
                               Alexis, Willibald

                         Die Hosen des Herrn von Bredow

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                                Willibald Alexis

                         Die Hosen des Herrn von Bredow

                             Vaterlndischer Roman

                                Erstes Kapitel.

                               Die Herbstwsche.

Wenn du aus einem langen, bangen Kiefernwalde kommst, der von oben aussieht, wie
ein schwarzer Fleck Nachtes, welchen die Sonne auf der Erde zu beleuchten
vergessen, und nun fangen sich die hohen Bume zu lichten an, die schlanken
braunen Stmme werden vom Abendroth angesprenkelt, und die krausen Wipfel regen
sanft ihre Nadeln in den freier spielenden Lften, da wird dir wohl zu Muth um's
Herz. Das Freie, was du vor dir siehst, sind nicht Rebengelnde und pltschernde
Bche aus fernen, blauen Bergen ber ein Steinbett schumend, 's ist nur ein
Elsenbruch, vielleicht nur ein braunes Haidefeld, und darber ziehen sich
Sandhgel hinauf, in denen der Wind herrscht, das magere Grn, das von unten
schchtern heraufschleicht, anheulend, wie ein neidischer Hund, der ber seinen
nackten Knochen noch murrend Wache hlt. Eine Birke klammert sich einsam an die
Sandabhnge, ein Storch schreitet vorsichtig ber das Moor, und der Habicht
kreist ber den Bschen. Aber es ist hell da, du athmest auf, wenn der lange,
gewundene Pfad durch die Kiefernacht hinter dir liegt, wenn das feuchte Grn
dich anhaucht, das Schilf am Fliee rauscht, die Kfer schwirren, die
Bachstelzen hpfen, die Frsche ihren Chor anheben, und dein Auge dem Luftzug
folgt, der leis ber die Haidekruter streift.
    Es ist der stille Zauber der Natur, die auch die Einden belebt; und ihr
Auge ist auch hier, denn dort hinter dem schwarzen, starren Nadelwald liegt ein
weiter, stiller, klarer See. Er hllt sich ein, wie ein verschmtes Weib, in
seine dunkelgrnen Ufer, und mchte sie noch fester um sich ziehen, da kein
unberufener Lauscherblick eindringt. Er spiegelt sie wieder in seinem dunklen
Wasser, mit ihrem Rauschen, mit ihrem Flstern. Aber das dunkle Wasser wird
pltzlich klar, wenn die Wolken vorberziehen, ein Silberblick leuchtet auf; der
blaue Himmel schaut Dich an, der Mond badet sich, die Sterne funkeln. Dort
ergiet der volle See sein Ueberma in ein Flie, das vom Waldrande fort in die
Ebene sich krmmt. Hier besplt es Elsenbsche, die es berschatten und gierig
seine Wellen ausschlrfen mchten, sickert ber die nassen Wiesen und whlt sich
dort im Sande ein festeres Kiesbett, um Hgel sich windend, an Steinblcken
vorbersprudelnd und durstige Weiden trnkend. Die vereinzelten Kiefern,
Vorposten des Waldes, wettergepeitscht, trotzig in ihrer verkrppelten, markigen
Gestalt, blicken umsonst verlangend nach den khlen Wellen; nur ihre
Riesenwurzeln whlen sich unter dem Sande nach dem Ufer, um verstohlen einen
Trunk zu schlrfen.
    Wer heut von den fernern Hgeln auf dieses Waldeck gesehen, htte es nicht
still und einsam gefunden. Zuerst htte ein weier, wallender Glanz das Auge
getroffen, dann ringelten Rauchwirbel empor, und um die schwelenden Feuer
bewegten sich Gestalten. Schnee war das Weie nicht, denn die Bume rtheten
sich zwar schon herbstlich, aber sie schttelten noch sparsam ihre welken
Bltter ab, und die Wiesen prangten noch in krftigem Grn. Schnee war es nicht,
denn es blieb nicht liegen; es flatterte und rauschte auf, hellen Lichtglanz
werfend und dann wieder verschwindend. Schwne waren es auch nicht, die
aufflattern wollen, und die Flgel wieder sinken lassen. Das htten Riesenvgel
sein mssen, deren es im Havellande und der Zauche nie gegeben hat. Auch Segel
nicht, die der Wind aufblht und wieder niederschlgt; denn auf dem Fliee
trieben nur kleine Nachen. Auch Zelte nicht, denn es bewegte sich hin und her,
und wer nher kam, sah deutlich zwischen den Feuern Htten aufgerichtet,
zierlich von Stroh und rohere von Kiefergebsch.
    Eine Lagerung war es, aber der einsame Reisende brauchte sich vor
Raubgesellen nicht zu frchten; die paar Spiee, die in der Nachmittags-Sonne
glnzten, standen friedlich an die Httenpfosten oder Bume gelehnt. Ruber
lachen und singen nicht so heitere Weisen, und die Lderitze lagerten, wenn sie
ausritten, auch nicht in entlegenen Winkeln, zwischen Haide und Moor, wo
Kaufleute nicht des Weges ziehen. Ja, wr's zur Nachtzeit gewesen, der Ort war
verrufen, auf unheimliche Weiber httest du schlieen knnen, die ihre Trnke
brauen, wo Keiner es sieht. Aber es war noch ein heller Nachmittag, und eben so
hell schallte bisweilen ein frohes Gelchter herber, untermischt mit anderm
seltsamen Gerusch, wie Klatschen und Klopfen. Kurz es war ein Lager allerdings,
aber nicht von Kriegsknechten oder Wegelagerern, nicht von Kaufleuten oder
Zigeunern, welche die Einsamkeit suchen; es war ein Feldlager, wo mehr Weiber
als Mnner waren, und das Feldlager war eine groe Wsche.
    Von den Sandhhen nach Mitternacht, deren nackte Spitzen ber das
Haidegestrpp vorblickten, konnte man es deutlich sehen. In einem Sattel dieser
Sandhgel stand nmlich ein bepackter Karren. Sein Eigentmer, der Krmer, hatte
ihn hier untergebracht auer dem Wege, damit kein Spheraug Gule noch Wagen
entdecke, bevor er sich versichert, was da unten vorging. Selbst war er
geruschlos, vorsichtig, auf eine Kiefer geklettert, um auszuschauen, und sein
ngstliches Gesicht heiterte sich auf. Denn was er sah, hatte nicht allein gar
keinen Anschein von Gefahr, sondern sogar fr ihn etwas Lockendes. Der weie,
wallende Glanz kam von den an Seilen trocknenden Leinwandstcken her, die der
Wind dann und wann hoch aufblhte. Andere grere Stcke lagen zur Bleiche
weithin zerstreut am Flie, an den Hgelrndern bis in den Wald hinein. Ueberall
war Ordnung und das waltende Auge der Hausfrau sichtbar. Jeder, Mgde, Knechte,
Tchter, Verwandte und Freunde, bis auf die Hunde hinab, schien sein besonderes
Geschft zu haben. Die begossen mit Kannen, die schpften aus dem Flie, die
trugen das Wasser. Jene nestelten an den Stricken, welche zwischen den
Kieferstmmen angespannt waren; sie prften die Klammern; sie sorgten, da die
nassen Stcke sich nicht berschlugen. Dort hingen gewaltige Kessel ber
ausgebrannte Feuerstellen und daneben standen Tonnen und Fsser. Aber diese
Arbeit schien vorber; nur auf den einzelnen Waschbnken, die in das schilfige
Ufer des Fliees hineingebaut waren, splten noch die Mgde mit
hochaufgeschrzten Rcken und zurckgekrmpten Aermeln. Es war die feinere
Arbeit, die man bis auf die Letzt gelassen, die Jede fr sich mit besonderer
Emsigkeit betrieb. Da gab es mancherlei Neckereien zwischen dem Schilf. Wollte
aber ein Mann in die Nhe dringen, ward er unbarmherzig bespritzt. Ja, einem
Herrn im geistlichen Habit, der Miene machte, sich durch das Schilf zu
schleichen, ward von eine der losen Dirnen ein ganzer Eimer gegen den Kopf
gegossen. Ein Glck, da er bei Zeiten ausbog; und mit einem Paar Tropfen auf's
Gesicht kam er davon, und die Dirne mit einem drohenden Finger. Den andern legte
der geistliche Herr schnell auf den Mund, mit einem bedeutungsvollen Blicke,
denn er sah die gebietende Hausfrau herankommen.
    Ach, meine gndige Frau von Bredow auf Hohen-Ziatz! mit den Worten und
einem frohen Athemzuge lie sich der Krmer schneller, als er hinaufgeklettert,
von seinem Baume herab. Darauf ging er an sein Geschirr; putzte die Pferde und
schirrte sie an zum Aufbruch. Die hlt ihre groe Herbstwsche ab; htte ich das
frher gewut, es htte was zu verdienen gegeben. Aber's ist ja noch nicht zu
Ende, und fllt wohl noch zuletzt was ab. Er brachte die Hand an die Stirn, und
ehe er in den Weg einlenkte, lftete er die Wagendecke, schnrte und schnallte
und packte Unterschiedliches um. Einiges versteckte er, und andere Packete legte
er oben auf, wie es ein guter Kaufmann thun mu, der seine Kunden kennt und
wei, was ihnen in's Auge sticht und was ihnen mibehagt.
    Die groe Herbstwsche war's der Frau von Bredow auf Hohen-Ziatz; Der
Winter ist ein weier Mann, sagte sie. Wenn er an's Thor klopft, mu das Haus
auch wei und rein sein, da der Wirth den Gast mit Ehren empfangen mag.
    Ihr Gast, der Dechant, hatte zwar gesagt: Der Winter ist ein ungebetener
Gast; den stellt man hinter die Thr; aber die Edelfrau hatte erwidert: Das
mag vor Alters gepat haben, ehrwrdiger Herr, als es noch keine geistliche
Herren gab. Itzund wissen drei ungebetene Gste in jedwed Haus zu dringen; wie
man's auch zuschliet, sie finden immer eine Ritze: der Winter, die Wanzen und
die Pfaffen.
    Der Dechant hatte dazu gelacht; hatte doch die Edelfrau beim groen Kehraus
in der Burg auch sein Bndel mit auf die Wagen werfen lassen, was ihn der Mhe
berhob, da er's nach Brandenburg mitnahm, wenn er mit dem einen ungebetenen
Gaste, dem Winter, in seine warme Klause zurckkehrte.
    Eine Herbstwsche war im Schlo Hohen-Ziatz eine Verrichtung. Eine groe
Arbeit war es, wo die Knochen sich rhren muten, aber ein Fest auch. Die
Hausfrau meinte, alle tchtige Arbeit sei immer ein Fest, und wir meinen's auch.
Wie hatte sie das alte Haus aus- und umgekehrt; auf Hhnerleitern war sie selbst
gestiegen, denn darin traute sie keinem andern Aug, in alle Kammern und Winkel,
da jedes Wollen-und Linnenstck, bis zum geringsten hinab, ein Sonntagsgesicht
anlegen sollte. Drei Austwagen waren gepackt worden, und nachdem sie zugeschnrt
mit Stricken, und saubere Bastmatten darber gelegt, hatte sich die Edelfrau
selbst auf den vordersten gesetzt. Das war ein Auszug aus der Burg. Die drei
Austwagen voran, die Mgde und Tchter der gndigen Frau auf den zwei andern.
Der Junker Hans Jochem wollte eine Leiter ansetzen, da Evchen und Agnes
leichter hinaufkmen. Frau Brigitte hatte es aber nicht gelitten; wie ein Ritter
auf's Pferd msse zur Noth sonder Steigbgel und Prallstein, so sei eine groe
Wsche der Dirnen ihr Ehren- und Schlachttag; mten sich selbst zu helfen
wissen, sonst wre es nichts mit ihnen. Und ehe Hans Jochem zuspringen konnte,
waren Evchen und Agnes auf den groen Zeugwagen hinauf, und lachten den Junker
von oben aus.
    Drei Austwagen vorauf, der vorderste von zwei Knechten mit Pickelhauben und
Spieen gefhrt, dazu ein Hornblser, um den eine Koppel Hunde klaffte. Dahinter
noch andere Wagen mit Bottichen, Kesseln, Stroh, Bnken, Decken, Fssern, Krben
und was zur Lebens Nothdurft diente, vollauf. Die Frau sprach lchelnd zu denen,
die sich drob wunderten: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht
verbinden. Und hintenan und zur Seiten Reiter und Fugnger mit Jagdspieen,
Armbrsten; ja einer trug sogar einen schweren Muskedonner.
    So zogen sie ber die krachende Zugbrcke unter Musik und Gelchter, und der
Thrmer blies ihnen noch eine Weise nach bis sie im Walde verschwunden waren.
Da sie Hunde und Spiee und gar ein Feuergewehr mitnahmen, und bald ein Dutzend
rstiger Mnner bei einem Geschfte waren, das anderwrts nur die Frauen angeht,
darber wird Niemand sich wundern, der wei, wie es zu Anfang des sechszehnten
Jahrhunderts in der Mark Brandenburg aussah. Wer auer den Mauern einer Burg
oder Stadt war, und er trug nicht den Bettlermantel um die nackten Schultern,
that recht, wenn er den Leib umgrtete, auch wenn der Stahl dann etwas zu lang
hinter dem Manne klirrte. Denn zu jeder guten Verrichtung gehrt, da der sie
verrichtet, in Sicherheit schaffe. Aber da auch Dieser und Jener von der
Sippschaft, de Hnde zu fein waren, um die Seile zu spannen oder die Laken
aufzuhngen, ja da sogar ein geistlicher Herr mitzog, knnte verwundern, wenn
wir nicht eben wten, was es mit einer groen Herbstwsche dazumal im Edelhofe
von Hohen-Ziatz fr Bewandtni hatte.
    Die Rume zwischen den Lehmwnden und Steinmauern waren viel zu eng fr eine
solche Verrichtung. Wo sollte das flieende Wasser herkommen, wo die freie Luft
zum Trocknen und wo der Rasen zum Bleichen? Unsere Vorvter liebten die
festlichen Zusammenknfte im Freien, und wie es vor Alters gewesen, mute es in
Hohen-Ziatz noch heute sein. Da zog denn mit, wem's in den Mauern zu beklommen
war, wer Scherz liebte und Spiel und Jagd und Neckerei; denn etwas davon fiel
immer ab. Aber auch Gottesfurcht mute dabei sein, meinte der Dechant und die
Edelfrau auch, nur da Jeder etwas Anderes dabei meinte.
    Auerdem war es der Hausfrau auch vielleicht nicht unangenehm, einmal
unumschrnkte Herrin zu sein; denn war sie es zwar, wie der bse Leumund sagte,
auch im Schlosse, so war sie es doch nur durch Klugheit und Kunst, hier nach
alten Rechten; denn wer in aller Welt will einer Frau die unumschrnkte
Herrschaft bei der Wsche abstreiten, wenn schon kein Gesetz sagt, da es so
sein soll. Und welche Herrin sie war! Sie trug keinen Federbusch und keine
Schrze, aber jeder Fremde fand sie auf hundert Schritt heraus. Das war ein
Blick, ein Falke sieht nicht schrfer. Wenn sie auf einer Anhhe stand, den
linken Arm nachlssig in die Seite gestemmt, die Rechte, die sonst mit dem
Schlsselbund spielte, ruhig niederhngend, die Fe ein wenig auseinander, und
die Schuhe darunter, die den Boden um einen halben Zoll eindrckten, und ihr
Hals lugte aus dem Mieder, der wie ein Panzer sa, da sah die Frau von Bredow
doch wie ein Feldherr aus, der sein Heer musterte, und die Mgde sprachen:
Unsere Gestrenge, die versteht's.
    Das sagten sie auch, nur in einem andern Ton, wenn sie faul oder nachlssig
gewesen, oder etwas so gethan, wie die Frau von Bredow meinte, da es nicht
geschehen msse. Stand sie zwar, wie wir sahen, fest auf dem Boden, wenn sie
sah, da Alles im Schick war, so war sie doch wie das Wetter herunter, wo etwas
auer Schick kam. Lang reden und zurechtweisen liebte sie nicht, und wo sie
meinte, da einer schwer hrte, da hielt sie auch die paar Worte noch fr zu
viel. Noch wute der verdrossene Knecht nicht eigentlich, wie es gekommen, aber
jetzt hrte er vortrefflich und verstand Alles, und rieb nur ein klein wenig das
Ohr oder die Schulter. Eine so rhrige Frau war die Frau von Bredow. Loben that
sie nicht viel, sie hielt's vom Ueberflu, denn da Jeder thte, als er mu
thun, hielt sie fr Lohn's genug; aber wem sie mal auf die Schulter klopfte,
wenn sie durch die Reihen ging, dem war es wie ein Tropfen starken Weines, der
nach langer Mattigkeit und Bangigkeit durch die Adern rinnt und die Glieder
wieder strkt.
    So war es mit der Herbstwsche am Lieper Flu bestellt. Eine gute Stunde
abwrts von der Burg war das Lager, und ein dichter Wald und ein tiefer, weiter
Morast lagen dazwischen; also mute im Lager nicht allein gewaschen und
gebleicht, auch gekocht und gebettet, gesungen und gebetet und gewacht werden,
alle Vorrichtungen, wie es einer Stadt Art und Sitte ist. Das Gebet verrichtete
am Morgen der Dechant fr Alle, wenn die Schelle ber der Htte der Edelfrau
lutete; das Waschen und Kochen geschah einen Tag, wie den andern, das Singen
und Spielen machte sich von selbst und fr das Wachen sorgte die Frau von
Bredow. Kein Zigeunerbub htte einen Strumpf von der Leine, kein Fuchs aus dem
Korbe ein Huhn stehlen drfen.
    Eine Woche, weniger denn einen Tag, dauerte schon die Wsche. Vor dem
Klopfen und Klatschen waren die Fische aus dem Flu auf eine Meile entflohen.
Von den hohen Kieferstmmen, wo sie nisten, hatten zu Anfang die Fischreiher mit
ihren langen, gelben Schnbeln neugierig herabgeschaut. Da gab es Jagd und
Kurzweil fr die jungen Burschen. Vor den Bolzen und Pfeilen, die durch ihre
luftigen Burgen sausten, hielten die zhen Thiere aus; selbst wenn der Pfeil
einem den Flgel durchbohrt, wenn sein Herzblut hinabtrufte, er gab in banger
Todesangst nicht nach, er krallte sich an dem Ast fest, bis die Bolzen wie der
Hagel kamen, und endlich Holz, Leib und Gefieder mit einander hinabstubten und
splitterten. Aber des Lrmens war ihnen doch zu viel geworden. Wie viele
hunderte auch am ersten Tage ber den Wipfeln gekreist, mit ngstlichem Geschrei
fortflatternd und wiederkommend, ob der Wirrwarr unten kein Ende nhme; das
Klopfen und Hmmern, das Spritzen und Wringen, das Klatschen und Schwenken, das
Singen und Lachen hielten sie nicht aus, und am dritten Tage hatten die Thiere
den Menschen Platz gemacht und die Luft war still. Auch die Frsche auf der
Wiese schwiegen am Tage; nur wenn Abends die Feuer ausgingen und der Gesang
verstummte, wenn die hlzernen Klpfel ruhten und das Wasser im Flie still
fortrann, sich erholend von der Arbeit des Tages, dann mischte sich ihr dumpfes
Gechze mit dem Schnarchen der Mgde, mit dem Geheul der Rden, die den
aufgehenden Mond anbellten, und dem Winde, der gegen die Wsche an den Seilen
schlug, und die Kieferstmme, daran sie gebunden waren, knarren machte.
    Nun am sechsten Tage, es war der Samstag, war die Arbeit zumeist gethan, und
ehe denn die Abendmette von den fernen Kloster-Thrmen von Lehnin ber die
Wlder klnge, sollte aufgepackt werden. Die Morgensonne am Tag des Herrn sollte
keinen Strumpf mehr an den Leinen anrthen, und die erste Mondsichel schon einen
wsten Lagerplatz bescheinen. Wie eifrig waren die Mgde, die Klammern
abzustecken, die Krbe zu hufen und die Bleichstcke zu wenden; was hasteten
sich die Knechte, die Stricke von den Bumen zu lsen und zusammenzurollen, und
schon rttelten sie an den Pfosten der Htten, um zu prfen, wie fest sie noch
sen. Auch das Zeichen zum Aufbruch erscheint als ein Fest dem, der zu lange
beim Feste sa; ist doch jede Vernderung dem Menschen willkommen, wann er des
Genusses berdrssig wird.
    Die Edelfrau sah zufrieden auf das Werk hin, und wie zu ihren Fen die
Haufen immer grer wurden, reine saubere Tcher, auf welche die
Nachmittagssonne mit milder Wrme schien.
    Ich glaube in der ganzen Zauche gerth in keinem Edelhofe die Wsche wie
bei meiner Frau von Bredow, wie pur wei das ist! sagte der Dechant, der sich
vom Feldtisch erhob, wo er mit einem Edelmann aus zinnernem Becher gewrfelt
hatte.
    Die Hexen hier bleichen's, sprach der Junker, der sich auch erhob, ein
Mann in mittleren Jahren, der aber etwas lter aussah, als er sein mochte. Sein
blonder Bart spielte in's Rthliche, seine krausen Haare in's Grau ber; sein
Gesicht war nicht grob, aber auch nicht fein, die Zge schlaff, aber aus den
hellblauen, matten Augen schielte zuweilen ein lauernder Blick. Die Hexen hier
bleichen's, sagte er, der Ort ist verwnscht. Das wei jedes Kind. Mu Einer
den Muth haben wie meine Base, da sie's mit den Unholden aufnimmt.
    Hat's Euch in den Nchten aufgelegen, Vetter Peter Melchior?
    Ich trug mein Amulet. Aber an solchem Platz waschen lassen! Es haben's
Leute gesehen, wenn auch diesmal nicht, doch vor Jahren, nchtig, wenn sie
aufwachten. Zwei graue, hagere Weiber mit langen Spinnebeinen schritten ber's
Zeug mit Giekannen, und draus kamen pure Strahlen Mondenschein. Davon kann das
Zeug wohl wei werden, aber -
    Aber, Peter Melchior, Ihr wit ja, da der ehrwrdige Herr alle Morgen
seinen Segen darber spricht.
    Wird die Wsche etwa davon wei! Der Dechant spricht gewi auch seinen
Segen ber die Wrfel, wenn er doppelt, und der heckt, denn er trgt ihn
jedesmal blank in der Tasche fort, aber die Wrfel werden immer brauner.
    Der Segen des Herrn schafft das Beste in allen Dingen, fiel der Dechant
ein, und wollte, wie er zu thun pflegte, die Hnde vor dem wohlgerundeten Bauche
falten, aber es traf ihn einer der feinen schlauen Blicke der Ehefrau, welche
bisweilen auf die, welche sie trafen, eine hnliche Wirkung bten, als wenn ihre
nicht feinen Hnde mit der Wange einer Magd in Berhrung kamen. Sie lchelte und
der Dechant lchelte auch, worber er die fromme Bemerkung verschlucken mute,
zu der sich sein Mund schon gespitzt hatte.
    Wer she meiner Frau von Bredow den Schelm an, der unterweilen aus ihrem
Auge blitzt.
    Ich meine ein Schelm sieht den andern, entgegnete sie, und wenn man in
manchem Haus aufrumen thte, fnde man mancherlei darin, was nicht darin
gehrt, z. B. in einem Priesterhaus die Weiberrcke.
    Der Dechant, welcher die Augen jetzt wirklich niederschlug, wollte von dem
Gesetz anheben, welches zwar besage - aber die Edelfrau lie ihn nicht zu Worte
kommen. Wir wissen nicht, was gerade jetzt ihr die Laune zur Strafpredigt fr
den langjhrigen Hausfreund eingab, der doch ihrer Wsche so treulich
beigestanden hatte.
    Das Gesetz sagt, unterbrach sie ihn, thue recht und scheue Niemand, und
wenn du schmutzig bist, wasche dich. Wasser fliet berall und Jeder hat Hnde
zum Reiben, aber er mu nicht reiben, wie Pilatus that. Wer ein gut Gewissen
hat, braucht nichts zu verstecken, aber wem was im Schrank thut hngen, da es
nicht sein soll, der mu die Thre schnell zuschlagen, wenn Einer 'nein sieht.
Blank gescheuert hat Mancher; ja von auen, aber wie es drinnen aussieht, das
kommt auch einmal an den Tag.
    Nur zu, Muhme, rief lachend der Junker Peter Melchior, wasch ihn einmal
recht, er schenkt's uns auch nicht, wenn er auf der Kanzel steht.
    Dem Tage, welchen unsere verehrte Wirthin meint, wird der Gerechte, wenn
auch mit Bangen, doch mit Vertrauen entgegenblicken.
    Na, hochwrdiger Herr! hub Frau von Bredow an und sah ihn recht scharf aus
ihren groen Augen an. Wenn an jenem Tage alle die Unterrcke, so in den
Priesterschrnken in die Winkel sich verkriechen, oben am Himmel hngen werden
bei der groen Wsche in Gottes Sonnenlicht, da mchte ich sehen wie die Herren
vom Clerus den Kopf aufrichten wollen. Da knnt ihr schwenken lassen alle Eure
Weihrauchskessel, da den lieben Engelein die Augen thrnen, 's ist zu viel. Da
mu Petrus die Hnde ber'm Kopf zusammenschlagen und rufen: Herr Gott Vater,
wenn wir das gewut, da sie auch das Kinderzeug mitbringen, ich htte ihnen ja
das Himmelsthor nicht aufgeschlossen.
    Und Sanct Petrus schlo es dennoch auf, und das Unreine und Sndhafte fllt
ab, wie der Thau von den Pflanzen, wenn Gottes Sonne strahlt. Das ist das
Mysterium, die unerforschliche Weisheit und Gnade des Herrn, da er in seiner
groen Haushaltung, der Welt, wo Alles Ordnung ist, auch seine Geweihten
bisweilen sndigen lt, aber nur zu seinen unerforschlichen Zwecken. Ich mag
sagen, es geschieht zuweilen, ihnen unbewut, aber er wei es und wei warum.
Und wenn dann ihr Herz bange schlgt vor der Sndenlast, die sie darauf whnen,
da mit einem Zauberschlag macht er die Brust frei. Das befleckte Kleid, dessen
wir uns schmen, fllt wie Plunder vor seinem Hauche, und dieweil wir noch
zittern vor dem Glanz, der uns umgiebt, reicht er uns die Hand und spricht:
Tretet ein, denn ihr seid rein.
    Ohne Wsche, Dechant?
    Wer wscht die Nebel fort am Herbstmorgen, wer das schmutzige Winterkleid
der Erde, und der Frhling steht da vor dem Herrn in seinem reinen Blumenkleide,
von wrzigen Dften umsuselt? Des Menschen Hand hat nichts dazu gethan.
    Dechant, ich meine, in jedem guten Haus ist Reinlichkeit die erste Tugend,
und wer sich auf Erden nicht gewaschen hat, der kommt auch nicht rein in den
Himmel. Wie's in einem geistlichen Haus steht, das wei ich nicht, dafr la ich
Andere sorgen. Aber wenn ich zu sorgen htte, wit Ihr, was ich thte?
    Nur zu, Base, rief der Junker, die Hnde reibend, steckt ihn in den
Waschkessel.
    Ach was ihn allein! Da mte ein Kessel sein wie der Mggelsee, und die
ganze Clerisei hinein mit allen Euren Salben und Oel, Aebte, Bischfe, Klster,
Nonnen und Mnche. Und Lauge dazu, bitter salzige und umrhren wollte ich -
    Kochen, Base! Ein Feuer darunter, da der Gottseibeiuns heizen mte, sonst
werden sie nicht rein.
    Das Wasser wrde schwarz werden, schon von Euren kleinen Versteck-Snden,
von der Eitelkeit, der Hoffart, dem Fra, der Gleisnerei und Spiel und Trunk.
Aber Wasser ist genug in der Mark. Abgeschumt, ich wrfe Euch in einen neuen
See. Da stte ich aus Eure Fleischessnden, doch das ist noch nicht das grte,
Eure Habsucht und Herrschsucht und wie Ihr verredet und verlstert, und nun
wieder umgerhrt.
    Base, das berlat dem Teufel, fiel Peter Melchior ein. Ihr hieltet den
Geruch nicht aus. Lat dem Gottseibeiuns, was ihm gehrt, ihm ist's ein
Opferduft.
    Der Dechant hatte mit freundlicher Ruhe der Edelfrau zugehrt, ohne auf die
roheren Ausflle des Ritters zu achten. Auf diese Weise wrden wir also rein
werden vor den Menschen. Wenn wir aber so ausgebleicht vor dem Herrn erschienen,
ob uns dann Petrus noch das Himmelsthor ffnen wrde? Ob er nicht vielmehr
sprche: Ihr seid zwar rein vor den Menschen, aber die Gnade, die ich Euch
mitgab, ist auch ausgebleicht. Ich erkenne Euch nicht mehr als die, welche ich
aussandte. Vor mir waret Ihr rein, auch in Euren Flecken. Weil Ihr Euch von den
Menschen nach deren Wohlgefallen waschen und putzen lieet, so kehret zu ihnen
zurck. Mir gehrt Ihr nicht mehr an.
    Da wre vielleicht etwas dran, entgegnete die Frau nach einigem Besinnen.
Aber Ihr wit auch dem Petrus ein X fr ein U zu machen, denn das ist Eure
Hauptsnde, das Wortverdrehen. Aus S macht Ihr Sauer und aus Sauer S, je
wie's Euch frommt; und was Euch frommt, das macht Ihr zu Gottes Willen. Und was
Ihr uns zeigt, ist nicht, was Ihr versteckt habt, und wenn Ihr einen guten Zweck
habt, nmlich was Ihr so nennt, o da wit Ihr zu schwnzeln und mit den Augen zu
zwinkern und mit der Zunge zu schlngeln, bis Euch der Teufel auf den Buckel
nimmt und hintrgt. Und das ist alles schn und gut um der guten Absicht
willen.
    Der Dechant wurde der Mhe zu antworten durch einen kleinen Aufstand
berhoben, welchen die Ankunft des Krmers mit seinem Wagen im Lager veranlate.
Ein Krmer, der seine Waaren auf dem Lande ausbietet, war in jenen Tagen ein
willkommener Gast. Wer nicht kaufen wollte oder konnte, freute sich doch am
Anschauen der Herrlichkeiten, die ausgekramt, aufgestellt und angepriesen
wurden. Der wandernde Krmer war zugleich der Neuigkeitstrger, die Zeitung des
Landes. Er wute auch seine Erzhlung zu Gelde zu machen. Aber es bedurfte der
Erlaubni der gndigen Frau, und sie ertheilte sie nur nach einigem Zgern, denn
sie meinte, da die Kaufleute, wie die Pfaffen, mit ihren Waaren die Leute
anfhrten. Indessen ist es auch fr einen so unumschrnkten Regenten, als Frau
von Bredow in ihrem Lager war, milich, gegen den allgemeinen Wunsch ihrer
Untergebenen anzustreben; Evchen bat so dringend, Hans Jochem brauchte einen
neuen Gurt zu seinem Degen und sie selbst blanke Knpfe zu einem Etwas, von dem
noch viel in unserer Geschichte die Rede sein wird.

                                Zweites Kapitel.



                                  Die Beichte.

Das funkelt ja wie Silber, sprach der Dechant, indem er einen der Knpfe gegen
das Licht hielt. Wie wird's unsern Ritter freuen, wenn sie ihm so an der Seite
blitzen.
    Das wre gar! Er darf nichts von wissen. Der Knecht soll sie stumpf reiben,
da sie wie die alten Bleiknpfe aussehen. Die sind bei der Wsche abgesprungen.
Dann merkt er's nicht.
    Was merkt er nicht?
    Da es in der Wsche war.
    So wei er davon nichts?
    Gott bewahre! Als er in's Bett getragen ward und sich noch strubte,
streiften sie ihm die Bchsen ab. Da kam ich gerade zur rechten Zeit und
schnappte sie weg. Wenn er ein bischen Besinnung noch gehabt, htte er sie in
die Kissen gelegt unterm Kopf, wie er immer thut seit der fatalen Geschichte an
der Mhle. Wie ein Ungewitter kam er mir doch da nachgeritten, als ob's ein
Unglck wre, wenn die Elennshaut einen Tropfen Wasser kostete.
    War es so nthig?
    Nthig! Seit der Kurfrst Johannes Cicero zur Freite ritt, da lie meines
Gtz Frau Mutter seelige sie zum letzten Mal waschen.
    Freilich, wenn das Leder schmutzig war!
    Man konnte das Braun nicht vom Sattel unterscheiden.
    Nun der Junker ist ein gottesfrchtiger Ritter, und wenn es einmal
geschehen ist, und er sie wieder rein und wohl im Stande sieht, wird er sich
auch recht freuen.
    Ehrwrdiger Herr, da kennt Ihr meinen Gtz nicht. Manchmal ist er ein
Brummbr, aber wenn's ihm recht in die Quer kommt, kann er auch wolfstoll
werden. Wie damals an der Mhle. Er hielt sie in der Hand gepret, wie 'nen
Plumpsack; so ritt er zurck und schlug um sich. Meine Eva kriegte doch 'ne
Weffe um den Nacken. Acht Tage konnte man's sehen.
    Das liebe Kind! Warum denn die Eva?
    Die hatte sie ihm ja weggestohlen, als er anfing zu druseln. Sie kitzelte
ihm hinter'm Bart, wie er's so gern hat; derweil reichte mir's der Schelm zum
Fenster raus.
    Die kleine Eva! sagte der Dechant mit nachdenklichem Gesicht.
    Nein, ehrwrdiger Herr! er darf's nimmermehr wissen; sonst gb's wieder
eine solche Geschichte. Er schlft.
    Noch! Seit sechs Tagen!
    Lieber Gott, nach solchem Gelage! So kam er auch noch von keinem Landtage
zurck. Ich denke immer, wozu sind denn die Landtage? Und wer mu das Schmausen
und Saufen bezahlen? Das Land doch am Ende.
    Aber vor drei Tagen hrte ich -
    Da hat er sich ein bischen geregt. Nach drei Tagen thut er's immer. Dann
giebt ihm der Casper 'ne Suppe, und dann dreht er sich wieder um und schlft
noch ein paar Tage. Morgen wird er wohl aufwachen. 'S ist Alles in der Ordnung.
Vetter Peter Melchior, wie lange saen sie's letzte Mal in Berlin?
    Grad' acht Tage, Muhme.
    Nun ja, dann ist schon Alles recht.
    Der Gtz hat wie ein guter Edelmann Allen Bescheid gethan, bis auf Einem.
Dem Marschall that's ordentlich leid, da er den Holzendorf nicht auch noch
austrank. Es war so ein schner Landtag gewesen.
    Man hrt viel Rhmens davon, warf der Dechant hin. Einmal mu doch aber
der gute Herr von Bredow aufwachen!
    Dann liegen sie vor seinem Bett, als wenn er sie ausgezogen htte, und er
soll nicht merken, da sie gewaschen sind. Ich lasse sie leicht durch die Asche
ziehen und auf die Knie ein bischen Feuerheerdsroth.
    Base, was hilft dann die Wsche, wenn Ihr sie wieder schmutzig macht!
lachte der Junker auf, und auch der Ernst, in welchen der Geistliche sein
Gesicht gezwungen hatte, lste sich etwas.
    Die Edelfrau schien zum ersten Male um eine Antwort verlegen: Ei was, - sie
sind aber doch gewaschen.
    Es war ein eigenes Gesicht, mit welchem der Geistliche und die Edelfrau am
Saume des Waldes auf und abgingen. Wer sie jetzt beobachtete, htte eine
Vernderung in Beider Mienen bemerkt. Der Dechant blickte ernst, mit
geschlossenen Lippen, vor sich nieder, whrend die Edelfrau mit etwas verlegenen
Blicken ihn zuweilen ansah.
    Und es trieb wirklich meine Frau von Bredow noch nicht zur Beichte? sagte
er den Kopf schttelnd, doch nicht in unfreundlichem Tone.
    Hier im Walde?
    Auch der Wald ist Kirche, wenn das Herz drngt eine Schuld zu bekennen.
    Hochwrdiger Herr, aber sie muten doch gewaschen werden. Das Leder war
versessen und braun durch und durch, da es eine Schande war, und nicht wie ein
christlicher Ritter gehen soll. Im Kriege, nun ja, da thut's nichts. Aber Ihr
wit ja, was er auf das alte Lederstck hlt, er lt's nicht los. Er wre damit
zu Hof geritten.
    Herr Gottfried reitet ja nicht mehr zu Hofe.
    Aber zu Kindelbier, zu den Landtagen. Ja zum hochwrdigsten Bischof ritt
er, mir zur Schande Mari Lichtme, auf den Dom nach Brandenburg in den Bchsen,
und wie er beim Heimreiten dreimal vom Prallstein aufsteigen mute und dreimal
runter fiel -
    Ist dem von Kerkow auch begegnet. Auch Wilkin Stechow. Der Bischof hat
herrschaftlich auftischen lassen.
    Aber die Weiber haben nicht ber sie gelacht; sie trugen reines Zeug am
Leibe. Da mein Gottfried vom Prallstein fiel, thut ihm auch keine Schande, und
dem Bischof thut's Ehre; aber die Weibsen, die schnippischen von Brandenburg,
haben sich zugezischelt: ob's denn in Hohen-Ziatz kein Wasser gebe! Das ging auf
mich, das ist meine Schande. Das konnt' ich als ehrliche Frau nicht dulden. Mit
Gutem giebt er sie ja nicht. Ihr wit warum. Ist denn Waschen eine Snde?
    An und fr sich betrachtet, ist Reinlichkeit sogar eine Tugend, aber jede
Tugend kann durch Ueberma zur Snde werden. Zum Exempel wenn man am Sonntag
wscht und die Messe darber versumt.
    Heut ist's ja zu Ende.
    Oder die irdische Reinigung fr wichtiger hlt, als die der unsterblichen
Seele. Wie meine Frau von Bredow treffend bemerkte, hat der Herr das Wasser
geschaffen zum Waschen, und gleichwie der Mensch durch's Wasser mu, d. h. durch
die Taufe, zum ewigen Heil, so mag aller Creatur das Waschen zu ihrem zeitlichen
dienen. Ja, es ist nichts Schlimmes dabei, so der Mensch die Geschpfe, die ihm
untergeben sind, dazu zwingt. Er mag die Pferde und Schafe durch die Schwemme
treiben, denn von selbst gehen sie nicht, auch seine Kinder brsten und
begieen, auch wenn die Kleinen sich struben und schreien. Auch ist nichts
natrlicher, als da eine gute Hausfrau das Kleidungsstck, auf welches ihr
Eheherr so viel giebt, einmal gereinigt wnscht, selbst, wenn er es nicht
wnscht. Es ist sogar lblich; ja zugeben mchte ich, da sie als Hausfrau ein
Recht htte, es in die Wsche zu thun gegen den eigentlichen Willen des Mannes,
ich meine, wenn er das Verbot nicht bestimmt ausgesprochen htte. Aber in diesem
Falle hatte er es gethan. Nicht wahr, er jagte es Euch damals an der Frbermhle
ab, und war sehr zornig?
    Das wohl, ehrwrdiger Herr, aber -
    Ihr unternahmt es dennoch: einmal gegen seinen Willen, wohl wissend, wie
sehr es ihn krnken mut, welchen Werth er darauf legte, da Niemand ihm das
Kleid berhre. Ihr nahmt es auch gegen seinen Willen, mit einer Hinterlist, die
sogar an einen Diebstahl erinnert, whrend er schlft oder seiner Sinne nicht
mchtig; ja mehr noch: die eigene Tochter habt Ihr verleitet mitzuspielen, sie
mute, whrend sie dem Vater schmeichelte, ihm hinterrcks das Kleidungsstck
entwenden. Ei, ei! welche Saat in das unschuldige Herz eines Kindes gestreut!
Das alles zusammen genommen, erwge meine Tochter und antworte sich dann selbst,
ob das nicht gegen das Gesetz ist, das den Mann ber die Frau setzte, nicht
gegen die christliche Moral, die keine Arglist will, Summa, ob es nicht eine
Snde ist?
    Der Dechant war stehen geblieben. Auch die Edelfrau war stehen geblieben.
    Ja, ehrwrdiger Herr, sie muten aber doch gewaschen werden.
    Warum?
    Warum! Ja, ich will nicht sagen, darum, weil sie schmutzig waren. Denn
meinethalben htten sie's bleiben mgen bis an den jngsten Tag, wenn er ein so
eigensinniger Narr ist. Aber konnt ich's mir denn selbst vergeben, wenn er mir
lnger zum Gesptt so rum ging! Seine Ehre ist ja auch meine, seiner Kinder
Ehre. Ein Hauswesen ohne Ordnung ist kein Hauswesen. Ja, nur der Kinder wegen!
Es war meine Pflicht als Mutter. Es ging nicht anders, Herr Dechant. Aus purer
guter Absicht hab ich's gethan.
    Darum also.
    Die Edelfrau wute nicht, wie sie den Blick verstehen sollte.
    Die groen Herren in Friesack, wenn sie einmal in die Zauche kommen, oder
wir kommen mal alle Jubeljahr zu ihnen, ach man mu sich ja in der Seele
schmen! Wir sind doch ein Blut, aber wie sehen sie uns ber die Achseln an! Nun
ja, lieber Gott, wir haben kein Schlo Friesack, wo sie mit Hellebarden stehen
an der Treppe und das Herz Einem manchmal ordentlich puckert, wenn man auf die
Teppiche tritt. Schnbelschuhe, das schickt sich nicht fr unsereins. Der alte
Herr Bodo mit seinem weien Haar, der ist schon freundlich. Aber die jungen
Herren, wenn sie so dastehen, die Hnde zur Seite in den Pluder gesteckt und uns
ansehen, es fehlte ihnen nur noch ein Rauchstck im Maule, wie der
Menschenfresser aus der neuen Welt, von dem sie erzhlen thun. Siebzig Ellen
Tuch hat der lteste darin stecken, der zweite sechzig, und so geht's runter,
nicht aus Brandenburg, feines hollndisches, geschlitzt ist's, und mit bunter
Seide gefttert; wenn sie galloppiren, glitzert's in der Sonne wie Wolken von
Morgenroth, und mein Gtz dagegen in dem alten Leder!
    Wenn Ihr es ihm vernnftig vorhieltet, was sagte er dazu?
    Er sagt, um solche Hosen sollte man mal den Beinharnisch schnallen. Aber
wie oft kommt es noch! Fehden soll's ja nicht mehr geben! Wir verbauerten ganz,
sagen die von Friesack. Das soll man von leiblichen Vettern sich sagen lassen,
und hat ein christlich Herz im Leibe. Weil wir nicht reich sind!
    Es ist gewi ein lblich Streben, vor den Blutsfreunden in Ehren zu
bestehen.
    Ach, Herr Dechant, wer auf sich hlt vom Adel, der schafft sich Pluderhosen
an. Und wenn wir nach Berlin reiten, die Brgersleute schon, was prunkt das in
Tuch und Seide, und wie sehen sie uns an! Wir haben nicht viel, aber ehrlich und
adelig sein, das ist unsere Schuldigkeit. Und verlange ich denn, da mein Herr
Pluderhosen anlegen soll! Ich wei ja, was das kostet. Unvernnftig bin ich
nicht. Nur was zur Ordnung gehrt. Wei ich nicht so gut wie Jeder, was sie von
uns im Schlo zu Kln denken. Mein Gtz liegt nicht auf der Landstrae. Seit wir
Mann und Weib sind, ein einzig Mal hat er mit Adam Kracht Einen von Magdeburg
geworfen. Seitdem nimmer mehr. Ich halte nichts davon, und wenn's auch nicht so
streng verboten wre. Was kostet das Halten von Rstzeug, die Knechte und
Pferde, und unsicher bleibt's immer, und wie oft lohnt es denn, wenn sie
wochenlang in der Haide lungern und fangen solchen Schelm von Krmer. Die andern
schlagen ihre Waaren dafr auf, man mu's doppelt bezahlen, wenn man's braucht.
Ich kenne das, wer nicht hren will, mag fhlen. Die Itzenplitz sind wieder wie
toll drauen und knnten so gut leben. Seine kurfrstlichen Gnaden haben neulich
zu Spandow gesagt, sie knnten's jedem Edelmann anriechen, wer im Graben liegt.
Darum sehen sie Jeden mitrauisch an, der in Leder geht, und nun gar in solchem
Leder! Da kommen wir in schlechten Leumund, ohne Schuld, und knnen nichts
dafr. Bei den heiligen eilftausend Jungfrauen, Herr Dechant, man mu auf sich
halten und wenn's der Mann nicht thut, mu die Frau. Es ging nicht anders.
    Der Dechant schlug die Hnde zusammen und in vterlichem Tone sprach er:
    Meine liebe Frau von Bredow, wer wollte denn daran zweifeln, da es nicht
anders ging. Ihr thatet es fr Eure Kinder, Eure Sippschaft und Euren Gatten.
Ihr waret es ihnen sogar schuldig. Ein Edelmann mu vor den Menschen, von denen
die Ehre ausgeht, in Ehren bleiben. Wohlverstanden, vor den Menschen, denn der
Herr im Himmel sieht durch jedes schmutzige Kleidungsstck auf den reinen Krper
und durch den Krper auf die Seele. Aber die Menschen urtheilen nach dem Schein.
Wret Ihr auf einer wsten Insel, und der Waschteufel htte Euch geplagt, die
Kleider Eures Mannes zu stehlen, um sie zu reiben und zu splen; da wret Ihr im
Unrecht, Ihr httet es gethan nur um Eurem Waschkitzel zu frhnen, wie es Weiber
Art ist. Hier aber ist es ganz etwas anderes. Hier hattet Ihr Rcksicht zu
nehmen auf Nachbarn, Blutsfreunde und das Ansehen der Familie, ja mehr noch auf
den jungen Kurfrsten und seine Rthe, welche in dem vernachlssigten rohen
Anzuge ein Zeichen roher Gesinnung erblicken. Ihr setzet den, der Euer Herr sein
soll, der Gefahr aus, miliebig vom Hofe betrachtet zu werden, ja da er beim
nchsten Anla gefahndet, gerichtet, vielleicht gar verurtheilt werde. Denn
Niemand wei, wozu in diesen schlimmen Zeiten kleine Dinge fhren. Sichtlich
wollte der Herr, darf man sagen, durch Eure schwache Hand das Haupt Eurer
Familie retten, Schmach, vielleicht Blutschuld von ihr abwenden. Sichtbar wird
da eine Kette von Fgungen, die wir recht betrachten mssen: da der
gottesfrchtige Herr Gottfried sich in einen Zustand versetzen mute, wo er
nicht mehr Herr seines Willens war, da er hinauf getragen ward, als meine Frau
von Bredow gegenwrtig war, da sie ber den Gang kommen mute, grad' als sie
ihn entkleideten, da der Allmchtige gerade auf das bewute Kleidungsstck ihr
Auge lenkte, dergestalt, da sie es rasch aufgriff, bevor der mit dem Willen
seines Herrn vertraute Diener es merkte und in Verwahr brachte. Und die groe
Herbstwsche mute zur selbigen Zeit sein. Das sind Alles Winke von oben wie
eine Kette in einander gefgt, die uns irrenden Menschenkindern Zuversicht und
Trost in unseren Zweifeln gewhren mssen.
    Es war also keine Snde!
    Sagte ich das, meine Freundin! Aber sintemal jedes Ding zwei Seiten hat,
und alles Irdische dem Wechsel unterworfen ist, also sind es auch unsere
Handlungen und Pflichten, und wir von der Vorsehung angewiesen, auch die andere
Seite in's Auge zu fassen, ehe wir urtheilen.
    Sie trocknen aber schon. Hans Jrgen steht bei der Leine Wacht, sagte die
Frau von Bredow, die wirklich nicht wute, was sie sagen sollte. - Was soll's
nun aber, Herr Dechant!
    Nur uns erinnern, meine Freundin, da wenn wir Jemand etwas verstecken
sehen, ehe wir ihn darum verdammen, uns zu bedenken, ob wir nicht selbst etwas
Anderes versteckt halten, erinnern, da die Snde uns Sterbliche von allen
Seiten anschleicht, und da, was auf dieser Betrug scheint, auf jener Fgung in
Gottes Willen ist; da diese Fgung uns aber als letztes Ziel vor Augen schweben
mu bei allen unsern Wegen, und da, wenn wir mit allen den Krften, so der Herr
uns gab, in guter Absicht auf das Ziel losgehen, eine christliche Frau noch
nicht zu denken braucht, da wir auf des Teufels Buckel dahin reiten.
    Das war nun wohl der Frau von Bredow verstndlich, aber wo es hinaus sollte,
doch noch nicht ganz. Ihre Frage verrieth es:
    Wenn's Snde war, ich meine, das von der Seite, soll ich's denn meinem Gtz
sagen?
    Der Dechant fate vertraulich ihre Hand und klopfte mit seiner darauf! Ich
meine, wir bleiben vorlufig auf der anderen Seite stehen.
    Aber mit Kchenroth soll ich sie nicht wieder bestreichen?
    Wenn das die Tusch - ich wollte sagen den stillen Glauben unseres Herrn
Gottfried lnger erhlt, warum nicht.
    Doch die Eva - das Kind, mein' ich - ob die den Vater -
    Sie wird doch nichts ausplaudern! Wenn meine Freundin es ihrem kindlichen
Sinne nur recht vorstellt -
    Was?
    Ei nun, - der Dechant hatte den Arm der Edelfrau in den seinigen gelegt,
um sie nach dem Lager zurckzufhren, wo es laut wurde - das wird meine Frau
von Bredow am besten wissen, wie man den Sinn eines Kindes ber kleine
Bedenklichkeiten hinberfhrt zu seiner hheren Pflicht gegen die Eltern, ich
meine zumal gegen die Mutter.

                                Drittes Kapitel.



                                 Die Waschbank.

Auch die Sonne hat ihre Flecken, auch die beste Haushaltung ihre Mngel, und was
wir glauben, da es ganz in der Richte sei, mag unmerklich wo einen kleinen Sto
bekommen haben, und der Bau wird schief.
    Frau Brigitte Bredow meinte, es sei Alles in Ordnung, weil sie Alles
geordnet und Jeden auf seinen Platz gestellt. Aber sie hatte sich darin
verrechnet, da auch der wachsamste Wchter einmal einschlafen kann und da der
beste Mensch ein Mensch bleibt. Und wer giebt denn einem Gebietiger, ob er ber
ein Knigreich das Regiment hat oder ber eine groe Herbstwsche, das Recht,
da er nur gute und tchtige Leute unter sich habe. Die Welt ist bunt; wir
mssen sie nehmen wie sie ist. Zwischen Riesen und Zwergen ist die Auswahl, und
die Krummen und Lahmen, die Tauben und Blinden gehren auch dazu. Der Meister
ber eine groe Arbeit zeigt sich darin, da er Jeden hinstellt, wo er hingehrt
und Jeden zu nutzen wei nach seiner Kraft und nach seiner Schwche.
    Hans Jrgen ist zu nichts gut! Darum hatte man ihn hingestellt auf die
uersten Sandhgel am Flie, wo der Wind am schrfsten wehte. Da sollte er Acht
haben. Worauf? - Wie hatten alle den armen Hans Jrgen ausgelacht und ihm den
Rcken gedreht!
    Der arme Hans Jrgen! Er hatte doch schon sechszehn Sommer hinter sich, ach
nein, er zhlte nach Wintern und war eines Edelmannes Sohn, eines Edelmannes, so
gut als Einer in den Marken zwischen Elbe und Oder, und doch sagten die Leute
auf Hohen-Ziatz, er sei zu nichts gut, und hier mute er Wache stehen vor einem
Stck alten Leders, das wie ein Galgenmann zwischen zwei Kiefern hing. Fnf Fu
war er hoch und noch einen Zoll darber, stark genug, eine junge Buche mit den
Wurzeln auszureien; auf das Fohlen in der Koppel knnte er sich werfen und wenn
die Frau es gebot, ritt er drei Meilen ohne Sattel, um zur Sippschaft eine
Botschaft zu tragen. Sein Auge war wie der Luchs, sein Bolzen traf den Vogel im
Fliegen, und ber Hecken und Grben setzte er ohne Anlauf, und doch wollten sie
ihn nicht ritterlich aufziehen, wie seines Standes war. Der alte Herr Gottfried
sagte zwar wenn er brummig war, mit den Rittern sei es aus; wozu sich die Sporen
verdienen, da es keine Sporen mehr gebe. Aber warum lie er Hans Jrgens Vetter,
den Hans Jochem, der war nicht schlechter und nicht besser von Geburt, reiten
lehren, und tanzen in Brandenburg und nahm ihn auch zum Ringelrennen mit, wo es
eines gab; ja zu einem Tournier nach Meissen hatte der alte Herr ihn ein Mal
geschickt mit seinem Verwandtten, dem edlen Herrn von Lindenberg, da er sich
dort umschauen solle, was gute Sitte sei.
    Hans Jrgen war eine Waise; aber Hans Jochem war ja auch ohne Vater und
Mutter. Herr Gottfried und sein Eheweib hatten beide Kinder, ihre Vettern, zu
sich genommen in ihr Haus und versprachen sie als ihre Shne aufzuziehen. War es
darum, da Hans Jochem von der Mutter noch eine fette Erbschaft liegen hatte,
die ward verwaltet beim Dom zu Havelberg, und Hans Jrgen war blutarm? Die
Edelfrau hatte doch gesagt, als sie die Waisen in's Schlo nahm, sie sollten
sein, da der Herrgott ihr und ihrem Gottfried keine Shne geschenkt, als ihre
eigenen Shne, und viel Liebes und Gutes hatte sie noch gesprochen ber die
armen Kindlein, denen der Herr erst die Mtter genommen und dann die Vter.
    Die Edelfrau war eine wackere Frau, und was sie sprach, das meinte sie; aber
Worte sind Wind, wenn die Thaten nicht darauf folgen, und der Sinn des Menschen
ist wandelbar. Hans Jochem hatte ein glatt Gesicht und ein paar muntere Augen,
er wute es Allen recht zu machen, und sie lachten und waren ihm gut; aber Hans
Jrgen - man wei nicht, wie man mit ihm dran ist, sagten, die nichts Schlimmes
sagen wollten. Bses wute man nicht von ihm, aber warum that er nichts Gutes?
Andere htten fragen mgen, aber warum that er nicht, was gut war, da es die
Leute sahen? Er ist tckisch, sagten Einige, denn er thut das Maul nicht auf.
Aber wenn er es aufthat, lieen ihn die Anderen nicht zu Worte kommen. Er kann
nichts Gescheidtes vorbringen. Er hatte ja nicht Zeit dazu; sein Mundwerk ging
langsam, und wenn er anfangen wollte, setzte ein Anderer fort, was er sagen
wollte, aber nicht wie er es wollte, und wenn er ein ernstes Gesicht machte,
lachten sie aus vollem Halse. Ihm fehlen die Gedanken, sagte der Dechant. Sie
lieen ihn ja nichts denken, dachte Hans Jrgen. Glatt war sein Gesicht nicht
und munter seine Augen auch nicht; es lag darin ein Ausdruck, ich wei nicht
wie, aber die Leute sagten, das ist ein verdrossener Bursch oder er ist
schlfrig.
    Wenn Hans Jrgen das Bild lange im Flie sah, wurde das Gesicht allmlig ein
anderes, und es tropfte etwas in's Wasser. Aber nur auf einen Augenblick, denn
gleich darauf war es ganz roth, und rgerlich wischte er mit dem Ellenbogen ber
die Augen: 'S ist gut, da das Keiner gesehen hat, murmelte er und warf sich
in die Brust. Aufgerichtet ging er, den Hals weit aus den Schultern, am Fliee
auf und ab und dachte wieder: wenn ich auf einem gersteten Pferde se, wir
wollten doch sehen, ob ich nicht auch ein Ritter wrde. Aber wenn das laute
Gelchter von drben herschallte, war's, als fuhr er wieder zusammen. Die andern
spielten Plumpsack mit den nassen Tchern, sie neckten, haschten und warfen
sich, wie lustige Kinder thun, denen jede Arbeit zum Spiele wird. Wer allein
ist, hascht und neckt sich nur mit seinen Grillen und bsen Gedanken. Nicht, da
er Stund aus Stund ein bei dem Leder Schildwacht htte stehen mssen, und keinen
Fu breit fortgedurft, aber er gehrte doch nicht zu den anderen. Wre er zu
ihnen getreten, sie htten ihn nicht fortgewiesen, aber er wre immer an der
Reihe gewesen beim Suchen und Haschen, und wenn die Knechte die groen Decken
spannten und loosten, wer in die Luft fliegen sollte, so wute er, das Loos
htte ihn getroffen. Er wute auch, da die Andern dachten, er sei muckisch, er
halte nicht zu ihnen, weil er was fr sich sein wollte.
    Und das will ich auch, brach ein verstohlener Gedanke unwillkrlich aus
seiner Brust, lat mich nur lter werden und grer, und dabei stie er den
kurzen Jagdspie so fest vor sich, da er mit dem stumpfen Ende in dem Boden
wurzelte. Es war ganz still geworden, die Abendluft wehte drben durch die
Elsenbrche ihm recht erquicklich auf das heie Gesicht. Von dem fernen Kloster
Lehnin klang die Abendmette. Er schttelte den Kopf: Nein, ein Mnch will ich
nicht werden. - Auch so Einer nicht, setzte er nach einer Weile hinzu, als er
den Krmerwagen in das Lager einbiegen sah. Wie schon ber den Gedanken
unwillig, wandte er ihm rasch den Rcken. Der Wind, der zwischen den Hgeln sich
fing, fuhr ihm entgegen, und er empfand einen heftigen Schlag in's Gesicht. Hans
Jrgen hob zornroth den Arm - aber es war kein Lebendiger, der es sich erfrecht,
auf ihn zu schlagen, kein Mensch, kein Arm, den er wieder schlagen konnte, es
war das Stck Wsche, davor er Schildwacht stand. Aufgeschwellt von der Luft,
schwenkte es hin und her, und die willenlosen nassen Beinriemen waren's, die ihm
um die Ohren peitschten. Es zuckte ihm durch die Finger, er war wieder hochroth,
aber jetzt war es Scham wie Zorn und schon hob er die Hand auf nach dem
verdrielichen widerwrtigen Leder: Mag der alte Herr Gtze, dachte oder
kochte es in ihm, auf dem bloen Sattel reiten, ich will nicht lnger
Fahnenwache stehen vor seinen Bchsen! Die schne, feingegerbte Elennshaut, so
sauber gewaschen, geklopft, gerieben und gebrstet, war in Gefahr, in den Sand
geworfen zu werden, wenn nicht ein Schrei ihm in's Ohr geklungen htte.
    Ein durchdringender, feiner Schrei, kaum ausgestoen und schon wieder
verhallt. Hans Jrgen kannte die Stimme; im nchsten Augenblick war er auf dem
Hgelrand, der dort die Aussicht auf das obere Flie scharf abschnitt. Eine der
kleinen Waschbnke hatte sich losgerissen, sie trieb in dem Wasser und es war
nicht ganz ohne Gefahr fr das junge Mdchen, das ngstlich darauf stand, denn
die Strmung war hier stark und trieb auf das Eck drben los, wo sie leicht an
den groen Steinen umschlagen konnte. Die Waschbank war selbst nur ein kleines
morsches Gef, welches unter seiner Last hin und her schwankte. Ohne den
Gedanken an eine Gefahr wre es ein hbsch anzuschauendes Bild gewesen. Das
liebliche Mdchen im rothen Mieder mit den aufgekrmpten Hemdsrmeln und den
bloen Fen, wie es ein Stck feiner Wsche in der Hand, mit Armen und Fen
das Gleichgewicht zu halten unbewut bemht war. Ihr ngstlicher Blick, der sich
noch nicht von dem Boden, auf dem sie stand, forttraute, ihre halbgeffneten
Lippen, die eine Reihe feiner Perlenzhne zeigten, ihr erstes Erbleichen, das
jetzt schon einer Rthe Platz gemacht, und dann wieder ein neuer Schreck, als
sie auf den groen Granitblock schielte, auf den die Waschbank lostrieb. Sie war
sichtlich im Zweifel, was zu thun. Sie steckte die goldene Dukatenkette, die
allzufrei um ihren Hals spielte und beim Anstreifen an Gebsch und Schilf eine
gefhrliche Schlinge werden konnte, mit der einen Hand in das Mieder und schien
mit dem einen Arm im Voraus zu prfen, ob sie die Weide erreichen knne, die
ihre Zweige von dem Steine ber das Wasser streckte, um vor dem gefhrlichen
Ansto sich zu schtzen.
    Aber die Schifferin erreichte weder die hlfreiche Weide, noch den
gefrchteten Granitblock. Es rauschte im Wasser und bald hatte ein krftiger Arm
die Waschbank gefat. Du wirfst mich um, rief das Mdchen, denn von der
pltzlichen Berhrung aus seiner ebenmigen Bewegung gekommen, schwankte das
Gef.
    Dafr la mich sorgen, rief der Retter und hielt ihr den rechten Arm in
die Hh', whrend er mit dem linken die Bank regierte. Nun fa mich an und dann
ist's gar nichts.
    Sie reichte ihm ihre zitternde Hand. Er watete etwa bis an die Brust im
Wasser, und der Grund schien fest.
    Aber die Bank mit ihrer schnen Last durch die Strmung nach dem andern Ufer
wieder zurckzuziehen, schien eine schwierige Aufgabe. Er strengte sich
sichtlich an; er zitterte jetzt, whrend sie immer ruhiger wurde.
    Frchte Dich nicht, Eva, sprach er, als er keuchend einen Augenblick
anhielt.
    Was soll ich mich frchten, erwiederte sie, Du siehst ja, ich stehe fest.
Ich brauche Deine Hand nicht mehr.
    Er kmpfte und berwand. Er stie die Bank an's Land. Das Schilf
niedertretend, arbeitete er sich mit einem Fu an's Ufer und wollte ihr den Arm
reichen; aber mit einem leichten Satz war sie schon herber gesprungen. Die Bank
schnellte weit zurck.
    Da wren wir ja, sprach er. Aber der arme Hans Jrgen mute gar zu
possirliche Bewegungen machen, als er das Wasser von sich schttelte, denn das
junge Mdchen schien die Angst und Fhrlichkeit ihrer Lage ganz zu vergessen,
und statt zu danken, lachte sie aus vollem Halse:
    Wie ein Pudel, Hans Jrgen! rief sie.
    Der Pudel springt auch in's Wasser, murmelte er, und leiser setzte er
hinzu: Aber, er holt nur was man ihm befiehlt.
    Nur nicht bs, Hans, sprach das Mdchen. Dank Dir auch.
    Hans Jrgen schttelte sich und murmelte etwas, was sie nicht verstand.
    Trockne Dich, Hans, da die Anderen es nicht merken. Sonst lachen sie ber
Dich und ber mich auch.
    Ueber mich, Eva? Was thut's! Sie lachen ohnedem. Ich hab 'nen tchtigen
Pelz.
    Eva Bredow sah sich um: Ach, die Bank, die Bank! Hans, sie schwimmt fort.
Dann merken sie's. Die Bank wieder, Vetter Hans. Die mu wieder an ihre Stelle.
    Die Bank war schon um ein gutes Stck weiter getrieben und schwamm drben am
Ufer hin; aber Hans Jrgen machte keine Anstalt, ihr nachzustrzen.
    Um Dich, Eva, hab' ich's gethan, und tht's noch mal, wenn Du mir auch
nicht so viel danken wolltest; ja Du mchtest mich auch noch mal auslachen; aber
um das alte Stck Holz spring ich nicht rein.
    Ein Brummbr bist Du, aber kein geflliger Vetter, Hans.
    Hans Jrgen hei ich, sprach der Bursch verdrielich. Du hast ja andere
Vettern, die heien auch Hans. Ruf den Hans Jochem. Wenn du ihn bittest,
schwimmt er wohl dem Brette nach.
    Ein bser Zug streifte um die Lippen des hbschen Kindes, ja es schien, als
zerdrcke sie mit ihren Sammtwimpern ein Etwas, das sie sich schmte sehen zu
lassen.
    Ich konnt's von Dir erwarten.
    Hans Jrgen taugt zu nichts, hast's ja oft genug von Deiner Mutter gehrt.
    Wenn Du nur anders wrst.
    Bin wie ich bin. Mach Dich nur auf die Beine, Eva, da Dich Keiner bei mir
sieht. Um die Waschbank brauchst Du nicht angst zu sein. Die Waschbank plaudert
nicht. Da kann der Strick gerissen sein, als Du an's Ufer sprangst, und der Wind
trieb sie fort. Keiner sah's; da ist ja Alles gut.
    Alles ist nicht gut. Du zitterst, Hans Jrgen, Du frierst.
    Ich zittere nicht, ich friere auch nicht, das bilde Dir nur ja nicht ein.
    Hans Jrgen, sprach das Mdchen mit sanftem Ton und streckte ihm ihre
kleine Hand entgegen. Du wirst zu Niemand was davon sagen, das wei ich -
    Da habe ich wohl mehr zu thun. Und bis da hab ich's auch vergessen.
    Aber so gehe ich nicht von Dir. Es ist nicht recht von Dir -
    Da ich Dir die Meise haschte und lebendig brachte, und den Kfig wollte
ich Dir von Rohr binden, Du httest den ganzen Winter durch Spa gehabt, und
vorher konntest Du nicht genug sagen, wie Du solche Meise liebtest, und als Du
sie hattest, lieest Du sie fliegen, rein mir zum Possen. Und mit dem jungen
Fuchs war's auch so. Alles was ich thun mag und aufstellen, Du thust, als wenn's
gar nichts wre, und nur mir zum Schabernack. Und als Du Dich versptet hattest
drben im Kloster, ach was Furcht hattest Du vor dem Knecht Ruprecht, der mit
langen Schritten hinter Dir kam und die Fichten auseinanderbog, und aus jeder
Wurzel scho die Frau Harke auf. Und wenn's in den Bschen lispelte, da
drcktest Du Dich an mich, und hast's so gern geduldet, da ich meinen Mantel um
Dich schlang und Du konntest die Augen zumachen. Da war ich Dein lieber Hans
Jrgen, und Du streicheltest mich mit den Fingern auf die Backe, und was klopfte
Dein kleines Herz. Aber als der Wald lichter ward, da ward's Dir zu warm an
meiner Seite, und als die Hunde bellten, da waren Dir die Hunde lieber als Hans
Jrgen, Du hast sie geherzt als wr es Bruder und Schwester. Ueber die Zugbrcke
sprangst Du mit ihnen um die Wette, als wre Feuer hinter Dir. Die Knechte
htten sie aufziehen mgen: ob ich drauen blieb, Dich kmmerte es nicht.
    Man sah, es war ein verhaltener Unmuth, der aus ihm sprach; was in ihm lange
gekocht, brach, von einem Funken entzndet, mit einem Male heraus. Eva htte
kein Weib sein mssen, wenn nicht auch ihr Gefhl verletzt worden wre und der
bittere Angriff eine eben so bittere Vertheidigung vorgelockt htte. Die
hbschen Lippen kniffen sich zusammen, aber man sah auch, da sie einen Kampf
mit sich kmpfte, aus dem sie wenigstens zum Theil als Siegerin hervorging.
    Hans Jrgen, was hast Du denn gethan, das Dir ein Recht giebt, so zu
sprechen, sagte sie nach einer Pause mit einer Stimme, aus der die
Leidenschaftlichkeit, aber auch die Wrme fort war.
    Ich, ich habe gar nichts gethan. Nichts thue ich, ich kann ja nichts thun.
    Was Du thatest, htte jeder Andere auch gethan. Ich danke es Dir. Aber der
Martin, der Wenzel, auch der verdrieliche Ruprecht, die wren alle auch in's
Wasser gesprungen. Was war denn fr groe Gefahr dabei? das Flie ist nicht
tief.
    Und darum solchen unntzen Mund! Nicht wahr? Htte ich nur mehr Wasser
geschluckt, dann mte ich das Maul halten.
    Das ist bse Rede, Vetter.
    Wr' es Hans Jochem gewesen, der wre gleich fortgelaufen, er htte sich
nicht geschttelt, da die Tropfen spritzten. Aber Du httest auch nicht lachen
knnen, wie ber einen Pudel. Den Spa habe ich Dir doch gemacht.
    Hans Jrgen, nun hre auf. Hans Jochem ist auch ein guter Junge, aber er
htte sich wohl erst bedacht, ob er sein neu Wams na machen drfe.
    Meinst Du das, Eva?
    Sie hielt ihm wieder ihre Hand hin: Vetter, lauf an's Feuer und trockne
Dich, dann wirst Du nicht so wirsch sprechen. Da ich die Meise fliegen lie,
das war nicht recht von mir. Es berkam mich gerade so. Ich wollte es Dir auch
abbitten, aber ich hab's nicht gethan. Und damals, wie ich von der Muhme kam, da
schmte ich mich nur, da ich mich so gegrault hatte, und da sprangen die Hunde
mich an. Ich hab's Dir aber wohl im Herzen behalten, wie Du mich durch den Wald
fhrtest, der gar zu grauslich war und so lieb zu mir sprachst, da ich mich
nicht frchten sollte. Bis ich einschlief, hab ich zur Mutter Gottes gebetet -
fr Dich auch, Hans Jrgen.
    Hast Du das! - der Bursch sah finster vor sich hin. Das ist hbsch von
Dir. Und weit Du, Eva, ich hab's mir auch gedacht, da Du so thtest. Freilich,
was die Mutter Gottes hrt, das hrt kein anderer Mensch.
    Eva Bredow senkte auch die Augen. Sie verstanden sich. Beide schwiegen. Es
thut nicht gut, Alles auszusprechen. Hans Jrgen hub zuerst wieder an:
    Nun geh nur schnell fort, da sie Dich nicht vermissen und nichts merken.
Du kannst auch ber mich lachen vor den Andern, so viel Du willst, ich will Dir
drum nicht bs sein und es nicht vergessen, was Du mir hier gesagt hast. Aber es
wird auch mal eine Zeit kommen, wo sie mich nicht hnseln sollen, wo sie mich
nicht in den April schicken sollen und nicht hinstellen, vor den alten Bchsen
Wache stehen. Und dann, und dann -
    Hans, wo willst du hin?
    Geh nur, ich komme nach.
    Aber Du hast mir noch nicht die Hand geschttelt, da Du mir wieder gut
bist.
    Ach was, es knnt Einer sehen.
    Da Du weinst, Hans Jrgen, das schickt sich nicht.
    Ich weine nicht, sagte er barsch, und wollte fort.
    Wohin?
    Die Bank holen. Sie schwimmt zu weit. Geh du nur zu Deinen Krausen und
Tchlein. Ich habe sie Dir wieder hingebracht, eh's Einer merkt.
    Aber sie rief ihn mit einem solchen Ton zurck, da er folgen mute.
    Die Waschbank ist ein altes Brett, die Fischer werden sie schon auffangen,
da sie nicht in die Havel luft. Auch ist die Wsche nun vorber und die Sonne
geht zur Rste. Hilf mir lieber meine Bleichstcke zhlen und zur Mutter tragen,
die anderen Mdchen sind zu wirrig, und Jede denkt nur an ihren Part.
    Ich, Eva?
    Bses ist's doch nicht, Hans Jrgen. Da greift ja ein Jeder mit an.
    Ich will Dir die Stcke zhlen und zusammenlegen und bis an den Busch
tragen, dann will ich mich schon fortschleichen, da Keiner es sehen soll.
    Was denn, Hans Jrgen?
    Nun, ich meine nur, da Keiner Dich drum auslacht, weil Du's mit mir
hltst.
    Komm! rief Eva, und als er noch zauderte, ergriff sie ihn bei der Hand.
    Sie rannten Hand in Hand den Hgel hinab, und grad dahin, wo ihre Schwestern
und die anderen Mdchen beschftigt waren, die Stcke von der Bleiche
aufzurollen und von den Seilen abzunehmen. Lachend rief sie: Hier bring ich
Einen, der uns helfen soll. Der Faulpelz meinte, er thte genug, wenn er
Maulaffen feil htte vor einer Eselshaut. Aber ich habe ihm bedeutet, da es
damit nicht gethan ist. Hans Jrgen ist heut mein Knappe und ich lasse nichts
auf ihn kommen. Ohne ihn, wo wren meine Tchlein und Krausen!
    Sie erzhlte mit Zungenfertigkeit eine glaubwrdige Geschichte, wie die Bank
sich vom Ufer losgerissen. Diesmal war aber nicht sie darauf ins Weite
geschwommen, sondern nur alle ihre schne, feine Wsche, die in Schilf, Moor und
Wasser vielleicht zerstreut, vielleicht verloren wre, wenn Hans Jrgen nicht
zur Stelle und kein so guter Schwimmer gewesen wre. Dafr belud sie ihm auch
Schultern und Arme mit so viel er nur tragen konnte; ja der vorige Uebermuth
schien wieder anzuklopfen, als sie ihm sogar eine Flgelhaube, fr die sie
keinen andern Ort fand, auf den Kopf setzte. Als er ein ernsthaftes Gesicht dazu
machte, sah sie ihren lieben Vetter so freundlich an, da ihm wohl ward. Aber
kaum nherten sie sich dem Hauptlager, als sie ihm unversehens die Haube wieder
abgerissen hatte und selbst das Pack, das er auf den Schultern trug, unter ihre
Arme nahm.

                                Viertes Kapitel.



                           Der Krmer und der Sturm.

Hans Jrgen und Eva htten nicht nthig gehabt, sich zu frchten, weil sie der
Edelfrau begegneten. Die Frau von Bredow sah nach andren Dingen. Ein Wunder da
sie nicht frher das Kichern, Schreien und Hndeklatschen gehrt, ein Lrm, den
eine Hausfrau nimmer dulden durfte.
    Sie standen, ihr den Rcken zugekehrt. Die schlugen in die Hnde, die
sprangen vor Lust. Haidi mit ihm! So ist's ihm Recht! schrieen sie und hrten
darber nicht, da die Herrin zrnend fragte: wer denn schon Feierabend geboten?
    Es war nicht der Feierabend, es war ein Reiter, der auf seinem athemlosen
Gaule einen sehr unfreiwilligen Ritt machte. Muthwillige Buben hatten ihm das
Geleit gegeben mit Ruthen und Stricken; aber mehr als ihre Streiche scheuchte
das arme Thier der trockne Dornenbusch, den sie ihm an den Schweif gebunden. Der
alte schwerfllige Gaul scho ber Stock und Block; unbekmmert, ob der Mann,
der auf seinem Rcken sa und sich mit vorgestrecktem Leibe in seinen Mhnen
festhielt, einen Willen hatte oder keinen; unbekmmert, ob er noch hing oder
schon herabfiel.
    Der Mann, der jetzt nur noch ein schwarzer Punkt war, war vorhin hier der
Mittelpunkt. Es war viel vorgegangen. Als er noch auf seinem Karren stand, wie
hatten die Mgde Maul und Nase aufgesperrt. Litzen und Seidenbnder, Gespnge,
Ketten und Ohringe, und die feuerrothen und schreiend gelben Tchlein, wie
hatten sie in der Sonne geflimmert. Solche Schtze, die ein ganzes Leben
glcklich machen konnten, besa ein Mann. Dann hatten sie mit ihrem Schatz
verhandelt, und der Schatz zog endlich sein ledern Beutelein hervor und zhlte
die Pfennige, ob es reichen wrde, und dann war gehandelt und gefeilscht worden,
und der Krmer hatte Stein und Bein geschworen, da das Bndchen und der Ring
ihm selber mehr koste, als er fordere, aber um die Hlfte htte er's doch
gelassen, nur der Kundschaft wegen.
    Hans Jochem, der Junker, der doch immer obenauf war, wo es was Lustiges galt
und Schelmenstreiche, was war er mit einem Male ernst geworden und schaute auf
ein Etwas, das der groe Handelsmann vor ihm hinhielt. Zuerst sah es aus wie
eine groe Wurst, etwa zwei Schuh lang und gut einen dick; dann als der Kaufmann
die Schnre lste und es auseinanderlegte und immer weiter und weiter, da htte
Einer denken mgen, es wre ein Sack, um einen Eber darin zu fangen. Aber nun
steckte er beide Arme hinein und gar den Kopf auch, und so weit er auch mit den
Armen fuhr, er erreichte nicht das Ende, denn ein Fltchen faltete sich nach dem
andern, und es war pures schnes Tuch, ausgeschlitzt und gesumt und gefuttert
mit Seiden. Dann gab er's dem Junker zu halten, da er es gegen die Sonne
hielte, und als Hans Jochem es hielt, zitterte fast der Junker vor Freude.
    Ihre kurfrstlichen Gnaden haben selbst nicht bessere, sagte der Krmer.
    Dann ist's nichts fr mich, sagte der Junker leise und wollte zgernd das
Prachtstck dem Kaufmann zurckreichen.
    Was, rief der, nichts fr meinen Junker von Retzow. Fr wen denn sonst?
Braucht ein havellndischer Junker sich zu scheuen, um den Leib zu grten, was
der Markgraf umthut? Der Wichard von Rochow, gndiger Junker, hatte schon bei
Lebzeiten Kurfrst Johann Ciceros ein Paar Hosen um, wenn man sie auspuffte, war
er in der Breite so lang als gro, und er ma doch an sechs Fu. Das kmmerte
ihn gar nicht, als der Kurfrst hochseliger ihn fragte, ob die Ernte von Golzow
im einen und die von Rekahne im andern Beine Platz htte? Kurfrstliche Gnaden,
erwiderte Herr Wichard, auch die von Potsdam, so mir das wiedergegeben wrde,
was meine Vter mit Recht besitzen thaten. Da wandte ihm der Kurfrst den Rcken
und sprach kein Wort, aber die andern Edelleute lachten fr sich und drckten
Eurem Vetter die Hand, da er's ihm so gut gegeben hatte.
    Kriegen Potsdam doch nicht wieder, sagte Junker Melchior.
    Probirt sie nur an, fuhr der Handelsmann fort, der sich um das Prachtstck
nicht viel mehr zu kmmern schien, indem er schon in neuen Schublden nach neuen
Schtzen suchte. Nehmt Ihr sie nicht, nimmt sie ein Anderer. So was verkauft
sich von selbst. Blo probiren, Junker, weiter nichts, damit die Frlein sehen,
wie es sitzt. - Ei der Tausend, und wie angegossen, wie zugeschnitten fr Euch.
Nun hckeln wir's nur ein bischen fest und dann die Knieschnallen.
    Junker Hans Jochem hatte probirt. Ueber die knappen Drilchhosen waren die
weitgebauschten Tuchhosen mit Leichtigkeit gefahren, und der Handelsmann hatte
sie mit fertigen Hnden zugenestelt.
    Nein so schn und frnehm sahen wir unseren Junker doch noch niemals,
sagten die Mgde, und Alles trat zurck, ihm Platz zu machen, und seine Wangen
glhten einen Augenblick im Abendroth, wie der Saum der Purpurschlitzen, die
sich ffneten und schlossen.
    Als er schchtern gefragt, was sie wohl gelten thaten, hatte der Krmer:
Pah! gerufen, sie wrden auch nicht das rmische Reich kosten. Unversehens,
meinte Hans Jochem, war er an's Flie getreten und hatte sich unversehens im
Wasser beschaut. So hatte ihm nie ein Kleid gestanden. Und er dachte: Ei, und
wenn's auch eine Mark ist! Frag' ihn aber genau, Hans Jochem, der Hedderich ist
ein Schelm, hatte Mhmchen Agnes ihm besorglich zugeflstert. Und das Wort war
nun ausgesprochen, das alle Freude vergllte, und eiskalt und schwer bauschten
sie ihm um die Hften und schienen den armen Thor auszulachen. Fnfzig Ellen
Zeug verschnitten! fuhr der Krmer fort. Und Flamlndisches, vom Feinsten, wie
es nur in's Land gekommen, und die Schlitzen von mailndischer Seide und die
Schnallen von Venedig. Ein Paar Mark ist gar kein Geld dafr! -
    Ach armer Hans Jochem! hatte Agnes leise geklagt.
    Der ist mir sicher, hatte Klaus Hedderich gedacht. Wer wird von jungen
Leuten baar bezahlt nehmen. Im Stock zu Havelberg, da liegt mein Schilling gut
aufgehoben, und nur ein Wort vom gndigen Vormund, so zahlt er auch drei Mark
fr's Warten.
    Wie sollte Junker Gottfried zahlen wollen fr ein Paar Pluderhosen, er, der
- Welche niederschlagenden Wetterwolken zckten da um Alle. Wr's doch fr ganz
Hohen-Ziatz eine Ehre, so dachte der Meier, so dachte der Knecht. Und der
unterste leibeigene wendische Mann, der mit den Schweinen unter einem Dache
verkehrte, der nie sich unterstehen drfte, mit seinen Bastschuhen ber die
Schwelle zu treten, wo die Herrschaft sa, er dachte auch so. Er htte sich auch
freuen mssen und htte sich gefreut, wenn das hbsche Ziehkind von Hohen-Ziatz
das Leibstck gewann. Was hatte er vom Junker? Der sah ihn nicht an, wenn er
auf's Ro stieg. Einmal, als er nicht schnell genug bei Seite sprang, hatte er
ihm mit der Gerte einen Ri gegeben, der durch die Schwielenhaut drang, und viel
fehlte nicht, htte er ihn bergeritten, aber der Junker gehrte doch zum Haus.
Des Hauses Ehre war auch des armen Leibeigenen Ehre. Eigene hatte er nicht.
    Das dachten die Andern, Hans Jochem aber nestelte an dem Bund, und ihm zur
Qual hatte der Krmer den Riemen so fest verhakt, da er's gar nicht loskriegen
konnte.
    Bald darauf hatte es aber ganz anders ausgesehen. Da stand der Krmer nicht
mehr auf seinem Wagen, wie ein Herr der Herrlichkeit. Sie hatten ihn
heruntergerissen und schrieen ihn an, und er hob umsonst die Hnde und
betheuerte umsonst seine Unschuld. Die Mgde hatten am Flie an einem der bunten
Tcher, die er als echt verkauft, die Probe gemacht, und: es ist falsch!
schrieen die wthenden Dirnen und die Knechte wiederholten: er verkauft falsche
Waare! Das nasse Tuch schlug ihm um's Gesicht, da es gelb und roth wurde. Vor
Schrecken war der Anne Susanne der Silberring, den der Groknecht Christoph fr
sie gekauft, aus der Hand gefallen, und der ein Brautring werden sollte,
zersprang am Stein, auf den er fiel; und das Silber war zusammengelthet Blei.
Nun schien es um den Krmer Klaus Hedderich gethan. Vergebens lag er auf seinen
Knien und versprach Bue, vergebens rief er, er selbst sei von den Nrnberger
Herren betrogen' worden, vergebens versprach er, schne bessere Waare dafr, ein
Goldringlein, das des Kurfrsten Goldschmidt selbst prfen solle, fr das
Wollentuch eins von echter Seide. Vergebens rief er den Junker Melchior an,
seiner sich anzunehmen, vergebens den Burgfrieden von Hohen-Ziatz und die
Gerechtigkeit der edlen Herren von Bredow, vergebens den Junker Hans Jochem, er
wolle ihm die Hosen lassen um den halben Preis. Er war ein ganz verlorener Mann.
Zum Galgen mit ihm! schrie es. Da waren die Pferde ausgespannt, da war sein
Karren umgestrzt, die Riemen gesprengt und die Pcke und Kasten und Kisten
rollten. Sie zerrten und stieen ihn, und die Peitschenschnre der Knechte
konnten gar noch nicht an ihn kommen vor den ergrimmten Mdchen, die mit ihren
Fusten und Ngeln gegen den gottvergessenen Betrger eiferten.
    Da sie ihn gehngt htten, will ich nicht meinen, aber schlimm wr's ihm
ergangen, wenn nicht der Junker Peter Melchior sein Wort darein gesprochen. Er
meinte, was es ihnen hlfe, so sie dem Mann die Haut gerbten oder ihn aufhingen
mit den Hnden an die Kiefer, oder in den Sumpf steckten bis an's Kinn; dann
kmen doch Andere und zgen ihn raus, und man wisse nicht, was danach kme,
wobei der Junker nach dem Waldweg zwinkerte, den die Burgfrau gegangen. Sie
sollten ihn laufen lassen oder zum Teufel jagen. Ja, je eher man solchen
falschen Kerl los wrde, desto besser; dann knne man sich an seine Sachen
halten und zusehen, ob in dem Plunder was sei, um den Schaden gut zu machen.
    Ehe er sich's versah, sa nun der arme Krmer auf dem Gaul, ehe er noch ein
Valet sagen konnte seinem Kram, sah er ihn nicht mehr.
    So war es geschehen, und der Junker Hans Jochem sah auf seine schnen Hosen
nieder, in deren Carmoisinpuffen die Abendsonne mit Wohlgefallen sich zu fangen
schien, und er dachte, die hat der Mann nun vergessen, und zugleich dachte er,
wie mag der Mann nun zu seinem Gelde kommen, und dann kam noch ein Gedanke, der
machte sein Gesicht so roth wie die Puffen. Es klang ihm mit einem Male wie des
Dechanten Stimme aus dem Dornbusch: Da sieht man abermals Gottes Fingerzeig und
sichtliche Fgung, er hat dich betrgen wollen, und nun ist er betrogen. Wollte
den doppelten Preis, was sie kosten, und nun hat er nichts! So lispelte es ihm
zu, oder der Junker glaubte es, aus dem Dornstrauch, durch den ein gelbes Licht
von der untergehenden Sonne streifte, und es ging ein seltsam Zittern und
Knistern darin um, wie wohl zuweilen der Wind thut. Aber derselbe Wind
schttelte in den Wipfeln des Baumes, daran Hans Jochems Spie stand, und der
Spie, der nicht fest stand, rttelte. Da schien es ihm, als ob der Spie
flstere: Schme Dich, Hans Jochem. Du bist ein Edelmann und kein Dieb. Ja,
wenn Du ihn geworfen httest, den schlechten Kerl, in den Graben mit ihm und
einen blutigen Kopf, wenn er raisonnirte, dann httest du's ehrlich nehmen
mgen, mit guter Sitte, und kein guter Mann htte zu dir sagen knnen, du seist
ein Dieb. Aber so du sie behltst und hast nichts fr gegeben, nicht Streiche,
nicht Geld, das kann das Bettelmensch auch und der Zigeunerbub, die hngt man,
und die Hand wird unehrlich, die sie anrhrt!
    So sprach's im Busch und so im Baum zu Hans Jochem, und er stand wie
eingewurzelt und hrte noch nichts von dem Donnerwetter. Mit der einen Hand
nestelte er am Gurt und mit der andern streichelte er die schnen
Carmoisinpuffen. Da flsterte ihm wieder etwas in's Ohr: Thu sie los, lieber
Hans Jochem, thu sie los, es thut nicht gut. Ach, heilige Agnes, da ist sie,
schon, seufzte die kleine blasse Agnes.
    Es frommt nicht, zu viele Ungewitter zu malen, nicht fr den Maler, nicht
fr den Dichter. Wer immer Sturm und Nacht vorbringt, von dem meint man wohl,
da er das liebe Sonnenlicht nicht ertrage und vor der stillen Luft sich
frchte.
    Und wir haben noch von so vielen Unwettern zu erzhlen.
    Also, es hatte gedonnert und gewettert, und wer denkt sich nicht wie, der
unsere Frau von Bredow kennt, und wie ein Kornfeld mit geknickten Aehren standen
sie bla umher und lieen die Kpfe sinken. Nun hatte sich Frau Brigitte
umgesehen, wer dem Krmer nachreiten sollte und ihr Auge fiel auf Hans Jochem.
Der ist nicht der Schlimmste, dachte sie, er ist von gutem Blute.
    Wie sollte Hans Jochem auf's Pferd! Der konnte nicht reiten, das sagte der
erste Blick; aber rasch hatte die Edelfrau nach dem Nchsten sich umgeschaut,
der's konnte: Hans Jrgen! Hans Jrgen ward auch blutroth, und er hatte doch
keine Pluderhose an. Eva sah erschreckt die Mutter an, die auch roth war, aber
vor Zorn. Auf's Pferd! Wo stand auch gleich ein gesatteltes Pferd bereit?
    Ein Krnergaul trabt dem andern am besten nach. Hans Jrgen mute auf das
Thier ohne Bgel und Sattel. Alt war es, hochbeinig und mehr Knochen als
Fleisch, und ein Ritt war es, der durch Mark und Nieren ging. Zu anderer Zeit
htten sie aus Herzenslust gelacht; wer sich aber fragte, ob er lieber Hans
Jochem war, der zurck blieb, oder Hans Jrgen, der fort mute, beneidete heut
den armen Hans Jrgen, den der Gaul in die Lfte warf.
    Eine dunkle Wetterwand war im Abend aufgezogen. Sie stieg hher und hher;
ein verrtherischer Wind streifte ber die Haide und regte die Wipfel der Bume.
Zu anderer Zeit htte meine Frau von Bredow, deren scharfem Auge nichts entging,
das anziehende Unwetter lngst gemerkt, und sie wrde, wie der Schiffscapitain,
rasch und kurz ihre Befehle ausgeschrieen haben, die Segel einzuziehen, die
Pcke und Ballen zu schnren, um das Schiff nach dem Hafen zu steuern. Aber die
beste Frau bleibt eine Frau. Die Beichte im Walde, das Gericht im Lager, sie die
Richterin und vor ihr der arme Snder, das war zuviel innerer Sturm, um auf die
Zeichen des Sturmes drauen Acht zu haben.
    Es trifft sich wohl, wo Viele sndigten, da Gericht und Strafe wie
Gewitterwolken ber die Hupter der Schuldigsten fortrollen, um einzuschlagen
auf einen armen Snder, der den geringsten Theil der Schuld trgt. War Hans
Jochem so arg, wie die Frau ihn schalt, so war er darin wenigstens noch
unverdorben, da er sein Schuldbewutsein nicht zu bemnteln wute; es stand auf
seiner Stirn geschrieben und sein kreidewei Gesicht sagte zu Allem ja, als die
Base ihm seine Eitelkeit und Hoffahrt in Worten zu kosten gab, die wie Hagel auf
eine Fensterscheibe klirrten.
    Er wute sich nicht zu vertheidigen, er verwirrte sich in seinen Worten, wie
seine Hnde in den Schlingen des Gurtes, den er durchaus nicht los kriegte. Er
hatte das Prachtstck gewollt und auch nicht gewollt, aber Agnes Bredow trat
pltzlich als seine Advocatin auf. Das stille Mdchen ward zur Rednerin. Ihr
Vetter hatte es nicht gewollt, versicherte sie, aber der Krmer hatte es ihm
angethan; trotz seines Strubens hatte er sie anprobiren mssen, und da saen
sie ihm fest, man wute nicht wie. Selbst hatte sie's gesehen, wie er die
Schnallen und Binden geschlossen, der schlimme Mann, und durch's Herz war's ihr
gefahren, wie es da aus seinen Augen geblitzt. O es war ganz gewi, da ihr
armer Vetter besprochen war, und der Beweis dafr war zu deutlich, da er noch
jetzt den Bund nicht los kriegte.
    Eva sah verwundert ihre Schwester an, wie ihre Augen glnzten: Und er ist
verzaubert! Ich la mir's nicht nehmen! schlo Agnes und sah sich nach Hlfe
um, wobei ihr Blick fast bittend auf dem Dechanten haften blieb. Der zuckte die
Achseln, und meinte, da allerdings Einige in Berlin meinten, wie es mit dieser
Mode, die aus den Niederlanden herber gekommen, nicht seine Richtigkeit habe,
und von Dmonen wissen wollten, die in diesen zerhackten und geschlitzten
Ungethmen sen, um des Menschen Sinne zu bethren, wie er inde in solchen
weltlichen Dingen zu wenig Erfahrung habe, um darber zu entscheiden. Peter
Melchior, der sich sehr in den Hintergrund gedrckt hatte, gab auch jetzt sein
Wort darein, es sei ihm sehr wahrscheinlich, er habe dem Hedderich nie getraut.
Der Knecht Ruprecht nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe, die Gromagd Anne
Susanne schrie und weinte ber den gottlosen Zauberer, und der Dechant, der sich
in die allgemeine Stimme fgte, zuckte wieder die Achseln und erklrte sich wohl
bereit, wenn der Bund nicht aufginge, durch einen gehrigen Exorcismus die bsen
Mchte zum Weichen zu bringen; aber Frau Brigitte meinte: den Exorcismus
berlat mir!
    Mit einem Ruck von ihren krftigen Hnden war es geschehen, der Gurt
gerissen. Da aber die Knieriemen noch fest verschnallt waren, fiel die ganze
Wucht der fnfzig zerschlitzten Ellen wie ein Fa, dessen Reifen gesprungen
sind, nach allen Seiten und bedeckten in flammendem Carmoisin des Junkers Fe.
Jetzt sah Hans Jochem allerdings wie verzaubert aus.
    Verhext war er auch, das hat seine Richtigkeit, Herr Dechant, sagte die
Edelfrau ruhig. Will's Euch aber erklren, wie es zuging. Als er das bunte
Satanszeug um hatte, will's gern glauben, da er's nicht genommen, berkam ihn
die Lust, da er's nicht wieder abthte. Da war's ihm schon angethan; das ist
der eine Teufel. Und weiter ward's ihm angethan, als ihr den Schelmen einen
Schelm nanntet und jagtet ihn ber alle Berge, doch seine Sachen, da hattet Ihr
kein Aergerni dran, da er sie hier lie. Und Hans Jochem hatte auch kein
Aergerni, da ihm der Plunder fest am Leibe sa, mit der einen Hand hat er
genestelt, da er ihn los bekme, aber mit der andern sie wieder festgehalten.
Da kam der zweite Teufel und hat ihm zugeflstert: Wenn der Hedderich sie nicht
kommt holen, wer zwingt Dich, da Du sie ihm bringst? Nun betete er, zu wem, das
will ich nicht sagen, da er sie nicht holen mchte, und das war der dritte
Teufel. Einer, drei, meinethalben sieben, damit ein Junker ein Paar Hosen
umsonst kriegt, aber ich will sie alle Sieben austreiben, so wahr ich Brigitte
Bredow heie, und dazu brauch' ich kein Weihwasser und keinen Priester.
    Man wei nicht, wie es Hans Jochem ergangen wre, und ob die Base zu ihm
gekommen wre, wenn er nicht zu ihr kam, was aber gar nicht gehen wollte, da ihm
die Knieschnallen noch fest saen, und als er sich bewegte, der halbe Kramladen
Tuch an seinen Beinen schleppte und eine Wolke Staubes auffegte, wenn nicht
jetzt sein Vetter Hans Jrgen ihm zu Hlfe gekommen wre.
    Ohne Sattel und Bgel zu Ro, und doch lenkte er noch ein ander Ro mit
einem Manne drauf, und zog es hinter sich an einem Seil, wie der Knochenhauer
das Kalb, das er zu Markt schleppt, und jetzt ri er es vor, ohne den Mann drauf
drum zu fragen, da es sich berstrzte und der Krmer Hedderich fast auf seinen
Kram gefallen wre.
    Mir gefllt etwas hier nicht, sprach der Junker Peter Melchior bei sich.
Da doch Alle vom Herzensgrund lachten, die Einen vor Schadenfreude ber den
Krmer, die Andern vor Freude ber Hans Jrgen, da er es so gut gemacht. Der
Dechant, der neben ihm stand, sagte, es sei die Luft, und schlug sein Gewand
fester um.
    Was ist das! schrie Einer, Sieh da! und der Wind antwortete. Es war
nicht mehr das Flstern und das Lispeln in den Wipfeln, es wehte wie warmer
Brodem aus dem Ofen und pfiff und schrillte dazwischen. Das Wasser war unruhig
und die Krhen flogen krchzend um die Kiefernwipfel.
    Die Wetterbank im Abend war aufgestiegen, unmerklich, aber schwarz wie ein
Gebirg, und unten ri es wieder und theilte sich, ein groes Thor, und ein
gelbes Licht strahlte draus hervor.
    Jesus Maria, sei mir gndig, das will was bedeuten! So rief Eine, und die
Andere dachte es. Die Edelfrau hatte, die Hand vor'm Auge, ruhig hingeschaut.
    Ein Sturm, das will's bedeuten, wie Gallus ihn nachschickt!
    Es fuhr, kaum da sie's gesprochen, wie ein Schlag oder Schu. Die eine Wand
des letzten Zeltes war losgerissen, es schlug ber, der Sturm fate die
Leinwand, und mit einem Krachen fuhr es ber die Kpfe sausend hin. Nicht das
Zelt allein, Leinen, Zeug, wie ein Schneetreiben flog es. Mtzen, Mntel, Hte
hinterdrein, wer sie nicht fest hielt. Wo die Fichten sich beugten wie Rohr, was
sollte man da nicht kreideweie Gesichter sehen und von den blassen Lippen
Stogebete murmeln und die Heiligen angerufen hren.
    Es ist hier nicht richtig, ich hab's immer gesagt, wiederholte der Junker
Peter Melchior.
    Da fliegt die Hexe leibhaftig! schrie es. Nicht die Wolken, die, mit
gelbrothen Streiflichtern vom Sturm getrieben, ber die Kpfe sausten und ihre
Buche an den Fichten schlitzten, ein Klumpen, ein Ungethm von allerhand Farben
breitete in der Luft seine Polypenarme aus.
    Ave Maria, alle Heiligen! sthnte der Dechant. Es sitzt auf ihm. -
    Er lag auf seinen Knieen; es zog ihn nieder, eine dunkle, unwiderstehliche
Macht. Er rang vergeblich, wie der unglckliche Heerfhrer der Griechen, als
sein treuloses Weib ihm das faltenreiche Gewand ber den Leib geworfen. Jeder
hatte mit sich und dem Seinen zu thun, selbst die Edelfrau flog an ihm vorber,
unbekmmert um ihren Seelsorger. Aber das tchtige Weib packte den Hans Jochem,
dem's endlich gelungen war, die Knieschnallen zu lsen, und der mit
aufgerissenem Munde dem Pluder nachsah, als ihn der Wind forttrug. Nun drohte
sie ihm, hier sei nicht Maulaffen feil zu halten. Seinem Vetter Hans Jrgen
ging's nicht besser. Den ri sie von der Arbeit, die sie ihm kaum aufgetragen,
denn in der Noth ist Jeder sich selbst der Nchste. Der Krmer Hedderich war
auch wohl der Mann fr sich allein zu sorgen, wenn man ihn nur sorgen lie. Mit
einem Satz war er auf den Dechanten losgestrzt. Der arme Dechant! Auf schrie
er, denn nun glaubte er, der Gottseibeiuns selbst liege auf ihm, und sthnte
Gebete unter dem Alp. Aber der Alp lste sich, und unversehens hatte er ihm die
Wolke vom Gesicht gerissen. Nur die Worte des Verderbens hrte noch der fromme
Mann: Da Dich -! lstet's dem Pfaff auch nach Pluder, das giebt L - -.
Sanctissima! kreuzte sich der Dechant und floh in den dichtesten Wald den
Andern nach.
    Wer das vorhin gesehen und es nun sah, htte mit guten Ehren an einen
Hexensabbath denken mgen. Noch eben so viel Wirtschaft und Wirrwarr, und kaum
das Viertel einer Stunde, so war es still und einsam am Lieper Eck. Menschen,
Thiere und Wagen waren in den Wald verschwunden. Noch hrte man die Rder
knarren, noch das Blasen des Hornes, wenn der Sturm einen Augenblick schwieg,
aber von Allen, die hier eine Woche so lustig handtirt, war nicht brig
geblieben ein Tchlein am Strauch, nicht ein Strumpf in den Bschen. Das Auge
der Edelfrau sphte wie der Uhu durch Sturm und Nacht, das Verlorene wieder zu
holen.
    Wenn noch etwas Weies durch die Fhren jagte, war es der Schaum vom See,
den der Sturm auftrieb. Wenn es sich noch regte in der Dmmerung, waren es die
Stmme, die sich schttelten. Wenn noch Stimmen ertnten durch das Nachtgrauen,
waren's die Eulen, und fernher schlich der Fuchs, zu sehen, ob auch fr ihn
nichts im Lager zurckgeblieben.
    Doch war noch ein menschlich Wesen zurckgeblieben in der Nachteinsamkeit.
Es sthnte tief auf wie der Schmerz in einer Brust, die lange, lange ihn
verhalten, und nun kann er sich Luft machen, da seine Peiniger nicht da sind.
Kreischend, rauh, halb Verzweiflung, halb teuflischer Grimm, preten sich die
Worte heraus, als der Krmer Hedderich sich aufrichtete:
    Schinder und nicht Menschen! Raubmrderisch Gesindel, und das heit
Burgfrieden! Was wr's denn schlimmer, so ich den Kckeritz und Lderitz in die
Hnde fiel! -
    Wie er zhneknirschend beide Hnde gen Himmel ballte, da leuchtete der Mond
durch die zerrissenen Wolken auf ein hlich Gesicht, ein Gesicht, ber das der
bse Feind sich im Stillen freut. Den braucht er nicht zu kdern, nicht Reiche
zu verheien; selbst sucht er ihn auf am Kreuzweg.
    O Ihr Edelleute, Ihr Ritter, Ihr Herren, Ihr Gewaltigen, einen Wurm
zertreten, ihn kitzeln mit den Spieen, da die Eingeweide ihm brennen, ihn
rollen mit den Sporen im Sande, schinden und anspeien! Das ist Zeitvertreib,
juchheia! Sanct Nikolas hilf mir, ich wollt mir auch das Herz aus dem Leibe
lachen, wie 'nen Maikfer Euch zappeln lassen am Faden, reien und schmeien.
Sohlen hab' ich wie Ihr, langsam zertreten, wie ein Regenwurm solltet Ihr Euch
krmmen, Stck fr Stck; Stck fr Stck habt Ihr mich auch zerschlickt, meine
Seiden, meine Tcher, meine Wollen! Allbarmherzige Mutter Gottes, gnadenreiche -
Pestilenz, Hll' und Teufel, ein verlorener Mann bin ich, wenn sie -
    Er schien nicht zu wagen, den Gedanken auszusprechen. Er zitterte, fuhr mit
der Hand durch die wilden Haare, warf sich auf das Gepck, umklammerte es, und
doch suchte er schon durch verstohlene Drcke den Inhalt der Ballen zu prfen,
whrend er die drren Finger zum Gebete zusammenprete.
    Stck um Stck umwerfend, kam er an ein Pack. Der Angstschwei perlte auf
seiner Stirn. Jetzt konnte er es mit dem Finger erreichen. Er klopfte daran; ein
feiner Silberklang antwortete. Des Mannes Zge erheiterten sich, oder vielmehr
ein grinsendes, widerwrtiges Lcheln breitete sich um seinen Mund. Die
thierische Lust flammte auf. Hhnisch lachte er auf, und die Hand, eben noch zum
Gebet gefaltet, schnellte die Finger hhnisch:
    Habt Ihr das nicht gefunden, Ihr Geier von Rabenstein, Ihr Habichte vom
Garaus, Ihr Falken vom Lug in die Noth! Blinde Kter bellen zu frh. Aber wartet
nur, die Wlfe haben zu lang die Hrde umschlichen. Die Gerechtigkeit wird
losgebunden; Euch wird Heulen und Zhnklappern kommen, wenn sie Euch in die
Waden fahren. Ich bin ein schlechter Mann, aber Euch soll's schlechter gehen als
meinem schlechtesten Hund. Der Kurfrst, sagt Ihr, ist ein Knabe. Aus Knaben
werden Mnner, was aber aus Euch werden wird, fragt nach des Henkers
Freiknechten. Mir im Burgfrieden die Rosse ausspannen, mein Gefhrte
umschmeien, wer zhlt die Stcke! Und die Rieme zerrissen. Wer knpft mir die
Riemen zusammen? Der Deckel ist eingeschlagen. Ich will klagen. Schwren will
ich, auf den Hals Euch schwren, so wahr Niemand hier mich hrt, Gold und Perlen
waren drin, drei Tausend - Ave Maria, was ist das?
    Es rauschte und klatschte. Der Sturm hatte doch ausgetobt, nur ein leiser
Luftzug wehte noch.
    Es rauschte und klatschte; ein Wesen erhob sich in den Lften, langsam zwei
Riesenarme unter den Kiefern.
    Klaus Hedderich war wie eine Katze vom Wagen geglitten. Drunter lag er,
platt auf der Erde, zhneklappernd.
    Sanct Nicolas, Sancta Ursula, gebenedeite, allerheiligste Mutter Gottes,
schtze mich. Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist, ich habe immer ein Kreuz
geschlagen am Kreuzwege, ich hab' nie eine Messe versumt, wenn ich konnte, ich
habe keine Todsnde begangen, kein Blut vergossen, ich beichte und bete, wenn
die Straen frei sind und der Markt aus, der Ketzer Lehren sind mir ein Gruel,
und die Juden speie ich an, Mari Lichtme hab' ich geopfert eine geweihte Kerze
im Dom zu Havelberg und den Rabbiner Eliezar stie ich mit dem Ellenbogen an der
Treppe. Sancta Clara, Sancta Martha, Sancta Ursula, Sancta Beata und das heilige
Blut in Wilsnack, Gold und Perlen waren nicht drin, die lieben Heiligen sollen's
zhlen; zehn zum Aufgeld, was mich's kostet und Zehrgeld, den Hafer nur einen
Groschen ber'm Marktpreis will ich schwren. Alle gute Geister -
    Die Hexe hatte ihn noch nicht am Schpfe gegriffen; er murmelte noch, als er
den Kopf leise aufhob und unter den wirren Haaren vorschielte; aber je schrfer
er blickte, um so leiser wurden die Tne. Es rauschte und klatschte noch immer
zwischen den Kiefern, als er pltzlich sich aufrichtete und rgerlich, den Staub
abklopfend, rief: Dummes Zeug! das sind des alten Herrn Gtz seine. Sollen mir
wenigstens fr die zerrissenen Riemen gut sein.

                                Fnftes Kapitel.



                             Die Burg Hohen-Ziatz.

Der Wetterhahn auf dem Giebel des Wohnhauses drehte sich noch immer in seinen
verrosteten Angeln, ob doch der Sturm lngst aufgehrt hatte. Der Mond sah durch
die zerrissenen Wolken auf die alte Burg Hohen-Ziatz, und wenn er ein Gefhl fr
irdische Dinge htte, mte der Mann im Monde sich gewundert haben.
    Ein altes verruchertes Nest htte es der Reisende bei Tage genannt. Auf
einer Anhhe, die aus den Sumpfwiesen vorragte, war es erbaut. Ringsum, wo die
Grben und Teiche aufhrten, zogen sich weite Fhrenwlder auf unebenem Boden,
dessen Bestandtheil, der helle weie Sand, schon dicht neben dem schwarzen
Moorboden zu Tage lag. Enge und krumme Wege schlngelten sich mhsam durch die
Waldung und die Roggen- und Haferfelder, die in der Lichtung der Forst lagen,
schienen dem Auge im Verhltni zu dem Walde so klein, da es zweifeln konnte,
ob die in der Burg lebten, wirklich davon leben konnten. Und doch stie auf der
einen Seite noch ein kleines Dorf daran, dessen elende Lehmhtten sich aus der
Niederung in den Wald verloren.
    Aber ein sicheres Nest mute es in den alten Tagen gewesen sein, ein rechter
Versteck fr Verfolgte. Der Hgel, auf dem das Schlo gebaut war, war nicht
Sand, sondern festgestampfte Erde, mit kurzem, dichten Rasen bekleidet; bei
genauerer Betrachtung sah man's ihm an, da er, wenigstens in seinen obern
Theilen, nicht das Werk der Natur, sondern der Menschenhand war. Ein Bollwerk,
ein alter Burgwall der Wenden, das Castell des lteren Dorfes, auf dem erst
spter die deutsche Cultur mit Steinen gemauert hatte. Aber ein Schlo, wie sie
im Frankenlande, in Schwaben, auch drben in Sachsen auf den Bergen und Hgeln
mit den rothen Ziegeldchern in der Sonne flimmerten, war es doch nicht
geworden. Die dicken Mauern und Thrme, die ber und hinter den Erdwllen sich
erhoben, waren nicht in dem Verhltni ausgebaut, als sie angelegt schienen.
Mochten den Herren die Mittel oder die Lust ausgegangen sein, mit so schwerem
Gerth ein Haus aufzubauen. Sie waren zu dem Stoff und zum Theil zur Sitte ihrer
Vter zurckgekehrt, und wo der Stein aufhrte, war mit Holz gezimmert, und wo
die gebrannten Steine ausgingen, selbst der Lehm nicht verschmht, um das
Fachwerk auszufllen. Selbst die Umfassungsmauer schien nicht auf allen Seiten
fertig geworden, und wo sie Lcken bot, waren diese durch eingerammte Stmme mit
Klammern, Gegenbalken und eisenbeschlagenen Spitzen ausgefllt. Das Thor war
noch ein groer steinerner Bogen, freilich nicht grer als in manchem Bauerhofe
der schsischen Lande, aber der achteckige Thurm drben war schon aus Holz in
einander gefugt, das mit rothem Ziegelstein ausgemauert war, und wo der
Ziegelstein ausgefallen, hatte man in sptern Zeiten sich mit Mrtel und Lehm
gengen lassen. Bunt genug, und nicht immer sehr rechtwinklig, sah es von
drauen aus; aber wenn Markgraf Friedrich der Erste, seligen Andenkens, vor
hundert Jahren mit seiner faulen Grete vor der Burg sich gelagert, wre es
schneller zu Ende gegangen mit den Mauern von Hohen-Ziatz als mit denen von
Plauen, Lentzen und den andern, die sieben Ellen dick waren.
    Die Bredow von Hohen-Ziatz hatten sich gefgt. Was nicht zu ndern ist, mu
man gehen lassen, hatte der Vorfahr des Herrn Gtz gedacht, als der erste Spa
vorber war von der lustigen Schlacht am Kremmer Damm. Sie dankten Gott, da die
frnkischen Kriegsleute an ihrem Sumpf vorbergingen und Keiner Lust zeigte, den
geschlngelten Damm durch die Wiese hinaufzureiten. Htte doch Herrn Gottfrieds
Grovater fr den Fall sich sogar entschlossen, die alte Fahne auszuliefern, die
er damals dem Hohenloher im Getmmel abnahm. Nun war sie in Hohen-Ziatz
geblieben; nicht im Saal unten bei dem andern Rstzeug, vielmehr hing sie oben
in der Giebelkammer, ber Gtzens Bett, wohin der Ritter sich zurckzog, wenn's
ihm zu kraus und wirr unten ward. Der Stiel war schon von den Wrmern
zerfressen, die Seide auch, von der Zeit und dem Staub; ja ein Kuzchen hatte in
einem Sommer darin genistet, und der gute Herr Gottfried hatte es erst gemerkt,
als die Kleinen einmal in der Nacht zu pipen anfingen. Zuerst hatte er etwas
anders gedacht, was ein christlicher Ritter ohne Schande immer denken mag, denn
vor bsen Geistern kann auch der Frmmste einmal erschrecken; dann aber hatte er
gedacht: I was thut's; die Kleinen wollen auch leben, und hatte sich umgedreht
und war eingeschlafen.
    Es war ein rechtes Nest fr Eulen, htte Einer denken mgen, wenn er Abends
einen Blick in den Hof warf.
    Aber wieder war Alles so klein, da man auch htte fragen knnen, wo denn
die Eulen und Nachtvgel Platz fnden neben den Menschen? Doch in den Husern
unserer Vorfahren war immer viel Raum fr Andere, weil sie fr sich selbst wenig
brauchten. Was brauchte der Mensch mehr als ein Lager und ein Dach darber fr
die Nacht? Das Kind, das zur Welt kommt, mu die vier Wnde anschreien, so ist's
alte Sitte; das Heimliche soll nicht vor aller Welt geschehen. Aber wenn er
aufwchst und gro wird, baut ihm der liebe Himmel sein groes Haus, wo immer
Platz ist fr Tausende und Hunderttausende mehr, als leben und leben werden. Die
Sonne war die Kerze und das Feuer, und wenn es hei war, der Baum und Wald
unserer Vter Schatten, und die Luft wehete ihnen bessere Khlung zu, als die
dicksten Mauern. Nun, und wenn keine Sonne schien, und es regnete und strmte,
dann fand sich doch in jedem guten Haus eine Halle, ein Flur, eine Diele, wo die
Genossenschaft am Feuer sitzen und durch Scherz und Gesprch die Ungunst des
Wetters vertreiben konnte. Es thut nicht gut, da der Mensch allein sei mit
seinen Gedanken. Und die Halle fehlte auch nicht in Burg Hohen-Ziatz.
    Die Pferde hatten ihren Stall im Hof, die Hunde ihre Htten am Thor, die
Schweine ihre Koben daneben, auch Khe und Stiere wurden unterweilen bei
schlimmer Zeit in den Zwinger getrieben; wie sie da mit den Rossen sich
vertrugen war ihre Sorge. Der Storch nistete auf der Dachfirste vom Herrenhause,
die Schwalben an den hlzernen Galerien, die um den Hof liefen, die Tauben beim
Thrmer, die Eulen in den alten Mauerblenden, die Schwaben in den Ritzen, der
Wurm im Holze, die Muse im Keller und Flur, und die Menschen, jeder in seiner
Kammer; und war dem Knecht keine zugewiesen, da stand doch eine Bank in den
Gngen und lag schon ein anderer darauf, so jagte er die Hunde fort, die unter'm
Vordach im Hofe schliefen. Item es fand sich und ging; wer schlafen wollte, der
fand immer einen Platz, wer fror, ein Feuer, sich daran zu wrmen, wen hungerte,
Brot und Brei, die Speisekammer war nie leer, dafr sorgte die gute Hausfrau,
die nie den Schlssel aus der Hand lie, und wer bangte, fand auch ein
freundliches Gesicht und gute Zusprach. Die Frau von Bredow duldete Alles in
ihrem Haus, nur nicht Faullenzer und Duckmuser.
    Der Mann im Monde htte sich wundern mssen, sagte ich, wenn er auf die Burg
niedersah. Es gab Vieles, worber er sich wundern konnte. Ist's doch allberall
ein eigen Ding mit dem sich wundern. Einige verwundern sich, wenn es in der Welt
eine Weile still herging, da die Dinge so lange halten in ihrer Ordnung, und
Andere hinwiederum, wenn ein Sturm kommt und Alles umwirft, warum die alte
Ordnung nicht ewig dauerte. Der Mann im Monde, wenn er sprechen knnte, wrde es
uns am besten sagen, worber wir uns noch wundern drfen. Durch so viele tausend
Jahre schaut er auf die Erde und sieht Alles, was uns bewegt, und ihn kmmert's
nicht; er lacht nicht und er weint nicht mit seinem kalten, gleichgltigen
Gesichte; ob er aber bei sich denkt, was wir doch fr Thoren sind, das wei kein
Mensch.
    Ueber den Sturm konnte er sich wundern, denn er war ein Orkan geworden, wie
dessen die ltesten Leute sich nicht entsannen. Wie er den Wald gepeitscht, als
wren die Baumwipfel Meereswellen, hatte er auch an der Burg gerttelt, da die
Balken knackten. Das Storchnest war von der Firste geworfen, im Schieferdache
hatte er gewhlt und gewirthschaftet, und der Giebel, der schon berhing, sich
noch um einen halben Schuh nach vorn geworfen. War das nicht zum Verwundern, da
der Giebel noch hielt, so war es doch, da der Hausherr in der Erkerkammer auch
davon nicht aufgewacht war! Und nach solchem Sturm eine solche Ruhe!
    Winde im Sptherbst bringen Klte und Frost oder Schlacken; aber als wre
nur das wilde Heer vorbergeras't, so war es still geworden darauf, und die
Nachtluft schwl. Und das war doch auch zum Verwundern, da man nirgend mehr
etwas sah von der groen Wsche. Sie war eingebracht und Alles an seinem Fleck;
zwei Stunden schon nachdem der letzte Wagen ber die Zugbrcke rollte, und
nichts war verloren gegangen auf dem langen Wege. Das ist eine Frau, die
nimmt's auch mit Wetter und Wind auf! sprachen die Dienstleute.
    Nun dampften die Kessel ber dem prasselnden Feuer und die Schinken
brodelten und schwitzten am Spie. Auch in den Keller war sie gestiegen und
hatte an den Fssern gezapft, und die Knechte trugen schwere, volle Kannen in
den Flur. Denn nach der Arbeit ziemt den Leuten Ruhe und auch etwas mehr, dachte
die Hausfrau, nur sich selbst gnnte sie's nicht, denn whrend die andern um den
groen Tisch saen, stieg sie noch treppauf, treppab, und ihr Schlsselbund
klirrte durch den Becherklang.
    Hoch war die Halle gerade nicht, und auch nicht gewlbt. Die Balken angerut
vom Rauch, wenn er aus dem Kamin zurckschlug, drckten wie braune Rippen ber
den Kpfen, und was von Schnitzwerk ehemals daran gewesen, davon war nicht mehr
viel zu sehen; und wo die Schnrkel und Spitzen noch hielten, hatte man sie
benutzt, wie man mit Wandngeln thut. Da hing ein Schild, ein Harnisch, ein
Helm, auch wohl ein Kessel, oder gar ein Schinken daran. Der Boden war
festgestampfter Lehm und die Tische und Bnke von solchem Kerneichenholze, da
es dem Zimmermann Schade gednkt, viel mit Hobel und Meiel daran zu schnitzen
und zu gltten. Eine Schwelle nur und eine Thr schied die Halle vom Hofe. Wenn
die Thr aufging, drang Regen und Wind ein; darum that man sie lieber nicht zu,
wenn es nicht zu arg strmte und stiebte. Und das kam dem Feuer im Kamine zu
gut; denn wenn der Rauch, der seine Launen in alten Husern hat, nicht hinaus
wollte, wo er hinaus soll, und lieber im Saal bleiben mochte, zwang ihn die
Zugluft, da er prasselnd durch den Schlott fuhr. Und fr den Schornstein war es
auch gut, da die Flammen nicht zu lange darin spielten und weilten, denn er war
von Holz; zwar waren's junge Eichenstmme, mit Weidenruthen durchflochten und
mit Lehm gefttert; aber wenn das Feuer nicht durch wollte, fingen die Wnde
doch auch an zu sengen, und wenn die Frau es merkte, mute ein Knecht auf's Dach
und einen Eimer Wasser hinuntergieen. Schadete gar nichts; der Rauchfang stand
schon ber hundert Jahre und noch mehr konnte er stehen, wenn nur immer Einer da
war mit einem Eimer Wasser. Zwar das Feuer ging dann aus, aber Holz war immer
da.
    Holz und Luft war der Reichthum unserer Vter, und an beiden war auch im
Saal der Bredows auf Hohen-Ziatz ein Ueberflu. Die Luft kam wie gesagt durch
die Thr und durch den Schlott, aber auerdem auch durch die Treppenmndung aus
dem oberen Gescho. Denn nicht weniger als zwei Treppen fhrten zu beiden Seiten
des Heerdes, den wir eigentlich mit Unrecht Kamin nannten, hinauf, schwer, eckig
und fest und mit rothem Schnitzwerk verziert. Und so wenig es an der Treppe, war
das Holz an den Wnden gespart, die mit glatten, bunt gestrichenen Bohlen von
oben bis unten ausgelegt waren. Wre der Rauch und das Alter nicht gewesen,
htte man noch die sieben Todsnden daran erkennen und manchen frommen Spruch
lesen mgen. Aber das Alter drckte berall auf das Haus und seine Balken, und
was ehedem in der Richte war und sich schickte, das war heute nicht mehr in der
Richte und schickte sich auch vielleicht nicht mehr.
    Ehedem, wenn hier der Herr sa und tafelte mit seiner Familie und seinen
Knechten, die Herren und die Nchsten ihm oben am Feuer, die Knechte unten an
der Thr, ward wohl noch an dem Herde selbst gebraten und gekocht; jetzt war
schon seit zwei Menschenaltern die Kche in ein Seitenhaus gebracht. Nur ein
warmes Morgenbier oder eine Ingbersuppe kochte bisweilen die Burgfrau ihrem
Eheherrn hier, wenn er ber Land ritt und es zu garstig blies. Getafelt ward
noch, aber es waren nicht mehr die alten lustigen Zeiten. Herr Gottfried war
grmlich, und wenn er lustig ward, dann schickte Frau Brigitte die Knechte
hinaus. Die Knechte waren eigentlich froh, wenn sie ihre Schssel Brei im Stall
oder auf dem Hofe verzehren konnten, und die Hausfrau war auch froh, wenn sie
frher den Tisch aufbrechen konnte. Sie meinte, was das lange Plaudern thte.
Gescheidtes kme nicht raus. Herr Gottfried Bredow aber meinte, sie htte
Unrecht, denn der Wein sei da, da er des Menschen Herz erfreue; mit Andern
zusammen trinken, sei eine gute Gewohnheit aus alter Zeit, aber da die gute alte
vorber sei, msse er sich in die Zeit schicken, wie sie ist, und allenfalls
auch allein trinken.
    Schien es doch, als habe der Wein die Geister diesmal nicht aufgeregt: sie
saen alle da, nicht schlfrig, aber auch nicht lustig um den schon etwas
dunklen Tisch. Denn das Feuer auf dem Herd verglimmte, und die Kienfackeln an
den Pfeilern hingen mit langen Aschenzpfen zur Erde gesenkt. Der Zeiger der
Thurmuhr hatte neun geschlagen.
    Mte man sich doch grauen zu Bett zu gehen, sprach Einer.
    Der Dechant, der eine Weile vor sich sinnend gesessen, rusperte sich: Mit
Nichten, werthe Herren! Bei den furchtbaren Meteoren sah wohl Keiner recht
genau, was ihm und Andern passirte. In solchen Augenblicken des Schreckens und
der Verwirrung glaubt der schwache sndige Mensch allerlei auer ihm zu
erblicken, was nur in ihm ist.
    Ihr Gesprch hatte sich um die kurz erlebten Begebenheiten gedreht: ob der
Junker Hans Jochem wirklich verhext gewesen, ob man Hexen im Sturm daher fahren
gesehen, und ob der Krmer, wie einige behaupteten, den bsen Blick habe? Ein
halb dunkles Zimmer, in einer einsamen Burg, bei einbrechender Nacht ist nicht
geeignet die Gespensterfurcht zu vertreiben. Und doch wollten die, welche vorhin
sichtlich dieser Angst erlegen waren, es jetzt am wenigsten haben. Hans Jochem
war wieder oben auf und meinte, die Finger wren ihm verklammt gewesen, sonst
htte er das Zeug gleich vom Leib gerissen. Nur Peter Melchior schwor Stein und
Bein, da es nicht mit rechten Dingen zugegangen, wobei er doch auch der Lust
nicht widerstand, den Dechanten zu hecheln. Der gab es redlich wieder, was Peter
Melchior ihm versetzte, nur da er nicht wie dieser die Gelegenheit vom Zaun
brach, sondern sie im Augenblick fate, wo sie ihm handrecht entgegen kam.
    Das Schrauben ist eine uralte Lust bei den Menschen, wenn Mehre bei einander
sind, und Einer dnkt sich klger als der Andere. Nun kmmt's aber, da Einer in
dem einen Ding und der Andere im andern sich klger dnkt; und wenn sie dann
sich Einer den Andern schrauben, giebt das viel Lustigkeit, zuweilen aber auch
ein traurig End. Die beiden jungen Vettern hrten vergngt zu, wie der
geistliche Herr und der Junker sich aufzogen, und Hans Jochem gab auch wohl mit
sein Wort zu, wo es sich schickte, und wo sich's nicht schickte; nur Hans Jrgen
hrte, ohne ein Wort zu sagen, im Winkel zu.
    Nun war es Allen bekannt, da der Junker Peter Melchior ein Verschwender
war, der das Seine verthan hatte und auch wohl noch verthat, wenn er wieder was
fand. Und wenn er nichts hatte, zechte er bei seinen Vettern und Freunden umher.
So ward es dem geistlichen Herrn leicht ihm auf die Finger zu klopfen, mit denen
er eben seinen Gegner gekitzelt hatte. Und wie der Junker unverdrossen im
Angreifen war, so war er dafr gar leicht verdrossen und geschlagen, wenn Einer
ihn bei seiner Schwche stachelte.
    Da stritten sie, was der Teufel lieber fasse, einen Pfaffen oder einen
Junker. Peter Melchior versicherte, Satan wre nichts lieber, als viel Pfaffen
unten in der Hlle. Der Dechant sagte, das glaube er wohl, dann htten die
Junker oben frei Spiel und kmen ihm von selber zugelaufen. Peter Melchior
versicherte, dem Gottseibeiuns mache nichts mehr Vergngen, als wenn er einen
dicken Chorherrn bei den Haaren durch die Luft schttele. Was htte er auch zu
schtteln bei manchem Junker, entgegnete der Dechant, wenn er sie kriegt, ist
gemeinhin ihr Bestes schon fort.
    Darauf stritten sie, wer den Teufel am besten zu betrgen verstnde, und der
Dechant schien gar nicht abgeneigt, dem Junker zuzugeben, da die geistlichen
Herren darin noch geschickter wren als die Weiber, denn den Teufel betrgen sei
eigentlich keine Snde. Vielmehr sei es die Aufgabe eines guten Christen, den
Teufel um seinen Antheil zu tuschen so gut er knne.
    Peter Melchior erzhlte die Geschichte von dem Abt, der mit dem Teufel um
seine Seele gewrfelt. Der Teufel verlor. Als er nun abzog, lachte er. Und wit
Ihr warum? In der Tasche hatte er die Seele nicht, aber er hatte sie doch
gewonnen. Der Abt hatte mit falschen Wrfeln gespielt. Man soll auch nicht den
Teufel betrgen.
    Wie war doch die Geschichte mit dem Nippel Bredow? sagte der Dechant nach
einigem Schweigen, als wisse er auf den Trumpf des Junkers einen Gegentrumpf.
    Hans Jochem's muntere Augen glnzten schalkhaft, er verstand den Blick, den
der Dechant ihm zuwarf.
    Die wei ich haarklein und kann sie Euch erzhlen. Ihr meint doch den
Nippel, der in Saus und Braus lebte, und immer Alles ausgegeben hatte, eh' er's
eingenommen. So was kann auch nur in der Heidenzeit geschehen sein, was man
davon erzhlt.
    Aber Alles, was der Schalk erzhlte, von den sechs Trompetern, die zu Tische
blasen mssen, wie er die Brosamen den Hunden vorwerfen lie, statt sie den
Armen zu geben, wie er dann ein Gut ums andere versetzt, bis er durch die
Hinterthr auch aus dem letzten bei Nacht und Nebel ausgeritten, war vielleicht
die Geschichte Nippel Bredow's, aber gewi auch die Peter Melchior's, nur etwas
in's Boshafte bersetzt, weshalb man den Junker wohl spottweis den armen Nippel
nannte.
    Der Junker verstand es vollkommen, weshalb er Hans Jochem einen bsen Blick
zuwarf. Sie konnten sich beide nie gut leiden.
    Und darauf verschrieb sich der arme Nippel dem Teufel, sagte der Dechant!
Das pflegt wohl so zu gehen in der Welt, wenn man nicht mehr aus und ein wei.
    Und Niemand mehr borgen will, sagte Hans Jochem, dann borgt der Teufel.
    Erzhlt doch weiter, lieber Herr von Bredow; ich will Euch nachher auch
eine Geschichte erzhlen, sagte Peter Melchior, mit anscheinender Ruhe.
    Da lebte denn der Nippel wieder gro wie vorher, fuhr Hans Jochem fort,
bis die Zeit heranrckte, wo der Vertrag zu Ende ging. Er hatte ihm nichts
verschrieben fr alle die Herrlichkeiten, als seine Seele, weil Nippel gar
nichts weiter zu geben hatte. Da wards ihm aber ganz kurios zu Muthe, und sein
groes Maul wurde mit einem mal klein. Wenn's Abend wurde, graute ihn. Es durfte
Niemand von Gespenstern reden, und wenn der Wind Spreu und Lumpen trieb, sah er
nichts als Hexen reiten. Nun hatte er einen Schfer, der war klger als sein
Herr. Der merkte, was ihm war, und Nippel, der keinem Priester beichten durfte,
beichtete dem Schfer. Der Schfer sann eine Weile nach, und endlich knipste er
mit den Fingern und sagte, ich hab' es! Mu Euch nicht gndiger Herr, der Teufel
bis auf die letzte Stunde thun, was Ihr verlangt? - Freilich so ist der Pact. -
Nun dann ist Alles gut, sagte der Schfer. Da gruben sie des Nachts, der Schfer
und sein Herr, beim Dorfe Landin das Loch in den Berg, das noch da ist, und der
Berg heit heut noch der Teufelsberg, aber noch, viel tiefer, so tief, da gar
kein Ende da war. Und darber stellten sie einen Scheffel, aber so, da wenn er
voll war, schlug er ber, und Alles, was drin war, rollte ins Loch. Nchste
Nacht nun rief Nippel den Teufel und sagte ihm: Fll' mir den Scheffel mit Gold.
Der Teufel sah ihn verwundert an; Denkst du Alles noch zu brauchen, dachte der
Teufel. O noch viel mehr, dachte Nippel. Und der Teufel ging an die Arbeit.
Einen Sack um den andern schmi er in den Scheffel, um bald fertig zu werden,
aber sobald er sich umdrehte, kippte der Scheffel um, und wenn er mit einem
neuen Sack wieder kam, war der Scheffel leer und kaum ein paar Goldstcke lagen
am Boden. Zuerst merkte er's nicht. Nippel hatte ihn vielleicht aus dem Schlaf
geweckt, oder der arme Teufel hatte auch einen Schluck ber den Durst genommen.
Als er's aber inne ward, da ward er erst gar hitzig und heulte und warf und
schmi, denn er meinte, jedes Loch msse doch ein Ende haben. Endlich rief er
zornig aus:

Nippel, Nappel, Neepel,
Wat hest vrn grooten Scheepel!

und er fragte den Herrn, ob er denn wirklich schtten solle bis er voll sei? -
Eher darfst du nicht ausruhen, antwortete Nippel. Da der arme Teufel nun
voraussah, da er dann bis an's Ende der Welt tragen und schtten mte, und
schon ganz auer Athem war, rief er rgerlich: Hol' der Teufel nun solchen
Vertrag! und raus zog er das Pergament aus der Brust, zerri es, schmi es
Nippeln vor die Fe und, den Schweif zwischen den Beinen, flog er wie eine
Fledermaus davon.
    Der Dechant schielte auf den Junker: Da nun dem armen Nippel all sein Witz
nichts geholfen hat! Weil er mit falschem Spiel den Teufel betrog, mute seine
Seele auch ohne Teufel zur Hlle fahren. So meinet Ihr ja wohl?
    Ich meine, sagte Peter Melchior, da ich dem Junker da auch eine
Geschichte erzhlen will. - Wit Ihr, woher die vielen Bredows ins Havelland
kommen? Vor alten Zeiten mal stand es schlecht auf der Welt. Zu unserem Herrgott
im Himmel kamen so viele Klagen ber die Edelleute von damals: sie scharrten
zusammen und gben nichts wieder aus. Wenn einer zu seinen Freunden kme, dem's
mal schlimm ginge, da zuckten sie die Achseln, klammten die Hnde zusammen und
verredeten ihn gar noch. Da sprach unser Herrgott rgerlich zum Teufel: Dazu
hab' ich die Edelleute gemacht, da sie ausgeben sollen, was sie einnehmen; er
solle mal Musterung halten, und wenn's so wre, die Knauser und Filze gleich
mitnehmen. Also mein Teufel nimmt einen groen Sack und fliegt durch die Lnder
und mustert. Da hatte er bald eine Ernte gemacht, und der Sack war schon
bervoll, als er zur Hlle fuhr. Aber weil der Sack so schwer war, mute er
niedrig auf der Erde fliegen, und so ging's ber die Mark Brandenburg weg. Aber
gerade ber Stadt Friesack wird ihm der Arm so schwer, da er den Sack etwas
sinken lt, und da streift er mit dem untern Ende an dem Kirchthurm. Der Teufel
war auch mde wie der, den Euer Nippel halbirte, denn er merkte es nicht, da
der Sack ri und wohl ein Viertel von seinen Edelleuten raus fiel. Vielleicht
hat er's auch gemerkt, aber er dachte, was thut's, die Hlle ist doch voll
genug. Wie er mit dem Sack schlenkerte, da fiel der erste in Friesack nieder,
was davon seinen Namen hat, da hier der Sack frei wurde. Das sind die Bredows
auf Friesack. Der sagte nun zum zweiten, der nach ihm fiel, da er weiter hin
gehen sollte, er wolle Friesack fr sich allein behalten. Besser hin! (Be hin)
rief er ihm zu, bis er weit genug war und sitzen blieb. Davon heien die Bredows
noch die auf Pein. Den Dritten, der gern mochte bei ihnen sitzen bleiben am
groen Luch, wiesen sie auch fort, landeinwrts: Land in! riefen sie ihm zu,
davon heit sein Dorf Landin. Der vierte ging denselben Weg lang, und wo er sich
niederlie, heit noch Selvelang. Der fnfte ging rechts zu, (rechts to), und
jedes Kind wei, da die Bredows in Retzow sitzen. So sind also die Bredows des
Teufels Bescheerung im Havelland. - Der sechste, als er aus dem Sack fiel, stie
mit der Stirn grad an ein Brett. Da rief er: O! Davon heit er Bredow. Junker
Hans Jochem, wenn ich recht gehrt, war das Euer Urgrovater. Nehmt Euch in
Acht, da ihr mit Eurem Witz nicht an ein Brett stot, denn das Brett stt
wieder. Dem Brett thut's nicht weh, sondern Euch, und wenn Ihr sie lachen hrt,
lachen sie nicht das Brett aus, sondern Euch.
    Peter Melchior war aufgestanden, und den Hut aufgestlpt, legte er die Hand
dem Junker auf die Schulter, wie Einer, der mit sich zufrieden ist. Fr heute
gute Nacht! sprach er. Aber als er hinaus wollte, war Hans Jrgen von der Bank
aufgestanden und vertrat ihm den Weg.
    Ich hei' auch Bredow, Herr von Krauchwitz, Hans Jrgen Bredow aus
Selbelang bin ich, vom Havelland.
    Wahrhaftig! Du bist Deines Vaters Sohn.
    Hans Jrgen ward ber und ber roth: So Einer auf meine Sippschaft
losziehen thut, und die Andern, die reden sollten, das Maul zuthun -
    Sperrst Du's auf! Nimm Dich in Acht; es fliegen keine gebratene Tauben
'nein.
    Hans Jrgen ballte die Hand: Ich frag nicht viel, wer vor mir steht.
    Du bist Hans Jrgen.
    Damit ging er an ihm vorber, und seine Sporen klirrten, als um Hansen zu
bedeuten, da er noch keine habe.
    Alle lachten, auch Hans Jochem, der noch eben verdrielich schaute.
    Hans Jrgen, Du bist nicht zum Ritter gemacht, sprach die Edelfrau, die
durchging nach der Thr drauen, da es im Hofe laut ward und der Thrmer blies.
Die Andern folgten ihr.
    Warum denn nicht! brummte Hans Jrgen. Er hat meinen Vater seliger
schlecht geredet.

                               Sechstes Kapitel.



                                Der spte Gast.

Die Hunde klafften und der Thrmer stie ins Horn. Ein einzelner Reiter hielt
vor der Zugbrcke. Kaum da er den Namen genannt, als man sich fast bereilte
das Gatter aufzuziehen und die Zugbrcke niederzulassen, derweil Andere ins
Herrenhaus liefen, den unerwarteten, seltenen und wie es schien, vornehmen Gast
anzumelden.
    Die brennenden Kiensphne beleuchteten eine nicht unedle, hohe ritterliche
Gestalt. Auf einem schnen Rappen ritt er jetzt, etwas gebckt, durchs Thor. Dem
Reiter und seinem Thiere sah man es an, da Wald und Nacht fr gewhnlich nicht
ihr Nachtquartier waren, da der Reiter auch gewohnt sein mochte in stolzeren
Schlssern einzureiten und sein Ro in besseren Stllen zu nchtigen. Sichtlich
hatten beide mit Wind und Wetter zu kmpfen gehabt, und es brauchte kaum beim
Willkomm ausgesprochen zu werden, da er verirrt war und Sturm und Nacht ihn in
diese abgelegene Burg verschlagen hatten.
    Als ihn die Burgfrau sah, kannte man kaum Brigitten von vorhin wieder. So
verwundert war sie, so tief neigte sie sich vor dem Herrn, und in einem ganz
anderen Tone sprach sie:
    Gottes Wunder, Herr von Lindenberg, wie kommen wir zu der Ehre?
    Alle Heiligen mit Euch, liebe Base, da wei ich selbst nicht.
    Und ganz allein?
    Mutterseelenallein. Wenn der Teufel die Andern nicht holt, so thut's der
Sturm und das Wetter.
    Und Seine - der Ritter errieth das Wort, das auf den Lippen der Edelfrau
erstarb.
    Der Himmel und der heilige Johannes wird Seine kurfrstlichen Gnaden, hoffe
ich, besser nach Berlin bringen, als mein Gaul mich durch die Heiden und Smpfe
der Zauche hierher jagte. Ihr seht, ich bin verwirrt. Auf der Jagd war ich in
der Belziger Forst mit dem Kurfrsten. Zur Jagd kann ich nicht zurck, denn die
Jagd ist aus. Zum Kurfrsten kann ich auch nicht, denn da dies Haus, wie ich mit
Vergngen sehe, Hohen-Ziatz ist, bin ich ganz aus der Richte gekommen und mein
Herr ist, aller Vermuthung nach schon ber den Teltow nach Berlin geritten. Ich
mu den nchsten Weg whlen ber Potsdam. Da aber weder ich dazu Lust, noch mein
Pferd die Krfte hat sogleich aufzubrechen - auch meine liebe Base ein so
freundlich Gesicht macht, mu ich es schon vorziehn, ihre Gastfreundschaft auf
ein Paar Stunden anzusprechen.
    Konrad, Ruprecht! Ihr seid recht mde! Ach und Euer Ro, was ist's im
Schwei!
    Konrad und Ruprecht griffen ihr zu ungeschickt zu. Die Edelfrau stie Hans
Jrgen heran, da er dem edlen Gast die Steigbgel halte, was in der That nthig
schien, denn als er vorhin den Versuch machte am Prallstein abzusteigen, war das
Thier strrig oder dem Reiter versagten nach dem langen Ritte die Krfte. Auf
Hans Jrgens Schulter sich sttzend, schwang er sich aber jetzt mit ritterlichem
Anstand auf die Erde.
    Der Fackelschein fiel gerade auf Hans Jrgens gar nicht vergngtes Gesicht,
weil er zu einem Dienst gezwungen war, der ihm fr eines Ritters Sohn und noch
dazu gegen einen Hofmann, nicht sehr ehrbar schien. Der Ritter sah ihn flchtig,
aber scharf an.
    Ei welchen vornehmen Dienstmann meine Base die Gte hat, mir zu bestellen.
Der Junker von Selbelang, wenn ich recht sehe. Wie geht es, Herr von Bredow?
    'S ist nur Hans Jrgen, flsterten die Leute, der vornehme Herr reichte
ihm aber doch verbindlich die Hand und neigte sich freundlich zu ihm, ehe er die
der Base ergriff und schne Worte ihr sagte von alter Freundschaft und den guten
Zeiten, die gewesen und nicht wieder kmen. Als sie ihn neckisch schalt, da er
so lange schon in Hohen-Ziatz sich nicht blicken lassen, antwortete er, wenn
Einer dabei verloren, sei er es. Ach diese guten, alten Zeiten, als ich noch
ein freier Mann war! Er seufzte und nun sah er den Junker Peter Melchior.
Welche Freude, einen so alten Freund zu sehen! Er lie es nicht bei einem
Hndedruck gengen. Und welche Ueberraschung, auch den wrdigen Dechanten von
Alt-Brandenburg! Ist's doch fast, als htten die Hexen mich in ein Zauberschlo
gefhrt, wo ich lauter alte, liebe Bekannte finde.
    Sprecht nicht von Hexen, Herr von Lindenberg, sagte Peter Melchior. Mit
denen ist nicht zu spaen.
    Ihr habt recht, lachte der Gast. Es wr bel, wenn ich pltzlich
erwachte, Alles wre verschwunden, und ich lge allein im Moor. Aber wo ist
unser biederer Wirth? Ei, wo versteckt sich Herr Gottfried!
    Die Edelfrau schlug die Augen nieder: Ach Herr von Lindenberg, seit er aus
Berlin kam -
    Er lie sie nicht aussprechen: Richtig, ich entsinne mich, er kommt vom
Landtage.
    Und da ist er noch etwas angegriffen.
    Er that dem Landmarschall Bescheid, Base, Bescheid wie ein Edelmann, das
kann ich versichern. Ein wackerer Ritter, recht aus der alten Zeit. Will keinen
ber sich kommen lassen. Man lobte ihn allgemein in Berlin, als er in den Wagen
gehoben ward. Der Kurfrst, darf ich Euch vertrauen, war sehr zufrieden, wie er
sich beim Landtage benommen. Das ist ein braver Mann, sagten Seine Gnaden, der
gehrt nicht zu den Stnkerern, die alles besser wissen wollen als ich.
    Nach einem langen Ritt durch Nacht und Wald war auch ein Hofmann jener Tage
hungrig und durstig; darum nahm er gern den Arm der Hausfrau, als diese ihn
aufforderte, unter ihrem schlechten Dach vorlieb zu nehmen, mit was der Tisch
und Keller noch biete. Aber an der Schwelle wandte er sich rasch um: Mein
Pferd!
    Fr das ist gesorgt.
    Nicht wie es sollte!
    Leicht gegen die Edelfrau sich verneigend, sprang er rasch zurck auf den
Hof, wo Hans Jrgen, der nur einem Wink seiner Verwandtin, diesmal minder
verdrossen, gefolgt war, eben im Begriff stand, den Rappen des Herrn von
Lindinberg in den Stall zu fhren.
    Ihr irrt, Junker Bredow, es ist mein Pferd.
    Wei wohl; ich tht's in den Stall fhren.
    Das ist Knechtes Arbeit, nicht eines Adligen. Ein Edelmann darf nur fr
sein eigen Ro sorgen.
    Ehe er's ausgesprochen, hatte er Hans Jrgen den Zgel entnommen, ihn mit
einem Wurf und einem herrischen Blick dem nchststehenden Knecht ber den Arm
geworfen, dem Rappen einen liebkosenden Schlag auf den Hals gegeben, und dann
wieder vertraulich die Hand auf Hans Jrgens Schulter gelegt:
    Nun Junker von Selbelang, wollen wir miteinander einen Humpen leeren aufs
Andenken Eures Vaters. Das war ein lieber Mann, mein Freund, ein wahrer
Edelmann, der wute zu leben. Schade um ihn, da er so frh das Zeitliche
gesegnen mute.
    Die Halle war schnell erhellt von Fackeln und Lichtern. Was hatte die
Hausfrau zu sorgen, zu klingeln, rufen, schelten, flstern, da ihr Haus Ehre
habe vor dem spten Gast. Fast war es zuviel Sorge und Arbeit, noch in die Nacht
hinein nach einem Sturm und einer groen Wsche.
    Doch der Gast verdiente es. Er war ein Mann etwa in den Vierzigern, hoch und
stattlich gewachsen; im Gesicht den Hofmann und den Ritter nicht verleugnend.
Sein Tritt, seine Bewegungen waren sicher und fest, aber dabei fein und
geschmeidig; seine Tracht der Sitte der Zeit, wenigstens in Brandenburg, um
etwas vorangeeilt. Das schon besprochene Kleidungsstck, welches damals anfing,
so viel Gerede zu machen, wrde auch seinem Krper wohl gestanden haben, aber er
kam nicht vom Hofgelage, sondern von der Jagd. Ueber den hohen braunen Stiefeln
mit Silbersporen, die bis ber die Knie reichten, schmiegten sich engere Hosen
an den markigen Wuchs, die nur am Leibe, nach der burgundischen Mode, in leichte
Puffen ausgingen. Nach derselben Mode war auch sein gesticktes Tuchwams, welches
sich in einer Spitze tief zum Nabel senkte und von einem ausgelegten Gurt
festgehalten wurde. Daran hing der krzere Jagddegen, auch ein feines Stck
Arbeit. Um den Hals schmiegte sich eine Krause, die den Hofmann, der das Ausland
gesehen, deutlicher noch verrieth und selbst den Strmen des nchtlichen Rittes
widerstanden hatte. Seine Stirn war nicht zu hoch, sein Bart nicht zu lang, aber
sorgfltig gekruselt, und die ins Rthliche spielenden Haupthaare waren fast
glatt geschnitten. Locken, die in wildes Haar ausarteten und struppige Brte
galten in jener Zeit noch als ein Zeichen mnnlicher Kraft und adligen Muthes in
diesem Lande.
    Wenn er sich durch diese Kennzeichen merklich von allen hier Anwesenden
unterschied, so war er's noch weit mehr durch sein einnehmendes Wesen und die
feine Art, wie er mit jedem sprach. Wie verbindlich reichte er dem Hans Jochem
die Hand, sich entschuldigend, da er ihn vorhin nicht gleich erkannt. Zur
Wirthin redete er so traulich und scherzhaft, wie Einer, der eine Frau, die ihm
nicht gleichgltig war, nach langen Jahren wiedersieht, und es tauchen allerhand
liebe Erinnerungen auf, so s und schn, da beide darber die Jahre und
Runzeln vergessen. Was sie erzhlte und erwhnte, wie bald entsann er sich der
geringfgigsten Kleinigkeit; wie hrte er mit anscheinender Aufmerksamkeit zu,
und wute immer dem, was trbe klang, eine freundliche Wendung zu geben. Wie
schlug er auf ihre Hand und trstete, wo es des Trostes bedurfte, nicht wie ein
Liebhaber, wie ein alter Freund, der es bleiben wird, trotz der Jahre und
Widerwrtigkeiten.
    Aber wieder ein anderer ward er, als die Tchter eintraten und mit
verschmter Anmuth den vornehmen Gast und Verwandten bewillkommten. Eva Bredow
wurde fast roth, da sie ihm so buerisch grob die Hand geboten. Er hatte nicht
eingeschlagen, sondern die Finger zart fassend sie an seine Lippen gebracht, und
auf ihr: Gott gr Euch, Vetter von Lindenberg! hatte er eine Weile wie
verwundert sie angeschaut.
    Ei das schne Frulein soll meine Muhme sein!
    Gewi, Herr, es ist die Eva, sprach die Mutter erfreut, so Ihr damals bei
der Huldigung auf den Knien schaukeltet. Ihr sagtet noch, sie wrde der Mutter
gleichen.
    Der Gast schien sich noch von seinem Staunen zu erholen: Wahrhaftig, ich
glaube doch am Ende, ich bin hier in einem verzauberten Schlo. Frchte, wenn
ich ihre zarte Hand nicht festhalte, sie wird mir wie eine Nix verschwinden.
    Macht sie doch nicht verschmt. Das dumme Ding ist schon puterroth und wagt
nicht die Augen aufzuschlagen.
    Eva hatte wohl die Augen aufgeschlagen; sie schmte sich ihrer Hnde; die
waren noch roth vom Waschen. Und als er weiter sprach von einer Rose, die er in
der Haide gefunden, die aber eines Frsten Garten zieren wrde, ward sie ganz
ngstlich und htte fortlaufen mgen, wre die Mutter nicht gewesen, die ihm
auch ihre zweite Tochter vorstellte.
    Welch ein Reichthum von Blumen im Walde! Rosen und Lilien, wie kommen die
unter die Kiefern.
    Wir denken so, die Agnes zu Unseren lieben Frauen nach Spandau zu bringen.
    Ein frommes Gemth sehnt sich nach dem Himmel. Doch nicht zu frh, Frau
Muhme. Mit der Frmmigkeit mu man nicht gar zu sehr eilen, die Zeit ist lang.
    Wie's der Herr schickt! Sind schlimme Zeiten, Herr von Lindenberg.
Aussteuer knnen wir doch nur einer geben. Und weil sie so still ist, und so vor
sich hinschafft, da meint mein Gottfried, und der Herr Dechant hats auch
gemeint, sie schickt sich nicht fr die bse Welt, und wie das wirsche Volk hier
ist. Unser Herrgott nimmt die Stillen am liebsten. Der sieht nicht darauf, wie
das Mannsvolk, ob die Backen roth oder bla sind.
    Aber, flsterte schelmisch der Herr von Lindenberg, er sieht auf die
Grbchen neben den Lippen, ob sich ein Schelm da versteckt hat. Der Schelm ist
ein bser Schelm und neckt alle Evas. Keine ist davor sicher und mgen sie so
still und sittsam aussehen, als Eure Tochter.
    Ja die Evas, lieber Herr von Lindenberg, lachte die Mutter, aber die
heit Agnes. Dummes Ding, was erschrickst Du Dich!
    Sie wird nicht erschrecken, liebe Base, lachte der Gast, wenn der
arglistige Schelm kommt, dem kein Menschenkind widersteht.
    Der Schelm kam nicht, aber Knechte und Mgde um den Tisch noch einmal zu
fllen mit Allem, was das Haus und der Keller auftreiben konnte. Da sah man den
Herrn von Lindenberg abermals ein ganz anderer werden. Hunger ist der beste
Koch, heit es, aber Hunger und Durst sind auch Fechtmeister, die den
gesattelsten Ritter und Hofmann aus dem Steigbgel werfen. Der Herr von
Lindenberg a, da es eine Freude fr die Hausfrau war, so oft sie einschenkte,
schenkte der freundliche Gast ihr einen freundlichen Blick.
    Da solchem Herrn, der an besseres gewohnt ist, unser schlechter Wein
mundet!
    In solcher Gesellschaft! sagte der Gast und reichte auf der einen Seite
der Edelfrau, auf der anderen dem Junker Peter Melchior die Hand. Dabei wiegte
er sich auf dem Schemel mit einem gar vergngten Gesicht. Ihr glaubt
vielleicht, da ich scherze. Denkt Euch Einen, der die ganz Woche im Block lag
und am Sonntag wird er frei! Das Hofleben ist -
    Er hielt pltzlich inne. Wir vergaen auf die Gesundheit unseres
durchlauchtigsten Kurfrsten und Herrn zu trinken, wie es guten
brandenburgischen Edelleuten bei jeder Mahlzeit geziemt.
    Die Pokale klangen, und der Hofmann hielt es fr angemessen, viele Worte zum
Lobe seines jungen Frsten zu sprechen. Da war keine Tugend, die er ihm nicht
beima. Er sprach so lange, bis er den Pokal sich von Neuem fllen lie. Diesmal
galt sein Spruch dem Wohl der tugendsamen, sittigen Hausfrau, seiner lieben
guten Base und Wirthin, dann den zarten Frulein.
    Und da der Brenhuter, der Gottfried, mein alter Freund, nicht zu uns
kommt. Ich wollt' ihm einen Trunk bringen, da er mir Bescheid thun mte, als
se er noch an der Landtafel.
    Des edlen Gastes Heiterkeit theilte sich den andern mit. Man machte den
Vorschlag, zum Langschlfer, wenn er nicht herunterkomme, hinaufzusteigen.
    Wir wollen ihn wecken! jauchzte Peter Melchior, der auch des sen Weines
schon viel getrunken hatte.
    Das berlassen wir seiner lieben Frau, entgegnete der Ritter, welcher das
bedenkliche Gesicht der Edelfrau bemerkt. Frauen wissen immer am besten, wann
es Zeit ist, da die Mnner aufwachen sollen. Die Frau ging, die Tchter nahmen
die Gelegenheit wahr mit ihr zu entschlpfen.
    Eingeschnkt! rief der Gast, der selbst einen Becher nach dem andern
hinunterstrzte. Herr Gott im Himmel und Sanct Petrus am Hllenthor, wie ist
mir eigentlich wohl unter Euch.
    Der Dechant hob lchelnd den Finger: Sanct Petrus, Herr Ritter, steht am
Himmelsthor.
    Wer da Wache hlt ist mir gleich. Ich bin raus aus dem Himmelreich oder der
Hlle, wie Ihrs nehmen wollt. Sanct Christoffel, der doch gewi eine groe Ehre
hatte, als die ganze Welt ihm auf den Schultern sa, war gewi auch froh, als
der Heiland absa. So ist mir heut in den Gliedern.
    Wie Manche, Herr Ritter, mchten Eure Last mit Freuden auf ihre Schultern
laden.
    Freunde, ich sage Euch, 's ist ein - Doch davon nachher. Mir trumte heute
eigentlich nicht, da mir's so wohl werden wrde. Auf der Stirn des Gastes
lagerte sich ein Anflug von Ernst; er strich mit der Hand darber, wie um die
Gedanken fortzustreichen, sie schwebten aber schon als Worte auf seiner Zunge.
Es giebt Gedanken, die man aussprechen mu, um sie los zu werden.
    In Todesangst wachte ich heute Morgen auf. Die ganze Nacht hatte es vor mir
getaumelt wie etwas am Strick. Schwipp, schwapp. Ich stie es fort und immer
kams wieder. Als ich nun endlich aufwachte, da die Hrner schon nach dem Gesinde
riefen, packte ichs. Es war die Schellenschnur ber meinem Bett, sie war vom
Draht losgegangen.
    Die Zuhrer lachten.
    Lacht nicht zu frh! Die Hexerei kommt noch. Joachim war noch nie so
gndig, als den Tag zu mir. Ich spreche sonst gern und viel mit ihm. Einen Hecht
an der Angel mu man nicht loslassen, auch Frsten, so viel es geht, nie selbst
denken lassen. Wer's los hat, mu ihnen die Gedanken, die sie denken sollen, in
die Hand geben. Ich kann mich rhmen, da ichs verstehe, sie so handrecht ihm zu
drechseln, da er damit spielt, als wren es seine eigenen lieben Einflle. Nur
heute gings nicht. Er sprach gelehrt, wie seine Lust ist. Wei der Geier, was
meine Zunge lhmte; ich hrte schon wieder auf, wenn ich anfing. Mein Auge war
wie mit einem Nebelflor umstrickt. Bisweilen kam es mir vor, als ritte neben mir
der Scharfrichter.
    Der Kurfrst!
    Er hat manches Mal ein so strenges Gesicht, da man daran gemahnt wird.
    So erklrt mein Herr von Lindenberg selbst, was seine bsen Gesichter
bedeuten, sagte der Dechant. Es war ein neblichter Morgen, und die Stimmungen,
welche er von einer schlechten Nacht mit brachte, wurden in seiner
Einbildungskraft zu Gespenstern.
    Es bedeutet nichts etwas, es ist alles dummes Zeug, fiel der Gast rasch
ein. Wir werden gestrt durch die Dnste aus unserem dicken Blut. Aber als ich
von der Jagd abkam und in die Richte zu jagen glaubte, stutzte am Waldeck mein
Thier und steifte die Ohren. Mir surrte und schwirrte es auch ums Ohr, wie in
der Nacht. Ich htte nicht vorwrts mgen, aber Sporen klirrten, wie mich an
meine Pflicht zu mahnen. Mein Rappe bumte sich unter dem Druck, und als ich um
den Eck war, stand ich auf einer wsten, verbrannten Haide, in der Mitte ein
Galgen, und dran hing Einer.
    Er schwieg einen Augenblick.
    Ihr werdet wieder sagen, ich htte Gespenster gesehen. Ich glaubte es auch,
da ich meinem Thier den Willen lie und die Zgel schieen. Und noch mehr, das
Gespenst verfolgte mich. Ich sah es vor mir mit geschlossenen und offenen Augen;
ich war doch schon eine Viertel Meile fort und hinter jeder Kiefer baumelte es;
Sporen an den Stiefeln, einen Federhut auf dem Kopf; ich sah jede Bewegung, die
blassen, gekniffenen Finger, die blauen Lippen, das rothe, aufgeschwollene
Gesicht.
    Der Junker Peter Melchior kreuzte sich. Alle waren still.
    Ich hielt an, ich schlug mich auf die Brust, ich rieb mir die Stirn. Nun
betete ich ein Ave Maria und den Rosenkranz ab. Dann kehrte ich um, und ich kann
Euch morgen den Weg wieder zeigen, den ich zurckthat, indem ich der Spur meines
Pferdes folgte. Jede Fichte, jede Birke, selbst die Hollunderstrucher merkte
ich mir. Da kam das Waldeck, da die verbrannte Haide, der branstige Geruch,
Raben und Krhen am Himmel, der Galgen, der Mann daran, Sporen an den Stiefeln,
eine Federkappe auf dem Kopf - und ich war es, mein Gesicht.
    Lauter blasse Gesichter schauten sprachlos auf den Redner.
    Da verging's mir, fuhr er nach einigem Schweigen fort. Es ward mir blau
und roth um die Augen, alles drehte sich um, und lenkte nicht mehr mein Pferd.
Ich wei nur, da es durch dick und dnn flog. Die drren Aeste knackten, es
rauschte in den Wolken, Ketten klirrten, Sporen klirrten, die Eulen krchzten.
Dazwischen Waldhrner, Hussaruf, ich wei nicht was. Ich wei auch nicht, ob ich
durch die Jgerhaufen flog, ob ich noch einmal an dem Galgen vorberkam, mir
war's so. Zur Besinnung kam ich erst, als es schon dunkelte, und mein Rappen
keuchend, athemlos in einem blauen dunstigen Moor nach einer Wegspur suchte. Wie
viele Stunden ich da noch in der Irre ritt, wei ich nicht. Mir war kalt, mir
war hei zu Muth, wenn ich an da zurck dachte, bis ich endlich Licht sah.
Wr's ein Irrwisch gewesen, eine Teufelskche, mich htt's nicht gewundert; nun
war's meines Freundes Gtze Hohen-Ziatz. Ich bin hier und was denkt Ihr davon?
    Ihr hattet vielleicht vergessen, den Abendsegen zu beten? bemerkte der
Dechant.
    Pah! Da mt ich oft Galgenmnnlein sehen.
    Peter Melchior hatte whrend der letzten Erzhlung, die Hnde unterm Tisch
faltend, eine ganze Reihe von Gebeten zwischen den Zhnen gemurmelt.
    'S ist was nicht richtig in der Luft, sagte er leise, ich hab's von
Anfang an gesagt. Die hagern Frauen an der Bleiche, der Krmer und sein
verhextes Zeug, der Sturm, es geht was vor. Niemand wei, wo's hinausluft.
Zwischen Gallus und Allerheiligen thut's nimmer gut, was vornehmen, aber Frau
Brigitte hat keine Gottesfurcht, keinen rechten Glauben. Was mute sie jetzt
gerade die groe Wsche halten. Die hat's aufgerhrt.
    Der Ritter hatte wieder sein vornehm stolzes Gesicht. Er sa im Stuhl
zurckgelehnt, ein verchtliches Lcheln schwebte ber seine Lippen:
    Auf eine Wsche luft's hinaus! Es thut mir leid, so ich Wsche gestrt
htte.
    Peter Melchior erzhlte. Der Ritter hrte bei einigen Punkten aufmerksam zu,
bis der Junker pltzlich mit den Fingern schnellt: Nun hab' ich's, das
Galgenmnnlein! Claus Hedderich erzhlte ja davon. Nicht der Ritter war's der
Schneider Wiedeband. Richtig, der hngt noch am Galgen bei Beelitz in der
Haide.
    Der Herr von Lindenberg lehnte sich ber den Tisch. Es war, als ob ihm mit
dem frohen Gesicht des Junkers ein bleierner Bann auf der Brust sprang. Aber der
Zweifel meldete sich wieder.
    Ein Schneider in Sporen!
    O das ist eine lustige Geschichte. Httet Ihr nichts davon gehrt? Die von
Beelitz zankten schon seit einem Jahre mit dem Schneider. Er war ein
Gewandschneider, ein kleiner Mann nur, aber er hatte es dick sitzen im Kopf.
Sagte es laut bei allen Zechen: Kleider machen Leute, also da der Schneider die
Kleider macht, macht der Schneider auch die Stnde. Schneiderte sich selbst
Kappen und Mntel und Hosen, wie Rathleute und Junker; so oft ihn auch der Rath
darum strafte, er stolzirte darin um, und sie brauchten ihn, denn Keiner
verstand besser mit der Scheere umzugehen. Sonst htten sie ihn lngst in's
Elend geschickt, aber er sagte, seine Amme htt's ihm an der Wiege prophezeit,
da er als Ritter sterben wrde. Nun hatte er den Rathsherrn ihre Mntel
zugeschnitten; aber ehe ein halb Jahr um war, wurde das Tuch mrbe und ri. Die
von Beelitz machten ein furchtbar Geschrei, aber er schrie wieder. Die sagten,
er htte das Zeug mit dem Bgel verbrannt, er sagte, sie htten ihm verbranntes
Tuch geliefert. Getagefahrtet ward von einem Schppenstuhl zum andern bis die
Kpfe lichterloh brannten. Die Zeugen schlugen sich schon, die von
Treuenbrietzen, von Jterbock, selbst die von Wittenberg mischten sich drein.
Endlich waren sie einig, die Justiz knne das nicht abthun, und Wiedeband sagte
den Beelitzern ab. Das kam vielen damals curios vor, da ein Schneiderlein einer
Stadt drfte einen Fehdebrief schicken. In Leipzig und Wittenberg haben sie
darber vor der Facultt gestritten, ob es ging. Aber es ging. Das Schneiderlein
hatte seinen Anhang, und mit seinen Gesellen von der Scheere that er ihnen
manchen Schnitt, wo sie sich's gar nicht versahen. In Jterbock hatte er ein
festes Haus und sa wie ein Ritter, und, was wirklich eine Schande ist, die
schsischen Herren drben, weil sie den Beelitz'schen bel wollten, aus purer
Scheelsucht, hielten ihn, als wr er zu ihnen. Er drft' in Sporen und Federhut
aus-und einreiten auf ihren Schlssern, und liehen ihm manches Stck Ro und
Zeug zu Schaden der von Beelitz. Htte er sich nur begngt, ihnen aufzulauern
und ihre Leute zu werfen, so htte er's manches Jahr treiben knnen, aber der
Kamm schwoll ihm, und eines Morgens rckte er mit einem hellen Haufen vor ihr
Thor. Da rief er 'nein, der Schneiderritter: als sie ihm htten gebrannt Tuch
geliefert, und dadurch gebranntes Herzeleid gemacht, so wollte er ihnen auch
'nen Brand zu riechen geben, daran Kind und Kindeskind denken sollten. Und
gesagt, gethan, vor ihren Augen steckt er ihnen ihre Haide an, und ehe sie nur
aus dem Schlaf in Hemde und Haube kriechen konnten, brannten zehn Morgen weg. Es
wr' noch mehr Unglck geschehen, wre kein Regen gekommen. Nun aber wurden die
von Beelitz fuchswild und lauerten ihm auf, wo sie konnten. Sie bestachen eine
fahrende Frau, zu der er hielt, in Jterbock in der Vorstadt, die lie Nachts
die Knechte der Beelitzer in's Haus, und am Morgen, als er aufsprang, griffen
ihn die Knechte, stellten ihn in ein Betttuch und warfen ihn auf 'nen Heuwagen.
Ehe seine Freunde es merkten, waren sie mit gestreckten Zgeln ber die Grenze,
und Ihr mgt Euch denken, was das fr Lust gab, als sie ihn im Sack durch's Thor
fuhren. Ein Loch hatten sie 'nein geschnitten, da steckte er den Kopf raus, und
hatte noch die Frechheit die Zunge rauszustrecken. Solchen Spa haben sie in
Beelitz ihr Lebelang nicht gehabt. Sie wollten ihn schnell judiciren; aber da
gab es neuen Spectakel. Hatte die Frechheit, er wollte sich nicht hngen lassen
als ein Dieb und Mordbrenner, da er in offener Fehde mit ihnen gewesen, und von
den Schsischen Herren kamen ihm einige zu Hlfe. Die zeigten eine Urkunde vor,
da sie ihm ein verfallen Burgrecht geschenkt oder verkauft; also wre er ein
freier Mann von drben, und htte Recht gehabt ihnen Fehde zu machen. Die
Beelitzer, wie man sich denken kann, bestritten's, er sei ein Stadtkind gewesen
und geblieben, also in ihrem Bann. Das gab ein neues Geschrei und Geschreibe.
Endlich kam man berein, er sollte judicirt werden als ein Stadtkind, aber
gehenkt als ein Ritter und da gab er sich drein. So hat das Schneiderlein bis
auf die letzt seinen Willen gehabt und hat's durchgesetzt, der Kerl, wer sollt's
glauben, da sie ihn henken muten mit Sporen und Federhut. Ja, wr's nach ihm
gegangen, er htte noch den Degen an der Seite behalten. Das war denn doch zu
viel, auch die Schsischen Herren wollten's nicht. Nun baumelt er so in der
Haide, die er angesteckt. Hat's aber wohl nimmer gedacht, da ihm noch im Tode
die Ehre wrde, da unser Herr von Lindenberg den Schneider Wiedeband fr sich
anshe.
    Alle lachten von Herzen ber die lustige Geschichte; der edle Gast, der sich
ihrer wohl entsann, war sichtlich aufgeheitert.
    Das ist nur dumm Zeug, sprach er, indem er noch einen vollen Zug aus dem
Becher that, was sie von dem Wafeln1 oder dem doppelten Gesicht reden. Wer in's
volle Glas sieht, sieht sich auch doppelt, und er schlrft nicht den Tod daraus,
sondern helle Lustigkeit. Weil's mir heute Abend so wohl gehen sollte, darum
schauerte's mich so grauslich am Morgen. Das ist die Deutung: Glck, Glck! Wie
wr's Ihr Herren die Becher klingen so hell, wenn wir sie noch anders klingen
lieen. Htte Lust ein Stndlein zu doppeln!
    Peter Melchior schielte den Dechanten an. Der zuckte die Achseln und hob
drohend den kleinen Finger:
    Ei, mein Herr Ritter von Lindenberg, Ihr so vom Glck ohnedies begnstigt,
was wollt Ihr's noch suchen gehen?
    Immerzu!
    Die Kirche verbietet auf Spuk und Deutungen etwas zu geben. So ich aber als
Laie dchte; wre es, das mein Herr Ritter gut rechnete. Auf bse Trume folgen
Hochzeiten und Kindtaufen. Rabensteine und Leichen bedeuten Glck im Spiele.
Wollt Ihr uns durchaus die Taschen leer machen?
    Der Ritter von Lindenberg warf einen vollen Beutel, auf den Tisch:
    Bis der leer ist nicht von der Stelle.
    Peter Melchior fate leise an den vollen Beutel, er gab einen Klang.
    Die Tische wurden abgetragen und drei Schemel herangerckt. Der Dechant nahm
den Becher in die Hand und schttelte ihn mit einem stillen Seufzer und
niedergeschlagenen Augen: Nun denn, um kein Spielverderber zu sein!
    Nehmt Euch vor ihm in Acht! flsterte der Junker Peter Melchior.

                                    Funoten


1 Wafeln heit noch auf der Insel Rgen das Schottische zweite Gesicht, welches
sich auch dort in Familien und Individuen zeigt.


                               Siebentes Kapitel.

                                Ein bser Rath.

Ein Stndlein noch, Gestrenge, dann wacht er auf, sprach der Knecht Casper,
der an seines Herrn Thr Wache hielt und wenig Umstnde machte vor der Edelfrau,
welche, schien es, ohne den Wchter wohl Lust gehabt htte, ein wenig
aufzuklinken und hineinzuschauen. Er aber sa auf einer Bank, die er vor die
Thr geschoben, den Rcken gegen diese gelehnt, eine Stellung, in der er auch
dann und wann die Augen zugedrckt haben mochte. Ein treuer Knecht dient seinem
Herrn auch wenn er fr ihn schlft. Jetzt aber schnitt er Scheiben umschichtig
von einer groen Rbe, einem Kse und einem Haferbrod zum Abendimbi.
    Casper, ich hre ihn schnarchen.
    Thut nichts. Vorhin grunzte er, drei Mal sthnte er und dann hat er
geflucht. Das geht immer voraus.
    Aber er hat sich gewi auf die andere Seite gelegt. Dann schlft er nur
immer fester ein.
    Wenn er erst zum lauten Fluchen kam, dann flucht's in ihm fort, und dann
wacht er auf.
    Das ist ein Mal -
    Allemal, Gestrenge, wie die alte Wanduhr. Erst knickt sie, brummt,
schnarrt, dann nach einer Weile schlgt sie.
    Es ist ein vornehmer Herr, Casper!
    Weck meinen darum nicht auf.
    Des Markgrafen Freund!
    Und wenn alle Markgrafen in eigener Person kmen.
    Casper, Du bist ein guter und treuer Knecht, aber Du weit nicht, was es
gilt. Ich mu dabei sein, wenn er aufwacht.
    Kann mir wohl denken warum. Ich habe nichts mit der Wsche zu thun.
    Casper, ich bin Deine Frau, wollte sagen Deines Herrn Frau. Du wirst doch
nicht -
    Plaudern werd' ich nicht, was mich nichts angeht, und wenn er's merkt, nun
da mag jeder sorgen, den's trifft, aber -
    Meinst Du, ob er poltern wird, oder -
    I nu, Gestrenge, das kommt darauf an. Trank er zuletzt sen, dann geht's;
aber Landwein, dann ist's schlimmer, besonders von dem dicken aus Stettin. Wenn
das Gewrz im Blut zurckschlgt! Recken und strecken mu er sich allemal ein
Bischen, und da mu ihm Keiner in den Wurf kommen, der es nicht versteht. Ich
fhl's immer gleich am ersten Schlag, ob er nur verdrielich ist oder ein
Gewitter losgeht. Das ist nun meine Sache allein, gestrenge Frau und dabei thun
Weiber niemals gut.
    Unten schien es zu gewittern, ein Schlag oder Klang war's, der die
Aufmerksamkeit der Hausfrau in Anspruch nahm. Whrend Casper wieder unbekmmert
an seinen Kse und Rettig ging, hatte sie sich ber das Treppengelnder gelehnt.
    Der Dechant kam herauf, etwas gerthet im Gesichte, schneller als seine Art
war. Das Zusammentreffen mit der Edelfrau schien ihm nicht ganz angenehm; die
eine Hand fuhr schnell unter sein Habit.
    Ihr habt wieder gespielt!
    Der Geistliche zuckte die Achseln.
    Und gewonnen?
    Kann ich dafr!
    Die toben nun.
    Lat die Heiden toben, ich that's ja nur aus Geflligkeit.
    Das ist 'ne Auffhrung, das ist 'ne Wirtschaft! Und ein Geistlicher dazu!
Was soll das Gesinde dazu sagen! Im Freien, nun ja zum Zeitvertreib, im Lager,
da hab' ich ein Auge zugedrckt. Aber Ihr wit, da ich im Schlosse ein fr alle
Mal -
    In Ihrem Schlosse sollen doch meiner gtigen Wirthin edle Gste nicht ber
Langeweile klagen. Die Frau war fort, der Herr kam nicht, verwundert sich da
meine Frau von Bredow, da der Gast sich selbst nach einer Unterhaltung umsah.
Billigen, was er that, ei behte, da mir das in den Sinn kme, aber er ist den
Leidenschaften unterworfen, gleich uns allen. Ich fr meine Person htte auf
einen Dank gerechnet, nicht auf einen zornigen Blick, noch weniger -
    Ich darauf, da mein Beichtvater meine Gste ausziehen sollte.
    Ausziehen! Ei, was ein harter Ausdruck aus so freundlichem Munde! Ist der
ein Ruber, der wider Willen annimmt, was man ihm aufdringt? Ich sehe auch darin
-
    Nur nicht wieder einen Fingerzeig. Den lieben Gott lat mir beim Spiele aus
dem Spiel. Das sage ich Euch. Gebt dem Teufel, was des Teufels; Ihr werdet Euch
schon mit ihm vertragen. Aber macht 'nen Knoten in Eure glatte Zunge, wenn Ihr
krumm gerade reden wollt. Denen ist's schon recht, i ja, auch dem Herrn von
Lindenberg, Satan steckt auch in ihm, wenn er sein glatt Kleid verrckt; wr's
nur nicht bei uns geschehen. Aber -
    Dem Dechanten war es gelungen, seine Hand frei zu machen; vermutlich war der
Beutel, der dem Herrn von Lindenberg vorhin gehrt, in seine Tasche sacht
geglitten. Er hob seinen Arm.
    Frau von Bredow spricht nur meine Gedanken aus. Es nimmt's, ich sage nicht
der Herr, aber das launische Glck denen oft, was sie nicht zu nutzen verstehen,
um es denen zu geben, die einen besseren Gebrauch davon zu machen wissen. Als
ich so wider meinen Willen an das bse Brett gerissen ward, dacht ich im
Stillen, wie das Altartuch in unserem Chor wohl eine neue Verbrmung verdient.
Wenn nun von dem sndigen Golde durch den Zufall, sei es mir erlaubt, so zu
sprechen, in dDeine Hnde fiele, ei Du knntest schne Goldfranzen dafr in
Magdeburg einlsen, das dachte ich. Ich sage nicht, da das eine Eingebung war,
behte mich vor jeder Lsterung, aber es ist doch sonderbar, da immer, wenn ich
an die Franzen dachte, der Wurf mir gelang.
    Glckliche Reise, ehrwrdiger Herr. Seht Euch nur in Magdeburg vor, das die
Franzen echt sind. Kaufleute und Goldsticker betrgen gern.
    Ich habe seitdem anders gedacht. Das Jungfrauenkloster unserer lieben
Frauen bei Spandow ist schlecht ausgestattet. Wenn wir unser liebes Frulein
Agnes dahin brchten, und zu Ehren der heiligen Agnes einen Altar stifteten,
wrde das ein geflliger Dienst sein, sowohl fr die Heilige, da wir eine
gndige Frsprecherin im Himmel gewnnen, als auch fr die Familie. Die Arnims,
die Bardeleben, die Jagows, auch die Kerkows haben da groen Einflu, die
Bredows zur Zeit nur geringen. Und Eure Vettern in Friesack rhren sich fr uns,
wie Ihr am besten wit, nicht viel. Ein kleiner, miger Altar nur; ich habe es
so berschlagen, Silberstickerei, ein Crucifix von Messing, die heilige Agnes
kann ein Maler conterfein, der bei uns im Schuldthurm sitzt; der arme Schlucker
ist mit wenigem zufrieden. Es sind ja berall schlimme Zeiten. Aber meine
gndige Frau giebt mir zu, wenn wir unsere Agnes mal als Aebtissin sehen wollen,
mssen wir etwas thun.
    Die Hausfrau hob die Hnde und zeigte ihre zehn Fingern dem Dechanten:
    Nun ist's genug. Ich soll theilen das sndige Spielgeld, damit ich
schweige! Mein Kind soll ich ausstatten damit! Die heilige Agnes mag nehmen, was
sie verantworten kann, denn sie ist eine Heilige und wei es besser als ich;
aber meine Agnes soll Aebtissin werden durch Deinen Wrfelraub! Und wenn sie
dienende Magd ihr Lebtag bliebe, sie soll lieber Pfrtnerin, Kchenschwester,
Scheuermagd bleiben, als durch das Teufelsgeld Aebtissin. Herr Dechant, wenn Ihr
nicht mein Beichtvater wret und wir alte Freunde! So spricht die Schlange. Mir
das! Seht Euch ja nicht um, muschenstill; er steht hinter Euch der Verfhrer,
riesengro. Der Menschenfeind spricht aus Euren Lippen und Ihr wit es
vielleicht selber nicht. 'S ist doch ein Jammer, da der Verderber selbst Macht
hat ber die Geweihten des Herrn. Wo soll denn ein sndiges Menschenkind sich
Trostes holen.
    Bleibt still stehen, rief sie ihm nach, als er ihr folgen wollte. Fr die
Nacht graut mich vor Euch. Morgen frh - nun morgen frh ist ein anderer Tag;
wir haben's vielleicht beide vergessen und halten's fr einen Traum. Das wre
das Beste.
    Zur ebenen Erde sah es derweil wst aus. Der Becher, den der Gast dem
Dechanten nach dem letzten Wurfe an den Kopf geworfen, rollte noch auf der
Diele. Die Wrfel lagen zerstreut, und Keiner schien Lust zu haben, sie
aufzulangen. Der Herr von Lindenberg aber ging, wie sehr erhitzt, im Zimmer auf
und ab, bis er sich auf den Lehnstuhl des alten Gtze warf. Den gespornten Fu
legte er auf die Bank und sttzte den Kopf auf den Ellenbogen. Peter Melchior
sa am Tisch in hnlicher Stellung; die beiden Junker, Hans Jrgen und Hans
Jochem standen an der Wand.
    Ich hab's gesagt, htet Euch vor dem Pfaffen, sprach Peter Melchior. Was
in des Pfaffen Sack kommt, ist verloren. Jeden anderen kann man kitzeln, aber
die todte Hand giebt nichts wieder raus.
    Eine verfluchte Geschichte! brummte der Gast. Wieder haben mu ich's.
Seine kurfrstlichen Gnaden gab mir auf der Jagd ihren Beutel, um bei der
Rckkehr die Almosen auszuwerfen.
    Die Glatzen sind auch arme Leute! sagte hhnisch der Andere.
    Da der alte Gtz grad' heut schlafen mu.
    Peter Melchior lachte: Sein Korn ist noch nicht verkauft.
    Mein's schon auf dem Halm, und das Geld zum Schornstein hinaus, fiel der
Gast ein. Ist hier Keiner in der Nhe? Der Stechow hat nichts, der Holzendorf
auch nicht; der Arnim giebt nichts raus. Ist kein Jude herum? Nur bis Morgen,
bis Uebermorgen soll's, der Kurfrst ist darin ngstlich wie eine alte Jungfer
um ihren Ruf.
    Es fand sich kein Jude, kein reicher Mann.
    Blitz! rief der Junker Peter Melchior. Der Krmer Hedderich! Htten wir
den nicht gehen lassen. Der knnte die Ehre haben fr einen Edelmann ein Paar
Tropfen zu lassen. Und der Mann ist's werth. Als ich so ein bischen in die
Kisten und Kasten hineinfhlte, klimperte eine sehr verdchtig.
    Der Herr von Lindenberg spitzte die Ohren und fragte weiter, etwa wie ein
Mauthbeamter, welcher einem Schleichhndler auf der Spur ist, der ihm zum
Schabernack die Grenze passirt hat. Auch die beiden Junker wurden in's Gesprch
gezogen und wie Zeugen vernommen.
    Hedderich! Der Gast strich sich ber die Stirn. Den Henker auch, wer kann
alle Namen behalten. Wo zog er des Weges.
    Sprach, da er wollte nach Klln an der Spree.
    Was wollte er in Klln?
    Ducht mich, sagte Hans Jochem, wenn ich recht gehrt, eine Restzahlung
im Schlosse eincassiren.
    
    Waren Grauschimmel vor seinem Karren?
    Die andern bejahten es.
    'S ist richtig! sprach der Herr von Lindenberg, sich auf die Lenden
schlagend. Dacht ich mir's doch gleich. So pfiffig sind die Spitzbuben. Wit,
der Kerl, der zerloddert aussieht, wie ein Lazarus aus dem Pracherland, unter
seinen Lumpen und Bndern fr Bauerndirnen und Stallmgde, fhrt Wollenzeuge,
wie man sie zu Land nicht sieht. Aus Bhmen und Wien her kriegt er sie von den
Trken, gewebte, bunte Tcher aus Indien und Schmarkand. Die fhrt er an den
Hfen umher; Frsten nur knnen so was kaufen. In Saarmund am Zoll trafen wir
auf ihn. Hatte da auspacken mssen, Seine Gnaden sah es, und kaufte ein gut
Stck von den Decken und Tchern fr seine Verlobung, und, wie er ist, zahlt er
sogleich den halben Kaufschilling; o es waren an die zwanzig Mark, die der Kerl
einsteckte. Den Rest sollte er sich im Schlo zu Klln holen. Ewald Kckeritz
und die drei Lderitze fragten ihn, wann er nach Berlin kme sich das Geld zu
holen! Solches Volk riecht aber gleich Lunte, und er band ihnen ein Mhrlein
auf, da er ber Ziesar nach Magdeburg wolle unterm Geleit des Erzbischofs. Dann
glaube ich ber Havelberg nach Stettin und auf dem Rckwege erst nach Klln.
Trau Du dem Pack! Das ist uns nun verloren.
    Die Lderitz und der Ewald treibens auch zu dreist, fiel Peter Melchior
ein. Ihr wit ja wie die Krmer beten:

Behte uns, lieber Herre Gott,
Vor Kckeritze, Lderitze,
Vor Krachte und vor Itzenblitze!

    Der Gast warf ihm einen Blick zu: Zgle Deine Zunge, auch die Wnde haben
Ohren.
    Aber Peter Melchior sah die Jungen an: Duldet Ihr das! Ihr seid adlig
Blut.
    Wer zweifelt daran! sprach der Fremde, und reichte Hans Jrgen die Hand,
aber man kann nicht vorsichtig genug sein.
    Er ist ja nicht sein Vater, Hans Cicero, der die Weisheit mit Lffeln fra,
und uns den Schmachtriemen um den Bauch schnallte.
    Wit Ihr's, was er wird! sprach ernst der Gast und winkte ihnen, sich ihm
nher zu setzen. Das Gesprch ward leiser fortgefhrt.
    Ihr seid junge Leute, sprach er zu Hans Jrgen und Jochem, aber vor Euch
steht ein schlimmes, trbes Leben, wenn - wenn es nicht besser wird.
    Ein klein Vergngen fllt doch wohl ab, dann und wann, lchelte Peter
Melchior.
    Nicht, wenn Ihr's so anfangt wie jetzt, nicht wenn Ihr nicht klger werdet.
Ich sag's Euch, die Mark wird werden ein Hundestall nicht fr den Adel, die
Edelleute sind die Hunde d'rin. Die Frsten, die Pfaffen, die Gelehrten, Himmel
und Hlle, ich glaube gar das Brgerpack wird das Regiment fhren und die
Peitsche.
    'S klingt sonderbar, wenn der Herr von Lindenberg so spricht, unseres
Kurfrsten Liebling und Rath.
    Ich bin ein Edelmann, ein Ritter, meine Freiheit ist mir lieber als Alles
- er schlug sich an die Brust - wei Gott, dafr wach' ich, denk' ich, trum'
ich, aber mit Holzblcken verkehren mssen! Diese Kckeritze, Itzenblitze,
Krachte, statt zu helfen verderben sie's. So richtet man's nicht aus, so
arbeitet man nicht fr die Zukunft. Es ist so viel verdorben, seit der Segen aus
Nrnberg in's Land geschneit kam, hundert Jahre haben sie an unseren Rechten
gefeilt und gebohrt, unsere Vesten sind gefallen, der Block und die Verliee
haben unsere Wackersten hingerafft, und nun meinen die Dummkpfe, weil er ein
Knabe ist, knnten sie ihm auf der Nase herumspielen. Mit solchen einfltigen
Neckereien, solchen Strauchdiebereien ist's nicht gethan. Mit 'nem Laternenpfahl
gebt Ihr ihm einen Wink, und glaubt mir nur, er ist nicht auf den Kopf gefallen;
er versteht ihn.
    Aber der Junker Peter Melchior schien den Redner nicht zu verstehen. Sie
werden ihn schon allgemach lehren, da die Straen von Alters unser sind.
    Auf die Art gewi nicht. Ihrer Zeit thaten die Putlitz, die Quitzow, die
Bredow, meinethalben Alle, thaten was sie konnten, und es mag nicht ihre Schuld
sein, da wir keinen zweiten Kremmer Damm hatten. Wir aber zerfielen in uns, wir
hielten nicht zu einander. Seht in Schwaben, in Franken, am Rhein, dort waren
sie klger, sie thaten sich zusammen in Bndnisse, in Orden. Es ist eine Masse
von Mnnern, Rittern, Burgen, an denen die Frsten ihre Zhne probiren knnen,
und mancher brach schon dabei.
    Wir haben keine Berge und Felsen, unsere Burgen stehen in Sand und Sumpf.
    Darum htten wir - Doch das Gethane lt sich nicht ndern. Jener erste
stolze Friedrich, jener andere mit den eisernen Zhnen, auch Albrecht, der nur
als Landvoigt zu uns kam, uns seine Achillesfersen fhlen zu lassen, haben es
nicht gethan. Die betrachteten uns noch als ein fremdes Land, das sie zgelten
und preten. Wenn ihnen nicht mehr heimisch drin war, zogen sie in ihre
frnkischen Berge; dann athmeten unsere Vter wieder auf, sie blieben frei. Aber
der bleiche, Johannes, den die Gelehrten Cicero schalten, hat uns die
Daumschrauben angelegt. Er blieb kein Franke, er ward ein Mrker, er lernte
unsere Schwchen kennen und das machte ihn fest.
    Die fnfzehn Schlsser, die er schon als Kurprinz brach! Es war eine
schlimme Zeit, Herr von Lindenberg.
    Und sie wird noch schlimmer werden unter seinem Sohne. Ihr denkt, er ist
ein Knabe, aber ich sage Euch, in einem Jahre kann er ein Mann sein. Ihr denkt,
er spielt mit Bchern, aber seine Gedanken fliegen weit bis in's Blaue. Wenn wir
nicht zusammen stehen, wenn wir nicht die Klugheit aus den Grften beschwren,
wenn wir nicht schlau sind wie die Schlangen, so ist's um uns geschehen. Seine
Vorfahren lieen Ritter und Familien kommen aus Franken und dem Reiche. Unsere
Vter zwickten sie wieder fort, oder sie wurden durch Heirathen eines Blutes mit
uns. Er aber citirt nicht Menschen von Fleisch und Blut, er citirt Geister,
Gespenster. Wer jagt die aus dem Lande. Einbrgern mchte er die ganze
lateinische Weisheit von tausend Jahren, Gelehrte, Pfaffen, die Kirche, eine
Universitt gar! Es ist gar nichts, was gewesen ist und anderswo ist, was er
nicht aufstellen mchte und probiren. Gesetzbcher sollen gemacht werden,
deutsch und lateinisch, Collegien eingerichtet, zum Regieren, zum Besteuern, zur
Oberaufsicht, unsere Sitten sollen verfeinert werden. Ein Spinngewebe von feinen
Drahtfden mchte er bers Land, ziehen, da kein Huhn weiter aufflattern kann,
als er will.
    Herr von Lindenberg, sagte Peter Melchior, ich glaube, Ihr selbst seht
Gespenster. Wie alt ist er denn?
    Ihr mgt recht haben. Aber der Kopf wird mir bisweilen warm, wenn ich ihn
so schwatzen hre, und der Dunst aus dem Griechischen und Lateinischen mir wie
ein Alp auf die Brust fllt. Da sehe ich denn nur trb vor mir. Denn dies
Nrnberger Burggrafenblut, das alles besser wissen will, alles besser
einrichten, klger sein, frommer, es sprudelt und spukt in einem wie in dem
andern.
    Auf den Landtagen mu er's doch manchmal hren!
    Hrt er darauf? Das ist eitel Geschwtz. Wenn wir uns helfen wollen, mssen
wir's anders anfangen.
    Da das Land uns gehrt, beweis es ihm Einer.
    Wer zu viel auf ein Mal will, erreicht nichts. Ich tadle nicht die
Kckeritze, die Lderitze, keinen von ihnen allen, aber sie schlagen zu plump
und grob darauf. Warum auf der Strae liegen und den ersten besten werfen? Das
giebt immer Geschrei und bses Blut. Pret doch ein wenig Euer Hirn, schlagt
Eure alten Pergamente nach, Vertrge, Urkunden, Schenkungen, Gewohnheiten.
Darauf trotzt! Mit Art und Manier zugegriffen, da sie Euch nicht Strauchdiebe
und Wegelagerer schelten drfen. Himmel und Hlle, hast Du nicht ein Recht, oder
wenn Du nicht, hatten's Deine Vter nicht, haben sie's nicht ein Mal gebt, da
der Krmer dort seine Waaren auslud, da er in jenem Kruge trinken mute, da
der Schiffer dort anlegte, da die Wallfahrter da singen muten. Strengtet Ihr
Alle, strengten wir Alle unseren Grips an, da kmen Rechte zusammen wie Sand am
Meere, und zweifelt Ihr dran, da sie bertreten werden? Da zugeschlagen, da
Euch in Besitz gesetzt, und wenn die Kerle schreien, wir wieder! Wenn der ganze
Adel zugleich den Mund aufthte, was mte das fr ein Geschrei geben. Wenn Ihr
klug wrt, nhmt Ihr Pfaffen, Gelehrte dazu - es giebt berall solche Gesellen
von der Feder, die Euch fr eine Bratwurst aus dem verrucherten Pergament
beweisen, was Ihr bewiesen haben wollt. Da denn gepocht, ihm das Gewissen hei
gemacht. Solche verrucherte Scharteken mit alten Satzungen und Gerechtigkeiten
sind ihm ein Spielzeug: er dnkt sich was darauf, sie zu schtzen und zu
bewahren. Das Eisen geschmiedet, so lange es warm ist. Hier hilft uns seine
Jugend. Er mu nicht zur Ruhe kommen vor lauter Klagen und Beschwerden. Er mu
so eingeheizt werden, da er nicht aus und ein weis, da er links und rechts
ausschlgt. In der Wuth schlgt man falsch; das giebt uns immer neue Waffen. Am
Ende verwirrt, gescholten, miverstanden, lt er Alles gehen, wie es ist, und
mehr brauchen wir nicht. Dann ist das Regiment wieder in unseren Hnden, wie es
sein mte von Gott und Rechtswegen in der Mark Brandenburg.
    Der Herr von Lindenberg war aufgestanden, und that einen vollen Zug aus der
Kanne. Peter Melchior kraute sich im Kopf und schiene schlau nach dem Redner und
den beiden andern.
    Donnerwetter! schmunzelte seine Zunge, als schwelgte seine
Einbildungskraft in Zustnden, die nur in der Mrchenwelt Wahrheit sind.
    Ach Ihr seid alle zu trg, fuhr der Redner fort. Ihr schickt Euch nicht
in die Zeit, Ihr lernt nichts von der Zeit. Wozu hat Euch Gott ein Maul gegeben,
da Ihr Andere klagen lat! Wo soll er Respect bekommen vor dem Adel. Ich allein
kann's nicht alles einfdeln, die Zunge wird mir trocken, der Rcken krumm und
steif zugleich. Statt da ich angreifen drfte, wenn im Euch hinter mir habe,
mu ich in einem fort Euch entschuldigen. Da geht dem besten Mann der Muth aus:
und ein Hllendienst ist's, der Hofdienst, bei solchem! Wnschte, ich wre auch,
wie der Wilkin Lderitz, verfehmt; da knnte ich mich ein Mal erholen.
    Es trat eine Pause ein.
    Schade! sagte Peter Melchior.
    Was?
    Ich meine den Hedderich! Es mu eine Lust sein, solch ein fettes Schwein in
den Graben zu werfen.
    Um diese Jungen thut's mir leid, fuhr der Gast, auf- und abgehend, fort.
An uns Alten ist nichts mehr gelegen, wir nehmen unsere Schande mit in's Grab.
Aber der Aufwuchs, was soll daraus werden! Wo sollen sie ihre Sporen verdienen?
Tourniere kommen ab, Fehden giebt's nicht mehr, wenn man nicht fr einen
Frsten, oder gegen die Trken seinen Leib zerhacken lt. Absagen soll Keiner
mehr dem Andern. Die goldene Zeit bricht an fr die Feigheit; die Federfchse
werden Helden werden. Und das nennen sie Recht und Gerechtigkeit! Wo sollen die
Jungen fhlen lernen, da sie frei sind, da adlig Blut in ihren Adern fliet!
Nicht mal 'nen Zeitvertreib gnnt man ihnen. - Wo zog der Hedderich hin?
    Nach Brandenburg, sprach rasch Hans Jochem. Er hatte zween alte Gule,
die ziehen im Sande nicht schnell.
    Hrt das junge Fllen. Mchte durch den Stall brechen auf die Nachtweide,
lachte Peter Melchior.
    Was seht Ihr mich an? fragte der Gast.
    Ich meinte nur, Herr von Lindenberg -
    Pst! keinen Namen.
    Probiren wir's? 'Nen Spa. Nur da die Jungen nicht aus der Art schlagen.
    Der Ritter blickte die Vettern an: Sind die schon mal ausgeritten?
    Beide senkten die Kpfe.
    Der Gast war an's Fenster getreten und hatte hinausgeschaut: 'S ist wie
Maienluft.
    Peter Melchior hauchte in die Hand: Gen Brandenburg? Ich wei den Weg.
    Lindenberg hatte sich wieder in den Lehnsessel geworfen: 'S ist nicht meine
Art, das hab' ich schon gesagt; aber wei der Geier, es prickelt mir in den
Fingern und saust in den Ohren.
    Man mu sich solche Gelegenheiten nicht entgehen lassen, und Ihr bedrft
einer Erholung, Herr von Lindenberg, fiel der Andere ein. Ist ja der
Lumpenkerl noch nicht mal bestraft von wegen all dem Tand. Ich erzhlte Euch
doch! Und Hans Jochem hat er um ein Paar Hosen geschnellt und wer wei, was noch
dabei war. Unser Hans Jrgen, eine Schande war's, der mute ihm die Pferde
zumen und die Ballen aufladen helfen. Pfui eines Bredows Sohn! Wei auch gar
nicht, was der Frau Brigitte einfiel.
    Wilkin von Lindenberg war rasch aufgestanden, und schttelte sich wie einer
in seiner Stahlrstung:
    Na! 's ist ein Fastelabendspa.
    Ohne Lichter! Der Mond geht nach Mitternacht unter. Knnten ohne Kappen
reiten; keine Katze erkennt uns in dem Duster. Aber wenn man 'nen guten Einfall
beugelt, springt er fort wie der Floh, den man zu lange zwischen den Fingern
hielt.
    Begleiten uns die jungen Herren? fragte der Ritter.
    
    Das versteht sich! Frau Brigitte wrde sie schn ansehen, so sie Anstand
nhmen. Stehen ihre Rosse schon gesattelt, da sie Euch das Geleit geben:

Weils im Wald duster ist.

    Der Herr von Lindenberg schien inde die Antwort des Junkers von Krauchwitz
nicht fr voll zu rechnen, noch ihn als Vormund fr die jungen Leute gelten
lassen. Er nherte sich ihnen mit halbhingehaltener Hand. Mit einem Sprunge
schlug Hans Jochem ein. Seine Augen funkelten. Und Ihr?
    Hans Jrgen hatte auch schon die Hand erhoben, aber unwillkrlich blieb sie
zurck, seine Augen schlugen nieder als sie den forschenden Blicken des
vornehmen Gastes begegneten, und unwillkrlich entfuhr ihm der Name seiner Base
Brigitte. Das laute Auflachen des Junker Peter Melchior htte ihn weniger
erschreckt, als der spttische Zug um des Ritters Lippen.
    Base Brigitte darf's freilich nicht wissen, lachte Peter Melchior fort.
    Noch Jemand sonst, weder jetzt noch knftig, sprach der Ritter mit
strengem Tone. Aber das sind fromme und gute Bedenken des jungen Mannes. Unsere
Wirthin sieht den Spa wohl anders an als wir. Wer nicht Vater und Mutter hat,
handelt klug und gut, wenn er den Willen seiner Pflegeeltern bei allen Schritten
seines Lebens zu Rathe zieht. Das geht nun hier nicht an, also, mein Herr von
Bredow, entbehren wir fr diesmal das Vergngen -
    Blitz und Hagel, fiel Peter Melchior ein, will er ein Duckmuser bleiben!
Solche Gelegenheit sich entwischen zu lassen!
    Meine Muhme bestimmte ihn vielleicht fr's Kloster, oder zum
Schreiberdienst in den Kanzeleien. Darum bitt ich mir's aus, scheltet den jungen
Mann nicht. Eines schickt sich nicht fr Alle!
    Wie sich da die beiden Vettern ansahen! Hans Jochem prustete auf, Hans
Jrgen traten die Thrnen in's Aug; und wie er sie fhlte, ward er glhroth. Es
zitterte ihm in der Brust, da er zuerst kein Wort vorbringen konnte. Dann
brach's heraus:
    Ein Mnch werd' ich nicht, und ein Schreiber auch nicht, Herr von
Lindenberg, und wenn's kosten soll, ich wei nicht was, wenn Ihr's fr recht
haltet, und wenn Ihr mich werth haltet, ich bin meines Vaters Sohn. Nehmt mich
doch mit, ich bitt Euch, da ich's zeigen kann.
    So hatt' ich's erwartet. Der vornehme Ritter nahm den Arm des jungen
Menschen und klopfte ihm die Hand auf seiner Brust. Er sprach etwas leiser mit
Peter Melchior, der sich darauf mit Hans Jochem entfernte. Beide waren nun
allein.
    Lieber von Bredow, es freut mich, da ich meines alten Freundes Sohn als
einen so wackeren jungen Mann wiederfinde. Meint Ihr, da ich im Ernst glaubte,
Ihr wolltet Mnch werden oder Schreiber? Nehmt mir's nicht bel, da ich Euch
prfte, so wenig ich es Euch verarge, da Ihr vorerst Bedenken trugt. Das zeigt,
da Ihr ber eine Sache nachdenkt, und das ist gut. Ihr seid noch jung, und in
diesem Sumpfnest konntet Ihr nicht lernen, was in der Welt noth thut. Eure Base
Brigitte ist ein wacker Weib, eine gute Hausfrau, Gott erhalte sie so lange
meinem Vetter Gtz; aber junge Edelleute zu erziehen, taugt sie nicht. Lat mich
dafr sorgen, wenn ich Euer erstes gutes Stck gesehen.
    Hans Jrgens Brust athmete auf.
    Nachdenken, eh man's unternimmt, ist gut, wie ich sagte. Doch wenn Aeltere
fr Euch denken, mgt Ihr Euch die Mhe sparen. Hans Jrgen hielt es vielleicht
vorhin fr nicht ganz recht. Mein lieber junger Freund, wenn alles recht in der
Welt herginge, dann she es anders aus. Man htte nicht gewagt, Euch zu
befehlen, mein Pferd in den Stall zu fhren, Ihr set zu Selbelang auf Eurem
eigenen. So ist's nun in der Welt; es hat sich alles verrckt', und der Einzelne
thut genug, wenn er, was an ihm ist, die Sachen wieder in die Richte schiebt.
Was sind jene Krmer, die jetzt so viel Geschrei machen ber Gewaltttigkeiten
und Unrecht? Betrger! Auf unseren Straen ziehen sie, ber unsere Brcken
fahren sie, ihre Pferde grasen in unseren Wldern, und wir sollen sie nicht zur
Rede darber stellen, ihnen keinen Zoll, kein Geleitsgeld abfordern, was unsere
Vter thaten? Geben sie uns Geschenke dafr, danken sie uns nur? Nein, sie
ziehen dem Bauern, dem Edelmann das Fell vom Leibe, und man mu sie mit
Sammethandschuhen anfassen, sonst machen sie Lrm. Das kann so nicht dauern!
Alle Creatur krmmt sich und wehret sich; nur der Edelmann soll still schweigen
und alles dulden. Der Brger schliet sich in seine Mauern und lt nur die
Marktleute ein, die ihm gefallen und Abgaben zahlen. Der Frst lt sich
steuern, Zins und Scho, immer mehr, immer mehr. Der Pfaff nimmt den Decem,
Opfer, Beichtschilling, und ist's ihm genug. Uns nur soll alles gengen. Das
geht nicht an. Im Uebrigen, das ist heute nur ein Spa. Wenn wir den Lumpenkerl
nicht ein bischen schtteln, thut's ein anderer, und rger. Dem Galgen entgeht
er doch nicht; er hat bei dem Schacher selbst Seine Kurfrstlichen Gnaden ber's
Ohr gehauen, und nach Berlin wagt er sich gar nicht mehr. Das war eitel Gerede
von ihm, wie man's auch deutlich sieht, da er sich von der groen Heerstrae
mit seinem Raube durch die Wlder schlngelt. Wer ein gut Gewissen hat -
    Drauen ward es lebendig. Die Rosse wurden aus dem Stall gezogen.
    Unterwegs plaudern wir weiter, Herr von Bredow. Seht, da geht der Pfaff
ber die Gallerie in seine Schlafkammer. Der braucht heute nicht gewiegt zu
werden. Lacht sich in's Fustchen, wie er uns balbirt hat. Ihr denkt doch nicht,
da er sich daraus ein Gewissen macht? Vor seinem Heiligen wenn er kniet, hat er
hundert Grnde, warum er's that. Mein Lieber, so thun's die Menschen Alle. Jeder
wird balbirt, und balbirt die andern wieder. Der nur ist ein Thor, der nur hat
unrecht, der es geschehen lt und sich nicht hilft. Uebermorgen, Lieber, mt
Ihr mir den Gefallen thun und mich in Berlin besuchen. Mit Eurer Base lat
mich's abmachen. Ich will Euch dem Kurfrsten vorstellen. Er denkt eine
Ritteracademie zu grnden, wo wackere junge Adlige in adliger Zucht und Sitte
erzogen werden sollen.
    Ich! rief Hans Jrgen.
    Aber erst ein kleines Probestck! Der Ritter klopfte ihm auf die
Schultern.

                                Achtes Kapitel.



                           Eine schlimme Entdeckung.

Es ist was los! murmelte Einer dem Andern zu, und machte dabei eine pfiffige
Miene. Die stille Geschftigkeit, das Gewirr und Durcheinanderlaufen und
Flstern sprach laut in die Stille hinaus: es ist etwas los. Treppauf, treppab,
ging es ohne Gepolter, Rosse wurden gezumt und gesattelt und die Knechte
fluchten nicht und rissen nicht Witze; aus der Rstkammer trugen mit verhaltenem
Athem die Junker Pickelhauben, kurze Spiee, Bffelwmser und was zu einem
Ausreiten gehrt. Der von Lindenberg warf sich das Panzerhemde des alten Bredow
um und Hans Jrgen grtete ihn. Hans Jochem reichte ihm die Stahlhandschuh, die
dem edlen Herrn ein weniges zu gro waren, aber er sagte: Es schadet nichts.
Den Helm mit dem Sturz wollte er nicht. Die Nacht ist das beste Visir! und er
stlpte eine Sturmhaube auf von Bffelleder, mit breiten Klappen und
Blechbeschlgen.
    Langsam hrte man die Zugbrcke knarren und das Fallgitter aufziehen. Die
Alle sagten: Es ist was los! aber Casper sagte: Nun geht's los! als die
Frulein an ihm vorber huschten, nicht wie ihre Art vorsichtig, und dem
Graubart zuwinkend. Lauft nur, rief er nach, das Donnerwetter kommt Euch doch
nach, wenn die Mutter es nicht bald findet. Das kommt davon, wenn die Leute
wollen klger sein und alles besser machen. Mein Herr Gtz wei auch, wo Bartel
Most holt, wenn er den Wein ausgeschlafen hat, und wer dem Bren den Pelz
waschen will, der seh' sich vor, da er nicht selbst gewaschen wird.
    Gegenber der Erkerstube, wo der Ritter lag, war ein kleines Kmmerlein, das
Schilfdach lief schrg darber hin. Der Sturm hatte vorhin darauf geschlagen,
da die Sparren knackten, jetzt schlug es darinnen auch, aber der Sturm war in
einer jungen Brust. Hans Jrgens Herz pochte, da der alte Casper drauen es
htte hren knnen. Wohl htte er sich beschauen mgen, als er nun fertig war,
wie er aussah, aber in der Kammer war kein Spiegel und kein Licht. Nur die
Sterne aus dem schiefen Fenster blitzten auf den verrosteten Harnisch. Er lehnte
den Kopf hinaus und schlrfte die laue Nachtluft ein. Da kamen unversehens seine
Finger unterm Brett zusammen, als wenn er sie falten wollte. Er erschrak fast:
Nein, Beten, das schickt sich nicht, jetzt nicht. Nachher! -
    Da er sich umwandte, stie er mit dem Kopfe an das Schilfdach: Das soll
auch nicht mehr lange sein! Nachher! - Er schwieg und tappte durch die dunkle
Kammer nach der Thr. Drauen war es licht an der Lampe, die der alte Casper
immer ansteckte, wenn sein Herr erwachen sollte.
    Der schaute den Gersteten verwundert an, und seine Mienen gingen in ein
Lcheln ber. Eine Sturmhaube trug Hans Jrgen auf dem Kopf mit einem breiten
Rand, und die beiden Flgel eines Habichts waren in den Kamm gesteckt. Der
Harnisch war ber einen verblichenen Wappenrock von blauer Farbe geschnallt, in
dessen gesteppten Faltenwurf die Motten lange genistet zu haben schienen, und
dazu klirrte ein schwerer Degen an seiner Seite.
    Na nu! rief er ihn an. Gegen wen ziehst Du aus?
    Hans Jrgen machte ein wichtig Gesicht: Geb' dem Gast das Geleit.
    Glaubte wenigstens, Du zgest gegen den Grotrken. Nun will ich Dir was
sagen, Hans Jrgen. Wenn Du gegen den Trken ziehst, dann magst Du den Degen
klappern lassen, aber wenn Du des Nachts ausreitest, trag' ihn sein unterm Arm.
Noch etwas, rief er ihm nach, wenn's verkehrt geht, wundre Dich nicht, Du hast
die Sturmhaube verkehrt aufgesetzt. Und wenn Dein Vater seeliger ausritt, ich
meine, wie Du jetzt, dann zog er nicht seinen Wappenrock an, wie Du jetzt,
sondern hing den schlechtesten Kittel um. Sieh Dich nur da im Schild an der
Wand.
    Ein erster Blick, den Hans Jrgen auf das Schild that, zeigte ihm, da der
alte Knappe recht hatte. Er stlpte die Sturmhaube um und nahm den Degen unter
den Arm.
    Aber des Vaters Rock, den konnte er doch nicht mehr ausziehen.
    Ei die Nacht ist duster, Hans Jrgen, lchelte der Alte, und die Farbe
ist ausgeblichen. Auch ist's lange her, da der Rock geleuchtet auf der Strae,
da kennt ihn wohl keiner mehr. Nun noch 'nen guten Rath auf den Weg: La Dich
nicht bangen, sie thun keinen hangen, den sie nicht fangen. Sprich nicht, wo Du
schlagen kannst, aber wo ein Anderer zuschlgt, brauchst Du nicht
nachzuschlagen. Trau mehr auf Dein Gesicht, als wenn ein Anderer spricht. Beim
Theilen, da mut Du eilen. In der Noth ist ein gut Pferd besser, als ein guter
Freund; und gute Freunde in der Haide bringen drauen manchem viel Leide. Viel
Hunde sind des Hasen Tod, aber wenn Du des Nachts ausreitest, hte Dich vorm
Morgenroth.
    Hans Jrgen war lngst die Treppe hinunter, als der Alte noch in seinem
guten Rathe fortfuhr. Aber er sah ihm freundlich nach: Wird schon was aus ihm
werden. Ein gutes Pferd mu scharf zugeritten werden. Aber ohne solchen kleinen
Spa versauert er ja.
    Es war etwas los, das Alle wuten und keiner sprach es aus: nur Eine wute
es nicht. Bisweilen geht es in den Husern zu, wie in den Schlssern der Knige.
Was Alle wissen und sich zuflstern und darber lachen und sich freuen, wei der
Herr nicht, den es doch zunchst angeht, aber Niemand wagt es ihm zu sagen, weil
sie ein bses Gesicht frchten. Die Burgfrau, die sonst Alles sah und hrte, ja
ihr entging nicht der stille Gedanke, der sich im Gesicht verrieth, heute sah
sie nicht die emsige Geschftigkeit, sie hrte nicht das Geflster, und wenn sie
sah und hrte, bersah sie's und berhrte es, denn ihre Gedanken waren
anderswo.
    Durch die Bden und Kammern war sie mit dem Schlsselbund treppauf, treppab,
rechts und links und hatte das eine noch nicht gefunden, was sie suchte. Und
dreimal schon war sie wieder an dem Knecht Kaspar vorbeigestreift, und dreimal
hatte er ihr zugerufen: Gestrenge Frau, nun ist's bald Zeit. War's die schwle
Luft, hatten die Unholde es ihr angethan? Sie fragte Niemanden, sie htte sich
ja selbst angeklagt, da sie etwas vergessen, und gesehen hatte sie's doch,
Stck fr Stck war es durch ihre Hnde gegangen, als sie abluden.
    Da schlug sie pltzlich die Hnde zusammen. Wie ein Blitz leuchtete es vor
ihren Augen. Sie war auf der Gallerie nach dem Hofe. Die Pferde standen
gesattelt, der fremde Herr lie sich noch einen letzten Trunk reichen. Eine
Fackel warf ihr ungewisses Licht auf die Gruppe. Da steht er ja. Hans Jrgen
schlug seine Hand in die seiner Muhme, die sie ihm hinhielt. Ich bringe Dir was
mit Evchen.
    Eva lachte, als ob sie's bezweifelte. So war - sie hielt ihm schalkhaft
den Mund: Versprich nichts, Hans, Ehe Du's halten kannst. Du bist ja noch nicht
fort. - Wer soll's mir nur wehren! rief er und seine Augen funkelten. Der
Herr ist mir gut, und wird was besseres aus mir machen, da keiner sich mein
mehr zu schmen braucht.
    Hans Jrgen! rief eine Stimme durch's Dunkel, wie eine Trompete, die zum
Gericht schmetterte. Die, welche die Stimme kannten, fuhren zusammen; es war der
Ton in dieser Stimme, der ein aufziehendes Ungewitter ansagte. Eva zog ihre Hand
zurck und senkte ihre Wimpern. Der, dessen Namen gerufen ward, ri die Augen
auf, aber er lie sie im selben Augenblicke wieder sinken.
    Es war gewi ein Spuck der Nacht, oder eine arge Frau mute die Edelfrau mit
Blindheit geschlagen haben, als die Stcke vom Wagen geladen wurden. Der Sturm,
der Wirrwarr allein konnte ihre scharfen Sinne nicht so geblendet haben, da sie
etwas sah, was nicht da war. Aber wie stand ihr jetzt alles klar vor Sinnen. Da
hingen sie ja zwischen den Fichten, vom Winde geschaukelt, Hans Jrgen hatte die
Wacht. Sie selbst war nicht mehr hingekommen, sie hatte nicht befohlen, sie
abzunehmen. Wer sollte sich's unterstanden haben, es eigenmchtig zu thun?
    Hans Jrgen, wo sind sie?
    Was, liebe Base? sprach der Ritter Lindenberg und erschreckte doch fast,
als er die Frau sah, die ihn nicht sah. So aufgebracht, so keuchend und bla war
sie hinunter gestrzt und stand vor ihrem Kleinvetter, wie der Richter vor einem
armen Snder.
    Wo sind sie blieben, Hans Jrgen?
    Es war, als sollte Hans Jrgen der festgeschnallte Harnisch vom Leibe
fallen, seine Arme hingen schlaff herunter, die Pickelhaube sank nach vorn ber.
    O weh! seufzte Eva Bredow.
    Meines Mannes Elennsbchsen, Hans Jrgen! Bist Du taub?
    Unseres Herrn Elennsbchsen, wiederholte es stammelnd aus dem Dunkel des
Hofes. Wenn die gestrenge Frau so erschien, fhlte Niemand sich gemigt
vorzutreten. Der arme Hans Jrgen stand ganz allein und das Wort erstarb ihm auf
der Lippe. Er stotterte etwas vom Krmer Hedderich, vom Sturm, vom Kurfrsten.
Er htte auch von den Sternen und seinem seeligen Vater reden knnen, er wute
nicht, was er sprach.
    Wie siehst Du aus. Ist hier Mummenschanz? rief sie, die Fackel ihm fast
in's Gesicht haltend. Zum Aufpassen stellt ich Dich hin, nicht zur
Narretheiung.
    Mit einem raschen Griff hatte sie die Habichtsflgel und die Stahlhaube ihm
vom Kopf gerissen; sie flogen auf den Boden. Mit einem zweiten lste sie unsanft
den Bauchgurt, der den Degen hielt, da er klirrend zu Boden niederfiel, und zum
dritten hatte sie ihn am Arme aus dem Kreis gerissen.
    Den Harnisch soll da drinnen der Ruprecht lsen und den Rock ausziehen.
Will ihn Dir verschlieen; Deines Vaters Erbstck ist zu gut zur
Fastnachtsjacke.
    Verzeiht nur, gndiger Herr, wandte sie sich zu dem Ritter, da der
ungeschickte Bub' Euch Ungelegenheiten macht. Nichts als Mucken und Nucken im
Kopf, wenn man ihm nicht allzeit auf die Finger sieht.
    Frau Base, sagte der Ritter, er sollte mir das Geleit geben, wie Ihr es
bestimmt.
    Doch nicht als Mummelack! Erst Birkenreiser und dann Ritterdegen. Der Hahn
soll nicht ber den Zaun fliegen. Die Leute lachten ja meinem Vetter von
Lindenberg, einem kurfrstlichen Rath, nach, wenn er mit 'ner Vogelscheuche
durch die Drfer trottirte.
    Der arme Hans Jrgen! hrte er das stille Gelchter, in das auch der hohe
Ritter, sein Beschtzer, unwillkrlich einfiel. Die Bitte und Verwendung
desselben half nichts, vielleicht weil sie nicht zu ernsthaft gemeint war.
Dringen auf die Begleitung durfte er nicht, Peter Melchior flsterte ihm zu:
Nehmt Euch in Acht, da sie nicht den Spa' merket! Auch mochte er vielleicht
nicht dringen. Die Gunst groer Herren ist ein Sonnenblick bei Aprilwetter. Er
bedurfte zu nichts des Jungen.
    Hans Jochem soll Euch's Geleit geben, auch Peter Melchior, so er Lust hat.
-
    Nur bis zum Heidekrug, fiel dieser rasch ein, Muhme. Bin md' und will
nchten bei meinem Gevatter in Golzow. Wenn morgen einer nach mir fragt, bin ich
bei dem zur Nacht gewesen.
    Und Hans Jrgen? fragte lchelnd der Ritter, aber sein Lcheln galt dem
vorsichtigen Peter Melchior.
    Der nchtigen! rief die Edelfrau, der soll gar nicht nchtigen und nicht
schlafen, weil er schlief, als er wachen sollte. Denkt Euch, hat meines Herrn
Leibkleid auf der Bleiche gelassen, und ich hab's ihm auf die Seele gebunden.
Wozu ist er denn, wenn er zu nichts taugt! Zum Maulaffenfeil, zum Brummen und
Grunzen wird er nicht gefttert, auch nicht zum Mummenschanz. Hinaus soll er,
auf der Stelle hinaus, und nicht wiederkehren bis er's findet und bringt. Ich
sollte strenger sein; aber dank's dem Herrn. Ist das Zucht? Hast Du die gelernt
in meinem Hause, da ich ein Aug' zudrcke. Ach, Herr von Lindenberg, man hat
mit dem Jungen seine Noth. Trotz und Uebermuth, und mein Mann ist ein guter
Mann, aber zur Erziehung taugt er nicht. Ihr wit doch, wie er eigensinnig ist
auf das alte Erbstck, ich habe meine Noth damit, und gerade die lie der Junge
drauen im Stich, und wei, wie's mir an die Seele geht. Aber Ihr habt Eile -
    Sagt ja, kreischte Peter Melchior dem Ritter in's Ohr. Sie sagt Euch
sonst die ganze Litanei von den Hosen -
    Es polterte und rasselte ber die Zugbrcke, sie knarrte wieder, und das
Fallgitter fiel in seine Fugen, die Fackeln erloschen, die Knechte und Mgde
schlichen zurck. Warum muten sie im Vorbeigehen alle auf ihn sehen, warum
drauen durch das Fenster nach ihm schielen, warum wiesen sie mit den Fingern
nach ihm? er dachte es sich wenigstens. Der Harnisch lag auf der Erde, der
Wappenrock hing ber der Schemellehne; den Degen seines Vaters hatte die Muhme
vor seinen Augen in den groen Schrank verschlossen. Da perlte ihm die erste
Thrne aus dem Auge, als sie vor Allen zu ihm gesprochen: Lerne was, dann
kannst Du was, aber was Hnschen nicht lernt, wird Hans nimmer lernen, und der
Du nicht gelernt vor einer Leine Wache stehen, wie soll er vor'm Feind seine
Schuldigkeit thun.
    Sein Stolz war geknickt, sein Muth gebrochen. Wie hhnisch hatte ihm Hans
Jochem vom Rosse zugenickt. Der war nun glcklich, der durfte sein Probestck
ablegen, der brachte seinen Muhmen Geschenke zurck. Von ihm wrden Alle
sprechen; wie wrde er stolz des Sonntags zur Messe schreiten, wie sollten ihn
die Leute ansehen und ihn wrde der vornehme Herr von Lindenberg mitnehmen nach
Berlin, ihn in's Schlo nach Klln bringen. Da ward er dem Kurfrsten
vorgestellt, kam in die Ritterschule, erhielt besondere Auftrge und stieg in
Ehren und Ansehen. Eine goldene Kette hing um seinen Hals, die schnen Frulein
sahen ihn mit Wohlgefallen an, sie scherzten mit ihm und lieen sich gern von
ihm unterhalten, und wenn er einmal zurckkam in das Schlo seines Verwandten,
selbst nun ein hoher, vornehmer Herr, da wrde man ihm entgegenstrzen, wie heut
dem Herrn von Lindenberg, vielleicht rief die Base wieder den Hans Jrgen, da
er dem Reiter den Steigbgel halte, da er sein Pferd in den Stall fhre, und er
-
    Es war zu viel, zu rasch, zu bitter war die Tuschung gekommen; die Thrnen
strzten ihm aus den Augen und das Gesicht in die Arme drckend, lehnte er sich
unter heien Thrnen an den Ofen.
    Nun war es ganz still geworden. Die Hunde im Hofe schwiegen; das Stroh
raschelte noch, auf dem die Knechte sich wlzten; das Feuer im Heerd war
niedergebrannt, einzelne Kienpfel knisterten noch und sprangen. Die
Geisterstunde war's und er allein. Im Augenblick frchtete er sich nicht. Und
wren die Unholde alle aus dem Schlot niedergefahren, was konnten sie ihm thun,
er war ja schon vernichtet! Wenn sie ihn umringelt, umstrickt htten, wenn die
Erde sich gespalten und er niedergesunken wre ins ewige Grab, was war das
Schlimmes fr ihn? Dann brauchte er nicht mit verschmtem Antlitz das
Morgenlicht anzusehen, nicht den Gesichtern zu begegnen, die ihn alle fragten:
bist Du noch hier, Hans Jrgen?
    Solche Stimmungen dauern nur kurz. Das war ein erlogener Muth. Als die Eulen
drauen anfingen zu heulen, als der Wind wieder in einzelnen Sten durch die
Kiefern sauste, als er an den langen schauerlichen Weg dachte, den er allein bei
Nacht und Nebel durch die verrufene Gegend machen sollte, frstelte ihn. Und es
war Zeit. Er hrte es die Treppen herunter rascheln. Die Burgfrau war es, aber
wie ein Gespenst, das Schlsselbund klapperte an ihrer Hand, aber das Eisen war
verrostet, das giebt einen eigenen Klang. Er wollte um Alles in der Welt nicht
noch einmal ihren zornigen, verchtlichen, vorwurfsvollen Blick aushalten. Er
mute fort, und die Sohlen waren ihm doch wie fest am Boden angewurzelt.
    Es suselte und rauschte durch die Luft, leise Tritte schwebten nher und
der kalte Angstschwei stand ihm auf der Stirn, als ein sanfter Druck seinen Arm
berhrte und eine weiche Stimme seinen Namen sprach. Es war kein Geist auch die
Edelfrau nicht, und dennoch durchzuckte ihn ein tiefer Schmerz, als Eva's Augen
durch die Dmmerung ihn anblickten.
    Kommst Du auch, um mein zu spotten?
    Hans Jrgen, ich komme nicht, um Dein zu spotten. Du mut fort. Wir haben
die Mutter gebeten; allein sie ist gar aufgebracht. Du weit wie Vater ist, wenn
er aufwacht.
    Schimpf mich nur, ich hab's um Dich, ich hab's um Euch verdient. Wenn er
tobt und flucht, kriegt Ihr es auf den Hals. La mich doch hier und stellt mich
hin. Ich verdiene es. Was lief ich fort, nun ist's an mir, da ich dafr be.
    Ach Hans Jrgen, Du mut ja schon ben.
    Weine nicht Eva, Du bist ein gutes Mdchen.
    Ach wenn nicht die Waschbank gewesen und ich Dich nicht geneckt -
    Dann htte ich Wache gestanden, bis ich aschgrau wurde, fiel er ein. Ich
stnde noch jetzt. Nein, Deine Mutter war's, die rief mich ab, da ich dem
Schurken von Krmer nachsetzen mute, und dann mute ich ihm seinen Packen
aufladen. Darber ward's vergessen. Du bist nicht schuld, Eva. Der Hedderich
ist's, Deine Mutter ist's, ach ich wei nicht, was ich rede; aber 's ist gut,
wenn sie Einen haben, dem sie Alles aufladen knnen, dazu bin ich gut, zum
Sndenbock. Nun la mich gehen, Evchen, nun ist Alles aus; nun werde ich mein
Lebtag nichts. Sie werden mit den Fingern nach mir weisen und pfeifen, und sie
haben Recht. Hans Jochem, der wird lachen, der wird wiederkehren. Dem werden sie
um den Hals fallen, Mutter und Vater, und Du auch, Eva -
    Ich nicht.
    O verred' es nicht. Wer nur Glck hat, dem kommt Alles entgegen. Aber wer
Unglck hat, der kann anfangen was er will, dem gelingt nichts. So hat's meine
Mutter seeliger gesagt und so probirt sich's an mir. Hinaus soll ich und das
Zeug holen und nicht wiederkehren, bis ich's fand. Und wenn ich's nun nicht
finden thu, dann geh' ich suchen, suchen, bis - bis Ihr mich vielleicht auch
suchen geht und nicht findet. Die Welt ist weit, und wenn mich kein Irrwisch
verlockt und ich nicht im Sumpf stecken bleibe oder ber einen Strauch falle und
ein Bein breche und ein Rudel Wlfe erbarmt sich mein, so ist's am End zum
Besten, ich mach' mich gleich auf die Beine und kehr' nimmer wieder. Die Rosse
zeichnen und den Tauben pfeifen und Wacht halten bei der Wsche, o dazu werden
sie auch anderswo mich brauchen knnen. Dazu ist's nicht nthig, ein
Anverwandter zu sein vom Hause. Dann fragt wohl Einer, aber wo ist denn Hans
Jrgen blieben? Und wenn ich nimmer wieder kommen thue, dann sagt Ihr wohl am
End: 's ist doch schad' um ihn, und da er darum -
    Sie hatte seine Hand gefat, und er fhlte, da sie etwas hinein drckte:
    Du wirst heimkehren und glcklich. Bewahre das, und thu's um den Hals.
    Was ist's?
    Das Amulet, was ich von der Gromutter seeliger habe. Wer das auf dem
Herzem trgt, dem knnen die bsen Mchte nichts anhaben, wenn er auf guten
Wegen geht.
    Eva das ist Dein. Nimmermehr, das nehm ich Dir nicht. Das mut Du
behalten.
    Ich geh' ja nicht in der Nacht aus, wo die Unholden Macht haben. Zumal auf
den Kreuzwegen, da drcke es recht fest an's Herz. Und an der Schnur thust Du's
um den Hals.
    Eva Du -
    Gott bewahre, hier in der Burg. Da sind ja keine Unholden. Vorhin, als ich
lauschte dem Gesprch, und der Ritter Euch zusprach, da ward mir recht bang und
ich drckte das Herzlein an mein Herz. Und da schon dachte ich, ich wollte es
Dir geben, wenn Du mit ihm ausrittest, aber dann schmt' ich mich wieder. Hans
nimm's, steck's ein, sag's Keinem. Bring's mir wieder, wann's Dir gut gegangen.
Fort, nur fort. Rede nicht weiter, lieber Hans Jrgen, das thut nichts. Die
lieben Englein sind bei Einem auch ohne Amulet, sagt die Mutter, und die kann's
eigentlich nicht leiden; nur weil's von der Gromutter seeliger kommt, die hielt
soviel drauf. Nun sei ein guter Junge und geh, und behalt mich lieb und Keinem
sag' davon was.
    Er sthnte tief auf: Ach Eva, Gott lohn's Dir, und ich will ein schlechter
Kerl sein, wenn ich Dir nicht Alles verzeihe, was Du mir zum Possen gethan hast
mit den Andern. Weine nicht Evchen, beim lieben Gott im Himmel und allen
Heiligen, ich wei nicht, was ich spreche. Es geht mir so im Kopf um. Aber wenn
ich dachte, nun das wird doch gelingen, da wirst Du mal Lobs hren, da sollen
sie mal sehen, wie ich kein dummer Junge bin, wie ich mich gut halte, weit Du,
an wen ich dachte? Nicht an mich, nur an Dich. Dir wollte ich das Beste bringen,
was ich fnde. Dann wrdest Du mich freundlich ansehen. Nicht darum etwa. Ach
Gott bewahre. Denn ich wute doch, da Du mir gut bist, aber Du schmtest Dich
mein, weil ich so gar nichts bin. Und nun httest Du Dich einmal freuen knnen
und nicht schmen brauchen. Und nun ist mit einemmal Alles anders, ich bin
schlechter als ich war, und der Hans Jochem -
    Er hielt inne, denn er glaubte einen Seufzer zu hren; aber Eva seufzte
nicht.
    Nun ich will's ihm gnnen, fuhr er fort, denn ich habe Dein Amulet. Ich
bring's Dir wieder, Eva, ganz gewi. Und wenn er auch ein Herr wird und
zurckkommt mit Beute und Ehren, und Alle ihn loben, und ich komme verachtet
wieder und ausgelacht, und meinethalben auch als ein Krppel, so wei ich doch
-
    Sie schlang ihre weichen Arme um seinen Nacken und drckte einen Ku ihm auf
die Lippen: Bleib mir gut, ich bleibe Dir auch gut.
    Rasch zog sie ihn fort: Nun darfst Du nicht lnger weilen.
    An der Thr blieb er noch einmal stehen. Aber Dein Vater, Eva -
    Sei ohne Sorgen. Nun hat es noch Zeit. Die Mutter hat's mit dem Kaspar
abgemacht, da der ihm noch einen Morgentrunk reichte. Er steht nun nicht auf,
bis der Hahn krht. Ach wenn Du dann zurck wrest.
    Komm gesund zurck, Hans Jrgen! rief eine andere weibliche Stimme, und
eine weie Hand streckte sich ihm entgegen. Nun bemerkte er erst unter dem
Dunkel des Schwiebbogens, da Eva nicht allein war.
    Weinst Du auch, Agnes?
    Eva flsterte ihm zu: Still! Es schnitt ihr was in's Herz, als er ausritt.
    O wenn er wiederkommt.
    Trauernde hren scharf.
    Dann wird er mich auch nicht ansehen, schluchzte Agnes. Aber -
    Was denn, Agnes?
    Ach ich mchte, die Mutter htte ihn ausgeschickt, wie sie Dich
ausschickt.
    Das verstand Hans Jrgen nicht.
    Dann wr' er nicht mit dem Ritter aus.
    Was weinst denn, Agnes? fragte Hans Jrgen besorgt, denn das Mdchen
wiegte sich in stillen Thrnen.
    Preise Du die Gebenedeite, Hans Jrgen, sprach Agnes, da Du aus den
Stricken der Versuchungen kommst. Ein bser Tag war's, aber die Nacht wird noch
schlimmer. Geh mit Gott, lieber Junge, und wenn Du Hans Jochem siehst, sag ihm -
ach sag ihm nichts, er lacht Dich und mich aus. Wie Gott will. Mir liegt's auf
der Brust wie Blei.
    So gut war es Hans Jrgen nie geworden, und es dnkte ihm wohl ein
besonderer Tag, da die beiden lieben Muhmen ihm das Geleit gaben und um sein
Wohlergehen sich kmmerten, als wre er ihr lieber Bruder.
    Sie standen am Hinterpfrtlein, das nur fr die Burgleute geffnet wird und
wo sich Nachts ein Bote oder Kundschafter in schlimmen Zeiten hinaus schleicht,
der nicht gesehen sein will. Den Weg durch den Sumpf kennt nur ein vertrauter
Mann. Der Thorriegel rasselte zurck, die Thr drehte sich in ihren Angeln.
    Leb wohl, Hans Jrgen! und Eva hauchte ihm noch einen Ku auf die Wangen,
und ehe er sich des versah, fiel ihm auch Agnes um den Hals: Denk nicht schlimm
von mir Hans Jrgen.
    Da stand er drauen und wute nicht wie ihm geschehen. Es war ihm wie ein
Traum. War er's, den sie noch eben ausgestoen und ausgeschickt wie einen Hund,
dem man einen Futritt giebt, und nun -! Es war ihm, als ob die ganze
Nachtgegend hell wrde, als ob ein Rosenlicht ber den Sumpfdnsten schwebte,
und die feuchte Luft dnkte ihm wie ein ser Athem, der der Brust wohl thut.
Nun graute ihn nicht mehr vor dem einsamen, langen Wege.
    Die Eulen mochten schreien, der Wind heulen, die Kiefern knarren. Er hatte
Muth, Muth wie der Pilger, der zu einem Heiligenbilde wallfahrtet, denn der
Heilige ist ihm im Traum erschienen, und hat ihm verheien, da er das Ersehnte
durch Nacht, Sturm und Ungethme erreichen werde.
    Behende lie er sich den steilen Erd-Abhang hinunter, wo ein Anderer auch
bei Tage vorsichtig die Fe setzt; behende sprang er am Pfahlwerk ber den
Graben, ohne das aufgezogene Brett herabzulassen und suchte alsdann leichten,
aber sichern Fues den Weg durch die Sumpfwiese. Ein Anderer, und auch er zu
anderer Zeit, htte den kleinen Umweg ber das Dorf nicht gescheut. Doch wozu
sollte er die Hunde wecken, sprach er bei sich, aber er dachte anders. Auf dem
krzesten Weg kam er ja am schnellsten zum Ziel und am frhesten zurck. Er
wute jetzt nichts von Gefahr, und in gerader Richtung kreuzte er den
verrtherischen Boden. Er dachte nicht an die Irrwische, die vor dem Muthigen
sich nicht zu zeigen wagten: die weien Mummeln, die durch die Nacht blitzten,
lockten ihn nicht. Eine falsche Richtung; wenn er einmal falsch trat, und er
versank bis an den Leib in den tckischen Moor, er htte sich die Lunge
ausschreien knnen um Hlfe bis Morgengrauen, wer htte ihn gehrt! Und wenn der
wendische Bauer im Dorfe es hrte, wenn er die Frau ngstlich weckte, die htte
gewimmert: so schreit der Kobold! und Beide wren mit dem Kopfe unter die dicke
Bettdecke gerutscht, bis auch er bis an den Hals versank und die Moordecke ber
seinem Kopfe zusammenschlug.
    Noch war eine Strecke Weges vor ihm und die Feuchtigkeit netzte durch die
Sohlen seine Fe, ohne da der Boden fester wurde, als es im Dorf Mitternacht
schlug. Er glaubte ein Gerusch zu hren, vielleicht ein Wasservogel. Er sah
sich um. Durch den grauen Moordunst schimmerte eine schwarze lange Gestalt. Wer
konnte ihm folgen? Doch hastete er seine Schritte. Aber bei einer Wendung sah er
es abermals. Mit langen Schritten bewegte sich die hagere Gestalt in derselben
Richtung. Es mochte doch ein Augentrug gewesen sein. Nur aus der Burg konnte
Jemand dieses Weges kommen, und die Pforte schlo sich hinter ihm. Aber die
Gestalt hastete wie er. Hans Jrgen's Herz schlug fhlbar. Er murmelte ein Gebet
von den guten Geistern, die ihren Herrn und Meister loben. Da war sie
verschwunden.
    Nun hatte er den Elsenbruch erreicht und athmete leichter. Er streifte die
verwachsenen Zweige, aber hinter ihm rauschte es auch in den Zweigen. Die Aves
und Paternoster, die er zwischen den Zhnen murmelte, blieben ohne Wirkung; es
rauschte immer deutlicher und immer lauter schlug sein Herz. Wenn schon auf dem
ersten Viertel Weges die Unholden ihn angingen, wie sollten sie es auf dem
langen, langen Wege treiben! - Die Elsen lagen hinter ihm, die Palten im Moor
wurden fester, in Stzen sprang er auf dem letzten Moorwege den hohen Kiefern
und dem leuchtenden Sande zu, auf dem sich ihre riesigen Leiber erhoben und mit
ihren Kronen nickten! Es war ihm, als msse die Macht der Unheimlichen in einem
Walde geringer sein als in Bruch und Moor. Ein Walde, der seine Hupter gen
Himmel streckt, sieht ja wie ein Tempel aus, den die Natur Gott erbaute. Schon
hat er trockenen Boden unter sich, der Sand wich unter seinen Fen, ohne ihn
aufzuhalten; schon hatte er die ersten Kieferstmme hinter sich, als er, Athem
schpfend, sich umblickte. Da war auch die Erscheinung. Der hagere schwarze
Schatten trat aus den Elsen, und mit langen mchtigen Schritten nherte er sich
dem Sandhgel. Hans Jrgen schlug ein Kreuz; doch der Schatten ward lnger, und
pltzlich hrte er seinen Namen rufen.

                                Neuntes Kapitel.



                             Es ritten drei Reiter.

Die drei Reiter hatten, als es Mitternacht schlug, lngst die Sumpfwiesen
umritten und trabten inmitten des Waldes, wo der Boden, von tausend
Kieferwurzeln durchflochten, so fest war, da der Hufschlag durch die Stille der
Nacht widertnte. Als der Glockenschlag verhallte, hielt der Herr von Lindenberg
pltzlich still und zog tief Athem. Er schien, als sie ihn fragten, noch von
etwas Unerwartetem betroffen und strich mit der Hand ber die Stirn.
    Saht Ihr gar nichts? sprach er mit gedmpfter Stimme.
    Hans Jochem wollte nur einen Lichtstreifen gesehen haben, der vielleicht von
einer Birke herrhrte, die ihre Aeste geschttelt.
    Das war es nicht.
    Peter Melchior aber sagte mit leiser Stimme: Es ist nicht gut, da wir
davon sprechen. Nachher, wenn's tagt.
    Der Ritter schttelte den Kopf: So wr es also wieder nichts als
Augentuschung. Und doch so deutlich wie zuvor noch nicht. Die Sporen schlugen
mir an die Stirn. Saht Ihr nicht wie ich mich zurckbog?
    Die Beiden sahen nur eine absterbende Buche, deren trockener Ast, auch vom
Winde geschttelt, das Haupt des Ritters schwerlich erreichen konnte. Es war
eben in dem Augenblick ganz still in der Luft.
    Anderswo reit ich, sprach der von Lindenberg, um Mitternacht wie um
Mittag durch Haide und Wald.
    Der Strich hier ist nicht geheuer, das ist schon richtig, entgegnete Peter
Melchior, drum reite ich nimmer bei Nachtzeit als die Arme auf der Brust
gekreuzt. Seht so. Auch sind wir zu Dreien, da scheut sich das Gesindel vor der
heiligen Zahl. Es sind, da ich's sage, die vermaledeiten Weiber, das
Hexengezcht. Die schieen, wehen, reiten, purzeln in den Weg. Da ist gar keine
Gestalt, die sie nicht annehmen; bald schieen sie als ein drrer Baum, bald als
Schlange, Wurzel, als Fledermaus. Jetzt baumelt so eine am Ast wie ein
Galgenmann, und wenn Ihr scharf drauf schaut, ist's ne Raupe an einem Faden. Und
greift Ihr zu, habt Ihr 'nen Dorn in der Hand, und lat Ihr ihn fallen,
schlpft's als Eidechs fort. Ihr seid nirgend sicher an solchem Ort und zu
solcher Stunde, da es Euch nicht rechts und links einen Schlag versetzt.
    Im nmlichen Augenblick klatschte es zur Rechten des Junkers auf die Weichen
seines Pferdes, da es sich bumte und im gestreckten Galopp mit seinem Reiter
auf und davon flog. Htte auch Hans Jochem seine Lust gezgelt und nicht
aufgeprustet, wie er that, wrde es der Ritter doch gemerkt haben, da er es
war, der dem Pferde mit der Gerte einen Schlag versetzt.
    Ihr thatet Unrecht, Junker, sprach er ernst, doch nicht zornig. Man mu
des Teufels nie spotten.
    Ei gndiger Herr, ich spottete nur Peter Melchiors. Er redet gar zu klug,
wenn er auf die Hexen kommt. Wenn man ihn nicht manches Mal kitzeln knnte,
wr's wirklich nicht auszuhalten mit ihm.
    Habt Ihr selbst immer Furcht?
    Wofr?
    Der beherzteste Bursch hat auch seine schwache Stunde - ich meine im Walde,
wie wir hier.
    Ich wei, wo er zu End ist.
    Bei Nacht?
    Morgen scheint die Sonne.
    Wirklich! Manchem herzhaften Manne ist's doch bisweilen in der Nacht zu
Muthe, als zweifle er, ob er den Morgen noch sehen werde.
    Hans Jochem lachte: Wie sollte das zugehen!
    Der Ritter schaute ihn noch ernsthafter an: Nun er macht oft nur Uebel
rger. Bekenn es Euch offen, mich drckt das Etwas, das ich mir nicht erklre,
wie ein Alp.
    Der Junge sah verwundert auf den Aelteren: Herr von Lindenberg, vorhin -
    War ich weinmthig, 's war ein aufsteigender Kitzel. Die feuchte Nachtluft
bringt andere Gedanken. Wer es weit bringen will, mu den Kitzel bekmpfen. Das
lernt sich am Hofe.
    Wir sind ja nicht am Hofe.
    Aber Weisungen, klug zu sein, giebt uns die Natur, wo wir hinschauen. Der
Fuchs baut sein Schlo mit vielen Ausgngen, das Ro wittert Blut und Mord, der
Hund riecht den Wolf und schlgt an, wo des Menschen Sinn noch nichts gemerkt
hat. Dafr ist etwas in der Luft, was dem Menschen die Dinge anzeigt, die da
kommen mgen. Habt Ihr nimmer Ahnungen gehabt?
    Die wollt' ich nach Haus weisen! lachte Hans Jochem.
    Aber der Teufel hat Muth auf Erden, zumal wenn wir, was sie sndige Wege
heien, gehen.
    Der Teufel ist ein dummer Teufel, Herr von Lindenberg. Nippel Bredow war
mein Urltervater. Das Messer sa ihm schon an der Kehle. Von seinem Blut ist
was in mir. Drum scheer' ich mich den Teufel um den Teufel. Und wenn der
Gottseibeiuns mir ein Bein bricht, reit ich mit dem andern auf Eure Fhrte.
    Es wird vorbergehen, sprach der Ritter, wenn wir nur erst aus dem Wald
'naus sind. Dort kommt ja Peter Melchior.
    Wit Ihr was, gndiger Herr, flsterte Hans Jochem, wenn's erlaubt ist zu
sagen. Einer taugt nicht zum Spa. Wenn's losgeht, zehn gehen eins, kriegt er
Bauchreien; und das Maul kann er auch nicht halten.
    Die Klette sitzt einmal am Mantel.
    Ueberlat das mir; will's versuchen, sie loszuhaspeln. Wenn wir zwei Beide,
Herr, allein ritten, das gbe mehr Muth. Mit Gespenstern, da mgen drei gut
sein, aber wo zwei sind, und Einer sich auf den Andern verlassen kann, das ist
besser.
    Peter Melchior kam zurckgeritten, als der Waldweg sich schon lichtete. Die
Nacht bedeckte mildthtig sein blasses Gesicht: Seid Ihr's? rief er noch
dreiig Schritt entfernt. Lindenberg bemerkte die Lust seines muthwilligen
Gefhrten, den Junker wieder zu erschrecken. Er bat ihn, davon abzulassen, der
Weg sei noch lang, Peter Melchior ihnen vielleicht doch noch von Nutzen. Aber
Hans Jochem konnte doch nicht ganz dem Triebe widerstehen.
    Seid Ihr's, Junker Peter Melchior von Krauchwitz? antwortete er in
ngstlichem Tone. Und allein?
    Wie sollt ich nicht allein sein! Ihr liet mich ja im Stich.
    Schttelt Euch, oder dreht Euch um, ehe Ihr uns nahe kommt.
    Saht Ihr's? Mich ri mein Pferd fort, da mir die Sinne vergingen. Konnte
mich kaum auf dem Sattel halten.
    Nicht gesehen htten wir's, Herr von Lindenberg! rief wie erstaunt der
kecke Bursch. Es klammert sich ja um Euren Nacken wie der Luchs um das
Hirschkalb. Ihre Kleider bauschten auf, und dick ward sie von hinten wie ein
Mondkalb mit 'nem Jungen, da uns schon bang ward, die Hex' htt' Euch mit sammt
Sporen, Wams und Stiefeln verschluckt! Denn von Euch sahen wir doch auch gar
nichts. Wir haben sieben Paternoster fr Eure Seele gebetet. - Wenn Ihr's nur
wirklich seid, und kein Gesichte!
    Beruhigt Euch, Herr von Krauchwitz, sprach der Ritter. Unser junger
Freund sieht zuweilen die Dinge mit eigenen Augen an.
    Wenn er einen Spa treiben will, dann ist's nicht der rechte Ort, sagte
Melchior verdrielich. Nicht Jeder sieht den Stein, ber den er fallen wird.
Wir sind hier am Lieper Eck, wo ich immer sagte, da es nicht geheuer ist. Sie
Alle wollten's besser wissen. Der Tag hat's bewiesen und nun ist's Nacht. Dort
kommt die Brcke, seht Euch vor, wenn Ihr hinber reitet.
    Sie hatten sich dem freien Platze genhert, der vor wenigen Stunden noch der
Tummelplatz so vieler Munterkeit gewesen. Jetzt herrschte eine Todtenstille; der
Wind hatte sich gelegt, es rauschte nur noch in den Kiefernwipfeln und flsterte
in den Bschen. Nur vereinzelte Krhen, aufgescheucht durch den Stahlklang der
Reiter, flatterten von ihren Aesten und schauten neugierig herab, wer sie in
ihrem Schlaf gestrt. Nur die Unken sangen unbekmmert und ununterbrochen ihr
melancholisches Lied.
    Der Anfhrer des kleinen Trupps schien seine vorigen Sorgen und
Bedenklichkeiten abgeschttelt zu haben. Er hielt vor der Brcke, die aus rauhen
Birkenstmmen grob gezimmert war, still, schaute sich mit der Besonnenheit eines
erfahrenen Mannes um, der vor einer wichtigen Unternehmung Erde, Luft und Wind
prfen will.
    Dies wre also der Ort, wo Ihr den Krmer zuletzt saht. Nun gilt's die
Fhrte zu verfolgen. Hier sind Kreuzwege. Wenn er gesagt, da er nach
Brandenburg wollte, brauchen wir es nicht blind hinzunehmen. Auch mglich, da
er die Brcke verschmht hat und durch eine Fuhrt bers Wasser ging. Es ist also
ntgig, den Boden zuvor zu prfen. Wer von uns steigt vom Pferde?
    Es verstand sich, da der Ritter Lindenberg durch die Frage sich selbst
ausschlo. Auch war Hans Jochem schnell vom Ro, derweil der Junker auf dem
seinen in migem Trabe einen Kreislauf versuchte.
    Was ist das? rief der Ritter, als Peter Melchior grad auf etwas
zusprengte, das jenem im ungewissen Sternenschimmer verdchtig vorgekommen war,
ohne da er erkennen mochte, was es sei.
    Ein Strick! rief Peter Melchior. Ein Strick zum Hngen und zum Knebeln,
je nachdem.
    Ihr seid sehr aufgerumt, Herr von Krauchwitz.
    Nur der Strick, Herr von Lindenberg, thut's. Auf solchem Ritt mu man Alles
mitnehmen. Die Nacht schenkt uns, was uns Noth thut und wir doch vergaen.
    So hinter Euch auf's Pferd damit, und lacht nicht so abscheulich.
    Die Fhrte war gefunden; sie ging ber die Brcke, verlor sich aber drben
bald wieder im Haidekraut, so da die Reiter zunchst ihre ganze Aufmerksamkeit
der Spur widmen muten. Die Geisterstunde war darber verstrichen. Mit der
Erwartung schien auch die Lebenskraft der Genossen wieder erwacht. Bei einem
Khler hatten sie die letzte Nachricht eingezogen, die es ihnen unzweifelhaft
machte, in welcher Richtung der Krmer weiter gefahren. Sie muten ihn nach
Verlauf einer Stunde auf dem Wege treffen, welcher sich lngs einem der weit
einbuchtenden Havelseen nach der Fhre hinzog, mittels der man auf der Strae
von Brandenburg nach Potsdam bersetzt.
    Der Ort ist gut, sagte Lindenberg. Der Schwieloch hat steile Waldufer und
viele Krmmungen. Was hilft dem Schurken seine Pfiffigkeit, da er den
einsamsten Bergweg suchte!
    Hinter'm Berge wohnen auch Leute, fiel Peter Melchior ein.
    Die da wohnen, werden ihn nicht hren, Lieber. Der alte Ferge, der
Baumgarten, ist immer taub in der Nacht, wenn man ihn ruft. Doch denk ich, wir
treffen ihn schon frher. Der Sand steht. Noch Bedenken?
    Die Stunde ist schon gut.
    Und was denn nicht?
    Der Ort auch, ja und nein. Die flache Haide aber wre mir lieber. In einem
schmalen Wege zwischen See und Berg kann er uns nicht entwischen -
    Und wir auch nicht, fiel lachend Hans Jochem ein, wenn Leute kmen. Wohin
sollte Peter Melchior Reiaus nehmen! Mit den Rossen kann man nicht die Berge
'nauf. Wir mten grad in den See. Schwimmt Euers? Und der Kerl ist ein
Hexenmeister, das ist auch gewi.
    Der Spott hat seine Wirkung verfehlt. Peter Melchior schwenkte den Strick:
    Wit Ihr, warum der leer ist? Der Schuft hat Raffen gespielt. Meines Herren
Gtze Lederbchsen mitgenommen. Hans Jrgen ist in April geschickt. Nun sag mir
noch Einer, da wir nicht mit Rechten ausgeritten. Wr' der Dechant hier, sh er
doch gleich den Fingerzeig Gottes, warum wir dem Kerl den Kopf waschen mssen.
Blitz Mordio! Sieben Tage weniger einen auf der Wsche, damit der Lump
gestohlene Hosen rein anzieht. Ein Dieb! hngt ihn!
    Zum Teufel! Lat den Strick, rief rgerlich der Lindenberger, und erzhlt
lieber, wie es mit den Elennshosen ist, von denen ich so viel gehrt und doch
nicht wei, was es eigentlich soll.
    Das wei eigentlich Keiner so recht, sagte Peter Melchior, da sie wieder
still neben einander ritten. Als ich noch ein Bub' war, sah ich schon den
Grovater von Gtzen, der ritt darin zur Freite. Nun sie haben wohl schon ehedem
was darauf gehalten. Der Vater hat sie immer dem Sohn vermacht. Kurzum die Hosen
wurden immer lter, und da sie nicht rissen, betrachtete sie Einer nach dem
Andern immer mehr als was Absonderliches. Das nur ist gewi, der Lippold Bredow,
der Landeshauptmann war unter den Luxemburgern, ward drum von den Magdeburgern
gefangen.
    Der Erzbischof fing ihn wohl um andere Dinge und hielt ihn in gar nicht
ritterlicher Haft.
    So steht's in den Chroniken. Lat Euch's aber erzhlen von Bredows, die
wissen's anders. Der Lippold war ein Mann, der sich nicht vor dem Teufel
frchtete, so wenig als sein Ahn, der Nippel. Als es nun zu der Fehde kam mit
dem Magdeburger, dran Havelland und Zauche noch denken, sagt ihm seine Frau,
eine Bodenstein: Lippold, zieh die Lederhosen an. Es kam noch kein Bredow zu
Schaden, wenn er das Leder an hatte. Lippold aber sagte: Weib, da ich eine
Memme wr, so ich mein Heil von so geringfgigem Ding erwartete. Von unserer
guten Sache und meinem Muth erwarte ich Sieg, und von meinem Harnisch, den der
beste Meister in Straburg gefertigt, da mein Leib heil bleibt, so anders Gott
es will. Das andere ist eitel Gerede. Sein Weib hatte gut reden: Lippold thu's
doch, wenn's auch nicht hilft, kann's doch nicht schaden. Er war aber, was sie
einen Freigeist nennen, und sagte: Man soll auch dem Teufel nicht Fuangeln
legen. Mein Vetter Dietrich mag's probiren, so er Lust hat. Anfangs dachte
Keiner daran, weil sich die Fehde gut anlie. Lippold aber ward im Moor gefangen
von wegen der schweren Rstung, wie alle Welt wei, der Dietrich aber kam davon
und hatte noch einen langen Erxleben gefangen, der ihm ein schweres Lsegeld
zahlen mute. Da raunte man sich's zu, wie es zugegangen war. Dietrich war auch
sonst glcklich im Leben, er war unter den Vordersten am Kremmer Damm und
eroberte die Fahne des Hohenlohe; nachher schlo er zu guter Zeit mit dem
Markgrafen Frieden. Aber die Hosen behielt er weg. Es war wohl die Rede, als
Lippold aus seiner langen Haft endlich loskam, da Dietrich ihm das Leder
wiedergeben wollte, weil er's nur leihweise besessen, wie er sagte, aber Lippold
wollte es nicht haben: Da sei Gott vor, da ich mein Heil sollte abhngig machen
von einem Stck Thierhaut, das der Gerber gegerbt und der Schneider geschneidert
hat. Ich trau auf mich selbst, und wie's der Herr ber mich fgt. - Ob die
wirklich wieder einmal nach Friesack kamen, wei ich nicht. Nachmalen ward viel
darber verhandelt unter den Vettern, doch sie sprechen nicht gern davon. Die
Frisacker thun, als wren's gar nicht die echten, was die Hohenziatzer haben.
Der Sohn vom groen Lippold, der htte sie noch getragen in der Mecklenburger
Fehde, und als er fiel, sei er mit ihnen eingesargt. In Hohen-Ziatz, wie Ihr
Euch denken mgt, darf man davon nichts merken lassen. Die sagen, Lippolds Sohn
htte sie wohl angehabt, bei Gransee, aber Walter, der Hohenziatzer, htte sie
ihm nur geliehen, und noch auf dem Schlachtfelde zog er sie wieder aus, weil er
vermeint, alles sei vorbei; da gerade traf ihn der Pfeil aus dem Busch. Walter
aber trug sie wieder beim Leichenschmaus. Und warum trgen denn die Frisacker
jetzt die Tuchhosen, als aus Aerger. Das giebt, wie gesagt, vielerlei Gereibe
und Gestichle unter der Sippschaft; sie lassen's nur nicht gern merken vor
Dritten.
    Und man merkt auch wirklich nicht, da die von Hohen-Ziatz bei dem Erbstck
sonderlich gedeihen, sagte der Ritter.
    Hrt nur den alten Gtz darber. Wo einem ein Ritt gut gelang, eine Fehde
gut ausschlug, eine Heirath zu Stande kam, eine Ernte gesegnet war, immer stak's
in den Hosen. Nur die Frauen htten's ihnen angethan, weil sie nicht den rechten
Glauben htten, nmlich mit der Wsche. Was ist Reinlichkeit? sagt mein Vetter
Gtz. Das ist, da die Weiber was der Herr gemacht und werden lie, anders
machen wollen. Das Alte beliebt Gott, das Neue beliebt den Frauenzimmern.
    Ich glaube, Gtze Bredow hat nicht so ganz Unrecht, brummte der Ritter
Lindenberg. Es thut das viele Waschen nirgend - Still! - Schlug da nicht ein
Hund an?
    Die Reiter hielten. Sie waren in einem Laubwald, welcher seine letzten
gelben Bltter im Winde schttelte, der kalt und feucht ber die Havelseen ihnen
entgegen blies. Der Morgenfrost fing an, ihre Glieder zu schtteln, nachdem die
Wrme, welche der Wein hervorgebracht, durch den langen Nachtritt verraucht war.
Dazu begann es zu dmmern, oder vielleicht war es nur die mehre Helle, welche
durch die Lichtung des Waldes aus den fernen Wasserspiegeln zurckstrahlte, die
unheimliche Stunde war's, wo der versptete Reisende sich in den Mantel hllt
und die Augen schliet, wenn er in der unerquicklichen Dmmerung aufwacht.
    Auch die drei Reiter berlief es kalt, aber solchen Empfindungen Raum zu
geben, war nicht an ihnen. Der Ritter von Lindenberg war, ohne ein Wort zu
sprechen, vom Sattel und lag platt auf der Erde, das Ohr daran gedrckt. Er
winkte Hans Jochem:
    Reitet auf die Hh', Hans, rechts um den Tmpel. Von dort habt Ihr freien
Blick auf See und Strae. 'S ist jetzt still, doch hrte ich vorhin deutlich
Rderknarren. Mglich, da er anhlt. Auf demselben Wege dann zurck. Hundert
Schritte macht nichts aus.
    Hans Jochem war fort wie der Wind und der Ritter aufgesprungen. Leis rief er
nach Peter Melchior, der nicht antwortete, sondern an einem Baume stehend nur
etwas lautere Tne zwischen den Zhnen vorlie, um dem Ritter zu verstehen zu
geben, da er bete. Himmel, tausend Sakerment! schrie Lindenberg ingrimmig.
Ist dazu Zeit?
    Bin gleich fertig; ist nur 'ne alte Gewohnheit, murmelte Peter Melchior.
    Wenn man sich auf ihn verlassen soll! knirschte der Ritter. Hans Jochem
hatte Recht. Was taugt der zu uns!
    Den Zgel seines Pferdes um einen Baumast werfend, verfolgte er langsam den
Weg, den Boden ab und zu mit der Hand prfend. Jetzt hatte er das Geleise der
beiden Karrenrder deutlich im Lehmboden gefunden: Er kann nicht eine
Viertelstunde von uns sein. Der Ritter kehrte um, er schob sich das Panzerhemd
zurecht und drckte die Haube tiefer in die Stirn. Bei sich dachte er: Im Grund
genommen wre Einer am besten. Wer die Arbeit theilt, theilt nur den Lohn. Die
Gefahr bleibt auf Jedem, wie der Sack auf dem Esel.
    Beim Anblick Peter Melchiors aber schlug er ein hhnisches Gelchter auf.
Die zunehmende Helle erlaubte ihm zu sehen, was dieser eben vornahm.
    Pestilenz! Muhme Krauchwitz, was thust Du?
    Der Junker brachte seine schwarzen Hnde von seinem noch schwrzeren
Gesicht: Vorsicht ist immer gut.
    Hast Du die Kohle von Ziatz mitgebracht?
    Langte sie mir beim Khler auf. Gott lt nichts umsonst wachsen.
    Und Du nichts umsonst am Wege liegen. Zum Teufel mit der Kohle und dem
Rosenkranz! Auf's Pferd, ich hre ihn. Und, Herr von Krauchwitz, das sage ich
Euch, wenn's losgeht und ich nur ein Paternoster hinter mir hre, so soll das
Kreuz Donnerwetter drein schlagen, drei tausend mal! Wenn Edelleute am Wege
liegen, das ist gleich schlecht, so ihnen die Zhne klappern oder die Finger.
    Hans Jochem hatte sich auf Umwegen bis auf die bezeichnete Hhe geschlichen.
Sein Gesicht glnzte vor Freude bei dem Anblick. Unten am rauchenden See hielt
ein vollbepackter Karren. Die scharfen Linien schnitten gegen die Spiegelflche
des Wassers ab. Da er vom Pferd aus nichts sehen konnte, weil der Karren
unterhalb des Berges von dessen ziemlich scharfer Kante verdeckt wurde, glitt er
vom Sattel und aus dem Steigbgel; er streichelte sein Ro, das es stille stehe,
dann auf den Bauch sich legend, kroch er bis an den uersten Rand. Die Brust
ber die Wurzeln eines vertrockneten Baumes, schaute er hinab. Im Bleigrau des
Morgens ohne Sonne und Morgenroth, lagen der weite tiefe See, die hohen Ufer,
die Kiefernwlder, die bewaldeten Thonberge drben. Noch regte sich nichts in
der Todtenstille des erquicklichen Herbstmorgens. Nur ein einzelner Habicht, der
auf dem Baum genistet, erhob sich, geweckt durch seine Ankunft, und kreiste ber
ihm. Aber unter sich sah er - den Karren, den er so wohl kannte, die Gule und
den Krmer. So weit sein Auge sphte, so sehr sein Ohr sich anstrengte, keine
Menschengestalt, kein Futritt, fr das Opfer kein Beistand. Nur der Hund auf
dem Wagen schttelte sich, als Hedderich abgesprungen war. Den Krmer fror, er
rieb die Hnde und krmmte sich, mit etwas beschftigt, was der Junker im
Dmmerlicht nicht deutlich sehen konnte.
    Hans Jochem pulste es auf der kalten Erde wie ein Feuerstrom durch die
Adern. Er allein, wenn er jetzt hinabkletterte, sprang, scho, er konnte den
Schuft, ehe er sich's versah, werfen, binden, er allein machte die Sache fertig,
wozu Drei sich verschworen. Mochten sie dann nachher kommen und brummen, was
that es! Sie konnten ihren Antheil fordern, den gnnte er ihnen. Ihm blieb die
Ehre. Es brannte und prickelte ihn. Meinethalben mgen sie selbst whlen. Er
lachte bei der Vorstellung, wie Peter Melchior den Kopf stecken werde in die
Packen und mit zitternden Fingern das Beste bei Seite werfen, wie er mit
neidischen Blicken verfolgen werde, was auf die Part der Anderen fiel; wie dem
Ritter Lindenberg die Zornader auf der Stirn schwoll. Ja mochten sie Alles
behalten! Wie knnte er sie dann anschauen, wie sich wieder auf's Pferd
schwingen, wie nachlssig im Sattel sitzend, zu ihnen sich umschauend und die
Hand vor'm Mund, sprechen: Seid ihr bald fertig, ich bin md. Oder: Theilt
nur wie es Euch gefllt, ich will nach Haus.
    Und zu Haus dann, er wollte auch nichts fr sich behalten, alles verschenken
und das Beste seiner Muhme Eva. Da wrde sie doch mal ein freundliches Gesicht
machen, und wie ihn ansehen! Und wenn nicht - Er strich ber die Lippen, wo
knftig der Bart wachsen sollte. Dann giebt's auch noch schnere Mdchen, als
Eva Bredow. Der Waschteufel ist auch in ihr, wie in ihrer Mutter! dachte er.
Pfui, die rothen Hnde lieb ich nicht. Der Ritter wollte ihn nach Berlin
nehmen. Das sind ganz andere Frulein da auf den Banketten, wei, und die
gelben langen Locken, die meisten tragen auch Handschuhe. Er erschrak fast,
wenn er sich Eva dachte mit den rothen Hnden, wie sie von der Wsche kamen. Und
die Schuhe trugen sie auch nicht mit so dicken Sohlen. Wie flog die Bertha Wedel
im Tanze und die Mathilde Burgsdorf, und wie gafften Alle die Adelheid Marwitz
an, als der junge Kurfrst, der so selten tanzte, sie aufforderte. Wenn er mit
Eva da wre, die wrde der Kurfrst nicht aufgefordert haben. - Wenn er mit
seiner Braut da wre, das dachte Hans Jochem, die mten Alle ansehen und ihn
darum neiden. Das ist ja der Spa am Hofe. Ueber den angenehmen Gedanken htte
er im Augenblick fast alle anderen Gedanken vergessen.
    Aber der Ritter Lindenberg, wie wrde er es aufnehmen, wenn er ihm den Spa
verdrbe! Der mchtige, vornehme, Herr wrde es ihm nicht vergessen. Ei was
schadete es! - Junker Hans Jochem, wie schwoll dein Muth! Den Ritter von
Lindenberg zum geheimen Feinde, und mit ihm wolltest du es aufnehmen! Er fhrt
dich nicht bei Hofe ein. Dachtest du, wie du dich selbst einfhren wolltest?
    Der Hund unten witterte Menschennhe. Er streckte den Hals, er bellte,
langsam, sprend. Still, Luder! rief der Krmer. Der Hund gehorchte nur
ungern. Sein verhaltenes Geheul dauerte fort, und der Krmer hastete sich. So
waren ja die Augenblicke kostbar, der nchste schon konnte ihn verrathen, wenn
sein Pferd wieherte. Es war ein Fingerzeig, da er handeln solle. - Und doch:
warum zgerte er? Schlug ihm das Gewissen? - Ein Verrath an der guten
Kameradschaft? Aber wenn er es nicht that, wenn er zauderte, war das ganze Spiel
vielleicht fr ihn und die Andern verloren.
    Hans Jochem wollte aufspringen, als er einen empfindlichen Schmerz fhlte.
Er fuhr mit der Hand nach dem Fu; aber am Halse, am Ohr stach es wieder. Sein
ganzer Leib war zerstochen. Er hatte sich in einen Ameisenhaufen gelegt, und die
kleinen Thiere vergebens abschttelnd, machte er die Bemerkung, da Schmerzen,
welche ein so verchtliches Gewrm hervorbringt, gro genug sein knnen, den
Entschlu eines Mannes wankend zu machen. Die Ameisen, die, soviel er rieb,
tdtete und schttelte, nicht weichen wollten, retteten seinen Kameraden ihren
Anteil an der Ehre der That, und ihn trieben sie auf sein Pferd.
    Er gab ihm die Sporen. Da fhlte er einen Bi an der Pulsader, der Zgel
entglitt ihm; die Ameisen mochten vom Reiter auf das Pferd gekrochen sein. Es
sauste mit vorgestrecktem Halse durch das Dickicht. Vergebens suchte der Reiter
den Zgel wieder zu gewinnen; es kostete alle Anstrengung, sich nur auf dem
Sattel zu erhalten, da das wild gewordene Thier eigensinnig an alle Bume
streifte.
    So kam er herabgeflogen, mehr durch Zufall als inFolge seiner eigenen
Lenkung nach dem Orte, wo er die Kameraden verlassen. Ein Reiter mit
geschwrztem Gesicht hob den Arm. Beim Anblick desselben ward Hans Jochems Pferd
scheu. Es bumte sich, noch hielt er sich an der Mhne, aber das Ro war nicht
mehr in seiner Gewalt. Der Ritter Lindenberg kam zu spt, den Zgel zu fassen;
Mann und Ro sausten vorber in den tiefsten Wald. Die Beiden sahen sich an.
    Warten wir auf ihn? fragte Peter Melchior.
    Wenn Ihr Lust habt. Gute Reise! antwortete der Ritter und zog die
Stahlhandschuhe fester. Die Wipfel lichten sich, die Hhne krhen, in zwei
Stunden kommen die Marktleute vom Werder.
    Vetter Lindenberg, wie Ihr auch seid! Ich reite ja mit.
    Ich dachte, Ihr wolltet dem Jungen nachreiten.
    Ich meinte nur, wenn ihm nur kein Unglck geschieht.
    So holt einen Gelbschnabel der Teufel frher oder spter. - Ist auch im
Grunde besser, er ist noch zu jung. Wer wei, ob er das Maul hlt.
    Von Euch wird er's nicht lernen.
    Vetter Lindenberg, wenn was passirte, wenn was raus kme, ich meine nur -
reinen Mund, Keiner wei vom Andern!
    Der Ritter drehte sich im Sattel um: Zum letzten, Herr von Krauchwitz, wenn
Ihr Fieberschtteln habt, legt Euch in's Bett. - Ja oder nein?
    Ja! o ja!
    Von der Spitze an, muschenstill, die Trense fest, den Fu im Steigbgel
wie angenagelt, die Sporen weitab, den Athem angehalten.
    Vetter! flsterte er vor der verhngnivollen Spitze. Mchte nur noch
einmal absteigen.
    Zur Hlle mit Euch, wenn Ihr nicht sitzen knnt.
    Ich sitze ja schon. Aber Vetter -
    Das Donnerwetter ber Euer Gevetter!
    Ich meine nur, zwei zugleich thut nicht gut. Er knnte Lunte riechen und
schreien. Wenn Einer zuerst 'ran ritte, und ihm unter die Nase hielte, was er
fr ein Lump ist.
    Dann braucht es keines Zweiten, brummte der Ritter und hob sich im Sattel.
    Was wollt Ihr von mir? fragte der Junker, als der Ritter den Arm nach ihm
ausstreckte.
    Von Euch nichts als Euren Strick.
    Er warf ihn ber den Sattel, und ohne seinen Kameraden noch eines Blickes zu
wrdigen, gab er dem Pferde die Sporen und flog um die Ecke.

                                Zehntes Kapitel.



                           Knecht Ruprecht im Walde.

Wir verlieen Hans Jrgen, wie er ein Kreuz schlug, und der Schattengestalt, die
ihm gefolgt war, ein:Gelobt sei Jesus Christus! entgegen rief. Aber der lange,
hagere Spuk war davon nicht entwichen, und nun sehen wir ihn sogar an der Seite
des jungen Menschen durch den dunklen Wald schreiten.
    Wo kommst Du her, Ruprecht? hatte Hans Jrgen gefragt, als das Blut ihm
wieder durch die Adern scho.
    Aus'm Schlo, Junker, lautete die Antwort, die Hans Jrgen sich freilich
selbst geben knnen.
    Und wohin sollst Du?
    In den Wald.
    Das konnte Hans Jrgen sich auch sagen, aber er fragte nicht weiter, denn
Ruprechts Anwesenheit war ihm nicht ganz unlieb, wenn er es sich auch nicht
gestand. Wahrscheinlich ging der Knecht nach dem Dohnenstrich und ihr Weg fhrte
sie da auf eine ziemliche Strecke zusammen. Hans Jrgen sprach nicht und
Ruprecht auch nicht.
    Nun aber trennte sich der Weg. Hans Jrgen mute links, rechts zogen sich
die Dohnen hin. Eine Gute Nacht, Ruprecht! rief er und bog links um. - Ei sie
knnte schlimmer sein, antwortete der Knecht und folgte ihm.
    So konnte er nur nach den Holzschlgen gehen zum Mhlenbau. Dann mute er
aber jetzt links durch die Brche sich wendet. Hans Jrgen winkte ihm einen
Guten Morgen! zu und ging raschen Schritts gradaus. Ist weit vom Morgen,
murmelte der Knecht, und als Hans Jrgen sich umwandte, war er wieder hinter
ihm.
    Es war ihm lieb, und es war ihm wieder nicht lieb. Knecht Ruprecht galt fr
einen finsteren, mrrischen Kumpan, der seine Schuldigkeit that, aber nicht
mehr. Den Scherz liebte er nicht, auch bei andern, und manchem verdarb er ihn.
Aber bs war er darum nicht; wute er doch die schnsten Mrchen zu erzhlen.
Und wenn man ihn nur darauf brachte, da ging es wie ein Uhrwerk los, Abends in
der Volkstube, wenn das Gesinde beim brennenden Kienspahn am Spinnrade sa. Da
war kein grauer Stein, kein alter Baum, kein dunkler Winkel, von dem er nicht
Geschichten wute, da den Zuhrern das Blut kalt wurde. Im Kreise von Vielen,
beim warmen Feuer hrt sich das hbsch an, aber wer allein mit ihm ber die
Haide ging, bei grauen Wettern, der war nicht sehr begierig, da Ruprecht den
Mund aufthat.
    Aber der Wald war auch unheimlich, und Ruprecht ein Mensch. Doch was sucht
er hier? Auch auf dem Fupfad, der nach Brandenburg fhrte, ging er nicht ab.
Kruter suchen war nicht die Zeit. War er etwa Hans Jrgens wegen hier? Wollte
er ihm nachschleichen? Doch in welcher Absicht konnte das sein? Hans Jrgen
wandte sich seitwrts in's Dickicht, rief dem Knecht ein Glck auf den Weg zu,
und meinte, als er auf einem Umweg wieder auf derselben Stelle heraus kam,
Ruprecht werde weit vorauf sein. Aber er stand noch da, auf seinen Stab gelehnt,
und gaffte in's Blaue oder in die Krhennester.
    Warum stehst Du noch hier?
    Ich wute doch, Ihr wrdet hier wieder rauskommen.
    Woher wutest Du's?
    Weil Ihr da in's Moor geriethet.
    Und wohin gehst Du denn?
    Ich meine da, wo Ihr.
    Hat's die Frau Dir geheien, des Herrn Kleid suchen? Bat Dich nicht drum,
mir auf Schritt und Tritt zu folgen.
    Wei es wohl.
    Wer hie Dich's, Ruprecht?
    Ach Ihr wollt's wissen, Junker?
    Will's!
    Hans Jrgen meinte, es sei vielleicht die Vorsorge seiner Muhmen gewesen. Er
hoffte, es sei so, aber Ruprecht sagte trocken:
    Die Frau.
    Die Frau hat Dir gesagt -
    Lauf ihm nach, da er sich nicht verirrt, und wenn ihm was begegnet, sieh
zum Rechten, da er nicht zu Schaden kommt; er ist ungeschickt und wei sich
nicht zurecht zu finden.
    Nun kam er sich erst recht gedemthigt vor. Man traute ihm nicht einmal in
den Wald zu gehen, gab ihm einen Aufseher mit! Er schluckte an seinem Schmerz,
aber dann und wann brach es aus den Augen, und er wischte mit der Hand das
Feuchte fort.
    Ich brauche Dich nicht, sprach er pltzlich. Will allein meines Wegs
gehen.
    Ruprecht blieb auch zurck, aber nur scheinbar. Hans Jrgen sah ihn immer
wieder hinter den Bschen folgen, bis er selbst stehenblieb und ihn erwartete.
    Bleib nur bei mir. 'S ist mir am Ende lieber, da ich Dich sehe, als Dich
heimlich um mich wei.
    Ruprecht nickte mit dem Kopf. Ihr habt auch Recht, Junker. Wer da noch so
heimlich geht, es schleicht ihm Einer nach, der alles aufmerkt. Aufseher und
Aufpasser haben wir allzumal, bei allem was uns in den Kopf steigt. Die Priester
sagen, das ist der liebe Gott und seine Engel. Die Priester wissen mancherlei,
was wir nicht wissen; aber ich meine so, der liebe Gott und seine Engel htten
mehr zu thun, und das Aufpassen berlassen sie anderen. Und so Jedermann immer
an die dchte, die heimlich um ihn sind, und als wie Ihr mich ruft und's nicht
mgt, da ich Euch so heimlich nachschleiche, wie's eigentlich die Frau wollte,
ich meine, wenn er sie sich so dchte, offenbar, wie sie um ihn heimlich sind,
dann mein' ich, wre Manches besser als es ist.
    Wer sind die? fragte Hans Jrgen.
    Der Knecht warf ihm einen eigenen Blick zu: Meint Ihr, Junker, Ihr wrt
allein, wenn's um Euch schwebt und schwirrt? Das trockene Blatt, das Euch der
Wind nachfegt, das Reisig, das knistert, wenn Ihr's zertretet, der Leuchtwurm,
der Kfer, der im Holze bohrt, die Luft, die in den Bschen spielt bei stiller
Nacht. Ach du mein Gott, wo htt's Worte, da ich Euch all das nennte, was um
Euch ist und Euch auf Schritt und Tritt begleitet.
    Sie waren an die Stelle gekommen, wo vorhin die groe Wsche war, wo noch
eben die Reiter still gehalten, und wo jetzt, so wenig als damals, die
Elennshaut hing. Vergebens blickte Hans Jrgen in die Kieferbume, schttelte an
den Stmmen und suchte auf dem Boden, whrend Ruprecht ruhig dabei stand und
seine eigenen Betrachtungen anzustellen schien.
    Gebt Euch nicht Mhe hier, Junker. Ich wut es schon dort an der
Koppelwiese. Wie's da durch die Stmme huschte, Ihr wart nur zu verloren in Eure
Gedanken, und saht es nicht, die alte Frau mit der weien Hucke. Wo die sich
zeigt, ist's richtig. Da ist was gestohlen.
    Ich mu es finden, Ruprecht, und sollt ich -
    Ruprecht war so schweigsam geworden. Er sah, die Arme auf seinem langen
Stock, ruhig den hastenden Bewegungen zu, die Hans Jrgen machte; er lief fast
wie ein Hund im Kreis, der nach einer Fhrte schnuppert.
    Nun, ich denke, mich braucht Ihr nicht. Bis hier nur hie mich die Frau
gehen.
    Sagt Allen Ade im Schlo, wenn ich nicht wiederkehre.
    Da geht's nicht rber, rief der Knecht, als Hans Jrgen eine Stange
ergriff und einen Ansatz nehmen wollte, um ber das Flie zu springen. Die Spur
fhrt falsch.
    Weit du, wo sie zurecht fhrt, so sprich.
    Bin nicht der kluge Schfer aus Spandow, aber wer mit Siebenmeilenstiefeln
geht, kommt nicht von Jeserich nach Brandenburg.
    Ach Ruprecht, die Nacht ist so finster. Wo soll ich suchen?
    Geht ber die Brcke. Gott befohlen, Junker.
    Ueber der Brcke lag Nacht und Wald. Hans Jrgen blieb auf der Mitte stehen
und sah sich nach Ruprecht um, der auch noch stand. Es ward ihm schwer, es kam
nur leise heraus die Bitte: Willst Du nicht ein Stck Weges noch mit mir
gehen?
    So macht' es Euer Ahn, der Wusso auch, hub nach einer Weile, da sie
schweigend neben einander gingen, der Knecht Ruprecht an, der meinte auch, er
brauche Niemand und knne es allein finden, bis er den heiligen Johannes doch
anrief, der hier zu Land der beste Fhrer ist.
    Sieh mal da Ruprecht, zwischen der Lichtung, da liegt was.
    Ruprecht schttelte den Kopf: Das wird Euch noch oft so sein; Ihr glaubt
was zu sehen, und wenn Ihr hingreift, ist's eitel Trug. Das ist die Frau Harke.
Wo die Frau Hucke vorauf ging und wittert, wo was genommen wird, da kommt die
Frau Harke nach, das ist das tckischste Weib, die streut hin, da die Leute,
die nachsetzen, geblendet und getuscht werden. Mancher sah schon den Beutel mit
Gold liegen, den er verlor, und wenn er zugriff, war's Pferdekoth. Die sind noch
glcklich, die ihr Zeug zu finden meinen, und 's sind Kiefernnadeln oder ein
Ameisenhaufen; aber wie viele verlockt sie in Bruch und Sumpf, und je weiter sie
gehen, um so tiefer versinken sie. Hier thte es Noth, da man immer mit der
Lampe und denn Crucifix die Hhen suchte, weil allerwegs Sumpf ist und offenen
See. Seht, da blitzt schon der Gohlitz durch. Trau Einer dem Wasser, so
silberklar es aussieht. Jedes Jahr mu er ein Opfer haben, und ist's lange her,
da Keiner ertrank, so ruft und lockt ordentlich eine Stimme aus dem Wasser, und
es whrt nicht lange, so geht doch Einer hin, und sie sagen dann, er hat sich
baden wollen, aber er ist ertrunken. Wen sie runter zogen, der plaudert nicht
aus, was er sah.
    Hans Jrgen hrte in der Ferne Glocken. Er glaubte sie wren von Kloster
Lehnin. Der Knecht lchelte.
    Habt Ihr sie auch gehrt? Ich hrte sie schon lange. Die Glocken von Lehnin
dringen hier nicht herber. Das sind die Glocken aus dem Gohlitz: doch das hat
nichts Bses zu bedeuten. Die unten denken nur an ihre eigene Noth.
    Hans Jrgen hatte wohl von dem versunkenen Dorf im Gohlitzsee gehrt.
    Die muten mal ihre Hoffahrt ben, fuhr der Knecht fort, die stolzen
Bauern. So viel Brod hatten sie, und Waizenbrod, da sie die Schweine mit
ftterten, und damit nicht genug, nein, sie haben den kleinen Kindern mit der
Krume den Schmutz abgerieben. So gingen sie mit der lieben Gottes Gabe um. Da
ist denn eines Tages der kleine Spring an der Hhe losgezogen mit Gepolter, und
go so viel Wasser in einer Stunde als in Jahren nicht, da der Boden weichte.
Und das Volk sah noch nicht Gottes Finger, es lachte und meinte, es msse
endlich aufhren, und gingen nicht von ihren Husern und Schtzen, bis es zu
spt ward. Da sank bei Sonnenuntergang das ganze Dorf ein, mit Mann und Maus,
mit Vieh und Grten und kein Einziger ist entkommen. Das soll ein Schreien und
Blken gewesen sein, und die Glocken klungen dazu, da man es bis ber die Havel
gehrt.
    Das waren doch alles Heidenmenschen.
    Seht, Junker, das ist's, was mir nicht recht ein will. Den Pfarrer darf man
nicht fragen. Wo kriegen denn die Heidenmenschen die Glocken her? Denn das ist
das Christenthum, da wir Glocken haben. Wenn wir keine Glocken htten, dann
stnd es schlimm mit uns. Die Glocken verscheuchen die bsen Geister. Das fhlt
auch jedes Kind, wenn's durch den Wald geht; das ist so was eigenes, wenn die
Luft zittert. Dann zittert die Seele mit, und man wei doch, was man ist.
    Das sehnt sich nun alles nach der Erlsung, fuhr der Knecht Ruprecht nach
einer Weile fort. Daher luten sie um Mittag und Mitternacht; es hilft ihnen
aber nichts; sie haben sich schon zu schwer versndigt. Manchmal zogen auch die
Fischer, die im Gohlitz fischen, so schwer mit den Netzen, da es gar kein
Zweifel war, sie hatten die Glocken darin, die 'raus wollten; doch sobald das
Erz an's Licht kam, sank es unter. Da ist schon mehr als ein Netz verloren
gegangen. An einem heiligen Weihnachtsabend, das ist aber schon sehr lange her,
hat ein Fischer, der sie im Netz hatte, sie sprechen gehrt. Die eine sagte zur
andern:

Anne Susanne,
Willte mett to Lanne,

als ob sie mit ihr zu Lande wollte; aber die andere sagte:

Anne Margrete,
Wii willn to Grunne schete!

und da schossen sie gleich wieder zu Grunde.
    Sie stiegen jetzt aus einem tiefen und weiten Sandkessel, in dessen Mitte
nur ein schwarzes Moor mit einigen drftigen Lehmhtten lag, wieder in den
hheren Kieferwald. Im Sande hatte Ruprecht die Spuren gefunden, denen er
folgte; auf der Hhe verloren sie sich wieder in der Waldfinsterni. Er richtete
seine Blicke nur nach oben, wo der schmale Luftstrich zwischen den Wipfeln den
einzigen Weg durch das Dickicht anzeigte.
    Hier seht Euch vor, flsterte der Knecht zum Junker, und betet drei
Paternoster, das ist die schlimmste Stelle. Da haben die Unholden recht ihr
Wesen, und wer nicht mu, geht nicht zu Nachtzeiten.
    
    Und doch entsann sich Hans Jrgen, da es ja der Weg nach dem Kloster sei.
    Ihr habt schon Recht. Eine halbe Stunde nur ist's bis hin, und doch hrt
Ihr nicht mal die Glocken. In der Niederung verklingen sie, da die Tne nicht
bis her dringen. Der Weg, auf dem wir gehen, ist nur ein schmaler Bergkamm, und
bald werdet Ihr's zu beiden Seiten flimmern sehen. So, da blickt links schon der
Gohlitz vor, aber rechts kommt gleich der Mittelsee, und drben liegt das Nest
Schwina, Gott sei bei uns! Wenn Ihr ein altes Weib seht, mit 'ner weien Hucke
auf dem Rcken, drckt die Augen zu und antwortet ihr nicht. Das ist die Frau
Hucke, und ist der Korb braun, dann ist's die Frau Harke. Die treiben hier ihren
Spuk; aber wer thut, als merkt' er sie nicht, dem thun sie nichts. Das ist noch
kein Menschenalter her, da ein Britzke und ein Hagen hier geritten kamen. Sie
hatten einen reichen Kaufmannssohn aus Magdeburg bis auf's Hemd ausgezogen beim
Wrfelspiel; dort im Kruge von Jeserich, und hatten noch nachmals beim Abt in
Lehnin eingesprochen und stark getrunken. Der Abt hatte ihnen gesagt, sie
mchten bei ihm nchten, weil's im Wald duster ist, und mit ihm, dem Abt, auch
eins wrfeln; wenn es Snde wre, kme das auf eins raus, und am Morgen knnten
sie zur Beichte gehen, dann wr's rein gewaschen, eins und das andere. Sie aber
lachten, sie wollten sich's im Wald berschlagen, ob das bischen Snde den
Beichtschilling lohne. Eigentlich frchteten sie sich mehr vor'm Abt als vor'm
Walde, denn es hie, er htte 'ne glckliche Hand. Kaum waren sie ein Paar
Hundert Schritt vom Kloster im Elsenbruch, so wuten sie schon nicht mehr, wo
sie waren. Sie drehten sich links und rechts und dachten, nun wollen wir doch
umkehren. 'S ist besser Geld lassen und beichten beim Pfaffen, als das Leben
lassen im Sumpf. Da sahen sie ein Licht und meinten es wr aus dem Kloster, aber
das Licht ging immer weiter, und endlich sahen sie, es war eine Laterne, die ein
Weib vor sich trug und auf dem Rcken hatte sie eine Kiepe, die war voll wei
Zeug gepackt. Sie gaben ihren Pferden die Sporen, doch je schneller sie ritten,
um desto schneller trippelte die Alte fort, und sie hrten sie keuchen und
husten, bis sie mal stille stand, und rief: Herr Jemine, ich glaube, da ist
Jemand hinter mir her. -
    Freilich du Wetterhexe, rief der Britzke, wir haben den Weg verloren. - Wo
wollt ihr denn hin, gndige Herren? rief sie wie ganz erschrocken. - Nach
Kloster Lehnin zum Abt. - Ach du meine Gte, sprach das Weib, da mu ich ja auch
hin; da knnen wir eines Weges gehen. - So fhre uns, sagte der Hagen, und Du
sollst den Lohn haben, den Du verdienst. - Da trippelte sie vor ihnen her,
bergauf, bergab, und um sie her ward alles dunkel, da sie nicht einen Schritt
sehen konnten; nur allein das Licht von der Alten. Nun riefen sie ihr zu, sie
sollte doch nicht so schnell gehn, denn sie frchteten sie zu verlieren. Da
lachte sie - und schwor bei einem Heiligen, den beide Herren nicht kannten, das
sei doch kurios: die Herren wren ja zu Ro, und sie zu Fu, und sieben und
achtzig Jahr alt! Der Britzke rief ihr zu, sie mchte wenigstens nicht so
springen, das Licht in der Laterne knnte ausgehen, dann sen sie ganz im
Dunkel. Ach, sagte sie, dann leucht' ich mit meinen Augen, ich habe Katzenaugen.
Den beiden Herren war's doch nun ein bischen unwirsch, zumal, da sie immer
tiefer in die Elsen und in die Brche muten, und gar kein Weg mehr unter ihren
Fen war. Wer bist Du denn, wo kommst Du denn her? rief endlich der Britzke, da
die Alte sich auf eine der trockenen Palten im Moor niedergesetzt, und schnaufte
wie nach Luft. Kennt Ihr mich denn nicht? rief das Weib. Ich bin ja die alte
Pracherfrau, die humpelt durch's Land, und sammelt, was die Leute zu viel haben.
Wovon soll unsereins leben? Gestern war ich in Kemnitz, da hatte die gndige
Frau Wsche. Da hat mir der liebe Gott manch Hemde und manchen Strumpf
bescheert. Sie hatten ja viel zu viel. - Warst Du nicht in Hohenauen auch? fuhr
der Hagen drein, denn er war von Hohenauen, wie der Britzke von Schlo Kemnitz,
und dem Britzke war schon die Ader geschwollen bei der Frau ihren Worten, denn
mit der Wsche bei ihm zu Haus war's richtig, seine Frau durfte sich aber nicht
unterstehen, auch nur ein Tchlein fortzuschenken. Also hatte es die Alte
aufgerafft. - Freilich war ich auch in Hohenauen, kicherte sie bslich. Ach da
hab' ich erst hbsche Sachen eingepackt. Das war ein gesegneter Tag. - Nun mute
der Hagen den Britzke ordentlich festhalten, da er nicht lospolterte: Warte nur
bis Lehnin, lieber Bruder. Hier hat sie uns, das Diebsmensch; da haben wir sie.
Ich lasse sie peitschen. - Mit den Hunden hetzen, kreischte der Britzke. - Das
steht dann bei uns, meinte der Hagen. Jetzt aber la nichts merken, bis wir raus
sind. Aber die Alte hatte Alles gemerkt. Wie sie nun wieder vor ihnen lief, und
die andern dicht hinter ihr her, warf sie ein Stck aus dem Korbe, und dann noch
eins und so streute sie links und rechts in den Moor die feinsten Hemden,
Tcher, Strmpfe und Laken. Dem Britzke kribbelte es in den Fingern, da er's
auflange. Das schnste, feinste Weizeug ging so verloren. Aber der Hagen kniff
ihn in den Arm: Bei Leibe nicht, das ist ja ihre Tcke. Wenn wir uns dabei
aufhalten, entwischt sie uns. Nur darauf los! Und so ritten sie darauf los, bis
sie nicht weiter konnten, bis der Moor um ihre Augen spritzte, und das helle
Wasser den Thieren bis an die Halfter ging. Ja ihr Schreien hrte Keiner als die
Hexe. Die hielt ihre Laterne hoch: Nur ein bischen weiter noch, Ihr lieben
Herren, da findet Ihr's wieder fest unter Euch. Der Britzke ri auch sein Pferd
noch einmal los, bis Mann und Ro in ein tiefes Loch strzten: Hilf mir, Bruder
Hagen! schrie er, bis am Hals im Wasser. Hilf Dir selber! rief es wieder aus
allen Waldecken, und es lachte wie zehntausend Teufel. Da seht Junker, das ist
der Mittelsee. Dahin hatte sie die beiden Herren verlockt, und nun ging der Mond
auf und mitten auf dem See fuhr ein Kahn, ohne Ruder und Segel, ganz von selbst,
und drinnen ein weier Bock, der meckerte. Und den Kahn und den Bock drin sieht
man noch oft, Mittags, bei hellstem Sonnenschein ber den See fahren; kein Wind
blst, und kein Mensch rudert.
    Und die beiden Herren, Ruprecht?
    Sind ertrunken und erstickt. Keine Seele hat sie wiedergesehen, und sie
liegen noch im Moor. Da wagt sich auch kein Mhder hin, auf die falsche grne
Decke. Der Storch selber, wenn er sich niederlt, wippt er sich erst mit den
Flgeln, traut dem Frieden nicht.
    Mann und Ro, das ist schrecklich.
    Der Hagen hatte noch Zeit drei Vaterunser zu beten, und rief zum heiligen
Rochus, seinem Patron, und davon mag's gekommen sein, da sein Pferd sich
durcharbeitete, nmlich in den See, es schwamm rber, und dann fuhr es durch den
Wald wie der Satan, und stand nicht eher still, als vor der Klosterpforte. Da
wieherte es und schlug mit den Hufen dran, da der Abt und die Mnche in
Todesangst waren. Und davon erfuhren sie's, was vorgegangen war, und der Abt
lie Seelenmessen -
    Konnte denn das Pferd sprechen?
    Der Knecht Ruprecht sah ihn gro an: Solch ein Pferd Junker! - ein Pferd,
mein' ich - nun Junker, das mein' ich, ist gottlos so zu fragen.
    Herr Gott, was ist das! rief Hans Jrgen.
    Es schnaufte heran, durch die Bsche knisterte es, und ein wildes Pferd mit
schnaubenden Nstern, funkelnden Augen und zottigen Mhnen fuhr wie im Nu an
ihnen vorber. Laub und Erde stoben unter seinen Hufschlgen.
    Ruprecht stand, die Arme auf der Brust gekreuzt, die Augen niedergeschlagen.
Jrgen aber, so schnell es ihm auch aus den Augen war, hatte sich doch nicht
enthalten knnen, dem Ungethm nachzublicken.
    Ruprecht, sahst Du's?
    Ruprecht nickte mit dem Kopf.
    Das war Hans Jochem's Pferd. Ritt er nicht auf dem Falben vom Hof? Ja, ja,
und das war auch sein Sattel.
    Gelobt sei Jesus Christ, in Ewigkeit! schlo der Knecht und schttelte mit
zufriedenem Lcheln den Kopf. Das ist alles Satans Blendwerk, um uns zu irren.
Und httet Ihr Eure Schecke gesehen, sie wr's doch nicht. Das soll uns nur
tuschen, Ihr glaubt, der Sattel war ledig. Ich sah aber einen reiten, quer sa
er drauf und schaukelte die Beinchen. Einer von den kleinen Leuten war's. Er
grinste und steckte die Zunge raus; kreuzt Euch nur noch ein Mal. Sind auf dem
rechten Wege und lassen uns nicht irren.
    Das Pferd wollte Hans Jrgen nicht aus dem Sinn, und er hrte nur halb auf
die andere Geschichte, die Ruprecht erzhlte: von der Hebeamme aus Kloster
Lehnin, die sich eines Abends bei der alten Ziegelei verirrt und ein kleines
Mnnlein war auf sie zugetreten und hatte sie gebeten, ihm zu einer Wchnerin zu
folgen, und auf seinen Ruthenschlag hatte sich das Wasser des Gohlitz wie eine
Fallthr geffnet, und sie war mit ihm hinuntergestiegen in das Reich der
Kleinen, wo sie eine Frau glcklich entbunden, wofr der kleine Mann ihr
erlaubte, vom Kehricht so viel zu nehmen, als ihre Schrze fate, und als sie
nach Haus gekommen, war das Mll eitel Gold geworden. Und da die Nachkommen der
Frau noch heute lebten und reiche Leute wren. Auch vom Klostersee drben und
dem grnen Hut, der drauf schwimmt, aber den Fischer, der ihn greifen will,
zieht er in den Abgrund. Und von den Unterirdischen im Mittelsee, was ein gar
wunderbar Geschlecht sei von schnen Seejungfern, die in Krystallpalsten
wohnten, und wo Noth wre, den kreisenden Frauen zu Hlfe kmen.
    Hans Jrgen grauselte; sein Zittern und die kurzen Schritte, die er that,
verriethen, da er der Furcht war, hinter jedem Baumstamm knne ein neues
Ungethm vorschieen. Da wandte sich Ruprecht, der itzt ihm vorausging, mit
langen Schritten zu ihm und er blieb bei ihm:
    Junker Hans Jrgen! sprach er, nur noch eine kleine Weile das Herz
zusammengehalten. Dort am Waldrand, wenn wir in die Niederung kommen, da hren
wir schon die Klosterglocken wieder, da mssen die Spukbilder weichen. Wer nicht
auf bsen Wegen geht, hat sich nicht zu ngsten. Glaubt Ihr denn der Britzke und
Hagen wren in den Sumpf gegangen, wie die blinden Heiden, wenn sie nicht schon
dem Teufel den Finger hingehalten htten? Der Spa in Jeserich und der Soff im
Kloster, und da sie nicht zur Beichte gehen wollten, da hatte der Bse schon
Quartier in ihrer Seele. Ihr seid doch noch jung und ohne Snde. Dankt Gott, da
Ihr nicht reitet, wo der Hans Jochem reitet.
    Ruprecht, Du glaubst doch nicht -
    Bin nur ein schlechter Knecht und darf mich so was nicht unterstehen zu
denken. Aber der Teufel versteht keinen Spa, der fragt auch nicht -
    Ruprecht, der Herr von Lindenberg -
    Ist ein gar feiner und vornehmer Herr, der wei gewi Alles besser als ich,
und solchem schlechten Krmer auf den Kopf schlagen, das geschieht ihm im Grunde
schon recht, aber Junker, ich wei doch nicht, mir ist lieber, da Ihr nicht
dabei seid, und ich auch nicht dabei bin. Pat mal acht, wenn Ihr zurckkehrt,
und die Herren auch, Ihr habt's gefunden, was Ihr suchen ging't, und 's war Euch
aufgetragen; und die haben gefunden, was sie suchen gingen, und kein Mensch
trug's ihnen auf, pat mal acht, wenn Ihr beide vor dem Muttergottesbilde am
Dorf vorbei kommt. Ihr werdet dreist auf der Strae gehen, Eure Mtze ziehen und
Eure Knie beugen. Die Herren, wett' ich, wenn sie das Bild sehen, meinen, der
Weg sei zu sandig, und der eine schwenkt durch den Wald, wo der Sand noch viel
tiefer ist, und der andere quetscht sich hinter dem Bilde durch den Moor. Sie
wagen nicht der Mutter Gottes in das Antlitz zu sehen. Und nun denkt Euch, wenn
Ihr zurckkehrt nach Ziatz!
    Das Bild, das der Knecht andeutete, trat Hansen mit einem Male vor das
innere Auge, so hell, als der Wald dunkel war. Da kam er stolz ber den Damm,
und stie in seine schrillende Pfeife vor dem Burgthor im Morgenroth. Die
Zugbrcke war gefallen, die Edelfrau ffnete selbst das Thor und sah ihn fragend
an. Ihr strenger Blick verzog sich in ein freundliches Lcheln. Sie hielt die
Hand ihm entgegen: Das ist brav von Dir, Hans Jrgen! und hinter ihren
Schultern blickte Eva's noch freudeglnzender Gesicht. - Wre er aber zu Ro mit
den Andern zurckgekommen, wie langsam, duchte ihm, htte er den Damm entlang
reiten mssen, den Schatten der hohen Ulmen htte er gesucht, sich und was er
trug, unter dem Mantel verborgen. Was htte der Wetterhahn auf dem Thurm
verzweifelt gekrht, wie wrde der Thorflgel geknackt, welche fragenden,
scharfe, durchbohrenden Blicke wrde die Burgfrau ihm entgegen geworfen haben.
Ihm war so leicht, eine Centnerlast fiel ihm von der Brust, er schritt muthig zu
und sah keine Gespenster mehr.

                                Eilftes Kapitel.



                                Kloster Lehnin.

Hier gebt mir Eure Hand, Junker, oder fat lieber meine Stange an, ein Schritt
links oder rechts ab, und Ihr seid verloren, sprach der Knecht Ruprecht.
    Sie waren aus dem Dickicht des Waldes in die sumpfige Niederung
hinabgestiegen, welche sich noch heut in weitem Halbkreis um Ort und Kloster
fortzieht. Hier war kein Steg, kein Pfad zu sehen, ob doch die Dmmerung schon
in den weiten Lug schien; nur Elsenbsche, verrterisches Schilf und offene
Lachen. An dieser Stelle ging der Fhrer selbst unschlssig und prfte vorher
das trgerische, zitternde Erdreich, hier wand er sich in weitem Umkreis um
mannshohe Rohrbschel und gelangte nur durch einen Sprung mit der Stange
hinber, die er dann seinem Gefhrten zu gleichem Dienste zurckreichte.
    Jetzt standen sie ungefhr in der Mitte des Moors. Weithin zur linken
blickten ewige Lichter aus den Klostergebuden, whrend ringsum nur die dunklen
Fhrenwlder im Nachtkleide ihre ungastlichen Schatten warfen. Ruprecht blieb
stehen und schaute nicht unruhig, aber bedchtig nach Luft und Erde und den vier
Winden.
    Wir htten doch besser gethan, den groen Weg ber den Damm und durch den
Ort einzuschlagen.
    Ruprecht schttelte den Kopf: Da wir die Hunde geweckt und dem Dieb die
Spuren gezeigt.
    Ruprecht, bleiben wir lnger stehen? Unter mir bricht es schon.
    Der Knecht winkte ihm die Stellung zu wechseln, wie er selbst that: Hrt
Ihr die Glocken?
    Es lutete vom Kloster zur Frhmette. Ruprecht faltete still die Hnde; Hans
Jrgen folgte unwillkrlich seinem Beispiel. Nach einer Weile hrte man ber das
Wasser den Chorgesang der Mnche. Als sie ausgesungen, wandte sich der Knecht
zum Junker:
    Will's Euch nur gestehen, wute 'nen Augenblick auch nicht aus und ein. So,
nun sehe ich wieder klar; ich finde schon. Denke mir nun so, wie mu denen
dazumal gewesen sein in der alten Zeit, die hier verirrten, und in der Wildni
war kein Licht, keine Glocken und kein Gesang!
    Sie sagen, das sei das erste Kloster, was sie in den Marken gebaut.
    Ruprecht nickte: Mu doch grauslich gewesen sein in solchem Land, wo der
Teufel sein Wesen trieb, ungestrt, und berall umher nichts als Wald und Sumpf
von Bren und Heidenmenschen. Wo kein Heiliger war und Keiner einen Schutzpatron
hatte, wie man da nur durchkam durch die Finsterni und das Kobolds- und
Nixenzeug, das itzt noch so fest sitzt, und die Geistlichen knnen's nicht
ausrotten.
    Hans Jrgen hatte gehrt, das komme davon, weil die Mnche jetzt nicht wren
wie sonst.
    Sie sind Schlemmer und Thunichtsgute, das ist schon recht, aber die Glocken
haben sie noch. Ohne die htten die Geister schon lngst wieder Oberwasser. Das
war wohl ein gut Werk, da sie grad hier das Stift grndeten, was es auch kosten
that an saurer Arbeit und auch Menschenblut. Da drben bei Namitz erschlugen die
Wendischen den Abt Seebald. Man sieht noch den Stock vom Baum, wo sie ihn runter
schtteln wollten, aber da er sich festhielt, sgten sie den Baum ab und
schlugen ihn dann todt, was auch die Mnche den Heiden Lsegeld boten. Friede
seiner Seele! Ob sie den Frieden hat, das wei ich nun nicht. Denn die Leute
hier herum sprechen anders als in den Kirchenbchern zu lesen steht. Mehr als
Einer sah ihn im Dmmerlicht auf dem Stumpf sitzen, und wenn man ihn anrief,
huschte es in den Wald.
    Hans Jrgen hatte immer nur gehrt von dem frommen Abt Seebald, der ein
Mrtyrer geworden, weil er zu den Bauern umherging, in die schlechteste Htte,
um sie zu bekehren.
    Ruprecht machte ein eigen Gesicht: Davon sollte man eigentlich hier nicht
sprechen, aber die Bauern meinten, zum Bekehren ist er wohl ausgegangen, aber
ihm war's mehr um die Frauen zu thun als die Mnner. Einst kam er in Namitz in
eines Fischers Haus, und die junge Frau, die grade buk, kriegte einen Schreck
und wute sich nicht anders zu verstecken, als sie kroch unter den Backtrog. Da,
als der Abt sie nicht sah, setzte er sich auf den Trog und wollte warten bis sie
kme. Doch ihre kleine Tochter lief erschrocken auf's Feld und schrie: Vater!
Vater! der Abbat sitzt auf der Mutter. Da liefen sie alle vom Felde und schworen
ihm den Tod. Als der Abt sie nun herankommen hrte, mit Mistgabeln und Sensen,
lief er, was er laufen konnte, aus dem Hof in den Wald. Sie hinter ihm drein,
und da er nicht weiter konnte, denn er war dick, kletterte er auf eine alte
Rster und drauf kam denn die Geschichte. Alle die Mnche waren erschrocken ber
den wilden Grimm der Heiden, da sie das Kloster wieder verlassen wollten und
auswandern, und es wre geschehen, wre ihnen nicht da am Ausgang der heilige
Johannes erschienen, grad wie er dem Wuo erschienen.
    Derweil hatten sie das Ende der Niederung erreicht, zwar oft bis unter die
Knchel im Wasser schreitend, doch ohne weitere Fhrlichkeiten, und die Hallen
des Lehniner Waldes, schlanke, himmelhohe Kiefern mit uralten Eichen
untersprenkelt, nahmen die Wanderer unter ihrem Schattendach auf.
    Wohl hatte Hans Jrgen von seinem Ahnherrn Wuo gehrt, aber das war dunkles
Gerede gewesen, auf das er wenig geachtet, hier in den feierlichen Waldhallen,
durchschauert vom Morgenhauch, klang es anders.
    Wuo war ein wilder Heide gewesen, der nur gedrstet nach dem Blut der
Fremden, welche eine fremde Sitte und einen fremden Gott in das Land seiner
Vter einfhren wollten. Oft hatte er sich unterworfen der wilden Gewalt, weil
er ihr nicht lnger widerstehen konnte, aber eben so oft, wenn die Gelegenheit
sich bot, hatte er in das Horn des Urs gestoen, die alten Freunde und Genossen
gerufen, die Crucifixe niedergerissen, die Capellen zerstrt und verbrannt und
das Joch abgeworfen, das ihm eine Schmach dnkte. Und auch jetzt, als die
Herrschaft der Sachsen in der Nordmark gefestet schien, diente er nur mit
innerem Grollen den Shnen des Bren Albrecht. Da war er einst zur Jagd
ausgeritten mit dem Markgrafen Otto, und sie waren in eine Wildni gekommen, die
der Markgraf noch nicht kannte. Und darauf rechnete Wuo. Der Bse gab es ihm
ein, da er den Markgraf verlocken sollte, fernab von den Seinen, und da ihn
tdten, wo Keiner es sah und Keiner die Spur finde. Dann werde alles bleiben und
werden, wie es gewesen; denn was thue das Neue, das die Christen gebracht, dem
Lande und Volke gut, als da es die Leute unzufrieden mache mit dem was sie
htten und ihre Vter. Die an Eicheln und Buchnssen sich gengen lassen,
wollten nun Brod essen, und die auf fauler Streu lagen, wollten in Betten
schlafen und aus Hhlen und Htten in Huser und Thrme berziehen. So
berredete sich Wuo und machte seine schwarzen Gedanken wei, weil doch auch
diesem Heiden, denn das war er trotz des Taufwassers, das Gewissen anging, da
Markgraf Otto ihm so viel Liebes erzeigt und sein Vertrauen auf ihn gesetzt.
    Dazumal war die Gegend ganz anders als sie jetzt ist. Wo jetzt die Fichten
lustig und schlank in's Blaue schieen, war ein Dickicht von Eichen und Rstern
und Buchen, die ineinanderwuchsen und Krieg fhrten um das bischen Boden und
Luft. Da lagen umgeworfene Stmme faulend einer ber dem andern, und Gewrm,
Krten und Schlangen wimmelten am Boden, auf den nie ein Lichtstrahl fiel. Und
wo der Wald aufhrte, war die Haide mit stachlichten Ginster- und
Wacholderstruchen besetzt, und wo die Haide aufhrte, war das Bruchland;
verwachsene Elsen und wilde Schlingpflanzen, da kein Lftchen durchdrang, und
in dem warmen, feuchten Dunst nisteten Schwrme giftiger Stechfliegen. Wer sich
verirrte und nicht untersank, blieb stecken in den Dornen und kam jmmerlich um
vor Hunger und Qual unter den Stichen des Geschmeies. Und auch das Wasser, wo
es zu Tage lag, spiegelte nicht die Sonne und die Sterne und den blauen Himmel.
Da trieben umgefallene Bume umher, mit dickem Moos und Pflanzen berzogen,
Inseln schwammen und ein buntes, schillerndes Netz von faulenden Stoffen schien
darber ausgebreitet. Die wilden Katzen kletterten in den verwachsenen
Baumkronen, Krieg fhrend mit den Habichten, den Raben und Krhen. Der Br
schlich noch brummend in den Schatten um, ein Schrecken der andern Thiere, und
die Waldameise baute ihre hohen Kegelhuser, das einzige geordnete Gemeinwesen.
Nur den Auerochsen hatte schon der Mensch vertrieben, und auf die stolzen und
wilden Elennthiere richtete er eine verderbliche Jagd, da sie weiter gen Osten
flohen, und die wenigen, die noch waren, scheu im tiefsten Dickicht sich
verbargen.
    Wird Euch in der Wstenei nicht bang, Herr Markgraf? fragte Wuo, da sie
nun auf der Spur eines groen Elennhirsches ganz ab waren von ihrem Gefolge, und
die Tne in's Hfthorn riefen Keinen, und die Luft war schwl und Gewitterwolken
zogen am Himmel auf. Und Wuo war doch selbst bang geworden, denn vorhin, als
der Frst ber einen Baumstamm setzte und sein Thier zu kurz sprang, da er
herabglitt, hatte der grimme Mann schon die Axt geschwungen, die ihm am Sattel
hing, um dem Herrn den Garaus zu machen. Aber sein Arm blieb in der Luft hangen,
ein ferner Donner rollte ber die Wlder.
    Was soll mir bange werden! antwortete Otto. Da Sanct Johannes bei mir ist
in den Wsteneien, der mein Schutzpatron ist und auch Deiner, Wuo.
    Nun dachte Wuo heimlich: Ob Dir der Sanct Johannes jetzt den Weg zeigen
wird! und blieb tckisch zurck, da der Frst, den Speer ber sich schwingend,
der Fhrte des Elenns folgte, ohne viel vor sich auf den Boden zu sehen. Ihre
Rosse, die nicht weiter konnten durch den Moor, hatten sie nmlich verlassen und
anbinden mssen, und Otto ging mit khnen Schritten den Tapfen des Hirsches
nach. Nur Wuo kannte den einzigen schmalen Weg durch das Bruchland, und bei
jedem Schritt meinte er, der Frst werde sinken. Dann berhob ihn der Morast der
Mordarbeit, und wie viele Deutsche waren in den Kriegen, von den tckischen
Wenden in die Morste gelockt, da versunken.
    Aber der Frst fand den Weg, ohne da er ihn kannte, sein Fu traf immer das
Feste und sank nie ein. Da er fast drben war, rief er dem Wenden zu: Was
scheust Du, Wuo? Kommst Du mir nicht nach? - Wuo machte sich nun auf den Weg,
den er so oft zurckgelegt, aber seine Augen waren wie geblendet, oder war es
die Unruhe in ihm. Er sank mit dem Fu ein, zwei mal, und pltzlich, als der
ganze Boden unter ihm zu zittern anfing, ward er inne, da er falsch gegangen,
und es war zu spt, die Richtung zu ndern. Da in seinen hchsten Nthen rief
er: Ach Sanct Johannes, wie Du den da rber gebracht, hilf auch mir, wenn Du
den Weg kennst. Und ihm war's, als liege um ihn eine Wolke, und ein Mann halb
nackend, mit zottigem Haar und einem Fell um die Schulter, aber einem lichten
Streifen um die Stirn, reichte dem Versinkenden die Hand und hob ihn und fhrte
ihn sicher hinber. Da verschwand er, und der Frst lchelte: Ei Wuo, kennst
Du so wenig Dein Land, da Du selbst eines Fhrers bedarfst?
    Der Tag war hei und die beiden wurden mde von der Jagd, denn der Hirsch,
wie oft sie ihn auch sahen, immer verschwand er wieder. Da rief Markgraf Otto:
Den Hirsch mu ich zum Stehen bringen; ist mir doch, als hinge mein Heil und
Leben von seinem Leben ab. Ich hab's gelobt dem heiligen Hubertus; aber itzt
kann ich nicht mehr. Und er sank um, den Speer in der Hand, todtmde unter
einer alten Eiche.
    Aber Wuo hatte auch gelobt bei seinem Gtzen, das ist der Teufel, sein Heil
und Leben solle davon abhngen, da er das Leben des Markgrafen nehme, was es
ihn auch koste. Schwer ward es ihm, denn er war kein schlechter Mann, und
glaubte es nur zu thun um seines Landes Wohl. Und da es Nacht wurde von den
Wolken, die aufzogen, drckte er die Augen zu und fate den Wurfspie mit beiden
Fusten und wild rannte er auf den schlafenden Frsten zu. Da fuhr ein Blitz aus
der Eiche nieder und ein Donner krachte, als wre der Baum von seinen Wurzeln
gebrochen. Vor dem Mrder stand wieder derselbe Mann, der ihn ber den Bruch
gefhrt, drohend den Arm aufhebend und Wuo's Wurfspeer blieb wie angelthet in
der Hand: Ist das Dein Dank, da ich Dich hergefhrt? sprach Sanct Johannes.
Und in demselben Augenblick fuhr auch der schlafende Frst in die Hh', mit
einem Schrei, der Wuo wie die Trompete des Gerichts durch die Seele ging: Ha
es ist berstanden! Und Wuo lag auf den Knieen und wollte Worte stammeln, aber
seine Zunge klebte am Gaumen, und in ihm brannte es wie ein stilles Feuer.
    Markgraf Otto rieb den Schlaf vom Auge: Wo ist nun das Ungethm? Er strzte
mir ja zu Fen?
    Hier, Herr, sprach Wuo, zertritt es.
    Der Frst schttelte das Haupt und stierte in die Wolken, wie noch im Traum:
Den groen Hirsch meine ich, mit seinem gezackten Geweih, und sein Rachen
sprhte Flammen. Hei setzte er mir zu, und ich hatte schweren Kampf. Nun ist er
berwunden, der mir will streitig machen das Reich, so mein Kaiser mir zuwies,
da ich lichten soll in der Finsterni, ausroden die alte, schlimme Weise, und
bauen und bahnen die Wege zur Erkenntni des wahren Gottes. Sein Licht war ber
mir; es schmetterte ihn nieder, aber wo ist der Feind? Eine Mark Goldes, wer ihn
mir schafft!
    Da waren die vom Gefolge des Frsten herangekommen, und als er ihnen
erzhlte, was er getrumt, und er glaubte, es sei Wahrheit, erkannten alle
Gottes Finger. Der grimmige Elennhirsch, der ihn im Schlafe umbringen wollte,
knne nur der Satan gewesen sein, der Wuth schnaube und zittere in seinem
Ingrimm, weil der Markgraf in dem Lande schon so Groes vollbracht und noch mehr
vollbringen wolle, da seine, die Herrschaft der Finsterni, aufhre. Der
Markgraf erkannte, da sie Recht htten, und gelobte zur Stunde, da er zum
Gedchtni des schrecklichen Traumes, und auf derselben Stelle, wo er gelegen,
ein Kloster bauen wolle. Von da solle das Licht des Glaubens und die gute Sitte
und ehrbarer Flei ausgehen ber das ganze Heidenland, und er wolle es reich
begaben mit Gtern, und es fest machen zum eigenen Schutz gegen jeden Angriff
und darin eine Gruft bauen, in der man ihm, wenn er zur Ruhe gegangen, die
letzte irdische Sttte bereiten solle, und nach ihm seinen Kindern und seinem
ganzen Geschlechte. So stiftete der Markgraf Otto, nachdem er die Wlder
gelichtet, Smpfe getrocknet, Wege in das Holz gehauen, die Abtei und das
Kloster Lehnin, das erste in diesen Marken, und lie Cisterciensermnche dahin
kommen aus Seevenbeeke drben im Mansfeldischen, welche die hohe Kirche bauten
und Thrme und die Klostergebude und die Wlle, und Mauern zum Schutz gegen die
heidnischen Wenden, denen diese Sttte des Herrn noch lange ein Stein des
Anstoes und des Aergernisses war. Lehnin aber nannte, er es, weil auf Wendisch
der Elennhirsch den Namen fhrt, und noch heut zu Tage ist am Chor in der Kirche
der Eichenstamm zu sehen, unter dessen Wipfel der Markgraf Otto geschlafen und
den schweren Traum gehabt.
    So ungefhr hatte Ruprecht auf dem langen Wege dem Junker die Legende von
der Stiftung des Klosters Lehnin erzhlt. Aber was hatte der Ahnherr seiner
Familie damit zu thun? War er vom Markgrafen bestraft worden?
    Er strafte sich selbst. Er strzte fort, und lange Zeit wute Niemand, wo er
geblieben. Aber er irrte im Wahnsinn durch Wald und Haide, und war er
hingestrzt wo, md und erschpft, so fuhr er wieder auf, wenn er Hundeklaffen
und ein Jagdhorn hrte, denn so hatte der Wahnsinn sein Hirn umdstert, er
glaubte der Hirsch zu sein, den der Markgraf niedergestoen, und hinter ihm jage
die wilde Jagd, gefhrt von Sanct Johannes, da sie den letzten Elennhirsch
fange, auf den der Frst den groen Preis gesetzt.
    Da nhrte er sich von Wurzeln und Gras, trank das Wasser aus dem Flie und
scharrte sein Lager in den Gebschen. Im Traume zuckte er auf, von den Speeren
und Pfeilen durchbohrt; er sthnte vor Schmerz und wnschte doch, da seine
Stunde komme.
    So hatte der Wahnbethrte sich hineingedacht in die Seele eines Thiers, das
dem Untergang geweiht war, als eines Nachts der Mann mit dem zottigen Haar und
dem Fell ber dem Nacken ihm auf die Schulter klopfte: Nun hast Du gebt Deine
bsen Gedanken durch bse Gedanken, aber das ist nicht genug. Du wardst ein
Thier und folgtest Deinem Triebe. Nun wache auf als Mensch und be durch freie
That Dein bses Thun. Tdte und zerfleische Dich selbst. Dann erst wirst Du rein
sein von der Schuld.
    Als Wuo aufsprang, war der heilige Johannes verschwunden, aber unfern von
einem Spring sah er den groen Elennhirsch seinen Morgentrunk schlrfen. Da war
er auch erwacht aus seinem Traume und seinem Wahnsinn. Den Hirsch mute er
tdten. Das war seine Aufgabe; sein Herr, dem er das Leben verwirkt, hatte es
geboten. Der Hirsch floh. Wer kannte, wie Wuo, die Schluchten des Waldes, die
jhen Seeufer, die Erdstrze, die Fhrten des Wildes durch das Dickicht. Da
endlich hatte er es in die Enge getrieben, wo es nicht mehr fliehen konnte. Es
machte Kehrt und stand. Aber nicht mit der Wuth des gehetzten Wildes, das sein
Leben im letzten Verzweiflungskampfe theuer erkaufen will. Das kluge Thier
schien sein Loos zu kennen, nicht wie ein grimmer Feind, wie ein Opfer, das den
Todesstreich erwartet stand es vor ihm.
    Den Jger, der den Elch endlich stehen sieht nach langer, heier Jagd,
ergreift ein sonderbar Gefhl. Der Elch mit dem langen, weit ausgreifenden
Geweih, wie ein Knig des Waldes, mit den klugen, schnen Augen, wie ein Mensch,
mit dem struppigen grauen Bart, wie ein Geist aus einer andern Welt. Dem
rauhesten Jger schlgt das Herz, der Finger zittert ihm am Rohr. Er glaubt der
Elch spreche mit ihm, und sein Auge strafe ihn. Was mut du mich vernichten? Bin
ich ja doch dem Untergang geweiht.
    So sprachen des Hirsches Augen zu Wuo. - Mut du mich tdten, so tdtest du
dich selbst. Leben kann ich nicht mehr, wo ich der einzige bin meiner Art, der
nur umschleicht wie das Gespenst auf den Grabhgeln derer, die mit ihm lebendig
waren; und ihnen gehrte der Wald, die Wiese, das blaue Wasser. Nun gehren sie
Andern, die uns nicht dulden wollen; die den Wald, die Wiese, das Wasser anders
machen wollen, als der Herr es machte, der uns hineinsetzte. Bist du nicht ich?
Ist dir's heimisch noch im Land, wo die Fremden deine Wlder roden, in denen du
Schatten hattest und Lust; deine Gtterbilder verbrennen, vor denen du betetest,
und sie schtzten dich; die Grabhgel deiner Vter durchwhlen; wo sie Thrme
bauen in den Himmel, der frei war; wo sie Crucifixe aufrichten, da du denken
sollst mit Zittern und Grauen nur an Qual und Graus, und unter deinen alten
Gttern ging der Pokal um in Freude und Lust? Ist's noch dein Land und dein
Geschlecht, wo die fremde Zunge die Sprache verdrngt, so deine Vter sprachen,
und du lalltest sie schon als Kind; magst du leben in Freudigkeit, wo sie auf
dich und deine Brder herabschauen als Wesen schlechterer Art, nur aus Gnaden
aufgenommen, und du warst frei wie der Vogel in der Luft, wie der Fisch im
Wasser, wie wir im Walde? Ich bin der letzte meines Geschlechts, willst du's
nicht sein, willst du dich fgen als ein Knecht in die fremde Knechtschaft, so
hilf ihn ausrotten und roden, hilf ihnen verlumden und schmhen, die alten
Freien, hilf ihnen den Boden der Vter umackern, ihre Grber zerstren, ihre
Heiligthmer verbrennen, und schleudre dein tdtlich Gescho mir in die Brust,
aber la mich noch einmal athmen die Luft, die frei war, noch einmal blicken in
den grnen Wald und den blauen Himmel, dann - dann tdte dich selbst.
    Wieder mit zugedrckten Augen warf Wuo seinen Speer. Er hoffte, da wieder
der heilige Mann mit dem zottigen Haar den Speer fassen werde. Aber die Luft
sauste, es krachte, und nieder strzte der stolze Zehender. Die Bume rauschten
wie vor Schrecken. Wuo mochte nicht ertragen den letzten Blick des Elchs, er
sah sich selbst in den sterbenden Zgen. Zusammenstrzte auch er, nicht in
seinem Blute, im hitzigen Fieber. Als er genas, wollte er nicht mehr in den
Wald, auch nicht zu Hof und nicht ausreiten mit dem Frsten. Sein Sinn war
dieser Welt erstorben, und er pries den Herrn, da es so war. Ein hren Gewand
zog er um den nackten Leib und ging in das Kloster Lehnin zu den Cisterciensern.
Da hrte man ihn oft seltsame Gebete murmeln, da es die andern Mnche graute;
die dachten, es sei etwas Heidnisches darin. Zu keinem Heiligen waren sie
gerichtet, auch nicht zu Gott Sohn und nicht zur Gottesmutter, er wagte zu beten
zu dem Gott Vater selbst, der Himmel und Erde geschaffen, er, der noch vor
wenigen Jahren ein Gtzendiener gewesen, und es graute die frmmsten Mnche vor
der Vermessenheit. Da rief er den Gott an, der ber Alle ist, ob er recht gethan
oder gesndigt, da er sein Volk und den alten Glauben verlassen, um den neuen
Glauben, den er nicht fasse und der doch so allmchtig sei, wie der Sturm, der
die Vgel und Wellen treibt, und so mild und warm wie die Sonne, die die Keime
lockt aus den Bumen und die Saat aus der winterlichen Erde? Er oben, unter den
Unerschaffenen thronend, werde wissen, ob die Welt erschaffen sei, da die
Wlder bleiben oder die Stdte werden. Wenn sie das hrten, erkannten die
Mnche, da er wieder verfallen sei in seinen alten Irrsinn und scheuten vor
ihm. Drauf starb er schon nach wenigen Jahren an den Stufen des Chors mit den
Armen den Stamm der Eiche umklammernd, wo dazumal der Markgraf geschlafen.
    Das war's, was Ruprecht dem Junker in seiner Art erzhlte, und aus der
Legende war eine Sage geworden, die in der Familie fortging von Mund zu Munde.
    Markgraf Otto schenkte den letzten Elennhirsch zum ewigen Andenken Wuo's
Nachkommen. Auf dem Thore ihrer Burg prangte noch lange der Kopf des Elenns mit
seinem Geweih und nachmalen auch auf dem Wappen des Hauses. Die Formschneider
und Maler aus Franken, die es nicht verstanden, weil sie nie ein Elennthier
gesehen, machten daraus einen Widderkopf. Mit dem Fell des Hirsches hat Mancher
sich des Nachts zugedeckt, bis die weichlichere Sitte kam - wei der Himmel
woher -, da sie den Gnsen die Federn ausrupften, in einen Sack stopften und
damit ihren Leib zudeckten. So ward das schne Fell in die Rumpelkammer
geworfen, und nur den Freunden der Sippschaft als eine Reliquie gezeigt, aus der
Zeit, wo es noch Elennhirsche in der Mark gab. Da einmal eine Kranke, die man
darauf legte, genesen war, kam die Haut wieder in Ehren, doch nicht so, da ein
Besitzer, der etwas geizig war, und was ihm im Hause unntz schien, zu Gelde
machte, sie um ein Geringes einem Handelsmann verkaufen wollte. Seine Ehefrau
berief sich auf jene Eigenschaft des Felles, und endlich kam man berein, da
man es gerben und zu einem Kleidungsstck zuschneiden wolle. Dann war es kein
unntz Stck mehr, und wenn eine Heilkraft darin stecke, meinte der Mann, es sei
ihr unbenommen, da sie auch in der neuen Gestalt sich zeigen thte. So ward das
Fell, da es zu einem Koller sich nicht pate, der Besitzer auch fast immer auf
dem Pferde lebte, das, was es ist, und erbte vom Vater auf den Sohn.
    Bis dahin war der Knecht Ruprecht in der Erzhlung gekommen, welcher Hans
Jrgen so aufmerksam zugehrt, da er gar nicht bemerkt, wie der Dmmerschein
immer heller geworden, als er pltzlich still hielt und dem Andern winkte. Hans
Jrgen hrte ein leises Wimmern. Er sah in die entlaubten Zweige, durch welche
das graue Morgenlicht schien, und sein Blick fragte den geisterkundigen
Gefhrten, ob die Unheimlichen etwa auch in dieser Stunde Macht htten, aber
Ruprecht, der ganz andern Spuren folgte, schttelte den Kopf und gab ihm nur ein
Zeichen, stille zu sein. Nachdem er auf eine Hhe geklettert, winkte er ihm
wieder mit vergngtem Gesicht, und als er heruntersprang, rief er laut: die
kluge Elster am Wege hat mich nicht getuscht, wenn der Krmer der Dieb ist,
haben wir ihn; und das Jucken im Daumen sagt mir, da wir bei ihm finden, was
wir suchen.
    Auf dem Wege am rauschenden See stand ein Karren mit verkoppelten Pferden:
aber die Kisten und Packen, die zerbrochen auf der Strae lagen, sprachen nur zu
deutlich, da schon Andere dagewesen, die den Inhalt untersucht hatten. Von
diesen war zwar keine Spur, als die ihrer Rosse im Wege. Aber auch der Fuhrmann
war verschwunden: Wenn sie den Hedderich mitgeschleppt htten! rief Hans
Jrgen. Ruprecht schttelte den Kopf und sah nach dem See: Junker, lieber
Junker! preist Euren Herrn, da Ihr nicht mitgeritten. Wenn es ehrlich herging,
htten sie ihn an einen Baum gebunden. Ich frchte, die Sonne, die aufgeht,
frbt sich in Blut.
    Er schwieg und horchte wieder. Es schien ber den See her in der Luft ein
Wimmern zu kommen. Nein, von da, Ruprecht. Das Laub raschelte, ein tiefes,
gurgelndes Sthnen kam von ziemlich nahe. Mit einem Satz waren Beide durch die
niedrigsten Bsche und dem Seeufer hinab, und zugleich entdeckten sie einen
Mann, gebunden und geknebelt am schrgen Ufer liegen: Vorsichtig! rief
Ruprecht, sonst kugelt er hinunter. Die haben ihn wie der Teufel gebettet, wenn
er sich rhrt, plautzt er in's Wasser. Beim Kopf, Junker, fest, dann bind ich
ihm die Beine los.
    Der unglckliche Krmer mochte zuerst glauben, da er auf's Neue in die
Hnde der unersttlichen Ritter aus dem Stegreif gerathen sei, die
zurckgekehrt, um noch etwas zu erpressen. Denn kaum, da sein Knebel gelst und
die Stricke zerschnitten waren, und sie den Unmchtigen mit ihren krftigen
Armen hinaufgerissen auf die Strae, als er ihnen zu Fen fiel und bei allen
Heiligen schwor, er habe nichts versteckt und Alles offen und ehrlich angezeigt,
was er mit sich gefhrt; sie mchten seines Lebens schonen um seines Weibes und
seiner Kinder willen. - Hans Jrgens Gelchter brachte ihn zur Besinnung,
wenigstens zeigte es ihm andere Gesichter, als er erwartet hatte. Nun ergo sich
aber seine Zunge in Verwnschungen gegen die schndlichen Ruber, die ihn, den
friedlichsten und rechtlichsten Handelsmann von der Welt, hier berfallen, durch
ihre Uebermacht bewltigt, dann grausam gemihandelt, beraubt und in den Zustand
zurckgelassen, wie sie ihn fanden. Ich will verkrummen wie das Eisen in der
Schmiede, wie die Buche, wenn der Stellmacher sie biegt, wenn sie mich nicht
niedergeschmissen, auf's Gesicht, dann knieten sie auf mir, da mir das Rckgrat
brach, mit Stricken banden sie, mit dem Helfter knebelten sie mich wie ein
Pferd. Dann wute ich nichts mehr von mir.
    Knecht Ruprecht zeigte mit grinsendem Lcheln auf ein Etwas, das Hans Jrgen
jetzt erst erkannte und seiner Freude nun kaum Herr ward.
    Curiose Ruber, rief der Knecht, die Einen, den sie ausziehen, auch
anziehen. Du hast Dich versehen, Claus, das waren keine Ruber,
Schneidergesellen waren's, die Dir ein Paar Hosen anmaen.
    Der arme Mann fhlte jetzt, was es galt. Bla, die Hnde ringend, stotterte
er Entschuldigungen ber Entschuldigungen vor den neuen Peinigern, die er nun
erkannte, und die ihm mit wenigen raschen und unsanften Griffen die Lederhosen
abstreiften. Er lag wieder auf den Knieen, whrend Hans Jrgen die Elennshaut
wie eine Wurst zusammenstreifte.
    Das war mein Unglck ja, gestrenge Herren! Mich fror in der Morgenluft, da
zog ich sie mir ber. Da kamen sie auf mich los, ehe ich wieder zurecht sa. Wer
wei, ob sie mich gekriegt htten!
    Aber, wo kriegtest Du die Hosen her, Dieb!
    Wo er hinsah Verderben. Vor ihm Hans Jrgen mit dem Plumpsack, hinter ihm
der Knecht. Was konnten sie ihm Schlimmeres thun, da er auf seine Waaren sah.
Heulend warf er sich mit dem Gesicht darauf: Schlagt, tdtet, hngt mich, was
Ihr wollt, reit mir das Herz aus dem Leibe, Ihr knnt nichts mehr ausreien.
Das ist Gerechtigkeit um den alten Plunder! Wollt, ich soll Euch was vorlgen.
Ich will nicht lgen, will verdammt sein, wie sie Alle. Ja, ja, ich ri es von
der Leine, Berlin ist weit - der Kurfrst ein Kind. 'S wird noch mehr von den
Leinen gerissen werden, Megewnder und Frstenmntel. Wem's gehrt, kriegt's
nicht wieder. Aber die Gerechtigkeit kommt doch auf Erden. Der Bauer ist
geschunden, der gemeine Mann gegerbt. Immerzu, das Schinden und Gerben geht
Reih' um.
    Der Wuthausbruch Eines, der keine Hoffnung mehr hat, hat fr einen, der auf
dieser Erde noch hofft, etwas berwltigendes! Ruprecht zog sanft seinen
Pflegebefohlenen am Arm: Lat den, Junker. Er hat seine Strafe. Wer zu stark
schlgt, schlgt seine eigene Hand.

                               Zwlftes Kapitel.



                                 Das Erwachen.

Zwischen Mitternacht und dem ersten Hahnenschrei hatte es vor Hohen-Ziatz
gewiehert, als verlange es Einla, und da der Thurmwart hinauslugte, sah er das
Todtenro, das unschuldig im Sande scharrte. Schnell hatte er die Lade
zugeworfen und nichts mehr gesehen, aber das Wiehern hrte er noch lange fort.
Auf der Sumpfwiese hatten Lichtflmmchen hin und hergehpft, und am Morgen, als
die Sonne blutig roth durch das zerrissene Gewlke aufstieg und Windste durch
die Luft fuhren, hatte man ganze Schaaren von Raben um die Burg kreisen gesehen,
und sie lieen sich nicht scheuchen, sondern setzten sich immer wieder auf die
Giebel und Dachfirsten.
    Und dann hat auch ein wendisch Weib, die Liese aus Gtergotz, die von
Golzow kam, auf dem ganzen Wege das Leichenhuhn gackern gehrt, als wollte es
ihr den Weg zeigen. Vor der Burg zum letzten Mal. Dann ist's verschwunden.
Darum - so schlo der Knecht Kasper seinen Vortrag von den Wundern der Nacht -
darum, Gestrenge, mein' ich, 's ist nicht so bel, da die Hosen grade heute
nicht da sind.
    Und warum nicht?
    Und wie gesagt, wenn's nicht auf Einem sitzen bleibt, so kommt's auf Viele.
Bin nicht, wie der Ruprecht, aber wo so viele Zeichen sind, da hat's was auf
sich, und der wre kein Christ nicht, der nicht auf Warnungen hren thut.
    Was Kasper sprach, schien nur der Wiederhall der stillen Gedanken auf den
Gesichtern der andern Burgbewohner. Als wre ein wstes Gelag vorhergegangen;
machte doch auch die Frau von Bredow keine Ausnahme. Kasper, Du meinst es gut,
aber der Herr -
    Nun ja, es wird ein Ungewitter setzen.
    Ich mag's nicht vor den Mdels haben, er ist doch ihr Vater, sagte sie
halb vertraulich zum alten Knappen und Waffentrger ihres Herrn. Es war sehr
selten, da Frau von Bredow zu einem Dienstmann vertraulich sprach. Auch die
beiden Ziehkinder, es ist nicht gut, da sie so etwas sehen.
    Sie sind ja noch nicht zurck.
    Ich selbst wollte schon mit ihm sprechen.
    Nein, bei Leibe nicht, Gestrenge! Ihr knntet ja rber fahren, 's ist
Sonntag, zur Kirche nach Ferch, dann wre das Nest leer, und ich will's schon
auf mich nehmen. Er schlgt auch jetzt nicht mehr, wie ehedem. Mit den Jahren
ist er viel frommer geworden. Fahrt zur Kirche, gestrenge Frau, mit den Frlens;
ich halt es aus.
    Aber die Frau wute doch nicht, was das eigentlich helfen sollte.
    Unglck kommt nie allein, das ist wahr, sagte Kasper. Aber wenn er erst
in den Kleidern sitzt, mu er ausreiten, und Gott wei, was ihm da zustt. Ich
sage, man mu das Unglck nicht aufsuchen gehn, es kommt von selber gelaufen,
und wer ausweichen kann, und 's nicht thut, der hat sich's zuzuschreiben.
    Ist der Ruprecht denn noch nicht zurck? Eva schttelte den Kopf. Ich
sagt' es ja, Mutter, sie haben sich vergangen.
    Dummes Mdchen, fang mir auch an zu flennen. Und wie siehst Du aus! Fix,
mach Dich fertig. Ihr taugt hier nichts. Euch will ich zur Kirche schicken. Was
schluchzt denn da?
    Agnes kam aus dem Thore; einige Leute aus dem Dorfe folgten, die ein in
Schwei gebadetes, von Staub und Schaum bedecktes Reitpferd fhrten, dessen in
Unordnung gerathenem Geschirr man ansah, da es schon lange ohne Herrn und
Pflege umhergelaufen sein mute. Es war Hans Jochems Pferd.
    Das Mdchen setzte sich, still weinend, ihr blasses Gesicht mit den Hnden
bedeckend, auf den Stein an der Mauer: Ich wut' es!
    Die Burgleute schlugen die Augen nieder. Die Sache sprach von selbst von
einem abgeworfenen Reiter.
    Das war kein Leichenpferd nicht; das war sein Pferd gewesen, schluchzte
das Mdchen. Htten sie nur gleich aufgethan und nachgeschickt, dann htten sie
ihn noch gerettet.
    Wo ist Hans Jochem? Wo ist Peter Melchior.
    Es erfolgte keine Antwort.
    Was wird's weiter sein! fuhr die Frau beruhigter fort. Sie werden dem
Herrn bis zur Fhre das Geleit gegeben haben. Da knnen sie noch nicht zurck
sein.
    Sie werden nie zurckkehren.
    Macht mir den Kopf nicht warm, Mdchen! Wenn ihm ein Unglck begegnet, sind
ja die andern Herren dabei. Werden ihn nicht dabei liegen lassen. Mir ist um den
Hans Jrgen und Hans Jochem nicht bange. Unkraut vergeht nicht.
    Und doch hrte man's dem Ton ihrer Stimme an, da es nicht ihre gewhnliche
Ruhe war. Wer hlt sich auf einem Schiffe fest, wenn Alles um ihn schwankt.
    Da schlug ein Fenster auf im Giebel und eine Stimme, die man bis in's Dorf
hrte, schrie: Das Wetter noch mal! Kasper! Brigitte! wo sind meine Hosen?
    Gleich, gleich, Gtze! rief die Edelfrau, und Edelfrau und Knecht strzten
in den Flur, die Treppen hinauf. Dem Knecht warf sie einen freundlichen,
bittenden Blick zu. Der antwortete aber nur mit einem grmlichen Kopfnicken und
einer Bewegung mit der Hand auf den Rcken. Hab mir was untergestopft, da kann
man's schon 'ne Weile aushalten, brummte er fr sich, ohne zu eilen, wie die
Frau that, die ihm lngst vorauf war. Vielmehr gab er seinen Gedanken in rechter
Gemchlichkeit Gehr: Der Dechant freilich, als ich's neulich im Beichtstuhl
ihm sagte, meinte, das wr' auch Snde, ich glaube, er sagte gegen den heiligen
Geist. Jedermann sollte wahrhaftig sein, auch wenn's ihm an Haut und Haare
ginge, da er niemals, in welcher Lage des Lebens es sei, im Zustande der
Unwahrhaftigkeit sich sollte betreffen lassen. Und das wr' also
Unwahrhaftigkeit, weil ich der Liese ihren Friesrock untergestopft hatte, und
der Herr dachte, es wre meine Haut. Und gelobt hab ich's, das ist wahr, da
ich's nicht mehr thte. Aber Leder ist Leder und Haut ist Haut. Und nun sollt's
mich doch wundern, ob der Dechant das auch Snde nennen wird, da ich die alte
Rehhaut unterm Koller trage. Denke so berhaupt, was das den heiligen Geist
angeht, ob Einer Prgel kriegt oder nicht! Der Herr oder der Vater giebt sie,
und der Knecht oder der Sohn kriegt sie, da hat doch kein Dritter was mit zu
schaffen. Aber wenn ich's dem Dechanten sage, dann ist das schon wieder Snde,
da ich's gedacht habe. Ueberhaupt, wenn nur nicht die Pfaffen wren, nmlich,
da man ihnen Alles beichten mte. Die Prgel, nun die wren Prgel, der Regen
macht na und man trocknet wieder, Keiner stirbt davon; aber wenn man Prgel
kriegt, da man immer denken mu, warum man sie kriegt, und wie man sie kriegt,
und wie man's im Beichtstuhl vortragen soll, man wei oft selbst nicht warum und
nun werden sie Einem vom Pfaffen erst recht eingeschmiert und eingeblut, und
was vorher gar nichts war, das ist nun was, das eben ist die verfluchte
Geschichte.
    Als die Frau von Bredow die Kammerthr zu ihrem Ehegemahl ein klein wenig
aufthat, war der Anblick, den sie durch die Spalte hatte, eben nicht angenehm.
Herr Gottfried war aufgesprungen, wie er im Bette gelegen, und reckte die Arme,
so weit er konnte, whrend seine Lippen auch so weit sie konnten, aufstanden, um
den Morgenschlaf hinaus zu lassen. Vor ihm aber lag eine dicke Wolke, nmlich
das Deckbett, was vorher auf ihm gelegen, und es schienen in den Sack von blauem
Zwilch die Federn von drei Heerden Gnse gestopft, die von der Erschtterung des
Wurfs nicht wenig durch die Kammer stubten. Dieser Anblick war aber der Frau
nicht ganz unangenehm; denn das Bette bildete eine natrliche Schanze zwischen
ihr und dem Ehemann, falls es ihm eingefallen wre, ihren Morgengru durch die
That zu erwidern; denn da eine so nahe erste Berhrung nicht in ihrer Absicht
lag, verrieth ihre Stellung an der Thr. Sie wollte nur sehen, wie es stand, auf
einen eiligen Rckzug, wenn er Noth that, vorbereitet.
    Gr Dich Gott, Gtz, bist Du aufgewacht?
    Ja!
    Das ist schn, Mnnchen, Deine Morgensuppe brodelt auch schon auf dem
Heerd.
    Aber der Ritter schlo nur den Mund, um ihn wieder zu ffnen: Wo sind sie?
    Sind sie noch nicht hier? Warte nur, lieber Mann, werden gleich kommen.
    Seine Stirn runzelte sich und ein verdrieliches Roth lagerte ber den
nchternen Augen, die ihre Strahlen erst zu einem stechenden Blick sammelten:
Brigitte, wo sind sie wieder?
    Jemine, weit Du nicht, wie Du sie auszogst, hast Du sie auf den Schemel
gelegt; da auf die Lehne! Der Wind gestern hat das Fenster aufgemacht. Als ich's
sah, war ich recht erschreckt, Du mchtest Dich verkhlen, aber der Kasper
wollte mich nicht reinlassen. Da ist die Katze gekommen und sprang ber'n
Schemel auf's Fenster und ri sie mit. Ich sah's von unten, da hingen sie am
Brett; aber eh' wir's uns versahen, kam wieder ein Windsto, der warf sie auf's
Dach. Da wollten wir sie eben holen, als der Sturm eben losging. Ach, Gtze, Du
wirst Dich wundern, was der Sturm alles angerichtet hat. Die drei groen Kiefern
an der Lehmgrube, an der Wurzel rein abgebrochen sind sie. Das Dach vom
Hinterhaus wirst Du neu decken mssen, eine Sparre ist eingeknickt. Das
Storchnest ist auch runter, wie mit 'nem Messer abgeschnitten.
    Ich friere ja. Wo sind sie geblieben?
    Ach, da weit Du auch nicht! Die Kinder glaubten, 's wr' ein Drache; so
flogen sie ber's Haus, ber die Mauer, bis auf die Wiese. In den Ententeich
sind sie gefallen. Die Entengrtze, Gtzchen, mute man doch ein bischen
absplen. Sind gewi schon trocken. Hab' den Hans Jrgen nachgeschickt. Er kommt
Dir gleich. Frieren sollst Du nicht, mein Herz. Hab' dir Ingber und Pfeffer in
die Biersuppe gethan und Honig. Willst Du auch Eierschaum drauf schwimmen haben?
Der Kasper macht auch's Wasser warm, da er Dir den Bart scheert. Solltest Dich
wieder ein Bischen in's Bett legen; ich bring's Dir 'rauf. Steige jetzt nur auf
den Thurm und will nach dem Hans Jrgen rufen.
    Der Ritter rief, er wolle nicht mehr in's Bett; aber die Burgfrau hrte
nicht mehr aus, was er sprach, sie hatte die Thr zugeschlagen, und schon war
sie ber das Brcklein oben, das aus dem Erker nach dem Thurme fhrte, als sie
den Schemel krachen hrte, den Herr Gottfried gegen den Boden schleuderte, da
drei Beine ausfielen und die Lehne knackte: das Weibervolk, sag ich's doch
immer, das ist Weibervolk!
    Nur wenig Stufen waren's bis zur Thurmzinne, aber Frau Brigitten lag's in
den Knieen, als wre vor ihr die Treppe zum Mnster in Straburg. Sie war doch
eine wahrhaftige Frau, wie nur eine zehn Meilen in der Runde, aber war's die
Lge, die wie Blei ihr in den Gliedern drckte? - Eine Nothlge, und solche
kleine Nothlge! Der Dechant sollte ihr die Frau zeigen, die niemals ihren Mann
belogen, und es war ja in so guter Absicht! Mit der Lge htte sie sich auch
schon abgefunden, aber mit dem Dechanten und der Beichte! Die arme Frau von
Bredow! - Nein, es war noch etwas anderes, das ihr in den Gliedern lag. Es war
heut ein Unglckstag. - Auf der Mitte der Treppe war in der Blende ein kleines
unscheinbares Marienbild. Sie lie sich auf die Knie und faltete die Hnde. Was
sie gebetet hatte, wute sie eigentlich nachher selbst nicht, aber ihr war's,
als htte sie die Himmelsknigin gebeten, sie mge ihre Noth bedenken und
machen, da sie nicht gelogen htte. Hatte sie doch auch einst die Bitte der
frommen Landgrfin von Thringen erhrt, und das Brod und Geld ward in Krben zu
Blumen.
    Nun war sie oben auf der Zinne. - Die freie Luft wehte sie an. Wie der Wind
ber Kieferwlder strich, wie er, in den Ulmen spielend, einen goldenen
Bltterregen auf die Wiese streute, wie die Krhen und Tauben in Schaaren sich
in der niederen Luft wiegten, wie die Habichte unter den Wolken kreisten, wie
der Rauch sich aufringelte aus den Mooshtten des Dorfes - ein Anderer htte es
vielleicht mit Lust gesehen, ihr Auge war auf andere Dinge gerichtet, ihr Ohr
lauschte auf andere Tne, als das Summen der Kfer, das Gekrchze der Raben, das
Hmmern des Dorfschmieds, das Knarren der Mistwagen, welche von den Ochsen
mhsam durch den Sand gezogen wurden.
    Der Kaspar ist ein guter Mensch, dachte sie. Ich hr' ihn auch gar nicht
widerreden. Er nimmt's so ruhig hin. - Wenn doch alle Knechte so fromm wren! -
Ich will ihn auch nachher in den Keller lassen - - - Es klatscht ja gar nicht
mehr! - Was ist das! - Ach heilige Elisabeth, er hat ihn gewi an die Gurgel
gefat. - Da butzt es auch schon gegen die Wand - Gtze, Gtze, nur nicht zu
stark. Wenn da nur kein Unglck kommt!
    Sie hatte sich ber die Zinne gelehnt, den Kopf bergebeugt; als wolle sie
keinen Ton sich entgehen lassen, drckte sie die Augen zu:
    Gtze, Gtze! lieber Mann! - Warte nur ein klein bischen. Nun kommt's
schon. Ich sehe den Hans Jrgen schon. Er bringt sie. Du sollst nicht mehr
frieren.
    Unten schwieg es wirklich, auch sie schwieg, es war etwas Angstschwei, der
sie berlief. Sie hatte ja wieder gelogen; wie sollte sie in's Licht des Tages
sehen! Aber sie sah doch hinein. Ihre Knie hoben sich, ihre Augen wurden grer,
ein Zug von Friede und Freude breitete sich um ihren Mund. Traute sie ihrem
scharfen Gesicht heute nicht, da sie die Hand noch einmal ber das Auge legte?
Nein, es war keine Tuschung: Gtze, Gtze! Der Hans Jrgen ist da, er hat
sie! - Hans Jrgen mute die Edelfrau auf dem Thurme erkennen. Mitten auf dem
Damm schwenkte er es. Der liebe Jung, er ist geschickter als ich dachte. Aber
was ist ihm. Er knnte hurtiger laufen. - Ehe sie hinunter stieg, schaute sie
noch einmal hinaus. Aus dem Walde kamen noch Andere, langsameren Schrittes. Ist
das der Ruprecht? Sie blieben stehen; es schien ihr, als trgen sie etwas. Der
Schatten des Waldes erlaubte ihr es nicht zu erkennen. Was ging es auch sie an!
    Da stand schon Hans Jrgen im Hofe, als sie hinunter kam, aber was sah der
Junge so bla und verblfft aus. Was war berhaupt vorgegangen? Das Thor stand
sperrweit offen. Der Dechant war auch herbeigekommen und wollte ihre Hand
fassen: Gndige Frau, Gottes Fgungen sind wunderbar! In seinen
unerforschlichen Rathschlssen zu lesen, ist uns zwar nicht vergnnt, indessen
-
    'S ist heut ein Unglckstag, sagte der alte Meier, und betrachtete das
Blut in seiner Hand, mit der er den Sattel und Kopf des Pferdes befhlt hatte.
    Was ist los, Kinder? Sie hielt doch schon das verlorene Kleidungsstck,
das Hans Jrgen berbrachte, in der Hand, und aus ihrer Hand war es schnell in
den Erker hinaufgewandert.
    Du bist nicht daran schuld, sagte Eva zu Hans Jrgen.
    Ach wer das sah und wer das hrte! Wenn er am Leben bleibt, der Kopf und
der Arm sind hin.
    Wre nicht der Dechant gewesen, es wre Niemand gewesen, der der Edelfrau
Rede stehen konnte, so kraus und bunt ging's durcheinander. Die halbe
Einwohnerschaft war hinausgestrzt, um zu helfen oder zu sehen.
    Er ist vom Pferde gestrzt, meine gndige Frau. Der Herr giebt und der Herr
nimmt.
    Hans Jochem! Die Blsse des Schrecks gewann endlich Platz auf der Burgfrau
Gesicht.
    Er ist noch nicht ganz todt, sagte der Dechant. Es ist sogar noch
Hoffnung, da wir ihm die Sterbesacramente reichen knnen.
    Frau von Bredow legte mit mtterlicher Theilnahme die Hnde auf die Stirn
ihrer Tochter. Sie blickte sie wehmthig an und kte ihre Stirn: Der Mensch
denkt, Gott lenkt.
    Auf einer Bahre von Tannenreisern lag der Verwundete, ein klglicher Anblick
selbst fr die, welche ihn schon seit einer Stunde so gesehen. Sein Gesicht war
mit Blut aufgelaufen und unkenntlich, sein linkes Bein gebrochen, sein ganzer
Krper schien zerschmettert. Der Knecht Ruprecht winkte dem Bauer, mit dessen
Hlfe er und Hans Jrgen den Verwundeten bisher getragen, da er nun gehen
knne. Er wartete auf frische Hlfe aus der Burg. Meint Ihr, da er
davonkommt? fragte der Bauer. Wenn er leben bleibt, bleibt doch nicht viel von
ihm leben, antwortete Ruprecht. In den Krieg kann er nicht mehr, auf die Jagd
auch nicht. Und was ist ein Junker, der nicht auf's Pferd kann, sagte der
Bauer achselzuckend und ging.
    Was Hans Jrgen nicht erzhlt, erzhlte der Bauer denen, die ihm entgegen
kamen: wie es gewimmert und gesthnt, als der Knecht und der Junker im Walde
zurckkehrten, wie sie, der Hufspur folgend, den Verunglckten gefunden. Das
scheue, zgellose Pferd, durch Dick und Dnn jagend, war gegen einen Baum mit
seinem Reiter angerannt, hatte ihn abgeworfen und gegen einen scharfkantigen
groen Stein geschleudert. Sie fanden ihn schon sprachlos in Todesngsten. Das
mochte man sich selbst so auslegen, auch wenn er kein Wort gesprochen htte;
aber bei jedem Schritt wute man mehr und die Mgde in der Kche, die gar nicht
hinausgekommen waren, wuten es ganz genau, wie es hergegangen. Da hatte Hans
Jochem sich verschworen gegen die Andern, er allein wollte den Krmer werfen und
bis auf's Hemd ausziehen, auch wenn der Kurfrst mit allen seinen Trabanten um
ihn stnde. Auch so der Teufel neben ihm ritt? fragten die Andern. Auch dem will
ich ein Schnippchen schlagen, hatte Hans Jochem gesagt. Da als er dem Pferd die
Sporen gab, war ein schwarzer Reiter wie aus der Erd aufgeschossen und hatte
sich ihm in den Weg gestellt. Mach' Platz! rief Hans Jochem. Wer bist Du?
Der Reiter schlug das Visir auf, und die helle Lohe schlug ihm aus des Reiters
grnen Augen und Rachen entgegen. Da ward sein Ro scheu, kehrte und trug ihn
ber Stock und Block. Und hinter ihm rief ein altes Weib: Ach Junker nehmt mich
doch mit; ich kann meine Kiepe nicht tragen, und vor ihm lief ein anderes Weib,
die rief: Folgt mir nur, ich zeig' Euch den Weg. Und das Weib hinter ihm sa
bald auf dem Sattel in seinem Rcken, und umklammerte ihn mit ihren Armen, da
ihm der Athem verging, und das Weib vor ihm fhrte ihn durch Sumpf und Brche,
und er sah ihre Laterne und konnte sie doch nicht erreichen, bis sie dort an den
Teufelssteinen stille stand und die Arme ausbreitete und rief: Springt nur,
Junker, ich helfe Euch runter. Und da er sich im Sattel schwang, ri ihn die
Andere hinab und er fiel. Die Frauen waren verschwunden, er lag auf den scharfen
Steinen, und whrend er vor Schmerz wimmerte, lachte und kreischte und flatterte
es auf wie hundert wilde Gnse, und die Eulen heulten im Walde. So wuten es die
in der Kche ganz bestimmt und Keinem htt' ich rathen mgen, da er daran
zweifelte.
    Er hat geseufzt, er lebt! strzte Agnes in die Thorstube, wo der
Verwundete jetzt lag, und ihr Auge strahlte vor Freude der Mutter entgegen,
welche die Arme bepackt mit feinen, weichen Linnen aus dem Wohnhaus kam. Die
Leinen kamen zu spt, die Stirn war schon verbunden, kalte Wasserumschlge waren
gemacht, der Schmied aus dem Dorfe war auch schon da, aber er schttelte den
Kopf, was hier zu thun war, ging ber seine Kunst.
    Ach lieber Himmel, da mir das nicht gleich einfiel, rief die Edelfrau.
Schnell zu Pferd Einer nach Altenbrandenburg, er soll die Sporen nicht scheuen,
zum Meister Hildebrand!
    Sie sah sich um nach einem guten Reiter. Auch das war schon besorgt. Der
Bote ritt seit einer Viertelstunde.
    Dechant, das ist brav von Euch, da Ihr daran gedacht.
    Der Dechant blickte abwehrend auf Agnes: Das liebe Kind denkt und waltet,
als wre sie schon eine barmherzige Schwester. Da wird des Himmels Segen nicht
ausbleiben.
    Agnes Du! Ach heilige Mutter, mir fllt ein, der Hildebrand wird nicht in
der Stadt sein. Reit Einer nach, er ist -
    Beim Vetter in Golzow, fiel Agnes ein. Er reitet auch ber Golzow. Erst,
wenn er ihn Nicht findet, soll er nach Brandenburg.
    Wen habt Ihr hingeschickt? fragte die Frau.
    Hans Jrgen, sagte leis Eva zur Mutter.
    Die wiegte etwas den Kopf: Der Junge wird auch mde sein. 'S schadet aber
nichts. Ein Nubaum, der tragen soll, mu frh geschlagen werden. Die Vettern
waren sich nimmer sehr gut. Schon als Kinder lagen sie sich in den Haaren. Nun
wenn der Eine - der bessere, entfuhr es ihr, aber sie unterdrckte die Stimme,
- wenn der dran glauben mu, dann hat der Andre den Trost, da er ihm zuletzt
noch einen Liebesdienst gethan. Mehr kann am End' Keiner sagen, da er fr die
Anderen that. Wir sind alle Kinder des Staubes, wir mssen Alle unter die Erde.
    Sie wischte mit dem kleinen Finger eine Thrne aus dem Auge, Eva weinte
laut, und Agnes weinte still. Da war das Zeichen gegeben. Wenn die Herrschaft
weinte, durfte die Dienerschaft auch, es war sogar ihre Schuldigkeit, weinen.
Sie weinten nicht still, sie schluchzten laut, sie drngten ihre Schrzen am
Aug' nach der Thorstube, den lieben jungen Herrn zu sehen, sie schrieen auf,
wenn sie ihn sahen, und heulend strzten sie fort, bis es durch das ganze Haus
und die ganze Burg ein Geheul war um den Junker, der ein so lieber schner Herr
gewesen, und nun war er ein Krppel, eine halbe Leiche, schlimmer als eine
Leiche. Und wie viel gute Eigenschaften und Vorzge kamen bei dieser Gelegenheit
an dem grauen Tage von Einem zu Tage, von dem sie bis da gar nicht gesprochen,
und wenn es geschah, schalten sie ihn einen eitlen Thunichtsgut.
    Herr Gottfried hatte derweil seine Biersuppe mit Ingber und Pfeffer und den
schwimmenden Eierschaum drauf getrunken. Er strich sich, als er allmlig warm
ward, behaglich die Seiten, und sah auch mit Befriedigung, wie der Knecht Kasper
die groe Schssel mit Buchweizenbrei auftrug, deren glatt gewordene Oberhaut
schn gedert war mit kleinen Seen und Flssen und Kanlen von brauner Butter
und Zimmet. Dabei lchelte der Burgherr wohlgefllig, denn die Zimmetbchse
holte seine Ehefrau nur bei absonderlichen Festtagen aus dem Schranke: 'S ist
doch ein gut Weib! brummte er und sah auch mit Vergngen auf die Schsseln mit
Honig und Kse und den Ochsenschinken, der jetzt hereingetragen ward. Zu viel
fr einen Mann htte es einem andern gednkt, der auch hungrig war, aber nur
seit gestern. Herr Gottfried hatte seit einer Woche keinen Bissen ber die
Lippen gebracht und dieser Gedanke schien jetzt zum vollen Bewutsein des
Hungers zu werden. Er ma die Schsseln und auf seinem Gesicht strahlte immer
mehr Friede, aber mit dem Frieden stimmten die Klagetne drauen wenig.
    Ist also gefallen? fragte Herr von Bredow.
    Und gestrzt, sagte der Knecht.
    Ja, ja, das kommt davon, sagte Herr von Bredow und schnitt tief in den
Schinken ein.
    Und hat sich Schaden gethan, sagte der Knecht.
    Durch Schaden wird man klug. Fiel auch mal vom Pferd. Ist's der Hans Jochem
oder der Hans Jrgen?
    'S ist ein Unglckstag heut, sagte der Meier.
    Ein Unglckstag! wiederholte Herr von Bredow und schien drber
nachzudenken, indem er einen zweiten Teller mit Buchweizenbrei fllte und wie
verwundert zusah, da es noch immer dampfte. Was haben wir denn heut, Kasper?
    Sonntag nach Gallus, Gestrenger. Die Gnse sind schon geschlachtet.
    Die Martinignse! - Ist's die Mglichkeit! rief Herr von Bredow und setzte
den Messergriff auf den Tisch. Der arme Hans Jochem! Jemine, schon die
Martinignse. - Das geht jetzt alles - Einer will's dem Andern zuvorthun. Da
kommt's denn! - Ein Bein gebrochen hat er?
    Aber der Herr Dechant wird ihm die Sacramente reichen.
    Sacramente! - Ein neuer Gedanke schien in der chaotischen Wste seines
Kopfes sich durchzuarbeiten. - Sacramente! Dann geht's wohl auf die Letzt.
    'S ist aber nach dem Wundarzt geschickt. Der mu bald da sein. Sonst kommt
er zu spt.
    Zu spt! Ein zweiter Gedanke brach durch. Der Ritter legte Messer und
Lffel fort: Kasper meinst Du, da es gut ist, da ich zum Hans Jochem gehe? Er
kann doch nicht zu mir kommen!
    Freilich, das kann er nicht, gestrenger Herr, aber -
    'S ist heut ein Unglckstag, wiederholte der Meier. 'S thte wohl besser,
gestrenger Herr, sagte der Knecht, wenn Ihr erst frhstcktet. Das Unglck
kommt immer zu frh noch, und Ihr knnt dem Junker nicht helfen. Aber der Junker
kann Euch schaden. Herzeleid auf leeren Magen thut nimmer gut. Wer Morgens
ordentlich frhstckt, der sammelt seine Gedanken und kann was vertragen.
Manchermann, der nchtern ausritt, und wollte alles thun, that nichts und fiel
gar in Unmacht.
    Da nickte Herr von Bredow mit voller Beistimmung dem verstndigen Knecht zu,
und that, wie er ihm rieth. Und der Rath erwies sich als gut, denn je mehr sich
der Magen fllte, um so mehr schien in dem groen Krper die zerstrte Ordnung
sich wieder herzustellen, und auch die Gedanken sammelten und lichteten sich im
Kopfe.
    Da wischte er mit dem Tuche den Mund, richtete sich im Stuhl auf, und
sprach: Der arme Hans Jochem! - da es grade der Hans Jochem sein mu.
    Das hab ich auch gesagt, gestrenger Herr. Grade der Hans Jochem. Und er war
so lustig allezeit.
    Wenn's Hans Jrgen wre -
    Dann wr's nicht Hans Jochem, das hab' ich auch gedacht, gestrenger Herr.
    Aber das kommt davon.
    Ja gewi, Gestrenger.
    Wer nicht hren will, mu fhlen. Wollen Alles besser wissen die jungen
Leute. Reiten, das will gelernt sein. Was ist das fr 'ne neue Mode! Die Diener
sollen jetzt hinter dem Herrn reiten. Die jungen Fante in Brandenburg und
Berlin! Wozu ist ein Diener, als da er seinen Herrn meldet! Darum reitet er
vorauf. Thut mir doch leid um den Hans Jochem. Hatte den Jungen lieb. -
    Herr Gottfried drckte mit dem Finger an's Auge, als fhlte er da etwas, was
nicht dahin gehrte. Frau Brigitte trat ein, auch mit rothen Augen; sie setzte
eine Kanne auf den Tisch. Selbst setzte sie sich neben ihren Herrn.
    Da bring ich Dir Zerbster, Gottfried. Das letzte aus dem Fa. Wer wei,
wenn's auch mit uns auf die Letzt geht.
    Ja, ja, ja! sagte Herr von Bredow, 's ist schlimme Zeit. Sie zapfen, wo
sie knnen.
    Trink, Gtze, 's ist von dem bittern Zerbster, das splt den Magen wieder
klar.
    Er setzte an und trank und setzte die leere Kanne nieder. Er nickte ihr
freundlich zu: Hast recht, 's ist von dem Bittern.
    'S ist mancherlei bitter! seufzte sie.
    Der arme Hans Jochem, wer htte das gedacht, Gitte! Na nu will ich auch zu
ihm.
    Bleib nur, Gtze, sie thun ihn verbinden jetzt. Er schreit jmmerlich. An's
Leben geht's ihm nicht, sagte der alte Hildebrand. Aber wie's nachher mit ihm
gehen wird, ich meine, wenn er durchkommt! Reiten kann er nicht mehr und tanzen
auch nicht. Weit Du noch, wie er bei dem Banket in Plessow herumstrich, er und
die Eva? Sie waren noch Kinder, aber die Leute sprachen gar Absonderliches. Na
und dann Gtze, Unseres und Seines zusammengeschlagen, da htten die
Hohenziatzer auch knnen den Vettern in Friesack zeigen - das ist nun nichts.
Ein Ritter wird er nicht mehr, sein Lebtag nicht, und was ist er dann? Und der
Hans Jochem in's Kloster! Mann, Mann, das will mir gar nicht im Sinn. An den
Hans Jrgen hatte ich immer gedacht, der taugt doch zu nichts. Aber -
    Ich wollt's nicht, fiel Herr Gottfried ein. Sein Vater seliger konnte die
Pfaffen nicht leidenund ich kann sie auch nicht leiden. Er hat grade Beine, la
ihn gehen, wo er hinluft.
    Und weit Du, was mir nicht gefllt, Gtz? - Sie sah sich um, der Meier
und der Knecht Kasper hatten die Halle verlassen; sie waren allein. - 'S ist
was zwischen der Eva und dem Hans Jrgen. Sie haben sich immer geneckt, aber
seit ein paar Tagen da ist was los.
    Kinderpossen!
    Du hast schon Recht, sie sind Kinder. Aber die Agnes, denk' Dir, das stille
Kind, die ist wie auer sich um den Hans Jochem. Hat gesorgt fr ihn, als wr's
ihr Bruder, ist hinausgelaufen, von Allen zuerst, als wir's hrten, und brachte
ihm Wasser zu trinken. Eh' Einer sich nur besinnen konnte, hatte sie ihm nasse
Umschlge gelegt, und dann, ach Gott, ich wei nicht Alles. Und daraus kann doch
nur Unglck kommen. Und darum, was meinst Du, wir schicken sie nach Spandow, je
eher so besser.
    Das Zerbster Bitterbier mute wunderbar auf den Ritter gewirkt haben. Er
seufzte so tief und schwer auf, als schpfte er pltzlich Erinnerungen aus dem
Ziehbrunnen seiner Seele. Die breiten Hnde auf seine Knie schlagend, hub er an:
    Ich sage Dir, Brigitte, es kommt nirgend was raus als Unglck! Und das
kommt alles blos daher, weil die Menschen es immer besser machen wollen, als es
ist. Der liebe Gott mu doch gewut haben, warum er's so machte, aber nein, sie
mssen kehren und putzen und scheuern.
    Frau Brigitte sah ihn bedenklich an, ob ein Vogel von der Wsche gesungen.
Es war anderes, was ihrem Eheherrn hinter'm Ohr hpfte.
    In Berlin werden sie lateinisch sprechen, die Jungen sollen durch die
Gucker in die Sterne sehn und die Weiber die Nativitten stellen. Aus dem Reich
ist ein lateinischer Gelehrter verschrieben, der soll dem Hofe Unterricht geben,
und Komdien wollen sie spielen von einem Heidenmenschen, der vor zwei tausend
Jahren schon gestorben ist, der heit Terwenzel. Mgen sie scharwenzeln, mgen
sie's aushalten, wenn ich nicht zuhren mu. Ich will auch gar nicht mehr auf
den Landtag reiten.
    Den Entschlu billigte seine Frau: Was hast Du auch da zu thun, Gtz! Hast
darber die Reiherjagd versumt und die Martinignse.
    Was da gestnkert jetzt und geredet wird, Brigitte, Du glaubst es gar
nicht. Nun frag' ich eine Seele, haben wir nicht genug Gerichte und
Gerechtigkeit im Land? Sprachen sie jetzt davon, es sollte ein groes oberstes
Gericht fr die Marken errichtet werden in Berlin. Ist denn das
Reichskammergericht nicht schon Plage genug fr 'nen rechtschaffenen Edelmann,
der's Unglck hat, da er da was suchen mu? Nein, wir sollen die Plage auch
apart haben. Da sollen zwei Banken hingestellt werden, auf einer sollen die
Edelleute sitzen, auf der andern Gelehrte, und da soll alles geschlichtet und
entschieden werden, was sich in den Haaren liegt.
    Das wird 'nen Kohl geben! sagte Frau von Bredow.
    Rechtes Futter fr die Advokaten, Processe, die einen Edelmann von Haus und
Hof fressen. Aber das ist den gelbschnblichten Herren schon recht, je mehr nur
geschrieben wird, desto confuser und besser.
    Was Recht ist, wei doch jeder selbst zum besten, nicht wahr, Gtze. Gott
sei Dank, wir haben nichts mit den Gerichten zu thun.
    Meinst Du! Der Kunz Reder hat vor Jahren 'nen See abgelassen und ackert
darauf. Nun sagen die Bauern vom alten Kietz, sie htten ein Recht auf die
Fische gehabt. Auf dem Acker knnten sie keine angeln. Und was kam beim Landtage
vor. Der Redner sagte: sie knnten ja Frsche angeln, wollt's ihnen nicht
wehren. Aber glaubst Du, Tile Holzendorf und noch ein Paar stunden auf, die
Bauern wren im Recht. Da schlag denn doch das Donnerwetter drein. Wenn der Adel
nicht mal zusammenhlt.
    Was ist auch das Angeln, Gtze! Der Frster sagte gestern, der Dachs hat
sich gestellt. Mann, wir brauchen Dachsfett in der Wirtschaft. Reite raus nach
dem Bau und la die bsen Gedanken. Die frische Luft thut Dir gut. Will die
Jger rufen lassen und die Krbe und Flaschen fllen.
    Brigitte! sagte Herr Gottfried aufstehend und reckte sich. Ich wnschte,
ich wre selbst ein Dachs und knnte in mein Loch kriechen und schlafen den
ganzen Winter und she nichts und hrte nichts. Denn Gescheites geschieht doch
nicht mehr auf der Welt.
    Die Edelfrau horchte auf Etwas. Der Thrmer blies: Was ist das? - Nachher
Gtze mu ich Dir noch was sagen. Der Herr von Lindenberg war heute Nacht hier.
Es scheint mir was nicht richtig, aber da wir's nicht ndern knnen, ist's wohl
gescheidter, wir thun, als wten wir nichts.
    Der Burgherr war damit vollkommen einverstanden, um so mehr, da er wirklich
nicht wute, was er nicht wissen sollte, und was Einer nicht wei, ihn nicht
hei macht; und endlich, weil er gar nicht neugierig und der Meinung war, da
viel Wissen fr einen Mann vom Uebel sei. Aber eins htte er doch wissen mgen,
als Brigitte hinaus war, nmlich warum sein Eisenhemde nicht am Platze hing.
Auch die Bffelhaube fehlte und die Handschuhe. Er war ein Mann, der die Ordnung
liebte, nmlich seine eigene, und wie er auch danach suchte, so fand er sie eben
so wenig als Grnde, warum er sie nicht fand. So etwas konnte ihn verdrieen,
und wenn er verdrielich war, konnte er auch zornig werden. Und er fing schon
an, nur da keiner da war, an dem er seinen Zorn auslassen konnte, was aber noch
mehr zornig machen kann.
    Der Thrmer hatte wirklich geblasen, nicht einmal, wie wenn ein vereinzelter
Reiter gesehen wird, sondern in langen, wiederholten und anhaltenden Sten, die
einen ganzen Heereszug bedeuten. Ein Trupp Reiter in Harnisch und Helm schwenkte
in den langen Baumgang, der zum Schlo fhrte, das Eisen klirrte, und grad' als
die Edelfrau auf dem Hof war, forderte der Anfhrer im Namen seiner
kurfrstlichen Gnaden Oeffnung und Einla.
    Alle sahen sich verwundert an, es war doch nicht Fehde, Herr Gottfried nicht
in Acht, noch im Proce mit der Kammer des Kurfrsten, da er Einlagerung zu
frchten hatte.
    Oeffnet sonder Zaudern! rief der Anfhrer, den Eisenklopfer dreimal fallen
lassend. Wir wissen, da der Burgherr drinnen ist.
    Das ist ja Herr Achim von Arnim, der Voigt von Potsdam! rief die Frau.
Thut auf Leute, das ist etwas, oder 's ist eine Irrung.
    Die Reiter sprengten nur zum Theil in den Hof, der grere Theil blieb
drauen. Der Anfhrer grte mit adliger Sitte die Burgfrau, doch nicht sehr
freundlich: Es thut mir leid, gndige Frau, da wir uns so wiedersehen mssen.
Doch geht Pflicht vor Freundschaft. Wo ist Herr Gottfried?
    Mein Mann? Ach lieber Herr von Arnim, der ist eben erst aus dem Bett
aufgestanden. Er schlief noch vom Landtag her.
    Das thut mir leid, sprach der Voigt mit einem Lcheln um den Mund und
sprang aus dem Sattel.
    So mu ich ihn schon mitnehmen, wie er ist.
    Mitnehmen! Heilige Mutter Gottes, was ist's.
    Ist mir doch lieb, da er schon im Wamms und Hosen steckt, sagte der
Ritter, da Herr Gottfried jetzt aus der Halle zum Vorschein kam. 'Nen Pelz
knnt Ihr ihm noch umwerfen.
    Als Herr Gtz ihn grte, neigte sich der Voigt auch nicht um ein weniges,
sondern hielt den weien Stab in die Hh: Herr Gottfried von Bredow, im Namen
Seiner Kurfrstlichen Gnaden, Ihr seid mein Gefangener. Folgt mir in Gte.
    Gefangener! rief es. Das war doch auch fr Frau Brigitten des Schreckens
zu viel. Hans Jrgen sah Eva fragend an, Agnes strzte auf Herrn Gottfried und
umfate ihn: Sie sollen uns den Vater nicht nehmen.
    Das knnte nicht sein, lieber Herr von Arnim. Das ist ein falscher Befehl.
Warum?
    Der Anfhrer hob den Arm: Auf Seiner Durchlaucht eigenen Befehl, den ich
aus seinem Mund vernahm, bei Potsdam in der Forst. Ueberdem, wer wagt zu
zweifeln, der ein guter Vasall ist zu Brandenburg!
    Ein weniges lie er das Pergament aufrollen, das er aus der Brust zog. Dann,
als thte es nicht noth, schnellte er es wieder zusammen und schaute nur nach
seinen Reitern. Was er vor sich sah, that nicht gut, da ein kurfrstlicher
Diener es zu genau sah.
    Kaspar ri den Mund auf und drckte die Faust an die Zhne; Eva schrie und
flog zu Hans Jrgen. Sie fiel ihm nicht um den Hals, sie legte nur die Hnde auf
seine Schulter. Da Dich doch mal! hatte Herr Gtz gerufen; weiter nichts,
dann waren die Arme ihm straff niedergesunken und er schaute, bla, mit seinen
groen Augen in's Leere; aber Eva rief zu Hans Jrgen: Dulden wir's? - Wir
dulden's nicht, hatte er geantwortet; ich wei nicht, ob mit dem Mund oder den
Augen, aber er sprang zur Treppe nach der Rstkammer. Da war es gut, da der
kluge Knecht Ruprecht ihn auffing. Was er ihm zugeflstert, da er ihn
unterfate, ich kann's euch nicht wieder sagen.
    Die Harnische der Reiter klirrten, da sie einen Halbkreis um die
Burginsassen schlossen; der Wachtmeister strich den Knebelbart, der Voigt von
Arnim sprach kein Wort, aber auf seinen geschlossenen Lippen war geschrieben: Es
ist Ernst, gegen den nichts hilft.
    Der Leiterwagen mit den Strohbndeln stand schon geschirrt im Hofe. Der
Wachtmeister und noch ein Reiter setzten sich nach vorn und hinten, eine Kette
mit Handschellen verbargen sie noch unterm Strohsitz in der Mitte.
    Vater! Vater! Gtze, mein Gottfried!
    Und konnte der Dechant nichts mitgeben als seinen Segen? Die Burgfrau stie
ihn fort, sie schlang ihren krftigen Arm um den Hals ihres Herrn.
    Warum mutest Du mir das thun, Mann! Nun wei ich's, Du hast zu frei
gesprochen auf dem Landtag.
    Darum! - Das darum und warum verhallte unter dem Gerassel der Rder und Hufe
auf der Zugbrcke. Herr Dechant! Herr Dechant! riefen Mutter und Tchter dem
geistlichen Herrn nach, der auch hinausritt, still, gesenkten Hauptes, aber er
ritt nicht mit dem Wagen; er schwenkte drauen um nach links.
    Da sa die unglckliche Frau und Mutter mit ihren Tchtern auf dem Walle.
Er htte ihn doch trsten knnen auf dem langen Weg bis Spandow, schluchzte
Frau Brigitte. Was braucht der Peter Melchior des Zuspruchs, der ist nur ein
bischen krank und mein Herr - Ein Aufschrei unterbrach sie. Der Wagen mit den
Reisigen, als sie in den Wald lenkten, hielt, und deutlich sah man's, sie legten
dem Gefangenen Fesseln an. Da Gott erbarm, das ist zu arg! schrien' die
Mgde; die Tchter bargen weinend ihr Gesicht im Schoo der Mutter, die ihres in
beide Hnde sttzte: Nun ist's vorbei, nun ist's richtig, wir sehen ihn nimmer
wieder. Sie sah ihn auch nicht wieder, als sie pltzlich sich aufraffte und mit
dem Tuche nachwehte. Ro und Reisige waren im Walde verschwunden, im tiefen
Sande verhallte der Ton von Hufen und Rdern.

                              Dreizehntes Kapitel.



                         Der Frst und der Geheimrath.

Im kurfrstlichen Vorzimmer sa der Hauptmann der Leibwache. Obgleich er den
Lehnstuhl an den hellprasselnden Kamin gerckt, hatte er doch sein Stahlkleid
noch mit einem Wolfspelz umhllt; es war ein kalter, strmischer Sptabend, der
Wind heulte in den Bden des Schlosses und fuhr durch die Schlotte herab. Die
Spree dampfte; der Wohlgeruch, welcher von den Aepfelkhnen dann und wann herauf
und durch die schlecht verschlossenen Fenster drang, schien ihn nicht zu
erquicken. Er spielte ein gedankenloses Spiel mit seinem Dolche; wenn er dann
und wann sichtlich gelangweilt aufsprang und an's Fenster trat, zhlte er die
Lichter drben in den kleinen Husern der winklichten Stadt, wie eines um das
andere verlosch. Endlich waren alle verschwunden; nur auf der langen Brcke
schweelte noch kmmerlich fort die kleine, rthliche Oellampe unter dem
Muttergottesbilde.
    Durch die geffnete Thr sah man auf dem langen Corridor zwei Hellebardiere
mit gemessenen Schritten auf und abgehen. Zuweilen zeigte sich auch ein Mann an
der Schwelle, im kurfrstlichen Wappenrock, mit dem rothen Adler auf der Brust
und in hohen Reiterstiefeln, als warte er auf etwas. Wenn der Ritter ihn sah,
winkte er ihm mit der Hand: Er schreibt noch.
    Durch die Nachtluft drhnte jetzt ein Glockenschlag, dem drei andere
folgten. Von Sanct Nicolas tnten darauf zehn volle Glockenschlge. Als der
letzte verklungen, fing die Marienkirche an, vom Rathhaus antwortete es, und
pltzlich summte und schwirrte es, ein lautes Glockenmeer in der Luft, von den
Kirchen in Kln, dem Dom, Sanct Peter und den schwarzen Brdern, die sich nicht
Zeit zu lassen schienen, eine die andere abzuwarten. Die entfernteren und
kleineren Glocken von den grauen Brdern, dem Hospital von Sanct Georg hallten
auch nachklingend in der Ferne, als die Nachtwchter diesseits und jenseits der
Spree schon in's Horn stieen und ihr:

Hrt Ihr Herren und lat Euch sagen:
Die Glock' hat Zehn geschlagen,
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Damit der Stadt kein Schaden geschieht.
Lobet Gott den Herrn!

die Stille der Nacht fr eine Weile unterbrach.
    Auf dem Gange schallten Tritte. Die Hellebardiere schulterten, der
Hoffourier, der sich wieder an der Schwelle gezeigt, trat ehrerbietig zurck,
und ein vornehmer Herr in carmoisinem mit Gold gesticktem Wams und feiner
Halskrause trat unangemeldet mit eiligem aber einem so sicheren Schritte ein,
da man sah, er war dieses Bodens gewohnt.
    Ha, Du hast die Wache! rief er dem Officier zu. Das ist gut.
    Endlich, Wilkin! antwortete der Hauptmann und hielt ihm die Hand entgegen.
Welcher Teufel hat Dich denn beim Kopf gehabt?
    Erwartet mich seine Gnaden?
    Fnf-, sechs Mal schickte er nach Dir. Wie's Kind nach der Muttermilch
schnappt er nach Deinem Anblick. 'S ist grausam, da Du Dich ihm so lange
entzogst.
    Der Angekommene befhlte seine Halskrause, ob sie in Ordnung sei, strich die
Federn auf seinem Hut und wollte mit einem stummen Gru an dem wachthabenden
Officier vorbei nach der Thr zu den inneren Gemchern, aber der Hauptmann hielt
ihn zurck:
    Halt! Jetzt schreibt er. Vorhin zu spt und jetzt zu frh.
    Der Cavalier warf sich in den Lehnstuhl und schpfte tief Athem. Dann
wischte er den Schwei von der Stirn: Es ist mir ganz recht. Ich mu mich etwas
erholen; ich lief zu sehr.
    Nun sprich, wo stecktest Du? Du warst ja wie weggeblasen mit Deinem
Rappen.
    Du weit, er hat zuweilen den Koller.
    Du aber einen vortrefflichen Riecher, wo es eine Spur finden gilt. Als das
Unwetter gestern losging und alle Hrner umsonst schmetterten und keine Antwort
kam, war Jochem allen Ernstes besorgt, ein Nix, eine Elfe htte Dich verlockt,
und wir wrden Dich wiederfinden als kalten Mann in 'nem Sumpf oder an einem
Seeufer.
    Seit wann schickten Seine Gnaden nach mir? Ich meine, wann ist er nach Kln
zurckgekehrt?
    Gestern kehrten wir gar nicht zurck. Er suchte nach Dir, wie nach seinem
Schohund, da muten wir, weil wir uns bei Belitz versptet, in Potsdam
bernachten. Heut Morgen ward dort gejagt, erst zu Mittag kehrten wir heim. Du
kannst dem Hoffourier neue Sohlen schenken; so oft hat er fr Dich durch Koth
und Kehricht nach der Klosterstrae gemut. Blitz, was waren Deine Wege?
    Otterstdt! sagte der Andere nach einer Pause, indem er den Kopf in dem
Arm sttzte. Es schleicht mir was durch die Glieder seit einiger Zeit. Ist's
ein Fieber oder was ist's? Ich sehe die Dinge doppelt, oder was Andere sehen,
sehe ich nicht. Schauderte mich doch eben, als ich in's Schlo trat, und die
Ampeln wehten in den dunkeln Gngen.
    Du sahst doch nicht die weie Frau?
    Der Andere schttelte den Kopf.
    Oder trat Dir die eiserne Jungfrau entgegen und breitete die Arme nach Dir
aus?
    Der Cavalier machte eine abwehrende Bewegung: Schweig, schweig! Dummes
Zeug, ein Schwindel, mir wird schon besser.
    Glaube mir, lachte der Hauptmann, es ist das Katzenwedeln. Unsere Natur
ist nicht fr das Scharwenzeln. Wo die Weisheit mit Lffeln gefressen wird,
schrumpft der Magen ein. Sauf Dich mit uns mal wieder voll, dann vergehen die
Blhungen im Gesichte. Aber Menschenkind, bist uns noch Rechenschaft schuldig.
Zauste Dich das Fieber auch, als Du durch die Haide rittest?
    Ich sagt' es Dir ja schon, mein Pferd ri mich fort. Wei nicht, was ihm zu
Gesicht kam. Als ich's bewltigt, hatt' ich die Richtung verloren, ich kam nach
Brandenburg, Gott wei wie, und hielt es dann fr das Gerathenste, durch den
Barnim zu reiten. Da bernachtete ich drben in Kerzin.
    Da kann man freilich spt nach Berlin kommen! Ich will Dir's glauben, wenn
Du's willst.
    Du thust sehr gescheit, Otterstdt. Worauf wartet der Fourier?
    Auf ein Schreiben Seiner Durchlaucht.
    An wen?
    Was wei ich's, an welchen Schwarzrock oder welche Glatze. Wenn er
schreibt, ist's ja nur an Pfaffen und Gelehrte. Nach Straburg oder Basel
soll's. Richtig, 's ist der superkluge feine Abt; mit 'nem Tritt fngt's an und
mit Haus oder Heim luft's aus, der schon mal hier war und Weisheit schttelte,
wenn er sich im Bart kraute.
    Der Abt Trittheim, sein Lehrer!
    Ging's nach mir, Wilkin, so stch ich's dem Fuhrmann, der ihn bringen soll,
da er ihn in 'ne Pftze wrfe. Da mcht' er sich mit seinen lateinischen
Phrasen rausziehen. Ging das gelehrte Thier nicht hier wie ein Pfau mit
glsernen Fen, dem seine feine weie Hand zu gut dnkt, da er unsre groben
Sthle und Tische anrhrte? Und als tht er eine Gnade, wenn er mit Unsereinem
ein deutsch Wort wechselt?
    Diese Leute sind nicht schdlich, sagte der Andere. Ein Spielzeug fr
ihn. Wenn er sich mit ihnen in gelehrte Gesprche ber den Mond und den Papst
vertieft, ist's nur zu unserem Vortheil. Aber was soll der Abt jetzt?
    Was! Wozu anders als zu der Hauptgeschichte, derohalben wir Kurfrst
wurden. Soll dabei sein, Pathe stehen bei der neuen Universitt, wie sie's
nennen. Darber wird ja jetzt geschmiert und correspondirt mit Papst, mit
Frsten und Herren drauen im Reich, als knnte ein Markgraf von Brandenburg,
wenn er neu gebacken ist, nicht Eiligeres und Nthigeres thun, als 'ne Schule zu
grnden, wo die Buben das lateinische A B C lernen. La die Pommern die Oder
aussaufen, was geht's uns an, wenn wir nur in Frankfurt eine Universitt
kriegen, damit man von uns drauen schwatzt, was fr fromme und gelehrte Leute
wir sind.
    Das Testament befiehlt es ihm.
    Er thut Alles, was uns nicht Noth thut, und nichts, um was es uns zu thun
ist. Thut Euch in der Priegnitz eine Universitt noth? Wir in der Uckermark
brauchen keine. Hat's Mangel an Schreibern, Juristen, Pfaffen in der Altmark, in
der Neumark, in der Kurmark? Pfaffen, da man sich schtteln mchte, wie der
Bettler im Pelz, aber wenn er nur im Mond einen Platz fnde, stiftete er auch da
ein Bisthum.
    Sonst nichts Neues, Herr von Otterstdt?
    Will seinen kleinen Bruder, Prinz Albrecht, wenn Frankfurt geweiht wird,
zum Canonicus weihen lassen.1 Da dich - werden Alle noch Pfaffen und
Schwarzrcke werden.
    Zu Haus ist doch Alles in Ordnung?
    Prost Mahlzeit! Vom Gtze Bredow erfuhrst Du doch unterwegs?
    Der von Ziatz? Was ist mit ihm?
    Schne Geschichte. Ist nach Spandow gebracht, in den Thurm gesperrt. Es
giebt ein Gericht.
    Der alte Bredow? Verwundert war der Hofmann aufgesprungen. Ich - das mu
ein Miverstndni sein.
    Gebunden noch dazu. Soll mich wundern, was die Friesacker dazu sagen
werden. Plagt der Teufel den alten Krippenreiter, da er einem Juden auflauert,
der mit seinem Wagen nach Berlin fhrt.
    Einem Juden?
    Oder so was. Genug er hat ihn geworfen, leichter gemacht, geknebelt und in
den Graben geschmissen. Soweit ging Alles gut. Nun hat aber der dmlichte Kopf,
der nie viel Grips hatte, vergessen, da wenn man etwas wagt, man Alles wagen
und einem Kerl, der schreien kann, die Kehle fester zuschnren mu. Item, er hat
es verdorben. Es kamen Leute zu, die ihn losbanden. Zugerichtet wie er war,
konnte er doch noch ein Lamento erheben und seinen Ruber, wie so ein Kerl das
versteht, beschreiben.
    Wie beschrieb er ihn?
    Nun, da es kein Zweifel ist, es war der Hohen-Ziatzer. Der Schafskopf in
seinem verrosteten Panzerhemd, dran noch seine Farben und in der alten
Bffelhaube, die kein Mensch in der Mark mehr trgt als er, darin bei hellem
Licht und auf solcher Strae einen Krmer werfen! So Einen mu man nun als
Seinesgleichen gelten lassen. Er war noch pfiffig genug, da er nicht gleich
nach seinem Nest kehrt machte, sondern that, als ritte er nach Potsdam; da haben
ihn die Marktleute gesehen und erkannt. Von da ist er vermuthlich im Walde
eingeschwenkt und nach seinem Sumpfloch heimgeritten. Nicht wahr, 's geht Euch
wie mir im Kopf rum?
    Aber der Kurfrst, wie erfuhr er es?
    Ich sagte Euch ja schon, wir blieben die Nacht in Potsdam und jagten heute
frh dort. Da kam die Mhre denn brhsiedend warm zu uns. Das quikte und schrie,
wie wenn ich hei Wasser auf eine Tonne von Musen giee: Gerechtigkeit,
Gewaltthat! groer Kurfrst! Mir gellen noch die Ohren.
    Sprach der Kurfrst den Krmer, ich meine den Juden persnlich?
    Nein. Von den Katzenkpfen und dem Schnren hat er das Fieber gekriegt.
Aber der Schreiber hatte seine Aussage zu Protocoll genommen dort in Baumgartens
Fhrhaus. Darauf lie der Kurfrst den Vogt von Potsdam nach Ziatz reiten, und
der Vogel war in seinem Nest gefunden.
    Wird der Krmer - ich meine der Jude dran glauben mssen?
    Das glaube ich nicht. Der Markgraf will ihn morgen selbst verhren. Aber
der Ziatzer wird es. Das ist 'ne verdrieliche Sache, Wilkin. Wird uns wieder
'nen Brei einrhren. Der Gtz hat den Ruf eines Ehrenmannes. Heit es nun,
selbst der hat dem Kitzel nicht widerstehen knnen, welche Litanei geht da von
Neuem gegen den Adel los!
    La ihn doch klug sprechen! Je mehr er in das Sprechen kommt, um so mehr
gefllt er sich darin und um so weniger thut er. Wenn ihr klug wret, locktet
Ihr ihn sogar zum Reden, Ihr hrtet ihm mit Bewunderung zu, und wenn Ihr noch
klger wr't, antwortet Ihr mit dem Widerhall dessen, was Ihr gehrt. Ist das so
schwer, Phrasen auswendig zu lernen, die uns hundert Mal vorgesagt werden? Das
ist das Kunststck der Weisheit, die in der Welt gelten will.
    Aber es ist nicht klug von uns, ihm auf so dumme Weise zum Reden Anla zu
geben, sagte Otterstdt. Solch' ein Pfuscher im Handwerk! Wr's nicht sein
guter Name, er verdiente den Henker. Himmel und Hlle, das ganze Havelland kocht
und brennt.
    Wre das so schlimm? sagte der Andere, als die Thr zum inneren Zimmer
sich ffnete und der Kmmerer hinaus rief:
    Der Geheimrath von Lindenberg!
    Der Kurfrst stand vor seinem Schreibtisch, ein edler, schner, junger Mann,
auch ohne das frstliche Gewand, das an seine ritterliche Gestalt sich
schmiegsam fgte. Er las an einem entfalteten Pergament, dem man es ansah, da
er es nicht zum ersten Male geffnet, da er nicht zum ersten Male darin las. Er
kte die Schrift: Ich will es, seliger Geist meines Vaters! Ich hab's gelobt
und will es auch halten.
    Er schritt einige Mal im Zimmer auf und ab, indem er die Worte, die er eben
gelesen, mit lauter Stimme wiederholte.
    Deinen Frstenthron wirst Du nicht besser befestigen, als wenn Du den
Unterdrckten hilfst, wenn Du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen
berwltigen, und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden angedeihen lssest2.
    Erhabene Worte eines erhabenen Frsten! sprach der Geheimrath, sein Baret
mit gekreuzten Armen auf die Brust drckend, indem er sich tief neigte; es
schien mehr vor dem Pergament, das jetzt auf dem Tisch lag, als vor seinem
Herrn, der sich in den Armstuhl niedergelassen hatte.
    Es sollen nicht Worte bleiben, es sollen Thaten werden. Traust Du es mir
zu, Lindenberg?
    Werden? Gndigster Herr, ich meine, Sie sind es schon.
    O es liegt vor mir wie eine Wste, nein wie ein Gebirge. Wenn ich die
hchste Kuppe erklimme, war es nur ein Hgel, vor dem neue Ketten, Felsen,
Riesengebirge sich endlos weit ausdehnen. Wer fhrt mich durch diese
Schlangenwindungen, durch diese Lawinen den graden Weg?
    Ihr selbst! Wie Eures Vaters Vater ein Achilles war an Kraft, wie man Euren
Vater Johannes, weil seine weise Rede wie Honig von den Lippen flo, einen
Cicero nannte, werdet Ihr an Klugheit und Erfahrung ein Nestor sein, der nicht
gefhrt zu werden braucht, der Andere fhrt.
    Ich bin noch jung, aber - ich will's, Lindenberg, ich will's! Wie strkt
mich des Vaters Testament; allein jedesmal, wenn ich es berlese, wenn diese
Honigworte wie Balsam auf mein Herz trufeln, steigen auch neue Zweifel auf, wie
starre Klippen, die dem Schiffer den Weg versperren. O allmchtiger Gott, es ist
so viel was ich thun mu, und ich bin doch nur ein Mensch. Lies, lies es wieder,
dies kostbare Document des weisesten, des grten, des edelsten Mannes seines
Jahrhunderts.
    Lesen, gndiger Herr? Ich kann es auswendig. Erlaubt mir vielmehr, auf
dieses heilige Pergament meine Lippen zu drcken, als ein Gelbni, da, was in
meinen schwachen Krften steht, ich treu daran halten will.
    Ksse diese Stelle.
    Ist nicht eine so viel werth wie die andere?
    Vergi nicht mein Sohn, den Adel im Zaum zu halten; denn sein Uebermuth
verbt das meiste Bse. Strafe sie, wenn sie die Gesetze bertreten, und la
nicht zu, da sie irgend, wer es sei, wider Gebhr beschweren.
    Groer, seliger Johannes, es ist ein schmerzliches Wort!
    Das Dich nicht drcken kann. Du bist nicht wie die Andern. Setze Dich zu
mir. Wie hat mich nach Dir verlangt, Lindenberg, wieder einen Menschen zu sehen,
unter diesen Halbmenschen, mit ihm sprechen zu knnen, wie mir um's Herz ist,
und der meine Sprache versteht.
    Eure kurfrstlichen Gnaden sandten, wie ich hre, so eben nach dem Abt
Trittheim, ich begreife -
    Davon nachher.
    Htten wir doch diesen herrlichen Mann am Hofe festhalten knnen. Ich
begreife, da es ihm hier nicht wohl zu Muthe war, aber er htte seine Abneigung
berwinden sollen, aus Ehrfurcht und Dankbarkeit fr seinen frstlichen
Wohlthter und Schler.
    Was sollte er hier? rief der Frst, und ein innerlicher Schauer schien
seiner Herr zu werden. Unwillkrlich hatte er wieder nach der Schrift seines
Vaters gegriffen, und drckte die Finger auf die Stelle, welche lautet: Ich
hinterlasse Dir mein Sohn, ein groes Land; allein es ist kein Deutsches
Frstenthum, in dem mehr Zank, Mord und Grausamkeit im Schwange gehn, als in
unserer Mark.
    Aber ich will ihnen in die Ohren mit Posaunenton rufen, da ich wach bin,
weil sie denken, da ich schlafe. Mir ist nicht bange, ich kenne sie alle und
ihre Tcken, worauf sie bauen, ich will sie auffinden, in ihren Gelagen und
Schlupfwinkeln, in ihren Nestern und Spelunken, bei Tag und bei Nacht; ich will
die Straen fegen und die Burgen auskehren. Die Gromchtigen sollen vor mir
zittern und die Wlfe will ich aus dem Schafpelz jagen, den sie bergehangen.
Ich will ihnen Allen zeigen, da ich sie nicht frchte, noch ihr Geschrei, denn
ich bin ihr Herr.
    Er war aufgesprungen und ma wieder mit stolzen Schritten das Zimmer,
sichtlich durch die Erinnerung an ein jngstes Erlebni aufgeregt.
    Ist es erhrt, ist es denkbar nur, fuhr er fort, dieser Ruberanfall in
meiner nchsten Nhe, gleichsam unter meinen Augen, wo der Hauch meines Mundes
hinreicht, wo die Hufe meines Rosses den Boden kaum betreten, mir zum Hohn, dem
Lande zur Schmach, der Gerechtigkeit, die ich pflege, zum Aergerni. Ein
gemeiner, elender, blutiger Straenraub! Es ist mir, als htte der Raubmrder an
alle Bume geschrieben, unter denen ich fortritt: Wehe dem Lande, dessen Knig
ein Kind ist. Aber sie irren sich.
    Mein Durchlauchtigster Herr meint den Anfall von vorgestern an dem Juden,
von dem ich hrte.
    Heute, Lindenberg; es sind noch nicht vierundzwanzig Stunden um.
    Der Jude, Euer Gnaden soll -
    Es ist kein Jude, Du mut Dich ja des Krmers entsinnen, der uns in
Saarmund am Zoll seine Waaren ausbreitete. Ich kaufte davon. Es ist mein Geld,
die Beutel, noch von meinem Seckelmeister versiegelt, ri die verfluchte Hand
des Diebes fort.
    Wenn ich es nicht aus so glaubwrdigem Munde hrte, sollte ich es kaum
glauben. Jetzt entsinne ich mich auch dieses Krmers. Er war im grnen Wams,
richtig! Sein Gesicht, ich bekenne, flte mir schon damals wenig Zutrauen ein,
und ich sah ihm auf die Finger, als ihm das Geld aufgezhlt wurde. Aber ich mu
mich doch getuscht haben. Also es war kein Jude!
    Ich hasse die Juden, Lindenberg, und denke auch diesen unglubigen
Wucherern einen Daum auf's Auge zu setzen, wenn ihre Zeit kommt, denn sie sind
und bleiben Verrther an dem Blute, unseres Herrn und Heilandes. Aber, und wre
es Simon der Schcher oder Ischarioth gewesen, der die dreiig Silberlinge trug,
es htte Keiner ein Recht, es htte sich Keiner unterstehen sollen, wo ich den
Blutbann habe, seine Hand an ihn zu legen. Oder zweifelst Du?
    Ich zweifeln, wo mein Herr spricht!
    Und doch stehst Du sinnend da? Bist Du anderen Sinnes? Ich liebe freie
Meinungen, auch wenn sie meiner entgegen sind.
    Ich bekenne, da allerdings ein Zweifel eben auftauchte, und wnschte wohl,
da mein gndigster Herr mir da zu Hlfe kme. Gesetzt, was Ihr da eben
anfhrtet, Judas Ischarioth wre es, der von Kpnick nach Berlin mit seinem
Sndengelde zieht, und ich begegnete ihm im Walde, beim heiligen Johannes, ich
glaube nicht, da ich eine Snde thte, wenn ich ihm auf den Kopf schlge. Und
wr' es, hilf mir Gott, ich glaube doch, ich tht' es. Gndigster Herr, mir
scheint die Frage von Wichtigkeit. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und
Gott, was Gottes ist, verzeiht mir, ich spreche nur als Laie, aber liee sich
der Spruch hier nicht anwenden. Nein, Herr, auf die Gefahr Eurer Ungnade, die
Gelegenheit lie ich mir nicht entgehen. Ist Judas Ischarioth nicht rger als
der Teufel, der doch vor unserm Heiland weichen mute, und konnte ihn nicht in
Stricke und Versuchung bringen, wogegen Judas unsern Herrn in die Stricke seiner
Feinde verrathen hat. Den Teufel todt zu schlagen, das knnte doch kein Gericht
mir wehren, so es in meiner Macht stnde. Die Frage scheint mir allen Ernstes
wichtig genug, da ein christlicher Frst sie an die Universitten schickte,
damit man die Gutachten der theologischen Facultten darber erfhren.
    Die Facultten, Lieber, wrden vielleicht antworten, da kein Mensch ein
Recht hat, auch nur den Teufel todt zu schlagen, sintemal Gott ihn bestehen
lt, da er uns zu unserm Heil versucht. Was nun Judas anlangt, so hat Gott es
auch gefgt, da weder Ihr noch ich ihm in der Kpnicker Haide begegnen knnt,
da er lngst seinem Gerichte verfallen ist. Auch ist nicht der geschlagen,
sondern der Krmer Hedderich, und der ihn schlug, seid nicht Ihr, sondern es ist
Gottfried Bredow. Was sagt Ihr dazu! Nicht wahr, es stehen Euch die Haare zu
Berge.
    Die Sache fordert -
    Die strengste Untersuchung. Die soll ihr werden.
    Gewi die allerstrengste, gndiger Herr. Und doch berschleicht mich ein
Bedenken, ob es nicht gerathener sei, die ganze Sache auf sich beruhen zu
lassen. Verzeiht mir, es ist nur eine Ansicht. Der Gerechtigkeit natrlich ihren
vollen Lauf, aber das Wohl des ganzen Reiches, vor allem Eurer Selbst, Eurer
erlauchten Familie kommt doch auch in Betracht. Die Macht, die Verbreitung der
Bredows ber das ganze Havelland, die halbe Zauche, wo sind nicht die Bredows,
mu man nicht aus dem Auge lassen. Ich wei wohl, es sind nicht mehr die Zeiten
der Gnse von Puttlitz und der Quitzows, ich rede auch nicht von einem
Aufstande, der zu frchten wre, Euer starker Arm wrde ihn niederschlagen;
Rcksichten aber hat jeder Frst, insonderheit jeder christliche Frst und noch
mehr Einer, der nur fr das Wohl seiner Unterthanen lebt. Also ganz abgesehen
von einer Furcht vor Etwas, was mein hoher Herr nicht frchten darf, Ihr schlgt
einem Feinde in den Nacken, der furchtbar werden kann. Ich meine die Meinung,
welche die Familie fr sich hat. Sie haben in letzter Zeit sehr viel auf sich
gehalten, man hrte seit dreiig Jahren nicht, da ein Bredow auf der Strae
lag. Welches Aergernis gbe ein Proze und gerade gegen eines ihrer Mitglieder,
das sich des besten Rufes erfreute. Eine scharfe Gerechtigkeit, gegen ihn gebt,
wrden selbst die Gerechten verdammen.
    Es ist geschehen.
    Es ist noch nicht verlautbart; man kann es noch ungeschehen machen. Dieser
lumpige Krmer lt sich abfinden, wenn nicht mit Wenigem, kann man viel geben.
Die Bredows in Friesack wrden tief in ihre Lden greifen, aber, wenn mein Rath
durchginge, lieen wir es nicht bis dahin kommen. Befehle mein Kurfrst, so
wrde ich mit Vergngen selbst das Mittleramt bernehmen.
    Ich habe dem Feinde in den Nacken geschlagen, dem ich in's Auge sehen
will, rief der Kurfrst aus, und seine Augen leuchteten vor edlem Zorn. Morgen
wird der Uebertreter nach Berlin gefhrt, ich werde ihn richten. - Auswendig,
Lindenberg, willst Du das Testament meines Vaters kennen, und hast doch schon
seinen Inhalt vergessen. Legst Du so die Worte aus: Deinen Thron wirst Du nicht
besser befestigen, als wenn Du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen
berwltigen, und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden widerfahren lssest. Ich
will den Reichen nicht nachsehen, ich will gleiches Recht einem Jeden schenken.
Ist er's, dann beim Wohl meines Landes; bei meinem Schutzpatron, bei den
Heiligen allen, beim hchsten Gotte, den Rcksichten einen Futritt, die
zwischen mir und meiner Pflicht sich eindrngen wollen.
    So hatte der Geheimrath seinen Herrn noch nicht gesehen. Auch Johannes
Cicero, als er die fnfzehn Schlsser der Raubritter niederreien; als er die
Schuldigen richten, als er in Stendal das Henkersschwert walten lie gegen die
Aufrhrer, so furchtbar hatte er ihm nicht gednkt, als jetzt der Sohn. Der Sohn
in seinem Zorn, der doch kaum aus dem Jnglingsalter zum Mann geworden. Welche
Aussicht lag vor ihm!
    Der Kurfrst mochte den Eindruck bemerkt haben, den seine Rede auf seinen
Liebling hervorgebracht. Er setzte sich wieder und winkte ihm freundlich neben
ihm Platz zu nehmen!
    Ich mag es begreifen, wie es Dich schmerzt, sie sind Deines Blutes und
Standes. Soll es mich aber nicht mehr schmerzen, der ich das Siegel und das
Haupt bin ihres Bundes. Wie soll ich mit meiner Ritterschaft vor Kaiser und
Reich bestehen, wo ich ihre Ehre vertheidigen und vertreten soll und gleich
geachtet wissen mit denen in Franken und Sachsen, in Schweden, Westphalen und am
Rheine, wenn sie hohnlachend auf sie weisen und sprechen;: sind das Deine
Ritter, die Nachts in die Hrden brechen und Hammel und Ochsen stehlen und Gnse
forttreiben? Damit ich da nicht errthen mu und weinen ber Alle, mu ich hier
ausreuten das Unkraut vom Weizen. Mag dieser eine Mann nur dies eine Mal
verfallen sein den Stricken der Versuchung, da thut es mir leid um ihn; mehr
kann ich nicht, als ihn beklagen. Dann aber wird seine Bestrafung anders wirken,
als Du frchtest; denn die Leute werden denken, wenn selbst ein langer,
untadelhafter Wandel vor dem Verbrechen und der Strafe nicht schtzt, wie mu da
tglich Jeder beten und stndlich auf sich Acht haben, da ihn der Bse nicht in
einer schwachen Stunde beschleiche, wo die sndige Lust und der Kitzel dieser
Stunde die Gedanken und Werke von vielen Jahren vernichtet.
    Der Herr von Lindenberg schien wieder seine vorige Ruhe gewonnen zu haben.
    Euer Durchlaucht Grnde haben mich berzeugt. Es kann nur der leibhaftige
Satan gewesen sein, der diesen Mann verfhrt hat, Satan, dessen Macht Euer
Gnaden hochgelehrter Hofkaplan noch letzten Sonntag in der Predigt, so da uns
Allen die Haare zu Berge standen, beschrieb. Auf die Aussage des Krmers ist
nichts zu geben, er war von Angst und Schreck geblendet. Mir scheinen da
geheimnivolle Dinge im Spiel. Wie, wenn man die Sache dem Freigericht
bertrge? Die heilige Vehme, im Besitz uralter berlieferungen ist in diesen
geheimen Dingen sicherer das Rechte zu treffen. Auch ben ihre Aussprche, die
Vollstreckungen ihrer Urtheile auf das Volk noch immer eine wunderbare Macht.
Ist es geschehen, forscht Niemand nach dem Warum. Wenn eines Morgens Gottfrieds
Leiche auf der langen Brcke mit getrenntem Kopfe lge, wenn es hiee, da er,
verfehmt, verdammt, von dem Schreckbilde des Volkes, der eisernen Jungfrau,
umhalst, seine bertretung gebt, alsdann wren alle schlimmen Folgen von der
Person meines Frsten abgewlzt.
    Ein heimliches Gericht! rief Joachim. Da sei Gott fr. Was ich thue, soll
das Licht der Sonne nicht scheuen, ich will's vertreten vor mnniglich.
    So erwartete ich es von meinem gndigsten Herrn.
    Und du lchelst, wo mich in der Seele schaudert.
    Freimthig will ich es gestehen, mich befremdete der Gegenstand des
Gesprches. Whrend ich glaubte, da mein Frst mich zum Rath ber Wichtigeres
berufen, beschftigt ihn ein elender Straenraub. Vertieft dachte ich ihn mir in
den groen Planen, wie wir endlich den sehnlichen Wunsch, die ernste Aufgabe
seines Vaters lsen. Es ist eine Ehrenaufgabe Eures Hauses. Der Kaiser fordert
es, da jeder Kurfrst in seinen Landen eine Hochschule grnde, die Stnde des
Reiches dringen darauf schon seit zwei Geschlechtern, Euer Vater hinterlie die
Gelder -
    Kannst Du zweifeln, da ich sie richtig verwenden werde?
    Behte mich der Himmel vor solchem Frevel! Doch begreife ich nicht, wie
meines Frsten Geist, ganz von diesem groen Geschfte erfllt, noch mit Dingen
sich abgiebt, die er seinen Rthen und Dienern berlassen kann.
    Da, sieh hier, rief Joachim, und ri aus den Fchern seines Schreibtisches
Papiere und Pergamente. Hier fliet die Oder, hier ist Frankfurt; das ist der
Ri zum Collegienhaus; im knftigen Jahre wird der Bau begonnen. In dieser
Kapsel ist die Bulle des Papstes, hier ist des Kaisers Freibrief, den mein Vater
schon empfing. Dies Pack, die Briefe, gewechselt mit den Gelehrten in Basel,
Straburg, Leipzig. Lchelst Du wieder darber?
    Mein verdammter Mund, der so wenig ausdrckt, was die Seele denkt. Ich bin
kein Gelehrter, wie mein Frst, aber wr ich's, ich knnte mich nicht mit andern
Dingen daneben beschftigen. Auf die Gefahr meinem Herrn zu mifallen, spreche
ich es geradezu aus, es ist meine Pflicht als Mitglied Eures Geheimrathes, wenn
die Seele von einem Gegenstande erfllt ist, sollte sie auch alle Krfte ihm
widmen. Wie lange hat sich's nun schon hingezogen, da die Mark einer
Universitt entbehrt, weil Euer erlauchter Vater von zu vielen andern kleinen
lstigen Sorgen gedrckt war. Ob die Straen fahrbar, ob sicher sind, ob die
Zlle gut verpachtet, ob die Bierziese richtig eingeht, dafr knnen andere
sorgen, aber das geistige Wohl Eures Volkes zu bewachen, zu diesem hochheiligen
Geschfte wei ich nur Einen, der fhig ist, und jeder Augenblick, den er zu
anderen Beschftigungen abstiehlt, ist ein Raub.
    Ein Frst soll seine Augen berall haben.
    Und doch ist er nur ein Mensch. Indem er Alles selbst sehen, nichts seinen
Getreuen berlassen will, sieht er oft das Wichtigste nicht. Da ist es denn
geschehen, da Kursachsen uns zuvorkam, Wittenberg ist gegrndet und wir wollen
noch Frankfurt bauen.
    Mein Frankfurt soll Wittenberg berflgeln.
    Aber schon entging uns der gelehrte Dr. Simon Pistoris. Er bleibt nun in
Leipzig, weil sein Gegner der Dr. Pollicius, nach Wittenberg gegangen. Diese
Sule von Gelehrsamkeit, die allein eine Universitt getragen, dieser erste Arzt
Deutschlands, ist uns verloren.
    Ich meine, wir haben dafr einen andern, bessern gewonnen, sprach der
Kurfrst mit freudestrahlenden Blicken, indem er ein eben erffnetes Schreiben
dem Ritter vorlegte.
    Wimpina kommt.
    Lindenberg las und blickte mit dem Ausdruck der Ueberraschung und Freude
auf: In der That, das hatte ich nicht erwartet. Das ist ein Gewinn!
    Ein ungeheurer, sage ich Dir, Lindenberg. Eine Schule, auf weltliche
Weisheit gegrndet, ist ein halbes Werk; in Pistoris verloren wir einen groen
Arzt des Leibes, in Dr. Koch gewinnen wir einen Arzt des Geistes, eine Sule der
Kirche, den ersten Theologen Germaniens. Ich wnsche, Du kenntest seine
gelehrten Streitschriften. Noch kein Gelehrter hat mit solchen berzeugenden
Grnden, mit solchem gttlichen Feuer seine Gegner niedergedonnert.
    Koch-Wimpina! rief Lindenberg. Derselbe, welcher in der Streitschrift
gegen den Thoribus die Zahl der Ehemnner der heiligen Anna, Christi
Gromutter, feststellte3, und mit welcher glnzenden Beredsamkeit! Dr. Musculus
las es in einer Abendgesellschaft bei Hofe vor, Eure Gnaden waren ja selbst
zugegen. Ich darf gestehen, ich ging nie so erschttert und erbaut nach Hause.
    Derselbe, Lindenberg! Kommen wir noch zu spt? rief er triumphirend.
    Der Geheimrath verneigte sich tief.
    Hast Du noch etwas zu sagen? Hast Du noch zu tadeln? Sprich es aus.
    Ich kann nur wiederholen, was mein Herr schon gesprochen. Eine hohe Schule
ist wichtiger, als Alles. Der Geist, der von da aus ber die Mark sich
verbreitet, wie aus einem reichen, vollen Flusse Wassergrben und Rinnen, wird
den trocknen, drren Boden durchsickern und die Frchte der Zucht, Gesittung,
der Ordnung und des Fleies herstellen. So bessern wir am besten, so allein den
Zank, Mord und Grausamkeit, von denen der erlauchte Johannes spricht. Aber nur
wenn der Flu selbst klares Wasser ist. Da die Worte, die mein Frst sprach, in
Granit ber der Thre eingegraben wrden: eine Schule, auf weltliche Weisheit
gegrndet, ist nur ein halbes Werk. Herr, mein Frst, lat Euch nie verleiten
durch glnzenden Ruf der Gelahrtheit, beruft immer nur rechtglubige Gelehrte,
die Sulen werden der Kirche, nicht der weltlichen Wissenschaft. So nur wird
Frankfurt hier aufblhen, wenn die Kirche hier ihre Sulen findet, wenn die
Gelehrten festhalten an ihren Satzungen, unerbittlich in dem, was den weltlich
Gelehrten eine Thorheit scheint. Wo ist denn die Grenze zwischen dem, was der
Verstand begreift und der Glaube fat, und der ketzerische Dnkel, da ich es
bekennen mu, ist von Alters in der Mark zu Hause: auch der Adel ist nicht davon
frei, vielleicht daher die Verderbni, die wir beklagen.
    Joachim hatte ihn nur schwer ausreden lassen. Thue ich es denn nicht?
    Euer Wille ist gut, Eure Weisheit ber alle Frage, aber dennoch wei die
Schlange unter allerhand Wegen in das Heiligthum zu dringen. Wer hat die
Einsicht auf allen ihren Krmmungen ihr zu folgen? Sagt man doch selbst von
diesem Abt Trittheim -
    Was!
    Er ist gewi ein groer Gelehrter. Sei es auch fern von mir, zu zweifeln,
da er ein glubiger Christ sei. Aber man meint doch, da er fr einen Christen
sich zu sehr in die Naturwissenschaften vertieft. Da spricht man von wunderbaren
Dingen -
    Ich wei es. Das dumme Volk hlt jeden fr einen Zauberer, der in ihre
Geheimnisse zu dringen sucht.
    Auch in die verbotenen, Herr?
    Die Naturwissenschaften sollen frei sein. Das will ich, Lindenberg. Da sind
noch Dinge verborgen, die wir aus tiefen Schachten frdern mssen, wie das Gold,
das erst in der Sonne glnzt. Da mu man den Arbeitern freie Hand lassen, zur
Ehre Gottes. Und schtzen mu man sie gegen das Volk. Das ist Frsten Pflicht.
Ich will das Licht. Was senkst Du die Augen?
    Ich will es glauben, da der Abt Trittheim kein Zauberer ist, da mein Herr
es mich versichert -
    So wenig als ich es bin4.
    Aber ich will es nicht fr gewi behaupten, doch hrte ich es von sicheren
Leuten, er deutete an der Geschichte von Josua und der Sonne. Das Scheinbild der
Sonne habe nur stillgestanden, die Sonne aber sei weitergegangen.
    Trittheim! - Nein, das darf er nicht. An den Grundfesten der Religion darf
auch die Wissenschaft nicht rtteln. Beruhige Dich, Lindenberg, ich werde mit
ihm darber sprechen. Er wird sich von seinem Irrthum berzeugen lassen.
    Er wird es, davon bin ich berzeugt. Mein gndigster Herr, vielleicht
beleidige ich Eure bessere Einsicht, ich spreche ja nur als Laie, aber verzeiht
mir oder verdammt mich, ich konnte nicht anders.
    Mit dem Ausdruck immer steigenden Wohlgefallens hatte der junge Frst ihm
zugehrt. Er fate seinen Arm: Lindenberg, das ist gesprochen wie -
    Er unterbrach sich selbst, wie von einem pltzlichen Entschlu durchzckt,
und eilte nach einem kostbar mit Elfenbein ausgelegten Nubaumschrank, dessen
schweres Schlo er aufdrehte. Aber ebenso schnell lie er es wieder ruhen:
    Nein, nicht hier, morgen vor dem ganzen Hofe will ich Dir meinen - werde
ich Dir antworten.
    Mit einem gndigen Kopfnicken entlie der Frst den Geheimrath.
    Er ergriff noch einmal das Testament des Vaters und las die Stelle:
    Straf die Schmeichler, die Alles Dir zur Liebe und nichts zu des Landes
Wohlfahrt reden. Wirst Du ihnen folgen, so wirst Du Deine klugen Rthe
verlieren. - Des Schmeichlers Rede gleichet dem Schlangengifte, welches im sen
Schlaf zu Herzen dringt und den Tod wirkt, ehe man es gewahr wird.
    Indem er das Pergament wieder in den Schrank verschlo, sprach der Kurfrst
Joachim:
    Gelobt sei der Herr, ich habe einen Rath, der kein Schmeichler ist.

                                    Funoten


1 Albrecht, der nachmalige Erzbischof von Magdeburg und Kurfrst von Mainz,
Tebel's und der Wissenschaft Beschtzer.

2 Diese und die folgenden gesperrt abgedruckten Stze wrtlich aus Johannes
Cicero's Testament.

3 Factum, wie auch die brigen Anfhrungen. Koch Wimpina, als Rector der
Universitt Frankfurt, nachmals der grte und wirksamste Gegner der Reformation
in der Mark.

4 Weil Trittheim seine Zeitgenossen an Kenntnissen bertraf und auch in den
sogenannten geheimen Kenntnissen der Sternkunde, in der Physik, Chemie und
Arzneikunde bewandert war, wurde sowohl er, als sein Schler, der Kurfrst, von
Vielen fr einen Schwarzknstler gehalten.


                              Vierzehntes Kapitel.

                          Die Macht der Ueberzeugung.

Es war groer Markttag in Berlin. Aber wo die Verkufer und Kufer ihre Kpfe
zusammensteckten, war's nun bei den Tuchen aus Brandenburg und Burg, oder bei
den Stiefeln aus Kalau, oder dem sen Gebck aus Spandow, oder den Kochlffeln
und Quirlen und den Honigwaben, welche die Wenden aus Beeskow und Storkow
feilboten, berall gab es nur eine Neuigkeit, die besprochen ward. Ein
Raubritter war gefangen worden und in Ketten eingebracht und sollte gerichtet
werden. Ein Bredow war es, und der Bredow von Hohen-Ziatz, das wuten Alle; aber
was er gethan, wie er gefangen, ob er allein fr sich stand, oder im Bunde mit
Vielen, darber liefen so verschiedene Erzhlungen um als Berlin und Kln
zusammen Einwohner hat. Eine war immer schreckhafter als die andere, wie der
Kurfrst gewthet und sich die Haare gerauft und geschworen, er wolle ihn an den
hchsten Galgen hngen lassen.
    Waren die Brger und die von drauen uneins, ob sie darber sich freuen oder
klagen sollten, - denn Einige meinten, es sei doch schade, da es gerade den
Gtze Bredow getroffen - so sah man dafr nur zornige Gesichter unter den
Herren, die vom Lande gekommen. Sie steckten die Kpfe zusammen in den Schnken
und Gaststuben, die Augen rollten und die Fuste schlugen auf den Tisch. Was da
geflstert ward, die Flche und Drohungen, die von den Lippen quollen, wie Jener
ber die Tafel spie und mit dem Fu auftrat, da die Tischbeine knackten; es war
gut fr die Herren und das Gemeinwohl auch, da es dazumal noch keine Horcher
gab, und gab es deren, da die Angeber nicht bezahlt wurden, die nichts
hinterbringen konnten als Worte. Davon wren heutzutage Berge von Acten
geschrieben und Processe geworden, die htten lange Jahre gedauert, ja, es htte
nicht Dinte genug gegeben, noch Papier, um Alles zu schreiben, noch htte die
Mark so viele Festungen gehabt, um Alle, die verurtheilt wren, einzusperren.
Auch dazumal kamen die Worte bis zu den Geheimrthen und Kanzlaren und den
Frsten selbst; die aber dachten Einer wie der Andere: Worte sind Wind. Der
kommt und geht, und der ist ein Thor, der den Wind fassen will. Und darum ward
es nicht schlimmer. Den Kurfrsten aber nannten seine Zeitgenossen und
Nachkommen: Joachim Nestor oder Joachim den Weisen.1
    Durch's Spandauer Thor kamen an die Hundert geritten, in Wehr und Waffen und
sahen gar nicht freundlich aus. Es waren die Bredows von Friesack mit ihren
Lehnsvettern und Lehnsleuten. Jeder wute, um was sie kamen und verargte ihnen
nicht ihre bsen Blicke, aber es ward darum keine Trommel gerhrt, noch
schickten die kurfrstlichen Offiziere in's Schlo, da man sich vorsehe, ja die
Wache am Thor trat nicht einmal in's Gewehr. Die Bredows ritten nach ihrem Hause
am hohen Steinweg, um da zu rathschlagen, was zu thun sei, und man fand das gut
und lie sie rathschlagen, so viel sie wollten; erst wenn sie etwas gethan, das
nicht gut war, dann war es Zeit, da man nach ihnen fahndete und richtete.
    An seinem Fenster aber sah sie der Herr von Lindenberg vorberreiten, und
sein blasses Gesicht ward darum nicht freudiger. Man sah ihm an, da er die
Nacht wenig geschlafen, sein Morgentrunk stand auf dem Tische fast unberhrt:
sein buntes, glnzendes Hofkleid schien wie ein Spott zu seiner Miene. An seiner
Thr klopfte es, und herein trat der Dechant von Alten-Brandenburg.
    In Beider Blicken sprach sich etwas aus, was keiner Verstndigung durch
Worte bedurfte. Da bedarf ein Gesprch keiner langen Eingnge.
    Wir haben wohl Beide Eil', sagte der Herr von Lindenberg.
    Es freut mich, da mein gndiger Herr von Lindenberg zu Hofe sein mu, so
kostet das, warum ich ihn bitte, keinen besonderen Gang.
    Ihr kennt, wie ich, den unbiegsamen Charakter meines Herrn.
    Auch wenn der Herr von Lindenberg es auf sich nimmt, diesen Sinn zu beugen?
Wir haben alle Beweise gesammelt, die Zeugen sind unterwegs, da Herr Gottfried
in jener Nacht geschlafen hat.
    Sagt lieber, da er zu Bett gegangen und spt am Morgen aufgestanden ist.
Der Kanzler wird entgegnen, da damit nicht das Alibi erwiesen, da es eine oft
vorgekommene List derer ist, die Nachts ausziehen, sich Abends vor den Leuten zu
Bett zu legen und Morgens vor den Leuten aufzustehen, derweil man in der Nacht
durch die Fenster schlpft, an einem Seil ber die Mauer gleitet und auf der
Koppel ein gesattelt Pferd findet. Da kann man denn auch schwren, da das Thor
verschlossen blieb. Uebrigens wit Ihr, was die Zeugnisse der Dienstleute und
Freunde in solchen Dingen vor Gericht gelten.
    Auch mein Zeugni! sprach der Geistliche mit einem scharfen Blick auf den
Ritter. Ich komme eben von einem Krankenlager. Es war ein jammervoller Anblick,
den edlen Herrn von Krauchwitz zu sehen, wie er vom Fieber und unaussprechlicher
Angst geschttelt, alle Heiligen anrief, sich seiner zu erbarmen. Etwas ruchlos
sonst in seinen Gesinnungen, schien doch die Gnade pltzlich zum Durchbruch
gekommen. Eine rechte Freude war es, einen solchen Snder in zerknirschter Bue
der Kirche wieder gewonnen zu sehen. Auf seinen Knien, die Hnde krampfhaft
faltend -
    Herr Dechant, unterbrach ihn der Ritter aufspringend, Ihr seid ein Diener
der Kirche, Ihr kennt Eure heiligen Pflichten. Ein Priester, der das Geheimni
der Beichte bricht, und glt' es des Kurfrsten Leben, Joachim vergiebt es ihm
nimmer.
    Nicht in der Beichte, als Freund vertraute mir der Junker, was er wute.
Mich bindet nichts, als - meine Vernunft, wenn ich alle Schritte thue, die
Freundschaft und Religion mir gebieten, die Ehre und das Leben eines
unschuldigen Freundes zu retten.
    Sie standen sich gegenber, der Ritter mit gekreuzten Armen, der Geistliche
die Hnde in den Aermeln verschlungen, und maen sich mit ihren Blicken:
    Sprecht! sagte der Geheimrath mit vollkommener Ruhe, das Auge scharf auf
den Priester, der seine Augen jetzt auf der Diele ruhen lie:
    Der Rechtsstreit unseres Domcapitels ber die Caveln und die Fischerei in
den Havelseen dauert schon Jahre und kann noch Jahre dauern, und wiewohl ich
nicht zweifle, da das Recht, welches auf Seiten des Stiftes ist, zu Tage kommen
mu, so sind die Grvenitze doch leider jetzt im Besitz und -
    Und Ihr mchtet gern die sen Karpfen, die Aale, Karauschen und Zander
schon jetzt auf Eurer Tafel haben - Herr Dechant! Ich bin nur der Vormund der
Grvenitz'schen Kinder.
    Als gerechter Vormund drft Ihr aber doch kein Unrecht vertheidigen; Ihr
knntet Namens der unschuldigen Kleinen -
    Das ist viel gefordert, Herr Dechant!
    Es steht bei Euch, was Ihr opfert und was Ihr gewinnt, abzuwgen. Ich
spreche nicht fr mich, nur im Auftrag des Capitels, das mir schon seit lnger
Vollmacht ertheilte.
    Der Geheimrath schwieg eine Weile: Der Kauf wre fr Euch zu vorteilhaft
und mein Gewinn mehr als zweifelhaft. Mit den stummen Fischen stopfe ich nur den
Mund eines Zeugen. Wo soll ich Fische hernehmen fr die andern Muler! So wie
Euer Verstand Euch sagen wird, kann ich auf den Handel nicht eingehen. Ihr mt
zulegen, viel, das Beste.
    Der Dechant schlug wieder die Augen auf: Sprecht!
    Gtze war es, dabei bleibt, dabei mu es bleiben. Glaubt Ihr nicht, da ich
auch Beweise sammeln kann? Ich habe auch Zeugen vorzufhren. Aber ich will einen
besseren haben. Gtze selbst soll es eingestehen.
    Mit halb offenem Munde sah ihn der Geistliche an.
    Wre das so schwer ihn zu berreden, da er eine That einrumte, die ihm
vor den Menschen keine Schande macht? Was! hat nicht der Krmer beim Handel
seine Leute ber's Ohr gehauen, muten diese nicht selbst Justiz an ihm nehmen?
Noch mehr, wie ich erfuhr, hat der Schelm von dem Trockenplatz des Herrn
Leibkleid bei nchtlicher Weile fortgestohlen. Sollte Gtz das ruhig hinnehmen!
Wenn er gesteht, will ich sein Advokat sein vor dem Kurfrsten. Und kein
schlechter; das glaubt mir. Nur ein Exce in eigenmchtiger Selbsthlfe war es;
in die andere Wagschale thut man seinen guten Leumund, die ganze Ritterschaft
tritt fr ihn ein. Eine ritterliche Haft von ein paar Monaten, eine Geldbue von
ein paar Mark, die ich bezahlen will, und der ganze Bettel ist ausgeglichen.
    Gndigster Herr, wer soll ihn dazu berreden!
    Wozu seid Ihr Pfaff, wozu habt Ihr Logik studirt und die Beredsamkeit in
Ingolstadt?
    Wenn er bei gesunden Sinnen ist, Herr von Lindenberg -
    Auf den Gtz kommt's nicht an, es kommt auf Euch an, ob Ihr bei gesunden
Sinnen seid.
    Er ist zu ehrlich und wahrhaftig.
    Will ich denn, da er lgen soll? - Wenn er nicht geschlafen, wenn er
gewut htte, da der Krmer mit seinen Hosen durchging, wrde er nicht gewthet
und getobt, wrde ernicht, auch ohne Hosen, auf's Pferd sich gesetzt haben, und
htte er dann ihn sanfter gestreichelt?
    Ich glaube kaum.
    So verstndigen wir uns. Er schlief acht volle Tage, so glaubt Ihr, er, ich
vielleicht auch; aber thut der Mensch im Schlafe nichts? Vegetirt, trumt er
nicht, fhrt er nicht auf, ja man wei sogar, da er auf Dchern spazieren geht!
- Ist's so schwer, ihm einreden, da er das gethan, was er htte thun mssen,
was er bei freien Sinnen gethan haben wrde? Ehrwrdiger Herr, bedrfen denn
nicht Menschen, wie er, immer eines Vormundes, wie denn eigentlich die Mehrzahl
der Menschen nur nachspricht, was Andere ihnen vorsagen? Worauf wre das
Regiment der Kirche begrndet, als da sie bei guter Zeit die Vormundschaft ber
die Unmndigen bernahm? Diese Zeit mchte ihrem Ende sich nhern, da mancher
Laie mndig wird. Es thte daher gut, wenn die Kirche bei Zeiten vernnftig
theilte, was sie nicht allein besitzen kann.
    Herr von Lindenberg, wir verstehen uns, aber die Aufgabe -
    Ist nicht so schwer, als sie aussieht. Kann Gtz ein knstlich gewebtes,
verschlungenes Redenetz rasch durchschauen? Nein! Kann er, darin gefangen, sich
loshaspeln? Vielleicht, wenn er wieder geschlafen hat und erwacht ist, und noch
einmal geschlafen hat. Das mag er; wir haben, was wir wollten. Auf dem Landtage
hat er immer Nein gesagt; aber der Landtagsmarschall wute ihn so zu verstricken
in seinen Reden, da er immer glaubte, Ja gesagt zu haben, und als er aufwachte,
stand es zu Papier und sein Name darunter. Ich sage Euch da nur sehr was
Alltgliches, was auf jedem Landtag vorkommt, aber wollt Ihr minder klug sein
als unser Landtagsmarschall?
    Der Ritter legte seine Hand auf des Dechanten Schulter und sah ihn mit
durchdringender Freundlichkeit an.
    Es wre - aber - sein Weib -
    Wir haben es nur mit ihm zu thun. Sie ist in Hohen-Ziatz. Man hat
Einlagerung nachgeschickt, damit nichts verschleppt wird.
    Versuchen will ich es, sprach der Dechant mit gedmpfter Stimme, in
Anbetracht, da das allgemeine Wohl -
    Um Gottes Willen lat das aus Eurem Gebet. Fliegt jetzt nach dem Mhlenhof.
Der Vogt von Hoym wird Euch ohne Zaudern einlassen; Geistliche finden bei uns
nirgend verschlossene Thren. Der Hofprediger Musculus ist, wie ich hre, schon
bei ihm. Sprecht wie Cicero, wie Sanct Johannes, singt wie Orpheus, aber in
einer Stunde mu es geschehen sein.
    Der Dechant ging. An der Thr fate der Ritter noch einmal seine Hand:
    Der Bischof Scultetus wird alt. Mir hat es nie gefallen, da ein
Bauernsohn, eines schlesischen Schulzen Enkel, den Bischofssitz von Brandenburg
einnehmen durfte. Wenn ich dann noch in der Nhe des Kurfrsten bin, so seid
dessen gewi, da nur ein Kurmrkischer von Adel zu dieser erhabenen Wrde
gewhlt wird. - Herr von Krummensee, rechnet dann auf mich. Er drckte ihm die
Hand.
    Es wre ihm gut gewesen, wenn der Dechant fliegen knnen, denn das Gedrnge
auf der Strae war gro, es war aber doch vielleicht besser, da er nicht flog,
sondern nur mit groer Anstrengung sich durch die Volkshaufen und Marktleute den
Weg bahnte. Inzwischen hatte ihm ein Anderer auf unerwartete Weise bei dem
Gefangenen den Weg in ganz anderer Weise gebahnt.
    Der Hof-Caplan Andreas Musculus, ein junger Priester, war auf Anla einer
alten Frau von Bredow, die in Berlin lebte, zu ihrem gefangenen Verwandten
gegangen, um ihm Trost einzusprechen oder seine Beichte abzunehmen. Sie hatten
Vieles und lange mit einander gesprochen, und Musculus den gedrckten Mann noch
durch keine zornschnaubenden Verwnschungen und Blicke auf seine Sndhaftigkeit
niedergeschmettert, wie wohl der Priester Art ist. Vielmehr hatte er so
aufmerksam ihm zugehrt, wie ein Arzt, der einen Kranken, dessen Zustand ihm
noch zweifelhaft erscheint, ganz aushren will, um alle Symptome zu erfahren,
bis er sein Urtheil spricht.
    Es mu mit dem Satan zugehen, schlo der Gefangene, ich kann mir's gar
nicht anders denken. Bin mir doch keines Fehls und keiner Snde bewut. Die drei
Wochen, da wir Stnde beim Landtage saen, lieber Gott, da haben wir doch Alle
nichts gethan, das wei jedes Kind. Ihr nickt dazu. Dann kam der Festschmau, da
tranken wir auf des Kurfrsten Wohl und des ganzen kurfrstlichen Hauses, so
lange wir stehen konnten, das ist doch keine Snde! Wie's unterwegs war, das
wei ich nicht. Dann kamen wir in Hohen-Ziatz an, das wei ich noch. Sie
brachten mich zu Bett, das wird Sonntag vor acht Tagen gewesen sein. Freilich,
da konnte ich nicht zur Kirche. Wre das etwa? - Ihr schttelt den Kopf. Und von
da ab hab' ich denn doch geschlafen, eigentlich bis ich wieder nach Berlin
geholt wurde. Da fllt mir etwas ein. Meine Frau, die Brigitte, 's ist ein gutes
Weib, aber sie sagen, da sie ein bischen freigeistisch wre, ich verstehe das
nicht. Wr's das etwa?
    Der Prediger schttelte den Kopf: Danach verlangt itzo Satan nicht. Strengt
Euer Gedchtni, lieber Ritter, vielmehr anderswo an. Habt Ihr immer getrumt?
    Das wohl, ich wei es nur nicht mehr recht. Einmal, das war kurios, stand
ein langer Mann vor meinem Bette, im rothen Mantel, mit einem groen, blanken
Schwert unterm Arme; der fragt mich: Warum warst Du in Berlin? - Ich sagte: Ich
war ja Landstand. - Was hast Du da gethan? fragte er. Ich sagte: Ich habe
gegessen, getrunken, geschlafen, Ja gesagt und Vivat gerufen. Er sagte: Dazu
brauchst Du keinen Kopf! Und Schwipp, Schwapp, schlug er ihn mir ab. Er rollte
unter's Deckbett, da ich Mhe hatte, ihn wieder zu greifen. War das etwa der
Gottseibeiuns?
    Der Prediger besann sich, aber schttelte den Kopf: Nein, lieber Mann, in
der Gestalt zeigt itzo Satan sich nicht. Ich sage nicht, da er sich nie so
gezeigt, noch je so zeigen wird, allein das ist es nicht.
    Ich hab' mir sonst so mancherlei Bedenken darber gemacht.
    Das ist aber Satans Werk, lieber Herr von Bredow, da er die Gedanken der
Menschen ablenkt auf andere Dinge, damit sie seinen Spuren nicht folgen sollen,
und das ist mein ganzes Studium, da ich ihm auf der Fhrte bleibe. Er ist gar
nicht so stark, als die Theologen meinen, da er berall Gott in seinen Werken
die Spitze bieten knnte. Er neckt und hnselt die Erdenkinder nur durch seine
Geister, da sie ihm berall nachsetzen sollen, und so ihre Krfte zersplittern,
derweil er mit seiner ganzen Kraft, wie ein schlauer Feldherr, sich auf eine
Festung, auf einen Landstrich wirft, um ihn unversehens zu berrumpeln. Hat er
sich festgesetzt, da erobert, dann geht er weiter in Sprngen und Stzen, wie
der Ryssel im Schachspiel, und da ihm zu folgen, das freilich kann nicht ein
Jeder, er mag sonst sehr gelehrt sein.
    Der Herr von Bredow faltete die Hnde: da Gott dem Erbfeinde solche Macht
gelassen hat!
    Nur damit wir uns anstrengen sollen, nicht ihn zu berwinden, das ist
leichter; nein, ihn nur in seinen vielen Wandlungen zu erkennen und zu fassen.
Ist das geschehen, so ist die Arbeit wahrhaftig nicht so gro. Ich knnte Euch
bei mir zu Hause eine Karte zeigen oder einen Stammbaum, wo ich durch die ganze
Historia mundi nachgewiesen habe, wie er auf Erden gegangen. Das sind Sprnge,
das sind Winkelzge, wie er die Menschen, ganze Geschlechter und Vlker, beim
Schopf gefat hielt. Er ist der beste Menschenkenner, das mu man ihm lassen.
Was ihren Sinnen, ihrem Stolz, ihrer Eitelkeit schmeichelt, o da wei er darein
zu fahren, da sendet er seine besten Gesellen hin, da versteht er wei schwarz
und schwarz wei zu malen, da die Gescheitesten gefangen werden. Was die alten
Griechen Ideen nannten, das war sein Steckenpferd. Hatte sich ein solches
Gespenst der Menschheit bemchtigt, da war sein Acker und Pflug, da sete und
erntete er, und unter seiner Sichel fielen Junge, Alte, Familien, ganze
Generationen und Vlker.
    Der Herrgott bewahre uns vor den Ideen! rief Herr von Bredow.
    Ihr habt Recht; diese Gefahr ist jedoch hier nicht nahe. Er hat hier seinen
Anker anderwrts ausgeworfen, auf einen andern Acker, auf dem er die Menschheit
so bethrt, da gar nicht abzusehen ist, was daraus werden soll, wenn nicht den
Obrigkeiten endlich die Augen aufgeben. Das ist eine frchterliche Macht: die
Leute lachen darber, wenn ich den Mund aufthue. Verbrenne ihn Dir nicht! rufen
die Sptter mir zu, Ihr mit Blindheit Geschlagenen, die Ihr Euch Morgens
einhllt in das Gewand der Snde, sonder Arg, und es umstrickt Euch wie das
Kleid der Dejaneira, Ihr raset und tobt, und derweil Ihr noch whnt, frei und
Christen zu sein, seid Ihr Sclaven des Beelzebub.
    Um der Gebenedeieten willen, was ist's?
    Mein lieber Herr von Bredow, habet Ihr Euch jemals fangen lassen von der
Hoffahrt und Snde, dann soll's mich nicht Wunder nehmen, habt Ihr auch
Pluderhosen getragen?
    Ich! rief der Ritter. Da mich Gott behte, nie that ich meinen Leib in
solches Zeug. Seht hier - und er klopfte auf sein Beinkleid, aber der Prediger
lie ihn nicht ausreden.
    Lobet den Herrn! Wahrlich ich sage Euch, denen, die Pluderhosen tragen, hat
Gott es in's Kerbholz geschrieben zum jngsten Tage. Es wre kein Wunder, wenn
die Sonne pltzlich aufhrte zu scheinen, wenn es Nacht wrde um Mittag, wenn
die Erde nicht mehr trge, wenn Gott mit dem jngsten Tage drein schlge wegen
dieser grauenhaft unmenschlichen Kleidung2. Da ich es ausspreche, der Teufel,
der leibhaftige selbst, steckt darin. Aus der Hlle ist er gefahren, ihm ist da
nicht so wohl und wonnig als in diesem Wust. Gottes Abbild, den schn geformten
Menschen, hat er zu einer Vogelscheuche umgebildet, das ist sein Gaudium. O wr'
es das allein, dann scheute doch wenigstens die unvernnftige Creatur davor,
aber es ist wie eine Lockspeise fr sie; je weiter gepufft, je greller gefrbt
der Popanz ist, um so grer die Verfhrung. Was sind alle Irrwische gegen diese
Lasterbeutel, was war die Pfeife des Rattenfngers von Hameln gegen diese
umwandelnden pausbackigen Ungeheuer der Hoffahrt, danach die Fante laufen, um
hineinzustrzen, voll Freude, voll Wahnsinn, voll Gierigkeit, einer den andern
zu berbieten. Nicht mit einem Paar zufrieden, lt er sich zwei machen. Nur
hineingeworfen, Geld, Renten, Grundstcke, ein ganzes Vermgen, was will der
zeitliche Ruin eines Menschen sagen gegen seinen ewigen. Christi heiliger Rock
in Trier ist ungenht, ein Stck; darum hat der Teufel dieses Stck aus hundert
Mal hundert Stcken Tuches gefertigt, und tausend Mal tausend Nadelstiche
reichen nicht aus, so viel Stiche als die Nattern im hllischen Feuer dem
unglckseligen Versessenen drunten versetzen werden.
    Der Gefangene nahm den Augenblick wahr, wo der Redner Athem schpfte, um,
was er schon lngst vergebens versucht, ihm in die Rede zu fallen und sich auch
hren zu lassen. Er htte dieselbe Wahrnehmung wie der andere machen knnen,
da, wenn Jemand von einem Dinge erfllt ist, er im Eifer drber nur sich sieht
und hrt, und was der andere vorbringt nur hinnimmt, weil es nun einmal nicht
anders geht. So viel der ehrenwerthe Gottfried nun auch reden mochte, von der
guten, alten Sitte, lederne Hosen zu tragen, die sich an den Leib fgten, wie
Gott ihn geschaffen, die das Blut khlten, den Sonnenbrand abhielten, als von
der Natur selbst dem Edelmann zugewiesen, das nahm der Zuhrer hin, wie das Kind
die bittere Arzenei, um nachher das Stck Zucker zu schnappen. Aber erst da, als
Herr Gottfried gegen die Tuchkleider sich aussprach, da von Natur Haut auf Haut
und nicht Schafwolle auf Menschenhaut gehre, da die Gewnder aus Tuchen eine
Erfindung wren, von der Habsucht und Schlauheit der reichen Brgerherren
gemacht, um den Adel sich unterwrfig zu machen, erst da erwachte des Doctors
Aufmerksamkeit, und er schnappte auf den Augenblick, dem Redner in's Wort zu
fallen.
    Das Futter, die Steppnhte, das schlampichte, weiche Zeug -
    Das ist's, das ist der Anfang, fiel Musculus ihm in's Wort und lie es
sich nun nicht wieder nehmen. Hatte er doch seine Geschichte von der Entstehung
der Pluderhosen diesmal noch nicht an den Mann gebracht. - Der Vater war ein
wohlbeleibter Mann. Ihm paten sie so grade. Er stirbt, sein Sohn ist dnn, ihm
schlumpen sie um die Beine, aber das Tuch ist schn und fein, es dnkt ihm
schade, er will nichts ausschneiden, da lt er mehr Falten einnhen. Die Falten
warfen sich schlecht; er lt sie aufschlitzen mit buntem Tand fttern. Nun
ist's ein Prachtkleid. Hans hat es; Peter ist so reich als Hans, soll er's nicht
auch haben! Und Christian ist noch reicher; der thut zehn Ellen hinzu. Das sind
des Teufels Wege auf Erden. Nun will's Jeder dem andern zuvorthun. Die Reichen,
lat sie verderben, steht's doch geschrieben: kein Reicher kommt in's
Himmelreich. Aber auch die Armen wollen reich scheinen. Da darben sie und
borgen. Immerzu, der Hllenrachen ist weit. Die Vernnftigen mchten es nicht,
aber wo die Thorheit herrscht, mu der Kluge den Thoren spielen, damit man ihn
nicht einen Narren schilt. So mein theurer Ritter, sind wir in das Irrsal
hinein, in den bunten infernalischen Mummenschanz des Beelzebub, da ist kein
Herauskommen mehr: als wie in dem Venusberge, wirbeln Grafen und Frsten, Knige
und Kaiser; es fehlte nur noch, da auch der Kirche Diener in Pluderhosen an
seinen Altar trte. Die Menschen, wenn es so fortgeht, werden gar nicht mehr
allein diese Hosen tragen und schleppen knnen; wie Schleppen der Kaiser und
Kaiserinnen, werden Pagen und Knechte hinter Jedem hergehen mssen, da er seine
Snde und seinen Wust fortschleppe. Aber - ich habe einen Trost -
    Er schpfte Athem, der Gefangene wollte ihn auch benutzen: Herr
Hofprediger! Gerechtigkeit mu doch auf Gottes Erdboden sein. Wenn der Kurfrst
-
    Ja, wenn der Kurfrst auf mich hren wollte, fiel der Prediger ein, der
inde den Athem geschpft hatte. Aber er hrt nicht, er lchelt, wenn ich im
heiligen Eifer spreche. So mchtig ist Satans Reich, selbst dieser fromme Frst
von seinen Spiegesellen umgarnt! Drft ich predigen, drft ich von der Kanzel
donnern. Ich habe sie ihm vorgelesen, er fand meine Predigt gut, aber sie sei
nicht an der Zeit. Was gut ist, ist immer an der Zeit. Er will sie der
theologischen Facultt zur Begutachtung vorlegen lassen. Da mu ich warten, bis
die Universitt an der Oder geweiht ist. O der Teufel wird lachen ber die
Frist, die ihm geschenkt ist, er wird sie nutzen. Dann kommt es zu spt; dann
kann Kaiser und Reich umsonst interdiciren, der heilige Vater in Rom mu seine
Blitze schleudern, wo vorhin die Zornworte, die der Herr einem einfltigen
Priester lieh, gengt htten.
    Was half das alles dem artigen Herrn Gottfried, da der gelehrte Hofprediger
ihm seine Aussichten ber die Wege des Teufels auf Erden auseinandersetzte, und
da er jetzt im Stadium der Pluderhosen stecke.
    Ist denn aber gar keine Aussicht da? - fragte er, und meinte fr sich,
denn die Welt wrde sich schon selber helfen, meinte Herr von Bredow. Der
Hofprediger aber dachte nicht an den, zu dessen Trost er geschickt war, sondern
an die Welt.
    Doch eine, antwortete er, ich meine damit habe sich der Hlle Macht
erschpft. Sie wthet zu toll, das ist ein Anzeichen, da es auf die Letzt geht.
So wollen wir denn zum allmchtigen Gott hoffen, da dieser Hosenteufel der
letzte sei, der noch vor dem jngsten Tage das Seinige thun und ausrichten
sollte3.
    Zum jngsten Tage! Soll ich denn bis dahin eingesperrt bleiben? Herr
Doctor, was habe ich denn mit dem Erbfeind zu schaffen gehabt? Es durfte ja in
mein Haus keine Pluderhose.
    Und dann wundert Ihr Euch, Lieber, der Anfechtungen! Weshalb ist Euch Satan
feind, als eben darum. Er will Euer Verderben, wie er mein Verderben will, denn
er ist klger als die Schlange. Wenn ich von der Kanzel herab sehe, da der
Kurfrst lchelt, wei ich nicht, da er es ist, der ihn heimlich kitzelt; wenn
er die Hand vor den Mund thut, glaubt Ihr, da ich ihn ghnen mache? Wenn ich
ihn bei Hofe antreten will, und er weicht mir aus, und ich hrte ihn einmal
sagen: Ach Gott, da ist schon wieder der Schwtzer! Vermeint Ihr, da ich der
Schwtzer bin, und Joachim ist es, der mich dafr hlt? Wrde der
gottesfrchtige, hochgelehrte Kurfrst einen Schwtzer zum Hofprediger
bestellen! Satan allein ist's, der sich jetzt in meine, jetzt in des Kurfrsten,
jetzt in Eure Gestalt hllt, der so seine Dinge wirkt, und seine Dinge sind
Unfriede, Gestank, Aufruhr, Finsterni, Wirrwar und Miverstndnis damit er im
Trben fischen kann.
    Aber sagt doch, wie komme ich denn dazu? Wie komme ich los?
    Ihr! - Durch Ergebung und Geduld. Wartet nur noch eine halbe Stunde, lieber
Herr von Bredow. Ich gehe meine Predigt zu holen. Wir wollen sie lesen von
Anfang bis zu Ende. Dann, so gestrkt, wird uns der Herr ja die Wege weisen, um
aus dem Irrsal Euch herauszufhren.
    Aber nach einer halben Stunde sa nicht der Hofcaplan, sondern der Dechant
von Altbrandenburg neben dem Gefangenen, und hatte eine Schrift gefertigt,
welche vor ihm auf dem Tische lag.
    Herr Gottfried sa, wie die Ergebung selbst, auf dem Schemel.
    'S ist doch hart! Und da ich das selbst unterschreiben mu.
    Bedenkt, mein wrdiger Freund, was die Mrtyrer gethan und gelitten. Sie
selbst vergaen es, ich meine ihr irdisches Wohl, um die Wege des Satans auf
Erden zu kreuzen und ihren christlichen Mitmenschen die zur Gottseligkeit zu
bahnen.
    Nu ja die Mrtyrer wollten Heilige werden. Die Zeiten sind vorbei.
    Hier ist die Feder.
    Hat sie wirklich sie gewaschen?
    Drei Tage sah ich sie auf dem Trockenplatz hngen mit meinen eigenen
Augen.
    Und der Kasper! Warte! Kann sich doch kein Mensch auf keine Seele nicht
verlassen.
    Am wenigsten auf sich selbst, mein werther Freund. Wie ging es mir dazumal
in Neu-Brandenburg, wenn Ihr Euch der rgerlichen Geschichte entsinnt. Leute
wollten doch einen Mann aus dem Fenster des Syndikus steigen gesehen haben, der
die niedliche kleine Frau hatte. Beschrieben sie den Mann nicht grad als wr ich
es! Und dann waren sie ihm sacht gefolgt, und er war vor meiner Thr stehen
geblieben, nmlich in ihren Augen schien es so. Er hatte einen Schlssel
ausgezogen, aufgeschlossen. Die Treppen hatten sie ihn hinaufgehen hren, und
dann Licht gesehen in meiner Stube, die bis dahin finster war und -
    Entsinne mich wohl, sagte der Gefangene, es war eine recht kitzliche
Geschichte.
    Sie ward durch die Gte des damaligen Bischofs ausgeglichen, der der
Meinung war, da in zweifelhaften Sachen man der milderen Ansicht den Vorzug
geben msse. Glaubt Ihr, da die Zeugen, welche vor den Thren gelauscht, falsch
geschworen haben?
    Es hie so nachher. Das geistliche Gericht hat doch -
    Ich glaube, sie waren ganz im guten Glauben.
    Aber wer zum Teufel war denn eingestiegen?
    Vielleicht mein Schatten, vielleicht ich selbst. Wohl entsinne ich mich,
da ich in jener Nacht lebhaft an die arme Frau dachte. Sie hatte mir in der
Beichte ihre unglckliche Lage vertraut. Mir war's, als hrte ich sie in der
Nacht weinen und klagen, wer ihr Hlfe brchte gegen den rauhen, trunkenen Mann.
Da wnschte ich recht lebhaft bei ihr zu sein, sie zu trsten. Versteht mich,
alles nur im Traum. Aber ber unseren Trumen schwebt der Menschenfeind, er
saugt den Athem ein unserer Wnsche, unserer Gedanken. Ehe wir's uns versehen,
da wir im Schlaf der Freiheit des Willens entbehren, sind wir ganz ihm
anheimgegeben.
    Kann er uns auch fortschleppen, derweil wir noch in den Federn liegen
thun?
    Der Dechant nickte bedeutungsvoll, indem er mit den Augen zwinkerte: Gehen
nicht die Geister der Abgeschiedenen um, derweil ihre Krper noch fast blutwarm
auf dem Todtenbette liegen!
    Der Burgherr von Ziatz schauerte: Und das Unsereins nichts gegen thun
kann!
    Doch Ritter! Wir knnten, ja wir sollten uns auch im Schlaf bewachen. Mgt
Ihr Euch denn Rechenschaft geben ber Alles, was Ihr getrumt habt?
    Die sieben Nchte durch?
    Unstreitig waren die Gedanken auch im Schlafe bei dem, was Euch werth ist.
Ich meine, das was Ihr nie von Euch lat. Ihr seid nun von der ganzen Geschichte
unterrichtet, wie es Euch heimlich entwandt, wie es gewaschen wurde, wie es
zwischen den Fichten hing, vom Winde geschaukelt, wie es in dem Aufruhr
vergessen ward, wie der Schelm es stahl und sich mit seiner Beute auf und davon
machte. O die Gefhlssinne sind im Schlaf auerordentlich fein. Satan, der Euch
keinen Augenblick verlie, lauschte Euch den Moment ab, wo Ihr im Traume
auffhrt, nach den Hosen grifft, auf den Schelm fluchtet, ihm nachsetztet, ihn
bandet. Ihr habt's gethan, ob nun im Schlaf oder im Wachen, und ich meine, Ihr
habt an und fr sich nichts Bses damit gethan, aber vertreten mt Ihr es als
ein Ehrenmann.
    Wer schlief denn nun in meinem Bette?
    Wei ich denn, wer in meinem schnarchte? Das sind so zarte Dinge, ber die
man nicht zu viel nachdenken mu. Hier ist der Platz zur Unterschrift.
    Der Gefangene schrieb. Da die Buchstaben ungleich und schief waren, durfte
Niemand verwundern.
    Dechant! rief er. Mir geht's im Kopfe rum, ich wei nicht, wie mir ist.
Aber - wenn sie nur ihre Seife nicht daran gehabt htte, dann wre auch die
ganze Geschichte nicht gekommen. Ich wei auch gar nicht, was die Frauensleute
immer mit ihrem Waschen haben. Ich glaube, da steckt auch was vom Satan drin,
wenn man immer Alles rein haben will. Ueberhaupt wenn Alles immer beim Alten
bliebe, dann wre nicht so viele schwere Noth in der Welt.
    Da sprecht Ihr eine tiefe Wahrheit, sagte der Dechant, indem er rasch das
Papier gefalzt und in die Brust gesteckt hatte. Er schlo den Freund in seine
Arme und die Thr schlug hinter ihm zu.
    Warum geht's denn nicht? fragte Herr von Bredow in die Luft. Da steckt
auch gewi der Gottseibeiuns hinter.
    Herr Gottfried schien sich selbst zu wundern ber das Selbstgesprch. Es war
nicht seine Art. So reien feste Ereignisse auch groe Charaktere mit sich wie
der Sturm die Eiche, deren Wurzeln er untersplt hat. Herr Gottfried dehnte
sich, hielt die Hand an den Mund, und warf sich auf das Gefangenlager, wo der
lang entbehrte schlaf ihn bald trstend fr alle Strungen und Plackereien
umfing.

                                    Funoten


1 Friedrich der Groe sagt: Il reut le surnom de Nestor comme Louis XIII. celui
de Juste, c'est--dire sans que l'on pntre la raison.

2 Fast wrtlich aus der berhmten Predigt. Vom zuluderten Zucht ehrverwegenen
pludrichten Hosenteufel. Vermahnung und Warnung. 2. Aufl.

3 Worte der Predigt.


                              Fnfzehntes Kapitel.

                             Klger und Gnstling.

In dem Kabinet des Kurfrsten waren nur der Krmer Hedderich und der Frst.
Dieser stand mit untergeschlagenen Armen; jener lag ausgestreckt auf dem Boden
vor ihm.
    Schnell! sagte Joachim. Wenn Jemand eintrte, knnte er denken, da ich
einen Sultan spielen wolle.
    Durchlauchtigster Herr! so lag ich.
    Das Uebrige magst Du stehend beschreiben.
    So lag ich, als er mir den Sto gegeben, von hinten; und eh' ich mich
umdrehen konnte, war er vom Pferd und mir auf dem Rcken, da ich glaubte, mir
soll der Rckgrat brechen von seinen Knieen. Die Ringe von dem Eisenhemd sind
noch auf meiner Haut zu sehen.
    Das Eisenhemd ward eingebracht. Was weiter?
    Die Hnde hatte er mir auf dem Rcken gebunden, als ich noch lag und nicht
wute, wie mir war; mochte auch glauben, da ich gar nichts vorher gesehen, es
seien ihrer mehr. Nun aber, da er mich knebeln wollte und die Knie ein weniges
loslie, kam ich freier zu liegen, so wie jetzt, und da ich sah, da er allein
war, und mich ungebrdig htte, fluchte er; denn, wenn er die Riemen einthun
wollte, schlo ich die Kiefern zu, und wenn er die Hand fort hatte, schrie ich.
Also, da er's mit den schweren Handschuhen nicht zwingen konnte, warf er sie ab,
und nun er mir nahe kam, bi ich ihm in den Daumen bis auf's Blut. Das kann noch
nicht vernarbt sein.
    Ein neues Indicium, sprach der Kurfrst etwas in seiner Schreibtafel
notirend.
    Und da er mich nun geknebelt und hitzig war, von wegen was es ihm gekostet
und von wegen dem Bi, der ihm weh that, gab er mir Katzenkpfe mit dem
Eisenhandschuh, da mir das helle pure Blut flo, und schttelte mich an der
Gurgel, und da sprang ihm das Kinnband und die Bffelhaube rutschte in den
Hinterkopf. -
    Auch diese fand man im Schilf.
    Es war ja schon ziemlich hell, und wir sahen uns Gesicht gegen Gesicht.
    Und Du getraust Dich ihn wieder zu erkennen?
    Und htte ich ihn da zum ersten Mal gesehen. Wer sich so sah, vergit sich
nicht. Aber wie ich schon sagte, allerdurchlauchtigster Herr und Kurfrst, ich
habe ihn schon oft gesehen in Eurer Gnaden Gefolge.
    Der junge Frst sah mit verschrnkten Armen vor sich nieder und schttelte
unwillig den Kopf: Verflucht der Gedanke, der edle Namen bestecken will,
verflucht die Phantasie, die nach Opfern sucht, ohne andere Leitung, als eine
krankhafte Lust, vielleicht eine stille Abneigung, die ein Frst bekmpfen
sollte, statt gierig nach Nahrung dafr zu suchen.
    Indem er unruhig einige Schritte auf und abging, fuhr er im Selbstgesprch
so laut fort, da der Krmer es hrte:
    Und am Ende doch nur ein Stallmeister, ein Bchsenspanner, dessen
schillernder Rock diesem fr Zeichen von Wrde, galt.
    Hedderich schttelte den Kopf: Wir Geringe, durchlauchtigster Frst, haben
gelernt, die geputzten Diener von den groen Herren zu unterscheiden.
    Und dessen bist Du gewi, da der Dich warf, nicht der Ritter Gottfried
Bredow war?
    So gewi, Herr, die gebenedeite Jungfrau Maria in unbefleckter Empfngni
unseren Herrn und Heiland geboren hat. Das mgen seine Handschuh, seine Haube,
sein Kettenhemd gewesen sein, er selbst war's nicht. Ich kenn' ihn gar gut, da
ich alljhrig wenigstens einmal nach Hohen-Ziatz komme.
    Und doch lautet Deine Aussage anders im Protokoll des Schreibers vom
Werder.
    Gndigster Herr Kurfrst, was so ein Schreiber schreibt, mag ganz gut sein,
aber das ist's nimmer, was unsereins aussagt. Sie schreiben, was sie hren
wollen, das wei bei uns jedes Kind.
    Es trat ein Kammerherr ein und berreichte dem Frsten ein versiegeltes
Schreiben. Joachim ffnete und las es. Sein Gesicht drckte ein unverkennbares
Erstaunen aus. Abwechselnd blickte er den Krmer und die Schrift an: Lgst Du,
oder dies Gestndni? Unmglich! Wer knnte etwas eingestehen, was er nicht
beging. Und alle Beweggrnde mit logischer Ordnung aufgefhrt. Hrst Du,
Gottfried Bredow bekennt, da er es war, der Dir nachjagte, Dich hinter Ferch
einholte und warf. Er bittet um gndige Strafe und will Dir Alles zurckgeben.
Was sagst Du darauf?
    Herr, mein Kurfrst, sprach der Krmer, der sich aufgerichtet hatte und
gebeugten Leibes auf das Papier schielte, wie auf eine Zauberrolle. Da steckt
der Teufel drin, wenn das drin steht.
    Seine Namensunterschrift! Vom Voigt vom Mhlenhof beglaubigt.
    Gndigster Herr, werft das Papier fort.
    Sein Wort gegen Deines. Er, ein Edelmann, klagt sich selbst an, Du willst
ihn freisprechen. Die Prsumption ist, da Niemand gegen sich selbst zeugt. -
Immer schrfer bohrten des jungen Kurfrsten Blicke auf den Mann. - Seine
Aussage klagt auch Dich an, Du hast also Grund, die Sache zu verdrehen. -
    Herr, 's ist wahr, ich nahm die Hosen von der Leine, aber nur, weil sie
vergessen waren und weil ich fror, knpft' ich mich drein. Sie waren nicht werth
des Mitnehmens; man hatte mir am Flie zu arg mitgespielt. Das war doch nichts.
    Genug Dich zu verdchtigen. Wer brgt mir, da Du nicht bestochen bist vom
Feinde eines meiner Hofleute, auf ihn auszusagen? Die Arglist unter den Menschen
ist gro. Hier ein gestndiger Verbrecher, der meiner Gnade sich unterwirft, und
auf der andern Seite -
    Der Frst ging, in sich versunken, auf und ab. Das Gerusch der Kommenden in
dem Frstensaale daneben begleitete seine ernsten Gedanken, wie das Rauschen
eines Flusses. Es war eine schwere Sorge gewesen. Er glaubte sie Alle zu kennen,
und traute Keinem. Nun war es gelst, die Last zu strafen von seinen Schultern
genommen. Was ging der Ritter von Hohen-Ziatz ihn an! Da war auch kein bser
Ausgang, der ihn erschreckte, und Alle, zwischen denen sein Argwohn geschwankt,
waren nun gerechtfertigt! - Waren sie es? Er brauchte, nur zu wollen. Der Elende
vor ihm lauerte schlau auf seine Blicke, seine Worte wrden der Widerhall der
Wnsche seines Frsten geworden sein. - Und warum konnte er sich noch nicht
entschlieen zu wollen?
    Der ist ein schlechter Grtner, der das Unkraut nur mit den Fen
niedertritt, weil es ihm unbequem ist, sich zu bcken, da er es mit der Wurzel
ausreie. Ich bin jung, und wenn die Nesseln auch brennen, meine Grten sollen
rein werden!
    Er winkte dem Krmer, vor dem Crucifix auf dem Betpulte niederzuknien.
    Es bleibt bei der Anweisung, die ich Dir gab. Du hltst Dich hinter dem
Teppich; jene kleine Wandthr fhrt Dich dahin. Fasse ihn wohl in's Auge, aber
prfe ihn und Dich bis zu dem Augenblick. - Wirst Du in der strengsten
Untersuchung, die ich anordnen will, als boshafter, falscher Anklger erfunden,
wehe Dir. Der Weg zum Galgen geht ber Martern. Doch auch den guten Menschen
knnen die eigenen Sinne tuschen, und schon die Anklage eines Schuldigen ist
ein Makel, die keine Bue wieder abwscht. Deshalb bete zu Deinem Schutzpatron,
da er Deine Augen hell sehen lasse, und hier schwre bei dem Bilde des
hochheiligsten Gottseibeiuns, da Deine Blicke und Deine Reden Wahrheit seien.
    Der Krmer schwor. Der Frst winkte ihm zu gehen. Die kleine Thr fhrte in
einem engen, dunklen Gange durch die dicke Mauer bis in den Frstensaal, wo die
schweren Teppiche zu Seiten des Thronhimmels ausgespannt waren. Schon nach
wenigen Augenblicken kam Hedderich mit offenem Munde, mit glnzenden Augen:
    Er ist da, Herr, ich sah ihn!
    Wen?
    Ich wei seinen Namen nicht. Aber ich knnte ihn malen. Er steht im
violetten -
    Ein Zornblick des Frsten wies den Ungerufenen fort: Auf Deinen Platz! Ich
will nicht Deine vertraulichen Hinterbringungen, ich will Deine feierliche
Anklage, die Du den Muth haben sollst, vor meinem ganzen Hofe auszusprechen.
Zwischen uns Beiden ist nichts mehr.
    Im Frstensaale war der Hof schon lange versammelt; Rthe, Ritter,
Geistliche, auch die Brgermeister von Berlin und Kln. Vielen der Herren sah
man es an, da sie hier ungern waren. Der Lederkoller, der Pelz und der Harnisch
war ihnen lieber als der geschlitzte Wamms von Tuch. Solche von Sonne und Trunk
gerthete Gesichter mit buschigtem Bart, mit wild schielenden Blicken! Einige
hatten sich schon gewhnt; sie standen manierlich da in schn gepufften Hosen
mit knapp anschlieendem Wamms, mit Halskrausen und einem wohlgekmmten Bart,
gewrtig das Baret, das etwas schrg auf dem Lockenkopf schwebte, beim Eintritt
des Kurfrsten mit leichtem Griff zu lften. Diese traten unwillkrlich mehr in
den Vordergrund, whrend die Andern ganz zufrieden schienen, hier in den
Hintergrund gedrngt zu sein, wo fr sie keine Ehre war. Der Edelmann, der noch
trotzig, seine Knechte vorauf, durch das Oderberger Thor gesprengt, und dem
Wirth zur Herberg, dessen Blicke ihn vielleicht gefragt: Ei in dem langen
Waffenrock zu Hof? geantwortet hatte: Hauskleid ist Ehrenkleid, so trugen's
meine Vter, ehe die Hohenzollern wie Pilze im Sand wuchsen! Dieser Edelmann
war doch andern Sinnes, als er die Treppen heraufkam, und Alle um ihn hatten den
gesteppten Faltenrock zu Haus gelassen, und das geschlitzte Wamms, das nur bis
zur Hfte reichte, anzogen. Er fluchte fr sich ber die Affen, aber er lie
sich gern hinter die Affen drngen, da sie vor ihm ein Schirm wrden.
    Niemand sah aber stattlicher aus in dem feinen Hofkleide, als der Ritter von
Lindenberg, Niemand bewegte sich leichter darin, Niemand schien wohlgemuther und
war die Freundlichkeit selbst gegen Jedermann, der sich an ihn drngte, und
deren waren Viele. Doch htte man bemerken knnen, da er alles dies erst im
Verlauf geworden, denn als er unter den ersten, die sich eingefunden, allein
war, war er einsilbig, er schien von Unruhe geplagt, und gab solche Antworten,
da die, welche mit ihm sprachen, zu bemerken glaubten, als habe er, was sie
fragten, gar nicht gehrt. Erst seit der Dechant von Alt-Brandenburg sich unter
den geistlichen Herren eingefunden und ihm aus der Ferne zugenickt hatte, war
sein Gesicht verndert. Da wurde er Liebe und Sanftmuth selbst, und obwohl der,
mit dem er gerade redete, ihm bemerkt, da der geistliche Herr am andern Ende
ihn sichtlich zu sprechen wnsche, hatte er gesagt, das habe wohl keine Eil, er
stehe mit den Pfaffen nicht in so guter Freundschaft, um andere liebe Freunde,
die ihm Theilnahme schenkten, darum zu verlassen. Auch redete er noch mit dem
und jenem auf dem Wege und wechselte dann mit dem Dechanten nur kurze Worte;
doch von dem ab war der Herr von Lindenberg so freudig geworden, wie wir sagten,
und selten hatte man ihn so bei Hofe gesehen.
    Da trat er in den Kreis, den viele Herren um den alten Geheimrath von
Schlieben bildeten, welcher ein Minister des Kurfrsten war, und fr einen sehr
vorsichtigen Staatsmann galt, welcher sein Gesicht und noch mehr seine Worte
bewachte. Die Herren wnschten zu horchen, wie denn wohl der Landtagsabschied
lauten wrde, und ob der Kurfrst wohl heut schon, beim groen Hoftage, etwas
davon werde verlauten lassen, wenn er rede, wie er pflegte. Der von Schlieben
sagte mit einer sehr wichtigen Miene, er wisse zwar nichts, glaube indessen
doch, da getreue Stnde sehr dankbar mit dem gndigen Bescheide sein drften.
    Kurt Schlabrendorf sah den Herrn von Lindenberg an: Ist's so? Das wr's
erste Mal.
    Es ist eine Freude, den Abschied zu lesen, mein theurer Herr von
Schlabrendorf. Man kann sagen, man konnte ihn ordentlich sich so denken.
    Die sieben Propositionen wegen der Bierziese? fragte Ewald Schenk.
    Die sind abgelehnt.
    Das konnte man sich freilich denken. Aber unsere Antrge? sagte Kurt von
Schlabrendorf, die der Marschall nach dem heftigen Tage verglich?
    Sind auch abgelehnt.
    Aber die Punkte wegen des Rezegeldes unserer altmrkischen Stdte, fragte
Wigand Alvensleden, und die Auseinandersetzung mit der Hanse?
    Abgelehnt.
    Na die werden spuken und fluchen in Stendal und Salzwedel!
    Ach aber in so vterlichem Tone!
    In Summa also Alles abgelehnt, rief der von Schlabrendorf. Wozu waren wir
denn beisammen?
    Na, was denn noch! sprach ein Bardeleben, als der von Lindenberg dazu
abwehrend ein erschrocken Gesicht gemacht.
    Die Hundebrcke erklrt Kurfrstliche Gnaden sich bereit, aus hchsteigener
Kasse neu aufzimmern zu lassen.
    Die Hundebrcke! wiederholten viele Stimmen auf einmal.
    Ueber die der Proze neun und dreiig Jahr schwebt zwischen Kmmereikasse
und Ritterschaft von Teltow. Versteht wohl, Ihr Herren, diesmal, ohne Prcedenz
fr knftige Flle, will Kurfrstliche Gnaden die neue Bohlenlage und den
Strauchzaun auf eigene Kosten fertigen lassen; aber aus freien Stcken, nicht in
Erwgung Eurer Grnde. Die Ritterschaft in Teltow kann dies als ein besonder
Zeichen frstlicher Huld und Gnade betrachten.
    Auch gut! sprach Fritz Krcher und strich sich den rothen Bart. Werden
Kurfrstliche Hunde nicht mehr Gefahr laufen, zu ersaufen.
    Ein ehrwrdiger Greis, der auf einen Stock sich sttzte, schien etwas von
dem Gesprch gehrt zu haben und wandte unwillig den Kopf. Mehrere jngere
umstanden ihn, in ehrfrchtiger Anhnglichkeit, wie Stammgenossen ihr
Altershaupt. Es war der Senior der Bredow. Die Familie stand hier fast allein.
Einige waren der Meinung, die Bredow htten sich gar nicht zeigen sollen. Der
Herr von Lindenberg aber trat auf den alten Bodo zu und machte eine Bewegung,
als wolle er die Hand zum Druck ergreifen; doch als verstnde er es nicht, hielt
der Greis seine Hnde fest auf den Stockknopf.
    Die Sache wird sich ohne merklichen Schaden fr uns alle ausgleichen,
sprach Lindenberg. Wie ich eben hre, hat Euer guter Vetter von Ziatz schon
eingerumt, und was ist denn nun eigentlich so gefhrliches in der Sache? Er hat
sich sein Recht verschafft, nur ein wenig zu rasch.
    Und ward in Ketten eingebracht, knirschte der Senior.
    Seine Durchlaucht, sagte der Geheimrath leise, wird zuerst auffahren. Da
knnen wir uns gefat machen auf sehr schne Reden. Er wird uns den Justinian
auseinandersetzen, die Grnzen der erlaubten und unerlaubten Selbsthlfe. Er
wird die Sache drehen und wenden, die Juristen des Alterthums citiren, uns
deutlich machen, was davon auf ein christlich Reich pat und was nicht, und wenn
er sich gesonnt hat in unserer Verwunderung ber seine Gelehrsamkeit, bergiebt
er die Sache dem Geheimrathe zur Begutachtung. Dann wird unser Herr von
Schlieben das Ganze erwgen und berdenken und mit hherer Weisheit in's rechte
Schick bringen, das heit, er wird mit andern und vielen Worten das fr Recht
erklren, was der Kurfrst will.
    Der alte Bodo stie mit seinem Stock auf die Diele: Da Gott erbarm, Herr!
Ich wnschte - der Kurfrst htte nicht so kluge Rthe, setzte er in den Bart
murmelnd hinzu.
    Der Kurfrst! es rauschte durch die Versammlung, die Federhte und Barette
flogen von den Kpfen. Joachim schritt durch die Reihen, die sich theilten, nach
dem Thronsessel. Er musterte eine Weile die Anwesenden. Sein Gesicht war bla,
sein Auge so ernst und forschend, als man es lange nicht gesehen. Er sprach dann
in wohlgesetzter Rede ber Vieles, aber nicht mit dem jugendlichen Feuer, das
man an ihm gewohnt war. Er sprach, wie von der schmerzlichen Ueberzeugung
durchdrungen, da was vor seiner Seele leuchtend stand, den Andern fremde,
ferne, gleichgiltige Dunstbilder seien, da seine tnenden Worte nur dumpfe
Klnge fr die Mehrzahl blieben; er sprach fr sich, nicht fr die Andern, wie
vor einer unsichtbaren Macht, welche von ihm Rechenschaft forderte.
    Er sprach von der Universitt, die er zu Frankfurt grnden wolle, da nun
endlich alle Hindernisse gehobelt seien, die diesem hochwichtigen Werke im Wege
gestanden. Sie solle das Siegel werden, so hoffe er zu Gott, gedrckt auf die
Mission seines Hauses: die Mark Brandenburg, dieses alte, durch theures Blut dem
deutschen Gesammtvaterlande erworbene, dieses ehemals blhende, reiche,
herrliche Land, wieder zu erheben aus der Verwilderung und Zerrttung zu einem
gesunden krftigen Gliede des deutschen Reiches. Nicht durch Fehde und Krieg,
nicht durch wilden Trotz und gesetzlose Freiheit, nicht durch Festhalten an der
alten Unsitte werde der Mrker aus der Barbarei sich erheben, sondern durch
friedfertige Unterwerfung unter das Gesetz und durch liebevolle Aufnahme der
Mnner, welche er berufen, durch Lehre und Wort, durch Beispiel und edle Sitte
die alte Unwissenheit und bse Art zu bndigen und den Geist zu lsen, da er
auf edleren Bahnen vorschreite. Er nannte die Mnner, die er gewonnen, deren Ruf
durch ganz Germanien strahle. Er hoffe, da ihr Licht von den Wellen der Oder
ber Spree, Havel und Elbe nur heller in das Reich zurckstrahlen werde. Vor
allem sei er bedacht gewesen, Mnner zu finden, in denen der Geist der heiligen
Kirche lebendig, und die durch tiefe Gelahrtheit das Licht des allein selig
machenden Glaubens nur heller leuchten machten in dieser Finsterni. Denn dieses
Licht sei vor allem nthig, und der Geist, der durch die umnachtete Wildni
allein seinen Weg sich suche, verirre und gerathe auf gefhrliche Abwege. So
htten es auch die Vter der Vter erkannt, die alten Regenten, unter denen
Milch und Honig in der Mark geflossen und die Rebe geblht und Frchte getragen.
Er wies hin auf die hohen Thrme und ehrwrdigen Kirchenbogen, die fr die
Ewigkeit in den lockeren Fuboden gesetzt, auf die stolzen Klster von Chorin
und Lehnin, auf die Mnster und Dome von Brandenburg, Angermnde, in Prenzlow,
Havelberg, Tangermnde und die Andern. Gedchtnisulen wren sie der
gottergebenen Kunst, der frommen Wissenschaft, die noch den spten Enkel in
Erstaunen setzen wrden; diese Kunst und Wissenschaft sei erloschen seit zwei
Jahrhunderten. Nun sei es die Aufgabe derer, die leben, mit dem zurckgekehrten
Frieden seine Knste zu pflegen, das Verfallene wieder aufzurichten und Neues zu
bauen, damit auch sie der Nachwelt Zeugnisse und Documente ihres edlen und
gottgeflligen Daseins hinterlieen.
    Denn eine Zeit, die nichts an Werken hinterlt zur Erbauung und Strkung
und Nacheiferung denen, die nach ihr leben, ist wie ein todtes Glied an einem
gesunden Krper, es wre besser, wenn es ausgeschnitten wrde. Wer nur Gott lebt
und seinem Erlser in der Stille hin, den darf ich nicht tadeln, denn er lebt
fr das Himmelreich; aber wen Gott niedersetzte auf dieser Erde und gab ihm
Strke und Ansehen und Mittel, der soll es nicht verprassen und vergeuden,
sondern schaffen fr sein Reich auf dieser Erde, und seine Stunden, seine Worte,
seine Gedanken und seine Handlungen sind gezhlt, wie die Haare auf seinem
Haupte.
    Wie suchten da umher des Frsten Blicke! Einige schlugen die Augen nieder,
Andere sahen ihn gro an; sie verstanden nicht, was er meinte.
    Er sprach weiter. Loben konnte er seine getreuen Mrker nicht, aber schelten
mochte er sie auch nicht, da sie nicht eifriger ihn untersttzt. Etwas Bitteres
kam ber seine Lippen aber er verschluckte es wieder. Denn wozu Bitterkeiten;
sie sind Gift, das nicht heilt, das die Wunde nur schlimmer macht und ein eignes
feines Gift, das meist dem mehr schadet, der es ausstreut, als dem, welchem es
zugedacht ist.
    Er sprach auch von dem neuen hohen Gericht, das er mit des Kaisers Willen in
seinen Erblanden stiften werde, allwo in der Kammer alle Streitigkeiten, die
frher an Kaiser und Reich gingen, sollten geschlichtet werden, die Schffen,
die er setzen werde, halb aus Gelehrten, halb aus Edelleuten, sollten dort Recht
sprechen, sonder Ansehen von Stand und Person, ja gegen ihn selber, wenn sie ihn
im Unrecht befnden. Und er gelobte fr sich und hoffe es zu Gott fr all' seine
Nachkommen, da er keinen darum absetzen wolle, noch entfernen, weil er ein
Urtheil gefunden, das ihm, dem Frsten, mibehage, und weil er das fr Recht
gehalten, was er, der Frst, fr Unrecht halte. Denn wo der Richter dienstbar
wrde eines Menschen Willen, und sei es des Kaisers selbst, das ist kein Recht
mehr, das vor Christus bestehen kann, noch ist es dann ein deutsches Recht,
sondern ein trkisch Recht, davor uns Brandenburger der liebe Gott bewahre! Es
soll aber ein wahrer Richter fest stehen und unantastbar wie der Priester des
Herrn, und wie der soll er vor keinem gewaltigen schrecken. Aber rief er mit
krftiger Stimme und stand von seinem Sessel auf - ich will auch, da die
Richter gegen jedweden Uebertretenden der Gesetze, die da sind, sprechen nach
ihrem vollen Klang. Der Wahlspruch des gelehrten Henning Gde, der in Wittenberg
das Recht lehrt, ist auch meiner: Gesetze, auf welche nicht gehalten wird, sind
Glocken ohne Klppel1! Wie ich nicht dagegen fehlen darf, soll es keiner meiner
Unterthanen, er stehe so hoch und fest er will, und meinem Herzen so nahe, als
mein liebster Blutsfreund.
    Darauf war er von den Stufen des Thrones herabgestiegen und winkte Einigen
nher zu treten, darunter auch dem alten Bodo.
    Was mir die Stirn in Falten legt, was meinen Sinn vergiftet, Ihr wit es.
Es ist was Arges geschehen, Gott verzeihe mir, wenn ich dem nimmer verzeihen
kann, der es that. Wer es auch sei, ausgestrichen sei er aus dem Buche der
Gnade. Denn mit der Schande keinen Vertrag und glt es mein Leben! Doch wen es
traf, und er wird berwiesen, den allein straf ich nicht sein Blut und seine
Sippschaft. Darum braucht keiner die Augen niederzuschlagen, der einen
Blutsfreund in der Schuld wei; wenn er ein guter Mann ist vor dem Recht, ist
und bleibt er auch vor mir ein guter Mann.
    Auf seinen Wink nahte sich ihm ein Edelknabe mit einem Kissen und lie sich
vor dem Frsten nieder auf die Knie.
    Die Kettentrger unsrer lieben Frauen treten vor! sprach der Frst.
    Nur drei oder vier alte Mnner traten vor.
    So wenige nur, und es war ein so guter Orden! Ist die Zucht so schlecht
worden, da meine Vter so Wenige werth hielten, oder ist die Zeit eine andere
worden, da was gut war, jetzt nicht mehr gut ist; und es sind noch nicht
achtzig Jahre um, da mein erlauchter Groohm, Friedrich der Andere, den
Schwanenorden gestiftet! Wo sind die Burgsdorfe, rief er, sich umschauend, die
Hoym, die Arnim, die Bartensleben und Bodenteich, die Bredow, die Jagow,
Schlieben, Kerkow, die Alvensleben, Krummensee, die Schenk, die Waldow, die
Schulenberg und Schlabrendorf, die so oft gewrdigt waren das Bild der
allerheiligsten Jungfrau mit den Sonnenstrahlen um ihr Haupt, den Mond zu Fen,
auf ihrer Brust zu tragen? Ist Keiner mehr, der trachtet, da er sich ehrlich
und fglich fr schmliche und schndliche Missethaten, fr Unfug und Unehre
treulich bewahre, verschwiegen sei und der Mitgenossen Ehre auf alle Weise
rette? Mchte Keiner mehr geloben, da er, so oft die Sonne aufgeht und
untergeht, zur Mutter Gottes bete, trachtet Keiner mehr nach dem Bilde, das ihn
erinnere, dankbar zu sein zu jeder Stunde fr die Gnade Gottes, der ihn durch
seinem Sohn Jesum erlset hat?
    Es war still umher.
    Da sei Gott fr, hub er weiter an, da die Zeit um sei und nicht
wiederkehrte da meine Ritter nach christlicher Ehre trachten! Ist die Stiftung
veraltet, stifte ich sie neu. Und er winkte dem Kanzler. Der alte Schlieben
entrollte ein Pergament und verlas die Urkunde.
    Joachim schaute sich wieder um und winkte den Brgermeister von Berlin
zuerst heran.
    Knie nieder! sprach er. Dein frommes Walten ist mir nicht entgangen. Ein
Siechenhaus hast Du gestiftet und ewige Renten geschenkt den Spitlern zu St.
Georg und an den drei Linden. Da nun die Zacken, die zusammengepreten Herzen in
dieser Kette die mancherlei Gebreste des menschlichen Lebens vorstellen, so mu
der sie tragen, der tglich den Gebrestigen den Arm reicht und den Hungrigen
Brod giebt. Stehe auf Mathias, als Ritter des Schwanenordens.
    Ein Murmeln ging durch den Saal: Wo sind seine vier Ahnen! - Er ist kein
Edelmann.
    So sind meine Ritter, sprach Joachim, doch noch vertraut mit den
Satzungen des Ordens. Aber Ihr verget, da ich die alte Stiftung neu gemacht.
Meine im Uebrigen, da der ein besserer Schwanenritter ist, der die Geschlagenen
am Wege aufhebt, als der sie schlug und liegen lie.
    Da ward es wieder still, Mancher lie den Kopf sinken. Der Kurfrst winkte
den Altermann der Bredows:
    Die Ernte war schlecht im Havelland?
    Bodo sah ihn verwundert an, die Andern auch.
    Und Deine Aussaat gut, fuhr der Frst fort. Du kannst nicht dafr, da
sie nicht aufging.
    Der Roggen trug gut aus, gndigster Herr, und wenn Nsse und Strme den
Hafer und die Gerste verdarben -
    Du stest Besseres aus als Roggen und Hafer, fiel Joachim ein und legte
seine Hand auf des alten Bodo Schulter. Wenn Zucht und Sitte nicht aufgingen,
ist's nicht Deine Schuld. Der beste Vater kann nicht dafr, wenn nicht alle
seine Shne gerathen. Und doch entging mir's nicht, wie Du in Deinem Haus
gewaltet, wie Du der rohen Lust der Deinen gewehrt hast. Bodo Bredow knie
nieder, sprach der Frst und nahm die zweite Kette vom Kissen.
    Wie da Aller Blicke auf dem alten Bodo und dem Frsten hafteten; das hatte
Keiner erwartet. Der polnische Abgesandte hatte vorhin, da er die vielen Bredows
im Saal gesehen, verwundert gefragt, ob man ihnen denn die Waffen nicht abnehme;
wenn so etwas bei ihm zu Haus sich ereignet, da ein Glied eines groen Hauses
gekrnkt worden, wie hier, wrde man sich vorsehen, die Sippschaft nur zu Hof zu
lassen. Fritz Rohr, der ihn herumfhren mute, hatte gelacht: So schlimm ist's
bei uns nicht; jetzt aber flsterte er dem polnischen Herrn in's Ohr: Pat
Acht, er will ihn kirr' kriegen. Bin doch neugierig, ob der Alte in die Falle
geht.
    Durchlauchtigster Herr Markgraf, ich bin zu alt zum Knieen, sprach der
Senior.
    So neige deinen Hals, ich wei keinen wrdigern Kettentrger.
    Der Alte blieb aufrecht stehen; ein leises Zittern sah man doch an den
magern Hnden, die den Stock hielten.
    Hilf mir Gott, mein Markgraf, ich kann nicht. Spare die Kette fr die, so
nach Ehre drsten. Liegt doch meine im Grabe. Wie soll ich sie tragen, sonder
Scham, die mir's zur Pflicht macht, der Mitgenossen Ehre auf alle Weise zu
retten, derweil ich meinen nchsten Blutsfreund in Ketten und Schmach wei und
darf ihn nicht retten.
    Vorhin waren die von der Sippschaft gemieden worden, wie man solche meidet,
die mit Ausstzigen zusammenkommen. Als der Frst Bodo vorrief, trat Mancher an
die Vettern und drckte ihnen verstohlen die Hand und sie nickten ihnen zu mit
freundlichen Blicken. Jetzt fuhren sie zusammen und ngstlich schauten sie auf
den Frsten und auf den alten Mann. Die Reden hatten die Wenigsten gekmmert;
sie nahmen sie hin wie etwas, das sein mu, weil es eine Mode ist; auch da er
den Matthias zum Ritter gemacht, kmmert sie eigentlich wenig. Er war ein Ritter
des Frsten, aber nicht ihrer. Aber, da ein Vasall sich unterstand, Ehren
auszuschlagen, die ihm sein Frst bot, das, meinten sie, wrde den Zorn des
Markgrafen wecken. Aber Joachim sah den Alten nur ernsthaft an, dann winkte er
ihm fast freundlich:
    Du thust Recht. Der gute Mann mu froh sein mit den Seinen, und wenn sie
traurig sind, mit ihnen trauern.
    Er legte die Kette wieder seitwrts auf das Kissen, als wolle er sie fr den
noch aufheben, der sie von sich wies.
    Wilkin Lindenberg! rief er, das dritte Band aufnehmend. Ein leises Athmen
ging durch die Versammlung, als habe man's erwartet. Schwer wr's zu sagen
gewesen, ob auf den Gesichtern nur lauter Freude oder auch der Neid mitsprach.
    Was lchelt Ihr? fragte leis sein Nachbar den Dechanten von
Altenbrandenburg, der mit einer eigenen Bewegung die Hand ber das Gesicht
brachte.
    Ich lcheln! und die Hand fuhr schnell zur andern, und beide hoben sich
gefaltet zur Brust. Das Glck lchelt so selten denen, die es verdienen, sagen
die Kinder der Welt; wir Andern freuen uns daher, wenn es einmal nach Gottes
unerforschlichem Rathschlu einen Wrdigen trifft.
    Das ist der Lindenberger.
    Ein stiller Hndedruck besttigte es: Wenn Ihr ihn erst kenntet, wie ich
ihn kenne. - Still, er redet.
    Lindenberg, ich will Dich nicht errthen machen, noch die Andern, indem ich
Dich vor ihnen lobe. Was Deine Stimme im Rathe gilt, was Du gethan fr Deinen
Frsten, das mgen sie sich sagen lassen von denen, die in meinem Rathe oft auf
Deine Worte lauschten. Aber was Du mir gewesen bist, die Sule, an die ich in
den Stunden der Mutlosigkeit lehnte, der frische Lufthauch, wenn des Tages Hitze
mich niederwarf, der kalte Wind, der mich aufrttelte, wenn ich ermattend in
Schlummer sank, wo ich wachen sollte, der einzige Geist, setzte er leiser
hinzu, unter so vielen Schemen, der mich versteht, das mgen sie Alle hren,
mgen sie Dich darum neiden, solcher Neid ist gut, er weckt Nachahmung. Du, der
einzige, den ich ganz wahr erfunden, weil Du mir Wahrheit, die volle Wahrheit
ins Gesicht sagtest. Das ist Rittertugend, die nicht der Ehrenketten bedarf, sie
lohnt sich selbst. Darum schlinge ich diese hier um Deinen Hals, nicht als Lohn,
sie soll die Kette sein, die Dich und mich, will's Gott, auf ein langes Leben
zusammenfesselt. Knie nieder, Freier von Lindenberg.
    Auf des Frsten Lippen schwebten noch die Worte: So gedenke ich der Stunde
gestern, aber er sprach sie nicht aus; denn Lindenberg kniete nicht vor ihm. Er
war vorhin um einen Schritt nher getreten, aber pltzlich war er stehen
geblieben, und bla, mit halb bergebeugtem Oberleibe, stierte er, nicht auf
Joachim, sondern wie auf einen Geist, der, aus der Erde aufgeschossen, ihm den
Weg vertrte.
    Die Andern sahen einen kleinen, nicht schnen Mann, von gemeinem Wesen und
niederer Tracht, der hinter dem Frsten stand, sein Gesicht wie der Hahn, dem
der Kamm schwillt, seine Augen funkelten, und aus dem grinsendem Munde
leuchteten Zhne wie die eines Raubthiers, das sich zum Sprunge anschickt. So
stand er da, halb gebckt, und streckte die Fuste aus:
    Er ist's!
    Was ist Dir, Linderberg?
    Ein Schwindel - Die zu groe Gnade meines Herrn. Es ist nichts.
    Du zitterst. - Meinen Leibarzt!
    Er ist's! kreischte der Krmer, der mich fing, warf, band. So wahr Gott
im Himmel lebt, der ist's, Herr Kurfrst.
    Joachim erblickte jetzt erst den Mann, der wie ein Unhold aus der Erde
geschossen, dessen Stimme wie Rabengeschrei in einer frohen Musika tnte.
    Elender! Du lgst - Aber pltzlich verstummte er, als fehle ihm der Athem.
Das dunkle Blut, das ihm ins Gesicht gestiegen, verschwand, und das Antlitz ward
einen Augenblick weier als seines Gnstlings. Er brachte die Linke an seine
Brust, er athmete auf und seine Augen hafteten auf dem Ritter, der seine
niederschlug.
    Das ist zu arg! schrieen viele Stimmen. - Den Arzt! Der Markgraf wird
unmchtig! - Bei den Haaren, bei den Fen ihn rausgeschleift! schrieen
Andere.
    Der Mann erhob sich auf seinen Zehen, er streckte die Arme in die Hh', er
rieb die Hnde, er zitterte. Aber da er den Kurfrsten ansah, sank er auf die
Knie und faltete die Hnde: Lat mich zerreien, wenn ich nicht die Wahrheit
rede.
    Dem Kurfrsten vergeht die Sprache. Er ist ein Hexenmeister! schrieen
Andere. Den Bttel her!
    Joachim winkte mit dem Arm. Er hatte die Sprache wieder gewonnen: Gieb
Antwort dem Manne!
    Gottes Donner und Blitze! schrie Otterstdt, der das Schwert halb gezckt
hatte. Dem!
    Der Dich verklagt.
    Soll der Mond antworten, wenn der Hund ihn anbellt? rief Otterstdt.
    Ich entsinne mich nicht, den Mann gesehen zu haben, stotterte Lindenberg.
    Wilkin Lindenberg! Drei Jahre meines Lebens d'rum, wenn es so ist. Sieh'
ihn scharf an.
    Er hext, die Natterbrut! schrie Otterstdt. Sieh' ihn nicht an.
    Verschluck Deine Zunge, Hund, wo Dein Frst spricht! schrie ein Anderer
den Krmer an, der eben den Mund ffnete.
    Du kennst ihn nicht, Lindenberg?
    Nein. Es kam wie ein hohler Ton heraus, der sich Luft macht nach langer
Anstrengung.
    Die Hand darauf!
    Da der Geheimrath nicht allzu rasch, schien es Einigen, den Arm erhob,
wendete sich der Krmer mit einer sonderbaren Bewegung zum Frsten. Er sprach
kein Wort, aber ffnete den Mund und steckte den rechten Daumen hinein.
    Den Handschuh aus! gebot der Kurfrst. Deine Rechte wie Gott sie gemacht,
leg' in meine.
    Der Ritter zog. Schien es doch als schttele ihn ein Krampf; der Handschuh
flog ab und mit ihm ein blutiger Verband. Auch der Daumen blutete auf. Ein
stiller, kichernder Schrei, wie aus einer hllischen Pfeife, wie aus einer
Brust, krank von satanischer Lust, gellte durch die Luft.
    Die blutende Hand in Deines Frsten!
    Einen Augenblick schauten sich Beide an: dann schreckte der Ritter zusammen,
wie ein von Gottes Strahl Getroffener. Er ffnete die Lippen, aber er brachte
keinen Ton hervor.
    In Ketten! Zum Gericht! rief Joachim, und ohne Jenen eines Blickes zu
wrdigen, schritt er aus dem Saal.

                                    Funoten


1 Das Bild dieses ausgezeichneten Rechtsgelehrten, noch durch Meisterhand
erhalten, fand ich in der Schlokirche zu Wittenberg in der in Erz gegossenen
Votivtafel: Die Krnung der Maria von Peter Vischer, m.E. einem der schnsten
Werke des groen Knstlers. Henning Gde, als Votant, kniet mit seiner Familie
zur Linken vor Gott. Vater, Sohn und Maria. Gestalten, in denen man
Raphaelischen Adel und Schnheit zu erblicken glaubt.


                             Sechszehntes Kapitel.

                        Der Befreite und der Gerichtete.

Sechs kurfrstliche Trompeter in ihrer Sonntagslivree und mit silbernen
Mundstcken hielten vor dem Mhlenhofe, und vom Mhlendamm, von der Stralower
Gasse und den Quergchen um Sanct Nicolas kamen sie in Schaaren, um zu sehen,
wie der Markgraf den edlen Ritter Gtze Bredow mit Ehren aus dem Gefngni
abholen lie. Auch die Lehns-Vettern kamen auf stattlich geschmckten Pferden,
ganz anders trabend als vorhin, da sie in die Stadt einritten. Der Vogt von Hoym
hatte Mhe, da er die Leute nur abhielt vom Gitterthor, die alle den
trefflichen Mann mit Augen schauen wollten, der ohne Schuld wie ein Ruber und
Mrder gefesselt worden und die Unbill ber sich kommen lie, fromm wie ein
Lamm. Kaum lieen sie sich's in ihrer Ungeduld bedeuten, da der Geistliche noch
bei ihm sei, und er zum Unterschiede doch einen Imbi und Trunk einnehmen msse,
Stadt und Gefngnis; zu Ehren, und da er noch nicht selbst erschien, drngten
sie um sein Ro und streichelten es, das, mit Federn und bunten Decken
aufgeputzt, von zwei Stallmeistern gefhrt ward. Einige meinten, das sei noch
nicht genug, der Kurfrst htte selbst kommen mssen, ihn abzuholen, und nicht
aus der Stadt hinaus mte er solchen Mann mit Ehren geleiten lassen, sondern zu
sich in's Schlo und dort eine Woche lang traktiren. Das waren ehrenwerthe
Brger, die es meinten, und von den Ritterbrtigen nickte Mancher dazu: Er htte
auch mehr thun knnen!
    Von alledem sah, hrte und dachte der nichts, den es anging.
    Den Seinen giebt er's im Schlafe, hatte der Dechant gesagt.
    Das erinnerte Herrn Gottfried daran, da er geschlafen hatte. Man htte eher
daran zweifeln knnen, ob er wirklich schon erwacht sei.
    Wie kam's denn nun aber?
    Wer sich selbst erhebt, der wird erniedrigt werden, aber wer sich selbst
erniedrigt, der wird erhhet werden. Grade dadurch, mein werther Ritter, da Ihr
Euch hergabt seinem Willen, wie ein Kind, das den Vater walten lt, weil es
wei, da der Vater Alles doch am besten macht, Eures blinden Glaubens willen
hat Euch der Herr gerettet. Ja, wenn Ihr auf weltliche Klugheit gelauscht, wenn
Ihr den Advokaten angenommen, den Euch Euer Schwager schickte, da httet Ihr
geleugnet, bestritten, da wret Ihr verhrt worden, wer steht dafr, da Ihr
nicht gar peinlich befragt wrt, und Ihr lget vielleicht jetzt unten im Thurm,
auf faulem Stroh, Gott wei, wo es noch ein Ende nhme. Aber Ihr whltet das
bessere Theil, Ihr gabt Euch Gott an Heim in den bangen Zweifeln Eurer Seele,
die Kirche riefet Ihr um Hlfe an, und das Wunder war geschehen.
    Ein Wunder!
    Ihr knnt doch nicht daran zweifeln? Bei solchen Beweisen, bei Eurem eignen
Eingestndni -
    Ich htt's eingestanden!
    Der Dechant warf ihm einen Blick zu, den Herr Gtz nicht ertrug: Die Kirche
hat Mitleid mit den Schwachen. Lese ich nicht, was Satan Euch jetzt in's Ohr
flstert! ein Anderer htte es Euch eingeredet, so zu thun. Das wolltet Ihr mir
eben antworten: man htte so lange zu Euch geredet, bis Ihr nicht aus- und ein
gewut, da httet Ihr unterschrieben und wtet gar nicht wie Ihr dazu kamt.
Nicht wahr, so flsterte er Euch in's Ohr, und Eure Lippen ffneten sich schon,
es nachzusprechen. Forderte er Euch nicht auf, mich anzuklagen? - Die Rthe
Eures Gesichts sagt Ja. Wacht auf endlich! O lieber Herr, weist den Verfhrer
fort, der die Sndigen immer sprechen lt: Ich war unschuldig, aber der hat's
gethan! Aus diesen Ketten seid Ihr los; fragt nicht warum? wie so? woher? Das
sind die kleinen Krallen und Haken des Verderbers, mit denen er die Geretteten
wieder langsam an sich zieht. Aus diesen Banden seid Ihr los, wit Ihr, in
welche neue er Euch reit? Nur der bleibt frei, der sich ganz gefangen giebt dem
Willen des himmlischen Vaters, wie ihn die Kirche erklrt. Darum, mein lieber,
theurer Herr von Bredow, lat all das Andre hinter Euch, denkt nur an das vor
Euch, wie Ihr mit gerhrtem Herzen dem Ewigen danken wollt fr das wunderbare
Werk der Rettung, wie ein Strahl der Gnade grade den Lindenberger -
    Sagt mal, Dechant, der Lindenberger: I der Tausend, wer htt's gedacht!
    Das ist gar nicht an Euch! Grbelt nicht nach ber eines Andern Schuld.
Ach! hat nicht mit seiner eigenen Rechtfertigung der wahre Glubige so viel zu
thun, da er eigentlich nie damit fertig wird, da er noch Andere anrufen mu,
ihm zu helfen. Schtten wir nun zusammen unser gerhrtes Herz aus in einem
brnstigen Gebet zu den heiligen Frsprechern.
    Dieses Gebet war vorber, und man mu sagen, Herr Gottfried, als er einmal
auf den Knien lag, hatte recht inbrnstig gebetet.
    Der beredete Quell, der von Euren Lippen strmte, sagte mir, da Satan sich
nun nicht wieder nhern darf! Mchte ich doch auch fast die Gelbnisse lesen,
die aus Eurer befreiten Seele aufsteigen. Ja, theurer Herr von Bredow, die
Zeiten sind vorber, wo es den frommen Ritter, wenn er aus schwerer Drangsal
erlst war, nach Jerusalem zog. Fr das Kreuz stehen keine Kreuzfahrer mehr auf.
In Euren Jahren, bei der ansehnlichen Beleibtheit, mit der Gott Euch bedachte,
mchte Euch auch das Pilgern nach dem heien Lande beschwerlich fallen.
    Ich pilgern!
    Ich rathe es Euch auch nicht. Ihr mt Euch den Eurigen erhalten. Was wrde
der lange Abschied die gute Frau Brigitte Thrnen kosten. Wre es noch eine
kleinere Pilgerfahrt nach Wilsnack.
    Pilger sind Tagediebe.
    Gewissermaen. Auch ist das heilige Blut in Wilsnack leider in Verruf, seit
der Erzketzer Hu sein Buch dagegen schrieb. Das ist das Betrbte, da eine jede
Ketzerei, wie man auch meint sie ausgetilgt zu haben, immer doch etwas Gift
zurcklt. Nun ist Hu zwar, durch Gottes Gnade, verbrannt, aber haben nicht
die Zweifel, die er hingestreut hat ber das Wunder zu Wilsnack, so gewuchert,
da, man mu es mit Bedauern sagen, selbst der heilige Vater sich veranlat sah,
die Andacht davor zu verbieten. Das Stdchen hatte so hbschen Verdienst, und er
blieb im Lande.
    Ja, dazumal schnappten Viele nach der Pfrnde.
    Die Opferstcke werden berall immer leerer, die Gottlosigkeit nimmt zu.
Ich wollte Euch auch nicht anrathen, lieber Ritter, wie Mancher in Eurer Lage
thte, einen Stellvertreter nach Jerusalem zu schicken. Das ist nur halbes Werk,
kostet sehr viel Geld, und wer wei, ob der Mensch nicht schon unterwegs die
Zehrung verprat und vertrinkt.
    Darin war Herr Gtz ganz einer Meinung mit dem Dechanten.
    Was Ihr gebt, mt Ihr durch sichere Hnde gehen lassen. Es wird jetzt
durch alle christliche Lnder zur Restitution des Tempels in Jerusalem
gesammelt; der allerchristlichste Knig hat es beim Grotrken durchgesetzt. Ihr
braucht Eure Scherflein nur nach Brandenburg zu schicken; wir sammeln auch am
Dome.
    Herr Gtz warf einen eignen fragenden Seitenblick auf den Sprecher: Nach
Jerusalem? Das bleibt ja nicht im Lande?
    Freilich nicht, indessen -
    Es schien, als habe Herr Gtz mit einem Male den Schlaf abgeschttelt. Er
sah fast pfiffig den Geistlichen an: Es bleibt doch Manches im Kasten kleben in
Brandenburg, nicht wahr? Da ist's besser, ich schick's gar nicht erst nach
Jerusalem.
    Wenn ich Euch riethe, eine neue Lampe in unserm Dome zu stiften, she es
wie Eigennutz von mir aus. Aber wir finden schon etwas zur Beruhigung Eures
Gewissens. Das fllt mir ein, es thun sich in Rom fromme Leute zusammen, die das
Kreuz den Heiden predigen wollen in der neu entdeckten Welt und in Asien. Fr
diese Bekehrer wird gesammelt. Was mssen sie leiden, diese heiligen Mnner,
unter den Teufelsdienern: Qualen, Martertode, Hitze, Klte, Hunger und Durst.
Wenn wir nur an ihr Drsten in der Wste bei jedem Becher dchten, ach mein Herr
von Bredow, der Tropfen Wein wrde uns auf den Lippen zum Gifte. Wer spendet da
nicht aus vollem Herzen, was er kann. Was Ihr geben wollt -
    Will's mit meiner Frau berschlagen.
    Die gute Frau, wenn sie nur die Noth dort kennte, wie sie barfu durch den
glhenden Sand laufen mssen, die armen Kindlein zu ihrem Heil, sie zge ihre
eignen Strmpfe aus.
    Barfu?
    Alle barfu, die in Indien und bei den Tartaren, und wollen Christen
werden! Ist das nicht schrecklich?
    Laufen bei uns auch genug ohne Strmpfe rum.
    Die gute Frau von Bredow wird gewi ein hbsches Pckchen schnren, aber es
braucht auch Geld, und mein Freund Gtz wird gewi mit Freuden -
    Ne, sagte Herr von Bredow, mit einem ganz besonderen Lcheln den Dechanten
anschielend, dazu geb' ich nichts.
    Gar nichts, ei, mein theurer -
    Wollen erst warten bis die Jungen und Mdel bei uns im Dorfe Strmpfe
haben. Aber wit Ihr was, Dechant? - Wollen Eins mit einander trinken auf das
Wohlsein der armen Leute, die da drften, auch auf die, die barfu laufen.
    Aber der Dechant trank diesmal nicht mit dem Ritter, den der Voigt von Hoym
in die Halle gefhrt, wo der Imbi fr ihn angerichtet stand. Herr Gtz a und
trank allein, was inde seinem Appetit gar keinen Abbruch zu thun schien. Zwar
war Herr Gtz der Meinung, da gute Gesellschaft zu einer guten Mahlzeit sich
schicke, wenn aber eines von beiden fehlen sollte, hielt er dafr, da man darum
die Mahlzeit nicht im Stich lassen mu, weil die Gesellschaft uns im Stich
gelassen hat. Er lie es sich vielmehr wie ein rechtschaffener Mann schmecken,
der nicht absieht, warum Einer, der schwer gekrnkt ist, drum noch hungern soll.
    Der Voigt von Hoym aber sah wie Einer aus, dem ein Leidwesen widerfahren und
er kann sich noch nicht fassen:
    Bitt' Euch um aller Heiligen Willen, und der Lindenberger?
    Der Dechant zuckte die Achseln.
    Solch ein Herr, und hat's eingestanden?
    Er drft' es doch nicht auf' die Beweisprobe ankommen lassen! Der Krmer
war schon bereit dazu mit seinen Zhnen!
    Mir gehts wie ein Mhlrad im Kopf rum. Der Lindenberg war doch so
eigentlich Alles.
    Und ist nun weniger als nichts.
    Ich bitt' Euch, was soll draus werden! Wen er befahl, steckte ich ein, wen
er loslassen wollte, ich lie ihn los. Ich wute, ich that immer recht. Der
kurfrstliche Befehl kam hinterdrein. Hatte mich so hineingefunden in seine Art
und Launen. Und nun soll's wieder anders werden! Wer meint man denn, da dran
kommt?
    Man will behaupten, der Kurfrst wolle allein regieren.
    Mit einem verwunderten Blicke sah der Voigt ihn an: Ihr wollt es mir nicht
sagen. Lieber Herr Dechant, ich bin ein alter Mann, mchte auch in Ruhe leben;
bitt Euch, gebt mir aus alter Freundschaft 'nen Wink, wenn Ihr's erfahrt. Einmal
geht's noch, einmal find ich mich noch zurecht, aber wenn's wieder und wieder
wechseln sollte - das wr zu viel. Aber was Ihr sagt, er wollte allein steh'n,
hochwrdiger Herr, dazu bin ich zu alt, um's zu glauben. Einer mu doch sein,
der's fr den Frsten thut, und hinter ihm steht, ob er nun Hinz heit oder
Kunz, ob er's grob oder fein, heimlich thut oder vor aller Welt; Einer thut's,
Einer ist's. An Einen mu man sich halten knnen, und wenn Jeder es wei, ist's
besser, als wenn Jeder es rathen mu.
    Das ist ein braver Mann! - So mten alle Ritter sein! riefen die Brger
Herrn Gottfried noch lange nach, wenn sie ihn mit lautem Zuruf und
Mtzenschwenken begrt hatten. Durch alle Hauptgassen beider Stdte ging der
Zug, und die sechs Trompeter schmetterten in die Luft, da es fr alle Bredow's
wie eine Hochzeit war. Nur einmal hie Herr Gottfried sie inne halten, als ein
Wagen vorber fuhr, in dem ein Gefangener auf Stroh sa. Der Herr Lindenberg
ward nach dem Schlo gebracht, der Eine, geschlossen und bewacht, zu Verhr und
Gericht, der Andere, mit Freunden und Musikern, zu Ehren und Freiheit. So
begegnen sich Menschen wohl fters im Leben; der frher den Hut zog und tief
sich bckte, geht aufrecht und nickte kaum, und der sonst den Kopf im Nacken
trug, schleicht, das Kinn in der Brust, froh, wenn der Andere ihn nicht erkennt.
Gtze Bredow hatte den Lindenberg nie gemocht, aber ihm schien's unrecht, da
Einer sich laut freue, wenn ein Anderer tief trauert. Darum hie er die
Trompeter schweigen und hob sich im Sattel, und hielt den Hut gelftet, bis der
Wagen vorber war. Der Lindenberger grte nicht wieder.
    Vor ihrem Haus am hohen Steinweg hielt die Sippschaft an. Da ward Herrn
Gottfried ein Ehrentrunk aus goldenem Pokal gereicht, und der alte Bodo
schttelte ihm die Hand und sagte, da er sich herzlich freue. Die jngern
Vettern und die Trompeter gaben ihm aber noch das Geleit zum Spandauer Thor
hinaus bis an's Weichbild der Stadt. Er hatte gedacht noch heut Abend bis Ziatz
zu kommen, aber jeder Vetter verlangte und er mute es versprechen, da er bei
ihm einspreche. Da dachte er, Frau Brigitte wird wohl warten mssen bis morgen.
Wer bei allen Bredows im Havellande einsprechen will, der kommt auch morgen und
bermorgen nicht nach Haus.

    Der alte Schlieben hatte es nicht gut geheien, da der Kurfrst den Ritter
Lindenberg noch einmal sehe, er wollte ihn denn nicht richten lassen. Des
Frsten Angesicht und Zuspruch sei fr den Verbrecher Gnade. Er hatte eifrig
widersprochen, wie es eines guten Dieners Pflicht ist; Joachim hatte ihn ruhig
angehrt: Hast Du nun ausgesprochen? - Ich hab's, gndiger Herr, und da Ihr
ihn richten wollt, knnt Ihr ihn nicht vor Euch lassen. - Er ist gerichtet,
antwortete Joachim, und ein seltsames Lcheln lag auf seinen Lippen, und sein
Blick war der, den der alte Rath gar nicht mochte, als er die Hand auf die Brust
schlug. Aber ich will's!
    Der Lindenberger stand unfern der Thr, wo er eingetreten, der Kurfrst an
seinem Sessel, die Arme verschrnkt. Als er zu ihm sprach, waren seine Blicke
halb zum Fenster, halb auf die Wand gerichtet.
    Ich lie Dich rufen, damit Du mich nicht anklagst, da ich einen alten
Freund ungehrt von mir stie.
    Von meinem Herrn und Kurfrsten konnt ich mich de versehn.
    Joachim unterbrach ihn: Das Recht geht seinen Weg, tusche Dich nicht. Nur
dem Freunde von ehemals gestattet der Freund von ehemals ein letztes Wort.
    Dies Band mute gesprengt werden, gndigster Herr. Meine Ahnung trog mich
nicht. Es lastete etwas seit Wochen auf meiner Brust. - Doch nichts davon! Mein
Glck war zu gro, der Neid zu mchtig.
    Joachim warf ihm einen ernsten Blick ber die Schulter zu: Ich lie Dich
rufen, damit Du Dich vertheidigen knntest. Vor mir, nicht vor dem Gesetz.
    Vor dem hab' ich gefehlt. Fern sei es, wie ein gemeiner Snder leugnen zu
wollen. Das ist das Arge in dieser Welt, das Einer vor sich im Rechte sein kann,
und doch vor dem Gesetze sndigt.
    Bist Du's vor Dir, sollst Du's vor mir sein.
    Um gerecht zu werden vor Joachim dem Gerechten, mte ich mit viel Besserem
als einem Fastnachtsschwank sein Ohr ermden. Mein gndiger Herr kennt den
Bredow, den Gottfried mein ich. Da ich ihm von der landkundigen Geschichte
erzhlen mu, von seinen Elennshosen! Wre mir scherzhaft zu Muthe, sagte ich,
von ihm knne man nicht sagen, sein Herz steckt in den Hosen, weil der ganze
Mann drin streckt. Ich will ihn gewi nicht verreden; er ist ein trefflicher
Mann; aber wer schtzt uns vor einer Grille, einer Schrulle! Und das
Verdrielichste, da solche Grille anstecken anstecken kann! Ihm sind sie ein
Talisman, sein Amulet, wie anderen Familien ein Waffenstck, ein Ring, ein
Becher, eine alte Fahne. Nein gndigster Herr, gewi, wenn ich ernsthaft darber
nachdenke, wei ich keinen Zusammenhang zu finden zwischen leblosen Gegenstnden
und dem Schicksal, das unser Herr Gott und die Heiligen ber uns bestimmt.
    Um Kindermhrchen stehst Du nicht hier.
    Ach gndigster Herr, sind wir nicht Alle zuweilen Kinder; unser Sinn klebt
sich an ein Spielzeug. Wir meinen zu vergehen, wenn es uns fehlt. Gottfried
Bredow knnte uns Allen eine Mahnung sein an die eigne Schwche. Was Andern eine
Puppe, ein Spielzeug ist, ein Wahn, dem jagen wir nach. Httet Ihr nur den
Wirrwar gesehen, die Bestrzung -
    Wo?
    Vergebt, ich rede in Sprngen. Mein Blut ist noch erhitzt von dem Gedanken,
in falschem Licht vor meinem Frsten zu erscheinen. In Ziatz war's. Sie waren
ihm gestohlen, auf der Wsche, glaub' ich. Er schlief; Ihr httet sie zittern
sehen sollen, die wackere Frau, die armen Tchter, wenn er erwachte, ehe sie
wieder da waren. Ich gestehe es war dumm von mir. Man hatte mir stark
zugetrunken; der Wein, die Erschpfung, die Nacht; ehe ich es wute, sa ich auf
dem Sattel, und dem Dieb nach. - Vernnftige Leute wrden sagen, ich handelte
unvernnftig, das Alles htte ich Andern berlassen knnen, und dann wre das
und auch das nicht nthig gewesen, und das gar unrecht. Diese vernnftigen Leute
sollen in ihrem Recht bleiben, und ich im Unrecht. Aber die Hitze hat mich
bermannt; auch der Aerger, ich leugne es nicht, ber diesen Lumpenkrmer, der
in Saarmund mit meinem Herrn sich zu handeln unterstand. Ja der Schurke zhlt
noch das Geld nach, er fhlte heimlich ob die Silberstcke gerndert waren.
Himmel und Hlle, es berlief mich da schon, da ich fast meines gndigen
Frsten Gegenwart vergessen und ihm ins Gesicht geschlagen htte. Ich wei, das
wr' ein Frevel gegen die Majestt gewesen, aber ich habe Tage, wo es
berkocht.
    Ist das Deine Vertheidigung?
    Ich knnte noch von einem Spuk erzhlen, es klnge aber zu albern.
    Was Dich vertheidigen kann, sprich.
    Seit ich mich bei Beelitz verirrte, gaukelte um mich ein fataler Spuk. An
jedem Ast, wo ich hinsah, hing, Thorheit! aber Ihr befehlt's zu sagen, das
Kleid, was dem guten Gtz gestohlen ist. Ich konnte mich tuschen, aber auch
mein Pferd scheute. Ich ri es um, ber die Haide, da flatterte es drben an
einer Kiefer. Ich wollte lachen, aber ich mute zittern. Wei Gott, ich hatte
damals noch keine Ahnung von dem, was in Ziatz sich ereignet. Sollte es nur eine
Vision gewesen sein! Ich habe nie viel an Zeichen geglaubt, aber -
    Lindenberg, ist das Deine ganze Verteidigung?
    Ich erwarte mein Gericht.
    Du hast Dich selbst gerichtet. Die Hosen hast Du dem Schelm gelassen; sein
Geld nahmst Du mit.
    Der Kurfrst sah nicht die Blsse, die Lindenberg's Gesicht berzog, nicht
wie die erzwungene Fassung ihn verlie, wie die Glieder zitterten. Er hatte sich
in den Armstuhl geworfen und bedeckte mit den Hnden sein Gesicht. Der
Verurtheilte versuchte noch Unzusammenhngendes zu stammeln. Pltzlich
verstummte er und strzte auf die Knie: Gnade!
    Als er die Augen aufschlug, stand Joachim drei Schritt vor ihm, und der
klteste Blick aus den blauen Augen sagte dasselbe, was der Mund jetzt tonlos
sprach: Von Gnade ist nichts zwischen uns; Du wirst ben den Lohn, den Du
verdient. Stehe auf.
    Lindenberg sprang auf: Ernst?
    Hab' ich je mit Dir gespielt?
    Wozu riefst Du mich?
    Da Du Dich, da Du mich vor Dir und mir vertheidigtest.
    Himmels Donner und Blitze, ich will's nicht glauben, ich kann es nicht
glauben. Um die Lumperei -
    Stirbst Du als Straenruber.
    Und Du -
    Drei Schritt zurck, Herr von Lindenberg.
    Und aus dem tiefsten Keller Deines Thurmes schrei' ich Dir's zu; es soll
durch dicke Mauern in Deine Ohren gellen: Das wage nicht! Du bist zu jung, wir
sind zu alt. Das htte Dein Vater nicht gewagt, und Johannes durfte viel wagen.
Zog ich mein Schwert, Pflanzt ich auf das Banner der Emprung? Brach ich in eine
Stadt? - Zchtige die Banden, strafe die gegen Dich rsten und Pechkrnze in die
Stdte schleudern, aber -
    La ungestraft die Wegelagerer, wenn meine Geheimrthe darunter sind. Ich
bin nicht gesonnen, darber mit Dir zu streiten.
    Es werden Andere fr mich streiten. Das ist unerhrt! Um einen Schelm,
einen Betrger, um das freche Gesindel, diese Hausirer, diese Bauernschinder,
diese Plage des Landes; um den Kitzel eines tollen Augenblicks -
    Um der Gerechtigkeit willen.
    Ein lebloses Wort, das nicht Fleisch, nicht Blut, eine drre Blase, in die
man haucht, was man Lust hat.
    Genug, Herr von Lindenberg! Deiner Todesangst sei die freche Drohung
verziehen.
    Gerechtigkeit! Bei meinem Schutzpatron, wer schreit nach Gerechtigkeit, und
Ihr seid taub? Wir? Nun ist's heraus, Mann gegen Mann, Mund gegen Mund. Bilde
Dir nicht ein, Joachim, da Du es so zwingst. Um eines Krmers willen, Edelmanns
Blut! Wo ist die Gerechtigkeit, Das schwarze Blut, das allerwegs kocht, hat sich
wieder gesammelt seit dem Cremmer Damm. Es wartet nur auf einen Ausbruch. Das
ist zuviel, das ertragen sie nicht. Beim allmchtigen Gott, ich spreche jetzt
als Dein Freund. Damals krachte die faule Grete Mauern auseinander; wir
gewhnten unser Ohr daran. Treibst Du's auf die Spitze, so kann Anderes krachen.
Scheuche Spatze mit einem Pustrohr, aber zitt're, wenn Mnner aufstehen.
    Ich werde ihnen in's Gesicht sehen. - Hast Du nicht mehr zu sprechen?
    Was Deine Ohren kitzelt? Nein! - Soll schn reden, da es eine tragische
Action gbe, da es Deinem Ohr schmeichelte, da die Wimper na wrde, und Du,
mit dem Finger sie streichend, Dir sagen knntest: Du wrst gerhrt worden. Ich
will Dich nicht rhren; ich will nicht die Maus sein, mit der die Katze spielt,
ehe sie sie erwrgt.
    Das wr' ja nur Vergeltung, Lindenberg, fr das lange Spiel, das Du mit mir
gespielt.
    Verflucht der Augenblick, wo ich's anfing!
    Mutter Gottes und Ihr Heiligen Alle, so gestehst Du's - Alle Deine schnen,
tnenden Reden -
    Waren der Widerhall von Deinen.
    Beim Blut des Erlsers, so schamlos verdammst Du Dich selbst.
    Ich war ein Mensch, Du bist ein Frst. Prtendirst Du Anderes?
    Ich wollte Wahrheit hren.
    Das sagen Alle. Die Wahrheit ist ein bitterer Trank, schon fr den
gewhnlichen Menschen, was mehr fr Einen, der mit Schmeichelliedern eingelullt
und mit Schmeichelliedern geweckt wird. Einmal, zweimal wagt man's. Wird man
angefahren, sieht man das saure Gesicht, dann berzuckert man die bittere Pille,
bis man den verwhnten Kindern den Zucker allein giebt. Wir athmen nur ein Mal;
ein Thor, wer sich die Spanne Zeit vergllen wollte, wenn er mit der Lge sen
Sonnenschein erkauft.
    Joachim war wieder auf den Stuhl gesunken, und wieder verbarg er sein
Gesicht: Seine Puppe - ein Spielball in der Hand eines herzlosen Betrgers!
    Verlange nicht Herzen, wo Du Gehorsam willst fr Grillen. Schneide Dir
Gnstlinge, aus welchem Holz es ist, knete sie Dir, aus welchem Thon Dir behagt.
Ein Gnstling bleibt das Geschpf des Meisters. Er wird pfeifen, blasen, athmen,
sprechen, blicken, wie es dem Herrn gefllt, bis er selbst Herr wird. Glaubte es
schon da zu sein, bis ein unbewachter Augenblick mich um die Frucht der langen
Arbeit brachte. - -
    Bis das zhnefletschende Thier zum Herrn ward ber den gleienden
Betrger.
    Sei's! Meinst Du, ich wollte um nichts bei Dir dienen! Die lange Qual, die
es mich kostete, schn zu reden, lieblich zu duften, immer tugendhaft
geschniegelt zu denken, die Glieder und Gedanken zu strecken auf ein Folterbett,
das japste einmal nach Erholung. Nun ist's vorber.
    Schume aus die Rohheit. Mir wird wohl, da ich endlich Wahrheit hre.
    Willst weiden Dich an Deiner eigenen Vollkommenheit, whrend Du Einen
siehst den Trbern nachgehen, weil seine Natur ihn trieb. Aber vermeine nicht,
wenn Du mich los bist, wr'st Du frei. Nur vielleicht auf einen Klgern stt
Du, der zher ist, und lnger in die Schule ging, als ich, da er sich auch im
Schlaf bewacht. Wahrheit willst Du? Sprich es nur aus, und er wird Dein Ohr mit
plumper nackter Wahrheit, wie Du sie wnschest, tglich bewerfen. Frmmigkeit? O
sie werden in die Messe strzen - vor Deinen Fenstern nmlich; ihre Reden werden
duften von Gottseligkeit, werden schaudern vor jedem gottlosen Wort, nmlich,
wenn Du es siehst. Nichts leichter, als einen Frsten betrgen, weil er immer
betrogen sein will. Mein Gngelband ri ab, weil's an eine scharfe Ecke
streifte. Ein Anderer wird es schlaffer halten und desto sicherer.
    Nein, Lindenberg, ich gehe fortan allein. - Lache nur in Dich. Der Herr des
Weltalls, der die Wrde auf meine Stirn drckte, wird mir auch die Kraft
verleihen. Keinem mehr will ich trauen, ich werde mein eigener Rath sein.
    Da wirst Du erst recht betrogen werden. Ja, wr'st Du Dein Vater Johannes
mit seinem Fischblut. Der nahm auch die Miene an, als achte er nicht auf unsere
Reden; in der Stille horchte er und wute Alles. Er ging seinen graben Weg, und
leckte nicht gegen den Stachel; damit zwang er uns. Du hast Blut und Passionen,
Visionen und Missionen, mchtest ber unsere Kpfe spazieren geh'n, Dich zu
freuen an Deiner Hhe und unserer Niedrigkeit. Was nicht Alles besseres mchtest
Du aus uns machen, nur nicht, was wir sind und bleiben wollen, Mrker. Der Topf
ist ausgeschttet, nun kein Blatt mehr vor dem Mund. Meinst Du, da Einer von
uns an Deinem Spielzeug Lust hat? Wenn er die Zunge spitzt, um entzckt zu
reden, sag ihm dreist auf den Kopf: Du lgst! Ruf mich zum Zeugen! Uns schiert
nicht Deine lateinische Gelehrsamkeit, Deine Universitten, Deine Zollordnungen,
Deine Kammergerichte, Erbconstitution, und was Alles in Deinem Kopfe rumgeht;
das mag gut sein, wo die Leute danach verlangen, in unserm Stande wchst kein
Strohhalm mehr davon. Wer die Mrker rumkriegen will, mu selbst ein Mrker
sein, ein Fleisch, ein Blut; er mu mit ihnen schlagen und schlafen, auf ihren
Schildern kann er sich tragen lassen, aber er mu auch mit ihnen zechen und
schwatzen, mit ihnen lustig sein und traurig und sich nicht fr zu hoch halten,
da er nicht auch mit ihnen irrt und sndigt.
    Wird Deine Schuld geringer, wenn Du einen Andern anklagst?
    'S ist Jeder unterthan seiner Grille. Wer sein Mthchen khlt, handelt
recht vor sich; wer's durchsetzen kann vor den Andern. Du strebst nach hohen
Dingen, ich nach geringen. Du gehst dem Wahn nach, Dein Volk zu corrigiren, ich
dem Kitzel, da ich nach eines Bettlers Ranzen griff. Ich seh' nur einen
Unterschied zwischen Dir und mir. Ich soll es ben mit dem Hals, fr Dich bt
Dein Volk.
    Joachim stand auf. Es war ohne Leidenschaft, was er sprach, kein Zorn lag in
seinem Blicke, mit dem er aushaltend den Andern anschaute:
    So willst Du vor mir scheinen, jetzt, wie Du damals auch nur vor mir
schienst. Was bist Du? - Das la mich wissen, ehe wir scheiden. Deine
Verteidigung ist schlechter als Deine That; ich will ein besserer Defensor sein:
daran magst Du die Liebe erkennen, die Du mibrauchtest. Auch die Lge ist eine
Lehrmeisterin. Wer so geschickt wie Du in ein besseres Selbst sich hineinlog,
bekommt doch von dem Edleren einen Abgeschmack. Er kehrt nicht wieder freiwillig
zur alten Rohheit zurck. Unwillkrlich impft sich ein die feinere Sitte, der
adlige Gedanke. Ist's nicht das Herz, so arbeitet doch der Verstand, der Stolz,
er dnkt sich besser als die Andern. Lindenberg, Du kannst es wieder gut machen;
la mir ein besseres Bild von Dir zurck. Wenn abendlich Dein Schatten an der
grauen Mauer dort vorbergleitet, wenn ich noch lausche auf die Tritte, die
Wendeltreppe herauf, - la mich dann zu mir sprechen drfen: Er hatte ein
besseres Loos verdient! La nicht den giftigen Wurm zurck, da ich so
grauenhaft, so entsetzlich mich tuschte.
    Lindenberg schwieg.
    Wir sind alle Kinder der Snde ohne die Heiligung, die nicht von uns kommt.
Widerrufe es, was Du sprachst. Du warst besser, Deinen Verstand ruf ich als
Richter an. Wilkin, es ist unmglich, wer, wie Du, in Sitte und Bildung ber
ihnen allen stand! Nur in einer unbewachten Stunde brach das Thier, die Bestie,
heraus. Sage Ja.
    Soll das Bekenntni die Brcke zur Gnade sein? Wer fhlt nicht Lust zum
Leben -
    Mit dem schlie ab. Das ist und bleibt verwirkt.
    Dann bekehre, wer Lust hat, sich bekehren zu lassen. Meinen Henker mag ich
nicht zum Beichtvater. Was ich that, ich will's nicht loben, aber bereuen auch
nicht, nicht vor Dir. Du greifst in unsere Rechte, rger als Deine Vter. Das
gehrt nicht hierher, aber kannst Du Dich wundern, wenn wir ausschlagen? Das
Gesindel willst Du begnstigen auf unsere Kosten, auf wohlfeile Art zum Ruhme
des Gerechten kommen. Da Du uns zu stark, werfen wir uns auf Deine Schtzlinge.
Meinen Verstand rufst Du an, der sagt mir, da Jeder recht thut, der nicht
schlechter, noch besser handelt, als seine Genossen! Mglich, da eine Zeit
kommt, wo sie anders denken, ich lebe in meiner; ich that, was da unter den
Guten nicht fr schlecht gilt. Ein Thor, wer besser sein will. Die Zukunft
gehrt andern Geschlechtern.
    Und Du sndigst in sie hinein. Mein Herz schlug warm, mein Arm war weich.
Ich hoffte, ich glaubte. Du hast den Glauben mir ausgerissen. Nach Dir, nie kann
ich Jemand mein volles, heiliges Vertrauen wieder schenken. Wenn ich die Arme
verlangend ausstrecke nach Einem, dessen Geist in seinen edlen Zgen zu
leuchten, auf seinen beredten Lippen zu schweben scheint, wird Dein Gespenst
drohend dazwischen aufschieen. Ich werde Euch bndigen, Euer Trotz soll
ohnmchtig sich krmmen unter meinen Fen, denn mit mir ist Gott; aber des
Sieges werde ich mich nicht freuen, ich habe Keinen, mit dem ich mich freue.
Mein Argwohn wird die verwunden, die es wirklich gut meinen, Du trgst die
Schuld. Eine Eiskruste wird sich mit den Jahren um meine Brust lagern, die
warmen Gefhle, wenn sie noch aufsprudeln, werden nicht mehr durchdringen. Ich
werde verdrielich, hart, vielleicht ungerecht scheinen, vielleicht es sein.
Ich, der sein ganzes Dasein aushauchen wollte fr das Glck seines Volkes, werde
nicht geliebt, nur gefrchtet werden. Von ihnen nicht verstanden, vielleicht sie
nicht verstehend, werde ich auffahrend, jhzornig, ich kann ein Tyrann werden.
Es ist Dein Werk!
    Dank fr den bittern Trank, den Du mir mitgiebst auf meinen letzten Gang.
Der Lohn fr all die sen Stunden, wo ich mein Hirn qulte, die Sorgen von
Deiner Stirn zu schwatzen.
    Dafr den Lohn!
    Ich knnt's Dir wieder eingeben, einen so bittern Trunk, Dein Leben lang
sollte er jeden sen Becher Wein vergllen. Warum griffst Du mich heraus? Bin
ich der Einzige, der Nachts satteln lt, die Kappe ber's Gesicht, auf die
Strae reitet! Leg' Dein Ohr auf die Schwelle, schleiche in den Gngen Deines
Schlosses um und horche an den Thren, wo sie ihre Klingen wetzen, horche auf
ihr Gesprch, mit welchem Ehrennamen sie Dich nennen! Nennen knnte ich - ich
will's Dir zu rathen geben. Das mein Gegengift!
    Lindenberg! rief der Frst ihn von der Thr zurck.
    Ich habe nichts mehr zu sagen.
    Ich zu fragen. Hast Du Mitschuldige?
    Der Ritter schwieg einen Augenblick: Nein!
    Du hattest sie!
    Es lohnt nicht, sie zu nennen. Die blasse Furcht schlottert in ihren
Gliedern. Von denen hast Du nichts zu frchten. La sie laufen. Ich will reine
Luft auf dem sauren Weg.
    Gar nichts httest Du mir zu sagen, keinen Auftrag, keinen Wunsch?
    Was soll's? Habe nicht Weib, nicht Kind, was geht mich das an, - was hinter
mir bleibt! - Und doch noch etwas. Allein willst Du stehen, auf Niemand hren,
weil Einer, Zwei, Drei Dich tuschten! Wer ist denn so berreich an
Gottesgnaden, da er den Hauch der Lfte nicht braucht, der ihm Athem zublst,
da er die Farben der Blumen, das Grn der Wiesen nicht ansieht, nicht das Blau
des Firmamentes, weil es Tuschung der Sinne ist! Wo willst Du die Wahrheit
suchen, die, mein' ich, die Du unter Deinem Volke brauchst? Einen verwirfst Du
nach dem Andern, weil er nicht die Wahrheit spricht, die Du willst. Der redet
Dir zu frech, der zu sclavisch, der nur zu seinem Vortheil, der versteht Deine
hohen Intentionen nicht, der geht nicht oft genug in die Messe, der ein Thor,
der ein Schwrmer; wei ich's, was Du an Jedem auszusetzen hast, bis Du, wie die
Schne, der kein Freier gefllt, weil sie sich fr zu schn hlt, zuletzt den
ersten besten auf der Strae aufgreifst. Den Adel stt Du vor den Kopf, er ist
zu eigenwillig; dem Brger zeigst Du ein kraus Gesicht, weil er anders mchte,
als Du willst; den Clerus mchtest Du bessern, aber er will nicht gebessert
sein. Was ist denn Dein Volk? Was bleibt davon, wenn Du Einem nach dem Andern
davon ausstreichst? Werden Deine lateinischen Freunde aus der Fremde Dir helfen,
wenn Du nicht aus und ein weit? Sie verstehen ja nicht unsre Sprache! Wenn sie
zittern wie Espenlaub und keiner ihrer Zaubersprche mehr hilft, wen wirst Du
anrufen?
    Einen!
    Der giebt uns Augen zum Sehen und Ohren zum Hren. Durch Wunder redet er
nicht mehr zu den Brandenburgern. Du wolltest nicht hren, nicht sehen, wo's an
der Zeit war, nun wirst Du horchen und lauschen mssen auf den Schatten an der
Wand, auf den Wind, der um die Ecke kommt. Die zu rechter Zeit den Mund
aufthaten, denen schlossest Du ihn; dafr wird das Gesindel Dich umsurren! Denn
irgendwoher mu doch auch den Frsten Kunde zukommen. Die Angeber, die
Heimlichen, denen ist ein Regent verfallen, der sich so gut und klug dnkt, da
er nur auf sich hrt. Deren Beute wirst Du, die wie der Mehlthau auf ein
frisches Saatfeld fallen, es ist zerfressen, und wer fat ihn, wer bezahlt den
Schaden! Dann, Joachim, wenn Alle schweigen, die htten reden sollen, denke an
Einen, den Du im Zorn von Dir stieest, er sprach, was Dir nicht gefiel, er
sprach nicht im Groll, er sprach, weil es wahr ist, weil Du ihm weh thust.
    Lindenberg! rief der Kurfrst ihm nach. Wem der Herr das Kstlichste
nahm, den will er prfen, ob er ihn zu seinen Erwhlten reihe. Du hast mir das
Kstlichste gestohlen, was ein Frst besitzen kann, das Vertrauen; aber ich
zrne Dir nicht, Du warst sein Werkzeug. Ja, ich knnte den Geist Gottes auch in
Dir ehren, der so spricht, wr ich nicht Frst und Richter. - Ich scheide nicht
im Groll. Nimm diesen Wunsch als letzte Mitgift auf Deinen schweren Weg - stirb,
wie Du gelebt, als Mann!
    Der Kurfrst wandte ihm den Rcken; er hat ihn nicht wiedergesehen.

                             Siebenzehntes Kapitel.



                                  Hans Jochem.

Ein grauer Himmel lag ausgespannt ber dem Lande, und das schien Vielen gut. Es
war so Vieles, das besser bedeckt blieb mit einem Schleier. Die Trauerglocken
luteten von Frh bis Abends auf den Schlssern derer, die mit den Lindenbergern
verwandt waren, und ber dem Wedding kreisten Schwrme von Raben. Wer da nichts
zu schaffen hatte, blieb hinweg. Beim Einbruch der Nacht sah man aber verhllte
Reiter ber die Haide sprengen, da die Raubvgel aufflatterten vom Hochgericht.
Was ihre Lippen murmelten, was ihre Zhne knirschten, was ihre Arme, zu den
Wolken gestreckt, schworen, die Wolken hrten es nicht, noch der Schatten
zwischen den drei Pfeilern, vom Winde geschaukelt, und der Kurfrst in seinem
Schlosse zu Klln hrte es nicht; und das war gut.
    In Berlin war es still, und still in Klln. Wie tief in die Nacht brannte
das Licht an den Fenstern, wo der Kurfrst wohnte. Er kann nicht schlafen,
flsterten sie sich zu. - Wo soll's hinaus! sprach der Brgermeister zum
Syndicus. Er ist Einer und sie sind Viele. Er setzt's nicht durch. - Und man
spricht von seltsamen Zeichen am Himmel, die Schlimmes bedeuten, sagte der
Syndicus. - Im Rathe zu Berlin war der Schlu nicht durchgegangen, da man eine
Sendung an den Markgrafen verordne, ihm zu danken, da er Gerechtigkeit gebt
sonder Ansehen von Stand und Person. Das ist ein weit schlimmeres Zeichen als
die groen Vgel am Himmel, sagte der Brgermeister, so die Brger nicht den
Muth haben, das auszusprechen, was sie denken, und es ist doch gut. - Der
Rathsschreiber, ein hitziger, junger Mann, zog Einige in den Winkel, da setzte
er ihnen auseinander, da es nun an der Zeit sei, wenn je, ihre alten
Gerechtsame wieder zu fordern, die verbrieften Privilegien und Freiheiten der
Stdte Berlin und Klln, die Markgraf Friedrich der Zweite, der mit eisernen
Zhnen, zerrissen, als er die Oeffnung der Stadt erzwang. Nun ist er mit dem
Adel zerfallen, nun braucht er Hlfe, jetzt angeklopft, erst leise, dann lauter,
und unsere Stunde schlgt. Da er ausgesprochen, war Einer um den Andern
fortgeschlichen, und sie schttelten die Kpfe: Man wei, was man hat, man wei
nicht was man kriegt! - Ja, Gevatter, sagte ein Anderer auf der Treppe, ein
Sperling in der Hand ist besser, als eine Taube auf dem Dache. - Wenn man in
dem alten Gleise bleibt, fhrt man nicht so bald irre. - Was Dich nicht
brennt, sollst Du nicht lschen. - Wenn Du berherret bist, ist Liegen keine
Schand'. - Der oft allen Menschen rathen kann, wei sich selbst nicht zu
rathen, noch zu helfen. - Wer die Wahrheit geiget, dem schlgt man die Geige
an den Kopf. - Die viel erfahren, reden wenig. - Und wer ist er denn! Vgel,
die frh anfangen zu singen, haben bald ausgesungen. - Es hat kein Volk so viel
Weisheit als das deutsche, wo es gilt, da es beim Alten bleiben soll, und kme
es auf die Sprichwrter an, so sen wir noch in den Wldern und en Eicheln.
    Auch auf dem Lande war es still. Die Bauern schttelten auch den Kopf. Es
hatte blutige Kreuze geregnet, die waren auf Nacken und Arme gefallen, und auf
den Wegen sah man sie noch liegen. Aber eines Morgens strzten die Weiber und
Kinder, so Buchnisse und Eicheln im Forst gesammelt, mit Geschrei und Weinen
in's Dorf zurck. Sie htten auf den Bumen Thiere gesehen, mit feurigen Augen
und groen krummen Schnbeln, wie sie zu Land Keiner kennt; die hatten mit den
Flgeln geweht, da die Luft gezittert. Das sind die Sturmvgel von ber der
See, aus dem Lande Norwegen, sagten die alten Leute, die kommen nur, wenn
Krieg wird. Hrte man heimlich doch hmmern und rsten in den Edelhfen, und
Nachts kamen schwerbepackte Wagen, die klirrten von Eisen. Da sahen die Alten
sich noch bedenklicher an: Den Herren bringt's Freud', uns Leid. Die
Schlogesessenen ziehen ihre Zugbrcken auf, und wenn der Sturm nicht zu arg
wird, halten sie's aus. Wer schtzt unsere Schilfdcher und Lehmhuser? Die
brennen und fallen, wenn es nur losblst. - Da sah man sie um Mitternacht bei
verhangenen Fenstern in ihren Lden kramen und Schaumnzen und Ketten und Ringe
und Spangen, wer es hatte, in einen Topf thun. Wenn dann die Wolken ber den
Mond zogen und der Wind in den Bumen pfiff, gruben sie still ein Loch zwischen
den Wurzeln des alten Birnbaums im Garten, stellten den Topf hinein, sprachen
mit gefalteten Hnden einen Spruch und schaufelten Erde drber, und deckten Laub
und Moos drauf. Das war des Bauern Sicherheit im Mittelalter.
    In Burg Hohen-Ziatz sah es auch traurig aus, aber nicht mehr still. Die gute
Frau von Bredow, der ihr Herr fortgefhrt ward, hatte drei Stunden lang geweint,
und ihre Tchter und Mgde und die Knechte auch, was sie nur konnten, da die
Katzen auf den Dchern verwundert herabgeschaut, und die Hunde heulten dazu.
Ach, er kehrt niemals wieder, hatte sie gesagt zu denen, die sie trsten
wollten, und dann die Schsseln mit dem, was er ber gelassen, unter'm Arm
genommen und in die Speisekammer getragen. Das war sein letztes Essen hier.
Aber kaum hatte sie die Kammer abgeschlossen, da mute sie wieder aufschlieen,
denn die Einlagerung war gekommen, die Landreiter aus Potsdam. Das fehlte auch
noch zu der Bescheerung! hatte sie gesagt, und wieder decken und anrichten
lassen fr die Gste, die in keinem Haus willkommen sind. Die sangen und tranken
in der Halle, spielten und fluchten und zerbrachen Glser und Teller. Die Mgde
wollten gar nicht mehr zu ihnen hinein, wenn nicht die Hausfrau mitging.
    Und was war das fr eine Nacht gewesen! In den Wldern hatte es gerauscht
und geschrien und unten in der Halle getobt, und wenn es einmal stille ward,
hatten die Schmerzenstne aus der Thorstube ihr in's Ohr geklungen. Sie sagten
Wunderliches von Hans Jochem. Es kenne ihn keiner wieder, so sei es in ihm
gefahren; ob der bse Geist oder der gute, das wisse Keiner. Und der Dechant,
der's ihnen sagen konnte, war nicht da: Wenn man sie braucht, sind die Pfaffen
nimmer da, sagte Frau von Bredow. Einige meinten, es klinge ihnen so, wenn er
an die Wnde schreie, als da der wandernde Dominicaner gepredigt in den Fasten.
Das sei gewesen, da Einem das Herze brach und die Knie zusammensanken.
    Der kluge Knecht Ruprecht hatte die ganze Nacht auf der Mauer gelegen und
hinausgeschaut, als wolle er das Gras wachsen sehen, meinten die Leute. Er hatte
den dummen Leuten nicht geantwortet, die nicht verstanden, da er auf mehr sah;
aber als die Burgfrau in der Frhe zu ihm trat, schttelte er den Kopf:
    'S ist was im Anzuge, Gestrenge! So was ist mein Leblang mir nicht
vorgekommen. Als die Fehde in Stendal war, rauschte es auch wohl ber den
Kiefern, aber das waren nur Einige. Die Nacht war's doch, als rauschte die ganze
Luft und die Wlder zitterten. Und das schrie, da Einem die Ohren weh thaten.
    Wer schrie denn, Ruprecht?
    Die Seeraben aus dem Nordland, die Cormorans, gro wie ein Storch und
strker als der Adler, und wehren sich gegen den Frster noch, wenn er sie
angeschossen hat. Wo sie hausen, gehn die Bume aus von ihrem Unrath, und sie
fischen die Seen aus. Auch der Has' ist vor ihnen nicht sicher, noch das junge
Reh.
    Wer ist itzund sicher! - Sie meinen, 's giebt's Krieg.
    Der Knecht schttelte wieder, aber langsamer den Kopf: Da schlgen sie
anders mit dem Schweif; was eigentlicher Krieg ist, das giebt's nicht. Unruh und
Aufstand.
    Ach Gott! Sie schleppen noch alle nach Berlin, wie meinen Herrn.
    Werden sich auch schleppen lassen! Da ich's sage, Gestrenge, 's ist
vielleicht schlimmer als Krieg. Wie alte Leute sich entsinnen, kamen die wilden
Raubvgel vor alten Zeiten auch einmal, ich glaube, 's sind hundert Jahr, als
der erste Nrnberger Markgraf in's Land zog, und die Havellndischen aufstanden.
Da war die Luft schwarz von ihren Flgeln. Und ich sagt' es gleich bei der
Wsche, als der Sturm kam. Uns gemeine Leute geht's nicht an, aber die
Schlogesessenen, die Ritter werden aufstehen.
    Aber Ruprecht, wie kannst Du so aberglubisch sein! Der liebe Gott hat doch
die Vgel nicht fr die Edelleute allein gemacht.
    Warum hat er sie denn aber so unterschiedlich gemacht, die Ster, die
Reiher, die Adler, die Finken, die Tauben, die Zeisige! Die Raben da auf der
Kiefer, die haben mehr Verstand, als mancher Mensch. Wie der vornehme Ritter
letzte Nacht ausritt und unser Junker mit, da flog die Alte mit den beiden
Jungen ihnen nach, und kreisten um ihre Kpfe. Ich sah scharf zu. Als sie schon
im Walde verschwunden waren, die Raben waren immer oben in der Luft. Na, nu
haben wir's, den Junker Peter Melchior schttelt das Fieber, unser Hans Jochem
brach's Bein, der Herr von Lindenberg, da wei ich nun nicht -
    Schm' Dich was, Ruprecht! - Sag' mal, als mein Herr rausgefhrt ward -
    Da saen sie wieder auf ihrem Nest und guckten raus. Hat sich auch keiner
gerhrt.
    Gottes Gte ist doch gro! sagte Frau von Bredow, Athem schpfend, und
fuhr mit dem Finger etwas ber's Auge. Mein armer Gtze, wo mag der sein! Der
ist verloren, wenn nicht der Herr von Lindenberg sich seiner annimmt. - Gott,
ach Gott, wer giebt ihm da zu essen, und wer wrmt ihn, wenn er friert! Du
sollst nach Berlin fahren, Ruprecht. Will zwei Kober mit Wrsten packen; auch
'ne geslzte Gans sollst Du mitnehmen. Und dann fhrst Du beim Herrn von
Lindenberg vor - so schlecht wird er doch nicht sein! Ich trau' ihm eigentlich
nicht viel. Aber das thut er schon. Auch seine Friesjacke und die wollenen
Strmpfe, und wenn Du ihn siehst, dann sage ihm -
    Ach es gab so viel zu sagen und zu sorgen fr die arme Frau. Der Meister
Hildebrand wollte auf seinen Klepper steigen und fortreiten: Sterben, ja das
wird er schon, sagte der Meister, wir mssen Alle sterben, je wie's kommt;
Einer frher, der Andere spter; aber zum Trauertuch kaufen ist noch nicht Zeit,
gndige Frau. Lieber graues, auch weies oder braunes, je wie's kommt. - Wird er
ein grauer Bruder, graues, wird er ein Cistercienser, weies. Rekommandire
meinen Schwager in Brandenburg, dem Roland gegenber, hat ausgesuchtes Zeug, fr
weltlich und geistlich, je wie's kommt.
    Meister, der Hans Jochem geistlich! Ach du meine Gte!
    Ist gut fr's Haus, Gndige, wenn man sich Einen zuzieht aus eigener
Sippschaft. Fr allerhand Flle, zum Trauen, zum Taufen, zum Sterben auch, je
wie's kommt. Auch zum Beichten! Wer vertraut's denn jeder Kapuze gern in's Ohr,
was man im Herzen hat!
    Der Hans Jochem im Beichtstuhl!
    Kann auch auf den Bischofsstuhl mal kommen, wer wei das Alles! Hinken wird
er sein Lebtag. 's hat mancher Bischof gehinkt, mancher Kurfrst und mancher
Knig, je wie's kommt. Wir gehen Alle der Grube zu. Wer luft, kommt schneller,
wer hinkt, kommt langsamer an.
    Da war wiederum Lrm in der Halle, als der Meister kaum aus dem Thore war.
Hans Jrgen strzte heraus, blutig. Er schrie nach Waffen und Rache. Es wr' zum
Schlimmen gekommen; und der kluge Knecht Ruprecht, ja selbst die Frau von Bredow
htte den tollen Jungen nicht zur Ruhe gebracht, und da fehlte nur ein Funke,
da es berall aufflackerte. Hatte sich Einer unterstanden, Eva Bredow ein
schmuck Blitzmdel zu nennen oder gar Aergeres, ich wei es nicht. Hans Jrgen
mute es doch gehrt haben; konnte er's ertragen! Und als er mit der Faust auf
den Tisch geschlagen, flog's ihn an, und ihm flo Blut.
    Die Schandmuler! riefen die Diener. Wr's noch Ensereins, aber unser
Frlen! Und unser Junker blutet, schrieen Andere. - Er ist verwundet.
    Selbst verwundet, beschwichtigte der kluge Knecht Ruprecht, der Hans
Jrgen unterfassen wollte, schlug mit der Hand in die Scheiben.
    In ihre Hirnschdel will ich schlagen, und er hatte nach einer Stange
gegriffen.
    Hans Jrgen, Wetterjunge! rief die Burgfrau und fate nach der Stange, die
er wie eine Lanze in der Luft schwang. Das sind des Kurfrsten Leute.
    Schlimmers! flsterte Kasper ihm in's Ohr. Sind unadlich und unehrlich.
Bttelsknechte, nicht viel besser.
    Hans Jrgen gingen die Worte doch immer sehr verdrossen ab, wie einem
Brunnen, wo man lange pumpen mu, dann erst kommt etwas Wasser. Die Landreiter
muten gut gepumpt haben, denn als er die Stange ber sich mit beiden Hnden
wirbelte, fuhr es, wie ein Flu aus den Bergen heraus: Kurfrst hin, Kurfrst
her! So soll doch das Kreuz-Himmel-Donnerwetter drein schlagen. Aber da er der
Base den Rcken wandte, schlug er nicht los, weil Eva vor ihm stand, die beiden
kleinen Arme in ihren Hften: Hans Jrgen, willst Du mich schlagen? schien ihr
schelmischer Blick zu sprechen, und was sonst wohl ihre Augen sprachen. Die
Stange blieb zuerst ein Weniges in der Luft schweben, dann senkte sie sich
langsam, bis Eva mit einem leichten Sprung die Spitze ergriff, und mit einem
Male lag sie auf der Erde. Hans Jrgen, sie spaten ja; das Ding aber ist zu
schwer zum Spa. Hans Jrgen stand wie Einer, der mit Wasser begossen ist, es
mu aber nicht sehr kalt gewesen sein. Er fror nicht, da ihn Eva bei beiden
Ohrlppchen fate und etwas links und etwas rechts zauste. Was sie dabei sprach,
hrte Keiner; mu aber auch nichts Bses gewesen sein, denn sein Gesicht ward
immer freundlicher.
    Der Hausherr fortgeschleppt, Gott wei wohin, Gott wei wozu; das Haus voll
Landreiter, die das Unterst zu Oberst kehrten; Streit, Zank, Blut sogar; die
Seeraben; der Meister Wundarzt, ein Neffe und knftiger Schwiegersohn halb todt
oder geistlich; ach, und noch mancherlei Gedanken, die auch die frommste Frau um
ihre Ruhe bringen. Was konnte da noch Leides hinzukommen! Und doch kam es. Ein
Schrei aus der Thorstube. Hans Jochem war der Verband aufgegangen, und das war
auch noch nicht das Schlimmste; der Wachtmeister, der so was zu flicken
verstand, wie er sagte, verband ihn wieder. Aber Ihre Tochter Agnes, die stand
da wie ein Bild aus Stein, das sie an die Wand gelehnt. Sie hatte es gesehn, wie
das Blut spritzte, und sah noch drauf, wie mit glsernen Augen, und konnte nicht
den Arm rhren, noch den Kopf bewegen. Das ist am End noch schlimmer, dachte
Frau von Bredow.
    Ein Starrkrampf geht schon vorber, aber das kleine Herz schlug so stark
nachher; dafr, dachte Frau von Bredow, mu ein Mittel sein, und schnell. Sie
hatte sich den ganzen Abend mit der Tochter eingeschlossen, und Agnes lag auf
ihren Knien wie ein Beichtkind vor der Mutter Schoo, und nun ihre Hand kssend,
sagte Agnes: Ja, so wird's am besten sein, Mutter. - Und morgen in der Frhe,
da Du ihn nicht wieder siehst. - Nein, Mutter, sagte Agnes, ein Mal noch,
ein mal noch, das hab' ich ihm versprochen, das mu ich. Wir sehn uns ja dann
nimmer wieder.
    Die Mutter hatte den Kopf geschttelt, aber doch nicht Nein gesagt. Wie
htte sie's auch mgen! Mit dem Knecht Ruprecht sprach sie am Abend noch
vielerlei:
    'S ist besser so, Ruprecht, Du bleibst hier. Das versteht der Kasper
besser. Erst bringt er, verstehst Du, mein Kind nach Spandow und dann die Wrste
nach Berlin.
    Und der Junker?
    Reitet mit nach Spandow. Dann sind wir den auch los, hier finge der
Ungeschick doch wieder neue Stnkerei an, wobei Frau von Bredow tiefer als
sonst aufseufzte.
    Der kluge Knecht Ruprecht sagte im Hinausgehn: Wie Gott es fgt. Der Mensch
will Manches zusammenthun, und dann geht's doch auseinander, und was er
zerschneiden will, das thut sich von selbst zusammen.
    Das wre ja schreck-, fing Frau von Bredow an, aber sie verschluckte das
Wort wieder und faltete ihre Hnde zu einem stillen Gebet.
    Auch Agnes schien ein langes Gebet geendet zu haben und fhlte dann mit der
einen kleinen Hand auf die Stirn des Kranken, der jetzt wieder sein Auge
aufschlug. Er hatte zu viel vorhin gesprochen, da er wieder unmchtig auf's
Kissen zurckgesunken war.
    Der Morgen graute unheimlich durch das verhangene Fenster in das
Krankenstblein; ein Hahn fing schon an zu krhen und die Rosse stampften vor
dem Wagen, den der Knecht Kasper anschirrte. Agnes sa im grauen Reisehabit, den
Schleier um die Kappe; sah sie doch schon fast aus wie eine fromme Schwester,
die der Welt ihr Valet gesagt, und das blasse Gesicht war doch nur das eines
freundlichen Kindes.
    Nun sahen sie sich an wie zwei liebe, gute Freunde, die sich trennen mssen;
er reichte ihr die Hand.
    Das ist lieb von Dir, da Du noch da bist.
    Du wolltest mir ja noch sagen, wie Alles so gekommen ist.
    Ach Agnes, noch flimmert mir's vor den Augen wie Einem, denk' ich mir, sein
mu, der lange, lange blind war, und pltzlich gehn ihm die Augen auf, und grade
geht auch die Sonne auf; das sticht, glnzt, tanzt um ihn. Es ist Einem so wohl
und auch so weh.
    Da die Wlfe nur nicht ran kamen, wie Du da lagst, das freut mich.
    Er athmete tief auf, dann hub er an: Der Schmerz war wohl schrecklich, aber
es ward gleich Nacht um mich. Das Blut, das aus der Wunde flo, kam mir wie ein
Balsam vor, der sanft um die Glieder leckte. Da hrte ich auch nicht mehr die
Wlfe heulen, auch die Raubvgel in den Aesten, die ihre Flgel schlugen und mit
den feurigen Augen und den grimmigen Schnbeln gierig auf mich schauten, lieen
die Flgel sinken und zogen die Kpfe in's Gefieder und nickten auf den Zweigen,
bis Alles nickte, alles zu schlafen schien, die Bltter, die Strucher. Die
Wrmer nagten nicht im Holz, die Frsche schrieen nicht mehr. O da wr's mir
auch lieb gewesen, so einzuschlafen, und da kam es -
    Du wachtest auf.
    So denk ich, mu Einem sein, der vom Blitz getroffen ward. Ich wachte
nicht, ich schlief nicht; ich konnte mich nicht regen, ich war aber auch nicht
gebunden. Als wie ein Quell, der durchbricht, war es; so sickerte, pulste und
strmte es durch die Adern mir; o nun fhlte ich, nun sah ich, was ich nicht
aussprechen kann.
    Agnes senkte errthend die Augen.
    Es war etwas gesprengt wie ein Eisenband, das um die Brust mir gelegen; wie
auf einen hohen Thurm war ich gehoben und sah weit umher die Wege, Felder,
Stdte, die Pfade, wo ich gegangen, die Mauern fielen, die Berge sanken vor
meinem Blicke. Da war mir unaussprechlich wohl und weh. Es war eine andere
Luft, ein anderes Wehen, so rein durchstrmte es mich. Wie gern htte ich mich
da oben gehalten in der Herrlichkeit; selbst die Thorheit, die ich hinter mir
sah, war nur wie ein leiser Schattenstreif, der in Nichts verschwindet, wenn die
Sonne zur Mittagshhe steigt. Ich htte fliegen mgen; aber dann war ich
pltzlich von der schnen luftigen Hhe versunken, tief, tief unten. Lag wieder
angeschmiedet, angelthet an den Felsblock; wie schwer waren die Glieder,
ringsum Nacht, Wste, Grauen. Die Raubvgel reckten wieder ihre Hlse. Was
jagte, was tobte, was tanzte um mich! Ein Zug, der kein Ende nehmen wollte. Alle
meine Thorheiten, aller Schabernack, den ich im Muthwillen verbt, ach den ich
lngst vergessen hatte, jeder eitle Wunsch, jeder dumme Spa scho vor mir auf,
ein seelenloser Kobold, der seine Knste zeigen wollte. Da gingen ein Paar
Stelzen mit weien Betttchern und verfolgten ein armes Weib, das vor ihnen
floh. Sie strzte auf mich zu, sie rief um Hlfe. Ach ich war es ja selbst, der
sie jagte. Da summte eine Bremse um mich, immer weiter und immer grer, jetzt
ward's ein Kalb, das ich geneckt und geqult, jetzt ein Pferd, das athemlos um
mich galoppirte. Das arme Thier, es keuchte, gern htte ich's gehalten; aber ein
Paar Sporen schlugen blutig tief in seine Weichen. Es waren meine Sporen; ich
hatte es zu Tode geritten aus Uebermuth. Da flogen bunte Mtzen durch die Luft,
Faugeblle der Kobolde; ich konnte sie nicht bunt genug haben, nicht oft genug
wechseln. Hupp, hupp, da tanzten ein Paar Locken! Der Adelheid Marwitz ihre, die
konnt ich nun gar erst nicht aus den Augen kriegen. Und dann Wirbel und Wirbel.
Ach die Weisen, an denen ich mich sonst nicht satt hren konnte, summten und
summten ohne Aufhren, da ich wnschte, die Wlfe mchten nur wieder heulen,
damit das wste, dumpfe Einerlei fort wre. Da galoppirte ich hinter dem Ritter
Lindenberg, und der helle Angstschwei stand mir auf der Stirn; nun sah, nun
wute ich ja, wie schlecht das war, und doch mute ich ihnen nach und immer
nach, und sie lachten mich aus, und nun konnte ich mich wieder nicht rhren, und
oben glnzte die Morgensonne auf die lichte Thurmhhe, wo ich gewesen, und ich
reckte meine Arme verlangend hin; aber eine Stimme rief: Was willst Du hier?
Dein hchster Wunsch ist da! Und vor mir faltete sich's aus, was erst aussah,
wie eine Binsenmatte, dann ward es bunt, weit, Bnder und Puffen, die
Pluderhosen des Krmers. Als fhre ein Wind hinein, blhten sie sich, sie wurden
wie ein Baum, wie ein Thurm bis zu den Wolken, ein scheuliches Gespenst, und
heraus rutschte es, eins, zwei, drei, wieder and're Hosen, kleine, groe, o
zehn, hundert, tausend und sie faten sich an und tanzten um mich im Reigen.
Immer enger, immer enger. Ich meinte, vor'm Staube zu ersticken, bis ich aus der
gepreten Kehle um Hlfe schrie. Da rief die Stimme: Was willst Du Hlfe vor
dem, was Deine Wonne ist! Ging doch Dein Sinnen und Trachten nur nach dem
Eitlen. Wer schaalem Witz und hohlem Spa sein Lebelang nachluft, der kann in
unsrer Luft nicht athmen. Der Staub, den die Sohlen der Tnzer aufwirbeln, ist
Dein Aether. Zum Lndler wurde ja Deinem Ohre der Chorgesang der Engel!
    Der Kranke athmete schwer auf, und die Lippen bewegten sich, ohne Tne
vorzubringen. Agnes faltete die Hnde ber ihm zu einem stummen Gebet. Als
lauschte er mit Wohlgefallen den Tnen, die noch ber ihre Lippen kamen, winkte
er ihr zu. Er hatte die Sprache wieder gewonnen:
    So sah ich Dich da in Deinem Kmmerlein, so hast Du fr mich gebetet. Du
warst aus Deinem Bett gehuscht, ber der Schwester Bett beugtest Du Dich, ob sie
schliefe, dann warfst Du Dich vor das Betpult; durch die zerbrochene
Fensterscheibe wehte der Wind und lftete das Tchlein an Deiner Schulter -
    Sie wollte ihm die Hand vor den Mund halten: Heilige Mutter Gottes -
    Die sah es auch und lchelte. Sie war es, die Dich geweckt. Ich allein,
Agnes, o wer htte mein Gebet gehrt! Die heiligen Schutzpatrone, die den andern
sndigen Menschen helfen, wandten mir den Rcken. Da htte ich gelegen, bis mein
Blut erstarrt war, bis die Wlfe - ich wre ja ohne Heiligung, ohne Erkenntni
aus der Nacht hinbergegangen in die Ewigkeit. Die Liebe nur that es, die nicht
gerechnet und nicht gefragt. Du schwebtest, ein Engel mit dem Palmenzweig, durch
den Spuk. Du winktest, da betete ich zuerst, da wichen die hlichen Bilder, Du
reichtest mir die Hand, da lste es sich, athmete ich wieder, da hob ich mich
auf, da -
    Er hrte wieder nicht, was sie in ihrer Herzensangst sprach, da er nicht
lstern solle, da die Heiligen allein den Hans Jrgen und den Ruprecht durch
die Wildni zu ihm geleitet, da er gesund werden wrde, wenn -. Seine Pulse
schlugen so laut, seine Stirn brannte.
    Der Wagen steht angespannt. Ich hr die Rosse stampfen, flsterte sie,
Hans Jrgen wartet auch.
    Worauf? fuhr der Fieberkranke auf. Da der Blitz Niederschlag in die
trockene Wste? O Agnes, ich allein kann's nicht, Du mut mir helfen.
    Ich nicht, lieber Hans Jochem, bete zur Jungfrau Maria. Die wird Dir
helfen.
    Mir! Mir ist geholfen. Ich trank aus dem vollen Becher der Gnade. Aber die
Andern, die noch drsten, fr die la' uns beten, fr die Armen im Sande, und
sie wissen nicht, was ihnen fehlt; denke doch, sie Alle denken nichts! Hans
Jrgen nicht der Vater nicht - die Mutter nicht! In das Leben hinein, wie der
Maulwurf - Und sie fhlen nicht den Durst, das ist das Entsetzlichste!
    Der Herr wird ihnen schon zu trinken geben.
    Wo ist der, der an den Fels schlgt! - Ich stand auf dem Felsen, Agnes,
sprach er leise, sie mit krampfhaftem Druck an sich ziehend. Du mut mich nicht
verrathen. Ich sah hinter mich in die Wstenei. Ach, das sah grlich aus. Die
schaukelten sich wie die Halme im Winde; die krochen hin und her, wie die
Ameisen; die wirbelten und tanzten wie die Wassermcken im Sonnenstrahl. Alle
wie die Thiere, die nach der Atzung wittern, den Kopf zur Erde und Keiner,
Keiner die Augen nach der Sonne.
    Das arme Mdchen und der Fieberkranke allein! Sie drckte ihm sanft seinen
aufgerichteten Leib an die Kissen. Seine Hnde glhten nicht so als sein Auge.
    Wir wollen fr sie beten, Hans Jochem, gleich zum lieben Gott. Die Heiligen
werden es uns wohl verzeihen -
    Wir sind die Erwhlten! - Wenn wir mit einander beten, ffnet sich das
Himmelsthor.
    Mutter Gottes, verzeih ihm die Snde!
    Die lchelt herab auf uns, da wir - Die Ruhe schien einen Augenblick auf
sein Gesicht zurckzukehren. - Du und ich, wir gehren zu einander und haben
uns nicht gefunden. Das geht wohl so in der Wste. Der Staub verwirrt auch die
Erwhlten. Nun erst, da wir hinaus sind, da ist's zu spt, meinst Du. Nein,
Agnes! Wenn Du im Chor zu Spandow auf den Knieen liegst, lieg' ich auch auf den
Knieen - wo - wo doch? - O Du wirst von mir hren! - Was von mir hren! Du wirst
deutlich hren mich beten, siehst mich knieen, die Mauern zwischen uns sinken.
Wir sehen uns Beide an, wie die seligen Mrtyrer auf den Bildern mit sen
Liebesblicken -
    Ach Himmels-Knigin! Hans Jochem, das ist arge Snde -
    Snde! rief er mit dem zufriedenen Lcheln eines Irren. Uns kann sie
nicht mehr berhren. Wir sind Erwhlte, berufen, die Andern zu retten. - Sie
schwimmen im Meer, das ist das Leere - sieh, sieh die wenigen Wasserblschen,
die sich herausringen, o Gott, das sind die Gedanken; fischen wir - Netze hinein
- eine Angel mit sem Kder - Agnes, sieh, wie schwer ich ziehe - hilf mir -
nun - nun -
    Was ihr nicht gelungen, wirkte die Erschpfung. Er sank ohnmchtig zurck.
    Agnes! rief der Mutter Stimme. Agnes! wiederholte Hans Jrgen.
    Sie ri sich los; aber wandte sich wieder um, und zitternd hauchte sie einen
Ku auf die Stirn des Ohnmchtigen. Mutter Gottes sieh es nicht! - Mutter
Gottes, verzeihe ihm und mir die Snde!

                              Achtzehntes Kapitel.



                             Unterricht im Denken.

Wenn die groen Wagenrder sich durch den tiefen Sand mhsam Bahn brachen, und
Kaspar abgesprungen, und bald den Falben, bald den Schecken klopfte und
Scherznamen ihnen in's Ohr rief, ritt Hans Jrgen neben dem Wagen, und neigte
seinen Kopf zur Muhme.
    Schien's ihm doch bisweilen, wenn sie sprach, Agnes wre um zehn Jahre
gewachsen, und war doch kaum fnfzehn Jahre alt. Sie hatte anfangs viel geweint,
und das war Hans Jrgen ganz recht, denn ihm war gar nicht zu Muth, da er mit
einem htte freundlich sprechen sollen. Nachdem sie aber die Thrnen getrocknet,
sprach sie so vernnftig, das macht wohl die Weihe, dachte er, die wirkt schon
zum voraus. Da hatte sie ihm gesagt, da ihr der Abschied wohl schwer geworden,
von ihrer lieben Mutter und lieben Schwester und allen ihren lieben
Blutsfreunden, nun aber sei es berwunden, und da sei sie recht herzlich froh,
denn nun knne sie erst recht fr sie Alle leben.
    Das verstand Hans Jrgen Anfangs nicht, denn was konnte sie denn, im Kloster
eingesperrt, fr die in Hohen-Ziatz thun, bis sie's ihm erklrte, da sie fr
ihr Seelenheil beten werde, Tag fr Tag.
    Ja, es mag schon gut sein, sagte er, so einer aus der Sippschaft
geistlich wird, und fr uns betet, denn wir drauen auf dem Lande haben doch
nicht Zeit.
    Agnes meinte, dazu msse jeder die Zeit finden. Hans Jrgen aber zhlte ihr
auf, was Einer wie er, zu thun habe, von wenn die Sonne aufgeht, bis sie
untergeht, und wenn er's verrichten thte, wie die Edelfrau es wolle, dann knne
er bei Tage gar nicht dazu kommen, an den lieben Gott zu denken, und des Nachts
sei er zu mde. Das sei auch des Dechanten Meinung, da man den Geistlichen das
berlassen msse; wozu wren sie auch sonst da? Und von dem Ueberschu der guten
Thaten der Heiligen knne mancher ehrliche Mann selig werden.
    Dazu mute nun Agnes wohl schweigen, wenn sie keine Ketzerin sein wollte,
und die Vorstellung, da sie selbst eine Heilige werden, durch ihre guten Thaten
ihre Verwandten dereinst selig machen knne, mochte sogar fr ihre
Einbildungskraft etwas Lockendes haben. Aber ganz wollte es ihr doch nicht zu
Sinn, und ihre knftige Wrde erlaubte ihr schon ein wenig zu predigen. Wozu
wren denn die Kanzeln und die Predigermnche und Pfarrer, wenn die Heiligen mit
ihren Werken allein es thten? Und da kam ihr zu Sinn, was der Verwundete
zuletzt gesprochen von dem wsten Leben und der Gedankenlosigkeit.
    Nun gab sich das gute Kind rechte Mhe, ihren Vetter auf Gedanken zu
bringen, und zwar auf gute; aber aus seinen Antworten sah man, da er wenigstens
zu einem Heiligen nicht viel Anlage hatte.
    Das ist schon ganz recht, Agnes, was Du sagst von der Geschichte neulich,
und ich hab's mir schon selbst gesagt, da es unrecht war. Nun aber hat's der
liebe Gott so gefgt, wie's sein mute. Hans Jochem brach ein Bein, und ich
mute nach den Hosen. Also hat's der liebe Gott allein und fr sich gemacht, da
wir keine Snde begangen haben, siehst Du, der macht es doch gewi zum besten,
und besser als ich und Hans Jochem es vorher bedacht htten. Freilich der Hans
Jochem htte nicht das Bein gebrochen, aber Du sagst ja selbst, das wr' zu
seinem Heil, und darum soll er Gott preisen. Warum soll ich Gott denn nicht auch
preisen, und das knnte ich doch nicht, wenn ich's vorher bedacht, da mt ich
mich ja selbst preisen. Denk drum, 's ist am besten, man lt's gehen, wie es
geht.
    Es ward Agnes Bredow recht schwer, ihren Vetter eines Bessern zu belehren,
weil es berall schwer ist, zu lehren wo man selbst nicht recht Bescheid wei.
Whrend sie lange hin und her stritten, ob jeder Mensch selbst denken msse, und
was und wann und wie weit? schienen sie sich darin zu nhern, da man's in
jungen Jahren noch nicht nthig htte, wer nicht geistlich werden wollte; aber
da es gut sei, wenn man lter wrde, das mute auch Hans Jrgen zugeben.
    Da schlug er sich pltzlich auf die Lende: Aber Blitz noch mal Agnes, Dein
Vater denkt ja auch nicht. Meinst Du, da er nicht in den Himmel kommt? Er ist
doch ein so guter Christ wie einer.
    Agnes besann sich: Weit Du was? Fr den denkt die Mutter. Das mag wohl so
eingerichtet sein vom lieben Gott, wenn zwei verheirathet sind, so hilft Einer
dem Andern aus, und dem Einen wird angerechnet, was der Andre Gutes thut.
    Aber was er Bses thut, mu der Andere auch mittragen?
    Agnes nahm sich vor, ihren Beichtvater darber zu fragen.
    Wenn Einer nun aber allein stehen bleibt, und wird nicht geistlich, der hat
es recht schwer, sagte Hans Jrgen.
    Freilich, und dem armen Mdchen kam ihr Ohm Peter Melchior in den Sinn.
Ach Gott, Hans Jrgen, nimm Dich in Acht, da Du so einer nicht wirst. Was mu
da von den Werken der Heiligen drauf gehen, um den selig zu machen!
    Sie faltete unter'm Mantel ihre kleinen Hnde, und nahm sich vor, wo sie
eine Stunde sich absparen knne, fr Peter Melchior zu beten, den sie doch gar
nicht leiden konnte.
    Bewahre mich der liebe Himmel vor 'ner Snde, aber ich denke so eben was,
fuhr Hans Jrgen pltzlich aus sichtlichem Nachdenken auf.
    Siehst Du, Vetter, nun fngst Du auch schon an, das ist gut.
    Ach nein, Agnes, das ist nur so gedacht. Der Peter Melchior, und wie der
ist, das wissen wir Alle. Der Dechant! Hast Du nicht auch gehrt, wenn Deine
Mutter sagt, der Teufel steckt in ihm? Der hat nun kein Weib, wer soll fr den
beten, da er selig wird. Und alt genug ist er.
    Das machte Agnes genug Kopfbrechen. Da der Dechant nicht so sei, wie er
sein sollte, konnte sie nicht leugnen. Sie meinte der liebe Gott werde
vielleicht ein Nachsehens mit ihm haben, weil er fr Andere soviel Gutes und
Erbauliches sprche, wenn er selbst dafr nichts Gutes und Erbauliches thte.
    Hans Jrgen schttelte den Kopf: Wer anders spricht als er thut, das gerade
ist schlecht, Agnes, das la ich mir nicht nehmen und wenn's der Bischof, ja,
wenn's der Papst selber wre!
    Sie meinte nun, weil er ein Domherr wre, so beteten und dchten die anderen
Domherrn fr ihn, und da bertrge es wohl auch einer auf den Andern. Hans
Jrgen aber meinte, es wren ihrer doch gar zu viele, die es nicht verdienten,
und wenn zwei Geistliche immer zu sorgen htten, da sie das gut machten, was
der dritte schlecht gemacht, wo bliebe ihnen da Zeit fr sich und die brigen
Menschen zu beten?
    Agnes senkte ihr Kpfchen; sie konnte auch das nicht ableugnen. In welchem
Hause, auf dem Lande und in den Stdten, ward nicht damals gegen die
Geistlichkeit geschimpft, und den Kindern selbst konnte man's nicht
verschweigen, was sie fr schlechte Streiche machten.
    Hans, Du mut Heirathen, das ist das Beste.
    Ich, Agnes, ich heirathe nicht.
    Ja, ja, Du mut 'ne gute Frau haben, die fr Dich denkt, wie Mutter fr den
Vater.
    Nein, nun nicht, das ist nun vorbei, Agnes.
    Ich sage ja nicht jetzt; wenn Du so alt bist, Hans Jrgen. Geistlich wirst
Du nicht werden. Hans Jochem geht in's Kloster, und Eva ist Dir gut; ich wei
es.
    Sprich doch nicht so dummes Zeug, Agnes. Ich hab's auch mal so gedacht, das
ist nun aber nichts. Ja, wie der Herr von Lindenberg mich nach Berlin mitnehmen
wollte, und dem Kurfrsten vorstellen, da konnte was aus mir werden, da hatte
ich so meine Gedanken. Nun hat's der liebe Gott anders gemacht.
    Hat er's nicht gut gemacht, Hans Jrgen? Du hast nun ein rein Gewissen; Und
hrtest Du nicht, was sie munkelten, da der Herr von Lindenberg in Berlin in
Ungelegenheiten gekommen wre. Die Schulzenfrau wute nur nicht recht was. Ist's
nicht der Herr von Lindenberg, so ist's ein Anderer. Der Herr von Rochow auf
Plessow ist gar nicht bel. Wenn wir ihn recht bitten, nimmt er Dich auch mit
und stellt Dich vor. Du mut nur was auf Dich geben, und den Kopf nicht immer so
in den Schultern tragen, und dann auch nicht so die Zhne ziehen, wenn Du Einen
schief ansiehst, den Du nicht magst. Ja ein bischen freundlicher knntest Du
schon werden. Du bist doch manchmal ein Br. Vielleicht bringen sie Dich bei der
kurfrstlichen Jagd an, da brauchst Du nicht zu denken.
    Beim Kurfrsten! Lieber will ich Ziegel streichen. Bin ein freier Mann,
eines Edelmanns Sohn. O pfui! Der Deinen Vater hat lassen in's Gefngni
schmeien, dem ich dienen! Und wr's auch nicht Eva's Vater, er ist -
    Hans Jrgen, er kommt schon wieder frei. Vater hat gewi nichts
verbrochen.
    Was thut's! Der Kurfrst hat ihn in's Gefngnis schmeien lassen, ja, das
hat er. Das verge ich nimmer. Ist mein Feind. Und seine Reiter, die! Wr's nach
mir gangen, der Wenzel, der Konrad, o sie Alle, und die aus dem Dorf, wir htten
ihnen wollen Mores lehren, so wahr ich Hans Jrgen bin!
    Gott sei uns gndig, das htte Blut gesetzt!
    Wozu hat man denn Blut im Leibe? Blut soll's auch noch setzen. Wenn die
Herren im Lande es ruhig hinnehmen, wenn die Sippschaft im Havellande nicht
aufsteht, ich stehe auf. Ich schnre mein Bndel ich ziehe fort, wo's Krieg
giebt, zu den Pommern oder zu den Polen, mir gleich. Reiter werden sie berall
brauchen; wenn es nur gegen den Kurfrsten losgeht!
    Da Hans Jrgen, wenn er sich zum Kriege werben lasse gegen den Kurfrsten,
auch gegen sein eigen Land kriegen msse, fiel Agnes als nichts Unrechtes auf.
Da er Einem absage, dem er Feind war, duchte ihr ganz in der Ordnung, da er
so ihres Vaters und der Ehre seiner und ihrer Familie sich annehme, sogar
lobenswerth. Aber Alles miteinandergenommen, schien es ihr doch nicht recht,
wenn sie sich auch nicht Rechenschaft geben konnte, warum, und sie bat ihn, da
er sich gedulden mge.
    Das wollte ihm nicht recht in den Sinn, und sie wute nicht recht, wie sie
es ihm zu Sinne bringen sollte. So blieben sie beide eine Weile schweigend neben
einander, bis sie sich pltzlich erinnerte, wie unter dem vorigen Kurfrsten
Einer vom Adel gerichtet worden, der mit den Fremden in's Land gefallen war, und
es hatte ihm nichts geholfen, da er vorher einen Absagebrief geschickt. Hans
Jrgen mute zugeben, da das eigentlich eben so schlimm wre, wenn er darum
gerichtet wrde, als wenn er auf den Stegreif ausgeritten und gefangen worden.
    Das mag schon recht sein, aber wie soll sich denn Einer helfen, wenn ihm
Unrecht geschieht. Denn Recht mu doch Recht bleiben, und der Kurfrst hat uns
Unrecht gethan. Drum mu doch Einer sein, der dem Kurfrsten wieder Unrecht
anthut.
    Das schien auch der kleinen knftigen Heiligen ganz richtig, aber sie
zerbrachen sich beide den Kopf, wie das in der Welt zu machen wre.
    Weit Du was? sagte sie. Wenn Du mich nach Spandow gebracht, dann reite
nach Friesack zum alten Herrn Bodo. Der ist klug, der wird's Dir sagen.
    Hans Jrgen kraute sich hinter den Ohren. Ganz recht war ihm das auch nicht,
denn was er that, htte er lieber fr sich allein gethan, aber er mute seiner
Muhme Recht geben, als ihr jetzt einfiel, da er ja der ganzen Familie Schaden
dadurch thun knne, wenn er die Sache auf sich allein nhme. Sie alle ginge es
doch auch an, als wie ihn, und sie wrden schon darber zu Rathe sitzen.
    Kaspar, was pfeifst Du? fragte er.
    Das ist nur 'ne alte Geschichte, Junker, die mir einfiel, von den Musen
und von der Katze. Die Muse saen doch auch zu Rath, wie sie's anfingen, da
die Katze nicht so ran schliche und unversehens eine beim Wickel kriegte, und
mit ihr abfhre. Da hatte Eine, die war klger als die anderen, den Einfall, man
solle der Katze 'ne Schelle an den Schwanz binden, dann hrt man sie schon von
fern. Der Rath war auch ganz gut, aber es fehlte nur was. Keine Maus war da zu
kriegen, da sie der Katze die Schelle anband. Und da dachte ich denn, 's geht
manchmal so, wenn sie zu Rathe sitzen. Der Rath ist ganz gut, aber es fehlt was.
Hui! Seht mal da.
    Er zeigte mit der Peitsche in die Luft. Eine Schaar von den groen Seeraben
flog ber die Kiefern, in ihren Schnbeln und Krallen noch zappelnde Thiere.
    Das war ein groer Barsch, der hat auch nicht gedacht, da ihn ein Ster
aus Norwegen fressen thun wrde. Die Fische haben gewi auch zu Rath gesessen,
als die groen Vgel zuerst kamen und in die Weiher stieen, denn wenn sie auch
stumm scheinen, unter sich sprechen sie, wir hren's nur nicht. Aber es fand
sich kein Fisch, der den Raben die Klingel um den Hals hngen wollte. - Wetter
noch mal, der Groe, der so schwer hinterher fliegt, schaut, der schleppt 'nen
kleinen Hasen.
    'S ist ein schweres Unglck fr die Thiere im Walde, da die Sturmvgel aus
dem Eislande kommen muten, sagte Hans Jrgen.
    Das glaubt nur ja nicht, Junker! - Wenn die nicht da wren, so sind andere
da. Nur fr unsere Habichte ist's schlimm, weil die ihnen in's Handwerk greifen.
Ist doch jedwed Vieh da, da ein ander Vieh kommt, das grer ist und strker,
und packt es und Eins frit das Andere, und wenn's den Magen voll hat, wird's
wieder gefressen, und so geht's Reih um.
    Hans Jrgen machte den Einwand, die grten Thiere in Luft, Erd' und Wasser
bleiben doch brig.
    Die schiet der Jger todt, oder ich wei nicht, wie er den Wallfisch
fangen thut.
    Der Jger ist aber ein Mensch.
    Freilich, nun ja. Seht Junker, ich mein' es als wie wir gemeine Leute uns
denken. Und da meine ich geht's allebenso wie beim Vieh! Einer sitzt auf's
Andern Schulter, und drckt ihn. Auf dem Chorendejungen sitzt der Bacchant, auf
dem Bacchanten der Prfect, auf dem Prfecten der Ephorus, oder wie sie's nennen
thun, und auf dem, ich wei nicht wer, und das ist allebenso bei den Groen, wie
bei den Kindern. Auf dem Bauer sitzt der Edelmann, auf dem Edelmann der
Kurfrst, auf dem Kurfrsten der Kaiser und auf dem Kaiser der Papst. Und auf
dem, denk' ich mir so, der liebe Gott. Nun sagen sie: Recht mu immer Recht
bleiben. Nun ja, meinethalben, aber wer schafft denn nun dem Kcken das Recht,
wenn der Ster es holt?
    Du hast ja eben gesagt, Kaspar, das der liebe Gott ber dem Papst ist, also
er ist ber Allen, und der wird ihnen das Recht schaffen, sagte Agnes.
    Nun ja, da hab' ich auch nichts gegen, und der liebe Gott wird's wohl am
besten wissen, warum der Storch den Frosch frit, und der Bauer den Rcken
halten mu, wenn der Edelmann prgelt, und der Ritter auf's Hochgericht mu,
wenn der Kurfrst ihn kpfen lt, das mu nun so sein, weil's nicht anders
eingerichtet ist; aber was sie vom Recht sagen, das ist man ebenso. Wenn ich ein
Frosch wre, wrde ich mich denn, wenn der Storch auf der Wiese spaziert,
aufblhen und vor ihm quaken: Du hast kein Recht mich zu fressen! So mein ich
auch, wenn ich ein Edelmann wre, und der Kurfrst ginge wthig durch das Land,
um die Edelleute zu fahnden, da wrde ich mich auch nicht vor mein Schlo
stellen, und in die Trompete stoen und rufen: Hie Kurfrst, hie bin ich, das
ist mein Recht! I bewahre, ich zge die Brcke auf und liee das Gitter nieder,
und die Fahne nehme ich ab, und thte, als wenn ich schliefe, bis er vorber
ist. Es strmt nicht immer, es regnet nicht immer; wie sollte denn das Korn
wachsen.
    Recht mu aber doch Recht bleiben, wiederholte Hans Jrgen, der jetzt
anfing zu verstehen, was der Knecht gemeint.
    I freilich, Junker. Wer der strkste ist, der ist allemal im Recht. Und wer
nun schwcher ist, fr den kommt auch die Zeit, mu sich nur ducken und
schicken, bis es mal umkippt, denn das thut es schon. Wenn der Gestrenge
losschlgt, nun lieber Gott, 's thut ein bischen weh, aber ich hab' auch schon
gelernt, mich zurecht biegen, und am Ende thut's mir auch nicht mehr weh, und
nachher wei ich, thut's ihm leid, da ruspert er sich, knipst mit
Pflaumenkernen nach mir, fragt, was ich denn grunze? Na, und wenn ich nun
fortgrunze, nmlich was so meine Art ist, und komm' ihm nicht nher, so kommt er
mir nher, und da macht sich's denn so, manches Mal hat er mir den Bart
gestreichelt, und mich 'nen verfluchten, eigensinnigen Kerl gescholten. Da wei
ich, die Glocke hat Feierabend geschlagen. Da mu ich in den Keller. Vergi Dich
auch nicht, Kasper, sagte er. Ja, ich kann's wohl sagen, ich hab's recht gut in
Ziatz, und wenn ich mir was wnschen thu, da wei ich schon, nach der
Prgelsuppe krieg' ich's. O ich knnte noch viel mehr kriegen, aber ausverschmt
mu kein Christenmensch nicht sein. Htt's mir auch jetzt gesagt: Kaspar, willst
Du nicht nach Brandenburg reiten auf den Markt, und wenn Dir ein Wamms in die
Augen sticht, da hast Du 'nen Gulden, aber sag's der Frau nicht. Nu so klug bin
ich auch. Wer wird denn plaudern! Aber da sind die Hosen zwischengekommen; drum
geh' ich das Wamms quitt.
    Die Mauern von Spandow wurden jetzt sichtbar. Der Knecht hielt ein wenig an,
weil die knftige Klosterfrau ihren Anzug in Ordnung bringen wollte. Da sprach
Kaspar wie vor sich hin:
    'S knnt mit den Edelleuten auch besser gehen, meine ich, wenn sie's mit
dem Kurfrsten machen thten, wie ich mit meinem Gestrengen. Eigentlich ist's
Vieh doch klger als der Mensch, brummte er fort. Keine Maus kriecht in keine
Speiskammer, wo sie nicht ein Loch gemacht, da sie wieder raus kann.
    Hans Jrgens Gedanken gingen ihren eigenen Weg. Agnes, als sie der Stadt
sich nherten, drckte ihrem Vetter die Hand:
    Ach Hans Jrgen, weit Du, vorhin auf dem Weg berkam es mich manchmal
recht bang, da ich in's Kloster mte. Aber nun ist mir wieder ganz wohl und
leicht um's Herz. Da in den Mauern ist der Friede Gottes. Sag' ihnen das zu
Haus. Und Du, armer Hans Jrgen, Du mut zurck in die Welt voll
Ungerechtigkeit! Was willst Du da anfangen? - Ach, wenn Du nicht heirathen
thust, dann gehst Du auch mal in's Kloster.
    Hans Jrgen sagte nicht Ja und nicht Nein.
    Weil Du's gern hast, Agnes, will ich zu den Vettern nach Friesack. Aber
blos darum.
    Sie werden itzo nicht hochmthig sein. Das Unglck macht weich.
    Aus Mitleid! - Ich will gar nicht, da Einer sich mein erbarmen soll.
    Bringen Eine von Bredow zu den Ursulinerinnen! antwortete der Knecht dem
Wachthabenden am Thor, denn schon war der Wagen ber die Hangebrcke und hielt
unter dem finstern Thor.
    Marsch! rief der Waibel.
    Ach, Hans Jrgen, sagte Agnes ngstlich, als der Wagen wieder sanfter
durch die ungepflasterten Gassen fuhr, wie grimmig sahst Du den Waibel an; mir
war schon angst, er wrde Dich in's Thorhaus stecken lassen.
    Mich rgerte sein kurfrstlicher Rock.
    Nimm Dich in Acht, Hans Jrgen, lieber Junge, da Dir kein Unglck
geschieht. 'S ist schon genug ber die Familie kommen.
    Sie waren wieder aus der Stadt heraus, der Wagen hielt vor der
Klosterpforte. Ein banger Augenblick war's fr Agnes Bredow, ihr Herz pochte,
als der Knecht an der Schelle zog.
    Den Abschied von ihrem Vetter zu beschreiben, ist nicht unser Wille; auch
nicht den Abschied von der Welt. 'S ist berall gut, einen Abschied kurz zu
halten, wer nun nachmals will leben fr die Welt oder fr den Himmel. Auch
durfte sie ihr Vetter noch in den Vorhof begleiten, um sie der Priorin zu
bergeben. Dort im Sprechzimmer durfte sie die letzten Worte mit ihm wechseln,
die letzten Gre ihren Lieben senden, den letzten Schwesterku ihm auf die
Stirne drcken.
    Aber was sie ihm jetzt noch zu sagen hatte, das schien ihr besser gesprochen
unter Gottes freiem Himmel, als da, wo die Heiligen an den Wnden auf ihre Worte
lauschten.
    Vetter, treibt's Dich, und Du kannst nicht anders, so zieh Dein Schwert
gegen wen es sei, als ehrlicher Mann. Ist's Snde, wird Gott es Dir verzeihen.
Aber lieber Hans Jrgen, thu's nicht wie der Kasper sagt. Der Kasper, der mag
Recht haben, aber vor Schlgen frchtest Du Dich doch nicht. Wenn's auch klug
ist, thu's nicht so mit dem Kurfrsten, wie er mit dem Vater. Halt' auf Dich
selbst.
    Mit einem frohen Blick schlug er sich an die Brust: Ich dienen, Mnnerchen
machen, ich schweigen und lgen, damit - Agnes, so wahr -
    Sie griff den Arm, den er zu einem Gelbni in die Hhe hielt: Schwren
sollst Du nicht. Um Gotteswillen schwre nichts, denn Niemand wei - aber lieber
Hans Jrgen, so gefllst Du mir. So sollte Dich Eva sehen.
    Sie wandte sich rasch ab, sie ergriff seine Hand, und mit hastigen Schritten
eilte sie der Schwelle und der Thr zu, die jetzt in ihren Angeln knarrte, um
hinter ihr - sich auf immer zu verschlieen.

                              Neunzehntes Kapitel.



                                 Der Ueberfall.

Im Anfang war Frau von Bredow sehr traurig gewesen; aber man kann nicht immer
traurig sein.
    Der Knecht Ruprecht hatte die Kibitze wieder zwitschern gehrt im Schilf.
Das ist ein gut Zeichen, gestrenge Frau! Er hatte die Tauben gezhlt, und es
fehlte keine. Da stirbt im Jahr keiner aus dem Haus. Und am Abend des Tages,
wo Hans Jrgen mit Agnes nach Spandow gefahren, flogen drei Kraniche ber die
Burg. Die Kraniche, Gestrenge, mit denen hat's was Eigenes. Die wilden Gnse
sind dummes Vieh, die bedeuten nur einen strengen Winter; aber die Kraniche sind
kluge Thiere. Sie sehen das Verborgene, und wo ein Mrder ist, dem fliegen sie
nach. Ja, es ist noch mehr Absonderliches in ihnen, und wo sie ber ein Haus
fliegen, das bedeutet groe Ehre.
    Wo sollte die Ehre herkommen! Ihr Herr sa noch gefangen, und Jammer im Haus
in Hlle und Flle; aber die klugen Vgel muten doch etwas mehr wissen. War ja
ein Schreiben des Dechanten eingegangen; etwas versptet, denn mit den
Gelegenheiten sah es damals schlimm aus, und dunkel lautete es, aber doch
trstlich: sie solle, den Muth nicht verlieren, dem Herrn ihre Wege befehlen,
und nebenbei hie es, auf ihn, den Dechanten, allein vertrauen, denn es lasse
sich noch vielleicht Alles zum Guten wenden. Und bald darauf war ein
kurfrstlicher Reiter in die Burg gesprengt, und auf den Brief, den er dem
Wachtmeister brachte, war die Einlagerung ausgeritten; stumm und still, wie sie
vorhin laut gewesen. Was der Bote sonst fr Nachricht gebracht, das erfuhr
Keiner.
    Nun war das Haus leer, und Frau von Bredow allein. Als so aller Lrm
pltzlich stumm geworden, war ihr fast bang zu Muthe. Eine Thrne lief ber ihre
Backe. Da stand all ihr Unglck ihr erst recht vor Augen, ihre zerschlagenen
Hoffnungen; vor ihr lag es so trb, ach so viel, so Groes, als htte es vorhin
in dem Gewirr keinen Platz gehabt.
    Ach, du lieber Gott! Was soll man anfangen! sagte die gute Frau, und
wischte mit der Schrze ber die Backe.
    Die Gromagd Anne Susanne blickte sie schlau an:
    Gestrenge! Der Herr ist fort. Da knnten wir ja mal scheuern.
    Scheuern! - Es mute ein wunderbarer Klang sein. Die Thrne war
verschwunden, eine helle Rthe zog sich ber das eben noch blasse Gesicht der
Edelfrau, und sie sah mit einem eigenen, fragenden Blick die kluge Magd an: Du
meinst, Anne Susanne?
    So recht ordentlich, von, oben bis unten. Die Sonne kommt durch die Wolken.
'S wird ein warmer Tag; da trocknet's balde.
    Da trocknet's balde, wiederholte die Edelfrau.
    So ein Tag kommt uns gar nicht wieder, Gestrenge.
    Da hast Du wohl Recht, aber, -
    Der Kaspar ist auch fort. Der lt ja nicht Besen und Fa ran, wenn der
Herr aus ist -
    Hast recht, ist ein unreinlicher Mensch, der Kaspar, aber 'ne treue Seele.
    Ach, Gestrenge, droben die Dielen und die Treppe, wie sieht das aus. Die
Tauben, die rein flattern, und die kleinen Kuzchen, die Sperlinge, wenn der
Herr sie fttert, und die Katzen! Werden mit der Hacke d'ran mssen. Der Besen
thut's nicht mehr.
    Ob's aber auch recht ist, Anne Susanne! Der Herr -
    I der wird auch froh sein, wenn er's nicht merkt. Man kann ja oben nicht
mehr ruhig schlafen. Das heckt ja!
    Wenn er's nicht merkt! - Brigitte Bredow! Ein gebrannt Kind scheut das
Feuer, und Du, eine so kluge und fromme Frau! - Erst eben - und nun steht der
Versucher schon wieder vor Dir. Die Sonne schien so hell ihr in's Gesicht, als
riefe sie: Ich will schon trocknen, liebe Frau von Bredow!
    Wre nur ein Geistlicher da gewesen, den sie d'rum fragen knnen!
    Der Herr hat's auch gar nicht verboten, als er fortging.
    Nicht?
    I bewahre, Gestrenge. Und wenn er erst all den Schmutz she, den die Reiter
gemacht! Das ist wohl gut, da man das erst fortschafft, damit er nichts merkt.
    Das darf er nicht merken. Da hast Du recht. Ach, mein Gtze, wenn Du das
wtest hier!
    O, er kommt schon wieder; er hat ein so fromm Gemth, wenn er nicht bs
ist.
    Anne Susanne! Wenn er nun wieder kme!
    I, er wird doch nicht, Gestrenge! Wen sie in Berlin einsperren, den lassen
sie sobald nicht los.
    Frau von Bredow sah den Himmel an, und die Sonne und die Besen und Eimer,
welche die hurtige Anne Susanne, schon aus den Winkeln geholt, dann rhrte sie
sich selbst und sprach: Na!
    Die Sonne hatte seit lange nicht so froh herabgeschienen auf Burg
Hohen-Ziatz. Wie sich das regte und bewegte, wie der Ziehbrunnen auf- und
abging. Der trge Brunnen gab zu wenig Wasser! Wozu waren die Grben und Teiche.
Wer Arme und Beine hatte, und aus dem Dorfe wurden ihrer auch dazu geholt, mute
schpfen, tragen. Da war unsere Frau von Bredow wieder sie selbst. Wo war sie
nicht, wo nicht ihr Aug'! Wie flog die dumme wendische Magd mit ihrem Eimer zur
Thr hinaus, als sie ihn ausschtten wollte in der Halle. Man fngt wohl von
unten an, wenn man ein Haus baut,, von oben.
    Die Treppen hinauf kamen sie in einer langen Reihe mit den Eimern, Besen,
Brsten und Hacken, Mgde und Knechte. Was ward gekratzt, geschabt, gebrstet,
mit Fen und Hnden. Dann erst durfte das Wasser flieen. Es war ein schner
Anblick, als die Eimer sich entluden auf die drstenden Dielen. Zeit und Wasser
hlt Niemand auf; wer sie nutzen will, mu den Augenblick ergreifen.
    Nun waren sie schon bis an den Treppen zur Halle, die rstigen Frauen, und
man mute sich freuen, da es in Burg Ziatz nicht wie anderwrts ging, wo sie
eifrig anfangen, und nachher mde werden; man glaubt, sie thun's nur um
Gotteswillen. Nein, hier hielt's die Edelfrau nicht unter sich, mit anzugreifen;
wo es die Mgde ihr nicht recht thaten, sagte sie. Mancher htte glauben
knnen, ich wei nicht, ob mit Unrecht, sie tht's aus Herzenslust, wie sie die
Rcke bis zum Knie aufgeschrzt, mit dem Schrubber hin und her fuhr, als wie ein
Reiter im Getmmel der Schlacht mit der Lanze.
    Na nu runter! hie es, und die Mgde lieen sich's nicht zweimal sagen.
Das war ein Wasserfall! Nur schade, da grade Einer rauf kam. Ach unser
Junker! rief die Anne Susanne.
    Hans Jrgen! Ungeschick! Wo kommt der her?
    Hans Jrgen lief nicht fort, aber das Wasser, dachte Frau von Bredow, als
sie auf der obersten Stufe in solcher Arbeit war, da sie nicht viel von dem
hrte, was Hans Jrgen auf der untersten sprach. Was konnte er ihr auch sagen?
Von ihrem lieben Kind, das er nach Spandow gebracht. Bren sind nicht unterwegs;
und wer einmal in Spandow ist, ist sicher, das mochte Frau von Bredow auch
denken, als sie rief: Platz da! und gar nicht sah, wie der Junker auf etwas
zeigte, was drauen kam. Selber sehen konnte es der arme Junge nicht, denn er
mute sich die nassen Haare aus dem Gesicht streifen, und sah dann auch noch
nicht, denn das Wasser hatte es mit ihm gut gemeint.
    Etwas mute die Edelfrau doch gehrt haben, vielleicht war's das Jagdhorn
drauen, als sie auf den Besen gesttzt, einen Augenblick Athem schpfte.
    Wer wird's sein? sagte sie.
    Base, 's ist Einer -
    Nein, 's sind zwei, unterbrach sie ihn, als ein Paar schne, schlanke
Jagdhunde wie zwei Blitze hereinschossen.
    Der sagt, er wr' der Kurfrst, aber ich glaub's nicht.
    Ein feiner Ritter, im grnen Jgerkleid, das Hifthorn an der Seite, blieb,
von dem Anblick, wie es schien, etwas berrascht, an der Schwelle stehen. Wenn
der Herr schon berrascht war, war es die Frau! - Im Anfang stand sie, wie der
Roland in Brandenburg; nur machte der nicht den Mund auf, noch sieht er mit
seinen steinernen Augen so stier auf einen Gegenstand, noch wird er roth und
bla, wie uns're Frau von Bredow. Zuerst sank ihr der Besen aus der Hand, dann
schien's, als wolle sie die Hnde falten, dann fuhren sie beide auf den Rcken,
um das Bund oder die Nestel zu lsen, welche ihre aufgeschrzten Rcke
festhielten, was ihr aber in der Bestrzung und Hast eben so wenig gelang, als
weiland ihrem Neffen Hans Jochem die Lsung des Hosenbundes, welchen der Krmer
ihm angezaubert. Dann fuhr sie in die Haare, die allerdings nicht mehr ganz in
Ordnung waren, aber bei dem Verfahren, das sie einschlug, auch nicht besser
wurden.
    So schlage doch -, entglitt es ihren Lippen, aber ebenso schnell
verschluckten diese wieder eine Lsterung, welche bei einer so frommen Frau
unmglich aus dem Herzen kam. Wie htte sie auch noch im selben Athem die
heilige Katharina, die heilige Barbara und Ursula anrufen drfen. Das haben
wenigstens die Mgde gehrt. 'S ist ja der Kurfrst!
    Und dann flogen zwei. Zuerst Hans Jrgen, aber nicht freiwillig, wie der
Vogel durch die Luft, er flog wie die Kugel aus dem Rohr oder der Kegel vom Ball
des Spielers. Dann die Edelfrau. Hans Jrgen turkelte seitwrts, sie strzte
geradezu auf die Knie.
    Allerdurchlauchtigster Herr Markgraf und gndigster Herr Kurfrst, Gnade! -
Die abscheulichen Mdel' plantschten so sehr - aber mein Mann ist unschuldig. -
Wir sind Alle unschuldig. - Man kann's ihnen noch so oft sagen, sie thun's doch.
Und gerade heute! - 'S ist zu viel, wei Gott, 's ist zu viel auf ein Mal.
    Da ich zur ungelegenen Stunde hier eintrete, sagte lchelnd der hohe
Gast.
    Darin theilte Kurfrst Joachim der Erste, den Frau von Bredow ihr Lebelang
hoch in Ehren, ja nchst dem lieben Gott am hchsten hielt, auf einen Augenblick
das Schicksal mit dem verachteten armen Hans Jrgen. Sie hatte in ihrer Angst
und Eifer auch nicht gehrt, was er sagte, sonst wrde sie nicht fortgefahren
haben:
    Was zu viel ist, Durchlaucht, ist zu viel - und die Ehre dazu! - Keinem
kleinen Kinde nicht hat mein Mann den Finger gekrmmt, so lammfromm ist er - das
ist, mit Respect zu sagen, ein schlechter Mensch, der das ihm nachsagt - und der
gndige Kurfrst kann selbst in alle Winkel und Ecken - wahrscheinlich hatte
sie schlieen wollen: die Nase stecken, als sich pltzlich ihr Mund von neuem
Schrecken schlo.
    Darum kam ich nicht, fiel Joachim rasch ein und hielt ihr, wie schon
vorhin, die Hand entgegen, sie aufzuheben: Ich komme als Gast, aber es thut mir
leid, da ich ungelegen komme.
    Ungelegen? rief sie. Unser Haus steht unserm Markgrafen allezeit offen.
Wer das von uns sagen thte, da unser Landesherr in das Haus eines Bredow
ungelegen kme - aber die Sonne schien nun mal so warm - und da grade mein Herr
- aber wenn ich nur 'nen kleinen Wink gehabt, da htte ich ja die Anne Susanne -
es mute aber doch auch grade heute Alles kommen, wie ein Donnerwetter, wenn die
Sonne -
    Da ihre Zunge mit ihren Gedanken durchging und alle Zgel rissen, wer
verargt's der armen Frau! Wer fordert von der besten Hausfrau, die immer auf dem
Fleck ist, da sie es auch da noch sei, wenn der vornehme Herr, mit dem Stern
auf der Brust, im Augenblick eintritt, wo ihre Arme im Waschfa stecken; und von
dem vornehmen Gnner, hngt ihres Gatten, ihres Sohnes Schicksal ab; Sie wscht
vielleicht nur, damit ihr Mann sich gut prsentiren soll; vom ersten Eindruck
hngt Alles ab. Und dies war ihr Frst, und sein Richtschwert hing noch ber dem
Haupt ihres Mannes. Wo Alles in Unordnung war, wer fordert, da unserer Frau von
Bredow Gedanken in Ordnung sein sollten?
    Kurfrst Joachim forderte es nicht: Ich kenne meine Getreuen, ihr Frst
kommt ihnen nie ungelegen, aber die Stunde doch vielleicht, meine liebe Frau von
Bredow, lchelte er.
    Ach gndigster Herr! Der Fu, der Fu! Das Wasser! - 's ist aber reines
Grabenwasser.
    Einer der kleinen Wasserbche, die von den Treppen ber den gestampften
Boden rieselten, netzte allerdings die Sohlen seiner Stiefeln, aber indem der
Frst es bemerkte, sah er auch, da die wrdige Frau selbst schon im Feuchten
kniete, und mit einer ritterlichen Bewegung hob er sie, ehe sie sich dessen
versah, auf.
    Es thut mir leid, da ich die wrdige Frau meines lieben und getreuen
Vasallen in so lblicher Verrichtung stren mute. Nun ist es ein Mal, so und
man mu sich darinfinden. Das Wetter ist schn, und der Hausherr reitet mit mir
in seinem Walde umher, derweil die gute Hausfrau das Haus zur Nothdurft
beschickt. Ein verirrter Waidmann fordert nicht viel, ein einfach Lager fr die
Nacht, und ein freundlich Gesicht zum Willkomm.
    Weniger konnte der Landesherr freilich nicht fordern, wo er bei einem
Vasallen eintritt. Aber auch die Nacht wollte er bleiben! Das war noch mehr als
zuviel. Ihr ehrliches Gesicht verbarg nicht den neuen Schreck.
    Das ganze Haus ist ja na!
    Ein trocken Kmmerlein findet sich doch wohl; und wo nicht, ein Stall, ein
Schuppen. Der mde Jger schlft auch ungewiegt unter Gottes Himmelsdach. Wo ist
Herr Gottfried?
    Da sah die Edelfrau, die Hnde im Schooe faltend, ihn gro an: Gndiger
Herr, spottet unser nicht. Ihr wit am besten, wo er ist. Seit vier Tagen ist er
nicht in sein Haus kommen, und sie hielt den Arm vor die Augen.
    So hat der da mich doch nicht belogen, sagte der Frst, auf Hans Jrgen
blickend.
    Hans Jrgen stand aufrecht mit einer Miene, die man wieder verdrossen nennen
mochte.
    Der Frau von Bredow dmmerte eine Ueberzeugung. Des Frsten Angesicht bringt
Gnade. Wen er richten will, schickt er seine Schergen, sie klopfen mit
geharnischter Faust an's Thor; er tritt nicht selbst ber die Schwelle des
Verurtheilten! Ihre Kniee wankten auf's Neue zu einem Fufall; Joachim kam dem
zuvor:
    So hab' ich meine Boten bereilt mit ihrer guten Kunde; doch davon nichts
mehr, das sind vergessene Dinge, die ganz vergessen und vergeben zu machen meine
Sorge sein lat.
    Gtz ist unschuldig! jauchzte es auf. Ich sagt' es gleich.
    Und ein Ehrenmann! Frei seit drei Tagen, die Schuldigen sind gestraft.
    Frei! jubelte ihr Herz. Sie wollte auf den Frsten zustrzen, seinen Arm
ergreifen, seine Hand an ihre Lippen drcken, sie wollte reden, sie wollte
niederstrzen. Das Herz rhrte sich ihr im Leibe, aber sie fhlte, es passe
alles nicht. Aber da standen die Mgde, die ungeschliffenen Mgde, mit ihren
Eimern, ihren Besen, mit offenen Mulern, und gafften den Frsten an, wie ein
groes Thier. Und viel fehlte nicht, so htten sie auch ihn vorhin mit den
Eimern begossen. Wer htte das gut gemacht! Die Burg htte ja mssen geschleift
werden, in Grund und Boden! Da stand Hans Jrgen auch wie ein Kegel und rhrte
sich nicht. Nun wute sie, was zu thun. Sie ri ihn vor:
    Das ist Dein gndiger Kurfrst. Auf die Knie, und dank ihm, wie Deine
Schuldigkeit, da er -
    Sie wute doch eigentlich nicht, was er danken sollte.
    Ich knie vor keinem Menschen nicht, sprach Hans Jrgen und blieb aufrecht
stehen.
    Der wird nicht niederfallen, sagte der Frst, dafr steh ich Euch. Gehrt
der trotzige Gesell zu Euch?
    Nun hatte er's doch gehrt! Die Edelfrau sah auf den Junker, wie etwa ein
Tausendknstler ngstlich auf ein Haus oder einen Thurm, das er auf der
Schaubhne aufgerichtet hat, und auf sein Commandowort soll es zusammenstrzen.
Hans Jrgen stand wirklich nicht mehr ganz sicher, und es htte nur eines leisen
Druckes bedurft, so wre er niedergestrzt.
    Aber die Edelfrau verdarb es.
    Gndigster Herr, rechnet uns das nicht an, wir haben Leides genug in
unserer Familie. Er gehrt nicht zu uns; unsers Vetters Kind ist er, eine Waise,
aber Gott allein wei, warum das. Von mir hat er's nicht, und von meinem
Gottfried auch nicht. Wir hatten einen besseren, aber dem ist das Bein
gebrochen. Der wrde gleich knieen. Dieser ist auch ein guter Junge, aber macht
uns viel Herzeleid; seine Dummheit und sein Trotz bringt uns in's Verderben.
    Da trat pltzlich Hans Jrgen einen Schritt vor und sah dem Kurfrsten recht
dreist und dumm, aber grad in's Gesicht.
    Herr Kurfrst, da mir's Gott verzeih, ich kann's nicht. Aber wenn ich
meine Blutsfreunde in's Verderben bringe, dann will ich's doch. Warum soll ich
denn niederknien? Wer was bertreten hat, der soll's, wer was bitten thut, der
mag's. Ich hab' nichts bertreten, ich mag nichts bitten. Herr Gtze, mein Ohm
hat nichts Bses gethan, die Base hat auch nichts gethan; hier hat Keiner was
gethan. Ihr seid ein groer Herr, Ihr seid der Kurfrst, was ich denke, das hab'
ich drauen gesagt, wo ich noch nicht wute, wer Ihr wart, und Ihr habt's
gehrt, wo Ihr noch nicht wutet, wer ich war. War das nicht recht, nu da hab'
ich's gethan. Es thut mir gar nicht leid, denn was mir im Herzen sa, mute
raus. Ihr seid Herr im Land, und knnt befehlen, wir mssen gehorchen. Wenn Ihr
befehlt: knie nieder, so thu ich's darum; aber von freien Stcken, Gott straf
mich, ich thu's nicht, und nun erst gar nicht.
    Nun mute er ihn doch auf der Stelle nach Spandow schicken und hngen
lassen! - Gegen das erstere htte sie vielleicht nicht viel einzuwenden gehabt.
Aber Joachim fate ihn leicht beim Arm, und schob ihn bei Seite, aus der
Wasserpftze, darin er mit den Fen, da er nicht ruhig stand, spritzte und
umher nte.
    Ein ungeschickter Bub ist's, das sehe ich nun, Frau von Bredow, und hier
ein ungebetener Gast, gleich mir. Wir stren die Ordnung. Darum mu man uns die
Thr weisen, und da unsre Wirthin zu freundlich ist, will ich ihr Amt
verwalten.
    Damit fhrte er den Hans Jrgen freundlich zur Thr hinaus.
    Was weiter an dem Tag in der Burg Hohen-Ziatz vorgefallen, das kann noch ein
Anderer beschreiben, wer Lust hat. Uns drngt Wichtigeres, das einbricht, und
wir halten es nicht auf. Die Kraniche hatten doch recht gehabt, dachte der
Knecht Ruprecht.
    Das ist ein Herr! sprach die Edelfrau, als sie wieder zu Athem kam, und
sie hatte wohl Grund, es zu sagen, denn der nicht merken lt, da er ein Herr
ist, ist der rechte Herr. Der Kurfrst ging mit seinem Begleiter in der Burg
umher, als htte er wunder was zu sehen, das ihn ganz von allem abzge. Da
erklrte er dem Ritter von Holzendorf, was die Bauart der Wenden gewesen, und
was die Deutschen gemauert htten. So, nachdem er ber die Mauern ringsum
gegangen, wollte er, da die Sonne schon die Kieferwipfel berhrte, noch ein Mal
in's Freie vor dem Abendimbi, als er den blassen Kranken in der Thorstube am
Fenster sitzen sah. Er trat zu ihm ein und trstete ihn: wen Gott heimsuche, den
liebe er, und wen er zu tdten scheine, den erwecke er oft; er verhie ihm, wenn
er in den geistlichen Stand trete, sein Aug auf ihm zu haben, und dafr zu
sorgen, da er in den geistlichen Wrden wie in der Erkenntni steige. Aber das
irre Auge des Junkers war ihm unheimlich, und er eilte, da er in's Freie kam.
    Die Leute wuten nicht, ber wen sie mehr sich verwundern sollten, ber den
Frsten oder ber ihre Frau. Es war viel, mit Hnden schien's kaum zu schaffen,
aber es ward doch geschafft. Ueberall kann doch nicht ein Mensch sein, aber sie
war berall; jetzt in der Kche, jetzt in der Halle, nun whlte sie in den
Schrnken, nun flog sie in den Keller. Da war der Flur der Halle nun trocken,
das hatte manches Stck der Herbstwsche gekostet, da war feiner weier Sand
darauf gestreut und Tannenreiser, da prasselte der Kamin und verbreitete
angenehme Wrme, aber auch angenehme Dfte, sie hatte Bernstein und wrzige
Kruter hineingeworfen; ber die nassen Treppen waren Decken gelegt, und die
Gelnder mit grnen Struchern umwunden. Da stand der Tisch schon in der Mitte
mit ihrem Hochzeitsgedeck, und einem silbernen Armleuchter, und Flaschen und
Schsseln: So wird's wohl gehen, sprach sie aufathmend und sank erschpft in
den Armsessel.
    Sie hatte fr Alles gesorgt, auch das Bett stand schon drauen, das sie
hineintragen wollten, wenn der Frst abgespeist, denn die Halle war das einzige
Gemach in der Burg, wo ein Frst zur Noth nchtigen konnte, vor dem Wasser, das
Alles berschwemmt hatte. Ja, fr Alles hatte sie gesorgt, nur nicht fr sich.
Da sa sie, die Hnde auf ihren Knieen, und nun erst sah sie sich selbst. Es war
noch Alles, wie es gewesen, der Rock auf dem Rcken verknotet, die Aermel
aufgekrmpt, die Haare - mit einem Aufschrei strzte sie fort, denn schon kehrte
der Frst ber die Zugbrcke zurck.
    Der junge Frst, der noch vorhin so freundlich und leutselig gewesen, sa
stumm und mit bewlkter Stirn an der hellen Tafel. Mundeten ihm die Speisen,
schmeckte ihm der Wein nicht, vermite er den Wirth ihm gegenber, oder war das
Sonnenlicht seiner Laune mit der Sonne am Horizont untergegangen? - Er wird auch
mde sein, dachten sie in der Halle. Seit der Geschichte mit dem Lindenberger,
flsterte sein Bchsenspanner zum Gesinde drauen, ist er allabends so, wenn es
dunkelt.
    Mein gndiger Herr wird's Euch zu Lieb und Dank wissen, gndige Frau,
fhrte der Ritter von Holzendorf fr seinen Frsten das Wort, da Ihr Euch so
angelegen sein lat, ihn mit Ehren und Gutem zu bewirthen. Wir treffen's nicht
berall so, wenn wir in der Jagd in ein Haus einfallen. Man nimmt da gern
vorlieb, was man findet, Ihr aber tragt vom Besten auf, und ist's doch fast so
stattlich alles hier, wie zu einer Hochzeit.
    Das machte die Edelfrau errthen, denn sie hatte ihr Brokatkleid angezogen,
mit dem sie an den Altar getreten war, und auf dem Kopf sa schn gepufft die
Flgelhaube von damals. Aber auch darauf sah der Frst nicht. Den Leuten in Burg
Hohen-Ziatz schien das fast noch merkwrdiger, als vorhin seine Leutseligkeit.
Und wenn die Gestrenge ihm so mit tiefem Knicks das Backwerk reichte, oder auf
der Silberschale den feinen Wein zum Nachtisch, nickte er wie in Gedanken, und
hatte es kaum an die Lippen gebracht, da er es wieder hinsetzte.
    Da ich auch nicht einmal einen einzigen anstndigen Menschen meinem Herrn
zu Tisch setzen konnte, das ist, was ich mir mein Lebtag nicht verzeihen werde,
flsterte die Burgfrau zum Begleiter des Frsten; ihn selbst anzureden wagte sie
nicht mehr. Aber wo sollten wir hinschicken. 'S ist ja keine vernnftige Seele
hier herum.
    Joachim erhob sein Gesicht aus dem Arm, in den er es gesttzt.
    Wo ist der junge Mensch! Der Bursch, den ich im Walde traf, und der mich
auf den Richteweg fhrte? Ich sehe ihn nicht mehr.
    Frau von Bredow hatte ihn vorsorglich in ein unweit gelegenes Vorwerk
geschickt, um ihre Tochter Eva abzuholen. Mit groen Herren ist nicht gut zu
spaen, hatte sie gedacht, und wenn er ihn auch nicht hngen lie, so liegen
doch zwischen dem Hngen und Spaen Dinge, ber die man nicht spaen mu. Nun
war er zwar schon zurckgekehrt, aber sicher ist sicherer, dachte sie, und ihr
gutes Herz erlaubte ihr eine Lge.
    Ach, durchlauchtigster Herr, der ist sehr mde, er kommt heut von weit her.
Da erlaubte ich ihm -
    Mde zu bleiben, unterbrach Joachim lchelnd und warf das Handtchlein auf
den Tisch. Da erlaubt meine freundliche Wirthin es Ihrem Gast wohl auch,
sintemal er mit Eurem Vetter in einem Falle ist. Morgen, Frau von Bredow, fhrt
ihn mir vor. Wir haben ein Gesprch zu Ende zu bringen, das seltsam genug im
Walde anfing.
    Und wieder sah der Frst vor sich nieder, mit der Hand auf den Tisch
gesttzt, als trten abermals ernste Gedanken vor seine Seele.
    Beliebt es meinem gndigen Herrn? weckte ihn eine feine, wohlklingende
Stimme. Er fuhr mit einem Seufzer auf und sah ein liebliches Mdchen vor sich
stehen, in der einen Hand eine silberne Schssel, in der andern eine silberne
Kanne: ein weies Linnentuch hing ber ihrem Arm. Indem sie Wasser in die
Schaale go, berzog Stirn und Wangen eine helle Rthe.
    Joachim tauchte die Finger in die Schale und netzte sie, wie mit
Wohlgefallen, in dem Wasserstrahle, den die Jungfrau darber trufelte. Er sah
ihr freundlich in das blaue Auge, aber es war kein Liebesblick.
    Mge der Strahl der Gnade so klar auf Dich und mich perlen, als dieses
Wasser ber meine blutige Hand.
    Sie ist nicht blutig, gndigster Herr! Aber ihr Gesicht ward blutroth, da
sie sich das zu sprechen unterstanden.
    Nicht, Jungfrau? Mir scheint doch, der Fleck will nicht abgehen.
    Wahrhaftig, sie ist rein. Das ist nur der Wiederschein vom Fackellicht,
durchlauchtigster Herr. Morgen, bei Tageslicht, da werdet Ihr sehn, sie ist ganz
rein.
    Rein, wie Dein Antlitz, und klar, wie Dein blaues Auge? O da es immer
Tageslicht wre!
    Der Frst brach auf.
    Das Tagewerk der guten Frau von Bredow war damit nicht geendet. Was der Tag
war gewesen, und was sie am Abend bis spt in der Nacht noch gethan und
geschaffen, davon liee sich wieder ein Buch schreiben, und will's Gott, und
giebt mir Kraft dazu, und meine Leser werden nicht mde, so wird's Frau Brigitte
ihnen selbst noch ein ander Mal erzhlen, wie sie's ihren Enkeln und den Gsten,
die brave Frau, so oft erzhlt hat von ihrem Ehrentage; und das Hauptstck davon
ist, wie sie das Bett in die Halle geschafft, und ein Himmeldach darber
aufgeschlagen, ohne da der Frst es merkte. Und als er sich niedergelegt und
schlief, wie sie da ohne Gerusch und Klappern den Abendtisch mit Flaschen und
Schsseln, mit Kerzen und Fackeln, mit Kesseln und Sesseln heimlich
hinausgeschafft, und die Halle eingerichtet mit Teppichen und Vorhngen, mit
Geschirr und Ampeln, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens, da Joachim, als er
erwachte, in seinem eigenen Schlafgemach zu sein vermeinte, und dann dachte er
an Zauberei, denn mit natrlichen Dingen konnte das nicht zugehn. So hat Frau
von Bredow es oft erzhlt und ihr Auge leuchtete dabei. Ich war die Zauberin,
allergndigster Kurfrst, so ich es mich unterstehen darf, hatte sie, ihre Knie
bis zur Erde senkend, und die Augen niederschlagend, gesprochen.
    Was der Kurfrst getrumt im Bernsteindufte der Halle von Hohen-Ziatz, das
wei ich nicht. Er schlief fest. Der rechte Arm hing vom Lager herab. Wenn die
Burgfrau auf den Zehen die Treppe herunterschlich, eine Hand frische
Bernsteinkrner und Weihrauch auf die glimmenden Kohlen zu streuen, und die
Kohlen flackerten auf, dnkte es auch sie, als wenn die Hand blutig roth sei.
Leise schlich sie zur Thr hinaus, wo die Wacht stand, auf die Hellebarde
gelehnt. Die Burgfrau brauchte ihn nicht zur Wachsamkeit zu ermuntern. Keinen
Fremden la ich nicht ein; da soll Keiner ihm ein Haar krmmen, bis er mag fr
sich selbst stehen. So sprach Hans Jrgen, und wie kleidete ihn jetzt die
Stahlhaube, die er nicht mehr verkehrt aufgesetzt, der verblichene Wappenrock
seines Vaters, der Kra und das lange Schwert an seiner Seite. Die Base hatte
es ihm aus dem Schrank gereicht und gesprochen: Nun thu Deinen ersten guten
Dienst. Er hatte laut geantwortet: Das will ich, Base. Fr sich hatte er
hinzugesetzt: Aber vor den Hosen steh ich nun nicht mehr Wache!
    Es war lange nach Mitternacht, als die gute Frau von Bredow endlich zur Ruhe
kam, wenn das Ruhe war. Oben im Erkerstblein ihres Herrn, das zur Nothdurft
trocken geworden, lag sie jetzt im Bette, das sie mit ihrer Eva theilen wollte,
die noch das Abendgebet vor dem Crucifix sprach. Zwei hatten gut Platz, aber wo
fanden ihn alle die Gedanken, die in ihr arbeiteten und hin und her schwankten,
wie die Fahne des Hohenlohers ber dem Kopfkissen, wenn der Wind durch die
zerbrochenen Scheiben strich. - Ob sie wohl Alle gut untergebracht waren? Ach
Gott, der Herr von Holzendorf lag in der Scheune! Zwar auf ihren besten Betten,
aber doch immer in der Scheune, und solcher Herr! Ob er es ihr wohl nachtragen
wrde! - Aber er hatte es ja nicht anders gewollt. - Und Ihr Herr! Wo mochte der
wohl liegen? Vielleicht bei den Vettern im Havellande. Da kriegt er genug; es
schadete denn auch nichts, wenn der Kaspar ihn nicht mehr getroffen. Der Kaspar
wrde wohl fr sich die Blutwrste essen. Ausverschmt war er nicht, die Gans
wrde er wohl wieder mitbringen. - Und welch ein Glck es noch war. Wenn Gtz
in's Scheuern gefahren wre, das htte ein Unglck gegeben. Es war am besten,
da alles so gekommen, wie es kam. - Der Kurfrst war doch ein sehr feiner Herr!
- Vielleicht war er auch kurzsichtig, und hatte nicht Alles so gesehen. - Wenn
doch ihr Gtz auch so wre! - Na, man mu zufrieden sein, wie man's hat. - Ob
wohl im kurfrstlichen Schlo auch gescheuert wurde? Denken konnte sie sich's
nicht recht, aber es mute doch wohl sein. Der Gedanke wollte ihr gar nicht aus
dem Kopf. Und wenn der Kurfrst dann zu frh nach Hause kehrte, und die Treppen
schwammen, - und die Kurfrstin - Dummes Zeug! Sie wandte den Kopf: Die
Kurfrstin wrde nicht scheuern lassen, und es gab ja gar keine Kurfrstin. Aber
nun wollte ihr die Kurfrstin nicht aus den Augen, wie sie oben auf der Treppe
stand, und ngstlich ihrem heimkehrenden Herrn entgegen sah, und die Kurfrstin
sah gerade aus, wie ihre Tochter Eva.
    Sie faltete ihre Hnde: Ach Jungfrau Maria, bewahre mich vor der Snde.
Die Kuzchen, die beim Scheuern hinausgejagt waren, heulten vor dem Fenster. Da
kam ein neuer Gedanke, der ihr Angstschwei entlockte: Ach, der arme Herr von
Lindenberg! Vom Gefolge des Frsten hatte sie endlich von der Geschichte gehrt,
wenigstens den notdrftigsten Zusammenhang und das schreckliche Ende. Damals
hatte sie keine Zeit, darber zu denken, sie hatte sich's aufgespart, bis sie
allein wre. So ein lieber, guter, feiner Herr, und ihr Verwandter, und so
schrecklich zu enden! Sie sah die Raben flattern, sie hrte sie krchzen; sie
schlo die Augen, und steckte den Kopf unter die Decke. Aber eigentlich taugte
er auch nicht viel; er hatte eine glatte Zunge und glatte Haut, aber kein Herz
fr Freundschaft. Hatte er sich um sie gekmmert, bis Wind und Wetter nach
langen Jahren ihn in ihr Haus verschlugen? Und da war er's ja, der die
Geschichte angezettelt. Wie Vieles wurde ihr da mit einem Male klar. Ihre
Ziehkinder wollte er verfhren, ihren Gtz hatte er in's Unglck gebracht; er
allein. O, er war ein grundschlechter Mann, vom Teufel besessen. Sie hatte es
ihm auch schon angesehen, als er, noch ein schner, junger Herr, um alle
Frulein scharwenzelte. O, er verdiente nein ein so schreckliches Ende gnnte
ihm die gute Frau doch nicht. Htte er nur Gottesfurcht gehabt, und dann das
Hofleben! Ihr Hans Jochem hatte auch gar zu gern an den Hof gewollt. Den hatte
Gott dafr gestraft, und wie gndig! Nun war die Gottesfurcht mit dem
zerbrochenen Beine ihm mit einem Male aufgegangen. Und die arme Agnes! Nun, die
wird fr sie Alle im Kloster beten. Das Kloster war arm. Ob ihr wohl das viele
Fischessen bekommen wrde? Da das zur Gottesfurcht gehre, konnte sich Frau von
Bredow nicht denken. Die Aebtissin war keine strenge Frau, man knnte ja dem
Kinde dann und wann was Eingesalzenes schicken. Und der Dechant wollte ja der
heiligen Agnes einen Altar stiften. Sie hatte das Sndengeld zwar
zurckgewiesen, aber ob es denn nun nicht besser sei, schlechtes Geld zu einem
guten Zwecke zu nehmen, als da er's zu schlechten Zwecken durchbringe? Das Geld
konnte ja nichts dafr, da der Dechant es dem Lindenberg abgenommen. Sie kam zu
einem Vergleich zwischen ihrem Gewissen und ihren Wnschen. Wenn von dem
Lindenberg'schen Gelde ein Altar der heiligen Agnes gestiftet wrde, so sollten
vor demselben tglich drei Seelenmessen fr den todten Herrn von Lindenberg
gelesen werden.
    So legten sich die Strme, so verglichen sich die widerstrebenden Gedanken,
und nur der an Hans Jrgen qulte sie noch, als ihre Augenlider sich immer
fester schlossen, ihre Brust immer ruhiger athmete. Was sollte aus dem Jungen
werden? Seinen Trotz konnte ihm der Frst nimmermehr hingehen lassen. - Er wird
wohl noch ein klglich Ende nehmen! -
    Der Frst wlzte sich und rchelte. Der Bernsteindampf erstickte ihn.
Vergebens rief sie, er mge nicht sorgen, der Zug durch Schlott und Treppen
werde die bse Luft forttreiben. Eine unsichtbare Gewalt hielt sie fest und
schnrte ihre Kehle. Sancta Katharina, er erstickt in unserm Haus, und uns
schelten sie Mrder. Der Frst war nicht erstickt, er war aufgesprungen, die
Thr hatte er aufgerissen und fand seinen Wchter schlafend. O der freche Bube,
er widersetzte sich, er schlug auf seinen Frsten. Hans Jrgen! Hans Jrgen!
Noch versagte ihr die Stimme. Aber jetzt sprang das Band: Gnade,
Barmherzigkeit! Mein armer Hans Jrgen! - Ach am Galgen!
    Hans Jrgen! schrie eine andere Stimme, aber nicht mit der durchdringenden
ngstlichkeit. Hell und froh rief sie: Hans Jrgen, so fange doch!
    Da saen Mutter und Tochter aufgerichtet im Bette und sahen sich verwundert
in's Gesicht beim Schein der Lampe, die Eva auszulschen vergessen. Sie hatten
beide getrumt, beide von derselben Person, und beide doch wie anders! Ach der
arme Junge, und der war dir so gut, sprach die Mutter. Eva rief: Das ist er,
aber es war wohl ein Traum! Er spielte mit dem Kurfrsten Fangen, und sie warfen
sich rothbackige Aepfel zu. - Ihm wird's schlimm gehn, sagte die Mutter.
Nein, gut, erwiederte Eva. Beide stritten in Gte und hatten doch keine
Grnde, bis sie Beide lachen muten. Und dann plauderten sie noch lange fort,
und Eva erzhlte der Mutter, was Hans Jrgen auf dem Heimweg vom Vorwerk ihr
erzhlt, wie er mit dem fremden Jger zusammengetroffen, und noch mancherlei,
bis die Mutter sanft entschlief. Das Lcheln auf ihren Lippen kte Eva
verstohlen weg, und selbst mit einem himmlisch frohen Lcheln, das ich Einem
gegnnt htte, da er's gesehen, streckte sie ihr Kpfchen unter die Decke.

                              Zwanzigstes Kapitel.



                                 Zwei Erwachen.

Sprich, was Du denkst, sagte der Kurfrst zu seinem Begleiter, als sie durch
den Fichtenwald ritten. Das kleine Gefolge war auf seinen Wink zurckgeblieben.
Die Morgenstunde fing an die Nebel zu zertheilen und versprach einen schnen
Tag.
    Da Ihr wieder gut machen wolltet, was Ihr schlimm gemacht. Aber -
    Grad' heraus, Niemand lauscht, und ich bin in der Laune, Dich zu hren.
    Ihr denkt, der Specht spricht auch, und der Hher und die Krhe schreien,
warum nicht Hans Jrgen.
    Was ich denke, ist mein. Ich will Deine Gedanken hren.
    Nu ja, Herr Kurfrst, was ich von Euch damals dachte, das wit Ihr, als ich
noch nicht wute, da Ihr's wart.
    Das zu wiederholen erla ich Dir. Was denkst Du aber nun?
    Weil Ihr meinem Oheim so groe Schande angethan, darum kamt Ihr. Denn, da
Ihr auf der Jagd blos verirrt wr't und nur so von ungefhr angesprochen, das
glaube ich nicht.
    Bursch', Du zeihst Deinen Frsten einer Lge?
    Das darum auch noch nicht. Bei Hofe und in der Stadt mag's wohl so in der
Art sein, da Jeder was anders sagt als er im Sinne hat; weil das Jeder vom
Andern wei, so gleicht sich's aus.
    Und wenn ich darum nach Hohen-Ziatz geritten wre? Wir sind hier nicht bei
Hof, wir sind in Gottes freiem Walde. Du darfst nicht hinter'm Berge halten.
    Wenn Einer Einen geschlagen hat, oder was noch schlimmer ist als das, denn
das ist es, und nun kehrt er bei ihm im Hause ein, und it an seinem Tisch und
schlft bei ihm zu Nacht, da wei ich doch nicht, wie er das damit wieder gut
macht.
    Bist Du unter Bren aufgezogen? Weit Du nicht, was der Unterschied ist
zwischen einem Frsten und Vasallen?
    Jeden juckt doch seine Haut, und was Ehr im Leibe ist, das wei doch ein
Vasall so gut, wie ein Frst.
    Denke, Du wrst ich, und httest einem Vasallen, einem Fremden Unrecht
gethan, und fhltest den Drang, es wieder gut zu machen. Was wrdest Du thun? -
Du besinnst Dich sehr lange.
    Das ist schon recht. Es geht Einem schwer an. Aber wenn ich einen zu meiner
Thr hinausgeworfen htte wider Recht, den ld' ich wieder zu mir ein, wenn's
auch ber's Recht wre, mit allen Ehren und thte ihn bewirthen wie einen
Frsten, wie's mich auch hart anginge, und was auch die Leute dazu sagten, und
wenn -
    Besinne Dich, Hans Jrgen, ob ich nicht mehr that?
    Hans Jrgen besann sich: Ja, Ihr denkt's so. Da Ihr Euch so fast allein in
unsern Wald gewagt und in unser Haus geritten, und ohne Leibtrabanten Euch zur
Ruhe gelegt habt. Denn um der Ehre willen war das gar nicht nthig, da Ihr noch
zur Nacht bliebt. Wenn Ihr zur Vesper gegessen und einen Trunk gethan, httet
Ihr noch ganz gut bis Golzow reiten knnen, wo Ihr bei den Rochows besser
aufgenommen wart, als bei uns. Aber Ihr thatet es, um so zu thun, als wenn Ihr
uns wunder was Vertrauen damit zeigen thtet. Aber ich meine, fr meine Person,
das ist nicht so sehr viel, denn das wei doch jedes Kind, da wir Euch nicht
todt geschlagen htten, und htten's auch nicht geduldet, da Euch Einer ein
Haar krmmte, blos weil Ihr unser Gast wart. Ich stand selbst die ganze Nacht
durch vor Eurer Thr Wache. Dagegen ist nun nichts, und 's ist auch ganz gut,
aber Ihr denkt Euch doch nun, wir Alle mten uns berschlagen vor Erstaunen und
Verwunderung, und vor Dankbarkeit nicht wissen, wo wir hin sollten, und dabei
kommen mir denn so eigene Gedanken.
    Joachim ritt eine Weile schweigend vor sich hin.
    Sie werden's mir nicht danken, meinst Du?
    Ach ja, das werden sie schon; dabei aber dacht' ich mir: Wie das kurios in
der Welt ist! Der Eine hat seine Schlge weg, was ich nmlich so meine: mein
Oheim und wir. Und der sie ihm gab, der hat erst das Vergngen weg, da er einen
ehrlichen Mann geschlagen hat; denn da mgen die Priester sagen was sie wollen,
wenn ich Einen prgeln gethan, das hat mir Vergngen gemacht und ihm Schmerzen,
und zweitens kostet's Euch gar nichts, im Gegentheil, es hat Euch noch Vergngen
gemacht, und am Ende erheben sie Euch noch in den Himmel, wie edel und
gromthig Ihr seid, und danken Euch, und der Andere mu erstlich seine
Schmerzen einstecken und thun, als wenn er wunder wie froh wre, und dann auch
noch danken und von den Leuten sich Glck wnschen lassen, da es noch so
gekommen ist. Das ist doch kurios in der Welt getheilt.
    Der Frst blickte ihn an, als wollte er ihn fragen, ob er es anders theilen
knne.
    Mchtest Du Frst sein?
    Das wei ich nicht, sagte Hans Jrgen. Ich mte es doch erst lernen.
    Uns lehrt es Niemand. Gott giebt es und es ist da!
    Da ist's am Ende recht gut, da es mir Gott nicht gegeben hat. Itzund
mchte ich am wenigsten in Eurer Haut stecken.
    Du beneidest mich also nicht mehr um das Vergngen, einem wackern Mann
Unrecht gethan zu haben, nicht um die Lust, die es mir macht, von den Leuten
gepriesen und bewundert zu werden! Ich sage Dir, es giebt noch andere Dinge, um
die Du mich nicht beneiden darfst.
    Sie ritten wieder eine Weile, ohne ein Wort zu wechseln.
    Aber Du kannst scharf lesen in den Gedanken Anderer, hub Joachim wieder
an. Wenn nun Einer wre, der auch so in Deinen Gedanken lse!
    Da stutzte Hans Jrgen und wurde roth. Er dachte zwar, da die Leute immer
gemeint, er habe keine Gedanken, aber er wnschte jetzt doch nicht, da der
Frst in sein Herz hineingesehen htte.
    So ich nun lese, was die Rthe auf Deinem Gesicht aussagt: wie Du zwar
Wache gestanden vor meiner Thr, als ich schlief, auch mich itzo sicher willst
hinbringen, bis wo ich aus Eurem Gebiet bin, und so mich Einer anfiele, Dein
Schwert ziehen wrdest, aber doch innerlich grimmig schaust und sinnst, wie Du
es wenden sollst. Wie Du in Spandow hingehorcht hast auf die wilden Reden,
welche die Junker in der Schnke gefhrt, wie Du dann hinreiten wollen nach
Friesack zu Deinem Pathen, um Raths Dir zu erholen, bis Dir Einer zugeflstert,
der Rath, den Du da fndest, wrde Dir nicht gefallen. Wie Du ingrimmig
heimgeritten, mit gar wilden Gedanken in Deiner Brust. Wenn ich lse, wie Du an
den Knpfen abgezhlt, ob Du zum Pommerherzog gehen solltest, oder warten auf
die Gelegenheit, die im Lande kommt. Lse, wie Du beim Gedanken aufgejauchzt,
das Schwert zu ziehen und in heller Schlacht gegen Deinen Kurfrsten zu fechten?
Da knntest Du auch Ritter werden, und welcher Preis erwartet Dich, wenn Du
heimkehrtest. Darum lohnte sich schon, die Treue gegen seinen Landesherrn zu
brechen. Nicht so, Hans Jrgen?
    Hans Jrgen hatte den Kopf allmlig sinken lassen und die Arme hingen
schlaff zur Seite. Aber er ermannte sich doch, ihn wieder anzusehen, ob er sein
Urtheil auf dem Gesichte lese:
    Das wit Ihr Alles, Herr Frst.
    So mir ein Vglein auch gesungen, da Du mit ausreiten gewollt in jener
Nacht gegen den Krmer, Du wrst gar trotzigen Muthes gewesen; nur die wackere
Frau htte Dich anderwrts hingeschickt. Ei, ei, so keck, und das doch hinter
Dir?
    Herr Kurfrst, lgen kann ich nicht! 'S ist Alles wahr. Ihr werdet mir den
Kopf abschlagen lassen, wie Jenem. 'S ist schon manchem bessern Mann als mir so
gegangen.
    Du giebst Dich?
    Wenn's sein mu, 's ist besser schnell als lange fackeln. Besser frh aus
der Welt geh'n mit Ehren, als lange leben ohne Ehren.
    Den Kopf soll's Dich nicht kosten. So ein Frst alle die strafen mte, die
ihm bel denken und Bses thun wollten, aber 's kam nicht dazu, da htte dieser
Wald nicht Pfhle genug, um die Kpfe darauf zu stecken. Du hast Dich mir aber
gegeben, und nun sollst Du nicht mehr frei sein, vielmehr mein Diener. Du hast
fr mich da gewacht im Hause von Ziatz, nun sollst Du fr mich wachen im Schlo
zu Klln. Und das denke wohl, Hans Jrgen, was es heit, fr seines Frsten Kopf
einstehen. Ich will keinen Schwur von Dir, nur Deine Hand darauf!
    Hans Jrgens Arm zitterte doch etwas, als er seinem Frsten die Hand
reichte. Da er ihm den Kopf wrde abschlagen lassen, das, wenn er recht
nachdachte, hatte er doch eigentlich nicht gedacht; aber da er ihm wrde die
Hand reichen drfen, das hatte er auch nicht gedacht. Da war ihm wunderbar, fast
bang zu Muthe, und in den Nebeln, die durch die Fichten glitten, sah er ganz
eigene Bilder. Seine Muhme Agnes hob den Finger auf. Er hatte ihr ja
versprochen, nicht des Frsten Mann zu werden, nun war er's doch geworden, er
wute nicht wie. Aber dann sah er auch wieder die Eva, wie sie, als er am Morgen
mit dem Frsten ausritt, so schelmisch ihm ein Mulchen zog. Sie war ganz
neckisch geworden, und wollte ihm keinen Ku geben zum Abschied. Sie sagte ihm,
er htte ja nun einen andern Schatz. Aber bs hatte sie's nicht gemeint. Und was
mochte sie nur mit dem Kurfrsten gesprochen haben, der sich so lange und
insgeheim beim Morgenimbi mit ihr unterhalten, und als er eintrat, da sahen ihn
beide so sonderbar an.
    Der Kurfrst sprach wieder gar nichts. Da mute er doch wohl anfangen, er
hielt es fr gute Sitte.
    Herr Kurfrst, da ich nun Euer Mann bin, so mu ich Euch treu und gewrtig
sein, das versteht sich: aber wenn ich nun anders denke, als Ihr wollt, dafr
kann ich doch nicht.
    Denken magst Du, was Du Lust hast.
    Aber mu ich Alles raussprechen oder soll ich's verschlucken?
    Wenn's Dir zu schwer wird, sprich, aber nur, wenn wir allein sind, wie
jetzt im Walde.
    Wie ich mit dem Herrn von Lindenberg ausreiten wollte, das war nicht recht
von mir, das hab' ich auch lngst eingesehen. Darum knntet Ihr mich mit Recht
strafen. Aber da ich bs auf Euch war, da wei ich doch nicht, ob ich da nicht
Recht hatte. Und wie ich alles das in Spandow erfuhr, ach Gott, da kochte es mir
in der Brust. 'S ist ein Glck, da Ihr mir nicht schon da im Walde begegnet
seid, das htte ein Unglck gegeben fr Euch oder fr mich. Nachher, da ritt ich
mir denn die erste Wuth aus.
    Es blieb doch noch genug, als wir uns da begegneten, und Du kanntest mich
nicht einmal.
    Das war, weil der rothe Adler auf Eurer Brust stak.
    Hans Jrgen, sprach Joachim, eins nimm in Acht. Es ist nicht Befehl, es
ist ein guter Rath. Wenn Du Einem begegnest, den Du nicht kennst, so verschlucke
Deine Gedanken, bis Du ihn kennst.
    Aber was ich wei, mu ich das Alles sagen? hub der Junker nach einer
Weile wieder an.
    So Du es fr nthig hltst, und da Du der Treue gegen Deinen Herrn
nachkommst.
    Es denken Viele wie ich, Herr.
    Ich wei es.
    Und noch schlimmer. Wenn sie Euren Namen nennen - Hans Jrgen stockte, man
sah ihm an, da er mit sich selbst kmpfte. - In Spandow, was ich da hrte. -
Der Tod des Lindenberg hat Euch viele Feinde gemacht, Herr, die schwuren: es
solle Euch nicht ungercht hingehen.
    Beim Weine.
    Mu ich ihre Namen nennen?
    Nein, antwortete Joachim nach einigem Besinnen. Die Gedanken sind eines
Jeden Eigenthum. Auch wo sie zu Worten werden, mag der Gefahr sehn, der sich
selbst nicht traut. Ich traue mir. La sie frei reden, es ist ihre Art. Ich
kenne sie, ich lese ihre Gedanken, wie ich Deine las. Sie whnen sich im Recht,
ich bin es auch. Er schlug sich auf die Brust. Wohlan, la sehen, welches
Recht strker ist. Einer mu herrschen, und Gott und das Geschick gab mir den
Zgel in die Hand. Ich will ihn straff ziehen, wenn es Noth thut, aber linde
lassen, wenn - wenn sie nur Worte haben gegen mich.
    Herr! hub Hans Jrgen wieder nach einigem Schweigen an. Ich an Eurer
Stelle ritte nicht mit so geringem Gefolge in dieser Zeit durch's Land.
    Weit Du von Etwas, das mehr ist, als Worte, dann wre es Verrath, wenn Du
schweigst.
    Joachim sah ihn scharf an, whrend der Junker antwortete. Aber seine Muskeln
spielten ein verchtliches, mitleidiges Lcheln, als Hans Jrgen von einzelnen
verzweifelten Wnschen und ausgestoenen Drohungen Bericht erstattete.
    Armselige Athemzge der Ohnmacht! Hre auf. Das knnen sie, das ist ihre
Kraft, das ihre Lust. Ich will sie ihrer Armuth gnnen! Dies Spinngewebe, dies
Wespennest von rohen, hohlen Wnschen vernichte ich mit einem Blick. Ihren
Worten, die mich wie Fledermuse und Eulen umflattern, wie Krhen und Raben
umchzen, will ich ein Wort entgegensetzen, das, wie der Sonnenstrahl, dies
Gezcht verscheucht. Merke Dir's, Hans Jrgen von Bredow, ich frchte sie nicht,
aber sie sollen mich frchten lernen, sie sollen erschrecken und Zhneklappern
fhlen, sie sollen wnschen, da sie sich verkriechen knnten in der Erde Grund,
wenn ich meine Stimme erhebe, wenn ich mich ihnen zeige, nicht wenn ich vor
ihnen scheine, wie ich bin. Nun genug. Verdirb mir nicht die reine Morgenluft.
    Es war ein schner Morgen geworden, die Sonne hatte die Nebel besiegt, und
strahlte sogar schon warm durch die Kieferwipfel, als sie auf einer Hhe still
hielten.
    Bis hier gabst Du mir das Geleit, sprach der Frst. Kehre zurck, rede
mit den Deinen und morgen erwarte ich Dich im Schlo an der Spree. Heut bist Du
noch ein Freier, Hans Jrgen, morgen mein Mann. Hast Du noch was auf dem Herzen,
was Du als Freier sagen willst, so sprich es aus.
    Die Eva hat gewi geplaudert, Durchlaucht?
    Das Frulein Eva Bredow steht unter meinem besonderen Schutz, das merke
Dir. Ich werde seiner Zeit sorgen, da die brave Jungfrau einen guten Mann
bekommt, wie sie verdient. Den will ich ihr zuziehen. Du aber, mein Dienstmann,
der noch viel thun mu, um die Sporen sich zu verdienen, darfst sie nicht anders
als mit Ehrfurcht ansehen.
    Die Eva mit Ehrfurcht ansehen, das kam Hans Jrgen kurios vor. Aber der
Frst schien zu erwarten, da er etwas erbitten solle. Fr sich? Er war ja nun
des Frsten Mann. Fr seine Pflegemutter? Die sorgte fr sich selbst. Aber sein
Pflegevater, Herr Gottfried? Was hatte denn er davon, da Joachim in seiner Burg
geschlafen, derweil er fort gewesen? Er fing es etwas ungeschickt an, aber
Joachim verstand ihn und sagte freundlich:
    Meine Gedanken kamen Dir zuvor. Er soll Ehre haben wie der Mann verdient,
der sich freiwillig selbst einer bsen That zieh, um die Strafe von einem Andern
abzulenken. Wenn er verschmht, ein Amt in meiner Nhe anzunehmen, wo ich der
rechtlichen Mnner bedarf, denk' ich ihn zum Landtags-Marschall von den nchsten
Stnden whlen zu lassen. Er ist nicht immer meiner Meinung, aber er liebt die
Ordnung.
    Hans Jrgen war schon weit zurck, von wunderbaren Dingen geschaukelt, als
dem Frsten und seinen Begleitern ein lediges Pferd in den Weg kam, das ihnen
entgegen wieherte, gleichwie sich freuend, Gesellschaft in der Einsamkeit zu
finden. Als es sie begrt, ging es wieder an sein Geschft und grasete.
    Das bedeutet ja wohl Unglck!
    Nur einen abgeworfenen Reiter, entgegnete der Holzendorf. Das Pferd ist
fromm. Es hat ihn wohl nicht abgeworfen, der Reiter mag darauf eingeschlafen
sein.
    An einem sonnigen Abhang fanden sie ihn wirklich. Er lag sanft gebettet im
weichen Sande und der Friede der Natur ruhte auf dem vollen freundlichen
Gesichte. Die Augen fest zu, schien er doch zu lauschen auf die Lieder, welche
die Kieferwipfel ber ihm rauschten, und die Gedanken des Schlafenden schienen
Versteck zu spielen mit der Sonne, welche durch die Zweige ihn jetzt anblinkte
und jetzt wieder verschwand.
    Seht ob der Mann nicht zu Schaden gekommen, sagte Joachim.
    Ein tiefer Ton zwischen Schnarchen und Ghnen, der aus der vollen Brust sich
arbeitete, gab eine beruhigende Antwort. Er drehte den Kopf um, weil die Sonne
ihn belstigte, und wie er den Arm behaglich von sich streckte, ward Jener inne,
wie wohl dem Manne war, der auf dem Sande lag.
    Es scheint ein guter Mann zu sein.
    Hilf Himmel, so mich mein Aug' nicht trgt, entgegnete der von Holzendorf,
ist's unser Wirth, Herr Gottfried von Ziatz. Freilich, das sind ja seine
Elennshosen.
    Joachim hatte selten in seinem Leben gelchelt. Als aber der Ritter fragte,
ob er den Mann wecken sollte, verzog sich sein Mund, da er den Kopf schttelte:
    Er schlft so s! Was ich ihm sagen und bieten knnte, wre doch nicht
besser als seine Trume.
    Aber sein Pferd ihm fangen, da er es hat, wenn er aufwacht, wre doch
Christenpflicht, meinte der Andere.
    Das Pferd kam von selbst, als wrde ihm die Zeit lang, ob sein Herr noch
nicht aufwachte.
    Lchelnd ritten sie fort. Der Kurfrst wies auf einen Mann, der mit einem
leeren Wagen des Weges kam. Dem wollten sie die Sorge fr den Schlafenden
anempfehlen.
    Fort, Katze! sprach Herr Gottfried, als das Pferd ihn anschnupperte, und
gab ihm einen sanften Schlag mit der Hand. Ob das Ro wohl auch sah, da Herr
Gottfried lachte?
    Wie rauschte es in den Bumen ber ihm, wie knisterten die Kiefernadeln
unter ihm, wie dufteten ihm die Heidelbeerstrucher, die fr keinen Wachenden
einen Duft geben; wie schlrften seine ausgestreckten Glieder die
Sonnenstrahlen, die immer wrmer wurden. Er sah durch die geschlossenen Augen
die Ameisen, die auf seinen Beinen vergebens mit Schaufeln und Rsseln durch die
Elennshaut zu dringen versuchten. Herr Gottfried trumte einen sen Traum; ich
will ihn nicht verrathen.
    Als er die Augen aufschlug, sa neben ihm Einer, der sich's auch behaglich
gemacht.
    Kaspar, was machst Du da? fragte er.
    Ich esse.
    Das war kein Traum mehr. Kaspar schnitt sich mit seinem Zulegemesser
Scheiben vom Rettig, vom Kse und vom Brod. Aber neben ihm lag ein aufgemachter
Kober mit Wrsten.
    Kaspar! Du hast ja auch Wurst da?
    Ja, Herr.
    Kaspar, ist's Essenszeit?
    Je nachdem, Herr. Wen hungert, der it, wen schlfert, der schlft.
    Das war die Frage. Herr Gottfried htte wohl gern noch geschlafen, aber da
stand doch die Sonne vor ihm und sah ihn so gro an, wie seine Frau, wenn sie im
Recht war und er im Unrecht, und das Pferd scharrte mit den Fen und wieherte,
und die Wrste dufteten ganz anders, als vorhin die Haidekruter.
    Kaspar, wie lange habe ich geschlafen?
    Das wei ich nicht, Herr.
    Der Herr rieb sich die Augen und schob sich unvermerkt dem Kober mit den
Wrsten nher.
    Wo kommst Du denn her, Kaspar?
    Die Frau schickt mich. Sollte Euch die Wrste bringen. In Berlin wart Ihr
nicht mehr. Ist auch hier 'ne schne Gegend.
    Da hast Du Recht, sagte Herr Gottfried und griff nach der Wurst. Und als
er die zweite zur Hlfte verzehrt, entsann er sich, da er seit gestern Mittag
nichts gegessen. Wer aber einmal den Erinnerungen die Pforte aufschlo, auf den
strmen sie los; es wird ihm schwer, die Thr wieder zu schlieen. Als er die
dritte gegessen, wie Vieles hatte er sich da entsonnen!
    Ich glaube, ich hab' die Nacht hier gelegen, Kaspar!
    Das kommt wohl so, sagte der Knecht. War 'ne schne Nacht, die Sterne
schienen.
    Ja, ich habe gefroren. Hat Dir die Frau nicht auch 'nen Morgentrunk
mitgegeben?
    Aber 'ne Gans, 'ne Martinsgans; ist hier im andern Kober.
    Gieb her. Ist auch 'ne schne Gegend hier, Du hast Recht.
    Herr Gottfried machte die Bemerkung, da die Martinigans sauer sei, der
Knecht aber sagte, es wre Manches im Leben sauer.
    Da hatte sich Herr Gottfried wieder auf seinen Ellenbogen gelehnt und sah
die Sonne an, das Flie im Grunde und die Kiefern und Bsche, in denen der Wind
sich wiegte, und dachte etwas. Wenn Herr Gottfried etwas dachte, nmlich wenn er
vorher getrunken hatte, dann ward dem Knecht Kaspar immer bang zu Muthe. Um was
mehr, als Herr Gottfried pltzlich ausrief:
    In dem Flie sind sie gewaschen worden.
    Kaspar war schnell auf den Beinen und die linke Hand unwillkrlich auf dem
Rcken. Diesmal htte es wohl sein Rcken allein aushalten mssen, denn wer
denkt jedesmal, wenn er von Berlin nach Hohen-Ziatz fhrt, da er einen
Friesrock unter die Jacke stopfen mu; aber das ist das Dmonische bei den
Prgeln wie bei den Schlgen des Schicksals, da sie in der Regel dann kommen,
wenn man sich ihrer am wenigsten versieht. So kam es auch hier, nur umgekehrt.
Der treue Knecht krmmte schon den Rcken, um sich in die rechte Lage zu
bringen, aber der Herr rhrte seinen Arm nicht, vielmehr lie er die Backe immer
tiefer in die Hand sinken, als er in einem Tone sprach, ber den der Knecht sich
verwunderte:
    Siehst dDu, Kaspar, wenn sie nicht gewaschen htte, dann wr all das nicht
gekommen.
    Dann wr das nicht gekommen, Herr!
    Und was ist nicht alles d'raus entstanden.
    Und noch viel mehr.
    'S ist ein gut Weib, Kaspar!
    Und was fr eins!
    Wenn sie nur nicht Alles mte waschen wollen. Wei auch gar nicht, wo sie
das her hat.
    Die Liese aus Gtergotz, 's mu ihr angethan sein.
    Und grade meine Hosen! Mein Vetter Balthasar auf Wagnitz sagte auch gleich:
Die sehn ja wie neu aus. - Ganz wie neu. - Als sie mich abholten, da war's ihnen
schon angethan.
    Angethan -
    Und der Hedderich hat sie auch an seinem Leib gehabt.
    Da sie den nicht auch gehngt haben!
    Und die Schrift mute ich unterschreiben. Die in Landin sagten, da mte
mich ja der Teufel geplagt haben.
    Das war auch der Teufel, Herr!
    Will sie auch nimmer von mir thun.
    So ist's recht, Herr.
    Der kluge Schfer in Spandow hat mir gesagt, mit der Zeit zieht sich's und
schiebt sich wieder zurck.
    Ist mit dem Leder wie mit dem Menschen, Herr. Jung zieht man's, alt
schrumpft's ein. Aber 's giebt schon unterschiedlich Leder.
    Kaspar, dem sieht's doch Keiner nicht mehr an, da es im Wasser war.
    Keine Seele, Herr.
    Und seit dem -
    Haben sie Euch mit sechs Trompeten rausgeblasen; ich hrt's in Berlin. Das
hat Euch Manchermann beneidet.
    Und die Vettern erst; das httest Du mal sehen sollen!
    Haben ein Tractement losgelassen. Nicht wahr?
    Herr Gottfried schmunzelte: Das ging aus einem Haus in's andere. Wei doch
wirklich nicht, wo ich zuletzt gewesen bin. Was sagt denn die Brigitte zu?
    I nu, was wird sie sagen. 'Ne Stiege Gnse haben in den Rauchfang gehngt.
Die Agnes haben wir nach Spandow gebracht.
    Die Agnes, ach das liebe Kind!
    Die wird fromm werden. Nu schlachten wir auch bald die Schweine.
    Bin doch kurios zu wissen, wie's daheim geht. Damit war Herr Gtz
aufgestanden, und der eine Fu sa schon im Steigbgel. Wie lange bin ich denn
eigentlich fort, Kaspar?
    In einer Stunde sind wir zu Haus, Herr!
    In einer Stunde, kurios! sagte Herr Gottfried, und sa nun ganz im Sattel.
Viele Stunden, die machen einen Tag, und viele Tage einen Monat, und viele
Monate ein Jahr, und was machen nun viele Jahre! 'S ist doch kurios, Kaspar,
wenn man so das denkt. Manchmal ist mir doch, als wren viele Jahre nur wie eine
Stunde, und dann ist mir wieder, als wre eine Stunde wie viele Jahre.
    Dem treuen Knecht war recht bang zu Muthe, als sie so neben einander, der
Herr ritt und er kutschirte. Da der Herr ihn nicht geprgelt hatte, das war
schon sonderbar. Und jetzt ritt er so versenkt in sich und dachte, und dachte
laut. Der Knecht dachte, ach wenn's mit dem guten Herrn zu Ende ginge!
    Da sah Herr Gottfried pltzlich seine Handschuhe an und steckte den Daumen
in den Mund und schttelte den Kopf: Kaspar, Kaspar! mir fllt was ein.
    Das auch noch! da ist's richtig. Kaspar wischte sich das Auge.
    'S ist richtig! Kaspar, 's kommt schlimme Zeit.
    I, warum nicht gar! Die Kraniche flogen ja ber unser Haus.
    Krieg, Aufstand giebt's, sie rsten, ich mu mit. Ach, nu kommt das Alles
raus. - Wo waren wir doch die letzte Nacht? - Richtig, richtig! Die blanken
Schwerter kreuzweis ber den Bechern. Der Todtenkopf auf dem Tisch. Der Kpkin
hielt meinen Arm, als ich schwor. Der Wulf, der konnte nicht mehr stehen, da bi
er in den Handschuh, da er sich's entsnne, wenn er aufwachte. Ich bi auch. -
Ja ja, 's ist Alles so.
    Hab auch von gehrt, sie sind wolfstoll um den Lindenberg. - Ihr mt also
auch mit, wenn's losgeht?
    Mit!
    Der Kurfrst ist ein starker Herr. Wer ihn anbellt, den beit er.
    Sie werden auch beien. Die kriegerischen Gedanken schienen sich in dem
Ritter zu sammeln.
    Unter Wlfen mu man mit heulen. Na, vielleicht kommt's nicht dazu.
    Der Ritter sttzte das Kinn mit der Hand: Vielleicht! Wollen ihn beim
Freigericht verklagen, da er einen Edelmann darum - Wenn das es auf sich nimmt
- sonst, sonst Kaspar, da werden wir die Knochen rhren mssen, da wird's Ernst
werden. Alle Heiligen, da drfen wir nicht mehr schlafen. Kaspar, verstehst Du
mich; das drfen wir der Frau nicht sagen.

                           Einundzwanzigstes Kapitel.



                               Jochimken hte Di!

Ich stach in ein Wespennest. Ich wei es. Heran! Hier ist mein Arm, hier meine
Brust, mein Gesicht ist frei. Ich will ihnen auch in's Gesicht sehen. Warum
haben sie nicht den Muth! Was schwirrt es wie Kfer in der dunstigen Luft! Ihre
Vter haben es doch gewagt, es galt eine groe Frage. Gott entschied fr meine
Vter. Warum geht ihnen der Athem ihrer strrigen Vorfahren aus? Es mu
schlechter um ihr Bewutsein stehen als um ihr Recht.
    So sprach der Kurfrst und ging mit hastigen Schritten auf und ab. Er war
allein; der Kammerdiener, der die Lichter angezndet, eilte, da er wieder
hinauskam. Der Frst liebte Niemand um sich in dieser Stunde.
    Aber noch eben hatten die Brgermeister der beiden Stdte und einige
Rathsherrn im Zimmer gestanden.
    Auch diese Brgerherren, ich will es glauben, sie lieben mich; ich that
ihnen ja noch nichts, wie meine Vorfahren, aber warum denn nicht heraus mit der
Sprache! Warum diese dunkeln, Ungewissen, scheuen Andeutungen? Fahre ich mit
einer Frage, einem Wort, einem Blick drein, stubt's auseinander wie der Rauch
vor'm Winde, und erstarrte Ehrfurcht zittert vor mir, der das Wort im Munde
gefror; sie wissen nichts.
    - Wenn sie auch wten, der Muth ging ihnen aus. - Auch fr ihren Frsten,
weil er gegen ihn ausgegangen? Haben so die trgen Jahre gezehrt, hat so das
Fett sie eingeschchtert. Allmchtiger Gott, ich wei es ja, da ich eine groe
Sendung bernahm, dieses verwstete Land zu sittigen, da ich tief einschneiden
mu in das Fleisch, Wunden giebt es. Hat die alte Wstheit ein Recht fr sich,
warum tritt sie nicht auf, warum fischt sie nicht offen, Mann gegen Mann mir
gegenber. Ich liebe einen tchtigen Widerstand, der meine eigene Kraft sthlt,
einen groen, ehrlichen, offenen Kampf, wo Gott entscheidet. Wenn sie siegten -
    Er schwieg bei sich. Ob er sich doch nicht zutraute, wenn sie siegten, dem
Gottesurtheil sich zu unterwerfen! Auch der Tapferste liebt es nicht besiegt zu
werden.
    Und auch das noch! rief er, das frstliche Siegel, das sein Wappen
enthielt, auf einem Schreiben erbrechend, welches der Fourier hereingebracht.
Der Brief war von seinem Oheim, dem Markgrafen Friedrich dem Aelteren von
Baireuth.
    Wieder Warnungen, Anmahnungen! - Ein Graf von Giech! - Herr Graf von Giech,
Euren alten Adel, Euer schnes Stammschlo auf den frnkischen Bergen in Ehren,
in Ehren auch den Botschafterposten meines erlauchten Ohms, aber ich werde mit
Euch mrkisch reden. Wenn mein Ohm, Euer Herr, als ich bei meines Vaters Tode
ein Knabe war, mich fr verstndig genug hielt, da ich das Regiment auch ohne
Vormund fhre, so erwgt, da ich durch Jahre und Erfahrung lter ward und
keinen Hofmeister aus der Fremde bedarf. - Er mag kommen, der Herr Graf von
Giech!
    Der Frst warf das Schreiben auf den Tisch und sich in den Sessel. Seine
Augen flogen durch das Dunkel des gewlbten Zimmers.
    Wer hat mich angeklagt? Wer rief nach Franken um Hlfe? Der Brief ist
stumm. Und wenn ich den Herrn Grafen fragen werde, wird er wie die Brger
antworten: Man sagt, man meint. O diese namenlosen Angeber, diese dunkle Macht
des Gerichtes, diese Fledermuse in dunstigen Gewlben! Alle sind es, aber
Keiner. Sie grollen Alle, aber wen ich ansehe, warum zeigt mir denn Keiner die
Zhne? - Warum verziehn sich die Runzeln in ein freundliches Grinsen, warum
berstottern sie sich in Ehrfurchtsbetheuerungen! Es ist ja mglich, da ich
irrte, ich bin ein Mensch, jung; mglich, da ich zu rasch gehandelt, mich
hinreien lie - wenn sie Muth htten, wenn ihre Sache gut wre wie meine, warum
ist denn nicht ein Einziger, der es wagt, mir vor die Stirn zu treten, der es
ausspricht? Ich knnte zrnen, auffahren, strafen. Nun, wagt das Keiner um eine
gute Sache! Wagt Keiner, sich selbst zu opfern, um was ihm heilig ist? - Ich
will mit ihnen fertig werden, mit ihnen allen, ich allein!
    Im Zimmer verbreitete der groe schwarze, mit vielen knstlichen Figuren
ausgelegte Ofen eine dunstende Wrme. Joachim ri das Fenster auf, um frische
Luft zu schpfen. Es kam auch da nichts Frisches herein. Ein Dampf lagerte ber
der Stadt, die Spree flo trg zu Fen der Mauern, kaum da ein Paar Sterne
sich matt in ihrem schwarzen Wasser spiegelten. Wenige gingen ber die Brcke.
Nur drben an dem sumpfigen Ufer hielt ein Mann mit zwei Reitpferden. Ein
Anderer, in einen Mantel verhllt, einen Federhut auf dem Kopf, sprach mit ihm.
Dann schritt dieser ber die Brcke nach dem Schlosse zu; nach einer Weile
folgte ihm der Mann mit den beiden Pferden. Es schien dem Frsten, als wenn er
die Thiere vorsichtiger fhrte, als es sonst Art ist.
    Der Anhauch der Luft hatte sein Blut nicht erfrischt, als Joachim sich
wieder an den Schreibtisch setzte. Er las, er schrieb, aber seine Gedanken
flogen abwrts. Er dachte an seinen Oheim Friedrich, dessen Schreiben vor ihm
lag. Wie glcklich war der in seinem glcklichen Oberlande, in den grnen
Bergen, wo die muntern Bche pltschern, die Tannen an den Abhngen rauschen,
die Morgensonne die schnen Schlsser auf den Hhen anglht. Ach wren wir dort
geblieben! Welche saure Arbeit wre uns erspart! - Aber auch eine ehrenvolle
Arbeit minder, antwortete er sich und langte wieder aus dem Pult das Testament
des Vaters. Er las es, und las es. Ich arbeite ja nur in Deinem Dienst, auf
Deinen Befehl.
    Das Pergament war wieder verschlossen und Joachim schrieb und bltterte in
den Schriften vor ihm, bis die dunkeln Gedanken abermals ihn zu bermannen
schienen. Er legte die Feder weg und seinen Kopf in die Lehne.
    Und gerade zum heiligen Weihnachtsfest! Ich hatte mich nimmer so gesehnt,
es in stiller Weihe zu begehen, als dieses Jahr, um mich wrdig vorzubereiten
auf das groe Werk in Frankfurt. Wenn nach Neujahr der Abt, mein Freund, wie er
versprochen, kommt -
    Er hielt sich das Gesicht mit beiden Hnden:
    Mein Freund! - Wer ist denn mein Freund! Der ist ein Freund meines Wissens,
meines Strebens, der der Ehren, die ich ihm zuwende, der ein Hund an der Kette,
der wedelt mich an aus Furcht, da ich ihn schlage. - Ich habe keinen Freund! -
Lindenberg, dein Tod ist gercht. So schnell hast du Recht gewonnen. Ein Frst,
der Niemand mehr traut als sich, ist dem Gesindel anheimgefallen, sprachst du. -
Ich traue ja Niemand mehr - sie Alle schleichen, Alle nur der Widerhall meiner
Worte. Und wenn sie stumm sind, auf welchen langen Leichenzug verbrecherischer
Gedanken mu ich lauschen! - Du klagst mich an. Hrst du auch meine Klage. -
Aber ich htte milder sein knnen gegen mich, ich htte mich selbst tuschen
sollen, da mir die se Melodie deiner Worte lnger vor den Ohren klnge! Deine
That htte ich gut machen knnen, nur um dich mir zu retten. Du warst ja nicht
mehr gefhrlich. Die Spieluhr, die mir vor den Ohren summt, belgt mich ja
nicht. Sie singt, wie ich sie stimmte. Und ist es denn ein Verbrechen, einer
Lge horchen, die uns nicht mehr tuschen kann? Sind sie immer Gift? Vielleicht
wohlthtiges Gift, Balsam auf verharschende Wunden, die unter der rauhen Hand
der Wahrheit wieder aufgehen und von Neuem bluten. Allmchtiger Gott, was ist
die Wahrheit, nach der wir ringen?
    Er schauderte zusammen: Wenn ich ihnen allen in's Herz schaute, ihre
Gedanken vor mir lgen wie ein offenes Buch! - Bewahre mich der Herr vor dem
Entsetzlichen. Wir htten in diesem unruhevollen Leben keinen ruhigen
Augenblick. Geharnischt mte ich mich auf mein Lager werfen, und wenn ich
aufsprnge, das Richtschwert zcken! Wohlthtiger Nebel, den er ber unsre Augen
go, nur so viel Licht uns schenkend, als wir ertragen mgen! Ja was die Sterne
uns vertrauen, das ist wahr. Darin zu lesen vergnnte er aber nur Wenigen und
Weniges. Das andere ist Spiel! Ich hate das Spiel, und doch - ich wollte, da
es mehr Spiel gbe, mehr se liebliche Tuschung, nur auf Augenblicke die
Wirklichkeit zu vergessen.
    Die ungeputzten Kerzen brannten nur dunkel. Es war todtenstill. Von den
Thrmen schlug es Mitternacht. Der Frst lag zurckgelehnt in seinem Stuhle.
    Es ist zu spt, es ist geschehen, murmelten seine Lippen sein Auge schlo
sich, aber vor dem inneren traten die Gestalten auf, die ihn allnchtlich
heimsuchten. Seine Brust bebte, sein Arm hob sich etwas, die Hand prete sich
krampfhaft zusammen. Er sah den Geist des Ritters, die Wendeltreppe kam er
herauf, er schritt durch den langen Gang. Warum, warum immer mit den hohlen
Augen, Lindenberg! Klagst du die Raben an oder mich? Dein Auge war so glnzend.
Ich ri es dir ja nicht aus. Was schleichst du wie auf Diebessohlen! Was stehst
du an der Thr?
    Die Erscheinung verschwand nicht. Es war ein etwas Mehr als die Vision, die
aufgeregten Sinne wurden thtig. Er hob sich, auf die Armlehne gesttzt, wie ein
Lauschender. Pltzlich ein Schrei, er sprang auf:
    Maria Joseph, was ist das?
    Joachim ri die Augen auf. Er hrte deutlich einen streichenden Ton an der
Thr, ein Kratzen; dann ein Fall, wie ein leichter Krper auf den Fliesen des
Bodens; dann Tritte, wie eines hastig Forteilenden. Er wollte nach der
Klingelschnur greifen, das wre zu spt worden. Den Armleuchter ergreifend,
strzte er nach der Thr und ri sie auf. Am Ende des langen Corridors
verschwand die dunkle Gestalt. Mrder! wollte der Frst rufen, die Stimme
versagte ihm. - Das Licht der Kerzen beleuchtete etwas Weies an der
Nubaumthr. Die Kreide, mit der die Schrift geschrieben, lag am Boden. An der
Thre standen die Worte:

Joachimken! Joachimken hte Di!
Kriegen wi Di, so hangen wi Di!

    Unten stampfte ein Ro. Hufschlag durch das Portal. Er strzte in das Zimmer
zurck an's Fenster. Ueber die lange Brcke sprengten zwei Reiter. Von drben
kam eine frhliche Gesellschaft von einem Schmause zurck. Bei dem Schein der
Fackeln konnte er die Umrisse der einen Gestalt erkennen. Die Reiter muten
groe Eil haben. So preschten sie durch die Gste. Er hrte ihre Hufschlge
klappern, die Oderberger Gasse entlang.
    Wenn der Kurfrst jetzt, da er nach der Schnur zur groen Glocke eilte, in
den Spiegel gesehen, an dem er vorberging, htte er auch vor einem Gespenst
erschrecken mgen. Ein so blasses Gesicht sah ihn mit starren Augen aus dem
Glase an. Als die Glocke strmte, durchschauerte es ihn bang. Seine Miene schien
zu sprechen: Wen wird sie rufen? Steh ich doch schon vielleicht allein? - Die
Edelknaben schliefen. Hatte man sogar vergessen die Wchter auf den Gang
auszustellen, - Waren die Tritte, die jetzt den Corridor hastend herankamen,
schon die Tritte der Mrder? Seine Hand griff unwillkrlich an der Rechten nach
dem Dolch, aber schnell lie er die Hand wieder sinken, als schme er sich der
Bewegung. Er hatte andere Waffen.
    Die Kammerherren, die hereinstrzten, erschraken, wie er, auf die Stuhllehne
gesttzt, da stand und sie anschaute.
    Wer hatte die Wacht im Schlosse?
    Der Ritter von Otterstdt.
    Wo ist Otterstdt?
    Was wollte der Frst mit dem strengen, irren Blicke? Als verlange er die
Antwort nicht mehr, machte er eine abwehrende Bewegung, welche sie gehen hie.
    Der Geheimrat von Schlieben ward angemeldet. Zhlte der Frst auch dessen
graue Haare? forschte er, ob der Verrath darunter verborgen sei? Er sa, wie
erschpft im Armstuhl, und sein strenger Blick hie den alten Diener an der
Schwelle weilen.
    Durchlauchtigster Herr, ich komme zur ungewohnten Zeit -
    Aber Du findest mich wach. Das werden sie Alle, sag's ihnen.
    So wte mein gndigster Herr schon -
    Otterstdt ist ausgestrichen, wie aus meinen Diensten, aus dem Buche meiner
Gnade. Man soll ihn fahnden, wo man ihn trifft. Man setze ihm nach auf der
Stelle! Ich will ihn finden, wo er sich verberge, einen Preis auf seinen Kopf!
Ich sage Euch, er soll es ben, schwer, furchtbar, entsetzlich. Joachim lt
nicht mit sich spielen. Wehe dem, der sich erdreistet, mich fr einen Knaben zu
halten.
    Wie, mein gndigster Herr, was ich eben erst -
    Zauderst Du? Gehrst Du auch zu ihnen? - Ja, Du zitterst.
    Den Otterstdt holen wir nicht mehr ein. Er flieht mit unterlegten Rossen
nach der Lausitz zu seinen Verwandten, den Minckwitzen.
    Die Rosse bestelltest Du ihm. - O, auch ich kann Verwunderung heucheln. Wer
noch! Ich frage lieber: wer nicht? Deine Hnde auf! Sind sie nicht auch wei von
Kreide?
    Ich stehe hier und spreche, weil es meine Pflicht ist, weil mein Schwur,
als meines Kurfrsten Diener es mir gebietet. Erst in dieser Stunde ward ich von
den schweren Dingen unterrichtet. Mivergngte hatten eine Anklage versucht
gegen Euer kurfrstliche Durchlaucht, was ich ein Erfrechen nenne, bei dem
Freigericht. Die Sache blieb geheim bis diesen Abend, wo der Jhzorn Einiger der
Mivergngten ber den Fehlschlag ihrer Hoffnung sie zu tollen, gefhrlichen
Reden verfhrte, die mir von Getreuen hinterbracht sind.
    Das Freigericht will mich nicht richten?
    Es soll sich erklrt haben fr nicht competent.
    Joachim lachte hlich auf: Ich will mich fr competent erklren zu
richten, wen und wer es sei, der in meinen Landen ein ander Gericht anruft, das
nicht von mir Macht und Vollmacht erhielt; Jeder und mnniglich und das Gericht
auch, wie es heit und was es sei, das nicht vom Kaiser selbst Vollmacht und
Freibrief hat. - Wollen sie mich nicht auch bei Kaiser und Reich verklagen?
    Ich kenne nicht die Absichten der Mivergngten.
    Aber sie selbst. Wer sind die Mivergngten? Nenne sie.
    Der Geheimrath zuckte die Achseln.
    Und das Deine Pflicht, das Dein Schwur! Damit soll ich zufrieden sein!
Joachim war aufgesprungen.
    Lindenberg's Hinrichtung hat viel Schmerz bereitet.
    Ist das Alles? Hier siehst Du Einen, der an diesem Schmerze nagt.
    Mehr als Schmerz. Da ich mich unterstehe es meinem durchlauchtigsten Herrn
zu sagen, Viele haben es mibilligt, sehr mibilligt, die Zahl der Mivergngten
wurde sehr gro.
    Heute erst! Warum wagtest Du nicht frher, es auszusprechen? Der stiehlt
und raubt fast an meiner Seite, die lassen zu, da ein ehrlicher Mann darum
flschlich angeklagt wird; der kritzelt mit seiner verruchten,
majesttsverbrecherischen Hand an die Thr meines Schlafgemachs eine
Todesdrohung, und Du, mein erster Rath, geschworen, mir treu zu dienen, erprobst
die Treue, da Du mir verschweigst, was mir zu wissen vor Allem Noth that.
Verantworte Dich, Herr von Schlieben!
    Wenn alle gestraft wrden, gndigster Herr, welche anstehen, ihrem Frsten
zu berichten, was ihm unangenehm zu hren ist, htten die Frsten keinen Hof
mehr, keine Rthe und keine Minister.
    Und doch, wie bereitwillig seid Ihr Alle, zu hinterbringen, wenn es Dritte
gilt. Welch Gaudium Eurer Seelen, Verdacht auszustreuen, wo Ihr zu ernten hofft.
Nur diesmal Alle einig, weil Jeder die Schuld des Andern trgt und verbirgt.
Dieser Mann ist mir lieb, dieser Otterstdt. Er hat doch was gewagt. Die wste
Tollheit seines verbrecherischen Hirns brach wie die Flamme, heraus, die sich
nicht mehr zgeln lt. Wenn sein Kopf auf der Stange steckt, werde ich ihm
zunicken. Ich liebe warmblutige Menschen. Ihr andern seid der stille Brand, der
fortglht unter der Asche. Man kann nicht berall die Augen, nicht berall Acht
haben, wo er helle Lohe schlgt. Vor mir, da bin ich sicher; aber wer schtzt
mich vor Denen hinter meinem Rcken!
    Der Geheimerath verneigte sich tief; er sprach die Bitte aus, da sein
gndigster Herr sein Vertrauen von ihm abwende, ihn seiner Dienste zu entlassen,
und einen wrdigeren Rath zu whlen.
    Ein bses Lcheln schwebte um Joachims Lippen: Wo ich hingreife, ist's
derselbe Stoff. Ein Todter sagt's, hrst Du, die Todten lgen nicht. Es lohnt
sich nicht ndern, wo man nicht bessern kann. Du bleibst. Wer ritt mit
Otterstdt?
    Man rieth auf den und jenen. Bestimmtes wei Niemand.
    Der und jener - man rth - Niemand! - Ich will diesen Niemand finden,
diesen Rathenden ein Rthsel aufgeben. - Wer bezog die Schlowache?
    Konrad Burgsdorf.
    Wenn er Brandbriefe an die Mauer schreibt, soll er Handschuhe anziehen. Die
Kreide an seinen Finger knnte ihn verrathen.
    Mein Gott, was soll daraus werden! entfuhr es dem von Schlieben. So in
krankhafter Aufregung hatte er seinen Frsten noch nie gesehen.
    Nur ein Hochgericht, Schlieben! Wenn meine Mannen und Diener zu verschlafen
sind, einem Verbrecher nachzusehen, wird Gott andere Rcher einem beleidigten
Frsten erwecken. Es giebt Gerichte auch drben in Sachsen. Nicht rasten will
ich, noch ruhen, bis Otterstdts Haupt auf einer Stange ber dem Thore von
Berlin schwebt. Ich bin's mir, ich bin's einem andern schuldig, der mir lieber
war. Zur Warnung Euch allen, so hoch der Verbrecher stehe, so stark sein Arm
ist, so viele Freunde fr ihn sprechen.
    Gndigster Herr! welche entsetzliche Wahnbilder beunruhigen Euer
Durchlaucht. Euer Volk, ich darf es sagen, ist ein gutes und treues Volk, und
wenn unter Eurem Adel Mivergngte sind -
    So sind sie's mit Recht. Nun bist Du auf guter Fhrte. Sprich Dich aus,
gie aus den verhaltenen Unmuth, so liebe ich's. Klage mich offen, herzhaft an.
Auf dieser Stelle sprach so ein anderer Mann zu mir. Er hielt mich nicht mehr
fr ein Kind, als der Tod vor seiner Thr stand. Mann gegen Mann hat er mich
angeklagt, und ich hrte ihm mit Lust zu. Seine Lippen sind nun bleich, sein
Athem ist ihm vergangen, sein Herz ist kalt. Der kann nicht mehr sprechen. Nun
trittst Du fr ihn auf, Du setze fort die Rede. Sprich wie ein Anwalt, dessen
Mund, ein Vulkan, Feuer sprht, zeihe mich der Grausamkeit, der Eigenmacht, des
Leichtsinns, vertheidige den Adel gegen Deinen Frsten, beschwre aus den
Grften die unverjhrbaren Rechte, die ich brechen, zertreten will, berzeuge
mich von meinem Unrecht. Dir soll kein Haar gekrmmt werden, wenn Du Deinen
Groll in tausend Verwnschungen gegen mich ausschttest; nein, ich will auf
jedes Deiner Worte lauschen, wie ein Liebender auf das Geflster seiner
Geliebten.
    Herr! allerdurchlauchtigster Kurfrst, mein gndigster Gebieter, mge die
Zunge erstarren, die sich dessen erfrecht. Ich bin fern davon -
    Hhnisch lachte der Frst auf: Warum stehst Du dann noch da? Geh nach Haus.
'S ist spte Nachtzeit. Sieh in der Kinderstube nach, ob das Deckbett nicht von
den Kleinen gerutscht ist. Die Nacht wird kalt.
    Er redet im Fieber, sagte der Geheimerath, als er das Zimmer verlie. Man
mu nach dem Leibphysikus senden, da er in der Nhe des Zimmers wacht.
    Aber Joachim sandte nicht nach dem Leibphysikus, sondern bald nachdem der
Minister gegangen, stand Hans Jrgen von Bredow in seinem Zimmer und schien auf
einen Auftrag zu harren, whrend der Frst an seinem Tische schrieb.
    Die Briefe waren geschrieben, versiegelt und ruhten in der ledernen Tasche
auf der Brust des Edelknappen. Er hatte aufmerksam und ehrerbietig den Auftrgen
des Frsten zugehrt. Da legte Joachim die Hand auf seine Schulter:
    Du dienst nicht gern?
    Ich war frei.
    Auch das Dienen, sprach Joachim, wird zur Lust, mein ich, wenn man
wirklich frei wird. Davon ein ander Mal, wenn wir uns nher kennen. Aber nicht
wahr, im Grund des Herzens grollst Du mir eigentlich noch?
    Wr' ein Schelm, wenn ich lge.
    Mehr wollt ich nicht. Nun reite, Hans Jrgen. Aber eile, da Du
wiederkommst, denn ich brauche Dich in meiner Nhe.
    Als er fort war, sah ihm der Frst nach: Gebenedeite Himmelsknigin, ein
Frst ist nicht verloren, der noch einen wirklichen Menschen um sich wei. Die
Klugen sind alle Verrther, ich will's nun mit - mit dem will ich's versuchen!

                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.



                            Du sollst nicht stehlen.

Es war Nacht in Hohen-Ziatz.
    Die gute Frau von Bredow stand im Dunkel an den Pfosten gelehnt und sah dem
Knecht Kaspar zu, der in der kleinen Burgschmiede glhte, hmmerte und putzte.
Er sah sie nicht, er hrte auch nicht, wie ihr Herz bang schlug, und wie sie in
gedankenlosem Spiel die Finger rieb.
    Es ist was los! flsterten sie damals, als der Herr von Lindenberg ausritt.
Es ist wieder was los und was schlimmeres! hatten sie heut geflstert.
    Der guten Frau von Bredow war es noch nie so schlimm ergangen in ihrem
eigenen Hause. Was war in ihren Herrn gefahren die Tage ber! Er sah in das Glas
und trank es nicht aus. Er war brummig, wie allezeit, aber wenn die Eva ihm um
den Bart kraute, lachte er nicht, wie, er doch sonst gethan. So schn hatte sie
noch nie den Hirsebrei zugerichtet, mit Zimmt und Butter und Zwiebeln, die
dampften. Er griff hinein, er a und - seufzte. Was hatte ihr Herr zu seufzen?
Wenn er recht brummig gewesen, dann ward er nachher immer freundlich, und war,
wie um den Finger zu wickeln. Und Geheimes, das mute sie ihm nachrhmen,
Geheimes hatte Herr Gtz nie vor seiner Frau gehabt.
    Aber er ritt allein in den Wald, und letzthin zum Besuch, sie wute nicht
wo; er sa allein in der Stube, den Kopf im Arm gesttzt, und dachte, sie wute
nicht was. Reiter kamen und sprachen mit ihm unter vier Augen, und er schickte
Kaspar auf Botschaft aus, sie erfuhr nicht wohin.
    Gestern aber waren spt noch Gste gekommen, als sie auf Besuch ausgewesen.
Reiter, die von einer Jagd im Schlo abgestiegen, hie es, aber die Leute im
Schlo kannten die wenigsten. Einige hatten sich ganz verhllt. Dann hatten sie
in der Halle gezecht, wie guter Leute Art ist, aber die Thren waren
verschlossen worden vor dem Gesinde, Kaspar hatte aufgewartet, kein Anderer war
hineingelassen worden. Man hatte Becherklang, dumpfes Flstern und wilde
Verwnschungen gehrt.
    Als Frau Brigitte und ihre Tochter spt nach Hause kehrten, waren die Gste
schon fort, ihr Herr lag in seinem Bette. Aber es war Schweres zurckgeblieben.
Sind Sorgen nicht schwer? Und ist das keine, wenn eine Hausfrau fhlt, da sie
nicht mehr allein Herrin im Hause ist, wo sie's zwanzig Jahre gewesen?
    Frau Brigitte wute schon mehr, als sie wissen sollte. Drben in Golzow
hatte sie manches munkeln gehrt, auf dem Rckweg hatten dem Knecht Ruprecht,
der sie fuhr, die Dohlen und Krhen wunderbare Liedlein in's Ohr gesungen und
als der Wagen in die Lichtung fuhr, hatten sie noch die Gste ausreiten gesehen;
die gefielen ihr gar nicht. Auch im Dorfkruge sah sie durch's helle Fenster
einige Burschen zechen, und sie sprachen wirre Dinge, solche Bauernburschen, die
ihr Herr vom Pfluge nahm, wo es was galt. Auch mit Andern waren sie wohl
ausgeritten; um ein Handgeld oder auch nicht, die Leute sprachen nicht gern
davon. Aber woher kamen die klingenden Guldenstcke in die Tasche der
Bdnersshne?
    Der Kaspar sang, als er den Helmsturz auf dem Ambos festklopfte, ein
Spottlied, was sie damals sangen auf Herzog Hans von Sagan, der landflchtig war
und kaum in der Mark ein Unterkommen gefunden:

Wer brgerlichen Krieg anstift,
Denselben das Unglck wieder trifft,
Und mu das Sein mit dem Rcken ansehn,
Wie Herzog Hansen ist geschehen.

    Was singst Du fr ein hlich Gassenlied, Kaspar? sprach die gndige Frau.
    Er erschrak etwas, aber nicht sehr: Einer stimmt an, der Andere singt nach,
Gestrenge.
    Wer mu Alles nachplrren, was die Gassenjungen vorsingen! - Hat's solche
Eil', Kaspar?
    Der Knecht sah sie seitwrts an und nickte.
    Morgen schon, Kaspar?
    Er bedachte sich und nickte wieder.
    Kaspar, Du bist ein treuer Knecht; aber ein treuer Knecht mu Alles thun,
da sein Herr nicht zu Schaden kommt.
    Ein Knecht mu thun, was sein Herr will.
    Wenn der Herr aber - sie hielt inne. Der Herr ist anders worden, als er
war.
    Er nickte.
    Wenn's nun zum Schlimmen ginge, wenn er auf schlimme Leute gehrt htte,
wenn sie ihn wieder fingen! Kaspar, was wrde aus Dir, was wrde aus uns Allen!
Das Liedlein vom Herzog Hansen, wenn sie's nun auf uns sngen?
    Der Knecht legte den Helm weg und nahm ein Schulterstck, aber das legte er
auch weg. Es ging auch in ihm was vor: Gestrenge, es ist schon wahr, aber wir
ndern's nicht, es mu sein.
    Warum mu es denn sein? Kaspar, Du weit was.
    Ja, Gestrenge.
    Da es gegen den Kurfrsten losgeht, das darfst Du nicht sagen?
    Nein, eben das darf ich nicht sagen.
    Auch nicht, da mein Herr bei ist?
    Auch nicht, da er sich versprochen hat und nun nicht los kann.
    Kaspar! 'S wird nicht, wie damals. Damals war er unschuldig wie ein Lamm im
Mutterleib. Kaspar, wer ihn abhalten thte, der verdiente sich einen
Gotteslohn.
    Kaspar fuhr mit dem Eisen in die Kohlen, da die Funken umher flogen.
    Ach, Gestrenge, das ist's eben. Der Brei ist zu weit eingerhrt, nun mu er
ber's Feuer. Was muten wir ihn auch allein in's Havelland reiten lassen -
    Die gute Frau zupfte ihn am Hemdsrmel: Kaspar, wir ziehen ihn wohl noch
raus.
    Der Stier rennt gradaus, wenn er 'nen Schlag hat.
    Du und ich?
    Ich nicht, Gestrenge.
    Ein bischen wirst Du mir schon helfen.
    Nein! Bin ihm geschworen.
    Kaspar! 'S ist gottlos, mein' ich, gegen den Landesherrn; aber wenn's geht,
i nu, da drckt Gott schon ein Auge zu. 'S ist ja der liebe Gott.
    Der Knecht schttelte den Kopf: 'S wird gehen wie dazumalen. Er ist
strker.
    Da mu er in den Thurm, und aus dem Thurm - Unser Haus reien sie niede,
oder schieen's nieder, und wir, wir mssen in's Elend, die Eva und ich.
    Kaspar wischte sich mit dem Aermel ber das Auge: Ich werd's nicht mit
ansehen. Wenn sie die Herren kpfen, hngen sie die Knechte.
    Er ging wieder an die Arbeit, als wollte er die Gedanken forthmmern. Aber
Frau Brigitten kamen unter den Hammerschlgen Gedanken.
    Du bist ein guter und treuer Knecht, sprach sie. An Deiner Stelle tht
ich auch wie Du. Aber ich bin seine Frau, ich mu fr ihn sorgen, dazu sind wir
am Altar geschworen, da einer das Unglck vom Andern abwendet. Aber was Du
weit, das mut Du mir sagen, ich bin Deine Frau und kann's Dir befehlen;
nmlich, was er Dir nicht verboten hat. Und was Du denkst, damit mut Du auch
nicht hinterm Berge halten, wenn ich Dich frage, denn ein Knecht darf nur fr
seine Herrschaft denken.
    Freilich, sagte der Knecht Kaspar.
    Morgen frh schon reitet er aus?
    Der Knecht sah sie zweifelhaft an: Das wei ich nicht, ob ich das sagen
darf.
    Darum frag ich Dich auch nicht. Aber das mut Du mir sagen: Bleibt mein
Herr morgen daheim?
    Ja das hat er mir nicht verboten. Nein er bleibt nicht daheim.
    Und kommt auch morgen und bermorgen nicht zurck?
    Das wei Keiner, wenn er zurckkehrt.
    Nimmt Dich mit, und den Wenzel, und aus dem Dorf den Jrgen, den Stephan,
den Hans und die beiden Zwillinge?
    Nun, so Ihr das wit, Gestrenge, da braucht Ihr mich ja nicht zu fragen.
    Und in der Rstkammer hngen schon die Eisenhemden, Koller, Schirme,
Hauben, die Spiee und Aexte, die Ihr anziehen werdet.
    Das wit Ihr also auch?
    Was dchtest Du nun, Kaspar, wenn ich den Ruprecht und noch ein paar gute
Bursche nhme, und liee die ganze Rstkammer raustragen ganz sacht, da es
Keiner merkt, und die Rosse aus dem Stall ziehen; wir packten Alles was scharf
ist und von Eisen auf die Leiterwagen, und damit fhren wir in der Nacht nach
Golzow. Die Rochow's sind mir gut. Heuer wollen sie nicht mit. Bis er aufwachte,
wren wir lngst ber alle Berge, und dann knnte er doch nicht ausreiten. Du
sollst nicht dabei sein, Du sollst nur sagen, was Du dazu denkst.
    Straf mich Gott, Gestrenge, da mt ich ja dabei sein. Wenn ich's merken
thte, da sprng' ich auf den Hof, und bis Ihr nur halb fertig wr't mit
Aufpacken, ri ich das Fallgitter nieder und schrie aus Leibeskrften, bis er
aufwachen thte.
    Schreien wrdest Du? Dann mten wir Dich also knebeln.
    Wrde mich aber verflucht wehren.
    Dann mte man Dich einsperren.
    Ich schriee durch; 's ist ja fr meinen Herrn.
    Nun, wenn's hier unten wre in der Schmiede, da knntest Du Dir die Lunge
ausschreien, bis er's hrte.
    'S hlfe Euch auch nichts, Gestrenge! Er hat sich in den Handschuh gebissen
und geschworen, das kann ich schon sagen vom Handschuh nmlich, das hat er mir
nicht verboten. Da mu er's thun. Wenn er aufwacht, und die Bescheerung she,
sobald er nur in den Hosen sitzt, springt er ber die Mauer, wenn's nicht anders
ist. Im Dorfe trifft er Pferde und die liederlichen Kerle da, denn's ganze Dorf
knnt Ihr doch nicht mitnehmen nach Golzow. Er reitet fort, wie er ist, ich
kenne ja meinen Herrn.
    Wie er ist, wiederholte nachdrcklich die Frau. Wie ist er denn, Kaspar?
Hat er 'nen guten Rausch?
    I nu, die Treppe stieg er noch halbwege rauf. Nur auf den letzten Stufen
mute ich ihn unterfassen.
    Hat er noch viel gesprochen?
    Na! Nicht wie der Bischof von Brandenburg, wenn er einen guten Rausch hat,
aber 's hrte sich doch so an1.
    Als Du ihn verlieest, schlief er?
    Wie ein Maulwurf.
    Und wann meinst Du, da er aufwacht?
    Der Knecht blickte verlegen: Wenn ihn die Sonne nicht aufweckt, dann - ich
wei nicht, ob ich das sagen darf -
    Dann sollst Du ihn aufwecken. Vergi das nicht, Kaspar. Aber ist das Deines
Herrn Gebot, da Du hier mit mir plauderst? Frisch, frisch an die Arbeit. Nicht
aufgesehen, hast viel nachzuholen, bis Du ihn wecken gehst. Deine Frau
befiehlt's!
    Als der Knecht gehorsam die Kohlen schrte und hmmerte, hrte er hinter
sich einen Krach, drauf einen schweren Riegel rasseln. Dacht' ich mir's doch
gleich, sie sperrt mich ein. Schnell war Helm und Hammer fortgelegt, und er
kletterte nach dem kleinen Fenster hinauf, das von drauen zu ebener Erde war.
Aber auch hier begegnete ihm schon das Gesicht der Burgfrau, welche die schwere
Eichenklappe darber fallen lie, und die Krammen an der Wand befestigte.
    Hast Du zu essen bei Dir? fragte sie ihn durch das kleine Lugloch.
    Das hab' ich schon, Gestrenge; Rettig, Kse und Brod im Kober.
    Dann spar's Dir auf, damit Du nicht hungerst.
    Aber schreien, Gestrenge, thu' ich doch; 's ist meine Schuldigkeit.
    Erst arbeiten und dann schreien, antwortete ihm ihre Stimme, und sie warf
ein paar Bund Stroh vor das Loch, und wlzte mit nicht geringer Anstrengung
einen groen Stein davor. Die dicke schwere Thr wrde er nicht erbrechen;
dessen war sie sicher.
    In der Nacht war die Frau von Bredow wieder Herrin im Haus, und wehe dem
Knecht, der ihr nicht gehorchen wollte. Und wer sich etwa vorhin gefreut, mit
auszuziehen mit dem Herrn, der konnte sich jetzt auch freuen, er zog mit der
Frau aus. Und wer wei, ob der Herr so gut htte einschenken lassen, wie die
Frau that, da sie Muth und Lust kriegten. Bald war es auch, wie ein Fest, wie
ein Fastelabendsspa, wo es Jeder dem Andern wollte zuvorthun in Hurtigkeit und
Stille. So schoben sie nicht, nein sie trugen den Wagen aus dem Schuppen; aus
der Rstkammer und der Halle holten sie die Schilde, Helme, Rstungen, Spiee
und Aexte, da es keinen Klang gab. Stroh und Decken wurden dazwischen gepackt;
und selbst die Rosse schienen zu merken, was es galt: so schtchen lieen sie
sich aus dem Stall zieh'n und vor die Wagen spannen und satteln. Kurz, es ging
Alles still und schnell ab, wie in einem Mhrchen. Nur die Katzen heulten, und
dann und wann hrte man Herrn Gottfried vom Giebel schnarchen. Zwar schrie auch
der Knecht Kaspar wie ein rechtschaffner Knecht alle fnf Minuten ein Mal, aber
man mute es ihm lassen, er schrie nur aus Schuldigkeit, wie ein Nachtwchter,
der die Leute nicht wecken soll.
    Nun war alles fertig, das Fallgitter aufgezogen, die Brcke niedergelassen,
zum Ueberflu hatten die Mgde Stroh darauf gestreut, da die Wagen nicht
rasselten, und die wenigen Lichter wurden ausgelscht, die zum Packen
geleuchtet. Nur die Sterne konnten sie nicht auslschen.
    Die gute Frau von Bredow schpfte Athem. Wo nicht alles war sie in der einen
Stunde gewesen, wo nicht alles hatte sie mit Hand angegriffen und angewiesen und
angeordnet; wofr hatte sie nicht zu sorgen gehabt, fr Fortziehende und fr
Bleibende! Und was mute sie das angegriffen haben, ich meine nicht, da sie es
thun mute, sondern da sie es ohne ein lautes Wort thun mute. Sie war immer
der Meinung, Gott habe dem Menschen die Stimme gegeben, da er sie vernehmen
lasse. Ach das Schwerste stand ihr doch noch bevor. Die Wagen fuhren schon zum
Thor hinaus, als sie zu Eva leise sprach: Nu komm rauf. Wie ihrer Mutter Hand
zitterte! Nur der Knecht Ruprecht blieb unten an der Treppe.
    Sie waren oben, wo die kleine Ampel vor der Thr brannte. Eva's Herz pochte
nur ein klein wenig, als sie durch das Schlsselloch geblickt und leise die Thr
aufklinken wollte. Die Mutter zog sie noch zurck:
    Bleib noch ein Bischen, Eva, mir ist doch bang.
    Er schlft ganz fest.
    Eva, nein, Du sollst es nicht.
    Sie nahm sie in ihre Arme und kte sie ab. Wenn's Snde ist - ach Du mein
Gott, das Leben wird Einem doch recht schwer gemacht! Was soll nicht alles Snde
sein! -
    Es mu ja sein, hast Du gesagt, Mutter!
    Freilich mu es sein.
    Wir ziehen die Schuh aus.
    Du liebe Unschuld, wr's damit gethan! 'Ne Mutter mu die Tochter nicht zum
Bsen verleiten. Ich kann's auch besser in der Beichte vortragen. Der edle
Wettstreit ward endlich dahin geschlichtet, da beide die Schuhe auszogen.
    Der gute Knecht Ruprecht hatte die Angeln der Thr geschmiert, sie knarrten
wenig, und Eva hielt die Hand so vor der Ampel, da sie keinen Schein auf den
Schlafenden warf. Das Licht ward vorsichtig in eine Blende hinter dem Bett
gestellt, und Mutter und Tochter winkten sich, die Finger vor dem Mund. Eva!
flsterte jene noch, wenn er auffhrt, laufe fort; ich will's schon allein mit
ihm abmachen. Ich glaube, Eva wre nicht fortgelaufen; das Kind hatte nicht
geantwortet.
    Wie ruhig er lag, wie in gemessenen, festen, ernsten Abstzen Herr Gottfried
schnarchte! Den Richter, der ihn einst richten wollen um das Verbrechen, das
geharnischt vor'm Thor stand, htte ich an das Bett fhren mgen und fragen:
Kann ein Hochverrther so schlafen? Es waren keine Tne, die unregelmig wie
der erstickte Athem des Schuldbewutseins vorbrechen aus der gengstigten Brust;
nein, es waren die ruhigen kraftvollen Pulsschlge eines gesunden Organismus.
Aus tiefster Brust kamen sie, wie Boten, da Alles da in Ordnung sei, da diesen
Mann keine Trume ngsteten, und wenn Trume um ihn spielten, waren es
Spiegelbilder der Selbstzufriedenheit mit einem von keinen Zweifeln zerrissenen
Dasein.
    Herr Gottfried schlief auf dem Rcken, die krftigen Arme ber den Kopf
ausgestreckt. Ueber dem gewaltigen Deckbett hing noch ein bunter, schn gewebter
Teppich bis zum Boden. Sein Ahnherr, der mit Ludwig dem Baiern in Tirol gewesen,
hatte ihn mitgebracht, als ein Angebinde der durchlauchtigen Frstin, Frau
Margarethe, Maultasch genannt. Wenn der Ritter unruhig schlief, lag der Teppich,
wohl auch das Deckbett, auf der Erde. Ein gutes Zeichen fr die Frauen, da heut
die Decken lagen, als habe sie der Kaspar erst ber seinen Herrn gebreitet. Aber
wo nun suchen? - Da sahen sich pltzlich beide lchelnd an, und beide
Fingerspitzen zeigten auf denselben Punkt. - Er lag mit dem Kopfe drauf! Ach,
ein geschickter Dieb stiehlt auch das Pfuel unter dem Kopfe fort; aber die
Beinenden hatte er sich um die Arme geschlungen und noch mit der Schnur fest
an's Gelenk gebunden. Wer sollte sie ihm da stehlen! Im Lager und im Kriege
mcht' ich das nicht rathen; wie will er aufspringen, wenn die Lrmtrompete
drhnt! Aber auch im eignen Hause half's dem guten Herrn Gottfried wenig, denn
wo siegt nicht Weiberlist ber Mnnerklugheit!
    Da hielt die Mutter die Ampel etwas in die Hh' und Eva streichelte mit
ihrem kleinen Finger des Vaters Bart. Er lchelte vergngt: Katze, was willst
Du? brummte er freundlich. Er drehte den Kopf, die eine Hand ward frei. Die
Schleife des Riemens war gelst.
    Was beschreibe ich's nun, es liee sich wohl besser malen, wie Eva mit
verhaltenem Athem und mit einem Elfengriffe Herrn Gottfried den Kopf so sanft
hielt, da er im weichsten Pfuel nicht weicher liegen konnte, und die Mutter zog
leise, leise unter dem Kopfe. Nun hielt sie's in der Hand, nun athmete sie
wieder, nun lie Eva den Kopf sanft auf das Kissen gleiten, und Beide sahen sich
an. Es war gelungen.
    Auch das! dachte Frau Brigitte, als sie den Degen des Ritters an der Wand
sah; aber Eva griff ihr in den Arm: Mutter, Du wirst doch nicht dem Vater sein
Schwert nehmen! Nein, ein freier Mann durfte nicht ohne sein Schwert sein, auch
auf die Gefahr, da er es gegen seinen Frsten zog. Das war jedem damals klar,
auch dem Frsten, und die gute Frau von Bredow errthete, da es ihr nur auf
einen Augenblick aus dem Sinne gekommen.
    Die Wagen rollten schon auf dem Damme, und die letzten Reiter harrten der
Nachzgler, als die Edelfrau und ihre Tochter ber den dunklen Hof kamen. Noch
einmal schaute Frau Brigitte auf die groen Schatten der Thrme und Mauern, und
die starke Frau zitterte etwas, als die lange, dunkle Gestalt des Knechtes
Ruprecht stumm vorberschritt, und, ihrer wartend, an das Fallgitter sich
stellte. Da gelobte sie, wenn Alles gut abginge, der Mutter Gottes in Zehdenik
ein neues Kleid mit Goldfranzen, und Eva sagte: Und Schwester Agnes wird fr
uns beten, wenn es nicht recht war.
    Der Knecht lie das Fallgitter sanft fallen und schlo das Thor von auen.
    Auf ihren Knien, unter dem Mantel, hielt sie das gestohlene Gut. Nachts im
Walde umschleichen uns unheimliche Gedanken. Die Natur verlangte ihr Recht, sie
nickte ein. Da fuhr sie pltzlich auf, wenn der Wagen ber eine Wurzel fuhr, und
prete das Kleid fest an sich. Hatte es ihr entgleiten wollen, wie eine
Schlange, oder hatte ein langer, schwarzer Arm aus den entlaubten Bumen danach
gegriffen? - Wenn er nun erwachte vor der Zeit, ber die Mauer sprang, ihr
nachsetzte! Wie sollte sie ihn ansehen! Oder wenn die bsen Gesellen ihn abholen
kamen, wenn sie ihnen jetzt begegneten! Wenn - hundert Wenn's ngsteten die arme
Frau. Wenn sie nur erst die Hunde in Golzow anschlagen gehrt, wenn ein guter
Mann des Weges gekommen wre, dem sie das Gut in sichere Hnde anvertrauen
drfen! Es drckte sie wie Blei; sie mochte es nicht lnger halten. Zuweilen
dachte sie daran, es dem Knecht Ruprecht zu geben, da er damit nach Golzow
vorauf ritte. Aber was htten die in Golzow dazu gesagt, wenn die Hosen des
Herrn von Bredow angekommen wren, und nichts weiter!
    Da hrte man durch den stillen Wald Hufschlge. Ein einzelner Reiter
galoppirte vorbei. Gott sei Dank! dachte Frau von Bredow, er reitet vorber. Er
reitet gewi nach Ziatz. Wenn er nur nicht umkehrt! - Was bog sich Eva nach dem
Reiter um? Hans Jrgen! rief sie pltzlich in die Nacht hinein mit ihrer
hellen, frhlichen Silberstimme.
    Hans Jrgen war umgekehrt, der liebe, gute Hans Jrgen. Das Kind kann doch
durch die Nacht sehn. Wer htte an den Hans Jrgen gedacht, der damals am Flie
Wache stehen mute, wenn er jetzt sah, wie die Frau mit ihm Hnde schttelte,
und so mute er sich ber die Leiter biegen, da sie ihm beim Kopf fassen und
ihm einen herzhaften Ku geben konnte. Und da er einmal sich ber die Leiter
gebogen, hielt er's fr artig und anstndig, auch seiner Muhme Eva einen Ku zu
geben, und nachdem er ihr einen Ku gegeben, meinte sie, es schicke sich, da
sie ihm wieder einen Ku gebe. Ein Freund in der Nacht und im Walde ist beinah
wie ein Freund in der Noth.
    Da war es, als schiene pltzlich ein helles Licht in dem dunklen Wald,
whrend Hans Jrgen, der Kehrt gemacht, langsam neben dem Wagen ritt, und ihnen
erzhlte, was er wute, und sie erzhlten ihm, was sie wuten. Hans Jrgen war
nicht mehr Hans Jrgen, den man in die Schwemme schicken konnte; sein Kurfrst
hatte ihn nach Pommern, und dann nach Mecklenburg geschickt in besonderen
Auftrgen, und jetzt kam er vom Schlo des Brandenburger Bischofs in Ziesar, um
in die Lausitz zu reiten, und von da nach Berlin zurck, und alles, was ihm
aufgetragen, hatte er gut verrichtet. Unterwegs hatte er ansprechen wollen bei
seinen Blutsfreunden in Ziatz.
    Das kannst Du nun jetzt nicht, Hans Jrgen, sagte nachdenklich die Frau,
aber pltzlich blitzte in ihr ein Gedanke auf. Sie lie den Ruprecht halten, sie
stieg vom Wagen, und der Reiter vom Pferde, dann ging sie mit ihm ein Paar
Schritte auf und ab, und sie sprachen, und schienen einig, und die Frau sehr
vergngt.
    Gleich darauf packte sie die Lederbchsen in einen Sack, und Hans Jrgen
steckte noch da hinein das Kettenhemde und die Bffelhaube seines Ohms, schnrte
alles fest zu, und legte es und band es auf sein Ro. Dann sprach sie zu ihm:
So also sprichst Du zum gndigsten Kurfrsten, nmlich ich meine, die rechten
Worte wirst Du schon unterwegs finden. Wenn bse Leute, wie dazumal, sagen
sollten. Dein Ohm wre mit ausgeritten, wo er nicht reiten soll, so kannst Du
schwren, er ist nicht dabei. Du hast seine Haube und sein Hemde, und was er
sonst nie vom Leibe thut. Das schicke ich alles Seiner Kurfrstlichen Gnaden,
zum Zeichen, da mein Herr unschuldig und verredet ist, und damit kein anderer
bse Bube es anzieht, und mein Gtz kommt darum in's Unglck. So kannst Du
sprechen, und dann sprichst Du die Wahrheit.
    Nun sa er wieder auf dem Pferde, und die Frau auf dem Wagen. Ob er sich
noch ein Mal ber die Leiter gebogen, um auch zum Abschied, weil es anstndig
und artig, seine Muhme zu kssen, davon steht nichts in den Chroniken zu lesen.
Aber er ritt sehr vergngt in den Wald, und Eva war es, als blhten die drren
Bume, und die Nachtigallen sngen und Frau Brigitte sprach bei sich: Gott sei
Dank, nun bin ich sie los und Alles wird gut.

                                    Funoten


1 Der Bischof Scultetus von Brandenburg war ein frtrefflicher Redner, konnte
drei Stunden lang Quinones halten, so er einen guten Rausch hatte und auch wann
er nchern war, sagte Angelus.


                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.

                              Die Kpnicker Haide.

Der kommt ungelegen, sprachen zwei Reiter, die am grauenden Morgen durch' die
Kpnicker Haide ritten, als der Wind einen ersten, leichten Schnee ihnen in's
Gesicht trieb. Es waren ritterbrtige Leute; aber mit den kurzen Waffen und in
ihren Bffelkollern und Wolfspelzen, unter denen die Panzerhemden verrtherisch
blinkten, ritten sie nicht zu Hof und Hochzeit.
    Der Morgen war rauh und unfreundlich wie ihre Gesichter. Sie folgten einem
wenig befahrenen Holzwege. Wo der Wald sich lichtete, hielten sie, wie um zu
horchen. In weiter Ferne hrte man dumpfe Hufschlge. Auf der andern Seite der
Lichtung schimmerte aus der Niederung eine verfallene Lehmhtte, deren
wettergepeitschtes, schiefes Dach allmlich seine braune Farbe verlor.
    Der eine, Ritter schien gerade dies Dach mit besonderer Aufmerksamkeit zu
betrachten: Siehst Du, Wedigo, es wird wei.
    Der andere strich aus seinem rothen Knebelbart den Morgennebel: Es bleibt
aber nicht wei. Der Rauch schmilzt es da am Schlott. Die Sonne thut's fr uns
nachher.
    Bis 9 Uhr, wo er kommen soll, hat sie nicht die Kraft.
    Und wenn nicht, was weiter!
    Was weiter, schwere Noth! Sollen wir wie die Eichkatzen an den Baumsten
klettern? An die siebzig, die von links und rechts kommen, mssen doch Tapfen
lassen. Es wre die Pestilenz, wenn er Wind bekme, und es ginge wieder quer.
    Ist er nur bis zum Sengrund, dann mgen sie uns wittern.
    O dieser se Grund! knirschte der Andere, er soll ihm ein bittrer,
saurer werden!
    Wenn Kaspar Flanz pfeift, so laut er will, mag ihm ein Vglein singen, 's
ist zu spt. Er kommt nicht mehr nach Kln zurck.
    Mordio! Der Andre schttelte an seinem Degen. Nur heut keine Memmen!
    Kannst Du noch zweifeln?
    Was Adelige sind, nein. Aber da wir bei so was nicht unter uns sind! Ich
ward berstimmt.
    Was plagst Du Dich mit Argwohn, Adam! Unsere Knechte sind Dir Kerle, die im
Feuer gesotten wurden. Was hat so ein Bauersohn, dem sie sein Haus in Asche
gelegt, und auf seinem Acker wachsen Nesseln? Meinst Du, da sie lieber Disteln
ausreuten und hinter'm Pfluge keuchen, als mit uns durch die Haide preschen?
Satan knnte sich keine bessere Gesellen wnschen, als mrkische Bauern, die
nichts mehr hinter sich haben und ein frei Leben vor sich. Ich habe so ein Paar
Lmmel: ihre Schwielenhaut ward in Sonne und Sturm wie ein Panzerhemd, und ihre
Sehnen sind wie Eisen. Auf die ist Verla; lieen sich fr mich ein Stndlein
zum Vergngen auf die Folter recken. Wenn man den Menschen die Krippe nicht zu
hoch schnallt, sind alle Menschen gut. Sie ritten, am Waldrande sich haltend,
auf das Haus zu, um, nach der Verabredung, die ersten zu sein, schienen aber
verwundert, als sie im Wege schon eine frische Pferdespur fanden.
    Das fordert Vorsicht, sprach Wedigo und sprang vom Ro, das er an einen
Ast band, um von hinten an das Haus zu schleichen.
    Aber lchelnden Gesichtes war Wedigo zu seinem Gefhrten zurckgekehrt,
flsterte ihm einen Namen zu, der auch diesem ein Lcheln abnthigte, derweil
die Ankunft anderer Reiter beider Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Alle kamen
auf Nebenwegen mit derselben Vorsicht heran; alle vermummt. Einige mit alten
Helmen und geschlossenen Visiren, alle wohl bewaffnet. Ihrer Tracht nach schien
keiner vornehmer als der andere zu sein. Aber in jeder Gemeinschaft mu es
Fhrer und Hupter geben, und wo keine sind, da machen sie sich von selbst. Man
ritt an einander, man wechselte leise Worte, Winke und Hndedrcken, bis ihrer
so viele beisammen waren, da die Ordnung nthig schien, welche nur ein
Befehlshaber herstellen kann. Einer, der seine stolze Haltung nur schlecht unter
dem Schafpelz verbarg, winkte seine Befehle einem andern im schwarzen
Bffelkoller zu, der nun unter den Gruppen umherritt und sie austheilte. Einige
stiegen von den Pferden, und vertheilten sich in den Wald, andere hielten zu Ro
an dem Saum der Lichtung Wache. Erst dann traten die Andern in einen Kreis und
pflogen, wie es den Anschein hatte, Rathes, der aber bald lauter wurde, als sich
fr solchen Ort schicken mochte.
    Himmel und Hlle! rief mit gedmpfter Stimme der im Schafpelz und hob
beide Arme in die Hhe, wir haben ihn noch nicht. Nachher davon, Ihr Herren,
hier thut uns Anderes Noth!
    Aber seine Grnde schienen nicht Alle zu berzeugen, der Lrm, das Geschrei,
wenn gleich mit unterdrckten Stimmen, ward lauter. Einige Mivergngte ritten
auch schon aus dem Kreise, und sonderten sich in Gruppen.
    Dacht' ich's doch, rief Einer. Wo die Klugsprecher sind, ist auch
Verrath. Wer setzt denn um nichts den Hals daran!
    Warte nur, bis der Otterstdt kommt, entgegnete der, welcher ihn zur
Rckkehr zu bewegen suchte.
    Der! Wer am Hof ist, zngelt.
    Gieb Dich nur jetzt Christoph.
    Gieb Dich, gieb nach, warte nur, so heit's allzeit. Wenn's nun nicht
geschieht, hol's der Teufel, und ich konnte in Kyritz einreiten! Zusammenhalten!
Schnes Wort! Der Hund heult und der Wolf schluckt's. Wovon sollen wir leben? An
unsern Fingern kauen, wenn wir die Zeit nicht nutzen! Ich hab' nichts mehr,
darum bin ich hier. 'S luft Alles auf's Dienen raus, Adam, wo die Klugsprecher
an's Regiment kommen.
    Die Noth ist unser Aller. Die groen Herren -
    Salviren sich, wenn's schlimm geht, uns hngen sie. Wenn's gut geht, ihre
Taschen werden voll; uns schmieren sie Redensarten in's Maul. Hab' die letzte
Kuh verkauft zur Rstung, und nun soll ich warten auf den Landtag. Und da wird
parlirt, und dann heit's: Die Ordnung will - Ich kenne das. Ich - auf die
Ordnung. 'S ist mir kein Wort so zuwider. Kriege Bauchgrimmen, wenn ich's hre.
    Adam flsterte ihm Namen in's Ohr: Volle Katzen haben sie mitgebracht. Es
soll Keinem fehlen, der Geld braucht.
    Das heit, wenn Du gut Bedienter spielst, wirst Du gut bezahlt. Seine Leute
bezahlt der Kurfrst auch. So kommt der arme Mann runter. So ist mancher gute
Mann in der Mark zum Dienstboten worden.
    
    Wer nichts hat, mu dem Andern dienen, der was hat. 'S geht schon nicht
anders in der Welt.
    'S ginge schon, wenn - antwortete Christoph.
    Der Sturm und das heftigere Schneegestber trugen das Wenn des Junkers in
die Luft, und trieben die Versammelten in's Haus, zum Vortheil der Anfhrer
vielleicht. Die niedrige Stube des Haidewirths mochte noch nie eine so
ansehnliche Versammlung in ihren zerbrckelten Wnden gesehen haben; mit ihren
Fensterffnungen, die mit Lumpen verklebt waren, und einem Lehmboden, der an
Stellen einem Sumpf hnlich sah. Hitze und Dampf qualmten aus dem gemauerten
Ofen. Rohe Bnke und Tische, zerbrochene Glser und Krge im Schrank und ein
Himmelbett waren die einzigen leblosen Dinge. Der Wirth, ein verdchtiges,
tckisches Gesicht, mit einem Auge, und ein gespornter Mann, der, mit dickem
Wolfspelz berdeckt, auf der Ofenbank schlief, die einzigen lebendigen Wesen,
als die Ritter hereindrngten, und den Schnee von ihren Schultern abstampften,
was kaum nthig schien, da ihn die Hitze sogleich schmolz.
    Unsinn! rief der Anfhrer, der von den Andern Wigand genannt wurde und
warf sich auf einen Schemel, da die Rstung unterm Pelz klirrte. Unsinn in
diesem Augenblick damit vorzukommen. Ich sage Euch, wenn wir uns nicht bndigen,
haben wir verloren auch wenn's gelang. Meint ihr denn, da es ein leichtes Ding
ist? Ihn zu fassen, ja. Aber so wir's nicht geschickt angreifen, bleibt es ein
Ast, den wir vom Baume reien, und der Baum steht da und lacht uns aus. Vor
hundert Jahren war es anders, und unsere Vter haben doch verloren. Jetzt hat
der Baum hundertjhrige Wurzeln unter sich, Deutschland war ein anderes, die
Meinung ist fr ihn, es ist ein gewaltiger Kaiser da. Wenn wir nicht jetzt mit
aller Vorsicht zu Werke geh'n, wenn wir nicht die Meinung fr uns gewinnen,
haben wir ein schlecht Schauspiel zum schlechtesten, klglichsten Ende gebracht.
Verrckt, toll wren wir, so wir in dem Augenblick die Stdte gegen uns
aufbrchten. Jetzt an Wegelagerung, an Plackereien zu denken, ich sage Euch,
besser, Ihr schnittet Euch die Kehle mit dem Brodmesser ab. Es kommt nur, es
kommt Alles darauf an, der Sache ein gut Gesicht zu geben. Es kommt darauf an,
jetzt zu geben, nicht zu nehmen. So unsere Vter es damals nicht mit den Stdten
verdorben, htten sie auf die Dauer verschlungene Arme mit uns gemacht, die
faule Grete htte nicht vor unsern Schlssern gebrummt, sie wr' im Sande
stecken blieben; wir htten die Nrnberger wie den Hohenloher zu Paaren
getrieben, bis ihnen die Lust verging.
    Htten ist nicht hatten, sagte Einer. Die Rede schien wenig Eindruck auf
die Mehrzahl gemacht zu haben.
    Beim Blut von Wilsnack! was wollt Ihr denn? rief der erste Redner, den
eisernen Arm auf den Tisch legend. Wer nicht die Zeit, wie sie ist, im Aug' hat
und fat, der verspielt auch die Gunst des Augenblicks. Was haben wir denn, wenn
wir ihn haben; und auch wenn er nicht mehr ist, was denn? - Das Herzblut springt
Euch bei dem Gedanken, da Ihr Eure Rache khlt. Glaubt Ihr, da mein Herz nicht
auch jubelt? Aber so handelt das Vieh. Knnt Ihr nur an heut denken? Ist das
Morgen Euch mit Brettern vernagelt?
    Sprich, sprich, Wigand! sagten Einige.
    Stdte, Frsten, Kaiser, Reich stehen auf. Die Acht wird gegen uns
geschleudert. Meint Ihr, da die Sachsen, die Pommern, die Mecklenburger, die
Magdeburger nur einen Augenblick anstehen, Exekutionsheere zu schicken! O, wir
haben gute Nachbarn. Wo sind unsre festen Burgen, wo die dicken Mauern, dahinter
wir ihnen in die Zhne lachen knnen? Wollt Ihr Alles auf's Spiel setzen um
einen heien vollen Trunk?
    Wigand hat Recht! sagte Einer. Die Andern schwiegen.
    Ich habe Recht. Ich wei, da Joachim grad jetzt Boten ausgesendet zu den
Pommern, zu allen Frsten in der Runde zu einem groen Vertrage gegen die
Plaker, wie sie's nennen, gegen die Ritter aus dem Stegreif. Jeder macht sich
anheischig, die Landschdiger zu fahnden, greifen und richten, auf we Gebiet
sie betroffen werden. Wird unsere That laut und wir thun jetzt nichts weiter, so
heit's durch die ganze Welt: wir sind Stegreifritter, wir thaten nichts als uns
zu rchen, und Ihr wollt doch mehr, Ihr Herren, Ihr wollt andere Unbill rchen,
alte, schlimme, verjhrte, Ihr wollt Euer Recht wieder fordern, das Gott Euch
gab, und die Frsten aus Nrnberg nahmen's Euch.
    Das wollen wir, rief Wedigo, an seine eiserne Brust schlagend. Das Land
war unser, die Wege und Straen, unserer Vter waren sie, unser das Recht und
ihrer das Unrecht. Das wollen wir und weiter jetzt nichts, dazu zeigt Gott uns
den Augenblick. Wozu langes Fackeln! Viel Reden khlt das heie Blut. Was
nachher, findet sich nachher.
    Ein Dritter fiel ein: Da wir nicht hier sind, einen Milchbrei zu essen,
wei Jeder. Mag's ein heier Brei sein, daran wir uns den Mund verbrennen;
genug, wir sind geschworen, und unter uns ist kein Hundsfott, der den Eid
bricht.
    Was sollen uns die Stdte? sagt ein Anderer. Die liegen wie der Dachs in
ihrem Fett, froh, wenn man sie in Ruhe lt. Schchtert sie ein, so geben sie
sich in das, was nicht zu ndern ist. Aber sie stehen nicht zu uns, und wenn sie
zu uns stnden -
    So htten wir eine Macht auf unserer Seite, die Ihr hoch anschlagen knnt,
fiel der Anfhrer ein. Um aller Heiligen Blut willen, hrt mich noch an. Die
Brger knurren, glaubt mir's, es ghrt auch dort. Nur einen Brand hinein
geschleudert. Wenn wir die Stdte gewinnen, nur einige, nur die bessern, so
knnen wir sagen, das ganze Land hat sich erhoben, die Unbill, die
Ungerechtigkeit war nicht mehr zu tragen. Das giebt unserer Sache ein Ansehen.
Vor einem ganzen Lande, das aufsteht seine Voigte, seine Zwingherren
abschttelt, hat auch das Reich Respect. Hat sterreich die Waldsttte wieder
gewonnen? Dort traten Alle zusammen, Bauern, Stdte, Adel. Wr' unsere Sache
schlimmer, so wir Alle, Einer nach dem Andern, hingen, Gut, Blut, Leben fr die
Freiheit einsetzen? Die alten Voigte, so die Kaiser in die Marken setzten, waren
gut. Darauf kamen schlimmere und immer schlimmere, die Baiern, die Luxemburger;
sie halfen uns nicht, wir muten uns selbst helfen. Wer beweist uns, wenn wir
das Schwert zcken, da unser Recht ausging, uns wieder selbst zu helfen! Wagt
es, Freunde, das auszusprechen! Wer wagt, gewinnt. Verwirkt hat er, der tolle,
eigensinnige Knabe, der nicht mehr Voigt sein will des Reichs, der unsere
Statuten, Satzungen, unsere alten Rechte freventlich zertritt, der adlig Blut
vergiet um Lumpereien, der seine Grillen uns zu Gesetzen geben will, verwirkt
hat er die Herrschaft. Erhebt Eure Stimmen, schreit Zeter mit tausend Kehlen,
lat tausend Briefe es schreiben, schickt Druckschriften durch das Reich, klagt,
um nicht angeklagt zu werden. Er hat keine Kinder, keine Brder. Bis die
Sippschaft aus Franken klagt, bittet, belehnt wird, bis sie mit Truppen anrckt,
sind wir in Besitz und stark, wenn wir einig sind.
    Die Bilder, welche der Redner erweckte, hatten etwas Anziehendes. Die
Roheren schienen verstummt. Andere warfen ein, das Reich knne es nicht dulden,
der Kaiser werde es nicht.
    Wenn wir unterliegen! rief Wigand. Der Sieger schreibt berall Gesetze
vor. Schlagen wir die Ersten, die kommen, aus dem Felde und warten die Andern
ab, gesattelt und gerstet, sie werden wahrhaft nicht lstern werden nach der
unfruchtbaren Erbschaft. Ich wiederhole Euch, htten die Puttlitze, die Quitzow,
die Rochow, die Bredow vor hundert Jahren den Stdten nur den kleinen Finger
gereicht, statt ihre Brger zu zwicken und zu werfen, so gb's keinen Nrnberger
zwischen Elbe und Oder, wir htten reichsfreie Geschlechter, reichsfreie Stdte.
Und nichts ist zu spt, wo es gilt, sich selbst zu retten. Die Frsten berall
im Reich, freilich sie mchten oben hinaus, den freien Adel knechten, die Stdte
bndigen. Aber anderwrts lassen sie sich nicht bndigen. Seht auf die Bndnisse
im Schwabenland, in Franken, in der Pfalz. Die Sickingen, Berlichingen, die
Kronberg, die Brmser rhren sich, sie werden den Frsten, die nicht mehr sind
als sie, noch manche Nu zu knacken geben. Sind wir schlechter als die? Ja, wenn
wir nicht den Mut haben, besser sein zu wollen. Wir haben keine Burgen auf
steilen Felsen, meint Ihr. So haben wir Smpfe, Wlder, Brche, Seen und zhen
Muth. Schaut Euch um, wenn Ihr doch zagt, nicht nach Abend, nach unsern Nachbarn
im Morgen. Da ist Freiheit. Erinnert Euch, da von Euren Urgromttern noch
slavisches Blut in Euren Adern rinnt. Der Pole hat auch einen Knig, aber wehe
ihm, wenn er die Hand anlegt an die Rechte des Adels. Solche Markgrafen wollten
wir dulden, selbst erkoren, aus freier Wahl hervorgegangen. Da hat der Adel
Rechte, da schirmen die Groen die Kleinen, da wagt kein Frst, den freien Mann
unter seine willkrlichen Satzungen zu drcken. Was hindert uns, wenn das
deutsche Reich uns nicht will, wenn es ber uns als Stiefbrder die Achseln
zuckt, uns dem mchtigen freien Polen anzuschlieen. Freunde und Brder! wo es
Freiheit gilt, ficht sich's so schn mit dem krummen Sbel wie mit der graden
Klinge!
    Der Otterstdt kommt noch immer nicht, rief Einer, der ungeduldig schon
mehrmals zur Thr hinausgegangen.
    Es kommen ihrer Viele nicht, auf die wir rechneten.
    
    Einer zhlte am Finger die Namen mehrerer groen Familien: Es hat mir das
Mark im Leibe gesotten, was Du sprachst, Wigand, das ist wahr, aber wo soll's
hinaus, wenn die Wedel fehlen, die Puttlitze, die Reder, Rochow, Bredow,
Alvensleben?
    Der Sturm kruselt zuerst nur Staub, zuletzt reit er Dcher ab. Uns lt
man anfangen; glckt es, so zweifle nicht, da auch die Reichen zur Ernte sich
einfinden. Das ist der Lauf der Welt. Es kommt nur darauf an, da man stark
genug sich fhlt, um anzufangen.
    Andere hatten eine Liste vorgezogen und musterten die Kpfe der Anwesenden.
Der Anfhrer ri schnell das Papier fort:
    Nichts Geschriebenes! Keine Namen.
    Er warf das Papier in den Ofen und lie sein Auge nicht davon, bis der
letzte Zipfel sich in Gluth und Asche krmmte. Einige lchelten ber die
Vorsicht:
    Wir sind ja unter uns.
    Um so weniger thut Papier noth, wo Blut und Ehre unsern Bund kitten. Wir
kennen uns doch Alle?
    Seine Augen flogen im Kreise umher. Nicht wahr, Hans Zarnekow? - Ihr vom
rothen Haus, Peter Ldke? Ein Nicken und ein Handschlag antwortete: Wer ist
der auf der Ofenbank?
    'S ist ja der Gtz von Ziatz! lachte Wedigo.
    Was Teufel, und kann schlafen!
    Er kam vor 'ner Stunde todtmde vom Nachtritt an. Der Wirth sagt, er fiel
auf die Bank.
    Seid Ihr's gewi?
    Wedigo zeigte auf die Bffelhaube, den Pelz und lchelte etwas: Wer im
Lande kennt nicht Gtzens Elennsbchsen!
    Das ist gut, sagte Wigand. Er schwor im Rausch; ich zweifelte, ob er
nchtern kommen wrde.
    Will auch keinen Eid darauf ablegen, da er nchtern kam, lachte ein
Anderer.
    Genug, er ist gekommen, sein Name ist bei uns, und das ist viel, und
vielleicht mehr, als wenn er erwachte, setzte er leise hinzu.
    Ein freudiges Holla drauen, ein Gewirr von Rstungen, ein Pferdewiehern
unterbrach sie und im nchsten Augenblicke strzte ein Ritter herein und warf
ungestm den Helmsturz zurck:
    Da bin ich! - Er kommt.
    Otterstdt's Augen rollten wie eines Irren, seine Brust hob sich und senkte
sich, sein Athem versagte ihm.
    Er kommt?
    Vor einer Stunde ritt er durch's Kpnicker Thor. - Das sah ich noch von
Waldeck aus - flog wie der Wind. - Wenn er an den drei Eichen ist, schrillt
Kaspar Flans in die Pfeife - Aber der Teufel, der Ritt griff mich an. -
    Verschnaufe Dich.
    Er reitet -
    Mit wie Vielen?
    Nicht der Rede werth. Heintz von Redern ist's, und Kaspar Kckeritz von den
Seinen. Den Pommerschen Abgesandten Hans von Pannewitz nahm er mit, und damit
ihnen die Zeit nicht lang werde, seinen lieben Bischof Scultetus, der ihnen
Schnurren erzhlen mu. Mit zehn Reisigen werfen wir sie alle. Aber - er reitet
nicht nach dem Sen Grund, durch's groe Gestell nach dem Spechtgraben zu.
    Das ndert unsern Plan.
    Ihr mt Euch theilen, sagte Otterstdt, rechts an die Spree, links an
die Smpfe. Ein Stndlein mehr, aber wir haben ihn im Netz. Einen Trunk Meth -
ich brauche Lebensgeister.
    Und? - fragte der Anfhrer, der seine Befehle ausgetheilt und
zurckgekehrt war, mit einem forschenden Blick.
    Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott, sagte Otterstdt aufspringend. Er ri
ab den unscheinbaren Pelzrock, der seine Rstung verbarg, und zog sein Schwert.
Blank, Mann gegen Mann, so ist's am besten.
    Und in Sonnenwalde?
    Calkulirt Niclas Minckwitz mit seinen Vettern, wann's am sichersten fr ihn
sein wird, Frstenwalde zu berrumpeln.
    Und die Birkholze?
    Das Frsteln berkam sie, je nher der Tag rckte. Ersuften mich mit
schnen Worten und klugem Rath, da Joachim ein mchtiger Frst sei, und sie
htten's nur mit dem Lebuser Bischof zu thun. Wann und wie und wo es ihnen mit
dem, ihrem Feinde gelnge, und dann und da und dort wollte Joachim sich
einmischen, alsdann und insofern und alldieweil wrden auch sie - Kreuzdonner
Himmelwetter Sapperment, ich sattelte und machte, da ich reine Luft kriegte. -
Was lchelst Du?
    Da wir so sichere Bundesgenossen haben. Oder zweifelst Du, wenn wir ihn
fortgeschleppt, da ihre Bedenklichkeiten wie eine Schnuppe vom Licht gefallen
sind!
    Fortgeschleppen! Wohin?
    Thrme giebt's noch in der Mark. So lang's im Lande zweifelhaft aussieht,
geht's mit ihm heimlich aus einer Veste in die andere, da Niemand wei, wo er
sitzt.
    Und?
    Knpft er sein Ohr zu auf die Propositionen, steigt er immer ein Stockwerk
tiefer -
    Bis -
    Hrst Du nichts drauen?
    Bis er unter der Erde liegt?
    Davon nichts jetzt, Otterstdt, nicht vor einem solchen Augenblick.
    Jetzt, grade jetzt, Hallo! Nachher ist's Henkerdienst.
    Hast Lust, wie Kunz von Kaufungen durch die Gassen geschleift zu werden!
Prinzenraub! Pfui ber das Dumme und Halbe. Unter die Erde, aber nicht im
Kerker. Gottes freie Luft soll das Gericht der Freien anschauen.
    Otterstdt! Still, zgle die stille Wuth.
    Ich will nicht zgeln!
    Wir verderben die beste Sache -
    Was schirt mich die Sache! Ich hab's mit Menschen zu thun. Mein Feind ist
er, mein Todfeind; ich hasse, verabscheue nichts so auf Gottes Erdboden. Meinen
Freund hat er gemordet, seinen eigenen Busenfreund; Pest und Tod, wer mich
hindern will! Ich hau' ihn nieder, Basta!
    Achtet auf ihn, wenn's losgeht! flsterte der Anfhrer zu seinem
Vertrauten, als das Zeichen drauen gegeben ward. Die Verschwornen strzten zur
Thr hinaus, da die Wnde der morschen Htte zitterten.
    Gtze! Herr Gtze von Ziatz, wacht auf! hatte Einer der Letzten dem
Schlfer auf der Bank zugerufen und ihn gerttelt; doch erst nachdem er hinaus
war, hatte der Schlfer sich aufgerichtet. Als er die leeren Wnde sah, flog er
an's Fenster und lauschte. Als die letzten Reiter zum Gehft hinaus waren,
sprang er auch in den Hof, ri sein Pferd aus dem Stalle und schwang sich mit
einem Satz hinauf. Zum Thorweg hinaus, gab er dem Thiere die Sporen, da die
Weimen bluteten.
    Der Haidewirth schrie ihm verwundert nach: Da nicht, Herr Ritter! Nicht
in's Gestell, da treibt Ihr grad auf ihn zu; links, durch den Wald!
    Der Reiter htte ihn noch hren knnen, aber er hrte nicht. Ehe der Wirth
dreiig Pulsschlge zhlte, war er ihm aus dem Gesicht.
    Ein Bredow mag's sein, sprach der Wirth; aber Gtz von Ziatz ist's
nimmer.

                          Vierundzwanzigstes Kapitel.



                                 Der Prediger.

Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rath der Gottlosen, noch sitzet, da die
Sptter sitzen! Aber Heil auch dem Jnglinge, der unter den Spttern lag, und
horchte auf den Rath der Verworfenen! Ihr saht ihn Alle, meine Andchtigen, den
erwhlten Knaben, den ich einen neuen David nennen mchte, denn der Herr hat ihn
berufen, dem Herrn unseres Landes, dem Gewhlten Gottes, sein uns kostbares
Leben zu bewahren. Ihr saht ihn vor einer Stunde knieen, den Knaben, der die
Schleuder genommen, und der Kopf des Riesen fiel, niederknieen als Knaben und
auferstehen als Ritter. Preiset den Herrn, er hat durch kleine Dinge Groes
gefget; er hat den Geringen erhoben und die Groen und die Gewaltigen gestrzt.
Lobpreiset ihn und dankt ihm durch den vollen Klang Eurer Stimme im Gesange!
    So hub der Prediger am Sonntage in der Nicolaikirche zu Berlin die
Dankpredigt an fr die gnadenreiche Rettung und Erhaltung des Kurfrsten. Es war
der Dechant und Pfarrer von Altenbrrandenburg, der fr den kranken Probst als
Gast vor den Berlinern redete, und im gedrngt vollen Gotteshause hrten sie ihm
mit einer Stille zu, da man den Hauch des Mundes vernahm.
    Da lag der Jngling, hub er an, als nun der Gesang schwieg, schlafmde
von einem langen, langen Ritte in Diensten seines Herrn, der ihn in ferne Lande
geschickt zum Wohle seines Reiches. Ach, dachte er, wo werden meine Krfte
ausreichen, da ich noch heut meinen Frsten treffe; hab' ich doch so wichtige
Botschaft, und morgen vielleicht ist er weithin aufgebrochen und ich erreiche
ihn auch bermorgen nicht. Aber die Krfte versagten ihm. Er wollte wachen und
schlief ein. Warum ward er schwach, warum verirrte er in dem Walde, warum kehrte
er in den Haidekrug ein, davor ihm beim Einreiten graute? Der Jngling, meine
Andchtigen durfte dieses fragen. Wir wissen die Antwort. Es war der Finger des
Herrn, der ihn schwach machte, der ihn irr fhrte, und doch zum Rechten. - Fest
hatte er sich vorgesetzt, nur ein Stndchen zu schlafen, und er schlief eine,
zwei, drei, ich wei nicht wie viel Stunden. Da weckte ihn der Engel Michael, zu
dem er vor'm Einschlafen gebetet, da er zur rechten Zeit aufwachen mge. Hat
der heilige Erzengel Michael ihn denn getuscht? Meinst Du da - oder Du? - Er
versumte ja die Stunde, sagt Ihr. Ich sage Euch, die Engel wissen, wann wir
wachen, und wann wir schlafen sollen. Nun so sage ich Euch, wr' er
aufgesprungen, jach, wir htten ihn heut nicht gesehen zum Ritter schlagen, ein
blutiger Leichnam wr' er, unter ihren Dolchen zu Boden gesunken. Wer aber von
Euch, wenn er, voll solchen brennenden Diensteifers, gemerkt, da er zu lange
geschlafen, wer wrde nicht auf der Stelle aufgesprungen sein, zur Thr
hinausgestrzt, sein Ro gesattelt haben? - Der rasche und ungestme Jngling
schlief fort, d.h. die Heiligen woben um ihn den Schein eines Schlafenden, damit
er die Rathschlsse der Gottlosen ganz anhre. Welches Meer unergrndlicher
Wunder thut sich vor uns auf. Warum gerade an dem Orte, da ihn die
unbegreifliche Schwachheit befiel, wo die unbegreifliche Tcke der Bsen Rathes
pflog? Einen Augenblick zu frh, einen Augenblick zu spt, und Du, mein theures
Vaterland, mutest Dich einhllen in schwarze Trauergewnder um den besten
Frsten. Schon hatte Satan die Gruft dort in Kloster Lehnin mit seinen Krallen
aufgerissen, aber der Engel Michael stie sie wieder zu mit seiner ehernen
Ferse. Wie aber schlug er die Ruchlosen mit Blindheit, welches Mysterium, da
sie in dem Schlummernden einen der Ihrigen zu erkennen glaubten? Hatte er sich
etwa verkleidet, entstellt? Nein, arglos lag er da, ganz er selbst. Aber die
Heiligen, die ber ihm schwebten, hatten ihn verwandelt vor ihren Blicken. Aber
warum stieen sie ihn nicht an, die Missethter, warum weckten sie ihn nicht?
Beschlich sie denn gar kein Argwohn, der doch dem Einfltigsten unter uns kommen
wrde, wenn wir zu einer ruchlosen That in nchtlicher Stunde versammelt
stnden, und Einer schliefe unter uns, dessen Gesicht wir nicht einmal sehen? -
O fragt, fragt, fragt doch in alle Ewigkeit. Die Glubigen fragen nicht, sie
wissen, da der Herr die nicht antasten lt, die er erkoren zu Rettern Israels.
Fragt Ihr nicht auch: Wie doch kam es, da die Rotte Korah vor ihm aufbrach,
gestreckten Laufes, das vatermrderische Schwert in der Faust, da er, der nach
ihnen sattelte und ausritt, auf demselben Wege, sie berholte, er ritt mitten
durch sie, wie ein Windhauch durch die Aehren, sie sahen ihn nicht, sie fhlten
ihn nicht, sie hrten ihn nicht. Nur ein Schauern durchfrstelte sie. Sein
Pferd, blutig gespornt, keuchte, es wre gestrzt, wenn die Engel es nicht
gehalten. Dort fand er seinen Frsten, nur mit wenigen Begleitern, die lustig
umher tummelten, wie Jger Art ist vor dem lustigen Waidwerk. Unser hoher
Landesherr nur sprach mit meinem frommen Bischof von Brandenburg, dem Gott ein
langes Leben schenke, gewi tiefsinnige, gelehrte fromme Gesprche. Da keucht
ein Reiter an. Sein Ro strzt, er auch; er erhebt sich wieder. Er streckt beide
Arme empor, er will sprechen, aber die Stimme versagte ihm. Dennoch spricht er,
die Gedanken, die in ihm wrgen, werden zu Worten: Zurck! Fliehe, Frst!
Verrther, Mrder lauern Dein im Walde! Und der fromme Bischof Scultetus wendet
des Herrn Ro: Das hat Gott gesprochen. Da besinnt sich unser durchlauchtigster
Herr, als sie dem Thor schon wieder nahe sind. Rasch kehrt er sein Ro: Ein
Frst soll nicht fliehen vor Mrdern; er soll sie suchen gehen! Wer htte sich
unterfangen ihn in seinem gerechten Zorne zu halten? Da fhrt der Zufall, sagt
die Weisheit der Kinder dieser Welt, die geharnischten Dreihundert, die Kurt
Schlabrendorf einben will, zum Kpnicker Thor hinaus. Nun, wer den Engel
Michael mit flammendem Schwerte nicht sehen will, der sehe diese wackere Schaar,
vom Zufall geleitet, ihrem Frsten folgen. Schaut, wie ihre glnzenden Panzer,
ihre Schilde und Helme durch die Haide flimmern; die Krhen und Raben schreckten
auf vor dem Glanze, die siebzig Mrder sahen sie nicht; vor dem Klirren der
Stahlrstungen, vor dem Gets und Getrampel der zwlf hundert Hufen flohen die
Hirsche, man sah die Hasen in's Wasser springen, die Vgel entflohen, die Ruber
hrten nicht, und flohen nicht. Sie lieen sich umzingeln wie ein bldes Thier.
Siebenzig Dolche, siebenzig Schwerter, siebenzig Streitxte, siebenzig
verzweifelte Bsewichter wehrten sich nicht. Sie lieen sich fangen, binden,
fhren, richten, ohne einen Schwertschlag. Wer blendete, betubte, lhmte sie,
die sich vermessen, unsern Kurfrsten umzubringen, und das Reich umzudrehen? - O
Berlin, Berlin, du groe, reiche, sndhafte Stadt, wenn einst der Arm, der jene
blendete, betubte, lhmte, drohend ber Dir sich erhbe, wrden alle die
Snder, die in Dir athmen, auch wie jene trotzen und fluchen, blind und taub,
bis der Engel sein Feuerschwert ber Euren Huptern zckte? Wrdet Ihr da erst
schlotternd in Eure Knie sinken, zerschmettert von Eurem Schuldbewutsein, und
die Boten seines Zornes sind schon da! Hat der Sturm nicht Eure Dcher
abgedeckt, hat er nicht die Seeraben in's Land gefhrt, haben die Dohlen und
Raben nicht Krieg gefhrt in den Lften, hat es nicht blutige Kreuze geregnet in
der Priegnitz, in der Uckermark, im Lande Bellin, drben in Teltow und hben im
Barnim. Dir, Dir, Dir da fielen sie auf's Busentuch, Dir auf den Nacken. O schau
Dich nicht um nach der Nachbarin, ich sehe die Male auf Deiner eigenen Haut. O
reit doch die Augen auf, ffnet die Ohren, die Zeichen sind furchtbar, es kommt
heran die Ruthe des Zornes. O ihr Geliebten, versumt nicht die Stunde, nicht
die Minute, denn sie ist kostbar, betet zum Schutzpatron dieser Kirche, da der
heilige Nicolaus Frbitte fr Euch einlege bei der allerheiligsten Mutter
Gottes. - Hrt, hrt! Wieder schallt das Sterbeglcklein, wieder werden Ihrer
hinausgefhrt zum letzten, schweren Gange. Auf Eure Knie, Ihr Alle, betet fr
sie, Ihr, betet auch fr Euch, denn in wessen Herzen stiegen nicht auch arge
Gedanken auf gegen die geheiligte Person unseres gottgeweihten Frsten. Es sind
nicht diese unbndigen Schloherren allein, nicht diese Landschdiger nur, die
ihm Verderben brteten; schaut in Eure Herzenskammern, Ihr Reichen, Ihr
Uebermthigen, findet Ihr nicht auch da grollende Gedanken? Und wahrlich, ich
sage Euch, es giebt kein rger Verbrechen, nchst Ketzerei und Ungehorsam gegen
Gott, als bel zu denken von der Obrigkeit, die er hat eingesetzt. Wozu setzte
er sie ein? - Ich will' es Euch sagen. Wie die Kirche und ihre Priester denken
und sorgen fr das Heil Deiner Seele, soll der Frst denken und sorgen fr Dein
Irdisches. Uebernommen bist Du durch diese gttliche Huld der Sorge selbst zu
denken. Er denkt fr Alle, er wei Alles besser. Zerknirschten Herzens ber
dieses Ueberma von Gte, dieses neue Mysterium seiner Gnade, solltest Du
preisen den Herrn der Heerschaaren; aber der Verderber flstert Dir in's Ohr:
Was braucht er fr mich zu denken, kann ich doch selbst denken! Du wtest es am
Ende besser, was Dir noth thte. Nicht wahr, das sprach er? Sprach er nicht auch
von alten Rechten, Freiheiten? Was! sein Ahnherr ri er nicht die Siegel von
Euren Privilegien? Den Blutbann nahm er Euch. Die Bierziese ist zu arg, der
Voigt zu streng, der Scho zu hoch. - Ich hre Alles, was er Euch zuflstert.
Fordert nur! ruft er. Ja fordert nur, der mit dem Pferdefu notirt hohnlachend
jedes Eurer Worte, und giebt Euch keines zurck, aber sein Rachen ffnet sich,
ich sehe die Gluth, die heraussprht. - Berlin, Berlin! o da die Todtenglocke
nicht auch zu Deiner Sterbestunde ruft! Ihr weich geschaffenen Seelen, Ihr
zarten Frauen, die Gottes Stimme hren, auch wenn sie sanft rauscht, wie der
Abendwind, Ihr rettet Euch, wagt es auch fr Eure Gatten, Shne, Brder; wahret
sie vor dem Versucher, zieht sie zurck: Widerstand gegen die Obrigkeit, die
Gott einsetzte, ist Emprung gegen Gott. Das ruft ihnen zu. Blutige Kreuze hat
es schon geregnet, wenn es wieder regnet, regnet es Feuer, das Euch verschlingt.
Domine salvum fac regem!
    Solches Zhneklappern und Schluchzen ist nie gewesen in der Nicolaikirche zu
Berlin.
    Das war eine Predigt, das ist ein Prediger! sagte die Frau Brgermeisterin
auf dem Heimwege, und die Rathsmnnin erwiederte: Der hat's ihnen mal gegeben,
der versteht's. - Diese gottlosen Menschen, schluchzte die Brgermeisterin.
Der Musculus predigt auch zum Herzen, sagte die Rathsmnnin, aber - aber
immer von den Pluderhosen, fiel die Brgermeisterin ein. Das soll eigentlich
unanstndig sein, hat man mir gesagt. - Gewi, Frau Brgermeisterin, man mu
doch Respekt vor der Obrigkeit haben. Mein Mann hat sich jetzt nach dem neuen
Schnitt welche bestellt. An so was sollte doch ein Prediger denken. - Ach was
sind alle Hosen gegen den Feuerregen! Es drang Einem durch Mark und Bein, als ob
die Funken schon gegen die Fensterscheiben knatterten. Solchen Prediger mssen
wir haben. - Den mssen wir haben, wenn der alte Probst stirbt, stimmten
beide ein, und leiser setzte die Frau Brgermeisterin hinzu: ich will schon mit
meinem Manne sprechen.
    Der Brgermeister und der erste Rathmann gingen hinter ihren Gattinnen mit
gesenkten Kpfen.
    Den werden wir nicht wieder los, sagte der Rathmann. Die Weiber lassen
uns keine Ruh.
    Der Brgermeister stie einen leisen Seufzer aus: Nun ist's entschieden.
Mit dem Adel ist's aus. Wenn der Dechant von Altenbrandenburg so zu sprechen
wagt, hat die Ritterschaft auf dem letzten Loche gepfiffen. Bin nicht ihr
sonderlicher Freund, aber sie gehren doch auch zu uns. Es htte besser sein
knnen.
    Der Dechant selbst aber sonnte sich nach der Predigt, im Polsterstuhl
ausgestreckt, an den Nachwonnen ihres Eindrucks, und hatte eben so wenig eine
Bewegung gemacht, aufzustehen, da der Junker Peter Melchior eintrat, als er
jetzt, nachdem er gesprochen, ihm ein Zeichen freundlicher Theilnahme gab.
Vielmehr hatte er das Ansehen eines Richters, vor dem ein armer Snder etwa ein
Privatbekenntni ablegte, und statt Trost ihm einzureden, weist der Mann des
Gesetzes ihn noch herb zurck.
    Das sollte ich Euch gesagt haben, Herr Junker von Krauchwitz! Und das wagt
Ihr noch auszusprechen, nachdem Ihr vorgebt, eben aus meiner Predigt zu kommen!
    Ihr mt Euch doch entsinnen, sagte der Junker, als Wedigo mir den Antrag
that, und ich zu Euch ritt nach Brandenburg und in Eurer Klause Euch die Sache
vortrug, und um Euren Rath bat, ob Ihr's gerathen hieltet oder nicht, und Ihr
den Kopf schtteltet und meintet: es sei eine kitzliche Sache, man wisse nicht,
wohin sie ausschlagen mchte, und endlich sagtet Ihr: Zgert mit Eurem Ja und
Nein. Ja blickt mich nur verwundert an, so sagtet Ihr zu mir und drcktet mir
die Hand, und grade da trat der Chorherr ein, es war der Sydow. Er hat es noch
gehrt.
    Der Dechant strich mit der Hand ber das Gesicht: Der Sydow hat es gehrt.
Das ist etwas anderes, lieber Junker. Davon also redet Ihr. Der Sydow, richtig!
Nun das ist ein guter Mann. Wenn man ihn nicht fragt, redet er nicht. Setzt Euch
doch, Herr von Krauchwitz. Ueber die Tcken Satans, der so oft in unsere Worte
einen andern Sinn legt, nmlich da die Andern etwas anderes verstehen, als wir
meinten, knnen wachsame Christen nicht ernstlich genug sich gegenseitig
verstndigen. Worte, wie gesagt, hrt Einer so, der Andere so, aber Ihr wit,
als Ihr damals mit dem Lindenberg ausrittet -
    Sprecht nicht davon. Der Junker erblate. Ich kam ja darum nicht, auch
nicht darum.
    Dann ist es fr uns beide gut, da wir von dem schweigen, was wir wissen,
vor allem aber fr Euch, sagte der Dechant, und fing wieder an, seinen Fu
behaglich ber dem Kohlenbecken zu wrmen, das vor ihm stand. Warum kommt Ihr
denn?
    Dechant! sagte der Junker, sein Baret drckend. Das Haar steht Einem doch
zu Berge.
    Kmmt es glatt.
    Die Galgen und Hochgerichte und Stangen drauen wie ein Wald! Jeden Tag
Neue eingefangen, schubweise fhrt man sie hinaus. Soll man fliehen, soll man
bleiben.
    Ich bleibe.
    Wenn ich mich versteckte -
    Lauft Ihr Gefahr, da man verge, Euch zu suchen, sagte mit einem
hochmthigen Lcheln der Dechant. Der Adel mu ein ander Kleid anziehen, mein
Lieber, das alte taugt nicht mehr. Das ist der beste Rath, den ich Euch als
Freund geben kann. Geht zu Eurem Schneider, und fragt nach der neuesten Mode.
Wenn's Euch auch zuerst unbequem sitzt, Ihr werdet Euch darin zu finden wissen.
Ihr seid ein Mann, den man am Ende berall brauchen kann. - Ja, lieber
Junker, sprach der knftige Prlat, und legte seine Hand mit der behaglichen
Miene eines Gnners Peter Melchior auf die Schulter, bleibt; so ich mich recht
bedenke, grad Ihr seid jetzt am Flecke. Nun kommt Eure Zeit. Lehrt Eure Zunge
Knoten schlingen, Euren Rcken, wie einen Aal biegen. Edelleute wird man bei
Hofe immer brauchen, aber nicht im Eisenkleid, keine graden Nacken. Mit denen
ist es aus. Der Adel mu in die Schule gehen. Aber trstet Euch: Was Hnschen
nicht lernen wollte, ich meine, diesmal wird es Hans doch lernen.
    Peter Melchior ist nicht geflohen und hat sich nicht verborgen. Hier
scheiden wir von ihm fr dieses Mal.
    Aber am selben Sonntag Nachmittage ritt ein hoher, stolzer Ritter mit
stattlichem Gefolge in Berlin ein. Sein Gesicht war bla, seine Augen rollten
fast zornig von dem, was er gesehen. Es htte auch Andere erschreckt, die langen
Reihen von Galgen, der Kopf auf der Eisenstange ber dem Kpnicker Thore, der
ihn schon von fern angrinste. Es war Otterstdts Kopf. Ein Karren mit
zerrissenen Gliedern peitschte an den Reitern vorber. Es waren Otterstdt's
Glieder.
    Der Graf von Giech trat in glnzender Silberrstung, als Abgesandter seines
Herrn, des Markgrafen Friedrich des Aeltern, vor den Kurfrsten von Brandenburg.
Der Vertreter des Oheims sprach zu dem Neffen seines Herrn. In ihm sprach mit
der Zorn des groen, freien Edelmanns, vielleicht auch das verwundete Herz des
Menschen. Nicht alle Gesandte sprechen so vor einem Frsten, in dessen Hand noch
das Richtschwert zittert. Die Hofleute sahen es mit Schrecken und hrten es doch
mit heimlicher Freude.
    Mein Herr sende mich, war ich des Glaubens, so schlo er, in ein Land des
deutschen rmischen Reiches christlicher Nation, aber, heiliger Gott, ich glaube
jetzt in ein Reich zu treten, wo der Grotrke und seine Bassen Gericht hielt!
    Beim Kurfrsten von Brandenburg seid Ihr, Herr Graf von Giech, unterbrach
ihn Joachim, der dies Land hat von Kaiser und Reich, da er richte nach dem
Recht, gleich ber Alle.
    Heit das gleich richten ber Alle, so Ihr die hochstehen und edel vor dem
Volke, schlachtet und hngt wie seinen Auswurf? Der Frsten Blut und Macht ging
aus dem deutschen Adel hervor, und auf den Adel mssen die Frsten sich lehnen,
wenn sie bestehen wollen vor dem Volke. Das trug mein Herr auf, seinem Neffen zu
sagen, den er der Vormundschaft entlie, weil er ihn fr mndig hielt. Soll er
Kaiser und Reich wieder angehen, da sie ihm die Regentschaft, nach der der
fromme Frst nie getrachtet, wieder zurck geben, weil, der sie fhrt, vergit,
da er hier ein Exempel giebt, so allen Frsten zum Schaden ist? Welcher Frst
den Adel nicht achtet, achtet sich selbst nicht; welcher des Adels Ansehen
vernichtet, vernichtet sein eigenes, er untergrbt die heiligen Satzungen, auf
denen alles Regiment ruht, er wthet gegen sein eigenes Blut, er beschimpft sich
selbst, denn er ist nur ein deutscher Edelmann, der glcklicher war als die
andern. Weil aus einem Dienstmanne ein Herr ward, soll er nicht vergessen der
Mannen, die seines Gleichen sind an Blut und Abkunft, so spricht mein Herr durch
meinen Mund.
    Der Graf von Giech hatte vielleicht erwartet, da der Kurfrst aufbrausen,
gewi, da er an Otterstdts Frevelthat mahnen werde. Aber Joachim lie ihn
ruhig ausreden, und ruhig, fast lchelnd, hat er geantwortet:
    Ihr irrt, Herr Graf von Giech; sagt meinem theuren Ohm, ich habe kein adlig
Blut vergossen. Die ich dem Henker berliefert, waren Schelme, Straenruber und
Mrder.1 Den Adel achte ich so hoch, als nur ein Frst, sagt das meinem
erlauchten Ohm; meldet ihm aber auch, da ich in den Jahren, seit er mich nicht
sah, gewachsen bin. Ich ward so gro, da ich jetzt allein gehen kann, und mich
auf Niemand mehr zu sttzen brauche. Die Frsten beklage ich, die so schwach vor
ihrem Volke sich fhlen, da sie den Adel als Krcken benutzen. Im Uebrigen, was
Rechtens ist, so meldet ihm auch, da ich in meinen Feierstunden nicht umsonst
in rechtsgelehrten Bchern lese. Ich fand daraus, da das Recht in den Marken
ein anderes ist, als in Franken. Daher mag der Irrthum kommen, der meinen Grafen
von Giech zu der weiten, beschwerlichen Reise nthigte, die ich sehr bedaure.
    Der Abgesandte, der vorhin um einen Kopf hher schien als der Frst sah
jetzt fast kleiner aus: Jetzt kein Wort mehr! flsterte ihm ein Brandenburger
Herr zu.  Heut ist alles verloren. - Er ist frchterlich in seiner
Heiterkeit, erwiderte der Graf, der nun seinen zweiten Auftrag: da wenigstens
von jetzt ab kein adliges Blut mehr vergossen werde, auf einen anderen Tag
verschob.
    Und wie er heiter umherging, mit so vielen sprach! Von geringfgigen Dingen,
als beschftigten sie allein die Seele. Den Hofleuten ward unheimlich: So sahen
wir ihn nimmer. Ihnen war wohl, als er sie entlie.
    Es ist gar keine Hoffnung! Was soll daraus werden! sprach Einer zum
frnkischen Abgesandten.
    Der Graf schttelte den Kopf: Und doch hat er Recht, die Luft ist hier
anders als im Reiche. Wer hier bauen will, mu andere Fundamente legen und
anders richten, das kann ein gro Gebude werden! Wir, die wir leben, sehen es
freilich nicht mehr.
    Was wird's werden, brummte ein verdrieliches Gesicht. Alles wird
schlimmer und gemeiner. So die Edelleute nicht mehr auf die Strae sollen, wird
sie dem Gesindel gehren, das keine Ehre und Sitte kennt, und vor dem Alle
gleich sind. Schneider und Landsknechte und Rokmme werden im Graben liegen,
und das arme Volk schatzen, man spricht schon viel von dem Rokamme Kohlhas;
wollen doch sehn, ob sie die Zeiten dann loben thun.
    Da drckten viele dem Sprecher die Hand und schttelten den Kopf: Er hat
Recht, es kommen schlimme Zeiten.
    Der junge Kurfrst sa mit lchelndem Gesicht in seinem Zimmer, und doch lag
in den Augen etwas, das Hans Jrgen erschreckte, ein Glanz, der ihm nicht von
dieser Erde schien, aber ob er vom Himmel kam, das wagte er sich nicht zu sagen.
    Die sind alle nicht Lindenbergs! hatte Joachim vor sich gesprochen. Ich
stnde allein, meinst Du, nicht vollbringen knne ich's, was ich begann? O
matter, schwacher Nachhall des Einen; aber auch sein Schatten ward ehrerbietig
vor der Macht, die ber mir schwebt. Ich will's vollbringen, ich werde es. Ich
bin mir selbst genug. Denn unter einem Hhern stehe ich. Er wird die Spitzen der
Dolche, die Bolzen aus dem Hinterhalte, die Kugeln aus dem Rohre von mir
ablenken. Der ist's, der Dich an mich gesandt. Sei mein treues Werkzeug, aber
nie bilde Dir ein, mehr zu sein. Er wird auch ferner seine Engel herabsenden,
und mit Weisheit mich umleuchten. Ich brauche Diener, aber keine Rthe. Plaudern
will ich sie hren, in ihrer Art; mein Rath bin ich selbst.
    Und wenn er aufgestanden und an einen Tisch mit Himmelskugeln und
astronomischen Instrumenten getreten, wo Joachim mit seinem Hofastrologen, dem
berhmten Carion, zu arbeiten pflegte. Die Hand auf den Globes legend,
antwortete er auf die ungesprochene Frage des Jnglings mit seltsamem Lcheln:
    Und auch denen, die nach mir kommen, wird es gelingen. In den Sternen
zeigte mir der Meister das Glck' meines Hauses, gro, wie auch nur zu whnen,
Vermessenheit gewesen wre. Ich bin glcklich und sicher, was ich unternehme,
gelingt, und was ich wei, ist Wahrheit.

                                    Funoten


1 Historische Antwort.


                          Fnfundzwanzigstes Kapitel.

                              Das Leben ein Traum.

Wer uns gern bis jetzt begleitet hat, dem knnten wir hier die Hand drcken und
zu ihm sprechen: Auf Wiedersehen! Denn es ist unsere Absicht, wenn uns die Lust
und der Muth bleibt, da wir uns wieder an demselben Platze begegnen, und auch
wohl Manchen von denen, die uns hier lieb geworden oder auch nicht lieb. Es ist
eine Reise, die wir antreten, mit einem Ziele, das noch fern liegt, durch Jahre
getrennt, und dahin zu gelangen war und ist uns ernster Wille, aber es ist nicht
immer gut, da man eine lange Reise in einem Zuge vollende. Doch auch jeder
Abschnitt einer Reise mu sein Ziel haben, und an dem stehen wir jetzt. Ja wir
sind eigentlich schon eingekehrt, der Vorhang vor den groen Begebenheiten ist
gefallen, die Helden sind abgetreten, die Knige haben ihre Staatskleider
abgelegt, es sind nur noch einige Kleine, deren Geschicke zwar in allen Zeiten
von dem Geschicke der Groen gelenkt worden, die groe Geschichte streift
hochmthig an ihnen vorber, aber die Dichtung kost dafr mit ihnen und weilt
aus Eigensinn, vielleicht aus Widerspruchsgeist, desto emsiger bei ihren
Heimlichkeiten.
    Die Sonne war schon hoch aufgestiegen, und blickte schon tief in die Hfe
von Hohen-Ziatz, ohne da ein Rauch aus den Schornsteinen ihr entgegen wirbelte,
ohne da ein frommer Morgengesang sie grte, oder der derbe Fluch eines
Knechtes. Selbst die Hunde klfften nicht, nur die Katzen heulten, nur die
Tauben flatterten auf den Dchern, und das Federvieh ward unruhig auf dem Hofe.
Es war aber nicht dieselbe Sonne, welche vor Hans Jrgen durch die Wolken brach,
als er durch die Kpnicker Haide auf dem keuchenden schweibedeckten Rosse
jagte, noch die, welche die grlichsten Schauspiele vor dem Thore beschaute,
von dessen Firste spter der Kopf des unglcklichen Ritters starrte, ein
Schauspiel, vor dem schnell sie vorbergefhrt zu haben, meine Leser mir
verzeihen, vielleicht danken werden. Die Sonne geht schneller auf ber groe
Dinge, langsamer weilt sie bei den Alltagsdingen. Wir mssen zurck bis zu dem
Morgen, welcher der Nacht folgte, wo die Burgfrau mit den Ihren heimlich nach
Golzow entwich.
    Es mochte schon nahe an Mittag sein, als der Sonnenstrahl durch eine der
runden, grnen Fensterscheiben grade auf Herrn Gottfrieds Nase fiel. Und
pltzlich, entweder weil es ihn brannte oder kitzelte, als der riesenhafte Mann
aufschnellte, mit einer Schwungkraft, die wir ihm kaum zugetraut htten.
Fortflog alles ber und unter ihm, und er selbst, aufrecht stand er im Zimmer,
dessen Decke er mit den Armen streifte, als er sie nur mig reckte. Aber gleich
darauf fuhr er an die Nase und den Schnurrbart, was der Vermuthung Raum giebt,
da die Scheibe als Brennglas geschliffen gewesen, und der Bart ihm etwas
angesengt war. Es mute ihm inde schon frher begegnet sein, denn er gerieth
nicht gar zu sehr auer sich, sondern brummte nur: Wieder die verfluchte Hexe,
die! - Im nchsten Augenblick aber erblate er, er hielt beide Arme vor sich,
und sah nichts, er griff nach dem Kopfkissen, und sah nichts; er warf Pfhle,
Kissen, Decken, selbst das Stroh hinaus, und fand nichts. Er rieb sich den Kopf,
ob er noch trume, aber er trumte nicht: Ach Du mein Gott, ich mu ja fort! -
Das Echo der Wnde rief: Fort. - Sie sind fort! murmelte er.
    Er ri das Fenster auf. Wie er auch schrie: Brigitte! Kaspar! ihm
antwortete nur der Flgelschlag der Tauben. Was, war das! Wo verkrochen sie
sich? Er zwngte den groen Leib so weit es ging, durch das enge Fenster, aber
er sah auch da nichts als einen ausgestorbenen Hof, eine frchterliche Stille.
Warum rauchte es nicht aus dem Stalle? Wo war der Nimrod an der Kette geblieben?
Die Kette lag da mit dem leeren Halsringe. Auch die Muttersau, die er immer
Morgens zuerst sah an dem Eichenpfahl sich schuppern, schupperte sich nicht. Er
strengte sein Ohr an. Nur zuweilen schienen dumpfe Tne aus der Erde zu dringen.
Nun schlo er den geffneten Mund ohne einen Laut. Wer schreit gern in solche
Einsamkeit hinein? Es berieselte ihm die Haut; das mochte aber nicht allein die
Furcht, es konnte auch die Klte des frischen Novembermorgens sein, und er stand
da, fast wie Gott ihn geschaffen. Er konnte nicht dafr.
    Da berkam ihn eine Wuth. Irgendwo mute es sitzen und an der Wand hing sein
Degen. Er ri ihn aus der Scheide, und mit dem blanken Schlachtschwert in der
Hand war er schon im Begriff, hinunter zu strzen, als ihm noch glcklicher
Weise die groe Tiroler Decke zu Gesicht kam. Die schlang er um sich, doch da
der Arm frei blieb, und vielleicht einem rmischen Imperator vergleichbar, stie
Herr Gottfried die Thr auf.
    Auf Flur und Treppe war es wie auf dem Hofe. Kein Trampeln, kein Wehen, kein
Gehen. Mit dem Degenknauf stie er an die Thren; keine Antwort. Er stie eine
und die andere auf; die Betten standen unberhrt. Herr Gottfried war und blieb
in einer sehr unangenehmen Lage. Er fror nicht allein und fing nicht allein an
zu hungern, sondern er fand sich in der Nothwendigkeit, ber seine besondere
Lage nachdenken zu mssen.
    Sein Schlachtschwert mit der Spitze auf die Diele sttzend, stand Herr
Gottfried da und wollte denken, als der Hauskater pltzlich die Treppe herauf-
und an ihm vorbeihuschte, im Maule ein gebratenes Huhn. Wo das ist, ist mehr,
dachte Herr Gottfried, und ehe er wute wie, stand er in der Halle. Da war
freilich auch kein lebendiges Wesen, still war es wie in der ganzen Burg, auf
dem Heerde glimmten nur noch wenige Kohlen; aber so unheimlich war es Herrn
Gottfried doch nicht, denn die ordnende oder schaffende, oder krzer, die
anrichtende Hand des Menschen war sichtbar.
    Der groe Tisch stand gedeckt, als warte er nur auf ihn. Sogar sein
Lehnstuhl mit dem Lammfell darber war zurecht geschoben. In der Mitte prangte
ein ungeheurer Ochsenschinken, daneben Schsseln mit, Wrsten, gesuerte Gnse,
Backwerk, Brod, Kse, ein Topf mit Butter, Krbe mit Rben, Aepfeln, Birnen:
dazu getrocknete Pflaumen, hart gesottene Eier, und was nur die Speisekammer
einer guten Burgwirthschaft aufweisen kann. Und neben den Ewaaren ein Krug
Bier, eine Flasche Meth, und noch ein Kelchglas zum Wein. Auch brauchte Herr
Gottfried nicht lange umher zu suchen, bis er das ganze Fchen mit Malvoisir
auf der Bank sah, mit eingeschraubtem Hahn und das Npfchen darunter.
    Alles mute schon lange dastehen, ohne da eine Hand daran gerhrt hatte.
Die kleine Unordnung, die sich nicht verbarg, kam offenbar nur von Katzenpfoten
her, und als Herr Gottfried zwei freundliche Thiere an den Wnden Buckel machen
sah, und ihre Augen schielten wieder auf den Tisch, hielt er dafr sogleich
Platz zu nehmen, denn der Tisch war unstreitig fr Menschen, nicht fr Katzen
gedeckt.
    Um deshalb schlang er sich rasch das Tchlein um den Hals und ergriff das
groe Messer, um an die Arbeit zu gehen, die ihm nur insoweit schwer ward, als
er einen Augenblick unschlssig war, ob er zuerst die Gans, oder zuerst den
Schinken ergreifen solle. Wie dem nun sei, es mochte eine kleine Stunde
vergangen sein, in der Herr Gottfried sich recht wohl fhlte, weder Gesprche
noch Gedanken hatten ihn gestrt, als er einen Augenblick sich zurcklehnte, und
die Rechte mit dem Messergriff auf den Tisch sttzte, nicht um aufzuhren,
sondern um, was man in Hohen-Ziatz nannte - zu verpusten.
    Der Bierkrug war leer, die Flasche Meth schon durchsichtig; sein Auge
blinzelte nach dem Fchen Malvoisir: Hbsch wr' es doch, wenn das zu mir
kme; dann brauchte ich nicht aufzustehen! Warum mute das Herr Gottfried
denken! Denn ein Gedanke lockt den andern; das ist eine furchtbare Wahrheit,
gegen die alle Klugheit und Macht sich vergebens strubt. - Warum kam das
Malvoisirfchen nicht zu ihm? - Weil es auf der Bank stand. - Warum stand es
auf der Bank? - Weil sie es dahin gestellt hatten. - Wer hatte es dahin
gestellt? Die Hexen? Die kleinen Leute oder wer sonst? - Wie eine Bezauberung
sah das Ganze freilich aus! - Aber Herr Gtz war nie bezaubert gewesen. - Hatte
er ein Gebet vergessen? Hatte er eine Snde begangen? Oder war alles ein Traum?
Er wollte die freie Hand auf's Herz legen, aber sie glitt unvermerkt auf den
Magen. - Nein, das war kein Traum gewesen. Auf die harten Eier wollte er ja eben
den Malvoisir setzen. Halb ffnete sich sein Mund, und in seine Augen trat das
Weie, das ein Zeichen pltzlichen Schreckens ist. Blitz noch ein Mal, brach
es von seinen Lippen, das ist nun zu spt!
    Noch nicht zu spt! rief eine dumpfe Stimme, und eine Gestalt trat vor den
Ritter, die alle Wrme, so Bier und Meth hervorgerufen, wieder erstarrte. Wei
eingehllt, weien Gesichtes stand das Gespenst vor ihm, in dem Herr Gottfried,
erst nachdem es ausgesprochen, seinen Neffen erkannte.
    Noch nicht, Ohm, aber bald.
    Dem Ritter entfiel das Messer.
    Der Tropfen rinnt in's Meer, die Augenblicke und Stunden flieen in die
Ewigkeit; wer schpft den Tropfen zurck, wer fat den verlorenen Augenblick! Es
wird zu spt werden, aber Heil dem, der noch die Zeit erfat.
    Junge bist Du's? Ach, Herr Gottfried war so froh, als er das Wort aus der
Brust heraus hatte.
    Den Du meinst, Ohm, bin ich nicht. Mein Geist schaut aus der gebrochenen
Hlle heraus. Dieser frei gewordene Geist spricht zu Dir.
    Setz' Dich doch, Hans Jochem, athmete Herr Gottfried. Dein Bein, Du wirst
ja mde sein.
    Hans Jochem schttelte den Kopf, wie ein Abgeschiedener, dem ein Lebendiger
etwas zumuthen mchte, was ihm ein schmerzlich Lcheln abringt.
    O da Du mde wrst, Ohm, Deiner selbst, mde des langen Lebens hinter Dir;
dann wre Hoffnung, Du knntest wieder wach werden.
    Herr Gottfried schnappte nach Luft.
    Wie ein tiefer Brunnen bist Du, in dem ein klarer Quell zu Tage strebte,
und die Sonne und die Sterne spiegelten sich drein, aber die Wnde waren nicht
fest gezimmert und gemauert, und mit jedem Jahre fiel mehr Sand und Erde hinab,
bis der Quell verschttet ist. In dem Brunnen spiegeln sich nicht mehr die
Gestirne und der Zieheimer schpft kein Wasser mehr. Aber der pflichtgetreue
Brunnenwrter lt doch den Eimer hinab und schpft, bis er den Lebenstrank
findet. So will ich schpfen, Ohm, in Deiner Brust.
    Herr Gtz rief alle guten Geister und seinen Schutzpatron an; das glserne
Auge des Kranken schien wirklich ihm durch Brust, Magen und Bauch zu dringen.
    Du hltst Dich fr einen Lebendigen und bist doch ein Gestorbener. Du
athmest, aber Dein Athem ist der Hauch der Stockung und die Stockung ist der
Tod. O betrachte Deinen Leib, wie er gro ist, wie riesenhaft die Glieder, und
wo findest Du die Seele; die ist verschwunden wie das Krnlein Salz, das man in
einen Kessel mit Brei wirft. Da Du ohne Snde wrst, mchtest Du Dich rhmen,
aber thue es nicht, denn die Snde ist besser als das Nichtsein. Du hast nicht
Witwen und Waisen beraubt, nicht Gott gelstert und seine Heiligen, kein falsch
Zeugni abgelegt und nicht auf der Strae gelegen. O httest Du's gethan, es
wre Dir besser, als da Du nichts thatest, dann konntest Du's ben, und je
rger die Snde, so grer die Gnade. Dann fhre vielleicht sein Blitzstrahl
zndend in Deine Eingeweide, und aus der Zerschmetterung erhbest Du Dich als
ein Heiliger.
    Herr Gottfried ein Heiliger! Immerhin, er htte versprochen zu sein, was die
Erscheinung von ihm verlangte, wenn er nur aus den Hnden des Fieberkranken
erlst war.
    Oheim, Oheim! aber auch die Snde floh Dich. Wie die Flamme am Steine fand
sie ja nichts Lebendiges an Dir. Ach, hineingelebt hast Du in den Tag, bis die
Sonne umsonst Dir aufging, die Vgel umsonst Dir zwitscherten, die Glocken
umsonst tnten; der Donner Gottes rollte ber Deinem Haupte und fand Dich
schlafend. Richte Dich auf, schau Dich an und frage Dich: Was bist Du? Ein
Klumpen Erde, gehllt in menschliche Form. Du fhlst den Schmerz; auch der Wurm
krmmt sich. Du lchelst; auch mein Hund springt mich an. Aber wo ist sie
geblieben, Deine unsterbliche Seele? Du issest, Du trinkst, Du sprichst, Du
schlgst um Dich, Du wehrst Dich Deiner Haut, aber die Seele schlft dabei.
Unglckseliger, wie lang ist Dein Lebensfaden schon, und wo sind die Gedanken,
an die Du Dich halten kannst, wenn der Leib in Staub zerfllt? Greife sie doch
wie ich, die Flmmchen in der nchtlichen Wste. Drei, vier schon griff ich.
Ach, welche unermeliche Wste hinter Dir, und ich sah auch kein einzig
Flmmchen. Wenn Dich der Posaunenschall weckt, schlgst Du ja umsonst die Augen
auf. Dein Sinn zerfllt in Nichts; es sind keine Fhrer fr Dich da, keine
Gedanken, die Dich zur Ewigkeit leiten. Ich will Dich wecken, mein armer Ohm,
schpfen, bohren, schneiden, bis das Messer in der todten Masse -
    Jesu! Maria! Joseph! schrie der Burgherr, als der Fieberkranke beide Arme
nach ihm ausstreckte. Und er sa fest geklemmt zwischen Tisch und Stuhl; nicht
einmal sein Schwert konnte er ablangen; und wer braucht ein Schwert gegen den,
der unsere Seele fordert! Aber die heiligen Namen, die er anrief, muten doch
dem Ritter geholfen haben. Neben dem weien Plagegeist stand pltzlich ein
schwarzer. Mit ruigem Gesicht, die Haare herabhngend, wie ein Kobold, der aus
der Erde aufgeschossen, die noch von seinen Gliedern rollt, umfate den
Fieberkranken eine krftige Gestalt mit zwei starken Armen: Junker, Ihr seid
noch krank, Ihr mt zu Bett. Im nchsten Augenblick war die weie und die
schwarze Erscheinung aus des Ritters dmmernden Augen verschwinden.
    Die Mittagssonne schien freundlich durch die offene Thr. Das Federvieh
gackerte auf dem Hofe und eine Gans steckte neugierig ihren Hals ber die
Schwelle, als sich die Zwei ansahen, die jetzt allein da waren. Die Zwei waren
Herr Gtz von Ziatz und sein Knecht Kaspar. Da keiner ihn erlsen kam, hatte er
sich selbst erlst aus der Schmiede. Die Thr, die seine Herrin verschlossen,
nein, die durfte der treue Knecht nicht aufbrechen. Aber er hatte sich unter der
Thre durchgewhlt. Vielleicht htte er es schneller thun knnen, denn er war
rstig, wo es galt; aber er mute wohl Grnde dafr haben, da er nicht
schneller war.
    Nu sage mal, Kaspar, was das ist, sprach sein Herr, als er die letzte Erde
von den Schultern schttelte.
    Ja, ja, sagte der Knecht und kraute sich hinter'm Ohr.
    Hat mich ordentlich erschreckt. - Es wre zu spt, sagte er.
    Ich glaub's auch Herr, nun ist's zu spt.
    Der Burgherr ward bla. Htte das der Knecht vorausgedacht, er wrde es
nimmer gesagt haben.
    Wenn Ihr Euch recht zusammen nehmt und die Sporen nicht schont, dann knnt
Ihr's vielleicht noch nachholen. Ich wei nur nicht, ob's gut ist - 's ist auch
kein Pferd da.
    Herr Gottfried schien nur die ersten Worte gehrt zu haben. Er lie das Kinn
auf die Hand sinken, und so sa er trumend: Wie soll ich mich denn
zusammennehmen? Ist's Einem denn noch nicht schwer genug gemacht - Kaspar,
denkst Du denn auch bisweilen?
    Wenn's mir befohlen wird.
    Das sag ich ja auch. Aber - 's ist mir in den Magen gefahren.
    Ihr solltet Eins trinken auf den Schreck.
    Der Herr nickte ihm Beifall. Der Wein war s, aber ber den Lippen glitt
etwas Bitteres dem guten Herrn Gtz: Als schnrte er mir die Kehle zu! Einmal
war's mir doch, als stk ich schon in einem Brunnen.
    Da mu man sich selber helfen, brummte der Knecht. Ich stak auch tief,
aber ich buttelte mir ein Loch, und da kam ich raus.
    Du! - Sahst du denn auch Flmmchen?
    Wie ich erst das Sonnenlicht sah, da ging's risch, rasch.
    Der gute Herr schttelte den Kopf, so trbselig hatte er nie am Morgen nach
einem guten Trunk ausgeschaut; nie hatte er den Knecht, auch in seiner
weichmthigsten Laune, so weichmthig, nein so wehmthig angeschaut.
    Kaspar! Wenn er nur das nicht vom Brunnen geredet htte! Wei Gott, seit er
das gesprochen, 's rhrt sich Alles in mir.
    Ihr habt zu wenig auf's Essen getrunken.
    Und wie er mich mit den glsernen Augen ansah, mir war's doch wie in der
Storkower Fehde, weit Du noch, als Abends das Sandtreiben kam, und ich lag
verwundet und rings um kein Mensch, glaubte, es sei mein letzter Tag. Da dachte
ich auch - Kaspar, toll ist er, aber 's ist mir, als ob's was wre!
    Ja, 's ist schon was, sagte der Knecht.
    Nu sage mal, Kaspar! Hab's mein Lebtag nicht gehrt: die Seele im Brunnen
zugeschttet! Werde ja an keinem Brunnen mehr vorbei gehn, da mir's nicht ber
die Haut rieselt.
    Der Knecht Kaspar sann eine Weile nach, dann hub er an: Ich meine so,
gestrenger Herr, zweierlei. Das Denken ist schon gut, aber Manchermann meint,
da er denken thte, und ist's doch nur, da ihm im Kopfe rum surrt, was ein
Anderer vor ihm gedacht hat, und er hat's aufgeschnappt, er wei nicht wie, und
wenn's in ihm losgeht, dann verschwrt er Stein und Bein, 's 's wr sein eigener
Gedanke. Darum ist's kein so gro Unglck, wenn Einer gar nicht denken thut. Und
dann denk' ich, eins schickt sich nicht fr Alle. Wenn zum Exempel der Bauer
immer denken wollte: warum sitzt der Junker im Schlo und trinkt, und ich mu
robotten und drsten, oder der Pracher: warum mu ich nackt auf's Betteln gehn,
und der Brger liegt in der Wolle bis ber's Ohr, da kam Alles aus dem Schick.
Oder wo kriegten denn die Frsten und die Hauptleute ihre Diener, so Jedermann
immer an seine Seele dchte und nicht an seines Herrn Vortheil. Dazu kriegen die
Priester ihren Decem, und wollte Jeder fr seine Seele allein denken, mcht ich
mal sehen, ob sie den Priestern noch lange ihren Decem geben thten, und wenn
die nicht ihren Decem kriegten, dann schrien sie Zeter, und wo die Zeter ber
ein Land schreien, dann kommt die Pestilenz und Interdicte und was nicht Alles.
    Herr Gottfried nickte zu dem Allen, aber da es gerade der Hans Jochem war,
und wo der es her hatte, das konnte er nicht begreifen.
    Wit Ihr, Gestrenger, als der Kapuziner predigen that zu Fasten, da sah's
nachher bei uns doch aus, wie ein Haferfeld, wo die Schloosen drein schlugen. Es
dauerte lang, bis das Volk die Kpfe wieder aufrichten that. Der Junker Hans
Jochem lachte dazumal, als die Andern heulten und schrien. Nun mein, ich so:
eingeschlagen hat's; beim Einen schlgt's oben auf die Haut und beim Andern
unter die Haut. Bei dem, da sieht man's, hier aber sieht man's nicht. Wie war's
mit dem Gewitter im Ruppiner Thurm: Sie suchten's lang und fanden's nicht. Aber
unter'm Blech glimmte es fort, bis am dritten Tage die Sparren in lichter Lohe
standen, da schlug's denn auch durch's Blech. Beim Junker hat's drei Monate
unter'm Blech geglimmt.
    Kaspar, wenn's bei mir auch 'raus schlge!
    Bei Gott ist kein Ding unmglich, aber dafr, mein' ich, lt man den
lieben Gott sorgen. Und was der fgt, das mu der Mensch nicht ndern. Und was
man findet, das mu man nehmen. Warum wr es sonst vor uns hingelegt? Und der
Tisch ist nicht umsonst gedeckt, und der Wein ist auch nicht aus dem Keller
geholt, damit er ausdunstet. Morgen ist auch ein Tag, und ein Sperling in der
Hand besser, als eine Taube auf dem Dache.
    Herr Gottfried fand den Malvoisir wieder s. Da reichte er dem Knechte noch
einmal die Hand und - es sieht's ja Keiner! dachte der gute Herr. Der Knecht
mute sich neben ihm an die Tischecke setzen. Malvoisir auf den Lippen eines
Knechtes! Aber ihre Seelen hatten sich gefunden. Der Herr ward froh, der Knecht
ward traurig. Er wischte sich mit dem Finger in's Auge. Nun steht die Welt auf
dem Kopfe, mit meinem Herrn ist's aus. Das sprach er aber nur innerlich.
Kaspar, was sprichst Du fr Dich? - Ach nicht fr mich, Herr, 's ist nur -
nur die armen Hhner! Wer streut ihnen Futter! - Herr Gottfried war ein
Menschenfreund, aber die Thiere liebte er fast wie die Menschen: Das arme Vieh
hungert. Aber ber die Brigitte, Donnerwetter, hat sie die Hhner vergessen! wo
ist sie denn? - Der Knecht erschrak. Wer nicht an Lgen gewohnt ist, hte sich
vor der ersten Lge. Sie wird schon kommen! - Kommen. - aber! sprach der
Burgherr, und wieder eine lange, lange Reihe von Fragen stand auf den
halbgeffneten Lippen. Da go der treue Knecht, der selbst nur am Becher nippte,
den groen Pokal seinem Herrn voll, bis er schumte.
    Ein immer seres Lcheln breitete sich um die Lippen des Burgherrn, und was
fehlt an dem Bilde stiller Zufriedenheit, wenn wir den ehrenfesten Ritter und
den rauhen Knecht sehen in der Mitte der Hennen und Kchlein, die nach den
Brodkrumen schnappen, welche beide ausstreuen und Einer lchelt den Andern
vergngt an. Put - put! waren die letzten vernehmbaren Tne aus den Lippen des
Ritters, der, wenn man ihn zur rechten Zeit geweckt und nicht die Hosen
fortgenommen htte, jetzt in der Kpnicker Haide in Stahl und Erz zu Ro trabte,
um - doch die Sonne neigte sich schon wieder. Der jetzt in tiefem Frieden
schlummerte, se vielleicht nicht mehr zu Ro, das frstenmrderische Schwert
in der Faust; die Hnde auf dem Rcken gebunden, wanderte er, gesenkten Hauptes,
von hhnenden Schergen umgeben, dem Thore Berlins zu. Wohl dem, der ein treues
Weib hat, das wacht, wenn ihr Mann schlft, das fr ihn denkt, wenn der se
Wein seine Gedanken abwrts fhrte, und fr ihn handelt, wenn es schlimme Hndel
giebt. Das treue Gesicht der guten Frau blickte jetzt vorsichtig durch's
Fenster. Da winkte ihr der Knecht Kasper vergngt zu. Er hatte wohl gehrt das
Thor knarren. Und nun kamen noch viele neugierige Kpfe und blickten herein.
Herr Gottfried sah sie nicht.

    Das war wieder eine andere Sonne, die in's Fenster schien, als der Knecht
die Thr zur Schlafstube ein wenig aufthat und hineinrief: Gestrenger, nun
ist's Zeit zum Aufstehn!
    Als Herr Gtz auffuhr, war das erste, was er zu Gesicht bekam, da er die
Arme vorwarf, seine Elennhosen. Er betrachtete sie von allen Seiten, sie waren
es. Er fuhr hinein, sie waren es. Er rieb sich die Stirn, sie blieben es.
Kaspar! Brigitte!
    Was hast Du wieder, mein Gtz, rief die Frau, so die Treppen eben herauf
zu keuchen schien. Sie sah so ehrlich und treu aus.
    Glaube, ich habe getrumt! sagte Herr Gtz.
    Das kommt schon, Herr, antwortete der Knecht, der gar nicht den feinen,
forschenden Blick seines Herrn zu verstehen schien, als der ihn wieder fragte:
Ob's denn zu spt ist!
    Hab Dir zum Morgenimbi ein Ferkelchen gebraten, Gtz. Wenn Du jetzt runter
kommst, blitzt es und knuspert nur so. Auch Hirsebrei und geschmorte Pflaumen.
    Ein Ferkelchen und Hirsebrei! Und auf dem Hofe schupperte sich die
Muttersau, und aus dem Stalle rauchte es, und - nicht die Tirolerdecke um die
Schultern, in seinem wollnen Wamms war Herr Gottfried, er wute noch nicht wie,
die Treppe hinunter. Da kte ihm Eva die Hand und dann die Backe, und wnschte
ihm guten Morgen, und die Frau rckte ihm den Stuhl an den Tisch, und so
zierlich und niedlich rauchte es vor ihm in der Schssel.
    Ich dachte, ihr wrt - sprach der Burgherr, aber die Frau sagte ihm, der
Braten wrde kalt werden; und in huslichen Angelegenheiten ist es gut, wenn ein
Mann seiner Frau folgt. Und doch, wunderbar, er war schon mitten im Ferkelchen,
als er wieder fragte: Ich dachte, Ihr wrt Alle aus. -
    Sind wieder heimgekehrt, als es dunkelte. Du schliefst schon.
    Schon! Herr Gottfried verga auf einen Augenblick das Ferkelchen und das
Zerbster Bier; er lehnte sich zurck und hielt mit beiden Hnden die Stirn:
Aber, wie ist mir denn! Also das war auch nichts, der Malvoisir und der tiefe
Brunnen - aber die Flmmchen und der schwarze Maulwurf!
    Vater, das hast Du getrumt. Eva streichelte mit ihren kleinen Fingern
seinen Bart.
    Das also! Aber -
    Und pltzlich sprang Herr Gottfried auf. Alle erschraken und sahen sich
bedenklich' an, da er fort eilte. Aber die Edelfrau flsterte, ihrer Tochter zu:
Ich habe sie gewaschen und ausgebgelt.
    Der Ritter kehrte wieder, seinen Bffelhandschuh in der Hand, und sah ihn
und fhlte ihn an und schttelte den Kopf, dann sank er in den Stuhl: Das also
auch ein Traum! - 's ist wunderbar! aber unlieb schien es ihm nicht. Wenn das
nur nicht ein Traum ist! setzte er hinzu und sah ngstlich um sich her.
    Nein, das war kein Traum, die Frau war so lieb und gut, und die Eva und das
Ferkelchen so weich, es zerging ihm auf der Zunge. Seit lange entsann er sich
nicht, da er mit so gutem Appetit gegessen.
    Aber es war doch etwas anders geworden, es war mit ihm etwas vorgegangen. Er
sa stundenlang, den Kopf im Arme, und stierte auf einen Fleck und schttelte
den Kopf. Und als ihm die gute Frau erzhlte von ihrem Hans Jrgen, wie der dem
Kurfrsten das Leben gerettet, und der Kurfrst ihn darauf in so jungen Jahren
vor'm ganzen Hofe zum Ritter geschlagen, und wie von der Kanzel herab in Berlin
von ihrem Neffen gepredigt worden, und wie der Kurfrst ihn in sein Gefolge
genommen und fr ihn zu sorgen versprochen, und es knne noch ein groer Herr
aus ihm werden mit der Zeit, und mit der Zeit vielleicht sonst auch noch was,
wobei sie auf die Eva schelmisch blickte und die Eva hochroth wurde, aber doch
schmunzelte, - da hrte es Herr Gottfried ruhig an, und sagte: Wenn's nur nicht
auch ein Traum ist. - Nachts fuhr der Mann, der einen so festen Schlaf hatte,
da ihn das Knallen einer Donnerbchse nicht weckte, beim geringsten Gerusche
auf und klagte, er sei in einen tiefen Brunnen gefallen, und wenn sie ihm
vernnftig zugeredet, ward er wohl still, aber er weinte auch still, und sie
hrte ihn die Worte sagen: Ach es ist doch zu spt.
    Da war der Frost gekommen und mit ihm der Ritter Hans Jrgen nach
Hohen-Ziatz. Auf dem Eisspiegel der Wiesen lief das junge Volk im hellen
Sonnenschein Schlittschuh, und Herr Gottfried und seine Frau sahen von der Mauer
zu.
    Sieh, Gtz, wie zierlich der Jrgen die Eva fhrt. Wer htt's ihm
angesehen: Wenn sie so bei Hofe tanzen, als jetzt auf dem Eise, was werden sie
sprechen: Das ist ein schmuckes Paar!
    Ein Paar! rief der Gtz. Kinder! Die knnen ja noch nicht denken!
    Was soll draus werden, wenn's so fortgeht, hatte Frau von Bredow gedacht.
Zuweilen dachte sie auch, es wre doch gut gewesen, wr der Dechant geblieben.
Er htt's ihrem Herrn ausreden knnen, da Einer, der sein Lebtag nicht an's
Denken gedacht, drei Schritt vor der Grube anfangen will.
    Ketten und Kerker und bsen Leumund hat er berstanden, aber daran stirbt
er mir noch, hatte Frau von Bredow gedacht. Da kam ihr recht zum Trost ein
lieber Besuch in's Haus, aus Schlesingen, der Ritter Hans von Schweinichen. Alle
Welt kennt den Ritter Hans von Schweinichen, der durch die Welt geritten ist, er
vorne, sein Knecht hinten; und wenn er etwas wankte, ritt der Knecht ihm zu
Seiten. Seinesgleichen sollte man weit und breit suchen. Vierzehn Tage
hintereinander verstand er wie ein Edelmann zu trinken, und wenn er nchtern
ward, schrieb er's in sein Tagebuch, wo man's noch heute lesen kann, und in
jedem Jahr, wenn's zu Ende ging, hat er aufgeschrieben, was der Roggen gekostet
und der Hafer auf den Mrkten. Herr Gtz und er hatten einst gute Freundschaft
gemacht in Kottbus an einem Frstentag, da man sie beide nach einem guten Rausch
in eine Kammer und in ein Bett trug. Das wollten sie nie vergessen, hatten sie
sich zugeschworen. Nun da Herr Hans zum Besuch ritt nach Ziesar zum Bischof
Scultetus, seinem Landsmann, der ihn eingeladen, um mit ihm einen guten Trunk zu
thun, wollte er vorher bei dem alten Freunde einsprechen. Da war groe Freude,
und Herr Gtz und sein Ehegemahl lieen ihn nicht fort, er mute an vierzehn
Tage bleiben; und was die alten Freunde da mit einander getrunken und
gesprochen, das lt sich besser denken als erzhlen. Niemand aber war froher,
als Frau von Bredow, da sie ihren Eheherrn wieder so froh sah, und sie hatte nur
Furcht, da wenn der liebe Gast fort wre, er wieder in seinen Trbsinn
verfiele; darum theilte sie dem Ritter Hans ihre Bekmmerni mit und fragte ihn,
wie er's denn mache, da er immer guten Muthes bleibe, wie ein Edelmann mu, und
doch thte er nicht allein denken, sondern er schreibe sogar seine Gedanken
nieder, und auf Papier.
    Meine liebe Frau von Bredow, sagte Herr Hans von Schweinichen, wie er's
auch sonst oft gesagt hat: Was uns kommt, kommt nicht von uns, sondern vom
lieben Gott. Wenn ich einen guten Rausch gehabt, hat's der liebe Gott so gefgt,
und da ich um mein liebstes Ehegemahl anhielt, hat er's auch so gefgt, denn
wte sonst nicht, wie ich zum Muth kommen, da ich sie fragte, willst Du mich?
da ich doch bei unterschiedlichen andern hbschen und adligen Weibsbildern, so
ich viel lieber gehabt, ehedem nicht den Mund aufthun konnte. Wer sollte mir
also den Mund aufgeschlossen haben, als der ihn mir auch vorhinnen verschlo,
der liebe Gott? Item wird es auch mit dem Denken und dem Schreiben sein. Kmmert
Euch also, liebwertheste Frau Gevatterin, gar nicht darum. Wenn's Herrn
Gottfried treibt, da er denken mu, so hat's der liebe Gott gefgt, und wenn
die ganze Welt anfinge zu denken auf eigene Hand, so mssen wir denken, als gute
Christen, der liebe Gott hat's nun mal gewollt.
    Was kannst Du nun mehr wnschen? sagte Eva, da sie Hans Jrgen ein
Stckchen durch die Kiefern zum Abschied begleitet. Er fhrte sein Ro am Zaum,
so lange er neben ihr herging.
    Da kratzte er sich hinter'm Ohr und sah sie eigens an.
    Brummbr! Noch nicht zufrieden?
    I ja, Eva, es wre schon.
    Du, weit Du noch, wie Du am Flie Wache standst - sie sprach es nicht
aus, wovor der arme Junge Wache gestanden, - und jetzt, jetzt bist Du
eigentlich was von einem Geheimenrathe, und bei Deinem Kurfrsten!
    Eva, ich meine so, es hat jedwed Ding zwei Seiten. Von der einen sieht's so
aus und von der andern so. Schau da die alten Kiefern, nun die Abendsonne drauf
scheint, ist's so lustig gesprenkelt vom Wipfel bis zur Wurzel, als wren's
Rosenstengel, und man mchte immer den Finger dran tupfen, da der auch roth
wird. Aber die Sonne ist ein Weniges gesunken, werden sie grau und knarren, und
man mt' auch 'ne Krh' sein, um sich gern drein zu schaukeln.
    Der Kurfrst ist Dir immer gut, Hans Jrgen; er lchelt Dir immer zu wie
rosenroth. Hast's selbst gesagt.
    Das ist's eben, Eva. Wenn einer immer zu Einem lcheln thut, und Ensereinem
ist nun nicht zum Lachen! Nun hast Du schon recht, ich darf sprechen, wie mir
um's Herz ist. Oder, wie er sagt, sprich wie Dir der Schnabel gewachsen ist. Nun
ist mir aber manchesmal so zu Muth, wie ihm nicht zu Muth ist, und was ich
denke, das denkt er nicht; oder was er denkt, das denke ich nicht. Wenn ich's
nun raus sage, da mir was nicht gefllt, und was mir nicht gefllt, und das ist
oft gar viel, so wrde ich das ganz recht finden, wenn er wieder raus fhre und
sagte: Du verstehst das nicht, drum halt Dein Maul. Denn es ist richtig, ich
versteh' Vieles noch nicht, aber ich will es lernen; und er knnt' es mich
besser lehren. Aber er lt mich schwatzen und reden, wie das nun ist, und dann
sieht er mich so von oben freundlich an, wie die Sonne ein Mhlrad, und mir
ist's, als sprche er bei sich: Kann der kleine Hund auch schon bellen! Gottes
Wunder! da ich, der Alles wei, und besser als alle Anderen, auch solche Stimme
anhren mu! - Sieh mal, Eva, da ist mir denn auch manchmal so kurios zu Muthe,
und gar nicht so, wie die Sonne auf die Kiefern scheint, als knarrten die Aeste
in mir, und die Krhen krchzten: Du bist doch auch ein Mensch von Gott gemacht,
als wie der, und was ein Mensch nicht findet, das findet der andere; darum soll
kein Mensch dem andern zu niedrig dnken, da er nicht auch von ihm was anhren
knnte und lernen dazu, und eines Menschen Stimme, wenn er auch nicht schn
spricht und nicht so hohen Verstand hat, ist doch mehr als ein Mhlrad, auch
wenn die Sonne drauf scheint.
    Da der Ritter Hans Jrgen auf's Ro sich geschwungen, und nun auch durch die
hohen Kiefern ritt, glhte auch Eva's Gesicht, ob's von der Abendsonne war oder
von der Freude, ihm nachzusehen? Aber, als htt's ein Kobold ihr angethan,
unterkreuzte das hbsche Kind die Arme und ein schelmisch Lcheln schwebte um
ihre Rosenlippen, als sie mit einem Male die Worte des Kurfrsten wiederholte:
Kann der kleine Hund auch schon bellen? Doch, wie erschrocken, da er's gehrt
haben knnte, oder erschrocken vor sich selbst, verstummte, sie, und als wollte
sie's wieder gut machen, warf sie ihm Kuhnde nach. Ach, Du lieber Hans
Jrgen, ich bin Dir doch so gut, das hrte er nicht, aber er sah, wie sie, auf
den Zehen sich hebend, mit dem Tchlein wehte, und wehte wieder mit dem
Federhut, bis er an den Fichten verschwand. Wie lange stand sie noch da in der
einsamen Haide, als lausche sie auf den Abendwind, der in den Wipfeln spielte.
Ein Anderer htte sich gefrchtet, sie lchelte immer holder, als horche sie in
dem Surren und Summen und Suseln in der Haide, die jetzt grau ward, auf einen
Brautgesang, den gute Geister anstimmten.

    Und damit ist dieses Buch zu Ende.
    Denn obschon Mancherlei geschah, was, so zu sagen, noch zum Schlu gehrt,
so ereignete sich das erst viele Jahre spter, und wer es erfahren und lesen
will, der suche es im andern Theil unseres Buches, der unter dem Namen Der
Wrwolf geschrieben und gedruckt ist.

                                    (Ende.)
