
                             Willkomm, Ernst Adolf

                   Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes

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                              Ernst Adolf Willkomm

                   Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes

                                  Erster Theil

                                  Erstes Buch

                                Erstes Kapitel.

                              Der Haidekretscham.

Ein ansehnlicher Theil der beiden Lausitzen, namentlich die frher unter
schsischer Botmigkeit stehende Niederlausitz, ist mit unermelichen
Kieferwaldungen bedeckt, welche unter dem Namen der groen Haide bekannt sind.
Diese ungeheuren Wlder, auf deren feinem Sandboden nur Haidekraut und drre
Grser Nahrung finden, erstrecken sich bis in die Nhe der Stadt Grlitz und
bergen in ihrem schattigen Dunkel mehrere Stdte und eine Menge Drfer, so wie
einzeln gelegene Huser und Vorwerke. Hie und da unterbricht ein niedriger
Hhenzug das einfrmige Dickicht, von dem herab man die schwarze Waldung
meilenweit bersehen kann. Am Fue solcher meist kahlen Hgel haben sich an
Waldbchen, deren Gewsser grnen Wiesenbnder um die gelben Sandflchen winden,
gengsame Menschen angesiedelt, um von Kohlenbrennerei, von Fischfang, drftigem
Ackerbau, Handarbeit und Bienenzucht kmmerlich zu leben. Ergiebiger wird der
Boden der Haide an den Grenzen der Oberlausitz. Hier durchschneiden fruchtbare
Thler die rauschende Waldung, ansehnliche tiefe und bereits schiffbare Flsse
bewssern das umliegende Land und sichern den Anwohnern eine heiterere Existenz
als ihren in den drren Haideflchen versteckten Brdern. Weiterhin gegen die
Mark zu verliert sich das fruchtbare Erdreich wieder und die ganze Haide
verwandelt sich in einen ungeheuren waldigen Moorbruch, den zahllose Flchen,
Bche, Kanle und Teiche durchschneiden, und in welchem noch ein eigenthmliches
Vlkchen mit alterthmlichen Sitten still und zurckgezogen haust. Es sind die
Bewohner des Spreewaldes.
    Durch die ermdende Oede jener sandigen Haide schleppte sich in den letzten
Tagen des Septembers 1832 ein rmliches Fuhrwerk, dessen gebrechlicher Bauart
man es ansah, da es polnischen Juden angehren msse. Die Rder waren
theilweise ohne Schienen, eine zerlcherte und mit hundert Flicken besetzte
Plane von schmutzig grauer Leinwand war ber halb zerknickte Reifen ausgespannt,
um die darunter Sitzenden gegen Wind und Wetter zu schtzen. In liederlichem
Geschirr, an Strngen mit zahllosen Knoten und Troddeln, gingen drei muntere
polnische Pferde, von denen zwei an die Deichsel, das dritte nach polnischer
Sitte mittelst einer Kette an die Achse des Hinterrades gespannt war. Dies
letztere Thier, jung und feurig, versuchte selbst in dem futiefen Sande hufig
zu galoppiren, was ihm bei dem langsamern Schritt der beiden andern Pferde nicht
recht gelingen wollte.
    Vorn in der sogenannten Kelle sa ein untersetzter Kerl im langen
schmutzigen Rock der gemeinen polnischen Trdeljuden. Ein struppiger Bart von
unsicherer Farbe bedeckte sein ganzes blaurothes Gesicht, ein vielfach
eingebogener Filzhut, hie und da zerbrochen, seinen Kopf. In Ermangelung eines
Sttzbretes fr die Fe lie er die in starken juchtenen Stiefeln steckenden
Beine zu beiden Seiten der Deichsel herabbaumeln, so da sie, wenn die Rder im
Sande tief einsanken, oft den Boden streiften.
    Im Innern dieses Fuhrwerks saen ein Greis und ein Jngling von etwa
siebzehn Jahren, und auf der an der Seite des Wagens angebrachten eisernen
Stiege stand ein jdischer Knabe von etwa funfzehn Jahren und hielt sich mit
beiden Hnden an den Tragreifen der Plane fest, um nicht das Gleichgewicht zu
verlieren.
    Dies polnische Fuhrwerk hatte in schrger Richtung auf einem der vielen
tiefen Sandwege die Haide aus der Gegend von Priebus her durchschnitten und
erreichte jetzt eine hochgelegene Waldble, ber die eine etwas besser
gehaltene Landstrae fhrte. Links am Fue des Haidehgels in grnem, von vielen
Grben durchschnittenen Wiesengrunde lag ein Schenkhaus mit Stallung, Scheuer
und Schuppen. Hinter den Wiesen sah das graue Dach einer Torfgrberhtte unter
den Bumen hervor, und weiter hin beschrieb die Haide einen schmalen Bogen,
durch welchen man die blauen Wasserspiegel mehrerer groer Teiche im Abendschein
blinken sah.
    Die Sonne war dem Untergang nahe und lie hinter blaugrauen Wolkenschichten
eine Menge jener breiten Strahlen auf die Erde fallen, welche der Landmann fr
Vorzeichen nahen Regens hlt. Die breite schwarze Haide jenseits der Teiche ward
dabei stellenweise blendend hell erleuchtet, whrend der Horizont purpurn
erglhte und sowohl den interessanten Gebirgsknoten der weit bekannten
Knigshainer Berge, als auch die einsam gelegene hohe Doppelluppe der
Landeskrone mit blitzendem Gold berstrmte.
    Nach dem Einerlei der Haide mute dieser unerwartete Anblick einer fernen
schnen Gebirgsgegend das Auge der Reisenden erquicken. Auch war der polnische
Fuhrmann wirklich so berrascht, da er unwillkrlich die Pferde anhielt und
einige Sekunden die heitere Aussicht dummdreist angaffte. Mehr aber noch, als
die farbigen Tinten der Abendbeleuchtung, schien dem Juden ein rthlicher
Feuerschein in die Augen zu stechen, der aus dem unfern im Thale gelegenen
Schenkhause vertraulich einladend heraufwinkte. Fragend sah er sich um nach dem
Greise und zeigte dabei mit der Peitsche nach dem rauchenden Schornsteine der
Thalschenke. Der Greis nickte bejahend und in leichtem Trabe flog das rmliche
Fuhrwerk den Sandweg hinab und lenkte in den offen stehenden Thorweg des
Gehftes.
    Ein Knecht, unter dem Schuppen mit Holzspalten beschftigt, ging den Fremden
entgegen behandelte aber den hastig fragenden Juden sehr kurz und machte sich
mehr mit den hbschen wohlgenhrten Pferden zu thun. Erst als der Greis mit
seinem jugendlichen Begleiter abstieg und ihn in wendischer Sprache anredete,
erheiterte sich sein Gesicht. Er reichte beiden Fremden die Hand, sagte ihnen
ebenfalls auf wendisch, da sie ein vortreffliches Nachtquartier bekommen
sollten, und geleitete sie bis an die Hausthr, ein paar Bndel und Packen
dienstfertig ihnen nachtragend.
    Der Greis war ein hoch gewachsener, von der Last der Jahre nur wenig
gekrmmter Mann. Er trug sich ziemlich altmodisch und vollkommen burisch. Kurze
Beinkleider von schwarzem Leder bedeckten kaum das Knie, blauwollene Strmpfe
schtzten die Beine und grobe rindslederne Schuhe mit groen messingenen
Schnallen umschlossen seine Fe. Auerdem trug er einen dunkelblauen Tuchrock,
der von oben bis unten mit sehr breiten bersponnenen Knpfen besetzt war, ber
der Brust aber blo durch zwei silberne Heftchen zusammengehalten wurde und eine
bis an den Hals zugeknpfte Weste von hellerem Tuch sehen lie. Ein niedriger
runder Hut mit sehr breiter muldenartig aufwrts gebogener Krempe bedeckte sein
schneeweies starkes Haupthaar. Als er diesen an der Schwelle des Hauses abnahm,
mute ein fingerbreiter Riemen von schwarzem Glanzleder, den der Alte um das
Haar gelegt und vorn auf der Stirn mittelst einer Silberschnalle befestigt
hatte, die einen auffliegenden Habicht darstellte, Jedermann auffallen. Dieser
Riemen hielt die reiche Haarflle des Greises fest zusammen und gab dem stramm
Einherschreitenden eine berraschende Aehnlichkeit mit irgend einem Helden des
Alterthums, wie wir sie aus Abbildungen auf antiken Mnzen kennen.
    Schon von dem Waldhgel herab hatte der Greis die am Wiesenrande liegende
Schenke an ihrer ganzen Bauart, noch mehr an dem leuchtenden Heerd- oder
Kaminfeuer fr einen der vielen gastlichen Haidekretschame erkannt, die in den
endlosen Wldern zerstreut liegen. Er schien darber sehr erfreut zu sein und
seine strengen, tief gefurchten Zge, die in einem Zeitraume von mehr als
achtzig Jahren vielen Kummer und schweres Herzeleid erfahren haben mochten,
heiterten sich etwas auf, als er in die Schenkstube trat. Es kam ihm Alles darin
so bekannt vor, da er den Arm seines jungen Begleiters drckte und auf der
Thrschwelle stehen bleibend mit leiser Stimme zu ihm sagte: Sieh, Paul, das
ist die Heimath Deiner Vter!
    Der Wirth stutzte, als er diese obwohl in deutscher Sprache gemachte
Bemerkung hrte und rckte mit grerer Eile, als er sonst zu thun pflegte, ein
paar Schemel an den groen in der sdlichen Stubenecke befindlichen Tisch.
Inzwischen sah der Jngling sich neugierig im Zimmer um, wo der umfangreiche
Kachelofen mit dem groen hellpolirten kupfernen Ofentopfe, und daneben der in
die Wand eingemauerte Kamin, auf dem ein knisterndes Kienfeuer hochauf loderte
und die dmmernde Stube mit grellem Lichtschein beleuchtete, besonders seine
Aufmerksamkeit zu fesseln schienen. Auf der Ofenbank dem Kaminfeuer zunchst sa
eine bejahrte Frau mit hagerm, bleichem Gesicht und drehte rastlos beim Schein
der Flamme die Spindel. Sie war in schwarze Stoffe gekleidet, nur um das
ergrauende Haar, die Stirn mehr als zur Hlfte bedeckend, hatte sie ein zwei
Hnde breites weies Tuch geschlungen, das am Hinterkopf in zwei steif
auslaufende ohrenhnliche Zipfel zu einem Knoten verknpft war. Sie sah die
Fremden mit groen neugierigen Augen an, ohne sie zu gren oder ihren Gru zu
erwiedern, und drehte dann emsig die Spindel fort, dann und wann leise mit sich
selbst redend. Ihr ganzes Benehmen lie errathen, da sie geistesschwach oder
vor Alter kindisch geworden sein mute.
    Ich bitte um Nachtquartier fr mich und meine Leute, sagte jetzt der
ernste Greis, am Tische Platz nehmend. Eine gute Streu und ein Gericht
Kartoffeln oder Haidegrtze werdet Ihr wohl fr uns haben.
    Fr Euch gb's wohl auch noch ein Stck geruchertes Fleisch und frisches
Sauerkraut, fiel der Wirth ein, und dazu mcht' ich Euch rathen, damit Euer
Knecht nicht Hunger leiden darf. Mit Erlaubni, Ihr kommt aus Polen?
    Tief aus Polen!
    Nun ich will hoffen, da Ihr nicht zu den Rebellen gehrt und Eure Papiere
in Richtigkeit sind. Die Gensdarmen sind jetzt wachsamer und strenger als vor
Jahr und Tag; denn die Haiden stecken voll verlaufenen Gesindels, das sich
heimlich ber die Grenzen geschlichen hat.
    Mein Pa steht Euch zu Diensten.
    Da mich Gott bewahre! Meinethalb frag' ich nicht, es geschieht blos der
Sicherheit der Reisenden wegen. Gb's nicht Gensdarmerie, mir zu Gefallen
brauchten die Psse, wei Gott, nicht erfunden worden zu sein! Ihr seid kein
Pole scheint mir?
    Von Geburt nicht.
    Sah's Euch gleich an, alter Vater! So ehrlich und treuherzig wie Ihr, sieht
kein polnischer Bauer aus.
    Mu ich denn gerade ein Bauer sein? versetzte der Fremde. Heut zu Tage
trgt mancher einen Rock, der nicht auf seinen Leib gemacht ist.
    Das trifft sich wohl, alter Vater, inde wer so viel mit Menschen
verschiedenen Schlages umgehen mu, wie der Wirth eines Haidekretschams, der
bekommt ein scharfes Auge, glaubt mir's, und so leicht ist ihm nicht etwas wei
zu machen! Ja, ich wollte wetten, da mehr altwendisches als deutsches Blut in
Euren Adern fliet!
    Der Greis sah den Wirth nach dieser Bemerkung mit seinen hellen dunkelblauen
Augen scharf an, und da er einen ehrlichen Mann in ihm zu entdecken glaubte,
nickte er und rief ihm den wendischen Gru Bomhai boh! zu, denn bisher war das
Gesprch deutsch gefhrt worden. Schnell und heiter entgegnete der Wirth Wersh
bomhasi! schttelte beiden Gsten die Hand und setzte mit Lebhaftigkeit und
jener traulichen Freundlichkeit und sorglos-heitern Laune, die den Wenden eigen
ist, die Unterhaltung fort.
    Inzwischen war auch der jdische Knecht mit seinem Sohne in das Zimmer
getreten und hatte sich abseits vom Schenktische, dem Ofen gegenber, an einen
besondern Tisch gesetzt. Sie verlangten Schnaps und trockenes Brod mit Salz, das
ihnen nebst einem Glase Bier ein junges Mdchen vorsetzte. Das Mdchen war stark
und krftig, strotzte von Gesundheit und schien sich um Druck und Noth der Zeit
keine Sorge zu machen. Es richtete einige Fragen an die emsige Spinnerin,
erhielt aber keine Antwort. Erst, als sie ziemlich heftig ihre Fragen
wiederholte und dabei aus Versehen den Faden am Rocken zerri, sah die alte Frau
erzrnt auf. Ein paar Sekunden schien es, als wolle sie eine Fluth von
Schimpfreden ber das Mdchen ausgieen, pltzlich aber ward ihr Gesicht wieder
ernst, ein wehmthiges Lcheln spielte um den reizlosen faltigen Mund, und den
Faden wieder anknpfend und mit grerer Emsigkeit die Spindel drehend, summte
sie erst leise, dann immer lauter eine jener melancholischen Liederweisen vor
sich hin, die noch heut bei den Wenden der Lausitzen in Gebrauch sind. Nachdem
sie mehrere Verse unverstndlich geflstert hatte, erhob sie pltzlich ihre
Stimme ganz laut und der fremde Greis verstand die Worte:

Hinaus sie ihn trugen,
Viel Volk hinterher,
Jdevoi!

Vor allen sein Liebchen
Ging zwischen zwei Andern,
Jdevoi!

Das Mgdelein weinte
Und brach ihre Hnde,
Jdevoi!1

    Hier lie sie die Stimme sinken, so da die nchsten Verse den Zuhrern
unverstndlich blieben, dann aber, die Spindel heftig an sich reiend, an ihren
Brustlatz stemmend und den Faden aufwickelnd, fiel sie wieder laut ein:

Fr mich starb der Liebste,
Fr ihn will ich sterben,
Jdevoi!

Hier hab' ich zwei Messer,
Die hat er gekauft mir,
Jdevoi!

Eins senkte sie in sich,
Warf's and'r hint'r ihm her,
Jdevoi!.

Begrabt nun uns Beide
Dort unter die Linde!
Jdevoi!

    Abermals lie sie die Stimme sinken und erhob sie erst beim letzten Verse
wieder zu verstndlichem Gesange, indem sie uerst langsam in zitternden Tnen
und Thrnen vergieend mehr rief als sang:

Sie liebten sich Beide -
In Eines verflochten,
Jdevoi!
In Eines verflochten.

    Mit steigender Aufmerksamkeit hatte der junge Begleiter des Greises den
Gesang verfolgt. Als nun die spinnende Alte am Schlusse des Liedes die Spindel
auf ihren Schoo sinken lie und schluchzend das Gesicht in die magern Hnde
drckte, sagte Paul, zu dem Greise gewandt: Grovater, war das nicht meiner
verstorbenen Mutter Lieblingslied?
    Es war das Lied, das sie nimmer vergessen konnte, die arme Seele!
erwiederte die alte Wende. Man kennt und singt es, so wenn die wendische
Sprache reicht, zumal, wenn man ein selbst erlebtes Unglck zu beweinen hat.
Aber wie, Herr Wirth, wie kommt die alte Mutter zu dem Liede?
    Der Wirth zuckte die Achseln. David wre viel zu erzhlen, versetzte er,
wenn ich Euch mit den Einbildungen einer schwachsinngen alten Frau unterhalten
wollte. Wir sind darauf gewhnt und lassen uns nicht mehr durch ihre Gesnge
stren. Wohl zehn-und mehrmal tglich pflegt sie das alte Lied abzuleiern, so
oft sie ein junges Mdchengesicht erblickt. Es scheint, sie bildet sich dann
ein, ihre Tochter stnde vor ihr, die ein schlechtes Ende nahm in Folge einer
leichtsinnigen Liebelei. Eine alte Klage aller Aeltern, die nie ganz aufhren
wird, so lange es noch junge heibltige Burschen gibt.
    Das Mdchen hatte unterde ein Linnentuch ber den Tisch gebreitet, eine
Schssel kaltes Rauchfleisch und gewrmtes Sauerkraut aufgesetzt, und auch ein
paar Glser Bier eingeschenkt. Dann legte sie neue Kienspne auf die Kaminplatte
und fachte die Flamme mit ihrem Athem an, bis sie knisternd hoch aufflackerte
und die gerumige Stube leidlich erhellte. Lichter wurden nicht angezndet, das
Kaminfeuer mute, so gut es gehen wollte, deren Stelle ersetzen.
    Nun langt zu, alter Vater, und Du, blonder Junge, sieh munter in die Welt!
ermahnte der Wirth seine Gste, selbst zulangend und ein tchtiges Rippenstck
auf seinem hlzernen Teller, deren einen jeder Gast erhalten hatte, emsig
zerlegend. Wart Ihr lange in Polen? fragte er den Greis. Vordem ging viel
Volks dahin, auch hier aus der Gegend. Man erzhlte sich Wunderdinge von dem
billigen Leben in den polnischen Wldern und von dem leichten Verdienst, den
Einwanderer haben sollten, wenn sie die Feld- und Landwirthschaft verstnden. Es
mu aber doch nicht so gar herrlich gewesen sein, sonst htten sie wohl
schwerlich die martialische Revolution gemacht, die nun ein so klgliches Ende
genommen hat! Habt Ihr auch darunter gelitten, alter Vater?
    Persnlich bin ich verschont geblieben, versetzte der Wende, aber zwei
meiner Enkel muten den Aufstand mit ihrem Leben ben. Doch lat uns davon
schweigen! Es ist nicht gut von Dingen reden, die nicht zu ndern sind.
    Gedenkt Ihr Euch wieder ganz in Deutschland niederzulassen? nahm der Wirth
das Gesprch abermals auf, da es ihm nicht gemthlich war, sein Mahl
stillschweigend zu verzehren.
    Das hngt von Umstnden ab, erwiederte der Greis, und vielleicht knnt
Ihr mir selbst ber Einiges, das fr mich bestimmend sein drfte, Aufschlu
geben.
    Von Herzen gern, Landsmann. Nur zugefragt und Ihr sollt Antwort haben, bis
meine Zunge sich nicht mehr rhren kann.
    Ihr seid doch hier einheimisch?
    Hier und aller Orten in der Haide bis hinauf an die Berge in den bhmischen
Grenzen.
    Da werdet Ihr vermuthlich in frherer Zeit von einem vielbekannten und in
seiner Art berhmten Manne gehrt haben, den man zu meiner Zeit nur den
Maulwurfsfnger nannte von dem Gewerbe, das er trieb. Wit Ihr wohl, wo und wann
der Mann gestorben ist und ob seine Verwandten noch leben? Denn Kinder hat er
meines Wissens nicht. Wenigstens war er niemals verheirathet.
    So gerade heraus, alter Vater, kann ich auf Eure Frage nicht antworten. Es
gibt hier in den Haiden mehrere Maulwurfsfnger, alte und junge, die sich alle
nhren, viel herumkommen auf den Drfern, bei Bauern und Herren leicht Quartier
finden und alle, der Eine mehr, der Andere weniger, einen guten Ruf haben.
    Derjenige, den ich meine, kann nicht zehn volle Jahre jnger sein, als ich.
Er war nicht aus der Haide, auch kein Wende von Geburt, sondern ein rechter
hartkpfiger Oberlausitzer. Bin ich nicht ganz irre, so lebten seine Aeltern auf
dem Hahne unterm Hochwalde. Spter zog er aus dem Gebirge herunter und kaufte
sich auf dem hohen Hbel zwischen Lbau und Herrnhut ein Huschen. Den Ort
nannten sie dazumal insgemein den Todten, wehalb wir den Mann scherzweise oft
den todten Maulwurfsfnger hieen.
    Mein Gott, mein Gott, wie ist mir denn? sagte der Wirth im Haidekretscham.
Gewi, ich kenne den Mann und sicherlich leb er noch und treibt sein Gewerbe so
sachte hin immer noch fort; wenn ich mich nur auf seinen Namen besinnen knnte.
    Mit dem Spitznamen hie er Pink-Heinrich, weil ihm des vielen Sprechens
wegen die Pfeife hufig ausging und er fortwhrend genthigt war, aufs Neue
Feuer anzuschlagen, was die Oberlnder pinken heien.
    Meine Seel', alter Vater, Ihr habt Recht! rief erfreut der Wirth aus, das
erhobene Glas wieder niedersetzend, ohne es zum Munde zu fhren. Der Mann lebt
und wie Gesund und frisch wie ein junger Bursche und alert wie eine Forelle!
Wei Gott, wie er es macht, da ihn nichts auf Erden anficht, weder Krankheit,
noch Krieg, noch Kummer noch Arbeit! Er luft wie ein Rebhuhn noch heut sein
sechs Meilen des Tages und schlft dann auf harter Bank besser, als mancher
gromchtige Knig und Herr in seinen weichen Pfhlen! Ja das ist noch ein Mann,
so unverwstlich und herzerfreuend, wie die Berge, auf denen er jung geworden!
    Zustimmend lchelnd nickte der Greis freundlich mit dem Kopfe. Ihr
schildert den Pink-Heinrich meiner Jugend, den wackern Helfer in jeglicher Noth,
den Freund aller Armen, Nothleidenden und Bedrckten und den unvershnlichen,
aber schlauen Feind rechtloser Gewalthaber! Er lebt! Gott, der Mann lebt! Und
wit Ihr, wo ich ihn treffen, ihn sprechen kann?
    Zwar kam es dem Wirth sonderbar vor, da sein Gast, der seit langer
Abwesenheit tief aus den Wldern des zerrtteten, mit Blut gedngten, rechtlos
unterjochten Polen kam, mit solchem Jugendfeuer von einem Manne sprach, der in
der brgerlichen Gesellschaft nicht mehr Geltung hatte, als der gemeinste
Tagelhner, inde war er doch auch zu gutmthig und mittheilsam, als da er
einen Gast, der noch dazu von Stamm sein Landsmann war, nicht die gewnschte
Auskunft htte geben sollen.
    Wenn Euch daran gelegen ist, den Maulwurffnger zu sprechen, versetzte er
nach kurzem Besinnen, so knnte ich Euch wohl einen Ort nennen, wo Ihr ihn
sicher trefft, wenn die Witterung nicht ganz zum Davonlaufen schlecht wird. Das
Huschen auf dem Todten hat er lngst verkauft, weil's ihm zu einsam gelegen war
und er die Aussicht nicht mehr leiden konnte. Sie hatten ihm nmlich in den
ersten zwanziger Jahren oder noch frher kaum eine Viertelstunde von seinen
Fenstern am Saum des Waldes ein Rad aufgepflanzt und darauf die Gebeine eines
Mordbrenners geflochten, der wohl ein halbes Dorf aus gemeiner Rache in Asche
gelegt hatte. Das verdro ihn und so zog er in das letzte schsische Dorf auf
der Strae von Lbau nach Reichenbach. Was ihn bewegen mochte, gerade diesen Ort
zu whlen, wei ich nicht anzugeben. Es mu aber wohl eine besondre Bewandtni
damit haben.
    Wie so? warf der Greis fragend ein.
    Ich vermuthe dies blos, weil der Mann so lange ich ihn kenne, und das mgen
jetzt an die zwanzig Jahre her sein, alle Sonntage, dir Gott werden lt, und an
denen nicht Hagen oder todbringendes Schneewetter die Wege ungangbar macht, in
die Knigshainer Berge wallfahrtet. Kennt Ihr den Todtenstein?
    Ob ich ihn kenne! sagte der Greis, die Hnde faltend und seine groen
blauen Augen mit schauerlichem Ernst zum Himmel aufschlagend.
    Nun seht, fuhr der Wirth fort, den die geheimnivolle Schweigsamkeit des
alten Wenden immer mehr anzog, heut ist Sonnabend, will's Gott, und wenn Ihr
morgen in der Frhe mit Eurem unglubigen Kutscher aufbrecht und die Richtung
nicht ganz verliert, auch Euer gottserbrmliches Gerll von Wagen nicht auf
unsern mitunter holprigen Wurzelwegen zerbricht, so mgt Ihr in den ersten
Nachmittagsstunden am Fue der Knigshainer Berge ankommen. Macht Ihr Euch dann
auf den Weg und geht schnurstracks nach dem Todtensteine, den Ihr in einer guten
halben Stunde vom Gasthofe aus erreichen knnt, so werdet Ihr unter irgend einer
der vorspringenden Felsenkanten den Mann, den Ihr sucht, in stilles Nachdenken
verloren sitzen sehen! Ob er ein Anhnger des lieben Heidenthums ist, das vor
alten Zeiten in der Gegend gehaust haben soll, oder ob er heimlich Schtze grbt
oder gar mit den Geistern und Holzweibeln Verkehr treibt, die um die
schauerlichen Klfte schweben und ihre unheimlichen Weisen singen, das wei ich
nicht und mag's auch nicht wissen! Aber ich will kein Wort wendisch mehr
sprechen, wenn Ihr dem Pink-Heinrich nicht am Todtensteine begegnet!
    Sichtlich erheitert reichte der alte Wende dem Wirth die Hand ber den
Tisch, dankte und trank ihm nach altwendischer Sitte zu. Gott segne Euch und
Euer Haus fr diese Auskunft! sagte er. Ruhiger, als ich glaubte, lege ich
jetzt mein weies Haupt auf das Stroh nieder, das auf dem Boden meiner theuren
Heimath gewachsen ist! Schwere, traurige, furchtbare Schicksale vertrieben mich
daraus und ich verlie sie mit der lhmenden Gewiheit, sie nie mehr wieder zu
sehen. Aber der Herr hat es anders mit mir beschlossen. Er will vielleicht die
Wunden, welche seine prfende Hand meinem armen Herzen in den Jahren der Kraft
schlug, jetzt im Alter heilen und einen vollen, segnenden Strahl seiner Gnade
mir schenken! Sein Name sei gepriesen, was mir immer begegnen mge, aber
verdreifacht wird mein Glaube werden, der mich stets aufrecht erhalten hat in
Noth und Elend, wenn ich diese abgehetzten Glieder endlich nach langer Irrfahrt
an meiner Aeltern Grabe zur Ruhe niederlegen sollte.
    Der Greis sprach so ernst und feierlich, da selbst dem etwas neugierigen
Wirth, der gern heiter und launig war, die Wiederanknpfung des Gesprches
verleidet ward. Er schwieg gnzlich, auch der jdische Kutscher mit seinem Sohne
flsterte nur leise, dagegen erhob die spinnende Alte, die schon lngst wieder
ihrer Gewohnheit nach die Spindel drehte und ein Gesprch nur dann beachtete,
wenn Worte darin vorkamen, die irgend ein vergangenes Ereigni urpltzlich in
ihr unklares Gedchtni zurckriefen, abermals ihre Stimme. Phantastisch die
linke Hand schttelnd, sprach sie in singendem dumpfem Tone:

Zu Haus, im Felde
Zwiefache Noth!
Schlimm ist's fr Jeden,
Der hat kein Brod!

    Dann fiel sie sogleich in ein lustiges Gelchter, stampfte taktmig mit dem
Fue auf das Bnkchen ihres Rockenhalters und sang munter und frhlich, den Kopf
hin und her wiegend und hufig laut dazwischen auflachend, indem sie die Spindel
in hohen Bogen um sich tanzen lie:

Tom tom tinz,
Sie buck 'ne Blinz;
Tom, tom tich,
Drauf lstert's mich.

Tom tom tin,
Sie gab mir ihn;
Tom tom tauf,
Ich a ihn auf.

Tom tom ther,
Ich wollte mehr;
Tom tom ticht,
Sie gab mir's nicht.

Tom tom terr,
Da kam der Herr,
Tom tom tort,
Ich wlzt' mich fort.

    Wollt Ihr nicht Feierabend machen, Mutter Maja? sagte jetzt der Wirth zu
der wunderlichen Alten, als sie den barocken Gesang endigte. Ihr habt ja bald
einen ganzen Rocken abgesponnen und was soll ich mit dem vielen Garne anfangen
bis Weihnachten? Der Garnsammler kommt nicht vor Neujahr, wie Ihr wit, und in
unserm ganzen Hause gibt's so viel Muse, da weder Speck noch Flachs einen Tag
lang sicher sind. Schade um Euer schnes Gespinnst!
    Wohl gesprochen, mein Sohn! Ich will schlafen gehen, erwiederte die Alte,
schob den Rocken bei Seite und steckte die Spindel darauf. Des Nachts seh' ich
die Wassernixen tanzen, und wenn sie singen und mit mir reden, macht's mir
keinen Aerger, wie das dumme Geschwtz der Mgde. Gute Nacht, Jrge; wnsche
angenehme Ruhe, edle Herren!
    Sie stand auf und machte ein paar tiefe Knixe gegen die Fremden, worauf sie
langsam die Thr aufstie und quer ber die Hausflur nach ihrer eigentlichen
Wohnung schritt. Denn Mutter Maja lebte als Wittwe des frheren Wirthes und als
Mutter des jetzigen im Ausgedinge.
    Es ist bel mit solchen alten Leuten, sagte Jrge zu seinen Gsten. Mit
Hrte und Gewalt ist nichts von ihnen zu erlangen und Gte und freundliches
Zureden fruchten blos dann, wenn sie grade mit ihrem verworrenen Gedankengange
im Einklange stehen. Die arme Mutter! So treibt sie's nun alle Tage schon seit
Jahren! Bald bricht sie in herzerschtterndes Weinen aus und singt die
traurigsten Lieder unseres Volkes, bald, ehe man die Hand umdreht, lacht und
jubelt sie und erinnert sich der schabernckischen Weisen, mit denen die jungen
Burschen ihre Mdchen bei der Spinte und auf dem Felde necken. Denn Ihr mt
wissen, da Maja die erste Liederkennerin im ganzen Wendenlande ist. Fragt sie,
wonach Ihr immer wollt, sie wird Euch Rede stehen und auf jedes Begegni, auf
jede Verrichtung im gewhnlichen Leben einen passenden Vers, ein Lied oder einen
Spruch wissen! Dehalb kommen auch Sonntags im Winter die Burschen oft
stundenweit her zu mir, um von der Mutter neue Lieder und Melodien zu lernen,
und es geht dann in meiner einsamen Schenke hufig lustiger zu, als im
besuchtesten Kretscham groer Hofedrfer.
    Nach seiner Weise gab der Greis seine Zustimmung durch Kopfnicken zu
erkennen. Die heitere, unbefangene Unterhaltung des Wirthes gefiel ihm und er
htte gern noch etwas Nheres ber die Verhltnisse des Mannes und seiner alten
gestrten Mutter erfahren, da ihm die Schicksale seiner Stammesgenossen immer
wichtig erschienen, weil er selbst von den traurigsten nicht verschont geblieben
war, allein die Mdigkeit Pauls, der schon whrend des Essens eingenickt war,
und der Wunsch, am nchsten Morgen zeitig wieder aufzubrechen, bestimmten ihn,
fr diesmal neue Errterungen zu unterlassen. Er bat daher den Wirth, da er die
Streu fr ihn mge bereiten lassen, was dieser bereitwillig selbst unternahm.
Der Knecht, der schon geraume Zeit am Ofen gesessen hatte, fhrte den Juden in
den Stall und wies ihm und seinem Sohne auf dem Futterkasten eine warme
Lagerstatt an.
    Solltet Ihr frher wach sein, als ich oder meine Leute, sagte der Wirth,
nachdem die Streu auf umgestrzten Schemeln bereitet war, so drft Ihr blos mit
dem Deckel des Ofentopfes herzhaft klappern. Das ist unsere Klingel, fr die
wir allesammt ein gar feines Ohr haben. Gute Nacht, der Herr behte Euch!
    Er drckte seinen Gsten nochmals die Hand und ging dann ohne Licht, wie die
Uebrigen, in die an die Wohnstube stoende Schlafkammer.

                                    Funoten


1 Bruchstcke noch jetzt unter den Wenden gng und geber Volkslieder.


                                Zweites Kapitel.

                                Eine Erffnung.

Unter halblautem Gebet streckten sich Greis und Jngling auf die duftige Streu.
Wie schlfrig aber auch Paul den ganzen Abend gewesen war, so munter ward er
jetzt, als jedes Gerusch um ihn her verstummte. Die bleichen Flmmchen, die
noch zuweilen ber dem Aschenhufchen des erlschenden Kaminfeuers gaukelten,
zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und beschftigten seine Einbildungskraft.
Die todte Stille der Haide, von keinem Thierlaut unterbrochen, wirkte gewaltiger
auf den Geist des Jnglings ein, als das verworrenste Gelrm. Die Nacht war so
still, da nicht einmal das fast nie feiernde leise Rauschen der Wlder, dies
Athmen der Natur, gehrt ward. Sanft rieselnd schlug ein feiner Regen an die
Fenster, dem sich bald das lautere Pltschern einer ausgieenden Dachrinne auf
die Steinplatten vor dem Hause zugesellte.
    Das wiederholte tiefe Aufseufzen des Grovaters sagte ihm, da auch diesen
der Schlummer fliehe. Jetzt mehr als vorher, wo fremde Gesichter ihn strten,
zum Reden aufgelegt, sprach er zu dem Greise:
    Ihr schlaft auch nicht, Grovater?
    Mit den Jahren kommt der Schlaf nur langsam, doch la Dich dadurch nicht in
Deiner Ruhe stren, Paul!
    Mir ist's, als htt' ich schon ausgeschlafen. Hrt nur, wie es regnet!
    Haidewetter, nichts weiter!
    Grovater, ich mcht' Euch was fragen.
    Wer verwehrt es Dir?
    Haben wir noch weit bis an den Ort, wo meine selige Mutter geboren ward?
    Nein, Paul! Wir kommen aber vor jetzt nicht dahin.
    Aber warum denn nicht? Ich mchte so gern das Haus sehen, wo sie gewohnt,
wo sie Euch gepflegt und geliebt hat.
    Der Greis richtete sich auf und wendete sein patriarchalisches Gesicht dem
Enkel zu. Die hpfenden blulich rothen Flmmchen am Kamin beleuchteten
ruckweise seine ausdrucksvollen, von Schmerz durchfurchten, aber in Demuth
gefaten Zge. Paul, sprach er, ich habe, als wir zusammen die weite Reise
antraten, versprochen, deren Veranlassung und Zweck Dir an dem Tage zu erklren,
wo wir das Land unserer Vter betreten wrden. Dieser Tag ist gekommen, und da
es scheint, als wolle Gott mein Gebet erhren und mir die letzten Stunden meines
Lebens aufheitern, so will ich gleich jetzt mein Wort lsen und Dich, so weit es
frommt, in das einweihen, was die Zukunft auch von Dir erheischen wird.
    Du hast mich oftmals gefragt, fuhr der Greis fort, weshalb ich, da es
doch sonst Niemand zu thun pflegt, mit ledernem Riemen mir Haar und Stirn
umwinde? Es geschieht dies zur Erinnerung an eine schwere und furchtbare
Vergangenheit, deren Schauplatz diese endlose Haide und deren Umgegend ist. Oft,
lieber Paul, ehe die blutige Revolution in Polen ausbrach, hast Du den Zustand
der elenden unwissenden Bauern beklagt, die jeder Laune ihrer hochmthigen,
brutalen Herren demthig nachkommen mssen und nicht einmal murren drfen, wenn
sie unmenschlich gemihandelt, gleich dem Vieh mit Fen getreten werden. Es ist
dies das beklagenswerthe, emprende Loos aller Leibeigenen, es war auch das
meine, Paul, als ich hier lebte, denn Dein Grovater war ein Leibeigener!
    Hier berwltigte das Gefhl den alten Wenden, die Stimme versagte ihm, in
lautem Schluchzen und weinend barg er sein Antlitz in die zitternden Hnde.
    O Gott, o Gott! rief Paul. Wie kann dies mglich sein!
    Es war noch weit mehr mglich, versetzte der Greis, sich wieder
beruhigend. Hre mich an und schweige! - Wir, die wir einem und demselben Herrn
unterthan waren, wir erhielten von ihm am Tage der Confirmation den Stirnriemen
als Schmuck und Zierde, wenn Du willst als Abzeichen. Wie man den Schaafen mit
glhendem Eisen eine Ziffer in ihre Wolle brennt damit kein Anderer sie als sein
Eigenthum ansprechen kann, so legte uns unser Herr und Gebieter diesen
schimmernden Sclavenring um die freie Stirn, um uns aus allem Volk heraus zu
erkennen und sein Recht auf uns geltend zu machen! Du wirst sagen, wir htten ja
nur dieses Band der Schmach wegwerfen und fliehen drfen, um frei, um Menschen
zu werden, aber das war nicht so leicht! Einmal ist der in schimpflicher
Abhngigkeit geborene Mensch von Natur feig und nur im Augenblick wilder
Aufreizung zu selbststndigen Thaten und Entschlssen fhig, und sodann gab es
tausend Verrther aus Furcht vor Strafe. Nie gelang es einzelner Flchtlingen,
fr immer zu entkommen. Man entdeckte ihre Spur, ehe sie noch die Grenzen
berschritten hatten, und dienstwillig lieferte sie ein Herr dem andern aus!
    Aber Ihr entkamt ja doch, Grovater Ihr fandet in Polen Aufnahme und ein
freies Leben, warum kehrt Ihr nun dahin zurck, wo es Euch so elend erging, und
noch dazu mit der Abzeichen der Knechtschaft um die Stirn?
    Ja, sagte der Greis, ich entkam, aber nicht allein, nicht, weil ich es
berdrig was zu dienen, sondern in Folge eines Ereignisses wovon Du spter
hren sollst! - Warum ich hieher zurckkehre und das Band der Sclaverei trage?
Nun, ich suche am Rande des Grabes mein Vaterland auf, um Gerechtigkeit zu
fordern oder Rache zu ben! Und ich habe diesen Reif der Schmach und Schande bis
heut getragen, damit er mir in jeder Minute ein ernster Mahner sein mge nicht
blos an mein eigenes vergangenes Elend, sondern an die rechts- und naturwidrige
Unterdrckung von tausenden meiner Brder! Lngst htte ich zu sterben
gewnscht, denn ich habe alle meine Angehrigen begraben, wre nicht die Bitte
strker gewesen, die ich an Gott richtete, mich noch die Zeit erleben zu lassen,
wo das Wort Sclaverei nur noch in der Sprache, nicht mehr in der Welt existirt!
So lebe ich noch, und ich frchte noch lange leben zu mssen, sollte der Herr
der Sterne die Wnsche der Sterblichen dem Wortsinne nach erhren!
    Gewi, Gott wird Euer Gebet erhren! sagte Paul mit der naiven Zuversicht
eines jungen Menschen, der noch geneigt ist, die Lehren der Schule ohne
Bekrittelung als untrglich hinzunehmen. Ihr werdet dann auch Eure Enkelin,
meine Schwester, wiedersehen, von der ich Euch so oft heimlich mit der Mutter
sprechen hrte, wenn sie heftig weinte und keinen Trost finden konnte.
    Ein letztes Aufflackern des Kaminfeuers warf bei diesen Worten helle Lichter
auf den Greis. Paul erschrak, als er die entsetzten Mienen des Grovaters
gewahrte, die seine Bemerkung hervorgerufen hatte.
    Um Gott, Grovater! schrie der Jngling auf und warf sich an die breite
Brust des Greises. Was ist Euch? Ihr seht ja bleich, wie die steinernen Mnner
auf den Kirchhfen, und Eure Augen glhen wie Kohlen!
    Frchte Dich nicht, erwiederte der Alte, schwer aufathmend. Ich zrne
nicht, ich bin auch nicht krank, ich wute nur nicht, da schlafende Kinder
zuweilen wachen.
    Ich darf also hoffen, meine Schwester zu sehen? fragte Paul nochmals.
    Deine Schwester! Nun ja, ja, Du hast oder hattest eine Schwester, aber ich
wei doch nicht, ob Ihr einander liebhaben wrdet!
    Hat denn die selige Mutter nie etwas von ihr gehrt?
    Sie war verschollen oder verloren gegangen, ehe wir auswanderten,
erwiederte ausweichend der Greis.
    Das ist traurig! sagte Paul. Ich war immer der Meinung, jener Brief mit
dem zerbrochenen Kreuz, der Euch so heftig erschtterte, sei von dieser
unbekannten Schwester und ihr gelte unser Besuch, nachdem wir in Polen keine
nheren Freunde mehr hatten.
    Allerdings war es jener Brief, den ich noch auf meinem Herzen trage,
welcher mich zum Verkauf meines kleinen Hfchens veranlate. Er rhrte von dem
Manne her, den wir morgen aufsuchen wollen. Der Maulwurffnger war, so lange ich
in meiner Heimath lebte, mein treuester, uneigenntzigster Freund. Er war der
Letzte, dem ich beim Abschiede die Hand drckte und der mir wiederholt die
Versicherung gab, da er nie aufhren wrde, meiner zu gedenken und nach Krften
fr Freimachung meiner Stammbrder zu wirken. Wir versprachen uns gegenseitig,
einander zu schreiben, aber die Sorgen und Mhen schwerer Jahre lieen mich dies
Versprechen scheinbar vergessen. Ein einziges Mal bald nach meinem Anlauf
meldete ich dem Freunde, wie es mir in der Ferne gehe, und bald kam ein
ausfhrliches Antwortschreiben zurck, das neben manchem lustig klingenden
Schwank viel Trauriges enthielt. Mir fehlte es an Zeit und Stimmung, darauf zu
antworten, und so erfuhr ich auch nichts mehr von dem aufopfernden Freunde. Nur
die Hlfte des Messingkreuzes, das wir beim Abschiede theilten, damit es uns als
Erkennungszeichen dienen mge am Tage der Noth oder des Glcks, bewahrte ich
sorgfltig auf. Der Brief des Maulwurffngers enthielt die andere Hlfte und
eben dies zeigt mir an, da er mir Erffnungen von auerordentlicher Wichtigkeit
zu machen hat.
    Habt Ihr ihm denn unsere Ankunft gemeldet?
    Wie htte ich dies vermocht! Auch bedarf es dessen nicht! Ich kenne den
Muth und die Ausdauer Heinrichs, der nicht mde werden wrde, tglich nach mir
auszuschauen und die Hoffnung erst mit dem letzten Athemzuge aufzugeben. Ist er,
wie der Wirth versichert, wirklich noch am Leben, so finden wir uns irgendwo
zusammen, um uns fernerweit zu berathen.
    Nun dann, Grovater, lat uns freudig Vertrauen fassen, sagte Paul.
Unangefochten haben wir den alten theuren Vaterlandsboden betreten, sind
herzlich begrt worden von diesem Fremden und wissen sogar die Wege, die wir
gehen sollen. Wehalb da noch zagen und frchten! La uns gemeinschaftlich den
Allmchtigen anrufen und auf unsern Knien ihn um Erhrung bitten. Er wird dann
die milden Schatten des Schlummers ber unsere Augen breiten und die trben
Erinnerungen in unsern Seelen auslschen, bis das Licht des neuen Tages uns
weckt.
    Die ungeheuchelte natrliche Frmmigkeit des Enkels rhrte den Greis und gab
ihm wirklich ein Vertrauen, das eigener Wille nicht mehr lebendig machen konnte.
    Amen! Amen! versetzte er. Du sprichst, wie rechtglubige Christen handeln
sollten. Komm denn und la uns beten!
    Und der Greis kniete auf sein Strohlager, streckte die Arme nach seinem
jungen Enkel aus und schlo ihn fest an seine Brust. Paul aber begann mit
bewegter, halblauter Stimme eines jener langen, aus einer Menge Bibelsprche und
Liederversen zusammengesetzten Gebete, worauf die Landleute besonders viel
halten, herzusagen. Andchtig und gemessen wiederholte der Greis jeden Satz, und
wer diese beiden in hoffnungreiches Gebet tief Versunkenen so treuherzig und
kindlich glubig einander umschlingen gesehen htte, der wrde nicht ungerhrt
vorber gegangen sein und, wre er ein Verchter des Glaubens gewesen,
vielleicht mit dem Seufzer des Zllners an seine Brust geschlagen haben.
    Wohl eine Viertelstunde beteten Grovater und Enkel. Dann kte Paul die
faltige Stirn des Greises und Beide legten sich wieder auf die harte, prunklose
Streu. Noch hrten sie eine Zeitlang das raschelnde Brseln des feinen Regens an
den Fensterscheiben, zhlten die Tropfen, die in gemessenen Pausen durch eine
schadhafte Stelle des Daches ber ihnen auf einen metallenen Gegenstand fielen,
und versanken dann unmerklich in einen erquickenden traumlosen Schlummer, aus
dem sie erst durch das Knarren der Thr wieder erweckt wurden, welche zur Kammer
des Wirthes fhrte.

                                Drittes Kapitel.



                                Der Todtenstein.

Ein khler Nordwestwind hatte ber Nacht die Regenwolken zerstreut und die rein
und klar aufgehende Sonne verhie einen schnen Tag. Mit freundlichem guten
Morgen! grte der Wirth seine Gste, die schnell aufstanden und die
Strohhlmchen, welche an Haaren und Kleidern hngen geblieben waren,
abschttelten.
    Ihr habt eine ruhige Nacht gehabt unter meinem Dache, will ich hoffen?
sprach der Wirth, klappte den Deckel des Ofentopfes auf und fuhr mit beiden
Hnden in das noch laue Wasser. Schnes Reisewetter heut und gute Haidewege! So
ein anhaltender Nachtregen ist der beste Wegausbesserer. Ihr findet harten Sand
bis an die bergigen Lande hin.
    Ohne die Antwort der Reisenden abzuwarten, schlug er den kupfernen Deckel
jetzt drei Mal laut schallend zu, worauf die hbsche Magd vom vorigen Abend den
Kopf zur Thr hereinsteckte und nach seinem Begehr fragte.
    Znde Feuer an, Lene! befahl der Wirth, Der Morgen ist schaurig, und ehe
die Sonne ber die Haide geht, fegt uns der Wind die ganze Stube aus. Du kannst
auch ein Kienfeuerchen anmachen der Heimlichkeit wegen und hrst Du, sag' dem
Knecht, er solle das faule Judenpack wecken und ihm die Pferde unserer
Nachtgste anschirren helfen! Ihr wollt doch bei Zeiten aufbrechen, fuhr er, zu
dem Greise gewandt, fort, oder habt Ihr Euch anders besonnen?
    Mein Beschlu steht fest. Sobald der Fuhrmann gefttert hat, brechen wir
auf.
    Doch zuvor et Ihr noch ein paar Lffel frische Grtzsuppe. Die Lene
versteht sich auf die Kocherei, wie selten eine Dirne. Euer Lebtage, sag' ich
Euch, habt Ihr in Polen keine solche Grtzsuppe gegessen, wie ich sie Euch
vorsetzen werde.
    Dankbar nahmen die Reisenden diesen Vorschlag an und gaben gern schon dem
freundlichen Wirthe zu Gefallen zu, da die genannte Morgenspeise untadelig und
beraus vortrefflich sei. Nach diesem derben krftigen Frhstck berichtigte der
Greis die billige Zeche und verabschiedete sich von dem Schenkhalter.
    Habt Dank, sprach er, fr Quartier, Kost und gute Auskunft, die Ihr mir
gegeben. Der Herr vergelt's Euch tausend Mal, und sollten wir uns einmal wieder
zusammenfinden, will's Gott, so mge unser Wiedersehen ein recht frhliches
sein. Beht' Euch Gott!
    Reis't glcklich, alter Vater, und macht gute Verrichtung! Aber sagt, wollt
Ihr mich so fremd wieder verlassen, als Ihr in mein armes Haus getreten seid? Es
ist Sitte bei uns, da ein Nachtgast seinen Namen zurcklt. Also, wie nennt
Ihr Euch?
    Jan Sloboda, versetzte der Greis. Der Name erlscht mit meinem Tode, da
ich keine mnnlichen Nachkommen habe.
    Gottes Segen auf Euer Haupt, Jan Sloboda! rief der Wirth, schttelte dem
Alten wiederholt die Hand und half ihm in das zerbrechliche Fuhrwerk steigen,
das bereits vor der Thr auf die Reisenden wartete. Der schmchtige jdische
Knabe sprang auf den Wagentrim der Kutscher pfiff den Pferden und in munter
Trabe ging es fort an dem Wiesenrande hin in die rauschende, harzduftige Haide
hinein.
    Der sandige, vom Nachtregen festgeschlagen Weg fhrte dicht an den groen
Teichen von ber, die alle nur durch schmale Dmme getrennt waren und mittelst
Schleuen mit einander in Verbindung standen. Zusammen bildete sie eine
ansehnliche Wasserflche, die auf alle Seiten von der dichtesten Haide
umschlossen ward. Ein paar Vorwerke, Torfhtten und ein Forsthaus lagen in der
Nhe auf ausgerodetem Haideboden. Der Fahrweg streifte fast die Frsterwohnung,
bog alsdann wieder in die Kieferwaldung ein und verlor sich im Dunkel der hohen,
rauschenden Stmme. Die Reisenden brauchten ein paar Stunden, um diese Wlder in
querer Richtung zu durchschneiden, und sie wrden auf diesem einfrmigen Wege
lange Weile gehabt haben, wren sie nicht von Zeit zu Zeit an Khlerwohnungen
und Pechsiedereien vorbergekommen, um die es immer ein buntes Gewimmel von
Menschen gab. Auf freien, hochgelegenen Pltzen im Walde, ber die sich die
Strae zog, sahen die Reisenden auch ber dem unabsehbaren schwarzen Dickicht
die blauen Rauchsulen der Meiler an hundert Orten zugleich in die khle
Morgenluft steigen.
    Mit dem Aufhren der Haide nahm die Gegend sogleich einen andern Charakter
an. Thler, Hgel, Berge und Felsgruppen traten zu romantischen Aus-und
Ansichten zusammen. Klare, lebendige Bche hpften murmelnd ber Kies und
schimmerndes Gestein. Heitere Drfer zogen sich in Thlern und an Hgeln hin.
Kirchthrme blinkten im Sonnenschein und die hohen Giebel und alten Thurmzinnen
manchen Edelhofes sahen aus ehrwrdigem Ulmen- und Eichengebsch hervor. Das
Gelut der Glocken, die zur Kirche riefen, ertnte auf allen Seiten, und
berhrten die Reisenden ein Dorf, so begegneten sie hufig geschmckten Mdchen
und Frauen, die wohl dem ungewohnten Fuhrwerk verwundert nachsahen.
    Obwohl der Jude seine Pferde tchtig antrieb, war die Mittagsstunde doch
schon vorber, als das am Fu seiner romantischen Gebirge prchtig gelegene
Knigshain den Reisenden sichtbar ward. Paul konnte sich nicht satt sehen an den
vielen wechselnden Fernsichten und den sonderbar gestalteten Gipfeln der Berge,
die khn und phantastisch hinter dem im Thale liegenden volkreichen Orte
emporstiegen. Htte Sloboda ihn nicht belehrt, da er nur uralte Felsgebilde vor
sich habe, so wrde der schaulustige Jngling mit Zinnen und Wartthrmen
geschmckte ungeheure Burgtrmmer aus dem Mittelalter zu erblicken geglaubt
haben.
    Von einer Menge gaffender Kinder umgeben, erreichte das polnische Fuhrwerk
den Gasthof. Hier beschlo der Greis bis auf Weiteres zu rasten, lie ein
Mittagsmahl auftragen und erkundigte sich, gleich einem Fremden, nach den
Sehenswrdigkeiten der Gegend und namentlich nach den umliegenden merkwrdigen
Felsbergen. Der Wirth war sogleich bereit, jede mglich Auskunft zu geben. Er
hielt die Reisenden fr Russen schon wegen der ungewohnten Tracht des Greises
und pries ihnen die wundervolle Aussicht auf den nahen Bergen, namentlich auf
dem Todtensteine, mit beredter Zunge an.
    Den Todtenstein, ja, den mssen Sie sehen, meine Herrschaften, sagte er,
auf einem Schemel neben den Reisenden Platz nehmend und behaglich seine Pfeife
rauchend. Das ist ein Felsen, wie es keinen mehr gibt in deutschen Landen! Die
Gelehrten aus Grlitz und Dresden und andern berhmten Stdten kommen blos
hieher, um die alten Steine zu beschauen, und ich habe von den gelahrten Herren
manch wundersames Wort vernommen, wenn sie nachher mit einander bei einem Glase
Bier hier an demselbigen Tische ber das Gesehene und Gefundene discurirten. Sie
mssen nmlich wissen, meine Herrschaften, da hier herum und weit ins Land
hinein, sogar bis hinauf in die Gebirge vor alten Zeiten dumme und blinde Heiden
gewohnt haben, von denen die Wenden nach Lbau zu und weiterhin noch ein
Ueberrest sind. In meiner Jugend gab's auch ganz in der Nhe noch einzelne
wendische Bauern, jetzt aber sind sie schon seit Jahren theils ausgestorben,
theils weggezogen. Es hie, sie htten sich nicht mit den Deutschen vertragen
knnen, was leicht sein kann, denn es ist ein hartkpfiges, aberglubisches
Volk, das eine Sprache redet, wie sie kein Hund bellt! - Aber, was ich sagen
wollte, die Herren Gelehrten und Bcherschreiber haben es richtig
herausgebracht, da diese alten Heiden auf dem Todtensteine ihre
gtzendienerischen Opfer gehalten, ihre Feinde geschlachtet und sie nachher mit
Stumpf und Stiel verbrannt haben. Denn grausam, ach grausam war das Volk ganz
abscheulich! Letzthin erst, es sind noch keine vier Wochen her, haben ein paar
Gelehrte, die ber acht Tage lang in den alten Klften herumgekrochen sind und
alle Spalten visitirt und genau beguckt haben, eiserne Ringe gefunden und
Kettenglieder und einen steinernen Schlgel, den sie ein Opferbeil nannten, und
Blutkrge und Schsseln und mehr solch Zeug, was Alles die wendischen
Gtzenpriester bei ihren Opferfesten brauchten. Deswegen, meine Herrschaften,
weil entsetzlich viel Blut da oben vergossen worden ist, heit der Fels auch bis
auf den heutigen Tag der Todtenstein!
    Nach diesen Bemerkungen, die Sloboda dankend hinnahm, erbot er sich, da es
gerade Sonntag sei und er weiter nichts zu thun habe, die Reisenden, wenn sie es
wnschen sollten, zu begleiten. Damit war aber dem Greise nicht gedient, weshalb
er fr diese Geflligkeit dankte unter dem Vorwande, da er schwerlich schon
heut dazu kommen werde, die umliegenden Berge zu besteigen, indem wichtige
Geschfte seine Zeit in Anspruch nhmen, an einem der nchsten Tage dagegen
wrde es ihm sehr angenehm sein, wenn er ihm einen der Gegend kundigen Fhrer
verschaffen wolle. Der Wirth stand sogleich von seinem Vorhaben ab, da er auf
ein lngeres Verweilen der Reisenden hoffen durfte, und Sloboda konnte sich nach
einiger Zeit in Pauls Begleitung unbemerkt entfernen.
    Auf Stegen, die ihm noch wohl bekannt waren, fhrte Sloboda seinen Enkel aus
dem Dorfe. Ein vielspuriger Feldweg zog sich den Berg hinan, dessen Gipfel die
hohe und breite Steinmasse der granitenen Burg schmckte. Links und rechts war
der Berg eine gute Strecke hinauf bebaut, bis Steingerll, Schlinggewchse und
Schwarzholz das fruchttragende Erdreich verdrngten.
    Etwa einen Bchsenschu von dem Todtensteine entfernt hrte der eigentliche
Weg auf. An dieser Stelle bersah man das reich angebaute Land mit seinen
Drfern, Schlssern und Kirchen bis weit in die Lausitz hinein. Sloboda blieb
stehen und kehrte sich um. Eine Thrne rieselte ber seine gefurchten Wangen,
und indem er Pauls Hand ergriff und auf die sich kreuzenden Pfade deutete, deren
eine Menge nach allen Seiten liefen, sprach er: Das ist der Ort, wo das groe
Unglck begann!
    Welches Unglck, Grovater?
    Das mich vertrieb, mich flchtig und heimathlos machte und Dich unter einem
fremden Volke geboren werden lie.
    Und das meine arme Mutter nie vergessen konnte?
    Das sie nie vergessen durfte! wiederholte Sloboda mit dumpfem
Zornesgrolle.
    Ach warum habt Ihr so oft davon gesprochen und mir doch nie gesagt, worin
es bestanden hat!
    Weil es unntz gewesen wre! Doch jetzt Paul, ist vielleicht die Zeit
gekommen, wo Du erfahren mut, was Deine Mutter, Dein Vater, was ich und alle
Diejenigen erduldet haben, die vor vierzig und mehr Jahren in diesen gesegneten
Fluren lebten! Darum la uns eilen! Dort oben unter den drohenden Granitklippen
des Todtensteines wird sich das Rthsel lsen!
    Mit sonderbaren Gefhlen traten die beiden Reisenden in das gelichtete Holz
einen schmalen Fusteig hinanklimmend, der durch niedriges Gestrpp, durch
Wachholderbsche und Brombeergestruch grade nach dem Granitfelsen fhrte,
dessen schwarzgraue Breitseite, von Immergrn, Epheu, wildem Wein und Hopfen
malerisch umrankt, wie eine ungeheure Burgmauer grade vor ihnen lag. Hie und da
wucherte in drftigem Erdreich eine Kiefer auf dem Gestein und schlang ihre
gekrmmten Wurzeln, gleich goldglnzenden Schlangen, um die vorspringenden
Felsen. Der Anblick des Todtensteines war imposant und staunend starrte der
junge Paul die zerrissenen, wohl achtzig Fu hohen Wnde an, um die jetzt
pfeifend der Nordwestwind heulte. Sloboda aber lie ihm keine Ruhe. Schneller,
als man von dem Greise erwarten konnte, schritt er nach einer tiefen Kluft, die
den riesigen Granitblock in zwei ungleiche Hlften zerschneidet und den Aufgang
zur freien Hhe desselben bildet. Nicht fern von dieser kaum anderthalb Ellen
breiten Schlucht sieht man schrg am Gestein eine sitzartige Vertiefung, welche
das Volk den Teufelssitz nennt.
    Die Reisenden mochten etwa noch hundert Schritte von dem Felsen entfernt
sein, als Sloboda ein Gerusch zu hren glaubte, wie wenn Jemand mit Eisen oder
Stahl gegen einen Stein schlge.
    Was war das? fragte er mehr sich selbst als seinen neben ihm
herschreitenden Enkel.
    Ich glaube, es schlug sich Jemand in der Nhe Feuer an, versetzte Paul und
blieb horchend stehen. Indem wiederholte sich das Gerusch deutlich und die
Horchenden konnten nicht mehr zweifeln, da wirklich irgend wer mit Stahl und
Feuerstein zu schaffen habe.
    Paul, rief Sloboda mit gepreter, vor Freude und Erwartung zitternder
Stimme, das ist Niemand als Heinrich, mein Jugendfreund, der ehrliche
Maulwurffnger vom Todten!
    Mit verdoppelter Eile kletterten sie nun ber das von hohem Farrenkraut,
Ginster und anderem Gestruch wild bewachsene Steingerll, erreichten die
erwhnte Schlucht, in welcher hlzerne Stiegen zur Erleichterung des
Hinaufklimmens eingekeilt waren, und erblickten jetzt den moosbewachsenen, von
Epheu dachartig berwlbten Teufelssitz. Er war nicht leer, ein Mann hatte ihn
eingenommen, der eben damit beschftigt war, ein frisch angezndetes Stckchen
Schwamm auf seine kurze Holzpfeife zu legen, die er mit bedchtigen Zgen
tchtig in Brand zu setzen suchte. Er war so ganz mit Seele und Auge dabei, da
er die Annherung der Fremden nicht bemerkte.

                                Viertes Kapitel.



                              Der Maulwurffnger.

Unschlssig blieb Sloboda stehen und betrachtete den Rauchenden so gierig, als
wolle er ihn mit seinen Blicken durchbohren. Der Mann am Teufelssitze war von
untersetzter Statur, stmmig und von breitem Schulterbau. Sein Gesicht hnelte
einem Europer nur wenig, so dunkelbraun hatten es Sonne und Wetter gefrbt. Wie
alle Landleute dieser Gegend trug er keinen Bart. Ein schmales, spitz
zulaufendes Kinn, ein kleiner Mund und eine keckgebogene stolze Adlernase, ber
der sich trotzig eine stark gewlbte, etwas vorspringende Stirn erhob, gaben ihm
ein unternehmendes, furchtloses und ungemein listiges Ansehn. Ein offenbar viel
getragener und nur bei alten Leuten noch blicher dreieckiger Hut sa ihm etwas
schief auf dem linken Ohr. Neben ihm an dem Felsen lehnte ein langer Stock von
rothgebeiztem Schlehdorn, der keine andere Zierde, als ein schmales
Lederbndchen am obern Ende trug, um es um die Hand zu schlingen.
    Als dieser Mann seine Pfeife gehrig in Brand gesetzt hatte, schlug er die
Beine ber einander und sah aufwrts nach dem Himmel, als wolle er das Wetter
erproben. Dabei fiel sein Blick auf die Fremden, die kaum zwanzig Schritte von
ihm an einem Felsblock lehnten. Dieser Blick war so merkwrdig, so
charakteristisch, da, wer nur ein Mal von ihm getroffen ward, ihn nie wieder
vergessen konnte. Wie ein silberner Funken glitt er aus einem krystallklaren,
hellgrauen Auge, in dem ein unbeschreibliches Gemisch von Gutmthigkeit und
Schalkheit, von Humor und Ernst, von Stolz und Demuth lag. Starke und struppige
eisgraue Augenbrauen verliehen diesem wunderbarem Auge noch mehr Charakter,
whrend das lang gewachsene Haupthaar, das ein schwarzer Hornkamm am Hinterkopf
zusammenhielt, zu scheuer Ehrfurcht aufforderte.
    Jan Sloboda, sagte er nach kurzem Zgern, wenn es nicht Dein Geist ist,
der hier umgeht, so tritt nher, denn bei der heiligen Gottesmutter, ich sehe
Dich vor mir, wie ehedem in vergangenen Tagen!
    Du irrst Dich nicht, Heinrich, ich bin Jan Sloboda! rief der Wende und
warf sich dem Jugendfreunde gerhrt an die Brust.
    Der Maulwurffnger, nicht gewohnt, seine Gefhle rcksichtslos zu
offenbaren, erwiederte die Umarmung des alten Freundes herzlich, aber weniger
strmisch, als der heftig ergriffene Greis. Er stand auf und ohne langes Hin-
und Herreden Pauls Hand ergreifend, der dieser Begrung stumm zugesehen hatte,
zog er Beide mit sich fort nach einem Ueberhange, unter dem sich eine breite
Moosbank, geschtzt gegen den Luftzug, befand.
    Hier setzt Euch, Grovater und Enkel, sprach er heiter lchelnd, denn da
der schlanke Junge Dich etwas angeht, das ist ihm auf die breite Stirn
geschrieben. Also niedergesetzt und dann erzhlt, ruhig, ohne Sprung und
Leidenschaft! Hat mein Brief Dich gefunden?
    Ihm verdanke ich es, da ich Dich noch ein Mal wiedersehe, da ich nach
vierzig Jahren Deine Hand nochmals in der meinigen fhle, Dich wieder sprechen
hre!
    Ja, fiel der Maulwurffnger still lachend ein, ein Erdfahrer wie ich, der
mit allerhand schlechtem Gewrm frhzeitig Bekanntschaft macht, wird bei Zeiten
klug und hart gegen weltliches Ungemach und menschliche Tcken. Noch fhle ich
mich krftig, wie vor vierzig Jahren, und wenn's mir nachgeht und meinem Willen,
so hre ich unter zwanzig Jahren nicht auf, die feinhrige Brut in ihren
Schatzgrbereien zu stren. Aber weit Du, da mir bange war vor Dir, Alter? Der
hat lange in's Gras gebissen, dacht' ich, als ich mich hinsetzte und mhselig
die paar Zeilen kritzelte. Denn ich rechnete so: entweder er ist vor Kurzem
gestorben oder Polen und Russen haben ihn gemeinschaftlich massacrirt. Da Du
trotz dem am Leben bist und obendrein gesund und hier, hier an dem alten
Gtzensteine, das freut mich von Herzen, Jan! Wie geht's Deinem Kinde?
    Sloboda zeigte gen Himmel. Sehr wohl, Heinrich! Sie ging heim, ehe die
Revolution beendigt war.
    Also auch schon dahin! Nun, Alter, das thut nichts. Sie war grade kein
apartes Glckskind trotz ihrer Lieblichkeit, und fr ihre Jahre hat sie genug
erdulden mssen. Aber wieder auf meinen Brief zu kommen: was dachtest Du denn
dazu?
    Ich bin hier und Du fragst noch?
    Freilich, Jan! Das Schkern und Necken hab' ich noch immer nicht verlernt.
Verdammt! Da ist mir richtig mein Kraut wieder ausgegangen! Und - pink! pink! -
schlug Heinrich aufs Neue Feuer an und setzte sein Gesprch gemthlich fort.
    Was veranlate Dich zu diesem rthselhaften Briefe?
    Ein glcklicher Zufall, ein Wunder, wenn Du willst! Du kennst mein Gewerbe,
dem ich von Jugend auf mit Lust und Liebe zugethan war, das mich leidlich nhrte
und mir die Bekanntschaft vieler bald guter bald bser Menschen verschaffte. Ich
hab's fortgetrieben bis heut, ohne die Lust dran zu verlieren, obschon in
neuester Zeit wenig mehr dabei zu verdienen ist, weil die meisten Grundbesitzer
sich einbilden, das Maulwurffangen sei keine Kunst, und nun, was ich mit der
elastischen Schlinge zierlich und leise bewerkstellige, sie mit plumper Hand
mittelst spitzer Fangeisen zu erreichen suchen. Freilich luft ihnen manchmal
eine der blinden Bestien in die grob gelegte Falle, aber ich sage Dir, ein solch
gefangenes Thierchen sieht sich nicht mehr hnlich. Die Stacheln zerfleischen
ihm den sammetweichen schwarzen Spenser, den ihnen unser Herrgott angezogen und
der mir manchen Speciesthaler eingetragen hat. Na, sei's wie's sei, ich mache
doch noch immer meine Wege, senke meine schlank gebogenen Schlingen in die Erde
und habe meine Freude daran, wenn frh und Abends die frischen Wippen mit meinen
Gefangenen wie schwarze Fhnchen ber den grn schillernden Saaten aufgerichtet
stehen.
    Nach Deiner Auswanderung that mir Niemand etwas zu Leide, fuhr er fort,
obwohl Mancher heimlich Lust dazu haben mochte. Sie trauten sich nicht an mich,
weil sie mich frchteten und auch nichts Sicheres gegen mich aufbringen konnten.
So blieb ich denn vllig ungestrt wer ich war, und fing Jahr aus und Jahr ein
meine Maulwrfe. Der Edelhof an der Haidenkante, wo damals unser blauhutener
Junker hauste, war nach wie vor ein hufiger Aufenthaltsort fr mich. Seine
Aecker, Wiesen und Lndereien standen unter meinem Messer und ich habe manch
tausend Nasenwrfel auf die knstlich gegrabenenen Mrdergruben gelegt, aus
denen meine Springeisen die fleiigen Arbeiter in die Luft schleuderten. Sieh da
begab sich's in diesem Frhjahr, da ich auf dem groen Flachsfelde dicht hinter
dem Herrenhause eine Falle stellen will, just neben einem hohen frisch
aufgeworfenen Maulwurfshaufen. Um Raum zu gewinnen, sto' ich mit dem Fue den
Erdaufwurf um und ein zusammengerolltes Papier kommt zum Vorschein. Das wundert
mich, denn es war mir dergleichen noch nicht begegnet. Sind denn die Maulwrfe
Schriftgelehrte geworden, denk' ich, und hebe das Rllchen auf, das ganz sauber
in ein wachstuchenes Lppchen eingeschlagen ist. Als ich's aufwickle, war's
nicht mehr und nicht weniger als ein Bogen gestempeltes Papier, auf einer Seite
halb beschrieben, und was mir auffiel, unter der Schrift stand in mir
wohlbekannten Zgen der ganze Name unsers saubern Zeisigs von Grafen. Wohl
bekomm' ihm das ewige Leben, er ist schon lange todt! Das machte mich natrlich
neugierig und so fange ich denn an zu lesen, lese ein, zwei, drei Mal und glaube
immer noch zu trumen, denn ich hatte nichts anderes in Hnden, als eine
vollkommen giltige, rechtskrftig untersiegelte Verschreibung vom Grafen Blauhut
fr Rschen -
    Fr Rschen! unterbrach ihn Sloboda.
    Das ist unmglich, Du hast Dich getuscht! Rschen hat nie eine Sylbe davon
gesagt!
    Leider wahr! Sie hat nie davon gesprochen, da ich es wte, dennoch aber,
Freund Jan, ist die Verschreibung da und ich habe sie daheim wohl verschlossen
in meiner Lade.
    Es mu ein Irrthum sein, Heinrich! Wie htte sich auch das Papier so lange
halten knnen und wie konnte es in den Maulwurfshaufen kommen?
    Heinrich lachte. Das ist eben das spahafte Wunder dabei, versetzte er.
Unser Herrgott wei immer Mittel und Wege zu finden, wenn ihm etwas daran
gelegen ist, altes furchtbares Unrecht auszugleichen und frhere Missethaten zu
bestrafen!
    Und was stand in dem Stempelpapiere, das Du eine Verschreibung nennst?
    Darin steht, da Rschen Sloboda, falls sie lebendige Nachkommen
hinterlt, zu Gunsten dieser Kinder nach des Grafen Tode Anspruch haben soll
auf den fnften Theil seiner Gter! Noch mehr! Das Schreiben fhrt namentlich
die Besitzungen auf, welche ihr von Rechtswegen zufallen sollen, und unter
diesen den schon erwhnten Edelhof nebst dem Vorwerke, die groen Fischteiche
und die ganze moorige Haidestrecke, die sie links und rechts umgibt. Das und
noch mehr kannst Du mit eigenen Augen lesen, wenn Du zu mir kommst!
    Und aus diesem Grunde allein hieltest Du es fr nthig, mich alten Mann
ber hundert Meilen hieher zu rufen? fragte mit betrbter Stimme und uerst
niedergeschlagener Miene der alte Wende.
    Ich glaube gar, erwiederte Heinrich, indem er die schon wieder erloschene
Pfeife durch neuen Schwamm in Brand setzte, ich glaube gar, Du willst mir
Vorwrfe machen, da ich Dich aus Deinem halbwilden Schlupfwinkel unter
vernnftige Menschen gebracht habe? Rechne doch nur zusammen, was Dir und Deinen
Nachkommen dieser Fund ntzen kann! Der Graf ist freilich todt, an ihn knnen
wir uns nicht mehr wenden, aber seine drei Shne leben und besitzen, was in
Folge schlechter und lderlicher Wirthschaft von den groen Gtern ihrer
Vorfahren aus dem allgemeinen Untergang zu retten war. Zwei sind im Auslande,
der Aelteste blieb in seiner Heimath. An ihn wenden wir uns. Die Jugendstreiche
seines grausamen Vaters sind noch nicht vergessen im Volke. Der Vater erzhlt
sie dem Sohne, der Sohn dem Enkel, wenn sie den Kindern ein Bild schwerer
Zeiten, kummer- und thrnenreicher Tage entwerfen wollen. Er hat oft davon hren
mssen und es kann und wird ihn nicht berraschen, wenn die Folgen von seines
Vaters Schandthaten jetzt an seine Thr klopfen und um Recht bitten. Ich wei,
da er hochmthig drein schauen wird, denn er ist von Gemth nicht viel besser
als sein Herr Vater. Er wird die Aechtheit des Papieres lugnen und Dich anfangs
abweisen. Spter, wenn Du mit gerichtlicher Verfolgung drohst, wird er sich
geschmeidiger zeigen und das Ende nach mancherlei Winkelzgen wird sein, da er
Dir eine anstndige Geldsumme zahlt, dem Scheine nach, um Dich abzufinden,
eigentlich aber um Dein Schweigen damit zu erlaufen. Diese aber wird Dir und
Deinem Enkel vortrefflich zu statten kommen.
    Du vergit, alter, ehrlicher Freund, da jene Nachkommen, deren die Schrift
Erwhnung thut, gar nicht vorhanden sind.
    Der Maulwurffnger sah den Wenden mit seinen hellgrauen funkelnden Augen so
schlau an, da Sloboda ganz verwirrt ward.
    Diese Nachkommenschaft will ich aus ihrem Grabe erwecken, sagte er dster
und mit einem Blick, in dem ein Gemisch triumphirender Lust, Bosheit und
Rachsucht funkelte. Frage mich nicht, alter Freund, was ich damit sagen will,
Du sollst es spter erfahren! Erinnere Dich nur noch der schauerlichen
Hochzeitsnacht, des Herbsttages, der Streu in der Haide -
    O ich erinnere mich! rief Sloboda aus, sein Gesicht mit beiden Hnden
bedeckend, als wolle er die Erscheinung eines erschtternden Bildes, das in
grausiger Beleuchtung vor ihm aufstieg, von sich abwenden. Aber sie kam um -
ward umgebracht - mit Gewalt, mit Absicht - ich darf nicht daran denken!
    So heit es, Jan, und mglich, da es so ist, dennoch verspreche ich Dir,
die Schatten der Todten aus ihren unbekannten Grbern aufsteigen und sie Zeugni
ablegen zu lassen! Ich will nicht umsonst gelebt haben, nicht umsonst ruhelos
Berge und Haide durchwandert sein zu jeder Stunde des Tages und der Nacht! Fr
Dich oder fr die allgemeine Gerechtigkeit lebte, forschte, arbeitete ich. Nicht
der kleinste Umstand ging meinem scharfen Auge, meinem sich nie trgenden
Gedchtni verloren. Ich habe Alles aufgezeichnet und aus lngst vergangenen und
verschollenen Begebenheiten ein Netz geschrzt, das Niemand ahnt, am wenigsten
Deine Feinde. Du konntest das nicht wissen, was zu meiner Kenntni gelangte.
Deine Flucht hinderte Dich daran. Ich aber sammelte und wrde meine Sammlung
schon lngst benutzt haben, wre die Zeit gnstig dazu gewesen. Jetzt ist der
glckliche Augenblick endlich gekommen und nun soll der groe Proze der
Unterdrckten, Gepeinigten, Geknechteten gegen ihre Unterdrcker und Peiniger
beginnen und ich verlange von Dir weiter nichts, als da Du zuerst Deine Stimme
als Klger erhebst!
    Obwohl Sloboda kaum eine Ahnung von dem Vorhaben des Maulwurffngers hatte,
setzte er doch ein so unbedingtes Vertrauen in die Redlichkeit dieses seltenen,
eigenthmlichen Charakters, da er ohne Zaudern seine Einwilligung dazu gab und
als Klger aufzutreten erklrte.
    Top, es gilt! sagte Heinrich mit jenem schlauen und gutmthigen Lcheln,
das stets ber seine braunen Zge lief, wenn er einen weislich entworfenen Plan
seinem Gelingen sich nhern sah. Ehe wir jedoch die Feindseligkeiten erffnen,
will ich mit meinem Bruder, dem Schulmeister, Rcksprache nehmen. Bei all seinen
oft beschrnkten Ansichten hat er doch einen praktischen Blick und hinlngliche
Rechtskenntnisse, um in den vertrackten Formeln nicht zu verstoen. Auch kann er
gut schreiben, weshalb er die ganze Unglcksgeschichte bis in alle kleinsten
Einzelnheiten zu Papiere gebracht hat. Solche Schriften sind gute
Gedchtniaufhelfer, und wenn mir irgend etwas nicht mehr ganz deutlich vor der
Seele steht, so werfe ich einen Blick in die Schreiberei und frische die
erbleichenden Farben wieder auf.
    Sloboda, von dem Gehrten ganz betubt, schttelte mehrmals den Kopf, als
knne und drfe er nicht daran glauben. Nach einer Weile fragte er lebhaft: Wie
ist Nathanael gestorben? Ich habe oft in der Fremde sein Schicksal beklagt,
obwohl er glcklicher war als ich!
    Er starb den Tod der Armen, versetzte Heinrich. Fasse Dich nur in Geduld,
Du sollst ber Nichts in Zweifel gelassen werden und Alles soll beitragen, Deine
Feinde, die immer auch die meinigen sein werden, zu demthigen, wo mglich zu
strzen, Dich aber zu erhhen.
    Ich verlange nicht darnach, Freund, ich will mich glcklich schtzen und
dem Vater im Himmel danken, wenn ich in nicht gar langer Zeit ruhig und
glaubensvoll sterben und dann sagen kann: Gott Lob, Deine Gnade hat sich
wunderbar an mir und den Meinigen offenbart!
    Das ist, nimm mir's nicht bel, Jan, ein Bischen wendisch gesprochen! Die
gttliche Gnade mag eine ganz hbsche Einrichtung sein, zu der wir in schlimmen
Stunden Alle unsere Zuflucht nehmen knnen, allein mein Kopf- und Ruhekissen
will ich mir nicht damit ausstopfen lassen. Ein Stck redlicher Wille und
geistige Kraft reichen schon eine Weile aus und befriedigen mehr als die liebe
Gnade, und berdies taugt es in dieser verdorbenen Welt oft gar nichts, wenn man
allzu hufig von ihr Gebrauch machen will. Ich halt's in diesem wie in manchem
andern Punkte mit meinen Landsleuten, den Bauern, die immer und immer, wenn
ihnen der Pfarrer hundert erquickliche Predigten von Vergeben und Hinhalten des
andern Backen vorgesagt hat, auf die einfachen und vernnftigen Worte
zurckkommen: So denke ich eben auch, Herr Pfarrer, aber ich will justement mein
Recht und sollte mich's den letzten Groschen kosten! - Diese Bauernregel, Freund
Jan, ist ein Satz voll Weltweisheit, den Niemand vergessen sollte, am wenigsten
der Arme, der Gedrckte. Erst wenn jeder Arme unablssig nach dem Rechte schreit
und Blut und Gut, so viel er eben davon hat, willig dafr hingibt, erst dann
wird es besser werden mit dem Volke. In meinen Gedanken stelle ich mir unter
dieser Zeit der allgemeinen Rechtsherrschaft das vor, was die Gottesgelehrten
das tausendjhrige Reich nennen.
    Whrend Heinrich wieder Feuer anschlug, fuhr er fort: Bisher, Alter, habe
ich von dem gesprochen, was sich hier zugetragen hat, jetzt, dchte ich, wr' es
Zeit, da Du auch mir Dies und Jenes von Deinen Erlebnissen mittheiltest. Ich
sehe, da Rschen Dich zum Grovater gemacht hat, denn der Page da hat die
ganzen Augen der Mutter.
    Paul ist mein Enkel, Du hast es errathen, der einzige noch brige Sprling
meines unglcklichen Kindes! - Lieber Gott, was soll ich viel von meinem Leben
voll Arbeit, Mhseligkeit und Drangsal sprechen! - Als ich mit den Meinigen nach
jenem entsetzlichen Ereignisse die Flucht ergriff, nahm ich den
niederschmetternden Eindruck des Erlebten mit mir in die Fremde. Froh und heiter
ward ich nur auf Stunden. Es gelang mir, durch groe Sparsamkeit und
unermdliches Arbeiten nach Jahren etwas vor mich zu bringen, wobei meine
Tochter mit ihrem Manne mich redlich untersttzte. Rschen gebar ihrem Gatten
drei Shne, wovon Paul der jngste ist. Sie wuchsen zu unser Aller Freude
krftig auf und ihre Aeltern glaubten, da vor dem dereinstigen Glck dieser
Kinder ihr eigenes Unglck endlich ganz in den Hintergrund treten werde. Obwohl
die Aeltern es wnschten, da sich die um Vieles lteren Brder Pauls
vortheilhaft verheirathen mchten, blieben sie doch ledig, zu unserm Glck, mu
ich sagen nach dem, was spter sich ereignete. Ich bergehe die kleinen
Erlebnisse im Hause, da sie von keiner Wichtigkeit sind. Unser Umgang war so
beschrnkt, da wir eigentlich nur unter uns allein lebten und einen kleinen
Staat fr uns bildeten. Wir waren den Umstnden nach zufrieden, denn was wir
besaen, darber konnten wir nach Belieben verfgen. Es gab keinen Herrn, der
uns plagen und schinden durfte, obwohl wir nur zu oft dies Schauspiel bei den
armen verdummten Bauern traurigen Blickes mit ansehen muten. - Da brach die
Revolution aus und gestaltete das ganze Land um. Alles, was Waffen tragen
konnte, mute freiwillig oder gezwungen unter die Reihen der
Vaterlandsvertheidiger eilen. Auch Pauls ltere Brder theilten mit tausend
Andern das nmliche Schicksal. Sie schlossen sich den gefrchteten Sensenmnnern
an, und obwohl sie mit ihren Herzen nicht Polen waren, mu ich ihnen doch das
Zeugni geben, da sie rhmlich und heldenmthig ihr zweites Vaterland gegen die
hereinbrechenden russischen Heere vertheidigten. Bei Ostrolenka fiel der
Aelteste, mit Wunden bedeckt kehrte sein Bruder zu uns zurck, um uns die
Trauerkunde zu berbringen. Die Mutter warfen Schreck, Kummer, Verzweiflung aufs
Krankenlager. Nach kurzer Rast verlie uns der kaum von seinen Wunden Genesene
abermals, diesmal in Begleitung seines Vaters. Es galt die Vertheidigung der
Hauptstadt, zu der auch ltere Mnner dringend aufgerufen wurden. Vater und Sohn
schieden mit stummem Hndedruck von meiner weinenden Tochter und von Paul, der
allein mit mir und zwei jdischen Dienstboten bei der Kranken zurckblieb. Ich
habe die Scheidenden nicht wiedergesehen. Russische Karttschenkugeln zerrissen
Beide in einem Augenblicke auf den Schanzen von Wola! Dieser neuen
Todesbotschaft erlag auch Rschen. Sie ruht, von Immergrn umrankt, in den
polnischen Wldern! Ich gedachte bald neben sie gebettet zu werden, als Dein
Brief das erlschende Licht meines Lebens von Neuem anfachte und mich um Kraft
zu dieser schweren, gefahr- und mhevollen Reise zu Gott bitten lie. - Ehe ich
aufbrach, verkaufte ich mein Besitzthum an einen vornehmen Russen, dem ich das
Leben gerettet hatte und der aus Dankbarkeit dafr nicht wissen wollte, da zwei
meiner Enkel gegen ihn gekmpft hatten. Er verschaffte mir zugleich die nthigen
Papiere, um nicht an den Grenzen als Flchtling aufgegriffen und zur Strafe nach
Sibirien transportirt zu werden. So kam ich denn glcklich nach Preuen,
erreichte die heimischen Haiden und sah Dich wieder, den ich hundert Mal unter
den Todten geglaubt und gesucht hatte!-
    Pink-Heinrich stirbt nicht so geschwind, versetzte gutmthig lachend der
Maulwurffnger, sich selbst mit seinem immerwhrenden Feueranschlagen
persifflirend. Aber das mu ich sagen, Jan, ein Glcksvogel bist Du grade nicht
geworden, ausgenommen, da Du selber dem gefrigen Unthiere, das wir so
bescheiden Tod nennen, entgangen bist. Freut mich nur, da meine alten Augen
wenigstens ein Stiftchen von dem lieben saubern Haiderschen sehen, in das ich
mein Lebtage vernarrt gewesen bin. Gott gebe ihr eine sanfte Ruhe und Dir, ihrem
Ebenbilde, eine frhliche Zukunft!
    Der Maulwurffnger reichte bei diesen Worten dem Jnglinge seine braune,
schwielige Hand, die Paul mit Herzlichkeit drckte. Nur unvollkommen mit den
seltenen Schicksalen seiner Aeltern bekannt, vermochte er nicht ein Wort in das
fr ihn uerst wichtige Gesprch der beiden alten Freunde zu streuen. Seiner
gespannten Aufmerksamkeit entging keine Sylbe von Heinrich's freilich immer
dunkler und geheimnivoller sich gestaltenden Mittheilungen, aber er mute ihm
in natrlichem Rechtsgefhle vollkommen beistimmen und seine noch in
undurchdringliche Schleier gehllten Plne durchaus billigen. Deshalb sagte er
jetzt zu dem alten, graden Manne:
    Ich danke Euch, Freund meiner verstorbenen Mutter und meines Grovaters,
fr den Eifer, womit Ihr Euch bereit erklrt, einer Angelegenheit Eure Krfte
und Geistesgaben zu widmen, von der ich gegenwrtig wenig mehr begreife, als da
dies Alles mir dereinst im Falle des Gelingens zu Gute kommen soll. Gibt es
dabei eine Rolle, die meine Krfte nicht bersteigt, so mchte ich Euch bitten,
mir diese zu bertragen. Ich habe schweigen gelernt und mibrauche kein mir
geschenktes Vertrauen!
    Brav gesprochen, mein Sohn! Just so dachte und handelte auch Deine Mutter,
das schne, reizende Kind der braunen Haide! - Doch genug fr heut, ihr Lieben!
Ich merke, der Wind macht sich wieder auf und treibt ein Rudel Wolken vor sich
her, die nicht das freundlichste Aussehen haben. Das Wichtigste wit Ihr jetzt.
Morgen, will's Gott, gehen wir unserm Ziele ein paar Schritte nher! Wo habt Ihr
Euer Quartier aufgeschlagen?
    In der Knigshainer Schenke bei einem Wirthe, der frs Leben gern den
Fhrer gemacht htte!
    Ha ha ha! Ich kenne den Gtzenleopold! Was bei ihm einkehrt, mu sich auch
seine gelehrten Bissen in Suppe und Kaffee brocken lassen. Immer lat ihn reden,
bleibt bei ihm heut Nacht und morgen bis Nachmittags, dann aber macht Euch auf
mit Zug und Zeug und kommt in mein stilles Haus. Ich wohne in B ..., ein ganz
natrlich gemalter Maulwurf, wie er grade aufstt, zeigt Euch schon von weitem
mein Haus an. Ihr trefft mich des Abends sicher, den Tag ber mu ich
herumstreichen, da ich verschiedene Geschftsgnge zu besorgen habe.
    Gott behte Dich! sprach Sloboda, dem Freunde zum Abschiede die Hand
schttelnd. Er hat es wunderbar mit mir vor, seh' ich, und will mich nicht zu
Schanden werden lassen zum Jubel meiner Feinde. Morgen Abend, wenn die Sonne zur
Ruhe geht, wird Jan Sloboda mit seinem Enkel an Deine gastliche Thr klopfen.
    Wer da klopfet, dem wird aufgethan! citirte listig blinzelnd der
Maulwurffnger, langte Stahl und Stein aus seiner Westentasche und verschwand,
dem Steine hufige Funken entlockend, hinter dem bergenden Tannicht.
    Sloboda und Paul stiegen schweigend den Berg hinab nach Knigshain, wo sie
Gtzen-Leopold den ganzen Abend hindurch mit Geschichten und Sagen vom Todten-
und Hochsteine unterhielt, die dem alten Wenden grtentheils bekannt waren, den
jugendlichen Paul aber hchlichst ergetzten.

                                Fnftes Kapitel.



                                Die Unterredung.

Heinrichs Wohnung lag etwa eine Stunde hinter den Knigshainer Bergen im Dorfe B
..... und bestand aus einem kleinen wohl eingerichteten und in baulichem Stande
erhaltenen Huschen. An Raum war darin kein Ueberflu, dennoch konnte der
Maulwurffnger im Nothfalle drei bis vier Gste beherbergen, ohne dadurch zu
sehr beschrnkt zu werden, denn es stand und lag jedes Ding am rechten Orte.
Heinrich hatte noch einen Hausgenossen, den frheren Besitzer der Wohnung, der
sich nach dem Verkaufe derselben, wie dies in der Gegend uralter Brauch ist, das
Gedinge ausgemacht hatte. Es war dies ein stiller, alter Mann von groer, fast
bertriebener Frmmigkeit, die stark nach Herrnhuterei schmeckte. In der Jugend
war er lange Soldat gewesen, hatte als schsischer Dragoner tchtig
dreingeschlagen, bei einem Ueberfalle des Feindes aber das Unglck gehabt, da
er, um sicherem Tode zu entgehen, sich auf einen Thurm retten und, um auch hier
nicht entdeckt zu werden, aus dem Fenster steigen und an dem blechernen
Vorsprunge desselben mit beiden Hnden so lange festgeklammert hngen mute, bis
er aus seiner frchterlichen Lage befreit wurde. Schreck, Todesangst,
bermenschliche Anstrengung und Dehnung aller Flechsen zogen ihm bald darauf
eine Schwche in den Armen zu, in Folge deren er einen ehrenvollen Abschied
erhielt. In seine Heimath zurckgekehrt ging diese Schwche in vollstndige
Lhmung ber, so da er beide Arme nicht mehr ordentlich brauchen konnte und
sich auf Arbeiten legen mute, die keine Anstrengung der Muskeln erforderten.
    Schlenker htete in Heinrichs Abwesenheit das Haus gleich dem treuesten
Kettenhunde, vertrieb sich die Zeit mit Lesen religiser Bcher, namentlich
solcher, die Missionsangelegenheiten behandelten und ber die Ausbreitung des
Christenthums in Asien und auf den Inseln des stillen und indischen Meeres ein
Langes und Breites berichteten. Fr solche Bcher gab er jhrlich ein hbsches
Smmchen aus. War er aber des Lesens mde, so pappte er Dten von allen Gren,
die er an die Landkrmer verkaufte, oder reinigte, suberte und glttete die
gegerbten Fellchen der Maulwrfe, welche Heinrich in freien Abendstunden auf
mancherlei Weise zu verarbeiten und fr sich eintrglich zu machen wute.
    Hinsichtlich ihrer religisen Ueberzeugung waren diese beiden Hausgenossen
niemals gleicher Meinung. Heinrich tadelte Schlenker's Hinneigung zum Pietismus
und zu zeitraubendem Bitten und Beten, und Schlenker eiferte wieder ber den
argen Weltsinn seines Hauswirthes und ber dessen sndlichen Hang, andern Leuten
gelegentlich eine Nase zu drehen. Da er ihn noch nie in der Kirche gesehen
hatte, konnte er ihm vollends gar nicht vergeben. Dennoch aber war er ihm von
Herzen gut und konnte Nchte lang in seinem hartgesessenen alten Lederstuhle auf
ihn warten und sich die Augen mde lesen, wenn Heinrich, ohne ihn zuvor davon zu
benachrichtigen, nicht nach Hause kam.
    Besser vertrug er sich mit Heinrichs Bruder, dem Schulmeister Gregor. Dieser
war ein Verehrer des Wortglaubens, der nie ber irgend eine religise Frage oder
ber einen tiefsinnigen vieldeutigen Spruch der Schrift Zweifel hegte. Was
geschrieben steht, das steht geschrieben, war sein Grundsatz. Nach diesem
brachte er den Kindern die Grundlehren des Christenthums bei und hatte seit
einem halben Jahrhunderte beinahe ein paar Generationen zu gehorsamen
Unterthanen und zufriedenen Staatsbrgern erzogen. Gregor theilte keineswegs die
sehr revolutionren Ansichten seines Bruders, obwohl er dessen grere
Geistesgaben willig anerkannte. Nur zuweilen, wenn Heinrich es ihm nach seiner
Meinung zu arg trieb, erlaubte er sich, ihn zu ermahnen und sich als
christlicher Schullehrer zu zeigen. In solchen, uerst selten vorkommenden
Fllen konnte Gregor sogar beredt werden, whrend er in der Regel bei aller
Aufmerksamkeit, die er nahen und fernen Ereignissen, politischen und religisen
Bewegungen schenkte, doch stets so einsylbig blieb, da er geradezu hufig
albern erschien.
    Tglich kam dieses Kleeblatt bei sinkendem Abende zusammen, um sich ber die
Weltangelegenheiten zu unterhalten, deren Heinrich immer eine Menge von seinen
Herumstreifereien mit heim brachte. Hufig geschah es dann, da sowohl Schlenker
als auch Gregor ber die frivolen Anmerkungen des Maulwurffngers unwillig
wurden und im Zorne die Stube verlieen. Beide kehrten jedoch sogleich wieder
um, der Schulmeister an der Hausthre und der ehemalige Dragoner an der Stiege
zur Kammer, um nochmals die Stubenthre zu ffnen und dem schlau lchelnden
Haberecht eine gute Nacht zu wnschen.
    Am Abende nach dem Zusammentreffen der alten Freunde am Todtensteine waren
alle drei beinahe gleichaltrige Mnner in Heinrichs Zimmer versammelt, das
berall Spuren von der Beschftigung seines Bewohners trug. Zu beiden Seiten
eines schmalen und etwas trben Spiegels, an dessen oberem Theile die Geschichte
vom keuschen Joseph mit karminrother Farbe auf Glas gemalt war, hingen eine
Menge lnglich runder glnzend heller und feiner Drhte an hanfenen Bindfden.
Hinter dem Spiegel, an den Fensterstcken und in allen vier Winkeln des Zimmers
staken und lehnten groe und kleine Bndel biegsamer Birken-, Eichen- und
Buchenstbe, die zu schnellem Gebrauch am einen Ende bereits zugespitzt und
etwas gekrmmt waren. Ein Einschnitt am obern Ende, um die Bindfden darum zu
schlingen, war an keinem vergessen.
    Der Maulwurffnger sa hinter seinem groen Tisch von ungemaltem weien
Lindenholz und beschftigte sich, die feinen, zarten und wie Seide glnzenden
Fellchen der Feldthiere, die er mit so groem Geschick zu verderben wute, in
ausgehhlte lange Hlzer fest zu kleben, aus denen er dann Blaserhre machte,
die guten Abgang fanden. Schlenker hatte sich am Ofen postirt, die Beine ber
einander geschlagen und die breiten, groen Hnde seiner lahmen und abgemagerten
Arme um das eine Knie geschlungen. Er hrte mit grter Aufmerksamkeit der
Erzhlung Heinrichs zu, die sein Zusammentreffen mit Sloboda und dessen Enkel
schilderte. Auf einem freistehenden Schemel endlich, in ansehnlicher Entfernung
vom Tische, wo der Maulwurffnger handthierte, und fast in der Mitte des Zimmers
sa Gregor der Schulmeister in seiner altmodischen halbbuerischen Tracht, denn
er ging, wie die alten Leute auf dem Lande, in kurzen schwarzen Manchesterhosen,
Strmpfen und Schuhen mit groen silbernen Schnallen, und einem entsetzlich
langen und weiten Rocke, dessen Taille grade um eine halbe Elle zu lang war. Ein
dreieckiger Hut bedeckte sein viereckiges Haupt gleich dem seines verwegenen
Bruders.
    Gregor hatte die Gewohnheit, sobald er sich irgendwo setzte, seinen Krper
nicht allein in eine rechtwinklige Lage zu bringen, was uerst komisch aussah,
sondern auch die Sche seines Rockes jedesmal sorgfltig zurckzuschlagen und
seine prallen Schenkel Jedermann zu zeigen. Den Grund davon konnte Niemand
erfahren, und so oft auch Sptter und Witzbolde sich darber lustig machten,
befreite sich der Schulmeister doch immer wieder von den ihm lstigen
Rockschen, indem er rund und nett erklrte, da es ihm unmglich sei, anders
in sitzender Stellung sich wohl zu befinden.
    Es ist aber doch mit tausend Schrecken! sagte Schlenker, als der
Maulwurffnger eine Pause machte. Ja rede mir nur Einer von Krieg und
Kriegsnoth! Ich wei ein Lied davon zu singen, da es Gott im Himmel erbarme!
    Und der tapfere Dragoner griff nach der neben ihm stehenden zinnernen
Schnupftabaksdose, ffnete sie und schttete sich eine tchtige Prise auf die
Auenseite seiner rechten Hand. Dann schob er die linke darunter und fhrte
beide Hnde dadurch, da er ihnen mit dem Beine einen tchtigen Ruck gab, an die
Nase, die begierig das wohlriechende Kraut einschlrfte. Klotzartig fielen die
Hnde wieder auf den Schoo zurck, wo sie ein buntes Taschentuch erhaschten,
dessen Grundfarben nicht mehr zu erkennen waren. Nachdem auch dies seine Dienste
verrichtet hatte, wute Schlenker dem rechten Arme einen solchen Schwung zu
geben, da er sich mit der Hand bis zur Stirn erhob. Hier setzte sich der
Zeigefinger ber dem Auge fest und wackelte beim Sprechen fortwhrend wie ein
bewegliches Horn hin und her, whrend Schlenker jeden Satz durch eine
schtternde Bewegung des Oberkrpers begleitete. Nur in solcher Stellung pflegte
er lngere Zwiegesprche zu fhren oder ernste Ermahnungsreden an Heinrich zu
halten.
    Aber, Freund Heinrich, fuhr er fort, bildet Euch nur nicht ein, Ihr mit
Eurem Briefe httet den Wenden hieher citirt! Wenn Ihr das glaubt, so thut Ihr
Snde, sag' ich Euch! Da Jan Sloboda noch lebt und da Euer Brief wirklich in
seine Hnde kommen mu, noch mehr, da, der alte Mann auf Eure Krakelfe hrt
und spornstreichs hundert und so und so viel Meilen herkutschirt, endlich Euch
gar bei dem alten Gtzendieneraltar trifft und Euch flugs erkennt; das, seht
Ihr, das ist Gottes allmchtige Fgung! Und weil's justement so gekommen ist und
auch kein Stubchen anders, darum und dessentwegen glaube ich und will's gegen
eine Million behaupten, da Eure Sache gerecht ist und einen gott- und
menschengeflligen Fortgang haben wird.
    Natrlich, natrlich! sagte der Schulmeister, seinen langen Rohrstock mit
dem glnzenden Silberknopfe bald mit der linken bald mit der rechten Hand
zwischen den Beinen drehend.
    Gottgefllig ist sie zuverlssig, erwiederte Heinrich, ein neues Fellchen
aufleimend, den Menschen wird aber, sollt' ich meinen, ihr glcklicher Fortgang
verdammt viel Herzeleid machen. Ihr knnt dann Gelegenheit haben, Freund
Schlenker, Eure Gebete an den Mann oder vielmehr an den lieben Gott zu bringen,
denn an Flchen, die auf Vergebung harren, wird kein Mangel sein. Da kenne ich
meine Leute zu gut!
    's Ist gar mit tausend Schrecken, was Ihr fr ein gottvergessener Sptter
seid! sagte Schlenker. Manchmal mach' ich mir ordentlich ein Gewissen darber,
da ich mit Euch umgehe, zumal vor dem Einschlafen, wo einem die unrechten
Gedanken am rgsten zusetzen.
    Setzt Euch lieber die Schlafmtze auf, erwiederte der Maulwurffnger. Das
hlt warm und soll ein vortreffliches Mittel sein, einen gesunden und dauernden
Schlaf herbeizufhren.
    Natur, ganz Natur! meinte Gregor. Also heute kommt der wendische Mann,
der so viel erfahren hat!
    Heute, wenn Du's erlaubst, Bruder Schulmeister. Ich habe ihn zu mir
eingeladen sammt seinem Enkel und schon mit eigenen Hnden die Betten fr sie
aufgeschlagen. Mich wundert's, da sie noch nicht hier sind! Wie weit, Bruder,
bist Du mit der Auszeichnung dieser verwickelten Geschichte?
    Ich simulire schon geraume Zeit, wie ich das zuletzt Vernommene schicklich
in Worte fasse. Es ist ein wichtiger Casus, hchst wichtig und fr ein Chronikon
wie geschaffen. Ich werde noch eine Nacht dem angestrengtesten Nachdenken
opfern.
    Mach's, wie Du willst, nur vergi nichts Hauptschliches.
    Natrlich, natrlich! Alles Hauptschliche ist natrlich.
    Kann sein, bei Euch Schulmeistern, bei uns andern Menschen ist das
Hauptschliche manchmal ganz verflucht unnatrlich! Wer's nicht glauben will,
der denke doch nur an diese vermaledeite Grafengeschichte! Du weit es ja so
gut, wie ich, Bruder Gregor!
    Der Schulmeister wollte auf diese Bemerkung eigentlich blos mit einem
beistimmenden Kopfnicken Antwort geben, es fuhr ihm aber doch unwillkrlich ein
hchst berflssiges ganz Natur heraus, worauf er seine Miene wieder in die
wrdevollsten Lehrerfalten zu legen suchte.
    Schlenker, der sich ber die Antwort Gregors hchlichst verwunderte, konnte
sein Staunen ebenfalls nicht bemeistern und rief sein ihm sprichwrtlich
gewordenes 's ist gewi und wahrhaftig mit tausend Schrecken! was denn dem
Maulwurffnger Veranlassung gab, mit der ironischsten Betonung, die ihm zu
Gebote stand, und mit jenem vergnglichen Lachen, das nie laut ward, sondern in
der Kehle wieder erstarb, zu betheuern, es sei wirklich mit tausend Schrecken! -
    In diesem Augenblicke klingelte messingbeschlagenes Riemenzeug vom Wege her,
drei muntere kleine polnische Pferde kamen in schnellem Trabe auf das Haus zu,
dessen Maulwurf am Giebel schon von weitem zu erkennen war, und rissen das
rmliche Judenfuhrwerk so schnell ber die steinige Strae, da die Speichen in
den Felgen seufzten und chzten.
    Da kommen sie! sagte Heinrich in seiner gemthlichen Ruhe und legte das
beinahe fertige Blaserohr weg. Ich bitt' Euch, Schlenker, fallt mir den Alten
nicht gleich mit Euern frommen Redensarten an, da er nicht denkt, er komme in
ein Brderhaus, und Du, Bruder, la die steifen Complimente sein! Das dumme Zeug
taugt nichts.
    Disciplin, blos Disciplin, sagte Gregor hchst bedchtig.
    Dummes Zeug! wiederholte Schlenker die Hnde faltend. Fromme Redensarten
nennt der gottlose Mann dummes Zeug! Himmlischer Vater, ich bitte Dich, hr' ihn
nicht, denn er wei wahrlich nicht, was er spricht! -
    Inzwischen hatten Sloboda und Paul den polnischen Planwagen verlassen und
wurden von Heinrich ins Zimmer gefhrt. Neugierig starrten Gregor und Schlenker
die Ankmmlinge an, die ihrerseits keine Rcksicht auf sie nahmen. Erst als
Heinrich ihre Namen nannte, wnschte der ernste Sloboda Beiden einen guten Abend
und reichte Jedem die Hand zum Grue.
    Ehe wir eins ins andere reden, Freund Jan, begann der Maulwurffnger,
sage mir, was Du mit Deinem Judengesindel anfangen willst. In mein Haus nehme
ich das Volk nicht auf, und ob sie der Kretschamwirth beherbergt, bezweifle ich
auch; denn wir haben ein Gesetz in den Lausitzen, nach dem Niemand verbunden
ist, das Volk von Schacherern und Betrgern ber Nacht bei sich zu behalten.
    Ich werde sie ablohnen, erwiederte Sloboda. Pferde und Wagen sind ihr
Eigenthum und von mir nur auf die Dauer der Reise gemiethet. Brauche ich spter
wieder einen Wagen, um meine etwas stumpf gewordenen Glieder fortzuschleppen, so
wirst Du schon fr ein leidliches Transportmittel sorgen.
    Natrlich, ganz Natur! sagte Gregor der seinen langern hagern Krper
wieder auf den Schemel hatte niederknicken lassen.
    Da sich der Wende schon frher mit seinem jdisch-polnischen Fuhrmann ber
den Preis geeinigt hatte, war die Ablohnung bald geschehen und mit einem
wohlthuenden Gefhl heimischer Sicherheit sah er das rmliche Gefhr mit den
wild davon galoppirenden Pferden im Sandstaub der Strae hinter dem Dorfe
verschwinden.
    Ihr seid ein vielgeprfter Mann, redete jetzt Schlenker den Wenden an, ihm
seine steif herabhngende khle und stets feuchte Hand aufdringend, bedenkt aber
nur, da wen Gott lieb hat, den zchtigt er! und Ihr werdet genugsame Ursache
finden, ihm ein Hosiannah anzustimmen! In der Perlenburger Bibel knnt Ihr eine
grausam prchtige Abhandlung ber das Hosiannahsingen lesen - ich will sie Euch
nach dem Abendsegen bringen - denn es ist gar mit tausend Schrecken, was der
Herausgeber dieses seltenen Bibelbuches fr ein hochgelahrter Mann gewesen sein
mu!
    Hochgelahrt, sehr hochgelahrt! betheuerte Gregor, die in Unordnung
gekommenen Rocksche behutsam bis an die Schemellehne zurckschiebend.
    Ich danke Euch! erwiederte Sloboda, die Bank hinter dem Lindentische
einnehmend. Meine Augen legen mir ab, so da ich des Abends bei Licht nicht
mehr gut Gedrucktes lesen kann, es wre denn sehr groe Schrift.
    O eine Schrift fr Blinde!
    Halt Dein Maul, Freund Schlenker! fiel Heinrich dem Frommen in die Rede.
Was wir zusammen mit einander zu verhandeln haben, geht allem Bibellesen vor;
hat Jan spter noch Lust dazu, so knnt Ihr ihn meinetwegen in's Gebet nehmen,
so lange Ihr wollt, und ihm alle Lgen hererzhlen, die Ihr Euch von den
Missionsblttern aufbinden lat.
    Lgen, Bruder Heinrich, ist in diesem Falle kein gewhltes Wort, bemerkte
der Schulmeister, ich wrde lieber Unrichtigkeiten sagen. Lehrer der
christlichen Religion pflegen nicht zu lgen.
    Wie Du willst, Gregor, meinethalben bring's zu Papiere.
    Natrlich, natrlich!
    Schlenker schttelte den Kopf, setzte sich wieder auf die Ofenbank, die
Beine ber einander schlagend und beide Hnde gefaltet ber seine Knie legend.
In dieser Stellung verharrte er den ganzen Rest des Abends und hrte mit grter
Spannung dem Gesprche Heinrichs mit Sloboda zu. Nur wenn er das Bedrfni
fhlte, eine Prise Tabak zu nehmen, machte er regelmig die schon beschriebenen
wunderlichen Bewegungen. Auch Gregor mischte sich nicht in das Gesprch, nur bei
Stellen, die ihn besonders ansprachen oder wo sein Bruder sich direct an ihn
wandte, lie er sein bekrftigendes Natrlich hren.
    Das Erste, was der Maulwurffnger hervorholte, war jenes rthselhafte
Papier, dessen Entstehung sich eben so leicht erklren lie, als es beide
befreundete Mnner wunderte, da nie ein Wort davon zu ihrer Kenntni gelangt
war. Nur die Annahme, da Rschen in Folge des Verlustes der Verschreibung an
deren Giltigkeit vllig verzweifelt sein mge, und deshalb mit Absicht ber
deren Empfang gnzliches Stillschweigen beobachtet habe, gab im Nothfall den
Schlssel dazu her.
    Als sich Sloboda von der Aechtheit des Papieres und der Handschrift des
Grafen vollkommen berzeugt hatte, drang er in Heinrich, ihn mit seinen Plnen
und Schritten, die er beabsichtige, bekannt zu machen. Der Maulwurffnger war
dazu bereit und lie sich in eine genaue Auseinandersetzung des Geschehenen ein,
alles Muthmaliche vor der Hand noch ganz bei Seite schiebend.
    Du mut vor Allem wissen, sagte er, da die frheren mchtigen Grafen von
Boberstein schon seit Jahren weiter nichts sind, als speculirende Handelsherren,
die sich in dieser neuen Eigenschaft des Grafentitels begeben haben, da das
Markten und Feilschen allem Adel schlecht zu Gesicht steht. Sie nennen sich
jetzt als Grohndler einfach Herren am Stein. Solcher Herren am Stein leben
gegenwrtig noch drei, wovon zwei schon sehr lange auf groen Reisen sind, wie
es heit, der lteste aber auf seinem Grund und Boden geblieben ist. Ich will
dem Manne, den ich nur selten gesehen habe, nichts Bses nachsagen, nur so viel
bemerke ich, da ihn der Ruf als hartherzig und egoistisch schildert. Den Rest
des vterlichen Erbes, in nicht viel mehr bestehend als dem Grundbesitz der zur
eigentlichen Stammburg gehrenden Lndereien, hat er klug angelegt, indem er,
die Zeit und ihre Bestrebungen richtig deutend, eine bedeutende Fabrik errichtet
hat und wohl gegen tausend Arbeiter darin beschftigt.
    Wenn das der malos stolze Blauhut geahnt htte, fiel Sloboda ein, er
wrde sich noch im Grabe umwenden vor Aerger und Zorn! Aber was fabriciren denn
die ehemaligen Herren Grafen?
    Rcke fr die Unglubigen, versetzte der Maulwurffnger mit boshaftem
Lcheln.
    Fr die Unglubigen?
    Wie ich Dir sage, Jan, fr die Unglubigen! Die Herren am Stein spinnen
nmlich Baumwolle, ein Artikel, von dem man behauptet, da sich mit leichter
Mhe die Erde von dem gegenwrtig vorhandenen Vorrathe desselben drei- bis
viermal einwickeln lassen knnte. Mir gefllt es eigentlich von den groen
Herren, da sie jetzt bedacht sind, das nackte Elend, die heulende Armuth, den
frierenden Mangel mit ihrer Hnde Arbeit zu bekleiden, woran sie selbst
schwerlich denken werden. Frher sannen sie immer nur darauf, den Leuten die
Kleider vom Leibe zu reien, was ihnen, wie Du ja weit, besonderes Vergngen
machte. So ndern sich die Zeiten! - Nun, wie gesagt, diese gromchtigen Herren
sind jetzt gromchtige Baumwollenspinner und nebenbei Garnbleicher geworden.
Beide Geschfte sind in gutem Gange und mgen 'was Tchtiges eintragen. Ich
schliee dies daraus, da der Aelteste am Stein im vorigen Jahre den Versuch
machte, ein Stck Land, das seinen Vorfahren gehrte, beim Tode seines
verschuldeten Vaters aber in fremde Hnde bergegangen war, durch Kauf wieder an
sich zu bringen. Ob es ihm gelungen ist, wei ich nicht, denn ich bin seit
langer Zeit nicht mehr in jene Gegend gekommen, die mich, wie Du leicht denken
kannst, nicht sehr anlockt.
    Wo wohnen sie denn?
    Auf der Burg Boberstein.
    Auf dem zerstrten Schlosse des alten Grafen?
    Auf jenen schwarzen Trmmern hat der gegenwrtige Herr am Stein die
himmelhohen Gestocke seiner groen Spinnerei erbauen lassen. Er selbst bewohnt
ein bescheidenes Huschen dicht unter dem Felsen, wovon er seinen neuen Namen
als Handelsherr entlehnt hat. Unter seines Gleichen nennt er sich nach wie vor
Graf von Boberstein.
    Dies kann, scheint mir, unser Geschft sehr erschweren, da sich der jetzige
Herr am Stein gar nicht auf die Sache einlassen wird.
    Man mu es versuchen, Jan, und einige krumme Wege nicht verschmhen. Ihn zu
kirren, habe ich mir folgende List ausgedacht. Wir besuchen ihn in seiner
Spinnburg als Fremde, die seine groartigen Werke zu besehen wnschen. Um mehr
Respect einzuflen, geben wir uns fr Russen aus, das ffnet uns alle Thren,
oder ich mte unsere deutschen Herren nicht kennen. Er wird keinen Zweifel in
unsere Aechtheit setzen. Haben wir uns nun auf's Genaueste ber den Zustand der
Fabrik, ber ihre in- und auslndischen Verbindungen und so fort Kenntni
verschafft, so bringst Du wie von ungefhr das Gesprch auf die Grafen von
Boberstein und fragst naiv, als wissest Du gar nichts von der noblen Race, was
denn aus ihnen geworden sein mge? Das altadlige Blut wird diese Frage nicht
ruhig hinnehmen und der Baumwollenspinner keine Minute anstehn, sich mit
selbstgeflligem Stolz als Stammhalter des alten Geschlechtes uns vorzustellen.
Was dann zu thun sein wird, hngt von den Umstnden ab. Jedenfalls gengt dieser
Besuch, uns Fu fassen zu lassen und uns die Herren am Stein als die wahren
Grafen von Boberstein kennen zu lehren. Noch wird es nthig sein, da der
Fabrikherr dieses Gestndni vor vielen Zeugen ablegt.
    Natrlich, natrlich! sagte der Schulmeister.
    Mich schaudert, jene Gegend wieder zu betreten, erwiederte dster der alte
Wende. Alle Schrecknisse werden wieder aufsteigen vor meinen Augen und beim
Dienst der Leibeigenen werde ich alle Pein nochmals empfinden, die ich und die
Meinigen so lange Jahre ertrugen.
    La Dich davon nicht abschrecken, sagte Heinrich beruhigend. Auch in
dieser Hinsicht haben die Jahre eine vllige Umwlzung bewirkt. Die jetzigen
Herren am Stein haben so wenig ber einen Unterthanen zu gebieten, wie ich. Es
gibt bei uns keine Leibeigenen mehr seit jener Katastrophe! Das Volk ist frei,
wie die Herren, es kann sich jetzt beliebig in vollkommenster Freiheit
ertrnken, erhngen, erschieen oder freiwillig verhungern. Die Hungerfreiheit,
sagt man, sei die am hufigsten vorkommende, weshalb es Hunderte gibt, die sie
um einen Spottpreis losschlagen, und sich als Knecht bald der Menschen, bald der
Maschinen verdingen.
    Nun so vergeb' ich dem Feinde meiner Familie seine Ungerechtigkeiten,
sagte Sloboda feierlich, ja ich segne seine Frevel, da sie Ursache geworden
sind, eine Einrichtung aufzuheben, die kein gttliches Gesetz billigen kann! Wo
es keine Leibeigenen gibt, da steht die Thr des Paradieses offen! Nur der freie
Mensch ist das Ebenbild Gottes, der Knecht ein verkrppeltes Scheusal, Mitleid
und Abscheu in gleichem Mae erregend!
    So glauben wir, Jan, und wohl uns, da wir diesen Glauben haben, geht man
aber der Sache nher auf den Grund, so mindert sich unsere Freude, wird unser
Entzcken herabgestimmt. Das Wort Freiheit hat die neue Zeit wirklich an's Licht
gebracht, ihr Wesen aber liegt noch tief verborgen im Schooe der Zukunft!
Vielleicht mu das Menschengeschlecht noch einige Revolutionen, wie jene erste
franzsische, erleben, ehe dies heilige Kind, dieser wahre Sohn Gottes und der
Menschen, zum Heil der Welt geboren wird!
    Mein lieber Heinrich, unterbrach hier Schlenker den Maulwurffnger, wenn
Ihr noch lange so fortfahrt in der Gotteslsterei, so mu ich, ich mag nun
wollen oder nicht, die Stube meiden! Es drckt mir das Herz ab und bringt mich
um alle gottseligen Gedanken! Bedenkt doch, es ist ja mit tausend Schrecken!
    Ganz Natur! betheuerte Gregor.
    Nun so geht zum Teufel! versetzte Heinrich kurzab, verdrielich, da ihn
der Fromme in seinen besten Gedanken unterbrochen hatte.
    Schlenker stand beleidigt auf, der Schulmeister folgte. Es steht in der
Schrift, sagte der Fromme, wir sollen nicht sitzen im Rathe der Sptter und
Thoren! Darum verlasse ich Euch, Heinrich, bis da Ihr in Euch gehet und Euch
bekehrt!
    Gregor nickte stumm mit dem Kopfe und schritt dem voranwackelnden Schlenker,
dessen Strmpfe bis auf die Schuhe herabhingen, steif und gravittisch nach.
Kaum aber war die Thr hinter den beiden wunderlichen Leuten zugefallen, als sie
Gregor auch schon wieder aufri und beide die Kpfe durch den Spalt
hereinschiebend, der Schulmeister den seinigen ber den Schlenker's, dem
Maulwurffnger eine gute Nacht wnschten. -
    So sind nun die Menschen, nahm Heinrich lchelnd wieder das Wort. Die
Wahrheit mgen auch die Besten und Gutherzigsten nicht hren, und doch verlangt
man, es solle besser werden auf Erden! - Sieh, Sloboda, das allein verbittert
mir oft die reinsten Stunden und lt mich zuletzt an allem Groen und Dauernden
verzweifeln! Ich bin weder so klug noch so beschrnkt, wie die groen Gelehrten;
ich habe auch in ihrem Sinne wenig gelernt. Meine Schule war und ist noch die
Erfahrung, die Beobachtung, das groe und kleine Leben des Volkes und der Natur.
Was mit diesem nicht bereinstimmt, halte ich fr uncht, fr erknsteltes
Product irgend eines verknstelten Geistes! - Ich spreche selten mit Jemand von
diesen meinen Ansichten, denn ich finde selten Gehr und habe es mir schon oft
mssen gefallen lassen, da mich vornehme Leute einen verschrobenen Narren
nannten. - Nun was thut's? Ein Licht, das, vom Zufall angezndet, unsern Geist
mit klarer Helligkeit erfllt, knnen auch die witzigsten Sptter nicht
auslschen. Deshalb lasse ich Spott und Scherz ber mich ergehen, wie ich es mir
erlaube, gelegentlich dieselbe Mnze ebenfalls auszugeben. Es wird aber nur zu
bald eine Zeit kommen, in der Viele, wo nicht alles Volk erkennen werden, da es
noch sehr jmmerlich aussieht in unsern wohlgeordneten Staaten, da unsere
Gesetze hufig nur die Sttzen der Willkr sind und da, wie ehedem die rohe
Gewalt, jetzt das kalte Metall die Alleinherrschaft in der Welt ausbt! Die
Sclaverei hebt man auf und die Englnder, hab' ich in den Blttern gelesen,
wollen alles Ernstes den verruchten Menschenhandel abschaffen, aber Niemand
denkt daran, den immer hrter werdenden Sclavendienst inmitten unserer
christlichen Gesellschaft aufzuheben! Man kennt und steht ihn nicht, oder will
ihn nicht sehen und kennen! Wir, Sloboda, in deren Gedchtni noch unverwischt
die Schrecken brutalen Herrendienstes leben, wir wollen uns mit dieser neuen
Sclaverei, die sich ber die ganze alte Welt verbreitet hat, genauer bekannt
machen und morgen am Tage unsere Wallfahrt beginnen.
    Soll Paul uns begleiten?
    Nein, er wird stren.
    Ich werde Euch hier erwarten, Grovater.
    Erwge, was ich Dir gesagt habe, ermahnte nochmals Heinrich den Greis.
Nur List kann uns zum Ziele fhren. Wenn der Tag graut, werde ich Dich wecken.
    Gute Nacht! Ich werde bereit sein, versetzte Sloboda und zog sich mit Paul
in die enge Kammer zurck, die der Maulwurffnger fr seine Gste in
Bereitschaft gesetzt hatte.

                               Sechstes Kapitel.



                               Der Herr am Stein.

Auf der Felseninsel eines kleinen, aber tiefen See's mitten in der Haide lag die
Fabrik der Herren am Stein. Zwei thurmhohe Schornsteine, aus roth gebrannten
Backsteinen erbaut, ragten hoch in die Luft und fesselten die Blicke des
einsamen Wanderers schon in meilenweiter Entfernung durch ihre langen und
breiten schwarzen Rauchwimpel, die weithin ber die stille Waldung wehten. Die
vielen Sandwege, die von allen Seiten durch die Haide nach dem See fhrten,
einigten sich an dessen Ufern in einem breiten Landungsplatze, an welchem stets
eine Fhre lag, die mit den Dampfmaschinen der Fabrik in Verbindung stand und
sehr hufig Waarenballen und ab- und zugehende Geschftsund Arbeitsleute bald
nach der Insel, bald von dieser zurck an's feste Land bersetzte. Etwa eine
volle Stunde rund um diesen See bestand die Haide aus schnem, jungem, beraus
harzreichem Kiefer- und Fichtenholz, durchwachsen von ppig wucherndem Gestrpp.
Die Schlankheit der Stmme und ihre in Vergleich mit der brigen Waldung
unbetrchtliche Hhe zeigten deutlich, da dieser Theil der Haide vor einigen
Jahrzehnten ganz ausgerottet und erst spter wieder bepflanzt worden sein mute.
    Unweit des Ufers auf der felsigen Insel fiel ein heiteres, in leichtem,
geschmackvollem Styl erbautes Wohnhaus in die Augen. Es bestand blos aus einem
Erdgescho und erstem Gestock und war mit niedrigem Schieferdache versehen.
Grne Jalousien vor den Fenstern, ein wohlgepflegter Blumengarten mit einem
Pavillon, den ein dunkelblaues Dach mit glnzendem Goldknopf zierte, gaben ihm
das Ansehen einer lndlichen Villa. Hinter diesem Wohnhause zog sich der Weg in
mehrfachen Krmmungen den Granitfels hinauf bis zum Thor der Fabrik, deren
fnfstockige weiglnzenden Gebude mit ihren zahllosen Fenstern ein groes
Fnfeck bildeten und einen sehr gerumigen Hof umschlossen. Ein Blick gengte,
um jeden Wanderer zu berzeugen, da diese Fabrikgebude auf den festen Trmmern
alten Gemuers errichtet worden waren, deren Ueberreste mit den gothischen
Verzierungen unverkennbar auf ein hohes Alter hinwiesen. Das alte Thor mit
seinen Spitzbogen, der ein feingemeieltes mit Moos und Flechten berzogenes
Wappenschild umschlo, und ber diesem ein verwitterter starker Mauerkranz mit
Schiescharten konnten nicht eine Minute in Zweifel lassen, da hier ehedem ein
altes ehrwrdiges Feudalschlo aus den bessern Zeiten des Mittelalters gestanden
habe.
    Die groe Menge von Arbeitern, welche in der Fabrik auf dieser Insel
beschftigt waren, hatte die nchste Umgebung derselben seit einigen Jahren
bedeutend lebhafter gemacht, als andere Gegenden der Haide. Ein kleines Dorf war
mitten im Walde entstanden, ausschlielich von den Arbeitern und ihren Familien
bewohnt. Hie und da hatte man die Haide gelichtet und Kartoffelfelder nebst
einigen Wiesen zu gewinnen gesucht, die von murmelnden Waldbchen, welche in den
See mndeten, bewssert wurden und das allernthigste Futter fr die wenigen
Ziegen lieferten, welche die armen Huslerfamilien hielten. Weiterhin gab es
Pechhtten und Kohlenbrennereien, die auf Kosten der Fabrikherren betrieben
wurden. Alles Holz, was zum Kohlenbrennen nicht tauglich war, zog die Fabrik an
sich und verwandte es zu Heizung der Dampfmaschinen.
    Am dritten Tage nach der im vorigen Kapitel mitgetheilten Unterredung
zwischen Heinrich und Sloboda war Adrian von Boberstein, Besitzer und Leiter der
Fabrik, in dem erwhnten villaartigen Hause am Seeufer beschftigt, mit seinem
ersten Buchhalter die Rechnungen durchzusehen. Adrian war acht und dreiig Jahre
alt, hatte ein wohlgeflliges Aeueres und einen vornehmen Anstand, der eher
einen Diplomaten, als einen Fabrikherrn in ihm htte vermuthen lassen. In
gewisser Hinsicht stand auch seine Handlungsweise damit im vollkommensten
Einklange. Adrian war einer jener klugen Diplomaten der Industrie, die in unsern
Tagen mehr als die der Politik die Geschicke der Vlker bestimmen und jene
unheimlichen Beschlsse ber Krieg und Frieden entwerfen, von denen das Wohl der
europischen Gesellschaft abhngig ist.
    Mit bergeschlagenen Beinen in einem weichgepolsterten Lehnstuhl von
massivem Mahagonyholze nachlssig ruhend und eine aromatisch duftende Cigarre
von chtestem Havannah rauchend, deren tief dunkelblaues Gedft er mit
wohlgeflligem Lcheln verfolgte, lie sich Adrian von dem Buchhalter Bericht
erstatten ber die Ausgaben der letzten Woche an Arbeitslohn. Der Buchhalter
las:
    Hundert und zwanzig Feinspinnern jedem Einzelnen einen Thaler fnf
Silbergroschen.
    Streichen Sie fr nchste Woche diese fnf Silbergroschen, Herr
Vollbrecht, unterbrach Adrian den Vortragenden. Die letzten Briefe meiner
Correspondenten in Leipzig, Hamburg, Wien und andern Pltzen berichten, da uns
ein groer Gewinn sicher ist, wenn wir auf den nchsten Messen alle Concurrenten
durch Billigkeit unserer Wolle aus dem Felde schlagen knnen. Dies lt sich
leicht durch eine Herabsetzung des Arbeitslohnes erreichen, der ohnehin zu hoch
war.
    Aber Herr Graf -
    Herr am Stein, lieber Vollbrecht, wenn's beliebt!
    Nun denn, Herr am Stein, die Arbeiter klagen schon seit langer Zeit, da
sie mit dem jetzigen Lohne kaum mehr ihre Familien unterhalten knnen! Der harte
Winter von 29 auf 30 ist sehr vielen dieser Armen gefhrlich geworden und hat
ihre geringen Ersparnisse gnzlich erschpft.
    Desto besser, so haben wir sie in unserer Gewalt! Es ist nicht gut, wenn
der Arbeiter wohlhabend wird. Das macht ihn nur stolz, brutal, aufstzig, wie
wir's vor einigen Jahren schon einmal erleben muten. Damals htte es noth
gethan, wir htten diese Elenden mit Bitten bestrmt und sie vom Kopf zur Zehe
bergoldet, nur um ein paar Hnde zu bekommen. Ich habe mir diese Lehre gemerkt
und mich fest entschlossen, es nie wieder dahin kommen zu lassen. Noch einige
Jahre und die im Wohlleben schwelgenden Arbeiter wren unsere Gebieter geworden!
Gott Lob, mein und einiger Collegen System hat bereits angefangen, Frchte zu
tragen! Das unmerkliche Schmlern des Lohnes, durch die groe Concurrenz leicht
zu rechtfertigen, hat diese Uebermthigen uns wieder unterthnig gemacht.
Sorglos verpraten sie inzwischen ihre Ersparnisse, der schwere Winter half auch
mit zehren und jetzt haben sie nichts mehr als ihr gutes Auskommen von einem
Tage zum andern. Was wollen sie mehr? Ihr Verdienst wird ihnen pnktlich zur
Stunde ausgezahlt, whrend wir armen Speculanten die Gefahr des Wagens stets mit
in Anschlag bringen und sie hufig genug mit Gleichmuth berwinden mssen.
    Sie sprechen von einem guten Auskommen Ihrer Arbeiter, Herr am Stein, und
mssen doch wissen, da schon seit Jahr und Tag die Kartoffel der Meisten
alleinige Nahrung ist!
    Kartoffeln sind eine sehr nahrhafte Kost und geben Kraft. Man merkt's an
den vielen Kindern dieser Spinner und Weber! Und berdies gibt es noch
Hunderttausende, fr die ein Menschenfreund auch sorgen mu. Der Arme will sich
kleiden, will sich billig kleiden, mithin drfen baumwollene Stoffe nicht theuer
sein. Streichen Sie also ganz ruhig die fnf Silbergroschen!
    Kopfschttelnd gehorchte der Buchhalter und fuhr fort:
    Sechzig Wollzupfern einem Jeden 171/2 Silbergroschen.
    Sind das nicht Mdchen von vierzehn bis siebzehn Jahren aus den
Gemeindehusern?
    Allerdings, Herr am Stein.
    Und diese bekommen wchentlich einen so hohen Lohn? Das geht nicht, das mu
gendert werden! Machen Sie 15 Silbergroschen bis nach Beendigung der Leipziger
Michaelismesse! Das Wollezupfen ist eine bloe Tndelei, keine Arbeit. Man mu
unnthige Ausgaben ersparen, um so mehr, als ich nchstens eine dritte
Dampfmaschine zu stellen genthigt bin, um den Anforderungen der Zeit zu
gengen.
    Es sind Waisen, Herr am Stein! sagte Vollbrecht bedeutungsvoll. Keines
dieser armen Mdchen besitzt mehr als einen Anzug, nicht einmal an Sonn- und
Feiertagen knnen sie sich, wie ihre glcklicheren Schwestern, das Haar mit
einem bunten Tuche umwinden. Sie mssen von ihrem Verdienste all' ihre
Bedrfnisse bestreiten und Eine oder die Andere theilt wohl auch noch einer
krnkelnden, hinflligen Mutter etwas davon mit!
    Lieber Vollbrecht, versetzte Adrian ruhig, wenn ich mich um den
huslichen Kummer meiner mehr als tausend Arbeiter kmmern und ihn heilen
wollte, so mte ich die Schtze des Krsus besitzen. Ich bin selbst nicht
reich, wie Sie wissen, ich suche nur die mir verliehenen Mittel auf eine unserer
Zeit angemessene Weise anzulegen und zum Besten der Menschheit zu vermehren. Wem
mein Lohn nicht behagt, den will ich nicht halten. Er mag gehen und wo anders
sein Unterkommen suchen. Was ich zahlen kann, das gebe ich, und junge Mdchen
gedeihen am besten, wenn sie frugal leben. Das macht sie nicht ppig.
    Der Buchhalter las seufzend weiter:
    Achtig Spindelknaben, jedem Einzelnen zehn Silbergroschen.
    
    Eigentlich sollte ich diesen Lohn ebenfalls verringern, inde mag er fr
die nchsten Wochen noch fortbestehen, da in letzter Zeit mehrere Unglcksflle
vorgekommen sind. Ich will nicht unbillig sein und die Gefahr der Beschftigung
so gut wie die Beschftigung selbst bezahlen. Fahren Sie fort, Vollbrecht.
    Den Kutchenschlingern, jedem Einzelnen zwanzig Silbergroschen.
    Setzen Sie 15 fr die Zukunft! Diese Arbeit wird vom nchsten Montage an
eine bloe spahafte Unterhaltung sein, sobald die Kutchenmaschinen aufgestellt
sind!
    Ich erlaube mir, Ihnen zu widersprechen, Herr am Stein. Die Arbeit wird
durch die Maschine erschwert, da der Arbeiter beinahe noch ein Mal so viel
Kutchen liefern mu, als frher, wo er blos mit seinen eigenen Hnden
arbeitete! Legen Sie den armen Menschen, die ohnehin meistentheils in Ihrer
Fabrik Verunglckte sind, lieber einige Groschen zu, da sie einen bedeutenden
Vortheil durch die Maschinen gewinnen.
    Vom Gewinn lebt der Kaufmann, fr den Gewinn speculirt er. Die Maschinen
kosten Geld, viel Geld, und ehe die Arbeiter das Kuteln auf denselben lernen,
werden sie mir manches Schock Garn verderben. Schreiben Sie 15 statt 20 und
halten Sie mich nicht lnger durch Ihre humanistischen und kosmopolitischen
Einwrfe auf.
    Nach dieser, in spttischem Tone vorgebrachten Bemerkung enthielt sich
Vollbrecht jedes neuen Einwurfes bei den noch hufigen Lohnverkrzungen, die
Herr am Stein zu besserm Gedeihen seiner Fabrik anordnete. Der reiche Mann that
dies mit dem heitersten Gleichmuth, ohne eine Miene zu verziehen oder nur seine
bequeme Lage im prchtigen Polsterstuhle zu ndern. Er wute, da er ungestraft
so verfahren durfte, da er lngst vielleicht noch genauer von dem Zustande
seiner Arbeiter unterrichtet war, als der menschenfreundliche, an fremdem
Unglck innig Antheil nehmende Vollbrecht. Adrian grndete eine mit
diplomatischer Schlauheit berechnete Speculation auf diese Lohnverkrzung, die
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht miglcken konnte. Es lag nmlich in seinem
Plane, whrend des Winterhalbjahres bei heruntergesetztem Lohne noch einige
hundert Arbeiter mehr anzunehmen und deshalb eine dritte Maschine zu stellen.
Durch so viele Hnde hoffte er binnen sechs Monaten so viel Waare zu liefern,
da er andern Concurrenten damit den Rang ablaufen und durch billigere Preise
sie nicht allein fr kurze Zeit vllig beseitigen, sondern sie auch zwingen
knnte, ihren Arbeitern ebenfalls geringeren Lohn zu geben, was dann seinerseits
eine abermalige Lohnverkrzung zur Folge haben mute. Durch diese doppelte
Betrgerei oder fein angelegte Speculation mute Adrian ber hunderttausend
Thaler rein verdienen. Sie machte ihn ferner zum Ersten in seinem Fache und
lieferte alle Arbeiter, die ihm frher die Zhne gewiesen hatten, so ganz in
seine Gewalt, da sie vllig von seiner Gnade abhngig wurden. Mit dem
Ueberschu des neu gewonnenen Kapitals wollte Adrian einen Theil der Gter
wieder an sich bringen, die sein wilder sittenloser Vater durch schlechte
Wirthschaft, verbunden mit den lang dauernden Kriegsstrmen und den gewaltigen
Umwlzungen in allen Verhltnissen, verloren hatte.
    Inzwischen setzte sich die Fhre vom Seeufer her nach der Insel zu in
Bewegung, beladen mit einer Menge Ballen und vielen Menschen. Adrian sah dies
aus den Fenstern seines Arbeitszimmers, achtete jedoch wenig oder gar nicht
darauf, da sich das nmliche Schauspiel tglich mehrmals wiederholte. Der
Buchhalter packte seine Bcher zusammen und entfernte sich, doch kehrte er schon
nach einigen Minuten wieder zurck, um dem Herrn am Stein zu melden, da zwei
Fremde ihn zu sprechen und die Fabrik zu sehen begehrten.
    Adrian hatte es gern, wenn man im Auslande von seinem Etablissement sprach.
Er wies daher Niemand zurck, der Interesse fr Maschinenwesen und Industrie
zeigte, vielmehr lie er sich meistentheils herab, Fremde selbst herumzufhren
und mit groer Zuvorkommenheit alle ihre Fragen zu beantworten. Er bat also auch
jetzt, die fremden Ankmmlinge vorzulassen, damit er sich mit ihnen unterhalte
und nach dem Grade ihrer Bildung sein eigenes Betragen abmesse.
    Gewohnt, immer nur Personen aus den vornehmen oder den vorzugsweise so
genannten gebildeten Stnden unter den wibegierigen Besuchern zu finden, war er
berrascht jetzt auf ein Mal zwei Mnner des niedern Volkes zu erblicken, die
noch dazu ihrer veralteten Tracht nach mit der Zeit wenig fortgeschritten zu
sein schienen. Diese Fremden waren, wie unsere Leser schon errathen haben, der
Wende Sloboda und sein Freund der Maulwurffnger. Beide gingen so gekleidet, wie
wir sie bereits kennen, nur hatte Sloboda auf Anrathen seines Freundes den
schmalen Lederriemen, den er fr gewhnlich um Stirn und Haar schlang, abgelegt,
um durch ihn nicht Anla zu Vermuthungen zu geben, die er jetzt noch nicht
hervorgerufen wissen wollte.
    Adrian empfing die beiden alten Mnner mit khler Hflichkeit, indem er nach
ihrem Begehr fragte. Sloboda antwortete darauf, er komme aus dem Innern
Litthauens, um die Fortschritte der Industrie in Deutschland und namentlich die
auerordentlichen Verbesserungen hinsichtlich der Maschinenspinnerei, die bei
ihnen noch nirgends eingefhrt sei, kennen zu lernen. Er selbst sei von Geburt
Deutscher, habe sich von jeher mit dem Manufactur- und Fabrikwesen beschftigt,
und gehe damit um, die groe Wohlthat der Maschinenspinnerei auch seinen
jetzigen neuen Landsleuten wo mglich zu Theil werden zu lassen. Diese ohne
Schchternheit und Zurckhaltung gegebene Erklrung ihres Besuches ererregte
kein Mitrauen in Adrian, sie machte ihn eher etwas freundlicher, da er sich fr
Ruland interessirte, und whrend er die beiden Mnner ihm zu folgen einlud,
stellte er manche Frage an den Wenden ber die gegenwrtige Lage Polens nach
dessen Unterjochung durch die Russen, ber die dortigen Aussichten fr Industrie
und dergleichen, die Sloboda bereitwillig und zu seiner Zufriedenheit
beantwortete.
    Dabei hatten sie den sich krmmenden Felsenweg zu den Fabrikgebuden
erstiegen und das alte, vollkommen erhaltene Eingangsthor des ehemaligen
Grafenschlosses erreicht. Sloboda blieb stehen und betrachtete aufmerksam die
gothischen Steinschnrkel und das colossale Wappenschild, von zwei Lwen
gehalten, in deren geffneten Rachen Sperlinge ihre Nester gebaut hatten.
    Es fllt Ihnen gewi auf, sagte Adrian, da Sie ber dem Eingangsthore
einer Spinnfabrik ein grfliches Wappen von uralter Herkunft erblicken. Andere
Zeiten, andere Sitten, meine Herren, knnte man hier sagen! Ehemals stand hier
ein stattliches Feudalschlo, deren Besitzer mchtige Herren waren und sich
rhmen durften, es an Reichthum jedem Frsten gleich zu thun. Unglckliche
Ereignisse, Strme der Zeit, die Niemand voraussehen, Niemand abwenden kann,
brachen die festen Mauern auch dieses Schlosses, und damit wenigstens sein
unzerstrbar fester Grund etwas ntze, ward vor mehreren Jahren auf die Trmmer
der alten Burg die Fabrik erbaut, die besser, als die frheren Bewohner des
Schlosses, Wasser, Wald und Sumpf, welche sie rings umgeben, sich auf nutzbare
Weise zinsbar zu machen versteht.
    So etwas kommt hufig vor in unsern Tagen, versetzte der Maulwurffnger.
Es scheint berhaupt die Aufgabe der neuen Zeit zu sein, alle Ungleichheiten,
an denen die Vergangenheit krankte, nach und nach auszugleichen und dadurch
gewissermaen die Verbrechen der Geschichte bessernd zu bestrafen.
    Nicht bel! meinte Adrian. Ihr macht demnach die Zeit zum Zuchtmeister,
was sie freilich von jeher gewesen ist, nur da sie jetzt ihre strafende Hand
gegen andere Personen und Geschlechter erhebt, wie frher.
    Das ist eine sehr weise Einrichtung, Herr am Stein, bemerkte Sloboda, der
bisher unverwandt das steinerne Wappen betrachtet hatte. Ist die Familie
ausgestorben, die frher hier herrschte?
    Noch nicht, mein Herr!
    Aber vermuthlich ward sie arm durch die Kriegsunruhen?
    Auch das nicht, Gott Lob! Sie befindet sich vielmehr in den besten
Verhltnissen ist noch mchtig, wie in den Zeiten ihres grten Glanzes, nur in
zeitgemiger Umgestaltung, und sie hofft, noch lange zu blhen und zu
herrschen.
    Sie waren bekannt mit ihr?
    Sehr genau, mein Herr! Doch beliebt es Ihnen nicht, einzutreten?
    Mich dnkt, auch ich kannte die Herren dieser Burg, sagte Sloboda
nachdenkend, indem er unter dem Thore hinweg in den gerumigen Hof schritt, den
jetzt die unermelich hohen Fabrikgebude umgaben.
    Wie? sagte Adrian. Sie kannten die Herren dieser Inselburg? Das mu wohl
ein Irrthum sein!
    Ich will es nicht bestimmt behaupten, nur so viel unterliegt keinem
Zweifel, da jenes Wappen Zier und Helmschmuck der Grafen von Boberstein
enthlt. O, die Grafen von Boberstein, gottseligen Angedenkens, wer, der sie
kannte, mchte sie und ihr Schild je vergessen!
    Ganz recht, es ist das Wappen der Grafen von Boberstein, sagte der
Maulwurffnger trocken, und das hier war ehedem grflich Boberstein'scher Grund
und Boden.
    Adrian wechselte die Farbe. Es rgerte ihn sichtlich, da der alte Mann im
Bauerkittel so entschieden sein Eigenthum als ihm nicht mehr gehrig
betrachtete, er hielt jedoch an sich, und als htte er die Bemerkung des
Maulwurffngers nicht gehrt, wendete er sich gleichgiltig fragend an den
Wenden.
    Standen Sie in so naher Verbindung mit den Grafen von Boberstein?
    In sehr naher Verbindung! Doch das ist schon lange her, fast ein halbes
Jahrhundert!
    Adrian schwieg und fhrte die Besuchenden quer ber den fnfeckigen Hof nach
einer schmalen Thr, deren rothbraune Sandsteinumkleidung und spitze
Bogenwlbung ihr hohes Alter verrieth. Ueber dieser Thr in einem Stck alten
Gemuers, auf welchem der leichtere schlanke Neubau der Fabrik ruhte, sah man
abermals das grflich Boberstein'sche Wappen. Wenige Schritte links im stumpfen
Winkel der hier zusammenstoenden Gebude erhob sich einer der beiden thurmhohen
Schornsteine und die unmittelbare Nhe der Maschinenkammer, die in einer
Abtheilung des ehemaligen Erdgeschosses von der Burg angelegt war, erfllte die
Luft mit dumpfem Rauschen und machte ringsum den Felsengrund leis erbeben. Aus
dem Innern scholl das Klirren, Schrillen, Sausen, Rollen und Stoen der tausend
und abertausend Rder, die hier in ununterbrochener Bewegung waren.
    Wie kommt es, fragte Sloboda, eine gewundene Treppe hinansteigend, von der
herab ihm ein unangenehmer warmer Oeldunst entgegenqualmte, wie kommt es, da
die frheren Besitzer dieser alten in eine Spinnfabrik verwandelten Burg nicht
mehr hier leben?
    Die grfliche Familie ist zu ansehnlich, versetzte Adrian, als da sie
hier Raum finden wrde. Und dann, was htte sie auch mit einem wsten
Trmmerhaufen anfangen sollen?
    Das Schlo brannte ab, ich erinnere mich, sagte Sloboda.
    So erzhlt man. Ein Blitzstrahl setzte es in Flammen.
    Ein furchtbares Unwetter brachte ihm den Untergang!
    Lebten Sie damals in der Nhe? fragte Adrian. Es interessirt mich, etwas
ber den Untergang dieser ehrwrdigen Stammburg des alten Grafengeschlechtes zu
erfahren. Was ich bisher davon hrte, konnte mich nicht befriedigen.
    Wenn Sie erlauben, Herr am Stein, so theile ich Ihnen das, was ich selbst
wei, spterhin mit. Mein Freund, noch vertrauter mit der Vergangenheit, wie
ich, kann vielleicht manchen Irrthum aufklren, manche Lcke ausfllen. Die
Natur hat ihn mit einem wunderbaren Gedchtni begabt.
    Ja das hat sie, besttigte der Maulwurffnger mit einer Trockenheit im
Tone, als fehle es ihm an geistiger Kraft. Adrian konnte sich kaum eines
spttischen Lchelns enthalten, als er die wichtige Miene des Mannes dabei
bemerkte, die wirklich einen auffallenden Ausdruck von Simplicitt an sich trug.
    Ihr wart vermuthlich dabei und saht den Blitz einschlagen, nicht so?
fragte Adrian spttisch lchelnd.
    Wie Sie wollen, versetzte Heinrich. Als der Rummel losging, machte mir's
Spa, die alten Schieferthrme so lustig brennen zu sehen, und ich kann sagen,
da es selten ein hbscheres Feuerchen gegeben hat, bei meiner Mutter Seligkeit!
Nachher, wenn Sie Lust haben, alte Geschichten anzuhren, will ich Ihnen
verteufeltes Zeug davon erzhlen.
    Noch whrend dieser Antwort des Maulwurffngers hatten sie den ersten
ungeheuren Saal erreicht, in welchem die frische Wolle gekrempelt wurde. Hundert
und mehr Mdchen und Knaben, in einem Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren,
schlecht gekleidet und von bleichem Ansehen, liefen ruhelos geschftig hin und
her, um die mit furchtbarer Schnelligkeit arbeitenden Maschinen zu bedienen. Der
ganze weite Saal war mit einem trben ligen Nebeldunst erfllt, der aus den
staubfeinen fast unsichtbaren Wollentheilchen gebildet ward, die immerwhrend
von den Maschinen abflogen. Hufiges abgebrochenes Husten der Arbeitenden fiel
jedem Fremden auf und ward auch sogleich von Sloboda und Heinrich bemerkt. Es
machte einen fast unheimlichen Eindruck, die vielen schlanken Gestalten stumm
und traurig unter den rasselnden Maschinen in dieser brhwarmen, feuchten und
fettigen Atmosphre ewig hstelnd umherwandern zu sehen, Hnde, Gesicht, Kleider
und Haare mit feinen Wollenflckchen bedeckt, die nicht selten an den reizbaren
Stellen der Haut ein heftiges Jucken verursachten.
    Diese Arbeit mu anstrengen, sagte Sloboda, und scheint mir nicht ganz
unschdlich zu sein. Arme Kinder, wie sie husten!
    Adrian lchelte. Glauben Sie diesen intriganten Geschpfen nicht, sprach
er, sie verstellen sich und heucheln einen krampfhaften Kitzel in der Kehle,
der in Wahrheit nicht vorhanden ist. Ich will Ihnen erklren, woher dies kommt.
Frher arbeiteten die Maschinen nur zehn Stunden tglich, in welcher Zeit sie
abwechselnd von zwei sich ablsenden Parteien bedient wurden. Spter, als das
Maschinengarn mehr in Aufnahme kam und die Bestellungen sich huften, ward die
Arbeitszeit verlngert und der Lohn natrlich auch erhht, whrend im Uebrigen
die Verhltnisse ganz dieselben blieben. Bald aber reichte auch dies nicht mehr
hin, und ich sah mich genthigt, die Maschinen Tag und Nacht, mit Ausnahme der
Stunden von eilf bis ein Uhr Nachts, ununterbrochen gehn zu lassen. Natrlich
mu ich nun auch die Arbeitszeit meiner Leute verlngern, wofr sie angemessen
bezahlt werden. Allein diese Menschen, die anfangs froh waren, da sie Arbeit
fanden, und die ein schnes Geld verdienten und durchbrachten, knnen jetzt
nicht mehr genug Lohn erhalten. In der Meinung, da unser Gewinn in gleichem
Verhltni stehe mit dem Mehrertrage, verlangen sie doppelten, ja wohl gar
dreifachen Lohn, behauptend, es litte ihre Gesundheit bei den Maschinen, und
weil ich auf so thrichte und vllig unsinnige Forderungen bei den uerst
gesunkenen Preisen der baumwollenen Waaren nicht eingehen kann und will,
verstellen sie sich und husten, als ob sie alle die Schwindsucht htten. Doch
ich lache zu solchen Maskeraden!
    Eilf Stunden tglichen Aufenthalts in diesem Oeldunst ist kein Genu, Herr
am Stein, sagte der Maulwurffnger. Knnten Sie nicht, um die Maschinen zum
Segen der Menschheit wirken zu lassen, die Arbeitszeit viertheilen und vier
Parteien beschftigen?
    Adrian sah den Alten mit groen Augen an, verwundert ber einen solchen
Gedanken. Das wre der erste Schritt zum sichern Bankerott, versetzte er
verchtlich. Ich mte dann wenigstens zwei Mal mehr Lohn geben, als jetzt, und
htte berdies noch mit der Widerspnstigkeit dieser nie zufriedenen Menschen
unablssig zu ringen. Nein, es ist so besser, und ich rathe Ihnen, mein lieber
alter Herr, wenn Sie etwa in Ruland das Maschinenspinnen einfhren sollten, nie
auf die Klagen Ihrer Arbeiter zu achten. Nachgibigkeit macht sie stets
unzufrieden. Sie haben so wenig bei den Maschinen zu thun, da man das Bischen
Hin- und Herlaufen eigentlich gar nicht Arbeit nennen kann. Es ist eine bloe
mssiggngerische Spielerei, fr die ein Trinkgeld hinlnglicher Lohn wre. Doch
bei Ihnen wird solche Aufstzlichkeit, wie hier, nicht vorkommen. Sie besitzen
zum Glck Leibeigene, die Sie fr jede Klage mit Knutenhieben belohnen knnen,
eine Einrichtung, die sehr vernnftig und practisch ist und die auch bei uns
bestehen sollte! Glauben Sie mir, man hat unsglichen Aerger mit diesem
widerhaarigen Arbeitervolk!
    Sie hatten die verschiedenen Sle durchschritten, stiegen in das zweite
Stockwerk hinauf und traten in die Rume der Grobspinnmaschinen. Auch hier
fluthete dieselbe schwere, lige das freie Athmen hemmende Atmosphre durch alle
Sle, und die Luft war ebenfalls, wenn auch nicht in so hohem Grade, mit
Millionen feiner Wollentheilchen geschwngert, die als weigrauer Niederschlag
an den Kleidern sich anlegten und bei vielen Arbeitern Augenentzndungen
verursacht hatten. Die Heftigkeit, mit welcher der feine Wollstaub von den
schwirrenden Wrteln und Spillen abflog und die darber Gebeugten traf, mochte
viel dazu beitragen. Sloboda und Heinrich bemerkten dasselbe trockene Hsteln,
das freilich aus dem schmetternden Lrm der Rder und Spindeln nur ein achtsames
Ohr heraushrte.
    Als unsere Bekannten auch diese Rume ihrer ganzen Ausdehnung nach
durchwandert waren, kamen sie im dritten Gestock in ein Vorgemach, wo mehrere
Aufseher versammelt waren. Achtungsvoll grten diese die Eintretenden. Adrian
nahm eine sehr vornehme und herrische Miene an und erwiederte den Gru nur
obenhin. Sloboda blieb stehen, um aus den Fenstern einen Blick ber die
unermelichen Haidestrecken zu werfen, die dunkelblau, wie die Wogen des Meeres,
sich bis an den Horizont ausdehnten. Sinnend schttelte er bei diesem Anblick
den Kopf.
    Fllt Ihnen etwas auf? fragte Adrian, der, stolz auf seine Einrichtungen,
keinerlei Tadel gut vertragen konnte.
    Ach nein, versetzte Sloboda, ich dachte nur der Vergangenheit und was der
alte Herr Erasmus, den ich wohl kannte, zu der Vernderung sagen wrde. Eine
Spinnfabrik auf den Mauern seines Schlosses und dies selbst in fremden Hnden,
ach das ertrge der ehrenwerthe Herr nicht, wenn er noch lebte! Lieber wrde er
sich in die tiefste Stelle des Sees gestrzt haben!
    Wer sagt Ihnen denn, mein Herr, da die Besitzungen der Boberstein in
fremde Hnde gekommen seien?
    Sind Sie nicht der Eigenthmer dieser Fabrik? fragte Sloboda.
    Der bin ich.
    Man sagte mir, ein Herr am Stein besitze See und Haide in ziemlicher
Ausdehnung.
    Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, mein Herr, aber man hat vergessen
hinzuzufgen, da die Herren am Stein und die alten Grafen von Boberstein ein
und dieselben Personen sind. Mein Stammname ist Adrian Graf von Boberstein,
ltester Sohn des erlauchten Grafen Magnus, seiner Zeit unter dem Namen Blauhut
wohl bekannt bei Vornehm und Gering.
    Sloboda und Heinrich entblten ehrerbietig ihre Hupter und stellten sich
uerst berrascht. Herr Graf, sagte der Wende, es ist Ihre Schuld, wenn wir
einigermaen die Ihnen zukommende Achtung aus den Augen gesetzt haben. Wir
glaubten blos den reichen, umsichtigen, khnen und glcklichen Fabrikherrn,
Herrn am Stein, zu sprechen, nicht den Enkel des Grafen Erasmus von Boberstein!
Doch mu ich bekennen, da mir diese Entdeckung von hohem Werth ist, da Sie mir
Aufschlu ber eine Angelegenheit geben knnen, die mich zum Theil auch
veranlat hat, diese Gegend zu besuchen. Sie werden lcheln, Herr Graf, wenn ich
mich Ihnen als Ihren Verwandten vorstelle!
    Sie und in diesem Rock? sagte Adrian verwundert und emprt zugleich.
    Lassen Sie sich den Rock nicht stren! Er deckt ein grades, ehrliches Herz,
das die Gerechtigkeit ber Alles liebt! Ich kannte Ihren Herrn Vater, Graf
Magnus. Schade, da ihn der Tod schon abgerufen hat!
    Ich mu wirklich bitten, fiel Adrian etwas ungeduldig ein, dieses
Gesprch abzubrechen, oder mir auf der Stelle die bndigsten Beweise zu liefern,
da ich in Ihnen einen Verwandten meiner Familie vor mir habe, sonst mchte ich
mich genthigt sehen, Ihnen den Weg aus der Burg zeigen zu lassen.
    Verzeihung, verehrter Herr Graf! erwiederte Sloboda. Ihre Burg ist
gegenwrtig eine moderne Spinnfabrik, weshalb es Ihnen schwer fallen mchte, Ihr
Wort wahr zu machen. Die gewnschten Beweise sollen Sie erhalten. Heinrich,
zeige doch dem Herrn Grafen das Papier.
    Der Maulwurffnger holte hierauf mit groer Ruhe die bewute Verschreibung
hervor und reichte sie dem Wenden. Dieser entrollte sie so weit, da
Unterschrift und Wappen des Grafen Magnus sichtbar wurden, und hielt sie Adrian
vor.
    Kennen Sie dies Wappen, diese Handschrift?
    Wie sollte ich nicht? versetzte arglos der Graf. Es ist mein
Familienwappen und die Handschrift meines verstorbenen Herrn Vaters.
    Darf ich die Herren ersuchen, wandte sich Sloboda an die umstehenden
Aufseher, mir zu bezeugen, da der Herr Graf Adrian von Boberstein diese
Schriftzge als die seines verstorbenen Herrn Vaters anerkannt hat?
    Sie drfen es, mein Herr, erwiederte der Aelteste, in dem wir den
Buchhalter Vollbrecht wieder erkennen. Die Schrift des Grafen Magnus kann
Niemand verkennen!
    Die Uebrigen stimmten schweigend bei und verbeugten sich.
    Ich danke Ihnen, meine Herren, sagte Sloboda, die Schrift wieder
zusammenrollend und an Heinrich zurckgebend.
    Aber, mein Herr, was soll das? fragte Adrian, der von dem unerwarteten
Auftritt ganz bestrzt war und nicht wute, was er dazu sagen sollte.
    Bitte, Herr Graf, lassen Sie sich nicht stren noch beunruhigen! Haben Sie
vielmehr die Gte, mir und meinem Freunde die noch brigen Rume Ihrer
ausgezeichneten Fabrik zu zeigen, die mich allein zu Ihnen gefhrt hat. Denn ich
lie mir nicht trumen, im Herrn am Stein den Sohn des Grafen Magnus zu finden!
Sie wnschten Aufschlsse ber die Zeit zu erhalten, die vor Ihrer Geburt ber
die Burg Ihrer Ahnen dahinrauschte. Ich werde mir erlauben, falls Sie die Gnade
haben, mir und gelegentlich meinem Freunde zuhren zu wollen, Ihnen eine
Geschichte von Ihren Vorfahren zu erzhlen, aus welcher Sie mancherlei lernen
knnen und die hoffentlich auch dazu dient, mich ungeachtet meines groben Rockes
fr Ihren Verwandten anzuerkennen! Drfen wir eintreten?
    Von der gewandten Hflichkeit des steinalten Greises besiegt, machte Graf
Adrian lchelnd eine billigende Handbewegung. Sloboda und Heinrich traten in die
Sle der Feinspinnmaschinen und betrachteten mit grter Aufmerksamkeit Alles,
was ihnen bedeutend schien. Auch unterlie der Wende nicht, hufige Fragen an
Adrian zu richten, welche dieser schon aus Hflichkeit zuvorkommend beantworten
mute. So gingen denn die beiden dem Herrn am Stein jetzt rthselhaft und
unheimlich gewordenen Fremden von Gestock zu Gestock, von den Maschinen in die
Weifsle, aus diesen in die Packgewlbe, zu den Kutchenschlingern, und erst
nach zweistndigem Umherstreifen und nachdem sie auch in die glhendheien
Wlbungen hinabgestiegen waren, wo cyclopenhnliche riesige Shne der Haide die
ungeheuren metallenen Oefen heizten, geleitete sie Adrian wieder ber den
Felsenpfad hinab in sein lichtes, freundliches Wohnhaus und lud sie, um
ungestrt und ausfhrlich mit ihnen sprechen zu knnen, ein, den Rest des Tages
bei ihm zu verleben.
    Sloboda und Heinrich nahmen diese Einladung dankend an.


                                  Zweites Buch

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                               Die letzte Spinte.

Ehe noch Adrian mit seinen Gsten das Haus am See erreichte, zeigte das Luten
der Glocke auf der Fabrik die Mittagsstunde an, die zugleich diejenige Zeit war,
wo die Arbeiter einander ablsten, ohne den Gang der Maschinen zu unterbrechen.
Es begegneten daher den vom Felsen Herabsteigenden eine Menge junger Burschen
und Mdchen nebst einer hbschen Anzahl kaum achtjhriger Kinder, die zum
Auszupfen der Wollenflocken aus den Rdern und Haken der Spinnmaschinen, so wie
zum Auflesen verstreuter Wollbschel unter den arbeitenden Maschinen verwendet
wurden. Alle diese Kinder sahen krank und bla aus, gingen in elenden,
zerrissenen und geflickten Kleidern einher und hatten meistentheils aufgedunsene
Gesichter, starke Leiber und krumme Beine, eine Folge der ungesunden Luft und
des alltglichen eilfstndigen Hockens unter den sthlernen Rechen und Zangen,
Walzen und Rdern, die ihre zarten Glieder mit den furchtbarsten Verstmmelungen
bedrohten. Einen heitern Anblick dagegen bot der blaue See dar, der jetzt in
hellem Sonnenschein wie eine Flche geschliffenen Stahles unbeweglich dalag und
mit hundert und mehr Khnen bedeckt war, in denen die in den nahen Haidehtten
wohnenden Arbeiter sich selbst zur Insel herberruderten, auf dessen
Granitgestein die glnzende Zwangsanstalt lag, die ihnen ein sprliches Brod gab
und jetzt mit ihren hohen weien Wnden und vielen hundert Fenstern wie ein
Feenschlo schimmerte.
    Die schon bereit stehende Mittagstafel hinderte den Grafen, die Fremden
sogleich mit weiteren Fragen zu bestrmen. Vornehm hflich lud er sie ein, sein
Mahl mit ihm zu theilen, das keineswegs lucullisch genannt werden konnte; denn
Adrian war ein eben so groer Anhnger der Sparsamkeit, als sein Vater ein
Freund der Verschwendung gewesen war. Selbst der Wein fehlte anfangs und ward
erst auf einen Wink Adrians aufgesetzt.
    Von dieser auergewhnlichen Frugalitt abgesehen, zeigte sich der Graf
durchaus als angenehmer Wirth, als gebildeter, unterhaltender Weltmann und als
ein mit feiner Sitte wohl vertrauter Aristokrat. Erst nach Beendigung der Tafel
bemerkte der lauernde Blick des schlauen Maulwurffngers, da es Adrian schwer
falle, nicht sogleich eine Erklrung von ihnen zu verlangen, und weil ihm selbst
daran gelegen war, diesen auch ihm peinlichen Besuch mglichst abzukrzen,
fragte er in seiner trockenen Weise: ob er die Geschichte seines alten Freundes
jetzt anhren wolle? Adrian beeilte sich, seine Bereitwilligkeit auszudrcken,
worauf Heinrich um Erlaubni hat, statt der ihm angebotenen Cigarre seine Pfeife
rauchen zu drfen, was Adrian natrlich auch gestatten mute.
    Wir bitten jetzt unsere Leser, sich zugleich mit uns aus dem neunzehnten in
das achtzehnte Jahrhundert zurckzuversetzen, wo sich die wechselvollen
Begebenheiten, die wir jetzt erzhlen mssen, zutrugen. Auch sei es uns
gestattet, die Mittheilungen des Wenden und des Maulwurffngers nicht von diesen
selbst erzhlen zu lassen, sondern sie als eine eigene, in sich abgeschlossene
Geschichte, aus welcher alle sptern Ereignisse hundertstig entsprossen, in
einem, wir wnschen, unterhaltenden und ergreifenden Tone vorzutragen.
    Aschermittwoch fiel im Jahre 179* Ende Februar, da Ostern erst Mitte April
gefeiert ward. In einem jener regelmig gebauten wendischen Drfer der Lausitz,
die gleichsam die Grenze bilden zwischen den groen Ortschaften des Gefildes
oder freien Landes und den zerstreut liegenden Wohnungen der Haidebauern, war
von einer der vielen Spinngesellschaften, die sich nach altem Herkommen
regelmig in allen sowohl wendischen wie deutschen Ortschaften des genannten
Landstrichs bilden, eine recht frhliche Feier des letzten Spinnabends, der
jederzeit am Aschermittwochstage gehalten wird, beschlossen worden. Man nennt
diese lustige Feier noch heutiges Tages das Erstechen der Spinte, eine
Bezeichnung, die wir alsbald erklren werden.
    Die Spinngesellschaft war alle Tage den ganzen Winter hindurch auf Ehrhold's
Hofe zusammengekommen, hatte ihre volle Mdchenzahl, nmlich zwlf, ohne
Unterbrechung gehabt, und manchen Spa der Burschen, die wchentlich ein Mal um
die Erlaubni eines Besuches baten, mit angesehen. Jetzt zum
Aschermittwochsabende hatten die jungen Burschen abermals ihren Besuch anmelden
lassen und es war mit Bestimmtheit auf muntere Scherze und ausgelassene
Tollheiten zu rechnen. Die Mdchen freuten sich ber alle Maen darauf, um so
mehr, da manche der fleiigen Spinnerinnen fast ihren ganzen Flachsertrag des
vorigen Jahres zu feinem Garn versponnen hatte, woraus, wenn sie vom Glck
begnstigt werden sollte, binnen ein oder zwei Jahren das Linnen zu ihrer
Ausstattung gewebt werden konnte.
    Ehrhold hatte einen jngern Stiefbruder, Jan Sloboda, der einige Stunden
weiter im ersten Grtel der Haide ein kleines Grtchen mit Sorgfalt
bewirthschaftete. Letzterer berlie fr die Dauer des Winters dem Bruder seine
Tochter Rosa, damit sie ihm spinnen und der Wirthschaft vorstehen helfe. So jung
Rosa oder Haiderschen, wie die jungen Burschen sie nannten, noch war, so viele
Bewerber fand sie unter den schlanken, gesunden und heitern Bauersshnen, ja es
war so ziemlich fr gewi anzunehmen, da Rschen im knftigen Herbst Braut sein
werde.
    Ohne Gesang vergeht keine Spinte unter den Wenden. Das Schnurren der
Rdchen, das Tanzen der Spillen, die bejahrte Frauen vorziehen, das Schrillen
und Zirpen der Heimchen im Heerd des Ofens und in dem tief in die Wand
gemauerten Kamin, wo das Kienfeuer sprht und prasselt, laden wie von selbst
dazu ein, und da Gesang und Gesprch die reinliche Arbeit nicht stren oder
unterbrechen, so dauern beide so lange, als die Gesellschaft beisammen bleibt.
Spte Wanderer, die in der strengen Jahreszeit ein wendisches Dorf betreten,
werden angenehm berrascht von den lieblichen, reinen Stimmen, den bisweilen
heitern, meistens aber melancholischen Melodien, die ihnen aus der Schneenacht
ber die Breterwand irgend eines Bauerngehftes entgegenschallen.
    Bei diesen Gesangbungen hatte sich Rschen besonders durch eine Menge neuer
Lieder oder doch solcher, die nur in der Haide bekannt waren, sehr ausgezeichnet
und die Liebe Aller erworben. Ihr zu Ehren sollte deshalb Aschermittwoch auf
Ehrhold's Hofe so feierlich wie mglich begangen werden. Rschen mute, da sie
keine neuen Lieder mehr wute, versprechen, die Gesellschaft mit einigen
Mhrchen zu unterhalten, die sie ebenfalls mit reizender Naivitt vorzutragen
verstand.
    Wirth und Wirthin der Spinte hatten fr Speise und Trank reichlich gesorgt.
Kaum brach der Abend herein, so kamen die Mdchen, ihre Spinnrder nebst Rocken
in den Hnden, bei Ehrhold an, nahmen ihre gewohnten Pltze auf der rund um die
hlzernen Stubenwnde laufenden Bank ein und lieen lustig die Rdchen schnurren
und die Mulchen plappern.
    Nach Verlauf einer Stunde schlug es pltzlich, ohne da man vorher ein
Gerusch im Hofe oder auf der Flur gehrt hatte, so heftig an die Thr, da man
htte glauben sollen, ein Pferd schlage mit dem Hufe daran. Die Mdchen
zerrissen vor Schreck ihr Gespinnst und kreischten laut auf, manche blos zur
Gesellschaft und um die andern noch mehr in Furcht zu setzen oder warfen gar
Rocken und Rdchen um. Inzwischen stie Ehrhold, anscheinend verdrielich ber
den Grobian, der so ungeschliffen sein Ankommen meldete, die Stubenthre auf,
durch welche in gewaltigen Sprngen ein knstlich aus weien Regentchern
zusammengesetzter Schimmel hereingaloppirte, auf die Mdchen zusprengte und
lngs den Bnken unter den lcherlichsten Capriolen hintrabte, hier einen Rocken
mit seinem Strohschwanz herabstreifend, dort gar eine der Spinnerinnen mit
zudringlichem Kusse beehrend. Erst nachdem das Ungethm jedem Mdchen einen Ku
geraubt hatte und von ihnen mit Rosinen und Weibrod gefttert worden war,
unterlie es seine Schelmenstreiche, nickte gravittisch mit dem Kopfe, wobei
die Ohren abfielen und unter lautem Gewieher ein schner Rocken zum Vorschein
kam. Zugleich sanken die Tcher nebst ein paar Sieben auf die Dielen und ein
schmucker Bursche, einige zwanzig Jahre alt, kam unter dem zufriedenen Lachen
der gefoppten Mdchen zum Vorschein.
    Schon frher waren noch mehrere andere Burschen eingetreten. Diese
bemchtigten sich jetzt des mitgebrachten Spinnrockens, steckten ihn ber der
Stubenthr fest und reichten dem ausgelassenen Darsteller des Schimmels, den wir
Clemens nennen wollen, eine Ofengabel. Clemens nahm sie mit feierlicher Miene
an, fragte jedes der Mdchen, ob auch ihr Rocken rein abgesponnen und Platz in
der Flachskammer fr die Aerndte des nchsten Jahres sei? Als er die
befriedigendsten Antworten darauf erhalten hatte, hielt er dem Rocken eine
komische Standrede, indem er sich bei ihm fr die vielen Freuden, die er den
Winter ber gebracht hatte, bedankte, sich aber nachtrglich auch bei ihm
entschuldigte, wenn er ihm zu guter Letzt, anstatt ihn zu pflegen und zu hegen,
wie einem Feinde mitspielen msse. Er knne nicht anders, denn er liebe die
Sonne und hasse den Schnee, der Rocken aber sei ein Verehrer gefrorner Fenster,
geheizter Stuben und lodernder Heerdfeuer. Das msse nothwendig ein Ende nehmen,
da der Saft schon lange in die Bume getreten sei und die weien unschuldigen
Todtenglocken des Winters, die Schneeglckchen, schon lngst den Frhling
eingelutet htten. Um also der Winterwirthschaft mit einem Male ein Ende zu
machen, ersteche er hiermit im Rocken auch die Spinte und verbiete allen
weihndigen Mdchen, Rocken und Rdchen vor dem Sanct Burkhardtstage wieder
anzugreifen! So sprechend ergriff Clemens die Ofengabel und machte, von Burschen
und Mdchen umstanden, von diesen unter Lachen zurckgehalten, von jenen
angetrieben, mehrmals vergeblich einen Versuch, die schwarze zinkige Waffe in
den weichen seidenglnzenden Flachsleib zu stoen. Endlich aber traf die Gabel
unter lautem Jauchzen aller Anwesenden den Rocken, er strzte an die Erde und
die Spinte war erstochen! -
    Sogleich wurden nun die Spinnrdchen fortgeschafft, die Schemel an den
groen Tisch gerckt, auf dem schon Kuchen, Bier und Tabak in Menge stand, und
Mdchen und Jnglinge nahmen in weitem Halbkreise nach Belieben Platz. Nur fr
Wirth und Wirthin lie man einen freien Gang, um sie im Zutragen neuer
Lebensmittel nicht zu stren. Clemens erklrte die Spinte nochmals fr todt und
forderte die Gesellschaft auf, dies wichtige Fest so heiter und lustig wie
mglich zu begehen.
    Die Wenden theilen mit ihren brigen slavischen Brdern nur das heitere
sinnliche Temperament, das gern in laute Lustbarkeit ausbricht, dagegen ist
ihnen der Hang zu ritterlichen Thaten, zu Kampf und Krieg, dem sich die groe
Masse aller slavischen Vlkerschaften so gern hingibt, nicht eigen. Sie lieben
den Frieden, die stille Huslichkeit, die Freuden geselligen Zusammenlebens und
harmloser Vergngungen ber Alles und vermeiden jeglichen Streit, wenn es irgend
mglich ist. Beschftigungen des Friedens, die nichts mit Waffenprunk zu thun
haben, sind ihnen die liebsten. Darum blhten stets und blhen noch heute unter
diesem singenden Volk der Haide Ackerbau, Fischerei und Bienenzucht mehr, wie
anderwrts, und der Soldatenrock wird von ihnen, selbst in Friedenszeiten, mit
furchtsamem Auge betrachtet. Werden sie aber zum Kriegshandwerk gezwungen, so
wissen sie sich mit slavischer Gewandtheit in das Unvermeidliche zu fgen und
selbst eine Tapferkeit anzueignen, die der angebornen wenig nachgibt.
    Das Festmahl, welches die Spinngesellschaft in Ehrholds Hause der
erstochenen Spinte zu Ehren hielt, war so heiter, wie man es nur wnschen
konnte. Einer von des Wirthes Knechten spielte das Brummeisen mit
bewundernswrdiger Gewandtheit und entlockte der zitternden, feinen Stahlzunge
mit Meisterschaft alle Melodien der vielen Lieder, die nur dem Volke bekannt
sind und sich unter diesem von Generation zu Generation fortpflanzen. So oft der
geschickte Spieler eine neue Melodie auf das Brummeisen hauchte, brach die
Gesellschaft, die schmausend und lachend um den groen Tisch sa, das Gesprch
ab, um in Menge oder von einem Vorsnger geleitet, je nachdem die Melodie es mit
sich brachte, ihre geliebten Gesnge anzustimmen. Man setzte dies eine geraume
Zeit fort, bis einer der Burschen sich Rschens gegebenen Versprechens erinnerte
und jetzt, mit geballter Faust auf den Tisch schlagend und seine kurze dampfende
Holzpfeife aus dem vergngt lchelnden Munde nehmend, ausrief: Gottes Segen auf
uns! Haiderschen mu erzhlen!
    Von allen Seiten stimmte die Versammlung dieser Aufforderung bei und Rschen
war ein viel zu natrliches und unverdorbenes Kind des Waldes, als da sie sich,
wie dies unsere fein gebildeten und wohlerzogenen Mdchen mit so wirksamer
Koketterie zu thun wissen, mit scheinbarer Schchternheit lange gestrubt htte.
Sie nickte vielmehr beistimmend ganz vergngt, mit ihren groen kornblumenblauen
Augen die Gesellschaft berblickend, legte beide Arme, die von dem blendend
weien Kittelchen leicht verhllt und am Handgelenk mit Knpfchen von
Glasperlen zugeheftet waren, so auf den Tisch, da die vollen runden Ellbogen
die Hhlung ihrer kleinen Hndchen fllten, und wartete nur auf vllige Ruhe und
auf das tchtige Qualmen aller in Thtigkeit gesetzten Tabakspfeifen.
    Rschen zhlte siebzehn Jahre und war so schlank und ebenmig schn
gewachsen, wie die jungen Tannen der Haide, aus der sie stammte. Fast alle
Wenden, am meisten aber die Mdchen, zeichnen sich durch hohen Wuchs, durch
schne Krperform und durch einen wunderbar reinen Teint aus. Das Wort: Ein
Mdchen wie Milch und Blut lt sich vorzugsweise auf Mdchen wendischen
Stammes anwenden. Auch sind sie ihrer starken Gesundheit wegen im ganzen Lande
berhmt und bei den Vornehmen bis auf den heutigen Tag als Ammen beraus
gesucht.
    Ein solches Mdchen nun von Milch und Blut war Rschen. Krankheit kannte Sie
nur vom Hrensagen, denn ihr hatte buchstblich noch kein Finger weh gethan sie
mte sich denn beim Abraffen des Getraides zur Aerndtezeit in eine Distel
gestochen haben. Rschen hatte seidenweiches goldgelbes Haar, das sie nach der
Sitte ihres Volkes in Flechten geschlungen und in ein hohes Krnzchen auf der
Mitte des Kopfes zusammengebunden trug und hier mittelst einer messingenen
Senkenadel befestigte. Diese Flle reichen Haares, das jede Dame von Welt als
verfhrerisches Netz ausgeworfen haben wrde, um schmachtende Anbeter darin zu
fangen, verhllte Rschen im Haus und bei der Arbeit mit einem roth und blau
gewrfelten Tuche von Kattun, das sie in ein Dreieck zusammengeschlagen ber den
Kopf legte, zwei Zipfel in den Nacken herabfallen lie und die andern beiden
unter dem feinen Kinn lose zusammenschrzte. Diese ungeknstelte, einfache
Kopfbedeckung, die nirgends fr einen Kopfputz angesehen wird, kleidet doch alle
jungen und hbschen Landmdchen uerst vortheilhaft, da sie das reine Oval der
heitern, rosigen Gesichter in flatternden Purpur fat, der wie das Blatt irgend
einer mhrchenhaften Pflanze oder wie ein luftiges Gewlk Haar und Wangen der
lndlichen Schnen umgibt. Der allgemeine Reiz dieser Tracht ward bei Rschen
noch erhht durch die vielen zarten und dicht gekruselten kleinen Lckchen, die
rund um ihre Stirn wie goldene Rosenknospen blhten und, wenn sie den schnen
Kopf bewegte, sich hufig auf die klare Stirn herabbeugten, als wollten sie
diesen Tempel chter Jungfrulichkeit ehrfurchtsvoll kssen.
    Wenn Ihr fein ruhig seid und mich nicht auslacht, sagte jetzt dies
anmuthige Geschpf voll gesunden Mutterwitzes, so will ich Euch zur Belohnung
fr Eure schnen Lieder das Mhrchen von den andchtigen Sngern erzhlen. Habt
Ihr die Geschichte schon einmal gehrt?
    So wie Du's erzhlen wirst mit Deinen Marienlippen, sagte Clemens, so
haben wir's sicher noch nicht gehrt.
    Wir kennen's auch nicht! betheuerten ein paar andere junge Bursche.
    Nun so hrt denn zu! versetzte Rschen, ihr blhendes Gesicht gegen
Clemens wendend, an den sie vorzugsweise ihre Mhrchenworte zu richten schien.
    Noch einen Augenblick, Rschen! fiel Ehrhold ein. Das Heerdfeuer will
verlschen und das wre ein schlimmes Zeichen. Des Wanderers Lampe mu hell
brennen, wenn die Ohren der Bauern nicht Zeit haben, aufzupassen! Damit warf er
ein paar Hnde voll Kienspne auf den Kamin, da die glimmenden Kohlen schnell
hoch aufloheten, und setzte sich wieder an den Tisch.
    Haiderschen begann:


                   Das Mhrchen von den andchtigen Sngern.1

    Es geschah aber, da der Herr Christus und der heilige Petrus in der Welt
herumwandelten. Und sie kamen in ein Drflein, wo man in einem Hause so schn
sang. Und der Herr Christus blieb stehen, um zuzuhren, der heilige Petrus ging
aber immer weiter. Und als er ein Stckchen weiter gekommen war, sah er sich um
und der Herr Christus stand noch dort. Der heilige Petrus ging aber immer
weiter. Und als er ein Stckchen weiter gekommen war, sah er sich wieder um und
der Herr Christus stand noch immer da. Der heilige Petrus ging aber doch noch
immer weiter. Und als er ein Stckchen weiter gekommen war, sah er sich noch
einmal um und siehe - der Herr Christus stand immer noch da und hrte zu. Da
kehrte der heilige Petrus auch um und kam wieder zu dem Hause und dort sang man
so schne Volkslieder. Da sie nun eine Zeitlang zugehrt hatten, gingen sie
beide weiter und kamen an ein anderes Haus, dort sang man auch. Und der heilige
Petrus blieb stehen, um zu horchen, der Herr Christus ging aber immer weiter. Da
ging der heilige Petrus auch weiter und wunderte sich gewaltig. Da sprach der
Herr Christus: Was wunderst Du Dich so gewaltig? Und der heilige Petrus sprach:
Ich wundere mich darber so gewaltig, da Du dort stehen bliebst, wo sie
Volkslieder sangen, und hier vorbeigehst, wo sie geistliche Lieder singen. Da
sprach der Herr Christus: Mein lieber heiliger Petrus, dort singen sie
Volkslieder, aber mit aller mglichen Andacht, hier singen sie geistliche
Lieder, aber ohne die geringste Andacht.
    Allgemeines Hndeklatschen belohnte die glckliche Mhrchenerzhlerin, und
als wollte man zum Dank fr das rechtfertigende und kluge Wort Christi im
Mhrchen sich selbst eine Genugthuung zu Theil werden lassen, stimmten sogleich
ein paar von den Burschen das Lied von der Brautwahl an, in welchem das reiche
Mdchen dem armen klagt, da sie ein und denselben Schatz mit ihr liebe, und sie
bittet, ihr den Burschen gegen ihren eigenen Bruder abzutreten. Das Mdchen
dankt jedoch fr diesen Tausch und ihr Bursche, der die Pferde htend das
Gesprch mit angehrt hat und in dessen Herzen sich doch die Lust nach reichem
Besitz bei den Worten des wohlhabenden Mdchens regt, wird durch die Entgegnung
seiner armen Geliebten schnell wieder zu seiner Pflicht zurckgefhrt und
verschmht die arbeitsscheue Reiche, um der Armen Herz und Hand zu reichen.
    Nun was Lustiges! rief Clemens. Das Lied war zwar hbsch und recht
herzerquickend, wenn aber Haiderschen ihr Purpurglckchen lutet, klingt's doch
noch viel schner. Was meint Ihr?
    Ach ja, Rschen mu uns noch eins ihrer Mhrchen erzhlen! riefen einige
von den Mdchen.
    Aber was recht Lustiges, das bitt' ich mir aus! sagte nochmals der
lebhafte Clemens.
    Ich wei aber nichts, das so lustig ist.
    Warum denn nicht? Besinne Dich nur!
    Das hilft nicht. Wenn mir's nicht gleich einfllt, so kommt auch beim
Nachdenken nichts heraus.
    Du weit aber doch ein lustiges Mhrchen, sagte ihre Nachbarin. Gelt, Du
hast's uns erzhlt letzthin zur Vesper beim Flachsbrechen! Nun?
    Ich erinnere mich nicht.
    Es war eine Geschichte von einem armen Manne -
    Mit den vielen Kindern, meinst Du? fiel Rschen ein.
    Ganz recht. O bitte, erzhle sie uns!
    Ja die Geschichte ist recht lustig, sagte Rschen schelmisch lchelnd. Es
kommt mir nur vor, als wolle sie jetzt, wo ich ein so ernsthaftes Mhrchen
vorgetragen habe, nicht recht passen.
    Sieh, Schelm! rief Clemens, bist Du nicht gerade wie der heilige Petrus?
Wre doch der Herr Christus gleich bei der Hand, er wrde Dir Dein
Flachskpfchen schn waschen! Unser Herrgott hat uns das Lachen in die Augen und
in das ganze Gesicht gelegt, da wir recht oft diesen frhlichen Spiegel seinem
Himmel zukehren sollen, damit er an ihm sehen kann, ob wir auch noch seinem
Ebenbilde gleichen!
    Immer frischweg erzhlt, sagte Ehrhold ermunternd. Es ist eben so wenig
eine Snde, als wenn Einer bei der Litanei niest und sein Nachbar ruft ihm Gott
helf! zu.
    Rschen, noch blhender aussehend, wie gewhnlich, blinzelte mit ihren
strahlenden Augen Clemens zu und begann abermals:




          Die Geschichte vom armen Manne, der die vielen Kinder hatte.


    Es war aber einmal ein Vater und eine Mutter, die hatten eine groe Schaar
Kinder. Da fuhr der Vater einmal in die Stadt und kaufte ein Viertel Eicheln.
Als er nach Hause kam, gab er jedem Kinde eine, und da blieb noch eine brig,
die warf er hinter den Ofen und daraus erwuchs eine Eiche bis in den Himmel.
Darauf sagte der Vater, da er daran hinaufsteigen wolle. Die Mutter sagte:
Meinetwegen steige hinauf! Er kam hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr
sprach zu St. Petrus: Geh', sieh, wer dort klopft. Er ging und sagte: Wer ist
da? Der arme Mann sagte: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Sanct
Petrus sagte: der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu
St. Petrus: Im Kmmerlein sind zwei Laib Brod, gib sie ihm. Der arme Mann stieg
frhlich herab und rief: Frau, mach' auf, ich habe es gut getroffen, ich bringe
zwei Laib Brod. Sie verzehrten das Brod und er sagte: Frau, ich mchte dort
wieder hinaufsteigen. Sie sagte: Meinetwegen steige hinauf. Er kam dort wieder
hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh', sieh,
wer dort wieder klopft. Er ging und sagte: Wer ist da? Der arme Mann antwortete:
Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. St. Petrus sagte: Der arme Mann,
der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Im Kmmerlein
steht ein Korb mit Semmeln, gib sie ihm. Der arme Mann der stieg wieder frhlich
herab und rief: Frau, mach' auf, ich habe es wieder gut getroffen, ich bringe
einen Korb mit Semmeln. Sie verzehrten die Semmeln und er sagte: Frau, ich
mchte dort wieder hinaufsteigen. Sie sagte: Meinetwegen steige hinauf. Er kam
dort hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh,
sieh, wer dort schon wieder an die Thr donnert. Er ging und sagte: Wer ist da?
Der arme Mann antwortete: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. St.
Petrus sagte: Der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu
St. Petrus: Hinter der Thr steht ein groer Stock, nimm den und haue ihn doch
so durch, da er von einem Aste auf den andern fliegt. St. Petrus ging hin und
hieb ihn durch. Der arme Mann stieg eilig herab und rief: Frau, mach' auf, mach'
auf, ich bin dort sehr bel angekommen, ich bringe sehr groe Prgel mit -
    Whrend die jungen Mdchen noch ber die humoristische Bestrafung des
Unersttlichen lachten und die Burschen sich nicht genug in Lobeserhebungen ber
das prchtige Erzhlertalent Rschens erschpfen konnten, klopfte es einigemal
an den halbgeschlossenen Fensterladen, erst leise, dann laut und immer lauter.
Ehrhold bemerkte es zuerst und gebot der summenden Spinngesellschaft Ruhe.
Sogleich erscholl das Klopfen von neuem und diesmal so stark, da die hlzerne
Balkenwand schtterte.
    Nun, nun, reit mir nur nichts Haus ein! sagte der Wirth aufstehend und so
laut, da der auen so heftig Anklopfende seine Worte vernehmen konnte. Ihr
hrt ja doch, da die Spinte beisammen ist und unter Scherz und Lust begraben
wird, werdet's also erwarten! Was soll's denn?
    Das Krummholz ist da, erwiederte von drauen die Ehrhold wohlbekannte
Stimme des Nachbars.
    Schon wieder? Was hat denn der Richter zu melden? versetzte Ehrhold, den
Schieber am Fenster ffnend und den hlzernen Laden vollends aufstoend. Ein
Mann in Pelzmtze und weigrauem Schaafpelz reichte ihm ein krummes, fast wie
ein Hammer gestaltetes Holz, an das ein Papier genagelt war, welches eine
Einladung oder einen Befehl der Obrigkeit enthielt, der auf diese Weise den
einzelnen Hauswirthen zugeschickt und mitgerheilt ward.
    Es ist von wegen der Hofemdchen, sagte der Nachbar. Der Herr will sie
ber acht Tage beschauen und sich die krftigsten und die ihm am meisten
gefallen aussuchen. Ihr sollt deshalb, wie alle Andern, bermorgen in der
Dmmerung in die Schenke kommen und da Meldung thun, welche und wie viele
Mdchen Ihr zu stellen habt. Weiter steht nichts auf dem Papiere, und wollt Ihr
Eure Gste nicht gern verlassen, so mach' ich mir schon den Spaziergang bis zum
nchsten Nachbar.
    Vielen Dank, Nachbar, und es wird mir lieb sein, erwiederte Ehrhold. Was
aber fr dieses Jahr den Mgdedienst bei Hofe anbelangt, so habe ich Niemand zu
stellen. Ihr wit's ja.
    Ihr kommt aber doch in die Schenke, Nachbar?
    Ich werd' schon da sein und meinen Krug Bier trinken.
    Gute Nacht denn und frhliche Spinte! Ich denke, es wird diese Nacht noch
ein Schneegestber geben. Ihr knnt immer vor Schlafengehen die Bodenfenster
schlieen, da Euch der schne Winterwaizen nicht verweht wird.
    Gute Nacht! sagte Ehrhold, schlo Laden und Fenster und setzte sich wieder
zu seinen Gsten.
    Vater Ehrhold, nahm Clemens das Wort, ohne Zweifel durch Rschen dazu
veranlat, die ihn whrend des Wirthes Gesprch mit dem Nachbar zu sich gerufen
und heimlich mit ihm geflstert hatte, wir htten Lust, wie wir da beisammen
sitzen, knftigen Sonntag ber drei Wochen nach Knigshain zu gehen. Ihr seid
doch mit dabei?
    Was habt Ihr dort vor?
    Ach, da ist das Todaustreiben, Vetter, fiel Rschen ein, vor Freude in die
Hnde klatschend, und das mcht' ich gar so gern einmal mit ansehen! Es gehen
viele hin, auch der Vater wird vermuthlich dort sein, da er um diese Zeit fr
die gndigste Herrschaft eine Lieferung Getraide nach Grlitz fhren mu. Ich
will auch recht fromm sein die Zeit her und fr Dich und die Muhme so schne
Kse machen, da Du auf Ostern beim Kuchenbacken Deine Freude daran haben
sollst! Geh nur mit!
    Wenn den Andern so viel daran liegt, wie Dir, so werd' ich wohl nachgeben
mssen. Zwar hab' ich mir sagen lassen, es sei weiter nichts als ein dummer
Spectakel, bei dem viel miges Volk zusammenlaufe, Abends die Schenken auskehre
und sich auf dem Heimwege die Jacken tchtig ausklopfe, inde - Dir zu Liebe -
    Nun also mir zu Liebe, Vetter, und meinem guten Vater, der sich um das
Unglck meines Bruders so sehr grmt!
    Kind, Kind, versetzte Ehrhold, mit Deinen frommen blauen Augen ziehst Du
einem das Herz aus der Brust! Was will ich thun? Ich mu klein zugeben, um nur
den lieben hellen Himmel in Deinem Kpfchen nicht zu trben. Ganz umsonst aber
will ich mein Versprechen doch auch nicht geben. Gewhr um Gewhr! Ich begleite
Dich und die ganze Spinngesellschaft nach Knigshain fr ein Mhrchen und zwar
ein frommes, das Du uns zum Schlusse erzhlen sollst.
    Hurrah, ho! riefen die jungen Burschen und schwenkten ihre Mtzen, und die
Mdchen fielen plaudernd ber einander her, als htten sie sich die wichtigsten
Dinge mitzutheilen. Rschen aber nahm ihre vorige hausmtterliche bequeme
Stellung wieder ein und sagte mit der freundlichsten Miene von der Welt: Zum
Schlu der Spinte das Mhrchen von


                                Diter Bernhard.

    Es war aber einmal ein vornehmer, frommer Herr mit Namen Diter Bernhard, so
fromm, da er seine Kleidung in die Sonnenstubchen hngen konnte, ohne zu
frchten, da sie auf die Erde fielen. Er ging jeden Sonntag in die Kirche und
erblickte dort einst den Teufel hinter dem Altare sitzen, wie er die Namen
derjenigen auf eine Kuhhaut schrieb, welche in der Kirche schliefen. Der Teufel
hatte aber die Haut ganz und gar vollgeschrieben und fing sie daher an mit den
Zhnen auszudehnen, damit er noch mehr aufschreiben knnte. Sie entschlpfte ihm
aber auf einmal und er schlug mit dem Kopfe so an die Wand hinter sich, da ihm
ein Zahn ausfiel. Hierbei konnte sich Diter Bernhard des Lachens nicht
enthalten. Weil er aber in der Kirche gelacht hatte, so rechnete ihm dies der
liebe Gott als eine groe Snde an. Als Diter Bernhard nach Hause gekommen war,
wollte er seine Kleidung wieder in die Sonnenstubchen hngen, aber diese
hielten sie nicht mehr und sie fiel dort zur Erde. Darber erzrnte er sich und
wollte dem lieben Gott auch etwas zum Possen thun. Und er nahm Brosamen und warf
sie in seine Stiefel und schritt einher, indem er so Gottes Gabe mit Fen trat.
Deswegen entfhrte ihn bald ein Wagen in die Luft, und er fhrt dort seiner
Bosheit wegen noch bis zum heutigen Tage umher.
    Besten Dank, mein liebes Rschen, sagte Ehrhold. Ich erklre hiermit die
Spinte fr geschlossen, damit nicht Einer oder der Andere auf schlechte Gedanken
komme, sondern ein Jeglicher als rechtglubiger Christ den Heimweg antrete. Gute
Nacht, meine lieben, ehrenwerthen Gste!
    Ehrhold gab das Zeichen zum Aufbruch, Alle reichten ihm und seiner Frau beim
Abschiede die Hand, bedankten sich fr gute Bewirthung und heitere Unterhaltung,
und verlieen, die Mdchen schirmend umgebend, das Bauernhaus.

                                    Funoten


1 Dies und die folgenden kurzen Mhrchen sind wrtlich dem trefflichen Werke
Volkslieder der Ober-und Niederlausitz von Haupt und Schmaler herausgegeben
entlehnt.


                                Zweites Kapitel.

                               Der Todtensonntag.

Die warme Mrzsonne am wolkenlosen Himmel machte den Schnee auf den Gebirgen
schmelzen und lie zahllose Bche ber Wiesen und Saatfelder rieseln, da
berall schon an den bewsserten Stellen zarte Keime eines frischen,
erquickenden Grns aus der Erde hervorsproten. Auch die Saalweiden enthllten
ihre weichen honiggelben, sduftenden Blthen der milden Luft und ragten hie
und da an den bewaldeten Bergen ber die noch drren Gestruche wie leuchtende
Kerzenbschel empor. Knaben und Mdchen sah man in einzelnen Gruppen auf den
Rainen unfern der Drfer hinwandeln und diese Erstlingsgeschenke des
wiederkehrenden Lenzes triumphirend in der Luft schwingen. Sie zogen heim aus
den Hgeln, um ihre niedrigen schwarz gerucherten und dunstigen Stuben mit den
Palmzweigen des deutschen Nordens, die sie in ihrer kindlichen Weise
Palmmietzel nennen, zu schmcken.
    Einer Schaar solcher mit blhenden Weidenzweigen versehener Kinder begegnete
am Sonntage Ltare des genannten Jahres in den schon erwhnten Knigshainer
Bergen ein rstig ber die Felder einsam daher schreitender Mann. Die Kinder
grten ihn freundlich, wie einen guten Bekannten, wnschten ihn gute Geschfte
und einen frhlichen Nachmittag und eilten beschleunigten Schrittes dem groen
Kirchdorfe zu, das sich am Fu dieser Berge im fruchtbaren Thale ausbreitet. Der
Gegrte dankte eben so freundlich den Kleinen, lie sich aber in kein Gesprch
ein, da er selbst ebenfalls Eile zu haben schien.
    Es war ein krftiger Mann von untersetzter Statur in einem Alter von etwa
dreiig Jahren. Seine Tracht bestand aus einer blautuchenen Jacke mit groen
Seitentaschen, kurzen Beinkleidern von schwarzem Leder, graublauen Strmpfen und
schweren rindsledernen Schuhen mit groen Messingschnallen. Als Kopfbedeckung
trug er eine niedrige Mtze von Grimmerpelz, die ihm tief in der Stirn sa, so
da nur seine lebhaften, grauen, beraus klugen Augen sichtbar wurden. Ueber
Brust und Rcken hingen diesem Mann an starker Hanfschnur eine Menge
lnglichrund gebogener Drhte, an deren zusammengehenden Enden Bindfaden
befestigt waren. Diese Drhte verursachten bei jedem Schritte ein klirrendes
Gerusch und machten, da man ihn schon in einiger Entfernung kommen hrte.
Auerdem trug er noch einen groen Quersack von Kalbsfell.
    Recht heiter und selbstzufrieden seine kurze Holzpfeife rauchend und bei
jedem Schritte eine dicke Rauchwolke in die Luft blasend, ging dieser burisch
gekleidete Mann quer ber Wiesen und Saatfelder, ohne sich um Weg und Steg
sonderlich zu bekmmern, und wanderte so in fast schnurgrader Richtung dem
Todtensteine zu, dessen wir schon gedacht haben. Hier verschwand er in der
schmalen Kluft, welche die hohen Granitmassen in fast zwei gleiche Hlften
scheidet, erklomm mit gelenker Behendigkeit die Plattform und lie wohlgemuth
sein scharfes Auge ber die malerische Gegend gleiten, die fern und nah dem
Schauenden entgegentritt. Von der Frhlingssonne hell beschienen lagen die
hgeligen Niederungen der Lausitz zu seinen Fen bis an den dunklen Saum der
Haide. Die Landeskrone mit ihrem gespaltenen Gipfel und dem weien Thurme ragte
hoch aus der Ebene, zu ihrer Linken im breiten Thal der Neisse glnzten die
Thrme und alterthmlichen Giebel von Grlitz, und darber in blauer Ferne
schlo die schimmernde Kette der schneebedeckten Sudeten das reizende
Landschaftsbild.
    Nachdem der Mann mit den Drhten sich geraume Zeit an der prchtigen
Aussicht gelabt und whrend dem seine Pfeife vollends ausgeraucht hatte,
streckte er sich auf ein Mooslager hin, das etwa auf der Mitte der Plattform in
einer unbedeutenden Vertiefung bereitet war. Diese Vertiefung hatte die Form
einer liegenden Menschengestalt von riesiger Gre und schien knstlich in das
harte Gestein gemeielt zu sein. Hier verbarg er einen Theil seiner Drhte unter
das Moos, legte dann seinen Quersack darauf, drckte die Mtze ber die Augen
und berlie sich sorglos einem festen Schlafe.
    Nach ungefhr einer Stunde, whrend der unser Bekannter in der stillen
sonnenwarmen Luft ganz ruhig geschlummert hatte, ward er durch nherkommendes
Jubeln, Lachen, Schreien und die qukenden Tne mehrerer Dudelscke, in die sich
schrillend das Gepfeif der wendischen Flte oder Tarackawa mischte, aufgeweckt.
Hastig schob er die Mtze zurck, fuhr sich mit der breiten schwieligen Hand
ber die Augen und richtete sich so weit auf, da er seinen rechten Ellbogen
unterstemmen und den Kopf in die hohle Hand sttzen konnte. Ein langer und
breiter Menschenschwarm, umhpft von Kindern mit blhenden Weidenzweigen und
angefhrt von einer Schaar Dorfmusiker, die sich mglichst anstrengten, ihren
Instrumenten unharmonische Tne zu entlocken, zog von Knigshain den Berg
herauf. Unmittelbar hinter der Musikbande gingen Knaben und Mdchen paarweise
geordnet, die allesammt lange strohumwundene Stcke trugen, an denen bunte
Bnder flatterten. An diese schlo sich ein junger Bursche an, der auf seinen
krftigen Armen eine groe Strohpuppe hielt, die er zu Aller Ergetzen sorgsam,
gleich einer Kindermutter, wiegte. Jung und Alt sang in regelmigen Abstzen
laut lachend: Eia Popeia und sprang und lrmte dann wieder nach Herzenslust.
    Ueber diesen wunderlichen Aufzug brach der Mann auf dem Todtensteine in ein
frhliches Lachen aus, ohne jedoch Miene zu machen, sich den Tumult genauer und
in der Nhe betrachten zu wollen. Vielmehr behielt er seine bequeme, lauschende
Stellung ruhig bei und heftete nur mit grerer Aufmerksamkeit seine schlauen
Augen auf den immer mehr anwachsenden Menschenschwarm.
    Sobald der Vortrab desselben den Todtenstein erreicht hatte, holten mehrere
Burschen Stahl, Stein und Schwamm aus den Taschen ihrer kurzen Jacken, schlugen
Feuer an und entzndeten mitgebrachtes Werg und Heu, ber dem sie schnell im
Schutz des Felsen einen hell lodernden Scheiterhaufen aus drren Reisern und
Wurzeln erbauten. Um dieses Feuer stellten sich alle diejenigen, welche mit
Stroh umwundene Stcke trugen, im Kreise und setzten sie an der Flamme in Brand.
Hierauf trat der junge Mann mit der Strohpuppe in den Kreis, hielt an die
zahlreiche Versammlung eine kurze Rede und warf das wunderliche Wickelkind unter
frhlichem Zuruf der Menge in die knisternde Flamme. Kaum schlug die Lohe ber
der Puppe zusammen, als jeder Fackeltrger um sich selbst zu tanzen begann,
seinen Strohbrand um Kopf und Schulter schwang und in kurzen abgestoenen Stzen
wiederholt die Worte sang:

Den Tod haben wir ausgetrieben,
Den Frhling bringen wir wieder!

    Dieser Gesang ward unter fortdauerndem Tanz, dem sich auch die bei der
Handlung selbst Unthtigen lustig mit anschlossen, so lange fortgesetzt, bis die
Strohpuppe in ein Hufchen glimmender Asche verwandelt war. Dann warfen die
Fackeltrger ihre Brnde theils auf die Feuerstatt, theils in nahe Klfte des
Felsens, und umtanzt und umjauchzt von den Palmmietzeln tragenden Kindern
machten sich die vielen Hunderte, welche dem Schauspiele beigewohnt hatten,
wieder auf den Heimweg.
    Diese sonderbare Feier, auf welche man heut zu Tage vergeblich warten
mchte, hie das Todaustreiben und ward noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts
an sehr vielen Orten Bhmens, Mhrens, Schlesiens und der Lausitz gehalten. Weil
man sie seit undenklichen Zeiten auf den Sonntag Ltare verlegte, nannte man
diesen Tag den Todtensonntag. Das Volk hing, wie an allem Herkmmlichen, auch
an diesem uralten, jedenfalls der heidnischen Vorzeit entlehnten Gebrauche, und
die Jugend freute sich auf das Verbrennen der Strohpuppe, welche den Tod
vorstellte, fast eben so sehr, wie auf den Weihnachtsabend. Bei den heidnischen
Slawen war diese Puppe wahrscheinlich nicht ein Abbild des Todes, sondern des
Winters gewesen, und das Verbrennen derselben bei Beginn des wiedererwachenden
Lenzes hatte symbolisch die Wiederbelebung der Natur, das Hinsterben des Winters
darstellen sollen. Es gab wenige Orte, wo der Todtensonntag so alterthmlich
solenn begangen wurde, wie am Fue des Todtensteines, was unstreitig seinen
Grund darin hatte, da dieser hochgelegene, eigenthmlich gestaltete Felsen im
heidnischen Alterthume einer der geheiligten Opferpltze gewesen sein mochte, an
denen die Priester der Wenden ihre religisen Gebruche, sei's ffentlich, sei's
heimlich, bten. Wenigstens deuten vielfache Spuren darauf hin, selbst die
erwhnte in Form einer menschlichen Gestalt auf der Plattform des Felsens
ausgehauene Vertiefung stand wahrscheinlich in irgend einem geheimnivollen
Zusammenhange mit jenen heidnischen Opfergebruchen. -
    Unserm Freunde mit den Drhten war diese Festlichkeit nichts Neues. Er hatte
ihr schon hufig beigewohnt und fand sie eigentlich lcherlich. Sie konnte ihn
deshalb auch nicht fesseln und er htte sich vielleicht, wre ihm der Gedanke
eingefallen, da heut der Todtensonntag vieles Volk um den Stein versammeln
wrde, eine andere Ruhesttte ausgesucht. Da er nun aber doch einmal durch
Zufall am Orte war, machte es ihm Vergngen, von seinem Versteck herab die
wogende, bunte, frhliche, so lebhaften Antheil nehmende Menschenmenge zu
beobachten. Diese bot wirklich ein unterhaltendes, schnes Bild dar, indem sich
deutsches und wendisches Volk heiter mischte. Die Wenden, mehr als die Deutschen
ihren uralten Sitten treu, zeichneten sich durch ihre eigenthmliche, nichts
weniger als unschne Tracht aus, und weil die Wenden der Lausitz noch bis heut
fr einen schnen Menschenschlag gelten knnen, war es in der That eine Lust,
die vielen krftigen jungen Mnner und die schlanken, fein gegliederten Mdchen
mit den edlen, hufig wahrhaft vornehmen, vor Freude strahlenden Gesichtern
ungestrt bewundern zu knnen.
    Besonders zog seine Blicke ein Trupp junger wendischer Burschen und Mdchen
auf sich, die fest zusammen hielten und ein und demselben Orte anzugehren
schienen. Unter ihnen zeichnete sich vor Allen ein Mdchen durch Schlankheit der
Formen und zierliche, obwohl nicht feine Kleidung aus. Ein schneeweies Hubchen
von gestreifter Leinewand, an den Kanten mit Spitzen umsumt, umschlo ihr
zartes, ovales Gesichtchen und verlieh ihm einen bezaubernden Ausdruck von
Kindlichkeit und Unschuld. Zwei ebenfalls weie Bandschleifen befestigten das
einfache Hubchen unter dem runden Kinn, das ein allerliebstes Grbchen reizend
verschnte. Das Mdchen, indem unsere Leser gewi Rschen schon erkannt haben,
sah mit ihren groen, kornblumenblauen Augen, die lange goldige Wimpern wie mit
sonnigen Franzen schirmten, seelenvergngt aus und bewegte sich in ihrem braunen
kurzen Rocke, ihren blendend weien, mit roth und blauen Zwickeln versehenen
Strmpfen und den kleinen Schuhen unter den brigen Wendinnen wie eine
verkleidete Fee. Unter dem rechten Arme trug sie ihr weies Regentuch, sauber
und faltenlos zusammengerollt, um es im Fall eines sich entladenden Unwetters
nach wendischer Sitte als Mantel gebrauchen zu knnen.
    Mit unbeschreiblich sem Lcheln hatte Rschen dem Verbrennen der
Strohpuppe und dem Fackeltanze zugesehen, indem sie sich auf die Schulter eines
jungen Burschen sttzte, oder vielmehr den Nacken desselben mit ihrem linken Arm
traulich umschlang. Der etwas zur Seite gebeugte Kopf lie genug von ihrem
Hinterhaupte sehen, um die reiche Flle ihres seidenweichen Haares zu zeigen,
das sich unter dem Hubchen hervordrngte und in glnzendem Gekrusel ber den
Nacken herabfiel.
    Als sich jetzt die bedeutende Volksmenge, unter der man auch verschiedene
Stdter aus Grlitz und Reichenbach bemerken konnte, nach und nach zerstreute,
vernderte Rschen ihre wunderbar anmuthige Stellung, und ihrem Begleiter einen
Wink gebend, drehte sie sich auf den Hacken um und entfernte sich leichten
Schrittes von der alten Opfersttte. In gedrngter Schaar schlossen sich die
brigen Wenden dem jungen Paare an. Haiderschen hatte jedoch kaum den vierten
Theil einer Feldlnge zurckgelegt, als sie pltzlich stehen blieb, dem Burschen
leise einige Worte in's Ohr flsterte und gleich darauf in schnellstem Laufe
durch die ihr jetzt entgegendrngende Volksmasse wieder nach dem Todtensteine
hineilte. Auf diesem Laufe begegnete ihr ein riesengroer Mann im langen
Sonntagsrocke, einen dreieckigen Hut auf dem Kopfe, dessen dichtes lichtbraunes
Haar bis in den stmmigen Nacken herabhing. Hingebend warf sich Rschen diesem
Manne an die breite Brust. Wenige schnell gesprochene Worte gengten, sich ihm
verstndlich zu machen, und indem er den linken Arm um die schlanke Gestalt des
schnen Mdchens legte, sttzte er die halbe Wucht seines riesigen Krpers auf
den rothgebeizten Stock von Schlehdorn, den er in der rechten Hand trug.
    Whrend dies geschah, jagte ein Reiter auf schnellfigem Rosse quer ber
die Felder und schlug unverkennbar die Richtung nach dem Todtensteine ein, an
dessen geschwrztem, von Schmarotzerpflanzen umranktem Felsgeschiebe noch
weilicher Rauch von dem erlschenden Feuer emporwirbelte. Der Reiter war ein
junger Mann in sehr eleganter, vornehmer Kleidung. Kleine goldene Sporen
glnzten an seinen Reitstiefeln, ein dunkelgrner Jagdrock vom feinsten Tuch,
reich mit Goldtressen besetzt, wie es die Mode der Zeit erheischte, schlo eng
um seine Taille, und ein kleiner dreieckiger Hut von schwarzblauem Castor sa
recht kokett auf seinem wohlfrisirten Haar. In der Rechten schwang er eine lange
Reitpeitsche, mit der er hufig knallte, sei es, um das an sich schon feurige
Thier noch mehr zu beleben, sei es zur bloen Unterhaltung.
    In einigen Sekunden war der wilde Reiter der vom Todaustreiben
zurckkehrenden Menge so nahe, da er den Strom derselben durchbrechen mute.
Dies that er auch, ohne sich im Geringsten darum zu kmmern, ob sein rasch und
wild galoppirendes Pferd bei solchem Wagni auch Jemand verwunden knne. Ja er
erkhnte sich sogar, mit hochmthiger Miene links und rechts mit seiner langen
Reitpeitsche in die Volksmenge hineinzuhauen, um seinem Thiere Platz zu
verschaffen, und whrend er dies, wie es schien, mit vielem Behagen that,
versumte er nicht, durch entehrende Schimpfworte die unschuldigen Menschen zu
schmhen und zu beleidigen. Wahrscheinlich hatte der anmaende Mann ein Recht zu
solchem Verfahren, denn der Menschenstrom theilte sich sofort freiwillig und die
Meisten zogen berdies noch ehrerbietig oder scheu ihre Mtzen und Hte. Selbst
diejenigen, welche die schwer niederfallende Peitsche schmerzhaft getroffen
hatte, murrten nicht, sondern wichen nur um so ehrerbietiger zurck.
    Nicht so geduldig nahmen dies brutale Betragen einige wohlhabende Brger aus
Grlitz hin. Sie waren mit Recht ber das tyrannische Verfahren des fremden
Reiters emprt und erwiederten seine Schmhreden mit drohend erhobenen Stcken.
Ein Tuchmacher, heftiger als die Andern, wollte sogar dem Pferde in die Zgel
fallen und den herrischen Reiter mit seinem gewichtigen Rohrstocke gut
brgerlich bearbeiten.
    So ein reicher Taugenichts, rief er aus, dem's Geld durch den Schornstein
in's Haus fliegt und der doch ehrlichen Handwerksleuten keinen wohlverdienten
Bhmen gnnt, den soll ja gleich der Teu -
    Pst! fiel dem Aufbrausenden ein wendischer Bauerbursche in's Wort, machen
Sie doch keinen unntzen Lrm! Der Herr hat Sie gar nicht gemeint, denn ber Sie
hat er keine Gewalt, nur uns, die wir ihm gehren oder bald gehren werden,
galten seine Worte. Kennen Sie den Junker Blauhut nicht?
    Dieser Mann mute sehr bekannt und gefrchtet sein, denn der erhitzte
Tuchmacher lie nicht allein von seinem Vorhaben sogleich ab, sondern hatte auch
sichtlich alle Lust verloren, dem vornehmen Herrn mit einem Wrtchen zu nahe zu
treten. Inzwischen hatte der Reiter den Menschenschwarm durchbrochen und den
Trupp wendischer Bauern, Burschen und Mdchen erreicht. Mit leichtem
Peitschenschlage auf den Rcken Ehrhold's, der Clemens zurckhielt, Rschen
nachzueilen, hielt er sein schnaubendes Thier an, beugte sich ber den
Sattelknopf und sprach:
    Du scheinst ein schlechtes Gedchtni zu haben, Ehrhold, was doch bei Euch
Gesindel selten der Fall ist, wenn es sich um klingenden Lohn handelt. Ich werde
mich deshalb genthigt sehen, Deine Vergelichkeit Dir auf andere Weise
abzugewhnen, wenn Du mir nicht auf der Stelle Deine Pathe, die ich an ihrem
Feenlaufe gar wohl erkannt habe, hieher schaffst! Bei diesen Worten schwang der
Junker die Peitsche und lie sie einige Male pfeifend um die Ohren des Bauers
sausen. Dieser zog demthig seine Pelzmtze, wodurch ein glnzender Lederriemen
um die Stirn sichtbar ward, den vorn ein Schlchen, welches zwei Adlerflgel
vorstellte, fest zusammenhielt.
    Ach gndigster Herr! Gndigster Herr! stotterte Ehrhold bestrzt.
    Warum hast Du mich getuscht? fragte der Reiter abermals mit strenger
Stimme und funkelndem Zornesblicke.
    Ich habe Ew. Gnaden nicht getuscht, Sie wissen es! Ihr Anerbieten gebot
mir die Ehre abzulehnen und -
    Ehre! lachte hhnisch der Junker. Seit wann hat ein Hund von einem
Sclaven Ehre! Ich werde Dich peitschen lassen, Schuft, und einen Tag lang in
meinem Schlohofe an den Pranger stellen! Zum letzten Male, warum hast Du mir
Deine Pathe verheimlicht?
    Ew. Gnaden knnen mit mir verfahren, wie Sie es fr recht halten,
erwiederte Ehrhold, ich mu es erdulden und werde nicht darber murren; allein
Rschen konnte ich nicht in's Schlo schicken, weil das gute, zarte Kind nicht
Ihre Unterthanin ist.
    Nicht meine Unterthanin! fuhr der junge Graf auf. Wie erfrechst Du Dich,
mir ein solches Wort in's Gesicht zu behaupten, mir, dem alleinigen Erben aller
Gter meines weichherzigen Vaters? Ich sage Dir, Schuft, das Mdchen gehrt mir
so gut, wie Du und Deine ganze Familie, und wenn ich befehle, da sie im
Schlosse ihre Dienstzeit antreten soll, so hat sie blos zu gehorchen. Wer sich
weigert, kommt vier und zwanzig Stunden in den Stock, und wenn ich bisher diese
wohlverdiente Strafe noch nicht ber sie verhngt habe, so hat sie dies blos
ihrer Anmuth und Zartheit zu verdanken.
    Das liebe Kind ist so schwach, Ew. Gnaden!
    Zu den Diensten, die ich von ihr verlange, besitzt sie Kraft genug, sagte
der Reiter mit spttisch aufgeworfener Lippe. Sie soll weder das Haus scheuern,
noch Stallmagd werden, ich will sie unterrichten und ihr was lernen lassen,
damit sie in freien Stunden mir die Zeit durch heitere und gebildete
Unterhaltung vertreibe. Aber Euch dummem Volk ist nicht beizukommen. Will man
Euch auch helfen und aus Eurem Elende herausheben, so habt Ihr stets
tausenderlei Bedenken, und gebraucht diese so lange als Waffe, bis man mit
Gewalt erzwingt, was Milde nicht erreichen kann. Dann habt Ihr freilich gut ber
Willkr und Ungerechtigkeit schreien! Nochmals also, schaffe mir die
Widerspnstige herbei, damit ich gleich hier mit ihr abschliee!
    Ehrhold wollte abermals Einwendungen machen, aber des sehr grimmig
blickenden Reiters neuerdings geschwungene Peitsche machte ihn verstummen. Eile
Dich, rief der junge Graf dem langsam Fortgehenden nach, ich werde Dich hier
erwarten! Und sorglos lie er die Zgel auf dem Nacken des feurigen Thieres
ruhen und sah stolz und verchtlich auf die vor ihm vorbergehende Menge, von
welcher bei weitem die Meisten ihn uerst demthig grten. Der Reiter dankte
nur selten, und that er es wirklich ein Mal, so bestand sein Dank in einem kaum
merklichen kurzen Zucken des Kopfes.
    Fnf Minuten mochten etwa seit dem Weggange Ehrhold's verstrichen sein, als
er an der nrdlichen Seite des Todtensteines wieder sichtbar ward, die schne
Wendin, von dem riesigen Manne begleitet, in dessen Schutz sie sich begeben
hatte, an der Hand fhrend. Das wetterbraune Gesicht des Letztern hatte einen
wrdigen, herzgewinnenden Ausdruck und der Blick seiner hellen blauen Augen
etwas so Offenes und Ehrliches, da man wohl htte glauben drfen, diesem Manne
eine Bitte, vom Blick seines Auges untersttzt, abzuschlagen, msse Jedermann
unmglich sein. Er hatte bereits das Haupt entblt und zeigte jetzt, wie die
meisten brigen Wenden, welche bei diesem Auftritte zugegen waren, einen
schmalen glnzenden Lederriemen um die Stirn, der, wie es schien, am meisten
dazu diente, die reiche Haarflle fest zusammenzuhalten. Zienckich rasch
schritten diese drei Personen den Hgel herab der Stelle zu, wo der herrische
Ritter, mit kurzen Fragen Clemens festhaltend, auf sie wartete. In einiger
Entfernung vor und hinter dem jungen Grafen war das Volk wieder
zusammengetreten, offenbar aus Neugierde, was wohl der gebieterische und
gefrchtete Herr mit dem schnen Kinde anfangen werde.
    Als der Reiter den starken groen Mann erblickte, verfinsterte sich sein
Gesicht und eine dunkle Rthe bedeckte auf einige Momente Wange und Stirn.
Inzwischen waren jene Drei so nahe gekommen, da sich leicht ein Gesprch mit
ihnen anknpfen lie, weshalb der Graf in scherzhaftem Tone sprach:
    Rschen, Rschen, Du lt mich frhzeitig die spitzen Dornen fhlen, die
Deine Schnheit birgt! Das ist lieblos von Dir und eigentlich sollte ich Dich
dafr strafen. Doch ich wei, da alle schnen Mdchen kleine anmuthige Launen
haben, die sie uns Mnnern nur begehrenswerther machen. Darum soll Dir verziehen
sein, wenn Du mir jetzt mit Deiner thrichten Furcht nicht die Geduld raubst.
Hier ist meine Hand. Schlag' ein! Auf Ritterwort, es soll Dir kein Leid
geschehen!
    Obwohl der junge Herr eine geraume Zeit seine vom Reithandschuh freie, weie
und schlanke Hand vom Pferde herab der Wendin entgegenstreckte, rhrte diese
doch keinen Finger. Gesenkten Hauptes, die Hnde unter der Schrze lose
verschlungen, stand sie da gleich einer Verbrecherin, die ihr Urtheil erwartet.
Da trat ihr Begleiter vor, beugte sich tief vor dem Reiter und dessen Hand mit
seinen Lippen streifend, sagte er ehrfurchtsvoll:
    Gndigster Herr Graf, ich bitte Sie fufllig, lassen Sie mir die arme
Kleine nur noch ein Jahr, dann will ich sie Ihnen, wenn Sie darauf bestehen,
selbst auf's Schlo bringen, und sie wird gewi gern ihre Pflicht thun. Es ist
meine einzige Tochter, Ew. Gnaden, ihre Muhme, da Gott erbarm', ward im Walde
erschlagen von einem Baume, den Ew. Gnaden Holzschlger fllten. Das schlimme
Unglck zog sich mein Sohn, ihr Mann, zu Gemthe, bis da ihm die Gedanken
vergingen und er, so zu sagen, ein Narr wurde! Das arme Ding hat nun eigentlich
keine Menschenseele auer mir und ihrem Pathen, bei dem sie den Winter ber die
Wirthschaft erlernt hat, und ich hab' sie gepflegt und erzogen, so gut ich
konnte, was sie mir Dank wei, Ew. Gnaden, denn es ist ein recht wackeres und
frommes Mdchen! Aber sie mchte mir nun auch gern einen Beweis ihrer Kenntnisse
aus Dankbarkeit geben, wornach mein Vaterherz sich sehnt, und seh'n Sie,
gndigster Herr, grade deshalb htte ich's gern, wenn Sie mir die liebe kleine
Unruh' noch ein Jhrchen lieen. Sie wrde mein Herz erquicken mit ihrem sen
Lcheln und mir die kleine Wirthschaft redlich fhren helfen. Es ist ja doch
Alles zu Ew. Gnaden eigenem Besten!
    Der Wende sah den jungen Gebieter mit seinen offenen Augen so flehentlich
an, da gewissermaen schon im Ausdruck des Blickes eine Gewhrung seiner Bitte
htte liegen mssen. Dennoch erwiederte der Graf khl und unfreundlich: Ich
sehe es nicht gern, Jan Sloboda, da Du so oft bittest. Es verbirgt sich
dahinter ein aufstziges Gemth, wie ich gar wohl wei, und weil Du hoffst,
meinen Vater auf Deiner Seite zu haben, meinst Du, es sei Dir erlaubt, alle
meine Befehle durch hfliche Gegenreden zu beseitigen. Ich bin dieser bittenden
Widersetzlichkeit mde und will derselben ein Ende machen. Was aber Deinen
Familienkummer anlangt, den Du mir auch auf Schritt und Tritt erzhlst, so
wisse, da ich mich gar nichts um ihn kmmere und ihn nicht eines einzigen
Wortes werth halte. Deine Schnur erschlug ein fallender Baum, wahrscheinlich zur
Strafe, weil sie Zweige brach, wo es verboten ist, oder zur unrechten Zeit Streu
machte. Was ist's weiter! Du bist zwei hungrige Muler auf einmal los geworden,
was Ihr ja stets fr eine besondere Gnade Gottes haltet. Deinem Sohne geht
nichts ab im Gemeindehause. Er hat mssige Zeit und wird auf Anderer Unkosten
gefttert. Meine ich es denn nicht gut, wenn ich Dir auch noch die dritte
Esserin abnehmen will? Wozu brauchst Du eine Gehilfin? Du bist noch rstig und
kannst immerhin allein arbeiten. Das Faullenzen taugt nichts fr Euch Leute.
Mssige Zeit macht Euch nur unzufrieden. Rschen aber will ich, weil sie mir
gefllt, in's Schlo nehmen und ihr eine gute Erziehung geben. Sie soll nicht,
wie ihre Aeltern, eine elende Bettlerin werden und nach fremdem Gut ihre schne
Hand ausstrecken.
    O Herr, versetzte Sloboda, ohne seine gebckte Stellung zu verndern,
Ihre Worte fallen wie Feuerflocken auf mein Herz und brennen darin so tiefe
Wunden, da sie wohl nie mehr vernarben und ich sie immer fhlen werde. Mchten
Sie durch die Worte eines Andern nie hnliche Schmerzen empfinden!
    Nach diesen Worten trat er einen Schritt zurck, denn er wute nicht, was er
dem herzlosen Gebieter noch sagen sollte. Rschen weinte, da ihr die Thrnen
wie Perlen ber die fein gertheten Wangen herabliefen, aber sie wagte nicht die
Augen aufzuschlagen zu dem Manne, der sich das Recht und die Gewalt, willkrlich
ber sie zu verfgen, anmate.
    Folge mir, Rschen, wandte sich der Graf an die Schne. Meine Zeit ist
kurz und meine Geduld zu Ende. Ich verlange Gehorsam und werde ihn zu erzwingen
wissen, wenn dies Struben fortdauert. Ich bin kein Freund harter Maregeln,
aber ich werde sie schonungslos anwenden, wenn dieser Geist der
Widerspnstigkeit, der anderwrts schon zu Excessen gefhrt hat, auch unter
meinen Unterthanen oder denen, die es dereinst werden sollen, einzunisten droht.
Du bist siebzehn Jahre, mithin hofepflichtig. Ob Du auf meinem oder meines
Vaters Schlosse in Dienst trittst, ist gleichgiltig. Ich beanspruche Dich im
Namen meines Vaters, der mir Dich ohne Widerrede abtreten wird. Zum letzten Male
spreche ich als Freund und im Guten zu Dir. La Dich von Deinem Vater oder von
wem Du sonst willst bis dort nach jenem Vorwerke begleiten. Ich reite heim und
werde Dich zu Wagen abholen lassen.
    Trotz dieses entschieden ausgesprochenen Befehles blickte Rschen weder auf,
noch machte sie Anstalt, den Grafen zu begleiten. Das Gesicht zur Erde geneigt
und mit den schlanken Hnden die hufigen Thrnen von den Wimpern streichend,
schmiegte sie sich furchtsam fest an den starken, in finsterer Ruhe neben ihr
stehenden Vater. Da sprang der junge Graf aufbrausend vom Pferde, schlug Sloboda
mit der Peitsche ber den entblten Kopf, da sogleich eine dicke blaurothe
Schwiele auflief und der schwer Getroffene mehrere Schritte rckwrts taumelte.
Dann umfate er das junge wendische Mdchen, hob es mit krftigem Arm auf den
Hals seines Pferdes, schwang sich behend in den Sattel und jagte trotz Rschens
wimmerndem Hilferuf und dem dumpfen Murren des in naher Entfernung neugierig
gaffenden Volkes mit seiner schnen Beute quer ber die Felder dem Vorwerke zu,
das in halbstndiger Entfernung aus einer Gruppe schner Buchen und Birken mit
seinen weien Schornsteinen einladend hervorschaute. Als der tyrannische Graf in
der Ferne verschwand, verlief sich auch das Volk, ohne ber die gewaltsame
Handlung des vornehmen Herrn anders als durch heimliche Bemerkungen flsternd
seine Mibilligung zu erkennen zu geben.

                                Drittes Kapitel.



                                 Pink-Heinrich.

Alle diese Vorgnge hatte der Mann mit den Drhten, welchen wir zu Anfange des
vorigen Kapitels den Todtenstein besteigen sahen, genau beobachtet, ohne seine
nachlssige Stellung, in der er auf dem Felsen ruhte, zu verndern. Erst jetzt,
als das Volk achtlos auseinanderlief und der Graf in wildestem Rennen mit dem
jungen Mdchen davon jagte, stand er auf, warf Quersack und Drhte ber die
Schulter, umfate heftig seinen langen Stock und stieg die enge Schlucht wieder
hinab. Ehe er jedoch diese verlie, raffte er aus einem tiefen Felsenspalt, der
ihm als Magazin diente, noch ein Bndel etwa zwei Ellen langer und einen Zoll
dicker Buchen-, Birken-und Eichenstbe auf, nahm es unter'm linken Arm und ging
darauf mit groen Schritten, die Knie stets etwas gebogen, den Stab regelmig
weit vorsetzend und bei jedem nchsten Schritt weifenartig damit nach rechts
ausbiegend, dem gemihandelten Wenden entgegen. Dieser chte Bauerngang, der
ohne zu ermden schnell vorwrts bringt, sah bei dem untersetzten Manne sehr
komisch aus und verursachte durch das immerwhrende Schaukeln und
Aneinanderschlagen der Drhte auf Brust und Rcken ein eigenthmlich klirrendes
Rascheln.

    Betubt von dem unerwarteten Schlage und von Ehrhold, dem jungen Clemens und
noch einigen andern Wenden und Wendinnen umringt, bemerkte Sloboda nicht die
Ankunft eines Fremden. Erst als ihn der Mann mit den Drhten sanft auf die
Achsel schlug, kehrte sich Sloboda um und reichte, da ein gutmthiges Auge ihn
grte, dem Manne die Hand.
    Man hat Euch da behandelt, wie einen Hund, wackerer Freund, sagte der Mann
mit einer Stimme, die vor gerechter Entrstung grollend zitterte. Schade, da
ich nicht bei der Hand war, sonst, bei meiner armen Seele, htte ich dem
hochmthigen Burschen ein Rad um den Kopf geschlagen. Ihr mt klagen, Mann!
    Der Wende seufzte und schttelte in stummer Verzweiflung sein braunlockiges
Haupt.
    Ihr wollt nicht? fuhr der mit den Drhten fort. Warum nicht? Meint Ihr,
der Herr behalte Recht, weil er reich ist? Solche Gedanken drft Ihr gar nicht
in Euch aufkommen lassen, mein Lieber! Es ist wahr, der Arme richtet bei unserer
Art, die Prozesse zu fhren, und sie auf Kind und Kindeskind zu vererben, hier
zu Lande selten etwas aus, aber, Freund, es ist nicht klug, dergleichen Bedenken
merken zu lassen! Ich sage Euch, soll das Volk den Vornehmen gegenber dereinst
und, gebe Gott, bald eine bessere Stellung einnehmen, die es verdient, die es
fordern darf, so mssen wir jedes erlaubte Mittel ergreifen und vor Allem uns
von diesen hochmthigen Narren gar nichts mehr gefallen lassen! - Glaubt mir,
Freund, ich kenne die Herren, denn ich komme viel mit ihnen zusammen, ich kenne
auch den wilden Blauhut. Sie geben klein zu, wenn man ihnen recht derb mit
hartem Schuh auf die Zehen tritt. Muth und Ausdauer machen sie ngstlich und
furchtsam. Und was wollt Ihr denn, guter Freund? Seid Ihr denn nicht im
vollkommensten Recht? Mdchenraub ist, Gott sei Dank, in christlichen Landen vor
jedweder Obrigkeit ein Verbrechen. Darum nur geklagt, Freund! Der Blauhut mu
mir durchaus an den Pranger!
    Er ist mein Herr! sagte dumpf der Wende.
    Desto besser! Der Herr mu seine Unterthanen schtzen, er darf sie nicht
mihandeln.
    Ich bin nicht sein Unterthan, guter Mann.
    Ja zum Teufel, was seid Ihr denn sonst?
    Sein Leibeigener! murmelte Sloboda mit einem furchtbaren Blick gen Himmel,
indem er seinen Hut wieder abnahm und dem theilnehmenden Deutschen das Zeichen
der Knechtschaft, den glnzenden Lederriemen um Stirn und Haupthaar, zeigte.
Ich mu schweigen und dulden, setzte er hinzu, indem Zorn und Ingrimm seinen
Augen bittere Thrnen entpreten, denn wenn mir der Herr nicht an's Leben geht,
habe ich wider ihn kein Recht. Auch ist er sonst immer gut gegen mich gewesen
und ich habe keine Noth bei ihm gelitten. Erst seit die Schnheit meiner Tochter
ihn berckt hat und ich mich seinem Befehle, den ich fr ungesetzlich halte,
geweigert habe, behandelt er mich hart. O ich wollte, ich wollte -! Und beide
Hnde geballt zum Himmel erhebend, knirschte der Wende mit den Zhnen und stie
einen frchterlichen Fluch ber alles Herrenthum aus.
    Lieber Freund, versetzte jetzt der Maulwurffnger - denn dieses Geschft
betrieb der Mann mit den Drhten - mit blinder Wuth ist in Eurer Lage nichts zu
gewinnen. Ich glaubte Euch nur hofepflichtig; da Ihr leibeigener Knecht seid,
ndert die Sache freilich, doch verloren habt Ihr deshalb noch immer nicht. Ich
rechne mir nmlich, da es einen Weg gibt, auf welchem diesen Herren beizukommen
sein mu. Das, lieber Freund, ist die Ruhe, die Schlauheit, die Verstellung! Und
Ihr mtet doch, mein' ich, kein eingebornes Kind dieses Landes sein, wenn Ihr
nicht die zehn Gebote aus dem Katechismus des gemeinen Mannes vollkommen
begriffen haben solltet! Was mich betrifft, seht Ihr, so ist Schlauheit die
Seele meines Geschfts. Der Maulwurf ist ein verteufelt kluges Thier, der Euch
die schnsten Anschlge zu nichte macht, wenn Ihr ihn nicht zu berlisten
versteht. Mich aber tuscht so eine blinde Ereatur nicht, denn ich kenne ihre
Weise. Wo ich meine Drhte in's Erdreich senke, da zappelt auch der unermdliche
Schaufler mit fest zugeschnrter Kehle, bevor zwlf Stunden in's Land gegangen
sind. Darum, Freund, ist es mein Rath: seid klug und besonnen! Haltet Euch alle
Leidenschaftlichkeit fern und senkt Fangdrhte in den Grund und Boden Eurer
Herren so geschickt, so schlau, so heimlich, da auch der Klgste sie nicht
sprt, und ich versichere Euch, binnen hier und zehn Jahren seid Ihr frei, wie
der Vogel in der Luft.
    Euer Wort in Ehren - wie seid Ihr getauft?
    Heinrich, Euch zu dienen, in's Gemeine Pink-Heinrich.
    Euer Wort in Ehren also, Heinrich, die Sache mag ihre Richtigkeit haben,
allein ich selber kann nichts dazu thun. Fr mich gibt es keine Hilfe, ich mu
dulden und sterben.
    Lat mir den Kirchhof aus dem Spiele, versetzte Heinrich, ich bin gerade
kein sonderlicher Liebhaber von dem Gewrm. Doch sagt, wie hngt denn die
Geschichte mit dem Blauhut und Eurem Kinde zusammen? Ihr liet vorhin em
Wrtchen von Rechtlosigkeit und Willkr des Grafen fallen. Knnten wir ihn daran
pcken, so sollte er schon zappeln, da ihm die Augen aus dem Kopfe sprngen!
    Darber kann ich Euch die beste Auskunft geben, fiel Ehrhold ein. Vor
etwa vierzehn oder sechzehn Tagen, mt Ihr wissen, schrieb der Herr einen
Gesindetag aus. Ich gehre ihm erbunterthnig zu mit den Meinigen, denn der
Edelhof, zu dem unser Dorf gehrt, ist sein ihm verschriebenes Eigenthum. Nun
war dazumal meine Pathe, das Haiderschen, grade zu Besuch bei mir, als die
Dienstladung kam. Als eine Fremde meldete ich sie nicht als hofepflichtig, denn
ihr Vater, der Jan Sloboda, steht unter der Herrschaft des alten Grafen und
frohnt und dient dem Schlo im See, wie wir die alte Burg Boberstein nennen.
Meines Wissens ging dem Haiderschen der Dienstruf des jungen Herrn gar nichts
an und ich war im Recht, da ich sie nicht zur Dienstschau abschickte. Es htte
wohl auch kein Hahn darber gekrht, wre nicht zum Unglck am nmlichen Tage
der junge Herr in unser Dorf gekommen. Obschon es eigentlich nicht seine Art
ist, sich um uns arme Leute viel zu bekmmern, stieg er doch am Kretscham ab und
trat in die Schenkstube, wo sein Voigt eben mit Aufzeichnung der Namen aller
Mdchen beschftigt war. Ich verwette meinen Kopf, die vielen hbschen Gesichter
hatten den Herrn ganz allein hereingelockt! Wie er nun die verschmten Kinder
mit Kennerblick mustert und Dem und Jenem ein freundlich aufmunterndes Wort
sagt, tritt Rschen ein, um mich heimzuholen, weil das junge Fohlen, wei der
Himmel wodurch, den Koller gekriegt hatte. Kaum sah der Junker Blauhut meine
Pathe, so fragte er, wer sie sei? Und als ihm der Name Sloboda genannt wird,
befiehlt er, das arme Ding ebenfalls auf die Dienstliste zu setzen. Da wir im
Namen des Vaters Einwendungen machten, war natrlich, und da Rschen selbst
keine Lust zeigte, in die Dienste Blauhuts zu treten, knnt Ihr Euch denken,
wenn Ihr erwgt, was die Sage von dem jungen Herrn berichtet! Nach einigem Hin-
und Herreden stand er auch scheinbar von seinem Entschlusse ab, allein kaum war
ich heimgekommen, als auch der Graf in mein Haus tritt, mit Rschen schn thut
und ihr lauter schne Dinge vorsagt. Darauf nahm er mich bei Seite und bot mir
goldene Berge, wenn ich ihm das Mdchen auf den Edelhof schicken wollte. Ich
weigerte mich dessen in zweideutigen Worten, um den Drngenden nur aus dem Hause
zu schaffen. Der Graf ging, zufriedengestellt. Drauf melde ich Sloboda das
Vorgefallene, und weil ich wute, da er in den letzten Tagen auf des alten
Grafen Befehl in Grlitz sein werde, versprach ich ihm, hier mit ihm
zusammenzutreffen, um ber die gefhrliche Angelegenheit zu sprechen. Wie ich
daran verhindert wurde, habt Ihr selbst mit angesehen.
    Der Maulwurffnger, der seine hellen schlauen Augen bald ber die Gegend
schweifen, bald auf dem Sprechenden ruhen lie, schttelte bedenklich den Kopf,
zwischen den beiden Mnnern langsam fortschreitend.
    Wo seid Ihr zu Hause? fragte er. Fhrt Euer Weg nicht bis in's
Niederland, so begleite ich Euch eine Strecke.
    Ich wohne zwei gute Stunden von hier hinter den Teichen, versetzte
Ehrhold. Das junge Volk da vor uns ist eben daher.
    Seitwrts Rothenburg?
    Ganz recht. Der Ort heit die Zeisel und steht unter dem jungen Grafen, der
auf dem eine Stunde sdlicher gelegenen Zeiselhofe wohnt. Was Wendisch ist,
gehrt ihm zu mit Leib und Leben. Die Deutschen haben mehr Glck gehabt, denn
sie brauchen ihm blos noch etliche Frohntage zu leisten.
    Da gehen unsere Wege wacker zusammen, erwiederte der Maulwurffnger. Ich
habe Kunden in jener Gegend, die ich immer einmal mit umstoen kann. Unterwegs
besprechen wir wohl noch Eins und das Andere.
    Freudig nahmen die niedergeschlagenen Wenden die Begleitung des Deutschen
an. Obwohl Jan Sloboda den Maulwurffnger bisher blos von Ansehn und Hrensagen
kannte - denn Heinrich war in sehr weitem Umkreise ein in seiner Art berhmter
Mann - so war es ihm doch grade in seiner jetzigen dstern Stimmung angenehm,
einen verstndigen Begleiter gefunden zu haben, dem er nicht zu mitrauen
brauchte. Oft schon hatte er von deutschen Bauern gehrt, da der
Maulwurffnger, der aus dem Grenzgebirge stammte, ein geschworner Feind des
drckenden Herrenwesens sei, das noch so schwer und entwrdigend auf dem Volke
lastete. Die vielen Frohn- und Hofedienste, welche Bauer, Grtner und Husler
verdammten, die schnsten Tage im Jahre dem Gutsherrn zu opfern, der sich
Besitzer des Ortes nannte, und ihn dadurch an Verbesserung und gehriger
Bearbeitung des eigenen Grund und Bodens hinderte, hatten ihn lngst gergert.
Wo sich Gelegenheit fand, den Saamen der Unzufriedenheit unter dem hrigen Volke
auszustreuen, benutzte er sie klug, und warf wohl auch bisweilen eine Hand voll
Unkraut mit aus. Seine ihm angeborene und in einem thtigen Leben uerst gebte
Schlauheit bewahrte ihn bei diesem gefhrlichen Geschft vor jedem Migriff, der
ihm selbst htte nachtheilig werden knnen, und so erwarb er sich zahlreiche
Freunde unter den gemeinen Leuten, ohne die Gunst der Herren, die er ebenfalls
brauchte, zu verscherzen. Ein gewissenhafter Mann in streng christlichem Sinne
wrde ihn wahrscheinlich einen Schalk genannt und ihn der Zweichselei
bezchtigt haben, die wahre Cultur aber, die nie und nirgend solche aus Gut und
Bse, aus Erlaubtem und Unerlaubtem, aus Herzensgte und lchelnder Falschheit
zusammengesetzte Charaktere entbehren kann, besa in ihm ein unschtzbares
Instrument, um die heiligen und groen Zwecke des Fortschrittes, der
Volksbildung, der Verbreitung gesunder und freier Ideen im Volke frdern zu
helfen. Wir wollen nicht behaupten, da der Maulwurffnger sich dieses
segenbringenden Zweckes um diese Zeit schon vollkommen bewut gewesen sei, ihm
gengte vorerst der Reiz, den alles heimliche Miniren fr ihn hatte, weil es ihn
einfach ergetzte und unterhielt, dem Gedrckten zu ntzen und dem Mchtigen
stechende Dornen in das bequeme Leben zu streuen.
    Bei dieser etwas frivolen Lebensansicht und bei seiner Beschftigung, die
ihn zu fortwhrendem Herumziehen im Lande nthigte, war es kein Wunder, da
Heinrich in seinen Mitteln nicht whlig war, und da er hufig auch mit Menschen
verkehrte, die in der bestehenden brgerlichen Ordnung nur ein Hemmni der
Erdenglckseligkeit erblickten.
    Sloboda und Ehrhold gaben auf alle Fragen, die Heinrich aushorchend an sie
richtete, des Breitesten Antwort, und dieser erfuhr dadurch Alles, was er zu
wissen begehrte, um den Bedrckten in seiner Weise ntzlich werden zu knnen.
    Habt keine Sorge um Rschen, sprach er hierauf, mit den Wenden rstig
weiter schreitend. Ein Mdchen mit gesunden Augen und natrlichem Tact fhrt
Euch den abgefeimtesten Teufel ein paar Tage lang an der Nase herum! Mir ist
nicht bange um das liebe Kind. Der Junker wird sich vor ihr, sie sich nicht vor
ihm beugen mssen. Nur die ersten Stunden der Angst und Beklemmung werden sie
peinigen, spter mchte ich wetten, da sie leichter und besser als wir ihren
Vortheil zu wahren verstehen wird. Darin sind die Weiber noch pfiffiger als die
Juden! - Doch was ich Euch fragen wollte, lieber Jan, habt Ihr nicht gehrt, wem
das Frulein angehrt, das schon seit Jahr und Tag auf der Burg des alten Grafen
lebt? Es wird viel darber gefabelt, was Alles ich nicht glauben kann. Nur so
viel wei ich, da es zwischen Himmel und Erde etwas Lieblicheres, als Frulein
Herta, wie man sie nennt, nicht gibt!
    Ich sah letzthin das Frulein mit dem alten Herrn durch den Wald reiten,
versetzte Sloboda, und wirklich bei ihrem Anblick ward mir zu Muthe, als
schwebe ein Engel vorber!
    Es mu eine eigene Bewandni mit dieser Herta haben, fuhr der
Maulwurffnger fort. Der alte Graf, ein braver Herr, wie mich dnkt, trgt das
Frulein auf den Hnden, und auch die Frau Grfin, die doch eine stolze Frau
ist, lchelt immer recht freundlich, wenn sie das feine schlanke Mdchen
erblickt, ja sie lt es sogar geschehen, da Herta ihr um den Hals fallen und
sie nach Herzenslust kssen darf, was ich ihrer eigenen Tochter, wenn sie eine
htte, nicht rathen wrde. Aus alle dem geht hervor, Freund Jan, da sie von gar
vornehmer Abkunft sein mu.
    Sehr mglich, sagte Sloboda. Die Verbindungen der grflichen Familie sind
gro und sollen sogar mit dem churfrstlichen Hause verzweigt sein.
    Wit, Jan, ich habe einen Gedanken! Ihr mt das Frulein zu Eurer
Frsprecherin machen. Junker Blauhut frchtet den Alten, weshalb er auch selten
auf das Schlo im See kommt. Stecken wir uns nun hinter diesen und lassen ihm
durch Herta die Gewaltthat des Sohnes vortragen, so knnt Ihr versichert sein,
da der Nichtsnutz Euch das liebe Kind binnen wenig Tagen mit Extrapost in den
Hof fahren lt!
    Wer soll einen so gefhrlichen Auftrag bernehmen! Ich selbst? - Mir wrde
man nicht glauben, und ein Anderer? Ach, Heinrich, Ihr kennt die Menschen und
ihren Eigennutz nicht!
    Hat das nette Ding denn keinen Liebsten? fragte etwas ungeduldig der
Maulwurffnger.
    Die Burschen sind ihr wohl alle gut und gingen fr sie durch's Feuer, aber
erklrt hat sich doch noch keiner.
    Noch keiner? warf Clemens ein, der einige Schritte vor den rathschlagenden
Mnnern mit den Uebrigen ging, und drehte sich um. Fragt Vater Ehrhold, ob
Haiderschen ohne Schutz ist!
    Ehrhold? sagte Jan gedehnt, den jungen Burschen mit langen Blicken
messend.
    Er wei, was ich nicht lang und breit erzhlen mag. Ich liebe das
Haiderschen und habt Ihr nichts dagegen, Vater Jan, und kommt sie heil und rein
wieder zurck in unser stilles Dorf, so gibt's eine lustige Hochzeit, noch ehe
die Bltter fallen!
    Der Maulwurffnger lachte leise und sah den Wenden mit dem verschmitztesten
Blick seiner muntern Augen an. Da haben wir ja gleich einen Unterhndler, wie
wir ihn nur wnschen knnen, sagte er. Gelt', frischer Junge, Du scheust eine
Tracht Prgel nicht, wenn Du der schmucken Dirne und ihrem trauernden Vater
einen Dienst erweisen kannst? Legen sie Dich in den Stock, je nun, so sitzest Du
eben auf demselben Ehrenplatze, auf welchem vor Dir schon sehr viele ehrliche
Leute gesessen haben. Wer liebt und das Herz auf dem rechten Flecke hat,
frchtet weder den Teufel noch seine Gromutter!
    Ich bin zu Allem bereit, versetzte Clemens. Lat mich nur wissen, was ich
zu thun habe!
    Nachher, wackeres Blut! sagte der Maulwurffnger. Ich sehe die Teiche
durch das Gestruch schimmern, und da ich einmal so weit mit Euch gelaufen bin,
werdet Ihr mich hoffentlich eine halbe Stunde bei Euch ausruhen lassen. Da
knnen wir das Nhere besprechen. Wichtiger ist es, dem Junker sogleich
beizukommen, und da ich mich so tief in die Sache eingelassen habe, mchte ich
am liebsten selber mit ihm reden, vorausgesetzt, da es Euch recht ist.
    Ihr wolltet, Heinrich? rief Sloboda erfreut und erstaunt zu gleicher Zeit
aus. Habt Ihr auch den Zorn des jungen Herrn berlegt? Er vergibt Euch nie
mehr, wenn Ihr seine Wege kreuzt, und wird Euch auf Schritt und Tritt verfolgen,
denn in ihm wohnt eine bse, tckische, verwahrloste Seele!
    Aus Blauhut's Zorne mache ich mir nicht so viel! sprach der Maulwurffnger
lchelnd, indem er mit aufgeworfener Lippe ber die Spitzen seiner Finger
hinblies. Ich bin ein freier Mann, dem er nichts zu befehlen hat. Bisher fing
ich ihm redlich das blinde Gewrm von seinen Aeckern, wofr er mich immer
pnktlich bezahlt hat. Will er mir fernerhin die Kundschaft entziehen und sich
die Felder von dem Ungeziefer ruiniren lassen, so steht ihm das frei. Mich soll
die Ungnade des Grafen Magnus wenig kmmern, wenn ich um so geringen Preis einem
Armen helfen und ein schreiendes Unrecht verhten oder hintertreiben kann.
    Gerhrt ber ein so uneigenntziges Anerbieten ergriff Sloboda Heinrich's
beide Hnde, drckte sie mit Inbrunst und umarmte ihn, seine Stirn kssend.
    Vergib, sagte er, da ein Leibeigener einen freien Mann des Volkes zu
umarmen und Bruder zu nennen wagt! Ich kann nicht anders, mein Herz treibt mich
dazu. - Hast Du doch selbst gesagt, da die Kette, die noch an meinen Hnden
klirrt, gebrochen zu werden verdiente. Nimm an, ich sei frei, wie Du, ich
brauchte nicht mehr blindlings den Winken eines launenhaften Herrn zu folgen,
und die Schmach, die auf der Person eines Leibeigenen haftet, wird Deine freie
Seele nicht beflecken!
    Ich bin Dein Bruder, Jan Sloboda, erwiederte Heinrich ernst, Hndedruck
und Ku erwiedernd.
    Und nun noch eine Bitte, sagte Ehrhold. Tretet als Gast in meine Htte!
Sie ist zwar rmlich, aber rein und unentweiht von jeder Frevelthat!
    Ich will die Abendmahlzeit mit Euch und Eurem Freunde theilen, versetzte
der Maulwurffnger, denn wenn ich ehrlich sein soll, so mu ich gestehen, da
ich einen recht gesunden Appetit verspre. Versptigen wir uns auch beim
Gesprch und bricht die Nacht herein, ehe ich meinen Stab weiter setze, so soll
mich das wenig verschlagen. Mir sind alle Wege und Stege im Gebirge, in Ebene
und Haide genau bekannt.
    Die Wanderer hatten auf verschiedenen zwischen den Teichen hinlaufenden
Dmmen die fischreichen Weiher durchschritten und erreichten jetzt das Dorf, wo
Ehrhold wohnte. Zwischen Wald und sanft ansteigenden Wiesen in breitem
Thalgrunde gelegen, den ein heller Bach durchrieselte, machte es einen
freundlichen Eindruck. Die mit Moos und Gras bewachsenen Strohdcher leuchteten
im goldigen Duft der bereits niedrig stehenden Sonne. Auf den Forsten mehrerer
Hufer zeigten sich Storchnester, deren Bewohner noch nicht aus ihren
afrikanischen Winterquartieren zurckgekehrt waren. Die alten Mtterchen und
Greise des Dorfes saen vor den Haus- und Hofthren, whrend verheirathete
rstige Frauen und Mnner auf dem ungepflasterten Fahrwege, der zwischen den
beiden Huserreihen, aus welchen das Dorf bestand, hinlief, mit einander
plaudernd auf- und niedergingen. Die Mnner rauchten meistentheils Tabak, und
als sie die vom Todaustreiben Heimkehrenden gewahr wurden, gingen sie ihnen
lebhafter entgegen und begrten sie herzlich, eine Menge der verschiedensten
Fragen an sie richtend.
    Das freudlose Wesen der Heimkehrenden mute den daheim Gebliebenen alsbald
auffallen, denn man war gewohnt, die Jugend, wenn sie von ihren
Sonntagsausflgen in's Thal herab zog, schon von fern heitere Feldlieder singen
zu hren. Es fragten deshalb bestrzt und unruhevoll Mehrere nach der Ursache
dieser allgemeinen Betrbni.
    Vermit Ihr denn Niemand? entgegnete Ehrhold. Seht Euch um! Sind das all
unsere Kinder und Schutzbefohlenen?
    Wo bleibt unser Haiderschen? rief eine ihrer Freundinnen mit bangem
Herzklopfen.
    Sie ist uns gewaltsam entrissen worden, sagte Ehrhold. Habt Ihr den
Dienstbotentag vergessen?
    Alle standen wie vom Schlage getroffen, whrend Ehrhold seine Gste in das
uns schon bekannte Wohnhaus geleitete.

                                Viertes Kapitel.



                                     Plne.

In demselben verrucherten Zimmer, wo unter allgemeiner Lust die Spinte nach
altem Brauch erstochen worden war, an dem nmlichen Tische, wo Haiderschen ihre
dankbaren Zuhrer mit dem Zauber ihrer Mhrchen und Waldlieder entzckt hatte,
saen Ehrhold, Sloboda, Heinrich und Clemens in berathendem Gesprch. Der junge
Bursch, den die berkecke That des Grafen erst vllig betubt hatte, berlie
sich jetzt wieder ganz seiner natrlichen Lebhaftigkeit und seinem heftigen
sinnlichen Temperamente, das nur angewohnte Scheu vor der Gewalt eines
gebietenden Herrn eine Zeitlang hatte niedrcken knnen.
    Gott im Himmel, rief er aus, warum konnte ich ruhig zusehen und das
Entsetzliche geschehen lassen! Rschen wird mich verachten und dem Feiglinge fr
immer den Rcken kehren! Verflucht sei die Stunde, wo der Graf sie zum ersten
Male erblickte!
    La das gut sein, bemerkte der Maulwurffnger. Geschehene Dinge sind
nicht zu ndern. Das ist zwar eine sehr abgegriffene, aber doch immer eine wahre
Lebensregel. Was sollte denn auerdem noch geschehen? Es lie sich bei der
Affaire schlechterdings nichts thun, als da Ihr etwa den Herrn Grafen
todtschlugt. Das wre aber meiner schlichten Meinung nach eine eben so
respectwidrige, als verbrecherische Handlung gewesen. Weit besser ist's, da sie
unterlassen wurde. Unterlassungssnden solcher Art tragen ihrer Zeit die
sesten Frchte. Haiderschen, wie Ihr das nette Ding nennt, hat einen Ritt
durch die Hgel gemacht, und dieser wird ihr ohne Zweifel gut bekommen, denn es
war heut eine prchtige Luft!
    Der Spott steht Euch bel zu Gesichte, Landsmann, versetzte Clemens
verdrlich.
    Dein Landsmann kann und will ich nicht sein, wenn Du nichts dawider hast,
erwiederte Heinrich, listig mit den Augen blinzelnd. Hat uns auch dieselbe Erde
geboren, so gehren wir doch zwei Volksstmmen an, die in frherer Zeit nicht
brderlich eintrchtig zusammen lebten.
    Wie Ihr wollt, sagte der junge Wende. Die Hauptsache bleibt immer, da
wir jetzt redlich und wacker zusammen halten, um der verruchten Grafenbrut den
Hals zu brechen. Allein drfen wir armen geknebelten Teufel dem Gespinnst doch
nicht an's Leben, ohne gehangen, gespiet oder gar verbrannt zu werden.
    Der grte deutsche Weltweise, Eulenspiegel, der recht eigentlich der
einzige wahre Philosoph unseres Volkes ist, nahm Heinrich in unerschtterlicher
Ruhe abermals das Wort, sagte das groe Wort: Eile mit Weile! Das ist
absonderlich in dieser Angelegenheit mein Rath. Versprichst Du mir, fein still
zu sitzen und ganz unthtig zuzusehen, bis ich sage: jetzt mach' Dich auf die
Socken und handle; so mische ich mich auf meine Weise in die Geschichte, und ein
verwirrter Knuel Bindfaden, den ich in die Hnde kriege, wird gewi entwirrt,
oder ich will kein Maulwurffnger sein! 's Ist mein Geschft, die Pfiffigen
hinter's Licht zu fhren, und 'was Lustigeres wte ich mir gar nicht
auszudenken, als wenn mir's gelnge, dem hochmthigen Blauhut seinen melirten
Filz bis ber die Nasenlcher in den Kopfzu schlagen!
    Ihr spracht vorhin von dem Frulein auf der alten Burg. Was habt Ihr mit
dem Engelsbilde zu schaffen?
    Milingt mein Plan, so sollst Du Dir mit dem Prachtmdchen etwas zu
schaffen machen, damit es dem Herrn Junker den Kopf zurecht setzt. Ueberhaupt
gelstet mich's schon lange, etwas genauer und tiefer hinter die alten
Burgmauern und die vermoderten Tapeten zu gucken, denn mir schwant, man hlt da
alte Snden fein suberlich hinter Schlo und Riegel. Diesen mchte ich auf die
Spur kommen, nicht aus Neugier, sondern weil ich davon fr Euch Gutes hoffe.
    Wie meinst Du das, Bruderherz? fragte Sloboda.
    Eins nach dem Andern, Freund! Ich gehre zu den langweiligen Leuten, die
nie zwei Dinge unter einander mengen, aber, wenn's sein mu, hundert auf einmal
anfangen, um sie gelegentlich alle zu Ende zu fhren. Kommt Zeit, kommt Rath!
heit einer meiner Glaubensstze. Die Zeit, rechne ich, wo Frulein Herta unsere
Verbndete werden soll, wird nicht mehr gar fern sein, heut jedoch liegt sie
noch ganz auerhalb der Schlingen, die wir auszuwerfen haben, um den Feind zu
fangen.
    Clemens sah finster drein und schien kein rechtes Vertrauen zu dem Deutschen
fassen zu knnen, der immer von Vorschlgen und Plnen sprach, und wenn man sie
zu hren begehrte, stets wieder ausweichend antwortete. Das Phlegma Heinrich's
rgerte ihn und brachte sein sinnlich regeres Temperament in immer heftigere
Wallung. Nur Sloboda's Blicke vermochten ihn, den theilnehmenden Gast mit
gebhrender Rcksicht und Hflichkeit zu behandeln.
    Der Maulwurffnger schlug sich Feuer fr seine Tabakspfeife an, die ihm
schon auf dem Wege zehnmal ausgegangen war und auch jetzt nicht in Brand bleiben
wollte. Whrend er wiederholt Stahl und Stein zusammenschlug, oder, wie die
Lausitzer sagen, pinkte, sprach er:
    Ihr habt doch gewi vielmals von der Bande des braunen Lips gehrt, wit
Ihr vielleicht, wo sie jetzt ihr Hauptquartier hat?
    Lips wird sich hten, seine Schlupfwinkel zu verrathen, sagte Ehrhold.
    Ach was! versetzte Heinrich, dicke Tabakswolken von sich blasend, Ruber
haben so gut ihre Launen, wie sogenannte ehrliche Leute, und nun erst ein Mann
wie Lips! Es heit, er verrathe immer eine Abtheilung seiner Leute selbst, um,
whrend man diesen nachluft, mit seinen brigen Gesellen desto bequemer
plndern und rauben zu knnen. Der Teufelskerl kommt mir in den Sinn, weil wir
ihn just recht bequem brauchen knnten.
    Mit Spitzbubengesindel will ich nichts zu thun haben, sagte Clemens stolz.
    Dann thust Du am klgsten, Du verkriechst Dich in's erste beste Mauseloch
und hltst Dir jede Creatur vom Leibe, die einem Menschen hnlich sieht! Das
Geschlecht der Spitzbuben ist so gro wie die Menschheit und ohne alle Widerrede
der lteste Adel, den es gibt!
    Geht's, meinte Sloboda, so la die Teufelsbrut aus dem Spiele.
Mitgegangen, mitgehangen!
    Weit Du so genau, was den Lips zum Freijger gemacht hat und wer der Mann
frher gewesen ist? fuhr Heinrich fort. Du weit es nicht! Nun seht, es luft
ein Gercht von ihm um, das ihm eine hohe Abstammung andichtet. Vielleicht ist's
rein erlogen, vielleicht, wer kann's sagen, klebt ein Eierschlchen Wahrheit
daran. Ich kann das nicht entscheiden. Etwas aber wei ich und deshalb fiel mir
der Kerl ein. Er hat's nmlich absonderlich, ja beinahe ausschlielich auf die
Reichen abgesehen, und ist flugs mit seinem Ausrumen, Anznden und
Gurgelzuschnren bei der Hand, wenn er sichere Kunde von boshaften und
niedertrchtigen Bedrckungen vornehmer Herren gegen das arme Volk erhlt. Nun
mag ich nicht grade behaupten, da es Lob oder Belohnung verdiene, wenn Einer
Unthaten mit Unthaten bestraft, aber ich bin doch der vorsichtigen Meinung, da
es in dieser unvollkommenen Welt Flle geben knne, in denen man sich
verschmitzter Schufte zum Besten ehrlicher Leute bedienen drfe. Das heie ich
das Laster ein klein wenig wieder zu Ehren bringen, und den argen Schlken thut
man stillschweigend sogar einen Himmelsdienst, da man sie Gutes zu stiften
nthigt, ohne da sie's merken.
    In Deinem Christenthume, Bruder, kann ich mich nicht ganz zurecht finden,
sagte Sloboda. Mein einfaches, stilles Leben lie mich so knstliche Gedanken
nie denken, viel weniger weiter verfolgen.
    Dafr bist Du auch ein friedlicher Pflger und ich bin ein reisender
Knstler, entgegnete pfiffig lchelnd der Maulwurffnger. Kurz und gut, wt'
ich den Lips aufzutreiben, ich machte, hol' mich Dieser und Jener, zu des Grafen
Verderben Bekanntschaft mit ihm! Er soll sich seit einigen Wochen in die Haide
geworfen haben, die freilich fr eine so zahlreiche und unruhige Familie das
bequemste Haus ist. Aber wo ihn dort aufsuchen, ohne zuvor selbst ein paarmal
bis auf die Haut durchsucht und ausgeraubt zu werden? Inde, nun ich mich doch
einmal in diesen vielgekrmmten Maulwurfsgang begeben habe, will ich ihn auch
nicht wieder verlassen, ohne das Gewrm unschdlich gemacht zu haben.
    Vergi nur nicht, wackerer Freund, auf Deine eigene Sicherheit dabei Acht
zu geben, sagte theilnehmend und dem Deutschen dankend die Hand drckend,
Sloboda.
    Heinrich schnippte mit den Fingern und lachte beraus vergngt dazu. Ich
bin schlpfrig, wie ein Aal, versetzte er, dabei aber auch hungrig, wie ein
Wolf. Und da meine Pfeife bei dem Geschwtz wieder einmal das Athemholen
vergessen hat, so dcht' ich, wackerer Gastfreund, es wre hchst zweckmig,
wenn Ihr Eure Ehewirthin rieft und sie im Brodschranke nachsehen lieet, ob
vielleicht ein Restchen Grtze oder ein derbes Stck Speck von gestern her brig
wre, das wir gemeinschaftlich, nebst Brod und Butter, verzehren knnten. Ein
paar Seidel gute, nicht ganz abgerahmte Milch wrde ein recht erfrischendes
Getrnk dazu sein, wenigstens bin ich ein ausnehmend groer Liebhaber davon.
Habt Ihr aber von dem Allen gerade nichts im Hause, so wrde es diesen jungen
hitzigen Burschen nichts schaden, wenn er sich auf einem Spatziergange in die
Schenke die Fe etwas vertrte und das Erforderliche nebst einer halben Kanne
Schnaps und einigen Ma Bier herbeiholte. Ich bemerke hierbei, da ich Braunbier
lieber trinke, als Weibier, theils, weil ich mehr davon genieen kann, theils
auch, weil es mir besser schmeckt. Offenheit unter Freunden, die sich einander
dienstbereit die Hnde reichen, ist eine groe Tugend, und ich denke daher,
Freund Ehrhold, Ihr werdet meinen bescheidenen Wnschen kein Hinderni in den
Weg legen.
    Sloboda mute ber die ernsthaft trockene Art, in welcher der Maulwurffnger
seinen Speisezettel vortrug, trotz seines Kummers lachen und Ehrhold stand
munter auf, um eigenhndig eine tchtige Schssel voll Haidegrtze mit kaltem
Schweinefleisch, nebst Butter und Brod aufzutragen, Clemens aber mute, da
vermuthlich der Milchkeller des Wenden fr den gesunden Appetit des
diensteifrigen Maulwurffngers zu klein gewesen wre, in die Schenke wandern, um
die gewnschten Quantitten Schnaps und Bier herbeizuschaffen.
    Heinrich lie sich die aufgetragenen Speisen trefflich munden und unterhielt
dabei fortwhrend seine Freunde mit allerhand wunderlichen Geschichten, die ihm
alle selbst begegnet sein sollten. Darber ging die Sonne unter und ein
schwerer, feuchter Nebel begann Dorf, Hgel und Feld in schmutziges Grau zu
hllen. Dies konnte jedoch unsern Freund nicht abhalten, nach beendigter
Mahlzeit unverweilt aufzubrechen, so angelegentlich ihn auch Ehrhold und Sloboda
baten, die Nacht bei ihnen zu bleiben.
    Wenn ich nur nicht solche Redensarten hren sollte! erwiederte Heinrich
darauf. Ihr wit kaum, was Ihr bittet, und hrte ich darauf, so knnten wir
allesammt hinterher ein groes Unglck zu beklagen haben. Lat mich nur machen,
sag' ich! Ich kenne die Wege genau und finde sie in finsterer Nacht so gut wie
beim hellsten Sonnenschein. Darum Gott befohlen und ein baldiges frohes
Wiedersehen!
    Von den besten Wnschen der Wenden begleitet, verlie Heinrich das Dorf,
wendete sich dann sdstlich, lie die Teiche, die schtzend von zwei Seiten den
Ort umgaben, rechts liegen und wanderte in gemessenen Schritten, seinen langen
Stecken fleiig brauchend und sich gleichsam mittelst desselben wiegend und
weifend vorwrts schiebend, einer Waldzunge zu, welche die zur Linken seitwrts
laufende Haide hier in's bebaute Land vorgeschoben hatte.
    Es nebelte so stark, da der Maulwurffnger kaum einige Schritte weit sehen
konnte, sein Auge war aber durch immerwhrende Uebung in jeder Tages- und
Jahreszeit und bei allen mglichen Witterungsvernderungen so sehr an dies
feuchte Nebelgrau gewhnt, da er stets genau wute, wo er sich befand. Selbst
im dichtesten Kieferwalde blieb ihm diese Sicherheit treu. Nach seiner
Gewohnheit schlug er sich Feuer an, um fr die lange Weile eine Pfeife zu
rauchen, und schlpfte bald links, bald rechts um die rthlich-gelben Stmme.
Die Luft war vllig still. Man hrte das Geriesel der drren Nadeln, die in der
feuchten Luft zu Boden fielen, und die behutsamen Tritte der Fchse, die nach
ihren Bauen schlpften. Ueber den Wald hin zogen bisweilen einige Krhen, deren
unmelodisches Geschrei in der dicken Luft dumpf verhallte.
    Eine gute halbe Stunde mochte der Maulwurffnger tchtig ausgeschritten
sein, als die Waldung lichter wurde und einzelne helle, mit dunstigen Ringen
umgebene Puncte die Nhe eines benachbarten Ortes ankndigten. Ein des Weges
minder kundiger Wanderer wrde auf diese freundlich lockenden Zeichen
zugeschritten sein, Heinrich aber wendete sich, nachdem er den Wald verlassen
hatte, zur Rechten und schlpfte hart an den letzten Bumen hin, bis die Lichter
weit zur Linken dmmerten. Nun senkte sich der Boden, die scharfe Waldzunge fiel
in ein Thal oder eine Niederung ab und verlor sich in wolkigem Dunst. Behend
lief Heinrich die schlpfrige Lehne hinunter, bersprang einen Bach und gelangte
nun auf einen hohen Damm, hinter welchem unter rollendem Nebelgewlk ein breiter
Wasserspiegel sichtbar ward. Diesen entlang schritt der Maulwurffnger, bis ein
zweiter kaum fubreiter Damm quer durch den kleinen See lief und ihn in zwei
fast gleiche Hlften theilte. Obwohl kein Fusteig ber diesen schmalen und vom
Niederschlag der feuchten Dnste uerst schlpfrigen Damm fhrte, wagte sich
Heinrich doch darauf und erreichte nach viertelstndiger Wanderung eine freie,
von anmuthigen Hgeln umschlossene Gegend. Fernes Hundegebell verrieth die Nhe
bewohnter Dorfschaften oder zerstreut liegender Vorwerke. Auch dauerte es nicht
gar lange, so blitzten deutlich bald in der Tiefe, bald schwebend in der Luft,
erst vereinzelte Lichter, dann ganze Reihen trber Flammen. Das Rauschen eines
Wehres, das Klappern einer Mhle ward hrbar und nach einiger Zeit lieen sich
vor und neben einem hohen und breiten Gebude, das von langgestreckten
Nebenflgeln umgeben und von hoher Steinmauer festungsartig umschlossen war,
eine Menge kleinerer Wohnungen unterscheiden. Eine heisere Seigerschelle schlug
eben die neunte Stunde.
    Na da wren wir ja, sprach der Maulwurffnger zufrieden zu sich selbst,
indem er den Kopf seiner Pfeife ausklopfte und sie in die Westentasche steckte.
s' Ist doch eine prchtige Sache um verbotene Wege. Sie bringen einen
entschlossenen Mann in kurzer Zeit eine Strecke vorwrts. Ha, ha, ha, fuhr er
lachend fort, im Schlosse wird noch stark geleuchtet. Sollte Gesellschaft da
sein? Aber da ging's lebhafter zu, denn wo Junker Blauhut zu befehlen hat, darf
sich die stille Kopfhngerei nicht blicken lassen.
    Das Gebude, dem unser Freund den Namen eines Schlosses gab, war eigentlich
blos ein gerumiges, von auen stattlich aussehendes Herrenhaus, wie es deren in
den meisten greren wendischen Drfern gibt. Es lag fast in der Mitte des
Dorfes, das sich in breiter Gasse diesseits und jenseits des Edelhofes eine
fruchtreiche Berglehne hinanzog und von einem starken Bache durchstrmt ward.
Besitzer dieses Dorfes war der reiche Graf von Boberstein, wie er sich nach
seinem mitten in einem See gelegenen Stammschlosse nannte, seit Jahresfrist aber
hatte er es seinem Sohne Magnus als Eigenthum berlassen, um ihn zu beschftigen
oder, weil er sich nicht mit ihm vertragen konnte, ihn mglichst fern zu halten.
Magnus, von dem Volke seines blauschwarzen Hutes wegen gewhnlich Blauhut
genannt, stand im Rufe eines jhzornigen, herrschschtigen und ausschweifenden
Mannes. Niemand achtete, Jedermann frchtete ihn, und weil er dies wute, suchte
er den mglichsten Vortheil fr sich daraus zu ziehen. Sein Vater, ein milder,
vornehmer und hoch gebildeter Mann, hatte wohl nicht bedacht, da er dem
zgellosen Sohne durch Abtretung des Zeiselhofes grade eine erwnschte
Gelegenheit zu Befriedigung aller seiner Lste gab. Die meisten dem Rittergute
zugehrigen Unterthanen waren nmlich entweder hart bedrckte Frohnbauern oder
vllige Leibeigene, mit denen ein strenger Gebieter geradezu verfahren konnte,
wie es ihm beliebte. Magnus war zu genau mit den Vorrechten seines Standes
vertraut, als da er diese nicht im Ueberma htte ausben sollen, wenn er sich
Nutzen und Vergngen davon versprach. Er herrschte daher schon seit Monaten wie
seine Urahnen zur Zeit des Faustrechtes. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er
seinen leibeigenen Wenden, deren schlanke Tchter ihm ungemein gefielen. Ein
herzloser, gegen den Gebieter hndisch kriechender Voigt bot ihm bereitwillig
seine Hand zu jeder willkrlichen Handlung, und mit diesem feigen Schurken
vereint verbte nun Magnus Dinge, die vor dem Richterstuhle der Menschheit als
Verbrechen verdammt und bestraft worden wren. Nur die Macht des Herrn, die
Furcht des Volkes vor dieser und die sclavische Scheu, als Klger gegen den
kleinen Tyrannen aufzutreten, schtzten ihn und lieen ihn wohl gar glauben, er
sei in seinem vollsten Rechte und deshalb vllig unantastbar.
    Als der Maulwurffnger der hohen, dstern Mauer sich nherte, welche die
umfangreiche Hoferthe umschlo, migte er seine Schritte und ging mit sich
selbst zu Rathe, auf welche Weise er sein Anliegen dem auffahrenden Junker am
besten vortragen knne. Es fehlte unserm Freunde weder Gewandtheit noch
Unverschmtheit, wenn es galt, irgend etwas, von dem er sich persnlich Vortheil
versprach, mit Nachdruck durchzusetzen. Er hatte daher in Kurzem eine ganze
Menge Vorwnde in Bereitschaft, mit denen allen er, wenn es nothwendig sein
sollte, den Grafen zu bearbeiten gedachte. Furchtlos ergriff er jetzt den
schweren metallenen Widderkopf am Hofthor und schmetterte ihn mehrmals mit
solcher Gewalt gegen die eiserne Platte, da augenblicklich ein wthendes
Hundegebell im Hofe entstand und unmittelbar darauf einige schnffelnde Kter
von innen gegen die Thr sprangen.
    Vortrefflich gelungen! murmelte Heinrich, sich vor Freuden die Hnde
reibend. Der unvernnftige Lrm jagt ihnen wenigstens einen solchen Schreck
ein, da sie alles Andere darber vergessen. Sehr wahrscheinlich sogar, da das
Gesinde ein aufgehendes Feuer muthmat. Das gibt Unordnung, Durcheinanderrennen
und Teufelszwirn die Menge. Dabei kann Flucht oder Verstecken hchst tuschend
nachgeahmt werden, denn Angst lehrt eben so gut Komdie spielen, wie Noth beten.
- Horch, sie kommen! Bin doch neugierig, aus welchem Tone sie mir aufspielen
werden!
    Whrend der Maulwurffnger dieses Selbstgesprch hielt, waren mehrere Diener
oder Knechte ber den Hof nach dem Thorwege geschritten, einige Laternen
tragend, andere mit tchtigen Knitteln bewaffnet, um einem mglicherweise
beabsichtigten Einbruche, deren in den letzten Wochen mehrere in der
Nachbarschaft versucht worden waren, krftig begegnen zu knnen. Der Anfhrer
dieser Eskorte fragte, whrend seine Begleiter die wthenden Hunde zu
besnftigen suchten, wer so spt Einla begehre und was dies unverschmte Lrmen
zu bedeuten habe?
    Unverschmt! wiederholte Heinrich mit seiner den Knechten des Edelhofes
wohlbekannten halb zornigen halb scherzhaften Stimme. Ich finde es verteufelt
unverschmt, einen ehrlichen guten Freund durch's Schlsselloch zu examiniren
und in solchem Hundewetter, das ihn nicht abhalten konnte, auf des Herrn Grafen
Vortheil zu sehen, eine halbe Stunde lang stehen zu lassen. Zum Teufel, macht
auf oder ich klettere trotz Eurer Zinken da oben und Eurer dummen Klffer
drinnen wie ein Dieb ber den Thorweg!
    Gott straf' mich, versetzte der Voigt, es ist gewi und wahrhaftig der
Sackerments-Maulwurffnger!
    Ich will dich schon besackermentiren, entgegnete Heinrich, wenn ich Dich
nur erst hinter'm Tische in der Gesindestube habe!
    Inzwischen klirrten die Riegel, die Thorflgel gingen knarrend aus einander
und das helle Licht der Laternen zeigte drei oder vier Knechten, in deren Mitte
der Voigt mit blankem Hirschfnger stand, die abenteuerliche Gestalt des
Maulwurffngers.
    Der gndige Herr wird Dir ein schnes Gesicht schneiden, wenn er hrt, da
Du den unntzen Specakel gemacht hast, redete ihn der Voigt an. Wir dachten
nicht anders, als es wrde Jemand drauen massacrirt.
    Seine Gnaden werden das Gesichterschneiden wohl bleiben lassen, erwiederte
Heinrich. Mach' nur geschwind und melde mich. Ich mu den Herrn sogleich
sprechen, denn ich habe ihm Nachrichten von uerster Wichtigkeit zu
berbringen.
    Du? sagte der Voigt spttisch. Vermuthlich willst Du ihm ein paar
gestohlene Maulwrfe fr sein Eigenthum aufhngen.
    Ich werde gleich den Versuch an Dir machen, ob Deine Kehle zher ist, als
die eines Maulwurfs, versetzte Heinrich. Geh', sag' ich, oder ich melde mich
selbst!
    Es geht aber nicht! sagte der Voigt trotzig, das Thor wieder fest
verriegelnd.
    Es mu und wird gehen.
    Niemand darf zu ihm heut Abend. Nicht wahr, so lautete sein Befehl?
    Die Knechte bejahten diese Frage einstimmig, doch Heinrich beharrte
hartnckig darauf, da er den Grafen sprechen msse. Grade deswegen, weil er's
verboten hat, mu ich nun zu ihm, sagte er. Seinen Zorn nehm' ich ganz allein
auf mich, Ihr Alle geht frei aus, das verspreche ich Euch, so wahr ich der beste
Maulwurffnger im Lande bin!
    Warum hast Du nicht gepfiffen, wie sonst, wenn Du des Nachts auf dem Hofe
einkehren willst? fragte der Voigt, dem unwillkommenen Ankmmlinge zgernd nach
dem Herrenhause vorleuchtend.
    Weil es heut Sonntag ist und ich mir die Lunge schon in der Kirche
ausgesungen, ausgepfiffen und ausgeschrieen habe, und weil ich auerdem wei,
da Ihr um die jetzige Zeit in Euer gottloses Kartenspiel so vertieft seid, da
Ihr eines ehrlichen Christen fromme Melodie, und pfiff er sie so rein und schn,
wie eine Nachtigall, doch nicht hren wrdet. Endlich und zuletzt aber, weil ich
stets auf aller Menschen Bestes bedacht bin und fr Euch dieses Beste eine
rasche Motion war, die ich am sichersten durch mein Klopfen bewerkstelligen
konnte. Sagt selbst, ob Euch nicht das faule Blut jetzt viel munterer durch die
Adern schiet? Nun und das, denk' ich, sind Grnde genug, um dafr einen Krug
englisches Bier und ein warmes Lager in der Hlle beanspruchen zu drfen.
    Du bist ein Schalk, sagte verdrielich lachend der Voigt.
    Darin irrst Du Dich, versetzte der Maulwurffnger mit grter
Gelassenheit, ich bin vielmehr ein Mittel gegen Schlke und alle Schurkerei.
Meine Kunst beweist es.
    So sprechend ffnete er seinen Schnappsack und hielt ihn dem Voigte unter
die Nase. Was siehst Du, Trefflichster? fragte er.
    Narr, todte Maulwrfe!
    Bestrafte Schlke, verbesserte listig lchelnd der Maulwurffnger, den
Quersack wieder zuschnrend. Nun geh' aber und richte meinen Auftrag genau und
pnktlich dem Herrn Grafen aus.

                                Fnftes Kapitel.



                              Herr und Leibeigene.

Ehe wir unsere Erzhlung weiter fortfhren, mssen wir uns zurckwenden zum
Grafen Magnus. Dieser hatte nach halbstndigem scharfen Jagen mit seiner schnen
Beute, die inzwischen vor Angst und Schreck ohnmchtig geworden war, jenes
einsam gelegene Vorwerk erreicht, dessen Schornstein man vom Fue des
Todtensteines aus sah. Dieses Vorwerk gehrte zum Edelhofe und wurde von einem
Pachter mit Frau und Gesinde bewohnt. Magnus hielt hier sein schaumbedecktes Ro
an, sprang aus den Bgeln und trug die noch immer bewutlose junge Wendin in das
Wohnzimmer des Vorwerks.
    Des Staunens nicht achtend, das Blicke und Mienen der einfachen Landleute
aussprachen, forderte er herrisch ihr bestes Fuhrwerk. Leider bestand dies blos
aus einem sehr schadhaften und unbequemen Karren, der fr gewhnlich zur
Transportirung grner Feldfrchte in die Stadt gebraucht ward. Nthigenfalls
bediente man sich desselben allerdings auch zu Spazierfuhren, und dann
berspannte ihn der Pachter mit einer viel gebrauchten, fleckigen, sehr oft
geflickten und doch immer noch zerrissenen groben Leinewand oder Plane. Da
innwendig keine Sitze angebracht waren, so half man sich durch untergebreitetes
frisches Stroh, ber welches eine Matratze, aus grober Wolle und Rohaar
gewirkt, zur Verschnerung gebreitet wurde.
    Dieses unvollkommene Transportmittel richtete jetzt der erschrockene Pachter
auf Befehl seines Herrn so schnell wie mglich her, whrend Magnus mit schlecht
verhehlter Ungeduld die feinen Zge Rschens beobachtete, die noch immer
besinnungslos in den Armen der besorgten Pachtersfrau lag. Rschen sah wunderbar
schn aus in dieser drftigen Umgebung. Ein feiner Zug schelmischen Lchelns,
der ihren kleinen Mund immer umspielte, war auch dem jhen Schreck nicht
gewichen, der sie betubt hatte. Auf den lieblich gerundeten Wangen glomm noch,
wie verduftendes Abendroth, ein rosiger Schimmer. Die Augen waren fest
geschlossen und zeigten erst jetzt vollkommen die zarte Durchsichtigkeit der
blulich-weien Lider und die langen, gleich feinen Goldfden erglnzenden
Wimpern. Das weie Hubchen hatte sich whrend des raschen Rittes verschoben und
enthllte jetzt zugleich mit der weien, regelmig geformten Stirn ein Gewirr
kurzer, krauser und dicht gewundener Lckchen, die wie goldene Glockenblumen die
schuldlose Stirn kten. Ihre schmalen Hnde, jetzt kalt und wei, hingen noch
matt verschlungen in einander.
    Die Pachterin, eine in gewissem Sinne gemeine Frau, bot dem Grafen mit
beredter Zunge eine ganze Menge in solchen Fllen sehr erprobter Hausmittel an,
die jedoch Magnus alle von der Hand wies. Denn wnschte er auch sehnlichst das
Erwachen Haiderschens alls ihrer Ohnmacht, so lag ihm doch wieder Alles daran,
da dies nicht vor Zeugen geschehe, die seinem Willen nicht unbedingt
unterworfen waren. Deshalb trieb er auch so sehr wie mglich zur Eile, und lie
alle Fragen der Pachterin, die unter vielen Thrnen die Schnheit des
bewutlosen Mdchens bewunderte und pries, unbeantwortet. Sie glaubte nmlich,
was allerdings nahe lag, annehmen zu drfen, der Graf habe die armselig
Gekleidete in diesem hilflosen Zustande irgendwo auf dem Felde liegend gefunden
und wolle ihr aus Menschenfreundlichkeit Untersttzung gewhren.
    Ach was ein feines Hndchen hat die Arme! rief sie aus. Das ist nicht
gemacht, um unsere harten Arbeiten zu verrichten, o behte! Das sollte nur die
Nadel fhren, um seidene Zeuge zum Putz der lieben schlanken Glieder
zusammenzunhen. Nun warte nur, meine arme Kleine, fuhr sie fort, indem sie die
Stirn der Ohnmchtigen sanft kte, der gndige Herr Graf wird Dich schon
erziehen lassen, wie's Dein junges Herz nur wnschen kann. Ach und wie prchtig
mut Du aussehen, wenn Du feine vornehme Kleider anziehen wirst! Ja, dann mchte
ich Dich schon wieder ein Mal bei mir sehen und begucken. - Ach und gewi hast
Du auch nicht immer in so groben Hllen gesteckt, Du liebes Engelsbild. Die bse
Brut der Welt wird Dir nachgestellt haben, und um ihr zu entgehen, bist Du
sicherlich in Deiner Herzensangst auf und davon gelaufen und vor Ermattung
liegen geblieben. - O ich hab' ein gar feines Auge, das Vornehm und Gering auf
den ersten Blick unterscheiden kann, wenn sie sich auch noch so wunderlich
verpacken! Das kommt daher, weil ich in meiner Jugend bei einer gar reichen
Herrschaft in Dresden Amme gewesen bin, ehe ich meinen jetzigen Mann kennen
lernte. Es ist eine recht gute Seele, gndigster Herr, mein Mann; er hat mir's
nicht ein einziges Mal vorgeworfen, da ich vor ihm schon zwei Andere recht von
Herzen lieb gehabt hatte. Die armen Teufel! - Ich wre ihnen wohl treu
geblieben, aber sie waren ja alle beide geborne Bettelleute! - Und nun sitzt
einer schon seit vier Jahren auf dem Baue! - Ja, sehen Sie, gndigster Herr
Graf, der Mensch knnte mir jetzt wieder vor die Augen kommen, nicht ansehen
thte ich ihn, den schlechten Kerl! Spitzbuben und Schufte sollte man verhungern
lassen, das sag' ich immer. Es ist nicht anders aufzurumen unter diesem
abscheulichen Unkraut! -
    Die redselige Frau, deren gemeine Denkungsart deutlich genug aus ihrem
Geschwtz zu ersehen war, htte den Grafen wahrscheinlich noch lange mit
Entwickelung ihrer Lebensansichten und Erfahrungen unterhalten, wre sie durch
die Zurckkunft ihres Mannes nicht daran verhindert worden.
    Seid Ihr fertig? fragte Magnus ungeduldig.
    Wenn Ew. Gnaden befehlen, knnen wir aufbrechen.
    Das arme Kind! klagte die Pachterin. Der gndige Herr Graf wrden Ihre
Menschenfreundlichkeit verdoppeln, wollten Sie mir erlauben, da ich
unterthnigst meinen Lebensgeist oder auch den schmerzstillenden Spiritus -
    Schweigt! unterbrach sie Magnus, einen blanken Thaler in ihre Hand
schiebend. Dies fr Eure Mhe und jetzt packt Euch!
    Tausend Dank, gndigster Herr! Aber Sie werden mir doch erlauben, da ich
das liebe Ding auf meinen Armen in den Wagen trage?
    Ich werde Euch die unntzen Arme mit meiner Peitsche zerklopfen, fuhr
Magnus die dienstfertige Frau an, wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle fortpackt!
Zu lange schon hat mein Schtzling in Eurer Nhe verweilt. Ich werde Sorge
tragen, da sie Euch nie wieder sieht.
    Obwohl die Pachterin ber die letztere Bemerkung sehr bestrzt wurde, da sie
durchaus nicht begreifen konnte, was den Grafen dazu veranlassen mochte, mute
sie doch lcheln, denn sie besa hinlnglichen Mutterwitz, um das Sinnlose in
des Grafen Drohung sogleich einzusehen.
    Ach Du lieber Gott! rief sie wehmthig die Hnde faltend. Das wird gar
nicht in des gndigen Herrn Gewalt stehen! Das arme Ding hat ja keine einzige
Sekunde ihre gewi sternenhellen Augen aufgeschlagen, noch ein kurzes
Sterbenswrtchen gesprochen! Wie soll mich die niedliche kleine Wendin da
wiedersehen! Mge sie der liebe Gott nur so treulich behten, wie Ew. Gnaden
sich ihrer liebevoll annehmen!
    Magnus hatte inzwischen Haiderschen behutsam von ihrem Lager aufgehoben und
nach dem vor der Hausthr haltenden Planwagen getragen. Die schwatzende Frau
folgte ihm, immerfort sprechend, auf dem Fue, obwohl ihr Mann finster genug
drein sah und ihr mehrmals winkte, da sie endlich einmal ihren
Herzensergieungen ein Ziel setzen solle. Nachdem der Graf seine schne Beute
auf dem fr sie im Wagen bereiteten Heulager niedergelegt und mit Decken und
Matratzen so verhllt hatte, da ihr die Ste des Fuhrwerkes auf dem schlechten
steinigten Feldwege keine Contusionen oder andere Verletzungen zufgen konnten,
bestieg er wieder sein rstiges Thier und trabte an der Seite der zugezogenen
Plane, welche der Pachter selbst leitete, dem entfernten Edelhofe zu, ohne sich
weiter um die Lamentationen und Bitten der Pachtfrau zu bekmmern, die sie mit
unermdlicher Zunge bald ihrem Eheherrn, bald dem Grafen nachrief.
    Trotz der Ungeduld, die ihn zu grter Eile anspornte, mute sich Magnus
doch entschlieen, einen sehr langsamen Trab zu reiten, da der Pachter kurz und
bndig erklrte, da es durchaus unmglich sei, schneller zu fahren, wenn sein
Fuhrwerk nicht binnen Kurzem in Stcken zerbrechen solle.
    Verdrossen fgte sich der Graf in das Unabnderliche, immer dicht an dem
Wagen herreitend und ihn mit Auge und Ohr eifrigst bewachend. Sie waren noch
kaum eine Viertelstunde ber das Vorwerk hinaus, als Magnus eine Bewegung im
Wagen bemerkte und durch eine schadhafte Stelle der Plane sah, da Rschen
wieder zu sich gekommen war. Um sie nicht zu erschrecken und vielleicht eine
Scene herbeizufhren, zog er sich jetzt hinter den Wagen zurck. Wider Erwarten
blieb es aber ruhig in der Plane, so da er glaubte, die furchtsame Wendin sei
auf's Neue in Ohnmacht gefallen. Er wartete eine mit Rasen bewachsene Stelle ab,
um dem Wagen wieder zur Seite zu reiten und dann und wann forschende Blicke
hinein zu werfen. Da sah er denn Haiderschen, an die Heupolster gelehnt,
aufrecht sitzen. Die hellen Tropfen auf ihren rosigen Wangen und der traurige
Zug um den reizend schnen Mund sagten ihm, da sie weinte, doch deutete ihre
stille Gefatheit auch darauf hin, da sie jeden Widerstand fr unmglich halte
und sich in die bse Nothwendigkeit ergebe. Haiderschen hatte das Hubchen
abgenommen und sa jetzt in der vollen Schnheit ihres goldnen Haares vor den
begehrlichen Blicken des Grafen. Sie zupfte die einzelnen Grashlmchen aus dem
zarten Gelock, kruselte die aufgegangenen Ringel ber der Stirn mit dem Finger
und steckte die starken Flechten am Hinterkopf wieder auf. Dann bemhte sie sich
vergeblich, ohne ihr stilles Weinen zu unterbrechen, das zerknitterte Hubchen
auf ihrem runden Knie mittelst Streichen und sanftem Klopfen wieder zu gltten.
Da ihr dies schlecht gelingen wollte, setzte sie es in der etwas unscheinbar
gewordenen Form auf und band es unter dem Kinn mit zierlicher Schleife fest, die
sie nicht verga in die gehrige Richtung und Breite auszuzupfen. Hierauf
faltete sie fromm die Hnde und fing an in der Noth ihres Herzens Sprche und
Liederverse in wendischer Sprache leise herzusagen, eine Beschftigung, in der
sie nur bisweilen ein unwillkrlich lautes Aufschluchzen unterbrach.
    Zufrieden mit dieser Fgsamkeit berlie Magnus das Mdchen sich selbst und
langte ohne fernere Strung mit ihr auf dem Zeiselhofe an. Erst hier, im Innern
der dunkeln Hausflur, wohin er mit Borbedacht den Wagen fahren lie, zeigte er
sich Rschen, diesmal sein interessantes, keckes mnnliches Gesicht in die
lichtesten Farben gewinnender Freundlichkeit kleidend.
    Welch arges Herzeleid hast Du Dir selbst unnthig zugefgt, kleiner
Trotzkopf! sagte er lchelnd zu der kleinen Wendin, nachdem er den Pachter
fortgeschickt hatte. Bitte, reiche mir jetzt Deine Hand, da ich Dir von diesem
elenden Fuhrwerk herunterhelfe! Ich konnte leider kein besseres auftreiben, um
Dich, wie Du es verdient httest, in mein Schlo zu geleiten! - Sei nicht
ngstlich, nicht blde, sondern sprich keck aus, was Du begehrst. Es wird mir
ein unaussprechliches Vergngen gewhren, Dir in allen billigen Dingen gefllig
sein zu knnen.
    Haiderschen war ber dieses vernderte Betragen so verwundert, da sie sich
anfangs wirklich besinnen mute, ob sie nicht etwa trume. Inzwischen hob sie
Magnus aus dem Wagen, geleitete sie uerst zuvorkommend und mit einer ihr an
Mnnern bisher noch nicht vorgekommenen Galanterie, wobei er kaum die Spitzen
ihrer Finger berhrte, eine breite Treppe hinan, auf deren gewundenen Abstzen
seltene Blumen mit phantastischen Blttern und Blthen, wie sie in ihrem Leben
noch keine gesehen hatte, in groen Tpfen und Kbeln standen, und fhrte sie,
ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte, in ein mittelgroes Zimmer, das
auer einem reich verzierten Divan und mehrern hochlehnigen, mit kostbarem
Seidenstoff berzogenen Sthlen groe vom Fuboden bis an die Decke hinauf
reichende Spiegel von kristallklarer Reinheit enthielt, die Rschens
Aufmerksamkeit vorzugsweise fesselten. Eine Stutzuhr von einem jener
geschnrkelten Gehuse umgeben, die jetzt wieder unter dem Namen Rococco Mode
geworden sind, zierte einen Schrank aus Nubaumflaser. Schwere gewirkte Teppiche
von bunter Farbe berdeckten den Fuboden, die Wnde waren mit alterthmlichen
Tapeten bekleidet, auf denen allerhand Jagdscenen abgebildet waren. Ein hoher
Kamin mit marmorner Einfassung trug Spuren eines unlngst erloschenen Feuers.
Auf einem runden Tisch mitten im Zimmer standen zwei silberne Armleuchter mit
Kerzen und zwischen diesen eine silberne Schelle, deren Griff eine zierlich
gearbeitete Figur Diana's darstellte.
    Hier bist Du alleinige Gebieterin, mein schnes Kind, sagte der Graf, die
Erstaunte ritterlich galant zum Divan fhrend. Sobald Du etwas begehrst, darfst
Du nur diese Schelle luten. Auf einmaliges Gelut wird eine Dienerin
erscheinen, um Deine Befehle zu empfangen, schellst Du zweimal, so soll dies ein
Zeichen sein, da Du mich selbst zu sprechen begehrst.
    
    Hflich grend entfernte sich Magnus und berlie Rschen sich selbst und
der Einsamkeit. Geraume Zeit konnte sich das in den einfachsten Verhltnissen
aufgewachsene Mdchen in die sich hufenden Seltsamkeiten nicht finden, und es
kostete ihr wirklich Mhe, nicht fest zu glauben, da sie whrend ihrer
Betubung von unsichtbaren Mchten verwandelt, ihr Verfolger aber gebssert
worden sei. Das Land, noch mehr ihr Volksstamm war reich an Erzhlungen dieser
Art und mkelte nicht an ihrer Wahrhaftigkeit, wenn auch gegenwrtig Niemand
lebte, dem so Wunderbares zugestoen war. Nur ihre groben Kleider, die sie noch
unverndert trug, machten sie wieder irr und lieen neue Bedenken in ihrem
gengsteten Gemth aufsteigen.
    Aus weiblicher Neugier, zum Theil auch, um sich einigermaen zu zerstreuen,
begann Haiderschen die auffallendsten Einzelnheiten des gerumigen, von
eigenthmlichem Duft erfllten Zimmers, wie er Wohnungen eigen ist, die zwar zur
Aufnahme von Gsten stets bereit stehen, doch nur hchst selten wirklich dazu
benutzt werden, genauer zu betrachten. Sie trat zuerst an's Fenster, um sich in
der Gegend zu orientiren. Die Aussicht war nicht groartig, aber ansprechend und
recht passend fr ein Gemth, das mehr mit den geheimen Reizen der Natur, als
mit den geruschvollen und gefhrlichen Genssen durch zu hoch gesteigerte
Civilisation schon wieder verdorbener Menschen vertraut ist. Eine Landschaft,
rechts von niedrigen Hhen begrenzt, von freundlichen Husern, zwischen denen
breite Ackergelnde sich ausdehnten, belebt, lag in goldigem Sonnenschein vor
ihr und verlor sich fern in hheren, gegen den Horizont scharf abschneidenden
Bergkuppen. Nur zur Linken blieb ein schmaler Streif von jeder eigentlichen
Begrenzung frei. Ein blulich grauer Schimmer, ber dem jetzt blarothe Wlkchen
wie vom Himmel herabflatternde Rosen schwebten, deutete hier nur den Punct an,
bis wie weit die Sehkraft reichte.
    Diese Aussicht in ihrer todten Unvernderlichkeit hatte etwas Schwermuth
Erweckendes. Dennoch machte sie auf das junge Mdchen grade den
entgegengesetzten Eindruck. Sie, die bis dahin all das Seltsame und Prchtige
mit kaltem Auge angestaunt hatte, fhlte pltzlich elektrisches Feuer durch ihre
Nerven strmen. Die groen, klaren, unendlich liebreichen Augen glnzten im
Feuer kindlichen Entzckens, und indem sie wie grend ihre beiden Hnde nach
dem grauen Dunststreif ausstreckte, rief sie unwillkrlich: Meine liebe, liebe
Haide!
    Rschen tuschte sich nicht. Es war der graue Saum der unermelichen Haide,
deren uerstes Ende sie ber den grnen Saatfeldern gewahrte, jener Haide, die
einen groen Theil der Oberlausitz und fast die ganze Niederlausitz bedeckt.
Dieser Anblick gab ihr Kraft und Lebendigkeit wieder. Sie trat vor einen der
hohen Spiegel und betrachtete selbstgefllig ihre schlanke Gestalt. Lchelnd
schttelte sie den Kopf, weil es ihr ungemein komisch vorkam, da die kleinen
muntern Lckchen ber ihrer Stirn, die unter dem Hubchen hervorguckten, so zum
Angreifen natrlich vor ihren Augen nickten und hin und her schwankten; denn
Rschen hatte wohl zuweilen einen Spiegel zu Rathe gezogen, doch immer nur einen
kaum handbreiten, fleckigen und nie ganz reinen. Hier nun sah sie sich von Kopf
zu Fu, und wenn sie sich gestehen mute, da sie recht hbsch sei und
allenfalls wohl auch einem reichen Edelherrn gefallen knne, so errthete sie
zugleich auch, was ihr frher nie begegnet war, ber ihre gar so rmliche und
unscheinbare Kleidung.
    Recht betrbt lie sie das Kpfchen sinken und sah traurig auf ihren roth
und schwarz gestreiften Wollenrock herab, der nur durch das Leibchen von
allerdings sehr verschossenem Sammet einen Schimmer von Werth erhielt. Es kam
ihr vor, als sei sie noch nie so ganz abscheulich gekleidet gewesen und der
Gedanke, doch einmal zu sehen, wie ihr wohl bessere Kleider stehen mchten,
stieg so pltzlich in ihr auf und bemchtigte sich so ganz ihrer Phantasie, da
sie mit dem festen Willen, dergleichen zu verlangen, rasch nach der silbernen
Schelle griff und sie heftig schwang. Ihr unbedachter Eifer lie das Glckchen
zweimal ertnen, worauf sie jedoch nicht achtete, sondern erwartungsvoll mitten
im Zimmer stehen blieb und angestrengt lauschte, ob man ihren Befehlen zu
gehorchen wohl bereit sein werde. Sie richtete dabei ihre Blicke auf die Thr,
um gleich beim Erscheinen der begehrten Dienerin einigermaen ber deren
Willfhrigkeit sich ein Urtheil bilden zu knnen.
    Haiderschen mochte etwa eine Minute in dieser horchenden Stellung verharrt
haben, als sie es rauschen hrte, nicht aber vor der Thr, sondern hinter oder
an der Wand. Sie hielt den Athem an und horchte noch angestrengter. Da bemerkte
sie deutlich, da die gemalten Jger auf der Tapete zu zittern begannen, die
Wand aus ihren Fugen wich und sich gegen sie bewegte. Ein dumpfes Ach! entrang
sich ihren Lippen, sie wollte fliehen und eilte nach der Thr. Allein, wie
heftig sie auch am Schlosse drckte, es wich und wankte nicht! Auch wre Flucht
bereits zu spt und hchst unklug gewesen, denn Graf Magnus stand schon im
Zimmer und drckte die unsichtbar in die Wand eingefugte Thr leise wieder zu.
Eben so freundlich, wie er sie vor einer Stunde verlassen hatte, trat er wieder
zu ihr und fragte bescheiden, was sie ihm mitzutheilen habe?
    Ueberrascht schwieg Haiderschen mit zu Boden gesenkten Blicken.
    Muth, mein Kind, Muth! sprach der Graf, seine Hand sanft unter ihr Kinn
schiebend und das Kpfchen aufrichtend. Du hast mir geschellt, jetzt mut Du
auch sprechen.
    Ach, gndigster Herr, Erbarmen! erwiederte die Wendin zaghaft. Die
Schelle sollte nur einmal luten und sie hat -
    Zweimal gelutet, fiel ihr Magnus lchelnd in's Wort. Ja, mein Kind, das
hab' ich gehrt, darum bin ich hier. Und da meine Schelle so klug ist, die
verborgenen Gedanken meiner reizenden Gstin zu errathen und mir zuzuflstern,
so werde ich jetzt hier bleiben. Es ist so traulich, so einladend hier zu
freundlicher Unterhaltung! - Aber sage mir doch, Du lieblicher kleiner Schelm,
was gedachtest Du denn mit meiner Dienerin zu plaudern?
    O gar nichts, gndigster Herr! versetzte Rschen, aus Verlegenheit mit dem
Bandendchen spielend, das ihr zum Zuschnren des Leibchens diente.
    Wenn Du lgst, werde ich Dich bestrafen mssen, Rschen!
    Thun Sie's nicht, gndigster Herr!
    Ich wrde es ungern thun, allein ich sehe mich dazu genthigt, sobald Du
mir Deine Wnsche und Gedanken verheimlichst. - Was hat Dir den das Bndchen
gethan?
    Eine geschickte Wendung lie Magnus die spielende Hand der Wendin erhaschen,
die das Bndchen noch festhielt. Er zog sie mit der seinigen zurck und die
Schleife ging auf und lie das Leibchen so weit zurckweichen, da das grobe
Linnenzeug darunter, welches den Busen des Mdchens zchtig verhllte, sichtbar
ward.
    Ach die schlechten Kleider! stotterte Haiderschen. Berhren Sie sie ja
nicht, gndigster Herr, Sie sind nicht gewhnt, so grobe Sachen in Ihre Hand zu
nehmen! Und behend entschlpfte sie dem Grafen, und schlang flink wieder, das
Band zusammenziehend, eine feste Schleife.
    Ich billige Dein Gefhl, liebes Kind, entgegnete Magnus, noch immer sanft
und zurckhaltend. So schlechte Kleider mgen fr plumpe Bauermgde passen, ein
so zartes Wesen, wie Du, mein Rschen, ist bestimmt, feinere Stoffe zu tragen,
und wenn Du den Versuch machen willst, so werde ich dafr sorgen, da Du morgen
das Nthige vorfindest.
    Haiderschen errthete und konnte eine schelmisch lchelnde Miene nicht ganz
verbergen. Magnus bemerkte dies und fragte rasch: Du lchelst? Freust Du Dich
darauf?
    Jetzt erst wagte die Wendin ihre prchtigen Augen ein paar Secunden lang
frei und offen zu dem Grafen aufzuschlagen, whrend sie noch immer sehr
schchtern erwiederte: Darum wollte ich ihre Dienerin bitten, gndigster Herr.
    Der Graf jubelte innerlich ber dies freimthige Gestndni des schnen
Mdchens, da es ihm deutlich den Kern weiblicher Eitelkeit und Putzsucht
enthllte, der auch in dem noch unverdorbenen Herzen dieses Kindes der Haide
tief verborgen lag und sorgfltig gepflegt eine ergiebige Aerndte versprach. Er
setzte sich auf den Divan und schmeichelte der vor ihm stehenden Wendin so lange
mit freundlichen Redensarten, bis sie Muth fate und neben dem jungen Manne, der
jetzt keine Spur von Heftigkeit oder Hochmuth zeigte, schchtern Platz nahm.
    Sieh, mein ses Haiderschen, redete er sie zutraulich an und ganz so,
als wolle er ihr blos eine Geschichte erzhlen, ich mu Dich jetzt ber Dich
selbst und Dein Glck etwas aufklren. Dein sonst recht braver Vater ist ein
befangener Mann, der vom heutigen Weltleben nichts versteht. Ihm mu ich es
daher auch zu Gute halten, wenn er in seiner schwachsinnigen Thorheit meinen
guten Absichten entgegentritt. Du aber, ein junges, blhendes, schnes Mdchen
von aufgewecktem Geist und heiterm Gemth, Du mut Dich gewhnen, die Zeit mit
dem lustigen Auge verstndiger Weltleute anzusehen. Dazu, mein Kind, will ich
Dich eben erziehen, und nur dies allein ist der Grund, weshalb ich Dich mit
Gewalt zu mir genommen habe, da es auf andere Weise nicht gehen wollte. Es fllt
mir nicht ein, Dich, wie andere meiner Unterthanen, in die Viehstlle zu
stecken, Dich will ich fr mich allein, zu meiner Gesellschafterin haben. Du
sollst mich begleiten, wenn ich ausreite oder fahre, Du sollst das ritterliche
Vergngen der Jagd mit mir theilen, Du sollst mit mir essen und trinken, kurz,
Du sollst leben, wie ich, gebieten, wie ich! Httest Du wohl Lust dazu,
Haiderschen?
    Die schne Wendin sog diese verfhrerischen Worte des Grafen wie Zaubertne
eines Mhrchens ein. Sie blickte mit den brennenden dunkelblauen Augen zu ihm
auf und lchelte ihn freundlich an. Magnus wagte jetzt seinen Arm lose und wie
zufllig von der Lehne des Divans auf ihren verhllten Nacken gleiten zu lassen.
Er fuhr fort:
    Du wirst von dem thrichten Volk gehrt haben, ich sei hart, ein Tyrann.
Glaube nicht daran, mein Rschen! Ich mache nur einen Unterschied zwischen den
Menschen. Wo ich Rohheit, Gemthsverhrtung, unbndigen Starrsinn und
Widerwillen gegen jeglichen Befehl bei vollkommenem Mangel an Bildung entdecke,
da wende ich scharfe, empfindliche Mittel an, wie sie allein durchdringen
knnen. Die Mehrzahl dieser Menschen, die zerstreut auf meinen Besitzungen in
der Haide und dem niedrigen Hgellande wohnen, verdienen nicht besser wie das
unvernnftige Vieh behandelt zu werden. Es ist ein Glck fr sie, da sie keinen
freien Willen haben, sie wrden an ihrer Freiheit nur zu Grunde gehen! Da sie
zuweilen murren und in ihrer Strrigkeit gegen mich zu rennen suchen, ist Folge
ihrer gnzlichen Verstandeslosigkeit. - Wo ich dagegen Anlage, Herz, Gemth,
Geist entdecke, wie bei Dir, meine Perle, da bin ich immer geneigt, zu
vergessen, da ich das Recht habe, blindlings zu befehlen. Ich wnsche dann als
Lehrer aufzutreten und solchen bevorzugten Wesen die Wohlthaten, welche die
Freiheit gewhrt, sich selbst verdienen zu lassen.
    Haiderschen htte gebildeter sein mssen, als sie es war, um diese Rede des
Grafen vollkommen verstehen zu knnen. Sie hrte ihm zwar aufmerksam zu, aber
sie wute doch eigentlich nicht, was er mit all den schnen Worten hatte sagen
wollen. Nur die milde Freundlichkeit, die unvernderlich seine interessanten
Zge geistig belebte und verschnerte, machten sie begierig, noch mehr zu
vernehmen, Sie sttzte daher das feine Kpfchen in ihre Hand und wandte mit
schalkhaft klugem Lcheln, dem eine entzckende kindliche Unwissenheit inne
wohnte, das Gesicht dem Grafen zu.
    Wenn ich von dem Verdienen der Freiheit spreche, fuhr Magnus fort, so
will ich damit nichts Anderes sagen, als da ich wnsche, es mge jeder Einzelne
meiner Unterthanen die guten Absichten anerkennen, die meinen Handlungen stets
zum Grunde liegen. Von Dir, Rschen, verlange ich das vor Andern. Du bist klug
und alt genug, um mich zu verstehen. Der Instinct, welchen die Natur Deinem
Geschlecht in so reichem Mae verliehen hat, sagt Dir schon von selbst, was am
meisten dazu dienen kann, Dich mir gefllig zu machen. Ohne Dir einen Wink zu
geben, bist Du von selbst darauf gefallen, diese unschnen Kleider mit zarteren,
geschmackvolleren Hllen vertauschen zu wollen. Sieh, mein Kind, das nenne ich
natrliches Talent, Anlage, meine Gedanken zu errathen. Mit dem Kleide wirst Du
unmerklich auch Deine Wnsche, Deine Erwartungen, Deine Gefhle wechseln. Glaube
mir, es ist gar nicht gleichgiltig, wie man sich kleidet! Der rohe Stoff, die
grobe, unschne Tracht drckt mit lhmender Gewalt unsere geistigen Anlagen
nieder und stumpft alles feinere Gefhl ab, whrend die leichte, schimmernde,
weiche Hlle, die sich sanft den Formen anschmiegt, unsern Gedanken Schwung und
Kraft, unsern Empfindungen dauernden Reiz, unserm Willen erhhte Festigkeit und
einen schnen vornehmen Stolz verleiht. - Vermchte es der Bettler ber sich,
die Lumpen, die seine Ble decken, von sich zu werfen und der Unreinlichkeit zu
entsagen, an die ihn sein faules Leben gewhnt hat, wahrlich, er wrde sich
alsbald seiner selbst schmen und in Kurzem ein anderer, ein besserer Mensch
werden! Und so hoffe ich, soll der Geist der Anmuth, der feineren Sitten, der
greren Lebensgewandtheit auch in Deinem schuldlosen Busen mit dem
Kleidertausche, den Du wnschest, einziehen. Dafr mut Du mir jedoch einen
Gefallen thun.
    Rschens Bezauberung, die mit ihrer Ankunft auf dem Edelhofe begonnen hatte
und in welcher sie wie in einer Welt wunderbarer Trume seitdem lebte, ward
immer gewaltiger. Sie fhlte sich von den lockenden Tnen, die von des Grafen
Lippe fielen und um ihre Schlfen schmeichelten, wie von einer reizenden Musik
berauscht, und ohne zu ahnen, was man eigentlich mit ihr vorhabe oder von ihr
wolle, gab sie jetzt durch billigendes Kopfnicken zu erkennen, da sie die
Meinung ihres klugen Gebieters zu theilen bereit sei.
    Recht gut! fuhr der Graf fort, wir mssen uns nur auch ber das Was und
Wie verstndigen. Zuvrderst wirst Du also hier bleiben und Dich nach Art der
Vornehmen kleiden.
    O ich werde ganz nrrisch werden vor Freude, wenn ich in schnen langen
Kleidern, blitzende Steine im Haar und an den Fen Sammetschuhe mit hohen
rothen Stelzchen vor den hohen groen Spiegeln auf-und niedergehe, sagte
Haiderschen und lachte dabei munter und seelenvergngt, wie ein Kind.
    Dann wirst Du mich auch lieb haben, nicht wahr?
    Ich werde Ew. Gnaden immerdar als meinen Herrn und Gebieter verehren.
    Nicht doch, Haiderschen! Liebe ist mehr als Verehrung, und es ist mein
Wille und mein Befehl, da Du mich lieben sollst!
    In Rschens Augen erlosch jetzt der Freudenglanz, der sie whrend der
einschmeichelnden Rede des Grafen belebt hatte. Lieben? wiederholte sie mit
einem leichten Seufzer. Gndigster Herr, die Liebe knnen sie nicht befehlen.
Sie ist nicht auf Erden, sie fliegt durch die Himmel und spielt ber den Herzen
der Menschen, wie Schmetterlinge ber den duftenden Blumen der Haide! Sie ist
ein Gnadengeschenk des Himmels, dem Geringen so oft, so reieh, so beglckend
zugetheilt, wie dem Vornehmen! - Nein, gndigster Herr Graf. Sie knnen Alles
mit Ihrem Willen erreichen, nur nicht, da eines armen leibeigenen Mdchens
schchternes Herz Sie liebe!
    Magnus ward von dieser unerwarteten Antwort des aufgeweckten Naturkindes
sehr wenig erbaut. Doch hielt er noch an sich und fragte anscheinend verwundert:
    Du willst mich also nicht lieben?
    Ich will, gndigster Herr, aber ich kann nicht! versetzte Haiderschen.
Ich liebe den Gesang der Lerche ber dem blhenden Buchwaizen, ich liebe den
Hnfling, der im Laube unseres Grtchens sein Nest baut, ich liebe das Schwrmen
und Flattern der Schmetterlinge um die nickenden Blumenhupter, ach ich liebe
die feierliche Stille und den brausenden Sturm meiner heimathlichen Haide, ohne
es zu wollen, ohne mich zu zwingen! Gott will es so und legte die Kraft dazu in
mein Herz, aber er hat mir nicht gesagt, da ich auch Sie lieben soll. Vor dem
gndigen Herrn beuge ich nur in Demuth und Ehrfurcht mein niedriges Haupt.
    Wenn Du bei diesen Gesinnungen verharrst, wirst Du mich erzrnen, Rschen,
und mich zwingen, Dich hrter zu behandeln, als ich will.
    Der gndigste Herr Graf haben ber mich zu gebieten, sagte die Wendin
still ergeben.
    So thue, was ich will! rief Magnus heftig und stand auf, das zarte,
reizende Kind der Haide mit hartem Druck von sich stoend.
    Ich thue, was ich kann, versetzte Haiderschen bescheiden und unterwrfig.
    Du bist mir unterthan, Du mut meinen Befehlen gehorchen!
    Befehlen, Ew. Gnaden, was Sie drfen, und ich werde ohne Murren Gehorsam
leisten.
    Drfen! - Hast Du mir Vorschriften zu machen? Ich darf, was ich will. Du
bist meine Leibeigene.
    Nun ja, sagte Haiderschen, ich bin Ihre oder Ihres gndigen Herrn Vaters
Leibeigene. Bedienen sich der Herr Graf meines Krpers; aber ber mein Herz zu
verfgen, wollen Sie unterlassen.
    Diese rhrende Antwort htte Magnus beinahe erweicht, als er aber die
anmuthige Gestalt der schlanken Wendin mit seinen lsternen Blicken berflog,
verhrtete sich sein Gemth auf's Neue und die Lust, dies schne Mdchen um
jeden Preis zu besitzen, steigerte sich zur grimmigsten Leidenschaft.
    Wer hat Euch denn so feine Unterschiede machen gelehrt? fragte er
spttisch lchelnd. Eure wendischen Schulmeister sind meines Wissens abgedankte
Soldaten, verdorbene Schuhmacher und Schneider, die aus Noth, weil ihr Handwerk
sie nicht ernhrt, in die Gelehrsamkeit pfuschen und mit Noth und Mhe erst
selbst das ABC lernen, um es dann ihren Staarmatzen mittelst Ruthe und Stock in
Jahr und Tag ebenfalls beizubringen. Menschenverstand und Geist habe ich auf
diesen Eselsweiden noch niemals angetroffen.
    Bedrfen wir eines Lehrers, um zu begreifen, was Hunger und Durst ist,
gndigster Herr? warf Rschen ein.
    Ich glaube gar, die Dirne ist trotz ihrer sechzehn Jahre schon in irgend
einen Tlpel aus ihrem Sumpf-und Haidelande verliebt bis ber die Ohren!
    Haiderschen schwieg errthend auf diese rohen Worte, Magnus ging einige
Male im Zimmer auf und nieder und schellte dann heftig. Licht! rief er dem
Bedienten zu, setzte seinen Gang fort und wendete sich erst, nachdem die Kerzen
auf den Armleuchtern angezndet worden waren, abermals zu dem hartnckigen
Mdchen.
    Liebst Du? fragte er grollend.
    Ich habe es Ew. Gnaden schon gesagt.
    Wem hast Du Deine Neigung zugewendet?
    Haiderschen sah den Grollenden mit muthigem Auge an. Wenn der gndige Herr
diese Frage an mich richten, erwiederte sie, in der Absicht, mir den Geliebten
rauben zu wollen, so wrde ich Sie meinem Gefhle nach der Grausamkeit zeihen
mssen.
    Mdchen, Mdchen, rief Magnus mit zornbebender Lippe, Du wagst viel! Aber
ich will Deine Worte nicht gehrt haben Deiner krperlichen und geistigen
Schnheit wegen. Versprich mir, Deinen Geliebten zu vergessen und ich will
seinen Namen nicht wissen.
    Ich zweifle, da ich ein solches Versprechen wrde halten knnen,
gndigster Herr. Gebte mir Jemand, ich sollte anfhren Gott zu lieben, den ich
doch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, so wrde ich mich traurig von
ihm wenden, weil ich ja doch wte, da ich seinen Befehl nicht vollziehen
knnte. Wie soll es mir nun erst mglich sein, den Mann zu vergessen, dessen
Bild in mein Herz eingegraben ist, dessen Stimme mich entzckt, in dessen Auge
mir ein Himmel aufgeht? O nein, gndigster Herr Graf, das wollen und knnen Sie
nicht verlangen, denn es hiee sndigen gegen die Gesetze Gottes und unserer
Religion!
    Nun ich sehe und hre, da die Kunst, Deine Gedanken geheim zu halten, Dir
nicht eigen ist, versetzte Magnus. Da ich Dich nicht berreden kann, stnde es
mir jetzt frei, Dich durch allerhand kleine Foltern von Deiner kindischen
Schwrmerei zu heilen, doch ich mag auch zu diesem Mittel nicht meine Zuflucht
nehmen. - Du hast Dir selbst Dein Urtheil gesprochen, mein schnes
Haiderschen, fuhr er nach kurzem Besinnen fort und sein jetzt stechendes Auge
funkelte tckisch, wie das des Tigers, der seine Beute lauernd umschleicht. Du
hast freiwillig, was ich nur loben mu, zugestanden, da Dein Leib mir gehre,
Dein Herz dagegen ein Eigenthum sei, ber das ich nicht verfgen knne. - Ich
halte Dich beim Worte, Rschen. Du wirst mir von jetzt an mit Deinem Leibe
dienen und ihn ganz meiner Willkr anheim geben, Dein Herz magst Du, wenn es Dir
Vergngen macht, meinetwegen den Schmetterlingen oder einem schmutzigen Fischer
schenken. Bist Du mit dieser Theilung zufrieden?
    Gndigster Herr, ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht, stammelte
Haiderschen, an allen Gliedern bebend und mit scheuem Blick die furchtbar
verwandelten Gesichtszge des stolzen, durch sie beleidigten und zur Rache
aufgereizten Grafen betrachtend, der mit verschrnkten Armen vor ihr am Tische
lehnte.
    Ich werde Dir das Verstndni beibringen, ungehorsame Leibeigene,
versetzte Magnus hmisch lachend und trat dem Mdchen einen Schritt nher. Du
wirst die Geflligkeit haben, Dein Hubchen abzulegen und mir den Anblick Deiner
schnen Haare zu gnnen. Auch mchte ich Dich ersuchen, ohne Zgern Deinen
weien Nacken zu enthllen und mir zu erlauben, da ich Dir an den feinen
Handgelenken die Hemdeknpfchen lse, damit ich den vollen schnen Arm, der mich
an das haerfllte Herz drcken wird, bewundern kann. Ich bitte, la mich nicht
lnger auf Gehorsam warten!
    Wie ein Rallbvogel die schchterne, schwache Taube in engen und immer engern
Zirkeln umkreist, so gewhrte es jetzt dem jungen, wsten Grafen
unaussprechliches Vergngen, die vor ihm fliehende Wendin aus einem
Schlupfwinkel in den andern zu treiben. Wohl zehnmal htte er sich des schwachen
Mdchens bemchtigen knnen, aber er wollte nicht. Die von Secunde zu Secunde
wachsende Seelenangst seines Opfers ergetzte ihn mehr, als schnelles
Ueberwltigen und rohes Genieen. Er spielte mit ihr, wie der zum Sprunge
ausholende Tiger, ja er hoffte, da Haiderschen es eben so wie der Vogel machen
solle, auf welchen die Klapperschlange ihr brennendes Auge gerichtet hat. Um nur
die frchterliche Qual zu enden, glaubte er bestimmt, sie wrde sich ihm im
Angenblick einer an Wahnsinn grenzenden Verzweiflung in seine Arme werfen. - Da
geschahen drauen drei gewichtige Schlge an's Schlothor, und whrend Magnus
ein paar Secunden an's Fenster trat, um zu sehen, was es wohl geben mge, gewann
das arme Haiderschen Zeit, sich wieder zu fassen und auf einen neuen,
furchtbareren Angriff sich zu rsten. Ihr Hubchen war bereits in der Hand des
frechen Rubers. Die goldblonden Flechten hatten sich aufgelst und rollten in
glnzender Flle ber das schwarzsammetne Leibchen und den grobwollenen Rock
herab. Sie lehnte sich ermattet an den hohen Marmorsims des Kamins und strich
sich die aufgegangenen, in Angstschwei gebadeten zierlichen Lckchen aus der
Stirn, die gleich vom Thau befeuchteten Goldblmchen ihren Scheitel umsumten.
    Ergrimmt durch die Strung, deren Ursache er nicht entdecken konnte, schritt
jetzt der Graf wieder auf sie zu. Haiderschen konnte nicht fliehen, sie htte
sich denn in den Kamin retten mssen. Verzweifelt griff sie um sich und erfate
ein Scheit Holz, das hinter ihr lag. Wie ein Schwert schwang sie jetzt diese
Waffe mit der Kraft der Verzweiflung gegen ihren Verfolger. Magnus lachte zwar
der Ohnmchtigen, erhielt aber dennoch einen so heftigen Schlag auf den gegen
sie ausgestreckten Arm, da er ihn kraftlos sinken lie. In diesem letzten
entscheidenden Moment nahten eilige Schritte, es ward heftig an die Thr
geklopft und die Stimme des Voigtes begehrte dringend den Grafen sogleich zu
sprechen.
    Haiderschen athmete froh auf und erhob dankend ihre schnen Augen zum
Himmel.
    Triumphire nicht zu frh! drohte Magnus mit furchtbarem Hohne. Jetzt habe
ich blos zrtlich um Dich geworben, das nchste Mal feiern wir unsere Hochzeit!
    Mit nicht zu schilderndem Frohlocken sah die Wendin ihren tckischen
Peiniger das Zimmer verlassen, das er fest hinter sich verriegelte.

                               Sechstes Kapitel.



                              Des Landmanns List.

Aergerlich kehrte Magnus in sein Gemach zurck, die von der Wendin getroffene
und heftig blutende Hand im Rocke verbergend. Er war kaum eingetreten, als auch
unser Freund schon an der Thr erschien. Beim Anblicke dieses Herumstreichers
frbte sich das Gesicht des jungen Grafen braunroth vor Zorn und er machte
Miene, diesen handgreiflich dem unberufenen Strenfried fhlen zu lassen.
Heinrich besa jedoch ein zu scharfes Auge und zu viel schlangenglatte
Gewandtheit, um selbst einem erzrnten mchtigen Edelmanne gegenber den Krzern
zu ziehen. In seiner kordialen Manier schwenkte er grend die Mtze und sagte,
geheimnivoll und pfiffig mit den Augen blinzelnd:
    Gelt, Ew. Gnaden, heut verdien' ich eine Extrabelohnung?
    Wohl etwa dafr, da Du in finsterer Nacht mich und mein ganzes Gesinde
durch Dein Gelrm in Schrecken setzest?
    Das will ich just nicht behaupten, Ew. Gnaden, wenn aber der Herr Graf
wten, weshalb ich so gelrmt habe, - ja, Ew. Gnaden, dann -
    Was dann? so endige doch!
    Endigen? Ich mchte wissen, wozu? Sie machen ja ein Gesicht, als htte
Ihnen der Teufel ein Bein gestellt! Und da sollt' ich mich in die Gefahr
begeben, Ihnen durch meine Nachrichten noch obendrein den Kamm schwellen zu
machen? Ja, da ich ein Narr wre! Ich wnsche Ihnen eine geruhsame Nacht!
    Der schlaue Maulwurffnger machte einen Kratzfu und wollte das Zimmer
verlassen.
    Bleib! befahl Magnus, durch diesen Eingang neugierig gemacht. Ich
verspreche, Dich meinen Verdru nicht entgelten zu lassen. Rede, was gibt es?
    Wenn mich Ew. Gnaden anhren wollen, so habe ich Ihnen vorerst gehorsamst
ein volles Dutzend Maulwrfe zu prsentiren, die ich heut und gestern auf Ihren
schnen Aeckern durch meine Kunst gefangen habe. Begehren Sie die kleinen
Bestien zu sehen?
    Behalte das Ungeziefer und mache damit, was Du willst. Mein Voigt wird Dir
den Lohn dafr auszahlen.
    Danke unterthnigst, Herr Graf!
    Was bringst Du sonst noch?
    Heinrich sah sich um, als frchte er, es mchte irgendwo Jemand versteckt
Ihr Gesprch belauschen knnen.
    Wir sind ganz allein, sagte Magnus noch immer mit schlecht verhehltem
Aerger. Was Du hier sprichst, bleibt unter uns.
    Was geben Sie mir, flsterte der Maulwurffnger dem Grafen leise zu, wenn
ich mache, da die niedliche kleine Wendin, die Sie vom Todtensteine mit sich
genommen haben, Ihren Willen thut?
    Mitrauisch betrachtete ihn der Graf eine Weile, dann versetzte er khl:
Woher weit Du, da ich beim Todtensteine war?
    O die Luft ist geschwtzig, Ew. Gnaden, erwiederte Heinrich, und die
Wenden haben auch eine gelufige Zunge. Ich kenne Haiderschens Vater wie mich
selbst.
    Ein Glck fr ihn, da er nicht in meiner Nhe wohnt, sonst lie ich ihn
vier und zwanzig Stunden lang bei Wasser und Brod in den Stock schlieen und
nachher noch mit dem Halseisen schmcken. Er allein, Niemand sonst ist Schuld,
da sich die Kleine so sprde zeigt.
    Heinrich schttelte unglubig den Kopf. Wie gut, da ich gekommen bin,
fiel er ein. O ich kenne meine Freunde, ich!
    Du zweifelst?
    Ich wei, gndigster Herr! Das Mdchen hat einen Liebsten, einen handfesten
Bauernlmmel, dumm, aber eiferschtig, und diesem Kerl zu Liebe wrde sie jedes
Ungemach, selbst Schlge und andere Qualen erdulden!
    Kennst Du ihn?
    Ich sollte meinen.
    Gehrt er zu meinen Unterthanen?
    Er ist Ew. Gnaden Leibeigener mit mehr Recht als das Mdchen.
    So verdienst Du, da ich Dich mit Hunden aus dem Schlohofe hetzen lasse.
    Zu Ihrem Haushofmeister sollten Sie mich lieber ernennen, versetzte
Heinrich lachend. Wollten Sie nur Geduld haben, so gb' ich Ihnen einen Rath,
wie sie ihn bei allen Weisen der alten und neuen Welt umsonst suchen mchten.
    Magnus bemhte sich ruhig zu bleiben und winkte dem Maulwurffnger, da er
in seinen Mittheilungen fortfahren solle.
    Der Bursche, Haiderschens Liebhaber, sprach Heinrich, gehrt zu den
Murrkpfen der neuen Zeit, die der Meinung sind, ein Mensch sei grade so gut wie
der andre, woraus Ew. Gnaden schon abnehmen knnen, wie beschrnkten Verstandes
der Bursche sein mu. Jngst hatte ich Gelegenheit, ihn zu sprechen, und da hat
er mir eine Predigt gehalten ber die Freiheit, da mir jetzt noch die Ohren
davon weh thun. Alle Menschen, behauptete er, mten frei und ihre eigenen
Herren sein; es drfte keine Gebieter, keine Knechte mehr geben, und wer nicht
dieselben Gedanken hege, der msse je eher je lieber fortgejagt oder noch besser
todtgeschlagen werden. Da man im Guten mit Bitten und Vorstellungen nicht sehr
weit kommen werde, leuchte ihm wohl ein, darum habe er sich auch ein anderes
Mittel ausgedacht. Dies sei heimliche Aufwiegelung aller Leibeigenen gegen ihre
rechtmigen Herren. Der Bund sei schon hbsch weit verbreitet. Die gesammten
Haidewenden htten sich auf Tod und Leben Beistand und Untersttzung
zugeschworen, nur die im Hgellande und dem Gefilde zerstreut wohnenden
zauderten noch und ohne sie knne man doch nichts anfangen. Sobald sie aber
berzeugt und ebenfalls gewonnen seien, wrde pltzlich in einer Nacht der
Aufstand ausbrechen und Alles, was dem Herrenstande angehre, ohn' Erbarmen
ermordet werden!
    Whrend dieser Rede war Magnus immer bleicher geworden, jetzt mute er sich
auf die Lehne seines Stuhles sttzen, um sich aufrecht erhalten zu knnen. Nach
einer Pause, whrend welcher der Maulwurffnger, ohne eine Miene zu verziehen,
die Wirkung seiner List belauschte, sagte der Graf:
    Glaubst Du, da diese Unsinnigen wagen werden, ihre Plne auszufhren?
    Wer soll sie denn daran hindern? erwiederte Heinrich. Alles Volk bis
herab auf das verworfenste Gesindel wird sich ihnen zugesellen, weil es gegen
Herrschaft und Besitz geht und Jeder etwas dabei fr sich zu erobern gedenkt. Es
sind ihrer Viele, die Wuth wird ihre Macht um das Zehnfache der wirklichen Kraft
verstrken, und ehe sich die unerwartet Ueberfallenen sammeln knnen, sind sie
schon vertilgt!
    Ich kenne bisher nur Deine Neuigkeiten, sagte Magnus. La jetzt, wenn Du
sie erschpft hast, auch Deine Rathschlge hren.
    Nun sehen Ew. Gnaden, fuhr Heinrich fort, ich getraue mir flugs das
Abendmahl drauf zu nehmen, da mein Plan, wie ich ihn mir heut whrend meiner
Geschftswanderung ausgedacht habe, zweifellos zum Ziele fhrt. Der Bursche
liebt das Haiderschen, auf welches Ew. Gnaden ein Auge haben. Er wird glauben,
Sie wollten dem hbschen Kinde im Ernst ein Leid zufgen, was einem so gtigen
und gerechten jungen Herrn gewi nie in den Sinn gekommen ist. Wenn nun ein paar
Tage vergehen, ohne da der verwegene Bursche etwas Trstliches von seiner
Liebsten hrt, so frcht' ich, treibt ihn die Wuth zum Aeuersten und der
Aufstand bricht los, ehe Sie Ihre Jagdflinte zu laden im Stande sind. Gben Sie
sich aber den Schein, als seien Sie von der beispiellosen Tugend und erhabenen
Engelsschnheit des jungen Mdchens im Innersten gerhrt und dermaen ergriffen
worden, da Sie nicht mehr vermchten, ihr mit Bitten anzuliegen, sondern das
liebe Ding gromthig laufen lieen, ja ihr sogar gelobten, am Tage der Hochzeit
etwa ihr und ihrem Brutigam die Freiheit zu schenken, so mchte ich meinen Kopf
verwetten, da Sie sich den wilden Burschen mit sammt seinem Anhange zum Freunde
und treuesten Beschtzer machen.
    In der That, Dein Vorschlag ist gut und kann zum Ziele fhren, und doch -
    Was hlt Sie ab, sogleich Anstalt zu seiner Ausfhrung zu treffen?
unterbrach ihn Heinrich. Beruhigung ist nthig und nichts schlfert die Menge
fester und tiefer ein, als eine recht unerwartete, wie vom Himmel herabfallende
Gromuthhandlung. Es kommt ja dabei nicht so genau darauf an, was man etwa
spter noch vorzunehmen gedenkt.
    Magnus Zge berstrahlte wieder ein lebhafter Freudenglanz. Bei meiner
Ehre, ich mu Dich loben, Heinrich! rief er aus. Eine angemessene Belohnung
soll Dir nicht fehlen. Geh jetzt, la Dir's wohl sein in der Gesindestube, aber
halte reinen Mund! Sobald ich mit meinen Anschlgen vollkommen im Klaren bin,
werde ich Dich rufen lassen, sollte auch diese Nacht darber hingehen. Hltst Du
brigens fr nthig, das Mdchen von meinem Entschlusse in Kenntni zu setzen,
so magst Du sie sprechen. Dieser Schlssel ffnet die Thre ihres Gemaches. Der
Voigt wird Dich zu ihr fhren. Auf Wiedersehen!
    Magnus zog sich in sein Kabinet zurck und der Maulwurffnger mute
gewaltsam an sich halten, da er nicht durch lautes Lachen zur Unzeit seine List
dem Gebieter verrathe. Selbstzufrieden sich die Hnde reibend, verlie er das
Prunkgemach, um sich inmitten der Dienstboten des Edelhofes gtlich zu thun. -

                               Siebentes Kapitel.



                               Die Gesindestube.

Whrend der kurzen Unterredung Heinrichs mit dem Grafen Magnus hatte sich das
Gesinde des Edelhofes zur Abendmahlzeit niedergesetzt. Die spte Tagesstunde war
eine ungewhnliche dazu, denn in der Regel pflegte das Hofgesinde um sieben Uhr
Abends sein frugales Essen zu halten. Weil aber die Marterwoche so nahe war und
in dieser Zeit jede Lustbarkeit und Zerstreuung an den Sonntagen streng gemieden
wurde, hatte der Voigt dem grern Theile smmtlicher Dienstboten erlaubt, dem
letzten Tanz im Kretscham mit beiwohnen zu drfen. In Folge dieser Vergnstigung
war das beurlaubte Hofgesinde kurz vor der Ankunft des Maulwurffngers aus dem
Kretscham zurckgekommen und wollte nun das Versumte einige Stunden spter, als
Sitte und Ordnung erheischten, nachholen.
    Die groe Gesindestube befand sich abgeschieden vom Herrenhause in der
Wohnung des Voigtes, die einen abgesonderten Bestandtheil des Edelhofes
ausmachte. Sie erstreckte sich zu ebener Erde fast durch die ganze Lnge des
Voigtgebudes und hing mittelst eines kurzen bedeckten Ganges mit den
weitlufigen Stallungen zusammen, in denen zugleich auch die Schlafsttten fr
Knechte und Mgde angebracht waren. Das Mblement in der Gesindestube bestand
nur aus einer langen Tafel von fichtenem Holz, einer Anzahl Schemel und einer
rund um die Holzwnde laufenden Bank, die hinter dem sehr groen und bis fast an
die Decke hinauf reichenden Ofen die Breite eines gewhnlichen Bettes annahm und
der jngsten unter den Mgden als Lagerort diente. Zu diesem Behufe lagen einige
vielgebrauchte Schaaffelle, jetzt zusammengerollt und gegen die Wand gelehnt,
hinter dem stets erwrmten Ofen. Denn da dieser vorzugsweise zur Erhitzung des
nthigen Wasserbedarfs in der groen Wirthschaft gebraucht wurde, ging das Feuer
in seinem gerumigen Bauche selten aus.
    Dies lndliche Wohnzimmer ward von vier starken brennenden Kienspnen, die
je zwei in eisernen Spanhaltern an jedem Ende des langen Speisetisches staken,
dster erleuchtet. Wenn man von der Hausflur durch die starke, aus Holzpfhlen
mit Lehm und Stroh fest durchflochtene Zuschlagthr, die weder Schlo noch
Riegel hatte, in die Stube trat, vernahm man sogleich das schrillende, zuweilen
fast wimmernd klingende Gezirp zahlloser Heimchen, vom Landmanne Heimliche
genannt, die in allen Ritzen und Spalten der Wnde wie des Ofens unsichtbar
nisteten. Gewhnlich verstecken sich diese Thiere immer vor den Menschen, hier
aber gab es deren eine so ungeheure Menge, da sie schaarenweise an den Wnden
hingen, daran auf und ab liefen und hufig selbst von der Decke herab auf Tische
und Bnke fielen. Ihre dnnen graugrnen Flgeldecken verursachten ein seltsames
Schimmern in der trben Kienbeleuchtung und konnten nicht daran Gewhnten wohl
ein leises Grauen einflen.
    In etwa ellenweiter Entfernung von einander waren rings an der Holzwand
runde blecherne Lffel zwischen lederne Riemchen gesteckt, von denen jeder
seinen bestimmten Herrn hatte. Denn nach der Hofgesindeordnung nahmen alle
Knechte und Mgde beim Essen immer denselben ihnen zugewiesenen Platz ein, je
nach dem Range, welchen sie als Dienstboten bekleideten. Und damit nie eine
Verwechselung derselben stattfinden konnte, pflegten wenigstens alle mnnlichen
Dienstboten ihre Lffel nach gehaltener Mahlzeit sogleich eigenhndig auf die
einfachste Art von der Welt, indem sie dieselben mit der Hand oder an ihren
Jacken abwischten, zu reinigen und sogleich wieder in die ledernen Haltriemchen
zu stecken. Die Mgde waren weniger accurat und whlig und lieen diesem
Instrument die Wohlthat einer Abscheuerung durch Wasser zu Theil werden.
    In Folge der schon erwhnten Aushebung neuer Dienstmgde waren vor Kurzem
einige junge Mdchen auf den Hof gekommen. Solche Neulinge dienten den Aelteren
meistens zum Stichblatt und muten, wenn sie sich in ihre neuen Verhltnisse
nicht leicht zu finden verstanden, von den rohen Witzen und Gewohnheiten der
Knechte viel Ungemach ertragen. Wie berall gab es auch unter diesen fast aller
Bildung baren Menschen Einzelne, die sich eine gewisse Oberherrschaft ber die
Andern anmaten und ihnen diese auf die empfindlichste, ihnen verhateste Weise
fhlen lieen. Geschah dies auch nicht gerade aus Bosheit, so nahm doch nicht
selten die Art, wie man mit Neulingen scherzte, den Schein derselben an. Denn im
Grunde wollten und suchten Knechte und Mgde am Feierabend nur Unterhaltung,
wobei freilich auf zarte Natur, auf angeborene Sinnigkeit, auf tiefes und leicht
verletzbares Gemth keine Rcksicht genommen wurde.
    Unter den neu angezogenen Mdchen befand sich namentlich eins, das einen
unberwindlichen Abscheu vor den an sich unschdlichen und vllig harmlosen
Heimchen hatte. Es kam wohl vor, da einige dieser Thierchen whrend der
Mahlzeit in die riesengroe Schssel fielen, in welcher die Suppe aus Roggenmehl
dampfte. Die Knechte fischten dann die zappelnden Geschpfchen, ohne sich den
Appetit dadurch im Geringsten verderben zu lassen, mit ihren Lffeln heraus und
warfen sie unter den Tisch. Marie aber kreischte laut auf, wurde bla vor Ekel
und legte den Lffel aus der Hand. Dies reichte hin, um das arme Kind zum
Sndenbock fr alles Gesinde zu machen. Stillschweigend kam man berein, sich
gemeinschaftlich an dem Schreck des Mdchens zu ergetzen und ihr regelmig die
rmliche Mahlzeit zu verderben. Kaum war nmlich das Gebet gesprochen, das man
niemals verga, so strich der oberste Knecht, der als solcher den Ehrennamen
Groknecht fhrte, mit halb zugebogener Hand flach ber die Wand, raffte damit
eine Menge Heimchen zusammen und warf sie lachend auf die Stelle der Schssel,
wo Marie ihren Lffel eintauchen mute. Dadurch ward das bedauernswerthe Mdchen
regelmig um ihre Mahlzeit betrogen, da sie durchaus den Ekel vor den
geflgelten Thieren nicht berwinden konnte. Sie mute wider Willen fasten und
magerte zusehends ab. Die brigen Knechte aber fanden den Spa unbertrefflich,
aen nur mit desto grerem Appetit und wollten sich ber die Gebehrden des
entsetzten Mdchens zu Tode lachen. Wenn jedoch ein jngerer Knecht dem
Vorsitzenden in's Handwerk pfuschen und dasselbe Manver auf seine eigene Faust
machen wollte, gebrauchte der Groknecht sein Recht, indem er gelassen die
Heimchen zhlte und dem Vorwitzigen eine gleiche Anzahl sehr derber Maulschellen
verabreichte. Diese bewirkten dann, da dem Bestraften nicht allein die Lust zum
Essen auf der Stelle gnzlich verging, sondern da er auch noch den nchsten Tag
darauf verzichten mute, das harte schwarze Hofebrod zu beien, weil er vor
Schmerzen keinen Zahn gebrauchen konnte.
    Marie hatte so eben zur Unterhaltung ihrer brigen Mitdienstboten wieder auf
ihr Abendbrod verzichtet und stand betrbt am Ofen, mit Mhe die Zhren
zurckhaltend, die ihr in's Auge strzten. Sie fhlte doppelten Hunger, da sie
sich im Kretscham mde getanzt hatte und nun, weil sie keine Suppe essen wollte,
auch weder Kartoffeln noch Brod erhielt.
    Diese Behandlung war unstreitig herzlos, grausam und unwrdig, allein der
Groknecht dachte nicht daran. Er hatte im Gegentheil das Mdchen sehr gern und
behandelte sie in seiner Weise nur so brutal, um sie abzustumpfen und
unempfindlich gegen die Rohheiten zu machen, denen jeder Einzelne im Hofedienst
ausgesetzt ist. Das brige Gesinde lachte noch und machte sich lustig ber das
zimperliche Wesen der Betrbten, als der Voigt eintrat und mit Einem Blick die
Lage der Sachen erkannte.
    Wir haben schon angedeutet, da dieser einflureiche Mann ein
dienstbereiter, nicht eben scrupulser Knecht des Grafen war. Dies hinderte ihn
jedoch nicht, unter den Dienstboten selbst strenge Zucht zu halten und eine
gewisse derbe Gerechtigkeit zu ben. Mit wenigen Fragen erfuhr er den
Zusammenhang, mibilligte mit drohender Miene das Verfahren des Groknechtes,
untersagte es ihm bei Strafe und wandte sich dann zu der jetzt ihren Thrnen
freien Lauf lassenden Marie, indem er sagte:
    La gut sein, armes Ding! Weil Dich diese Lmmel um Deine wohlverdiente
Mahlzeit gebracht haben, sollst Du heut mein Gast sein und alle Deine bsen
Widersacher sollen trocknen Mundes dabei zusehen, whrend ihnen das Wasser vor
Sehnsucht zusammenluft. Einen Augenblick! Ich werde sogleich wieder da sein.
    Der Prahlhans! sagte der Groknecht verchtlich, als der Voigt die
Gesindestube wieder verlassen hatte. Er thut auch immer, als regnete es
Blutwrste und Schinken, und wenn es auf und an kommt, ttscht er eben auch blos
Erdbirnen in schlechte gesalzene Butter! Ich bin doch neugierig, was fr
Delikatessen er der kleinen Vornehmen auftischen wird.
    Mir gilt's gleich, versetzte sein Nachbar, die Suppe war recht dick und
kloig, und ich bin so satt, da mir Einer Schweinebraten und gebackene Pflaumen
vorsetzen knnte, ohne mich sehnschtig zu machen.
    Nun auf ein paar fette Bissen km' mir's nicht an, meinte der Groknecht.
Fr ein halbes Pfund Fleisch oder 'was drber habe ich immer noch Platz.
    Gebratene Tauben bringt er nicht, sagte die lteste Magd, ein stmmiges
Frauenzimmer mit hochrothem Gesicht und gutmthigen, aber nichts weniger als
klugen Augen.
    Ich glaube, er ist blos heruntergekommen, um ein paar Bissen zu
erschnappen, fiel lchelnd eine der jngeren Mgde ein, denn seine Alte, wit
Ihr, hlt ihn verdammt kurz und verzehrt die besten Bissen immer fr sich
allein.
    Allein? sagte der Groknecht. La Dir nicht Dinge wei machen! Mit dem
Jger frit sie alle Teufelsnschereien auf, wenn ihr Brummbr andere Geschfte
hat. Wovon wrde sie auch sonst so dick, wie eine Biertonne? Und der Jger
schleppt ihr immer 'was Leckeres zu unter dem Vorwande, das oder jenes Stck
Wild tauge nichts. Deshalb stellt sich der Sapperlot auch so fromm, denn wr's
ihm nicht um ein gut Stck Essen zu thun, er sh' die Alte wahrhaftig mit keinem
Auge an!
    Das hat er auch nicht nthig, meinte die jngere Magd. So ein schmucker,
flinker Kerl!
    Gelt, Du mchtest ihn in der Hlle warm halten? warf der Groknecht ein,
und whrend die Magd errthete und die Augen niederschlug, fiel das ganze brige
Gesinde in das lauteste und anhaltendste Gelchter.
    Die jngeren Mgde kicherten noch, als der Voigt wieder eintrat. Er trug in
der linken Hand einen miltelgroen irdenen Napf und unterm rechten Arm ein
angeschnittenes Roggenbrod von weiem abgenommenem Mehl, wie es fr die
herrschaftliche Tafel gebacken wurde. Lchelnd stellte er beides auf den
Gesindetisch, wobei namentlich die entfernter sitzenden Knechte neugierig lange
Hlse machten, um zu sehen, was die Schssel wohl enthalten mchte.
    Nun komm, Marie, sagte der Voigt, zwei Schemel an den Tisch rckend.
Bring' die Salzmeste her und nachher i, so lange Dir's schmeckt. Es ist das
reinste Leinl, s wie Mandelmilch und gesunder wie Kleebutter!
    Sichtlich erheiterten sich bei dieser angenehmen Nachricht die bisher so
traurigen Zge Mariens. Sie brachte die Salzmeste, aus welcher der Voigt einen
vollen Lffel Salz schpfte und es in den mit der braunglnzenden dicken
Flssigkeit bis zum Rande angefllten Napfe schttete. Dann schnitt er von dem
weichen Laib Brod ein tchtiges Stck fr sich und das Mdchen ab, holte sein
Einschlagmesser hervor und reichte dem Mdchen die kurze zweizinkige Gabel, die
am untern Ende des Messers eingefugt war. Er selbst bediente sich der stumpfen
Klinge, um riesengroe Bissen weien Brodes damit anzuspieen, sie in das Oel zu
tauchen und, nachdem sie sich vollgesogen, in seinen nicht eben kleinen Mund zu
schieben.
    Es gibt wenige Gensse, welche die Wenden und auch viele Deutsche unter den
Landleuten so sehr lieben, als den des frischgeschlagenen Leinls, und Marie
lie sich daher nicht zweimal auffordern, dem fr einen verwhnten Gaumen
vielleicht ungeniebar erscheinenden lndlichen Gericht tchtig zuzusprechen.
Der Voigt hatte nicht zu viel behauptet, die Knechte, am meisten der Groknecht,
rgerten sich wirklich, da sie htten blau anlaufen mgen, sie durften es sich
aber nicht merken lassen, wenn sie nicht von dem bei solchen Gelegenheiten
unerbittlichen Voigt unbarmherzig aufgezogen sein wollten. Deshalb stellten sie
sich, als lge ihnen gar nichts an dem duftenden Leinle, an welchem jetzt Marie
so behaglich mit dem Voigte sich gtlich that, ja als sei ihnen die Pfeife
schlechten Tabaks, die sich einer nach dem andern am Kienspane anzndete,
zehnmal lieber.
    Der Voigt unterlie auch nicht, nach jedem Bissen, den er hinunterschluckte,
seine malitisen Bemerkungen zu machen und dabei die auergewhnliche Gte des
Oeles zu preisen. Glcklicherweise endigte diese fr die Knechte sehr
empfindlichen Hnseleien der Eintritt des Maulwurffngers, der, ohne viel zu
fragen, nachdem er den Versammelten einen guten Abend beisammen! gewnscht
hatte, seinen Quersack mit sammt den Drhten ablegte, das Bndel Eichenstbe
unter die Bank warf, einen Schemel neben Marie an den Tisch schob, sie sanft
in's Ohr kniff, dann nach dem Brode langte, von dem er sich ein ansehnliches
Stck abschnitt, und gleich dem Voigte mit schiffartigen Bissen in den Oelnapf
fuhr.
    Htte ich doch nicht gedacht, sagte er, da ich heut noch so ein grausam
gutes Abendessen vor's Maul kriegen wrde! Nur schade, da die Freude so bald
ein Ende haben wird!
    Obwohl der Voigt die Manier unseres Freundes kannte, war er doch ber die
Unverschmtheit des Mannes erstaunt, der, ohne zu fragen und um Erlaubni zu
bitten, seine Abendmahlzeit mit ihm theilte. Er verga darber auf einige
Sekunden das Zulangen und diese benutzte Heinrich mit so beharrlicher Ausdauer
und Gewandtheit, da er den Rest des Oeles aufgezehrt hatte, ehe der Voigt
wieder Theil daran nehmen konnte. Die gefoppten Knechte brachen darber in ein
wieherndes Gelchter aus.
    Du bist ein Kerl wie ein Hamster, sagte der Voigt, vermuthlich ist Dir
der Zorn des gndigen Herrn in den Leib geschlagen, denn menschlich kann man
solch ein Schlingen nicht nennen, und natrlich ist's eben so wenig!
    Ich finde es sogar hchst vernnftig, erwiederte mit behaglicher
Gelassenheit der Maulwurffnger. Wer ein gutes Werk gestiftet hat, soll sich
freuen, wer sich freut, verdient, da er belohnt werde, und gutes Essen und
Trinken ist der beste Lohn fr einen rechtschaffenen Hunger. Sag' mir mal,
Voigt, ob Du darin nicht die sonnenklarste Vernunft findest?
    Sag' Du mir lieber, erwiederte der Gefragte, ob der Herr Graf Vernunft in
Deinem Kommen und verzwickten Geschwtz fand?
    Ich versichere Dich, versetzte Heinrich, htte der Herr Graf Orden zu
verleihen und Titel zu vergeben, er wrde mich nicht fortgelassen haben, ohne
mir und meinem Quersack beide Lasten auf und anzuhngen! O das ist ein kluger
Herr! Der hat ein Einsehen und wei seine Leute zu nehmen! Ich sage Euch, es
fehlte wenig, so htte er mich gedutzt!
    Das ist eine groe Neuigkeit, sagte der Voigt. Seine Gnaden heien alle
Menschen Du, da soll er etwa bei Dir eine Ausnahme machen?
    Sobald der nchste Schleifer kommt, Voigt, bitte ich Dich, la Dir Deinen
Verstand abziehen, da er knftig schneller fassen lernt! Wenn man von Dutzen
spricht, ist's doch wohl natrlich, da zwei verschiedene Personen einander die
Ehre anthun?
    Und fr Deine Neuigkeiten hat er Dir das angeboten? fragte unglubig
lchelnd der Voigt. Darf man denn nichts erfahren?
    Warum nicht? erwiederte der Maulwurffnger. Ich bin ja nicht des Herrn
Grafen Unterthan und verboten hat er's mir auch nicht. Aber was krieg' ich fr
meine Neuigkeit? Denn Ihr wit allesammt, umsonst ist der Tod und ich mu vom
Verdienst leben.
    Einen Krug Bier la ich Dir holen, sagte der Voigt.
    Wird angenommen, meinte Heinrich, und wenn sich das Hofgesinde, wie's da
sitzt und mir zuhrt, sich dazu versteht, mir noch eine Mohnsemmel verehren zu
wollen morgen zum Frhstck, so will ich machen, da Ihr alle mit einander die
ganze Nacht vor lauter sen Trumen in Abrahams Schooe zu liegen glaubt.
    Das mte wunderlich zugehen, sagte der Groknecht. Ich habe mein Tage
von nichts getrumt, als da mir der schlg'sche Hengst eins versetzte, und da
ich darber Paradiesesfreuden empfunden htte, kann ich grade nicht behaupten!
    Und ich verspreche Dir nochmals, da Du alle Himmel offen sehen wirst.
Znd't mir zuvor ein paar frische Spne an, denn wenn's so dustert, glaub' ich
immer, ich she in die Zukunft hinein und hrte es darin von wstem Unglck
rumoren. Davon bin ich just kein Liebhaber. Viel angenehmer ist mir's, ich sehe
klar und hre deutlich; da kann man sich schon eher ein Herz fassen und frisch
von der Leber weg reden.
    Marie entzndete neue Kienspne, die Knechte rckten nher zusammen, auch
die Mgde, die auf der Ofenbank Platz genommen hatten, horchten mit gespannter
Aufmerksamkeit. Heinrich bog sich nun halb ber den Tisch und sagte mit
gedmpfter Stimme: Ehe ein Jahr vergeht, sind die Hofedienste abgeschafft!
    Was? fragten Mehrere zugleich und der Voigt setzte hinzu: Sein
ungewaschenes Maul bringt ihn noch um Vermgen und Freiheit!
    Den Teufel auch! fuhr Heinrich auf. Mit meinem Vermgen, siehst Du, da
kann ich mir nicht einmal eine Stube kaufen, so gro, wie diese hier, in der das
Geschmei die Kammermusikanten abgibt, und was die Freiheit anbelangt, so hat
darber kein anderer Mensch auf Gottes Erdboden zu gebieten, als mein
allergndigster Herr Churfrst!
    Nun nun, erwiederte der Voigt, nur nicht gleich oben hinaus! Man wird
doch reden und vermuthen drfen!
    Das Gute, ja, das Schlechte, nimmermehr! Ich bin einmal gegen alles
Schlechte und da mag und will ich's nicht leiden, da mir einer ein Wort drein
reden soll. Und so sage ich noch einmal: es gibt in Jahr und Tag keine
Hofedienste mehr, so der Herr will, und Ihr armen Teufel und hbschen
Teufelinnen werdet knftig nicht mehr fr fremde Herren, sondern fr Euch selbst
und ganz allein leben und arbeiten drfen.
    Wenn das wahr ist, Maulwurffnger, fiel der Groknecht ein, dem mit der
bloen Aussicht auf ein freier sich gestaltendes Leben der Muth schon wuchs, so
geb' ich Dir ein Gebck Mohnsemmeln ganz allein, und sollt' ich meinen ganzen
Flachs verkaufen!
    Aber wie ist das gekommen? Wer hat das gemacht und erfunden? Was werden die
Herren dazu sagen? fragten jetzt mehrere Knechte und die Mdchen hrten mit
grter Spannung zu.
    Wie's eigentlich gekommen ist, wei ich selber nicht, erwiederte, immer
mit grter Ruhe, der Maulwurffnger. Es hat da vor'm Jahre einen groen Lrm
gegeben in Paris, wit Ihr - die Zeitungen und Wochenbltter schrieben auch
davon. Das Volk, hab' ich mir sagen lassen, war dort schon sehr lange rgerlich
und unzufrieden mit seinen Herren, die alle Tage herrlich und in Freuden lebten,
wie der reiche Mann im Evangelium, whrend der Arme kaum den trocknen Bissen
Brod hatte und die schwere Arbeit obendrein! Nun wit Ihr oder solltet es doch
wissen, da ein groer Lrm von wegen der grausamen Ungerechtigkeiten losging,
die man seit undenklichen Zeiten, grade wie bei uns, ber die Armen verhing.
Vermuthlich war's ein Jahr, wo im Kalender des Himmels den guten Mchten die
besondere Pflege der Elenden und Unterdrckten anbefohlen ist, denn der Lrm zu
ihren Gunsten griff um sich, wie eine Feuersbrunst bei frischem Winde, und
setzte die Herren in solche Bestrzung, da sie geschwind den Entschlu faten,
sich aller alten und schlechten Rechte zu begeben, um nur nicht ganz zu Grunde
gerichtet zu werden! Auf solche Manier, seht Ihr, wurde der Arme ein freier
Mensch, Herr seiner Zeit und seiner Hnde, und vermuthlich haben die deutschen
Herren auch etwas von Aufstand und Niederbrennen munkeln hren und sind deshalb
gesonnen, in Zeiten ein Wort zur Gte zu reden.
    Freiwillig? fragte der Voigt. Da werde der Teufel draus klug! Herr sein
und die Hofedienste aufheben - thu's und glaub's, wer will - was mich betrifft,
ich liee mich, ehe ich dazu meine Einwilligung gbe, lieber in Kochstcke
zerhacken!
    Man wird Dich auch nicht fragen, versetzte Heinrich.
    Und Du sagst, unser Herr Graf habe diesen verrckten Entschlu gebilligt?
    Von Billigung ist dabei nicht die Rede, mein Lieber, hier gilt's, stch
gewandt aus der Schlinge ziehen.
    Wer hat denn den Rumor angezettelt? fragte der Voigt hchst rgerlich
weiter.
    Kann ich Dir auch nicht sagen. Es schwebt in der Luft, es rumort und
spricht sich herum auf allen Haidegtern, und viele deutsche Herren im
Braunschweig'schen, geht die Rede, haben's just wie die franzsischen Herren
gemacht.
    Wenn das wahr werden sollte, erwiederte der Voigt, dann sage mir doch,
von wem in Zukunft der reiche Gutsherr sein Feld soll bearbeiten, seine Wlder
ausholzen, seine Teiche fischen, kurz all die zahllose Arbeit soll verrichten
lassen, die groer Besitz unausbleiblich in seinem Gefolge hat?
    Ohne Zweifel von Menschenhnden, wie bisher, sagte unbeschreiblich ruhig
der Maulwurffnger.
    Na siehst Du, fuhr der Voigt mitleidig lchelnd fort, so ist's ja gleich
rein unmglich, da ein Herr nur daran denken kann, die Hofedienste abschaffen
zu wollen.
    Warum nicht? Braucht er Menschenhnde, so kaufe er sich dieselben. Erhalte
ich, erhltst Du irgend eine Handreichung umsonst? Mut Du nicht Deine Kleider,
Deine Stiefeln bezahlen?
    Das mssen die Herren auch.
    Und hebt man Dir einen Graben, rodet man Dir nur einen elenden Strauch aus,
ohne einen bestimmten, zuvor ausbedungenen Lohn dafr zu fordern?
    Nein das thut man nicht, aber das ist auch etwas ganz Anderes!
    Was Anderes? fuhr Heinrich auf und seine grauen Augen schienen vor Zorn
Funken zu sprhen. Ich sage Dir, es ist ganz dasselbe nach dem uralten und ewig
richtigen Grundsatze: was dem Einen recht, das ist dem Andern billig! Braucht
der Herr, weil er viel Besitz hat, viele Hnde, so bezahle er sie, und es wird
Niemand darber murren, da er in dieses oder jenes reichen Herrn Lohne stehe.
Es ist aber ein himmelschreiendes Unrecht, von hundert und tausend Armen, die
das Glck in keine goldne Wiege mit Perlmutterwalzen gelegt hat, zu verlangen,
da sie zwei Drittheile ihres ganzen Lebens unentgeltlich dem Manne zum Opfer
bringen sollen, den ihnen der blinde Zufall zum Herrn gegeben, und da sie
dieses furchtbare Opfer auf Kosten ihres eigenen vernunftgemen Vortheils
bringen sollen! Wer viel besitzt, viel gewinnt, soll viel davon ab- und
ausgeben. Das ist Naturgesetz und bringt eine wohlthtige Gleichheit unter die
Menschen, die ohnehin zu sehr von einander abhngig gemacht worden sind durch
allerhand Wunderlichkeiten, die sich seit Adams Zeiten in der Welt eingenistet
haben. Braucht also Jemand viel Arme, so bezahle er diese Arme, verlangt er
aber, da diese Arme fr ihn ohne Entgelt arbeiten und sich abmhen sollen, so
verdient er, da man ihm den Kopf zurecht setze, wie's drben in Paris die
Franzosen gemacht haben und noch machen.
    Auf diese lebhafte Entgegnung blieb der Voigt dem Maulwurffnger eine
Antwort schuldig, die Knechte, sonst gegen Alles gleichgiltig, was nur irgend
wie mit allgemeinen Interessen zusammenhing, rckten dem Sprecher immer nher
und bekundeten ihre Theilnahme am sichersten dadurch, da nach und nach eine
Tabakspfeife nach der andern zu qualmen aufhrte. Zuletzt rauchte nur Heinrich
noch, der nie versumte, dem verglimmenden Kraut durch frisches Feuer wieder
nachzuhelfen.
    Ein Wort, Maulwurffnger, sprach der Groknecht nach einigem Zgern. Habt
Ihr das unserm gndigen Herrn in's Gesicht gesagt?
    Dazu hatte ich keine Zeit, versetzte Heinrich. Ueberdies war das auch gar
nicht nthig, da ich ihm genug zugeflstert habe, um ihn festhalten zu lassen an
seinem Beschlusse.
    Ist's, wie Du sagst, fiel hier der Voigt wieder ein, so begreife ich eben
so wenig, was aus der Welt, noch was aus den Herren werden soll! Sie mssen
gradeswegs zu Grunde gehen, bei meinem Eid!
    Heinrich lachte mit dumpfem Kehllaut. Man konnte nicht leicht errathen, ob
aus Schadenfreude oder weil er die Bemerkung des Voigtes lcherlich fand. Was
wrdest Du denn machen, he, sagte er, wenn nun alle die reichen und mchtigen
Grundbesitzer mit sammt ihren alten gemalten Vorfahren und steinernen
Wappenschildern so ber Nacht verschwnden, als htte sie die Erde verschlungen
oder als wren sie in einem Brcherche1 versunken? He, was wrdest Du denn
machen?
    Der Voigt wute auch auf diese Frage keine Antwort zu geben. Er schttelte
den Kopf und sah finster vor sich hin.
    Nun ich will Dir auf die Sprnge helfen, fuhr der Maulwurffnger fort.
Kommt es wirklich dahin, wohin ich wnsche, da es recht bald kommen mge, so
kann zweierlei geschehen. Entweder schlagen die reichen Herren in sich, kriegen,
wie vom heiligen Geist erleuchtet, gesunden Menschenverstand und geben ihren
Nebenmenschen, was ihnen gehrt. Dann werden sie bei einigem Verlust sich ganz
wohl befinden und den Dank ihrer Mitbrder erwerben. Oder sie bleiben verstockt
und pochen auf ihre Rechte, die ich in meiner Beschrnktheit fr Unrecht halte.
In diesem Falle wird man ihnen mit Gewalt nehmen, was sie im Guten nicht geben
wollen, und da kann's wohl mglich sein, da Mancher mit sammt seinem Hechelkram
von Ritterschwerten und Grafenkronen, ehe er sich's versieht, in eine Irre
gerth, aus der ihm keine Sonne mehr heim leuchtet.
    So dumm wird unser gndiger Herr nicht sein, rechne ich mir, warf einer
der Knechte ein. Was auch Der und Jener an ihm aussetzen mag, gescheidt ist er
wie der Teufel und pfiffig wie ein Advocat!
    Er wird thun, was die Andern thun, sagte Heinrich, und in diesem
lblichen Eutschlusse habe ich ihn zu bestrken gesucht. Dafr hat er mich
belobt, wie ein Schulmeister seine Jungen, wenn sie 'was gelernt haben, und mir
verheien, Du, mein lieber Voigt, wrdest mir die Mandel Maulwrfe, die ich heut
auf Seiner Gnaden Feldern abgekntelt habe, bezahlen. Du kannst sie zuvor
nachzhlen, sie stecken in meinem Ranzen. Fr diese Nacht bitt' ich mir ein
Oertel2 aus, wenn's sein kann, in der Hlle; denn morgen mit dem Frhesten will
mir der Herr Graf zu wissen thun, was er von der Sache hlt und wie er dabei zu
handeln gesonnen ist.
    Wir brechen die Unterhaltung in der Gesindestube auf kurze Zeit ab, um
denjenigen unserer Leser, die mit den Verhltnissen der Unterthanen zu ihren
Herren wenig oder gar nicht vertraut sind, einige Winke darber zu geben. Zu der
Zeit, wo unsere Geschichte spielt, waren noch alle Dorfbewohner ihren
verschiedenen Herrschaften frohnpflichtig, eine Last, die mit wenigen Ausnahmen
bis in die neuere Zeit sich erhalten hat und erst seit wenigen Jahren ganz
aufgehoben worden ist. Alle Landbewohner zerfielen in drei Klassen, in Bauern,
Grtner und Husler. Das Landeigenthum der Bauern war sehr verschieden, doch
kann man annehmen, da jeder Bauer durchschnittlich wenigstens zu dreiig
Dresdner Scheffel Aussaat besa. Bei Einzelnen mochte sich dieser Besitz
verdoppeln, ja verdreifachen. Weit geringer war das Landeigenthum der Grtner,
inde immer noch gro genug, um darauf Zugvieh zu halten. Der Husler dagegen
hatte ber nichts, als ber sein kleines Huschen zu verfgen, dem im
gnstigsten Falle noch ein kleiner Wiesenplan zu Gebote stand, um eine Ziege
darauf grasen zu lassen. Solche Husler lebten theils von Weberei, theils von
Handarbeit und Tagelohn.
    Jene leibeigenen Bauern nun, von denen wir vorzugsweise sprechen, besaen
zwar Hof und Ackerland als Eigenthum, waren dabei aber doch nicht ihre eigenen
Herren, sondern muten dem Besitzer des Dorfes in allen Dingen zu Willen sein.
Um inde nicht zu hart von der Willkr Einzelner bedrckt zu werden, bestanden
gewisse gesetzliche Bestimmungen zwischen Herren und Unterthanen, welche der
Herr so gut respectiren mute, als der Unterthan. Der Letztere war nmlich
gebunden, seinem Gebieter jhrlich eine gewisse Anzahl Zug- und Handdienste zu
leisten. Grade diese waren aber sowohl fr Bauer wie fr Grtner und Husler
eine Last, der sie erlagen, die sie nie aufkommen lie und selbst bei
bermenschlicher Anstrengung in schmachvoller Unterwrfigkeit erhielt. Auf dem
Schauplatz unserer Erzhlung unter den leibeigenen Wenden war z.B. jeder Bauer,
der ungefhr fr zwanzig Scheffel Kornaussaat Land besa, gehalten, seinem Herrn
wchentlich sechs Handtage zu leisten oder drei Zugtage mit Pferden und, besa
er diese nicht, mit vier Ochsen. Es blieb ihm also wchentlich blos ein einziger
Tag zu Bestellung seines Feldes, wenn er nicht im Stande war, die Handtage in
Zugtage verwandeln zu knnen. Wollte berdies der Zufall oder das Migeschick,
da der Herr auf seinen Gtern Brandschaden erlitt, oder da ein Unwetter seine
fahrbaren Wege zerri oder da ein Wasserbau nothwendig ward, oder endlich, da
es ihm einfiel, Holz schlagen zu lassen, so mute der arme geplagte Bauer die
Brandstelle rumen und neue Gebude mit auffhren helfen! Er war auerdem
verbunden, die schlechten Wege auszubessern, Steine zu einem nthigen Wehrbau
anzufahren und das geschlagene Holz einzufhren. Alle diese Dienste raubten ihm
Zeit, ruinirten ihm Wagen, Geschirr und Vieh, und wenn er ermattet heim kam,
trat oft die schlechte Jahreszeit ein und verhinderte ihn an tchtiger
Bestellung seines eigenen Landes. So gerieth er immer tiefer und tiefer in Elend
und Armuth, versank unter dem steten Druck in Schmutz und Unwissenheit und ward
eine willenlose, stupide Maschine seines launischen, im Ueberflu schwelgenden
Herrn.
    Nicht besser hatten es Grtner und Husler. Jener mute drei Vierteljahre
hindurch wchentlich der Herrschaft drei Handtage und im vierten wchentlich
zwei leisten, dieser wchentlich einen Handtag, auerdem noch zwlf Tage als
Monatsdienst und whrend der Aerndtezeit vier Handtage. Hierzu kam noch, da
Shne und Tchter aller Bauern, Grtner und Husler den sogenannten Hofedienst
auf dem herrschaftlichen Gute oder Schlosse als Knechte und Mgde abhalten und
oft mehrere Jahre unablssig gegen bloe Verkstigung, die schlecht und oft
unsauber war, dienen muten!
    Man kann sich demnach vorstellen, wie tief und allgemein der Eindruck war,
den Heinrichs Neuigkeiten bei allem Hofgesinde hervorbrachten! Eine neue Welt,
die unbekannte Welt der sonnigen Freiheit, lag vor den Augen Aller aufgethan!
Wurden die Hofedienste, wie der Maulwurffnger behauptete, abgeschafft, so war
das Joch damit abgeworfen, das ursprnglich die Leibeigenschaft erzeugt hatte.
Sie wurden frei, wurden ihren Herren gleich durch die Willkr, nach der sie dann
ber ihr Handeln verfgen konnten. War aber das Gercht erdichtet, so war damit
ein furchtbarer Feuerbrand in die Gemther aller Leibeigenen geschleudert
worden, den keine noch so milde Behandlung mehr auslschen konnte. Die
Herrschaft wandelte von Stund' an auf einem glhenden Vulkan, der in jedem
Augenblicke bersten und sie zermalmt in die Luft schleudern konnte.
    Der Maulwurffnger erkannte dies sehr gut und wute genau, was er that, ohne
sich vor der Hand um die Folgen zu kmmern, die seine Handlungsweise haben
konnte und mute. Der Saame der Unzufriedenheit war ausgestreut, in der Masse
aller Leibeigenen fra der Gedanke um sich, da sie rechtlos, gegen die heiligen
Gebote der Religion unterjocht seien, und dieser Gedanke mute ein
Selbstbewutsein unter der an sich krftigen Bevlkerung wecken, von dem sie
frher keine Ahnung gehabt hatte. Ihm waren auerdem noch so viele geheime
Mibruche bekannt, welche viele Herren bten und auf die nur hingedeutet werden
durfte, um die Unterdrckten von der Unzufriedenheit zur Erbitterung, von dieser
zu einer drohenden Stellung den Herren gegenber aufzuregen. Der Raub der Wendin
durch Magnus gab die erwnschteste Veranlassung, diese Mibruche nach und nach,
wie es Zeit und Umstnde erheischten, aufzudecken. Die bedenklichen Unruhen im
Auslande waren ein vortrefflicher Anhaltepunkt, den man beliebig benutzen
konnte, um den Herren zu drohen. In jedem Falle stand ein Krieg der
Unterworfenen gegen die Unterdrcker in naher Aussicht, und diesen durch
schmeichelndes Zureden wieder zu beseitigen, hielt Heinrich fr unwrdige
Feigheit. Wenn berhaupt, konnte nur auf diese Weise uraltes Unrecht aufgehoben
und ausgeglichen werden.
    Da er gewahrte, welchen Eindruck seine unschuldig und nachlssig
hingeworfenen Aeuerungen selbst auf diese ungebildeten Menschen machten, ging
er noch einen Schritt weiter, den mimuthigen Voigt jetzt gar nicht beachtend.
Er richtete seine Worte direct an das Gesinde des Edelhofes, das ihm, wie einem
Propheten, glubig zuhrte.
    Ist Euch nichts zu Ohren gekommen, sprach er, da sich Graf Magnus bald
verheirathen will? Ich hrte in der Haide davon reden. Auf seines Vaters
Schlosse, dem alten Boberstein, lebt ein schnes junges Frulein, um das er
werben soll.
    Ihr meint gewi Herta, die Mutter der Armen, sagte der Groknecht.
    Es kann wohl sein, da sie Herta heit, erwiederte der Maulwurffnger.
Ich habe mein Lebtage nicht mit ihr gesprochen. Aber ein Engel an Schnheit ist
sie, davon sind meine eigenen Augen Zeuge. Hat das Gercht Grund, so ist's doch
nicht recht, da der gndige Herr auch noch mit andern Weibsleuten scherzt!
    Thut er das? fragten ein paar von den Mdchen.
    Ich will nicht geradezu behaupten, da er es thue, der Schein kann trgen,
aber ein hbsches Mdchen, das ich kenne, ist bei ihm im Herrenhause.
    Hier auf dem Hofe? sagte Marie.
    Es mu doch wohl so sein, sonst htt' ich sie ja nicht sehen knnen!
    Hier winkte ihm der Voigt, da er schweigen solle, und stie ihn verstohlen
mit dem Fue an. Heinrich aber that, als sehe und fhle er nichts.
    Als ich vorhin bei ihm war, fuhr er fort, sah ich ein wendisches
Hubchen, in dem ein allerliebstes Gesichtchen steckte, fast noch hbscher, als
das Deinige, Marie, und das hat noch keinem schmucken jungen Burschen mifallen.
Geweint mute das blutjunge Ding auch haben, denn sie hatte rothe Augen. Ich
mchte doch wissen, warum er das arme liebe Kind bei sich eingesperrt hlt.
    O in dem Punkte, fiel einer von den Knechten ein, da hat unser gndiger
Herr gar kein Gewissen! Was ihm gefllt, das nimmt er sich, und hat er sich
amusirt, lt er so ein gutwilliges Geschpf wieder laufen. Da sieh zu, wo Du
ein Unterkommen findest!
    Wer knnte denn das Mdchen sein? sagte ein anderer Knecht.
    Ist sie hbscher, als Marie, so ist sie nicht aus der Nhe, meinte der
Groknecht. Hier herum kenne ich alle Mdchen.
    Der Tracht nach mu sie irgendwo in der Haide zu Hause sein.
    Bei diesen Worten des Maulwurffngers hrte man einen schrillenden Ton, als
ob eine Fensterscheibe zersprnge, und gleich darauf einen lauten, gellenden
Hilferuf.
    Alle horchten auf und sahen einander bestrzt an. Nur der Voigt senkte die
Augen zu Boden und der Maulwurffnger lchelte unheilvoll.
    War das im Hofe? sagte Marie.
    Ich mchte darauf wetten, da der wunderliche Ton aus dem Herrenhause kam,
sprach Heinrich und stand gelassen auf. Bleibt nur sitzen, ich werde nachsehen.
Kmt Ihr ungerufen, so knnt's Euch Bue tragen, mir thut Blauhut nichts zu
Leide!
    Und ungehindert, nicht einmal von dem unschlssigen Voigt begleitet, verlie
der Maulwurffnger die Gesindestube mit ihrer aufgeregten, im Herzen heimlich
gegen Magnus erbitterten Gesellschaft.

                                    Funoten


1 Moorsumpf.

2 Platz. Stelle.


                                Achtes Kapitel.

                                  Die Flucht.

Erzrnt und niedergeschlagen zugleich ber die freche Heuchelei, durch welche
Graf Magnus ihr Vertrauen bis zu einem gewissen Grade erschlichen hatte, um
seine verbrecherischen Plne auszufhren, blieb Haiderschen eine Zeit lang am
Simse des Kamins lehnen, der ihr bei Abwehr des lsternen Grafen als Rckhalt
gedient hatte. Von der bernatrlichen Anstrengung und der unaussprechlichen
Seelenangst, die sie dabei gelitten hatte, gnzlich erschpft, brach sie jetzt
zusammen und glitt mit vorgebeugtem Krper auf den weichen buntfarbigen Teppich
nieder, der ber den Fuboden des prchtigen Zimmers ausgebreitet war. Strme
von Thrnen entstrzten ihren Augen, und obwohl sie in tiefstem Herzen Gott
dankte, da er sie aus den Hnden ihres Peinigers errettet, konnte sie doch des
bittern Schmerzes nicht Meister werden, der sich zugleich ihrer bemchtigte. Wie
sollte sie den Verfolgungen des entsetzlichen Grafen begegnen, wenn er seine
kaltbltig ausgesprochene Drohung wahr machte? Und mit welchen Gefhlen konnte
sie es wagen, unter ihre Gespielinnen zurckzukehren, hatte sie nur eine einzige
endlose Nacht unter dem Dache des Verhaten zugebracht, der sie kurze Zeit mit
so meisterhafter Verstellung gekirrt und zutraulich gemacht hatte!
    Diese Fragen legte sich die arme Wendin wiederholt vor, ohne in ihrer Angst
und Bestrzung eine Antwort darauf zu finden. Sie wute und ahnte nicht, wer den
Grafen abgerufen hatte und da dieser kecke und entschlossene Eindringling in
ihrem Interesse, zu ihrer Rettung auf dem Edelhofe erschienen sei. Der bloe
Name des Maulwurffngers wrde sie beruhigt und getrstet haben.
    In ihrer Rathlosigkeit blieb sie kange auf den Knien liegen, abgebrochene
Gebetbrocken mit zitternder Lippe hersagend. Bald faltete sie in wilder Hast die
kalten Hnde, bald rang sie dieselben verzweiflungsvoll ber ihrem Haupte und
warf sich dann schluchzend mit dem Gesicht auf den Fuboden. Nach und nach aber
ward sie ruhiger und sie begann zu berlegen, wie sie sich gegen den
Schndlichen waffnen knne, wenn es ihm einfallen sollte, in kurzer Zeit
wiederzukommen.
    Sie stand auf und untersuchte das Zimmer. Leicht und geruschlos schlpfte
sie auf den Zehen die Wnde entlang und prfte jeden Falz, jede Buckel der
Tapete. Nirgends entdeckte sie eine Thr, die ihrem Druck weichen wollte. Eben
so vergebens bemhte sie sich, die Zimmerthr zu ffnen. Sie war und blieb fest
verschlossen. Die Schelle zu luten, nahm sie mit Recht Anstand, da es fast
wahrscheinlich war, da sie in ihrer unsichern Hand mehr als einmal erklingen
und dadurch den herrischen Gebieter nur zu schnell wieder herbeirufen wrde.
    Sie schlich jetzt nach den Fenstern, die hoch und breit waren und von denen
das eine bis an den Fuboden herabreichte. Behutsam versuchte sie die Wirbel
umzudrehen, die wirklich schon gelinder Kraftanwendung nachgaben. Der
Fensterflgel ging wie von selbst auf, so da Haiderschen bequem
hindurchschreiten konnte auf einen sehr schmalen Altan, der hier an dem Hause
hinlief. Zu beiden Seiten desselben standen auslndische Gewchse in hlzernen
Kbeln, die jetzt noch in wrmenden Bast und Leinwand dicht eingeschlagen waren.
Unter dem Altan schimmerten die breiten mit rothgelbem Sand bestreuten Gnge
eines Gartens unklar durch den schweflig riechenden schwarzgrauen Nebel, der
feucht und dick an der Erde lag und Alles mit seinen finstern Schwingen
bedeckte. Dennoch bemerkte Haiderschen, da die Hhe des Fensters unbedeutend
sei. Augenblicklich entstand der Gedanke an Flucht in ihrer Seele. Aber sie war
unbekannt in der Gegend, sie wute nicht, wie und ob sie aus dem Garten wrde
entrinnen knnen, und wo sollte sie in dieser finstern, nakalten Mrznacht, in
diesem grausigen Nebel einen Ort auffinden, der ihr Schutz und Obdach bis zum
nchsten Morgen gewhren konnte!
    So beschlo sie denn auszuharren, ergeben sich in ihr Schicksal zu fgen und
auf Gott zu vertrauen. An ihn wendete sich die fromme Glubige im Gebet, wie sie
es seit ihrer ersten Kindheit gewohnt war. Sie bat ihn, da er sie beschirmen,
da er den Schlaf in dieser Nacht von ihren Augen verscheuchen und ihr klare
Besonnenheit und nicht wankenden Muth in der Stunde der Gefahr verleihen mge!
    Gestrkt erhob sie sich von ihren Knieen, lschte instinktartig auf den
beiden silbernen Armleuchtern drei Kerzen, weil es ihr Verschwendung dnkte, so
viele Lichter fr eine einzelne Person anzuznden, die noch dazu vollkommen
mig ging. Unvollstndig erleuchtete die vierte Kerze, deren Docht sich in der
trben Flamme krmmte, das einsame Gemach mit den dunkeln Bildern an den
Tapeten. Haiderschen schien es oft, als bewegten sich alle Wnde, als
verdrehten die grimmig blickenden Jger die Augen und als schlgen sie ihre
Gewehre auf sie an. Dann mute sie sich Gewalt anthun, um nicht laut
aufzuschreien, und als ob sie Beruhigung darin fnde, prete sie beide Hnde auf
ihren fieberhaft klopfenden Busen. So sa sie lange unbeweglich, nur von Zeit zu
Zeit schchterne Blicke nach der Stelle werfend, wo die verborgene Thr sich
befand, auf dem weichen, seidenen Divan, mit ihren Gedanken in der Haide auf dem
Garten des Vaters, dessen Sorgen um sie und ihr Loos die Betrbni ihres
schuldlosen Herzens noch vergrerten.
    Sie sa und zhlte die Viertelstunden, welche die Seigerschelle auf dem
Herrenhause regelmig anschlug. Ueber eine Stunde war lautlos verstrichen, als
sie wieder das unheilvolle Rascheln hinter der Tapetenwand vernahm. Sogleich
stand sie auf, ergriff den Armleuchter, auf dem sie beide Kerzen ausgelscht
hatte, und stellte sich mit ihm dicht an das bis zur Erde herabreichende
Fenster. Kaum hatte Haiderschen hier Posto gefat, als die Tapetenwand
zurckwich und Graf Magnus mit einiger Schchternheit und sehr bla in das
Zimmer trat.
    Die Gedanken dieses Wstlings waren durch Heinrichs erdichtete Mittheilungen
von Rschen eine Zeitlang ganz abgewendet worden. Der Maulwurffnger hatte ihn
mit seinen Neuigkeiten gleichsam berfallen und Magnus sah im ersten Augenblick
der Bestrzung, wie alle Menschen, die sich geheimer Schuld bewut sind, Tage
blutigen Aufruhrs, wilder Verheerung in unmittelbarster Nhe. Obwohl er, wie der
gesammte Adel, die furchtbaren Ereignisse in Frankreich, die eine neue Zeit
ansagten, geflissentlich nicht beachtete, waren sie ihm doch genau bekannt. Denn
es gebrach ihm keineswegs an Bildung, an Sinn fr geschichtliche Ereignisse und
an Talent, aus sich selbst ein tchtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft
zu bilden, wenn er Lust und Willen dazu gehabt htte.
    Erst nachdem er den Maulwurffnger verabschiedet hatte, drngten sich ihm
verschiedene Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erzhlungen dieses Mannes auf.
Heinrich konnte ja selbst betrogen worden sein und ihn wieder belogen haben.
Denn an die Erdichtung des drohenden Unheils durch den Maulwurffnger dachte er
nicht im entferntesten, weil er den umherstreifenden Mann fr einen bloen
Schwtzer hielt, der aus purer Selbst- und Gewinnsucht alle Dinge so zu drehen
und zu benutzen verstehe, da sie ihm selbst irgend etwas eintrgen. Leute
dieser Art waren nicht selten im Gebirge, und weil sie eigentlich aller Welt
Freund waren und Jedermann sie fr geringes Entgelt fr sich gebrauchen konnte,
berall beliebt. Dennoch verdro es den Grafen, da er so schnell dem
schwatzhaften Manne Gehr gegeben und dadurch das kaum in seine Gewalt bekommene
Mdchen sich schon wieder hatte entreien lassen. Freilich baute er im
Hintergrunde seiner Seele einen glnzenden verbrecherischen Plan auf, von dem er
sich den grten Genu und eine furchtbare Genugthuung versprach. Er htete sich
aber wohl, diesen abscheulichen Plan irgend Jemand merken zu lassen, denn er
hatte bei sich beschlossen, den Gromthigen, Milden, Bekehrten zu spielen, aber
freilich auch nur zu spielen!
    Am meisten verdro es den eitlen Edelmann, da diese kleine Wendin einen
plumpen Bauerburschen ihm unverhohlen vorzog und da eigentlich nur dies in
seinem Auge der Grund ihrer Widerspnstigkeit war. Obwohl er bei seiner
Abberufung den festen Willen gehabt hatte, die Wendin um jeden Preis zu
gewinnen, stand er jetzt in Folge seiner Unterredung mit dem Maulwurffnger
davon ab, und um in Rschens Gemth die ble Meinung wieder zu verwischen, die
sein letztes Auftreten hervorgerufen haben mute, entschlo er sich nochmals,
sie zu sehen, bevor Heinrich Rcksprache mit ihr genommen habe.
    Haiderschen! sprach er mit sanfter Stimme, da er die Wendin bei der
einzelnen trb brennenden Kerze nicht sogleich gewahr wurde. Wo hast Du Dich
denn versteckt und wer heit Dir die Lichter auslschen? Sprich, wo bist Du? Ich
komme als Freund und gelobe Dir kein Leid zuzufgen!
    Whrend er nur halblaut flsternd diese besnftigenden Worte an das Mdchen
richtete, trat er vollends in das Gemach und lenkte seine Schritte nach dem
Kamin, wo er die Wendin verborgen glaubte. Da er sie hier nicht fand, besorgte
er schon, der Maulwurffnger sei ihm zuvorgekommen und habe Rschen mitgenommen.
Ein wilder Fluch entglitt seinem Munde, der seltsam gegen die sanften Worte
abstach, die er so eben noch geflstert hatte. Dabei kehrte er sich um und die
am schon aufgewirbelten Fenster lehnende Wendin stand vor ihm.
    Kleine Spitzbbin, sagte er mit freundlichem Lcheln, Du kannst doch das
Necken nicht lassen. Komm nher, mein Tubchen, ich mchte Dich gern um
Verzeihung bitten, denn ich sehe ein, da ich Unrecht habe und Dir unwrdige
Zumuthungen machte.
    Haiderschen beharrte in schweigender Regungslosigkeit, nur ihre groen
Augen schleuderten Blitze der Verachtung auf den Nichtswrdigen, der seine
Frechheit so weit trieb, da er jetzt als Bittender zu erscheinen wagte, wo er
vor Kurzem noch die brutalsten Drohungen ausgestoen hatte.
    Ich will nicht hoffen, fuhr er fort, der Wendin sich nhernd, da Du vor
Angst und Furcht in dieser Einsamkeit die Sprache verloren hast. Es ist nicht
angenehm, allein in Gesellschaft dieser grotesken Jger zu sein, und weil ich
dies aus Erfahrung wei und die furchtsame Gemthsart junger Mdchen kenne, wage
ich es nochmals vor Dich zu treten, Dir Abbitte zu thun, wenn Du es wnschest,
und Dich unter Menschen zu fhren.
    Haiderschen schwieg noch immer, theils aus Verachtung, theils, weil ihr
Blut so ungestm wallte, da ihr die Sprache versagte.
    Du bist mir immer noch bse, wie ich sehe, begann Magnus abermals, es
wird mir demnach wohl nichts brig bleiben, als mich fufllig vor Dir zu
demthigen und Dich mit einem Handku zu vershnen.
    Der Graf stand nur noch wenige Schritte von der Wendin. Als er weiter
vordringen wollte, erhob Haiderschen entschlossen den Armleuchter und rief
befehlshaberisch: Wagen Sie nicht nher zu kommen! Es knnte Sie gereuen!
    Magnus stutzte und verschlang das in ihrem Zorn noch schnere Mdchen mit
sinnlichen Blicken. Sie hatte etwas von dem trotzigen Stolz und dem fanatischen
Heroismus der Judith, wie sie, den linken vollen Arm, von dem sich der am
Handgelenk aufgegangene weie Hemdrmel abgestreift hatte, nach dem Wirbel ber
ihrem Haupte ausgestreckt, mit der rechten den blank polirten silbernen Leuchter
gegen den Grafen drohend erhoben, dastand.
    Wahrhaftig Du bist schn, da es mir wie eine Versndigung gegen die
Schnheit, die wir anbeten sollen, erscheint, Dich nicht zu kssen. La Dich
also herab, kleine Wilde, und vergib mir im Kusse!
    Elender! stammelte Haiderschen, kaum die Lippen ffnend. Wenn Du es
wagst, mich zu berhren, so sto' ich Dir die Augen mit dem Leuchter aus. Ich
will nichts mehr von Dir hren, will Dich nicht sehen! Ehe ich es dulde, da Du
mich berhrst, werde ich mir lieber den Kopf an der Wand zerbrechen!
    Immer la Deinem Zorn freien Lauf, ich werde Dich nicht hindern, versetzte
Magnus mit gehaltener Ruhe. Sobald Du Dich erschpft hast und die Ueberzeugung
gewinnst, da ich nur Dein Gutes will, wirst Du auch wieder vernnftig mit mir
reden.
    Verlassen Sie mich! sagte Haiderschen, ohne ihre Stellung zu verndern.
    Sobald Du mir verziehen und angehrt haben wirst, was ich Dir mittheilen
will.
    Wenn Sie nicht auf der Stelle gehen, so gehe ich!
    Das kann ich nur wnschen, weil Du dann an mir vorber mut und ich den
Saum Deines Gewandes frbittend mit meinem Munde berhren kann.
    Sie irren sich, Herr Graf! Ich werde weder in Ihre Nhe kommen, noch es
dulden, da Sie die meinige suchen.
    Dann wirst Du lange Deinen Platz behaupten mssen, kleine wendische
Heldin.
    Zwei Minuten noch, nicht lnger, versetzte Haiderschen in finsterer
Entschlossenheit.
    Ich werde diese Frist gehorsam benutzen, um Dich von meiner Reue zu
berzeugen. Du willst nicht zugeben, da ich Dir nher schreiten soll, gestatte
denn, da ich mich auf meinen Knieen Dir nhere. Die rgsten Snder in der
katholischen Christenheit nahen sich so der zrnenden Gottheit, die ihnen nach
berstandener Kniewallfahrt gromthig vergibt.
    Und whrend Magnus noch so sprach, lie er sich wirklich auf die Knie
niedergleiten und nherte sich rutschend dem erzrnten und ihn frchtenden
Mdchen. Schon streckte er die Hnde flehend nach ihr aus, indem ein
schalkhaftes Lcheln seine interessanten Zge nicht unbedeutend verschnerte. Da
hie ihn Haiderschen nochmals einhalten mit der Drohung, sie werde unfehlbar,
wenn er seinen Vorsatz ausfhre, entweder ihm oder sich selbst ein Leid zufgen.
Magnus achtete nicht auf ihre Befehle. Er war so bezaubert von dem Reiz ihrer
entzckenden Schnheit, da er sie nicht mehr sprechen hrte, da er nur ihre
Hand zu fassen, sie zu umarmen wnschte. Jetzt erhaschte er ihr grobes Gewand
und wollte sie zu sich heranziehen, um den Saum desselben zu kssen. Da
zerbrachen klirrend die groen Fensterscheiben, mit schwerer Wucht flog der
silberne Leuchter auf ihn, streifte seine Stirn und verwundete ihn mit scharfer
Kante an der Schlfe. Taumelnd strzte er zurck auf den Teppich. Er sah dunkel,
da die Fensterthr, die Haiderschen ausholend mit dem Leuchter zertrmmert
hatte, sich ffnete und gleich darauf die entschlossene Wendin mit einem laut
ausgestoenen Hilferuf im feuchten Nebeldunst verschwand. -
    Dieser Hilferuf war es, der den Maulwurffnger in seinem Gesprch mit dem
Gesinde des Edelhofes strte und ihn, unglckahnend, in's Frei trieb. Eingedenk
der Erlaubni des Grafen, die Wendin in ihrer Einsamkeit besuchen und trsten zu
drfen, machte er sich jetzt Vorwrfe ber seine Saumseligkeit, obwohl er sich
gestehen mute, da seine Absicht dabei die beste gewesen sei. Er zweifelte
keinen Augenblick, da Haiderschen ein neues Unglck zugestoen sei, sogar der
Verdacht, Graf Magnus mge nicht Wort gehalten haben, stieg in ihm auf.
    Mit den Oertlichkeiten vertraut, eilte er schnellen Schrittes ber den
Hofraum nach dem Portale des Herrenhauses. Durch den niedrig ziehenden Nebel sah
er den Lichtschimmer aus den Fenstern des grflichen Wohnzimmers, alle brigen
Fenster in dem gerumigen Gebude waren jetzt finster. Dies fiel ihm auf,
zugleich aber bestrkte es ihn auch in seinem Verdachte.
    Ha, sprach er zu sich selbst, der Schelm hat die Lichter ausgelscht, um
desto leichteres Spiel zu haben! Htte ich nur eine Leuchte mitgenommen! Aber
Dank meinem hufigen Hiersein, ich werde auch ohne Licht den Unhold finden und
noch zeitig genug an der Gurgel packen! Den Griff des Maulwurffngers soll er
sein Lebtage nicht vergessen!
    Die Hausthr war blos angelehnt und drehte sich geruschlos auf den Angeln.
Im Flur brannte keine Lampe mehr, ein Zeichen, da die Dienerschaft zur Ruhe
gegangen war. Heinrich schritt auf den hallenden Flieen nach der Treppe, als er
ganz nahe mehrmals nach einander Hilfe! Hilfe! wehklagend und laut schreiend
rufen hrte.
    Es ist Haiderschens Stimme, sprach er, ich kenne diese Nachtigall der
Wlder. Aber wie kommt sie hieher? Sollte sie Junker Blauhut in den
Gartenpavillon gelockt haben?
    Whrend sich diese Gedanken in seinem Innern kreuzten, lag seine Hand auch
schon am Riegel der nach deln Garten fhrenden Thr und stie ihn zurck. Mit
krftigem Ruck ri er sie auf, der Wind jagte ihm Nebel und drres Laub, das
sich auf den Sandgngen kruselte, in's Gesicht und zwang ihn, auf einige
Secunden die Augen zu schlieen. Dann trat er hinaus auf die breiten Stufen, die
in den Garten hinab fhrten, eilte einige Schritte vorwrts und drehte sich um,
seine scharfen luchsartigen Blicke durch den Nebelflor auf die Breitseite des
Herrenhauses richtend. Das Zimmer, in dem Haiderschen bisher zugebracht hatte,
befand sich fast in der Mitte des Gebudes und lag grade vor ihm. Der Schimmer
der einzigen noch brennenden Kerze drang bis zu ihm herab. Er sah das Flattern
der Vorhnge an der offenen Fensterthr und errieth den Zusammenhang.
    Sie mu auf dem Balcon sein, dachte er und suchte mit verschrfter
Aufmerksamkeit an der steinernen Brstung und hinter den verpackten Stmmen der
Oleander und Citronenbumchen. Am linken Ende schlangen sich an dnnem Spalier
die zitternden, schlanken Aeste eines Jelngerjelieberstrauchs, oder, wie der
Landmann diesen Baum nennt, einer Rose von Jericho empor. Dort sah er etwas
Weies schwebend zwischen Himmel und Erde flattern.
    Schleunig eilte er darauf zu und erkannte die Wendin, die sich vergeblich
anstrengte, aus den sie umrankenden schlangenartigen Aesten des alten Baumes, in
denen ein Theil ihrer Kleider hngen geblieben war, sich los zu machen und
herabzuspringen.
    Bist Du es, Rschen? fragte er flsternd.
    Die Wendin hrte ihn. O rettet mich, rettet mich, wer Ihr auch sein mgt!
gab sie flehentlich zur Antwort. Die Angst tdtet mich und er wird mich
verfolgen!
    Wo ist der Graf? fragte Hemrich, am Spalier empor kletternd, die Kleider
des Mdchens gewaltsam von dem Gest losreiend und sie sanft auf die Erde
herabhebend.
    Haiderschen zitterte wie ein Espenlaub. Dort! dort! sagte sie stammelnd,
vor Angst und Schauder mit den Zhnen klappernd, und deutete nach den trb
schimmernden Fenstern.
    Gott Lob, ich bin ihm entronnen! Aber wer seid Ihr, wackerer Mann?
    Kennst Du den Maulwurffnger nicht, den Freund der Armen und
Nothleidenden? versetzte Heinrich lchelnd. Ich komme von Deinem Vater in der
Absicht, Dich zu beschtzen. Hat Dir der Bube ein Leid angethan?
    Nein, nein, Gott sei gelobt! sagte Haiderschen athemlos, ihre Arme
vertrauensvoll um den stmmigen Nacken des schlichten Landmannes schlingend.
Die Engel des Himmels haben ber mir gewacht und dem Bsen die Hnde gebunden.
Aber komm, Heinrich, komm, la uns fliehen, ehe er mir nachsetzt!
    Das soll er wohl bleiben lassen, sagte der Maulwurffnger, drohend die
Hand gegen die erleuchteten Fenster ballend. Beruhige Dich, Haiderschen, Du
bist jetzt geborgen!
    So sprechend legte er sanft seinen Arm um ihren Oberkrper und fhrte sie
dicht an dem Gebude hin nach der Hausthr.
    Nicht da hinein, Heinrich! flehte sie bebend. Er knnte uns begegnen und
seine Knechte rufen.
    So schlage ich ihm den verruchten Schdel ein, wie einem tollen Hunde!
rief Heinrich erbittert. Komm nur, es giebt hier keinen andern Ausweg.
    Er zog die Zitternde mit sich fort in's Schlo, durchschritt mit ihr die
Hausflur und trat in den Hof. Hier vernahm er die verworrenen Stimmen des
Gesindes, die den Voigt mit Schmhungen berhuften. Sie hatten bald nach dem
Maulwurffnger die Gesindestube mit dem Voigte verlassen und trugen mehrere
Laternen, um bei ihrem Licht zu sehen, was es gebe. Auf sie ging jetzt Heinrich
mit seiner Schutzbefohlenen zu. Alle erstaunten, das schne, bleiche, zitternde
Mdchen im Arm des Landmannes vertrauensvoll ruhen zu sehen.
    Voigt, sagte der Maulwurffnger befehlshaberisch, ffne das Thor! Ein
rechtschaffener Mann verschmht es, in der Hhle eines Rubers zu bernachten,
er will lieber auf offener Haide unter Wlfen obdachlos umherirren. Meinen
Quersack, meine Drhte und Bgel wirst Du mir in den Kretscham schicken. Dort
werde ich sie mir abholen, wenn ich Zeit und Lust habe. Ausgemacht, sag' ich,
oder es nimmt kein gutes Ende!
    Die zornigen Blicke des Maulwurffngers, die drohenden Gesichter der
Knechte, die murrend umher standen, schchterten den Voigt ein und lieen ihn
den Willen des Landmannes thun. Als die Thorflgel zurckwichen, wendete sich
Heinrich nochmals um und sprach:
    Gieb diesen Schlssel Deinem Herrn und sag' ihm, der Maulwurffnger lie
ihn gren. Von jetzt an habe er ihn als seinen Todfeind zu betrachten!
    Dann schritt er mit Haiderschen zum Thore hinaus in die finstere windige
Nebelnacht hinein.

                            Ende des ersten Theils.


                                 Zweiter Theil

                                  Drittes Buch

                                Erstes Kapitel.

                                     Herta.

Am Fue der alten Burg Boberstein breitete sich ein Garten aus, der gegen Sden
die ganze Ausdehnung der kleinen Insel einnahm und die Ufer des See's berhrte.
Nach dem abscheulichen Geschmacke damaliger Zeit durchschnitten steife
Taxuswnde diesen Garten in verschiedener Richtung. Sie waren so vortrefflich
unter der Scheere des Grtners gehalten, da kaum ein Blatt oder dnnes
Zweiglein ber die glatte Linie hervorragte. Jetzt standen diese Baumwnde
entblttert, nur an den Wurzeln der Bsche auf den Rabatten brannten gelbe
Crocus gleich Flmmchen aus der braunen Erde und dunkelblaue Veilchen
verkndigten durch ihr duftiges Arom. da sich bald der hellblaue
Frhlingshimmel wieder ber die sehnschtige Erde ausspannen werde.
    In den sich kreuzenden Gngen dieses Gartens wandelte am stillen
Sonnabend, der dem Ostertage vorhergeht, leichten Schrittes ein junges schlankes
Mdchen. Ein schneeweies Muelinkleid flo gleich einer Wolke von glnzendem
Lichtstoff um die liebliche Gestalt, die am linken Arm ein zierlich aus
Fischbein und gespaltenem Rohr geflochtenes Krbchen trug, dessen Rand und
Henkel mit aufbrechenden Feldrschen von knstlicher Arbeit eingefat war. Eine
Menge kleiner Veilchenstruchen lag kranzfrmig geordnet in der mit Rosataffet
ausgeschlagenen Hhlung des Krbchens, und in deren Mitte ein Hufchen frischer
Bucheckern. Am Busen trug das Mdchen ebenfalls ein Veilchenstruchen, dem noch
zwei Crocus beigefgt waren.
    Wer die einsam Dahinwandelnde von Ferne erblickte, konnte sie leicht fr
eine berirdische Erscheinung halten, so schwebend und grazis, wir mchten
sagen therisch, waren alle ihre Bewegungen. Sie ging stets, selbst bei sehr
schlechtem und strmischem Wetter, in bloem Kopfe, und ihr schnes und reiches
aschfarbenes Haar, das sie in zahllosen Locken fessellos trug, umwehte dann
hufig ihr von Engelsgte strahlendes Gesicht gleich weichen Seidenfittichen.
    Dieses Mdchen war Herta, deren Name bereits mehrmals in unserer Geschichte
genannt worden ist. Auch jetzt, wo sie die Erstlinge des Lenzes gesammelt und
mit geschickter Hand und sinnigem Geschmack in zarte Struchen gebunden hatte,
whlte der Morgenwind, der scharf und kltend ber die Haide fuhr, in ihrem
reichen Haarwuchs und verschleierte oft den Glanz ihrer groen rehbraunen Augen.
Herta kam von ihrem Morgenspatziergange zurck und ging nach dem Schlosse,
dessen graue, mit Moos, Flechten und Epheu berwachsenen alten Mauern mit den
vielen zackigen Zinnen und spitzen Schieferthrmen von der Sonne beleuchtet,
recht ehrwrdig auf dem schroffen Granitfelsen dalagen.
    Die Zimmer in diesem alten Feudalschlosse waren mehrentheils dster und fast
immer nur von je zwei Fenstern erhellt, die sich in thurmartigen halbrunden
Vorsprngen befanden. Auch Herta bewohnte eins dieser schmalen, langen, dunkeln
und hohen Gemcher, deren uralte Tapeten von gepretem Leder, mit breiten
Goldleisten verziert, diesen Gemchern ein cht mittelalterliches Ansehen gaben.
Selbst die Mbeln erinnerten an lngst vergangene Tage. Sie waren steif und
massenhaft, dabei aber von groer Dauerhaftigkeit und mit uerster Sorgfalt
gearbeitet. Alle Stuhllehnen zeigten die werthvollsten Holzschnitzereien, und
die Ueberzge von chtem venetianischen Sammet waren prachtvoll und tadellos.
    Herta war zeitig darauf bedacht gewesen, sich ihr Zimmer wohnlich
einzurichten, und hatte zu diesem Behufe einen jener erwhnten halbrunden
Thurmerker, den sie als Arbeitsplatz benutzte, in eine reizende Epheulaube
verwandelt, die sie mit nie ermdender Geduld pflegte und in der sie wie eine
Fee in grnem Bltterdmmer sa.
    Als das Mdchen von ihrem Spatziergange im Schlogarten zurck kam, stellte
sie das Krbchen auf ihren Arbeitstisch in der Epheulaube, nahm eine Buchecker
und rief: Hnschen! Sogleich klirrte ein dnnes Messingkettchen und ihrem
Stuhle gegenber aus einer Hhle dunkler Epheubltter, die eine Oeffnung im
Fenster verdeckten, guckte das kleine zierliche Kpfchen eines braunen
Eichhrnchens. Lchelnd nahm Herta die Buchecker zwischen ihre frischen
schwellenden Lippen und nherte sich dem reinlichen Thierchen, das sogleich
gewandt an dem Gest herabkletterte und das beliebte Futter mit groer
Geschicklichkeit aus dem Munde des jungen Mdchens nahm. Whrend sich Herta noch
an den gewandten Sprngen, dem behenden Enthlsen der Eckern und dem komischen
Geknusper des muntern Thierchens ergetzte, trat eine Dienerin ein, die jung und
hbsch wie ihre Herrin war und beraus saubere Kleider trug.
    Gndiges Frulein, sprach das Mdchen, es hat schon zweimal ein junger
Bauer aus dem nchsten Haidedorfe nach Ihnen gefragt. Erlauben Sie, da ich ihn
einlasse?
    Warum sollte ich das nicht erlauben? versetzte Herta heiter und
zutraulich, ununterbrochen ihrem Lieblinge neue Bucheckern aus dem Krbchen
reichend und die Schalen, die er fallen lie, behend wieder vom Boden auflesend.
    Ich dachte, es mge sich nicht schicken, entgegnete das Mdchen, wenn das
gndige Frulein mit einem Bauerburschen allein sprechen will.
    Nun das ist wohl, denk' ich, eine sehr unschuldige Sache, erwiederte Herta
lachend. Wie oft gehe ich allein durch den dichtesten Wald in die Haidedrfer,
um die Htten der Armen und Kranken zu besuchen. Da begegnen mir gar oft recht
hliche Menschen von Ansehen, aber wenn ich ihnen offen in's Auge blicke, da
ziehen sie sogleich alle ihre Kappen und Mtzen und gehen ihres Weges. Manche
bleiben freilich auch stehen und sehen mir nach, aber es hat mir noch niemals
irgend Jemand ein unschnes Wort gesagt! Nun siehst Du, Emma, da wird's wohl
auch mit dem Bauerburschen nicht gefhrlich sein. Bist Du aber durchaus der
Meinung, es schicke sich nicht, da ich allein hre, was er will, so bleibe Du
hier, Du kannst ja mit anhren, was ich ihm sage.
    Er will Sie aber durchaus allein spreehen.
    Ja, meine gute Emma, da hilft kein Widerstreben. Ich mu ihn entweder
anhren oder fortschicken, und da will ich doch lieber das Erstere thun, wenn
auch die Schicklichkeit dieses Schlosses einen kleinen Klaps dabei abkriegen
sollte. Das kann ihr gar nichts schaden, sie wrde nur etwas natrlicher werden.
Rufe also in Gottes Namen den Burschen! - Aber wart'! Du bist ja auch eine
Blumenfreundin. Da suche Dir eins von diesen Veilchenstruchen aus, die ich
heut gebunden habe. Nicht wahr, sie sind ganz hhsch und wirklich so zart und
duftig, als htten sie die Elfen gepflckt?
    Ach Sie sind gar so geschickt! sagte Emma und nahm mit dankbarem Knicks
das kleinste der Struchen.
    Nicht doch, mein Kind! Das waren die schlechtesten Ueberreste! Hier, das
ist hbsch, das duftet wunderlieblich und, wart', das mu sich an Deiner Brust
gar lieblich ausnehmen.
    Und whrend Herta so plauderte, nahm sie das allerschnste Struchen aus
dem Krbchen und befestigte es mit eigenen Hnden an Emma's Busen. Sieh, wie
das prchtig steht! rief sie vergngt aus. Guck' geschwind 'mal in den
Spiegel, damit Du Dich nicht zu verwundern brauchst, wenn Du nchstens ein
ganzes Dutzend Liebeserklrungen bekommst. Und nun mach' und bringe mir den
Burschen. Ich bin doch neugierig, was der fr ein Anliegen an mich hat. Es ist
der erste junge Bursche, der mich besucht, setzte sie mit einem Anflug kecker
Laune hinzu, und wenn's recht ist, so mu er mir Glck bringen. Ich will mich
aber auch gleich ein bischen hbsch machen. - So! -
    Herta trat vor den Spiegel, warf ein paar ihrer weichen vollen Locken ber
ihr schelmisches Gesicht und lie die andern einmal durch heide Hnde rollen,
da sie verlngert Nacken und Schultern mit ihrem Glanz verhllten.
    Zgernd verlie Emma das Zimmer, Herta nahm Platz in ihrer Epheulaube und
warf dem wieder aus seiner Bltterhhle klug herausguckenden Eichhrnchen noch
ein paar Bucheckern zu.
    Mit vielen linkischen Bcklingen und Kratzfen trat der Bauerbursche ein,
seine niedrige Pelzmtze verlegen in der Hand drehend.
    Herta, gegen Jeden, auch den Geringsten, hflich und zuvorkommend, stand auf
und erwiederte den befangenen Gru des Burschen mit einer Verbeugung und der
zutraulich an ihn gerichteten Frage: Wer bist Du, mein Guter und was wnschest
Du von mir? Ich hre, da Du mir allein etwas Wichtiges mittheilen willst.
    Ach ja, was sehr Wichtiges, gndiges schnes Frulein, versetzte der
Bursche, der vor Verlegenheit der vornehmen Dame gegenber nicht wute, was er
sagen sollte.
    Bist Du etwa arm und hast kranke Aeltern oder kleinere Geschwister, die Du
nicht ernhren kannst? fragte Herta weiter, um dem Schchternen Muth zu machen.
    Ach ja recht sehr arm, gndiges Frulein!
    Dann wnschest Du gewi, da ich Dich untersttzen soll? Armer Bursche, ich
mchte Dir gern recht viel geben, aber meine kleinen Schtze sind ganz
erschpft. Erst nach dem Feste bin ich wieder im Stande - und die Freundin der
Armen schttete den Rest kleiner Mnzen aus ihrer perlengestrickten Brse in
ihre hohle Hand und reichte sie dem Burschen.
    Ach nein, das kann ich nicht annehmen, gndiges Frulein, sagte der
Bursche errthend, da er sah, da das schne Mdchen seine Worte in einem Sinne
auslegte, den er ihnen nicht hatte geben wollen. Ich wnschte wohl Ihre
Untersttzung, aber das Geld da - o nein - das brauche ich nicht!
    Herta hielt das Hufchen Mnze dem Burschen noch immer entgegen. Ja, mein
Guter, Du sagtest doch eben, da Du sehr arm seist?
    O das bin ich auch, mein schnstes, allergndigstes Frulein, und recht
unglcklich dazu! Und wenn sie mich nur anhren wollen und nicht bse werden,
wenn ich ungehrige Dinge sage, so werden Sie's gleich sehen, wie gar grausam
unglcklich ich bin!
    Armer Junge! sagte Herta mitleidig. Nun fasse Dich nur und erzhle, was
ich wissen mu dann will ich gern, steht's in meiner Macht, Dir helfen.
    Ach sehen Sie, mein gutes, gndiges Frulein, fuhr der Bursche, durch
Herta's sanfte und theilnehmende Worte aufgemuntert, fort, ich heie Clemens,
eigentlich Clemens Ehrhold, und bin von drben her aus dem Gehege, wo mein Vater
ein Bauergut hat und sich redlich plagt, um das liebe Brod zu verdienen. Und da
hat mein Vater einen Stiefbruder, der ein paar Jahr lter ist und aus der Haide
stammt, und der heit Jan Sloboda, trst' ihn Gott! Ja und seh'n Sie, gndiges
Frulein, im Winter da halten wir doch die Spinte, wie Sie wissen werden, damit
die jungen Mdchen ihren Flachs aufspinnen, den sie im vergangenen Jahre
gerndtet, gerstet, gebrochen und gehechelt haben, und wir Burschen, wir
besuchen die Spinnerinnen manchmal, und da machen wir einen Spa zusammen, so
gut arme Leute es knnen. - Und da war des Sloboda seine Tochter, das
Haiderschen auch da, weil sie beim Vater die Wirthschaft lernen sollte, Ew.
Gnaden - denn mein Vater, o das ist ein Hauptwirth im Gefilde! - Nun sehen Sie,
gndiges Frulein, Haiderschen ist sehr hbsch, fast so hbsch wie Sie, bitt'
um Verzeihung, und auch jung ist sie und wie aus Rosen und Schnee
zusammengebosselt. Und da hat sie dem gndigen Herrn gefallen, aber er gefiel
ihr nicht, und weil sie nicht auf seine schnen Worte hrte, da hat er sie
entfhrt vom Todtensteine. Nachher aber ist sie ihm entsprungen mit Hilfe des
Maulwurffngers, den Ew. Gnaden gewi auch kennen, und lebt wieder bei ihrem
Vater. Und da htt' ich nun die grausam groe Bitte an Sie, da Sie das arme
Ding zu sich nhmen, damit sie der bse Herr nicht wieder fortschleppen kann;
denn sie gehrt zu den hiesigen Unterthanen, Ew.Gnaden!
    Aufmerksam, zuweilen lchelnd ber den etwas verworrenen und drolligen
Vortrag des Burschen, hatte ihn Herta angehrt, jetzt versetzte sie: Das ist ja
eine ganze Geschichte und noch dazu eine recht bse Geschichte, mein Guter. Eine
Entfhrung! Pfui! Wie heit denn der Bsewicht?
    Wir heien ihn ins Gemein nur Blauhut von wegen seiner Filzkappe, aber
eigentlich heit er Graf Magnus.
    Wie? sagte Herta und stand auf, mein Vetter Magnus htte eine solche
Frevelthat begangen an einem armen schuldlosen Mdchen?
    Der liebe Gott mu den gndigen Herrn Grafen wohl auch im Zorn zu des
gndigen Frulein Vetter gemacht haben, versetzte Clemens, aber meine Muhme
hat er entfhrt, obwohl's nicht seine Unterthanin ist!
    Du bist ihr gewi recht gut? sagte Herta, den Burschen schlau ansehend.
    Ach ja, gndiges Frulein, ich bin ihr gut, das kann ich wohl sagen und
Haiderschen hat auch nichts dawider, und wenn nichts drein kommt und es ist
alles auf Pfarre und Hofe wegen der Dispensation in Richtigkeit gebracht, so
wollen wir uns auf den Herbst heirathen. Aber nun frcht' ich, wird der Herr
Graf seine Einwilligung dazu nicht geben, wenn das gndige Frulein nicht etwa
ein gutes Wort bei ihm einlegen und ihm die Sache vorstellen wollte. Denn es
heit berall, da Ew. Gnaden mit dem unbndigen Grafen machen knnten, was Sie
wollten.
    Da schreibt man mir eine Macht zu, die ich leider nicht besitze, guter
Clemens, erwiederte Herta, traurig den Kopf schttelnd. Mein Vetter hat einen
gar unbeugsamen Willen, den nicht einmal sein eigener Vater immer leiten kann,
wie er es wnscht. Inde glaube ich wohl, da, stelle ich ihm die Sache in einer
glcklichen Stunde recht dringend vor, er Deinem Glck nichts in den Weg legen
wird.
    Ach, Sie sind so gut als schn, gndiges Frulein! fiel Clemens ein, vor
Freude einen Blick innigster Dankbarkeit auf das junge Mdchen werfend. Aber
ehe es dahin kommt, wird der Herr Graf Haiderschen wieder abholen und sie zum
Dienst zwingen wollen und dann -
    Nun, Du stockst? Sage grade heraus, was Du meinst!
    Ja, sehen Ew. Gnaden, wenn er das beabsichtigen sollte, dann frchte ich,
gibt es Mord und Todtschlag. Denn was wendisches Blut in den Adern hat, das wird
dann zuschlagen und wahrhaftig, gndiges Frulein, Sie drfen mir das nicht bel
nehmen, aber ich werde gewi nicht der Letzte sein!
    Will's Gott, soll das verhtet werden, guter Clemens, erwiederte Herta.
Ich zhle mich auch halb und halb mit unter die Wenden, obwohl ich meine guten
Aeltern nie gekannt habe, und da verlangt es schon die Stammverwandtschaft, da
ich mich Deiner und Deiner Geliebten annehme. Ich kann es Dir zwar nicht
bestimmt versprechen, guter Bursche, da Haiderschen hier auf dem Schlosse eine
Zuflucht finden wird, denn von mir hngt das nicht ab. Ich bin selbst nur Gast,
wenn ich auch fr das Kind des Hauses gelte. Mein Wort jedoch gilt etwas beim
alten Grafen, und diesen werde ich von Deinem Anliegen in Kenntni setzen. Komm
morgen um diese Zeit wieder und hole Dir Antwort. Adieu, auf Wiedersehen!
    Herta reichte dem Burschen ihre kleine weie Hand, die Clemens schchtern
und voll Ehrfurcht kte. Als er sich mit vielen Kratzfen wieder entfernen
wollte, rief ihn Herta nochmals zurck.
    Sage mir doch, Clemens, sprach sie, ob Du Haiderschen heut noch siehst?
    Ei Jeses, freilich! erwiederte der Bursche. Ich werde nicht schlecht
laufen, wenn ich nur erst ber das breite Wasser da unten bin. Die Wege durch
die Haide kenne ich, aus Wurzeln, Dornen und Disteln mache ich mir nichts, und
wenn ich durch Dick und Dnn immer grad' aus wie ein herrschaftliches
Kutschpferd renne, da ermach' ich's in knappen zwei Stunden. Hussah, das liebe
kleine Ding wird nicht schlecht springen, wenn sie hrt, da Ew. Gnaden so
liebreich mit mir gesprochen haben!
    Haiderschen klingt so zartsinnig, versetzte Herta, da ich mir einbilde,
Deine Geliebte msse eine Freundin zarter und duftiger Blumen sein. Gre sie
denn von mir als eine Schwester und bringe ihr dies Veilchenstruchen. Ich habe
die lieben Blmchen selbst gepflckt und gebunden, denn ich habe sie gar zu
gern.
    Ach, gndiges Frulein, so viel Gte! sagte Clemens, vor Staunen ber so
ungewohnte Herablassung ganz versteinert.
    La das und geh' jetzt! Morgen frh vergi nicht, Dir Antwort zu holen.
    Clemens ging, Herta aber sprang vergngt ein paar Mal in die Hhe, schlug
jubelnd die kleinen Hndchen zusammen und sprach dann, mit glcklichem Lcheln
in den schnen Augen, den Kopf em wenig niederwrts beugend und langsam das
Zimmer auf-und abgehend: Das ist heut der zweite Mensch, den ich durch eine
unbedeutende Kleinigkeit glcklich gemacht habe. Erst freute sich Emma, weil ich
sie eigenhndig schmckte und ihre Reize pries, und nun jubelt dieser gute,
ehrliche Bursche ber ein paar werthlose Blmchen, die ich ihm absichtslos
reiche. Gewi theilt Haiderschen seine Freude und hebt die Blmchen auf wie
einen theuer erkauften Schatz. - Ach wie s und angenehm ist es, wohlzuthun,
Freuden und Segen berall auszustreuen, ohne damit zu prahlen! Ich mchte wohl
die Wunderkrfte besitzen, von denen uns alte Mhrchen erzhlen. Dann erhbe ich
mich des Nachts von meinem Lager, verwandelte mich in eine Taube, einen
Schmetterling oder in was es mir gerade beliebte, und flge auf den Strahlen des
Mondes und der Sterne berall hin, wo Armuth, Kummer, Elend und Schmerz nach
Rettung, Trost und Heilung seufzen. Mte das ein seliges Leben sein!
    Herta blieb stehen und richtete ihr nur mit feinem blassrothen Duft
berhauchtes Gesicht empor, die groen braunen Augen ernst auf den blauen Damm
der Haide heftend, den man in meilenweiter Ausdehnung aus dem Fenster bersehen
konnte. Ein paar kleine Wlkchen wurden zwischen den Augenbrauen ber ihrer
feinen, ganz wenig gebogenen Nase, sichtbar.
    Magnus! fuhr sie nachdenklich fort und an dem Zittern des durchsichtigen
feinen Stoffes ber dem Busen sah man, da ihr Herz heftiger schlug. Wie oft,
wenn er hier war, hat er mir betheuert, da er nur mich liebe, da ich allein
ihn glcklich machen knne und da er elend wrde, wenn ich auf meiner Weigerung
bestnde. Ich traute seinen Versicherungen und Schwren nie, denn es liegt eine
Wolke in seinen schwarzen Augen, die verderbliche Blitze birgt. Er ist ein
schner, ein interessanter, ein gebildeter Mann, und doch kann ich ihn nicht
lieben, nicht einmal gern um mich dulden. - Es ging mir von jeher, wie es diesem
wendischen Mdchen jetzt geht. Armes Kind! - Sie schtzt kein mchtiger
zrnender Vater, sie gehrt sich nicht einmal selbst! Er kann und wird sie
zermalmen, wenn er es vermag, denn Verzeihung, glaub' ich, ist dem Herzen dieses
unbndigen, heuchlerischen Menschen unbekannt. - Eben darum mu ich ihr die Hand
reichen, mu ich sie retten, und es wird mir gelingen, wenn ich meinem gtigen
Beschtzer den Vorfall mit einiger Ausfhrlichkeit mittheile.
    Nachdem Herta in solcher Weise fr Haiderschen in die Schranken zu treten
fest bei sich beschlossen hatte, ging sie wieder in ihre dmmernde Epheulaube,
durch welche jetzt ein paar schrge Sonnenstrahlen fielen. Hier nahm das junge
Mdchen eine feine Perlenstickerei in die Hand, schlug ein sauber gebundenes
Buch auf und legte es vor sich auf ein Lesepult. Die Hnde fleiig rhrend, warf
sie hufige Blicke in das Buch, dessen Inhalt sie zwar langsam, aber mit desto
mehr Nachdenken durchlas. Nicht selten nahm sie auch einen Silberstift zur Hand
und unterstrich einzelne Zeilen, die ihr vorzugsweise gefielen.
    Dieses Buch war der eben erschienene Don Karlos von Schiller, der sich
bereits bis in dies abgelegene Schlo der Haide verirrt hatte. Herta liebte
diese eine neue Religion, eine neue Weltordnung predigende Dichtung mit aller
Gluth und Begeisterung eines fr das ewige Recht, fr Menschenwrde und Freiheit
schwrmenden Herzens, und je hufiger sie tglich sehen mute, wie wenig
Hoffnung vorhanden war, die Ideale zu verwirklichen, an denen der Dichter in
seinen heiligen Trumen hing, desto mehr vertiefte sie sich in die berauschenden
Worte, in die hinreichende Gedankenflle der Dichtung und gelobte sich in der
Unschuld ihres Herzens, das Ihrige mit beizutragen, um der Menschheit jenes
allgemeine Recht, jene chte und wahre Freiheit mit erringen zu helfen, die
Marquis Posa von Don Philipp fordert. -

                                Zweites Kapitel.



                                 Am Theetisch.

Wenn Herta ihrem reichen Verwandten ein Anliegen von Wichtigkeit vorzutragen
hatte, verschob sie dies immer bis zum Abend. Die Theestunde war die gnstigste
Zeit fr dergleichen Erffnungen. Dann hatte Graf Erasmus, obwohl immer mild,
zuvorkommend und billigen Wnschen geneigt, seine rosenfarbigste Laune. Er hrte
dann hufig blos mit seinem menschenfreundlichen Herzen und schob die kalte
verstndige Ueberlegung sanft bei Seite. Um diese Zeit hatte er dem jungen
Mdchen, das er zrtlich liebte, noch nie etwas abgeschlagen, und deshalb sparte
sie die Mittheilung ihrer Neuigkeit bis zu dieser glckverheienden Stunde auf.
Ein herrschschtiges, intriguantes und politisch kluges Mdchen wrde an Herta's
Stelle diese Macht schlau benutzt haben, um den alternden Grafen sich
unterthnig zu machen. Herta dachte nicht daran. Sie war zu ehrlich, um von den
guten Schwchen Anderer Vortheil zu ziehen, und auerdem auch zu sehr von
Dankbarkeit gegen das grfliche Haus durchdrungen, als da sie irgend etwas
gegen dasselbe htte unternehmen mgen, das sie vor ihrem Gewissen nicht
unbedingt gut heien konnte. Sie wute, da sie zur Familie des Grafen gehre,
allein ihre Armuth und der edle Schutz, den ihr Erasmus anfangs in einer
Pension, spter in seinem eigenen Schlosse gewhrt hatte, machten sie
bescheiden. Sie war eine Waise gewesen von Jugend auf, hatte weder Vater noch
Mutter gekannt und wute nur, da die Letztere eine Schwester von Erasmus
gewesen sei. Mehr hatte sie von ihren Aeltern nicht erfahren, und den Grafen,
ihren gtigen Oheim, wagte sie nicht zu fragen, weil er ihr mit mildem Ernst
bestimmt erklrt hatte, da ihr mehr zu wissen jetzt nicht fromme, da sie aber
vollkommenere Kunde ber ihre verstorbenen Aeltern erhalten solle, sobald sie
verheirathet sein werde. In einsamen Stunden, wenn sie dieser Rede gedachte,
ertappte sich die liebe Unschuld wohl zuweilen auf dem Wunsche, da diese Zeit
nicht mehr fern sein mge, und dann errthete ihr feines Gesicht und das Herz
klopfte ihr vor Neugier und verschmter Sehnsucht. Manchmal aber konnte sie auch
recht schwere Seufzer nicht unterdrcken, denn es bangte ihr, da sie von denen,
die sie in anbetender Liebe still verehrte, gewi recht viel Trauriges, wo nicht
gar Entsetzliches erfahren werde.
    Graf Erasmus litt am Podagra. Zu seiner Bequemlichkeit ward daher der Thee
in seinem Zimmer servirt. Dies war ein hohes, dunkles, alterthmliches Gemach,
feudalistisch grau, wie das ganze Schlo, und mit gemalten Tapeten
ausgeschlagen, die idyllische Schferscenen darstellten. Es hatte, wie Herta's
Wohnzimmer, nur zwei mehr hohe als breite Bogenfenster. Mbeln von hohem Alter
und neuerer Erfindung standen in bunter Mischung umher. Neben dem groen Kamin,
dessen Flamme nicht, wie heut zu Tage, mit Steinkohlen, sondern mit Holzkloben
genhrt wurde, erhob sich noch ein hoher und breiter Ofen von sehr veralteter
Fassung. Sein Inneres konnte bequem eine Viertelklafter Holz fassen. Er bestand
aus dunkelgrnen Kacheln in Wolkenform, aus denen geflgelte Engelskpfchen
sahen. Um stets eine gleichmige Temperatur im Zimmer zu erhalten, lie Graf
Erasmus Kamin und Ofen zugleich heizen, schob dann zwischen heide seinen
bequemen Lehnstuhl, legte die schmerzenden Fe auf weiche Polster und brachte
so, namentlich die Abendstunden, in ruhiger Behaglichkeit unter Gesprchen mit
den Seinigen zu.
    Erasmus war ein Mann von einigen sechzig Jahren, mit edlen, vornehmen Zgen.
Die Zeit, der er angehrte, und die Gewohnheiten, mit denen er von Jugend auf
vertraut geworden, hatten ihn zu einem entschiedenen Aristokraten im bessern
Sinne des Wortes erzogen. Er hielt den Adel fr eine Menschenrace, die
himmelweit verschieden sei von dem gemeinen Volk. Da beide, Kinder des Adels
wie des Volkes, gleiche Anlagen, gleiche geistige Befhigung und deshalb gleiche
Rechte htten, das bestritt er aufs Heftigste, und wer ihn sich gewinnen wollte,
durfte diesen Punct nicht berhren. Es ging sogar die Sage, da er in seiner
Jugend mehr als einmal in Folge dieser Ansicht unbillige Handlungen verbt habe.
Dabei aber lie er dem Volke, worunter er immer Unterthanen verstand, insofern
Gerechtigkeit wiederfahren, als er zugab, da es zu sehr vielen Dingen ntzlich
sei, da man es pflegen, schonen und mit Liebe behandeln msse, weil sonst kein
Staat bestehen knne und alle Herrschaft aufhre. Nach diesen Grundstzen
behandelte Erasmus seine eigenen Unterthanen, die ihn deshalb liebten und
ehrten.
    Die Bildung des Grafen war eine durchaus franzsische. Er hatte mehrere
Jahre in Paris gelebt und dort die Gesinnungen der vornehmen Welt sich zu eigen
gemacht, wie sie unter der lockern, entsittlichenden Regierung Ludwigs XV. sich
ausbildeten.
    Dies knnte unserm Schtzling in den Augen der Leser nicht eben sehr zur
Empfehlung dienen, htten wir nicht hinzuzufgen, da Graf Erasmus nur die
geschmeidige Feinheit im Umgangstone, das sarkastisch-witzige Element bei
geistiger Unterhaltung, die frivole, aber aufrttelnde franzsische Philosophie
damaliger Zeit, mit einem Worte das feine Arom der franzsischen Bildung mit all
seinen Mngeln sich zugeeignet, das Frech-Unsittliche aber, das gleinerisch
anlockend mit diesem geistigen Rausche sich verschwisterte, als strenger
Deutscher von jeher verachtet hatte. So kam er als vollendeter Weltmann aus
Paris zurck, der eleganten Formen mchtig, aber im Innern voll fester und
ehrenwerther Grundstze. Der Anblick der kokettirenden Lasterhaftigkeit, womit
der franzsische Adel prunkte, hatte ihn zurckgeschreckt und zu der
Ueberzeugung hingetrieben, da bei solchem Leben in kurzer Frist das ganze Reich
bedroht und in seinen Grundfesten erschttert werden msse.
    Weil Erasmus im Spiegel des Schlechten das Gute erkannt hatte, gab er sich
Mhe, auf seiner Herrschaft danach zu streben. Er verbesserte, so weit es sich
mit seinen Ansichten vertrug, die Lage seiner Unterthanen. Er sah darauf, da
seine Vgte Menschen von gutem Herzen waren, die seine Leibeigenen nicht
unnthig qulten. Hatte Jemand ein Anliegen, so hrte ihn der Graf ruhig an und
half, wo er konnte oder Hilfe nthig erachtete. Er verringerte sogar aus eigenem
Antriebe die Zahl der Hofetage, um durch grere Freigebung der Bauern eine
Verbesserung seines Besitzthumes zu erzielen. Und Erasmus hatte nicht falsch
gerechnet. Die Unterthanen hingen ihm an, thaten ihm manche Handleistung
freiwillig, wurden wohlhabender, hielten bessere Aerndten und konnten ihm in
Folge derselben auch die Abgaben pnktlicher zahlen.
    Ganz auders dachte seine Gemahlin Utta, aus einem stolzen hannverschen
Adelsgeschlecht. Sie war, was Eleganz, Form, uern Bildungsfirni anlangt,
vollkommen das Ebenbild von Erasmus, aber sie verachtete, ja hate sogar den
gemeinen Mann. War sie genthigt, mit irgend Jemand aus dem Volke zu sprechen,
so wehte sie sich immer mit ihrem Fcher Luft zu, damit der unedle Athem des
armen Proletariers ihre hochgrfliche exclusive Nase nicht mit seinem
ungebildeten Duft entweihe. Sogar in Gegenwart ihrer Dienstboten hatte sie diese
noble Passion beibehalten, obwohl sie jeden Diener ein wahres Purgatorium
durchmachen lie, ehe sie ihn wrdig fand, ihr zu nahen. Grfin Utta wrde es
jedenfalls vermieden haben, sich mit Leuten aus dem Volke zu umgeben, htte es
sich nur schicken wollen, Adelige zu so erniedrigenden Diensten zu gebrauchen.
Daher bedauerte sie auch hufig die unvollkommene Einrichtung der Welt, die
nicht eine eigene Dienerkaste hatte erfinden und begrnden knnen, welche
zwischen dem rohen Haufen und dem adlig Gebornen mitten inne stehe, diesem
allein aber seine unbefleckte Hand zu dienender Huldigung darreiche.
    Diese Frau, eine khle, hohe Schnheit, deren Spuren selbst das Alter der
Matrone noch nicht gnzlich verwischen konnte, war Magnus Mutter. Unter ihrer
Aufsicht wurde der stolze, trotzige, begabte Knabe erzogen. Ihm lehrte sie
tglich den Katechismus der unverflschten Aristokratie, fragte ihm denselben ab
und berschttete ihn mit Liebkosungen, wenn er gut bestand. Erasmus billigte
eine solche Kindererziehung zwar nicht, er hatte aber auch nicht hinreichende
Zeit und noch weniger Geduld, ihr entschieden entgegen zu treten. So begngte er
sich mit spttischem Lcheln und gelegentlichen Bemerkungen, die jedoch Grfin
Utta unbeachtet an sich vorberrauschen lie. Konnte man da verlangen, da
Magnus mit seinem angebornen Sinn zum Herrschen, mit seiner heftigen
Sinnlichkeit, mit dem sorgsam gepflegten Hange, den unbeschrnkten Tyrannen zu
spielen, ein Anderer werden sollte, als wie wir ihn bereits kennen gelernt
haben? Immer fand er eine bereitwillige Frsprecherin in seiner Mutter, wenn er
als Knabe die Herrscherwillkr zu weit getrieben hatte und deshalb Klagen bei
seinem Vater einliefen. Ein Verweis, bald mehr bald minder streng, war die
einzige Art der Bestrafung, die Magnus kennen lernte. Diesen nahm er mit der von
seinem Vater streng geforderten Ergebung hin, um sich unmittelbar darauf von der
zrtlichen Mutter seiner Selbstbeherrschung und anmuthigen Sitte wegen loben und
in seinen Thorheiten bestrken zu hren.
    Nach Entwerfung dieser Silhouetten bitten wir den Leser, uns in das Zimmer
des Grafen Erasmus zu begleiten. Der Graf sa in seinem auf Rollen ruhenden
Lehnstuhle zwischen Kamin und Ofen. Ein mit Zobelpelz verbrmter Schlafrock von
feinstem Stoff umhllte ihn. Den edel geformten, wohl frisirten Kopf hatte er
auf die rechte Hand gesttzt. So hrte er mit feinem Lcheln einem Gesprche
seiner Gattin zu, das diese in dem Augenblick abbrach, wo Herta mit dem
Bedienten eintrat, der ein Theeservice von kostbarem meiener Porzellan in
chinesischem Geschmack trug.
    Das junge Mdchen grte Oheim und Tante mit schalkhafter Vertraulichkeit
und machte sich sodann, auf der Seite des Kamins Platz nehmend, mit Einschenken
des Thee's zu schaffen, dessen Bereitung die Grfin ihr stets berlie.
Seltsamerweise liebte die schroffe Aristokratin ihre Nichte ber alle Maen,
obwohl sie mit ziemlicher Bestimmtheit wute, da Herta ganz andern Ideen
nachhing als sie. Die unverkennbare Herzensgte des jungen Mdchens, verbunden
mit dankbarer Hingabe an ihr Haus, und die natrliche schwebende Grazie, die das
junge Geschpf mit weit mehr Reiz umgab als die kunst- und erziehungsgerechteste
Tournre je um sich verbreitet, gewann der schnen Nichte ihr Herz und lie sie
kleine Flecken, die sonst in ihrem Auge entstellenden Fehlern, ja
verachtungswrdigen Verbrechen geglichen haben wrden, bersehen.
    Nun, meine Liebe, sprach Erasmus, als ihm Herta die erste Tasse Thee mit
freundlichem Lcheln reichte, worber hast Du heut so lange nachgedacht, da
der reine Himmel Deiner Stirn mit leichten Wolken umschleiert ist?
    Herta schlug hastig die tiefen groen Augen auf und ein sanftes Roth
berrieselte ihre Wangen.
    Bin ich so ernst? fragte sie schchtern.
    Nachdenkend, mit Wnschen und Ideen Dich tragend, wie ich es gern habe,
doch wr' es mir noch lieber, wenn ich Dich immer frei und froh erblickte. Deine
Jugend will ich nicht von dem kleinsten Schatten getrbt wissen.
    Da mut Du die Sonne auslschen, versetzte Herta schalkhaft, denn das
liebe warme Himmelslicht hat mir schon manchen Schatten in mein Zimmer geschickt
und mich gar arg verfinstert.
    Erasmus schlrfte bedchtig den Thee und lie dabei mehrmals sein Auge auf
dem Mdchen ruhen, das darber beunruhigt niederblickte. Deine scherzhafte
Antwort kann mich doch nicht tuschen, sagte er nach einigem Zgern. Du bist
nicht meine klare, seelenstille Herta, Du bist aufgeregt.
    Ach ja, das bin ich auch, Onkel, aber von weiter nichts, als der Lectre.
    Was lasest Du? fragte schneidend scharf die Grfin.
    Ein deutsches Buch, erwiederte kaum halblaut das junge Mdchen.
    Herta, versetzte die Grfin ruhig, aber in befehlendem Tone, ich habe
Dich schon so hufig ermahnt, diese rohe, unzarte und alle chte Bildung
zerstrende Lectre aufzugeben, aber es scheint nicht, da meine mtterlichen
Warnungen etwas bei Dir fruchten. Wie hab' ich solchen Undank verdient? Fehlt es
Dir etwa an bildender Unterhaltung? Die gesammte Bibliothek steht Dir zu Gebote,
Du brauchst mir Deine Wnsche nur zu nennen. Altes und Neues ist reichlich
vorhanden, alle Schriften der geistreichsten franzsischen Autoren, denen
gebildete Geister allein Geschmack abgewinnen knnen und drfen, ffnen sich
Dir. Warum also diese Abweichung vom Wege der Pflicht und guten Sitte? Warum
diese abscheuliche Vorliebe fr unsere neuesten plumpen deutschen
Schriftsteller, denen ich kaum diesen Namen zugestehen mchte? Es ist nicht
einer darunter, der wahrhafte Lebensart besitzt. Sie lieben alle den Verkehr mit
dem Pbel und incanaillisiren sich durch so entwrdigenden Umgang. Ja habe ich
doch sogar von einer Freundin hren mssen, da mehrere dieser Menschen, von
denen der ungebildete Haufe jetzt so groes Geschrei macht, sich zuweilen
betrinken! Fi donc! Sich betrinken, wie unsere wendischen Holzbauern! - Das
allein verdirbt mir allen Geschmack, macht, da ich jedem Buche so roher
Menschen den Zutritt in mein reines Zimmer verwehre, und enthielte es selbst
entzckende Dinge. Nur der Mann der Gesellschaft, der feinen Lebensart kann
Werke schreiben, die uns fesseln und gefallen! - Was lasest Du?
    Herta warf einen fragenden Blick auf den Grafen, der mit stillem Lcheln
dieser Strafrede seiner Gattin zugehrt hatte. Erasmus verstand seinen Liebling
und sagte mit leichtem Augenblinken, das Herta Untersttzung verhie: Ja,
Liebe, das mchte ich auch wissen.
    Das Mdchen senkte wieder die Blicke, und whrend sie Wasser in die
Theekanne go, was eigentlich ein Eingriff in die Rechte der Grfin war,
erwiederte sie: Es war das neue Trauerspiel von Schiller, von dem die Zeitungen
so viel sprachen. Don Karlos, Infant von Spanien hat es der Dichter genannt.
    Von Schiller? fiel die Grfin ein. Ist das nicht der aufrhrerische
Taugenichts, der heimlich seinem gndigen Herrn entlaufen ist und das
abscheuliche, schwlstige, der lsterlichsten Gedanken volle Buch Die Ruber
geschrieben hat? Ein sauberer Mensch, dieser Schiller! Die Polizei sollte auf
ihn fahnden und ihn in lebenslnglichen Arrest bringen, um alle Unschuldigen vor
seiner Verfhrung zu schtzen. Hat er es ja doch schon so weit gebracht mit
seinen hochverrtherischen und aufrhrerischen Schriften, da die Schuljugend
zusammengelaufen ist und seine hllischen Phantasien auf's wirkliche Leben hat
anwenden wollen. Grade dieser Mensch ist mir unter allen deutschen Autoren der
verchtlichste, der boshafteste, und der Ha aller Gutgesinnten wird ihn
verfolgen. Und dieser Mensch wagt es, seine unsaubern plebejischen Hnde zu
einem Infanten von Spanien, zu einem Knigssohn zu erheben!
    Es war dies ein Thema, bei welchem die Grfin immer sehr beredt wurde und
nicht selten in etwas unaristokratischen Zorn gerieth. Wenn Erasmus einen
Ausbruch dieser Art bemerkte, fing er an zu husten, was ein sicheres Zeichen
seiner Unzufriedenheit war. Dann migte sich seine Gemahlin, weil sie es fr
entschieden roh hielt, auch nur die Ahnung an einen Streit mit ihrem Gatten in
Andern aufkommen zu lassen. Auch jetzt hustete Erasmus, da er sah, da Herta von
den Worten ihrer Pflegemutter in tiefstem Herzen verwundet wurde. Utta brach
ihre Rede sogleich ab und reichte dem Grafen einen Teller fein geschnittener
Brdchen, als wolle sie ihm den Mund damit stopfen.
    Erasmus dankte verbindlich, drehte spielend seine goldene Tabatire zwischen
dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand und sprach zu Herta:
    Theile ich auch nicht vollkommen die Entrstung meiner Frau ber Deine
Lectre, mein gutes Kind, so gestehe ich doch, da ich ebenfalls keinen Gefallen
an Deiner sonderbaren Wahl finde. Ich gebe zu, da die neueren deutschen Poeten
gebildeter, feiner und geistreicher sind, als ihre Vorgnger, allein Geschmack,
jener unbeschreibliche Duft, der uns aus jedem franzsischen Geistesproduct
entgegenweht, dieser fehlt ihnen noch gnzlich. Sie wollen durch Kraft und
Ungeheuerlichkeit die mangelnde Eleganz der Form ersetzen, welche einzig und
allein nur dem Witz und freien Spiel des Geistes erreichbar ist. Sie besitzen
mit einem Worte keinen Esprit. Auch werden sie es nie dazu bringen, weil unsere
Sprache zu schwerfllig ist und sich nie die leichte Geschmeidigkeit der
franzsischen Sprache aneignen kann. Doch billige ich es, da man auf diese
Bewegungen in der deutschen Literatur achtet und Theil daran nimmt, soweit es
sich mit guter Gesellschaft vertrgt. Nur sei man vorsichtig dabei! Man wisse zu
sondern und lasse sich nicht von Leidenschaft und Vorurtheil leiten! Wir haben
bereits recht geschmackvolle und feinsinnige deutsche Schriftsteller, mit deren
Werken ich mich selbst einigermaen beschftigt habe. Wieland, Herder, Goethe
haben recht liebe Sachen geschrieben. Einige ihrer Schriften wrde ich Dir, wenn
Du deutsche Bcher so sehr liebst, empfehlen. Allein gegen diesen Schiller habe
ich meine Bedenken! Er ist ein entschiedener Revolutionr, gefahrvoll fr die
Jugend, gefahrvoll fr das ungebildete Volk! Er redet Ideen das Wort, die,
griffen sie Platz im Leben, unsere ganze Existenz bedrohten. Namentlich richtet
er seine, ich gebe es zu, furchtbaren Schwerthiebe gegen die hchsten Stnde und
schon deshalb mssen wir ihn ignoriren. Ignoriren ist eine hchst empfindliche
Strafe, die mehr wirkt, als Lrm! - Dies meine Meinung, liebes Herzchen, und nun
sage mir, weshalb Du von der Lectre so nachdenkend gestimmt worden bist?
    Erlasse mir dies, guter Onkel, versetzte Herta. Ich mte die herrlichen
Worte, die kniglichen Gedanken, welche alle Menschen, ja die ganze Welt mit
gleicher Liebe umfassen, auswendig wissen, wenn ich Dir ein nur schwaches Bild
von dem Gemlde entwerfen wollte, das jeden Guten entzcken mu. Nein, Oheim,
lies es selbst das Buch! Lies es ohne Vorurtheil, in vllig reiner
Geistesstimmung, und dann sage mir unumwunden, was Du davon hltst. Verurtheilst
Du meinen Schtzling, so verspreche ich Dir, meine Hand von ihm abzuziehen.
    Brav, mein Mdchen! sagte Erasmus, zog die schlanke Gestalt an sich und
kte sie auf die im Feuer der Begeisterung leuchtende Wange. Du hast Recht,
man mu prfen, ehe man urtheilt oder gar verdammt.
    Aber sage mir doch, kleiner Schalk, warf die Grfin ein, gewaltsam ihren
Verdru ber die Milde und Nachgibigkeit ihres Gemahls niederkmpfend, wie bist
Du denn zu diesen aufregenden Bchern gekommen?
    Herta prete feurig die Hand der Tante an ihre schwellenden Lippen. Nicht
zrnen, beste Tante! sagte sie, so hold bittend, mit so engelsanftem Blick der
groen schnen Augen, da Weigerung nicht mglich war. Die Grfin gewhrte die
Bitte durch gndiges Kopfnicken.
    Also, fuhr Herta munter und treuherzig fort, so hrt mich denn! Einige
Meilen von hier gegen die Berge hin wohnt ein wunderlicher, aber herzensguter
Mann, der sich durch Unterricht der Dorfkinder kmmerlich genug sein Brod
erwirbt. Er ist Schulmeister und heit Gregor. Wenigstens kennt ihn Gro und
Klein unter diesem Namen. Ich halte den guten Mann nicht eben fr sehr gelehrt,
dazu ist er zu steif und unbeweglich, auch mag er wohl nicht viel Zeit zum
Studiren brig behalten, aber fr Besorgung des geringsten Auftrages, den man
ihm gibt, lt sich Keiner bereitwilliger finden.
    Bauernschulmeister! bemerkte hier die Grfin und wehte sich mit dem
aufgeschlagenen Fcher Luft zu.
    Dorfschulmeister, verbesserte Herta etwas boshaft.
    Nun siehst Du, dieser ganz prchtige Mann ist ein leidenschaftlicher
Bienenvater und als solcher sehr gebt und gesucht. Schon im vorigen Jahre sah
ich ihn mehrmals in der Gegend beschftigt, ausgeflogene Schwrme einfangen und
die Bauern in der Kunst der Bienenzucht unterrichten. Bei seiner Wortkargheit
macht er sich dabei recht drollig. Nun Ihr wit ja, meine besten Herzensltern,
da ich ein klein wenig neugierig bin und mein Nschen berall hinstecke. So
fragte ich also den Schulmeister Gregor eines Tages, wo ich ihn wieder mit
seiner Arbeit, die Drahtmaske vor dem Gesicht, beschftigt sah, was Alles dazu
gehre, ein tchtiger Bienenvater zu werden? Darber erschrak der gute Mann so
furchtbar, da er den Rucherkrug fallen lie und beinahe den Bienenkorb noch
obendrein umgestoen htte. Er stotterte, verbeugte sich unbeschreiblich komisch
und sagte nach mehrmaligem fruchtlosen Ansatz zum Sprechen weiter nichts als -
ganz natrlich!
    Erasmus lachte recht herzlich ber den erschrockenen Schulmeister und auch
die Grfin erlaubte sich eine lchelnde Miene zu ziehen und die Erzhlung ihrer
neugierigen Nichte spahaft zu finden.
    Nach und nach ward mein Mann etwas dreister, fuhr Herta fort, und durch
langes und vieles Fragen bekam ich doch einen Begriff von der Bienenzucht. Es
ist aber keine Beschftigung fr Mdchen und Frauen, darum will ich den Bienen
ihre Geheimnisse lassen und mich mit den Frchten ihres Sammelfleies begngen.
Schon wollte ich dem guten Schulmeister fr seine Belehrung danken, als er mich
beim Saum des Aermels ergriff -
    Fi donc! rief die Grfin entrstet und schob ihren Stuhl um einen halben
Schritt vom Theetisch zurck. Ein Dorfschulmeister hat den Aermel Deines
Kleides angefat! Der Fcher gerieth dabei wieder in sehr lebhafte Bewegung.
    Beruhige Dich, meine Liebe, sagte der Graf sarkastisch, er hat ihn
angefat und das mag uns trsten.
    Ja, fuhr Herta fort, er fate mich am Aermel und sagte in langen Pausen:
Engel, hehrer, ser Engel - ganz Natur! - Wollen Sie vielleicht ein Buch ber
Bienenzucht lesen, so kann ich Ihnen ein vortreffliches leihen, natrlich!
Dieses Anerbieten rhrte mich, ich dankte ihm aufrichtig und fragte dabei, weil
es mir gerade einfiel: ob er mir vielleicht irgend ein anderes Buch besorgen
knnte? - Ganz Natur, gab er zur Antwort, mit einer Wrde, als habe er ber ein
mchtiges Knigreich zu gebieten. Sie drfen nur wnschen, Engel in
Menschengestalt, und es soll geschehen, wenn es meine Krfte nicht
berschreitet, natrlich, Natur! - Da nannte ich ihm denn einige Werke, nach
denen ich lstern war, und mein braver Gregor hat mir pnktlich Wort gehalten.
So kamen, wie Frhlingsvgel, die den warmen Sommer verknden, zugleich mit den
Lerchen ein paar Bnde von Schiller, Novalis und Brger; so flog auch Don Karlos
in mein stilles grnes Bltterboskett, und ich sage Euch, da sie mich alle
recht glcklich gemacht haben, weit glcklicher, als Eure vielgepriesenen
steifen und unwahren Franzosen. Und nun rufe ich mit meinem lieben Schulmeister:
natrlich, Natur!
    Herta unterlie nicht, nach diesem Gestndni sowohl Oheim wie Tante
ehrfurchtsvoll die Hand zu kssen, gleichsam als bitte sie ihrer Khnheit wegen
um Verzeihung. Die Grfin war auch sichtbar aufgebracht, weil sie aber dem
Mdchen ihr Wort gegeben hatte, nicht zrnen zu wollen, so hllte sie sich in
den undurchdringlichen Panzer ihrer aristokratischen Abgeschlossenheit,
spreitete den Fcher aus und wehte sich immer von Herta's Seite her frische Luft
zu. Die harmlose Erzhlung mute ihr erstaunlich auf die Brust gefallen sein.
    Erasmus klopfte Herta auf die vor Schaam und Furcht glhenden Backen. Sei
ohne Furcht, sagte er, kein Unwetter soll Deinen blauen Unschuldshimmel
trben. Du bist zwar eine kleine gefhrliche Schmugglerin, die eigentlich Strafe
verdiente, fr diesmal jedoch soll diese nur in vorlufiger Confiscation Deiner
Contrebande bestehen. Du wirst mir die Lieferungen Deines prchtigen
Schulmeisters ausliefern und zwar sogleich! Nach einigen Tagen werde ich Dir
Dein Eigenthum zurckgeben und mich darber erklren, ob der Schulmeister auch
knftig noch mit Dir soll verkehren drfen oder ob ich ihm verbieten mu, in die
Nhe des Schlosses zu kommen. Jetzt geh' und hole die Bcher!
    Still gehorchend entfernte sich das junge Mdchen. Diesen Augenblick
benutzte die Grfin um ihrem Gatten einige Vorwrfe ber sein Verfahren zu
machen. Sie schlug den Fcher zusammen, legte ihn vor sich hin und sagte mit
vornehmem Aufwerfen der Lippen:
    Du verwhnst das Kind, mein Freund! Durch solches Gestatten sthlen wir
ihren an sich schon festen Willen und impfen ihr eine Selbststndigkeit ein, die
auf falsche Bahnen gerathend ihr uerst gefhrlich werden kann. Es wre
diplomatischer gewesen, Du httest dem berspannten Kinde ihre schlechte Lectre
ohne Angabe des Grundes verboten. Das Dictatorische macht auf Jugend und Volk
den nachhaltigsten Eindruck.
    Herta ist ein kluges Mdchen, versetzte Erasmus, und ich will nicht, da
man der Entwickelung ihrer reichen, gesunden Naturanlagen hemmend entgegentritt.
Sie soll selbst unterscheiden lernen, damit sie in spteren Jahren nach eigenem
Urtheil whlen kann.
    Zu stark treibende Pflanzen mu man der Sonne entziehen, damit sie sich
nicht berwachsen.
    Du erinnerst mich doch immer an Deinen frhern Verkehr mit dem Onkel. Immer
und immer schimmert aus Deinen sammetweichen Worten, die noch sanfter klingen,
wenn sie ber Deine Lippen gleiten, ein feiner Strahl jesuitischen Lampenlichtes
heraus, das heimlich in die Herzen der Menschen hineinleuchtet.
    Warum gedenkst Du dieses als eines Unheils? versetzte die Grfin. Wir
verstehen schlecht unsern Vortheil, wenn wir uns bldsinnig der Privilegien
begeben, die uns Geburt und Rang verliehen haben. Den Jesuitismus betrachte ich
nicht als einen religisen Orden, mir ist er nur ein System, dessen Anwendung
auf das Leben von unberechenbarer Wirkung ist. Das sollte der Adel wohl bedenken
und sich, gleichviel welcher Confession er angehrt, mit den Jesuiten in
stillster Stille verbrdern. Oder siehst Du nicht ein, mein Freund, da die
Erschtterungen in Frankreich eine vllige Auflsung allen Standesunterschiedes
prophezeihen? Da der wahnsinnig gewordene Pbel seine blutigen Kothhnde gegen
uns erhebt, um uns in die Kloaken seiner Gemeinheit hinabzureien?
    Als Erasmus auf diese Bemerkungen seiner umsichtigen Gattin antworten
wollte, kam Herta mit den Bchern zurck und legte sie freundlich vor den Grafen
hin.
    Hier bringe ich Dir meine Herzensfreunde, sagte sie, einen langen und
tiefen Blick aus ihrem frommen Auge dem Oheim sendend. Ich werde sie recht
vermissen, denn sie waren mir frh und Abends liebe Gefhrten, die meine Seele
mit ihren entzckenden Weisheitssprchen labten und mich erkennen lieen, wie
herrlich das Leben auf dieser schnen Erde sein msse, wenn ihre Lehren auf
fruchttragendes Land fielen! O mir strzen die heien Schmerzensthrnen in die
Augen, blicke ich hinaus in's dampfende Land der Haide und sehe berall nur
gebckte Knechte, statt aufrechtgehender Menschen, wie Gott will, da wir alle
sein sollen!
    Es scheint, Du hast bei Deinem Schulmeister Unterricht genommen im
Predigen, bemerkte die Grfin mit vorwurfsvollem Tone.
    Beste, gndige Tante, schmhe meinen alten Freund nicht, er hat es wirklich
nicht um mich verdient! sagte Herta und kte der Grafin die Hand. Wenn Du so
verchtlich von den armen Leuten sprichst, sinkt mir aller Muth, dem Oheim eine
Bitte vorzutragen, die mir recht am Herzen liegt.
    Mir, meine kleine Revolutionrin? fragte der Graf, der inzwischen das
Personenverzeichni des Don Karlos gelesen hatte. Er zeigte das Buch jetzt
seiner Frau ber den Tisch und sagte: Gegen diese Gesellschaft lassen sich
keine gegrndeten Einwendungen machen.
    Darf ich reden? fragte Herta mit leuchtenden Blicken.
    Ich habe Dir nie eine Frage an mich verwehrt. Sprich offen und wahr!
    Wie immer, mein gtiger Oheim. - Nicht wahr, einer Deiner armen
Haidebauern, oder ist er ein Grtner, heit Sloboda?
    Das wei ich wirklich nicht, liebes Kind, doch glaube ich, da mehrere
dieses Namens unter meine Unterthanen zhlen.
    Der Mann, den ich meine, ist schon bei Jahren und hat eine hbsche junge
Tochter, die Rschen heit.
    Ja, ja, sagte Erasmus nachdenkend, das wird der groe Jan sein, dessen
Sohn im Gemeindehause als irr untergebracht worden ist.
    Ganz recht, fiel Herta lebhaft ein, ein Baum erschlug ihm seine Frau beim
Holzfllen. Den schrecklichen Tod hat er sich zu Gemthe gezogen und nun ist er
geisteskrank, der Arme!
    Sein Vater bittet mich gewi um eine Untersttzung?
    Nein, mein gtiger Oheim. Ich habe weder Vater noch Tochter gesehen und
wei berhaupt Alles, was ich Dir jetzt gesagt habe, blos von einer dritten
Mittelsperson, einem jungen schlanken Bauerburschen, der mich heut Morgen um
Frsprache bat.
    Aber Herta! Du, ein Spro des hochgrflichen Hauses von Boberstein, lt
Dich in Unterredungen mit schmutzigen Bauerburschen ein! rief die Grfin und
schob das Buch mit einer Bewegung des Abscheus zurck, um wieder nach ihrem
schirmenden Fcher zu greifen.
    Ach, beste Tante, der gute Mensch war nicht schmutzig, aber arm, recht sehr
arm mochte er wohl sein, versetzte Herta, betrbt die Augen niederschlagend.
Und was ist es denn Bses, wenn ich einen Unglcklichen anhre? An wen anders
soll sich denn der Bedrngte wenden, als an den Mchtigern? Die Starken sollen
die Schwachen beschtzen, sollen die Bsen im Zaume halten und sie zum Guten
zwingen. Und wenn ich auch weder stark noch mchtig bin, so hat das arme Volk
doch Zutrauen zu mir, weil ich es liebe und ihm helfe, wo ich es vermag. Und
deshalb wenden sich die Bekmmerten an mich in der Hoffnung, da ein bittendes
Wort bei meinem braven, mchtigen Oheim Linderung ihrer Leiden bewirken knne.
    Du spannst meine Neugier, Mdchen, fast befrchte ich eine gewaltthtige,
ungesetzliche Handlung, sagte der Graf.
    So drfen wir das Geschehene wohl nennen, ergriff Herta abermals das Wort
und fuhr, immer leidenschaftlicher und zrnender ihre zarte Stimme erhebend,
fort. Der erwhnte Bursche Clemens liebt Sloboda's junge Tochter und will sie
als Gattin heimfhren, wenn Du Deine Einwilligung dazu gibst. Der arme Wende
wohnt in einem entlegenen Dorfe, das zum Zeiselhofe gehrt. Auf seines Vaters
Gehft war Rschen zu Besuche. Da wird die Dienstschau ausgeschrieben und der
Gutsherr verlangt, da das zarte Mdchen mit andern ihres Alters auf den Hof
kommen soll -
    Er wute gewi nicht, da sie fremd war.
    Dies wurde ihm gesagt und dennoch beharrte er auf seinem Befehle.
    Nun?
    Die Wendin und ihre Verwandten weigerten sich, dem Befehle zu gehorchen -
    Und? - Sprich, sprich, was geschah?
    Der erzrnte Herr raubte das arme Kind mit Gewalt und schleppte es mit
sich.
    Der Bube! Wie heit er? Kennst Du ihn? Kann ich ihn erreichen?
    Ich sagte schon, mein guter Oheim, da der Herr vom Zeiselhofe sich eine
solche Gewaltthat erlaubt hat!
    Das ist eine von den ekelhaften Erfindungen des Pbels, fiel die Grfin
ein, wodurch er sich an dem Adel rchen will, weil er nichts besitzt.
    Wie ist das! sagte Erasmus mit zitternder Lippe und mit beiden Hnden die
gepolsterten Arme des Lehnstuhles umklammernd. Herr des Zeiselhofes ist ja mein
Sohn Magnus!
    Der arme Clemens nannte bebend diesen Namen.
    Weiter, weiter! rief der Graf mit zornfunkelndem Auge.
    Durch einen Zufall, den ich nicht nher kenne, entkam das Mdchen und
flchtete sich zu ihrem Vater. Dieser frchtet aber, da ihm sein Kind abermals
entrissen werden knne und wnscht es deshalb unter Deinen oder - fgte sie
lchelnd hinzu - wie der gute Bursche sagte unter meinen Schutz zu stellen.
    Hast Du ihm Hoffnung gemacht?
    Der arme Mensch dauerte mich, bester Oheim. Er zitterte an allen Gliedern
vor Furcht und Scheu und bat so instndig, so aus der rechten Schmerzenstiefe
seines Herzens, da ich mich seines verfolgten Brutchens anzunehmen versprach,
wenn Du mir Erlaubni dazu gbest.
    Sehr brav, mein Mdchen! Doch was soll ich mit der Wendin beginnen?
    Diese Sorge will ich Dir sogleich abnehmen, Herzensoheim. Aller
Beschreibung nach ist Rschen hbsch und ich habe gern hbsche Dienerinnen um
mich. Sie wird auch geschickt, lernbegierig sein, wie alle Wenden, und da hab'
ich mir denn vorgenommen, so lange sie in meinen Diensten bleibt, sie zu
unterrichten und recht gebildet ihrem Brutigam auszuliefern, wenn er sie als
Hausfrau von mir zurckbegehrt.
    Gestatte dies nicht, ich bitte Dich, mein Freund! sprach die Grfin. Das
Mdchen wei in ihrer Tollheit nicht mehr, was sie verlangt, was sie zu thun im
Begriffe steht! Eine gebildete Leibeigene, mon dieu, wo soll das hinaus!
    Erasmus sa mir vorgebeugtem Oberkrper schweigend im Lehnstuhl. Er hielt
den ausdrucksvollen Kopf etwas gesenkt und aus seinen dster zusammengezogenen
Augenbrauen und der tiefen Furche, die sich von der Nasenwurzel an senkrecht bis
in die Hlfte der hohen intelligenten Stirn hinauf zog, war zu ersehen, da er
ernstlich und grollend ber den Vorfall nachdachte. Aengstlich und
erwartungsvoll schwieg Herta, emprt ber die ihrer festen Ueberzeugung nach
erfundene Geschichte die Grfin. In der stillen Abendluft klang vom See herauf
Stimmengerusch, dann schlugen die Wolfshunde im Schlohofe an und die
Dienerschaft ward lebendig.
    Der Graf erhob langsam sein Haupt. Sein Gesicht war bleich, sein Blick ernst
und entschlossen.
    Herta, sprach er, die Winke seiner grollenden Gemahlin nicht beachtend,
wenn Magnus dies wirklich gethan hat, dann wehe ihm! Er hat mein Vaterherz
hundertmal verwundet und immer verzieh ich ihm wieder, eine Schandthat aber, die
mein reines Wappen beschmutzt, vergeb' ich nimmer! Ich verstoe, ich enterbe
ihn. Er ist mein Sohn nicht mehr!
    Der Bediente trat ein.
    Was gibt es fr Gerusch im Schlosse? fragte die Grfin.
    Seine Gnaden, der Herr Graf Magnus, ist so eben angekommen, und bittet den
gndigen Herrschaften seine Aufwartung machen zu drfen.
    Bei diesen Worten trat Magnus in's Zimmer.

                                Drittes Kapitel.



                                Vater und Sohn.

Ein zertrmmernder Erdsto htte keine grere Wirkung auf die kleine
Theegesellschaft hervorbringen knnen, als die unerwartete Erscheinung des
jungen Grafen. Erasmus wendete langsam sein todtenbleiches stolzes Gesicht nach
dem frechen Sohne, ihn mit flammendem Blick betrachtend. Herta stand auf und
verbeugte sich leicht vor dem Vetter, der mit zarter Anfmerksamkeit an die
Grfin herantrat und ihr ehrfurchtsvoll die Hand kte. Nur von der Seite
streifte sein Blick den alten Vater, dessen Aussehn und finstre Miene ihm sagte,
da er kein willkommener Gast sei. Dies hinderte ihn jedoch nicht, sein Auge mit
brennender Lsternheit auf der untadelichen Gestalt seiner schnen Cousine ruhen
zu lassen.
    Magnus trug seinen alltglichen modischen Reitrock und war berhaupt eben so
fein als elegant gekleidet. Nur sein linkes Auge und die Schlfe waren jetzt mit
einem feinen schwarzseidenen Tuche umwunden, was ihm ein lauerndes Ansehen gab.
Der kecke Schlag Rschens mit dem silbernen Leuchter hatte diesen Verband nthig
gemacht.
    Da Niemand Anstalt traf, den Sohn des Hauses freundlich zu begren, und
selbst die Mutter nur einen guten Abend, lieber Sohn! zu flstern wagte,
schwellte der Zorn seine Adern. Er trat hart an den Lehnstuhl des Vaters und
fragte hflich-kalt:
    Sollte ich vielleicht einen wichtigen Familienrath stren, mein Vater, so
bin ich erbtig, mich zurckzuziehen und zu gelegnerer Stunde um eine
Unterredung mit Ihnen zu bitten.
    Kommst Du als reuiger Sohn, so werde ich Dich gern anhren, versetzte der
Greis, willst Du aber Deine neueren Thaten mit gleinerischen Worten
beschnigen, dann wirst Du wohl thun, Dich so lange von meinem Zimmer fern zu
halten, bis ich als Leiche darin liege.
    Man hat mich verleumdet, wie ich sehe! fuhr Magnus auf. Es wird mir doch
gestattet sein, nach dem Namen meines Verleumders fragen zu drfen?
    Das habe auch ich behauptet, sagte die Grfin, dem Sohne beitretend. Du
hast dem Mdchen ein zu leichtglubiges Ohr geliehen.
    Also meiner liebenswrdigen Cousine bin ich fr diesen unfreundlichen
Empfang zu Dank verpflichtet, entgegnete Magnus mit teuflischer Grazie, und das
verschchterte Mdchen mit einem furchtbaren Blicke berflammend. Nimm
einstweilen die Versicherung meiner innigsten Erkenntlichkeit fr diese
Aufmerksamkeit.
    Magnus, nahm jetzt der alte Graf das Wort, ich will mich noch einmal
bemhen, ruhig und liebreich wie ein Vater mit Dir zu reden, aber ich bedinge
mir aus, da Du Herta mit all der Achtung behandelst, die ein tugendhaftes
Mdchen von Dir fordern darf.
    Ich werde mich anstrengen, Ihren Befehlen nachzukommen.
    Ich wollte, Du httest es stets gethan, dann htten wir beide nicht so
viele traurige Stunden zu beklagen. Doch la uns dieses Gesprch endigen und
sage, was Dich zu so ungewohnter Stunde zu uns fhrt?
    Diese Frage hatte Magnus erwartet. Er richtete sich stolz auf und versetzte:
Htte mein gndiger Vater mich weniger unfreundlich empfangen, so wrde er in
meinen Nachrichten erkannt haben, da kindliche Gefhle meinem Herzen nicht
fremd sind.
    Er sttzte sich jetzt mit dem linken Arm auf die Lehne eines Sessels und
nahm eine nachlssige, aber leichte und gefllige Stellung an. Dann fuhr er
fort:
    Mein Vater, die Folgen der revolutionren Bewegungen in Frankreich fangen
an auch in Deutschland einen Wiederhall zu finden. Unsere Bauern, unsere
Leibeigenen werden widerspnstig und wagen es, einen eigenen Willen haben zu
wollen.
    Dies ist ein Prbchen, welchen Nutzen die Verbreitung neuer Ideen stiftet,
bemerkte die Grfin mit einem Seitenblick auf Herta.
    Sprichst Du aus eigener Erfahrung? fragte der Graf.
    Seit einigen Tagen murren meine Knechte, versetzte Magnus. Sie weigern
sich, dem Voigte, einem rechtlichen, strengen Manne, zu gehorchen und zeigen
sogar mir unzufriedene Mienen. Ich kann und will das nicht dulden, und weil ich
wei, da mein Vater niemals der Willkr das Wort geredet hat, wende ich mich
zuerst an Sie und ersuche, ja flehe Sie, mit mir vereint diesen aufrhrerischen
Trotz zu beugen, den frechen Uebermuth elender Sclaven empfindlich zu strafen!
    Ich erwarte Deine nheren Angaben, sagte Erasmus vornehm gelassen.
    Vielleicht wissen Sie nicht, mein Vater, da der Heerd der Unzufriedenheit
unmittelbar am Fue Ihres Stammschlosses zu suchen ist? Ihre Milde, Ihre Gte,
Ihre Herablassung hat diese Rotte armseligen Volkes khn gemacht. Meine schne
Cousine - Sie vergeben mir, mein Vater, da ich mit aller Achtung vor Schnheit
und Herzensgte den Anklger machen mu - meine schne Cousine st tglich wild
fortwucherndes Unkraut durch ihre Besuche in den schmutzigen Htten der
Leibeigenen. Sie behandelt diese Auswrflinge wie gesittete Menschen; sie
spricht mit ihnen, als wren sie ihres Gleichen, und fabelt ihnen von bessern
Tagen, von einer gerechten Freiheit und Gleichheit der Gesetze vor. Kurz meine
liebenswrdige Muhme predigt mit dem besten Erfolge die schmachvollen Lehren der
franzsischen Jakobiner! Sie erlauben mir, mein Vater, da ich meine
Behauptungen durch Thatsachen beweisen darf. Vor einigen Wochen schrieb ich eine
Gesindeschau auf meinen Ortschaften aus. Ein Mdchen, das ich besonders tauglich
fand fr meine Dienste, widersetzte sich hartnckig und bestritt meine
Herrschaft ber sie. Diese Dirne war die Tochter eines Ihrer Unterthanen, seit
lngerer Zeit aber schon heimisch in einem mir speciell zugehrenden Dorfe.
Dennoch war sie weder durch freundliche Worte noch durch Drohungen zu einer
Sinnesnderung zu bewegen. So that ich denn, was ich mute, ich brachte sie
gewaltsam auf meinen Edelhof, und was glauben Sie wohl, mein Vater, da diese
Dirne zu thun wagte?
    Magnus sah den Grafen und seine gespannt aufhorchende Mutter lange an.
Erasmus winkte.
    Sie war so beispiellos frech, Hand an mich zu legen, mich beinahe
lebensgefhrlich zu verwunden! sagte Magnus. Ueberzeugen Sie sich selbst, mein
Vater, und Sie, meine gtige Mutter, halten Sie Ihr Entsetzen ber eine That
zurck, fr die ich vorschlagen mchte, eine eigne Strafe zu erfinden!
    Geschickt wute der schlaue Magnus whrend dieser Worte die schwarze Binde
zu lsen, unter der eine rothblaue, noch nicht ganz verharrschte Wunde sichtbar
ward, die gefhrlicher aussah, als sie war. Grfin Utta schlug die vollen weien
Hnde in stummem Erstaunen in einander und auch Herta warf einen kurzen Blick
auf den vorgebeugten schnen Kopf des jungen Mannes. Vollkommen ruhig
betrachtete Erasmus die Verwundung seines Sohnes.
    Nur eine geringe Kraftvermehrung wrde mich todt niedergeworfen haben,
sagte Magnus mit erheuchelter innerer Erregung. So lag ich nur eine Zeit lang
in starrer Betubung, und diese benutzte das freche Geschpf, um zu entfliehen.
Ich habe sichere Kunde, da dieses strafwrdige Mdchen sich unter Ihre Obhut,
mein Vater, begeben hat, und weil ich nicht Ihre Rechte schmlern will, bitte
ich ganz gehorsamst entweder um ihre Auslieferung an mich, damit ich ber die
Art ihrer Bestrafung mit mir zu Rathe gehen kann, oder ersuche Sie, da Sie
selbst das Richteramt in dieser Sache bernehmen.
    Wie heit das Mdchen? fragte Erasmus.
    Rschen Sloboda.
    Rschen! wiederholte Herta leise, doch laut genug, um von Magnus
verstanden zu werden.
    Hast Du bei Deiner Erzhlung auch nichts zu erwhnen vergessen? Es wre mir
sehr unlieb, wenn ich in dieser Angelegenheit zu Deinem Nachtheil entscheiden
mte.
    Sie haben die volle Wahrheit gehrt.
    Wahrheit, die uns mit ewigem Abscheu gegen diese Elenden erfllen mu!
rief die Grfin. Armer Sohn, guter gemihandelter Magnus! Sei versichert, da
Dein Vater diese uns Allen zugefgte Schmach streng, beispiellos streng ahnden
wird!
    Uebereilen wir uns nicht, meine Freundin, erwiederte Erasmus. Hat sich
das Mdchen wirklich so hart an unserm Sohne vergangen, wie Magnus behauptet, so
wird es der Strafe nicht entgehen. Vorher aber wollen wir ganz unparteiisch die
Sache untersuchen.
    Sie setzen Mistrauen in die Worte Ihres Sohnes?
    Ich vertraue Dir so viel, wie Du verdienst, arrtwortete Erasmus streng.
Darin erflle ich nur Demen Willen. Httest Du mich nie getuscht, so wrde ich
keine Zweifel in die Wahrhaftigkeit Deiner Erzhlung setzen. So aber pflegtest
Du mich stets zu hintergehen und der lgenhaften Worte sind zehnmal mehr ber
Deine Zunge gegangen, als der wahrheitsgetreuen.
    Mein Vater!
    Schweig, es ist so! - Und was hast Du zu Deiner Entschuldigung anzufhren,
wenn ich Dir sage, da die arme Wendin Dich bereits bei mir verklagt hat?
    Magnus verlie seine bisher beibehaltene etwas kokette Stellung und trat
einen Schritt vom Stuhle zurck. Dann sagte er:
    Ich kann es mir denken, da diese intrigante Person ihre Frechheit so weit
getrieben hat, oder sollte ich vielleicht auch diese neue Wendung der Dinge der
zuvorkommenden Vermittelung meiner schnen Cousine -
    Herta bittet blos fr Arme und Unterdrckte, fiel Erasmus ein, aber
entstellt nie einfache Thatsachen. Mich dnkt, mein Sohn, es ist nicht Alles
rein in Deinen Worten! Rschen ward gewaltsam entfhrt und hat Gewalt mit Gewalt
erwiedert. Es ist daran gar nichts Unbegreifliches, nichts Uebernatrliches.
Aber wenn ich nun Gelegenheit nehme, diese geheime Entfhrungsgeschichte genauer
zu beleuchten, wrde dann mein Sohn nicht etwa Ursache haben zu errthen? Ich
will jetzt nicht weiter gehen, Magnus, ich gebe Dir nur zu bedenken, da ein
bses Gercht umluft unter dem Volke ber den Tod von Jan Sloboda's
Schwiegertochter, und da ich alter Mann nicht vermag, diesem Gercht die Zunge
auszureien!
    Geschwtz, rachschtige Verleumdungen derer, die ich wegen Waldfrevel
bestrafen lie.
    Ich sprach die Sterbende, sagte Erasmus mit einem Tone, der furchtbar
klang und selbst Magnus erblassen machte. Sie hat mir, mir ganz allein
gebeichtet und auf ihren Wunsch habe ich ihre Beichte tief in mein bekmmertes
Herz verschlossen. Doch glaube mir, Magnus, da ich seitdem an jedem Abend mein
Haupt mit schwerem Kummer zur Ruhe lege, da ich die Zukunft, da ich Deine
Zukunft frchte!
    Grfin Utta blickte zum ersten Male mit Entsetzen auf ihren Liebling, in der
Hoffnung, da der Ausdruck seiner Zge ihr zu muthiger Entgegnung Anla geben
werde. Aber sie bebte in sich selbst zurck vor Magnus. Dieser stand wie leblos
vor seinem mit finsterm Richterauge zu ihm aufblickenden Vater. Seine Hnde
zitterten sichtbar und das Antlitz mit der schwarzen Binde glich vollkommen
weiem Marmor. Er hatte die Augen fest auf den Boden geheftet. Weil ihm die
Krfte versagten, sank er auf den Stuhl nieder, auf dessen Lehne er sich bisher
in eitler Selbstgeflligkeit gesttzt hatte. Es mute ein furchtbares Geheimni
sein, zu dessen Kenntni der alte Graf gekommen war und das er jetzt im
entscheidenden Augenblick als niederschmetternde Waffe gegen seinen eigenen Sohn
gebrauchte. Eine beklemmende Pause trat ein, die Niemand zu unterbrechen wagte.
Um diese Todtenstille aufhren zu lassen, die wie ein Sargdeckel ber den
Huptern der Familie schwebte, fing Herta an, mit dem Theegeschirr zu klappern.
Dies gab dem alten Grafen aufs Neue Fassung, und da es nun einmal zu einer
Aussprache gekommen war, ergriff er abermals das Wort und wendete sich damit
fast ausschlielich an seinen Sohn.
    Es scheint, als verkenntest Du ganz die Pflichten des Herrn gegen seine
Untergebenen, sagte er. Dir und leider tausend Andern, welche Dir gleichen,
sind alle Unterthanen nur Werkzeuge, nur Maschinen, die man abnutzen kann nach
Belieben und zu seinem Vergngen. Du glaubst blo Forderungen, keine Pflichten
an sie zu haben. Es sollte aber die Ehre des Adels sein, die Unterthanen zu
schirmen, sich in Noth und Jammer ihrer anzunehmen, sie zu bilden, zu erziehen
und aus der dumpfen Atmosphre geistiger Erniedrigung, in der sie schmachten,
emporzuheben in die heitere Luft einer hellern Denkungsart, eines bessern
Daseins! Was soll denn aus uns und der Welt werden, wenn wir immer nur auf einem
Punkte uns fortdrehen wollen, wie wahnsinnige Derwische? Wir mssen zuletzt in
vllige Apathie versinken und als bldsinnige Schwchlinge verkmmern! Schreitet
fort! ruft jede Seite der Weltgeschichte uns zu; lernt die Zeiten und deren
Bedrfnisse verstehen, predigt uns jeglicher Tag! Es taucht keine Sonne hinter
Berg und Meereswoge unter, ohne fern von unserm Auge einen neuen Bildungshalm
ins Leben zu rufen, und jeder neue Morgen ist der Tauftag einer neuen That,
eines gewaltigen ins Leben geschleuderten Geistes! Das, mein Sohn, la uns
bedenken, dann wird uns der Sturmschritt der Zeit nicht wie ein versengender
Sirocco berfallen! - Wir sind alle krank, krank an Gedanken, Meinungen,
Vorurtheilen, die wir aus lngst vergangenen Tagen in unsere Zeit
herbergeschleppt haben und die wegzuwerfen als leere Hllen aus ihnen
hervorgegangener buntbeschwingter Seelen uns schwer fllt. Aber wir mssen uns
selbst an die Brust fassen und munter rtteln, wenn uns der ermattende Schlaf
trber Erbschaft berfallen will! - Was war, was ist, was soll der Adel sein?
Die Gesellschaft der Besten, der Fhigsten, der Muthigsten aller Zeiten! Sucht
er nicht darin seinen Ruhm, seine Ehre, so hat er sich berlebt und ist auf ewig
verloren! - Wir Deutschen, die wir diesem glcklichen und bevorzugten Stande
angehren, sollten nicht blind und taub sein bei den furchtbaren Ereignissen in
Frankreich. Sie enthalten eine groe Lehre fr Jeden, der in albernem Dnkel und
in brutaler Macht sich ber die Masse der Menschheit erheben will. Ich mag nicht
behaupten, da ich ein Anhnger jenes Camille Desmoulin, jenes Danton und
Robespierre sei, da ich billige, was der Wahnsinn eines verzckten,
wuthschumenden Pbels ruft: Jeder sei dem Andern gleich und Alle htten gleiche
Rechte zu fordern. Aber ich glaube und sterbe auf die Wahrheit des hohen
gotthnlichen Gedankens, da es Zweck und Ziel dieses Erdenlebens und irdischer
Fortenlwickelung sei, im Laufe der Jahrhunderte das gesammte Menschengeschlecht
zu vervollkommnen und jedem Individuum ein solch allgemeines Bildungsma zu
Theil werden zu lassen, da jeder Einzelne behaupten darf: er sei gleich dem
Besten der Besten! Diese Zeit, wann sie kommt, wer wei es! Da sie kommen wird
und mu, sagt mir meine eigene Vernunft! Da sie bald komme, dahin wirke, wer
Kraft und Macht dazu hat, und dies ist zur Zeit noch der Adel! Will er stolz
sein und Ursache haben zu solchem Stolze, so schmcke er seine Wappen und die
Zinnen seiner Burgen mit Lorbeerkrnzen gewunden von den Hnden derer, die er
jetzt seine Unterthanen, seine Leibeigenen nennt! -
    Schon geraume Zeit hatte Herta mit froh glnzendem Auge dem Grafen zugehrt.
Als dieser jetzt schwieg, warf sie sich mit Leidenschaft an Erasmus Brust, kte
ihn auf den Mund und sagte: Ich wute es ja, da mein guter, klarer Oheim mich
nicht miverstehen knne! Grade so, wenn auch mit andern Worten, spricht mein
lieber Schiller, der noch vor einer Stunde ein schlechter, anfrhrerischer
Mensch sein sollte! Jetzt lies Du nur meine Bcher, lies, so lange Du willst,
ich wei doch, da Du mir sie selbst wiederbringen und mich obendrein noch
beloben wirst!
    Der Entwurf Ihres idealen Lebens, mein Vater, hat viel Bestechendes,
erwiederte Magnus. Offen gestanden aber ist es mir noch unklar, wie Sie die
gepriesene Bildung in der rohen Masse des Volkes hervorrufen wollen? Sie
verlangen doch schwerlich, da wir selbst das Amt der Schulmeister verwalten
oder als Vgte und Verwalter uns unter Knechte und Mgde mischen sollen? Ich
wenigstens mu dieses Amalgamirungssystem ein fr allemal verschmhen. Es ist
mir persnlich nichts entsetzlicher, als eine schwielige Hand, die sich nur mit
wenigen Tropfen Wasser begngt.
    Mir aus der Seele gesprochen! sagte die Grfin und begann wieder ihr
Fcherspiel.
    Ich htte meinen Sohn fr fassungskrftiger gehalten, entgegnete Erasmus.
Wie ich jedoch zu meinem Leidwesen sehe, gehrt oder zhlt er sich mit Absicht
den Hohlkpfen zu, die Wrde und Ehre des Adels nur im Junkerthume und all den
uern Dingen suchen, zu deren Erlangung weiter nichts als leidliches Geld,
etwas Frechheit und ein kaltes Herz gehrt.
    Verzeihen Sie, mein Vater! Haben Sie vielleicht die Absicht, den Notablen
Frankreichs nachzuahmen und sich freiwillig zu Gunsten der brllenden Menge, die
sich Volk nennt, Ihrer Ehren, Wrden, Titel und Besitzthmer zu entschlagen?
    Damit wir Deutschen nicht ebenfalls eines schnen Morgens dazu genthigt
sind, fordere ich Gerechtigkeit, Milde und Erziehung fr das Volk.
    Ich mchte Ihnen gern gefllig sein und bitte dehalb, mir die Wege zu
zeigen, die wir einschlagen mssen, um das Volk, wie Sie sagen, zu uns
emporzuheben.
    Wem sie das eigene Herz, die ruhige Besonnenheit nicht nennt, dem wird kein
Fingerzeig eines Andern etwas frommen. Es ist so leicht, wie den Gesetzen der
Natur folgen! Erhebe Dich zu der freien und allein richtigen Ansicht, jeden
Menschen als Deines Gleichen zu betrachten, und Du wirst gegen Deinen geringsten
Diener nicht hart, nicht launisch, nicht herrisch sein knnen. Die Stellung, die
er durch einen bloen Unfall Dir gegenber einnimmt, berechtigt Dich nicht, sein
Menschengefhl zu beleidigen, im Gegentheil, wir sind verpflichtet, weil er
abhngig ist, ihn zu schonen und seine Schwchen mit Geduld zu tragen!
    Sehr wohl, mein Vater! Sind Sie gesonnen, diese Grundstze unter Ihren
Leibeigenen mittelst Ausruf bekannt machen zu lassen?
    Lieber Magnus! bat die Grfin. Du vergit Dich!
    Nicht doch, meine Freundin, er bleibt sich nur selbst gleich. Da ich aber
nicht gesonnen bin, einen Streit ber Ideen und Zeitansichten fruchtlos lnger
auszudehnen, erklre ich diese Unterredung fr beendigt. Unser Sohn mag
berlegen, was zu seinem Frieden dient, und sich am Tage nach Ostern frh um
zehn Uhr in der Schlohalle einfinden. Dort wird er sich seiner Anklgerin
gegenber rechtfertigen oder fr schuldig erklrt werden. Keine Einwendung,
meine Freundin! Die Frucht ist reif zur Aerndte, und ich will endlich einmal
dieser tyrannischen Willkrherrschaft ein Ziel setzen, und mte ich mein
eigenes Fleisch und Blut verurtheilen.
    In diesen Worten des alten Grafen lag eine so bestimmt ausgesprochene
Entlassung, da Magnus Anstand nahm, seinem Vater nochmals starren Trotz
entgegen zu setzen. Dennoch durfte er um keinen Preis die rcksichtslose
Confrontation mit der Wendin geschehen lassen, wenn er nicht vor Unterthanen und
Dienerschaft gebrandmarkt dastehen und allen Einflu auf sie verlieren wollte.
In dieser peinlichen Verlegenheit richteten sich seine Gedanken auf Herta. Sie
allein konnte, wenn sie zu berreden war, den Vater zu anderer Manahme
bestimmen. Sie wute um seine Gewaltthat, wie er aus der Einleitung des
Gesprchs wohl erkannt hatte, und darum galt es, sie entweder auf seine Seite
herberzuziehen oder durch irgend welche Scheingrnde zu einer andern Ansicht zu
vermgen. Noch war er sich unklar ber den Operationsplan, den er einschlagen
wollte, aber er hoffte auf sein gutes Glck, auf prgnante Einflle und auf sein
Ueberredungstalent, wenn ein schnes Mdchen seinem Geiste Schwung, seiner Rede
Kraft und Feuer verlieh. Er stand auf und griff nach seinem Hut.

    Ich bitte meinen Ungestm der Aufregung zu verzeihen, beste Aeltern, in die
mich das Unerhrte versetzt hatte. Gehorsam Ihren Winken ziehe ich mich zurck,
um zur bestimmten Stunde im Auge meines Vaters Gnade oder Verdammung fr sein
einziges Kind zu lesen. Meine theure Mutter, vergeben Sie mir, wenn die
gemachten Mittheilungen Ihre Nachtruhe stren sollten!
    Magnus fhrte Utta's Hand mit der ihm eigenen gewinnenden Liebenswrdigkeit
an den Mund, verbeugte sich achtungsvoll vor seinem Vater und grte mit
wohlwollender Vertraulichkeit Herta. Dann verlie er das Zimmer.
    Leuchte mir nach meinen Gemchern! befahl er barsch dem Bedienten und
folgte dem Vorausschreitenden durch mehrere schmale Corridore. Whrend dieses
Ganges ri er ein goldberndertes Blatt aus seiner Schreibtafel, schrieb einige
Worte darauf und faltete es in einen Knoten zusammen. Auf seinem Zimmer
angekommen, fragte er den Bedienten: Wann zieht sich Frulein Herta auf ihr
Zimmer zurck?
    Schlag neun Uhr, gndigster Herr!
    Siehst Du sie noch?
    Ich kann es so einrichten.
    Willst Du mir einen Dienst leisten, von dem das Wohl unseres Hauses
abhngt?
    Gndigster Herr, Sie wissen, da ich fr das grfliche Haus in den Tod
gehe!
    Dann gib dies Billet an Frulein Herta. Ich werde in der Nhe sein und
sobald das Frulein es erbricht, zeige es mir durch das Oeffnen der Thre an.
Ich werde dann in demselben Augenblick, wo Du das Zimmer des gndigen Fruleins
verlt, dasselbe betreten. Hast Du mich verstanden?
    Sehr wohl, Herr Graf.
    Dann gib Acht, da uns Niemand stre!
    Der Bediente verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Erben des Hauses und ging
nachdenkend, das unscheinbare Blttchen zwischen den Fingern drehend, zu seinen
Genossen zurck.

                                Viertes Kapitel.



                               Magnus und Herta.

Etwa fnf Minuten vor neun Uhr verlie Magnus sein Zinrmer ohne Licht und
schlpfte durch die engen matt erleuchteten Gnge des alten Schlosses nach dem
Flgel, welchen seine Aeltern bewohnten. In dem groen Vorzimmer, auf das eine
ganze Reihe von Thren mndete, befand sich ein hoher schwerflliger
Kaminschirm, der zugleich als Garderobe benutzt ward. Hinter diesen zog sich
Magnus zurck, nachdem er mit schnellem Griff die gemeinsame Klingel mit einem
seidenen Tuche umwunden hatte. Aus diesem Versteck konnte er bequem die ganze
Lnge und Breite des Gemaches, so wie smmtliche Zimmerthren bersehen. Als die
Schlouhr langsam die neunte Abendstunde verkndigt hatte, ffnete sich die Thr
zum Wohnzimmer seines Vaters, eine glockenhelle, weiche Mdchenstimme rief
herzlich gute Nacht und Herta, ihr Arbeitskrbchen am weien Arm, trat heraus,
von dem vorleuchtenden Bedienten begleitet. Mit etwas gesenktem Kpfchen, so da
die reiche Lockenflle ihre schnen Zge fast ganz in Schatten hllte, schritt
das schlanke Mdchen ber den Vorraum, lie sich von dem Bedienten die Thr
ffnen und empfing noch, ehe sie diese wieder schlo, das Billet des jungen
Grafen.
    Von wem? hrte sie Magnus mit sanfter Stimme fragen.
    Ich sollte es abgeben, erwiederte der kluge Bediente.
    Herta dachte nicht im Entferntesten daran, da Magnus mit ihr in
Correspondenz treten knne und wolle. Sie hatte noch nie eine Zeile von dem
verfhrerisch wilden Manne erhalten, selbst damals nicht, als er noch auf
Boberstein wohnte. Spter war er absichtlich khl und verletzend gegen sie
geworden, da er seine Werbungen um ihre Gunst mit einer Khnheit betrieben
hatte, die sie nthigte, ihm die hrtesten Vorwrfe zu machen und sich streng
von ihm abzuschlieen. Obwohl aber das junge Mdchen den sittenlosen,
flatterhaften und rachschtigen Jngling frchtete, fhlte sie doch etwas in
ihrem Herzen, das fr ihn sprach. Seine feine Galanterie, seine stolze
Ritterlichkeit, wohl auch das vllig Rcksichtslose in allen Angelegenheiten, wo
seine Leidenschaft in's Spiel kam, zog sie an und veranlate sie in frheren
Tagen hufig, bei dem unzufriedenen Vater ihm Frsprecherin zu werden.
Allerdings war ihre Achtung vor Magnus jetzt vllig verschwunden. Die
Gewaltthat, welche er gegen das schwache wendische Mdchen ausgebt, hatte sie
emprt, und die Art und Weise, wie er noch so eben seine Gesinnung gegen den
braven alten Vater ausgesprochen hatte, der sich die grte Mhe gab, die Stimme
einer neuen Zeit zu verstehen und ihrem Rufe sich anzuschlieen, erfllte ihre
jungfrulich reine Seele wirklich mit Abscheu und kaltem Entsetzen. Es lag so
gar nichts Kindliches in dem Betragen des Sohnes gegen den Vater. Seine hflich
gefaten Antworten klirrten von scharf geschliffenem Spott, von beiendem Hohn.
Er durfte nur diese glatte Form noch abstreifen, und das widerlichste Scheusal,
wie es je Undank und Verachtung alles Gttlichen im Menschen auszubrten
vermochten, stand m grauenvoller Nacktheit vor Aller Augen.
    Das Billet ihres Vetters in der Hand ging Herta nach der Epheulaube am
Fenster, um das Krbchen auf den Arbeitstisch zu stellen. Erst als sie dies
gethan und durch freundliches Nicken ihr Eichhrnchen begrt hatte, dessen
kluge muntere Augen am glsernen Schieber glnzten, knotete sie das
Papierstreifchen auf. Der Bediente verbeugte sich und vertauschte unter der Thr
seine Stelle mit dem jungen Grafen.
    Magnus verhielt sich ruhig, bis Herta seine Zeilen berflogen hatte und
entrstet ausrief: Johann, wie kannst Du Dich unterstehen - Zugleich wendete
sie sich rasch um und erblickte ihren Vetter im Halbdunkel des grauen langen
Zimmers. Das Wort erstarb ihr auf der Zunge, aber sie errthete so heftig vor
Zorn, da flammende Purpurgluth Gesicht, Stirn und Nacken bergo.
    Verzeihung, schne Cousine! sagte Magnus, mit leichtem Tritt und ohne die
geringste Schchternheit nher kommend. Ich erscheine heut mit weier
Friedensfahne und trage Dir unter annehmbaren Bedingungen Waffenstillstand an.
Hoffentlich wirst Du Dein Geschlecht nicht so ganz verlugnen, da Du einen
unglcklich Bittenden ungehrt von Dir weisest.
    Es ist entwrdigend, mich so zu berfallen! stotterte mit vor Zorn
grollender Stimme das emprte Mdchen.
    Im Gegentheil, es zeigt von einer Anhnglichkeit an Dich, die keine Gefahr
scheut, ja die es sogar wagt, den Zorn der Schnsten unter den Schnen auf sich
zu laden! Aber wie Du auch jetzt von mir denkst, Du wirst milder ber mich
urtheilen, wenn Du meine Beweggrnde gehrt hast.
    Ich will nichts hren, ich befehle Dir, Dich auf der Stelle zu entfernen!
versetzte zitternd Herta und stampfte dabei trotzig mit dem kleinen Fue auf den
Boden.
    Wenn Du so reizend zrnst, werde ich mich fr immer bei Dir einquartieren,
schne Cousine. Ein geistreiches Mdchen ist nie entzckender, als im gttlichen
Wahnsinne des Zornes. Sieh, ich mache es mir bequem, um Dich ruhig bewundern zu
knnen. Tobe Dich jetzt aus, Herzensblume, wirf mir alle Sonnenfunken Deines
Ingrimms in's Gesicht, ich will sie mit gierigen Hnden auffangen und mit
solcher Andacht an meine Lippen fhren, als seien es Blttchen aus der
Rosenknospe Deines Herzens.
    Und Magnus streckte sich gemchlich auf das alterthmliche Sopha und
verschlang seine Arme ber der Brust.
    Herta antwortete nicht. Dem kecken Eindringling gegenber lehnte sie an
ihrem Schreibtische und ma ihn mit stolzen, kalten Blicken.
    Du wirst ruhig, das gefllt mir, nahm Magnus nach einer Pause wieder das
Wort. Ein ruhiger Zuhrer lt dem Sprecher stets am leichtesten Gerechtigkeit
widerfahren. - Ich sagte vorhin, da ich als Friedensbote zu Dir kme, jetzt
gehe ich noch weiter und schlage Dir vor: la uns Bundesgenossen sein!
    Da Herta auch darauf keine Antwort gab, fuhr Magnus fort: Mein gestrenger
Herr Vater, der, ich wei nicht wie und weshalb? auf einmal zur Partei der
Revolutionre berzutreten Miene macht, hat mir als Nachfeier des Festes eine
Scene angekndigt, die unterhaltend und originell zu werden verspricht. Der
letzte Sprosse eines edlen Grafengeschlechts einer Rotte schmutziger Leibeigener
gegenber als Angeklagter vor dem Richterstuhle des emprten eigenen Vaters -
wahrhaftig, das ist so wild romantisch, da die blutdrstige Canaille aus den
Straen von Paris es nicht vortrefflicher erfinden knnte! In seinem absoluten
Gerechtigkeitsfieber sieht der alte Mann nicht ein, da dadurch, wie sich die
Sachen auch gestalten mgen, ein unauslschbarer Flecken auf sein Haus, auf sein
Wappen fllt, den Jahrhunderte neuen Glanzes nicht wieder auslschen knnen. Der
simpelste Menschenwerstand begreift, da dies nicht geschehen darf -
    Warum nicht? unterbrach Herta den jungen Grafen. Soll der hochgeborne
Graf und Frst, wenn er ein Schuft gewesen ist, nicht dieselbe Gleichheit vor
dem Gesetze haben, in die er sich vorher durch seine Handlungsweise mit dem
Pbel gebracht hat?
    Diese Sprache der Neuzeit, meine schne Cousine, verstehe ich nicht. Ich
sage, es befleckt unser Haus fr immerwhrende Zeiten, wenn die angekndigte
Gerichtssitzung in der Schlohalle stattfindet. Darum mu sie hintertrieben
werden.
    Von wem?
    Von Dir und mir. Wir beiden im Bunde halten die ganze Meute ab.
    Auf mich rechne nicht! Ich kann und will nichts thun, als die gekrnkte
Unschuld beschtzen.
    Das ist so lblich von Dir, da ich Dich gleich dafr kssen mchte, mte
ich nicht befrchten, Du wrdest Deine weien runden Perlenzhnchen in meine
Lippen schlagen, und das wre in sofern ein Unglck, als dies nach dem Feste
gegen mich zeugen wrde. Darum la uns vernnftig mit einander sprechen und uns
verstndigen. - Ich habe es lngst gemerkt, da sich die kleine erboste Wendin
direct an Dich gewendet und Dir ein Histrchen erzhlt hat, welches, die
Ausschmckungen weggelassen, der Wahrheit nahe kommen mag. Du siehst, angebetete
Herta, da ich ganz ehrlich bin und mich Dir gegenber gar nicht besser machen
will, als ich in der That bin. Ja ich gestehe Dir sogar freiwillig, da ich bei
der niedlichen Wendin ein klein wenig zu weit gegangen sein mag! Ich habe sie
entfhrt, weil sie ein so bses Gesicht machte und mir grade deswegen gefiel.
Und das Satansmdchen hat mich dafr schn gezeichnet! Nun hre mich ganz ruhig
an und urtheile, ob ich Urecht habe? - Da ich kein Joseph geworden bin, das mag
mein Herr Vater mit der Frau Mama ausmachen. Mein Temperament gefllt sich nun
einmal nicht im Entbehren, sondern im Genieen, und solche allerliebste duftende
Mdchenblumen, die in stiller Haide lockend aufschieen, sind doch wahrlich
nicht dazu da, da sie von plumpen Bauern geknickt werden! Auch magst Du
bedenken, da, wenn ich in meinen Wnschen und Begierden wirklich zu tadeln sein
sollte, nur Du ganz allein daran Schuld bist! Immer nur schwebt Deine zarte,
schlanke, warm geschmeidige Elfengestalt vor meinen Blicken, so reizend und
begehrerisch, da ich in jedem schnen Mdchen das Schattenbild von Dir zu
erblicken glaube und in Leidenschaft fr sie entbrenne! Httest Du mich erhrt,
ser Engel, so sh' ich auer Dir kein Mdchen, ich wte gar nicht, da es
noch Weiber gbe, die auch schn, auch liebeverheiend sind. Seit Du mich aber
verschmht, mir sogar verboten hast, mit Dir zu sprechen, seitdem tobt und
lodert eine verzehrende Flamme in meiner Brust, die Nahrung sucht und Alles, was
ihr nahe kommt oder was sie erreichen kann, in Fieberwuth zu verbrennen begehrt.
Habe ich also der kleinen Wendin ein Leid in sofern zugefgt, als ich sie mit
Gewalt und unter heimlichen Nebengedanken entfhrte, so bist eigentlich Du der
Anstifter dieses Unglcks und auf Dich mssen alle Folgen, die sich daraus
ergeben, zurckfallen. Werde ich nun gezwungen, vor Gericht Rede zu stehen, so
sei versichert, da ich Dich nicht schone! Die Nothwehr zwingt mich, jedes
Auskunftsmittel zu ergreifen.
    Magnus, unterbrach Herta den Sprechenden mit einem Ausdruck in Stimme und
Miene, der ihre moralische Entrstung hinlnglich verriethen, bisher habe ich
Dich bedauert, wohl auch zuweilen gehat, von jetzt an aber mu ich Dich
grndlich verachten! Du bist ein gemeiner, verrotteter Bsewicht!
    Das scheint Dir blos so, schne Cousine, hre noch meine Grnde und Du
wirst Dein Urtheil ndern und mich freisprechen. - Es leuchtet Dir ein, da so
nahe Verwandte, wie wir es sind, einander mit solchen Anklagen nicht
entgegentreten drfen. Dadurch wrde unrettbar ein Skandal entstehen, den
wirklich alles Wasser der Welt nicht mehr von unserm Namen abwaschen knnte! Nun
berlege aber, was auf dem Spiele steht! Hier unser aller Ehre und
Ehrenhaftigkeit, dort ein unbekanntes, verachtetes Mdchen, ein Geschpf
berdies, das ich als Leibeigene behandeln kann, wie ich will. Ich habe das
Recht dazu, und wir wollen uns ber Recht oder Unrecht dieses Rechtes jetzt
nicht streiten. Halten wir fest, was da ist und gilt. Was, frag' ich, ist
besser, ist leichter zu verantworten, wozu rth gesunder Menschenverstand und
Klugheit, zu Brandmarkung unseres alten Namens, zu Vernichtung unserer Ehre oder
zu Verurtheilung einer leibeigenen Wendin durch das ganz einfache Mittel, da
man sie Lgen straft? Mich dnkt, die Wahl kann hier nicht schwer sein. -
    Einem gewissenlosen Menschen gewi nicht.
    Ich danke fr das Prdicat. - Um jedoch weiter zu kommen, fahre ich fort.
Nach dem Vorausgeschickten verlange ich von Dir, da Du morgen frh bei Zeiten
meinem Vater erfolgreiche Vorstellungen machst und ihm aufzhlst, was Alles bei
dem beabsichtigten Verfahren unserm Hause droht! Ferner wirst Du mir
versprechen, Dich bei der Gerichtsscene gar nicht zu zeigen, um nicht durch
Deine allbekannte Herzensgte meine Plne zu kreuzen, und endlich verbitte ich
mir jede Frsprache, wenn ich es in unserm Interesse fr nthig erachte, eine
gelinde Strafe ber das Mdchen zu verhngen, die mihandelnd ihre Hand gegen
mich aufhob!
    Ich htte schon dabei sein mgen, wie die an ihrer Ehre gekrnkte Wendin
Dich so empfindlich zchtigte!
    Was hat meine schne Cousine auf die gemachten Vorschlge zu antworten?
    Sie fragt zurck: was gedenkt der Herr Graf zu thun, wenn die Cousine gar
nicht auf ihn achtet?
    Bis dahin hatte Magnus, nachlssig im Sopha lehnend, das Gesprch mit Herta
gefhrt, jetzt schnellte er empor, als bewegten ihn unsichtbare Krfte, und
stellte sich vor das junge Mdchen. In diesem nicht denkbaren Falle, meine
Schne, versetzte er flsternd, wird der entehrte Graf Magnus von Boberstein
in der gemthlichsten Weise Genugthuung von seiner liebenswrdigen Gegnerin
fordern.
    Und diese Gegnerin wird nicht anstehen, diese dem Grafen zu geben, wenn sie
es fr nothwendig hlt.
    Wirklich? Sieh da, meine schne Cousine hat wirklich Heldenblut in ihren
Adern.
    Herta wendete sich ab von dem Grafen und setzte sich unter das grne
Laubdach am Fenster. Da ich nunmehr wei, sprach sie, was Dich zu diesem
unschicklichen Besuche veranlat hat, und auch Du von mir erfahren hast, was und
wie ich von Dir denke, so wnscht' ich, da eine Unterhaltung beendigt werden
mge, die beiden Theilen gleich unangenehm ist.
    Glaubst Du, ich werde mit solcher Antwort unverrichteter Dinge fortgehen?
Dann wre ich werth, da man mich als wahnsinnig einsperrte.
    Du willst mich also noch lnger beunruhigen? Nun dann werde ich Hilfe bei
denen suchen mssen, die mir sie angelobt haben.
    Sie stand auf, um zu schellen.
    Magnus vertrat ihr den Weg.
    Daran hab' ich gedacht, sagte er sarkastisch lchelnd, und weil ich einem
so schnen und zarten Geschpf nicht gewaltsam entgegentreten wollte, schnitt
ich vor meinem Besuch der Glocke die Zunge aus.
    Abscheulicher! murmelte Herta, wie vorhin sich wieder mit dem Rcken gegen
ihren Schreibtisch lehnend.
    Ich sorgte blos dafr, da kein nutzloser Lrm noch Skandal entstehn
mchte! - Also ganz in der Krze, zrnender Engel, willst Du mir beistehen und
eine Thorheit durch feines Schweigen zur rechten Stunde vergessen machen? Blos
ja oder nein!
    Nein!
    Das ist wirklich eine bndige Antwort. Auch in der Schlohalle wirst Du
nicht fehlen?
    Auch da nicht.
    Und wenn mich die Wendin und ihre vermuthlichen Beistnde anklagen?
    Dann werde ich gegen Dich zeugen.
    Magnus senkte den Kopf ein wenig und schlo die Augen einige Sekunden, als
wolle er um jeden Preis einen Ausweg ersinnen. Er fhlte, da der Boden unter
ihm zusammenbrach, da sein Ansehen fr immer dahin war, wenn sein Vater in
momentaner Mistimmung gegen ihn entschied und Rschen frei sprach. Nach einiger
Zeit richtete er seine durchbohrenden Blicke wieder auf Herta.
    Nun, sprach er, ein Mann schickt sich in das Unvermeidliche, so gut es
geht. Der Tag nach dem Feste soll mich als Mann kennen lernen! Wie aber stehen
wir von jetzt an mit einander, ser Trotzkopf?
    Einem wohlerzogenen Cavalier wird dies der Anstand sagen.
    An Frieden ist also nicht zu denken?
    Ich heuchele nie!
    Und wenn ich statt der weien die blutrothe Flagge aufziehe?
    Auch dann werde ich weder meine Meinung noch mein Verfahren ndern.
    Das wird freilich Blut kosten, erklrte Magnus achselzuckend.
    Willst Du mich ermorden? fragte Herta lchelnd.
    Nicht doch, nur an die versprochene Genugthuung erinnern!
    Ja so!
    Darf ich die schne Cousine vielleicht gleich heut nach der Waffengattung
fragen, die sie fr diesen Fall bestimmt?
    Wenn der Graf Magnus sich mit einem Mdchen durchaus schlagen will,
versetzte Herta mit komischer Ernsthaftigkeit, so mu ich ja wohl zur Pistole
greifen.
    Also Pistolen. Sehr wohl. Und der Ort des Rencontre?
    Jeder beliebige, welchen Graf Magnus fr sicher hlt.
    Gromthig entschieden, ich mu gestehen!
    Die letzte Hlfte dieses Gesprches hatte Magnus mit gesenktem Blicke
gefhrt. Es schien, als grabe er whrend des Sprechens mit allem Scharfsinne
nach Mitteln, die ihn retten knnten, oder als whle er in den Schachten seines
erfinderischen Geistes nach irgend einem abenteuerlichen Plane. Jetzt sah er
seine Cousine wieder mit einem jener dmonischen Blicke an, in denen die ganze
Gluth der Hlle, berschwebt von einem einzigen bleichen Funken himmlischen
Lichtes strahlte, und schien ihr Bild tief in seine Seele einsaugen zu wollen.
    Nun so wnsche ich Ihnen eine gute Nacht und se Trume, sagte er, sich
tief vor ihr neigend. Auf Wiedersehen in der Schlohalle!
    Magnus durchschritt langsam das Zimmer, ohne da Herta seinen Abschiedsgru
erwiederte oder ihn zurckrief. Dicht an der Schwelle blieb er stehen und kehrte
sich nochmals um.
    Schne Cousine, soll es denn wirklich geschehen? sagte er mit beklommenem
Herzen. Mu es durch den Starrsinn eines Mdchens dahin kommen, da die Buben
auf den Straen mit Fingern auf uns zeigen werden? Und dieses selbe Herz, dieser
selbe Mund, der jetzt kein Wort der Gnade fr mich hat, lie mich ehedem
glauben, sie hrten nicht ungern auf meine Gesprche! - O ich will nicht
sprechen von Liebe - das wre eine Entweihung - ich will nur Minuten, nur lichte
gaukelnde Secunden aus der Vergangenheit zurckrufen, in denen wir nicht ahnten,
da wir uns dereinst so gegenberstehen wrden! Und uun, welche Kluft hat sich
aufgerissen, welche entsetzliche Verwandlung ist vorgegangen!
    Wer hat sich dessen anzuklagen? fragte gleichgiltig Herta.
    Magnus that hastig einige Schritte rckwrts. O Gott sei Dank, doch ein
Wort, ein Laut, der mich lehrte, da jene Bilder noch nicht gnzlich in der
Seele verwischt sind! - Herta, angebetetes Mdchen, Engel, wegen dessen Verlust
ich gefrevelt habe, fr den ich litt, wie Wenige gelitten, vergib mir, reiche
mir Deine Hand, nimm mich auf an Deinen reinen Busen und ich will Dich ehren,
wie eine Heilige!
    Und er warf sich vor ihr nieder.
    Man sieht, da Graf Magnus die franzsischen Schauspieler in Berlin nicht
ohne Nutzen gesehen hat.
    Dem Grafen stieg das Blut in den Kopf, seine Stimme zitterte, wie sein
ganzer Krper.
    Herta, keuchte er, keinen Hohn, ich bitte um Deines ewigen Heiles willen!
Es ist keine Lge, es ist Wahrheit, qulende, mich aufreibende Wahrheit, ich
liebe Dich, liebe Dich bis zur Raserei!
    Wenn Sie jetzt wirklich, vielleicht zum ersten Male in Ihrem Leben die
Wahrheit reden sollten, Herr Graf, erwiederte Herta mit vornehmer Ruhe, kalt,
aber nicht verletzend, so mu ich Ihnen, wie ich dies immer gethan zu haben
mich entsinne, ebenfalls die volle lautere einfache Wahrheit sagen. Ich liebe
Sie nicht, aber ich interessirte mich fr Sie, weil ich das Eigenthmliche in
Ihrem Charakter, Ihre groen Vorzge und Anlagen unter einem wsten Trmmerfeld
gemeiner Schwchen achtete. Mit solchem Auge sah ich Sie kommen und gehen, bis
Sie mich jetzt so unritterlich berfielen. Ich habe es Ihnen bereits gesagt, und
nur Sie haben es dahin gebracht - jetzt folgt Ihnen meine Verachtung! - Wir
knnen uns nichts mehr sein und wrde auch diese feindselige Trennung, die ich
jetzt so ruhig ausspreche, mein Unglck auf Erden!
    Magnus war inzwischen wieder aufgestanden. Ein so hartes Urtheil aus so
schnem Munde ist sehr niederschlagend, sagte er tonlos. Ich sehe, da ich zu
viel gewagt, zu viel verloren habe, um noch etwas zu gewinnen. So fge ich mich
denn in mein Schicksal. - Aber nach dem Feste -
    Werde ich Wort halten, sagte Herta khl und entschlossen.
    Dann bleibt es also bei dem Rencontre?
    Herta gab ihre Zustimmung durch Kopfnicken zu erkennen und Magnus schlich
unbemerkt in sein Zimmer zurck.

                                Fnftes Kapitel.



                                  Das Gericht.

Weder Magnus noch Herta schliefen in dieser Nacht. Jenen folterte gekrnkte
Eitelkeit und Durst nach Rache, diese entwarf menschenfreundliche Plne zum
Besten des armen leidenden Volkes und lie ihre Gedanken in die Zukunft
hinberschweifen, wo ihren aufgeregten Sinnen und ihrer entzckten Phantasie das
strahlende Bild einer Welt erschien, in der alle Menschen gleichermaen in Glck
und Freiheit schwelgten.
    Die Drohungen ihres entarteten Vetters schreckten das muthige Mdchen nicht,
denn sie lebte des festen Glaubens, da Lug und Trug an dem silbernen Schilde
der Wahrheit zerschellen mten. Das angedrohte Rencontre verga sie sogar
vollstndig, weil sie es durchaus nicht fr mglich hielt, da ein ehrenwerther
Mann im Ernst einem Weibe solche Zumuthungen machen knne. Auch kannte Herta den
abenteuerlichen Charakter ihres Vetters hinlnglich, um in seinem Vorschlage
eben nichts als einen neuen romanesken Auswuchs seiner mittelalterlichen
Ritterlichkeit zu erblicken. Htte sie wirklich an Ausfhrung der Drohung
glauben knnen, dann wrde die gegen ihre schne Brust gerichtete Mndung eines
Pistols wahrscheinlich alle schelmischen Trumereien aus ihrer Seele verscheucht
haben.
    Am andern Morgen gab Herta dem fragenden Clemens zusagende Antwort und
bestellte ihn mit seiner Geliebten am Tage nach dem Feste wieder aufs Schlo. -
Da in der Zwischenzeit nichts Bedeutendes sich zutrug, bergehen wir dieselbe
mit Stillschweigen. -
    Zur festgesetzten Zeit wurden ihr am Tage nach Ostern die Wenden gemeldet
und Herta lie ihre Schutzbefohlene sogleich vor. Sie ward berrascht von der
verschmten Lieblichkeit Haiderschens und konnte jetzt wohl begreifen, da
diese frische, naive Mdchenknospe die Sinne ihres lockeren Vetters hatte
bestricken und in Flammen setzen knnen.
    Die Wendin hatte ihren besten Staat aufgelegt, der in jener einfachen
Kleidung bestand, die wir schon frher beschrieben haben. Eine dichte Reihe
goldener krauser Lckchen drang unter dem sauber gegltteten leinenen
Spitzenhubchen hervor und umsumte die klare Stirn des lieblichen Kindes mit
einer reizenden Glorie. Schchtern und von Dankgefhl durchdrungen, warf sich
Haiderschen vor Herta auf die Knie und stammelte unter Freudenthrnen:
    Dank, tausend Dank, gtige Herrin, fr so viel Gnade!
    Steh' auf, mein Kind! sagte Herta, der Wendin liebreich beide Hnde
reichend. Umarme mich und betrachte mich wie eine Schwester. Auch mir nagt
mancher Kummer am Herzen und die Bekmmerten sollen einander ja suchen, trsten
und aufrichten. - Arme Kleine, wie Du zitterst! Wie Dein Herz schlgt! Bist Du
allein gekommen oder hat Dich Dein Brutigam begleitet?
    Bei dem Worte Brutigam errthete Haiderschen bis an die Stirn. Sie
schlug die Augen nieder und versetzte: Wir sind noch nicht verlobt, gndiges
Frulein, aber Clemens hat mir gesagt, da er kein anderes Mdchen, als mich,
zur Frau nehmen will.
    Gewi, so soll es geschehen! Ist Clemens im Schlosse?
    Clemens, mein armer Vater und auch mein Pathe Ehrhold. Sie lieen sich
nicht zurckhalten und warten drauen, um Ihnen fr so viele unverdiente Gnade
recht von Herzen zu danken.
    Das ist mir lieb, arme Kleine, denn ich glaube, wir werden ihrer in Kurzem
bedrfen. Dein Widersacher ist nmlich hier erschienen und hat Dich bei seinem
Vater verklagt.
    Graf Magnus? rief Haiderschen erbleichend aus.
    Ja, gutes Mdchen, er selbst. Aber frchte Dich nicht so, er kann Dir heut
kein Leid zufgen. Sein Vater, der gerechtigkeitliebende Graf Erasmus und Dein
eigentlicher Gebieter, hat mir zugesagt, Dich zu schtzen. Du stehst also unter
seiner Obhut, und wenn Du mir offen und wahrheitsgetreu den Vorgang mit dem
bsen Grafen Magnus erzhlst, so kann Dir Niemand ein Haar krmmen.
    Mu ich denn meinen Todfeind sehen? fragte Haiderschen.
    Nicht blos sehen wirst Du ihn, Du mut ihn auch als Deinen Verfhrer
bezeichnen und genau Alles, was er Dir vorgespiegelt hat, im Beisein des alten
Grafen erzhlen.
    Ach Gott, das kann ich ja nicht!
    Warum nicht, mein liebes Rschen?
    Das wrde ja dem Herrn Grafen zur Unehre gereichen.
    Eben dehalb mut Du es Wort fr Wort erzhlen. Der Elende soll entlarvt
werden vor denen, die er beleidigt hat. Die armen Unterthanen sollen erfahren,
da er ein harter Tyrann, ein schlechter Mensch ist und da, wenn er sich nicht
bessert, ihm Niemand Gehorsam zu leisten braucht.
    Wenn er seinen stechenden Blick auf mich richtet, vermag ich nicht zu
reden.
    Es wird schon gehen, gutes Rschen, nur Muth! Graf Erasmus will Dir wohl,
Du bist von diesem Augenblicke an in meinen Diensten und darfst meinen Schutz in
Anspruch nehmen. Mit ein wenig Selbstvertrauen wird Alles zu Deinem Gunsten sich
entscheiden.
    Niedergeschlagen neigte die Wendin ihr Kpfchen und weinte, da die hellen
Thrnen ber ihre Wangen herabliefen. Herta lie inzwischen die Ankunft Rschens
und ihrer Angehrigen dem Grafen anzeigen und um dessen fernere Befehle bitten.
Bevor Antwort auf diese Anfrage erfolgt, wenden wir uns auf einige Minuten zu
Magnus.
    Der geneigte Leser erinnert sich aus dem vorigen Kapitel, da die Zimmer des
jungen Grafen, der ein seltener Gast im alten Schlosse war, in betrchtlicher
Entfernung von den brigen bewohnten Gemchern lagen und nur durch vielfach in
einander laufende und sich kreuzende Corridore mit diesen in Verbindung standen.
Eine Menge schmaler Treppen und finsterer Gnge, wie man sie in allen alten
Feudalschlssern findet, fehlten auch auf Boberstein nicht und machten es dem,
der sie genau kannte, leicht mglich, das ganze Schlo in seiner groen
Ausdehnung von einem Flgel zum andern zu durchwandern. Magnus, in Boberstein
erzogen, besa diese Kenntni, da er als Knabe die abgelegensten Verstecke, die
finstersten Treppen und geheimsten Thren zu seinen Spielen aufgesucht und
benutzt hatte. Wir erwhnen dies hier, weil es fr unsere Erzhlung alsbald von
Bedeutung sein wird.
    Der junge Graf hatte den grten Theil der Nacht in heftiger Aufregung
verlebt, nicht aus Furcht vor dem nchsten Tage, der ihm eine Demthigung
prophezeite, die seinen Stolz tdtlich zu verwunden drohte, sondern von Gedanken
gepeinigt, von Plnen und Entwrfen gefoltert, die er bei sich erwog und wieder
verwarf. Er hatte einen Entschlu gefat, der ihn vor wilder Freude zittern
machte, von dem er sich unaussprechlichen Genu versprach, nur ber die Art und
Weise der Ausfhrung desselben war er mit sich noch nicht vollkommen im Klaren.
Es war dazu nthig, da er vorerst, wie er dies als Knabe fast tglich gethan
hatte, alle Verbindungsgnge des alten Schlosses genau wieder untersuchte und
sich mit Schlo und Riegel so vieler nie geffneter Thren abermals bekannt
machte. Denn um seinen Zweck zu erreichen, mute jedes Hinderni bei Zeiten
entfernt werden.
    So schlich nun Magnus in der Nacht, welche dem Gerichtstage vorherging, als
die tiefe Stille ihm sagte, da alle Diener im Schlosse zur Ruhe gegangen seien,
leise aus seinem entlegenen Zimmer. Er glich einem feigen Mrder, wie er das
Licht mit vorgehaltener Hand schirmend, den blanken Hirschfnger unterm Arm,
gebckt, mit falschem, funkelnden Auge, das bleiche Antlitz von dem
schwarzseidenen Tuche umrahmt, die knisternden Stiegen auf und nieder wandelte,
Thren ffnete, die mit grauen Spinngeweben vergittert waren, und deren
Bewohner, vom pltzlichen Lichtschein erschreckt, in schnellem Laufe nach allen
Seiten hin auseinander stoben. Einige Thren fand er geschlossen. Vor diesen
blieb er lange stehen, whrend seine Hand die Thrschlsser prfend untersuchte.
Ueber dieser Nachtwanderung verstrich mehr als eine Stunde. Magnus hatte sie
gegen eilf Uhr begonnen, und als die Schloschelle dumpf drhnend Mitternacht
schlug, kehrte der finstere, entschlossene junge Mann eben zurck. Das lange
schrille Austnen der Glocke machte ihn stehen bleiben. Ein dnner Luftzug, der
von rechts durch eine schmale hohe Thr hereinblies und die Flamme des Lichts
niederwrts krmmte, erregte seine Aufmerksamkeit. Er stellte den Leuchter in
eine Mauerblende zur Seite, drckte gegen die Pforte und ffnete sie. Der dunkle
Nachthimmel mit seinen flimmernden Sternen fiel herein in den dstern Gang und
bergo mit weichem Glanz die dmonischen Zge des Grafen.
    Magnus trat hinaus auf die Zinne des Schlosses, die rund um die weitlufige
Burg lief und von einer ziemlich hohen Brustwehr geschirmt war. Unter ihm lag
der See, schwarz und still, nur erleuchtet von den Sternbildern, die sich in ihm
spiegelten. Darber in unabsehbarer Ausdehnung dunkelte die Haide. Ein
geisterhaftes Rauschen klang von ihr herber und bewegte leis die dunklen Kronen
ihrer Millionen Bume. Hie und da scho eine Sternschnuppe nieder, bei deren
dunstigem Leuchten fern und nah grauweie Rauchsulen ber dem endlosen
Baummeere sichtbar wurden, die sich erst hoch in der Luft ausbreiteten und dann
wie zartes Piniengest majesttisch in den Nachthimmel hinaufwuchsen. Von Zeit
zu Zeit drhnte ein dumpfes Krachen aus der Haide und erstarb in matten
Echolauten. Dann kreischten Uhu und anderes Gevgel laut auf und schwarzes
Gefieder ward momentan sichtbar ber den zitternden Wipfeln.
    Graf Magnus lie sein brennendes Auge bald auf dem See, bald auf dem
schwarzen Saum der Haide ruhen, indem er langsam nach einem der vier Eckthrme
ging, die mit ihrem braunen Mauerwerk weithin die Haide berragten. Bei jedem
dieser Thrme wand sich in das Gestein gesprengt eine schmale Treppe bis auf die
Felsen der Insel hinab, wo sie mit den tiefen Verlieen und Kellern des
Schlosses in Verbindung stand. Von Auen konnte auch das schrfste Auge diese
Felsenstiege nicht entdecken, was in frher vorgekommenen Befehdungsfllen fr
die Bewohner der alten Burg sich als hchst vortheilhaft erwiesen hatte. Jetzt
hatte Niemand mehr Acht auf diese feudalistisch-praktische Befestigungsart. Die
Stufen waren zum Theil zerbrckelt und der ganze beschwerliche Weg nur mit
einiger Anstrengung noch gangbar.
    Magnus beschlich das Gelst, auch diese Treppe wieder einmal zu betreten.
Als er aber den Fu auf die erste Stufe setzte, zitterte die Melodie eines
Gesanges von der Haide herber. Er blieb stehen. Die Worte konnte er nicht
vernehmen, allein Ton und Weise des Gesanges sagten ihm, da ein spter Wanderer
eines jener zahllosen wendischen Lieder singe, die unter dem Namen Feldlieder
bekannt sind und vom Volke bei der Arbeit auf Feld und Wiese erst gedichtet,
dann nach selbst dazu erfundener Melodie gesungen werden. Der nchtliche Snger
hatte eine krftige, klangreiche Tenorstimme, die mit dem heiligen Rauschen der
Wlder eigenthmlich harmonirte. Nach einigen Minuten verhallte der Gesang in
der Ferne und die vorige tiefe Ruhe trat wieder ein.
    Den jungen Grafen berfiel pltzlich ein Frsteln. Er schauerte in sich
selbst zusammen, und obwohl er von Natur durchaus nicht furchtsam war, kam es
ihm auf der den Zinne seines Stammschlosses jetzt doch unheimlich vor. Es war
ihm, als habe der Schutzgeist der uralten Thrme und Giebel seine Stimme
erschallen lassen und als fhle er noch seine unsichtbare Nhe. Schneller, als
zuvor, ging Magnus zurck, schlo mit einiger Hast die Luckenthr und kam, in
kalten Schwei gebadet, auf seinem Zimmer an. Hier ging er noch lange auf und
nieder, ehe er sich ruhig genug fhlte, um sich den schirmenden Armen des
Schlafes anvertrauen zu knnen.
    Am nchsten Morgen erweckte ihn Hundegebell. Als er in den Schlohof
hinabsah, bemerkte er Haiderschen inmitten ihrer nchsten Anverwandten. Dieser
Anblick jagte ihm das wilde Blut ins Gesicht und vergegenwrtigte ihm die
vergangenen rgerlichen Auftritte, die jetzt einen so peinlichen Ausgang
verhieen.
    Die Flucht der schnen Wendin von seinem Besitzthume war ihm in jeder
Hinsicht verdrielich, am meisten aber deshalb, weil es nach dem, was zwischen
ihm und dem Mdchen vorgefallen war, ganz den Anschein haben mute, als sei er
ein verworfener Bsewicht. Ob ihn das Volk im Allgemeinen dafr hielt, darum
kmmerte er sich nicht. Er machte berhaupt kein Geheimni aus seinen Gelsten.
Da er aber gerade in einer Angelegenheit, wo er sich einer bessern Absicht,
wenigstens in jenem Augenblicke bewut gewesen, als frevelhafter Verfhrer
erscheinen mute, dies verdro ihn ber die Maen und erzeugte jetzt einen Ha
gegen Haiderschen, wie er ihn gegen sonst Niemand empfand noch je empfunden
hatte. Je mehr er sich dessen bewut ward, desto fester bildete sich in ihm ein
Racheplan gegen das arme Mdchen aus, an dessen Verwirklichung er jedoch nur
dann zu gehen sich gelobte, wenn seine eigene Ehre auch nur leise durch ihr
Betragen gekrnkt werden sollte. Die war inde blos ein jesuitischer Kniff, mit
dem er sein Gewissen retten wollte, in seinem geheimsten Innern war es lngst
fest beschlossen, die widerspnstige Leibeigene zu verderben, weil sie gewagt
hatte, ihm zu widerstehen, ja ihn sogar zu verklagen und Schutz gegen ihn zu
suchen.
    Verchtlich lie Magnus seine Blicke ber die drei wendischen Mnner
gleiten, die unter dem gothischen Portal der Burgthr stehen blieben und leise
mit einander sprachen, whrend Haiderschen allein das Innere des Schlosses
betrat. Er kleidete sich gemchlich an, schellte dem Diener und befahl das
Frhstck, das er mit gutem Appetit verzehrte. Er wunderte sich, da sein
pnktlicher, strenger Vater so lange auf sich warten lie und glaubte schon, er
knne sich wohl gar anders besonnen haben, als ein Bedienter ihm den Befehl des
Grafen Erasmus berbrachte, sich schleunigst in die untere Schlohalle zu
verfgen. Magnus nickte vornehm mit dem Kopfe beeilte sich aber keineswegs, dem
erhaltenen Befehle pnktlich nachzukommen. -
    Inzwischen waren die drei Wenden, Jan Sloboda, Ehrhold und Clemens, auf
Erasmus Gehei in die erwhnte Schlohalle gerufen worden. Diese Halle lag im
Erdgescho rechts von der Eingangspforte. Sie war gothisch gewlbt und erhielt
durch drei schmale gothische Fenster mit runden erblindeten Scheiben ihr Licht.
Eine groe Flgelthr von gewaltigen eichenen Pfosten schied sie von der Flur.
Doch war diese Thr in der Regel geffnet, weil aus der Halle eine aus
Eichenholz geschnitzte Wendeltreppe in Form eines runden Thurmes in das erste
Gestock hinauffhrte und dieser Aufgang zu den Zimmern des Burgherrn nher war
als auf der breiten Freitreppe von Sandsteinquadern im Flur. Die Schlohalle war
mit bunten achteckigen Kacheln und Ziegeln gepflastert und an den Wnden etwa
drei Ellen hoch mit einer Verschaalung von Eichenholz eingefat, an der sich
breite Bnke hinzogen. In der Mitte stand ein groer langer Tisch, ebenfalls von
Eichenholz und wie fr die Ewigkeit gezimmert, und der hohen Eingangsthr
gegenber sah man an der Wand einen langen ber drei Fu hohen eichenen Klotz
aufgerichtet, der mehrere runde Oeffnungen hatte, die etwa vier Zoll im
Durchmesser halten konnten. Dieser Klotz war der Stock, das gewhnliche
Werkzeug, welches die lndliche Gerechtigkeitspflege bei Bestrafung leichter
Vergehen damals anzuwenden pflegte, und das Vorhandensein dieses Stockes in
der Halle bewies, da man dieselbe in vorkommenden Fllen stets als
Gerichtszimmer benutzte.
    An der einen Wand der Halle, den Fenstern gegenber war eine Art Empore oder
Gallerie angebracht, zu welcher eine Treppe fhrte. Auf dieser pflegten sich bei
solchen Gelegenheiten, wo der Schloherr den Richtern der ihm untergebenen
Ortschaften feierlich seine Verordnungen und Befehle bekannt machte, die
Mitglieder seines Hauses zu versammeln. Dasselbe fand bei Gerichtsverhandlungen
statt und auch jetzt nahmen die alte Grfin nebst Herta bereits ein paar Sthle
mit geschnitzten hohen Holzlehnen ein, die zu diesem Behufe auf der Gallerie
vorhanden waren.
    Der Graf selbst hatte sich von seinen Dienern in die Halle hinab tragen
lassen und sa als Richter an dem erwhnten eichenen Tische. Rechts von ihm
unweit der Thr hatte Haiderschen bleich und zitternd Platz genommen, whrend
die Wenden und die Dienerschaft an der Schwelle zur Halle mit entblten
Huptern standen und ehrfurchtsvoll der Erffnungen harrten, die ihnen der Graf
machen wrde.
    Erasmus beauftragte so eben seinen Kammerdiener, nachzusehen, wo sein Sohn
bleibe, als Magnus auf der Wendeltreppe erschien und dem Anscheine nach
vollkommen harmlos in die Halle hinabstieg. Er trug sein gewhnliches grnes
Jagdkleid, der kleine dreieckige blaugraue Hut sa schief auf den Locken seines
frisch gepuderten Haares. Erst als er in die Halle trat, nahm er ihn ab, grte
mit verbindlichem Lcheln nach der Gallerie hinauf und verbeugte sich dann gegen
den Grafen, indem er an die schmale Seite des Tisches trat und den Fenstern den
Rcken zukehrte.
    Sie haben befohlen, mein Vater, sagte Magnus, und aus der
Bereitwilligkeit, mit welcher ich Ihren Befehlen gehorche, mgen Sie ersehen,
welches Vergngen es mir gewhrt, Ihnen gefllig zu sein.
    Diese Worte, obwohl lchelnd und mit Grazie gesprochen, enthielten doch
einen offenbaren Hohn, denn die Versammelten hatten geraume Zeit auf den jungen
Grafen warten mssen und deutlich geung die langsamen Schritte gehrt und das
Zgern gesehen, womit er die Treppe herunterstieg. Erasmus gab sich nicht die
Mhe, seinem ungerathenen Sohne zu antworten, da er voraussah, da ein Wortkampf
daraus entstehen wrde, der hier zu nichts fhren konnte. Er wendete sich
vielmehr sogleich an die junge Wendin und redete sie freundlich und leutselig
an:
    Sage mir jetzt, mein Kind, ganz offen und ohne Scheu, wie Du heit?
    Furchtsam stammelte Haiderschen ihren Namen, die schnen Augen fest auf die
bunten Ziegeln heftend.
    Du bist ihr Vater, Jan Sloboda? fragte Erasmus weiter.
    Ja, ja, gndigster Herr Graf, das arme Ding ist mein liebes liebes Kind.
Ihre Mutter - trst' sie Gott - war just eben so munter und zierlich, als ich
sie kennen lernte vor einem Vierteljahrhunderte.
    Der Graf winkte dem Wenden, da er schweigen solle, und kehrte sich wieder
zu dem zaghaften Mdchen.
    Kennst Du diesen jungen Mann? fragte er, auf seinen Sohn zeigend.
    Ach gewi kenne ich ihn! seufzte Rschen. Es ist ja Ew. Gnaden gndiger
Herr Sohn.
    Ich hre, Rschen Sloboda, da Du eine Klage gegen meinen Sohn angebracht
hast, ich fordere Dich auf, diese in allen ihren Einzelnheiten jetzt hier zu
wiederholen.
    Purpurgluth bergo Gesicht und Nacken der Wendin, sie blickte einige Male
scheu auf nach dem Grafen, schlug aber die Augen sogleich wieder zu Boden und
schwieg. Magnus, der seinen scharfen Geierblick keine Sekunde von Rschen
verwendete, lchelte ironisch.
    Rede, mein Kind, der gndige Herr Graf will es, flsterte ihr Sloboda zu,
allein dem gengstigten Mdchen war die Zunge wie gelhmt; sie brachte nur
unverstndliche, stotternde Worte heraus.
    Besinne Dich und nimm Dir Zeit, redete sie Erasmus wieder uerst
freundlich an. Ich will Dir wohl, arme Kleine, und verspreche Dir, geschehenes
Unrecht so viel wie mglich wieder gut zu machen. Hat Dich Graf Magnus unwrdig
behandelt?
    Ach nein, nein, Ew. Gnaden, wie wre das mglich! stie Rschen heraus,
whrend verdoppelte Gluth ihr zartes Kindergesicht berflammte.
    Ich sagte es ja, fiel Magnus lchelnd ein.
    Hat Dich mein Sohn nicht aus der Mitte Deiner Freunde mit Gewalt entfhrt?
    Das ist freilich wahr, aber nachher sagte mir der junge gndige Herr, da
er es gethan habe, um mir schne Kleider machen zu lassen.
    Und hast Du ihm verziehen?
    Warum nicht? Er war nachher recht gtig gegen mich.
    Aber spterhin drohte er Dir, nicht wahr, und deshalb ergriffst Du einen
Leuchter, um Dich gegen ihn zu vertheidigen?
    Hier strzte Rschen auf die Knie, erhob flehend die gefalteten Hnde zu dem
Grafen und rief: Sein Sie gndig, Herr Graf, da ich so arg gefehlt habe! Ich
wute ja nicht, da ich den guten jungen Herrn treffen wrde. Ich frchtete mich
so sehr!
    Erasmus hie die Wendin aufstehen und betrachtete sie schweigend. Eine
andere Klage hast Du also wirklich nicht gegen den Grafen Magnus vorzubringen?
fragte er nach einer Pause.
    Gewi und wahrhaftig nicht!
    Sie sehen, mein Vater, fiel Magnus ein, da man Ihnen unartige Mhrchen
erzhlt hat. Es ist vollkommen wahr, was die kleine Wendin behauptet. Ich
entfhrte sie, wenn man einen Scherz Entfhrung nennen will, weil ich ihr eine
ihren Naturgaben angemessene Erziehung zu geben gedachte, und, ich gestehe es,
weil mich der offene Widerstand verdro, den ihre Angehrigen meiner Forderung
entgegensetzten. Als Ihr Sohn und Erbe, mein Vater, glaubte ich das Recht zu
besitzen, eine Ihrer Leibeigenen gleichsam leihweise mir zur Dienerin auswhlen
zu drfen. Diesen Eingriff in Ihre Rechte, wenn mein Verfahren ein solcher ist,
hat sie hart an mir gercht. Die Kopfwunde, welche ich trage, zeugt noch von der
dmonischen Wuth, die in ihr kochte, und von der aufstzigen Gesinnung, die seit
einiger Zeit unter Ihren Knechten, mein Vater, sich geltend macht. Gern wollte
ich der kleinen schnen Snderin ihr Unrecht gegen mich verzeihen, forderten
nicht Gesetz und Recht, da man ihr Verfahren bestrafe. Ein Leibeigener, der
frevelnd seine Hand gegen den Herrn erhebt, darf nicht frei ausgehen, wenn
hnliche Verbrechen in Zukunft unterbleiben sollen. Aus keinem andern Grunde
trage ich auf exemplarische Bestrafung des Mdchens an.
    Erasmus ward durch das furchtsame Schweigen der Wendin in nicht geringe
Verlegenheit gesetzt, da es nicht nur nicht in seiner Macht stand, Haiderschen
freizusprechen, sobald sie sich selbst schuldig bekannte, sondern ihm auch alle
Aussicht sich als milden Gebieter seiner Unterthanen und als strengen Richter
gegen sein eigenes Haus zu zeigen, damit gnzlich abgeschnitten ward. Er hatte
grade auf das Gerechtigkeitsgefhl und die Naivett des unverdorbenen Mdchens
am meisten gehofft, und darauf hin allein diesen ffentlichen Weg eingeschlagen,
und nun sah er seinen wohl berlegten Plan an der Schchternheit und Herzensgte
der Wendin scheitern. Rechnen wir noch dazu, da ihm die Richtigkeit der
Bemerkungen seines Sohnes einleuchtete, und da er, obwohl grade, bieder und
durchaus rechtlich gesinnt, keineswegs offenem Umsturze des Bestehenden und
rohem Aufstande das Wort reden wollte, so blieb ihm nichts brig, als sich den
Umstnden zu fgen und Haiderschen fr ihr Vergehen wirklich zu bestrafen,
obwohl dasselbe nur die allergerechteste Nothwehr gewesen war.
    Besinne Dich wohl, Rschen, nahm er nach einiger Zeit wieder das Wort ..
Bist Du hart und unehrerbietig von diesem jungen Mann behandelt worden, so sage
es mir. Es soll Dir Niemand ein Haar krmmen bei meinem grflichen Wort!
    Allein auch auf diese nochmalige dringende und in vterlich bittendem Tone
an die Wendin gerichtete Aufforderung schttelte Haiderschen den Kopf, indem
sie unter rinnenden Thrnen sprach: Seine Gnaden haben mich behandelt, wie eine
Magd, nicht anders, aber ich frchtete mich vor seiner flehenden Miene. und
darum schlug ich ihn.
    Magnus triumphirte. Sein glnzendes Auge begegnete dem Blick seiner Mutter,
die neben Herta auf der Gallerie sa und mit stolzer Verachtung auf die
demthigen Wenden hinabsah.
    Ein vergngtes Lcheln ging ber ihr Gesicht und grend erhob sie grazis
die Hand mit dem Fcher, der hufig von ihr auf- und zugeklappt wurde.
    Es thut mir leid, mein Kind, versetzte Graf Erasmus nach diesem
Gestndnisse des gengstigten Mdchens mit sichtbarem Verdru, da ich Dir eine
gelinde Strafe fr das gewaltthtige Benehmen gegen meinen Sohn zuerkennen mu.
Deine Jugend, Deine Unerfahrenheit und die offenbar ungewohnte Lage, in welcher
Du Dich befunden, mildern mein Urtheil, das nach dem Buchstaben des Gesetzes
weit hrter lauten wrde. Meine Frohnknechte werden Dich eine Stunde in den
Stock legen, diese Strafe durch Anschlag an dem Burgthore und in Deinem
Geburtsorte bekannt machen und Jedem freien Zutritt gestatten, der Dich in
dieser demthigen Lage sehen will.
    Bei diesem Urtheilsspruche stie Herta einen lauten Schrei aus und fiel
entkrftet Grfin Utta auf die Schulter. Entrstet ber ihre empfindsame Nichte,
rief die stolze Frau die Zofen herbei, um die Ohnmchtige deren Pflege zu
bergeben.
    Zugleich trat Magnus seinem Vater einen Schritt nher.
    Wie, sagte er, eine Stunde im Stock soll die Strafe fr diese freche
Dirne sein, die mir den Hirnschdel mit dem gewichtigen Leuchter zerschmettern
konnte? Ich protestire gegen diesen Spruch, mein Vater, im Namen aller Edlen,
die sich in mir entehrt sehen. Den Pranger hat das ungehorsame Geschpf verdient
und eine Tracht Ruthenstreiche auf den entblten Sclavenrcken unter
Zusammenruf aller Leibeigenen auf dem Schlohofe! Ich trage darauf an und
erwarte, mein Vater, da Sie meine Grnde bercksichtigen werden.
    Ruhig versetzte dagegen Erasmus: Mein Urtheilsspruch bleibt in Kraft. Ich
habe ihn gefllt nach reiflicher Ueberlegung und wnsche, da Du die geheimen
Beweggrnde, die mich dazu veranlassen, Dir selbst sagst, damit ich mich nicht
genthigt sehe, sie Dir einzeln hier vor diesen Leuten ins Gedchtni zu rufen.
- Frohnknechte, vollzieht das Urtheil und legt die Wendin in den Stock!
    Bleich vor Zorn und mit zitternden Lippen trat Magnus zurck. Zugleich
ergriffen zwei Knechte des Grafen das schlanke Mdchen und fhrten es zu dem
Eichenblocke, der an der Wand der Halle stand. Haiderschen folgte willig und
schweigend wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank schleppt. Nur die hufigen
Thrnen, die in schmalen Silberbchen ber die mattrothen Wangen herabrieselten,
zeugten von dem Kummer ihres Herzens, von der Schaam, die sie verzehrte. Denn im
Stocke gelegen zu haben, war eine Schmach fr Jeden, zumeist fr ein junges
Mdchen, das im Begriff stand, einem ehrlichen Burschen ihre Hand als Gattin zu
reichen. Sie sah jetzt ihr ganzes kleines Glck zertrmmert, ihre Zukunft, die
sie sich in rhrender Gengsamkeit so freundlich ausgemalt hatte, fr immer
verdstert. Kein ehrlicher Wende, glaubte sie, wrde ihr jetzt einen Tanz mehr
antragen, Clemens werde sie verlassen, sie fliehen, wie eine Ausstzige, und
jedes Schutzes bar werde sie in die Schlingen des boshaften Blauhuts fallen, der
sich, wie sie deutlich durch ihre Thrnen bemerkte, an ihrem Jammer weidete.
    Sie mute sich Schuhe und Strmpfe ausziehen, whrend die Knechte den
schweren Block abhoben. Dann nthigte man das geduldige Kind auf den kltenden
Ziegelboden niederzusitzen und die zartgeformten Fe bis ber die
alabasterweien Knchel in die Lcher des Eichenpfostens zu legen, worauf die
Knechte die abgenommene Hlfte des Blockes wieder aufsetzten, mit starken
Klammern an den untern Klotz anschlossen und die arme kleine Wendin unbarmherzig
zwischen beide Kltze einklammerten. Haiderschen ward durch diese Strafe in
eine hchst unbequeme Lage versetzt. Da sie nur von mittlerer Frauengre, der
untere Theil des Stockes aber bis zu den Oeffnungen fast eine halbe Elle vom
Fuboden erhoben war, konnte sie sich nur mit groer Anstrengung aufrecht
erhalten. Doch wrde sie dies mit Geduld ertragen haben, da ihre Seele
tausendmal mehr litt, als ihr Krper, da aber durch diese Stellung ihre
jungfrulichen Glieder bis an die Knie entblt wurden und da die lsternen
Blicke des schadenfrohen Grafen Magnus an ihren enthllten schnen Formen sich
ungestraft weiden durften, das prete ihr Herz zusammen und raubte ihr beinahe
alle Besinnung.
    Sobald die Straffllige in den Stock gelegt war, lie sich Erasmus zurck in
sein Zimmer tragen. Man sah es ihm an, da er diesen Ausgang nicht erwartet
hatte und sehr unzufrieden mit der Wendung war, die die ganze Angelegenheit
genommen. Er zrnte sogar der kleinen Wendin, die ihre eigene Schchternheit
gegen seinen Willen so hart ben mute. Darum sah er sich auch weder nach ihr
noch ihren Begleitern um, die mit entblten Huptern, den Riemen der
Knechtschaft um die Stirn gewunden, lautlos auf der Schwelle standen und mit
Betrbni das weinende Mdchen im Stocke betrachteten. Glcklicherweise fanden
sich auer der zahlreichen Dienerschaft des Grafen keine Neugierigen ein, um die
Bestrafte anzuglotzen oder wohl gar zu verhhnen. Nur Magnus blieb in der Halle
und wanderte eine volle Stunde mit verschrnkten Armen an Haiderschen auf und
nieder, eben so begehrliche als wthende Blicke auf sie heftend. Die
Unglckliche fhlte die Gluth seiner bsen Augen, obwohl sie nicht zu ihm
aufzublicken wagte, und weil sie ahnte, da ihre Erniedrigung ihn ergetzte und
die nackten Glieder seinem Herzen ein Labsal seien, that sie sich die
entsetzliche Gewalt an, eine volle Stunde ohne die geringste Bewegung in
derselben qualvollen Stellung zu verharren. Man wrde sie fr todt gehalten
haben, wre nicht in bald lngeren bald krzern Pausen ihrer Brust ein schwerer
Seufzer entschlpft und htte man nicht das heftige fieberhafte Klopfen des
zchtig verhllten jungen Busens gesehen.
    Die Stunde dnkte Haiderschen allerdings eine Ewigkeit, inde sie verging
und mit einem unbeschreiblichen Wonnegefhl sah sie die Knechte wieder nahen und
sie aus dem Blocke erlsen. Als sie sich aufrichtete, traf ihr scheues Auge wie
ein Weheruf den jungen Grafen, der mit seinem kalten, festen Lcheln in den
dmonisch schnen Zgen vor ihr stand und sich hflich verbeugte. Zu ihrem
unsagbaren Erstaunen reichte ihr Blauhut die Hand und sagte:
    Jetzt Vershnung, liebes Rschen! Ich trage keinen Groll mehr gegen Dich in
mir. Du hast gebt, das gengt mir. Von heut an bin ich wieder Dein gndiger,
gtiger, Dir wohlwollender Herr!
    Haiderschen war sprachlos vor Erstaunen. Magnus mute ihr seine Hand
aufdringen, was sie zwar geschehen lie, doch ohne den sanften Druck zu
erwiedern, den sie fhlte. Selbst auf den Gru, mit dem er von ihr ging, zu
danken, verga sie vor Verwunderung und Entsetzen.
    Dagegen jauchzte sie innerlich auf vor Frende, und se, fromme Klnge, wie
heiliges Glockengelut, das zur Kirche rief, ging durch ihre Seele, als sie
jetzt eine Hand sich sanft auf ihre Schulter legen fhlte und beim Umwenden ihr
noch von Thrnen feuchtes Auge auf das gutmthige Gesicht des Geliebten fiel,
der, sie sanft rttelnd, ausrief: Arme Rse, nun hast Du's berstanden und bist
wieder mein!
    Sie warf sich jubelnd an die breite Brust des jungen Wenden, und ohne da er
sie darum bat, drckte sie die heien vor Schmerz und Wonne bebenden Lippen an
seinen Mund. Dann fiel sie wieder in ein stilles Weinen. Clemens lie sie
gewhren und strich nur manchmal mit seiner flachen harten Hand ber die
duftigen Lckchen ihrer blthenweien Stirn.
    Nachdem sich Haiderschen an der Brust des Geliebten ausgeweint hatte,
bemerkte sie erst, da sie barfu auf den kalten Ziegeln der Halle stand.
Schnell bckte sich das arme Kind, raffte die blauen Zwickelstrmpfe mit sammt
den blanken Bnderschuhen auf und lief der Thre zu, wo ihr Vater und Ehrhold
lehnten. Treuherzig reichte sie beiden Mnnern die Hand und bat sie flehentlich,
sie mchten ihr die Schande nicht entgelten lassen, die sie unwillkrlich ber
ihre Angehrigen gebracht habe. Es htte jedoch solcher Bitte nicht bedurft,
denn den beiden ernsten Mnnern war es nie eingefallen, das arme Mdchen
anzuklagen. Jan zog sie an sich und kte sie auf die Stirn und Ehrhold nahm
ihre kleine Hand und legte sie in die seines Sohnes, um der Zweifelnden durch
die That zu beweisen, da er sie gern und freudig als Tochter begren wollte.
    Beruhigt setzte sich nun Haiderschen auf die Holzbank, womit die Wnde
rundum bekleidet waren, und beeilte sich, die frierenden Fchen mit Strmpfen
und Schuhen wieder zu bekleiden. Noch damit beschftigt, sagte sie zu ihrem
Vater:
    Nicht wahr, ich darf wieder mit Euch heimgehen? Denn das liebe gndige
Frulein wird mich jetzt, nun ich eine solche Strafe habe erleiden mssen, nicht
mehr um sich sehen mgen.
    Ich werde Dich in der Haide verbergen, mein Kind, versetzte Sloboda.
    Und Clemens sieht schon darauf da mir der junge Herr nicht wieder
nachstellt, meinte Haiderschen lchelnd.
    Warum lt unser Herrgott solche Menschen leben, und die besten, die
frmmsten, die gtigsten sterben hin wie Mcken! Da krht kein Hahn drber.
    Nach Regen folgt Sonnenschein, Jan! La uns hoffen und stark bleiben!
sagte Ehrhold.
    Haiderschen hatte die Schuhe angezogen und strich die ppig vorquellenden
goldenen Haare unter das reine Linnenhubchen zurck.
    Nun da knnen wir aufbrechen, denk' ich, sagte sie mit einem Anfluge von
Munterkeit. Ein Frhstck setzt uns die Herrschaft schwerlich vor.
    Jan schlang den Arm um den Nacken seiner Tochter und sah ihr still in die
groen hellen Kinderaugen.
    Gott erhalte mir nur Dich! sagte er gerhrt. Ich wte nicht, was ich
thte, wenn Du mir genommen oder verfhrt wrdest! Alles Andere, allen Kummer,
Noth und Elend und Druck will ich ertragen, aber Dich, mein ses, duftendes
Veilchen, das einzige Erbe meines guten Weibes, Dich kann ich nicht entbehren,
ohne den Verstand zu verlieren.
    Sloboda berschritt die Schwelle der Halle und wollte eben die wenigen
Stufen hinabsteigen, die in die gerumige Flur der Burg fhrten. Da hrte er
laut den Namen seiner Tochter von einem Bedienten hinter sich rufen, der
eilenden Laufes die eichene Wendeltreppe herab strmte. Die Wenden blieben
stehen.
    Was befiehlt der gndige Herr Graf? fragte Clemens.
    Frulein Herta will Rschen Sloboda sprechen.
    Die Augen des Mdchens glnzten vor Freude und Dank. O sie ist gut! rief
sie aus, ihre Hnde faltend. Ihr drfen wir und Alle, die unglcklich sind,
vertrauen. Wartet auf mich, bis ich zurckkomme oder Euch Antwort sagen lasse.
    Sloboda nickte beistimmend und Haiderschen stieg gesenkten Hauptes, fromme
Wnsche fr das gute Frulein in sich tragend, hinter dem Bedienten die
Wendeltreppe in das alte Schlo hinauf.

                               Sechstes Kapitel.



                                Ein Bubenstck.

Der groen Schlohalle gegenber, in welcher Haiderschen die schmhlige Strafe
erlitten hatte, lag die Wohnung des Kastellans. Ein gewlbter finsterer Gang,
der fr Unbekannte auch bei hellstem Sonnenschein nur mit einer Leuchte zu
finden war, fhrte in den zweiten Flgel des Schlosses, wo Magnus seine Zimmer
hatte. Diesen Gang benutzte der Kastellan, wenn ihm sein Amt in diesem Theile
des Schlosses etwas zu thun gab. Magnus kannte diese Verbindung sehr genau und
stand von frherer Zeit her mit dem alten Haspel, wie der Kastellan hie, auf
leidlich gutem Fue, obwohl neuerdings der grade Sinn des Alten sich gegen die
Lasterhaftigkeit des reichen jungen Herrn auflehnte.
    Eine Stunde nach der Strafscene begab sich Magnus durch den erwhnten Gang
in Haspels Wohnung. Er fand sie leer. Hatte er dies auch nicht erwartet, so
freute er sich doch darber, denn zu seinem Geschft, das er mit Haspel abmachen
wollte, war Einsamkeit weit vortheilhafter. Er htte lgen mssen, wenn er im
Falle der Anwesenheit des Kastellans seinen Zweck erreichen wollte, und dies
fiel ihm gerade jetzt etwas schwer.
    Horchend blieb der junge Mann einige Secunden lang an der Thr stehen, bis
er sich berzeugt halten konnte, da ihn Niemand sehe, Niemand hre. Dann
schlich er quer ber die Stube bis an den bunten Kachelofen, der zur Hlfte in
die Mauer eingeschoben war, damit er noch ein kleineres Gemach, wo die Diener
hausten, zugleich mit erwrme. In einem an den Ofen stoenden und etwas gegen
die Thr vorspringenden Pfeiler war ein starker Haken angebracht. An diesem hing
ein gewaltiges Schlsselbund mit vielen blanken und verschiedenen verrosteten
groen und kleinen Schlsseln. Magnus griff danach und hob es behutsam, damit es
nicht klirre, von dem Hacken. Wieder zauderte und horchte er, aber es blieb
drauen im Flur wie auf dem Hofraum und im Zimmer der Diener muschenstill.
    Nun setzte sich der Graf auf den alten mit brchigem Leder berzogenen
Lehnstuhl am Ofen, legte sanft das Schlsselbund auf seinen Schoo, drehte die
Schraube auf, welche den eisernen Reif zusammenhielt, und bog diesen auf halbe
Zollweite auseinander. Dann lie er prfend die Schlssel durch seine Finger
laufen und whlte drei der rostigsten aus, zwei grere und einen kleinen, die
er dem Reif entnahm. Sobald dies mit grter Vorsicht geschehen war, schlo er
den Reif wieder mit der Schraube, hing das Bund an den Haken, versteckte
sorgfltig seinen Raub und verlie das Zimmer des Kastellans auf demselben Wege,
den er gekommen war. Kaum hatte sich die Gangthr hinter ihm geschlossen, so
trat Haspel ein. Nichts lie errathen, da vor wenig Secunden sein junger
Gebieter sich in der Kunst des Stehlens mit so vielversprechendem Erfolge gebt
hatte.
    In seine Zimmer zurckgekehrt, verschlo Magnus die Thr, legte die drei
entwendeten Schlssel vor sich hin und betrachtete sie lange mit Blicken, in
denen eine satanische Freudenflamme zuckte. Dann nahm er gelassen den Riemen
seines Hirschfngers und suberte sie von den rgsten Roflecken, worauf er sie
wieder zu sich steckte. Die Schloschelle schlug eben die eilfte Morgenstunde,
als er damit fertig war.
    Magnus ffnete das Fenster und sah hinab auf den Schlohof, ber dem sich
frhlich zwitschernde Schwalben in dem blauen Luftzelt auf und niederschwangen,
das in sonniger Durchsichtigkeit auf den grauen Zinnen der Burg ruhte. Die drei
Wenden traten aus der Schlohalle, ihre Hte in den Hnden, ehrfurchtsvoll den
Worten lauschend, die Herta's zierlich gekleidete Dienerin zu ihnen sprach. Dies
machte den Grafen stutzig und spannte seine Neugier. Das hbsche Mdchen sprach
laut genug, um ber den ganzen Schlohof gehrt zu werden.
    Es jst der Wille des gndigen Fruleins und unseres guten Herrn Grafen,
sagte Emma, und da fgt Euch nur immer darein. Es wird einmal nicht anders!
    Wer mchte dies auch wollen, gutes Kind, versetzte Sloboda. Ich sage ja
blo, da ich es nicht begreifen kann. Wundert Euch nicht darber, meine Gute.
Wir armen Ungkcklichen, wir finden uns eher zurecht in schwerem Jammer, als in
drftiger Freude. Das kleinste Glck bringt uns gleich aus dem Huschen. Und
wenn ich bedenke, was mein ses kleines Herzblttchen, mein Rschen, so eben
hat ausstehen mssen - so vor allen Leuten - vor Hoch und Niedrig - und ich hre
nun, da das gndige Frulein sie trotzdem umarmt und gekt und mit ihr geweint
hat ber die Strafe, und da sie von Stund an bei ihr Dienst, Brod und Schutz
finden soll - seht, da schwindelt's mir vor den Augen und ich kann's nur mit
Mhe fassen.
    Frulein Herta thut nichts halb, mein Lieber, entgegnete mit sichtbarem
Stolz die Zofe. Das mtet Ihr doch eigentlich schon wissen, wenn Ihr Augen und
Ohren httet. Darum lt sie Euch sagen, es sei Euch erlaubt, Eure Tochter zu
jeder Stunde zu sehen. So oft Ihr wollt, knnt Ihr in's Schlo kommen, so lange,
bis Alles wegen der Heirath Rschens, die der Herr Graf in Gnaden und gegen
Erlegung der blichen Loskaufskosten genehmigt, in Richtigkeit gebracht sein
wird.
    Tausend Dank! Tausend Dank! stammelte Sloboda gerhrt, beide Hnde des
niedlichen Mdchens im Eifer seiner Erregung heftig drckend. Mit einem Ausdruck
schmerzlichen Unbehagens entzog diese sich dem riesigen Wenden.
    Schon gut, sagte sie, ich thue so 'was gern umsonst.
    Ach, fiel Clemens ein, sagt doch auch dem gndigen Frulein viele tausend
Segensgre von mir, und ich wrde fr sie beten bei Wachens- und Schlafenszeit
und so viel Sterne flimmerten nicht auf der Milchstrae des Himmels, als gute
Gedanken fr sie in meinem armen Herzen leuchteten und glnzend ber sie
aufgingen, wie Gestirne an einem hellen Winterabend, und ich liee sie um alles
in der Welt bitten, sie mchte mich nur noch ein auereinziges Mal ihr
mildthtiges Segenshndchen kssen und mein trauriges Auge in ihrem frommen
Himmelsblick sich sonnen lassen! Um Gottes willen verget das nicht, mein
schnes Kind!
    Gewi, ich will es nicht vergessen, weil Du ein so hflicher Bursche bist.
    Auch von Pathe Ehrhold sagt ihr viele schne Gre, Jungfer, und Gottes
Segen mge mit ihr sein allerwrts!
    Lat's nun gut sein, Gevatter! sagte Sloboda. Es ist Zeit heimgehen,
damit wir noch ein paar Stunden an die Arbeit kommen, denn morgen ist Hofetag.
Der Herr sei gepriesen, da ich leichtern Herzens von dannen gehen kann, als ich
herkam. Nochmals Gottes Segen auf Seine Gnaden, des alten Herrn Grafen graues
Haupt, und Euch, Jungfer, viel frhliche Tage und einen schmucken Schatz!
    Ich dank' schn, sagte Emma schnippisch und hpfte leichtfig die breiten
Stufen zur Pforte hinan. Die Wenden aber gingen, leise in ihrem Idiom mit
einander sprechend, nach dem innern Burgthore, ber dessen crenelirte Mauerzinne
ein paar Zacken der colossalen steinernen Grafenkrone heraufragten, welche das
stolze Wappen der Boberstein schmckte.
    Magnus verfolgte die drei Wenden, bis sie auf dem gewundenen abwrts
fhrenden Wege seinem Auge entschwanden. Seine vorher heitern Gesichtszge waren
jetzt hart und streng geworden und der bse tckische Ausdruck seines Blickes,
der in solchen Momenten Entsetzen erregend in ihm aufloderte, schleuderte falbe
zuckende Blitze aus den nach innen sich senkenden Augenhhlen. Ungestm wendete
er sich um und sah tckisch nach dem Schloflgel, wo seine Aeltern und Herta
wohnten. Wilder Hohn zuckte um seine Lippe und kruselte sie in stolzer
Verachtung. Dann trat er zurck in's Zimmer, verschlang die Arme ber der
breiten Brust und ging, das Haupt mit dem zierlich gekruselten Haar bald
senkend, bald es stolz zurckwerfend und triumphirend in die Luft starrend, im
Zimmer auf und nieder.
    Also doch, sprach er fr sich, doch das schne Trotzkpfchen aufgesetzt
trotz Ohnmacht, Stock und Schande! - Das ist so Mdchenart, wenn sie wissen, da
sie einen Anbeter, den sie nicht lieben mgen, damit rgern knnen. - Aber Du
verrechnest Dich, schnes Mhmchen! Magnus gehrt nicht zu jenen schmachtenden
Liebhabern, die wochenlang zu den Fen ihrer grausamen Prinzessinnen liegen
knnen, ohne die Geduld zu verlieren und etwas von Stolz in sich lebendig werden
zu fhlen. Der sittenlose, leichtsinnige Magnus hat seit einigen Tagen mit allem
Aerger abgeschlossen, sein treuer Gefhrte und tapferer Bundesgenosse ist jetzt
die Rache! - Du hast ihn selbst dazu aufgefordert und darfst Dich jetzt nicht
beklagen, wenn er sein Mannesund Grafenwort lst. - Es soll originell geschehen,
schnes Mhmchen, das verspreche ich Dir, so originell, wie Du mich immer
fandest, ohne mich doch Deiner Liebe werth zu achten. -
    Magnus ging hastiger durch das Zimmer, dann blieb er stehen und sprach
wieder:
    Mein Herr Vater hat mich heut zwar auffallend glimpflich behandelt und nur
vereinzelte dnne Strahlen seiner Ungunst auf mich fallen lassen, ja im Ganzen
kann ich sogar zufrieden sein mit dem Ausgange dieser fatalen Geschichte.
Dennoch aber bin ich tief gekrnkt an meiner Ehre und davon trgt Herta allein
die Schuld. - Fr diesen Trotz und Stolz soll sie ben, soll sie mir
Rechenschaft geben! - Genugthuung hat sie mir zugesagt - die Wahl des Ortes mir
freigelassen. - Wie, wenn ich sie nun wirklich beim Worte nehme und sie als Dame
mit aller ihr gebhrenden Galanterie behandle? - Darf ich's wagen?
    Ein Blick voll Gluth und Flamme scho aus dem Auge des beleidigten,
rachgierigen und in sinnlicher Lust wild entbrannten Mannes. Er ballte die linke
Hand gegen das Fenster, die heie, ppig schwellende Lippe ffnete sich und
zeigte den Silberglanz feiner weien Zhne. Er holte tief und rchelnd Athem,
denn das Blut scho ihm strmisch zum Herzen und machte seine Adern auf der
Stirn und an den Schlfen schwellen, da sie wie blaues Pflanzengest an die
weie glnzende Haut sich anklammerten. Ein Beben ging durch seinen Krper, als
rase die Wuth eines hitzigen Fiebers in ihm.
    Ja, keuchte er pfeifend aus rchelnder Brust, es geht, wenn ich die Zeit
klug berechne - es geht und Niemand kann etwas ahnen, Niemand kann mich
hindern!
    Wohl ber eine Minute stand der krftige Mann in dieser furchtbaren
Aufregung mitten im Zimmer; dann lie die Spannung seiner Muskeln und Nerven
langsam nach. Die Pulse schlugen wieder ruhiger, der Athem rchelte nicht mehr,
die strotzende Flle der pochenden Adern verlor sich. Er hatte einen festen,
furchtbaren Entschlu gefat und jeden Einwurf seines Gewissens mit dmonischer
Kraft beseitigt. Sanft, mit weicher, schalkhafter Miene setzte er sich an das
Pult und begann einen Geschftsbrief zu schreiben. -
    Haiderschen war inzwischen von Herta mit schwesterlicher Zrtlichkeit
empfangen worden. Gerade die Schmach, die man dem wehrlosen furchtsamen Mdchen
angethan und die sie mit der Ergebung einer gottgefaten Mrtyrerin ohne Murren
erduldet hatte, machte sie ihr noch werther und ihres besondern Schutzes
bedrftiger. Herta zrnte sogar mit dem alten Grafen, da er auf Kosten einer
armen Wendin dem Buchstaben mehr gefolgt war, als seinen bessern
Herzensregungen. Nur der ausdrckliche Befehl des Grafen, da sie nunmehr
Haiderschen in ihre Dienste nehmen solle, vershnte sie wieder einigermaen mit
ihm.
    Das Bestreben des zartfhlenden Edelfruleins ging zuvrderst dahin, die
Wendin zutraulich zu machen. Obwohl ihre Dienerin, sollte sie doch vollkommen
wie eine Gesellschafterin mit ihr leben. Darauf hatte sie nach Herta's Art, Welt
und Menschen zu beurtheilen, gerechte Ansprche theils, weil sie ohne Schuld
Verfolgung und Strafe erduldet, theils, weil sie schn, aufgeweckten Geistes und
reinen Herzens war. Der edele, heilige Wunsch Herta's, fr die Befreiung armer
Darniedergebeugter, vom Schicksal oder menschlicher Hrte Gedrckter ihr eigenes
Glck zu wagen, konnte sie nicht anders handeln lassen. So auffallend und dem
eingefleischten Verfechter adelicher Vorurtheile anstig daher die trauliche
Umarmung dieser beiden trefflichen Geschpfe erscheinen mochte, so tief
berechtigt fhlte sich Herta dazu. Es war nur das unverholene, ehrliche
Gestndni der rein menschlichen Weltanschauung, die Herta in dem grnen Frieden
ihrer Epheulaube aus den Schriften der neuen deutschen Dichter gesogen hatte,
das sie am Busen einer ihrer zarten Schwestern ablegte, jenes Gestndni, da
alle Menschen einander gleich sind, mgen sie in schimmernden Palsten oder im
feuchten Moorrauch zerbrckelnder Htten geboren werden. Fr sie gab es keine
Stnde, keine Kasten. Sie kannte weder Aristokraten noch Demokraten, sondern nur
gute und schlechte Menschen, und wo sie jenen begegnete, da blhte ihnen ihre
weiche Seele entgegen, wie die sich ffnende Rose dem weltvergoldenden
Morgenroth, wo diese ihr in den Weg traten, da schrak sie zurck und ihr Herz
verhllte sich vor jeder Berhrung mit ihnen.
    Ohne zu sprechen hielten sich beide Mdchen lange innig umschlungen und
lieen ihre Thrnen wie zwei silberne Bchlein in einander flieen; denn auch
bei Haiderschen verschwand die angeborene Schchternheit, da ihr das feine
Frulein mit solcher Liebe, solcher tiefen und reinen Theilnahme entgegen kam.
Leicht verga sie ihre grobe, drftige Kleidung und schmiegte sich an die
zarten, weichen Stoffe, die Herta's edle Gestalt umflossen und die sie nur
gewhlt zu haben schien, um mittelst derselben ihre schnen Formen deutlicher
hervorzuheben.
    Ueber die Schnheit beider Mdchen ein Urtheil zu fllen, wrde auch dem
gewiegtesten Kenner schwer gefallen sein. Herta berragte die Wendin um eine
halbe Handbreite und schien in ihrer feinen modernen Kleidung und dem einfach
schnen Haarputz, der blos aus einer ppigen Flle glnzend brauner Locken
bestand, voller, schlanker und von jener unbeschreiblichen Atmosphre geistigen
Adels umwogt, in der ein unnennbares Gemisch von Anziehungskraft und scheuer
Abstoung fr Alle liegt, die sich ihr nahen. Der edelste Blthenstaub reinster
Bildung leuchtete auf ihrer Stirn, strahlte mild aus ihren groen, gtigen
Augen, in denen so oft eine goldene Thrne glnzte, oder durch dessen schnen
Himmel der trbe Schatten eines melancholischen Gedankens flatterte. -
Haiderschen war die schnste Verkrperung ihres Namens - ein Kind der duftigen
Kieferwlder, deren Rauschen ihr das erste Schlummerlied sang, frisch,
natrlich, ohne Ahnung jener feinen Verderbtheit, mit deren sem Parfm sich
die Civilisation besprengt und unter deren befleckender Schminke sie sich erst
fr gebildet hlt. Haiderschen war naiver als Herta, und nach einem
berstandenen Schmerze ohne alle Sorge und banges Nachdenken. Sie dachte erst
dann an das Vorhandensein eines Unglckes, wenn sie mitten darin stand und sich
nicht mehr zu helfen wute.
    Herta sah auf den ersten Blick ein, da sie gerade in diesem Kinde des
Waldes gefunden habe, was sie sich stillschweigend so oft gewnscht. Ihre
gegenseitige Verschiedenheit verbunden mit dem edeln Kern und unverflschten
Grundton ihres Wesens mute das glcklichste Einverstndni zwischen ihnen
hervorbringen, sobald die Schranken gefallen waren, die zwischen der Tochter des
Leibeigenen und der Cousine des allgewaltigen Grafen aufgerichtet standen. Herta
hatte das beste Mittel ergriffen, diese auf einen Ruck fr immer
niederzustrzen. Die Wendin fhlte sich ihre Schwester, als sie nach langer
Umarmung der gtigen Retterin in die berstrmenden Augen sah. Alle
Schchternheit war von ihr gewichen, sie hatte ein Herz gefunden, dem sie
vertrauen, an dem sie sorglos ruhen konnte.
    Die ersten Stunden ihres Beisammenseins brachten die seelenverwandten
Mdchen mit Erzhlung ihrer Jugendschicksale zu. Wir knnen mit gutem Gewissen
sagen, da diese zu einfach waren, um die Theilnahme unserer heutigen Leser zu
erwecken, weshalb wir nicht weiter darauf Rcksicht nehmen wollen. Spter wute
Herta durch allerhand Fragen den Bildungsgrad ihrer Schtzlingin zu erforschen,
und da sie diesen sehr niedrig stehend fand, beschlo sie, der Wendin eine
vorsichtige und liebevolle Lehrerin zu werden. Ganz zuletzt erst kam die Rede
auf die Beschftigung, die fortan Haiderschens Tagewerk bilden sollte, und hier
ordnete Herta an, da sie wesentlich weiter nichts zu thun haben solle, als ihr
Zimmer in steter Ordnung zu halten und sie zu bedienen. Dies konnte fglich
nicht Arbeit genannt werden; allein grade dies beabsichtigte Herta, um bei dem
geschftigen Mssiggange ihrer schnen Dienerin diese selbst nie aus den Augen
zu verlieren und immer ber sie und ihr Wohl zu wachen.
    Erst bei Tafel sah Herta ihre Pflegeltern wieder, die beide nicht in der
besten Stimmung waren. Graf Erasmus hatte sich gergert ber das bsartige
Benehmen seines Sohnes, so wie, da er sich in Folge desselben genthigt sah,
eine Strafe ber das lammruhige Haidekind zu verhngen, die mit seinen
Empfindungen nicht sympathisirte. Dadurch hatten sich seine Gichtschmerzen
vermehrt und folterten ihn mit hartnckiger Ausdauer. Seine Gemahlin dagegen
fhlte sich schwer beleidigt durch die Aufnahme der bestraften Leibeigenen in
ihr Haus und wrde ihren Aerger Herta haben entgelten lassen, wenn dies
unbemerkt und ungeahndet htte geschehen knnen. Da keine Hoffnung dazu
vorhanden war, mute sich die emprte Frau mit schweigender Abneigung und
fleiigem Gebrauch ihres Fchers begngen, wenn ihr von der aufmerksamen und
stets zarten Cousine ein Speisegerth gereicht wurde oder wenn der Graf mit
seinem Liebling em karges Gesprch anknpfte.
    Magnus nahm an dieser kleinen Familientafel keinen Theil, was bei dem
vorherrschenden Verhltni zwischen ihm und dem Vater nicht auffallen konnte. Es
hie, er sei beschftigt und werde noch vor Abend nach dem Zeiselhofe abreisen.
Bei dieser Nachricht schien Herta leichter zu athmen und ein Gefhl der
Bewegtheit, das bisher die gewohnte Freiheit ihres Benehmens behindert hatte und
das sie immer befiel, wenn sie Magnus auf Boberstein wute, verschwand. Auch sah
sie bald nach der Tafel den jungen Grafen in Begleitung seines Reitknechtes zum
Schlothore hinausgehen.
    Niemand von den smmtlichen Schlobewohnern wute bei hereinbrechender
Nacht, ob der knftige Besitzer Bobersteins wirklich abgereist sei. Auch
kmmerte sich Niemand darum, da dem jungen herrischen Gebieter nicht ein
einziger Diener wahrhaft zugethan war. Htte es, wie in den Zeiten des
Mittelalters, noch einen Thurmwart gegeben, so wrde dieser bei einiger
Aufmerksamkeit Abends bei grauweiem Mondlicht, das rollendes Gewlk sehr
dmpfte, um die Mauerzinnen eines der vier hohen Eckthrme der Burg einen
Schatten haben schlpfen sehen, welcher der Gestalt des jungen Grafen hnelte.
Und wirklich war es Magnus, der nach halbstndiger Entfernung von Boberstein
pltzlich sein Ro anhielt, etwas auf dem Schlosse vergessen zu haben vorgab,
den Reitknecht vorausschickte und in langsamstem Schritt auf Umwegen durch die
Haide zurckritt. Erst mit Einbruch der Nacht ruderte er sich selbst ber den
See und erstieg auf dem von uns bereits angedeuteten Felsenwege die Hhe der um
das ganze Schlo laufenden Brustwehr, die er einige Nchte frher schon
umschritten hatte. Die schmale Dachthr verschaffte ihm Zutritt in das Innere
der Burg, wo er geraume Zeit brauchte, um - diesmal ohne Licht - die schon
vorher untersuchten Gnge und Treppen wieder zu finden und mittelst der
geraubten Schlssel die verrosteten Thren zu ffnen, die seinem weiteren
Vordringen im Wege gewesen waren.
    Hufig hat es den Anschein, als sei die Vorsehung mit dem Verbrecher, als
ebene sie ihm bereitwillig die Bahn, um das Verderben mitten in das Heiligthum
edler Familien zu tragen. Auch Magnus ward auf seiner nchtlichen Wanderung von
jener dmonischen Macht beschtzt, deren geheimnivolle Zwecke wir oft erst nach
langen langen Jahren begreifen und dann als weise anerkennen mssen. Niemand
strte den Grafen in seinem verbrecherischen Vorhaben. Die seit Jahren nicht
mehr geffneten Thren wichen dem leisesten Drucke geruschlos, und ohne ein
einziges Mal zu straucheln, ohne an verdchtig hallende Wnde zu streifen, stieg
Magnus von Stockwerk zu Stockwerk hinab bis in den von seinen Aeltern bewohnten
Flgel. So erreichte er nach mhseliger Wanderung - um der Wahrheit die Ehre zu
geben - nicht ohne heftiges, oft seinen Athem versetzendes Herzklopfen einen
engen Verschlag. Behutsam betastete er alle Wnde, bis er auf den kaum fhlbaren
Knopf einer Feder stie, der bei starkem Druck die Wand nach auen ffnete. Ein
zweiter, noch engerer Raum, der sich als ein Wandschrank erwies, nahm ihn auf.
Mit Behagen sog er den Duft ein, der aus diesem kaum eine Elle tiefen Verschlage
ihm entgegenfluthete und seine Seele mit wollstigen Bildern umgaukelte. Er
griff in das graue Gewebe, das er berhrt hatte, und die weichen Seiden- und
Sammetgewnder, die sich schlangenglatt an seine Hnde schmiegten, berzeugten
ihn, da ein junges Mdchen hier ihe Kleider aufbewahre. Er trat zurck, schlo
die verborgene Thr wieder und setzte sich lauschend auf die letzte Stufe der
Treppe, die ihn bis hieher gefhrt hatte.
    Aus einem der frheren Kapitel werden sich unsere freundlichen Leser
erinnern, da Herta die Gewohnheit hatte, gegen neun Uhr die Gemcher ihrer
Pflegeltern zu verlassen und in ihrem stillen Zimmer noch eine Stunde oder auch
lnger mit den edlen, fr das Wohl der Menschheit arbeitenden Geistern ihres
Volkes zu verkehren. Die letzten Abende mute sie auf diesen Genu verzichten,
da Erasmus ihre ganze Bibliothek besa. Um so erfreuter und von herzinnigem Dank
bis zu Thrnen gerhrt war sie, als ihr heut der Greis, whrend sie den Thee
servirte, ihren kleinen Schatz freiwillig wieder einhndigte. Er sah dabei so
mild und dankbar aus, da in dem klaren Ausdruck seiner Mienen und dem
sprechenden Blick seines Auges das Gestndni lag, er billige die Lectre seiner
Nichte. Herta fhlte dies so schnell und sicher, wie ein Liebender die
Erwiederung seiner Neigung, und die geliebten Bcher an ihr Herz drckend, sagte
sie mit schnem Feuerauge:
    Nicht wahr, Vterchen, das ist ein Mann, der Schiller! Und die Andern, wie
fein, wie lieb, wie voll ruhigen Geistes und lebengebender Anmuth sind sie! Das
kann nichts Unedles sein, was sie uns sagen und lehren, ob's auch ungewohnt
klingen mag! Es mu so geschehen und werden auf dieser schnen Erde mit dem
sternengestickten Sammethimmel, wie sie's wagen und wnschen.
    Es sind Gesnge neuer Propheten, versetzte Erasmus mit mildem Ernst,
Propheten, wie sie wohl jedes Volk haben mu und gehabt hat, wenn es gro
werden, gro bleiben oder gro sterben soll. Vielleicht bedarf jedes Jahrhundert
solcher zrnender Geister, um die Vlker immer auszurufen aus Traum und
Schlummer, dem sie alle Neigung haben sich hinzugeben. Warum sollte das deutsche
Volk eine Ausnahme machen? Versteht es die Sprache dieser Geister, so verdient
es sie zu hren. Ich wenigstens werde gewi der Letzte sein, welcher Stimmen
begeisterter Gotteskinder fr nrrisches Gesptt hlt und zu unterdrcken sucht.
Deshalb stille immerhin Deinen Durst an diesem Springquell heiliger Tne, so
lange Du Genu daran findest.
    Ihre Schtze im Arm kte sie Oheim und Tante die Hnde, wnschte ihnen mit
ihrer Silberstimme gute Nacht und bemerkte in ihrer Seligkeit nicht, da Utta
sich von ihr abwendete und die stolze Hand den frommen Lippen beinahe entzog.
    Auf ihrem stillen Zimmer schlug sie unverweilt unter dem Epheudach
Schiller's Don Karlos auf und schwelgte noch lange in den stolzen Worten dieses
freiheittrunkenen, fr das Wohl aller Menschen so hoch begeisterten Herzens.
Erst als ihre Augen beim Flackern des Lichtes ermdeten, legte sie das Buch weg,
faltete ihre schmalen Hnde darber, wie ber einem Andachtsbuche, und sprach
mit zum Himmel erhobenen Augen ihr Nachtgebet. Ohne Worte flehete Herta in der
Reinheit ihrer Gedanken um Verwirklichung der Ideen, die Marquis Posa vor Don
Philipp ausspricht, um allgemeine Freiheit allen Volkes und um Aufhebung
jeglichen Elendes, das auf ihm lastet, wie ihr wohl bekannt war. Dann schellte
sie. Haiderschen schob schchtern ihr feines Gesicht durch die halbgeffnete
Thr.
    Immer herein! sagte Herta frhlich. Es ist schon spt, spter, als ich
gewhnlich die Ruhe suche. Aber das macht das Glck, von dem ich heut ordentlich
berschttet worden bin. Ich bin ganz aufgeregt; fast besorge ich, nicht
schlafen zu knnen, so zittert mir vor Wonne das Herz! - Und Du, bist Du nicht
auch glcklich, mein holdes Rschen? Deine Augen strahlen wenigstens, als htte
sie Dir ein Engel geliehen. Sieh mich immer mit solchen Himmelsaugen an, gutes
Kind, dann wollen wir zusammen ein Leben fhren, wie im Paradiese. Jetzt hilf
mich entkleiden.
    Beide Mdchen traten in Herta's Schlafgemach, das unmittelbar an ihr
Wohnzimmer stie und von aller Verbindung mit andern Gemchern abgeschlossen
lag. Es glich einer Kapelle und mochte wohl in frherer Zeit auch dazu benutzt
worden sein. Wie die meisten kleineren Zimmer des alten Schlosses hatte es blos
ein Fenster. Dies war aber so hoch an der ellendicken Mauer angebracht, da man
einer Stiege bedurfte, um es ffnen zu knnen. Das Meublement des Schlafgemaches
bestand aus einem gerumigen Bett, mit Vorhngen aus schneeweiem Wollenzeuch,
einer Commode nebst Waschtisch und einigen wenigen Sthlen. Ein Teppich
berbreitete den Boden. In der Wand, dem Bett schrg gegenber, war ein Schrank
angebracht. In diesem bewahrte Herta ihre Kleider auf.
    Whrend Haiderschen ihre junge Herrin entkleiden half und die Zartheit
ihrer Haut eben so sehr wie die Feinheit ihrer Kleider bewunderte, plauderte
Herta ununterbrochen und drckte manchen schwesterlichen Ku auf die Stirn der
schnen Wendin.
    Nun kommt das Schlimmste, sagte sie schalkhaft zu ihrer neuen Zofe, als
sie das weiche bequeme Nachtgewand angelegt hatte, und wenn Du mir darin nicht
gengst, jage ich Dich morgen wieder fort, Du mein Herzensrschen! Wickele mir
die Locken, aber raufe mich nicht! Bei meiner Ungnade!
    Obwohl Haiderschen mit den Toilettengeheimnissen der vornehmen Damen nicht
vertraut war, ging sie doch mit leidlicher Zuversicht an das verlangte Geschft
und beendigte es nach mannichfachen Scherzen und Unterbrechungen zu Herta's
vollkommenster Zufriedenheit. Sie konnte dabei nicht unterlassen, den prchtigen
schneeweien Nacken ihrer jungen Gebieterin wiederholt zu kssen, worber Herta
jedesmal in so komischen Zorn gerieth, da Haiderschen nur ermuntert ward,
ihren Lippen die Ruhe in dem warmen duftigen Sammet noch mehrmals zu gnnen.
    Endlich war die Nachttoilette beendigt und Herta's Kopf mit einer solchen
Menge weier Papiewickel best, da man glauben konnte, die junge Schne habe
sich die braunen Haare mit dem glnzend weien Geflock jener Sumpfblumen
geschmckt, die ber Torfmooren in ganzen Wldern wachsen und des Nachts im
Mondschein wie flatternde Mantillen tanzender Elfen blitzen und leuchten. Eine
nochmalige Umarmung begleitete die letzte gute Nacht der beiden Mdchen, worauf
Haiderschen sich zurckzog und Herta in die weichen Hllen ihres Lagers
flchtete, die Brust voll sen Jubels, die Seele voll der edelsten und
uneigenntzigsten Gedanken.
    Ungeachtet ihrer Aufregung fiel Herta doch bald in jenen halbbewuten
Zustand, der dem festen Schlaf meistentheils vorauszugehen pflegt. Die heitern
Gedanken, mit denen sie sich beschftigt hatte, schufen ihr angenehme
Phantasiebilder, die ihrem geistigen Auge in leuchtender Schne
vorberschwebten. In diesem glcklichen Schwrmen der Seele hrte sie die
Schlouhr eilf schlagen. Die Bilder erloschen in ihr und es ward still und
dunkel. Pltzlich fuhr sie schreckhaft zusammen vor einem Gerusch dicht neben
ihr. Sie erwachte aus der unklaren Seelendmmerung und schlug weit die groen
Augen auf. Da schien es ihr, als weiche die Thr des Wandschrankes aus den
Angeln und ihre Kleider schwebten langsam gegen sie heran. Anfangs glaubte sie
sich zu tuschen und sah dem nchtlichen Spuk mit erstarrenden Pulsen zu, als
sie aber unverkennbar gewahrte, da eine dunkle Gestalt Schritt vor Schritt
ihrem Lager nher kam, richtete sie sich auf und sagte: Haiderschen, la die
Possen! denn sie meinte wirklich, die kleine Wendin habe sich wieder in die
Kammer geschlichen und wolle sich, aufgemuntert durch ihre Heiterkeit, einen
Scherz mit ihr erlauben. Aber das Herz stand ihr still und ein eisiger Schauer
berrieselte sie, als auf ihre Frage eine Mnnerstimme antwortete:
    Ich bedaure, da meine schne Cousine ihr Herz so schnell an dieses
Geschpf verschenkt hat.
    Es war Magnus, der in Lebensgre vor ihr stand und mit der ihm eigenen
galanten Unverschmtheit die Arme ber der Brust verschlang und hhnisch
lchelnd seine Falkenaugen auf das erschrockene Mdchen heftete.
    Die erste Bewegung Herta's war, nach der Klingel zu langen, die auf dem
Nachttisch zu Hupten ihres Bettes stand. Allein Magnus sah dies voraus und fiel
ihr in den Arm.
    Das ist nicht die Art, schne Muhme, einen Ehrenhandel beizulegen.
    Herta kehrte die Sprache zurck. Sie schleuderte einen Blick tiefer
Verachtung auf den Abscheulichen und sagte:
    Entfernen Sie sich sogleich, Elender, oder ich erhebe ein Geschrei, da die
Mauern dieses Schlosses beben!
    Das wirst Du nicht thun, reizendes Mhmchen, weil Du ein Weib bist und
Deine Stimme dadurch an Klang verlieren knnte. Bei Gott, ich sah Dich nie in
einem verfhrerischeren Costme!
    Im ersten Schreck hatte Herta uicht bemerkt, da ihr Nachtkleid von den
runden Schultern gefallen war und sie wie eine blendende Marmorbste in
reizender Formenschnheit dem Grafen gegenber sa. Schmerz und Schaam
entlockten ihren zrnenden Augen die bittersten Thrnen, und indem sie sich
schnell in die Decken hllte und das Gewand wieder zu ordnen suchte, versetzte
sie:
    Vergebe Ihnen Gott diesen Frevel, ich vermag es nicht!
    Ich komme auch nicht deshalb, anbetungswrdiges Mdchen, ich erscheine,
weil Du es befohlen hast.
    Schamloser Lgner, ich befohlen!
    Auf Edelmannswort, Muhme! Gestatte mir zu reden und Du wirst einsehen, da
ich vollkommen in meinem Rechte bin!
    Herta verhllte ihr Gesicht und begann laut zu schluchzen. Magnus sttzte
sich nachlssig auf den Nachttisch und fuhr in leisem Flstertone fort:
    Erinnere Dich Deiner vor einigen Tagen mir gegebenen Zusage, liebenswrdige
Cousine. Du versprachst mir fr die Beleidigung, welche Du mir durch Deine
Frsprache fr das Bauernkind zugefgt, Genugthuung. Mir berlieest Du Ort und
Zeit unseres Zusammenkommens, und um Dir zu zeigen, wie hoch Du in meiner
Achtung stehst, whlte ich grade diesen Ort, grade diese Stunde und schlug den
gefahrvollsten Weg zu diesen traulich-stillen Pltzchen ein. Hier werden wir
hoffentlich recht ungestrt sein und unsern Ehrenhandel ganz in der Ruhe und
ohne Zeugen schlichten knnen.
    Sie sollen sich irren, mein Herr! versetzte Herta entschlossen. Ihre
Abscheulichkeit bersteigt alle Grenzen, darum sollen Sie entehrt und
gebrandmarkt werden, wie Sie es verdienen.
    Herta richtete sich wieder auf und suchte abermals die Schelle.
    Was willst Du thun? fragte Magnus mit schwer verhaltenem Athem.
    Das ganze Schlogesinde nebst Deinen ergrauenden Aeltern will ich
herbeirufen, damit sie sehen, welcher namenlosen Schndlichkeit Du fhig bist!
    Wenn dies wirklich Deine Absicht ist, will ich Dich nicht weiter hindern
und stehe mit Vergngen von meinem Anliegen zurck. Immerhin la die Schelle
luten, erhebe Deine Stimme! Mache Lrm, so viel Du wnschest! Nur gestatte, da
ich hier Platz behalten darf, Du wirst alsdann zu spt einsehen, da Du Dich
selbst in den Augen aller ehrbaren Menschen entehrt hast, und dadurch genthigt
werden, dem verhaten Vetter Magnus Deine schne Hand zu reichen, um ihn zum
Altar zu fhren.
    Schaudernd leuchtete dem unglcklichen Mdchen die furchtbare Wahrheit
dieser Worte ein. Schchtern zog sie die Hand wieder zurck und verbarg sie
frierend in die weien Decken. Magnus lchelte.
    Was haben Sie mir zu sagen? stammelte Herta.
    Da ich Dich liebe, schne Muhme, liebe bis zum Wahnsinn und da ich
Erwiederung meiner Leidenschaft wnsche, hoffe, befehle!
    Sie haben lngst meine Antwort gehrt. Verlassen Sie mich und ich will
vergessen, welche Schmach Sie mir zugefgt haben, ja sogar versuchen, ob ich Sie
in Zukunft wieder achten lernen kann.
    Ich ziehe Deine Liebe jeder Art von Achtung vor.
    Magnus, ich hasse Sie!
    Dann habe ich gegrndete Hoffnung, da Du nach Jahresfrist, sind wir nur
erst Mann und Frau, nrrisch in mich verliebt sein wirst.
    Gehen Sie oder ich zerschelle mir den Kopf an der Wand!
    An meiner Brust wirst Du weicher und angenehmer ruhen.
    Hinweg!
    Schne Muhme, ich habe hier zu fordern, Du nur zu gewhren. Gedenke Deiner
Zusage! Ich komme um Genugthuung!
    Nun so nimm sie Dir! rief Herta in der Angst der Verzweiflung, richtete
sich auf und bot ihm den schnen Busen dar, der zart glnzend aus dem Gewande
schimmerte.
    Durchstoe mich mit Deinem Hirschfnger, dann hast Du Genugthuung!
    Es fllt mir nicht ein, so grausam zu sein, erwiederte abwehrend der junge
Graf, den Augenblick benutzend und seinen Arm um die lebende volle Gestalt
schlingend. Versprich mir Deine Gunst zu schenken, fuhr er flsternd fort,
mein Weib zu werden, und ich beendige diese Unterbrechung Deiner Nachtruhe.
    Immer heftiger, immer glhender umschlang er die einer Ohnmacht nahe Herta,
mit wilden Kssen ihr Lippen, Stirn und Busen bedeckend. Ihr Struben gegen die
Liebkosungen des Verachteten steigerte nur seine Gluth, seinen Ungestm. Er
wute, da die Wehrlose gnzlich in seiner Gewalt sei, da sie es nicht wagen
werde noch knne, durch lautes Toben und Schreien sich Hilfe zu verschaffen. Und
selbst in diesem Falle war er zu dem Aeuersten entschlossen, um seinen Zweck zu
erreichen.
    Als er gewahrte, da die Krfte des unglcklichen Opfers seiner brutalen
Wildheit sich erschpften und der Krper des schnen Mdchens in seinen Armen
zusammen zu brechen drohte, vergnnte er Herta einige Augenblicke der Erholung.
    Herta, mein Herzenskind, sprach er, willst Du denn ewig grausam, ewig
unerbittlich sein? Habe ich nicht in schchternster Weise, zart und sinnig um
Dich geworben? Und empfing ich je eine andere Antwort von Dir, als starre Klte
oder beleidigende Stichelreden? - O Du gttliches, widerspnstiges Mdchen, Du
weit nicht, welchen verzehrenden Feuerbrand Du in meine Seele geschleudert
hast! Ich kann, ich will nicht leben, ohne Dich zu besitzen! Und wenn jetzt ein
Erdsto die hundert Gewlbe dieser Burg mit ihren zahllosen Quadern ber uns
zusammenstrzt, ich weiche doch nicht von Dir. An Deinem Busen, Lippe an Lippe,
im Feuerhauch der Liebe will ich die Schauer des Todes begren und die Wonnen
einer Seligkeit schlrfen, gegen welche das Paradies Mohammeds ein wesenloser
Schatten bleibt!
    Herta suchte sich gegen den Rasenden in ihrer Ohnmacht dadurch zu schtzen,
da sie ihre kleinen Hndchen ihm entgegenstemmte und unverstndliche Bitten
wimmerte. Aber Magnus hatte kein Gefhl mehr fr den Schmerz der Verlassenen. Er
verdoppelte seine strmischen Liebkosungen, seine wilden Ausbrche einer
wahnsinnigen Leidenschaft so lange, bis das schwache Mdchen in vllige Apathie
versank. Erst als er bemerkte, da Herta ohne Leben, ohne Puls und Athem, mit
gebrochenem Auge, ein bleiches Marmorbild, Thrnenperlen in den Grbchen der
Wangen und weie Schaumblthen auf der duftigen Lippe vor ihm lag, fuhr auf
Sekunden ein Reuegedanke durch seine verbrecherische Seele. Mit einem Anflug von
Mitleid hllte er die Bewutlose in ihre Decken und lie seine Blicke
wohlgefllig auf ihrem Antlitz ruhen.
    Jetzt denk' ich doch, soll sie mein Weib werden, sprach er mit
triumphirender Miene. Wenn sie aber aus eigenem Antriebe zu mir kommt, ihre
schnen Arme um meine Knie schlingt und mit herzzerreiender Klage zu mir fleht,
ich mge mich doch ihres Elendes erbarmen, dann will ich die Rolle mit ihr
tauschen und eben so gewandt den Hartherzigen spielen, wie das hochmthige
Mdchen es bisher mit mir zu halten beliebte. Erst wenn sie ganz zerknirscht
sein wird und Hand an sich selbst zu legen sich entschlossen zeigt, erst dann
will ich sie wieder zu Gnaden annehmen und mit meinem grflichen Schild und
Namen ihre zerstrte Jugend bedecken. Frohes Erwachen, mein ses weies
Tubchen!
    Magnus schlich auf leiser Sohle gegen die Wand, verschwand schnell hinter
der eingefalzten Thr und schlug wohlgemuth und jetzt wieder uerst zufrieden
mit sich, den finstern Rckweg durchs Schlo ein. Unbemerkt erreichte er das
Ufer des See's, sprang in den verborgenen Kahn und ruderte sich behend ans Ufer
der Haide. Es schlug Mitternacht, als der Missethter hinter den riesigen Fhren
verschwand, sein Pferd bestieg und auf bekannten Wegen in wildem Ritt dem
Zeiselhofe zujagte.

                               Siebentes Kapitel.



                                Eine Botschaft.

Drei Tage spter klopfte der Maulwurffnger an Sloboda's niedrige Behausung. Ein
ehrlicher Handschlag des Wenden verbunden mit treu gemeintem Grue empfing den
Freund.
    Woher des Weges? fragte Sloboda, indem er mit dem Fue die Stubenthr
aufstie und den Gast voranschreiten lie.
    Von Boberstein, versetzte Pink-Heinrich, seine Gerthe auf Tisch und Bank
werfend und daneben selbst mit untergestemmten Armen Platz nehmend.
    Und Du sagst mir nichts von meiner Tochter, von meinem Herzblatt? Keinen
Gru von ihren lieben Kinderlippen?
    Sie lt gren und wird bald selber wieder zu Dir kommen.
    Ist man der Armen schon berdrig? sagte stirnrunzelnd der Wende. Ich
dachte, sie sollte bis zum Herbste auf dem Schlosse bleiben, was Rechtes lernen
und eine tchtigere Hausfrau werden, als die meisten andern Haidebuerinnen.
    Es ist was vorgegangen auf Boberstein, das ihre baldige Entfernung nthigt
macht.
    Hat sie sich vergangen?
    Mit keinem Blick und Gedanken!
    Nun was denn?
    Kennst Du das Frulein, Rschens Gebieterin?
    Gottes Segen auf ihr Engelshaupt! rief Sloboda mit ausdrucksvoll erhobenem
Blicke.
    Sie ist schwer erkrankt und man frchtet fr ihr Leben.
    Mein Gott, das herzige Mdchen war ja frisch wie ein aufgeblhtes
Kleekpfchen! Sollte ihr der Schreck geschadet haben, den sie ber Rschens
Verurtheilung hatte?
    Darber ist mir keine Kunde geworden, erwiederte der Maulwurffnger, immer
starr vor sich hinsehend und ohne Feuer zum Anbrennen seiner Pfeife zu begehren,
die halb ausgeraucht neben den Fangdrhten lag. Gestern Vormittag rudr' ich mich
ber den See, wie ich das immer selbst gethan habe, und steige den Schloberg
hinan. Ich trete in den Hof - kein Mensch lt sich weder sehen noch hren! - Da
ich wei, da der Herr Graf krnkelt und es nicht gern hat, wenn man so gradezu
die Treppen hinanrennt, fange ich an leise vor mich hin den Reihzufinkenschlag
zu pfeifen und steige die Stufen in die Halle hinauf. Des Kastellans Zimmer war
leer, die Halle desgleichen. So setze ich mich auf den langen Tisch in der
letztern, pfeife mein Stckchen fort und lute dabei mit den Beinen die Esel
aus. Weil ich nun grade nicht gar sacht pfiff und auch zuweilen verdammt hart an
die Tischbeine anschlug, ward es doch endlich lebendig und das kluge Auge
Haiderschens guckte durch das Gegitter der Wendeltreppe. Sie jauchzte vor
Freude, als sie mich mutterseelenallein so wunderprchtig musiciren sah,
klapperte wie ein Rdchen die Treppe vollends herunter und umhalste mich, was
mir recht wohl that, - wei Gott, Sloboda, 's that mir wohl! - Aber mir fror der
Finkenschlag in der Kehle ein wie ich Dein schneeweies Tchterchen mir nher
betrachtete. Sie hatte geweint, da sie der Bock noch stie und ganze
Thrnenbche sich auf ihren weirothsammtenen Wngelein kreuzten. Ich sah sie
gro an und hatte nicht wenig Lust, etwas grob zu werden, da kam sie mir zuvor
und sagte:
    Ach Pink-Heinrich, das Unglck! Nun geht es wohl zu Ende mit mir und all'
den Meinigen, denn wir haben keinen Schutzengel mehr!
    Gar so arg ist es noch nicht, versetzte ieh, denn wenn Du sonst dem Worte
eines armen Mannes Glauben schenken willst, so verspricht Dir der Pink-Heinrich,
was er auch schon frher gethan hat, Dich so weit sein Arm und Fu reicht,
ebenfalls zu schtzen. Aber sag' an, was gibt es?
    Frulein Herta liegt im Sterben! ruft schluchzend Deine Tochter.
Ohnmchtig fanden wir sie gestern auf ihrem Lager, wei, wie neu gefallener
Schnee, oder wie Lilienbltter, mit unendlich lchelndem Schmerzenszug um die
zarten weichen Lippen. Als wir sie riefen, kam sie zwar bald zu sich, allein sie
war krank, so krank, da ich gar nicht wei, wie ich's beschreiben soll. Auch
die Aerzte schttelten den Kopf, wie sie das leichenblasse Frulein mit den
glsernen geisterhaft schnen Augen sahen, das jede Frage hrte, aber keine
beantwortete! Und so ist es mit ihr geblieben bis jetzt. Sie sitzt wieder an
ihrem Fenster, fttert ihr Hnschen, drckt mir freundlich die Hnde, ja kt
mich liebevoll, wenn ich ihr die nthigen Handreichungen thue, nimmt Speise zu
sich, wenn man sie ihr bringt, und liest in den Bchern, die sie so lieb hat.
Doch kein Laut geht ber ihre Lippen! Es ist recht entsetzlich und der gute alte
Graf grmt sich unaussprechlich um seinen Liebling.
    Darf ich sie sehen? fragte ich Haiderschen, worauf sie mich zu melden und
mein Anliegen dem gndigen Herrn mitzutheilen versprach. Ich ward vorgelassen
und in das Zimmer des guten Fruleins gefhrt. - Gtiger Himmel, welch einen
Anblick hatten da meine Augen! Ich bin doch just kein Weichling und habe auch zu
Zeiten schon mancherlei Trbseliges erlebt, aber solch Schreckensbild ist mir
noch niemals vorgekommen! - Die kluge, schne, gtige Herta sa still und stumm
auf ihrem Fensterplatz, die durchsichtig zarten Hnde auf dem Schooe gefaltet.
Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, eine von den Schriften, die ihr Gregor
besorgt hat. Das starrte sie an mit Augen, aus denen nicht der Glanz einer
lebendigen Seele leuchtete, sondern mit einem kalten fahlen Schein, als habe
sich ein Mondstrahl darin gefangen und mhe sich vergeblich, sein kristallenes
Haus zu durchbrechen. - Und welche tiefe Blsse war an die Stelle der Rosen
getreten, die in den Grbchen ihrer Wangen so reizend blhten! Wie erschrocken
neigten sich die Krauskpfchen ihrer Locken zu ihnen herab und zitterten vor dem
Leichenduft, der ihnen entgegen zu wehen schien! - Ich nannte grend ihren
Namen - da blickte sie verwundert auf, doch schien sie mich nicht zu kennen,
oder ein grliches Trugbild mute an ihrer Seele vorberrauschen, denn sie
schauerte innerlichst zusammen und Fieberfrost schttelte ihre Glieder, wie der
Herbstwind die Zweige der Birken. - Bestrzt bis zur Verzweiflung umringten die
Unglckliche das grfliche Paar und die vertrauteren Diener. Keiner sprach,
Keiner wute zu rathen, zu trsten. Nur das sahen Alle schaudernd ein, da dies
herrliche Gemth durch ein rthselhaft Furchtbares zerrttet worden sein msse
und da ihr klarer Geist vielleicht fr immer verwirrt sei!
    Herr des Himmels, rief Sloboda erblassend, Herta wahnsinig, die Mutter
der Armen den Verstand verloren!
    Es steht zu frchten, denn auch heut ist keine Aenderung in ihrem Zustande
eingetreten.
    Sloboda rang die Hnde und ging gebckten Hauptes durch die niedrige Stube.
Vor dem Maulwurffnger blieb er stehen, legte seine beiden gewaltigen Hnde auf
dessen Schultern und forschend in seine Augen blickend, sagte er:
    Glaubst Du, da dies von ungefhr und ohne besondere Veranlassung geschehen
sei?
    Pink-Heinrich schttelte den Kopf.
    Hast Du auch keine Vermuthungen?
    Ein Blick des Maulwurffngers traf den Wenden, vor welchem dieser
zurckprallte, als frchte er durchbohrt zu werden.
    Was denkst Du? sagte er leise, als entsetze er sich vor seiner eignen
Stimme.
    Der Maulwurffnger stand auf, lehnte sich auf beide Arme gesttzt ber den
Tisch und erwiederte mit ergreifendem Tone:
    Ich denke, da Gott in seiner Weisheit beschlossen hat, ein Strafgericht zu
halten ber Alle, so verworfen sind, und da er der unschuldigen Opfer viele
bedarf, ehe im Weltall die Stunde dazu schlgt!
    Das sind vieldeutige Worte, auf die ich mich nicht verstehe.
    Nicht! Nun wohl, so spricht die Zeichensprache vielleicht deutlicher zu
Dir. - Als ich heut Mittag das Schlo wieder verlie, traz mich der Kastellan
ngstlich an und fragte, ob ich in seinem Zimmer gewesen sei oder Jemanden darin
beschftigt gesehen habe? Da ich jenes bejahen, dieses verneinen mute, so drang
er in mich, keinen Scherz mit ihm zu treiben. Nun war ich, wei Gott, nicht zum
Scherzen aufgelegt und lie ihn also nicht sehr freundlich an. Darauf gestand er
mir, da er drei Schlssel an seinem Bunde vermisse und nicht begreifen knne,
wie diese ihm weggekommen sein sollten. Nach einigem Hin- und Herreden ergab es
sich, da die fehlenden Schlssel alte selten betretene Gnge des Schlosses
ffnen, von denen einer mit smmtlichen Gemchern der alten Burg zusammenhngt.
- Das fiel mir auf, denn nun erst erinnerte ich mich, von meinem Bruder Gregor
gehrt zu haben, da Blauhuts bestes Pferd auf einem nchtlichen Ritt gestrzt
sei und die linke Fessel gebrochen habe. Es war in der Nacht geschehen, die
jenem traurigen Erkranken Herta's voranging.
    Sollte daraus ein Schlu zu ziehen sein? sagte Sloboda. Das scheint mir
gewagt und knnte zu entsetzlichen Folgen veranlassen.
    List und Vorsicht helfen aus jedem Irrthum, erwiederte Pink-Heinrich. So
wenigstens dachte ich, als ich des bestrzten Kastellans Rede vernahm. Ach
entschuldigt, unterbrach ich den Alten, ich habe was vergessen. So stieg ich
denn nochmals hinauf, trat abermals in das Zimmer der Kranken und sagte zum
Grafen Erasmus: Verzeihung, gndigster Herr, ich wollte nur unterthnigst
fragen ob Sie dem Herrn Grafen Magnus - und diesen Namen betonte ich recht
scharf - irgend etwas zu melden, vielleicht von dem Erkranken seiner schnen
Verwandten in Kenntni zu setzen htten? Bei Nennung dieses Namens fuhr das
Frulein zusammen, wie vom Schlage getroffen, ein grauenhafter Seufzer entrang
sich dem gepreten Herzen, und ihre Hnde gegen die Augen erhebend, begann sie
zu weinen. - Die Frau Grfin flsterte ihrem Herrn Gemahl leise zu: Das gute
Kind scheint liebeskrank zu sein, der Herr Graf aber wechselte einen finstern
Blick mit mir und uerte sehr ungndig: ich habe meinem Sohne keine Botschaft
zu senden. Er soll nicht wissen, da Herta erkrankt ist! - Darauf verbeugte ich
mich und ging durch die Haide zu Dir, ohne da ich auf andere Gedanken kommen
konnte.
    Sloboda war sehr nachdenkend geworden. Er wagte nicht dem schlauen
Maulwurffnger zu widersprechen und mochte ihn noch weniger in seinem
furchtbaren Verdachte bestrken. Endlich sprach er unwillkrlich:
    Es wre doch entsetzlich!
    Warum? sagte Heinrich mit seiner sarkastischen Gleichgiltigkeit. Die
Natur will ihren Lauf haben und die Geschichte der Vlker auch. Ich sehe da blos
Ursachen und Folgen.
    Glaubst Du, da der Graf Deinen Verdacht theilt?
    Nein. Dazu ist er zu wenig Politiker. Das Erschrecken des Fruleins stellt
er auf Rechnung ihrer Abneigung gegen Magnus.
    Sollte man ihn nicht auf den Fall aufmerksam machen?
    Auch das nicht. Es bleibe ein Dunkel ber Herta's traurigem Zustande, bis
sie erliegt, oder von selbst die Wolken jener Nacht sich lichten! - Noch hoff'
ich, da Herta's krftige Natur diesen Sturm berdauern, da sie Empfindung,
Sprache und Errinnerung wieder erhalten wird, und dann steigt der Geist Gottes
mit Windesschnelle herab auf die Zinnen Bobersteins und deutet uns an, was wir
fr Recht zu achten haben. Lge aber meiner Vermuthung dennoch eine Tuschung
zum Grunde, so knnte ich mit deren Verbreitung ein nie wieder gut zu machendes
Unglck anstiften. Und solch eine Snde soll nie und nimmer auf dem Gewissen
Pink-Heinrichs lasten!
    Und meine Tochter! Was soll mit ihr geschehen, wenn das unglckliche
Frulein stirbt?
    Dein Kind mu aus dem Schlosse, auch dann, wenn Frulein Herta am Leben
bleibt.
    Zu wem, Heinrich, zu wem? Ich kann sie nicht beschtzen, denn mir sind die
Hnde gebunden und ich mu Tag und Nacht arbeiten, wenn ich leben soll.
    Nur nicht verzweifelt, Freund Jan! sagte der Maulwurffnger. Ich habe
darber simulirt auf dem ganzen einsamen Wege durch die Haide. Mein Anschlag ist
reif und nach meinem Erachten recht gut ausfhrbar. Wir warten geduldig einige
Tage ab, um zu sehen, wie sich die Krankheit der allgeliebten Herta gestaltet.
Inzwischen bereitest Du und Ehrhold Alles zu baldiger Ausrichtung einer Hochzeit
vor; denn kann Dein Kind nicht auf dem Schlosse bleiben, wovon ich berzeugt
bin, so mu sie unverweilt den Clemens heirathen. Als Frau, dafr steh' ich, hat
Blauhut keinen freundlichen Blick mehr fr sie.
    Gut, versetzte Sloboda. Meine Einwilligung hat sie lngst, wird aber auch
die Herrschaft einwilligen? Graf Magnus mu sie als Unterthanin annehmen, mu
dem Burschen seinen Consens freiwillig geben! - Wenn er sich weigert, knnen wir
ihn zwingen?
    Zwingen nicht, aber dazu ngstigen. Er frchtete mich, Jan, und er hat
Grund dazu. Und bei meiner ewigen Seele, diesen Wstling verderbe ich, wenn er
den hochfahrenden, gebietenden Herrn spielen will!
    Er wird es dennoch thun, Heinrich.
    Er thut es nicht! Sein Vater wei mehr von seinen Lasterwegen, als er
glaubt, und wenn ich mit diesem Rcksprache zu nehmen drohe, gwhrt er mir, was
ich verlange. Ueberdies schwebt er in bestndiger Furcht wegen der Gerchte, die
zum Theil durch meine Veranlassung in Umlauf sind. Er fhlt sich nicht mehr
sicher in seiner Herrschaft. Die finstern drohenden Mienen seiner Knechte
weissagen ihm nichts Gutes, und um den langsam heranziehenden Sturm nichr zu
vollem Ausbruche kommen zu lassen, fgt er sich dem Unvermeidlichen.
    Willst Du selbst mit ihm sprechen?
    Nein. Seit der Flucht Haiderschens betrete ich den Zeiselhof nicht mehr.
Ich habe meine Vermittler.
    Wen meinst Du?
    Das ist mein Geheimni, Freund Jan, sagte der Maulwurffnger mit ernstem
Auge. Es mu verschwiegen bleiben, bis es gewirkt hat, oder ich ziehe meine
Hand zurck!
    Nicht doch, Heinrich! Du hast mein, Du hast das Vertrauen aller meiner eben
so gedrckten Stammesbrder. Thue, was Du fr recht und zweckdienlich hltst,
und rechne auf die Dankbarkeit eines leibeigenen Mannes!
    Sloboda reichte nicht ohne lebhafte Bewegung dem Maulwurffnger seine rauhe
Hand. Heinrich ergriff und drckte sie herzhaft.
    So ist es gut, sprach er. Nun ich mit Deiner Einwilligung handle, will
ich eilen und Alles in's Werk setzen.
    Er stand auf, warf seine Drhte nebst dem Quersack wieder ber die Schultern
und schlang sich den Lederriemen seines Stockes fest um die Hand.
    Wann kommst Du wieder? fragte Sloboda.
    Ich kann es nicht bestimmen. Meine Geschfte fhren mich diesmal tiefer in
die Haide, und da mgen wohl ein paar Wochen vergehen, ehe ich zurckkehre. Doch
wirst Du schon frher mittelbar von mir hren. Sage Deinem Kinde einen Gru und
sie solle nur muthig, treu und fromm bleiben, dann wrde sie Gott nicht
verlassen!
    Mit nochmaligem Hndedruck trennten sich die beiden Mnner. Der Wende sah
gedankenvoll dem Maulwurffnger nach, wie er mit groen, wiegenden Schritten dem
Saum der Haide entgegen ging, die in goldigem Feuerduft Dorf und Feld im weiten
Bogen umspannte.

                                Achtes Kapitel.



                                 Der Drohbrief.

Magnus dehnte sich mit wollstigem Behagen auf schwellender Ottomane und las
einen jener verfhrerischen Romane von Crebillon, die damals unter den
verdorbenen hhern Stnden ihrer grazis verhllten Unmoralitt wegen eben so
groen Beifall fanden, als durch den geistreichen Witz und treffenden Sarkasmus
des frivolen Franzosen. In langen Pausen schlrfte der junge Graf dabei starke
Chocolade aus einer groen reich vergoldeten Tasse. In diesem zwiefachen Genusse
strte ihn sein vertrauter Kammerdiener, welcher mit den fein gebrsteten
Sonntagskleidern des Herrn eintrat, sich jedoch in respectvoller Entfernung von
dem Lesenden hielt. Nach einiger Zeit legte Magnus das Buch weg und trank den
Rest seiner Chocolade.
    Was willst Du, Jean? fragte er den Kammerdiener, der bewegungslos, den
Sammetrock des Gebieters auf dem Arme, im Zimmer stand.
    Mit Ew. Gnaden gtiger Erlaubni wollte ich unterthnigst melden, da so
eben zum dritten Male zur Kirche gelutet worden ist.
    Schon so spt, Jean? - Ja, dann mu ich mich beeilen. Die Zeit vergeht doch
wunderbar schnell bei angenehmer, geistreicher Lectre.
    Magnus erhob sich von seinem bequemen Lager, winkte dem Kammerdiener, ihm
dem Pudermantel umzuwerfen und lie sich die Haartour in Ordnung bringen. Dabei
ghnte er mehrmals.
    Der gndige Herr Graf scheinen eine schlaflose Nacht gehabt zu haben.
    Ach nein, guter Jean, ich langweile mich nur im Voraus schon bei der
stundenlangen albernen Predigt unseres zahnlosen alten Pfarrers.
    Dann brauchen ja Ew. Gnaden blos nicht in die Kirche zu gehen, sagte Jean.
Sind Sie nicht Ihr eigener unabhngiger Herr?
    Nicht so ganz, wie Du glaubst. Ich mu meinen Unterthanen mit gutem
Beispiel vorangehen und mich also ihnen zu Liebe zu Tode langweilen. Man hlt
mich fr einen Freigeist, ich wei es bestimmt, und eben dehalb will ich von
heut an jeden Sonntag die Kirche besuchen. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, Jean, es
geschieht blos so lange, bis sich die dummen Bauern von meiner wahrhaftigen
Gottesfurcht augenfllig berzeugt haben.
    Es war nmlich Magnus erzhlt worden, da viele seiner Unterthanen laut
geuert hatten, ihr Herr msse ehestens vom Himmel bestraft werden, weil er
nicht ein einziges Mal das Gotteshaus besucht habe, und so hielt er es denn fr
unumgnglich nthig, sich in die Umstnde zu fgen.
    Noch kein Bote von Boberstein angekommen? fragte er, whrend ihm der
Kammerdiener den Pudermantel abnahm und einige weie Tpfel von Stirn und Wange
stubte.
    Man hat noch nichts gehrt.
    Wie geht es mit Sultan?
    Der Voigt ist mir die Antwort auf meine Frage bis jetzt schuldig
geblieben.
    Warum? Sollte Sultan's Leben bedroht sein? - Geh, Jean! Bescheide den Voigt
zu mir. Ich will sogleich die genaueste Nachricht ber das Befinden meines
Lieblingspferdes haben.
    Irre ich nicht, gndigster Herr, so hre ich den schwerflligen Tritt des
Voigtes auf dem Corridor.
    So war es. Der Voigt erschien. Er hatte einen ziemlich groen Brief in der
Hand, der schlecht couvertirt und mit schwarzbraunem Siegellack uerst plump
verschlossen war. Auf dem Siegel konnte man kein bestimmtes Zeichen erkennen, da
der vermuthlich ungebte Schreiber zwei- oder dreimal das Petschaft in das halb
geronnene Lack gedrckt hatte.
    Du wirst tglich lssiger, Ephraim, redete Magnus den Eintretenden
ziemlich barsch an. Wenn das so forfgeht, werde ich knftig eine Gesandtschaft
an Dich abschicken mssen, um zu erfahren, wie Du Dich in meinen Diensten
benimmst. Was bringst Du von Sultan fr Nachricht?
    Die Geschwulst mindert sich, gndigster Herr, versetzte der Voigt mit
niedergeschlagener Miene, bei sorgfltiger Pflege wird das arme Thier wieder
vollkommen hergestellt werden.
    Das ist mir lieb, aber was zum Henker schneidest Du fr Gesichter? Und was
hast Du denn da in den Hnden?
    Ich wollte Ew. Gnaden eben um Entschuldigung bitten der Sumni wegen, der
ich mich schuldig gemacht habe. Dieser Brief -
    Brief? fiel Magnus schnell ein, mit dem rechten Arm in den Sammetrock
fahrend und so pltzlich dem Voigte entgegenschreitend, da er dem Kammerdiener
das Kleidungsstck entri und es auf dem Boden hinter sich fortschleifte. Ein
Brief von Boberstein?
    Von dem Stammschlosse des gndigen Herrn ist mir ein solcher Brief noch
nicht zu Gesicht gekommen, versetzte der Voigt. Ueberhaupt habe ich solche
Schriftzeichen noch niemals erblickt, und eben deshalb zgerte ich mit der
Ueberreichung.
    Wer brachte ihn? Wie kam er an Dich? fragte Magnus hastig, jetzt mit Hilfe
des Kammerdieners auch den zweiten Aermel seines Feierkleides anziehend.
    Ich fand ihn, gndigster Herr. Drauen am Thor zwischen Schlo und Riegel
war er eingeklemmt.
    Vermuthlich ein Pasquill, sagte Magnus verchtlich, la doch sehen!
    Der Voigt berreichte das ungleich gefalzte, uerlich beschmuzte Schreiben.
Magnus besah das verwischte Siegel, die unleserliche, gekleckste Handschrift.
    Vielleicht ist es ein Brandbrief. Man hat neuerdings verschiedene auf
Edelhfen ausgeworfen, um Milderung der Hofedienste zu erzwingen. Wie ich hre,
haben sich einige Furchtsame dadurch einschchtern lassen und wirklich
Versprechungen gethan. Bei mir knnen diese Thoren auf solche Weise nichts
erlangen. Ich trotze der Rohheit und werde um so hrter strafen, je unerlaubter
ein solches Verfahren ist.
    Whrend dieses Gesprchs hatte er den Brief erbrochen. Schon beim Durchlesen
der ersten Zeilen runzelte er die Stirn und wechselte die Farbe.
    Was ist das? hrten ihn Voigt und Kammerdiener murmeln. Er las noch einige
Zeilen, worauf die Anwesenden bemerken konnten, da ihm die Hnde zitterten.
    Meinen Wagen! befahl er dem Voigt. Du, Jean, hole mein Gesangbuch aus der
Bibliothek.
    Kaum hatten sich die Diener entfernt, so warf sich Magnus auf einen Stuhl
und stampfte wthend mit dem Fue.
    Abscheulich! rief er. Mich zwingen zu wollen und in so stolzen,
beleidigenden Ausdrcken!
    Der Brief lag auf seinem Schoo. Er lautete:
    Vier Wochen nach Empfang dieses wird Rschen Sloboda, bekannt unter dem
Namen Haiderschen, den Bauer Clemens Ehrhold heirathen. Sie werden, Herr Graf,
ohne Sumen genannten Clemens Ehrhold die Erlaubni dazu ertheilen und Rschen
Sloboda als Ihre Unterthanin annehmen. Ferner wollen Sie nicht anstehen,
obgenanntem Rschen ein Heirathsgut von dreihundert Reichsthalern zu
berantworten und am Tage der Hochzeit, zu deren Feier Sie hiermit eingeladen
werden, den Neuvermhlten einen Freibrief als auerordentliches
Hochzeitsgeschenk zu berreichen. Binnen zweimal vier und zwanzig Stunden werden
Sie gndigst Antwort geben, wozu das Abfeuern Ihrer Jagdflinte aus demselben
Fenster, durch welches die kleine Wendin Ihrer Verfolgung sich entzog, fr
gengend erachtet wird. Sollten Sie anstehen, die oben genannten Bedingungen
eingehn zu wollen und das verlangte Zeichen nicht geben, so werden eine Stunde
spter alle Fenster Ihres Schlosses von hundert Schssen zugleich zertrmmert
werden und die gerechte Strafe des Himmels wird Sie erreichen mitten im Triumph
Ihrer nichtswrdigen Verbrechen!
    Dieser Brief war ohne Namensunterschrift und unverkennbar mit verstellter
Hand geschrieben. Magnus fiel daher sogleich auf den Gedanken, der Verfasser
desselben knne Niemand anders als sein erklrter Feind der Maulwurffnger sein.
Deshalb war er anfangs auch fest entschlossen, die herrische Forderung ganz
unbeachtet zu lassen und dem frechen Schreiber damit seine Verachtung zu
erkennen zu geben, allein spter stiegen doch wieder Zweifel in ihm auf. Der
berall thtige Maulwurffnger konnte ja blos das Werkzeug eines Mchtigeren
sein! Es lie sich nicht lugnen, da eine unglaublich khne Ruberbande die
Haide seit Jahren unsicher machte; da Mitglieder derselben als Bauern und
Brger verkleidet auf allen Drfern und Schlssern Bekanntschaften anknpften
und ber ffentliche und geheime Vorgnge sehr wohl unterrichtet waren. Von der
Strke dieser kunstreich organisirten Ruberbande erzhlte man sich Wunderdinge;
die Schlauheit, Kraft und originelle Gesinnung ihres Anfhrers konnte man nicht
genug rhmen. Ja das unwissende Volk legte ihm sogar hhere Krfte bei, hielt
ihn fr hieb- und stichfest und behauptete, er knne zugleich an mehreren Orten
gegenwrtig sein und wie der Sturmwind im Augenblick erscheinen und
verschwinden. - Es war ferner so gut als gewi, da die niedrigen Volksklassen,
namentlich das arme, darbende Volk, in sehr enger Verbindung mit diesem
Schrecken der Wlder stand. Jede Htte stand dem Unhold bei drohender Gefahr
offen, whrend sie sich vor der verfolgenden Macht verschlo. Der schlaue Frst
der Haide, wie man den Ruber wohl nennen hrte, hatte nicht selten schreiendes
Unrecht auf seine Weise ausgeglichen und hartherzige Herren auf das
Empfindlichste gezchtigt.
    Dies und manche auffallende Einzelheiten aus dem unsttten abenteuerlichen
Leben des Rubers traten dem jungen Grafen blitzschnell vor die Seele und
nachdenkend sttzte er den Kopf in seine Hand, das bedrohliche Schreiben
zerknitternd und auf die glimmenden Kohlen des Kamins schleudernd.
    Um Auswege war Magnus nie verlegen, da es ihm auf die Wahl seiner Mittel
nicht ankam. Den Inhalt des Briefes nochmals sich wiederholend, sprang er auf
und schnalzte lchelnd mit dem Finger.
    Vortrefflich! sagte er, das Zimmer langsam durchschreitend. Grfliche
Gnaden fgen sich unbedingt dem Willen des dunklen Unbekannten, fertigen die
Erlaubni zur Hochzeit des jungen Burschen mit der niedlichen Kleinen aus, sind
berhaupt unaussprechlich herablassend und zuvorkommend und knallen zu guter
Letzt mit ihrer Vogelflinte zu dem famosen Fenster hinaus. - Warum auch sollte
ich es nicht thun? fuhr er fort, in seiner Wanderung inne haltend. Wer von all
meinen Leuten wei denn, was mir zugemuthet wird, welcher unbekannten Gewalt ich
mich ohne alles Struben ergebe? - Und welcher Vortheil kann mir aus solchem
unbedingt willigen Nachgeben erwachsen! - Diese Schlauen, wer sie immer sein
mgen, sind in der That ungemein kurzsichtig. Sie muthen mir, der ich jedenfalls
weit ber ihnen stehe, zu, ich solle mich ohne Rckhalt, ohne Sumen ihren
Hnden berliefern, und scheinen dabei zu vergessen, da grade dieses grobe
Drngen, wenn ich mich ihm fge, eine laute Aufforderung ist, vorsichtig zu
sein. - Sie laden mich naiv gutmthig zu Haiderschens Hochzeit ein - ein
vortrefflicher Gedanke! - Ich habe Lust, die lieben Leute in ihrer Lustigkeit
kennen zu lernen. - Und den Freischein soll ich mitbringen zum Trunk und Tanz? -
Wirklich, diese Tlpel ahnen nicht, wie bereitwillig sie mir in die Hnde
arbeiten! - Der Freischein zur Hochzeit - mein Recht als Herr - der Lrm und die
ausgelassene Lust der Wenden - ich kann mich gar nicht tuschen, da ich dabei
einen vollstndigen Sieg erringe und dem Feinde die empfindlichste Niederlage
bereite.
    Ew. Gnaden? sagte der Kammerdiener, die Thr ffnend.
    Ist angespannt?
    Wie Sie befohlen haben.
    So will ich denn zur Kirche fahren und im inbrnstigen Gebet Gott danken,
da er mich erleuchtet und aus schwerer Gefahr gndig errettet hat.
    Der Kammerdiener machte groe Augen, als er seinen Gebieter eine so
ungewohnte, noch nie vernommene Sprache anstimmen hrte, inde begleitete er ihn
gehorsam zur Kirche, wo er sich abermals ber die auerordentliche Andacht und
die gespannte Aufmerksamkeit des Grafen zu wundern hatte. Magnus wartete den
Gottesdienst gnzlich ab, dankte sehr gndig allen Vorbergehenden, die ihn
grten, und war nicht nur an diesem, sondern auch in den nchsten Tagen die
Freundlichkeit und Gte selbst gegen Diener und Knechte. Die Letzteren hielten
ihn fr geisteskrank und wurden in dieser Meinung noch mehr bestrkt, als sie
ihn eines Tages am frhen Morgen wie toll mit der Flinte durch mehrere Zimmer
rennen sahen, als ob er einen Dieb verfolge. Gleich darauf fiel ein Schu. Mit
noch rauchender Flinte ging der Graf ruhig zurck in sein Wohnzimmer.

                                Neuntes Kapitel.



                                 Die Hochzeit.

Durch die alterthmlichen Hallen des Schlosses Boberstein schwebte der
unheimliche Schatten eines nahe drohenden Unglcks. Herta war in tiefe,
herzzerreiende Melancholie versunken, die auf allen Schlobewohnern drckend
lastete, namentlich aber die Tage des alten krnklichen Grafen vollends ganz
verdsterte. Zwar sprach die Leidende wieder seit einiger Zeit mit ihren
Umgebungen. Keine Schwche ihrer geistigen Krfte war zu bemerken, auch eine
fixe Idee schien sie nicht zu beunruhigen, aber sie war dennoch ein ganz anderes
Wesen geworden, dem man es ansah und anhrte, da ein unaussprechliches Weh, ein
entsetzlicher Schmerz an ihrem Herzen nagte. Deutete man darauf hin, so
verstummte sie und konnte tagelang schweigen, bis man sich denn gegenseitig
gelobte, die Unglckliche mit ihrem Schmerz sich selbst zu berlassen.
    Ueberraschen und angenehm berhren konnte Herta nichts mehr. Sie hrte daher
mit vollkommener Gleichgiltigkeit die Botschaft, da ihr liebes Haiderschen in
wenigen Wochen schon verheirathet werden solle. Die Wendin war ber diese Eile
offenbar mehr erschrocken und zeigte sich gar nicht als glckliche Braut. Immer
standen ihr die Thrnen in den Augen, die ihr Herta nicht selten mitleidig
abtrocknete. Weil sie aber von Jugend auf an blinden Gehorsam gewhnt und
auerdem berzeugt war, da ihr Vater nur aus besondern Grnden und zu ihrem
eigenen Besten die Hochzeit so beeile, fgte sie sich willig allen Anordnungen.
    In der kurzen Zeit ihres eigentlichen Brautstandes ereignete sich nichts,
was eine besondere Erwhnung nthig machte. Graf Erasmus gab das Mdchen auf
erfolgte Anfrage los und Magnus nahm sie bereitwillig als Unterthanin an. Die
herkmmlichen Schriften darber wurden in blicher Form ausgefertigt und
Haiderschens Vater bergeben, der jetzt fast tglich auf dem Schlosse erschien.
Clemens hatte mit Einrichtung des neuen Hauswesens zu viel zu thun, um den
weiten Weg nach Boberstein hufig einschlagen zu knnen. Er begngte sich daher
mit Gren an seine Braut, die Haiderschen von ganzem Herzen, aber doch immer
niedergeschlagen, erwiederte. Das gute Kind hrmte sich um Herta, noch mehr
darber, da es ihr nicht gelingen wollte, die Gemthskranke aufzuheitern und
ihr Vertrauen zu gewinnen. So blieb ihr nichts brig, als sie mit aufopferndster
Sorgfalt und zrtlichster Liebe zu pflegen, was sie denn auch so rhrend that,
da sie dem bleichen, jetzt immer so dstern und wie in furchtbarem Schmerz
versteinerten Gesicht ihrer Gebieterin zuweilen ein flchtiges Lcheln
entlockte.
    Unter diesem sich immer gleich bleibenden den Hinvegetiren vergingen die
festgesetzten vier Wochen, nach deren Verlauf Haiderschen ihrem Geliebten
angetraut werden sollte. Nur die uralten Frmlichkeiten und Gebruche, die jeder
wendischen Hochzeit vorangehen und die zu vernachlssigen man nicht allein fr
einen Versto gegen alle Sitte, sondern auch fr eine frevle Herausforderung der
finstern Mchte und des heimlich schaffenden Unglckes gehalten haben wrde,
brachten einige Abwechselung und auf kurze Stunden ein originelles Leben und
Treiben in das so stille, traurige Grafenschlo. So erfolgte unter Andern die
eigenthmliche Werbung des Brutigams um die Braut durch den Brauwerber oder
Brazka mit allen Ceremonien, die dabei vorgeschrieben sind. Eben so reich an
wunderlichen Gebruchen, an seltsamen Sprchen und Reimreden war die feierliche
Verlobung Haiderschens mit Clemens, und diese noch nie in der Nhe beobachteten
volksthmlichen Gebruche interessirten auch Herta so sehr, da sie whrend
derselben ihr schweres Seelenleid verga und mit dem alt gewohnten Glanz in
ihren schnen Augen, das liebliche Gesicht berstrahlt von freudigen Flammen,
das Ungewohnte an sich vorbergehen lie.
    Graf Erasmus, der es sich angelegen sein lie, die schne Dienerin seiner
Nichte bei dieser Gelegenheit recht auszuzeichnen, wre beinahe mit Sloboda in
unangenehmen Streit gerathen. Der Graf wollte nmlich, da Haiderschen Dienst
und Schlo erst am Tage ihrer Hochzeit verlassen solle, was die Nothwendigkeit
einer Abholung der Braut vom Schlosse unabweisbar bedingte. Sloboda, sonst in
allen Dingen die Fgsamkeit selbst und nie einem Befehle zu widersprechen
gewohnt, widersetzte sich dieser Anordnung hartnckig und meinte, es sei
durchaus unmglich, da der gndige Herr Graf so etwas Widersinniges verlangen
knne. Eine Braut msse schlechterdings aus ihres Vaters eigenem Hause abgeholt
werden, und dies sei seine schlechte niedrige Htte. Unterbliebe diese Abholung,
so knne aus der ganzen Hochzeit nichts werden, denn alle dabei blichen und
nothwendigen Gebruche mten unterbleiben.
    Je heftiger der trotzige Sloboda auf seiner Meinung beharrte, desto
hartnckiger ward auch der Graf. Ihn verdro blos der Widerspruch des
Untergebenen und da man ihm eine Freude damit verdarb, die er sich ausgedacht
hatte. Hier nun schritt Herta wieder, wie immer bei streitigen Fragen, als
Vermittlerin und Friedensstifterin ein. Sie brachte es dahin, da Haiderschen
am Hochzeitstage von Clemens und dessen Begleitung auf dem Schlosse abgeholt,
die Hochzeit selbst aber und Alles, was Ceremonielles dabei zu beobachten sein
mchte, im Hause ihres Vaters gehalten werden solle.
    Dieser Entscheidung fgte sich Sloboda erst nach vielem Zureden.
Kopfschttelnd behauptete er jedoch, es sei nicht gut, da er nachgebe, denn es
knne daraus leicht Unglck fr sein ohnehin schon so tief gedemthigtes Haus
entstehen. Das Warum wute er freilich nicht anzugeben.
    Nun ja, sagte er nach mehrmaligem Bearbeiten von Seiten Herta's, es liee
sich zuletzt Alles recht gut hier einrichten. Der gndige Herr Graf will uns die
Schlohalle einrumen zur Brautschau, wofr ich meinerseits vielmals danke, aber
wo haben wir eine alte Frau, die bei der ersten Frage nach der Braut meine
Tochter vorstellen kann? Die Frau Grfin -
    Um Gotteswillen, Sloboda! unterbrach Herta den Rcksichtslosen. Meine
Tante wird sich whrend der ganzen Ceremonie fest in ihre Zimmer verschlieen.
    Wir mssen aber doch eine alte Frau haben, gndiges Frulein, behauptete
Sloboda sehr bestimmt und so ernsthaft, da die immer traurige Herta darber
lcheln mute.
    Knnte nicht einer der Bedienten -
    Die Frau vorstellen, meinen Sie?
    Ja, so denk' ich. Fr eine tuschende Verkleidung will ich sorgen.
    Das geht nicht, liebes gndiges Herzensfrulein; denn es ist, sehen Sie,
noch niemals bei uns vorgekommen.
    Es mu also durchaus ein Frau sein?
    Ja, lieber Engel, und zwar eine Frau in den Jahren.
    Seid Ihr zufrieden, wenn ich meine Amme dazu herkommen lasse? Sie wird es
gern thun!
    Sloboda berlegte den Vorschlag und nahm ihn endlich zaudernd an. Dagegen
lehnte er die Ausrichtung des Hochzeitmahles auf dem Schlosse, die Graf Erasmus
nochmals in Vorschlag brachte, entschieden ab, weil es, wie er sich ausdrckte,
gegen Grundsatz und Sitte seines Volkes verstoe, bei der Hochzeit das Brod
Fremder in fremdem Hause zu essen. Die Zukunft lehrte ihn nur zu bald, da ein
prophetischer Geist in dem Grafen thtig gewesen und da alles nachfolgende
Unglck aus seiner Weigerung herzuleiten sei.
    Als der festgesetzte Tag herankam, bestand die unglckliche Herta darauf,
die geliebte Braut mit eigener Hand schmcken zu drfen. Sie ringelte ihr mit
zartem Finger die glnzenden Lckchen auf der Stirn, setzte ihr die hohe Borta
von schwarzem Sammet auf mit dem goldbrokatenen Deckel und der daran befestigten
grnen Rautenkrone; sie legte ihr das Halsband mit bunten Perlen um, das mit
silbernen Sternen geschmckte Haarband ber den untern Absatz der Borta und
knpfte die verschiedenen vorgeschriebenen grnen Bnder in zierliche Schleifen.
Ganz besondere Aufmerksamkeit empfahl das ngstliche Haiderschen ihrer sie
putzenden Gebieterin bei der Befestigung der Flizur. So nennen nmlich die
Wenden ein Stck feiner weier Leinwand, welches in einer Breite von vier Zoll,
in Falten gelegt und mit grner Seide eingefat, ber Brust, Schulter und Rcken
luft, und nebst den zwei bis drei Schnuren goldener oder silberner Schaumnzen
um Brust und Hals ein nur Bruten gestatteter Schmuck ist. Auerdem reichte
Herta der kleinen Wendin ein feines weies Tuch, das sie selbst in glcklicheren
Tagen gestickt hatte.
    Mten wir nicht befrchten, unsere Leser durch ausfhrliche Beschreibung
der brigen zahllosen und zum Theil hchst seltsamen Gebruche bei einer
wendischen Bauernhochzeit zu ermden so wrden wir noch manches Eigenthmliche
hier anzufhren haben. So beschrnken wir uns darauf, zu erwhnen, da sich aus
Haiderschens Geburtsorte zwei Brautjungfern einfanden, die fast eben so wie die
Braut selbst gekleidet waren. Mit diesen kam natrlich auch die ganze
Verwandtschaft der Sloboda, was denn ein lautes und lebendiges Treiben in den
untern Rumen des alten Schlosses verursachte.
    Es war ein schner, klarer und warmer Frhlingstag. Die Wipfel der schlanken
Tannen wiegten sich mit leisem Rauschen in der blauen Luft und schmetternde
Lerchen hingen, dem Auge kaum sichtbar, in dem unermelichen Dome. Die meisten
Menschen wnschen sich an ihrem Hochzeitstage einen solchen glckverheienden
Frieden der Natur, und auch Haiderschen sah mit ihren wunderbaren Kinderaugen
dankend gen Himmel, als sie in der ersten Nachmittagsstunde die schrille Musik
der Haidebauern aus dem Walde erklingen hrte, die den Brutigam begleiteten.
Verstohlen sah sie hinab auf den spiegelklaren See, ber den eine ganze Flotille
kleiner Nachen segelte, alle mit geputzten Mnnern besetzt, welche jubelnd ihre
bebnderten Hte schwenkten und unaufhrlich mit der Musik um die Wette
jubelten. Sogar einzelne Schsse wurden abgefeuert und weckten das schlummernde
Echo der stillen Haide.
    Am Fue des Schlofelsens angekommen, ordneten sich die Begleiter des
Brutigams paarweise, das Musikchor, aus mehrern Clarinetten, einem Fagott und
andern nationalwendischen Instrumenten bestehend, stellte sich an die Spitze und
der Brautfhrer mit bandverziertem Stock, Hut und Kleid schritt gravittisch
voraus. Unter fortwhrendem Musiciren erstieg diese Schaar junger Mnner den
Schloberg und zog bis vor die groe Eingangspforte.
    Hier wurde sie durch herbeispringende Knechte, die ein langes rosenrothes
Band schnell vor die Pforte zogen, aufgehalten und ihnen erst nach Erlegung
eines geringfgigen Trinkgeldes der Eintritt gestattet, indem der Brazka
mehrmals die Versicherung gab, da sie nicht als ungebetene Gste erschienen,
sondern mit Erlaubni des Schloherrn und auf dessen besondere Einladung kmen.
    Ein neues, noch bedenklicheres Hinderni stie dem Brutigamszuge im Innern
des Schlohofes auf. Es waren nmlich alle Fenster fest verschlossen, einige
sogar mit Lden verbaut. Auch die Haupteingangsthr, die doch sonst immer offen
stand, zeigte sich heut fest verriegelt. Bescheidentlich nahte sich nun, whrend
die Musik schwieg, der Brautwerber der Schlothr und klopfte leise mit seinem
Stabe an. Allein Niemand gab Antwort. Das Schlo schien unbewohnt oder gar
ausgestorben zu sein. Erst auf heftigeres Klopfen lie sich drinnen eine
mrrische Stimme vernehmen, die Jan Sloboda angehrte. Er fragte: was man
begehre? Der Brautwerber antwortete: man suche Herberge. Uebrigens knne er auf
Ehre und Seligkeit versichern, da er und seine Begleiter vollkommen ehrliche
Leute wren und mit den freundschaftlichsten Gesinnungen kmen. Obwohl Sloboda
und die hinter ihm jetzt sichtbar werdenden Gste dies in Zweifel zu ziehen
schienen, lie er sich doch bewegen, zaudernd die Thr zu ffnen. Allein weder
der Brutigam noch sein Gefolge trat ein, nur der Brazka erschien auf der Flur
und wendete sich nach alter Sitte mit nochmaliger formeller Werbung um die Braut
an den Wenden. Eine Zeit lang stellte sich Sloboda, als wisse er um keine Braut,
bis endlich die Gste sich bereit erklrten, den Wunsch des Bittenden zu
erfllen. Sie entfernten sich und der Brazka ward von Sloboda in die Schlohalle
gefhrt, auf deren Gallerie Graf Erasmus mit Herta der wendischen Brautwerbung
neugierig zusah. Grfin Utta fand ein solches Schauspiel zu gemein, um ihre
Augen darauf zu richten.
    Bald kamen die Gste der Braut wieder zurck, in ihrer Mitte eine ltliche
Frau fhrend, die Herta's Amme war und welche der Brautwerber nach genauer
Betrachtung als eine falsche wieder zurckschickte. Auch ein junges hbsches
Mdchen, das ihm nunmehr vorgefhrt ward, wollte er nicht als die ihm verheiene
Braut, die er als noch weit schner und lieblicher beschrieb, gelten lassen.
Erst nach drittmaligem Suchen ward Haiderschen im vollsten Brautstaat
vorgefhrt, von dem Brautwerber mit jubelndem Gru, von der Musik mit einem
Tusch empfangen. Jetzt trat auch der Brutigam mit seinen Geleitsmnnern in die
Halle, um sich die verschmte Braut zufhren zu lassen. Der Brazka hielt wieder
lange gereimte Dankreden an Sloboda, an Haiderschen, an die Gste, und erst
nachdem all diesen lang dauernden Gebruchen volles Recht geschehen war, gab er,
der jedesmalige Ordner solcher Feste, das Zeichen zum Aufbruch. Die Musik
spielte wieder auf, vom Brazka angefhrt. Ihr schlo sich Haiderschen, geleitet
von zwei Ehrendienern, an, denen die Slonka oder Salzmeste, so geheien, weil
sie bei Tafel das Salz aufzusetzen hat und berhaupt, als erste Pathe der Braut,
Tafelordnerin ist, nebst den Brautjungfern folgte. Erst nach diesen durfte
Clemens in den Brautzug treten, begleitet von einer zweiten Slonka und zwei
Zchtjungfern. Nach diesem sehr hoch gehaltenen und fr unerllich geachteten
Ehrenpersonal schlo sich erst der Zug der beiderseitigen Gste an und bewegte
sich unter fortwhrender Musick den Schloberg hinab an den See.
    Als auch dieser hinter dem Brautzuge lag, bestieg die ganze ziemlich
zahlreiche Gesellschaft im Schatten des Waldes harrende Wagen, deren Kutscher
und Pferde mit buntseidenen Tchern und groen Blumenstruern bestens
aufgeputzt waren. In vorgeschriebener Ordnung, Braut und Brutigam voraus, nahm
das Brautgeleit Besitz von diesen Wagen, unter denen mehrere aus einfachen
Leitern bestanden, wie sie der Bauer zu Holz- und Getraidefuhren allein brauchen
kann, und in raschem Trabe, nicht selten in wildestem Galopp, jagte der lustige
Brautzug hinein in die rauschende, harzduftige Haide dem Geburtsorte
Haiderschens zu, wo Trauung und Hochzeitsmahl stattfinden sollten.
Seltsamerweise lief bald nach der Abfahrt, was in Jahren nicht vorzukommen
pflegte, als erster Begegnender ein Hase ber den Waldweg, was, als ein bses
Zeichen, die Lustigkeit der Gste einigermaen strte und die lieblichen Trume
der jungen Braut etwas verdsterte.
    Unmittelbar nach der Trauung begann das Mahl unter genauer Befolgung aller
durch Sitte und Gewohnheit vorgeschriebenen und geheiligten Ceremonien. Zu
diesem Mahle waren noch zwei lngst erwartete Ehrengste gekommen, Heinrich der
Maulwurffnger und dessen Bruder Gregor. Sie erhielten ihre Sitze zunchst dem
Pfarrer, der jederzeit die erste Stelle neben dem Brutigam einnimmt. Durch das
Erscheinen dieser beiden Mnner, namentlich aber durch die trockenen Witze und
komischen Erzhlungen des Maulwurffngers, ward die Hochzeitsgesellschaft sehr
bald in die munterste Laune versetzt. Man verga das viele Ungemach, das die
Hauptpersonen erlitten hatten, und freute sich der angewandten Listen, die ein
so gelungenes, erfreuliches und glckverheiendes Ende herbeigefhrt.
    Bier und Branntwein wurden zu den vielen und fetten Speisen in Menge
genossen und uerten bald genug ihre Wirkungen. Die Unterhaltung ward so
lebhaft, da sie einem heftigen Geznk Aller unter einander glich. Dazwischen
klapperten Messer, hlzerne Teller - denn nur auf solchen aen die
Hochzeitsgste - Bierkannen und Glser. Im Eifer des Anstoens und Zutrinkens
ward auch manches Glas zerbrochen. Die Aufwartenden rannten mit ihren hoch mit
Fleisch beladenen Schsseln zuweilen gegen einander und verschtteten einen
Theil der dampfenden Stcke, die alsdann ab- und zugehende Gste unter
allgemeinem Jubel mit ihren kurzen zweizinkigen Gabeln aufhoben und triumphirend
selbsteigen auf ihre Teller trugen, wo sie bald verschwanden.
    Das eigentliche Mahl war beinahe beendigt, als unerwartet noch ein Gast in
Sloboda's glckliche Behausung trat. Graf Magnus wollte die Einladung nicht
versumen, die ihm der unbekannte Briefschreiber zugeschickt hatte. Der junge
Mann strahlte in voller mnnlicher Schnheit. Er trug einen prchtigen mit
Goldstickerei reich verzierten Reitrock, die feinsten Spitzenmanschetten fielen
ber seine schnen Hnde herab und der feine graublaue Hut sa kokett auf dem
wohl frisirten Haar.
    So trat er leichten Schrittes unter die tobenden Bauern, die Erstaunten mit
Anmuth und freundlicher Herablassung grend. Einige Augenblicke verstummten
Alle, man hrte kaum einen Athemzug.
    Lat Euch nieht stren, meine Lieben, redete Magnus die Versammelten an.
Ich komme, die Freude und das Glck des jungen Paares mit Euch zu theilen und
als ihr Grundherr demselben ein kleines Geschenk zu berreichen. Von morgen an,
wo Clemens und Rschen als Ehegatten meinen Grund und Boden betreten, erklre
ich sie fr freie Leute. Es lebe das freie Brautpaar!
    Schnell entri er dem zunchst sitzenden Bauer das Glas und leerte es in
einem Zuge bis auf den Grund, mit freundlichem Augenwink Clemens und
Haiderschen grend und sich gegen Letztere grazis verneigend.
    Es wrde ein vergebliches Bemhen sein, den Jubel zu schildern, der jetz
ausbrach. Ohne Maa und Ziel in Freude und Schmerz, in Verehrung wie in Ha,
betubten die vom Trunk aufgeregten Wenden den jungen Grafen mit
Lobeserhebungen. Er war auf einmal der gtigste, der gerechteste, der
freundlichste und mildthtigste Herr. Jeder beeiferte sich, ihm dies persnlich
zuzuschreien und wo mglich fr seine Gromuth die Hand zu kssen, was denn
einen unbeschreiblichen Lrm und die grte Unordnung hervorbrachte.
    Tusch! Tusch! - Ein Hoch dem allergndigsten Herrn Grafen! - Zugeblasen!
Zugeblasen! - Musikanten, aufgepfiffen! - so schrien und commandirten hundert
Stimmen durch einander und die Tusche der Musiker nahmen eine Viertelstunde lang
kein Ende.
    Obwohl das Essen noch nicht ganz beendigt war, gab man es doch freiwillig
auf. Der Brazka lie die Diele fegen, um den Tanz beginnen zu lassen, nach dem
Jung und Alt unter johlendem Schreien lebhaft verlangte. Ein so
auerordentlicher Fall, ein Hochzeitsgeschenk so unerhrter Art, schien solchen
Versto gegen das Herkommen zu rechtfertigen.
    Immer seid lustig, Kinder! sagte Magnus. Ein Fchen Branntwein geb' ich
der Gesellschaft zum Besten. Es wird eben angezapft und soll, hoff' ich, etwas
besser munden, als Euer kraftloser Fusel. Ein Stndchen will ich mich mit den
schnen Gefhrten der schnen Braut auf der Diele drehen, dann mu ich heim
eilen, denn morgen warten meiner wichtige Geschfte.
    Der kaum gedmpfte Jubel brach von Neuem, wo mglich in noch verstrkterem
Maae, aus, Tische, Bnke und Schemel wurden bei Seite geschoben, die Burschen
bestellten den Vortanz, und als sich die durchdringenden Klnge der Tarackawa,
begleitet von dem kreischenden Schreien der Huslje hren lieen, konnte
Haiderschen nicht umhin, dem freundlich lchelnden Grafen gewhrend die Hand zu
reichen.
    Magnus hatte viele bestechende Eigenschaften, mit denen es ihm ein Leichtes
gewesen wre, die Herzen seiner Unterthanen zu gewinnen und Jedermann fr sich
einzunehmen. Dazu gehrte eine genaue Kenntni aller dem Volke eigenthmlichen
Gebruche, seine Meisterschaft in den von den Wenden hochgehaltenen Spielen und
Tnzen, die Leichtigkeit, mit welcher er sich in ihrer Sprache ausdrcken
konnte, und noch manches Andere der Art, wodurch der Vornehme dem gemeinen Manne
angenehm, gleichsam menschlicher wird, weil es in gewissem Sinne die Kluft
ausfllen hilft, die vom Glck Begnstigte immer in weiter Ferne hlt von dem
Armen, Mittellosen und Ungebildeten.
    Magnus tanzte den Brautreigen bewunderungswrdig leicht, und doch mit so
viel drflichem Tact, da selbst die im Tanz gebtesten jungen Burschen gestehen
muten, sie wten es nicht besser, ja nicht einmal so gut zu machen.
    Whrend des Tanzes, der sich bald zu einem wirren, drngenden Menschenknuel
verdichtete, ward viel getrunken. Der Branntwein des Grafen mundete zu gut, als
da die Wenden im Genu desselben htten Maa halten knnen. Sogar ltere Mnner
und Frauen lieen sich vom allgemeinen Frohsinn mit hinreien und thaten des
Guten mehr, als ihre vorgerckten Jahre vertrugen. Dies hatte denn einen
leichten Rausch fast Aller zur Folge, der durch den immer wilder rasenden Tanz
noch mehr gesteigert wurde.
    Frei von dieser Ueberlustigkeit hielten sich nur der Maulwurffnger und
dessen Bruder. Sogar Sloboda hatte einen leichten Hieb und chassirte nicht
selten, von einem Beine auf's andere hpfend, quer durch den qualmigen Tanzsaal
nach seiner Kammer, die, wie in den meisten wendischen Husern, an die Wohnstube
grenzte. Eine einzige niedrige Stufe oder eine hohe Schwelle trennte sie von der
letztern und eine Zuschlagthr, welche von innen verriegelt werden konnte,
sperrte den Eingang. Aus dieser Kammer fhrte eine zweite Thr in einen schief
zur Erde abfallenden schuppenartigen Anbau, wo Sloboda Holz, Reiig, einige
Ackergerthe und andere in einer Wirthschaft nthige Dinge aufbewahrte.
    Mit Absicht vermied es der Maulwurffnger, den Grafen anzureden. Er sa in
der Ecke des Zimmers, den Rcken der Thr zugekehrt, trank ein Glas Bier und
lie sich dazu seine kurze Maserpfeife schmecken. Nach dem ersten Tanze mit der
Braut trat Magnus an diesen Tisch und grte den unermdlichen Raucher. Der
Maulwurffnger stand auf und erwiederte gebhrend den Gru des Grafen.
    Du hast den Zeiselhof recht lange nicht mehr besucht, redete Magnus unsern
Freund an. Wie kommt das?
    Ich war daselbst nicht nthig, gndiger Herr.
    Du weit aber, da ich Dich gern kommen sehe.
    Wenn dem so ist, werde ich wieder einmal anklopfen.
    
    Magnus schob einen Schemel an die Wand und setzte sich dem Maulwurffnger
gegenber, so da jetzt drei an dem Tische saen, denn auch Gregor hatte
inzwischen seinen Platz daran wieder eingenommen und bedchtig die breiten
Sche seines langen, mit rothem Fries geftterten Rockes von den strammen
Beinen zurckgeschoben, so da sie zu beiden Seiten des Schemels bis auf den
Boden herabreichten.
    Wie geht die Kundschaft? begann Magnus das Gesprch von Neuem. Ich hre,
da in diesem Jahre der Maulwurf weniger Schaden anrichtet, als in dem letzt
vergangenen.
    Mcht' ich nicht so schlechthin behaupten, Ew. Gnaden! Es kommt aufs
Erdreich an, denn das Ungeziefer hat einen Geschmack so fein, wie der
delicateste Frstbischof.
    Gregor lachte und sagte mit dem Kopfe nickend: Natrlich! Natur!
    Wie ist es denn, sprach Magnus nach abermaliger Pause, hast Du neuerdings
nichts von dem braunen Lips gehrt? Vor einigen Wochen machte er wieder viel von
sich reden durch ein paar Einbrche, die mit groer Khnheit verbt worden
waren.
    Ich bin kein Polizeimann, Herr Graf, entgegnete der Maulwurffnger, sein
scharfes Auge wie einen leuchtenden Blitz auf ihn heftend.
    Magnus stand auf und umfate die erste Zchtjungfer, die eben vorbeiging, um
mit ihr unter die Tanzenden zu treten.
    Aus mir soll er nichts herausbringen, flsterte Heinrich seinem Bruder zu,
und wenn er Schraubenstcke anlegt und vier Hengste vorspannt. Ich werde kein
Narr sein.
    Natur, ganz Natur! sagte Gregor und zndete sich der Unterhaltung wegen
eine Pfeife an.
    Inzwischen dauerte der Tanz ununterbrochen fort. Magnus kam nicht mehr vom
Plane. Die jungen Mdchen rissen sich um den schnen, leichten, vornehmen Tnzer
und legten alle Schchternheit ab, da sie den als so schrecklich verschrienen
Blauhut auf einmal so zugnglich sahen. Wre es nicht der gndige Herr gewesen,
der alle Dorfschnen ihren Burschen untreu machte, so wrde die Hochzeit, wie so
oft, mit blutiger Schlgerei geendet haben. So aber war man eines Theils zu sehr
hingerissen von der Freigebigkeit und Gromuth des Grafen und sodann hatte man
auch wirklich zu viel Gefallen an seinem Tanz, als da nur Einer gewagt htte,
ber das Glck des hohen Gastes zu murren.
    Haiderschen hatte schon mehrmals mit Magnus getanzt. Sie war aufgeregt wie
alle Uebrigen und von mehrmaligem Kosten geistiger Getrnke sogar etwas
exaltirt. Ihr lachendes Gesichtchen glhte wie eine Purpurrose; das weie
Brusttuch zitterte von dem strmischen Klopfen ihres Herzens.
    Magnus fhrte sie aus der Hand ihres Brutigams wieder zum Tanz. Clemens
lachte ber Rschens Unermdlichkeit, er lachte so laut, da der Maulwurffnger
aufmerksam wurde und ihn beim Arme nahm.
    Trinke nicht mehr, Clemens, sprach er zu ihm, Du wirst zu laut!
    Wei Gott, Bruderseele, Du hast Recht! - 's ist verdammt hei in diesem
Backofen. Komm, wir wollen drauen frische Luft schlucken!
    Der Maulwurffnger verlie Arm in Arm mit Clemens die erstickende Atmosphre
der Hochzeitsstube und ging plaudernd im Baumgarten mit ihm auf und nieder. Ein
sternenklarer Himmel berwlbte funkelnd die schlummernde Haide. -
    Magnus hatte das Verschwinden beider Mnner bemerkt. Er sah jetzt auerdem,
da Sloboda trotz des unbndigen Lrmes in einem dunkeln Winkel des Zimmers vor
Ermattung zu nicken begann. Alle brigen waren nur mit sich und dem Tanze
beschftigt und hatten kein Auge auf ihn. - Sogleich endigte er den Tanz und
geleitete Haiderschen durch die dicht gedrngte Schaar walzender und
zuschauender Gste. - Er winkte ihr, griff in die Brusttasche seines Rockes, wo
ein weisses Papier sichtbar ward, und deutete auf die anstoende Kammer. -
Haiderschen, erhitzt, glcklich und neugierig gab nicked ihre Zustimmung und
verschwand bald darauf in der erwhnten Kammer. Ungesehen folgte ihr Magnus, der
mit geschicktem Griff von innen den Riegel vorschob.
    Es vergingen mehrere Minuten, ohne da Jemand die Braut oder den Grafen
vermite. Die Musik spielte munter auf, die Burschen klatschten in die Hnde,
sprangen jauchzend in die Hhe, umschlangen mit nervigen Armen ihre Mdchen und
strzten sich in die unaufhaltsame Woge des Tanzes. Da schien es einigen ltern
Mnnern, als vernhmen sie den Hilferuf einer weiblichen Stimme. Sie horchten
aufmerksam durch den Lrm, da sich aber nichts regte, achteten sie nicht weiter
darauf. Nach einer Pause erklang dieselbe Stimme wieder, aber auch jetzt hrten
sie nur einige Wenige undeutlich. Sloboda erwachte jedoch davon aus seinem
schlfrigen Hindmmern und suchte mit groen Augen seine Tochter.
    In diesem Augenblick trat Clemens mit dem Maulwurffnger wieder in's Zimmer,
Beide in sichtbarer Aufregung.
    Wo ist meine Braut? Mein ses Haiderschen? schrie er mit lauter vor
Angst bebender Stimme in den Jubel der Tnzer.
    Hat Jemand den Grafen fortgehen sehen? fragte nicht minder laut der
Maulwurffnger.
    Wie vom Donner gerhrt, schwiegen pltzlich Musik und Tanz. Es war eine
furchtbare, erwartungsvolle Pause. Ein wiederholter, gellender Aufschrei brachte
neues, drohendes, grauenvolles Leben in die Masse der keuchenden Tnzer.
    Meine Tochter! Meine Tochter! rief Sloboda, strzte nach der Thr zur
Kammer - aus der der herzzerreiende Schrei erklungen war - und wollte sie
aufreien, allein sie widerstand jeder Kraftanstrengung.
    Mein Rschen! jammerte Clemens und schlug wthend mit den Fusten gegen
die Thr.
    Ein paar Secunden und die Thr strzte krachend unter den Tritten der
wthenden Wenden zusammen.
    Es war finster in der Kammer. Der schwache Schimmer halb niedergebrannter
dnner Unschlittlichter aus der Wohnstube, in feuchtem Rauche trb und flackernd
brennend, lie am Boden liegend eine Mdchengestalt erkennen, die in vlliger
Erschpfung kaum noch athmete. Es war Haiderschen. - Die Brautkrone lag neben
ihr, das schne goldblonde Haar hing in aufgelsten Flechten um den entblten
Busen. Ihre festliche Kleidung war schmutzig, zum Theil zerrissen. Ein Blick
gengte, um hier an einem verbten Verbrechen nicht mehr zu zweifeln. -
    Clemens strzte neben der Rchelnden nieder und rief sie mit den
zrtlichsten Namen. Sie gab keine Antwort, aber sie hrte, sie sah ihn. Jammernd
nur schlug sie beide Hnde fest ber ihre Augen und wimmerte in herzzerreienden
Tnen.
    Der scharfe Blick des Maulwurffngers, der in jedem Winkel der dunklen
Kammer den Grafen suchte, bemerkte auf dem Tische ein weies Blatt. Er hob es
auf und hielt es gegen herbeigeholte Lichter. Es war der Freibrief fr Clemens
und Haiderschen, mit Magnus' Namensunterschrift und Wappen! Der Brief lautete
auf den morgenden Tag. -
    Als der Maulwurffnger das Blatt durchlesen hatte, lie er es entsetzt zur
Erde fallen.
    Auf morgen also! Satanische Bosheit, Du hast gesiegt und wir Armen knnen
nicht einmal gegen ihn klagen! Der Entsetzliche hat blos sein Herrenrecht an der
Leibeigenen gebt! -
    Alle standen sprachlos. Sloboda lag gebeugt am Boden neben Haiderschen und
netzte mit seinen Schmerzensthrnen ihre schnen Haare. Clemens weinte ebenfalls
wie ein Kind. Ehrhold dagegen stie in gerechtem Grimme furchtbare
Verwnschungen aus und erhob inmitten der bestrzten Hochzeitsgste die Hand zum
Schwur.
    Der Maulwurffnger fiel ihm in den Arm.
    Halt ein! sagte er. Nicht Du allein, nicht ein Einziger schwre hier, wir
alle, die wir Mnner sind, verbinden uns in gemeinsamem Schwure zu gemeinsamer
That! Wer mir beistimmt, der thue, wie ich!
    Der Maulwurffnger kniete nieder. Alle ahmten seinem Beispiel nach. Dann
erhoben smmtliche Wenden zugleich mit dem Deutschen ihre Hnde und dieser
sprach:
    So lange es noch Herren gibt, die ihre Macht mibrauchen zum Nachtheile
ihrer Untergebenen; so lange noch ein Volk auf Erden lebt das in Armuth, Elend
und Druck jammert und rechtlos umherirren mu: so lange lat uns Brder sein und
mit einem Herzen, in einem Sinne handeln! So lange lat uns verbunden sein zur
Befreiung des Volkes vom Druck der Herrschaft, welchen Namen sie auch fhren
mag! So lange endlich lat uns nicht schonen weder Gut, noch Blut, noch Leben!
Dazu verhelfe uns der gndige Gott. Amen!
    In dumpfen Tnen sprachen alle Wenden diesen Schwur nach. Als das Amen
monoton von ihren Lippen hallte, vernahm man in der Ferne Hufschlge eines
davonjagenden Pferdes. Es war Magnus, der in schnellstem Carrire dem Ort seiner
Bubenthat und der Rache der beleidigten Wenden entfloh.-


                                  Viertes Buch

                                Erstes Kapitel.

                              Der Frst der Haide.

Es war Ende September. Feuchte Schneestrme zogen brausend ber die Haide und
schleuderten hohe Kronen von den Wipfeln der uralten Tannen und Fichten, die
sich mit ihren hundert Aesten wie ungeheuerliche Arme gespenstischer Riesen
gegen die Wuth der Windsbraut schirmten. Der feuchte Boden, mit
Schlinggewchsen, knorrigen Wurzeln, mit Nadeln und Tannenzapfen bedeckt, zeigte
in der strmischen Nacht nur an Stellen, wo die Waldung sich etwas lichtete,
Schilder glnzenden Schnee's, auf denen Schaaren von Krhen saen, die bei jedem
neuen, pfeifenden Windsto mit heiserm Gekrchz aufflogen und unsttt die in der
Luft hin und her sausenden schwarzen Baumpyramiden umkreisten.
    Mitten in der dichtesten Wildni thurmhoher Bume lag eine sumpfige
Waldwiese, die im Sommer nur mit einem wallenden Teppich ewig nickender
Moorblumen bekleidet war. Ein ziemlich breiter und tiefer Flu, der sich in
zahllosen Krmmungen durch die endlosen Wlder wand, umsplte die Wiese mit
seinen schwarzen, nie rauschenden Wellen. Der heiterste Sonnentag verwandelte
sich in dem trben Spiegel dieses schleichenden Gewssers in graue, khle
Dmmerung, und der silberne Glanz der Sterne zitterte und zerrann auf den still
kruselnden Fluthen wie bleicher Irrlichtsschein. Zuweilen trieb dieser Flu
kleine Inseln abgerissenen Moorbodens, die an hinein gestrzten, halb
verwitterten Baumstmmen sich ansetzten und eine todesgefhrliche, mit grnem
Schlammmantel lockend verhangene Brcke bildeten. Schwarze Wasserschlangen und
andere Insekten sonnten sich auf diesen zeitweilig erbauten Ueberbrckungen, bis
ein pltzliches Anschwellen des Wassers den lockern Bau wieder zerstrte.
    Hart am Ufer dieses Flusses, der im weiten Halbbogen die erwhnte sumpfige
Wiese umsplte, erhob sich ein breiter Erdwall von nur wenigen Fu Hhe und
hinter diesem starrten die schwarzen Mauern eines alten Gebudes in die Luft.
Epheu, Immergrn und wilder Hopfen umspannen einen groen Theil des Mauerwerks
und berwlbten es im Frhling und Sommer mit grnendem Laubdache. Jetzt nickten
die tausend und abertausend dnnen Aeste und Ranken bltterlos im Sturme und die
groen feuchten Schneeflocken flimmerten kaum secundenlang an dem ruhelosen
Gest.
    Selten kamen Menschen in diese Gegend der Haide, da sie von allem Verkehr
abgeschieden lag und durch natrliche Verhaue vom Winde niedergestrzter
Riesenbume fast unzugnglich gemacht wurde. Nur wer die Haide sehr genau kannte
und durch kein Hinderni sich abhalten lie, in ihre unheimlichsten
Abgeschiedenheiten einzudringen, fand diesen Versteck mit seinen schauerlichen
Umgebungen.
    Der wallartige Aufwurf am Rande der moorigen Wiese, einige alte, Schanzen
nicht unhnliche, Erhhungen auf dem andern Ufer des breiten Flusses und mehrere
auf der Wiese befindliche Reste zerstrten Gemuers nebst der Umschrotung eines
Brunnens deuteten auf ehemalige Befestigung dieses Ortes hin. Jetzt war Alles
verfallen, begrast oder bemoost, und Sturm und Wetter nagten eben so unermdet
an den schwarzen Mauern, wie die begehrliche Welle des Flusses die uralten
Erdschanzen unterwusch und zerstrte.
    Als wahrscheinliche Ueberreste einer Feste aus den Zeiten des an Raubnestern
reichen Mittelalters nannte man diese Trmmer das Raubhaus. Wer es vom Volke
kannte, mied es mit Absicht, da durch die gesammte Haide die Sage ging, die
Moorwiese mit dem grauen Getrmmer sei schon seit Jahrhunderten von bsen
Geistern bewohnt. Da das arme unwissende Volk einem solchen Gercht willig
Glauben schenkte, war nicht zu verwundern, denn der Ort an sich schon weckte
finstere Gedanken und vermochte die Einbildung mit schauerlichen Bildern zu
ngstigen. Dazu kam, da Viele, die zufllig oder durch Noth gedrungen dem
Raubhause nahe gekommen waren, seltsame Stimmen gehrt, unerklrliche Gestalten
um die Ruinen, lohende Flammen auf Flu und Wiese gesehen hatten -
Erscheinungen, die ihre natrliche Erklrung in der sumpfigen, an entzndbaren
oder leuchtenden Dnsten berreichen Umgebung fanden.
    Nach diesem von allem Volk gemiedenen und verrufenen den Versteck wanderte
in der erwhnten Sturmnacht ein einzelner Mann durch das Krachen, Sthnen,
Seufzen und Brllen der vom Zorn der Elemente gegeielten Haide. Die sprlichen
Schneeflecke, im Dickicht zerstreut, waren seine Wegweiser. Immer richtete er
seine Schritte nach diesen kleinen Lichtoasen in der grauenvollen Finsterni der
strmischen Herbstnacht, und von ihnen geleitet errichte er nach langem Suchen
das Ufer des schwarzen Flusses.
    Finster und leblos wie immer lagen die schwarzen Mauern des verfallenen
Gebudes jenseit des Flusses. Der Sturm raste und tobte in den Fensterhhlen,
als wolle er sie in die Luft sprengen. Vereinzelte Krhen schossen wie schwarze
Pfeile durch das Flockengewimmel nach der sausenden Haide und mischten ihr
klagendes Geschrei mit dem Brllen des Sturmes. Sonst war weit umher keine Spur
eines lebenden Wesens zu entdecken.
    Am Erdaufwurfe zunchst dem Ufer des Flusses rastete der einsame Wanderer,
lehnte sich auf seinen Stab und schpfte Luft. An seiner Kleidung, an Haltung
und Blick erkennen wir unsern alten Bekannten, den Maulwurffnger. Unverwandt
heftete er sein Auge auf die unter ihm lautlos dahinschleichende Welle, in deren
glnzenden Schwrze sich die jagenden Schneewolken abspiegelten. Jenseits des
Flusses und noch eine gute Strecke hinter dem alten Mauerwerk auf der
weilichgrauen Flche der sumpfigen Wiese leuchteten bisweilen spitze Flmmchen,
die wie blaue Dolchklingen, von unsichtbaren Hnden gehandhabt, die
unverwundbare Luft durchstieen. Diese jhen, blendend aufzuckenden Flammen
zeigten sich bald nah, bald fern, und warfen bleifarbene Lichter auf die
nchsten Gegenstnde, so da mancher abgebrochene Baumstumpf abenteuerlich
geformt erschien und hie und da aus dem finstern Schlunde der Haide in wildem
Feuer rollende Augen glotzten. Dann schluchzte auch wohl die Welle, des Flusses
und zog, in gurgelnden Trichtern weie Schaumblumen schaukelnd, zitternde Ringe,
als sei in ihren verborgenen Tiefen ein Geist erwacht und hebe trumerisch die
mde Hand empor.
    Eine geraume Zeit betrachtete der Maulwurffnger diese Erscheinung mit
gleichgiltigem Auge. Dann schritt er langsam dem Sturme entgegen lngs des
Erdaufwurfes am Flusse fort, bis die Breitseite des zertrmmerten Gemuers
sichtbar ward. Ein gewaltiger ast- und blthenloser Baumstamm stand hier
aufrecht an dem Gestein und sah in der dunklen Nacht wie verkohlt aus. Als der
Maulwurffnger diesen Stamm gewahrte, blieb er wieder stehen und erstieg dann
mit zwei Schritten den Damm. Der Flu war hier in ein sehr schmales Bett
eingeengt und auf dem andern Ufer mit niedrigem Gebsch besetzt, das zaunartig
die ganze Lnge des alten Mauerwerkes hinablief.
    Das wird die angegebene Stelle sein, sprach Heinrich fr sich, beugte sich
zur Erde und entdeckte in dem lockern Boden Spuren eines Eindruckes. Nun denn,
auf gut Glck sei es versucht!
    Darauf setzte er zwei Finger an die Zhne und pfiff dreimal hinter einander
mit solcher Kraft, da der gellende Ton selbst das Getse des Sturmes berschrie
und wohl zehnmal im Waldesdickicht vom Echo erst laut, dann schwach und immer
schwcher wiederholt ward, bis er im Lrmen des Windes erstarb.
    Es whrte nicht lange, so bewegte sich der abgestumpfte schwarze Baumstamm,
sank gegen den Flu langsam nieder und legte sich als schmale, aber doch sichere
Brcke ber das Gewsser. In dem Mauerspalte, der mit dem Sinken der rohen
Zugbrcke enthllt ward, schimmerte ein rothes Licht, gleich dem Wiederschein
eines nahen Feuers oder einer brennenden Fackel. Heinrich besann sich keinen
Augenblick, auf dem etwas wankenden, nur fubreiten Stege den Flu zu
berschreiten und durch die Oeffnung in das verfallene Raubhaus zu treten.
Unmittelbar hinter ihm schlo sich geruschlos wieder die Pforte durch
gespenstisches Aufsteigen des Stammes.
    Der Maulwurffnger befand sich in einem weiten, theils kahlen theils mit
Moos und Gestrpp bewachsenen Mauerviereck, dem jeder Schutz durch Dach und
Sparrwerk fehlte. Etwa in der Mitte war eine Erhhung wie von herabgestrztem
Schutt zu entdecken, denn drre Grser berwucherten es und eine dnne
Schneedecke hatte es jetzt berzogen. Von diesem hnengrabhnlichen Hgel schlug
aus der Tiefe der Flammenschein herauf, und als Heinrich dreist darauf
zuschritt, entdeckte er den aus festen Quadern gewlbten, nur halb mit
verkrppelten Wurzeln verrammelten Eingang zu einem Keller. Drei bis vier Stufen
unter der Oeffnung sa ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren, einen
helllodernden Kienbrand ber sich emporhaltend und dadurch den Eingang zum
Keller vollkommen erleuchtend.
    Ueber den Gesichtsausdruck dieses Menschen erschrak der Maulwurffnger trotz
seiner bekannten und in hundert Gefahren erprobten Entschlossenheit. Es war eine
vollendet classische Spitzbubenphysiognomie. Das Gesicht, hager und lnglich,
lief in ein spitzes bartloses Kinn aus, das jedoch nicht vorstand, sondern sich
mehr nach rckwrts dem Halse zusenkte. Dadurch trat der Mund mit seinen
schmalen Lippen und vier ungewhnlich groen Vorderzhnen auffallend stark
hervor. Diese Zhne, blendend wei und fast spitzig, wie die eines Wolfes,
glnzten immer aus den nie vollkommen schlieenden Lippen, und zeigten sich in
ihrer ganzen Gre, wenn ihr Inhaber sprach oder gar lachte. Noch entsetzlicher
war der Blick seiner Augen. Diese lagen wie Aepfel gleichsam auerhalb ihrer
Hhlen, waren von tiefstem Schwarz und glhten wie Kohlen auf einem Ringe wei
glnzenden Emails, denn weil der junge Mensch heftig schielte und dabei aus
Angewohnheit oder Argwohn die Augen immerwhrend hin und her rollte, kehrte sich
das weie Innere derselben mehr als gewhnlich heraus.
    Seine Kleidung war die eines armen Dorfbewohners, schlecht, etwas schmutzig
und nicht im Geringsten auffllig.
    Als er den Schreck des Maulwurffngers bemerkte, lachte er hchst vergngt,
hielt den Kienbrand noch etwas hher und sagte:
    Immer kommt nher, Mann! Ich bin nicht der Teufel, obwohl mich das dumme
Pack hufig dafr hlt und ich es mir zum Vortheile unsers Handwerkes gefallen
lasse. Doch bevor ich Euch in unser Heiligthum geleite, noch eine Frage. Wer
seid und was wollt Ihr?
    Als Wchter kommst Du mir trotz Deines verbotenen Gesichtes etwas dumm vor,
lieber Junge, erwiederte Pink-Heinrich, denn auf Deine Frage kann ich Dir
hundert Antworten geben, die alle passen.
    Der junge Bursche zeigte abermals grinsend sein Gebi und stie den
Kienbrand gegen die feuchte Mauer, da zischend die abstubenden Kohlen daran
niederfielen.
    Nicht gar so dumm, wie Ihr meint, Mann! Nur Eine Antwort gestattet Euch den
Eintritt, jede andere wrde Euch sehr unsanft durch jenen Spalt befrdern und
vielleicht fr ewige Zeiten im schwarzen Wasser des Flusses verstummen machen.
Also nicht lange gefackelt, mein Bester! Der Brand droht zu verlschen und mir
gefllt es nicht, hier noch lnger im feuchten Luftzuge zu sitzen.
    Du bist sehr kurz angebunden mit mden Wanderern, die eine Herberge
suchen, versetzte der Maulwurffnger. Inde jedes Kraut hat seinen eigenen
Saft und so will ich mich denn herablassen, ohne lange Umschweife auf Deine
Frage zu antworten: Drathschlinge will zu Nachschlssel.
    Da ich sehe, da Du unsern Katechismus vortrefflich auswendig kannst, so
tritt ein, Gegerbter der Hlle! sagte der Bursche und zog grend seine
verschossene Mtze von Fuchspelz. Nachschlssel hat schon seit einer Woche auf
Dich gewartet und ist Dir zu Gefallen in dieser ganzen Zeit nicht aus seinem
Schlosse gewichen. Deine Ankunft wird ihn sehr erfreuen.
    Whrend dieser Gegenrede schritt der junge Mensch die Stufen hinab, den
Kienbrand leuchtend hinter sich haltend. Der Maulwurffnger folgte ohne Furcht,
doch mit jener vorsichtigen Bedchtigkeit, die wir in bedenklichen Lagen des
Lebens unwillkrlich annehmen.
    Gib Acht, Drahtschlinge! rief er unserm Freunde zu. Die Stufen unserer
Staatstreppe sind mit glatter und schlpfriger Schlammfeuchtigkeit statt eines
Teppichs berzogen und wer darauf in's Stolpern kommt, bricht regelmig Hals
und Beine, so da wir, ist er unten angekommen, weiter keine Noth mehr mit ihm
haben, als da wir ihn begraben mssen. Solche spahafte Flle haben sich schon
hufig zugetragen.
    Der Maulwurffnger verachtete diese Warnung nicht und fand, da sie nicht
unnthig gewesen war. Nur mit Mhe und durch Anklammern beider Hnde an die
vorspringenden Mauersteine, die im rothen Schein des Kienbrandes vor
Feuchtigkeit blitzten und von langen Streifen grnlicher Flechten umsumt waren,
kam er ohne auszugleiten in dem brunnentiefen Keller an. Hier ward die Luft
trockener und wrmer. Ein gewundener Seitengang, hie und da mit tiefen Lchern
in beiden Mauern und mit Ueberresten verrosteter, an schweren Eisenringen
hngender Ketten versehen, fhrte in das geheime Innere. Sein Fhrer ffnete
mehrere Thren und verriegelte sie wieder sorgfltig, bis sie ein kleiner, mit
einigem Hausgerth versehener Raum aufnahm, der ein ziemlich freundliches
Aussehen hatte. Hier hrte unser Freund sprechen und dazwischen ein Gerusch,
als ob Jemand in Holz arbeite oder mit scharfem Instrumente buchene Spne
schleie.
    Warte! sagte sein spitzbbischer Geleiter. Ich will Dich erst melden,
denn es ist Sitte in unserm vortrefflich eingerichteten Hofstaat, da nur
Bekannte oder Genannte vor seiner Alldurchdringlichkeit erscheinen.
    Der Maulwurffnger blieb ein paar Secunden in tiefster Finsterni, dann kam
der junge Mensch wieder zurck, ffnete eine dreifache Reihe sehr fester Thren
aus eichenen Pfosten, die auf beiden Seiten mit starkem Eisenblech beschlagen
und mit den knstlichsten Schlssern versehen waren, und sagte mit einem Anflug
von Hflichkeit:
    Beliebt es einzutreten?
    Unser Freund folgte dieser Aufforderung. Ein groes vierecktes Kellergewlbe
nahm ihn auf, das jedoch wie ein gewhnliches Wohnzimmer gedielt und mit alten,
zum Theil sehr kostbaren Schrnken, Tischen und Sthlen meublirt war. Ein Ofen,
von Kacheln verschiedener Farbe und Arbeit zusammengesetzt, verbreitete eine
behagliche Wrme in dem Gemache, das von mehreren hell brennenden Kerzen, die
auf zinnernen und silbernen Leuchtern staken, vortrefflich erleuchtet ward. Vor
dem Ofen kauerte eine Frau von unschnem Aeuern, deren Kleidung ein
wunderliches Gemisch von Lumpen und ehemaligen Ueberresten prchtiger Stoffe
zeigte. Sie war beschftigt, ber heller Kohlengluth ein wohlschmeckendes
Gericht zu schmoren, wenn der Maulwurffnger dem angenehmen Duft trauen durfte,
welcher kitzelnd davon in seine Nase stieg.
    Neben ihr an der Wand sa ein noch junger Mann mit auffallend schnem und
regelmigem Gesicht auf einer Schnitzelbank und glttete eben erst aus dem
Groben gearbeitete dnne Buchenhlzer mit einem scharfen Schnitzer, wie sie die
Tischler zu fhren pflegen. Im Hintergrunde des Kellers endlich, an einem runden
Tische, der mit silber- und golddurchwirkten Stoffen berdeckt war und unserm
Freunde ganz besonders in die Augen fiel, sa ein groer, starker Mann, die
krftigen Glieder in einen feinen Pelz gehllt. Dieser Mann hatte bereits graue
Haare, ein stark gebruntes, mit vielen Falten und einigen tiefen Narben
bedecktes Gesicht, trug einen lang herabhngenden Schnurrbart, dessen Enden er
hufig mit der rechten Hand kruselte, und las mit groer Aufmerksamkeit in
einem Buche, deren mehrere auf einem in die Wand befestigten Regale in guten,
wohl erhaltenen Einbnden standen.
    Obwohl der Maulwurffnger wute, da der berchtigte und gefrchtete Frst
der Haide ein Mann von vornehmenr Anstande und feinen Manieren sei - denn
selbst hatte er ihn nie gesehen - war er doch in Zweifel, ob er die vor ihm
sitzende ruhige und imponirende Gestalt fr diesen halten sollte. Ungeachtet des
Gerusches, das Heinrich beim Eintreten mit seinen starksohligen mit groen
Ngeln beschlagenen Schuhen machte, blickte Lips doch nicht auf. Erst als er
seine Lectre beendigt hatte, schlug er das Buch zu und hob langsam das
freundliche, blaue Falkenauge zu seinem Gaste empor.
    Ihr seid nicht pnktlich, sprach er aufstehend, einen alten, mit kostbarem
rothbraunen Saffian berzogenen Lehnstuhl von Nubaumflaser an den Tisch ziehend
und mit graziser Handbewegung unsern Freund zum Sitzen einladend. Htte mich
nicht die ungestme Witterung an Ausfhrung meiner Plne verhindert, so wrdet
Ihr mich nicht mehr getroffen haben.
    Whrend der Ruber mit klangvoller fast sanfter Stimme so sprach, hatte der
Maulwurffnger Zeit, ihn genauer zu betrachten, sein lebhaftes Mienenspiel und
seine Bewegungen zu studiren. Verwundert, ja entsetzt trat er jetzt einen
Schritt nher, seine schwielige Hand schirmend ber die Augen haltend, um das
Licht der Kerzen zu dmpfen, dessen Glanz ihn blendete.
    Mein Gott, sagte er tief aufathmend, welche Aehnlichkeit! Aber das kann
ja nicht sein!
    Nun horchte auch Lips auf und aus den freundlichen stillen Augen fuhr ein
funkelnder Blitz ber Heinrich. Er beugte sich ber den Tisch und erhob den
schweren zinnernen Leuchter, um das Gesicht des Fremden besser zu beleuchten.
    Seid Ihr nicht der kluge Heinrich vom Todten? fragte er, den Leuchter
wieder ruhig vor sich hinsetzend und ohne eine Miene zu verziehen.
    Als Knabe hie ich so bei meinen Gespielen, und wahrhaftig, wrt Ihr nicht
der, der Ihr eben seid, so wrde ich Euch Herr Johannes nennen.
    Und wenn ich nun wirklich jener Johannes wre, den Ihr meint, wrde mich
dies in Eurer Meinung sinken machen?
    Ich will nicht Richter sein in fremden Angelegenheiten, erwiederte der
Maulwurffnger in seiner ihm zur Gewohnheit gewordenen ausweichenden Manier.
Wei ich doch, da Jeder seine Brodrinde mit den Zhnen beit, die er dazu
gebrauchen kann, warum Ihr nicht auch die Eurige!
    Wann sahen wir uns zuletzt? sagte Lipps.
    Nach unserer Art zu rechnen, Herr Johannes - erlaubt, da ich Euch so nenne
- wird das wohl in vergangener Lichtme ein neunzehn oder zwanzig Jahre gewesen
sein.
    Mich dnkt, es war spter, Heinrich, denn ich besinne mich, da ich mit dem
Grafen auf den Schnepfenstrich gegangen war.
    Mit dem Grafen! - Wenn der alte, brave Mann das htte ahnen sollen!
    Dem Ruber schwoll die Zornader, in seinen blauen Augen sprhte ein wildes
Feuer, er ballte die gebrunte schn geformte Hand und schlug wthend auf den
Tisch, da er knackte.
    Brav! stie er hhnisch heraus. Wenn Ihr diese Bestie brav nennt, so
knnt Ihr eben so gut den Wolf zu Eurem Schlafkameraden machen. Mir wre wohl,
htte ich ihn in meinen Hnden, wie der Geier das Lamm. Dann wollte ich mich an
seinem Jammer erlaben, und wenn er unter den Qualen, die ich fr ihn erfinden
wrde, ausgerchelt htte, wollte ich, ein frommer Ber, wieder unter
friedliebenden Menschen wohnen.
    Mge Euch Gott diese lsterlichen Worte vergeben, zu denen Ihr doch wohl
gegrndete Ursache haben mt, Herr Johannes, sagte Heinrich, allein wenn Ihr
auf diesen Tag warten wollt, so werdet Ihr Euch noch einige Jahrtausende in
Geduld zu fassen haben. Der Graf ist heimgegangen zu seinen Btern.
    Der Ruber erblate. Also todt, sprach er, sich mit der Hand ber die hohe
Stirn streichend, todt, ohne erfahren zu haben, wozu seine Tyrannei, seine
Lieblosigkeit, seine verballhornte Ansicht von der Menschheit und ihrer
Gliederung in verschiedene Stnde mich getrieben hat! - Nun, ich hoffe, da er
eines elenden, verzweifelten Todes gestorben ist!
    Gott sei ihm gndig! sagte der Maulwurffnger, er erstickte an einem
Fluche -
    Ha! An einem Fluche! O, Gott ist gerecht, Gott ist den Armen gndig, Gott
straft die Uebermthigen! schrie der Ruber und erhob beide Hnde wie zu einem
wilden Gebet gen Himmel.
    An einem, Fluche, den er ber seinen eigenen Sohn ausstie, ergnzte
Heinrich.
    Sprecht Ihr vom Grafen Erasmus?
    Erasmus von Boberstein verfluchte sterbend seinen Sohn Magnus! wiederholte
langsam und ernst der Maulwurffnger.
    Der Ruber lie sein Haupt sinken und hing eine lange Weile seinen Gedanken
nach. Dann winkte er nochmals dem Gaste, sich zu setzen, und nahm selbst wieder
Platz in seinem Stuhle.
    Diesen Vorgang mt Ihr mir ausfhrlich erzhlen, Heinrich, hob er nach
einiger Zeit wieder an, denn wie ich auch darber nachdenke, ich kann keinen
Zusammenhang darin finden. - Magnus war damals sein Augapfel, sein Ein und
Alles! Wer ihm zu nahe trat, der zog sich unausbleiblich den Zorn des Grafen zu!
- Es war ein krftiger, feuriger Knabe, voll eigenthmlicher Energie! - Und
solchen Sohn hat solch ein Vater verflucht! - Doch erzhlt, Heinrich, erzhlt!
    Ihr shet mich nicht hier in diesem unauffindbaren Versteck, Herr Johannes,
htte mich nicht der Tod des Grafen Erasmus und die Umstnde, welche ihn
veranlat haben, zu Euch gefhrt. - Es scheint, Ihr seid trotz Eurer
Allseitigkeit nicht gut unterrichtet von den Verhltnissen und wit namentlich
nicht, welche auerordentliche Fortschritte Euer ehemaliger Zgling in der
Energie gemacht hat. - Vergebt, Herr Johannes, wenn ich mein Erstaunen darber
nicht bergen kann! Als Ihr vor mehreren Monaten eine an Euch ergangene Bitte,
die von mir herrhrte, so bereitwillig erhrtet und durch dieselbe den
unbndigen Grafen Magnus nthigtet, einem unterdrckten armen Mdchen
Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen; da glaubte ich, Ihr durchschautet die
geheimsten Plne dieses gewissenlosen Mannes. Wer konnte ahnen, da jene Drohung
so schreckliche Folgen haben wrde! - Nun es geschah, was geschehen mute nach
dem Rathschlusse Gottes, und es wird nicht umsonst geschehen sein. Die
entsetzliche Hochzeitsnacht Rschen Sloboda's hat Drachenzhne gest, die bald
aufgehen werden, um blutige Wiedervergeltung zu ben.
    Ich habe von dem Bubenstck gehrt, versetzte der Ruber, ohne mich
jedoch um den Namen des Herren zu kmmern. Magnus also war der Schurke? - Dann
sehe ich, da er seinem Vater keine Schande macht.
    Wollte Gott, Ihr sprchet die Wahrheit! entgegnete der Maulwurffnger.
Wollte Gott, Graf Magnus wre in die Fustapfen seines zwar vorurtheilsvollen,
aber nichts desto weniger redlichen Vaters getreten! Ich brauchte dann nicht in
wilder Sturmnacht durch die Haide zu wandern und bei denen Hilfe gegen
Herrenwillkr zu suchen, die im gewhnlichen Leben der gemeine ehrliche Mann
flieht!
    Stachlige Reden verwunden mich nicht, also sprecht Euren Unmuth immerhin
aus, wenn es Euch dazu drngt; nur bitte ich, fat Euch kurz, damit ich erfahre,
warum Ihr den verstorbenen Grafen so lebhaft gegen den Sohn in Schutz nehmt.
    Das ist bald gesagt, erwiederte Heinrich, mit umgekehrter Hand die
unwillkrlich ihm in die Augen strzenden Thrnen abwischend. Seit Jahren
schon, genau wei ich die Zeit freilich nicht zu bestimmen, lebte ein junges
Mdchen auf Boberstein, eins von jenen Wesen, deren krperliche Schnheit von
ihrer himmlischen Seele Zeugni ablegt. Niemand wute recht, wo das engelschne
Mdchen herkam und wem sie angehrte. Es kmmerte sich auch Keiner darum denn
Alle hatten sie zu lieb, und da konnte es Jedem gleichgiltig sein, von wem sie
ihr Dasein ableitete. Natrlich gehrte auch Magnus zu den Verehrern seiner
Cousine -
    Cousine! Ihr sagt Cousine?
    Auf dem Grafenschlosse nannte man sie so und sie mute es wohl auch sein,
denn von Herrschaft und Dienern ward sie wie ein Kind des Hauses gehalten und
standesgem erzogen. - Genug, der junge Graf steigerte seine Verehrung der
Cousine bis zur Liebe und trug ihr seine Hand an - mehrmals, wie ich spterhin
erfahren habe. Allein Herta -
    Wer nennt sich Herta? warf der Ruber aufspringend ein.
    Es pfiff nicht, es war nur der Wind, der im Schlot heult, sagte der junge
Mensch, welcher den Maulwurffnger in die Kellerwohnung gefhrt hatte, denn er
glaubte, sein Herr vermuthe oder erwarte noch einen Besuch.
    Nun ich denke, des Grafen Cousine nannte sich Herta, erwiederte unser
Freund.
    Denke! - Wenn Ihr erzhlen wollt, so unterrichtet Euch zuvor, damit Ihr
Andere nicht in Angst und Unruhe versetzt!
    Lips sttzte nach diesen Worten den ergrauenden Kopf in die Hand und drehte
wildblickend seinen Schnurrbart. Der Maulwurffnger ward jetzt aufmerksamer.
Sein schrfster Blick glitt ber die Mienen des Rubers, dann sagte er mit
feierlich-ernstem Tone:
    Bei meinem Eid, Herr Johannes, ihr Name ist Herta und ein Gercht im Volke
will behaupten, da ihr Ursprung nach den gewhnlichen Begriffen des Adels und
der Vornehmen kein ganz gesetzlicher sei.
    Der Ruber hatte sich wieder aufgerichtet. Er sah den Gast mit Augen an, vor
deren brennender Gluth selbst Heinrich erschrak.
    Nun? fragte Lips heftig, da unser Freund schwieg. Ist Eure Geschichte zu
Ende?
    Sie ist es bald, Herr Johannes. - Das gute, schuldlose Kind wies den
khnen, zudringlichen Bewerber ab, verbot ihm das Zimmer, sagte ihm in's
Gesicht, da sie ihn und seinen Lebenswandel hasse, verabscheue. - Magnus
lchelte und ging. Er hate jetzt seine Cousine, und als er die Gelegenheit
erspht hatte, schlich er sich in stiller Nacht auf nur ihm bekannten und
zugnglichen Wegen in ihre Kammer -
    Weiter! Weiter! schrie Lips, den Tisch mit beiden Hnden umklammernd.
    Und zwang sie seinem Willen! flsterte der Maulwurffnger.
    Ein Schrei des Rubers hallte wieder an dem grauen Kellergewlbe, dann hrte
man ein Krachen, der Tisch borst mitten auseinander und der gewaltige Krper des
bis zum Wahnsinn aufgeregten Mannes strzte zugleich mit den Trmmern des
Tisches, mit Leuchtern und Allem, was darauf lag, zu Boden.
    Heinrich sprang helfend auf, doch Lips erhob sich schon wieder aus eigener
Kraft, stie die zerbrochene Tafel von sich und befahl, einen andern Tisch
herbeizubringen, was ohne Zaudern geschah.
    Ich bitte Euch jetzt, sagte er mit ruhiger Haltung, aber bleich vor
Entsetzen und mit blulichen, zitternden Lippen, ich bitte Euch, Heinrich,
endiget!
    Das entehrte Mdchen schwieg bis vor wenigen Tagen. Da drang Graf Erasmus
in sie, weil sie immer elender, immer bleicher ward, und als sie die Schandthat
seines Sohnes ihm gestand und da sie die schreckliche Hoffnung habe, Mutter zu
werden, da raufte der Greis sein Haar, verfluchte den Sohn und strzte vom
Schlage getroffen bewutlos zu Boden. Seine Diener hoben eine Leiche auf. In
vier Tagen soll er mit allem Pomp des alten Grafenhauses beerdigt werden.
    Der Ruber hatte den letzten Theil dieser Mittheilungen mit abgewandtem
Gesicht angehrt. Jetzt verhllte er es mit beiden Hnden, und aus dem schweren
Athmen zu schlieen, kmpfte er gewaltsam mit seinen hervorquellenden Thrnen.
Keiner der Anwesenden wagte den von Schmerz oder Entsetzen so furchtbar
Ergriffenen anzureden, selbst der Jngling mit dem Wolfsgebi, der gern die
grauenvollsten Thaten mit wieherndem Gelchter begleitete, verzog keine Miene.
Nach lngerer Pause ermannte sich Lips wieder und reichte dem Maulwurffnger,
jedoch mit immer noch abgewandtem Gesicht, seine braune, schlanke Hand.
    Ich erinnere mich mit Wehmuth jenes Pfades, sagte er. Des Grafen
Schwester, so jung, so schn, so unschuldig, wie Ihr Herta beschreibt, ging ihn
oft, um auf den freien Zinnen der alten Burg Unterricht in der Sternenkunde zu
nehmen. Es war der Weg zu ihrem Tode! Und nun -
    Schaudernd unterbrach sich der gerhrte Ruber, als habe er ein tiefes
heiliges Geheimni zu verschweigen; dann fragte er mit einiger Hast, um das
Gesprch gewaltsam auf einen andern Gegenstand zu leiten:
    Ihr kommt als Abgesandter der armen Wenden, Heinrich, das Euch zugesendete
Stichwort sagt es mir. Welch ein Anliegen haben sie an mich? Was kann ich fr
sie thun? Beabsichtigen sie ihren Zwingherrn zu zchtigen?
    Ja, sagte der Maulwurffnger, ich komme im Auftrage dieser armen
unterdrckten Leibeigenen. Sie Alle wissen, da der pltzliche Tod des alten
Erasmus den groen Grundbesitz dieses Mannes in die Hnde seines Sohnes bringt.
Der Graf ist ohne Testament gestorben, wenigstens hat sich keines gefunden.
Magnus wird als alleiniger Sohn Universalerbe des unermelichen Vermgens. Er
kann damit schalten und walten nach Gutdnken, er kann seine nchsten
Verwandten, er kann vor Allem die arme verlassene Herta qulen, so lange es ihm
Vergngen macht, und wie ich ihn kenne, wird er es thun, wenn sie ihm nicht die
Hand reicht, was er vielleicht beabsichtigt -
    Nimmermehr! rief der Ruber. Herta soll eher auf den Landstraen betteln,
soll verhungern, ehe sie einen Groschen von dem Elenden annimmt!
    Das ist ungefhr auch meine Meinung, fuhr der Maulwurffnger fort. Allein
Ihr werdet begreifen, da im Guten mit diesem Wtherich nichts anzufangen ist.
Gesichert in seinen Rechtsansprchen verlacht er uns Alle und thut doch, was er
will. - Darum sind die Leibeigenen entschlossen, sich in Masse gegen ihn
aufzulehnen, ihm einen frmlichen Vertrag abzunthigen, der Herta's Zukunft
sichert und ebenso der Tochter Sloboda's ein Jahrgeld zuspricht, und will er
sich diesen Forderungen nicht fgen, im Nothfall mit Waffengewalt ihn dazu zu
zwingen. Ihr aber, Herr Johannes, sollt als ein in heimlichen Belagerungen
erfahrener und, wie das arme Volk am besten wei, nicht so schlimmer Mann, als
Euch die Verleumdungen der Reichen schildern, Ihr sollt diesen Aufstand leiten
und ordnen.
    Hrt mich an, erwiederte der Frst der Haide, und wollt Ihr, da ich
gemeinschaftliche Sache mit Euch machen soll, so lat mir freie Hand in dieser
Angelegenheit. Ich mache sie ganz zu der meinigen, denn sie ist die meinige. Ich
habe alte Frevel zu rchen, alte Verbrechen zu shnen. - Ich will Beides zu
vereinigen suchen. Geht, fuhr er lebhafter fort, geht zurck in die
verfallenden Htten des geknechteten Volkes und sagt ihm, der Johannes der
Haide, ihr Frst und Herr, kme aus der Einde zurck, um eine neue Religion zu
predigen. Sie brchte Friede den Armen und Gepeinigten, Krieg und unerbittliches
Gericht den rechtlosen Unterdrckern! Ich wolle die Leibeigenschaft vernichten
oder unter ihnen kmpfend sterben! - Sagt das Euern Freunden, Heinrich, und
verget nicht hinzuzufgen, da sie von heut an gerechnet in der dritten Nacht
sich bereit halten sollen!
    Statt aller Antwort drckte der Maulwurffnger dem ungewhnlichen Ruber,
dessen Schicksal ihm in seltsame Schleier gehllt zu sein schien, herzlich die
Hand, worauf von der bisher besprochenen Angelegenheit unter den beiden Mnnern
nicht mehr die Rede war.
    Lips befahl der frher am Ofen beschftigten Frau, das Abendessen
aufzutragen, was sogleich ohne Widerrede geschah. Uneingeladen nahm Heinrich
daran Theil, da er, wie uns bekannt ist, sich eines sehr gesunden Appetites
erfreute.
    Erst spt in der Nacht sank der schwarze Baum wieder ber die finster
kruselnde Fluth und der Maulwurffnger schritt wie ein Gespenst ber die
schwanke Brcke und verschwand in der jetzt von grauen Nebelwolken durchsausten
Haide.

                                Zweites Kapitel.



                                  Geheimnisse.

Abgesondert von den brigen Wohnungen des Dorfes lag das Gemeindehaus der
Heimath Sloboda's. Auf dem Lande vertritt ein solches auch die Stelle des
Kranken- und Armenhauses und wird auf Kosten der Gemeinde, zuweilen mit
Zuschssen des Gutsherrn, in baulichem Stande erhalten. Unter baulich versteht
man nmlich in diesem Falle, da Wnde, Geblk und Dachstuhl nicht geradezu ber
den Kpfen der Bewohner zusammenbrechen. Mit allen brigen zu einem wohnlichen
Hause gehrenden Dingen nimmt man es nicht allzu genau. Daher gibt es nur
uerst selten Gemeindehuser mit ganzen Fenstern, guten Oefen, unzerbrochenen
Schemeln, Bnken und Tischen. Dergleichen hlt man fr unnthigen, berdies den
Bewohnern solcher Gebude nicht ziemenden Luxus.
    Das Gemeindehaus, von dem wir sprechen, gehrte unter die schlechtesten. Es
war einstckig, Lehmwand und Strohdach waren, jene nach auen, dieses nach innen
eingesunken, so da der Firsten eine Schlangenlinie beschrieb und die kleinen
mit Spnen, Papier und Scherben verklebten Fenster jeden Augenblick auf die
Strae zu fallen drohten. Von der Feuersse waren blos noch vier stumpfe Pflcke
brig. Ein Gewittersturm hatte das runde Schutzdach entfhrt und seitdem fanden
Regen und Schnee ungehindert Eingang in diese Hhle der Armuth, Krankheit und
Noth.
    Glcklicherweise war das Dorf nicht stark bevlkert, so da die Zahl der
Bewohner des Gemeindehauses sich nur auf vier Individuen belief. Zu diesen
gehrte auch Sloboda's verwittweter Sohn, der nrrische Nathanael, wie ihn
seine Bekannten nannten. Seit er den Verstand verloren hatte, war er hier
untergebracht worden, weil es Sloboda an Zeit fehlte, den Unglcklichen zu
beaufsichtigen und zu pflegen. Denn im Gemeindehause mute auf Kosten der
Gemeinde fr Kranke eine Wrterin gehalten werden, die fr ihren hchst kargen
Lohn verpflichtet war, zu bestimmten Stunden fr die Bedrfnisse derselben zu
sorgen.
    Eigentlich htte Nathanael keine Wartung gebraucht. Er war der stillste,
gemthlichste, lenksamste Wahnsinnige, den es geben konnte. Wer an der
bauflligen Htte vorberging, konnte sein blasses, immer lchelndes Gesicht
entweder in der Oeffnung einer fehlenden Fensterscheibe sehen, was ganz den
Anstrich hatte, als habe man statt des Glases eine menschliche Larve mit
beweglichen Augen hineingeklebt, oder ihn selbst vor der lochartigen Hausthre
betrachten, wo er, einen Knttel im Arm, Wache stand und wie ein Posten
gravittisch auf- und niederging. Er that keinem Kinde etwas zu Leide, war mit
Allem zufrieden, a und trank, wenn man ihm etwas gab, und fastete ohne Murren,
wurde dies vergessen. Gewhnlich sprach er mit sich selbst, und so wenig man
auch von seinen Reden verstehen konnte, so war doch aus vereinzelten Worten und
aus stets wiederkehrenden Wendungen und Gedankenbruchstcken abzunehmen, da er
des festen Glaubens lebe, seine erschlagene Frau habe ihm einen Knaben
hinterassen, der beim Begrbni der Mutter verloren gegangen sei und nun ohne
Vater und Mutter elend umkommen msse. Es wute aber Jedermann, da Nathanaels
Frau nach kaum anderthalbjhriger Ehe ums Leben gekommen war, da sie niemals
ein lebendiges Kind geboren hatte, wohl aber etwa ein halbes Jahr vor ihrem
pltzlichen Tode von einem todten Knaben entbunden worden war.
    An alle dem hatte bei Lebzeiten der unglcklichen Frau Niemand gezweifelt,
jetzt aber durch des Irrsinnigen Reden aufmerksam gemacht, erhoben sich ganz im
geheim einzelne Stimmen, welche andeutungsweise behaupteten, es sei damals bei
der Entbindung von Nathanaels Frau nicht ganz nach Recht und Gerechtigkeit
zugegangen! Ihr Kind habe wohl gelebt, inde - spter sei es als todtgeboren
begraben worden! - - Solche Gerchte liefen, wie gesagt, jetzt um, allein wer
htte Zeit, Lust und Bedrfni gehabt, ihrem Ursprunge nachzuspren und die
Wahrheit zu ermitteln! Die arme Frau war todt, Nathanael verrckt und sein Vater
hatte mit der einzigen Tochter Kummer genug, als da irgend einer seiner
Mitbrder ihm eines hohlen Gerchtes wegen das Herz noch mehr htte beschweren
mgen. -
    Fast alle Tage besuchte der bekmmerte Vater seinen unglcklichen Sohn, um
ein paar Worte mit ihm zu reden und sich von seinem elenden Hinvegetiren zu
berzeugen. Stand Nathanael Wache vor der Thr, so lie er den Vater nich in's
Haus, denn er behauptete dann, sein Knabe sei drinnen in der Pension, werde zum
vornehmen Herrn erzogen und erhalte jetzt eben Unterricht in feiner Lebensart;
wer nun da Einla begehre, der beabsichtige, ihn zu entfhren und wieder unter
die Bauern zu verstoen. Lag dagegen das blasse Gesicht des Wahnsinnigen in der
fehlenden Fensterscheibe, so durfte Sloboda eintreten und dann erzhlte ihm
Nathanael die Verirrung seines Kindes beim Begrbni der Mutter. Um diese beiden
fixen Ideen drehte sich nun schon seit langen Monaten der Gedankengang des
Unglcklichen. -
    Am Tage nach Heinrichs nchtlicher Zusammenkunft mit Lips machte Sloboda
seinen gewhnlichen Besuch im Gemeindehause. Es war nach der strmischen
Schneenacht, wie dies zu Anfang Herbst oft geschieht, am Morgen wieder ganz
still und warm geworden und die Sonne schien so erquickend mild, da man htte
glauben knnen, der Lenz sei eben angebrochen.
    Nathanael lag mit dem lchelnden Gesicht im Fensterloche und sah mit den
bldsinnigen, ausdruckslos glsernen Augen auf die Haide, ber deren
blauschwarzem Walle die uersten Thurmspitzen des fernen Schlosses Boberstein
deutlich zu erkennen waren.
    Guten Tag, Nathanael, sagte Sloboda grend, es will nochmals Sommer
werden, scheint es.
    Er kommt doch nicht wieder, entgegnete mit traurigem Kopfschtteln der
Wahnsinnige, indem er das Fenster verlie, um seinem Vater bis an die Stubenthr
entgegen zu gehen.
    Auer ihm war noch eine alte Frau in der dunstigen schmutzigen Stube, die
auf der Ofenbank sa und die Spindel drehte. Ein paar Ueberreste von Dielen
waren erst am Morgen aufgebrochen und in kleine Stckchen zerspalten worden, um
Feuer damit anzumachen, denn das Reiig war ausgegangen und die Gemeinde hatte
noch kein neues geliefert, weil der Vorstand vergessen hatte, anzuzeigen, da
alles Holz der Armen verbrannt sei. Der Fuboden des Gemeindehauses bestand
daher gegenwrtig aus nacktem schwarzgrauen Lehm. Die Bewohner hatten groe
Lcher darin ausgehhlt, um Kartoffelschalen und Splicht hineinzugieen oder
sie auch gelegentlich als Waschbecken zu gebrauchen. Auf den Stangen um den Ofen
hingen graue Lumpen, die Schrzen und Kleidungsstcke vorstellen sollten. Auf
dem gemeinsamen Tische summten gefrige Fliegen um einen Teich verschtteter
saurer Milch und um einige Stcke eisenharter Rinde von Schwarzbrod. Bnke und
Schemel, denen die Beine fehlten, und welche, wenn man sich setzen wollte, erst
aus allen Winkeln zusammen gesucht werden muten, waren unsauber und fettig, da
Niemand sich die Mhe gab, sie zu reinigen.
    In dieser ungesunden, ekelerregenden Wohnung lebte Nathanael und dieses
Leben wrde fr ihn unertrglich gewesen sein, htte ihn die Auenwelt berhaupt
noch gekmmert. Die Nacht, welche seinen Geist umhllte, verdeckte auch mit
wohlthtigem Schleier das entsetzliche Elend seiner Umgebung.
    Er kommt noch immer nicht, sagte er zu Sloboda, seine abgemagerten,
schweiig-kalten Finger in die Hand des Vaters legend. Sie haben die Haiden
durchsucht bis nach Schlesien, aber die Fustapfen sind verweht von Laub und
Nadeln.
    Wenn die rechte Zeit kommt, werden sie ihn schon finden, erwiederte
Sloboda mit schwerem Seufzer. Warten, Geduld haben ist leider unser aller
trbes Loos auf dieser unvollkommenen Erde!
    Geduld! - Ich hatte immer viel Geduld.
    Weit Du schon von dem Todesfalle? fragte Sloboda.
    Nathanael sah den Vater bld lchelnd an, dann erwiederte er: Es wird bald
ein groes Sterben kommen - unter die Hochmthigen. Alle Bume trauern schon -
das sieht so frchterlich aus.
    Sie trauern um ihren Herrn, den Grafen.
    Graf? - Graf heit Schurke. Marianne hat's hundertmal gesagt.
    Nicht immer, Nathanael! Graf Erasmus, der nun zu seinen Vtern gegangen
ist, war ein braver Mann.
    Der Wahnsinnige lachte und schttelte wiederholt den Kopf dazu. Nrrisches
Volk, solche Grafen! - Kartoffeln dem Braten vorzuziehen! - Rechte
Schurkenkost!
    Sloboda hatte seinen Sohn noch nie in solcher Stimmung gesehen und wute
nicht, wie er sich die unverstndlichen Reden deuten sollte. Um ihn auf andere
Gedanken zu bringen, fragte er, ob er Lust habe, den alten Grafen auf dem
Paradebette zu sehen, so wenig er selbst daran dachte, das graue Schlo zu
diesem Zwecke zu besuchen.
    Mit dem wahrhaft entsetzlichen stereotypen Lcheln auf seinem blassen
Gesicht trat Nathanael nach dieser Frage an sein Fenster, legte den Finger in
die Oeffnung und sagte:
    Schlo dort drben! Abends die Sonne dahinter - immer ein grfliches
Paradebett!
    Dann legte er das Gesicht wieder in die zerbrochene Scheibe und ohne sich
ferner noch um seinen unglcklichen Vater und dessen an ihn gerichtete Fragen zu
bekmmern, sah er unverwandt hinber auf die Haide und die vier Thrme von
Boberstein, dessen hohe Schieferbedachung mit den vergoldeten Kreuzen, Knpfen
und Windfahnen jetzt im Goldschaum der Abendsonne zu glhen begannen. Mit
schwerem Herzen und der trostlosen Gewiheit, da sein armer Sohn noch immer
keine Spur des zurckkehrenden Verstandes zeige, mute Sloboda das wacklige
Gemeindehaus wieder verlassen, um in der eignen stillen Htte immer noch den
alten Kummer als treuen Hausgenossen zu finden.
    Aus der Thr dieses Asyls der elendesten Armuth tretend, lie er seine
melancholischen Augen ber die dunstige, jetzt mit einem breiten Grtel purpurn
flimmernden Duftes umwundene Haide gleiten und sie auf den blitzenden Spitzen
der Schlothrme ruhen. Eine Fluth der widersprechendsten Gedanken trieb mit
Sturmeseile durch seinen Geist, ohne da er in seiner tiefen
Niedergeschlagenheit im Stande gewesen wre, nur einen einzigen, ihm praktisch
scheinenden, festzuhalten und in ruhiger Ueberlegung weiter zu verfolgen. Nach
einiger Zeit, keines vollkommen klaren Gedankens sich mehr bewut, schritt der
Wende gebeugten Hauptes die kothige Gasse entlang, welche das Dorf in zwei
gleiche Hlften theilte. Auf dieser Wanderung berholte ihn ein Anderer und
grte ihn ermuthigend mit den Worten:
    Nicht so verzagt, Freund Jan! Unsere Angelegenheiten schieen rasch in
Blthe.
    Es war der Maulwurffnger, der unermdlich die halbe Nacht durchwandert war
und jetzt schon wieder von einem anstrengenden Gange durch eine Menge zu
Boberstein gehrender Dorfschaften kam. Lips ist unser mit Herz und Hand und
voll Feuer und Flamme! Ich sage Dir, Jan, der Mann hat einen Zweck bei seinem
Thun, und wie hart immer Sitte und Gesetz dies tadeln mgen, auf wessen Seite
das grere Recht zu finden sein drfte, das ist noch eine schwer zu
beantwortende Frage. Ein feiner, verschlagener und in vielem Betracht auch
rechtlicher Mann ist unser Frst der Haide und einen Giftzahn hat er jetzt auf
den Blauhut, da mir fast bange wird um das Leben des exquisiten Schurken.
    Er will also unsere Partie ergreifen?
    Mehr, mehr, Freund Jan! Er will uns blos zur Sttze haben und brigens die
ganze Angelegenheit zu seiner eignen machen! La Dir gengen, wenn ich Dir sage,
da Lips ein alter Bekannter von mir ist und da er die Heimlichkeiten der
grflichen Familie besser kennt und Schlimmeres von ihr wissen mu, als wir
ahnen! Vor zwanzig und mehr Jahren stand unser Todfeind Magnus unter seiner
Zuchtruthe. Lips war der Hofmeister des wilden Jungen.
    Sprchst Du nicht zu mir, dann wrde ich die ganze Erzhlung fr ein
Mrchen erklren, versetzte Sloboda, und weil uns wirklich zu unntzen Fragen
und Errterungen keine Zeit brig bleibt, unterlasse ich alles vergebliche
Forschen. Du sprichst, er ist der Unsrige mit seinem ungeheuren Anhange, er will
theilnehmen an der Rache, die unser Gewissen fordert, und somit erklre ich ihn
fr meinen Freund, meinen Bruder. - Seid Ihr einig geworden ber Zeit und
Stunde?
    Uebermorgen Abend, whrend Familie und Dienerschaft am Sarge des
Verstorbenen knieen und Thrnen heucheln, soll der Angriff geschehen.
    Auf welche Art?
    Das wollte mir Lips nicht mittheilen. Wir sollen berhaupt keinen thtigen
Antheil nehmen an dem, was er zu thun gesonnen ist, nur im Rcken sollen wir
wachen, damit nicht fremde Eindringlinge ihn berrumpeln und den ganzen Plan
zerstren. Dies hat fr Euch Wenden das Gute, da Ihr nicht als Aufwiegler
dasteht und Euch spterhin, kommt die Sache zur Sprache, vor Gericht in bester
Manier herausreden knnt. Denn wer einem Feinde im Rcken steht, kann eben so
gut diesen anzugreifen beabsichtigen, als ungebetene Gste ihm fern halten. Das
ist eine prchtige Zwickmhle, in der ich selbst die Kniffe und Kreuz-und
Querfragen des allerschlauesten Inquisitionsrichters allemal fangen und
erdrcken will.
    Da nur kein Schwchling uns verrth!
    Sorge nicht, Jan! Deine gesammten Stammesgenossen beseelt nur ein Gedanke:
Bestrafung des Verbrechers und Losreiung von seiner Herrschaft. Seine letzten
Schandthaten, die ihn aus dem Verbande der Menschheit ausstoen, machen jeden
Frsprecher verstummen. Er ist reif zur Aerndte und so soll denn auch die
Sichel, welche ihn mhet, mit aller Kraft an ihn gelegt werden. - Heute Nacht
beginnt der persnliche Aufruf auf allen Haidedrfern. Ich selbst habe den
Richtern beim Aufsetzen der Verordnung redlich geholfen. Es bedarf nun blos noch
des von Haus zu Haus wandernden Krummholzes. Es wird diesmal auch an die Thr
der niedrigsten und rmsten Htte nicht vergebens pochen.
    Whrend dieses Gesprchs hatte Sloboda sein Haus erreicht und nthigte den
fr ihn so unermdlich thtigen Freund einzutreten und ein frugales Abendbrod
mit ihm zu genieen. Wir wissen, da Heinrich ein solches Anerbieten nie von der
Hand wies, wenn es ihm irgend die Zeit erlaubte, und so nahm er auch diesmal die
Einladung des Wenden an. - -
    Um dieselbe Zeit sa Haiderschen in der gerumigen Wohnstube Ehrholds auf
der Bank am Fenster, lie flink das Rdchen schnurren und zupfte mit ihren
schlanken Fingern, die ungeachtet der harten Arbeit, der sie sich in der
Wirthschaft unterziehen mute, immer wei und zart blieben, den silbernen Flachs
vom Rocken, um das feinste Garn daraus zu spinnen. Es war dasselbe Rdchen,
derselbe Rockenhalter, den sie am lustigen Abend der letzten Spinnte gebraucht
hatte. Seitdem war blos ein halbes Jahr vergangen und ach, welche Tage des
Kummers, welche schlaflos durchwachten, thrnenreichen Nchte lagen dazwischen!
- Sie war Frau, die geliebte Frau ihres Erwhlten geworden, sie fhlte ein zum
Leben erwachendes Leben unter ihrem Herzen sich regen, und sie schauderte vor
diesem erwachenden Leben, und Gedanken trben Wahnsinns lieen ihre Brandmale in
der gepeinigten Seele zurck; denn sie konnte und durfte ja den geliebten Gatten
nicht Vater nennen! Selbst der Name Mutter machte sie erbeben und hufig in
Krmpfe und ohnmchtige Erstarrung fallen.
    Seit der unseligen Hochzeitsnacht, die fr sie die letzte Nacht irdischer
Freuden gewesen war, trug sie die halbe Trauer. Ein schwarzer lndischer1
Faltenrock umhllte ihre zarten Glieder. Das bunte Tuch von lebhaften Farben
mute einem schlichten weien Linnentuch weichen, das sie um Hals und Busen
legte. Eben so verhllte sie sich den Kopf und die schnen seidenweichen
goldblonden Haare, die in ein dickes Nestchen gewunden unter der Frauenhaube um
verlorenes Glck und geraubte Unschuld trauerten. Die aufknospenden
Lockenrschen, die ihrem Gesicht einen so eigenthmlichen Ausdruck schalkhaften
Reizes gegeben hatten, waren verschwunden. Ging sie aus, so warf sie noch ein
weies Tuch ber Kopf und Schulter, so da nur das jetzt bleicher gewordene
trauernde Gesicht und die schnen melancholisch tiefen Augen sichtbar blieben.
    Mit immer gleicher Beharrlichkeit zupfte Haiderschen die zartesten Fden
aus dem schimmernden Flachse und drehte taktmig ihr schnurrendes Rdchen, ohne
des Pochens und Schtterns an den Holzwnden zu achten, welche Clemens und sein
Vater mit Laub und Stroh gegen die Winterklte verwahrten. Der schnelle Tod des
Grafen Erasmus beschftigte auch sie und ber dem Unglcke Herta's, das in
wenigen Tagen zum lauten Geheimni geworden war, verga sie ihr eigenes, der
verehrten Herrin so hnliches Leid. Nun begrisf sie auf einmal das tiefe
Verstummen, das entsetzliche Hinstarren des Fruleins nach jener rthselhaften
Nacht, ja sie wunderte sich fast, da ein so zartes, schnes und gebildetes
Wesen, wie Herta es in ihren und Aller Augen war, das Grliche hatte berleben
knnen, ohne den Verstand zu verlieren.
    Es war bereits so dunkel im Zimmer, da Haiderschen nicht mehr den Faden
deutlich erkennen konnte, den sie zwischen den Fingern drehte, als die drauen
schaffenden Mnner von ihrem Thun ablieen und in's Haus zurckkehrten. Jetzt
hielt auch die Spinnerin ihr Rdchen an, schob es zurck und ging nach dem
Kamin, um Holz aufzuschichten und das weithin leuchtende Abendfeuer anzuznden.
Whrend dieser Beschftigung sagte sie zu Clemens:
    Hast Du Dich nun entschieden, ob wir zusammen auf's Schlo gehen werden,
damit ich dem guten todten Herrn meine Hand zum ewigen Lebewohl reichen kann?
    Es wird sich nicht thun lassen, liebes Rschen, versetzte der Gefragte.
Sichern Nachrichten zufolge ist der bse Herr auf Boberstein und Du kannst wohl
denken -
    Ich verstehe, guter Clemens, unterbrach ihn Haiderschen. Wir bleiben
daheim, ich bete fr den geschiedenen Greis, fr das arme Frulein und singe an
seinem Begrbnitage ein Lied zu seinem Andenken. Er wird mir das im Himmel eben
so hoch anrechnen, als htte ich an seinem Sarge geweint. - Wenn soll er denn
bestattet werden?
    Uebermorgen.
    Ist es wahr, da er kein Testament hinterlassen hat?
    Es geht allgemein die Rede davon.
    Dann bedaure ich blos das gtige Frulein! - Nicht wahr, Clemens, Du stehst
ihr gern bei, wenn sie es je bedrfen sollte?
    Ihr und Dir soll mein letzter Blutstropfen flieen! - Aber sie wird unserer
Hilfe nicht bedrfen, glaube mir! Der Himmel lt es gewi nicht zu, da ein
bser Mensch in allen Genssen irdischer Glcksgter schwelgen darf, whrend
eine Gerechte dem Mangel erliegen mu.
    Indem pochte es an die Hausthr und Ehrhold, der hinausging, um zu fragen,
wer Einla begehre, begann ein kurzes Zwiegesprch mit demselben Nachbar,
welcher am Abend, wo die Spinnte erstochen ward, das Gemeindeholz gebracht
hatte. Auch kehrte Ehrhold erst nach einigen Minuten wieder zurck.
    Warst Du beim Nachbar, Vater? fragte Haiderschen schchtern, denn ihr
Herz sagte ihr, da eine Zusammenberufung der Wenden eingeleitet werde. Ehrhold
lugnete es nicht, ja er fgte sogar offenherzig hinzu: Es handelt sich um den
bsen Grafen und ob man verpflichtet sein soll, einem so offenkundig schlechten
Menschen fernerhin noch zu gehorchen. - Uns geht das im Grunde freilich nichts
mehr an, denn wir sind ihm nicht mehr erbunterthnig, aber der Sache selbst
wegen drfen wir uns nicht ausschlieen.
    
    Sie wollen ihm doch nicht ans Leben? fragte Haiderschen besorgt.
    Damit geschhe dem Schufte zu viel Ehre. Nein, blos das Vermgen soll ihm
verschnitten werden, und dazu, scheint mir, haben Viele triftige Grnde, wenn
alle rechtmige Erben von ihm, sowohl lebende wie solche, die noch auf den
Eintritt ins Leben warten, zu gleichen Theilen befriedigt werden sollen.
    Bei der letzten Bemerkung seufzte Haiderschen und Clemens ging, um seine
kochende Unruhe mglichst zu verbergen, summend in der Wohnstube auf und ab. Es
trat eine Pause ein, die Niemand von den Dreien zu unterbrechen wagte, bis
Ehrholds Gattin aus der Kammer kam und mit Schsseln und Tassen im Topfbret zu
klappern begann. Dabei redete sie mit allen Dreien zu gleicher Zeit nach Art
alter Leute, ohne von irgend Jemand eine directe Antwort zu erwarten.
    Zum zweiten Male klopfte es drauen, diesmal jedoch an einem der
Fensterladen.
    Gott sei uns gndig! rief Haiderschen, ihr Rdchen anhaltend, an das sie
sich wieder gesetzt hatte, und die Hnde im Schooe faltend. Das bedeutet
sicher ein recht groes Unglck, denn grade so klopfte es am Abend der letzten
Spinnte, seitdem das Elend unter uns anhob.
    Clemens hatte inzwischen das Schiebfenster aufgestoen und gefragt, was man
begehre?
    Eine Stimme, die er nicht kannte, verlangte die Jungefrau zu sprechen.
Haiderschen hrte dies und stand neugierig auf.
    Wer seid Ihr? fragte Clemens ziemlich barsch.
    Ich darf's nicht sagen; es ist mir verboten, antwortete die Stimme. Ich
soll 'was abgeben an die Jungefrau.
    Von wem? fragte Clemens schon ungeduldiger.
    Wenn mich die Jungefrau selbst anhren will, werd' ich's ihr nicht
verschweigen.
    Clemens fhlte eine Hand auf seiner Schulter. Haiderschen stand neben ihm.
La mich mit dem Manne reden, guter Clemens, sagte sie sanft und bittend.
Vielleicht kenne ich ihn und er hat mir etwas zu sagen, das uns zum Guten
gereicht. Du kannst ja dableiben und mit anhren, was wir reden.
    Ungern und mit verdrielichem Gesicht trat Clemens vom Fenster zurck.
Haiderschen erblickte einen Mann in burischer Alltagskleidung.
    Was habt Ihr an mich zu bestellen? fragte sie freundlich.
    Der Voigt vom Zeiselhofe schickt mich zu Euch, liebe Jungefrau, erwiederte
der drauen Stehende. Ich bin der Groknecht vom Hofe und eigentlich nicht der
beste Freund von unserm Voigt. Weil aber der Mann krank ist und mich schon seit
ein paar Tagen anfleht, ich mchte ihm doch den Gefallen thun und zu Euch gehen,
bin ich heut in der Dmmerung fortgelaufen. Er hat mir eine Rolle gegeben,
vermuthlich mit Schriften oder Verschreibungen - von dem gndigen Herrn, sagt er
-
    Hrt auf, ich will nichts mehr hren! rief Haiderschen. Nicht eine
Stecknadel rhre ich an, wenn ich wei, da der Graf sie zuvor in den Hnden
gehabt hat!
    So ist's recht! sagte Clemens. Immer packe den Rackern auf, da sie
erfahren, wie hoch man ihren Herrn in Ehren hlt!
    Aber liebe Jungefrau, so nehmt doch Vernunft an! fuhr der Groknecht fort.
Ich bin, wei Gott, nicht fr den gndigen Herrn und wnschte lieber, der
Teufel zerri ihn heut als morgen und zerfetzte ihn dermaen, da nichts von ihm
brig bliebe, als eine Prise Schnupftabak fr alle Herren, die just eben so
denken wie er, aber den Auftrag des Voigtes mu ich vollziehen, sonst bringt er
mich um. Werfts in's alte Gerlle das Ding, wenn Ihr's nicht ansehen wollt, nur
nehmt's mir ab, da ich als ehrlicher Kerl sagen kann: ich hab's richtig
abgeliefert.
    Du nimmst nichts! befahl Clemens. Hat der Herr Dir etwas zu bergeben, so
kann er selber kommen. Dann will ich ihn schon empfangen.
    Es ist sehr wichtig, sagte der Voigt.
    Und wenn Tod und Leben daran hngt, Du nimmst es nicht! rief Clemens wie
besessen.
    Guter Freund, fiel Ehrhold ein, Ihr macht hier, wie Ihr seht, schlechte
Geschfte. Darum geht nur in Gottes Namen wieder auf den Zeiselhof, sagt dem
Voigte einen guten Abend und fr seine Geschenke im Namen des Herrn Grafen msse
die Jungefrau gar sehr danken.
    Nun so erbarme sich Gott meiner und des Voigtes! murmelte der Groknecht.
Seine Gnaden haben mit Galgen und Rad gedroht, wenn das Rllchen nicht vor
Beerdigung des verstorbenen Herrn Grafen in der Jungefrau Hnde gekommen sei,
und wer ihn kennt, der wei, da er Wort zu halten pflegt. Wenn Ihr aber
durchaus nicht wollt, nun gut, so wei ich, was ich thun mu. Ich gebe das Ding
zurck und flchte mich noch in dieser Nacht in die Haide, um morgen nicht zu
fehlen. Dann wr's mglich, da weder Voigt noch Graf jemals ein Wort wieder von
mir hrten.
    Was soll das heien? fragte Haiderschen ihren Gatten. Wre wirklich
etwas im Werke? Ein Angriff auf den Zeiselhof? - Vater, wie ist das?
    Gedulde Dich bis morgen! sagte Ehrhold bedeutungsvoll. Von einer Sache,
welche gelingen soll, darf man nicht sprechen.
    Haiderschen sah noch einmal zum Fenster hinaus, um durch neue Fragen dem
Groknechte Nheres zu entlocken, der so schnde Abgewiesene war aber
inzwischen, ohne gute Nacht zu wnschen, seiner Wege gegangen.
    Nun fhlte sich die junge Frau so beunruhigt, da sie den Rest des Abends
fr nichts mehr Sinn hatte und die ganze Nacht theils schlaflos, theils von
frchterlichen Trumen gengstigt, zubrachte.

                                    Funoten


1 So genannt, weil das Zeuch frher aus Lund bezogen wurde.


                                Drittes Kapitel.

                            Mutter, Sohn und Nichte.

Unsere Leser erinnern sich, da in Haiderschens verhngnivoller Hochzeitsnacht
die zu feierlichem Schwure niederknieenden Wenden die weithin schallenden
Hufschlge des davon jagenden Grafen hrten. Magnus trieb nicht das innere
Entsetzen ber die eigene Schandthat von dem Schauplatze des Verbrechens, nur
die Furcht, im Augenblick der Entdeckung von den zu ausgelassener Lust wie zu
rasender Wuth aufgereizten Leibeigenen zerrissen zu werden, veranlate ihn, in
grter Eile zu fliehen. Die That selbst hatte er dem strengen Rechte nach nicht
zu scheuen; denn als Herr und unumschrnkter Gebieter stand ihm nach uraltem
Herkommen das jus primae noctis zu, und wenn er es ausbte, durch List oder
Gewalt, so konnte er sicher auf den jubelndsten Beifall all seiner
Standesgenossen rechnen.
    Spter stiegen allerdings Zweifel in ihm auf, und als er durch genaue
Erkundigungen erfahren hatte, da Haiderschen Mutterfreuden entgegensehe,
beschlich ihn ein gromthiger Gedanke. Er dachte nicht daran, die Frucht wilder
Sinnenlust und capriciser Herrenlaune vor der Welt anzuerkennen, aber zugleich
lehnte sich der Stolz des Aristokraten gegen den Zufall auf, dem es in
hhnischer Ironie einfallen konnte, den Sohn des reichen Grafen ein langes
langes Leben als Bettler durch die erbarmungslose Welt zu hetzen. Schon diese
Mglichkeit, die bei nur einigem Nachdenken, bei nur mittelmigem
Combinationstalent sich in grauenvolle Wahrscheinlichkeit verwandelte, emprte
ihn. Deshalb mute einer so entwrdigenden Lage seines Sprlings vorgebeugt
werden.
    Lange war Magnus unschlssig, was er thun wollte. Er wartete von Woche zu
Woche, von Monat zu Monat. Am liebsten htte er eine so delicate Angelegenheit
mit Rschen persnlich besprochen, allein er sah wohl ein, da er von dem
Versuch, mit ihr ungesehen zu verkehren, abstehen msse. Es war unmglich und
noch weniger rathsam, sich ohne bedeutende Bedeckung unter die Wenden zu wagen.
Die Hochzeitsnacht von Sloboda's Tochter hatte diese so harmlos heitern Menschen
vollkommen umgewandelt. Sie waren still und ernst geworden. Ihre Lieder auf
Feldern und Wiesen, ihre schreiende Lustigkeit in Schenke und Kretscham waren
verstummt. Man hrte weder am Feierabende noch Sonntags den qukenden Dudelsack
und die schrillende Huslje.
    Diese auffallenden Zeichen tiefen Grams und nach Innen sich einwhlenden
Unmuthes entgingen Magnus nicht. Zugleich rief er sich die Aeuerungen des
Maulwurffngers in Bezug auf das Vorhandensein einer Verschwrung unter den
leibeigenen Wenden wieder ins Gedchtni. Noch glaubte er zwar nicht daran, denn
er kannte die Friedliebe und Muthlosigkeit dieses armen, unterdrckten,
ungebildeten Vlkchens, allein er konnte doch auch nicht umhin, rckwrts zu
blicken auf Welt- und Sittengeschichte. So oft er dies that, berrieselten ihn
eiskalte Schauer und eine nicht zu beseitigende Furcht vor der Zukunft
bemchtigte sich seiner. Thaten, wie sie rohe Herrenwillkr ihn hatte begehen
lassen, waren husig grauenvoll bestraft worden, waren nicht selten das Zeichen
gewesen zu vlligem Umsturz alles Bestehenden, zu Zertrmmerung heiliger oder
doch geheiligter Rechte, zu Vernichtung mchtiger Throne und Reiche. - Konnte
ihm jetzt nicht etwas Aehnliches bevorstehen? - Die unheimliche Stille unter
seinen Leibeigenen schien fast darauf hinzudeuten. Es war daher gevissermaen
Sache der Nothwehr, die nicht zu verkennende Ghrung zu ersticken, das jetzt
noch aus der Ferne drohende Unglck abzuleiten. Eine Gromuthshandlung, glaubte
er, wrde dazu hinreichend sein.
    Aus diesen Grnden setzte er sich hin und entwarf eine Schenkungsurkunde,
laut welcher Rschen Sloboda, im Falle sie lebendige Kinder zur Welt bringe,
nach seinem Tode den fnften Theil seiner smmtlichen liegenden Grnde als
Entschdigung fr das ihr durch ihn zugefgte Unrecht als rechtmige Erbin
erhalten sollte. Magnus war schlau genug, die Formel dieser Urkunde so allgemein
wie immer mglich zu halten, denn im Ernst dachte er gar nicht daran, sein
zuknftiges Besitzthum auf solche Weise zu zerstckeln. Eben deshalb war auch
des Ablebens seines Vaters gar nicht gedacht, so da die Urkunde ohne Kraft
gewesen wre, im Fall Magnus vor seinem Vater sterben sollte. Ferner stand in
dieser Verschreibung keine Hindeutung auf des Grafen Testament, in welchem doch
nothwendig von einer solchen Schenkung die Rede sein mute. Alles dies hatte
Magnus mit Vorbedacht weggelassen, um seinen gesetzlichen Erben mglichst viele
Auswege zu geben, wenn die Wendin dereinst ihre Ansprche auf die Schenkung
geltend machen sollte. Da er die Wenden selbst mit einem derartigen Papiere
betrgen und ihre bsen Anschlge wrde abhalten knnen, daran zweifelte er
nicht; denn er kannte den leichten Sinn dieses Vlkchens und ihre
unzureichenden, fast an das Kindische streifenden Rechtskenntnisse.
    Wie aber dieses Papier in Haiderschens Hnde bringen? Anfangs wollte er
selbst sein eigener Bote sein. Dies gab er jedoch bald auf, denn er sah ein, da
die jugendliche Frau des Freibauers Clemens wie eine Frstin bewacht wurde und
durchaus jeder noch so schlau angelegten List unzugnglich bleiben mute.
Gewaltsames Eindringen wre allerdings noch mglich gewesen, dies konnte aber
auch das Signal zu einem wthenden Aufstande, vielleicht gar zu seiner Ermordung
sein. Er hatte ein- fr allemal das Vertrauen seiner Unterthanen verloren und
dafr mute er jetzt ben. Wre er als strahlender Engel der Liebe unter ihnen
erschienen, sie wrden ihn dennoch fr einen verkappten Teufel gehalten und als
solchen behandelt haben.-
    Nach langem Hin und Hersinnen entschlo er sich endlich, den Voigt mit
dieser Sendung zu belasten. Er war der einzige Mensch aus seiner nheren
Umgebung, dem er noch vertrauen konnte, da die persnlichen Juteressen desselben
an die seinigen geknpft waren. Der Voigt wurde von dem Gesinde, das er
beaufsichtigte und tyrannisirte, gehat als das blind gehorchende Werkzeug des
gefrchteten Herren. Schon deshalb konnte dieser Mann nicht von ihm abfallen.
Alle Uebrigen, sowohl Dienerschaft wie Knechte und Mgde, waren ihm feindlich
gesinnt und zu offenem Aufstande geneigt, wenn das Zeichen dazu gegeben ward.
Vor diesen also mute er sich hten. Erst, wenn Haiderschen das Papier
empfangen und gelesen hatte, und der Inhalt desselben von ihren nchsten
Verwandten den Bewohnern der Haidedrfer mitgetheilt ward, erst dann konnte er
wieder furchtlos unter seine Leute treten und ausrufen: Seht, so verkennt Ihr
mich, der ich doch immer nur fr Euch denke und nur Euer Bestes will!
    Zu diesem Behufe schlug nun Magnus die entworfene Schenkungsurkunde fr
Haiderschen und deren Nachkommenschaft in Wachsleinwand und bergab sie dem
Voigte mit der Weisung, dieselbe in den nchsten Tagen an die verehelichte
Clemens abzuliefern. Von dem Inhalt der Rolle lie er nichts verlauten und der
Voigt war nicht der Mann, aus Neugierde danach zu fragen. Er sagte zu und Magnus
dachte nicht mehr daran.
    Da starb Erasmus in Folge der Entdeckung, welche ihm seine unglckliche
Nichte gemacht hatte. Die bestrzte Utta sendete sogleich einen Eilboten an
ihren Sohn ab, damit er als Universalerbe persnlich Besitz von der Burg nehme.
Ein Testament war nicht vorhanden, mithin ber Erbschaft und Erbschaftsantritt
gar kein Zweifel.
    Magnus gehorchte auf der Stelle seiner Mutter, im Herzen froh, den Vater
nicht mehr lebendig zu finden. Aeuerlich nahm er freilich die Haltung eines
tief Betrbten, eines unaussprechlich Erschrockenen an. Er gab die nthigen
Befehle an den Voigt, schrfte ihm nochmals ein, die sehr wichtige Rolle nunmehr
abzugeben und ja nicht lnger damit anzustehen.
    Der Voigt hatte auch den besten Willen, aber er erkrankte pltzlich, wie wir
wissen, und der nach Magnus Dafrhalten so beraus schlau angelegte Plan
scheiterte gnzlich. Als der Groknecht an dem erwhnten Abende verdrielich
wieder zurckkam und dem im Bett liegenden Voigte die Rolle einhndigte, warf
dieser sie ebenfalls rgerlich in ein altes Pult, wo verschiedene Papiere und
Briefschaften, die Niemand brauchte, aufbewahrt wurden, und sagte: Nun so
bleibt's, bis ich wieder gesund bin. Wir Beide knnen's nicht ndern. -
    An demselben Abend gegen Mitternacht wute alles Gesinde auf dem Zeiselhofe,
was die Wenden im Sinne hatten, und nicht ein Einziger, selbst nicht die Mgde,
weigerten sich, ihre Theilnahme zuzusagen. Der kranke Voigt allein erfuhr nichts
von der still fortglimmenden Verschwrung gegen seinen verachteten Herrn.
    Magnus war seit dem Osterfeste nicht mehr auf Boberstein gewesen. Er hatte
daher auch nichts Zuverlssiges von Herta und deren Zustande erfahren. Oft
schmeichelte er sich mit der Hoffnung, durch einen Brief von seiner schnen
Cousine berrascht und zu einem Besuche nach Boberstein eingeladen zu werden.
Aber das stolze, tdtlich beleidigte Mdchen schwieg so hartnckig, wie sein
Vater. Auer dem, was hin und wieder gehende Boten Unklares mndlich erzhlten,
war die Kunde von dem Ableben des Greises die erste directe Nachricht von der
Burg seiner Vter. Magnus verwnschte sein bses Geschick und sah mit bitterm
Verdru auch diesen seinen khnsten Plan, seinen heiesten Wunsch an der
Unlenksamkeit eines festen Charakters zu Grunde gehen.
    Die trauernde Dienerschaft begrte den jungen Erben mit der ihm zukommenden
Ehrerbietung, doch schweigend und dster gestimmt. Magnus achtete nicht darauf.
Er eilte mit schnellen Schritten die Freitreppe hinan - denn in der Schlohalle
ruhte bereits die Leiche des Grafen - um am Busen seiner Mutter den zrtlichsten
gerhrtesten Sohn zu heucheln.
    Utta war so vollendete Aristokratin und so ganz ein verbildetes Geschpf
ihrer Zeit, da sie die Fehltritte ihres geliebten Sohnes als verzeihliche
Amusements eines liebenswrdigen Cavaliers betrachtete. Diese Art kecker
Donjuanerie verschaffre den Shnen reicher Familien die besten Partien, da sie
das unwiderleglichste Zeugni von der Fhigkeit ablegten, ein altes Geschlecht
frisch wieder aufblhen zu machen. Was daher immer von dem sittenlosen Wandel
des Grafen Magnus ihr zu Ohren kam, sie lie es unbeachtet verhallen und ging
nur im Geiste recht fleiig die groen und reichen Grafen- und Frstenfamilien
des heiligen rmischen Reichs durch, um aus ihnen die schnste und reichste
Erbin als dereinstige Gattin fr ihren geliebten und liebenswrdigen Sohn
auszuwhlen. An ein ernstliches Verhltni des leichtfertigen jungen Mannes mit
seiner schnen Cousine hatte sie nie gedacht und mochte es auch nicht. Herta war
ihr zu neugeistig gesinnt, zu selbststndig, und auerdem arm und nicht makellos
genug geboren, um dem einzigen Erben von Boberstein mit Fug und Recht ihre Hand
reichen zu knnen.
    Als sie nun das berechnete Bubenstck ihres Sohnes erfuhr, war sie
vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben wahrhaft erzrnt auf Magnus. Zwar
wollte sie nicht zugeben, da er mittelbar der Mrder seines Vaters geworden
sei, so wie sie auch in ihrer khlen Ruhe den Tod des Gatten mit vornehmer
Gefatheit ertrug und als ein Schicksal dahin nahm. Was sie aber mit der
entehrten Herta beginnen, wie sie diese Schandthat des Sohnes verheimlichen und
das gekrnkte, herzlos hingeopferte Mdchen einigermaen entschdigen sollte,
darber konnte sie mit sich selbst nicht einig werden.
    Einen wahren Trost gewhrte ihr in dieser Noth die Gewiheit, da ihr Gemahl
ohne testamentarische Verfgungen gestorben war. Als einziger Erbe, der
keinerlei Legate zu zahlen hatte, war Magnus jetzt einer der reichsten Adligen
in Deutschland, der nthigen Falls auch einige Prozesse ohne merkliche
Vermgensverluste durchfechten konnte. Entehrt, von der ffentlichen Meinung
gebrandmarkt wollte sie ihren Sohn nicht sehen, und auerdem war sie doch so
sehr Weib, da ihr die verbte That Alles zu bertreffen schien, was ein
gewissenloser Mann einem wehrlosen Mdchen zufgen kann, und so dachte sie
entschieden daran, Herta ihrem Sohne zu vermhlen. Sie setzte voraus, da Magnus
diesen Gedancken selbst hege und da ihre Nichte, auch im Fall mangelnder
Neigung, diesen Ausweg fr klug und wohlwollend anerkennen und genehmigen werde.
    Mit nicht erknstelter Klte empfing Utta den jungen Grafen, der sich
anfangs sehr ergriffen zeigte und dem Todten alle mglichen Lobsprche
ertheilte. Seine Mutter hrte diesen Ergssen eines nach dem Erbe gierenden
Sohnes gelassen zu, dann aber erzhlte sie ihm eben so ruhig wie ernst die
Veranlassung zum Tode ihres Gatten und wie er, ihn verfluchend, seinen Geist
aufgegeben habe. -
    Das hatte Magnus doch nicht erwartet, und weil es ihn so ganz fremd, als
grauenvolle Wahrheit berraschte, darum brach er fast vor den grlichen Folgen
seiner That zusammen. Er war so ganz zerschmettert, da er weder aufzusehen noch
zu antworten wagte. Schweigend lie er die gerechten Vorwrfe seiner zrnenden
Mutter ber sich ergehen, die, einmal in den Flu gekommen, auch wirklich den
Verbrecher nicht eben zart und rcksichtsvoll behandelte.
    Nachdem sie sich hinlnglich ber die Scheulichkeit seiner That
ausgesprochen und namentlich das gnzlich Unadlige derselben gebhrend
hervorgehoben hatte, ging sie sogleich grade auf das Ziel los.
    Es ist jetzt Deine Pflicht, sagte sie, Deiner Cousine die Ehre
wiederzugeben. Noch wei Niemand unserer hohen Verwandten das Vorgefallene,
meine Nichte hat sich sehr klug, sehr edel, vllig unegoistisch benommen. Ihr
Augenmerk war blos auf unser altes Geschlecht gerichtet; darum schwieg sie so
hartnckig still. Du wirst demnach noch heut um Herta werben und Dich vierzehn
Tage nach dem Begrbnisse Deines Vaters mit ihr verbinden.
    Theuerste Mutter, erwiederte Magnus, Utta's Hand mit Kssen bedeckend,
Sie sprechen den tiefsten, den heiligsten Wunsch meines reuigen Herzens aus!
Ich liebte Herta immer, ich habe sie geliebt vom ersten Augenblicke an, wo ich
sie kennen lernte, bis auf die gegenwrtige Minute. Meine Cousine kannte meine
Leidenschaft, aber sie gefiel sich darin, mir kalt, schneidend, abweisend zu
begegnen. Sie lie es mich so oft fhlen, da ich nicht rein sei und edel, wie
sie, da mein hei brausendes Blut mich zu mancher tadelnswrdigen Handlung
hinreie. Ja sie gestand mir sogar, da sie mich deswegen hasse und verachte! Da
verlie mich die ruhige Besinnung. Mit Herta's Abneigung wuchs meine Liebe zu
ihr und von blinder Leidenschaft getrieben griff ich zu einem Mittel, das ich
tausendmal selbst verflucht habe, das ich fr schndlich, verbrecherisch
anerkenne und willig mit jeder Strafe abben will, die Herta ber mich zu
verhngen gesonnen sein sollte! Aus Schaam, Reue und Zerknirschung verbannte ich
mich freiwillig von dem Angesicht der Geliebten, deren zrnendes Bild doch im
wilden Schmerz der Einsamkeit mein alleiniger Trost war und blieb bis auf den
heutigen Tag!
    Solche Zerknirschung vershnte Utta schnell wieder mit ihrem Sohne. Sie
hrte es gern, da Magnus einer groen berwltigenden Liebe fhig und dieser
erlegen war, und sie hielt es nach diesem reuigen Gestndni fr Mutterpflicht,
dem Gesunkenen die Hand zu reichen und ihn mit Milde wieder aufzuheben.
    Ich werde Dir Gelegenheit verschaffen, Herta ohne Zeugen zu sprechen,
sagte Utta schon viel sanfter, als vorher. Sie wird Dich freilich nicht sehr
freundlich begren, denn sie zrnt Dir mit Recht. Aber sie ist ein Mdchen, ein
gefhlvolles, mit groen Eigenschaften begabtes Mdchen, das Selbstberwindung
zu den ersten Tugenden rechnet. Ueberzeugt sie sich also von der Wahrhaftigkeit
Deiner Reue, wie ich schon davon berzeugt bin, so wird sie nicht immer taub
gegen Deine Bitten bleiben und Dir endlich sogar verzeihen.
    Willig fge ich mich allen Bedingungen, meine gtige Mutter! Um den Besitz
der geliebten Herta mir zu erringen, wrde ich das Himmelreich opfern!
    Es wird so groer Opfer nicht bedrfen, sagte die Grfin. Ich werde Dich
bei Herta selbst anmelden und sie auf Dich und Deinen Antrag vorbereiten.
    Magnus klopfte das Herz; denn obwohl er das von seiner Mutter angedeutete
Ziel wnschte, schlug ihm doch auch das bse Gewissen und eine ernste Frage an
sich selbst sagte ihm, da er Herta nicht mehr liebe, sie vielleicht nie geliebt
habe. Ihre Schnheit, ihre Jugend, ihr hoher Geist und der verfhrerische Trotz,
den sie seinen Bewerbungen entgegengesetzt, hatten sie ihm begehrenswerth
gemacht. Nur die Sinne, nicht sein Herz hatte geliebt. Dies war hohl, leer,
nicht fhig einer groen reinen Leidenschaft. Tausend unerlaubte und unreine
Gensse hatten seine ursprngliche Gluth vor der Zeit aufgezehrt. Magnus
frchtete ein Zusammentreffen mit Herta.
    Inde war Utta keine Frau, die einen einmal entworfenen Plan, wenn er
greren Zwecken zu entsprechen schien, sogleich wieder aufgab oder einen
Entwurf nur zur Hlfte ausfhrte. Ihr langer Verkehr mit ihrem jesuitischen
Onkel hatte sie die Wichtigkeit consequenten Handelns kennen gelehrt, und wie
sie im Denken und Leben von der praktischen, ob auch unlautern Weltweisheit des
feinen, vielerfahrnen Mannes den Schein als glnzenden Ersatz eines in der
Wirklichkeit nicht vorhandenen Gutes kennen gelernt hatte, so hielt sie auch
Alles fr erlaubt, was nicht durch ausdrckliche Gesetze verboten war, oder was
durch ein betrgliches Spiel des Geistes, gleichsam durch ein Volteschlagen aus
Schwarz in Wei, aus Bse in Gut, aus Verlust in Gewinn verwandelt werden
konnte.
    Sie ging deshalb unverweilt zu ihrer Nichte, und so vortrefflich hatte sich
die kluge Frau mit zarter, theilnehmender Anmuth, mit mtterlicher Wrde, mit
christlich mildem Zuspruch, mit liberal tnenden ein lautes Echo in Herta's
halbgebrochenem Herzen erweckenden Phrasen ausgerstet, da ihr das
Unbegreifliche in kurzer Frist gelang, nmlich ihrer Nichte die Bewilligung zu
entlocken, den reuigen Frevler ruhig anzuhren.
    Eine Viertelstunde spter meldete Emma ihrer traurigen Gebieterin den jungen
Grafen. Herta winkte der Zofe, ihren Cousin einzulassen und sich zurckzuziehen.
    In einfacher schwarzseidener Kleidung, ein Florband durch ihr schnes Haar
gewunden, sa Herta in der Epheulaube ihres Fensters. Grend erhob sie sich
beim Eintritt des Grafen, den sie mit anmuthiger Handbewegung aufforderte,
niederzusitzen. Zum ersten Male in seinem Leben war Magnus verlegen und in Folge
dessen etwas linkisch. Er rckte einen der altmodischen, aber kostbaren Sthle
in Herta's Nhe und sich nach seiner Gewohnheit auf die Lehne sttzend, berflog
er die reizenden Zge seiner Cousine mit scheuem Aufblick, ohne sie anzureden.
Statt seiner ergriff nun Herta das Wort.
    Auf Frbitten meiner geliebten Tante, Ihrer verehrten Frau Mutter, sprach
sie vollkommen ruhig, habe ich mich entschlossen, Sie zu sprechen, Herr Graf.
Ich ersuche Sie daher, mir Ihr Anliegen in mglichster Krze vorzutragen, da Sie
hoffentlich einsehen werden, da unsere Unterhaltung keine ausfhrliche sein
kann.
    Es scheint mein Schicksal zu sein, theure Cousine, versetzte Magnus,
Ihnen stets widersprechen zu mssen, und weil dies denn einmal so ist, so stehe
ich nicht an, auch jetzt eine andere Meinung zu verfechten. Mich dnkt, liebe
Herta, nie htten zwei Menschen mehr Ursache gehabt, sich recht viel zu sagen,
als wir.
    Herta errthete und der Zorn grub eine leichte Falte in ihre weiglnzende
Stirn. Sie erwiederte:
    Da ich Ihnen nichts zu sagen habe, Herr Graf, so fahren Sie fort.
    Lassen wir diese erkltenden Frmlichkeiten, theure Herta, sagte Magnus
wrmer und dringender, indem er den Stuhl einen halben Schritt nher an Herta's
Sitz schob, sprechen wir wie nahe, theure Verwandte zusammen und reichen wir
uns die Hand zur Vershnung.
    Ich verstehe Sie nicht.
    Sie wollen mich nicht verstehen, Herta! - Ein Unglcklicher, ein von den
grausamen Rachefurien eines schuldbeladenen Gewissens furchtbar Gepeinigter
steht vor Ihnen. Bittere Reue nagt an seinem Herzen, der Fluch eines Vaters
lastet auf seiner Seele und dennoch, dennoch wagt er zu hoffen, wagt er leben
und wieder unter gesittete Menschen treten zu drfen, ohne da man ihm
ausweicht, wie einem Scheusal! Er wagt dies, wenn Sie, Herta, Ihre Engelshand
ausstrecken, sein schuldbeladenes Haupt damit berhren und ihm vergeben!
    Magnus schob den Stuhl zur Seite und lie sich mit Heftigkeit vor der
ernsten stillen Mdchengestalt auf ein Knie nieder.
    Stehen Sie auf, Herr Graf! Um Komdie zu spielen, whlen Sie den Ort
schlecht.
    Komdie spielen! Sie nennen Komdie spielen, was mein Herz zerreit, was
mit Hllenqualen meine Seele foltert!
    Es gab eine Zeit, wo ich weit mehr litt, Graf! Damals ergetzten Sie sich an
den Qualen eines armen schwachen Mdchens und lachten ihrer flehenden Bitten.
War dies nicht auch Komdie gespielt?
    Ich bekenne mich ja schuldig, theure, geliebte Herta -
    Mibrauchen Sie nicht ein so heiliges Wort, ich verbiete es Ihnen!
unterbrach Herta mit edlem Zorn die Rede des Grafen, Sie kennen keine Liebe,
Sie trachten nur nach Sinnenlust, nach betubendem Rausch! Gehen Sie und
befreien Sie mich von Ihrer verhaten Gegenwart!
    Magnus hatte die Lehne des Stuhles wieder erfat. Seine Cousine, die ihm
immer reizender erschien, schon mit zuversichtlicherem Auge betrachtend,
versetzte er:
    Herta! Mein Vater ist aus dieser Welt geschieden, ohne mir die Hand
gereicht zu haben. Wie die Sachen stehen, mu ich mich fr seinen Mrder halten!
Begreifst Du, welch entsetzliches Gewicht, welch grliche Anklage darin liegt?
- Soll ich erdrckt werden von ihr trotz meiner Reue? - Ist es christlich, einen
zerknirschten Snder erbarmungslos zu verstoen? -
    Wer verstt Sie denn?
    Du, Du, mein heiliger Engel! Du, Herta, an der ich gefrevelt habe aus
Uebermuth, von Wahnsinn erfat, im Augenblick gnzlicher Verwilderung. Du,
Herta, um deretwillen ich jetzt gern all mein Gut, ja mein Leben dahin geben
mchte, Du verstt mich, und doch kann ein Wort von Dir mich glcklich machen,
kann uns Beiden eine traurige de Vergangenheit in ein blhendes Paradies
verwandeln!
    Ich bitte, mir diese Zauberformel zu sagen. Ich selbst kenne sie nicht!
    Du willst sie nicht kennen, Herta!
    Ich will Alles, was ich fr recht und gut erkenne, Alles, was mein Verstand
billigt, was mein Herz zult. Der unaussprechliche Kummer, welchen Sie meinem
Wesen eingeimpft haben, hat mich alle Tuschung ablegen lassen und meinen
Gefhlen den schnen Reiz entwendet, der alle Glcklichen bezaubert.
    Das ist sehr sehr traurig! versetzte Magnus. Wenn Ihre Gefhle erstorben
sind, dann habe ich freilich nichts mehr zu hoffen, aber ich glaube, Sie
tuschen sich selbst. Wollten Sie nur in die Tiefe Ihres Wesens schauen, so
wrden Sie daselbst den Kern aller gttlichen Gefhle, die Liebe zu dem
Nchsten, wiederfinden.
    Fnde ich ihn wirklich noch, dann sein Sie berzeugt, Graf, da ich ihn nur
mit dem Wrdigsten theilen wrde!
    Halten Sie einen bufertigen Snder solcher Gnade nicht werth? fragte
Magnus mit allem Zauber, der ihm zu Gebote stand.
    Darauf kann ich mir jede Antwort ersparen, Graf. Sie wissen, da ich Sie
nie geliebt habe, weil ich Sie wahrer Liebe nie fhig hielt. Vernehmen Sie jetzt
zum letzten Male, da Sie bei mir nie auf Erwiederung einer Neigung zu rechnen
haben, die Sie nur heucheln. Ihr ganzes verdorbenes Wesen ist Lge, schndliche,
schwarze, geschmackvoll vergoldete Lge! Ich hasse die Lge und verachte die
Jnger derselben. Und nun ich wei, was Sie zu mir, der tief Gekrnkten, der
unvershnlich Beleidigten, trieb, nun vernehmen Sie von mir mein letztes Wort.
Ich will mit vergebender Milde die Snde von Ihnen nehmen und Ihnen verzeihen,
aber fortan meiden Sie, mich durch Ihre Gegenwart zu krnken, mich in meinem
Kummer zu stren!
    Noch gab Magnus nicht Alles verloren. Er entschlo sich, das Aeuerste zu
versuchen.
    Theure Herta, sagte er mit niedergeschlagener, schwankender Stimme. Du
scheinst zu vergessen, da die Mutter fr ihre Kinder eines Vaters bedarf.
    Gott ist aller braven Mtter gemeinsamer Vater.
    Und die Welt? Die scheelen Blicke der verleumdungsschtigen Welt?
    Wnschen Sie, da Ihre Schande weltkundig werden soll?
    Die Deinige, meine schne Cousine, wird durch meinen Namen zugedeckt. Einer
Grfin von Boberstein begegnet Jedermann mit hchster Achtung.
    Herta stand auf. Sie legte das Buch, in welchem sie whrend dieses
peinlichen Gesprches geblttert hatte, auf den Tisch und trat dem Grafen
entgegen. Ihr zrnendes Auge sprhte Funken, ihr Gesicht war mit zarter Rthe
berhaucht, der Busen hob sich in heftigster Aufregung.
    Endigen Sie, Herr Graf, erwiederte sie mit bebender Stimme, Sie nthigen
mich sonst, meine Dienerschaft zu rufen! Ein Reuiger wurde mir angemeldet, und
einen Niedertrchtigen sehe ich vor mir.
    Da Magnus jetzt alle seine Berechnungen zu Schanden werden sah, kehrte ihm
schnell die geistige Keckheit wieder, die er bisher nur mhsam niedergehalten
hatte. Selbst gekrnkt wollte er noch empfindlicher krnken; denn er erkannte in
Herta seine unvershnlichste Feindin. Mit vornehmer Verbeugung zurcktretend
sagte er:
    Ich mu wirklich um Entschuldigung bitten, schne Heilige, da Dein Anblick
so mchtig auf mich wirkt und mein ganzes Wesen zu einem Spiegel macht, aus dem
Du in mich verwandelt Dir selbst vor die Augen trittst.
    Das berschreitet alle Grenzen, stotterte Herta fr sich. Herr Graf, ich
befehle Ihnen, mein Zimmer zu verlassen!
    Widerspnstige Zauberin, bedenken Sie wohl, da zum Befehlen Macht und
Recht gehrt! Sie besitzen weder das Eine noch das Andere.
    Ich wnsche noch einmal allein zu sein.
    Und ich werde mir erlauben, Ihnen noch einige Minuten Gesellschaft zu
leisten. Ich bin Erbe und Herr dieses Schlosses, mein holdes Mhmchen, und wenn
ich befehle, die unanstndige Dirne hinauszuwerfen in den Wald, so hoffe ich
noch genug willige Hnde zu finden, die meinen Befehl ausfhren. Mein sehr
kluger Herr Vater, der sanft und selig in Gott ruhen mge, war doch nicht klug
genug, sein verzogenes Pppchen bei Zeiten mit Geld und Gut zu bedenken. Er
starb ohne Testament und das schne vornehme Burgfrulein wird knftighin in
seidenen Kleidern Brod und Leinwandfetzen unter ihren Freunden, den armen
Wenden, zusammenbetteln mssen, damit sie leben und ihren muthmalichen Erben
standesmig erziehen kann.
    Hhnisch lag sein satanisch blitzendes Auge auf der ppigen Gestalt der ber
solche Bosheit entsetzten Herta, die sich kaum aufrecht erhalten konnte. Als er
sie zittern und zusammenbrechen sah, umfate er sie trotz ihrer abwehrenden
Gebehrden.
    Es bedarf jedoch blos eines Wortes, fuhr er gleinerisch fort, und die
Bettlerin trgt eine schimmernde Grafenkrone auf ihren stolzen Flechten. Ich bin
billig, meine Geliebte. Als Vater werde ich auch zrtlich, freigebig und
gromthig sein. Wenn Du mir aber untreu wirst, dann frchte meine Rache! Dem
Erben von Boberstein Reichthum und Ehre, dem Bastard der leichtglubigen Cousine
Armuth, Schande und Elend! Whle jetzt, meine stolze Geliebte!
    Herta sa erblassend, tief und schwer athmend in ihrer Epheulaube. Emma trat
ein und berreichte ihr auf silbernem Teller einen Brief. Sie kannte die Hand
nicht.
    Von wem? sagte sie kaum hrbar.
    Ein Khlerbube brachte ihn, versetzte die Zofe und verlie wieder das
Zimmer. Herta drehte den Brief nachdenkend in den Hnden.
    Darf ich geflligst um Antwort bitten? sagte Magnus uerst freundlich.
    Ja das drfen Sie, erwiederte die Gekrnkte. Ich flchte mich an den
Busen meiner Tante und whle Armuth, Schande und Elend!
    Nehmen Sie meinen aufrichtigsten Glckwunsch zu dieser Wahl und zu dem
neuen Lebenslaufe, der drei Tage nach der Bestattung meines hochseligen Herrn
Vaters seinen Anfang nehmen wird. Ich empfehle mich der verehrten Cousine auf's
Angelegentlichste!
    Magnus verbeugte sich und lie die unglckliche Herta allein mit ihrem
Schmerz, ihrem Ha, ihrer Verachtung.
    Hat denn der Himmel keine Blitze mehr, seufzte sie, um solche Frevler zu
strafen und die von ihnen Verfolgten zu erretten?
    Dabei ballte das arme Mdchen ihre kleine Hand und zerbrckelte das Siegel
auf dem erhaltenen Briefe.

                                Viertes Kapitel.



                                  Der Besuch.

Als Herta den Brief erbrach, gewahrte sie mit Verwunderung, da sich der
Verfasser desselben nicht genannt hatte. Mit gesteigerter Neugier durchflog sie
das Schreiben, dessen geheimnivoller, auf eine schreckenreiche Vergangenheit
hindeutender Inhalt ihre Unruhe und Aufregung noch mehr steigerte. Der Brief
lautete:

        Ein Ihnen vllig unbekannter Mann, verehrtes gndiges Frulein, bittet
        um die Vergnstigung, Sie am Tage nach Empfang dieser Zeilen besuchen zu
        drfen. Die Umstnde und sein eigenthmliches Verhltni zu den
        Besitzern des Schlosses Boberstein nthigen ihn, diesen Besuch einen
        durchaus geheimen sein zu lassen. Aus diesem Grunde wird Schreiber
        dieses erst mit Einbruch der Nacht bei Ihnen erscheinen und zwar auf
        einem Wege, der Sie vielleicht mit schauderndem Entsetzen erfllt. Kein
        Mensch im Schlosse auer Ihnen und, wenn Sie es wnschen, Ihre vertraute
        Dienerin, darf von dem nchtlichen Wanderer Kunde erhalten. Ihre
        Zukunft, Ihre Ruhe, Ihre Sicherheit, ja Ihr Leben hngt von Genehmigung
        dieser Bedingungen ab. Alles Unrecht, das man Ihnen zugefgt hat, wird
        durch denselben bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden. -
        Wappnen Sie sich also mit Muth und Entschlossenheit und vertrauen Sie
        einem Manne vollkommen, der Ihrem zeitlichen Wohlergehen sein ewiges
        Heil zu opfern gern und stndlich bereit ist. Leben Sie wohl und ruhig,
        bis die verschwiegene Stunde der Nacht uns zusammenfhrt.

    Die Bestrzung Herta's ber diesen Brief war gro und bei dem Mitrauen
gegen Jedermann, das ihr durch Magnus' unverzeihliches Betragen eingeflt
worden, hatte sie wenig Neigung, den Unbekannten zu empfangen. Bei ruhiger
Ueberlegung jedoch und bei wiederholter aufmerksamer Durchlesung des Schreibens
mute sie die gute, wohlwollende Absicht des Verfassers erkennen. Ueberdies
gestattete er ja das Zugegensein einer Zofe, was ihre Sicherheit um Vieles
steigerte, und so beschlo Herta, unverbrchlich zu schweigen und das
angekndigte Abenteuer abzuwarten.
    Emma, die ihrer Gebieterin mit unbegrenzter Liebe ergeben war, wurde erst am
nchsten Abend in das Geheimni gezogen, worauf beide Mdchen in ungewhnlicher
Schweigsamkeit die Erscheinung des Unbekannten in Herta's Zimmer erwarteten.
    Die Nacht war ruhig, der Himmel leicht bewlkt. Das melancholische Rauschen
der Haide drang herauf bis in das erstorbene alte Schlo. In langen Pausen
schlug die schrillende Schelle die zehnte Stunde. Gespannter und immer
ngstlicher werdend, harrten die Mdchen des Unbekannten. Eng verschlungen saen
sie lautlos auf der dunkelsammtenen Ottomane. Da knackte es in Herta's
Schlafzimmer, als ob eine scharfe Feder einschnappe. Die Mdchen sahen einander
an, sie hrten den beflgelten Schlag ihrer Herzen. Gleich darauf klopfte es
vernehmlich an die innere Kammerthr.
    O Gott! flsterte Herta und schlang beide Arme fest um den Nacken Emma's,
ihr bleiches Antlitz in neugierigem Entsetzen starren Auges halb abgewandt auf
die Thr richtend. Emma, es ist der Graf, es ist Magnus! Niemand als er kennt
diesen frchterlichen Weg!
    Indem wiederholte sich das Klopfen um ein weniges lauter und da auch darauf
von Seiten der erschrockenen Mdchen kein Herein erfolgte, ward die Thr
behutsam geffnet und ein stattlicher Mann in voller Lebensgre erschien auf
der Schwelle.
    Regungslos betrachteten die scheuen Mdchen, ihre furchtsame Stellung
beibehaltend, den Fremdling. Dieser blieb ebenfalls ruhig stehen, lie sein
scharfes Auge ber beide in schwarze Trauerkleider gehllte Gestalten gleiten
und sagte dann mit wohltnender, krftiger Mnnerstimme: Guten Abend, liebe
Kinder!
    Es lag so viel Zutrauliches, Weiches und Vterliches im Ausdruck der Stimme
dieses Mannes, da die Mdchen nach diesem Grue froh aufathmeten und aufstehend
sich gegen den Fremden hflich, aber noch immer schweigend, verneigten. Dieser
trat jetzt in's Zimmer und ein voller Strahl des Lichtes fiel auf ihn. Es war
ein starker, groer, sehniger Mann mit interessanten Zgen, welche der
sorgfltig gepflegte, sehr dichte und lange Schnurrbart noch ausdrucksvoller
machte. Sein ergrauendes Haupthaar zeigte, da er die Hhe des Lebens bereits
berschritten hatte, es mten denn Kummer, Gram und tiefe Seelenleiden ihn vor
der Zeit gealtert haben. Der Fremde trug die gewhnliche Kleidung eines Frsters
und war, wie ein solcher, mit schnem Hirschfnger bawaffnet.
    Empfangen Sie zuvrderst, hob er mit zitternder Stimme an, meinen
aufrichtigen, herzinnigen Dank fr das Vertrauen, welches Sie mir durch Ihre
Gegenwart schenken, verehrtes Frulein! - Dabei richtete er seine Worte
entschieden an Herta, als kenne er sie schon lngst. - Ja, fuhr er fort, ich
tusche mich nicht. Sie sind Herta, die arme, schne, fromme Tochter der nicht
minder armen Schwester Grafen Erasmus von Boberstein! Ist es mir doch, als wre
sie, die lngst Dahingeschiedene, wieder zurckgekehrt in's Leben und she mich
mit ihren dunklen Wunderaugen erstaunt an ber die Vernderung, die mit mir
vorgegangen! Denn nur sie, die Verewigte, und ihre einzige, ihr in allen
Tugenden und Eigenschaften so ganz gleiche Tochter, besitzen diesen Zauber des
Blickes, dies seelentiefe, herzdurchforschende Engelsauge! - Gestatten Sie,
Tochter Eugeniens von Boberstein, da der einzige Freund Ihrer Mutter die Hand
kt, die seit zwanzig Jahren nicht mehr in der seinigen geruht hat!
    Damit ergriff der Fremde Herta's schlanke feine Hand und fhrte die bebenden
Finger an seine Lippen.
    Gtiger Himmel, stammelte das erstaunte Mdchen, Sie haben meine Mutter
gekannt, rthselhafter Mann! Wer sind Sie? Was haben Sie mir zu erffnen, da
Sie auf so ungewhnliche versteckte Weise zu mir dringen?
    Mit schmerzlichem Lcheln ruhte das glhende Auge des Fremden auf Herta.
Seine wetterbraunen Zge wurden weich und sanft und seine Stimme zitterte, als
er antwortete:
    Sie drfen und mssen so fragen, theures Mdchen, und ich bin gekommen,
Ihnen Rede zu stehen, Sie zu Fragen und Forschungen aufzumuntern. - Haben Sie
von Ihren Pflegeltern nie eines Mannes erwhnen hren, den man Johannes
nannte?
    Nie! betheuerte Herta kopfschttelnd.
    Nie! wiederholte der Fremde und seufzte. Also so ganz hatte man ihn
vergessen, oder so geflissentlich schwieg man von ihm, da nicht einmal in
Beisein seines - - Doch bevor ich fortfahre, unterbrach er sich selbst, bitte
ich instndigst: lassen Sie Ihre Gefhrtin in ein Nebenzimmer treten! Ich wei
nicht, ob Sie selbst es billigen wrden, wenn ich Ihnen vor Zeugen meine
Geheimnisse mittheilte.
    Der gerhrte, vterliche Blick des Fremden und sein ergrauendes Haar
machten, da Herta diese Bitte gewhrte. Verla uns, Emma, sagte sie, und gib
Acht, da wir nicht gestrt werden.
    Die Zofe entfernte sich. Lebhafter wendete sich Herta zu dem Fremden,
ergriff mit beiden Hnden seine Rechte und sagte innig: Nun, edler Mann, nun
reden Sie! Wer war jener Johannes?
    Ein armer, ein unglcklicher Mann! erwiederte der Fremde. Vor mehr als
zwanzig Jahren glaubte dieser Johannes unter die glcklichsten Sterblichen zu
gehren. Er war jung, hbsch, aufgeweckten, lebhaften Geistes, empfnglich fr
alles Schne, ein Liebling und Verehrer Ihres Geschlechtes. Wo Heiterkeit und
Frohsinn scherzten, da war er gern gesehen; wo Anmuth und Liebe duftende
Blthenkrnze wanden, da versumte er nie zu erscheinen, um ein feuriges Lied
ertnen zu lassen. Johannes war kein Pedant, obwohl er sich von Geburt an als
Hofmeister auf Edelhfen seinen Unterhalt erwerben mute. Gebt in jeder Kunst,
gewandt in ritterlichem Spiel, ein eben so geschickter Fechter, Tnzer und
Reiter, als ein scharfsinniger und sieghafter Kmpfer im Wortgefechte, errang er
sich manchen schnen Preis, um den vornehme, reiche Grafen ihn beneideten. Er
siegte auf der Rennbahn und im Gesellschaftszimmer. Frauen und Mdchen ehrten
ihn mit ihrem Vertrauen, ihrer Gunst!
    Aber Johannes war kein leichtfertiger, gewissenloser Mann. Er unterschied
streng holdes Spiel von gewichtigem Ernst. Er reizte nicht, wo er zu verlocken
glauben konnte. Anstand und Sitte waren die beiden Genien, denen er auch im
Rausch lebenstrunkener Stunden nie entsagte. So begnstigt, so von Glck und
Liebe vereint in blendende Lebenskreise emporgehoben, kam Johannes in diese
Burg. Graf Erasmus wnschte einen Hofmeister fr seinen wilden Knaben Magnus,
einen Mann, der Strenge mit Milde, der franzsischen Weltton mit deutschem
Ernst, deutscher Grndlichkeit anmuthig zu verknpfen wisse. Solcher Aufgabe war
Johannes vollkommen gewachsen. Er kam nach Boberstein und nie schien Graf
Erasmus mit der Wahl eines Erziehers zufriedener gewesen zu sein. Magnus ward
ihm bergeben und gewhnte sich bald an die Vorschriften seines Lehrers, der bei
vorkommender Widerspnstigkeit unerbittlich streng sein konnte.
    Johannes hatte im Sptherbst seine ehrenvolle und verantwortungsreiche
Stellung angetreten, und binnen einigen Monaten die wilden Auswchse an den
Launen und Einfllen seines Zglings mit Glck verschnitten. Da kam die junge,
schne Schwester des Grafen Erasmus aus der Residenz, wo sie den Winter in der
groen Welt gelebt hatte, zurck auf ihres Bruders alte Haideburg. Eugenie war
ein bezauberndes Wesen. Ihre Mutter, theure Herta, lt sich nur mit der Tochter
vergleichen.
    Meine arme Mutter! Ich kannte sie nie, ich konnte sie nur im kalten, todten
Bilde lieben und kssen!
    Beklagen Sie Ihre Mutter nicht, edles Frulein, Eugenie war glcklich, und
als das Unglck ber sie herein brach, nahm der erlsende Tod sie sanft in seine
Vaterarme.
    Herta strzten die Thrnen in die Augen, whrend der Fremde ruhig fortfuhr:
    Johannes und Eugenie sahen einander, lernten sich kennen und liebten sich.
- Es gibt Wesen, die beim ersten Zusammentreffen sich in der Tiefe ihres
erbebenden Herzens gestehen mssen, da sie von Ewigkeit her fr einander
bestimmt sind. Ein paar solche ursprngliche Naturen waren Johannes und Grfin
Eugenie. Ein Strahl aus ihren Augen reichte hin, in Beide den heiligen
Gluthstrom der Liebe zu gieen, der in den Pulsadern der Welt schlgt und das
Reich der Geister beherrscht. Ueber der Ursprnglichkeit ihrer reinen Neigung,
ber der geistig schnen Tiefe ihrer Leidenschaft und der sittlichen Hhe ihres
Standpunktes vergaen sie, da es bevorzugte und verachtete Kasten gab; wollten
sie nichts wissen von einem Unterschiede zwischen grflichem und brgerlichem
Blut. Eugenie liebte den reinen, tiefen, edlen Menschen in Johannes, und dieser
fhlte an Eugeniens Busen nur das Herz eines Mdchens schlagen, das von Lge und
Verstellung nichts wute.
    Vor dieser Gluthflle ihrer Neigung sah Johannes alle Hindernisse strzen,
ja er dachte nicht einmal daran, da es deren berhaupt geben knne. Er wollte
Eugenie besitzen, bald besitzen und hielt um dieselbe an bei - ihrem Bruder! -
Graf Erasmus lachte dem Hofmeister in's Gesicht und nannte ihn einen Narren. Er
glaubte anfangs wirklich, Johannes erlaube sich in bermthiger Stimmung einen
Scherz. Als er aber sah, da der Hofmeister im glhendsten Redestrome nur seinem
berschumenden Glck Worte gegeben und als er von Eugeniens blhenden Lippen
die Besttigung vernommen, da trat er stolz an Johannes heran, ma den jungen
Mann von Kopf zu Fu und sagte verchtlich: Der Wein von meinem Tisch ist Ihm
zu Gesicht gestiegen. Trinke Er knftighin wieder Wasser, wie sich's gehrt, und
esse Er mit meinen Bedienten, damit Er Mores lernt! Und jetzt packe er sich und
verlaufe sich die verrckten Gedanken auf einem Spatziergange durch die Haide! -
Darauf kehrte er dem Hofmeister den Rcken, nahm die Hand der Schwester und zog
sie in's Nebenzimmer, das er hinter sich verriegelte.
    Johannes blieb wie vom Schlage getroffen stehen. Er glaubte, ein wirrer
Traum habe sich festgesetzt in seiner Seele. Er konnte lange Zeit weder Sprache
noch gesundes Gefhl wieder erhalten. Als er endlich des ganzen entsetzlichen
Unglcks sich bewut ward, schttelte ein frmliches Wuthfieber geraume Zeit
seinen sehnigen Krper. Damit fand er sich selbst und seine Thatkraft wieder. Er
schrieb in den gemigsten Ausdrcken an den Grafen. Der Brief kam unerffnet
zurck, mit ihm eine Rolle Gold als Reisegeld, begleitet von dem mndlichen
Befehl des Grafen an den Ueberbringer, binnen zwei Tagen das Schlo zu
verlassen. - Johannes tobte aufs Neue, er suchte die Diener zu bestechen, um mit
Eugenie sprechen zu knnen, aber alle seine Bemhungen scheiterten an dem
hndischen Gehorsam dieser Leibeigenen.
    Verzweiflung im Herzen ward Johannes am dritten Tage nach der Unterredung
mit Erasmus gewaltsam aus dem Schlosse gebracht! Als er um die letzte Felsenecke
bog, die unter den Fenstern dieses Zimmers steil abfllt, glitt ein Stck
Schiefer daran nieder mitten auf den Fusteig. Etwas Weies schimmerte darunter,
was ihn aufmerksam machte. Er hob den Schiefer auf und fand daran gebunden zwei
Schlssel mit einem Zettel, der in wenigen Worten die Weisung enthielt, da er
in finstern Nchten vermittelst dieser Schlssel unbemerkt zu Eugenien gelangen
knne, wenn er am sdlichen Thurme den Felsengang erklimme und ber den Balkon,
wo er ihr Unterricht in der Sternkunde ertheilt habe, nach der dritten
Luckenthr schreite, die er stets offen finden werde! - Johannes kannte diesen
Pfad, wie die heimlichen Gnge des Schlosses und ruderte, den Busen von neuen
Hoffnungstrumen geschwellt, wohlgemuth ber den See.
    Schon die dritte Nacht sah den khnen Mann die finstern Steige hinauf, die
chzenden Treppen, die feuchten gespenstischen Gnge treppauf treppab an den
jauchzenden Mund der Geliebten fliegen, - und von Stund' an begann fr die
grausam Geschiedenen beim Lallen des See's, das wie Gebet flehender Engel zu
ihnen herauf erklang, ein stilles hohes Liebesleben, das hufig erst mit dem
Rufe des Morgenhahnes endigte, wenn auf Fels und See und Haide das Perlennetz
des Frhthaus blitzend niedersank.
    Ueber fnf Monate dauerte dieses hohe Liebesglck, um so zauberischer und
reicher an Genu, als es mit Gefahr und mannichfachen Entbehrungen verknpft
war. Johannes hatte nichts unterlassen, um Eugenien eine heitere Zukunft zu
sichern. Diese war bereit, dem Geliebten zu folgen, und ein kleines, stilles,
dauerndes Glck einem von Glanz und Goldschmuck schimniernden Elend von
vielleicht langer Dauer vorzuziehen. Der Tag oder vielmehr die Nacht zur Flucht
ward festgesetzt, und als am Vorabend derselben Johannes von ihr schied, gestand
ihm Eugenie mit seligem Lcheln, da ihre Einsamkeit nur kurz sein werde. Ein
langer Ku belohnte dies se Gestndni.
    Zum ersten Male seit seiner Verbannung aus dem Schlosse hatte sich Johannes
bis zur Morgendmmerung aufgehalten. Ein ungewhnlich starker Thau war gefallen,
der in Millionen zarten Perlen auf Grsern, Stegen und Steinen lag. Ein Knecht
des Grafen, diesem vorzugsweise ergeben, entdeckte die Fuspuren des nchtlichen
Gastes und zeigte sie seinem Gebieter. Erasmus verfolgte sie und fand einen
Verdacht, den er zuweilen still gehegt, doch nie zu uern gewagt hatte,
besttigt. Er befahl dem Knechte unverbrchliches Stillschweigen und traf
heimlich seine Anstalten.
    Voll froher Erwartungen, sich dem Ziele so nahe zu sehen, ersteigt Johannes
um Mitternacht auf bekanntem Felsenpfade das Schlo. Niemand sieht, Niemand
strt ihn. Er erreicht die Zinne, die innern finstern Gnge. Bis dicht an das
Gemach der Geliebten dringt er vor, da fllt pltzlich verrtherisch blendendes
Licht auf ihn und auf beiden Seiten in engen Nischen, die er nie gewahrt hatte,
zeigen sich Bewaffnete, Erasmus an ihrer Spitze. - Zwar wehrte sich Johannes,
allein Augenblicke reichten hin, ihn zu berwltigen. Whrend der schadenfroh
lachende Graf den Ueberrumpelten mit Schimpf- und Schmhworten berhufte,
erschien die entsetzte Gestalt Eugeniens in Reisekleidung. Die Liebe siegte ber
Schreck und Schaam. Sie warf sich ber Johannes mit aller Gluth und Seelenwrme
eines Herzens, dem man sein Theuerstes rauben, das man vielleicht entehren und
tdten will. Ihr grausamer Bruder lie die reizende Gestalt durch die Knechte
den umschlingenden Armen des Geliebten entreien. Selbst ihr lauter
Verzweiflungsruf: Ich bin sein Weib! Vor Gott gehre ich ihm an! konnte den
blind Wthenden nicht erweichen. Sie wurden getrennt, Eugenie, um in ihre Zimmer
zurckgebracht zu werden, Johannes, um am nchsten Morgen, wie ihm Erasmus
ankndigte, seine Strafe zu empfangen.
    Dieser Morgen kam. Johannes ward gebunden in die Schlohalle gefhrt. Dort
waren bereits der Graf und seine ganze Dienerschaft nebst zahlreichen Knechten
versammelt. Eugenie wurde mit Gewalt auf die Gallerie geschleppt und dort
festgehalten. Hierauf verurtheilte Erasmus den ehemaligen Hofmeister seines
Sohnes zu der fr einen Freien entehrenden Strafe des Blockes, die er sogleich
erlitt. Whrend derselben ward Eugenie als todt fortgetragen. Nachdem Johannes
in ohnmchtiger Wuth diese Strafe berstanden hatte, befahl der Graf -
    Sie stocken? O ich bitte Sie, rief Herta, beendigen Sie diese
frchterliche Geschichte!
    Verzeihen Sie meine Schwche, nahm der Fremde nach kurzer Pause abermals
das Wort. Es gibt Erlebnisse, die schon in der Erinnerung auf einen Mann wie
tdtendes Gift wirken. - Nun, sagte er, der Graf befahl, den Geliebten seiner
Schwester drauen im Schlohofe an den Pfahl zu binden, der fr die Leibeigenen
als Pranger dient, ihm den Rcken zu entblen und fr seine Frevelthat mit
Ruthen zu hauen. Er nannte das, den Lohn fr die im Dienste seines Hauses
geopferten Nchte auszahlen!
    Dem Fremden versagte die Sprache. Er hatte diese letzten Erffnungen kaum
verstndlich geflstert.
    Und Graf Erasmus, fiel Herta ein, nicht wahr, er lie es bei der
schrecklichen Drohung bewenden?
    Nein, versetzte mit eisiger Klte und furchtbarem Aufflammen seiner tief
liegenden Augen der Fremde, er sah der Vollziehung der grausamen Strafe mit
Wohlgefallen zu! Als der Unglckliche sie berstanden hatte, ohne vor Schaam zu
sterben oder vor Wuth den Verstand zu verlieren, sagte er zu Johannes: Jetzt
hab' ich Ihn ganz in Gold fassen lassen. Er kann nun gehen, wohin Er will, und
von der Mnze des Grafen Boberstein leben oder damit Handel treiben. Jagt den
Schurken hinaus, und wenn er sich noch einmal im Bereich meines Schlosses
blicken lt, so erhlt er dieselbe Belohnung wie heut!
    Johannes ward losgebunden. Mit todtenbleichem Gesicht und fast brechendem
Auge kehrte er sich zu seinem Henker und sprach:
    Ich werde Ihr Gold auf Zinsen legen, Herr Graf, und Ihre Gter damit
aufkaufen!
    Am Ufer des See's in der Haide setzte man den todtwunden Mann nieder.
Mhselig schleppte er sich fort bis in eine Khlerhtte. Dort fand er Hilfe und
den Trost guter Menschen, denn sie waren arm und hatten noch ein Herz. Acht Tage
raste Johannes im Fieber. Als er wieder zur Besinnung kam und langsam genas, war
sein pechschwarzes Haupthaar grau geworden. Kummer und Schande hatten einen
Greis aus ihm gemacht. Aber die Rache erhielt ihn jung, strkte seine Muskeln,
sthlte seine Nerven wieder und lie ihn der Geliebten gedenken -
    Es vergingen Wochen, ehe Johannes von Eugenien hrte. Das arme Mdchen
hatte die gewaltige Seelenerschtterung berstanden. Sie war gesund geblieben,
vielleicht nur, weil sie ein Pfand der Liebe mit ihrem Herzblut nhrte. Erasmus
lie die Unglckliche in ein entferntes Haidedorf schaffen. Dort entdeckten sie
Johannes' Pfleger, die Khler, und brachten ihm Nachricht. Er sah sie wieder,
als sie eben eines zarten Mdchens, ihres schnsten Ebenbildes, genesen war. Sie
nannte das Kind Herta und starb am Tauftage desselben. Von neuem Schmerz
ergriffen rannte Johannes in den dichtesten Wald. Als er zurckkam, war Herta
verschwunden. Er sah sie nie wieder, obwohl er ahnen konnte, da Graf Erasmus
die Neugeborene entfhrt haben wrde -
    Herta drckte schluchzend ihr Gesicht in die Sammetkissen der Ottomane. Der
Fremdling betrachtete mitleidig die Weinende. Als sie ruhiger ward, rief er sie
bei Namen; sie richtete sich wieder auf und sah ihn gro und theilnehmend mit
ihren glnzenden Rehaugen an.
    Johannes begrub Eugenien, fuhr er fort, und nichts blieb ihm brig von
der Unvergelichen, als ihr Bild, das sie ihm in der ersten glcklichen Nacht
geschenkt hatte.
    Mein armer, armer unglcklicher Vater! rief Herta. O sagen Sie, bester
Mann, sagen Sie, wenn Sie's wissen: welch Schicksal ist ihm gefallen nach so
viel Schmerz und Erdenjammer?
    Er verscholl in dem Andenken der Menschen, sagte der Fremde mit
feierlichem Ernst, und hat dem Grafen Wort gehalten!
    Wieder blickte das Mdchen verwundert zu ihm auf. Er hielt Wort!
wiederholte sie. Und kennen Sie ihn? Hat er Sie gekannt?
    In seinem Namen bin ich hier.
    Gott, Gott, mein Vater lebt! rief Herta und erhob mit entzcktem Blick die
Hnde zum Himmel.
    Durch mich lt er seine Tochter gren, fuhr der Fremde fort, immer
feierlicher sprechend, und ihr sagen, da die Stunde gekommen sei, wo der
Schutzengel von dem Hause der Grafen Boberstein weichen, wo die Rache fr die
Hrte des Grafen Erasmus und fr die noch schmhlichere Schandthat seines Sohnes
beginnen werde.
    Himmlischer Vater, Sie wissen! stammelte Herta.
    Ich wei Alles, Herta, aber ich zrne Dir nicht, noch verdamme ich Dich.
Ich komme nur, um Dich zu retten!
    Und wer sind Sie? fragte ahnungsvoll das zitternde Mdchen.
    Der Fremde griff in seinen Busen und hielt ihr das Bild Eugeniens entgegen.
    Meine Mutter! lallte sie sanft und durch Thrnen lchelnd, indem sie die
zarten Hnde nach dem theuren Medaillon ausstreckte. Mein Vater schickt es mir,
da ich Ihnen vertrauen soll! - O, wie gut, wie lieb -
    Herta! rief mit von Thrnen unterdrckter Stimme der Fremde und breitete
seine Arme gegen sie aus, Herta, ich bin Dein Vater, bin der unglckliche
Johannes!
    Von dem lauteren Gesprch gengstigt, trat jetzt Emma in's Zimmer. Sie fand
Herta in den Armen des Fremden, an seinem Halse, seinen Lippen hangend. Sie trat
nher zu der Gruppe und berhrte mit leisem Finger die Schulter ihrer
Gebieterin.
    Es regt sich im Schlo, flsterte sie ngstlich. Irgend ein Diener mu
noch wach sein.
    Ich danke Dir, gutes Mdchen, fr Deine Warnung, versetzte Johannes eben
so leise, noch immer seinen nervigen Arm um die wiedergefundene Tochter
schlingend. Begleite mich, fuhr er dann fort, denn nicht lange mehr wirst Du
hier geborgen sein! Die Leibeigenen haben sich erhoben und vielleicht schon in
wenigen Stunden beginnt ihr Rachewerk. Von ihnen erfuhr ich Dein Schicksal und
beschlo, Dich zu retten, Dir Deinen Vater wieder zu geben. - Du zitterst?
Herta, Du schwankst? Solltest Du Magnus -
    O still, still! Ich hasse, ich verachte ihn!
    Er wird Dich zur Gemahlin begehren!
    Herta nickte matt mit dem mden Haupt.
    Er fllt von meiner Hand, wenn er es wagt, nochmals um Dich zu werben!
    Er thut es nicht mehr, sagte Herta sanft.
    Du darfst ihn nicht sehen, nicht mehr sprechen. Komm! Es ist die hchste
Zeit. Schon naht die Mitternachtsstunde!
    Leise entwand sich Herta den Armen ihres Vaters. La mich hier, bat sie
mit dem rhrenden, alle Herzen bewltigenden Ton ihrer Silberstimme. Erasmus,
mein Onkel, der so hart an Dir gehandelt und der mich dafr so innig geliebt hat
und ber mein Unglck gestorben ist, Erasmus ist noch nicht bestattet. La mich
an seinem Sarge fr ihn und fr uns Alle beten, dann komme wieder und fordere
mich von Utta.
    Es geht nicht, sagte Johannes mit steigender Unruhe. Ich kann nicht
wieder kommen. Wer wei - -
    Wo wohnst Du? fragte kindlich fromm die Tochter, dem Vater die starken
grauen Haare aus der finstern Stirn streichend.
    Tief, tief in der Haide!
    Nun, so komme ich selbst zu Dir. Die Haide liebe ich; ich bin bekannt bei
Khlern und Bauern. Ich frage mich durch sie hindurch bis zu Dir!
    Aber Herta!
    Vater, es mu so sein. Mein Herz gebietet es und das wirst Du nicht krnken
wollen.
    Nun so bleib, erwiederte Johannes entschlossen. Aber hab' Acht! Sollte
sich etwas Auerordentliches ereignen, dann halte Dich bereit! Flchte durch
diesen Gang, der uns Allen verhngnivoll war, bis an das Ufer des See's und
Dein Vater wird Dich erretten! - Jetzt, gute Nacht, liebe, holde, se Tochter!
    Gute Nacht, mein armer Vater! hauchte Herta, umschlang nochmals den
starken Mann und lie erst von ihm, als er mit einem Fue auf der Schwelle des
geheimen Ganges stand. Als die Thr zufiel, sank sie Enma still weinend in die
Arme.

                                Fnftes Kapitel.



                                 Der Aufstand.

Der auf diese Nacht folgende Tag war ein Hofetag. Alle wendischen Bauern und
Grtner muten mit ihrem Gespann in die Haide, um Holz auf den Zeiselhof zu
schaffen. Obwohl der Befehl dazu erst am letzten Abend an sie ergangen war,
gehorchten sie ihm doch Alle, wie gut geschulte Hunde dem Wink ihres Herren. Sie
waren so an blinden Gehorsam gewhnt, da der Begriff eines freien Willens gar
nicht in ihnen aufkommen konnte. Und solch blindes Gehorchen war noch mglich in
demselben Augenblicke, wo der ganze Stamm gegen den grausamen Herrn sich zu
erheben fest entschlossen war! Wie tief gewurzelt, wie mit dem ganzen Dasein,
mit allen Gewohnheiten fest verwachsen mute dieser knechtische Sinn der Wenden
sein! Welch entsetzliches Licht fiel gerade dadurch auf die entsittlichende
Leibeigenschaft!
    Im tiefsten Walde trafen die Wagenzge der einzelnen Dorfschaften mit den
verschiedenen Vgten der Herrschaft zusammen. Auch die Frster waren versammelt,
um den Frohnbauern die Holzschlge anzuweisen. Dies waren ungeheure Lichtungen
oder Waldblen im dichtesten Gebsch. Klaftern trockenen, starken,
harztriefenden Holzes reihten sich an Klaftern von hohen in die lockere Erde
getriebenen Pfhlen gehalten. Dazwischen lagen ausgerodete Stcke, die mit ihren
gewundenen Wurzeln gleich sich bumenden Riesenschlangen in die Luft griffen.
Baumstmpfe, vor Alter verwittert und mit rthlichem Moos berwachsen, hockten
in den abenteuerlichsten Gestalten wie unheimliche Geister oder greise Wchter
des Waldes zwischen den leuchtenden Scheiten. Der Boden, voll tiefer
Aushhlungen und brchiger Stellen, war mit moderduftigen grauweien Schwmmen
oder mit riesigen Fchern groer Tpfelfarren bedeckt, deren zarte,
durchsichtige, in brennendem Roth glimmernde Fasern rastlos im Morgenwinde auf-
und niederwogten. Rothbraune und schwarze Schnecken, die weien, zierlich
gewundenen Huser auf ihren klebrigen Rcken, kletterten langsam auf die breiten
Mooshupter der erstorbenen Baumstmpfe und legten silberglnzende Streifen um
die finstern krausen Stirnen, da sie in dmmerndem Lichtschein mit blitzenden
Diademen gekrnt schienen. Schwrme munterer Goldammern mit gelblich
schimmernden Brustfedern flogen zwitschernd auf und sanken in kleineren
Geschwadern wieder nieder, um hpfend und flatternd die gefllten Tannen zu
beschauen und aus Baumerde und Pflanzenleichen ihre Nahrung zu picken.
    Es war ein heiterer, stiller Herbsttag. Die Waldung rauschte harmonisch in
mildem Luftzuge, hnlich dem Meere, wenn es bei ruhigem Wetter nur suselnde
Schaumbrandungen an den Strandwnden hinaufrollt, als tauchten gaukelnde
Wassergeister aus der Tiefe auf und mhten sich in ergetzendem Spiele ab, die
harte, starre Erde zu erklimmen. Manchmal rauschte in sausendem pfeifendem Fluge
ein Schwarm wilder Gnse oder in gyptischer Hieroglyphengestalt die Pfeilwolke
eines Storchgeschwaders ber die Lichtung.
    Ohne diesen alltglichen Erscheinungen die geringste Aufmerksamkeit zu
widmen, begaben sich die Wenden an ihre Arbeit. In Gesellschaft verrichtet dies
sinnlich heitere Vlkchen auch die schwerste Arbeit stets unter Gesprch,
Gesang, Gelrm. Auch an krftigen Flchen gebricht es ihrer Sprache nicht, wenn
das Zugvieh nicht gehorchen will oder wenn irgend etwas am Wagen zerbricht. Ohne
derartiges Unglck sind Holzfuhren nicht wohl denkbar. Bald bricht eine Achse,
bald ein Ortscheit, bald strzt der ganze Wagen in eine verdeckte Grube und
Stunden mhsamer Arbeit reichen oft nicht hin, die schwere Last abermals
aufzuladen, die scheu werdenden Thiere zu bndigen und vor Schaden zu behten.
Frstern und Vgten fiel es daher auf, da alle Bauern an diesem so schnen und
fr einen Herbsttag in der Haide milden Morgen beraus wortkarg, ja vllig stumm
waren. Alle sahen finster und mrrisch aus und verrichteten die Arbeit mit einem
gewissen Verdru, mit einem Widerwillen, den sie noch niemals gezeigt hatten.
Die Aufseher schrieben diese ungewohnte Niedergeschlagenheit auf Rechnung des
unerwarteten Todesfalles, denn es war bekannt, da die meisten Haidebauern den
alten Grafen wahrhaft geliebt hatten, da sie von ihm nicht in dem Sinne bedrckt
worden waren, wie sie den Begriff der Bedrckung berhaupt faten.
    Bis an den Hals in ihre groben, meistentheils schmierigen Schaafpelze
gehllt, eine blau und roth gernderte Zipfelmtze auf dem langen Haar, welche
die Meisten noch ber die Ohren herabzogen, wodurch der Ausdruck ihrer Gesichter
etwas Stupides bekam; so rumten sie die aufgeschichteten Klaftern ab und
beluden damit ihre nicht immer sehr standhaften Wagen. Nicht einmal die
Branntweinflasche, die der Wende doch sonst immer in der Sacktasche seines
Pelzes fhrt, machte heut die Runde.
    War es nun, da in Folge der Nchternheit Aller durch nutzloses Lrmen und
Reden keine Zeit verloren wurde, oder weil die grere Anzahl derselben am Abend
dieses Tages nach Boberstein zu wandern beabsichtigte, um die Leiche ihres
bisherigen Herrn auf dem Paradebett zu sehen und nach Sitte und Herkommen durch
stilles Umwandeln des Sarges von ihm Abschied zu nehmen; genug smmtliche
Frohnbauern verlieen in verhltnimig kurzer Frist den Holzschlag. Auch auf
den schlechten, hundertfach durchkreuzten Wurzelwegen und in rollenden
Sandtiefen geschah wider Aller Erwarten kein Unfall. Die zuerst im Walde
erschienenen Bauern langten schon in der Mittagsstunde auf dem Zeiselhofe an und
um zwei Uhr des Nachmittags war auch der letzte Wagen abgeladen. Fr das
Unterbringen und Aufschichten des eingebrachten Winterholzes hatten die
Hofeknechte zu sorgen. Auch diese waren rasch zur Hand und betrieben das wenig
schwierige Geschft mit liederlicher Eile, da der Voigt noch immer krankte und
der erste Knecht, welcher an des Voigtes Statt die Aufsicht fhrte, kein
strenger Herr war. -
    Um die siebente Abendstunde, wo in der erwhnten Jahreszeit aus allen
Haidedrfern, die von Wenden bewohnt werden, die freundliche Flamme der
Heerdfeuer ber das Blachfeld leuchtet, sah man an diesem Tage die flackernden
Kienlohen erlschen. Dann traten die Mnner in Pelzen, mit Hacken, Heugabeln
oder Kntteln bewaffnet, aus ihren niedrigen Husern, Viele begleitet von Frauen
und Mdchen, die in ihre weileinenen Regentcher gehllt, gleich wandelnden
Gespenstern schweigsam durch Nacht und Dunkel schwebten.
    Auf verschiedenen Wegen, wie sie jeden Hausbesitzer in unmittelbare
Verbindung mit seinen Saatfeldern setzen, verloren sich die stummen Wanderer in
die Haide, deren schwarze Wand, von flackernden Sternen matt beglnzt,
smmtliche Drfer umschlo.
    Erst unter den rauschenden Stmmen fanden sich Bekannte und Freunde zusammen
und schritten nun truppweise immer tiefer in die Haide hinein. Unter einer
dieser kleinen Abtheilungen begegnen wir Sloboda und Ehrhold, Clemens und dem
Maulwurffnger, denen sich einige verhllte Frauengestalten anschlossen.
    Es bleibt doch immer ein Wagstck, Freund, sagte Jan, zwischen Heinrich
und Ehrhold auf unsichtbaren Pfaden grad nach Norden rstig fortschreitend.
Lt uns jetzt Dein Lips im Stiche, so sind wir ohne Gnade und Barmherzigkeit
verloren und unsere Rcken werden es dann vier Wochen lang spren.
    Ich tausche mit Dir, wenn's dahin kommt, erwiederte der Maulwurffnger.
Zweifle doch nicht an dem einmal gegebenen Wort eines solchen Rubers, wenn er
nun doch so heien soll. Will er nicht Alles auf sich allein nehmen und sollt
Ihr ihn nicht blos schtzen?
    So sagt er, und weil Du fr ihn brgst gehen wir jetzt auf Wegen der
Finsterni.
    Sie werden zeitig genug licht werden. Aber wo sind wir?
    Zwischen den Torfteichen, sagte Ehrhold. Der groe Holzschlag, wo vor
zehn Jahren der schreckliche Windbruch war, liegt noch eine halbe Stunde
seitwrts. Wir mssen die Sandhhe hinauf und mitten durchs Dickicht, wenn wir
zur rechten Zeit eintreffen wollen.
    Nur vorwrts! drngte der Maulwurffnger. Was uns hinderlich ist, wird
niedergesbelt. Ohne Stich und Hieb geht es ja doch nicht ab.
    Der Trupp zog weiter. Einzeln, stets Einer hinter dem Andern, muten sie
sich durch die verwilderte Haide winden. Oft war der Wald so dicht, da Keiner
den Andern erkannte. Stamm rieb sich an Stamm und bei der Umschlingung dieser
Riesenbume fuhren Tne durch die Luft wie Seufzer, da auf den wankenden
Aesten, deren Nadelbehnge in der Luft raschelten, das zur Nachtruhe
niedergefallene Geflgel kreischend und purrend wieder auffuhr. Zuweilen liefen
an zerborstenen Fichten ein paar blitzende Funken bis in die schwarzen Kronen
hinauf und sahen glnzend hinab auf die spten Wanderer. Es waren Eichhrnchen,
deren muntere Aeuglein so seltsam leuchteten. Dann ri wieder pltzlich der
schwarze Nadelvorhang ber ihren Huptern und ein Stck blauschwarzen Himmels,
mit Sternen umsumt und ausgeschlagen, lauschte herein, bis ein weier
glnzender Streif mit nickender Krone und abwrts wehenden Dunsthnden in
ungeheuerlicher Bildung sich ber die ruhige Klarheit des Sternenhimmels schob.
Wo aber die Bume weit auseinander traten an Moorbrchen, sumpfigen Waldbchen
und kleinen Wiesen, da hingen graue Schleier um ihre Hften, die sich bald
verlngerten, bald verkrzten, bald ber die finstere Erde rollten, bald zu
einem Dome sich ausbreitend, eine feuchte flatternde Dunstwlbung ber die Haide
bauten. Fchse, Wiesel und anderes Gethier scho raschelnd ber den Weg,
buntgefleckte Schlangen glotzten mit stechenden Augen aus feuchten Laubschobern,
die von dem vielen Unterholz sich angehuft hatten, und Molche und Eidechsen
hingen in zahlloser Menge an bemoosten Marksteinen und auf groen gelben Pilzen.
    Dies ungewohnte Leben der Haide bei Nachtzeit machte nicht selten die Wenden
stutzig, denn obschon Alle vertraut waren mit der Natur der Haide und ihren
Schauern, gebrach es ihnen im Allgemeinen doch zu sehr an Bildung, um natrliche
Erscheinungen sich natrlich zu erklren. Deshalb schritten auch die Weiber
ununterbrochen betend den Mnnern nach. Denn wenn die seltsam geformten Nebel
mit den mattleuchtenden Sumen pltzlich vor ihnen auftauchten wie aus tiefem
Schlunde, oder in eilender Schnelle gegen sie heranzogen und dann wie
erschrocken zurckweichend in hundert Schlangenwindungen zur Seite rollten,
glaubten sie sich umlauert von bsen Geistern, bedroht von Gewalten finsterer
Dmonen.
    Nach mhsamer Wanderung erreichten unsere Freunde in der neunten Stunde den
Windbruch. Dies war ein waldfreier Platz in der Haide von einer halben Stunde im
Durchmesser. Er bot jetzt einen seltsamen Anblick in der khlen Herbstnacht, die
kein Mond erhellte. Sprliche Sternenfunken flimmerten nur stellenweise mit
mattem Glanze aus phantastischen Wolkenpalsten.
    Von allen Seiten der ringsum schlieenden Haide wankten schwarze Gestalten
und grauweie Schatten, die in unklarer Ferne zu riesiger Gre anwuchsen, gegen
die Mitte der Lichtung. Hier drngte sich ein schwarzer Knuel verworrener
Menschen, umgeben von einem Halbkreise weier Statuen, die auf Blcken,
vermoderten Wurzelstcken und halb zerbrochenen Stmmen regungslos dasaen, von
dem rothen Schein eines knisternden Feuers, das pechschwarze Rauchwolken gen
Himmel wirbelte, grell beleuchtet. Diese Gestalten waren die wendischen Frauen
und Tchter der Leibeigenen in ihren schimmernden Regenmnteln. Ein monotones
Gesurr vieler Stimmen trug der Lufthauch unsern Wanderern entgegen. Weithin ber
die Lichtung glhten zahllose dunkle Flammen, als ob unterirdische Erdgeister
riesige Leuchten aus ihren Hhlen emporhielten. Hie und da wlzte sich auch in
gleich dsterer Brandfarbe eine endlose Schlange am Boden, deren Kopf in vielen
gleichfalls leuchtenden Hrnern endigte. Diesen Spuk verursachten die vielen
verfaulten Baumstmpfe und vermoderten Bume mit ihren Wurzeln, deren feuchtes
Holz jetzt in der Finsterni phosphorescirte.
    Nach dem Feuer inmitten des Windbruches fhrte der Maulwurffnger seine
Freunde. Sie wurden mit dumpfem Zuruf begrt, von diesem und jenem Bekannten
mit einem treuherzigen Handschlage. Nach und nach wuchs die Schaar der Wenden
auf einige tausend an, die sie begleitenden Frauen mitgerechnet. In der Mitte
dieses Menschenhaufens sa der Frst des Waldes, vom Volke der braune Lips
genannt, mit seinem eigentlichen Namen, wie wir wissen, Johannes, Herta's
unglcklicher Vater.
    Er trug die Kleidung eines vornehmen Oberfrsters, war aber auer seinem
Hirschfnger noch mit doppellufiger Bchse und mehrern Pistolen bewaffnet. Ihm
zunchst kauerte auf einem Steine der schlanke Jngling mit dem abscheulichen
Spitzbubengesicht. Hinter ihm lehnte der hbsche stille Mann, der bei Heinrich's
Besuche im Raubhause Knebel geschnitzt hatte. Alle diese, so wie die meisten
brigen Mnner, die zu des Haidefrsten Hofstaate gehrten und seinem Wink ohne
Sumen gehorchten, trugen Jgerkleidung. Es war eine Schaar von wenigstens
hundert der verwegensten Mnner, tollkhn, beutegierig, lechzend nach Brand und
Plnderung - das gefrchtete wilde Heer der Haide, das ungeahnt, ungesehn in
trber Nacht die Mauern der Edelhfe berstieg, in die Schlsser eindrang und
die kostbarsten Kleinodien entfhrte. Nie hatte diese Schreckensschaar einen
Mord begangen, dafr aber wurden die Ueberfallenen, wenn sie als harte Gebieter
verschrien waren, auf grausame Weise geknebelt, nicht selten mit Peitschenhieben
zerfleischt und jede bald erscheinende Hilfe mit berechnender Schlauheit fern
gehalten. Dies war die Rache Johannes fr die ihm zugefgte Beleidigung.
    Keiner dieser Mnner war verheirathet. Jeder stand ganz allein, hatte nur
fr sich zu sorgen und gehorchte dem Frsten, wie Lips von seinen Genossen ohne
Ausnahme genannt ward. Da sie zum grten Theil der Meinung waren, da ihr
Gewerbe kein unehrliches, schndliches und verbrecherisches, obwohl ein
verbotenes, sei, so brsteten sie sich gern mit ihren Thaten und lebten, wie
dies bereits angedeutet worden ist, mit dem armen Volk auf vertrautem Fu. Ihr
sie beherrschender und mit entschiedener Geistesberlegenheit leitender Anfhrer
hatte ihnen, ob aus Ueberlegung oder weil er sich greren Erfolg davon
versprach, mit leichter Mhe eingeredet, da sie weiter nichts wollten, als das
entsetzliche Unrecht der herrschenden Besitzer ausgleichen. Deshalb ward nach
jeder glcklich vollfhrten Beraubung eines Reichen der zehnte Theil des
geraubten Gutes in irgend einem Gotteskasten niedergelegt, wo es der Armuth
wenigstens zu Gute kommen konnte. Der Rest ward unter smmtliche Ruber gleich
vertheilt. Johannes selbst duldete nicht einmal, da ihm ein Mehr von der Beute
zufiel. Dagegen gestattete er den Vorschlag eines willkrlichen Geschenkes von
Seiten der Bande, das ihm zu Anfange jeden Vierteljahres berreicht ward. So
bestand unter dieser Gesellschaft eine Verfassung, die in freilich sehr roher
Gestaltung und vielleicht ohne da irgend einer derselben darber nachgedacht
hatte, die Idee einer mglich gleichen Vertheiluug des Vermgens wie der Arbeit
zu verwirklichen suchte.
    Als man annehmen durfte, da die unter dem Grafen stehenden Leibeigenen zum
grten Theile auf der Waldble versammelt waren, erhob sich der Frst der
Haide und winkte den Maulwurffnger nebst seinen Gefhrten zu sich.
    Euch bin ich Dank schuldig, wackerer Mann, sagte der Ruber, dem
schlichten Manne aus dem Volke die Hand schttelnd. Ihr seid nicht mig
gewesen, wie mich diese zahlreiche Versammlung lehrt, und so wre es nun wohl an
der Zeit, vom Warten zum Handeln berzugehen. - Wo ist Jan Sloboda?
    Hier ist der unglckliche Vater, versetzte der Wende vortretend und seinen
Hut lftend.
    Johannes sah den riesenstarken Mann eine geraume Zeit mit seltsamen Blicken
an, dann sagte er mit einer Stimme, in der schmerzliche Wehmuth nachzitterte:
Ihr kennt Frulein Herta?
    Sie war die Wohlthterin meiner Tochter! Mchte sie noch recht viele
sonnige Tage erleben recht glcklich werden, wie sie's verdient! Ja, Herr, meine
armen Augen tragen ihr Bild immer mit sich herum.
    Wollt Ihr mir zur Seite bleiben, um im Fall der Noth das Fulein aus
Magnus' Hnden zu befreien?
    Ich werde Euch nicht verlassen, bis der Engel der Armen in Sicherheit ist.
    Und ich trenne mich nicht von Euch! rief Clemens. Auf diesen meinen Armen
will ich sie trockenen Fadens ber den See in die Haide tragen!
    Dann gehe auch ich mit, sagte Ehrhold. Haiderschen bedarf heut keines
mnnlichen Schutzes.
    Und was gedenkt unser wackerer Freund zu thun? wandte sich der Ruber an
Heinrich.
    Gebt mir keinen Auftrag, wenn Ihr mich lieb habt, versetzte der
Maulwurffnger. Mit dem Pariren hab' ich mein Lebtage nichts anzufangen gewut.
Wenn Ihr mir aber erlauben wollt, nach meinem Gusto unter Euch allen
herumzufahren, wie das Gewrm, dem ich nachspre, so kann ich manchen Nutzen
stiften. Ein Raufbold oder Kriegsheld bin ich meines Wissens nicht. Die Courage
sitzt bei mir mehr in den Augen als in den Hnden, obwohl ich als junger Bursche
meine Tachteln1 zuweilen mit gutem Erfolge ausgetheilt habe. - Besser jedoch ist
es, Ihr berlat mir in dieser Nacht die Wahl meiner Thtigkeit selbst.
Faullenzen werd' ich meiner Seele nicht, sonst wr' ich lieber gleich hinter'm
Ofen sitzen geblieben!
    Johannes fgte sich ohne Weiteres in Heinrichs Bedingungen und kehrte sich
nunmehr zu seinen Vasallen.
    Waldbrder, redete er sie an. Heut bei Sonnenuntergang erfuhrt Ihr von
mir, welche Verbrechen der Graf Magnus von Boberstein an der wehrlosen Unschuld
verbt hat. Ihr wit, wen zu rchen ich Euch versammelt habe, weshalb diese
Schaar rechtlos unterdrckter Mnner zu uns gestoen ist! Es soll heut Nacht ein
Anfang gemacht werden mit Bestrafung herrischer Bosheit, und schtzt uns der
Vater der Nacht und der Geist gerechter Vergeltung, dessen Stimme an mich
ergangen ist, so wird unsere Rache eine segenreiche sein. Nur keine Frevelthat!
Keinen Mord! An unsern Hnden darf kein Tropfen Menschenblut kleben. Wir sind
die Schergen der Nemesis, die unsichtbar ber uns waltet. Wo wir in ihrem Namen
auftreten, da geschieht es zur Herbeifhrung eines besseren Zustandes auf Erden.
Schwrt, da sich Keiner frevelnd vergehen, Keiner etwas Anderes thun will, als
was ich ihm befehle!
    Die Ruber schworen ohne Zaudern.
    Zwanzig von Euch, die zuletzt in unsern Bund getreten sind, bleiben zurck,
um die Frauen zu schtzen, fuhr Johannes fort. Ihr erwartet uns, was auch
geschehen mag, an der Streu, wo wir jngst bernachteten, bis ich das Zeichen
gebe.
    Ohne Murren traten zwanzig der Ruber zurck, die Uebrigen warfen ihre
Bchsen ber die Schultern und ordneten sich in Reihe und Glied.
    Zndet einige Kienfackeln an! befahl der Ruber, und haltet die
Wergballen bereit.
    Blitzschnell lohten die harzigen Brnde in dem niedergebrannten Kohlenstoe
auf.
    Folgt mir in tiefstem Schweigen! rief Johannes und schritt, umgeben von
den drei Wenden und Heinrich, ber die Lichtung dem Walde zu, in dem nach einer
Viertelstunde die Kienfackeln wie funkelnde Leuchtkfer verschwanden. Hinter den
Rubern in dicht gedrngten Schaaren folgten die Leibeigenen, ihre Angehrigen
dem Schutz der vereideten Shne der Haide berlassend.

                                    Funoten


1 Ohrfeigen.


                               Sechstes Kapitel.

                                Der Haidebrand.

Auf Boberstein trafen an diesem Tage zahlreiche Verwandte des verstorbenen
Grafen ein, um am nchsten Morgen dessen feierlicher Beisetzung in der
Familiengruft des Schlosses beizuwohnen. In der uns bekannten Schlohalle ruhten
auf schwarzem Katafalk die sterblichen Ueberreste des Todten. Die Halle war mit
schwarzem Tuch ausgeschlagen, schwarze Gardinen verhllten die Fenster, den
Fuboden bedeckten schwarze Teppiche. Auf prchtigen Kandelabern von gediegenem
Silber, ein Familienerbstck des Hauses Boberstein, brannten flimmernde
Wachskerzen und verbreiteten Tageshelle in der sonst so dstern Halle. Die
Dienerschaft ging in tiefer Trauer mit langen wehenden Flren um Arm und Hut.
    Es war festgesetzt worden, da von Anfang der Ausstellung bis zum Augenblick
der Beisetzung eine Ehrenwache von sechs Mnnern in der Tracht trauernder
Knappen den Sarg umgeben sollte. Diese Mnner waren der Dienerschaft entnommen
und unterzogen sich dem traurigen Loose von Abends sieben Uhr an. Um diese Zeit
nahten sich auch die Verwandten des hohen Verstorbenen in ernster Haltung, um
durch Auflegung ihrer Hnde ihm die letzte Ehre zu erweisen. Diesen langen Zug
tief trauernder Gestalten erffnete Graf Magnus mit seiner Mutter Utta. Gebckt,
einsam, in dstere Gedanken versenkt, folgte Herta. Sie begngte sich nicht mit
bloer Berhrung der Hand des Todten. Sie warf sich nieder auf die Stufen des
Katafalkes und betete innig und hei fr die Ruhe des Grafen, fr Vergebung
seiner frhern Vergehen, fr das Wohl ihres wiedergefundenen, ihr noch so
unbekannten Vaters und fr Bekehrung ihres wsten, boshaften Vetters. Nachdem
sie so ganz ihr Herz vor Gott ausgeschttet hatte, kehrte sie mit den brigen
Leidtragenden wieder zurck in die oberen Gemcher, ohne jedoch in deren
Gesellschaft die Abendstunden zuzubringen. Sie zog es vor, auf ihrem Zimmer, nur
von Emma umgeben, die Mitternacht heranzuwachen.
    Es befremdete die verwittwete Grfin, da von den Unterthanen eine
verhltnimig nur sehr geringe Anzahl im Schlosse erschien, um ihrem
verblichenen Gebieter die letzte Ehre zu erweisen. Die Leibeigenen waren
eigentlich dazu verpflichtet, indem es die Sitte im Hause Boberstein erheischte,
da der jedesmalige Erbe der Herrschaft den durch das Ableben ihres bisherigen
Gebieters gleichsam Verwaisten mittelst Darreichung seiner Hand zum Kusse von
Neuem Schutz verhie und sie als rechtmig ererbte Unterthanen anerkannte. Am
Katafalk seines Vaters war die Aufrechthaltung dieser Sitte fr Magnus eine
Unmglichkeit; denn auer einigen zitternden Greisen, die lngst keine Dienste
mehr thun konnten und unter Seufzen und Beten dem Grabe zuwankten, befanden sich
unter den Leibeigenen, die zur Leichenschau kamen, blos heulende Weiber und
neugierig gaffende, in zerlumpten Kutten und Pelzen steckende Kinder.
    Ueber solche Nichtachtung alter Gebruche der jetzt ihm zugefallenen
Leibeigenen war Magnus hchlichst emprt. Er konnte nicht zwifeln, da ihm
allein diese Opposition gelte, da die ehemaligen Unterthanen des Vaters seinen
Schutz gar nicht begehren wollten. Deshalb beschlo er in stillem Grimme, der
oft seine stechenden Augen unheimlich machte, unmittelbar nach der Bestattung
smmtliche Unterthanen auf das Schlo zu rufen und daselbst ein allgemeines
Strafgericht ber sie ergehen zu lassen. Worin dies bestehen sollte, darber war
er mit sich selbst noch nicht einig.
    Noch vor neun Uhr waren Halle und Schlohof von Zuschauern leer. Nur die
wachehaltenden Diener standen am Sarge, in welchem Graf Erasmus der Ewigkeit
entgegenschlief.
    Da stieg Herta nochmals die geschnitzte Wendeltreppe hinab, beugte sich noch
einmal ber den Todten und kte die kalten blulichen Lippen. Am Sarge kniend
und wieder heie Gebete lallend, lie sie ihren Thrnen freien Lauf. Keiner von
den Dienern strte die Trauernde in ihrem Schmerz. Sie traten schweigend zurck,
selbst gerhrt von der Andacht des schnen Mdchens, das mit wahrhafter
Kindesliebe an dem Greise gehangen hatte. Wohl eine Viertelstunde mochte Herta
geweint und gebetet haben, als sich ber der Halle ein lebhaftes Hin- und
Widergehen bemerklich machte. Dies weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Die
Thrnen sich von den seidenen Wimpern trocknend, verlie sie den Katafalk und
ging nach der Treppe. Hier kam ihr Emma eiligen Laufes entgegen, bleichen
Schreck auf ihrem hbschen Gesichtchen.
    Was ist Dir, meine Liebe? sagte Herta weich, die treue Dienerin umfassend.
    Ach gndiges Frulein, versetzte die Zofe athemlos, die Herrschaften sind
recht bestrzt! Denken Sie, es ist ein groes Feuer in der Haide! Es mu ein
ganzes Dorf brennen.
    Beruhige Dich, mein Kind, gab Herta zur Antwort, ist es, wie Du sagst, so
werden die Nachbarn gewi herbeieilen und den Bedrngten beistehen. Auf welcher
Seite ist der Brand?
    Gegen Sden. Graf Magnus besorgt, es mge der Zeiselhof sein. Die gndige
Frau Grfin kann ihn kaum zurckhalten! Sie will Boten absenden, um sichere
Nachricht zu erhalten.
    La uns sehen, sagte Herta. Von meinem Zimmer aus mu die Feuersttte
grade zu berschauen sein.
    Als die beiden Mdchen dieses erreichten, erlosch fast der Schein der Kerzen
in der lichten Gluth, die durch die hohen schmalen Bogenfenster hereinschlug.
Herta ffnete das Fenster und betrachtete Feuerschein und Zug des Rauches, der
von ihm aufstieg. Der Anblick war eigenthmlich, voll schauerlichen Reizes.
Ueber der schwarzen Linie der Haide hoben und senkten sich Wogen glnzender
Flammen, die oft wie Riesenhnde in den dunkeln Nachthimmel hineingriffen oder
in zerstubenden Garben, in brennenden Fontnen aufsprhten. Woge verdrngte
Woge; es war, als brche aus den fernen Bergen ein Meer von Gluth ber die Ebene
und wolle nun in bumenden Sturzfluthen Feld und Haide vernichten. Ueber dem
Flammenheerde aber lag eine blutrothe schwere Rauchwolke, die in wunderliche,
phantastische Gestalten zerfahrend, langsam hher und immer hher in den Himmel
hinaufwuchs und wie ein glhender Helmbusch sich ber die Haide gegen das Schlo
neigte. Der schwarze See in der Tiefe strahlte dies ergreifende Bild aus seinem
stillen, leis rauschenden Spiegel drohend zurck. -
    Geraume Zeit betrachtete Herta mit ruhigem Auge den furchtbaren Brand.
Niemals hatte sie noch ein solches Schauspiel gesehen. Sie bebte vor der
Majestt des entfesselten Elementes zurck und fhlte sich doch auch wieder von
der Erhabenheit desselben angezogen und an's Fenster gefesselt.
    Der Brand wuchs mit berraschender Schnelligkeit nach allen Seiten hin.
Immer gewaltiger, immer wilder und lodernder sich berstrzend rang Woge mit
Woge. Thurmhoch spritzten einzelne Feuerstrahlen aus der allgemeinen Fluth und
schleuderten Millionen Leuchtkugeln in den blutigen Gischt, der sie auf seinen
raschen Schwingen weit in die Ferne trug.
    Herta bemerkte jetzt mit Entsetzen, da solch ungeheurer Brand nicht durch
ein in Flammen gerathenes Dorf entstanden sein knne. Auch war es nicht der
Zeiselhof mit der umliegenden Ortschaft. Weit nher wtheten die Flammen und
griffen mit Riesenarmen um sich. Das Prasseln, Knattern, Sausen und Donnern, das
immer deutlicher hrbar ward, lie sie erbleichend die Wahrheit erkennen. Sie
wendete sich zu der zitternden Emma und sich auf deren Arm sttzend, sagte sie:
    Gutes Kind, fhre mich zu Tante Utta, damit ich mit ihr rede. Wir werden
eine traurige, unruhige Nacht verleben, denn - die Haide brennt.
    Die Haide! schrie Emma entsetzt und entri Herta den sttzenden Arm. Die
Haide! wiederholte sie matter, tonloser. O Gott, und der Wind treibt Rauch und
Flamme gerade auf's Schlo! - Wir werden verbrennen mssen, wenn Gott nicht ein
Wunder geschehen lt!
    Gott wird uns retten, entgegnete vertrauensvoll das hart geprfte Mdchen,
indem sie ihres unglcklichen Vaters gedachte. Zugleich aber fhlte sie einen
Stich in ihrem Herzen, als durchbohre es ein kaltes Eisen. Sie mute sich gegen
die rothflammende Wand lehnen, um neue Kraft zu schpfen. Mein Vater!
flsterte sie vor sich hin. Sollte dies das Zeichen sein, dessen er gedachte?
Es wre entsetzlich! - Mein Vater ein verbrecherischer Mordbrenner!-
    Inde gab die herannahende Gefahr ihr schnell die nthige Besonnenheit
wieder. Sie ermannte sich und trat in die Zimmer der verwittweten Grfin, um
welche die trauernden Gste sich mit den seltsamsten Gefhlen drngten.
    Die Versammlung dieser reich geschmckten, in Sammet und Seide von tiefstem
Schwarz gehllten vornehmen Herren und Damen bot jetzt einen eigenthmlichen,
fast Entsetzen einflenden Anblick. Die schwarzen Gewnder, vom Schein der
Flammen in blutiges Roth getaucht - Dieser in vollem Feuerstrom gebadet, Jener
nur zur Hlfte von leuchtendem Strahl getroffen - dort eine ltliche Dame, deren
abenteuerlicher Haarputz und Gesicht glhte, whrend der brige Krper, von
Vorstehenden gedeckt, schwarz und dunkel erschien - hier eine feurige Hand, die
schlotternd von verkohltem Arme herabhing - und berall Gesichter voll
Erwartung, Furcht, Entsetzen, mit der Ohnmacht eines schwachen Krpers ringend
oder Flche zwischen trotzigen Lippen zermalmend - die Augen vorspringend aus
ihren Hhlen, glnzend von innerm Grauen und wie glhende Kugeln rollend im
Dunst der rothen Lohe! - Der Vergleich mit einer Rathsversammlung hllischer
Frsten in den Prunkhallen ihres Meisters und Herrn lag so nahe, da Herta bei
ihrem Eintritt dieses schauerlichen Gedankens sich nicht erwehren konnte.
    Am grellsten lag die Flamme auf Magnus der mit gekreuzten Armen neben seiner
Mutter am Bogenfenster stand und mit unbeschreiblichem Ausdruck in die wirbelnde
Gluth starrte. Das Auf- und Zugehen seiner Nasenflgel zeugte von der
strmischen Aufregung seines Innern.
    Alle Leidtragenden machten ehrerbietig dem schnen Mdchen Platz, das so
fest und wrdig auf Utta zuschritt. Herta legte ihre Hand auf die Schulter der
Tante. Diese wendete sich bei der Berhrung um und begegnete mit Verwunderung
dem braunen Auge ihrer Nichte. Mechanisch die Hand gegen das Fenster
ausstreckend sagte sie:
    Das ist entsetzlich!
    Der Anblick ist furchtbar, meine gtige Tante, versetzte Herta sanft,
wenn jedoch schnell Anstalten zur Bewltigung des Feuers getroffen werden,
drfen wir nichts frchten.
    Thrichtes Mdchen, warf Magnus ein, was verstehst Du von Gefahr! Ich
sage Dir, die Haide ist in Brand gerathen, ein lebhafter Sdwind facht die Gluth
an und binnen wenigen Stunden werden Hunderte Morgen Waldes in Asche sinken.
Gegen Waldbrnde vermgen Menschenhnde nichts, da kann nur Gott helfen!
    Gott! wiederholte Herta dumpf und mit innerlichem Schauder. Du wagst von
Gott zu sprechen, auf Gott zu hoffen, und hast doch nie an ihn geglaubt, nie
seine Gebote erfllt! - Gott wird Dich in Deiner Noth verlassen!
    Magnus kehrte sein zrnendes und von innerer Wuth zuckendes Antlitz wieder
dem Fenster zu. Das Feuer wuchs von Minute zu Minute. Schon sah man es durch die
schwarze Wand der Haide wie goldene Frchte, die zur Erde fallen, schimmern. Als
Schlangen von blendender Helle, bald roth glhend, bald weilich wie glhender
Stahl, bald blau, wie der zndende Funke des Blitzes; jetzt langsam am Boden
fortkriechend, dann in khnen wilden Sprngen von Wipfel zu Wipfel hpfend und
nun in goldenen Ballen sich mitten durch das Gezweig fortwlzend: so zeigte sich
der verzehrende Brand, der bereits eine Viertelstunde breit, in Form eines an
der Spitze sich ausbreitenden Keiles grade gegen das Schlo vorrckte.
    Ha die Elenden! fuhr Magnus auf und knirschte mit den Zhnen. Jetzt wei
ich es, weshalb sie unterlassen haben, zur Leichenschau zu kommen. Die
vermaledeiten Schurken haben mir die Haide angezndet, um mich zu ruiniren!
    An die Mglichkeit einer solchen That hatte bis jetzt von allen Versammelten
noch nicht Einer gedacht. Jeder whnte, ein unglcklicher Zufall habe den
schrecklichen Brand entstehen lassen, die Flamme sei von Ungefhr durch Khler
in die Haide gekommen oder sonst auf andere Art. Deshalb entsetzten sich Alle
vor dem Ausrufe des jungen Mannes und starrten einander noch verwunderter in die
bestrzten Gesichter.
    Das wre ja offener Aufstand, sagte ein alter kontrakter Herr, der an zwei
Krckenstcken durch das Zimmer humpelte. Wie mgen Sie an so etwas glauben,
mein werther Herrr Vetter! Leibeigene sind zu dumm und zu feig, um so krasse
Mittel anzuwenden, wenn ihnen der neue Gebieter nicht gefllt.
    Meine theuern Anverwandten, entgegnete Magnus, geben wir uns allesammt
keiner Tuschung hin. Wir sehen mit offenen Augen, mit Entsetzen im Herzen, da
die Haide in Flammen steht. Bleiben wir unthtig hier sitzen, so wird die Gluth
auch uns erreichen. Selbst der See wird uns nicht schtzen. Der Wind jagt die
Flammen ber die Thrme, er wird sie entznden und ber uns zusammenstrzen.
    Quel horreur! rief eine vornehme Grfin, die so viel Ahnen zhlte, als
Deutschland Staaten, und drei und sechzig Jahre lang ein jungfruliches Leben
gefhrt hatte, quel horreur, das wre ja gegen allen Anstand!
    Eben deshalb, meine Gndige, fiel ihr Magnus in die Rede, lassen Sie uns
keinen Anstand nehmen, auf unsere Sicherheit zu denken. Folgen Sie mir, meine
Herren! Vereint mit unserer Dienerschaft werfen wir jenseits des See's einen
Damm auf, damit die Flammen sich nicht am Boden weiter verbreiten knnen, und
reichen Zeit und Krfte aus, so schlagen wir auch Bume nieder, so viel wir
vermgen. Hundert Hnde, und wir gebieten ber mehr, knnen in der Stunde der
Noth viel leisten. Die Damen werden sich inzwischen bemhen, unter Anleitung
meiner wrdigen Mutter die werthvollsten Familienpapiere und die Kostbarkeiten
des Hauses Boberstein fr den Fall einer unausbleiblichen Flucht bereit zu
halten.
    Bei allen groen Fehlern und Lastern, die Magnus anklebten und ihm den
tdtlichen Ha aller rechtlichen Unterthanen zugezogen hatten, besa er doch
Energie und jenen gebietenden Ernst, der allem Widerspruch mit einem Worte ein
Ende macht. Die Noth drngte, die Wahrscheinlichkeit, da Boberstein ein Raub
dieser grauenvollen Feuersbrunst werden knne, lag vor Augen, und so entschlo
sich denn der grere Theil der hochgeborenen ahnenreichen Trauergesellschaft,
zu Hacke und Spaten zu greifen und gegen das verderbliche Element zu Felde zu
ziehen.
    Noch war der laut geuerte Gedanke des jungen Grafen bloe Vermuthung, denn
sichere Anzeigen von einer planmigen und voraus berechneten Ansteckung der
Haide waren nicht vorhanden. Deshalb glaubten auch nur Wenige an einen Aufstand
der Leibeigenen, die Meisten hofften am jenseitigen Ufer Khler und Haidebauern
zu treffen, die mit ihnen vereint das um sich greifende Feuer bekmpfen wrden.
    Zum namenlosen Entsetzen dieser Sorglosen loderte whrend ihrer Ueberfahrt
auf ganz entgegengesetzter Seite eine neue grliche Feuersule unfern des See's
aus der dichtesten Haide auf. Zugleich vernahmen die erbleichenden Herren ein
Geschrei, so wild, so anhaltend, so rachlustig, da sie nicht lnger an einem
Aufstande zweifeln konnten. Den Dienern entsanken die Ruder und auch Magnus
verga das Steuer zu lenken. Willenlos trieb die Barke auf dem leicht bewegten,
wie schumendes Blut dahin rollenden See.
    Es war ein Augenblick, dessen Grausen sich nicht schildern lt. - Von allen
Seiten drohte Verderben, Tod, denn auch auf einem dritten Orte zngelten neue
grliche Flammenbschel empor, ergriffen die hin und her schwankenden
harzgetrnkten Wipfel der Tannen und setzten sie in helle Gluth. Die boshaften
Feinde des Grafen, ihres Anschlages sicher, hatten den See umgangen und schrten
das wilde Element mit wahnsinnigem Behagen, um das Grafengeschlecht mit allen
Seitenverwandten auf einmal zu vertilgen. Denn wer mochte noch zweifeln, da die
Entmenschten den Tod ihrer Gebieter beabsichtigten, da sie den qualvollen
Flammentod ber sie verhangen hatten!
    Unter diesen Umstnden wre es Thorheit gewesen, erfolglos gegen ein
Unabwendbares ankmpfen zu wollen. Sobald Magnus die neue Gefahr vollkommen bei
sich erwogen hatte und nur in klug veranstalteter Flucht Rettung des Lebens
erkannte, lie er Barke und Fhre, die beide mit schwarz gekleideten Mnnern
berfllt waren, zurck an die Insel rudern. Der Haidebrand, der jetzt in
ungeheurem Halbkreise wie eine weit geffnete, sich mit grausamer Sicherheit
langsam verengernde Zange um Haide, See und Burg legte, war schon so nahe
gekommen, da man die Hitze deutlich selbst in dieser Tiefe empfand. Die rothen
Flammen bildeten eine blendende mehr als thurmhohe Mauer und ihre zuckenden
Spitzen verschlangen sich in tausend und abertausend khnen Ribben und bauten
eine Flammenkuppel ber Boberstein, durch deren dunstige Wlbung Millionen
feuriger Sterne schossen. Zahllose dieser flackernden Brnde fielen zischend
nieder in den See oder strzten prasselnd und wie Pulver knisternd und puffend
auf die bemooste Schieferbedachung der alten Burg.
    Als die erschrockenen Mnner, von denen die Meisten vllig rathlos waren,
wieder in die Gemcher der hnderingenden und zu keinem Entschlu, zu keinem
Geschft fhigen Frauen traten, hatte sich die Scene vllig gendert. Die Haide
brannte so weit, da man den unermelichen Heerd der Flammen aus den Fenstern
des Schlosses nicht mehr bersehen konnte. Die vermehrte Gluth und der heftig
wehende Wind, der hartnckig steif aus Sden blies, ri von den hchsten Bumen
ganze Wipfel ab und trug die furchtbar lodernden Kronen als schreckenerregende
Christbume weit durch die Luft. Ein einziger dieser von Rache und gerechter
Nemesis angezndeter Leuchter auf die im heien Athem der Haide bereits
glhenden Zinnen der Burg geschleudert, mute den Stammsitz der Boberstein
rettungslos zerstren!
    Von der nie gesehenen Groartigkeit dieses entsetzlichen Brandes gefesselt,
starrten Alle wie verzaubert in den tosenden Flammenocean. Wind und Feuer
heulten, als zge das wilde Heer mit seiner hllischen Meute durch die erhitzte
Luft. Das Krachen der niederstrzenden Bume, das seltsame diamantenhnliche
Glimmern riesenhoher alter Stmme mitten in der dunkelrothen, wirbelnden und
zischenden Gluth, das Auffliegen der abgeschlagenen nadelbehangenen Aeste, die,
vom Winde erfat, wie rothglhende Reiherfedern oft in ungeheuren Bogen
fortgefhrt wurden; dann wieder das Kmpfen und Auf- und Niedersteigen ganzer
Schwrme in Brand gerathener Waldkruter und drren Reisigs, die Wind und Flamme
zugleich aufjagten und die nun einem Heere purpurbeschwingter Vgel glichen,
welche in wunderbaren Flugfiguren sich haschen und ergetzen, und endlich das
ununterbrochene Zusammenbrechen lodernder Stmme, das zahllose Aufwirbeln
breiter leuchtender Funkensulen, die einige Zeit lang in furchtbarer Pracht
hher und immer hher wuchsen, zu Kapitlen von wunderbarer Arbeit sich
erweiterten und nun das glhende Himmelsgewlbe mit seiner irrenden, jetzt
entstehenden, jetzt wieder verlschenden Sternensaat zu tragen schienen: dies
Alles war wohl geeignet, selbst die grte Todesgefahr auf Secunden vergessen zu
machen und die unglcklichen Bewohner des dem Untergange geweihten Schlosses in
die dmonischen Kreise seiner Zauber fest zu bannen.
    Vergeblich strengte Herta ihre Augen an, um einen nahenden Retter auf dem
blutigen Spiegel des See's zu entdecken. Minute verging nach Minute und Niemand
erschien, keines Menschen Stimme lie sich hren. Es war, als sei alles Leben
erstorben und nur die blinde Macht des wilden entfesselten Elementes herrsche
und drohe rund umher Alles in die wste Nacht des Chaos zurckzustrzen! -
    Aus dieser allgemeinen an Bezauberung grenzenden Lethargie erweckte die
entsetzten Gefangenen der Ruf eines hereinstrzenden Dieners, welcher
hnderingend verkndigte, da die Burg in Brand gerathen sei! Dies gab Allen
Leben und Besonnenheit einigermaen wieder. Die Meisten strzten nach dem
Vorgemach, aus dessen in den Schlohof gehenden Fenstern sie von dem linken
uersten Eckthurme das rothe Brandbanner flattern sahen. Das Feuer griff
schnell um sich. Das Dach der ganzen einen Flanke stand binnen wenigen Minuten
in vollen Flammen. -
    Nun dachte Jeder nur auf seine Rettung. Alles rannte schreiend und fluchend
durcheinander und strzte dem Schlothore zu, um den See zu erreichen. Noch war
die Mglichkeit der Rettung vorhanden, denn im Nordost bildete die Haide eine
schmale sumpfige Wiese, die ziemlich tief in den Wald hineinlief und von einem
wasserreichen Bache durchstrmt ward. Auf dieser Seite war die Haide bis jetzt
noch unversehrt, nur erstickender Rauch hllte sie in glhenden Dunst. Es galt
ber den See zu setzen, ohne von den Flammen lebensgefhrlich beschdigt zu
werden, und dann in schnellstem Laufe den Schutz der Wiese und durch sie die
Freiheit zu gewinnen.
    Auch Magnus entschlo sich, obschon mit Widerstreben, zu diesem Aeuersten.
Ehe er jedoch Anstalt zur Flucht machte, lie er einen Blick auf Herta fallen,
der eine Welt von Fragen enthielt. Er erfate die Hand seiner zitternden Cousine
und flsterte ihr zu:
    Herta, der Himmel selbst und sein Zorn will uns vereinigen. Siehst Du nicht
ein, da ich es bin, den er auserwhlt hat zu Deinem Retter? Auf meinen Armen
werde ich Dich durch die Flammen tragen und mir Dich gewinnen. Dem kannst Du
nicht mehr zrnen, der Dich aus der Hlle erlste, der mit seinem Munde die
Feuerfluthen von Deinem erbleichenden Wangen abhielt!
    Doch Herta schttelte nur traurig ihr schnes Haupt und kehrte sich von dem
unermdlichen Verfhrer.
    Gott wird mich schirmen, versetzte sie, wenn es sein Wille ist, da ich
dieser Gefahr entrinnen soll. Retten Sie Ihre Mutter, ich bedarf Ihrer Hilfe
nicht.
    Sie verlie mit Emma das Zimmer, um nochmals ihre stille, so heimliche durch
Freud' und Schmerz ihr unvergeliche Wohnung zu betreten. Da hrte sie das
Klirren der Messingkette am Fenster und sah das kluge zierliche Kpfchen des
muntern Eichhrnchens unruhig daran hin und wieder fahren.
    Armes, kleines Ding, sagte sie, Du sollst gleiches Schicksal mit mir
theilen.
    Darauf ffnete sie den Schieber, nestelte die Kette los und lie es
geschehen, da das niedliche Thier schnuppernd und sein Kpfchen furchtsam in
den weiten Bauschen ihres Trauerkleides verbergend, auf ihre Schulter hpfte.
    Emma, sagte sie mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Trauer und
Niedergeschlagenheit, der Fremde von gestern hat nicht Wort gehalten und doch
nannte er sich meinen Vater! Ich unglckliches, verlassenes, von Allen
verstoenes Kind!
    Kommt! schrie Magnus mit Donnerstimme durch die sich weit ffnende Thr.
Schon brennt mehr als die Hlfte des Schlosses, die geringste Verzgerung mu
uns unfehlbar einen grauenvollen Tod bringen!
    Entschlossen, wie er es im Augenblick der Entscheidung stets war, schritt er
auf Herta zu, umschlang sie trotz ihrer Versuche, sich ihm zu entwinden, mit
beiden Armen, hob sie empor und trug sie wie ein Kind fast laufend die
Wendeltreppe hinab, durch die schwarz ausgeschlagene Halle in den feuererfllten
Schlohof. Die Leiche des Grafen auf dem stolzen Paradebett, die matt brennenden
Kerzen auf den hohen silbernen Kandelabern und der rothe Glanz des Feuers, der
auf den schwarzen Wnden lag und auf dem regungslosen Antlitz des Todten
glitzernd spielte, machte einen unaussprechlichen Eindruck selbst auf den
verhrteten Magnus. Allein es war nicht an der Zeit, jetzt Betrachtungen
anzustellen. Die mit jeder Secunde sich verdoppelnde Gefahr drngte zu
schnellster Eile.
    Schon hatten alle Bewohner das Schlo verlassen, selbst der alte Kastellan
war geflohen. Der Letzte schritt Magnus mit der schnen Last auf seinen Armen,
vor ihm her die schlanke Emma, ber den von lodernden Brnden dicht besten
Schlohof. Die Luft war erstickend hei, von Millionen Atomen glimmender
Tannennadeln erfllt, die wie ein dichter Regen niederfielen. Dazu qualmte und
wirbelte der Rauch aus der Haide in undurchdringlichen Wolken ber Schlo und
See und verhllte alle Gegenstnde mit demselben schmutzig rothen Gewande.
    Unter der Thorwlbung erwarteten ihn Utta mit einigen Dienern und Frauen.
Schweigend stiegen Alle den Felsenpfad hinab zum See, aus dessen brodelndem
Feuernebel verworrene Stimmen erklangen, verbunden mit dem Rauschen der Ruder,
die mit gewaltigen Schlgen die Wogen theilten. Dann hrte man wieder ein
entsetzliches Aufkreischen, ein sprhendes Zischen, sah die Welle in blutigem
Strahle aufspritzen und den Qualm der brennenden Haide Alles wieder verhllen.
Ganz fern, weit im Walde stieg manchmal ein brllendes Geschrei auf, als ob
Tausende auf einmal zu gemeinsamem Ruf sich vereinigten. Vor diesem Geschrei
erbebte Magnus; er glaubte den Jubelruf der Wenden darin zu erkennen, die sein
Geschlecht auszurotten gedachten. -
    Ohne bedeutende Beschdigung setzten die letzten Flchtlinge ber den See.
Mit Schaudern nur stieen sie zuweilen beim Rudern an schwimmende Leichen, die
in ihrer schwarzen Tracht mit den bleichen verzerrten Gesichtern einen
entsetzlichen Anblick darboten. Ein glhender Ast, deren viele in den See
niederstrzten, mute einen der Khne zerschmettert haben, auf welchen die
Trauergste flohen. -
    Als Magnus mit seiner Umgebung das feste Haideland betrat, stand Boberstein
in vollem Brande. Die stolzen vier Eckthrme schossen ihre gelben Flammen wie
Riesenschwerter weit ber die dunklere Gluth der brigen Husermasse empor und
verscheuchten die Rauchwirbel, welche von der Haide in immer sich erneuernden
Wogen darber zogen. - Die Lichtung, welche die Wiese bildete, war noch dunkel,
aber schnell rckten von beiden Seiten die Flammen heran. Muthig betrat Magnus
den Rettungspfad, die Frauen vorsichtig ber die sumpfigen Stellen leitend. Man
konnte immer nur wenige Schritte weit sehen, auch mute man hufig rasten,
theils um den Frauen Zeit zu gnnen, theils, weil ein Brand mit wildem Getse in
unmittelbarer Nhe niederstrzte und weithin Funken und Splitter verstreute.
    Glcklicherweise war auf dieser Seite das Feuer noch nicht weit
vorgeschritten. Auch jagte der Wind die Flammen mehr seitwrts oder lie solche
Stellen, wo die Waldung dnn war, fast ganz unversehrt. Dies gestattete den
Flchtlingen schnelles Vorwrtsdringen. Und war nur erst der todtdrohende
Flammengrtel berschritten, so durfte man auf Rettung hoffen. Nur das
fortwhrende und jetzt immer nher kommende Gebrll ngstigte den Grafen, da er
kein Mittel sah, dem Racheschwarm der Wenden auszuweichen. Er mute dem Zufall
und dem Schutz des dichten Rauches vertrauen, der Erd' und Himmel gleichmig
bedeckte.
    Herta's krperlicher Zustand gestattete ihr keine groe Anstrengung. Sie
ermattete bald und sank kraftlos zusammen. Magnus hob sie wieder auf seine Arme
und das hilflose Mdchen mute es geschehen lassen. So gewannen denn die
Flchtlinge ohne Hinderni das von den Flammen noch unberhrte, hier nur drftig
bewachsene Haideland. Schon glaubte Magnus das Schwerste berstanden zu haben
und bald eine sichere Zuflucht zu finden, als er pltzlich aus dem finster
strudelnden Qualme dunkle Gestalten auftauchen, ihn umstellen und mit dem
Jubelrufe: der Graf! Graf Blauhut! auf sich eindringen sah.
    Anfangs glaubte Magnus mit den Seinigen entschlpfen zu knnen, da aber die
khnen Wegelagerer mehr als er an jede Unbill des Wetters, an Klte, Gluth und
Dampf gewhnt waren und ihre Zahl mit jedem Augenblicke sich mehrte, sah er bald
die Unmglichkeit glcklicher Flucht ein. Er wollte eben Vergleichsvorschlge
machen, als aus der sich verdichtenden Schaar der gebrunten, trotzig blickenden
Mnner eine stolze Gestalt auf ihn zuschritt.
    Vater, mein Vater, errette mich! rief Herta und streckte dem als Frster
gekleideten Fremden beide Arme flehend entgegen.
    Es war Johanes, der Frst der Haide, der inmitten seiner Genossen und
umgeben von einem Heer Leibeigener diese einzige freie und noch zugngliche
Stelle des Waldes besetzt hielt. Das beraus schnelle Umsichgreifen der Flammen
hatte ihn verhindert, die Tochter persnlich von Boberstein abzuholen. Seine
Gegenwart, seine Umsicht, seine Anordnungen waren nthig, um nicht die ganze
Haide ein Raub der wild verzehrenden Gluthen werden zu lassen. Da er den Muth
seines Feindes kannte, durfte er erwarten, da der Graf im Drange des
Augenblickes sein Schlo verlassen und diejenigen um sich versammeln werde, an
die ihn Neigung und Verwandtschaft fesselten.
    Bei Herta's Ausrufe erbleichte Magnus vor Zorn, da er jetzt einsah, da
seine trotzige Cousine in naher Verbindung und unmittelbarem Verkehr mit diesen
Waldbrdern gestanden haben msse.
    Vater? wiederholte er verchtlich. Seit wann sucht meine schne Cousine
ihre Aeltern unter Verbrechern?
    Seit dem Tage, erwiederte Johannes stolz, wo Ihr wrdiger Herr Vater den
Geliebten seiner edlen Schwester von Knechtshnden aus Boberstein werfen lie.
    Magnus starrte den Ruber mit wahnsinnigem Auge an. Johannes, stammelte
er, Johannes am Leben und ein Sohn des Waldes? Das wre entsetzlich!
    Nicht entsetzlicher, als wenn ein Graf schuldlose Jungfrauen berfllt und
sich und die Menschheit entehrt! - Blicken Sie hinter sich, Herr Graf! Die
Gerechtigkeit des ewigen Gottes ist es, die Ihrem Vater diese Leichenfackel
angezndet hat. - Es sind lange lange Jahre vergangen und nie schlug die Stunde
wrdiger Vergeltung, heut endlich, wo das Ma Ihrer Snden berschumte, heut
ist sie gekommen, und nicht ich allein, dem Sie wie ein verworfener Bube das
Kind innigster Seelenverwandtschaft entehrt haben, nein, die Gesammtheit Ihrer
Unterthanen, die Sie zu schtzen von der Vorsehung berufen waren, und die Sie
mit Fen traten, sie Alle haben sich gemeinsam wie ein einziger Mann erhoben.
Dies arme gemihandelte und verachtete Volk ist aber mild auch in seinem
Richteramt. Es will Sie nicht vernichten, nicht langsam zu Tode qulen, sondern
blos an Ihr eingeschlfertes Gewissen klopfen und in die dunkeln Falten Ihrer
Seele mit der entflammten Fackel der Vergeltung hineinleuchten! - Mir und der
milden Gesinnung Ihrer Unterthanen haben Sie es zu verdanken, da nichts
Hrteres ber Sie verhngt worden ist. Gehen Sie jetzt, wohin Sie wollen, es
wird Sie Niemand hindern. Nur mein Kind fordere ich von Ihnen zurck.
    Whrend Johannes sprach, hatte Magnus sich vollkommen gesammelt.
    Zurck, Elender! rief er jetzt dem Ruber zu. Danke Gott und meiner
Gnade, wenn ich Dich nicht kennen will, Du wrdest sonst dem wohlverdienten Tode
am Galgen nicht entgehen!
    Er wollte vorwrts eilen, denn noch immer griff das Feuer um sich und
glhende Funken fielen in groer Menge zu Boden. Da ri Johannes seinen
Hirschfnger aus der Scheide und die ihm zunchst Stehenden schlugen die Bchsen
auf Magnus an.
    Mein Kind! sagte der Ruber barsch und doch mit einem Tone, in dem
unwillkrlich eine flehende Bitte weich verhallte. Mein Kind oder Du und die
Deinen fallen durch meine Hand und die Gluth der Haide verzehrt Eure Gebeine!
    Magnus' Trotz war noch nicht gebrochen. Von Neuem umschlang er Herta, die
sich vergebens strubte. Wie zum Hohne griff er mit roher Faust in ihr wallendes
Lockenhaar, um sie hinter sich her zu schleifen und der Macht die auftobende
Brutalitt der Leidenschaft entgegenzusetzen. Allein eben so rasch war er
umringt und die Hand eines Mannes, dessen Gegenwart er vor Allem frchtete, lag,
wie die Tatze eines Tigers, an seiner Kehle.
    Blauhut, raunte ihm der Mann zu, kennst Du den Maulwurffnger und das
Erlengebsch, wo Dich ein junges Weib um Erbarmen flehte? Du hattest kein
Mitleid mit der Armen, Du wutest nur Mittel zu finden, die Bittende zum
Schweigen zu bringen. Erinnere Dich dessen und wisse, da der Maulwurffnger
Zeuge Deiner Thaten war!
    Der Graf keuchte unter den eisernen Fingern des wthenden Landmannes. Herta
entwand sich ihm und eilte in die offenen Arme ihres Vaters.
    Nehmt sie hin, stotterte er, und seid verflucht!
    Sei Du verflucht, schamloser Ehrenschnder! klang eine andere nicht minder
furchtbare Stimme in das Ohr des Grafen. Er schlug die vom beizenden Rauch
wunden Augen auf und erkannte die riesige Gestalt Sloboda's. Ja, sei
verflucht, wiederholte der Wende, sei verflucht, bis Du in Dich gehst und
Reue, qualvolle Reue jede Secunde Deines Lebens vergiftet! Sei verflucht, bis
die Geister derer, die Du in Elend, Schande, Wahnsinn und Tod gejagt, vor Dir
aufsteigen und durch gemeinsames Gebet die zahllosen Verbrechen, die Du begangen
hast, von Deinem Haupte nehmen.
    Sei ewig verflucht! hallte es tausendstimmig von dem tobenden Schwarm der
Leibeigenen wieder, die mit Kntteln, Sensen und andern Werkzeugen im sausend
niederprasselnden Feuerregen diesem entsetzlichen Auftritt beiwohnten und ihm
zur wahrhaft hllischen Staffage dienten.
    Da sank Magnus doch der Muth! Er fhlte schaudernd, wenigstens auf Minuten,
da ein Gottesgericht ber ihn hereingebrochen sei, und wie ein Verbrecher, der
es nicht wagt, den sndigen Blick zum reinen Himmel aufschlagen zu drfen,
winkte er mit der Hand und schlich, wie bei den Rmern die besiegten Feinde
durchs Joch, gebckten Hauptes durch die Schaar seiner Leibeigenen, die eine
schmale Gasse ffneten und den Gerichteten unangetastet, nur Verwnschungen ber
ihn ausstoend, in die freie Haide entlieen. Erst einige hundert Schritt hinter
dem zrnenden Volk traf er mit den Seinigen wieder zusammen, von denen es
Keiner, Utta nicht ausgenommen, fr rathsam erachtet hatte, in der drohendsten
Gefahr dem allgemein Verhaten beizustehen oder mit ihm zu unterliegen. In ihrer
Mitte verschwand der Gechtete im rollenden Dampf der Flammen. -
    Johannes hatte seinen Zweck erreicht. Magnus war bestraft, vertrieben, die
Burg seiner Vter sank in Staub und Asche, und Herta, sein geliebtes Kind, das
Vermchtni der unglcklichen Eugenie, war ihm wiedergegeben! - Es blieb jetzt
nichts mehr zu thun brig, als dem noch verderblicheren Umsichgreifen der
Flammen zu steuern. Auf sein Gehei war man schon beim Entznden der Haide
darauf bedacht gewesen. Bei weitem der grte Theil der Wenden hatte ringsum in
ziemlicher Entfernung vom See an Stellen, wo die Waldung nicht durch Holzschlge
oder unbebaute Stellen begrenzt war, Erdwlle aufwerfen und Bume niederschlagen
mssen, und so bedurfte es jetzt nur noch gehriger Aufsicht, um die Flammen an
weiterem Vordringen zu hindern. Eine Anzahl seiner eigenen Leute nebst einigen
Wenden wurden berall hin vertheilt, so weit die Gluth sich erstreckte, die
Uebrigen nebst Sloboda und dem Maulwurffnger brachen nach der Waldble auf, wo
sie die wendischen Frauen und Mdchen ihrer harrend wuten.
    Zwei Stunden nach Mitternacht erreichten sie die Streu, wie diese Ble
genannt wurde, schauerlich von den Flammen der Haide und der Gluth des in den
Himmel hinaufwallenden Rauches erleuchtet. Wie Geister auf Grabmlern saen die
erschrockenen Wendinnen in weitem Kreise, bewacht von den Vertrauten des
Rubers, die ebenfalls ihre Blicke in stillem Entsetzen auf den grlichen Brand
hefteten, dessen breite Schwertlohen hufig aus der blutigen Woge, die ber dem
Saum der Bume lag aufblitzten und dann eine furchtbare Helle weithin
verbreiteten.
    Hier sah Herta ihr geliebtes Haiderschen wieder und beide gleich
Unglckliche sanken einander schluchzend in die Arme. Sie hatten keine Worte fr
ihr unendliches Weh, nur ihre Thrnen, ihre Blicke, ihre Ksse und Hndedrcke
sprachen. -
    Johannes gnnte den Ermatteten ein paar Ruhestunden. Erst gegen Morgen,
nachdem ein die Erde weithin erschtternder Donner durch die Haide gerollt und
eine breite Feuersule zu unermelicher Hhe emporgestiegen war, Zeichen, welche
den gnzlichen Einsturz des Schlosses Boberstein verkndigten, gab er Befehl zum
Aufbruch. Die Leiche des Grafen Erasmus fand ihre Grabsttte unter den glhenden
Trmmern der zerstrten Burg und nie, auch nicht bei dem sptern Aufbaue, ward
eine Spur von dem Verschtteten wieder gefunden. Grade die Schlohalle mit den
darunter befindlichen Gewlben war von den Flammen bis zur Unkenntlichkeit
zerstrt worden. -
    Noch war es Nacht, als Sloboda von Johannes und dessen Tochter, von Clemens,
Ehrhold, dem Maulwurffnger, Rschen und einigen andern Wenden begleitet, seinen
Wohnort erreichte. Am Horizont rollten gleich einem blutigen See die Wogen der
Flammen und erleuchteten viele Meilen weit die gleichfrmigen Haidestrecken und
die in denselben zerstreut liegenden Drfer und Hfe. Durch Zufall betraten die
vom Rachewerk Zurckkehrenden den stillen Ort auf der Stelle, wo das
Gemeindehaus lag. Sloboda gedachte seines armen Sohnes und blickte auf die
baufllige Htte. Da sah er - und eisiges Frsteln durchrieselte seine Gebeine -
in der fehlenden Fensterlcke das bleiche, immer lchelnde Antlitz Nathanaels
mit den bldsinnig stieren Glasaugen! Der Wahnsinnige starrte unverwandt in die
frchterliche Gluth und schien sich an dem Wogen und Wallen der Flammen, an dem
Auflodern und Zusammenstrzen der unermelichen Rauchwolken ungemein zu
ergetzen.
    Sloboda blieb stehen und deutete auf das niedrige Fenster mit der stieren
lchelnden Gesichtslarve.
    Das ist mein Sohn, sagte er vor Schmerz und Schaudern bebend, indem er die
Hand des Rubers fate. Auch die Seele dieses Armen liegt vor Gottes heiligem
Throne und verklagt den Grafen!
    Ha, ha, ha! lachte Nathanael, der jetzt durch seines Vaters Stimme aus
seinem Geistesschlummer erweckt, die Vorbergehenden gewahrte. Ihr kommt wohl
vom Leichenbegngni? Das war ein prchtiger Fackelzug, wie ich ihn mein Lebtage
nie gesehen habe! Jetzt sind die Todtengrber dabei. Seht nur, wie lustig sie
das Grab ber ihn thrmen!
    Und wieder prete er das Gesicht fest in die Lcke und starrte lautlos in
die dunkler werdende Lohe. -
    Erschttert zogen die Wenden vorber. - - -
    Die Schreckenskunde von diesem beispiellosen Haidebrande, der erst nach
vierzehn Tagen in sich selbst erlosch, und von dem Schicksale, welches dabei die
Familie Boberstein betroffen hatte, verbreitete sich schnell in die Nhe und
Ferne. Graf Magnus mit den Seinigen war entflohen. Er kehrte lange Zeit nicht
zurck, da er einen neuen Angriff auf sein Leben frchtete. Man wute jedoch,
da er durch geschickte Spione die Stimmung der Wenden erforschen lie und
auerdem entschiedene Maregeln zu Verwaltung seiner unverwsteten Besitzungen
getroffen hatte. Die ihm zugehenden Berichte lauteten besser, als er hoffen
durfte. Die Wenden waren still und friedlich zu ihren tglichen Beschftigungen
zurckgekehrt, bis auf Wenige, die es fr ihre Sicherheit nthig erachteten, die
Heimath gnzlich zu verlassen. Zu diesen gehrte Sloboda mit Clemens und
Haiderschen. Sie verschwanden eines Tages, ohne da Jemand mit Bestimmtheit
sagen konnte, wohin sie sich gewendet hatten. Nur der bldsinnige Nathanael
blieb zurck und sah vor wie nach durch die Fensterscheibe viele, viele Jahre
lang, ohne Wunsch, ohne Hoffnung, ohne Gedanken! -
    Mit diesen drei Wenden verscholl auch Herta. Sie war mit ihrem Vater in die
tiefste Haideeinsamkeit gezogen und spter, als Johannes sein ruberisches
Handwerk aufgab, gleich diesem dem Gedchtni der Menschen entschwunden. Von
Haiderschen wollte man wissen, da sie unterwegs auf ihrer Flucht von einem
Mdchen entbunden worden sei, das jedoch bald nach der Geburt gestorben sein
sollte. Wie Alles, was nicht immer durch frische Farben neu belebt wild, verga
das Volk in Kurzem die Ausgewanderten sammt ihrem Schicksale. Magnus kehrte
inzwischen zurck, nachdem er sich im Auslande mit einer reichen Erbin
verheirathet hatte, und lebte abwechselnd auf seinen Gtern und auf greren
Reisen. Dadurch kamen seine Vermgensumstnde immer tiefer in Verfall, so da er
nur durch Aufnahme groer Kapitalien und durch Veruerung einzelner Besitzungen
standesmig leben konnte. Seine Gattin, mit der er in sehr unglcklicher Ehe
lebte, gebar ihm drei Shne, denen nach seinem Tode das, was von der groen
Herrschaft Boberstein brig geblieben war als Erbe zu gleichen Theilen zufiel. -
-
    Hier endigten Sloboda und Heinrich ihre Mittheilungen an den Grafen Adrian.
Dieser hatte anscheinend mit groer Aufmerksamkeit, aber nicht mit dem
geringsten Zeichen von Ausregung den Erzhlungen beider Mnner zugehrt. Jetzt
stand er mit feinem Lcheln auf, dankte den Greisen fr ihre Mhe und wnschte
ihnen glckliche Reise.
    Beide stutzten und maen den ironisch- hflichen Grafen mit groen Blicken.
    In der That, meine Lieben, ich danke Ihnen recht sehr, wiederholte Adrian.
Sie haben sich angestrengt, um mir Aufschlsse ber meine Familie zu geben, wie
ich dies von Fremden nicht erwarten durfte. Leben Sie wohl!
    Aber mein Herr Graf, unterbrach ihn Sloboda, Sie scheinen ganz zu
vergessen, da wir die Vergangenheit lebendig vor Ihnen werden lieen, um Sie zu
berzeugen -
    Wovon, mein guter Alter?
    Von der Rechtmigkeit meiner Ansprche auf den fnften Theil der
ehemaligen Besitzungen des Grafen Magnus.
    Sagten Sie nicht, da Haiderschens Kind gestorben sei?
    Die Buerin, der es meine Tochter bergab, whrend ich nach Polen
vorauseilte, behauptete es und lie es, da Haiderschen in Folge der vielen
Strapazen und heftigen Gemthsaufregungen in eine schwere Krankheit verfallen
war, in der Stille beerdigen.
    Es sind also keine Erben da?
    Doch, mein Herr Graf, fiel der Maulwurffnger ein. Ein Sohn Haiderschens
lebt.
    Ein Sohn von Clemens?
    Von dem Gatten meiner Tochter, sagte Sloboda.
    Lieber Alter, versetzte Adrian, dann gebe ich Euch den guten Rath,
vererbt ihm das Besitzthum seiner leichtfertigen Mutter und gebt ihm meinetwegen
noch das Stckchen Papier mit in den Kauf, mit dem ihr armen Schwachsinnigen so
groe Wunder bewirken zu knnen glaubt. Dieser alte Fetzen ist keinen Heller
werth. Jeder Advocat wird Euch das sagen.
    Sie scherzen, Herr Graf!
    Ich scherze nie! Nochmals, glckliche Reise!
    Graf Adrian, nahm der Maulwurffnger abermals das Wort, halten Sie unsere
Erzhlung fr ein Mhrchen?
    Bittet, da ich dies thue, erwiederte ernst und dster der Graf und sein
Gesicht glich auffallend dem seines Vaters, sonst drftet Ihr entweder in die
Irrenanstalt oder in das Zuchthaus wandern!
    Herr Graf! rief Heinrich und sttzte sich trotzig auf seinen Stab.
    Es ist, wie ich sage, fuhr Adrian fort. Ihr seid Betrger oder
Verbrecher. Vor Beiden schtzen mich die Gesetze des Staates. Aber ich will
annehmen, da Ihr mich mit lustigen Geschichten habt unterhalten wollen.
    Bedenken Sie, was Sie thun!
    Bedenket Ihr, was Ihr wagt!
    Wir klagen, Herr Graf, sagte Sloboda.
    Wie es Euch beliebt.
    Wir ziehen die Schandthaten Ihrer Ahnherrn an's Licht, drohte Heinrich.
    Dabei kann die Particulargeschichte nur gewinnen, wenn ich es nicht
vorziehe, Euch zuvor als freche Betrger einsperren zu lassen!
    Dann zittern Sie vor den Geistern, die diesen Felsen umschweben! rief der
Maulwurffnger. Zittern Sie, wenn ich sie anrufe und Todte erwecke, damit sie
Zeugni ablegen; zittern Sie, rufe ich Ihnen zu, oder reichen Sie uns die Hand
zum friedlichen Vergleiche!
    Adrian ffnete die Thr und rief einige Diener herbei.
    Begleitet diese Herren bis auf die Fhre, befahl er trocken, sorgt, da
sie unter Bedeckung durch den Wald gebracht werden und benachrichtigt mich
davon, sobald es geschehen ist.
    Diese Befehle des reichen Mannes wurden pnktlich vollzogen. Die beiden
Greise muten mit stillem Ingrimme die Insel verlassen. Adrian aber setzte sich
unmittelbar nach der Entfernung so unwillkommener Gste hin und theilte das
Vorgefallene seinen beiden Brdern mit.
    Man mu sich vorsehen, sagte er, als er die Briefe siegelte. Leute, die
solche Drohungen wagen, haben in der Regel heimliche Hinterhalte, die sie erst
spter benutzen. Schtzen wir uns, ehe der Kampf beginnt.

                            Ende des zweiten Theils.


                                  Dritter Teil

                                  Fnftes Buch

                                Erstes Kapitel.

                                     Aurel.

Die Versammlung der Kaufleute an der Hamburger Brse war ungemein zahlreich.
Kopf an Kopf gedrngt bildeten die verschiedenen Bestandtheile der Brsenmnner
eine feste auf- und niederwogende Masse. Als sich die Welthandelsherren endlich
trennten, ergo sich ein breiter, lebhaft sprechender Menschenstrom in die
nchsten Straen. Besonders laut waren die Schiffskapitne, die auerhalb der
Schranken der eigentlichen Brse, auf dem Platze vor dem Rathhause, zu vielen
Hunderten sich drngten. Sie waren leicht von Kaufleuten und Mklern zu
unterscheiden durch ihre fast ganz gleiche Tracht die aus kurzen, um die Hften
eng anschlieenden Jacken von feinem blauen Tuch und Beinkleidern von demselben
Stoffe bestand. Aus der linken Seitentasche der Jacke hing bei den meisten der
Zipfel eines feinen buntseidenen Foulards.
    Beide Hnde in den Taschen seiner Jacke schlenderte getrennt von der
auseinanderstubenden Menge ein schlanker junger Mann ber den Nee, durch die
kleine Johannisgasse nach der Strae, die damals noch den Namen hinter dem
breiten Giebel fhrte. Das lebhafte, scharfe Auge, der wiegende Gang, der
muntere, ja leichtfertige Ausdruck seines Gesichtes verriethen den
genuschtigen Weltmann, der es versteht, die Sorgen des Lebens mit keckem Ruck
von sich zu schtteln. An den Huserreihen angekommen, die nach dem alten
Jungfernstiege fhrten, ward er durch einige junge Mdchen aufgehalten, die ihm
mit zierlich gebundenen Struchen den Weg vertraten und mit lieblichen klaren
Stimmen um Kauf derselben baten. Die niedrigen breitrandigen Strohhte mit den
abwrts gebogenen Krempen lieen in den hbschen schlanken Kindern die
Vierlnderinnen nicht verkennen. -
    Der junge Kapitn, keineswegs gleichgiltig gegen Jugend, Schnheit und
flehende Mdchenstimmen, blieb stehen und berlief mit blitzendem Auge die vier
Mdchen, die alle mit lchelnden Gesichtern ihre auf lange Holzstiele gebundenen
Struer ihm vorhielten. Auf der schnsten der Vierlnderinnen lie er
wohlgefllig seine Blicke ruhen. Die Schne lachte ihn mit ihren groen
dunkelblauen Augen noch freundlicher an als zuvor und wiederholte ihre Bitte,
den schnsten ihrer Strue nach allen Seiten wendend, um seine Vorzge ins
beste Licht zu stellen.
    Wie heit Du, mein Kind? fragte der Kapitn.
    Drte, erwiederte das Mdchen, ein paar Reihen der prchtigsten Zhne
unter den kurzen vollen Lippen zeigend, auf denen die Sonnenfunken eines
immerwhrenden Lchelns flimmerten.
    Was verdienst Du mit dem Blumenhandel? fragte der Kapitn weiter, whrend
er auch den andern drei Mdchen, die sich wieder zurckgezogen hatten und
traulich neben einander an der Huserreihe standen, um neue Kufer abzuwarten
und vorbergehende junge Herren anzurufen, seine prfende Aufmerksamkeit zu
Theil werden lie.
    Gndiger Herr, versetzte die schne Vierlnderin, ich brauche nicht viel
und da bin ich immer zufrieden mit dem, was ich einnehme. Die jungen Herren sind
immer gtig gegen mich.
    Das heit, mein Kind? fragte der Kapitn und fate das Mdchen sanft am
Kinn, ihr recht warm und tief in die dunkelblauflammenden Augen sehend. Drte
schlug ihn leicht auf die Hand und trat einen Schritt zurck.
    Ei, sie sind artiger, wie Sie! Sie fragen nicht, sondern nehmen ein
Struchen und geben mir dafr, was ihnen in die Hnde kommt. Wem ich gefalle,
der beschenkt mich reichlich.
    Die beredte Blumenverkuferin gefiel dem Kapitn. Er hatte es gern, wenn
junge Mdchen recht ungenirt scherzten, und zog solche den schchternen prden
Gnschen jederzeit vor, wie sie leider nur zu hufig auf den Divans der
Gesellschaftssle angetroffen werden.
    
    Bist Du tglich hier, Drte? fragte er weiter, das dargebotene Struchen
aus ihrer Hand nehmend und einen Vierschilling dafr hineinschiebend. Drte
machte einen Knicks und sagte schelmisch:
    Alle Tage, wenn der gndige Herr befehlen.
    Und wo wohnst Du?
    Wo es mir gefllt.
    Fr gewhnlich, kleiner Schelm?
    Nun hier! erwiederte Drte, als wundere sie sich ber so curiose Fragen.
Sie sehen ja, da die Sonne ganz prchtig auf diese Bank hier scheint und da
die Ladendcher ein Schutz gegen Wind und Regen sind.
    Und des Nachts, lustige Finke?
    Da bin ich mit meinen Gefhrtinnen zusammen.
    Ich verspreche Dir tglich eine Mark, wenn Du mir, so oft Du kannst, einen
recht ausgesuchten Blumenstrau in mein Logis bringen willst, sagte der
Kapitn.
    Das wrde mir schaden, gndiger Herr, entgegnete Drte. Ich darf meinen
Platz nicht verlassen, sonst verliere ich meine Kunden. Wollen aber der gndige
Herr alltglich hier vorber spatzieren, so soll es Ihnen nie an einem
annehmbaren Struchen gebrechen.
    Ein abermaliger Knicks begleitete diese mit scherzhafter Grazie gesprochenen
Worte, worauf Drte auf einige andere Vorbergehende zutrat und mit gleicher
Bitte und Zumuthung ihre Struchen ihnen entgegenhielt.
    Nun also auf Wiedersehen, schn Drtchen! sagte der Kapitn, indem er der
Vierlnderin verstohlen eine Kuhand zuwarf. Den sen Duft des Straues in
langen Zgen einschlrfend, ging er dann weiter nach dem Jungfernstiege. Das
Mdchen mu ich genauer kennen lernen, sprach er zu sich selbst. Ich mu
erfahren, wo sie wohnt, wer ihre Aeltern sind, ob sie Geschwister hat und was
sie in Zukunft zu machen gedenkt? Es sind doch reizende Geschpfe diese
Vierlnderinnen - schlank, voll, zart und feurig, aber zurckhaltend wie der
Teufel. Fr ein einziges solches Naturkind lass' ich Hundert unserer
kokettirenden Gesellschaftsdamen sitzen. Und kurz und gut, die Drte mu zu mir
kommen oder -
    Sie entschuldigen, Herr am Stein, unterbrach eine rauhe Stimme den Gang
seiner Gedanken, ich habe Ihnen einen Brief zu berreichen. Da Sie mir grade
begegnen, erlaube ich mir, Sie einen Augenblick aufzuhalten. Sie bemerken, das
Schreiben ist empfohlen!
    Es war der Brieftrger, der den in seinen schnsten Gedanken schwelgenden
Kapitn auf so prosaische Weise strte. Schon gut, sagte dieser, den Brief
annehmend. Zahlung erfolgt, wenn Sie wiederkommen.
    Der Brieftrger ging rgerlich grend vorber, der Kapitn aber steckte den
Brief gelassen in die Brusttasche seiner Jacke und trat, immer den duftenden
Strau an Lippe und Nase drckend, in den Alsterpavillon. Hier wimmelte es von
Gsten, die an kleinen Tischen sitzend Zeitungen lasen, Kaffee, Thee oder Wein
tranken, und Cigarren rauchten. Eine Menge junger Leute standen in der Mitte des
Pavillons um das Billard und spielten mit groer Beharrlichkeit Poule.
    Der Kapitn setzte sich in eine Ecke des gerumigen Locals, bestellte ein
Glas Portwein, lie sich vom Kellner Feuer bringen und brannte sich eine
kstlich duftende Havannaheigarre an. Erst als er Wein und Cigarre geprft hatte
und Beide vortrefflich fand, holte er den Brief aus der Tasche und erbrach ihn.
    Unsere Leser lernen in diesem Kapitn einen jngeren Bruder des Grafen
Adrian von Boberstein kennen, und es wird jetzt nthig sein, ber diesen in
unserer Geschichte neu auftretenden Charakter, der spter eine wichtige Rolle
darin bernimmt, einige Nachrichten einflieen zu lassen.
    Von den drei Shnen, welche Graf Magnus bei seinem Tode hinterlie, war
Aurel in krperlicher Bildung seinem Vater am hnlichsten. In allen krperlichen
Uebungen zeichnete er sich sehr frhzeitig aus und brachte es darin zu
bedeutender Vollkommenheit. Dagegen hatte er von seiner leidenden, durch Magnus
hufig lieblos behandelten Mutter ein gutes Herz geerbt, das beim Anblick
fremden Kummers leicht berschwoll und gern jedem Nothleidenden beisprang. Ein
wunderliches Gemisch von den stillen, edlen Eigenschaften der Mutter und den
ungestmen Gelsten des Vaters, hatte die Natur in Aurel einen hchst
glcklichen Menschen gebildet, der mit genialem Leichtsinn die ganze Welt an
sein Herz drckte. Durch seine Verheirathung war Magnus mit mehreren sehr
wohlhabenden englischen Adelsfamilien in verwandtschaftliche Verhltnisse
gekommen. Einer von diesen alten derben Northumberlndern hatte bei Aurels Taufe
Pathenstelle vertreten, und als der junge Graf von Boberstein sich dem
Jnglingsalter nherte, lie er ihn nach England kommen, um seinen Pathen auch
persnlich kennen zu lernen. Aurel gewann sich sogleich das ganze Vertrauen, die
vollste Liebe des alten Mannes. Er blieb gern bei dem Earl, der in frherer Zeit
zur See gedient und sich viel in der Welt umgesehen hatte. Aufgereizt durch die
abenteuerlichen Erzhlungen des lebhaften Englnders erwachte eine
unaussprechliche Lust zu gleichen Abenteuern in der Seele Aurels. Er machte kein
Hehl aus seinen Neigungen und Wnschen und hocherfreut versprach der Englnder,
diese Wnsche des Pathen begnstigen zu helfen. Er that die erforderlichen
Schritte und binnen zwei Monaten war Aurel als Seekadet in englische Dienste
getreten.
    Der junge Deutsche zeichnete sich bald aus, machte verschiedene groe
Seereisen nach Sdamerika, Ostindien und China und als er nach mehreren Jahren
zurckkehrte nach Europa, bekleidete er bereits die Stelle eines ersten
Schiffslieutenants. Ohne Zweifel htte Aurel, an die groartigen und
gefahrvollen Reize eines fortwhrenden Lebens zur See gewhnt, seinem
Geburtslande fr immer den Rcken gekehrt, wren ihm nicht Briefe seiner Brder
eingehndigt worden, die in hchstem Grade seine Theilnahme erweckten. Die
Brder zeigten ihm nmlich an da sie entschlossen seien, die Trmmer des
vterlichen Vermgens in nutzbarer Weise anzulegen, und da sie hofften, Aurel
wrde ihre Plne nicht nur nicht kreuzen, sondern dieselben durch persnliche
Betheiligung wesentlich mit frdern helfen. Nach dieser Einleitung entwickelten
sie dem Seemanne, wie sie auf den Trmmern ihrer Stammburg eine
Baumwollenspinnerei anlegen und in Hamburg ein Handlungshaus grnden wollten,
das unmittelbar mit Amerika in Verbindung treten und von den dortigen anerkannt
besten Pflanzungen die rohe Baumwolle beziehen, an die Spinnerei weiter
befrdern und die verarbeitete wieder an Manufactoreien absetzen solle. Um
mglichst grten Gewinn von ihren Speculationen zu ziehen, die ohne Aufnahme
bedeutender Capitalien nicht auszufhren waren, schlugen die kaufmnnisch klugen
Brder vor, Aurel solle eine Brigg ausrsten und diese mit Linnenwaaren
befrachtet, nach irgend einem Hafen Nordamerika's steuern. Nach glcklichem
Absatz der deutschen Linnen in der transatlantischen Welt solle er wo mglich
mit Pflanzern in Louisiana dauernde Verbindungen anknpfen, sein Schiff mit
Baumwolle belasten, und alsdann mit diesem rohen Naturproducte nach Hamburg
zurckkehren. Im Falle bei dieser ersten Expedition etwas gewonnen werde, knne
man in sptern Jahren die Schiffsladungen verdoppeln und verdreifachen, doch
immer vorausgesetzt, da Aurel entschieden und fr immer die Leitung des ersten
Schiffes bernehme. Der Gewinn dieses groartigen kaufmnnischen Geschftes
falle zu gleichen Theilen den Gebrdern Boberstein zu. Sollte derselbe zu
anderweiten Zwecken, etwa zur Wiedererlangung verkaufter Lndereien, verwendet
werden, so sei die unbedingte Einwilligung aller Brder dazu erforderlich. Ohne
eine solche bleibe der baare Gewinn als Betriebscapital im Handelsgeschft
angelegt.
    Aurel schwankte keinen Augenblick. Den weitaussehenden Plan seiner Brder
vollkommen billigend, ging er darauf ein. Auch der alte lustige Pathe konnte
nicht umhin, den Gedanken seiner deutschen Verwandten hchst pfiffig und
zeitgem zu finden. Er segnete seinen Pathen, bergab ihm zur Ausrstung des
ersten Schiffes eine ansehnliche Summe, Aurel reiste ab und binnen Jahresfrist
war das Handelshaus in Hamburg bereits accreditirt und Aurel mit einem tchtigen
Dreimaster, die gute Hoffnung genannt, nach Philadelphia, New-Orleans und
andern groen Stapelpltzen Nordamerika's unter Segel gegangen. Gleich seinen
Brdern in Deutschland nannte sich der khne Seekapitn in seiner Eigenschaft
als Handelsschiffsfhrer Aurel am Stein.
    Aus frheren Mittheilungen wissen wir, da Adrians Speculationen mit groem
Erfolge gekrnt worden waren. Diese Erfolge erstreckten sich auf alle Zweige des
Unternehmens. Nicht allein die Spinnerei auf den Ruinen der alten Burg gedieh
und blhte nach Wunsch, auch das Haus in Hamburg Stein und Compagnie lie sich
in groartige Geschfte ein, die ber Erwartung rentirten, und die ursprngliche
Spedition der rohen und verarbeiteten Producte der Firma selbst bald nur als
Nebensache besorgte. Schon nach drei Jahren kaufte die Firma ein Haus nebst
gerumigen Speichern am Rdingsmarkt. Ein hchst zuverlssiger, erfahrener und
geschickter Kaufmann von tchtiger Gesinnung stand an der Spitze dieses neuen
Etablissements, das von Zeit zu Zeit einer der drei Brder besuchte, um sich
persnlich ber die Chancen des Geschfts und etwa neu einzuschlagende Wege mit
dem verstndigen Geschftsfhrer zu besprechen.
    Man konnte annehmen, da Aurel regelmig zweimal des Jahres in Hamburg
eintraf und jedes Mal eine Schiffsladung der feinsten Baumwolle in die Speicher
lieferte. Diese ward jetzt bereits auf der eigenen Pflanzung der Brder am Red
River in Arkansas gebaut, wodurch der Gevinn des Geschftes sich unglaublich
steigerte.
    So oft nun der muntere, lebenslustige Kapitn die deutsche Welthandelsstadt
an der Elbe betrat, wohnte er in seinem eigenen Hause, doch kmmerte er sich
wenig um den Fortgang des eigentlichen Fabrikgeschftes, da er davon nichts
verstand und es ihm auch zu kleinlich erschien, Buch und Rechnung ber Ma und
Gewicht zu fhren. Aurel war kein Handelsmann, in seinen Adern brauste noch
unverflschtes altritterliches Blut, immer bereit, auf Abenteuer auszugehen,
Gefahren aufzusuchen und mit ihnen zu ringen wie ein Held. So sehr er sich ber
den Gewinn freute, den seine speculirenden Brder aus dem Betrieb der
verschiedenen Geschfte zogen, so wenig gab er sich selbst mit dem eigentlich
kaufmnnischen Theile desselben ab. Aurel fhlte sich nur als Seemann. Als
solcher wre es ihm ganz recht gewesen, wenn er zuweilen mit irgend einem Caper
auf offener See htte anbinden und eine kleine Schlacht liefern knnen, wo
persnliche Kraft, Muth, Gewandtheit und geschickte Manver den Ausschlag geben
muten. Auch betrachtete er sich im Stillen und zu seinem eigenen Behagen als
Fhrer eines Kriegsschiffes, obwohl ihm die beiden kleinen Karonaden, die er
fhrte, um im Fall der Noth Signale damit geben zu knnen, tglich die Khnheit
einer solchen Idee gar sehr herabstimmten. Inde etwas hatte er doch vor vielen
Kapitnen voraus. Er war Eigenthmer des Schiffes, das seinem Commando
gehorchte, Eigenthmer der Ladung und unumschrnkter Gebieter ber seine Leute.
Dies entschdigte ihn einigermaen und er unterlie denn auch nicht, cht
militrische Disciplin, wie er sie im englischen Seedienst erlernt hatte, auf
der guten Hoffnung einzufhren. Den vornehmen Commis voyageur machte der
jngste Graf von Boberstein, Adalbert, ein schlauer Kopf und groer
Rechnenmeister. Adalbert war deshalb auch fast ununterbrochen auf Reisen, bald
in Deutschland, bald in Frankreich und England, wo er sich bei einer groen
Kattundruckerei betheiligt hatte. Sein fester Wohnsitz war jedoch am Fue des
Riesengebirge, in dessen romantischen Thalgrnden er ein freundliches Landgut
besa.
    Aurel war durch sein bewegtes Leben mit auerordentlichen Vorfllen und
Begebenheiten so vertraut geworden, da ihn nichts, auch nicht das
Entsetzlichste, aus der Fassung bringen konnte. Er las daher auch den
empfangenen Brief, der von Adrian herrhrte und der manchen Andern
wahrscheinlich in groe Besorgni gestrzt haben wrde, mit unerschtterlichem
Gleichmuthe. Das Schreiben war lang, denn es enthielt einen gedrngten Auszug
des Allerwichtigsten aus den Mittheilungen Sloboda's und des Maulwurffngers,
die Adrian als freche Betrger und speculirende Schurken hinzustellen nicht
unterlie. Greres Gewicht hatte der umsichtige Fabrikherr auf die Hindeutung
gelegt, da von ihrem verstorbenen Vater irgendwo in der Welt natrliche Kinder
noch am Leben sein sollten, oder doch sein knnten, so wie auf die vorgebliche
Schenkung, welche Magnus der schnen Wendin gemacht haben sollte, um die
gereizten Gemther zu beruhigen. Zwar fgte er mehrmals hinzu, da er die ganze
Geschichte fr bloe Erdichtung halte, um Geld zu erpressen, doch fordere
Pflicht und brderliche Liebe, den fernen Bruder von dem Vorfalle in Kenntni zu
setzen. Auch liege er ihn dringend an, wenn er irgend etwas ber Verhltnisse
ihres Vaters und daraus entstandene Folgen in Erfahrung gebracht habe oder je
bringen sollte, dies ihm schleunigst wissen zu lassen, damit er seine Maregeln
ergreifen und die unbequemen Drnger so schnell wie mglich beseitigen knne.
    Aurel faltete den Brief wieder zusammen, lie zwei breite Strahlen
dunkelblauen Rauches durch seine Nasenlcher strmen und schlrfte die zweite
Hlfte des Glases Portwein. Dann streckte er beide Beine aus, legte die Fe
ber einander, rckte seinen runden Hut so nach vorn in die Stirn, da er sich
mit dem Hinterkopfe bequem an die Wand lehnen konnte, und nahm ein Blatt der
Times, in dem er mit groer Aufmerksamkeit ber eine Viertelstunde las. Dann
warf er es weg, bestellte ein zweites Glas Portwein, setzte sich wieder wie
andere gebildete Menschen und zog nochmals den Brief aus der Tasche.
    Bei Gott, ich glaube, die beiden alten Mnner haben Recht! sprach er nach
einiger Zeit zu sich selbst, indem er zum zweiten Male den Brief in seine Tasche
schob. Papa war ein loser Finke, wie ich schon als Junge gehrt zu haben mich
erinnere, und so kann es mit dem Herumlaufen einiger natrlicher Kinder schon
seine Richtigkeit haben. Pah, was thut das! Einen tchtigen, geistreichen Kerl
genirt das nicht. Verbotene Gedanken haben den meisten Reiz, zeugen von
berwiegendem Geiste, warum sollte der Mann anstehen, wenn ihn die Lust dazu
treibt, geschwind 'mal einen physischen Witz zu machen? Ich merke, da ich der
chteste Sohn meines galanten Herrn Vaters bin. Alle Nationen knnen zur Noth
auf Fhrung des grflich Bobersteinischen Wappens Anspruch machen. Wer sich
darum kmmern wollte! Aber freilich die Schenkungsurkunde -? sie wre ein dummer
Spa! Sollte sie cht sein, so knnte sie geniren. Aber ich glaube nicht daran,
mein Vater war zu klug, um, wr's auch nur zum Scheine, so unvorsichtig zu
handeln.
    Einige Minuten lehnte sich der Kapitn in der eben angedeuteten Weise wieder
zurck, blies starke Rauchwolken aus den Nasenlchern und fuhr dann fort:
    Wissen mcht' ich schon, ob ein chter Boberstein, wie ich, sich vor einem
natrlichen schmen mte. Wo mgen diese lteren Geschwister von mir leben,
wenn sie wirklich vorhanden sind, wirklich existirt haben? Ich bitte Dich, gutes
Glck, fhre mich mit einem derselben zusammen! Es soll auch, gefllt mir der
illegitime Bruder oder die naseweis in die Welt gesprungene Schwester, gewi und
wahrhaftig nicht ihr Schade sein! Bei Gott, das soll es nicht!
    Aurel trank sein Glas aus, warf den Betrag in neuen Schillingen auf den
Tisch und verlie den Alsterpavillon, um schief ber den Jungfernstieg nach der
alten Stadt London zu gehen und dort sein Mittagsmahl einzunehmen. Die wenigen
Wochen, welche sich der Kapitn in Hamburg aufhielt, pflegte er jeden Tag in
einem andern Htel zu speisen. Nicht selten trat er auch in eine gewhnliche
Restauration oder stieg gar in einen der vielen Speisekeller hinab, wo blos
Hafenarbeiter, Packtrger, Matrosen und anderes geringes Volk fr gewhnlich
einzukehren pflegen. Diese Abwechselung gewhrte ihm groes Vergngen und machte
ihn mit allen Klassen der Hamburger Bevlkerung, ja man kann sagen mit Menschen
aus allen Enden der Welt, bekannt.
    Eben so hielt es Kapitn Aurel des Abends. Nie brachte er den Rest des Tages
in seiner Wohnung zu, selten nur in irgend einem Familienzirkel. Am liebsten
schweifte er ungebunden in der weitluftigen Stadt umher, dem Zufall und seinem
guten Glck berlassend, ob es ihm heitere und vergngliche oder trbe und
schauerliche Wege fhren werde. In solchen Hamburger Nchten - denn vor
Tagesanbruch kehrte Aurel selten von seinen Nachtspatziergngen zurck - hatte
er schon manche Greuelscene erlebt, schon manches ergreifende Genrebild, wie es
Noth, Laster und Verbrechen tglich hervorbringen, mit angesehen. Hufig mochte
er auch selbst nicht die reinsten und tugendhaftesten Pfade gewandelt sein. Sein
leichtes Blut trieb ihn bald da bald dorthin, hob ihn jetzt auf die lichten
Hhen des Lebens hinauf und schleuderte ihn dann wieder hinab in die finstern
Schlnde, wo Satan in der schauerlichen Glorie seiner Allmacht auf Erden thront
und die Kinder der Snde in wilder Lust um ihn jauchzen, ihn verehren. -
    Mit gesundem Appetit und unter zerstreuenden Gesprchen endigte Aurel sein
Diner. Es war sechs Uhr Abends, als er die Stadt London verlie, um nach seinem
Hause auf dem Rdingsmarkte zu gehen. Unterwegs sann er nach, wie er den Abend
wohl zubringen knne? Er war in Verlegenheit, denn bereits seit drei Wochen lag
er mig vor Anker und in dieser Zeit hatte er die meisten Gensse Hamburgs so
ziemlich ausgekostet. Da fiel sein Blick auf einen Anschlag an der Straenecke.
Der Zettel kndigte ffentlichen Tanz an in der Bacchushalle.
    Da bin ich noch nicht gewesen, murmelte der leichtfertige Kapitn und
schritt weiter. Als er um die Ecke beim Graskeller bog, sah er mit leichtem
tanzenden Gange einen schlanken Jungen in der Sonntagstracht eines gemeinen
Matrosen etwa dreiig Schritte vor sich behend durch die belebte Strae hpfen,
die Stufen an seinem Hause hinanlaufen und in der engen Thr verschwinden. Aurel
eilte ihm nach und berholte den Jngling, als er eben pfeifend die Treppe zu
den Zimmern des Kapitns hinaufschritt.

                                Zweites Kapitel.



                                 Ein Abenteuer.

Gilbert! rief Aurel dem jungen Matrosen nach. Wohin so eilig?
    Der Jngling kehrte sich um und zeigte dem Kapitn ein offenes, von Wetter,
Sonne und Seesturm gebruntes Gesicht. Hflich seinen bebnderten Hut lftend
und mitten auf der Treppe stehen bleibend, versetzte er:
    Ich wollte dem Herrn Kapitn Bericht abstatten.
    Hast Du etwas ausgegattert?
    Verschiedenes, Herr Kapitn, entgegnete mit verschmitztem Ausdruck seiner
lebhaften Augen der junge Matrose. Es kommt nur auf Sie an, ob Sie sich
herablassen wollen -
    Marsch hinauf! commandirte Aurel, die Antwort Gilberts unterbrechend. Ist
die freie Treppe ein Ort, um die Geheimnisse eines Seekapitns darauf
auszuplaudern?
    Gilbert sprang nun leichtfig die wenigen Stufen vollends hinan und folgte
seinem Vorgesetzten in ein gut meublirtes, mit allem Comfort europischen Lebens
reich ausgestattetes Zimmer. Hier streckte sich Aurel nachlssig in einen
weichen Lehnsessel und Gilbert setzte sich auf ein niedriges Bnkchen am Ofen,
dessen wei glnzende Kacheln eine angenehme Wrme im Zimmer verbreiteten.
    Nun rede! befahl der Kapitn, warf seinen Hut auf das ihm gegenber
stehende Sopha und fuhr mit der linken Hand mehrmals durch sein braungelocktes
Haar.
    Zu allererst, sagte Gilbert, kann ich Ihnen einen Trdler empfehlen. Der
Kerl hockt den ganzen langen Tag auf den Stufen seiner Kellertreppe und
schachert mit allem nur erdenklichen alten Unrath. Sein Aussehen ist nichts
weniger als anziehend, allein man wird entschdigt, sobald man die Treppe
hinunterkriecht. Denn in der engen dunstigen Kellerwohnung haust eine Fee von
unbeschreiblicher Schnheit. Ich habe sie heut bei Sonnenlicht gesehen, wie sie
ber die Strae schwebte, um in irdenem Kruge Wasser zu holen. Verstohlen warf
sie auch einen Blick auf mich, der wie unter Asche fortglhendes Feuer glnzte.
Ich belohnte sie dafr durch hflichen Gru und eine Kuhand, worauf sie mit
kstlichem Purpur auf ihren schnen Wangen wieder in dem eklen Kellerloche
untertauchte.
    Hast Du mit dem Mdchen gesprochen?
    Nein, Herr Kapitn.
    Desto besser, so ist sie noch nicht eingeschchtert! Wo machtest Du die
anmuthige Entdeckung?
    In einem der abscheulichen engen, krummen, von Armuth und Elend bevlkerten
Gngen der Neustadt.
    Du weit ihn genau und kannst ihn zu jeder Zeit wiederfinden?
    In jeder Minute, wenn Sie befehlen.
    Das war eins, nun weiter!
    Ohne Ihrem Geschmacke vorzugreifen, Herr Kapitn, wrde ich meine zweite
Entdeckung der ersten noch vorziehen. Sie kennen die niedlichen Blumenmdchen an
der Alster -
    Dummer Junge, ich will nicht hoffen - Aurel stockte.
    Was wollen Sie nicht hoffen, Herr Kapitn? Da ich so khn gewesen bin, mir
ein Struchen zu kaufen, die Mdchen am Kinn zu fassen und ihnen zu sagen, da
ich ein gutherziger, verliebter Kerl sei, der sich bereits zu Land und See etwas
versucht habe? Doch, doch, Herr Kapitn, so dumm bin ich gewesen! Und knnen
Sie's glauben, das eine Mdchen schrie nicht laut auf, als ich es kte!
    Du bist unverbesserlich, Gilbert, ich frchte, ich frchte!
    So lange Sie mir zum Vorbilde dienen, haben Sie nichts zu frchten, sagte
der junge Matrose schelmisch.
    Aurel mute lachen. Erzhle nur immerhin weiter, sprach er herablassend.
Leider bin ich selbst Schuld daran, wenn ein liebenswrdiger Taugenichts aus
Dir wird!
    Das Brauchbarste auf dieser lustigen Welt ist die Liebenswrdigkeit, Herr
Kapitn, versetzte Gilbert. Dieser geistreiche Gedanke kam mir, als ich die
Blumenmdchen gewahrte, und als ich den Versuch machte, meinen flchtigen
Gedanken zur That werden zu lassen, fand ich mich in keiner Hinsicht getuscht.
Die Mdchen wurden ebenfalls uerst liebenswrdig.
    Alle auf einmal?
    Der Reihe nach, wenn Sie erlauben, Herr Kapitn! Es waren vier ganz frisch
aus den Elbniederungen gekommene Huldinnen, wei, schlank und munter, wie
Tummler. Ich schenkte auf Ihre Rechnung jeder zwei Schillinge und erhielt von
der Schnsten die Zusage, da sie mich nchstens in meiner Wohnung besuchen
wolle.
    Teufelskerl, Du lgst!
    Wenn die schlanke Elbnymphe nicht erscheint, macht sie mich zum Lgner,
allein versprochen hat sie es mir. Das hbsche Kind nannte sich Drte.
    Aus den Vierlanden!
    Zu Befehl, Herr Kapitn.
    Du bist ein Schelm! - Also darum - darum! - O ber diese Tugendheldinnen!
Wann sprachst Du die Mdchen?
    Vor kaum einer Stunde.
    Aurel sah den Jngling gro an, dann fiel er in ein heiteres Lachen, stand
auf und trat vor den Spiegel. Ich mu doch sehen, ob ich schon anfange zu
altern? sagte er scherzhaft. Wenn die Schnen einen glatten Milchbart mir
vorziehen, dann ist's wirklich Zeit, da ich anfange solid zu werden und an's
Heirathen denke.
    Haben Sie bereits ber den heutigen Abend verfgt, Herr Kapitn? fragte
Gilbert. Oder wnschen Sie allein zu bleiben und ber die Verbesserung der
neuen Ankerwinde nachzudenken?
    Ich wnsche, da Du mich begleitest, mein Junge, fiel Aurel dem
aufgeweckten Matrosen in's Wort. Entschlossen, diese Nacht recht ausschweifend
lustig zu verleben und Dich einen neuen Blick in diese verdorbene Welt thun zu
lassen, wollen wir heut einen Ort besuchen, den Du noch nicht kennst. Du wirst
Freude und Genu davon haben. Zuvor aber will ich doch sehen, ob Deine Kellerfee
mich eben so zu bezaubern vermag, wie Dich.
    Aurel band sich jetzt nach Art der Matrosen eine Schrpe um den Leib,
vertauschte seinen feinen Kastorhut mit einem schlechten von Glanzpappe, steckte
einen kleinen Dolch in die innere Tasche seiner Jacke und war so vollkommen
gerstet auf alle mglichen Abenteuer der Nacht. Der trbe Herbstabend trieb
bereits von der Elbe einen dichten Nebel ber die Stadt, welcher seine feuchten
grauen Schleier in die zahllosen Straen und Gassen derselben herabflattern
lie. Dies war die Zeit, wo der abenteuerlustige, zerstreuungsschtige Aurel
seine nchtlichen Wanderungen und Besuche antrat. Da Gilbert bereits auf dem
Sprunge stand, zgerte der Kapitn nicht lnger; doch schritt er behutsamer und
leiser die Treppe hinab, als er sie vor kaum einer Stunde hinaufgegangen war.
Denn er besorgte, der beraus pnktliche und in gewissem Sinne cht philistrse
Geschftsfhrer, der immer eine bis zwei Stunden lnger als Andere auf dem
Comptoir zu arbeiten pflegte, mchte ihm begegnen und aus seiner etwas
vernderten Kleidung nicht die gnstigsten Schlsse auf sein Vorhaben ziehen.
Inde erreichten die beiden Abenteurer unbemerkt die Strae, wo sie im Gewhl
der Menschenmenge und in dem Dunst des immer dichter herabsinkenden Nebels bald
jedem Spherauge verschwanden.
    Den jungen, geistig aufgeweckten, stets heitern Gilbert hatte Aurel aus
Neu-Orleans mitgebracht. Er war der Sohn eines Englnders mit einer Kreolin, die
beide schnell hinter einander am gelben Fieber gestorben waren und den Knaben
ziemlich mittellos hinterlassen hatten. Denn es ergab sich, da das Vermgen des
fr wohlhabend gehaltenen Gilbert blos in seinem Credit bestand. Seine Bcher
bewiesen auf unwiderlegliche Weise, da er zwar keine Schulden hinterlie, aber
auch keinen einzigen ihm zugehrenden Dollar. Da nun in Nordamerika der Besitz
von Geld noch weit mehr wie in Europa dazu gehrt, einem Menschen in den Augen
seiner Mitbrder Geltung zu verschaffen, und der junge hilflose Gilbert ohne
alles Vermgen wahrscheinlich einer sehr trben Zukunft entgegen gegangen wre,
so nahm sich Aurel des hbschen Knaben aus reiner Gutmthigkeit an. Er hatte
seine junge, eben so reizende als eigensinnige Mutter gekannt und den ihr
vollkommen hnlichen Knaben von Herzen lieb gewonnen, und so hielt er es fast
fr Freundespflicht, bei dem jetzt Verlassenen Vaterstelle zu vertreten.
    Gilbert schlo sich gern dem jungen, frhlichen Kapitn an, der sich
freilich zu allem andern besser, als zu einem Gouverneur und Erzieher eignete.
So kam der junge Gilbert auf Aurels Schiff. Hier mute er von unten herauf
dienen, um dereinst ein tchtiger Seemann zu werden. Obwohl Aurel den Knaben wie
sein eigenes Kind liebte, hatte er doch im Dienst durchaus keine Nachsicht mit
ihm. Verste gegen die Disciplin, die sich Gilbert im Anfange hufig zu
Schulden kommen lie, bald aus Nachlssigkeit bald aus Eigensinn und
Widerspnstigkeit, bestrafte Aurel mit derselben Hrte, wie bei dem gemeinsten
Matrosen. Mehrmals sah der verzogene Knabe der miggehenden Kreolin sein Blut
flieen, bis sein Eigensinn vor der Unerbittlichkeit des strengen Kapitns sich
beugte. In allen brigen Dingen war Aurel der nachsichtigste Pflegevater von der
Welt. Lachenden Mundes vergab er seinem Lieblinge jede Dummheit, jede
Ausgelassenheit, wenn sie nicht den Dienst betraf, ja er lobte sogar die
tollsten Streiche, sobald sie nur mit Geschick ausgefhrt wurden und von
Scharfsinn, Willenskraft und persnlichem Muth zeugten.
    Spter, als Gilbert zum Jnglinge herangewachsen war, lie ihm Aurel
vollends gnzlich die Zgel schieen. Er verhehlte nicht nur nicht seine eigenen
zahllosen Abenteuer dem kaum noch mannbaren Jnglinge, sondern er forderte ihn
sogar auf, ihm dabei Gesellschaft zu leisten. Hufig gebrauchte er den schmucken
Jungen auch als Lockvogel, wenn er selbst nicht Lust hatte, gewisse Wege, vor
denen er sich scheute, zu betreten. Spielte ihm dabei Gilbert gelegentlich einen
Possen und trieb er ein zrtliches Schfchen in sein eigenes Gehege, so konnte
der Kapitn wohl ber solche Undankbarkeit in komischen Zorn gerathen, aber dem
lebenslustigen Amerikaner ernstlich bse zu werden vermochte er nicht. Im Herzen
freute er sich vielmehr des guten Glckes seines Zglinges, da es bei ihm zur
Ueberzeugung geworden war, da es auer rstiger geistiger Thatkraft auf Erden
nichts Hheres gebe, als die Gunst schner Frauen und Mdchen.
    Bei solchen Grundstzen mute der krftige Kapitn ein Don Juan werden und
er ward es, ohne verbrecherische Handlungen zu begehen. Niemand konnte mit Grund
behaupten, da Aurel je in seinem Leben ein Mdchen verfhrt habe. Er warb um
die Gunst jedes Mdchens, wenn es ihm gefiel, und geno dieselbe in vollen
Zgen, ward sie ihm freiwillig, aus Neigung, mochte letztere auch eine blos
flchtige sein, geschenkt, ging aber auch lachend und eben so zufrieden von
dannen, wenn er zuweilen an eine vornehm Sprde, an eine kalte Schnheit
gerieth, die statt heier Ksse nur eisige Giftworte verschenkte. Die brutalen
Neigungen des lasterhaften Vaters traten bei dem Sohne in milderer Gestalt,
gleichsam gebildeter, auf. Wo Magnus sndigte, da pflegte Aurel blos anmuthig zu
scherzen. Er war kein sittlich reiner, aber trotz seiner Schwchen ein
tchtiger, guter und zu groen Opfern fhiger Mensch. Er konnte sich fr eine
Idee begeistern und dann auch sein Leben fr dieselbe einsetzen. Aurel wrde
unter den edelsten Rittern aus der besten Zeit des Mittelalters eine
hervorragende Rolle gespielt haben. Weil sein Jahrhundert zu speculativ, zu sehr
auf den bloen Vortheil bedacht und zu wenig geneigt war, einzelnen
Persnlichkeiten freien Spielraum zur Entfaltung ihrer Charakteranlagen zu
gestatten, warf er sich dem Abenteuer in die Arme, das ihn reizte und seinen
abnormen Launen und Einfllen hufig Befriedigung verschaffte. -
    Als Aurel und Gilbert sich in dem fortwogenden Menschenstrome verloren
hatten, fhrte der Letztere seinen Wohlthter und Gebieter durch die
Kammermannstwiete beim Kterhause vorber nach der Ellernthorbrcke, von welcher
sie rechtsab nach der Fuhlentwiete einbogen und sich von dieser in das Gewirr
jener durcheinanderlaufenden engen, finstern und unheimlichen Gchen verloren,
die in Hamburg Gnge genannt werden.
    Der fallende Nebel erhhte noch den trben Eindruck, welchen diese rmsten
Quartiere der groen Handelsstadt selbst am Tage auf den Besucher machen. Es
war, als strze man aus dem sonnigsten heitersten Tage in die tiefste Nacht,
wenn man von den breiten belebten, durch tausend Flammen erleuchteten Straen,
wo Reichthum, Luxus, Pracht und Vergngen herrschten, in diese von erstickenden
faulen Dnsten erfllten schmalen finstern Gnge trat. Zwar an Leben fehlte es
auch in diesen nicht, aber es war das Leben der Noth oder der Lasterhaftigkeit.
Aus zahlreichen Kellerffnungen qualmte dunstiger Lichtschein, der fahle
rthliche Streifen auf das schlpfrige unebene Pflaster warf. Die obere Luft
erfllte gnzlich dichter schwerer Wolkendunst. Auf und nieder in dieser
widerlichen Atmosphre wandelten einzeln und paarweise rmlich gekleidete
Mdchen, die ungeachtet der kltenden Luft auf Verhllung ihrer Reize wenig
bedacht waren. Sie stieen begegnende Mnner leicht an, sahen ihnen frech in's
Gesicht und nickten ihnen vertraulich zu. Manches von diesen wie Gespenster
durch den Nebel schwebenden Mdchen fate auch den ersten besten Mann am Arm und
zog ihn unter Zuruf ser Schmeichelworte oder roher Scherze gewaltsam mit sich
fort. Noch hufiger sah man bleiche Kinder der Snde in den Kellereingngen
lehnen, die jedem Vorbergehenden zuwinkten und nicht selten recht flehentlich
baten, sich doch ja ihrer zu erbarmen, damit sie nicht Hungers sterben drften!
    Wer sich des Nachts allein in diese schmutzigen Gnge wagte, die zum grten
Theil von armen Schacherjuden, von Trdlern aller Art, von herabgekommenen
Handwerkern, kurz von Leuten bewohnt werden, die zugleich mit Armuth, Elend und
Schuld zu kmpfen haben, der war nicht immer sicher, mit heiler Haut sie wieder
verlassen zu knnen. Das Verbrechen fand in diesen qualmigen Kellerhhlen nicht
nur Schutz und Obdach, es ward auch hufig darin geboren und gro gezogen.
    Aurel hatte mit seinem Begleiter kaum funfzig Schritte in diesem
Ganglabyrinth zurckgelegt, als er auch schon das Gebrll trunkener Stimmen
vernahm. Es scholl aus einem noch fernen Keller herauf und endigte nach einiger
Zeit mit rohem Gelchter und dem Sturz eines Menschen, den mehrere aus dem
Keller auf die Strae warfen. Der so brutal Behandelte rchte sich durch eine
Fluth grlicher Flche, die er mit heiserm Kehllaut in den Keller
hinunterschrie, whrend er sich wieder aufraffte und mhsam bald rechts bald
links taumelnd, den Gang fortwankte. Der lockenden Syrenenstimme eines jener
harrenden Kellermdchen konnte der Trunkene nicht widerstehen. Er lavirte auf
die bleiche Dirne zu und verschwand an ihrem Arm in dem finstern Schlunde, den
sie bewachte.
    Die Hand am Griffe seines Dolches schritt Aurel immer tiefer in den trben
Gang hinein. Er flsterte nur leis mit Gilbert, dessen scharfe Blicke herber
hinber flogen, um den Eingang des bei Tage entdeckten Kellers nicht zu
verfehlen.
    Bist Du auch Deiner Sache gewi? fragte der Kapitn, indem er stehen blieb
und dem Gesange einer weiblichen Stimme horchte, die wie vom Himmel herab durch
den Nebel zitterte.
    Wir sind bald zur Stelle, Herr Kapitn. Sehen Sie dort das flackernde
Lampenlicht in dem vorspringenden Thorwege? Drei Huser weiter ist der Eingang
zum Elysium.
    Mehrmals angerufen erreichten die beiden Mnner den Thorweg. Hier vernahmen
sie in grter Nhe den Hilferuf einer Frauenstimme, begleitet von einem
Schalle, ber dessen Entstehung kein Zweifel sein konnte.
    Bei Gott, Junge, flsterte Aurel seinem Begleiter zu, das ist nicht viel
besser wie in St. Giles! Ich glaube gar, irgend ein Wthrich vergreift sich an
einer sprden Dirne und will sie durch Schlge zwingen. - Hre nur diese Flche,
dies giftige Gekeif eines alten Weibes - und nun wieder das flehende Gewimmer!
Bei Gott, dem armen Dinge mssen wir beispringen!
    Herr Kapitn, fiel Gilbert ein, trgt mich nicht mein Ortssinn, der es,
wie Sie wissen, mit jedem Indianer aufnimmt, so ist der abscheuliche Lrm in dem
Keller -
    Deiner niedlichen Fee? Ha, das trifft sich ja prchtig! Geschwind, Gilbert,
la uns als Schiedsrichter, Mittler und Vershner auftreten, und alsdann sehen,
was sich zu unserm eignen Besten etwa noch thun lt.
    Inzwischen hatten Beide den Eingang zum Keller erreicht, aus dem jetzt von
neuem tobendes Geznk, Flche, entsetzliche Schimpfworte und das Klatschen
gewichtiger Peitschenhiebe erscholl. Der gellende Hilferuf eines Mdchens
bertnte noch lauter den wsten Lrm.
    Behend lief Aurel, von Gilbert gefolgt, die schmale Kellertreppe hinab,
stie mit dem Fue eine nur angelehnte zersprungene Thr auf und trat mit der
Wrde und der stolzen Miene eines geborenen Herrschers in eine Hhle, die sich
kein Ruber zu dauerndem Aufenthalt besser htte wnschen knnen.
    Der Keller war gewlbt und ungeachtet eines stark glhenden
Steinkohlenfeuers doch feucht und von belriechendem Qualm erfllt, der aus
einer Menge in einen Winkel dieser widerlichen Behausung angehufter Kraut- und
Kohlkpfe und andern zum Theil faulenden Gemses aufstieg. Zunchst dem eisernen
Ofen, auf dessen Platte etwas Fettes in irdener Schssel prgelte und die
Atmosphre noch mehr verpestete, waren an rohen in das Mauerwerk getriebenen
Pflcken eine groe Menge alter abgetragener, grtentheils zerrissener
Kleidungsstcke aufgehngt. Unter diesen am Boden auf etwas erhhter Diele lag
altes zerbrochenes Geschmeide von unedlem Metall, messingene Schnallen,
Kettchen, Ringe, die ehedem vielleicht als goldene gekauft worden sein mochten.
Auch lange Schnuren von schlechten Glasperlen glitzerten in dem trben
Lampenlicht, das in dem Kellerraume nicht eben berflssige Helle verbreitete.
    Bei Aurel's Eintritt in diese Wohnung des Elendes sah er niedergedrckt auf
die feuchte Diele ein junges Mdchen von wunderbarer Lieblichkeit knieen. Ein
wild blickender, offenbar berauschter Mann von athletischer Gestalt hatte sich
die schnen braunen Flechten des wimmernden Mdchens um seine linke Hand
geschlungen, und hielt sie mit Gewalt am Boden fest. Mit der Rechten schwang er
eine kurze Lederpeitsche, die er dem Trdel entnommen haben mochte, und lie
schallende Schlge auf die nackten Schultern der Unglcklichen fallen, von denen
ein hliches altes Weib die dnne Kleidung noch tiefer herabzustreifen eifrigst
bemht war, indem sie neben der Gemihandelten kniete und immerfort rief: So
ist's Recht, Papachen! Rumt dem Ungethm den blanken Rcken tchtig ab, bis es
klein zugibt! - Brav zugehauen - da wird die Creatur acht Tage fhlen. Und
hilft's noch nicht, so fangen wir wieder von Neuem an und verstrken die
Arzenei. - Heidi, das zischte, da gleich ein rothes Bndchen ber den fetten
weien Rcken lief!
    Whrend die verwahrloste Alte so kreischte, rann in starken Tropfen das
rothe Blut von dem schnen Rcken der armen Gemihandelten, an deren Qualen sich
das hliche Weib mit ihren frechen grauen leuchtenden Augen innig zu erlaben
schien. Auch htte der tobende Wthrich schwerlich seine Zchtigung so bald
eingestellt, wre ihm nicht Aurel mit der Riesenkraft eines heftig Erzrnten in
den Arm gefallen. Gilbert ergriff die Alte und schleuderte sie verchtlich in
den uersten Winkel des Kellers. Dann kniete er neben dem gemihandelten
schnen Mdchen nieder, in dem er seine Fee vom Brunnen sogleich wieder
erkannte, und umfate die Erschpfte, von den harten Streichen schmhlich
Getroffene mit beiden Armen.
    Elender! rief Aurel dem Berauschten zu, die Peitsche ihm entreiend und
gegen ihn schwingend, indem er ihn vorn an der Brust packte. Was hat Dir dies
Mdchen gethan, da Du es so unbarmherzig schlgst?
    Der Bewohner des Kellers - denn dieser war es - suchte sich von den eisernen
Fingern des Schiffskapitns frei zu machen, rollte wthend die blutunterlaufenen
Augen und ballte beide starkknochigen Fuste gegen Aurel.
    Lat los, stotterte er, oder - ich vergesse mich -!
    Unvernnftiges Thier, Du hast Dich schon vergessen! Sprich, was that Dir
dies arme schwache Mdchen?
    Elwire ist widerspnstig. Aber was habt Ihr darnach zu fragen? setzte er
zuversichtlicher hinzu. Ich kann meine Tochter prgeln, so lange es mir behagt;
ich kann sie lebendig schinden, wenn es mir gefllt, und Niemand hat ein Wort
drein zu reden! Habt Ihr mich verstanden, Ihr - Und der Trdler hob abermals
seine Fuste gegen den Kapitn, der ihn fest an der Jacke hielt.
    In glcklichem Staunen hatte Aurel mit feurigen Blicken die wahrhaft
reizende Gestalt Elwirens verschlungen, die noch immer ganz erschpft mit
blutendem Rcken am Boden sa und ihren schnen Kopf mit den aufgelsten langen
glnzenden Haarflechten an Gilbert's Brust lehnte.
    Wie? versetzte der Kapitn. Diese unvergleichliche Schnheit ist Eure
Tochter?
    Ho, ho, ist das so verwunderlich? fiel der Trdler ein. Oder denkt Ihr
wie das reiche Pack, das's Geld in Scheffeln mit, blos in den Betten vornehmen
Gesindels kmen schne Kinder zur Welt? Fehl geschossen, sag' ich; die Dirne ist
mein Kind und was hat der Teufel an ihr auszusetzen, he?
    Ihr solltet Euch schmen, ein solches Meisterstck der Schpfung so
unbarmherzig zu mihandeln, sagte Aurel, indem er Elwiren, die sich jetzt etwas
erholt hatte, die Hand reichte und ihr von der schmierigen Diele aufhalf.
    Es ist der Dirne Recht geschehen, antwortete trotzig der barbarische
Vater, sich auf einen wackligen Stuhl werfend und die Arme zusammenschlagend.
Sie sollte zeigen, da sie schn sei, und das wollte sie nicht, will sie noch
nicht. Darum hab' ich sie gehauen. Morgen des Tages, beharrt sie auf ihrer
sinnlosen Weigerung, werde ich ganz allein einen Rundtanz bei verschlossenen
Thren mit ihr auffhren. Ich will doch sehen, wer Herr in meinem Keller ist!
    O retten Sie mich, edelmthige Herren! schrie jetzt mit verstrtem Blick
die arme Gemihandelte. Retten Sie mich oder ich lege selbst Hand an mich! Er
will mich verkaufen - Er - mein Vater!
    Die letzten Worte stie die Unglckliche langsam, vor Entsetzen
zusammenschauernd, halblaut ber die bebenden Lippen.
    Aurel ma den Rabenvater mit dunklem Zornesauge. Da schlich die Alte wieder
aus dem Winkel hervor, wohin Gilbert's krftiger Arm sie geschleudert hatte, und
erklrte keifend und unter heftigen Gesticulationen:
    Und ich bestehe darauf, da unser Conract erfllt wird! Handel ist Handel -
da hilft kein Fluch noch Gebet davon - und das Mdchen gehrt mir, denn ich habe
Handgeld gegeben! Und geht sie nicht in Gutem mit mir, so la ich sie von meinen
Leuten holen. Hab' ich sie nur erst in meinem Hause, dann will ich schon mit ihr
fertig werden! Es ist nicht die erste thrichte Dirne, die sich strubt, und
nachher, ei wie freundlich hat dann das feingekleidete Pppchen gelacht! Wie hat
sie mir die Hand gedrckt, die sie anfangs zchtigte, und wie hat sie dem Leben
seelenvergngt zugejauchzt! Ja die Mdchen! - Man mu sie zur Erkenntni dessen,
was ihnen gut ist, zwingen, sonst lernten sie, glaub' ich, im Leben nicht, wozu
sie Gott so hbsch geschaffen hat!
    Das gemeine, freche Weib, deren schamlose Worte ihr scheuliches Gewerbe nur
zu deutlich verriethen, wrde noch geraume Zeit die Weisheit ihres Lasterlebens
ausgekramt haben, htte ihr Aurel nicht mit so befehlshaberischem Tone zu
schweigen geboten, da sie erschrocken nur unverstndliche Laute murmelte und
sich wieder in ihrem dunkeln Winkel niederkauerte.
    Wie heit Ihr? fragte jetzt der Kapitn den Trdler.
    Kltken-Hannes, sagte der rohe Kerl.
    Wit Ihr, Kltken-Hannes, da Ihr das Zuchthaus verwirkt habt, wenn ich dem
hohen Senat Anzeige von Eurer Handlungsweise mache?
    Der wste Trunkenbold brummte rgerlich in den Bart und erhob nunmehr die
wild geballte Faust gegen die Kupplerin, da er mit dem Fremden, der so herrisch
und kraftvoll auftrat, nicht anzubinden wagte.
    So wie ich diesen Keller verlasse, fuhr Aurel fort, ohne da Ihr genau
thut, was ich von Euch verlange, so seid Ihr und Eure verruchte Helfershelferinn
der Criminaljustiz berliefert. Denn ich kehre in Begleitung der Stadtwache
zurck! Vollzieht Ihr aber meine Befehle pnktlich, ohne das Geringste daran zu
mkeln, so will ich vergessen, was ich gesehen und gehrt habe, und ich gebe
Euch mein Ehrenwort, da von dem Vorgefallenen Niemand etwas erfahren soll. Wozu
entschliet Ihr Euch, Kltken-Hannes?
    Ein abermaliges Brummen und unverstndliches Gemurmel war die ganze Antwort
darauf.
    Hr't mich an, sagte Aurel, und behagt Euch nicht, was ich verlange, so
versucht einen Kampf mit dem Gesetz! - Ihr versprecht mir bei Allem, was Euch
heilig ist, und ist Euch nichts heilig, meinethalben beim Teufel und seiner
Gromutter, Eure Tochter Elwire mit keinem Finger unsanft anzurhren, noch ihr
Dinge zuzumuthen, vor denen ein Vater zurckschaudern sollte! Morgen frh werde
ich wiederkommen und dann fr ein ehrliches Fortkommen Eurer Tochter Sorge
tragen. Seid Ihr dies zufrieden?
    Kltken-Hannes stand auf und stellte sich breitbeinig vor den Kapitn hin.
Wenn Sie Mutter Lievers bezahlen wollen, bin ich's zufrieden, sagte er. Das
Geld, was sie mir fr Ablassung des Mdels gegeben hat, kann ich nicht entbehren
- ich hab's nicht mehr - und wenn Sie also nicht zahlen, so wird die Elwire eine
-
    Scheusal, ich erwrge Dich, wo Du es wagst, Deine gottverhaten Gedanken in
Worte zu kleiden! rief Aurel aus und konnte sich nicht versagen, den Rabenvater
neuerdings wieder an der Gurgel zu packen und tchtig zu schtteln. Elender,
schamloser Seelenverkufer! fuhr er fort, um Deine gemeinen Lste zu
befriedigen, Dich zum vernunftlosen Thiere zu erniedrigen, gibst Du Dein reines
Kind jedem Wstlinge Preis? Pfui ber Dich, vermaledeiter Sufer! Die Strafe des
Himmels wrde ich herabrufen auf Dein sndenbelastetes Haupt, wre ich nicht von
Gottes nie schlummernder Gerechtigkeit berzeugt, da Deine Vergehungen mit
unauslschlicher Schrift fr ewige Zeiten niedergeschrieben sind.
    Lirum larum! versetzte Kltken-Hannes, um den Herrgott und sein
Strafregiment kmmere ich mich nicht so viel, wie um ein Barthaar! Geld, Herr,
Geld, ein Sack voll blanker Drittelstcke oder junger Goldfchse, ist mein Gott!
Fr, mit und durch ihn kann ich haben was ich will, fr Ihren Gott aber, mein
guter Herr, gibt mir der Bcker kein Halbschillingbrod.
    Entsetzt vor dieser bodenlosen Frivolitt und gotteslsterlichen
Versunkenheit verstummte Aurel auf einige Secunden. Dies machte dem Trdler
Muth. Mit unsichern Schritten in dem dunstigen Kellerloche auf und nieder
gehend, fuhr er fort:
    Zahlen, mein sehr moralischer Herr, zahlen ist bei allen Geschften die
Hauptsache! Zahle ich, so lt mich das Gesetz in Ruhe und ich kann treiben, was
mir beliebt. Da fragen Sie Mutter Lievers hier, die vordem, als ich noch jung
und bei Kasse war, mit mir viele vergngte Stunden zugebracht hat. Wenn sie
pnktlich bezahlt, strt sie der hohe Senat nicht in ihrem Geschft! Er besucht
sie sogar, der hohe Senat, denn er sieht frische schlanke Mdels eben so gern
wie andere Menschen von Fleisch und Bein. Und ein solides Geschft treibt Mutter
Lievers, solider ist nicht der grte Banquier in ganz Hamburg! Darum ist sie
auch so erpicht auf solche geschmeidige weie Kellerblumen, die, wie meine
Elwire, noch kein heier Sonnenstrahl versengt hat, und die in der neuen
Lebensluft um so besser gedeihen, weil sie zuvor an schmale Kost gewhnt waren.
    Whrend der Trunkenbold so die ganze Gemeinheit seiner Gesinnung
verlautbaren lie, wollte sich die Kupplerin heimlich davonschleichen. Allein
Gilbert merkte ihre Absicht und hielt sie fest.
    Nicht von der Stelle, alte Hexe! raunte er ihr zu. Du bist berreif zum
Staupenschlage!
    Aurel zog eine Brse und warf sie dem Menschenhndler vor die Fe. Dies,
Schurke, auf Abschlag! Kaufe Dir Opium dafr, damit Du den Weheruf des Gewissens
fr immer tdtest!
    Der Trdler hob die Brse auf, wog sie in der Hand und sah nach, ob auch
Silbergeld darin sei. Dann nickte er zufrieden mit dem Kopfe und sagte:
    Ich bin's zufrieden! Bringen Sie morgen noch zweimal so viel, gehrt das
Mdel Ihnen und Sie knnen dann mit ihr anfangen, was Ihnen beliebt. Ich mische
mich nicht drein. Die Umarmungen eines so vornehmen Herrn wird mein zimperliches
Tchterlein wohl nicht so unausstehlich finden, wie die im Hause der Mutter
Lievers.
    Mit rohem Lachen schlo Kltken-Hannes seine Bemerkungen.
    Um dem demoralisirten Menschen nicht Gelegenheit zu neuen abscheulichen
Expectorationen zu geben, wrdigte ihn Aurel keiner Antwort. Er wendete sich
vielmehr jetzt an das gemihandelte schne Mdchen, das mit verhlltem Gesicht
zu Gilberts Fen am Boden sa und den bisherigen Verhandlungen in tiefstem
Schweigen zugehrt hatte. Im Innersten erschttert durch die schamlosen
Bemerkungen des Mannes, den sie Vater nennen mute, vermied sie aufzublicken.
    Liebe Elwire, redete jetzt Aurel die Unglckliche mit sanfter Stimme an
und legte seine Hand auf ihr gebeugtes Haupt, liebe Elwire, knnen Sie
Vertrauen zu mir fassen?
    Elwire lie die Hnde sinken und schlug die thrnenfeuchten Augen schchtern
zu dem Kapitn auf.
    Wenn Sie mir gestatten, da ich etwas fr Sie thun darf, Elwire, so werde
ich Sie einer achtbaren Familie empfehlen, in deren Schooe Sie Niemand
verfolgen wird. Oder wollen Sie Ihren Vater nicht verlassen?
    Bei diesen Worten stand das Mdchen hastig vom Boden auf und warf sich mit
leidenschaftlicher Heftigkeit an Aurels Brust.
    O Gott, noch immer hier! rief sie schaudernd. Lassen Sie uns fortgehen,
recht weit fort! Ich will gern Ihre Sclavin sein, nur retten Sie mich!
    Kltken-Hannes lachte. Da hren Sie's ja, sagte er. Noch hat das
Mordmdel Sie nicht ordentlich angeguckt und schon will sie Ihre Magd, Ihre
Sclavin, Ihre Maitresse sein! Ich sag's ja, das ganze Weibervolk ist
Teufelsgelichter!
    Fassen Sie Muth, Elwire! sprach Aurel der fieberhaft Zitternden zu. Gern
mchte ich Sie schon jetzt dieser Mrdergrube entreien, allein es ist mir nicht
mglich. Noch eine Nacht mssen Sie hier ausharren in Geduld und Ergebung.
Vertrauen Sie auf Gott und mein Wort, liebe Elwire! Niemand darf Ihnen ein Haar
krmmen, ohne der hrtesten Strafe gewi zu sein.
    Das schne Mdchen trat seufzend von Aurel zurck und legte sttzend ihren
Arm auf Gilbert's Schulter.
    Wir kommen wieder, flsterte ihr der Jngling zu. Ein gegebenes Wort hat
mein Kapitn noch nie gebrochen.
    Ich hoffe, da Sie mir spterhin werden Gerechtigkeit wiederfahren lassen,
Elwire, sagte Aurel zu dem traurigen Mdchen. Bis morgen mu ich Sie dem
Schutz aller Hilflosen empfehlen, der Ihnen gewi einen unsichtbaren Engel
senden wird. Leben Sie wohl, Elwire, und geben Sie der festen Ueberzeugung Raum,
da Sie in mir einen zuverlssigen Freund gefunden haben!
    Er ergriff die Hand des Mdchens. Dieses erfate schnell mit beiden Hnden
die seinige und ri sie leidenschaftlich an ihre Lippen. Dann wendete sie sich
eben so heftig ab und lief nach dem Hintergrunde des Kellergewlbes, wo sie
hinter einem Verschlage verschwand.
    Jetzt vorwrts, verruchtes Weib! rief Aurel der hlichen Alten zu. Wir
wollen Dich ein paar Gassen weit vor uns hertreiben, und wenn Du Dich
unterfngst, noch einmal in dieser Nacht hierher zurckzukehren, so drehe ich
Dir den Hals um, ehe es der Teufel oder der Henker thut! Marsch, die Treppe
hinan, und hte Dich, um Hilfe zu rufen!
    Mutter Lievers, wie der Trdler sie nannte, mute sich den Umstnden fgen.
Kltken-Hannes aber begann zu lachen, zu singen und zu springen ber den guten
Handel, den er gemacht hatte, und spielte mit der Brse, die ihm fr lngere
Zeit ein ausschweifendes Leben sicherte.

                                Drittes Kapitel.



                                Der Bacchussaal.

Es war neun Uhr vorber, als der Kapitn und Gilbert mit der Kupplerin aus
Kltkens Keller traten. Das Glockenspiel von Sanct Nicolai erklang dumpf in der
schweren, neblichen Luft. Es spielte Luthers ergreifenden Choral: Gott in der
Hh' sei Ehr, denselben Choral, unter dessen Accorden es zehn Jahre spter in
den Flammen fr ewig untergehen sollte! -
    Von den scharfen Augen ihrer Begleiter bewacht, mute sich Frau Lievers in
das Unvermeidliche fgen und den beiden Mnnern in geringer Entfernung
vorausschreiten. Erst als sie durch den kleinen Trampgang auf eine breite Strae
traten, wies Aurel das freche Weib nach den Kohlhfen, indem er ihr zuraunte:
    Das ist Dein Weg, vermaledeite Kupplerin! Wage nicht umzukehren, oder auf
verborgenen Pfaden Hand an meine Schutzbefohlene zu legen, sonst sollst Du
empfinden, da ein Schiffskapitn keinen Scherz versteht!
    Frau Lievers machte einen Knicks vor dem strengen Herrn und schlug den
vorgeschriebenen Weg ein, der sie in ziemlich gerader Richtung in dasjenige
Stadtquartier fhren mute, wo Schnheit und Snde ein unzertrennliches Bndni
geschlossen haben.
    Was beginnen wir nun? fragte Gilbert, da Aurel in Gedanken versunken dem
alten Weibe noch immer nachsah, obwohl Nebel und Entfernung es lngst ihren
Blicken entzogen hatten. Sie waren so heiter vor einer Stunde und nun sind Sie
verstrt, wie ich Sie noch nie gesehen habe.
    Bei Gott, Junge, Du hast Recht, versetzte Aurel, sich ermunternd und wie
ein Pudel schttelnd, gleichsam als wolle er alle unheimlichen Eindrcke, welche
die letzten Scenen auf ihn gemacht hatten, damit gnzlich beseitigen. Ich ging
aus, um Lust, Scherz, ses Vergngen zu suchen, um zu kssen und mein heies
Blut abzukhlen, und ich habe statt dessen Noth, Jammer, Qual und den
frchterlichsten Ernst des Lebens gefunden! - Gilbert, Elwire ist bezaubernd!
Das Mdchen hat es mir vllig angethan! Bei Gott, ich wrde sie unter allen
Umstnden hchst liebenswrdig gefunden haben, aber so, wie wir sie trafen, sich
krmmend unter der Zuchtruthe eines unmenschlichen Vaters, so hat sie mich
vollkommen behext. Ich glaubte einen Engel des Lichts in den Klauen eines
haerfllten Teufels zu erblicken.
    Sie mssen diesen allzu tiefen Eindruck durch neue zu schwchen suchen,
Herr Kapitn! Haben Sie mir nicht selbst wiederholt die goldene Regel zugerufen,
da, wer das Leben verstehen und recht genieen wolle, es immer von der
leichten, reizenden Seite erfassen msse? - Und was ist's denn weiter um dieses
Mdchen, dessen Augen mir allerdings auch noch wie ein Paar dunkle Sonnen durch
den Himmel meines Gedchtnisses rollen! Elwire ist wunderbar schn, aber sicher
noch lange nicht die Allerschnste in Hamburg! Es gibt hier Gttergestalten, in
deren Armen man sterben mchte. Suchen wir irgendwo ein Paar solche Gttinnen
auf!
    Unter diesem leichtsinnigen Geplauder hatte Gilbert seinen Vorgesetzten nach
dem groen Neumarkt fortgezogen. Jetzt, als der junge Hans Liederlich seinen
Sermon schlo, mute Aurel hellauf lachen, da ihm die Thrnen aus den Augen
liefen.
    Sind wir nicht ein Paar rechte Thoren, die schne Zeit mit fruchtlosen
Worten so unverzeihlich zu verderben! rief er aus. Im Handeln bethtigt sich
der Mann! Wir haben selbander Elwiren vom Verderben gerettet, - das ist eine
vortreffliche That, die uns ganz bestimmt hoch angerechnet wird im Himmel, wenn
die Diener des gttlichen Wortes, wie sich die nrrischen Schwarzrcke nennen,
uns keine Nase drehen. Es sind uns mithin so viel lustige Streiche gut
geschrieben im groen Allerweltshauptbuche, da wir fglich schon jetzt auf
Rechnung unseres Guthabens frischweg in's Zeug hineinleben knnen! Es kann uns
nur als pure Belohnung angerechnet werden. Also frisch auf, Kamerad, in den
wildesten brausendsten Strudel des sinnlich entzgelten Lebens!
    Arm in Arm durchwanderten die Leichtfertigen mehrere Straen, schritten quer
ber den Kirchhof der groen Michaeliskirche und folgten dem Zuge einer Menge
Menschen, der sich in einer Seitengasse verlor. Da sie langsam gingen, wurden
sie hufig von Nachfolgenden berholt. Es waren meist vornehm gekleidete Herren,
die, an jedem Arm ein ballmig costmirtes Mdchen, ausgelassene Scherze
trieben. Einige Male wurden sie von einem ganzen Schwarme junger, geputzter
Mdchen berholt, die, soviel das dunkle Licht der Straenlaternen erkennen
lie, alle sehr hbsch und musterhaft gewachsen waren. Diese Mdchentruppen
unterlieen nicht, die beiden allein gehenden Mnner lachend anzurufen, sich
ihnen hchst ungenirt zu Begleiterinnen anzubieten, sie zu fragen, ob sie schon
mit flinken Tnzerinnen versehen seien, und wenn Aurel und Gilbert solche Fragen
nicht beantworteten, sie mit einiger Zudringlichkeit zu umringen und sogleich
wieder wie Spreu im Winde auseinander zu stauben.
    Wohin fhren Sie mich? fragte Gilbert halblaut den Kapitn, denn so
leichtfertig und grundsatzlos der junge Matrose, theils von Natur, theils durch
Aurels Umgang und Beispiel geworden war, konnte man ihn doch keinen raffinirten,
verdorbenen Wstling nennen. Es war bei ihm, wie bei Aurel, mehr der
unwiderstehliche Hang nach buntem, abenteuerlichem Leben, als die Lust an
verbotenen Genssen, die sie in bedenkliche Kreise fhrte und den Rigoristen
ausreichenden Grund gab, den Stab ber sie zu brechen.
    Bei Gott, Junge, ich wei es selbst nicht bestimmt! entgegnete Aurel in
bester Laune. Sie heien's Salon, was heute Nacht so viel junges Volk in diese
Stadtgegend fhrt. Ob aber daselbst getanzt, gesungen oder gespielt wird, das
mssen wir abwarten! Es soll lustig hergehen, hab' ich gehrt, und die schnsten
Mdchen Hamburgs, doch nicht immer die Tugendhaftesten, machen in diesen Salons
die Honneurs. Das wollen wir uns denn ein Mal auf gut Glck mit ansehen.
    Gilbert war es zufrieden, eine neue Seite des Lebens kennen zu lernen, wenn
es auch nur eine tief dunkele Schattenseite sein sollte. Ihre Schritte
beschleunigend kamen sie an ein stattliches Haus, dessen Thorweg hell erleuchtet
war und aus dessen Innerem verworrenes Gerusch vieler Stimmen und die dumpfen
Tne rauschender Tanzmusik erklangen. Mnner und Frauen oder Mdchen bald
einzeln, bald paarweise, oder zu Dreien und Vieren, traten in den Thorweg und
stiegen eine ziemlich breite Treppe im Hinterhause hinauf, die auf beiden Seiten
mit grnen Tannenzweigen garnirt war. Eine hohe, ebenfalls mit frischem Laubwerk
geschmckte Pforte, in der buntfarbige Lampen sich drehten, erffnete den
Eingang zu einem gerumigen Saale. Dieser endigte in einer Spiegelwand, wodurch
er ungleich grer und gewhlvoller erschien, als er wirklich war. Auch an den
Wnden waren zwischen weichen und breiten Polstern hohe Spiegel angebracht. Drei
groe Kronleuchter mit zahllosen Flammen schwebten gleichsam aus der
geheimnivollen Nacht des gestirnten Himmels herab, denn die in leichter
Schwingung gewlbte Decke des Saals war mattblau, fast etwas in's Schwarze
schillernd, gemalt und mit einer Unzahl glnzender silberner Sterne von allen
Gren ausgeschlagen. Schien es doch, als bedrfe das Laster, das sich in
blendendstem Schmuck, in verfhrerischstem Liebreiz, in kokettester Anmuth, in
reizendster Schnheit in diesen Rumen tummelte und dem Gtzen der Welt seine
Huldigungen darbrachte, dieses knstlichen Deckmantels. Unter dem nachgeahmten
Sternenzelt der keuschen heiligen Nacht fhlte die Snde keine Reue, keine
Scham. Das Gewissen schwieg bei den Orgien, zu denen die schnsten Tchter der
Erde hier geschmckt erschienen! -
    An der einen Seite des Saales kredenzte eine Statue des eppichumlaubten
Gottes der Freude und des Weines in goldener Schaale sprudelnden Champagner.
Diese Statue gab dem Saale seinen Namen. Links und rechts zu beiden Seiten
fhrten breite Thren auf hell schimmernde Corridore. Diese Thren wurden hufig
von erhitzten Tnzerinnen geffnet, um sich in der weichen Khle der Vorrume
einsam oder in Gesellschaft zu erholen.
    Die Musik war nicht vorzglich, aber rauschend und wild. Sie harmonirte mit
der Stimmung der meisten Tanzenden, die im raschesten Tempo, mehr fliegend und
strzend, als sanft schwebend, den Saal durchrasten.
    Mit anderthalb Mark erkauften sich Aurel und Gilbert das Recht, an den
wsten Freuden des Bacchussaales bis nach Mitternacht Theil nehmen zu drfen.
    Gilbert war ein leidenschaftlicher Tnzer. Es whrte daher nicht lange, so
hatte er schon ein Mdchen gewhlt und flog in ihren Armen die sich immer von
Neuem ergnzende Reihe tanzender Paare hinab. Aurel tanzte weniger gern und nur
dann, wenn ihm ein Mdchen als Tnzerin besonders gefiel. Das Rasen im Tanz war
ihm zuwider. Er fand in diesem reizlosen, gegen alle Schnheit verstoenden
Toben Nichts, was Herz und Sinne bercken konnte, und doch hielt er
knstlerisches Tanzen wesentlich dazu geeignet, die Schnheit in strahlendstem
Glanze erscheinen zu lassen.
    Die gepolsterten Sitze entlang schreitend, musterte er die geschmckten
jungen Mdchen, die vom Tanz ausruhten oder auf neue Tnzer harrten. Viele von
diesen Tchtern des Bacchussaales waren ihrer ungewhnlichen Schnheit
entsprechend gekleidet. Weiche Seiden umrauschten die vollen und doch zarten
Glieder, falsche Brillanten waren in die Flechten ihrer reichen Haare gestreut,
die natrliche und knstliche Blumenkrnze geschmackvoll umwanden.
    Aurel pflegte in der Regel nicht zu reflectiren. Als Mann der That auf das
Practische gerichtet, von Jugend auf zu tchtiger Regsamkeit angehalten, konnte
sich eine ohnehin schwach vorhandene Anlage zur Philosophie in ihm nicht
entwickeln. War er also nicht geradezu in seinem Fache, fr das er mit ganzer
Seele lebte, beschftigt, so liebte er den ungebundenen, freien, grenzenlosen
Genu. Der Augenblick und seine Freuden waren alsdann die Gtter, denen er
opferte, die er allein anerkannte.
    Seltsamerweise wollte sich dieser strmische Drang zu freudiger Hingabe an
den Genu diesmal bei Aurel nicht einfinden. Er sehnte sich nach Freude, nach
tosendem Jubel, nach vlliger Vergessenheit, aber jener berauschende Taumel, der
wie eine Sturzsee des Menschen ganzes Wesen ungerufen berstrmen und in seine
schumenden Brandungen hineinreien mu, soll er absichtslos und ohne Rckhalt
genieen, dieser entfernte sich mehr und mehr von ihm. Der leichtsinnige, allen
Freuden leidenschaftlich ergebene Kapitn mute wider Willen denken. Die
leidende, blutig geschlagene Gestalt der tugendhaften Elwire mit dem stummen
Verzweiflungsschrei in dem groen nachtdunklen Auge drckte sich wie eine
Geistererscheinung in den Spiegel seines Auges. Er konnte das ergreifende, zu
tiefem Ernste stimmende Bild nicht verwischen. Selbst dem perlenden Feuer des
Weines wich es nicht. Vor ihm, zur Seite, an seinen Fersen rauschte es mit ihm
durch das Gewhl der hundert reizenden Evastchter - der einzige unbefleckte
Engel unter lauter Kindern und Zglingen der Snde! -
    Aurel suchte an Vergngungsorten hnlicher Art immer die ausgelassensten
Dirnen auf, um in munterer Weise mit ihnen zu scherzen. Zuweilen benutzte er
solche Bekanntschaften wohl auch zu Anknpfung eines nur Tage oder Wochen
bestehenden zrtlichen Verhltnisses. Heut wollte ihm dies nicht gelingen, eine
so brennende Sehnsucht, ein so verzehrendes Verlangen er auch nach solcher
Zerstreuung hatte. Eine unsichtbare, geheimnivolle Gewalt hielt ihn von all'
den schnen lockenden, jubelnden Kindern der Freude zurck, in deren Blicken er
den Wunsch lesen konnte, mit ihm bekannt zu werden.
    Aergerlich ber diese unwillkommene Stimmung, die ihn wider Willen kalt,
sprde, theilnahmlos machte, wollte er sein Blut erhitzen, um neue Lust zu
frhlichem Leben in sich zu erwecken. Rasch trat er an eine hohe in perlfarbenen
Seidenstoff gehllte Mdchengestalt und forderte sie zum Tanz auf. Hflich
reichte sie ihm die Hand und reihte sich mit ihm den tanzenden Paaren an. Sie
tanzte leicht und mit Grazie. Ein tadelloser Wuchs, ein wunderschn geformter
Arm und Nacken beschftigten whrend des Tanzes den Kapitn. Das Auge des
Mdchens hatte er noch nicht gesehen, denn sie schlug es hartnckig zu Boden.
Auch seine Fragen beantwortete sie ohne ihn anzublicken. Das fiel Aurel auf,
sein Interesse war erregt, er mute das schne, wortkarge Mdchen nher kennen
lernen. Auf seine Frage, ob sie den Tanz beendigen wollten, beugte sie bejahend
den Kopf. Aurel fhrte sie in einen weniger von Menschen umschwrmten Theil des
Saales und setzte sich neben sie.
    Warum so still unter lauter frhlichen vergngten Menschen? fragte der
Kapitn, die Hand des Mdchens sanft drckend.
    So bin ich immer, versetzte dieses, kaum bemerkbar die langen Wimpern
bewegend.
    Aus Grundsatz, schnes Geheimni?
    Aus Grundsatz!
    Sollte dies Ihrem Fortkommen nicht hinderlich sein?
    Jetzt schlug das Mdchen ihre Augen auf und die Blicke Beider begegneten
sich. Aurel fhlte die Hand seiner Tnzerin leise erbeben. Ein Auge von
unergrndlicher Tiefe sah ihn traurig und melancholisch gro und fragend an. Sie
antwortete nicht.
    Ich scheine Sie beleidigt zu haben, fuhr Aurel fort, das war nicht meine
Absicht.
    Ich wei es und verzeihe Ihnen gern.
    Sind Sie allein hier?
    Ganz allein.
    Ohne Lust am Tanz, ohne Freude im Herzen? Das ist seltsam!
    Sagen Sie lieber, es ist entsetzlich! Dann sprechen Sie die Wahrheit.
    Weshalb besuchen Sie die Salons, wenn Ihnen vor den Freuden graut, die sie
Ihnen bieten?
    Es ist mein Fluch, mein Schicksal, nennen Sie es, wie Sie wollen! Die
Ketten, mit denen das Laster bindet, sind unzerbrechlich!
    Diese Worte sprach das Mdchen mit einem solchen innern Entsetzen, da Aurel
davor frstelte. Er berflog mit schnellem Blick die schne, nachlssig im Divan
ruhende Gestalt, bewunderte diese edlen, reinen Formen, den prchtigen Schnitt
des Gesichts mit dem stolzen Munde und der fein gebogenen Nase, und der Gedanke,
die Bedauernswrdige msse aus guter Familie stammen und vielleicht durch
auerordentliche Ereignisse in ihre jetzige Lage versetzt worden sein, drngte
sich ihm mit Gewalt auf.
    Wre es Ihnen vielleicht angenehmer, in eins der Nebenzimmer zu treten und
ein Glas Champagner mit mir zu trinken? fragte Aurel die schne Unbekannte. Es
ist unglaublich hei hier und gar so tumultus!
    Wie Sie wnschen, mein Herr, doch meinetwegen bemhen Sie sich nicht. Ich
trinke nie.
    Das ist Unrecht, mein Frulein! Sie sollten sich erheitern.
    Ich will nicht erheitert sein.
    Aurel war aufgestanden und bot dem schnen Mdchen den Arm. Sie nahm ihn
gleichgiltig, vornehm an und trat mit ihm in ein Nebenzimmer, wo einzelne Paare
an runden Tischen saen, flsterten, lachten und tranken. Der Kapitn bestellte
Champagner und zwei Glser.
    Denken Sie nicht, mein Herr, da Sie mich bereden knnen! sagte das
Mdchen mit groer Entschiedenheit. Es soll mich freuen, wenn der Wein Sie
belebt, was mich betrifft, so werde ich mein Wort halten.
    Sind Sie in allen Dingen so gewissenhaft?
    In allen.
    Wenn Sie also einen Mann mit Ihrer Liebe beglckten, so wrden Sie ihm
umwandelbar treu bleiben?
    Wenn ein Mann meine Liebe erwrbe und sie verdiente, gewi!
    Und einen solchen Mann fanden Sie noch nicht?
    Ich werde ihn nie finden! versetzte seufzend die Schne.
    Vertrauen Sie Ihren Reizen so wenig, schnes Geheimni? So jung, so
blhend, so interessant - gewi Hunderte werden sich um Ihr Herz bewerben, und
unter diesen Hunderten wird doch wohl Einer Gnade finden vor Ihren tiefsinnigen
Augen?
    Wre dies je der Fall, so wrde ich nicht das Herz haben, ihn zu betrgen.
    Betrgen! - Sie werden immer rthselhafter.
    Das Mdchen warf ihm einen flammenden Blick zu, der ihn wie ein schwerer
Vorwurf traf, und zuckte dabei mitleidig die Achseln.
    Sie erlauben, mein Frulein, da ich mich ein Wenig in den Vorhof Ihres
Geheimnisses zu stehlen wage. Werden diese stolzen Lippen es verschmhen, mir
Ihren Namen zu nennen?
    Bianca, sagte das verschlossene, ernste Mdchen khl. Was wollen Sie nun
damit?
    Bianca, erwiederte Aurel, aus gutem Herzen und in bester Absicht, weil
Sie mir eine Theilnahme fr Sie eingeflt haben, die nicht mehr verlschen
kann, frage ich Sie offen und ehrlich: Halten Sie mich fr einen Mann, zu dem
ein Mdchen Vertrauen fassen kann?
    Ich kenne Sie noch zu kurze Zeit, um mir ein Urtheil ber Sie und Ihren
Character zu erlauben.
    Ich bitte Sie darum, Bianca!
    Zu welchem Zweck?
    Damit Sie mir vertrauen, wenn ich es verdiene.
    Bianca lie jetzt ihre traurigen Augen lange Zeit auf den bewegten Zgen des
Kapitns ruhen, dann sagte sie: Ich glaube, mein Herr, da Sie nicht besser und
nicht schlechter sind, als Tausende Ihres Geschlechtes, doch scheinen Sie ein
gutes Herz zu besitzen, und einem Solchen kann ein hilfloses Mdchen wohl
vertrauen.
    Nun denn, Bianca, so thun Sie es! rief Aurel leidenschaftlich und kte
ihre Hand. Gieen Sie den Kummer, die Schwermuth, die Trauer, die Sie mit sich
tragen, in meine Seele! Beichten Sie die Schmerzenseindrcke des Lebens, als
wre ich Ihr Bruder, Ihr Vater, Ihr Geliebter, und empfangen Sie von mir das
heilige Versprechen statt eines Eides, da kein Sterblicher von Ihrer Beichte
eine Sylbe erfahren soll!
    Wer sind Sie und was veranlat Sie, diese unbegreifliche Theilnahme gerade
mir zuzuwenden?
    Wer ich bin! Was braucht das Sie zu kmmern! Es genge Ihnen, zu wissen,
da ich ein freier, unabhngiger, vermgender Mann bin, der in beiden
Hemisphren vor Kummer brechende Augen gesehen, der das Volk in seinen Freuden
und Leiden kennen gelernt hat! Bianca, sein Sie offen! Sie gehren nicht in
diese Gesellschaft! Ein entsetzliches Verhngni mu Sie unter diese -
    Warum stocken Sie? Sprechen Sie aus, was Sie denken! Nennen Sie diese
armen, unglcklichen Geschpfe, was sie sind - Verworfene! Sie bezeichnen damit
blos den Rang, den ihnen die vornehme, so genannte ehrliche, brgerliche
Gesellschaft gibt, weiter Nichts. Ueber ihren wahren sittlichen Werth dieser
Armen haben Sie eben so wenig ein Urtheil, wie alle Uebrigen, die sich mit
verchtlichem Nasenrmpfen ein solches anmaen.
    O ich wei, ich wei! sagte Aurel mit niedergeschlagenen Augen. Wir sind
vorschnell im Richten und verdienen doch so oft selbst gerichtet zu werden!
    Nun, wenn Sie dies fhlen, erwiederte Bianca, dann knnen Sie noch helfen
und retten! Ja, mein Herr, die Mnner sind es mit ihrer Selbstsucht, ihrer
kalten Grausamkeit, ihrer Genusucht, ihrer Treulosigkeit, die aus so vielen
leichtglubigen und gutherzigen Geschpfen das bejammernswerthe Heer derer
vermehren helfen, die sie spterhin Verworfene nennen! O kennten Sie das Leben
solcher Verworfenen, wten Sie, wie sie es werden, werden mssen und wie es
aussieht unter der glnzenden Hlle, die sie prangend um ihre verlorene Ehre
schlagen: Sie wrden zittern, wrden sich entsetzen vor Ihrem eigenen Geschlecht
und der Verworfensten dieser Verworfenen mit demthiger Bitte um Vergebung Ihrer
Schuld die Hand kssen!
    Bianca, sagte Aurel erschttert, wer sind Sie? Wer waren Sie, ehe der
bseste Dmon Ihres jungen Lebens Sie auf finstere Abwege fortri?
    Ich war, was ich noch bin, arm, schn und verlassen! Da hrte ich auf die
schmeichelnde Stimme eines vornehm gekleideten Mannes - und nun bin ich hier,
setzte sie rasch mit pltzlich aufspringender Lustigkeit und einem
unbeschreiblichen Feuerblick des tiefen, melancholischen Auges hinzu.
    Sie htten den Bacchussaal nicht besuchen sollen, Bianca!
    Ich htte noch weit weniger den schn klingenden Worten eines Mannes
Glauben schenken sollen.
    Sie drfen diesen Ort nicht mehr betreten, Sie mssen ein anderes Leben
beginnen!
    Wissen Sie auch, ob ich leben kann? Ob ich frei bin?
    Wem knnen Sie unterthan sein?
    Der Noth und dem Hunger! sagte Bianca tonlos und senkte tief aufathmend
den Kopf gegen die Brust.
    In diesem Augenblicke ging die Thr auf und Gilbert's jugendliches, von Tanz
und Wein glhendes Gesicht ward sichtbar.
    Ah, da sind Sie ja, Herr Kapitn, sagte der junge Matrose, und in schner
Gesellschaft, wie ich sehe, indem er Bianca mit Aufmerksamkeit grte. Ich
bedauere, da ich Sie einem so reizenden Umgange entfhren mu. Hren Sie, die
Musik verstummt! Alles verlt den Saal. Es heit, ein Schiff im Hafen sei in
Brand gerathen.
    Aurel sprang auf. Eile, Gilbert, so schnell Du kannst, rief er dem
Jnglinge zu, ich folge sogleich!
    Gilbert warf noch einen sphenden Blick auf seinen Wohlthter und verlie
das Zimmer.
    Zu frhzeitig, Bianca, ruft mich die Pflicht von Ihrer Seite, sprach er zu
dem Mdchen, das seine Aufmerksamkeit in so hohem Grade erregt hatte. Sie
wissen jetzt, wer ich bin. Besitzer und Fhrer eines Kauffartheischiffes, das
binnen wenigen Wochen in See gehen soll, um noch in diesem Jahre an den Ksten
der neuen Welt Anker zu werfen, mu ich Sie in diesem Augenblicke verlassen. Ich
thue es nicht, ohne Sie mit einer Bitte zu belstigen. Werden Sie dieselbe
freundlich gewhren?
    Ich mchte es gern, Herr Kapitn.
    Nun denn - ich mu Sie wieder sehen, wieder sprechen! Wo und wie kann dies
geschehen? In Ihrer Wohnung -
    Nicht um die Welt! fiel Bianca ein. Aber hren Sie! Morgen zwischen vier
und fnf Uhr ist Concert im Elbpavillon. Ich mu dort erscheinen, um - doch wozu
davon sprechen! - Am dritten Fenster des Saales vom Millernthor her mit der
Aussicht auf die Anlagen werden Sie mich finden. Ich trage ein schwarzes Kleid
und ein Struchen vor der Brust mit einer dunkelrothen Nelke.
    Adieu, Bianca, auf Wiedersehen!
    Aurel drngte sich durch die fortstrzende Menge hinaus auf die Strae. Der
Nebel hing noch wie frher trb und feucht ber der menschenwimmelnden Stadt.
Auf den Thrmen schlugen die Glocken an, und der Widerschein einer erst
beginnenden Feuersbrunst schimmerte mattroth durch die dicke Luft. Auf den
Wllen wurden die Lrmkanonen gelst - nah und fern hrte man Feuerruf und das
Getse zu Hilfe eilender Menschen.
    Als der Kapitn sich dem Hafen nherte, vernahm er, da das Feuer gar nicht
unter den vor Anker liegenden Schiffen ausgebrochen sei. Ein kleines schmales
Haus auf dem Kajen, in dessen unterstem Gescho sich eine gemeine Matrosenkneipe
befand, war von der Kche aus in Brand gerathen und stand jetzt in vollen
Flammen. Bei der stillen Luft und den in Ueberma vorhandenen Lsch-Mannschaften
war keine Gefahr vorhanden. Die meisten Herbeigeeilten hatte die Neugier
hergelockt. Sie standen mig in den anstoenden Straen und sahen ruhig dem
still brennenden Feuer zu. Einen nicht geringen Theil dieser Zuschauer machten
die geputzten Mdchen aus, die noch vor einer Viertelstunde im Freudentaumel des
wildesten Tanzjubels geschwelgt hatten. -
    So angenehm es dem Kapitn auch war, da er sein Fahrzeug auer Gefahr
wute, so sehr verdro es ihn, durch den unntzen Lrm in seinem so
interessanten Gesprch mit der schnen Bianca gestrt worden zu sein. Es war ihm
lieb, da das schne Geschpf seiner Bitte gewillfahrt hatte. Er konnte kaum den
nchsten Tag erwarten.
    Whrend er jedoch langsam und in Gedanken durch die noch sehr lebhaften
Straen nach Hause schlenderte, fiel ihm die Erinnerung an Elwire wieder schwer
auf's Herz. Seine Sucht nach Abenteuern, verbunden mit Gutmthigkeit, drohte ihn
in Verlegenheit zu bringen. Aus purem Leichtsinn hatte er sich da in einem Athem
zwei Mdchen aufgebrdet, von denen beiden er noch nicht wute, ob sie es auch
verdienten, da sich ein rechtschaffener Mann fr sie verwendete.
    Gleichviel, rief er nach einigem Nachsinnen sich ermuthigend zu, ich habe
mich fr Beide interessirt, mich gleichsam zum Ritter Beider erklrt, und ein
ehrlicher Kerl hlt sein Wort!
    Fr Elwire mute zuerst gesorgt werden. Das verlassene Mdchen harrte gewi
mit schmerzlichem Verlangen auf den neuen Morgen und zhlte die verrinnenden
Minuten. Aurel mute ein Asyl fr sie ermitteln. Das hatte er zwar von Anfang an
beabsichtigt, allein nun die Zeit schnell heranrckte und rasches Handeln
erheischte, sah der leichtbltige junge Mann ein, da ihm der Verstand wieder
einmal mit der Zunge davon gelaufen sei. Zum Glck kannte er eine wrdige
vermgende Familie, in deren Hause er hufig ein- und ausging. Dahin mute er
vorerst seine Schutzbefohlene bringen.
    Zu diesem Entschlusse gekommen, erreichte er sein Haus. Er setzte sich
sogleich hin und schrieb noch einige Zeilen an die Frau vom Hause, worin er ihr
den Eintritt eines jungen Mdchens in ihre Familie ankndigte. Nhere
Ausschlsse ber dasselbe zu geben, behielt er sich mndlich vor. Als Aurel das
Billet couvertirte und mit seinem Wappenringe zusiegelte, kam auch Gilbert heim.
    Der junge Mensch sah ziemlich wst und beschmuzt aus.
    Du warst beim Feuer? fragte Aurel.
    Ja, Herr Kapitn, ich bin ein solcher Narr gewesen. Htte ich gewut, da
weiter Nichts brennte, als eine Ksehtsche, zehn Teufel htten mich nicht aus
dem Bacchussaale gebracht! Ich war vergngt, wie ein Knig. In meinem Leben habe
ich mich so vortrefflich noch nicht amusirt! Gott, welche Gestalten! Welch ses
Fleisch! Welche Gluthaugen! Ich bin ganz toll geworden, Herr Kapitn!
    Das hr' ich, sagte Aurel, der inzwischen die Adresse auf den Brief
geschrieben. Damit Du nun recht bald wieder zu Dir kommst, geh' jetzt zu Bett
und schlafe bis morgen frh sieben Uhr. Hrst Du? Nicht lnger, sonst verfllst
Du in Strafe! Denke, Du seist zur See und schliefst auf Commando. Halb acht Uhr
mu dieses Billet an seine Adresse abgegeben sein. Gute Nacht, mein Junge!
    Gilbert empfing den auf duftendes Rosapapier geschriebenen Brief und stierte
seinen Gebieter verdutzt an. Da Aurel unbekmmert darum in sein Schlafzimmer
ging, warf der Jngling das Briefchen verdrielich auf den Tischri sich die
Jacke auf, um freier Athem zu schpfen, und zog sich brummend ebenfalls in seine
Kammer zurck.

                                Viertes Kapitel.



                                   Ein Fund.

Vor dem Dammthore bewohnte die Wittwe Oehlers mit ihrer erwachsenen Tochter
Clara ein heiter gelegenes, von wohlgepflegten Rasenpltzen und dichten Hecken
umschlossenes einfaches Haus. Diese Lage unmittelbar vor der Stadt und doch in
der khlen grnen Umarmung eines kleinen Parles vereinigte auf's angenehmste die
Vorzge des Stadtlebens mit dem freien Genu lndlicher Einsamkeit und
gestattete der noch rstigen Frau, Sommer und Winter in dem ihr lieb gewordenen
Hause zuzubringen.
    Madame Oehlers war die Wittwe eines reichen Hamburger Kaufherren, der ihr
bei seinem Tode ein groes Vermgen nebst einem blhenden Handelsgeschft
hinterlassen hatte. Die Wittwe suchte nach dem Ableben ihres Mannes fr die
Fortfhrung dieses Geschftes, das sie nicht selbst betreiben konnte, einen
zuverlssigen Mann, der sich desselben annehmen sollte, und machte dies in
mehreren weit verbreiteten Zeitungen bekannt. Dies geschah um jene Zeit, wo die
Grafen von Boberstein und namentlich Adrian mit dem Plane umgingen, in Hamburg,
als dem ersten Stapelplatz des norddeutschen Handels, ein eignes Handelshaus zu
grnden, um mittelst desselben die Erzeugnisse ihrer Spinnerei mit grerem
Gewinn wieder umsetzen zu knnen. Adrian zog genaue Erkundigungen ber die
Verhltnisse der Firma Oehlers ein, fand dieselben seinen Wnschen vollkommen
entsprechend und machte der Wittwe den Vorschlag, das Geschft kuflich an sich
zu bringen. Man einigte sich in Kurzem ber den Kaufpreis, ber die
Zahlungstermine und was sonst noch bei derartigen Veruerungen festzustellen
und zu bercksichtigen ist. Madame Oehlers war froh, eine groe Sorge los zu
sein, Adrian hatte unter verhltnimig billigen Bedingungen ein in der groen
Handelswelt accreditirtes Geschft erhalten und konnte nunmehr mit bedeutendem
Gewicht an der Brse erscheinen. Ein Geschftsfhrer, wie er ihn wnschte, war
ebenfalls bald gefunden und somit die Angelegenheiten zweier Familien zu
beiderseitiger Zufriedenheit geregelt.
    Durch das Hin und Wider whrend der Geschftsunterhandlungen hatte sich im
Verkehr zwischen den Gebrdern Boberstein oder, wie sie als speculirende
Handelsherren sich consequent nannten, am Stein und der Familie Oehlers ein
freundschaftliches, auf gegenseitige Achtung gegrndetes Verhltni ausgebildet.
Als spterhin Aurel von England herber kam, um als Rheder festen Fu in Hamburg
zu fassen, ffnete Madame Oehlers dem lebenslustigen Manne ihr gastfreies Haus.
Clara, hbsch, jung und aufgeweckten Geistes, eine Meisterin auf dem Fortepiano,
das sie leidenschaftlich gern spielte, war fr Aurel ein fesselnder Magnet, wenn
er auch keine ernstlichen Absichten auf das junge Mdchen hatte, was die Mutter
laut, die Tochter vielleicht im Stillen wnschte.
    Die Flatterhaftigkeit des jungen Kapitns und sein Hang zu sinnlichen
Ausschweifungen konnte den Frauen zwar nicht gar lange verborgen bleiben, allein
es strte derselbe doch in keiner Weise den freundschaftlichen Verkehr unter
einander. Clara rgerte sich freilich, so oft ihr wieder ein neuer toller
Streich des in der Stadt umher schwrmenden Kapitns zu Ohren kam, persnlich
aber ward er ihr dadurch nur interessanter. Sie war nie freundlicher,
zuvorkommender, liebenswrdiger, als wenn sie Aurel recht viele Jugendsnden zu
vergeben hatte, und Aurel konnte wieder nie zarter dem jungen Mdchen begegnen,
als nach wild durchtobten Nchten. An ein Verhltni mit Clara oder gar an eine
Heirath mit ihr dachte er nicht. Das hatte bei ihm noch lange Zeit; zuvor wollte
er auf die lustigste und mannichfaltigste Weise sein Leben genieen. -
    Clara hatte eben die singende Theemaschine auf den zierlichen Kohlenhalter
gesetzt, um fr sich und die Mutter das Frhstck zu bereiten, als der Bediente
einen Brief berbrachte. Es war das Billet Aurels. Die Wittwe erbrach es und
durchlas mit einigem Staunen die wenigen Zeilen. Sie las sie zwei- und dreimal
und legte sie dann kopfschttelnd neben sich auf's Sopha.
    Von Aurel? fragte Clara neugierig, denn ihr scharfes Auge hatte das Wappen
erkannt.
    Von unserm abenteuerlustigen Kapitn, erwiederte die Mutter mit ironischem
Lcheln. Der muntere Herr, scheint es, wird mit jedem Tage ausgelassener, ja
kennte ich nicht bereits zur Genge seine excentrischen barocken Einflle, so
wrde ich das, was er mir in diesen Zeilen meldet, gradezu fr eine
Mystification halten.
    Ja was gibt es denn? fragte mit schlechtverhehltem Aerger die Tochter,
indem ihre vollen runden Wangen im Feuer der Eifersucht erglhten. Hat Aurel
einen dummen Streich gemacht?
    Das wag' ich gegenwrtig noch nicht zu entscheiden, liebe Tochter. Hre,
was mir der tolle Mensch schreibt.
    Madame Oehlers nahm den Brief wieder auf und las:

            Meine verehrteste Freundin!
        Wenn Sie beim Lustwandeln irgendwo eine zarte Blume von wunderbarer
        Farbenpracht und sem Duft gewahren, die eine frevelnde Hand
        absichtlich zerstren will, nicht wahr, dann schirmen Sie das
        bezaubernde Gewchs gegen boshafte Gewalt und bergen sie an Ihrem Busen?
        Ich habe durch Zufall heut Abend eine solche Blume gefunden, ein junges
        Mdchen, wei, zart, schlank, wie die Lilien in Ihrem Garten,
        bescheiden, wie ein Veilchen, sanft, gut und schuldlos, wie jedes
        unverdorbene Frauenherz. Dieses schne, verlassene Mdchen entri ich
        den Hnden eines Wthrichs, der ihr Vater zu sein vorgibt. Sie warf sich
        mit Freudenthrnen vor mir nieder und wollte gar nicht mehr von mir
        lassen. Was war da zu thun? Ich versprach dem lieblichen Kinde Schutz
        und Pflege, aber in meine Kammer kann ich sie doch nicht nehmen! - Da
        dachte ich an Sie, meine treffliche Freundin, an Ihre Gte, Ihre sinnige
        Tiefe, Ihren schnen wohlthuenden Gleichmuth! Ich dachte auch an die
        gute liebe Clara und ihre Engelsstimme. Nicht wahr, Sie Beide, Mutter
        und Tochter, Sie knnen mir nicht abschlagen, bei einem verlassenen
        Mdchen so lange Mutter- und Schwesterstelle zu vertreten, bis - ja wie
        lange denn! Gott mag es wissen! Genug, machen Sie sich morgen vor Mittag
        auf einen Besuch gefat, der Sie berraschen wird, und vergeben Sie im
        voraus fr solche Ueberrumpelung und Erweiterung Ihres Familienkreises
                                                     Ihrem unermdlichen Kreuzer
                                                                         Aurel.

    Was hltst Du davon, meine Tochter?
    Clara war noch weit rgerlicher geworden. Sie kniff recht bitterbse den
kleinen Mund zusammen und sagte, noch tiefer errthend: Ich finde das Verlangen
des Herrn Kapitns ber Gebhr ungezogen. Uns ein stockfremdes, vielleicht gar
gemeines Mdchen aus freien Stcken ins Haus zu schicken! Manchmal scheint es
wirklich, als leide der gute Mann an Verstandesschwche.
    Verdamme ihn nicht, liebes Kind! Aus seinem Schreiben geht hervor, da er
eine gute That entweder gethan hat oder doch hat thun wollen. Dies mssen wir
vor Allem ins Auge fassen und darber das Ungewhnliche seines Verlangens
vergessen. Lassen wir uns immerhin das Mdchen vorstellen, dem unser wackerer
Kapitn seinen Schutz zugesagt hat. Entspricht sie unsern Erwartungen, so kann
sie bei uns bleiben und Dir eine liebe Gefhrtin werden; sollte sie unsere
gewohnte Ordnung stren, uns berhaupt nicht gefallen, so wird es ja doch Mittel
und Wege geben, fr ein verlassenes Geschpf auf anstndige Weise zu sorgen.
    Ich wette, da es eine von den saubern Liebschaften des Herrn Kapitns
ist! versetzte Clara, ein Stckchen gerstetes Weibrod mit ihren Perlenzhnen
zermalmend, um den aufkochenden Aerger besser verschlucken zu knnen. Man kennt
den Herrn von dieser Seite, und es wundert mich wirklich, liebe Mutter, da Sie
ihm noch nicht einmal recht tchtig den Text gelesen haben. Sie knnten es am
ersten, vor Ihnen hat er Respekt, und es ist doch wirklich gradezu ein Unglck
und eine Schmach, da ein so gescheidter, tchtiger, liebenswrdiger junger Mann
aus einer so alten und ehrwrdigen Familie sich und seine Ehre so ganz vergit
und wohl auch noch Andere obendrein compromittirt!
    Auch die Sonne hat ihre Flecken, liebe Tochter, sagte die Mutter sanft und
gelassen. Kapitn Aurel ist gut, nur etwas flatterhaft; und das ist fr einen
Mann von Geist und Herz kein gar zu arger Fehler. Ueberdies sagt man ihm mehr
Schlimmes nach, als er verdient. Weil er den Mdchen gefllt, verleumdet man
ihn. Das ist so der Welt Lauf.
    Er wird nie ein Mdchen glcklich machen! Welch Frauenherz soll auch einem
solchen Wstling vertrauen!
    Jedes, mein Kind, glaube mir! Man hat zahllose Beispiele, da solche
berlustige Kumpane die besten, treuesten, zrtlichsten und aufmerksamsten
Gatten geworden sind.
    Es ist aber doch schlecht!
    Man kann es nicht billigen, liebe Clara, allein man mu und darf es
entschuldigen.
    Ich sehe den Kapitn nicht mehr an, wenn er nicht ein ganz anderer Mensch
wird.
    Schwre nicht darauf! versetzte die Mutter lchelnd. Man nennt uns nicht
mit Unrecht das schwache Geschlecht. Ein Wort, ein Blick, eine Bitte vershnt
uns schneller, als wir glauben, und hufig sind grade die Fehler der Mnner die
scharfen Angelhaken, an denen wider Willen unsere Herzen hangen bleiben. Wir
knnen wohl den Ha der Abwechselung wegen und um uns selbst zu gengen
bisweilen versuchen, zur Meisterschaft bringen wir es in ihm nie. Auch aus dem
geringsten unserer Blicke leuchtet ein Vershnungsfunke der vergebenden Liebe,
die Gott in unser Herz gelegt hat! - Und was, mein Kind, was hat Dir der Kapitn
gethan, da Du so gar bse auf ihn bist?
    Clara seufzte, bckte sich, als suche sie etwas am Boden, und trocknete sich
verstohlen die Thrnen ab. Es war keine Frage, sie liebte Aurel. Die
scharfsichtige Mutter bemerkte wohl die heftige Bewegung ihrer Tochter, sie
ignorirte sie aber, da sie eine Neigung weder nhren noch unterdrcken wollte,
von deren Reife sie sich noch nicht berzeugt hatte. Eben wollte sie das
abgebrochene Gesprch wieder anknpfen, da trat der Bediente ein und meldete
Aurel.
    Clara stand schnell auf und ging in's Nebenzimmer. Madame Oehlers gab
Erlaubni, den ungewhnlich frhen Morgenbesuch einzulassen. -
    Aurel war an diesem Morgen zeitig aufgestanden, hatte in grter Eile
gefrhstckt und sich dann unverweilt auf den Weg nach Kltken-Hannes Keller
gemacht. Der Eingang zur Kellertreppe stand bereits offen und war jetzt mit
einigen abgetragenen, stellenweise schadhaften Kleidungsstcken behangen, um
Kauflustige anzulocken. Auf den obersten Stufen lagen Ringe, Schnallen, Ketten
und andere Putzwaaren von unedlen Metallen in kleinen Krbchen zur Beschauung
Vorbergehender bereit. Kltken-Hannes selbst sa am Fu der Treppe auf einem
wackeligen Rohrstuhle, rauchte aus kurzer Matrosenpfeife einen widerlich
riechenden Tabak und schenkte sich aus einer schmutzigen Flasche in ein
halbzerbrochenes Glas Genever, den er gierig hinunterstrzte. Sein freches,
verthiertes Gesicht war aufgedunsen und verrieth an den rthlichblauen Flecken,
die es schmckten, den Sufer von Profession. Eine ungeheure Warze auf dem
linken Backen, zerrissen und in den weilichgrauen Spalten mit starken Haaren
bewachsen, vermehrte noch die thierische Rohheit, die sich in der ganzen
Erscheinung des Trdlers aussprach.
    Als sich der Raum unter der Treppe durch Aurels Eintritt verdunkelte, warf
Kltken-Hannes einen schielenden Blick nach oben und go sich dabei ein frisches
Glas Genever in den breiten, von dem struppigen Bartwuchs einer Woche
verunstalteten Mund.
    Aha, Sie sind's, Herr Kapitn, redete er Aurel an, als er ihn erkannte,
stand auf und bemhte sich, ihn mit einer Art Compliment zu begren. Kann ich
dienen? Echter Genever, scharf und hei wie Feuer aus der Hlle! Ist zu brauchen
bei solchem verfluchten Hundewetter!
    Ich danke, Kltken-Hannes. Wie geht's Eurer Tochter?
    Verteufelt gut, Herr Kapitn, aber ich will froh sein, wenn ich sie los
bin! Seit Sie ihr den Kopf verdreht haben und ein vornehmes Frulein aus ihr
machen wollen, hrt sie nicht mehr auf mich, die Wetterdirne!
    Der Trdler hatte inzwischen die Thr zum eigentlichen Keller geffnet und
forderte den Kapitn auf einzutreten. Elwire sa im Hintergrunde unter einem
schief abfallenden Fenster, das nach dem Hofe hinausging und der unterirdischen
Wohnung das einzige Licht gab. Sie war beschftigt, einige Putzsachen, die sich
auch die rmsten Mdchen zu verschaffen wissen, in ein Bndel zusammenzupacken.
Sie erwiederte den freundlichen Morgengru Aurels durch eine stumme Verbeugung
und ein hohes Errthen, das selbst Nacken und Brust mit flchtigem Purpur
bergo. Ihre Tracht war rmlich, aber rein und sauber. Ein Kleid von
gestreiftem Kattun, hie und da schon geflickt, umhllte Elwirens tadellose
Glieder und trug durch seine Feinheit nur dazu bei, die herrlichen Formen des
ungewhnlich schnen Mdchens durchschimmern zu lassen. Ein kleiner Fu, eine
schmale schlanke Hand, obwohl von schwerer Arbeit gehrtet, zeichneten sie vor
Hunderten ihrer Schwestern aus.
    Aurel fand das Mdchen heut noch schner, noch reizender, als am vergangenen
Abend, und es reute ihn nicht, ein Wort gegeben zu haben, das ihm noch manche
verdrieliche Stunde machen, zu mancher blen Nachrede Anla werden konnte. Um
Elwiren Muth einzuflen, reichte er ihr brderlich zutraulich die Hand und
fragte sie, ob sie noch geneigt sei, heut wie gestern einen Freund und
Beschtzer in ihm erblicken zu wollen? Flsternd bejahte Elwire diese Frage.
    Dann wollen wir uns einigen, Kltken-Hannes, und wo mglich im Guten. Was
verlangt Ihr, wenn Ihr von Stund' an jeden Einflu auf Elwire verlieren, wenn
Ihr berhaupt Euch nicht im geringsten mehr um das Mdchen kmmern sollt?
    Herr Kapitn, erwiederte der Trdler, Kind bleibt immer Kind und Vater
bleibt Vater, und wenn wir uns zusammen auch nicht immer zum Besten vertragen
haben, so waren wir einander doch so zu sagen in's Herz gewachsen Nicht wahr,
Elwire?
    Elwire seufzte und legte ein paar verschossene Schrzen auf ihrem kleinen
Arbeitstischchen zusammen.
    Hren Sie's? fuhr der Trdler fort. Sie seufzt, da ihr's Mieder knackt,
wie lange wird's dauern, so fngt sie gar an zu heulen! O die Mdel und zumal
die hbschen, die hngen an ihren Vtern mit einer Liebe, o mit einer Liebe -
    Den Schlu des Satzes verschluckte Kltken-Hannes zugleich mit einem frisch
eingegossenen Glas Genever.
    Und also, sehen Sie, Herr Kapitn, das mssen Sie Alles mit einander, ich
meine unsere Liebe und unsern Schmerz, - ja, das mssen Sie bezahlen - baar
bezahlen!
    Der schnell genossene schwere Branntwein uerte bereits seine Wirkungen auf
den Trdler, was Aurel mglichste Beschleunigung seines Geschftes - denn ein
solches war das zu treffende Abkommen - wnschenswerth machen mute. Er hatte
einen frechen, betrgerischen, herzlosen, jeder Schandthat fhigen Handelsmann
vor sich, der nur auf seinen Nutzen bedacht war und jedes Mittel ergriff, wenn
es nur zum Ziele fhrte.
    Kltken-Hannes, versetzte Aurel, erinnert Euch, da Ihr gestern Abend
bereits eine ansehnliche Summe von mir erhieltet. Diese will ich Euch schenken.
Ihr knnt damit nach Belieben schalten und walten, knnt Euern Trdelkram
vergrern und besser ausstatten, knnt Euch einen wohnlicheren Keller miethen,
oder die Summe, wenn Euch das mehr behagt, verjuxen -
    Ja, verjuxen, mein' Seel', das ist's Beste! Verjuxen will ich tausend Mark,
wenn ich sie erst habe! Nun, Herr Kapitn, wie ist's mit tausend Mark, he?
Banko, versteht sich und in gutem alten Silber! Ist's nicht ein delikater Bissen
fr tausend Mark, wie? Noch keine achtzehn Jahr, wei wie gefallener Schnee und
schuldlos wie ein Gnschen! Mein' Seel', tausend Mark, 's ist ein Spottgeld!
    Aurels Blut kochte vor Wuth und Entrstung, aber er mute den alten Snder
im Guten zu erhalten suchen, wenn er leichten Kaufes davon kommen wollte.
    Ihr kommt wieder auf Eure verruchten Sprnge, Kltken-Hannes, die in's
Zuchthaus fhren, sagte er in ernstem Tone. Ich will aus Rcksicht fr Euer
Kind die gottlosen Worte nicht gehrt haben, die Ihr so eben ausstiet, und
warne Euch nur, in diesem Tone nicht etwa fortzufahren!
    Was da, Herr Kapitn, Handel ist Handel, und ob alte Lumpen oder frische
junge Mdels, das ist all eins. Der Trke -
    Ich hoffe, Ihr seid ein Christ, Kltken-Hannes.
    So wahr es einen Gott im Himmel und einen Satan in der Hlle gibt!
    Lat uns also unsere Angelegenheit wie Christen beendigen. Gestern
erhieltet Ihr an funfzig Mark Courant. Ich habe Euch gesagt, da Ihr dieselben
als Euer Eigenthum betrachten knnt. Wenn ich jetzt noch zweihundert Mark
zulege, so glaube ich, wird dies vollkommen hinreichend sein, um Eure
Helfershelferin, das schlechte Weib, das ich gestern hier traf, befriedigen zu
knnen und auch noch eine erkleckliche Summe brig zu behalten.
    Der Trdler brummte mit unzufriedener Miene, go sich abermals ein Glas
Genever ein und strzte es auf einen Schluck hinunter. Er taumelte vor Aurel hin
und her, denn die ganze bisherige Unterredung war stehend gefhrt worden.
    Ist ein Preis fr eine - puh, schmt Euch, Kapitn!
    Zweihundert Mark, Kltken-Hannes! Bedenkt, da Ihr fr immer einer groen
Sorge und Plage berhoben werdet und da Euch Elwire keinen Stber mehr kostet!
    Oho, rechnen Sie die Thrnen fr nichts, Kapitn? Fr nichts den
Trennungsschmerz? Ich bin ein Vater, ich! Und ich habe auch ein Herz, ich, Herr
Kapitn!
    Der halbtrunkene Trdelmann schwankte, die Flasche in der einen, das Glas in
der andern Hand, whrend dieser groprahlerisch gesprochenen Worte von einem
Bein auf's andere. Elwire faltete die Hnde und sah mit stieren Augen,
leichenbla und vor Furcht und Scham zitternd, auf den entsetzlichen Vater.
    Hier sind zweihundert Mark, Kltken-Hannes, sagte Aurel, indem er eine
strotzende Geldbrse, mit Gold und Silber gefllt, hervorlangte, dem Trdler die
Flasche entri und die klingenden Mnzen ihm in die Hand drckte. Dafr hrt
Ihr auf, dieses Mdchen fr Eure Tochter anzusehen; versprecht, Euch nie mehr um
sie zu bekmmern, noch nach ihr zu fragen. Seid Ihr das Willens?
    Ist mir bei allen Branntweinteufeln nicht mglich! betheuerte der Trdler,
eine wichtige Miene annehmend und sich mit der dicken, rauhen und hlich
behaarten Hand wiederholt auf die breite Brust schlagend, da es drhnte. Ein
Trinkgeld mu ich noch haben, sonst schick' ich zu Mutter Lievers und mein
Tchterchen kehrt unter meine Zuchtruthe zurck!
    Um Gottes willen, edler, gromthiger Mann, flehte Elwire, geben Sie das
nicht zu! Lieber will ich unter freiem Himmel liegen, will hungern und drsten,
als mich dem Willen jenes Weibes unterwerfen!
    Da hren Sie's, Kapitn! Das Blitzmdel singt, treff' mich der Schlag, wie
eine Drossel! Noch fnf und zwanzig Mark, und das Vgelchen gehrt Ihnen. Sie
knnen's dann in einen silbernen oder goldenen Kfig stecken und ihm alle Federn
einzeln ausrupfen, wird kein Hahn darber krhen, sag' ich Ihnen!
    Aurel zog eine zweite Brse. Er fhlte, da er seiner Entrstung ber die
Scheulichkeit dieses gnzlich verworfenen Menschen nicht mehr lnger Meister
werden knne, auch konnte er sich in die Lage des armen Mdchens versetzen, um
das der eigene entmenschte Vater wie um ein Stck Schlachtvieh feilschte. Ruhig
zhlte er fnf und zwanzig Mark ab und warf sie dem Trdler verchtlich vor die
Fe.
    Hier ist das Geld, mit dem Du Dir fr immer den Eintritt zur ewigen Pein
erkaufst, jetzt gib Raum, Kltken-Hannes, und sieh Dich vor, da Du nie meine
Wege kreuzest, sonst wehe Deinem Schdel!
    Der Herr Kapitn haben nur zu befehlen, erwiederte der Trdler mit
grinsendem Lcheln, in dem sich die Freude ber den abgeschlossenen Handel kund
gab. Zugleich nahm er seine Kappe ab, kniete nach einigem Schwanken nieder und
las die verstreuten Silberstcke zusammen, die er sorgfltig nachzuzhlen
ungeachtet seines Rausches nicht verga.
    Aurel hatte Elwire in seine Arme geschlossen, und indem er einen Ku auf die
kalte Stirn der Schluchzenden hauchte, sagte er gerhrt: Jetzt komm, armes,
geduldiges Opferlamm! Nach so schweren Leiden soll Dich eine heitere Zukunft
liebend umfangen.
    Whrend der Kapitn seinen Findling die schlpfrige Kellertreppe
hinaufgeleitete, fiel der matte Wiederschein eines zurckgeworfenen
Sonnenstrahles auf die in Krbchen ausgestellten Schmucksachen. Die abgeputzten
unedlen Metalle glitzerten wie das reinste Gold und veranlaten durch ihr
trgerisches Glnzen, da Aurel beim Vorbergehen einen Blick auf das flimmernde
Durcheinander warf. Dabei gewahrte er einen kleinen Siegelring, der unter einer
vergoldeten Kette hervorguckte und mehr als die brigen Kostbarkeiten glnzte.
Er bckte sich, um einen schrferen Blick darauf zu werfen, und da er glauben
mute, der Ring bestehe aus feinem Gold, so entlie er Elwire aus seinem Arm und
hob den Ring auf. Ein Blick darauf machte ihn staunen, er verga, was ihn so
eben noch ganz beschftigt hatte, und whrend er vergebens den Ring an einen
seiner starken Finger zu stecken versuchte, rief er mit berlauter Stimme in den
Keller hinunter:
    Kltken-Hannes, komm sogleich herauf! Ich will etwas von Dir kaufen!
    Brummend, noch mit dem Sammeln des erhaltenen Geldes beschftigt, wankte der
Trdler die Treppe herauf.
    Von wem hast Du diesen Ring gekauft? rief ihm Aurel zu, indem er ihm das
Kleinod entgegen hielt.
    Welchen Ring, Herr Kapitn?
    Hier, diesen Siegelring, trunkener Schelm!
    Kltken-Hannes schielte mit halbem Auge nach dem Schmuck und versetzte
murrend: Wei ich nicht mehr! Irgend ein verkommenes Weibsbild hat ihn mir doch
an den Hals geworfen.
    Du lgst, Schurke! Heraus mit der Sprache, sag' ich, oder ich behandle Dich
wie einen Dieb! Der Ring ist cht und trgt das Wappen eines alten
Adelsgeschlechtes.
    Jetzt ward auch Elwire aufmerksam und bat den Kapitn mit sanftem Blick um
die Erlaubni, den Fund ebenfalls betrachten zu drfen. Der Trdler murmelte
unverstndliche Worte in den Bart.
    Vater, sagte Elwire, errthend, da sie dem widerlichen, verworfenen Manne
diesen Namen geben mute, erinnert Ihr Euch nicht mehr, wie Ihr zu diesem Ringe
gekommen seid?
    Wenn dem Herrn Kapitn an dem Goldreif so viel gelegen ist, was bietet er
mir dafr? fragte Kltken-Hannes ausweichend.
    Es sind vier Wochen her, da Ihr ihn im Kartenspiel gewannt. So wenigstens
sagtet Ihr, als ich das Kleinod am Morgen in Eurer Rocktasche fand.
    Der Ring gehrt mir, versetzte der Trdler trotzig, und wer mir ihn gut
bezahlt, soll ihn haben.
    Wer besa ihn vor Euch? fragte Aurel. Ihr seht, der Ring ist auf den
Finger einer Frau gemacht.
    Kltken-Hannes schlug ein rohes Gelchter auf. Glauben Sie, ich sei
allwissend? sagte er. Wahrhaftig, ich mte ein Gedchtni haben, wie der
abgerichtete Elephant auf dem Berge, wenn ich all' das Lumpengesindel noch
kennen sollte, von dem ich irgend einmal Sachen eingehandelt habe! Ich kaufe,
was mir angeboten wird, im Fall ich es brauchen kann; wer es feil bietet, gilt
mir gleich. Die Waare, nicht der Verkufer ist es, mit der ich Handel treibe.
    Besinnt Euch, Kltken-Hannes! Wenn Ihr mir einen sichern Fingerzeig ber
den frhern Besitzer dieses Ringes geben knnt, so zahle ich Euch einen
hamburger Thaler mehr, als der Ring werth ist! Ihr habt nach Elwirens Behauptung
den Schmuck im Spiele gewonnen - und noch dazu erst vor vier Wochen! Das ist
eine kurze Zeit. Ueberdies sieht man einem Spieler scharf in's Auge, prgt sich
seine Gesichtszge fest in's Gedchtni, damit man bei gelegener Zeit Revanche
von ihm fordern kann. Alles das habt Ihr unzweifelhaft aus natrlichem Instinct
gethan und mithin werdet Ihr, wenn Ihr nur wollt, mir Wohnort und Namen dessen
nennen knnen, der ber diesen Reif vor Euch als ber sein rechtmiges
Eigenthum verfgte.
    Lassen Sie doch 'mal sehen, sagte der Trdler, sieh an die Kellerwand
lehnend, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und streckte seine schmutzige
Hand nach dem Ringe aus. Wenn ich das Ding genau begucke, erinnere ich mich
vielleicht. Ich habe viel solchen Quark erspielt und verwechsele oft eins mit
dem andern.
    Aurel lie den Ring in die Hand des Trdlers gleiten. Dieser besah ihn von
allen Seiten, schttelte den Kopf, kniff die feuchten, blutunterlaufenen Augen
zu, als wolle er mit Gewalt aus dem Sumpfe seines Gedchtnisses etwas
herauspressen, und schlug sich endlich mit geballter Faust vor die Stirn.
    Dummkopf! rief er aus. Warum konnte mir das nicht gleich einfallen! -
Und zu Aurel gewendet, fuhr er fort:
    Nun ja, Herr Kapitn, wenn Sie 'was dran wenden wollen als Trinkgeld, so
denk' ich Ihnen die Wege zeigen zu knnen, auf welchen Sie den Bengel finden,
der mir schon manchen Schilling abgenommen hat. Ist's auch Ihr Ernst?
    Meine Hand darauf!
    Am sichersten treffen Sie den Teufelskerl in der Mohrentaverne auf dem
Berge, sagte Kltken-Hannes. Dort hockt er alle Nchte am Spieltisch oder auf
dem Orchester, um durch Betrug und Geigenspiel sich die Mittel zu verschaffen,
seinen Leib mit der erforderlichen Ladung Grog versehen zu knnen. 's Ist ein
lustiger, wilder Teufel, hundertmal reif fr Galgen und Rad, aber die Hlle hlt
ihn warm und so lt sie ihn hier seine Wirthschaft treiben, bis die letzte
Scherbe zerbrochen ist.
    Sein Name? fragte Aurel mit Heftigkeit.
    Im Kirchenbuche mag er wohl anders heien, als in der Mohrentaverne,
antwortete immer lachend der Trdler, kann's also nicht beschwren, ob ich
Ihnen den rechten Namen des alten Fuchses nenne. So lange ich ihn kenne und dann
und wann mit ihm zusammen trank oder ein Geschft abmachte, rief ihn der ganze
Tro Blutrssel.
    Das ist Alles, was Ihr von ihm wit?
    Wollen Sie mehr erfahren, Herr Kapitn, so gehen Sie in die Mohrentaverne
und fragen die Matrosen. Antwort kriegen Sie mit Zunge oder Faust, darauf knnen
Sie fluchen.
    Aurel senkte einige Augenblicke nachdenkend den Kopf.
    Wre es mglich! sagte er halblaut zu sich selbst. Sollten aus lngst
vergangener Zeit, die mein Auge nie sah, Geheimnisse auftauchen und ein trbes
Element in mein bis jetzt so heiteres Dasein bringen? - Oder wre es Tuschung,
Betrug? - Wohlan, wie dem auch sei, es steht ein neues, interessantes,
vielversprechendes Abenteuer in Aussicht und ich strze mich ihm unbedingt in
die Arme.
    Der Kapitn fragte nach dem Preise des Ringes, bezahlte ohne Widerrede die
Forderung des Trdlers, legte das versprochene Trinkgeld dazu und bot dann
abermals Elwire hflich seinen Arm, sie mit schnellen Schritten aus dem
feuchten, dumpfigen Gange nach der nchsten Strae geleitend. Hier wartete
bereits ein Wagen. Der Kapitn nthigte das schne Mdchen, einzusteigen, und
nahm neben ihr Platz. Als der Wagen in raschem Trabe ber das Pflaster rollte,
fragte Elwire bescheiden den nachdenklich neben ihr Sitzenden, ob sie es sei,
die ihn so wehmthig gestimmt habe?
    Sie, gute Elwire, machen mein Herz in frohen Pulsen schlagen, gab Aurel
zur Antwort. Dieser Ring aber, den ich seltsamerweise bei Ihnen finden mute,
beunruhigt mich und jagt tausend Gedanken im Sturm durch mein Gehirn. Er trgt
das Wappen meines Hauses!

                                Fnftes Kapitel.



                                    Bianca.

Gefesselt von Elwirens Schnheit und ungewhnlich erregt von dem zufllig
gemachten Funde, begrte der Kapitn Madame Oehlers, die ihn mit mtterlicher
Freundlichkeit empfing. Seine Schutzbefohlene hatte Aurel einstweilen einer
Dienerin bergeben, da er es doch fr nthig hielt, die ihm wohlwollende Dame
vorher noch persnlich zu sprechen.
    Darf ich Verzeihung hoffen, gndige Frau, Verzeihung fr meinen Ungestm?
sagte der junge Mann, sein feuriges Auge auf den immer sanften Blick der Wittwe
richtend.
    Gewi, mein Freund, versetzte Madame Oehlers anmuthig lchelnd. Aber Sie
geben mir Rthsel auf, Graf, und Sie wissen doch, da sich meine unzulngliche
Bildung nie entschiedener geltend macht, als wenn es dergleichen Geistesknoten
zu lsen gibt.
    Haben Sie meine hastigen Zeilen erhalten?
    Wie htte ich Sie ohne dieselben so frh am Tage empfangen knnen!
    Aurel fhlte den zarten Verweis, der in dieser Antwort liegen konnte,
erfate die Hand seiner Freundin und erwiederte, indem er sie an seine Lippen
fhrte:
    Nochmals Verzeihung, meine Gndige, Verzeihung wegen meines Verstoes gegen
alle Sitte! Ich konnte nicht anders - ein sonderbares Verhngni zwang mich zu
so ungewhnlichem Schritte! O Gott, theure Freundin, Sie ahnen nicht, wie es in
mir strmt!
    Besorgt lie die Matrone einen forschenden Blick ber den Aufgeregten
gleiten. In der That, lieber Graf, sagte sie, es mu Ihnen etwas hchst
Seltsames begegnet sein, denn so tief ergriffen sah ich Sie noch nie! Reden Sie,
ich bitte, und wenn irgend meine Vermittelung Ihnen Beruhigung verschaffen kann,
so sichere ich Ihnen diese auf das bestimmteste jetzt schon zu.
    Aurel drckte der menschenfreundlichen Frau dankend die Hand. Von Ihrem
Edelmuth durfte ich dies erwarten, versetzte er etwas gefater. Gestehe ich es
Ihnen denn, da ich seit zwlf Stunden ein anderer Mensch geworden bin. Knnte
ich Ihnen mit zwei Worten sagen, was mich bewegt und erschttert, Sie wrden
mich eben so wenig wieder erkennen, wie ich mich selbst in diesem Augenblicke
nicht kenne. Ich glaube, es wre mir ein Leichtes, Einsiedler, Trappist oder gar
Herrnhuter zu werden. Bei Gott!
    Madame Oehlers konnte ein feines Lcheln nicht ganz unterdrcken. Das sind
Einflle eines heftig bewegten Gemthes, lieber Graf, gab sie zur Antwort.
Werden Sie ruhig, berblicken, berlegen Sie das Vorgefallene, und was Sie
jetzt so gewaltig beunruhigt, wird spurlos wieder verschwinden. Ich frchte,
mein Freund, Sie haben in vergangener Nacht zu sehr geschwrmt, setzte sie
leicht drohend hinzu.
    Soll ich lugnen, da ich mit dieser Absicht mich in das Gewhl der
Menschen strzte? entgegnete Aurel. Wozu dies, da Sie mich, meine Natur, meine
Neigungen kennen. Rascher, flchtiger Genu ist das heitere Element, in dem ich
mich am liebsten bewege; mannichfachste Abwechselung verlangt mein schnell
verzehrendes Temperament, und wenn ich ihm solchen verschaffe, so folge ich nur
der Stimme der Natur, die laut fordernd stndlich an mich ergeht. Das
Nasermpfen prder Schnen und pedantischer Minutenmenschen kmmert mich nicht!
Die See mit ihrem Wellengebrause und Sturmesdonner hat alle kleinliche
Rcksichtnahme aus meinem Geiste weggefegt. Die Brust ist frei und stark, der
Muth immer frisch und begehrend, warum also soll ich mich da nicht ganz so
geben, wie ich nun eben bin und wie ich mich allein natrlich fhle? Aber diese
Nacht hat mich so abgekhlt, als wre ich ein halb Dutzend Mal gekielholt
worden!
    War das Mdchen, von dem Sie mir schrieben, eine so khle Nymphe? fragte
Madame Oehlers.
    Foppen Sie mich immerhin, beste Freundin, Sie haben ein Recht dazu, wenn
Sie nur gewhren, was ich fordere!
    Lieber Graf, entgegnete die Wittwe, Sie haben in dem edelmthigen Drange
Gutes zu thun vielleicht eine Unbesonnenheit begangen, die ich, weil Sie so
offen gegen mich sind, im Fall der Noth mit auf meine schwachen Schultern nehmen
will. Das Mdchen, das Sie so auerordentlich aufgeregt hat, soll eine Mutter in
mir finden.
    Aurel athmete freier und ein unaussprechlicher Blick innigsten Dankes brach
aus seinem feurigen Auge. Ich danke, sagte er gerhrt, mgen Ihnen diese zwei
drren Worte gengen! In spteren Tagen finde ich wohl schnere, klingendere
Redensarten. Aber, beste Freundin, Sie haben mich in einem falschen Verdacht,
wenn Sie glauben, es sei dies verlassene, gemihandelte schne Kind die Ursache,
welche mir die Gedanken wie ein Wirbelwind rastlos durch das Gehirn peitscht.
Das arme Mdchen interessirte mich, forderte meine Menschlichkeit heraus, aber
was mich so krampfhaft durchschttert, das ist etwas viel Geringeres.
    Vergeben Sie mir als Weib ein klein wenig Neugierde? Ich wage zu fragen.
    Aurel zeigte auf den kleinen Finger seiner linken Hand. Wofr halten Sie
dies?
    Ich denke fr einen Wappenring, wie ihn Frauen tragen.
    Wie ihn Frauen tragen! wiederholte der Kapitn und senkte nachdenkend das
Haupt.
    Finden Sie dies so wunderbar? Oder fhrte Ihre verewigte Mutter bei
Lebzeiten nicht einen hnlichen Ring?
    Eben das ist's, das ist's, was mich so tief bewegt! rief Aurel aus. Ich
besitze den Ring meiner geliebten todten Mutter - er gleicht diesem nicht im
geringsten, die Wappenzier ausgenommen - und nun mu ich solchen Fund bei
solchem Manne thun! Das ist entsetzlich!
    Madame Oehlers, die immer verwirrter wurde durch Aurels unzusammenhngende
Aeuerungen, bat um genauere Angabe und Aussprache, wozu sich denn der Kapitn
nach einigen abermaligen Abschweifungen verstand. Er theilte der aufmerksamen
Freundin mit, was wir bereits wissen, und verrieth ihr sogar den Ort, wo ihm
weitere Auskunft von dem betrunkenen Trdler versprochen worden war.
    Und dies Alles mu Schlag auf Schlag schnell nach einander geschehen! Mu
geschehen fast in dem Augenblicke, wo ich einen so beunruhigenden Brief von
meinem Bruder aus der Lausitz erhalte!
    Da Madame Oehlers von diesem Briefe nichts wute, fragte sie jetzt danach
und Aurel theilte das Wesentliche seines Inhaltes ebenfalls der Freundin mit.
Mu dies ein einfaches Menschengehirn nicht verwirren? sagte er, die Erzhlung
beendigend. Bei Gott, ich bin rathlos, rathloser, als htte die heftigste
Sturzsee das Steuer meiner schnsten Brigg zerbrochen!
    Die Wittwe berlegte einige Minuten das Vernommene, dann sagte sie mit
freundlicher Ruhe: Halten Sie die beiden Greise, welche auf Boberstein bei
Ihrem Bruder mit so wunderbaren Anforderungen erschienen sind, fr Betrger?
    Anfangs lachte ich darber, gndige Frau, wie dies in meiner Natur liegt,
seit heut Morgen aber, wo dieser rthselhafte Ring in meine Hnde kam, nicht
anders, als wrfe ihn ein dunkles Verhngni absichtsvoll vor mich hin,
beunruhigt mich die Mittheilung meines Bruders. - Bedenken Sie selbst, wenn die
tausend Schreckensahnungen auch nur in eine einzige entsetzliche Wirklichkeit
zusammenliefen, wenn diese Wirklichkeit jetzt aus ihrem dunkeln so lange
verborgenen Dasein auftauchte und als rchende Schreckensgestalt vor uns trte
und von den Kindern Rechenschaft forderte fr die Missethaten des Vaters! - O
ich bitte, erwgen Sie diese Mglichkeit und sagen Sie, ob ich dann nicht
Ursache habe, ernst zu werden, zu schaudern und zu zittern?
    Wer gibt Ihnen ein Recht, lieber Graf, sich mit so dstern Phantasien
nutzlos zu peinigen?
    Wer? - Mein Gott, Adrians Brief und meine Ahnung, seit ich diesen Ring
gefunden! - Ich kann das Wort der Schrift nicht mehr aus meinem Gedchtni
verjagen: die Snden der Vter werden heimgesucht an den Kindern bis in's dritte
und vierte Glied!
    Nehmen wir die Drohung in diesem gttlichen Wort nicht so gar wrtlich,
lieber Freund, versetzte Madame Oehlers. Wie vermchten wir eine einzige
Stunde ruhig zu leben, freudigen Herzens fr der Welt Bestes zu wirken, wenn
sich ein solch grliches Gespenst in unserm Geiste fest einnistete. Wir sind
freilich alle schwache, sndige Menschen, aber uns ist auch Vergebung verheien,
wenn aufrichtige Reue uns die Augen zum letzten Schlummer verschliet.
    Mein Vater kannte die Reue nicht, sagte Aurel, sichtbar erschttert. Ich
erinnere mich noch mit Entsetzen, obwohl ich damals noch ein leichtfertiger
Knabe war, der letzten Tage seines Lebens. Er konnte nicht sterben, der Arme!
Seine Todesangst stieg bis zu wilder Raserei. Man mute ihn schlieen, um ihn
nur bndigen zu knnen. So lag er drei Tage. Wir Kinder schlichen wohl hundert
Mal an der Thr vorber, die ihn unsern Blicken entzog, und flohen entsetzt,
wenn wir das Klirren der Ketten, das hohle, dumpfe Lachen, das Knirschen seiner
Zhne vernahmen. Die letzten Stunden schlug er die Wnde und die Luft mit seinen
Ketten, indem er unbekannte Namen nannte, Geister Verstorbener, die ihm
erschienen und mit denen er kmpfen mute. Ihren grausamen Umarmungen erlag er
sthnend, und rchelnd, wste Flche lallend, hauchte er seine gemarterte Seele
aus! Man zeigte uns die Leiche nicht. Sie soll grauenvoll ausgesehen haben. Ganz
in der Stille, ohne Begleitung ward sie beigesetzt. So befahl es der Arzt und -
die Unterthanen, sagte man! - Sind das nun wohl Erinnerungen, die mich beruhigen
knnen?
    Obwohl Madame Oehlers von den Familienverhltnissen Aurels ziemlich genau
unterrichtet war, hatte sie doch nicht ber alle Epochen aus dem Leben des
Grafen Magnus gleich ausfhrliche Nachrichten erhalten. Nach Aurels letzten
Aeuerungen begann sie mit ihm besorgt zu werden, und konnte jetzt selbst nicht
mehr das Bild eines langsam aus verschtteten Grbern aufsteigenden Rachegeistes
los werden. Um jedoch den heftig bewegten jungen Mann einigermaen zu beruhigen,
rieth sie ihm, vorlufig noch Alles fr ein seltsames Zusammentreffen von
Umstnden anzusehen und ungesumt dem Fingerzeige nachzugehen, den
Kltken-Hannes ihm angedeutet hatte.
    Es ist hchst wahrscheinlich, sprach sie, da der widerliche rohe Mensch
sich aus Rache, weil Sie ihn in seiner eigenen Wohnung zum Sclaven Ihres Willens
machten, einen so abscheulichen Scherz erlaubt hat. Dieser Ring kann Ihrer
Familie gehrt haben und verloren gegangen sein. Irgend ein Wanderer hat ihn
gefunden und verkauft und so ist er von Hand zu Hand gegangen bis in den Keller
dieses Trdlers. Dies Alles aber beweist noch nichts gegen Sie, gibt dem aus
Polens Wldern heimgekehrten alten Wenden, der mit einer Klage gegen das Haus
Boberstein auftreten will, kein Fleckchen fester Erde, auf dem er fuen knnte.
Forschen Sie also nach und Sie werden erheitert gestehen, da Sie ein bloer
Popanz erschreckt hat.
    Dies leuchtete dem Kapitn ein. Er versprach der Freundin Rath zu befolgen,
bat nochmals dringend, das aus den Hnden des Wthrichs befreite Mdchen
mtterlich wohlwollend aufzunehmen, und begab sich, whrend die Wittwe in das
Zimmer ihrer Dienerin trat, wo Elwire bisher gewartet hatte, sogleich auf den
Weg.
    Es blieb dem Kapitn hinlngliche Zeit, mit sich selbst zu Rathe zu gehen,
da jene Tavernen, wo der gemeine Matrose in den Genssen des Lebens auf dem
festen Lande schwelgt, erst in den spteren Abendstunden besucht werden. Theils,
weil Aurel wenig Geschfte zu besorgen hatte, theils, weil sie ihm verhat
waren, ging er gaauf, gaab, diesmal nicht der bittenden Mdchen achtend, die
mit ihren Blumenstruern vor und neben ihm hertanzten. Er schlug den Weg nach
dem Baumhause ein. Dort konnte er hoffen, zahlreiche Bekannte zu treffen,
vielleicht auch waren neue Schiffe eingelaufen, deren Kapitne interessante
Nachrichten aus ferner Welt mitbrachten. Was drauen jenseit des Meeres, was im
farbigen Sden Europa's oder unter der glhenden Sonne des Aequators vorging,
das zog ihn mehr an, als die heimische nach kleinem oder groem Gewinn athemlos
rennende Welt.
    Das Baumhaus war sehr besucht. Schiffsmkler und Kapitne aller Lnder saen
in Gruppen um kleine Tische, aen frische Austern, Lachs oder Caviar und tranken
dazu heie spanische Weine. Die Conversation ward fast in allen Sprachen
gefhrt, doch herrschte das Englische entschieden vor. Neben einigen Bekannten
nahm Aurel Platz, bestellte ein Frhstck und las die neuesten
Schiffsnachrichten im Correspondenten. Dabei horchte er zuweilen auf die
Gesprche der zunchst Sitzenden, ohne selbst Theil daran zu nehmen, denn er
fhlte sich durchaus verstimmt.
    Bei Gott, das htt' ich ber dem neuesten Wirrsal beinahe vergessen! rief
er halblaut aus, als sein Blick auf die grogedruckte Anzeige eines Concertes
fiel, das Nachmittags im Elbpavillon gehalten werden sollte.
    Arme Verirrte, fuhr er fort, mit welcher Verachtung wrdest Du Dein
eiskaltes Auge ber das Gewhl der Mnner haben gleiten lassen, wenn Du Dich von
mir getuscht gesehen httest! - Aber mein Gott, was ficht mich denn eigentlich
an, da ich jetzt auf einmal allen Schutzlosen Schirm und Schild sein mu? Es
ist komisch, bei Gott, und wenn ich noch ein paar Tage mit gleichem Glck so
fortfahre, habe ich am Ende der Woche einen ganz hbschen Harem beisammen. Ich
will vier und zwanzig Stunden im Mastkorbe sitzen, wenn ich wei, was ich mit
der blassen Brnette anfangen soll! Habe ich doch sogar ihren Namen vergessen! -
Und zu welchem Zwecke will ich sie aufsuchen? Weil sie mir gefiel, mich reizte?
Oder aus kindischer Neugier, um rhrende Scenen aus ihrem Leben zu erfahren? -
Pfui, Aurel! Streife diese ekle Hlle schndender Selbstsucht von Dir und lebe
fr gemeinntzige Zwecke! Das Mdchen hat meine Zusage, ich mu sie halten. Mag
dann geschehen, was immer will, es kann doch unmglich meine Unruhe noch
vermehren.
    Nachdem unser Freund einen so edelmthigen Entschlu gefat hatte, verlie
er das Baumhaus, da er die gewnschte Zerstreuung nicht fand. Mittlerweile war
die Zeit der Brse beinahe herangekommen, die er mehr aus Gewohnheit als aus
wirklichem Bedrfni zu besuchen pflegte. Er ging daher nicht erst in seine nahe
Wohnung, sondern verfgte sich zuvrderst auf die Brsenhalle, wo sich um diese
Zeit die Hamburger Kaufmannswelt versammelt. Hier und spter an der Brse selbst
fand Aurel so viel Unterhaltung, da er momentan verga, was ihn qulte und,
weil er nicht daran gewhnt war, ihm das Leben verbitterte. Auf dem Platze
zwischen Rathhaus und Bank mit einigen lustigen Freunden auf und abwandelnd,
verging die Zeit in gewnschter Schnelligkeit, und als auch die Brse vorber
war und nun jeder seiner Wege ging, nahm Aurel die Freunde am Arm und zog sie
mit sich fort, bis sie seinem Drngen nachgaben und ihm bei Tafel Gesellschaft
zu leisten versprachen. Nun ward er wieder heiter, denn er wute, da ihm bei
Gesprch und Wortwechsel keine Zeit brig bleiben konnte, an die rgerliche
Angelegenheit frher zu denken, als es nthig sein wrde. So zeigte der
krperlich robuste, an die grten Anstrengungen gewhnte Kapitn, da die
geistige Lebenskraft von seinem sinnlichen, dem Genu ergebenen Temperament weit
berwogen wurde, und da er bei all seiner Rstigkeit doch eigentlich das
verwhnte Kind einer siechenden, matten und schlaffen Zeit war.
    Das Diner verlngerte sich bis gegen Sonnenuntergang, so da Aurel, der sich
absichtlich nicht bereilte, erst bei grauer Abenddmmerung den Elbpavillon
erreichte. Er wute aus Erfahrung, da um diese Zeit der Andrang
Vergngungslustiger am strksten, das Gewhl in dem gerumigen Saale des
Etablissements so lebhaft sei, da Keiner den Andern beachtete. Und unbeachtet
wnschte er zu sein, wenn er mit Bianca zusammentraf.
    Die rauschende Concertmusik hatte verhltnimig wenig Damen angelockt. Die
Anwesenden verloren sich fast gnzlich unter den Hunderten von Mnnern, die in
modernster Kleidung rauchend und sprechend den Saal und die Nebenzimmer
anfllten. Dieser Umstand erleichterte Aurel das Auffinden Bianca's. Er traf sie
wirklich an dem angegebenen Orte, ein Struchen mit dunkelrother Nelke am
Busen. An ihr vorbergehend winkte er ihr mit den Augen nach einem weniger
menschenerfllten Nebenzimmer. Bianca folgte und bald saen der Kapitn und das
Mdchen plaudernd wie alte Bekannte einander gegenber. Aurel fand sie noch
anziehender als in der vergangenen Nacht, und gefesselt von ihrem feinen
Benehmen, das fern von aller Frechheit war, die so oft Geschpfen dieser Art
unwillkrlich anklebt, verga er bald alle Sorgen, die ihn wiederholt den Tag
ber geqult hatten.
    Sie haben lnger auf sich warten lassen, als ich von einem Schiffskapitn
besorgen konnte, sagte Bianca mit einem reizenden Lcheln. Ich hatte nicht
bel Lust, Sie den zahllosen vornehmen Lgnern beizuzhlen, die uns armen,
unerfahrnen Kindern so gefhrlich werden.
    Da Sie es dennoch nicht gethan haben, spricht fr die Reinheit Ihres
Herzens.
    Bianca schttelte recht melancholisch ihr schnes Haupt. Spotten Sie nicht,
Herr Kapitn, versetzte sie wehmthig, ich wei ja doch, da solche Worte mit
Ihrer Ueberzeugung nichts zu thun haben.
    Wrde ich Ihnen gegenber sitzen, wenn ich spotten wollte? Und trauen Sie
mir zu, da ich berhaupt fhig sein knnte, Scherz zu treiben mit dem Unglck?
O nein, Bianca, so herzlos hat mich die Welt noch nicht gemacht! Reine
Theilnahme, vielleicht auch ein wenig Ihre Schnheit fesseln mich an Sie, und
ich bitte jetzt, wo sich Niemand um unser Geplauder bekmmert, lsen Sie nunmehr
Ihr verpfndetes Wort! Haben Sie dann nur Zutrauen zu mir und meiner
Redlichkeit, so darf ich Ihnen wohl jetzt schon die Versicherung geben, da Ihre
Lage eine andere, bessere werden wird, wenn anders Sie selbst nur Muth und
Entschlossenheit genug besitzen, unwrdige Fesseln rcksichtslos abzuschtteln.
    Den schnen, von schwarzen glnzenden Locken umflatterten Kopf gesenkt,
schwieg Bianca geraume Zeit. Dann erwiederte sie mit niedergeschlagenen Blicken:
    Vielleicht finden Sie mich weniger verdammenswerth, wenn ich Ihnen, so weit
ich mich noch auf Thatsachen besinnen kann, meine Jugendgeschichte mittheile.
Hren Sie denn und brechen Sie, bin ich zu Ende, den Stab ber mich, wenn Sie
sich dazu fr berechtigt halten sollten!
    Es trat abermals eine Pause ein, whrend der Aurel nur mit Blicken das
schne, so tief betrbte und unglckliche Mdchen zu bitten wagte. Bianca
begann:
    Meine Heimath ist das herrliche sagen- und poesiereiche Bergland Thringen.
Dort ward ich von sehr armen Aeltern geboren, deren einziges und dabei grtes
Gut ihre beispiellose Gengsamkeit war. Mit einer drren Brodrinde und einigen
wrigen Kartoffeln waren sie zufrieden, wenn der schmale saure Verdienst ihnen
nichts Besseres gewhrte. Ich habe, so lange ich die vterliche Htte bewohnte,
meine Aeltern ber das jammervolle Lebensloos, das ihnen zugefallen war, niemals
murren, Andere, die reich gesegnet waren mit Glcksgtern, nie beneiden hren.
Immer fand ich sie fleiig vom ersten Morgensonnenstrahl bis tief in die Nacht
hinein, immer fromm und dankbar gegen Gott fr Gutes und Bses, das sie betraf.
Mein Vater tagelhnerte, als er noch krftig war, spter mute er diesen
Erwerbszweig aufgeben, da ein unglcklicher Sturz vom Firsten eines Bauernhauses
ihn schwer beschdigt hatte. Er suchte sich nun kmmerlich durch Schachtelmachen
zu nhren, eine Kunst, mit der er sich in frher Jugend bekannt gemacht und
einige Zeit abgegeben hatte. Das war aber ein so wenig eintrgliches Geschft,
da wir allesammt auch bei grter Einschrnkung kaum ein kummervolles Leben
elend hinfristen konnten. Der Vater sah dies wohl ein, allein es zu ndern stand
nicht in seiner Macht, und so half er sich selbst ber die trbsten und
schwersten Stunden mit Beten und Singen hinweg.
    Sie lcheln vielleicht, Herr Kapitn, ber die kindische Thorheit eines
alten simplen Mannes, fuhr Bianca fort, indem sie einen forschenden dunkeln
Blick auf ihren Zuhrer fallen lie, und doch ist dies treue Festhalten an
Glaube, an Sitte und Religion das einzige unentreibare Gut des Armen. Unsere
Zeit spottet freilich darber und mchte gern allen Glauben aus dem Herzen des
Volkes reien. Unsere Jugend hhnt und lstert Gott aus Ueberzeugung und brstet
sich mit Verachtung aller Religion, ja sie behauptet wohl gar, wie ich oft genug
zu hren Gelegenheit hatte, so lange man Glaube, Religion und Gott nicht
abschaffe, knne es auf Erden nicht besser, knne das Volk nicht frei, nicht
glcklich werden! Manche habe ich sogar behaupten hren, unter allen
Sclavenketten, welche die gedrckte und mihandelte Menschheit mit sich
herumschleppe, sei die furchtbarste jene unsichtbare und grauenvolle, die vom
sogenannten Himmel stamme und den demthig Glubigen zum willenlosen Werkzeuge
eines hohlen Wahnes mache! - Mge mir der Ewige verzeihen, da ich bei Anhrung
solcher Worte und Gesprche selbst hufig Stunden hatte, wo ich mich zu diesem
frchterlichsten aller Glauben hinneigte! Sie gingen vorber und mild, wie
duftiger Abendwind von den Bergen meiner Heimath, berhrte wieder der schlichte
altvterische Glaube meiner armen Aeltern mein angstvoll schlagendes Herz. Ich
armes Mdchen will Niemand richten, da ich selbst der Schonung und Nachsicht so
sehr bedarf, aber aussprechen mu ich es, Herr Kapitn, da der Arme, der
Darbende, der Unterdrckte ohne sein Festhalten an den Ueberlieferungen der
Religion entweder wahnsinnig oder zum wthenden Thiere werden mte! Nur der
Glaube und die Verheiungen des Glaubens lassen ihn den Jammer eines langen
Lebens standhaft ertragen! Nur aus ihnen schpft er die kargen, minutenlangen
Freuden, mit denen er wie mit dem Schein einer geheiligten Lampe sein in ewige
Finsterni gehlltes Leben auf Augenblicke erleuchtet! Nur der Kraft dieses
Glaubens verdankt er selbst sein sittliches Dasein, verdankt die Welt ihr
geordnetes Fortbestehen! Knnten jene Verhhner aller Religion, die schreiend
ihre Fahnen entfalten ber den Huptern der Armen und die flatternden Fetzen
Paniere der Freiheit nennen, knnten diese das darbende Volk zu ihrem Unglauben
bekehren, dann wrde man rettungslos den Untergang der Welt hereinbrechen sehen!
Es ist wohl gut und wnschenswerth, da man das Volk der alten Fesseln
entledige, da man es aufklre, nur den Glauben an Gott und sein religises
Bewutsein nehme man ihm nicht!
    Bianca schwieg sinnend. Sie hatte sich so ereifert, da ihr Busen heftig
wogte. Aurel betrachtete sie verwundert. Welche Wege mute dies Mdchen gegangen
sein, da es solche Ansichten gewonnen, ber so wichtige, die Zeit bewegende
Fragen nachgedacht hatte? Nur groem, auerordentlichem Unglck oder dem Umgange
mit gebildeten Mnnern konnte sie diese Aufklrung verdanken. Seine Neugier
steigerte sich.
    Und Ihre Aeltern, Bianca? fragte er sanft, um die in sich Versunkene
wieder zum Reden zu bringen.
    Meine Aeltern! seufzte die Verirrte und schlug die groen melancholischen
Augen wie fragend zum Himmel auf. Dann begann sie wieder:
    Mein Vater betete also und suchte die Arbeit seiner Hnde durch Absingen
frommer Lieder zu frdern. Halbe Nchte hrte ich seine wohllautende, nur hufig
von Thrnen halb erstickte Stimme, wenn ich frierend mit meiner lteren
Schwester auf gemeinsamem Lager den Schlaf nicht finden konnte. Was ich von
guten Liedern noch wei - so nennt das ehrliche Volk die Kirchengesnge - das
habe ich in jenen Nchten gelernt, wo der arme Vater auf Gott vertrauend fr uns
arbeitete. Leider blieben mir nur die Worte im Gedchtni, Sinn und Bedeutung
derselben gingen mir verloren!
    Meine um einige Jahre ltere Schwester hatte um diese Zeit ihr sechzehntes
Jahr erreicht, war hbsch, von gutem Wuchs und freundlichem Betragen. Jedermann
fand an ihr Gefallen und hatte sie gern, und da unsere hchst miliche Lage kein
Geheimni war, so wrde es Niemand den Aeltern verdacht haben, wenn sie die
Schwester in die Dienste Fremder htten treten lassen. Der Vater wollte dies
aber nicht, einmal, weil die Schwester der schon hinflligen Mutter zur Hand
gehen und mich gelegentlich auch beaufsichtigen konnte, und sodann, weil das
hbsche Kind fr Bauernarbeit zu schwchlich war. So blieben wir denn beisammen,
bis ein eigener Zufall uns trennte und unser Aller Unglck herbeifhrte. Dieser
Zufall war ein Gesprch meiner Mutter mit einer Frau von einem nahen
Gebirgsdorfe, die als Botenweib hufig in die belebten Stdte, namentlich nach
Erfurt und Weimar ging und von dort nebst allerhand Neuigkeiten auch sehr freie
Ansichten mit in unsere stille Waldeinsamkeit zurckbrachte. Ein Ungefhr machte
mich zum Zeugen dieses charakteristischen Gesprchs, das ich damals leider nicht
verstand! Vielleicht wre sonst Alles anders und besser gekommen.
    Die Mutter kehrte aus dem Walde zurck mit einem Bund Schachtelholz, das
sie vom Frster auf Credit fr den fleiigen Vater geholt hatte. Mde vom
scharfen Gehen setzte sie sich vor der Thr auf die Bank, legte das Holzbndel
an die Erde und sah den goldenen Wolken, die von Abend her gleich beschwingten
Engeln langsam ber die blauen Berge schwebten, mit gefalteten Hnden nach. Da
ging die Botenfrau vorber und grte die Mutter.
    Guten Abend, Kthe! So andchtig? Und seht doch aus, als httet Ihr in acht
Tagen kein warmes Gericht mehr nur von weitem gerochen? Wie mchte ich mich nur
so placken fr nichts und wieder nichts!
    Dabei blieb sie wenige Schritte von der Mutter stehen, stemmte sich mit
beiden Hnden auf ihren langen Stock und heftete ihre falschen grnlich-grauen
Augen fest auf meine betende Mutter. Ich frchtete mich immer vor diesem langen,
hagern Weibe mit dem braunen, von zahllosen Runzeln bedeckten Gesicht, in dem
die falschen Augen wie grne Flammen brannten. Im Allgemeinen war das Weib beim
Volke seiner Klugheit und seines krnigen Witzes wegen beliebt, auch konnte ihr
Niemand offenbare Schlechtigkeiten nachsagen.
    Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! entgegnete meine Mutter. Ihr
kennt ja den Spruch, Korbmartha! So hie man nmlich ihres bergroen
Tragkorbes wegen die Botenfrau. Indem hpfte meine Schwester aus der Htte, um
Wasser im vorberrauschenden Bache zu schpfen. Korbmartha sah ihr nach und
blickte dann noch lebhafter auf meine Mutter.
    Ist das Euere Tochter? fragte sie, den Stecken aufhebend und nach der
Schwester zeigend.
    Ihr wit es ja, sagte die Mutter. Gott erhalte sie mir nur gesund! Das
liebe Kind ist meines Mannes Augapfel.
    Die Botenfrau schttelte den Kopf, und als meine Schwester im Hause wieder
verschwunden war, sagte sie:
    Kthe, Ihr verdientet gradezu Hungers zu sterben fr Eure Unvernunft! Warum
fttert Ihr das Mdel wie ein Wickelkind? Sie knnte ja, wei der Herr, von der
Mutter weg flugs heirathen, wenn sie Groschen htte! Wre die mein, die mte
dienen, und Ihr werdet recht wohl thun, Kthe, wenn Ihr die hbsche Blitzkrte
lieber heut als morgen fortschafft und ein Maul weniger zu fttern habt.
    Lieber Gott, versetzte meine Mutter traurig, die Hnde immer wie zum Gebet
verschlungen, wohin soll ich sie denn bringen? Sie ist schwach und zart, und
die Bauern mgen sie nicht.
    Wer spricht denn von groben Bauern, fiel die Botenfrau ein. Ein Mdel, so
nett und flink und schelmisch, wie Eure Rese, mu in die Stadt. Solche
Waldforellen hat man da gern. Die werden Euch dreimal so theuer bezahlt, wie das
plumpe Volk, und hat sie erst ein halbes Jahr gedient, dann sollt Ihr Eure
Freude an dem Mdel sehen, wenn sie Euch 'mal besucht. Wie eine
Brgermeisters-Tochter wird sie einhergehen und Kleider haben von halbseidenem
Zeuge.
    Ach Martha, das wre schon Alles recht gut, aber bedenkt nur die Verfhrung
in den Stdten! Die jungen Herren laufen da jedem frischen Dinge nach, das ein
paar rothe Bckchen und muntere Augen aufzuweisen hat, und wie bald lt sich da
solch ein unerfahrenes Kind durch schne Worte bethren! Nein, nein, Martha, da
will ich mir lieber den Bissen vom Munde abdarben, ja, wenn es sein mu,
hungern, bis mich Gott in seiner Barmherzigkeit ausspannt! Nur mein Kind nicht
dem Bsen Preis geben!
    Die Botenfrau lachte hellauf, trat meiner Mutter ein paar Schritte nher und
sagte verchtlich:
    Kthe, Ihr seid eine Nrrin! - Teufel noch 'mal, in welcher Zeit denkt Ihr
denn, da wir leben? Wir sind heutigen Tages aufgeklrter, wie vor vierzig
Jahren; wir haben begreifen gelernt, da man dem Glck die Hand reichen mu,
will man es auf dieser Welt zu etwas bringen! Thrin, die ich war! Htte ich's
Zugreifen verstanden, wer wei, ob ich nicht jetzt Frau Soundso wre! O, ich
wte zu erzhlen, wenn ich nur wollte, aber das ist vorber und darum mag ich
nicht weiter daran denken. - Dagegen, was Eure Rese anlangt so rathe ich Euch
nochmals, thut sie fort und zwar in die Stadt. Sie kann erst als Kindermdchen
ziehen, damit sie sich benehmen lernt. Da hat sie nicht viel zu thun und doch
Gelegenheit, sich bekannt zu machen. Nun, und begegnet ihr, was Ihr alte Nrrin
ein Unglck nennt, so bringt sie das erst recht unter die Leute und macht ihr
Glck. Sie entwhnt ihr Wrmchen und zieht als Amme. Da hat sie's besser, wie
ich und Ihr zusammen, kriegt Bier, so viel sie trinken will, und zu essen
vollauf, und spielt die Herrschaft, so oft sie Lust hat; denn um dem Kinde nicht
zu schaden, thut man ihr schon allen Willen. Ich kenne das!
    Pfui, schmt Euch, Martha! entgegnete entrstet meine Mutter. Das sind
ja, verzeih' mir's Gott, Vorschlge, als htte sie der leibhaftige Satan
erfunden und Euch auf die Zunge gelegt! Nicht zufrieden gb' ich mich, brchte
eine meiner Tchter solche Unehre auf unsern unbescholtenen Namen!
    Nun dann betet und hungert oder geht zu guter Letzt betteln! sagte mit
recht hhnischem Tone die Botenfrau, denn da es ber kurz oder lang kein
anderes Ende mit Euch nehmen kann, das sieht doch Jeder ein. Und dann werdet Ihr
Eure glatten Pppchen noch selbst feilbieten wie frischgebackene Pfannkuchen.
Gute Nacht und 'was Warmes zum Abendessen, wenn Ihr ein Stckchen Holz im Hause
habt!
    Damit setzte die Korbmartha ihren Stecken frba und wackelte langsamen
Schrittes nach dem rauschenden Buchenwalde, der in geringer Entfernung die Htte
meiner Aeltern umschlo.
    Ich hatte aus dem Fenster meiner Dachkammer diese ganze Unterredung mit
angehrt und konnte mich nicht genug wundern, da meine so treffliche Mutter den
Rathschlgen Marthas nicht folgen wollte, die mir eben so annehmbar und klug
erschienen, als die Frau selbst mir zuwider war. In meinem kindischen
Unverstande zrnte ich der Mutter, die regungslos vor dem Huschen sitzen blieb
und still bittend Gott um Rath und Rettung flehte. Das leise Zittern der
festgefalteten Hnde sagte mir dies, so wie die einzelnen Thrnen, die in groen
Tropfen ber die eingefallenen, vom Kummer durchfurchten Wangen liefen. Mich
hatte das Wort Stadt bezaubert und ich gelobte mir in kindischer Einfalt, sobald
es meine Krfte erlauben wrden, als dienende Magd vom einsamen Walddorfe in die
lustige, unterhaltende Stadt zu ziehen.
    Ehe ich allen Ernstes an Ausfhrung dieses flchtigen Einfalles denken
konnte, schritt der frchterlichste Feind des Volks, der ausgelassenste Lsterer
aller Tugend und Sitte, die Noth der Armuth, eigenmchtig ein und zwang die
bekmmerten Aeltern, ihre Kinder mit eigener Hand aus dem Hause zu stoen. Es
war eingetroffen, was die Korbmartha vorausgesagt hatte. Mir muten langsam
Hungers sterben, trennten wir uns nicht freiwillig. Dem unerbittlichen Geschick
gaben die Aeltern nach. Meine Schwester Therese mute ziehen, und weil die harte
Arbeit bei den Bauern von ihr nicht htte verrichtet werden knnen, brachte sie
die Mutter selbst nach Erfurt. Sie fand bei sehr braven Leuten ein anstndiges
Unterkommen und gefiel sich wohl. Ich blieb einstweilen noch bei den Aeltern, da
ich noch zu unselbststndig war, um mir durch Dienen mein Brod verdienen zu
knnen.
    Von Zeit zu Zeit, vierteljhrig wenigstens einmal, besuchte uns Therese und
an ihrem Benehmen, an ihrer Kleidung und heiterm unbefangenen Wesen erkannte ich
mit inniger Freude, da die Botenfrau die Wahrheit gesagt habe. Seitdem fate
ich eine Art Zuneigung zu dem hlichen Weibe, die ich ihr durch freundliches
Gren oder Darreichung eines frischen Trunkes zu erkennen gab, wenn sie vorber
ging oder auf der Bank vor unserm Huschen kurze Zeit ausruhte.
    Nach drei Jahren vertauschte Therese Erfurt mit Weimar. Zugleich kam ich als
Laufmdchen in ein Haus nach Jena. Lieber wre ich ebenfalls nach Weimar
gezogen, um die Schwester stets um mich zu haben und von ihr manchen Wink in den
neuen ungewohnten Verhltnissen zu erhalten. Es fand sich jedoch keine passende
Gelegenheit, und so war ich denn auch mit Jena zufrieden. Das Leben in dem
kleinen Orte machte mir groes Vergngen. Besonders war ich den Studenten sehr
hold, die mir wie ein ganz aparter Menschenschlag erschienen. Wenn sie Arm in
Arm ber den Marktplatz zogen oder gar daselbst schlugen und zuletzt an langen
Tafeln commerschirten, staunte ich sie und ihr wundersames Treiben wie
Meerwunder an. Niemand htte mich bewegen knnen, einen dieser jungen meist
brtigen und dazu abenteuerlich gekleideten Mnner anzureden. Ich verehrte sie
viel zu sehr, als da ich htte glauben mgen, so gewaltig einherschreitende
Mnner wrden die Frage eines so unscheinbaren armen Mdchens, wie ich damals
wirklich war, beantworten.
    Wochen und Monate blieb es auch in der That bei bloem vergnglichen
Anstaunen. Nach Jahresfrist war ich aber bedeutend grer und voller geworden
und nun richteten die jungen Leute ihre Blicke auf mich. Es dauerte gar nicht
lange, so redete mich Einer und der Andere an, scherzte mit mir und lachte ber
mein Stammeln und Errthen. Betrat ich Abends den Markt, so begleiteten sie mich
in Masse unter dem Vorgeben, mich zu beschtzen, und mehrmals, wenn ich mich
dankend an der Thr meiner Herrschaft gegen sie verbeugte, lieen sie mich hoch
leben. Obwohl solche Aufmerksamkeit meiner erwachenden Eitelkeit schmeichelte,
erschreckte sie mich doch auch, um so mehr, als meine Herrschaft mich ernstlich
bat, der wilden zgellosen Jugend keinerlei Anla zu fortgesetzter Huldigung zu
geben. Dies fiel mir nun zwar nicht ein, so wenig, als ich mir in meiner
Unschuld irgend etwas dabei dachte, nur fand ich bei hufigerem Beschauen meiner
Person im Spiegel, da ich nicht garstig sei, und seit dieser unglcklichen
Entdeckung verwandte ich weit mehr Sorgfalt auf meinen Anzug, als bisher. Fast
alle meine kleinen Ersparnisse, von denen ich bereits Einiges nach dem Vorbilde
meiner lteren Schwester den Aeltern hatte zuflieen lassen, zehrte der Ankauf
neuer und modischer Kleidungsstcke auf.
    Ein in dem muntersten Tone geschriebener Brief Theresens meldete mir bald
darauf, da sie ebenfalls nach Jena kommen wrde und wir fortan ein recht
geschwisterliches Leben zusammen fhren wollten. Meine Freude war sehr gro. Ich
konnte Theresens Ankunft kaum erwarten und wute mich nicht zu fassen vor
innerlicher Glckseligkeit, als ich die geliebte Schwester nun wirklich in meine
Arme schlo.
    Therese war in den letzten beiden Jahren sehr schn geworden. Sie konnte mit
ihrem tadellosen Wuchse, dem schnen Blond ihrer weichen Haare und dem feurigen
Ultramarinblau ihrer lnglichen Augen unter so vielen jungen Mnnern nicht
unbemerkt bleiben. Schon nach Verlauf einiger Tage sprach man nur von dem
schnen Dienstmdchen, hatte ermittelt, da es meine ltere Schwester war, und
begann nunmehr in galantester Weise vollkommen Jagd auf sie zu machen. Ich
erschrak bei dieser unerwarteten Wendung der Dinge, nicht weil ich mich im
Augenblick vernachlssigt sah, sondern weil ich fr meine Schwester frchtete.
Diese hatte aber whrend ihrer mehr als vierjhrigen Dienstzeit die Welt und das
Gebahren der jungen Mnner hinlnglich kennen gelernt und wute die
Zudringlichsten und Kecksten mit erstaunlichem Tacte in gehriger Entfernung zu
halten. Es fehlte ihr nie an den schrfsten und treffendsten Entgegnungen auf
kecke oder gar zweideutige Anfragen, und so wute sie sich denn inmitten einer
Unzahl von Anbetern vollkommen sicher.
    So verstrich wieder mehr als ein halbes Jahr. Wir Schwestern lebten in
freien Stunden viel zusammen, sendeten so oft wie mglich Botschaft an unsere
Aeltern und erhielten dergleichen wieder zurck. Es hatte ganz den Anschein, als
sei uns das Glck nicht abhold. Da bemerkte ich, da Therese, die von Natur
lebhafter und gesprchiger war, als ich, immer stiller wurde und oft sinnend vor
sich hinstarrte. Ich beobachtete sie wochenlang, ohne nach dem Grunde zu fragen,
schlich ihr unbemerkt nach, wenn sie am dunklen Abend zu mir kam und wieder nach
Hause ging, und entdeckte einen ihrer harrenden Begleiter. Es war ein hoher,
schner Mann, wie ich spterhin hrte, ein Lievlnder, von adliger Geburt und
sehr reich. Bei dieser Entdeckung fielen mir zum ersten Male wieder die Worte
der hlichen Korbmartha ein und eine peinigende, nicht mehr von mir zu wlzende
Angst schnrte mir das Herz zusammen. Ich entschlo mich, meine Schwester in
theilnehmendstem Tone auszuhorchen, zur Rede zu setzen und sie zu warnen.
    Die Gelegenheit fand sich schon am nchsten Abend, wo ich Therese mit ihrem
Galan auf der Hausflur in zrtlichster Umarmung berraschte. Der Lievlnder
verlie die Erschrockene mit einem Scherze, wobei ich selbst auch etwas abbekam,
und wir hatten nun Mue, uns nach Herzenslust gegenseitig auszusprechen. Meine
sehr eindringliche Rede hrte Therese mit tiefem Schweigen an. Sie rechtfertigte
sich nicht, sie versuchte es auch spter nie; sie hrte mir gesenkten Kopfes zu
und seufzte nur. Als ich endlich ausrief: Bedenke, gute Schwester, da ein
reicher Baron so weit her Dich, ein armes Dienstmdchen, nie heirathen wird, da
fiel sie mir laut schluchzend um den Hals, kte mich inbrnstig und drngte
mich dann aus der Thr, die sie rasch hinter sich verriegelte.
    
    Nachdenklich ging ich heim. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zuthun.
Sollte ich die Aeltern von der Neigung Theresens benachrichtigen oder dieselbe
verschweigen? Darber zerbrach ich mir den Kopf, bis ein wster Schmerz mich
befiel. Um die Schwester nicht gar zu sehr zu betrben, schwieg ich und
beschlo, ferner nur im Stillen aufzupassen. Dies fruchtete jedoch nichts.
Therese lie sich nicht mehr berraschen, blieb aber still und sinnend, wie
zuvor. Ob sie noch mit dem Lievlnder umging oder um ihn trauerte, konnte ich
damals durchaus nicht errathen. Mit schwesterlichem Bedauern bemerkte ich nur,
da die Liebende bleicher und immer bleicher ward, und schrieb dies auf Rechnung
ihres Grames. Nur einmal fragte ich noch theilnehmend, was ihr fehle und warum
sie so ganz eine Andere geworden sei? Da warf sie mir einen so entsetzlichen
Blick zu, da ich zurckschauderte und mich fortan zuweilen vor der Schwester
sogar frchten konnte.
    Sechs Wochen spter weckte mich frh am Morgen ein entsetzlicher Tumult. Ich
eile an's Fenster, reie es auf und sehe mitten auf dem Markte eine Menge sich
drngender Menschen. Nun strze ich die Treppe hinunter, frage, was es gibt? und
dringe, da mir Jeder schchtern ausweicht, immer weiter vor, bis ich vor meinen
Fen den bleichen, schnen Krper meiner armen Schwester liegen sehe. Fest
umschlungen und zum Schutz noch mit Stricken an die Brust gebunden hielt sie ein
neugebornes Kind. Die Unglckliche hatte sich unmittelbar nach erfolgter
Entbindung in die Saale gestrzt. Zwei Tage vorher war der Lievlnder, ihr
Verfhrer, in seine Heimath abgereist. Ein Brief von ihm, den ich unter den
Sachen meiner Schwester fand, verrieth mir dies. Er war sehr lakonisch und
scherzhaft beleidigend. Der reiche Herr bedauerte, da seine Zrtlichkeiten so
unangenehme Folgen haben sollten und meinte, da fr diese nicht er, sondern das
schne, gefllige Kind einzustehen habe. Schllich wnschte er ihr alles Gute
recht bald einen neuen Freund, den das tckische Schicksal nicht von ihr reie,
und damit sie she, da er ihr noch immer gewogen sei und fr sie sorge, erlaube
er sich die Kosten der Taufe in einigen Goldstcken beizuschlieen. - -
    Ein Strom von Thrnen erstickte Bianca's Stimme. Aurel lie die
Bedauernswrdige gewhren und benutzte die eingetretene Pause, um einen Blick in
den groen Saal zu werfen, wo seit Kurzem lebhafter Wortwechsel sich erhoben
hatte. Er bemerkte, da eine Menge junger elegant gekleideter Herren ein
hbsches weinendes Mdchen zu beruhigen suchten, whrend andere tobten, fluchten
und bei Allem, was Ihnen heilig sei, den Unverschmten zu zchtigen schworen.
Ein gewhnlicher Wirthshausstreit, dachte der Kapitn und nahm seiner Schnen
gegenber wieder Platz. Er fand sie gefat und bereit, den abgerissenen Faden
ihrer Erzhlung wieder anzuknpfen. Aurel bat darum und Bianca fuhr sort:
    Sie kennen unstreitig die Einrichtung auf Universitten, nach welcher die
Leichname der Selbstmrder auf die Anatomie abgeliefert werden mssen. Ich hatte
mehrmals davon gehrt und wrde jedenfalls selbst in meinem unaussprechlichen
Schmerze daran gedacht haben, wre ich nicht durch die frohlockende Bemerkung
eines vorbergehenden Studenten auf der Stelle in furchtbarer Weise daran
erinnert worden. Ich hrte nmlich dicht hinter mir rufen, indem sich ein
brtiges Gesicht ber meine Schulter schob:
    Donnerwetter, das ist ein Bissen fr uns! Eine von den drei Grazien ohne
Widerrede! Wo das die Theologen spitz kriegen, mu der Profector das Auditorium
schlieen lassen, sonst erdrcken uns die Jnger des heiligen Geistes, um den
Genu zu haben, ein junges schnes Mdchen im Naturzustande, so lange es ihnen
beliebt, mit lsternen Blicken betrachten zu knnen.
    Mich berlief es eiskalt. Meine arme unglckliche, gemihandelte Schwester
noch im Tode entehrt, den Blicken neugieriger Sptter ausgesetzt zu wissen -
dieser Gedanke emprte mich! Ohne Zaudern that ich Schritte, um meine todte
Schwester loszukaufen. Da dies hufig geschah, wute ich. Selbst whrend meiner
Anwesenheit in der Universittsstadt war es schon einige Male vorgekommen.
Namentlich erinnerte ich mich eines Falles, wo die Tochter einer angesehenen
Familie, die selbst Hand an sich gelegt hatte, gegen Erlegung der festgesetzten
Summe sogleich von der Universitt frei gegeben wurde. Darauf fute ich. An Geld
fehlte es mir auch nicht, wenn ich zu dem vorgefundenen Golde meine eigenen
Ersparnisse legte. Es hatte nichts mehr Werth fr mich, als der Krper der
entseelten Therese.
    Mit dem nthigen Gelde versehen, von Schmerz und Scham tief gebeugt, brachte
ich mein Anliegen vor und - ward khl abgewiesen. Schnes Kind, sagte man zu
mir, es thut uns leid, Deine Bitte nicht erfllen zu knnen. Deine Schwester ist
Mrderin und Selbstmrderin zugleich und berdies als liederliche Dirne aus der
Welt gegangen. Solche Personen sind unrettbar dem Messer des Anatomen verfallen.
Wre Therese hlich, nun, dann knnten wir allenfalls ein Auge zudrcken, so
aber ist die Entleibte ein Meisterwerk der Schpfung, und je seltener so
tadellose Cadaver zu bekommen sind, desto mehr mssen wir danach angeln. Gib
Dich also nur zufrieden, liebes Kind, behalte Dein Geld und mache Dir einen
guten Tag!
    Ich glaubte vor Entsetzen in die Erde sinken zu mssen. Ich warf mich dem
strengen Herrn zu Fen, ich bat mit flehendster Schmerzensstimme, ich bot den
doppelten Preis - Alles umsonst! Zuletzt ward ich hart angelassen und mit der
Bemerkung aus dem Zimmer gefhrt: Bei armen Mdchen knne man durchaus keine
Rcksichten nehmen; man habe genug mit den Reichen zu thun, die auf ihr Vorrecht
pochend bei unangenehmen Ereignissen hnlicher Art nie unterlieen, an dasselbe
zu appelliren. Ihnen msse man aus Klugheit willfahren, bei armen Dienstboten
aber fiele jeder haltbare Grund weg.
    So ungefhr, wenn auch in andern Worten, lautete der mir gegebene Bescheid.
Ich wute mir nicht mehr zu rathen, zu helfen. Theresens Leichnam war bereits
auf die Anatomie gebracht worden, und, wie die Sachen standen, keinerlei
Aussicht vorhanden, irgendwie meinen Zweck zu erreichen. Inde wollte ich doch
nichts unversucht lassen und so lief ich denn durch die halbe Stadt, um
Erkundigungen einzuziehen und mit den zur Zeit geltenden Verordnungen und
Gesetzen mich bekannt zu machen. Was ich auf diesen schweren Gngen ermittelte,
war freilich fr mich nicht sehr trstlich. Damals ward mein gengstetes Herz
zum ersten Male von der entsetzlichen Wahrheit zerfleischt, da in unsern
civilisirten Staaten die Armuth sogar vom Gesetz wie ein Laster behandelt wird!
    Sollten Sie, armes Mdchen, fiel Aurel ein, unserer Gesetzgebung nicht
einen zu harten Vorwurf mit dieser Behauptung machen?
    Nein, Herr Kapitn. Hren Sie, nach welchen Grundstzen auf jener
Universitt zu meiner Zeit die Anatomie mit Leichnamen versorgt ward. Zuerst
erfuhr ich, was ich bereits wute, da nur reiche Verwandte Selbstmrder von der
Anatomie loskaufen knnen. Ferner war es damals noch Sitte - ob inzwischen eine
Aenderung stattgefunden hat, wei ich nicht - da nur bei der Section im
Hospital verstorbener armer Mdchen, die gesetzlich auf die Anatomie geliefert
werden muten, das Hospitiren der Nichtmediciner gestattet ward. Jedermann wei,
da diese nicht wissenschaftliches Interesse, sondern einzig und allein Neugier
und wollstiger Kitzel an den Secirtisch treibt. Man ergetzt sich in
Gemeinschaft an schnen Formen und unzarten, wo nicht sittenlosen Witzen, die
man auf Kosten des vorliegenden Leichnams oder des ganzen wehrlosen Geschlechtes
macht.
    Nach einer andern gesetzlichen Bestimmung muten alle unehelichen Kinder,
wenn sie vor dem zurckgelegten vierzehnten Jahre starben, unausbleiblich auf
die Anatomie geliefert werden! Wahrscheinlich sind die Gesetzgeber bei dieser
hchst moralischen Bestimmung der Ansicht gewesen, die bis heut noch leider
allgemein verbreitet ist, da jede vom Priester nicht eingesegnete Verbindung
eine sndhafte sei und der erkauften Liebe gleichkomme! Eine entsetzliche,
verdammenswrdige Annahme, die jede reine Neigung tdtet, die alle wahre
Sittlichkeit gnzlich untergrbt! Weit entfernt, die Ehe herabsetzen zu wollen,
bin ich doch fest bezeugt, da mehr ehelich geborene Kinder unkeuschen
Umarmungen ihre Entstehung verdanken, als unehelich geborene, und doch entbldet
man sich nicht, diesen Schuldlosen einen Fehl, einen Flecken anzudichten, der
sie in den Augen der vorurtheilsvollen Menge der brigen Menschheit gegenber
herabsetzt.
    Am schrecklichsten aber und gradezu unmenschlich erschien mir die grausame,
aller christlichen Liebe hohnsprechende Verordnung, nach welcher alle Leichname
gefallener Dienstmdchen, wenn auch seit ihrem Falle ein Zeitraum von vierzig
Jahren vergangen sein sollte, der Anatomie anheimfallen. Merken Sie wohl, nur
der Dienstmdchen, gefallene Tchter der Brger und des Adels unterliegen dieser
Strafe, die mithin nur fr die Armuth erfunden worden ist, nicht.1
    Schon wollte ich mich in mein Schicksal fgen, als ich aufmerksam gemacht
wurde, da vielleicht durch persnliche Rcksprache mit einem hochgestellten
Manne ein Tausch bewerkstelligt werden knne. Man lobte die Hflichkeit und
Zuvorkommenheit dieses Mannes und ich ging der todten Schwester zu Liebe zu ihm.
In der That fand ich einen der einnehmendsten Mnner in ihm, die mir je
vorgekommen sind. Jung, interessant, sehr lebhaft und beraus galant, behandelte
er mich wie eine Dame. Dies gewann ihm sogleich mein Vertrauen, denn ich war
bisher immer nur an unfreundliche Befehle gewhnt. Meinen instndigen Bitten
schien er nicht abgeneigt. Er versprach mir, sich zu erkundigen, ob eine
Vertauschung, ohne Verdacht zu erwecken, mglich sei, und bat mich, ihn Abends
nach Sonnenuntergang nochmals mit meinem Besuche zu beehren.
    Beruhigter kehrte ich zu meiner Herrschaft zurck, die mich sehr ungndig
aufnahm. Unverdiente Vorwrfe und bittere Schmhungen mute ich ohnehin so tief
Gebeugte ber mich ergehen lassen. Sie kndigte mir den Dienst, da sie ein
Mdchen, auf welches die ganze Stadt mit Fingern deutete, nicht um sich haben
mge. - Ich ertrug Alles schweigend und konnte den Abend kaum erwarten, der mir
Gewiheit bringen sollte. Er kam, ich besuchte den Mann, der mir allein noch
helfen konnte, abermals. Noch hflicher, als am Tage, empfing er mich. Es wird
sich thun lassen, mein schnes Kind, sagte er. Noch in dieser Nacht soll ein
anderer weiblicher Krper abgeliefert werden. Niemand wei davon und so kann ich
Dir gegen Morgen Deine arme Schwester wieder geben.
    Ich war gerhrt, entzckt, drckte dem gtigen Manne im heien Dankgefhl
die Hand und bot ihm all mein baares Geld fr seine Gromuth an. Lchelnd schlug
er es aus. Das behalte fr Dich, Du wirst es schon brauchen, sagte er. Weit
lieber wre mir ein Ku von den schnen Lippen, die so anmuthig danken knnen.
Werd' ich vergeblich darum flehen? - Er sah mir so freundlich, so mild und
gutherzig in die Augen, und ich fand den Geflligen in jenem Augenblick so schn
und wahrhaft liebenswrdig, da ich mich nicht lange besann. Weinend sank ich an
seine Brust, schlang meine Arme um seinen Nacken und prete meine Lippen fest an
seinen Mund. Lange hielten wir uns umschlungen, wir fhlten den beschleunigten
Schlag unserer Herzen. Als ich mich endlich aus den Armen des vortrefflichen
Mannes wieder losmachen wollte, fhlte ich mich in der heftigsten Aufregung. Der
gtige Vermittler entlie mich nicht. Von Neuem umschlang, drckte er mich an
sich. Es ist um Deine Schwester! flsterte er mir zu, und dies Zauberwort htte
mich damals selbst in der Hlle fest gehalten. Seinen Bitten konnte ich nicht
widerstehen. Ich blieb, blieb lange, lange, und als ich von ihm ging, hingen
Thrnen an meinen Wimpern, Thrnen, die nicht meiner Schwester, die mir selbst
galten! Jetzt htte ich neben der Todten niederknien und auf ihren kalten Mund
einen Ku der Vergebung drcken mgen. Was war ich mehr, als sie? Konnte ich
nicht gleich ihr endigen, nun ich gefallen war, wie sie? -
    Verstohlen, dem Monde ausweichend, um den Schatten meiner Gestalt nicht zu
sehen, schlich ich nach Hause. Schlaflos brachte ich die Nacht unter Thrnen,
unter Gebet, unter entsetzlichen Vorwrfen hin. Als der Morgen graute, verlie
ich mein rmliches Lager, das mir zur Folterbank geworden war. Ueber die den
Gassen eilte ich schnellen Laufes nach der Anatomie. Da schmetterte mich die
trockene Antwort nieder, da der versprochene Leichnam untauglich sei und mir
demnach die Schwester nicht verabfolgt werden knne! - -
    Dabei blieb es. Therese verfiel dem Messer des Anatomen und ich hatte meine
Jugend, meine Unschuld, meine Ehre einem Phantom geopfert!
    Von meiner Dienstherrschaft entlassen, das Augenmerk der ganzen Stadt, fr
die ich nur die Schwester der schnen Selbstmrderin war, blieb mir nichts brig
als schleunigste Flucht. Vielleicht wre ich Therese in den Tod gefolgt, htte
mich nicht das Schicksal, welches meiner dann harrte, abgehalten. Der
frchterliche Secirtisch der Anatomie und die lsternen Blicke der jungen
Mnner, die sich lachend an meinen erkalteten Gliedern dann weideten, schreckten
mich zurck. Flucht! Flucht! rief ich mir wohl tausendmal zu, packte meine
wenigen Habseligkeiten zusammen und brach auf.
    Erst als die kleine Stadt mit ihren kahlen Bergen hinter mir lag, fragte ich
mich: wohin? Die Entscheidung war nicht schwer. Meine unglcklichen, frommen,
gengsamen Aeltern lebten noch in ihrer rauschenden Bergeinsamkeit. Noch ahnten
sie nichts von dem grauenvollen Unglck, das sie am Sptabend ihres Lebens
ereilt hatte. Sie beteten in gottgeflliger Einfalt fr ihre fernen Kinder,
davon eins schon nicht mehr unter den Lebenden wandelte. Zu ihnen! rief es in
der Tiefe meines Herzens, und ich schlug den Weg nach der Heimath ein.
    Vor der Thr ihrer Htte sitzend fand ich die Aeltern. Sie erkannten mich
nicht in der modernen stdtischen Kleidung, die ich seit meinem Dienstantritt
trug. Als ich sie bei Namen rief, umarmten sie mich unter Freudenthrnen. Sie
fragten nach Theresen, nach ihrem Wohlbefinden. Ich senkte den Kopf und schwieg.
Als sie nun eine unerfreuliche Nachricht erwarteten und heftig in mich drangen,
erzhlte ich mit schonendster Milde den Hergang und das traurige Ende der
Schwester. Meine Mutter sank besinnungslos in die zitternden Arme des alten
schwachen Vaters. Ich kniete vor beiden nieder und benetzte mit reuigen Thrnen
ihr Gesicht, ihre Hnde.
    Dummes Ding! hrte ich hinter mir eine nur zu bekannte krchzende Stimme
hhnisch rufen. Wie abgeschmackt fr ein hbsches Mdchen von zwei und zwanzig
Jahren, sich eines Kindes wegen in's Wasser zu strzen! Die hat ihren Vortheil
schlecht verstanden, und da ist denn freilich weder zu rathen noch zu helfen.
Sei Du klger, hbscher Schwarzkopf, wenn Dir's hnlich ergehen sollte! Zu einem
kalten Bade hat man alle Tage noch berflssige Zeit!
    Es war die Korbmarthe, die aus dem Walde ihres Weges ziehend den traurigen
Schlu meiner Erzhlung mit angehrt hatte und sich zu dieser gemeinen Bemerkung
gedrungen fhlte.
    Dumme Dirne! Dumme Dirne! Sich zu ersufen in der Blthe ihrer Schnheit!
murmelte sie vor sich hin, indem sie an uns vorber schritt. Die Erscheinung
dieses hlichen alten Weibes erfllte mich mit wahrhaftem Entsetzen, reizte
aber auch zugleich meinen Zorn dergestalt, da ich mir Gewalt anthun mute, um
nicht mit Tigerwuth mich auf sie zu strzen und ihr das Genick zu brechen. Sie
schien mir eine Abgesandte der Hlle, die sich ihres Triumphs ber uns freute.
    Ohne ihre tiefe unerschtterliche Gottglubigkeit wrden meine Aeltern
diesem Schlage sogleich erlegen sein. Die Religion, die lngst einen wahrhaften
Bestandtheil ihres Wesens ausmachte und in ihnen lebendig geworden war, hielt
sie aufrecht, das Gebet gab ihnen Kraft und Strke, das Entsetzliche zu
ertragen. Sie flehten Gott allabendlich um Gnade fr ihr verirrtes, als
zwiefache Verbrecherin aus der Welt geschiedenes Kind, und wenn je das Gebet
frommer Aeltern Erhrung findet bei Gott, so mu Therese durch das glubige
Bitten ihrer Aeltern begnadigt worden sein.
    So innig ich an meinen braven Aeltern hing, so unheimlich ward mir doch in
ihrer Nhe. Ich taugte ja nicht mehr in so heilige Kreise, ich war eine
Snderin, deren Herz vor Groll und Ingrimm brechen wollte. Eine unsichtbare
Gewalt zog mich hinaus in die Welt, um in ihrem Gerusch Vergessenheit und ein
neues Glck zu suchen. Mich drckte, mich beleidigte die Armuth, seitdem ich
wute, wie man mit ihr verfhrt, wie man sie gleich einem rudigen Hunde von
sich stt oder sie mit herzloser Gleichgiltigkeit behandelt! Obwohl fromm und
schlicht und zu gengsamem Leben erzogen, vermochte ich doch nicht mehr
andachtsvoll zu einem Gott zu beten, der Tausende seiner Geschpfe so unwrdig
behandeln lt, und das Wort Christi: Selig sind die Armen, denn das Himmelreich
ist ihr! konnte mich zu verzweifeltem Lachen reizen. Ich konnte nicht an eine
Seligkeit jenseits glauben, die ich mit vlliger Vernichtung meiner angeborenen
Menschenwrde diesseits erkaufen sollte! Werde reich! schrie es Tag und Nacht in
mir mit gellender Stimme, werde reich um jeden Preis und Du bist glcklich,
angesehen, geehrt!
    Daheim konnte ich nicht bleiben. Meine Aeltern wnschten dies eben so wenig,
als ich selbst, ich war daher Willens, wieder einen Dienst, wo mglich in einer
groen Stadt zu suchen. Dort hoffte ich, sollte sich Gelegenheit finden, die mir
von der Natur geschenkten Gaben zu meinem Vortheil zu benutzen. Ich war ja
schn, und Schnheit mit Jugend gepaart wirft man so leicht nicht vor die Thr,
wenn sie den zarten Panzer des Weibes, die verlockende List, anlegen.
    Ich wandte mich nun zuerst nach Hannover, da ich aber bei meiner schnellen
Dienstentlassung und der Verwirrung, in die mich der unerwartete Tod meiner
Schwester versetzt, ein Zeugni meines Wohlverhaltens mir ausstellen zu lassen
vergessen hatte, fand ich nicht sogleich einen Dienst, wie ich ihn wnschte. Es
schien mir sogar, als zweifle man an meiner Unbescholtenheit, wozu ich
vermuthlich selbst Anla gab durch freundliches, einschmeichelndes Betragen, das
mehr von forcirter Koketterie als von reizender Natrlichkeit an sich haben
mochte. Es vergingen ein paar Wochen und meine Baarschaft schmolz zusammen. Da
machte ich an einem ffentlichen Orte die Bekanntschaft eines nicht mehr jungen,
aber, wie ich auf den ersten Blick bemerkte, sehr wohlhabenden Mannes. Mein
forschend auf ihn gerichtetes Auge mochte ihm Verheiungen vorgespiegelt haben,
an die ich selbst nicht dachte. Er knpfte ein Gesprch mit mir an, schenkte mir
Blumen und schlug mir vor, als er meine nicht eben beneidenswerthe Lage erfuhr,
die Stelle einer Haushlterin bei ihm anzunehmen. Er bedrfe grade einer solchen
und sei in Verlegenheit, eine Person zu finden, der er vertrauen knne. Ich
gefiele ihm, und htte ich Lust, es mit ihm und seinen kleinen Launen zu
versuchen, so knnte ich gleich morgen in seinem eigenen Wagen mit ihm abreisen.
    Herr M* war aus Hamburg, Kaufmann und Hagestolz. Seine Bedingungen dnkten
mir sehr annehmbar, und da ich durchaus nichts zu verlieren hatte und dieser
Anfang mir den vielversprechenden Eingang zu den schimmernden Palsten des
Reichthums ffnen zu wollen schien, so nahm ich sie an. Drei Tage spter war ich
in Hamburg.
    Sie knnen errathen, Herr Kapitn, welch ein Leben ich hier fhrte. Eine
Zeit lang war Herr M* sehr zufrieden mit mir. Er berhufte mich sogar mit nicht
ausbedungenen kostbaren Geschenken, die ich aus den angedeuteten Grnden annahm.
Spter mute ich mich dafr erkenntlich zeigen, wozu ich mich nach einigen
heftigen innern Kmpfen denn auch entschlo. Ich hoffte Madame M* zu werden und
gab dies sehr unverhohlen zu erkennen. Dies war nicht politisch; mein Gebieter
ward von Stund' an klter gegen mich; ich begann ihn zu tyrannisiren, auf meine
Ansprche pochend. Dies verdro Herrn M* und eines schnen Morgens lohnte er
mich ganz ruhig ab und hndigte mir auerdem eine ansehnliche Summe als
Abfindungsquantum ein. Obwohl ich es jetzt mit Bitten versuchte und keine kleine
List unterlie, den Beleidigten mir wieder zu vershnen, konnte ich ihn doch
nicht erweichen. Ich mute sein Haus verlassen -
    In diesem Verhltni hatte ich so viel erworben, um nthigen Falles allein
anstndig leben zu knnen. Dies zog ich einer neuen dienstlichen Stellung vor.
Ich miethete mir ein elegantes Logis, gab mich fr eine junge Wittwe aus und
spielte nicht ohne uerliches Glck die gebildete Dame. So hoffte ich am
leichtesten ein Ehebndni mit irgend einem wohlhabenden Manne, der mir gefiel,
herbeifhren zu knnen. Allein auch diese Speculation schlug mir nicht zum Glck
aus. Ich fand viele Liebhaber, keinen Geliebten, und da ich schon lngst den
festen moralischen Halt verloren hatte, sank ich von Monat zu Monat tiefer, bis
ich mich selbst verachten mute. Ich ging von einer Hand zur andern, lebte
uerlich gut, befand mich scheinbar wohl und trug tief verborgen die Hlle in
meinem Herzen. Nach und nach wich die erknstelte Heiterkeit von mir, die so
leicht alle Mnner bestach und sie mir zufhrte. Ich ward traurig, kalt,
abstoend, melancholisch. Da flohen mich die Mnner, die immer nur Lust und
Scherz beim Weibe suchen. Ich kam, mchte ich sagen, klnge es nicht zu
frchterlich, aus der Mode, und um doch ein anstndiges Leben dem Scheine nach
fortsetzen zu knnen und der verhaten Armuth nicht gnzlich zu verfallen, ward
ich genthigt, die Salons zu besuchen.
    Dies ist mein uerst beneidenswerther Lebenslauf, schlo Bianca mit
bitterm Lcheln ihre Erzhlung, und finden Sie jetzt noch, da ein ehrlicher
Mann seine Hand rettend nach mir ausstrecken darf, ohne sich fr immer zu
besudeln, dann, Herr Kapitn, will ich es wagen, Ihrer Gromuth mich
anzuvertrauen!
    Aber Ihre Aeltern, Bianca? Wissen sie, auf welchen Wegen ihre geliebte
Tochter wandelte?
    Gott Lob, Sie wissen es nicht, wenn sie nicht gleich Gott allwissend sind!
Der Tod hat sie lngst erlst.
    Es war stiller und immer stiller geworden im Pavillon. Nur wenige Gruppen
saen noch verstreut im groen Saale. Da ward die Thr des kleinen Gemaches, wo
Aurel sich mit Bianca unterhielt, behutsam geffnet und Gilberts lebhaftes
Gesicht lauschte herein. Gleich darauf stand er vor dem Kapitn.
    Endlich ist das Fahrwasser sicher, sagte er mit leichtfertigem Lcheln.
Ich habe verteufelt warten und mich verkriechen mssen wie eine Schiffsratte,
und hatte es doch so eilig!
    Was gab es? fragte Aurel.
    Zum Teufel, Herr Kapitn, wird man denn taub, wenn man einem so reizenden
Mdchen, wie Ihre Gesellschafterin es ist, in die geheimnivollen feuchten
Sterne schaut? Gilbert begleitete diese galanten Worte mit anmuthvoller
Verbeugung gegen Bianca. Als ich vor beinahe zwei Stunden Sie hier aufsuchte,
lief mir drauen im Saale ein solcher Himmel mit zwei blauen Sonnen in die Arme,
ich fing ihn auf und weil es ja doch eine groe Seltenheit zu sein pflegt, den
Himmel warm und weich an sein Herz zu schlieen, so nahm ich mir geschwind diese
Freiheit und berhrte die beiden funkelnden Sonnen mit meinen Lippen. Und um
solcher himmlischen Neigung wegen wollten mich die glanzfilzigen Bengel
todtschlagen! Darum mute ich ausreien und bis jetzt warten. Ich habe mich aber
doch amusirt! Oben auf dem Stintfange traf ich ein freundliches Kind, frisch und
munter wie ein Lachs. Mit ihm habe ich Sternenkunde getrieben bis jetzt und alle
sieben Himmel Muhameds durchstreift. Es war prchtig, auf Matrosenehre!
    Aurel schttelte lchelnd den Kopf. Schon gut, mein Junge, ich kenne Dich!
Behalte jetzt Deine himmlischen Erkenntnisse fr Dich und sage, was Deine Eile
zu bedeuten hat?
    Nichts weiter als einen Brief. Da ist er! Schleunigst zu besorgen, steht
darauf gekritzelt, irre ich nicht, von der Hand Ihres sehr ehrenwerthen Herrn
Bruders.
    Gilbert berreichte Aurel das Schreiben, der mit einiger Hast danach griff.
    Sie erlauben, mein Frulein?
    Bitte!
    Aurel ri das Couvert auf, ein langer Brief blieb in seinen Hnden. Das
geht nicht, sagte er, das Schreiben zu sich steckend. Ich brauche mindestens
eine Stunde, um diese Buchstaben zu entziffern.
    Lassen Sie sich durchaus nicht stren, Herr Kapitn!
    Es hat Zeit, fiel Aurel Bianca ins Wort. Geh, Gilbert, und besorge eine
Droschke!
    Gilbert entfernte sich.
    Bianca, rief nun der junge Kapitn gerht, indem er beide Hnde des
schnen Mdchens erfate, Ihre Offenheit hat mich eben so tief erschttert, wie
die betrbenden Erfahrungen, die Sie, noch so jung, bereits gemacht haben. Ich
nehme wahrhaften Antheil an Ihnen, und ich wnsche, da bessere, heiterere,
schuldlosere Tage die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen Sie werden
vergessen machen. Nehmen Sie es fr ein Schicksal, da ich, selbst ein vielfach
gefallener Mann, Ihnen gerade jetzt begegnet bin, und geben Sie mir das
Versprechen, Hamburg zu verlassen, sobald ich es fordere. Es wird sich ein
passenderer Aufenthaltsort fr Sie finden, ich wei es, und was an mir liegt,
einen solchen recht bald zu ermitteln, soll geschehen. Knnen Sie sich dazu
entschlieen?
    Bianca's Blick ruhte geraume Zeit auf den freundlichen, treuherzigen Augen
des Kapitns. Sie drckte ihm dankend die Hand und sagte: Ich folge Ihnen, denn
ich erblicke in Ihnen den rettenden Engel, den meine frbittenden Aeltern mir
senden.
    Aurel stand auf, drckte die schne Snderin an sich und hauchte einen Ku
auf ihre Stirn.
    Ein Wagen fuhr vor. Gilbert meldete, da Alles bereit sei. Ein paar Secunden
spter rollte die Droschke mit Aurel, Bianca und Gilbert nach der Stadt.

                                    Funoten


1 Diese abscheulichen Verordnungen hinsichtlich der an die Anatomie
abzuliefernden Leichname bestehen noch heutigen Tages in Jena.


                               Sechstes Kapitel.

                               Die Mohrentaverne.

Aurel begleitete Bianca bis an ihre Wohnung. Hier empfahl er sich nochmals mit
herzlichem Hndedruck, bat sie wiederholt, da sie ihm blindlings vertrauen
mge, und eilte alsdann mit Gilbert nach Hause.
    Es war bereits zehn Uhr vorber und noch stand ihm fr die Dauer der Nacht
ein neues Abenteuer bevor. Wollte er dies nicht auf einen andern Abend
verschieben, so war es die hchste Zeit, sich darauf vorzubereiten.
    Gilbert, sagte der Kapitn, suche aus meiner Garderobe die schlechteste
Matrosenkleidung zusammen und lege meine Pistolen und meinen indischen Dolch
bereit. Ich will unterdessen sehen, was mir der Bruder so eilig zu melden hat.
        Adrian schrieb:

        Kaum habe ich Dir den wunderlichen Besuch mit seinem noch
        wunderlicheren Anliegen gemeldet, der mich vor einigen Tagen
        berraschte, und schon bin ich genthigt, jetzt abermals in dieser mehr
        als rthselhaften Angelegenheit an Dich zu schreiben. Wir haben es mit
        ein paar alten Fchsen zu thun, die ihrer Sache ziemlich gewi zu sein
        scheinen. Acht Tage haben diesen beiden Greisen gengt, mich und
        mittelbar also auch Dich wie Adalbert in die Enge zu treiben. Auf welche
        Weise ihnen dies mglich geworden ist, wei ich noch nicht, da sie es
        vermocht haben, ist leider nur zu gewi! - Sie haben uns verklagt,
        haben, wie ich hre, Zeugen aufgetrieben, welche das Vorhandensein
        verstoener Kinder unseres verewigten Vaters eidlich erhrten wollen.
        Daran wrde ich mich wenig kehren, denn ehe ein so schwieriger Beweis
        rechtskrftig gefhrt werden knnte, wrden Jahre vergehen, und in so
        langer Zeit lt sich viel ersinnen, um ein drohendes Uebel still zu
        beseitigen. Weit rgerlicher ist es mir, da diese mit dem Teufel
        verbndeten alten Bauern, auf welche Weise, mag Gott wissen, meine
        smmtlichen Arbeiter und Unterthanen gegen mich aufgehetzt haben. Sie
        betrachten mich fr den unrechtmigen Besitzer der Gter des Grafen
        Magnus und drohen mit gewaltsamen, unsern Namen entehrenden Maregeln,
        wenn ich nicht die Forderungen dieses weilockigen Wenden auf der Stelle
        befriedige.
        Wohin solche Widersetzlichkeit arbeitender, an mich und mein Interesse
        gefesselter Menschen fhren kann und mu, ist gar nicht abzusehen. Ich
        brauche diese zerlumpten Tausende, brauche sie unter den Bedingungen,
        die ich ihnen bisher kaltbltig und in ruhiger Consequenz auferlegt
        habe, sonst gehen alle meine groartigen Speculationen in Rauch auf. Es
        gilt daher, den ausgestreuten Saamen des Mitrauens um jeden Preis zu
        entfernen, die Murrenden zu beschwichtigen. Dies kann nur geschehen,
        wenn wir die Quellen verstopfen, aus denen sie ihren Argwohn schpfen,
        kann nur von Dauer sein, wenn Sloboda und der alte verschlagene
        Maulwurffnger mit seinem ganzen Anhange schnellstens entfernt wird.
        Ich unterfange mich nicht, eigenmchtig einen Weg anzudeuten, der sofort
        eingeschlagen werden mte, um dieses nicht blos wnschenswerthe,
        sondern durchaus nothwendige Ziel zu erreichen. Einige Plne kreuzen
        sich wohl in meinem Kopfe, aber sie bedrfen der sorgfltigsten
        Ueberlegung. Es wre deshalb am besten, wir drei Brder kmen persnlich
        zusammen, beriethen uns mndlich, tauschten unsere Ansichten offen gegen
        einander aus und faten einen gemeinsamen Entschlu. Coalisation ist in
        unsern Tagen das allersicherste Mittel, rasch und entschieden zum Ziele
        zu kommen. Bei persnlicher Zusammenkunft lieen sich auch die etwaigen
        Rollen, die Jeder von uns zu bernehmen haben drfte, am leichtesten
        vertheilen.
        Du siehst, lieber Bruder, da ich einen Feldzugsplan im Groen
        beabsichtige und diesen gegen einen Feind angewendet wnsche, der uns
        frchterlicher werden kann, als es gegenwrtig noch den Anschein hat.
        Soll ich wahr sein, so gestehe ich gern, da mir die plumpe Forderung
        dieser Fremdlinge recht zu gelegener Zeit kommt. Sie hilft mir eine Idee
        verwirklichen, die ich lange Jahre still mit mir herumgetragen habe. Das
        Nhere, sobald wir uns sprechen! Ich wnsche nur, da Du meine Ansichten
        und Entwrfe theilen magst! Einigen wir Brder uns, so ist die
        Ausfhrung leicht, und stnde ein ganzes Volk uns feindlich gegenber.
        Es gilt nur Einsicht und kraftvolles Handeln.
        Nach den Erkundigungen, die ich seit zwei Tagen unter der Hand
        eingezogen habe, ist es nicht so gar unwahrscheinlich, da wirklich hier
        oder da ein illegitimes Kind unseres galanten Herrn Vaters unbekannt in
        der Welt herumluft. Es wre zu viel verlangt, wenn irgend Jemand von
        uns forderte, da wir solch wilden Sprling und Ableger aufsuchen und
        an unsere Bruderherzen drcken sollten. Ich meines Theils spre
        wenigstens ganz und gar keine Lust dazu. Allein gut wre es doch, wenn
        man mit Bestimmtheit wte, wo sich diese Pseudo-Bobersteine umtreiben,
        die wohl schwerlich auf grflichen Burgen Hof halten werden. Es wre
        wichtig der Zukunft und unserer eigenen etwaigen Nachkommenschaft wegen.
        Auch knnte man mildthtig sein und das gromthige Schicksal spielen,
        indem man solch unbekannten Bruder untersttzte, falls er sich in Noth
        befinden sollte. Aber nur sprlich, damit er stets abhngig bliebe und
        sich nie berheben knnte! Ist eigener Besitz Macht, so wird er durch
        Gegenbesitz in gewisser Hinsicht Ohnmacht und das mu ein berechnender
        Kopf vermeiden.
        Unterlasse daher nicht, ganz in der Stille herumzuhorchen und nach
        Spuren Boberstein'scher Lebensthtigkeit zu suchen! Nur schweige,
        schweige unverbrchlich, ich bitte Dich!
        Da die Jahreszeit noch nicht zu sehr vorgerckt und das Wetter mild ist,
        wird es hoffentlich nichts zu bedeuten haben, wenn Du auch vier Wochen
        spter unter Segel gehen solltest. Es wre mir ohnehin des Geschftes
        wegen solche Verzgerung lieb, denn um diese Zeit kann ich Dir die
        prchtigsten Proben neuer Druckmuster mitgeben, fr die sich in
        Ostindien, sollte ich meinen, ein groer Absatz finden wird. Doch darum
        kmmerst Du Dich nicht, wie ich wei, deshalb nur diese oberflchliche
        Andeutung. -
        So eben erhalte ich Antwort von Adalbert aus Schlesien. Er kommt nach
        Boberstein und ist ganz meiner Ansicht. Ich bitte Dich, eile ebenfalls
        zu mir, damit wir schleunigst einen gefhrlichen Feind vernichten
        knnen, ehe er noch Zeit und Macht gewinnt, sich gegen uns zu erheben.
        Es grt Dich liebevoll Dein Bruder
                                                                        Adrian.

    Das wird lustig, sagte Aurel, indem er den Brief verschlo und schnell
nach den Kleidern grift, die Gilbert inzwischen herbeigeholt hatte. Mein Bruder
glaubt seiner Sache sehr gewi zu sein, fuhr er im stillen Selbstgesprche
fort, whrend er sich ankleidete. Vielleicht nderte sich diese Ansicht, htte
er Kenntni von meinem Funde. - Arme, unschuldige Opfer eines leichtsinnigen
Mannes! Verbergen, nicht kennen, in Drftigkeit will man Euch schmachten,
vielleicht auch verkmmern lassen, wenn man Euch wirklich auffindet! - Das luft
schnurstracks Sturm auf mein Gewissen, Bruder Adrian, und darum besorge ich, da
es in Bezug auf diesen Punct zwischen uns zu einem Kreuzfeuer kommen wird. -
Vergrerung des Elendes der Armen, herzloses, vorausberechnetes Verstoen
eigener Blutsverwandten? - Nein, Bruder, das ist ein Weg, den ich nicht betrete!
- Ich habe des Elendes auf Erden schon zu viel gesehen, als da ich aus
eigenschtigen Absichten noch beitragen sollte zu dessen Vermehrung. Lieber
etwas weniger besitzen und Andere auch glcklich wissen, als im Ueberflusse
schwelgen beim Gewimmer Verhungernder! - - Gehe ich nach Boberstein? Warte ich
unbestimmte Zeit auf die Gefahr hin, bei spterem Absegeln mit Mann und Maus
unterzugehen? - Hm, das Ungefhr, das Schicksal, mein Spiritus familiaris mag
entscheiden! Erfahre ich, wessen Finger dieser Ring ehedem zierte, so will ich
die Heimath meines Geschlechtes besuchen. - Heda, Gilbert, bist Du fertig?
    Immer, wenn mein Kapitn befiehlt.
    Wie viel Uhr haben wir?
    Ein Viertel nach eilf.
    Vorwrts denn nach der Mohrentaverne! - - -
    Jene hoch liegende Flche, die zwischen Hamburg und Altona in betrchtlicher
Ausdehnung sich hinzieht und nach der Elbe zu in ziemlicher Hgelsteile abfllt,
heit wie bekannt der Hamburger Berg. Ein Theil desselben ist den Spiel-,
Gaukler- und Thierbuden eingerumt, die Jahr aus Jahr ein in abwechselnder
Mannigfaltigkeit dem Publicum daselbst offen stehen. An diese Buden lehnen sich
Schenken und Tanzpltze fr die niedrigsten Volksklassen in reicher Auswahl.
Hier tummelt sich der Matrose Nacht fr Nacht in ausgelassenster Lust und
verprat, was er zur See sich erspart hat. Ein eigenthmliches, wstes, tolles,
oft wahrhaft satanisches Leben entfaltet sich gegen Mitternacht in diesen
gerumigen Hhlen, ein Leben, wie es in solcher charakteristischen Buntheit, in
solcher Raserei der Lust kaum eine zweite Stadt des europischen Festlandes
kennt. Wer den Menschen herabgewrdigt bis zum vernunftlosen Thiere, als
willenlosen Knecht der entfesselten Sinnenlust sehen will, der trete in eine
dieser Matrosenkneipen, und er wird seine khnsten Erwartungen noch bertroffen
finden. Scenen, wie sie unter dem Deckmantel der Nacht sich hier fast tglich
wiederholen, vermag die ausschweifendste Phantasie des Dichters nicht zu
erfinden.
    Zu den besuchtesten Orten des Hamburger Berges gehrte zur Zeit unserer
Geschichte die Mohrentaverne. Man hatte ihr diesen Namen gegeben, weil durch
Zufall die meisten nicht europischen Matrosen sich hier zusammenfanden. Immer
konnte man sicher sein, gegen Mitternacht in der Hllengluth dieser Taverne an
dreiig Mohren, Mulatten, Indier und Malayen anzutreffen. Der farbige Mensch
herrschte hier, der weie ward nur geduldet und mute sich ohne Weigerung den
Gesetzen fgen, die zu eigener Belustigung die Fremdlinge jeden Abend auf's Neue
entwarfen und mit unerbittlicher Strenge handhabten.
    Die Mohrentaverne zeichnete sich schon uerlich durch ihre Gestalt aus. Sie
stellte nmlich eine colossale schwarz getheerte Tonne vor, deren hoher Zapfen
auf dem Spunde zum Schornstein diente. Ihr Inneres war sehr gerumig, bestand
aus Vorraum, Kche, dem groen Gesellschaftslocal und mehreren cabinenartigen
Nebenzellell, die man durch Riegelthren beliebig verschlieen konnte. Im
Hintergrunde, ebenfalls auf Tonnen ruhend, war das Orchester angebracht; denn
ohne Musik kann der Matrose auf dem festen Lande nicht leben. Schlecht
gepolsterte Bnke liefen zwischen den Zellen an den Wnden hin. Hier standen
auch Tische und Sessel fr die Zechlustigen, obwohl selten in dem bacchantischen
Getmmel des Tanzes ein paar Menschen ruhig neben einander sitzen konnten.
    Kurz vor Mitternacht traten zwei junge Mnner von fast gleicher Gre in die
Thr dieser berchtigten Taverne. Sie glichen gemeinen Matrosen. Eine kurze
Jacke von verschossenem ziegelrothen Tuch, weite schlotternde Beinkleider von
blau und weigestreiftem Wollenzeuge, grobe plumpe Schuhe von Rindsleder und ein
gewhnlicher mit schwarzer Glanzfarbe bestrichener niedriger Strohhut bildete
ihre einfache Tracht. Diese spten Gste waren Aurel und Gilbert.
    Wohl bekannt mit dem Tone, der in diesen Spelunken herrscht, wo der rohe
Matrose nur Leute seines Gleichen duldet und jeden auf hherer Stufe der Bildung
und des Umgangs stehenden Gast sogleich zu entfernen pflegt, umfate Aurel
gleich beim Eintreten eine stmmige Dirne mit hochrothem Gesicht und Busen, die
unfern der Thr an der Wand lehnte, und erlaubte sich enige nicht eben zarte
Scherze, die von dem Mdchen mit heiserm Lachen und frechem Aufblick des unruhig
umherflatternden Auges erwiedert wurden. Der Anblick der Mohrentaverne in diesem
Augenblick war ein Bild fr Hllenbreughel. Umdrngt von einer dreifachen Reihe
rauchender, siedend heien Grog oder blau brennenden Punsch trinkender Matrosen
aus aller Herren Lndern, von denen Mancher ein, wohl auch zwei Mdchen im Arme
hielt, fhrten drei Mohren und zwei Mulatten einen der wildesten und die Sinne
erhitzendsten Tnze ihres Vaterlandes auf. Das unheimliche Rollen ihrer weien
glnzenden Augpfel in den dunkeln Gesichtern, das tigerartige Zhnefletschen
und das convulsivische Zucken ihrer sehnigen Arme, wenn sie die blendend weien
Krper ihrer Tnzerinnen wollstig umschlangen, konnte einem mit solchen Scenen
nicht Vertrauten glauben machen, er sei pltzlich in die Hlle unter Verdammte
und Teufel versetzt worden, die sich eben in dmonischer Weise vergngten. Die
Mdchen waren gro, schlank und von schnem Wuchse, nur Blick und
Gesichtsausdruck verriethen ihre moralische Verwilderung. Mit fast ganz nacktem
Oberkrper, mit fliegenden Locken und gelstem Haupthaar ras'ten sie im Arm
ihrer farbigen Tnzer, die vor Lust jauchzten und hufig fast thierische Tne
ausstieen, in beschrnktem Raume keuchend auf und nieder. Dazu schrien ein paar
verstimmte Geigen und schrillte das Tamtam. Hinter Tnzern und Zuschauern hockte
auf einigen umgestrzten Fssern eine Gruppe von Negern und olivenbraunen
Indiern. Einer dieser Neger hatte ein scharlachrothes Tuch, das einem der
anwesenden Mdchen gehren mochte, um sich geschlagen, was dem glnzenden
nachtschwarzen Gesicht mit dem dichten wolligen Haar ein majesttisches Ansehen
verlieh. Die Indier trugen weie Turbane oder doch turbanhnliche
Kopfbedeckungen. Alle rauchten aus langen Pfeifen und weideten sich mit Behagen
an dem Tumult des Tanzes. Der Lrm war so arg, da kaum die nchsten Nachbarn
einander verstehen konnten. Dolche und Messer von den verschiedensten Formen
trugen die Meisten in ihren Schrpen und Leibbinden. Sie mochten hufig
gebraucht werden, denn smmtliche Besucher der Taverne schienen wenig Spa zu
verstehen. In jeder Viertelstunde fate irgend eine Hand den Griff seiner Waffe
und nicht selten funkelten blaue Klingen ber den Kpfen der Ausgelassenen.
    Dies chaotische Getmmel halb und ganz trunkener Menschen, die gewohnt
waren, allen Leidenschaften ungehindert den Zgel schieen zu lassen, heiler
Haut zu durchschreiten, schien unmglich. Aurel zog es daher vor, im
Hintergrunde eine Zeit lang den Beobachter zu spielen, und bestellte fr sich
und Gilbert steifen Grog. Sie nahmen Platz an einem der zur Seite stehenden
Tische und unterhielten sich mit den hbschen Dirnen, die auf der Bank dem Tanze
zusahen oder ab und zu gingen und bisweilen die schmucken Matrosen neckten.
    Aurel's Aufmerksamkeit richtete sich nunmehr auf das Orchester und die
Musiker. Es war jedoch unmglich, die Spielenden durch die feuchte und schwere
Rauchwolke zu erkennen, die auf das wogende Menschenmeer in grauer Trbe
niederhing. Er wandte sich daher an das hbscheste und, von ihrem Gesicht auf
ihr Herz zu schlieen, an das mindest verdorbene Mdchen mit der Frage: ob sie
einen Mann kenne, welcher den Namen Blutrssel fhre? Das Mdchen bejahte und
fgte hinzu, da er so eben das Tamtam spiele.
    Kannst Du es nicht veranstalten, hbsches Kind, da er einmal herabsteigt
von seinem Throne?
    Das thut er schon von selbst nach jedem Tanze, versetzte das Mdchen.
Lnger als eine halbe Stunde kann er ohne heies Getrnk nicht leben, und damit
er es recht frisch aus der Quelle bekomme, holt er sich's allemal selbst. Sehen
Sie, da ist der alberne Tanz zu Ende! Einer von den Schwarzen ist gefallen vor
Erschpfung. Eher hrt man nicht auf.
    Die Musik schwieg sogleich, das Lrmen, Schreien, Kreischen und Wiehern ward
dagegen eher noch rger. Der bis zur Ohnmacht erschpfte Neger ward aufgehoben,
auf einen Tisch gelegt und mit Branntwein bergossen. Er zuckte kein Glied. Die
dicke aufgeworfene Unterlippe hing schlaff herab und enthllte ein tadelloses
elfenbeinweies Gebi. Die Augen standen halb offen und glotzten abschreckend in
stierem Glanz durch die schwarzen Lider.
    Giet ihm Grog in die Kehle oder scharf gewrzten Glhwein! rief Einer aus
der Menge.
    Ich wei ein besseres Mittel, den tollen Schelm wieder auf die Beine zu
bringen, versetzte ein Mulatte. Gebt mir Raum und lat mich gewhren. Bei uns
erweckt man damit Todte, wenn noch ein Fnkchen Leben in ihnen brennt.
    So sprechend trufelte er Branntwein auf die Stirn des Ohnmchtigen, ergriff
ein Licht und zndete die Flssigkeit an. Blaue Flammenbche liefen kreuzweis
ber Schlfen und Wangen. Mit gellendem Schrei fuhr der Gemihandelte auf und
schttelte die Flammen von sich, die glcklicherweise sogleich erloschen.
Rasendes Bravoschreien und unbndiges Gelchter belohnten den tollen Einfall des
Mulatten.
    Das war ein guter Witz, Nero, sagte eine bellende, vom vielen Trinken
gleichsam verbrannt klingende Stimme. Den htte ich Dir abkaufen mgen, wr's
mglich gewesen. Darauf bin ich in meiner besten Zeit nicht gekommen und ich war
doch berhmt im Fache witziger Erfindungen! Noch einen Tropfen Hllenwasser,
Mutterchen, aber warm und steif! Ich fhle ein ganzes Eismeer in mir.
    Es war ein ltlicher Mann in struppig grauen Haaren, der sich so vernehmen
lie, hager, knochig und von sehnigem Krperbau. Sein Gesicht verdiente ein
Ideal von Hlichkeit genannt zu werden. Roth, aufgedunsen, von blulichen
Flecken bedeckt, ward es von einer langen blutrothen Nase beherrscht, die
wahrhaft frchterlich aussah und ihm den Ekelnamen zugezogen hatte. Die groen
vorstehenden Augen mit kohlschwarzer Pupille und der gespaltene Mund mit groen
und spitzen die Lippen berragenden Vorderzhnen vollendeten das Bild eines
Mannes, der mit Fug und Recht bei den Bllen des Satans als Musikdirector htte
fungiren knnen.
    Blutrssel, der Nimmersatt! schrien lachend ein Dutzend. Mgest Du noch
eine Million Pinten vertilgen!
    Der Musiker dankte durch ein entsetzenerregendes Grinsen und empfing das
dampfende Glas mit dem glhendheien Getrnk.
    Auf meine Rechnung, wackrer Bursche! Die drei nchsten hast Du noch gut bei
mir! So ungewhnliche Geistesgaben mssen belohnt werden!
    So rief Aurel, berlustig seinen Hut schwenkend und sich mit krftigen
Rippensten Bahn zu dem Musiker brechend.
    Dieser verga ber der Seltsamkeit solch gromthigen Anerbietens das
Trinken und die brigen Gste der Taverne wurden von der Keckheit Aurels so
verblfft, da sie die erhaltenen Ste und Tritte ungestraft hinnahmen.
    Wer bist Du? sagte Blutrssel, mit gewaltigem Schlingen das groe Glas zur
Hlfte leerend und die dargehaltene Hand des Kapitns annehmend. Hier werden
blos ausgepichte, tausend Millionenmal durchwerterte und mit Teufelsspeck
gemstete Kerle geduldet. Man wird eingefhrt in so ehrenwerthe Gesellschaft
oder 'nausgeschmissen, Bursche! Man hat Dich nicht eingefhrt, dnkt mich, und
dazu riechst Du noch genau wie eine frisirte Landratte. Hut ab, Kerl, und
Reverenz gemacht!
    Aurel zog den Hut und blickte mit mchtigem Auge rundum.
    Wohl bin ich eingefhrt, alter Seehund, und wenn ein Kerl, der sechsmal die
Linie passierte, keine Landratte ist, bin ich's nicht!
    Dann trink 'mal auf meine Gesundheit! sagte Blutrssel und reichte ihm das
halbvolle Glas mit dem heien Grog. Aurel zog es aus bis auf die Nagelprobe.
    Pfui! rief er. Lauwarmes Wasser schmeckt besser. Ein anderes, Mutterchen,
und dreimal gesteift!
    Du gefllst mir, Junge, sagte Blutrssel mit Grandezza. Ich erklre Dich
hiermit fr eingefhrt sammt Deinem blassen Gesellen, der sich dort so
angelegentlich mit der Erforschung von Musehrchens Montblanc zu schaffen
macht. Wie heit Du?
    Kltken-Hannes!
    Teufel auch!
    Oder wenn Du willst, Steinherz.
    Ich gre Dich, Steinherz, und nenne Dich Bruder von ganzer Seele! Umarme
mich!
    Aurel mute sich dazu entschlieen, wenn er seinen Zweck erreichen wollte,
und that es demnach mit vieler Rhrung und komischem Ernste. Inzwischen ward der
bestellte Grog von einer Dirne gebracht und angenommen.
    La uns zusammen trinken, sechsmal linirtes Steinherz, sagte Blutrssel
lachend. Wir mssen nothwendig eins plaudern mit Erlaubni meiner werthen
Herren Gnner. Ich bitte auf eine halbe Stunde um Urlaub.
    Gewhrt! Angenommen! Musik! Negermusik! scholl es wst durch einander.
    Nun begann abermals ein Toben und Lrmen, als wolle man alle Lustigkeit auf
einmal erschpfen. Die beliebte Negermusik, die nur aus dem unharmonischen
Schrillen aller Instrumente und dem donnernden Gestampf einiger dreiig Fe
bestand, begleitete die Tnze der Halbwilden. Unbekmmert um dies Getmmel und
seltsamerweise auch unangefochten sa Aurel neben Blutrssel, stie mit ihm an
und that ihm Bescheid.
    Jetzt sag 'mal, junger Haifisch, wie Du auf den Einfall gekommen bist, Dich
Kltken-Hannes zu nennen? Dahinter steckt etwas!
    Weil der Kerl mein Freund ist.
    Du hast Dich vermuthlich versprochen und meinst das Mdel, versetzte
Blutrssel mit widerlichem Grinsen. Soll ein hbsches Forellchen sein, wie
geschaffen fr den Gaumen eines Haifisches.
    Aurel fhlte, da ihm das Blut nach dem Kopfe scho, doch lie er sich
nichts von dieser unwillkommenen Bewegung merken. Statt aller Antwort erhob er
seine linke Hand und hielt sie dem verthierten Kumpan dicht vor die stieren
rothgelben Augen.
    Kennst Du das? fragte er den Musikanten und deutete auf den feinen
Goldreif am kleinen Finger.
    Sieh 'mal! rief dieser aus. Du bist ein glattkpfiger Seehund! Was hast
Du bezahlt dafr?
    Mehr als er werth ist. Aber was kmmert das Dich! Viel lieber wre es mir,
zu hren, wie Du zu dem Frauenschmuck gekommen bist? Ich denke auf dem Wege der
Geschwindigkeit, wie?
    Blutrssel runzelte frchterlich die Stirn und schttelte ungeduldig seinen
grauen borstigen Kopf. Das vergit sich mit der Zeit, sagte er, nur in der
Jugend, wo die Glieder flink und geschmeidig sind, ist das, was Du meinst, ein
eintrgliches Gewerbe. Den Reif habe ich mit gutem Gelde erkauft.
    Darf man fragen, von wem? warf Aurel mit grter Gleichgiltigkeit hin,
indem er sich seine kurze Thonpfeife anzndete und das leere Glas seines Gastes
zum dritten Male fllen lie.
    Von wem anders, als von einem Weibsbilde, grinste der Musikant. Ich
that's aus purem Mitleid, denn die Creatur war von lieblicher Gestalt und feinen
Manieren.
    Das wird ja ganz interessant, sagte der Kapitn. Wenn Du mich nur so
brockenweise fttern willst mit Deinen Teufelsgeschichten, werd' ich vor Neugier
das Trinken vergessen.
    Sollst leben, nett aufgetakelte Brigg! Beim schlimmsten Fluche, ich mchte
noch in Deinen Jahren sein! Dann wollten wir zusammen 'was anstellen, da sich
die alte Jungfer Europa vor Aerger darber die eigene Nase abfre!
    Kann noch kommen, doch Tolleres glaub' ich, als Deine Geschichte mit dem
Weibsbilde, wrden wir kaum zu Stande bringen.
    Hoch, drei Mal hoch denn die Vergangenheit! rief Blutrssel und
zertrmmerte im Stoe das volle Glas. Er schleuderte die Scherben nach dem
Schenktische und schrie: Mutterchen, eine frische Galleone, die alte hat ein
Leck in Grund gebohrt! - Ja, Bruder Steinherz, damals, damals gab's noch ein
Leben! fuhr er fort. Du httest dabei sein sollen, wie wir dem reichen Knauser
das Federbett unterm Leibe anzndeten und ihn ber Hals ber Kopf aus dem Neste
jagten! Solch lustiges Feuer hab' ich nie wieder gesehen! Damals erbeuteten wir
das feine Pppchen, in dem unser Hauptmann sein entfhrtes Tchterlein wieder
erkennen wollte. Es ward da viel geweint und gelacht und ein paar Monate spter
gab's sogar ein Kindtaufessen. Das Tchterchen war in die Wochen gekommen, just
durch ein Wunder, wie vor Zeiten die Gebenedeite unter den Weibern. Der Herr
Hauptmann aber duldete durchaus kein Glossiren ber diesen Punnct und so
verschwanden denn Mutter und Kind, ohne da wir Vielbeschftigten etwas davon
erfuhren. Ich hatte lngst die ganze Geschichte vergessen, war in Folge eines
Umschwunges unseres Geschftes, das seinen Werkfhrer durch den Tod unseres
Hauptmanns verlor, in einem Anfall von Reue wieder unter die Ehrlichen gegangen
und nhrte mich durch einen Trdelkram, den ich von einem Orte zum andern
schleppte. Nach langem Herumziehen kam ich endlich auch zur Mezeit damit nach
Leipzig. Hier lachte mir das Glck; einige gelungene Speculationen verschafften
mir Geld, das ich hchst nutzbar und zum Besten der darbenden Menscheit in einem
kleinen Leihgeschft sicher anlegte. Ich borgte gegen billige Procente auf
Pfnder und handelte auch altes Gold und Silber ein, wenn ich's so billig
bekommen konnte, da mir der Jude den doppelten Preis dafr bezahlte. Meinen
Namen hatte ich natrlich schon lngst abgelegt und einen recht gewhnlichen,
hinter dem die Polizei nichts Verdchtiges witterte, angenommen. Ueberhaupt habe
ich im Taufen eine groe Gewandtheit, und htte ich zur Zeit des berhmten
Schneidermeisters von Leyden gelebt, der sterblich ins Taufen vernarrt war, so
wrde ich unter den Wiedertufern als einer der Ersten geglnzt haben. - Mein
damaliger Name verschaffte mir recht viele Kunden. Unter diesen stellte sich
denn eines Tages auch eine schlanke oder vielmehr etwas klapperdrre in
verschossene Seiden gekleidete Dame ein und bot mir das Ringlein zum Verkauf an.
Trotz der Jahre und der groen Vernderung, die mit der Tochter meines
ehemaligen Hauptmannes, der wunderschnen Herta vorgegangen war, erkannte ich
sie doch auf den ersten Blick. Auch sie erinnerte sich meiner. Wir wurden bald
Handels einig, denn sie brauchte Geld; ich zahlte, und sie ging schweigend, wie
sie gekommen, wieder von dannen. Gern htte ich sie ein wenig ber ihr Schicksal
examinirt, allein es ist von jeher mein Grundsatz gewesen, mit Armen und
Unglcklichen mich nicht sehr gemein zu machen. Man wird leicht von der
nmlichen Krankheit ergriffen und vor dieser Art Ansteckung habe ich eben so
groen Abscheu, wie mich die Ansteckung der Haide und Schlsser ergetzte. Ich
lie sie also laufen, und Gott, der die Lilien auf dem Felde kleidet und die
weien Muse nicht verhungern lt, damit sie die Jungen auf Messen und Mrkten
mit Tanzen qulen knnen, der wird sich wohl auch der heruntergekommenen Tochter
meines ehemaligen Hauptmannes angenommen haben. - Nun, Du seehaltiges
Linienschiff, was ist Dir denn? Bist' die Hitze nicht gewohnt? Oder incommodirt
Dich das Hllenwasser? Siehst aus, soll mir der Teufel die Nase krauen, als
wrst Du seit ein paar Stunden seekrank! - Gie neue Gluth auf, das hilft! -
Mutterchen, - eine volle Galleasse, aber doppelt geheizt oder ich ksse Dich!
    Aurel sa bleich wie ein Grabmonument dem ehemaligen Ruber gegenber.
Kalter Schwei rann von seiner Stirn, die Hnde zitterten ihm, da er kaum das
Glas noch zum Munde fhren konnte.
    Es geht vorber, sagte er matt und sich gewaltsam zusammenraffend, die
entsetzliche Hitze machte mich schwindlig.
    Beim zweiten Besuch sprst Du nichts mehr davon. Komm nur bald wieder! Aber
so kratzt doch auf, was die Saiten halten! Es ist ja, wei Gott, still wie in
einer Todtengruft! Hrt man sich doch selber schon sprechen!
    Die Musik, welche eine kurze Pause gemacht hatte, da die Tanzenden
abgetreten waren, stimmte abermals ihre ohrzerreienden Tne an, die alsbald
auch neue Tnzer auf den Plan lockten. Aurel starrte noch immer in halber
Betubung vor sich hin. Die Erzhlung Blutrssels hatte ihn mit furchtbarer
Gewalt getroffen. - Die Fremden, welche auf Boberstein erschienen waren, hatten
ein Recht zu ihren Forderungen, denn Alles, Alles, was Adrian's erster Brief ihm
gemeldet, fand eine grauenvolle Besttigung in der spttischen Erzhlung des
ergrauten Snders. Der Brand des alten Schlosses - die Flucht seines Vaters mit
Herta, die Rache Johannes - es war nichts erlogen! Und diese Herta, das
unglckliche Opfer seines wilden Vaters, diese liebliche, gnzlich verschollene
Verwandte von ihm hatte vor Kurzem noch gelebt, im Elend gelebt! - Aurel fhlte
sich vernichtet, niedergeschmettert von der Macht des Geschickes, das seinen
strafenden Arm nach ihm und Allen, welche den Namen Boberstein fhrten,
austreckte.
    Ist's lange her, alte Seele, da Du mit der Besitzerin dieses Ringes
zusammentrafst? fragte er aufstehend und Gilbert zuwinkend.
    Knappe drei Jahre, mein Herr Stehnichtfest. Es war just Michaelismesse in
Leipzig.
    Wohnte die Arme in jener Stadt?
    Wei nicht - doch ja, ja, ich besinne mich. In der Vorstadt, wo die Armuth
haust, hatte sie ihr Zelt aufgeschlagen. Die Leute, die sie kannten, erzhlten
sich, sie lebe vom Wahrsagen. Ha, ha, ha, ha, die heruntergekommene Tochter
einer sehr mchtigen Grfin, vom Unglck gehetzt, hat den drolligen Gedanken,
von andern Menschen das Unglck mitleidig ablenken zu wollen! Beim Schdel
meines Vaters, 's ist zu komisch! - Komm, lustiger Tummler, la uns anstoen auf
die Prophetengabe der verblhten Rose. Mge sie ihr die Tasche brav fllen!
    Instinktmig hob Aurel sein Glas, stie an, leerte es und lie es dann
klirrend zu Boden fallen. Es litt ihn nicht mehr unter diesen gleich Besessenen
tobenden Menschen. Hinaus in die freie khle Luft trieb es ihn, damit er Athem
schpfen knne und sein glhender Kopf, in dem er jede Ader schlagen fhlte,
sich abkhle.
    Gilbert hatte sich an seine Seite gedrngt. Brechen wir auf, Kapitn?
fragte der junge Matrose. Und haben Sie erfahren, was Sie zu wissen begehrten?
Sie scheinen angegriffen.
    Mehr! Mehr als ich wnschte! seufzte Aurel und legte seinen Arm in den
seines treuen Begleiters. Dann zog er den Hut, schwenkte ihn gegen das
Orchester, auf dem Blutrssel wieder das Tamtam zu spielen begann, und schrie
mit erhobener Stimme:
    Gute Nacht, brennende Grogseele! Gute Nacht, meine Jungen! Lange blhe die
Lust in der unvergleichlichen Mohrentaverne!
    Ein wthendes Hurrah, das gar kein Ende nehmen wollte und in welches auch
die dnnen Stimmen der Mdchen einfielen, begleitet von dem grlichen Lrm
aller Instrumente, antwortete diesem gentilen Toaste. Unter dem Getse dieses
Hurrahs erreichten die Freunde das Freie. Sie entfernten sich schnell von der
colossalen Tonne, ber deren bacchantisches Toben in ihrem Innern Beide ein
wahrhaftes Grauen empfanden. Als sie den Weg nach der Stadt etwa zur Hlfte
zulckgelegt hatten, drckte Aurel heftig Gilberts Arm, indem er sagte:
    Wir gehen nicht in See, mein Junge, wir setzen uns in eine Postkalesche und
reisen zusammen nach Boberstein. Die Zeit des lustigen Schwrmens ist vorber,
von morgen an werden wir ernste Leute!
    Gilbert sah den Kapitn mit groen Augen an, da er aber einem festen
traurigen Blicke und einem erdfahlen Gesicht begegnete, drckte er ihm die Hand
und erwiederte:
    Ich begleite Sie, Herr Kapitn.
    Es schlug drei, als sie das Haus am Rdingsmarkte erreichten. Zwlf Stunden
spter hatten sie Hamburg verlassen und fuhren mit Extrapost der Lneburger
Haide entgegen.


                                 Sechstes Buch

                                Erstes Kapitel.

                               Eine Offenbarung.

Vier Tage nach dem Besuche Sloboda's und Heinrichs auf dem ehemaligen Schlosse
Boberstein begegnen wir den beiden Alten nebst Paul in dem gebirgigen Schlesien.
Hier lebten in arbeitsamer Zurckgezogenheit alte Bekannte des Maulwurffngers.
Seine rastlosen Wanderungen fhrten den originellen Mann zuweilen auch in diese
fern gelegenen Gegenden, wo er dann nie verga, die alten Freunde zu begren.
Seit einigen Jahren war dies unterblieben, und da Landleute nur im uersten
Nothfalle zur Feder greifen, so wute Heinrich nicht einmal, ob die fernen
Freunde noch alle am Leben sein wrden. Dennoch zog er eine beschwerliche
Fureise von mehreren Tagen der unbequemen Schreiberei vor.
    An waldigen Hgellehnen in der breiten und fruchtbaren Thalsenkung des Queis
lag ein groes freundliches Kirchdorf. Hier besa Leberecht, der ehemalige
Groknecht auf dem Zeiselhofe, ein bescheidenes Huschen mit geringem
Ackerlande. Bei angestrengter Thtigkeit und groer Sparsamkeit konnte eine
gengsame Familie von dem Ertrage dieses Ackers und fleiiger Handarbeit grade
leben. Kleine Besitzungen dieser Art gibt es in Schlesien die Menge, da das
Parcellirungsystem den groen Grundbesitz mannichfach zerstckelt hat. Man
findet Drfer, wo beinahe jedes Haus seinen eigenen Acker besitzt, welchen die
Inhaber mittelst einer einzigen Kuh bebauen. Den flchtig Reisenden kann der
Anblick solcher Drfer, wo alle Welt fr sich selbst pflgt und rndtet, den
Eindruck von allgemein verbreiteter Wohlhabenheit machen, wer jedoch die Sachen
genauer betrachtet und sich bei den so fleiig arbeitenden Leuten selbst
erkundigt, erfhrt zu nicht geringer Bestrzung, da im Allgemeinen groe Noth
in solchen Ortschaften herrscht, und da die meisten dieser kleinen
Grundbesitzer lieber den Besitz los zu sein wnschen. So sonderbar dies klingen
mag, so erklrlich und folgerichtig ist es. Alle diese Leute mssen nmlich, um
das wenige Ackerland, das ihnen Kartoffeln, etwas Korn und Klee trgt,
bearbeiten zu knnen, Zugvieh halten, da aber der Ertrag selbst verhltnimig
nur gering ist, so bringt es Keiner zu mehr als einer einzigen Kuh. Diese zehrt
fast die Hlfte allen Ertrages auf. Um den Acker nicht zu sehr auszusaugen, mu
hufig die mangelnde Dngung fr schweres Geld angekauft werden, und da man dies
selten oder nie besitzt, so wird die Aufnahme eines Kapitals auf das Haus
unabweisbare Nothwendigkeit. Gewhnlich aber lastet auf jedem solchen kleinen
Hause ein Kapital, so da bei Verdoppelung desselben die Mglichkeit, je einmal
ganz schuldenfrei zu werden, dem Besitzer fr immer benommen ist. Nehmen wir
noch dazu, da ohne anderweiten Verdienst ein Familienvarter von dem, was Feld
und Wiesenplan ihm bringen, unmglich leben kann und da ihn die Bebauung des
Ackers doch hufig an regelmigem anderweitigem Erwerbe verhindert, so wird es
unsern Lesern einleuchten, da Grund- und Ackerbesitz unter solchen Umstnden
eher ein Unglck als ein Glck zu nennen ist.
    Genau in dieser Lage befand sich Leberecht. Er hatte zwei Jahre nach der
Katastrophe, die Boberstein in einen Schutthaufen verwandelte und dem im
Auslande lebenden Magnus zur Freigebung seiner Leibeigenen Anla gab, die Haide
verlassen, um in fruchtbareren Gefilden Arbeit und Nahrung zu suchen. Das grne
Schlesien mit seinem ehrlichen, derben, gutmthigen Volke behagte ihm
vorzugsweise, da er sich hier wie daheim befand. Er war sehr fleiig und sehr
sparsam, und als er nach seinem Dafrhalten genug besa, um Frau und Kind
ernhren zu knnen, dachte er an's Heirathen. Nie hatte ihm ein Mdchen besser
gefallen, als die hbsche Marie, die auf dem Zeiselhofe so oft seinetwegen
hungrig vom Tische gehen mute. Marie diente noch in der Haide, war ebenfalls
sparsam und in jeder Hinsicht wirtschaftlich. Leberecht machte sich also auf,
putzte sich recht stattlich heraus, kaufte ein paar silberne Ohrringe und
besuchte das Mdchen. Umschweife machte er nicht, vielmehr sagte er grade
heraus, was er wollte, bot Marie Herz und Hand an und hatte die Freude, sechs
Wochen spter ein allerliebstes Weibchen sein nennen zu knnen. Von den
Ersparnissen beider jungen Ehegatten ward ein eben feilgebotenes Haus nebst
Ackerland gekauft, und seitdem bewirthschaftete Leberecht sein kleines
Besitzthum redlich und unverdrossen.
    Es wollte aber nicht vorwrts gehen. Freilich lag die Schuld nicht an ihm,
sondern an der Unzulnglichkeit des Besitzes, der viel Zeit raubte und wenig
eintrug, und dennoch konnte sich Leberecht nicht entschlieen, Haus und Land zu
veruern, da er mit Leib und Seele Landmann war. Marie mute auf einen
Nebenerwerb denken. Dieser fand sich auch, indem sie, zwar etwas spt, die
Weberei erlernte. Oft ward sie freilich in ihrer Thtigkeit gestrt, denn ihre
Ehe mit Leberecht war sehr fruchtbar. Zur Bekmmerni beider Aeltern blieb aber
von allen Kindern blos ein einziger Sohn am Leben, der weil die Weberei damals
grade in Schwung kam, sich derselben ebenfalls widmete.
    Geraume Zeit verdiente er mehr als hinreichendes Geld, das er vorsichtig
zusammenhielt, um die auf Haus und Feld der Eltern noch immer lastenden Schulden
nach und nach damit zu tilgen. Es gelang ihm auch beinahe, da trat eine Stockung
in den Geschften ein! Die Linnenweberei sank mehr und mehr, der Verdienst
verminderte sich von Monat zu Monat, das Ersparte mute angegriffen werden und
das Haus blieb verschuldet, wie bisher. Um nur bestehen zu knnen, gab Eduard -
so wollen wir den Sohn der hbschen Marie, das Ebenbild seiner Mutter, nennen -
die Leinweberei ganz auf und warf sich, wie tausende und abertausende seiner
Brder, auf die leichtere und doch etwas besser bezahlte Baumwollenweberei.
    So standen die Sachen in Leberechts kleinem Hauswesen bei dem Besuche,
welchen Heinrich dem seit Jahren nicht mehr gesehenen Freunde zudachte. Die
Veranlassung zu diesem Besuche werden wir sogleich mittheilen.
    Die drei Wanderer erreichten den Ort gegen Abend und gingen zuerst ins
Wirthshaus oder den Kretscham, um sich zu erfrischen und Erkundigungen
einzuziehen. Diese fielen nach Wunsch aus. Leberecht war noch munter, wie vor
Jahren, Marie fleiig wie immer, und der Sohn hatte den Ruf eines der
tchtigsten und accuratesten Weber. Heinrich besprach sich mit seinen Begleitern
und ging dann allein nach der Behausung des Freundes.
    Schon von weitem vernahm er das taktmige Klappern zweier Websthle, das
ihm von dem Fleie der Mutter und des Sohnes Zeugni gab. Trotz der schnell
hereinbrechenden Dmmerung fand er wirklich Beide in emsiger Thtigkeit. Erst
bei seinem zutraulichen guten Abend hielten die Webeden an und blickten halb
neugierig halb verwundert nach dem spten Besuche.
    Kennst Du mich nicht mehr, Marie? sagte Heinrich, nahe an den Stuhl
tretend, dessen Werfte vom letzten Schlag der Lade noch zitterte. Freilich, die
letzten drei Jahre haben mir hart zugesetzt! Ich sehe fast so wei aus wie ein
Stck gut gebleichte Leinwand.
    Mein Gott, der Maulwurffnger! rief Marie freudig aus, stand auf und
reichte dem Alten die Hand. Tausendmal willkommen, wackrer Freund! Nehmt Platz,
nehmt Platz! Dort hinterm Ofen steht ein Polsterstuhl. Ich bitt' Euch, schiebt
Euch den zu mir heran, denn - nichts fr ungut, lieber Alter - ich mu noch ein
halb Stndchen schaffen, sonst krieg' ich nicht meinen Ziel. Und die Zeiten sind
jetzt schlecht, man mu sich tchtig rhren, will man sich ehrlich
durchschlagen.
    Eduard reichte nun dem Freunde seiner Aeltern ebenfalls die Hand zum Grue
und hie ihn willkommen. Heinrich schttelte sie derb und setzte sich dann
zwischen beide Sthle, wo das Spulrad stand, auf's Treibebnkchen.
    La gut sein, Marie, ich kmmere mich schon! Ein Oertel, wie ich's brauchen
kann, find' ich immer. Lat nur den Schtzen schnellen, was er laufen mag, ich
will mir gleich 'was zu thun machen - Geht's auch langsam, so dreh' ich Euch
doch noch ein paar Spulen ab, als htt' ich erst gestern das Geschft
aufgegeben.
    Damit setzte der Maulwurffnger das Rad in Bewegung, steckte ein Ledgen1
auf die Spille und drehte schnurrend seine Spule, das Garn accurat auf dem Rohr
vor- und rckwrts leitend. Marie lchelte, lie den Schtzen wieder klirren und
arbeitete mit sammt dem Sohne, bis das Tageslicht gnzlich erloschen war. In
dieser Zeit konnte des heftigen Gerusches wegen das Gesprch natrlich nur in
kurzen Pausen unterhalten werden. Als nun aber Marie den Webstuhl verlie, Feuer
anschlug und die entzndete Lampe auf den Tisch stellte, ward die Unterhaltung
lebhafter. Heinrich fragte nach Leberecht und wie es ihm gehe?
    Ich wei nicht, wo er sich herumtreiben mag, versetzte Marie. Er hat heut
die paar Krnchen Winterkorn gest und nachher ist er fortgegangen, ohne zu
sagen, wohin.
    Es wre mir schon lieb, wenn er bald wieder kme, meinte der
Maulwurffnger, denn ich habe ihm heut gar Mancherlei zu erzhlen. Auch alte
Freunde habe ich mitgebracht, die er schwerlich noch kennt.
    Ei wer knnte denn das sein! sagte Marie und sah mit ihren freundlichen
Augen den Maulwurffnger fragend an.
    Ja, das mut Du errathen, Marie, versetzte Heinrich mit verschmitztem
Blinzeln - Du hattest ja immer ein offenes Kpfchen, das die verfnglichsten
Fragen zu beantworten wute.
    Eduard hatte indessen drauen Holz gespalten, um Feuer im Ofen anzuznden.
Er brachte jetzt die dnnen Scheite nebst einem halben Bndel Reissig herein und
legte Beides vor den Ofen auf die rothen, reinlich gehaltenen Ziegel.
    Der Vater wird gleich kommen, sagte er. Er steht unten am Wasser und
discurirt mit dem Nachbar. Ich glaube, sie wollen heut' Nacht noch ein paar
Reuen stellen.
    Heut' Nacht? fiel der Maulwurffnger ein. Das soll ihm schon vergehen,
wenn er mir zuhren will und meine Reisegefhrten sieht! Ja, ja, Marie, ich sage
die reine Wahrheit! Nicht umsonst bin ich in meinen alten Tagen die zwlf Meilen
weit gelaufen, es hat' was zu bedeuten! Und wenn Du fein warten und hinterdrein
schweigen kannst, so verheimliche ich Dir kein Wrtchen.
    Indem trat Leberecht ein, die Jacke ber der Schulter und eine Rodehacke in
der Hand.
    Guten Abend, sagte er, ohne den Gast zu bemerken, der whrend seiner
Abwesenheit angekommen war.
    Frau und Sohn erwiederten den Gru, der Maulwurffnger aber schlug ihn mit
flacher Hand auf die Schulter und sagte: Alter, wollen wir zusammen noch einmal
Sprenkel stellen? Es ist mehr dabei zu gewinnen, als beim Fischfange.
    Leberecht sah den Fremden ein paar Secunden ernsthaft an, dann schttelte er
ihm tchtig die Hand und versetzte: Wei Gott, er ist's, der Schelm von
Maulwurffnger! Nun gr' Dich Gott, Bruderherz, und sei bedankt, da Du wieder
einmal an uns gedacht hast! Nichts Neues drauen im Flachlande? In der Haide?
    Will ich meinen, sagte der Maulwurffnger. Just deswegen komme ich her,
und wenn Du Willens bist, eine Liebe der andern werth zu halten, sollst Du genug
erfahren, um ein paar Jahre lang keine Zeitung mehr in die Hnde nehmen zu
drfen.
    Das wre! Was gibt's denn so Groes?
    Leberecht, versetzte Heinrich sehr ernst wenn Deine Frau nichts dawider
hat, und ich nehme das an, so wrdest Du mir einen grausam groen Gefallen thun,
wenn Du mich in die Schenke begleitetest. Dein Eduard kann auch mitkommen - wir
werden ihn brauchen. Kosten soll Dich's brigens nichts. - Unterwegs erzhle ich
Dir, was Du wissen mut, um eine Neuigkeiten zu verstehen, in der Schenke aber
wirst Du mir Gleiches mit Gleichem vergelten!
    Du hast Dich so lange nicht blicken lassen, erwiederte Leberecht nach
kurzem Schweigen, da ich Deinen jetzigen Besuch nur etwas Ungewhnlichem
zuschreiben mu. Ich bin nun zwar auch nicht mehr der Mann von frher, den kein
Ungemach lange anfechten konnte, allein fr einen Freund habe ich doch noch
immer Zeit und Ohr. Wir sind bereit, Dich zu begleiten.
    Habe Dank fr Dein freundliches Entgegenkommen, sagte der Maulwurffnger,
es wird Dich nicht gereuen! Und Du, Marie, zerbrich Dir nicht unntzerweise den
Kopf! Mit Leberechts Zurckkunft wirst Du so gescheid wie er selbst.
    Unverweilt brachen nun die drei Mnner nach dem Kretscham auf. Es war eine
gute Strecke Weges bis dahin, welche Heinrich durch Erzhlung dessen verkrzte,
was sich in den letzten fnf Wochen zugetragen hatte. So erfuhr denn Leberecht
die wunderliche Auffindung der Schenkung des Grafen Magnus an Haiderschen, die
Rckkehr Sloboda's mit seinem Enkel aus Polen, ihren Besuch auf Boberstein und
die beleidigenden und herabwrdigenden Drohungen, womit Adrian die beiden Greise
abgewiesen hatte.
    Nicht wahr, schlo der Maulwurffnger seinen Bericht, das ist ein Bndel
Neuigkeiten fr den plauderhaftesten Landkrmer? Wenn Du darber nicht wieder
jung wirst, streiche ich Dich aus der Zahl der Lebendigen.
    Ich bin erstaunt, erwiederte Leberecht, erstaunt, da so etwas in unseren
nchternen Tagen mglich ist; noch mehr aber mu ich mich wundern, da Du auf
Deinen alten Fen so weit hergelaufen kommst, um mir diese wunderliche
Geschichte zu erzhlen. Ich freue mich Deiner alten Anhnglichkeit, aber ich
htte Dir's auch nicht nachgetragen, wenn Du mich blos gelegentlich davon
unterrichtet httest.
    Wirklich? Das hre ich nicht gern, Leberecht! Ich habe schon gesagt, da
ich Tausch gegen Tausch verlange, was in diesem Falle Erzhlung gegen Erzhlung
bedeutet.
    Noch begreife ich Dich nicht, Pink-Heinrich. Sprich rund heraus: was
soll's? Was begehrst Du zu hren?
    Du kanntest den Voigt Ephraim vom Zeiselhofe, erwiederte der
Maulwurffnger, Du warst sein Stellvertreter whrend seiner Krankheit, und da
er Dir auf dem Sterbelager Gestndnisse eigenthmlicher Art gemacht hat,
uertest Du schon damals mit Entsetzen! In jenen unruhigen Tagen konnte Niemand
daraus Nutzen schpfen; jetzt aber mssen sie dem Enkel Sloboda's von grter
Bedeutung sein. Darum, mein Freund, bist Du dringend gebeten, im Beisein des
steinalten Wenden, seines Enkels und Deines Sohnes die Beichte des Sterbenden
getreu zu wiederholen!
    Sie hatten den Kretscham erreicht, ein langes, nur einstckiges Gebude,
ganz aus Holz aufgefhrt. Eine Schmiede war damit verbunden, in welcher noch
zwei riesige Gebirgsshne auf sprhendes Eisen hmmerten. Aus den kleinen und
niedrigen Fenstern der Wohnstube schimmerte Licht.
    Das ist ein Verlangen, welches, frcht' ich, ber meine Krfte gehen wird,
gab Leberecht zur Antwort. Bedenke, da fast ber vierzig Jahre inzwischen
abgelaufen sind und da mein Leben nicht geeignet war, Thatsachen von so langer
Zeit her treu im Gedchtni zu halten.
    Entschuldigungen werden nicht angenommen, sagte der Maulwurffnger
lachend. Komm nur herein, sprich mit dem Alten und mit Paul, dem einzigen
Nachkommen des frommen, lieblichen Haiderbschens, und Dein Gedchtni wird sich
von selbst erfrischen. Kannst Du uns keine Winke geben, wie wir sie brauchen, so
mu ich den guten Alten mit sammt dem frischen Enkel wieder zurck nach Polen
schicken, denn wir kommen dann nicht auf gegen die Grafen.
    Zgernd senkte Leberecht das Haupt. Die Runzeln auf seiner Stirn deuteten
auf einen heftigen innern Kampf. Er holte einigemale tief Athem, dann legte er
seine schwere Hand auf Heinrichs Schulter und sagte entschlossen: Ich will mich
besinnen.
    Sie traten in die groe vom Ofenrauch geschwrzte Schenkstube, die zwei
dnne Talglichter nur dmmernd erleuchteten. Blos zwei der tglichen, rothbraun
angestrichenen Tische waren mit Gsten besetzt, brigens war das weite Zimmer
leer. Zunchst dem Ofen trafen sie den Wenden mit seinem Enkel, beschftigt,
einen Abendimbi einzunehmen. Sloboda erkannte Leberecht sogleich und auch
dieser konnte nicht zweifeln, den Vater des unglcklichen Haiderschens vor sich
zu sehen. Nach lndlicher Sitte, treuherzig und derb schttelten sich die
gealterten Mnner zum herzlichen Grue die Hnde.
    Ulrich, sagte Leberecht zum Wirth, nachdem er den Wenden durch Zutrinken
des dargereichten Glases Bescheid gethan hatte, wenn Ihr heut Abend keine Gste
im Cabinet erwartet, knntet Ihr uns dasselbe auf eine Stunde abtreten. Wir
haben 'was Wichtiges unter einander zu besprechen.
    Zuvorkommend gestattete der Kretschamhalter diese Vergnstigung und alsbald
saen die fnf Freunde ungestrt im engen Cabinet nebeneinander. Der
Maulwurffnger lie Speise und Trank auftragen und forderte Leberecht nochmals
auf, seine Erzhlung zu beginnen. Nach einigem Nachdenken machte dieser den
staunenden Zuhrern folgende Mittheilungen.
    Es ist Euch bekannt, da der Voigt Ephraim wenige Tage vor der Einscherung
Bobersteins erkrankt war. Der Schreck ber den furchtbaren Haidebrand, ber die
Erhebung der Leibeigenen und die Flucht des Grafen ins Ausland verschimmerten
den Zustand des Kranken von Tage zu Tage. Er siechte langsam hin und ward
zusehends elender. Wer ihn sah, konnte nicht mehr an seiner baldigen Auflsung
zweifeln. Er selbst ahnte das Herannahen des Todes und verfiel in eine Unruhe
und Herzenasngst, die seine krperlichen Schmerzen zur unertrglichen Qual
steigerten. Die Lage des Unglcklichen war in der That bedauernswrdig, da Graf
Magnus die Verwaltung des Zeiselhofes ganz in seine Hnde niedergelegt hatte und
von ihm allein Rechenschaft forderte.
    Obgleich ich dem Voigte nie sehr freundlich begegnet war, hatte er zu mir
doch ein auffallendes Zutrauen. Freiwillig und in ziemlicher Ausdehnung trug er
seine Macht auf mich ber, so da ich wider Willen statt seiner gebietender
Voigt wurde. So ungern ich mich ihm unentbehrlich machte, so gewissenhaft
erfllte ich doch meine Pflicht, und weil ich wochenlang alle Geschfte des
Voigtes verrichten mute, schenkte mir Ephraim dafr eine fast brderliche
Zuneigung. Am Abend jedes Tages, wenn ich ihm Rechenschaft von meinem Thun
ablegte, drckte er mir die Hand und hufig gesellten sich zu seinen Seufzern
und Sthnen sogar Thrnen.
    Dieser Zustand whrte mehrere Wochen. Die entsetzlichen Ereignisse waren
beinahe vergessen, die eine Zeit lang verlassenen Htten der Unterthanen fllten
sich wieder mit ihren heimkehrenden Bewohnern. Die wenigen, welche ganz
auswanderten, verschollen, Niemand dachte mehr an sie, Niemand kmmerte sich
mehr um das Vergangene. Die Leibeigenen wurden fr frei erklrt und dadurch ihr
Aufstand gewissermaen gebilligt. Da nahte Ephraims Ende heran; der Sterbende
begehrte mich noch einmal ganz allein zu sprechen. Ungern gewhrte ich die
Bitte, doch lehrte mich die Menschlichkeit den angeborenen Widerwillen besiegen,
den ich stets gegen den hartherzigen Voigt empfunden hatte.
    Ephraim lie seine glsernen Blicke lange Zeit auf mir ruhen, als ich einsam
neben seinem Sterbelager Platz genommen hatte. Er schien in meinen Zgen
forschen zu wollen, ob ich das, was er mir mittheilen wollte, auch als das
Geheimni eines Sterbenden betrachten werde. Nachdem er die Ueberzeugung davon
gewonnen zu haben schien, sagte er rchelnd:
    Leberecht, ich will Dir ein Geheimni beichten.
    Mir? unterbrach ich den Sterbenden. Verschont mich damit, wenn Ihr mich
lieb habt. Ich bin kein Pfarrer, ich mchte mich nicht damit vertragen knnen.
    
    Doch, doch, Leberecht, Du mut! - Sieh, ich leide namenlose Schmerzen -
mein Gewissen foltert mich - ich kann nicht sterben, bevor ich bekannt -
    Was, um Gottes Barmherzigkeit willen wollt Ihr bekennen! rief ich entsetzt
aus, denn, ich glaubte gewi und wahrhaftig, der Unglckliche habe ein
todeswrdiges Verbrechen begangen. Kann ich Euch vergeben, wenn Ihr gesndigt
gegen die Gebote des Herrn?
    Ja, ja, Du kannst es, rchelte der Voigt. Setze Dich, beuge Dein Ohr zu
meinem Munde - behalte wohl, was ich Dir sage - Ich werde ruhiger aus dem Leben
scheiden!
    Der unglckliche Mann sprach so flehentlich, seine Stimme, obwohl heiser und
fieberhaft zitternd, klang doch so vertrauensvoll, und seine Zuversicht auf mich
erschien mir so rhrend, da ich ihm die Hand lie, die er krampfhaft ergriffen
hatte, und seinen Willen that.
    Wie lebt Nathanael? stotterte Ephraim.
    Nathanael?
    Jan Slobodas unglcklicher Sohn! O wie, wie lebt er?
    In stummer undurchdringlicher Geistesnacht.
    O wohl ihm - wohl ihm! stammelte der Voigt; besser, nichts von sich
wissen, als von zu vielen Erinnerungen in die finstere Zukunft hinbergejagt zu
werden! Vergib mir, armer Betrogener! Fluche mir nicht, Nathanael!
    Schaudernd sah ich den Sterbenden in die gelben verzerrten Zge, suchte in
den eingesunkenen wild flackernden Augen zu lesen. Ephraim raffte seine
schwindenden Krfte zusammen, erhob sich mit Gewalt aus den Kissen und schrie
mir zu:
    Nathanael ist Vater - sein Sohn lebt!
    Heiliger Gott, unterbrach Sloboda den Erzhlenden. Also doch! doch! O
meine Ahnung!
    Sein Sohn? wiederholte ich, fuhr Leberecht fort.
    Nein, nein! schrie der Sterbende, wie ein Rasender das vom Todesschwei
triefende Haupt gespenstisch gegen mich schttelnd. Nicht Nathanael's Sohn, der
Sohn des Grafen - Er stockte.
    Des Grafen?
    Des Grafen - Magnus! lallte der Sterbende. -
    Ich stand wie vom Donner gerhrt und starrte den Unglcklichen an, der matt
rchelnd mit gebrochenen Augen in die Kissen zurckgesunken war. Meine Neugier
wuchs; kaum vermochte ich den Augenblick zu erwarten, wo der Entkrftete sich zu
weiterer Mittheilung gesammelt haben wrde. Es vergingen fnf peinvolle Minuten.
Dann schlug der Voigt seine Augen wieder auf und fuhr fort:
    Ich bestach die Hebamme - auf Magnus Befehl, das Kind der armen Leibeigenen
fr todt, fr zerstckt auszugeben, was leicht war, da die Gebrende ihre
Besinnung verlor. Der Graf besorgte Unannehmlichkeiten, wenn das Kind bei der
Mutter bleiben sollte, die er verfhrt hatte. Auf sein Gehei entfernte ich es -
brachte es zu Verwandten, wo es in grter Drftigkeit erzogen ward. - Durch
einen Zufall hrte die Mutter von dem ihr gespielten Betruge, wagte dem Grafen
zu drohen und ihn bei seinem Vater verklagen zu wollen. - Dies geschah im Walde
beim Holzfllen - Magnus tobte innerlich - beherrschte sich aber und gab mir
durch Winke zu verstehen, was er wnschte. - Auch ich verstand ihn - der nchste
Baum strzte und erschlug die Frau Nathanaels!
    Das ist entsetzlich! sagte Sloboda.
    Mir schlugen die Zhne zusammen, versetzte Leberecht, bei diesen
Bekenntnissen des Voigts, der sich wie ein Wurm auf seinem Lager krmmte und
wiederholt durch wimmernde Schmerzenstne seine Mittheilungen unterbrach.
    Kmmert sich der Graf um das verstoene Kind? fragte ich instinktmig, um
nur das Nthigste dem Sterbenden zu entreien, dessen Ende sichtlich
herrannahte.
    Er erhlt seinen Sohn - nothdrftig, stammelte der Voigt.
    Und wo lebt der Unglckliche?
    Ephraim nannte mir den Ort, den Namen seiner Pflegeltern, nahm mir aber
zugleich auch das Versprechen ab, das Geheimni Niemand mitzutheilen, da nach
Slobodas Auswanderung und bei der Geistesverwirrung Nathanaels eine Aufdeckung
des Frevels nutzlos sein msse. Statt dessen bergab er mir die schriftlichen
Documente ber die Geburt des Knaben und beschwor mich, dieselben an einem Orte
auf dem Zeiselhofe zu verbergen, wo sie unversehrt und unentdeckt sehr lange
Zeit erhalten werden konnten. Auch jene Rolle, die ich am Vorabend des
Haidebrandes Eurer Tochter durchaus aufdringen wollte, befand sich mit bei
diesen Papieren. Ephraim drang heftig auf Vernichtung derselben. Ich versprach
auch dies dem Sterbenden, und war in der That entschlossen, mein Versprechen zu
halten, htte ich nicht spter, trotz alles Suchens, die geheimnivolle Rolle
vermit. Ich mute sie verloren haben, in irgend einem der weitlufigen
Wirthschaftsgebude des Zeiselhofes, was das sptere Auffinden derselben von
Dir, Heinrich, erklrlich macht. Die Hand des Allmchtigen, die sie auf diese
Weise dem Untergange entzog, ist auch in diesem scheinbaren Zufalle ersichtlich,
denn ohne jenes Verschwinden wrde es gegenwrtig keine Schenkungsurkunde mehr
geben.
    Hier lie Leberecht in seinen Mittheilungen eine Pause eintreten. Fragend
glitten seine betrbten Augen ber die kaum athmenden Zuhrer.
    Endige, sagte der Maulwurffnger.
    Ich bin zu Ende, erwiederte Leberecht. Der Voigt starb noch in derselben
Stunde, und ich habe mein ihm gegebenes Versprechen gehalten bis auf den
heutigen Tag. Ohne Dein dringendes Zureden, Heinrich, wrde es mit mir ins Grab
gestiegen sein.
    Sloboda starrte, in tiefe Gedanken versunken, vor sich hin. Paul und Eduard
wagten nicht zu sprechen, da das vielverflochtene Gewirr lngst begangener
Verbrechen sie mit magischer Gewalt umstrickte.
    Von Heinrich sanft angestoen, ermunterte sich der Wende.
    Hast Du vernommen, Jan? rief er dem Greise zu. Und siehst Du jetzt ein,
da ich gengenden Grund hatte, Dich aus der Vergessenheit der polnischen
Wildnisse zurckzurufen? Nicht umsonst hat uns Gott so lange das Leben
gefristet. Er will, da wir, obschon spt, verjhrte Frevel ans Licht ziehen und
auf gerechtem Wege Vergeltung ben sollen an den Missethtern.
    Armer unglcklicher Nathanael! rief Sloboda, ein paar Thrnen in seinen
hellblauen Augen zerdrckend. Der Himmel meinte es gut mit Dir, als er ewige
Finsterni in Deine Seele go. Ruhe in Frieden und trume den Traum des
Gerechten!
    Freund Leberecht, nahm jetzt der Maulwurffnger das Wort, ich und diese
guten braven Leute sind Dir absonderlich zu Dank verpflichtet fr die gegebenen
Ausschlsse, zufriedengestellt bin ich aber noch immer nicht. Du wirst also aus
purer Freundschaft noch einige Punkte erlutern und uns jetzt zuvrderst den
Namen sagen, welchen der verstoene Sohn des wsten Grafen fhrt und wo er sich
aufhlt.
    Ich wei in der That nicht, ob ich dazu befugt bin, erwiederte Leberecht.
    Fr alle Folgen stehe ich ein.
    Und wenn der in tiefster Niedrigkeit Erzogene seinen Ursprung erfhrt, wird
er nicht schumen vor gerechter Wuth und nach Rache schreien?
    Er wird Gerechtigkeit wollen, und nach Gerechtigkeit streben wir. - Wir
bitten Dich um den Namen des Grafensohnes.
    Du kennst ihn schon.
    Ich?
    Du selbst. Seit Jahren sprachst Du bisweilen unbewut mit ihm. Es ist der
Feinspinner Martell in Adrians Fabrik auf Boberstein.
    Martell, mein Gevatter? fiel Eduard ein. Martell, der unlngst vor
Schmerz ber die Verstmmelung seines jngsten Sohnes beinahe den Verstand
verloren hat und seitdem in stillem Ingrimm sich verzehrt? Martell, der mir das
Garn liefert fr meinen Webstuhl?
    Derselbe Martell!
    Wie ist das? sagte Sloboda zerstreut. Versteh' ich Euch recht, Leberecht?
Der Sohn meiner erschlagenen Schwiegertochter ist ein Sprling des Grafen
Magnus und dient jetzt als Spinner in der Fabrik seines - seines Bruders?
    Seines Bruders, des Grafen Adrian, ergnzte kaltbltig der Maulwurffnger.
    Aber himmlischer Gott, das ist ja entsetzlich, unnatrlich! rief Sloboda.
    Es ist die bittre Frucht einer gottlosen Versndigung, sagte Heinrich.
    Die Kinder, die armen, unschuldigen Kinder des verstoenen Sohnes, jetzt
die bettelnden, verachteten Sclaven des reichen herzlosen Oheims! - Wo soll das
enden!
    Vor den Schranken des Gerichts, sprach der Maulwurffnger.
    Ihr seid erschttert, alter Vater, fiel Leberecht wieder ein. Das stand
zu erwarten. Nach Allem, was vorausgegangen, wnschte es wohl gar unser
gemeinsamer Freund. Beruhigt Euch inde wieder, damit wir, einmal auf so guter
Fhrte, jetzt auch rasch dem Feinde zu Leibe gehen und ihn sieghaft angreifen
knnen. Ich bin der Eure mit Leib und Seele, denn ich hasse den selbstschtigen
Grafen vom Grund des Herzens, weil er vielleicht mit mehr Bewutsein und serem
Behagen noch als sein Vater uns arme Feigelassenen wieder zu elenden Sclaven
macht, die blindlings, willenlos seinem Wink gehorchen mssen, wenn sie nicht in
namenloses Elend versinken sollen!
    Heinrich reichte dem neuen Bundesgenossen die Hand und schttelte sie.
    Du bist hiermit angeworben, sagte er lchelnd, und wollt Ihr noch einmal
einem alten Schlaukopf Gehr schenken, so mchte ich Euch sogleich einen rasch
entworfenen Plan mittheilen, der Herrn Adrian am Stein in die Enge treiben kann.
- Nach meiner Meinung mssen wir den Feind von vorn und im Rcken zugleich
angreifen, da ihm zur Flucht oder Gegenwehr gar nicht viel Zeit brig bleibt.
Es geschieht ihm noch Ehre genug, wenn er sich auf Gnade oder Ungnade ergeben
mu. Theilen wir uns demnach in die Rollen und handeln wir besonnen und ohne
Verzug. - Ich und Leberecht, wir wandern morgenden Tages nach dem Zeiselhofe, um
die Dokumente aufzusuchen, die noch unangetastet dort zu finden sein mssen. Mit
diesen und der bewuten Schenkungsurkunde treten wir mit offner Klage gegen die
Gebrder Boberstein auf und der Proze nimmt seinen Gang. Whrend dies in der
Stille von uns eingeleitet wird, geht Paul mit Eduard in die Haide, besucht
Martell und theilt ihm mit, welche Gerchte von dem hartherzigen Gebieter im
Volke umgehen. Martell kann Alles von Euch erfahren, nur nicht, da er selbst
jener verstoene Sohn des Grafen Magnus ist. Bei seiner ungestmen Wildheit
knnte eine solche Nachricht zu entsetzlichen Auftritten fhren. Diese mssen
wir um unsrer selbstwillen vermeiden. Ist es Euch gelungen, berall unter dem
arbeitenden Volke diese Gerchte mglichst in Umlauf zu setzen, so kehrt Ihr
zurck in meine Heimath, wo wir uns treffen und das Nchste dann weiter
besprechen wollen.
    Schweigend reichten die Freunde einander die Hnde und legten dadurch das
Gelbni ab, sich in Verfolgung ihrer Zwecke mit Rath und That ohne Wanken
beizustehen.
    Zu ungewhnlich spter Stunde verlie Leberecht mit seinem Sohne den
Kretscham und ging durch das lngst in tiefem Schlaf versunkene Dorf nach seinem
kleinen, verschuldeten Huschen zurck.

                                    Funoten


1 Eine leere Spule von Schilfrehr.


                                Zweites Kapitel.

                             Martell, der Spinner.

Am dritten Tage nach dieser Unterredung erreichten spt Abends Paul und Eduard
ein kleines Haidedorf, das kaum eine Stunde von der ehemaligen Burg Boberstein
entfernt war. Sie beschlossen die Nacht hier zuzubringen und am nchsten Morgen
sehr frh nach dem Dorf am See aufzubrechen. Damit ihr Kommen mglichst
absichtslos erscheinen mge, hatte Eduard seinen Garnsack mitgenommen, um ihn
von Neuem zu fllen.
    Der Morgen war hell und kalt. Starker Reif lag weiglnzend auf Feld und
Wald. Die langsam rieselnden Bche setzten Eis an und ber der rauschenden Haide
lagerte in weiter Ausdehnung eine breite und hohe Schicht blaugrauen Dunstes.
Ueber dieser schimmerte blauer Himmel und an diesem empor flatterten hart neben
einander zwei dunkele sich ewig bewegende Rauchsulen. Sie verkndeten die
ununterbrochene Thtigkeit der Fabrik.
    Umschlossen von neuem Baumwuchs und von kleinen mit Dornen eingehegten
Feldern, auf denen jetzt das Kartoffelkraut braun, welk und vom Nachtfrost
erstarrt sich zur bereiften Erde herabbeugte, lag das zu Boberstein gehrige
Dorf. Hier wohnten blos Fabrikarbeiter mit ihren meist zahlreichen Familien. Der
Ort war gassenartig gebaut und schmiegte sich halbkreisfrmig um die Ufer des
Sees. Alle Huser in dem Dorfe waren klein, niedrig und von armseligem Aussehen.
Ordnung und Reinlichkeit vermite man vor den Thren und auf den Gassen. Die
Zune, welche jedes Haus umzirkte, waren schlecht gehalten, selbst die wenigen
kleinen Grtchen, die sich hin und wieder zeigten, lieen die pflanzende Hand
eines Grtners schmerzlich vermissen.
    In diesem Wohnort der Fabrikarbeiter, der das traurige Bild einer vllig
verarmten Gemeinde, einer Bevlkerung, wenn nicht von Bettlern, doch gewi von
Menschen darbot, die kmmerlich nur von einem Tage zum andern ihr sorgenschweres
Leben hinfristen, traten mit Aufgang der Sonne unsere beiden jungen Freunde. Der
gelbe beizende Rauch, der aus den Htten aufstieg, wirbelte in dicken Wolken
ber die Strohdcher, und wlzte sich, nidergedrckt von der kalten Morgenluft,
an der Erde fort. An dem eigenthmlichen Geruch desselben war das
Feuerungsmaterial - halbtrockenes Kartoffelkraut - nicht zu verkennen. Obgleich
mitten im Walde wohnend, konnten die Spinner doch kein Holz kaufen, weil ihr
Verdienst zu solchen ungewhnlichen Ausgaben nicht hinreichte. Nur die
sogenannte Streu, der Abfall von Tannicht, das verdorrte Waldkraut und
abgestorbenes Gestrpp, das alte Mtterchen und Greise oder kleine Kinder
zusammenlasen, diente den Meisten zur Feuerung.
    Auf der Fabrik lutete eben die Glocke zum Arbeitswechsel und die beiden
Wanderer erblickten durch den ber dem See schwimmenden Nebel die Fhren und
Khne, welche die ab- und antretenden Arbeiter herber und hinber befrderten.
Fast zugleich mit ihnen landeten die abgelsten Spinner und zerstreuten sich
nach verschiedenen Richtungen in ihre Huser.
    Eduard, schon bekannt mit dem Leben und Treiben, achtete wenig darauf, Paul
dagegen war ganz Auge und verschlang See, Fabrik und sonstige Umgebung mit
gierigen Blicken. Er sprach kein Wort, allein das tiefe Athemholen und das
hastige Umsichblicken verrieth seine heftige Aufregung. Der Geist seiner
verstorbenen Mutter, die hier so viel gelitten hatte, umschwebte ihn.
    Dort ist unser Quartier fr heute, sagte Eduard, mit seinem Wanderstecken
auf ein niedriges Huschen zeigend, das gleich den brigen mit Stroh gedeckt und
von einem schadhaften Zaune eingehegt war. Dort wohnt der arme Martell mit
seiner Familie.
    Martell, der rechtmige Mitbesitzer dieser Wlder mit ihren zahlreichen
Drfern und Hfen, in solche Htte verbannt! versetzte Paul. Das ist mehr als
hart, das ist grausam, das ist teuflisch!
    Bedenke, da wir die ersten Schritte thun, um diese Hrte eines ungerechten
Verhngnisses in Milde zu verwandeln.
    Eduard legte seine Hand auf die hlzerne Thrklinke. Sie gab nach und Beide
traten in einen mit Rauch erfllten Vorraum, dessen Fuboden aus brchigem,
schlpfrigem Estrich bestand. Die Stubenthr, nur in einer Angel noch hngend,
stand halb offen und lie dem beizenden Rauch freien Eingang.
    Da es nicht Sitte ist unter armen Leuten, vor dem Eintritt ins Zimmer
anzuklopfen, so stie Eduard unangemeldet die Thr auf und trat mit seinem
Begleiter ein.
    Guten Morgen Alle mit einander! sprach er, die versammelte Familie des
Spinners grend. Ein frischer Morgen heut; ich besorge, es wird bald
einwintern. Doch Alles gesund und frisch auf, Martell? Gesundheit ist das halbe
Leben fr arme Leute.
    Eine einzige mrrische Stimme antwortete auf diese Begrung und hie die
frhen Gste willkommen. Diese Stimme gehrte dem Familienvater an, der eben von
der nchtlichen Arbeit aus der Fabrik zurckgekehrt war und mit den Seinigen das
Frhstck verzehrte.
    Die Familie bestand aus sechs Kpfen, aus Mann und Frau, drei Kindern und
einem alten Grovater, der beim Schwiegersohn wohnte, sich aber selbst ernhren
mute. Die lteste Tochter, ein Mdchen von funfzehn Jahren, war so eben zur
Arbeit in die Fabrik gegangen und hatte den ermdeten heimkehrenden Vater nur im
Vorberstreifen einen Gru zurufen knnen. Es kam vor, da sich Vater und
Tochter nur Sonntags die Hand reichen, einander ins Auge blicken und sich
sprechen konnten, wenn sie gemeinschaftlich zur Kirche gingen, um im Gebet auf
wenige Minuten das ihnen zugefallene schwere Erdenloos zu vergessen. Die sieben
langen Tage der Woche begegneten sich Vater und Tochter nur auf der schaukelnden
Barke. Sie waren schon glcklich, wenn die Nachen sich streiften, wenn sie im
Fluge einander sehen und sich zuwinken konnten.
    Das Frhstck dieser armen Spinnerfamilie bestand wie das aller ihrer
Mitbrder aus Kartoffeln mit der Schale, die trocken, mit wenig Salz gegessen
oder in Cichorienkaffee gebrockt wurden. Diese Kost wiederholte sich frh,
Mittags und Abends alle Tage im Jahre, mit Ausschlu der hohen Festtage, wo an
die Stelle der Kartoffeln wenigstens Waizenklse und in sehr glcklichem Falle
ein Stckchen Schweinefleisch trat. Erschpfte sich der Kartoffelvorrath vor der
Zeit, so mute der Familienvater fr Anschaffung von Roggenmehl Sorge tragen. Da
aber dieses zu theuer war, so begngte man sich gern mit einem Gemisch aus
Kleie, Roggen und wohl auch Baumrinde. Noth kennt kein Gebot und der Arme hilft
sich, wie er kann und mu.
    Martell, ein breitschultriger, starker Mann ber Mittelgre mit schwarzem
lockigem Haar, das ihm in malerischer Wildheit um die hohe bleiche Stirn hing,
lud die frhen Ankmmlinge gastfreundlich ein, das karge Mahl mit ihm und den
Seinigen zu theilen, was jedoch Eduard und Paul ausschlugen, da sie bereits vor
ihrem Aufbruche gefrhstckt hatten. Wer den Grafen Magnus genau gekannt hatte,
mute unwillkrlich beim Anblick des armen Spinners an ihn denken. Martell war
durchaus sein Ebenbild, aber ein Ebenbild, vor dem man erschrecken konnte, denn
in dem von Kummer, Sorge, Elend und Hunger abgemagerten Gesicht lag ein Stolz
der Verachtung, der mit Entsetzen erfllte; dies dunkle brennende Auge, von der
nchtlichen Arbeit entzndet, sprhte Ha, Ha Allen denen, die im Glck
geboren, achtlos dem Darbenden vorbergingen. In jeder Miene sprach sich ein
trotziger Ingrimm aus, der nur der Gelegenheit harrte, um sich Luft zu machen
und auszutoben.
    Martell hatte Ursache mit Gott und Menschen zu grollen. Werfen wir einen
Blick auf seinen Haushalt, auf seine Lage.
    Er war zweiundvierzig Jahr alt, seit achtzehn Jahren verheirathet und seit
der Errichtung der Fabrik in Adrians Diensten. Das Huschen, in dem er mit den
Seinigen lebte, hatte er kaufweise von seinem noch lebenden Schwiegervater mit
allen darauf lastenden Schulden bernommen. Seine Frau webte, ihr alter Vater
fristete sich durch Handgespinnst. Die Kinder, zwei Tchter und ein Sohn,
arbeiteten gleich dem Vater in Adrians Fabrik.
    Vor drei Wochen war dem zehnjhrigen Sohne, Martells jngstem Kinde, der
linke Fu von der Maschine halb abgerissen worden. Das arme verstmmelte Kind
litt die entsetzlichsten Schmerzen. Die Wunde hatte sich, aus Mangel an nthiger
Pflege und passender Kost sehr verschlimmert. Man frchtete, da der Brand
dazuschlagen und eine Ablsung des Beines nthig machen werde. Auch litt der
verunglckte Knabe seit jenem Unfall an einem Lungenbel. Nothgedrungen hatten
nun zwar die Aeltern rztliche Hilfe gesucht, weil aber der Arzt ber eine
Stunde entfernt war und die Umstnde der armen Leute auf keine Vergtung seiner
Mhwaltung schlieen lieen, trat er nur selten in die elende Htte, um sich
persnlich von dem Befinden seines Patienten zu berzeugen.
    Dies Alles bemerkte Martell sehr wohl, da er, obwohl ohne besondere
Schulbildung, doch aufgeweckten Geistes und auerdem noch mit dem Scharfblick
des Mitrauens begabt war. Er schumte vor Wuth, als er die sichtliche
Vernchlssigung seines Kindes sah und sein Zorn ward um so anhaltender, weil er
Nichts sagen durfte, weil er aus Liebe zu seinem Knaben schweigen mute.
    Gerade um diese Zeit hatte Adrian den Anfang gemacht, die Arbeitszeit zu
verlngern und die ersten Lohnverkrzungen anzuordnen, obwohl schon Jahrelang
das Verdienst eben nur zum migen Auskommen hinreichte.
    Lore, die Frau des Fabrikarbeiters war hektisch. Das ewige Sitzen hinter dem
Webstuhle, Kummer und schlechte Kost mochten ein Uebel vergrert haben, wozu
sie die Anlage mit auf die Welt brachte. Das arme Weib gehrte jedoch zu den
gengsamen, unter jede Gewalt demthig und ergeben sich beugenden Geschpfen,
die nie murren, die Alles fr eine Schickung Gottes halten und mit diesem
beneidenswerthen Glauben, ohne Schiffbruch an Leib und Seele zu leiden, durch
das klippenreiche Meer des Lebens schiffen. Als Martell lngst schon an seiner
verhaltenen Wuth fast erstickte, hatte Lore kaum noch einen Seufzer ausgestoen.
Sie pflegte mit der mtterlichsten Liebe und Ausdauer den verstmmelten Knaben,
der in Lumpen und wrmende Pelzstcke gehllt, wimmernd hinter dem Ofen lag, und
darbte sich die Zeit, welche sie damit an der Arbeit versumte, vom Schlafe ab,
um ja nicht etwa einen Tag spter, als es bedungen, die Webe dem Brodherrn
abzuliefern.
    Als Muster in so beispielloser Ergebung und glubigem Hoffen ging dem treuen
Weibe ihr Vater voran. Traugott war ein Siebziger, hatte nie die Flle irdischen
Glcks kennen gelernt, hatte kaum Tage gehabt, in die ein hellerer Sonnenstrahl
des gttlichen Segens fiel, und war dennoch nie von zweifelnden Gedanken
heimgesucht worden. Er gehrte zu den in unsern Tagen immer seltener werdenden
Menschen, die sich mit eiserner Kraft an das Wort klammern, wie es ihnen in
frhester Jugend von gutmthigen und gedankenarmen Lehrern eingeprgt wird. Dies
Wort besitzt die wunderbare Kraft fr Alle, welche daran glauben, da es sie
ber jegliches Fhrni leicht hinweg geleitet und sie mit unerklrbarer
Geistesheiterkeit begabt bis an den Rand des Grabes fhrt.
    Traugott war noch zur Stunde ein solcher beneidenswerther Greis, der in
seiner Armuth lcheln, beten und Gott danken konnte, und der nie eine Secunde
lang ber das glcklichere Loos Anderer nur den leisesten Reiz zum Neide
empfunden hatte. Was htte er auch die Reichen, die Besitzenden beneiden sollen?
Was er beurfte, das hatte ihm im strengsten Sinne des Worts noch niemals
gemangelt. Eine Rinde Brot, ein paar aufspringende Kartoffeln, eine Tasse dnnen
Kaffees, mit so Wenigem war sein nicht leckerer Gaumen vollkommen zufrieden
gestellt. Und auerdem hatte ihm der gtige Gott ein Kleidungsstck am Tage, ein
Lager des Nachts bescheert. Dafr war er dankbar, wenn er bedachte, da ja auch
ihm, wie so vielen Andern, das weit traurigere Loos htte zufallen knnen, vor
den Hausthren bettelnd und singend sein Brod suchen zu mssen.
    Nachdem wir so die Silhouetten der drei Hauptpersonen in dieser Familie
entworfen haben, kehren wir zu unserer Erzhlung zurck. -
    Auf Martells Gru und Einladung zum Frhstck schob Eduard Garnsack und
Stock unter die Bank, welche die Holzwand umgab, und setzte sich dem Freunde
gegenber. Paul nahm neben ihm Platz und lie seine groen glnzenden in Form
und Farbe Haiderschen so beraus hnlichen Augen mit einer gewissen
Aengstlichkeit durch das Zimmer laufen. Martell, von der nchtlichen Arbeit
ermdet und sichtlich aufgebracht, schlug sein Messer zu und legte die letzte,
schon halb geschlte Kartoffel wieder in die Schssel.
    Verzeih mir's Gott, sagte er zu Lore, seiner Frau, ist mir's doch, als
htte ich Kieselsteine und Schwefel verschluckt. Der Aerger bringt mich um.
Wahrlich, lange halte ich solch Leben nicht mehr aus!
    Lore schwieg, nur ein langer Blick aus ihrem weichen, milden Auge traf den
zrnenden Gatten. Doch legte auch sie das Messer weg, fragte den Vater, ob er
gesttigt sei und trug, da dieser bejahend nickte, den Rest der Mahlzeit in den
Vorraum, um sie im Brodschrank fr Mittag oder Abend aufzubewahren.
    Ich habe von dem Unglcke gehrt, das Dich betroffen hat, sprach Eduard;
Du bist von Herzen zu beklagen, aber trag's mit Geduld, wie's einem Christen
ziemt.
    Wrden wir armen Arbeiter nur erst wie Christen behandelt, an meiner Geduld
sollt's nicht fehlen. So aber sind wir Hunde, die kurz geschlossen an ihrer
Kette liegen, und die nicht 'mal heulen, viel weniger um sich beien sollen,
wenn ihnen verfaulte Knochen als Kost vorgesetzt werden! Ist das Gerechtigkeit?
frag' ich.
    Martell hatte sich vor Eduard gestellt, und ma jetzt, die nervigen Arme
ber einandergeschlagen, um die ein zerfetztes, vom Oeldunst der Maschine
beschmutztes, Hemd flatterte, bald diesen, bald Paul mit seinen flammenden
Blicken.
    Ist der Bursche ein Verwandter? setzte er gleichgiltig fragend hinzu, den
Enkel Slobodas schrfer anblickend.
    Von mir und Dir, versetzte Eduard.
    Von uns? - Seit wann bin ich mit Dir Freundschaft?
    Er besitzt nichts.
    Ha, ha, ha, ha! lachte Martell wild auf und schttelte sich, da seine
lockigen Haare wie eine schwarze Mhne um die blassen eingefallenen Wangen
flogen. O, Du hast Recht! Die Freundschaft ist gro, gro wie die Welt, wre
sie nur auch so mchtig, so treu, wie Gold! Gr Dich Gott, armer Junge! Und
Martell drckte seinem Verwandten die Hand, da sie ihm schmerzte.
    Woran liegt es, da die Armen so unmchtig sind? entgegnete Eduard. An
uns selbst, an uns ganz allein!
    Martell sah ihn dster an, dann senkte er den Blick und schttelte traurig
das Haupt.
    Nein, o nein, erwiederte er, das liegt nicht an uns Armen. Wir vermgen
nichts, weil wir nichts haben. Das Geld ist das Mark des Lebens, der Hebel zur
That! Wo dieses fehlt, da gibt es nicht Kraft, nicht Ausdauer, nicht
Zusammenhalten! - O ich wei es, ich kenne diese entsetzliche Schwche, an der
Millionen hinsiechen und die, Gott mag es wissen, vielleicht in wenigen
Jahrzehnten die ganze Menschheit einigen Tausenden zinnsbar macht, die durch
Glck und Schlechtigkeit diesen allmchtigen Gott der Welt in ihre Hnde
gebracht haben.
    Dahin soll es nicht kommen. Wir wollen es verhindern! Ich und Paul, - so
heit unser junger Freund und Bruder, - haben schon viel darber nachgedacht und
willst Du uns hren, so theilen wir Dir gern unsere Ansichten mit. Dies ist
eigentlich der Zweck unseres heutigen Kommens.
    Ihr thut ja uerst geheimnivoll? Hat Euer Herr 'was Ungebhrliches
gethan?
    Bedarf es dessen, um das Unrecht einzusehen?
    Martell zuckte die Achseln. Hm, sagte er, manchmal hilft es einem doch
schneller die Augen ffnen. Ich habe das erfahren bei unserm duftenden Tyrannen
da drben und bin ebenfalls erbtig, Euch Mittheilungen zu machen, ber die Ihr
erstaunen sollt.
    Um so besser, so berhren sich vielleicht unsere Plne, sagte Paul, der
erst jetzt, als Martell ruhiger geworden war, ein Wort mit drein zu reden wagte.
    Lore hatte inzwischen den Tisch abgerumt, dem Kranken hinter dem Ofen
einige sanfte Trostesworte zugeflstert und sich wieder an den Webstuhl gesetzt.
Auch Traugott, der die Unzufriedenheit seines Schwiegersohnes weder theilte noch
billigte, begann sein Spinnrad emsig zu drehen und mischte sich nicht in das
Gesprch.
    Martell ergriff einen Schemel, setzte sich so darauf, da er seine Arme auf
die Lehne bereinanderschlagen und das Kinn darauf sttzen konnte, und knpfte
die Unterhaltung wieder an.
    Da hat vor drei Wochen die verfluchte Maschine meinem Hans beim Auflesen
der Wollflocken den linken Fu abgequetscht, ich sage Euch, so glatt
abgequetscht, als htte einer Lineal und Winkelma darauf gelegt! Der Fu ist
fort, mein armer Junge ein Krppel! Nun das kann vorkommen, das ist ein Unglck,
wie es jede Beschftigung mit sich bringt! Der Junge htte nicht Wollleser unter
der Maschine werden sollen, wollte er gesunde Glieder behalten! - Nicht wahr,
ich rsonnire ziemlich vernnftig und nehme durchaus keine Partei? - Ungefhr
dasselbe sagte ich mir schon am ersten Tage, wo das Unglck geschah. Ich leg' es
Niemand zur Last, als dem Zufall, und da ich dem nicht an die Kehle kann, so
fasse ich mich, so gut es gehen mag, fresse Kummer und Verdru hinunter und
erspare mir damit manch theures Stck Brod. - Ha, ha, ha, Ihr seht, da
Unglcksflle, wenn sie auch Hals und Beine kosten, doch die Sparsamkeit
befrdern helfen! - Also ich beklage mich gar nicht, ich nehme blos meinen
zerquetschten Knaben auf diese meine Arme, schliee mit zitternden Lippen seinen
schreienden Mund und trage ihn nach Hause, um ihn hier, hier in dieser elenden,
dunstigen Htte seiner schluchzenden Mutter in den Schoos zu legen und einen
Blick des Jammers mit ihr auszutauschen. - Das that ich, wie es, denk' ich,
meine Pflicht war, ich that's mit brechendem Herzen. Eh' ich den Wundarzt
herbeischaffte und fr meine paar Groschen Arzenei, Salben und Kruter kaufte,
vergingen freilich ein paar Stunden, die ich bei der Arbeit versumte. Endlich,
todmde, gehe ich wieder in die Fabrik, wo inzwischen meine Nachbarn, gute
gefllige Menschen, meine Stelle so versehen hatten, da der Maschine und dem
Gespinnst kein Nachtheil erwachsen konnte. Dennoch, knnt Ihr's glauben, lie
mich der Herr am Stein hart an, zog mir den halben Arbeitstag am Lohne ab,
strich den kleinen Verdienst des armen Jungen ganz und drohte, mich zu
entlassen! - Aber Herr, mein Kind, sag' ich, mein Bube, mein Herzblatt ist zum
Krppel gequetscht worden - Gott wei, ob er je wieder genest, und ob ich die
Kosten seiner Heilung werde bestreiten knnen! Sein Sie billig und barmherzig,
Herr!
    Billig! fuhr er mich an. Was nennt Ihr billig? Wenn ich mich ruinire
eines verkrppelten Kindes wegen? Gott httet Ihr bitten sollen, er mge den
Fresser je eher, je lieber sterben lassen, so httet Ihr seinetwegen keine Sorge
mehr! Die Maschine verbessert zuweilen, was die Menschen schlecht machen in
ihrem Unverstande! Es war ein Wink vom Himmel, warum achtetet Ihr nicht darauf?
Und genug, ungethane Arbeit kann ich nicht bezahlen.
    Das hat Herr am Stein gesagt und er lebt noch? sprach Eduard, whrend Paul
vor Entsetzen die Hnde faltete.
    O, er lebt vortrefflich, der kluge Herr! versetzte unter krampfhaftem
Lachen der Fabrikarbeiter. Der Armen Schwei verwandelt sich in den Truhen der
Reichen in Gold. - Mein Gott, was blieb mir brig! Freilich krampfte es mich in
den Hnden, die Finger bogen sich von selbst zusammen wie Krallen, und gern,
gern htte ich dem Ungeheuer die schamlose Kehle damit zugeschnrt. Aber mein
Weib, meine Kinder! - Ich mute mich beherrschen und mein vergiftetes Herz
zwingen, still, sanft, demthig, ergeben zu bleiben! - So bat ich also den
gndigen Herrn, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und mich zu behalten.
    Weil Ihr Euer Unrecht einseht, versetzte der Gndige, will ich einmal
gegen meine Grundstze handeln. Ihr mgt bleiben, doch nur unter der Bedingung,
da Ihr Euch mit Htscheln des kleinen Bengels, der aus Unvorsichtigkeit in die
Kmme gefallen ist, nicht die Zeit versumt! Verstanden, Martell?
    Verstanden, gndiger Herr.
    Dann geht an Eure Arbeit. Acht Tage lang will ich die Kurkosten fr den
einfltigen Jungen hezahlen. Ich werde dem Chirurgen einschrfen, da er sich
dazu halten soll, damit der Fu in dieser Zeit heilt. Spricht man nicht
ernstlich mit diesen gelehrten Herren, so sind sie im Stande an einem Beinbruche
monatelang herum zu kuriren.
    Die Fabrik hat ihren eignen Chirurgen, erzhlte Martell weiter, da
Verwundungen, Bein- und Armbrche hufig vorkommen. Wir zhlen deren in manchem
Jahre an funfzig. - Ob nun der Chirurg Befehle vom Herrn erhalten und dieselben
befolgt hat oder nicht, ist mir zur Stunde noch unklar; da aber mein armer Hans
nach Ablauf der verstatteten acht Tage eine zugeheilte Wunde besa, die wenige
Tage spter sich heftig entzndete und wieder aufbrach und seitdem den ganzen
kleinen Krper in Fieberhitze versetzt hat, das wei ich. Jetzt besucht der
Chirurg mein Kind kaum zweimal in der Woche, pflastert und bindet an dem
jammernden Krppel herum, als wolle er ihm die Seele einwickeln, und schweigt
auf alle meine bekmmerten Fragen. Fr die Gnge mu ich ihn bezahlen und habe
doch nicht satt zu leben.
    Du httest in frheren Jahren den Verdienst mehr zusammenhalten sollen,
mein Sohn, warf hier Traugott warnend ein. Da warst Du noch unverdrossen, Dir
und der Lore ging es von Hnden und die Kinder kosteten noch nichts, als das
liebe Stckchen Brod.
    Zusammenhalten! rief Martell unwirsch. Ich bitt' Euch, Vater, werft mir
die paar Groschen nicht vor, die ich an Sonn- und Festtagen auf einem
Spaziergange fr mich, mein Weib und Euch ausgab! Es waren, wei Gott, die
einzigen vergngten Stunden, deren ich mich erinnern kann! Kein halbes Jahr
Schulgeld knnte ich davon bezahlen.
    Freilich, freilich! entgegnete wieder begtigend der greise Spinner. Aber
die Zeiten sind schwer, Martell, und wir sollen uns doch einmal in die Zeit
schicken. Das verlangt ja ausdrcklich die heilige Schrift!
    Es ist eine Lge, sag' ich, fuhr Martell auf. Die Zeiten sind nicht
schwer, man macht sie mit Absicht schwer, um recht viel zu gewinnen. Das ist's,
was mich emprt und was mich rasend, ja zum wthenden Thiere machen knnte, she
ich nur Rettung in Wuth und Tobsucht. Habt Ihr denn schon vergessen, Vater, was
vor zehn Tagen geschehen ist?
    Was geschah da? fragte Paul neugierig. Bin ich doch kaum viel lnger in
diese Gegend gekommen.
    Eine Spitzbberei ohne Gleichen, versetzte Martell. Auf Grund absichtlich
ausgestreuter Gerchte von schlechtem Absatz baumwollener Waaren, wozu
vorgeblich die englische Concurenz und die beliebteren englischen Fabrikate
beigetragen haben sollten, setzt Herr am Stein den Arbeitslohn in allen Branchen
herab. Wir hatten schon vorher nicht satt zu essen, jetzt ist vollends gar nicht
mehr daran zu denken. Darauf aber speculirt der reiche Mann. Er wei genau, da
er uns, die wir ihm alle verschuldet sind, mit Haut und Haar besitzt, da uns
entlassen, uns und unsere Kinder fr immer ruiniren heit. Kein Stecken blieb
uns brig, nackt und blo mten wir in die Wlder laufen, und von Wurzeln und
Baumsamen leben! - So sind wir denn gezwungen zu arbeiten, sind gezwungen, die
Geiel zu kssen, die uns wund schlgt, und unter den qualvollsten
Seelenschmerzen dankbar zu lcheln. Herr am Stein wird aber inzwischen ein
Millionr, denn der Ueberschu an Geld, den ihm der verminderte Lohn abwirft,
mehrt sich zu einem bedeutenden Kapital, das er mit groem Gewinn zur
Erweiterung seiner Fabrik anlegen kann.
    Paul erinnerte sich von dem Maulwurffnger hnliche Aeuerungen nach seiner
Rckkehr von Boberstein gehrt zu haben und erhielt durch die Auseinandersetzung
des eingeweihten Fabrikarbeiters tiefere Einsicht in die geheimnivolle, sicher
angelegte und so furchtbare Intrigue der Reichen gegen die Armen, die fr sie
arbeiten. Sein unverdorbenes, kindlich reines Herz emprte sich und zum ersten
Male in seinem Leben sagte er mit aufflammendem Feuerblick:
    Ihr mt Euch wehren, wehren wie hungrige Wlfe!
    Das Gef ist gefllt bis an den Rand, sagte Eduard, wenige Tropfen
werden es berflieen machen und dann wird kein noch so knstlich angelegter
Damm eine Ueberschwemmung zerstrendster Art verhindern knnen!
    Mein Kopf glht, mein Gehirn siedet und das Herz steht mir still, wenn ich
an die Zukunft denke, fuhr Martell fort. Wohin ich blicke, nichts als Mangel,
nichts als Vermehrung der Armuth! - Arbeiten, Darben, Hungern, nichts will
diesen frchterlichen Zustand aufheben! - Wir sind immer im Vorschu, wir leben
immer von der Zukunft und verlieren so allen Boden unter unsern Fen! Das ist
entsetzlich, wenn es einzelne Familien trifft, es ist aber der Anfang einer
Weltemprung, wenn Millionen von diesem Gespenst Tag und Nacht gengstigt
werden! Als Junge las ich 'mal in einem Fabelbuche. Darin fand ich eine Ges
chichte von einem Manne, den man an einen Felsen geschlossen hatte, und der nun
so wehrlos zusehen und es dulden mute, wie ein gefriger Geier mit scharfem
Schnabel ihm die Leber langsam aushackte! Ich fhlte damals den Schmerz des
Unglcklichen in der Einbildung und konnte das Bild nicht mehr aus meinem
gengsteten Gemth verjagen. Nun, ich schwre es Euch bei alle Qualen und
Schrecknissen der Hlle zu, wir armen gefesselten Arbeiter, welchen Namen wir
auch fhren mgen, wir sind gegenwrtig jener an den Felsen geschmiedete, von
tausend Geiern zerfleischte Mann! Und wir drfen nicht seufzen nicht klagen,
nein, nein, wir mssen lcheln, mssen den Geiern Schnabel und Fnge kssen und
streicheln! - Wre es ein Wunder, wenn die Menschheit in Masse sich selbst
ermordete oder als wahnsinnig gewordene Rcherhorde wuthentbrannt die Welt
zerstrte, die so unaussprechliche Leiden und Lasten auf sie huft?
    Damit dies nicht erfolge, mssen wir uns berathen, vereinigen und in Einem
Sinne handeln, sagte Eduard.
    Es handelt sich gut in Einem Sinne, wenn es an allen Sinnen gebricht!
erwiederte Martell verchtlich. Man hat nicht Muth, wenn man keine Zeit hat,
keinen Erfolg voraus sieht. Durch den Druck sind wir so klein und kleinlich
geworden, da uns der Gedanke an jegliches Groe, Gemeinsame gar nicht mehr
beschleicht! - Und wie ist es anders mglich! Um die Krume Brod verlegen, die
ich heut Abend mit meinen Kindern theilen soll, matt, gebrochen von der Arbeit,
die meine Krfte verzehrt, wo soll mir die Lust herkommen, das allgemeine Leid
zu berschauen und auf Mittel zu denken, diesem abzuhelfen? - Ich mu ja auf dem
Nchsten, Kleinlichsten haften bleiben, auf dem elenden Kummer, der mich zur
Stunde ber wltigen will, weil dieser im Augenblick der qulendste ist,
derjenige, um welchen sich meine fluchwrdige Existenz dreht. Dieser Augenblick
dauert aber Monate, Jahre, ein Menschenleben! Dieser Augenblick, bei Millionen
immerwhrend vorhanden, ist eine Ewigkeit! Dieser Augenblick ist die Hlle und
wir, wir sind die Verdammten!
    Vergib ihm Vater, denn er lstert! betete mit leisem Lispeln der spinnende
Traugott.
    Vergib Ihnen nicht, denn sie wissen, was sie thun! rief in furchtbarer
Aufregung Martell, indem er beide nackte Arme gen Himmel streckte. Wer ihnen
vergibt, der lstert Gott, der schndet den heiligen Geist in des Menschen
Brust!
    Und ich sage Dir, Martell, fiel Eduard ein, es soll ihnen auch nicht
vergeben werden! Ein Rcher, ein Retter wird aufstehen unter Euch und gegen die
Unbarmherzigen furchtbares Zeugni ablegen! - Wundere Dich immerhin, dennoch ist
es so und es wird geschehen, was ich sage! Noch triumphiren die Unmenschlichen
ihr Triumph wird ihr Grabgelut sein; denn was sie besitzen, gehrt ihnen nicht
allein. Es ist unrechtmig zugeeignetes Gut, das man ffentlich von ihnen
zurckfordern wird. Diese Herren am Stein haben Verwandte, haben Brder, die
lange verschollen waren, und die jetzt mit den gerechtesten Ansprchen versehen,
mit den giltigsten Zeugnissen pltzlich wieder aus ihrem Dunkel hervortreten und
gegen sie klagen! - Hier, Martell, in diesem Jnglinge stelle ich Dir den ersten
Klger vor. Andere werden ihm bald folgen.
    Diese Erffnung machte einen so gewaltigen Eindruck auf Martell, da er
mehrere Minuten die Sprache nicht wieder finden konnte. Selbst Lore, die
fleiige Weberin, verga das Schifflein durch die Werfte zu schnellen und
Traugott hielt sein Spinnrad an. Eine ganz neue, eine unerhrte Welt drngte
sich in den eng begrenzten Horizont ihres Lebens.
    Die Herren am Stein htten Verwandte, um die sie sich nicht kmmern
sollten? sagte Traugott. Das wird vermuthlich ein Irrthum sein, weil der
Brder Boberstein drei am Leben und in der Welt zerstreut sind. Sie haben ja
genug, um die Ihrigen anstndig zu verkstigen.
    Ihr Herr Vater, der verstorbene Graf Magnus war kein Joseph, erwiederte
Eduard. Mein Vater wei davon zu erzhlen und gewi habt Ihr von seinem
heidnischen Sndenleben seiner Zeit auch reden hren.
    Wenn es wahr wre, sagte Martell nachdenkend, so liee sich darauf eine
leichte Hoffnung bauen. Ein Proze, - groe Geldverluste - Uneinigkeit unter den
Brdern, - ja, das wre ein Ausweg zur Rettung. Aber ich kann trotz Deiner
Versicherung noch nicht daran glauben. Und dein Gefhrte sieht auch nicht in das
Grafengeschlecht mit seinen blauen Marien-Augen.
    Der Morgen ist schn, die Luft rein, sagte Eduard, ein Gang in den
duftenden Wald kann Dir nur gesund sein. Er wird Deinen Kopf frei machen, Deine
gelhmte Kraft sthlen! Begleite uns! Unterwegs theile ich Dir das Nhere mit,
das vorerst nur noch fr Dich allein bestimmt ist.
    Diese mit leiser Stimme gesprochenen Worte hatten die beabsichtigte Wirkung.
Martell zog schnell seine zerrissene Kattunjacke an, drckte eine fettige
Tuchmtze schief auf sein ppiges schwarzes Haar und erklrte sich bereit die
jungen Freunde sogleich zu begleiten.
    Ihr kehrt doch wieder mit mir zurck? fragte er.
    Im Fall wir Dich berzeugen.
    Lore, hab' ein Auge auf den armen Hans und Ihr, Vater, verzeiht, wenn ich
nicht immer Eurer Meinung sein kann! Ich will das Gute wie Ihr, Ihr wit es,
aber unsere Wege gehen auseinander.
    Traugott murmelte ein Gebet und drehte eifriger denn je sein Rad, aber ein
mild vershnender Blick seines Auges sagte dem ungestmen Martell, da ihm der
Greis lngst seine heftigen Worte vergeben habe.
    Arm in Arm durch das junge Holz wandelnd, erzhlten Eduard und Paul
abwechselnd dem Fabrikarbeiter, was wir in dem Vorhergehenden unsern Lesern
bereits mitgetheilt haben nur, da er selbst jener verschollene illegitime Sohn
des Grafen Magnus sein solle, verschwiegen sie ihm noch. Das Geheimni mute ihm
Geheimni bleiben bis zu dem gnstigsten Augenblick.
    Martell fate schnell den angedeuteten Plan und war mit Herz und Seele
dabei. Er hoffte, er sah treue Verbndete und Beides entflammte seinen
persnlichen Muth. Er war im ersten Moment der Aufregung kaum zu halten.
    Wenn es nur nicht lange whrt! Wenn wir nur rasch zu Ende kommen knnten!
rief er wiederholt mit aufgeblhten Nstern aus.
    Wir drfen es hoffen, Martell, wenn Du von heute an vorsichtig unsere
wichtigen Neuigkeiten unter allen Arbeitern ausstreust, versetzte Eduard. Es
mu dies schnell geschehen, damit ein jher Geist der Unruhe, der freudigen
Erwartung sie ergreift. Dann haben sie Muth den Herrn zu bestrmen. Von zwei
Seiten in die Enge getrieben, wird er nachgeben und Eure Lage verbessern.
Inzwischen beginnt der Proze, dessen Ausgang nicht zweifelhaft sein kann. Die
Klger mssen gewinnen!
    Martell erklrte sich zu Allem bereit. Mit erheiterter Stirn, fast lustig
und seit Monaten wieder einmal scherzend, fhrte er die Verbndeten nach ein
paar Stunden wieder in seine Htte wo sie bis zum folgenden Tage ungeachtet
ihres Strubens bleiben muten.

                                Drittes Kapitel.



                                   Dokumente.

Frher noch als unsere jungen Freunde das Ziel ihrer Wanderung erreichten,
erschien Leberecht, Sloboda und der Maulwurffnger auf dem Zeiselhofe. Diese
alte Besitzung der Familie Boberstein war jetzt verpachtet, sollte aber im
nchsten Jahre einen andern Bewirthschafter erhalten, da der gegenwrtige
Pachter zurcktreten wollte. Die Familie hatte es ffentlich bekannt machen
lassen und einsichtsvolle Oeconomen zur Besichtigung des Grundstcks
aufgefordert. Dadurch war Jedermann Gelegenheit zu leichtem Zutritt gegeben, und
der listige Maulwurffnger, der jeden Zufall zu seinem Gunsten zu nutzen
verstand, hatte seinen Plan darauf gebaut.
    Unter den drei hochbejahrten Mnnern war die ganze Vergangenheit whrend der
dreitgigen Reise nochmals bersichtlich zur Sprache gekommen. Dabei ergab sich,
da ungeachtet der vlligen Umgestaltung aller Verhltnisse in einem Zeitraume
von ber vierzig Jahren doch ein allgemeiner Fortschritt zum Bessern von der
Masse des Volkes nicht anerkannt ward. Lieen sich doch sogar laute Stimmen
Unzufriedener hren, welche eine Wiederkehr und Wiederbelebung alter zerstrter
und abgeschaffter Institutionen wnschten und fr bei weitem ersprielicher
hielten. Leberecht gehrte zu diesen und leider vermochten seine Freunde ihn
nicht immer durch haltbare Grnde zu widerleben und eines Bessern zu belehren.
    In welcher Lage sich Leberecht befand, haben wir zu Anfang dieses Buches
angedeutet. Diese Lage war niederdrckend und mute einen Mann von Leberechts
Flei und Redlichkeit mit Unwillen erfllen. Als Leibeigener geboren, an Druck
und Gehorsam gewhnt und spter durch unerwartetes Zusammentreffen gnstiger
Ereignisse unabhngig und frei geworden, hatte er in der Freiheit ein Glck
hherer Art zu finden gedacht. Da er sich schwer getuscht, dies lhmte seit
Jahren seine Energie und machte ihn hufig wahrhaft unglcklich. Da seine
Freunde nicht recht daran glauben wollten, suchte er sich durch eine offene
Darlegung seiner Verhltnisse, die genau jene von tausend und abertausend ihm
Gleichgestellter waren, zu berzeugen.
    Was versteht Ihr denn eigentlich unter Volksfreiheit und
Volksselbststndigkeit, sagte er, worin Ihr ein Universalheilmittel aller nur
denkbaren Uebelstnde erblickt? Ich begreife Euch nicht und mu mich deshalb
gegen Euch erklren. Gott bewahre mich, da ich das veraltete Schlechte, das
Unnatrliche und Entehrende vertheidigen oder gar zurckwnschen sollte! Nur
loben, billigen, preisen kann ich das Neue nicht, das menschenfreundliche
Gesinnung als unreife Frucht an dessen Stelle gesetzt hat. Geht doch herum unter
dem Volke, fragt den Weber, den Kleinbauer, den Tagelhner, ob er zufrieden sei?
und Alle werden mit trauriger Miene ein wehklagendes Nein antworten.
    Weil sie den Augenblick nicht benutzen und Alles nach dem alten Schlendrian
forttreiben, unterbrach ihn der Maulwurffnger.
    Das ist die gewhnliche Redensart Aller, denen es an grndlicher Einsicht
gebricht, versetzte Leberecht. Nein, nein, Freund Heinrich, nicht der
Schlendrian, nicht Mangel an Scharfblick ist Schuld an diesem unter sich
fressenden Volksunglck, sondern die ungleiche Belastung und die Unmglichkeit
bei einmal vorhandener Schuld je im Leben schuldenfrei zu werden! - Der
Gerechtigkeitssinn einer aufgeklrten Zeit hat den Hrigen zum freien Brger
seines Geburtslandes gemacht. Gut, dies soll man loben. Aber warum, frag' ich,
hat man ihm die persnliche Freiheit gegeben und doch die Kette an seinem Fu
gelassen, die ihn an freier Bewegung hindert, deren dumpfes Klirren ihn
stndlich an seinen frhern Sclavenstand erinnert?
    Was nennst Du Kette? fragte der Maulwurffnger.
    
    Die Lasten, die man nicht von uns genommen hat, entgegnete Leberecht. -
Ihr wit, ich habe ein kleines Huschen mit nur wenigem Ackerland. Es ernhrt
mich nicht in guten Jahren, es strzt mich immer tiefer in Schulden, tritt
Miwachs ein. Ich wrde es verkaufen, wre es nicht schon ber den eigentlichen
Werth verschuldet. Um also nicht zum Bettler zu werden, mu ich den Haus- und
Ackerbesitzer fortspielen und unverhltnimige Gaben an Staat, Herrschaft und
Kirche zahlen. Ich mu, wie ehedem der leibeigene Bauer, dem Herrn frohnen, ich
mu ihm die Wege ausbessern, mu ihm Hand und Spanndienste leisten oder - Geld
dafr zahlen! Was bringt mir Geld? Der Verkauf von Naturalien, die ich erbaue.
Was aber erbaue ich? Kaum so viel, als ich mit grter Noth zum sprlichen
Durchkommen brauche! - Dennoch fordert man Geld von mir und ich mu es schaffen
oder werde erst mit Execution, zuletzt mit unbarmherziger Pfndung bestraft.
Lasse ich es so weit kommen, so mag ich mich nur nach einem Strick umsehen, denn
verloren bin ich doch einmal! So ergreife ich denn das letzte Mittel, nehme ein
kleines Capital zu hohen Zinsen auf, das ich nie zurckbezahlen kann, und
entrichte meine ordentlichen und unordentlichen Steuern.
    Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, Alter, sagte Sloboda. Das sind
die Leiden des freien Bauers ohne Vermgen! Sie schmerzen oft mehr als die Ruthe
des Herrn! Es ist traurig, sehr traurig!
    Ich will nicht weiter von mir sprechen, fuhr Leberecht fort, ich will nur
an einem Beispiele nachweisen, da ich meine Klagen nicht aus der blauen Luft
greife. Mein Nachbar schief ber hat ein Huschen mit Gartenland. Er ist Weber,
verheirathet, Vater von drei Kindern, - und in ganz gleichen Verhltnissen sind
an unserm Ort allein ber hundert Familien, in zwanzig, dreiig Ortschaften
zusammen einige Tausende, - und verdient bei grtem Fleie, angenommen, da
keine Krankheit vorkommt und die Arbeit nie fehlt, im ganzen Jahre fnf und
funfzig bis hchstens sechzig Thaler! Was ist davon sein Eigenthum? - Ich will
es Euch sagen. Auf Haus und Gartenland, das ihm seinen Kartoffelbedarf bringt,
lastet ein Kapital von vierhundert Thalern, das zu fnf Prozent Zinsen die
Jahreseinnahme um zwanzig Thaler vermindert. Er mu auerdem an Grundsteuer dem
Staate jhrlich einen Thaler funfzehn Silbergroschen zahlen, Classensteuer, zwei
Thaler, Grundzins an die Herrschaft, drei Thaler und drber, Jagd- und Spinngeld
funfzehn Groschen, Gemeindeabgaben gegen anderthalb Thaler; das Schulgeld fr
seine Kinder beluft sich auf vier Thaler und endlich kommen an Feuerassecuranz,
an Abkauf der Handdienste auch noch gegen zwei Thaler zusammen, so da ihm zur
Ernhrung seiner Familie, zur Instandhaltung seines Hauses und zur Bestreitung
etwaiger nicht zu berechnender Ausgaben nicht mehr als zwanzig Thaler brig
bleiben.1 Ist solch ein Loos beneidenswerth, und ist derjenige, dem es gefallen,
ein freier Mensch zu nennen, zu beneiden von dem Neger, der in heien Lndern
die Pflanzung seines Herrn bebaut und dafr sorglos seinen Reis essen kann?
    Wenn das keine Ausnahmen sind, dann wehe uns! Wehe unsern geordneten
Saaten! Wehe der Zukunft unseres Volkes! sagte der Maulwurffnger.
    Du sprichst es aus. Wehe der Zukunft unseres Volkes, wenn gleichsam auf
gesetzmigem Wege die Verarmung mit Riesenschritten um sich greifen darf! Weil
es so ist - und es ist leider fast berall so - darum vermaledeie ich die uns
gewordene Freiheit, die uns zur verabscheuungswrdigsten Sclaverei verurtheilt,
zur Sclaverei des freien Willens! Tausende mchten vor Ekel sich von sich selbst
abwenden, aber sie drfen nicht ihrer Weiber und Kinder wegen. Sie mssen das
Joch der Sclaverei der Freiheit von einem Jahre zum andern fortschleppen, bis es
sie erdrckt! Frei macht sie nur der Tod! Das aber ist ein namenloses Elend, ein
Jammer, vor dessen Gre und Unendlichkeit man vor Entsetzen versteinert!
    Um so entsetzlicher, als Niemand ihm steuern kann! bemerkte Sloboda.
    Dann stehen wir am Vorabende des Weltunterganges, fiel der Maulwurffnger
ein. Doch noch haben wir keinen Anla zu solcher Verzweiflung, die sich selbst
und die Zukunft aufgibt. Noch sind Auswege vorhanden, auf denen das
fortwuchernde Elend des Volkes verjagt werden kann. Der Staat mu sich des
Volkes annehmen, mu ihm, dem darbenden, die Lasten abnehmen und sie auf die
Schultern der Verzehrenden, der Reichen legen.
    Trume, schne, bunte ergetzliche Trume! sagte Leberecht wehmthig
lchelnd. Ich glaube an keine Trume!
    Du hast Recht, Freund, noch sind es Trume! Diese Trume aber werden
Wahrheit werden, ist sich alles Volk erst der Mittel bewut, die es der berhand
nehmenden Verarmung entreien knnen. Nur Massen bewirken etwas Groes in unsern
Tagen, nur gemeinsamer Hilfeschrei wird beachtet. Darum trachte der Einzelne
dahin, da die Armen sich einigen und durch ihre Masse und Anhnglichkeit eine
unzerreibare Kette bilden! Mit geschlossenen Gliedern knnen sie den Reichen
trotzen und durchsetzen, da man ihre volle Freiheit anerkenne und sie
menschlich behandle.
    Zweifelnd schttelte Leberecht den Kopf, ohne das Gesprch weiter zu fhren.
Die nahen Gebude des Zeiselhofes, die ber die kahlen Felder emporstiegen,
gaben seinen Gedanken eine andere Richtung. Sie bogen in einen flachen Hohlweg
ein und sahen sich nach wenig Minuten dem offenstehenden Thorwege des Edelhofes
gegenber.
    Dort drben, sagte der Maulwurffnger, indem er mit der Hand nach dem
Herrenhause deutete, dort drben begann vor mehr als vierzig Jahren das groe
Unglck, dessen Folgen uns drei greise Mnner an diesem verhngnivollen Orte
wieder zusammenfhrt. Mge Gott unsern Eingang segnen, wie er ihn damals
segnete, als ich Dein liebliches Tchterlein den Hnden Blauhuts entri!
    Amen! Amen! versetzten Leberecht und Sloboda, indem sie ihre Hte abnahmen
und die Hnde bittend falteten. -
    Eine genaue Besichtigung des Zeifelhofes war leicht zu erlangen, da, wie
bemerkt, ein neuer Pachter gesucht ward. Um nicht aufzufallen und Verdacht zu
erwecken, gingen die drei Freunde alle Gebude der Reihe nach durch, indem sie
bei dem herumfhrenden Verwalter sich genau nach dem Ertrage des Rittergutes mit
Sachkenntni erkundigten. Das Herrenhaus betraten sie zuletzt. Es war nicht mehr
in gutem Stand erhalten, denn seit der Catastrophe, welche Magnus auf lngere
Zeit ins Ausland trieb, hatte es keinen bleibenden Bewohner gehabt. Die spteren
Pachter nahmen blos zeitweise davon Besitz, gefielen sich aber in der
Verwalterwohnung besser, da sie ihren Neigungen und Bedrfnissen mehr entsprach.
    Als sie die breite, ehemals mit kostbaren erotischen Pflanzen reich
geschmckte Treppe hinaufstiegen, flsterte Leberecht dem Maulwurffnger leise
zu:
    An der dritten Thr rechts lenke die Aufmerksamkeit unseres Begleiters ab
und richte es so ein, da ich ein paar Minuten allein im Zimmer bleiben kann.
    Mit schnellem Augenwink gab Heinrich seine Zustimmung zu erkennen.
    Hier sieht's nicht mehr sehr grflich aus, bemerkte Sloboda. Zeit,
Holzwurm und Motte haben arg gewirthschaftet. Man mte alle Gemcher durchaus
neu meubliren und herrichten lassen, wollte man sie mit Vergngen bewohnen.
    Es fehlte seither eben ein Herr, sagte achselzuckend der Begleiter.
    Ah, unterbrach ihn der Maulwurffnger, da sind wir ja im Balconzimmer!
Wir doch die alten Zeiten wieder lebendig werden! Wie oft bin ich in diesem
Garten gelustwandelt! Wie viele tausend Maulwrfe habe ich auf jenen Feldern
gefangen! Lat mich doch nach so langen Jahren wieder einmal einen Blick auf
all' die verwilderten Herrlichkeiten thun! Denn dem Grtner, scheint mir, haben
der jetzige Herr Pachter und seine Vorgnger nicht viel zugewendet!
    Von Herzen gern, versetzte der sie herumfhrende Begleiter. Beliebt es
auf den Balcon zu treten? Die Herren folgen uns wohl nach?
    Heinrich nahm den Arm des Begleiters, zog ihn mit sich und verstrickte ihn
in ein lebhftes Gesprch. Leberecht und Sloboda blieben allein im Zimmer
zurck. Es war dasselbe, in welchem Haiderschen den ersten Ueberfall ihres
Gebieters so krftig abwehrte. Noch war es ganz so meublirt, wie damals.
Dieselben Tapeten, jetzt nur geschwrzt und mit Spinnengeweben berzogen,
bedeckten noch immer die Wnde.
    Hier ist es, sagte Leberecht, indem er gegen einen verborgenen Knopf in
der Tapete heftig drckte. Die Wand wich kreischend zurck und ffnete den
Eingang zum anstoenden Zimmer. Ein kaum handbreiter Raum, mit Getfel
verkleidet, schied beide Zimmer von einander. Dies Getfel ffnete ein Druck
nach innen, worauf mehrere Fcher sichtbar wurden, die offenbar zur Aufbewahrung
von Kostbarkeiten den ehemaligen Besitzern gedient hatten. Aus einem der Fcher,
in denen jetzt nur Spinnen hausten, langte Leberecht ein ansehnliches Volumen
sorgfltig eingepackter Schriften heraus, die mit dem wohlbekannten Wappenringe
der Boberstein fnffach versiegelt waren. Sloboda sah ihn fragend an.
    Das sind die Documente?
    Sie sind es.
    Gott gebe, wohlerhalten!
    Ja, das gebe Gott!
    Leberecht schob das Packet in die Brusttasche seines weiten Rockes, lie das
Getfel wieder in seinen Falz, die verborgene Tapetenthr in ihre Fugen gleiten
und folgte dem Maulwurffnger auf den Balcon. Dieser hielt den Begleiter noch
fest mit Fragen, welche Adrian und seine Brder betrafen, um dem Freunde
mglichst viel Zeit zu ungestrtem Suchen zu verschaffen.
    Nun seid Ihr fertig mit Eurer Musterung? sagte er jetzt kurz abbrechend.
Dann knnten wir allenfalls unsern Auftrag fr erledigt betrachten; denn was
mich betrifft, so erspare ich mir ein nochmaliges Beschauen dieser Zimmer. Ich
war ehedem darin wie zu Hause.
    Als er in den Blicken Leberechts gelesen hatte, da er glcklich gewesen
sei, bermannte den so gemessenen alten Mann eine unglaubliche Unruhe. Er mute
gewaltsam an sich halten, um den Begleiter nicht zu enttuschen ber den wahren
Zweck ihres Besuches. Inde wute er doch ihren Aufenthalt mglichst abzukrzen.
Noch vor Abend verlieen die Greise den Zeiselhof und schlugen den Weg nach
Knigshain ein.
    Was soll jetzt geschehen? fragte Sloboda, als er die belebten, von
freudiger Erwartung strahlenden Zge seines alten Freundes gewahrte: Gehen wir
zu den Freunden in Deine Heimath?
    Vor Gericht! Vor Gericht! rief der Maulwurffnger. Jetzt sind wir die
Herren und sie die Knechte!
    Am nchsten Tage frh gegen eilf Uhr sahen mehre Bewohner der Stadt Grlitz
drei Mnner in weien Haaren die gewundene Steintreppe am stattlichen Rathhause
hinaufsteigen. Man wunderte sich ber diese Alten in ihrer wunderlichen, nirgend
mehr blichen Tracht, und als sie spt am Tage mit feierlicher Miene das
Rathhaus wieder verlieen, wollte man wissen, da sie den Hochweisen ein hchst
wichtiges Staatsgeheimni, wo nicht gar eine Verschwrung entdeckt htten.

                                    Funoten


1 Diese Angaben beruhen auf Thatsachen.


                                Viertes Kapitel.

                                Die Wahrsagerin.

Wind und Regen peitschten die Fenster. Ein Posthorn schallte durch die kalte
strmische Octobernacht und rasselnd fuhr die schlecht verwahrte Kalesche ber
das holprige, stoende Pflaster Leipzigs. Die Extrapost hielt vor dem Hotel de
Pologne. Diensteifrig strzte der Oberkellner an den Wagenschlag, um ihn zu
ffnen, wre aber beinahe von einem behend herausspringenden Manne krftiger
Statur umgerannt worden, dem ein zweiter, jngerer wo mglich noch ungestmer
folgte. Die Fremden begehrten zwei Zimmer, befahlen das Gepck ihnen
nachzubringen und dem Postillon ein tchtiges Trinkgeld zu geben. Dann schritten
sie Arm in Arm dem vorleuchtenden Kellner nach, zwei Treppen hinauf und
bezeigten sich mit dem angewiesenen Logis zufrieden. Auf die Frage des Kellners,
ob die Herren sonst noch etwas zu befehlen htten, bestellte der Aeltere Thee
und spter ein Abendbrod, wie es zu haben sei.
    Wie erfahren wir nun die Wohnung unserer Sibylle? sagte Aurel zu seinem
jungen Begleiter. Auf gut Glck und so geradezu Wirth oder Kellner nach einer
Kartenschlngerin fragen kann man doch nicht, ohne sich lcherlich zu machen
oder fr einen Narren gehalten zu werden.
    Ueberlassen Sie das mir, Herr Kapitn, erwiederte Gilbert. Ein bis zwei
Tage mssen wir uns doch hier verweilen. Das ist Zeit genug, um die Geheimnisse
dieser Universitts- und Handelsstadt auszukundschaften.
    Ich werde mich langweilen zum Sterben, guter Junge. Ich kenne Leipzig und
wei, was es dem Fremden fr interessante Seiten zu bieten hat, wenn er nicht
Handlungsreisender oder Weinbeflissener ist. Und nun gar dieses Wetter! Man kann
keinen Fu aus dem Hause setzen.
    Es ist ja die Saison, Herr Kapitn! Da gibt es Concerte alle Abende. Am
Tage laufen wir die Kaffeehuser und Weinkeller durch oder gren die hbschen
Mdchen, die in Leipzig alle so verliebte Augen haben.
    Gilbert!
    Verzeihung, Kapitn! Man sagt so und mich dnkt eine Nachrede solcher Art
bringt dem schnen Geschlecht der Stadt keine Schande. Mdchen ohne
Liebesblicke, ich bitte Sie, Kapitn, wie soll es ein vernnftiger Mann mit
solchen Geschpfen aushalten? Uns schrg gegenber im Erker wohnt ein
neugieriges Lockenkpfchen - ich hab' es gleich bemerkt. Morgen frh bei Zeiten
werd' ich der schnen Nachbarin mit Ihrer gtigen Erlaubni auf Matrosenart
meine Reverenz machen.
    Der Kellner erschien wieder und legte dem Kapitn das Fremdenbuch zur
Einzeichnung seines Namens vor. Aurel machte die Frmlichkeit kurz ab und
verlangte nochmals den Thee.
    Kapitn am Stein nebst Pflegesohn! las der Kellner mit einiger
Verwunderung. Vermuthlich ein schiffbrchiger Kapitn, der sich auf's Festland
geflchtet hat, um daselbst auszuruhen und bessere Zeiten abzuwarten.
    Eine Stunde spter wute die gesammte Dienerschaft im Hotel, da ein
Seekapitn aus Hamburg angekommen sei und auf seinem Zimmer Thee trinke, stark
wie Braunbier. Da er auch das Abendessen auf dem Zimmer zu servieren befahl und
mit den Kellnern gar nicht sprach, wurde er stillschweigend entnationalsiirt und
zu einem Englnder verwandelt.
    Am andern Morgen war das Wetter etwas ertrglicher. Die Sonne schien ab und
zu durch fliegende Wolken und gestattete wenigstens einige Spaziergnge. Aurel
verbrachte den Tag ziemlich nach Gilberts Vorschlag und dieser knpfte nicht
blos mit seinem hbschen Gegenber durch Gru und Blick eine oberflchliche
Bekanntschaft an, die zwar nicht geradezu erwiedert aber doch bemerkt und nicht
unfreundlich aufgenommen wurde, sondern wute auch so geschickt zu manvriren,
da er bereits um die Mittagsstunde sich fr wohlunterrichtet halten durfte.
Aurel schlo von der Heiterkeit des Jnglings auf die guten Nachrichten
desselben und eilte davon Kenntni zu erlangen.
    Bist Du im Klaren? fragte er nach Tische bei Kaffee und Cigarre.
    Ich kenne das Fahrwasser, aber nicht den Curs.
    Wie das?
    Weil sich drei ehemalige Grazien damit abgeben, dem Neugierigen aus Hand
und Karte die Zukunft zu enthllen.
    Verdammt! Und wer steuert uns?
    Ich habe schon einen Lootsen gefunden, der mir zuverlssig scheint. Es ist
ein alter ve rschmitzter, kupfriger Lohnbedienter, eingeweiht in alle
Heimlichkeiten und heimisch auf jedem verbotenen Wege. Dieser Mentor hat mir
versprochen, uns gegen doppelte Bezahlung zu der jetzt berhmtesten und
namentlich bei den Damen in grtem Ansehen stehenden Sibylle zu geleiten. Bei
nur einigermaen glcklichem Winde mssen wir in den rechten Port kommen, wenn
der Musiker in der Mohrentaverne uns nichts aufgeheftet hat.
    Aurel lobte die Vorkehrung Gilberts und schrieb whrend des Nachmittags, um
nur die Zeit hinzubringen, mehrere Briefe. So kam der Abend heran, der minder
regnerisch zu werden versprach. Um sieben Uhr meldete Gilbert, da der
Geleitsmann ihrer harre. Aurel schob sogleich Alles bei Seite, warf seinen
Mantel um und verlie, von Gilbert und dem Lohndiener begleitet, das Hotel.
    Dieser fhrte die Fremden zum Petersthore hinaus, ber den Roplatz nach der
Johanisvorstadt, dem Stadttheil, wo der rmere Theil der Bevlkerung Leipzigs
wohnt. Durch schmuzzige finstere Gassen, von kleinen, schlecht gebauten Husern
gebildet, schritten Aurel und Gilbert dem Fhrer nach bis an das uerste Ende
der Stadt. Ein paar zweistockige Huser schlossen hier die schmale Gasse, die
ungeachtet des scharf wehenden Windes von belriechender Luft erfllt war,
welche selbst bis in das Innerste der Huser drang. In einem dieser Huser war
eine Schenkwirthschaft. Man hrte es an dem Durcheinander der vielen laut
sprechenden Mnnerstimmen. Das zweite etwas sauberer aussehende Haus schien
unbewohnt zu sein. Die Thr war verschlossen, an keinem der kleinen Fenster
schimmerte Licht. Der Lohndiener wute jedoch Bescheid. Er bat die Fremden etwas
zurckzutreten und sich ruhig zu verhalten. Dann hustete er leise und schnalzte
dreimal mit der Zunge, indem er zugleich an der Thr klinkte. Bald darauf
erschien hinter schneeweien Vorhngen ein wanderndes Licht im ersten Stock. Man
hrte klappernde Pantoffeln, ein Schlssel klirrte im Schlo und die Thr ward
geffnet.
    Ein gutes Zeichen, flsterte Gilbert dem Kapitn zu, als er das rosige
Gesicht eines jungen Mdchens an dem Spalt der behutsam geffneten Thr
gewahrte. Die Weiber haben uns bisher immer Glck gebracht, es wird uns auch
heute nicht fehlen, mgen sie uns nun Gutes oder Bses prophezeihen! Ha, der
alte Schelm unterhandelt mit der niedlichen Kleinen! Wr' ich doch an seiner
Stelle! Ich wollte das plappernde Mndchen so geschickt kssen, wie Thysbe ihren
Pyramus durch den Spalt in der Mauer!
    Aurel stand auf Kohlen, denn die Unterhandlung dauerte etwas lange und ward
uerst bedchtig und frmlich gefhrt.
    Es sind Fremde, zuverlsssge und vornehme Leute, sagte der Lohnbediente.
Ein Kapitn aus Hamburg, wie ich im Fremdenbuch gelesen habe.
    Und sein Begleiter? fragte blinzelnd das Mdchen, mit gebogener Hand das
flackernde Licht gegen den Luftzug schtzend. Sie wissen, da meine Herrschaft
immer nur eine Person auf einmal vorlt.
    Die beiden Herrn sind so gut, wie nur eine Person - der Vater mit seinem
Pflegesohn.
    Wollen Beide ihre Zukunft wissen?
    Was kmmert das Dich, kleiner Schabernack? Mach auf, die Herren haben Eile.
Morgen bei Zeiten wollen Sie abreisen.
    Sie werden schon warten, wenn ihnen an der Klugheit meiner Herrschaft so
viel gelegen ist. Noch zwei Minuten Geduld!
    Rasch klirrte ein Kettchen hinter der Thr, das Mdchen verschwand,
klapperte die Treppe hinauf und ging denselben Weg, den sie gekommen war, wieder
zurck.
    Aurel ward ungeduldig. Ihre Prophetin scheint sehr launenhafter Natur zu
sein, sagte er zu dem Lohndiener. Wenn die Verhandlungen in gleicher Weise
fortgesetzt werden, kommt Mitternacht heran, ehe wir die Orakelsprche der
klugen Frau vernommen haben.
    Der Lohndiener zuckte die Achseln. Wunderliche Leute wollen apart behandelt
sein, versetzte er trocken. Man mu sich ihrem Willen unbedingt unterwerfen,
oder erfhrt gar nichts. Alles Bitten und Drngen bleibt fruchtlos. Doch da
kommt die klappernde Vermittlerin ja schon wieder zurck. Jetzt, meine Herren,
drfen Sie sich gratuliren; Sie werden beide angenommen und knnen, wenn Sie es
wnschen, die Enthllungen Ihrer Zukunft gemeinschaftlich vernehmen.
    Das Kettchen ward jetzt abgenommen und die Thr weit geffnet. Aurel und
Gilbert nebst dem Lohndiener traten ein, worauf das Mdchen die Thr wieder fest
verschlo und verriegelte. Gilbert konnte sich nicht versagen, die hbsche
Pfrtnerin, deren Fchen in plumpen Holzpantoffeln steckten, zu mustern. Sie
war in der That frisch wie eine Pfirsiche, vollbusig und von starken Hften.
Dies reizte den kecken Matrosen und eh' es sich die niedliche Dienerin versah,
hatte er sie umschlungen und ihr einen Ku geraubt. Eben so schnell fhlte er
aber auch ihr nichts weniger als sanftes Hndchen auf seiner Backe.
    Dank, mein ses Schfchen! lachte Gilbert der errthenden Pfrtnerin in
die muntern braunen Augen. Mit dem Anfange wre ich zufrieden. Treffen mich
nicht hrtere Schlge in meinem Leben, so will ich es ein von seltenem Glck
getragenes nennen! Pflegst Du fr so vortrefflich gerathene Maulschellen
Bezahlung anzunehmen?
    Aurel gebot dem Schwtzer mit zornigem Blick Schweigen. Der Lohndiener,
schon bekannt mit der Einrichtung in diesem Hause, war zur Seite in ein
Nebenstbchen getreten, um die Rckkehr der Fremden abzuwarten. Das Mdchen ging
schmollend vorauf, unterlie aber trotz dem nicht, verstohlene funkelnde Blicke
auf den dreisten Burschen mit dem gebrunten Gesicht und den nachtschwarzen
Augen zu werfen.
    Ueber einen gewundenen Gang, der unter ihren Tritten knisterte und
schwankte, kamen sie in ein freundliches Hintergebude, das neuern Ursprungs zu
sein schien. Die saubere Einrichtung und die glnzende Reinlichkeit zeigte, da
es Frauen bewohnten. Die kleinen Zimmer dufteten von mildem Arom und deuteten
nichts weniger als eine drftige oder unbehagliche Existenz an.
    Belieben die Herren einen Augenblick zu verziehen, sagte die hbsche
Pfrtnerin in Holzpantoffeln. Madame wird sogleich erscheinen.
    Sie zndete drei Lichter auf blank gescheuerten zinnernen Leuchtern an und
lie die Fremden allein.
    Mige Dich, Gilbert! ermahnte Aurel den Jngling. Du kannst mit Deinem
verliebten Ungestm das Ziel meiner ganzen Reise verrcken.
    Warum stellt mir der Versucher so apetitliche Mdchen in den Weg!
Aufbrechende Rosenknospen mu ich brechen; es juckt mich in den Fingern, und auf
Matrosenehre, Kapitn, Sie wrden mir treulich Gesellschaft leisten, wenn Ihre
Gedanken nicht gerade so angestrengt auf Ueber- oder Unterirdisches gerichtet
wren.
    Mag sein, mag sein! versetzte Aurel zerstreut und seufzend. Wenigstens
liegt mir die Erforschung der Vergangenheit mehr am Herzen, die unklare, jedem
Sterblichen verhllte Zukunft.
    Es rauschte hinter der Thr des Nebenzimmers, sie drehte sich klanglos in
den Angeln und eine mittelgroe Frauengestalt, von Kopf zu Fu in aschgraue
Zeuge gehllt, stand auf der Schwelle. Die Matrone hielt in der linken Hand eine
kleine silberne Lampe von feiner Arbeit, aus deren flacher Hhlung ein spitzes
blaues Flmmchen brannte. Die Rechte umschlo ein vollzhliges Spiel deutscher
Karten.
    Den Gru der Fremden erwiederte sie durch mehrere tiefe Verbeugungen, die
wunderlich und fast gespenstisch anzusehen waren. Noch immer, ohne zu sprechen,
schritt sie dann fest und mit gezwungener Feierlichkeit auf den Tisch zu, winkte
den Fremden nieder zu sitzen und nahm selbst Platz auf einfachem Sessel. Die
Lampe vor sich hinstellend und das Spiel Karten daneben legend, erhob sie den
Blick, um die Fremden genau zu betrachten.
    Auf diesen Moment hatte Aurel mit Ungeduld gewartet. Seine scharfen Blicke
begegneten denen der Wahrsagerin und rangen gleichsam sekundenlang mit einander.
Aurel kannte die Matrone so wenig, wie diese ihn. Seine Hoffnung schwand sogar
sehr bedeutend, als er in ein kleines abgemagertes, faltenreiches Gesicht sah,
das nicht gerade hlich war und in frhern Jahren wohl auch einmal hbsch
gewesen sein mochte, das aber unmglich jener Herta angehren konnte, die er
suchte und hier zu finden wnschte. Graue Haare legten sich in dnnen Scheiteln
um die kleine zusammengefate Stirn der Wahrsagerin.
    Sie wnschen die Zukunft zu befragen? sagte das Mtterchen zu den Fremden.
Wenn Sie nicht aus bloer Neugierde, sondern aus innerstem Drange des Herzens
und mit glubigem Gemth zu mir kommen, drfen Sie hoffen, die reine Wahrheit zu
hren.
    Aurel bat durch eine Handbewegung, da sie fortfahren mge.
    Ziehen Sie es vor, da ich die Flamme oder die Karte befrage?
    Ganz nach Belieben, Madame! entgegnete Aurel. Ich bin nicht bewandert in
den Geheimnissen Ihrer Kunst oder Wissenschaft.
    Die Flamme erheischt lange Zeit und groe Geduld. Sie scheinen mir
lebhaften Temperaments und da ich eine Unterbrechung meiner Fragen befrchten
mu, was traurige Folgen fr Sie haben knnte, so erlaube ich mir mit Ihrer
Zustimmung die Karte vorzuziehen.
    Aurel neigte billigend den Kopf und die Wahrsagerin lie die Lampe sogleich
verlschen, was so schnell und geheimnivoll geschah, da Gilbert darber
erstaunte und den Kapitn verwundert ansah. Sie mischte hierauf das Spiel
Karten, richtete verschiedene Fragen an Aurel - in welchem Monat er geboren sei?
Ob verheirathet oder ledig? An welchem Tage er seine letzte Reise angetreten
habe? u.s.w. Gleichgiltig, doch wahrheitgetreu gab Aurel darauf Antwort. Die
Wahrsagerin legte nun die Karten in Form einer strahlenden Sonne vor sich hin,
anfangs der Reihe nach die einzelnen Bltter abhebend. Spter gab sie manchem
eine andere Stelle, so da die Form der Sonne oder des Sterns sich vielfach
vernderte und bald einen Strahlenkreis ohne Kern, bald einen festen Krper in
fast eirunder Form ohne Strahlen bildete. Whrend dieses Hin- und
Wiederschiebens der Kartenbltter sprach sie immerfort, lchelte jetzt, und
schttelte dann wieder mrrisch den Kopf. Zuweilen tupfte sie auch mit ihrem
drren weien Zeigefinger auf eines der Bltter oder drohte ihm mit freundlicher
Miene. Endlich entglitt das letzte Blatt ihrer Hand! Sie erhob sich vom Sessel
und schob die drei Lichter nher an einander. Aurel stand ebenfalls auf und
beugte sich, beide Hnde auf den Tisch sttzend, ber das wunderlich gestaltete
Kartenbild, das seines Lebens Zukunft enthalten sollte. Obwohl er nicht im
Geringsten an Wahrsagerei glaubte, ward ihm doch ganz eigen zu Muthe. Mit
gespanntester Aufmerksamkeit folgte er dem lesenden Auge der Wahrsagerin,
lauschte er den seltsamen Orakelsprchen, die in lauter zusammenhangslosen
Satzfragmenten ihrem Munde entglitten.
    Unser Freund wrde sehr unbefriedigt davon gegangen sein, htte nicht
seltsamerweise die Sibylle durch einen unerklrlichen Zufall Alles, was ihm in
jngster Zeit Auffallendes begegnet war, aus den Karten gelesen und mit
unerschtterlicher Seelenruhe ihm mitgetheilt. Dies machte ihn stutzig, er
glaubte sich erkannt, verrathen, und ohne das Ende der Prophezeiung abzuwarten,
rief er mit lauter Stimme der Wahrsagerin zu:
    Weib, wer bist Du, da Du mein vergangenes Denken weit?
    In seiner Aufregung rttelte er so heftig am Tische, da die Karten
ordnungslos durch einanderfielen und die ganze, so knstlich zusammengefgte
Figur zerstrt ward.
    Die Wahrsagerin richtete sich auf und lie prfender als im Anfange ihre
Blicke ber den Kapitn gleiten. Sie bemerkte den goldenen Reif am kleinen
Finger seiner linken Hand, den Aurel jetzt vllig vergessen hatte. Zitternd, mit
offenem Munde starrte sie den Fremden an und sank dann laut aufschreiend in den
Lehnsessel.
    Jesus, er ist es! rief sie aus. Nur er allein konnt' ihn haben!
    Herta! lispelte im tiefsten Innern erschttert und von geheimnivollen
Schauern erfat der Kapitn. Herta, so sind Sie es wirklich? Man hat mich nicht
hintergangen?
    Herta? erwiederte die Wahrsagerin. Nein nein, ich bin nicht Herta!
    Und sie machte eine Bewegung des En tsetzens, als wolle sie Aurel mit Gewalt
von sich abwehren.
    Nicht Herta? Und Sie glauben mich doch zu kennen?
    Wer ruft den Namen einer lngst verschollenen Unglcklichen? lie sich
jetzt aus der Tiefe des Zimmers eine sanfte Frauenstimme vernehmen. Es mu
etwas Ungewhnliches vorgehen, wo dieser traurige Name unter Lebenden genannt
wird.
    Aurel wandte sich um. Eine Frau in schwarzer Tracht, ohne Prunk, aber rein
und geschmackvoll gekleidet, stand auf der Schwelle derselben Thr, durch welche
die Wahrsagerin eingetreten war. Ein brennendes Licht schwankte in ihrer
zitternden Hand, die blthenweie Spizzenmanschetten zur Hlfte berdeckten.
Weder Jahre, noch Trbsal, noch Kummer und Elend hatten die ursprngliche
Schnheit dieser erhabenen Zge gnzlich verwischen knnen. Der Adel einer
reinen groen Seele verklrte noch immer diese schn geformte Stirn und glnzte
in dem milden vershnenden Licht des braunen Auges. Ein schmerzliches Lcheln
auf den bleichen Lippen schritt sie fest auf die seltsame Gruppe zu, die von der
magischen Gewalt eines Zaubers erfat zu sein schien. Indem sie das Licht ein
wenig erhob, so da der volle Schein der Flamme auf die beiden Fremden fiel,
wiederholte sie nochmals mit eigenthmlicher Weichheit des Tones die Frage:
    Wer nannte Herta? Wer sucht sie? Hier ist, was von ihr brig geblieben!
    Aurel kehrte ihr das Gesicht zu. Das Unerwartete des vorhergegangenen
Auftritts, die neue Unterbrechung, die gewaltige Spannung seines ganzen Wesens,
die ihn gefangen hielt, gaben seinen Zgen einen so fest ausgeprgten Charakter,
da die Aehnlichkeit mit seinem Vater schrfer hervortrat, als in der
gleichmigen Ruhe des alltglichen Lebens. So traf ihn Hertas Auge. - Das Licht
entfiel ihrer Hand, sie selbst drohte umzusinken. Mit krftigen Arm umfing
Gilbert die bebende Frau.
    Es ist sein Sohn! lallte sie ohnmchtig. Wie er ihm gleicht, dem
Entsetzlichen! - -
    Wir vermessen uns nicht, die Empfindungen beschreiben zu wollen, die nach
dieser Erkennungsscene die Herzen der Betheiligten bestrmten. Herta bedurfte
einer geraumen Zeit, ehe sie vollkommen ihre Fassung wieder erlangte. Emma,
sonst ihre Zofe, jetzt Wahrsagerin aus Noth, um den mehr als kargen Verdienst,
welchen beide gerettete Frauen durch den Flei ihrer Hnde sich erschwangen, zu
mehren, berfiel dem Fremden gegenber ein Gefhl der Scham, das sie
bengstigte. Aurel war glcklich und betrbt zugleich, glcklich, weil er eine
ihm theure Verwandte wiedergefunden hatte und sie einer Lage entziehen konnte,
die ihrer Geburt, ihrer geistigen und gesellschaftlichen Bildung unwrdig war;
betrbt, weil es ihn schmerzte, dem eignen Vater grollen zu mssen, der so viele
und schwere Vergehungen auf sich geladen und seinen Nachkommen einen befleckten
mit Verachtung oder Ingrimm genannten Namen hinterlassen hatte.
    Diese Entdeckung, dies Wiederfinden hatte der kleine goldene Siegelring
bewirkt. Aurel konnte nicht mehr von ihm lassen. Er war ihm ein Talisman, ein
wunderkrftiges Amulet geworden.
    Mit dieser Ueberzeugung sa er jetzt neben Herta und fhrte wiederholt die
zwar magere, aber noch immer schne Hand seiner Tante an die Lippen.
    O knnte ich es ungeschehen machen all' das Unglck, das man Ihnen zugefgt
hat! rief er bewegt aus. Knnte ich diesen gebleichten Locken den Glanz der
Jugend, diesem schmerz- und ergebungsvoll blickenden Auge den freudigen Strahl
wiedergeben, der aus der Tiefe einer ungetrbten Seele blitzt! Da ich es nicht
vermag, theure Tante, das macht mich unglcklich! O mein Vater! Mein Vater!
    Herta war in Gesinnung und Wesen fast unverndert geblieben. Milde,
Vershnung, den Glauben an Verallgemeinerung eines sittlichen Fortschrittes im
Volk hatte sie festgehalten, selbst in tiefster Erniedrigung. Die Armuth hatte
ihr zartfhlendes Herz wohl durch die Qual der Noth zerfleischen knnen, die sie
begleitete, ihre schmutzigen Schlacken, die sich schuppenartig fest zu setzen
pflegen an den ihr verfallenen pfern und es durch einen Panzer von Gemeinheit
abschlieen von der brigen Welt, diese hatten sie nie berhrt. Was sie
erduldet, das sah sie fr eine Schickung an, fr ein zur Fortentwickelung des
Weltbildungsgangs Nothwendiges, zu dessen Werkzeuge sie Gott ausersehen hatte.
Diese allerdings mehr fatalistische als christliche Weltansicht trug Herta stets
ber alle unreinen Tiefen und wsten Abgrnde des Lebens hinweg und lie sie mit
den Jahren eine Ruhe und geistige Besonnenheit gewinnen, die fr sie ein hoher
Ersatz des jubelnden phantastischen Glcks war, in dem als Mdchen ihre Seele
aufjauchzte. Herta war nicht glcklich aber zufrieden geworden. Sie hatte ihr
Herz eben so gut zu beschrnken gewut, wie ihre Bedrfnisse und dies allein
rettete sie vor geistigem und leiblichem Untergange.
    Aurel bestand in seiner Aufregung eine Zeit lang darauf, da Herta sogleich
ihren Versteck verlassen und ihm ins Hotel folgen sollte. Es kostete Mhe, dem
hartnckigen Mann das Unpassende dieses Vorschlages begreiflich zu machen.
Endlich aber sah er es doch ein und gab ihn auf.
    Nun gut denn, so bleiben Sie! sagte er lebhaft. Nur verbieten Sie dieser
dmonischen Sibylle fernerhin ihre Orakelsprche! Ich knnte mich sonst in die
unangenehme Nothwendigkeit versetzt sehen, ihre von uerer Noth dictirten
Betrgereien aufdecken zu mssen! Wer glubigen Herzens ihren Aussagen lauscht,
dem knnen sie verhngnivoll werden frs ganze Leben! Es ist Snde, Frevel, mit
dem Geheimni zu spielen. Oft rcht es sich frchterlich!
    Ich verspreche Ihnen, Herr Kapitn, da Emma ihre Kunst zu unserm Glck an
Ihnen zum letzten Male erprobt haben soll.
    Versprechen Sie mir auch, theure Tante, da Sie mich nicht mehr verlassen,
da Sie zurckkehren wollen in die Welt, in den Schoos der Familie, deren
edelstes Glied Sie sind?
    Darber will ich mit Gott, der mein Schicksal bisher gelenkt hat, zu Rathe
gehen.
    O Gott ist barmherzig und gerecht! Sie werden mir folgen!
    Ich mchte es gern, weil Sie so gut, so gromthig sind!
    Werden Sie auch dann noch mich fr gromthig halten, wenn ich Sie bitte,
mich einen Blick in Ihr Leben thun zu lassen? Dieser Zauberring fordert dazu
auf.
    Um ihn einzulsen, will ich der Zeit gedenken, wo ich ihn von mir gab.
    Dann gute Nacht, theure Herta!
    Aurel kte der Wiedergefundenen nochmals die Hand und winkte Emma, die
nicht zu reden vermochte, einen Gru zu. Gilbert verbeugte sich mit tiefer
Ehrfurcht vor der wrdevollen, vornehmen Matrone.
    Das Mdchen, das sie mit ihren klappernden Holzpantoffeln wieder bis an die
Hausthr geleitete, sah schelmisch lchelnd in das sehr ernsthafte Gesicht
Gilberts.
    Ist die Liebste untreu geworden? flsterte sie ihm zu. Das hat man davon,
wenn man ehrbare Mdchen zur Unzeit kt.
    Sie blies das Licht aus und schob die Fremden mit sammt dem murrenden
Lohndiener hastig aus der Thr, die hinter ihnen sogleich wieder fest verriegelt
ward.

                                Fnftes Kapitel.



                                 Weie Sclaven.

Zu ungewhnlich frher Stunde wurde Graf Adrian von seinem Kammerdiener aus dem
Schlafe geweckt. Der arme Mensch sah bleich und verstrt aus. Der doppelarmige
Leuchter mit den Wachskerzen schwankte in seiner Hand.
    Adrian erhob sich langsam aus den weichen ppigen Pfhlen und warf ihm einen
funkelnden Zornesblick zu.
    Gndigster Herr, Verzeihung! stotterte der Kammerdiener. Herr Vollbrecht
sendet mich.
    Um mir sagen zu lassen, da er den Verstand verloren hat? Daran habe ich
schon lange nicht mehr gezweifelt.
    Um Vergebung, gndigster Herr -
    Ich will nichts hren! Zur Geschftsstunde bin ich Jedermann, der sich mit
Anstand naht, zugnglich.
    Adrian hllte sich wieder in die seidene Decke und kehrte dem bestrzten
Kammerdiener den Rcken zu.
    Mein Gott, was nun anfangen! murmelte dieser ganz verzweifelt. Erfhrt er
das Unglck erst spter, so jagt er uns Alle aus dem Hause!
    Du sprichst von Unglck? rief Adrian, indem er jh auffuhr von seinem
Lager. Wo und wem ist ein Unglck widerfahren?
    Eben deshalb schickt mich Herr Vollbrecht vor Tagesanbruch zu Ew. Gnaden,
entgegnete der Kammerdiener mit gelufiger Zunge. Die Spinner in der Fabrik
haben die Arbeit eingestellt und sich auf dem groen Hofe in Rotten geordnet.
Alles Zureden des Herrn Vollbrecht konnte sie nicht andern Sinnes machen.
    Diese Nachricht kam Adrian so unerwartet, da er auf der Stelle sein Lager
verlie und das Morgenkleid berwarf.
    Wann hat diese Unordnung begonnen? fragte er ruhig.
    Darber wird Herr Vollbrecht Ew. Gnaden die erwnschte Auskunft geben
knnen, sagte der Kammerdiener, indem er sich zurckzog und dem ersten
Buchhalter den Vortritt gestattete.
    Sie sind von dem Vorgefallenen unterrichtet, Herr am Stein? fragte
Vollbrecht.
    Was fllt den Unsinnigen ein? fuhr der Graf auf. Wollten sie aus meinen
Diensten gehen, so konnten sie dies in aller Ruhe thun, mir gesetzlich
aufkndigen und anderwrts ein Unterkommen suchen. Dieses Einstellen der Arbeit
aber nimmt die Miene eines Aufstandes an. Man wird sie zwingen und zchtigen
mssen!
    Diese Widersetzlichkeit, Herr am Stein, kann Sie nicht berraschen,
versetzte Vollbrecht. Ich habe Sie, wie es meine Pflicht war, genau von der
berhand nehmenden unzufriedenen Stimmung unterrichtet, die seit Ihrer letzten
Lohnherabsetzung den Aeltesten wie den Jngsten Ihrer Arbeiter ergriffen hat.
Sie lachten meiner Warnungen, erklrten die getroffenen Maregeln fr
unumgnglich nthig und verboten mir sogar diese Angelegenheit je wieder in
Ihrer Gegenwart zu berhren. - Ich erlaubte mir, Ihren Befehlen entgegen zu
handeln, Ihren Zorn auf mich zu laden. Sie lachten mich aus, Herr am Stein! Ich
flehe Sie instndigst an, wenigstens jetzt nicht mehr jene Verfahrungsart
beizubehalten, die nothwendig Ihre persnliche Sicherheit gefhrden mu!
    Nun, ich will mich einmal tchtig von Ihnen schulmeistern lassen, lieber
Vollbrecht, erwiederte mit spttischer Miene Adrian. Reden Sie, was
beabsichtigt dies hungrige Lumpengesindel?
    Der Graf warf sich in einen mit violettem Sammet ausgeschlagenen groen
Fauteuil, der neben seinem Bett stand und lehnte den Kopf mit geschlossenen
Augen aus das warme nachgebende Polster.
    Wenn dies Lumpengesindel, wie Sie Ihre Arbeiter zu nennen belieben,
wirklich hungrig ist, entgegnete Vollbrecht, so vermuthe ich, da es Brod von
Ihnen verlangen wird. Es wre dies wenigstens sehr folgerecht. Inde wei ich
nicht, wohin Ihr Streben geht. Meine Beobachtungen haben mir nur gesagt, da
seit der groen Lohnverkrzung smmtliche Arbeiter eine trostlose
herzzerreiende Niedergeschlagenheit ergriffen hat, der sich bei Einzelnen ein
tiefer Unmuth beigesellte. Mir schien es, als habe der letztere zum Theil einen
andern Grund. Die Arbeiter sprechen zuweilen, wenn sie sich unbeobachtet
glauben, von unbekannten Verwandten des gndigen Herrn, die - Ansprche auf den
Mitbesitz des grflich Magnus'schen Nachlasses haben sollen!
    Adrian ri die Augen weit auf, ohne seine halbliegende bequeme Stellung zu
verndern.
    Davon sprechen meine Arbeiter? sagte er mit bittersem Lcheln. Hm,
daraus sehe ich, da meine burischen Freunde, die ich vor ein paar Wochen etwas
khl entlie, ihre Drohungen wahr zu machen suchen. Was weiter, Herr
Vollbrecht?
    Ich mu im Voraus Ihre Verzeihung beanspruchen, nahm der erste Buchhalter
abermals das Wort, wenn ich mit einer zweiten Mittheilung, die ich Ihnen nicht
verheimlichen darf, Ihr Ehrgefhl beleidigen sollte.
    Mein Ehrgefhl? Ich wte nicht, wie Sie dazu kommen sollten, Herr
Vollbrecht, das Ehrgefhl des ltesten Grafen von Boberstein beleidigen zu
knnen!
    Verzeihung, Herr Graf! Gerchte sind tausendzngig und meine Kraft ist zu
schwach, um mssigen Schwtzern die Zunge zu binden.
    Man spricht also? - Bitte vollenden Sie! Ihre Geschichten unterhalten
mich.
    Man spricht von einem verstoenen Bruder, Herr am Stein, von einem lteren
natrlichen Sohne des hochseligen Grafen Magnus -
    Man ist ein Schurke, wenn man so spricht! rief Adrian mit bebenden Lippen.
Ich will den nichtswrdigen Buben wissen, der solche Schmach auf meinen Namen
zu hufen sich erdreistet! Wer ist es?
    Vollbrecht schwieg einige Augenblicke. Ein summendes, dumpfes Gerusch, als
ob ferner Donner in Gebirgsschluchten verhallte, ward hrbar. Graf Adrian erhob
sich und trat ans Fenster. Grauer Nebel lag auf den Wellen des Sees, der vom
Winde bewegt, in gleichmigen Pausen gegen das Ufer brandete. Das summende
Gerusch wiederholte sich lauter, anhaltender, nher.
    Was bedeutet das, Vollbrecht?
    Es ist die Stimme des nichtswrdigen Buben, der an das erwhnte Gercht
glaubt! Es sind Ihre Arbeiter, Herr am Stein!
    Und was wollen sie, diese Elenden? zrnte in ohnmchtiger Wuth der stolze
Graf und Fabrikherr.
    Von ihrem Willen bin ich nicht genau unterrichtet, Herr am Stein. Ich komme
nicht als ihr Abgesandter, sondern als ein Vorbote, um Sie pflichtschuldigst auf
das Nchstfolgende aufmerksam zu machen. Ohne Zweifel haben die armen Menschen,
die wirklich von ihrem Verdienst nicht mehr leben knnen, einen Entschlu gefat
und bereiten sich jetzt vor, Sie, Herr am Stein, persnlich mit demselben
bekannt zu machen.
    Adrian bi sich die Lippen blutig vor Grimm, aber er schwieg. Unverwandt
starrte sein Auge auf den mit schweren Nebelwolken bedeckten See, whrend sein
Herz vor einer Wiederholung des wsten Geschreis zitterte, das aus den heisern
Kehlen eines von ihm wahrhaft verachteten Menschenhaufens kam. Dies Geschrei
wiederholte sich in der That und jetzt zwar so nahe, da an der Ankunft der
aufstzigen Arbeiter nicht mehr zu zweifeln war. Erbleichend sah Adrian gleich
darauf mehrere dunkle Gestalten wie Schatten durch den Nebel wanken und von
allen Seiten das Haus umringen. Ehe er sich besinnen konnte, war er der
Gefangene seiner miachteten, gedrckten, mit Fen getretenen Spinner. Es
geschahen unter lebhaftem Murren heftige Schlge an die Thr.
    Wnschen Sie die Abgesandten der Arbeiter in Ihrem Schlafzimmer zu
empfangen, fragte Vollbrecht, oder befehlen Sie, da man sie abweisen soll?
Ich bin bereit, Ihre Befehle zu berbringen.
    Vollbrecht, Vollbrecht, wo Sie mich hintergehen! rief Adrian drohend. Wo
Sie mit diesem Gesindel gegen mich conspiriren! - Meine Rache wrde frchterlich
sein!
    Gndiger Herr, entgegnete der Buchhalter, ich bin durchaus nicht Partei
in dieser unerfreulichen Angelegenheit. In Ihren Diensten habe ich nur Ihre
Befehle zu vollziehen. Dieser Pflicht glaube ich bisher zu Ihrer Zufriedenheit
gengt zu haben. Als Arbeiter obschon in anderem Fache und unter andern
Verhltnissen, betrachte ich mich gleichermaen als ein Bruder und Gefhrte
Ihrer Spinner, und war als solcher immerdar bemht, das nicht sehr
beneidenswerthe Loos dieser Unglcklichen mglichst ertrglich zu machen. Nur
aus diesem Grunde sprach ich zuweilen fr sie und widerrieth Anordnungen, welche
Sie, Herr am Stein, im Interesse Ihres persnlichen Vortheils fr nthig
hielten. - Von dieser meiner Gesinnung sind die Arbeiter unterrichtet, denn ich
machte nie ein Hehl daraus, um ihretwillen bin ich von ihnen geachtet,
vielleicht geliebt, und weil ich als parteiloser, aber milder Vermittler
zwischen inne stehe, nicht rechts nicht links sehend, sondern den graden Weg
meiner Ueberzeugung gehend, darum glaube ich Ihnen, Herr am Stein, in diesem
wichtigen Augenblicke sogar von Nutzen sein zu knnen. Was Sie auch befehlen
mgen, aus meinem Munde werden die Arbeiter Ihren Entschlu ruhiger aufnehmen,
als wenn Sie selbst ein hartes Wort zu ihnen sagten.
    Es ward von Neuem lauter und ungestmer an die Thr gepocht. Hin und wieder
aus dem schmutzigen Nebel gellte ein grelles Pfeifen oder ward unter Schimpfen
eine wilde Drohung laut.
    Ich mu um schleunigste Entscheidung bitten, gndiger Herr, sagte
Vollbrecht mit Nachdruck. Die Leute werden ungeduldig.
    Nun gut, ich will die Rdelsfhrer sprechen, versetzte Adrian dster.
Gehen Sie, Vollbrecht, fhren Sie die Lautesten ins Speisezimmer und bedeuten
den Tro, da er sich ruhig verhalten soll! Ich will mir mit ihren Beschwerden
die Ohren vollschreien lassen, um zu hren, wie der Pbel die Worte setzt, wenn
er Bittschriften berreicht.
    Whrend Vollbrecht den erwhlten Sprechern der Spinner die Thr ffnete,
kleidete sich Adrian mit Hilfe seines Kammerdieners an und ging in den
Speisesaal. Dieser Saal lag zu ebener Erde und war nicht sehr gro, aber mit
frstlichem Luxus mblirt. Seidene Tapeten aus Lyon, kunstvoll gewebt und von
einem prchtigen Carmoisin, bekleideten die Wnde. Lehnsthle und Sopha's in
verschiedenen Formen, mit entsprechendem Sammet berzogen, standen in reicher
Auswahl um den lnglich runden Speisetisch von massivem Mahagony. Hohe breite
Spiegel, in Mahagonyrahmen, mit Rosenholz ausgelegt, waren zwischen den Fenstern
angebracht. Ein erst krzlich fertig gewordener Kamin von reinstem Alabaster,
auf dessen Sims marmorne Statuen und groe antike Vasen mit duftendem
Blumenstaub gestellt waren, schmckte die sdliche Ecke dieses luxurisen
Zimmers. Ein dicker, echt persischer Teppich, den Adrians jngster Bruder vor
einigen Monaten in England gekauft hatte, bedeckte den kunstreich getfelten
Fuboden.
    Adrian hatte am Ahend des vergangenen Tages einige Gste bewirthet. Es war
sein Geburtstag gewesen und diesen pflegte er in Gesellschaft Gleichdenkender
festlich zu begehen. Er hatte deshalb auch ein lucullisches Mahl bereiten
lassen. Ueberreste desselben standen durch Nachlssigkeit der Dienerschaft, die
an solchem Freudentage unbeaufsichtigt geblieben und hinsichtlich des Genusses
dem guten Beispiel des Gebieters schuldigst nachgefolgt war, noch jetzt im
grauen Schein des kalten Novembermorgens auf der Tafel. Halbgeleerte
Champagnerglser, kastanienlaubgrne groe Rmer, breite Tummler von Purpurglas
und kleine goldgelbe Henkelkrge zum Genu heier Getrnke bestimmt, gaben einen
ungefhren Begriff von der schwelgerischen Mahlzeit, die man hier eingenommen
hatte. Dazwischen blinkten die hohen, prchtigen Tafelaufstze von gediegenem
Silber, zum Theil noch Familienerbstcke des alten Grafengeschlechtes, die
modernen geschmackvollen Karaffen aus Kristallglas und die hunderterlei
brillanten Kleinigkeiten, mit denen man in neuester Zeit eine festliche Tafel
recht glnzend auszuschmcken pflegt.
    In dieses von Wein und Speisen noch duftende Zimmer begab sich Adrian, um in
dem prchtigsten der rothsammtenen Sessel seine Sclaven zu erwarten. Hierher
fhrte Vollbrecht die darbenden, vor Frost und Hunger klappernden Spinner. Der
Zufall oder die gttliche Vorsehung htte keinen passenderen Ort fr die
folgende Unterredung whlen knnen.
    Adrian hatte kaum mit einem mibilligenden Blicke auf die noch herrschende
Unordnung im Zimmer seinen Platz eingenommen, als Vollbrecht die Flgelthren
des Saales ffnete und vier bis fnf Mnner einlie.
    Herr am Stein will Euch anhren, sprach er zu den frhen Gsten mit seiner
milden, herzgewinnenden Freundlichkeit. Klagt ihm Euer Leid, entwerft ein Bild
Eurer Noth und gewi, Eure Worte werden nicht unbeachtet verklingen!
    Vollbrecht betrat zugleich mit den Arbeitern das Speisezimmer, dessen
schimmernde Pracht jetzt nur von einigen wenigen tief herabgebrannten
Wachslichtern, welche ein Bedienter in grter Eile angezndet hatte,
undeutlich, aber desto bezaubernder, erleuchtet wurde.
    Diese fnf Mnner waren Spinner aus der Fabrik. Sie gingen in groben
geflickten Beinkleidern von weigrauer Leinwand, trugen Holz- oder Lederschuhe
und hatten ber das bloe zerrissene Hemd zum Schutz gegen den rauhen feuchten
Novembermorgen eine tuchene Jacke gezogen, die ber der Brust zugeknpft war bis
an den Hals und die heraushngenden Zipfel eines baumwollenen rothen oder blauen
Tuches sehen lie. Ihre Pelzkappen hielten sie in den Hnden oder unter den
linken Arm geklemmt.
    Anfhrer dieser verzweifelten Abgesandten einer aufs Aeuerste getriebenen
Arbeiterschaar war Martell, der Feinspinner.
    Eine unwillkrliche Bewegung des Erstaunens lie die Eintretenden ein paar
Augenblicke stutzen. Die ungeahnte Pracht des Zimmers blendete sie, verwirrt
schlugen sie die Augen zu Boden. Nur Martell lie seine finstern blitzenden
Augen ber Wand und Boden laufen, um all' den stolzen Luxus, der hhnend ihrer
Noth in's bleiche Antlitz lachte, mit einem Blick aufzufassen. Sein
eingefallenes erdfahles Gesicht frbte sich whrend dieser Musterung allmlig
immer dunkler, bis es in der unsichern Helle dunckelbraun erschien. Verworren,
wild, in lockigem Geringel hing ihm das rabenschwarze glnzende Haar in Stirn
und Nacken. Mit einem tiefen Seufzer, der wie ein Todesrcheln klang schlug er
beide Arme ber seine breite Brust und trat dem Grafen um einige Schritte nher.
    Herr am Stein! sagte er sanft und fast traurig.
    Adrian, der bisher gethan hatte, als sei auer ihm Niemand im Zimmer, warf
stolz den Kopf zurck und erwiederte:
    Blos weil Ihr Euch erfrecht habt, mich wie Ruber zu berfallen, gebe ich
Euch Gehr, Macht es kurz, Aufrhrer, damit ich die Schuldigen spter zur Strafe
ziehen kann!
    Wir sind keine Aufrhrer, Herr am Stein, wir sind blos arme unglckliche
Menschen, die vom Elend mde gehetzt ihre letzten Krfte zusammennehmen, um dem
Manne, in dessen Hand allein unser kleines irdisches Glck liegt, eine Bitte
an's Herz zu legen.
    Ihr habt eigenmchtig die Arbeit eingestellt, habt die Maschinen verlassen
und stundenlang gefaullenzt. Ich werde dafr Schadenersatz von Euch fordern, vor
Gericht!
    Fordern drfen Sie, was Ihnen beliebt, entgegnete, die Augenbrauen
zusammenziehend, Martell, das Geben wird von uns abhngen. Wir haben kein Geld,
kein Gut, wir haben nur Thrnen und verzweiflungsvolle Blicke! Herr am Stein, im
Namen aller Fabrikarbeiter trete ich in Gesellschaft dieser rechtlichen Mnner
am frhen Morgen zu Ihnen und flehe, flehe Sie aus tiefstem Herzensgrunde an:
haben Sie Erbarmen mit Ihren Knechten! Wir arbeiten mit unsern Weibern und
Kindern zu Ihrem Wohle und Ruhme Tag und Nacht, wir arbeiten gern und willig,
aber unser Flei, unsere Arbeitslust mu erschlaffen, wenn es uns aus Mangel an
Nahrung an der erforderlichen Kraft gebricht! - Ihr Lohn, Herr am Stein, wie er
uns seit drei Wochen ausgezahlt wird, ist zu gering! Wir knnen dabei nicht mehr
bestehen, wir mssen langsam verhungern! Darum bitten wir Sie im Namen
Tausender: erhhen Sie ihn wieder und wir Alle werden Sie preisen und auf Hnden
tragen!
    Adrian schlug die Beine ber einander, zog einen der schweren eiselirten
silbernen Armleuchter zu sich heran, gab dem Rollstuhle einen Sto, da er die
Mitte der Tafel erreichte, und griff nach einem goldenen Cigarrenetui. Dies
ffnend nahm er eine der feinsten Havannacigarren heraus und zndete sie an. Nun
erst erwiederte er:
    Es thut mir leid - allein, wenn Ihr mir weiter nichts mitzutheilen hattet,
bedaure ich, da Ihr Zeit und mithin Geld verloren habt! Wer sich bei mir
zurckgesetzt glaubt, kann gehen! Ich halte ja Niemand, zwinge Niemand, mir zu
dienen! Lieber Gott, was will man denn noch? Freier bewegt sich auf Gottes
weiter Erde kein Knig und kein Kaiser, wie meine Arbeiter!
    Dieser Scherz, Herr am Stein, ist sehr bitter, entgegnete Martell. Obwohl
arm, haben wir doch ein Herz, das eben so gut und tief fhlt, wie das Ihrige.
Was Sie Freiheit nennen, ist unser aller Joch, unter dessen entsetzlicher Last
wir sterben.
    Das scheint mindestens sehr langsam zu gehen, Martell; denn an Deinen und
Deiner Genossen Gliedmaen sehe ich noch keine Todtenflecke.
    Wieder trat die dunkle Rthe des schwer verhaltenen Zornes auf Martells
Wangen.
    Ja, sagte er, mit Mhe seine Entrstung bekmpfend, es geht freilich
recht langsam, so frchterlich langsam, da man es mit Fug und Recht eine
ausgesuchte Folterqual nennen kann. Wir sterben hundertmal halb, ehe sich der
Tod unseres Elendes ganz erbarmt! Und, Herr am Stein, wir haben auch Weiber,
haben Kinder! Wissen Sie, wie diese Schwachen leiden? Wie sie die Ohnmacht der
Natur durch Ueberspannung reizen, um fr Sie, hren Sie, fr Sie zu arbeiten? Es
ist das ein Anblick zum Erbarmen, der jedem rechtlichen Vater gar sehr, sehr
wehe thut!
    Gott Lob, entgegnete Adrian, der Himmel hat mich mit dem Amt eines
Armenpflegers verschont! Wenn ich mich nicht speciell um das Lamento jedes
quakelnden Kindes oder hstelnden Weibes kmmere, so handle ich nur christlich;
denn es heit, wie Euch bekannt ist, was Deines Amtes nicht ist, da la Deinen
Frwitz. Ich will mich solchen Frwitzes nicht theilhaftig machen, sag' ich
Euch.
    Martell warf seine abgetragene Mtze auf den kostbaren Teppich und stampfte
wthend mit seinen groben ngelbeschlagenen Schuhen darauf.
    Herr am Stein, rief er aus und packte die Platte des mit den Ueberresten
des schwelgerischen Nachtmahls noch schwer beladenen Tisches, Herr am Stein,
Sie verdienten, da man Sie just so behandelte, wie ich hier meine elende
Kappe!
    Die schwarzen Augen des Spinners rollten wie glhende Kohlen in ihren
Hhlen, jede Muskel seines Krpers bebte, jeder Nerv zitterte. Er fhlte tausend
Pulse in sich klopfen.
    Es freut mich, Martell, da Du so viel Lebensart besitzest, Deinen
lcherlichen Verdru in meiner Gegenwart an einem Kleidungsstck auszulassen,
das jedenfalls an solche Behandlung lngst gewhnt ist. Komm, trink ein Glas
Wasser, um Dich abzukhlen. Die ungewohnte Unthtigkeit macht Dich ppig! Hier,
auf Dein Wohl, auf Deine Rckkehr zur Besonnenheit! Ich kredenze es Dir mit
eigener Hand.
    Wirklich fllte Adrian eins der prchtigen Mundglser von blauem Glas und
reicher Vergoldung, auf denen das stolze Wappen der Boberstein prangte, mit
abgestandenem Wasser und reichte es lchelnd dem Unglcklichen.
    Bei diesem neuen entsetzlichen Hohne ver mochte Martell sich nicht mehr zu
bndigen. Ein Faustschlag schleuderte das Glas aus Adrians Hand und warf es in
hundert Stcken auf den Teppich.
    Meine Brder! rief er, sich zu seinen Gefhrten wendend, Gott will es,
da wir Hand an ihn legen sollen! Er spottet unser Noth, spotten wir denn seines
Ranges! Die Zeit des Bittens ist vorber, erzwingen wir, was der Unmensch uns
nicht freiwillig gewhrt!
    Martell trat beherzt auf Adrian zu, zgernder schlossen sich die vier andern
Spinner ihm an. Ehe jedoch Martell den Grafen erreicht hatte, war dieser
kaltbltig aufgestanden, um den Erbitterten, Gereizten zu empfangen. Zugleich
trat Vollbrecht zwischen ihn und seine Gefhrten.
    Keine Gewaltthat, meine Lieben, ich bitt' Euch! sagte der gutmthige
Buchhalter.
    Ich danke Ihnen, lieber Vollbrecht, fiel Adrian ein, inde bedarf ich
nicht Ihrer Dazwischenkunft. Auf dergleichen Komdienspiel ist man vorbereitet,
wenn man mit ungehorsamem Pbel zu thun hat. Sie sehen, ich kann diese
remarkable Scene mit einem vortreflichen Knalleffect endigen.
    Eine doppellufige Pistole blitzte in der Hand des Grafen. Die Hhne
knackten und beide Lufe richteten sich auf die unbeschtzte Brust Martells.
Gelassen setzte sich der Graf wieder und rauchte ungestrt seine Cigarre.
    Wenn es beliebt, knnen wir jetzt die Unterhandlungen mit einiger
Bequemlichkeit fortsezzen, sagte er zu dem wehrlosen Spinner. Wir kennen uns
jetzt und wissen, was Jeder von dem Andern zu erwarten hat. Sprechen wir uns
also ohne allen Rckhalt offen gegen einander aus. Du hast das Wort, Martell.
    Diese unerwartete Ruhe und berlegene Klte verfehlte nicht ihren Eindruck.
Martell migte sich ebenfalls, ohne seinen Zweck aufzugeben.
    Ich bitt' um Vergebung, erwiederte er mit gebrochener Stimme. Ich
bereilte mich, die Angst meines Herzens, die Noth meiner Mitbrder und Freunde
ri mich hin. Erlauben Sie nur, Herr am Stein, da ich die Frage an Sie richten
darf: wie sollen wir leben, wenn Sie auf Ihrer Weigerung beharren?
    In fremde Angelegenheiten mische ich mich nicht; das ist Eure Sache.
    Es ist auch die Ihrige, gndiger Herr! Ihre Fabrik leidet, wenn die
Arbeiter leiden.
    Adrian zuckte die Achseln. Eine Zeitlang, vielleicht! Sehe ich, da die
alten Krfte verbraucht sind, so mu ich fr neue sorgen.
    Und was soll aus den alten verbrauchten werden?
    Man dankt sie ab.
    Wie nennen Sie das? fragte Martel eiskalt und seine Blicke lagen wie
Dolchspitzen auf dem Gesicht Adrians.
    Lebensklugheit, auch Speculation, wenn Du willst. - Das Alte, Abgenutzte
wird berall bei Seite geworfen, um dem Neuen und Krftigen Platz zu machen. Es
ist der Lauf der Welt, nichts weiter!
    Gott und wir Armen, die wir Gottes sein sollen nach der Schrift, eben weil
wir nichts haben, versetzte Martell mit entsetzlichem Lcheln, wir nennen das
unmenschlich, ohne alle Nebenbedeutung, Herr am Stein, wenn Sie wollen.
    Adrian zuckte abermals die Achseln und rauchte mit noch grerem Behagen
seine Cigarre.
    Wir sollen also wirklich verhungern, wenn Ihr jetziger Lohn uns nicht mehr
ernhren kann? fragte Martell noch einmal.
    Ich mu Euch wirklich das ganz allein berlassen, antwortete Adrian. Lebt
wie Ihr knnt, ich thue dasselbe.
    Ha, ha, ha, ha! lachte Martell laut auf. Er lebt wie er kann! - O
himmelschreiende Gotteslsterung! - Er lebt wie er kann! Mensch, Unmensch, heit
dies leben, wie ein vernnftiges Geschpf Gottes? Martell ging mit groen
Schritten um den gedeckten Tisch und deutete auf die brig gebliebenen
Leckerbissen. - Nur vornehme Snder wagen es, so zu schwelgen, whrend tausend
Arme, die fr sie arbeiten, hungrig zu Bett und hungrig wieder an die Arbeit des
nchsten Tages gehen mssen! Gott hat es gehrt, das Sthnen meines hungernden
Weibes in vergangener Nacht, er hat Wimmern meiner Kinder vernommen, die ihre
Hnde nach mir, ihrem Ernhrer, ausstreckten und um Brod, nur um eine kleine
Krume Brot baten! - Ich konnte ihnen nichts, gar nichts geben. Ein kalter Blick
der Verzweiflung war meine Antwort. Aber tief im Herzen und bei dem ewigen Heil,
an das ich glaube, gelobte ich mir, mit Dir ein ernstes Wort zu sprechen. Wie
ich, dachten alle meine leidenden Brder. Sie jauchzten mir zu und von ihnen
bevollmchtigt kamen wir fnf Mnner hierher. Und wen haben wir getroffen!
    Einen consequenten Mann, will ich hoffen, sagte Adrian.
    Einen Mann ohne menschliche Regung! Einen Mann, dessen Herz von Granit ist,
wie die Felsen, auf denen sein Sclavenzwinger ruht! Einen Mann, der Unglckliche
verhhnen kann, whrend ihm noch die sardanapalische Mast des vorigen Abends
aufstt! O einen Mann, dem alle Guten fluchen und dessen Untergang ein Segen
sein wrde fr Millionen!
    Du httest studiren sollen, Martell. Zu einem Stegreifredner scheinst Du
Anlage zu haben. Inde der Tag bricht an, wie ich sehe, und da denn doch einmal
Alles ein Ende nehmen mu, so bitte ich, falls mein Bescheid Dir und Deinem
liederlichen Anhange gengt, diese Unterredung zu schlieen. Ich erlaube Dir
auch fr die gehabte Mhe Deinen Gaumen durch ein Glas Wein aufzufrischen und
ein Frhstck einzunehmen von den Leckerbissen, die, wie es scheint, Deinen
Appetit so ungewhnlich erregen, da Du auf der Stelle die Beschreibung einer
leibhaften Hungersnoth improvisirst.
    Martell wandte sich mit Abschen ab. Seinen schwarzen Lockenkopf schttelnd
sagte er verchtlich:
    Behte mich Gott vor solchem Frevel, Herr am Stein! Der Bissen, den ich aus
diesen silbernen Schalen zum Munde fhrte, wrde sich auf meiner Zunge in Gift
verwandeln! Ein Vater kann so hart sein, da er thrnenlos sein Weib, seine
Kinder vor Hunger hinsterben sieht, so grausam, so cannibalisch aber ist er
nicht, da er von dem Herzblut dieses geliebten theuren Weibes, dieser ihm von
Gott geschenkten Kleinen seinen Hunger stillen knnte! - Das, Herr am Stein,
knnen nur die Reichen, denen das Gespenst der Armuth nicht allnchtlich als
Gardine das Lager umfngt!
    Martells Begleiter sahen einander an und traten dem unerbittlichen
Fabrikherrn nher.
    Haben Sie Erbarmen mit uns, sagte der Eine.
    Gott der Herr wird's Ihnen vergelten immer und ewiglich! rief ein Anderer.
    Wir mssen sonst schlecht, wir mssen Diebe und Ruber werden! grollten
die brigen.
    Vollbrecht trat ebenfalls hinzu. Mit gefaleten Hnden, mit einem Blick des
tiefsten Bedauerns und mit flehentlich bewegter Stimme sprach er:
    Herr am Stein, ich vereinige meine Bitten mit denen dieser Mnner. Es ist
unmglich, da sie bei ihrem jetzigen Lohne leben und ehrlich fortkommen knnen;
es ist aber auch gewissenlos und unverantwortlich, fleiige Menschen nur deshalb
zur Verzweiflung zu treiben, weil mit Durchfhrung eines geschickt ausgedachten
Systems ein Mehrgewinn erzielt wird, der zu spterer Vergrerung des Geschftes
wesentlich beitrgt. - Ich bitte, hren Sie mich aus, Herr am Stein! - Die
Erfindung der Maschinen, welche dem menschlichen Scharfsinn Ehre macht, wird nur
dann eine Wohlthat fr Volk und Staat, wenn sie dem Arbeiter die Last der Arbeit
erleichtert. Die Maschine ist nicht dazu da ihren Besitzer zu bereichern,
sondern dem Arbeiter leichter als durch seine Hand ein sicheres und gutes
Auskommen zu gewhren. Die Maschine kann das, wenn ihr Besitzer es will. Es gibt
aber leider der Maschineninhaber nur wenige die sich zu dieser einfachen Ansicht
erheben. Sie betrachten ihre Riesenkraft als ein unverwstliches Kapital, das zu
mehren ihnen zusteht, in welcher Weise es ihnen beliebt, und weil sie die Macht
besitzen und die dmonische Kraft dieser Macht kennen, werden sie grausam und
verwandeln die Wohlthat dieser segensreichen Erfindung in einen Fluch, der
unaussprechliches Elend ber die Welt verhngt. - Herr am Stein, Sie bekennen
sich zu diesen unbarmherzigen Egoisten, ich sage es offen, und Sie entehren sich
selbst in den Augen jedes Biedermannes, wenn Sie lnger das gerechte Anliegen
dieser Armen von sich weisen!
    Mittlerweile war es Tag geworden. Die Morgenrthe durchbrach den Nebel und
warf matte Lichter in den Saal und auf die von Kummer und Leidenschaft
durchfurchten Gesichter der Arbeiter. Adrian nahm die Cigarre aus dem Munde und
spielte mit der Pistole.
    Auf Ihre meisterhafte Rede, lieber Vollbrecht, werde ich spterhin
antworten, sagte er mit vornehmem, glattem Lcheln. Vor der Hand ein letztes
Wort mit diesen zudringlichen Menschen.
    Er kehrte sich nachlssig zu Martell, der seitwrts stand mit verschrnkten
Armen und unheimlich gerunzelter Stirn.
    Ihr seid also unzufrieden in meinen Diensten? sagte er. Ja oder nein!
    Weil wir so nicht bestehen knnen.
    Ja oder nein!
    Ja!
    Was gedenkt Ihr zu thun, wenn ich dennoch aus hchst wichtigen Grnden Eure
Klagen unbercksichtigt lasse?
    Von Gott kommen gute Gedanken. Gott allein wei es! rief Martell.
    So vertrauet auf Gott; er wird Euch helfen, sagte Adrian und stand auf.
Und nun habt Acht auf das, was ich Euch sage! - Ihr habt durch Euer
unbesonnenes, thrichtes und strafbares Betragen fast eine halbe Arbeitsfrist
versumt und mir dadurch sehr betrchtlichen Schaden zugefgt. Aus besonderer
Rcksicht und Menschenfreundlichkeit will ich das vergessen und Euch verzeihen,
wenn Ihr ohne Murren sofort in alter Ordnung und Pnktlichkeit die Arbeiten
wieder aufnehmt. Martell allein wird mir Rechenschaft ablegen. Seid Ihr damit
zufrieden?
    Die Spinner murmelten unverstndliche Worte.
    Ja oder nein! rief Adrian herrisch. Weigert Ihr Euch nur noch
minutenlang, so entlasse ich Euch in Masse und suche mir andere Arbeiter. Die
Fabrik gehrt mir, das Geld ist mein, ich kann Arbeit geben, wem ich will, und
diese Arbeit bezahlen, wie ich will. Wem das nicht ansteht, der gehe in Gottes
Namen seiner Wege. Ich halte Keinen. - Trotzen aber lasse ich mir nicht, am
wenigsten von Leuten, die ich erhalte. Und ehe ich nur um eines Haares Breite
von meinem Vorsatze abweiche, soll meinenthalb das Werk vierzehn Tage still
stehn! Gehorsam will und befehle ich! Dem blind Gehorchenden werd' ich ein
gtiger Herr sein! - Jetzt geht!
    Diese Antwort war ein Donnerschlag fr die armen Spinner. Mit gesenktem
Haupt standen sie vor dem allgewaltigen Herrn, nicht wissend, was sie ihm
antworten, wozu sie sich entschlieen sollten. Da erhob. sich von auen ein
lautes Geschrei, das immer heftiger wurde und schnell dem Hause nher kam.
Adrian verfrbte sich und lie einen langen Blick durchs Fenster fallen. Ueber
den See der jetzt vom Nebel frei war, kam die Fhre, mit Menschen und
Waarenballen belastet. Einige Khne mit Frauen und Mdchen hatten theils grade
angelegt, theils waren sie im Landen begriffen. Aus dem mehrmals sich
wiederholenden Geschrei konnte man deutlich eine klagende Frauenstimme
unterscheiden. Sie kam nher und nher. Ein Rudel Menschen drngten zur Thr,
die Stimme erklang im Hause selbst.
    Vollbrecht ffnete die Saalthr. Ein bleiches Weib, kmmerlich in leichte
Kleidung gehllt, mit verworrenem, flatterndem Haar, ohne Kopf- und Brusttuch,
nacktarmig und mit einem Wahnsinnsblick im Auge, strzte schreiend und
hnderingend in das goldstrahlende Prunkgemach und warf sich vor Adrian auf die
Knie.
    Herr am Stein, Sie mssen es wieder lebendig machen, rief sie hohl und
dumpf, oder ich verfluche Sie mit den grlichsten Flchen!
    Es war Lore, Martells Weib. In ihrer Verzweiflung hatte sie ihren Mann nicht
bemerkt. Stier und glsern das weit aufgerissene Auge, ber dessen Lider dicke
Thrnen auf die erdfahlen Wangen herabrieselten, auf Adrian geheftet, lag sie
zitternd auf dem Teppich. Man hrte das Zusammenschlagen ihrer Zhne.
    Lore, mein Weib! rief Martell und streckte beide Hnde nach der Armen aus.
    Die Unglckliche wendete sich um. Ein mildes Lcheln lief ber ihr
schmerzzerrissenes Antlitz, wie ein goldener Sonnenblick ber eine verwstete
Landschaft. Martell, sagte sie gerhrt, die rechte Hand dem Gatten
entgegenstreckend, er ist todt unser Hans! Hier an dieser verwelkten Brust ist
er gestorben! Er wimmerte der gute, liebe Knabe, wimmerte immer leiser, bis ein
Lcheln seine bleiche Lippe krmmte. Und in diesem Lcheln kte ihn der Engel
des Todes. - O mein Kind, mein armes Kind!
    Martell hatte mit entsetzlicher Ruhe diesen Bericht angehrt. Jetzt wendete
er Blick und Antlitz wieder dem Grafen zu.
    Mrder! sprach er dster, Mrder meines Kindes! Vor Gottes Throne werde
ich Dich anklagen! Jetzt sollst Du frei ausgehen.
    Er hob Lore mit sanfter Gewalt auf und wollte sie fortfhren.
    Geht an die Arbeit! sprach er barsch zu seinen Begleitern. Spinnt, bis
Euch die Finger verkrummen und Gott ein Wunder thut.
    Und er wird es thun, ich wei es; es mte denn in seinem Rathschlusse
beschlossen worden sein, da die Welt untergehen solle!
    Neues Klopfen und ein Zurckweichen der Menge vor der uern Thr machte die
im Zimmer Versammelten aufmerksam. Durch die weit aufgehenden Flgelthren
traten einige Gerichtsdiener ein. Alle erstaunten und sahen einander an.
    Treffen wir hier den hochwohlgeborenen Herrn Grafen Adrian von Boberstein,
genannt Herr am Stein? fragte der Stattlichste dieser unheimlichen Ankmmlinge.
    Adrian verneigte sich. Der Gerichtsdiener griff in seine Rocktasche und
langte ein groes, versiegeltes Schreiben hervor, das er mit kalter Verbeugung
dem Grafen berreichte, indem er sprach:
    Vom Landesgericht zu Grlitz.
    Adrian sah ihn erstaunt an, ri das Sigel auf und warf einen Blick in das
Schreiben. Die Umstehenden bemerkten, da seine Hand zitterte.
    O Sloboda! Sloboda! murmelte er zwischen den Zhnen. Er hat's erreicht,
ein falscher Boberstein ist aufgefunden!
    Erschpft sank er in seinen prachtvollen Fauteuil und bedeckte sein Gesicht
mit beiden Hnden.
    Das ist Gottes Hand! rief Martell. Er ist mit den Gerechten! Geht,
Brder, an Euer Tagewerk, ich aber, ich will mein gemordetes Kind begraben.
    Schluchzen erstickte seine Stimme. Er schlo Lore in seine Arme, kte das
arme Weib auf Stirn und Mund und fhrte sie aus dem glnzenden Saale. Die
Uebrigen folgten dem trauernden Paare schweigend. Auch Vollbrecht schlo sich
den Spinnern an. Allein, von tausend Zweifeln gepeinigt, von innerm Frost
geschttelt, blieb Adrian zurck in der kalten Pracht seines modernen Palastes.

                               Sechstes Kapitel.



                               Die Zusammenkunft.

Wohl eine Stunde verharrte Graf Adrian in dieser Stellung. Niemand strte seinen
Gedankengang. In und auer dem Haufe, berall war Todtenstille. Der schreiende
Haufe seiner Spinner war auseinandergestoben, Vollbrecht und die Diener waren
verschwunden. Er hatte vollkommen Zeit, ber sich und seine Lage nach zudenken.
    Als er die Augen wieder aufschlug, fielen sie auf die gerichtliche
Vorladung. Von Neuem erwachte sein Grimm und machte sich in Worten Luft.
    Fluch diesem Sloboda, diesem grauhaarigen Schuft von Maulwurffnger! rief
er aus. Gewi, es ist blos eine freche Erfindung, mit der sie mich schrecken
und einschchtern wollen, denn wo ist gleich ein Boberstein vorhanden mit allen
erforderlichen, unwiderleglichen Papieren? - Irgend ein Landlufer mu sich dazu
hergegeben haben, diesen elenden Plebejern fr ein Stck Geld zu willfahren.
Aber ich werde ihre Schliche aufdecken, ich werde die Lgner entlarven und dann,
wehe Euch, schamlose Buben! Erbarmungsloser als mein von Euch so hart
geschmhter Vater werd' ich dann mit Euch verfahren!
    
    Ein Bedienter trat ein.
    Was gibt es?
    Der Briefbote ist angekommen, gndiger Herr. Wenn Sie ihn etwa persnlich
sprechen wollen - im Comptoirzimmer wartet er Ihrer Befehle.
    Adrian war sehr erfreut von dieser Botschaft. Er verlie die kalten
prunkvollen Rume des Speisesaales, steckte die Citation zu sich und ging nach
dem Comptoir. Unterwegs warf er einen Blick auf die weien Gebude, auf die
thurmhohen rothbraunen Schornsteine der Fabrik. Sie rauchten und das surrende
Getn, das aus der Luft herabklang, sagte ihm, da die Spinner wieder an ihre
Arbeit gegangen waren. Diese Entdeckung machte ihn um Vieles zuversichtlicher
und gab ihm die angeborene feste Zhigkeit des Willens wieder, die eine Zeit
lang ihn verlassen hatte.
    Unter den vielen Geschftsbriefen befand sich auch ein Schreiben Aurels. Es
war kurz und derb, wie der Kapitn es liebte, und verkndigte dem lteren Bruder
seine nahe Ankunft. Adrians Zge nahmen einen spttischen Ausdruck vornehmen
Uebermuthes an, der in glcklicher Gefhlsstimmung wie eingemeielt auf ihnen
lag. Adalbert konnte jede Minute eintreffen, Aurel nherte sich mit Sturmeseile
- was sollte er, von seinen geliebten Brdern umgeben, noch fr das Haus
Boberstein frchten, das von Allen mit gleicher Liebe umfat ward, fr das Jeder
sein Leben in die Schanze geschlagen htte?
    Alle diese Strme werden vorbergehen, rief er sich voll Selbstvertrauen
zu, und sich in der Stille beruhigen, wie diese gewagte und so drohend
aussehende Demonstration meiner Spinner. Hatte ich nicht vorausgesehen, da es
dahin kommen mute, und wird nicht gerade dieser erfolglos gebliebene Aufstand
sie mir rckhaltlos in die Hnde liefern? - Diese elenden Creaturen mssen mir
dienen, weil sie ohne mich keinen Tag leben knnen. Ich bin ihr Herr, ihr Gott!
Nicht blos ihre Htten, auch ihre Leiber und Seelen gehren mir! Es bedurfte
nicht dieses unheimlichen Martell, um mir eine Wahrheit in's Gesicht zu geifern,
ber die ich lngst reifliche Betrachtungen angestellt habe. Der Mensch ist mir
verhat, ich frchte seine entsetzlichen Blicke. Am besten, er wird mit Weib und
Kind entfernt. Ich mu das Wie in Ueberlegung ziehen. - Ein fataler Zufall, da
sein Bube an der Verwundung gestorben ist! Diese Brust vertrgt nichts mehr, wie
ich sehe. Ehedem, etwa zu meines Vaters unverweichlichten Zeiten, htte Niemand
eine Miene deshalb verzogen, und noch weniger ber die versuchsweise Behandlung
meines Chirurgen. - Allerdings gestand mir der Mann zu, da es ein Versuch auf
Tod und Leben sei den abgequetschten Fu so rasch zuheilen zu lassen, doch was
thut's? sagte er lachend. Wie soll die Wissenschaft Fortschritte machen, wenn es
ihr nicht erlaubt wre, neue Mittel zu erproben, an einzelnen Patienten zu
experimentiren? Die Armen, welche nur um Gotteswillen behandelt werden mssen,
sind die wahre Goldsaat der Aerzte und Wundrzte. An ihnen rankt sich die
Wissenschaft empor, wie die Rebe am Stock. Gehen sie dabei zu Grunde, so ist der
Gewinn auf beiden Seiten. Der Leidende wird seiner Qual enthoben, und der
Experimentator geht klger von dem Sterbebett des Geopferten, ohne die geringste
Verantwortung befrchten zu drfen. Ueber den Tod eines Armen, wre er auch noch
so auffallend, krht kein Hahn. Gott erhalte die Armuth!
    Whrend Adrian diesen Sermon seines gewissenlosen Fabrikchirurgen zu seinem
eigenen Ergetzen sich wiederholte, hatte er smmtliche mit dem Postboten
empfangene Briefe durchlesen und sich einzelne Notizen an den Rand derselben
gemacht. Ein neuer Transport Waaren war inzwischen ber den See geschafft
worden, ohne da Adrian darauf achtete. Es war ihm daher ein vornehm gekleideter
Herr entgangen, der eine junge schne Dame am Arm auf der Fhre auf-und nieder
schritt. Daher berraschte ihn die frohe Meldung des Bedienten, da Graf
Adalbert von Boberstein so eben mit seiner Gemahlin auf der Insel gelandet sei
und den gndigen Herrn zu begren wnsche.
    
    Adrian kleidete sich zum Empfange seiner Schwgerin mit grter Eleganz
schleunigst an und eilte nach dem Salon, wo er die hei Ersehnten seiner bereits
warten fand. Die Begrung beider Brder war warm und herzlich, und trug den
Charakter wirklicher Aufrichtigkeit und verwandtschaftlicher Zuneigung.
    Von den drei Gebrdern Boberstein war Adalbert der vornehmste. Aus
Ueberzeugung und Neigung Aristokrat achtete er gleich seinem Vater Magnus das
Volk nicht. Er vermied mit ihm zusammenzukommen, hatte aber nichts dawider, da
man es klug und mit Vorsicht benutze, um sich zu bereichern und das in grter
Flle zu verschaffen, was neuerdings dem Adel allein noch Glanz und Nachdruck
verleihen kann, nmlich Geld! Deshalb willigte er auch in die speculativen Plne
seines lteren Bruders, doch nur unter der Bedingung, da er selbst mit
Arbeitern und hnlichem Volk nicht das Mindeste zu schaffen habe. Weil es ihm
nicht an Kenntni und Scharfsinn gebrach, ja eine gewisse vornehme List ihm zu
Gebote stand, die fast den Namen Instinct verdiente wegen der eigenthmlichen
Weise, in der sie sich geltend machte, so bernahm er gern das erheiternde
Geschft eines im Interesse ihrer groartigen Speculation reisenden Kaufherrn.
Reisen war Adalberts Leidenschaft und dieser konnte er auf bequemere Weise nicht
frhnen. Was ihn persnlich anekelte, wute er stets mit unnachahmlicher
Gewandtheit brieflich oder durch Unterhndler abzumachen, die seinen
aristokratischen Launen nicht anstig erschienen.
    Adalbert war seit zwei Jahren mit Beatrice, einer sehr schnen jungen Dame
aus frstlichem Geblt, vermhlt, und hatte aus dieser Ehe ein blhendes
Tchterlein, der einzige legitime Sprling, dessen sich zur Zeit das Haus
Boberstein rhmen konnte. Beatrice, nicht weniger vornehm und adelstolz, dabei
anmuthig und in hohem Grade liebenswrdig, beglckte ihren Gatten wahrhaft.
Dieses Paar lebte, wie bereits andeutet wurde, fr gewhnlich auf seinem
Edelsitz in Schlesien, einer eintrglichen Herrschaft, zu welcher auch das Dorf
gehrte, wo Leberecht mit Frau und Sohn unter Sorge und Kummer sein sauer
erworbenes Brod a.
    Wer diese drei Brder neben einander sah, wrde Adalbert fr keinen
Boberstein gehalten haben. Er hnelte weder Adrian noch Aurel, noch erinnerte
irgend ein Zug an Magnus. Nur wenn er sich mit einer Dame unterhielt, die seine
Phantasie beschftigte, zeigte sich ein flchtiges Zucken um seinen Mund, das
eben so seinem ausschweifenden Vater eigenthmlich gewesen war und das in Aurels
Gesicht bei jedem Lcheln zum Vorschein kam.
    Graf Adalbert war gro und schlank, hatte durchaus die Tournre eines
vornehmen Mannes und trug sich stets nach der neuesten Mode, ohne sich ngstlich
an ihre Gesetze zu binden. Auch der Schnitt seiner Kleidung war aristokratisch
zu nennen, zugleich elegant und grazis ungenirt.
    Diesen Mann mit den groen hellgrauen Augen drckte Adrian wiederholt an
sein Herz, nachdem er zuvor seine Schwgerin ehrfurchtsvoll begrt hatte.
Adalbert erwiederte Handschlag und Umarmung mit gleicher Herzlichkeit und zeigte
sich hoch erfreut, endlich nach sehr langer Zeit wieder einmal den Stammboden
ihrer Familie betreten zu knnen.
    Ich habe mich eingerichtet, lieber Bruder, nthigenfalls ein paar Wochen
bei Dir zu bleiben, sagte Adalbert, leider unter der traurigen Bedingung, den
beglckenden Umgang meiner Beatrice alsdann lngere Zeit entbehren zu mssen.
Sie reist zu ihren Aeltern und wird sich demnach blos zwei bis drei Tage hier
verweilen knnen.
    Vielleicht gelingt es mir oder unserm vielgereisten Bruder Aurel, der
stndlich eintreffen kann, diesen Entschlu der gndigen Frau wankend zu
machen, versetzte Adrian, indem er Beatrice die Hand kte. Ich habe hier
freilich nicht die rauschenden Zerstreuungen der Residenz, dafr aber ein
lustiges und unterhaltendes Waldleben. Und die Eigenthmlichkeiten eines
Fabrikvlkchens, die Grfin Beatrice noch gar nicht kennt, werden kleine Reize
genug darbieten, um einige Zeit meiner schnen Schwgerin eine angenehme
Unterhaltung zu gewhren.
    Ich verstehe nur so wenig von Industrie und was mit ihr zusammenhngt,
fiel Beatrice ein, da ich zu viel Zeit brauchen wrde, um nur einen Begriff
davon und mit dem Begriffe den Sinn dafr zu erhalten.
    Ueberlassen Sie mir das ganz allein, gndige Frau. Ich schmeichle mir, von
Ihnen das Zeugni eines geschickten Lehrers zu erhalten.
    Nun denn, erwiederte Beatrice, auf diese Bedingungen hin will ich ber
meine Zeit noch nicht verfgen. Es wird von Ihrem Erfindungsgeist, von Ihrer
geselligen Gewandtheit, von Ihrem Lehrertalent abhngen, ob ich gern Ihre
Schlerin bleiben werde oder mich ganz heimlich auf und davon schleiche.
    Beatrice reichte Adrian freimthig ihre unvergleichlich schne Hand und
Adrian versumte nicht, whrend er sie sanft in der seinigen drckte, einen
tiefen Blick in die blauschwarzen Augen der Schwgerin zu thun, dessen Feuer sie
nicht ertragen konnte.
    Diese erste Conspiration wre sonach vortrefflich eingeleitet, sagte
Adalbert lachend. Haben die brigen Verschwrungen, die uns ja doch hier
zusammenfhren, gleich raschen Fortgang, so drfen wir um ein erwnschtes
Endresultat nicht besorgt sein.
    Adrian hatte inzwischen in dem luxurisen Speisesaale ein Frhstck
auftragen lassen, das er jetzt mit seinen lieben Gsten unter den heitersten
Gesprchen verzehrte. Niemand konnte dem geistreich Scherzenden die
Erschtterungen ansehen, die vor wenigen Stunden seine Seele durchstrmt hatten.
    Nach so frhlich eingenommenem Frhstck beurlaubte sich Beatrice, um mit
Hilfe ihrer Kammerjungfer Toilette zu machen. Adalbert blieb mit Adrian allein
und dieser benutzte sogleich die gnstige Stunde, um den Bruder von den
allerneuesten Vorgngen zu unterrichten und seine Ansichten, seinen Rath darber
zu hren.
    Adalbert nahm alle diese Mittheilungen auerordentlich ruhig auf. Zu der
gerichtlichen Vorladung lchelte er sogar.
    Du ignorirst diese einfltige Citation, sagte er, bis sie wiederholt
wird. Dann lt Du dem Gericht vornehm einen hflichen Gru entbieten und ladest
dasselbe, Krankheit vorschtzend, ein, sich zu Dir zu bemhen. Erscheinen die
gelehrten Herren, was nicht fehlen kann, so forderst Du ganz ruhig, sie mchten
Dir den fraglichen Bruder und Miterben persnlich vorstellen. Man wird ja sehen,
aus welchem Kehrichthaufen sie ihren Prtendenten herbeiholen werden.
    Ich theile vollkommen Deine Meinung, lieber Bruder, erwiederte Adrian,
und bin keineswegs in Angst wegen dieses fern drohenden brderlichen
Gespenstes. Nur den Eindruck, den es auf meine Arbeiter macht, frchte ich. Es
liegt ein Zauber in dem dumpf erklingenden Gercht, der bei Ungebildeten selbst
die sonnenhellste Wahrheit nicht mehr entkrften kann. Meine Arbeiter wissen um
den mir bevorstehenden Kampf und benutzen die Enge, in welche ich scheinbar
dadurch getrieben werde, auf ihre Weise. Da sie aus freiem Antriebe so handeln,
ist nicht wahrscheinlich. Es leben geheime Agenten unter ihnen, die sie
aufreizen, stacheln und drngen und deren moralischer Einflu nicht unbedeutend
sein kann. Liee sich ein Mittel auffinden, diese unschdlich zu machen, so
htten wir jedenfalls leichteres Spiel und brauchten uns die Widerspnstigkeit
der Unzufriedenen nicht weiter anfechten zu lassen.
    Der alte Wende mit seinem deutschen Beistande, dem Maulwurffnger, dessen
ich mich noch dunkel erinnere, scheinen demnach groen Anhang zu haben, sagte
Adalbert.
    Dieser Maulwurffnger ist ein Teufel! rief Adrian aus. Fr einen Mann aus
dem Volke besitzt er einen so durchdringenden Scharfsinn, eine Ruhe, List und
Ausdauer, da der gewandteste Diplomat, ist er nicht bestndig auf seiner Huth,
von ihm hinter's Licht gefhrt werden kann.
    Seine Geschichten sind gut erfunden, lchelte Adalbert vornehm.
    Verzweifelt gut, Bruder! Diese beiden steinalten Greise haben aus ihren
Erinnerungen und ein paar moderfleckigen Papierfetzen eine Geschichte
zusammengewoben, die sich an all' ihren Theilen fest wie die Glieder einer Kette
verschlingt. Unser gemeinschaftliches Streben wird es sein mssen, die falschen
Glieder in dieser Kelte aufzusuchen und zu zerbrechen.
    Ich stelle mir dies leicht vor, sobald das Kapitel von den Beweisen
ausgeschlagen wird.
    Und, wenn sie auch diese beibringen?
    Thun wir die Unchtheit derselben dar.
    Adrian zuckte die Achseln. Das scheint mir gefhrlich, sagte er. Ohne
Zeugen werden wir den Gegenbeweis nicht fhren knnen. Und dann - unser seliger
Herr Vater ging nicht unbescholten aus der Welt!
    Das eben ist der Punkt, den wir ins Auge fassen mssen! Der etwas
zweideutige Ruf des Vaters ist unbedingt unsere Rettung, wenn es zum Aeuersten
kommt. Die Gegner bauen einzig und allein auf ihn ihr glnzendes Luftgebude,
meinend, das sei der untrglichste Boden. Sie sollen sich irren! Wir beweisen
ihnen klar und bndig, da nur Rache und kleinlicher Neid zu solchen Mitteln
seine Zuflucht nimmt. Mein Wort darauf, Bruder, diese armen Schlucker werden mit
Schimpf und Schande abgewiesen und sollen uns noch demthig die Spitzen unserer
Stiefeln kssen, wenn wir sie gromthig frei von dannen ziehen lassen. - Wie
stehst Du mit Deinen Unterthanen?
    Mein seit Jahren befolgter Plan nhert sich immer mehr der Reife,
entgegnete Adrian, mit Vergngen diese Wendung des Gesprches erfassend. Von
dieser Seite, glaube ich, sind wir nunmehr so gut wie unangreifbar. Darum
beharre ich auch mit eiserner Festigkeit dabei und lasse mich weder durch Bitten
noch Drohungen in meinem Verfahren stren. Findest Du nicht auch, da es das
alleinige Mittel ist, dem in der Meinung des sogenannten Volksbewutseins
gesunkenen Adel den alten Glanz, die alte Obmacht wieder zu verschaffen?
    Ich bin davon berzeugt, obwohl in meiner Stellung die Ausfhrung
schwieriger ist und lngere Zeit erfordert.
    Desto grer ist der Ruhm nach gewonnenem Kampfe! - Es sind jetzt etwas
ber fnf Jahre, da ich, von meinen Reisen zurckkehrend, den Entschlu fate,
unser altes Geschlecht wieder zu Ehren zu bringen. Der Zeitgeist, dies
tausendkpfige Phantom des modernen Lebens, sollte mir dazu verhelfen. Ich hatte
die Schwchen unseres Jahrhunderts wohl erlauscht und wute, wie man ihm
schmeicheln mu, um es sich dienstbar zu machen. Der Materialismus fing eben an,
von Hoch und Niedrig verehrt zu werden. Das Geld ward die Alles bewegende Kraft,
der Besitz desselben gab Ansehen und Macht. - Du weit, lieber Bruder, da wir
grade nur so viel besaen, um als alte Edelleute anstndig und mit dem
nothdrftigsten Aufwande leben zu knnen. Das konnte nicht besser werden, wenn
man nicht die Zeit benutzte und sich ihrer Schwchen bediente - mibrauchte,
wenn Du willst. Ich entschlo mich dazu, erbaute mit geborgtem Gelde die Fabrik
und begann meine modernen Speculationen. Das Glck lchelte mir, weil ich den
rechten Zeitpunkt getroffen hatte. Binnen Jahresfrist war unser gemeinsames
Vermgen verdoppelt und ich konnte jetzt einen Schritt weiter gehen!
    Das Umsichgreifen der sogenannten Volksfreiheit verbunden mit dem offen
ausgesprochenen Ha gegen den Adel war mir von jeher ein Dorn im Auge und
emprte mich wie Dich. Wir haben in frhern Jahren hufig unsere Meinungen
darber gegen einander ausgesprochen. Betrachtete ich nun dieses gerhmte Volk,
diesen Klumpen anstandsloser, wenig gebildeter Menschen, die in ermattender
Arbeit Zweck und Lust des Lebens finden und jedem hhern geistigen wie
sinnlichen Genusse fremd bleiben, so bemchtigte sich meiner ein
unaussprechlicher Ekel, der jedoch bald einem stillen Jubel der Seele weichen
mute. Ich glaubte nmlich das Mittel gefunden zu haben, dies freche, plumpe,
auf seine junge Freiheit berstolze dumme Volk demthigen und es uns, seinen
angestammten rechtmigen Herren, wieder unbedingt unterwrfig machen zu knnen.
Seine Lust, sein Vermgen, dacht' ich, soll seine Geiel werden. Nicht mit
Skorpionen, nein, mit freundlichen Worten will ich es peitschen, mit der
Freiheit, auf die es so stolz ist, werde ihm sein aufgespreizter Dnkel gewrzt.
Ich beschlo, die Freiheit zum Bttel zu machen! Hre, wie ich dies anfing.
    Kaum ward es ruchbar, da Herr am Stein eine groe Spinnfabrik anlegen
wolle, als sich eine groe Menge Arbeiter meldeten. Viele, ja die Meisten kamen
von fern her, nur der kleinere Theil waren meine Unterthanen. Ich nahm Jedermann
freundlich auf und warb so viele, als ich beschftigen konnte. Nur bedang ich
mir aus, da, wer bei mir Arbeit finden und behalten wollte, sich auf meinem
eigenen Grund und Boden ansssig machen msse. Anfangs stutzte Mancher bei
diesem Verlangen, als ich ihnen aber vorschlug, unentgeltlich ein Stck Land zu
geben und fr Bau eines kleinen Hauses Geld zu niedrigem Zins vorzuschieen,
schlug Jeder ein. Ich fing die Freiheitshelden wie genschige Muschen.
Schaarenweise sprangen sie in meine Falle, und so entstand das Spinnerdorf
drben am See.
    Als meine Schuldner waren diese Thoren von Anfang an in meiner Gewalt, die
ich sogleich htte gebrauchen knnen, wenn ich nicht ein greres Ziel im Auge
gehabt htte. Mein Streben ging, wie Du weit, auf Wiedererwerbung aller durch
die Verschwendung unseres Vaters verloren gegangenen Lndereien. Ich erreichte
mein Ziel und gewann dadurch um ein Drittheil Unterthanen mehr als unser Vater
je besessen hat. Es waren dies freilich keine Leibeigenen, sondern freie
Menschen, die thun und lassen konnten, was sie wollten, die mir blos einige
geringfgige Steuern und andere unbedeutende Dienste zu leisten hatten. Sollte
nun mein Plan einen dauernden Zweck haben, so muten diese Freien, die ich als
Volk so gern ber uns erheben und uns Gesetze vorschreiben mchten, durch sich
selbst zu Knechten gemacht werden und zwar zu freien Knechten, d.h. zu solchen,
deren Joch die Freiheit, deren Galeere der Feiertag ist.
    Arbeit! Arbeit! Dieser Ruf hallt wieder in aller Welt! Jeder will Arbeit,
Jeder preist die Arbeit, Jeder sieht in der Arbeit Gewinn, Ueberflu, ein
schnes, glckliches, sorgenfreies Leben in der Zukunft blhen!
    Euch soll dies ersehnte Paradies baldigst lachen! dachte ich bei mir und
gab dem freien Volke, was es wnschte, suchte, liebte - Arbeit! Glcklichere
Menschen habe ich nie gesehen. Von frh bis Abends scholl lustiger Gesang durch
die Sle meiner Fabrik. Sie nannten mich ihren Wohlthter, ihren Vater und ich
lie es mir gefallen. Um sie noch fester an mich zu ketten, bezahlte ich meine
Arbeiter einige Jahre gut, besser, als ich es eigentlich durfte, ohne Groes zu
riskiren. Inde auch hier blieb mir das Glck treu und ich gewann doch noch.
Meine Freigebigkeit hatte den gewnschten Erfolg. Die Arbeiter wurden luxuris,
weil sie leicht verdienten und ihrer Einnahme gewi waren. Sie sparten durchaus
nicht. An Sonn- und Feiertagen lebten sie lustig und froh.
    Dahin wollte ich die glckseligen Freien haben. Pltzlich, wie der Wind
umschlug, trete ich eines Tages unter sie mit betrbter Miene und verkndige
ihnen, da ich den bisherigen Arbeitslohn eingetretener Conjuncturen wegen nicht
mehr zahlen knne, da ich groe Verluste gehabt und meinen Ruin befrchten
msse, wenn ich dieselben Summen, wie bisher zahlen sollte. Ich stellte es ihnen
daher frei, ob sie mir fr geringeren Lohn dienen wollten und knnten. Wer
darauf nicht eingehen knne, dem stnde es frei, anderwrts ein besseres
Unterkommen zu suchen.
    Nicht ein Einziger verlie mich. Die Dankbarkeit, wie ich erwartet hatte,
kettete sie an mich. So wenigstens sagten Alle, wenn auch die wahre Veranlassung
zu ihrem Bleiben in den Verbindlichkeiten zu suchen war, die sie gegen mich
hatten. Das gute freie Volk arbeitete von Stund' an noch emsiger fr geringeres
Geld, lebte etwas sparsamer, weil es nichts besa und noch weniger erbrigen
konnte, und war zufrieden! -
    Spter wiederholte ich meine Lohnverkrzungen, aber immer bei schicklichen
Gelegenheiten, ich verlngerte zugleich die Arbeitszeit - weil die lieben Leute
Genu im Arbeiten finden - und erreichte mehr und mehr meinen Zweck. Das alte
Haus Boberstein erhielt wieder den Besitz, verdrngte spter aufgeschossene
Glckspilze, brachte alle baare Capitale an sich und entwand das Geld
vollstndig dem arbeitenden Volke. Ich lie ihm lebensgern das Bewutsein, sich
als freie Mnner zu fhlen, ich rief es ihnen, wo ich nur konnte, ins
Gedchtni, doch je mehr ich die Freiheit pries, desto enger umschnrte ich sie
mit unzerreibaren Ketten. Ehe sie es ahnten, waren sie meine Sclaven geworden,
deren Leben an einem Zucken meines Auges hing.
    Ich blieb nicht auf halbem Wege stehen, mein biederer Bruder. - Da ich
wei, was Bildung, was sogenannter Fortschritt der Zeit und Volksaufklrung
vermag, und wie grade ihre grere, immer zunehmende Verbreitung unser
allergefhrlichster Feind ist, so gab ich mir Mhe, dieselbe zu beschrnken. Bei
meinem System war dies eine leichte Aufgabe. Die Arbeiter konnten bald nur zur
hchsten Noth auskommen, sie muten dabei Vermehrung des Verdienstes wnschen
und erstreben, aber sie durften von mir nicht verlangen, da ich sie auf meine
Kosten bereichern sollte. Meine Vorkehrungen waren so getroffen, da kein
Verdacht in ihnen aufsteigen konnte. So geschah, was ich voraus berechnet hatte.
Diese armen Teufel kamen bittweise bei mir um Verkrzung der Schulstunden ein,
damit ihre Kinder ihnen zur Hand sein und auch etwas erwerben mchten! - Sollte
ich den Tyrannen spielen? Ich htte mich nicht beruhigen knnen! - Ich
beschrnkte also die Schulstunden, gab auch den Kindern Arbeit und bereite
nunmehr eine consequente Verwilderung der Nachkommenschaft vor, die man am
besten durch Furcht und Strenge wird erziehen knnen. Dieses Geschlecht wird in
doppelter Hinsicht Sclav sein, Sclav der Freiheit, die es nicht wnschen darf,
und Sclav der eigenen Lasterhaftigkeit, in die es rettungslos versinken mu ohne
Bildung, ohne Besitz und ohne Hoffnung auf solchen.
    Noch bin ich nicht am Ziele, aber ich nhere mich ihm. Der heutige Morgen
hat mir gezeigt, da ich diese freie Arbeiterschaar nicht mehr zu frchten habe.
Ungeachtet des Lrms, den sie machten, und trotz der heftigen Drohungen
Einzelner bin ich doch berzeugt, da sie eher neben meinen Maschinen den Geist
aufgeben, als mir die Arbeit aufkndigen. Nur die fatale Geschichte mit dem
Wenden und die schmhlichen Gerchte, die unsere Ehre compromittiren, macht mir
einiges Bedenken und hat auch diesen schon halb bewutlosen Maschinenmenschen
eine Art Selbstthtigkeit eingeimpft, die ich ihnen kaum zugetraut htte. Auf
welche Weise wir auch diese unterdrcken und das von uns abhngige Volk fr
immer uns wieder unterthnig, ja vollkommen leib- und seeleneigen machen knnen,
das wollen wir Brder, sobald Aurel angekommen sein wird, reiflich berlegen.
    Herr Aurel am Stein, meldete der Bediente. Im Feuer des Gesprchs hatte
Adrian nicht auf die Fhre geachtet, die einigemale von der Insel ans Land und
von diesem wieder nach der Insel gekommen war.
    Sehr willkommen! rief Adrian, indem er lebhaft aufsprang, um den theuern
Bruder zu empfangen.
    Aurel stand schon auf der Schwelle. Adrian ging ihm mit offenen Armen
entgegen, drckte ihn jubelnd an sich und kte ihn wiederholt. Auch Adalbert
gab seine Freude in gleicher Weise, nur weniger strmisch zu erkennen.
    Was hast Du denn fr wunderliche Begleiter? fragte Adrian, da er im
Vorzimmer einige verhllte Gestalten bemerkte, die einzutreten zgerten.
    Sehr liebe, werthe Gste, theure Brder, versetzte Aurel mit strahlendem
Auge und bat die Harrenden durch leisen Wink, nher zu treten. Ein paar Frauen,
von Kopf zu Fu in feine schwarzseidene Kleider gehllt und dicht verschleiert,
verbeugten sich tief und schweigend vor den beiden erstaunten Brdern. Hinter
ihnen zeigte sich Gilbert.
    Aurel ergriff die grere der Frauen bei der Hand, schlug den Schleier
zurck und sagte mit bewegter Stimme:
    Deinem wiederholten Drngen, lieber Adrian, unsern Verwandten nachzuspren,
verdanke ich die unaussprechliche Freude, Dir in dieser wrdigen Dame eine
schwer Verfolgte vorstellen zu knnen, an der wir Vieles gut zu machen haben. Es
ist Herta, Grfin von Boberstein, unsere Tante!
    Herta? schrie Adrian laut auf und klammerte sich zitternd an Adalbert.
Herta lebt?
    Fassung! flsterte der kltere Adalbert dem Entsetzten zu. Der Boden
weicht unter unsern Fen. Aurel steht bei unsern Feinden!
    Herta! wiederholte Adrian tonlos, dann sank er zusammen. Kalter Schwei
trat auf seine Stirn, die Augen brachen ihm. Bewutlos fiel der Ueberraschte in
die Arme seiner zu seinem Verderben wieder erschienenen Tante.

                            Ende des dritten Theils.


                                 Vierter Theil

                                 Siebentes Buch

                                Erstes Kapitel.

                             Des Armen Weihnachten.

Sechs heisere Glockenschlge verhallen langsam in der eiskalten Luft. Auf den
wundervoll zarten Gebilden des Frostes, auf Palmzweigen, Orchideen und
Lotosblumen an den Fensterscheiben der Htten und Palste flimmert das
Silberlicht des Mondes. Der frisch gefallene Schnee knirscht unter den
Futritten Vorberwandelnder, schreit und wehklagt unter dem Rderdruck
beschwerter Lastwagen.
    Es ist Weihnachten, Weihnachten, das Freudenfest fr Kinder und Erwachsene,
der gemeinsame Jubeltag im Jahre fr Reiche und Arme! In Stdten und Drfern
entznden sich die geschmckten Christbume, um die erwartungsvoll harrenden
Kinder zu begren. Fern und nah, auf allen Seiten, bald laut bald leise
erklingen die Glocken, welche zur Christmesse rufen, und wo auf kahler Hhe im
blendend weien, mit Millionen Eisdiamanten geschmckten Flachfelde ein
Kirchlein sich erhebt, da ist es jetzt erleuchtet von tausend Kerzen, um die
Geburt des Heilandes, des Welterlsers, zu feiern.
    Wie begeht Martell, der tiefgebeugte arme Arbeiter diesen glckverheienden
Jubeltag der gesammten glubigen Christenheit? Sehen wir uns um nach ihm und den
Seinen, betreten wir nochmals die Wohnung des Mittellosen, um zu erfahren, ob er
den Schmerz berwunden hat, der sein gengstigtes Vaterherz zerri ber den
unverschuldeten Tod seines lieben Knaben.
    Martell's Htte liegt still und finster, von dem gastlichen Fue keines
Freundes betreten, im funkelnden Schnee. Die Hausthr ist verschneit, kein Weg
gebahnt zur Verbindungsstrae des Arbeiterdorfes. In der Wohnstube brennt kein
geschmckter Tannenbaum, um auf den frhlichen Jubel der beschenkten Kinder
herabzulcheln mit seinen Flammenaugen, ein sprliches Reiigfeuer nur knistert
im Ofen, das nicht hinreicht, um die luftige, schlecht verwahrte Stube zu
durchwrmen. Dem Verlschen nahe glimmt die Lampe ber Lore's Webstuhle und
wirft mit ihren gaukelnden blauen Flmmchen ein unsicheres Licht auf Todtes und
Lebendes. Heller noch scheint der Mond durch die kleinen gefrorenen Fenster, an
denen sich die Schatten eines entlaubten Ahornbaumes, vom Nordwinde geschttelt,
rastlos bewegen.
    Die Familie des Arbeiters ist vollzhlig versammelt, da wegen des morgenden
Festes die Arbeit eingestellt worden ist. Auch der Arme soll ruhen von seiner
Arbeit an diesem hohen segensreichen Freudenfeste; auch er soll Zeit und Mue
haben, Theil zu nehmen an dem allgemeinen Jubel, der die halbe Welt zu Brdern
und Schwestern macht. Darum feiern seit Mittag schon die Maschinen. Darum sieht
man nicht die ewigen Rauchsulen aus den Riesenschornsteinen aufwirbeln; darum
liegen die hochstockigen, fensterreichen Gebude auf den Granitfelsen der Insel
heut finster und verlassen.
    Warum mag es so still, so freudlos sein in Martells Htte? Warum rinnen
einzelne groe Thrnenperlen ber die zarten, von krnklichem Roth angehauchten
Wangen Dorels, der funfzehnzhrigen hbschen Tochter des Spinners? Warum hlt
Lore, die Mutter Dorels, ihre magern Hnde ber dem Knie gefaltet, und sieht so
stier und geisterhaft auf das Schattenspiel der Aeste am Fenster, dessen blinde
Scheiben der hmische Winter hohneckend mit dem Pflanzenwuchs heier Lnder so
ppig verziert hat? - Sollte sie an ihren verstorbenen Knaben denken, der
drauen in der Haide schlummert, dessen Grabsttte sie kaum finden wird unter
den hochaufgewehten Schneehgeln? Und gilt diesem entrissenen Kinde etwa auch
das dumpfe Sthnen Martells, der am leeren Tische sitzt und seinen wsten Kopf
unbeweglich in beide Hnde sttzt?
    Horch! Traugott, der alte gottglubige Vater spricht. Neben seinem Spinnrade
ist er niedergesunken auf die unebene, schmutzige Diele. Der Wiederschein des
Mondes und ein zitternder Strahl des flimmernden Lmpchens liegt auf seinem
runzelvollen, eingefallenen Gesicht. Mit einem Seufzer erhebt der Greis die
Hnde und spricht:
    Sechs Uhr! Das ist die Stunde, wo sie allerorten in Haide und auf Fluren
die Christnacht einluten mit denselben Glocken, die mein kindliches Ohr von
nunmehr sieben und siebenzig Jahren zum ersten Male vernahm. Gndiger, gtiger,
allbarmherziger Gott, sieben und siebenzig Jahre. Wird es der letzte Geburtstag
sein, den ich begehe? An dem ich dankend im Gebet meine Hand zu Dir erhebe, mein
Vater und Heiland? O Du hast es gewi gut mit mir vorgehabt, da Du mich lieest
geboren werden am Tage, wo Dein eingeborener Sohn zum Wohl und Heil der
Menschheit auf Erden erschien! Nimm dafr meinen Dank, Allbarmherziger, und wenn
es Dir gefllt und zu meinem Frieden dient, so la mich bald eingehen in die
Wohnungen der Gerechten, die bei Dir sind und bleiben ewiglich! - Des Menschen
Leben whret siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig, und wenn es
kstlich gewesen ist, so ist es Mhe und Arbeit gewesen!
    Whrend Traugott so im Gebet sein Herz beruhigte, erhob Martell langsam
seinen Kopf, heftete seine dstern brennenden Augen fest auf den alten Mann und
horchte genau auf dessen Worte.
    Mhe und Arbeit, wiederholte der unglckliche Spinner, Mhe und Arbeit
und Verzweiflung in jeder Minute! Ja, ja, die Bibel hat Recht, aus Mhe und
Arbeit besteht unser Leben und kstlich ist's, wenn es immer blos daraus
besteht, kommt noch etwas mehr dazu, so wird es sehr hlich und widerwrtig,
und es ist dann schon vom Uebel, wenn es vierzig Jahre dauert! Meinst Du nicht
auch, Lore?
    Die arme Frau antwortete nur durch einen unsglich wehmthigen Blick, der
sanft bittend auf dem convulsivisch zuckenden Antlitze Martells haftete. Dieser
jedoch achtete nicht darauf, sondern fuhr fort, indem er seinen Platz verlie
und die enge Stube kreuz und quer nach allen Richtungen durchschritt:
    Es leuchtet mir stndlich mehr ein, da die Armuth den Menschen schlecht,
grausam, ja zum Cannibalen machen kann, wenn er nicht immer an das Wort des
Heilandes denkt: Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr. - Ach das
Himmelreich! fuhr der Spinner mit bebender Stimme fort. Wer von uns wnscht
nicht je eher je lieber unter seiner Sonnendecke auszuruhen, ohne Schuld
auszuruhen vom Jammer dieser Welt? Aber wie hinberschlummern ohne Fehl? Wie aus
dem Leben scheiden, ohne zuvor mit einem einzigen sndhaften Wort oder Gedanken
das ewige Heil verscherzt zu haben? - Das ist das Loos des Armen, das sind seine
Freuden am heiligen Weihnachtsabend!
    Ja, Lore, rief er mit grimmiger Miene seinem Weibe zu, indem er vor ihr
stehen blieb. Du kannst es glauben, da mich, den Hungernden, heut ein Gedanke
nicht rasten und nicht ruhen lt, vor dem ich selbst mich entsetze!
    Geduld, Geduld, Armer, es wird besser werden, trstete Lore. Besser?
Vielleicht. Bewahre mich nur Gott vor den bsen Trumen, in denen ich mich immer
und immer als - Menschenfresser sehe! - Nun, 's ist ein krankhafter Gedanke.
    Ein Gedanke, der mich frieren macht, flsterte Lore dem Gatten zu. Ein
entsetzlicher Scherz!
    So scherzt die Verzweiflung, sagte Martell trocken und setzte seine
Wanderung durch die klter werdende Stube fort, denn das Reisigfeuer war lngst
niedergebrannt und die letzte Kohle davon dem Erlschen nahe.
    Morgen ist Christtag, fuhr der unglckliche Arbeiter fort, und dem
Anscheine nach gibt es starken Frost. Unser Holzvorrath ist zu Ende, unser
Beutel so leer wie unsere Magen. Erst in acht Tagen haben wir auf einige
Pfennige zu hoffen. Bis dahin mssen wir hungern und frieren, wenn wir's
aushalten und nicht etwa darber sterben, was beilufig sehr gescheidt von uns
wre. - Was mich nun betrifft, so bekenne ich unverholen, das ich fr diesmal
gar keine Stimmung habe, dies hochheilige Fest, das der Welt einen Heiland und
Erlser schenkte, wie die Bibel sagt, hungernd und frierend zu verleben. Mich
sehnt wieder einmal nach menschlicher Existenz oder nach schleuniger gnzlicher
Auflsung und darum spreche ich mit Festigkeit: Brod oder Tod! Weit Du Rath,
Lore?
    Vertraue auf ihn, Martell!
    Auf ihn? Auf den, der oben ber den Wolken die Welt beherrscht, lenkt und
regiert? - Ich wei nicht, Lore, ob er mich nicht verstoen und versumen wird,
wenn ich selbst nicht Kraft genug habe, mich ihm zu nhern! Dazu braucht man
Zeit und ich habe keine Zeit zu verlieren.
    Wenn Du beten wolltest, Martell!
    Seit uns der Hans gestorben ist, kann und will ich nicht mehr beten,
versetzte der Arbeiter mit trotzigem Stirnrunzeln. Ich habe ein Gelbde gethan
am Grabe unseres Kindes, das ich halten mu, und dies erfordert blos trotzige
Kraft, kein Gebet. Meine Seele schwimmt in einem Meer von Ha, sie lechzt und
schreit nach Rache. Habe ich mich gercht und somit meinen Ha geshnt, dann
will ich Gott um Verzeihung bitten und wieder ein stiller, frommer, demthiger
Mensch zu werden versuchen. Frher aber nicht, bei allen Strafen der
Verdammni!
    Gott hat ihn schon gestraft, berla ihm auch die Rache, ihm ganz allein!
    Ich kann nicht!
    So wir vergeben; wird auch uns vergeben werden! sagte Traugott.
    Es mag edel und gromthig sein, Vater, wenn's nur auch so recht einfach
menschlich wre!
    Du hast Dein Herz verhrtet, darum fhlst Du nicht mehr rein und lauter.
Bete, ach bete, mein Sohn, damit Du nicht in Anfechtung fllst und uns verloren
gehst!
    So Gott mir und den Meinigen Rettung sendet bis zum neuen Jahre, so will
ich wieder beten, Vater; wenn nicht, dann fahre dahin, Menschlichkeit, und der
Bse rste mich aus mit der Kraft, die ich bedarf zu meinem Werke!
    Martell ri die Pelzmtze von der Wand und zog seine rmliche, mit zahllosen
Flicken besetzte Winterjacke an.
    Willst Du noch ausgehen so spt? sagte Lore, indem sie mit einer
Stecknadel den kaum noch glimmenden Docht der Lampe ein wenig ausspreitete und
aus einem zerbrochenen Tpfchen die letzten paar Oeltropfen darauf trufeln
lie. Heller scho das Flmchen empor und beleuchtete die bekmmerten,
bestrzten und vergrmten Gesichter der unglcklichen Familie.
    Es wird mir zu eng und zu hei in meinen vier Pfhlen, versetzte Martell
mit der frchterlichen Ironie, die ihm seit seines Knaben Tode zur andern Natur
geworden war. Ihr braucht nicht auf mich zu warten, fgte er hinzu, denn wenn
mir der heilige Christ in den Weg luft, wie ich vermuthe, so biet' ich mich ihm
zum Begleiter an, wandere mit ihm von Haus zu Haus und ergetze mich an Anderer
Freuden. Darum gute Nacht, ihr Lieben. Auf ein frohes Wiedersehen morgen frh!
    Ohne der bittenden Blicke und Worte zu achten, womit Frau und Kinder den
verzweifelten Vater zu halten suchten, strzte Martell aus seiner frostigen den
Behausung, setzte mit groen Schritten durch den hohen Schnee und verlor sich
auf der etwas betreteneren Fahrstrae in's Dorf.
    Wohin Martell auch seine Blicke richtete, nirgends gewahrte er ein Zeichen
frhlicher Weihnachtszeit. Still und traurig lagen die einzelnen Huser im
Schnee vergraben. Hie und da schimmerte Licht durch die geschlossenen
Fensterladen, auch das Klappern einzelner Websthle lie sich da und dort
vernehmen. Aus den Wohnungen alter Leute schollen dem haerfllten Martell Tne
kirchlichen Gesanges entgegen. Die Armen in grauem Haar sangen Bu-, Bet- und
Weihnachtslieder und vergaen darber ihren Kummer, ihre irdischen Leiden.
    Diese unbedingte Ergebung in ein kaum zu ertragendes Schicksal erbitterte
Martell noch mehr. Er fand es feig, unmnnlich, charakterlos, ja gemein, fr die
Qualen des Lebens Dem Dank zu sagen, der anscheinend nichts zu Erleichterung
Nothleidender thut. Verwnschungen zwischen den Zhnen murmelnd, schritt der
arme Spinner ber den knisternden Schnee bis an's Ende des Dorfes. Hier, wo es
die Haide mit schattigem Arm umfing, lag ein Schenkhaus. Der Schein vieler
Lichter glnzte Martell schon von weitem aus diesem entgegen, und als er nher
kam, konnte er aus dem lebhaften Gerusch auf zahlreichen Besuch schlieen.
    Zaudernd blieb Martell einige Secunden unfern des Hauses stehen. Seine linke
Hand vergrub sich unwillkrlich in die Tasche seiner Beinkleider und suchte mit
krampfhaft gebogenem Finger nach Geld. Allein die Tasche war leer. Kalter
Schwei trat auf die Stirn des verarmten Arbeiters, er sthnte unter
unaussprechlichen Qualen. Kummer und Hunger schlugen gemeinschaftlich ihre
zerfleischenden Krallen in sein gequltes Herz. Er schwang in ohnmchtigem Zorn
den Stock, sein Auge rollte, seine grimme Seele lechzte nach einem Opfer, das
sie zermalmen knnte! Hell glnzend, blauschwarz, unermelich sah der klare
Winterhimmel auf ihn nieder mit seinen zahllosen funkelnden Sternen. Ihr
Flimmern und Sprhen kam Martell vor, als wollten sie ihn verspotten, als
lchelten sie schadenfroh ber sein Elend, und ergrimmt wirbelte er den
Knotenstock um sein Haupt und schleuderte ihn sausend in die Luft, whrend sich
ein grlicher Fluch ber seine bebenden Lippen drngte. Als der Stock klappernd
wieder niederfiel und dabei seine aufwrts gekehrte Stirne hart streifte, kam er
wieder zur Besinnung. Er schmte sich jetzt seiner sinnlosen Wuth, murmelte
etwas von Verzeihung und trat in das Schenkhaus.
    Trauriges, fast unvermeidliches Loos der Armuth, die aller Hilfe bar sich
von Gott und Menschen verlassen glauben mu und Vergessenheit ihres Elendes in
wster Betubung sucht! - Martell, einst so still, ordnungsliebend, huslich,
arbeitsam und zufrieden, war seit dem Tode seines einzigen Knaben ein anderer
Mensch geworden. Es litt ihn nicht mehr im stillen Hause, unter den traurigen
Gesichtern. So oft er konnte, floh er sein Haus, suchte Gesellschaft und ergab
sich dem Trunke. Der letzte Pfennig wurde aufgespart, um das schleichende Gift
des Branntweins in reichlichem Mae genieen, um sich in seinem narkotischen
Dunst bis zur vollkommensten geistigen Dumpfheit betuben zu knnen! Sein armes
Weib, seine beklagenswerthen Kinder, sein frommer Schwiegervater wuten und
sahen dies Versinken ihres geliebten Martell und konnten ihm doch nicht zrnen,
noch weniger helfen. Bei seinem heftigen aufbrausenden Charakter mute der
unglckliche Spinner diesen traurigen Abweg betreten.
    Die Gste der Schenke, ebenfalls herabgekommene und verzweifelte
Familienvter, begrten Martell mit heiterm Zutrunk.
    Auf gesunde Feiertage! - Auf frhliches Weihnachten! - Auf bessere Tage
im neuen Jahr! - Auf baldigen Untergang unserer Feinde! - Auf ewige
Verdammni des Herrn am Stein! - Verflucht sei er, verflucht tausend Jahre
ber die Ewigkeit hinaus! Mit solchem Zuruf, Einer den Andern berschreiend,
reichten die Gste Martell ihre kleinen Spitzglschen zum Willkommen.
Hergebrachterweise that dieser Bescheid, warf sich ermattet auf einen Schemel
und trank mit fieberhafter Hast zwei Glschen aus dem zinnernen Viertelma, das
ihm der gefllige Wirth unverweilt darreichte. Nun erst holte er beruhigter
Athem und musterte die Gesichter seiner Umgebung. Es waren lauter Bekannte,
Fabrikarbeiter wie er, verarmt wie er, auf dem Punkte, unrettbar unterzugehen in
wstem Trunk durch Adrians Unmenschlichkeit.
    Hast Du Nachricht? fragte ihn sein Nachbar zur Rechten, ein langer
schlanker Mensch mit schmaler Brust, dem die hellrothen Flecke auf seinen Wangen
ein baldiges Ende prophezeiten. Heut Morgen soll er dem Tode nahe gewesen
sein.
    Pah, er stirbt nicht! entgegnete Martell. Wre auch ein Unglck, wenn er
so pltzlich von hinnen ginge. Gott selber knnte das nicht verantworten vor
seinem Gewissen! Nein, er mu und soll leben, soll leben so lange, bis er durch
uns und seine Schuld verarmt ist, bis er vor uns liegt als ohnmchtig Flehender,
und bis wir ihn wie einen Hund treten, stoen, in's Angesicht speien knnen! Ha,
wre doch diese Zeit der sesten Rache schon da! Schade nur, da er keine
Kinder hat!
    Warum? Wolltest Du sie ihm tdten?
    Tdten? - Nein, sagte Martell mit entsetzlichem Lcheln. Der Tod ist eine
Wohlthat, keine Strafe; nur das Leben ist Strafe, wenn es recht tief in Elend
eingewickelt wird. Und das, Freunde, glaubt mir, das wollte ich schon besorgen!
    Wie denn? fragte der Hektische, ein Glschen des berauschenden Getrnkes
hinunterstrzend.
    Htte der Adrian Jungen, so steckte ich sie unter die Maschinen, grade an
Orten, wo die geringste unzeitige Bewegung unheilbringend ist. Dort mten sie
herumkrabbeln, bis ihnen nach und nach Hnde und Fe zerquetscht wrden, wie
meinem Hans, Gott hab' ihn selig und wren sie so recht methodisch zu Krppeln
gesponnen und gehaspelt worden, dann mten sie bettelnd am Wege sitzen, alle
Tage harte Worte hren und in einer Stunde tausendmal sterben! Ueber solcher
Rache knnte ich vielleicht all' das Elend vergessen, das ich mein Lebetag habe
ertragen mssen.
    Nicht doch, fiel ein Anderer ein, solche Rache wre grausam und
unmenschlich! Warum unschuldige Kinder muthwillig verstmmeln? Ihn selbst mte
man unter die Kmme stoen, und die scharfen Kanten und Zangen ein paarmal ber
ihn hinrasseln lassen, da sein Krper wie ein gepflgtes Ackerland ausshe. Das
wre ihm gesund und wrde ihn von Grund aus heilen.
    Du bist im Irrthum, Anton! erwiederte Martell mit seinem unheimlichen
kalten Lcheln. Gesetzt, Adrian htte Kinder, so mte er seine Missethaten
schlechterdings in der Qual seiner Kinder ben. Nichts schmerzt heftiger,
lnger und tiefer, als die Leiden geliebter Kinder; nichts berwindet ein Vater
schwerer, als die Qualen, die Zufall oder Menschen seinen Kindern zufgen.
Folter ist Genu gegen solche Pein, und eben weil ich das wei aus eigener
Erfahrung, mten mir die Kinder, die Jungen daran! Das wrde ihn schon weich
machen!
    Und die Mdchen? fragte der Hektische. Sollten die zarten kleinen Dinger
auch so gequetscht und zerrissen werden?
    Mit ihnen wrde ich etwas glimpflicher verfahren, versetzte Martell.
Damit sie einen Begriff bekmen von den Lasten und Mhen ihrer armen gedrckten
Mitschwestern und in spteren Jahren, wenn sie nicht mehr Lust htten, auf
Liebschaften auszugehen, sich etwas erzhlen knnten, wrde ich sie in den
Kattundruckereien Adalberts in England als Zieher anstellen.
    Damit sie dicke Fe, dnne Beine und aufgetriebene Leiber kriegten? rief
ein roher, halbtrunkener Bursche mit struppigem Flachshaar. Ha, ha, ha, das
ist, mein Seel', ein teufelmig hllisch gescheidter Einfall! Das Ziehen machte
sie hlich vor der Zeit und ungesund obendrein, und dergleichen Weibsleute
sollen auch unter den Vornehmen sehr schlechten Abgang finden! Heda,
Mitgenossen, die Glser gefllt und angestoen auf die Gesundheit Martells. Wo
das Regiment einmal wechselt, soll er unser Knig sein! Meine Stimme hat er!
    Alle Umsitzenden stieen an auf das Wohl des zuknftigen Spinnerknigs.
Martell nahm diese Huldigung ruhig hin und fuhr dann fort:
    So scharfsinnig unser Freund und Bruder auch ist in seinen Voraussetzungen
so hat er doch das Wahre nicht getroffen. Freilich werden die Zieher elend und
hlich in wenigen Jahren und manch Dutzend stirbt, ehe sie mannbar geworden
sind, aber wre das Strafe, wre das Rache zu nennen, wie unsere Qualen sie
verdient haben? Nein und abermals nein, sag' ich! Nur wenn augenblickliche Qual
und spteres lebenslanges Hinsiechen sich vereinigen, nur dann knnten wir uns
rhmen, hinreichende Rache gebt zu haben! Deshalb mten Adrians Tchter -
Gottes Fluch auf sein Haupt, weil er keine hat - gleich jenen unglcklichen
Ziehern, vier und zwanzig Stunden ohne Unterbrechung arbeiten und, damit ihnen
der Schlaf nicht die Krfte lhmte, von Viertelstunde zu Viertelstunde Niewurz
schnupfen. Das erhlt wach und peinigt grausam das ganze Nervensystem so armer
Kinder. Oder man lie ihnen eiskaltes Wasser tropfenweis in kurzen
Zwischenrumen auf den Kopf fallen1, theils zur Abwechselung, theils zur
Erfrischung, und mein Wort darauf, binnen zwei Jahren htte man die grfliche
Nachkommenschaft in Grund und Boden ungesund, siech und elend gemacht!
    Die eigene Noth, Martell, und die bittern Erfahrungen, die Du vor Kurzem
gemacht hast, meinte der besonnene Anton, fhren Dich auf Abwege und lassen
Gedanken in Dir entstehen, die nichts gemein haben mit christlicher Milde. Du
frevelst, Du versndigst Dich, wenn Du im Ernst solche Wnsche uern kannst!
    Martell scho flammende Blicke auf den zurechtweisenden Tadler. Der schnell
genossene Branntwein war ihm schon zu Kopfe gestiegen, sein eingefallenes,
bleiches Gesicht begann sich zu rthen.
    Ein Hund, der vergibt, was mir geschehen ist! rief er aus. Er soll
verfaulen auf dem Schindanger! Rache, sag' ich, Rache, fr das Unrecht, das wir
erlitten haben! Die Glser voll, Elendsgenossen! Ein langes Leben fr Adrian!
Ein Leben voll Qual und Jammer und Armuth! Der Bettelstab sei der Freund seines
Alters!
    Jauchzend stieen die Unglcklichen ihre kleinen Glschen zusammen und
strzten sie mit wilden Blicken, mit wuthgerthteten Gesichtern aus. Mitten in
diesem Taumel wster Lust hrte Martell sich mit Namen rufen.
    Wer fragt nach mir? sagte er und wendete sich unwirsch um, denn er
besorgte, seine Frau mchte ihm nachgeschlichen sein und ihn heim holen wollen.
Statt dessen sah er in die offenen, ernsten und doch so schalkhaft funkelnden
kleinen Augen des Maulwurffngers.
    Pink-Heinrich! sagte er lchelnd und reichte dem Greise die Hand. Was
treibt Euch in die Haide bei solchem Frost- und Schneewetter?
    Die Sorge um Dich und Deine Familie, sagte der Maulwurffnger mit ernstem
Tone.
    Martell runzelte die Stirn und schlug die linke Hand in sein lockiges Haar.
    Ich hielt Dich fr einen starken Mann, und sehe nun, da Du schwach bist
wie ein Weib. Schme Dich, Martell!
    Rechte nicht mit mir, Heinrich, rechte mit der Verzweiflung, die in meinen
Adern rast, rechte mit Gott, der mich verlassen hat!
    Er hat Dich nicht verlassen, er ist mit Dir!
    Gott mit mir? Ha, ha, ha, ha! Wenn Gott mit mir sein soll, so mu der
Teufel eine Betschwester geworden sein! - Heinrich, ich glaube, es gibt keinen
Gott oder nur einen Gott fr die Reichen!
    Es gibt einen Gott fr Arme und Reiche, fr Gute und Bse, und dieser Gott
ist mit Dir, Martell, mit Dir vor tausend Andern!
    Der Spinner sah den Maulwurffnger mit unglubigem Auge an.
    Ah so, sagte er, ironisch lchelnd, ich erinnere mich, da heut
Weihnachten ist! Da willst Du vermuthlich den heiligen Christ spielen und mir
'was schenken. Knecht Ruprecht, lieber Alter, wrde Dir aber jedenfalls besser
zu Gesicht gestanden haben!
    Bin ich auch nicht der heilige Christ, so betrachte ich mich doch als
seinen auserwhlten Boten. Ja, Martell, ich komme, Dir ein Weihnachtsgeschenk zu
berreichen. Bist Du bereit, es in Empfang zu nehmen?
    Ein armer Mann ist immer bereit zu nehmen. Pack' also getrost aus!
    So lerne einsehen, da Gott mit Dir ist, Martell! erwiederte der
Maulwurffnger feurig, und da er diejenigen zchtiget, die er lieb hat. Du
weit, da Dein und jedes Rechtlichen Feind, Graf Adrian von Boberstein, krank
darniederliegt ob des Schreckens, den der Abfall seines Bruders Aurel von ihm
und seiner ungerechten Sache ihm verursacht hat; Du weit ferner, da der gegen
ihn angehngte Proze schwerlich zu seinen Gunsten entschieden werden kann; Du
weit endlich, da seine Besitzungen in andere Hnde bergehen werden und ihm
selbst vielleicht nur ein geringer Theil der groen Herrschaft zufllt! Oder
wutest Du dies nicht?
    Ich wei es, sagte Martell.
    Und dennoch verzweifelst Du? Dennoch wirfst Du Dich dem Laster des Trunkes
in die Arme? Dennoch sinnst Du auf kannibalische Rache?
    Die Noth hat mein Herz verbrannt. Rache wrde die Flammen khlen, die ich
in mir lohen fhle!
    Ich bringe Dir Rache zum Weihnachtsgeschenk.
    Rache? Ist Adrian todt oder wahnsinnig?
    Adrian lebt und wird hoffentlich noch lange leben, Du aber Martell, Du bist
-
    Der Maulwurffnger hielt inne und heftete fest sein klares Auge auf den
aufgeregten Spinner.
    Ich bin ein armer Mann, sagte Martell, das wei ich, das fhle ich in
diesem Augenblick mehr als je; mit einem Reichen wrdet Ihr Euch keinen solchen
Scherz erlauben.
    Schwer fiel die Hand des Maulwurffngers auf Martells Schulter. Er
schttelte ihn heftig. Ungestmer, sprach er, gleichst Du doch ihm, dem Du
verwandt bist, in allen Dingen, nur nicht in der kalten Ruhe der
Entschlossenheit! Martell, die Stimme des Gerichts nennt Dich einen nahen
Verwandten Paul Sloboda's und Adrians am Stein! Zu Deinen Gunsten wird der
Proze gewonnen!
    Bei diesen Worten fiel der bestrzte Arbeiter wie vom Schlage getroffen
rckwrts auf seinen Schemel, sein Gesicht rthete sich, er rchelte krampfhaft
und ein Strom schwarzen Blutes entstrmte seinem Munde.
    Ich dachte es, da es ihn frchterlich erschttern wrde, murmelte der
Maulwurffnger fr sich, Gott Lob, da ich ihn nicht die volle Wahrheit sagte!
Sie htte ihn getdtet.

                                    Funoten


1 In den englischen Kattundruckereien wendet man wirklich diese grausamen Mittel
an, um die Zieher, wozu selbst die kleinsten Kinder benutzt werden, whrend
ihrer vier und zwanzigstndigen Arbeit wach zu erhalten.


                                Zweites Kapitel.

                                Ein Genesender.

Adrian war schwer, doch nicht lebensgefhrlich erkrankt. Er hatte sich von dem
geistigen Schwindel, der ihn bei Herta's Ankunft befallen, nicht wieder
vollstndig erholt. Vermehrte Sorgen, gehufte feindliche Bewegungen unter
seinen nchsten Umgebungen, endlich ein heftiger erschtternder Zwist mit Aurel,
dem ein vollkommener Bruch folgte, hatten seine an sich starke und elastische
Natur doch untergraben. Ein Nervenfieber warf ihn nieder und hielt ihn noch
jetzt ans Lager gefesselt.
    In der Zwischenzeit hatte der Maulwurffnger all seine Schlauheit
aufgeboten, um fr die Sache seiner Freunde festen Boden zu gewinnen. Er machte
riesige Fortschritte, da Adrian nicht Gegenminen graben und den gefhrlichen
Feind in die Luft sprengen konnte. Etwas htte der Leidende wohl thun knnen
durch geschickte Bevollmchtigte, allein er nahm Anstand, in so verwickelten und
delikaten Angelegenheiten einen Dritten fr sich und in seinem Namen handeln zu
lassen. Lieber wollte er den nunmehr unvermeidlichen Proze auf ungewisse Zeit
hinaus verlngert sehen, als Familiengeheimnisse, die er nicht einmal selbst
klar durchschaute, Andern rcksichtslos Preis geben.
    An dem schon in den ersten Tagen nach Herta's Ankunft auf Boberstein
ausbrechenden Bruderzwiste war Aurels herbe Geradheit Schuld. Adrian, bekannt
mit seines Bruders schroffem und leicht erregbaren Charakter, schlug von Anfang
an die glatten Wege sanft streichelnder und freundlich lchelnder Politik ein.
Er glaubte Aurel durch gleinerische Ueberredungsknste fr seine Plne gewinnen
zu knnen. Auch gab er nur Andeutungen, nichts Ausgefhrtes. Allein bei Aurel
verfing Alles nicht. Er blieb mit seemnnischer Festigkeit bei seinem
Ausspruche: da man vor langen langen Jahren verbtes Unrecht entdeckt habe, sei
es ihre Pflicht, dasselbe mglichst wieder gut zu machen. Man msse daher nicht
allein Tante Herta einen anmuthigen Wittwensitz geben, sondern allen denen, die
rechtmige Forderungen an ihre Familie zu machen htten, nach Krften gengen.
Zum Glck sei dies jetzt mglich, ohne da sie selbst im strengen Sinne des
Wortes zu leiden htten. Ehe man jedoch einen solchen Schritt thue, sei es
nthig, durch ffentlichen Aufruf jedes etwa zerstreut oder verschollen im In-
oder Auslande lebende Glied der grflichen Familie Boberstein zu schleunigster
Rckkehr in seine ursprngliche Heimath aufzufordern. Nur so wrde man jedem
Proze entgehen und die Achtung des gesammten deutschen Publicums sich fr immer
erwerben. -
    Diese Vorschlge und Zumuthungen liefen nun freilich den eigenntzigen
Plnen Adrians schnurstracks entgegen. Ihm war daran gelegen, jede Spur seines
Vaters, der ein Boberstein sich zu schmen oder richtiger die er zu frchten
hatte, fr immer zu vertilgen, auf ewig in die Nacht der Vergessenheit zu
strzen. Er wollte die verstreuten Reste verhater Verwandten nur kennen lernen,
um sie in der Stille, unvermerkt, ja, wenn es nthig sein sollte, durch neue
heimliche Verbrechen auszutilgen. In diesem Sinne hatte er den uns bekannten
Brief an Aurel geschrieben; diesem Zwecke entsprechend, hatte er in jeder
Hinsicht gehandelt; fr die Nothwendigkeit dieses Verfahrens hatte er ohne Mhe
seinen jngsten Bruder Adalbert gewonnen. Seine Meinung aufgeben und Aurels
rechtlichen Forderungen beitreten hie den festen Unterbau seines kaum
begrndeten irdischen Glckes vernichten. Seiner Charakteranlage nach konnte er
sich dazu nicht entschlieen. Lieber wrde er gestorben sein als Mrtyrer des
Gelderwerbes, der jedes andere Interesse bei ihm berwog, weil er im Besitz
mglichst groen Reichthumes die mchtige gebietende Gewalt erkannte, welche die
Welt beherrscht, leitet, regiert und knechtet.
    Mehrere Tage lang fielen unter den drei Brdern viele harte Kmpfe vor, ohne
da Einer den Andern zum Uebertritt auf seine Seite bewegen konnte. Es war an
Einigung, an friedliche Ausgleichung nicht zu denken, da sich fester
Gerechtigkeitssinn und christlicher Humanismus an jesuitischer Schlauheit und
aller sittlichen Unterlage gnzlich entbehrendem einseitig modernen
Speculationsgeiste rieben.
    Unter keiner Bedingung wollte Adrian gestatten, da Herta als Familienglied
betrachtet werde. Er drang hartnckig in Aurel, da er die unheimliche Matrone
mit einem tchtigen Geldgeschenk, welches ihr ein sorgenfreies Leben gewhre,
entlassen und ihr einen bestimmten Wohnort anweisen solle, mit der Bedingung,
ber ihre Vergangenheit gegen Jedermann unverbrchlich zu schweigen. Diesem
Verlangen trat Adalbert sehr energisch bei, indem er nachzuweisen suchte, da
die Ehre ihres Hauses ein solches an sich ganz ehrenwerthes und lobenswrdiges
Verfahren erheische. Eine Menge Beispiele aus der Geschichte groer
Frstengeschlechter sollten dem Kapitn beweisen, wie rechtmig oder doch
wenigstens erlaubt und weltklug solche Handlungsweise sei.
    Aurel gab aber nur sarkastische und nichts weniger als beistimmende oder
beruhigende Antworten. Je lnger und lebhafter die Unterhandlungen gepflogen
wurden, desto mehr berzeugte sich der schlichte Seemann von der tiefen
Verderbtheit seiner Brder. Gewohnt, seinen Gedanken Worte zu leihen, erklrte
er sie fr ehrlos, ihr Handeln fr infam und kndigte ihnen Krieg auf Leben und
Tod an. Der vornehme Adalbert wollte sich darauf mit dem rcksichtslosen Bruder
schlagen, stand jedoch auf Adrians Zureden von seinem Vorhaben ab. Die Brder
trennten sich in grter Erbitterung und Aurel verlie sechs Tage nach seiner
Heimkehr Boberstein, um sich unvermerkt mit Herta und Emma nebst Gilbert auf den
Zeiselhof zu bersiedeln. Entschlossen, den feindlichen Brdern die Spitze von
jetzt an zu bieten, gab er seine Reise nach Amerika und Westindien auf, bertrug
die Fhrung des bereits befrachteten Schiffes einem zuverlssigen ihm
befreundeten Kapitn und suchte sich unverweilt mit denjenigen Personen in
Verbindung zu setzen, die er von nun an als Freunde und Bundesgenossen begren
mute.
    Das konnte ihm bei seiner Umsicht und erlangten Vorkenntni nicht schwer
fallen. Gilberts Gewandtheit untersttzte ihn auerdem vortrefflich und in Zeit
von kaum acht Tagen war er in das Gewebe, welches der Maulwurffnger zu Adrians
Verderben angezettelt hatte, so tief eingeweiht, da er rstig mit daran
arbeiten und in verwandtem Sinne fortwirken konnte.
    So gro diese Strungen waren, einen sichtbaren Einflu auf die
Geschftsthtigkeit in der Fabrik uerten sie nicht. Hier blieben alle von
Adrian getroffene Anordnungen in Kraft und erlitten whrend der ganzen Dauer
seiner Krankheit nicht die geringste Abnderung. Ohne Vollbrechts milde
Verwaltung und Oberaufsicht wre diese kritische Zeit wohl kaum so gnlich
ungestrt vorbergegangen, doch diesem Manne gelang es durch vterliches
Ermahnen und durch Hindeuten auf die nahe Zukunft die Murrenden immer wieder zu
beschwichtigen. Aurel nebst seinen burischen Verbndeten mute freilich an
Aufrechthaltung der Ruhe und strengster Gesetzlichkeit jetzt Alles gelegen sein,
wenn der Proze fr alle daran Betheiligte einen glcklichen Ausgang haben
sollte. Er frchtete fr seinen namenlos erbitterten, in allen Gefhlen
tiefgekrnkten natrlichen Bruder und doch wnschte er vor Allem gerade diesen
gerettet, vor dem Gesetz gerechtfertigt zu sehen. Vollbrecht, auf dessen
Verschwiegenheit man bauen konnte, ward in das Geheimni gezogen und entledigte
sich des schwierigen Auftrags zu Aller Zufriedenheit. Als er dennoch einen
ungesetzlichen Schritt von Martell befrchtete und keinen Weg zur Beruhigung des
bis zum Wahnwitz erbitterten Spinners mehr einzuschlagen wute, meldete er diese
bedenkliche Stimmung dem Kapitn, worauf dieser den vermittelnden und immer
dienstbereiten Maulwurffnger abschickte, um durch Mittheilung des Geheimnisses,
das man aus Vorsicht noch nicht laut aussprechen durfte, den unglcklichen Armen
zu beruhigen und mit neuem Hoffnungsathem zu beleben. Wir haben gesehen, da
diese Vorsicht nicht unnthig war, wenn Martell nicht geistig und krperlich
untergehen, vielleicht gar in wilder Raserei, brennend und mordend, sterben
sollte.
    Am Weihnachtsabende verlie Adrian zum ersten Male wieder sein Bett. Er war
uerst schwach geworden und konnte nur mit Hilfe zweier Diener ber das Zimmer
gehen. Gebckt, mit zitternden Gliedmaen, hustend, bleichen Angesichts und mit
tiefen, noch krankhaft lodernden Augen lie er sich von Sessel zu Sessel
gngeln, bald ans Fenster tragen, um sein brennendes Auge an dem reinen
silbergestickten Winterkleide zu laben, mit dem sich die Natur zum Feste
geschmckt hatte, bald wieder zum Kamine geleiten, damit er die wohlthtige
Wrme des stillglimmenden Kohlenfeuers einsaugen knne.
    Hat Vollbrecht die Arbeiten einstellen lassen? fragte er matt. Es ist
mein Wille, da alle Arbeiter die Feiertage ber freie Zeit haben, damit sie
sich erholen und Gott danken knnen fr alles Gute, das er an ihnen gethan hat.
    Obwohl Adrian seine abgemagerten Finger dabei faltete, zuckte doch ein
flchtiger Zug grausamen Hohnes um den eingekniffenen Mund, der Zeugni gab von
des Kranken zur Gewohnheit gewordenen Heuchelei.
    Seit heut Morgen stehen die Maschinen still, gndigster Herr, versetzte
der Kammerdiener.
    Das ist Recht, das freut mich! Wie zufrieden werden meine Arbeiter mit
dieser Einrichtung sein!
    Ew. Gnaden, sagte der Bediente, unterbrach sich jedoch selbst, da ihn der
Kammerdiener unsanft anstie.
    Nun? fragte Adrian, als er die Verlegenheit des jungen Menschen und sein
Errthen bemerkte. Warum schweigst Du, wenn Du mir eine Mittheilung zu machen
hast?
    Es hat Zeit damit bis nach dem Feste, bemerkte der Kammerdiener.
    Ich will es aber jetzt, will es sogleich wissen und ohne Vorbehalt! fiel
Adrian heftig ein, da ihn der, obwohl gutgemeinte, Widerspruch seines
Kammerdieners rgerte. Rede oder ich jage Dich noch heute fort, ohne Lohn und
Christbescheerung!
    Fragend sah der Diener seinen ltern Gefhrten an und da ihm dieser
achselzuckend zuwinkte, sagte er:
    Ich wollte blos bemerken, Ew. Gnaden, da die Mehrzahl der Spinner sehr
traurige Feiertage halten wird, da wie Sie wissen, das Fest in die Woche fllt
und auf Ihren ausdrcklichen Befehl die Lohnauszahlung erst am Tage nach Neujahr
erfolgen soll. Die Meisten sind nun ohne Brod, ohne Holz, ohne Winterkleider und
die Klte ist seit heute Morgen um viele Grade gestiegen!
    Adrian bewegte theilnehmend und bejahend den Kopf, ohne, wie der
Kammerdiener gefrchtet hatte, im Geringsten deshalb aufzubrausen, was doch in
gesunden Tagen seine Art war.
    Freilich, sagte er, das ist sehr schlimm fr die guten Leute, allein es
wird auch das Gute haben, sie in Zukunft vorsichtiger und sparsamer zu machen.
Ich konnte es nicht wissen, da sie die paar Groschen so gar nthig brauchten, -
ich phantasirte ja! Vielleicht habe ich gar diesen Befehl in der Fieberhitze
gegeben, denn ich kann mich durchaus nicht mehr auf ihn besinnen.
    Befehlen vielleicht Ew. Gnaden, da Herr Vollbrecht jetzt noch - es ist
sechs Uhr vorber -
    Nein, nein, nein, keine Strung, kein Widerruf! Ein Herrenwort mu heilig
sein, sonst sinkt der Respect. Die guten Leute werden sich behelfen, wie sie
knnen, werden einander borgen und recht sparsam leben. Sie verderben sich nicht
die Magen im Christbrod, was sie gern thun, wenn sie's haben, und so stiftet
mein Fieberbefehl noch eine gute That!
    Wieder flog jenes teuflische Hohnlcheln ber die Zge des kraftlosen
Kranken. Adrian wute sehr wohl, was er gethan hatte. Er wollte keinen seiner
Arbeiter entlassen, was nur mglich war, wenn er die Ablohnung verzgerte. Nach
dem Neujahr waren sie abermals sein unter jeder Bedingung, denn bis dahin konnte
das Ergebni der Leipziger Messe ein Vorwand werden, den Lohn auf der bisher
beliebten niedrigen Taxe zu erhalten. Und dies war Adrians Absicht.
    Geh, sagte er nach einer langen Pause zu seinem Kammerdiener, geh und
bitte Herrn Vollbrecht, wenn es ihm gefllig sei, mich bald mit seinem Besuche
zu beehren.
    Nach diesem Befehl legte sich der Kranke bequem in den Lehnstuhl zurck,
schlo die Augen und schien zu schlafen. Der Bediente entfernte sich, um den
Gebieter nicht zu stren, und so gewann dieser Zeit und Ruhe, im Stillen ber
die mancherlei wichtigen Angelegenheiten, die ihn beschftigten, mit sich zu
Rathe zu gehen.
    Nach Verlauf einer Viertelstunde, whrend dem Adrian kein Zeichen des Lebens
von sich gegeben hatte, lie sich Vollbrecht melden und ward angenommen.
    Nie hatte Herr am Stein seinen Buchhalter und Geschftsfhrer mit grerer
Innigkeit empfangen, als an diesem Abende. Von schnder Entlassung, von
rachschtigen Drohungen, wie Adrian sie vor wenig Wochen gegen den freimthigen
Mann ausgestoen, war nicht mehr die Rede. Adrian hatte das entweder wirklich
vergessen, oder ignorirte es aus geheimen Beweggrnden geflissentlich. Da er
Vollbrecht fein volles Vertrauen noch immer schenken sollte, war bei seinem
mitrauischen und versteckten Charakter, der alles gerade Wesen hate, nicht
anzunehmen.
    Der Buchhalter beglckwnschte den Grafen khl zu seiner Besserung und
berreichte ihm zwei Briefe von Adalbert und dessen Gattin. Ein paar Packete,
die zugleich mit angekommen waren, legte er auf den Tisch.
    Mein lieber Herr Vollbrecht, begann Adrian, mit den Briefen spielend, ich
habe Ihnen groes Unrecht abzubitten. Heut, wo ich mich zum ersten Male als
einen zum Leben Erwachten ansehen darf, fhle ich mich unwiderstehlich zu
solcher Abbitte gedrungen; denn ich sehe wohl ein, da ich nur Ihrer Umsicht,
Vorsorge, Treue und Anstrengung den gesegneten Fortgang meines umfangreichen und
verwickelten Geschftes zu verdanken habe, und ganz allein durch Ihr ernstes und
zugleich mildes Wesen, durch Ihre Anhnglichkeit an mich und Ihre Herablasung
gegen die unruhige Masse der Arbeiter groer Gefahr entgangen bin. Sie haben
mich gerettet, mich mir selbst erhalten und feurige Kohlen auf mein Haupt
gesammelt. Empfangen Sie fr so uneigenntzige Liebesdienste den aufrichtigen
Dank eines kranken Mannes, der Sie beleidigte, als er schon nicht mehr bei
voller Besinnung war.
    Vollbrecht konnte die dargebotene Hand nicht ausschlagen. Adrian drckte und
schttelte seine Rechte wie ein wahrer Freund.
    Mit diesem Hndedruck lassen Sie das Vorgefallene vergessen, fr immer aus
unserm Gedchtni verschwunden sein! fuhr Adrian fort. Gern mchte ich Ihnen
meine Erkenntlichkeit an den Tag legen, allein ich wei schon, da Sie ein
hartnckig edelmthiger Mann sind, dem schwer beizukommen ist. Sie nehmen keine
Geschenke an, nicht einmal an Festen, wie das heutige, wo sich die halbe Welt
beschenkt. Wie, Herr Vollbrecht, soll man es denn anfangen um es Ihnen zu
beweisen, da man Ihnen Dank schuldig ist? Darf ich Ihnen eine Gehaltszulage
anbieten, ohne Sie zu beleidigen?
    Ich wrde mich wahrhaft freuen, ja im Innersten beglckt fhlen, Herr am
Stein, wenn Sie das Wohlwollen, welches Sie unverdienterweise mir schenken, auf
Diejenigen bertragen wollten, die es in weit hherem Grade verdienen und dessen
weit mehr bedrftig sind, als ich.
    Sie meinen die Arbeiter?
    Ihre darbenden Arbeiter!
    Adrian schlo auf einige Secunden die Augen, dann sagte er: Verurtheilen
Sie mich nicht, lieber Herr Vollbrecht, der Schein trgt hufig und Handlungen,
die ursprnglich von der edelsten Gesinnung dictirt werden, knnen sich,
oberflchlich betrachtet, als verbrecherisch darstellen. Fast scheint es mir,
als geschhe dies mit dem Verfahren, das ich seit lngerer Zeit gegen meine
Arbeiter beobachte. Lugnen will ich zwar nicht, da ich von ihrer Aufstzigkeit
erbittert, einigemale hrter mit ihnen umgegangen bin, als es vielleicht vom
christlich-humanen Standpunkte aus erlaubt war, allein das mu man auf Rechnung
der Gereiztheit setzen, wo auch der beste Mensch sich schlimmen Neigungen und
bsen Einflsterungen berlt. Ich habe dies vielmals beklagt, um so mehr
beklagt, als mich Klugheit und Selbsterhaltung nthigen, mir keine Ble zu
geben. Das begreifen Sie so gut, wo nicht besser als ich, Sie wissen wie
schwierig eine so groe Menge immer zu bertriebenen Forderungen aufgelegter
Arbeiter zu lenken und zu befriedigen ist. Die Gte des Arbeitgebers wird von
solchen Leuten regelmig gemibraucht, zuvorkommende Behandlung, freigebige
Anerkennung ihrer Dienstleistungen nie dankbar aufgenommen. Das Herz des
Arbeiters ist dem Arbeitgeber stets feindlich gesinnt, weil er sich immer
bevortheilt und den Herrn im Vorzuge glaubt. Alle Fabrikbesitzer haben diese
Erfahrungen gemacht und sind durch sie zur Erkenntni sowohl ihres eignen wie
des Vortheils ihrer Arbeiter gekommen. Hoher Lohn, mein lieber Herr Vollbrecht,
verdirbt jeden, auch den allerbesten Arbeiter. Er macht ihn hochmthig, ppig,
verschwenderisch, ungehorsam und unvertrglich. Statt zu sparen und auf die
Zukunft zu denken, schwelgt, prat, spielt und wettet er, und statt dem Herrn
treu und ergeben zu bleiben, verleumdet er ihn und sinnt nur darauf, wie er sich
in seinem Sinne noch verbessern kann. Nie, lieber Volbrecht, wird die Arbeit
schlechter verrichtet, als wenn der Lohn ein verhltnimig hoher, der
Verdienst mithin ein leichter ist! Dies erkennend, schlug ich einen andern Weg
ein und gedenke diesen, mit Gottes Hilfe, auch fernerhin beizubehalten. Ein
gewisser Grad von Drftigkeit ist ein wahres Glck fr den Arbeiter, wie fr die
Arbeit! Jener wird williger, fleiiger und gengsamer, diese besser und mithin
vom Kufer begehrter! Wenn der Arbeiter sich abhngig fhlt, begrndet er von
selbst sei Glck! Es ist also nicht Hrte, nicht Grausamkeit und Eigennutz von
mir, wenn ich die hufigen Klagen meiner Arbeiter nicht beachtete, vielmehr
stellte ich mich hart und unerbittlich zu ihrem eignen Besten. Was ich ihnen an
Ueberflu abgehen lie, behielt ich fr sie und ihre Kinder zurck, damit ihnen
im Fall der Noth, bei wirklich eintretendem Mangel und ausbrechender Theuerung
ein Kapital gesichert bleiben mge. Freilich mute das heimlich und ohne ihr
Mitwissen geschehen, weil sie mich sonst auf der Stelle ermordet oder doch
geplndert haben wrden; aber mein Testament wird dereinst Zeugni ablegen von
meiner Rechtlichkeit und vterlichen Frsorge fr Diejenigen, die ihr Leben
meinem Dienst geweiht haben. Ihre Kinder werden mein Grab noch mit Thrnen
benetzen und die unverdienten Flche und Verwnschungen damit auszulschen
suchen, die ihre kurzsichtigen Aeltern auf meinen Namen gehuft haben in blindem
Wthen!
    Adrian verstand es vortrefflich, eine Rhrung zu heucheln, von der sein Herz
nichts wute. Dennoch ward Vollbrecht von diesem scheinbar ehrlichen und offenen
Bekenntnisse doch berrascht. Genau mit den Neigungen der Fabrikarbeiter
vertraut, mute er Adrian in vielen Behauptungen Recht geben; tausend Beispiele
besttigten den Hang dieser Leute leicht und schnell Erworbenes eben so schnell
wieder zu verwsten! Ihre Neigung zu sinnlich verschwenderischem Leben, zu
hochmthiger und prunkvoller Tracht lie sich nicht verleugnen, und da sie die
Herren gern tyrannisirten, wenn sie die Macht dazu besaen, war einer der
hlichsten Zge in ihrem Charakter. Eine gewisse Beschrnkung konnte daher
wirklich nthig und zu ihrer sittlichen Veredlung dienlich sein, nur durfte eine
solche nicht die uersten Grenzen des Erlaubten berschreiten und den freien
Menschen zu einem nach Brod winselnden Hunde herabwrdigen! So weit aber hatte
Adrian urkundlich sein sogenanntes Wohlwollen und seine vterliche Frsorge
getrieben. Vollbrecht selbst glaubte brigens nicht an die Versicherungen des
Grafen, er hielt sie nur fr eine neue, zu vlligem Verderben der Wehrlosen
lockend ausgeworfene Schlinge.
    Wenn dies wirklich Ihre hchst ehrenwerthe Absicht ist, Herr am Stein,
versetzte der Buchhalter, so wrden Sie sich mit einemmale die Herzen aller
Ihrer Arbeiter gewinnen durch ein Weihnachtsgeschenk, das Sie ihnen verabreichen
lieen. Sie drfen nicht besorgen, da ein solches Ihre Untergebenen bermthig
machen wrde! Dazu besitzen sie sammt und sonders zu wenig; wohl aber wrde es
viele Thrnen trocknen, viele Gemther beruhigen und einer Bevlkerung von
einigen Tausenden den Uebergang aus einem alten Jahre in ein neues versen.
    So glauben Sie in Ihrer Menschenfreundlichkeit, lieber Vollbrecht,
entgegnete Adrian, ich aber wei, da der Eindruck einer solchen Handlung
gerade jetzt ganz andere Folgen haben wrde! Das Sprchwort vom Lwen, der, wenn
er Blut geleckt hat, lstern wird nach dem Fleische, wrde sich in erschreckende
Wahrheit verwandeln! Ein solches Geschenk sagte diesen unersttlichen, mir
feindlich gesinnten Menschen, da meine Behauptung von geringer Einnahme nicht
streng wahr gewesen sei, sie wrden gierig mehr verlangen, und im
Weigerungsfalle voll Wuth und Raserei mein Besitzthum berfallen. Damit dies
unterbleibe, ich selbst aber die Feiertage ruhig verleben und mich etwas erholen
kann, mgen sie noch bis Neujahr schmale Kost genieen. Sie sind daran gewhnt
und werden also nicht sehr davon belstigt werden, am wenigsten aber verhungern.
Meinen Sie dies nicht auch, Herr Vollbrecht?
    Ihre Maregeln zu beurtheilen, gndiger Herr, erlaube ich mir nicht, da ich
Sie in Ihren Entschlieungen so fest und unwandelbar finde.
    Das heit mit andern Worten: Sie mibilligen mein Verfahren.
    Ich billige es nicht, Herr am Stein!
    Aus Philanthropismus?
    Auch aus Klugheit.
    Frchten Sie neue Ausbrche der Unzufriedenheit?
    Das nicht, Herr am Stein. Es gibt keine Unzufriedenen mehr, es gibt blos
noch Verzweifelnde und diese verlangen keine Unterredungen.
    Sondern? Sie verheimlichen mir noch einen Gedanken!
    Wenn ich es thue, so geschieht es aus Schonung und Rcksicht fr Ihren
Gesundheitszustand, Herr am Stein.
    Dennoch bitte ich Sie, ehrlich mit mir zu verfahren, wie ich es mit Ihnen
gethan habe! Was frchten Sie?
    Den Wahnsinn Martells!
    Wahnsinn? wiederholte Adrian und sein Auge loderte heftiger auf. Martell
ist wahnsinnig? Wahnsinnig ber den Tod seines Kindes?
    Man besorgt allgemein, da seine Vernunft dem namenlosen Seelenschmerz und
der grenzenlosen Noth, die in seiner Familie herrscht, ehestens unterliegen
wird. Die Folgen eines solchen Unglcks wage ich nicht voraus zu bestimmen.
    Hat Martell die Arbeit eingestellt?
    Immer bis auf den heutigen Tag war er der Erste an der Maschine und der
Letzte, welcher den Saal verlie. Er arbeitete stets unverdrossen, aber mit
einem Blick, mit einem Lcheln, die das Entsetzliche, das in ihm vorgeht, oder
sich vorbereitet, verrathen. Man sagt, er betube seinen Gram durch Branntwein!
    Ich begreife nicht, was mich an diesem wilden Menschen anzieht, sagte
Adrian nach kurzem Schweigen,was mich wnschen lt, da er in eine bessere
Lage versetzt werden mge, ohne da ich selbst die Hand dazu reichen darf. Ein
unerklrliches Etwas, eine dunkle Warnungsstimme hlt mich ab, da ich es nicht
thue! Aber verderben, ganz elend, wohl gar wahnsinnig werden aus Mangel an dem
Allernothwendigsten mag ich ihn doch nicht sehen! Geben Sie daher Befehl, lieber
Herr Vollbrecht, da morgen frh der rckstndige Lohn nebst dem auf die erste
Arbeitswoche im neuen Jahr fallenden Martell ins Haus geschickt werde! Sie
werden mir morgen Bericht erstatten, wie der Spinner diese Aufmerksamkeit
aufgenommen hat und wie sein geistiges Befinden ist. Gesunde Feiertage!
    Vollbrecht verabschiedete sich. Also doch noch eine Regung von
Menschlichkeit? sagte er im Fortgehen. Oder wre es das unerklrliche,
geheimnivolle Band des Blutes, das den herzlosen Egoisten zu einem Schritte des
Mitleids zwingt, den er aus freiem Willen niemals gethan htte? - Wahrlich, mich
verlangt zu wissen, mit welchem Blicke Martell das Geld empfangen wird! - 
    Adrian ffnete jetzt die erhaltenen Briefe. Sie enthielten hflich gefate,
glatte und se Glckwnsche zum Fest und nahenden Jahreswechsel, und waren
auerdem noch von sehr reichen und kostbaren Geschenken begleitet, die Adalbert
nebst Gattin dem lieben, kranken Bruder zum Andenken berschickten. Der Kranke
freute sich wirklich einen Augenblick darber, lie in einem Anfall kindischer
Laune die Geschenke vor sich auf dem Tische ausbreiten, an Ermangelung eines
Tannenbaums die goldnen Kronleuchter anznden und weidete sich an dieser stillen
kalten Christbescheerung in dem reich meublirten, von wrzigem Duft und
behaglicher Wrme erfllten Zimmer.
    Um dieselbe Zeit ruhten Martells Tchter, ihre Ble kaum mit Lumpen
bedeckt, Brust an Brust auf dem kalten Lager. Der Frost schttelte sie, da der
Schlummer ihre verweinten brennenden Augenlider nicht schlo. Pfeifend fuhr der
Wind durch die zerknickten Scheiben und trieb den Staub auf von dem rohen
Estrich der unwirthlichen Kammer. Lore weinte die bittersten Thrnen ber ihr
grenzenloses Elend, Traugott suchte, wie immer, Trost und Erhebung im Gebet.
Ueber ihn breitete zuerst der Engel des Schlafes seine schirmenden Fittiche.
    Gegen Mitternacht schwankte der halbtrunkene Martell am Arme des
Maulwurffngers in seine Wohnung und bettete sich fr diese verhngnivolle
Nacht auf der Bank hinter dem Ofen. Heinrich rckte die Pelzmtze in die Stirn,
verschlang die Arme ber die Brust und schlief fest und tief bis an den Morgen.
    Nach Tische lie Vollbrecht dem Herrn Adrian am Stein durch seinen
Kammerdiener sagen, da Martell jede Gabe des Grafen, die nicht zugleich auch
seinen Mitarbeitern zu Theil werde, mit Stolz und Verachtung zurckweise!
    Adrian zuckte die Achseln, strich das Geld wieder ein und sagte verchtlich:
So mag er verhungern, der Trotzkopf, oder wahnsinnig werden! Mir alleins, wenn
er nur zu Grunde geht!
    Dabei flog der Glanz eines leuchtenden Gedankens ber sein krankhaft
bleiches Gesicht. Er griff nach Papier und Feder, bltterte in seinem
Taschenbuche, um sich einige Notizen darin aufzusuchen, und schrieb dann eiligst
einen Brief nach Hamburg, den er seinem Kammerdiener zu schneller Besorgung
bergab.

                                Drittes Kapitel.



                                  Rckblicke.

Lange Jahre hatte der Zeiselhof keine so heitern Tage gesehen, als das
diesmalige Weihnachtsfest. Ein anderer, ein guter Geist, war mit Aurel und
seinen Begleitern eingezogen und hatte bald wieder Leben und Frische in die bis
dahin verdeten Gemcher gebracht. Der Kapitn, fest entschlossen, das Vaterland
vor Ausgang des Prozesses nicht mehr zu verlassen, nahm sich der innern
Verwaltung des bedeutenden Rittersitzes mit Eifer an, und obwohl er von
Oeconomie wenig verstand, wute er sich doch mit Hilfe des gegenwrtigen
Verwalters schnell so weit zu orientiren, da er Anordnungen treffen und in
streitigen Punkten ein entscheidendes Wort sprechen konnte, ohne sich eine Ble
zu geben.
    Gilbert mute dem rstigen Kapitn auch hier stets zur Hand sein und sich
auerdem bald als munterer Erzhler, bald als schnellfiger Bote, bald als
schlauer Unterhndler gebrauchen lassen, eine Verwendung, die dem lebensfrischen
Jnglinge ihrer Mannigfaltigkeit wegen ganz wohl gefiel.
    Herta lebte ebenfalls mehr und mehr wieder auf. Ihr durch die unwrdigsten
Verhltnisse und beklagenswerthesten Schicksale so lange niedergedrckter Geist
erwachte zu alter schner Lebendigkeit in den Umgebungen, die ihren frhesten
Gewohnheiten entsprachen. Sie hatte zwar nie den Zeiselhof in den Tagen ihres
trumerisch-schnen Jugendglcks betreten, aber diese hohen Zimmer mit den
veralteten Tapeten waren ihr lieb als Zeugen der Versuchungen, welchen
Haiderschen hier so trotziglich widerstanden hatte. Das Andenken dieser
unglcklichen, dieser unvergelichen Freundin und Lebensgefhrtin ehrend,
erwhlte sie das schmale Balconzimmer, das mit dem ehemaligen Wohnzimmer des
Grafen Magnus durch die verborgene Falzthre in unmittelbarer Verbindung stand,
zu ihrem Boudoir.
    Spter erschien auch Sloboda mit seinem Enkel auf dem Rittersitze und
verkehrte tagelang mit dem redlichen Aurel, der das entsetzliche Unrecht seiner
ganzen Familie durch seinen grosinnigen Edelmuth allein vergessen zu machen
gesonnen schien. Auf sein Bitten lie Sloboda seinen Enkel ganz auf dem
Zeiselhofe, und der Kapitn behandelte den jungen Menschen sofort mit einer Art
humoristischen Respectes als rechtmigen Besitzer desselben, obschon der
Entscheid dieser Frage noch in weiter Ferne lag.
    Zu den Feiertagen hatte Aurel die beiden Alten um einen Besuch auf lngere
Zeit gebeten. Sloboda und der Maulwurffnger trafen mehrere Tage vor dem Feste
ein. Dadurch ward die Sendung des immer rstigen Heinrich nach Boberstein
mglich, die der alte Mann selbst bernehmen mute, wenn sie glcklichen Erfolg
haben sollte. Schon am Abend des Christtages kam der schlaue Greis mit sehr
zufriedener Miene wieder zurck und meldete den erwartungsvoll Harrenden, da
Martell vorlufig gerettet und seiner Familie nothdrftig geholfen sei.
    Man hatte bisher nicht hinlngliche Ruhe und geistige Sammlung gehabt, um
von Herta die Erzhlung ihrer Schicksale erbitten zu knnen. So nthig Aurel und
der Maulwurffnger ein solches Aufschlieen der Vergangenheit auch hielten,
immer gab es noch Dringenderes zu beschicken und zu ordnen. Erst zum
Weihnachtsfeste trat ein erwnschter Ruhepunkt ein, und diesen bestimmte der
Kapitn im Voraus zu einer Besprechung der Angelegenheiten seiner Tante, die ihm
fr den dereinstigen Ausgang des Prozesses sehr wichtig erschienen. Aus diesem
Grunde wnschte er auch des Wenden und Heinrichs Anwesenheit.
    Am Abende des zweiten Feiertages hatte sich dieser Zirkel so fremdartiger,
verschiedenaltriger und doch so eng und nah verwandter Personen - die
Reprsentanten dreier Generationen - in Hertas Zimmer am Theetische versammelt.
Man zog es vor, die Diener gnzlich zu entfernen, um vllig ungestrt sich der
Vergangenheit und ihren Eindrcken berlassen zu knnen. Aurel schlug sogar vor,
grerer Sicherheit wegen die Unterhaltung franzsisch oder englisch zu fhren,
man mute inde aus Rcksicht fr Sloboda und Pink-Heinrich darauf verzichten.
Letzterer konnte nicht umhin bei diesem echt aristokratischen Vorschlage eine
seiner trocknen Bemerkungen zu machen, die hinter drolliger und neckisch
klingender Einkleidung immer einen sehr ernsten Sinn versteckten.
    Schade, mein Herr Seemann, sagte er, da ich dummer Dorfteufel in meinem
langen mssiggngerischen Leben mein Tage nicht den gescheiten Einfall gehabt
habe, das Parlez-vous zu traktiren! An Gelegenheit war kein Mangel dazumal, als
der Bonaparte die Welt mit Schwert und Kanonen regierte; 's wurde mir salt1
sogar von einem grobesternten Offizier, den ich als Ordonnanz ins Oberland
begleiten mute, angeboten, mir unentgeltlich in dem welterobernden Kauderwelsch
Unterricht geben zu lassen, ich Narr bedankte mich aber gar schn bei selbigem
Groen. Denn, mein Herr Seemann, ich schmte mich just in meine altdeutsche
Seele hinein, da ich die Sprache eines Volkes lernen sollte, deren
vermaledeites Lallen die Tugend unsrer Weiber untergrub! Ich kriegte, so zu
sagen, mit Verlaub den Bittern auf die Parlez-vous und ihr Gensele, und so bin
ich denn ein altdeutscher ehrlicher Dumrjan geblieben. Beliebt es demnach den
ehrenwerthen Versammelten, so bitte ich und mein alter Freund um deutschen
Discours. Es gilt ja dem unterdrckten Volke, und da mein' ich, ist es recht und
billig, da der Hochgeborene lieber ein paar Staffeln herabsteigt, als dem armen
Volke die Zumuthung macht, sich mhsam mit seinem schweren Geschht zu ihm
herauf zu haspeln.
    Aurel nahm diese etwas derbe, aber mit listigem Augenblinzeln gehaltene
Entschuldigungsrede seiner Unkenntni mit Heiterkeit auf, scherzte selbst ber
sein undeutsches Ansinnen und wute die Unterhaltung unmerklich so zu leiten,
da sich ein Gesprch ber die Vergangenheit ungezwungen daran knpfen lie. Man
war heiter, traulich und fhlte sich bei dem brausenden Schneesturme, der ber
die Haide herantobte und Wolken staubfeinen Eises gegen die Fenster jagte,
heimlich in der friedlichen Umgebung. Mit komischem Behagen und etwas tppischer
Unbeholfenheit genossen Paul, Sloboda und unser Maulwurffnger das aromatische
Getrnk, das Herta noch mit der ganzen Zierlichkeit und Anmuth ihrer Jugendjahre
bereitete. Emma, die natrlich in diesem Kreise auch nicht fehlen durfte, versah
das Amt einer Dienerin.
    Ich erinnere mich einer Nacht, wo es eben so strmte, sagte der
Maulwurffnger, indem er mit den Lippen schnalzte und die geleerte Tasse der
theebereitenden Herta ungenirt zuschob. Das war dazumal, als ich die
Bekanntschaft des Frsten der Haide machte, eines in seiner Art braven Mannes,
weshalb ich aufrichtig bedaure, da ich nicht wei, was aus ihm geworden ist.
    Ist es mir doch, als htte ich kurz vor dem Tode meines Oheims zuweilen
ebenfalls von diesem Manne sprechen hren, bemerkte Herta. Er mute ein Mann
von Gewicht sein.
    Wie man's nimmt, meine gndige Grfin, versetzte der Maulwurffnger, die
neugefllte Tasse dankend aus Herta's schmaler Hand empfangend. Als ich jung
war, frchtete, hate und liebte man ihn, je nachdem Einer oder der Andere ein
gutes oder bses Gewissen sich zur Nachtruhe unter den Kopf schieben konnte,
denn der Johannes der Haide, wie er mit seinem richtigen Tauf- und Familiennamen
hie, war seiner Zeit ein ganz scharfer Richter, bei dem zwei mal zwei vier, und
krumm immer krumm blieb und wenn ihm einer versprochen htte, das Oel aus den
Lampen aller klugen Jungfrauen fr seine Nachtleuchte ihm zu verschaffen!
    Sonderbar! fiel Herta ein. Obwohl ich immer ein dsteres Vorgefhl und
eine Scheu vor den Thaten meines Vaters gehabt habe, mit Bestimmtheit konnte ich
doch nie erfahren, ob er und der berhmte oder berchtigte Frst der Haide ein
und dieselbe Person seien! Denn Ihr wit, braver Alter, da sich Johannes nach
der Zerstrung des Schlosses Boberstein in die abgeschlossenste Einsamkeit
zurckzog. Die Streifzge des Frsten der Haide wurden aber noch geraume Zeit
fortgesetzt - wie ich nunmehr vermuthe, von den Tapfersten seiner Gefhrten. Und
so erfahre ich mithin erst jetzt, da Johannes, mein Retter und Rcher, wirklich
jenen fr alle vornehmen Verbrecher schreckenvollen Namen fhrte.
    Es ist so, wie ich sage, meine gndigste Grfin, betheuerte Pink-Heinrich.
Derselbige Johannes, der in seinen guten Tagen ein Hauptschtze war und ein
wahrer Mordhahn im Fechten und Reiten, und dem just wegen so vortrefflicher
Eigenschaften der gndigen Grfin in Gott ruhende liebe Mutter zu tief in Aug'
und Herz geblickt hatte, derselbige Johannes legte sich spter nach dem Unglck
und Verdru mit dem seligen Herrn Oheim auf das freie Kriegshandwerk. Nach Ihrer
gndigen Aeuerung hat er also ferner nicht mehr mit dem Stegreif gut' Freund
sein mgen?
    Auf einen Wink Herta's trug Emma die Theemaschine nebst Tassen fort und
Herta schickte sich an, in zusammenhngender Erzhlung eine Skizze ihres Lebens
seit ihrer gezwungenen Flucht von Boberstein den Freunden zu entwerfen.
    Ich beginne von dem Augenblicke an, wo wir von einander schieden, sprach
Herta, indem sie ihre abgemagerte Hand dem neben ihr sitzenden Maulwurffnger
reichte, als wolle sie ihm nach so langen Jahren nochmals fr den ihr
geleisteten Beistand und fr die vielen Dienste und Geflligkeiten, die er ihrer
Freundin erwiesen hatte, Dank sagen. Umgeben von den vielen Bewaffneten in
Jgerkleidung, immer begleitet von dem hufig erstickenden Brandgeruch der Haide
und berwlbt von einem trbroth flammenden Himmel, rollten wir in schlechter,
schtternder Kalesche auf bald holprigen, bald tief in weichem Sande sich
verlierenden Wegen dem verstecktesten Dickicht der Haide zu. Mein Vater rastete
nur bei zerstreut liegenden Khlerhtten, deren Bewohner staunend neben ihren
knisternden und qualmenden Meilern standen und dem gespenstischen Zuge der
finstern Rauchwolke nachsahen, die uns wie der mahnende Geist einer
entsetzlichen That verfolgte. Ueberall bei diesen schlichten, ungebildeten,
rohen, aber ehrlichen Leuten fand mein Vater zuvorkommende Aufnahme, sogar eine
gewisse Ehrfurcht ward ihm erwiesen, und als er einmal auf eine an ihn
gerichtete Frage mich gar seine Tochter nannte, trugen die guten Menschen das
Allerbeste auf, was Kche und Keller bargen, und riefen uns tausend
Segenswnsche bei unserm Aufbruche nach. Wehe mir, mchte ich noch jetzt sagen,
da sie sich nicht erfllten, mte ich nicht glauben, da Gott mich zum
Werkzeug seiner hheren Zwecke bestimmt und deshalb durch so grausame und lange
Luterungen fhrend, tchtig dazu hat machen wollen!
    Nach dreitgigem allerdings meist langsamem Vordringen in dem unermelichen
Waldesdickicht - des Nachts rasteten wir entweder bei Khlern oder auf einer
sogenannten Streu, wo sich dann immer einige krftige Mnner in grnen
Jagdrcken und mit guten Bchsen bewaffnet einfanden - erreichten wir drei
Huser, die einsam auf einer unbedeutenden Waldble lagen und an der freien
Seite noch durch einen tiefen schwarzen Sumpf gegen unwillkommene Gste
geschtzt waren. Nur vom Walde her konnte man diese gerumigen, einstckigen
Bauernhuser auf kaum sichtbaren Fuwegen betreten. Hier blieben wir, da mein
Vater Geschfte zu haben vorgab. Mir war Alles recht, wenn ich nur sicher sein
konnte, das Angesicht dessen, den ich hate, nicht mehr sehen zu drfen. Die
Bewohner der drei Huser waren wendische Haidebauern, gutmthig, lustig und
beraus gefllig, wenigstens gegen mich. Was ich wnschte, ward mir gebracht,
jeder meiner unbedeutendsten Winke war ihnen Befehl. Ich ward bedient, wie nie,
besser selbst, als es Emmas Gewandheit und Haiderschens Anmuth je gelungen war.
Man verwhnte mich und nannte mich unverhohlen die Prinzessin der Haide, einen
Titel, den ich herzlich belachte, den ich mir aber auch als hchst unschuldig
gutmthig gefallen lie.
    Bis zu diesem von allem Verkehr und jeder befahrenen Strae fern gelegenen
Versteck hatten wohl gegen dreiig jener grn gekleideten Mnner uns
unverdrossen begleitet. Hier verabschiedeten sie sich bis auf drei, von denen
mir einer seiner furchtbaren Hlichkeit und seiner boshaften, scheulich
rollenden Augen wegen immer unvergelich bleiben wird. Diese drei noch sehr
jungen Mnner weigerten sich, den Uebrigen sich anzuschlieen, bestanden
vielmehr darauf, bei dem Vater zu bleiben und hefteten sich buchstblich an
seine Person. Johannes wollte dies nicht dulden, weil aber all' sein Zureden
nichts half, ging er am Tage nach unsrer Ankunft in diesem verborgenen Haideorte
mit ihnen in eines der Nachbarhuser und blieb mehrere Stunden mit ihnen im
vertrauten Gesprch beisammen.
    Gegen Abend kamen Alle in groer Verstimmung wieder zurck, namentlich lie
jener mir Furcht und Entsetzen einflende Hliche mit dem Wolfsgebi
fortwhrend frchterliche, unverstndliche Drohungen hren, auf die jedoch mein
Vater nicht achtete. Die beiden Andern blieben mit dstern Blicken und
gerunzelten Stirnen still neben einander sitzen.
    Liebe Tante, unterbrach hier Aurel die Erzhlende, knnen Sie sich nicht
auf den Namen des erwhnten Hlichen besinnen?
    Keiner der Mnner nannte ihn bei'm Namen, erwiederte Herta, abwechselnd
hrte ich ihn nur bald Lugauge, bald Wolfszahn rufen.
    Kein Zweifel, er ist es! sagte Aurel und verdoppelte wo mglich noch seine
Aufmerksamkeit.
    Wer? fragte Herta. Den Schrecklichen, in dessen Hand mein unglckliches
Leben gerieth, knnen Sie nie erblickt haben!
    Davon spter, gndige Tante. Bitte fahren Sie fort, wenn es Ihnen genehm
ist.
    Lugauge oder Wolfszahn, wie ich ihn nennen will, warf meinem Vater
Treulosigkeit, Wortbruch und Egoismus vor und lie nicht undeutlich merken, da
ich ihm verhat sei. Die kalte Ruhe Johannes erbitterte ihn immer mehr und
verleitete ihn zuletzt Hand an ihn zu legen, indem er wthend an seine geladene
Bchse schlug. Verchtlich stie Johannes den Rasenden von sich, rief ihm barsch
zu, da er sein Theil erhalten habe und ihn fortan ungestrt lassen solle! Er
sei Herr seines Willens und knne thun, was er wolle, nur auf seinen (Johannes)
Wegen solle er sich nicht mehr blicken lassen!
    Schon gut, versetzte Wolfszahn nach dieser eben so kurzen als heftigen
Scene, die ich, an Emmas Brust geschmiegt, zitternd und zagend mit angehrt
hatte, es wird schon Tag und Stunde kommen, Herr Johannes, wo wir zusammen
Abrechnung halten knnen. Hoffentlich sind wir dann ohne Zeugen und mithin
ungestrt und weigert sich der gewissenhafte Herr dann abermals, mir gerecht zu
werden, so kenne ich ein untrgliches Mittel, mir auf eigne Faust Gerechtigkeit
zu verschaffen!
    Johannes lchelte blos zu dieser Drohung, Lugauge winkte den beiden
Schweigsamen und verlie mit ihnen das Bauerhaus. Im Fortgehen schleuderte er
mir noch unter grinsendem Lachen einen boshaften Blick zu, der mich lange im
Traume noch erschreckte und mir ein namenloses Entsetzen einflte.
    Als diese drei Mnner endlich im finstern Fhrenwalde verschwanden,
athmete mein Vater erst frei auf. Gott Lob und Dank, rief er mich zrtlich
umarmend aus, jetzt erst bist Du vollkommen mein, theures, heigeliebtes Kind;
von nun an kann ich wieder ganz Dein sorgender treuer Vater sein! Keine Gewalt
auf Erden soll uns wieder scheiden, als der Tod!
    In diesem Augenblick klirrte neben uns eine Scheibe, da die Stcken zur
Erde fielen und pfeifend schlug eine Bchsenkugel in den geschwrzten Tragbalken
der Decke, da einige braune Splitter umherflogen. Ich schrie entsetzt laut auf
und barg mein Gesicht an der Brust des Vaters. Dieser that, als sei nichts
geschehen. Unvorsichtigkeit eines Jgerburschen, sagte er, der mit
Schiegewehr noch nicht umzugehen wei! - Ich ahnte aber wohl, aus wessen
Bchse diese mahnende Kugel ausgesendet worden war.
    Ohne die traurigen Erinnerungen an grauenvolle hirnverrckende Momente der
Vergangenheit htte ich jetzt ein zufriedenes, ja glckliches Leben fhren
knnen. Die vllige Abgeschiedenheit, die rauschende Waldeinsamkeit, der
Harzduft der Kiefern und Tannen, die zauberischen Sonnenuntergnge, welche die
unabsehbare Waldung in goldenes, funkenflimmerndes Aetherlicht tauchten - das
Brausen der nchtlichen Strme, in denen die Geisterstimme der Haide erklang -
dies Alles entsprach meinen Neigungen und sympathisirte mit meiner
traurig-feierlichen Stimmung. Auch Altgewohntes fehlte nicht ganz, da ich auer
dem kleinen Eichhrnchen, das mich immer mit seinen zierlichen Sprngen
erheiterte, auch einige meiner geliebten Bcher aus dem brennenden Schlosse
gerettet hatte.
    Von den Folgen dieses Brandes hrten wir nichts. Wir waren weit genug von
dem Schauplatz des furchtbaren Ereignisses entfernt, um in grter Ruhe auch die
auerordentlichsten Ereignisse abwarten zu knnen. Zeitungen und fliegende
Bltter verirrten sich nicht zu uns, nur von ab- und zugehenden Khlern oder
Kienruhndlern drang bisweilen eine Neuigkeit aus der bewegten Welt des
bewohnten Landes in unsre Einsamkeit.
    Johannes trieb mit einer gewissen Leidenschaft Vieh- und Bienenzucht. Er
hatte, wie er mir spter sagte, das von uns bewohnte und bequem mit stdtischem
Luxus eingerichtete Haidehaus kuflich an sich gebracht und lebte von dem nicht
unbedeutenden Ertrage desselben. Ein ansehnlicher Strich Wald mit guter
Torfgrberei gehrte dazu und gab ausreichenden Gewinn.
    Sehr lebhaft interessirte mich die Bienenzucht, an der ich schon frher,
durch die Bekanntschaft mit Gregor, dem drolligen Schulmeister, Gefallen
gefunden hatte. Ich frchtete mich zwar noch immer vor den schwrmenden kleinen
Thieren, lie mich aber doch von Johannes berreden, ihn einigemale in den Wald
zu begleiten und der Pflege der wilden Bienen zuzusehen. Diese bauen in schlanke
Baumstmme ihre durchsichtigen zarten Zellen und gewhren einen sonderbaren
Anblick. Oft siedelten mehrere Schwrme in ein und demselben Stamme
stockwerkartig ber einander, oder es standen in weitem Halbkreise eine Menge
hoher Fhren beisammen, die von Millionen Bienen bewohnt waren. In solche Hecken
wilder Bienen einzudringen war nicht immer gefahrlos. Der Bienenvater, der
Zeidler, wie man ihn hier nennt, mute vertraut sein mit den Gewohnheiten dieser
fleiigen und an sich harmlosen Thiere und die Zeit abpassen, wo die Sonne zu
Rste ging, oder ihre Strahlen doch nicht gerade den wimmelnden Zellenbau
trafen. Denn im vollen Schein dieses Gestirns flogen die summenden Thiere
sammelnd zu Tausenden ab und zu, und wer dann ihre Wege kreuzte, der konnte den
empfindlichsten Stichen trotz aller Vorsicht nicht entgehen.
    Mein Vater besa auf seinem Heideantheil ber hundert Beuten wilder Bienen,
die er mit groer Aufmerksamkeit pflegte und beim Schwrmen durch Anlegung neuer
Beuten zu mehren suchte. Der Ertrag an Honig war bedeutend und um so
gewinnreicher, als er ser und von Geschmack aromatischer vom Kenner gefunden
wurde, als der der zahmen Bienen. Ich erwhne dieser Bienenzucht so ausfhrlich,
weil das Schicksal meines Vaters durch sie eine tragische Wendung erlitt.
    Zwischen Lectre, Handarbeit und Erholung meine Zeit eintheilend, kam der
Sptherbst heran und nthigte mich, im Hause zu bleiben. Johannes ging fleiig
auf die Jagd, meistentheils allein, nur zuweilen von einem stmmigen Burschen
begleitet, der sich in Emmas rosiges Gesicht verliebt hatte und halbe Tage lang,
die Pelzmtze in der Hand, neben dem Wandheerde stehen und stumm und stier die
Flamme anglotzen konnte. Mit ihr gesprochen hat der Bursche meines Wissens
niemals. Oder doch, Emma?
    Die gefragte, jetzt mit Runzeln bedeckte treue Dienerin besttigte die
Wahrheit des Gesagten durch ein freundliches Lcheln. Herta fuhr fort:
    Ungeachtet des Abscheues, den ich bei der bloen Erinnerung an meinen
Vetter Magnus empfand, drngte es mich doch, Johannes zu fragen: ob er nichts
mehr von ihm und den Seinen gehrt habe? Johannes behauptete ohne Nachricht zu
sein, doch hatte ich Grund, die Wahrheit dieser Behauptung zu bezweifeln. Mein
Vater schrieb und empfing Briefe, an wen und von wem? konnte ich nicht erfahren.
Sie muten aber nicht immer erfreulichen Inhaltes sein, denn oft ward Johannes
so davon verstimmt oder gar erschttert, da er seine Bewegung mit aller Kraft
des Willens nicht verbergen konnte und hufig noch des Nachts seufzend in seiner
Kammer auf- und niederging. Ich vermuthe, da Wolfszahn sich mit Magnus in
Verbindung gesetzt und ihm Johannes in einem Licht dargestellt hatte, das ihm
gefhrlich werden, vielleicht gar seine persnliche Sicherheit gefhrden
konnte.
    Es blieb inde bei diesen momentanen Aufregungen. Johannes ging nach
solchen beunruhigenden Briefen, wie ich bemerkte, jedesmal am nchsten Tage sehr
frhzeitig aus, mochte das Wetter gut oder schlecht sein. Selten kehrte er vor
Abend zurck, dann aber erheitert, wo mglich mit vermehrter Zrtlichkeit und
Vaterliebe gegen mich. Einmal hrte ich, da er tief in der Nacht vor einem
solchen frhen Morgenspaziergange Geld zhlte und es dann in einen Beutel
schttete, wobei ich deutlich die Worte vernahm: Endlich wird sein Gelddurst
doch wohl gestillt sein! Es ist das Letzte, was ich Herta hinterlassen wollte!
- Ich dankte Gott, da ich den Vater fr beruhigt halten durfte, dachte nicht
an mich und meine unsichere Zukunft und entschlief mit einem Seufzer des
aufrichtigsten, innigsten Dankes zu Gott.
    Tief im Winter ward ich Mutter, Mutter eines muntern braunen Knaben, dessen
kindliche Gesichtszge mich schaudernd an seinen entsetzlichen Vater erinnerten.
Nichts desto weniger liebte ich das Kind zrtlich, weidete mich an seinem
Lcheln und kte ihm die trotzigen kleinen Lippen mit namenloser Wonne. Ich
gelobte an der Wiege des schlummernden Knaben durch seine Erziehung die
Vergehungen des herzlosen Vaters zu shnen. Nach meinem Vater nannte ich ihn
Johannes.
    Der Knabe gedieh sichtlich, entwickelte ungewhnlich zeitig gelenke
Krperkraft und geistige Schrfe, lernte sehr bald sprechen und war mit zwei
Jahren ein prchtiger Junge. Mein Vater nannte ihn scherzweise den Haideknig
und war nahe daran, ihm zu Liebe dem grausamen Magnus zu verzeihen.
    In dieser Zeit trug sich nichts Bemerkenswerthes zu. Unser Waldleben war
einsam, eintnig, wie das eines Einsiedlers, und wrde mir lstig geworden sein,
htten wir uns nicht auf mancherlei Weise ntzlich und angenehm zu beschftigen
gewut. Ueberdies unterhielt mich die eigenthmliche Poesie der Haide, auf deren
Stimme zu lauschen ich nie mde ward. Kein Tag, ja keine Stunde verging, wo ich
nicht ein neues Phnomen entdecken und bewundern konnte. Ich ward ein Kind der
Natur und lebte mich so tief und innig ein in ihre wunderbaren Geheimnisse, da
mir Alles andere schaal dagegen erschien. Im nickenden Grase, im Spiel der Kfer
und Insecten auf krauslockigen Moosen, in den phantastischen Schlachten der
Wasserspinnen und Fliegen auf braunrothen Wassertmpeln in Moor und Sumpf;
berall entdeckte ich ein Atom gttlichen Daseins ein heiliges Fortathmen der
schaffenden und welterhaltenden Allmacht. Und Abends in herbstlicher Khle,
welch' bezauberndes Schauspiel gewhrte dann die ruhende Haide! Oft blau und
klar wie eine kristallene Kuppel stieg das Himmelsgewlbe ber der Waldung
empor. Anfangs blieb Alles still und de, bis der Goldrauch der Sonne am Rande
der Kuppel verdampfte und dunklere Tinten, wie Nachtgedanken des Weltgeistes, an
ihren glnzenden Ribben heraufliefen. Nun bewegten sich in regellosem Spiele die
heimkehrenden Waldvgel, bald zitternd schwebend, bald in welligem Fluge auf und
abstrzend, bald im jhen Falle niedersinkend in die flsternden Wipfel der
zusammengeneigten Fhren, durch die dunkelnde, von blassem Sternenlicht neu sich
entzndende Kuppel. Spter glitten mit schwirrendem Echoschall breite Geschwader
wandernder Staare ber die Waldung, oder einzelne Strche ruderten schwerfllig
mit lang gestrecktem Halse und klapperndem Schnabel durch die dunkle Luftfluth,
oder ein Habicht kreiste wie ein von unsichtbarer Kraft bewegter Bohrer lange
lange um sich selbst, bis er pltzlich gleich einer schwarzen Flamme niederscho
in den Wald - ein Schmerzensschrei hallte wieder in der Oede und die Stille des
Todes breitete sich abermals ber die schlummernde Waldung! Sie betete zu Nacht
- dann rieselten silberne Lichtwellen ber die nickenden schwarzen
Fhrenhupter, grauweie Schleier sanken auf ihre Schultern und die ewige Lampe
der Welt brannte still und mild im dunkeln Osten.
    Ich fhlte mich glcklich in dieser hehren Abgeschiedenheit; ich verga
mehr und mehr den erlittenen Kummer, das mir zugefgte Unrecht und ich zweifle
nicht, da mich ein fortgesetzter Aufenthalt in dieser waldigen Einde mit der
Zeit gnzlich den Menschen wieder vershnt haben wrde. Aber es scheint, als sei
es Gottes Wille, die Krfte seiner Geschpfe und ihre Geduld bis zum uersten
Grad der Anspannung zu versuchen und in dieser Versuchung gleichsam die Probe
auf sein Schpfungsexempel zu machen. Wer in ihr erliegt, der ist vielleicht
noch nicht wrdig gewesen in wahrem Sinne sein Kind zu heien, es sei denn, da
dem Schwachen die ewige Liebe ihre milde, vershnende Hand reiche! -
    Es war die Zeit, wo die Bienen zu schwrmen beginnen. Mein Knabe stand im
vierten Jahre und konnte kaum den Tag erwarten, wo er den Grovater in den Wald
begleiten sollte, um das unterhaltende Schauspiel mit anzusehen und die
Behandlung dieser ntzlichem Thiere zu erlernen. Johannes hatte ihm eine Beute
zu stellen versprochen, wenn sich ein gesunder, neuer Schwarm auf seinem Revier
anlegte.
    Um einer glcklichen Bienenrndte versichert zu sein, hatte Johannes schon
vorsorglich die leeren Beuten mit sogenannter Bienenschminke bestrichen, eine
aus vielen wohlriechenden Krutern unter mancherlei Heimlichkeiten
zusammengesetzte Salbe. Diese dient den Spurbienen zum Kder, welche gleichsam
als Herolde den Schwrmen vorausfliegen und sich auf den, ihnen am meisten
zusagenden, Beutebumen niederlassen.
    Endlich erschienen die Bienen. Die ganze Haide summte von den schwrmenden
Thieren und lockte berall die Zeidler auf ihre Standorte zu den Beuten. Auch
Johannes, bewaffnet mit seiner Zeidelart, meinen Sohn an der Hand brach zeitig
auf. Der alberne Nachbarsbursche, der sich in Emma's Schelmenaugen vergafft
hatte, wollte als Beistand mitgehen, allein Johannes gestattete dies nicht und
wies den in seinem Vornehmen etwas Hartnckigen barsch zurck. Der Zeidler
duldet nie Uneingeweihte in seinem Revier, am wenigsten zur Zeit des Schwrmens,
da ihre Gegenwart, dem Volksglauben zufolge, den neu eingefaten Schwrmen
Unglck bringen soll.
    So ging mein Vater mit dem kleinen lachenden braunlockigen Johannes, der
mir noch von weitem manches Kuhndchen zuwarf, allein in die Haide. Was bis zum
spten Abend im den Dickicht geschehen sein mag an jenem unheilvollen Tage,
wei nur Gott allein! Wir armen Zurckgebliebenen, die wir sorglos der
Heimkehrenden warteten, wir haben ber das Geschehene nur Vermuthungen
zusammenstellen knnen. Wir ahnten nichts Bses, wir saen arbeitend am
blumengeschmckten Fenster und freuten uns der warmen hellen Luft, des sonnigen
windstillen Tages. Bis in die sinkende Nacht beschlich uns kein ngstlicher
Gedanke, da Johannes in der Haide eben so heimisch war, wie auf seinem Hofe.
Erst als die Schatten erloschen waren und die Nacht ihre grauen Dmmerungen in
trben Nebeln ber die Wlder breitete, begann mein Herz ngstlich zu schlagen,
und unruhig nach Vater und Sohn zu verlangen.
    Noch immer hoffte ich, da die Zgernden unversehrt heimkehren wrden, denn
ich kannte die Gewohnheiten meines Vaters, in Folge deren er oft sogar ganze
Nchte hindurch bei einem Khler bernachtete, oder in warmen Sommernchten
unter freiem Himmel den jungen Tag erwartete. Eine sonderbare Unruhe, die ihn
nie ganz verlie, schien ihn von Zeit zu Zeit in solchen einsamen
Nachtspaziergngen im finstern Walde zu nthigen. Darum lie ich auch diesmal
Mitternacht herankommen, als aber immer noch kein Laut aus der Ferne hrbar
ward, der Nebel immer dichter und feuchter wurde und ich fr die Gesundheit
meines Knaben frchten mute, brachen unaufgefordert die Nachbarn mit Laternen
und Kienfackeln auf, um zuvrderst die Beutestnde mit ihren Umgebungen zu
durchsuchen und sodann bei den nchsten Khlerwohnungen einzusprechen.
    In der zweiten Nachtstunde kamen die Suchenden zurck. Ich hrte von weitem
ihre Stimmen, die Angst der Mutter trieb mich ans Fenster. Der Nebel war dnner,
durchsichtiger geworden und verschwebte um Moorsumpf und hohe Fhrenkronen, die
mittlere Luftschicht frei lassend von jeglichem Dunst. Da sah ich die Mnner mit
ihren Laternen und Kienbrnden ber die Wiese schreiten nach der Waldbeschirmten
Hinterseite des Hauses, ich sah, da zwei von ihnen etwas Unbewegliches auf
Tannenzweigen trugen! - Mein Herz stand still, ich fhlte mich einer Ohnmacht
nahe. Doch raffte ich mich zusammen. Die Angst gab mir Krfte - auf Emma's Arm
gesttzt, eilte ich an die Thr und erwartete bleich, athemlos, einer Bildsule
hnlich, die Ankunft der Mnner.
    Sie traten aus dem finstern Dickicht: das knisternde Licht der Kienfackeln
fiel rthlich und fahl auf eine kunstlose Tragbahre, auf welcher der blutige
Leichnam eines Mannes ausgestreckt lag. Ich erkannte schaudernd meinen Vater! -
Und Johannes, Johannes, mein Sohn! schrie ich, hnderingendn an der Bahre
niederstrzend. - Wir haben keine Spur von ihm gesehen! lautete die dumpfe
einstimmige Antwort der erschtterten Mnner.
    Johannes war unstreitig meuchelmrderisch erschlagen worden. Eine klaffende
Wunde am Hinterkopfe deutete auf feigen, verruchten Ueberfall. Sie schien von
einer Art herzurhren. Mehrere minder tiefe und kaum unmittelbar tdtliche
Wunden im Gesicht und auf der Brust sprachen deutlich fr den festen Entschlu
des Thters, den Unglcklichen tdten zu wollen.
    Eine sptere genauere Besichtigung des Ortes, wo die That wahrscheinlich in
den ersten Nachmittagsstunden geschehen war, fhrte zu mancherlei Vermuthungen,
aber durchaus zu keiner Gewiheit. Man fand den Ermordeten kaum zwanzig Schritte
von seinem Beuteplatze. Weitere zwanzig Schritte jenseits des ihm zugehrenden
Reviers steckte seine eigene Zeidelaxt fest in dem schlanken Stamme einer jungen
Fichte auf der, wie man deutlich bemerken konnte, ein Bienenschwarm sich
niedergelassen hatte. Unstreitig war dieser Schwarm durch Spurbienen verlockt
auf nachbarliches Gebiet gerathen und Johannes hatte ihn nach den bestehenden
Zeidler gesetzen fr seine Beuten einfangen wollen. Es geschah dies mittelst der
Zeidelaxt, indem der Zeidler dieselbe, auf der Grenze seines Reviers stehend,
rcklings unter dem linken Arme nach dem Baume schleudert, den sich der Schwarm
zum Rastorte auserkoren hat. Die Zeidlergesetze erlaubten die Wegnahme des
Schwarms, wenn der werfende Zeidler mit der Axt den Stamm traf, wogegen der
Schwarm im entgegengesetzten Falle verloren ging und der Werfende auch noch in
Strafe verfiel.
    Bei diesem Wurf der Axt auf das Gebiet des Nachbars mochte sich ein Streit
zwischen Johannes und seinem Gegner entsponnen haben. Wer dieser Gegner gewesen,
- denn der Nachbar konnte sich von allem Verdachte aufs gngendste reinigen -
blieb unermittelt und wird wohl nie ans Tageslicht kommen. Noch an dem
getroffenen Stamme hatte ein Faustkampf stattgefunden, wie das zerstampfte Moos
am Boden bewies. Man gewahrte Blutspuren, die sich in das Gebiet des Nachbars
verloren, woraus man schlo, da Johannes seinen Gegner berwunden und mit einem
tchtigen Denkzettel heimgeschickt habe. Dafr sprach noch mehr die fast zur
Gewiheit erhobene Annahme, da Johannes den durch Axtwurf nach Zeidlerrecht
erworbenen Schwarm eingefangen und in die bereitgehaltene Beute gebracht hatte.
Gerade bei Einbeutung des Schwarmes mute ihm die Axt des Mrders den Schdel
gespalten haben, denn der tdtlich Verwundete war mehrere Schritte rckwrts
getaumelt und gegen einen Baumstamm niedergestrzt, wo dann der feige Mrder
Zeit hatte, ihn vollends zu tdten. Die neu ausgehauene Beute stand offen, der
Schwarm war wieder entflohen - an dem starken Blutfleck dicht daneben war der
Standort des Unglcklichen, als die Mordaxt ihn traf, zu erkennen.
    Mein armer Kleiner blieb von Stund' an verschwunden! Kein noch so
anhaltendes Rufen und aufmerksames Durchsuchen der Haide mit allen ihren Bchen,
Teichen und Morsten zeigte die geringste Spur des Verlorenen. Niemand vermochte
zu ermitteln, ob der arme schuldlose Knabe sich in der Haide verlaufen, oder ob
der Mrder seines Grovaters ihn ebenfalls getdtet und in irgend einen
versteckten Winkel des Waldes verscharrt hatte. Einzelne Stimmen behaupteten,
der Knabe sei entfhrt worden, doch konnten sie fr solche Annahme keine
triftigen Grnde anfhren.
    Was ich in diesen Schreckenstagen litt darber lassen Sie mich schweigen,
fuhr Herta mit thrnenden Augen fort. Ich hatte Alles verloren, was mich noch
an die Erde kettete! Ich stand jetzt einsam, verlassen, eine trostlose Waise
unter fremden Menschen. Oft wnschte ich in diesen frchterlichen
Schmerzenstagen unter den Trmmern Bobersteins, neben den Gebeinen meines Oheims
begraben zu liegen. Aber ich erlag nicht dem Jammer, ich ward nicht einmal
krank! Mein schwacher Krper schien unzerstrbar zu sein, meine Nerven empfanden
nur den Schmerz, das namenlose Seelenweh, aber ihre Kraft und Elastizitt
spottete meiner Leiden.
    Tief erschttert von der bloen Rckerinnerung an so vernichtende
Lebensstrme, unterbrach sich Herta, um ihre schmerzlichen Gefhle zu
bemeistern. Aurel Benutzte diesen Augenblick um eine Frage an sie zu richten, zu
der es ihn schon lngst drngte.
    Glaubten Sie an den Tod Ihres Kindes, gndigste Tante, sprach er, oder
neigten Sie sich zu der Ansicht einiger Ihrer Freunde, da es in den endlosen
Wldern in die Irre gerathen sein knne?
    Mein Mutterherz wnschte das Letztere weil es dann hoffen durfte, den
Verschwundenen doch einmal wiederzufinden.
    Und ein anderer schrecklicher Gedanke beschlich Sie nicht?
    Welcher andere Gedanke htte mich ngstigen sollen?
    Sie erwhnten einer Drohung des Menschen, den Sie Wolfszahn oder Lugauge
nannten - Sie sprachen von Briefen, die Ihren Vater emprten, ihm die Ruhe
raubten - Sie hrten ihn endlich eines Nachts Geld zhlen und dabei Worte
uern, die auf einen theuer erkauften Frieden, auf einen unersttlichen Drnger
schlieen lassen! Wie, gndigste Tante, wenn unter diesen uns und Ihnen
unbekannten Vorfllen und dem Tode Ihres Vaters, wie dem Verschwinden Ihres
Sohnes ein geheimnivoller Zusammenhang stattgefunden htte?
    O mein Gott, Aurel, qulen Sie mich nicht! bat Herta mit flehendem Blick
und legte beide zarte Hnde an ihre Stirn. Mit Gewalt unterdrckte ich solche
Vermuthungen, die ja doch zu keinem Ziele fhren knnten - ich will ihnen jetzt
nach fast einem halben Jahrhunderte nicht noch einmal frische Nahrung zuflieen
lassen!
    Und dennoch, verehrte Grfin, fiel Sloboda ein, dennoch wird es fast
nthig sein, da wir Ihnen den Schmerz gewagter Vermuthungen zufgen.
    Ein glckliches Ungefhr hat schon so Vieles enthllt, sagte Aurel, da
wir uns selbst der Feigheit anklagen mten, verabsumten wir auf den
aufgesprten Pfaden rstig weiter zu schreiten. Adrians Aufforderungen an mich,
mit Ernst zu forschen, ob ich Spuren entdecken knnte, die auf Besttigung der
Erzhlung unserer wackern Freunde hinleiteten, machte mich achtsam und
scharfblickend, und darf ich einer Ahnung des Herzens trauen, einer innern
prophetischen Stimme des Geistes lauschen, so glaube ich fast behaupten zu
knnen, da jener Ihnen so furchtbare Mensch, jener Wolfszahn noch lebt.
    Herta lie einen langen Blick voll Angst und Erwartung auf ihren Neffen
fallen.
    Ich kenne ihn, wenn mich nicht Alles tuscht, theure Tante, und seiner
Bekanntschaft allein habe ich es zu danken, da ich Sie wiederfand und Sie den
unwrdigen Verhltnissen glcklich entri, in welche Sie langjhriges Unglck
gebracht hatte. Man nannte ihn damals Blutrssel, aber die Beschreibung seines
Aussehens, sein Wolfsgebi, sein glotzendes boshaftes Auge charakterisiren ihn
zu deutlich, als da ich Ihren Wolfszahn mit einem Andern verwechseln knnte.
    Und gesetzt, dieser widerliche und vielleicht verbrecherische Mensch lebte
wirklich noch, entgegnete Herta, was kann uns dies jetzt interessiren?
    Sind Sie nie wieder mit ihm zusammengetroffen in Ihrem sptern Leben?
fragte Aurel sie unterbrechend.
    
    Nein, sagte Herta, ich selbst sah ihn niemals wieder, Emma aber
behauptete, noch einmal mit ihm verkehrt zu haben.
    Damals, als Sie aus Mangel diesen Siegelring an den Trdler verkauften oder
verkaufen lieen! rief Aurel lebhaft und zog eine Kapsel aus seiner
Brusttasche, in der er das ihm so theure Kleinod jetzt aufbewahrte.
    Herta empfing die Kapsel mit dem feingearbeiteten Ringe.
    Sie betrachtete ihn lange mit bewegten Zgen und untersuchte genau, ob er
echt sei. Als sie ihn dafr erkennen mute, prete sie die Hnde an ihre Brust
und sagte mit zitternder Stimme: Gott im Himmel, es ist wirklich sein Ring!
    Und Sie lieen ihn durch Emma an jenen betrgerischen Menschen verkaufen?
fragte Aurel abermals.
    Diesen Ring? o nie, nie! Diesen Ring, ein Geschenk meiner Mutter, schob ich
an den Finger meines Kindes, als es das dritte Jahr zurckgelegt hatte!
    Ha, so bin ich belogen worden! rief Aurel aus. Belogen um schlimmern
Verdacht abzuleiten! - 
    Es will mir vorkommen, sagte der Maulwurffnger in seiner trocknen Manier,
als wren wir auf die blutigen Fustapfen eines Verbrechers gestoen, der mir
in einer verhngnivollen Nacht einst das Licht gehalten hat, damit ich nicht
Hals und Beine brechen sollte. Lassen Sie uns doch, wenn's gefllig ist, diese
Fustapfen etwas genauer betrachten.
    Gndige Tante, nahm Aurel abermals das Wort, es sind jetzt zwei
Mglichkeiten vorhanden hinsichtlich des kleinen nach Auffindung seines
ermordeten Grovaters verlorenen Johannes. Entweder hauchte auch er unter
Mrder- und Ruberhand sein junges schuldloses Leben aus, oder -
    - Oder? fiel Herta erwartungsvoll ein.
    Oder man entfhrte ihn auf Anstiften und Befehl eines Dritten, eines
Mchtigeren, der vielleicht - mein eigner Vater war!
    Was veranlat Sie zu so gewagten Vermuthungen?
    Gewagt, gndige Tante? Im Gegentheil, ich finde, da es kaum anders sein
kann! Magnus vermhlte sich ungefhr zwei Jahre nach der Zerstrung Bobersteins
mit einer reichen stolzen Erbin. Es mute ihm Alles daran gelegen sein, einen
undurchdringlichen Schleier ber die unheilvolle Vergangenheit, ber sein ganzes
beflecktes Leben zu werfen. Nichts war natrlicher, als da er Ihre Ansprche,
wenn nicht an seine Person, doch an sein Vermgen frchtete, vielleicht sogar
erwartete. Diese konnten kaum unterbleiben, wenn Ihr Sohn am Leben blieb. Tod
oder Entfernung desselben war mithin sein Wunsch, der nie in Magnus Seele
erlschen durfte.
    Wir wissen bereits wie dieser unbndige Mann bei Sloboda's Schwiegertochter
verfuhr, und wie nur durch die grere Weichherzigkeit seines Helfershelfers
Martell einem qualvollen Leben erhalten ward. Verbindungen mit Personen
anzuknpfen, die frher Ihren Vater ergeben waren, die seine Verhltnisse, seine
- ich mu es aussprechen, - Vergehungen gegen die sittliche Ordnung des Staates
und gegen die menschliche Gesellschaft kannten, mute ihm ebenfalls leicht
fallen. Als Johannes seine Getreuen verabschiedete, und die Hartnckigsten im
Groll ihn verlieen, konnten sie da nicht die Angeber spielen, um ihn stets zu
qulen und in ihren Hnden zu haben? Sie ahnten selbst etwas der Art! Mir wird
dies mehr als wahrscheinlich, wenn ich der Briefe und des Geldes gedenke, womit
Johannes sich das Schweigen Nichtswrdiger zu erkaufen glaubte. Gewi kein
Anderer als jener Wolfszahn oder Blutrssel war der gefhrlichste Feind Ihres
unglcklichen Vaters, war spter, als er kein Geld mehr von ihm erpressen
konnte, sein Angeber bei Magnus, und entfhrte nachdem er ihn getdtet, den
kleinen Johannes, um ihn, Gott mag wissen, wo und wie, unschdlich zu machen! So
fiel der Ring, den der Knabe trug, von selbst in seine Hnde und blieb es, bis
er ihn im Spiel an - 
    Pltzlich versagte dem lebhaft Sprechenden die Stimme und eine dunkle Rthe
berflammte sein geistreiches Gesicht.
    Ein furchtbarer Gedanke, der zndend mit blendender Helle, einem Blitze
gleich in seine Seele schlug, machte ihn schwindeln. Er wagte nicht
auszusprechen, was er dachte, was er schaudernd frchtete.
    O nein doch, nein! sagte er beschwichtigend zu sich selbst. Dies kann
nicht sein, dies wre ein zu grliches Unglck!
    Und als wollte er um jeden Preis den ihn peinigenden Gedanken aus seiner
Seele verscheuchen, bat er seine Tante freundlich um Beendigung ihrer
Lebensskizze.
    Meine spteren Schicksale lassen sich in wenigen Worten charakterisiren,
sagte Herta. Als sich mein Herz still in sich verblutet hatte, verlie ich mit
meiner treuen Emma, die sich durchaus nicht von mir trennen wollte, die Haide,
indem ich einem der freundlichen Nachbarn das Besitzthum meines Vaters in Pacht
gab. Von dem Ertrage dieses Pachtes lebte ich zurckgezogen in einem kleinen
Landstdtchen als Wittwe. Fr die Welt war ich todt, wollte ich todt sein. Sie
hatte mir, ich ihr nichts mehr zu bieten. Zehn Jahre und darber traf mich kein
neues Leid, erst die Unterjochung Deutschlands durch Napoleon, wobei mein
Haidebauergut abbrannte und mir verloren ging, strzte mich in ein Elend, das
ich bis dahin noch nicht gekannt hatte. Ich verarmte, verarmte so gnzlich, da
Emma mehrmals fr mich bitten ging!
    Nur die grte Sparsamkeit und unsglicher Flei retteten uns Beide vom
Hungertode. Um mehr zu verdienen, bersiedelte ich mich endlich nach Leipzig.
Wie ich dort lebte, wie sich Emma entschlo, die Wahrsagerin zu spielen, weil
sie es nicht mehr ertragen konnte, mich an dem Nthigsten Mangel leiden zu
sehen, das habe ich Ihnen schon unterwegs mitgetheilt. Und so stnde ich denn
nunmehr am Ende eines vielbewegten, traurigen und dennoch nicht ohne allen Segen
gebliebenen Lebens. Wre mir nur vor meinem Tode auch vergnnt, klar in all' die
Dunkelheiten zu schauen, die es zum Theil noch erfllen und meinen Geist nicht
selten tief darnieder beugen!
    Unter lautem Schellengelut fuhr jetzt ein Schlitten in den Hof, der
Kutscher knallte heftig, die Hunde schlugen an.
    Es kommt noch Besuch, sagte der Maulwurffnger. Wre doch ein
hellsehender Geist mit darunter, der mit klarem Blick das lgenhafte Gewebe
unserer Feinde durchschaute und sagen knnte: hier packt an und zerreit es, so
findet Ihr, was Ihr begehrt!
    Kltken-Hannes! murmelte Aurel dumpf vor sich hin. Es wre entsetzlich!
    Der Bediente meldete dem Grafen, da so eben ein Herr und zwei Damen
angekommen wren und ihn zu sprechen wnschten. Aurel beurlaubte sich, trat in's
Nebenzimmer und - stand Elvire und Bianka gegenber. Ihr Begleiter war der alte
gutmthige pedantische Schulmeister Gregor, der ehrliche Bruder des
Maulwurffngers.

                                    Funoten


1 zu jener Zeit.


                                Viertes Kapitel.

                                  Fingerzeige.

Wir haben die beiden eben genannten Ankmmlinge so lange aus dem Gesicht
verloren, da es jetzt hchste Zeit ist, die Aufmerksamkeit unserer Leser wieder
auf sie zu lenken.
    Die Ergebnisse, welche Aurels Besuch in der Mohrentaverne gehabt und seine
unmittelbar darauf folgende eilige Abreise hatten ihm keine Zeit vergnnt, sich
persnlich seiner Schtzlinge anzunehmen. Er glaubte Beide fr den Augenblick
geborgen und gerettet. Auch besttigte ein Brief von Madame Oehler, den er schon
in Leipzig erhielt, die mtterliche Freundlichkeit dieser sanften, zartfhlenden
Frau und erfreute ihn durch die Nachricht, da Elwire bis auf Weiteres eine
zweite Mutter an ihr finden solle. Bianca's minder gesicherten Lage suchte er
durch Uebersendung einer ansehnlichen Geldsumme, der ein sehr freundschaftliches
Schreiben beigefgt war, einen festen Halt zu geben, und so glaubte er unter den
obwaltenden Umstnden wenigstens seine Pflicht als redlicher Mann ehrlich gethan
zu haben.
    Spter setzte er sich mit beiden jungen Mdchen wieder durch Briefe in
Verbindung, die mit berstrmendem Dank erwiedert wurden. Es trstete den
Kapitn in seiner vielfach zerrtteten Stimmung, da zwei ihm vollkommen fremde
junge und schne Geschpfe durch eine natrliche Handlung einfachster
Menschlichkeit so fest und dauernd an ihn gekettet waren, da sie mit
unbedingtem Vertrauen sich ihm anschlossen und seinen Befehlen gern und willig
gehorchten.
    Herta's krperliche Hinflligkeit bedurfte liebevoller, zarter Pflege, und
obwohl Emma das Muster einer vollkommen treuen und aufopfernden Dienerin genannt
werden konnte, so erlaubte ihr zunehmendes Alter ihr doch nicht mehr, die
verehrte Gebieterin mit gebhrender Aufmerksamkeit zu bedienen. Nun war aber
Aurel der Ansicht, da Herta von Elwire mit kindlicher Anhnglichkeit und Liebe
behtet und gepflegt werden und Elwire in dieser hartgeprften und aus so vielen
schweren Versuchungen immer geluterter hervorgegangenen sanften und
hochgebildeten Matrone die mildeste Lehrerin und feinste Erzieherin finden
drfte. Dies bewog ihn, seinem schnen Findlinge vorzuschlagen, zum Neujahr auf
den Zeiselhof zu kommen, um fortan in Herta's Umgebung zu bleiben. Da eine
geheime Sehnsucht seines Herzens bei diesem Vorschlage mit betheiligt war,
gestand er sich selbst nicht zu, obwohl er ein freudiges Herzklopfen fhlte, als
Elwire's Zusage einlief mit einem freundlichen Begleitschreiben von Madame
Oehler, die seine Anordnungen wohlwollend billigte. Damit nun Bianca in ihrer
Einsamkeit nicht aufs Neue gefahrvollen Versuchungen ausgesetzt werde und bei
dem Mangel an wahrer Bildung und chtem Charakter solchen nicht schimpflich
unterliege, erwhlte er diese arme Gerettete, der es brigens an einer gewissen
Entschlossenheit und mnnlicher Energie nicht fehlte, zu Elwiren's Begleiterin.
Auch dieses gesunkene Mdchen, dieser schne gefallene Engel mute seiner
Ueberzeugung nach durch Herta's Nhe und Umgang wieder aufgerichtet und gnzlich
auf den Pfad der Tugend zurckgefhrt werden. Die gute Wittwe in Hamburg mute
auch diesmal die Vermittlerin und Ordnerin der Vorschlge des wunderlichen
Kapitns sein und sie unterzog sich diesem Geschft mit der ganzen
Liebenswrdigkeit ihrer Natur. Clara erlaubte sich freilich deshalb mit der
Mutter zu schmollen. Sie zrnte im Herzen dem flatterhaften Aurel, der so weit
her an ein paar unbedeutende, wenn auch hbsche Mdchen schrieb und fr ihre
Zukunft besorgt war, ihrer aber, die sie ihn doch so hufig gesehen und immer
mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt hatte, nicht einmal mit khlem Gru
gedachte. Es schmerzte sie dies schnelle Vergessen und indem sie sich gestehen
mute, da Aurel sie nicht liebe, sie nie geliebt habe, zerdrckte sie eine
stille Thrne, die unwillkrlich ihr ins Auge trat.
    Die unerwarteten Ankmmlinge fanden die herzlichste Aufnahme in dem
versammelten Kreise; nur der Schulmeister, dessen Mitkommen man sich anfangs
nicht erklren konnte, verursachte einige staunende Gesichter. Am lngsten ward
das seines Bruders. Dieser war auch der Einzige, der seine Verwunderung in Worte
kleidete und kurzab fragte, wo Gregor ein paar so schne wie aus dem Ei
geschlte Mdchen im Schnee aufgelesen habe?
    Natrlich, versetzte der Schulmeister, indem er seine steifen Gliedmaen
mit nicht geringer Gravitt auf den weich gepolsterten Sessel niedersinken lie,
den Gilbert ihm mit komischer Ehrerbietung zutrug. Natrlich! die gndigen
Fruleins bedurften eines verllichen Wegweisers.
    Und nun erzhlte der alte seelengute Mann in seiner barocken Manier, mit
unzhliger Wiederholung seines Lieblingswortes, da die einsamen Reisenden in
der Nhe seiner Wohnung umgeworfen und die Deichsel zerbrochen htten; da er
beispringend Hilfe geleistet und auf Anfrage des Kutschers, der nicht aus der
Gegend gewesen, nach dem geradesten und sichersten Weg zum Zeiselhofe aus
Menschenliebe und sonderbarer Zuneigung - Gregor liebte die alterthmlichen und
veralteten Sprachwendungen ber Alles - sich freiwillig zum Geleitsmann
angeboten habe.
    Die Fruleins wren darber sehr erfreut gewesen, was ihm ganz Natur
scheine, und so befinde er sich denn unter so hochgeborenen Herren und Damen,
wie ein Fink unter Paradiesvgeln, was jedoch seiner Meinung nach nichts
Befremdliches haben knne, wenn man Veranlassung und Absicht nher betrachten
wolle!
    Der Maulwurffnger lachte herzinnig ber den steifen Pedanten und unternahm
es, ihn bei Aurel zu entschuldigen. Doch htte es dessen nicht bedurft. Gregor
ward als eine Art alter Vertrauter in dem kleinen Kreise aufgenommen und
willkommen geheien, und fhlte sich hoch beglckt, als ihm Herta die Hand
reichte und sich dem jetzt alten Manne als das ehemalige Frulein von Burg
Boberstein vorstellte. Der gute Alte erschrak darber dermaen, da ihm
buchstblich der Mund offen stehen blieb und keinerlei Antwort ber seine Lippen
kam. Er begngte sich, ein paar tiefe Athemzge sthnend von sich zu blasen,
schob dann seine Rocksche zurck, legte beide Hnde auf den Knopf seines
langen Stockes und blieb kerzengerade, die lchelnden halbgeschlossenen Augen
unverwandt auf die gealterte vornehme Dame gerichtet, vor ihr sitzen.
    Zu sehr beschftigt mit den Offenbarungen Herta's, wollte es Aurel nicht
recht gelingen, den heitern, unbefangenen Umgangston wiederzufinden, der ihm
doch von Natur so eigen war und ihn so liebenswrdig machte. Hufig verga er,
auf die Antworten zu hren, die seine Fragen hervorriefen, und so kam eine Art
Mistimmung in die Gesellschaft, die sich Niemand recht erklren konnte und die
doch Jedem schchterne Zurckhaltung wider Willen zur Pflicht machte. Alle
fhlten sich erst wieder frei und ungezwungen, als man sich trennte.
    Aber auch auf seinem Zimmer fand Aurel keine Ruhe. Er mute immer wieder an
den ermordeten Vater Herta's, an den verschwundenen Johannes denken, und wie
sehr sich sein Wille auch dagegen strubte, in seinem ahnenden Herzen vernahm er
Laute, die ihn erschtterten und an die er doch schaudernd glauben mute. Nach
einigem Schwanken entschlo er sich zu einem ungewhnlichen Schritte, den er
jedoch in seiner Lage rechtfertigen zu knnen glaubte. Er ergriff das Licht,
schritt geruschlos den Corridor entlang und klopfte an das Zimmer Elwirens. Ein
sanftes Herein von den Lippen des achtlosen Mdchens, die eine Dienerin
erwarten mochte, ermuthigte ihn und verhie ihm Glck. Er fand beide Mdchen vor
dem Trumeau, beschftigt, sich die vollen Locken ihrer schnen Haare
aufzuwickeln. Errthend schraken sie auf beim Eintritt des Grafen.
    Tausend Pardons! sagte Aurel mit seinem gewinnenden anmuthigen Lcheln.
Pflicht und Theilnahme veranlassen mich, so rcksichtslos gegen alle Sitte zu
verstoen und mich in Ihre Schlafzimmer zu drngen. Einem ausgewetterten
Seemanne, schne Kinder, mssen Sie dergleichen Extravaganzen schon zu Gute
halten. Gewhnt an das ungenirte Wesen und die oft allzu zutraulichen
Gunstbezeigungen von Sturm und Wogen, kann ich der beliebten Krze nicht
entsagen, wo vielleicht weite Umwege und schmeichelnde Galanterien zu gleichem
Ziele fhren wrden und den Beweis guter Erziehung abgben. Mein Herz, mein
Charakter wissen von diesen beengenden Formen nichts; und da Sie mir schon
einmal vertraut haben, glaube ich auch jetzt noch derselben Gunst in Ihren Augen
theilhaftig geblieben zu sein. Liebe Bianca, ich mchte Ihrer schnen
Begleiterin ein kleines Geheimni verrathen. Alle Mdchen sind wibegierig; ich
rechne Sie mit Ihren dunkeln Augen nicht zu den Ausnahmen, und da ich auerdem
Beweise habe von Ihrem vortrefflichen Gehr, was schon die zierliche Form Ihrer
zarten Ohren verrathen lt, so frchte ich sehr, Sie erlauschen mein Geheimni,
noch ehe es in klaren Worten von meinen Lippen schwebt. Darf ich also bitten -?
    Bianca lchelte, verbeugte sich gegen den Kapitn und verlie das Zimmer.
Verschchtert blieb Elwire allein mit Aurel. Sie schlug die Augen nieder und
holte beklommen Athem aus klopfender Brust.
    Theure Elwire! flsterte Aurel, des Mdchens Hand ergreifend und die
Zaghafte neben sich auf's Sopha niederziehend. Als ich Sie kennen lernte in
trostloser Verlassenheit und es meinen Bitten und Drohungen gelang, Sie fr
immer den Hnden eines Nichtswrdigen, eines moralisch schon Halbuntergegangenen
zu entreissen, da sanken Sie dankend an meine Brust und gelobten jeden meiner
Wnsche mit der Bereitwilligkeit einer dienenden Magd zu erfllen! Denken Sie
jetzt noch so wie damals, Elwire, oder gereut Sie das im moderfeuchten Keller
des Elends gegebene Versprechen?
    Wie sollte ich anders denken! erwiederte Elwire. Haben Sie nicht mehr als
ich je erwarten durfte, gethan, um mein Vertrauen zu Ihnen zu rechtfertigen?
    Ich danke Ihnen, holdes Kind! Aber Ihr Vater? Lebt er noch? Sahen Sie ihn
wieder?
    Es war Ihr Wunsch, Herr Kapitn, die Wege sorgfltig zu vermeiden, die mich
ihm wieder zufhren knnten. Ach und mein eignes Herz warnte mich vor ihm!
    Elwire schauderte, da Aurel das Erbeben ihrer schnen Glieder durch die
wallenden Falten ihres weien Nachtgewandes bemerken konnte.
    Aber er lebt?
    Er lebt! hauchte das bewegte Mdchen und Thrnen des bittersten Schmerzes
perlten an ihren langen dunkeln Wimpern. Er lebt - entsetzlich, entwrdigend,
wie seit Jahren! setzte sie schluchzend hinzu.
    Sie erhielten also Nachricht von ihm und seinem Thun?
    O, ich sah ihn, ohne da ich es wollte, ohne da er selbst es ahnte!
Inmitten eines Trosses trunkener Matrosen begegnete ich ihm auf einer Fahrt nach
Altona. Ich vernahm sein trunkenes Geheul, womit er den Gesang seiner Genossen
begleitete; ich sah das Drohen seiner geballten Fuste, die er gen Himmel hob;
ich erbebte vor seinem heisern Lachen, vor seinen Flchen! O ich war sehr,
unaussprechlich unglcklich!
    Kannten Sie den Armen nie anders?
    Doch, Herr Kapitn! Als kleines Mdchen, erinnere ich mich, schaukelte er
mich kosend auf seinen Knieen. Damals lebte die Mutter noch, obwobl sie schon
sehr krank und hinfllig war. Wir wohnten noch nicht in einem Keller, sondern in
luftigen, kleinen, aber hbschen Zimmern. Aus den Fenstern konnten wir den
breiten Strom mit den weibeschwingten zahllosen Schiffen berblicken. Abends
weidete ich mein Auge an dem Glnzen und Schimmern der Fluth und zhlte die
Sterne, die mit den schumenden Wogen bald kamen, bald gingen. Der Vater war
damals immer fleiig, frhlich und guten Muths. Er ging frh aus und kam meist
erst Nachmittags wieder. Dann klimperte er mit vielen blanken Silberstcken und
lie es geschehen, da ich mit meinen kleinen Hnden gierig darnach griff und
sie lachend im Zimmer herumkollerte. Er trieb Mklergeschfte und nhrte sich
gut. Da starb die Mutter. Zur Erhaltung des Hausstandes bedurfte der Vater einer
Wirthschafterin, die zugleich auch mich beaufsichtigte. Seine Wahl war keine
glckliche. Die stmmige, eigenntzige, herrschschtige und betrgerische Dirne
behandelte mich hart und lieblos, wute sich aber mit abgefeimter Schlauheit bei
dem Vater einzuschmeicheln und mich, wenn ich ber sie klagte, als ein kleines
ungezogenes und hchst verlumderisches Wesen zu schildern. Anfangs strafte mich
der Vater blos durch mibilligende Blicke, spter aber, als sich meine Klagen
und mithin auch die Verlumdung unserer Haustyrannin wiederholten, erhielt ich
viele und harte Schlge. Inzwischen hatte sich die betrgerische Person ganz des
Vaters zu bemchtigen gewut. Sie plnderte ihn methodisch, was zur Folge hatte,
da Kltken, als er den Krebsgang seines Geschftes vor Augen sah, immer
nachlssiger, liebloser und unordentlicher wurde, die Gesellschaft lustiger
Brder suchte und bald in wstem Leben mehr und mehr unterging. Dadurch verlor
er nicht nur seine frheren Gnner und Freunde, er gerieth auch in manche
rgerliche Hndel, die seinen Credit gnzlich untergruben. Um nur leben zu
knnen, legte er mit Hilfe eines Menschen, den ich zu allem Bsen fhig hielt,
einen Trdelkram an, miethete den Keller, welchen Sie kennen, und es begann nun
jenes Leben, aus dem mich Ihr menschenfreundlicher Sinn gromthig rettete!
    Elwire drckte hier die Hand des Kapitns leidenschaftlich und mute
offenbar mit sich kmpfen, um sie nicht in berwallendem Gefhl aufrichtigen
Dankes an ihre feuchten Lippen zu fhren.
    Erinnern Sie sich noch jenes Gefhrten Ihres Vaters? fragte Aurel.
    Leider werde ich ihn nie vergessen knnen! Zwar kam er nur selten zu uns
und immer nur dann, wenn er dem Vater heimliche Mittheilungen zu machen hatte,
die sich wohl meistentheils auf den Trdel und etwaige vortheilhafte Einkufe
beziehen mochten. Ich ging, wenn es irgend mglich war, dem Verhaten stets aus
dem Wege, denn ich ahnte und wute, da er Abscheuliches mit mir beabsichtigte
und dem leicht zu berredenden Vater deshalb bestndig in den Ohren lag. Seinen
Namen kennen Sie.
    Blutrssel? sagte Aurel.
    Elwire bejahte durch stilles Kopfnicken.
    Lernte Kltken diesen Unhold erst nach dem Tode Ihrer Mutter kennen?
    Gesehen und oberflchlich mit ihm verkehrt mute er schon frher haben,
versetzte Elwire. Manche Aeuerung in ihren Gesprchen lie mich dies
vermuthen; zu einem vertrauten und hufigen Umgange konnte es aber nicht kommen,
da Blutrssel zu jener Zeit nicht in Hamburg oder dessen Umgegend lebte.
    Stammte Kltken aus Hamburg? fiel Aurel rasch fragend ein.
    Nein, Herr Kapitn! Wie so viele, die spter in der groen reichen
Handelsstadt ihr Glck machten, war er als zwlfjhriger Knabe in zerrissenen
Kleidern und halb verhungert nach Hamburg gekommen. Sein freundliches Wesen
erweckte das Mitleid eines wohlhabenden Handelsherrn. Er nahm ihn als
Laufburschen an und nannte ihn, da er blos seinen Taufnamen Johannes wute, nach
dem Besitzer des Hauses, vor dessen Schwelle er ihn in strmischer Herbstnacht
wimmernd und frierend fand. Seine Aeltern hatte Johannes nicht gekannt. Er
schien berhaupt ein sehr ruheloses Herumstreicherleben gefhrt zu haben und
bald von Diesem, bald von Jenem aus Barmherzigkeit eine Zeit lang mit
durchgeschleppt worden zu sein. Ehe sein Hamburger Wohlthter ihn fand, hatte er
bei einer auf den Drfern herumziehenden elenden Schauspielertruppe Knechts- und
Statistendienste verrichten mssen. Eines schnen Morgens war der bankerotte
Direktor dieser Truppe verschwunden, die Gesellschaft lste sich fluchend, Jeder
den Andern seinem eigenen Schicksal berlassend, auf, und so befand sich auch
Johannes ohne Herrn, ohne Brod, ohne Verdienst! Er bettelte sich von Dorf zu
Dorf, suchte bei den Bauern ein Unterkommen, ward aber berall abgewiesen, da er
keine Zeugnisse seines Wohlverhaltens, seiner Fhigkeiten aufweisen konnte, und
sein eigenes naives Gestndni, er habe zuletzt bei Schauspielern gedient, in
den Augen dieser Leute eine sehr schlechte Empfehlung war. - Sein gromthiger
Wohlthter entdeckte bald bildungsfhige Anlagen in Johannes und befrderte ihn
nach einigen Monaten, die er als Laufbursche in seinem Hause zubrachte, zum
Comptoirdiener. Zugleich lie er ihm Unterricht im Schreiben und Rechnen geben
und freute sich der guten und schnellen Fortschritte seines Findlings. Spter
trat er als Commis in seine Dienste, so wie er auch nur den uneigenntzigen
Empfehlungen dieses redlichen Mannes es verdankte, da er Mkler werden und mit
einem hbschen braven, aber armen Mdchen ziemlich frh ein glckliches
Ehebndni schlieen konnte. Doch all dieses unerwartete Glck zerstrte der
frhzeitige Tod meiner armen Mutter!
    Also doch Johannes, sprach Aurel in Nachdenken versunken. Johannes
Kltken - ein verlaufenes Kind, - ohne Vater und Mutter -
    Wundert Sie das so? unterbrach Elwire das Selbstgesprch des Kapitns.
    Und so zu enden! So tief zu sinken! Im Augenblicke, wo -
    Aber was ist Ihnen denn, Herr Kapitn! rief Elwire erschrocken und ergriff
die Hand des trumerisch mit irren Blicken vor sich Hinstarrenden. Meinen Sie
meinen armen, verlorenen Vater, dem Gott gndig sein mag? Wissen Sie etwas von
ihm, von seinen Aeltern?
    Aurel sah melancholisch in die groen schnen Augen des jungen Mdchens und
ein Schauer beseligender Lust und grimmigen Schmerzes schttelte alle Fibern
seines Krpers. War es Einbildung oder sprach die Natur ihre unverkennbare
Sprache? Er glaubte Herta in blhendster Jugendschne, im verfhrerischen
Gewande reiner Unschuld neben sich zu sehen.
    O Vergebung, theure Elwire! rief er aus, nur mit Mhe Fassung erringend
und den aufbrausenden Sturm seiner Gefhle besnftigend. - Vergebung, edles,
unschuldiges Mdchen! Nur eine, eine einzige Frage beantworten Sie mir noch der
Wahrheit gem! Knnen Sie beschwren, da jener Ring, den ich am Tage nach
unserer Bekanntschaft am Eingange zur Kellertreppe Ihres Vaters fand und fr
meiner Familie zugehrig erkannte, knnen Sie es beschwren, da jener Ring von
Kltken-Hannes im Spiele gewonnen wurde?
    Ich wei es nicht anders, versetzte Elwire verwundert.
    Gewonnen im Spiele mit Blutrssel! rief Aurel in leidenschaftlicher
Aufregung.
    Kltken spielte nie mit einem Andern, so viel ich wei.
    So ist es denn gewi, unumstlich gewi, da sie seine Mutter! murmelte
er Elwiren unverstndlich vor sich hin. Gott der Barmherzigkeit, zeige mir
Mittel und Wege, um die Arme, so endlose Jahre in Elend und Noth Umhergestoene
auf diese Entdeckung vorbereiten zu knnen! - Ach, Magnus - Magnus - zittere
nicht, wenn das Gebet Deines eigenen Sohnes ber Deinem Grabmale sich in wirre
Verwnschungen verwandelt!
    Aurel ging heftig im Zimmer auf und nieder. Elwire, fest in ihr schimmerndes
Nachtkleid gehllt, zur Hlfte von einer glnzenden Wolke schwarzer Haare
umschattet, mit Blicken, die sich bald furchtsam, bald liebevoll und
sehnsuchtswarm auf den erschtterten Kapitn hefteten, schmiegte sich
bewegungslos in die Ecke des weichen Divans. Jetzt trat Aurel nochmals zu dem
schnen Mdchen und nahm ihre beiden Hnde in die seinigen.
    Elwire, sagte er so weich und flehend, wie sie den starken khnen Mann
noch nie hatte sprechen hren, Elwire, da ich Sie gefunden habe ist eine von
den rthselhaften Schickungen Gottes, die starrglubige Christen Wunder zu
nennen pflegen. Ich meines Theils glaube an keine Wunder; ich glaube nur an die
allwaltende Vorsehung Gottes und an eine heilige, unerbittlich strenge
Gerechtigkeit, die Jeden straft oder belohnt, je nachdem er es verdient hat. Ich
glaube an eine schon in diesem Leben ausgleichende Gerechtigkeit des
Weltenschpfers, selbst wenn Jahrzehnte und Jahrhunderte vergehen, ehe der
letzte unwiderrufliche Richterspruch gefllt wird. Theilen Sie diesen Glauben
mit mir theure Elwire, und Sie werden glcklich werden wie ich!
    Das berraschte Mdchen konnte es nicht hindern, da sie Aurel mit einer
raschen Bewegung an seine Brust zog und ein paar brennende Ksse auf ihre
blhenden Lippen drckte.
    Ohne ihr gute Nacht zu sagen, verlie er hastig das Zimmer.
    Was war das? fragte sich Elwire ganz bestrzt, mit dem vorgehaltenen
feinen Taschentuch die Rthe verbergend, die sich verrtherisch auf ihre zarten
Wangen wie ein Teppich duftender Rosen ausbreitete.
    Ein paar volle weie Arme umschlossen sie, und lchelnd antwortete eine
rhrende Stimme auf diese Frage:
    Das war der erste Hauch glckbringender Leidenschaft, mein Herz! Das war
die beredte Bitte eines liebesuchenden Mundes!
    Elwire neigte ihr schnes Haupt und lehnte es an den strmisch klopfenden
Busen der sndigen Bianca, die erschrocken ber die Heftigkeit des Kapitns
unmittelbar nach seinen letzten Worten wieder ins Zimmer getreten war. -
    Als Aurel ber den dunkeln Corridor nach seinem Zimmer zurckging, stie er
an ein menschliches Wesen, das ihm entgegen kam. Er fuhr es barsch mit harter
Frage an.
    Ein Kreuzer, wie Sie, versetzte lchelnd der abenteuerlustige Gilbert. Da
es ganz den Anschein hat, als sollten wir hier noch lange vor Anker liegen, so
wollte ich blos einen Versuch machen, um nicht ganz aus der Uebung zu kommen,
Herr Kapitn. Die beiden schnen Prisen, die sich spt Abends am Horizont
zeigten forderten mich dazu auf, und wie ich mit Vergngen gewahre, sind Sie mir
mit gutem Beispiele bereits vorangegangen.
    Der kecke Matrose wollte an seinem Gebieter vorberschlpfen, Aurel erfate
aber sein Ohrlppchen, und indem er dies tchtig schttelte und so heftig
prete, da der nchtliche Kreuzer einige sehr unharmonische Laute von sich gab,
sagte er gelassen:
    In Hamburg oder London, mein Junge, wrde ich Deinen Eroberungszug
belachen, hier aber mu ich Dich ernstlich bedeuten, fr knftig jeden Gedanken
daran aufzugeben, wenn Du mich ferner noch zum Freunde haben willst. Die beiden
Prisen habe ich in's Schlepptau genommen! - Gute Nacht!
    Gilbert rieb sich sein blau und braun gedrcktes Ohr und murmelte etwas von
unglcklichem Philisterleben. Dann suchte er geruschlos seine Kammer.

                                Fnftes Kapitel.



                            Zwei Kinder des Lasters.

Wir berspringen einige Tage, in denen nichts Merkwrdiges vorfiel, und bitten
den Leser, uns auf kurze Zeit nach Hamburg zu begleiten.
    Es ist Silvesterabend. Auf allen Straen erschallt gedmpfte Musik. Die
langen Reihen der reichen Kaufmannshuser mit ihren glnzenden polirten
Spiegelscheiben schimmern von tausend Lichtern und werfen ihren strahlenden
Widerschein auf die weigetnchten Wnde oder die mit Schnee bedeckten Dcher
der gegenberstehenden Huser. Die hpfenden Schatten, die schnell
vorberschweben an den leisbewegten Gardinen, verrathen den jubelnden Frohsinn,
das lachende Glck, den sichern Uebermuth der Versammelten, die kaum die Stunde
erwarten knnen, deren dumpfe Glockentne ber das Grab eines versinkenden
Jahres den Segen luten und ein neues mit unverstandenem Gru ber die Schwelle
der Zeit geleiten. Noch wimmeln die breiten Straen von geschftigen, schauenden
oder auf verbotenen Erwerb ausgehenden Menschen; denn der Winter hat streng
begonnen, das Leben ist theuer und der Verdienst karg! Und die Jugend will
genieen, will frhlich sein mit den Frhlichen, ausschweifend mit den
Ausschweifenden! - Seit langer Zeit hpften nicht so viele geschmckte,
lchelnde Kinder der Snde durch Hamburgs Straen, wie an diesem sternenhellen,
eiskalten Sylvesterabende.
    Die Glocken von den Hauptthrmen verkndeten die eilfte Stunde der Nacht.
Die beiden Glockenspiele auf St. Nicolai und St. Petri sangen weitschallend ber
Stadt und Strom und Land ihre ernsten, mahnenden Chorle. Aber Niemand von den
Bewohnern Hamburgs achtete auf die ehernen Stimmen, die wie ein Chor
vorberschwebender Geister aus dem Himmel herabklangen. Die Reichen tanzten,
jubelten und schwelgten in den Prunkgemchern ihrer Palste, die Armen
hungerten, weinten, beteten oder fluchten in feuchten Spelunken tief unter der
Erde oder in versteckten, von keinem reinigenden Lufthauch wohlthtig berhrten
Kammern. Sie konnten das Abschiedslied der dumpfen Glocken nicht hren. Sie
vernahmen nur den Groll ihres gefolterten Herzens und den Verzweiflungsschrei,
der wie Schakalsgeheul in der trostleeren Wste ihrer ausgebrannten Seele
verhallte.
    Mit den letzten Accorden der schrillend auszitternden Tne des Glockenspiels
trat Kltken Hannes aus seinem Keller, hob die trb brennende Lampe von dem
halbverfaulten Eichpfahle, auf dem sie befestigt war, um spt Vorbergehenden
den Eingang in die dunstige Hhle zu zeigen, und schlo mit doppeltem Riegel die
mit dem schlechten Pflaster in gleicher Hhe angebrachte, aus zwei gleichen
Bretern von starkem Fichtenholz bestehende Thr. Dann lschte er die Lampe aus,
stellte sie in eine Vertiefung der zerbrckelnden Ziegelwand und schlurrte mit
schweren Schritten durch den engen Gang, der jetzt mit beinahe fuhohem Schnee
und Eise bedeckt und hie und da von groen Lchern, die man durch Ausschtten
von Sphlicht in den Schnee gegossen hatte, in eine halsbrecherische Strae
verwandelt worden war.
    Gewhnt an solche Fhrlichkeiten, hinderten sie Kltken-Hannes nicht im
geringsten. Zwar stolperte der schon lngst nicht mehr ganz nchterne Trdler
hufig, immer aber wute er mit bewundernswrdiger Geschicklichkeit im
Gleichgewicht zu bleiben. Um den fatalen kalten Wind, der mit schneidender
Schrfe sein blulich-rothes Gesicht traf, zu verscheuchen, stimmte er ein
lustiges Lied an, das er berlaut vor sich hinkrhte. Das erwrmte ihn etwas und
ernchterte zugleich auch seine von hufigem Genu des schlechtesten Branntweins
befangenen Sinne.
    Auf den gangbaren Straen schritt Kltken-Hannes rascher aus. Er hatte noch
einen weiten Weg zurckzulegen bis auf den Hamburger Berg. Dorthin hatte ihn ein
Freund beschieden, um unter gemeinschaftlichem Gesprch bei voller Flasche das
alte Jahr in glckseliger Vergessenheit zu beschlieen, das neue in wstem
Taumel anzutreten. Solche Einladungen schlug der herabgekommene Trdler niemals
aus, er wnschte vielmehr, da sie sich alle Tage wiederholen mchten, denn ohne
berauschenden Trunk, ohne Spiel und rohen Scherz beschlich ihn eine so
unbehagliche Stimmung, da er Furcht vor sich selbst empfand.
    Heut jedoch war er beraus lustig und zu den tollsten Unternehmungen
aufgeregt. Er hatte Geld, viel Geld, er konnte mithin spielen, im Spiele wagen
und noch mehr gewinnen, und berdies schwindelten ihm die exaltirtesten Gedanken
durch sein erhitztes Gehirn und ein Bild der glnzendsten Zukunft hob sich
gleich einem Feenpalast aus dem brodelnden Sumpf seiner verpesteten
Einbildungskraft.
    Bald eine Strophe seines wsten Liedes singend, bald hellauf lachend, hob er
von Zeit zu Zeit den trben Blick zu den glnzenden Husern empor, aus deren
geschmckten Slen die sanften oder rauschenden Weisen heiterer Tnze erklangen.
    Ha, ha, ha! rief Kltken-Hannes verchtlich lachend und drohte mit
geballter Faust hinauf nach den verhllten Spiegelfenstern. Immer tanzt und
schwelgt, ihr reiches Lumpengesindel - mich ficht das nicht an! In vier Wochen
thu' ichs Euch Allen zuvor, bade mich in Burgunder, sple mir den Mund mit
Champagner aus und esse nie unter sechs Gerichten! Heidi, das soll ein Leben
geben, wie ehedem zu Babel, als die Narren anfingen den groen Thurm zu bauen! -
Sardanapal soll ein Hundejunge sein mit seinen Schwelgereien und verpraten
Nchten gegen das Leben, das ich fhren werde! - Ho, ho! hab ich doch Geld, Geld
die Hlle und Flle!
    Und johlend schlug der Trdler an seine Tasche, da die blanken Gold- und
Silberstcken zusammenklirrten und sein gemeines Ohr mit dieser lieblichen Musik
ergetzten - Dann sang er wieder:

Ich hab' mein Sach' auf nichts gestellt,
Juchhe!

unterbrach sich aber sogleich und stimmte dafr den ihm gelufigeren Gassenhauer
an:

Ich bin liederlich, Du bist liederlich etc.

den er auch glcklich zu Ende brachte.
    Ohne Murren bezahlte Kltken-Hannes den theuern Thorschilling, was er fr
gewhnlich nicht zu thun pflegte, und taumelte dann, des eisigen Nordostwindes
nicht achtend, dem bekannten Tavernenlabyrinth zu. Schon aus ziemlicher Ferne
vernahm man das lrmende Toben und dumpfe Brllen der Tausende, die bei wsten
Gelagen und im Schlamm moralischer Verwilderung sich wlzend, das neue Jahr mit
dem alten vermhlten. Dem Trdler waren diese vertrauten Tne Genu. Er mute
sich Gewalt anthun, um nicht von ihnen verfhrt, in eine jener besuchten Tanz-
und Trunkhallen gelockt zu werden, mit denen wir frher unsere Leser bekannt zu
machen suchten. Mit einiger Ueberwindung gelang es ihm, sie ungefhrdet zu
passiren. Er ging nun abwrts dem Strande der Elbe entgegen und erreichte unweit
des Altonaer Hafens ein schlecht gebautes Huschen. An die wackelige Thr
desselben donnerte er mit seinen gewaltigen warzenbedeckten Hnden, da nicht
blos die Fenster, sondern selbst das Balkenwerk zitterte. Sogleich lie sich im
Innern des Huschens ein heiseres Grunzen hren mit einzelnen Flchen und
pfeifendem Lachen gemischt. Schlrfende Schritte nherten sich der Thr und eine
tappende Hand schob den Riegel zurck. Im Scheine einer flackernd brennenden
Lampe grinste dem Trdler das unbeschreiblich abschreckende, in teuflischem
Lachen die spitzen langen Zhne fletschende Gaunergesicht Blutrssels entgegen.
    Da bin ich, sagte Kltken-Hannes. Teufel noch 'mal, beit heut die Luft!
Ich glaube, Du hast gegen eine Bowle guten Punsch dem verfluchten Windmacher
Deine Zhne versetzt, alte Seele!
    Blutrssel belachte den rohen Scherz seines Freundes und fhrte ihn in ein
geheiztes Zimmer. Vor dem rothglhenden eisernen Ofen stand ein Kohlenbecken und
ber diesem schwebte in gehriger Entfernung ein kupfernes kesselartiges
bauchiges Gef an einer eisernen Stange. Das Gef war bedeckt, aber der
brodelnde Dampf, der zischend und singend aus dem schadhaften Deckel
hervordrang, verrieth dem Trdler durch sein einladendes Duften, da er hier
finden sollte, was er suchte.
    Blutrssel schob sofort geschftig zwei hohe Glser auf den Tisch, der am
Ofen gegenber an der Ziegelwand stand, hob den Kessel herab und stellte ihn
neben die Glser. Dann langte er einen verzinnt gewesenen bleiernen
Vorlegelffel aus dem Tischkasten, hob den Deckel der heien Terrine damit ab
und schenkte die Glser voll.
    Sto' an, borstige Kellerratte! rief er dem Trdler zu und hob das
dampfende Glas. Dem weies Pppchen soll leben! Es ist, glaub' ich, heut ihr
Geburtstag; mg' es auch der Entstehungstag oder vielmehr die Nacht eines Dinges
sein, das ihr 'mal gleich wird, der blanken Hexe!
    Und der rde Mensch belachte seinen unzarten Witz so anhaltend, da er gar
nicht mehr zu sich kommen konnte und das heie scharfe Getrnk ihn fast erstickt
htte. -
    Kltken-Hannes stie auf diesen Toast zwar an, mit groem Beifall nahm er
ihn aber nicht auf. Er runzelte drohend die Stirn, drckte seine gertheten
stechenden Augen halb zu, da nur die funkelnden Pupillen sichtbar blieben, und
erwiederte:
    Eigentlich ist das eine beleidigende Gesundheit, mordverbrannte Seele; denn
sie heit mein schmuckes Mdel im Gedanken zur -
    Still! fiel Blutrssel ein. Was es heit, wenn ich einen Witz mache, das
brauchst Du mir nicht auf der Tafel zu erklren! Dem Scharfsinn wie Dein
Gedchtni haben gelitten im Zugwinde, sonst wrdest Du Dich erinnern, da es
immer Dein Wunsch war, das schlanke Kind einem oder einigen Mnnern an den Hals
zu werfen, wenn sich jeder Ku, den sie ihm gben, mit einen Goldfuchs bezahlt
machte. Und ich fand, guter Junge, da Du damals als ein vernnftiger Mann und
ein weiser Vater dachtest. - Und hast Du etwa nicht genau nach meinen
Anleitungen gehandelt, Griesgram? Oder meinst Du, solch ein gromuliger Laffe,
wie Jener es war, der Dir den schnen Nichtsnutz fr ein hbsches Stck Geld
abkaufte, htte das gethan aus purer dummer Menschenliebe und werde sich das
warme lebendige Pppchen blos so zum Augenverdrehen in einen Glasschrank setzen?
Wr' er so dumm, bei meinen Snden, dann wollt' ich, seine Mutter wr' als alte
Jungfer gestorben!
    Keinen Groll deswegen! Wei ich doch, wie Du's meinst. Deine Kralle her,
verwitterter Graukopf, und Freundschaft fr heut' und immer!
    Blutrssel schlug ein. Die Glser wurden aufs neue gefllt und fast eben so
schnell wieder gelehrt.
    Weit Du, da ich noch nie ein Jahr so sorgenlos beschlossen habe? sagte
Kltken-Hannes mit einem Auflug von Sentimentalitt in seiner Stimme. Ich bin
zu Weihnachten beschenkt worden wie ein Frst! Man liebt mich, denke Dir, liebt
mich, den armen heruntergekommenen Trdler, der ohne Genever und Grog nicht mehr
leben kann! Und wir beklagen uns, da Gott die Seinen verlt!
    Schon betrunken und hat erst den zweiten Zug gethan! wieherte Blutrssel,
der in der That die ungewhnliche Rhrung und Weichheit seines Gastes dem Trunke
und unzeitiger Betubung zuschrieb. Du bist wohl ein reicher Mann geworden im -
Hinterstbchen?
    Blutrssel zeigte dabei auf seinen Hinterkopf und verzog seine abscheuliche
Fratze zu dem abschreckendsten Lcheln.
    Lache, lache immer hin, so viel Du willst, entgegnete Kltken-Hannes, ich
sage doch: so ist es und es grenzt an's Wunderbare, da es so ist! In der That
ich bin reich, kann es wenigstens werden, wenn ich will und - mein Wort darauf -
mir ist ganz so zu Muthe, als htte ich den Willen dazu!
    Von Neuem fiel Blutrssel in ein heiseres wieherndes Lachen. Ich bitte
Dich, blaugetpfelter Glckspilz, theile mit mir, wenn Du reich sein wirst! Nimm
mich altes Menschenwrack in's Schleptau und ziehe mich durch Wind und Fluth in
den stillen Hafen Deines Weihnachtsglckes. Denn ich kann Dich auf Ehre
versichern, da ich des Spielens und Saufens unter dem Reger- und Mulattenpack
lngst berdrssig bin! Ich wre auf und davon gelaufen, wre ich noch jung und
rstig, aber in meinen Jahren und bei meinen Gewohnheiten lebt sich's immer am
besten da, wo man warm sitzt und wo sich das leere Glas immer wie von selbst
wieder fllt.
    Blutrssel hatte dies in einem spttischen Tone gesprochen, der seinen Gast
verhhnen sollte. Allein Kltken-Hannes lie sich nicht davon anfechten. Er
schttelte seinen borstigen Kopf, schlug mit flacher Hand auf den Tisch und rief
aus:
    Es gilt, Blutseele! Nehm' ich's an, so sollst Du mein Gefhrte, mein Bruder
sein!
    Befiehlst Du Wasser, Hnschen? grinste der Gauner. Dein Kellerloch ist
feucht, Du bist daran gewhnt, ich will Dir einen Kbel voll holen und Dir den
Kopf damit waschen, bis Du wieder klar hrst und denkst!
    La die Possen! versetzte darauf der Trdler mit rgerlichem Tone. Ich
war in meinem Leben niemals nchterner, als eben jetzt. Was ich sage, ist wahrer
als alle Evangelien zusammengenommen; wenn Du mir aber nicht glauben willst, so
sieh!
    Kltken-Hannes fuhr in die Tasche seiner Jacke und warf eine Hand voll
Ducaten auf den Tisch, stand dann auf und schttete auch aus beiden Hosentaschen
noch eine ansehnliche Summe in Gold- und Silbermnzen.
    Hast Du gestohlen? fragte der Gauner, oder einen Schatz gehoben?
    Kltken-Hannes fuhr auf. Tausend Donner, wie oft soll ich's Dir Vieh denn
in die Ohren schreien, da es mir als Gottesgabe gradezu vom Himmel in den
Schoo gefallen ist!
    Das begreife ich nicht, entgegnete Blutrssel zum ersten Male ein
ungeheucheltes Erstaunen zeigend.
    Ist auch nicht vonnthen, versetzte der Trdler. Ich habe das Geld, ich
kann alle Tage noch einmal so viel wo nicht das Drei- und Vierfache erhalten,
wenn ich thue, was man verlangt.
    Du bist wirklich ein Glckskind! Da sieht man, da es doch etwas auf sich
hat mit der Abstammung!
    Was Abstammung! lachte Kltken-Hannes. Kommst Du wieder einmal auf dies
abgeschmackte Kapitel, das Du mir so oft vorsangst in besseren Zeiten? Glck!
Was will das sagen! Man wird meiner bedrfen, darum berschttet man mich mit
Gold.
    Aber wer, goldenes Paradiesvgelchen? schmeichelte Blutrssel mit seiner
sesten Flsterstimme, whrend er einige Goldstcke erwischt hatte und sie
spielend durch seine Finger gleiten lie. Wer ist so unnatrlich dumm, einem
Unbekannten solche Summen zuzuwerfen, ohne da ein groer Zweck im Hintergrunde
ruht!
    So ist es unstreitig. Und man kennt mich, Glotzauge! Man hat Gutes von mir
gehrt und traut nur 'was zu! Mein Talent als Mkler mu viel in der Welt von
sich haben sprechen machen, denn ich merke schon, da man hnliche Dienste
wieder von mir verlangt.
    Du wirst immer rthselhafter, Hans! Bald werde ich Dich von einer Glorie
umgeben erblicken, was Dir wundervoll zu Gesicht stehen mu!
    Nun vielleicht bringt Dein Spitzbubenwitz mehr Zusammenhang in dies
beantragte geheime Mklergeschft, als mir es zur Stunde hat gelingen wollen. Da
lies den Brief! Vor drei Tagen erhielt ich ihn nebst einer Anweisung auf tausend
Mark, die mir in rundem Gold und Silber heut baar ausgezahlt worden sind.
    Kltken-Hannes reichte dem grinzenden Gauner einen sehr zerknitterten und
mit allerhand Schmutzflecken besudelten Brief.
    Du weit ja, ich kann blos buchstabiren und noch dazu blos Gedrucktes. Lies
mir den Umsinn vor!
    Der Trdler entfaltete nun das Schreiben und brachte mit vielen
Unterbrechungen dessen mysterisen Inhalt zusammen. Der Brief lautete:

            Werther Herr!
        Es ist mir von einem schtzenswerthen Manne, der Sie genau zu kennen die
        Ehre hat - Ehre! warf der Gauner ein. Teufel noch 'mal, den Lump mcht'
        ich kennen! - Ergrimme Dich nicht, Bruder, sagte der Trdler etwas
        hochmthig, wollten wir unsere beiderseitigen Verdienste auf die Wage
        legen, so wrdest Du im Betreff der Ehrenhaftigkeit mir gegenber ein
        ausgeblasenes stinkigtes Ei bilden. Nur keine Complimente, ich bitte! -
        Er las weiter: - der Sie genau zu kennen die Ehre hat, versichert
        worden, da Sie ein eben so ausgezeichnetes Talent als die grte
        Willfhrigkeit besitzen, ein Geschft zu bernehmen, das neben groer
        Khnheit und Entschlossenheit auch einen hohen Grad von Klugheit
        erheischt. Nach allen Erkundigungen, die ich unter der Hand durch
        beglaubigte und zuverlssige Personen ber Sie eingezogen habe, fehlt es
        Ihnen an keiner dieser Eigenschaften. Leider sind seit einiger Zeit
        uere Umstnde der Ausbung und Ausbildung Ihrer hchst kostbaren
        Talente hindernd in den Weg getreten. Hier lachte Blutrssel, da ihm
        die Thrnen aus den Augen liefen. Er go die Glser von neuem voll und
        nthigte seinen Gast, mit ihm anzustoen. Auf Deine kostbaren Talente,
        die Du selbst nicht kennst! Kltken-Hannes that Bescheid und fuhr fort:
        - Sie sind arm und stehen an einem Abgrunde, der schon manchen wackern
        Mann verschlungen hat. Wollen Sie nur unbedingt und ohne zu fragen
        vertrauen, auch spterhin ohne das geringste Widerstreben meine Befehle
        pnktlich und treu vollziehen, so werde ich Ihnen helfen. Zum Beweise,
        da ich es redlich meine, lege ich diesen Zeilen eine Anweisung auf
        tausend Mark Banco bei, die Ihnen von der beigefgten Firma honorirt
        werden wird. Es soll dies nur ein geringer Zuschu sein, damit Sie Ihre
        vielleicht in Unordnung gekommenen Angelegenheiten schleunigst ordnen
        und die Reise, die ich von Ihnen begehre, mit dem brig bleibenden Rest
        bestreiten knnen. Jede Summe, die Sie spter bedrfen, steht Ihnen zu
        Gebote, wenn Sie rasch und verschwiegen handeln! Einer Antwort bedarf es
        durchaus nicht. Sie haben weiter nichts zu thun, als genau die unten
        angefhrte Marschroute zu verfolgen. Man wei, was Sie thun, wenn Sie
        nach raschem Entschlusse am Ort Ihrer knftigen Bestimmung eintreffen
        werden. Ihr Empfang wird Ihren Verdiensten, die Sie sich alsbald
        erwerben knnen, entsprechend sein. Leben Sie wohl und folgen Sie dem
        Wink, den ein mild gesinntes Schicksal Ihnen hierdurch gibt!
                                   Gehorsamst
                                                                        a. - n.

    Die angegebene Reiseroute endigte eine Stunde von Boberstein bei einer tief
in der Haide gelegenen Torfgrberhtte, die allgemein unter dem Namen der
Wurzelhtte bekannt war. Kltken-Hannes hatte den Brief Adrians erhalten,
welchen dieser am Weihnachtsabende nach der Unterredung mit Vollbrecht schrieb.
Seine frheren langen Gesprche mit Aurel hatten ihn hinlnglich eingeweiht in
die Verhltnisse des heruntergekommenen Trdlers, und den Aeuerungen des
Bruders zufolge glaubte Adrian in diesem verwilderten, geldgierigen Menschen ein
willenloses Werkzeug fr seine geheimen verbrecherischen Zwecke gefunden zu
haben.
    Ist das Alles? fragte Blutrssel, als Kltken-Hannes das Schreiben
zusammenfaltete und gelassen einsteckte.
    Es fehlt kein Wort auer denen, die ich nicht entziffern kann.
    Aber daraus wird ja kein Teufel klug!
    Warum denn nicht? Es gibt nichts Klreres unter der Sonne, das ist plan.
Man reist, man lt sich bestimmen, man streicht Geld ein und lebt fidel und
sorgenlos, bis es ein Ende hat!
    Es kann eine Falle sein, bemerkte Blutrssel und rollte seine vorstehenden
gelblich-trben Augen unter furchtbarem Zhnefletschen. Ich habe Erfahrung
darin, Hans! Ehedem reiste ich auf kurze Zeit in hnlichen Geschften.
    Pah! Was Falle! Tausend Mark wirft kein Mensch zum Fenster hinaus, um einem
Andern damit bequem den Hals umdrehen zu knnen!
    Darber, siehst Du, blde Kellerafsel, darber lie sich ein Langes und
Breites reden. Weil Du aber fr gewisse Feinheiten interessanter Lebensarten
keinen Sinn hast, will ich es unterlassen. Du bist blos fr die plumpen, groen
Geschfte - frs bequeme Gelderpressen, wenn der Erwerb mit Schwierigkeiten
verbunden ist. Nun, ich tadle dies auch nicht, denn es fhrt manchmal weiter,
als studirte Handgriffe und raffinirte Plne. Aber Eins wenigstens nimm nicht
auf die leichte Achsel - ich meine die Reise! Wohin lockt Dich der splendide
Zahler?
    Gleichgiltig zog Kltken-Hannes seinen Brief nochmals vor und nannte die
einzelnen Orte, welche berhrt werden sollten. Es waren dies mit Ausnahme von
zwei bis drei unbedeutenden Landstdtchen immer nur Vorwerke oder einsam
gelegene Schenkhuser, die ber wenig befahrene Communicationswege in
bedeutender Entfernung von der groen Landstrae tief in die Haide fhrten.
Ueber diese Reiseroute stutzte Blutrssel mehr wie ber Alles. Sein Gesicht
wrde, wre dies mglich gewesen, bleifarbig geworden sein, so heftig erschrak
er; denn er sah sich auf einmal wieder auf den Schauplatz seiner
Jugendvergehungen versetzt. Waren diese auch lngst in seinem Gewissen begraben,
so traten sie doch als bleiche Geistererscheinungen jetzt unerwartet vor sein
inneres Auge und ein Frsteln der Angst, ein Schauer der Verzweiflung rieselte
ihm durch Mark und Bein.
    Hans, sagte er nach einiger Zeit zu seinem Gaste, der inzwischen behaglich
seinen Punsch trank, Du wirst einen Begleiter brauchen in jenen Einden. Die
Wege sind dort nicht immer leicht zu finden, kaum im Sommer, wie viel weniger im
Winter! Man mu lange vertraut sein mit jenen endlosen Haiden, um nicht
umzukommen in Sumpf und Moorbruch. Nimmst Du mich an zum Fhrer?
    Du kannst mir nichts ntzen. Hast ja gehrt, da meine Reise ein Geheimni
bleiben soll! Dein Gesicht ist gar zu interessant. Wer's einmal gesehen hat,
kann's nie mehr vergessen!
    Ich bin bekannt in jenen Gegenden und mich sehnt's, sie wieder einmal zu
betreten. Hier geht's ohnehin mit mir zu Ende. Also, Hans, sei klug -
    Unter einer Bedingung.
    Sprich!
    Du wirst mein Knecht und trittst in meine Dienste.
    
    Bin dabei, topp!
    Die Kasse fhr' ich ganz allein.
    Wenn Du fr mich zahlst, was ich brauche, mir gleich.
    Alles was zum Leben gehrt.
    Grog so viel ich will - Abends Beefsteak - berhaupt gutes Essen. - und ein
Taschengeld zu Geschenken fr hbsche Dirnen - gelt?
    Fr den ersten Ku, den ein Mdel Dir gibt, zahle ich hundert Mark, bei
meinen Snden!
    Kltken-Hannes reichte dem Gauner lachend die Hand ber den Tisch und der
Pact war geschlossen.
    Wenn brechen wir auf? fragte Blutrssel. Ich gestehe Dir, da ich aus
verschiedenen Grnden Eile habe. Ich halte mich nicht mehr fr ganz sicher, seit
mir die Mohrentaverne den Schimpf angethan hat, mich eines unfreiwillig
gemachten Darlehns wegen vor die Thr zu setzen.
    In drei, vier Tagen. Bis dahin wird mein Trdel verkauft sein und dann bin
ich ein freier Mann.
    Das wre demnach in Ordnung. Nun geht mir aber noch ein Gedanke im Kopfe
herum, der uns Vorsicht empfiehlt.
    Was Gedanke! Sind wir nicht unabhngige reiche Leute? Wer Geld hat, braucht
nicht zu denken. La uns trinken und lustig sein! Auf das Wohl des unbekannten
gromthigen Wohlthters und auf das Gelingen des Geschftes, zu dessen
Vollfhrung man mich hundert Meilen weit verschreibt!
    Blutrssel trank sein Glas aus bis auf die Nagelprobe. Mit lallender Zunge
knpfte er das Gesprch wieder an.
    Alles vortrefflich, sagte er, aber meinen Gedanken lass' ich nur dehalb
nicht nehmen! Du hast den Herrn nicht gekannt, der Dir Dein Kind abkaufte.
Wenn's nun ein Schuft war, ein Spion? He!
    Hol' ihn der Teufel oder die Cholera!
    An den Galgen kann er Dich bringen, ich kenne das!
    Geld hilft von Galgen und Rad; und - ich glaube nicht dran.
    Fr Dolch und Pistolen, alter Molch, la Dich's nicht gereuen, viel Geld
auszugeben!
    Du hast mehr Kenntni davon, sorge Du also dafr. Hier ist Geld!
    Kltken-Hannes warf sechs Louisdor auf den Tisch, die Blutrssel mit
zufriedener Miene einsteckte.
    Und ist das Geschft abgethan, sagte der Trdler, und es gefllt uns
nicht mehr in der Haide, so kehren wir wieder hierher zurck oder gehen in die
weite Welt oder -
    Grnden eine famose Wirthschaft, schlo Blutrssel.
    
    Mit einem Schilde, drauf in ellenlangen Buchstaben geschrieben steht - na
was denn?
    Zum goldenen Wallfisch! schrie der Gauner.
    Pfui! Verbrauchte Phrasen! - Nein, 'was ganz Neues, 'was Unerhrtes mu
drauf gemalt sein, das zugleich verlockt und entsetzt und den Gsten die Haare
zu Berge treibt.
    Zum Hllenpfuhl! grinste Blutrssel schwankend.
    Zur Rache! klingt besser, lachte Kltken-Hannes.
    Meinethalb auch. Aufs Gedeihen der neuen Sndenwirthschaft: Zur Rache!
    Die beiden verlorenen Shne der Welt wiederholten, immerfort trinkend, wohl
hundertmal diese Worte, bis sie in vllige Bewutlosigkeit versanken. Als sie
mit glsernen stieren Blicken in dumpfen Schlaf fielen, rauschten wieder die
Accorde des Glockenspieles ber Stadt und Strom und verkndeten den noch wachen
Bewohnern Hamburgs den Beginn des neuen Jahres.

                               Sechstes Kapitel.



                               Neujahrsgeschenke.

Auf den Fittichen des Windes, der die melancholischen Melodien der Glocken
Hamburgs nach allen Himmelsgegenden verwehte, enteilen wir abermals in die
Haide. Noch ist es tiefe finstere, kalte Nacht, aber der vor Mitternacht klar
gestirnte Himmel hat sich ber diesen unermelichen Wldern jetzt mit schweren
grauen Wolken bedeckt. Auf den fernen dunkleren Schichten der Haide liegt es wie
Nebel, der rasch sich verdichtet und gleich einem weigrauen Mantel von
ungeheurer Ausdehnung ber die Gegend fortrollt. Ein Schneesturm zieht herauf
von Norden und durchrast mit namenloser Wuth die Haiden.
    Im Spinnerdorfe am See hatten viele Bewohner das neue Jahr unter Seufzern
und Thrnen erwartet. Es erschien, die erste Stunde dieses Jahres verging, aber
das Geschick der Armen blieb dasselbe trostlose, verzweiflungsvolle.
    Wir wollen unsere Leser nicht in die Htten dieser Unglcklichen fhren, nur
eine Scene wollen wir schildern, die in jener Nacht sich dort zutrug.
    Bald nach Mitternacht waren die ersten Zeichen des nahenden Schneesturmes
wahrgenommen worden. Dennoch sah man um diese Stunde mehrere Bewohner des Dorfes
ihre bauflligen Htten verlassen und dem See zueilen. Sie trugen alle etwas auf
ihren Armen, das, in Lumpen gehllt oder mit einem Mantelfetzen umwickelt, in
den Wirbeln des rieselnden Schnees sich nicht erkennen lie. Am Ufer des Sees,
da, wo in der guten Jahreszeit die Fhre landete, sammelten sich die vereinzelt
aus dem Dorfe hervorschreitenden Gestalten. Es waren fnf Mnner und eine Frau.
Vereint traten diese sechs schweigenden Menschen den Weg ber den See an, der
jetzt mit fudickem Eise bedeckt war und eine gefahrlose Brcke bis zur
Felseninsel bildete. Vor dem bald auf- bald abwrts treibenden sandfeinen Schnee
konnte man die hohen Gebude der Fabrik nicht erkennen, nur die zwei braunrothen
Schornsteine schimmerten wie die hohen Masten eines Kriegsschiffes durch das
niederfallende Gewlk. Zuweilen, wenn der Sturm ber die Hupter der nchtlichen
Wanderer dahin fuhr und fern am schwarzen Wall der Haide verbrauste, lie die
Glocke auf der Fabrik schrillende Tne hren, die wie das Wimmern Verunglckter
in der Einsamkeit der Nacht erklangen.
    Nach mehrmaligem Rasten mitten auf dem den Schneefelde des See's erreichten
die sechs Meister endlich sehr erschpft und trotz der schneidenden Klte
erhitzt das schtzende Ufer der Felseninsel. Sie gingen schnurstracks nach dem
modernen Wohnhause des Herrn am Stein. Vor der Thr desselben bildeten sie einen
Kreis, traten den angehuften Schnee etwas nieder und legten dann, ohne ein Wort
zu wechseln, die Lasten, welche sie trugen, behutsam so auf die Schwelle nieder,
da sie zur Hlfte sich gegen die Thr anlehnen muten. Wre die Nacht nicht so
finster, der Schneesturm nicht so beraus heftig gewesen, so wrde ein
heimlicher Zuschauer die starren Leichen von fnf Kindern erkannt haben! - Sie
hatten alle mit dem hinsterbenden Jahre ihre Augen fr immer geschlossen; sie
waren - arme, schuldlose Opfer der Speculation eines herzlosen Tyrannen - vor
Hunger gestorben! Ihre bejammernswerthen Aeltern hatten den furchtbaren
Entschlu gefat, ihrem gemeinsamen Peiniger mit den kleinen Leichen der
Geopferten ein Neujahrsgeschenk zu machen. Die bleichen, kalten Lippen ihrer
Kinder, aus denen noch jetzt die gelblichen Zhne wie um Brod bittend
hervorsahen, sollten dem Manne des Goldes ein glckliches Neujahr wnschen.
    Als die Leichen mit den Gesichtern nach Osten gewandt an die Thr des
reichen Fabrikherrn niedergelegt waren, sprachen die Mnner ein Vaterunser, wie
ber dem Grabe eben Beerdigter. Nur die Frau, die einzige, welche von allen
Mttern der brigen Verhungerten den Muth gehabt hatte, ihr Kind, ein Mdchen
von sieben Jahren, auf diesem Schmerzenswege zu begleiten, brach jetzt in lautes
Schluchzen aus. Der Klte und des tiefen Schnees nicht achtend, strzte sie
nieder auf ihre Knie, umschlo nochmals mit mtterlichem Arm den entschlafenen
Liebling und drckte Ku auf Ku auf seine kalten Lippen. Bald ging ihr
Schluchzen in ein lautes Weinen und Sthnen ber. Ausrufe des Schmerzes, Worte
des Zornes und der Verzweiflung, endlich ein erschtterndes Gebet um Erbarmen
stieg von ihrem Munde zum strmenden Himmel auf!
    Die Mnner schwiegen und lieen die Arme gewhren. Erst als der Schnee in
dichteren Flocken niederfiel, und die Knieende schon mit weiem Todtenschleier
zu bedecken begann, hoben sie die unglckliche Mutter auf und trugen die
Widerstrebende fort. Der Schmerz erprete ihr einen gellenden, die Seele
zerreienden Schrei, der selbst im Walde noch einmal wiederhallte.
    Diesen grellen, zitternden, langsam verklingenden Jammerruf hrte Adrian auf
seinem prunkvollen ppigen Lager.
    Der reiche Mann hatte getrumt, anfangs von hohem Glck und sen Genu,
spter von minder ergetzlichen Dingen. Die Wirren der letzten Monate sanken in
Gestalt eines Knuels giftiger Schlangen auf seine brennende Stirn und stachen
mit tausend spitzen Zungen nach seinem krampfhaft zitternden blutenden Herzen.
Zur Vermehrung seiner Qual hatten diese unerbittlichen hungrigen Schlangen
menschliche Gesichter, die er alle kannte und die ihn alle mit versteinertem
kalten wahnsinnerzeugenden Lcheln starr ansahen! Da war Martell mit dem dunkeln
Zornesauge und den schwarzen, gegen ihn sich erhebenden Locken! - Da streckte
sein verstorbener Sohn den bleichen kleinen Kopf hinter dem finstern Vater
hervor, und bohrte mit frchterlicher Ausdauer seine blutrothe Zungenspitze wie
einen glhenden Dolch gerade in die empfindlichste Stelle seines Herzens! Dort
schttelte Lore mit irren Blicken ihr todtenbleiches Haupt und neben, unter,
ber ihr drngten sich noch hundert Kpfe, die alle nher kamen, alle ihn mit
vernichtenden Blicken ansahen! Sie peinigten ihn mit unaussprechlichen Qualen,
doch den hchsten Grad der entsetzlichen Folter erreichte sein Leiden, als fern
aus dem finstern Hintergrunde in jhem Sprunge eine schillernde Schlange ber
all' das ihn umschlingende Gewrm gegen ihn heranschnellte. Sie wiegte auf
schlankem Halse einen lieblichen Mdchenkopf mit langen blonden Haaren, die
triefend niederhingen bis auf ihren schuppigen Schlangenleib. Statt der giftigen
stechenden Zunge erblhten die zartesten, farbenduftigsten Blumen auf ihrem
Munde. die ein Windhauch abbrach und auf das Herz, auf Stirn und Brust des
Trumenden niederfallen lie. Jedes Blatt brannte ihn wie ein Tropfen glhenden
Schwefels, und je mehr Blumen dem lchelnden Munde entblhten und auf ihn
niederfielen, desto unertrglicher ward seine Qual. Er sthnte und wlzte sich
convulsivisch auf seinem Lager; er wehrte sich mit beiden Hnden gegen die
niederflatternden Blumen, aber sie brannten in brillantenen Flammen durch sie
hindurch und strzten mit vergrerter Intensitt auf seinen gemarterten Krper.
Da entrang sich ein Angstschrei der gefolterten Seele und Adrian erwachte! -
Fiebernd, in kaltem Schwei gebadet, erhob er sich auf dem Lager, dem wimmernd
verhallenden Tone lauschend, der von der Haide herberschallte und an den
gefrorenen Fenstern auszitterte.
    Gott Lob, sagte er tief aufathmend, es war em Traum! - Aber ich werde
nicht mehr schlafen drfen, denn immer hufiger wiederholen sich diese
grlichen Trume. Das macht mein krankes Blut, meine Aufregung bei Tage, die
vielen Verdrielichkeiten, die mich verstimmen! - Wre nur dieser Proze zu Ende
oder die Alten todt und - Martell! - Gewi, dann wrde ich schnell ganz wieder
genesen, und Niemand knnte mich mehr anfeinden, denn Aurel frchte ich nicht. -
Und Herta ist ein armes, schwaches, hejahrtes Weib! Sie ist froh, wenn sie
ungestrt auf den Tod sich vorbereiten kann! - Segne meine Plne. o Gott, und
la sie mich bald und vollkommen ausfhren!
    So sprechend hllte sich Adrian wieder fester in die weichen Decken und
schlo die Augen. Ein zweiter Schrei gleich dem ersten, dessen Wiederhall er nur
vernommen hatte, erreichte sein Ohr. Nochmals richtete er sich unter Herzklopfen
auf und ffnete weit die matten Augen. Der Sturm peitschte den Schnee an die
Fenster, die Fabrikuhr verkndigte die erste Morgenstunde.
    Es wird ein Betrunkener verunglckt sein im Sturmwetter, sagte er sich
beruhigend und legte sich zurck in die schwellenden Kissen.
    Ein dumpfer unerquicklicher Schlaf fiel auf den armen Reichen. Wir entfernen
uns von seinem Lager und begleiten die hungernden Arbeiter auf ihrem traurigen
Rckwege in's Dorf.
    Die unglckliche Mutter, die Muth genug besessen hatte, ihr verhungertes
Kind auf den eigenen Hnden bis vor die Thr des Mannes zu tragen, von dem
allein so namenloses Elend ber Tausende gekommen war, lag jetzt noch ohnmchtig
in den Armen der Spinner. Es war ein schlankes, im Anfange der Vierzig stehendes
Weib, dessen eingefallene, von Kummer und Nahrungssorgen scharf und eckig
gewordenen Zge die Ueberreste ursprnglicher Schnheit doch nicht ganz
verwischen konnten. Weiches blondes Haar war in sehr starken Flechten an ihrem
Hinterkopfe in einen starken Knoten geschlungen und jetzt von dem grau
gewordenen und hin und wieder zerrissenen Regentuche bedeckt. Nur ein paar feine
Locken stahlen sich ber der Stirn aus der nonnenartigen Umhllung hervor und
fielen, vom Winde bewegt, in verworrenem Gefaser ber das marmorkalte Antlitz
der Bewutlosen.
    Maja hatte in dieser Nacht ihr zweites Kind, ein Mdchen von sieben Jahren,
begraben vor dem Palast des Tyrannen der Armen. Sie besa jetzt nichts mehr, als
die Liebe ihres Mannes, der arm wie sie, von der ewigen Arbeit gleich ihr
niedergedrckt, weder Zeit uoch Lust hatte, die Gefhle, welche sie einst so
ganz beglckten, gegen sie auszusprechen. Das Elend zerstrt alles Heilige und
Erhabene; es tdtet die Liebe zwar nicht, aber es zieht sie herab in den
gemeinen Strudel des Lebens. Im Glck allein - mag diese Behauptung auch noch so
oft und eifrig bestritten werden - im Glck allein entfaltet die Wunderblume der
Liebe ihren duftenden Kelch, und gewhrt denen, die sie finden, in beseligendem
Rausch dauerndes Entzcken. Liebe in Noth und Mangel schrumpft ein zur dienenden
Magd. Ihre Zauber schwinden, die verborgen wohnen im geheimnivollen Bande; man
sieht nur die Fesseln und empfindet ihren Druck. -
    An der verschneiten Thr seiner Htte nahm Simson das halb erstarrte
kraftlose Weib auf seine Arme, um die Hilfe seiner Begleiter nicht lnger
anzusprechen.
    Habt Dank, Unglcksgenossen! sagte er zu den gleich ihm Beraubten und gab
Jedem der Reihe nach die Hand. Unser gemeinsames Gebet in dieser unvergelichen
Nacht wird nicht unerhrt bleiben. Gott ist ein gerechter Gott und ein Vater der
Armen, wenn es auch bisweilen scheinen will, als habe er uns verlassen. Hoffen
wir auf ihn in unserem Drangsal, und der erste Morgensonnenstrahl in diesem
schwer begonnenen neuen Jahre wird fr uns zur Flamme werden, die aufsteigt vom
Altar der Gerechtigkeit! Ein glckseliges neues Jahr!
    Mechanisch, wie es zur Gewohnheit gewordene Sitte mit sich bringt,
erwiederten die betrbten, durch unablssige Ste des Schicksals und die
ausgesuchtesten Schmerzen stumpf und fast gleichgiltig gewordenen Arbeiter den
angelernten Gru und verloren sich in den verschneiten todtenstillen
Huserreihen des rmlichen Dorfes. -
    Am Neujahrsmorgen entdeckte einer von den Packknechten beim Wegfegen des
Schnees die fnf aufrecht stehenden Kinderleichen. Sein Entsetzen wurde nur noch
von dem der brigen Hausgenossen und Knechte bertroffen, die der Erschrockene
mit stammelnder Zunge davon benachrichtigte. Von diesen erfuhr es der
Kammerdiener des Grafen, dem es berlassen blieb, seinen krnkelnden Herrn davon
zu benachrichtigen.
    Wie Alles, was ihn nicht persnlich betraf oder seine Stellung als Grund-
und Fabrikherr gefhrdete, nahm Adrian auch diese entsetzliche Botschaft mit
unglaublicher Gelassenheit auf.
    Wirklich? sagte er zu dem Kammerdiener, der es sich angelegen sein lie,
das Unerhrte mglichst schonend vorzubringen. Fnf Kinder aufrecht stehend und
bis an den Hals verweht hat man heut Morgen vor meiner Thr gefunden? Kennt man
sie?
    Whrend dieser Gegenfrage tauchte er mit Aufmerksamkeit den feinsten weien
Stollen, in der Haide Christbrod genannt, in die lieblich duftende starke
Chokolade, bis er von dem aromatischen Saft vollkommen durchzogen war.
    Herr Vollbrecht getraut sich, ihre unglcklichen Aeltern bezeichnen zu
knnen.
    Sehr wohl. Wo hat man die Leichen hingeschafft?
    Sie liegen im Schuppen - eine ganze Hand voll Leichen! Befehlen Sie, da
man die armen Kinder Ihnen zeige?
    Behte! sagte Adrian sehr fein lchelnd. Ich bin nicht neugierig, und da
ich vom Leichenbeschauen wenig verstehe, so berlasse ich die genauere
Besichtigung dem Fabrikarzte. Es war unklug von den Aeltern, die Kinder in so
strmischer Nacht im Freien herumlaufen zu lassen. Wahrscheinlich sollten sie
betteln oder stehlen und da hat sie der Finger Gottes berhrt.
    Sie scheinen nicht erfroren zu sein, wagte der Kammerdiener schchtern zu
bemerken.
    Nicht? Dann ist wohl gar eine Gewaltthat, ein Verbrechen begangen worden?
versetzte mit erknstelter Theilnahme der Herr am Stein. Ich will, da man die
Verunglckten genau untersuche, und wenn sich nur die geringsten Spuren eines
verbten Verbrechens zeigen, ihre Aeltern sogleich gefnglich einziehe!
    Mit schuldigem Respect, gndiger Herr, bringe ich Ihnen meinen Glckwunsch
zum neuen Jahre, sagte Vollbrecht, der whrend dem eingetreten war und die
letzten Worte des Grafen noch gehrt hatte. Mge Gott ihre Gesundheit von neuem
krftigen und Ihnen in jeder Hinsicht gndig sein!
    Ich danke, mein Lieber! Doch lassen wir die Phrasen - ich gebe wenig
darauf. Nun was sagen Sie zu der seltsamen Neujahrbescherung?
    Sie hat mich nicht berrascht, Herr am Stein! Verwundert aber bin ich, da
sie so still, so ganz ohne ein Zeichen laut jammernder Verzweiflung
vorbergegangen ist!
    Adrian gedachte des gellenden Nothschreis in der Nacht und konnte sich jetzt
das Markerschtternde desselben erklren. Dennoch stellte er sich mit
consequenter Frechheit unwissend, wie ein neugeborenes Kind.
    Mein lieber Vollbrecht, versetzte er, seine stark vergoldete groe Tasse
von Meiner Porzellan aufs neue mit Chocolade fllend, man erfriert meines
Wissens ganz in der Stille. Die Aerzte behaupten, es sei ein angenehmer,
schmerzloser Tod.
    Die fnf Kinder, von denen hier die Rede ist, sind nicht erfroren, sagte
Vollbrecht finster.
    Also doch nicht erfroren? Also mit Gewalt, mit Willen getdtet?
    So ist es, Herr am Stein.
    Und wer sind die Thter? Ohne Zweifel diese Feiglinge von Aeltern, denen es
unmglich dnkt, sich aus Rcksicht und Liebe fr ihre Kinder ein wenig zu
beschrnken! Ich will sie kennen!
    Davon nachher, Herr am Stein. Der Mrder dieser nunmehr in Frieden ruhenden
Kleinen ist - der Hunger.
    Adrian behauptete auch jetzt noch seine unerschtterliche Ruhe.
    Wenn sich dies rztlich beglaubigen lt, versetzte er, so wundere ich
mich nur, weshalb ich bis heut kein Wort von drohender Hungersnoth drben im
Dorfe vernommen habe. Ich bin nicht allwissend, ich kann auch bei meiner
fortdauernden Krnklichkeit, die mir grte Schonung und Vermeidung jeglicher
Aufregung streng zur Pflicht macht, nicht von Haus zu Haus gehen. Man htte mir
das Vorhandensein des allgemeinen oder theilweisen Nothstandes anzeigen sollen,
dann wrde man gesehen haben, da ich, wo es nthig ist, immer eine offene Hand
in Bereitschaft habe. Ich werde sogleich Befehl ertheilen, Lebensmittel in das
Dorf schaffen und die Drftigsten reichlichst speisen zu lassen. Was aber soll
zuletzt diese affreuse Farce?
    Mich dnkt, Sie knnen aus ihr lernen, wie die Arbeiter von Ihnen denken,
Herr am Stein, wen sie fr den Mrder ihrer Kinder halten!
    Es schmerzt mich, erwiederte Adrian mit erheuchelter Rhrung, eine kalte
Thrne in sein funkelndes Auge pressend, da ich so arg verkannt werde. Diese
Elenden sind wirklich zu verwildert, um mit ihnen wie mit vernnftigen Menschen
zu reden! Sie wissen es ja, Vollbrecht, wie mein gromthiges Anerbieten am
Weihnachtstage schnde zurckgewiesen wurde! Solche Beispiele boshafter
Herzensverhrtung entmuthigen. Htte Martell vor acht Tagen meine freiwillig
dargebotene Untersttzung angenommen, ich wrde unverweilt genaue Erkundigungen
eingezogen haben ber die Angelegenheiten auch anderer Familienvter. Seine
lieblose Antwort aber verdro mich und aus gerechtem Aerger darber unterlie
ich jede weitere Nachfrage. Die stolzen Thoren haben mithin nur sich, nicht aber
mir das Elend zu danken, das nunmehr ber sie hereingebrochen ist. Ich sehe
darin sogar eine warnende Stimme des gerechten Gottes an die Uebermthigen,
gegen mich stets aufstzig Gesinnten ergangen, damit sie zur Besinnung kommen
und sich bessern!
    Vollbrecht hielt es fr berflssig, dieser Ansicht des Grafen, dessen
innerste teuflische Gesinnung ihm lngst kein Rthsel mehr war, zu opponiren. Er
fragte khl, was mit den fnf aufgefundenen Kinderleichen geschehen solle?
    Je nun, versetzte Adrian mit dem eigenthmlichen um seinen stolzen Mund
aufhpfenden spttischen Lcheln, da wir hier kein so khles Grabgewlbe
besitzen, wie auf dem Sanct Gotthardt, so glaube ich mein Gewissen hinlnglich
zu salviren, wenn ich die Scheuer auf einen Tag zur Morgue erhebe und das ganze
Dorf aufrufe, die Leichen zu beschauen. Auf diese Weise kann jeder Vater, jede
Mutter ihr Kind am leichtesten erkennen und wir unsererseits haben die
Genugthuung, die malos Frechen ebenfalls kennen zu lernen, die unsere Thr ganz
naiv zum Kirchhofe machen wollen. Uebrigens erlaube ich, da man die so oder so
Verstorbenen nach christlichem Gebrauche, doch ohne Leichenspectakel, auf meine
Kosten beerdige.
    Vollbrecht machte Einwendungen gegen diesen Befehl. Es schien ihm nicht klug
zu sein, das ganze Dorf ffentlich zur Todtenschau aufzurufen, er erblickte
vielmehr darin von Seiten des Grafen eine versteckte schauerliche Verhhnung des
grenzenlosen Jammers der Armen. Adrian wollte aber dies gerade. Die Hungernden
muten sehen, da er weder Ohr noch Auge habe fr ihre Leiden, so lange sie ihn
dazu nthigen wollten. Gehorsam, Unterwerfung, Geduld, Geduld bis zum Hungertode
mute er sich bei den Arbeitern erzwingen, eher war sein Sieg kein
vollstndiger, kein dauernder.
    Sie verzeihen, gndiger Herr, wenn ich mir noch einen Einwand erlaube,
sagte Vollbrecht. Ich kenne die Aeltern der Aufgefundenen. Man kann ihnen also
ihre Kinder ohne Aufsehen still ins Haus schicken.
    Wenn auch, besser ist's immer, sie kommen selbst. Haben sie sich die
strapazise Mhe gegeben, mitten in strmischer Nacht mir die todten Wrmer
herzuschaffen, so mgen sie sich ihre Blger jetzt am Tage, wo die Sonne recht
hbsch warm scheint, auch wieder abholen. Sonst mte ich sie ihnen am Ende noch
in meine Staatskarosse heimfahren lassen!
    Und wenn sie trotz des Aufrufes nicht erscheinen, Herr am Stein? Wenn der
Aufruf das ganze Dorf in Ghrung versetzt?
    Ich lasse es darauf ankommen, lieber Vollbrecht. Im Winter geschehen keine
gefhrlichen Revolten. Klte und Regen sind die besten Gemthsbesnftiger.
Erlassen Sie daher in Goltes Namen den Aufruf! Finden sich die betreffenden
Aeltern wirklich nicht ein, so wei ich schon, was ich zu thun babe. Ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort, da diese fnf todten Kinder Niemand als ihre leiblichen
Vter oder Mtter auf ihren Armen heimtragen sollen!
    Adrians Befehl wurde vollzogen. Die Bekanntmachung lief schnell von Mund zu
Mund, von Haus zu Haus, und schon gegen Mittag zogen Mnner, Frauen und Kinder
schaarenweise ber den gefrorenen See, um die gefundenen fnf Kiuder zu
betrachten. Diese hatte der Graf aus Vorsicht in eine Art vergitterten Kfig,
der ursprnglich als Gnsestall diente, neben einander legen lassen, um alles
Betasten und allzugroen Andrang zu verhindern. In vollem Sonnenlicht mitten auf
der Tenne stand diese wunderliche und erschtternde Morgue von vier Bedienten
des Fabrikherrn bewacht, die auf Ordnung und Schicklichkeit zu sehen hatten.
    Der martervolle Tod hatte die Unglcklichen nicht so sehr entstellt, da sie
fr Bekannte und Freunde unkenntlich gewesen wren. Man hrte daher von fast
jedem an den Gitterkasten Herantretenden bald laut bald leise ihre Namen nennen
und ihre Aeltern beklagen. Mancher mochte sich wohl auch wundern, da unter so
vielen hundert Neugierigen nur allein die Betheiligten fehlten, denn von dem
eigentlichen Hergang der Sache war noch Keiner unterrichtet. Wie es nun aber
berall geschftige Seelen gibt, die jedes Ereigni, sei es erfreulich oder
betrbend, sogleich weiter tragen mssen, so fanden sich auch unter den
herbeieilenden Fabrikarbeitern sehr bald einige Hnderingende, die jammernd
rckwrts nach dem Dorfe strzten, um den betreffenden Aeltern das entsetzliche
Unglck ihrer Kinder zu melden. Bei dieser Botschaft mute nun die eigentliche
Todesart an den Tag kommen, die wo mglich von denselben Dienstbeflissenen noch
schnellere Verbreitung fand.
    Hatte man bisher blos die Verstorbenen und ihre armen Aeltern beklagt, so
verwandelte sich nach Verbreitung dieses neuen Gerchts, an dessen Wahrheit man
nicht lange zweifeln konnte, das Bedauern in ein dumpfes Entsetzen. Der Plan vor
der Tenne, so eben noch von Hunderten erfllt, ward leerer und immer leerer.
Viele wandten sich mit bestrzten Mienen, mit vor die Augen gehaltenen Hnden
von dem Gitter, und eilten, als wre ihnen ein Geist erschienen, nach dem See,
dessen Eisdecke sie in vollem Laufe berschritten. Das Entsetzen, der Abscheu,
das innere moralische Grauen, welches man empfand, war so allgemein, da Alle
instinktmig einen Ort flohen, der von Gott als ein verfluchter bezeichnet zu
sein schien. Man wollte der Nhe des Mannes entfliehen, der so frchterliche
Verantwortung auf sich geladen und trotzdem noch den wahrhaft dmonischen Muth
besa, das Ergebni seiner Grausamkeit zu einem Schauspiel zu benutzen.
    Mit eigenthmlichem Lcheln beobachtete Adrian von seinem Zimmer aus
unbemerkt das Benehmen seiner Arbeiter bei diesem ihnen bereiteten Schauspiele.
Nichts dabei schien ihn zu berraschen, denn er wiegte zufrieden das stolze
Haupt, als sich die Zuschauer so pltzlich verloren und keine neuen vor dem
Gitter mehr erscheinen wollten. Die Aeltern der Verhungerten hatten sich
wirklich nicht blicken lassen. Unberhrt blieben die Leichen der armen Kinder
dem grausamen Gebieter als Neujahrsgeschenk der Verzweifelten. -
    Vollbrecht erstattete, wie es von ihm verlangt ward, Bericht ber den
Hergang und erbat sich fernere Verhaltungsbefehle. Adrian hielt diese nicht fr
nthig. Kalt und entschieden, wie immer, lie er sich jetzt die Namen der
Aeltern nennen, die ihrer Kinder auf so entsetzliche Weise beraubt worden waren.
Er notirte sich dieselben in seine Schreibtafel. Dann erkundigte er sich nach
den Arbeitsstellen der Vter und Mtter der Verstorbenen in der Fabrik, fragte,
auf welche Weise diese selbst beschftigt gewesen wren und wie man ihre Stellen
werde besetzen knnen? Auf all' diese Fragen gab Vollbrecht genau Antwort, da
sie das Geschft und dessen ungestrten Fortgang betrafen. Es fiel ihm nicht
auf, da Adrian auch darber einige Bemerkungen in seine Schreibtafel machte.
Zuletzt, als der Geschftsfhrer sich noch die Frage erlaubte, wohin man die
fnf Leichname schaffen solle, versetzte Adrian, als verstnde sich dies von
selbst, er werde die Aeltern derselben bedeuten lassen, da sie im Lauf der
Nacht, um alles unnthige Aufsehn zu vermeiden, die Abholung der Leichen ohne
Widerrede zu besorgen htten. -
    Diese Nacht kam heran, sternenklar, still und kalt. Ebenso still und kalt
lag das Dorf jenseits des Sees, nur die leuchtenden Sterne des Glckes, der
Liebe, der Hoffnung, des Glaubens waren ber ihm und seinen trauernden Bewohnern
erloschen. Von der Insel aus sah man kein Licht mehr in den Htten der Arbeiter
schimmern. Auer dem Bellen einiger Hunde lag das Schweigen einer kalten todten
Winternacht rings auf der waldbedeckten Gegend.
    Auch im Hause des Fabrikherrn war es ruhig geworden. Nur Adrian wachte noch
in seinem Zimmer und durchschritt es wiederholt mit groen Schritten. Endlich
zog er die Klingel. Der Kammerdiener erschien und rieb sich schlaftrunken die
Augen.
    So mde, Jean? fragte der Graf mit ungemeiner Freundlichkeit. Das ist mir
unlieb. Ich hatte Dir noch ein sptes Geschft zugedacht.
    Jean war durch diese Anrede vollkommen munter geworden. Er verbeugte sich
und antwortete:
    Der gndigste Herr Graf drfen nur befehlen.
    Ich htte eine Bitte an Dich, lieber Jean. Aber Du mut verschwiegen sein!
    Wie das Grab, gndigster Herr Graf!
    Auch gegen Vollbrecht!
    Gegen mich selbst, wenn Ew. Gnaden befehlen!
    Wenn Du mein Vertrauen, das ich Dir in diesem Augenblicke schenken will,
rechtfertigst, werde ich Deinen Sohn - still, still, ich kenne Deine kleinen
verliebten Abenteuer, ohne Dich deshalb zu schelten! - Deinen Sohn also werde
ich erziehen lassen und Dir eine lebenslngliche Pension von dreihundert Thalern
aussetzen. Was meinst Du?
    Der gndigste Herr Graf sind der gromthigste Mann auf Erden!
    Ich werde es sein, wenn Du schweigst! sagte Adrian nochmals mit einem
bedeutenden, eben so freundlichen als drohenden Blick. Znde jetzt die
Blendlaterne an und hole die Schlssel zur Fabrik.
    Jetzt? Ew. Gnaden wollten -
    Gehorche und schweige! raunte ihm der Graf befehlshaberisch zu.
    Jean verfrbte sich, schlich auf den Zehen ins Comptoir und berbrachte
Adrian, der sinnend in das kleine Flmmchen der Blendlaterne sah, die Schlssel
mit zitternder Hand.
    Meinen Wolfspelz!
    Jean holte auch diesen und warf ihn seinem Gebieter um. Es ist sehr kalt,
gndiger Herr, sagte er, der Doktor wrde einen so spten Ausgang gewi nicht
gestatten.
    Jetzt nimm den groen Henkelkorb, der die neuen Garnproben enthlt. Leere
ihn und bringe ihn an die Tenne.
    Adrian schritt schon die Treppe hinunter, entriegelte die Hausthr und ging
auf die Tenne zu, wo die Leichen der Kinder, die in seinem Dienst umgekommen
waren, den Schlummer des ewigen Friedens schliefen. Auf den bleichen Gesichtern
der Kleinen spielte der Schimmer der silbernen Gestirne, die am dunkeln
Nachthimmel flammten.
    Wollen Ew. Gnaden die armen Wrmer begraben oder sie eigenhndig ihren
Aeltern vor die Hausthren legen? stotterte der Kammerdiener, dem die Zhne vor
Frost und Furcht klapperten und der seine Zusage lngst schon bereute.
    Lege die Leichen in den Korb, Jean, befahl der Graf, und schlage dann die
graue Deckleinwand sorgfltig ber sie zusammen!
    Jean mute trotz seines namenlosen Grauens das grliche Geschft
verrichten, dem Adrian mit verschrnkten Armen, still und ernst wie ein
Todtenrichter zusah. Dann nahmen Beide den Korb auf, Adrian stellte die kleine
Blendlaterne auf die verhllten Kinderleichen und schlug den Felsenpfad nach der
Fabrik ein. Dem Kammerdiener rieselte kalter Schwei in Bchen ber sein
Gesicht. Er sprach kein Wort. Keuchend half er dem marmorbleichen, wie eine
lebendig gewordene Statue neben ihm fortwandelnden Grafen die schreckliche Last
nach den hochgelegenen Fabrikgebuden tragen.
    Das Entsetzen des armen Kammerdieners erreichte seinen hchsten Grad, als
sie die Maschinensle betraten. Diese unermelichen Rume, sonst mit
erstickendem Oeldunst und dem heien Broden von mehr als hundert Arbeitern
erfllt, jetzt kalt und von einem seltsam pfeifenden Luftzug durchweht, der aus
den geffneten Wrmerhren drang und an den blaugrauen oder schwarzen
Stahlschenkeln und Armen der Maschinen wie der Athem eines hier festgebannten
bsen Geistes flsterte, suselte, wimmerte und heulte - diese endlosen Rume
hatten etwas unbeschreiblich Grauenvolles. Durch die hohen, tausendscheibigen
Fenster, jetzt mit beinahe fingerdicken Eis- und Schneeblumen bedeckt, fiel kein
Schimmer des blulichen Sternendmmers, der die Nacht der Haide matt
erleuchtete. Nur das einzige dnne und trbe Flmmchen der Blendlaterne in
Adrians Hand sandte seinen gaukelnden Irrlichtglanz hpfend ber die hundert
Werksttten der modernen Industrie, durch die grliche mitleidslose
Folterkammer der Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts! -
    Oeffne den Korb, Jean, befahl Adrian, und folge mir mit dem kleinen
todten Schlingel, der das Pfeilmaal auf der linken Wange hat!
    Mechanisch hob der Kammerdiener, jetzt in sein Schicksal still ergeben, die
Leiche aus dem Korbe und trug sie dem vorausschreitenden Grafen nach. In der
Mitte des Saales blieb er an einer der grten Spinnmaschinen stehen, deren
nackte Spindeln im Schein der Leuchte mattroth erglhten.
    Das ist der Ort, sagte Adrian spttisch lchelnd. Drcke dem kalten
Schelm die steifen Glieder zusammen, da er in eine sitzende Stellung kommt, und
schiebe ihn unter die Kmme. Er hat da geschafft bei Lebzeiten, er mag sich noch
einmal im Tode die ungelenken Finger von den sthlernen Rechen krumm biegen
lassen. Wenn ihn morgen frh der Herr Papa hier nicken sieht, wird er sich wohl
nicht mehr weigern, ihn als redlicher Vater nach Hause zu tragen. Man mu diese
pflichtvergessenen Menschen mit der Nase auf das stoen, was sich schickt, und
was sie zu thun haben.
    Jean starrte den Grafen mit offenem Munde, mit schlotternden Knieen und
klappernden Zhnen an. Sein Auge schwamm in Thrnen, er vermochte nicht zu
reden. Nur stammelnd lallte er:
    Aber, gndigster Herr Graf! - Gnade! Gnade!
    Gehorsam verhilft zu Gnade! versetzte Adrian schneidend. Weil sie mir
nicht gehorchen, bin ich ihnen ungndig gesinnt und bestrafe sie jetzt. Thue
also, was ich Dir heie!
    Jean drckte die Leiche zaudernd in die klirrenden Sthle. Heie Thrnen
fielen auf das Gesicht des Todten und blieben an seinen gesenkten Wimpern
hngen.
    Adrian schritt weiter, beim trben Schein der Laterne mit Mhe die Notizen
in seiner Schreibtafel durchfliegend. In mehrere Sle kehrten die schrecklichen
Wanderer ein, berall ein Geschenk des Todes, bald sitzend, bald stehend, bald
gegen die Erde gepret, bald ber die Flucht der Spindeln gebeugt,
zurcklassend. Erst nachdem dies nchtliche Geschft zu Adriaus Zufriedenheit
beendigt war, verlieen sie schweigend, wie sie gekonnnen, die Fabrik und
kehrten, von Niemand gesehen, von Niemand in ihrem grauenvollen Thun belauscht,
als von Gott, in die Wohnung am Ufer des Sees zurck.
    Vergi nicht zu schweigen! ermahnte der Graf seinen Kammerdiener mit
vertraulichem Lcheln, in dem eine satanische Genugthuung triumphirte, whrend
dieser ihn entkleidete. Es wird Dich nicht gereuen!
    Jean schwieg. Er wnschte dem Grafen schweigend gute Racht, suchte
schweigend das Lager und stand am andern Morgen schweigend wieder auf. Er
schwieg fortan immer, sein ganzes Leben hindurch. Das Entsetzen der Nacht hatte
ihm die Zunge gelhmt und das Vermgen der Sprche genommen! - Die Vorsehung
liebt es zuweilen, die grten Verbrechen am hrtesten an denen zu strafen, die
nur als blinde Werkzeuge zu deren Vollziehung dienen. -

                               Siebentes Kapitel.



                                 Die Ablhnung.

Noch am Neujahrstage war die Kunde von dem Hungertode der fnf Kinder bis auf
den Zeiselhof gedrungen. Aurel hielt es fr eine schamlose Uebertreibung, um
ferne und nahe Unterthanen Adrians gegen diesen aufzuhetzen, und wollte durchaus
nichts davon hren. Anders dachte der Maulwurffnger, der die gedrckte Lage der
Fabrikarbeiter zu genau kannte, um nicht auch einen solchen Fall fr mglich zu
halten. Er erbot sich, unverweilt nach Boberstein aufzubrechen, um sich von den
dortigen Verhltnissen zu unterrichten. Die an sich geringe Entfernung war zu
Schlitten in sehr kurzer Zeit zurckzulegen, weshalb Heinrich ein derartiges
Fuhrwerk begehrte. Da er selbst kein zuverlssiger Rosselenker war, ergriff
Sloboda die Zgel. Diesen trieb es berhaupt wieder in die Haide, an den Ort, wo
sein Kind so glckliche Stunden verlebt hatte. Ohnehin wollte es ja scheinen,
als bleibe fr ihn und seinen Enkelsohn wenig zu hoffen, denn whrend
allerorten, wo Niemand es vermuthete, Blutsverwandte des grflichen Geschlechtes
von Boberstein pltzlich und unerwartet austauchten, wollte sich nirgends eine
Spur des Kindes zeigen, das Haiderschen auf der Flucht geboren hatte, und um
das sie gebracht worden war. Man wute nur, da es ein Mdchen gewesen, da es
gelebt hatte und whrend der tagelangen Ohnmacht der angegriffenen Mutter
verschwunden war.
    Frhzeitig brachen die Greise am Tage nach Neujahr auf, flogen in leichtem
Schlitten ber die spiegelnden Schneefelder der Haide entgegen und entdeckten
bald in der durchsichtigen Luft die Schornsteine der Fabrik. Zu ihrem groen
Befremden lagen keine Rauchwolken ber denselben, obwohl neun Uhr Vormittags
schon vorber war. Der Maulwurffnger trieb Sloboda zu schnellerem Fahren an, da
nur ein ungewhnlicher Vorfall diesen Stillstand der Fabrik veranlat haben
konnte. In gestrecktem Galopp jagten nun die beiden jungen feurigen Thiere mit
ihrer leichten Last durch die gewundenen Haidewege, durch phantastisch gewlbte,
mit krystallenen Schneebehngen drapirte Eishallen, wie sie der Winter in seiner
wunderlichen Launenhaftigkeit in dichten Fhrenwldern ber Nacht voll
zauberischer Pracht erbaut. Lange vor Mittag spiegelte ihnen durch den
Unterbusch der See entgegen, von hin und wieder gehenden Menschentruppen reich
belebt.
    Wir haben frher bemerkt, da Herr am Stein alls Rcksicht auf seine klug
berechneten Speculationen die Lohnzahlung an seine Arbeiter bis auf den heutigen
Tag verschoben hatte. Obwohl er sehr genau die verzweiflungsvolle Lage des
grten Theils dieser armen, von einem Tage zum andern kmmerlich ihr Leben
hinfristenden, Sclaven seines Willens kannte, glaubte er doch nicht an den
Ausbruch einer wirklichen Hungersnoth. Er hoffte die Mehrzahl werde mit einigem
Darben die wenigen Tage berstehen, werde dann hungrig nach Brod und gierig nach
einigen Groschen schon vor Tage sein Haus umlagern und ohne Zgern unter den
zuletzt aufgestellten Bedingungen lebensgern fr ihn fortarbeiten, um nur wieder
Geld in die Hnde, Brod und Torf ins Haus zu bekommen. Wute er doch aus
Erfahrung, was man dem armen Volke zumuthen kann, wenn man die Macht besitzt,
ihm zu helfen und zu schaden.
    Diefe Lohnaustheilung erfolgte auf Adrians Hausflur durch ein Schiebfenster,
das mit dem Comptoir in Verbindung stand. Vollbrecht hatte als vereideter
Geschftsfhrer die Vertheilung zu besorgen. Adrian selbst kmmerte sich nie
darum, noch lie er sich vor seinen Arbeitern blicken.
    Martell hatte diesem Zahlungstage in einer kaum zu beschreibenden
Gemthsaufregung entgegengesehen. Das Wort des Maulwurffngers war wie eine
Feuerflamme in seine Seele gefallen. Er, der arme, verachtete, mihandelte
Spinner ein Verwandter des reichen allmchtigen Herrn am Stein! Ein Mitglied der
Familie, die ber frstliche Besitzungen gebot! Er ein Mann, dem vielleicht
gleiche Rechte an diese unermelichen Lndereien zustanden, wie dem, unter
dessen eiserner Zuchtruthe er grollend seinen Rcken beugte!
    Martell bedurfte einiger Tage, um den gewaltigen Eindruck dieser Offenbarung
zu berwinden und sich an den Gedanken zu gewhnen, da ihm em besseres Loos
gebhre, als das unter dem er gegenwrtig sich abmhe. Ein minder krftiger
Charakter wre vielleicht still, demthig, heiter und zufrieden geworden durch
die erwhnte Entdeckung, htte vielleicht alles ausgestandene Elend schnell
vergessen und sich mit der Aussicht auf baldige bessere Tage getrstet. Bei
Martell dagegen wuchs der Groll, der Ingrimm, die Lust nach Rache mit der
Gewiheit, da er von Kindes Beinen auf unwrdig ja niedertrchtig behandelt
worden sei. Die ausgestandene Noth, das erlittene Unrecht zu vergessen, war
nicht seine Absicht. Er sann Tag und Nacht nur darber nach, wie er sich recht
empfindlich rchen, wie er Wiedervergeltung ben konne! - Traugotts Zuspruch
machte ihn noch wilder, noch erbitterter. Der arme Spinner in seiner moralischen
Entrstung war furchtbar und erhaben zugleich. Er war ein zrnender Gott in
Lumpen!
    Schweigt Vater! rief er nach einer abermaligen frommen Ermahnung des
gottvertrauenden Greises, die am Morgen des Neujahrstages vorfiel, als Martell
sich weigerte, den schwchlichen Alten zur Kirche zu begleiten. Mein Gebet wre
schlimmer als Fluch, denn es kme ja doch aus einem haerfllten Herzen! - Und
wofr soll ich denn beten und danken? Dafr, da ich vierzig Jahre am Elende
mich sattgegessen, da ich mir an der verschimmelten Brodrinde der Armuth das
Herz zu Gott und Menschen abgekaut habe? Solch jammervolles Dasein ist keinen
Dank werth; man bezahlt es schon viel zu theuer mit den hunderttausend Flchen,
die willenlos unserm Munde entgleiten! - Lat mich also, Vater, und betet Ihr
fr mich, wenn Ihr knnt, ich will mich rsten auf die Kmpfe der nchsten
Tage.
    Betrbt ber die Halsstarrigkeit seines Schwiegersohnes ging der alte
Spinner von seiner Enkelin gefhrt zur Kirche. Lore blieb ebenfalls daheim, um
das sehr zerrttete Hauswesen einigermaen in Ordnung zu bringen.
    Mich verlangt es zu erfahren, sagte Martell zu seiner Frau, was der
verfluchte Snder, mein sehr werther Herr Vetter, zu der Neujahrsbescheerung
sagen wird! Ha, ich denke, sie soll ihm ein Zhneklappen verursachen, das er im
ganzen Jahre nicht wieder los wird! - Freilich, da sind wir immer noch glcklich
zu nennen gegen die armen Aeltern der Verhungerten! - Unser Hans starb, so zu
sagen, wie ein Mensch, wenn auch elendiglich verstmmelt, aber diese
Unglcklichen - o Gott, la mich's nicht denken!
    Wenn wir fortzgen von hier, was meinst Du? Wir haben jetzt Freunde, die
uns gewi untersttzen werden. Es gehen so Viele nach Amerika -
    Nein, Lore, jetzt mssen wir bleiben, und wenn man uns die Glieder einzeln
abri!
    Es thut nicht gut, Martell! Du vertiefst Dich zu sehr in Deine Gedanken und
am Ende, wenn Du keinen vernnftigen Ausweg mehr siehst, begehst Du, was nicht
recht ist!
    Glaubst Du, ich werde ihn, den Herrn Vetter ermorden? Bei meiner
unsterblichen Seele, das geschieht nicht!
    Du bist so heftig, so ungestm! Ach und den frommen Vater krnkst Du
damit!
    Er ist gut, aber er versteht mich nicht. Dchten wir alle, wie er in seiner
Einfalt, so schindeten uns die Herren zuletzt lebendig. Ich wei schon, was ich
will!
    Was, Martell? Sage mir's, ich bitte! Bin ich auch nur ein armes, von Kummer
tief gebeugtes Weib, eine trauernde Mutter - was das Rechte ist, das sagt mir
mein zitterndes Herz!
    Lore schlang ihre magern Arme um den stmmigen Nacken des zrnenden Mannes
und strich ihm die verworrenen langen Locken aus der Stirn, die ihre bleichen
Lippen in flchtigem Kusse berhrten. Martell sah ihr lange still und ernst in
die liebreichen, von Thrnen erfllten blauen Augen.
    Bedanken will ich mich, sagte er nach einer geraumen Pause und sein bisher
kaltes Auge blitzte in dunkelm Feuer auf.
    Bedanken? Bei wem und fr was?
    Bei meinem Herrn Vetter fr die ausgezeichnete Behandlung, die er mir hat
zu Theil werden lassen, erwiederte Martell hhnisch lchelnd.
    Das ist es gerade, was ich frchte, seufzte Lore und lie ihren Arm
langsam von der Schulter des geliebten Mannes gleiten. Das, was Du Dank nennst,
wird hart und bitter sein -
    Ei, mein Schatz, die Wohlthaten, die er uns erzeigt hat, waren auch nicht
s, die Lasten, die wir fr ihn trugen, nicht leicht! Ich will blos mit ihm
sprechen, wie es ein Vetter darf und soll.
    Und wenn hast Du die Absicht, eine solche Unterredung unt Herrn am Stein
Dir zu erbitten?
    Ich werde gar nicht darum bitten, arme Taube, ich werde warten, bis es Zeit
ist und dann sprechen!
    Wenn er Dich nur zu Worte kommen lt!
    Ich besitze, Gott Lob, eine krftige Stimme, wahrscheinlich das Einzige,
wofr ich ihm mittelbar Dank schuldig bin, da ich als Saalaufseher das Gerusch
der Maschinen oft berschreien mute. Andere freilich, deren Lungen nicht
krftig genug waren, bekamen die Schwindsucht und siechten hin. Grade, weil Gott
mich erhalten hat, scheint mir, soll ich noch zu etwas Besserem berufen sein,
als mein Lebelang blos an hundert und mehr Spindeln auf und abzulaufen, um die
zerrissenen Fden wieder anzuknpfen.
    Whrend dieses Zwiegesprch zwischen Martell und seiner Frau stattfand, war
der Aufruf zur Todtenschau auf der Insel an vielen Orten erfolgt. Schaaren
Neugieriger eilten nach dem See, denn nur Wenige kannten den Hergang der Sache
und wuten um die letzten Augenblicke der Verstorbenen.
    Siehst Du? sagte Martell lchelnd zu Lore und deutete auf die Reihen der
schnell dahin eilenden Menschen. Graf Adrian hat den Neujahrwunsch seiner
getreuen Arbeiter empfangen. Er beeilt sich, ihnen pflichtschuldigst seinen
gefhltesten Dank abzustatten - so ungefhr heit ja die herzlose Redensart, die
alle Vornehmen und Hochgeborenen den Armen und Niedrigen gegenber s lchelnd
in den Mund zu nehmen pflegen.
    Bald nach erfolgtem Aufruf kam Traugott aus der Kirche, zu neuen Leiden
ermuthigt, wie immer, wenn er das Haus des Herrn besucht hatte. Etwas spter
erscholl die lhmende Nachricht von dem Hungertodte der fnf Kinder, ihm folgte
das Zurckstrzen der Arbeiter von der Insel und jenes furchtbare Schweigen des
Entsetzens, das der beredteste Ausdruck tiefster Emprung und grter
Seelenerschtterung ist.
    Nun freue ich mich auf morgen, sagte Martell. Morgen ist Zahltag fr den
reichen Herrn, da hat er allemal schlechte Laune. Wir merken das immer an den
schlechten Geldsorten, die uns dann fr vollgiltig zugeworfen werden. Diesmal
jedoch soll das nicht wieder einreien, das steht fest! Ich appellire.
    Und erhltst den Abschied! seufzte Traugott. Ach wenn werde ich Dich
demthig, ergeben und in die Zeit Dich fgend sehen!
    Sobald es besser geworden ist mit den Arbeitern, Vater, nicht eine einzige
Stunde frher! -
    Gegen Abend sprach Simson bei Martell ein. Der unglckliche Mann wohnte nur
wenige Huser weit und war unserm heiblutigen Freunde immer ein treuer Helfer
in der Noth gewesen, so weit dies unter so beschrnkten Verhltnissen mglich
und denkbar ist. Der Mann war vllig rathlos. Hnderingend, den stieren
Verzweiflungsblick bald an die schwarzen Dielen heftend, bald zur Decke
aufschlagend, ging er in der kleinen Stube ruhelos auf und nieder.
    Beim ewigen allbarmherzigen Gott, Martell, ich wei nicht mehr, was ich
anfangen, wie ich die Jammernde besnftigen soll! rief er aus. Sie will
durchaus ihr Kind wieder haben, um die Leiche noch herzen und kssen zu knnen,
und wir haben uns doch hoch und theuer verschworen, nach Deinem Rath, es nicht
eher von des Grafen Schwelle zu heben, als bis er unsere billigen Wnsche
genehmigt und erfllt hat! - Mein Jesus, ich glaube, sie stirbt vor Jammer und
Angst noch diese Nacht!
    Rede ihr zu, Simson, verstndig und mild, erwiederte Martell. Sie wird
sich schon wieder fassen und noch ein paar Stunden gedulden. Unser Aller Zukunft
in diesem Jahr hngt ja davon ab.
    Was gilt das Alles einer Mutter, die ihr Kind beweint! entgegnete Simson.
Ein Kind das in ihren Armen vor Hunger gestorben ist! Da hat alle Vernunft ein
Ende, Martell! Will es doch unser einem den wsten Kopf auseinander sprengen!
    Maja mu sich dennoch gedulden, Leidensgenosse! Es ist der einzige Weg, um
dem Unbarmherzigen Zugestndnisse abzunthigen. Wir wollen keinen Aufstand,
damit wir in spteren Tagen mit Gottes Hilfe Recht erhalten.
    Simson schlich wieder heimwrts, um der klagenden Mutter Trstungen
zuzuflstern, an die er selbst nicht glaubte, und eine endlose, von
unermelichem Schmerz zur Ewigkeit sich ausdehnende Nacht schlaflos mit ihr
zuzubringen. -
    Hunderte von Arbeitern floh der Schlaf in dieser langen kalten Winternacht.
Diese fanden die Ruhe nicht, weil sie von krperlichen Schmerzen - den Folgen
des Hungers gepeinigt wurden, Jene rieb die Seelenqual auf um der Ihrigen
Zukunft, wenn nicht binnen krzester Frist ein totaler Umschwung der
Verhltuisse, eine Revolution der Gesellschaft eintreten sollte!
    Lange vor Tage und noch lnger vor der bestimmten Arbeitszeit ward es
lebhaft im Dorfe am See. Mnner, Frauen und Kinder schaarten sich truppweise
zusammen, um sich gegenseitig die allgemeine Noth zu klagen, die Jeder fr sich
zur Genge kannte und doch von dem Dritten mit gespannter Aufmerksamkeit
nochmals schildern hrte.
    Bald nach fnf Uhr des Morgens setzten sich die Truppen der Arbeiter in
Bewegung, still und ohne ein ueres Zeichen der tiefen innern Aufregung, die in
der Brust fast jedes Einzelnen tobte. Sie beabsichtigten durch diese frhere
Ankunft an Adrians Behausung eine Beschleunigung der Lohnauszahlung zu bewirken
und dadurch Zeit zur Auseinandersetzung ihrer Forderungen zu gewinnen. Martell
war einstimmig zum Wortfhrer ernannt worden. Auf ihn grndete das ganze
Arbeiterdorf seine Zukunft, denn man hielt ihn fr besonders geeignet, dem
grausamen Fabrikherrn zu imponiren, da man wute, da er ein Anverwandter dieses
modernen Despoten war, oder doch sein sollte. Auch die Aeltern der verhungerten
fnf Kinder zogen in mitten ihrer Kameraden der hohen Zwingburg auf den
Granitfelsen Bobersteins entgegen.
    Obwohl es noch tiefe Nacht war, zeigten sich doch in der weilichen
Atmosphre ber den Schornsteinen der Fabrik schon krause dunkle Wlkchen, die
von der kalten Luft niedergedrckt wie schwarze Riesenschlangen mit
abenteuerlich gehrnten Drachenkpfen an den hohen Schloten abwrts krochen und
sich auf den weien Abhngen der felsigen Insel convulsivisch krmmten und
wanden. Die Thtigkeit der Oefen hatte begonnen, da eine Stunde spter die
ersten Arbeiter wieder antreten sollten.
    Erwartungsvoll sammelten sich die Spinner vor dem Hause des Fabrikherrn. In
diesem war noch kein Laut des Lebens zu hren, dennoch unterlieen die schlecht
gegen den scharfen Morgenwind Verwahrten jede tumultuarische Bewegung, um nicht
zur Unzeit den Zorn Adrians zu reizen. Pnktlich in seinen Anordnungen und
Versprechungen, lie dieser die Thr mit dem ersten Glockenschlage sechs ffnen
und gestattete je drei Arbeitern auf einmal den Eintritt in den Flur. Martell
war der Erste, ihm schlo sich Simson und jener Anton an, der am
Weihnachtsabende die Aufgeregten durch besonnenes Zureden zu beruhigen suchte.
    Das freundliche Gesicht Vollbrechts lchelte ihnen durch das Schiebefenster
entgegen, und ein freundlicher Morgengru ward ihnen zu Theil. Als man diesen
eben so herzlich erwiederte, sprach Vollbrecht:
    Es ist der ausdrckliche Wunsch und Befehl des Herrn am Stein, da die
Arbeit nach so langer Rast sogleich wieder ihren Anfang nehme. Die
eigenthmlichen Handelsconjuncturen gebieten es, damit noch vor Mittag die vor
dem Feste angelegte Wolle aufgesponnen, geweift und gekutelt werde! Geschhe
dies nicht, so wrde durch die Concurrenz einer andern bedeutenden Spinnfabrik
Sachsens der Markt frher mit dem nthigen Bedarf berfllt und dadurch der
Firma am Stein und Compagnie nicht nur der diesmalige, sondern auch jeder ferner
noch zu hoffende Gewinn verloren gehen. Haltet Euch also jetzt nicht auf,
sondern begebt Euch sogleich an die Maschinen! Spter, etwa um die zehnte
Morgenstunde, will Euch Herr am Stein als zum ersten Tage im Jahre den Lohn
selbst auszahlen.
    Viele murrten ber diese Neuerung und machten Miene zu bleiben und durch
Drohungen die ohnehin so lange verzgerte Auszahlung auf der Stelle zu
erzwingen. Martell aber erkannte schnell den Vortheil, der ihnen aus
geschftiger Willfhrigkeit grade in diesem Augenblicke erwachsen mute, und
forderte die vereinzelten Truppen gebieterisch auf, ihm zu folgen. Da Viele gar
nicht die Veranlassung der sofortigen Ersteigung der Fabrik kannten, schlo sich
die ganze sehr zahlreiche Masse aus reiner Neugier an. In zehn Minuten wimmelte
der Fabrikbof, der ein groes Fnfeck bildete, von dem Summen der in die
verschiedenen Sle und Stockwerke sich vertheilenden Arbeiter.
    Das pfeifende Gezisch des gefesselten Dampfes, das bisweilen aus einem der
Sicherheitsventile erklang, und eine schneeweie wirbelnde Dunstsule in die
kalte Luft entsendete, zeigte an, da Alles in Bereitschaft sei, um die
Maschinen ohne Verzug in Gang zu setzen.
    Vollbrecht ffnete die einzelnen Sle, bald entzndeten sich die Lampen an
Wnden und Decken, die Arbeiter nahmen ihre Pltze ein und das Zeichen, die
Maschinen wirken zu lassen, ward gegeben.
    Martell und Simson arbeiteten in demselben Saale an den feinen
Spinnmaschinen. Hier waren auch ihre nunmehr verstorbenen beiden Kinder
Flockenzupfer unter den hin und wieder rollenden Spindelwagen gewesen.
    In seinen Kummer vertieft, auf nichts um sich her achtend, trat der
halbverhungerte Mann an seinen Ort, ergriff mechanisch die Feder, durch deren
Druck sein Spindelwagen mit der allgemeinen Maschinerie in Verbindung gesetzt
ward, und lie, als das dumpfe Stampfen der eisernen Gestnge verkndigte, da
sich die Dampfmaschine in Bewegung setze, seinen klirrenden Stahlwagen in das
rollende Kammrad greifen. In diesem Augenblick hrte er von wohl zehn seiner
mitarbeitenden Nachbarn einen grlichen gemeinsamen Aufschrei, sah eben so
rasch ein Aushngen ihrer Spindelfluchten und ein geisterartiges Hinstieren nach
ihm und seiner Maschinenabtheilung. Bestrzt lie auch Simson die Feder wieder
einschnappen, folgte den Blicken seiner Mitspinner und sah - sah mit stockendem
Herzen, mit blutleeren Wangen, mit fiebernder Lippe und verzerrten Zgen den
Krper seiner verstorbenen Tochter unter den Kmmen am Boden sitzen, in einer
Stellung, als wolle sie die abfallenden Wollflocken einsammeln! - Fast zu
gleicher Zeit wiederhallten noch mehrere Sle von hnlichen Entsetzenstnen.
Ueberall wurden die Maschinen gehemmt, berall die Arbeit sofort eingestellt.
    Adrians Wunsch ging wirklich in Erfllung. Die unglcklichen Aeltern, die
ihre verhungerten Kinder in der strmischen Sylvesternacht dem Despoten als
Neujahrsgabe vor die Thr gelegt hatten, trugen die Wiedergefundenen auf ihren
Armen heim in ihre Htten. Die Freude, die dem Gesammtwillen der Darbenden
dahingegebenen Opfer jetzt wieder zu besitzen, unterdrckte jede andere
Herzensregung bei smmtlichen Aeltern, und ohne den boshaften Hohn zu empfinden
oder zu ahnen, der sich in dieser Wiederbescheerung kund gab, verlieen die
Trauernden, die Kinderleichen im Arm, die Fabrik. Wie sie in die Maschinensle
gekommen und da nur Adrian der Veranstalter dieser Ueberraschung sein konnte,
darber dachten die Betheiligten nicht nach.
    Um desto grer und anhaltender war das Grauen aller Uebrigen. Die Hand
jedes Einzelnen erlahmte, seine Pulse stockten, Schwindel erfate Alle, als
stnden sie dicht an einem unergrndlichen, hllentiefen Abgrunde, in den eine
finstere Gewalt sie hohnlachend hinabstoen wolle. Diesem allgemeinen Grauen und
Entsetzen folgte ein Moment unbeschreiblicher Aufregung. Man dachte zwar nicht,
was doch nahe gelegen und worin der rohe Sinn der Menge die sicherste
Genugthuung fr die ihr angethane Beleidigung ohne Zweifel gefunden htte, an
Zerstrung, Aufruhr, Brand und Mord, aber man fhlte das unabweisbare Bedrfni,
jetzt unmittelbar etwas Gemeinsames, etwas Wohlberlegtes zu unternehmen.
    Zuvrderst ward die Arbeit eingestellt. Vollbrecht selbst, der nicht weniger
erschttert und emprt war, als die Arbeiter, lie die Maschinen hemmen und
befahl, den Dampf auszulassen. Als dies geschehen war, versammelte man sich im
grten der Sle. Dieser fate ungefhr die Zahl der anwesenden stimm- und
berathungsfhigen Mnner. Die Kinder und Frauen wurden heimzugehen bedeutet oder
muten sich ruhig verhalten. Sie zogen sammt und sonders das Letztere vor und
blieben.
    Diese ber drei Stunden dauernde Arbeiterberathung hier zu schildern, kann
nicht unsere Absicht sein. Sie wrde den Gang der Begebenheiten nur unnthig
aufhalten und unsere Leser vielleicht langweilen. Auch wrde sie ihres Zweckes
in so fern verfehlen, als die whrend jener Versammlung gefaten Beschlsse an
diesem Tage, wie auch spter nicht sogleich zur Ausfhrung kamen, indem andere
Ereignisse dazwischen traten und Allem eine andere Wendung gaben.
    Tiefer in seinem Wesen als Martell konnte Niemand erschttert sein. Dennoch
wute er sich zu migen und erhielt, wie er wnschte, im Namen seiner
Mitgenossen zum zweiten Male den Ehrenposten eines Sprechers.
    In der zehnten Stunde endlich verlieen smmtliche Arbeiter die Fabrik, um
von Adrian den Lohn in Empfang zu nehmen. Vollbrecht eilte ihnen der Abrede
gem voraus, um die Ankommenden dem Herrn zu melden. Damit kein nutzloser, nur
strender Zudrang entstehen mge, war beschlossen worden, da bis auf die zehn
Abgeordneten, die man erwhlt hatte, Niemand an der Verhandlung mit Adrian Theil
nehmen sollte. Es schieden sich daher die Nichtbetheiligten einstweilen in
einzelne Gruppen, die mig theils in der Nhe des Hauses, theils auf dem See
hin und wieder gingen.
    Martell war sehr bleich, als er an das Schiebefenster trat, aus welchem der
Millionair an drei tausend seiner Sclaven mit zgernder Hand den kargen
Zehrpfennig fr wenige Tage mit verdrielicher Miene und falschem Auge reichen
wollte. Die scharfkantige, hohe Stirn, der feste Mund mit dem ironischen
Schmerzenszuge, das dstere Auge und der starke schwarze Haarwuchs, dessen
natrliches Gelock ihm finster und drohend in die Stirn hing, gaben Martell das
Ansehen eines entschlossenen Richters, der im Begriff steht, ein
unwiderrufliches Todesurtheil zu fllen.
    Nach kurzem Zgern klang das Fenster und Adrian, in einem Morgenrocke von
kostbarem Seidenstoff gekleidet, nahm Platz auf dem Lehnsessel, den ihm ein
Bedienter an das Fenster schieben mute. Auch Adrian war bleich und um seinen
Mund spielte ebenfalls ein seltsames ironisches Lcheln. Sein kleines boshaftes
Auge funkelte unter den stark hervorspringenden Stirnknochen wie das einer
giftigen Schlange. Die Blicke Martells und Adrians berhrten sich und Beide
erbebten innerlich, Jeder vor dem Andern. Wer in diesem Augenblicke den beiden
sich tdtlich hassenden Mnnern einen Spiegel htte vorhalten knnen, wrde
wahrscheinlich ein noch greres Wunder bewirkt haben, denn nie sahen sich zwei
Menschen einander hnlicher.
    Du bist pnktlich, Martell, sagte Adrian mit erknsteltem Lcheln, indem
er sich von Vollbrecht eine Schwinge mit Silbergeld reichen lie und diese vor
sich hin stellte. Das freut mich, denn ich liebe pnktliche Arbeiter.
    Martell schwieg, seine Brust hob sich in wildem Kampf. Er rang vergeblich
nach der ihm so nthigen Ruhe. Inzwischen suchte Adrian auf einer langen Tabelle
den Namen Martells, um zu sehen, wie viel Lohn der Feinspinner zu fordern habe.
    Hier, Martell, nimm! sagte er vornehm kalt. Du verdienst es zwar nicht,
da ich so freundlich mit Dir verkehre, denn Du hast mich letzthin an den
Feiertagen, wo ich Dein so vterlich gedachte, durch Deine harte und lieblose
Antwort recht sehr beleidigt. Aber ich will Nachsicht haben und Dir Dein Unrecht
nicht weiter nachtragen.
    Adrian hielt das Geld aus dem Fenster, doch Martell rhrte keine Hand, um es
in Empfang zu nehmen. Langsam erhob er seinen strafenden Blick zu dem Grafen,
und indem ein schreckliches Lcheln seine todtenbleichen Zge berzitterte,
versetzte er:
    Lassen Sie uns erst Ahrechnung halten mit einander, Herr am Stein, ehe Sie
mich ablohnen. Sie wissen nicht, was ich zu fordern habe.
    Das steht genau verzeichnet auf der Liste.
    Mein Verdienst an der Maschine, ja, gndiger Herr, was Sie mir aber
auerdem noch schuldig sind, das wei nur ich allein!
    Adrian warf einen sonderbar stechenden Blick auf den Spinner im zerrissenen
Kittel, doch schwieg er.
    Zuvrderst, fuhr Martell ruhig fort, zuvrderst haben Sie mir das
Entsetzen zu vergten, das Ihr schreckliches Erfindungstalent nicht mir allein,
sondern Ihren smmtlichen Arbeitern bereitet hat.
    Eine Liebe ist der andern werth, sagte Adrian teuflisch lchelnd.
    Das meine ich auch, entgegnete Martell. Sie haben uns schon so viel
hnliche Liebe geschenkt, da wir wirklich, ohne ungerecht zu sein, dies nicht
mehr stillschweigend mit ansehen knnen. Darum werden Sie die Gte haben, nicht
nur die in Ihrem Dienst verhungerten Kinder ehrlich und anstndig auf Ihre
Kosten begraben zu lassen, sondern uns auch eine Summe, die wir spter nher
bestimmen wollen, auszuzahlen, wenn Sie wnschen, da diese Geschichte nicht mit
zur Sprache kommen soll in dem Prozesse, der gegen Sie anhngig ist und der
Ihnen vielleicht noch einige ruhelose Nchte verursacht! Ich fordere dies ganz
ruhig von Ihnen, Herr am Stein, als Ihr Arbeiter; machen Sie aber Umstnde, so
werfe ich das Arbeiterkleid ab und trete als Verwandter vor Sie, und diese
Verwandlung, denk' ich, wird Ihnen nicht ganz gleichgiltig sein; denn alsdann
fordere ich noch besonders Abrechnung fr mich!
    Bei dieser fast spttisch gegebenen Antwort fhlte Adrian, wie sich sein
Herz zusammenzog und erkaltete. Seine Abneigung, sein Ha und seine Furcht, die
er immer gegen Martell empfunden hatte, fanden pltzlich die vollkommenste
Erklrung. Er ward noch bleicher, seine Augen schienen den armen Spinner
durchbohren zu wollen, und die Geldstcken in seiner zitternden Hand, die auf
dem Rahmen des geffneten Fensters ruhte, begannen zu klingen und entglitten
eins nach dem andern.
    Die Gruppen, welche sich unmittelbar vor dem Hause gebildet hatten, drngten
jetzt herein, indem die Vordersten mit drohend ausgestreckten Armen schrien:
    So ist's, Herr am Stein! Er sagt die Wahrheit! Martell ist Ihr Vetter und
knnte Graf sein, so gut wie Sie!
    Das knnte er auch und das soll er! rief lautschallend dazwischen die
Stimme des Maulwurffngers, der in dem Augenblicke, als Martell dem Grafen mit
der erwhnten Verwandlung drohte, die Insel erreicht hatte. Sich jetzt an das
gaffende Volk der Arbeiter wendend, fuhr er fort, indem er Martells Hand erfate
und ihn mitten in's volle Tageslicht fhrte, so da von gleich hellem
Sonnenschein der Kopf des Grafen und der des Spinners grell beleuchtet wurden:
    Seht her, Ihr Armen, Hungernden und Darbenden! Das ist Adrian, Graf von
Boberstein, und hier steht Martell, Graf von Boberstein, sein lterer Bruder!
Knnen zwei Brder einander krperlich mehr gleichen?
    Die Aehnlichkeit war, wie wir bereits anduteten, auffallend an diesem Tage,
wo alle Leidenschaften in Martell erregt waren, was bekanntlich die
Familienhnlichkeit der Boberstein ungemein erhhte. Das Volk zweifelte keinen
Augenblick. Es strzte in drngendem Knuel auf den so unerwartet in den
Grafenstand erhobenen Spinner und rief, da es bis in die fernsten Gruppen auf
den See wiederhallte:
    Martell ist des Grafen Bruder! Es lebe Graf Martell!
    Adrian lie den Schieber sinken und stand auf. Man hrte, da er rchelnd
wiederholt fort! Fort! rief und schlrfend in seine Zimmer zurckkehrte.
    Martell stand mehrere Minuten ohne Bewegung, nur an dem Zittern seiner
Oberlippe und dem krampfhaften Zucken der Augenbrauen konnte man sehen, da er
lebte. Die Augen hielt er krampfhaft geschlossen. Als er sie wieder ffnete,
fielen sie zuerst auf die stattliche Figur des greisen Wenden.
    Martell, redete ihn dieser an, Martell, Sohn meiner erschlagenen
Schwiegertochter, Dein alter Grovater, der leibeigene Knecht Deines Vaters,
reicht Dir die Hand zum Grue. Komm an meine Brust, unglcklicher Sohn! Sie
kennt den Schmerz und wei ihn zu tragen mit Andern!
    Martell lie dem Wenden seine kalte, zitternde Hand. Das jetzt wild
aufflammende Auge suchte den Maulwurffnger.
    Ist es - wahr? stammelte er und lehnte seine herkulische Gestalt auf die
Schultern Sloboda's.
    Du bist Martell, Graf von Boberstein, sagte dieser kurz und rund.
Taufschein und sonstiges Papier liegt schon lange auf dem Landesgericht, und
geht der Teufel nicht ganz allein hier herum spazieren, so mut Du binnen Jahr
und Tag sein, was der Schalksknecht da drinnen jetzt ist. Straf' ihn Gott!
    Rache! Rache! Rache! flsterte Martell und richtete sich in seiner ganzen
wilden Gre auf.
    Indem fiel abermals der Schieber am Fenster herab. Vollbrechts Gesicht
grte die staunende Gruppe.
    Herr am Stein bietet Euch heut' doppelten Lohn, sagte der Geschftsfhrer.
Eine glckliche Chance, von der er so eben Kenntni erlangt, hat diesen
Umschwung des Geschftes bewirkt.
    Rache! schrie Martell und schlug sich mit beiden Fusten an seine mit
Lumpen bedeckte Brust.
    Ein Theil der lohnbegierigen Arbeiter war nahe daran, dem so pltzlich
gromthig geworden Grafen ein Lebehoch zuzuschreien, ein Wink Antons gengte
jedoch, dies zu verhindern.
    Komm, fasse Dich, mein Sohn! sagte Sloboda Gott ist gerecht und mild; er
wird Dich aus den Tagen der Angst und Noth in Jahre der Freude fhren! Komm!
Verkndigen wir die frohe Botschaft Deinem Weib und Deinen Kindern!
    Martell widerstrebte nicht, denn er war seiner selbst kaum mchtig. An
Heinrich's und Sloboda's Arm verlie er das Haus des grflichen Bruders.
    Rache! Rache! Rache! waren die einzigen Worte, die er bald flsternd, bald
schreiend, bald laut auflachend, zahllose Male wiederholte.
    Die Fabrikarbeiter aber drngten sich mit gierigen Blicken um das Glck
spendende Fenster und gingen frohlockend von dannen, weil sie wider Erwarten und
ohne lange Unterhandlung doppelten Lohn empfingen.


                                  Achtes Buch

                                Erstes Kapitel.

                                 Entdeckungen.

Im hohen Bogenfenster des Balconzimmers auf dem Zeiselhofe saen Herta und Aurel
einander einsam gegenber. Das gedmpfte Licht einer Astrallampe mischte sich
mit dem bleichen Silberglanz des Mondes, der drauen auf den dicht beschneiten
Bumen des Gartens flimmerte. Die zarten Hnde Herta's ruhten leicht
verschlungen auf ihrem Schooe. Ihre groen Augen waren unverwandt auf den
Neffen gerichtet und drckten eben sowohl banges Staunen als freudige
Ueberraschung aus. Thrnen hingen an ihren Wimpern und fielen in groen Perlen
langsam auf die gefalteten Hnde.
    Vergeben Sie mir, theuerste Tante? fragte Aurel mit bewegter Stimme, die
Hnde der Matrone ergreifend und sie rasch an seine Lippen fhrend. Vergeben
Sie mir den Schmerz, den ich Ihnen bereitet habe? Verzeihen Sie mir, da ich Sie
dem Frieden des Nichtwissens entri, der Sie mit sanftem Fittich umfchelte und
Ihnen ein stilles Glck gewhrte?
    Herta bewegte die Lippen zu einer Antwort, allein sie vermochte nicht zu
sprechen, so mchtig war sie erschttert. Nur ein leiser Druck ihrer kalten
Hnde sagte dem Kapitn, da ihm vergeben sei.
    Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, theure Tante! rief
Aurel heftig. Sie sollen nunmehr auch erfahren, da ich geschlagene Wunden zu
heilen nicht sumig bin.
    Es wird unmglich sein, mein Freund! erwiederte Herta bebend. Ein so tief
gesunkener Mensch lt sich nicht mehr retten. Sein Wille ist gebrochen und mit
dem gebrochenen Willen geht alle moralische Kraft, gehen Leib und Seele
verloren! O das ist entsetzlich!
    Die arme greise Dame legte still schluchzend die Hnde ber ihre
berstrmenden Augen und berlie sich ganz ihren schmerzlichen Gefhlen.
    Ich wage noch zu hoffen, versetzte Aurel. Thun wir wenigstens ohne Sumen
unsere Pflicht. Johannes mu vor Allem seinen demoralisirten Verhltnissen
entrissen, seinem bisherigen Umgange entfremdet werden. Der Edelstein, den Gott
jedem Menschen bei seiner Geburt in das Allerheiligste des Herzens legt, kann
noch nicht gnzlich vom Schmutz der Lasterhaftigkeit zermalmt sein. Man mu den
Beklagenswerthen auf diesen leuchtenden Schatz aufmerksam machen, mu ihn
anhalten, da er wieder danach grabe, ihn ans Licht hebe und an seinem magischen
Gefunkel Herz und Seele erlabe! Man darf auch nicht unterlassen, auf seinen
Ehrgeiz zu wirken! Ahnt er erst, da er edlen Ursprungs ist, da ihm noch eine
verehrungswrdige, tief gebeugte Mutter lebt, die ihn mit bangem Zagen, mit
schmerzlichem Sehnen erwartet, so wird er in sich gehen, den Schmutz mit Abscheu
von sich werfen und als ein Wiedergeborener reuig zu den Fen einer frommen
Mutter, einer tugendhaften Tochter niedersinken!
    Ihn wiedersehen! rief Herta aus. Meinen Johannes wiedersehen, der als
braunlockiger, aufgeweckter, schner und munterer Knabe vor meinen geistigen
Augen steht, jetzt als verwilderten rohen Trunkenbold begren mssen, dem
selbst die Ehre seiner Tochter nicht zu heilig war, um sie seinen
thierisch-brutalen Neigungen zu opfern? Ach, Aurel, ich frchte, es wird mir
nicht mglich sein, fr ein so erniedrigtes Geschpf noch Muttergefhle in
meinem Herzen zu finden! - Ich werde sehr, sehr unglcklich sein!
    Hren Sie mich an, theure Tante! entgegnete Aurel, der mit berraschender
Geistesgewandtheit einen Plan entworfen hatte. Meine erprobte Freundin, die
wrdige Dame Oehler, bei der ihre gerettete Enkelin eine so traute
Zufluchtssttte fand, mag sich ins Mittel schlagen. Ihr theile ich mit, was uns
das Zusammentreffen mannigfacher Zuflle entdeckt hat, und fordere sie auf, den
Vater Elwirens zu retten. Sie ist befreundet und verwandt mit den
einflureichsten Mnnern Hamburgs, deren Einschreiten in dieser Angelegenheit
nothwendig sein wird. Die unmittelbare Verwendung dieser Mnner wird Kltken aus
seiner Dumpfheit aufrtteln und ihn zur Erkenntni bringen. Mir schien es, als
sei er leicht zu rhren, als folge er mit ziemlicher Gelassenheit berlegener
Kraft, gebietendem Worte und Blick. Die Reue ber sein bisheriges unwrdiges
Treiben und Leben mu ihn zu Boden werfen. Aus solcher Zerknirschung wird er als
ein neuer Mensch wieder aufstehen und uns mit Thrnen der Freude und des Dankes
umarmen. - Ferner aber ist es nthig, da man sich seines Rubers und
Verfhrers, jenes entsetzlichen Blutrssels oder Lugauges, bemchtige, in dessen
verderblichen Banden der Unglckliche zu schmachten scheint. Es ist Zeit, da
der Verbrecher endlich zur Verantwortung gezogen wird! Scheint dieser grliche
Mensch doch der Letzte von Allen zu sein, welche Theil hatten an den verworrenen
Begebenheiten, welche das Grab der Jugend, der Unschuld und des Glckes so
vieler tugendhafter und braver Menschen wurden!
    Nach einem lngern Zwiegesprch, worin es Aurel gelang, die zahlreichen
Einwrfe und Bedenklichkeiten Herta's siegreich zu bekmpfen und der Zweifelnden
greres Vertrauen einzuflen, trennten sich die beiden vortrefflichen Menschen
mit dem Entschlusse, keinen Angenblick Zeit zu verlieren, um Kltken-Hannes -
wie er bei uns nach wie vor heien mag - dem Untergange zu entreien. Herta bat
mit kaum hrbarem Flstern, da Aurel ihr Elwiren senden mge. Es drngte die
bekmmerte, von so widersprechenden Gefhlen und Eindrcken tief erschtterte
Greisin, das Kind um sich zu sehen und an ihre Brust zu drcken, dessen Vater
sie bebend fr einen sittlich untergegangenen Menschen betrachten mute. Auch
sollte Elwire von ihrem Munde zuerst und allein das neue Geheimni erfahren, das
ihr jugendliches Dasein durch neue Freuden und Leiden verklren sollte.
    Anfangs war Aurel gesonnen, den lebensfrohen Gilbert als Geschftstrger
nach Hamburg zu schicken, whrend er aber die erforderlichen Briefe an Madame
Oehler und diesmal auch an deren Tochter schrieb, fiel es ihm ein, da ein so
kecker und rcksichtsloser Unterhndler nicht die geeignete Person zu
glcklicher Lsung dieser mit groen Schwierigkeiten verknpften Angelegenheit
sei. Weit geeigneter schien ihm grade dazu der peinlich pnktliche und
pedantische Dirigent des gemeinsamen Handelshauses am Stein und Compagnie, dem
er im Uebrigen seiner allzustrengen Lebensansichten wegen nichts weniger als
gewogen war. An diesen Mann schrieb er daher sehr ausfhrlich, sehr khl und
prosaisch, und trug ihm die ganze Sache, deren eigentlichen Kern er ihm jedoch
nicht enthlste, blos als ein zu betreibendes Geschft auf, wohl wissend, da er
es dann keinen treueren, zuverlssigeren und geschickteren Hnden empfehlen
knne.
    Inzwischen war Elwire von Herta auf die nahe Verwandtschaft vorbereitet
worden, die zwischen ihnen bestand. Diese Erffnung machte das junge Mdchen
erblassen. Sie begann krampfhaft zu zittern und es bedurfte der ganzen
mtterlichen Zartheit und der sanften trstenden Worte Herta's, um die
Erschrockene nur einigermaen wieder aufzurichten. Erst als ihre heftige
Erregung sich in Thrnen auflste, ward sie wieder ruhiger und den Worten der
Gromutter zugnglicher. An die Knie der Matrone geschmiegt und ihr in Thrnen
gebadetes zartes Gesicht in die seidenen Kleider der Vielgeprften drckend,
weinte sie leise und lange.
    Armes Kind, sagte Herta, mit ihrer feinen Hand Elwiren die schnen weichen
Haare, die in langen Locken bis in ihren Nacken herabfielen, streichelnd, armes
Kind, ich fhle mit Dir, was Dich bewegt, was Dich ergreift und erschttert! Du
weinst ber Deinen Vater, wie ich ber meinen Sohn!
    Elwire richtete sich auf und sah mit unbeschreiblicher Anmuth, die ein
tiefer Zug des Schmerzes noch erhhte, mit feuchten Augen die Gromutter an.
Man htte es mir eher sagen sollen, stammelte sie, am ganzen Krper erbebend.
Es ist hart, da ich es erst jetzt erfahre, nun es mich unglcklich macht!
    Und heftiger, anhaltender, erschtternder, als voher, begann sie aufs Neue
zu schluchzen.
    Immer die glnzend braunen Haare der schnen wiedergefundenen Enkelin mit
unverkennbarer Freude liebkosend, versetzte Herta:
    Es war uns ja selbst ein Geheimni bis heut! Seit kaum einer Stunde
verrieth es mir der gute Kapitn.
    Er? Er? rief Elwire lebhaft und stand auf, funkelnde Blicke durch den
zitternden Thrnenschleier auf Herta sendend. Kapitn Aurel hat es Ihnen
gesagt?
    Wie kann Dir das wunderbar oder nur berraschend vorkommen? erwiederte
Herta. Ein Zufall oder der Finger Gottes, die allwaltende Vorsehung lie ihn
Dich finden. Er wollte nur ein Werk der Humanitt ben, nichts weiter. Er freute
sich, ein leidendes hilfloses junges Mdchen den Mihandlungen herzloser und
tief in den Sumpf der Lasterhaftigkeit versunkener Menschen entreien zu knnen.
Ohne Absicht, ohne allen Plan handelte er fast nur instinktmig. Da erblickte
er jenen Ring, von dem Du wissen wolltest, da ihn Dein Vater einem wsten
Menschen im Spiele abgewonnen habe! Du erinnerst Dich, da Aurel sogleich von
diesem Funde bestrzt wurde, da er Dir kein Geheimni daraus machte. Er suchte
den Mann auf, welcher diesen Ring frher besessen haben sollte. Was er in einer
wsten Nacht unter Menschen, die mehr der Hlle als der Erde anzugehren
schienen, erfuhr, lie ihn nicht lnger zweifeln, da ich noch am Leben sein
msse, die man allgemein fr todt hielt oder todt wissen wollte! Aurel fand
mich, zeigte mir den Ring und ich mute ihn fr Denjenigen erkennen, den mein
verlorener Sohn vor seinem Verschwinden trug! Dein unglcklicher, tief
gesunkener Vater - ich kann nicht lnger daran zweifeln - ist mein verschollener
Sohn Johannes, jener Schreckliche aber, mit dem Du ihn zuweilen verkehren sahst,
der mit ihm spielte und trank, und Dich Deiner Schnheit wegen hate, armes
Kind, er ist der Mrder meines Vaters, der Ruber meines Sohnes! - Aurels
Bemhungen, Nachfragen und Scharfsinn haben wir diese dstern und doch
beglckenden Aufschlsse zu danken und Gott sei Lob, Aurel ist der Mann dazu,
durch seine Energie endlich ein finsteres Verhngni von uns Allen abzuwenden!
Schon jetzt handelt er, schnell, mit Umsicht und Kraft! Dein Vater, mein armer,
elender Sohn, soll sich und uns wiedergegeben werden und der wackere Kapitn
ist's, der dafr sorgt! Mge nur der Himmel seine Schritte segnen und unsre
stillen Gebete erhren!
    Eine durchsichtige Rthe hatte whrend dieser letzten lobpreisenden Worte
die Wangen Elwirens berzogen. Ihre Thrnen hrten auf zu flieen, zrtlich,
liebevoll, dankerglhend hingen die Augen der Enkelin an dem Munde der
Gromutter, und als diese endigte, konnte sich Elwire nicht enthalten, sie zu
umarmen und heie Ksse auf ihre Lippen zu drcken. Strmisch klopfte dabei ihr
voller Busen und die glhenden Wangen, die sich immer hher rtheten, schmiegten
sich fest und lange an die Stirn Herta's.
    Gromutter! Liebe, gute Gromutter! flsterte sie ihr zu. Darf ich es
denn glauben? Darf ich mich der Wonne hingeben, ein geliebtes Wesen an mich zu
drcken, dem ich den sen heiligen Namen Mutter geben darf? O ich verlor die
Mutter fo frh! Ich kannte sie kaum anders als leidend! Und spter war ich recht
unglcklich! Immer einsam, immer im Wege, von Niemand mehr geliebt!
    Sie begann von Neuem heftig zu weinen und wollte sich weder durch Zureden
noch durch die Liebkosungen Herta's beruhigen lassen.
    Du wirst desto inniger geliebt werden von jetzt an, mein Kind, sagte Herta
zutraulich. Du bist keine Fremde mehr in diesem Hause, Du gehrst zu uns, Du
hast Theil an unsern Leiden und Freuden, und der schwere Kampf, welchen Aurel
mit seinen hartherzigen Brdern begonnen hat, wird auch Dich erschttern,
entzcken, begeistern! Oder solltest Du nicht eben so lebhaft empfinden, wie
ich, Deine alte Gromutter?
    Mit unbeschreiblichem Liebreiz sah Herta der ber sie gebeugten schlanken
Enkelin in die glnzenden Augen. In diesem tiefen, seligen Blick erkannten sich
die Seelen Beider. Ein Wonneruf des Entzckens entglitt Elwirens Munde, dann
brannte ihr Ku auf den bleichen Lippen der theuern Gromutter und die
wiederholt mit bebendem Munde und strmisch klopfendem Herzen gethane Aeuerung:
Ja, Gromutter, ich bin glcklich, ich werde immer glcklich sein! klang wie
Sphrenmusik zu Herta's tiefbewegtem Herzen.
    Lange hielten sich Gromutter und Enkelin umschlungen. Immer von Neuem
suchten sich wieder ihre Augen, in deren feuchtem Glanz sie tausend Geheimnisse,
tausend Einverstndnisse lasen. Alles Elend, aller Druck, alle Schrecknisse der
Vergangenheit waren vergessen in diesem hchsten Erdengenu der Gegenwart. Sie
bedurften keiner Worte, um sich zu verstehen, Blick, Hndedruck, Ku und
Umarmung sagten tausend Mal mehr, als Worte! -
    In diesem seligen Rausch des Entzckens strte sie die Rckkunft Aurels,
der, ein paar gesiegelte Briefe in der Hand, unangemeldet ins Zimmer trat. Als
er Elwire sah, grte er sie mit feurigem Blick, vor dem das junge Mdchen
schchtern die Augen niederschlug.
    Wei sie es? fragte er Herta. Diese hejahte mit leisem Kopfnicken.
    Rasch trat nun Aurel auf Elwire zu und ergriff ihre Hand.
    Gestatten Sie mir, theure Cousine, sagte er feurig, indem sein zrtlicher
Blick das Auge des lieblich befangenen Mdchens suchte, gestatten Sie mir, da
ich der Erste sein darf, der Sie als Verwandte willkommen heit in diesem Hause!
Als mich Gott zu Ihnen fhrte - und nur Gott, der Allsehende und Allgtige, hie
mich jene Wege gehen - damals glaubte ich blos ein armes verlassenes Mdchen der
Schande und dem Verderben zu entreien; da ich meiner Verwandten diesen
geringen Dienst der Menschlichkeit leisten wrde, ahnte ich nicht! Elwire,
finden Sie nicht auch eine Fgung Gottes in diesem Zusammentreffen?
    Langsam und nicht ohne Beben erhob das Mdchen ihre Blicke und lie sie nur
eine Secunde lang dem mildglnzenden, forschenden Auge des Kapitns begegnen.
Ein leiser Seufzer entrang sich ihrem Busen, aber sie schwieg und blickte rasch
wieder zu Boden.
    Nun wenn Sie auch schweigen, schne Cousine, fuhr Aurel schon
vertraulicher fort und drckte ihre Hand in der seinigen, das glckliche
Lcheln Ihres Auges, das frohe Beben Ihres Mundes und die stumme Sprache im
verschlossenen Busen haben es mir doch verrathen, da Sie meine Gefhle, meine
Ueberzeugungen theilen. Dafr danke ich Ihnen, liebe Elwire! Und nun erlauben
Sie, da ich das Recht der Vetterschaft be! Oder ziehen Sie es nach Mdchenart
vor, nur im Traum einen jungen Mann zu kssen? Dann mu ich Sie von dieser
eigenntzigen Liebhaberei heilen!
    Und schnell und gewandt schlang Aurel seinen Arm um die Taille Elwirens und
pflckte der zwar zart, aber im Grunde doch nur scheinbar Widerstrebenden ein
paar frische Ksse von den rosigen Lippen.
    Tief errthend entwand sich das schne Mdchen den Armen des Kapitns und
hpfte leichten Schrittes der Thr zu, als habe sie sich der geschwisterlichen
Vertraulichkeit, die sie widerstrebend dem Grafen gestattet, zu schmen. Bei
dieser Flucht wre es ihr beinahe noch bel gegangen. Es begegnete ihr nmlich
Gilbert unter der Thr, der bekanntlich kein hbsches Mdchen ohne Lsegeld
entschlpfen lie. Nur die Nhe Aurels und eine hohe Achtung vor Herta lie ihn
diesmal bescheiden zur Seite treten. Er begngte sich, der schlanken Gestalt
eine geraume Zeit nachzusehen, ehe er Herta's Zimmer betrat.
    Hast Du die Wache? redete Aurel den Jngling scharf an, denn der Kapitn
liebte es mit seinem Pfleglinge im Commandoton zu sprechen, sobald er ihm zu
ungelegener Zeit in den Weg trat.
    Nein Kapitn, versetzte Gilbert, indem er sogleich kerzengrade stehen
blieb.
    Weshalb strst Du dann meine gndige Tante?
    Weil ich Sie hier zu finden hoffte.
    Warst Du auf meinem Arbeitszimmer?
    Ja, Kapitn.
    Was gibt es?
    Ich suchte einen Narren.
    Junge!
    Verzeihen Sie, Kapitn! Ich habe mich etwas unklar ausgedrckt. Mein Narr
ist der Maulwurffnger.
    Der brave Mann! sagte Herta. Ging es nach Recht und Verdienst, so mte
die Brust dieses Mannes mit den hchsten Orden aller Frsten geschmckt sein!
    Er bedarf deren nicht, beste Tante! Der Orden, der ihn mehr ziert, als
tausend goldne und silberne Sterne an purpurrothen Bndern, diesen trgt er in
der Brust. Es ist sein edles, menschenfreundliches, von allem Arg freies und
reines Herz! Was hast Du mit dem Manne? Du weit doch von Paul, da er seit heut
Morgen einen seiner wichtigen Wege eingeschlagen hat, um zu hren, wie es dem
Volk im Gebirge geht? Ich erwarte ihn erst spt in der Nacht zurck.
    Um so lobenswerther ist es von mir, da ich mich Ihnen aufdrnge, Kapitn!
Sie kennen mich als einen beherzten Burschen, Sie wissen aber auch, da es mich
juckt, ein mir anvertrautes versiegeltes Geheimni je eher je lieber zu
erforschen. Man sagt, meine zrtliche Mutter habe in hohem Grade an dieser
eigenthmlichen krankhaften Wibegierde gelitten und dieselbe mir vererbt.
    Lchelnd zog Gilbert bei diesen Worten einen Brief halb aus der Seitentasche
seiner Matrosenjacke.
    Ein Brief fr unsern alten Freund? Von wem?
    Die Botenfrau vom nchsten Orte berreichte ihn mir, als ich in der
Abenddmmerung unter dem Thorwege stand. Dabei erzhlte sie mir unaufgefordert,
da der fromme Schlenker - ich bedaure sehr diesen frommen Mann nicht persnlich
zu kennen - das Schreiben ihr eigenhndig mit der dringenden Bemerkung bergeben
habe, es ja unverweilt an seine Adresse abzuliefern. Diese Adresse lautet
wunderlicher Weise: - An den berhmten Maulwurffnger in B .... genannt
Pink-Heinrich. Hochwohledelgeboren. Sonst auf dem Todten. In groer Eile! -
Sie werden mir zugestehen, Herr Kapitn, da solch eine pomphafte und
mysterise Adresse wohl die Neugier eines wissensdurstigen jungen Mannes von
Distinction zu einem gelinden Versto gegen die Regel verleiten kann!
    La sehen, sagte Aurel und betrachtete sehr aufmerksam die Schriftzge.
    Es ist eine ungebte Hand. Der Schreiber scheint bejahrt oder in groer
Aufregung gewesen zu sein. Ich werde das Schreiben aufbewahren.
    Sehr wohl, Herr Kapitn.
    Was hast Du sonst noch auf dem Herzen?
    Darf ich ganz frei sprechen?
    Wie ich's immer von Dir verlangt habe.
    Dann erlaube ich mir, Ihnen unumwunden das Gestndni abzulegen, da ich
mich unaussprechlich in dieser Unthtigkeit langweile! Ich bin durchaus kein
Verchter des Nichtsthuns, wenn es mich zerstreut und vergngt, allein in dieser
Todtenstille, wo ich kein Abenteuer anknpfen kann, wo die Mdchen alle so kalt
oder grob sind, da sie einem die schnste Artigkeit mit einer Ohrfeige
bezahlen, und wo selbst die allerliebste Bianca, von der ich mir eine
vortreffliche Unterhaltung versprach, matronenhaft ernst wird; hier werde ich
entweder verrckt oder ich erschiee mich! Geben Sie mir 'was zu thun, Kapitn!
Wo mglich 'was recht Tolles, Halsbrecherisches!
    Aurel lchelte ber die trotzige Ungeduld seines Lieblings. Gedulde Dich
nur noch eine kurze Zeit, wackrer Ungestm, versetzte er, dem krftigen
Burschen auf die Schulter klopfend, dann will ich Dir alle Hnde voll zu thun
geben.
    Schicken Sie mich in's wildeste Wetter; jagen Sie mich wie ein Courierpferd
durch dick und dnn, von Ort zu Ort, nur sperren Sie mich nicht lnger in diese
Zimmer und verlangen, da ich fein sanft und gelassen sein soll wie ein
duckmusriger Seminarist von der altlutherischen Secte! Ich mu leben und
handeln oder - ich mache die rgsten Dummheiten!
    Kannst Du Dich gar nicht mehr migen, guter Junge, so gehe in den Garten
und baue einen Rutschberg. Das unterhlt und gibt spterhin Gelegenheit beim
Rutschen Hals und Beine zu brechen, wenn man's recht toll und verkehrt anfngt.
    Im Ernst? fragte Gilbert und seine schwarzen Augen erglnzten lebhafter.
    Du hast meine Erlaubni.
    Danke, Kapitn! Sie sollen mit mir zufrieden sein, und Ihre verehrte Tante
soll mir bezeugen, da ich der geschickteste Mensch bin, der ihr noch je ein
Compliment gemacht hat! Paul soll mir helfen. Gute Nacht, Grfin! Gute Nacht,
Kapitn!
    Tollkopf! So warte doch, bis man Dir erlaubt, Dich zu heurlauben.
    Zu Befehl, Herr Kapitn!
    Ist Sloboda zurck aus dem Dorfe?
    Er kauderwlschte seine Muttersprache schon vor einer halben Stunde mit dem
Verwalter.
    In diesem Augenblicke hrte man das Zusammenschlagen von Stahl und Stein auf
der Gartenseite, denn die Luft war ganz still und Herta hatte einen
Fensterflgel geffnet, um das unterhaltende Spiel der Sternschnuppen zu
beobachten, die in groer Menge durch den glnzend gestirnten Himmel flogen.
    Da kommt Pink-Heinrich, sagte sie, das Fenster wieder schlieend. Man
erkennt ihn an seiner Gewohnheit, sich whrend des Gehens hufig Feuer
anzuschlagen, heut noch eben so sicher, wie vor vierzig Jahren.
    Eile ihm entgegen, Gilbert, befahl Aurel, und schicke ihn sogleich zu
mir! Und damit Du fr morgen eine Abwechselung hast, so trage diese Briefe nach
Grlitz.
    Dankend nahm der abenteuerlustige Jngling diesen Auftrag hin, empfahl sich
nochmals und schickte den ihm an der groen Eingangsthre zum Zeiselhofe
begegnenden Maulwurffnger sogleich zu Aurel.
    Heinrich empfing den wunderlich adressirten Brief mit gewohnter
Gleichgiltigkeit. Er kannte weder Petschaft, noch Handschrift und konnte
durchaus nicht errathen, woher er kommen, noch wer der Schreiber desselben sein
knne. Da er in seiner Heimath richtig abgegeben worden sei, ging aus der
Nennung Schlenkers hervor, der in seiner gutmthigen Geflligkeit trotz Schnee
und Klte doch einen Weg von mehr als zwei Stunden zurckgelegt hatte, um das
Eile heischende Schreiben sobald wie mglich in die Hnde des Adressaten zu
bringen.
    Erst nach Durchlesung des Briefes sprang die Gleichgiltigkeit des
Maulwurffngers in die lebhafteste Theilnahme ber. Seine kleinen grauen Augen
mit verschmitztem Blinzeln zu Aurel aufschlagend, sagte er:
    Herr Kapitn, ich wette so viel Thaler, als ich in meinem ruhelosen Leben
Maulwrfe gefangen habe, da dieser ungeleckte Brief eine Tonne Goldes werth
ist! Halten Sie die Wette?
    Ernsthaft, ernsthaft, alter Freund! Jetzt ist gar keine Zeit zu unntzen
Scherzen!
    Sie kennen den alten Pink-Heinrich noch lange nicht aus, gndiger Herr! -
Sonst ermahnten Sie ihn nicht zum Ernste, wo er es von Grund der Seele schon
durch und durch ist!
    Aber was steht denn in dem Briefe? forschte der ungeduldige Aurel.
    Viel und nichts, wenn Sie wollen, Herr Kapitn! Es kommt Alles darauf an,
ob Einer richtig lesen gelernt hat. Denn der Landmann ist just bei den
wichtigsten Dingen am krzesten. Und eigentlich geht mich der Brief auch gar
nichts an, sondern Sie und Ihre Familie, oder, um auf ebener Strae zu bleiben,
den alten Jan!
    Ihr werdet mich noch ganz rgerlich machen mit Euerm peinlichen Zgern.
    Gut Ding will Weile haben, mein bester Herr Kapitn, und gut geschmierte
Rder laufen am besten! Darum bereile ich mich nie und nirgend. Es ist das so
Sitte bei uns Lausitzern von undenklichen Zeiten her. Aber wieder auf das
Brieflein zu kommen, so schreibt der Haidekretschamwirth Jrge, da es ihm ein
grausam lieber Gefallen sein wrde und eine srgliche1 Ehre, wenn ich den Jan
Sloboda mit seinem Enkel Paul zu ihm schicken knne! Der Friede, vielleicht die
ewige Seligkeit seiner alten sterbenskranken Mutter hinge davon ab. Sie htte
dem alten Wenden eine Entdeckung von uerster Wichtigkeit zu machen und seufze
nach dem Augenblicke, wo Sloboda oder sein Enkelsohn an ihr Schmerzenslager
treten und ihr die abgemagerte Hand zum letzten Lebewohl vergebend und
vergessend drcken werde!
    Was haltet Ihr davon? Glaubt Ihr, da Sloboda der Aufforderung Folge zu
leisten habe?
    Solche Bitten eines schlichten Landmannes haben jederzeit Grund, Herr
Kapitn! Und obschon ich nicht ahnen kann, was eine alte sterbende Mutter dem
Wenden zu offenbaren hat, bleibe ich doch bei meinem Satze und bestehe, wenn Sie
wollen, auf meiner Wette.
    Ihr seid gewi ein guter Freund des Haidekretschamwirthes?
    Wird nicht gar arg sein, Herr Kapitn! Kennen mag ich ihn wohl, denn wen
kennte ich nicht im Umkreise von zehn Meilen! Aber so recht besinnen kann ich
mich zur Zeit noch nicht. Inde wird sich das Gedchtni schon wieder ermuntern,
wenn ich ihn erst sehe, und ich rechne, das mu unverweilt geschehen. Begleiten
Sie uns, Herr Kapitn?
    Wenn Ihr glaubt, da ich nicht stre, bin ich dabei.
    Ein Wort ein Mann! rief Heinrich, seine schwielige Rechte dem Grafen
darhaltend. Jetzt gehe ich zum Sloboda, und Morgen nach dem zweiten Hahnschrei
sausen wir allesammt im Galopp durch die Haide!
    Aurel schlug ein, und am nchsten Tage verlieen zwei sogenannte
Rennschlitten den Zeiselhof. Der Kapitn und der Maulwurffnger saen in dem
ersten, den zweiten nahmen Sloboda und Paul ein.

                                    Funoten


1 srglich. Lausitzisch fr: schrecklich.


                                Zweites Kapitel.

                                Ein Sterbebett.

Unsere Leser werden sich erinnern, da Jan Sloboda und sein Enkelsohn bei ihrer
Rckkehr aus Polen in einem einsam gelegenen Haidekretscham bernachteten und
von dem Wirthe desselben die ersten Erkundigungen ber den Maulwurffnger
einzogen. Sie werden ferner noch der greisen bldsinnigen Spinnerin gedenken,
die mehrmals das Gesprch der Mnner durch Absingung von Volksliedern
unterbrach, die keinerlei Zusammenhang unter einander hatten.
    Diese hochbejahrte Frau, die Mutter des gegenwrtigen Kretschamhalters, war
seit Wochen schon krank und bettlgrig. Wie es jedoch unter den Landleuten zu
gehen pflegt, wenn nicht augenfllige Todesgefahr vorhanden ist, da sich die
Angehrigen wenig in ihren tglichen Geschften dadurch stren lassen, so ging
es auch hier. Man bebalf sich mit Hausmitteln oder bekmmerte sich auch zuweilen
gar nicht um die Kranke. An bermige Pflege nicht gewhnt, fhlte sich die
alte Maja durch solche scheinbare Vernachlssigung keineswegs beleidigt. Sie
vertrieb sich die langen endlosen Stunden mit Absingung ihrer Liederbruchstcke
oder mit Hersagung von Volksmhrchen, die sie sich unermdlich selbst
vorerzhlte und sich dabei vortrefflich unterhielt. Da sie auerdem keine
Schmerzen litt, sondern eigentlich blos in Folge langsam hinschwindender
Krperkrfte nicht mehr aufdauern konnte, so war ihr Zustand weder fr sie
selbst, noch fr die Hausgenossen strend.
    Auf die wunderlichen Reden, auf das heimliche, nicht selten unheimliche
Lachen und auf das heftige Geznk, das sie mit Personen fhrte, die sie
gegenwrtig glaubte, achtete Niemand, da man die Wunderlichkeiten der alten
Mutter sattsam kannte und ihre Worte fr eben so schuldlos als verworrenen
Einbildungen entsprungen hielt, und so konnte denn Maja Tage und Nchte lang
nach Herzenslust die tollsten Geschichten erzhlen und die entsetzlichsten
Schmh-und Schimpfreden ausstoen, ohne da es Jemandem einfiel, sie mit Bitten
zur Ruhe zu verweisen.
    Jrge, Maja's Sohn, hatte die Mutter immer tiefsinnig, zu stiller
Melancholie hinneigend, gekannt. Spter nach seines Vaters Tode war sie
geistesschwach, endlich vollkommen bldsinnig geworden, wenigstens nannte man
sie so, da sie seitdem aus ihrer schauerlichen Schweigsamkeit erwachte und die
erwhnten Lieder zu singen begann. Wir wissen, da Jrge diesen betrbenden
Zustand seiner Mutter dem Herzeleid zuschrieb, welches ihr eine unglckliche
Tochter zugefgt hatte.
    Landleute sind selten empfindsam, obwohl sie hufig mehr Herz besitzen, als
die hchstgebildeten Bewohner der Stdte. Fromm und strengglubig wissen sie
sich mit stiller Ergebenheit in alles Unabnderliche und Nothwendige zu fgen.
Zu dem Unabwendbarsten aber rechnen sie den Tod bejahrter Personen. Wo dieser
spte und ernste Gast an einem Hause anklopft, da empfngt man ihn eben so ernst
und pflegt sich mnnlich zu fassen. Zuweilen kommt es wohl auch vor, da man der
Stunde des Abscheidens einer geliebten Person erwartungs-, ja sehnsuchtsvoll
entgegen sieht und kein Hehl daraus macht, weil man sich in vollkommener Ruhe
gestehen mu, da der Tod eine Wohlthat fr den Sterbenden wie fr die
Ueberlebenden sein wrde.
    In diesem Falle war Jrge. Maja's hohes Alter erlaubte nicht die Annahme,
da sie wieder genesen werde, und die Geistesnacht, in die versunken sie nur
noch vegetirte, mute eine baldige Auflsung wnschenswerth machen. Als ein
umsichtiger, praktischer Hausvater von unverwstlich derber, aber durchaus
gutmthiger Natur, sorgte er fr Alles, was zu einer stattlichen Beerdigung
nthig war, im Voraus. Er bestellte nicht nur in Zeiten den Sarg, sondern er
ging sogar so weit, zu den bereits vorrthigen zwei Schweinen, die in seinem
Koben grunzten, noch ein fettes dickes, eine Bachune zu erhandeln, so genannt,
weil sie von Viehhndlern aus dem Bakonyer Walde in Ungarn bis in diese
Haidestrecken in kleinen Heerden herumgetrieben werden. Es wird Leute geben, die
ein solches durchweg prosaisches Verfahren herzlos finden, diese werden aber ihr
vorschnelles Urtheil zurcknehmen, wenn sie erwgen, da dem Gebrauche, dem
uralten Herkommen und der Sitte huldigen, dem biederben Landmanne ein eben so
heiliges und unantastbares Gesetz ist, als dem gebildeten und ngstlichen
Culturmenschen die strenge Beobachtung dessen, was er mit dem Namen Convenienz
bezeichnet. Ueberdies wute Jrge voraus, da sich bei dem Leichenbegngni
seiner alten Mutter die Bevlkerung der halben Haide einfinden wrde, und eine
solche Anzahl Leidtragender war nicht leicht zufrieden zu stellen.
    Man kann sich nun die Ueberraschung Jrge's denken, als er eines Morgens die
greise Mutter aufrecht auf ihrem Lager sitzen fand und Worte von ihr vernahm,
die klar und verstndig lauteten und ihn anmutheten, als wrden sie im Traume
gesprochen! Maja's Geistesnacht war pltzlich gewichen, die volle Vernunft war
ihr zurckgekehrt und sie kndigte dem Sohne ruhig an, da sie ihr Ende nahen
fhle und nicht mehr ber vier Tage werde leben knnen. Jrge wollte ihr zureden
und wagte es, ihre Behauptung zu bestreiten, die alte Mutter ward aber darber
aufgebracht, hie ihn schweigen und befahl, da er thun solle, was sie von ihm
verlangen werde. Nach dieser wunderlichen Einleitung nannte die lebensmde
Greisin Namen, die Jrge nie von ihr vernommen hatte, und richtete Fragen an
ihn, vor denen er erschrak. Sie wollte vor Allem wissen, ob Jan Sloboda noch am
Leben sei oder Einer seiner vertrauten Freunde. Als Jrge dies bejahen mute,
trug sie ihm mit befehlshaberischem Tone und mit dem unheimlichen glnzenden
Auge einer Sterbenden auf, da er diesen Mann sogleich zu ihr rufen solle. Ehe
dies nicht geschehe, ehe sie den alten Wenden nicht gesprochen habe, erklrte
sie mit wahrhaft entsetzlichem Nachdruck nicht sterben zu knnen und zu wollen,
da ihr Gott die groe Gnade erwiesen und ihr den so lange Jahre umnachteten
Verstand am Ende ihres sndigen Lebens wieder geschenkt habe. Sie wollte die
Stimme des Weltenrichters laut in sich vernehmen, die sie aufrief zu einer
Unterredung mit dem Wenden!
    Anfangs glaubte Jrge in diesem wunderlichen Verlangen ein abermaliges
Verlschen der geistigen Krfte zu erblicken, allein Maja sprach so
zusammenhngend, so ruhig und besonnen auch von andern Dingen, da diese Annahme
an Wahrscheinlichkeit verlor, und gehorsam eilte er, ihrem Verlangen zu
entsprechen. So schrieb denn der bestzte Kretschamhalter jenen Brief an den
Maulwurffnger, der unsere alten Freunde zu raschem Aufbruch in die abgelegene
Haideschenke veranlate.
    Drei Tage waren seitdem vergangen und die Kranke wurde sichtlich schwcher
und unruhiger. Mit Einbruch der Nacht verwandelte sich ihr Gesicht und nahm
jenen eigenthmlichen Ausdruck an, der ein sicheres Zeichen des nahenden Todes
zu sein pflegt. Das unruhig flackernde Auge sank tief in die schwarzen Hhlen
zurck und leuchtete wie ein Irrlicht auf finsterm Moor. Die Lippen verkrzten
sich und entblsten die wenigen verbrochenen Zhne der Sterbenden. Matter und
immer matter schlugen die Pulse, und in kurzen Pausen stellte sich ein
lebhaftes, ja wildes Phantasiren ein.
    Jrge und Lene, die rstige Hausmagd, saen wachend an dem Lager der
Kranken, die in dunkle Gewnder gehllt gleich einem Gespenst sich hufig
krampfhaft aufrichtete, das Auge durch die kleine Kammer schweifen lie, die
Hnde seltsam bewegte und wiederholt eine lauschende Stellung annahm, als horche
sie auf ein fernes Gerusch. Entfesselt hingen ihr die langen weien Haare um
die fahlen Wangen, ber die runzelvolle Stirn. So verging eine bange Stunde nach
der andern. Mitternacht kam heran und noch immer vernahm man keinen andern Laut,
als das monotone Rauschen der schneebelasteten Haide. Mit jedem Stundenschlag
der alten schwarzwlder Uhr, die tickend an der braunen Holzwand hing, vermehrte
sich die Unruhe der Alten. Sie wimmerte bald wie von krperlichem Schmerz
gepeinigt, bald murmelte sie Gebete vor sich hin. Zuweilen fing sie auch wieder
an, ihre melancholischen Liederweisen zu singen. Die Wachenden frchteten sich
vor der Greisin, aber sie wagten nicht, sie zu unterbrechen, noch beunruhigende
Worte an sie zu richten.
    So brach das fahle Dmmerlicht des Morgens an, das grau und kalt durch die
Fensterladen schimmerte. Die Kienspne brannten dster und krmmten ihre
glimmenden Rispen niederwrts. Hoch auf lohte nur manchmal noch das Kienfeuer,
dem Lene immer von Frischem neue Nahrung gab. Da klingelten endlich Schellen aus
weiter, weiter Ferne! Peitschen klatschten, schnaubende Rosse jagten den Waldweg
herein und klffend schlugen die Hunde an.
    In einer Stunde drckst Du mir die Augen zu, mein Sohn, sagte Maja, indem
sie sich lebhaft aufrichtete und ihre kalte, zitternde Hand auf Jrge's Arm
legte. Geh, lasse die Freunden ein; denn sie sind es. Die Stimme hat aufgehrt,
in das Ohr meines Herzens zu schreien!
    Sie legte sich wieder zurck, strich sich die Haare aus dem Gesicht und
faltete die abgemagerten Hnde ber die Brust. Ihr Blick war ruhig, sanft und
matt geworden, die nervse Spannung ihrer Gesichtsmuskeln wich einer demthigen
Ergebung.
    Jrge ging bewegt und von eigenthmlicher Furcht geschttelt den frhen
Gsten entgegen, in denen er auch wirklich unsere Bekannten begrte. Ohne groe
Einleitung fhrte er sie alle gleich an das Lager seiner sterbenden Mutter.
    Maja erkannte Sloboda auf den ersten Blick.
    Ihr seid der Vater Haiderschens, sagte sie mit fester Stimme und streckte
dem Wenden die Hand entgegen, whrend ein schmerzliches Lcheln ber die
bleichen Zge lief. Setzt Euch zu mir - und auch Du, junger Bursche, der Du ihr
so hnlich siehst!
    Aurel und dem Maulwurffnger schien sie keine besondere Aufmerksamkeit
schenken zu wollen, doch lie sie es geschehen, da auch sie zu Fen ihres
Sterbelagers Platz nehmen durften. Lene dagegen mute das Zimmer verlassen und
ihr Sohn darauf die Thr verriegeln.
    Nachdem dies geschehen war, richtete Maja geraume Zeit ihre dunkeln Augen
auf Sloboda, ohne das erwartungsvolle bange Schweigen der Anwesenden zu
unterbrechen.
    Kennt Ihr mich denn, gute Mutter? fragte Jan die Alte gerhrt. Ich kann
mich Eures Gesichtes nicht entsinnen. Freilich, mit den Jahren wird das
Gedchtni schwach.
    Maja nickte dster mit dem Kopfe, ihre Zge wurden wieder finster, fast
abschreckend und mit hohlem Brustton erwiederte sie:
    Wenn Ihr mich kenntet, Jan Sloboda, so wrdet Ihr mich verfluchen! Ich habe
Euch viel, viel Bses zugefgt!
    Sie begann zu rcheln und schlo auf einige Secunden die Augen.
    Ihr mgt Euch wohl irren, gute Mutter, sagte begtigend der Wende. Ein
kranker Kopf spiegelt uns allerhand schlimme Dinge vor, die wie Nebel vor der
Sonne schwinden, wenn die Gesundheit uns wiederkehrt.
    Ich irre nicht, ich wei, was ich spreche, und damit ich mit ruhigem
Gewissen eine reuige Snderin aus der Welt gehen kann, will ich mit Euch reden.
    Diese Worte sagte Maja eintnig, hohl, mit einer erschtternden
Grabesstimme.
    Ihr hattet eine Tochter, Rschen? begann sie nach einer Weile abermals.
Man nannte sie ihrer Lieblichkeit wegen Haiderschen. Sie ist todt, ich wei
es. Die Stimme, die mich so oft drohend rief, da ich zusammenschauderte in mir
selbst, hat es mir gesagt!
    Mge der Friede Gottes auf ihrem Grabe weilen! sagte Sloboda mit gen
Himmel erhobenen thrnenden Augen. Sie schlft schon lange Monde in fremder
Erde und ruht aus von den Qualen dieses Lebens.
    O sie war immer fromm und gut, darum ging es ihr auch so schlecht! Aber ich
war eine wilde, sinnliche Dirne, der Tanzboden war meine Kirche und lustige
Lieder auf meiner losen Zunge spottete ich dem Himmel. Mir fehlte es an nichts,
so lange ich nichts wissen mochte von Gott und seinen Geboten!
    Versndigt Euch nicht, Mutter! bat Jrge. Der Tod sitzt Euch auf der
Zunge und Ihr lstert!
    Still, still mein Sohn! Ich mu beichten, wenn ich Gnade finden will vor
dem Herrn. - Jan Sloboda, ich sprach Eure Tochter nach dem groen Haidebrande. -
Als Ihr vorausgingt in das fremde Land mit Eurem Schwiegersohne, kam ich zu ihr,
nannte mich ihre Freundin und wollte ihr beistehen in der schweren Stunde, der
sie entgegensah.
    Unglckliche! rief Sloboda aus. Aurel und der Maulwurffnger beugten sich
horchend ber das Lager. Auf ihren bleichen Gesichtern spielten die Schatten des
flackernden Heerdfeuers.
    Ha! fuhr Maja auf und hielt die zitternden Hnde schirmend ber ihre
Augen, die mit wahnsinnigem Ausdruck auf Aurels Antlitze ruhten. Das ist sein
Geist - der Geist des bsen Grafen - der mir Gold gab, so viel Gold als Tage im
Jahre - der mich zu der Frevelthat verfhrte!
    Sie hlt mich fr Magnus, flsterte Aurel dem Maulwurffnger zu. So
straft Gott die Snden der Vter an ihren Kindern!
    Geh! Geh! Ich komme schon - ich entfliehe Dir nicht! fuhr Maja fort. Dann
ergriff sie abermals die Hand des Wenden, sah ihn mit grausamen Lcheln an und
sagte kalt: Ich entband Haiderschen von einem Mdchen und raubte es ihr in der
Stunde des bitteren Schmerzes. - Graf Magnus wollle es erziehen lassen - im
Gemeindehause! Ha, ha, ha, war das nicht lustig von dem vornehmen Schalke?
    Die Kranke fiel jetzt in ein so krampfhaftes Gelchter, da alle Umstehenden
glaubten, ste wrde daran ersticken. Aber sie erholte sich wieder und blickte
ruhig um sich, als habe sie eine ganz alltgliche unschuldige Geschichte
erzhlt.
    Sloboda klapperten die Zhne, er konnte nicht sprechen. Der Maulwurffnger,
dessen scharfes Auge keine Secunde die Sterbende zu beobachten aufgehrt hatte,
ergriff anstatt des Wenden das Wort.
    In welches Gemeindehaus brachtet Ihr das Kind Haiderschens? fragte
Pink-Heinrich.
    Maja nannte den Ort. Er gehrte noch zu den Besitzungen der Grafen
Boberstein.
    Ward das Kind getauft, arme Mutter?
    Es erhielt meinen Namen - die Zeugnisse liegen - dort in dem Kasten - unter
- dem Ofen -
    Mit ungestmer Hast bemchtigte sich Paul des Kastens, dessen Deckel seinen
Faustschlgen nicht lange widerstehen konnte. Er enthielt das Taufzeugni von
Haiderschens Tochter.
    Also doch eine Tochter! sagte der Maulwurffnger. Eine Tochter, wie die
Sage ging unter dem Volke. Sie hat ein Mal?
    Einen purpurnen Stern an der - linken Schlfe - von der Gre eines
Hirsekorns!
    Jan Sloboda, Deines Kindes Tochter ist gefunden! rief der Maulwurffnger.
Sie lebt, in tiefem Weh, aber bald, bald soll sie jauchzen vor Freude, weil der
Allmchtige Gericht zu halten beginnt ber die Gottlosen! -
    Und ich, ich soll meine Schwester finden! lallte Paul schluchzend, whrend
er das Taufzeugni der Verstoenen Aurel berreichte.
    Maja schlo jetzt die Augen, ihr Athem ging langsamer, zuweilen rchelte und
sthnte sie und die Lippen bewegten sich wieder in leisem Gesange.
    Sie stirbt! rief Jrge, dem salzige Thrnen schon lngst die Augen
fllten. Sie stirbt, ohne mir die Hand zu drcken, ohne mir Adje zu sagen! -
Die gute, alte Mutter!
    Horch, sie singt! sagte der Maulwurffnger und bedeutete den Uebrigen,
sich schweigend zu verhalten. Sloboda erhob wieder sein auf die Brust gesunkenes
Haupt und wendete sich der Sterbenden zu. Diese hielt die Augen fortwhrend
geschlossen, bewegte wie im Tacte die mageren Hnde und sang in langsamen
melancholischen Weisen folgende Strophen:

Helf Gott, altes Mtterlein!
Wo ist Euer Aennelein?
Didlomdajom didlomdai,
Wo ist Euer Aennelein?

Nicht zu Haus ist Aennelein,
Scharrten in das Grab sie ein.
Didlomdajom didlomdai,
Scharrten in das Grab sie ein.

    Nach diesem Verse ri die Sterbende nochmals die Augen weit auf und blickte
sich wie erstaunt um. An dem Ausdruck ihres Gesichtes sah man, da sie Niemand
erkannte. Ihr Geist war wieder umnachtet, wie seit zehn Jahren.Sie lchelte
bldsinnig, nickte Allen zu, schlug von Neuem den Tact auf der Decke ihres
Lagers und sang abermals, nur matter und immer langsamer:

Hanka sage, was das ist,
Da Du mir gestorben bist?
Didlomdajom didlomdai,
Da Du mir gestorben bist?

Was sollt' ich auf dieser Welt,
Wo mir Alles nachgestellt?
Didlomdajom didlomdai,
Wo mir Alles nachgestellt?

Immer dacht' ich dieses doch,
Wrden uns bekommen noch,
Didlomdajom didlomdai,
Wrden uns bekommen noch.

Jetzt nun wei ich's ganz gewi,
Nimmer kann geschehen dies,
Didlomdajom didlomdai,
Nimmer kann geschehen dies.

    Strkeres Rcheln unterbrach den melancholischen Gesang. Die Hnde fielen
ber einander und bewegten sich nur noch zuckend.
    Lat uns beten! sagte Sloboda und kniete nieder neben dem Bett der
Greisin, die seiner Tochter um schndes Gold und vielleicht aus Eitelkeit ihr
Kind vorenthalten und in's Elend verwiesen hatte. Lat uns beten fr das Heil
ihrer armen Seele! So wie wir vergeben, wird auch uns vergeben werden!
    Alle folgten dem Beispiele des alten Wenden, der mit lauter Stimme aus
vollem inbrnstigen Herzen ein Vaterunser betete, das die Uebrigen andchtig
leise mitsprachen.
    Whrend dieses Gebetes sang die Sterbende noch abgerissene Strophen ihrer
Lieder, bald lustigen, bald traurigen Inhalts. Gegen den Schlu des Vaterunsers
erhob sie noch einmal ihre Stimme, und die Betenden verstanden deutlich die
Worte:

Schllein dort schimmert im rothen Schein
Jedeweh!
Dort sind erzogen beide wir.

Tod ist der Vater, die Mutter mein,
Jedeweh!
Uns ist vergangen das Schmuselein.

    Amen! sagten die Betenden und erhoben sich. Die Schwarzwlder Uhr hob auf
acht Uhr aus. Maja's Hnde waren kalt, aber sie holte in langen Pausen noch tief
und rchelnd Athem und auf ihren Lippen schien immer noch Gesang zu schweben. Da
schlug es acht, die Sterbende seufzte tief und laut:

Ein Hemdelein nhe,
Jdevoi!

lispelte die Lippe und verstummte fr immer. Mit dem letzten Schlage der Uhr war
sie entschlafen.
    Jrge, ihr Sohn, beugte sich ber die Todte, drckte ihr die Augen zu und
reichte dann den Umstehenden in stummem Schmerz die Hnde. Sprechen und ihnen
Dank sagen, da sie der sndigen Mutter die letzte Stunde durch ihr Kommen
erleichtert hatten, konnte er nicht.
    Arm in Arm mit dem Maulwurffnger verlie Sloboda das Sterbezimmer. Ebenso
folgten Aurel und Paul. Unter der Thre drckte der Kapitn seinem jungen
Freunde die Hand.
    Jetzt zu unsrer Schwester! sprach er tief bewegt. Mge der gtige Gott
seine Hand schirmend ber sie gehalten haben, da wir uns ihres Wiederfindens
freuen knnen!
    Schon nach einer Viertelstunde jagten die beiden Schlitten wieder der Haide
entgegen auf einem Wege, der sich in der Richtung nach Boberstein im
kristallbehangenen Dickicht verlor.

                                Drittes Kapitel.



                                  Die Weberin.

An dem nmlichen Tage erhielt Graf Adalbert von seinem Bruder ein inhaltreiches
Schreiben. Dieses Schreiben lautete wrtlich, wie folgt:

            Mein theurer Bruder.
        Seit acht Tagen hat sich unsere Familie vermehrt. Wir sind nmlich jetzt
        der Brder Boberstein vier und mglicherweise finden sich in Kurzem noch
        einige bisher unbekannte Geschwister zu uns, angelockt von dem reichen
        Erbe, das wir besitzen. Du wirst mich vollkommen verstehen, wenn ich Dir
        mittheile, da in der That ein wilder Sprling unsers hochseligen Herrn
        Vaters gerichtlich aufgefunden worden ist. Mem Sachwalter hehauptet, es
        fehle nicht ein Jota zur vollkommensten Beglaubigung der Aechtheit des
        neu entdeckten Boberstein, und zuckt bedenklich die Achseln, wenn ich
        ihn frage, wessen Wagschale steigen, wessen fallen werde? Ich gestehe,
        lieber Bruder, da mich diese widerwrtige Angelegenheit, je lnger sie
        sich hinzieht, desto gleichgiltiger macht. Der Besitzende bleibt doch
        immer im Recht, unser Grafenthum kann man uns nicht nehmen, wir sind
        auerdem legitim im Besitz der Gter unseres Vaters und wenn bei so
        bewandten Umstnden berhaupt etwas fr uns Nachtheiliges erzielt werden
        sollte, so kann es sich schlielich doch blos um eine Abfindungssumme
        handeln. Unter jetzigen prosperirenden Verhltnissen knnen wir uns gern
        dazu verstehen. Will auerdem die Gerechtigkeitsliebe des Staates noch
        ein Uebriges thun und unsern frisch ausgegrabenen Bruder in den Grafen-
        oder Freiherrnstand erheben, so knnen wir dabei ruhig zusehen. Es gibt
        eben eine neue Linie Boberstein, von der die ursprnglichen, von dem
        Glanze ihres erlauchten Namens durchdrungenen Erben des alten
        Geschlechtes schwerlich Notiz nehmen werden.
        Aber nicht wahr, Du bist begierig zu hren, wer denn unser Bruder ist?
        Wo er lebt? Wie er sich im Leben nimmt? Was er treibt und besitzt? -
        Nun, das ist ein wahrhaft kostbarer Spa, ein Spa, wie ihn kein Hofnarr
        zur Zeit, wo diese gttlichen Witz- und Possenreisser an frstlichen
        Hoflagern noch Sitte waren, besser htte erfinden knnen! Du erinnerst
        Dich doch des Spectakels, von dem ich Dir bei Deinem letzten Besuche
        Einiges erzhlte. Damals bezeichnete ich Dir den Fabrikarbeiter Martell
        als den gefhrlichsten Menschen unter all' meinen Knechten. Und gerade
        dieser ungebildete, wste, leidenschaftliche Bengel ist unser lterer
        Herr Bruder! Als ehrlicher Mann gestehe ich, da mich diese Entdeckung
        unangenehm berhrt hat, blos deshalb, weil ich jetzt selbst an die
        Aechtheit seiner Geburt glaube. Der Mensch steht unserm Herrn Papa zum
        Erschrecken hnlich, wenn ihn die Leidenschaft erregt; und gerade diese
        Aehnlichkeit rgert mich, denn sie compromittirt uns. Deshalb habe ich
        auch meine bereits frher gehegten und entworfenen Plne der Ausfhrung
        behutsam nher geschoben. Besser ist es doch, unser Geschlecht allein zu
        reprsentiren, als immer und ewig von einem zottigen Hungerleider
        angebellt zu werden, dessen man sich eben so zu schmen, als ihn zu
        frchten hat.
        Mir scheint daher, der von Dir gebilligte Vorschlag sei jetzt mit
        Energie aufzunehmen und mit Schlauheit auszufhren. Deiner Zustimmung
        gewi habe ich nicht angestanden, schon vor der anmuthigen Entdeckung
        des neuen Bruders Anstalten zu treffen und es ist mir gelungen, em
        beraus taugliches Individuum dazu aufzufinden. Noch heut oder morgen
        werde ich persnlich mit diesem Helfer in der Noth zusammenkommen und
        Alles mndlich abmachen. Vorsicht ist nthig bei solchen Angelegenheiten
        und mir wenigstens soll die Welt nicht nachsagen knnen, da ich bei
        allem Speculalionsgeiste doch den eigentlichen Kern und die Blthe des
        Glckes - List und Verschlagenheit - nicht besessen htte.
        Mein Befinden ist wieder ganz ertrglich. Die reine scharfe Winterluft
        hat mich wunderbar gekrftigt. Bis zum Frhjahr denk' ich gesunder als
        je zu sein und was dann etwa noch fehlt, wollen wir zusammen im Seebade
        von Ostende oder Dieppe nachholen.
        Uebrigens kann ich Dir die trstliche Versicherung geben, da ich mein
        System consequent durchgefhrt habe. Man kann viel erreichen, wenn man
        klug ist und die Neigungen und Leidenschaften derer zu benutzen wei,
        die uns dienstbar geworden sind. So habe ich es mit meinen Arbeitern
        gemacht, die dabei gutmthig in dem Wahne bleiben, ich sei auf dem
        besten Wege mich in Folge ihrer mir zu Ohren gekommenen Klagen fr sie
        aufzuopfern! Freilich geben sich nicht Alle diesem kindlichen Glauben
        hin, aber doch bei weitem die Meisten. Und das Alles, weil ich ihnen
        krzlich doppelten Lohn auszahlen lie! Ist das nicht amusant? Beweist
        das nicht, da derjenige menschlich genommen immer im Recht ist, der in
        Wahrheit vielleicht das grte Unrecht begeht? Haben es die Eroberer und
        Despoten alter und neuer Zeit etwa anders gemacht? Und lebt ihr Name
        nicht hochgepriesen in der Geschichte fort von Jahrhundert zu
        Jahrhundert? Du mut nur siegen, um gro und unsterblich zu werden,
        siegen ohne Unterbrechung, und es ist vollkommen gleichgiltig, ob Du als
        ein Solon oder als ein Caligula die Welt in Erstaunen setzest!
        Da man Lust zu solchen Siegen erhlt, ist sehr natrlich, wenn man
        lngere Zeit unter so heruntergekommenem Volke lebt. Ich wei in der
        That nicht, ob ich diese Menschen mehr beklagen oder verachten soll,
        denn wer sie so sieht, in Schmutz und geistige Dumpfheit gleich tief
        versunken, dem ist es zu verzeihen, wenn er sich urpltzlich auf dem
        rgerlichen Gedanken ertappt, es mchten diese prdestinirten
        Unglcksphysiognomieen wohl nicht Geschpfe seines Gleichen sein! - Ich
        kann nicht lugnen, da ich mich selbst einigemale auf dieser
        aristokratischen Gedankensnde berrascht habe ganz wider Willen. Nehmen
        wir aber an, es bestnde wirklich ein geheimer Unterschied zwischen hoch
        und niedrig Geborenen, was, ich frage Dich, was knnte es dann nutzen,
        wenn wir uns fruchtlos abmhten, ein von Urfang an minder begabtes,
        geistiger Entwickelung unfhigeres Geschlecht zu uns heraufzuheben?
        Kannst Du Dichter, Knstler, Frsten bilden? Nein, sie alle werden
        geboren! - Wenn dem aber so ist, woran kein Vernnftiger zweifeln kann,
        dann mu ich sehr bitten, mich mit allen philantropischen Ideen zur
        Heraufbildung der Menschheit auf gleiche Hhe der Anschauung und
        Entwickelung mit uns zufrieden zu lassen. Dann bleibe Staub, was Staub
        ist, und jegliche Creatur begnge sich mit dem, was ihr Gott in seiner
        unergrndlichen Weisheit zugetheilt hat!
        Ich hoffe, wir verstehen uns und wandeln Hand in Hand unserm groen
        Ziele entgegen. La mich wissen, in wiefern Deine Bemhungen gleichen
        Erfolg gehabt haben! -
        Noch eine Sorge hat sich in diesen Tagen zu den brigen gesellt. Meme
        Haushlterin ist aus meinen Diensten gegangen. Das strt mich mehr, als
        die hundert und aber hundert Verwnschungen meiner ohnmchtigen
        Arbeiter. Ich mu fast verhungern, so schlecht wird Alles zubereitet!
        Solltest Du eine passende Person wissen - wohl zu merken: sie mu jung,
        hbsch und heiteren Temperamentes sein - so setze mich davon in
        Kenntni.
        Meiner liebenswrdigen Frau Schwgerin die ehrfurchtsvollsten Gre!
                                                                        Adrian.

    Auf diesen Brief, den Adalbert mit groer Seelenruhe las, ging Tages darauf
folgendes Antwortschreiben an Adrian ab.

            Mein lieber Bruder.
        Die Empfindungen, welche mir das Lesen Deines interessanten, liebevollen
        Briefes erregte, kann ich nur mit dem unbeschreiblich wohlthuenden
        Gefhle vergleichen, das unsern Krper nach genommenem Dampfbade
        durchrieselt. Ich befinde mich ganz  mon aise, uerst behaglich,
        befriedigt in jeder Weise und nicht im mindesten aufgelegt, mich
        knstlich zu melancholisiren, wie dies jetzt in der aristokratischen
        Welt wohl einigermaen Mode zu werden beginnt. Fr dieses Wohlbefinden
        bin ich Dir dankbar ergeben, theurer Bruder, und drcke Dir par distance
        die Hand.
        Deine Mittheilungen anlangend, so wte ich nicht, was ich darauf zu
        erwiedern htte, es mte denn das sublimste Lob sein. Da ich nun aber
        wei, da Du nicht diese plebeje Art von Ehrgeiz besitzest, die nach
        faustdickem Lobspruche giert, so halte ich an mich und werfe Dir nur
        einige bescheidene, fein lchelnde Winke zu. Du bist ein Kenner und
        weit den haut got geistigen Genusses zu schtzen.
        Eins aber mu ich doch tadeln! Du hast vergessen, mir eine Beschreibung
        zu liefern von dem Grafen in der Zwillichhose und Kattunjacke! Wie
        konntest Du so meinen Geschmack verkennen und mich eines Genrebildes
        berauben, wie es wahrscheinlich vor Deinen Augen nicht zum zweiten Male
        auftaucht? Du kennst meine romantischen Liebhabereien, meinen
        Enthusiasmus fr die Niederlnder, mem Schwrmen fr Knstler, die es
        sich angelegen sein lassen, mit sicherem Pinsel die Zerrissen- und
        Zerfahrenheiten des Lebens im eigentlichen Sinne des Worts auf die
        Leinwand zu zaubern!
        Gestehe ich's immerhin, da vielleicht grade dieser capricise Hang mich
        zu Deinem treuesten Bundesgenossen macht. Etwas und zwar nicht ganz
        wenig, trgt er bei, Deinem Systeme zu huldigen! - Es ist so schwer in
        unserer unknstlerischen, nur auf grob Materielles gerichteten Zeit,
        gute Kunstwerke zu erhalten. An Knstlern, die sich so nennen, fehlt es
        freilich nicht, solche aber, die es wirklich sind, in deren Producten
        man Seele, sprossendes Leben, zndenden Geist findet, solche wollen mit
        hundert Laternen gesucht sein.
        Da unterhlt es mich denn ungemein und bildet mein Urtheil, wie meinen
        Kunstsinn zu einiger Meisterschaft aus, wenn ich knstlich ein Leben um
        mich her entstehen lasse, das mir, bisweilen allerdings etwas zu
        naturgetreu, jene Genrebilder aus den niedrigen und gemeinen
        Lebenskreisen unmittelbar vor's Auge fhrt. Um dasselbe besser aus der
        Ferne genieen zu knnen und mir einen wirklichen Kunstgenu, also
        zugleich Bild und Leben, zu verschaffen, habe ich mir von meiner letzten
        Reise nach England einen vortrefflichen Dollond mitgebracht, der sehr
        weit trgt, die Gegengenstnde auerordentlich rein und scharf und mit
        zauberischer Klarheit festhlt. Mit diesem bewaffnet bringe ich
        Stundenlang an den Fenstern meines Schlosses zu und schwelge in den
        Genssen, die er mir aus der dumpfen Gemeinheit des in Schmutz und
        Schande sich wlzenden Volkes zutrgt. Greren Reiz im Genu und
        dauerndere Befriedigung daran habe ich noch auf keiner Bildergallerie
        gehabt; meine Art, das Leben in der Kunst zu goutiren und auch vom
        Schmutz und Elend die unsichtbare Schicht feinsten Aroms, die sie
        umwebt, mit Behagen einzuschlrfen, ist die vorzglichste und wird gewi
        fashionable, wenn ich einmal in die Laune komme, die vertrauten Freunde
        zu verrathen!
        Aus diesen Andeutungen kannst Du entnehmen, da ich keineswegs mssig
        gewesen bin. Meine Macht wchst tglich, der Unterthan neigt sich
        gehorsam vor mir und ist sehr zufrieden, wenn ich ihm nicht das Ohr
        kneipe. Ich herrsche vollkommen unumschrnkt ber Bauern und Weber. Es
        gibt fast kein Haus mehr in den nchsten drei Drfern, das mir nicht
        angehrt, und ich halte sehr streng auf pnktliche Zinszahlung! Enfin
        ich bin sehr zufrieden! Uebrigens sind meine Leute friedlicher gesinnt,
        als Deine Fabrikarbeiter. Hier denkt Niemand an Emprung oder gar an
        Petition. Gott Lob, der Landmann und der bloe Lohnweber gehren noch
        der alten Zeit an, die sich mit Lesen nicht viel abgab! Vortrefflich
        arbeiten auch meine Pastoren uns in die Hnde, und ich danke Gott
        wirklich, da er mich so kostbare Wahlen hat treffen lassen. Es sind
        musterhaft gute, fromme, mir treu ergebene Herren, diese beiden
        Pastoren, aber Theologen vom Scheitel zur Zeh! Aber auch blos Theologen,
        sag' ich Dir! Sie halten mit eiferschtigen Blicken auf Befolgung des
        geschriebenen Wortes. Was geschrieben steht, steht geschrieben! heit
        ihr Gott, ihr Glaube, ihre Seligkeit!
        Du kannst Dir vorstellen, was sich mit solchen gelehrten Bffeln
        anfangen lt! Sie wollen nichts hren von Volksaufklrung, was ich nur
        billigen mu, und verleiden meinen Bauern und Webern alle Zeitungen und
        Bcher durch ihr fanatisches Eifern gegen die Presse. Ihnen ist Alles
        schlecht und verdammenswerth, was nicht in der Vulgata und etwa in einer
        geistlosen Postille steht. Kann ich etwas Besseres thun, als diese
        Ehrenmnner in ihrem Amtseifer untersttzen und bestrken? Whrend sie
        meine Unterthanen geistlich und selig machen, bringen sie ihnen den
        herrlichen Glauben bei, da irdisches Glck und Wohlsein dem Himmel
        abwendig mache und Niemand zukomme, als den Auserwhlten! Unter diese
        gehren natrlich die Herren und alle Obrigkeiten, und ich bin gar nicht
        bse, da meine sehr untheologische Ueberzeugung trotzdem Allem mit
        dieser banalen Theologie vortrefflich harmonirt!
        Gesteh' es, lieber Bruder, da ich Glck habe! Was Andere in einem
        ganzen Leben voll Mhen nicht erreichen, das fllt mir von selbst in den
        Schoo. Es erfolgt, was ich wnsche, nur dadurch, da ich es wnsche.
        Hchstens gehe ich meinen guten Seelsorger um ein passendes Kirchengebet
        oder eine eindringliche Predigt an. Und nun sage Einer noch, da die
        Interpretation des Lebens wie der Bcher nicht die Hauptsache sei! Da
        man nicht Alles in das liebe Leben hinein- und auch wieder aus ihm
        herauserklren kann, wenn es nthig ist!
        Viel Glck zu der beabsichtigten Unterredung! Fhrt sie zum Ziele, so
        geb' ich ihr meinen Segen! Nur sei jetzt doppelt vorsichtig! Wenn Du es
        doch so einrichten knntest, da Martell einen Ort besuchte, in deren
        Nhe sich die Cholera gezeigt oder schon einige Opfer gefordert hat!
        Sollte sich das nicht thun lassen? Glck, Schicksal und Teufel pflegen
        alle drei auf ein Ausstrecken des kleinen Fingers zu warten. Darauf mu
        man achten!
        Eine Haushlterin brauchst Du? Hm, es ist fatal, da wir mit Aurel so
        bel stehen! Der gute lebenslustige Bruder hat ein paar hbsche Mdchen
        als Dienerinnen fr Herta bei sich, die sehr gut erzogen sein sollen,
        wie ich in Erfahrung gebracht habe. Auf Umwegen liee sich die eine oder
        andere doch vielleicht gewinnen! Ich werde mich erkundigen lassen und
        Dir spter Antwort geben.
        Meine Frau erwiedert Deine ehrfurchtsvollen Grsse sehr angelegentlich.
            Ganz
                                                                  Dein Adalbert

    Der vornehme Herr bertrieb in seiner Schilderung durchaus nicht. Die Lage
seiner Unterthanen war erbarmungswrdig, war es vorzugsweise durch Adalberts
kalte und eiserne Consequenz. Wie immer, wo kluge Verderbtheit und khler
Verstand herrschen, der minder begabte gutmthige Mensch sich gutwillig gngeln
lt, so verstand auch Adrian die Schwchen derer zu mibrauchen, die zum
Wohlthun ihr Leben anwenden sollten. Ohne da die Kurzsichtigen es ahnten,
trugen sie zur Vermehrung der Unwissenheit bei, welche in der Masse des Volkes
herrschte, und leisteten willenlos und unabsichtlich dem Elende Vorschub,
whrend sie des Paradies auf Erden auszubreiten glaubten.
    Ein treues Bild der allgemeinen Noth, die bei Adalberts Unterthanen
eingerissen war und an deren entsetzlichen Ausbrchen sein Auge sich weidete,
gewhrte der Hausstand unsers alten Bekannten Leberecht. Der Mangel hatte ihn
vor Weihnachten in die traurige Nothwendigkeit versetzt, sein Haus verkaufen zu
mssen. Er bot es anfangs einer Menge Bekannten an, allein diese waren theils
fast in derselben Lage, theils besaen sie auch nicht so viel, um selbst einen
billigen Kauf eingehen zu knnen. Und Leberecht brauchte Geld, Geld um jeden
Preis!
    So blieb ihm zuletzt nichts brig, als sein Haus an Adalbert selbst fr
einen Spottpreis abzutreten, unter der Bedingung, es bis zu seinem Tode
ungestrt bewohnen zu drfen und ein paar Aecker in Pacht zu erhalten.
    Nun sa der arme bejahrte Mann, der sich sein ganzes Leben lang geplagt
hatte, um sich ein paar Thaler auf seine alten Tage zusammen zu sparen,
verlassen da, und mute wieder anfangen, fr kargen Lohn Tagarbeiterdienste zu
thun! Mit Dreschflegel und Schttegabel auf der Schulter ging er alle Morgen vor
Sonnenaufgang eine volle halbe Stunde ber Feld, oft in schauerlichem
Stberwetter, oder bei einem Kltegrade, der das Blut in den Adern gerinnen
machte, um in zugiger Scheune mit leerem Magen bis in die sinkende Nacht hinein
zu dreschen! Und fr so schwere Arbeit ward noch dazu kein Pfennig Geld
verabreicht! Die Arbeiter erhielten Korn, je nach dem Belieben des Herrn bald
aller acht, bald auch aller vierzehn Tage! In dieses Korn, das fr ein
ausgegedroschenes Schock aus einem Viertelscheffel dresdner Ma bestand, hatten
sich smmtliche Drescher zu theilen. Kamen nun auf Leberecht einige Metzen, so
mute er sich diesen schwer verdienten Lohn nicht nur selbst den weiten Weg bei
Nacht und Sturm nach Hause tragen, er hatte auch auerdem noch die Mhe,
entweder das Getreide in Geld zu verwandeln, oder es mahlen zu lassen, um das
tgliche Brod davon zu gewinnen. Hatte er nicht Zeit oder konnte er die Nchte
nicht opfern, um in die Mhle zu wandern und es selbst aufzuschtten, so zog
auch der Mller noch sein bescheiden oder unbescheiden Theil ab, und was zu
guter Letzt brigblieb, glich nur noch einem Almosen!
    Maria und Eduard, ihr Sohn, fhrten kein beneidenswertheres Leben. Sie
schafften von frh vier Uhr bis hufig nach Mitternacht hinter ihren Websthlen
und muten in dieser Zeit mehr als sechzigtausendmal die Trittbreter
niedertreten, um ihren tglichen Arbeitsziel zu fertigen! Aus Sparsamkeit
brannten sie nur eine einzige Lampe, die zwischen beiden Sthlen in der Mitte
hing und ihren trben Lichtschein gar sprlich auf die graublauen Kper fallen
lie, die Mutter und Sohn webten. Nur langer Gewohnheit war es mglich, bei
dieser unvollkommenen Beleuchtung jeden zerrissenen Faden im dunkeln Gewebe
sogleich zu entdecken und wieder auszuknpfen; die Augen der unermdlich
fleiigen Weber aber litten darunter. Sie fingen an zu brennen, entzndeten sich
spter, wozu am Tage noch der blendend weie Schnee beitrug auf dem die Sonne
funkelte, und wurden, namentlich bei Marieen, immer rther und trber. Schon zu
Weihnachten vermochte sie kaum noch das Gewebe zu erkennen, sie mute sich ganz
auf ihr Gefhl verlassen. Schlichten konnte sie gar nicht mehr, weil sie dabei
den etwa reissenden Faden nicht bemerkt und beim Fortarbeiten das ganze Gewebe
verdorben haben wrde.
    Leberecht und Eduard redeten der armen Frau wiederholt zu, sie solle sich
eine Zeit lang schonen, sich ausruhen und pfegen und einen Arzt befragen, Marie
aber achtete nicht auf ihre Bitten. Sie kannte den Mangel, die Noth am besten
und sah wohl voraus, da zwei feiernde Hnde diese zu einem Grade vermehren
wrden, aus dem Rettung nicht mehr denkbar sei. Darum arbeitete sie unverdrossen
Tag und Nacht fort, ohne zu murren, noch zu klagen! Ein frisches Krautblatt, das
sie unter ihr Kopftuch band, so da es khlend ber das Auge berabhing, war die
einzige einfache Medicin, der sie sich bediente.
    Oft beschlich die beiden rastlosen Weber der Schlaf. Konnten sie sich gar
nicht mehr retten, so gestattete sich Mutter und Sohn abwechselnd einen kurzen
viertelstndlichen Schlummer, damit sie der Mattigkeit nicht zu lange oder wohl
gar die ganze Nacht erlagen. Traf nun Eduard die Reihe des Wachens, so strengte
er alle seine Krfte an, um durch schnelleres Arbeiten wo mglich den Verulst an
Zeit wieder einigermaen auszugleichen. Oder er stand wohl auch auf, wenn er die
Mutter fest schlafend wute, schlich sich an ihren Webstuhl, hinter dem die sehr
gealterte, abgemagerte Frau nickend sa, die Arme frostig ber die Brust
verschlungen, und trufelte behutsam ein wohlthuendes Augenwasser auf ihre
Lider, das er sich zu verschaffen gewut und von dem er sich viel versprach, da
es nicht allein ihm selbst gute Dienste geleistet, sondern auch Marieen einige
Linderung brachte, seit er es ihr heimlich im Schlafe auf die entzndeten Lider
go.
    Schade, da Adalberts Dollond nicht bis in diese Htte darbender und
arbeitender Armuth dringen konnte! Vielleicht htte eine einzige Nacht, inmitten
dieses zrtlichen Sohnes und dieser schlummernden Mutter verlebt, ihm sein
Vergngen an jenen Genrebildern vergllt, die er ber Alles liebte! Aber
Adalbert sah nur die Noth vom Licht der Sonne vergoldet, und diese verliert an
Schauerlichkeit, an erschtternder Kraft gegen jene bleichen kalten Nachtgemlde
gehalten, die im Silberrahmen des Mondlichtes geisterhaft glnzen! -
    Der starke Schneefall und die hufigen anhaltenden Strme, welche gegen Ende
November, namentlich im Gebirge, sich einstellten, erschwerten die Communication
zwischen entfernt liegengenden Ortschaften so sehr, da Wochen vergingen, bevor
aus weiterer Ferne Nachrichten einliefen. Unsere Freunde auf dem Zeiselhofe
unterrichteten Leberecht und seine Familie von dem, was ihnen in Bezug auf die
Bobersteinische Angelegenheit zu wissen nthig war, durch die wchentlichen
Boten, die zwischen den einzelnen Drfern hin und wieder gehen. Dadurch blieben
die Abgeschiedenen ziemlich im Zusammenhange. Nur whrend des ganzen Decembers
und auch in der ersten Hlfte des Januars trat eine Unterbrechung ein, so da
Leberecht seit mehr als fnf Wochen nichts mehr von Sloboda und dem
Maulwurffnger gehrt hatte. Die eigene Noth im Hause, die schwere und
gefahrdrohende Augenkrankheit Marieens lie den sorgenvollen Mann auch wirklich
eine Zeit lang den schwebenden Proze vergessen oder doch mehr und mehr im
Hintergrund seiner Erinnerung verschwinden.
    Da kam Leberecht eines Abends - es war am Tage vor Pauli Bekehrung - in
groer Aufregung nach Hause. In der Hast des Eintretens htte er beinahe Marie
umgerannt, deren Augen so schlimm geworden waren, da sie kein Licht mehr
vertragen konnte, ohne vor Schmerz laut aufzuschreien, und die nun mit
festverbundenem Kopf tappend in der kleinen engen Stube umherschlich.
    Weit Du's, Maria, und Du, Eduard, was in der Haide passirt ist?
    Eduard hielt die Lade an und legte das kreuzfrmige Schnellholz, woran das
Weberschiffchen mittelst Bindfaden befestigt ist, auf die Werfte.
    Ich bin nicht hinter'm Stuhle vorgekommen, Vater, und an's Fenster hat auch
kein Nachbar gepocht - woher soll' ich 'was Neues erfahren haben?
    Was gibt's denn? fragte Marie, auf der Ofenbank Platz nehmend und den
schmerzenden Kopf in beide Hnde nehmend.
    Paul Sloboda hat seine Schwester gefunden! sagte Leberecht. Die ganze
Haide ist lebendig geworden von dem Aufruf, denn es hat in den Blttern
gestanden! Die Advocaten, heit's, sollen vor dem blauugigen Jungen die Mtzen
ziehen bis an die Erde, denn es ist ausgemacht, da er nun Graf wird und die
Schwester Grfin, und da sie allesammt, der alte Jan nicht ausgenommen, in
prchtigen Palsten wohnen werden.
    Wenn's nur Grund hat, Vater! warf Eduard ein. Der Lgenkrmer laufen
heut' zu Tage gar zu viele herum, und nachher hat's wieder Menschen, die sich
eine Lust draus machen, ehrliche Leute anzufhren.
    Warum wird's nicht! erwiederte etwas rgerlich Leberecht. Der erste Bote
hat die Nachricht von Pink-Heinrich selber, und der wei, was er red't, sonst
macht er lieber die Zhne nicht auseinander. Wir aber, Marie, Eduard, wir wollen
Gott danken, da es dahin gekommen ist, denn nun gehen wir gewi und wahrhaftig
besseren Zeiten entgegen!
    Wer's erlebt! seufzte Marie, den schmerzenden Kopf immer in leise
schwingender Bewegung haltend.
    Nur nicht verzagt! ermahnte Leberecht die Kranke. Es ist mit der Noth wie
mit Zahnschmerzen. Auf einmal, wenn's recht entsetzlich gezogen und gestochen
hat, hrt's von selber auf und man fhlt sich wie neu belebt. So wird's uns
gehen, gebt acht! Das Elend hat sein Thun aus, wie wir sagen, und kein Unglck
kann uns mehr 'was anhaben. Schon die bloe Nachricht hat mich neu gestrkt und
frisch belebt, und da Morgen Pauli Bekehrung ist und unser katholischer Herr da
nicht dreschen lt, will ich mich flugs aufmachen und ein paar Stunden weit
laufen, um genauere Kundschaft einzuziehen.
    O Jesus Christus! wimmerte Marie.
    Was hast Du, Mutter? fragte Leberecht und setzte sich neben sie, behutsam
seinen Arm um die vor Schmerz Zitternde legend.
    Mir ist's, als sollten mir die Augen aus dem Kopfe springen! Nimm mir das
Tuch ab - es brennt mich wie glhende Kohlen.
    Leberecht entfernte die Binde und nahm die brennend heien Leinwandflecken
von den entzndeten Augen. Marie prete die Lider fest zusammen, erst nach
einiger Zeit versuchte sie aufzublicken.
    Noch im Finstern? sagte sie verwundert. Ich dchte doch, Eduard htte
gewirkt und sich zuvor Feuer angeschlagen.
    Die Lampe brennt, Mutter!
    Wo denn?
    Mein Gott, keine drei Schritte von Dir! Das Tuch hat Dich gedrckt.
    Blinzle ein paar Mal, sagte Leberecht, das wird helfen.
    Marie drckte die schmerzenden Augen wieder fest zu und blickte dann mit
weit aufgerissenen Lidern um sich.
    Nicht wahr, nun ist's besser, armeTaube?
    Es ist noch immer finster.
    Die Lampe, Eduard! Geschwind die Lampe!
    Der erschrockene Sohn sprang mit dem helllohenden Docht heran. Leberecht ri
sie ihm aus der Hand und hielt sie dicht vor Marien's Augen. Sie waren ganz
trocken und ein dicker grauer Schleier berzog die Pupillen.
    Siehst Du jetzt?
    Nacht, nichts als Nacht!
    Barmherziger Gott! schrie Leberecht und lie die Lampe fallen, da der
brennende Docht einige Garnflocken erfate, die Funken glimmend ber die Stube
his unter die Websthle liefen und in wenigen Augenblicken die Werften in helle
Flammen setzten.
    Also blind! jammerte Marie. Blind geworden von der nchtlichen Arbeit,
bei der wir doch fast verhungert sind.
    Feuer! Die Sthle brennen! schrie Eduard, der die aufschlagenden Flammen
zuerst gewahrte. In der Angst strzte er sich mit Ungestm auf die Gewebe,
schlug mit beiden Hnden in die Flammen, um sie zu dmpfen, verschaffte ihnen
aber dadurch nur noch mehr Nahrung. Er fhlte nicht, da er sich furchtbar
verbrannte, da ihm die Haare auf dem Kopfe abfengten und die leckende Flamme
schon durch die Fensterritze an den Wnden hinaufschlug.
    Es ist keine Rettung, sprach Leberecht in verzweifelter Ruhe. La
brennen, was mag! Komm, hilf uns die blinde Mutter retten!
    Eduard vermochte aber vor Schmerz keine Hand mehr zu rhren. Er stie nur
die Thr auf, um den Vater mit der theuern Last hinaus zu lassen. Dann strzte
er nach in's Freie und warf sich heulend in den kalten flimmernden Schnee.
    Die Glocken strmten, die Nachbarn eilten zum Lschen herbei, aber Niemand,
Niemand geedachte im Moment der Bestrzung der Unglcklichen! Auf der Schwelle
des Nachbarhauses sa Leberecht und starrte in die Flammen seines gewesenen
Hauses. Auf seinem Schooe hielt er die erblindete Marie, die mit den
entzndeten trben Sternen in die kalte Nacht lautlos hineinstierte. Zu ihren
Fen krmmte sich Eduard in wildem Schmerz, die verbrannten Hnde in seinen
Thrnen badend.

                                Viertes Kapitel.



                                 Das Complott.

Zwlf Tage vor diesem traurigen Ereignisse, das wir des Zusammenhangs wegen
schon jetzt unsern Lesern mitzutheilen fr schicklich hielten, und einen Tag
spter, als Adrian an seinen Bruder Adalbert schrieb, flog ein einzelner
Schlitten durch die de, erstarrte Haide. Der Lenker, ein stattlicher Mann mit
blassem Gesicht und dnnem braunen Haar, trug starke Fuchshandschuhe und war in
einen kostbaren mit feinem Zobel verbrmten Brenpelz gehllt. Hinter ihm auf
der Pritsche, die Fe in Pelzstiefeln steckend und ebenfalls hinlnglich gegen
die Klte verwahrt, sa der Kutscher oder Bediente oder was der Mann sonst etwa
noch vorstellen mochte.
    Der einsame Schlitten glitt bisweilen ber kleine Lichtungen, auf welchen
Stangen mit Tafeln standen, an denen man das Wort Schonung las. Diese Tafeln
waren numerirt.
    Darauf gib Acht, Jean! sagte der Mann im Schlitten, auf die Stange mit der
Tafel zeigend. Schreib Dir die Nummer auf, damit Du Dich spter nicht
verirrst!
    Jean nickte mit dem Kopfe, zog ein Taschenbuch hervor und notirte sich die
Nummerzahl des Pfahles mit der Tafel.
    Wenn Du Dich genau nach diesen Nummern richtest, kannst Du nie fehlen,
welche Kreuz- und Querwege Du auch wider Willen einschlagen magst.
    Ein abermaliges Kopfnicken gab dem Leiter des Schlittens die Zustimmung
seines Dieners zu erkennen, und in raschem Galopp jagte das feurige polnische
Gespann, dessen brillantes Geschirr mit purpurnen Troddeln und Fransen reich
aufgeschmckt und mit silbernen melodisch gestimmten Schellen behangen war, in
die windige Haide hinein.
    Der geneigte Leser hat in diesen einsamen Reisenden bereits den Grafen
Adrian mit seinem stummen Kammerdiener erkannt. Aber was sucht der kaum genesene
reiche Mann in dieser frostigen Wildni, die kaum im Sommer von wandernden
Khlerbuben betreten wird? Was sollen die Winke bedeuten, die er seinem stummen
Vertrauten kalt und ernst gibt? Um auf diese Fragen Antwort geben zu knnen,
verlassen wir den im rauschenden Tannicht verschwindenden Schlitten und wenden
uns einer schon frher betretenen Gegend jetzt wieder zu.
    In hohen Schneewehen mehr als zur Hlfte begraben, ragen vier schwarze
rissige starke Mauern mit zerborstenen Fenstern hinter breitem Erdwall in die
Luft. Die schrg liegenden Balken eines niedrigen Wetterdaches geben dem wsten
Gemuer einigermaen ein gastliches Ansehen und eine Breterhtte auf der
Sdseite, von ziemlich hoher Planke umgeben und mit ber einander geschichteten
Aesten und jungen Stmmen, wie die Windbrche des Herbstes sie niederwerfen in
dichten Wldern, geschtzt, zeigen an, da dieser entlegene Ort trotz seiner
schauerlichen Einsamkeit doch bewohnt ist. Ein breiter und tiefer Flu, jetzt
mit dickem Eis und Schnee bedeckt, krmmt sich in weitem Halbkreis um Htte und
Mauertrmmer. Auf dem hohen Uferrande desselben am Anfang der Waldwiese, die
sich gegen Norden ausbreitete, sieht man abermals eine der erwhnten Stangen mit
beschriebener Tafel.
    Wir befinden uns in der Nhe des Raubhauses, jener verfallenen alten Burg,
welche ehedem dem Frsten der Haide, Herta's Vater, zum Schlupfwinkel diente.
Die grere Cultur der Forste und die vermehrten Kohlenbrennereien und
Theerhtten, die neuerdings unter Adrians Herrschaft entstanden waren, hatten
auch diesen versteckten und geflohenen Winkel der Haide bekannter und besuchter
gemacht, und im Schutz der Mauertrmmer ein Schenkhaus fr Khler, Kien-, Span-
und Ruhndler entstehen lassen, dessen gengsamer Wirth sich leidlich nhrte.
Seit Jahresfrist gehrte Raubhaus und damit verbundene Khlerkneipe zu den
Besitzungen Adrians.
    Der Wirth dieser traurigen Waldschenke hatte in den frheren Jahren als
Reitknecht in Adrians Diensten gestanden, durch einen unglcklichen Sturz mit
dem Pferde aber beide Hnde gebrochen und war dadurch unbrauchbar zu jedem
Geschft geworden. Der Graf lie ihn heilen, gab ihm ein geringes Jahrgeld und
setzte ihn als Schenkhalter endlich in diese Haidekneipe. Fr diese grfliche
Huld war der nunmehr Versorgte seinem gromthigen Gebieter sehr dankbar. Adrian
konnte ihm blindlings vertrauen und Jussuff - so hatte ihn der Graf seines
gewaltigen Bartes wegen, den er nach trkischem Schnitt zu tragen pflegte,
getauft - Jussuff freute sich, dem gndigen Herrn gefllig sein zu knnen.
    Vor drei Tagen hatte Jussuff in einem mehrere Stunden entfernt gelegenen
Kretscham, wie Adrian ihm brieflich gemeldet, einen fremden Mann gefunden,
dessen Signalement ihn nicht tuschen konnte. Nur sein widerlicher Begleiter
machte ihn anfangs stutzig; da ihn jedoch der Fremde fr seinen alten treuen
Knecht ausgab, lie er ihn unbedenklich den mitgebrachten Bauerschlitten
besteigen und brachte beide nichts weniger als freundlich aussehende Mnner in
seine abgelegene betretene Behausung. Als dies geschehen war, that er Adrian
vorschriftsmig Meldung und lie es den Fremden an nichts fehlen.
    Nun, was hab' ich gesagt, alte Hyne! rief Kltken-Hannes seinem
scheulichen Gefhrten zu, als Jussuff auf sein Gehei vier Kannen glhenden mit
Zucker und Gewrz stark vermischten Branntwein den Unersttlichen ohne Widerrede
in ihre wohl verwahrte Bretterkammer trug. Heit das nicht leben, wie im
Feenmhrchen? Immer Tischlein deck Dich, Krglein fll' Dich und nichts zu thun!
Das ist prchtig! Aber weit Du was, Blutrssel, ich glaube doch, es ist der
Teufel, der uns so kannibalisch fttert! Wie?
    Er wird Dich msten wollen zum sechstausendsten Geburtstage seiner
Gromutter, um Dich ihr als sndengespicktes Spanferkel zum Frhstck
vorzusetzen, grinste der ehemalige Ruber. Aber was thut das! Fri nur immer
zu und sauf', so lange der Magen vor Brandlchern nicht in Stcke zerfllt. Der
Teufel soll leben!
    Und wer's mit ihm hlt hier und dort!
    Beide thaten einen tchtigen Zug aus den dampfenden Krgen und schnalzten
vor Wohlbehagen mit den Zungen.
    Bin doch neugierig, wie lange das Satansfest dauern wird, sagte
Kltken-Hannes. Verflucht wr's, wo wir hier in dieser Bude, in Schnee und Eis
vergraben, sitzen bleiben mten und Niemand als unser lahmer Wirth sich um uns
kmmerte.
    Du hast ja noch Geld.
    Noch dreihundert Mark.
    Dann scher' ich mich um Niemand. Ich bin hier bekannt, Hannes, denn ich
sitze hier auf meiner hohen Schule, und lt man uns im Stiche, so krieche ich
in die alten Gewlbe hier unter uns, suche eine alte Laterne und ein paar Dolche
zusammen und schlage mich mit Dir durch Dick und Dnn bis an einen Ort, wo's uns
gefllt.
    Morgen frh hat mir Jussuff vornehmen Besuch angekndigt, sagte
Kltken-Hannes etwas nachdenklich. Was wrdest Du thun, wenn's nun wirklich so
ein Stck vom Teufel wre?
    Fluchen und lstern.
    Warum?
    Das machte ihn guter Laune, denn 's ist ja sein Geschft.
    Schade, da es kein Mdel hier gibt!
    Ha Dein Tchterchen! rief Blutrssel zhnefletschend. Ich sage Dir,
Hundesohn, es war dumm von Dir, das blanke Ding mit dem jungen Laffen fortziehen
zu lassen! Das wre hier eine Taube fr ein Teufelsgericht. Wir selbst rupften
ihr die Federn aus, was?
    Mir Alles gleich! hohnlachte der verwilderte Kltken-Hannes. Mdel ist
Mdel, und wenn mir der Teufel immer genug Geld, satt Branntwein und fette
Bissen zuwirft, so viel ich verlange, thu' ich ihm einen Gefallen, beim
brennenden Hllenpfuhl! Es kann doch weiter nichts kosten, als die Seele! Die
Seele aber ist Luft, blauer Dunst, siehst Du, alte Hyne, und das hat kein
Gefhl, das! Also mag es schmoren, meinetwegen zehn tausend Millionen Jahre!
    Auf's Wohlergehen Deines Schmorbratens! wieherte Blutrssel, stie an mit
Kltken-Hannes und beide tranken den Hllensoff, bis ihnen die stieren Augen
bergingen.
    Noch eine Kanne, Jussuff! brllte der Mrder Johannes', sein Herr und
Meister fiel ihm aber ins Wort und sagte:
    Halt, Nimmersatt! Das Befehlen ist gegen die Abrede, weit Du! Ich bin
Gebieter, Du bist Knecht, und wenn ich will, legst Du Dich vor die Thr und
bellst oder heulst auf mein Commando! Verstanden, Zhnefletscher? -
    Blutrssel rollte seine vorstehenden Augen wie Feuerrder, ballte die Faust
gegen seinen Herrn, schwieg aber doch.
    Ich will mir nicht den Verstand versaufen, fuhr Kltken-Hannes fort,
damit ich frisch bin, wenn mein gromthiger Freund und Gnner mich besucht.
Ein vernnftiger Herr aber kann kein unvernnftiges Vieh zum Diener brauchen,
siehst Du! Also couche und verschnarche den Hllenbru, den Du angegeben hast.
Mich brennen die Eingeweide, als htt' ich glhendes Blei hinuntergeschttet,
Gott verdamm mich!
    So fluchend warf sich Elwirens unwrdiger Vater auf die Streu, zog die Kotze
von Pferdehaaren ber sich und fiel bald in dumpfen Schlaf.
    Blutrssel blieb noch geraume Zeit am Zechtisch sitzen und stierte bald in
den sprtzelnden Docht der Thranlampe, bald warf er gehssige, wilde Blicke auf
den schlafenden Hannes. Endlich schob er den Schemel zurck und stand auf.
Scheulich rollten die groen weigelben Augpfel unter seiner niedrigen Stirn,
die spitzen Wolfszhne klappten ein paar Mal heftig auf einander, als seien sie
begierig nach Fra. Dann fuhr er jh in die Seitentasche seiner Jacke, ein
langer spitzer Stahl funkelte in der hochgeschwungenen Rechten und mit lautlosem
Sprunge am Lager des dumpf und fest schlafenden Kltken-Hannes niederkauernd,
streifte die scharfe Klinge schon den starken geschwollenen, von dicken blauen
Adern durchzogenen Hals des Sorglosen. Doch eben so schnell zog er die Mordwaffe
wieder zurck und lie die Hand sinken.
    Noch nicht! murmelte er finster und seine abschreckenden Zge
berschauerte ein herzloses Hohnlcheln. Ich will warten bis morgen und
horchen, was man verlangt, was man bietet. Erst Geld, dann Blut! - So hielt
ich's mit seinem Vater, dem fanatischen Tugendhelden, als er geizig und
hochmthig ward; so will ich's auch mit dem verlorenen Shnchen halten, das in
meiner Schule ein allerliebstes Mutterfrchtchen geworden ist! - Ha, ha, ha,
ha, lachte der Mrder leise durch die Zhne, welche Freude wrde die Alte
haben, die in ihren guten Tagen, wei Gott, ein wahres Grafenessen war, trte
ihr das wohlgerathene Shnlein im schnsten Aufputz der triumphirenden Hlle
unter die Augen! 's wr' mir ein Labsal, bei allen Todsnden, und wt' ich's
dahin zu bringen, so spielt' ich noch Trumpf aus mit Satan um das nchste
Schaltjahr!
    Whrend der Verworfene dieses Selbstgesprch hielt, hatte er den Stahl
wieder sorgfltig verborgen und sich in kaum fubreiter Entfernung von dem
sorglos schlafenden Kltken-Hannes ebenfalls auf die Streu niedergestreckt. Der
heie Branntweindunst und die Gewohnheit, sich an den verruchtesten
Phantasiebildern zu laben, wiegten auch diesen Sohn der Hlle in festen,
traumlosen Schlummer. -
    Die Betubten schliefen noch, als Adrians Schlitten am andern Tage ziemlich
zeitig an der Khlerschenke hielt.
    Alles in Ordnung? fragte er Jussuff, nur die gerthete Nasenspitze aus
seinem Pelz hervorsteckend.
    Zu Ew. Gnaden Befehl! Aber -
    Aber?
    Ich hab' ihrer zwei gefunden, Ew. Gnaden!
    Sind sie munter?
    Wie ein paar Teufel! Von frh bis in die Nacht nichts wie Lrmen, Fluchen,
Saufen mit Ew. Gnaden Erlaubni!
    Schon gut! Du hast es ihnen doch an nichts fehlen lassen?
    Im Gegentheil! Sie empfingen Speis' und Trank im Ueberflu. Sechs Menschen
knnten bequem vier Tage von dem leben, was diese beiden Haifische in einem Tage
vertilgen. Sie sehen aus, verzeih' mir's Gott, wie entsprungene
Galeerensclaven!
    Desto besser! Wo hast Du sie untergebracht?
    Sie schlafen noch, gndigster Herr. Der Branntweinpunsch von gestern Abend
wird ihnen zu Kopfe gestiegen sein.
    Wecke sie, ich werde warten. Und ist derjenige, welcher sich Kltken-Hannes
nennt, nicht vollkommen nchtern, so begiee ihn so lange mit frischem Wasser,
bis er seinen Verstand vollkommen beisammen hat. Wer ist sein Begleiter?
    Ein grauhaariger Schelm, Ew. Gnaden, mit blutrother langer Nase und
Krokodilsaugen! Ew. Gnaden Empfohlener heit ihn seinen Diener, sie dutzen sich
aber, wenn sie allein sind, wie Holzhauer.
    Adrian gab Jussuff durch einen Wink zu erkennen, da er genug wisse, und
befahl nochmals, den fremden wsten Gast zu wecken.
    Nach einiger Zeit vernahm er ein heiseres Husten und rauhes Flstern.
Jussuff kam zurck und zeigte seinem Gebieter an, da der Fremde ganz fest auf
den Beinen stehe und sehr begierig auf den Besuch des Herrn sei.
    Den angeblichen Bedienten hab ich abtreten lassen, fgte er hinzu.
    Ich lobe Dich, mein Getreuer, sagte Adrian, und folgte dem Wirthe in die
abgelegne Kammer.
    Kltken-Hannes sa, sein aufgedunsenes Gesicht in die linke Hand gesttzt,
am Tische, dessen Platte noch klebrig war von dem verschtten Getrnk der
vergangenen Nacht. Da er auf sein Aeueres nicht eitel war, hingen ihm
Strohhalmen in dem borstigen, ungekmmten Haar, und Gesicht und Hnde waren mit
widerlichen Schmutzflecken bedeckt. Bei Adrians Eintritt, der sich durchaus als
vornehmer und gebietender Herr zeigte, stand der Trdler auf und versuchte seine
beste Verbeugung.
    Habe ich das besondere Vergngen, mit Herrn Johannes Kltken aus Hamburg zu
sprechen? fragte Adrian mit groer Freundlichkeit.
    Sie haben dies Vergngen, mein sehr werther Herr, erwiederte
Kltken-Hannes, seinerseits ebenfalls eine herablassende Miene annehmend, denn
er sah wohl, da er es mit einem hochgestellten mchtigen Herrn zu thun hatte.
    Kommen Sie in Folge eines mit a - n. unterzeichneten Briefes, dem tausend
Mark in Anweisungen beigefgt waren, an diesen Ort?
    Tausend Mark, ganz recht! - meine Schulden habe ich bezahlt auf Schilling
und Grote - bin gereist, habe mir nichts abgehen lassen, und da sitze ich nun
mit noch gut gespicktem Sacke!
    Drfte ich um jenen Brief ersuchen?
    Herr, sagte Kltken-Hannes, sein Gesicht zu einem bedenklichen Lcheln
verziehend, ganz werde ich das Schreiben nicht mehr zusammen bringen. Es hat
sich zerrieben in der Tasche.
    Er suchte inde und brachte nach einiger Zeit einen zerknitterten Fetzen von
Adrians Briefe hervor. Der Graf warf nur einen flchtigen Blick darauf, um sich
von der Identitt desselben mit seinen Schriftzgen zu berzeugen. Als er diese
erkannt hatte, sagte er:
    Ich danke Ihnen, mein sehr lieber Herr! Reichen Sie mir jetzt die Hand und
lassen Sie uns im Vertrauen ein ernstes Wort sprechen!
    Kltken-Hannes streckte tlpisch seine ekelhafte Rechte dem Grafen entgegen,
welche dieser mit einiger Scheu leis drckte. Dann setzte er sich dem Trdler
gegenber auf demselben Schemel, den Abends vorher der Ruber und Mrder
eingenommen hatte.
    Knnen Sie schweigen, Herr Kltken, wenn man Sie gut dafr bezahlt?
    Wie das Grab!
    Auch wenn Sie - durch den Genu geistiger Getrnke in heitere Laune
versetzt werden?
    Dann knpfe ich mir einen Knoten ins Gedchtni und ber den kommt kein
Geheimni und wr's ein Vatermord!
    Sie sind gegenwrtig ohne Beschftigung, Ihr eigener Herr?
    Mein Geschft ist gut essen und trinken, nichts weiter!
    Sie wrden also gern und mit Eifer ein Geschft fr mich ausfhren, immer
vorausgesetzt, da man Sie reich dafr bezahlt?
    Bin nicht heikel, mein sehr verehrter Herr. Was es auch sei, fr Geld thu'
ich Alles.
    Demnach wrden Sie auch Verrath ben fr Geld?
    Verrath? Vielleicht, wenn man mich kniglich belohnte.
    Bei dieser Wendung des seltsamen Gesprchs zeigten sich die Augen
Blutrssels, den Jussuff in einen Verschlag neben der Kammer gefhrt hatte, an
einem zersprungenen Kieferbrett. Stier und blutgierig funkelnd hafteten sie auf
der vornehmen Gestalt des Grafen.
    Sie haben dies nicht zu befrchten, Herr Kltken, erwiederte Adrian
lchelnd auf diese Bemerkung. Ich betrachte Sie vorlufig als in meine Dienste
getreten, und da ich weder ein Knig noch ein Frst bin, sondern blos ein
vermgender Mann, der von zahllosen Feinden umringt ist und schmachvoll verfolgt
wird, so bin ich im Begriff, Sie mit Ueberwachung derer, die ich Ihnen als meine
erbittertsten Feinde bezeichnen werde, zu beauftragen. Dnkt Ihnen dies ein Amt,
das Ihre Krfte bersteigen wird?
    Ich halte mich dessen im Gegentheil vollkommen gewachsen.
    Zur Bestreitung aller dabei vorkommenden nthigen Ausgaben, etwaiger
Reisen, Traktamente usw. biete ich Ihnen einen monatlichen Gehalt von zwei
hundert Thalern an. Glauben Sie damit zu reichen?
    Zwei hundert Thaler! murmelte mit schlecht verborgener Freude, welche dem
Grafen nicht entging, der berraschte Trdler. Ich - ich will es - wenigstens
damit versuchen. Geht es nicht -
    So erhalten Sie Zuschu, das versteht sich! Wir sind also einig?
    Vollkommen, vollkommen! sagte Kltken-Hannes sehr eilig. Aber das
Geschft?
    Adrian kehrte sich um und lie seine scharfen Blicke rund um die
Bretterwnde laufen. Blutrssels glotzende Augen verschwanden an dem gespaltenen
Brett. Zufrieden mit seiner Musterung wendete sich der Graf wieder zu seinem
angeworbenen Helfershelfer und beugte sich ber den Tisch.
    Dmpfen wir unsere Stimmen etwas, sagte er bedeutungsvoll lchelnd. Dnne
Wnde pflegen Ohren zu haben, und ich mchte nicht gern, da unser intimes
Gesprch zur Kenntni Vieler kme. - Empfangen Sie vor Allem, fuhr er flsternd
fort, indem er ein Packet aus seinem Pelze zog, die Vorausbezahlung fr den
ersten Monat, und nun merken Sie wohl auf! Von morgen an haben Sie zu Fu oder
zu Schlitten, wie es Ihnen bequem ist, diese Haide zu durchwandern bis an den
See von Boberstein. Sie erkennen ihn an der groen Spinnfabrik, die sich
inmitten desselben auf einem Felsen erhebt. Um den See zieht sich ein Dorf, in
dem es ein einziges Wirthshaus gibt. Dies Wirthshaus besuchen Sie des Abends, um
die daselbst einkehrenden Gste kennen zu lernen. Geben Sie Acht auf die
Gesprche derselben und merken Sie sich diejenigen genau, welche dem Besitzer
der Fabrik alles nur denkbare Bse wnschen! Vor Allem suchen Sie mit einem
schwarzhaarigen groen und starken Manne bekannt zu werden, der Martell heit
und sich einbildet, der eigentliche Besitzer der genannten Fabrik zu sein! Er
trinkt gern, mithin -
    Soll er trinken auf meine Kosten, bis er sich den Verstand versuft!
    Sie besitzen einen bewunderungswrdigen Scharfsinn, mein Herr, fuhr Adrian
mit seinem gewinnendsten Lcheln fort. Inde ein starker, an Branntwein
gewhnter Mensch vertrgt sehr viel, wie Sie wissen -
    Teufelmig viel, ich wei es!
    Es wird daher zweckmig sein, da man die Wirkung des Getrnkes zu
verstrken sucht durch Anwendung eines unschdlichen Mittels, das ich Ihren
Hnden hiermit anvertrauen will!
    Ein zweites wohl versiegeltes Packet fiel neben Kltken-Hannes auf den
Tisch. Immer flsternd fuhr Adrian fort:
    Von dem darin enthaltenen Pulver lassen Sie unvermerkt blos einige Krnchen
in jedes Viertelma gleiten, das Martell und seine guten Freunde leeren. Die
Gelegenheit werden Sie wohl abzupassen verstehen, dafr brgt mir Ihre
Gewandtheit und die Liebe zum Leben! Denn wohl zu merken, schpfte man Verdacht,
so knnte man sich Ihrer bemchtigen, was unangenehme Folgen fr Sie haben
wrde! Also Vorsicht, mein Herr, Gewandtheit und Ausdauer!
    Stirbt man von diesem Pulver? fragte Kltken-Hannes gelassen, indem er
eifrig daran roch.
    Man stirbt davon, wenn man viel auf einmal geniet, man welkt aber blos
hin, wenn man zur Delicatesse nur davon kostet. Meinen Feinden in geringen
Dosen, aber hufig diesen delicaten Genu zu verschaffen, wird also die Aufgabe
Ihres jetzigen Wirkens sein! Drei bis vier Monate drften hinreichen, Ihr Werk
mit gutem Erfolg zu krnen! Sie haben mich doch verstanden?
    Sehr genau, mein werther Herr! Und Sie haben Ihre Gromuth an keinen
Unwrdigen verschwendet!
    Dessen war ich gewi! Aller acht Tage kehren Sie hierher zurck auf eine
Nacht. Sie werden dann einen Boten von mir finden, dem Sie ber Ihr Wirken und
die erlangten Resultate Bericht erstatten. Diese Berichte setzen Sie regelmig
fort, bis wir uns persnlich wiedersehen. Sie haben nichts zu befrchten fr
Ihre Sicherheit, so lange Sie klug handeln! Ist geschehen, was ich beabsichtige,
so gehen Sie wieder nach Hamburg oder verlassen doch diese Gegend! Fr
Anerkennung Ihrer mir geleisteten Dienste erhalten Sie jhrlich eine Pension von
tausend Mark, immer vorausgesetzt, da Sie schweigen knnen! Sind Sie damit
zufrieden?
    In meinem Leben macht' ich kein besseres Geschft! rief Kltken-Hannes
aus, sich vor Freude die Hnde reibend. Ich bin Ihr blind ergebener Knecht, und
wenn's mich an den Galgen bringt! Hier meine Hand d'rauf, und der Teufel soll
mich lebendig statt Zuckerkant auffressen, wenn ich nicht Wort halte!
    Gut, sagte Adrian trocken. Wie ich hre, haben Sie einen Bedienten?
Knnen Sie sich auf den Menschen verlassen?
    Wie auf mich selbst!
    Ich wnsche ihn zu sehen.
    Als Adrian diesen Wunsch uerte, verschwanden blitzschnell die glhenden
Augen Blutrssels am Spalt des Kieferbrettes, Kltken-Hannes rief nach dem
Wirthe und befahl seinen Bedienten eintreten zu lassen.
    Zgernd erschien die abschreckende Gestalt des Mrders an der Thr. Er
blickte dem Grafen tckisch und hohnlchelnd in das bleiche, vom Pelz fast ganz
wieder verdeckte Gesicht. Adrian richtete kein Wort an den Abscheulichen. Er
begngte sich, einen kalten Blick ber ihn gleiten zu lassen, worauf er
Kltken-Hannes hflich grte und eilig Kammer und Bretterhtte verlie.
    Ein paar Minuten spter lauteten wieder die silbernen Schellen und
verklangen im Walde. Auf dem Heimwege begegnete Adrian einem seine Bahn
kreuzenden Schlitten. Er erkannte Sloboda und den Maulwurffnger, die in raschem
Trabe an ihm vorberflogen. Der Wind jagte ihm von dem Schlitten der Begegnenden
einen gedruckten Bogen zu, der an einer Branke des Brenfelles, das Adrians Fe
schtzte, hngen blieb.
    Kltken-Hannes und Blutrssel standen einander lange Zeit sprachlos
gegenber, dann fielen sie fast zugleich in ein krampfhaftes Lachen, von dem sie
sich nur erholten, um die am Abend vorher abgebrochene Lebensweise sogleich
wieder fortzusetzen.

                                Fnftes Kapitel.



                               Das Wiederfinden.

Adrian griff mechanisch nach dem im Winde flatternden Papier und warf
gleichgiltige Blicke darauf. Es war eins jener kleinen, von dem Landvolke viel
und eifrig gelesenen Wochenblttchen, die neben einer Menge gerichtlicher
Vorladungen, obrigkeitlicher Bekanntmachungen und Anzeigen anderer Art die
neuesten Zeitereignisse in drftigstem Auszuge enthalten. Der reiche Mann nahm
in der Regel nie ein solches Blatt in die Hand, da er die bedeutendsten und
einflureichsten Zeitungen des In- und Auslandes schon aus Speculation selbst
hielt und daher immer sehr wohl unterrichtet war von Allem, was in der Welt
vorging. Schon wollte er das Blttchen dem Winde wieder Preis geben, als er
gegen das Ende hin mit etwas grerer Schrift und in schief stehenden Lettern,
wie sie als etwas Neues damals gerade erst aufgekommen waren, das Wort Aufruf
las. Dies veranlate ihn doch zu genauerer Betrachtung und mit einiger
Verwunderung las er:
    Diejenige Person, welche den Namen Maja Pisom als Geburtsnamen fhrt, in
dem Haidedorfe E. am 13. Februar 1791 zur Welt gekommen ist und mithin zur Zeit
ein Alter von beinahe zwei und vierzig Jahren erreicht hat, sich auch vor Andern
durch ein purpurrothes Muttermal an ihrer linken Schlfe in Gestalt eines
kleinen Sternes auszeichnet, wird hierdurch dringend aufgefordet, ihren
gegenwrtigen Wohnort anzuzeigen oder sich persnlich im Hause des
Maulwurffngers Heinrich zu B. so bald als mglich einzufinden, da man ihr eine
hchst wichtige Mittheilung zu machen hat.
    Was soll das nun wieder heien? murmelte Adrian vor sich hin, indem er das
Wochenblatt zusammenfaltete und zu sich steckte. Zu welchem Zweck verlt
dieser intriguante alte Mann einen so dringenden Aufruf, und wer mag jene Maja
sein? Maja? Maja Pisom? Dieses Namens kann ich mich nicht erinnern. Unter meinen
Arbeitern wre sie demnach wohl kaum zu suchen. - Aber einen Grund mu der
Aufruf doch haben! Und der verschlagene alte Schlaukopf ist sicherlich dabei
betheiligt! - Dahinter mu ich kommen und das bald! - Wahrhaftig es thte Noth,
da man smmtliche Arbeiter wie die Neger oder wie das liebe Vieh mit eigenen
Augen besichtigte, um sich die besondern Kennzeichen jedes Einzelnen
gewissenhaft zu notiren! Ich werde mich sogleich erkundigen und, merke ich
Unrath, die so Gezeichnete ohne Weiteres entfernen. Der malitise Bursche soll
nicht allein und nicht immer truimphiren!
    Mit dieser Aufforderung hatte es folgende Bewandni.
    Als unsere Freunde das Sterbebett der alten Maja verlieen, drangen sie tief
in die Haide ein, um den Geburtsort von Haiderschens Tochter aufzusuchen. Es
war dieser kein eigentliches Dorf, blos ein paar zerstreut stehende Huser, wie
man sie hufig in jenen endlosen Wldern findet und mit dem prunkenden Namen
eines Dorfes bezeichnet, bildeten es. Auf seinen Wanderungen hatte der
Maulwurffnger auch diesen versteckten Ort mehrmals betreten und wollte sich
jetzt erinnern, da ihm vor vielen Jahren ein sehr hbsches Mdchen um ein
Almosen gebeten habe, an deren linken Schlfe er das erwhnte Muttermal bemerkt
zu haben vorgab. Auch behauptete er zuversichtlich, die hbsche Bettlerin habe
sich Maja Pisom genannt. Wie es nun hufig zu gehen pflegt, da der Suchende
wirklich zu finden glaubt, so meinte auch Pink-Heinrich, das Mdchen sei ihm
gleich damals durch eine Aehnlichkeit aufgefallen, wozu er das Original lange in
seinem Gedchtni vergeblich gesucht habe, nun aber stehe dasselbe lebhaft vor
seiner Seele und er wolle darauf einen krperlichen Eid ablegen, da jene Maja
dem verstorbenen Haiderschen in Haltung und Gesichtsbildung sehr hnlich
gewesen sei.
    Alle Nachfragen blieben jedoch ohne Erfolg. Die gegenwrtigen Bewohner des
Ortes waren zum Theil nicht einheimisch daselbst, sondern vor wenigen Jahren
erst aus andern Haideorten hergezogen. Von jener Maja wute Niemand etwas.
    Unter diesen Umstnden blieb den Suchenden nichts weiter brig, als ein
ffentlicher Aufruf in den gelesensten Blttern. Dies sind fr den Bauer und
Landmann die Wochenbltter und amtlichen Anzeiger kleiner Stdtchen, weshalb der
Maulwurffnger nur diese als geeignet fr den zu erreichenden Zweck vorschlug.
Er selbst sorgte fr zahlreiche Verbreitung derselben in allen Haidedrfern,
indem er die Colporteure und Herumtrger dieser Blttchen anwies, sie in den
meisten Husern unentgeltlich abzugeben. Man hatte den Drucker freigebig bezahlt
und eine grere Auflage als gewhnlich davon abziehen lassen. Wo Pink-Heinrich
am ehesten die Gesuchte zu finden oder doch eine Spur von ihr entdecken zu
knnen glaubte, da eilte er in seinem Rennschlitten von Sloboda begleitet
berall selbst hin, vertheilte die Bltter und suchte die Aufmerksamkeit und
Theilnahme des armen Volks zu erwecken. Von einem dieser Streifzge
zurckkehrend, begegnete er dem Grafen, dessen seltsame Liebhaberei, auf
ungebahnten Pfaden so frh am Tage die Haide zu durchstreifen, ihm auch
verdchtig vorkam.
    Kaum war daher Adrians rascher Schlitten hinter den beschneiten Stmmen
verschwunden, so lie der Maulwurffnger halten.
    Was runzelst Du die Stirn? fragte ihn der Pferdelenkende Sloboda.
    Freund Jan, la uns umkehren! versetzte Pink-Heinrich. Die Spazierfahrt
des Herrn am Stein hat was zu bedeuten, ich wette! Er ist viel zu verweichlicht,
als da er um nichts und wieder nichts seine gesteppten Seidenmatratzen von sich
wrfe und bei solchem Frost mutterseelen allein in die tiefste Haide fhre! Es
hat das einen Grund und zwar einen gewichtigen! Komm also, Alter, la uns seiner
Fhrte folgen und nachspren, woher er kommt, wo er gewesen ist.
    Dies war eine leichte Aufgabe. Der gefrorene Schnee zeigte sehr deutlich die
Geleise des Schlittens, so da unsere beiden wackern Alten ohne Mhe bis vor die
Thr der Khlerschenke im Schutze des Raubhauses gelangten.
    Also hier hat der Herr Graf gefrhstckt? sagte der Maulwurffnger
lchelnd. Das sieht ja beinahe aus wie ein Wink des Schicksals! Wie wre es,
Jan, wenn wir die Ueberreste des hochgrflichen Frhstcks kosteten? Ich
verspre meiner Six Hunger, und der Schornstein der verrucherten Bude dampft
gar so einladend.
    Sloboda hielt die Pferde an und alsbald saen die Freunde in Jussuff's
Schenkstube, tranken gemeinschaftlich ein Glas Branntwein und lieen sich
frisches Schwarzbrod mit geruchertem Speck vortrefflich schmecken. Whrend
dieses Morgenimbisses vernahmen sie manchmal wie aus dem Walde hereinschallend
ein heiseres Lachen, dem das Klirren zusammengestoener Glser folgte.
Pink-Heinrich winkte dem Wenden heimlich und wandte sich an Jussuff.
    Bei Euch geht's wohl um? fragte er, sich Feuer anschlagend. Ich hab'
immer gehrt, beim Raubhause sollt' es nicht geheuer sein. Es ist viel Blut hier
herum vergossen worden in alten Zeiten.
    So lange ich hier schenke, ist mir nichts vorgekommen, alter Vater! Woher
des Landes?
    Aus dem Gefilde, mein Lieber! Aber ich bitt' Euch, steckt mir ein bchen'
Spnl an, sonst mu ich pinken bis zu Lichtme. Der Schwamm hat angezogen in der
kalten Luft.
    Es hat wohl nicht viel Einkehr? sagte Sloboda, whrend Jussuff einen
lichterloh brenneden handbreiten Buchenspan dem Maulwurffnger brachte, womit
dieser in grter Seelenruh seine Maserpfeife anzndete.
    Je nun, gar stark geht's freilich nicht bei so hartem Frost. Ab und zu
verlaufen sich doch ein paar Strolche im Walde, und die lassen dann 'was mehr
aufgehen, als unsere gar zu genauen Khler und Torfgrber.
    
    Gelt, Ihr habt ein paar solche Goldfinken grade heut irgendwo eingesperrt,
damit sie Euch nicht davon fliegen?
    Pst! erwiederte Jussuff erschrocken auf diese lchelnd gethane Frage des
Maulwurffngers, denn er besorgte irgend ein Unglck, wenn diese beiden so
wrdig aussehenden Mnner mit jenen verruchten wsten Sufern zusammenkmen,
ber deren Verkehr mit seinem Gebieter er sich schon gewaltig den Kopf
zerbrochen hatte. Pst! Es sind ein paar Betrunkene, die mir Alles in Grund und
Boden schlagen, wenn ich sie aus ihrer Klause herauslasse! Sie haben einiges
Geld bei sich - Gott mag wissen, ob's ehrlich erworben ist! - und spielen's
einander jetzt bei der Flasche ab. 's Liegt mir wei Gott nichts an solchem
Besuch, aber Ihr wit's ja, ein armer Schenkhalter mu halt die Groschen
mitnehmen, wo er sie findet! Ist die Zeit um, will der Pacht auch bezahlt sein,
und da wird keine Rcksicht genommen auf einen verkrppelten Mann!
    Wem seid ihr denn unterthnig?
    Dem reichen Herrn am Stein, eigentlich Herrn Adrian Grafen von Boberstein,
aber er hat's nicht gern, wenn ihn ein armer Mann so nennt, da es die Leute
hren.
    's Ist ein Sonderling, hrt man sagen, und das mu wohl auch sein, sonst
wrde er nicht sein zierliches Haus verlassen und in solch einer Htte einen
schlechten Schnaps trinken!
    Jussuff warf dem Maulwurffnger einen lauernden Blick zu, dieser lie sich
aber nicht im geringsten dadurch stren, sondern versetzte ganz gelassen: Wir
begegneten ihm eine halbe Stunde von hier. Er mute es sehr eilig haben, denn er
jagte verteufelt wild in den Wald hinein! Vermuthlich waren ihm die lustigen
Sufer ein Greuel, die jetzt wieder anfangen, einen Hllenspektakel zu
verfhren. Da Ihr behauptet, sie wren streit- und zankschtig, und wir beiden
Alten grade nicht von der herzhaftesten Menschensorte sind, so wollen wir doch
wieder aufbrechen. Was macht die Zeche?
    Froh, die unwillkommenen Gste so bald los zu werden, forderte Jussuff eine
sehr geringe Summe. Whrend Sloboda einen kleinen Lederbeutel zog und bezahlte,
stie der Maulwurffnger die Thr auf. In demselben Augenblicke prallte schief
ber eine zweite starke Bretterthr auf und taumelnd wankten unter Lachen und
Fluchen die unheimlichen Gste Jussuffs an ihm vorber. Es war zu dunkel, um die
Gesichtszge der Trunkenen erkennen zu knnen, Pink-Heinrich erhaschte daher nur
einen unklaren Schattenri von ihnen, der inde vollkommen gengte, ihm die
Ueberzeugung beizubringen, da diese unheimlich wsten Menschen in irgend einer
Verbindung mit Adrian stehen mten, welche seinen Freunden verderblich werden
solle.
    Duldet es Herr am Stein, da Ihr solchen wsten Gesellen Obdacht gebt?
fragte er Jussuff. Dieser stotterte und wute nicht, was er antworten sollte.
    Da knnt' ich Euch schn in die Patsche bringen, setzte Pink-Heinrich
lachend hinzu, wenn ich ein schlechter Kerl sein wollte. Ich kenne Herrn am
Stein; ging' ich nun zu ihm und verrieth es, da Ihr arges Spitzbubengesindel
beherbergt, so setzt' er Euch gewi aus dem Pacht, denn 's ist ein gestrenger
Herr, wenn er gereizt wird.
    Still doch, still! raunte ihm Jussuff vertraulich zu. Er wei es ja, da
die Schelme da saufen und fressen, aber er will nicht, da die Schlke seinen
Namen erfahren! Nun Ihr versteht mich doch, Alter? Reinen Mund, ich bitte!
    Das ndert die Sache, erwiederte munter lachend der Maulwurffnger. Ich
bin kein Spaverderber, und groe Herren, ich wei, haben zuweilen auch ihre
schwachen Stunden! Gott beht' Euch und gute Einkehr!
    Jetzt mssen wir auf unsrer Hut sein, Freund Jan, sprach der
Maulwurffnger sehr ernst zu seinem Begleiter, als der Schlitten wieder einsam
unter den schneebehangenen Tannen fortglitt. Die beiden Kerle, deren Fratzen ich
leider nicht gesehen habe, fhren sicher nichts Gutes im Schilde, und ich will
keinen Maulwurf mehr fangen, wenn Adrian sie nicht besoldet!
    Sloboda theilte die Meinung seines Freundes, doch hielt er es fr klug, sich
zu stellen, als wisse man nichts. Deshalb schlug er auch vor, ihren Freunden
diese zufllig gemachte Entdeckung vorlufig noch ganz zu verschweigen, damit,
wenn Adrian wirklich etwas Unerlaubtes oder gar Verbrecherisches beabsichtigen
sollte, die versuchte That laut gegen ihn zeuge und ihn unrettbar ins Verderben
strze. -
    Sehr frh am Morgen dieses Tages, zum Theil auch schon am Abend zuvor war
von den gewhnlichen Colporteuren und Herumtrgern das Wochenblatt mit dem
Aufruf in vielen Ortschaften ausgegeben worden. Man kann annehmen, da, sei's
aus bertriebener Sparsamkeit, die namentlich fr gedrucktes Papier nicht gern
Geld ausgibt, sei's aus Mangel an klingender Mnze, die meisten Ortschaften,
selbst wenn sie stark bevlkert sind, sich mit drei bis vier Exemplaren eines
derartigen Blattes begngen. Obwohl jede einzelne Nummer mit hchstens sechs
Pfennigen vom Herumtrger gekauft wird, treten doch immer zwanzig und noch mehr
Familien zusammen, um ein Exemplar gemeinschaftlich zu bezahlen, bei denen es
dann Reih' umgeht und oft erst nach mehreren Tagen in die Hnde des Letzten
fllt. Der jedesmalige Kufer hat allemal das Recht, es zuerst zu lesen. -
    Auch in den Haidedrfern war diese Sitte, Geld zu sparen, allgemein
verbreitet. Der Maulwurffnger, dem solche Kleinigkeiten, auf die so leicht
Niemand achtet, niemals entgingen, und der in wohlhabenderen Ortschaften auch
hufig ber gruliche Knauserei spottete, hatte dies wohl in Ueberlegung
gezogen. Blieb man dem Herkommen treu, so konnten Tage vergehen, ohne da irgend
Jemand den Aufruf sah und las, denn leider hielt man zwar das Blttchen, sah
aber nicht hinein! Es mute daher das achtlose, stumpfsinnige Volk gleichsam mit
Gewalt zu Ansicht des Wochenblattes gezwungen werden. Dies konnte nur durch
unentgeltliche Vertheilung und durch besondern Hinweis auf etwas
Beherzigenswerthes, das darin enthalten sei, geschehen, und darum ergriff unser
Freund dies sicherste und krzeste Mittel.
    Whrend er die in der Nhe Bobersteins und des Zeiselhofes gelegenen Drfer,
Hfe und Vorwerke den Landboten berlie, durchstrich er selbst mit Sloboda die
fern gelegenen Orte in der Haide auf flchtigem Schlitten. Sie hatten einen
weiten Weg zu machen, so da es schon dunkelte, als sie ermdet und durchfroren
dem Dorfe am See sich wieder nherten. Hier gedachten sie zu bernachten und am
andern Morgen nach B. aufzubrechen, um dort in der Behausung des Maulwurffngers
die Folgen des Aufrufes gelassen abzuwarten. -
    Ueber den Schornsteinen der Fabrik lag eine breite Schicht schwarzen
Rauches, als sie aus dem Hochwald in die niedrige Haide kamen, wo vor zwei und
vierzig Jahren der furchtbare Brand gewthet hatte. Die Lichter des Dorfes
flimmerten trb durch das hngende Gezweig, whrend ber den leis schwankenden
Wipfeln die breiten flammenden Fensterreihen der colossalen Fabrik gleich einem
prachtvollen Feenschlo aufleuchteten. Der Luftzug wehte bisweilen das dumpfe
Surren der tausend und aber tausend Rder herber ber See und Wald.
    In unmiltelbarer Nhe des Dorfes bemerkten die Reisenden eine ungewhnliche
Bewegung unter den Einwohnern desselben. Truppweise eilten die Mnner dem
Hauptverbindungswege zu, nach welchem auch der Schlitten unserer Freunde einbog,
um den Kretscham zu erreichen, wo sie bernachten wollten. Nicht gar fern von
diesem in einer schmalen Seitengasse, wenn man einen unebenen gewundenen Weg so
nennen darf, lag Martell's Htte und drei Huser weiter die noch rmlichere
Wohnung des Spinners Simson, dessen Kind am Sylvesterabend aus Mangel an Nahrung
gestorben war.
    Nach dieser schmalen, jetzt spiegelglatten Gasse drngte sich ein Haufen
durcheinander sprechender Menschen. Unsere Freunde besorgten, es mge sich
abermals ein Unglck, vielleicht wohl gar ein Selbstmord zugetragen haben, und
trieben ihr schnaubendes Pferd grade darauf zu. Die Einwohner des Dorfes waren
brigens so ungewhnlich aufgeregt, da sie bisher durchaus nicht auf den
heranschellenden Schlitten geachtet hatten. An der Gasse angekommen fanden
unsere Freunde dieselbe von Menschen verstopft. Sie muten nothgedrungen halten
und der Maulwurffnger stieg aus.
    Aber so sagt mir doch, Kinder, rief er zutraulich ein paar junge Bursche
an, die sich auf die Zehen hoben und mit langen Hlsen gaffend ber die unruhig
brausende Menge wogender Kpfe hinwegschielten, sagt mir doch, was zum Henker
hier geschehen ist? Es hat sich doch Niemand ein Leides gethan? Etwa Martell -
    Da ist er! Heda, Ihr dort vorn, der Maulwurffnger ist da! - Hurrah,
Platz fr Pink-Heinrich! - Macht eine Gasse, da sie ungestoen durchschreiten
knnen, er selbst, der kluge Vater, und sein Freund, der wackere alte Wende!
    So lieen sich mehrere Stimmen vernehmen, und ehe noch der Maulwurffnger
Zeit gewann, sich nach der Ursache dieses frohen Jubels zu erkundigen, sah er
sich halb geschoben, halb getragen vor der weit offen stehenden Hausthr
Simson's, aus der Menschen wie in einem schwrmenden Bienenkorbe aus-und
eingingen.
    Es brannten eine Menge dnner Pfenniglichter in der niedrigen Stube, die vom
rauchenden Ofen kohlschwarz gefrbt und durch einen Webstuhl nebst Treibrad und
dem brigen unentbehrlichen Hausrath so verengt war, da kaum sechs bis acht
Menschen stehend bequem darin Platz hatten. Dennoch befanden sich mehr als ein
Dutzend Neugieriger in der rmlichen Htte. Man hatte auerdem noch die
Stubenthr aus den Angeln gehoben, um auch den drauen Stehenden Gelegenheit zu
geben, einen Blick in das Zimmer zu werfen. Frost und Klte fhlte Niemand,
achtete Keiner!
    Ein wunderlicher Anblick bot sich unserm alten Freunde dar, als er unter dem
sich hufig wiederholenden Triumphgeschrei: Da ist der Maulwurffnger! - Der
kluge Maulwurffnger kommt! - Platz dem Vater der Armen! usw. in die von
Menschen berfllte Stube fast gewaltsam gedrngt ward.
    Auf dem fichtenen Tische, der vor Zeiten mit blauen und rothen Blumen bemalt
gewesen war, wie sie in der Phantasie des Dorfschreiners erblhten, sa auf
niedrigem Treibebnkchen Simsons Frau, vor Frost, Angst, Bestrzung und
Erwartung zitternd. Sie war sehr bleich und elend anzusehen in der drftigen
schwarzen Trauerkleidung, die sie seit dem Tode ihres Mdchens trug. Neugierig
lauschend und beide Hndchen fest an die Platte des Tisches geklammert, sah ihr
zweites Kind, ein neunjhriges Mdchen, mit klarem Kinderauge zu der betrbten
Mutter auf, die, den Kopf nach vorn und zur rechten Seite gesenkt, es ruhig
geschehen lie, da von den neuen Ankmmlingen Jeder den purpurnen Stern an
ihrer linken Schlfe genau betrachtete. Simson und einige andere Mnner hielten
die Lichter bei dieser wunderlichen Beschauung.
    Ehe man noch sprach, wute der Maulwurffnger bereits, da sein Aufruf
gefruchtet hatte, da die Gesuchte gefunden sei und hier in der abgehrmten
Gestalt Maja Simson's vor ihm sitze!
    Man kann sich denken, welcher Schwall von Fragen sich ber ihn ergo! Fr
solche Scenen aber war Pink-Heinrich der rechte Mann. Er antwortete nicht eine
Sylbe, bis er durch wiederholtes Winken die grte Ruhe erzwungen hatte.
    Ich bitt' Euch, Freunde, schweigt, bis Ihr mich gehrt habt, sagte er
nunmehr, und grte dankend durch Abnehmen seiner Pelzmtze die Anwesenden.
Zuvor aber, Maja Simson erlaubt, da auch ich Euch beunruhige. Ihr wit ja, da
Jger und Maulwurffnger die Fhrte genau kennen mssen, ehe sie auf Glck
hoffen drfen! - Danke, danke, es ist gut! Ihr seid's, die ich suche, wenn Maja
Pisom Euer Geschlechtsname und der 13. Februar 1791 Euer Geburtstag ist!
    Statt aller Antwort reichte Simson unserm Freunde die Pathenbriefe, die nach
uralter Sitte auch noch heutigen Tages dem Tuflinge von den Pathen geschenkt
werden. Geburts- und Tauftag sind regelmig in denselben verzeichnet.
    Zufrieden mit dem Kopfe nickend und verschmitzt zu der schweigenden Maja
aufblickend, gab er die Briefe zurck und sagte:
    Ihr knnt jetzt immer wieder heruntersteigen vom Tische, liebe Frau Simson.
Das Komdjespielen, scheint mir, ist Euch nicht angeboren, und da wir nunmehr
bestimmt wissen, wer und was Ihr seid, so braucht's weiter keiner Rede mehr und
noch weniger unntzen Alarms. Zu seiner Zeit, und ich denke, das soll nicht gar
lange dauern, erfhrt's jeder Christenmensch in und auer der Haide, was heut
Abend hier vorgegangen ist.
    Aber so redet doch, Pink-Heinrich! drngte Simson, der gleich den Uebrigen
in grter Spannung dastand.
    Geschwind, nur herein! hrte man zugleich von auen die tnende Stimme
Sloboda's, der nur eine Secunde lang die trauernde stille Gestalt auf dem Tische
betrachtet und sich dann sogleich wieder entfernt hatte. An seiner Hand trat
jetzt der dster blickende gigantische Martell ein.
    Was soll ich hier? fragte dieser mrrisch und kreuzte die Arme ber seine
Brust.
    Da hob der Maulwurffnger Maja Simson vom Tische, fhrte sie dem finstern
Spinner zu und legte sie ihm mit den Worten in die Arme:
    Du sollst Deine Schwester umarmen, die Tochter der Tochter Deines
Grovaters!
    Martell zuckte zusammen, doch fing er die erschtterte, weinende Schwester,
mit der er hundertmal die letzte Rinde verschimmelten Brodes getheilt, deren
verzweifelnden Mann er so oft getrstet hatte, auch wenn er selbst untrstlich
war, in seine Arme auf. Secundenlang ruhten seine dster funkelnden Blicke auf
der trauernden armen Weberin, dann kte er die Leidende sanft auf die Stirn und
das blitzende Auge wild zum Himmel aufschlagend, stammelte er in heftiger
Bewegung:
    Gott Lob, Gott Lob, so ist noch mehr Grund zur Rache vorhanden!
    Alle Umstehenden schwiegen ehrfurchtsvoll. Das Schicksal und in seinem
Gefolge die zrnende Nemesis war in zu ernster Gestalt unter diese einfachen
Menschen getreten. -

                               Sechstes Kapitel.



                               Adrian und Bianca.

Diese Auffindung des letzten natrlichen Kindes des Grafen Magnus blieb Adrian
ein Geheimni. Alle Betheiligten gaben sich das feierliche Versprechen, gegen
ihren gemeinsamen Peiniger das tiefste Stillschweigen zu beobachten, damit sie
desto ungehinderter das Werk gerechter Wiedervergeltung frdern knnten.
    Auf dem Zeiselhofe verbreitete die Kunde von dem so ber Erwarten schnell
gelungenen Anschlage des Maulwurffngers ungemeine Freude und nherte einander
die hier versammelten Menschen in immer grerer Vertraulichkeit. Elwire hatte
sich, seit sie wute, wie nahe sie Herta verwandt war, mit wahrer Kindesliebe an
die stets sanft und mild bleibende Gromutter angeschlossen. Das schne Mdchen
erblhte im steten Verkehr mit dem gebildeten Geiste Hertas zu reizender
Jungfrulichkeit. Mit berraschender Schnelligkeit entwickelten sich ihre
vortrefflichen Anlagen, so da Aurel selbst eben so sehr darber erstaunt als
entzckt war. Erlaubten es dem Kapitn seine Geschfte, deren er jetzt sehr
viele zu besorgen hatte, so brachte er jede freie Stunde bei der schnen Cousine
zu. Er fhlte, da sie ihm nicht gleichgiltig sei, und glaubte hoffen zu drfen,
auch seinerseits keinen unangenehmen Eindruck auf Elwire gemacht zu haben. Zu
ungestrter, herzlicher Aussprache blieb dem Vielbeschftigten jetzt freilich
keine Zeit. Auch wollte er kein bindendes Verhltni knpfen, bevor der so
verworrene Proze, in dem er ja selbst um sein bisheriges groes Vermgen kommen
konnte, entschieden sei.
    Weit unbehaglicher, innerlich unzufrieden und von mancherlei Strmen bewegt
fhlte sich Bianca. Herausgerissen aus dem betubenden Strudel des Hamburger
Lebens lastete die friedliche Stille und Einsamkeit des Zeiselhofes drckend auf
ihr. Zu wenig an ernste Beschftigung gewhnt und krperlicher Arbeit
entfremdet, tauchten im einsamen Zimmer die Schreckgestalten der Vergangenheit
aus dem finstern Abgrunde ihres Innern vor ihr auf. Das Gewissen mit seinen
tausend kleinen Qualen erwachte und peinigte sie Tag und Nacht. Sie kam sich
verworfen vor in diesem Kreise schuldloser Menschen, die ein furchtbares
Geschick wohl tief hatte beugen, nicht aber einen wirklichen Makel ihren Seelen
hatte anhaften knnen, und die Verachtung vor ihr selbst steigerte sich mit dem
Bewutsein, da sie mit Vorbedacht gefehlt habe! Die lie sie eine baldige
Vernderung wnschen, und sie war eben im Begriff, Aurel um die Erlaubni zu
bitten, ihr irgend ein passendes Unterkommen in einer greren Stadt zu
verschaffen, als ein Brief von Adalbert eintraf und den Gedanken Biancas eine
andere Richtung gab.
    In seinem vornehm khlen und freundlich zarten Tone schrieb der stolze
Bruder an Aurel, da er gehrt habe, es lebten unter seinem Schutze zwei sehr
hbsche gebildete junge Damen, die alle Eigenschaften besen, das Hauswesen
eines wohlhabenden Mannes in Ordnung zu erhalten. Vorausgesetzt, da er geneigt
sei, eine oder die andere dieser jungen Damen einem Dritten zu berlassen, wage
er es, im Namen ihres Bruders Adrian anzufragen, ob sich vielleicht eine von den
Schnen entschlieen knne, ihm sein verwaistes und einer umsichtigen Lenkerin
bedrftiges Hauswesen zu fhren? Aurel drfe immerhin annehmen, setzte Adalbert
hinzu, da keinerlei Nebenabsicht bei dieser Anfrage im Spiele sei. Ihre
Rechtsangelegenheiten htten durchaus nichts damit zu schaffen und er sowohl,
wie auch Adrian seien weit entfernt, die gesuchte Dame etwa als Spion zu
mibrauchen!
    Aurel wunderte sich zwar ber diesen Brief, inde fand er am Ende die Frage
nicht so gar ungewhnlich. Deshalb sprach er mit Herta darber und als auch
diese kein Bedenken trug, dem Gegner in diesem Punkte sich gefllig zu erweisen,
theilte er Bianca den Antrag mit, deren wachsender Trbsinn ihn seit einiger
Zeit zu beunruhigen begann.
    Bianca war auf der Stelle bereit, darauf einzugehen, nur wollte sie sich
nicht eher verbindlich machen, als bis sie Adrian persnlich kennen gelernt und
mit ihm gesprochen haben wrde. Sie lugnete nicht, da sie schon lngst
begierig sei, mit einem Manne zusammen zu kommen, der ihrem
gerechtigkeitliebenden, gromthigen Retter so gar nicht gleiche, und der einen
so eisernen Willen zeige, da er sich nicht scheue, allen seinen Gegnern mit
kalter Stirn zu trotzen.
    Dieser Bereitwilligkeit freute sich Aurel Biancas wegen, und es ward
festgesetzt, da man Boberstein oder vielmehr das Dorf am See besuchen wolle,
sobald die neu entdeckten Documente mit den nthigen Angaben ihrem Anwalt
berliefert sein wrden.
    Nur Einer konnte sich mit diesen Anordnungen nicht befreunden. Dies war
Gilbert. Der junge lebensfrohe Matrose hatte Bianca angelegentlichst den Hof
gemacht, obwohl ganz ohne Erfolg. Es schien aber gerade, als wnsche und
beabsichtige er dies; denn je kecker, spitziger und trotziger die sprde Schne
seine Galanterieen beantwortete, desto beharrlicher setzte er sie fort. Es
gewhrte ihm unbeschreibliches Vergngen, von den blhenden Lippen des schnen
Mdchens, in der er eine bende Magdalene in ppigster Formenpracht erblickte,
die hrtesten Wahrheiten anhren zu mssen. Abweisen lie sich Gilbert durchaus
nicht, so sehr Bianca auf ihrer Hut war. Verriegelte sie ihm die Thr, so
unterhielt er sich mit ihr durch's Schlsselloch und sagte ihr die
verlockendsten Schmeicheleien ber ihre Schnheit. Er lobte ihre Hand, ihre
Anmuth, ihr reizendes Zrnen, das schmollende Stampfen ihres zarten Fues, kurz
wie immer sich die Aergerliche gebehrdete, der unermdliche Gilbert fand alles
reizend und entzckend an ihr. -
    Als ihm spter Aurel seine Zudringlichkeiten verbot und Bianca dem Spher
jeden Spalt verstopfte, kletterte er in Schnee und Wind an den Wnden hinan, um
durchs Fenster mit seiner Angebeteten zu conversiren, und so brachte er Bianca
fast zur Verzweiflung. Weil sie sah, da Zrnen, heftige und beleidigende Worte
bei dem jungen Tollkopf nichts furchteten, lie sie endlich geschehen, was sie
nicht hindern konnte, und ertrug die wunderlichen Aufmerksamkeiten des
verliebten Jnglings mit heroischem Gleichmuth. Sie that, als sprche, flehte
und girrte der tolle Mensch gar nicht, mochte er nun vor der Thr ihre Augen in
einem Sonett besingen oder vor dem Fenster ihres Zimmers klappern, um den Umri
des schnen Mdchens durch die Gardinen mit Seufzen zu betrachten.
    Gilbert amsirte sich bei dieser originellen Art, eine hbsche
Widerspnstige andauernd zu verfolgen und auf alle Malicen nur se Liebesworte
zu erwiedern, ber alle Maen. Es verging ihm die Zeit dabei und auerdem konnte
man ja doch nicht wissen, ob die neue Magdalene nicht zuletzt von der
wandellosen Treue ihres Verehrers gerhrt werden und ihm dieselbe auf das
Anmuthigste belohnen wrde. Gilbert hatte Erfahrung genug, um zu wissen, da oft
die sprdesten und widerspnstigsten Mdchen nach einiger Zeit die
freundlichsten und hingebendsten werden und da gerade eine so erzwungene Liebe
die genureichste ist. Darum fiel es ihm nicht ein, seine Nachstellungen
aufzugeben und die Vorschriften des Kapitns zu befolgen.
    Als er den Beschlu Biancas hrte, schimpfte er ganz lsterlich, setzte
seinen bebnderten Hut schief auf den Kopf und rannte in den Garten, um an dem
Rutschberge zu arbeiten, dessen Erbauung ihm Aurel erlaubt hatte.
    Erst soll die verdammte Hexe doch noch Arm und Beine brechen! rief er aus.
Ja das soll sie oder - ich gehe wieder zu Schiffe. Verdammtes Landrattenleben!
's Ist langweilig zum Sterben!
    Und wthend, als sen ihm Schweihunde auf den Fersen, hufte er Schnee auf
Schnee, schleppte Wasser und arbeitete sich so matt und mde, da er an diesem
Abende nicht einmal das Spalier erklettern und vor dem Fenster seiner grausamen
Schnen eine verliebte Serenade chzen konnte. -
    Inzwischen kam der Tag heran, auf welchen Aurel seine Reise nach Boberstein
in Begleitung Bianca's festgesetzt hatte. Es war derselbe Tag, an dem Leberechts
Haus im Gebirge von den Flammen verzehrt wurde. Zuvor hatte der Kapitn seinem
Bruder freundlich geantwortet und ihm gemeldet, da die jugendliche Bianca, eine
seiner Dienerinnen, nach Boberstein abreisen werde, um sich Adrian vorzustellen.
Bereitwillig setzte Adalbert den Fabrikherrn von seinen Bemhungen in Kenntni
und zeigte ihm den baldigst zu erwartenden Besuch an.
    Auf diesem Ausfluge begleitete nur Paul noch seinen grflichen Freund.
Sloboda war mit dem Maulwurffnger in dessen Heimath zurckgekehrt und Gilbert
mute zum Schutz der Damen auf dem Zeiselhofe bleiben.
    Paul wollte seine Schwester, Maja Simson, kennen lernen und ihr von der
verstorbenen theuern Mutter, von seinen im Kampfe fr Polens Freiheit gefallenen
Brdern erzhlen. Und Aurel, der nunmehr ebenfalls in ein halbgeschwisterliches
Verhltni zu Paul getreten war, hatte die Absicht, den in Schmerz und Groll und
Rachegedanken hinbrtenden Martell von dem bisherigen Schauplatz seiner Leiden
zu entfernen und durch unmittelbaren Verkehr mit ihm, durch heitere,
liebeathmende Umgebung mildernd auf ihn einzuwirken.
    Mit so lblichen Vorstzen erreichten sie bei guter Zeit Dorf und See. Ueber
beiden lag die schwere dunkle, langsam nach der Haide fortrollende Rauchwolke
der Fabrik, ein Anblick fr Bianca, der das nicht unempfindliche Mdchen
gleichermaen fesselte und erbeben machte. Die ungeheuern Gebude auf dem Felsen
im See, das bewegte Leben auf diesem selbst, der mit Hand- und Zugschlitten
aller Art bedeckt war; das drhnende Rollen und Schwirren in der stillen Luft,
das immer zitternd wie die ferne Stimme eines Erdbebens in der Luft schwebte;
das umfangreiche, rmliche Dorf mit den geflickten oder mit alten Lumpen
verstopften Fenstern, mit den schadhaften Dchern ohne Schornsteinen und dem
ganzen Aeuern eines Anfenthaltes von unglcklichen Bettlern machte den tiefsten
Eindruck auf Bianca. Ihre Augen schwammen in Thrnen, als sie diese
entsetzlichen Contraste erblickte - dort der unermeliche Reichthum mit der
Zwingburg, die ihn schaffte und tglich mehrte, und hier die namenloseste Armuth
mit den unverkennbarsten Zeichen eingerissener moralischer Verwilderung. -
    Sie trat mit Aurel und Paul zuerst in die Htte Martells, des grflichen
Spinners.
    Ein Schrei wre beinahe ihren Lippen entschlpft, als der immer finstere und
meistentheils schweigsame Martell beim Eintritt des unerwarteten Besuchs von
seinem Schemel sich erhob und die reich und modern gekleidete junge Dame
begrte. Doch fate sich Bianca eben so schnell und beseitigte die pltzliche
Aufregung mit den leis geflsterten Worten:
    Gott sei Dank, er ist es nicht! Aber welche Aehnlichkeit! Welch
interessante Zge!
    Aurel achtete nicht auf das erschrockene Mdchen, dasselbe der freundlich
geschftigen Lore berlassend. Bieder, offen, vertrauensvoll erfate er Martells
beide Hnde, kte und umarmte ihn wie einen Bruder und hoffte gerade durch so
ungeheucheltes Kundgeben seiner uneigenntzigen wahren Bruderliebe den
Unglcklichen seinem unheilvollen Grbeln zu entreien und zu wohlthuenden
Mittheilungen zu bewegen. Ebenso lie es sich Paul angelegen sein, den finstern
Spinner durch herzliches Fragen und Erkundigen mittheilsam zu machen. Leider
aber muten Beide erfahren, da diesem jetzt versteinerten Herzen oder
verstrten Gemth auf keine Weise beizukommen sei! Still, gelassen, ohne eine
Miene zu verziehen, hrte der Spinner die Erzhlungen seiner Blutsverwandten an,
nur ein zitternder, wilder Hndedruck sagte, da er sie verstehe und ihnen
danke. Der Schmerz Martells mute entsetzlich sein; nur ein so titanenhaft
gebildeter Krper und eine so stolze und ungebndigte Seele, wie sie in diesem
leidenschaftlichen Kopfe lebte, vermochten ihn zu ertragen.
    Mit eigenthmlichen Empfindungen, die ihr Herz hrbar klopfen machten, trat
Bianca um die Mittagsstunde, von Paul begleitet, den Weg nach der Insel an.
Adrian hatte sie um diese Zeit zu sprechen begehrt. Es beschlich sie eine
unerklrliche Angst, je nher sie dem schwarzen Felsencolo mit den
weischimmernden Fabrikgebuden auf seinem Scheitel, kam, und fast reute es sie,
eine Zusage gegeben zu haben, von der sie ja nicht wute, ob sie dieselbe wrde
halten knnen.
    Auf der Insel angekommen, empfing sie Vollbrecht mit Herzlichkeit, doch
konnte er einen leisen Seufzer nicht unterdrcken, als er das wirklich ungemein
schne Mdchen erblickte, und den Kopf mibilligend schttelnd, sagte er
betrbt: Solch Glck verdient der Mann nicht, und Sie, mein liebes Frulein,
Sie werden sich ewig Vorwrfe machen, wenn Sie sich, verfhrt durch seine
bestechenden Redensarten, mit Banden an ihn fesseln lassen, die Sie nicht
willkrlich lsen knnen! Darum, mein Frulein, empfehle ich Ihnen Vorsicht,
Vorsicht in allen Dingen!
    Diese Worte konnten die Zuversicht Biancas nicht vermehren. Zagenden
Schrittes, mit kurzem Athem und bleichem Antlitz folgte sie dem meldenden
Diener, whrend Paul bei Vollbrecht zurckblieb. Bianca ward in das glnzende,
nicht sehr groe, aber mit desto grerem Comfort und im feinsten Geschmack
ausmeublirte und decorirte Empfangszimmer gefhrt, das ein starkes
wohlriechendes Arom durchzog, welches aus einer silbernen Pfanne auf dem Kamine
in hellblauen Ringelsulen emporstieg. Hier verabschiedete sich der Bediente mit
der Bemerkung, da Herr am Stein sogleich erscheinen werde.
    Bianca lehnte sich gegen einen runden, sehr geschmackvoll gearbeiteten
Blumentisch, der das mittelste Fenster des Zimmers grade ausfllte, und mit den
schnsten Exemplaren seltenster auslndischer Gewchse ansprechend aufgeschmckt
war. Zu beiden Seiten standen auf kleinen runden gueisernen und bronzirten
Gestellen andere wohlriechende Blumen, die das liebliche Duften ihrer Kelche mit
dem kostbaren Rauchwerk vereinigten.
    Nach wenigen Minuten ffnete sich eine Seitenthr und Adrian trat ein. Er
ging nachlssig vornehm in einem feinen, bequemen Rock von bronzefarbenem Tuch
gekleidet, trug in der rechten Hand einen seidenen Foulard und wehte sich
bisweilen Luft damit zu, als bedrfe er der Khle. Sein Gesicht war bla,
eingefallen und trug noch die Spuren der kaum berstandenen Krankheit. Das dnne
braune Haar hatte er aus Stirn und Schlfen gestrichen, wodurch die schne Form
des intelligenten Kopfes scharf hervortrat.
    Mit funkelndem Blick und grazisem Lcheln begrte er Bianca herablassend.
Diese aber erbebte vor dem mittelgroen, hagern, bleichen Manne mit dem tiefen
kaltglhenden Tigerauge. Sie mute sich festklammern an den Blumentisch, um
nicht umzusinken, denn sie fhlte, wie ihr die Sinne zu vergehen drohten.
    Er ist es! lispelte sie unverstndlich, mit dem Ausdrucke des Entsetzens
ihr schnes Auge auf ihn heftend. Er, der schamlose Lgner, der herzlose
Verfhrer und Mrder meiner armen Schwester!
    Adrian hrte nur ein unverstndliches Murmeln und da er das Erbleichen
Biancas und ihr sichtliches Zusammenbrechen sah, glaubte er, der allerdings
etwas sehr starke Blumenduft verbunden mit dem sen Arom des Rucherwerkes habe
die Nerven des schnen Mdchens angegriffen und sie diesem Zustande der Ohnmacht
nahe gebracht. Dienstbereit eilte er daher auf die Sinkende zu, schoh rasch
einen bequemen Polsterstuhl heran und umfing sie gerade noch zu rechter Zeit, um
sie sanft in die weichen Kissen niedergleiten zu lassen.
    Mein Gott, sagte er, diesmal mit ungeheuchelter Theilnahme, die Schwle
in diesem herheizten Zimmer wird Sie umbringen, armes liebenswrdiges Wesen!
Fhle ich selbst mich doch unwohl! Aber dieser Aether, womit ich mein Tuch
getrnkt habe, wird Ihnen bewundernswrdige Dienste leisten. So - so! - Es ist
ein wahrer Lebenszauber in diesem Aether!
    Und Adrian von Stein betupfte Stirn, Lippen und Schlfen der matt
Aufathmenden mit seinem Taschentuche, bis sich die Erschtterte sichtlich wieder
erholte.
    Diese kurze Spanne Zeit war aber auch hinreichend gewesen, dem von Natur
beherzten Mdchen ihre ganze Spannkraft und Entschlossenheit wieder zu geben.
Sie wollte nur noch wissen, ob auch Herr am Stein sich ihrer noch erinnerte, um
ihr Benehmen danach einzurichten. Deshalb erhob sie sich jetzt dankend aus ihrer
gedrckten Lage und schlug langsam, forschend die groen Augen zu dem
gewissenlosen Manne auf. Adrian wich diesem langen, tiefen und heien Blicke
nicht aus, vielmehr sog er ihn mit dem wollstigen Behagen eines Durstigen ein,
der lange nach Khlung, nach Linderung und Erquickung geschmachtet hat. Er
erkannte sie nicht! -
    Nun erst holte Bianca beruhigt Athem; ihr Entschlu war gefat, ihr Plan in
einem Augenblick entworfen. Sie wollte Rache nehmen an dem Ehrlosen, fr die an
ihrer unglcklichen Schwester begangene Schndlichkeit. Sie fhlte urpltzlich
die ganze Folterqual Martells und begriff, wie dieses trotzigen Mannes
unverwstliche Natur nach dem sen Genu der Rache schmachten und zittern
msse! Aber Bianca war ein Weib, ein betrogenes Weib! - Mnner hatten ihr Liebe,
Verehrung, Anbetung geheuchelt und doch nur augenblicklichen Reiz gesucht! - Sie
hatten die Flehende verhhnt, der Darbenden nicht einmal ein Almosen gereicht! -
Solche Lieblosigkeit, solch grausamer Egoismus hatte in ihrem Herzen die edleren
Gefhle zwar nicht getdtet, aber abgestumpft, und den berechnenden Verstand
ber das blinde Zucken des getretenen Herzens zum Wchter gesetzt. Bianca konnte
sich verstellen! -
    Kaum also hatte sie die Ueberzeugung gewonnen, da Adrian am Stein nicht
ahne, wer vor ihm stehe, als sie auch bereits einen vollstndigen Sieg ber den
nichtswrdigen Heuchler errungen hatte. Das reizendste Lcheln auf ihren
blhenden Lippen, verbeugte sie sich jetzt tief und ehrfurchtsvoll vor dem
reichen Herrn und sagte mit musterhaft geheuchelter Befangenheit:
    Verzeihen der gndige Graf einem armen Mdchen, da es sich so sehr
vergessen und in Ew. Gnaden Gegenwart eine ungebhrliche Schwche zeigen konnte!
Verzeihen Sie, gndigster Herr!
    Und demthig suchte sie die Hand Adrians, um sie Vergebung erflehend zu
kssen.
    Nicht doch, mein Frulein! sagte dieser abwehrend, whrend ein sonderbarer
Schauer durch seine Nerven bebte, der in den flammenden Augen des verschmten
Mdchens seine Quelle zu haben schien. Nicht doch, mein Frulein! Wenn hier
irgend Jemand um Entschuldigung zu bitten hat, so kann nur ich es sein! Aber der
unachtsame Schelm von einem Diener soll dafr ben! Lieber Gott, was htte ich
beginnen sollen, wenn ein Schlagflu diese schnen Glieder gelhmt, die Pulse in
diesem reizenden Krper stocken gemacht htte! Meine Seelenruhe wre dahin
gewesen auf ewige Zeiten!
    Der gndige Herr haben ein solches Unglck nicht zu befrchten, erwiederte
Bianca mit schelmischem Lcheln und mit so schmelzend feuchtem Blick, da
Adrians Innerstes wie von einem elektrischen Funken getroffen wurde, Ihre
herablassende Gte vermag nur aufzurichten, Ihr liebevolles Auge die Schwachen
nur zu strken! Nochmals, gndigster Herr, Verzeihung, und tausend Dank, da Sie
einem so tief unter Ihnen stehenden Geschpf so aufrichtige Theilnahme
schenkten!
    Ein himmlisches Wesen! Ein wahrer Engel! sagte Adrian fr sich. Dieses
Mdchen mu bei mir bleiben oder ich bin ein unglcklicher Mann! Dann wandte er
sich zu der noch immer mit demselben schwimmenden Blick zu ihm aufschauenden
Mdchen und fuhr laut fort:
    Ich hoffe, mein holdes Kind, da ich mich Ihnen spter werde erkenntlich
erweisen knnen; denn ich will nicht Ihre Willfhrigkeit, in meine Dienste zu
treten, in Zweifel ziehen! Wenn ich dies einmal schon meiner selbst wegen
wnschen mu, so mchte ich auch andrerseits um Ihretwillen, da Sie die
Oberaufsicht in diesem Hause bernhmen. Ich bin allein, einsam, ja verlassen,
denn, was Ihnen ja kein Geheimni mehr sein kann, Einer meiner Brder hat sich
von mir losgesagt! Da wre es mir nun wohl zu gnnen, da in diese stillen und
verdeten Rume das schne Bild eines guten reinen Menschen trte, der durch
seine Liebenswrdigkeit mir die Grillen verscheuchte und die finstern Stunden
durch sein heiteres Geschwtz fern von mir hielt! - Sie sind mir empfohlen,
liebes Kind, und obwohl ich mit einigem Mitrauen Ihrer Ankunft entgegensah,
weil ich Sie ja unter dem Schutze des mir feindlich gesinnten Bruders wute, so
habe ich doch beim ersten Blick in Ihr kindlich klares Auge mein Unrecht
sogleich erkannt und es Ihnen von ganzem Herzen abgebeten! Bleiben Sie also bei
mir, Bianca! Es wird zwischen uns keines ngstlichen und kleinlichen Abkommens
bedrfen, um uns gegenseitig einander Vertrauen einzuflen. Das meinige haben
Sie wenigstens schon jetzt vollkommen und unbedingt!
    Adrian reichte Bianca die Hand. Diese legte schamhaft zgernd die ihrige
hinein, indem sie mit leicht gertheten Wangen erwiederte:
    Leider mu ich bekennen, gndigster Herr, da ich mich weit grerer
Lieblosigkeit gegen Sie schuldig gemacht habe! Nicht blos Mistrauen gegen die
Redlichkeit Ihrer Absichten erfllte mich, ich hielt Sie auch fr einen gar
argen Tyrannen nach dem, was ich von Ihnen gehrt hatte, und dachte einen
Unhold, ein giftig blickendes Ungeheuer in Ihnen zu finden! Da mir nun von dem
Allem das Gegentheil begegnet ist, setzte sie mit naivem Lcheln und
wiederholtem schalkhaften Blinzeln ihrer glnzenden Augen hinzu, so werden Sie
wohl mein Erstaunen natrlich finden und mir die Unartigkeit desselben
vergeben.
    Adrian war entzckt von den Antworten wie von dem ganzen Benehmen dieses
bezaubernden Mdchens. Er hatte nie geliebt, hchstens aus Lust an Intriguen
oder den Neigungen der Natur zu gengen, leichtfertige Verbindungen geschlossen,
die er nach Erreichung seines Zweckes gleich seinem dmonischen Vater wieder
fallen lie. Bei Magnus hatten diese an dem schwcheren Geschlecht begangenen
Frevel etwas Groartiges, weil seine Leidenschaft hei, zgellos, blind, einer
Raserei zu vergleichen war. Wo Magnus sndigte, da mute etwas in ihm lodern,
das den Glanz seiner momentanen Neigung von der hehren Flamme der wahren Liebe
entlehnte. Adrian dagegen war vllig leidenschaftslos. In ihm dachte und
rechnete nur der Verstand! Daher trugen alle seine Vergehungen, mochten sie
einen Namen fhren, welchen sie wollten, den Stempel der Gemeinheit. Adrian
sndigte auch mit dem Verstande, berechnend, schlau, mit grter Vorsicht.
    Vielleicht empfand er auch bei dem geschilderten Zusammentreffen mit Bianca
nichts Tieferes, Dauernderes; vielleicht waren die angenehmen Regungen, die ihn
durchstrmten, nur das willenlose Zittern, das dem sinnlichen Reiz vorangeht;
dennoch aber hatte der eigenthmliche, unbeschreibliche Blick des schnen
Mdchens ihn vollkommen bezaubert! Wie stark und anhaltend diese Bezauberung
war, bemerkte er erst, als er Bianca entlassen mute. Er fhlte, da ein Theil
seines unsichtbaren Seins mit dem davoneilenden Mdchen verschwand, da eine
namenlose, bisher nie empfundene Leere in seinem Herzen entstand, die sich durch
nichts ergnzen lie! Adrian hatte seinen Fu auf die Schwelle gesetzt, die vor
der finstern Pforte des Unglcks liegt. Er begann unglcklich zu werden! Der
rchende Finger der Nemesis hatte ihn berhrt, und mit dem Kusse, den er der
kokett Widerstrebenden beim Abschied auf die Stirn hauchte, hatte er dieser
furchtbaren Gttin das Gastrecht in seinem Hause eingerumt.
    Bianca ward von Adrian als Haushlterin unter Bedingungen angeworben, die
man dem habgierigen Manne nicht zugetraut htte. Es ward festgesetzt, da
dieselbe schon am ersten Februar ihr neues Amt antreten und ganz allein ber die
innern Angelegenheiten des Hauses zu verfgen haben solle!
    Adrian genehmigte Alles, um nur das wunderbare Mdchen bald wiederkehren zu
sehen. Als sie sich endlich nicht mehr halten lie, sah er der mit Paul ber den
See Wandelnden nach, bis sie hinter den ersten Husern des Arbeiterdorfes
verschwand.
    Ach, rief er tief aufseufzend aus, ein Mann ist doch unglcklich, wenn
ihm kein liebendes Weib zur Seite steht! Ich werde mich verheirathen, sobald der
Proze entschieden ist! - -
    Es schlug zwei Uhr, als Bianca wieder in Martells Htte trat. Ihre Wangen
glhten, ihr Auge flammte. Sie glich in der reichen glnzenden Lockenflle ihres
schwarzen Haares, das vom raschen Gange in liebliche Unordnung gerathen war,
einer zrnenden Pallas Athene. Ein Helm auf dieses schne Haupt mit dem kecken
Profil gestrzt, mit Schild und Schwert Arm und Hand dieses Mdchens bewaffnet,
und Bianca wre in eine entzckende Heldin verwandelt worden.
    Aurel erkannte sie kaum wieder.
    Was ist geschehen? fragte er bestrzt. Sie zittern vor Aufregung, vor
Emprung! Hat mein Bruder Ihnen unwrdige Fragen vorgelegt?
    Bianca lchelte. So entsetzlich schn wrde eine Hyne lcheln, wenn sie die
Gestalt eines reizenden Weibes annehmen knnte.
    Herr am Stein war die Artigkeit selbst, versetzte sie, und mit Vergngen
werde ich in seme Dienste treten.
    Bianca, das ist nicht Alles! fiel Aurel ein. Sie verheimlichen uns etwas.
Die Flamme in Ihrem Auge gemahnt mich an den kalten Todtenschein, der mich
zuerst auf Sie aufmerksam macht! Sie verabscheuen meinen Bruder!
    Verabscheuen? Ja, knnte ich ihn doch auch verachten! Aber ich mu ihn ja
nur hassen, ewig, unersttlich hassen!
    Und wollen dessen ungeachtet in seine Dienste treten?
    Eben deshalb! Aber ich werde ihm nicht dienen, ich werde ihn mir dienstbar
machen. Er soll die Hlle haben auf Erden!
    Bianca! So schn, so liebenswrdig -
    Und so vom Teufel besessen? Ja, lieber Kapitn! Nicht nur in diesen Htten
gibt es Todte zu rchen, es leben auch anderwrts Seelen, die gleich diesen
Armen nach Rache schreien. Ich schliee mich ihnen an und reiche diesem
finstern, verschlossenen Manne, diesem von der Bosheit und Schlechtigkeit der
Menschen verstoenen Bruder meine schwache Hand zum Bunde der Rache. Martell,
bald vielleicht Graf Martell, wollen Sie mir zur Seite stehen und mich sttzen
und ermahnen, wenn ich zu schwach werden und das Weib in mir siegen will?
    Zur Rache bis in den Tod bleibt Martell Ihnen ein treuer Gefhrte! sagte
der Spinner und prete die dargereichte Hand des exaltirten Mdchens an seine
Brust.
    Aurels Fragen, was ihr zugestoen, wodurch sie so namenlos, ja dmonisch
gegen Adrian aufgebracht worden sei, lie Bianca unbeantwortet und vertrstete
ihn auf sptere Tage, wobei sich denn der theilnehmende Kapitn beruhigen mute.
    Gegen Abend verlieen die drei Reisenden wieder das Dorf am See. Als sie an
dem Kretscham vorberfuhren, traten zwei als Khler gekleidete Gestalten in die
Gaststube.
    Es waren Blutrssel, der Mrder, und Herta's Sohn, Kltken-Hannes.

                           Ende des vierten Theiles.


                                 Fnfter Theil

                                  Neuntes Buch

                                Erstes Kapitel.

                                  Zwei Briefe.

Drei Wochen nach den zuletzt mitgetheilten Vorgngen finden wir im Hause des
Maulwurffngers den Schulmeister Gregor, den frommen Schlenker und den Wenden
Sloboda um den Wirth versammelt. Es ist der 13. Februar, der Geburtstag Maja
Simsons. Pink-Heinrich, mit Abglttung eines Blaserohrs beschftigt, hat seine
Freunde so eben auf die Wichtigkeit dieses Tages aufmerksam gemacht und
bedauert, da er der schwer geprften Frau nicht persnlich seine Glckwnsche
darbringen knne, denn in Folge schnell eingetretenen Thauwetters sind alle
Flsse ausgetreten und fast berall hin die Communication gehemmt. Selbst vom
Zeiselhofe hat man seit mehrern Tagen keine Nachricht erhalten.
    Schlenker, der, wie gewhnlich, auf der Bank am Ofen sa und auf der rechten
Seite die zerlesene alte Bibel mit der zinnernen Schnupftabaksdose, auf der
linken gesalzte Dten liegen hatte, schttelte den Kopf, warf seine Hand mit dem
wackelnden Zeigefinger an's rechte Auge und lie sich folgendermaen vernehmen:
    Es ist mit tausend Schrecken, was noch heutigen Tages bei Vornehmen und
Reichen passirt! In den Bchern der Chronika und der Knige liest man nichts
Grausamlicheres! 's Ist eine auserlesene Geschichte, und ich wollte schon, da
ich schreiben gelernt htte und die Worte setzen knnte, wie unser lieber
Schulmeister, so schrieb ich Alles haarklein auf, wie sich Unglck und
Verbrechen, und Strafe Gottes und menschliches Irren durch einander gemengt
haben. Das mte ein Hauptbuch werden fr Junge und Alte, und eine moralische
Erzhlung wrde ich's betiteln!
    Schlenker lie den lahmen Arm fallen, ergriff die Dose, nahm eine tchtige
Prise und pfropfte sie, den Oberkrper bis auf seine Knie herabbeugend, in seine
breite Stumpfnase. Gregor wiegte bedchtig den Kopf, drehte seinen groen
Rohrstock und sagte:
    Natrlich! Eine moralische Erzhlung fr Kinder und Erwachsene. Ganz
Natur!
    Ich mchte schon wissen, wie Ihr das anfangen wolltet, Freund Schlenker?
fiel der Maulwurffnger ein. Freilich, Moral steckt ein gut Theil in der
vornehmen Herrengeschichte, wie sie aber ein vernnftiger Christenmensch zu
einem Schulbuche zurechtschneiden will, das begreife ich nicht!
    Nichts leichter wie das, sagte Schlenker, die Hand wieder an's rechte Auge
schleudernd, wo dann sogleich der wackelnde Finger mit dem krummen, langen und
braunblauen Nagel seinen angewiesenen Platz einnahm. Da ist z.B. das uneheliche
Kind Maja, Haiderschens Tochter, am dreizehnten Februar geboren, hat von
Kindesbeinen an ein Leben gefhrt, wie Hiob und Lazarus zusammen, und ist wie
verlassen von Gott gewesen bis jetzt! Nutzanwendung aus dieser herzbrechenden
Geschichte: weil Maja am 13. Februar zur Welt gekommen ist und zwar als ein
Kind, das nach dem Willen des grundgtigen Gottes eigentlich gar nicht htte
geboren werden drfen und sollen, darum und in Anbetracht der erschrecklichen
Folgen der Erbsnde hat das arme Weib an die vierzig Jahre im Elende schmachten
und allen Jammer dieser Erde grndlich auskosten mssen, zuletzt aber kommt der
Herr, reicht der frommen Dulderin seine Hand und nimmt sie als eine Auserwhlte
zu Gnaden an! - Nun, ist das nicht eine Moral mit tausend Schrecken?
    Und wieder fiel der steife Arm des Herrnhuters auf den Deckel der Dose, um
der immer hungrigen Nase neue Nahrung zuflieen zu lassen.
    Kreuzhimmeldonnerwetter, fuhr der Maulwurffnger auf und warf das
Blaserohr so heftig auf den wei gescheuerten Lindentisch, da es einen feinen
Sprung bekam, Ihr seid ein Narr mit tausend Schrecken! Ich glaube gar, Ihr
beweist mir noch in Eurer unergrndlichen Weisheit, da wir der blinkerblanken
Gnade Gottes die Aufdeckung all der erbaulichen Schurkereien zu verdanken haben,
ber die sich gegenwrtig die hohen Gerichtshfe des Knigreichs die Kpfe
zerbrechen!
    Wir sind Wrmer des Staubes ohne die Gnade, docite Schlenker, und so ein
Mensch aus dem Gnadenstande verstoen wird, so bleibt er verloren hier und dort,
und all sein Trachten ist nichtig, all sein Reden vergleichbar dem Klingklang
einer tnenden Schelle, die Niemand verstehen kann!
    Habt Ihr das in der Kirche gelernt, da Gott erbarm? fragte der
Maulwurffnger, seine Arbeit wieder vornehmend.
    Mir ist das Verstndni gekommen im Tempel des Herrn und in der Kammer der
Trbsal, wenn meine Seele im Gebete rang.
    Ihr scheint mir allzu lange gerungen zu haben, Schlenker! Die gute Seele
ist dabei aus den Gelenken geschnappt und kann sich nun nicht mehr zurecht
finden in Euerm Kopfe.
    So man uns verachtet, so gewinnen wir an Heiligung und wachsen in der Gnade
des Herrn! versetzte Schlenker, schlug die Beine ber einander, setzte sich
eine groe Brille vorn auf die Nasenspitze und nahm die Bibel vor, in der er
sehr eifrig zu blttern begann.
    Der Maulwurffnger mute lcheln. Sich zu Sloboda wendend, der mit groer
Ausdauer aus frisch geglhtem Draht Fangdrhte bog und die nthigen Bindfden
daran knpfte, sagte er:
    Um die Rechtglubigkeit ist's doch eine schne Sache, Jan! Die hilft Dir
ber Berge hinweg, und reichten sie hinauf bis an den Mond; die trgt Dich
unvermerkt ber Millionen Meilen breite Abgrnde! Kurz, die gleicht nahezu der
Allmacht selbst! Sei rechtglubig, und Du hrst nicht, wenn Dich Jemand einen
Schalk schimpft! Gutwillig, nicht murrend und nicht mucksend, lt Du Dich
lstern, schlagen, hnseln, Alles, weil Du fest berzeugt bist, da jedem
Auserwhlten solche Fatalitten zustoen mssen. Wei Gott, ich mchte schon
manchmal ein Rechtglubiger sein!
    Schlenker nahm die Brille wieder ab, legte sie in die Bibel und schlug das
Buch zu. In etwas predigendem Tone, nur weniger salbungsvoll, sprach er:
    Gott will nicht, da der Sndige untergehe, sondern da er lebe und sich
bekehre! - Das, seht Ihr, fuhr er fort, mit seiner plumpen, ungewaschenen Hand
auf die Bibel schlagend, das steht da drin, und weil meine alten Augen just
jetzunder darauf gefallen sind, will ich Eure wegwerfenden Reden nicht gehrt
haben, sondern thun, als httet Ihr nicht gesprochen. Das steht einem alten
Manne wohl an, der sich zu jenen Geduldigen zhlt, von denen der Herr sagt:
Nehmet Euer Kreuz auf Euch und folget mir nach! - Denn seht Ihr, Heinrich,
obwohl Ihr ein bses Maul habt, gleichsam eine Schnauze, so bin ich Euch doch
von Herzen gut, denn Ihr seid bei all Euern Schwchen und Eurer unglcklichen
Neigung zum Spotten, doch ein Mann, der unter Tausenden gescheidt ist mit
tausend Schrecken!
    Wenn ich das wirklich sein sollte, so wrde ich das nach meiner religisen
Ueberzeugung die Gnadenwahl nennen.
    Natrlich, natrlich! sagte der Schulmeister.
    Hm! 's ist erstaunlich! murmelte Schlenker. Aber es soll nichts
ausmachen. Wir wollen gute Freunde bleiben, Heinrich, und wenn's Euch beliebt,
von der Gnadenwahl wieder auf den Geburtstag Maja's zurckkommen, obwohl's ein
Tag von bser Vorbedeutung ist! Judas, wit Ihr, verrieth seinen Herrn und
Meister, weil er der Dreizehnte war, und seit der Zeit ist die Zahl dreizehn, wo
immer sie uns begegnet, bei glubigen Christen eine Unglckszahl.
    Es wird kein Freudentag fr sie sein, sagte Sloboda, denn was sie seither
von sich und ihrer Mutter erfahren hat, heit bittern Wermuth schtten in den
Kelch ihrer Schmerzen.
    Schmerzen und Leiden reinigen und lutern das Gemth, bemerkte Schlenker.
Darum gibt's keine grere Wohlthat fr ein recht sndhaftes Menschenkind, als
wenn er so zu sagen mit Bekmmernissen und Trbsalen berschttet wird! Der
strmische Martell ist freilich nicht dieser gotterleuchteten Ansicht, aber
dafr ist's auch ein Mensch mit tausend Schrecken!
    Natur! Natur! Ganz Natur!
    Thut mir den auereinzigen Gefallen, Bruder Gregor und Schlenker, fiel der
Maulwurffnger wieder ein, und lat den braven Martell in Ruhe! Wollte Gott,
wir htten ein paar tausend so treuherzige und felsenfeste Menschen, es wrde
dann wahrhaftig besser aussehen auf Erden! Martell nenne ich meiner Religion
nach einen Mann nach dem Herzen Gottes!
    Schlenker warf mit krampfhaster Bewegung seine Hand an die Stirn, lie sie
jedoch gleich wieder fallen und begngte sich unter Murren und Seufzen eme groe
Prise einzuschlrfen.
    Unbegreiflich bleibt es mir, alter Freund, sagte Sloboda, wie Martell
nach solchen Offenbarungen im Stande ist, gleich dem gemeinsten Spinner ohne
Murren unverdrossen in der Fabrik seines hartherzigen Bruders fortzuarbeiten!
Hat er sich nie darber ausgelassen?
    Der Maulwurffnger legte das Blaserohr bei Seite, zog Stahl, Stein und
Schwamm aus der Tasche seines tuchenen Brustlatzes und schlug sich behaglich
Feuer an. Erst als die Pfeife tchtig qualmte, erwiederte er:
    Kapitn Aurel wnschte, da Martell bis Austrag der Sache die Arbeit bei
Adrian einstelle, und erbot sich freiwillig, die Kosten fr den Lebensunterhalt
seiner Familie zu tragen. Martell aber widersetzte sich diesem gromthigen
Anerbieten hartnckig. Ich will spinnen und fr ihn, der meinen Sohn gemordet
hat, arbeiten, sagte er, so lange mich das Gericht nicht frei spricht und ihm,
dem ich diene, gleichstellt. Kommt dereinst diese Zeit - und Gott lasse mich sie
erleben - dann werde ich als freier, ihm ebenbrtiger Mann Abrechnnng mit ihm
halten! - Und darin, find' ich, hat der tief gekrnkte Mann vollkommen Recht!
    Arbeitet auch Maja gleich ihrem Halbbruder?
    Sie ehrt seine Grnde und will dem unglcklichen Bruder nicht nachstehen.
Auch ist dies unter den jetzigen Verhltnissen unerllich. Durch ein
stillschweigendes Uebereinkommen hat man, wie Ihr wit, die zuletzt gemachte
Entdeckung von Maja's Abstammung dem Herrn am Stein verheimlicht. Er wei jetzt
noch nicht, wem mein Aufruf in den Blttern galt und da die Aufgefundene
gleichsam unter seinen Augen wandelt. Dies Geheimni so lange wie mglich
ungelftet zu lassen, ist unser wohlerwogener Plan, der spter seine Frchte
tragen wird. Bei der feindseligen Stimmung aller Arbeiter gegen ihren Herren ist
es leicht, dies Schweigen Monate lang fortzusetzen. Die Fabrik betritt Adrian
mit keinem Fue mehr, seit er in Martell einen unwillkommenen Bruder gefunden
hat, und da Vollbrecht uns blind ergeben ist und Herr am Stein mit diesem ganz
allein Alles verhandelt, was Geschftsangelegenheiten betrifft, so haben wir
keinerlei Verrath zu frchten.
    Nichts desto weniger lebe ich doch immer in Sorgen, trage ich mich stets
mit dstern Gedanken, die mir Tag und Nacht die Ruhe rauben!
    Aber wozu, Freund Jan? Ist es denn nicht genug, da Du in so kurzer Zeit
zwei Enkelkinder wieder gefunden hast? Du bist undankbar, Jan, gegen Gott und
seine Barmherzigkeit!
    Nein, alter Freund, undankbar bin ich nicht, aber mich ngstigt ein
unheildrohendes Vorgefhl!
    Immer noch aberglubisch? sagte gutmthig lchelnd der Maulwurffnger.
Dein altwendisches Blut bicht doch berall heraus. Nun, was schwant Dir denn
wieder?
    Ein Unglck Martells!
    Natrlich! Natrlich! rief Gregor feierlich und drehte seinen langen
Rohrstock.
    Martells? wiederholte fragend der Maulwurffnger, indem er seine breite
Stirn nachdenklich runzelte. Zu so bser Ahnung sehe ich keine Veranlassung.
    Aber ich, Freund Heinrich, ich sehe sie deutlich, sehe sie in drohender
Nhe! Erinnere Dich des Briefes von Paul, den ich gestern empfing! Aber Du hast
ihn nicht gelesen, fllt mir ein! Hre also, was er enthlt! Martell scheint
sich mit energischer Leidenschaft dem Trunke zu ergeben, schreibt der gute
Junge niedergeschlagen. Ich habe ihn mehrmals in diesen Tagen in einem Zustande
knstlicher Aufregung getroffen, die nur von berreichem Genu des unseligen
Branntweins herrhren konnte. Freilich leugnete er, als ich ihn freundlich
fragte, aber ich merkte nur zu bald, da er mich hintergangen hatte; denn als
ich spt Abends Maja besuchte, sah ich den Unglcklichen in Gesellschaft zweier
Khler nach dem Kretscham eilen, wo er sich das schreckliche Gift sehr gut
schmecken lie. Die Khler - oder waren es Holzhndler - hielten ihn frei, denn
es schienen wohlhabende Leute zu sein, und Martell mute sich ganz gut mit ihnen
unterhalten, denn er lachte herzlich ber die Geschichten, die sie ihm
erzhlten. Auch dauerte es nicht lange, so gesellten sich noch andere
Fabrikarbeiter zu den Dreien, und weil die Fremden sehr freigebig waren und auch
diesen ihre Viertelmer fllen lieen, war in Kurzem Alles ein Herz und eine
Seele. Ich sah dem rgerlichen Treiben durchs Fenster zu, wagte aber nicht, mich
blicken zu lassen, da Martell sehr laut und heftig war und die entsetzlichsten
Drohungen gegen Adrian ausstie. Mehr oder minder anhaltend setzte er dies Leben
allabendlich fort, und da es ihm verderblich werden mu, beweist Das Zittern
seiner Hnde frh Morgens. Auch klagt er hufig ber Uebelkeiten. Lore trgt
dies neue gegen sie heranschleichende Unglck mit Lammesgeduld, und Traugott
betet, da er nur im Gebet Trost und Ruhe fr seine Seele findet. Ich aber melde
Dir, lieber Grovater, diese unerfreuliche Wahrnehmung, damit Du Dich mit dem
Maulwurffnger berathen kannst.
    Pink-Heinrich hatte mit grter Aufmerksamkeit dem Wenden zugehrt. Jetzt
verlie er seinen Sitz hinter dem lindenen Arbeitstische und trat neben Sloboda.
    Wann erhieltest Du diesen Brief? fragte er den Greis.
    Gestern, whrend Du ber Land warst.
    Und an welchem Tage ist er geschrieben?
    Am achten Februar.
    Von wo datirt?
    Vom Zeiselhofe.
    Nach diesen raschen Fragen und Antworten lie der Maulwurffnger seinen Kopf
sinken und sah den Wenden mit vieldeutigem Blick lange an.
    Alles erwogen, sagte er nach einer Pause, mu Martell dieses
ausschweifende Leben wenigstens seit vierzehn Tagen fortsetzen; denn Paul ging
Ende Januar nach Boberstein, um Bianca zu Adrian zu bringen, und am sechsten des
laufenden Monates ist er sptestens wieder auf dem Zeiselhofe eingetroffen! -
Hm! - Und Fremde! Fremde Khler oder Holzhndler, die allabendlich in der
schlechten Schenke am See unzufriedene Fabrikarbeiter frei halten, ihnen
Branntwein zu trinken geben, so viel sie wollen? - Knnte nicht irgend eine
verteufelte Schurkerei dahinter stecken?
    Theilst Du nun meine Besorgnisse, meine Ahnungen?
    Der Maulwurffnger drckte dem Wenden statt aller Antwort die Hand, der
Schulmeister aber sagte, als sei es Pflicht, fr den Bruder zu antworten:
    Natur! Ganz Natur!
    Ich vermuthe, sagte Pink-Heinrich nach einer Weile, da man die
unglcklichen Arbeiter zu irgend einer strafbaren Thorheit verfhren will, die
Martell als der Verwegenste und Aufgereizteste angeben soll! Der Teufel spinnt
seinen Zwirn gar nicht dumm; denn wenn ihm das Ding gelingt, wenn sich die
Arbeiter von Branntwein und stachelnden Redensarten erhitzt, zu strafbaren
Excessen verleiten lassen, so haschen uns die Gerichte den Martell weg, stecken
ihn ein und machen ihm als Aufrhrer den Proce. Beim Himmel, es wre das die
leichteste und bequemste Weise, einen gefrchteten Gegner und einen
widerwrtigen Bruder auf einmal los zu werden!
    Mir sind ungefhr dieselben Gedanken durch den Kopf gefahren, erwiederte
Sloboda, wie man aber Martell warnen und seine Verfhrer, wenn die fremden
Khler diesen Namen verdienen, von ihm fern halten soll, wei ich nicht.
    Das wird Zeit und Mhe kosten! Vor Allem mu man die freigebigen Herren
kennen lernen, um zu ermitteln, ob sie sich blos auf ihre eigene Faust einen
Scherz machen, oder im Solde eines Dritten stehen und in dessen Auftrage
handeln.
    Wer, alter Freund, soll hier spioniren! Wir Beide -
    Haben keine Zeit dazu, das seh' ich ein. Da lebt aber der muntere
ausgelassene Zeisig, der gelenke Gilbert auf dem Zeiselhofe. Ihm wird die Zeit
bermig lang, er verlangt nach Beschftigung, und keine schickt sich besser
fr diesen aufgeweckten Jungen, als solche, bei der es etwas zu erlauschen gibt,
die an's Abeuteuerliche streift. Gilbert ist just der rechte Mann fr unser
Geschft!
    Der Kapitn wird ihn nur kaum von sich lassen - Bianca's wegen!
    Ich will das schon vermitteln - und brigens, Bianca lebt ja im Hause
Adrians, das der verliebte Matrose schwerlich betreten wird.
    Schlenker hatte diesem Gesprch sehr aufmerksam zugehrt, ohne es durch
seine frommen Bemerkungen zu unterbrechen. Jetzt aber stand er auf, ging mit
vorgebeugtem Oberkrper, die lahmen Arme mit gespreizten Fingern zu beiden
Seiten steif herabhngen lassend, zu den beiden alten Freunden und sagte:
    Hab' ich's nicht voraus prophezeit, als wr' ich einer der vier groen
Propheten, da es ein Mensch, der von Gott und seinem heiligen Wort so wenig
wei und wissen mag, wie Euer Spinner-Graf, da solch ein Mann, sag' ich, in der
Stunde der Versuchung dem Teufel in die Hnde fllt? Er mute sich fgen und
demthigen lernen, als er seine hohe Abstammung erfuhr! Das htte ihn zu einem
Christen und Gott wohlgeflligen Menschen gemacht. Statt dessen aber flucht und
lrmt er und sinnt auf Rache, und da hat Gott seinen Boten ausgesendet und ihm
denselbigen zum Begleiter gesetzt! So ist's, meine lieben Freunde! Von
verhrteten und verstockten Sndern mag der Herr nichts wissen; woraus folgt,
da auch Ihr Eure Hand von ihm abziehen sollt!
    Und das nennt nun der wackere Apostel seiner Secte Christenthum! rief
Pink-Heinrich gutmthig und schmerzlich lchelnd. Wre die Gnade und
Barmherzigkeit des Herrn, den gerade seine eifrigsten Bekenner am meisten zu
lstern pflegen, der ihrigen gleich, die Frommen wrden einen harten Stand haben
in den paradiesischen Gauen, die sie mit so verfhrerischen Farben zu schildern
verstehen!
    Unerwartet flog jetzt ein leichtes Fuhrwerk die Strae herein und hielt vor
dem Hause des Maulwurffngers. Gregor erhob sich lothrecht von seinem Schemel
und wendete steif den Kopf nach dem Fenster. Schlenker suchte durch wiederholtes
starkes Schnupfen seinen Aerger zu verwinden, den ihm die Bemerkung seines
Hauswirths verursacht hatte. Zugleich zog er die grauwollenen Strmpfe, die
stets schlotternd um seine dnnen Waden hingen, bis an die zerrissenen Kniehosen
herauf und schnallte sie mit einiger Mhe fest unter diese.
    Mein Enkelsohn! sagte Sloboda. Was kann der bringen?
    Es mu etwas Wichtiges sein, denn er hat die junge Stute angetrieben, da
sie ganz und gar mit Schwei bedeckt ist.
    Und beide gingen zugleich dem Jnglinge bis an die Hausthr entgegen.
    Paul begrte seinen Grovater und dessen treuen Freund mit treuherzigem
Handschlage, spannte das Pferd aus und zog es in den Holzschuppen, wo er es eine
geraume Zeit auf- und abfhrte. Als er spter den Freunden in's Wohnzimmer
folgte, sprach Sloboda zu ihm:
    Du bist ein Hiobsbote!
    Gott Lob, doch endlich einmal eine christliche Redensart! seufzte
Schlenker, klappte die zinnerne Dose auf und bot dem Wenden eine Prise an, die
dieser auch in der Zerstreuung annahm.
    Zum Theil, Grovater, komme ich, um der Ueberbringer einer
Unglcksbotschaft zu sein, versetzte Paul. Leberechts Wohnhaus ist bis auf die
Sohle niedergebrannt, Adelbert hat den unglcklichen armen Mann der
Fahrlssigkeit beschuldigt und ihn sodann aus dem Dorfe gejagt, da im
Gemeindehause keine Stelle frei war. Leberecht hat nun in seiner Verzweiflung
die arme Frau bis zu seinem gegenwrtigen Brodherrn geleitet, der den
Flchtlingen auch ein Pltzchen in der Scheuer angewiesen hat fr einen Tag und
eine Nacht. Am andern Tage muten die bedauernswerthen Leute, die all' ihre Habe
verloren haben, weiter ziehen, und da Leberecht nirgends ein Unterkommen fr
sich und die Seinen erwarten darf, hat er sich mit einem beweglichen Schreiben
an den Kapitn gewandt, und fr kurze Zeit um Aufnahme seine Familie auf dem
Zeiselhofe gebeten -
    Was ihm Graf Aurel nicht abschlagen wird, fiel der Maulwurffnger ein.
    Mitleidig lie er nicht allein sogleich ein paar Kammern in Bereitschaft
setzen, sondern er schickte den Abgebrannten auch eine ganze Tagereise weit
seinen eigenen Kutschwagen entgegen, um die ermdeten verlassenen Wanderer so
bald wie mglich in Sicherheit zu bringen und ihnen die nthige Pflege
angedeihen zu lassen.
    Und wie lautet die andere Hlfte Deiner Botschaft? fragte Sloboda, sich
wieder an seine Arbeit setzend.
    Diese kenne ich selbst nicht, Grovater. Der Herr Graf, unser Beschtzer
und Wohlthter, hat mir nur einen Brief bergeben, den er mir in unseres
Freundes, des Maulwurffngers eigene Hnde niederzulegen, wiederholt
einschrfte. Hier ist dieser Brief.
    Pink-Heinrich nahm sich nicht erst die Mhe, die Adresse zu lesen. Er zerri
das zierliche Siegel, welches den Abdruck des kleinen Goldringes trug, den Aurel
in Hamburg gefunden hatte. Aufmerksam und mit steigender Theilnahme durchflog er
das Schreiben. Er athmete hrbar auf, als er zu Ende gelesen hatte.
    Darf man fragen? sagte Sloboda.
    Kapitn Aurel hat Nachrichten aus Hamburg erhalten.
    Auf seine Briefe? Ist der Gesunkene aufgefunden?
    Kltken-Hannes hat seinen Keller verkauft und Hamburg verlassen.
    Das ist auffallend!
    Noch auffallender kommt es mir vor, da der arme Trdler einen Pa auf alle
deutschen Bundesstaaten genommen und genau eingezogenen Nachforschungen zufolge
den Weg nach Osten eingeschlagen hat.
    Sollte er die Spur seiner Tochter verfolgen wollen? Oder sollte ihm seine
unnatrliche Handlungsweise gereuen?
    Darber steht nichts in dem Briefe. Nur die Bemerkung ist noch hinzugefgt,
da man guten Grund habe, zu glauben, Kltken-Hannes sei nicht allein aus
Hamburg abgereist!
    Der Maulwurffnger lehnte sich schweigend gegen die getfelte Holzwand
seines Zimmers und sah mit seinen blitzenden grauen Augen bald gerade vor sich
hin, bald auf die Schriftzge des erhaltenen Briefes. An den strengen Zgen
seines ehrwrdigen Gesichtes sah man, da er angestrengt nachdachte. Niemand
strte den Sinnenden, selbst Schlenker schwieg oder unterhielt sich doch nur
flsternd mit Gregor, zu dem er sich auf den Socken geschlichen hatte, um einen
langen Disput mit dem einsylbigen Manne zu fhren ber hochwichtige
Missionsangelegenheiten. Schlenker hatte bei dieser Unterhaltung den groen
Vortheil, da er von seinem geduldigen Zuhrer nie oder doch nur durch die
lngst gewohnten stereotypen Worte: natrlich oder ganz Natur unterbrochen
wurde.
    Nach etwa fnf Minuten stand der Maulwurffnger sehr heftig auf und trat so
schnell auf Paul zu, da er den ehemaligen Husaren dabei hart auf seine
erfrorenen Zehen trat, was Schlenkern zu den frchterlichsten Grimassen und zu
unbeschreiblich komischen Sprngen Anla gab.
    Heinrich, Heinrich, rief der Getretene, Ihr seid, verzih' mir's Gott ein
Mann mit tausend Schrecken - o weh, o weh - ja mit tausend Schrecken, ach mit
tausend Schrecken!
    Lamentirend hinkte der Fromme nach seiner Stube. Der Maulwurffnger achtete
gar nicht auf ihn. Mit jugendlich blitzenden Auge fragte er Paul, wenn er
glaube, da die Stute wieder eingespannt werden knne?
    Zwei Stunden gengen, um das Thier volllommen wieder herzustellen.
    Nun, dann brechen wir alle drei in zwei Stunden nach dem Zeiselhofe aus.
Ich mu nothwendig mit dem Kapitn selbst reden. - Du hattest Recht, Freund Jan!
Beobachtung thut Noth. Darum mag Gilbert je eher je lieber in die Haide reisen.
    Zwei Stunden darauf verlie der Maulwurffnger mit Sloboda und Paul sein
trauliches Huschen, zu nicht geringem Verdrusse Schlenkers, dem er seiner
Unvorsichtigkeit wegen weder ein freundlich entschuldigendes Wort gesagt noch
ihm zum Abschiede einen Gru zugerufen hatte. Der gute Herrnhuter betheuerte
nochmals, es sei mit tausend Schrecken, wie der Mann mit seinen Nebenmenschen
verfahre, und vertiefte sich in die Lectre jener wichtigen Missionsschrift,
deren Vortrefflichkeit er vor Kurzem seinem aufmerksamen Freund Gregor
anempfohlen hatte.

                                Zweites Kapitel.



                             Gezwungenes Abkommen.

Whrend unsere Freunde dem Zeiselhofe entgegen eilen, jagt eine leicht gebaute
Droschke der Haide zu. In Folge des eingetretenen starken Thauwetters waren die
an sich schon schlechten Wege beinahe unfahrbar geworden und hinderten das
Fortkommen ungemein. Adrian, der Lenker dieses leichten Zweigespanns, stie vor
Ungeduld die rgsten Schimpfreden aus und lie seinen Aerger die unschuldigen
Thiere entgelten, an denen es wahrhaftig nicht lag, wenn der Wagen nicht im
Fluge ber Stock und Stein dahin sauste. Der stumme Kammerdiener Jean, den sich
Adrian bei all seinen neuerdings unternommenen Ausflgen zum alleinigen
Begleiter auserlesen hatte, suchte durch Mienen und Gebehrden seinen erzrnten
Gebieter zu beruhigen und deutete ihm an, da ja Niemand dafr knne, und die
bse unfreundliche Jahreszeit allein Schuld sei an den schlechten Wegen, die
freilich bisweilen noch bloen Sumpflchern und Sandlachen glichen. Adrian hrte
aber auf alles Zureden nicht. Er schimpfte, fluchte, peitschte nach wie vor, und
warf dann und wann einen verzweifelten Blick auf die sich dunkler frbende
Waldung.
    Es wird sinkende Nacht, ehe ich zurckkomme, murmelte er durch die Zhne,
und wenn ich auf diesen grundlosen Haidewegen nicht den Hals breche, kann ich
mich obendrein noch bei dem Wegeverderber bedanken. - Jean, der Mensch wird doch
sicher auf mich warten?
    Der Kammerdiener bejahte durch Kopfnicken und Adrian lie pfeifend die
Peitsche um die Kpfe der schnaubenden Rosse knallen.
    Herr am Stein war auffallend bla geworden. Hohle fahle Wangen und tief
liegende brennende Augen sahen unheimlich aus seinem Reisemantel. Sein ganzes
Wesen hatte etwas Hastiges, Unsttes angenommen, das man frher nicht an ihm
bemerkte. Dennoch schien dies nicht Folge krperlicher Krankheit, sondern mehr
geistiger Aufregung zu sein. Die trbe und doch verzehrende Gluth seines Auges
zeugte von dem Vorhandensein einer groen Leidenschaft, die nach Befriedigung
lechzte und diese trotz der ungeheuersten Anstrengungen doch nicht erlangen
konnte.
    Es dunkelte bereits, als Adrian das Ziel seiner Fahrt, die Khlerschenke am
Raubhause, erreichte. Die Zgel heftig dem Kammerdiener zuwerfend trat er rasch
in die rucherige Barake. Jussuff kam ihm mit demthigen Bcklingen entgegen und
fing schmunzelnd an von der hohen Ehre zu schwatzen, die der gndige Herr ihm
wiederfahren lasse. Ohne darauf zu achten, fragte der Graf barsch:
    Wo stecken die Burschen?
    Meinen Ew. Gnaden die mir empfohlenen Gste, so werden Sie die immer sehr
durstigen Herren in ihrer Kammer finden! Sie befehlen?
    Marsch, voran! Ich habe Eile!
    Demthig ffnete Jussuff die Zuschlagthre, schritt dem nachfolgenden Grafen
einen dunkeln Gang voran und zeigte ihm das Gemach seiner Gste. Diese waren
brigens so laut, da Adrian auch ohne des Wirths Geleite den Weg zu ihnen
gefunden haben wrde.
    Du kannst jetzt gehen, Jussuff, sagte er etwas sanfter. Gib meinen
Pferden etwas Zucker und wirf ihnen ein Bndel Heu in die Krippe. Fr mich halte
ein Glas Punsch in Bereitschaft. Sobald ich meine Geschfte mit diesen Burschen
abgethan habe, breche ich sogleich wieder auf, um noch vor gnzlichem Einbruch
der Nacht den schlimmsten Theil der Haide zurckzulegen.
    Jussuff entfernte sich und Adrian trat, ohne anzupochen, in die Kammer, wo
Blutrssel und Kltken-Hannes bei ihrem Lieblingsgetrnk saen, schwatzten,
lachten, fluchten und Tabak dazu qualmten. Bei dem Erscheinen des vornehmen
Mannes, von dessen Herkunft und Beschftigung Keiner etwas Bestimmtes wute,
fuhren sie auf und unterbrachen ihr Gesprch.
    
    Adrian nickte stolz zum Gru und deutete dann auf Blutrssel, worauf er
durch eine leicht zu verstehende Gebehrde zu erkennen gab, da er mit
Kltken-Hannes allein zu sein wnschte. Der feige Mrder schlich knurrend
hinaus, wie ein Panther, der gezwungen seine Beute verlassen mu.
    Ist es durchaus nthig, Herr Kltken, da dieser unaustlehliche Schleicher
immer bei Ihnen sein mu? fragte der Graf, indem er sich mit verschlungenen
Armen an die Bretterwand lehnte. Eine Elle ber seinem Haupte funkelten zugleich
die rollenden Augen des Mrders.
    Ich bin ihm von frher her Dank schuldig, gestrenger Herr, versetzte der
ehemalige Trdler, und Sie kennen das Sprichwort: eine Hand wscht die andere!
    Gut. - Stehen Sie fr seine Verschwiegenheit? Denn ich verhehle es Ihnen
durchaus nicht, Herr Kltken, da, wenn Sie ein einziges Wort von unserm
Abkommen gegen irgend Jemand verlauten lassen, ich nichts mehr von Ihnen wei
und meine Hand auf der Stelle von Ihnen abziehe!
    Kltken-Hannes lchelte, wenn das Grinsen seines breiten Mundes und das
Blinzeln seiner kleinen, blutunterlaufenen Augen ein Lcheln genannt werden
kann, und zog das Hirschhornheft eines Schiffermessers aus der Brusttasche
seiner Jacke.
    Das macht still, mein gromthiger Herr Gnner, wenn der Dummkopf in
lustigem Schwindel ja einmal unsern Pact vesgessen sollte!
    Verdammter Hund! murmelte Blutrssel und rollte seine Augen so
entsetzlich, da sie blutigen Fleischballen hnlich sahen. Dann zog er sich
zurck und drckte die spitzen Zhne an den Bretterspalt, als wre es ihm
Bedrfni, etwas vor Ingrimm zermalmen zu mssen.
    Adrian schien durch die Antwort seines Verbndeten beruhigt worden zu sein.
Er warf sich jetzt auf den Schemel und fuhr fort:
    Obwohl ich Ihren Bemhungen, mir gefllig zu sein, meine Anerkennung nicht
versagen kann, Herr Kltken, mu ich Sie doch wiederholt ersuchen, auch
fernerhin nicht lssig zu sein! Sie haben Anerkennungswerthes geleistet, es ist
wahr, allein es gengt noch lange nicht. Dieser Mensch hat die Kraft eines
Riesen und die Natur eines Stieres! Wissen Sie, mein Herr, da er noch jetzt wie
am ersten Tage nach Gebrauch der ihm verschriebenen Arznei seine Arbeit ohne
Anstrengung verrichtet?
    Ich will ewig verflucht sein, wenn ich's nicht wei! schwur der Trdler,
ein Glas heien Branntwein an seine blauen Lippen setzend. Aber der Teufel soll
mich holen, wenn ich mehr thun kann! Bin's nicht im Stande, Herr!
    Vielleicht lieen sich die Arzneigaben verdoppeln, da uns die bisherigen
Erfahrungen gelehrt haben, da man dieser unverwstlichen Natur etwas zumuthen
kann.
    Soll ich?
    Machen Sie wenigstens einen Versuch.
    Bei alledem ist das ein Wagstck, mein Herr Gnner; denn sehen Sie, der
Teufelskerl hat manchmal die Gewohnheit, einem zuzutrinken, zumal, wenn ihm's
Herz aufgeht und die Galle berluft, und wenn man sich dann weigert, einen
tchtigen Schluck zu nehmen, so wird er unangenehm.
    Nun, und was thut das?
    Was das thut? Ei, mein sehr gromthiger Herr, das kann einem mir nichts
Dir nichts das Leben kosten. Denn ein so robuster Kerl ich auch bin, mit dem
Martell mag ich doch keine Rauferei anfangen.
    Adrian zuckte die Achseln und erwiederte sehr gleichgiltig:
    Es wird nicht gleich ans Leben gehen, Herr Kltken, ein paar Pffe und
Striemen mssen Sie aber schon geduldig einstecken, wenn man Sie dafr so
anstndig bezahlt.
    Aus Prgeln mache ich mir gar nichts, mein Herr Gnner, denn ich bin in
meinem Leben sehr viel geprgelt worden, aber eine Art mu doch Alles haben! Und
die hat der Martell nicht!
    Dann werden Sie ihm Bescheid thun, so oft er es verlangt!
    Mit doppelt gepfeffertem Trank?
    Mit verdoppelter Arznei!
    Herr, das wre Mord - Selbstmord!
    Stecken Sie Brechpulver zu sich und trinken Sie viel Wasser dazwischen!
Uebrigens haben Sie ja immer einen ganzen Tag Zeit, um sich durch die
krftigsten Speisen wieder zu strken. Enthalten Sie sich in dieser Zeit aller
berauschenden und aufregenden Getrnke, so werden Sie nicht die mindeste
Abspannung oder gar Hinflligkeit spren.
    Ich kann nicht essen, ohne zu trinken!
    Schlechte Gewohnheit, Herr Kltken, fr die Sie mich nicht verantwortlich
machen drfen. Sie sind freiwillig in meine Dienste getreten, und wenn ich fr
den anstndigen Gehalt, den ich Ihnen gebe, verlange, da Sie mir treu und
rcksichtslos dienen sollen, so glaube ich nur billige Rechtsansprche an Sie zu
machen.
    Kltken-Hannes ward unruhig, ob aus Aerger ber die Bedingungen seines
unheimlichen Wohlthters oder aus Furcht vor der Zukunft, konnte man aus seinen
verwilderten Gesichtszgen nicht herauslesen.
    Ich ersuche Sie dringend, Herr Kltken, sagte Adrian nach kurzer Pause mit
teuflischer Freundlichkeit, mir geflligst unumwunden anzugeben, ob Sie
gesonnen sind, meinen Wnschen zu entsprechen? Sie sind durchaus frei, wenn Sie
wollen, nur freilich fllt alsdann die versprochene Pension weg, da Sie vor
Erreichung des ausbedungenen Zweckes aus meinen Diensten treten.
    Teufel, das ist ein Kerl! knirschte Blutrssel, der schon lngst seine
Augen wieder an den Spalt drckte. Der htte vor einigen vierzig Jahren unter
uns leben sollen!
    Es ist gewi und wahrhaftig der leibhaftige Satan! murmelte
Kltken-Hannes, der sich in eine verzweifelte Klemme getrieben sah. Hier ghnte
in furchtbarer Nhe das dunkle Grab mit all seinen geheimnivollen Schauern ihn
an und dort drohte das eben so entsetzliche Gespenst der Armuth, des Elendes,
der schauerlichsten Verzweiflung! Er wute nicht, wem er die Hand reichen
sollte, und wieder versank er in ein dsteres, brtendes Schweigen.
    Mit einem Blick, der fast ins Liebevolle hinberspielte, betrachtete Adrian
sein ihm verfallenes Opfer.
    Sie haben noch zwei Minuten Bedenkzeit, Herr Kltken, sagte er ungemein
hflich und zog die goldene Repetiruhr aus der Tasche.
    Kltken-Hannes fuhr auf und ballte unwillkrlich die Hnde. Einen Augenblick
lang war er Willens, sich auf den entsetzlichen Gebieter zu werfen und ihn zu
erdrosseln, aber die Liebe zum Leben und der Durst nach mglichst groem und
schnellem Gewinn siegten. Den wsten Kopf auf beide Hnde sttzend, sah er starr
vor sich nieder, ohne einen klaren Gedanken zu fassen.
    Adrian verwandte keinen Blick von dem Unglcklichen. Sein Lcheln ward immer
freundlicher, immer satanisch verklrter.
    Wenn Sie die Gte haben wollen, Herr Kltken, mir Ihren Entschlu kund zu
thnn, so mache ich Sie darauf aufmerksam, da Ihnen grade noch eine halbe Minute
Zeit dazu brig bleibt!
    Er ffnete ruhig die Thr und rief:
    Jussuff, in einer Minute reise ich ab! Sag' es meinem Diener.
    Und wieder trat er mit dem kalten unerbittlichen Auge eines Todtenrichters
vor den noch immer Zaudernden.
    Acht Secunden, mein Herr!
    Donner und Hllenbrand, fuhr Kltken-Hannes auf, wenn's nun einmal nicht
anders sein soll, so will ich mit saufen! Luft's schlecht ab, je nun, so war
der Rausch vor dem verfluchten Endreigen doch lustig! Hier meine Hand! Von
morgen an soll Martell und wer zu ihm hlt, doppelte Portionen schlucken!
    Gute Nacht, Herr Kltken. Ich danke Ihnen verbindlichst!
    Adrian verlie die Kammer. Als die Thre hinter ihm zuschlug, flsterte er
lchelnd:
    Es ist mir ganz lieb, wenn sie Alle mit einander zum Teufel fahren. Bleibt
auch nur Einer am Leben, so wre ich keine Stunde mehr mein eigener Herr! Nein,
fort mssen sie, fort fr immer! Und im Grunde kann man dieser versoffenen
Canaille keinen grern Dienst erweisen! - O ber den Esel! Zu glauben, ich
wrde einen Kerl seines Charakters fr einen Schurkendienst Gott wei wie viele
Jahre gleich einem Frsten erhalten!
    Mit Behagen schlrfte er sein Glas Punsch, lie sich dann von Jussuff in die
Kalesche helfen und fuhr, sehr zufrieden mit seinem Verfahren, wieder nach
Boberstein zurck. Ungeachtet der entsetzlichen Finsterni und der schrecklichen
Waldwege erreichte er es doch ungefhrdet.
    Kltken-Hannes verlebte eine qualvolle Nacht; denn zu seinem Entsetzen mute
er sich die hmischen Vorwrfe seines Verfhrers und Dieners gefallen lassen,
ohne ein Wort darauf erwiedern zu knnen. Seit undenklichen Zeiten zum ersten
Male geno er keine berauschenden Getrnke in dieser Nacht, so hufig ihn auch
Blutrssel dazu aufforderte.
    Gegen Sonnenaufgang schlichen sich die beiden Verworfenen wieder in
Khlertracht durch das undurchdringlichste Dickicht und erreichten auf groen
Umwegen gegen Mittag das Dorf am See.

                                Drittes Kapitel.



                                Ein Gestndni.

Unter dem Gelut der Feierabendglocke fuhren unsere Freunde durch das Dorf nach
dem Zeiselhofe. Sie wurden von manchem Vorbergehenden, der eben seine Mtze zum
Gebet abnahm, freundlich gegrt; denn in dieser Gegend waltet noch die fromme
Sitte, beim Mittag- und Abendluten, sei's unter freiem Himmel oder im
heimlichen Zimmer, mit entbltem Haupt ein Vaterunser zu beten.
    Nach alter Gewohnheit pflegte der Maulwurffnger immer zuerst die
Gesindestube zu betreten, um entweder seinen Ranzen nebst Fangdrhten, oder was
er sonst grade bei sich trug, abzulegen, oder sich daselbst nach dem Gebieter zu
erkundigen. Sloboda hatte von seinem alten Freunde die nmliche Gewohnheit
angenommen. Ihr erster Gang war daher auch diesmal nach der Gesindestube
gerichtet, aus deren Fenstern ihnen bereits das freundliche Glnzen brennender
Spne einladend entgegenschimmerte.
    Als Pink-Heinrich die schwere Lehmthre aufzog, gewahrte er in dem groen
Raume eine Scene, die ihm ein paar Secunden lang an die Schwelle fesselte.
    Wir bitten den Leser, sich zu erinnern, da die Gesindestube im Zeiselhofe
ein groes, mehr langes als breites Zimmer war mit einer Menge Fenster, einer
sehr langen Tafel von grobem Holz und einer rund um die Wand laufenden Bank.
Dieses Zimmer hatte im Laufe der Zeit keine Vernderung erlitten, es war nicht
einmal ausgeweit worden. Der ungeheure Kachelofen mit dem bequemen Lager hinter
ihm, dieselben Schemel und Bnke, wie vor vierzig Jahren, nur wurmstichiger als
damals, fllten den nicht eben freundlichen Raum. Sogar das Gezirp und Geschrill
der zahllosen Heimchen hatte sich eher vermehrt als vermindert, denn Niemand war
es eingefallen, diese unschuldigen Thierchen zu vertreiben.
    Der Maulwurffnger brachte, wenn man will, aus Angewohnheit gern ein paar
Stunden in diesem gemeinschaftlichen Plauderzimmer der Dienstleute zu, denn er
liebte es noch immer, das Dienstpersonal mit alten Geschichten zu unterhalten,
die hbschen Mgde zu necken und aufzuziehen. Auch mochte ihn alte
Anhnglichkeit und jene unerklrliche Wehmuth der Sehnsucht, die sich an Orte
knpft, wo uns in frheren Zeiten Wichtiges begegnet ist, mit energischer Gewalt
dahin ziehen.
    In diesem Raume nun, den auer den dunkel brennenden Spnen an beiden Enden
der langen Gesindetafel noch einige dnne Talglichter sehr unvollkommen
erleuchteten, gewahrte der Maulwurffnger eine rhrende Gruppe. Umwallt von
blulichen Rauchwolken, die aus dem erlschenden Wacholderreisigfeuer auf dem
geziegelten Theile der groen Stube aufwirbelten, sa eine hagere, fast ganz
wei gekleidete Frau in Landestracht auf der Ofenbank. Um den Kopf trug sie nach
Art alter Frauen ein blau und wei geblmtes Tuch, das am Hinterkopf in einen
einfachen Knoten verschlungen war und beide Zipfel nach beiden Seiten steif
ausbreitete. Ihr zur Rechten sa Herta in modernem schwarzseidenen Gewande. Zur
Linken schmiegte sich die liebliche schlanke Gestalt Elwirens an die alte Frau
und lehnte ihren schnen Lockenopf auf deren Schulter. Alle Drei schluchzten
leise. Unfern von dieser Gruppe sah man auf der Wandbank einen jungen Mann mit
verbundenen Hnden sitzen, neben dem ein anderer ergrauter starker Mann aufrecht
stand und mit Aurel, der am Gesindetische lehnte, ein lebhaftes Gesprch
unterhielt.
    Du mein Jesus, Marie! rief jetzt der Maulwurffnger und schritt hastig auf
die Gruppe am Ofen zu. Kehren denn die alten Zeiten zurck ganz und gar? Wie
viele Male habe ich Dich just auf demselben Oertl sitzen und weinen sehen, wenn
ich des Abends einsprach um Essenszeit und der arge Schalk von Groknecht, der
nun so lange Jahre schon Dein Eheherr ist, Dir die Suppe mit dem graugrnen
Heimlichzeuge verdarb! Aber was weinst Du denn, Marie? Ist's nicht eine rechte
Gottesfgung, da er Alle, die sich lieb haben, so kurz vorm Niederlegen zum
ewigen Schlafe, noch einmal zusammenfhrt? Ich meines Theils danke ihm dafr von
Herzen, und auch Du wirst es thun, gute Marie, wenn Du erst den groen Verlust
verschmerzt hast, der Dich betroffen! Freilich, freilich, noch abzubrennen auf
seine alten Tage und gleichsam an den Bettelstab gerathen, das ist hart! Aber,
Gott Lob, noch gibt es redliche Menschen, die arme brave Lente nicht verkommen
lassen in unverschuldetem Unglck! - Guten Abend, Leberecht! Willkommen,
Eduard!
    Und der treuherzige Mann reichte sowohl Vater wie Sohn seine harte ehrliche
Hand.
    Die blinde Marie erkannte den alten Freund an der Stimme. Gewaltsam hielt
sie die Thrnen zurck, stammelte einen guten Abend und streckte ihm ihre weie
abgemagerte Hand entgegen.
    Sapperment, bin ich denn gar so durchsichtig geworden? lachte der
Maulwurffnger. Du greifst ja frisch weg in den blauen Dunst hinein, der mich
gar angenehm in die Nase sticht! Hier, alte Mutter, hier ist der gutmthige
Narr, der sein Lebelang fr andere Leute seine eigene Haut zu Markte trug!
    Gott erhalte Dich noch lange gesund, Heinrich! erwiederte Marie, mit
beiden Hnden die Rechte des alten Freundes ergreifend. Gott schenke Dir noch
viele viele frohe Tage und behte das Licht Deiner Augen!
    Das wolle er in Gnaden thun, der gute alte Gott, sonst mcht' es mir bel
ergehen auf meine alten Tage! Ich habe weder Kind noch Kegel, und die Hand, die
mich pflegen wird, soll noch geboren werden.
    Wir setzten uns dann neben einander, Heinrich, auf den grnen Plan vor dem
Gemeindehause, und wenn wir die warme Sonne auf dem Gesichte fhlten, bildeten
wir uns ein, wir knnten auch noch die von ihr beschienene Landschaft sehen.
    Aber Marie! Wie magst Du so reden!
    Die Mutter ist blind, sagte Eduard kalt. In der Stunde, wo das Licht
ihrer Augen erlosch, ging unser Huschen in Flammen auf und ich verbrannte mich
zum Krppel! Auf dieser Welt kann ich keinen Faden mehr drehen, keinen Schtzen
mehr schnellen! Ich mu eben betteln gehen, wenn mitleidige Seelen sich meiner
nicht erbarmen.
    Der Maulwurffnger erblate bei dieser Nachricht, seine stets sichere Hand
zitterte. Er mute sich auf seinen Wanderstab sttzen, um nicht
zusammezubrechen. Inzwischen ergiff Leberecht eines der Talglichter und nherte
sich Marien, die noch die Hand des alten Freundes umklammert hielt und ihre
lichtblauen Augen, ber deren Sternen graue Nebelwolken lagen, fest auf ihn
richtete. Bei diesem Anblick schossen auch dem Maulwurffnger die Thrnen
unaufhaltsam in die Augen und laut schluchzend warf er sich nieder auf die Knie
und drckte sein Gesicht in die linnene Kleidung der Jugendfreundin.
    Wie war dies mglich, Marie? sagte er nach einer Pause. Wie bist Du um
Deine Augen gekommen, armer Engel?
    Durch die Arbeit! seufzte die Blinde. Das Weben bei Nacht vertrugen meine
Augen nicht, und weil sie mich so sehr schmerzten und das Licht nicht mehr
ertragen konnten, lschte sie der liebe Gott lieber ganz aus. Seit ich blind
bin, habe ich keine Schmerzen mehr. Auch das Leid Anderer rhrt mich nicht, denn
ich sehe ja nicht ihr Elend! O ich sage Dir, Pink-Heinrich, eine grere
Wohlthat als Blindheit kann es fr den gefhlvollen Armen nicht geben! Ihn qult
nichts und doch hat Jeder Erbarmen mit ihm! Unaufgefordert empfngt der Blinde
Gaben, whrend andere elendiglich Darbende hart angelassen und unbeschenkt
fortgewiesen werden! Darum danke Gott, alter Freund, da er mir das Licht der
Augen genommen hat, als es Zeit war. Ich kann nun ruhig sein wegen meiner
Zukunft und geduldig der Stunde harren, wo der Ewige mich rufen wird.
    Hat Euch Paul mein Schreiben eingehndigt? fragte jetzt Aurel, um diesen
schmerzlichen Auftritt zu beendigen. Ich bin dann begierig, Eure Meinung zu
hren.
    Um uns mit Ihnen zu berathen, Herr Kapitn, sind wir Beide, Sloboda und
ich, unverweilt mit Paul hierher gekommen. Es steht nicht Alles gut um
Boberstein!
    Von meinem Enkel erfuhren wir die Verirrung Martells, sagte der alte
Wende. Wir vermuthen, da eine bse List dahinter verborgen liegt.
    Dieser Ansicht bin ich ebenfalls, wackere Freunde, doch macht sie mir wenig
Sorge. Martell ist ein sehr krftiger Mann, den sein geistiger Stolz schon nicht
untergehen lt. Er schmachtet nach Vergeltung, und weil er diese nicht in der
Art ben kann, wie er es vielleicht wnscht, gerth er auf Abwege. Mehr
bekmmert mich das Verschwinden des Hamburger Trdlers! Ihn mssen wir
auskundschaften, sonst laufen wir Gefahr, unsere Absicht nur zur Hlfte zu
erreichen. Habt Ihr eine Vermuthung, Heinrich?
    Blos unbestimmte, Herr Kapitn.
    Lat hren!
    Bewahre mich der Himmel! Was ich denke, erfhrt gegenwrtig kein Mensch!
Aber ich bin der Meinung, Spione nach Boberstein zu schicken.
    Wollt Ihr selbst einen so schwierigen Posten bernehmen?
    Htte ich nur zwanzig Jahre weniger auf dem Rcken, so machte ich mir wohl
den Spa, aber jetzt, Herr Kapitn, jetzt bin ich doch etwas zu unzuverlssig
geworden. Ein flinker Junge wie der Gilbert ist der rechte Mann dazu.
    Er ist zu leichtsinnig, zu verliebt!
    Desto mehr wagt er, und einen Wagehals brauchen wir. Kann er auch zechen?
    Wie ein Bacchus!
    So ist er wie geschaffen zu dem Posten, den ich ihm zugedacht habe.
    Ihr wollt Martell einen Gefhrten geben, nicht wahr?
    Einen Gefhrten und einen Spion zugleich! Ein Bursche, der es mit dem
Spinner und seinen Freunden aufnimmt, kann auch erfahren, wer den fremden
Khlern immer von Neuem den Geldbeutel fllt!
    Dies leuchtete Aurel ein, und nach kurzem Bedenken gab er seine Zustimmung.
Unterdessen war es auch den vereinten Bemhungen Hertas und Elwirens gelungen,
die Blinde zu beruhigen, indem sie nicht allein ihr selbst, sondern eben so
bestimmt auch Leberecht und Eduard Obdach und Unterhalt zusicherten. Marie
prete Herta's Hnde wiederholt an ihre Lippen, ohne Worte des Dankes fr so
viel Liebe und Theilnahme zu finden. Es erschtterte die gealterte, von tausend
Strmen durch ein sorgenschweres Leben gepeitschte Frau tief, da sie am Ende
ihres Erdenwandels wieder durch die Noth an dieselbe Bank gefesselt war, die sie
vor mehr als vierzig Jahren ebenfalls nur zu ihrem traurigen Ruhesitz hatte
erwhlen mssen. Nur waren die Gefhle, welche jetzt in ihr aufstiegen, Gefhle
des Dankes, und trotz ihrer unheilbaren Blindheit mute sie sich schweigend doch
sagen, da der Allmchtige sie wunderbar und gut gefhrt habe!
    Mit einigem Gerusch erschienen jetzt die Knechte und Mgde, um ihr frugales
Abendbrod gemeinsam zu verzehren. Aurel hatte nicht die Absicht, durch seine und
der Frauen Gegenwart diese braven, arbeitsamen Menschen in ihrer Unterhaltung zu
stren, und bot deshalb seiner Tante den Arm, um sie in ihre Zimmer zu geleiten.
    Ich hoffe, Ihr und Euer alter Freund werdet den Thee mit uns trinken,
sagte er im Aufbrechen zu dem Maulwurffnger. Gilbert wird ebenfalls erscheinen
und so knnen wir ohne groe Mhe gleich Alles ins Reine bringen.
    Der Maulwurffnger schlug blinzelnd sein graues Auge zu dem Kapitn auf und
sah ihn mit der schlauesten Miene an, die seine Gesichtszge annehmen konnten.
    Wollen der Herr Kapitn, da ich oberlndisch sprechen darf? sagte er
lchelnd.
    Ganz nach Belieben, braver Alter!
    Nun dann bitt' ich ganz gehorsamst um Urlaub, mein Herr Kapitn! Die
gndige Grfin und ihr wunderschnes Nichtchen verstehen zwar einen Thee
zusammen zu brauen, wie ihn meine alte Zunge ihr Tage nicht geschlrft hat, aber
ein richtiges Maulwurffngerabendbrod ist's denn doch nicht! Da in dem Bauche
des alten Kachelofens habe ich einen Topf berlaufen sehen, der ein genaues
Viertel Erdbirnen enthalten mag, und der Duft von diesen lieben Knollen kitzelt
mich noch in der Nase. Auch habe ich einen starken Apettit, vornehmlich auf eine
nahrhafte, gut geschmalzte Mehlsuppe, wie sie dort auf dem Tische dampft. Finden
Sie es also nicht gar zu grob und despectirlich, so bleibe ich mit sammt dem
Alten da und seinem Enkel in der Gesindestube, helfe die Riesenschssel mit dem
schnen Reimspruche am Rande mit auslffeln und schle nachher der blinden
Mutter dort einen Teller voll Erdbirnrn, was sie in ihren jungen Tagen oft aus
purer Liebe mir ebenfalls gethan hat. Die mehligen Knollen schmecken mir noch
einmal so gut, wenn die hbsche Marie die Schalen mit ihren kleinen dicken
Fingern so appetitlich abzog.
    Dies Lob des alten Mannes machte die Blinde lcheln. Zugleich ward sie aber
auch gerhrt von Pink-Heinrichs Anhnglichkeit, und die Hand gegen ihn
ausstreckend, sagte sie:
    Habt Dank, Alter! Die blinde Mutter wird heut mit Euch zu Abend essen, und
wenn auch ein paar Thrnen aus ihren erloschenen Augen mit auf Euern hlzernen
Teller fallen, Ihr werdet ihr deshalb doch nicht grollen.
    Herta traten die Thrnen in die Augen. Sie entzog Aurel ihren Arm, um in dem
vorgehaltenen Taschentuche ihre Rhrung zu verbergen.
    Gelt, Herr Kapitn, Sie entschuldigen den Grobian von Maulwurffnger und
lassen ihn in der alten rucherigen Erdfahrt, in die er von Rechts wegen
gehrt?
    Gott segne Euch und Euer Mahl! rief Aurel bewegt. Lat es Euch so wohl
schmecken wie in Euren besten Tagen! Gilbert werde ich von Euch gren und auf
seine Sendung vorbereiten.
    Unter dem lauten und gemeinsamen Zuruf aller Dienstboten, die ihrer
Herrschaft von Herzen gute Nacht wnschten, verlie Aurel mit Herta und Elwire
die Gesindestube.
    Auf dem Wege nach dem Herrnhause fragte der Kapitn Elwire: ob er sie auf
einige Minuten in ihrem Zimmer sprechen knne? Das schne Mdchen gab mit
Herzklopfen ihre Einwilligung und Aurel beurlaubte sich fr kurze Zeit bei
seiner Tante, nachdem er sie in das uns bekannte Zimmer gefhrt hatte, wo die
immer geschftige Emma ihre Gebieterin empfing.
    Mit niedergeschlagenen Augen begrte Elwire ihren Vetter. Auch Aurel war
ein klein wenig befangen, da er heut nicht seinen gewhnlichen, scherzhaft
kecken Ton anstimmen wollte, in den er gern bei ungenirter Unterhaltung mit
jungen Mdchen verfiel.
    Liebe Elwire, sagte er nach einigen unbedeutenden Fragen, die das kluge
Mdchen gewi belacht htte, wre sie nicht eben so befangen gewesen, wie Aurel.
Liebe Elrwire, ich erbat mir die Erlaubni zu diesem Gesprch unter vier Augen,
um von Ihren schnen Lippen mein Schicksal zu erfahren.
    Glauben Sie, da ich wahrsagen kann? fiel Elwire mit einem reizenden
Anflug von Uebermuth ein. Emma hat mir nie Unterricht gegeben in der Kunst, aus
den gemalten Herzen auf Kartenblttern die Geheimnisse in den Herzen der
Menschen zu errathen.
    Sie spotten, Elwire! Ist es mglich, da Sie mich so gar nicht verstehen,
da ich Ihnen ein Fremder geblieben bin?
    Auf diese mit sichtbarer innerer Bewegung gesprochenen Worte senkte Elwire
den Kopf und seufzte. Bitte, sprechen Sie! sagte sie kaum hrbar, aber
unendlich sanft und zrtlich.
    Ja, das sind Sie, das ist wieder die schchterne Taube, die sich duckend an
meine schtzende Brust flchtete und an dieser wieder zum Leben erwachte! - Wozu
viele Worte machen, theure Elwire, wozu in langen nichtssagenden Tiraden die
heiligsten Empfindungen des Herzens profanisiren, wenn es doch so einfach, so
natrlich ist, durch einen einzigen Blick, einen herzlichen Hndedruck sich zu
verstndigen! Sie kennen mich zur Genge, meine schne Cousine, um lngst zu
wissen, da ich ein Feind aller Umschweife bin. Ich liebe ein gerades, offenes
Wesen, ein klares bestimmtes Wort. Ein solches Wort will ich jetzt an Sie
richten, indem ich die Bitte hinzufge, mir durch ein eben so gerades Wort zu
antworten. Wollen Sie?
    Elwire lie ihre Hand, welche Aurel ergriffen hatte, in der seinigen und
schlug ihre groen sanften Augen zu ihm auf. Sie sprach nicht, aber ihr Blick
sagte dem Kapitn, da sie seinen Wunsch erfllen werde.
    Wir drfen hoffen, suhr Aurel fort, da binnen wenigen Monden dieser
anscheinend so verwickelte Proze?, der uns hier zusammengefhrt hat, sein Ende
erreicht. Ich bin keineswegs in Sorge oder nur zweifelhaft ber seinen Ausgang,
denn Alles, was zur Bildung eines gerechten Urtheils, selbst im Sinne unserer
hchst unvollkommenen Gesetze nthig war, ist beinahe im Uebermae vorhanden.
Alle aufgefundenen Documente sind als cht von Zeugen beschworen worden und so
hat denn unser altes sndhaftes Geschlecht eine Anzahl von Verwandten bekommen,
die spterhin nach Magabe des Richterspruches Antheil haben werden an unsern
Gtern. Ich wei aus den Berichten unseres Anwaltes, da dieser Spruch sehr bald
erfolgen wird und mu, und bin schon jetzt hoch erfreut darber, da viele
Menschen durch ihn glcklich, wohl nur ein Einziger unglcklich werden wird. Da
dieser Einzige grade mein ltester Bruder ist, schmerzt mich tief, ich nehme es
aber als eine gerechte Schickung der Vorsehung hin, die verjhrte Frevel und
Vergehungen so oft in eigenthmlicher Weise bestraft. Wre Adrian gengsam,
htte er sein Herz nicht verstockt, so wrde er die Armen mit Brderarmen
umschlingen und sich mit uns freuen! Er will es nicht, darum walte das
Schicksal! - Ich rufe Ihnen dies jetzt ins Gedchtni zurck, weil ja auch Sie
an dem gemeinsamen Glck Antheil haben werden. Wollen Sie diesen Antheil allein,
fr sich, getrennt von Andern genieen?
    So lange meine geliebte Tante lebt, werde ich mich nicht von ihr trennen!
    Unter keiner Bedingung, Elwire? Wirklich unter keiner? - Sie seufzen! Ach
geben Sie diesem Seufzer Worte! Lassen Sie Ihr Herz sprechen, wie das meinige zu
Ihnen spricht! Knpfen Sie Ihr Schicksal an das meinige!
    Aurel fhlte die Hand Elwirens in der seinigen zittern, aber sie schwieg,
den Blick zu Boden gesenkt. Mit gedmpfter Stimme fuhr Aurel fort:
    Ein Wort, Elwire, ein einziges Wort gengt, um mich glcklich zu machen!
Knnen Sie dieses Wort nicht aussprechen, so drfen Sie versichert sein, da
Kapitn Aurel nicht eine zweite dringende Bitte an Sie richten wird! Nur jetzt,
in diesem geheiligten Augenblick gestatten Sie, da ich Ihnen einmal sagen darf:
ich liebe Dich, theure Elwire!
    Aurel drckte heftig ihre Hand an seine Lippen und heftete wieder fragend
sein brennendes Auge auf die liebliche zarte Gestalt.
    Elwire! bat er. Ist es denn so schwer, sich zu entscheiden? La mich in
Dein Auge schauen! In ihm will ich lesen, ob ber meinem zuknftigen Dasein der
Azurbogen eines sonnigen Himmels schweben soll!
    Da erhob Elwire zgernd ihr schnes Haupt, die Blicke begegneten sich und
jauchzend sanken sie einander in die Arme.
    Ewig Dein! hauchte Elwire, als Aurel die bebende Braut wieder aufrichtete.
Mchte es mir nur auch vergnnt sein, Dir ein kleiner lichter Stern am Himmel
Deines Lebens zu werden!
    Lchelnd schlo ihr Aurel den lieblichen Mund durch einen Ku.
    Zu Herta! sagte er. Die Gromutter mu ihre kleine verliebte Nichte doch
ein wenig schelten, da sie unter ihren Augen mit dem schelmischen Gott Amor
geheime Zwiesprach gepflogen hat.
    Elwire lchelte jetzt ebenfalls schelmisch, hpfte leichten Fues am Arme
Aurels in Herta's Zimmer und lie sich von dem Kapitn der liebreichen Tante als
Braut vorstellen.
    Hat sie doch endlich geplaudert, der liebe Schalk? sagte Herta, legte die
Hnde der Liebenden in einander und gab ihnen ihren gromtterlichen Segen.
    Als gleich darauf Gilbert eintrat und die Verlobung erfuhr, schnitt er ein
sehr verdrieliches Gesicht, das sich inde sehr bald wieder aufheiterte, da er
den Auftrag erhielt, am nchsten Tage nach Boberstein abzureisen.
    Das ist hchst gescheidt von dem Kapitn, sagte er nach eingenommenem
Thee. Heirathen mag ich zwar nicht, aber lieben mu ich wieder. Und dazu ist
Bianca die passendste Person!

                                Viertes Kapitel.



                           Das Erwachen der Nemesis.

Es schlug neun auf der Fabrikuhr. Die Nacht war finster, die Luft still. Das
gewhnliche Brausen der Haide erstarb in einem kaum bemerkbaren Suseln und
Flstern. Als der letzte Glockenschlag verhallte, stie die Fhre vom Lande und
durchschnitt langsam die trgen schwarzen Gewsser des See's, der groe schwere
Eisschollen in Menge trieb.
    Auf dieser Fhre kehrte Adrian von seinem heimlichen Besuche im Raubhause
zurck. Es war derselbe Abend, an dem wir die blinde Marie auf dem Zeiselhofe
begrt haben, beinah dieselbe Stunde, in welcher Aurel Elwiren seine Liebe
gestand.
    Adrian holte tief und seufzend Athem, als er den Lichtschein am Ufer der
Insel durch die Jalousien schimmern und im Wasser des Sees sich wiederspiegeln
sah. Auf diesen kleinen flimmernden Lichtpunkt heftete er sein Auge, als liege
in dem schwankenden Flmmchen ein unwiderstehlicher Zauber. Die blendenden
Reihen der erleuchteten Fenster der Fabrik zogen ihn heut nicht an.
    Wie kam es, da Adrian sein hohles Auge unter Herzklopfen an jenen irrlicht
trben Lichtschimmer heftete, der spielend auf dem Gewsser gaukelte? Um diesen
geheimnivollen Zauber zu begreifen, mssen wir die prchtige Wohnung des
Fabrikherrn betreten und uns in dieser etwas genauer umsehen. -
    Hier kommen wir in ein kleines behagliches Zimmer, dessen Wnde mit blauen
Tapeten ausgeschlagen sind. Ein reiches Mblement gibt diesem wohnlichen Zimmer
jenen fesselnden Reiz, den wahrer Comfort immer mit sich fhrt. Vor einem hohen
und breiten, in kostbaren Goldrahmen gefaten Spiegel brennen auf zwei
dreiarmigen Leuchtern starke Wachskerzen und gieen ihr volles stilles Licht
ber eine weibliche Gestalt aus, die auf gesticktem Sessel in einem blendend
weien Kleide kniet und eben damit beschftigt ist, in ihr prchtiges schwarzes
Haar eine purpurrothe Camelie zu befestigen. Die schnen glnzenden Flechten
sind am Hinterhaupt in einen einfachen geschmackvollen griechischen Knoten
verschlungen, und nur um die Schlfe und die feinen Ohren ringeln sich einige
lange Locken.
    Dieses Mdchen ist Bianca, die ihre Abendtoilette macht. Die zarten Hllen
des weien Kleides mit den kurzen Aermeln, die ein breiter Spitzenbesatz
umflattert, zeigen ihren schlanken und doch edlen Wuchs auf das Vortheilhafteste
und erhhen die natrliche Anmuth des schnen Geschpfes noch durch ihre
ausgesuchte Einfachheit, in welcher ein Kenner die raffinirteste Koketterie
erblicken wrde.
    Bianca betrachtet sich lange im Spiegel, lt die starken schwarzen Locken
so lange durch ihre Finger laufen, bis sie die marmorweien vollen Schultern
berhren, welche das weit ausgeschnittene Kleid nicht verhllt. Um den schlanken
Hals trgt sie ein Collier von chten Perlen, deren reines Wasser gegen den
zarten Glanz der sammetnen Haut nicht aufkommen kann. Es ist ein Geschenk
Adrians, Bianca aber findet heut Abend, da Nacken, Hals und Brust ohne diesen
kostbaren Schmuck verfhrerischer sind, und so legt sie es denn mit kaltem
Lcheln wieder in die Sammetkapsel, der sie es entnommen hat. Nun verlt sie
den Sessel, ergreift einen der Leuchter, erhebt ihn bis zur Hhe ihrer Achseln,
und den Blick immer fest auf den Spiegel richtend, dreht sie sich langsam im
Kreise um sich selbst. Bei diesem koketten Spiel stahl sich der Strahl des
Lichtes durch die halbgeffnete Jalousie und hpfte verlockend, gleich einer
dmonischen Flamme vor der rauschenden Fhre her, welche den Herrn am Stein nach
der Insel trug.
    Bianca machte ihrem Spiegelbilde mit reizendem Lcheln eine grazise
Verbeugung, setzte den Leuchter wieder fort und schlang ein rosaseidnes Band
grtelartig um ihre schlanke Taille. Erst nachdem dies geschehen war, erklrte
sie mit stolzem Kopfnicken ihre Toilette fr beendigt, schritt bedchtig durch
mehrere Gemcher, bis sie Adrians Wohnzimmer erreichte, wo sie Alles zum
Abendtisch ordnete. Dann zog sie sich zurck und ging, die Hnde ber dem
klopfenden Busen gefaltet, sinnend im Zimmer auf und nieder.
    Bald darauf hrte sie die befehlshaberische Stimme Adrians. Sie erbebte leis
und ein fulckelnder Blitz scho aus ihren groen schwarzen Augen. Ihre
schwellenden Lippen zuckten und ein Zug bitteren Hohnes, ja tiefer Verachtung
verunstaltete auf einige Secunden ihr tadellos schnes Gesicht. Lauschend blieb
sie an der Thr stehen, die Stirn in ihre linke Hand sttzend, an deren kleinem
Finger ein Brillantring blitzte. Als sie sich berzeugt hatte, da ihr Gebieter
nach seinem Zimmer gegangen sei, zog sie ein zusammengefalteles Blatt aus dem
Busen, schlang schnell eine bereit liegende Schnur darum, an welcher ein
Schlssel hing, ffnete eben so rasch Fenster und Jalousie und warf Beides unter
dreimaligem Husten hinaus. Bald darauf schlpfte hinter der Scheuer, auf deren
Tenne Adrian die verhungerten Kinder ausgestellt hatte, eine dunkle hohe Gestalt
hervor, schlich behutsam nach dem Hause und ergriff das weie Papier, das Bianca
absichtlich ruckweise am Boden flattern lie. Als sie es in den rechten Hnden
wute, lie sie die Schnur fallen, der nchtliche Gast verschwand wieder hinter
der Scheuer und Bianca schlo behutsam ihr Fenster.
    Wieder trat sie vor den Spiegel, um sich von ihrem Liebreiz zu berzeugen.
Sie sah jetzt weit bleicher aus, als zuvor, allein diese Blsse that ihren
Reizen keinen Abbruch, sondern machte sie eher noch verfhrerischer. Selbst ihr
Lcheln, das nichts weiblich Sanftes an sich hatte, und nur wie eine Maske ber
die ursprnglich reinen Zge geworfen war, konnte durch die Eigenthmlichkeit
des spttischen Ausdruckes bezaubern, in dem sich Schallhaftigkeit und Laune
hchst anmuthig umarmten.
    Fast erschpft lehnte sich Bianca jetzt an den Divan und wartete ruhig, bis
sie Adrians Schritte vernahm. Vor diesem Tone schauderte sie zusammen, ob vor
Wonne oder Entsetzen wrde schwer zu entscheiden gewesen sein, denn ihr Blick
blieb kalt, ihre Miene ruhig.
    Sie ergriff abermals einen der Armleuchter, und indem sie das Zimmer
verlie, sprach sie flsternd zu sich selbst:
    Nun, Gott der Rache, sende mir Deine schrecklichen Engel, da ich ihn
zchtigen mag, wie er es verdient hat!
    Und mit dem sesten, verfhrerischsten Lcheln verschmter Liebe trat sie
in Adrians Zimmer. -
    Der Herr am Stein war sehr zufrieden mit seiner jungen schnen Haushlterin.
Bianca war fleiig, sorgsam, accurat und die Aufmerksamkeit selbst. Besser war
Adrian nie bedient worden, delicater hatte er nie gespeist. Und was ihm
besonders gefiel, war, da Bianca selbst die Stelle eines Dieners versah und ihm
eigenhndig die Speisen reichte. Dabei erschien sie tglich in geschmackvoller
Kleidung, immer einfach und immer reizend.
    Zwar bat Adrian das schne Mdchen, es mge die Aufwartung seinen Bedienten
berlassen und Theil nehmen an seinem Mahle; wie dringend er aber auch bat,
Bianca lie sich nicht dazu bewegen. Sie wisse gar wohl, was ihr zukomme,
behauptete sie mit dem allerschelmischsten Blick ihrer leidenschaftlichen Augen,
und wenn der gndige Herr nur zufrieden sei mit ihren Leistungen, so wrde sie
mit dem grten Vergngen als Dienerin ihm whrend der Mahlzeit Gesellschaft
leisten. -
    Von diesem Entschlusse war Bianca nicht abzubringen, so groe Mhe sich
Adrian auch gab. Sie legte ihm vor, wenn er es wnschte, sie setzte sich auch
auf Verlangen neben ihn und unterhielt ihn munter plaudernd mit allerliebsten
Geschichten. Dabei benahm sie sich so unbefangen, wie ein unschuldiges Kind von
funfzehn Jahren. Sie streifte mit ihren warmen bloen, runden Schultern beim
Darreichen einer Schssel Adrians Wangen, da der sinnlich erregte Mann von der
elektrischen Berhrung des schnen Mdchens zitterte, oder sie beugte sich mit
zur Seite geneigtem Kopf zu ihm herab, mit Mund und Augen zugleich eine Frage an
ihn richtend, wobei der arme Mann nothwendig seine Blicke auf den weien
klopfenden Busen der schlauen Verfhrerin richten mute, der die zarten Bande,
die ihn gefesselt hielten, zu sprengen drohte.
    Schon beim ersten Besuche Bianca's war Adrian in das Netz dieses unendlich
verfhrerischen Geschpfes gerathen, wie wir wissen. Das heitere, verschmte,
naive Mdchen hatte ihn so gefesselt, da er bei sich beschlo, ihr nach
Beendigung des Prozesses seine Hand zu reichen. Da Bianca einen solchen ihr
gemachten Antrag ausschlagen knne, daran dachte er nicht. Er selbst glaubte
sich noch rstig und liebenswrdig genug, um einem schnen Mdchen ohne Namen
und Vermgen Liebe einflen zu knnen. Auch verlangte er nicht Unmgliches oder
nur Seltenes. Eine stille Neigung, ein freundliches Anschmiegen, ein
aufmerksames Eingehen auf seine Wnsche zog er in jeder Hinsicht aufreibender
Leidenschaftlichkeit und qulender argwhnischer Eifersucht vor, womit liebende
Mdchen so gern den leidenschaftlich geliebten Mann peinigen. Leider aber
passirte Adrian bei aller Verstandesklte im Umgange mit Bianca selbst das
Unglck, da er sich mit aller Leidenschaft, deren die Sinne fhig sind, in
seine jugendliche Haushlterin verliebte. Und Bianca, das schuldlose Kind,
merkte gar nichts von dem Unglck, das sie angerichtet hatte! Immer lchelnd,
immer guter Laune, tglich in reizenderem Costme umschwebte die schalkhafte
Sirene den stolzen Fabrikherrn und gab auf all seine Fragen die scherzhaftesten
Antworten; errthete, wenn er ziemlich verstndlich auf die Gefhle anspielte,
die sie in ihm erregte, und wehrte schchtern, aber standhaft jede vertrauliche
Liebkosung ab mit der ernsthaften Bemerkung, dergleichen schicke sich nicht! -
Gleich darauf war sie aber schon wieder die alte verfhrerische Fee, die mit
gebter Kunst und diabolischer Sicherheit ihre tdtlich treffenden Liebespfeile
auf das unbewachte Herz ihres unglcklichen Opfers abscho.
    Durch dieses schlaue Betragen erreichte Bianca in unglaublich kurzer Zeit
ihren Zweck. Es war wohlberdachter Plan bei ihr, den Verfhrer und Mrder ihrer
armen Schwester bis zum Wahnsinn in sich verliebt zu machen, ohne die geringste
Hoffnung auf Gegenliebe in ihm aufkommen zu lassen. Sie wute im Voraus, da ihr
dies vollkommen gelingen wrde, und deshalb rstete sie sich mit dem ganzen
Scharfsinn weiblicher List aus, um Schritt vor Schritt langsam und sicher ihr
Opfer zu umgarnen.
    Adrian widerstand Bianca's meisterhaft geheuchelter Zrtlichkeit, die jedoch
immer die Zrtlichkeit eines schuldlosen Kindes von hchster Anmuth blieb, nicht
einen Tag, er widerstand ihr um so weniger, als er das reizende Mdchen zu
seiner Gattin erheben und durch Freundlichkeit sich ihm geneigt machen wollte.
Darum berhufte er sie schnell mit kostbaren Geschenken und lie sie ahnen, was
er fr sie fhlte. Ihr scheues Zurckschrecken bei solchen Andeutungen war ihm
freilich nicht angenehm, da es ein lngeres Bewerben in Aussicht stellte.
Tglich, oft stndlich von Bianca bis zu dem hchsten Gipfel sinnlicher Erregung
gereizt, berhrt von ihren vollen Armen, gestreichelt von ihren Hnden, den
sen Athem ihres Mundes auf seinen Lippen fhlend, berall von ihr unrschwebt,
gerieth Adrian in einen fieberhaft exaltirten Zustand, der ihn leiblich und
geistig verzehrte und schnell aufzureiben drohte. Er verfiel zusehends, seine
Augen sanken zurck in ihre braunen Hhlen, in denen sie wie gefesselte Tiger
lagen und grollend unheimliche Gluthblicke auf Jeden warfen, der ihm nahte.
    Am Tage war dieser Zustand noch zu ertragen, denn dann weidete sich der
unglckliche Liebende an seiner grausamen Zauberin, aber des Nachts erreichte
die Pein der rasenden Leidenschaft, die sich seiner bemchtigt hatte, die grte
Hhe irdischer Folterqualen. Adrian fiel in einen traumdurchrasten Schlaf, der
ihm in tausend bunten Gestalten immer und immer Bianca's liebreizende Gestalt
vorfhrte, und zwar in so lockender Schne, da ein Verschwinden dieses lchelnd
an ihn heranschwebenden Bildes dem furchtbarsten Seelenschmerz gleichkan. Und
doch wiederholte sich dieser hllische Zauber unzhlige Male immer von Neuem in
jeder Nacht, und dem Unglcklichen war es nicht einmal vergnnt, die Locken
seiner sen Peinigerin zu kssen, wie viel weniger, sie an sein strmisch
klopfendes Herz zu reien und an ihrem Busen, in ihren Kssen die Gluth zu
khlen, die ihn verzehrte! Khl und ernsthaft wie am Tage enlschlpfte sie ihm
auch im Traume, um sogleich wieder ihr gaukelndes Liebesspiel anzufangen und mit
immer schrecklicheren Zaubern den Gefangenen auf ewig zu binden.
    Diese gttlichen Trume voll ser Hllenqualen wechselten ab mit jenen
dstern Erscheinungen, die Adrian seit seiner Krankheit hufig im Schlafe
verfolgten, wie wir wissen. Auf diese Weise glich sein Leben seit Bianca zu ihm
gezogen war, einer nie endenden Folter. Er mute sich dies selbst gestehen, aber
schon hatte ihn die grausame Schne so ganz mit ihren diabolischen Zauberfden
umsponnen, da er lieber diese Qual fort erdulden und sie immer um sich wissen,
als ohne sie in vielleicht hnlicher Pein fortleben wollte.
    Der schlauen, ihren Plan mit wahrhaft entsetzlicher Consequenz verfolgenden
Bianca blieb diese Verwandlung ihr Gebieters kein Geheimni. Nur Adrian
gegenber that sie, als she und ahne sie nichts. Als sie bemerkte, da der Graf
nach Tische auf seinem Zimmer kurze Zeit zu schlummern versuchte, schlich sie
auf den Zehen bis an die Thr, legte ihr Ohr an das Schlsselloch und horchte
gespannt, ob er vielleicht im Schlafe spreche. Sie hatte sich nicht getuscht.
Sobald der Schlaf Adrians Augenlider schlo, ffneten sich vor den Blicken
seiner Seele die Pforten der Pein und nach wenigen Tagen wute Bianca, da unter
allen Gestalten, die um den Schlfer schwebten, sie selbst und ihre verstorbene
Schwester am hufigsten wiederkehrten.
    Da flog ein glnzendes Lcheln rachschtiger Freude ber die schnen Zge
des Mdchens, und die kleine Hand ballend, schwor sie, dem Verhaten noch
schrecklichere Qualen zu bereiten.
    Die Folter des Unglcklichen sollte in dieser Nacht beginnen!
    Um ihren Zweck zu erreichen, hatte sich Bianca mehr wie je mit allem
Liebreiz geschmckt und keine der vielen kleinen Toilettenknste verschmht, die
liebenden Mnnern so gefhrlich werden. Als sie nun die Rckkunft des Grafen
hrte und die Klingel desselben vernahm, begab sie sich, wie wir wissen, nach
seinem Zimmer.
    Adrian hatte, ermdet von der beschwerlichen nchtlichen Fahrt durch den
morastigen Wald, bereits sein Hauslkeid angelegt und es sich in dem behaglichen
Zimmer bequem gemacht. Auf Bianca's Befehl war der runde Tisch schon gedeckt und
mit Allem versehen, was zu einem reichlichen Abendimbi erforderlich war. Sie
selbst hatte nur fr Bereitung des Thees Sorge zu tragen, und den Grafen, wie er
es seit Kurzem gewohnt war, in ihrer anmuthigen und grazisen Weise zu bedienen.
    Heiter lchelnd trat die Sirene Adrian entgegen, grte ihn mit zierlicher
Verbeugung, wute aber auch sogleich ihren so eben noch beraus muntern Zgen
einen Ausdruck der Bestrzung und Sorge zu verleihen, welcher den Grafen
vollkommen tuschte.
    Mein Gott! rief sie mit geheucheltem Schrecken aus, ihr Arbeitskrbchen
neben die singende Theemaschine setzend und lebhaft auf den Gebieter
zuschreitend. Wie bla, wie angegriffen sehen Sie aus, Herr am Stein! Gewi,
Ihnen ist nicht wohl! Sie mssen sich bei dem unfreundlichen Wetter in der
wsten ungastlichen Haide erkltet haben! Ihre Stirn ist wahrhaftig ganz kalt
und doch fhle ich das heftige Klopfen ihrer Pulse! Wie geht es Ihnen, armer
Mann?
    Und Bianca legte sanft schmeichelnd ihre weiche warme Hand auf die Stirn des
Grafen, der unter dieser magnetischen Berhrung in sen Schauern erbebte.
    Sehe ich denn wirklich so angegriffen aus, gutes Kind? erwiederte er
lchelnd. Nun, wenn dies der Fall ist, so mag die Ursache davon wohl anderswo
zu suchen sein, als in meiner heutigen, allerdings angreifenden Waldreise. Wre
ich aber auch zum Tode krank, von solchen Engelslippen bedauert, von so
theilnehmendem Auge angeblickt, wrde ich alsbald genesen! Theure Bianca, eine
Berhrnng Ihrer Hand hat tausendmal mehr Wunderkraft, als alle Arzneien der
Welt! Wissen Sie, schnes Kind, da Sie heut entzckend sind?
    Gefalle ich Ihnen? fragte die Verfhrerin zurck, indem sie die vergoldete
Tasse des Grafen mit der aromatischen Flssigkeit fllte und dabei einen halb
verschleierten Blick auf ihn warf. Meine Gespielinnen behaupteten immer, wei
kleide mich nicht vortheilhaft. Es soll mir einen zu farblosen Teint geben.
    Offenbarer Neid gefallschtiger Mdchen! Ich finde, da keine Farbe besser
zu dem glnzenden Schwarz Ihrer Haare pat, als dieses durchsichtige silberweie
Gewebe! Und welche Einfachheit! Welcher Geschmack! Man sollte glauben, Sie
htten Jahre lang die Kunst der Toilette auf der Bhne studirt, so meisterhaft
finde ich Ihren Anzug den Regeln des guten Geschmackes angepat!
    Da machen Sie mir ein sehr zweideutiges Compliment, gndigster Herr,
versetzte Bianca schelmisch. Wir armen Mdchen halten uns immer fr geborene
Genies, was Geschmack anbelangt, und da uns die Natur so stiefmtterlich
ausgestattet hat den Mnnern gegenber, so sind wir ja schon gezwungen, unsern
Geschmack zu bilden, um mittelst einiger Bnder, Spitzen und Haarwickel die
Mngel vergessen zu machen, die uns in so abhngiger Stellung erhalten.
    Ich kann Ihnen die Versicherung geben, schne Muthwillige, da wir Mnner
nicht so scharfsichtig sind, die gergten Mngel bei Ihrem Geschlecht zu
entdecken! Wir finden im Gegentheil nur Vollkommenheiten, von denen wir
gefesselt, entzckt, zur Leidenschaft hingerissen werden!
    Bianca nippte mit groer Zierrlichkeit ihren Thee, wobei sie nicht
unterlie, hufig zu Adrian aufzublicken und ihre schnen Zhne aus dem feuchten
Purpur ihrer vollen Lippen hervorglnzen zu lassen. Jetzt schob sie ihren Sessel
um einen Schritt nher an den Lehnstuhl Adrians, und indem sie ihren bloen
vollen Arm auf die purpursammetne Lehne desselben legte und ihre zarten Finger
mit dem Rosabande spielen lie, das ihre Taille umschlang, sagte sie naiv:
    Wie mu nur das sein, gndiger Herr, wenn man von Leidenschaft hingerissen
wird?
    Ihre schwarzen Augen ruhten bei dieser verfhrerischen Frage mit so innigem
warmen Ausdruck auf Adrian, da diesem fast die Sinne vergingen. Er suchte sich
inde zu migen und fragte das verfhrerische Mdchen seinerseits:
    Hat Ihnen denn noch kein Mann eine Neigung abgewinnen knnen?
    Ich bin allen hbschen und artigen Mnnern immer gut gewesen, wie Brdern,
aber Liebe oder gar Leidenschaft habe ich nie fr einen empfinden knnen. Es mu
das bei mir ein Fehler des Herzens sein, da ich lebensgern einmal wissen mchte,
wie man empfindet, wenn man liebt!
    Wahrhaftig, Bianca?
    Ganz im Ernst, Herr am Stein! Ein Mdchen, das so allein, so ganz einsam in
der Welt dasteht, wie ich, hat wahrhaftig kein beneidenswerthes Loos gezogen!
Man tuscht, man betrgt uns und macht uns zuletzt unglcklich!
    Ein paar Thrnen strzten in Bianca's Augen. Sie zupfte zerstreut an ihrem
Kleide und wute dadurch geschickt ihren wunderhbschen Fu zu enthllen, den
ein feiner durchbrochener Strumpf kaum bedeckte. Diesen reizenden Fu stellte
sie jetzt absichtlich auf ein niedriges Tabourett, das Adrian immer neben sich
stehen hatte, um ebenfalls bisweilen seine Fe, in denen er oft Anflle
podagrischer Schmerzen fhlte, darauf ruhen zu lassen. Sie bewegte das zierlich
gebildete Fchen so kokett in dem schmalen Atlasschuh, da Adrians Herz
heftiger zu schlagen begann. Die unmittelbare Nhe des schnen, von dem feinsten
Spitzengewebe umflatterten Armes wirkte so verfhrerisch auf ihn, da er ihn
bebend mit brennenden Lippen kte.
    O bitte, gndigster Herr! sagte Bianca, den Arm zurckziehend. Eine
solche Huldigung knnte mich ja eitel machen! Man kt, so viel ich aus Bchern
und Erzhlungen wei, nur vornehmen Damen, Grfinnen und Prinzessinnen die
schnen Hnde. Arme Mdchen, wie ich, mssen sich solche Aufmerksamkeiten
verbitten.
    Von der Hand zum Munde ist nicht aus der Welt, Sie lieber Schalk!
erwiederte Herr am Stein. Und da Sie nach Ihrem eigenen Gestndni noch gar
nicht wissen, wie man liebt, so will ich Ihnen fr Ihre kleine Bosheit die
Ahnung dieser Empfindung beibringen!
    Und mit gewandtem Arm unrschlang Adrian Bianca's vollen Krper, zog sie an
sich und drckte heie, flammende Ksse auf ihren Mund.
    Zitternd und errthend entwand sich das reizende Mdchen der heftigen
Umarmung des Grafen, indem sie ihn zrnend anblickte.
    Gndigster Herr, sagte sie, die klare Stirn kraus zusammenziehend, wre
ich Ihnen nicht Dank schuldig, so wrde ich Ihnen ernsthaft zrnen. Es ist nicht
recht von Ihnen, meine Unerfahrenheit so arglistig zu benutzen!
    Sie stand auf und schenkte in einer wo mglich noch koketteren Stellung
abermals Thee ein. Dabei kehrte sie dem Grafen halb den Rcken zu, so da die
Flamme der Astrallampe ihren vollen Schein ber sie ausgo und die anmuthigen
Rundungen ihrer classischen Formen durch die leichte Gewandung deutlich erkennen
lie.
    Aber Bianca! rief Adrian aufgeregt.
    Sie befehlen, Herr Graf? sagte die Schne und wendete, schon wieder
schelmisch lchelnd, ihr volles Gesicht mit den tanzenden schwarzen Locken gegen
ihn.
    Schelten Sie mich, lachen Sie mich aus, nennen Sie mich einen Thoren, ja
mihandeln Sie mich, wenn Sie wollen, nur dulden Sie es, da ich Sie lieben
darf, Bianca! rief Adrian leidenschaftlich, indem er den Sessel, welchen Bianca
inne hatte, nher an seinen Sitz zog. Diese sah ihn mit groen Augen verwundert
an, nur auf ihren Lippen spielte ein schalkhaftes Lcheln. Sie reichte ihm die
gefllte Tasse, stubte mit ihren gestickten Taschentuche einige Krumen feinen
Weibrodes aus den Falten des Kleides, und setzte sich zutrauensvoll wieder
neben den leidenschaftlich aufgeregten Grafen.
    Wenn ich nun thrigt genug wre, Ihre in einem Moment der Aufregung
gesprochenen Worte fr wahr zu halten, sagte Bianca, indem sie ihren Kopf so
gegen den Grafen beugte, da eine ihrer glnzenden Locken fast dessen Lippen
berhrte, wenn ich solch eine Thrin wre, dann wrde ich mich wahrscheinlich
in Ihre Arme werfen und, wenn ich im Herzen auch nichts fr Sie fhlte, Ihnen
eine glhende Leidenschaft heucheln. Ich bin aber weder so albern noch so
eingebildet, und deshalb erlaube ich mir denn, Ihnen auf das Freundschaftlichste
fr die mir zugedachte Ehre zu danken und sich vor der Hand noch mit meiner
vollkommensten Achtung und innigsten Freundschaft zu begngen! Sind der
gndigste Herr damit zufrieden?
    Wieder ruhten Biancas Augen mit unbeschreiblichem Liebeszauber auf Adrian,
whrend jeder Zug ihres lieblichen Gesichtes nur dankbare Ergebenheit
ausdrckte. Der wunderbaren Macht dieses Blickes erlag der Graf. Die lange
schwarze Locke erfassend rief er mit gepreter Stimme:
    Bianca! Geliebte Bianca, habe Mitleid mit einem Unglcklichen!
    Bianca lchelte noch reizender und beugte sich, da sie das tndelnde Zupfen
Adrians an ihrer Locke schmerzlich empfand, so ber ihn, da der Graf ihren nur
halb bedeckten wallenden Busen erblicken mute.
    Haben Sie lieber Mitleid mit nur, Sie raufen mich ja!
    Ich sterbe, Bianca!
    Vor Liebe? Behte Gott! Man sagt ja immer, die Liebe belebe, das Auge der
Geliebten sei die Sonne, in deren Licht der Liebende die Seligkeiten und Wonnen
des ewigen Lebens empfinde! Nun, ich dchte, dieses Auge wre Ihnen doch jetzt
nahe genug? Oder mu ich Sie mit meinen Blicken versengen?
    Knnt' ich sterben in Deinen Armen, Grausame! stammelte der Graf, die
erfate Locke des schnen Mdchens immer fester um seine Finger schlingend.
Jahrtausende des verheienen jenseitigen Lebens wollte ich dafr opfern!
    Pfui, gndigster Herr, wer wird einem sterblichen Geschpfe zu Liebe solche
Lsterungen ausstoen! Aber bitte, entlassen Sie die arme Gefangene, die mich
noch zwingen wird, mein Gesicht mit dem Ihrigen in Verbindung zu bringen! Sie
thun mir wahrhaftig weh, Herr Graf!
    Sprich, da Du mich lieben willst, Bianca! Versprich, meine Geliebte, mein
Weib zu werden! Alles was ich besitze, soll Dein sein! ... Nur verstoe,
verschmhe mich nicht!
    Und Adrian prete seinen Mund wie ein Rasender auf den klopfenden Busen
Biancas.
    Satanischer Freudenglanz strahlte in diesem Moment aus den Augen der schnen
Snderin. Secundenlang lie sie den vor Liebe und Wollust zitternden Grafen in
ihren Reizen schwelgen, dann entri sie ihm die festgehaltene Locke und sprang,
ihn von sich stoend, zurck. Adrian wollte ihr folgen.
    Keinen Schritt, mein Herr, oder ich mu nach Hilfe rufen! sagte Bianca mit
einer Stimme, die vor Entrstung zitterte und von Thrnen des Zorns gedmpft
ward. Es ist abscheulich, ein schwaches Mdchen auf so hinterlistige Weise
festzuhalten und mit Kssen fast zu ersticken. - Ich werde Ihnen nicht mehr
Gesellschaft leisten, bis Sie sich gebessert und mir durch einen Schwur gelobt
haben, nie wieder meine Freundschaft so unwrdig zu mibrauchen. Schlafen Sie
wohl, gndigster Herr, und verzeihen Sie Ihrer armen Dienerin, da Sie Worte an
Sie richten mu, die ihrer Stellung nicht zukommen! Allein Nothwehr kennt keine
Grenzen! Gute Nacht!
    Dies gute Nacht! klang bereits wieder so verlockend, so sanft und s, da
Adrian bei diesem Sirenentone wthend aufsprang und die zrnende Schne um
Vergebung flehend abermals in seine Arme schlieen wollte. Allein Bianca war
schon hinter der Thr verschwunden und das Vorschieben des Riegels verhinderte
wenigstens im Augenblick jede Verfolgung.
    Adrian war sehr unzufrieden mit sich. Er beehrte sich mit allen mglichen
Ehrennamen, die ihm einfielen, und ging dabei aufgeregt im Zimmer auf und
nieder. Sein Blut kochte, seine Adern hmmerten, die Aufreizung seiner Nerven
hatte den hchsten Grad erreicht.
    Dies Mdchen ist ein Dmon, eine Zauberin, die mir atomweise Herz und Seele
zerpflckt! Und ich liebe sie! ... Ich liebe sie wie ein Wahnsinniger! - Wenn
ich sie gehen, sie sprechen hre, stockt mein Blut in den Adern; wenn ich sie
sehe, habe ich keinen andern Gedanken, als nur sie, nur ihren Besitz! ... Wenn
sie lchelt, wie unendlich liebreizend ist sie dann! Wenn sie spricht, wie
scherzen alle Grazien um die Liebliche, Anbetungswrdige! - O es ist seliger
Genu, um sie zu sein, aber auch Hllenqual, in ihrem Blick sich sonnen und
diese Wunderaugen nicht kssen zu drfen! - - Nicht lieben knnen. - Welch
Mdchen von ihrem Alter, mit solchem Krper begabt, fhlte nicht die Regungen
der Liebe in der Nhe eines Mannes, der sie anbetet! - Aber gewi, Bianca liebt
mich, mu mich lieben, nur mag sie es mir nicht gestehen! - Sie ist klug und
will sich gesichert sehen, ehe sie meine Leidenschaft erwiedert! Sie wird an
Magnus und Herta denken - und den Sohn gleicher Handlungen fr fhig halten! ...
O Gott, o Gott! ... Aber das ist vorber, lngst vorber! Hinunter, feuchter
Schatten, in Dein Grab! Bianca lebt, ich liebe Bianca und sie mu mein sein, und
sollte ich ein Verbrechen begehen.
    Mit fest an die Stirn gedrckten Fusten blieb Adrian mitten im Zimmer
stehen, so da der Spiegel seine ganze Gestalt zurckwarf. Sein Blick erfate
das Spiegelbild und er schrak zusammen.
    Ha, bin ich bleich und verfallen! sagte er niedergeschlagen. Ich werde
von Tage zu Tage elender, ich fhl' es, aber ich kann sie nicht aus den Gedanken
bringen! ... Wenn nur die Nchte nicht wren - diese qualvollen, endlosen
Nchte! ... Oder wenn nur ihr holdes Bild mich umschwebte und mir nur einmal des
Nachts die schmachtende Lippe mit dem Hauche ihres Gttermundes khlte! ... Aber
jenes Schattenbild, jenes elende Geschpf, das ich verachte, es verdrngt immer
dies Kind des Himmels und erstickt mich mit seinen kalten Umarmungen!
    Vom See herber erklang jetzt ein lautes schrilles Pfeifen, dem ein
matteres, dem Echo hnliches, antwortete. Adrian in seine Gedanken vertieft
achtete nicht darauf.
    Ich mu sie zu vershnen suchen, fuhr er fort, denn ich frchte, da ich
sie wirklich beleidigt habe. - Sie ist gut, ein unschuldiges, liebes Kind - sie
wird mir vergeben und mir gewi wieder Gesellschaft leisten! ... Ich aber will
mich migen, alle meine Gefhle verbergen und mich erst ihrer Neigung
versichern, bevor ich sie mit neuen Liebesantrgen bestrme! ... Knnte ich nur
auch der Leidenschaft gebieten, sich in keinem Blick, in keiner Bewegung zu
verrathen!
    
    Ein zweites Pfeifen, diesmal um Vieles nher, machte die Fensterscheiben
schrillen. Adrian schien auch dieses nicht zu hren, denn er zndete mit
zitternder Hand ein Licht an und schritt nach der Thr.
    Wenn ich mich schon jetzt als ein Reuiger bei ihr melde, sprach er, dann
wird sie mir um so lieber vergeben, weil ihr dies ein Beweis von meiner
Gutmthigkeit und Nachgiebigkeit sein mu! Schmollt sie aber dennoch, dann werde
ich sie morgen durch ein kostbares Geschenk zur Vergebung zwingen. Reichen Gaben
hat noch kein Mdchen widerstanden. Gutes Glck, das Du mir so lange treu
geblieben bist, verlasse mich auch ferner nicht!
    So sprechend verlie Adrian sein Wohnzimmer und ging mit unhrbaren
Schritten bis zu Bianca's Thr.
    Er horchte eine Zeit lang, ob er Gerusch in dem Zimmer vernehme, da sich
aber kein Laut hren lie, klopfte er leise an die Thr. Nichts regte sich,
selbst nach mehrmaligem Klopfen blieb Alles still. Nun wagte Adrian, Bianca's
Namen zu flstern und um Einla zu bitten. Allein auch darauf erhielt er keine
Antwort und seufzend sah er sich genthigt, den Rckzug auzutreten.
    Sie mu schon zur Ruhe gegangen sein, sagte er sich selbst beruhigend.
Ich werde ihrem Beispiele folgen und von ihrem entzckenden Engelslcheln
trumen.
    Bianca schlief aber nicht. Sie hatte die schlrfenden Schritte des herzlosen
Mannes wohl vernommen und mit Entzcken sein Bitten und Seufzen gehrt. Die Uhr
schlug elf, kurz nachdem Adrian ihre Thr wieder verlassen hatte. Sie bereitete
sich nunmehr auf das nchtliche Rachewerk vor, das sie sich ersonnen. Den
reizenden Schmuck der Abendtoilette abwerfend, legte sie ein verschossenes
leichtes Kattunkleid an, das sie zum Andenken an ihre unglckliche Schwester aus
deren Nachla behalten hatte. Dann lste sie ihr reiches langes Haar, feuchtete
es ein wenig mit Wasser an und wirrte es durch einander, da es verworren und
ungleich ihre ganze Gestalt bis weit ber die Hften herab umflo. Das
todtenbleiche Mdchen sah in diesem verwilderten Anzuge eben so schn als
furchtbar aus. Ihr dunkles Auge blitzte vor Lust nach Rache, die stolzen Lippen
ffneten sich und lieen beide Reihen ihrer tadellosen Zhne sehen.
    Ueber eine halbe Stunde ging Bianca unruhig, aber so behutsam, da Niemand
ihre Schritte hren konnte, im Zimmer auf und nieder. Manchmal blieb sie auch
stehen und warf einen Blick in den Spiegel, worauf sie wild die feuchten Locken
schttelte und ihre Wanderung durch's Zimmer fortsetzte. Nun sah sie nach der
Uhr, und da sich kein Laut im ganzen Hause regte, eilte sie ohne Licht durch die
ihr bekannte Reihe der Gemcher bis an Adrian's Zimmer. Sie ffnete es behutsam
und fand es leer, ohne Licht. Die Thr zum Schlafzimmer war nur angelehnt. Dahin
schlich sie, lauschte, lauschte lange und hrte, da Adrian in unruhigem Schlafe
rchelte. Wie ein erzrnter Geist flog sie auf schwebenden Sohlen zurck,
zndete eine Blendlaterne an und lschte die Wachslichter. Dann stie sie
nochmals das Fenster auf und hustete. Es ward ihr in gleichem Tone geantwortet
und aus dem Schatten der Nacht kam mit langen Schritten eine hohe Gestalt auf
das Haus zu. Bianca wartete die Annherung des unheimlichen Gastes nicht ab,
sondern ergriff die Blendlaterne, hpfte damit die breite Treppe hinunter, die
mit weichen Teppichen belegt war, und empfing an der Hausthr den bereits
eingetretenen nchtlichen Besuch.
    Haben Sie die Thr wieder verschlossen? fragte das wild blickende Mdchen.
    Fest und sicher.
    So kommen Sie, doch ziehen Sie zuvor Ihre harten Schuhe aus!
    Hand in Hand mit dem Fremden erstieg sie die Treppe und geleitete ihn bis
vor Adrians Zimmerthr. Hier erst ffnete Bianca die Laterne und lie ihr volles
Licht auf den Fremden fallen. Es war Martell, der Spinner.
    Dieser Arme zeigte jetzt hohle, tief eingefallene Wangen, sein finster
blickendes Auge brannte wie in Fieber, und ein leichtes Zittern war an seinen
Hnden zu bemerken.
    Sind die Khler heut wieder bei Ihnen gewesen? fragte Bianca.
    Nein, versetzte Martell dster und verstimmt, ich habe mich allein
behelfen mssen, aber es ist nicht das! Man wird nur mrrisch davon.
    Ich sage Ihnen, Martell, sein Sie auf Ihrer Hut! Man will nicht Ihr Bestes,
man beabsichtigt, Sie zu Grunde zu richten!
    Das ist nicht mehr nthig, erwiederte der Spinner. Ich bin schon so sehr
zu Grunde gerichtet, da es ganz gleichgiltig ist, ob es einen Tag frher oder
spter zu Ende geht. Und berdies zerstreuen mich die beiden lustigen Schlke
und machen mir zum ersten Male, seit ich denken kann, das Leben leicht. Dafr
bin ich ihnen dankbar und deshalb trinke ich mit ihnen, so lange die Haut ber
diesen Knochen zusammenhngt. - Aber Sie, Bianca, was haben Sie vor? Welch
Schauspiel wollen Sie mir bereiten?
    Leise, Martell, damit wir nicht gestrt werden! - Bianca hob sich auf ihre
Zehen und flsterte dem gebeugt neben ihr stehenden Spinner zu:
    Vor einiger Zeit habe ich Ihnen feierlich das Versprechen gegeben, den
Entsetzlichen, den ein grausames Geschick zu Ihrem Bruder und Zwingherrn gemacht
hat, nach Krften zu bestrafen. Sie haben ihm Rache geschworen, mssen aber die
Zeit abwarten, wie Sie sagen, um sie auch ben zu knnen. Ich bin glcklicher,
denn meine Rache hat bereits begonnen! Ich lud Sie ein, mich in dieser Nacht zu
besuchen, und schleuderte Ihnen zu diesem Behufe den Hausschlssel nebst Angabe
der Stunde zu, wo dieser Besuch am leichtesten zu bewerkstelligen wre. Ihr
wiederholtes gellendes Pfeifen sagte mir, da Sie meines Winkes gewrtig seien.
Die Stunde ist gekommen. Haben Sie Muth, Zeuge der Rache eines Mdchens zu sein,
an dessen Familie sich dieser schleichende Satan freventlich vergangen hat?
    An seinen Qualen werd' ich mich weiden. Ich lechze nach seinem Blut, nach
seiner Seele, obwohl er mein Bruder ist! Denn, sehen Sie, schnes Frulein, mein
liebster Junge ist von seinen Maschinen zerrissen worden und hat elendiglich
umkommen mssen, weil ihn der Chirurg auf seinen Befehl schlecht curirte. Er
starb am Brande. Dafr leide der Elende im ewigen Feuer der Hlle!
    Verhalten Sie sich ganz ruhig und Sie sollen mit Zittern schauen, da
Adrian leidet!
    Bianca schlo die Laterne und Beide umflo dichte Finsterni.
    Halten Sie sich nur fest an meine Hand! Im Zimmer waltet sprliche
Dmmerung.
    Gefhrt von dem rachedurstigen Mdchen trat Martell in das Schlafgemach
seines grflichen Bruders. Die nur halb geschlossenen Jalousien lieen gerade so
viel Licht eindringen, da man nach einiger Zeit alle Gegenstnde des
mittelgroen Zimmers wie von leichtem Nebel verschleiert erkennen konnte. Auf
breitem, mit seidenen Decken und schwellenden Kissen reich erfllten Bett lag
Adrian in tiefem Schlummer. Er ruhte auf dem Rcken, die linke Hand war
berrcks geworfen und schmiegte sich fest geballt an seinen mit dnnem Haar
bedecken Scheitel. Das feine weie Hemd entblte zur Hlfte den Arm und war
auch auf der stark behaarten Brust weit gelftet. Vor dem Bett breitete sich ein
pupurrother Teppich aus. Zu Fen des Lagers stand ein sehr bequemer
Polsterstuhl. Auf diesen deutete Bianca, indem sie Martell zuflsterte:
    Setzen Sie sich und geben Sie Acht, ohne einen Laut hren zu lassen!
    Nun stellte sich das schne Mdchen dicht neben Martell, legte ihre Hnde
gefaltet ber den Busen und richtete ihre beiden dunkeln Augen unverwandt auf
den schlummernden schwer athmenden Grafen.
    Es ist bekannt, da der Blick des Menschen, fest auf einen Schlummernden
geheftet, eine geheimnivolle magnetische Kraft ausbt. Diese Kraft steigert
sich bis zum Wunderbaren, wenn dem Magnetiseur ein starker Wille zu Gebote
steht. Noch gewaltiger und berraschender ist die Wirkung, wenn zwischen zwei
auf solche Weise mit einander in Rapport tretende Personen Bande der
Verwandtschaft oder leidenschaftliche Zuneigung obwalten.
    Bianca kannte Adrians leidenschaftliche Liebe zu ihr, sie wute, da er Tag
und Nacht nur an sie dachte, von ihr trumte, und sie hatte das grausame
Experiment, das sie mit kaltbltiger Ueberlegung jetzt zu Martells Genugthuung
wiederholen wollte, schon mehrmals mit gutem Erfolge versucht. Bianca wollte
Adrian nicht aus seinem unruhigen Schlummer wecken, sie wollte ihn durch ihre
starren Blicke und die starke Kraft ihres Willens nur im Schlafe magnetisiren
und ihr Bild in seiner gengstigten Seele aufsteigen lassen, um diesem sodann
ein anderes, entsetzlicheres unterzuschieben.
    Dieses grausame Experiment gelang ihr bewunderungswrdig. Schon nach wenigen
Minuten hob sich die Brust des Schlummernden unter schmerzlichem Sthnen. Er
bewegte das bleiche, schweitriefende Haupt und die Lippen ffneten sich zu
flsterndem Gesprch.
    Grausame! sthnte Adrian. Warum diese Dolchspitzen in Deinen Blicken? ...
Sie verwunden ... mein Herz ... sie schneiden tief ... tief in das Mark ...
meiner Gebeine!.. Sieh ... Du kannst lcheln ... o wie s lcheln! ... Nun
kommst Du ... nher ... nun fhle ich ... Deinen warmen ... Athem ... Dein Busen
... klopft an meiner Brust ... o welche Wonne! ... Ha, Gespenst ... Fort, fort!
...
    Adrian wand sich convulsivisch auf seinem Lager, whrend Bianca lautlos,
kalt, mit entsetzlicher Entschlossenheit und verstrktem Willen tiefer und immer
tiefer, gleich einer grauen Riesenschlange, sich ber das Bett des Unglcklichen
beugte, ihre langen aufgelsten feuchten Haare darber breitend, bis sie die
Brust des Trumenden berhrten. Ihr Hauch traf seine Lippen, seine Augen, und
unbewegt fuhr Bianca fort, ihre schrecklichen Blicke auf den Gefolterten zu
heften.
    Therese, wimmerte der Trumende, noch immer verfolgst Du mich? ... Willst
Du mir ... denn nie ... vergeben? ... O diese brennenden Locken! ... Wie sie
glhen! ... Wie sie mich umlohen ... wie Flammen ... der Hlle! ... Nein, ich
will nicht ... diese triefende Hand! ... Diese blauen, schaudernden Lippen
sollen ... mich nicht berhren ... Bianca! O rettender, heiliger, geliebter,
ser Engel ... verscheuche ... erwrge ... dies Gespenst! ...
    Bianca warf ihre Haare zurck und erhob sich etwas, doch ohne ihre Augen von
dem Rchelnden zu verwenden. Mit der Hand winkte sie Martell, da er sich
langsam bis an die Thr zurckziehen solle.
    Adrian's Gesichtszge trugen die Spuren der furchtbarsten Seelenschmerzen,
aber gebannt von dem dmonischen Auge des schnen Mdchens konnte er die
qualvollen Bande des Schlafes nicht abschtteln, den Geisterarmen des Traumes,
unter dessen Umarmungen er litt, nicht sich entwinden.
    Tdte mich! flehte er wimmernd, nur diese Blicke ... bohre nicht in meine
jammernde Seele! ... Ich war nicht Schuld ... an Deinem Tode ...
    Elender! Selbst im Traume noch lgt er! flsterte Bianca verchtlich und
wich, Martell folgend, Schritt vor Schritt nach der Thr zurck.
    Ha ... Gott Lob ... Gott Lob ... das Gespenst ... zerrinnt! ... Ich lebe
... wieder ... Ich fhle meine Pulse wieder schlagen! ... O des Jammers!
    Mit einem sthnenden Schrei fuhr Adrian wild auf vom Lager. Seine Augen
waren noch auf Bianca gerichtet, die in diesem Augenblick an der Thr
verschwand. Ihren Schatten erhaschte der erwachende Graf, und beide Hnde
heulend ber sein Gesicht drckend, warf er sich zurck in die Kissen und
wimmerte:
    Barmherziger Himmel, es ist wirklich ihr Geist, der mich peinigt! der mich
noch wahnsinnig machen wird ...
    Geruschlos und schweigend, wie Bianca den Spinner die Treppe heraufgeleitet
hatte, fhrte sie ihn wieder hinunter. Auf der Flur ffnete sie abermals ihre
Blendlaterne. Alle Fibern ihres schnen Gesichtes zitterten, aber sie lchelte.
    Nun, Martell, gefllt Ihnen diese Art Rache? fragte sie mit einem Zuge
teuflischer Schalkheit um den jetzt bleich gewordenen Mund.
    Sie ist eines Weibes wrdig, erwiederte Martell.
    Dnkt Ihnen diese Art, sich an seinem Todfeinde zu rchen, allzu grausam?
    Nein, schnes Frulein! Sie gefllt mir blos nicht.
    Warum, mein Freund?
    Weil der Bestrafte bewutlos leidet.
    Haben Sie sein Sthnen gehrt, seine Worte vernommen, sein krampfhaftes
Beben gesehen? Und nennen Sie das bewutlos leiden?
    Sobald er erwacht, glaubt er, ein bser Traum hat ihn geqult, oder hlt es
fr Alpdrcken! Es bleibt immer nur ein vorbergehender Spuk.
    Aber ein Spuk, der sich allnchtlich wiederholt! Der Tag beginnt ihm nur zu
scheinen, damit er sich whrend seiner Dauer vor den hllischen Schrecknissen
der Nacht frchtet! Wre dies aber auch nicht der Fall, so peinigte ihn doch
seine Liebe zu mir.
    Er - Adrian liebt Sie?
    Ja, mein Freund, lchelte Bianca und strich sich die wilden Locken aus der
Stirn, er liebt mich bis zur Tollheit und ich bin so freundlich, ihn immer noch
verliebter in mich zu machen. Das gibt mir grere Gewalt ber ihn, und da ich
diese auf die denkbarste Weise zu benutzen verstehe, haben Sie gesehen! Sie
knnten knftighin Theil nehmen an meiner Rache!
    Nein, Frulein! Ich will lieber warten, bis ich ihn wachend qulen kann,
das ist mnnlicher; gegen wache Qual kann er sich, wenn er Kraft und Muth
besitzt, vertheidigen.
    Wie Sie wnschen, mein Freund! Aber nicht wahr, Martell, mein Wort hab' ich
gehalten und die Schwester, die seinetwegen frewillig aus dem Leben ging und
mich um Tugend und Ehre brachte, gercht, wie nur ein Weib es kann?
    Ich mu Sie bewundern, ohne Sie loben zu knnen.
    Gute Nacht denn, mein Freund! Sinnen Sie alsbald nach, wie Sie den
Wachenden zchtigen wollen, ich will inde fortfahren, den Schlafenden auf die
Qualen der Hlle vorzubereiten, die er tausendfach verdient hat. Nochmals gute
Nacht!
    Bianca sprach dieses zweite gute Nacht wieder mit jenem verfhrerischen
Sirenentone, da es Martell hei ber den ganzen Krper lief. Er floh mit
raschen Schritten dem See zu, indem er ausrief:
    Steh' Gott jedem Manne bei, der in die Schlingen dieser furchtbaren
Schnheit fllt!
    Langsamer ging die verkrperte Nemesis nach ihrem Zimmer, wo sie sich ruhig
entkleidete und mit vergngtem Lcheln auf den sich wieder rthenden Lippen ihr
weiches Lager bestieg und schnell sanft und ruhig entschlummerte.

                                Fnftes Kapitel.



                                 Die Torfhtte.

Mit den nthigen Instructionen versehen kam inzwischen Gilbert nach Boberstein.
Zu Erreichung seines Zweckes wrde es nicht rathsam gewesen sein, wenn er sich
wie ein Schatten an Martells Fersen geheftet htte. Er zog es daher vor, dem
Spinner nur besuchsweise zu begegnen, sein Quartier aber auf der Insel selbst
aufzuschlagen. Dies lie sich leicht und ohne Aufsehen bewerkstelligen, da
Vollbrecht bereitwillig die Hand zu jedem Schritte bot, der seinem verhaten
Gebieter verderblich werden konnte und sollte.
    Gilbert enthusiasmirte sich sogleich fr das Fabrikwesen, weniger aus
wirklichem Interesse an der Sache, als weil seine lebhafte Natur das Bedrfni
nach Beschftigung fhlte und diese in Betrachtung der kunstreichen Maschinerie
fand, die fr den wibegierigen Matrosen gleicherweise ein Rthsel und ein
Gegenstand der hchsten Bewunderung war. Ueber dem gewaltigen Mechanismus dieser
tausend und abertausend Rder verga er anfangs den Zweck seiner Sendung
vollkommen. Nur die Maschilrenkammer mit ihren chzenden Hebeln und Walzen oder
die vom Rollen der Spindeln ewig erbebenden Sle der Spinner fesselten ihn. Hier
konnte man den jungen Matrosen von frh bis in die Nacht umherwandern und mit
glnzenden Augen das geheimnivolle Schaffen der kunstreich ineinandergreifenden
Stahlzhne anstaunen sehen. Selbst seine angebliche Leidenschaft fr Bianca trat
eine Zeitlang vor dem neuen Gegenstande seiner Bewunderung in den Hintergrund.
    Vollbrecht benutzte dies hohe Interesse des Jnglings zur Frderung der
Zwecke seiner Freunde. Er weihte ihn mehr und mehr in das Geheimleben des
Geschftes ein, nahm ihn, so oft er konnte, mit auf sein Comptoir, um ihm aus
den Bchern darzuthun, wie unendlich verwickelt das Geschft sei, dem er
vorstand, und welche groe Summen es dem Besitzer eintrage, wenn es mit so
ausgesuchter Speculation betrieben werde, wie Adrian seit Jahren es beliebte.
Gilbert lie sich gern von dem freundlichen Manne unterrichten, glaubte ihm
auf's Wort, bat ihn aber recht dringend, ihn fernerhin mit Vorzeigung der
Rechnungsbcher zu verschonen, da er von diesen Dingen durchaus nichts verstehe.
    Bei diesen tglichen langen Besuchen in der Fabrik lernte Gilbert nicht
allein die Wirksamkeit der Maschinen, ihre Sructur und wie man sie zu leiten
habe, kennen, er that auch einen tiefen Blick in das Leben der Arbeiter, die in
diesen ldunstigen, ungesunden Rumen mhselig ihr Brod verdienten. Sein leicht
empfngliches Herz emprte sich beim Anblick dieser kmmerlichen Existenz so
vieler Menschen und wenn je, so wnschte er jetzt dem, welcher dieselbe ber sie
verhing, alles nur erdenkliche Bse. Begreifen aber konnte er nicht, wie es
Martell nach den gemachten Entdeckungen noch mglich war, mit dieser wahrhaft
heroischen Ruhe tglich oder nchtlich, wie eben die Reihe ihn traf, fleiig und
ohne Murren zu schaffen und fr den zu arbeiten, der ihn nach menschlichem und
gttlichem Recht mit Rhrung an sein Herz htte drcken, ihn Bruder nennen und
gleiche Rechte ihm htte zugestehen sollen! Diese Ruhe und Entschlossenheit des
meistentheils finstern und verschlossenen Mannes nthigte dem Jnglinge eine
Ehrfurcht ab, wie er sie vor Niemand noch empfunden hatte, und hinderte ihn
lnger als es ihm lieb war, den heimlichen Gngen Martells mit der Ausdauer
nachzuspren, die man von ihm heischte.
    Das anfnglich absichtliche Zgern, das sich nach einigen Tagen von selbst
unabsichtlich verlngerte, htte beinahe seine ganze Sendung fruchtlos gemacht.
Denn als der junge Matrose nach Verlauf von etwa acht bis zehn Tagen die
Dorfschenke in spter Abendstunde aufsuchte und Martell daselbst inmitten seiner
freigebigen Freunde zu treffen glaubte, begegnete er nur fremden Gesichtern.
Mehrere Tage hinter einander setzte er seine regelmigen Besuche mit keinem
bessern Erfolge fort. Martell war und blieb verschwunden und auf Befragen des
Wirthes erfuhr Gilbert zu seinem groen Leidwesen, da ein Zwist den riesigen
Spinner mit seinen Gsten vertrieben habe! -
    Das war ein rgerlicher Zufall und Gilbert machte sich ernstliche Vorwrfe,
da er ber Gebhr gezgert und das Vertrauen seiner Freunde so wenig
gerechtfertigt hatte. Von Martell selbst war nichts zu erfragen, obwohl Gilbert
kein Mittel unversucht lie, um den Spinner geschickt auszuhorchen. Der finstere
Mann schwieg hartnckig auf alle Fragen. Doch zeigten sich tglich immer
unverkennbarer die Folgen seiner unregelmigen, aufreibenden Lebensweise! Sein
bisher bleiches eingefallenes Gesicht begann sich zu rthen, die Haut erschien
rissig und glnzend und das Zittern seiner Hnde war, namentlich am frhen
Morgen, so heftig, da die groe Uebung Martells dazu gehrte, um diesen
Uebelstand wieder auszugleichen. Jeder andere minder Geschickte wrde alles in
Grund und Boden verdorben, vielleicht gar die Maschine in momentanes Stocken
gebracht und dadurch unbersehbares Unglck hervorgerufen haben.
    Von Lore erfuhr Gilbert, da Martell, wenn seine Arbeitszeit es gestattete,
mit Anbruch der Nacht regelmig das Haus verlasse und gewhnlich erst spt
zurckkomme. Weder ihre eigenen, noch ihres frommen Vaters Bitten vermochten den
rabiaten Spinner von diesen nchtlichen Spaziergngen abzuhalten. Er hatte sogar
wiederholt betheuert, sie wrden zu seinem und der Seinigen Glck fhren und
hingen sehr genau zusammen mit den Bestrebungen der brigen vornehmen
Verwandtschaft.
    Unserm jungen Freunde blieb nach diesen Erkundigungen weiter nichts brig,
als auf eigene Faust zu handeln und das Versumte wo mglich nachzuholen. Dies
erforderte aber groe Vorsicht, da in Martell bereits Verdacht gegen den jungen
Matrosen erwacht war und er sich mglichst fern von ihm zu halten suchte.
Dennoch sollte Gilbert seinen Zweck noch frher erreichen, als er nach dem
Vorhergegangenen selbst glaubte. Bianca bot ihm dazu freundlich die Hand.
    Seit der im vorigen Kapitel geschilderten Nacht fhlte Martell bisweilen das
schreckliche Bedrfni, seinen Todfeind sich winden zu sehen unter den Qualen,
die das dmonische Mdchen ber ihn verhing. Er verstndigte sich mit Bianca und
diese lie den Spinner auf ein verabredetes Zeichen an Adrians Folterbett
treten, wenn sie sich ihrer Gewalt ber den Grafen gewi war. Ob whrend dieses
kurzen Zusammenseins eine heimliche Neigung des Spinners zu dem schnen
grausamen Mdchen erwachte, wagen wir nicht zu entscheiden; vermuthen aber lt
es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit, indem Martell Bianca unaufgefordert den
vorgefallenen Zwist mittheilte und ihr sagte, wohin er seit dieser Zeit seinen
sich immer gleich bleibenden gromthigen Freunden gefolgt sei.
    Die jetzige Haushlterin Adrians hatte Gilbert bei seiner Ankunft nach
Boberstein weit freundlicher empfangen, als es der Jngling vermuthen und
erwarten durfte. Diese Zuvorkommenheit veranlate ihn zu hufigen Besuchen bei
der Schnen und bald verging kein Tag mehr, wo nicht beide junge Leute ein
Stndchen angenehm mit einander verplauderten. Bianca war die Anmuth selbst,
immer heiter, zuvorkommend, bis zu gewissem Grade dienstfertig, aber freilich an
ein Kundgeben von Neigung war bei alledem nicht im Entferntesten zu denken. Es
schien wirklich, als besitze dieses unerklrbare Wesen das Geheimmittel, gegen
Jedermann die Liebe selbst zu sein, ohne doch die geringste Ahnung davon zu
haben. Sie bezauberte und nahm doch immer den Schein an, als wisse sie nichts
davon, als sei es Pflicht jedes weiblichen Wesens, in ihrer Stellung grade so
und nicht anders sich Mnnern gegenber zu betragen.
    Gilbert gab es daher auch auf, das Herz der Schnen zu bestrmen, obwohl er
nicht immer genug Herr ber sich war, der lchelnden Sptterin dies nicht merken
zu lassen. Unwillkrlich fiel er bisweilen aus der Rolle eines Freundes in die
eines feurigen Verehrers, und Bianca hatte dann die angenehme Pflicht, mit der
liebreizendsten Grazie ihn darauf aufmerksam zu machen.
    In seinen Gesprchen mit diesem Mdchen gedachte er auch Martells und seines
unregelmigen Lebens. Wider Erwarten fand er in ihr eine ganz entschiedene
Bundesgenossin, die kein Mittel fr unerlaubt hielt, wenn es nur zur Rettung des
Unglcklichen dienen konnte. Ohne langes Bitten erfuhr er von Bianca, wohin
Martell und seine bedenklichen Freunde sich gewendet hatten und schon in der
nchsten Nacht sehen wir Gilbert, mit seinem Dolche bewaffnet, das Niederholz
durchstreifen und einem trben Lichtschimmer zueilen, der aus einer Vertiefung
heraufglnzte, die rundum von dichtem Gehlz umgeben war.
    Diese wichtige Entdeckung machte unser junger Freund Anfang Mrz. Das
Versteck lag eine halbe Stunde von Boberstein in einer nicht mehr benutzten
Torfgrberei und bestand aus einer bloen Bretterhtte, wie sie zum Obdach fr
die Waldwchter hufig in den groen Waldungen angetroffen werden. Zu
ungestrter Zwiesprach eignete sich die Oertlichkeit vortrefflich; denn es
fhrten nicht allein blos schmale, wenig betretene und sich noch dazu mehrmals
kreuzende Fusteige nach dem Versteck, die alte Torfgrube war auerdem auch noch
durch steile Wnde von dem brigen Haidelande abgeschnitten, so da es einem
Unbekannten schwer ward, in die Tiefe hinabzusteigen und die Htte zu erreichen.
    Lauschend blieb Gilbert am Rande der Torfgrube stehen. Aus der schlechten
Htte, die graues Nebeldster kaum erkennen lie, drangen Tne verworrener
Stimmen, heiseren Lachens und das matte Klingen voller Glser zu ihm herber.
Rundum war Alles todtenstill bis auf das melancholisch-eintnige Rauschen der
Haide.
    Furcht kannte Gilbert nicht, dennoch schlich er zaudernd an dem Rande der
finstern Grube fort, da er keine Spur von Weg entdecken konnte und auf
Gerathewohl in die Tiefe hinabzuspringen doch keine Lust hatte. Es verging eine
geraume Zeit, ehe er eine Stelle fand, die man im Nothfalle fr einen Weg halten
konnte. Der Boden war na und glatt, so da es kaum mglich war, Fu darauf zu
fassen. Indessen, an halsbrecherische Pfade gewhnt und im khnen Klettern
gebt, wagte der junge Matrose, diesen kaum erkennbaren Weg zu betreten, der ihn
auch sehr schnell auf den Grund der Grube befrderte, obwohl in einer Weise, die
er nicht beabsichtigt hatte. Unten angekommen fand er sich in einem Tmpel zhen
Schlamms bis an die Knchel stehen, den er unter krftigem Fluche durchwatete.
Zum Glck hielt die Lache nur wenige Schritte im Durchmesser; Gilbert erreichte
bald das Trockene, eine etwas hher gelegene Schicht lettigen Erdreichs, das
dammartig die Grube durchschnitt und in gerader Richtung auf die Htte zufhrte.
Ueber diesen Damm lief auch der eigentliche Fupfad nach dem Haidelande, wie der
Matrose jetzt zu spt bemerkte.
    Eiligen Schrittes nherte sich nun der jugendliche Spher der Torfhtte,
deren Thr von innen fest verriegelt war, wie ein behutsamer Druck auf die
Klinke ihm sagte. Auch das einzige kleine Fenster schtzte ein Bretterladen
gegen Wind, Wetter und Blicke Zudringlicher. Gilbert fand auch diesen so stark
befestigt, da er ihn nicht bewegen konnte. An den Seiten schimmerte zwar der
Lichtschein durch, allein Raum fr einen Blick in's Innere gewhrten die feinen,
kaum sichtbaren Spalten nicht.
    Wie ein Luchs umschlich Gilbert die Htte, um irgend eine Oeffnung zu
entdecken. Lange blieb sein Suchen fruchtlos llnd die Geduld des heftigen jungen
Menschen begann zu wanken. Am liebsten htte er mit beiden Fusten gegen die
dnnen Bretter gedonnert und die lustigen Kumpane dadurch zu einem Ausfalle
gezwungen; allein er besann sich, welche Folgen so bereiltes Thun haben knne
und begann von Neuem die Htte zu umschleichen. Endlich entdeckte er einen Ast,
der sich in der etwas erweiterten Oeffnung hin und wiederschieben lie. Es wre
ein Leichtes gewesen, diesen nach Innen zu stoen, da er aber nicht wissen
konnte, ob die Htte gedielt sei, und der Fall des Astes unfehlbar Gerusch
verursacht haben wrde, so bemeisterte Gilbert seine Unruhe, ergriff seinen
Dolch und zog den Ast mit groer Behutsamkeit aus dem Brett. Ein voller Strahl
des Lichtes belohnte seine Bemhungen und als er das Auge an die Oeffnung legte,
konnte er den engen Raum der Htte vollkommen bersehen. Doch kaum hatte Gilbert
einen Blick in das Innere gethan, als er erschrocken und zitternd wieder
zurcktaumelte.
    Gott erbarme sich! rief er flsternd aus. Das ist Elwirens Vater und der
scheuliche Musiker aus der Mohrentaverne! - Und zwischen Beiden mitten inne der
unglckliche Martell! ... Bei meiner Mutter Haupt, sie trinken brennenden Punsch
oder Grog ... und der Spinner, des Kapitns Halbbruder, er ist wahrhaftig
betrunken wie ein Neger! ... Aber was lrmen und lachen diese Elenden denn ber
den armen Fabrikarbeiter? Lat doch hren!
    Und statt des Auges legte jetzt Gilbert sein Ohr an das Astloch und vernahm
schaudernd folgendes Gesprch:
    Heda, Schwarzkopf, aufgeschaut! sagte Kltken-Hannes, indem er Martell,
der auf seinem Sessel hin und her wankte, derb anstie. Was meinst Du zu einer
neuen Gesundheit auf Ihn? Das Glas ist voll und singt schon von selber vor
Freude ber den Toast, den es sich mit anhren soll. Bei allen blaubrennenden
Branntweinteufeln, Kerl, la das Kopfwackeln sein und sto' mit an! Der
Fabrikherr -
    Soll leben wie ich! fiel Martell ein, erhob mit zitternder Hand sein Glas
und go die glhend heie Flssigkeit gurgelnd in den Schlund. Gleich darauf
schlug er mit dem Kopf gegen den Tisch und bewutlos brach der riesige Krper
des Betubten zusammen.
    Er hat genug! grinste Blutrssel, indem er schnell sein Glas ausgo und es
trotzig vor sich hinstellte.
    Heut glaub' ich selber, das Pulver wirkt, entgegnete Kltken-Hannes,
folgte dem Beispiele seines entmenschten Gefhrten und richtete alsdann den
Berauschten mit Hilfe Blutrssels auf.
    Martell war jetzt vllig bewutlos. Jedes Glied seines Krpers zitterte, als
ob ein heftiger Frost es schttelte; die Augen standen offen und sahen stier und
glsern auf einen Fleck. Eine grn-blaue Farbe berzog sein Antlitz und gab ihm
das Ansehen eines an der Cholera Verstorbenen.
    Dummer Teufel! lachte Blutrssel. Suft, was wir ihm vorsetzen, weil's
ihn munter macht, und schliet Freundschaft mit zwei stockfremden Kerlen blos
deswegen, weil sie den Mann, den er hat, einen Menschenschinder nannten! - Ich
bitt' Dich, Hannes, ist Dir je noch ein unschuldigerer Lmmel begegnet unter
hungerndem Lumpenpack?
    Mir wr's am liebsten, er lge schon in den letzten Zgen, versetzte
Kltlen-Hannes. Sieh, er rhrt sich wieder! ... So macht er's nun alle Abende
trotz der doppelten Gaben! Und ich, der ich doch blos nippe, ich spr' es in
allen Gliedern!
    Ha, ha, ha, ha! Du wirst mit ihm abfahren, grhlend und brllend, wie ein
gestochenes Schwein! Es ist zum Todtlachen! Ha, ha, ha!
    Vieh, ich glaube gar, Du wnschest mir den Tod? Sieh Dich vor,
Zhnefletscher!
    Ah was! Meinetwegen lebe noch hundert Jahre, ich hindere Dich nicht daran,
aber lachen mt' ich doch, wenn Du drauf gingst, wie ein Hund.
    Und warum, Geselle des Teufels?
    Weil Du so dumm gewesen bist, einen so einfltigen Contract abzuschlieen.
Mit Schuften, Freundchen, mu man ganz anders unterhandeln.
    Nun beruhige Dich, alter Snder, Du sollst mir auch im Tode Gesellschaft
leisten!
    Doch nicht gleich? hhnte Blutrssel. Ich bitte Dich, wohlgerathenes
Muttershnchen, la mir nur Zeit, zuvor das gewonnene Geld in Sicherheit zu
bringen, dann kann der Tanz losgehen, wenn Du willst. Du kennst meine Finten!
    Und das viehische Scheusal zog sein Messer und schwang es mit blutgieriger
Freude mehrmals um sein grauhaariges Haupt.
    Schweig, Hund! Er richtet sich auf, wir mssen ihn untersttzen, da er
keinen Verdacht schpft. So - halt' ihm den wackelnden Kopf! Er wird gleich
wieder bei sich sein.
    Von den Armen der beiden Verworfenen gehalten, kehrte Martell das Bewutsein
zurck. Das Gesicht rthete sich, die Augen bekamen wieder Glanz, aber einen
Glanz, der entsetzen mute, so glhten die finstern Sterne. Die Hnde flogen,
als wrden sie von electrischen Schlgen fortwhrend in Bewegung gesetzt. Seine
Stimme lallte blos, denn auch die Zunge des Unglcklichen gehorchte nicht mehr
seinem Willen.
    Ich habe Feuer ... im Herzen, stammelte Martell. Gebt mir ... Wasser, da
ich ... die Gluthen ... auslsche! Hu! Wie mich friert! ... Als ob ... die Hand
... des Todes auf ... meiner Stirn ... ruhte!
    Er hat das Fieber, lachte Blutrssel. Wie wr's, wackrer Kumpan, wenn Du
noch ein Glschen oder ein halbes aufgssest? Feuer mu man mit Feuer lschen,
das ist probat!
    Ja, ja, ... einen Schluck ... Himmel wie's mich wirft!
    Du hast Dich erkltet, armer Bursche, sagte Kltken-Hannes. Der Abend ist
auch wirklich noch zu khl fr Deine Kleidung. Du httest den Mantel umwerfen
sollen.
    Mantel! schrie Martell wie rasend und ri sich mit gewaltiger Anstrengung
aus den Armen der beiden falschen Freunde. Ich zermalme Euch wie ein paar
Regenwrmer, wenn Ihr ... davon sprecht! Ein elender Spinner ... einen ...
Mantel!
    Die Kraft verlie den Unglcklichen abermals und ermattet fiel er wieder in
die Arme seiner Genossen.
    Also noch ein Schlckchen Halbwarmen, wie? ... Zur Strkung fr den
Heimweg. Denn es ist, Gott verdamm' mich, schon in der eilften Stunde! Vor
Mitternacht erreichen wir den See nicht!
    Mit diesen Worten reichte Kltken-Hannes dem zum Tode Verurtheilten von
Neuem das gefllte Glas, geleitete die zitternde Hand des Unglcklichen zum
Munde und lie nicht ab, bis er es ganz geleert hatte.
    Nicht wahr, das wrmt?
    Es brennt ... aber ... das thut nichts ... Wenn nur ihn der Teufel holt!
... Wie ist's ... Morgen?
    Uebermorgen, Freund! Wir mssen in die Haide Geschfte halber.
    Dann geht's wieder volle acht Tage, wie heut! setzte Blutrssel hinzu.
    Wie heut? Hu! ... dann ging's ... schlecht! - Ich brenne und ... erfriere
zu gleicher Zeit! ... O, das ist ... grlich!
    Martell warf sich an die Erde und wlzte sich convulsivisch auf dem Boden.
    Er macht's aus, flsterte Kltken-Hannes seinem verbrecherischen Genossen
zu. Morgen, stellt uns der Teufel kein Bein, knnen wir unser Geld einstreichen
und frhlich von dannen ziehn!
    Noch nicht! - Er wird schon wieder ruhig.
    Sieh, wie er zuckt! - Das ist der Todeskampf!
    Lassen wir ihn liegen? - Das Vieh mag ohne uns himmeln.
    Und wenn er wieder zu sich kommt?
    Hol' ihn die Pest, oder - mein Messer hilft dem Pulver nach! ... Ich bin es
berdrssig, mich lnger mit der wildtrotzigen Fratze herum zu martern!
    Wer heit Dir's? Du kannst gehen, wenn's Dir nicht gefllt. Bist mir
ohnehin nur im Wege.
    So lange es mir gefllt! grinste der Mrder. Will ich mein altes Handwerk
wieder aufnehmen, so hast Du am lngsten Wasser geschluckt! - Na, sei ruhig
Freund! Ich erinnere Dich blos, wenn Du die Pflichten der Dankbarkeit im Unmuth
hintansetzen willst. Wir bleiben Freunde, denk' ich, bis uns beim lustigsten
Trunk der Teufel selbander holt.
    Kltken-Hannes mute nothgedrungen die dargereichte Hand des Entsetzlichen
annehmen. Beide Verworfene schttelten sich die verbrecherischen Hnde und
gelobten sich unter grlichen Eidschwren auf's Neue unverbrchliche Treue.
Inzwischen raffte sich Martell doch wieder auf. Nach den erschtternden Krmpfen
schien ihm die angeborene Riesenkraft zurckzukehren. Er stand vom Boden auf
ohne Beihilfe, schttelte mehrmals sein lockiges Haupt und forderte dann die
beiden Andern barsch zum Aufbruche auf. Diese zeigten sich willig und nachdem
Kltken-Hannes das Licht behutsam ausgelscht und die Ueberreste des Branntweins
in einem Verschlage verborgen hatte, entriegelte er die Thr und trat, Martells
Hand in der seinigen haltend, in die finstere Nacht hinaus. Ihm auf dem Fue
folgte, einem unheimlichen Schatten gleich, der Mrder von Herta's Vater. -
    Mit angehaltenem Athem hatte Gilbert diesem Gesprch zugehrt und daraus den
abscheulichen Anschlag auf Martells Leben entnommen. Er konnte keinen Augenblick
zweifeln, da Adrian der Anstifter dieser Schndlichkeit sei, da hier ein
Bruder seinen Bruder auf Befehl eines dritten Bruders meuchlings morden solle,
vielleicht schon gemordet hatte; denn wer konnte wissen, ob die Riesennatur
Martells der Gewalt des genossenen Gistes widerstehen oder erliegen werde!
    Da es thricht gewesen wre, den beiden heimtckischen Mrdern den Weg
vertreten zu wollen, so hielt sich Gilbert bei ihrem Aufbruche aus der Torfhtte
ganz ruhig. Er lie sie eine Strecke vorausgehen, bis sich die rauhen Stimmen
der laut Sprechenden im Dickicht des Waldes verloren. Dann folgte er ihrer Spur
und traf fast zu gleicher Zeit mit ihnen im Arbeiterdorfe ein.
    In seiner Wohnung angekommen, berlegte der heftig erschtterte Jngling,
was jetzt zu thun sei, um wo mglich Martell noch zu retten, die gedungenen
Mrder unschdlich zu machen und den Anstifter des Verbrechens der gerechten
Strafe zu berliefern. Ein schneller und energischer Entschlu war nthig, denn
schon bermorgen sollte der nichts Bses Ahnende im Rausche vollends umgebracht
werden! -
    Allein und auf seine Verantwortung hin mochte er nicht handeln. Deshalb
schrieb er wenige dringende Zeilen an Aurel, worin er ihm meldete, da er
Entdeckungen von der grten Wichtigkeit gemacht habe. Der Kapitn mge daher
unmittelbar nach Empfang dieser Zeilen nach Boberstein aufbrechen und wo mglich
den Maulwurffnger mitbringen!
    Dann weckte er Vollbrecht, bat diesen instndigst, er mge ihm einen
zuverlssigen Boten nennen, dem die Besorgung eines wichtigen Briefes
anzuvertrauen sei, und beruhigte sich erst, als ein solcher gefunden und mit der
wichtigen Meldung nach Boberstein abgeschickt worden war.
    Vollbrechts Fragen lie Gilbert unbeantwortet, indem er ihn auf die Vorgnge
der nchsten Tage verwies.
    
    So kam der Morgen heran, ohne da unser junger Freund ein Auge geschlossen
hatte. Um sich zu zerstreuen, eilte er in die Fabrik. Hier fand er Martell schon
an der Arbeit, zitternder als gewhnlich und mit fahlem eingefallenen
Todtengesicht. Der Spinner reichte ihm die Hand; sie war hei und trocken und
ein schneller, harter Puls klopfte in den blutstrotzenden Adern. Von einem
Rausche konnte man brigens nichts bemerken, nur ein trockener Husten, ein
pfeifendes Athemholen und zuweilen tiefes Sthnen lieen den Ausbruch einer
Krankheit vermuthen, die bereits in den Eingeweiden des Unglcklichen whlte.
    Schon gegen Abend trafen Aurel, der Maulwurffnger und Paul Sloboda,
Haiderschens jngster Sohn, auf raschem Fuhrwerk in Boberstein ein. Gilbert war
ihnen eine Strecke Wegs entgegen gegangen, um sie zu verhindern, in der Wohnung
Martells einen Besuch zu machen. Er wnschte, da ihre Ankunft ganz verborgen
bleibe. Deshalb bat er auch den Kapitn, er mchte erst im Schutz der Nacht die
Insel heimlich betreten.
    Aurel mute diese Vorsichtsmaregeln billigen. Die mndlichen Mittheilungen
Gilberts entsetzten sowohl ihn als den Maulwurffnger und es dauerte geraume
Zeit, ehe sie daran glauben konnten.
    Es wre doch zu entsetzlich, rief der Kapitn wiederholt aus, wenn sich
alles so verhielte, wie Du behauptest! - Arme Herta! Unglckliche Elwire! - Und
dieser Blutrssel -!
    Ich tusche mich nicht, Kapitn! Die Nacht in der Mohrentaverne ist meinem
Gedchtni zu tief eingeprgt. Kein Anderer, als jener scheuliche Musikant, von
dem Sie Kunde erhielten, da Ihre gndige Tante noch am Leben sei, war gestern
Nacht des Trdlers Gefhrte!
    Weit Du seinen Aufenthalt? Wir mssen ihn unschdlich machen.
    Nein, Kapitn! Gedulden Sie sich aber bis morgen Nacht, so knnen wir die
beiden Unholde gefangen nehmen.
    Weshalb so lange zgern?
    Weil sie heut in Geschften, wie ich aus ihrem eigenen Munde gehrt habe,
in der Haide herumlaufen.
    Sind sie bewaffnet?
    Mit langen Messern.
    Dann mssen wir die Torfhtte umstellen, sie einschlieen und berrumpeln!
    Damit die beiden Teufel dem armen Martell die Kehle abschneiden? warf der
Maulwurffnger ein. Wenn Sie erlauben, mein Herr Kapitn, so mchte ich mich
diesem Feldzugsplane widersetzen. Ich habe einen andern Gedanken.
    Lat hren, braver Alter! sagte Aurel.
    Aus der Beschreibung des flinken Matrosen kann ich mir abnehmen,
erwiederte der Maulwurffnger, da die verruchten Satanskinder Ihren Herrn
Halbbruder nach jener Torfgrube gelockt haben, die in der Haide unter dem Namen
des Binsenloches bekannt ist. Ich kenne die alte Wchterhtte ganz gut, denn sie
hat mir manche Nacht zum Obdach gedient. Gro ist das Bretterhusel freilich
nicht, aber um sich drin zu verstecken, hat es doch Raum genug. Es besteht aus
zwei ungleichen Hlften und einem Verschlage, um Lebensmittel drin zu
verschlieen. Die Gauner sind im eigentlichen Wohnzimmer gewesen, hr' ich, die
Kammer daneben, scheint mir, hat Keiner von ihnen betreten. Wer wei, ob sie sie
gar kennen! Wie dem aber auch sei, es thut nichts zur Sache! Wer vorkommt, mht
vor, ist ein altes gutes Sprichwort, auf das sich alle Deutschen verlassen
knnen bis zum jngsten Tage! Aus diesem Grunde mein' ich, meine Herren, wir
schlichen uns alle vier mit Stricken wohl versehen bei Zeiten nach dem
Binsenloche und verkrchen uns schnstens in der Kammer des Wchterhauses.
Kommen dann spter die Mordkerle mit ihrem vergifteten Gesff, um unserm
unglcklichen Freunde vollends das Garaus zu machen, so packen wir die
Sackermenter risch1 bei der Kehle und binden sie, da sie die Engel im Himmel
singen hren, als stnden sie wie die Ostersnger dicht vor der Htte! Was
hernach weiter geschehen soll, das mag der Herr Kapitn und das Gericht
bestimmen.
    Aurel fand diesen Vorschlag so annehmbar, da er sich dankend dafr
entschied und den Maulwurffnger beauftragte, fr alles Nthige zu sorgen.
    Am frhen Morgen des nchsten Tages ging Aurel sehr zeitig mit Gilbert aus,
um die Torfgrube zu besichtigen und sich mit den Oertlichkeiten bekannt zu
machen. Sie fanden die Thr der Htte unverschlossen, in dem Verschlag einen
groen Vorrath von Branntwein und Rum, ein Kohlenbecken nebst Feuerzeug und
mehrere Glser und Kannen. Die Kammer war bis auf einige von Ratten und Musen
zernagte Strohscke ganz leer. Sie eignete sich vortrefflich zu einem Versteck,
da an der Thr ein schmales Schiebefenster angebracht war, das man nach Belieben
ffnen und schlieen konnte. Um unbemerkt zu bleiben, ordnete Aurel die Schemel
in der Stube so um den Tisch, da die nchtlichen Zecher der Thr den Rcken
zukehren muten.
    Den Rest des Tages verbrachte der Kapitn mit Gilbert auf der Jagd, da
Vollbrecht aus Adrians Gewehrzimmer unbemerkt ein paar vortreffliche
Doppelflinten hatte entnehmen knnen. Mit der Abenddmmerung kehrten sie zurck
und eilten sogleich in ihr Versteck, wo bald darauf auch der Maulwurffnger und
Paul ankamen.
    Lange muten sie vergeblich warten, erst in der neunten Stunde hrten sie,
da sich schlrfende Schritte der Htte nherten und drei Mnner schweigend in
die Stube traten. Einer von ihnen schlug Feuer an, entzndete ein Talglicht und
stellte es auf den Tisch. Aurels Spherauge erkannte in ihm Kltken-Hannes.
Inzwischen beschftigte sich Blutrssel mit Entflammen der Kohlenpfanne, um das
scharfe Getrnk zu erhitzen, Martell aber, welcher diesen Vorbereitungen
schweigend zusah, sttzte beide Arme auf die Lehne seines Schemels und schien
kaum den Augenblick erwarten zu knnen, wo das erste Glas des vernichtenden
Getrnkes seine fieberhaft brennende Lippe benetzen werde.
    Beim ewigen Gott, sie sind es! flsterte Aurel dem Maulwurffnger zu. Und
solchen Menschen soll ich Bruder nennen! - O fast mchte ich wnschen, nie das
Licht dieser entsetzlichen Welt erblickt zu haben!
    Still! sagte der Maulwurffnger. Der Kerl, der mir damals den Span hielt,
als ich Herta's Vater gegen ihren Cousin zu Hilfe rief im Namen der armen
Wenden, er fletscht seine Zhne gegen Martell und wird vermuthlich einen
gottlosen Witz reien wollen. Hren wir zu!
    Mordelement, kreischte Blutrssel, ein Glas fllend, und die heie
Flssigkeit anzndend, brennt das nicht wie ein Todtenlicht? Und wie lebendig
machts einen resoluten Kerl, der solche Flammen dutzendweise einschlrft! Wer
will?
    Mit krampfhaft zitternder Hand griff Martell nach dem Glase, weidete ein
paar Secunden lang seine Blicke an der zuckend spielenden Flamme, in deren
blauer Lohe sein Gesicht einer Todtenmaske hnlich ward, blies sie dann aus und
leerte das Glas auf einen Zug. Als er es auf den Tisch niedersetzte, benutzte
Kltken-Hannes den gnstigen Moment und schttete weies Pulver in das Gef,
whrend Blutrssel es sogleich wieder fllte. Martell hatte nichts bemerkt.
    Heiliger Gott, er vergiftet ihn! stammelte Aurel und wollte die Thr
aufreien.
    Geduld, Herr Kapitn! ermahnte der Maulwurffnger. Wir knnen immer noch
eine Weile zusehen. Unser Geschft hat Zeit, bis Martell wirklich trinkt.
    Und wenn er stirbt? Bedenkt, wie furchtbar angegriffen er ist!
    Von dem halben Kaffeelffel Giftpulver stirbt er nicht, versetzte der
Maullwurffnger mit groer Ruhe. Der Magen eines Armen vertrgt 'was. Er wird
hart und schwielig, wie die Hand, die ihn erhalten mu.
    Jetzt la mal hren, armer Teufel, sagte Kltken-Hannes, was das fr eine
Geschichte ist mit dem Prozesse, von dem wir gestern sprechen hrten? Du sollst
ja auch mit dabei sein. Aber um was, in's Teufels Namen, prozessirst denn Du?
Bist ja rmer wie eine Kirchenmaus!
    Ich prozessire nicht, ich lasse es nur geschehen, erwiederte Martell mit
finsterer Miene, und weil ich gar nichts davon wissen mag, darum sitze ich hier
und trinke mit Euch - auf Eure Kosten. Euer Geldsack soll leben!
    Hurrah! Und sich immer von Neuem fllen!
    Sauf! schrie Blutrssel und stie mit Martell an. Der Spinner trank, spie
aber schon nach dem ersten Schluck den Branntwein wieder aus. Sein Geschmack war
noch nicht verdorben, er selbst noch zu nchtern.
    Nun, was hast Du? fragte Kltken-Hannes. Was ist das fr Manier, uns fr
unsern guten Willen nicht Bescheid zu thun?
    Das Gesff schmeckt nicht. Es ist verdorben.
    Albernheiten! Es schmeckt ja uns!
    Koste! - Aber wie zum Henker sieht das Zeug denn aus! Ganz trb und wolkig!
Puh, und wie riecht das! Wie Knoblauch!
    Ich rieche nichts, sagte Blutrssel. Trinke nur und ich wette, es
schmeckt Dir wie kein anderes.
    Martell setzte das Glas abermals an die Lippen und versuchte zu trinken.
Aber nur wenige Tropfen vermochte er zu verschlucken. Schaudernd setzte er es
nieder und warf einen furchtbar ernsten Blick auf die beiden Schurken, die
unvorsichtig verrtherische Blicke unter einander gewechselt hatten.
    Ich glaube, sagte er mit schauerlicher Ruhe, Ihr seid alle Beide ein paar
elende Hunde! Eure Satansaugen haben Euch mir verrathen! Ihr wollt mich
vergiften; denn Gift und nichts weiter als Gift ist in diesem Glase! Was hab'
ich Euch gethan?
    Er ist betrunken! lachte Blutrssel.
    Sei kein Narr; giee das Glas aus und la Dir's mit frischem Branntwein
fllen. Wer wei, was zufllig mit hineingekommen ist.
    Halt! donnerte Martell, als Kltken-Hannes das vergiftete Getrnk auf die
Diele gieen wollte. Kein Tropfen soll davon verloren gehen, bevor es ein
Apotheker untersucht hat. Seit vorgestern will mir ein entsetzliches Licht ber
Euch aufgehen! Mein armes Weib, das mich weinend umfing, als ich zitternd und
taumelnd in die elende Kammer trat, mein Weib hat mich zuerst darauf aufmerksam
gemacht. Der grimmige Schmerz in meinen Eingeweiden, der whrend der Nacht
wiederkehrte und sich erst verlor, als ich mich erbrechen mute, dieser Schmerz,
behaupt' ich, rhrte von einem Giftstoffe her, den Ihr mir unvermerkt, wenn ich
halb trunken war, in's Glas geschttet habt! Seit einiger Zeit fhle ich ein
merkliches Abnehmen meiner Krfte, eine Schwche meines Gedchtnisses. Ich werde
elend, ich zittere, wie Espenlaub, meine Farbe hat sich verwandelt. So wirkt der
Genu rein geistiger Getrnke nicht; es sind dies die Folgen der schdlichen
Beimischungen, mit denen Ihr mich elend machen wollt! - Ich behaupte dies jetzt
und werde es so lange behaupten, bis das Gegentheil bewiesen ist. Ihr aber sollt
nicht von der Stelle, bis Ihr mir sagt, was Euch zu solcher Schndlichkeit
bewogen hat!
    Martell ergriff seinen Schemel, schob ihn vor die Thr der Htte und stellte
sich in seiner ganzen riesigen Gre hinter denselben.
    Gebt Antwort, oder ihr sollt empfinden, da Ihr es mit einem Verzweifelten
zu thun habt, der trotz Eurer verfluchten Trnke doch noch im Stande ist, ein
paar Hallunken zu zchtigen!
    Genug des Spectakels jetzt! entgegnete Blutrssel, dem an Aufrechthaltung
des Friedens am meisten gelegen war. Deine alberne Gans von Frau hat Dir die
Narrheit in den Kopf gesetzt, und weil Du angegriffen warst vom Arbeiten und
Trinken, so hast Du das dumme Zeug geglaubt. Was sollten wir denn profitiren,
wenn wir Dir das Lebenslicht ausbliesen? He?
    Ja, das sag' uns, Grobian, was sollten wir profitiren? wiederholte
Kltken-Hannes.
    Man hat Euch bestochen, erkauft! Pfui ber Euch Wichte! schrie Martell und
spuckte vor ihnen aus, aber ich will es Euch eintrnken, so wahr ich ein
geborener Graf bin!
    Du ein Graf! Ein Graf in zerrissener Leinwandhose! hhnte Blutrssel. Wie
theuer schlgst Du Deine Garderobe wohl los? Etwa fr ein halbes Spitzglas?
    Dafr, Du Hund! schrie Martell, indem er dem Mrder mit geballter Faust
ins Gesicht schlug, da er krachend mit sammt dem Schemel zu Boden strzte.
    Dieser Faustschlag war das Signal zu einem allgemeinen frchterlichen
Kampfe, der sich jetzt zwischen den beiden Verworfenen und dem gereizten Martell
entspann. Eine Zeit lang hielt der starke Spinner die Angriffe seiner wthend
gewordenen Gegner mit Kraft und Gewandheit ab; selbst das versuchte feige
Unterlaufen des heimtckischen Blutrssel, der mordlustig sein Messer gegen den
Unglcklichen schwang, vereitelte er. Allein bald ermatteten seine nur knstlich
gespannten Krfte, er wankte, ward von KltkenHannes gepackt und drhnend zu
Boden geworfen.
    Jubelnd strzte sich Blutrssel auf den gefallenen Riesen, kniete ihm auf
die Brust und zckte das Messer.
    Mit wie vielen Stichen willst Du zur Hlle fahren, verrckter Teufel?
schrie ihm der bestialische Mensch in's Ohr. Geschwind, thu's Maul noch einmal
auf, eh' ich einen Schlund daraus mache; denn fort mut Du, durch Stahl oder
Gift, das ist unser Geschft!
    Erbarmen! rchelte Martell, von Kltken-Hannes Hnden wie von eisernen
Klammern umschlungen.
    Kein Erbarmen! rief der ehemalige Trdler. Die Canaille verrth uns doch,
wenn sie wieder frei kommt, also nur zugestoen! Je tiefer, desto besser!
    Blutrssel fiel in ein grliches Gelchter. Er zog sein langes dolchartiges
Messer durch die schwarzen Locken des Spinners, erhob es dann langsam vor dessen
Augen und begann zu zhlen, whrend eben so langsam die scharfe Spitze der
Mordwaffe sich wieder gegen den Hals des Wehrlosen senkte:
    Eins ... zwei ... -
    Da hrte man ein Krachen, wie von zerberstenden Brettern, und eine
unsichtbare Gewalt ergriff hinterrcks den Mrder und schleuderte ihn mit
Riesenkraft gegen die Diele.

                                    Funoten


1 risch so viel wie geschwind.


                               Sechstes Kapitel.

                              Die Gefangennehmung.

Ein zornig flammendes Auge und ein stolzes, von edler Entrstung gerthetes
Antlitz beugte sich ber den Missethter, whrend drei andere Mnner theils
seinen Genossen gleich ihm zu Boden warfen, theils dem Gemihandelten
beisprangen. In der kmmerlichen Beleuchtung und der qualmigen Atmosphre der
Htte, die von Kohlendampf geschwngert war, erkannten weder Blutrssel noch
Kltken-Hannes ihre Ueberwltiger. Erst nachdem Beide gefesselt am Boden lagen,
lie Aurel seine zrnenden Blicke von Einem zum Andern gleiten und sagte:
    Elende, kennt Ihr mich?
    Keiner antwortete, sei es, weil der Schreck sie betubte, oder sei es, da
sie wirklich in dem unerwartet eingedrungenen Gegner den Kapitn nicht wieder
erkannten. Aurel fuhr fort:
    Kltken-Hannes! Als ich mich Deines schuldlosen Kindes gegen Dich und Deine
brutalen Forderungen annahm, als ich es fr immer Deinen Hnden entri; damals
machte ich es Dir zur Bedingung, Dich nie mehr um Deine Tochter zu bekmmern,
nie mehr meine Wege zu kreuzen. Du hast nicht Wort gehalten.
    
    Zum Teufel mit Ihrem Geschwtz, Herr! entgegnete der frhere Trdler.
Denken Sie denn, es liegt mir 'was daran, Ihnen wieder vor's Gesicht zu kommen?
Wer heit Sie sich zu mir drngen, he? Oder haben Sie mich und meinen Freund
nicht berfallen wie Ruber? Mithin laufen Sie mir in den Weg, nicht ich Ihnen.
Das ist klar wie Alsterwasser.
    Um Euch an einem Morde zu hindern, berfiel ich Euch. Was aber,
Kltken-Hannes was fhrt Dich in diese Gegend?
    Ich mte klger sein, als Eulenspiegel, wenn ich darauf genaue Antwort
geben sollte. Was meinen Sie dazu, wenn ich sage: ich wollte mich in der Welt
umsehen, da mich nichts mehr in Hamburg festhielt und ich aller Noth und Mhen
durch den guten Handel mit Ihnen berhoben war?
    Ich wrde Dich einen Lgner nennen, denn ich wei, da Du auf Veranlassung
eines Dritten hier bist.
    Wer sich mit dem Teufel einlt, darf sich nicht wundern, da ihm Krallen
wachsen, hemerkte mit hhnischem Lachen Blutrssel. Ich rieth Dir gleich ab
von dem Handel, so eintrglich er sich auch anlie, Du mochtest aber nicht
hren. Nun haben wir die Bescheerung, denn ich will mir gleich die Zunge
abbeien, wenn der hochnasige Herr nicht selber der Schreiber jenes Wisches ist,
der uns eine goldene Zukunft versprach. Fluch und Verdammni!
    Da stt der Maulwurf auf! bemerkte Pink-Heinrich leise. Senken Sie nun
behutsam die Fangdrhte in die Fhrte und Sie werden der glatten Bestie sicher
den Hals zuschnren!
    Mit Dir spreche ich spter, sagte Aurel Blutrssel den Rcken zukehrend.
Zu Kltken-Hannes gewandt, fuhr er fort:
    Du erhieltst also einen Brief, der Dich fr Geld in diese Gegend lockte?
    Wozu die Frage, Herr! Oder verstehen Sie nicht deutsch? - Die verwilderte
Hyne hat ja schon geplaudert!
    Was solltest Du hier?
    Trinken, bis mir die Seele flammend aus dem Leibe und wie vor Zeiten Elias
auf Feuerrdern in den Himmel fhre!
    Um dieses Verhr abzukrzen, will ich Dir das Weitere selbst vorerzhlen.
Du kamst in die Haide und erhieltest von einem vornehmen Manne, der - besinne
Dich - mir etwas hnlich sah, den Auftrag, einen armen Arbeiter, Namens Martell,
durch Branntwein zu betuben, diesem Getrnk Gift beizumischen und den
Unglcklichen auf diese Weise langsam zu tdten. Ist es nicht so?
    Sie spielen unter einer Decke, murmelte Blutrssel.
    
    Fahren Sie nur fort, Herr Kapitn, erwiederte Kltken-Hannes uerst
brutal. Ich habe nichts dagegen, meine Zunge zu schonen, die ohnedies heut
Nacht sehr trocken geblieben ist; auch macht es mir Spa, von einem Fremden mein
eigenes Leben so hbsch erzhlen zu hren.
    Du schlichst Dich mit Deinem saubern Genossen als Khler in die
Gesellschaft der armen Fabrikarbeiter drben im Dorf am See, die mit ihrem Herrn
unzufrieden bei ihren Zusamrmenknften hufig heftige Reden fhrten und
demselben seiner Hrte und Grausamkeit wegen alles Bse wnschten. Dabei fandest
Du Gelegenheit, die Armen zutraulich zu machen und namentlich Martell an Dich zu
fesseln durch Deine Freigebigkeit. Man versprach Dir goldene Berge, wenn Du
seinen Tod bald herbeifhrtest, doch so, da es den Anschein habe, als sei er in
Folge ausschweifender Trunksucht gestorben.
    Sehr verbunden, Herr Kapitn. Es freut mich zu hren, da Sie von Ihrem
eigenen Auftrage kein Wort vergessen haben. Die Komdie fngt nunmehr an mich zu
belustigen.
    Diese Lust wird sich bald in Entsetzen verwandeln, Unglcklicher! rief
Aurel, indem er dem Gefesselten nher trat. Betrachte mich genau und erinnere
Dich, da ich mich Dir als Kapitn am Stein zu erkennen gab!
    Kapitn am Stein, ganz recht. Das pat zusammen, wie Ober- und Untertasse.
    Mit meinem wahren Namen, Aurel Graf von Boberstein.
    Von Boberstein? schrie Blurssel auf und strich sich die borstigen grauen
Haare aus der Stirn. Ha, dann bricht die Hlle ber uns herein!
    Und heulend schlug sich der Mrder mit den eigenen Fusten Brust und Stirn.
    Sieh, selbst dieser verwilderte Elende erschrickt vor meinem bloen Namen!
Glaubst Du jetzt an namenlosen Jammer, an unaussprechliche Vergehungen, die Du
zum Theil begangen hast, zum Theil begehen wolltest?
    Kltken-Hannes hatte sich aufgerichtet und schlo die gebundenen Hnde
unwillkrlich wie zum Gebet. Sein entsetztes Auge hing fragend an den Lippen des
Kapitns.
    Es gibt der Grafen von Boberstein drei, alle Shne eines Vaters, der zu den
unglcklichsten Menschen gehrte, fuhr der Kapitn fort. Er war leichtsinnig
und beging in strflichem Leichtsinn schwer zu shnende Uebelthaten. Eine der
entsetzlichsten bestand darin, da er schne Mdchen mit Gewalt sich dienstbar
machte und die unglcklichen Geschpfe spterhin verstie. Die Kinder so
strflichen Umgangs gab er dem Elende preis; sie irrten ungekannt in der Welt
umher. Erst nach langen, langen Jahren leitete ein Zufall ihr Wiederfinden ein.
Man traf einen Sprling des Grafen Magnus von Boberstein unter den darbenden
Arbeitern in der Fabrik des Grafen Adrian von Boberstein, genannt Herr am Stein.
Der Bruder war ohne Wissen und Willen fast leibeigner Knecht, elender Sclave des
eigenen leiblichen Bruders geworden! Dieser Bruder nannte sich Martell!
    O Gott erbarme sich! stammelte Kltken-Hannes. Ein Bruder wollte den
Bruder ermorden!
    Wir sind noch nicht zu Ende, Unseliger! Nicht genug, da der Bruder aus
Geiz und Habsucht Mrder gegen den Bruder dang, er suchte sich zu diesem
gedungenen Mrder auch einen - dritten Bruder aus in - Dir!
    Erbarmen! winselte Kltken-Hannes.
    Ja, Beklagenswerther! Du, ein verlorenes Kind, als Knabe von diesem
Scheusal, das sich jetzt winselnd zu Deinen Fen krmmt, auf Befehl Deines
Vaters in die Welt hinausgestoen, Du bist der Sohn Herta's, der Cousine des
Grafen Magnus, die jetzt eine Greisin, wieder im Schoe ihrer Familie lebt. Du
bist der Bruder dieses Mannes, dem Du tglich Gift zu trinken gabst, Du bist
auch mein, mein Bruder!
    Aurel vermochte nicht mehr zu sprechen. Thrnen des Jammers erstickten seine
Stimme. Er setzte sich auf einen der Schemel, legte beide Arme gekreuzt auf den
Tisch, senkte den Kopf und schluchzte laut.
    Stumm und ernst umstanden der Maulwurffnger, Gilbert und Paul die Opfer
dieser schauerlichen gesellschaftlichen Verbrechen, unter deren qualvollen Last
die Betheiligten jammernd zusammenbrachen. Nach einiger Zeit ermannte sich Aurel
wieder und fuhr fort:
    Die unerforschliche Vorsehung hat mir das Amt vorbehalten, als Anklger und
Richter gegen meine eigenen Brder auftreten zu mssen. So schwer dieses Amt
ist, so halte ich es doch fr meine Pflicht, es zu bernehmen. - Johannes
Kltken, Du bleibst mein Gefangener. Ich verhafte Dich, als Mrder, als
Brudermrrder! - Und Du, Blutrssel, oder wie Du sonst heien magst, Dich
verhafte ich als Mrder desjenigen Mannes, der ehedem unter dem Namen Frst der
Haide in diesen Wldern berhmt und gefrchtet war; denn Niemand als Du erschlug
den Vater Herta's im Walde, Niemand als Du entfhrte den Knaben Johannes und
bereitete seinen moralischen Untergang vor!
    Zerknirscht und berwltigt von der so unerwartet hereingebrochenen Nemesis,
wagte der freche Mrder nicht zu lugnen. Die Angst des Entsetzens schttelte
ihn wie Fieberfrost, prete ihm Tne aus, die dem fernen Geheul hungernder Wlfe
glichen.
    Bis zum Anbruch des neuen Tages bleibt Ihr in dieser Htte, von meinen
Begleitern bewacht. Morgen werde ich Euch dem strafenden Arm der Gerechtigkeit
berliefern. Zeigt Ihr Euch reuig, so kann ich vielleicht zu Milderung der ber
Euch zu verhngenden Strafe in Betracht der eigenthmlichen Verhltnisse ein
frsprechendes Wort einlegen, seid Ihr aber halsstarrig, verstockt und in Snden
verhrtet, dann treffe Euch die ganze Strenge des Gesetzes! -
    Aurel wandte sich nun zu Martell, der dem Bisherigen mit demselben ernsten
Schweigen beigewohnt hatte, das alle Uebrigen beherrschte. Gerrt reichte er dem
schwer geprften Halbbruder die Hand und sprach:
    Muth, Martell, und Selbstbeherrschung, und ich hoffe noch auf dieser
dstern Stirn das Lcheln der Freude glnzen zu sehen! Dein unvershnlicher
Feind wird seine verbrecherischen Absichten nicht erreichen; Du wirst leben und
glcklich sein.
    Martell schttelte das Haupt und schlug die krankhaft blitzenden Augen zu
dem Kapitn auf.
    Wie kann ich glcklich werden, selbst wenn ich am Leben bleibe? sagte er.
Mein Vertrauen zu den Menschen ist dahin, mein Glaube an das gerechte Walten
eines hchsten Wesens hat den wildesten Zweifeln weichen mssen. Ich kann nicht
mehr lieben, ich mchte nur hassen. Sndige ich, nun so mge Gott mir in Gnaden
vergeben und diejenigen zur Verantwortung ziehen, die mich zu einem so
unglcklichen Menschen gemacht haben!
    Zeit und sanfte Umgebungen werden Dir andere Gefhle einflen, armer
Gedrckter. Komm jetzt, wenn Du Dich stark genug fhlst. Begleite mich auf einem
Gange durch die Haide. Der Anblick dieser Unglcklichen taugt nicht fr Dich.
Sobald wir sie morgen der Gerechtigkeit berliefert haben, gehst Du mit mir auf
den Zeiselhof, mit Weib und Kind!
    Nicht um die Welt, Kapitn! unterbrach ihn Martell heftig und ungestm.
Ich mag meine baufllige Htte nicht verlassen, ich will ein Bettler, ein
verachteter Lohnarbeiter bleiben, bis die Stimme des Gerichtes gesprochen hat.
Ist dies geschehen, so - wandere ich vielleicht aus, vielleicht lege ich mich
hin und sterbe! Denn ntz bin ich auf dieser Welt doch einmal nichts mehr!
    Aurel wollte den Erbitterten, von dem genossenen Gift noch krankhaft
Erregten durch Widerspruch nicht noch mehr reizen und lie deshalb die Zukunft
des Spinners einstweilen auf sich beruhen. Ein bittender Blick auf den
Maulwurffnger gengte, diesen als Wchter in der Htte zurckzuhalten. Ihm
gesellten sich Gilbert und Paul zu, der Kapitn aber und Martell verlieen den
Schauplatz eines mit so ausgesuchter Bosheit vorbereiteten Verbrechens.
    Gebt mir Wasser! kreischte Blutrssel, als sich die beiden Halbbrder
entfernt hatten. Meine Eingeweide brennen.
    Pink-Heinrich ffnete den Verschlag, fand einen Krug Brunnenwasser darin und
reichte ihn dem scheulichen Mrder. Nachdem dieser getrunken hatte, sah ihn der
Maulwurffnger mit seinen grauen durchdringenden Augen forschend an.
    Du kennst mich wohl nicht mehr, alter Knochen? redete er den Gefesselten
an. Vor langen Jahren hielten wir einmal eine verwunderliche Zwiesprach mit
einander, an einem Orte, der just auch nicht zu den apart schnen Palsten
gehrte.
    Ich kenne Euch nicht, sagte Blutrssel mrrisch.
    Das beweist mir, da Du fr Dein schlechtes Gewerbe nicht das tauglichste
Subject bist. Httest meiner Seele 'was Besseres werden knnen! Aber freilich
der Wchterdienst im Raubhause -
    Im Raubhause?
    Ei ja doch! Dazumal warst Du zwar auch kein Ausbund von Schnheit, aber
doch ein fixer Bursche, dem's Maul auf dem rechten Flecke stand. Zu dem Besuche
beim Frsten der Haide zndetest Du mir die schlpfrige Treppe voran.
    Hm! Ihr seid also der berhmte Maulwurffnger vom Todten? Dachte, der Satan
htte Euch lngst das Genick umgedreht.
    Wre ich so eng mit ihm befreundet, wie Du, dann htte er mir diesen
Liebesdienst wahrscheinlich erwiesen. So aber hielt ich es lieber mit seinem
mchtigen Erbfeinde und der geleitete mich noch immer an seiner starken Hand
durch alle Fhrnisse dieses wechselvollen Lebens.
    Blutrssel murmelte unverstndliche Worte in den Bart. Der Maulwurffnger
warf einen Blick auf den verwahrlosten Sohn der engelguten Herta, und wiewohl es
ihn drngte, einige Worte an den doppelt Unglcklichen zu richten, unterlie er
es doch, um die Seelenleiden des Armen nicht zu vermehren. In sich versunken,
regungslos, nur zuweilen mit den warzenbedeckten Hnden krampfhaft in sein
verworrenes Haar fahrend, schreiende Seufzer ausstoend und von Zeit zu Zeit die
blutunterlaufenen Augen rollend, so sa Kltken-Hannes am Boden der Htte.
    Eine endlose, fr Alle gleich entsetzliche Nacht umfing Gefangene und
Wachthaltende. Als es zu grauen begann, kamen Martell und Aurel von ihrem
Nachtspatziergange wieder zurck. Man wartete nun vollends den Tag ab und brach
dann die Verbrecher in der Mitte, nach Boberstein auf.

                               Siebentes Kapitel.



                              Der Urtheilsspruch.

In derselben Nacht hatte Adrian einen sonderbaren Traum.
    Er wandelte einsam durch die Sle seiner Fabrik. Die Maschinen standen
still, kein Arbeiter war zu sehen, dennoch aber hrte er das Schwirren der Rder
und Spindeln, und eine leichte Wolke feinen Wollstaubes umhllte ihn. Er konnte
nicht unterscheiden, ob es Tag oder Nacht war, denn obgleich die Lampen nicht
brannten, glhten und leuchteten doch die glsernen Kugeln, welche sie umgaben,
und ein rthliches scharfes Licht strahlte von ihnen aus. Auch der Himmel war
hell und durchsichtig blau wie am Tage, nur schien es, als sei statt der Sonne
der Mond aufgegangen. Die goldglnzende Kugel wrmte nicht, ihr Licht war kalt
und farblos. Wie bluliches Feuer durchstrmte es die umliegende Haide und
spiegelte sich in den schimmernden Wellen des See's.
    Die Glocke schlug die zwlfte Stunde, dann lutete es. Die Thren aller
Sle, die Adrian auf einmal bersehen konnte, thaten sich auf, und in langem
Zuge erschienen die Spinner. Es waren aber keine Menschen von Fleisch und Bein,
sondern graue durchsichtige Schatten mit kummervollen Mienen, tief
eingefallenen, entsetzlich leuchtenden Augen, die sie alle unverwandt auf den
erschrockenen Gebieter richteten. Jeder trat an seinen Ort und das ganze Heer
dieser murmelnden Schatten begann zu spinnen.
    Kaum bewegten sich die Maschinen, als Adrian einen namenlosen Schmerz
empfand. Er sah, wie seine Haare sich bumten, wie die Finger der gespenstischen
Spinner darnach griffen und sie an die Spindeln hefteten. Dabei hrte er das
Hhnen und Lachen von tausend Stimmen, die sich freuten ber seine Qualen. Die
verhungerten Kinder krochen hervor unter den rasselnden Walzen, umringten ihn
und fhrten einen phantastischen Tanz auf, whrend er von den zahllosen Spindeln
emporgehoben wurde und nach allen Seiten hin durch die Spinnsle schwebte. Ihm
war, als fhle er sich unter unsglichen Qualen immer kleiner werden, zum Zwerg
einschrumpfen und endlich fast ganz verschwinden. Was von ihm brig blieb, war
nicht grer als ein gewhnlicher Ball, deren sich die Kinder bei ihren Spielen
bedienen. Diesen Ball, in dem Adrian sich fhlte und wute und sah, ergriff
zuerst der finstere Martell und schleuderte ihn Maja Simson zu, die ihn in
groen Bogen weiter warf. Ein Wesen, das er kannte, obwohl es mit den Arbeitern
in keiner Verbindung stand, fing ihn auf, legte ihn behutsam auf die Erde und
stampfte dann mit beiden Fen darauf, da er jeden Tritt schmerzhaft fhlte und
unter den erbarmungslosen Sten laut seufzte und sthnte. Ein Futritt
schnellte ihn wieder zurck in Martells Hnde, der das vorige Spiel von Neuem
begann. Wohl zwlf Mal mute Adrian sein fhlendes Selbst in so schrecklicher
Weise durch einen endlosen Raum fliegen sehen. Da fing ihn zuletzt Bianca auf,
liebkoste ihn und legte ihn in ihren Schoo! Adrian war wieder er selbst. Er
kniete vor der sprden Schnen und flehte um ihre Liebe. Die Grausame lchelte
kalt und schttelte ihre glnzenden Locken, indem sie mit dem Zeigefinger der
rechten Hand seitwrts deutete und Adrian zwang diesem Fingerzeige zu folgen.
    Da sah er in ein dunkles, feuchtes Gewlbe. Einander gegenber saen zwei
scheuliche Gestalten, die bald sich bald ihn verfluchten. Zwischen ihnen kniete
eine greise Frau in schwarzen Gewndern. Er erkannte in ihr Herta, seine Tante.
Sie betete und rief um Gnade fr ihren Sohn, ber den eine strafende Stimme laut
das Todesurtheil aussprach, so laut, da Adrian jedes Wort deutlich verstehen
und an dem Tone die Stimme seines Bruders Aurel erkennen konnte. Obwohl der
Trumende diesen Sohn weder sah noch kannte, fhlte er doch die Nhe desselben
und bei diesem Gefhl ward ihm so schwer und bang, da er zu ersticken glaubte.
Er wollte nach Hilfe rufen, konnte aber nicht, denn die nassen kalten und
schnen Haare Theresens, die seinetwegen sich den Tod gegeben hatte, umschnrten
seinen Hals!
    Lange mute er rchelnd die erschtternde Gruppe in dem dunkeln Gewlbe
betrachten, ohne eine Secunde lang sein Auge davon wegwenden zu drfen, und als
endlich das peinigende Bild verschwand, zogen in langer Reihe alle diejenigen
wieder an ihm vorber, denen er im Leben einmal Bses zugefgt hatte. Dieser Zug
war von grauenvoller Ausdehnung und von schauerlicher Lebendigkeit. Jeder rief
hnderingend Wehe ber ihn und kehrte sich, wenn er vorber war, nochmals mit
grimmiger Gebehrde gegen ihn, um einen zrnenden Fluch auf ihn zu schleudern.
    Als endlich auch dieser gespenstische Zug in feurigem Dunst verschwand,
hrte er von fern Trompetengeschmetter, das schnell nher kam. Adrian erbebte
vor diesen rauschenden, schreienden Tnen, denn ihm kam es vor, als solle das
Weltgericht beginnen und von allen Geschpfen sei er allein der Verworfene, zu
ewigen Qualen Verdammte! Nochmals erklang der Ruf der Trompete, das seinen Hals
umschlingende Haar lste sich, er konnte athmen und erwachte!
    Dieser wste Traum, ein treues Abbild von Adrians Seelenzustande, schien mit
der Wirklichkeit einigermaen im Zusammenhange zu stehen. Es war lichter Tag und
Adrian hrte jetzt wirklich das laute Geschmetter einer Trompete, das der Wind
vom Dorfe her ber den See jagte. Auf sein heftiges Klingeln trat der stumme
Jean ein und bedeutete dem bestrzten Grafen, da etwas Ungewhnliches im Dorfe
vorgehen msse.
    Adrian stand nun auf und eilte an's Fenster. Mitten auf dem See schwamm die
Fhre gegen die Insel. Sie war mit Menschen dicht besetzt, aus deren Mitte ein
Reiter hervorragte, der von Zeit zu Zeit in eine Trompete stie, worauf sowohl
die Menschen auf der Fhre, als die Bewohner des Dorfes ein lang andauerndes
Hurrah erschallen lieen. Der Name Martell ward hufig unter jauchzendem Zuruf
genannt.
    Irgend eine neue Demonstration vermuthend, warf sich der Graf schnell in die
Kleider und griff nach seinen stets geladenen Pistolen. In seinem Zimmer fand er
bereits Bianca in einem wundervollen Neglig, beschftigt, den Frhstckstisch
zu ordnen. Mit dem anmuthigsten Lcheln wnschte sie Adrian guten Morgen und
lie es geschehen, da er dankend ihr die Hand drcken durfte.
    Hren Sie den Lrm? fragte er mit verstellter Gleichgiltigkeit. Was mag
das dumme Volk wieder haben?
    Ein klein wenig Geduld, gndiger Herr, wird uns sogleich davon in Kenntni
setzen. Die Fhre nhert sich bereits dem Ufer. - Befehlen Sie Chokolade?
    Wenn Sie mir Gesellschaft beim Frhstck leisten wollen, schnes Kind, wird
mir Alles munden, was Sie mir reichen! - In dieser Nacht waren Sie mein
Schutzengel.
    Danke sehr! - War ich hbsch?
    Bei dieser Frage neigte Bianca sich mit so verfhrerischem Blick zu Adrian,
da es diesem groe und schmerzliche Ueberwindung kostete, das Mdchen nicht an
sich zu reien und mit Kssen zu bedecken.
    Nicht hbsch, aber schn, entzckend schn, wie jetzt! - Bianca, bitte -
    Still, still! - Sie machen mich eitel! - Oder meinen Sie, ein armes Mdchen
bleibe gleichgiltig, wenn es von so liebem Munde immer mit so groen Lobsprchen
berschttet wird?
    Ich bin Ihnen also doch lieb, Bianca?
    Recht sehr! Warum auch nicht? - Aber da landet ja die Fhre.
    Vom lieb sein bis zum lieben ist nur ein Schritt. Versuchen Sie doch, mit
Ihrem zierlichen Fue diesen Schritt zu thun, der einen unglcklichen Mann auf
einmal unaussprechlich glcklich machen wrde!
    Ich bin nicht liebenswrdig, gndigster Herr, ich scheine es blos zu sein.
Sie wrden erschrecken, wenn ich Thrin genug wre und mich von Ihrem Zureden
bestimmen liee, Ihren Wnschen Gehr zu geben!
    Diese Worte sprach Bianca mit so meisterhafter Kunst, da Adrian nie ein
hinreienderes Weib gesehen und gehrt zu haben glaubte. Er wollte darauf
antworten, als die rthselhafte Trompete dicht unter den Fenstern erklang.
    Soll ich mich nach der Neuigkeit erkundigen, die der Mann unstreitig zu
verkndigen hat? sagte Bianca. Vermuthlich eine wichtige Bekanntmachung.
    Gehen wir zusammen, erwiederte Adrian. Ich vermuthe, es wird abermals
etwas sein, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.
    Hoch lebe Graf Martell, unser gndiger Herr! riefen jetzt hundert und mehr
Stimmen in jubelndem Chor.
    Mein Bruder! sagte Adrian, der Aurel unter dem hervordrngenden
Menschenhaufen gewahrt hatte. Was kann der Kapitn auf Boberstein wollen?
    Mein gromthiger Beschtzer? Dann hoffe ich, ist die Zeit der Vershnung
gekommen. Gehen wir dem wackern Manne entgegen!
    Bianca hing sich schmeichelnd an Adrians Arm. Einer solchen Berhrung konnte
dieser nicht widerstehen. Vor Seligkeit bebend schritt er mit dem heiter
plaudernden Mdchen die Treppe hinunter nach dem freien Platze vor dem Hause.
    Dieser war von einer Menge sehr aufgeregter Menschen umstellt, in deren
Mitte Martell an Aurels Arme, der Trompeter zu Ro und der greise Maulwurffnger
dem Grafen sogleich in's Auge fielen. Als die Menge den Herrn der Fabrik
ansichtig ward, erhob sich verworrenes Geschrei und die heftigsten
Verwnschungen wurden gegen ihn ausgestoen. Nur die schne Mdchengestalt an
seinem Arme hielt die Heftigsten ab, Hand an ihn zu legen. Dennoch blieb Adrian
ruhig, trat entschlossen nher, gebot Schweigen und fragte:
    Was hat dieser Auflauf zu bedeuten? Wnscht Herr Kapitn Aurel am Stein mir
eine Mittheilung zu machen, so folge er mir in meine Zimmer. Ich liebe nicht, im
Beisein tumultuirenden Pbels Privatangelegenheiten zu verhandeln.
    Sogleich trat die Menge zurck und machte dem Kapitn Platz. Aurel, immer
den Spinner festhaltend, trat vor und nherte sich seinem Bruder. Hinter ihm
schlo sich abermals der Haufe.
    Es ist eine ffentliche, keine Privatangelegenheit, die mich heut nach
Boberstein fhrt, sagte der Kapitn. Unser Streit ist zu Ende, wir knnen,
wenn die Parteien sich einigen, uns binnen wenigen Minuten vershnen. Das
Gericht hat in unserer Rechtssache entschieden.
    So schnell? stotterte Adrian.
    Wo es an Beweisen nicht mangelt, kann ein Urtheil rasch gesprochen werden,
mein Bruder! Der Proze ist in meinem und meiner Freunde Sinne gewonnen, mithin
fr Dich verloren.
    So bin ich ein Bettler! rief Adrian erbleichend.
    Keineswegs, versetzte Aurel. Das Gericht ist nicht ungerecht verfahren.
Es spricht Jedem das Seinige zu und so bleibt denn dem Herrn am Stein auer
dieser Fabrik noch hinlnglicher Besitz, um als freier, unabhngiger und
wohlhabender Mann leben und Gutes wirken zu knnen.
    Adrian athmete wieder auf. Er bat den Bruder durch einen Wink, fortzufahren.
    In den nchsten Tagen werden uns die Details des Urtheilsspruches
zugefertigt und dieser selbst spterhin im Namen des Gerichts vollzogen werden.
Gegenwrtig habe ich nur um die Vergnstigung zu bitten, Du wollest diesen
meinen Halbbruder vor der hier versammelten Menge laut und ffentlich ebenfalls
als Bruder anerkennen und vershnend umarmen.
    Ein spttisches Lcheln kruselte Adrians Lippe. Tckisch ruhte sein Blick
einige Secunden auf dem zerlumpten, in Folge des genossenen Giftes gleich einem
altersschwachen Greise zitternden Martell.
    Ich wei nicht, versetzte er mit schneidender Hflichkeit, ob mein Herr
Bruder vielleicht vorher die Gte haben wird, dem neuen Verwandten, dessen
Anerkennung das Gericht uns aufzwingen will, zu bedeuten, da er Schmutz und
Kleid der Gemeinheit erst ablege, ehe er Ansprche macht, in die Gesellschaft
anstndiger und vornehmer Menschen aufgenommen zu werden. Was mich betrifft, so
mu ich entschieden alle Gemeinschaft mit Leuten ablugnen, die, so lange ich
denken kann, in meinem Lohn standen und deren Existenz nur von meiner Gromuth
abhing. Kann mich das Gericht zwingen, solch einen Menschen Bruder zu nennen, so
mag es den Versuch machen; laut aber mu ich hiermit erlkren, da ich nur der
Gewalt weichen werde!
    Aurel antwortete blos durch eine stumme Verbeugung. Dann kehrte er sich um
und winkte den Umstehenden, da sie zurcktreten mchten. Dies geschah so
schnell, als sei Jedermann darauf vorbereitet. Zugleich wurden die beiden
Gefangenen, von Gilbert, Paul und dem Maulwurffnger bewacht, sichtbar. Adrian
trat einen Schritt zurck und erbleichte, als htte er Geister gesehen. Der
Kapitn fixirte ihn unverwandt und erkannte schaudernd die Schuld auf den fahlen
Zgen des Bruders.
    Was ist das fr Gesindel? rief Adrian heftig und befehlshaberisch. Ich
will, da man alle Landstreicher, die auf meinen Besitzungen eingefangen werden,
nicht zu mir bringe, sondern an die betreffenden Gerichte abliefere.
    Tretet vor! befahl Aurel.
    Die Gefesselten gehorchten und nherten sich bis auf wenige Schritte dem
bestrzten Grafen. Der Kapitn flsterte Kltken-Hannes in's Ohr:
    Ist dieser Mann derselbe, von dem Du in Sold genommen und mit jenem
verbrecherischen Befehle beauftragt wurdest?
    Er ist es! sagte kalt und fest der Gefangene.
    Mein Herr Bruder wird erlauben, wandte sich darauf Aurel zu Adrian, da
man diesen beiden Uebelthtern ein festes Gefngni einrume. Man hat sie
ergriffen in dem Augenblicke, wo sie einen Schuldlosen vergiften wollten. Das
Corpus delicti ist in unsern Hnden. Sie waren frech genug, sich nur fr
Werkzeuge eines hher Gestellten auszugeben und wagten sogar den Namen eines
Mannes zu nennen, den wir einer solchen Frevelthat nicht fr fhig halten
knnen. Schon aus diesem Grunde mu es wnschenswerth sein, die Verbrecher in
festes Gewahrsam zu bringen. Die sptere Untersuchung wird das Uebrige
enthllen. Drfen wir also hoffen -?
    Aurel stand jetzt an Adrians Seite. Hinter ihm lehnte der Maulwurffnger auf
seinem Stabe. Seine kleinen grauen Augen magnetisirten den entlarvten
Verbrecher, der nur mit Mhe seine Ruhe zu behaupten wute. Mit lallender,
matter Stimme antwortete er:
    Man schaffe sie fort -! Vollbrecht wird einen passenden Raum fr sie
wissen.
    Aurel winkte, da die Gefangenen abgefhrt wrden. Es geschah unter
staunendem Gaffen des Volkes. Als sie hinter dem Hause verschwanden, beugte sich
Aurel zu dem gebckt dastehenden Bruder und sagte, nur ihm vernehmbar:
    Der Mann, welcher den Namen Kltken-Hannes fhrt und dem armen Martell den
Gifttrank mischte, gehrt auch mit zu den Erben der Boberstein'schen Gter. Es
ist der verlorene Sohn Herta's!
    Adrian erstarrte bei dieser Kunde. Sein Auge ruhte glsern auf dem zrnenden
Antlitz des Kapitns. Dennoch fate er sich; nur an dem rchelnden Athemholen
und den zuckenden Bewegungen seiner Hnde, die nach einem Halt an seiner
Kleidung suchten, konnte man die groe Erschtterung erkennen, der er fast
erlag.
    Da berhrte die Hand des Maulwurffngers den Unglcklichen.
    Herr am Stein, sagte der Greis, ich habe Wort gehalten. Die Geister der
Todten habe ich aus ihren Grbern hervorgerufen zu Ihrer Zchtigung. Wehe Ihnen,
wenn Sie jetzt nicht in sich gehen und bereuen!
    Hurrah! Hoch lebe Martell, unser neuer Graf und Gebieter! jubelte die
Menge, indem sie sich, den riesigen Spinner in ihrer Mitte, zerstreute, um auf
die Fabrik an ihr Tagewerk zu gehen.
    Auch Aurel und der Maulwurffnger zogen sich zurck.
    Bianca, die whrend dieser Scene entschlpft war, um die Blicke der Menge
nicht auf sich zu ziehen, trat jetzt wieder vor und schob ihre Hand unter
Adrian's Arm. Freundlich lchelnd blickte sie ihn an, indem sie mit hinreiender
Zrtlichkeit sagte:
    Sie werden sich erklten, Herr Graf! Bitte, folgen Sie Ihrer gehorsamen
Dienerin in's warme, trauliche Zimmer!
    Diese Stimme rief Adrian wieder in's Leben. Er drckte den weichen, vollen
Arm der Schnen und lie sich von ihr in's Haus geleiten.


                                  Zehntes Buch

                                Erstes Kapitel.

                                Weibliche Rache.

Graf Adrian hatte drei entsetzliche Tage verlebt. Er schlo sich in sein Zimmer
ein und lie Niemand zu sich, als Bianca. Ihr Kommen und Gehen, ihr immer gleich
anmuthiges, zartes und theilnehmendes Betragen war in dieser schweren Zeit seine
einzige Zerstreuung. Unschlssig, ob er sich dem Ausspruche des Gerichtes fgen
oder dagegen appelliren sollte, ging er mit groer Genauigkeit alle Schriften
und Documente durch, die ihm inzwischen von seinem Anwalt zugeschickt worden
waren. Aus diesen konnte er leider keine Hoffnung schpfen! Martell, Maja Simson
und Kltken-Hannes waren unlugbar Kinder seines Vaters, blieben trotz seines
Strubens und seines innern Entsetzens, das sich bei dieser Gewiheit seiner
bemchtigte, seine eigenen beklagenswerthen Halbgeschwister! Maja Simson's
Ansprche auf den fnften Theil der Gter des Boberstein'schen Hauses, die ihr
die freiwillige Schenkung des Grafen Magnus gesichert hatte, war als giltig
anerkannt worden und sollte der rechtmigen Erbin in einigen Wochen
rechtskrftig zugeschrieben werden.
    Ein Brief Adalberts, dem es zu gemein erschien, persnlich sich in diese
Angelegenheit zu mischen, und der sich deshalb nur durch Mittelspersonen darum
bekmmert hatte, richtete den niedergeschlagenen Herrn am Stein einigermaen
auf. Adalbert schrieb:

            Mein theurer Bruder,
        Es ist mir von Seiten des Gerichtes die Mittheilung gemacht worden, da
        wir unsern Proze gegen Jan Sloboda und Consorten verloren haben. Obwohl
        ich auf diesen Ausgang gefat war, hat er mich doch berrascht. Die
        Justiz ist beraus eilig gewesen und hat sich der Sache mit einem Eifer
        angenommen, den wir fr gewhnlich nicht an ihr rhmen knnen.
        Unstreitig sind Dir wie mir die nthigen Mittheilungen zugekommen. Bei
        Durchsicht derselben leuchtet mir ein, da fr uns nichts als Kosten in
        Aussicht stehen, wenn wir den Instanzenzug verfolgen wollen. Wir mssen
        unter obwaltenden Umstnden von jedem Gericht verurtheilt werden. Es
        scheint mir daher politischer zu sein, uns schweigend in die bittere
        Nothwendigkeit zu fgen, einen Theil unserer Gter abzutreten, die
        Kosten gemeinschaftlich zu tragen und uns brigens von der neuen
        Verwandtschaft stolz zurckzuziehen. Mir ist nicht bange vor diesen
        Sprlingen unseres alten Geschlechtes! Halb illegitim sind und bleiben
        sie doch, und da es dem gtigen Himmel gefallen hat, sie unter der
        niedrigsten Hefe des Volkes aufwachsen, die Gewohnheiten und Allren
        derselben annehmen zu lassen; so hoffe ich, sie werden allesammt
        Plebejer bleiben bis an ihren Tod!
        Meine Frau, deren Ansichten fast immer mit den meinigen zusammen
        treffen, billigt vollkommen, da wir uns stolz zurckziehen und mit
        vornehmer Gelassenheit den Bettlern das begehrte Almosen auszahlen. Man
        kann ja nicht wissen, ob sie es lange genieen werden! - Ereilt sie der
        Tod bald, was ich erwarte, da unsere gemeinschaftliche Handlungsweise
        Verlngerung ihres Lebens weder beabsichtigen noch hervorrufen konnte,
        so ist es ja immer noch mglich, da wir sie spter wieder beerben. Es
        kme nur darauf an, ihre Nachkommenschaft, die nicht unbedeutend sein
        soll, unschdlich zu machen. Beschlsse darber fassen wir bei unserer
        nchsten Zusammenkunft, die ich hier in meinem romantischen Asyl zu
        halten vorschlage. Der Stammsitz unserer Vter ist mir verhat, ich
        werde ihn sobald nicht wieder betreten. Die Gemeinheit hat ihn mehrfach
        entweiht. Wir thun deshalb besser und handeln im Geiste unserer groen
        Ahnen, wenn wir uns einen andern unbefleckten Sitz fr uns und unsere
        Kinder aussuchen.
        Theile mir Deine Ansichten recht bald darber mit, fge Dich, wie ich es
        thue, mit stoischer Ruhe in das Unvermeidliche und eile in die Arme
        Deines Bruders
                                                                      Adalbert.

    Die Nothwendigkeit solchen Entschlusses sah Adrian ein, an schleuniger
Ausfhrung desselben hinderte ihn aber Verschiedenes. Adalbert wute nicht, da
Kltken-Hannes des beabsichtigten Mordes berfhrt, auf Boberstein gefangen sa.
Er ahnte nicht, da sein unglcklicher Bruder als Anstifter dieses Mordes
bereits bekannt war, da Aurel um die ganze emprende Schandthat wute und mit
einem einzigen Worte den eigenen Bruder verderben konnte!
    Ungeachtet seiner schrecklichen Lage verzweifelte Adrian nicht. Er hielt es
sogar fr mglich noch zu siegen und selbst den Schein der Mitwissenschaft von
sich abzuwenden, wenn er Zeit gewinnen konnte. War dies geschehen, dann stand
einer Zusammenkunft mit seinem Bruder nichts mehr im Wege.
    Es gab zwei Mittel, dies Ziel zu erreichen, Flucht oder Tod der beiden
Gefangenen. Die Pflicht der Selbsterhaltung, die Nothwehr gebot ihm, zu dem zu
greifen, das ihm das sicherste dnkte. Dies konnte nur ein Mord sein, ein
heimlicher Mord, der unentdeckt blieb.
    Adrian schauderte vor solcher That nicht mehr zurck. Er berlegte nur, wie
man sie ausfhren msse, um sicher zu gehen, und als er mit sich darber einig
war, fhlte er eine Anwandlung von Freude.
    Ein Umstand trug bei, die Ausfhrung ihm leicht zu machen. Niemand kannte
die Fremden. Sie lebten als Herumstreicher in der endlosen Haide und wurden
schwerlich vermit, wenn sie gnzlich verschwanden und man das Gercht von ihrer
Flucht verbreitete. An ihrer Habhaftwerdung konnte ohnehin Niemand ein Interesse
haben, als Aurel und Martell. Diesen frchtete Adrian nicht, da er seine
Auflsung nahe glaubte, und von Jenem nahm er an, er werde Edelmuth und
Grosinnigkeit genug besitzen, um seinen eigenen Bruder nicht des Mordes
anzuklagen.
    Unglcklicherweise bedurfte er noch einer Mittelsperson, da er einen nicht
zu berwindenden Abscheu vor persnlicher Ausbung des Verbrechens empfand. Die
Anordnungen dazu zu treffen, den Plan zu entwerfen, selbst die Mittel
herbeizuschaffen, schien ihm weniger entsetzlich und strafbar, als die
Vollbringung der That. Sophistik half ihm ber alle Skrupel hinweg und beruhigte
ihn vollkommen.
    Ich bin ja kein Mrder, rief er sich ermuthigend zu, wenn ich nicht
selbst Hand anlege! Ich gebe blos Rathschlge und berlasse die Ausfhrung, die
Anwendung derselben andern Hnden.
    Auch diese Hnde glaubte er schnell zu finden. Die zarte Aufmerksamkeit
Bianca's, ihr weniger freundlich-kaltes Benehmen seit jenem entscheidenden
Morgen, ihre aufmunternden Blicke und Worte lieen Adrian glauben, sie erwiedere
seine Neigung. Die Leidenschaft machte ihn blind, er sah die Liebliche sich
schon verbunden und in dieser unbegreiflichen Verblendung zauderte er nicht,
sein Wohl und Wehe diesem verfhrerischen Mdchen anzuvertrauen. -
    Es war gegen Abend. Blitzende Goldfden spannen sich durch die dunkelgrnen
Nadelbehnge der Haide und warfen ein zitterndes Strahlennetz ber den leis
wallenden See. Adrian sa auf kostbarem Rollstuhle am Fenster und warf von Zeit
zu Zeit einen zerstreuten Blick auf den prachtvoll glhenden Abendhimmel. Seine
Gedanken schienen aber mit ganz anderen Dingen beschftigt zu sein, denn das
erhebende Schauspiel des Sonnenunterganges erheiterte nicht seine dstern,
unheimlichen Mienen. Er war so tief in sich versunken, da er nicht einmal das
Kommen und den schwebenden Schritt Biancas hrte, die, wie immer reizend
angekleidet, fr den Grafen einige Erfrischungen auftragen wollte. Erst als sie
hustete, sah er auf und reichte ihr die Hand.
    Immer aufmerksam, immer liebenswrdig und gut, sagte er mit einem Anflug
von Schwermuth.
    Meine Schuldigkeit, gndigster Herr.
    Werden Sie mir nicht auch den Rcken kehren nach diesem Unglck?
    Warum sollte ich? Sie sind ja gtig gegen mich, wie frher.
    Ich werde aber sehr mrrisch, znkisch, herrisch, vielleicht gar tyrannisch
werden, denn ich hasse die Menschen, weil sie mich hassen und betrogen haben.
    Nicht doch, Herr am Stein! Nun und wenn auch bisweilen wirklich die bse
Stunde Sie berfllt, so werde ich armes Kind durch meine Possen den garstigen
Feind aus dem Felde zu schlagen bemht sein, und geben Sie Acht, er weicht!
Meine Blicke kann er nicht ertragen. Was meinen Sie?
    Bianca kniete vor Adrian nieder, der noch ihre Hand gefat hielt, und lie
einen jener schmelzenden, seelenbezaubernden Blicke auf ihn fallen, ber welche
die Sirene nach Belieben verfgen konnte.
    Was knnte Ihnen unmglich sein, entzckendes Kind! erwiederte der Graf.
Ich glaube, Sie knnen Todte erwecken und Verdammte selig machen!
    O nein, so umfassend ist meine Macht nicht, versetzte die Schne lchelnd
und die Liebkosungen ihres Gebieters ohne Struben duldend, was sie bisher noch
nie gethan hatte. Hchstens vermag ich Kranke zu heilen und mrrischen
Trotzkpfen ein freundliches Lcheln abzugewinnen. Begeben Sie sich unter meine
Herrschaft, und Sie werden der heiterste Mensch werden!
    O Bianca, habe ich das nicht immer gewnscht? Aber Du wiesest mich ja von
Dir!
    Die Kriegskunst haben Sie nicht studirt, das sieht man! sagte mit
schalkhaftem Lcheln die verfhrerische Kokette, und legte ihr duftendes
Lockenhaupt auf seinen Schoo. Adrian kte wiederholt die weichen glnzenden
Haare und die Gluth der Leidenschaft, die ihm Bianca eingeflt hatte, gab sich
in dem Zittern seiner Hnde kund, die an den Wangen der Schnen ruhten.
    Wollen Sie mich glcklich, mich ruhig machen?
    Sie wissen es ja!
    Dann reichen Sie mir Ihre schne Hand und werden meine treue, verschwiegene
Bundesgenossin!
    Recht gern, Herr Graf, doch blos unter der Bedingung, da Sie keinen
offenen Krieg gegen Ihre Feinde beginnen wollen. Wir Mdchen, wissen Sie, haben
vor allen Arten von Waffen eine unwiderstehliche Furcht.
    Ich suche eine Bundesgenossin, die sich auszeichnet durch Treue,
Verschwiegenheit und List. Sollte ich mich irren, wenn ich diese drei Vorzge
Ihnen zutraute?
    Es kme auf die Probe an.
    Und wenn Sie diese Probe nicht bestnden?
    Nun was dann?
    Dann wrden Sie mich vielleicht unglcklich machen und sich selbst schwerer
Verfolgung aussetzen.
    Auf diese Gefahr hin htte ich beinahe Lust, den Versuch zu wagen.
    Im Ernst, Bianca?
    Im vollen Ernst! Hier meine Hand!
    Engel! Retterin! Gttin meines Lebens! rief Adrian, das noch immer vor ihm
knieende Mdchen zu sich emporziehend, mit leidenschaftlicher Gluth umarmend und
es wiederholt an sein Herz drckend.
    Nicht so ungestm, Lieber! flehte Bianca, ihrerseits eine schmachtende,
verschmte Hingebung heuchelnd, die den Grafen vollends in seinem Vorsatze
bestrkte und jede Vorsicht bei Seite setzen lie. Sie blieb aus seinem Schooe
sitzen, das Gesicht an seine Brust gedrckt, den rechten, halb entblsten Arm
lose um seinen Nacken geschlungen.
    Habe wohl Acht aus das, was ich Dir jetzt sage, flsterte Adrian, bald die
linke weiche Hand der Schnen an seine Lippen drckend, bald einen Ku auf ihre
klare Stirn hauchend. Sahst Du die beiden wsten, verwilderten Mnner, die mein
Bruder Aurel vor einigen Tagen in Banden hierher brachte?
    Bei dem Namen Aurel erbebte Bianca unmerklich. Ohne auszublicken, gab sie
dem Grafen durch einen Hndedruck ihre Mitwissenschaft zu erkennen.
    In wenigen Tagen wird man die Elenden verhren, fuhr Adrian fort. Ich
wei, da sie mich verlumdet, da sie mich bei Aurel und dem Maulwurffnger
angeschwrzt haben, um ihre verbrecherischen Handlungen zu bemnteln. Eine Klage
steht bevor, wenn sie ihre Aussagen frech zu Protocoll erklren und eine
endlose, meinen Namen befleckende Untersuchung wird die besten Jahre meines
Lebens vergiften. Dem mu man zuvorkommen, dem mssen und knnen wir vereint
steuern!
    Wie? fragte Bianca und erhob ihren Kopf, das dunkelflammende Auge fragend
und neugierig auf den Grafen heftend. Wie stnde das in unserer, namentlich in
meiner Macht? Ich wei ja von nichts, ich kann nicht einmal Zeuge sein!
    Kleine Thrin, wie du Dich einfltig stellst! Hrst Du nicht, da es gar
nicht bis zum Verhr kommen darf, wenn ich nicht compromittirt werden soll?
    Also?
    Sie mssen beseitigt, heimlich entlassen werden!
    Man soll ihnen demnach zur Flucht behilflich sein?
    Da ist mein Plan, inde -
    Inde? erwiederte Bianca, strich sich die ausgegangenen Locken zurck und
legte beide Hnde auf ihren Busen.
    Der Vorsicht wegen mte noch etwas Anderes geschehen -
    Etwas Anderes! Und worin soll dies bestehen?
    Wozu mir die kluge, schlaue, treue und verschwiegene Bundesgenossin, deren
Wort ich besitze, behilflich sein wird!
    Bianca neigte ernst und schweigend den Kopf und entschlpfte dem Schooe des
Grafen. Adrian ergriff ihre Hand.
    Schelmen, wie es jene beiden sind, ist nie zu trauen. Lt man sie also
entfliehen, so knnen sie mir immer noch einen Streich spielen, denn es sind von
Grund aus verworfene und dem Henker anheim gefallene Menschen. Jedes Gericht mu
sie zum Tode verurtheilen, den sie mehr als ein Mal verdient haben. Es wre
deshalb ein Verdienst, sie unschdlich zu machen - sie unmerklich, ohne
vorhergegangene langweilige Untersuchung - sterben zu lassen! Wer dazu die Hand
reichte, wrde sich verdient machen um Staat und Gesellschaft!
    Bitte, sprechen Sie weiter! lispelte Bianca.
    Ich bin entschlossen, mir dieses Verdienst zu erwerben, allein ich bedarf
eines Gehilfen, der mich versteht, der mich dabei untersttzt und - verschwiegen
ist!
    Das begreife ich. Nur weiter, Herr Graf!
    Du hast Dich mir verbndet, Bianca - Du kennst, Du verstehst, Du liebst
mich - Deine Hand -
    Soll die verfluchte Hand einer Mrderin werden?
    Bianca! Welche Schlufolgerung! Welche Verwandlung Deines Wesens! - Was
geht in Dir vor?
    In der That hatte die verfhrerische Schne whrend der letzten
einschmeichelnden Worte des Grafen eine ganz andere, eine furchteinflende
Miene angenommen. Ihre schlanke Gestalt hoch aufgerichtet, ihre groen
zornsprhenden Augen auf Adrian geheftet, die vollen Arme fest ber dem heftig
wallenden Busen geschlungen, warf sie den schnen Kopf mit den schwarzen
flatternden Locken zurck, und ein furchtbares Lcheln spaltete die blarothen
Lippen. Ihr Antlitz war wei, wie das einer Leiche.
    Brudermrder! Zweifacher Brudermrder! rief Bianca und schleuderte Blitze
des Zorns und der Verachtung auf den Grafen. Endlich hab' ich Dich gefangen,
Elender!
    Wozu diese Verstellung, entgegnete Adrian, indem er ebenfalls aufstand und
das dmonisch schne Mdchen umschlingen wollte. Wir verstehen uns ja doch, und
ein so schner und ser Mund, wie der Deinige, wird nicht aus der Schule
plaudern! Deine Hand aber bleibt zart und weich, wie immer. Von ihr wird nichts
weiter begehrt, als da sie einen silbernen Lffel erfasse und mit der ihr
eigenen grazisen Bewegung den armen Gefangenen einen warmen Trank mit Zucker
verse. Sollte das meinem lieben, freundlichen und klugen Mdchen nicht mglich
sein?
    Adrian wollte schmeichelnd die Hand Bianca's wieder erfassen, diese aber
trat stolz einen Schritt zurck und donnerte ihn an:
    Hinweg, verabscheuungswrdiges Scheusal! Hinweg! - Dein bloer Hauch
verpestet die Luft, die Dich umgibt ... Qualen der Hlle lohen um Dein
verbrecherisches Haupt ... Wer Dir naht, gerth in Gefahr, durch bloe Berhrung
von Dir mit fortgerissen zu werden auf die Lasterbahn, die Du wandelst seit
Jahren! - Ja, ich nenne Dich nochmals einen zwiefachen Brudermrder, denn ich
wei, da Martell, von Dir mit brennendem Gifte getrnkt, dem Grabe
entgegenwankt, und Dein eigener schamloser Mund hat mir gestanden, da ein
zweiter Brudermord Dein Tag- und Nachtgedanke ist! ... O ich kenne die
Gefangenen, Herr am Stein! Ich wei, da jener unglckliche Kltken-Hannes der
beklagenswerthe Sohn Herta's ist, die Dein Vater der Ehre beraubte! ...
Entsetzlich, grauenvoll, seelenerschtternd geht jetzt nach fast einem halben
Jahrhundert die Saat der Frevel und Verbrechen auf, die ein gewissenloser Mann
ausstreute, und die eigenen unseligen Kinder sind es, die sie mit sich in's
Verderben reien! ... Adrian, Graf von Boberstein, zittere, denn die Rachegttin
zckt ihr Schwert ber Deinem Haupte! - Kennst Du mich?
    Bianca trat, immer die Arme ber der Brust verschrnkt, dem Grafen nher,
der entsetzt ber die unerwartete Verwandelung seiner schnen Bundesgenossin in
den Polsterstuhl zurckgesunken war.
    Bianca, rief er, die Hnde flehend gegen sie ausstreckend, Bianca, vergib
mir! ... Sei barmherzig! Sei ein mildes, sanftes Weib!
    Ha, ha, ha! lachte die Rachedurstige. Erbarmen, Sanftmuth, Vergebung,
weibliche Milde suchst Du bei der, deren Schwester Du herzlos in den Tod gejagt
hast?
    Todtenblsse lag auf Adrians eingefallenen Zgen. Die vor Seelenangst
zitternden Hnde gegen das zrnende Mdchen ausstreckend, lallte er:
    Wer ... wer ... bist Du?
    Ich bin die Schwester Theresens, des armen Dienstmdchens, das ob Deiner
grausamen, kalten Treulosigkeit ihrem Leben in den Fluthen der Saale ein Ende
machte! Kennst Du dies?
    Und die Rcherin ihrer Schwester hielt dem Grafen jene hhnischen Zeilen
vor, die der stolze Edelmann der armen Verfhrten kurz vor ihrem Tode
geschrieben hatte.
    Gerechter Gott, ich bin gerichtet! schrie Adrian und strzte Bianca zu
Fen.
    Gerichtet und verdammt! sagte die Unerbittliche streng und kalt. Winsele,
bis der letzte Kieselstein dieser Welt Empfindung bekommt; krmme Dich Millionen
Jahre hier und dort vor meinen Fen, um Vergebung von mir zu erlangen; ich
werde nur hhnende Worte, tdtende Blicke, verachtendes Lcheln fr Dich haben,
denn ich will Rache, Rache fr meine schuldlos hingeopferte Schwester! Als Weib
habe ich keine andere Waffe, als die Lust der Rache, die aus Hohn und Spott und
Verachtung ihren Honig saugt; wr' ich ein Mann, so wrde ich Dich vor die
Mndung einer Pistole oder die Spitze eines Degens fordern, um Deine schwarze
Seele mglichst frh zur Hlle zu senden! Da ich dies nicht kann, will ich mich
wenigstens weiden an der feigen Angst Deiner frechen Seele, an der Qual, die
jede Minute Deines unseligen Lebens vergiftet! O knnte ich noch tausend Jahre
leben und Dich in meiner Nhe tausend Jahre leiden sehen, - dann wollte ich
meine arme Schwester fr hinreichend gercht halten!
    Ist es mglich, Bianca! wimmerte der zu Boden geschmetterte Graf. So
schn, so voll ser Reize und so erbarmungslos?
    Es ist mein Amt. Gott will es, da ich es treu und redlich be!
    O und ich, ich liebte Dich, ich liebe Dich noch!
    Die Strafe des Himmels! Das Verhngni, das richtend ber uns waltet!
    Finsterer Wahnsinn packt mich, wenn Du von mir gehst, wenn ich Dich nicht
mehr um mich sehen kann!
    Zur Steigerung Deiner Seelenqualen will ich nicht von Deiner Seite
weichen.
    O diese Nchte! Diese endlosen, einsamen, grlichen Nchte! jammerte
Adrian. Bianca sah dmonisch lchelnd auf ihn herab.
    Sie nennen ihre Nchte einsam? sagte sie, aus dem zrnenden Tone pltzlich
in einen scherzenden bergehend. Sie sind sehr ungerecht, Herr Graf. Ich war
immer bei Ihnen, oft Stundenlang. - An Ihrem Lager knieend bannte ich Ihre Seele
in den Zirkel meiner Macht. Der scharfe Blick meines liebeheuchelnden Auges
zauberte sie in die wilde Jagd schreckhafter Trume, und die seelenfolternde
Gewalt, die Ihre blinde Leidenschaft mir ber Sie gegeben hatte, hob Gestalten
und Bilder vor Ihr Auge, die alle Qualen der Hlle ber Sie verhingen! Gewi,
Herr Graf, ich war Ihnen eine treue Haushlterin! schlo sie lchelnd, indem
sie abermals einen ihrer zrtlichen, zur Liebe reizenden Blicke auf den
Unglcklichen warf. Adrian klammerte sich mit beiden Hnden an ihre Kleider.
    Furie! rief er, gttliche Furie! Peinige mich im Leben und im Tode, nur
ein Mal schliee mich in Deine Arme!
    Lange blickte Bianca auf den zu ihren Fen sich krmmenden Grafen. Dann
schlug sie die Augen zum Himmel auf und sagte:
    Schwester Therese, wenn es Dir vergnnt ist, aus dem Jenseits
herabzublicken auf diese verbrecherische Welt, dann ffne Dein Auge und sieh,
wie ich Deinen Verfhrer gezchtigt habe! Ich bin mit mir zufrieden.
    In diesem Augenblicke pochte es.
    Man kommt! sagte Bianca. Bitte, Herr Graf, reichen Sie mir die Hand,
damit ich Ihnen aus dieser unwrdigen Stellung aufhelfe.
    Seufzend erhob sich Adrian. Das Pochen an der Thr wiederholte sich.
    Sie erlauben, Herr Graf? sagte die schne Furie und hpfte grazis zur
Thr, die sie ffnete und einige Worte mit dem Bedienten wechselte.
    Inzwischen war die Sonne untergegangen. Nur blutiges Abendroth berflammte
noch Himmel, Haide und See, und warf einen duftigen Widerschein in's Zimmer.
Adrian stand wie in einer dunkeln Feuerwolke. Bianca trat wieder zu ihm.
    Ein Mann wnscht mit Ihnen zu sprechen, gndigster Herr, sagte sie mit dem
sanftesten und bescheidensten Tone von der Welt, indem sie die Falten ihrer
kleinen Atlasschrze, welche Adrians Festhalten in diese gedrckt hatte, mit der
Hand sorgfltig ausglttete. Befehlen Sie, da ich ihn vorlassen soll?
    Ich bin nicht in der Stimmung -
    Um Fremde zu empfangen, wollen Sie sagen? Zu Ihrer Beruhigung, gndiger
Herr, kann ich Ihnen melden, da es ein sehr naher Bekannter und noch dazu ein
ganz schlichter Mann ist.
    Adrian sah die boshaft Lchelnde mistrauisch an.
    Sein Name?
    Ihr Bedienter meinte, eigentlich solle er den Mann als Graf Martell melden,
inde -
    Martell! wiederholte Adrian und seine verstrten Zge nahmen den Ausdruck
des wildesten Hasses an. Bianca aber winkte, hpfte nach der Thr und warf dem
auf der Schwelle ihr begegnenden Spinner mit verliebtem Blick eine Kuhand zu.
    Als sich Adrian umwandte, stand ihm Martell allein gegenber.

                                Zweites Kapitel.



                              Adrian und Martell.

Die beiden Halbbrder standen einander Minutenlang schweigend gegenber und
maen sich mit finstern feindlichen Blicken. So betrachten sich zwei Raubthiere,
ehe sie zum tdtenden Sprunge sich erheben.
    Martell trug noch seine gewhnliche schlichte Arbeitstracht, grobe
leinwandene Beinkleider und eine Zwillichjacke. Seine abgegriffene Pelzmtze
hielt er in der Hand. Ein schwarzbaumwollenes Tuch, von dessen Schadhaftigkeit
die vielen Fasern und Troddeln am verschlungenen Knoten Zeugni ablegten, war
lose um den stmmigen Hals geschlungen. Ihm gegenber stand Graf Adrian in einem
kostbaren Pelz, im Uebrigen ungezwungen, aber doch vollkommen elegant gekleidet.
    Der Spinner war sehr bleich, seine tiefliegenden schwarzen Augen brannten in
den dunkeln Hhlen, sein dichtes schwarzlockiges Haar schien einen Todtenkopf zu
bedecken.
    Was beliebt? redete Adrian den unvershnlich beleidigten, fast zum
Lastthier herabgewrdigten Bruder an, seine heimliche Furcht in ein trotziges
und hochfahrendes Wesen hllend.
    Herr am Stein, erwiederte Martell, oder wie ich eigentlich sagen sollte,
Herr Bruder, ich komme, Ihnen anzuzeigen, da ich nicht mehr Ihr unterthniger
Knecht bin und von morgen an als Arbeiter Ihre Fabrik verlasse.
    Das httet Ihr Euch ersparen knnen. Nach dem Vorgefallenen verstand sich
dies von selbst. Guten Abend!
    Sie erlauben, Herr am Stein! Ehe ich Sie von meiner, ich kann es mir wohl
denken, verhaten Gegenwart befreie, habe ich noch einige Worte mit Ihnen zu
sprechen.
    Jedenfalls mu ich auf die grte Krze dringen, fiel Adrian ein. Ohne auf
diese Bemerkung Rcksicht zu nehmen, fuhr Martell fort:
    Da ich demzufolge fr immer aus Ihren Diensten gehe, scheint es mir
unerllich, da wir zuvor Abrechung mit einander halten.
    Ist man Euch rckstndigen Lohn schuldig, so wendet Euch an Vollbrecht.
    Von Geld ist hier nicht die Rede Herr am Stein, sondern von einer
moralischen Abrechnung.
    Das verstehe ich nicht.
    Dann mu ich es Ihnen erklren, sagte Martell mit grollender Stimme und
trat dem grausamen Bruder, der an einem Spigeltische lehnte, um einige Schritte
nher. Ich will nicht anheben von dem Beginn unserer Verbindung und von den
Ungerechtigkeiten, die ich whrend derselben von Anfang an erduldet habe. Es
sind deren so viele, da ich mich ihrer nicht mehr erinnern kann. Deshalb
vergesse ich sie geflissentlich und nehme an, sie htten mich nie oder doch nur
als ein unabwendbares Schicksal getroffen!
    Ihr wrdet sehr gut thun, wenn Ihr Euer ganzes Leben als von so
unabwendbarem Schicksal gleitet betrachten wolltet.
    Ich wei zu unterscheiden, Herr am Stein, zwischen Zufall, der vom Himmel
kommt, und zwischen Qualen, welche die Willkr unbarmherziger, selbstschtiger
Menschen ber uns verhngt. So viele deren von Ihnen ausgingen, ber diese
sollen Sie mir jetzt, nun mich der Spruch gerechter Richter Ihnen gleichgestellt
hat, Red' und Antwort geben.
    Adrian zuckte vornehm die Achseln und zog die Stirn in noch krausere Falten.
    Durch Ihre Schuld ist der Tod in meine Htte gebrochen, rief Martell, und
hat mir den einzigen Sohn unter grausamen Martern geraubt. Dafr fordere ich
jetzt Genugthuung!
    Adrian verharrte, ohne aufzublicken, in seinem vornehmen Schweigen.
    Mein armes geliebtes Weib liegt in Folge der verlngerten Arbeitszeit auf
dem Siechbette und wird langsam eines elenden Todes sterben. Auch dafr fordere
ich Genugthuung!
    Abermals tiefes und unverbrchliches Schweigen von Seiten Adrians.
    Ihr teuflisches System, durch vermehrte Arbeit der Unbemittelten Ihr
eigenes Vermgen ins Ungeheure zu vergrern, hat mich selbst der Liebe
entfremdet, hat mich beinahe zum Gotteslsterer gemacht und mir den Frieden
meiner Seele geraubt, der mich sonst in aller Noth und Drangsal erquickte!
    Dafr werdet Ihr jetzt auch die Frchte meiner schweren Mhen mit
genieen, fiel Adrian ironisch dem Spinner in's Wort.
    Zuvor fordere ich fr diesen Diebstahl, den Sie rechtlos an meinem besseren
Selbst begangen haben, Genugthuung!
    Der Graf lchelte und fing an mit der Spitze seines Fues auf der
parkettirten Diele zu trommeln.
    Nummer drei, sagte Adrian spttisch. Ich mu die einzelnen Punkte in
meinem Gedchtnisse numeriren, damit ich nicht in die Irre gerathe. Viertens?
Bitte, mein sehr unterhaltender Herr Bruder, fahren Sie fort. Es fngt an dunkel
zu werden und ich wrde in der That Etwas entbehren, knnte ich Ihr
interessantes Mienenspiel bei diesen Mittheilungen nicht mehr beobachten. - Also
Viertens, Herr - Martell?
    Sie haben mich geistig beinahe getdtet, sagte tief erschttert der
ehemalige Fabrikarbeiter, und krperlich mich zum Krppel gemacht! - Aus
elendem, niedrigen Geiz, aus schmuziger Hab- und Gewinnsucht, aus gemeinem Ha
gegen Alles, was nicht Ihrer Ansicht war, nicht hochadliger Abkunft sich rhmen
konnte, dungen Sie - Meuchelmrder, lieen mir vergiftete Getrnke reichen und
untergruben meine so starke, nie von einer Krankheit angefochtene Gesundheit! -
Es stnde mir frei, Sie deshalb bei dem weltlichen Gericht zu denunciren, allein
ich kann und will das nicht! Ein Etwas, das ich nicht nher bezeichnen kann, ein
unklares Gefhl hlt mich davon zurck. Es dnkt mir unsittlich, wenn ein Bruder
den Bruder - habe er es auch hundertmal verdient - angibt! Und sodann wre mir
auch damit nicht gedient, wre mein Groll, mein Durst nach Rache nicht gelscht,
wenn auch das Gericht den Mann, der mich mit teuflischer List elend machte auf
Erden, zum entehrenden Tode verdammte! - Eben darum komme ich vor dieser Zeit
und - fordere Genugthuung!
    Ist Herr Martell zu Ende?
    Sogleich. Ich habe blos noch zu fragen, ob Herr am Stein mir diese
Genugthuung geben will?
    Man mu Euch etwas zu Gute halten, Herr Martell, erwiederte Adrian. In
Eurer bisherigen Lage und Stellung zur Welt konntet Ihr Euch wenig gediegene
Bildung aneignen; es darf mich deshalb auch nicht wundern, da Ihr Euch klar
auszudrcken nicht gelernt habt.
    Wollte ich mich verstndlicher ausdrcken, so mte ich Ihnen den
schurkischen Hals umdrehen, rief Martell, dessen erknstelte Ruhe der
angeborenen Lebhaftigkeit des Temperamentes zu weichen drohte.
    Das ist schon deutlicher, erwiederte Adrian. Ich fange an, den Sinn Ihrer
Worte ahnungsweise zu begreifen. Aber was wollen Sie, Herr Martell, da ich thun
soll?
    Herr, mir Genugthuung geben! Ist das deutlich?
    Ihre Stimme ist laut, ich habe die Worte vollkommen verstanden. Doch lassen
Sie hren! Auf welche Weise verlangen Sie von mir Genugthuung?
    Ich wnsche Sie dieselben Qualen empfinden zu lassen, die mir seit Jahren
das Herz zerrissen haben, raunte Martell seinem kalt lchelnden Halbbruder zu,
indem er dicht an seine Seite trat. Ja, fuhr er fort, ich habe unter tausend
Seufzern diese Stunde herangefleht vom ewigen Richter der Welt, und ich beklage
nur, da es nicht in meiner Macht steht, Auge um Auge, Zahn um Zahn mit Ihnen
abzurechnen! Es peinigt mich, da Sie keine Kinder haben. Ich wrde mich ihrer
bemchtigen und mit ihnen verfahren, wie Sie mit meinem armen Haus. Ich wrde
Ihre Gemahlin peinigen, erschrecken, durch Truggebilde in wahnsinnige
Seelenangst hineinhetzen, bis sie zum Schatten hinschwnde und unter Seufzen und
Schauern eingebildeter Schrecknisse verschied! Das wre Abrechnung, wie ich sie
will, das wre Rache, wie sie ein Mann nehmen darf und soll, der so gelitten
hat, wie ich! - Nun ich hoffe, wir verstehen uns endlich.
    Diese Bekenntnisse machen Ihnen als Mensch und Bruder viel Ehre. Ich danke
Ihnen dafr.
    Werden Sie mir Genugthuung geben, Herr am Stein?
    Mu ich nicht? versetzte Adrian. Das Gericht, gegen dessen Weisheit ich
nicht die geringsten Zweifel hege, hat Sie einstimmig zum Cavalier erhoben. Sie
sind mein leiblicher Halbbruder, sagt man ... Ich habe Sie beleidigt, behaupten
Sie ... Enfin, ich bin Ihnen Genugthuung schuldig.
    Adrian lachte und begann im Zimmer, das jetzt ganz dunkel geworden war, auf
und nieder zu gehen.
    Martell, etwas verblfft durch die leichtfertige, beinahe cordiale Art und
Weise, wie sein Halbbruder den von ihm gemachten Antrag hinnahm, schwieg eine
Weile.
    Befehlen Sie Licht, Herr Martell? fragte der Graf, der jetzt seine ganze
Sicherheit, seinen gebten gesellschaftlichen Ton ungeachtet der Aufregung, die
in ihm tobte, uerlich doch wieder gewonnen hatte. Mich dnkt, es wre
schicklicher. Feinde mssen einander Aug' in Auge blicken knnen, wenn sie es
ehrlich meinen.
    Und Adrian zog mehrmals die Klingelschnur, da die Glocke laut durch das
stille Haus drhnte.
    Als der Bediente Licht gebracht hatte, blieb Adrian vor seinem Halbbruder
stehen.
    Beliebt es, Herr Martell, so knnen wir unsere Angelegenheit vollends
beendigen, sagte er. Sie haben zu bestimmen, in welcher Weise das, was Sie
Genugthuung nennen, stattfinden soll. Lassen Sie hren.
    Sie werden sich mit mir schlagen.
    Ich mu bemerken, mein Herr, versetzte Adrian sehr hflich, da dies
abermals zu den unnthigen Aeuerungen gehrt, auf denen ich Sie schon
einigemale ertappt habe. Man schlgt sich immer, wenn man Genugthuung fordert!
Es handelt sich jetzt um Ort, Zeit und Waffen.
    Martell schwieg eine lange Weile, dann richtete er sein schwarzes Auge
durchbohrend auf den Halbbruder und erwiederte:
    Obgleich mein Haus sehr schnell bestellt sein wird, da ich zur Zeit nichts
besitze, habe ich dennoch mancherlei Anordnungen zu treffen, die mich aufhalten
knnen. Deshalb wnsche ich, da unser Zusammentreffen morgen um Mitternacht
stattfinde.
    Um Mitternacht? Wir werden dann auf gut Glck wie Blinde mit einander
kmpfen! Frchten Sie etwa das Tageslicht oder schreckt Sie die blanke Waffe die
drohende Oeffnung einer geladenen Pistole?
    Martell verfrbte sich, doch blieb er gelassen und antwortete ruhig:
    Das Zusammentreffen selbst wird Ihnen beweisen, da ich keine Furcht kenne!
Uebrigens soll es an dem erforderlichen Licht nicht fehlen.
    Nun so sei es! Und der Ort, wenn ich fragen darf?
    Der Saal in der Fabrik, wo ich unter Kummer, Sorge und Angst Ihnen
arbeitete, damit Sie ein reicher Mann werden konnten.
    Sie haben seltsame Gelste, mein Herr! Inde, wenn man sich auf Tod und
Leben schlgt, kommt es nicht auf den Ort an, wo man zum letzten Mal sein Auge
schliet. Ich bin also auch damit einverstanden.
    Um nicht gestrt zu sein, werde ich Herrn Vollbrecht beauftragen, in dieser
Nacht die Arbeiter jenes Saales zu beurlauben.
    Es sei! - Nun aber die Waffen. - Vermuthlich verstehen Sie den Degen nicht
zu fhren und wnschen deshalb Pistolen?
    Nein, Herr am Stein! Weder Degen noch Pistolen vermgen mir Genugthuung zu
verschaffen, das vermag einzig und allein Gott, der als Zeuge unserm gerechten
Kampfe beiwohnen wird!
    Ah, jetzt verstehe ich, sagte Adrian mit verchtlichem Zucken der Lippen.
Sie haben es auf einen Faustkampf, auf eine Rauferei abgesehen, und weil Sie in
solchen Fechterknsten natrlich sehr gebt sein mssen als geborener und
erzogener Proletarier, so hoffen Sie mich auf die leichteste Weise besiegen und
zum Krppel schlagen zu knnen! - Sie sind sehr gromthig, mein Herr, inde
mein Grafenwort darauf, zu solcher Gemeinheit reiche ich Ihnen nicht die Hand.
    Martell scho das Blut ins Gesicht. Den Grafen verchtlich anblickend
erwiederte der Spinner:
    Stnden Sie auf meinem Platze, Herr am Stein, dann wrden Sie vielleicht
dies Auskunstsmittel ergriffen haben, ich, bei Gott dem Herrn sei es geschworen,
ich habe nie daran gedacht! Nur Gleichheit der Waffen wnsche, fordere ich, und
da ich nun weder ein Fechter noch ein Schtze bin, weil die Noth des Lebens mir
keine Zeit zu Spiel und Lust gestattete, so verwerfe ich auch diese Waffen. -
Herr am Stein, wir werden uns schlagen, ohne da Einer die Hand gegen den Andern
erhebt! Es wrde dies Brdern bel anstehen, und ich meines Theils mag das
Kainszeichen nicht auf der Stirn mit mir herumtragen!
    Adrian setzte sich und sah den Spinner halb erstaunt, halb unglubig an. Der
Gedanke, Martell mge in Folge des genossenen Giftes an seinem Verstande
gelitten haben, gewann bei ihm die Oberhand.
    Das ist Alles recht schn, Herr Martell, entgegnete er, und zeugt von
einem ungewhnlich zarten Schicklichkeitsgefhl, allein, da es auf Ihr eigenes
Verlangen zwischen uns denn doch zum Blutvergieen kommen soll, so erklren Sie
sich jetzt geflligst, wie wir dies zu bewerkstelligen haben!
    Ihr Blut, Herr am Stein, habe ich nie gewollt, sagte Martell mit stolzer,
eiserner Ruhe, nur Genugthuung fr alle mir und den Meinigen zugefgten
Beleidigungen und Qualen, nur Abrechnung fr das, was ich unter Ihrer
Willkrherrschaft gelitten habe! Das shnt kein Blut, das shnt nur ein Kampf,
wie er mir vorschwebt, ein Kampf, der Sie lehrt, wie dem Elenden zu Muthe ist,
der unter der Geiel eines bermthigen Reichen tglich und stndlich tausend
Tode stirbt!
    Verstehe ich Sie recht, sagte Adrian erschrocken, so wollen Sie mich dem
Hungertode Preis geben.
    Nichts von alledem! Ich werde Sie vielmehr sich selbst und Ihrer
Geschicklichkeit berlassen. Sie sind ein kluger, ein frchterlich kluger Mann;
Sie sind gewandt und in tausenderlei Fertigkeiten gebt; Ihnen gebricht es weder
an Um- noch an Vorsicht! Das Alles geht mir ab. Ich bin rasch, ungestm,
krperlich ungebt, geistig nicht halb so gewandt, wie Sie. Ueberdies hat das
von Ihnen nur beigebrachte Gift meinen Krper geschwcht, da all seine Muskeln
ein krampfhaftes Zittern rastlos bewegt. Ich bin also nur noch der Schatten
eines Menschen! Dennoch vertraue ich Gott und meiner Geschicklichkeit und auf
Gott, der ja auch ber Ihnen waltet, auf Gott und Ihre Geschicklichkeit sind Sie
jetzt von mir gefordert!
    Mein Gott, das sind aber ja keine Waffen! rief Adrian erstaunt aus.
Bese ich auch hundert Fertigkeiten, wre ich gelenk wie ein Seiltnzer, ich
knnte mich durch solche Kunstfertigkeiten doch nicht schlagen! Das ist also ein
Unsinn, eine Thorheit, die allen vernnftigen Grundes entbehrt!
    Dennoch bestehe ich darauf, erwiederte Martell. Sie haben mir die Wahl
der Waffen freigestellt und ich whle als vllig gleiche Waffen unsere
beiderseitige Geschicklichkeit. Antwort: Sind Sie damit zufrieden?
    Adrian sann lange hin und her, was der rachschtige Spinner wohl unter einem
Kampfe verstehen knne, bei welchem einzig und allein die Geschicklichkeit
gleichsam als Waffe dienen sollte, er konnte aber zu keinem haltbaren Resultate
kommen. Lngst schon der Unterhaltung mde, obwohl ihn das unbeholfene Wesen
seines Halbbruders einige Male vergngt hatte, sagte er rgerlich:
    Nun denn, der bloen Curiositt wegen bin ich mit dieser neuen Art, einen
sogenannten Ehrenhandel zu schlichten, einverstanden. Ich nehme die Waffen an,
Waffen, von denen ich zur Stunde noch gar keine Vorstellung habe.
    Morgen um Mitternacht.
    Angenommen!
    Im Saal der Feinspinner und ohne Zeugen.
    Ohne Zeugen! sagte Adrian und legte seine kleine weie Hand in die harte,
zitternde des Spinners.
    Gute Nacht denn, auf Wiedersehen!
    Martell lie die Hand des Grafen sinken, kehrte ihm den Rcken und verlie
das kostbar meublirte Zimmer des reichen Halbbruders, ohne einen Laut von diesem
als Gegengru zu vernehmen.
    Dieser Mensch ist frchterlich! sagte Adrian, als die schweren Schritte
des Davongehenden auf dem Corridor verhallt waren. Hat je ein Mensch so etwas
gehrt! Ein Duell auf Geschicklichkeit! Man sollte glauben, der Tollkopf wolle
mich zwingen, nach Art der Jongleure scharfe Messerklingen im Kreise um mich zu
werfen! Mte ich nicht wider Willen seiner Ehrlichkeit vertrauen, nie und
nimmer wre ich diesen Handel eingegangen. So aber sei es der puren Seltsamkeit
wegen und um zu zeigen, da der legitime Erbe von Boberstein dem Bastard an Muth
in keiner Weise nachsteht.

                                Drittes Kapitel.



                                   Ein Mord.

Sehen wir jetzt, welchen Eindruck die erwhnten Vorflle auf die stillen
Bewohner des Zeiselhofes machten.
    Aurel war nach erfolgter Einkerkerung der Verbrecher mit seinen Freunden
wieder abgereist und hatte in den nchsten Tagen Herta auf die schonendste Weise
von dem Wiederfinden ihres verlorenen Sohnes unterrichtet. Es war die traurigste
Aufgabe fr den Kapitn, die so schwer Geprfte jetzt auf das Entsetzliche
vorzubereiten, ihr beizubringen, in welchem Zustande der Erniedrigung
Kltken-Hannes betroffen worden war, wie man einen tief gesunkenen Verbrecher in
ihm gefunden habe!
    Herta bedurfte geraumer Zeit, um dies neue Unglck, das alle frheren harten
Prfungen und Schicksalsschlge noch zu bertreffen schien, mit der ihr eigenen
schnen Seelenruhe und wahrhaft christlichen Ergebenheit zu ertragen. Sobald sie
sich aber daran gewhnt und mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, da ihr
unseliger Sohn ein verabscheuungswrdiger Brudermrder geworden sei, war sie
auch schnell entschlossen und einig mit sich ber das, was ihr zu thun jetzt
obliege.
    Also in Boberstein lebt der Unglckliche? sagte Herta mit gepreter
Stimme, und wenn mein Herz dabei brechen, wenn ich auf der Stelle vor Gram und
Kummer sterben sollte, noch einmal ihn sehen, vielleicht mit einem Blick meines
Mutterauges ihn trsten mu ich!
    O stehen Sie ab davon! bat Elwire, deren Schmerz sich in einer Fluth von
Thrnen Luft machte. Es mu Sie tdten!
    Halte mich nicht, liebes Kind, es ist meine Pflicht!
    Elwire viel schluchzend der Gromutter um den Hals und bedeckte sie mit
Kssen.
    Die Tante hat Recht, sagte der Kapitn nach einer Pause. Wenn irgend
etwas den unglcklichen Mann zur Erkenntni seiner Frevelthat bringen und ihn
der Neue zufhren kann, so ist es der Anblick seiner beklagenswerthen Mutter.
Ich werde Sie begleiten.
    Herta drckte dem Neffen dankend die Hand.
    Nicht wahr, Sie eilen?
    Sobald Sie wnschen, knnen wir aufbrechen.
    Auf morgen denn?
    Ich bin bereit.
    Herta! Theure Gromutter! schluchzte Elwire.
    Frchte nichts, mein Kind! Ich bin durch ein Leben voll Schrecknisse an das
Entsetzliche gewhnt. Ich werde auch dies ertragen, ich werde die Zusammenkunft
mit meinem Sohne, der ... ein Mrder ... geworden ist, .. still berleben.
    Thrnen erstickten ihre Stimme. Sie verbarg ihr Gesicht in den Locken der
schmerzlich bewegten Enkelin.
    Nehmen Sie mich mit, Gromutter, sagte Elwire nach einiger Zeit und sah
bittend mit ihren groen von Thrnen verschleierten Augen zu Herta auf, vor der
sie kniete.
    Aber mein Kind!
    Bitte, nehmen Sie mich mit! flehte das schne Mdchen dringender. Ich
sterbe vor innerer Angst, wenn ich allein zurckbleiben soll!
    Liebe Elwire, sagte Aurel, indem er die Weinende sanft aufhob und sie
nthigte, an Hertas Seite niederzusitzen, es wrde Dich zu heftig erschttern!
Du bist ja nicht allein, die treue, erprobte Dienerin der Tante, die sorgende
Emma bleibt bei Dir.
    Nein, nein, Aurel, ich verlasse die Gromutter nicht! rief Elwire mit
leidenschaftlicher Heftigkeit.
    Bedenke, welch ein Wiedersehen! Welch Zusammentreffen!
    Elwire trocknete ihre Thrnen und schlug die Augen zu dem Geliebten auf.
    Wiedersehen! sagte sie dann dster und ein Frostschauer berrieselte ihren
zarten Krper. Nein, Aurel, ich will ihn nicht wiedersehen, aber ich will um
Euch, ich will in Eurer Nhe sein.
    Der Kapitn kte sie auf die Stirne und drckte zrtlich ihre Hand.
    Unter dieser Bedingung nehme ich Deine Begleitung an, erwiederte er, nur
versprich mir auch, nicht wankend zu werden in Deinem Entschlusse.
    Bin ich nicht Deine Braut? sagte Elwire durch Thrnen lchelnd. Du darfst
meinem Wort vertrauen, wie meinem Blicke! -
    Nach diesem Entschlusse machte sich eine grere Ruhe bei den Bewohnern des
Zeiselhofes geltend. Die Frauen trafen die nthigsten Vorkehrungen zu der
bevorstehenden kleinen Reise, Aurel schrieb eine Menge Briefe an ferne und nahe
Freunde. Ausfhrlich berichtete er das Vorgefallene sowie den Ausgang des
Prozesses an Madame Oehler in Hamburg und sprach die Hoffnung aus, sie recht
bald wiederzusehen.
    Der Maulwurffnger war in seinen Wohnort zurckgekehrt, um Gregor und
Schlenker die frohe Kunde von dem Ausgange des Prozesses mitzutheilen. Er hatte
versprochen, in einigen Tagen wieder nach Boberstein zu gehen, da seine
Anwesenheit dort nthig sein konnte, um Martell theils zu beaufsichtigen, theils
zu beruhigen. Man durfte also hoffen, den treuen Bundesgenossen dort
anzutreffen, wenn etwa mehrere Tage vergehen sollten, ehe an Rckkehr gedacht
werden konnte. Einstweilen war blos Gilbert im Arbeiterdorfe geblieben, um ber
Alles, was sich daselbst begeben konnte, sogleich Bericht an den Kapitn zu
erstatten. -
    Es war am Tage nach der merkwrdigen Unterredung zwischen Adrian und
Martell, als Kapitn Aurel mit Herta, Elwire und Sloboda, der nunmehr fr immer
seine Wohnung auf dem Zeiselhofe aufgeschlagen hatte, nach Boberstein fuhr, um
die Gefangenen zu sehen und zu sprechen. Wir eilen den trauernden Reisenden
voraus, um uns nach den Verbrechern zu erkundigen, die wir am Morgen des
wichtigen Tages verlieen, welcher den drei grflichen Brdern drei
Halbgeschwister unter so erschtternden Umstnden zufhrte.
    Vollbrecht hatte die Verbrecher in einen sichern Ort gefhrt, aus dem kein
Entkommen mglich war. Dieser lag unter den Fabrikgebuden und bestand aus einem
kellerartigen Gewlbe, das fr gewhnlich zu Aufbewahrung von Waarenballen
benutzt ward. Feste Thren und Riegel, ein hohes vergittertes Fenster mit
altgothischem steinernen Fensterkreuz und mehrere Ellen starke Mauern lieen auf
den ersten Blick erkennen, da dieses Gewlbe noch ein Ueberbleibsel der alten
Burg Boberstein sei.
    Unmittelbar neben diesem Kellergewlbe befand sich eine der
Maschinenkammern, wehalb die Gefangenen das dumpfe, monotone Stampfen und
Rauschen der arbeitenden Maschine Tag und Nacht vernahmen. Auf dieser Seite war
auch die Mauer des Gewlbes neueren Ursprungs und, wie ein leises Klopfen daran
deutlich verrieth, bei weitem nicht so stark. Der Keller mochte beim Brande der
Burg zum Theil eingestrzt, spter aber die schadhaften Stellen mittelst
Mauerwerk aus Backsteinen wieder aufgefhrt worden sein.
    Dies Gewahrsam war fr ein Gefngni ein ganz ertrglicher Aufenthaltsort.
Vollbrecht lie einen Tisch nebst ein paar Sthlen hereinschaffen, ein eiserner
Ofen half die etwas dunstige und feuchte Luft erwrmen, Matratzen wurden auf den
gedielten Fuboden gebreitet und auerdem fr Lebensmittel die nthige Sorge
getragen. Nicht einmal Fesseln legte man den Verbrechern an, da Vollbrecht
keinen Auftrag dazu erhalten hatte, vielmehr lste er sogleich mitleidig und
menschenfreundlich die Stricke, womit den Unglcklichen die Hnde auf den Rcken
gebunden waren.
    So konnten denn die beiden Verbrecher nach Belieben in ihrem gemeinsamen
Kerker umhergehen, sich nach Herzenslust unterhalten und treiben, was ihnen
gefiel. Tglich drei Mal brachte ein Bedienter des Grafen den Gefangenen Speise
und Trank in Flle und weit besser zubereitet, als sie es erwarten durften.
Selbst auf ihre schlechten Gewohnheiten nahm Vollbrecht Rcksicht, indem er den
Elenden tglich eine halbe Kanne Branntwein verabreichen lie.
    Anfangs beobachteten Beide ein finsteres Stillschweigen. Jeder schien ber
die miliche Lage nachzudenken, in welche sie rohe Gewinnsucht und unberlegtes
Handeln gebracht hatte. Keiner sprach mit dem Andern. Wie grimmige Bestien
gingen sie mrrisch, bisweilen wthende Blicke sich zuwerfend, an einander
vorber.
    Dies Schweigen dauerte den ganzen ersten Tag ihrer Gefangenschaft. Am
nchsten Morgen aber fhlte sich Blutrssel doch gar zu sehr gelangweilt und so
hielt er es fr klger, seinen Unglcksgenossen anzureden. Sich mit halbem
Krper von seiner Matratze erhebend lie er unter hlichem Rollen seiner
vorspringenden, immer entzndeten Augen die Blicke durch die dmmrige Helle des
Gewlbes schweifen, heftete sie dann fest auf Herta's unglcklichen Sohn und
sagte mit mrrischem Humor:
    Guten Morgen, Hans. Wie hast Du auf Deiner Stammburg geschlafen?
    Kltken-Hannes antwortete nicht. Er wendete dem Sprecher den Rcken zu und
seufzte.
    Hm, fuhr der Mrder fort, der hat noch Lust zu trumen von den
Herrlichkeiten, die seiner warten.
    Da Du ersticktest! murmelte Elwirens Vater.
    Bruder, sei kein Narr, erwiederte Blutrssel, la uns lieber vernnftig
mit einander reden. Wir sitzen Beide in einer verdammt rgerlichen Patsche, aber
der Teufel mte ber Nacht all' seinen Witz verloren haben, wenn wir nicht mit
heiler Haut davon kmen. La uns einig sein und wir sind geborgen!
    Htte ich Dich nie gesehen, nie auf Dein Wort gehrt! Du hast mich
verfhrt, mich unglcklich gemacht hier und ewiglich!
    Bleib mir vom Leibe mit solchen Redensarter, alter Junge! - Unglcklich
gemacht - was will das sagen! - Und hier und ewiglich! Da ist kein
Menschenverstand drin!
    Ich ... ein Brudermrder! ... O Fluch, Fluch, tausendmal Fluch ber Dich
seelenverderbendes Scheusal!
    Recht so, Hans, tobe Dich aus! Das klrt die Seele auf und strkt den
Krper. - Sobald Du Dich satt geschimpft hast, wollen wir zusammen reden wie
Brder. - Ich wei, da Du mir ruhig zuhren wirst, denn halb und halb bin ich
Dein Stiefvater und - kann das von Dir verlangen.
    Mrder, ich werde mich rchen! drohte Kltken-Hannes, erhob drohend seine
Faust gegen Blutrssel und schttelte wild das struppige graue Haar.
    Ja doch, sagte sein Verfhrer, immer rche Dich, das ist in der Ordnung.
Wenn heut zu Tage ein ehrlicher Kerl eine Ohrfeige kriegt, so hat er keine
ruhige Minute, bis er zwei Ohrfeigen zurckgegeben hat. Das nennt man sich
rchen oder bezahlt machen, und Alles ist wieder in's alte Gleis gebracht. Ich
sehe also gar nicht ein, weshalb Hans Kltken, von Geschlecht der Sohn einer
Grfin, eine andere Methode befolgen sollte.
    Du bist ein Teufel ... mit Deinem Hohn! - O meine Mutter, meine Mutter!
    Deine Mutter, die alte Frau, ist in guten Hnden. Nach einigen Jahren
schlechten Lebens geht es ihr vortrefflich, fast so vortrefflich, als es eine
Grfin verlangen kann.
    Sie wird sterben um mich, um ihren verworfenen Sohn! ... Sie wird sich die
weien Haare ausraufen um den elenden Verbrecher ... den Brudermrder! ... Und
mein Kind - meine Tochter!
    Wrst Du meinen Rathe gefolgt, so brauchtest Du jetzt nicht diese
lamentable Hllenlitanei statt des Morgensegens zu beten. Dein blankes, glattes
Mdel gehrte dahin, wohin ich sie Dir zu verhandeln rieth, als es mit dem
Trdel nicht mehr vorwrts gehen wollte. Dort wre sie gut aufgehoben gewesen
und Dein Lebetage httest Du nichts von den Dummheiten erfahren, die im
vergangenen Jahrhundert Deine hochgeborene Sippschaft beging. - Aber Du wolltest
flugs mit Gewalt reich werden, lieest Dich mit dem flinken Gelbschnabel ein,
der zum Unglck Dein Bruder sein mute, und so kamst Du in diesen zhen Morast,
in dem wir jetzt Beide bis an den Hals stecken.
    Gottes Finger! Gottes Finger! rief Kltken-Hannes, beide Hnde ber sein
Gesicht schlagend. Ich fhle, wie er meinen Scheitel berhrt - wie er im
sndhaften Sohne die Verbrechen des sndhaften Vaters strafen und shnen will!
    Das mu ein sehr widerliches Gefhl sein, mit Verlaub, erwiederte
Blutrssel hhnisch, ungefhr so widerlich, als ein nchterner Magen, der sich
nach einem derben Stck Fleisch und einem krftigen Glas Porter sehnt. - Teufel
noch' mal, ich glaube, die Bestien wollen uns Hungers sterben lassen!
    Er sprang von seinem Lager auf und suchte Kltken-Hannes, der schon frher
aufgestanden war und ruhelos im Kerker auf- und niederging, den Weg zu
vertreten. Dieser wich ihm aber geflissentlich aus, um alle Reibung zu
verhindern und durch die frechen und hhnischen Bemerkungen des gnzlich
demoralisirten Mrders gereizt, nicht zu Thtlichkeiten veranlat zu werden.
    Kltken-Hannes, im tiefsten Innersten erschttert durch die furchtbaren
Aufschlsse ber seine Abstammung und sein Verhltni zu der Familie der Grafen
Boberstein, bereute jetzt wirklich sein unseliges Leben, seinen strflichen
Leichtsinn, seine habgierige Verblendung! Ihm graute vor sich selbst, wenn er
seine jngste Vergangenheit berblickte; denn wohin er sein zitterndes Auge
wandte, berall begegnete er einer rohen Gewaltthatt oder einem heimlichen
Frevel! Verkufer seines eigenen Kindes - wster Sufer - frecher Gotteslsterer
- gewissenloser Heuchler - und endlich gedungener Mrder! - Alle Snden und
Laster der weiten Welt fhlte er bei dieser Rundschau auf sich lasten, ja Satan
selbst schien ihm nicht entsetzlicher, nicht fluch- und verabscheuungswrdiger
zu sein, als er, der verachtete Trdler, der Sohn einer frommen,
rechtschaffenen, liebenswrdigen Mutter aus altem Geschlecht.
    Und sie lebt noch! rief er wie wahnsinnig. Sie mu leben, um den
grauenvollen Untergang ihres heibeweinten Sohnes zu sehen! - O da ein Blitz
mich tdtete und meinen Leib in Asche verwandelte, damit die Winde jedes
Stubchen von mir spurlos in alle Lfte zerstreuten!
    Drei Tage lang wiederholten sich diese Klagen des bedauernswerthen Mannes.
In dieser ganzen Zeit vermied er jede Gemeinschaft mit seinem verbrecherischen
Genossen, obwohl er gezwungen war, stets um ihn zu sein. Blutrssel ward dadurch
sehr erbittert, doch lie er sich nichts merken, da er sehr richtig voraussah,
da Kltken-Hannes neuen Verkehr mit ihm anknpfen werde, sobald er die ersten
tobenden Strme der Verzweiflung berstanden haben wrde.
    Der abgefeimte Bsewicht hatte sich nicht getuscht. Schon am Abend des
dritten Tages gab Herta's Sohn auf seine Fragen zusammenhngendere Antworten,
was der ergraute Snder fr ein gnstiges Zeichen hielt. Er hatte neue Plne
entworfen und wollte diese nunmehr seinem Genossen mittheilen, doch verschob er
dies bis auf den knftigen Tag, um recht sicher zu gehen.
    Kltken-Hannes war am nchsten Morgen, demselben, wo Herta in Begleitung
ihrer geliebten Verwandten nach Boberstein abreiste, um den verlorenen Sohn
nochmals zu sehen, niedergeschlagen und schweigsam. Dennoch trank er
unaufgefordert von dem Branntwein, den sie zum Frhstck erhalten hatten.
Blutrssel merkte, da sein Vertrauter und ehemaliger Freund lebhafter ward, und
glaubte diesen Moment benutzen zu mssen. So freundlich lachend, als es ihm bei
seiner abschreckenden Gesichtsbildung mglich war, sagte er:
    Wenn wir klug sind und uns Einer auf den Andern verlassen, so knnen wir in
ein paar Tagen wieder unsere eigenen Herren sein.
    Daran liegt mir nichts, erwiederte Kltken-Hannes. Habe ich gefrevelt, so
will ich auch jetzt Strafe dafr leiden.
    Und Dich aufknpfen oder, was noch wahrscheinlicher ist, von unten auf
rdern lassen? Denn das ist jetzt Sitte in manchen civilisirten Staaten. Ich
sage Dir, Du hast einen schlechten Geschmack. Aus da Du bessere Einflle
bekommst, - sto' an!
    Mit Dir? - Nun und nimmermehr, und sollte es mir die Seligkeit losten!
    Blutrssel setzte sein Glas vor sich hin und warf dem Reuigen wilde Blicke
zu.
    Weshalb nicht? sagte er barsch. Bin ich Dir nicht gut genug?
    Kltken-Hannes sa mit untergestemmtem Arm am Tische, runzelte die
blatternarbige Stirn und trank hufig kurze Zge aus seinem vollen Glase.
    Antwort verlange ich! rief der Bsewicht heiser kreischend und stie sein
Gegenber unsanft an. Ob ich Dir nicht mehr gut genug bin, Herr - Bettelgraf,
frag ich?
    Du bist mein bser Geist, versetzte dumpf und ernst Herta's Sohn.
    Ha, ha, ha! lachte Blutrssel. Weil der Narr jetzt wei, da er aus
anderm Teig geknetet ward, als ich und Hunderttausend meines Gleichen, und weil
ich so gescheidt war, einen talentvollen Jungen bei Zeiten ins harte Leben
hineinzustoen, damit er auch Einer der Unsrigen, ein armer Teufel werde, der
von seinem Erwerb sich das Leben fristen mu, deshalb bin ich jetzt sein bser
Geist. - Hans, alter Hans, ich, siehst Du, ich finde das lcherlich.
    Ich aber frchterlich, unaussprechlich grauenvoll! sagte Kltken-Hannes
mit demselben ernsten und dumpfen Tone, in dem er das Gesprch begonnen hatte,
whrend er immerfort von dem Glase nippte.
    Vergi, was vorber ist, und schau vorwrts! Ein rechter Kerl kmmert sich
den Henker um die Vergangenheit!
    Auch nicht um seinen Vater, seine Mutter?
    Um diese schon gar nicht, denn sie gehen ihn nichts an, wenn er sich so
lange wie Du allein und ohne Hilfe in der Welt hat forthelfen mssen.
    Ohne Dich wre ich glcklich, wre ich ein guter Mensch, ein dankbarer Sohn
geworden!
    Oho! rief Blutrssel. Am Ende soll ich gar daran Schuld sein, da Du Dein
liebes Brderchen, den Mohrenkopf, mit Gift vergeben wolltest!
    Bei der ewigen Pein, das bist Du!
    Kellerhaus! drohte Blutrssel und ballte die Hand gegen ihn. Trdelbube,
mach mich nicht mrrisch!
    Ja, fuhr Kltken-Hannes fort, mit der Faust auf den Tisch schlagend, Du
bist es, der mich um Zeit und Ewigkeit gebracht hat, Du! ... Von Dir fordere ich
mein verlorenes Leben! Dich werde ich dereinst vor dem ewigen Richter
verklagen!
    Der kennt mich nicht, so gut ich ihn nicht kenne, hhnte der Mrder, und
berdies, da ich nicht zu seiner Gerichtsbarkeit gehre, lache ich Deiner
Klage.
    Gotteslsterer! murmelte Kltken-Hannes. Seine Hand wird Dich ereilen,
ehe Du es vermuthest!
    Ach das ist gut, erwiederte der Bsewicht, Du fngst schon an zu predigen
- und wirst mich mithin belehren, wenn wir uns noch einige Wochen Gesellschaft
leisten sollten.
    Dann erwrge ich Dich!
    Im Schlafe, nicht wahr? Denn wachend frchte meine Kralle!
    Mrder meines Grovaters! sagte Kltken-Hannes dumpf vor sich hin und
schauderte unwillkrlich zusammen. Und mit ihm mu ich den Kerker theilen!
    Ein witziger Einfall, frwahr! Aber warum war auch Dein Gropapa so albern
und lief mir in den Weg, da ich eben beschftigt war, mir ein paar Honigwaben zu
holen? Du wirst zugeben, da dies hchst unklug war von dem Frsten der Haide.
Uebrigens aber meine Hand darauf, ich that damals nichts mehr, nur mit etwas
besserem Glck und mit wenigeren Umstnden, als Du neulich thun wolltest. Ich
handelte im Auftrage des Herrn Grafen Magnus, Du aber - nun Herr Bruder in
diabolo, was beliebten denn Ew. grfl. Gnaden zu beginnen?
    Mord! Mord! Nichts als Mord und Todtschlag! rief Herta's Sohn
hnderingend. Mord an Aeltern, Brdern, Verwandten! ...
    Noch nicht, aber es kann dahin kommen, sagte Blutrssel trocken. Wer
Nesseln st, der rndtet Nesseln, und das Zeug brennt wie Feuer, wenn's recht
gedeiht. Ha, und Du bist gediehen, teufelmig gediehen!
    Und das Scheusal fiel in ein so frchterliches Hohngelchter, da
Kltken-Hannes aufsprang und mit zorniger Miene dem Unholde nher trat.
    Vermaledeiter Hund! schrie er ihm zu. Du hhnst mich noch? Du wagst zu
lachen, wenn sich die Haare einzeln auf meinem Scheitel bumen ber das
grauenvolle Verhngni, das an meinem Geschlechte nagt? An dessen Sturze ich
elender Verfhrter unwissenderweise mitgearbeitet habe?
    Wenn Ew. Gnaden erlauben, so lache ich, versetzte Blutrssel. Denn es
macht mir Vergngen zu sehen, da meine Aussaat so vortreffliche Frchte
getragen hat. Auf Du und Du mit einem Grafensohne leben, noch dazu mit dem
Sprlinge des bermthigsten Aristokraten, der je einen Wappenring am Finger
und goldene Sporen an den Fersen trug; mit einem Sohne des Mannes, der alle
brigen Menschen nur als Spielpuppen seiner Laune behandelte und kein greres
Unglck kannte, als Armuth, Mangel, niedere Geburt und schlechte Gesellschaft -
was die Groen so nennen - ja bei dem Fluch aller Flche, das macht mir
Vergngen, das ergetzt mich, wie's etwa den Teufel ergetzen mag, wenn er ein
schuldloses Seelchen in sein Netz gelockt hat!
    Mit harter Faust packte Kltken-Hannes seinen Verfhrer am Arm und
schttelte ihn heftig, indem er ihm zurief:
    Du kanntest also meine Abstammung? Du wutest wirklich, da eine
verzweifelte Mutter um mich weinte?
    Ob ich es wute! -
    Und hattest kein Mitleid mit ihr, mit mir?
    Ich hatte Geld, viel Geld, gndiger Herr Graf und Mitgefangener, und wenn
ich Geld hatte, so kannte ich das Wort Mitleid niemals.
    Wie kam es, da Du mich spterhin verlieest? fuhr Kltken-Hannes mit
kalter Inquisitorstimme fort, den abscheulichen Mrder zu verhren. Denn ich
erinnere mich erst, Dich in sptern Jahren, als ich schon Comptoirdiener war,
gesehen zu haben.
    Das ging sehr einfach zu, mein Vortrefflichster. Du warst ein hbscher,
krftiger Junge mit prchtigen Haaren und einem allerliebsten frischen
Gesichtchen. Eine herumziehende Schauspielerbande fand Dich liebenswrdig,
machte mir annehmbare Antrge und so schlug ich Dich fr ein gutes Handgeld los.
Du wirst billig sein und mir dies nicht verdenken! - Ich hatte es satt, die
Kindermuhme zu spielen und Dich bei meinen Wanderungen auf den Armen
herumzuschleppen. Im Grunde bist Du mir sogar vielen Dank dafr schuldig, denn
ich konnte Dich, straf' mich Gott, abstechen, wie eine Gans, die Vollmacht dazu
war mir gegeben! Aber ich hatte mich in Dein Lrvchen vergafft, und so lie ich
Dich denn leben.
    Um mich langsam und desto sicherer zu tdten! Um mich dem ewigen Verderben
zu opfern! rief Kltken-Hannes aus. Und dafr, meinst Du, dafr soll ich Dir
jetzt dankbar sein?
    Als guter und treuer Kumpan, beim Element, ja! Das ist Sitte und Brauch bei
allen honetten Leuten.
    Wir sind nicht honette Leute, wird sind Elende - Verbrecher!
    Oho! Verbrecher sind auch honett. Oder haben wir nicht honett gehandelt mit
- mit - den beiden Brdern?
    Kltken-Hannes fhlte, das sein Blut sich mehr und mehr emprte. Er
vermochte sich nicht mehr zu zgeln. Einen Schritt zurcktretend, knirschte er
mit den Zhnen und spie dem Abscheulichen den Geifer der Wuth in's Gesicht.
    Nimm das fr Deine Judasdienste, rief er ihm zu, und verflucht will ich
sein, wenn ich von dieser Stund' an noch einen Bissen Brod mit Dir theile! Wenn
ich je wieder Deine vermaledeite Hand berhre!
    Nun so sei verflucht! erwiederte Blutrssel, sprang auf, ergriff sein
Branntweinglas schlug den Rand desselben an der Tischkante ab und strzte
brllend wie ein wthender Tiger auf ihn zu.
    Herta's Sohn hatte einen so ungestmen Angriff nicht erwartet. Ohne Waffe,
ungebt im Ring- und Faustkampfe, berdies von dem hufigen Genu starken
Branntweins geschwcht, vermochte er dem Anstrmen des wthend gemachten Mrders
kaum zu begegnen. Er empfing rasch hinter einander mehrere empfindliche Ste
mit dem scharfen Fu des zerbrochenen Glases und sah Hnde, Arme und Gesicht
alsbald von heiem Blute berstrmt. In der Angst ergriff er zwar einen Schemel
und wehrte sich tapfer gegen den Blut- und Rachedurstigen. Auch rief er mehrmals
laut schreiend um Hilfe. Wenn aber auch Jemand in der Nhe gewesen wre, den
wimmernden Ruf wrde er kaum gehrt haben, da das Rauschen der Maschine im
Erdgescho und das dumpfe Gesurr der Spindeln in den obern Stockwerken jeden
andern Laut bertubten.
    Blutrssel, erhitzt bis zu sinnloser Wuth, gewandter als sein unglcklicher
Gegner und von diabolischer Mordlust erhitzt, hetzte unter wildem Lachen, unter
Fluchen und Lstern den Gengsteten aus einem Winkel in den andern, entri ihm
den Schemel, da schon sein erster Sto eine Flechse an der rechten Hand Kltkens
zerschnitten hatte, und trieb nun mit raffinirter Grausamkeit sein wehrloses
Opfer in den uersten Winkel des Kerkers. Ohn' Aufhren versetzte er dem
Jammernden rasche Ste mit dem scharfen Glase auf Schenkel, Arme, Brust und
Kopf, so da er aus hundert Wunden blutete und kaum mehr einen Schatten seines
wthenden Gegners sah. In die Ecke gedrngt, strzte er erschpft zu Boden.
Blutrssel warf sich auf ihn, kniete dem Halbbewutlosen auf die Brust und
fletschte thierartig lachend die Zhne.
    Recht so, mein Honigpppchen, sagte der Schreckliche, indem er ihm mit
furchtbarem Stoe die Lippen abschnitt, das wird Dich satt machen fr immer und
Dich verhindern, honetten Leuten wieder ins Gesicht zu speien. - So! - Du
hattest ja die Spitzglser lieb, gib ihm noch einen innigen Ku! - Ha, wie das
rieselt! - Das hilft frs Ausplaudern! ...
    Blutrssel zerri dem Vater Elwirens die Zunge. - Der Unglckliche rchelte
nur noch, aber seine Hnde wischten das Blut von den Augen, die mit
vorwurfsvollem, entsetzlichen Ausdruck den Mrder anstierten. Dieser erbebte vor
diesem kalten, glnzenden, wie aus einer andern Welt aufleuchtenden Blick.
    Ha! rief er aus. Willst Du gleich die Deckel schlieen, Satanskind?
Willst Du?
    Der Sterbende hrte ihn nicht mehr. Die Augen stierten weit geffnet und
regungslos den Entmentschten an.
    Nun so empfangt von mir die Sargngel! tobte Blutrssel in der Raserei des
Mordens und schlug mit zwei furchtbaren Schlgen das spitze Glas dem jahrelangen
Genossen in beide Augenhhlen. Die Ste waren so gewaltig da ihm das Blut in's
Gesicht spritzte. Kltken-Hannes zuckte noch einige Male und verschied.
    Jetzt erst kehrte dem blutbesudelten Mrder die Besinnung zurck. Er
entsetzte sich vor seiner grlichen That und die Angst der Verzweiflung kam
ber ihn. Die innere Qual zu betuben, trank er rasch den noch vorrthigen Rest
des Branntweins aus, setzte sich dann, den Rcken gegen den Ermordeten gewendet,
auf den Tisch und starrte, in dumpfes Hinbrten verloren, das vergitterte
Fenster an, um dessen steinernes Kreuz sich dann und wann der Schatten einer
Rauchwolke schlang, die von den hohen Schornsteinen in den hellblauen Himmel
emporwirbelte.
    Der verzweifelte Mrder hatte noch kaum zehn Minuten in dieser Stellung
verharrt, da nahten sich Tritte und er hrte das Klirren von Schlsseln.
Zusammenschaudernd sprang er von dem Tische, trat zurck und lehnte sich im
uersten Winkel des Gewlbes an die kalte, trockene Steinwand.
    In diesem Augenblicke knarrte der Schlssel im Schlo und die Thr ward
geffnet.

                                Viertes Kapitel.



                                  Der Besuch.

Der Eintretende war Vollbrecht. Er blieb unter der Thre stehen und wunderte
sich ber die Ruhe der beiden Gefangenen, von denen er keinen erblickte.
    Kltken-Hannes! rief er nach kurzer Pause. Wo bist Du? Man will Dich
besuchen.
    Keine Antwort. Vollbrecht lie jetzt seine Augen nochmals durch den etwas
dstern Kerker schweifen und bemerkte die unsichern Umrisse von Blutrssels
Gestalt, der regungslos an der Wand lehnte.
    Es ist sehr ungezogen von Euch, fuhr er fort, da Ihr fr die gute
Behandlung, die Euch zu Theil wird, nicht einmal so viel Erkenntlichkeit habt,
um auf eine Frage Antwort zu geben. Wer steht dort an der Wand? Und wohin hat
sich der andere Schelm verkrochen?
    Jetzt erhob sich der Mrder und ging mit wankenden Schritten nach der Thr.
Zugleich trat Aurel neben Vollbrecht. Man konnte das Schluchzen Herta's, die
hinter ihm stand, hren.
    Kltken-Hannes! Unglcklicher Bruder! sagte der Kapitn gerhrt und mit
weicher Stimme. Tritt hervor aus der Dunkelheit und reiche mir Deine Hand! Ich
mchte Dich gern einem Wesen zufhren, das Dir theuer sein mu das Dich noch
einmal umarmen und, wenn auch unter bittern Schmerzensthrnen, verzeihend,
shnend, segnend seine zitternde Hand auf Dein sndiges Haupt legen will! Armer
beklagenswerther Mann, Deine Mutter - will Dich sehen!
    Beide Mnner traten jetzt in den Kerker. Blutrssel, den die entsetzliche
Wucht des eben verbten Verbrechens fast zu Boden drckte sthnte in
unarticulirten Tnen und schttelte sein wstes, blutbeflecktes Haupt wie ein
wildes Thier.
    Tritt zurck, Kannibale! befahl Aurel, seiden Arm mit Abscheu gegen den
Unmenschen ausstreckend. Wo ist Dein Gefhrte?
    Er ... schlft, murmelte der Mrder.
    Wo aber? Das Lager ist ja leer?
    Dort ... hinter ... dem Ofen, stotterte Blutrssel, indem er sich wieder
auf den Tisch setzte, der unter seiner Krperlast knackte.
    Dort? wiederholte der Kapitn, schnell gegen den Ofen vorschreitend. Ist
ihm etwas zugestoen?
    Beim Teufel ja! schrie Blutrssel in einem Anfalle wahnsinnigen Humors auf
und brach in ein schallendes Gelchter aus. Es ist ihm so viel zugestoen, da
er sich verblutet hat.
    Diese scharf und gellend ausgestoenen Worte vernahm Herta. Sogleich folgte
sie den vorangegangenen Mnnern in den Kerker, sttzte sich auf Vollbrechts Arm
und sagte leise zu dem Geschftsfhrer:
    Kommen Sie, kommen Sie, ehe er stirbt!
    Aurel stie an die Fe des Getdteten. Er kniete nieder, ergriff seine
Hand, sah die Blutlache, die ihn umgab und wie ein dunkelrother Saum die tiefe
Wandseite umfing; er entdeckte die zahllosen Wundenmale, die blutigen, tiefen,
schrecklichen Augenhhlen des grausam Gemordeten.
    O Gott! rief er aus, mit schnellem Griff eine der Matratzen erfassend und
sie mitleidig ber den Verstmmelten werfend. Seine Leiden sind vorber, man
hat ihn getdtet!
    Obwohl Aurel nur leise sprach, konnte Herta doch den Sinn seiner Worte
erfassen, und mit dem jammernden Weheruf getdtet? stand sie an Aurels Seite
neben dem entseelten Schlachtopfer der Mordlust Blutrssels.
    Lassen Sie uns gehen, theuerste Tante! bat der Kapitn, indem er die
unglckliche, vor Entsetzen bebende Mutter sanft umfate. Dieser Anblick ist
nicht fr Frauen, denn hier hat die Hlle selbst eine ihrer grlichsten Thaten
vollbracht.
    Allein Herta lie sich nicht zurckhalten. Ohne auf die Bitten Aurels zu
hren, sank sie in die Knie, streckte ihre magern weien Hnde nach der Matratze
aus, hob sie langsam empor und heftete ihre in Thrnen schwimmenden Augen auf
das blutbedeckte, von Mrderhand zersetzte, Antlitz des Mannes, in dem sie ihren
Sohn wieder erkennen wollte. Lange betrachtete sie den verstmmelten, in
schmutzige Kleider gehllten Leichnam; die Thrnen versiegten, ihre Augen
brannten. - Dann faltete sie die Hnde, als wolle sie beten, ihre Lippen
bewegten sich, und indem sie ihr Gesicht tief herabbeugte ber den noch
rauchenden blutigen Leichnam des Erschlagenen, schlug sie ein Kreuz ber seine
Stirn und sagte:
    So ruhe wohl, Kind der Schmach und des Unglcks! Mge der Segen Deiner
armen Mutter, von deren Herzen Dich unbarmherzige Ruberhnde rissen, die
Pforten des Himmels Dir erschlieen und Dir Vergebung Deiner Frevel bei dem
Allbarmherzigen erwirken!
    Kaum hatte die erschtterte Dame diese Worte geflstert, so verlieen sie
die Krfte. Sie brach zusammen, sank vorwrts auf die Leiche des Sohnes und
tauchte ihre weichen erbleichenden Locken in das warme Blut des eigenen Kindes.
-
    Aurel hob die Ohnmchtige schnell auf und legte sie in die Arme Vollbrechts,
der vor dieser unerhrten Frevelthat verstummt war.
    Schtzen Sie die Arme, sagte er, ich mu noch, ehe wir diese Bluthhle
verlassen, ein Wort mit diesem Bsewicht sprechen.
    Blutrssel sa noch immer regungslos auf dem Tische, die schrecklich
rollenden Augen scheu zu Boden schlagend. Seine blutigen Hnde hatte er in die
Seitentasche der Jacke gesteckt, die ebenfals mit Blut besudelt war.
    Aus welchem Grunde hast Du Deinen Genossen getdtet? fragte der Kapitan
streng und kalt. Hattet Ihr Streit mit einander?
    Es mochte so 'was sein, denn er spie mir ins Gesicht.
    Du bekennst Dich also zu seinem Mrder?
    Was hilft's Lugnen, wenn es unmglich ist? grinste der Entsetzliche.
    Unglcklicher! sagte Aurel. Zwei-, ja dreifacher Mrder! Erhebe Deine
rollenden Augen und sieh hin auf dies trauernde, dem Grabe zuwankende Weib!
Kennst Du die Arme?
    Es mag wohl die gefallene Grfin sein, versetzte der Mrder mit kalter
Gleichgiltigkeit. Ich erkenne sie an der Art, die Haare zu tragen. Als sie jung
war, htte ich 'was drum gegeben, wenn es mir erlaubt gewesen wre, ihr eine
Locke zu rauben. Aber das eitle Ding fand mich zu hlich und dafr schwur ich
ihr Rache.
    Du hast Deinen Schwur gehalten, Entsetzlicher! Denn nicht allein ihren
Vater erschlugst Du meuchelmrderisch, Du raubtest ihr auch ihren Sohn,
verfhrtest ihn zu grauenhaftem Lasterleben und, als Du ihn herabgezogen hattest
in Deine Lebenskreise, als Du ihn zum Morden verleitet, erschlugst Du auch ihn!
- Elender, hrst Du nicht den Rachegesang der Furien, die in engerem und immer
engerem Kreise Dich umschleichen?
    Zwar hatte den mordgewhnten Bsewicht die grliche Blutthat selbst
berrascht und ihn, wie wir gesehen haben, in eine geistige Dumpfheit
hinabgedrckt, die ihn vielleicht die strafende Stimme des Gewissens auf einige
Augenblicke vernehmen lie. Allein Blutrssel war zu sehr an alle Arten von
Verbrechen gewhnt, er hatte von Jugend auf im Schlamm der tiefsten
Lasterhaftigkeit gelebt, die raffinirtesten Snden hatten ihn ergetzt; es war
ihm Genu, Zerstreuung gewesen, bald hier bald dort eine neue Uebelthat zu
begehen oder ihr wenigstens Vorschub zu leisten, da ein Aufzhlen seiner
Schandthaten den Verstockten jetzt unmglich einschchtern und bis zu wahrhafter
Reue zerknirschen konnte. Deshalb schleuderte er auch dem Kapitn nach diesen
vermahnenden Worten einen Blick der tiefsten Verachtung aus seinen hlichen
Augen zu, zuckte kaltbltig mit den Achseln und erwiederte:
    Auf dieser curiosen Welt hat Jeglicher sein Geschft. Wer das gut besorgt
und zu einigem Aufschwung bringt, der wird belobt. Wozu also Ihr jammervoller
Lrm? Raub und Mord war mein Geschft, der Herr Vater dieser Dame, den ich
zuletzt nach Verdienst das Lebenslicht ausblies, hat mich darin unterrichtet und
war immer zufrieden mit der Ausfhrung seiner Auftrge. Ich finde es daher ganz
ordnungsmig, da ich auch den Enkel abthue, wenn er mir nicht mehr gefllt.
Immer besser, von der Hand eines gebten Mrders zu sterben, als von einem
Stmper geschlachtet zu werden! Ich hab's gethan, und ich meine, das Werk soll
den Meister loben. Basta!
    Blutrssel hatte seine ganze Frechheit whrend dieser Gegenrede wieder
erlangt. Er fhlte sich sicher, ja in gewissem Sinne gro und stolz, und ohne
sich weiter um den Kapitn und seine Begleiter zu kmmern, sprang er vom Tische
und schritt wie ein wildes Thier im Kerker auf und nieder.
    Nun so zittere! sagte emprt ber die Rohheit des Mrders der Kapitn.
Fr Dich keine Gnade, kein Erbarmen! Fr Dich die hrteste Strafe des
Gesetzes!
    Bah! lachte Blutrssel. Es kostet doch weiter nichts als den Kopf, und
der ist bei mir grau und alt genug, um abgeschttelt zu werden!
    Heiseres Lachen begleitete diese hhnischen Worte. Aurel fhlte, wie ein
unabweisbares Grauen vor diesem Scheusal sich seiner bemchtigte, und da er sah,
da Herta sich wieder zu regen begann, fate er sie unterm Arm und geleitete die
zum Leben Erwachende mit Vollbrechts Hilfe aus dem Kerker.
    Schlieen Sie den Wtherich fest ein, befahl er, und lassen Sie ein paar
sichere Leute vor die uere Thr stellen, denn dieses Scheusal soll der Strafe
nicht entgehen!
    Mit grter Schonung fhrten die beiden Mnner die noch halb bewulose Herta
zurck in Vollbrechts Wohnung, wo Elwire in Biancas Gesellschaft die Gromutter
mit Unruhe erwartete. Zrtlich, liebreich und voll kindlicher Sanftmuth schlo
die jugendliche Braut die Zitternde in ihre Arme, benetzte ihr Stirn und Lippen
mit strkenden Essenzen und suchte sie durch freundlichen Zuspruch zu trsten.
Herta beobachtete ein tiefes Schweigen ber das, was sie gesehen hatte, und so
hielt es auch Aurel fr besser, vor der Hand der Tochter das schreckliche Ende
ihres unglcklichen Vaters noch zu verschweigen.
    Blutrssel aber erhob grinsend seinen Kopf bei den letzten Worten des
Kapitns und sah mit gleichgiltigem Lcheln die Thr verschlieen.
    Nicht entgehen soll ich der Strafe? wiederholte er. Meinst Du, weil Du
Graf bist, werde das Gericht Dir schneller zu Handen sein? Dummkopf, das wei
ich besser! -
    Hastig schritt er einigemal im Gewlbe auf und nieder Das brausende Sthnen
der Maschine hinter der tnenden Wand und die verworrenen Stimmen mehrerer
Menschen, die in der Maschinenkammer laut mit einander sprachen, machte ihn
aufmerksam. Er blieb stehen und horchte.
    Wachen wollen Sie mir vor die Thr stellen? Ha, ha, ha, als ob es mglich
wre diese Schlsser und Riegel zu sprengen mit den bloen Hnden! - Wacht
immerhin, meine abschreckende Physiognomie soll Euch nicht in die Flucht
schlagen! - Aber meinen Kopf sollt Ihr doch nicht in Eurer Schlinge fangen! -
    Auf den Zehen, als frchte er gehrt zu werden, schlich jetzt der blutige
Mrder nach der Wand, hinter welcher die Maschine stampfte und fauste. Geraume
Zeit legte er sein Ohr an das Gestein, um zu horchen. Dann richtete er sich
wieder auf und fletschte die hlichen Zhne, wie zum Hohn.
    Sie sind fort, sprach er nachdenkend aber es waren Menschen da, was ein
Beweis ist, da hinter dieser Wand ein Raum sich befindet, den man betreten
kann.
    Seine vorstehenden Augen liefen forschend ber das graue Gestein und mit
gekrmmten Fingern pochte er mehrmals daran.
    Kein Zweifel, fuhr er fort, es ist eine Wand aus Ziegelsteinen. - Sie
kann nicht dick sein, sonst knnte ich die Stimmen der Sprechenden nicht so
deutlich gehrt haben. - Das Rauschen und Lrmen der Maschinen ist sehr
vortheilhaft - es berschallt vorsichtig gefhrte Schlge - es untersttzt mein
Vorhaben. Eine Feuerzange ist zwar ein sehr unvollkommenes Brecheisen, inde -
in der Hand eines klugen Mannes kann sie eine Spitzhaue ersetzen. - Wir wollen
es versuchen, sobald es Nacht geworden, und Satan mte seine besten Gesellen
auf Urlaub schicken, wenn ich den Narren nicht vor Tagesanbruch entschlpfen
knnte. Der Teufel soll mir den Kopf abbeien, wo ich mich nicht befreie!
    Diesen Plan in seinem verbrecherischen Gehirn ausbildend, setzte sich
Blutrssel ruhig wieder auf seinen Schemel und vertrieb sich die Zeit, so gut
als es gehen wollte, durch Absingung unsittlicher Lieder.

                                Fnftes Kapitel.



                           Die verhngnivolle Nacht.

Um die Mittagsstunde trat Aurel in die Htte Martells, die schon seit einiger
Zeit hufig der Versammlungsort derjenigen gewesen war, die sich als Verbndete
die Hand gereicht hatten. Der Kapitn war bei seiner Ankunft am Morgen nur auf
Augenblicke bei seinem Halbbruder eingekehrt, um ihm die Veranlassung seines
Besuches auf Boberstein zu melden. Spter hatte er wiederzukommen versprochen,
um noch manches Wichtige mit dem ehemaligen Fabrikarbeiter zu besprechen.
    Er traf die Familie nebst Gilbert bereits beim Mittagsmahle, das noch immer
so einfach wie frher, nur etwas reichlicher war, da Aurel dem halsstarrigen
Halbbruder fast mit Gewalt Geld zu Bestreitung der nthigen Ausgaben
aufgedrungen hatte. Man htte glauben sollen, ein so pltzlicher und
erfreulicher Glckswechsel msse die ganze Familie in einen Jubel des Entzckens
versetzen, denn sie ging ja mit vollkommener Gewiheit einer schneren Zukunft
und einem Leben entgegen, das ihren Augen als ein wahres Paradies erscheinen
mute. Dem war jedoch nicht so. Martell war nichts weniger als heiter, eher
zeigte er sich jetzt noch mrrischer und verschlossener, als frher, und die
brigen Glieder der Familie litten mehr oder weniger an den Folgen zu groer
Anstrengung und lange stillschweigend ertragenen Mangels. Traugott war sogar
krank geworden, mehr vielleicht aus freudigem Schreck als weil seine Lebenskraft
wirklich zur Neige ging. Er lag hinter dem Ofen auf derselben Bank, wo Hans
unter namenlosen Schmerzen seinen Geist im Arm der jammernden Mutter aufgegeben
hatte. Die vielgelesene Bibel vor sich auf dem abgetragenen Pelze, der ihm zur
Bettdecke diente, und ein Gesangbuch daneben, lag er mit vorgebeugtem Haupte, um
das sein langes Haar in schimmerndem Silbergelock flo, mit gefalteten Hnde auf
dem Krankenbett, und besiegte Zeit und Kummer durch glubige Hingabe an das
ewige Wort der Verheiung.
    Der entsetzliche Anblick im Kerker hatte Aurel so gewaltig erschttert, da
sich der Schreck darber noch jetzt in seinen Mienen aussprach. Martell bemerkte
dies, weshalb er ruhig sagte:
    Du hast etwas erlebt.
    Etwas Unerhrtes, erwiederte der Kapitn, aus Lore's Hnden den Schemel
annehmend, den ihm die krnkelnde Frau an den Tisch schob.
    Herta ist ein Unglck begegnet, rief Martell. Ihr Herz brach beim Anblick
des malos Verwilderten!
    Vielleicht wre erfolgt, was Du sagst, htte die Vorsehung nicht anders
ber sie bestimmt Die Tante hat ihren Sohn nicht gesprochen, sie hat ihn nur
sehen und weinend segnen knnen fr ein besseres Leben. Er war todt.
    Todt! Schon todt! Und vor drei, vier Tagen noch die Gesundheit selbst? Wie
ist dies mglich?
    Er starb an Gift, warf Gilbert ein. Kredenzte er Ihnen doch wiederholt
den vergifteten Trank, wie ich mit eigenen Augen schaudernd sah.
    O nein, sagte Aurel betrbt, er starb eines frchterlichen, qualvollen
Todes durch Mrderhand.
    Blutrssel erschlug ihn! rief Gilbert.
    Mein Gott, welche Gruel! sagte Lore. Und das heit eine christliche
Welt!
    Betet, betet, flehte der greise Traugott, damit die Seele des
unvorbereitet Dahingegangenen Gnade finde vor dem Herrn!
    Ich habe Auftrag gegeben, fuhr Aurel fort, den grlich verstmmelten
Leichnam aus dem Kerker, wo er jetzt noch liegt, zu entfernen. Sein Tod shnt
seine Verbrechen. Wir wollen dem Irrenden, dem Verfhrten von Herzen verzeihen
und seine Gebeine ehrenvoll bestatten. Obwohl ein tiefgesunkener Mensch, war er
doch unser Bruder, und sein Zwist mit dem Ungeheuer Blutrssel, dem er mit Recht
und in harten Ausdrcken seine moralische Verwilderung Schuld gab, beweit, da
er im Herzen sein sndhaftes Leben bereute und auf dem Wege war, sich zu
bekehren. Darum Friede seiner Asche und keinen Groll seinem Andenken!
    Ist Adrian von dieser Mordthat unterrichtet? fragte Martell.
    Vollbrecht berbrachte ihm die Nachricht.
    Wie nahm er sie auf?
    Mit gewohnter Ruhe, nur wollte der Geschftsfhrer ein seltsames Glnzen
seiner kleinen Augen bemerkt haben.
    Wohl denkbar, der Tod des Bruders freut ihn, sagte Gilbert.
    Er kommt ihm wenigstens gelegen, versetzte Martell. Mit dem letzten
Athemzuge dieses Unglcklichen verschwindet auch der letzte Zeuge gegen ihn,
denn Blutrssel ist ein unschdlicher Mensch, ja wer wei -
    Du ziehst die Stirn in Falten? Welch ein Gedanke foltert Dich?
    O nichts, nichts! Ich berlegte nur, wie ich mich bei meinem Abschiede von
Adrian benehmen soll.
    Bestehst Du noch immer darauf? sagte Lore. Wozu diese fortwhrende Qual?
Bleib fern vor der Insel und berlasse den, der uns so viel Uebles zugefgt hat,
der Strafe seines Gewissens! - Ich kenne Dich, Martell, ich wei, da Du Dich in
bittern Aerger hineinredest, wenn Du eine geheime Zusammenkunft mit ihm hltst;
darum also, ich bitte Dich, stehe davon ab und bleibe bei uns! Noch vor Ostern
verlassen wir Dorf und Haide, und siedeln uns ber zu unserm treuen guten Bruder
und Schwager.
    Ich mu zuvor Abrechnung halten, versetzte Martell trocken.
    Abrechnung! Was hast Du denn noch zu fordern? Es ist kein Lohn mehr
rckstndig.
    Das verstehst Du nicht, erwiederte der Spinner. Mein Herz, mein Gewissen,
meine und Eure Zukunft verlangen, da ich dennoch eine Abrechnung mit dem Manne
der Willkr und des Eigennutzes halte, wie ich sie als Euer Oberhaupt und
Versorger zu fordern habe. Also la mich, Lore, und bringe mich nicht auf durch
Widerspruch. Adrian ist berdies schon davon unterrichtet und erwartet mich.
    Wann? fragte Aurel lebhaft.
    Heute Nacht.
    Ich begleite Dich.
    Bis zu Vollbrecht, wenn Du willst, aber nicht weiter, bei meinem Zorne!
    Martell! bat Lore.
    Bruder, Du thust mir Unrecht, erwiederte Aurel. Will ich Dich denn
hindern? Nein, nur ber Deine Sicherheit wachen, wenn ein Hinterhalt Deiner
warten sollte.
    Martell lchelte unheimlich.
    Ich frchte nichts, sagte er ruhig, aber Du magst mich begleiten, wenn es
Dich beruhigt, doch bestehe ich nochmals darauf, da Du meine Zusammenkunft mit
Adrian, die mehrere Stunden dauern kann, unter keiner Bedingung strst!
    Wunderlicher, einsinniger Mensch! versetzte Aurel. Wenn es nicht anders
sein kann, so mu ich mich ja wohl fgen.
    Zur Bekrftigung seines Wortes reichte er Martell die Hand, zugleich aber
wechselte er mit Gilbert einen bedeutungsvollen Blick, den der kluge Matrose
vollkommen verstand. -
    Die brige Tageszeit brachte der Kapitn mit Besprechungen zu, welche die
knftige Einrichtung seiner Halbgeschwister betrafen. Martell nebst Frau, sowie
Maja Simson und ihr Gatte, bei dem Sloboda eingekehrt war, nahmen lebhaften
Antheil daran. Es ward beschlossen, zum nahen Osterfeste, bis wohin eine
Ausgleichung mglich war, die bisherigen Wohnungen zu verlassen und diejenigen
Besitzungen zu beziehen, welche Haiderschens Tochter, also Maja, rechtmig
zugehrten. Dies waren der Zeiselhof nebst einigen dazu gehrigen Ortschaften,
Vorwerken, Meiereien und Mhlen. Aurel wnschte dies schon deshalb, weil er sich
mglichst bald mit Elwiren zu vermhlen gedachte und alsdann wieder entweder
nach Hamburg oder in irgend eine andere groe Stadt sich bersiedeln wollte, da
ihm das stille und eintnige Leben eines Landedelmanns nicht fr lange Zeit
behagen konnte.
    Sloboda fhlte sich nunmehr wahrhaft glcklich. Er konnte sich von der
Tochter seines geliebten Kindes gar nicht mehr trennen, folgte ihr auf Schritt
und Tritt und war im Stande Stundenlang vor ihr zu sitzen, sie mit seinen
gutmthigen hellblauen Augen frhlich lchelnd zu betrachten und vergngt sich
die Hnde zu reiben. Die Freude, schien es, hatte den Geist des alten Mannes so
heftig erschttert, da eine sich meldende Verstandesschwche, eine Rckkehr in
die Kindheit kaum mehr zu bezweifeln stand. Ihm war es daher auch ganz
gleichgiltig, wohin seine Enkel sich jetzt wendeten. Nur immer bei ihnen zu
bleiben und ruhig die letzten Tage seines Lebens auf dem Boden, der ihn geboren
hatte, zu beschlieen, wnschte er sehnlichst und sprach es wiederholt aus.
    Seltsamerweise lie den ehrwrdigen Greis die Nachricht von dem
schrecklichen Ende Kltkens ganz unberhrt. Er nahm sie hin, wie etwas
Alltgliches, sah mit ernster Miene drein, da er die bestrzten und betroffenen
Gesichter der Uebrigen bemerkte, aber sein Herz wute offenbar nichts davon.
    Diese schnelle unerwartete Verwandlung des alten Wenden machte seine Freunde
sehr besorgt um ihn, und lie sie stillschweigend der Aeerung Aurels
beistimmen, welcher Gilbert zuflsterte:
    Es geht eilig mit ihm zu Ende! Deshalb mssen auch wir uns sputen.
    Gegen Abend kehrte Aurel auf die Insel zurck, um Herta und Elwire nicht
lnger allein ihren Gram zu berlassen. Um Mitternacht, wo Martell seine letzte
Zusammenkunft mit Adrian halten wollte, versprach ihn der Kapitn am Ufer des
Sees zu treffen, was der ehemalige Spinner zusagte. Gilbert erhielt von Aurel
den Auftrag, erst mit Martell, aber ungesehen von ihm, nach Boberstein zu kommen
und alsdann wo mglich das Zusammentreffen desselben mit dem Fabrikherrn zu
belauschen, damit jedes Unglck verhindert werden knnte, wenn ja die beiden
feindlichen Brder einander Bses sollten zufgen wollen.
    So waren menschlicher Berechnung nach alle Vorsichtsmaregeln getroffen, um
einen etwa gefhrlichen Plan des verschlossenen Spinners zu vereiteln, und die
Sorge Aurels um beide Brder verminderte sich merklich.
    Herta und Elwire fand der Kapitn ziemlich gefat in Bianca's Gesellschaft.
Er htete sich wohl, von der Ermordung des Unglcklichen zu sprechen, aber es
freute ihn, da Elwire heie Thrnen des Andenkens dem unwrdigen Vater weinte.
-
    Es war schon spt, als Bianca die Trauernden verlie, um in ihr noch nicht
gelstes Dienstverhltni zu Adrian zurckzukehren. Sie hatte Herta entdeckt,
welchen Frevel der Graf an ihrer Schwester begangen, wie sie dafr Rache
genommen und welche qualvolle Strafe sie ber den gewissenlosen Verfhrer
verhangen. Sie versprach den hinlnglich Gestraften, dem sie eine aufreibende
Neigung eingeflt hatte, zu Ostern fr immer zu verlassen und in den Schoo
huslichen Friedens bei ihren neu erworbenen Freunden zurckzukehren. Von der
neuerdings beabsichtigten Vergiftung des inzwischen Ermordeten, wozu sie die
Hand hatte reichen sollen, schwieg sie.
    Wie gewhnlich versah auch Bianca an diesem Abend bei Tisch das Amt einer
Dienerin mit der ihr eigenen Anmuth und Grazie. Adrian suchte sich mglichst zu
beherrschen, um nicht den schrecklichen Hohn der grausamen Schnen zu reizen und
sich durch eigene Schuld brennende Schmerzen zu bereiten, allein ganz vermochte
er seinem Vorsatze nicht treu zu bleiben, und so suchte denn sein Blick mehr als
einmal mit flehender Sehnsucht das diabolisch lchelnde Auge seiner entzckenden
Peinigerin.
    Von dieser unseligen Leidenschaft abgesehen, war Adrian seit Mittag ein fast
heiterer und glcklicher Mensch geworden. Der Tod Kltken-Hannes' entri ihn
pltzlich aller Sorge. Der gefrchtete Bruder war von Mrderhand gefallen, ohne
da er eine Ahnung davon gehabt hatte; mit dem Ermordeten war das Geheimni
begraben, das ihm (dem Grafen) noch schwere Stunden und ein trbes Schicksal
htte bereiten knnen. Niemand konnte jetzt gegen ihn klagen, ihn als Mrder
denunciren; denn die etwaigen Aussagen Blutrssels, von dem er von jeher nichts
hatte wissen wollen, konnten ihn selbst in keiner Weise compromittiren.
    Bianca blieb bis nach zehn Uhr bei Adrian, dann verabschiedete sie der Graf,
indem er um die Vergnstigung bat, sie kssen zu drfen.
    Weshalb? fragte die Schne. Sie wissen, da ich Sie hasse, Ihnen alles
nur mgliche Bses wnsche, da ich, so lange es mir vergnnt ist, als Furie um
Ihr Lager wandeln werde. Wie also knnen Sie mich kssen wollen?
    Um Sie zu vershnen, armes, verblendetes Kind! Es ist dies ja meine
Pflicht. Oder sehen Sie nicht ein, da ich das Unrecht, welches ich Ihrer
Schwester zugefgt habe (hier bemhte sich Adrian schwermthig zu seufzen) an
Ihnen wider gut machen mu? Ich bin nicht so schlecht, als Sie und mit Ihnen so
viele meiner Feinde glauben! Die Verhltnisse allein sind es, die meinem
Charakter eine Richtung gegeben haben, welche der allzustrenge Sittenrichter als
eine bsartige bezeichnen kann. Sie sehen, ich bin offen, Bianca! Ich gestehe
freimthig meine Schwchen und Untugenden, ja, ich bereue sie aufrichtig. Und
dennoch stoen Sie die Hand des Reuigen von sich, kehren dem, der sich bessern
will und nur einer liebevollen Leitung dazu bedarf, verchtlich den Rcken? - O
das ist nicht liebreich, Bianca! Das widerstreitet dem christlichen
Sittengesetz, in dem wir doch Beide erzogen worden sind, so oft wir auch spter
dagegen gefehlt haben mgen! - Also ... Vergebung, Bianca, Vergebung um der
Liebe willen, die ja Alles heilt, Alles shnt, Alles bindet! Vergib mir und Du
erfllst das Gebot Christi!
    Adrian erhob flehend seine Hnde zu Bianca, die stolz lchelnd vor ihm
stand.
    Bemhen Sie sich nicht weiter, Herr Graf, mich durch gebte Heuchelei und
wohl einstudirte Verstellung meinem Vorsatz abwendig machen zu wollen,
erwiederte sie hflich. Ich habe Sie durchschaut und lasse mich nicht von Ihnen
tuschen. Ich wei, was ich von Ihrer Zerknirschung zu halten habe! Ihrem
Wunsche gem bin ich in ihre Dienste getreten. Diesen Diensten unterziehe ich
mich mit Aufopferung aller meiner Krfte und mit grter Sorgfalt und
Pnktlichkeit. Das ist's, was Sie von mir zu fordern haben, was ich leisten mu
und leisten werde, bis unser Abkommen zu Ende geht. Ich wrde Sie auerdem
meiden, allein Sie wnschen meine Gegenwart und so bleibe ich denn Ihnen zur
Qual, weil dies der Wille der Vorsehung ist. Gute Nacht, Herr Graf.
    Bianca ging, Adrian war allein. Die Fabrikuhr schlug halb eilf.
    Ihre Liebe und ich wre glcklich! murmelte der einsame, von Allen
verlassene vornehme Mann. Aber sie ist ein Dmon - ein entzckender Dmon, bei
dessen Erscheinen ich Himmel und Hlle zugleich in mir fhle! - Diese Raserei
der Leidenschaft wird mich noch tdten, wenn ich dieser unnatrlich schnen
Gorgo nicht das Herz im Busen umwenden kann!
    Er machte einen Gang durchs Zimmer und trat dann an's Fenster, um einen
Blick auf See und Haide zu werfen, die im weichen blulichen Silberlicht des
Mondes zauberisch glnzten.
    Wie die Stunden schleichen! rief er aus. Wre es nur erst Mitternacht,
damit ich den entsetzlichen Menschen fr immer los wrde! ... Diese Abrechnung,
warum denn frchte ich sie? Warum schlgt mein Herz lebhafter, wenn ich an sie
denke? Warum berrieselt es mich kalt, weil ich mit einem Manne, den das
Ungefhr zu meinem Halbbruder gemacht hat, in stiller Nacht, einsam, von Niemand
beschtzt und bewacht, ein ernstes Gesprch halten soll in einem Saale meiner
Fabrik? ... Wird er mich tdten? ... Nein, denn er ist ein ehrlicher, obwohl
rachschtiger Mann. Und er hat mir versprochen, das, was er seine Waffen nennt,
so zu whlen, da die Vortheile auf beiden Seiten gleich vertheilt sein sollen
... Warum also diese Furcht, die mein Verstand thricht nennen mu? ... Warum
dieses Zweifeln, das mich einer Feigheit bezchtigt, die ich doch frher nie
gekannt habe?
    Und Adrian setzte sich, in trbes Nachdenken versunken, in den weichsten
seiner Lehrsthle, neigte den Kopf auf seine Hand und schlo die Augen. So sa
er lange, lange; man htte glauben knnen, er schlafe, wenn er sich nicht
bisweilen bewegt, den Kopf geschttelt oder tief und schwer Athem geholt htte
... Allemal, wenn die Schlge der Uhr in der vllig windstillen Nacht
verhallten, richtete er sich auf und sah hinaus auf den See. Dann nahm er seine
frhere, halb nachdenkende, halb ruhende Stellung wieder ein.
    Als es zwei Viertel nach Eilf geschlagen hatte, belebte sich der See. Die
Arbeiter aus dem Dorfe ruderten sich nach der Insel, um nach Mitternacht ihre
Brder und Schwestern abzulsen.
    Jetzt stand der Graf auf, ffnete das Fenster und sah starr hinaus auf den
glitzernden See, ber welchen unter leise rauschenden Ruderschlgen die dunkeln
Nachen herberglitten nach der Felseninsel. Obwohl der Mond sehr hell schien,
konnte er doch Niemand erkennen, denn es flirrte ihm vor den Augen, so regte ihn
die Erwartung auf.
    Endlich landeten die Nachen, die Arbeiter stiegen an's Land und schlugen
unter verworrenem Gesprch truppweise den Weg nach der Fabrik ein. Adrian hrte
ein dreimaliges Hndeklatschen.
    Er kommt, sagte er und sein bleiches aschfarbenes Gesicht wurde noch
bleicher und fahler. Dann beantwortete er das Zeichen auf die nmliche Weise.
Langsam schritt Martell, als bereits smmtliche Arbeiter verschwunden waren,
gegen Adrians Villa vor. Seine hohe Gestalt war im vollen klaren Mondlicht
deutlich zu erkennen. In grerer Entfernung unweit der Scheuer, wo sich der Weg
aufwrts nach dem Felsen zog, glaubte der Graf noch zwei andre Gestalten zu
bemerken, doch konnte er nicht bestimmt sagen, ob er sich nicht vielleicht
getuscht habe. Ihre Schatten verschwanden ebenfalls auf dem Sandwege zu den
Fabrikgebuden.
    Adrian beugte sich jetzt weit aus dem Fenster, winkte Martell, der unsern
des Hauses stehen blieb, schlo das Fenster, lschte die Lichter aus und verlie
sein Zimmer. Vor Biancas Thr blieb er einige Augenblicke stehen und horchte. Es
war still darin; seufzend, eine gute Nacht mit sehnschtiger Lippe lispelnd,
schritt der Graf die Treppe hinunter, schlo die Hausthre auf und sah sich dem
finstern Halbbruder gegenber. -
    Zwischen Beiden ward kein Wort gewechselt. Sie begrten sich nur mit
Blicken, in denen Jeder die Gedanken des Andern zu lesen suchte. Martell war
eben so bleich, wie Adrian, Hnde und Arme zitterten ihm merklich. Neben
einander fortschreitend schlugen sie den Weg nach der Fabrik ein.
    Sie gingen sehr langsam, um den Arbeitern nicht zu begegnen, die sich im
Hofe versammelten und daselbst so lange warteten, bis die Fabrikglocke das Ende
der Arbeitszeit verkndigte.
    Mit dem Schlage zwlf standen sie unter dem ehemaligen Burgthore, ber
dessen gothischer Wlbung das verwitterte Wappen der Boberstein mit seinen
Emblemen und seiner colossalen Grafenkrone, wie sich unsere Leser erinnern
werden, noch sichtbar war.
    Zur Seite! sagte Martell, das erste Wort, welches die feindlichen Brder
mit einander wechselten, und deutete nach einer tiefen Mauerblende, die wohl in
frherer Zeit als Wachthaus benutzt worden sein mochte. Diese Blende lag im
Schatten und war gerumig genug, um zwei bis drei Personen fassen und verbergen
zu knnen. Die Brder traten in die Vertiefung und lieen hier, den Blicken
Aller entzogen, die Schaar der abgelsten Arbeiter schweigend an sich
vorberwandeln. Erst als es wieder still geworden war, verlieen sie ihr
Versteck und betraten den fnfeckigen groen Hof der Fabrik.
    Zwei pechschwarze Rauchwolken stiegen fast senkrecht aus den beiden
thurmhohen Schornsteinen, neigten sich aber durch einen seltsamen Zufall,
welchen der Luftzug in den obern Regionen der Atmosphre herbeifhren mochte, so
gegen einander, da sie ein colossales Kreuz bildeten, welches tief schwarz und
unbeweglich gerade ber dem Hofe stand und sich scharf gegen den glnzenden
Nachthimmel abzeichnete.
    Adrian bemerkte dieses Kreuz zuerst, blieb stehen und machte seinen
Begleiter darauf aufmerksam.
    Gleichgiltig betrachtete es Martell, sein fest verschlossener Mund verzog
sich zu einem matten Lcheln, er zuckte die Achseln und ging nach der
Fabrikthre, die zu seinem Saale fhrte. Auf diesem Wege muten sie an
Blutrssels Kerker vorber und Beiden schien es, als belustige sich der
Gefangene damit, da er in einem gewissen Tacte Schlge gegen die Mauer fhrte.
Sie beachteten inde dieses Gerusch durchaus nicht, da sie mit sich selbst viel
zu beschftigt waren.
    An der Treppe blieb Martell stehen und lud Adrian durch eine Handbewegung
ein, ihm voranzuschreiten. Stirnrunzelnd und einen scharfen mitrauischen Blick
auf den Halbbruder werfend, gab er dem Verlangen seines ehemaligen Spinners
nach. In diesem Augenblicke schritten noch drei Mnner durch's Thor auf den Hof.
Diese waren Aurel, Gilbert und Vollbrecht.
    Wo knnen die seltsamen Menschen hingegangen sein? sagte der Kapitn. Ich
sehe Niemand.
    Ohne Zweifel in den Saal der Spinner, deren Arbeiter nach strenger Weisung
des Herrn Grafen in dieser Nacht Urlaub erhalten haben, erwiederte Vollbrecht.
    Aber das ist ja unbegreiflich rthselhaft!
    So lassen Sie uns eilen, damit wir es entrthseln!
    Drei Minuten spter erstiegen die drei Freunde dieselbe Treppe, die so eben
erst unter den Futritten Martells und Adrians geseufzt hatte.

                               Sechstes Kapitel.



                                   Das Duell.

Wir haben schon erwhnt, da die Nacht sternhell und still war. Die halbvolle
Mondsichel go ihr silbernes Licht in blendender Flle ber die schlummernde
Gegend und spiegelte sich in den zahllosen Fensterscheiben der Fabrik.
    Zgernd betrat Adrian von Martell gefolgt den Spinnsaal. Bei dem Anblick der
jetzt ruhenden Maschinen mit ihren tausend Rdern und Zangen, mit den
unheimlichen Hebeln, Stangen und Bgeln, mit den gezahnten Wellen, die sich in
Manneshhe kreuzten und verbanden, und auf deren polirtem Stahl jetzt der Mond
seine bleichen Flammen spielen lie, berlief den Herrn am Stein ein kalter
Schauer. Noch niemals hatten seine Maschinen einen so gewaltigen, so
grauenhaften Eindruck auf ihn gemacht. Er dnkte sich in einen Gerichtssaal
versetzt, um von unsichtbaren Geschworenen einstimmig und erbarmungslos verdammt
zu werden, und schaudernd mute er des wsten Traumes gedenken, der ihn am
Morgen vor der Einbringung seiner verbrecherischen Sldlinge gefoltert hatte.
    Ja, das war derselbe Saal, in dem er sich damals unter krperlosen Arbeitern
qualvoll wandeln sah! So schwarzblau, kalt und eisern glnzte in jener
Traumnacht ber ihm der Himmel, so hell und blendend und ohne Wrme schien der
Mond in die weiten Rume. Genau so lange dstre lige Flammen lohten aus den
glsernen Lampenhllen und verbreiteten einen widerlichen stinkenden Dunst im
den menschenleeren Saale! - Adrian blieb wie verzaubert an der Thr stehen und
richtete seine fragenden Blicke auf Martell.
    Dieser lchelte, winkte dem Halbbruder und schritt nun mit ihm den breiten
Gang entlang, welcher den Saal in zwei gleiche Hlften schied, bis etwa in
dessen Mitte. Hier befanden sich hart neben einander die beiden Spindelfluchten,
an denen Martell und Simson gearbeitet hatten, von deren Kmmen dem kleinen Hans
der Fu abgerissen worden war und wo Adrian Maja's Tochter als Leiche dem
jammernden Vater zum Neujahrsgeschenk aufbewahrt hatte.
    Man hrte das Surren der Maschinen aus den brigen Slen, in denen
gearbeitet wurde, das Sausen und Zischen des Dampfes und empfand das schtternde
Drhnen des ganzen Gebudes, im Uebrigen aber unterbrach kein Laut die
mitternchtliche Stille.
    Wir sind zu Stelle, sagte Martell. Hier ist der Ort, wo Sie mir
Genugthuung geben werden, Herr am Stein.
    Adrian verneigte sich zustimmend. Zugleich erschienen Aurel, Gilbert und
Vollbrecht an der Thre, die sie nur angelehnt fanden. Sie erkannten die beiden
gegeneinander berstehenden Brder und konnten genau Alles beobachten, was in
dem nun folgenden Auftritte sich zwischen Beiden zutrug.
    Sie haben mir Genugthuung zu geben versprochen, sagte Martell, und mir
Ort, Zeit und Wahl der Waffen zu bestimmen berlassen nicht wahr?
    Ich erinnere mich dessen noch deutlich, da ich bei vollem Verstande bin.
    Wie ich Ihnen schon sagte, Herr am Stein, bin ich kein Fechter, ich kann
mich also nicht in hergebrachter Weise schlagen. Ebenso mte ich ein Duell mit
Pistolen ablehnen, da mich Ihre brderlichen Gifttrnke zum alten zitternden
Manne gemacht haben, und endlich konnte ich mich aus seltsamen Gewissenscrupeln
nicht entschlieen, an einem so liebevollen Bruder zum Mrder zu werden.
    Es bedarf keiner Wiederholung, Herr Martell, da ich Sie nochmals
versichere, da ich mich genau des jngst zwischen uns Verabredeten erinnere.
Ich bitte, kommen wir zur Sache.
    Erlauben Sie, Herr am Stein, da ich mich offen gegen Sie ausspreche, denn
was ich von Ihnen begehre, bedarf der Rechtfertigung.
    Martells Zge wurden jetzt finsterer, seine Stimme drohend. Er fuhr fort:
    Als mein Sohn unter diesen Walzen zum Krpel gequetscht wurde, um dann in
Folge grausamer Behandlung einem schmerzlichen Tode zu unterliegen, da schwur
ich Ihnen Rache! Ich wute damals noch nicht, da ich Ihr Bruder sei, dachte
auch gar nicht, da ein verbrecherisches Leben gewissenloser Aeltern ber ihre
eigenen Kinder solchen Erdenjammer verhngen, da sie sich in ihren Nachkommen
so grauenvoll selbst bestrafen knnten. - Als ich es spter erfuhr, schwur ich
Ihnen abermals Rache, denn ich glaubte das mir und den Meinigen zugefgte
Unrecht nur mit Ihrem Herzblut shnen zu knnen! - Noch vor ganz kurzer Zeit, in
dem Augenblicke, wo ich berzeugt ward, da Sie Mrder gedungen hatten, die mich
heimlich und ohne da es die Welt ahnen knne, still bei Seite schaffen sollten,
und da einer dieser Mrder durch eine furchtbare Fgung des Schicksals oder der
Vorsehung des richtenden Gottes unser beider unglcklichster Bruder sei, in
jenem erschtternden Augenblicke wiederholte ich meinen Racheschwur zum dritten
Male! Ich wollte Abrechnung mit Ihnen halten nach altem Gesetz; ich wollte Ihnen
Alles das wiederthun, was Sie mir gethan hatten, aber - ich habe mich inzwischen
anders besonnen.
    Sie wollen mir gromthig verzeihen, fiel Adrian wieder aufathmend ein,
denn der Oeldunst des Saales, die von Wollstaub geschwngerte Luft und die Angst
vor dem Kommenden, das er nicht kannte, nicht einmal ahnen konnte, lasteten
erdrckend auf ihm. Das ist brderlich gehandelt.
    Verzeihen? - Nein, Herr am Stein! Ich vermochte meine wilden Leidenschaften
zu zgeln, meinen Zorn zu bndigen, aber die aus meinem Herzen gerissene Liebe
diesem wiederzugeben, das konnte ich nicht! Das berstieg alles menschliche
Empfinden! - Verzeihen kann ich Ihnen als schwacher unvollkommener Mensch nicht,
aber - ich lege die Strafe in Ihre eigene Hand.
    Wie das? fragte Adrian zgernd.
    Ihre Geschicklichkeit wird die Waffe sein, mit der Sie gegen mich fechten
sollen!
    Das verstehe ich nicht.
    Ich werde es Ihnen sogleich erklren. - Zu wiederholten Malen, wenn ich und
meine armen Mitarbeiter unterthnigst bittend zu Ihnen kamen, um Ihnen
vorzustellen, da Verlngerung der Arbeitszeit einer Art Folter gleichzustellen
sei, wiesen Sie uns bald mit harten Worten, bald mit spttischem Lcheln von
sich. Sie glaubten uns nicht allein nicht, Sie behaupteten sogar, wir
verstellten uns nur, um Ihnen hheren Lohn abzupressen. Wir hatten gegen Sie
keine Waffen, denn wir waren arm, hingen von Ihnen ab, standen in Ihren
Schuldbchern, waren mit einem Wort Ihre leib- und seeleneigenen Knechte, Ihre
weien Sclaven! - Wir fhlten diese Sclaverei um so tiefer, je bestimmter wir
uns sagen muten, da Rettung, d.h. Fristung unseres jammervollen Daseins nur im
Fortbestehen dieses entwrdigenden, unser Volk, unser Jahrhundert, unsere
Religion schndenden Verhltnisses zu suchen sei! - Herr am Stein, wir riefen es
uns hundertmal zu in schlaflosen Nchten, da man das Wort Freiheit zum
Schalksnarren gemacht, da man ihm die Knechtspeitsche in die Hand gegeben habe,
und uns armes, gedrcktes, wehr- und rechtloses Volk unbarmherzig damit geiele!
- Dies Gefhl demthigte uns bald, bald ergrimmte es uns, und wenn wir murrten
gegen Ihr Regiment, so war Sinn in diesem Murren! Die getretene Menschennatur
setzte sich nur zur Wehr, zur Nothwehr! Aber der Schwache hat immer Unrecht, so
lange dem Gesetz die hhere Sittlichkeit gebricht, vermge welcher es auch ber
Gewaltige Strafen verhngt, wo sie es verdient haben. Das Gesetz ist zur Zeit
der Gewalt zinsbar und straft nie ein Verbrechen, das blos an der Humanitt
verbt wird. Sie konnten also ungestraft sndigen und werden es vielleicht
spterhin noch oft, weil Sie wissen, da Sie es drfen. Zuvor aber will ich Sie
fr die an schuldlosen Menschen begangenen Verbrechen in meiner Weise strafen
und zwar brderlich, und darin allein soll meine Rache bestehen.
    Martell kreuzte seine Arme ber der Brust und sah mit zornfunkelndem stolzen
Blick herab auf den zaghaften Bruder.
    Fahren Sie fort, sagte Adrian kaum hrbar. Der Aufenthalt in diesem Saale
greift mich an. Ich bin noch hinfllig von meiner letzten Krankheit her.
    Martell lchelte. Schon jetzt? erwiederte er. Nun das hre ich gern. Es
liegt in diesem Bekenntni eine Besttigung meiner Behauptung, die meiner Strafe
nur greren Nachdruck geben wird. - Glauben Sie denn, Herr am Stein, wir
Spinner, die wir doch Menschen, hinfllige, Krankheiten und anderen Zufllen
gleich Ihnen unterworfene Menschen sind, glauben Sie denn, da unsere Nerven
anders empfinden, als die Ihrigen? Meinen Sie, unsere Lungen wrden nicht auch
von dieser dunstigen, unreinen, fettigen, von Wollstaub erfllten Luft
angegriffen? - Denken Sie etwa, ein immerwhrender Aufenthalt in diesen Rumen
gewhne den Krper daran? Und trsten Sie sich denn etwa mit der Vermuthung,
eine Stunde Aufenthalt hier sei qualvoller, als deren zehn bis zwlf? - Sollte
dies, wie ich frchten mu, der Fall sein, so will ich Ihnen diesen Glauben fr
alle Zukunft benehmen ... Sie werden mit mir allein eine ganze Arbeitsfrist in
diesem Saale zubringen!
    Zehn Stunden? rief Adrian entsetzt. Ich bitte -
    Sie irren, Herr am Stein, unterbrach ihn Martell. Nicht zehn, sondern
zwlf Stunden dauert nach Ihren letzten Verordnungen die Arbeit bei den
Feinspinnern. Sie werden also zwlf Stunden mit mir hier bleiben und, damit Sie
aus eigener Erfahrung das Leben Ihrer Fabrikarbeiter kennen lernen, damit Sie
fhlen, wie s, wie erheiternd, wie strkend fr Geist und Krper dies Dasein,
diese irdische Bestimmung ist, sollen Sie whrend dieser Zeit mit mir arbeiten!
    Um Gottes Willen, Martell!
    Sie werden mit mir spinnen, Herr am Stein, ohne alle Widerrede! Bei der
geringsten Weigerung vergesse ich, da wir Brder sind, und erwrge Sie, wie
einen Hund! - Ich mache es Ihnen ja leicht, fuhr Martell mit zuckendem Munde
fort, ich strafe Sie ja blos mit Ihren eigenen Gesetzen. Was Sie Tausenden
Ihrer Brder jahrelang zumutheten, das knnen Sie selbst versuchsweise wohl eine
Nacht probiren! - Sie werden also an Ihren eigenen Maschinen mit mir spinnen,
werden Alles das thun und ben, was von Ihren Arbeitern verlangt wird, und haben
Sie das gethan, dann sollen Sie frei ausgehen und - ich hoffe es - menschlicher
werden. Diese Nacht an Ihrer Maschine als Spinner verbracht wird Ihnen
unvergelich bleiben und Sie erkennen lehren, wie grausam Sie gegen hilflose
Kreaturen verfahren sind! Das ist das Duell, welches ich mit Ihnen auskmpfen
will - und hier die Maschinen sind unsere Waffen! Wohlan, fangen wir denn an!
    Adrian wrde einer Batterie geladener Kanonen mit geringerer Furcht entgegen
gegangen sein, als der dmonischen Kraft der Maschinen, die ihre glnzenden
Stahlhnde grimmig nach ihm ausstreckten! Er zitterte, kalter Schwei rann ihm
von Stirn und Wange, seine Augen stierten ohne Ausdruck, ohne die Gegenstnde zu
erkennen, in die dunstige, feuchtwarme Luft.
    Ich verstehe ... die Behandlung ... nicht, stotterte der Entsetzte.
    Die Behandlung ist leicht und gefahrlos, entgegnete Martell. Sie drfen
nur Ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit richten. - Belieben Sie mir zu
folgen, Herr am Stein, und sich wohl einzuprgen, was ich Ihnen sage! Sobald Sie
diesen Bgel hier heben und diesen Schraubenflgel links drehen, setzt sich die
Maschine mit der gemeinsamen Dampfwelle in Verbindung und die Arbeit beginnt.
Der Spindelwagen luft gegen anderthalb Ellen vorwrts auf Sie zu, dann bleibt
er eine Secunde lang stehen. Diese Secunde benutzen Sie, um den Haken hier
oberhalb der Wrtel aufzuheben, wodurch das Aufrollen des gesponnenen Garnes
bewirkt wird. Sobald dies geschehen ist, luft der Wagen wieder zurck, steht
wieder still und dieselben Operationen wiederholen sich. Bemerken Sie, da ein
Faden reit, was zuweilen hufig vorkommt, so drehen Sie den bekannten
Schraubenflgel rechts. Dies setzt die Maschine auer Verbindung mit der
Dampfkraft und macht das Werk stehen. Ungefhrdet knnen Sie die Fden wieder
knpfen und dann in angedeuteter Weise die Maschine wieder in Gang setzen. Sie
sehen, es ist so einfach, da jedes Kind diese Arbeit verrichten kann, weshalb
Sie ja auch so viele Kinder angestellt haben, denen Sie nur halb so viel Lohn
geben, als uns Erwachsenen! - Sind Sie bereit?
    Einen Augenblick ... Geduld! bat Adrian. Mir schwirrt es ... vor den ...
Augen ... Ich fhle ... Schwindel ...
    Sie theilen alle Gefhle Ihrer Arbeiter, erwiederte Martell, dessen Stimme
ruhig, aber kalt und ehern klang, der Schwindel verlt uns nie, allein Noth
kennt kein Gebot, und so lernen wir auf bewundernswrdige Weise balanciren. Ich
will Ihnen jetzt vorspinnen.
    Nun trat Martell an die Maschine, welche Adrian durch zwlf Stunden bedienen
sollte, verfuhr in angedeuteter Weise und lie den klirrenden und schwirrenden
Spindelwagen einige Male vor- und rckwrts laufen.
    Haben Sie jetzt begriffen, Herr am Stein? fragte er hflich.
    Ich ... glaube ... wenn Sie ... noch einmal ... bei mir bleiben ... wollen
-
    Mit Vergngen. Einen Schler mu man untersttzen. Beliebt es?
    Adrian ergriff mit zitternder Hand den Bgel, drckte die Schraube, und
sausend rollte der Wagen gegen ihn. Er stand, der Haken ward aufgehoben, die
Wrtel klirrten, und abermals lief der Stahlwagen mit seinen scharfen Zangen,
Rdern und Spieen auf den Eisenrollen in der ihm vorgeschriebenen Bahn.
    Vortrefflich! sagte Martell. Sie bedienen die Maschine wie ein gebter
Spinner. - Fahren Sie nun so fort, Herr am Stein, und Sie werden das grte
Vergngen haben, wenn Sie spter einmal sagen knnen: so viele hundert Ellen
Garn habe ich mit eigner Hand auf meinen eigenen Maschinen gesponnen. - Nur
hten Sie sich, den Messingflgeln dieser Welle nahe zu kommen. Sie versteht
keinen Spa. Es ist dieselbe, die meinem Hans unten am Boden, wo sie ebenfalls
zwei solche Flgelschaufeln hat, den Fu abquetschte. - Armer Hans, in dieser
Nacht soll Dein Geist geshnt werden!
    Mit angehaltenem Athem hatten unsere Freunde diesem Gesprche der Brder
zugehrt. Bei dem Gerusch der in Bewegung gesetzten Maschinen wagten sie zum
ersten Male einige Worte mit einander zu wechseln.
    Eine eigenthmliche, originelle und in gewissem Sinne groartige Rache!
flsterte Aurel dem Geschftsfhrer zu. An ihr erkenne ich, da Bobersteinsches
Blut in den Adern dieses willensstarken Mannes fliet.
    Er sammelt feurige Kohlen auf das Haupt des Hartherzigen, erwiederte
Vollbrecht, nicht, indem er ihm Gutes mit Bsem vergilt, sondern indem er seine
Lippen zwingt, aus dem Kelch der Arbeit zu trinken und ihre Bitterkeit zu
kosten. Es gibt kein besseres, kein wirksameres Mittel, Verstockte zu bekehren.
Wohl bekomm' es ihm!
    Still! sagte Gilbert. Auch Martel tritt an seine Maschine und lt das
Spiel der Spindeln beginnen.
    Der Anblick dieser einsamen beiden Spinner in dem weiten den Saale, von
flackerndem Lampenschein und blulichem Mondlicht matt erleuchtet, hatte etwas
durchaus Gespenstisches. Die blassen, knochigen, verfallenen Gesichter der
beiden Brder, die in der geistigen Aufregung, in der sie lebten, sich
auffallend hnlich sahen; ihre dstern, unheimlichen Blicke, das Zittern ihrer
Hnde, das lautlose, schattenhafte Auf - und Niederwandeln auf ein und derselben
Stelle, verbunden mit dem eigenthmlich schrillenden Gerusch der rastlos
arbeitenden Maschinen: dies Alles machte einen unbeschreiblichen, unvergelichen
Eindruck auf die heimlichen Zuschauer. Und damit dieser Eindruck noch verstrkt
werde, hrte man aus den untern Gewlben wie aus dem Grabe herauf ein Gerusch,
als snge eine tiefe heisere Mnnerstimme wilde Lieder.
    Eine Zeitlang spannen die beiden Brder ungestrt fort, dann aber rissen auf
Adrians Spindelflucht mehrere Fden und er mute die Maschine hemmen. Es gelang
ihm erst, nachdem der Wagen noch mehrmals auf - und niedergerollt und eine Menge
Fden abgerissen waren.
    Bruder, sagte er bittend, sich mit dem seidenen Taschentuche den
Angstschwei abtrocknend, Bruder, habe Nachsicht! ... Verzeihe mir und ...
entlasse mich! Ich fhle meine Brust kaum noch ... die Augen entznden sich ...
und hindern mich deutlich zu sehen!
    Das ist die gewhnliche Arbeiterkrankheit, Bruder Adrian, versetzte
Martell, ohne seine Maschine einzuhemmen. Alle leiden daran, Einige kurze Zeit,
Andere immerwhrend, und fr den Lohn, den sie fr ihre Mhen erhalten, zeigt es
wahrlich von Ausopferung und groer Geduld, wenn sie dabei zufrieden bleiben.
Aber schnell, schnell, sonst wird man Dir den Lohn verkrzen!
    Habe Erbarmen! winselte Adrian, noch beschftigt mit ungebter Hand die
zerrissenen Fden anzuknpfen und die Wollflocken aus einigen gehemmten Kmmen
zu zupfen. Ich vermag nicht, mit Dir ... gleichen Schritt zu ... halten!
    Hatte der Herr am Stein Erbarmen, als sein armer Bruder Martell darum
flehte? Hatte er Erbarmen, als fnf Kinder seiner Arbeiter Hungers starben? ...
Nein, er hatte kein Erbarmen! Er legte ihre gefrorenen Leichen an die
Arbeitssttten ihrer Aeltern und blieb gleichgiltig bei ihren Wehklagen! - Also
nur vorwrts, Herr Bruder. Es gilt Deine Ehre, Dein Leben!
    Adrian raffte sich zusammen und lie die Maschine wieder spinnen. Aber von
Minute zu Minute vermehrten sich seine Leiden! - Der verhngnivolle Traum
tanzte wie ein Schattenspiel vor seinen brennenden Augen auf und nieder. Er
glaubte wirklich den Saal sich bevlkern zu sehen mit den grauen durchsichtigen
Gestalten der Arbeiter, die fr gewhnlich ihn fllten. Sie schwebten um ihn wie
ein Heer drohender Geister ... Sie grten ihn, winkten ihm zu, schlugen ihm
Schnippchen, hhnten ihn durch lautes Gelchter! ... Ach, und auch die Spindeln
der Maschinen um ihn hrte er klirren; er vernahm das Knarren und Knirschen
ihrer Stahlzhne, das Rollen und Klappern der langgestreckten Wagen! ... Und die
Schattenkrper standen daneben, beugten sich ber die Spindeln, knpften die
Fden, hoben Bgel, drehten Schrauben, krochen mit eingezogenen Beinen unter den
haspelnden Kmmen herum und richteten - o Entsetzen - ihre rollenden blutigen
Feueraugen alle auf ihn, auf ihn! ... Die Hnde des Grafen zitterten nicht mehr,
sie flogen ... Sein Flehen verwandelte sich in ein schreiendes Rufen, das in dem
Rauschen der Maschine erstarb ... Martell hrte ihn nicht, er wendete nur
bisweilen seine kalten Flammenaugen auf ihn, nickte ihm Beifall zu und lchelte!
... Einmal hielt Martell seine Maschine an. Adrian that dasselbe, warf sich auf
seine Knie und rief:
    Erbarmen, Bruder, Erbarmen! Ich werde wahnsinnig in diesem Tro spinnender
Gestalten!
    Das macht der fliegende, gelte Wollstaub. Er tuscht und qult die armen
Spinner, wenn sie sich nicht an die Luft gewhnen knnen, mit sonderbaren
Bildererscheinungen. Aber nur an's Werk! Die Zeit vergeht!
    Es schlug ein Uhr.
    Noch eilf Stunden! sagte Martell zu Adrian. Fr einen, der blos zur
Bereicherung seiner Kenntnisse spinnt, ein wahres Kinderspiel!
    Eilf Stunden! wiederholte Adrian und lie verzweiflungsvoll den Wagen
wieder rollen. Aber seine Qualen, obwohl sie blos Ausgeburten eines
schuldbeladenen Gewissens und eines krankhaften, berreizten Nervensystems
waren, vermehrten sich von Minute zu Minute. Die blutige, augenlose Gestalt des
Bruders, den er zum Mord hatte verfhren wollen, erschien ihm, und Herta, im
Trauergewande, breitete ihre erbleichenden Locken ber den Ermordeten und
schluchzte, da er es zu hren glaubte, die Thrnen zu fhlen whnte, die ihren
Augen entstrmten. Und wieder hob er bittend die schweitriefenden Hnde zu
Martell auf und rief:
    Gnade, Gnade, Bruder! Ich bekenne mich besiegt!
    Spinne! sagte Martell und flie ihn zurck an die Maschine.
    Keuchend ging Adrian nochmals an das fr ihn entsetzliche Werk. Die
Phantasiegestalten verschwanden noch immer nicht, sie mehrten sich eher. Unter
seiner eigenen Maschine glaubte er jetzt den verstmmelten Hans kauern zu sehen
... neben ihm seine Mutter in der elenden Tracht der Armuth, zerlumpt, frierend,
ein Bild des schrecklichsten Erdenjammers! ... Und ber den Spindeln breitete
ein junges Mdchen die weien Arme aus, kroch auf ihn zu und flsterte in
markdurchschtterndem Geistertone: ich starb fr Dich ... vor Hunger ... und Du
wolltest ... mich nicht begraben lassen!
    Ha, das ist die Hlle! rief Adrian, in der Angst seiner Verzweiflung mit
der Hand in die Spindeln schlagend, um das Gespenst zu verscheuchen, da er sie
blutend und zerschnitten wieder zurckzog. Tdte mich, entsetzlicher Rcher,
nur mache diesen Qualen ein Ende!
    Spinne! wiederholte eintnig, grabeshohl die Richterstimme des rchenden
Bruders. Spinne, bald geht die zweite Stunde zu Ende!
    Adrian ging nochmals an die fr ihn grliche Arbeit und wieder sah er das
gespenstische Leben eingebildeter Personen im Saale, wieder hrte er ihr
Zischeln, ihr Lachen, ihr Flstern, ihr Rufen! ... Um der Pein dieses Anblickes
zu entgehen, richtete er seine Blicke starr auf die arbeitende Maschine. Da ward
es heller vor seinen Augen ... Funken flogen herber, hinber, Feuerballen
rollten und zischten um ihn ... ein Meer von blitzender Gluth stieg empor von
der dunkeln Diele, schwoll gegen ihn heran, brandete an seiner Brust und
enthllte ihm eine goldene Bernsteinmuschel, in deren Innerm, von rosigem Gewlk
umflattert, ein wunderbares Frauenbild ruhte!
    O rette, rette mich, gtiger Engel! schrie Adrian in wilder Fieberhitze.
    Spinne! klang Martells Todtenstimme zurck. Spinne, bis Deine Zeit um
ist! Im Schweie seines Angesichts, heit es, soll der Mann sein Brod essen, und
wer nicht arbeitet, der soll auch nicht leben! Also arbeite und spinne!
    Ich will aber nicht leben! rief Adrian noch aufgeregter, indem sich sein
Gesicht in convulsivischem Krampfe verzog. Zu ihr nur will ich, zu meiner
Retterin, zu meiner sen Bianca, die mir vergebend, mit zauberischem Lcheln
die rettende Hand entgegenstreckt. - - O, ich komme, ich komme ...!
    Und Adrian drngte sich hochaufrichtend dem rckwrtsrollenden Spindelwagen
nach, streckte die Arme aus, streifte mit dem Haupthaar die metallenen Schaufeln
der eisernen Welle, die unmittelbar von der Dampfmaschine in Bewegung gesetzt
ward, und war im nchsten Augenblicke - skalpirt! Ein entsetzlicher, alle Mauern
durchdringender Schmerzensschrei entschlpfte ihm - seine Hnde erfaten die
blitzende, schwingende Welle, und zerrissen, eine blutige Guirlande, hing der
Unglckliche an dem dampfenden Eisenschaft!
    Die Maschine stand - auch in den brigen Slen, wo man den Schrei gehrt
hatte, wurden die Maschinen gehemmt. Die Zuschauer an der Thr strzten athemlos
herein - da vernahm man von unten herauf einen zweiten, dem ersten hnlichen
Schrei, und Alles ward still.
    Martell aber neigte sein Haupt und sagte dster:
    Gott hat ihn gerichtet!
    Auf der Fabrikuhr schlug die Glocke die zweite Morgenstunde.

                               Siebentes Kapitel.



                                Die Vershnung.

Dieser unerwartete, unbeabsichtigte Ausgang des von Martell ersonnenen Duells
machte auf einmal allem Streit und Hader ein Ende. Das Erscheinen seiner
Freunde, die er fern gelaubt hatte von dem Orte, wo er auf edle Weise seinen
grausamen Bruder bestrafen wollte, war ihm jetzt, obwohl unerwartet, doch sehr
lieb. Sie konnten, als Zeugen des Ausgangs, im Nothfalle eidlich erhrten, da
Martell vollkommen schuldlos sei am Tode seines Halbbruders, da diesen nur die
innere Seelenangst, die von wilder Leidenschaft und Sinnenlust erhitzte
Phantasie in den Tod gejagt habe. - Martells Absicht bei dem von ihm ersonnenen
Duell war eine durchaus ehrenwerthe gewesen. Sein Herz sagte ihm, da Adrian
Strafe, sogar harte, empfindliche Strafe fr sein gewissenloses Handeln verdient
habe, sein unverdorbenes natrliches Gefhl verlangte eine solche, und so
erdachte er denn diese eigenthmliche Art der Bestrafung. Er bezweckte damit
eine groe moralische Wirkung auf den Grafen; er wollte ihm durch die That
beweisen, da es kein Vergngen sei, ein ganzes Leben hindurch ohne die
geringste Aussicht auf Verbesserung seiner Lage, tglich so lange Stunden in
verdorbener Luft zu arbeiten und bei der geringsten Nachlssigkeit Gesundheit
und Leben auf's Spiel zu setzen! Er wollte ihm praktisch darthun, da ein
solches Leben die vom Schicksal dazu Verurtheilten verschlechtern bsartig, zu
ungesetzlichen, aber leicht erklrbaren Schritten geneigt machen und bei
gnstiger Gelegenheit sie zu Grausamkeiten verleiten msse! Nur in dieser
Absicht zwang er den Bruder, mit ihm eine Arbeitsfrist zu spinnen, fest
berzeugt, da er den verweichlichten Mann dadurch vollstndig bekehren und fr
alle Zukunft ihn in einen milden Herrn gegen seine Arbeiter verwandeln werde. -
    Adrian war eines schmerzlosen, schnellen Todes gestorben. Als die Maschinen
standen und Martell seine Freunde in grter Bestrzung auf sich zueilen sah,
wiederholte er die Worte:

    Gott hat ihn gerichtet!
und erhob seine Rechte wie zum Schwur. Von allen Slen strzten nun die Arbeiter
herbei, drngten in den Saal und umstanden bald in dichten Reihen die vier
Mnner, die sich vergeblich abmhten, die zerbrochenen Glieder des Unglcklichen
von dem Eisenschaft abzulsen.
    Es konnte den Arbeitern nicht verborgen bleiben, wer auf so schreckliche
Weise geendet habe. Es ist der Herr am Stein! - Unser Graf, unser Gebieter!
- - Die Maschine hat ihn zermalmt, den Armen! so lief es flsternd von Mund zu
Mund. Kein Laut der Schadenfreude, kein Ruf des Triumphes, kein Schrei der Rache
ward vernommen, was man von diesen grtentheils ungebildeten Leuten, denen der
Todte nie Wohlthaten erwiesen hatte, so sehr frchten mute. Das unmittelbare
Eingreifen von Gottes allmchtiger Hand wehrte aller niedern
Leidenschaftlichkeit. Jeder fhlte sich erschttert, gedemthigt! Es war, als ob
man die Nhe des Ewigen scheue, als ob man vor dem unerforschlichen Walten
desselben an seine Brust schlagen und sein Knie beugen msse!
    Gott sei ihm gndig und vergeb' uns unsere Snden!
    Ehrt seinen Namen, flucht ihm nicht! Er ist gestorben wie ein Mrtyrer!
    Es sei ihm von ganzem Herzen vergeben!
    War er doch unser Brodherr, der uns Kleider und Nahrung gab, wenn schon
nicht immer gute und reichliche! Aber ohne ihn, was wre aus uns geworden!
    Darum Friede mit ihm! Der Herr lasse sein heiliges Antlitz ber ihn
leuchten!
    Ja, Friede mit ihm! Amen! Amen!
    So riefen sich alle Arbeiter zu, nahmen ihre Mtzen ab, falteten die Hnde
und beteten fr die Seele des Verunglckten mit glubigem Herzen ein
Vaterunser.-
    
    Inzwischen wurde es laut auf dem Hofe. Einige waren fortgestrzt, um das
Geschehene der Dienerschaft des Grafen zu melden und seine Leute herbeizurufen.
Andere eilten mit unglubiger Miene in die Maschinenkammer, aus der man jetzt
ein wstes Durcheinander lauter Stimmen vernahm.
    Mitten in diese Verwirrung die mit dem tiefen Frieden der wunderbar klaren
und milden Nacht seltsam contrastirte, trat athemlos der Maulwurffnger. Er
hatte bereits von einem Unglck gehrt, wen es aber betroffen habe nicht
erfahren knnen.
    Wer ist zermalmt worden von der Maschine? rief er jetzt in den drngenden
Haufen hinein, seine durchdringende Stimme erhebend, und arbeitete sich vorwrts
bis an die trb erhellte Thr zur Maschinenkammer, die mit Menschen dicht
angefllt war.
    Der Mrder! Der Mrder! antworteten eine Menge Stimmen. Dem Bsewicht ist
Recht geschehen! - Der Teufel hat ihn geholt, wie er's verdiente!
    Welcher Mrder! sagte der Maulwurffnger, der von den Vorgngen dieses
Tages noch nichts wute. Es sitzen deren zwei im Gefngni, wenn sich nicht
einer durch irgend ein Mauseloch auf und davon gemacht hat.
    Wie er noch die Zhne fletscht! Wie er grinst!
    Das macht, des Satans Bruderku hat ihm nicht gut geschmeckt!
    Ja und darum verdreht er auch die hlichen Augen so greulich!
    Unter diesen Bemerkungen der Gaffenden erreichte der Maulwurffnger das
Innere der Maschinenkammer. Diese war eng und bot nur so viel Raum dar, als
nthig war, um Denjenigen, welche die Maschine zu bedienen hatten, Zutritt zu
verstatten. Die ungeheuern Hebel streiften beinahe die Wnde und machten es
unmglich, da Menschen sie nach allen Seiten hin umgehen konnten. Am nchsten
berhrten die Hebel jene schwache Ziegelwand, welche den Kerker des Mrders von
der Maschinenkammer schied. Diese Wand und ihr gegenber zwischen Wand und
Hebeln ein abgestumpfter Eichenpfosten, der mit zur Maschine gehrte, waren
jetzt das Augenmerk der Ab- und Zugehenden. Die Wand zeigte sich nmlich
durchbrochen und in der entstandenen Oeffnung, die gerade so weit war, da ein
mittelstarker Mann sie vollkommen ausfllte, hing der blutige Rumpf eines
Menschen. Der Kopf war hart an den Achseln abgerissen und von der Kraft des
tdtenden Hebels nach dem erwhnten Eichenstumpf geschnellt worden. Dort stand
er, als habe eine geschickte Hand ihn mit Absicht dahin gestellt, das Gesicht
der Thr zugekehrt, mit offenen Augen, den hlichen Mund mit den Wolfszhnen im
Todeskampfe scheulich verzogen. Blutrssels Wunsch, der Teufel solle ihm den
Kopf abreien, wenn er sich nicht befreie, war somit buchstblich in Erfllung
gegangen.
    Pink-Heinrich, den es bei diesem widerlichen Anblick und bei den rohen
Bemerkungen, welche sich die Arbeiter ber den Tod des Elenden zu machen
erlaubten, kalt berlief, wendete sich mit Abscheu ab und ging in's Innere der
von Menschen berfllten Fabrik. Schon an der Treppe begegnete ihm Aurel und
Vollbrecht. Sie fhrten Martell, der sich jetzt kaum noch auf den Fen erhalten
konnte. Hinter ihnen ging Gilbert und sodann trugen vier Arbeiter den
zerschmetterten Leichnam Adrians, den Niemand mehr erkennen konnte.
    Der Maulwurffnger! rief Aurel aus, als er den alten Mann, erschttert von
dem Schauspiel, das sich ihm darbot, am Fu der Treppe auf seinen
Schlehdornstock gesttzt, mit erschrockenem Auge und bekmmerter Miene, das
runzelvolle Gesicht von ehrwrdigem Silberhaar umflossen, auf den Trauerzug
hinstarren sah.
    Er ist's! erwiederte Pink-Heinrich kummervoll. Aber er kommt diesmal zu
spt, um zu helfen! - Die That ist geschehen, wehe dem, der sie vollbrachte!
    Der alte Mann entblte sein Haupt und wischte sich eine Thrne aus den
Augen.
    Ihr seid im Irrthum, braver Alter, versetzte Aurel. Dieses Unglck, wenn
wunderbare Schicksalsfgungen solchen Namen verdienen, dieses Unglck lastet auf
keines Sterblichen Gewissen! Wir drei waren Zeugen des Hergangs, wir knnen mit
den heiligsten Eiden beschwren, da Martell am Tode des Herrn am Stein, unseres
unglcklichen Bruders, eben so schuldlos ist, als Ihr selbst, wackerer Mann! -
Es war Gottes Hand, die ihn schlug, und wo diese in die Geschicke der Menschen
eingreift, da mssen wir uns beugen und ausrufen: Sein Wille geschehe fr und
fr! - Die Phantasieen des Verunglckten jagten ihn in den Tod! Gott sei ihm
gndig!
    Der Maulwurffnger schlo sich dem Trauerzuge an, der sich langsam ber den
Hof, den gewundenen Kiesweg hinab nach der Wohnung Adrians bewegte. Alle
Arbeiter folgten paarweise. Das seltsame Kreuz, welches der Rauch ber dem Hofe
der Fabrik bildete, war noch immer zu sehen. Erst, als der Zug vor dem Hause
anhielt, zerflatterte es nach und nach in der Luft.
    Das heftige Laufen so vieler Menschen und das damit verbundene
unvermeidliche Rufen und Schreien, hatte die Frauen aufgeschreckt, und ihnen das
Geschehene verrathen. Sie erwarteten am Portale des Hauses den nahenden Zug.
Bianca, die zwischen Herta und Elwire in der Mitte stand, machte auf Aurel einen
unauslschlichen Eindruck. Whrend nmlich Gromutter und Enkelin schwarz
gekleidet waren, trug Bianca ein durchsichtiges weies Gazekleid, das ihre
vollendeten Formen mehr enthllte als verbarg. Ihre schwarzen Haare waren ber
der blassen Stirn gescheitelt, im Nacken durch eine Perlenschnur zusammengefat
und ergossen sich in fesselloser Pracht, eine glnzende Lockenwelle, bis weit
ber ihre Hften. Diese phantastische Kleidung war reizend und abschreckend
zugleich. Bianca hatte, wie schon so oft, auch in dieser Nacht den Grafen wieder
in jene grliche Gedankenhlle strzen wollen, die sie willkrlich um ihn
erbauen konnte und an der sich ihr grollendes Auge erlabte. Ueberrascht von dem
unerwarteten Tode ihres Feindes hatte sie in der ersten Bestrzung ihre Kleider
zu wechseln vergessen. So empfing nun die zur Rache gerstete schne Furie die
blutige Leiche dessen, den sie durch ihre Reize in Verzweiflung und Wahnsinn
strzen wollte, an der Schwelle seines Hauses! -
    Der Tod ist ein mchtiger Vermittler. Das fhlte in diesem unvergelichen
Augenblicke selbst die unerbittliche Rcherin. Thrnen wahrhaft weiblichen
Mitgefhls fllten ihre bis dahin kalten Augen, die wohl zuweilen geweint
hatten, aber nur vor Wuth und vor Begierde sich zu rchen. Der Anblick des
grausam Zerrissenen erschtterte sie, das starre Herz brach ihr im Busen und
weinend beugte sie sich ber den Todten, um ihm vergebend die Hand zu drcken.
    Ich verzeihe Dir, Unglcklicher! sagte sie. Ich verzeihe Dir im Namen
meiner Schwester. Du hast gefrevelt, aber Du hast auch gebt. Friede Deiner
Asche! -
    Die Leiche ward ins Haus getragen und hier in jenem prachtvollen
Speisesaale, wo Adrian die bittenden Arbeiter so schnde abgewiesen und Lore ihr
Kind in brennendem Mutterschmerz von ihm zurckgefordert hatte, auf reiche
Teppiche niedergelegt. Hier kniete Bianca nochmals neben dem Todten an die Erde,
ein Strom heier Thrnen entflo ihren Augen und Reue ber ihr unbarmherziges,
unglaublich hartes und sndiges Verfahren versetzte sie in tiefe Traurigkeit. Da
trat Vollbrecht an sie heran, hob sie liebevoll auf und sagte:
    Lassen Sie ihn ruhen! Wir knnen die Geschicke nicht ndern. Sie aber,
meine Freundin, werden vor Gott gerechtfertigt erscheinen, denn Sie waren in
seiner Hand ein Werkzeug der Strafe! Ein Leben voll Milde, Sanftmuth und Liebe
wird auch Sie vergessen lassen, was Ihnen geschah und was Sie verbten! Kommen
Sie!
    Der gutmthige Geschftsfhrer zog die nur schwach Widerstrebende mit sich
fort. Herta und Elwire folgten. Die Mnner aber gingen zusammen in Adrians
Wohnzimmer, um sich ber die Schritte zu einigen, die zu thun man jetzt fr
nthig halten wrde. -
    In dieser Unterredung erfuhr der Maulwurffnger erst die Ermordung des
unglcklichen Kltken-Hannes, dessen Leichnam auf der Tenne der Scheuer lag.
Eine unerklrbare Unruhe hatte den Maulwurffnger vom Hause fortgetrieben. Er
war trotz seines hohen Alters rastlos fortgewandert, hatte erst nach Mitternacht
das Dorf am See erreicht und bei Martell den Rest der Nacht zubringen wollen.
Von Lore benachrichtigt, da ihr Mann in dieser Nacht eine Zusammenkunft mit
seinem Halbbruder habe, um Abrechnung mit ihm zu halten, trieb es ihn ruhelos
fort nach der Felseninsel. Leider fand er keinen Fhrmann; er mute sich also
mit eigener Hand ber die Gewsser rudern, was ein Wagstck fr ihn war, da er
keine Uebung in der Schifferkunst besa. Er brauchte daher auch verhltnimig
lange Zeit, ehe er die Insel erreichen konnte, denn mehr als einmal trieb er
seinen Kahn rckwrts anstatt vorwrts. Daher kam er erst nach der schrecklichen
Katastropfe an, die durch sein frheres Auftreten vielleicht verhindert worden
wre. Inde leuchtete seinem hellen Verstande sehr wohl ein, da vielleicht
gerade dieser Ausgang die besten und segenbringendsten Folgen haben knne.
    In der nun folgenden, bis an den Morgen dauernden Berathung ward
beschlossen, den beiden an einem Tage umgekommenen Brdern ein feierliches
Begrbni zu veranstalten und smmtliche Mitglieder der Familie dazu zusammen zu
rufen. Adalbert von den erschtternden Ereignissen zu benachrichtigen, bernahm
Aurel in einem ausfhrlichen Briefe, der eben so wahr, offen und gerade, als
liebenswrdig und vershnlich geschrieben war, und wohl geeignet sein konnte,
auch das haerfllteste Herz zu erschttern und wider Willen zur Vershnung zu
zwingen. Da er Adalbert als einen vornehmen und abgeschlossenen Aristokraten
kannte, htete er sich wohl, in einen allzuvertraulichen Ton zu fallen, obwohl
sein Herz diesen gern angeschlagen htte. Seinen Zweck zu erreichen und zugleich
den feindlich gesinnten Bruder von der Schuldlosigkeit dessen zu berzeugen, auf
den ein Bsgesinnter wohl einige Schuld wlzen konnte, zog er es vor, mehr die
Klugheit als das Gefhl sprechen zu lassen. Dieser Brief, der Aurels Charakter
in so schnem Lichte zeigte, lautete folgendermaen:

            Mein vielgeliebter Bruder,
        Es ist lblich, wenn Brder eintrchtig bei einander wohnen! Mit diesem
        treuherzigen Bibelwort, von dem ich freilich nicht behaupten will, da
        ich es ganz wrtlich nach Luthers Uebersetzung citirt habe - denn es ist
        eine ziemlich lange Reihe von Jahren seit der Zeit verflossen, wo ich
        mich bibelfest nennen durfte - mit obigem Wort also rufe ich Dir heut
        einen wohlgemeinten, von Herzen kommenden Gru zu. Wir haben vor wenigen
        Tagen einen Proze gegen arme und rechtliche Leute verloren, die ein
        unerforschlicher Wille der Vorsehung von Geburt an zu unsern nchsten
        Verwandten auserwhlte, ohne da wir eine Ahnung davon hatten. Gewi,
        ein ganz anderer Geist htte unser Aller Leben und Wirken beseelt, wre
        vor nur zehn Jahren diese fr uns so wichtige Entdeckung gemacht worden!
        Weil dies nicht geschah, nicht geschehen konnte und sollte, deshalb
        trennten wir uns in einer finstern Stunde und standen uns feindlich
        gegenber. - Ich bekenne lieber Bruder, da ich durch meine
        Hartnckigkeit und die Gereiztheit meines ganzen Wesens nicht wenig
        Schuld gewesen bin an dieser Trennung. Inde, Gott Lob, ich kann mir
        auch selbst Unrecht geben, wenn ich es verdient habe, und so hoffe ich,
        der Freudentag, wo unrechtmig getrennte Brder sich wieder in Liebe
        vereinigen, einander aufrichtig vergeben und sich fr immer vershnen,
        wird nicht mehr fern sein! -
        Alles fordert uns dazu auf, der verlorene Proze, der fr uns gewonnen
        ist, wenn wir, wie ich gethan habe, diejenigen als unserm Geschlecht
        zugehrig anerkennen, welche vermge ihrer Abstammung ein unbestrittenes
        Recht dazu haben! Das Schicksal, das den Samen der Zwietracht unter uns
        ausgestreut hat, und endlich die Vorsehung selbst, die in diesem
        Augenblick uns schwer ihre strafende Hand fhlen lt!
        Ich sehe Dich grollend die Stirn runzeln, aber hre mir geduldig zu und
        Du wirst mir Recht geben!
        Unser armer Bruder Adrian, den ein seltsamer Geist des Irrthums
        verblendete und auf Abwege fhrte, die ich eben so wenig wie Du
        vereinbaren kann mit dem angeborenen Sinne fr Gerechtigkeit, der unserm
        alten stolzen und berhmten Geschlecht bis in die Zeiten des grauen
        Alterthums eigen gewesen ist, dieser arme Bruder hat pltzlich aus dem
        Leben scheiden mssen! - Ich sage mssen, weil sein Tod wirklich einer
        unbegreiflichen Fgung Gottes, einem wahrhaften Schicksal gleichkommt.
        Du weit, da er seit langer Zeit krnkelte. Eine gewisse Schwche, die
        sich in nervser Reizbarkeit und nicht selten in unheimlichen,
        erschreckenden Einbildungen bekundete, verlie ihn seit jener Zeit nie
        mehr. Aerger, Verdru, wohl auch wahrhafter Kummer steigerten diese
        krankhafte Gemthserregung, und eine unbegreifliche Leidenschaft, die
        ihn mit dmonischer Gewalt berfiel und zum willenlosen Kinde eines
        armen, aber schnen Mdchens machte, das seine Neigung nicht erwiederte,
        rieb ihn geistig und krperlich beinahe auf.
        In dieser Gemthsstimmung berraschte ihn, wie mich, die Nachricht von
        dem Verlust des Prozesses. Du kennst Adrians Festhalten an irdischem
        Besitz, dem er hufig mehr Werth beilegte, als ein besonnener Mann es
        sollte. Er hielt sich daher im ersten Augenblick vllig ruinirt und nur
        meinen wiederholten Versicherungen gelang es, ihn dieser fixen Idee zu
        entfremden. Zum Unglck muten sich an die Mittheilung von dem
        verlorenen Proze auch noch andere Erffnungen knpfen, die sein Gemth
        tief erschtterten. Es galt nichts Geringeres, als einen unserer
        wiedergefundenen Halbbrder gefnglich einzuziehen, da man ihn auf
        verbrecherischen Wegen ertappt hatte. Ich schweige ber das Nhere und
        verschiebe ausfhrlichere Mittheilungen bis auf persnliches
        Zusammenkommen.
        Brauche ich Dir noch zu sagen, da seit jenen Tagen unsern armen Bruder
        eine Melancholie befiel, die uns ernstlich um ihm besorgt machte? Aber
        wer, wer sollte ihn nahen, wer ihn bewachen! Sein Mitrauen war
        grenzenlos, seine Heftigkeit nicht zu ertragen! Abgemagert bis zum
        Skelett, erkannte man ihn kaum noch. Seine Phantasieen, die ihm die
        seltsamsten und schrecklichsten Trume vorspiegelten, streiften hart an
        den Wahnsinn, und immer kehrte in ihnen neben tausend fratzenhaften
        Spukgestalten das bezaubernde, ihn beseeligende, aber auch aller
        Vernunft auf Augenblicke beraubende Bild des Mdchens wieder, dem er
        hoffnungslos sein Herz geschenkt hatte!
        Durch den pltzlichen Tod jenes Bruders, der als angeklagter Verbrecher
        im Kerker sa, von Neuem ungewhnlich erschttert, machte er seiner
        Gewohnheit nach tief in der Nacht einen Besuch in der Fabrik, wo vor
        Kurzem die Arbeiter ihre Stellen gewechselt hatten. Lampenlicht,
        Mondschein, Oeldunst und Maschinengerassel verwirrten seine Gedanken -
        er hielt die Spinner fr Geister, glaubte in dem blitzenden Glnzen
        einer eisernen Welle, die senkrecht vom Fuboden zur Decke sich erhebt
        und das ganze Werk durch alle Stockwerke treibt, das hei geliebte
        Mdchen zu erblicken ... eilte darauf zu und ... ward von der Dampfkraft
        zerschmettert!
        Traure mit mir um den beklagenswerthen Bruder, dessen Leiden so
        tragisch enden sollten! - Ich hatte ihn seine Wohnung verlassen sehen
        und war ihm, seine Stimmung frchtend, nachgegangen, aber erst in dem
        Augenblicke, als die Welle ihn erfate, konnte ich den Saal erreichen,
        der seine Todeskammer werden sollte!
        Dieser unvermuthete, nicht allein uns Brder sondern auch Adrians
        smmtliche Unterthanen tief darniederbeugende Tod ruft uns mahnend zu:
        Vergebt und verget! Seid einander wieder liebende Brder und lebt als
        solche in christlicher Eintracht! Lat allen Groll auf immer dahin
        fahren und vertragt Euch, wie Brder es sollen! - Und was, theurer
        Bruder, was soll uns denn eigentlich entfremden? - Haben wir uns
        gegenseitig um unser Eigenthum gebracht? - Nein, wir haben es in
        brderlich gutem Einverstndni vermehrt! - Sind wir Schuld daran, da
        alte Frevel zu shnen waren, da tief Gekrnkten Gerechtigkeit
        verschafft werden mute? - Keineswegs! - Nun und haben wir denn an
        unserer Ehre etwas verloren, wenn wir denen, die Gottes Wille aus der
        Nacht unverdienter Armuth zu uns emporhob in den mildernden und
        bildenden Sonnenschein migen Besitzes, wenn wir diesen brderlich die
        Hnde reichen und sie neben uns wandeln lassen? - Auch dies mu ich
        verneinen! - Warum also noch lnger getrennt und unvershnt leben? Warum
        grollen und grollend vom Tode berrascht werden, wie unser armer
        Bruder?
        Adalbert, la uns gromthig, la uns ritterlich handeln! Nimm die
        Hand, die ich zu aufrichtiger Vershnung Dir entgegenstrecke,
        vertrauensvoll an und la uns treue Brder sein und bleiben, so lange
        uns Gott am Leben erhlt!
        Schwere, traurige Gedanken ziehen durch meinen Geist und stren die
        Ruhe meiner Seele! - Mich dnkt, wir haben den ernsten Wink der
        Vorsehung zu spt verstanden! Schon damals sollten wir froh und frei uns
        einigen in Liebe, als wir die ersten Spuren entdeckten von den
        Fustapfen, welche verlorene Kinder unseres Vaters in den Staub der
        Armuth, in den Schlamm der Erniedrigung gedrckt hatten! Es war an uns
        zu vergeben, zu shnen, was ein Verstorbener vor uns gesndigt.
        Glcklich und beneidenswerth sind die zu preisen denen Gelegenheit
        geboten wird, Vergehungen ihrer Vorfahren durch Thaten des Segens in der
        Gegenwart auszugleichen! - Wir haben dies nicht so eifrig, nicht so gern
        gethan, wie wir sollten, ja es bedurfte erst eines so erschtternden,
        gewaltigen Donnerschlages, ehe wir trauernd, gebeugt und reuig zu dieser
        Erkenntni kamen! -
        In fnf Tagen soll die feierliche Beerdigung des Abgeschiedenen
        stattfinden. Ich wei, Du wirst nicht dabei fehlen, denn ich kenne Dein
        Herz, das gern geneigt ist zum Vergeben, wenn es auf ehrliches
        Entgegenkommen rechnen kann.
        Mit schmerzlicher Sehnsucht erwarte ich Dich und Beatrice, meine
        schne, liebenswrdige Schwgerin, der ich mich angelegentlichst zu
        empfehlen bitte! Lebe wohl bis dahin Ueber den Sarg des geliebten
        Bruders reicht Dir die Hand zur Vershnung
                               Dein treuer Bruder
                                                                         Aurel.

    Die kleine Abweichung von der Wahrheit, welche sich der Kapitn in diesem
Briefe erlaubte, glaubte er vor sich selbst rechtfertigen zu knnen, da es ihm
zumeist daran lag, Adalbert wirklich zu aufrichtiger Vershnung zu bewegen.
Deshalb nahm er sich selbst auch gar nicht aus von denen, die ein irrthmliches
Handeln sich vorzuwerfen hatten. Adalbert war Diplomat und nur auf
diplomatischem Wege lie er sich zu einem Abweichen von der einmal
eingeschlagenen Bahn bestimmen.
    Aurel hatte sich brigens nicht verrechnet. Sein Bruder kam frher in
Boberstein an, als der Kapitn vermuthete. Beatrice begleitete ihn. Der Empfang
war zwar nicht herzlich, aber doch erwrmt. Blick, Hndedruck und Bewegung
Adalberts sagten Aurel, da er seinen Zweck erreicht habe. Der vornehme, stolze
Herr bat sogar, der Kapitn mge ihm seine Halbgeschwister vorstellen und
stattete zu diesem Behufe einen, freilich sehr kurzen Besuch in Martells und
Simsons Htte ab. Ueber den Eindruck, welchen der einsilbige Spinner auf den
Aristokraten gemacht haben mochte, sprach sich Adalbert nicht aus.
    Mit groem Pomp fand am fnften Tage nach der Zerschmetterung Adrians die
Beerdigung beider Brder statt. Aurel glaubte die Verfolgung und Bestrafung
selbst eines berfhrten Verbrechers nicht bis ber das Grab hinaus erstrecken
zu drfen.
    Die beiden geschmckten Srge, auf denen das Wappen der Boberstein prangte,
wurden feierlich in die alte, noch wohl erhaltene Grafengruft eingesenkt. Auer
den Leidtragenden, zu denen Aurel, Adalbert, Martell, Herta, Elwire, Maja,
Simson, Paul und Sloboda gehrten, begleiteten die smmtlichen Arbeiter ihren
verunglckten Gebieter zur Gruft und weinten ihm eine Thrne des Mitleids,
zollten ihm ein Wort der Theilnahme und der Verzeihung.
    Ueber der Gruft reichten die bis dahin so feindlich gesinnten Brder,
Schwestern und Verwandten einander die Hnde zur Vershnung. Auch der
Maulwurffnger, der gleich den Uebrigen dem Leichenconduct beiwohnte, erhielt
von Adalbert und Beatrice den vershnenden Handschlag.
    Nach der Beerdigung reisten Adalbert und seine Gattin sogleich wieder ab. Er
versprach Aurel, recht bald zu schreiben und ihm seine Gedanken ber Theilung
der zugefallenen Erbschaft mitzutheilen.
    Man trennte sich mit der Ueberzeugung, da die Vergehungen des alten
Geschlechts zugleich mit den sterblichen Ueberresten Adrians und Johannes
Kltken's geshnt und fr immer in die Gruft gesenkt worden seien. -
    In derselben Nacht trugen zwei Spinner, von Aurel und Gilbert begleitet, die
Leiche des Mrders nach der Torfhtte und vergruben sie in den tiefsten Moor.
Ueber den schlammigen Hgel sprachen die beiden Seemnner ein stilles,
andchtiges Gebet.

                                Achtes Kapitel.



                                  Beschlsse.

Es ist stiller Sonnabend, jener Tag vor Ostern, den der Landmann fromm und ernst
zu verleben pflegt. Alle noch lebenden Glieder der Familie Boberstein mit
Ausschlu von Adalbert und Beatrice sind auf der ehemaligen alten Stammburg
versammelt. Aurel hat den verheienen Brief von seinem Bruder erhalten, dessen
Inhalt er den Versammelten mittheilt. Dieser Brief lautete:

            Mein theurer Bruder,
        Durch den schnellen Hintritt unseres Bruders Adrian sind der Familie
        eine betrchtliche Anzahl Gter zugefallen, ber deren Vertheilung wir
        uns in jener schnen Eintracht berathen wollen, die ferner unter uns
        obwalten soll. Als dem Nchstltesten in der Familie fllt Dir
        Boberstein nach Recht und Gesetz zu und mit Freuden sehe ich es in Deine
        Hnde bergehen. Damit aber nicht in spterer Zeit wieder ein
        unglcklicher unser Geschlecht in Zank und Streit und Feindschaft
        verwickelnder Proze darber entstehen mge, wnsche ich, da unsere
        lieben Halbgeschwister von Dir entschdigt werden. Ich meines Theils
        verzichte auf alle Theilnahme an der Erbschaft. Ich besitze genug, um
        zufrieden und glcklich leben zu knnen. Da man Dir von jeher ein groes
        Zutrauen bewiesen hat, wird es fr Dich nicht schwer sein, die
        verschiedenen gesetzlichen Miterben zu befriedigen. Wie Du dies thun
        willst, bleibe Dir ganz allein berlassen!
        Adrians Tod hat mich so heftig angegriffen, da ich mich durch eine
        Reise zerstreuen mu. Ich werde nach dem Orient gehen, dessen hohe
        Eigenthmlichkeit, dessen mysterise Ueberreste alter Kunst mich immer
        wunderbar angezogen haben. Beatrice begleitet mich. So genureich,
        belehrend und bildend unstreitig eine solche Reise ist, so viele
        Gefahren bietet sie auch dar. Wer dergleichen unternimmt, mu zuvor mit
        dem Leben abschlieen, mu auf ewig von seinen Lieben Abschied nehmen
        und sich betrachten als einen Todten. Darum, geliebter Bruder, wirst Du
        mir verzeihen, wenn ich Dir gegenwrtig mit gerhrtem Herzen zurufe:
        Lebe wohl, lebe wohl auf ewig! Gott wei, ob wir uns je wieder sehen in
        diesem Leben! Lebe wohl und gre die Lieben, die wir vor Kurzem als
        unserer Familie zugehrig haben kennen gelernt! Ich wnsche ihnen recht
        viel Gutes und da sie Freude an ihren Kindern erleben mgen! Gott, der
        sie Alle so wunderbar gefhrt hat, beschirme sie auch fernerhin!
        Wenn Du diese Zeilen erhltst, bin ich schon weit von Dir! Ich habe
        dies vorgezogen, damit Du mich nicht mit Einwendungen bestrmen und mich
        wankend machen mgest in meinem Entschlusse! Die Verwaltung meiner Gter
        ist treuen und zuverlssigen Hnden bergeben. Nochmals, lebe wohl! Im
        Leben und im Tode, in der Nhe und Ferne immer
                               Dein treuer Bruder
                                                                      Adalbert.

    Aurel ward von diesem Schreiben sehr unangenehm berhrt. Adalberts Reise sah
vollkommen einer Flucht hnlich, einer Flucht, zu welcher sich der stolze
Aristokrat blos deshalb entschlossen hatte, um nie wieder mit denen in Berhrung
zu kommen, die er als seine Blutsverwandten hatte annerkennen, denen er die Hand
zur Vershnung hatte reichen mssen! Aurel fhlte, da diese vornehme
Freundlichkeit blos Maske war, und da Adalbert im Herzen noch eben so grollte,
wie frher. Inde war dem Scheine gengt. Die Vershnung war geschehen, ein
freundliches Verhltni unter den Geschwistern hergestellt, und so mute Aurel
schweigen und die Betheuerungen des geflchteten Bruders als aufrichtig und wahr
gelten lassen.
    Er wendete sich darauf zu den Versammelten und sagte:
    Liebe Geschwister, Vettern und Verwandte! Als rechtmiger Erbe dieser
Besitzungen steht mir das Recht zu, ber dieselben zu verfgen, wie ich es fr
gut und zweckmig halte. Ich bin kein Fabrikant, kein Kauf- und Handelsherr,
ich bin nur ein schlichter, grader Seemann, dies aber mit Herz und Seele!
    Bravo! rief Gilbert aus, der an der halboffenen Thr hochte. Jetzt blht
eine frische Brise doch endlich wieder die Segel.
    Daraus folgt, fuhr Aurel fort, da ich diese Fabrik, der wir die
Wiederkehr unseres ehemaligen Wohlstandes zu verdanken haben, nicht leiten kann,
ohne ihr zu schaden, ohne vielleicht das ganze Geschft zu zerstren und damit
die Quelle unseres gemeinsamen Glckes zu verstopfen. Es ist daher, sofern
Niemand Einspruch thut, mein Wille, da statt meiner unser ltester Bruder
Martell nicht blos die Leitung der Fabrik antrete, sondern auch Boberstein mit
allen Pertinenzien als wirklicher Erbe bernehme!
    So soll es sein! sagten smmtliche Anwesende, wie aus einem Munde und
reichten dem neuen Besitzer der groen Herrschaft, der schweigend in ihrer Mitte
sa, die Hnde.
    Unter Martells Leitung, sprach Aurel weiter, wird die Fabrik gedeihen und
blhen, allein ich habe noch einen andern wichtigen Vorschlag zu machen, worber
ich Eure Meinungen zu hren wnsche. Um ihn zu rechtfertigen, mu ich etwas weit
ausholen. Ich erbitte mir also fr einige Zeit Eure ungetheilte Aufmerksamkeit!
    Es gibt eine sehr groe Anzahl Menschen, welche der Ueberzeugung leben die
Erfindung der Maschinen und deren Verwendung in den verschiedenartigen Fabriken
sei ein unerhrtes Unglck fr das gesammte Menschengeschlecht. Seit man sich
ihrer bediene, nehme Armuth, Elend, Hunger, Kummer und Verbrechen unter den
niedern Stnden des Volkes auf eine wahrhaft entsetzenerregende und
staatsgefhrliche Weise berhand! Es sei daher Pflicht jedes wahren Menschen-
und Volksfreundes, mit aller Kraft auf Abschaffung der Maschinen zu dringen, den
Armen neue Arbeit und hinreichenden Verdienst zu verschaffen und ihnen somit
wieder zu geben den alleinigen Besitz, der ihnen geworden ist, das Kapital des
Fleies ihrer Hnde! - Diese Leute, diese wohlmeinenden, aber kurzsichtigen
Eiferer irren!
    Nein, liebe Geschwister und Freunde, die Maschinen sind ein Segen Gottes,
eine Wohlthat fr die Menschheit! Ihre Beibehaltung, ihre Vermehrung und
Verbesserung mu der Wunsch jedes Biedermannes sein; allein man mu sich ihrer
nur bedienen zur Befreiung, nicht zur Unterjochung der arbeitenden Klassen!
Leider ist letzteres so hufig geschehen und geschieht noch tglich in der
gesammten civilisirten Welt, da die Verwnschungen derer gerechtfertigt
scheinen, die in den Maschinen den Untergang des Volkes erblicken. Dies mu
anders werden! Aufgeklrte, humane Mnner mssen dem Unfuge steuern, welchen
gemeine Eigenliebe und brutaler Speculationsgeist mit einer der grten
Segnungen, die das Genie des Menschen der Erde geschenkt hat, treiben. Der
Maschinenbesitzer mu - gebe Gott, da wir bald diese Zeit erleben - durch ein
Staatsgesetz gezwungen werden, diese Hebel der Kraft zur Erleichterung der
Arbeit zu benutzen und diejenigen, welche mittelst der Maschinen ein ungleich
greres Mehr von Arbeit liefern, auch ein Theilhaben zu gnnen an den
Vortheilen dieses Mehr! Der Maschinenbesitzer, der Fabrikant, darf nicht allein
den Gewinn einstreichen, es mu eine verhltnimige, vernnftige Theilung
zwischen ihm und seinen Arbeitern stattfinden! Geschieht dies, dann wird die
Noth, die Armuth, die Unzufriedenheit, das Laster sich mindern im Volke! Dann
wird der Arbeiter die Erfindung der Maschinen segnen, seinen Arbeitsherrn lieben
und verehren, ihm treu und ergeben bleiben mit inniger Liebe, mit und fr ihn
dulden ohne Murren!
    Und dahin, geliebte Geschwister und Freunde, dahin mu es kommen! Darauf
lat uns hinwirken! Damit lat uns einen Anfang machen!
    Alle Versammelten jauchzten Aurel Beifall zu und erhoben sich von ihren
Sitzen.
    Ich schlage vor, fuhr der Kapitn fort, und mache es meinem Bruder
Martell zur unerllichen Bedingung, da er seinen Arbeitern den Arbeitslohn
verdoppele, da er ihnen auerdem einen Antheil am Gesammtgewinn sichere, diesen
Antheil aber nicht in baarem Gelde auszahle, sondern blos verzinse, damit zu
grerem Nutzen das Betriebskapital nicht allein ungeschmlert bleibe, sondern
auch von Jahr zu Jahr sich mehre! Dadurch werden dem Fabrikherrn nicht die
unerllichen groen Geldmittel, dem Arbeiter nicht der kleine Vortheil, den er
beanspruchen darf, entzogen. Auf Verlangen wird den Arbeitern am Schlusse des
Jahres, Rechenschaft abgelegt ber den Stand der Sachen, und je nachdem die
Geschfte sich verbessert oder verschlechtert haben, die Theilnahme der Arbeiter
am Gewinn geregelt. Der Arbeitslohn aber darf den Arbeitenden nie und unter
keiner Bedingung verkrzt werden, damit sie stets ein menschliches Leben fhren
knnen und nie erniedrigt werden zu willenlosen Sclaven! - Bist Du bereit,
Martell, unter diesen Bedingungen die fernere oberste Leitung der Fabrik zu
bernehmen?
    Ohne Bedenken! sagte Martell. Ich will ein Mensch sein unter Menschen,
nicht ein Despot unter Sclaven. Lieber will ich verhungern!
    Dann bin ich zu Ende, meine Lieben. Vollbrecht, der fleiige, gewissenhafte
und umsichtige Geschftsfhrer unseres verstorbenen Bruders ist bereit, dem
kaufmnnischen Theile des Geschfts wie bisher vorzustehen. Seine Rechtlichkeit
ist eben so anerkannt, wie seine milde Gesinnung. Alle Arbeiter lieben und
vertrauen ihm. Sie werden auch seinen Worten Glauben schenken, wenn er am Schlu
des ersten Jahres ihnen Rechenschaft ablegt und mittheilt, welcher Antheil am
Gesammtgewinn ihnen zufllt.
    Seine Rechtlichkeit soll mir Vorbild sein, sagte Martell.
    Was nun mich betrifft, meine Freunde, fuhr Aurel mit grerer
Lebhaftigkeit fort, so habe ich Lust mein altes Leben wieder zu beginnen.
Unsere berseeischen Verbindungen und Besitzungen verlangen bisweilen einen
raschen Inspector. Ueberdies ist mir ein Leben ohne Wagni und Abenteuer zur
Last, denn der chte Geist der Boberstein, ich hoffe im edelsten Sinne des
Wortes, schumt und tobt in meinen Adern. Daher, Geschwister, Neffen, Freunde,
werde ich in diesem Frhjahr wieder zur See gehen.
    Zu Befehl, Herr Kapitn! sagte Gilbert, die Thr ffnend und militrisch
grend. Ich bin bereit, in jedem Augenblick die Anker zu lichten.
    Du sollst mich begleiten, braver Junge und, verschlingt mich dereinst eine
Sturzsee, mein wackerer Nachfolger werden.
    Hurrah! schrie Gilbert aus Leibeskrften, wie toll seinen bebnderten
Matrosenhut schwenkend. Es lebe Kapitn Aurel, hoch!
    Alle Anwesenden stimmten in die tolle Lustigkeit des muntern Burschen ein
und brachten dem braven uneigenntzigen Manne ebenfalls ein Lebehoch.
    Noch whrend desselben zeigte sich der Maulwurffnger, der an dieser
Verhandlung keinen Theil genommen hatte. Seine Mienen waren traurig, sein ganzes
Wesen ernst und feierlich.
    Was bringst Du? fragte Aurel erschrocken.
    Wenn der Herr Kapitn mit Ihren Ge-Geschften zu Ende sind, versetzte
Pink-Heinrich, so mchte ich Sie ersuchen, mit Ihren lieben Angehrigen in
grter Eile in Martells bisherige Behausung zu kommen.
    Ist ein Unglck geschehen? fragte Martell.
    Kein Unglck, ach nein, aber Lore sh' es doch gern, wenn ihr alter Vater
Dich segnen knnte, bevor er hinbergeht.
    So pltzlich? versetzte Martell Und ich verlie ihn doch ganz munter heut
Morgen!
    Es ist stiller Sonnabend, bemerkte der Maulwurffnger, und da lieben es
alte frommglubige Vter, Abschied vom Leben zu nehmen.
    Nun so lat uns aufbrechen! sagte Aurel. Bisher ist uns der Tod nur in
schrecklicher Gestalt begegnet, sehen wir jetzt, wie er sich einem Gerechten
naht.
    Die Versammlung verlie die prunkende Wohnung des Reichthums, um in der
Armuth Htte einzukehren und dem Tode des greisen Spinners beizuwohnen.

                                Neuntes Kapitel.



                            Das Ende des Gerechten.

Schon in einiger Entfernung von der rmlichen Htte vernahm man den gedmpften
Gesang eines Kirchenliedes. Die Stimmen waren nicht grade sehr rein und
angenehm, kamen aber aus bewegten Herzen und ergriffen deshalb die Hrer. Der
Gesang klang feierlich und erhebend zugleich in der dmmernden Abendstille, die
sich ber See und Haide bereits auszubreiten begann.
    Beim Eintritt unserer Freunde gewahrten sie einige Nachbarn, die auf den
Knieen lagen und mit thrnenfeuchten Augen das alte Kirchenlied:

O Haupt voll Blut und Wunden etc.

andchtig absangen. Traugott hatte noch einmal vor seinem Hingange die krftigen
Worte dieses vortrefflichen, geistesstarken Liedes zu vernehmen gewnscht. Von
Lore gesttzt, sa er auf dem Lager hinter dem Ofen, hielt die abgemagerten
Hnde ber der Brust gefaltet und sprach, die glubigen Augen heiter zum Himmel
gerichtet, fr sich das Lied in stillem Gebet nach.
    Die Freunde strten die Andchtigen nicht in ihrem Gesange. Schweigend
beugten auch sie ihre Knie und stimmten zum Theil mit in das Lied ein, wie z.B.
der Maulwurffnger und Sloboda. Erst als der Gesang endigte, drngte Martell mit
einigem Ungestm zum Sterbelager des ehrwrdigen Greises, beugte sich mit
Heftigkeit ber ihn und fragte besorgt:
    Wie geht es, Vater? Soll ich nicht nach dem Doctor schicken?
    Traugott drckte dem Schwiegersohn matt die Hand und schttelte lchelnd
sein Haupt.
    Der Herr kommt, sagte er flsternd, und der ist der beste Doctor. - Aber
setze Dich zu mir, mein Sohn, und hre ... was ich Dir sagen werde ... Ihr
Andern, Nachbarn und gute Freunde, auch Ihr knnt meine Worte in einem feinen
Herzen bewahren, denn ... sie werden Euch keine Gewissensbisse verursachen ...
auf dem Sterbebette und am Tage des Gerichts.
    Er schwieg eine lange Zeit, um Athem zu schpfen und seine letzten Krfte zu
sammeln. Christel, seine jngste Enkeltochter zndete die Lampe an, bei deren
flimmernden Schein die Mutter gar manche Nacht am Webstuhl den kalten morgen
herangewacht hatte, und stellte sie auf den Ofensims, da ihr Schimmer auf das
welke Gesicht des sterbenden Grovaters fiel.
    Mein Sohn, nahm jetzt Traugott das Wort wieder auf, so arm wie ich, wills
Gott, noch heut aus der Welt scheide, um morgen mit Jesu Christo das
Auferstehungsfest im Himmel zu feiern, so arm trat ich in die Welt, so arm lebte
ich an die achtzig Jahre!.. Es heit etwas, ein solches Leben zurckzulegen; es
erfordert nicht blos Mhe und Geduld, es erfordert vor Allem Glaube und Liebe
und Gehorsam! ... O Martell, ich kenne Dein Herz und wei, da es im
tiefinnersten Grunde gut ist und rechtschaffen, aber Glaube, Liebe und Gehorsam,
- diese drei - sie haben darin nicht ihre bleibende Sttte gefunden.
    Martell wollte dem Greise antworten, dieser aber machte eine abwehrende
Bewegung.
    Unterbrich mich nicht, la mich endigen, denn meine Zeit ist kurz.
    Traugott holte einigemal tief Athem, dann fuhr er fort:
    Sieh, mein Sohn, so arm ich war und blieb bis auf den heutigen Tag, so
frhlich schlug doch immer mein Herz auch unter den hrtesten Bedrngnissen!..
Du wirst sagen, das mache mein glckliches, heiteres Temperament, ich aber rufe
dagegen, das machte der Glaube, aus dem Liebe und Gehorsam, die beiden
sichersten Fhrer durch die Irrwege der Welt, uns erwachsen ... Ach warum lacht
die heutige Welt ber den Glauben, warum kennt sie die Liebe nicht, warum will
sie den Gehorsam nicht mehr? ... Am Abend meines Lebens kommt mir dies vor wie
ein Frevel an der heiligen Lehre des Sohnes Gottes und es will mir scheinen, als
msse daraus nur Bses entstehen, Unfrieden und Blutvergieen! ... Liebet
einander! sagte der sterbende Evangelist Johannes, und liebet einander! rufe
auch ich Euch zu als die letzte vterliche Mahnung.
    Du bist ein reicher Mann geworden, habe ich mir sagen lassen, sprach
Traugott weiter und seine Stimme ward von Secunde zu Secunde schwcher, ein
vornehmer, groer Graf! Das verstehe ich nicht, aber es mag wohl gut sein, da es
Gott so gefgt hat!.. Wird es Dich und Deine Kinder auch glcklicher machen? ...
Wird es Dir die Liebe wieder geben, die aus Deinem Herzen entschwunden war ob
der Ungerechtigkeiten, welche Einzelne Dir zugefgt hatten? ... Wirst Du jetzt
wieder glauben lernen und den Gehorsam als eine hohe Tugend achten? ... Wo das
nicht geschieht, mein armer Sohn, dann wnschte ich, Du lgest neben mir und
fhrst zugleich mit meinem grauen Haupt in die Grube!
    Beruhigt Euch, Vater -
    Still! Keine Versprechungen! Keine Eide! ... Seit die Welt so rasch bei der
Hand ist mit dem Schwur, seitdem sind Vertrauen und Ehrlichkeit noch seltener
geworden als klingende Mnze! ... Nun es mag sein ...
    Gnnt Euch Ruhe, Vater! bat Lore. Der Athem geht Euch aus!
    La ihn, werde ich doch bald Paradiesesluft schlrfen, versetzte Traugott
mit verklrten Zgen. Der Graf von Boberstein, der ein Bruder von Dir gewesen
sein soll, fuhr Traugott fort, der hartherzige Herr am Stein ist begraben
worden, ... die Maschinen, die er mibrauchte, haben ihn zerrissen ... die Welt
nennt das Strafe, Gottesgericht ... Wie sie doch ungerecht ist! ... Kann sie
wissen, warum Gott den begrabenen Mann mit solch einem Herzen von Marmelstein
schuf und ber so viele Menschen setzte als obersten und gewaltigen Gebieter?
... Er hatte seine heiligen groen Zwecke, ich zweifle nicht, aber die Welt, die
arme, snhafte Welt mag nichts hren von Zchtigung, und darum grollt sie und
schreit nach Rache, wenn sie die strafende Ruthe des Herrn fhlt! ... Du hast
oft gemurrt, Martell, wenn Noth und Krankheit bei uns einkehrten, darum
versprich mir, von jetzt an nie mehr gegen die Vorsehung zu murren, wenn Du ihre
Wege auch nicht begreifen kannst!
    Martell legte seine zitternde Hand in die seines Schwiegervaters.
    Blicke zurck und Du wirst einsehen, da die Pfade gut waren, welche der
Herr Dich gefhrt! ... Siehe, ohne jene Bedrckungen, unter denen wir und alle
unsere Brder leiden muten, wren niemals die alten Frevel ans Tageslicht
gekommen und Du .. wrdest als armer Spinner gestorben sein! ... Das lehrt uns
nachdenken, das mahnt uns demthig, bescheiden und fromm zu sein! ... Es
geschieht nichts zwischen Himmel und Erde, das der Herr nicht kennt, von dem er
nicht will, da es geschehen soll, warum also wollen wir zagen und zittern? ...
Glaubet nur und Ihr seid glcklich! Liebet und Ihr urtheilet mild! Gehorchet
gern und man wird Euch mit Freuden dienen! ...
    Der Greis sank vllig entkrftet von dem langen Sprechen zurck auf sein
drftiges Lager und schlo die Augen. Lore kte ihn wiederholt auf die
erkaltenden Lippen und die beiden Enkeltchter erfaten weinend seine Hnde.
    Habt Ihr mir vergeben Vater? fragte Martell.
    Ich habe nichts zu vergeben, murmelte der Sterbende, ohne die Augen zu
ffnen. Ich wollte nur mein Herz noch einmal ausschtten ... vor meinem Tode
und mich rechtfertigen ... meines Tadels wegen ... den ich manchmal .. gegen
Dich .. ausgesprochen .. Wie sie so schn singen!..
    Wer, Vater? fragte Lore. Die Nachbarn beten still fr sich, es singt
Keiner.
    In lieblichen Tnen ... in sanften ... reinen Silberstimmen ... Und wie die
Sonne glnzt ... dort ... ber den ... Bergen! ...
    Er schwrmt! sagte Aurel. Die Seele ringt sich los von den Banden des
Krpers.
    So sterben Dulder und Gerechte, sagte der Maulwurffnger und legte seine
Hand auf die Stirn des alten Spinners.
    Sie ist schon ganz kalt. Bald wird es mit ihm vorber sein.
    Ueber mir ... unter mir ... Alles ... blauer, sonniger .. Himmel! Die Orgel
tnt ... der Ostermorgen tagt .. Sie singen Alle ... Alle .. Alle:

O Haupt voll Blut und Wunden etc.

    Und ganz leise und zitternd stimmte der Sterbende nochmals sein
Lieblingslied an. Unwillkrlich fielen die Versammelten einer nach dem andern
mit ein und unter diesem erhebenden Gesange schlummerte Traugott ohne Todeskampf
in ein besseres Leben hinber.
    Martell, Lore und ihre Kinder neigten schluchzend ihre Hupter ber den
Todten, ber den Armen, der nie sein Kreuz zu schwer gefunden hatte und nur
Dank, innigen Dank gegen Gott auf der Lippe, glcklicher gestorben war, als
tausend Reiche.
    Wir wollen die Trauernden nicht stren, sagte der Maulwurffnger. Es ist
schon der Mhe werth, einen solchen Vater zu beweinen!
    Still schlichen sich Freunde und Nachbarn aus dem Sterbezimmer. Als eine
Viertelstunde spter Martell und Lore sich wieder aufrichteten waren sie allein.
Zu Fen des Lagers knieten betend die beiden Schwestern. Das kleine Flmmchen
der Lampe brannte dster und das Silberlicht des Vollmonds wob um das
Greisenhaupt Traugotts einen verklrenden Heiligenschein.

                                Zehntes Kapitel.



                             Der letzte Geburtstag.

Der Maulwurffnger hatte seinen Sonntagsrock angezogen, den wohl gebrsteten
dreieckigen Hut aufgesetzt und stand wartend mitten in der Wohnstube seines
kleinen, saubern Huschens zu B .... In hnlicher Kleidung, nur weniger accurat
und reinlich, sa Schlenker auf der Ofenbank, die zinnerne Tabaksdose hufig
unruhig auf- und zuklappend.
    Ein Wagen, mit zwei jungen muthigen Fchsen bespannt, fuhr vor.
Pink-Heinrich schttelte den Kopf, stampfte ungeduldig mit seinem
Schlehdornstecken auf die Diele und sagte:
    Na, da haben wir's! Krcken-Gottlobs-Friedel, (so genannt, weil sein Vater
Gottlob an Krcken ging), hlt schon vor der Thr und mein Bruder kommt immer
noch nicht! Wo er nur bleibt!
    Mein Gott, wo wird er bleiben! versetzte Schlenker. Wo er immer steckt,
zu Hause. Er trdelt gar mit tausend Schrecken!
    Hast Du ihn nicht gesehen, da kommt er ber die Wiese hergestiefelt! sagte
der Maulwurffnger, sein wrdiges Gesicht zu ironischem Lachen verziehend. Nimm
Dir Zeit, Bruder Schulmeister, sonst kannst Du noch eine Lerche schieen, da
Dir acht Tage lang die Ohren gellen! - Friedel, rief er durch das
Schiebefenster dem jungen Burschen am Wagen zu. Krempele die Plane auf, da man
eine Umsicht hat! Das Wetter ist schn heut und die Luft wrzig und warm.
Obgleich wir drei alte Knackse sind, vertragen wir doch noch ein Bissel Zugluft.
Nicht wahr?
    Natrlich, natrlich, ganz Natur! sagte Gregor, der eben ins Zimmer trat,
als der Maulwurffnger diese Frage an Schlenker richtete.
    Aber wo steckst Du denn, Bruder Schulmeister? rief ihm Pink-Heinrich zu.
Es geht schon auf zwlf, wir haben noch einen langen Weg zurckzulegen und um
vier sollen wir doch schon auf dem Zeiselhofe sein! Da ist's hchste Zeit, da
wir aufbrechen!
    Aufbrechen, natrlich! Dennoch mute ich mein Chronikon erst schlieen! -
Jetzt geht kein Sterbenswort verloren, ganz Natur!
    Wovon, Bruder Schulmeister?
    Von der grausamverwickelten, in vielem Betracht erschrecklichen, dabei aber
wiederum hochlehrsamen und moralischen Geschichte, welche anhob mit dem
sonderbaren Betragen des hochseligen Grafen Magnus von Boberstein, genannt
Blauhut. Selbige Geschichte ist nunmehr von meiner Hand sorgfltig zu Papier
gebracht bis auf den heutigen Tag, und zwar leserlich, hchst leserlich,
natrlich!
    Hast Du auch nichts vergessen?
    Nichts Wesentliches. Und weil heut des Mannes Geburtstag ist, der
unverschuldet durch sein schnes Tochterlein Rose oder Rse, genannt
Haiderschen, Veranlassung gab zu so traurigen Vergehungen und herzbrechenden
Ungerechtigkeiten, darum wollte ich ihm und seinen nunmehr gesetzlich
anerkannten Nachkommen dies wohlausgearbeitete und schn niedergeschriebene
Chronikon zum Prsent machen.
    Und darum kommst Du so spt?
    Natrlich! Und htte mir beinahe den Fu vertreten.
    Es ist meiner Six mit tausend Schrecken! sagte Schlenker, den Schulmeister
mit einer Art von Verwunderung betrachtend. Ich htt's Euch nicht zugetraut,
verzeih' mir's Gott; nun aber, da Ihr's doch zu Stande gebracht habt, nun flt
Ihr mir, so zu sagen, einen ehrfrchtigen Respect ein. Glaubt Ihr's,
Schulmeister?
    Glaub's. Ganz Natur!
    Und ich glaube, sagte der Maulwurffnger, es wird jetzt ebenfalls sehr
natrlich sein, wenn wir einsteigen und die beiden Fchse austraben lassen, was
Zug und Zeug hlt. Ist's also genehm, so bitt' ich, einen Anfang zu machen!
Unter der Plane knnen wir noch schwazzen, da alle Sterne blau davon anlaufen.
    Von dem jugendlichen Fuhrmann untersttzt, bestiegen die drei Alten den
leichten Wagen, der nun rasch auf der wohl erhaltenen Strae den Knigshainer
Bergen entgegen rollte, die im duftigsten Blau ihre malerischen Gipfel ber das
Blachfeld erhoben.
    Es wird heut just ein Jahr sein, sprach der Maulwurffnger, da ich die
wichtige Schrift fand, der unsere Freunde eine so wunderbare Umgestaltung ihrer
Verhltnisse zu verdanken haben. Gott wei, wie lange ich noch zwischen Himmel
und Erde herumspazieren darf! Deshalb will ich am heutigen Tage doch wieder
einmal das Bergrevier besuchen und mich recht lebhaft aller Glcks- und
Leidenstage erinnern. Ich bin lange nicht mehr zum Todtenstein gekommen!
    Er rief nun dem Kutscher zu, vom graden Wege abzubeugen und nach dem
genannten Gebirgsstock einzulenken. Da die Pferde jung und krftig waren und
fast ununterbrochen lustig galoppirten, so erreichten die Greise in
verhltnimig kurzer Zeit den Fu des Todtensteines. Hier lie der
Maulwurffnger halten, fragte seine Begleiter, ob sie mit ihm die Berglehne
ersteigen wollten, und schritt, da er bejahende Antwort erhielt, rstig den
holprigen Fusteig hinan.
    Auf einem Kreuzwege rastete er, da Gregor und Schlenker ihm nicht so schnell
folgen konnten.
    Wo nehmt Ihr nur die Krfte her, Ihr Tausendsasa! sagte Schlenker
puhstend, indem er sein blau-und rothgewrfeltes, mit Tabakflecken romantisch
gezeichnetes Taschentuch mhsam aus der breiten Klappentasche des
viertelhundertjhrigen Rockes hervorzog, den Dreikantigen abnahm und sich den
perlenden Schwei von der Stirn wischte. Es ist mit tausend Schrecken, was Ihr
noch laufen knnt!
    Ganz Natur! sagte Gregor mit grter Ernsthaftigkeit, die Hnde auf den
Knopf seines Stockes legend und die Gegend mit freudigem Auge berblickend. Wir
leben doch in einem herrlichen Landstriche, Gott segne ihn ewiglich!
    Ist es mir doch, als wre die Geschichte erst gestern passirt, bemerkte
der Maulwurffnger, nachdenklich den Ort betrachtend, wo er rastete. Ja,
Freunde, ich mchte einen krperlichen Eid ablegen, da wir uns genau auf der
Stelle befinden, vor welcher vor nunmehr dreiundvierzig Jahren Graf Magnus das
liebliche Haiderschen entfhrte! Dort liegt die Meierei, ihre weien
Schornsteine aus den Saftgrn der Buchen glnzend emporstreckend, und jenseits
der bewaldeten Hgelkette fhrt die Strae nach dem Zeiselhofe! Wer htte damals
gedacht, da dieser freche Raub eines leibeigenen Mdchens so viel Unglck ber
die hohe Familie des Rubers verhngen und ein ganzes Geschlecht beinahe dem
zeitlichen und ewigen Untergange nahe bringen wrde! - O die Wege des Herrn sind
wunderbar, aber immer, immer gerecht!
    Immer gerecht! wiederholte Schlenker, der durch lebhaftes Kopfnicken dem
Maulwurffnger seinen Beifall zu erkennen gab. Gregor stie ein trockenes,
natrlich aus und haspelte neben dem stark ausschreitenden Bruder die
Berglehne vollends hinan.
    Trotz Schlenkers Abmahnen, der seiner lahmen Arme wegen alles Klettern
vermeiden mute, und den Maulwurffnger auch nicht mehr die nthige Gewandtheit
zutraute, schwang sich Pink-Heinrich doch die Stufen in dem zerklfteten Felsen
hinauf und erschien nach wenigen Minuten auf der Platform desselben. Der
Schulmeister der dem Bruder zu folgen Anstalt machte und auch den besten Willen
dazu hatte, mute das schwierige Unternehmen aufgeben. Seinen steifen Gliedmaen
fehlte es an aller Geschicklichkeit so halsbrecherische Pfade ohne Fall und
Sturz wandeln zu knnen.
    Der Maulwurffnger begngte sich mit kurzer Umsicht. Dann bckte er sich,
ri aus einem Felsenspalt frischgrnes Hauswurz und kam fast springend wieder
herab zu seinen Gefhrten.
    Jetzt kann's wieder fortgehen, alte, ehrliche Seelen, sagte er heiter.
Ich habe mich wahrhaft erquickt an der prchtigen Aussicht und in den Lsten
der Erinnerung, die da oben das alte Gestein umsuseln. Ich werde lustig sein,
wie ein Junggeselle, dem ein liebes Mdel zum ersten Mal verheiungsvoll in's
Auge schaut. Auf, auf nach dem Zeiselhofe!
    Noch vor der festgesetzten Zeit erreichten die Greise diesen alten,
stattlichen Edelsitz, der heut' beraus belebt war. Aurel und Gilbert, Beide
festlich gekleidet, empfingen die Freunde und geleiteten sie in das Herrenhaus.
Hier kamen dem Maulwurffnger lauter bekannte Gesichter entgegen. Es war nmlich
die ganze Familie Boberstein zum Geburtstage des alten Wenden auf dem Zeiselhofe
zusammen gekommen. Selbst Vollbrecht, dessen geruschlosem Wirken man viel zu
verdanken hatte, fehlte nicht. Martell und Lore mit ihren beiden Tchtern, jetzt
alle zwar einfach, aber gut und reinlich gekleidet, Maja und Simson mit ihrer
vom Hungertode verschonten Tochter, der krftige Paul, der ausgelassene Gilbert,
die jetzt wieder still gewordene schne Bianca, und endlich die glckberauschte
Elwire mit Herta: Alle, Alle umschlang nunmehr ein gemeinsames Band der Liebe
und des Friedens! Denn Frieden, der Frieden schwergeprfter Herzen, durch
Unglck geluterter Seelen war ber jeden Einzelnen dieses wunderbar gefhrten
Geschlechtes gekommen. Selbst Martell, obwohl seine Gesundheit litt und seine
Kraft gebrochen war, schien doch mit dem Schicksal ausgeshnt zu sein, das ihn
so furchtbare Wege gefhrt, so nahe an verderbenschwangere Abgrnde gestoen
hatte. Wie frher, war er auch jetzt noch still und von wenig Worten, aber sein
Auge blickte klar und heiter und der milde Sonnenglanz der Liebe, der Vergebung
blitzte wieder in der dunkeln Pupille auf.
    Den allverehrten Mittelpunkt des festlichen Tages bildete Jan Sloboda. Nach
so vielen glcklich durchgekmpften Lebensstrmen wollte der alte Wende
eingedenk bleiben seiner Abstammung und seiner frheren Leiden. Deshalb legte er
heut', was er seit langer Zeit nicht gethan hatte, den glnzenden Lederriemen,
das Zeichen ehemaliger Knechtschaft, wieder um Haar und Stirn und wandelte in
seiner schlichten Kleindung, das starke silberne Haar von braunem Hornkamm im
Nacken festgehalten, wie ein greiser Heros durch die ihm zu Ehren geschmckten
Zimmer.
    Man verbrachte den Tag heiter, ohne ausgelassen zu sein, was bei den
traurigen Erinnerungen, die jedem Einzelnen der Versammelten sich aufdrngen
muten, moralisch unmglich war. Spt Abends, als von dem Bedienten die Lichter
angezndet wurden, bemerkte der Maulwurffnger, da man der ereignivollen
Vergangenheit wegen auch derer gedenken mge, welche mittelbar zur Enthllung
der vielen Geheimnisse beigetragen htten, die anfangs ihren Bestrebungen kein
vortheilhaftes Ende verhieen.
    Ich vermisse die gute blinde Mutter, Marie, Leberechts getreue Ehefrau,
nebst Vater und Sohn, sagte der wackere Mann. Sie haben uns Allen wesentliche
Dienste geleistet und, wenn wir ehrlich sein wollen, fr das Haus Boberstein
Gesundheit und Leben mehr denn einmal in die Schanze geschlagen. Ich schlage
daher dem vielgereisten Herrn Kapitn und seiner hohen Verwandtschaft in aller
Demuth vor: machen wir den Armen, die sich am heutigen Tage nicht mit uns hier
in Glanz und Wohlleben freuen knnen, sammt und sonders einen Besuch in ihrer
bescheidenen Wohnung. Sie werden sich geehrt und glcklich fhlen durch solche
Aufmerksamkeit. Und ich, meine Herrschaften, ich bin der Meinung, da die
Gesindestube just der rechte Ort ist, wo wir heut allesammt hingehren. Denn aus
ihrem dunkeln Bereiche sind alle diejenigen hervorgegangen, die in sptern
Jahren die Sttzen und Trger des uralten Geschlechtes der Grafen Boberstein
sein und bleiben sollen. Es lebe also die Gesindestube!
    Des Maulwurffngers Antrag fand lebhafte Untersttzung; ehe man jedoch zur
Ausfhrung schritt in der Weise, wie Pink-Heinrich es vorschlug, schickte der
Kapitn seinen Merkur Gildert erst als Gesandten an die Bewohner der
Gesindestube ab, um diese auf den ihrer wartenden Besuch vorzubereiten und die
Dienstboten whrend der Dauer desselben zu entfernen.
    Mit lautem Hurrah kehrte der junge Matrose zurck, verkndete der
zahlreichen Gesellschaft, da Leberecht und Marie bis zu Thrnen gerhrt dem
verheissenen Besuche ihrer gromthigen Beschtzer erwartungsvoll entgegenshen
und sich innigst darauf freuten.
    Unverweilt brach nun die Versammlung unter Vortritt mehrerer Bedienten auf,
die jedoch an der Zuschlagthre der Gesindestube die Weisung erhielten, sich
wieder zu entfernen. Elwire, von Jugend, Glck und Schnheit strahlend,
geleitete den alten Wenden, der lchelnd seine feenhafte Fhrerin betrachtete.
Herta mit Aurel, Bianca und Vollbrecht, und hinter diesen die Uebrigen schlossen
sich paarweise an und nahmen, wie sie einander folgten, Platz auf Schemeln und
Bnken an der langen fichtenen Tafel, an deren beiden Enden lohende Kienspne
brannten, wie dies seit Jahrhunderten gebruchlich war. Am obersten Ende quervor
auf etwas erhhtem Stuhl, dem einzigen, den es in diesen Rumen gab, mute der
greise Wende, der Held des Tages, niedersitzen, von Herta und Elwire umgeben.
Diesem gegenber am untersten Ende auf der Ofenbank sa die blinde Marie
zwischen Leberecht und Eduard. Aurel lie von Paul und Gilbert einige Karaffen
edlen Weines holen, um die Gesundheit Slobodas in diesen Umgebungen mit den
Versammelten zu trinken. Lebhaft und herzlich fielen alle in das wohlgemeinte
Hoch ein.
    Als es wieder ruhig geworden war, erhob sich Aurel nochmals um der
Gesellschaft seine Verlobung mit Elwire anzukndigen. Dabei ergriff Gilbert
rasch die Gelegenheit, um seine schne, zuknftige Kapitnin leben zu lassen und
auf ihr Wohl mehr als ein Glas zu leeren.
    Der vorlaute Bursche hat Recht, sagte Aurel, da einige noch Zweifel in den
schon frher ausgesprochenen Entschlu des Grafen zu setzen schienen. Es ist
mein fester Wille, nach dem Pfingstfeste aus Eurer Mitte zu scheiden, meine
Lieben! Ich werde mein Schiff die Hoffnung wieder besteigen, aber diesmal nicht
allein. Ein Engel, ein Engel des Glckes, der Liebe, des Friedens wird mich
begleiten. Elwire wird mein Weib und Schutzgeist sein! - Vernehmt nun an diesem
Freudentage, der nach so langem Jammer den Anfang einer schnern Zukunft
verkndet, vernehmt jetzt von mir, da ich den dritten Theil meines Vermgens
allen Armen und Hilfsbedrftigen schenke, die auf Bobersteinschem Grund und
Boden geboren worden sind und daselbst leben! Ich habe mehr als ich bedarf, ich
bin krftig und unternehmend, und da ich einer guten Sache diene, wird Gott
meine Bemhungen segnen. Vor meiner Abreise werde ich die nthigen Papiere ber
diese Schenkung und wie ich sie zum Besten der Darbenden angewendet wissen will,
in Vollbrechts Hnde niederlegen. Auf das Wohl und ein besseres Loos der
arbeitsamen Armen!
    Freudig stimmte Jeder auch in diesen Toast ein, der ebenso die Menschenliebe
wie die Gromuth des Kapitns kund gab. Elwire lchelte dem Geliebten glcklich
zu und fhrte auf sein Wohl das volle Glas nippend zum schnen Munde.
    Nunmehro mag es aber gut sein, fiel der Maulwurffnger in seiner trockenen
Weise ein. Das viele Trinken, treibt's Einer auch noch so vorsichtig, macht
einem zuletzt doch schwer im Kopfe, und davon, mu ich sagen, bin ich kein
aparter Liebhaber. Statt also das Gesundheittrinken fortzusetzen, was eine ganz
hbsche Sitte ist, wenn's nicht zu lange dauert, htte ich mit Verlaub einen
Vorschlag zu machen, der mir passend scheint.
    Und dieser besteht? fragte Aurel.
    Worin er bestehen wird, hngt nicht ganz allein von mir ab. Ich will blos
in Anregung bringen, da wir heut den Geburtstag unsers wackern Freundes, des
braven, ehrwrdigen Jan Sloboda, des letzten Wenden, der leibeigen gewesen ist,
feiern. Zugleich begehen wir, so zu sagen, auch den Begrbnitag aller
Sclaverei, wenn jeder Herr die hohen Gesinnungen des Grafen Aurel zu den
seinigen macht, was Gott geben wolle! Ein solcher Freudentag mu, dnkt mich,
gefeiert werden, in mannichfacher Weise, namentlich aber auf wendische Art, da
Sloboda dem wendischen Stamme von Geburt angehrt.
    Mir recht, so erfahre ich 'was Neues, flsterte Gilbert Bianca zu, hinter
deren Schemel er sich meistens aufhielt. Die Wenden sollen merkwrdige Einflle
haben.
    Bilden wir uns ein, fuhr der Maulwurffnger fort, wir htten uns hier
eingefunden zur Spinnte -
    Ja, ja, zur letzten Spinnte! fiel Sloboda ein, sein greises Haupt in
Erinnerung an die traurige Vergangenheit bedeutungsvoll neigend. In der letzten
Spinnte beschlossen sie den Besuch am Todtenstein! - Es ist seltsam - seltsam!
    Er sttzte die mde Stirn, umfangen von dem Riemen ehemaliger Knechtschaft,
in die hohle Hand und lchelte still fr sich. Freudige Verklrung breitete sich
ber seine abgespannten Zge.
    Denken wir, sprach der Maulwurffnger weiter, die Spinnrder schnurrten,
die Weifen klapperten! Es wrde an die Thr geklopft und ein Dudelsackpfeifer
trte mit vielen Bcklingen ein und versprche ein lustiges Stcklein zu
pfeifen! Davon wachten die schlfrigen Geister auf, wrden heiter, lustig,
ausgelassen - begnnen Volkslieder zu singen und Tnze aufzufhren und schlssen
zuletzt, wie's Sitte ist beim Volk der Wenden, mit - (hier lie der
Maulwurffnger den Kopf hngen und schwieg).
    Nun, womit denn? fragte Gilbert.
    Hole mich Der und Jener, ich wei nicht, ob ich's rund heraussagen darf,
denn 's fllt mir eben ein, da auer Jan Sloboda kein geborner Wende unter uns
ist, und dann, seht, dann habe ich mich selber zum Narren gehabt!
    Kann jetzt nichts helfen, mein Freund! sagte Aurel. Ihr habt angefangen,
seht nun zu, wie Ihr zu Ende kommt!
    Meinethalb denn! - Ich dchte also, wir schlssen nach wendischer Sitte mit
Erzhlung einer der Geschichten, wie sie im Munde des wendischen Volkes leben
und an langen Winterabenden whrend der Spinnte erzhlt werden.
    Der Vorschlag ist gut, wenn nur der Erzhler sich findet, meinte Herta.
    Eigentlich, sagte der Maulwurffnger, dachte ich dabei an die blinde
Marie, denn ich wei, da sie ehemals in den wendischen Liedern und Geschichten
fast eben so bewandert war, wie Sloboda's Tochter.
    Wie mein Haiderschen, das arme Kind! Gott beglcke sie in seinem
Paradiese!
    Wirst Du mich in Schande bringen, Marie? fragte Pink-Heinrich die Blinde,
ihre Hand erfassend. Suche in Deinem Gedchtni, und ich mchte wetten, da im
verborgensten Fache des Betkstchens eine Perle ersten Wassers herumkollert, die
sich auf Deiner Zunge in den allerfeinsten geistigen Honigseim verwandelt.
    Marie lchelte, drckte dem Jugendfreund die Hand und sagte:
    La mir eine Weile Zeit, Maulwurffnger! Alles hab' ich noch nicht
vergessen, aber es ist wst durch einander geschttelt worden durch die vielen
harten Ste, die mein armer Kopf in diesem drangvollen Leben aushalten mute.
    Besinne Dich, Mutter, und die Engel im Himmel sollen Dein Lob preisen!
    Die Engel werden ihr Lob preisen, wiederholte in seiner Geisteszerstreuung
der Wende, seine hellblauen Augen zum Himmel aufschlagend. Sie war schon auf
Erden ein Engel.
    Es trat eine kurze Pause ein. Das monotone Schrillen der Heimchen in den
Wnden unterbrach allein die allgemeine Stille. Da erhob Marie anmuthig lchelnd
ihr auf die Brust geneigtes Haupt, lie die erblindeten glanzlosen Augen ber
die Gesellschaft gleiten, als knne sie jeden Einzelnen erblicken, und sagte:
    Deutlich erinnere ich mich blos einer einzigen Geschichte, die ich zu
erzhlen bereit bin, so gut ich's vermag. In manchem Betracht kann sie uns Allen
zur Beruhigung dienen und uns ber das Schicksal derer trsten, die
unfreiwillig, in ihrer Snden Blthe, aus dem Leben schieden.
    Ohne Einleitung erzhle! Jedes Wort soll uns ein Evangelium sein.
    Natrlich! sagte Gregor zu Schlenkern der in dieser Bemerkung des
Maulwurffngers eine Art Gotteslsterung erblicken wollte und sich zu einer
Predigt in Bereitschaft setzte. Bevor er jedoch zu Worte kommen konnte, hatte
sich Marie des Gesprches bereits wieder bemchtigt und trug den aufmerksam
Lauschenden folgende mhrchenhafte altwendische Erzhlung vor.


                               Lipskulijans Bett.

    Es war aber ein armer Mann, der sich fast nicht mehr ernhren konnte und
doch hatte man ihm noch groe Abgaben auf sein Haus gelegt. Und er mute auf's
Stcke-Roden gehen. Und als er eines Tages auch sehr traurig in die Haide ging,
begegnete ihm ein Mnnchen, das ihn fragte: Weshalb bist Du so traurig? Der arme
Mann antwortete ihm: Du kannst mir auch nicht helfen. - Wer wei? sagte das
Mnnchen, sage mir es, so will ich Dir helfen.
    Der arme Mann erzhlte ihm, da er in groer Noth sei und da es ihm
unmglich wre, die Steuern zu geben. - Darauf sagte das Mnnchen: Wenn Du mir
das versprichst, wovon Du in Deinem Hause nichts weit, so will ich Dir helfen.
- Der arme Mann gedachte bei sich: Das kannst Du, Du weit ja Alles, wa Du in
Deinem Hause hast. - Hierauf brachte das Mnnchen ein Stck Papier hervor, und
auf dieses hat sich der arme Mann mit seinem Blut unterschreiben mssen.
    Als dies geschehen war, sagte das Mnnchen: Nach sechszehn Jahren bringe mir
das, was Du mir versprochen hast, auf dieselbe Stelle. Und es gab ihm eine groe
Summe Geld. Und nach einiger Zeit gebar seine Frau einen Sohn, und er erinnerte
sich, was sich der Teufel bedungen hatte, und war sehr traurig.
    Der Knabe wuchs aber, und lernte sehr fleiig, so da ihn der Vater studiren
lie, und als er funfzehn Jahr alt war, da hatte er schon ausstudirt. Und weil
sich die Zeit nherte, wo er an das Mnnchen ausgeliefert werden sollte, so
grmte sich sein Vater je lnger je mehr. Er sagte daher: Was seid Ihr so
traurig, lieber Vater? - Ach, antwortete ihm dieser, ich habe Dich schon ehe als
Du geboren wurdest, dem Teufel versprochen und hab' ihm eine Schrift darber
gegeben, und erzhlte ihm die ganze Sache. Er aber sagte: Keine Sorge! Ich werde
mir selbst diese Schrift holen. -
    Und er nahm seinen Degen und etwas Weihwasser und begab sich auf den Weg. Er
kam aber in einen so groen Wald, da ihn die Nacht darin bereilte und er sich
zuletzt verirrte. Als er aber lange umhergegangen war, erblickte er Licht und
dann ein Huschen. Und als er hinein trat, war dort Niemand weiter, als eine
alte Frau. Diese bat er um Herberge, aber sie antwortete ihm hierauf, er solle
seines Weges gehen, wenn ihm sein Leben lieb wre, denn da wohne ein groer
Ruber. Er sagte aber, da er sich nicht frchte, und blieb dort.
    Nach einer Weile kam auch der Ruber und frug ihn, wohin er gehe. - Da that
ihm der Ruber nichts, sondern gab ihm zu essen und zu trinken und bat ihn des
andern Tages am Morgen, er mge doch so gut sein und den Teufel fragen, was
Lipskulijan zu erwarten habe? -
    Und als er in die Hlle gekommen war, war dort grade kein Anderer, als der
oberste Teufel. Der wute aber von der Schrift nichts und sagte, das ginge ihn
nichts an und er solle ihn in Frieden lassen. Da besprengte er ihn mit
Weihwasser und der oberste Teufel fing so an zu brllen, da die andern in
Hausen hereingestrzt kamen. Er befragte sie auch nach der Schrift, aber es
hatte sie Keiner. Da besprengte er den obersten Teufel wieder mit Weihwasser und
er fing an noch viel mehr zu brllen, so da ihrer noch viel mehr hereingestrzt
kamen. - Er befragte sie wieder wegen der Schrift, aber es hatte sie Keiner. Da
besprengte er den obersten Teufel noch einmal und er fing an so schrecklich zu
brllen, da ihrer von allen Seiten hereingestrzt kamen, und zuletzt kam auch
ein Lahmer angehinkt und der hatte die Schrift. Der wollte sie aber nicht geben.
    Da sagte der oberste Teufel: Werft ihn auf Lipskulijans Bett! - Da gab sie
der lahme Teufel. Und als er die Schrift erhalten hatte, frug er, was fr ein
Bett Lipskulijan bekommen wrde? Und sie zeigten es ihm, und es war von der Art,
da, als er seinem Degen hineinsteckte und ihn wieder herauszog, die Klinge, so
weit sie in das Bett hineingestoen worden war, zerschmolzen war, denn das Bett
bestand aus lauter glhendem Eisen.-
    Hierauf ging er wieder nach Hause und, kam unter wegs zum Lipskulijan. Der
frug ihn ob er wte, was ihn erwartete? Und er erzhlte ihm Alles. Da erschrak
Lipskulijan und erkundigte sich, ob er doch noch nicht knnte begnadigt werden?
Und er antwortete ihm: Gott ist jedem Snder gndig, wenn er sich bessert.
Entziehe Du Dich allem Bsen und bete ohne Aufhren zu Gott, so wird er Dir auch
gndig sein! -
    So wird er Dir auch gndig sein, wiederholte Sloboda, ohne sein auf dem
untergestemmten Arm ruhendes Haupt zu erheben. - Marie fuhr fort:
    Und er fhrte Lipskulijan ein Stck von der Strae ab, errichtete dort
einen kleinen Hgel und pflanzte darauf eine Gerte und sprach: Auf dem Hgel
bete Du, und wenn die Gerte Aepfel tragen wird, so magst Du daraus erkennen, da
Dir Deine Snden vergeben werden. Hierauf ging er nach Hause.
    Nach langer Zeit, als er schon ein hoher Geistlicher war, fuhr er durch
denselben Wald und es erblickte dort sein Diener schne Aepfel auf einem Baume.
Er wollte einen pflcken, aber wie er ihn berhren wollte, da hrte er eine
Stimme, welche sprach: Du hast mich nicht gepflanzt, Du wirst mich auch nicht
pflcken.
    Er erzhlte dies in aller Schnelligkeit seinem Herrn. Der ging hin, und als
er zu dem Aepfelbaum kam, fand er unter demselben einen knieenden Menschen und
besann sich auf Lipskulijan. Und der wollte ihm beichten. Und als er ihm die
Snden vergeben hatte, zerfiel Lipskulijan in lauter Staub, und die Aepfel,
welche die Seelen derer waren die er ermordet hatte, verschwanden alle. Und eine
weie Taube flog zum Himmel auf und sang:

Aepflein trug das Gertelein,
Meine Seele mu nun selig sein.

Und er hatte so die Gewiheit, da Lipskulijan selig gestorben sei.
    Als Marie dies eigenthmliche wendische Mhrchen beendigt hatte, hrte man
ein leises Schluchzen. Es war Bianca, welche, ergriffen von dem tiefen Sinn der
ungeknstelten Volksdichtung, ihre Gefhle nicht lnger verheimlichen konnte.
Schlenker gab seinen Beifall durch lebhafte Gebehrden zu erkennen und reichte in
seiner Freude der Blinden sogar eine Prise. Sloboda's Haupt war langsam immer
tiefer herabgesunken, so da es jetzt beinahe die Tischplatte berhrte.
    Die Kienspne mit ihren langgekrmmten Rispen brannten dunkel und
verbreiteten ber Stube und Versammlung mehr Schatten als Licht.
    Der greise Wende ist, glaub' ich, vor Ermdung eingeschlafen, sagte Elwire
leise, um den Schlummernden nicht zu stren.
    So schnell? erwiederte Aurel. Und er hat doch vor Kurzem noch
gesprochen?
    Sonderbar! sagte Herta. Der wackere alte Mann schlft so sanft, da man
ihn nicht einmal athmen hrt!
    Bei dieser Bemerkung verlie der Maulwurffnger seinen Platz und nherte
sich dem Wenden. Behutsam neigte er sein Ohr zu dem Schlummernden. Da aber auch
er keinen Athemzug entdecken konnte, erlaubte er sich, seine Hand auf das
Silberhaar des Greises zu legen und ihn laut bei Namen zu rufen.
    Sloboda antwortete nicht.
    Da schob der Maulwurffnger seine Hand unter die Stirn des Wenden und
richtete ihn sanft auf.
    Sloboda hatte die Augen fest geschlossen, ein Lcheln umspielte seinen Mund,
er war todt! Gleich der Seele des Rubers im Mhrchen, hatte die Seele dieses
greisen Wenden unter Sangesgeflster ihre irdische Hlle verlassen.

                                Elftes Kapitel.



                                    Schlu.

Wir haben unserer Erzhlung nur wenige Worte noch hinzufgen.
    Sloboda ward feierlich auf dem Kirchhofe des zum Zeiselhofe gehrigen Dorfes
in der herrschaftlichen Gruft beerdigt. Vierzehn Tage spter reichte vor dem
Altar der nmlichen Kirche die glckliche Elwire dem Kapitn ihre Hand als
Gattin. Die Neuvermhlten verlieen Heimath, Verwandte und Freunde, um wenige
Wochen spter auf dem Schiffe die Hoffnung nach Amerika unter Segel zu gehen,
nicht, weil sie Europa fliehen wollten, sondern weil es Aurel fr rhmlicher
hielt, sein Leben in rstiger Thtigkeit zum Besten des Volkes zu verbringen.
Gilbert begleitete ihn und erhielt die Stelle eines Schiffslieutenants, da
Kapitn Aurel auf seinem Kauffahrer die Gesetze eingefhrt hatte, die ihm
whrend seiner Dienstzeit in der englischen Marine lieb und werth geworden
waren.
    Elwire folgte dem geliebten Gatten mit leichtem Muth und bewhrte ihren
Heroismus auf glnzende Weise.
    Nach Jahresfrist kehrten die Seefahrer wieder auf lngere Zeit nach Europa
zurck und statteten ihren Freunden einen mehrtgigen Besuch auf Boberstein und
dem Zeiselhofe ab. Sie fanden Vieles verndert.
    Marie war Sloboda in die Gruft nachgefolgt und Martell, der sich nur
scheinbar von seiner Entkrftung erholt hatte, wankte sichtlich dem Grabe zu. Er
war fast zum Geripp abgemagert und ging jetzt in denselben Gemchern, die sein
schuldiger Bruder so oft in der Angst seiner Seele durchwandert hatte, rastlos
umher, um die Schmerzen, die seinen Krper folterten, zu unterdrcken. Sein
Geist aber hatte sich beruhigt. Er verzieh dem Verstorbenen vollkommen und
wnschte nichts sehnlicher, als neben ihm zu schlummern. Noch im Herbst
desselben Jahres ward sein Wunsch erfllt.
    Vollbrecht war zu Aller Erstaunen ein glcklicher Gatte geworden an -
Bianca's Seite! Nie schien es ein gesetzteres Ehepaar gegeben zu haben als diese
beiden einander so gnzlich widersprechenden Charaktere.
    Darber war Gilbert sehr rgerlich, weshalb er sich auch allen Ernstes
vornahm, sich fr solche Untreue, die so gar wenig guten Geschmack verrieth, an
Bianca, der allerliebsten Geschftsfhrerin, empfindlich zu rchen. Der
leidenschaftliche Jngling hielt auch wirklich Wort, indem er bei seiner
Rckkehr nach Hamburg um die Hand Clara's anhielt und die freundlichste Aufnahme
fand. Der wilde Sohn des Meeres ward durch seine Liebe zu dem klugen Mdchen
sogar unerwartet zahm, denn er entschlo sich, da Clara sich entschieden
weigerte, zur See zu gehen, als Compagnon in das Haus Am Stein und Comp. zu
treten, und einige Jahre spter finden wir ihn als geschickten, thtigen und
hchst soliden Handelsmann wieder.
    Paul bernahm die Bewirthschaftung des Zeiselhofes, wobei ihm Leberecht,
Eduard und Simson treulich zur Hand gingen. Man sprach bei der erstmaligen
Wiederkehr des Kapitns von einer Neigung, die Martells lteste Tochter dem
jngsten Sohne Haiderschens eingeflt haben sollte.
    Herta lebte in tiefstem Frieden fortwhrend auf dem Zeiselhofe und versprach
zugleich mit ihrer Zofe Emma ein sehr hohes Alter zu erreichen.
    Von Adalbert hrte man nie wieder etwas Bestimmtes. Er schien sich im Orient
niedergelassen zu haben.
    Der Maulwurffnger ging noch immer seinen Geschften nach, kehrte hufig auf
dem Zeiselhofe ein, pilgerte nicht selten auch nach Boberstein und verschmhte
nie, einer tchtigen Mahlzeit mit gesundem Appetit zuzusprechen.
    Schlenker und Gregor kamen nur selten aus, desto lebhafter konnten sie
Stunden- und Tagelang ber Dinge streiten, die sie hochwichtig fanden, whrend
der Maulwurffnger sie dummes Zeug nannte.
    Die Fabrik gedieh, die Arbeiter wurden verhltnimig wohlhabend und
Niemand hat je wieder gehrt, da irgend Einer mit seinem Loose unzufrieden
gewesen wre oder die Erfindung der Maschinen als ein Werk des Teufels
verwnscht htte. Die Frevelthaten, welche auf dem Geschlecht der Boberstein
lasteten und es gleich Furien umrauschten, waren durch die zahlreichen Opfer,
welche die strafende Nemesis forderte, fr immer geshnt, und ein neues
frischeres Geschlecht erblhte auf den Grbern der Todten. -
