wei in der That nicht - diese rthselhaften Worte - was ist nur
vorgefallen? stotterte Rowson, immer verlegener werdend, und schon warf er
einen scheuen Seitenblick nach der Thr, als sei er entschlossen, den Faden kurz
abzuschneiden und sich durch die Flucht jeder weiteren Frage zu entziehen.
Unwillkrlich hatte er indessen mit einer Blume gespielt, die auf dem Tische
lag, an dem er lehnte, und ebenso nahm er jetzt den Knopf auf, den der Indianer
dort zurckgelassen hatte.
    Rhren Sie den Knopf nicht an, Sir - um Gottes willen, rief die Matrone,
die es bemerkte, in einem pltzlichen Gefhl des Schreckes und der Angst - er
ist -
    Was fehlt Ihnen, Madame Roberts? frug aber Rowson, der sich rasch
gesammelt hatte und entschlossen schien, diesem Gesprch ein Ende zu machen.
Sie scheinen auer sich. Was ist mit dem Knopf? es ist einer der meinigen, der
wahrscheinlich -
    Der Ihrige? schrie entsetzt die Matrone und hielt sich an der Lehne ihres
Stuhles - der Ihrige?
    Was ist Ihnen?
    Den Knopf fand Assowaum in der Hand seines schndlich gemordeten Weibes,
rief jetzt die bis dahin ngstliche und schwache Frau, sich hoch und fast
krampfhaft aufrichtend. Nur der Mrder Alapaha's kann den Knopf verloren haben
-
    Des Priesters Hand fuhr wie unbewut an seine Seite, wo er die versteckten
Waffen trug. Als er aber den scheuen Blick im Zimmer umherwarf, begegnete sein
Auge dem des Indianers, der, die Bchse erhoben, fest im Anschlag auf ihn lag
und ihm donnernd zurief:
    Ein Schritt, und Du bist eine Leiche!
    Rowson hielt sich fr verloren. Da bemerkte Madame Roberts die drohende
Stellung des Wilden und nicht anders glaubend, als da dieser hier gleich an Ort
und Stelle Rache fr das unschuldig vergossene Blut seines Weibes nehmen wolle,
warf sie sich von der Seite auf ihn - drckte den todbringenden Lauf in die Hhe
und rief entsetzt aus:
    Oh, nur nicht hier - nur nicht hier vor meinen Augen!
    Rowson sah diese Bewegung und wute, da dies vielleicht der letzte gnstige
Augenblick sei, der sich ihm zur Flucht bte. Mit der Gewandtheit eines Panthers
sprang er daher, ehe der Indianer die Frau von sich abschtteln konnte, aus der
Thr, schwang sich in den Sattel seines Ponys und war in der nchsten Secunde in
dem Dickicht, das beide Seiten des schmalen Weges begrenzte, verschwunden.
    Ihm nach strmte in wilder Eile der rothe Krieger. Ehe er jedoch die
fliehende Gestalt des Feindes wieder auf's Korn nehmen konnte, entzogen diesen
schon die dichtbelaubten Bsche seinen Blicken wie seiner Kugel, und der
Verbrecher war wenigstens fr den Augenblick gerettet. - Aber so rasch entging
er dem Verfolger nicht. Mit zwei Stzen war Assowaum neben dem Reitpferd der
Mrs. Roberts, das fertig gesattelt und aufgezumt, von dem Neger gehalten, vor
der Fenz hielt. Im Nu warf er den Damensattel ab, ri den Zgel aus der Hand des
ganz verblfften Schwarzen, schwang sich selbst auf den nackten Rcken des
Thieres und folgte, diesem die Hacken wthend in die Seiten schlagend, den
Fhrten seines Opfers.

                                      34.

                                Die Belagerung.


Seht Ihr wohl, ich hatte doch Recht - das ist das Haus! sagte Roberts, als die
kleine Karawane den Rand der Waldlichtung betrat und nun vor dem einfachen, von
hoher Fenz umgebenen Gebude stand, das mit dem heutigen Tage Marion's ganze
Welt in sich fassen sollte.
    Wahrhaftig! rief Harper verwundert, aber die Bume waren nach ganz
anderer Richtung hin angezeichnet. Ich glaubte nicht anders, als da er irgendwo
in dem hohen Lande, weiter hinauf, wohnen mte. Jetzt werden wir ja fast halbe
Nachbarn, denn mein Haus liegt gar nicht so sehr weit von hier entfernt, den
Flu hinunter.
    Nun, Marion, wie gefllt Dir der Platz? frug der alte Roberts, sich zu
seiner Tochter wendend - heh? ein bischen still und schaurig, nicht wahr? Ja,
das macht die Nhe des Flusses mit den dichten Sykomoren, den dunkeln Weiden und
den einzelnen Baumwollenholzbumen, die sich hier noch finden; weiter hinauf
stehen sie brigens sehr selten, und Smeirs hat mir neulich versichert -
    Es ist auch hier recht still und einsam, flsterte Marion, Ellen's Hand
ergreifend, als ob sie sich selber scheue, die lautlose Ruhe durch ihre Stimme
zu stren - ich wei nicht, was den Platz so de, so - schauerlich macht.
    Weil das Vieh fehlt, sagte Bahrens. - Das ist ganz natrlich. Wo keine
Kuhglocken luten und die Hhner und Ferkel nicht auf dem Hofe herumjagen, wo
Einem nicht ein paar Hunde entgegenspringen und einen Spectakel machen, da man
sein eigenes Wort nicht hren kann, und eine Herde Gnse immer gerade zu
derselben Zeit zu schnattern anfngt, wo man Dem, der uns erwartend im Hause
steht, etwas zurufen will, da ist's auch nicht wohnlich und gemthlich und es
wrde mir wenigstens stets unbehaglich vorkommen.
    Wozu sollte sich aber Mr. Rowson Vieh anschaffen, warf Harper ein, wenn
er vielleicht schon in acht Tagen wieder auszieht.
    Ach was da, erwiderte Bahrens. Wenn ich nur drei Tage auf einem Flecke
wohnte, mte ich wenigstens ein paar Hhner oder Ferkel um mich herum haben,
die das liebe Getreide auflsen, was sonst verwstet wird. Seht nur, wie's da
drin im Hofe aussieht, der Mais liegt dicht gestreut am Boden! ach, wenn das
meine Alte she!
    Wird jetzt schon anders werden. lachte Roberts - die Frau wird ihm den
Kopf schon zurechtsetzen, und es ist nun auch ein mglicher Fall, da nicht mehr
alle Sonntage zweimal, und manchmal Mittwochs einmal gepredigt wird. Fr die
Bequemlichkeit der Pferde ist brigens gesorgt, das mu wahr sein - Trge
genug.
    Was hast Du, Ellen? frug Marion, selbst beunruhigt, als die Freundin einen
leisen, halb unterdrckten Schrei ausstie - was war da?
    Oh nichts, lchelte das Mdchen verlegen und warf dabei einen flchtigen,
aber immer noch scheuen Seitenblick nach dem Hause hinauf - nichts - es war
bloe Tuschung. Mir kam es aber auf einmal vor, als ob da oben, zwischen den
beiden offenen Spalten, ein Auge hervorgeleuchtet htte.
    Wo? da oben? lachte Bahrens- da wrde sich wohl schwerlich ein Gast
einquartirt haben. Wer hier im Hause wohnen wollte, fnde beqemere Pltze - die
Thr ist ja offen.
    Und was fr eine Thr! sagte Harper, der die Pforte jetzt ffnete und das
Haus zuerst betrat, merkwrdig stark, als wenn er wunder wie groe Reichthmer
hier aufbewahrte. Nun - ziemlich ordentlich sieht's aus, fuhr er dann fort,
sich berall umschauend - fr eine Junggesellenwirthschaft nmlich, denn die
Frauen mchten noch Manches daran auszusetzen haben. Das lt sich aber nicht
anders verlangen; bei uns unten bleibt ebenfalls viel zu wnschen brig. Als
freilich Alapaha noch lebte, seufzte er dann still vor sich hin, da war es
dort auch immer recht wohnlich und hbsch - und da -
    Es wird schon wieder so werden, Harper, unterbrach ihn Bahrens freundlich
- vielleicht noch besser. - Brown mu heirathen, und dann braucht Ihr nachher
nicht mehr ber Junggesellenwirthschaft zu lamentiren; dann haben die
Junggesellen ausgewirthschaftet.
    Nun herein da, Ihr Mdchen! rief Roberts, der sich jetzt den beiden
Mnnern angeschlossen hatte, herein da mit Euch. - Hier beginnt Euer Reich,
und Marion mag gleich Besitz nehmen.
    So - fuhr er fort, als sie seinem Wunsche Folge geleistet, so - das ist
recht. - Nun kommt und wirthschaftet hier nach Herzenslust, und wir wollen
indessen drauen ein Feuer anznden und den eisernen Kessel darber hngen. Eine
Kche ist doch nicht beim Hause, wie ich sehe, und meine Alte, die gar nicht
mehr lange bleiben kann, denn in solchen Sachen -
    Hei-ho, rief Bahrens lachend - er geht wieder durch. - Hier ist Schwamm;
wo aber machen wir das Feuer an? Ein unbequemer Platz fr Holz das - wenigstens
fnfzig schritt weit zu tragen. Da wollen wir lieber erst ein paar Aeste
herbeiholen - ist denn keine Axt auf der Farm? Schne Einrichtung das!
    Dort in der Ecke lehnt eine, sagte Harper.
    Gut, dann bleibt Ihr nur indessen hier.
    Nein, ich will mit Holz tragen, meinte Roberts, Harper mag Feuer anmachen
- drres Laub und Reisig hat ja der Wind genug hergeschafft.
    Die Mnner gingen nun lachend und erzhlend an ihre Beschftigungen, und die
Mdchen blieben allein im Hause zurck. Ihre Stellung aber vernderten sie
nicht, und mit ineinander verschlungenen Hnden sahen sie sich ernst und still
in die Augen. Da endlich konnte Marion den inneren Gefhlen nicht lnger
gebieten, und sich an die Brust der Freundin werfend, machte ein lindernder
Thrnenstrom dem lange und arg bedrngten Herzen Luft.
    Marion, was fehlt Dir? frug Ellen erschreckt, was um Gottes willen hast
Du? - Dich qult irgend etwas Entsetzliches - ich habe es Dir lange angesehen -
Du bist nicht glcklich.
    Nein, schluchzte das arme Mdchen und umschlang nur fester die Freundin,
die ihre Arme zu lsen suchte, um dem Auge der Weinenden zu begegnen. Nein -
Gott wei es - ich bin nicht glcklich und - werde es nie werden.
    Aber was ist Dir? Um des Heilandes willen! so habe ich Dich noch nie
gesehen - Du zitterst und bebst - Marion, was fehlt Dir?
    Was mir fehlt? frug die Braut des Methodisten, sich wild und krampfhaft
emporrichtend. - was mir fehlt? - Alles - Alles auf der weiten Welt - Vertrauen
- Liebe - Hoffnung - ja selbst die Hoffnung fehlt mir, und jetzt - jetzt ist es
zu spt - zu spt - ich kann nicht mehr zurck.
    Marion, Du ngstigst mich! flsterte schchtern die Freundin, die sie
bebend umschlang - was sollen all' die rthselhaften Worte? Kannst oder darfst
Du mir nicht vertrauen?
    Noch kann und darf ich, sagte jetzt entschlossen Marion und strich sich
die dunkeln Locken aus der Stirn zurck - noch sind wenige Minuten mein eigen,
noch bin ich Herrin meiner selbst; in einer Stunde vielleicht ist es spt. - So
hre denn, Ellen, was mich bis zu diesem Augenblick elend gemacht hat, was mir
von diesem Augenblick an mein ganzes zuknftiges Leben verbittern wird - was
hast Du? was ist?
    Sieh nur dort, sagte das Mdchen erstaunt - ist das nicht Mr. Rowson? -
Groer Gott, das Pferd mu mit ihm durchgehen. - Sieh nur, wie es jagt.
    Hallo, Rowson! schrieen Bahrens und Roberts am Waldsaum, die ihn erst
jetzt erblickten - was zum Teufel ist vorgefallen?
    Alle Wetter! rief Harper und sprang auf die Seite, denn das keuchende,
schumende Thier htte ihn fast ber den Haufen gerannt - Rowson, seid Ihr des
Teufels? Was zum Henker habt Ihr?
    Dieser aber wrdigte keinen der Mnner einer Antwort, nicht einmal eines
Blickes. Er sprang vom Pferde, strzte durch die schmale Fenzpforte in das Haus
- warf auch diese Thr, zum Entsetzen der beiden Mdchen, in's Schlo, schob
zwei eiserne Riegel vor, ri die Bchse von dem Haken herunter und blickte jetzt
erst im Zimmer umher, als sei er fest entschlossen, den Ersten, der sich ihm in
den Weg stellen wrde, niederzuschieen.
    Allmchtiger Gott - Mr. Rowson, rief Ellen zu Tode erschrocken - was
wollen Sie thun? Ihre Braut ermorden?
    Cotton! schrie Rowson mit heiserer Stimme, als er sich berzeugt hatte,
da keiner der Mnner in der Htte weile, und ohne die Mdchen weiter eines
Blickes zu wrdigen - Cotton!
    Ja, antwortete dieser mrrisch von oben herab - ich bin hier, aber - habt
Acht da unten - der Indianer kommt. Hll' und Teufel - war Euch der nicht auf
den Fersen?
    Kommt herunter - schnell! befahl der Prediger, indem er mehrere kleine
Pflcke aus den Zwischenspalten der Kltze herausnahm und so zu gleicher Zeit
Schiescharten und Ausschaulcher bildete. - kommt herunter - es wird gleich
Arbeit geben. - Wir haben Einquartierung.
    Wie eine Katze glitt jetzt der Jger an den rauhen Stmmen der Htte nieder,
und Ellen bedurfte nun Marion's Arm, sich aufrecht zu halten, als sie den Mann
erblickte, den sie von allen Menschen der Erde am meisten frchtete, und der
jetzt unter so sonderbaren, geheimnivollen Verhltnissen auf dem Schauplatz
erschien.
    Was soll das heien? - um Gottes willen, Mr. Rowson, lassen Sie uns
hinaus, bat Marion, in diesem Augenblick zum ersten Mal befrchtend, da sie
gefangen und in der Gewalt voll Verbrechern wre. - Lassen Sie mich zu meinem
Vater - was bedeutet dies Alles?
    Wirst es bald erfahren, Tubchen, lachte hhnisch der Jger, indem er die
zweite Bchse ber dem Kamin wegnahm - wirst es bald erfahren. - Aber Gift und
Klapperschlangen, fuhr er dann, sich zu Rowson wendend, zornig fort - Ihr habt
mich hier schn mit in die Falle gelockt - Thor, der ich war, in das Nest hinauf
zu kriechen. Jetzt knnt' ich ruhig im Canoe sitzen und eine fnf Meilen sichere
Distanz zwischen mir und den Schuften da drauen haben.
    Zurck da, schrie Rowson durch die Spalte, ohne etwas auf die Vorwrfe des
Gefhrten zu erwidern - zurck, oder Ihr seid des Todes! und in demselben
Augenblick krachte auch sein Schu durch die Spalte der Htte, und das entladene
Gewehr niederwerfend, war er mit einem Satz am Bett, ri die Matratze herunter
und brachte noch vier andere geladene Bchsen zum Vorschein.
    Warte, rothe Bestie! murmelte er dann vor sich hin - Dir hoff' ich das
Spioniren gelegt zu haben. - Zurck von der Thr da! donnerte er jetzt die
Mdchen barsch an: es ist bitterer Ernst - zurck, wenn Euch Euer Leben lieb
ist!
    Was sollen wir aber mit den Dirnen hier? frug Cotton rgerlich.
    Sie als Geieln behalten, sagte der Methodist, ihr Leben brge uns fr
das unsrige. - Halten wir uns nur bis zum Dunkelwerden, so sind wir gerettet!
    Das seh' ich auch noch nicht ein, antwortete murrend der Jger, indem er
erst vorsichtig nach allen Richtungen umherschaute und dann die abgeschossene
Bchse aus der ihm bezeichneten Kugeltasche wieder lud - Abends werden sie
Feuer um das Haus herum anznden, oder es gar in Brand stecken.
    Dafr stehen uns die Mdchen, lachte Rowson, aber hallo - da kommt der
alte Roberts, allein, ohne Bchse - er will sein Kind wieder haben. Kann nicht
geschehen, Alter. -
    Die drei Mnner, eher des Himmels Einsturz als dem Aehnliches, was sich hier
vor ihren Augen zutrug, vermuthend, hatten mit Staunen das Heransprengen des
Methodisten bemerkt und im ersten Augenblick wie Ellen geglaubt, das Pferd ginge
mit ihm durch. Kaum war aber der sonst so ruhige Prediger im Innern seines
Hauses verschwunden, und noch hatten Bahrens und Roberts, der Eine mit der Axt,
der Andere mit einem abgehauenen Ast auf der Schulter, die Fenz nicht erreicht,
als schon wieder donnernde Hufschlge hinter ihnen laut wurden. Wie sie aber
berrascht den Kopf danach wandten, sprengte der Indianer heran, die langen
schwarzen Haare im Winde flatternd, die Bchse in der Rechten, den Zgel lose in
der Linken, und hinunter gebogen fast bis auf das rechte Knie, um die Fhrten,
denen er folgte, deutlicher erkennen zu knnen.
    Assowaum! riefen Jene erschrocken und berrascht - was ist vorgefallen?
Was willst Du mit dem Prediger? Was hat er gethan?
    Sein Blut will ich! knirschte der Wilde - sein rothes Blut - das Herz aus
seinem Leibe! und sich von dem Rcken des mit Schaum bedeckten Thieres werfend,
strmte er gegen die Fenz und kletterte daran empor. In demselben Augenblick
ertnte die Stimme des Methodisten, der Schu krachte aus dem Innern hervor, und
Assowaum strzte von der Fenz, deren oberste Stange er eben erreicht, hinunter.
Ehe sich aber die Mnner von ihrem Schreck erholen konnten, sprang er wieder
empor, floh um die hohe Einzunung herum und trat dort hinter einen starken
Baumstamm, von wo aus er die Rckseite der Htte beschieen und jede Flucht nach
dem Flusse zu abschneiden konnte.
    Hierhin folgten ihm Bahrens und Harper. Roberts aber schritt aus das Haus
zu, fest entschlossen, sein Kind den Hnden des Verfolgten zu entreien. Er
wute zwar noch nicht, wessen man den Methodisten beschuldigte, aber dessen
rthselhaftes Betragen verrieth zu deutlich, wie er sich irgend eines Vergehens
bewut sein mute.
    Zurck da! rief ihm Rowson aus dem Hause entgegen - zurck, wenn Euch
Euer Leben lieb ist.
    Mein Kind gebt mir heraus, rief Roberts, die beiden Mdchen lat aus dem
Hause. - Ich schwr' es Euch zu, ich habe nichts gegen Euch, ich begreife nicht
einmal, was dies Alles bedeuten soll; aber Ihr habt auf den Indianer geschossen
- es ist Blut geflossen, und ich will die Weiber von einem Orte nehmen, wohin
sie nicht passen. Gebt mir mein Kind!
    Zurck da! schrie Rowson drohend und hob die Bchse. Marion warf sich ihm
aber in die Arme und rief flehend:
    Um Gottes willen - Mann - wollt Ihr meinen Vater morden?
    Schafft mir die Dirnen vom Halse, Cotton! rief der Prediger rgerlich -
hrt nur, wie der Narr drauen an der Thr rttelt - ein Glck, da sie den
Sturm nicht zusammen versucht haben, sonst htt' es uns bs bekommen knnen.
Jetzt an's Werk - die Mdchen mssen gebunden werden - deren Arme drfen uns
nicht mehr hinderlich sein - und schweigen sie nicht, auch geknebelt. Wir haben
nur noch wenige Minuten freie Zeit, und die mssen wir benutzen!
    Hlfe! Hlfe! schrieen und flehten die beiden Jungfrauen, als sie sich von
den rauhen Hnden der Mnner erfat und gefesselt fhlten.
    Ruber! Schuft! tobte der alte Roberts und ri mit der Kraft der
Verzweiflung an der eichenen Thr. Auch Bahrens strmte herbei, dem Freunde zu
helfen, und Harper selbst, so sehr er sich auch durch die letzte Aufregung
geschwcht fhlte, griff nach einem frisch abgehauenen Ast, um seinen schwachen
Arm ebenfalls dem Vater zu leihen. Ehe aber die Mnner die Fenz berklettert und
die Thr erreicht hatten, waren auch die schwachen, zitternden Glieder der
beiden Unglcklichen von starken Seilen umwunden, und Rowson rief drohend aus:
    Oeffnet Eure Lippen noch zu einem Hlfeschrei und ich schiee den alten
weikpfigen Narren wie einen Hund nieder.
    Gnade! Gnade! flsterte Marion leise und zitternd - Erbarmen!
    Schiet einmal hinaus, Cotton, verwundet aber Keinen, rief diesem der
Methodist zu. - Er selber trat dabei mit der Bchse an eine der Hinteren Spalten
und suchte den Indianer noch einmal zum Schu zu bekommen. Assowaum hatte aber
die Absicht des Priesters errathen und dachte nicht daran, sein Leben
leichtsinnig preiszugeben. Deshalb war er, der Kriegfhrung seines Stammes
getreu, hinter einen Baum geflohen, und von dort aus konnte er die Flucht seines
Feindes verhindern, bis die ihm aus den Fersen folgenden Regulatoren eintreffen
wrden. Den Mrder Alapaha's lebendig und unverletzt zu fangen, war jetzt sein
einziges Ziel.
    Da brigens Brown, dem er sonst mit der ganzen Treue seines Volkes zugethan
war, Marion liebe, wute er nicht, wenn er es auch vielleicht geahnt hatte.
Trotzdem htte ihn aber auch das nicht von dem vorgesteckten Ziel abbringen
knnen. Er wollte und mute sein Weib rchen, und wre die ganze Welt darber zu
Grunde gegangen.
    Eine Kugel, aus Cotton's sicherem Rohre gefeuert, die Bahrens den Hut vom
Kopfe ri, machte brigens die Mnner auf die Gefahr aufmerksam, der sie sich,
unter dem Feuer des zum Aeuersten getriebenen Feindes, aussetzten; Roberts
selbst hielt jetzt die Freunde von dem Versuch zurck, die schwere, feste Thr
mit Gewalt zu strmen. Waren sie doch nicht einmal bewaffnet und durften also
auf diese Art nie hoffen, den Panther mit Erfolg in seiner eigenen Hhle
anzugreifen.
    Ich will ihm allein und unbewaffnet entgegentreten, sagte er, er hat in
meinem Hause viel Gutes genossen und wird es jetzt nicht wagen, mir die
Erfllung der einzigen Bitte, die Zurckgabe meines Kindes, zu versagen - geht
daher, bat er noch einmal, als er sah, da Bahrens zgerte und wilde und
trotzige Blicke nach dem Hause hinber warf - geht - ich hoffe noch Alles im
Guten beizulegen und das Rthsel gelst zu bekommen!
    Mit diesen Worten wandte er sich, als Bahrens und Harper die innere
Umzunung verlieen, gegen die offene Spalte, hinter der er den Methodisten
vermuthete, und wollte eben seine Anrede beginnen, als dieser hhnisch daraus
hervorrief:
    Haltet ein, gestrenger Herr? - Ich habe zu lange selbst gepredigt, um an
derlei Salbadereien noch viel Behagen finden zu knnen. Um aber kurz und bndig
zu einem Verstndni mit einander zu kommen, so hrt meine Worte, die diesmal
nichts weniger als eine Predigt sein sollen, wenn gleich heute Sabbath, der Tag
des Herrn, ist.
    So hab' ich mich doch nicht in Dir geirrt - Bube! knirschte der alte Mann
in bitterem Groll, whrend er wild mit dem Fue stampfte, spotte nur noch
unserer Leichtglubigkeit, mit der wir Deinen glatten Worten trauten. - Aber
wehe Dir, wenn Du einem der Mdchen, die ein unglckseliges Geschick in Deine
Hand gegeben, ein Haar krmmst; stckweis wird Dir dann das Fleisch von den
Gliedern gerissen!
    Was hilft das Reden, ich -
    Halt - sprich noch nicht, rief der alte Mann in hchster Aufregung -
sieh, Du hast, wie es scheint, Schreckliches begangen, denn sonst kann ich mir
Dein Betragen nicht erklren, aber was es auch sei, noch hast Du Zeit zur
Flucht, und ich selbst will Dir dabei behlflich sein. - Nimm eins von meinen
Pferden - nimm Geld - aber gieb mir mein Kind - gieb mir die beiden Mdchen
zurck. Bedenke, wie freundlich Du bei uns aufgenommen warst - bedenke, da ich
Dich heute Sohn nennen wollte -
    Nehmt den Vorschlag an, rietf Cotton - so wird er uns so bald nicht
wieder geboten - versteht sich, wenn ich einbegriffen bin. Ich lasse die Mdchen
frei -
    Halt da, unterbrach ihn schnell der Methodist - seid Ihr wahnsinnig?
Glaubt Ihr, der Indianer hinter dem Baume dort kehrt sich an das, was der alte
Graukopf hier verspricht? Zeigt Guern Scalp an irgend einem offenen Platze und
seht zu, wie bald sein Blei hier herber spritzt. Nein, das sind nur
Versprechungen, uns in die Falle zu locken. Vor Dunkelwerden blht fr uns keine
Rettung.
    Warum bahnen wir uns aber nicht jetzt mit Gewalt einen Weg? Die drei Mnner
sind unbewaffnet, sie knnen uns nicht aufhalten.
    Und beschiet der verdammte rothhutige Schuft hinter der Fichte dort nicht
das ganze Fluufer?
    Wie aber, wenn die Regulatoren hierher kommen sollten?
    Mich wundert's, da sie noch nicht da sind, hohnlachte Rowson - die Pest
ber sie - ich trotze ihnen dennoch!
    Dann mcht' ich wissen, wie Ihr Nachts entfliehen wollt, wenn sie das Haus
umzingeln?
    Mit Wachtfeuern drfen sie es nicht wagen, flsterte Rowson - wir knnten
sie sonst von hier aus auf's Korn nehmen. Lagern sie aber im Dunkeln, so sind
wir gerettet. Ein schmaler Gang, den ich und Johnson mit unsglicher Mhe
gegraben, fhrt unter dieser Diele fort bis dahin, wo das Canoe versteckt liegt
-
    Und warum benutzen wir ihn nicht jetzt gleich? Kann sich denn eine bessere
Gelegenheit finden? rief rgerlich Cotton.
    Blinder Thor! zrnte Rowson - jene schurkische Rothhaut steht in diesem
Augenblick gerade ber der Stelle, unter der im dichten Schilf der Kahn
verborgen liegt. Wenn er ihn aber auch von da oben nicht sehen kann, so wre es
doch jetzt unmglich, ihn, ohne verrathen zu werden, flott zu machen.
    Aber die Regulatoren!
    Gift und Tod ber sie! Was in ihren Krften steht, werden sie thun, aber
sie drfen es nicht wagen, das Haus feindlich anzugreifen, so lange wir diese
Bchsen und die Mdchen als Geieln haben.
    Nun? rief Roberts drauen - hast Du meinen Vorschlag berlegt? - Ich
sehe, es sind Eurer Mehrere. - Geht Alle - Alle, die Ihr in dem Hause Schutz
gesucht habt, frei fort von hier, noch ist es Zeit, denn noch sind die Richter
nicht da. Aber gebt mir mein Kind wieder, setzt die unschuldigen Mdchen in
Freiheit!
    Hrt meine Antwort! entgegnete Rowson - mein Leben ist verfallen, und
jener Indianer ist fest entschlossen, es zu nehmen. Knnt Ihr ihn bewegen, in
Eure Bedingungen einzugehen, wohl, so bin ich bereit; knnt Ihr das aber nicht,
so bedenkt, da bei dein ersten Versuch, dieses Haus gewaltsam zu erstrmen, die
beiden Mdchen von meinen Hnden sterben.
    Der Indianer mu sich fgen, rief Roberts freudig - er darf nicht -
Allmchtiger Gott - es ist zu spt - dort kommen die Regulatoren!
    Er hatte Recht - das dumpfe Trampeln von einigen zwanzig Pferden ward bald
durch das Rascheln und Brechen von Zweigen und drren Aesten begleitet. Assowaum
stie seinen Schlachtschrei aus, und gleich darauf sprengten die Regulatoren,
von Brown und Husfield angefhrt, auf den Kampfplatz.
    Mee-eu wau iauyaumbaun! jubelte der Indianer, als sie, schnell das Ganze
bersehend, die Wohnung umzingelten - jetzt ist er mein - jetzt hab' ich sein
Blut!
    Rowson schien aber ganz die Gefahr zu kennen, die ihm drohte, wenn er in die
Hnde dieses Feindes falle; selbst die Regulatoren frchtete er weniger als ihn.
Wie der Indianer daher in der Freude des Augenblicks nur einen kleinen Theil
seines Krpers hinter dem Baum sichtbar werden lie, scho ein zweiter Blitz
zwischen den Spalten des Blockhauses hervor, und des Huptlings Blut frbte aus
einer zweiten Streifwunde die Erde.
    In rascher Wuth ber diese rasende Keckheit, selbst einem solchen Feinde
noch zu trotzen, sprangen die Regulatoren aus den Stteln und waren im Begriff,
die Fenz niederzureien, als sich ihnen Roberts in den Weg warf und die Noth
verkndete, in der sein Kind schmachte.
    Groer Gott! rief Brown - Marion in den Hnden jener Schurken - was lt
sich da thun?
    Strmen, schrie Husfield wthend - strmen und die Bestien mit Gewalt
heraustreiben. - Lat sie's wagen, den Mdchen ein Haar zu krmmen, und wir
brennen ihnen die Glieder stckweis vom Leibe. - Geben sie sich aber gutwillig
und auf Gnade oder Ungnade gefangen, so - so sollen sie blos einfach gehangen
werden. Hier sind die Stricke.
    Spart Eure schnen Reden, lachte Rowson, der die Worte gehrt hatte. -
Wer sich auf zehn Schritt der Wohnung naht, ist ein Mann des Todes. Wir sind
hier unserer Sechs und haben achtzehn Bchsen. - Solltet Ihr aber dennoch Euer
Leben so gering achten - gut, so schwr' ich's bei dem ewigen Gott, zu dem Ihr
alle Sonntage heult und betet, da die Mdchen vorher eines schmhlichen Todes
sterben - ich spae nicht!
    Hol' der Teufel den prahlerischen Schuft, rief Husfield, indem er die
Fenzstangen niederwarf; mir nach, Kameraden, in fnf Minuten ist das Nest
unser!
    Halt! schrieen dazwischen springend Brown, Wilson und Roberts - halt -
das wre Mord - Mord an den unschuldigen Mdchen. Die Buben, zur Verzweiflung
getrieben, sind zu dem Schrecklichsten fhig, und noch mssen sich andere Mittel
finden, sie zu zwingen, als das Leben Derer, die mir beschtzen wollen, so
leichtsinnig preiszugeben.
    Nennt Ihr das beschtzen, wenn wir sie noch zwei Minuten in den Hnden
dieser Schufte lassen?
    Es mu Rath geschafft werden; schrie Brown - nur nicht mit Gefahr ihres
Lebens - wo ist der Indianer?
    Gestattet uns freien Abzug - gebt uns wenigstens vierundzwanzig Stunden
Vorsprung, und die Mdchen sind frei!
    Gut! Es sei! rief Brown schnell.
    Halt, Sir! unterbrach ihn Husfield - wir haben die Buben, die so
Grliches vollfhrten, wir haben den Mrder des armen Heathcott in unserer
Gewalt, und dessen Blut heischt allein schon Rache, blutige Rache; so
leichtsinnig drfen wir die nicht verscherzen. Hierber hat brigens die
Versammlung abzustimmen. Wollt Ihr also, Ihr Mnner, den Schuft entschlpfen
lassen, blos weil er damit droht, ein paar Mdchen, die er in seiner Gewalt hat,
zu ermorden? oder -
    Nein - nein - nein! schrie die Menge, Harper, Wilson, Roberts und Brown
ausgenommen.
    Mnner - Ihr seid auch Vter - denkt an Eure Kinder! flehte Roberts.
    Roberts! sagte Stevenson, der bis jetzt geschwiegen hatte, vortretend -
seid ohne Sorge, Eurem Kinde soll und darf nichts geschehen; aber leichtsinnig
war' es, jenen Verbrechern auf eine solche Drohung hin die Freiheit zu geben -
    Lat uns die Hhle strmen, riefen Viele, - er wei, was ihn erwartet,
und wird seine Strafe nicht noch durch ein neues Verbrechen vergrern wollen -
    Nein, Ihr Mnner von Arkansas! hielt sie Stevenson auf - ich bin zwar ein
Fremder hier bei Euch, vergnnt aber auch mir ein Wort -
    Redet, Stevenson! sagte Husfield, Ihr habt gehandelt, als ob Ihr zu uns
gehrtet, und Euch dadurch alle Rechte erworben, die wir selbst besitzen.
    Gut denn! sagte der alte Mann mit unterdrckter Stimme, so hrt meinen
Vorschlag - aber vorher stellt Wachen aus, da uns keiner der Buben entgeht,
whrend wir hier debattiren.
    Der Indianer hlt am Flusse Wache, sagte Brown - und an jeder Seite nach
dem Walde zu stehen Zwei der Unseren; hier sind wir - Flucht wre fr sie
unmglich.
    So hrt meinen Plan, fuhr Stevenson fort: die Gefangenen, so viel es auch
immer sein mgen, wissen, da sie auf keinen Fall den Wald erreichen knnen, so
lange es hell ist, und haben also ihre ganze Hoffnung auf die einbrechende
Dunkelheit gesetzt. Mit Gewalt knnen wir, wie die Sachen jetzt stehen, nichts
ausrichten, denn ich glaube mit Roberts und Brown, da sie, zum Aeuersten
getrieben, auch das Aeuerste wagen werden. Deshalb mssen wir jetzt zur List
unsere Zuflucht nehmen. Sobald es dunkelt, wollen wir also hier vorn unsere
Lagerfeuer anznden, bei denen sich besonders der Indianer zeigen mu, da sie
ihn vom Hause aus sehen knnen.
    Er wird sich ihren Kugeln nicht zum dritten Mal preisgeben wollen, warf
Cook ein.
    Hat keine Not, erwiderte der Alte - in der Dmmerung ist unsicheres
Schieen, und dann wird es Jenen besonders daran liegen, uns ruhig zu halten -
sie werden gewi nicht den Frieden zuerst brechen. Ihre einzige Hoffnung ist
dann der Flu oder der umgrenzende Wald, da ich nicht wei, ob ein Canoe hier
liegt -
    Nein, es ist keins zu sehen, sagte Wilson.
    Gut, fuhr der Alte fort, dann werden sie um so eher den kleinen Flu
durchschwimmen wollen, um uns von der Fhrte abzubringen. Einzelne Wachen mssen
deshalb (aber so vorsichtig, da Niemand vom Haus aus sie sehen kann) an den
Waldgrenzen versteckt werden, und ich mchte meinen Hals verwetten, da wir sie
erwischen, wenn sie sich mit Dunkelwerden leise zu dem Flurande hinabstehlen.
    Und so viele Stunden noch soll ich mein Kind in den Hnden der Mrder und
Diebe wissen? jammerte Roberts.
    Das geht auf keinen Fall an, warf Husfield ein, es ist kaum elf Uhr, und
- Pest und Gift, ich kann die Zeit nicht erwarten, die betende Canaille hngen
zu sehen!
    Ja, wenn wir so wollen, Mr. Husfield, lachte der Tennesseer, dann geht's
mir gerade so. Mir wird sie auch lang genug werden, aber was drfen wir anders
thun? - Die Halunken frei lassen? Das wollt Ihr selbst nicht, vor den ganzen
Vereinigten Staaten knnten wir das auch nicht verantworten; und die armen
Mdchen ihrer Wuth preisgeben, geht eben so wenig an. - Aber da kommt der
Indianer herbeigeschlichen - seht nur, wie er sich aus dem Bereich ihrer Kugeln
hlt. Gegen den mssen sie eine ganz besondere Malice haben.
    Stevenson hatte recht - schlangenartig glitt Assowaum hinter niederliegenden
Stmmen, Brombeerdickichten und dichten Baumgruppen hinweg, und erst als er nur
noch einen offenen Waldfleck zwischen sich und den Mnnern sah, floh er
flchtigen Laufes ber diesen hinweg und deckte durch den hier versammelten
Menschenknuel seinen Krper. Seine Vorsicht zeigte sich auch keineswegs unntz,
denn kaum hatte er den freien Platz betreten, so bewies eine dritte Kugel, wie
genau jede seiner Bewegungen von dem Haus aus verfolgt war. Triumphirend aber
schwang er diesmal die Bchse und hielt dann den von der zweiten Kugel
getroffenen Arm dem Freunde hin, der augenblicklich sein Tuch vom Nacken ri und
die blutende, jedoch unbedeutende Wunde verband.
    Weshalb hat denn der Methodist eine solch' entsetzliche Wuth auf Dich?
frug ihn jetzt Brown. - Er verschiet kein Stck Blei, wenn er es nicht auf
Deine rothe Haut abschicken kann.
    Er kennt mich! sagte der Indianer, sich stolz emporrichtend, er wei
auch, da er meiner Rache verfallen ist - er erschlug Alapaha!
    Was? Dein Weib? Der Priester? Rowson? Die Indianerin? riefen die Mnner
entsetzt und verwirrt durcheinander.
    Er erschlug Alapaha! wiederholte tonlos der Wilde - sein Blut war es, das
diesen Tomahawk frbte.
    Das ist eine berreife Frucht! rief Husfield. Mir kommt's wie Snde vor,
auch nur noch eine Stunde lnger zu warten.
    Halt, sagte der Indianer, strmt Ihr das Haus, so stirbt der blasse Mann,
er kennt sein Loos; er wird tapfer sein. Aber er gehrt dem befiederten Pfeil
und darf nicht sterben. Er ist mein! Wartet, bis die Sonne in ihr Bett ist.
Assowaum wird Euch fhren!
    So beschftigt ihre Aufmerksamkeit wenigstens jetzt, sagte Brown - die
armen Mdchen mssen ja verzweifeln, wenn sie uns hier drauen wissen und nicht
ein Lebenszeichen von uns vernehmen. Sie werden uns der Feigheit zeihen.
    Allerdings drfen wir den Canaillen nicht zu viel Luft lassen, sagte
Wilson - wer wei, was sie sonst noch aus Uebermuth begehen. Wenn mich nicht
Alles trgt, so ist der Schuft, der Cotton, auch mit dort drinnen, und der ist
zu Allem fhig.
    Auch Atkins' Mulatte ist uns entschlpft, sagte Cook. - Mglich kann's
sein, da der dort ebenfalls eine Zuflucht gefunden hat.
    Rowson redete ja von Sechsen, warf Curtis ein.
    Prahlerei! sagte Stevenson - nichts als Prahlerei - er will uns
einschchtern. - Aber ist denn auch jener Platz wieder besetzt, wo der Indianer
stand?
    Euer Sohn ging nach der Richtung zu, sagte Husfield, der wird schon
aufpassen.
    Gut - dann wollen wir die Belagerten noch einmal zur Uebergabe auffordern
und mit Sturm drohen, da wir sie wenigstens in Schach halten, sagte Brown.
    In was? frug Bahrens erstaunt.
    Da wir ihnen nicht zu viel Zeit zum Nachdenken lassen, lchelte der junge
Mann. Wer will der neue Parlamentair sein?
    Ich habe nichts dagegen, sagte Bahrens, was ich dazu beitragen kann, die
Schufte von der rechten Fhrte abzubringen, soll gewi geschehen. Lieber ging'
ich aber mit Bchse und Messer auf die Canaillen ein - hol' sie der Henker, mich
juckt's ordentlich im Zeigefinger, eine halbe Unze Blei dahinber zu senden.
Wenn man nur nicht frchten mte, eins der Mdchen damit zu treffen.
    Hallo, wer kommt da geritten?
    Es ist Euer Neger, Roberts, sagte Cook, die Frau wird Todesangst zu Hause
ausstehen, denn wie wir vorbeikamen, sah sie leichenbla aus und rief uns nur
zu, ihr Kind zu retten.
    Schickt ihr den Burschen zurck und sagt, die Mdchen wren in Sicherheit,
bat Harper - sie ngstigt sich sonst zu Tode. - Ehe der Junge dort ankommt,
hoff' ich, haben wir das Wort wahr gemacht.
    Natrlich darf ich ihr nicht sagen lassen, wie die Sachen stehen, meinte
kopfschttelnd der alte Mann, sie htte den Tod vor Schreck. Ob sie denn wohl
schon wei, da Rowson -
    Sie rief: Rettet mein Kind aus den Hnden des Predigers, sagte Curtis -
wie sie's erfahren hat, wei ich nicht.
    Er verrieth sich selbst, warf Assowaum ein. Aber die Zeit drngt. Dort
oben streichen die Aasgeier - sie kennen ihre Beute. Wir sind jetzt die
Aasgeier, bis Abend mssen wir die Htte umschwrmen. Der blasse Mann hlt den
Lauf seiner Bchse auf Assowaum gerichtet, wie der Truthahn nach dem Adler
blickt, wenn er ber ihm kreist. Sobald aber der Whip-poor-will zum ersten Mal
schreit, dann verschwimmt das Korn seines Rohres, und er mu nach allen Gegenden
hin achten, ob er nicht den Schlachtschrei der Odjibewas hre.

                                      35.

         List und Gegenlist. - Der Ueberfall - Indianer und Methodist.


Spart Eure Kugeln! sagte Cotton rgerlich, als Rowson auf den
hinwegschleichenden Indianer im Anschlag lag und endlich, als er die schmale
Lichtung bersprang, nach ihm scho - Ihr mchtet sie besser gebrauchen knnen.
Der Indianer ist uns jetzt nicht gefhrlicher, als irgend Einer der Anderen.
Fielen wir der Bande in die Hnde, so mchten sie die Stricke fr uns bereit
haben, ehe die Rothhaut ein Wort dazu sagen knnte.
    Und wr' ich tausend Meilen von hier, knirschte der Priester, so wrde
ich mich nicht sicher glauben, bis ich den rothen Schuft unter der Erde wei. -
Der Anderen lach' ich.
    Er hat seinen Posten verlassen, flsterte Cotton; wre es nicht mglich,
das Canoe schnell flott zu machen und wenigstens an's andere Ufer zu entkommen?
    Seid kein Thor und redet keinen Unsinn, brummte Rowson rgerlich, whrend
er die abgeschossene Bchse wieder lud und dann die Zndpfannen der brigen
untersuchte. Ihr wollt uns wohl durch unberlegtes Handeln den letzten noch
gebliebenen Rettungsweg abschneiden? Wagen wir es, das Canoe vorzuholen, so
lange noch Tageslicht ist, und werden wir, was unbezweifelt geschehen mag,
endeckt, so haben wir unser Fahrzeug eingebt und sind dann rettungslos in ihre
Hnde gegeben. Erreichten wir aber wirklich das andere Ufer, so htten wir die
ganze Bande heulender Schufte aus unserer Fhrte. Bedenkt, da es geregnet hat.
    Wahr! Aber wenn sie uns so umstellen, da wir es auch in der Nacht nicht
erreichen knnen, und uns nachher aushungern -
    Aushungern? hohnlachte Rowson; wer strbe denn da eher, die Mdchen oder
wir?
    Allerdings, sagte Cotton sinnend - das drfen sie schon derentwillen
nicht thun - aber ich wei nicht -
    So will ich's Euch sagen, flsterte Rowson, ihn bei Seite ziehend, da die
beiden Jungfrauen seine Worte nicht vernehmen konnten. Der Platz dort, wo das
Canoe liegt, ist so versteckt und fern von hier, da sie, wenn es dunkel wird,
nicht daran denken werden, einen Posten dorthin zu stellen. Ihren Plan ahne ich.
Sie hoffen auf einen Versuch von unserer Seite, das Fluufer zu erreichen,
sobald es dunkelt, und das mte auch geschehen, wenn wir nicht glcklicher
Weise den unterirdischen Gang htten.
    Und was machen wir nachher mit den Mdchen? Verdammt will ich sein, wenn
ich nicht jetzt eine ganz besondere Lust versprte, sie mitzunehmen. Wenn wir
Nachts auslagern, knnten sie uns unsere Mahlzeiten kochen, und - hol' sie der
Teufel - man ist nachher durch keine groen Heirathsumstnde gebunden.
    Sie mssen mit, flsterte Rowson noch leiser - wr' es auch nur deswegen,
uns gegen die Kugeln der Feinde, vom Ufer aus, gedeckt zu sehen, wenn diese
unsere Flucht ja zu frh erfahren sollten.
    Gut, schmunzelte Cotton, sich die Hnde reibend. - Der Lump - der Wilson
ist auch unter den Regulatoren - es wird mir eine ganz besondere Wonne sein, dem
den Bissen vor den Zhnen fortzureien. Wie aber, wenn sie schreien?
    Dafr sorg' ich schon, erwiderte Rowson leise. Natrlich mssen wir sie
knebeln, doch damit sie jetzt nichts merken, wollen wir uns gar nicht um sie
bekmmern. Ich werde ihnen indessen schon etwas vorlgen, das sie bis Abend
ruhig hlt.
    Habt also indessen ein wachsames Auge auf die Burschen, da sie uns nicht
etwa unvermuthet ber den Hals kommen, fuhr er dann laut fort, und wird es
dunkel, so schlagen wir uns durch, den Wald mssen wir erreichen, und dann sind
wir gerettet. Ihr aber - wandte er sich hierauf an die Mdchen - haltet Euch
bis dahin hbsch ruhig, und wenn wir das Haus verlassen und Ihr uns nachher
schwren wollt, nicht eher um Hlfe zu rufen, bis wir eine volle Stunde fort
sind, dann sollt Ihr Euren Freunden noch heute zurckgegeben werden.
    Wir wollen fr Euer glckliches Entkommen beten, rief Ellen freudig -
haltet aber Euer Versprechen, und oh - nehmt uns diese Fesseln ab. Ich gebe
Euch -
    La das unntze Schwatzen, mein Tubchen, sagte Cotton, durch die
verschiedenen Ausschaulcher indessen den Feind beobachtend - seid froh, da
Ihr Eure Zungen frei behaltet, mit den Armen mt Ihr Euch nun schon einmal bis
zum Abend behelfen.
    Die Stricke schmerzen mich, bat Ellen, Ihr habt sie so fest gebunden, sie
zerschneiden mir das Fleisch -
    Nun, dem lt sich abhelfen, sagte Rowson, indem er zu den Mdchen trat,
die Knoten etwas zu lockern. Und was macht mein Brutchen? fuhr er dann zu
dieser gewendet fort, die verchtlich ihr Antlitz von ihm drehte, so bse, mein
kleines Brutchen? lchelte er, indem er ihr liebkosend die Locken aus der
Stirn streichen wollte.
    Zurck, Verrther! rief das schne Mdchen mit funkelnden, zornblitzenden
Augen - zurck - oder ich rufe nach Hlfe und trotze Deinen Drohungen wie
Deinen Waffen.
    Aber, beste Marion -
    An Euern Posten, Rowson - Gift und Klapperschlangen! rief rgerlich der
Jger - ist's jetzt Zeit zu solchen Possenspielen! Wartet bis - Da drauen
vertheilen sich die Regulatorenhunde wieder, unterbrach er sich schnell. Fast
kommt mir's vor, als ob sie einen Angriff versuchen wollten. Ich hatte verdammte
Lust, dem Brown eins auf den Pelz zu brennen - er ist gerade in Schunhe.
    Marion lehnte sich zitternd an den Bettpfosten, an dem die beiden Mdchen
zusammengefesselt standen.
    Nein - haltet Euer Blei zurck! sagte Rowson, wir drfen sie jetzt nicht
noch mehr aufreizen. Nur wenn sie in zehn Schritt Nhe kommen und verdchtige
Bewegungen machen, dann Feuer! Und in diesem Falle natrlich die Fhrer zuerst
weggeschossen - Brown, Husfield, Wilson und Cook - das sind die gefhrlichsten.
    Und der Indianer?
    Der ist ausgenommen, rief Rowson, wo der ein Stck seines rothen Felles
zeigt, da geb' ich Feuer.
    Dort schleicht der Hund wieder hinter die Bsche, sagte Cotton, durch die
Spalten der Htte zeigend, seht nur, wie er sich am Boden hinschmiegt. Es ist
gar nicht mglich, ein richtiges Visir auf ihn zu bekommen.
    So zeigt jetzt einmal Eure Kunst im Schieen, mit der Ihr immer prahlt,
munterte ihn Rowson auf - schickt dem indianischen Teufel dort ein Stck Blei
durch die Rippen, und ich gebe Euch zweihundert Dollar.
    Donnerwetter, Rowson, sagte der Jger verwundert, ohne jedoch seine Augen
von der nur dann und wann fr Secunden sichtbar werdenden Gestalt Assowaum's zu
verwenden. Ihr mt verdammt reich sein, wenn Ihr zweihundert Dollar -
    Er fuhr mit der Bchse schnell an die Backe, als ob er schieen wollte,
setzte jedoch nach einer Weile wieder ab - zweihundert Dollar fr einen Schu
versprechen knnt; aber versuchen will ich's - kommt er mir vor's Rohr -
    Wieder zuckte der Lauf in die Hhe, aber auch diesmal erreichte der
befiederte Pfeil einen deckenden Schutzort, ehe Jener ihn auf's Korn nehmen
und abdrcken konnte.
    Die Pest ber seinen Schatten, rief der Jger, rgerlich mit dem Fue
stampfend, da will ich doch eben so gern mit der Bchse einem Blitz durch eine
Hagedornhecke folgen, als diesem Indianer. Wie ein Pfeil, von dem der Schuft ja
seinen Namen hat, schiet er ber den Boden hin. Was er nur im Sinne hat? Rowson
- habt Acht auf die Canaille - sie spionirt uns sonst noch das Boot aus, und
dann gute Nacht, Insel.
    Der Indianer hatte brigens keinen bestimmten Zweck im Auge und ahnte nicht,
da in dem dichten, das Ufer begrenzenden und ber den Flu hinhngenden Rohr
ein tchtiges Canoe verborgen lag. Nur die Aufmerksamkeit der Belagerten wollte
er beschftigen, nach Dunkelwerden gedachte er dann die Feinde zu beschleichen,
und mehrere der Regulatoren, unter ihnen Curtis und Cook, hatten fest
versprochen, ihm beizustehen. Fhrten auch die Belagerten ihre Drohung aus,
fielen auch die Mdchen zuerst unter ihren Streichen, was kmmerte das den
Indianer - auch seine Squaw war ermordet; - Niemand hatte ihr beigestanden - der
Mrder lag in jener Htte verborgen, und ehe eine andere Sonne das Dach
derselben beschien, mute er todt oder in seiner Gewalt sein.
    So verging Stunde nach Stunde; das groe Licht hatte den Zenith
berschritten und sank tiefer und tiefer. - Schon frbte sich die Landschaft in
matteren, rtheren Tinten, und feurig glhten die fernen Gebirgsrcken und die
einzelnen Wipfel riesiger Fichten. Raubvgel verlieen die schattigen Aeste, in
denen sie die heie Mittagszeit vertrumt hatten, und strichen, wie der Hai in
spiegelklarer See, durch das grne, wogende Blttermeer nach Beute; hier und da
spielten noch einzelne muntere Eichhrnchen in tollkhnen Stzen von Ast zu Ast
und suchten, als sie vergebens die brigen Spielkameraden herbeigerufen, die
sicheren Hhlen. Kaninchen krochen aus ihren Schlupfwinkeln, hohlen Bumen und
finsteren Erdhhlen, hervor und spitzten ganz erstaunt die langen Lffel, als
sie den Platz von Menschen besetzt fanden, der ihnen bis jetzt, so lange sie
denken konnten, zum ungestrten Tummelplatz gedient, whrend sich hoch oben in
klarer, hellblauer Luft ein kleiner Nachtfalke wiegte und dann und wann in
kurzen, abgebrochenen Tnen den scharfen, diesen Thieren eigenthmlichen Schrei
ausstie.
    Der Abend brach herein und mit ihm die Entwickelung dieses Kampfes, denn bis
jetzt hatten die Belagerer nur fortwhrend, theils durch gedrohte Angriffe,
theils durch pltzliche Bewegungen, bald nach dieser, bald nach jener Seite, die
Aufmerksamkeit der Umstellten in Anspruch genommen.
    Sobald die Sonne unter ist, flsterte Rowson dem Gefhrten zu - will ich
hinabschleichen zu dem Boot und recognosciren. Hoffentlich ist das Canoe flott,
es war es wenigstens gestern Morgen, und der Flu ist nur wenig gefallen. Ihr
haltet unterdessen gute Wacht, und kehr' ich zurck, so schaffen wir erst die
Waffen hinunter und - knebeln dann die Mdchen - das mu unsere letzte Ladung
sein. Zeigen sie sich zu widerspenstig - nun - so habt Ihr gute Knochen - ein
Faustschlag mag sie betuben; schlagt sie mir aber nicht todt.
    Nur keine Angst, lachte Cotton - so ein bischen Ohnmacht kann berhaupt
nichts schaden, wenigstens bis wir erst einmal fnf Meilen hinter uns haben -
nachher -
    Sprecht leiser - das naseweise Ding, Euer Liebchen - spitzt gewaltig die
Ohren. Machen sie zu frh Lrm, so knnte es uns den Spa verderben. Schreien
sie aber nachher beim Knebeln ein bischen, nun so schadet's nichts, dann strmen
die Narren vielleicht, und whrend sie sich die Schdel an der eichenen Thr
zerstoen, sind wir durch den Gang und haben indessen an unserem Ladungsplatz
Luft bekommen.
    Wir mssen dann auf jeden Fall gleich ber den Flu hinber, sagte Cotton
- im Schatten des dichten Schilfes an der andern Seite werden wir unbemerkt
hingleiten knnen - die Dirnen tragen ja glcklicher Weise ebenfalls dunkle
Rcke. Was aber fangen wir spter mit ihnen an?
    Mit den Mdchen? frug Rowson - Unsinn, zerbrecht Euch jetzt den Kopf
nicht darber; im schlimmsten Fall ist Platz genug auf der Insel, oder - unten
im Mississippi. Doch ich will meine Bahn antreten - also habt wohl Acht, Cotton,
noch ist es hell genug und Ihr knnt bemerken, wenn die Regulatoren etwas
Besonderes unternehmen sollten.
    Sorgt nicht um mich und kommt bald wieder. Mir fngt der Boden an unter den
Fen hei zu werden; ich wollte, ich htte erst das Ruder in der Hand. Dort
schleicht der rothe Schuft wieder vom Flusse fort - soll ich schieen?
    Nein - jetzt ist's zu spt, sagte Rowson, whrend er die Dielen aufhob,
die den Gang verbargen - Ihr knnt ihn doch nicht mehr treffen. Zu solcher
Tageszeit schiet sich's mit der Bchse am schlechtesten; aber habt Acht aus ihn
- seht, wo er bleibt; ich bin bald wieder zurck.
    Er verschwand bei diesen Worten in der knstlichen Hhle, und Cotton
wanderte schnellen Schrittes von einer Oeffnung zur andern, um sich keine
Bewegung des Feindes entgehen zu lassen und vielleicht noch in den letzten
Augenblicken berrascht zu werden.
    Marion, flsterte unterdessen Ellen der Freundin zu - Marion - fasse Muth
- ich habe meine Hand befreit - als Rowson sie lockerte, rief ihn die Warnung
jenes Buben fort, ehe er den Knoten wieder so fest wie frher schrzen konnte -
ich bin frei.
    Oh, lse auch meine Bande! flehte die Freundin leise - ich vergehe fast
vor Angst und Schmerz.
    Ruhig - er kommt, flsterte die besonnene Ellen zurck, als sich Cotton
ihnen, ohne jedoch Acht auf sie zu geben, nherte, damit er auch diese Seite
nicht unbewacht liee. Ellen vernderte brigens, um keinen Verdacht zu erregen,
ihre Stellung nicht im Mindesten, warf aber ngstlich die Blicke umher, wo die
nchste Waffe liege, um im Nothfall Messer oder Bchse, oder was es sei,
ergreifen und sich und die Freundin vertheidigen zu knnen.
    Auf einem Stuhl, kaum zwei Schritt von ihr entfernt, lag eine lange Pistole,
und an jeder Wand - die nchste konnte sie fast erreichen, lehnte eine geladene
Bchse, um nach den verschiedenen Richtungen hin augenblicklich in Bereitschaft
zu sein.
    Lse meine Bande, bat stehend Marion - ich mu verzweifeln, wenn Du mich
noch lnger -
    Warte nur noch wenige Secunden, bat Ellen - sieh - sobald Cotton wieder
in jener Ecke ist, darf ich mich bewegen und Dich befreien; dann nimmst Du die
Bchse, die neben Dir steht. Weit Du damit umzugehen?
    Ja, flsterte die Jungfrau - mein Vater lehrte es mich.
    Desto besser - wir schieben nachher die Riegel zurck und vertheidigen den
Eingang, bis uns Hlfe wird -
    Sie werden uns aber berwltigen - Rowson hat uns doch Sicherheit
versprochen, wenn wir still und ruhig sind, sagte Marion.
    Ich traue ihm nicht, erwiderte eben so leise die Freundin. - Ich vernahm
einzelne Worte, die mich Verrath ahnen lassen. - Jetzt - jetzt hab' Acht -
sobald er jene Ecke betritt, kann ich Dir helfen.
    Cotton war mit dem Auge an den offen gelassenen Spalten langsam im Kreise
umhergegangen und nherte sich nun dem Bett, an welchem die Mdchen standen und
dessen Vorhnge sie, wenn er dahintertrat, seinen Blicken entziehen muten.
    Auf diesen Augenblick hatte Ellen gewartet - jetzt verbarg ihn das dichte,
dunkelfarbige Mosquitonetz - schon setzte sie den Fu vor, die Waffe zu
ergreifen - da stieg Rowson's Kopf wieder aus der Hhlung herauf, und den Blick
fest auf die Mdchen geheftet, stand er in der nchsten Minute, ein Bild der
gespanntesten Aufmerksamkeit, in der Mitte der Stube.
    Cotton - hrtet Ihr nichts? frug er leise, als dieser wieder aus der Ecke
vortrat.
    Hren? Wo?
    Mir kam es vor, als ob Jemand irgendwo ein Stck Brett losbrche - es kann
sich doch Niemand an das Haus geschlichen haben?
    Der mte schlau gewesen sein, brummte Cotton - die hohe Fenz steht noch,
und so dunkel ist es doch wahrhaftig nicht, da man einen darber Kletternden
bersehen sollte. Was wrde es aber auch dem, dem es wirklich glcken sollte,
helfen? Unsere Schiescharten sind sehr zweckmig angebracht, und wenn -
    Schon gut, unterbrach ihn Rowson, seitdem es dunkel geworden, wird es mir
ganz unheimlich hier - ich wollte, wir wren auf dem Wasser.
    Ist das Boot in Ordnung?
    Fix und fertig - also jetzt fort - die Regulatoren sind grtentheils da
vorn gelagert, und wenn sie auch wirklich ihre heimlichen Wachen zwischen hier
und dein Flusse haben, wie ich keineswegs bezweifle, so knnen wir doch leise
ber den Fourche la fave hinbergleiten und drben die dunkeln Schatten zu
schleuniger Flucht benutzen.
    Aber die Mdchen -
    Mssen zur Ruhe gebracht werden; jetzt frt in's Boot!
    Und wie schaffen wir unsere Waffen und den Koffer hinab? Wenn wir die
Dirnen zu tragen haben, so -
    Kriecht Ihr voran und nehmt den kleinen Koffer und zwei Bchsen mit - Ihr
knnt nicht fehlen - die Hhle ist schnurgerade, und dicht davor liegt das
Canoe. - Stellt den Koffer so geruschlos als mglich hinein - die Bchsen auch,
und kommt dann schnell zurck. In zehn Minuten mu Alles abgemacht sein.
    Was fr Provisionen nehmen wir mit?
    Die hab' ich eben hineingetragen. Sie standen in der Hhle und liegen jetzt
im Canoe, sagte Rowson.
    Sehr brav! - Haltet indessen gute Wacht - ich bin gleich wieder da.
    Rowson schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Drauen regte sich kein
Lftchen - kein Laut wurde gehrt - Todesschweigen lagerte ber der Landschaft,
und nur um die Lagerfeuer, wohl hundertfnfzig Schritt vom Hause entfernt und
nach den Bergen zu, bewegten sich langsam einige dunkle Gestalten.
    Was zum Henker treiben die Schufte? Brten sie irgendwo Unheil? murmelte
er vor sich hin, whrend er mit verschrnkten Armen an einer der Spalten stehen
blieb und hindurchschaute.
    Er drehte den beiden Mdchen den Rcken zu.
    Ellen trat geruschlos vor und nahm die Pistole vom Stuhl, glitt aber
augenblicklich in ihre frhere Stellung zurck, denn Rowson wandte sich und
schritt an die andere Wand der Wohnung.
    Wo nur Cotton bleibt - hol' ihn der Teufel! fluchte er jetzt rgerlich,
seinen frheren Marsch erneuend, sollte er falsch -
    Er sprang in die Hhle hinunter und lauschte.
    Htte ich nur ein Messer, Deine Bande zu lsen, flsterte Ellen dem
zitternden Mdchen in's Ohr -
    Die Planke, auf der ich stehe, bewegt sich - sagte diese eben so leise und
erschreckt - was ist das?
    Das mssen Freunde sein, rief Ellen mit vor Freude kaum unterdrckter
Stimme.
    Was? frug Rowson, sich wieder aufrichtend, da sein Kopf eben ber dem
Fuboden sichtbar ward.
    Wir beten, sagte Ellen.
    Hol' Euch der Henker, zrnte der Methodist, sich wieder niederbeugend.
    Ich wollte auf ihn schieen, sagte Ellen bebend, aber die Hand zittert
mir so entsetzlich - ich wrde nicht treffen.
    Es mu Jemand unter der Planke hier sein, flsterte Marion - ich fhle es
deutlich -
    So hebe den Fu - das sind Freunde, sagte Ellen - der Flu liegt auf der
andern Seite, und dorthin mu der geheime Gang fhren.
    Allmchtiger Gott - htte ich nur meine Hnde frei! klagte die Jungfrau.
    Die Pest ber den Buben - ich hre und sehe nichts, zrnte Rowson, wieder
herausspringend. Soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht glaube, da der
Bursche falsch spielt. Aber dann gnade ihm Gott - ich mu ihm nach -
    Die Planke hob sich jetzt in die Hhe, und des Indianers finster drohende
Augen blitzten aus der Oeffnung hervor.
    Rowson hatte eine Bchse ergriffen und wollte eben wieder in den Gang
hinabsteigen, da gab das schwere Brett, unter dem sich der befiederte Pfeil
hervordrngte, etwas nach und schurrte bei Seite - der Methodist wandte schnell
den Kopf und begegnete hier, in dem ungewissen Dmmerlicht der Htte, dem Blicke
seines Todfeindes, der die erste Ueberraschung des Priesters benutzen und
schnell aus seiner unbequemen Lage emporspringen wollte.
    So erstarrt und erschreckt nun aber auch der Prediger im ersten Augenblick
der Ueberraschung gewesen war, so sammelte er sich doch immer schnell genug, um
dem noch mit halbem Leibe unter der Planke steckenden Indianer gefhrlich zu
werden. Dieser konnte nmlich weder schnell genug hinauf noch wieder zurck, und
schon war der schwere Kolben gehoben, der ihn wohl sicher genug seinem Weibe
nachgesandt haben wrde, als Ellen mit einem Muthe, der eines Huptlings wrdig
gewesen wre, vorsprang und die Waffe aus den zum Todesschlag ausholenden
Priester abfeuerte.
    Hlle und Teufel! rief dieser und strzte zurck; lngerer Zeit bedurfte
aber auch Assowaum nicht, dem engen Raum, der ihm fast so gefhrlich geworden
wre, zu entsteigen. Wie der Panther seiner Wlder glitt er daraus empor und
sprang im nchsten Augenblick mit wildem Satz nach der Brust des Mrders, der
mit einem Schrei der Angst und Verzweiflung machtlos zusammenbrach.
    In derselben Minute hob sich die Planke noch einmal, und Curtis tauchte
daraus hervor. Zu gleicher Zeit kehrte aber auch Cotton zurck, die Mdchen zu
holen, und die Gefahr des Freundes sehend, eilte er schnell entschlossen zu
seiner Hlfe herbei.
    Ellen war indessen an die Thr gesprungen und hatte die Riegel
zurckgeschoben, whrend der Indianer, khn der neuen Gefahr trotzend, den
Tomahawk aus dem Grtel ri und diesen, ohne die Linke von der Gurgel seines
Opfers zu entfernen, gegen den neu erschienenen Feind schwang.
    Dieser aber berzeugte sich rasch, wie die Sachen standen. Auf der einen
Seite warf sich ihm Curtis entgegen; von der andern strmte Brown mit seinen
Regulatoren durch die nun offene Thr, und Cotton ersah klug genug seinen
Vortheil. Mit Blitzes Schnelle sprang er in den unterirdischen Gang zurck und
floh, von der Dunkelheit begnstigt, dem rettenden Boote zu. Curtis ber, der
den Flchtling mir verschwinden sah, glaubte, er htte sich auf die Erde
geworfen, dem ersten Anprall zu entgehen und dann vielleicht das Freie zu
erreichen. Mit einem Kernfluch auf den Lippen sprang er deshalb gegen ihn an und
strzte im nchsten Augenblick kopfber in das offenstehende Loch.
    Wah! schrie der Indianer, whrend seine Augen vor wilder Feude glnzten -
bin neugierig, wer zuerst wiederkommt.
    Fackeln her! schrie Husfield jetzt zur Thr hinaus, Fackeln her und
umstellt das Haus - einer der Schufte hat sich unter den Dielen versteckt.
    Schnell kamen mehrere der Mnner mit schon bereit gehaltenen Kienspnen
herbei, und Cook, dem Ersten die Leuchte aus der Hand reiend, folgte dem
Freunde. Brown sprang indessen zur Geliebten, und zitternd vor Siegesfreude und
Liebeslust, war er kaum im Stande, mit seinem Jagdmesser die festen Bande des
armen Mdchens zu lsen. Marion aber, betubt von dem raschen Wechsel ihres
Schicksals von Angst, Sorge und tdtlicher Gefahr zu Sicherheit und Glck, sank
bebend und ohnmchtig in die Arme des theuren Mannes.
    Wilson und Ellen bildeten an der Thr eine besondere Gruppe.
    Hier ist ein unterirdischer Gang, schrie Curtis von unten herauf - die
Anderen sind entflohen. - Nach dem Flusse zu, Ihr Mnner - schnell, und schiet
auf Alles, was sich regt.
    Fort strmten die Regulatoren, und gleich darauf krachten fnf bis sechs
schnell aus einander folgende Schsse.
    So haben die Canaillen doch ein Boot gehabt, sagte Husfield - und ich und
der Indianer glaubten wunder wie genau wir gesucht htten.
    Seid Ihr verletzt, Curtis? frug diesen Cook, der hinuntergesprungen war
und ihm im Eingang der Hhle wieder auf die Fe half.
    Ja - nein - ich glaube nicht - Pest und Gift - ich bin Hals ber Kopf in
das verwnschte Loch hineingefahren und kann Gott danken, so davongekommen zu
sein.
    Hallo, sagte Cook, indem er sich den Platz etwas nher betrachtete -
knstlich angelegter Spaziergang hier. Nun, jeder alte Fuchs grbt sich
Nothrhren, um im schlimmsten Fall ausbrechen zu knnen. Das Ding war auch
schlau genug angelegt, ich glaube aber, der Indianer kam ein wenig zu frh.
    Wo ist Rowson? frug Curtis, der sich jetzt wieder genug erholt hatte, um
nach oben klettern zu knnen.
    Hier! antwortete der Indianer, whrend er seine lederne Schnur aus der
Kugeltasche nahm und dem Gefangenen damit die Fe zusammenband - wer hat ein
Tuch?
    Was willst Du mit einem Tuch? frug Cook, der sich ebenfalls wieder
herausgearbeitet hatte.
    Der Methodist ist verwundet, sagte leise der Indianer. -
    Das junge Mdchen dort rettete das Leben des befiederten Pfeils und scho
dem blassen Mann in die Schulter - Inya!1 wie bla er aussieht!
    Der Indianer hat wahrhaftig Mitleiden, sagte Stevenson, der eben in die
Thr getreten war - auch eine neue Eigenschaft, die ich an ihn: kennen lerne.
    Mitleiden? frug der Huptling wild, indem er sich hoch emporrichtete und
zornige Blicke aus den Sprecher warf. - Wer sagt, da Assowaum Mitleiden mit
dem Mrder Alapaha's habe? Aber er darf nicht jetzt - nicht hier - nicht an
dieser Wunde sterben, die ihm die Hand eines Weibes schlug. Die Rache mu mein
sein. Wer hat ein Tuch fr die Schulter des blassen Mannes?
    Hier ist mein Halstuch, sagte Stevenson, dem Indianer das Verlangte
darreichend - aber - wie ist mir denn, fuhr er, sich mit der Fackel ber den
bewutlosen Krper des Predigers beugend, fort, das Gesicht hab' ich schon
irgendwo gesehen - die Zge sind mir bekannt.
    Rowson schlug die Augen auf und blickte scheu zu dem Sprecher empor.
    Himmel und Erde - das ist der Mrder des Viehhndlers! rief jetzt der alte
Farmer, indem er halb erschreckt, halb in wildem Zorn emporsprang. - Beim
ewigen Gott, das ist das Gesicht des Schurken, der ihn meuchlings niederscho.
    Zur Hlle mit Euch! rief der Verwundete und wandte zhneknirschend das
Antlitz zur Seite.
    Wo ist Brown? frugen mehrere Stimmen.
    Hier, sagte dieser leise - kann Niemand etwas Essig schaffen? Mi Roberts
ist ohnmchtig.
    Mein Kind - mein liebes Kind! rief Roberts, in Todesangst neben dem
leblosen Krper des bleichen Mdchens knieend.
    Marion - liebste, beste Marion, flsterte ihr Ellen in's Ohr, die sich,
als die erste Ueberraschung und Aufregung vorber war, errthend den Armen
Wilson's entzogen hatte.
    Hier ist etwas Wasser und Whisky, sagte der junge Stevenson, einen
Blechbecher mit dem ersten und eine Korbflasche, mit dem letzten Getrnk
gefllt, dem Regulatorenfhrer hinberreichend. Brown bewies sich auch gar nicht
ungeschickt und rieb Stirn, Schlfe und Puls der Geliebten mit einem Eifer, der
den dabeistehenden Bahrens in Erstaunen setzte.
    Harper! flsterte er dem Freunde leise zu - ist denn Brown ein Doctor?
    Nein, erwiderte dieser lchelnd - warum?
    Nun, weil er das Reiben so weg hat; mir wren die Arme lange eingeschlafen.
Das geht ja wie mit Dampf!
    Vater! flsterte das Mdchen jetzt, die groen klaren Augen aufschlagend -
Vater! aber ihr Blick begegnete nicht dem des Vaters, obgleich dieser eine
ihrer Hnde fest in den seinigen hielt, sondern dem Geliebten, der ber sie
hingebeugt mit zrtlicher Sorgfalt und seliger Freude in den Zgen das Erwachen
des theuren Wesens beobachtete.
    Vater! hauchte die Jungfrau und schlo die Augen wieder, aber mit so
stillem, zufriedenem Lcheln, da es fast schien, als hielte sie das eben
Gesehene fr einen schnen Traum und frchte, ihn im wirklichen Erwachen zu
verlieren.
    Habt Ihr keinen der Flchtigen mehr einholen knnen? frug Husfield
endlich, der es fr seine Pflicht hielt, die Fhrerpflichten zu bernehmen, wo
Brown's chirurgisches Talent so sehr in Anspruch genommen wurde.
    Nein, erwiderte Hostler - einholen nicht, aber ich glaube fast, da
unsere Kugeln gewirkt haben. Als wir an den Flu kamen, sahen wir den dunkeln
Schatten eines Bootes am gegenberliegenden Ufer hingleiten und feuerten unsere
Bchsen darauf ab. Gleich darauf hrten wir etwas in's Wasser schlagen und
drinnen pltschern; die Dunkelheit war zu gro, mehr erkennen zu knnen. Ich
hoffe brigens zu Gott, da unsere bleiernen Botschaften ihre Pflicht gethan und
wenigstens Einen umgelegt haben.
    Es war nur noch Einer mit diesem da, sagte Ellen schchtern - Cotton ist
sein Name, Ihr kennt ihn wohl Alle.
    Cotton! Die - Pest, rief Wilson - ob ich es mir nicht gedacht habe, da
die Bestie hier zu Bau gekrochen wre. Da der uns entgangen ist!
    Und was soll mit dem Prediger geschehen?
    Morgen ist Regulatorengericht, sagte Brown - und dort mu er verhrt
werden. - Noch vier seiner Mitschuldigen erwarten ihr Urtheil zu derselben Zeit.
- Ihr kennt den Platz. Es wre mir auch lieb, wenn Sie sich ebenfalls dort
einfinden wollten, Mr. Roberts. - Wir brauchen alte und erfahrene Leute zu
solch' ernsten Verhren. - Wer ist noch drauen auf der Wache?
    Nur Wenige, erwiderte Cook - der Kanadienser mit ein paar der Unseren.
Drei oder Vier sind fort, dem Flchtling wo mglich den Weg abzuschneiden. Im
Nest staken blos die Beiden, und weiter wird sich wohl Niemand hier versteckt
gehalten haben.
    Von dem Mulatten hat man also keine Spur entdecken knnen?
    Nein - nichts Erhebliches - der Indianer meinte freilich, heute Morgen -
    Er ist in die Gebirge, sagte Assowaum - ich sah seine Fhrte.
    Nach dem Regen?
    Er mu nach dem Regen wieder am Hause gewesen sein; - der Vogel, dessen
Nest zerstrt ist, umflattert noch eine Zeit lang den Baum. Den Gelben schmerzte
der Verlust seines Bettes.
    Wo ist Wilson? frug Brown, sich nach diesem umsehend.
    Er besorgt wohl die Pferde drauen, sagte Husfield - - es wird auch das
Beste fr die Damen sein, aufzubrechen. Einige von uns mssen aber hier bleiben
und den Platz morgen bei Tageslicht genau untersuchen.
    Husfield - wollt Ihr mir den Gefallen thun? frug Brown zgernd und, wie es
Jenem vorkam, etwas errthend. - Es knnte doch sein, da ich -
    Herzlich gern, unterbrach ihn lachend der Regulator - Ihr drft berhaupt
Eure Kranke nicht verlassen, und da will ich indessen Euren Rckzug decken.
Morgen frh um Elf bin ich am bestimmten Platz. Ihr braucht aber mit dem Verhr
nicht auf mich zu warten - fangt nur immer an.
    Wir nehmen Atkins und Jones zuerst vor, erwiderte Brown - werden auch
wohl frh beginnen mssen. Kommt also dann, so schnell es Euch mglich ist,
nach.
    Ach, da sind die Pferde, rief Harper - nun, Junge - Du Schlingel, hast ja
nicht einen einzigen Gru fr Deinen alten Onkel heut Abend. Der ist Dir wohl
bei den jungen Damen ganz aus dem Gedchtnis; entschwunden, eh?
    Onkel! rief Brown und ergriff des freundlichen alten Mannes Hand - Onkel
- ich bin recht glcklich.
    Wie transportiren wir denn den Gefangenen? frug Curtis jetzt - ein Boot
haben wir nicht.
    Dafr wird der Indianer schon sorgen, sagte Bahrens - der sitzt ja neben
ihm und schaut ihm wie ein verliebtes Mdchen in's Gesicht. Brrrr - mich
schaudert's, wenn ich mir die blutdrstigen Gefhle denke, die bei dem sanften
Blick dem Indianer durch Kopf und Herz zucken. Solche Wilde sind doch
entsetzliches Volk.
    Ich mchte nicht in des Methodisten Haut stecken, murmelte Cook - nicht
fr alle Schtze des Erdballs. Wenn den die Regulatoren frei gben, bi ihm der
Indianer, glaub' ich, die Kehle auf und sffe sein Blut.
    Die Wunde wird ihm nicht erlauben zu reiten, sagte Stevenson, der Rowson's
Arm indessen untersucht hatte - der Knochen ist zerschmettert.
    Glaubt Ihr, da die Wunde gefhrlich ist? frug der Indianer, wie aus einem
Traum erwachend.
    Wenn er reiten mu und Erkltung dazu schlgt, ja, entgegnete Stevenson. -
Die Nacht ist feucht. Ein hinzutretendes Fieber knnte ihn tdten.
    Ich trage ihn, sagte der Indianer.
    Wen? frug Bahrens - den ganzen Prediger?
    Ja, erwiderte Assowaum und schlug seine wollene Decke um den Verwundeten.
    Gentlemen, redete jetzt der alte Roberts die brigen Mnner an - Einige
von Ihnen bleiben, wie ich gehrt habe, heute Nacht hier. Diese erwarte ich
morgen um die Frhstckszeit, die Anderen aber, welche jetzt mit uns aufbrechen,
da der Gefangene doch ebenfalls transportirt werden mu, und mein Haus nicht so
sehr weit aus dem Wege liegt, denn meine Frau wird sich bis diese Zeit
wahrscheinlich schon schn gengstigt haben -
    - So ersuche ich Sie Alle mit einander, fuhr Harper in Roberts' begonnener
Rede fort - heut Abend bei mir einzukehren. Wenn wir auch ein wenig mit Raum
beschrnkt sein werden, so lt sich das Alles schon einrichten - wir sind ja in
Arkansas.
    Bravo! sagte Roberts gutmthig, ganz mir aus der Seele gesprochen. Also,
Gentlemen, da Sie sich so freundlich meiner annehmen - Brown nmlich meiner
Tochter und Harper meiner Rede, so wollen wir denn aufbrechen. Will der Indianer
wirklich den Unglcklichen tragen?
    Assowaum beantwortete diese Frage mit der That. Er hob den schweren Krper
des Priesters, trotz seiner eigenen doppelten Verwundung, mit der Leichtigkeit
eines Federballs empor und schritt, ohne ein Wort weiter zu uern, auf der
schmalen Strae voran. Rowson muhte aber ohnmchtig geworden sein, denn er lag
regungslos in den Armen seines Feindes, und sein bleiches Antlitz ruhte,
schauerlich von den langen, dunkeln, aneinander klebenden Haarbscheln
umflattert, an der Schulter des Rchers.
    Er wird ihn doch nicht ermorden? flsterte Marion ngstlich ihrem Fhrer
zu, auf dessen Arm sie sich bis jetzt gesttzt hatte und der ihr nun in den
Sattel half.
    Nein, Marion, frchten Sie kein weiteres Blutvergieen heute Abend,
erwiderte der junge Mann. Das Gericht der Regulatoren wird aber morgen ber den
Elenden entscheiden, der dreifache schreckliche Blutschuld auf sich geladen hat.
Das Ma seiner Snden ist bervoll.
    Marion schauderte zusammen. Sie gedachte der furchtbaren Gefahr, der sie
kaum entgangen: diesem Ungeheuer zur Beute zu fallen - aber sie sagte kein Wort.
    Und wo ist unsere kleine Heldin, unsere Amazone? frug Bahrens, sich
berall nach Ellen umschauend - Blitz und Hagel, wo steckt sie denn? Zu deren
Ritter erklr' ich mich heut Abend.
    Zu spt, lachte Brown, zu spt, Sir - der Posten ist besetzt - Mr. Wilson
hatte die Gte, diese Pflicht zu bernehmen, da sich niemand Anderes dazu
meldete.
    Zu spt? so? sagte Bahrens - ja, das geht mir manchmal so, und ich knnte
darber eine kstliche Geschichte erzhlen, gefrre mir nicht beim Anblick des
Indianers da vorn das Blut vor lauter Grauen und Gutsetzen in den Adern. Trgt
er nicht sein Opfer so zrtlich und sorgsam, wie eine liebende Mutter ihr Kind
im Arme, und hat er irgend einen andern Gedanken dabei, wie Blut?
    Es ist wahr, sagte der neben ihm reitende Roberts - es hat etwas
Frchterliches, wenn man die berlegene Ruhe des rothen Mannes betrachtet, mit
der er seiner Rache entgegengeht. Ihm wurde aber auch das Liebste genommen, was
er auf der Welt hatte, und wenn er jetzt, wo er, um die Erfllung seines
Schwures, den er damals am Grabe seines Weibes leistete - Ihr waret ja wohl auch
dabei, Bahrens -?
    Ja! sagte dieser, aus tiefen Gedanken auffahrend - ja so - ja. - Apropos,
Roberts, habt Ihr (unter uns gesagt) nicht einen Tropfen Whisky in Eurem Hause?
Ich wei, Eure Frau kann ihn nicht leiden - aber heut Abend, glaub' ich, wrd'
ich krank, wenn ich nicht einen tchtigen Schluck nehmen knnte. Zum Essen hab'
ich den ganzen Appetit verloren.
    Erinnert mich wieder dran, wenn wir nach Hause kommen, sagte Roberts leise
- aber - lat es Marion nicht merken. - Die Frauen stecken immer unter einer
Decke, und wenn sie weiter nichts thten, so - drehten sie mir einmal die
Flasche um und lieen sie auslaufen, und das wre schade. - Es ist chter
Monongahela.
    Wit Ihr, Roberts, wie mir der Methodist da vorn in den Armen seines
Feindes vorkommt? fragte Bahrens nach einer kleinen Pause.
    Nun?
    Die Pawnees haben eine Sage, nach der ein schurkischer spanischer Hndler
mit der Leiche des Weibes, das er unglcklich gemacht, auf ein Pferd gebunden
wurde und nun fr Ewigkeiten, mit dem Elend vor sich, durch die Steppen rast; -
ich glaube nicht, da der Methodist - so lange er noch lebt - etwas anderes
sehen wird, als die auf ihm haftenden Augen des Indianers.
    Kommt, Bahrens, wir wollen voranreiten, meine Frau beruhigen und Quartier
bestellen, sagte Roberts. - Mir wird's auch unheimlich hier zu Muthe.
    Die beiden Mnner galoppirten an dem brigen Zuge vorbei. Als ihre Fackeln
aber das Antlitz des Methodisten und des Indianers fr einen Moment erhellten,
sahen sie, wie Assowaum erst ngstlich zu seinem Opfer niederschaute, sich
jedoch gleich darauf wieder mit triumphirendem Blick aufrichtete und schnell,
wie von keiner Last beschwert, weiter schritt. - Der Methodist lebte noch.

                                    Funoten


1 Ausruf des Erstaunens.


                                      36.

                          Das Gericht der Regulatoren.

Der zu dem jetzigen Gericht der Regulatoren ausersehene Platz lag den Fourche la
fave-Niederlassungen etwas nher als der vorige, und zwar aus einem steilen
Hgel oder Bluff, der mit senkrechter Felswand am sdlichen Ufer des Flusses
emporstieg, und an beiden Seiten, stlich und westlich, von dem niedern Thalland
und dichten Rohrbrchen begrenzt wurde.
    Etwa eine Meile weiter stromab kreuzte jene Strae den Flu, auf welcher
damals die Regulatoren von Rowson's List irregefhrt waren; und die kleine
Htte, in der Alapaha von Mrderhand fiel, lag, wie der Leser wei, kaum eine
halbe Meile in gerader Richtung von dieser entfernt.
    So still und de jener schroffe Bergesgipfel aber auch sonst gewhnlich war,
da aus viele Meilen im Umkreis, wenigstens auf der Seite des Flusses, kein Haus
stand, so lebhaft und bewegt zeigte er sich jetzt. Unter den schlanken Kiefern
und dichtbelaubten Eichen und Hickories lagerten, um fnf verschiedene Feuer
herum, einige zwanzig krftige Jger und Farmer, Prachtexemplare der wirklichen
Hinterwldler, theils mit der Zubereitung ihres Frhstcks, theils mit
Verzehrung desselben beschftigt, und wieder kruselte der blaue Rauch wie vor
Zeiten lustig und wild in die klare Morgenluft hinauf, als noch der Urstamm, die
Arkansas, diese Hhen bewohnte.
    So gewhnlich nun aber auch solche Lager in Arkansas oder berhaupt in den
westlichen Wldern Amerikas sind - so sehr unterschieden sich zwei Gruppen,
nicht allein von dem Aussehen, sondern auch von dem ganzen freien Benehmen der
brigen Mnner. Sie bildeten gewissermaen den Hintergrund dieses Gemldes und
lagerten am weitesten von dem steilen Abhang entfernt, unter zwei einzeln
stehenden Gruppen von Dogwoodbumen, deren weie Blthenzweige sie wie mit einem
Blumendach berschatteten. Wenig aber schienen die Hauptpersonen dieser
freundlichen Umgebung zu achten, und finster brtend starrten sie auf das gelbe,
vorjhrige Laub nieder, in dem sie mit gefesselten Gliedern ausgestreckt lagen.
    Es waren die Gefangenen Atkins, Johnson, Weston und Jones, von zweien der
Backwoodsmen, die neben ihnen auf ihren langen Bchsen lehnten, bewacht.
    Die andere Gruppe bestand nur aus zwei Personen - dem Methodisten und dem
Indianer. - Ueber diesen hin schlngelte sich in reichen, malerischen Windungen
eine rothe Feuerliane mit ihren trichterfrmigen Purpurblthen, zwischen denen
die Weie quellende Knospenpracht der Gewrzbsche und der Dogwoods einen
wunderlieblichen Abstand bildeten. Unter dem Laub- und Blumendach diente ein
sorgsam zusammengetragenes, mit warmen Decken belegtes Bltterlager dem
verwundeten Priester zum behaglichen, weichen Ruheplatz, und daneben kauerte der
Indianer. Aber selten wandte dieser seine Aufmerksamkeit von der vor ihm
ausgestreckten Gestalt ab, und das geschah dann nur, ein neben ihnen knisterndes
Feuer zu unterhalten, um die khle Morgenluft dem leidenden Gefangenen
ertrglicher zu machen. Ein Becher, mit Wasser gefllt, stand neben ihm, den er
manchmal an die brennenden Lippen des im Wundfieber Liegenden brachte und seinen
Durst damit lschte, whrend er sorgsam wieder die verschobenen Decken
zurechtzog, damit kein rauhes Lftchen seine Lage verschlimmern oder sie ihm
auch nur fr Augenblicke unertrglich machen konnte.
    Jetzt schlugen in nicht sehr groer Entfernung mehrere Hunde an, und bald
darauf kamen die am vorigen Abend bei dem Ueberfall betheiligten Regulatoren,
mit Brown, Roberts, Harper und einem Fremden an ihrer Spitze, den Berg herauf
und begrten hier die schon versammelten Mnner. Brown stellte dann den
Regulatoren den Fremden als einen Advocaten aus Pulaski County vor, der,
zufllig in der Nhe, von ihrer heutigen Gerichtssitzung gehrt und dieser, wenn
es ihm verstattet wrde, beizuwohnen wnschte. Hierauf erklrte Brown, da
Husfield erst in etwa einer Stunde eintreffen knne, die Sitzung fr erffnet.
    Vor allen Dingen wurde jetzt eine Jury von zwlf Ansiedlern gewhlt, wobei
den Gefangenen selbst das Recht zugestanden ward, den, den sie in dieser Sache
fr parteiisch hielten, zu verwerfen. Keiner aber machte von dieser Erlaubni
Gebrauch. Sie wuten gut genug, wie klar ihre Schuld sei, und da Husfield nicht
gegenwrtig war, so schien es selbst Johnson gleichgltig, wer von seinen
Feinden Richter oder Zuhrer wre. Nur zwei ihm vertraute, freundliche Gesichter
sah er unter der Menge; die aber hielten sich wohlweislich sehr zurck und
schienen keineswegs geneigt, eine active Rolle in diesem Drama zu spielen. - Es
war Curneales und Junnegan, die zusammen an einem Baum lehnten und sich nur dann
und wann leise flsternd ihre Bemerkungen mittheilten.
    Und wer soll fr die Gefangenen sprechen? frug Brown, als zwei Mnner vom
Petite-Jeanne, Stevenson, Curtis, der Kanadienser und Cook als Klger gegen die
Angeschuldigten aufgetreten waren.
    Mit Ihrer Erlaubnis will ich das bernehmen, sagte da vortretend der
fremde Advokat - mein Name ist Wharton, ich bin Advocat in Little Rock und
glaube nicht, da Sie jenen Unglcklichen einen Frsprecher verweigern werden.
    Einige der Regulatoren wollten hiergegen etwas einwenden, doch Brown nahm
das Wort und erklrte dem Fremden, da sie bereit wren, ihm die Vertheidigung
der Verbrecher zu gestatten. Er solle aber bedenken, da sie hier, unabhngig
von der Macht des Staates, ein freies Lynchgesetz gebildet htten und ihren
Grundstzen dabei, was auch immer die Folgen sein mchten, getreu bleiben
wollten.
    Vertheidigen Sie aber diese Leute! fuhr er dann, Mr. Wharton freundlich
die Hand reichend, fort. Giebt es etwas, das zu ihrem Vortheil spricht - desto
besser. Fern sei es von uns, Unrecht thun zu wollen; aber wehe auch den
Schuldigen. Die Gesetze des Staates waren zu schwach und ohnmchtig, uns zu
beschtzen - hier stehen wir jetzt, die Bewohner dieser herrlichen Wlder, und
schtzen uns selber. - Doch die Zeit vergeht und wir haben einen schweren Tag
vor uns. Wir wollen beginnen.
    Die Anklagen begannen jetzt; zuerst gegen Atkins und Weston als die Hehler,
und gegen Jones als den Stehler oder Zufhrer von geraubten Pferden. Da es aber
an Zeugen fr frher verbte Diebsthle fehlte, beschrnkte man sich hier ganz
allein auf den zuletzt vorgekommenen und entdeckten Fall.
    Das geheime Versteck fr entwendete Pferde war genau untersucht worden und
die Schuld des angeklagten Atkins dabei auer allen Zweifel gesetzt. Hatten sie
doch nicht allein die Pferde des Kanadiensers, sondern auch noch zwei andere,
vor kurzer Zeit einem Ansiedler am Fourche la fave entfhrte Thiere bei ihm
gefunden, so da er sich zuletzt zu seiner Schuld selbst bekennen mute.
    Weston wurde dann vorgefhrt, leugnete aber standhaft Alles, bis einer der
Mnner vom Petite-Jeanne darauf drang, ihn zum Gestndni zu zwingen und so
lange zu peitschen, bis er bekenne.
    Hiergegen protestirte nun freilich Mr. Wharton vollkommen und nannte das
grausam und inquisitionsartig. Es half ihm aber nichts - die Mehrzahl
stimmte fr Dogwood. Der Unglckliche ward denn auch ohne Weiteres an einen
dieser Bume angeschnrt und mit den schwanken Schlingen eines Hickorybusches
gepeitscht, bis ihm das Blut von den Schultern rann und lange schwarze Striemen
ihm ber die Seiten bis auf die Brust liefen, da die Spitzen des elastischen
Holzes sich wie Fischbein herumgelegt hatten.
    Der Schmerz prete ihm endlich das Bekenntni seiner eigenen Schuld aus.
Aber keine Qual der Hlle war im Stande, einen einzigen Namen der Mitschuldigen
ber seine Lippen zu bringen, und ohnmchtig brach er zuletzt unter den
Streichen zusammen.
    Die Regulatoren - aufgeregt durch das Blut und entrstet ber das stckische
Schweigen des Verbrechers, wie sie es nannten, drsteten nach seinem Leben und
riefen wild durcheinander:
    Hngt ihn - an die Eiche mit ihm! - Er hat gestanden, da er Pferde
gestohlen hat, was sollen wir uns lnger mit ihm aufhalten!
    Brown aber schlug sich hier in's Mittel und erklrte, da dies gegen das
ausgemachte Gerichtsverfahren sei. - Es sollten nmlich erst Alle gehrt werden,
und die Jury hatte nachher ber Leben und Tod der Gefangenen zu entscheiden.
    Jones' Schuld lag klar und deutlich vor, und es herrschte darber nur eine
Meinung; selbst Wharton vermochte wenig zu seinen Gunsten zu sagen. Jetzt aber
galt es, das schwerere Verbrechen, den Mord Heathcott's, zu prfen, und als
Anklger gegen Johnson und Rowson traten hierbei Curtis und der Krmer Hartford
auf, nach dem auf Verlangen des Indianers gesandt war.
    Hartford hatte nmlich erst vor wenigen Tagen eine jener Banknoten durch
zweite Hand von Rowson empfangen, die er frher bei Heathcott selbst gesehen.
Sie war von der Louisiana-Staat-Bank und trug noch als besonderes Kennzeichen
den Namen eines frheren Eigenthmers auf der Rckseite.
    Johnson's und Rowson's Fhrten hatte der Indianer spter mit den an seinem
Tomahawk bemerkten Zeichen verglichen und bereinstimmend gefunden.
    Johnson hat ferner noch versucht, den Indianer zu ermorden, sagte Brown,
wir Alle -
    Wozu die schne Zeit mit weiteren Anklagen versumen, unterbrach ihn Einer
aus der Mitte. Der Schuft hat wegen des einen Mordes das Hngen verdient -
sprche ihn aber die Jury wirklich davon frei, was ich sehr bezweifle, so ist's
immer noch Zeit zu dem andern.
    Wharton wollte jetzt auftreten und den Angeschuldigten vertheidigen; ehe er
aber nur seine Rede beginnen konnte, fuhr dieser, trotz den zusammengebundenen
Armen, empor und rief trotzig:
    Schweigt mit Euren Salbadereien. Die Schurken sind einmal entschlossen,
mich zu hngen, und werden es thun - die Pest in ihren Hals; ich will ihnen aber
wenigstens nicht den Gefallen thun, zu zittern und zu kriechen. Ja, Memmen Ihr
-, die Ihr zu zwanzig ber einen einzelnen Mann herfallt; ich habe den Regulator
erschossen, und Gott soll mich verdammen, wenn ich nicht Eurer ganzen Bande mit
Wollust die Kehle durchschneiden knnte.
    Fort mit ihm an die Eiche - fort - hngt die Canaille! schrieen die
Meisten, und Einige sprangen sagar schon auf den Gefesselten zu. Brown warf sich
aber dazwischen und rief:
    Halt! Zur Ordnung, Ihr Mnner von Arkansas. Wir mssen vorher den Prediger
verhren; die Geschworenen sprechen dann das Urtheil.
    Gut denn - Rowson vor - den Methodisten her! schrie die Menge und zog sich
wieder, den Raum in der Mitte frei lassend, zurck.
    Rowson war, als er seinen Namen auf den Lippen der tobenden Menge hrte,
erschrocken und leichenbla emporgefahren. Vergebens bemhte er sich aber
aufzustehen, die Banden hielten ihn nieder, und Assowaum mute diese erst lsen
und dann den durch Blutverlust und Angst Geschwchten auch noch untersttzen,
ehe er im Stande war, sich in die Hhe zu richten. Doch versagten ihm seine
Glieder den Dienst; zitternd und bebend schlugen ihm die Kniee aneinander, und
er wre wieder zu Boden gesunken, htte ihn nicht sein sorgsamer Wchter gefat
und aufrecht gehalten. Erst als er sich einen Augenblick gesammelt, fhrte ihn
Assowaum vor die auf dem grnen Rasen gelagerten Mnner des Geschwornengerichts.
    Jonathan Rowson, redete ihn hier ernst und streng der Regulatorenfhrer
an, Ihr steht vor Euren Richtern. Man hat Euch angeklagt -
    Halt - halt - nicht weiter, sagte mit leisem, flsterndem Ton und wild und
ngstlich umherschleifenden Augen der Priester - nicht weiter. - Ihr sollt mich
nicht anklagen - ich will Alles gestehen - Alles verrathen - als State's
Evidence drft Ihr mich nicht verletzen. Ich werde dadurch selbst - ich gehre
mit zum Gericht - ich will -
    Die Pest ber Deine feige, erbrmliche Seele, schrie Johnson entrstet -
seh Einer, wie die Memme zittert.
    Wenn Ihr die Zhne noch einmal von einander bringt, ohne da Ihr gefragt
werdet, rief Hostler, der hier Sheriffs-Dienste versah, so klopf' ich Euch mit
dem kleinen Stck Hickory hier den Schdel ein - verstanden?
    Johnson schwieg zhneknirschend still.
    Ihr drft mich nicht morden! rief Rowson, dem der klare Angstschwei in
groen Perlen auf Stirn und Schlfen stand - oder - Ihr mt mich wenigstens
vor dem Teufel hier schtzen, der ber meinen Krper wacht, als ob er der Seele
habhaft zu werden hoffe. Ich will Alles gestehen - ich erklre mich hiermit fr
State's Evidence.
    Ein Murmeln der Verachtung durchlief die Reihen der Regulatoren, Brown aber
nahm das Wort und sagte, sich zu dem Unglcklichen wendend, der flehend die
gefesselten Hnde gegen ihn emporhob:
    Zu spt kommt diese Reue, Rowson, selbst das kann Euch nicht retten.
Dreimal des Mordes angeklagt, des schndlichen Verrathes gar nicht zu gedenken,
mit dem Ihr Euch in die Familien dieser friedlichen Gegend schlichet, seid Ihr
dem Gericht verfallen. Habt Ihr noch etwas zu Eurer Vertheidigung zu sagen?
    Da kommt Husfield mit den Uebrigen, rief Cook, von den beiden Entflohenen
bringen sie aber keinen zurck.
    Husfield ritt in diesem Augenblick bis ziemlich dicht an die Gefangenen
hinan, warf ein Bndel, das er vor sich getragen hatte, zur Erde nieder, sprang
aus dem Sattel und berlie das Thier sich selbst.
    Etwas Neues noch, Husfield, was Licht auf die verschiedenen Anklagen werfen
knnte? frug Brown.
    Nichts Erhebliches, erwiderte der Regulator, hier den alten Rock, der mir
brigens verdchtig vorkam, weil er so sorgfltig gewaschen schien und versteckt
lag.
    Wah! sagte der Indianer, der hinzugetreten war und auf die Stelle zeigte,
an der einer der hrnernen Knpfe fehlte - diesen Knopf erfate Alapaha im
Todeskampfe - und hier - hier war die Wunde.
    Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schritt er zu dem laut- und regungslos
dastehenden Priester, nahm sein Scalpirmesser aus dem Grtel und schlitzte den
linken Aermel bis an die Achsel auf, wo die rothe, kaum geheilte Narbe von dem
Tomahawk der Indianerin sichtbar wurde. Ruhig deutete Assowaum darauf hin und
sagte leise:
    Er ist der Mrder!
    Alles schwieg - es war, als ob sich Jeder scheue, die schauerliche Stille zu
unterbrechen, und Rowson's Blicke flogen ngstlich von Antlitz zu Antlitz, nur
ein einziges zu finden, aus dessen Zgen Mitleiden und Erbarmen sprche. - Sie
standen Alle - Alle starr und kalt, und der finstere Ernst, die
zusammengezogenen Brauen verkndeten sein nahes Schicksal.
    Diese Brieftasche, sagte Brown endlich, fand man ebenfalls bei dem
unglcklichen Mann hier, der, wie es scheint, Verbrechen auf Verbrechen hufte,
um seine dunkeln Zwecke zu erreichen. Die Summe, die hierin enthalten ist -
elfhundert Dollar -, entspricht etwa der, die jener am Ufer des Arkansas
erschlagene Viehhndler bei sich getragen haben soll. Mr. Stevenson hat Rowson
als denselben Mann erkannt, den er an jenem Tage, wenige Minuten vor der
verbten That, mit dem Ermordeten gesehen.
    Kennt Ihr dieses Federmesser - Rowson? frug er dann mit leiser Stimme den
bleichen Mrder - kennt Ihr diese Blutspuren daran?
    Rowson wandte sich schaudernd ab und sthnte, auf Johnson deutend:
    Der da gab den Rath - warum mir das Alles - warum jedes Verbrechen auf
meine Schultern?
    Und Ihr gesteht ein, da Ihr schuldig - an dreifachem Morde schuldig seid?
frug ihn Husfield.
    Ja - ja - ich will Alles gestehen - Alles - noch mehr - noch viel
entsetzlichere Sachen - ich will Euch vom Mississippi -
    Ich protestire gegen dieses Verfahren, sagte der fremde Advocat, schnell
vortretend - Sie entlocken diesem Elenden hier das Gestndni seiner Schuld,
whrend er noch immer in der Hoffnung steht, als State's Evidence begnadigt und
auf freien Fu gesetzt zu werden. Sie haben berdies des jungen Weston, oder wie
er heit, Gestndni mit Gewalt, gewissermaen durch die Folter herausgelockt, -
und -
    Sir, unterbrach ihn ruhig Brown - ich habe Ihnen schon im Anfang gesagt,
da Sie hier vor keinem gesetzlich gebildeten und nach bestimmten Regeln
hergestellten Tribunal stehen. Eben das hat uns gezwungen, selbststndig
aufzutreten, da vor dem Gesetz des Staates Kniffe und Rnke der Advocaten stets
die rgsten Verbrecher der Strafe entzogen, weil vielleicht irgend eine
Kleinigkeit in der Anklage versehen, oder ein Zeuge fehlte, oder sonst ein Haken
gefunden werden konnte, mit dem man Den, der im Stande war zu bezahlen,
herausri aus Noth und Strafe. Wir hier sind eine Versammlung von Regulatoren,
und die Gewalt, die wir ausben, ist das Lynchgesetz. Diese Mnner wurden
angeklagt und werden bestraft, wenn schuldig befunden. - Knnen Sie uns
beweisen, oder auch nur hoffen lassen, da Einer von ihnen schuldlos, so sei
Ihnen im Voraus versichert, da er frei und ungehindert von dannen gehen soll. -
Das ist meines Wissens das Einzige, was Sie bei dieser Sache zu thun haben. -
Was beschlieen die Geschworenen ber Atkins? -
    Gebt mich frei, schrie Rowson in Verzweiflung - gebt mich frei - und ich
will Dinge bekennen, die -
    Schweigt - ich rette Euch! flsterte ihm leise der fremde Advocat zu.
    Erstaunt und freudig schaute der Elende zu diesem empor, begegnete aber nur
noch dem behutsam warnenden Blick desselben, der sich eben von ihm ab und den
Geschworenen zuwandte. Diese beriethen in kleiner Entfernung mit einander ber
das Schicksal der Angeklagten.
    Nach kurzer Zeit schon kehrten sie mit dem einstimmigen Ausspruch:

                                  Schuldig!

zurck. Atkins sank, das todtenbleiche Antlitz mit den Hnden bedeckend, in die
Kniee nieder.
    Und Weston? frug Brown.
    Schuldig!
    Und Jones?
    Schuldig!
    Und Johnson?
    Schuldig!
    Und Rowson?
    Schuldig! tnte es nach, im schauerlichen, marker-schtternden Chor.
Weston schluchzte laut, und Johnson knirschte, seinen Richtern giftige Blicke
zuschleudernd, wthend mit den Zhnen.
    Ihr habt es gehrt! sagte Brown nach langer Pause, whrend Rowson, alles
Andere um sich vergessend, nur an jeder Bewegung des Fremden hing. Es war die
letzte Hoffnung, die ihm der gegeben, und in seiner Todesangst hielt er den
Fremden wie einen Heiligen, der mit berirdischen Krften begabt sei.
    Das Gericht der Regulatoren erklrt Euch hiermit fr schuldig und spricht
Euch den Strang fr Eure Vergehen zu! sagte Brown mit fester, tiefer Stimme.
    Fort mit ihnen, schrieen Einzelne aus der Menge - an die nchsten Bume -
fttert die Aasgeier mit den Hunden!
    Halt! rief Brown dazwischen, seine Hand gegen die Herandrngenden
ausstreckend. - Halt! das Gericht verurtheilt sie - aber, Mnner von Arkansas -
wir wollen nicht wie die wilden Thiere gegen unsere Nebenmenschen wthen. -
Nicht alle drfen gleiche Strafe dulden; nicht Alle sind gleich schuldig. Ist
Keiner dabei, den Ihr begnadigen mchtet?
    Atkins' Kind ist heute Nacht gestorben, sagte Wilson, vortretend - seine
Frau liegt schwer krank darnieder - er hat nach Texas auswandern wollen - ich
dchte, wir lieen ihn ziehen.
    Eine augenblickliche Stille herrschte - Atkins blickte mit stieren -
thrnenleeren Augen von Einem zum Andern.
    Ich stimme fr Gnade! sagte Brown.
    Und ich auch, pflichtete ihm Husfield bei - lat uns berhaupt,
Kameraden, unser erstes Gericht nicht als ein zu blutiges beginnen. Ich bitte um
Weston's Leben. Der arme Teufel hat Alles, was er selbst verbrochen, bekannt;
da er die Mitschuldigen nicht verrathen wollte, knnen wir ihm nicht zur Last
legen; ich meinestheils finde es brav. Soll er mit der erhaltenen Zchtigung
hinlnglich bestraft sein?
    Ja! sagten die Mnner nach kurzem Bedenken.
    Aber er mu versprechen, sich zu bessern! rief eine feine Stimme. - Alles
lachte und schaute sich nach dem Sprecher um.
    Gnade! Gnade! flehte jetzt auch Jones, der an dem ganzen Betragen der
Regulatoren wohl sah, wie sehr sie gesonnen seien, ernst durchzugreifen, und
diesen ersten lichten Augenblick zu seinem Vortheil zu benutzen beschlo. Gnade
auch mir - ich habe einmal gefehlt - und gehre ja berdies in ein anderes
County.
    Das mchte Euch wenig helfen, sagte Brown - ich stimme jedoch dafr,
diesen Mann, der allerdings weder den Fourche la fave noch Petite-Jeanne angeht,
den Gerichten von Little Rock zu bergeben; die mgen ber ihn entscheiden. Da
er nicht wieder an den Fourche la fave kommt, davon, glaub' ich, knnen wir
berzeugt sein.
    Fort mit ihm, riefen Einige, gebt ihn dem Sheriff.
    Es wr' schade um den Strick, sagte Curtis; jedoch, Gentlemen, hab' ich
gegen das letzte Urtheil noch etwas einzuwenden. Der Bursche hat uns hier in
unsere Rechte Eingriff gethan, und stecken sie ihn in Little Rock in's
Zuchthaus, und bricht er durch, wie sich das von selbst versteht, so lacht er
uns nachher noch aus.
    Bei meiner Seligkeit nicht! rief Jones ngstlich.
    Die kauf' ich nicht theuer, erwiderte ihm Curtis. - Nein - ich stimme
dafr, da wir ihn erst mit unseren verschiedenen Holzarten, Hickory und
Dogwood, bekannt machen; nachher kann er gehen. Er wird dann wenigstens
freundlich an unser Flchen zurckdenken.
    Curtis hat Recht, sagte Brown - und meiner Ansicht nach ist dieser Jones,
wenn nicht so schlimm wie Rowson, doch einer der abgefeimtesten Schufte, die es
geben kann. Wenn es also die Mnner von Arkansas zufrieden sind, so mag ihm der
Neger dort fnfzig Streiche zuzhlen.
    Gentlemen! bat Jones ngstlich.
    Fnfzig sind eigentlich zu wenig, rief Bowitt, als die Uebrigen
beigestimmt hatten, doch mchten wir dann einen andern Mann als den Neger zum
Strafen whlen; ich traue dem -
    Halt, unterbrach ihn der Kanadienser. Ich will ihm die Schlge geben -
bin ihm so noch etwas schuldig -
    Gnade! Gnade! flehte Jones, der wohl wute, wie dieser Halbwilde seinen
Rcken bearbeiten wrde.
    Die ist Euch geworden, sagte Brown, sich von ihm wendend - nach Verdienst
gebhrte Euch der Strang - fort!
    Und Johnson und Rowson? frug Husfield jetzt, sich langsam im Kreise
umschauend, whrend der Kanadienser den wimmernden Jones zur Seite fhrte.
    Den Tod! schallte es dumpf und eintnig von jeder Lippe.
    Sir - wenn Ihr mich retten wollt, flsterte Rowson, mit Leichenblsse im
Antlitz, dein fremden Manne zu, jetzt ist die hchste Zeit - Ihr kennt die
Regulatoren nicht -
    Schweigt und baut auf mich, sagte ihm eben so leise und vorsichtig der
Advokat.
    Wilson hatte indessen Atkins' Bande zerschnitten und bot ihm sein Pferd zum
nach Hause Reiten an. Dieser nickte auch dankbar mit dem Kopfe, lste den Zgel
desselben von dem Zweige, an dem es befestigt stand, und wollte aufsteigen. Da
besann er sich noch einmal, blieb einige Secunden ber den Sattelknopf des
Thieres gebeugt stehen, kehrte dann zurck und reichte erst Wilson, dann Brown
und dann Husfield schweigend die Hand - drckte sie herzlich - schwang sich in
den Sattel und sprengte mit verhngten Zgeln seiner Wohnung zu.
    Brown sah ihm sinnend nach und sagte dann zu Wilson:
    Bei dem hat's geholfen - es sollte mich nicht wundern, wenn Atkins ein
ehrlicher Mann wrde.
    Rettet mich, sonst ist es zu spt, flsterte Rowson wieder in Todesangst -
Ihr habt es versprochen - Ihr mt mich retten.
    Fhrt die Gefangenen zum Tode! sagte Brown mit leiser, aber volltnender
Stimme.
    Halt! rief der Advocat jetzt dazwischen tretend. Halt! im Namen des
Gesetzes! Diese Verbrecher sind des Todes schuldig - es ist wahr, aber ich
protestire hier ffentlich gegen dieses Gerichtsverfahren, was eben solcher Mord
wre, als jene begangen haben. Ueberliefert sie mir und ich will ihr Anklger
vor den Richtern des Staates werden, aber hier -
    Thut Eure Pflicht, wiederholte Brown ruhig, ohne den Einwurf zu beachten,
hat einer der Gefangenen noch etwas zu sagen?
    Ich will Alles entdecken, schrie Rowson - hrt mich nur - Alles will ich
entdecken, wenn Ihr mir mein Leben sichert. - Bis an meinen Tod will ich im
Gefngni arbeiten - aber das Leben schenkt mir - nur das Leben. Ich habe
frchterliche Sachen zu entdecken.
    Euer Leben ist verwirkt, erwiderte ernst der strenge Richter. - Bereitet
Euch auf Euren Tod vor!
    Zurck! schrie der Elende, als ihn die Regulatoren ergreifen wollten,
zurck mit Euch - ich bin dem Gesetz verfallen - ich -
    Halt! flsterte der Indianer, der bis dahin, wie ein zum Sprung bereiter
Panther, neben der gefesselten Gestalt des Methodistenpriesters gekauert hatte,
sich jetzt aber zu seiner vollen Hhe emporrichtete und seine Hand auf die
Schulter des vor der Berhrung zurckbebenden Verbrechers legte. - Dieser Mann
ist mein, Ihr habt ihn schuldig gesprochen - aber ich bin sein Henker!
    Nein - nein - nein! schrie der Methodist in Todesangst - nein - eher
Alles - fort - fort, Ihr Regulatoren, fort mit mir - hngt mich - hngt mich
hier an diesen Baum! - Nein, nicht hier - weiter fort etwas - hundert Schritt -
eine halbe Meile - aber gebt mich nicht in die Hnde dieses Teufels - Hlfe -
Hlfe!
    Assowaum umschlang, ohne weiter eine Antwort der Regulatoren abzuwarten, die
Arme seines Opfers mit der ledernen Fangschnur und nahm den sich wthend, aber
machtlos Strubenden wie ein Kind in seine Arme.
    Gentlemen - das ist entsetzlich! sagte der Advocat schaudernd - Sie
wollen doch nicht zugeben, da der Wilde den Mann in den Wald schleppe und dort
zu Tode martere?
    Keiner der Regulatoren antwortete eine Silbe - Alle starrten schweigend den
Indianer an, dessen Zge aber, unverndert und ruhig, nicht das Mindeste von dem
verriethen, was in seiner Seele vorging. Selbst Johnson schien fr den
Augenblick die Gefahr seiner eigenen Lage vergessen zu haben.
    Erbarmen! schrie Rowson - ich bin dem Lynchgesetz verfallen - Erbarmen -
rettet mich vor dem Teufel, der mich gefat hat.
    Der Indianer trat mit ihm aus dem Kreis und schritt den schmalen Fupfad,
der in die Niederung und von da an den Flu fhrte, hinab.
    Nein - das darf ich nicht dulden! rief der Fremde und eilte dem Huptling
nach, entschlossen, den Unglcklichen wenigstens aus dieser Gefahr zu retten.
Als aber Assowaum die Schritte hinter sich hrte, wandte er sein Antlitz dem
Advocaten zu und rief drohend:
    Folge mir auf meiner dunkeln Bahn, und Du kehrst nie wieder zu den Deinen
zurck - ich kenne Dich!
    Rettet mich! flehte Rowson - rettet mich - bei Eurer Seele Seligkeit!
    Assowaum wandte sich und war im nchsten Augenblick mit seinem Opfer im
Dickicht verschwunden. Wharton aber blieb wie in den Boden gewurzelt stehen und
starrte trumend und fast bewutlos der langsam fortschreitenden Gestalt des
rothen Kriegers nach.
    Aber auch auf dem Hgel wagte Keiner die feierliche Stille zu unterbrechen.
Jeder verharrte mit tiefgefhltem Entsetzen in seiner Stellung - kaum zu athmen
wagten die Mnner und nur Brown schritt leise und geruschlos an den Rand des
Felsens, der den Flu berragte, und schaute, den Arm um eine junge Eiche
geschlungen, hinab auf das Flubett. Dort aber glitt in seinem Canoe der
Indianer mit langsamen, ruhigen Ruderschlgen dahin, und vorn im Boot lag die
gebundene Gestalt des Methodisten.
    Jones' Wehegeschrei weckte die Mnner zuerst wieder aus ihrer Betubung; der
Kanadienser, der in dem Rachewerk des Huptlings weiter nichts Auerordentliches
gesehen, hatte die ruhige Zeit indessen dazu benutzt, den kleinen schwchlichen
Mann an einen jungen Dogwoodstamm zu binden und lie nun mit dem besten Willen
von der Welt das schwanke Holz auf seinem Rcken herumtanzen. Er kmmerte sich
auch wenig darum, da dieser, sich unter den schmerzhaften Schlgen windend,
schrie und jammerte, er habe schon sechzig - einundsechzig - zweiundsechzig -
dreiundsechzig Schlge bekommen.
    Brown legte sich endlich in's Mittel und befreite den Gezchtigten von
seinem Executor, der keineswegs gesonnen schien, sich an die einmal zugetheilte
Anzahl Streiche zu kehren. Da er doch einmal dabei sei, wie er aufrichtig
genug sagte, wolle er dem Burschen den Appetit fr Pferdefleisch gleich fr
immer benehmen.
    Eine andere Abtheilung hatte indessen Johnson unter den zu seiner
Hinrichtung bestimmten Baum gefhrt. Bowitt ermahnte ihn, noch einmal zu beten.
Als Antwort aber spie ihn der Verurtheilte an und wandte ihm verchtlich den
Rcken. Kein Wort, weder Bitte noch Klage, kam ber seine Lippen; die
Regulatoren aber, durch diesen letzten Beweis von Frechheit emprt, warfen ihm
ohne weitere Umstnde die Schlinge um den Hals, hoben ihn auf ein Pferd - der
Neger mute an dem Baum hinauf und das Seil an einem vorragenden Ast befestigen,
und Curtis nahm dem Pony, das ruhig unter der ihm aufgebrdeten Last stand, den
Zgel ab.
    Johnson's Ellbogen waren ihm auf den Rcken zusammengebunden, und er sa
hoch aufgerichtet im Sattel; das Seil richte gerade hinauf. - Sobald das Pferd
aber nur einen Schriet vorwrts that, das Gras abzupflcken, das im Ueberflu
auf dem Kamm des Hgels wuchs, war es um ihn geschehen.
    Das Pony rhrte und regte sich jedoch nicht und schaute mit seinen groen
dunkeln Augen von einem zum andern der Mnner, als ob es wisse und verstehe, wie
alle Blicke, erwartungsvoll an ihm hingen.
    Was sollen die Faxen? rief Johnson jetzt halb rgerlich - halb ngstlich,
whrend ihm der kalte Angstschwei auf die Stirn trat - nehmt das Pferd fort
und macht ein Ende!
    Es htte nur eines Schenkeldrucks von ihm bedurft, und das Pony wre
vorgesprungen - aber er bewegte kein Glied - das Thier, das ihn trug, eben so
wenig.
    Brown schwang sich in den Sattel und sprengte den Hgel hinunter. - Ihm
folgten die Uebrigen, von denen einige jedoch Wharton im Auge behielten. Jones
war ebenfalls zurckgeblieben, aber der Kanadienser htete den schon, da er das
gesprochene Urtheil nicht vereitelte.
    Das Pferd des Verurtheilten stand noch immer unbeweglich, und Johnson
schaute halb trotzig, halb verzagt nach Jones hinber.
    Kommt, sagte der Halbindianer jetzt zu diesem - was Ihr im Sinne habt,
wei ich wohl - dem Mann sollt Ihr aber den Spa nicht verderben - fort mit
Euch!
    Aber so lat doch -
    Fort mit Euch, sag' ich, oder - wir sind jetzt allein - er schwang bei
diesen Worten einen der noch vorrthig abgeschnittenen Stcke. Im nchsten
Augenblick verlieen die Mnner den Platz, und Johnson sa allein auf dem immer
noch still und regungslos haltenden Thiere - unter seinem Galgen.

                                      37.

                                 Roberts' Haus.


Stille Trauer herrschte indessen, whrend auf dem Felshgel des Fourche la fave
das Lynchgesetz seine Opfer verurtheilte und strafte, in Robert's Hause, wo bis
jetzt Marion's Mutter bleich und besinnungslos auf ihrem Lager gelegen hatte.
Die Regulatorenschaar war mit ihrem Gefangenen aufgebrochen, die Sonne schon
hoch ber die Wipfel der Bume gestiegen, und noch immer hatte Mrs. Roberts kein
Zeichen ihres zurckgekehrten Bewutseins gegeben. Da pltzlich, als schon der
alte Roberts anfing, mit einem sehr ernsten und bedenklichen Antlitz im Zimmer
auf und ab zu gehen, als Marion still weinend am Bett kniete und betete, und
Ellen ebenfalls stumm und traurig an ihrer Seite sa und die kalte Hand der
alten Frau in der ihren hielt, schlug diese pltzlich die Augen auf, schaute wie
erstaunt und verwundert - immer noch nicht recht darber im Klaren, was
eigentlich vorgegangen sei - zu ihrer Marion auf. Diese aber sprang jubelnd auf
und flog mit einem Freudenschrei der zu neuem Leben erwachten Mutter um den
Hals.
    Kind - liebes Kind - sagte diese leise, bist Du mir wiedergegeben? Bist
Du wieder zu uns zurckgekehrt? Hat der - Gott sei mir gndig - mir schwindelt,
wenn ich an jenen Augenblick zurckdenke - hat der bse Feind, der in der
Gestalt jenes Menschen bei uns erschien, keine Gewalt ber Dich gewonnen?
    Nein, Mtterchen - nein, herziges, liebes Mtterchen, rief das
erschtterte Mdchen - oh, nun ist Alles gut, da Du die Augen wieder so hell
und klar geffnet hast. Nun wird Alles gut werden.
    Aber - wie ist mir denn, Kind? Haben wir denn Morgen oder Abend? Mir kommt
es vor, als ob ich eine lange, lange Zeit durchtrumt htte. Wo kommen die Leute
alle her?
    Margareth! sagte jetzt Roberts, der leise und vorsichtig hinzugetreten war
und sich auf dem Stuhl neben dem Bett seines Weibes niederlie - Margareth -
liebe, gute Margareth, wie geht Dir's?
    Roberts hier? und Mr. Bahrens und Harper? und Ellen? - Seid Ihr denn gar
nicht fortgeritten? frug die alte Frau erstaunt und unruhig; hab' ich denn
Alles nur getrumt?
    Du sollst Alles erfahren, Mtterchen, flehte Marion, bittend ihre Hand
streichelnd - aber jetzt, nicht wahr, jetzt hltst Du Dich recht ruhig und
erholst Dich erst wieder!
    Erholen? frug die Mutter, sich von ihrem Lager aufrichtend - erholen? ich
bin stark und krftig - nur der Kopf - der Kopf schwindelt mir noch ein wenig.
Aber erzhlt mir, oh bitte - erzhlt mir, was vorgefallen. Roberts - Bahrens -
Harper - was fehlt den Mnnern? Sie sehen alle so ernst aus.
    Nichts fehlt ihnen, Mrs. Roberts erwiderte ihr Bahrens, indem er vortrat
und ihre Hand schttelte - nicht das Mindeste - jetzt wenigstens nicht mehr.
Nur so lange Sie da kalt und bleich wie eine Leiche lagen, so lange war's uns
hier nicht geheuer im Zimmer, und da mgen wir wohl noch ein wenig alberne
Gesichter schneiden. Harper hier ist berdem selbst halber Patient. Aber heraus
jetzt mit der Sprache; am besten erfahren Sie gleich Alles auf einmal, da es
berdies nichts Schlimmes ist, und nachher wird Ihnen und uns das Herz leicht.
    Marion mute nun erzhlen; von dem ersten Augenblick an, wie Rowson in das
Haus gesprungen und Cotton aus seinem Versteck herabgeklettert sei, wie sie
gebunden gewesen und wie sich Ellen befreit; Assowaum's erstes Erscheinen, der
Freundin Heldenthat und die Rettung durch die - Regulatoren, unter welchem
allgemeinen Namen das holde Mdchen schchtern die Nennung des geliebten Mannes
umging. Dies Alles kndete sie dem aufhorchenden und liebend ihre Hand in die
ihre pressenden Mtterchen, das immer noch das theure Kind in Gefahr zu sehen
glaubte und nicht von ihm lassen wollte, um es nicht auf's Neue zu verlieren.
    Also Dir, gutes Mdchen, danke ich eigentlich allein das Leben meiner
Tochter, wandte sie sich dann aber zu der errthenden Ellen und reichte ihr die
noch freie Hand hinber.
    Mir? ach Gott, nein, entgegnete diese schchtern - mein Verdienst ist gar
gering dabei - die Pistole - ich wei nicht - ich glaube, sie mu von selbst
losgegangen sein; ich habe mich wenigstens immer vor Feuerwaffen gefrchtet.
    Ellen war gewi unser Rettungsengel, unterbrach sie Marion. Der Indianer
wre verloren gewesen, wenn jener Schu nicht fiel und nach ihm - vielleicht der
- Nchstfolgende. Auf jeden Fall aber wrde der Wthende uns selbst seiner Rache
geopfert haben. Ellen ist sicherlich die Heldin jener Nacht.
    Wo aber sind die Uebrigen? Mr. Curtis, Brown und Wilson? frug die Matrone
- sie, die neben dem Indianer ihr Leben so khn und uneigenntzig fr Euch
auf's Spiel setzten, verdienten doch sicher den heiesten Dank.
    Harper hustete bei dem Worte uneigenntzig bedeutend, und Marion's Antlitz
berflog eine Scharlachrthe.
    Die jungen Leute sitzen ber die Buben zu Gericht, sagte Roberts - und
wrest Du nicht so sehr krank gewesen, so htte ich heute ebenfalls dem
Regulatorengericht beigewohnt. Wo solche Schurkereien vorfallen, da mu den
Schuften einmal bewiesen werden, da der alte Geist in uns Hinterwldlern noch
nicht etwa erstorben ist. Nun - sie werden's auch ohne uns, die wir doch nun
einmal hier, wo wir vollauf zu thun haben -
    Aber sagtet Ihr nicht, frug Mrs. Roberts schaudernd, - da jener Rowson -
jener - Rowson -
    La das jetzt sein, Alte, unterbrach sie schmeichelnd Roberts - wenn Du
wieder recht wohl und krftig bist, dann wollen wir ber die Vorflle genauer
sprechen, bis dahin hren wir auch das Resultat des Regulatorengerichts. Aber
nun, Mdchen, schafft einmal an, was Kche und Rauchhaus zu bieten vermgen. Wir
feiern heute ein Fest, ein Fest der Erlsung, und zwar ein doppeltes, in
geistiger und leiblicher Hinsicht, denn in leiblicher sind uns diese
verwnschten Pferdediebe, vor denen kein Huf im Stalle mehr sicher war -
Hostlern haben sie neulich versucht, seinen Hengst mitten aus dem Hofraum zu
stehlen, und seine Fenz ist ber elf Fu hoch. Uebrigens hat er keine Reiter1
dran, und ich habe es ihm -
    Und in geistiger knnen wir unserem Herrgott fast noch mehr danken -
unterbrach ihn Bahrens, als er fand, da Roberts wieder mit verhngten Zgeln
nach New-York sprengte - jetzt wird das Predigen doch einmal ein wenig
nachlassen.
    Aber, Mr. Bahrens, sagte in vorwurfsvollem Ton die Matrone - wollen Sie
die Schuld aus eine so heilige Sache werfen?
    Nein, sicherlich nicht, erwiderte dieser, um Alles zu vermeiden, die noch
nicht ganz Genesene zu krnken - sicherlich nicht - aber das Gute hat es, da
wir knftig in der Wahl der Prediger sehr vorsichtig sein werden, und auch mit
Recht. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.
    Hallo da! rief Harper dazwischen - hier ist verboten worden, die Sache
weiter zu berhren, bis wir erst einmal eine ordentliche Mahlzeit im Magen
haben, und das sind' ich nicht mehr wie recht und billig. Seit gestern Abend
sitzen wir hier neben dem Bett und hungern; das mag ein Anderer aushalten.
    Gleich sollen Sie befriedigt werden, bester Herr Harper, sagte Marion, ihm
lchelnd das Hndchen hinberreichend - Sie drfen schon nicht bse sein -
Mutter -
    Bst - bst - keine Entschuldigungen, lachte der kleine Mann - ich wei
Alles - habe den Hunger bis jetzt selbst nicht gesprt. Aber nun kommt's, darum
meld' ich's auch gleich, eh' es zu spt oder spter wird; von Mittag kann's so
nicht weit mehr sein.
    Wie wr's, wenn wir jetzt noch nach der Versammlung hinberritten? frug
Bahrens - ich htte gewaltige Lust, daran Theil zu nehmen.
    Wir kmen doch zu spt, erwiderte Roberts; der Platz ist ziemlich weit,
deshalb warten wir's besser ab. Brown und Wilson haben mir Beide versprochen,
heut Abend noch hinber zu kommen und das Resultat zu melden. Es ist sehr
gefllig von ihnen.
    Sehr! sagte Harper und warf einen Seitenblick nach Marion hinber. Diese
aber schien, mit der Mutter beschftigt, die Bemerkung ganz berhrt zu haben,
whrend Ellen sich ebenfalls herumwandte. Mit auerordentlich lobenswerthem
Eifer blies sie die fast verglommenen Kohlen im Kamin zur hellen Flamme an und
legte Holz nach, um die versptete Mahlzeit fr die Mutter zu kochen.
    Der Abend rckte indessen heran; Mrs. Roberts hatte sich wieder vollkommen
erholt, und da das Wetter mild und warm war, so saen Alle unter den blhenden
Dogwoodbumen im kleinen Grtchen. Der Platz war aber besonders freundlich, denn
nicht allein standen hier viele Schattenbmne, sondern Marion's sorgsame Hnde
hatten hier auch manche wilde Waldblumen heimisch gemacht, die mit ihrem
Farbenschmelz das Auge erfreuten.
    Wie oft sie aber auch das Gesprch auf fernliegendere, gleichgltigere
Gegenstnde bringen mochten, immer flogen wieder die Augen hinber nach der
Gegend, aus der sie die Freunde erwarteten, und immer wieder war das
wahrscheinliche Resultat jener ernsten Verhandlungen die Axe, um die sich ihre
Vermuthungen und Bemerkungen drehten.
    Sie werden ihn Wohl nicht so hart bestrafen, sagte Mrs. Roberts endlich
nach kleiner Pause, in der sie nachdenkend vor sich niedergestarrt hatte - wenn
die Wunde so bs war, ist ja das schon Zchtigung genug -
    Fr solche Verbrechen? frug ernst und mahnend ihr Gatte. Schaudernd barg
die Matrone ihr Antlitz in den Hnden.
    Der Indianer hatte Mitleiden mit ihm, flsterte schchtern Marion - er
pflegte ihn mit einer Sorgfalt, deren ich ihn nicht fr fhig gehalten htte -
    Der Indianer? frug, staunend zu der Tochter aufschauend, die alte Frau -
der Indianer pflegte den - Mrder seines Weibes? wiederholte sie dann immer
noch unglubig und verwundert.
    Ja - wie wir das Vieh pflegen, das wir schlachten wollen, sagte Bahrens
mit einem leisen Schauder; mir ist der Indianer noch nie so entsetzlich
vorgekommen, als in seiner zrtlichen Sorgfalt - ich kann sein Bild gar nicht
los werden.
    Und Du - armes - armes Kind, wandte sich die Mutter jetzt liebevoll zu der
neben ihr sitzenden Jungfrau; wer wird Dir je fr jene frchterliche Tuschung
Ersatz geben knnen?
    Brown! wahrhaftig - dort kommt er angesprengt, rief der alte Roberts,
whrend Marion erst erschreckt zu ihm aufschaute und jetzt zitternd und
errthend ihr Antlitz an der Brust der Mutter barg.
    Und dort ist auch Wilson, rief Harper - nun, jetzt werden wir erfahren,
wie Alles abgelaufen ist.
    Sie sehen ernst und feierlich aus, sagte Bahrens.
    Ein ernstes und feierliches Geschft war es auch, das sie beendet,
erwiderte Roberts; aber ein schnes und herrliches Recht haben sie zugleich
dabei ausgebt, das Recht des Selbstschutzes - der Selbstvertheidigung, und das
wollen wir uns in Arkansas bewahren, so lange wir noch Mark in den Knochen und
Blut in den Adern haben.
    In diesem Augenblick sprengten die beiden Mnner heran, warfen sich von den
Pferden, bersprangen die Fenz und begrten mit herzlichem Wort und Hndedruck
die Freunde.

                                    Funoten


1 Eine Benennung der obersten, durch besondere Sttzen hoch gestellten
Fenzstangen.


                                      38.

                      Die Rache des befiederten Pfeiles.

Leise und geruschlos glitt unter dem berhngenden, schwankenden Rohr, unter
den wehenden, schaukelnden Weiden, die sich weit hineinbeugten in das grne Bett
des frhlich pltschernden Stromes, ein kleines, schmales Canoe, von sicherer
Hand gefhrt, dahin. Kein Laut wurde gehrt, als sich nach jedesmaligem Schlage
das Ruder blitzesschnell aus dem Wasser hob; kein Laut wurde gehrt, wenn es
eben so rasch wieder eintauchte in die Fluth. Der Hirsch, der zum Wasser
heruntergekommen war, trank ruhig weiter; kaum fnfzig Schritt von ihm glitt der
dunkle Schatten vorber, still und geisterhaft - er sah ihn nicht, und erst als
er schon in weiter Ferne, mit Rohr und Busch, unter dem er hinscho, verschwamm,
stutzte das scheue Wild, warf den schnen Kopf in die Hhe, schnaubte, stampfte
das kiesige Ufer, auf dem es stand, mit dem Vorderlauf und trabte dann langsam
und stolz in sein kaum verlassenes Dickicht zurck. Die verrtherische Luft
hatte den Hauch seines Feindes zu ihm herbergetragen.
    Leise und geruschlos glitt das Canoe dahin, und nur die wirbelnden
Luftblasen, die sprudelnd und kochend, von dem krftigen Ruderschlag gelockt, an
die Oberflche kamen, kndeten die Bahn, die es genommen, wie sie in kleinen,
einzelnen Strudeln schnell entstanden und von der Strmung, die sie erzeugt,
wieder aufgelst und vernichtet wurden.
    Der Indianer steuerte das Canoe, und im Vordertheil desselben lag, gebunden
und ohnmchtig vor Angst und Erschpfung, der Methodist.
    Jetzt richtete sich der Schnabel des kleinen schlanken Fahrzeugs ber den
Flu hinber; wenige Minuten darauf trieb er vorn auf die glatten Kieselsteine
der seichten Uferbank und hielt. Rowson schlug die Augen auf und sah umher, aber
schaudernd erkannte er die Stelle, wo er in jener Nacht das Weib des Mannes
ermordet hatte, dessen Gefangener er jetzt war, und vor dessen Rache ihn keine
Macht der Erde mehr schtzen konnte.
    Das Boot landete und Assowaum sprang an das Ufer, schlang die Weinrebe, die
ihm zum Ankertau diente, um eine dort stehende kleine Birke, trat dann zurck
neben sein Fahrzeug und hob leise und vorsichtig seinen Gefangenen heraus.
    Was willst Du thun, Assowaum? flehte dieser mit heiserer, zitternder
Stimme. - Keine Antwort ward ihm. - Rede nur, um aller Heiligen willen, rede!
rief der meineidige Priester in Verzweiflung - sprich, und la mich das
Schrecklichste wissen. Schweigend trug ihn sein Henker das Ufer hinauf und in
die Htte, den Schauplatz seines Verbrechens, hinein.
    Entsetzt wandte Rowson sein Antlitz von der nur zu wohl bekannten Sttte und
schlo die Augen. Ruhig aber legte ihn Assowaum in der Mitte der Htte, dicht
neben einem der kleinen dort emporgewucherten Hickory-Schlinge nieder, und
kein Laut unterbrach dann weiter das grabeshnliche Schweigen des Platzes, als
das schwere Athmen des Unglcklichen selbst. Es war dieselbe Stelle, auf der
Alapaha's Leiche gelegen hatte. Da ertrug der Methodist nicht lnger die
peinigende Ungewiheit seiner Lage; er blickte empor und sah dicht neben sich
den Indianer, niedergekauert wie zum Sprung, und die kleinste seiner Bewegungen
aufmerksam und sorgfltig bewachend, sonst aber unthtig und, wie es schien,
ganz in dem Anschauen seines Opfers verloren. Ein triumphirendes Lcheln
durchzuckte jedoch seine dunkeln Zge, als er den Ausdruck der Angst und des
Entsetzens in dem Antlitz seines Opfers gewahrte, und leise hob er sich jetzt
empor, nahm von seinem Grtel das lederne Fangseil und fesselte die schon
berdies gebundene Gestalt des Gefangenen sorgsam und unlsbar an den jungen,
zhen Stamm, neben dem sein Krper lag.
    Vergebens bot ihm der Unglckliche Schtze und Reichthmer; vergebens
erzhlte er ihm von Gold, das er vergraben, und das er Alles ihm, dem Feinde,
geben wolle, wenn er ihn frei liee, oder wenigstens seiner Qual mit einem
Streich des Tomahawks ein Ende mache. Schweigend, als ob er die Worte nicht
verstnde, die Jener in leidenschaftlicher Rede in sein Ohr hauchte, vollendete
der befiederte Pfeil das Werk der Rache, und machtlos, Hnde und Fe
gebunden, durch den jungen Baum aber an den Boden gefesselt, verlie ihn der
Indianer auf wenige Augenblicke und kehrte dann mit etwas trockenem Laub und
drrem Reisigholz zurck.
    Jetzt durchscho zum erstenmal eine dunkle Ahnung das Hirn des
Unglcklichen. - Er kannte die Sitte der wilden westlichen Stmme, kannte ihre
erbarmungslose Grausamkeit, und in wildem, gellendem Schmerz und Angstschrei
machte sich seine Brust Luft, whrend er umsonst gegen seine Banden anwthete.
Der Indianer wehrte ihm nicht - ein Knebel wrde jedem weiteren Schmerzensruf
ein Ende gemacht haben, aber nein, jener Ton war Musik fr sein Ohr, und
lchelnd bog er sich nieder und blies mit seinem Hauch das qualmende Laub zur
Flamme an. Das geschehen, trug er eine Menge schnell gespaltene Kienspne
herbei, und bald loderte im feurigen Kreise, rings an den Wnden der Htte
entzndet, ein Flammenstreifen empor und leckte zngelnd und gierig an den
trockenen Stmmen.
    Lauter und drhnender scholl der gellende Hlferuf durch den stillen Wald,
aber sorgsamer nur nhrte der Indianer die Flamme, da sie auf keiner Seite
verlschte und bald wie mit einem Feuermeer in weitem Zirkel das Opfer umgab.
    Jetzt erst, als die Hitze unertrglich wurde und ihm selbst an mehreren
Stellen die Haut in Blasen zog, verlie er das glutherfllte Gemach und begann
drauen mit geschwungenem Tomahawk und in lauten, jubelnden Tnen seinen Sieges-
und Triumphgesang.
    Schauerlich gellte dazu das Wehgeheul des Priesters - schauerlich knisterten
und sprhten dazu die qualmenden, flackernden Stmme, deren Rauch sich
schwerfllig in das grne Laubdach hinaufdrngte und sich dort Bahn brach, in
die klare, helle Frhlingsluft hinein. Dort aber blieb er liegen; wie ein
dsterer, unheimlicher Schleier lagerte sich der gelblich-graue Qualm auf dem
Blttermeer, dem er kaum entstiegen.
    Wilder und entsetzlicher wurden die Hlferufe des Gepeinigten, und lauter
und jubelnder schallte dazu der Festgesang der Odjibewas, da ein Wolf, der
unfern von dort sein still verstecktes Lager gehabt, scheu emporsprang und
entfloh, ein ruhigeres, heimlicheres Bett zu suchen.
    Da krachte endlich das Sparrwerk des morschen Daches - hochauf spritzten und
sprhten die Funken - - ein wilder Schmerzensschrei brach noch aus der
emporzngelnden Gluth - schwarzer Qualm wlzte sich rollend daraus hervor, und -
Alles war vorber.
    Blutroth sank hinter dem fernen Bergrcken die Sonne hinab; aber neben der
Brandsttte stand mit geschwungener Waffe der rothe Krieger und sang in
einfrmiger, wilder Weise sein Rache- und Siegeslied:

Alapaha!
Aus dem Grabe, aus dem finstern
Grabe steige,
Eile, eile wie in frhern Zeiten
Zu mir, Liebchen,
Denn Dein Blut, es ist geshnet;
In der Flamme
Zuckt und stirbt Dein Mrder - Alapaha!

Unten - unten,
Fest am Buden lag ich lauschend
Hier im Thale,
Und ich hrte Deine Stimm' im Grabe
Unten - unten,
Deine leisen, leisen Klagen,
Und sie riefen
Mahnend mich zur Rache. - Sieh, ich folgte.

Aus den Gluthen
Schrill und laut ertnt sein Wehschrei,
Alapaha,
Heulend reit er an den Banden,
Doch vergebens,
Schwach und schwcher wird sein machtlos Toben,
Und geshnt ist
Endlich meine Rache! - endlich! endlich!

                                      39.

                                    Schlu.


Also ernstlich gut seid Ihr dem Mdchen die ganze Zeit ber gewesen, Brown, und
habt mir nicht ein einziges Wort davon gesagt? frug diesen der alte Roberts,
whrend er die Hand des jungen Mannes fest in der seinigen hielt.
    Brown drckte sie schweigend; dann erwiderte er herzlich:
    Was htt' es geholfen, Sir? Ich war zu spt gekommen und durfte mich nicht
beklagen.
    Und jener Schurke htte Euch beinahe -
    Er ist bestraft, fiel ihm Brown in die Rede. Nun aber sagt auch Ihr mir
gerad' und frei heraus, wollt Ihr mir das Glck Eurer Tochter anvertrauen?
    Ja - Blitz und Hagel, lachte der Alte ganz erstaunt - Ihr fragt mich da,
als ob ich berhaupt bei der ganzen Verhandlung ein Wort zu sagen htte. Bin ich
denn bei Rowson -
    Roberts, unterbrach ihn bittend die Mutter.
    Aber das Mdchen, rief dieser kopfschttelnd - das ist doch hierbei immer
die Hauptperson.
    Vater, bat Marion, die bis jetzt ihr Kpfchen am Herzen der Mutter
geborgen hatte und nun liebend den Hals des alten Mannes umschlang.
    Ah! sagte dieser, halb lachend, halb verwundert - so stehen die Sachen?
Ja, wenn das Wild gleich aufbumt, hat der Jger leichte Jagd. Uebrigens - rief
er, nach Brown mit dem Finger hinberdrohend, whrend er die Stirn seines
lieblichen Kindes kte - scheint mir der Herr nicht erst seit heute auf der
Fhrte zu sein.
    Und die Mutter? frug Brown, dieser das holde Mdchen entgegenfhrend.
    Nehmt sie hin, Sir, sagte die alte Frau zitternd - sie scheint Euch gut
zu sein, und ich - ich habe mir leider das Recht vergeben, fr sie eine Wahl zu
treffen.
    Mutter, bat Marion, rede nicht so; Du glaubtest ja doch nur fr mein
Glck zu sorgen.
    Ja, das glaubte ich, Kind; der Allmchtige ist mein Zeuge. Das glaubte ich
mit fester, inniger Ueberzeugung; aber der Herr allein kennt die Herzen der
Menschen; wir armen Sterblichen sind schwach und blind.
    Dank - Dank - herzlichen Dank, Ihr Guten, rief Brown, indem er die holde
Jungfrau an sein Herz schlo. Sie sollen hoffentlich nie bereuen, mir Ihr
einziges Kind anvertraut zu haben.
    Und mich fragt der Junge gar nicht, sagte jetzt Harper, der mit nassen
Augen vortrat und den Neffen fest an's Herz drckte - Mordschlingel - thut gar
nicht, als ob er einen Onkel htte.
    Ihre Gte kenn' ich, lieber Onkel, rief, ihn freudig umarmend, der junge
Mann, und auch fr Sie soll hoffentlich jetzt ein freudigeres, frhlicheres
Leben erblhen.
    Ha, sagte Harper, indem er sich mit dem Rockrmel schnell ber die Augen
fuhr, den Neffen loslie und die knftige Nichte beim Kopfe nahm: es thut auch
noth, da das Leben einmal aufhrt. Lange htt' ich's brigens so nicht mehr
ausgehalten; hier Bahrens und ich, wir wollten schon im nchsten Monat eine
Wanderschaft antreten.
    Wohin? frug Madame Roberts erstaunt.
    Wohin? sagte Harper - nirgends hin, hier bleiben, aber heirathen. Jetzt
feixt der Junge wieder, als ob ich zu alt zum Heirathen wre. Hre, Bursche -
    Dort kommen Reiter! rief Bahrens, nach der Flugegend zeigend, und gleich
darauf sprengten auch Stevenson, Hook und Curtis auf den freien, die Farm
umgebenden Platz.
    Stevenson begrte die Frauen, die er als alte Freunde und Nachbarn kannte,
herzlich, schttelte aber lachend mit dem Kopf, als ihm Mrs. Roberts Vorwrfe
machte, seine Frau und Tchter nicht einmal zu ihr gefhrt zu haben. Sie habe
die, wie sie meinte, in so langer Zeit nicht gesehen und htte sie so gern
einmal wieder gesprochen.
    Wir knnen morgen hinaufreiten, sagte Roberts.
    Ist nicht nthig! rief dagegen Stevenson, Ihr werdet uns schon noch Alle
satt und mde werden.
    Wie so? Ihr bleibt hier? frug Roberts schnell.
    Ich habe Atkins' Farm gekauft, sagte der alte Tennesseer. Die Gegend hier
gefllt mir - der arme Teufel wollte fort, und - da bin ich handelseinig mit ihm
geworden.
    Ihr knnt ja aber den Platz noch nicht einmal besehen gaben, denn an jenem
Abend -
    Ist auch nicht nthig, lachte Stevenson. Sagt er mir nicht zu, nun so
luft mir Crawford County immer nicht fort. Ost er aber so, wie ihn Mr. Curtis
und Cook hier schildern, dann brauch' ich nicht weiter zu ziehen. Die Nachbarn
gefallen mir ebenfalls, und da unter dem Pack der Pferdediebe ein wenig
aufgerumt ist, so fange ich an einzusehen, da der Fourche la fave gar nicht so
schlimm sei, als ihn die Leute machen.
    Brav, Stevenson, brav! rief Roberts, ihm voller Freude beide Hnde
schttelnd. Heute ist ein Glckstag. Mord - ja so - der Teu - oh - Fchse und
Wlfe - hre. Alte, heut mut Du mir einmal einen Fluch zu Gute halten, es kommt
sonst nicht so herzlich heraus, wie ich's meine. Aber verdammt will ich sein,
wenn ich die Zeit wei, wo ich so vergngt gewesen bin. Kinder - wo ist denn
Ellen? das brave Mdchen darf nicht fehlen -
    Im Hause, sagte Brown.
    Allein im Hause? ei, weshalb kommt sie denn nicht zu uns? Die gehrt von
jetzt an mit zur Familie.
    Da sie nicht allein ist, erwiderte ihm lchelnd Brown, dafr hat, glaub'
ich, Mr. Wilson Sorge getragen.
    Pu - uh! sagte Roberts - dort sitzt der Truthahn? Nun so kommt Kinder, da
sie nichts von uns wissen will, mssen wir sie aufsuchen. Ihr seid aber Alle
meine Gste, und Stevenson, alle Wetter, wo ist denn Euer Junge?
    Den hab' ich den Frauen geschickt, um sie zu beruhigen, sagte der Alte.
    Recht so; also Stevenson mu seine Familie morgen ebenfalls herunterholen;
wir schlagen hier ein Lager aus, und in nchster Woche - oder sobald es den
jungen Leuten gefllig ist - denn die haben doch wohl dabei die Hauptstimme -
oder nehmen sie sich wenigstens, was, wenn man es bei Tage -
    Betrachtet, vollkommen recht ist, unterbrach ihn lachend Harper - halten
wir also Hochzeit, und nachher fuhr er mit einem komischen Seitenblick auf
Brown fort, lt ein gewisser junger Mann seinen alten Onkel hier allein auf
dem Trocknen sitzen, besteigt einen zu diesem Zweck besonders angeschafften
Fuchs und reitet nach -
    Little Rock - Onkelchen, fiel Brown, ihm die Hand hinber reichend, ein -
um dort das Land zu kaufen, auf dem er von nun an am Fourche la fave mit eben
diesem alten Onkel und seinem jungen Weibchen leben will.
    Und wird Euch Regulatoren der Gouverneur nicht zrnen, da Ihr seine
Gesetze gebrochen? frug Marion schchtern den Geliebten, indem sie sich fester
und inniger an seine Brust schmiegte.
    Mag er, sagte lchelnd der junge Mann, die Stirn der holden Jungfrau mit
leisem Kusse berhrend. Wir haben unsere Rechte vertheidigt und die Brut
vernichtet, die giftgeschwollen diese herrlichen Wlder durchkroch. Seine
Machtlosigkeit gerade war es, die jene Verbrecher glauben machte, da sie, wenn
auch nicht unentdeckt, doch ungestraft Unthat nach Unthat begehen knnten. Unser
Regulatorenbund hat ihnen aber die Gewalt gezeigt, die der einfache Farmer im
Stande ist auszuben, sobald es die Noth und seine eigene Sicherheit erheischt.
Die Gefahr ist vorber, und gern vertauschen wir wieder das Richtschwert mit dem
freundlicheren Ackergerth des Landmanns.

    Das Uebrige ist bald erzhlt:
    Was Wilson und Ellen betraf, so hatte diesmal der alte Roberts, nach einem
arkansischen Sprchwort, keineswegs unter dem falschen Baum gebellt. Noch in
derselben Woche legte der nicht fern wohnende Friedensrichter die Hnde beider
Paare in einander, und whrend Brown nach Little Rock ritt, den Kauf seines
Landes zu besorgen, schrieb Wilson an seine alte Mutter in Memphis, um diese zu
sich einzuladen, damit sie an seinem Herde ihre letzten Tage in Ruhe und Frieden
verleben knne.
    Atkins verlie schon am nchsten Morgen den Fourche la fave, lagerte jedoch
noch eine kurze Zeit in der Nhe, um seinen Handel mit Stevenson in Ordnung zu
bringen. Dies geschah jedoch durch Curneales' Vermittelung, da er sich nicht
entschlieen konnte, wieder freundlich mit dem Mann zu verkehren, durch dessen
Hlfe er seiner, wenn auch gerechten, Strafe oder Beschimpfung berliefert
worden. Mit Wilson hatte er jedoch noch eine Unterredung, und auch Ellen nahm
Abschied von ihren Pflegeeltern, ehe sie den Staat auf immer verlieen.
    Ueber Cotton konnte man nichts Nheres erfahren; ein Canoe war umgeworfen
und mit einem Kugelloch in der Seite unterhalb Harper's Hause angetrieben
gefunden worden; es lieh sich daher nichts Anderes vermuthen, als da dies
dasselbe sei, in welchem die Verbndeten hatten entfliehen wollen; doch blieb
Cotton selbst spurlos verschwunden, und da man auch an keinem der Ufer eine
weitere Fhrte entdeckte, so gewann das Gercht bald allgemeinen Glauben, der
Verfolgte sei, wenn nicht von einer der nachgeschickten Kugeln getroffen, doch
mit dem Boote umgeschlagen und durch die Kleider und vielleicht noch sonstiges
mitgenommenes Gepck am Schwimmen verhindert worden und ertrunken. Eben so wenig
war von dem Mulatten zu erfahren, obgleich die Mnner, die einige Tage darauf
Johnson's Leichnam abschnitten und begruben, behaupten wollten, den Schatten
seiner dunkeln Gestalt am Rande jenes Schiffbruchs gesehen zu haben, der sich
vom Uferrande des Fourche la fave aus nach dem Hgel zu erstreckte.
    Der Advocat von Little Rock hatte sich, gleich nach Beendigung der
Versammlung, auf sein Pferd geworfen und war im gestreckten Galopp
davongesprengt, doch, nie man spter erfuhr, nicht in der Richtung nach Little
Rock zu, wo Niemand einen Wharton kannte.
    Der Indianer lagerte dagegen noch neun Tage nach dem Tode des Methodisten
neben dem Grabe seines Weibes, unterhielt dort ein Feuer und brachte ihr
nchtlich seine Spenden an Speise und Trank. Am Morgen des zehnten jedoch trat
er, mit Decke und Bchse auf der Schulter, marschfertig gerstet in Harper's
Htte, die, bis ihr eigenes Haus errichtet worden, von den jungen Eheleuten
einstweilen bezogen war. Dort reichte er dem Freunde ernst und schweigend die
Hand zum Abschied.
    Und will der befiederte Pfeil sein Leben nicht bei seinen Freunden
beschlieen? frug ihn Brown herzlich; Assowaum hat Niemanden, der fr ihn
kochen und seine Moccasins nhen wird. Will er das Dach meiner Htte mit mir
theilen?
    Du bist brav! sagte der Indianer, indem er freundlich mit dem Kopfe
nickte; Dein Herz hat denselben Sinn wie Deine Worte, aber Assowaum mu jagen.
Die weien Mnner haben das Wild am Fourche la fave getdtet; die Fhrten der
Hirsche sind selten geworden, und Bren kommen nur noch als Wanderer in die
Niederungen dieser Thler. Die Heerden der Weien haben die Rohrdickichte der
Smpfe gelichtet, und der Br sieht sich in ihnen umsonst nach einem Lager um.
Assowaum ist krank; Bffelfleisch wird ihn gesund machen. Er zieht nach Westen.
    Dann gehe wenigstens nicht so weit, und wenn Du des Umherwanderns mde
bist, kehre zurck zu uns; Du hast hier eine Heimath.
    Mein Bruder ist gut - Assowaum wird daran denken.
    Und Ellen? - Hast Du von ihr schon Abschied genommen? frug ihn Brown.
    Assowaum vergit nimmer Die, die ihm Gutes erwiesen, sagte der Indianer.
Das junge Mdchen rettete sein Leben, aber mehr noch - es rettete seine Rache.
- Mein Pfad fhrt an ihrem Hause vorbei - Good bye!
    Noch einmal schttelte der Huptling warm und innig des weien Freundes Hand
- ebenso die seiner jungen Gattin - noch einmal winkte er den letzten Gru
zurck, und im nchsten Augenblick schlo sich das volle Laub der Bsche hinter
ihm, als er, die Fenz berspringend, im Wald, im grnen, blhenden, duftigen
Wald verschwand.
