
                                 Lewald, Fanny

                                Eine Lebensfrage

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                                  Fanny Lewald

                                Eine Lebensfrage

                  Von der Verfasserin der Clementine und Jenny

                                  Erster Theil

                                       I

Alfred von Reichenbach, ein Mann in der Mitte der dreiiger Jahre, sa eifrig
arbeitend vor dem Schreibtische in seinem Studirzimmer, das, nach den
aufgestellten Bcherschrnken, Bsten und Bildern zu urtheilen, auf einen
Besitzer schlieen lie, der Wissenschaften und Knste liebte und ber die
Mittel gebot, seinen Neigungen Befriedigung zu verschaffen.
    Die mchtigen Bume, welche sein Schlo umgaben, die geschlossenen
Jalousien, verbreiteten eine milde Dmmerung in dem Zimmer und trotz der
drckenden Wrme eines Sommerabends war es hier frisch und luftig. Eine tiefe
Stille herrschte in dem Gemach, nur unterbrochen von dem leisen Gerusch,
welches Alfred's Feder auf dem Papier verursachte. Er schrieb mit wachsender
Schnelle und sein Gesicht zeigte den Ausdruck jener freudigen Begeisterung, den
das Gelingen einer Arbeit hervorruft.
    Da ffnete eine stattliche blonde Frau die Thre und sagte: es ist drben so
warm in den Stuben, da man es nicht ertragen kann, ich werde mich mit meiner
Arbeit zu Dir setzen.
    Es war die Frau des Schloherrn. Er schreckte aus seinen Gedanken empor, sah
sie zerstreut einen Augenblick an, nickte mit dem Kopfe und arbeitete emsig
weiter.
    Frau von Reichenbach beachtete das nicht. Sie schob mit Gerusch einen Tisch
an das Fenster, rckte einen Stuhl zurecht und zog eine Tapisserie-Arbeit aus
ihrem Nhkorbe, wobei Scheere und andere Gerthschaften klappernd zur Erde
fielen. Alfred fuhr beunruhigt mehrmals mit der Hand ber die Stirn, hielt im
Schreiben an, berlas das Fertige, wollte weiter arbeiten, aber er war zerstreut
worden, konnte dieselbe Gedankenreihe nicht finden und das Schaffen schritt
langsamer vorwrts.
    Nimm's nicht bel, Alfred! rief die Nhende nach einer kurzen Pause, es ist
aber frmlich Nacht in Deiner Stube, ich mu die Jalousien ffnen, ich kann das
Muster hier nicht zhlen.
    Die Jalousien, von ihr losgehakt, flogen zurck, das blendende Licht der
untergehenden Sonne fiel pltzlich strahlend in das Zimmer, und mimuthig sagte
Alfred: Du weit, Caroline, wie peinlich und strend mir solch grelles Licht
ist, wenn ich arbeite.
    Was soll ich aber thun, wenn ich die Stiche nicht zhlen kann? wiederholte
sie, und fragte bald darauf: Hast Du davon gehrt, da des Inspectors Tochter
eine Liebschaft mit einem Studenten hat, seit sie den Winter in der Stadt war?
    La mich arbeiten, meine Liebe! bat Alfred, ich mchte das Kapitel gern
beendigen.
    Caroline schwieg einige Zeit, Alfred's Feder bewegte sich wieder schneller,
da bog seine Frau sich weit aus dem geffneten Fenster hinaus, und rief einem im
Hofe beschftigten Mdchen in scheltendem Tone die Worte zu: Die Rcke sollen
ein fr allemal nicht mit Nadeln an den Trockenschnren befestigt werden; wie
oft soll ich das sagen?
    Alfred stand ungeduldig auf, murmelte leise: Ganz unertrglich! nahm sich
dann aber zusammen und fragte ruhig: Wo ist Felix?
    Er spielt im Garten.
    So la uns auch hinabgehen.
    Jetzt? in dieser Hitze?
    In den Alleen ist's schon schattig.
    Aber Du wolltest ja arbeiten? meinte Caroline. Wie kann man so launenhaft
sein! Du hattest mir beim Kaffee ausdrcklich gesagt, wir sollten Dich nicht
stren.
    Deshalb kamst Du wohl herein und plaudertest unaufhrlich? sagte Alfred im
Tone eines freundlichen Vorwurfs. Sie schickte sich zu einer Entgegnung an, aber
er wiederholte seinen Wunsch, zu dem Sohne hinabzugehen, und bald darauf finden
wir die Eheleute in den stattlichen Alleen des Gartens wieder.
    Der schne, zehnjhrige Felix sprang den Eltern froh entgegen, ward von dem
Vater geliebkoset und fing an, von seinen Spielen, von seinen Hunden und von dem
Kutscher zu erzhlen, whrend sie durch den Laubgang vorwrtsschritten.
Pltzlich hielt der Knabe in seinen Berichten inne, sah dem Vater prfend in das
Gesicht und ging dann schweigend und ruhig neben ihm her. Alfred bemerkte dies
Schweigen nicht und schien auch eine gleichgltige Frage seiner Frau zu
berhren, so da sie unmuthig ausrief: Aber wenn Du mich nur hier haben
wolltest, damit ich neben Dir hergehe, so httest Du mich im Hause lassen
knnen, wo ich zu thun hatte.
    Alfred erwachte aus seiner Zerstreutheit. Vergib! sagte er, ich habe so
pltzlich zu arbeiten aufgehrt, da weilt die Seele unwillkrlich noch bei den
Vorstellungen, die sie beschftigten. Ich dachte in diesem Augenblick mehr an
die Vergangenheit und an mein Gedicht, als an Euch und an die Gegenwart.
    Das sah ich, Vater! bemerkte Felix, und darum war ich lieber still. Ich wei
es gleich, wenn Du an Deine Arbeiten denkst. Dann sehen Deine Augen ganz anders
aus, als knntest Du nicht mit ihnen sehen, was um Dich her vorgeht. Bist Du
vergngt, wenn Du Dir Deine Gedichte und Geschichten ausdenkst?
    Ja, mein Sohn, und recht vergngt! Ich wollte, auch in Deine Brust htte die
Natur den schpferischen Funken gelegt, der in uns eine neue Welt voll Freuden
und Leiden hervorruft. Inde selbst in den Leiden liegt noch Glck und
Schnheit, und wohl Dem, der jenes doppelte Leben kennt, das den Dichter in den
Momenten des Schaffens zum glcklichsten Menschen macht, sagte Alfred, zu seiner
Frau gewendet.
    Das ist aber ein sehr einseitiges Glck, meinte diese, von dem Niemand etwas
geniet, als nur Du selbst. Fr Deine Umgebung bist Du verloren, wenn Du so in
das Arbeiten hineinkommst. Ob ich mich mit den Leuten plagen mu, ob ich Verdru
und Aerger habe, danach fragst Du nicht; Du dichtest! Und gerade heute habe ich
Verdru gehabt, denn ich habe der neuen Wirthschafterin den Dienst gleich wieder
aufkndigen mssen.
    So! sagte Alfred gleichgltig und theilnahmlos.
    Und Du fragst nicht einmal weshalb?
    Gewhnlich, Beste, scheinen mir Deine Grnde fr diese sich oft
wiederholenden Gewaltmaregeln nicht ausreichend. Du weit, ich habe dabei
frher stets zu vermitteln, einzuschreiten versucht, jetzt bin ich es mde
geworden. Du willst nicht einsehen, da Du Dir all den Verdru durch Deine
Ungeduld mit den Leuten selbst bereitest; deshalb lasse ich Dich nach Belieben
schalten und ertrage die Unbequemlichkeit, fortwhrend neue Dienstboten um uns
zu haben.
    Als ob Dich auch nur Etwas von diesen Unbequemlichkeiten trfe! als ob ich
nicht Alles auf mich nhme! Ich denke, Du kannst Dich nicht darber beklagen,
da Du je Deine gewohnte Bequemlichkeit entbehrst, da ich es Dich je empfinden
lasse, welche Plage die schlechten Leute sind! rief Caroline empfindlich, und
Alle schwiegen, bis Felix den Vater bat, den Garten zu verlassen, um durch die
Felder auf den Berg zu gehen.
    Der Vater war es gern zufrieden, inde die Mutter machte Einwendungen. Sie
frchtete die Wrme, den weiten Weg, lie sich aber dennoch berreden, ihres
Mannes Arm zu nehmen und die Ihrigen zu begleiten. Der Knabe lief frhlich voran
und bald hatte man die Hhe erreicht, von der aus sich ein weiter Blick ber die
groen Reichenbach'schen Besitzungen erffnete.
    Mige Hgelketten durchzogen das Land, bald mit ppigen Laubwldern, bald
mit wogenden Getreidefeldern geschmckt, die in goldiger Flle der Ernte
entgegenreiften. Dazwischen schlngelte sich von der Hhe ein Flchen hinab,
das im Thale einen Kupferhammer trieb und weiter hin einen hellen Teich bildete,
der, wie die blaue Wunderblume der Mrchenwelt, funkelnd und strahlend aus der
Tiefe hervorleuchtete. Glitzernd zitterten die letzten Sonnenstrahlen auf dem
ruhigen Gewsser und frbten mit brunlichem Golde die Spitzen der Bume, die
sich leise unter dem erfrischenden Wehen der Abendluft zu regen begannen. Die
ersten langgezogenen Finkenschlge tnten aus den Bschen, Sulen von
schwrmenden Mcken sonnten sich in der Luft, und Alles was lebte, schien sich
der schnen letzten Tagesstunde mit Glck bewut zu sein.
    Alfred blickte lange entzckt umher, schwelgend in Anbetung und Freude.
Caroline hatte sich auf einen Stein niedergesetzt, sie war mit den Bndern ihrer
Schuhe beschftigt. Ihr Mann lie sie ruhig gewhren. Pltzlich, als die Farben
immer tiefer wurden, als es berall heller leuchtete, rief er wie im
Selbstgesprch: Wie verdient man diese Welt? wie geniet man all diese
Herrlichkeit? Felix! siehst Du denn, mein Sohn, wie schn es hier ist? Siehst
Du, wie dort, wo Dein Schwan durch den Teich zieht, lange, lange Goldstreifen
sich spiegeln, als Widerschein des Lichtes? Da streichelt die Sonne mit goldener
Hand die feuchte, heie Wange der mden, entschlummernden Erde, und wnscht ihr
gute Ruhe und selige Trume, wie wir es mit Dir machen. Und die Erde wird still
und ruhig und trumt von Glck und Frieden! Wollte Gott, da morgen, wenn sie
erwacht, der Traum Wahrheit geworden wre, da - -
    Hier ist's aber vor Mcken nicht zu bleiben! fiel seine Frau ihm in das
Wort, und berhaupt mchte ich zurckgehen, mich drcken die Schuhe und ich will
auch der Haushlterin noch etwas sagen.
    So komm! sagte Alfred seufzend und, eine dstere Wolke des Unmuthes auf der
Stirne, trat er den Rckweg an, seine Frau am Arme fhrend, die sich fest und
schwer darauf lehnte und unablssig ber ihre unbequemen Schuhe klagte.

                                       II


Alfred war der Sohn adliger und edler Eltern. Den Vater hatte er wenig gekannt,
die Mutter, welche ihn mit vollster Hingebung erzogen, war gestorben, als er
kaum das Jnglingsalter erreicht hatte und Offizier geworden war. Von dieser
trefflichen Frau an ein geistiges Zusammenleben mit ihr gewhnt, fand er nach
ihrem Tode sich einsam und verlassen. Die lauten, wsten Kreise seiner Kameraden
zogen ihn nicht an und, in ein kleines Garnisonstdtchen versetzt, fhrte er ein
zurckgezogenes freudloses Dasein, bis ihm in der Liebe neue Hoffnung erblhte.
    Er hatte eine Wohnung in dem Hause eines adligen Subalternbeamten gemiethet,
dessen einzige Tochter, Caroline, fr das schnste Mdchen der Stadt galt, das
von den Launen einer jungen Stiefmutter viel zu dulden hatte. Alfred bedauerte
sie, wollte sie trsten, sie durch seine Theilnahme fr ihre Leiden
entschdigen. Whrend dieser Bestrebungen verwandelten sich allmlig sein
Mitgefhl und des Mdchens Dankbarkeit in Liebe, die sie sich mit der
Befangenheit der ersten Jugend gestanden.
    Beide waren neunzehnjhrig und schn. Alfred's Seele schmachtete
liebedurstig nach einem Ideale, und freigebig schmckte er in seinem Geiste das
junge Mdchen mit allen Vorzgen, die er in ihm ersehnte, die es nicht besa.
Kleine Mihelligkeiten, die oftmals vorfielen, wurden durch die Ksse und
Schwre der Vershnungsstunden ausgeglichen; es war ein Verhltni, wie viele
andere, das sich gleichblieb, bis Alfred die Garnison verlie, um die
Kriegsschule in Berlin zu beziehen. Eine Trennung, ohne sichere Aussichten fr
knftiges Wiedersehen, schien den Liebenden unmglich. Man entdeckte sich den
Eltern und, da dem Vater der stattliche Schwiegersohn, der Stiefmutter die
Verheirathung der Tochter willkommen war, erlangte das junge Paar die
Einwilligung der Eltern mit dem Versprechen, der begterte Vater wolle die
Verheirathung Carolinen's mglich machen, sobald der Lieutenant seine Studien
beendet haben wrde.
    In Berlin fand Alfred einen greisen Groonkel, der sich vterlich des
strebsamen Jnglings annahm. Er war Domherr, hatte an verschiedenen greren
Hfen gelebt und zeichnete sich ebenso sehr durch Geist und feine Sitten, als
durch ein starres Festhalten an den Grundstzen der katholischen Kirche aus. Von
ihm ward Alfred in die gebildeten, kunstsinnigen Kreise der Hauptstadt
eingefhrt; unter seiner Leitung suchte er auf jede Weise seinen Geist zu
bilden, und der Neigung fr Knste und Wissenschaft zu gengen, die er in seinen
frheren Verhltnissen nicht befriedigen knnen.
    Nachdem dies beglckende Verhltni ein paar Jahre gedauert hatte, starb der
Greis pltzlich und Alfred sah sich, unerwartet zu dessen alleinigem Erben
ernannt, in dem Besitze eines bedeutenden Vermgens. Freudig ward die Nachricht
der Braut verkndet und die Hoffnung baldiger Hochzeit daran geknpft; aber in
der Freude seines Herzens hatte der junge Mann eine Bedingung des Testaments
nicht beachtet, welche jene Aussicht noch in weite Ferne hinausschob.
    Das Testament verlangte, da Alfred sich nicht vor vollendetem
vierundzwanzigsten Jahre verheirathen, bis dahin in Berlin bleiben oder reisen,
und seine Braut nicht wiedersehen drfe, bis er nach erlangter Grojhrigkeit
die Erbschaft angetreten haben wrde, welche bis dahin fr ihn von den Domherren
des geistlichen Stiftes verwaltet werden sollte.
    Nur mit Widerstreben fgte sich das Brautpaar in das Unabnderliche.
Carolinen's Klagen ber ihre traurigen Verhltnisse zur Stiefmutter suchte
Alfred mit Schilderungen der glcklichern Zukunft zu beschwichtigen; whrend er
jetzt schon mit zrtlicher Gromuth bemht war, ihr Loos ertrglich zu machen
und dem sinkenden Wohlstande ihrer Eltern wieder empor zu helfen. Die reichsten
Geschenke, die ausfhrlichsten Briefe, die feurigsten Liebeslieder wurden ihr
gesendet; aber Nichts vermochte sie zu erheitern, Nichts sie von dem Verdachte
zu befreien, Alfred vergesse ihrer, und sein Wille msse die Hindernisse
berwinden knnen, die sich ihrer Verbindung im Augenblicke entgegenstellten.
Das sprach sie mit Bitterkeit in jedem ihrer Briefe aus und verminderte dadurch
die Sehnsucht, mit welcher er ihnen sonst entgegengeharrt hatte.
    Bald darauf trat er seine Reisen an. Er sah Lnder und Vlker und lernte den
Menschen verstehen, von dem Palaste des Herrschers bis hinab in die Htte des
Armen. Die Natur hatte ihm eine poetische Auffassungsgabe und eine schne
gestaltende Kraft verliehen. Es trieb ihn also, was er gefhlt und gedacht, fr
sich und Andere in bleibender Form fest zu halten und auf Zureden eines Freundes
gab er einen Band von Liedern und Gedichten heraus, die er in begeisterten
Stunden geschrieben hatte.
    Als er nach Verlauf einiger Jahre in die Heimath zurckkehrte, begrte ihn
das Mitgefhl des deutschen Vaterlandes, das die Versuche des jungen Dichters
wohlwollend willkommen hie; aber er entri sich schnell dem verlockenden
Treiben der groen Welt, um zu seiner Verlobten zu eilen.
    Wer jedoch beschreibt seine Empfindungen, als er die Ersehnte wiedersah? In
den bestndigen Reibungen mit der Stiefmutter, in den kleinlichen Verhltnissen
eines Landstdtchens war der mdchenhafte, jugendliche Reiz, der auch die
weniger begabten Frauen liebenswrdig macht, gnzlich entschwunden, und Alfred
fhlte sein Herz erstarren in dem Begegnen mit der Braut.
    Der Gedanke, mit ihr zu brechen, regte sich in ihm, aber er unterdrckte ihn
schnell; denn er hatte ihr sein Wort verpfndet, sie hatte ihre Jugend im
Vertrauen darauf durchlebt und ihr Vater war verarmt. Daneben wachte auch die
Erinnerung an die erste Zeit ihrer Liebe mchtig in ihm auf. Er whnte, Caroline
bilden, sie zu sich erheben zu knnen. In dieser Erwartung ward ihre Ehe
geschlossen, und noch am Hochzeitstage fhrte er die junge Gattin in sein
Schlo, das mit gebildetem Schnheitssinn fr ein poetisches Zusammenleben
eingerichtet worden war.
    Aber seine Hoffnungen tuschten ihn. Carolinen's Herz war nicht bse, es
fehlte ihr nicht an Verstand, sie liebte ihren Mann auf ihre Weise, aber sie war
kalt und herb, und Alfred entdeckte bald eine Kluft zwischen sich und ihr, die
sie weit von einander trennte. Die Weise, in der er, bei groer praktischer
Tchtigkeit, Welt und Leben geistig erfate, seine Bestrebungen fr Menschenwohl
im Groen, sein ganzes Wollen und Wirken lagen auer den engen Grenzen, in denen
der Geist seiner Frau sich bewegte. Seine ganze Richtung erschien ihr
phantastisch, sie fhlte, da sie ihm nicht folgen, ihm nicht gengen knne, da
er mehr verlange, als sie ihm sei. Das machte sie eiferschtig, launenhaft und
reizbar, und selbst die Geburt eines Sohnes brachte keine vollstndige
Annherung zuwege, obgleich beide Eltern mit gleicher Liebe an dem Kinde hingen.
    Husliches Unbehagen fhrte die Gatten vom Lande nach der Stadt, wo sie eine
Weile zu leben versuchten; Carolinen's Eifersucht trieb sie wieder auf das Land
zurck. In immer neuen Verstimmungen flossen die Jahre dahin, und die
Mihelligkeiten steigerten sich, seit die Erziehung des zehnjhrigen Sohnes die
religisen Ansichten der Eltern einander gegenberstellte. Alfred und seine Frau
waren beide katholisch; whrend aber Jener einem reinen Deismus huldigte, hing
Caroline streng an dem uern Kultus der rmischen Kirche und suchte, unter
Anleitung ihres Beichtvaters, eines Kaplan Ruhberg, vom Domstifte zu Maria-Gnad,
das in der Nhe des Schlosses lag, auch Felix zu dem uern Gottesdienste
anzuhalten, was ganz gegen die Ansicht ihres Mannes verstie.
    Caroline, an bestndigen Streit mit der Stiefmutter gewhnt, war gegen das
Verletzende der oft wiederkehrenden Zerwrfnisse zwischen sich und ihrem Manne
nicht allzu empfindlich, whrend sein feineres Gemth bestndig darunter litt
und bei jedem neuen Anlasse schmerzlicher blutete, so da das Leben an der Seite
seiner Frau ihm bald zu einer drckenden Brde wurde, gegen die er nur in
rastloser Thtigkeit Trost und Zerstreuung fand. Schulen und Fabriken wurden auf
seinen Gtern gegrndet, Noth und Elend schwanden von seinen Besitzungen, er sah
sich nach wenig Jahren von frohen, dankbaren Menschen umgeben und sein groer,
ererbter Reichthum nahm mchtig zu. Er wute, da er seine Pflicht that, und er
that sie gern.
    Aber je mehr er es fhlte, wie er in dem Gelingen dieser Bestrebungen, in
seinen dichterischen Erfolgen und vor Allem in dem frhlichen Heranwachsen
seines Sohnes, alle Mittel zu dem vollkommensten Glck besitze, um so
schmerzlicher entbehrte er in der Mutter dieses Knaben die gleichfhlende
Gefhrtin, die all das Gute mit ihm theilen sollte, und um so grer ward die
Entfernung, die ihn geistig von ihr trennte. Was blieb ihm also brig, als sich
endlich vor dem Unerreichbaren entsagend zu bescheiden? Alles, was er erlangen
konnte, war eine verhltnimige Ruhe, und diese strebte er also an. Er gab den
Launen Carolinen's so weit als mglich nach, lie sie in ihrer Neigung fr Luxus
gewhren, er aber lebte seinen Pflichten, seinen Arbeiten und seinem Sohne.

                                      III


Noch klang die Erinnerung an die letzten Streitigkeiten in Alfred's mimuthiger
Stimmung fort, als schon ein neues Unwetter an seinem Ehehimmel heraufzog. Er
hatte eine bestimmte Menge von Lebensmitteln festgesetzt, welche allwchentlich
an diejenigen Gutsinsassen vertheilt werden sollten, die durch Alter oder
Krankheit zur Arbeit unfhig geworden waren. Jahre lang hatte diese Maregel
ruhig fortbestanden, jetzt aber trat pltzlich der Verwalter mit der Frage an
ihn heran, wie er es knftig mit der Austheilung dieser Untersttzung zu halten
habe, da er mit dem dazu bewilligten Quantum nicht mehr auszureichen vermge.
    Woran liegt das, fragte Alfred, grade jetzt, wo der Gesundheitszustand bei
dem schnen Wetter vortrefflich und alle Welt bei der Ernte beschftigt ist? In
dieser Zeit pflegte doch sonst die Nothwendigkeit der Untersttzung sehr gering
zu sein und die Sommermonate muten den Winter bertragen helfen.
    Gndiger Herr! wendete der Verwalter ein, sonst hatten wir die wchentlichen
Sendungen in's Kloster Maria Gnad nicht zu machen.
    Nach Maria Gnad? In's Kloster? Was soll das heien?
    Ich meine die Sendung, die ich seit einigen Wochen dort hin schaffen mu.
    Alfred sah den Verwalter berrascht an, fate sich aber schnell, den
Zusammenhang errathend, und sagte: Ja so! - nun, ich will das berlegen. Ich
werde Ihnen morgen den Bescheid geben, wenn Sie in der Frhe zu mir kommen.
    Mit dieser Weisung empfahl sich der Verwalter und Alfred eilte zu seiner
Frau. Hast Du den Befehl gegeben, fragte er, regelmige Lieferungen von
Lebensmitteln nach Maria Gnad zu machen?
    Ich sehe nicht ein, entgegnete Caroline, die gerade Antwort umgehend,
weshalb Du allein Dir das Recht aneignest, Wohlthaten zu spenden; weshalb ich
nicht Theil an den guten Werken haben soll, auf meine Weise?
    Da Du nicht Theil daran nahmst auf vernnftige Weise, hat mich oft genug
verdrossen! entgegnete er ihr. Wie hufig habe ich Dir gesagt, Du knntest wahre
Wohlthaten thun auf unsern Gtern, wenn Du Deinen Einflu auf die Frauen der
Leute verstndig geltend machen wolltest. Du knntest mir die Hlfte der Arbeit
abnehmen, die mir die Gewhnung der Einwohner zu verstndigem Gebrauch ihrer
Mittel verursacht! Ich wollte Dich so gern als die Schpferin des Guten verehren
lassen, das hier allmlig geschieht. Immer bist Du mir dann aber mit kleinlicher
Sparsamkeit, mit pietistischen Bedenken entgegengetreten; und nun befiehlst Du,
ohne mich zu fragen, pltzlich Sendungen in das Kloster zu machen, die meinen
arbeitsamen Leuten entzogen werden, um drben die faulen Mnche fett zu fttern!
    Um von den frommen Herren an fromme, gottgefllige Christen vertheilt zu
werden, die sich durch christlichen Wandel des Beistandes wrdig machen, fiel
ihm Caroline fest ins Wort. So lange Du Deine Leute in dem unkirchlichen Leben
bestrkst, so lange Du sie ermunterst, an den heiligen Tagen zu arbeiten und die
Messe zu versumen, so lange kann Deine Wohlthtigkeit nicht die meine sein; und
sie wird auch keinen Segen bringen weil ihr der Segen des Himmels fehlt.
    Immer das alte Einerlei! rief Alfred verdrielich. Da ich doch endlich die
Mittel begreifen lernte, durch die alle Lehren der Pfaffen Eingang bei Dir
finden, whrend Du bei meinen Vorstellungen, meinen dringendsten Bitten taub
bleibst!
    Warum bleibst Du taub bei meiner flehentlichen Bitte, Felix, wenigstens im
Christenthum, von dem wrdigen jungen Manne unterrichten zu lassen, den Kaplan
Ruhberg uns vorschlgt?
    Weil ich nicht will, da man den gesunden Verstand des Knaben mit unklaren
Begriffen verdunkle; weil er ein verstndiger Mensch werden soll und kein
Heuchler, wie Ruhberg und sein Gehilfe es sind. Ehe ich diesen jungen Mann in
meinem Hause dulde, lieber -
    Lieber? - fragte Caroline spttisch.
    Zwinge mich nicht, das Hrteste zu sagen! rief Alfred, als der Diener
erschien und den Besuch einer adligen Dame von dem Nachbargute meldete.
    Sehr willkommen! sagte Caroline und ging freundlich, als ob nichts
Unangenehmes sie berhrt htte, der Gemeldeten entgegen, die gleich darauf
eintrat. Alfred hatte das Zimmer verlassen, er fhlte sich nicht gestimmt zu
gleichgltig heiterem Gesprch.
    Mit dem Gaste zugleich kam aber auch Felix herein. Sein glhendes Gesicht
strahlte vor Freude und er wollte eilig durch das Zimmer laufen, als die Mutter,
nachdem sie die Baronin begrt, ihn bei der Hand nahm und, ihn betrachtend,
ausrief: Aber um Gottes willen, Felix! wie siehst Du aus? Wo hast Du Schuhe und
Strmpfe gelassen? Wie hast Du Deine Blouse zugerichtet!
    Ich habe Ihren Sohn eine tchtige Strecke vom Schlosse gefunden, bemerkte
die Baronin, whrend sie dem verlegen schweigenden Knaben die Wange streichelte,
und ich habe ihn in meinem Wagen hierher gebracht, da er es doch wohl nicht
gewohnt ist, ohne Schuhe und Strmpfe einher zu gehen.
    Der ganze Unmuth Carolinen's, den der Streit mit ihrem Manne in ihr
zurckgelassen hatte, wendete sich nun gegen den Knaben. Was ist das wieder fr
ein gottloser Streich! rief sie heftig. Du machst mir nichts als Verdru und
Schande, Du folgst nie! Sehen Sie, Beste, wie er aussieht! Es ist der
ungerathenste Knabe von der Welt!
    Mutter! sagte Felix leise, der arme Junge sah so elend aus, er hat das
Fieber und einen lahmen schlimmen Fu. Ich dachte, der Vater wrde nicht bse
sein, es war wirklich nicht weit von hier, und er hatte bis nach Heindorf mit
dem schlimmen Fu.
    Und ich sage Dir, Du sollst Deine Sachen nicht jedem Bettelbuben schenken
und nicht barfu umherlaufen wie ein Bauernjunge! Mache, da Du hinauskommst,
und lasse Dich ankleiden, Du ungerathenes Kind! - Damit schob sie den Knaben
nach der Thre, mit so unvorsichtiger Heftigkeit, da er auf dem glatten
Fuboden stolperte und gefallen wre, htte nicht Alfred ihn in seinen Armen
aufgefangen, der hinzueilte, als er die keifende Stimme der Mutter in dem
Nebenzimmer hrte.
    Er hie die Baronin in gewohnter edler Form willkommen, aber Caroline
unterbrach ihn: Da siehst Du nun selbst einmal die Folgen Deiner genialen
Erziehung an dem Knaben! sagte sie. Fast eine Stunde vom Schlosse hat ihn die
gute Baronin gefunden und ihn in dem saubern Aufzuge hierhergebracht. Hieltest
Du ihm den Lehrer, den ich Dir heute wieder vorschlug, dann kmen solche Dinge
auch nicht vor.
    Der zurecht gewiesene Vater versuchte die Sache lchelnd und leicht
aufzunehmen. Ich finde in der That nicht, da der Knabe ein so groes Unrecht
gethan hat, sagte er. In der Umgegend umherzulaufen, haben wir ihm stets
erlaubt, da er fr seine Jahre selbststndig und vernnftig ist; und da er
einmal seine Schuhe aus Mitleid fortgab und eine halbe Stunde barfu einherging,
das wird ihm gar nichts schaden. Mag er sehen, wie es dem Armen thut.
    Ich meine auch, versetzte begtigend die Baronin, der dieser Auftritt
natrlich sehr unangenehm sein mute, Sie nehmen die Sache viel zu streng,
liebste Freundin! Ihr Felix darf mehr noch als andere Knaben eine gewisse
Ungebundenheit zeigen und seinen augenblicklichen Eingebungen folgen. Er ist ja
der Sohn eines Dichters und seine Augen sehen aus, als ob viel von dem
vterlichen Genius auf ihn bergegangen wre.
    Aber die vershnenden Worte der Baronin brachten eine ganz entgegengesetzte
Wirkung hervor. Caroline nahm es bel, da sie ihr nicht beistimmte, da, wie
gewhnlich, die Meinung der Fremden sich fr ihren Mann entschied.
    Wenn ich nur nicht dies ewige ein Dichter! hren mte! rief sie in einem
Tone, der nun ihrer Seits auch scherzhaft klingen sollte, whrend er die
uerste Gereiztheit verrieth. Wenn die Leute nur wten, wie unbequem solche
poetische Naturen im tglichen Leben sein knnen, wie die prosaische Umgebung
von der Poesie, von ihrer Freigeisterei, und von ihren Ueberspanntheiten
bisweilen leiden mu.
    Du schmeichelst mir eben nicht, Caroline! unterbrach sie Alfred, und die
Baronin bemerkte, man hre wohl, da Frau von Reichenbach nur scherze; aber sie
beachtete die Weisung nicht.
    O, ich schmeichle und heuchle nie! rief sie, und es ist, wie ich es sage,
glauben Sie mir das! Die Menschen werden durch die Poesien eines Dichters
entzckt; aber whrend er dichtet, fllt alle Sorge fr Haus und Hof, alle Noth
mit der Erziehung, alle husliche Plage auf die Frau, denn fr solche
Kleinigkeiten hat ein Dichter nicht Sinn und nicht die Zeit. Kommt er dann
endlich aus dem Studirzimmer heraus, so soll die poetische Welt auch im Leben
ausgefhrt werden; Alles, was nicht damit in Uebereinstimmung ist, heit
ungromthig, kalt und kleinlich. Gewi, Sie kennen das nicht.
    Caroline war so heftig erregt, da ihre Stimme zitterte, die Baronin, welche
es nicht wissen konnte, da vor ihrer Ankunft ein lebhafter Streit stattgefunden
hatte, war in der peinlichsten Verlegenheit. Alfred's Farbe wechselte whrend
dieser Scene mehrmals schnell, doch versuchte er seinen Zorn niederzukmpfen und
der Sache eine schicklichere Wendung zu geben. Mit erzwungenem Lcheln sagte er:
Da sehen Sie, gndige Frau! wie unsere kleine poetische Glorie bei nherer
Betrachtung ein Feuer ist, das alles husliche Glck verzehrt! Inde ist es wohl
nicht so arg. Es wre ja zu traurig, wenn Das, was unser Glck ist, zur Plage
unserer Lieben wrde. Meine Frau fllt mir ins Fach, sie dichtet heute ein wenig
und bertreibt dabei wohl etwas.
    Die Baronin ging auf diese Wendung ein, aber die qulende Spannung der
Einzelnen lhmte jede Unterhaltung. Alfred war verstimmt, Caroline blieb gereizt
und bitter, und die Baronin entfernte sich, sobald es in guter Weise mglich
war.
    Alfred eilte auf sein Zimmer, nachdem er sie zu ihrem Wagen geleitet, und
ging in strmischer Bewegung umher, wie es seine Art war, wenn ein Ereigni ihn
schmerzlich beschftigte. Mehrmals blieb er stehen, den Kopf gegen die
Fensterscheiben gesttzt, und sah sinnend in die Gegend hinaus. Dann setzte er
die frhere Bewegung wieder fort, ging an die Thre, um die Glocke zu ziehen,
aber pltzlich zgernd lie er die Schnur aus der Hand entgleiten, trat zurck
und warf sich in den Sessel, der vor seinem Schreibtische stand.
    Hier sa er, in Gedanken verloren, lange Zeit, bis er sich pltzlich
aufraffte, die Klingel zog, dem Diener befahl, die gndige Frau zu ihm zu
bitten, und dann, sie erwartend, auf's Neue in tiefes Nachdenken versank.
    Carolinen's Erscheinen machte ihn erbleichen. Du hast mich rufen lassen, was
willst Du von mir? fragte sie mit Eisesklte.
    Habe die Gte, Dich zu mir zu setzen, bat er sie.
    Die uere Ruhe ihres Mannes bei sichtlicher innerer Erregtheit erschreckte
sie, und theils, um sich Muth zu machen, theils auch ihr frheres Betragen
bereuend, rief sie: Um Gottes willen, lieber Alfred, nur keine Ermahnung, sage
einfach, was Du willst, und mach' es kurz!
    Dabei legte sie ihren Arm um seinen Nacken und neigte sich zu ihm, als ob
sie ihn kssen wollte, aber er wehrte es ihr leise und sagte sehr ernsthaft: Die
Zeiten sind vorber, in denen eine Liebkosung mich mit Deinen Fehlern vershnte.
Ich bin es herzlich mde, mich und den Knaben von Dir tyrannisiren zu lassen,
ich bin es mde, jeden Freudenbecher, den das Leben mir bietet, durch Dich in
Wermuth verwandeln zu sehen. Wir werden uns trennen!
    Sie sah ihn in sprachloser Erstaunung an. Sein Ernst lie sie das Schlimmste
frchten, aber sie wnschte von Herzen, sich zu tuschen, und sagte mit
erzwungenem Lcheln: Soll das ein Kapitel aus Deinem neuen Roman sein? Es klingt
sehr traurig.
    Scherze nicht! entgegnete er ihr, es ist das entscheidende Kapitel unseres
Ehestandes.
    Aber was ist denn geschehen? rief sie, was bringt Dich gerade heute mit
einem Mal so pltzlich auf?
    Die Ungerechtigkeit und die Hrte, welche Du heute wieder gegen den Knaben
und gegen mich begangen hast. Sage selbst, was hatte ich Dir gethan? Warum hast
Du das Kind, und obenein im Beisein einer Fremden, so hart gescholten?
    Weil er wieder wie ein Bauernjunge mit zerrissenen Kleidern nach Hause kam,
weil er gar nicht mehr zu bndigen ist, gegenredete die Mutter, den ersten Theil
der Frage geschickt umgehend. Aber das sind die Folgen Deiner ewigen Lehren von
der allgemeinen Gleichheit der Menschen, von der wahren Barmherzigkeit. Nun
siehst Du selbst, wohin das fhrt. So mitten unter allem Gesindel lt kein
Edelmann seine Kinder aufwachsen, so verkennt Niemand als Du, was er seiner
Stellung schuldig ist.
    Und das sagst Du mir?
    O! Du brauchst mich nicht zu erinnern, da ich Dir eine glnzendere Stellung
verdanke, als ich sie zu Hause gehabt; ich wei wohl, da es Dich oft genug
gereut hat, die arme Registratorstochter geheirathet zu haben. Obgleich mein
Vater so gut ein Edelmann war, als Du, hast Du Dich meiner doch von je geschmt.
    Caroline! das sagst Du mir? fragte Alfred nochmals. Dann nahm er sie bei der
Hand, fhrte sie zu dem Sopha, setzte sich neben sie und sagte mit befehlendem
Ernst: Jetzt unterbrich mich einmal nicht! - Ja! Du hast wahr gesprochen, wahrer
als Du weit. Ja! ich schme mich Deiner, ich habe mich Deiner oft geschmt,
aber nicht um Deines armen, wackern Vaters willen, den ich hochgeschtzt, wie
alles Tchtige, das weit Du wohl. Ich habe mich Deiner geschmt, wenn Du in
ungezgelter Heftigkeit den Unfrieden unserer traurigen Ehe fremden Blicken
preisgegeben hast, wie heute; wenn Du in blinder Eifersucht Dich und mich dem
Spotte unserer Bekannten aussetztest.
    Wei es nicht lngst alle Welt, da Du und ich nie gleicher Ansicht sind? Wo
steckt das groe Verbrechen, da ich dies heute halb im Scherze der Baronin
sagte, und Felix einen Verweis gab, den er reichlich verdient hat! unterbrach
sie ihn trotz seiner Warnung. Das thut jede Mutter; das thten all die
geistreichen Damen auch, die mir mit ihrer Anbetung fr Dich, als wir in der
Residenz waren, Dein Herz entfremdeten. Das htte auch Deine Freundin, das htte
jene Baronin auch gethan, die Dir vor unserer Verheirathung wie ein Ideal
erschien, im Gegensatz zu mir, und deren Bruder Dich zu allen Deinen poetischen
Thorheiten verleitete.
    Alfred fuhr auf und seine Hand ballte sich krampfhaft zusammen, doch sagte
er ruhig: Therese Brand, die Du vermuthlich meinst, war eben so wenig Baronin
als Du, aber eine sehr edele Natur, die mit lebhaftem Gefhl die Dichtungen
begriff, welche ich Dir aus vollem Herzen weihte, und die Du nicht empfandest.
Da ihr Bruder Julian mich zum Drucke jener Gedichte berredete, war keine
Thorheit; aber von dem Allen ist jetzt die Rede nicht.
    Und hat er Dich nicht mit Gewalt bereden wollen, mit mir zu brechen? Habe
ich nicht selbst den Brief gelesen, als Du einmal Deine Brieftasche bei uns hast
liegen lassen? Er meinte, wir paten nicht fr einander, Du seist zu jung zum
Heirathen, Du solltest mich aufgeben, mir eine reiche Mitgift aussetzen, damit
ich bald einen andern Mann fnde. Daran htte es mir auch ohne eine Mitgift
nicht gefehlt, und vielleicht wre es besser fr mich gewesen.
    Alfred entgegnete ihr keine Sylbe; es entstand eine lange Stille, denn
Caroline fand nicht den Muth, das Schweigen zu brechen, das drckend auf ihr
lastete. Endlich that es Alfred.
    Nach dieser Aeuerung, Caroline! sagte er sehr ruhig und bestimmt, obschon
in seinem Antlitz seine innere Erregung klar zu lesen war, nach dieser Aeuerung
und nach den Vorgngen der letzten Tage und Stunden, hoffe ich bei Dir auf keine
Einwendungen zu stoen, wenn ich Dir mittheile, was ich fr uns beschlossen
habe. Ich gehe noch heute nach der Stadt, werde dort bleiben und Felix, dessen
Erziehung dies ohnehin erheischt, nachkommen lassen. Du magst ber Deine Zukunft
bestimmen, Dich einrichten, wie es Dir wnschenswerth scheint, nur nach Berlin
komme fr das Erste nicht. Darum bitte ich Dich, es wrde uns die nothwendige
Trennung nur erschweren.
    Alfred! schrie Caroline im Tone des wahrsten Schmerzes auf, ist es denn
mglich, Du willst mich verlassen? Habe ich Dir je Anla gegeben, an meiner
Liebe zu zweifeln? Bin ich Dir nicht stets ein treues Weib gewesen?
    Erniedrige Dich nicht durch solch ein Lob! versetzte er. Was frommte Treue,
was galt Liebe, wo jeder Tag, jede Stunde mir Leid gebracht hat? Wir sind
unglcklich gewesen durch einander, so wollen wir uns trennen, um fern von
einander wenn nicht Glck, doch Ruhe und Frieden zu finden; um Felix dem blen
Einflusse zu entziehen, den unser Unglck auf ihn ausben mu, je mehr er es
begreifen lernt.
    Alfred! flehte sie weinend und warf sich an seine Brust, Alfred! ich bin die
Mutter Deines Kindes! Um unseres Felix willen vergib, vergib nur noch dies eine
Mal, und bleibe!
    Er aber machte sich sanft von ihr los und antwortete mit Thrnen in den
Augen: Ist es das erste Mal, da solche Auftritte zwischen uns vorfallen? Ich
wei, Du bist an mich gewhnt, Du liebst den Knaben, Du bist nicht bse, aber
wie oft hast Du mir schon gelobt, Dich zu ndern? Wie oft hast Du mir
versprochen, Deine Heftigkeit zu berwinden, Dich von dem Einflu des Kaplan
Ruhberg loszusagen, meinen Ansichten, meinen Wnschen Gehr zu geben, wie ich es
stets mit den Deinen that? Ist es anders geworden trotz aller Deiner
Versprechungen?
    Sie schwieg, getroffen von der Wahrheit in den Worten ihres Mannes, und
dieser fuhr fort: Glaubst Du, da mir nicht das Herz blutet, jetzt, da ich von
Dir scheide? Mit wie viel gutem Willen, mit wie redlichen Vorstzen fhrte ich
Dich in mein Haus! - Vielleicht war es unrecht, da ich es that, obgleich ich
fhlte, da Manches strend zwischen uns lag. Ich habe vielleicht zu viel von
Dir verlangt; verlangt, was Du nicht leisten konntest, und Du wrst glcklicher
mit jedem andern Manne geworden, wie Du vorhin sagtest - das knnte sein und das
wre hart!
    Eine neue Pause entstand. Caroline weinte laut, Alfred ging wieder im Zimmer
umher, endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte mit gepreter Stimme:
Der Verwalter hat meine Befehle fr die nchste Zeit. Felix werde ich nicht
sehen in diesem schweren Moment, sei nicht zu streng gegen ihn. Dann schritt er
der Thre zu, kehrte zurck, bot seiner Frau die Hand und sprach: Vergib mir,
wenn Du so viel gelitten hast als ich, und versuche es, glcklicher zu werden.
    Damit verlie er das Zimmer, sein harrender Kammerdiener warf ihm den Mantel
ber, er stieg in den Wagen, seine raschen Pferde brachten ihn zu der nchsten
Station, von dort wollte er mit Postpferden nach der Residenz fahren.
    Caroline blieb betubt zurck; dann holte sie ihren Sohn, den sie mit
Zrtlichkeit berhufte. Auf seine Fragen, ob der Vater ausgefahren, ob er bald
wiederkomme, antwortete sie bejahend, denn sie glaubte zuversichtlich an die
Rckkehr ihres Mannes. Sie kannte sein weiches Herz, und sie hatte nicht so
schwer durch ihre unglckliche Ehe gelitten, als er.

                                       IV


Alfred fuhr die ganze Nacht hindurch. Er konnte nicht schlafen, denn sein Gemth
war zu aufgeregt durch das Scheiden von seiner Frau; all seine Gedanken wendeten
sich der Heimat zu. Er sah seine Frau weinen, seinen Sohn nach dem Vater
verlangen, das kleine Arbeitscabinet leer. Eine tiefe Wehmuth berfiel ihn, und
wieder und immer wieder gedachte er prfend der letzten Jahre, um sich zu
berzeugen, da der Schritt nothwendig, ja da er unerllich gewesen sei, den
er am Abende gethan hatte.
    Diese Ueberzeugung beruhigte ihn allmlig, so da er mit einer Art von
Heiterkeit und mit einem Gefhl von Freiheit in die Natur hinausblickte, als ein
frischer Windhauch seine Stirne khlte und der junge Morgen die Erde
beleuchtete. Es war ihm, wie in jenen Tagen erster Jugend, in denen man bei
jedem Schritte aus dem gewohnten Kreise besondere Begebenheiten erwartet und
Abenteuer trumt; und wirklich bereitete sich, whrend er ber sich lchelte,
ein ganz artiges Ereigni fr ihn vor.
    Eine halbe Stunde nher zur Residenz fuhr ebenfalls ein eleganter, von
Postpferden gezogener Reisewagen auf der Chaussee. Die Fenster desselben waren
geschlossen, Postillon und Diener waren eingeschlafen, die Pferde gingen ruhig
den oft gemachten Weg. Pltzlich, als die Strae sich senkte, trat das eine
Pferd ber die Deichsel und fiel nieder. Das erweckte den Postillon, er zerrte
an den Zgeln, um das Thier zum Aufstehen zu bewegen, das sich in vergeblichen
Bestrebungen hin und her warf. Man hrte ein leises Knacken und der Postillon
erklrte fluchend dem inde erwachten und abgestiegenen Diener, da die Deichsel
zerbrochen sei.
    Da fielen zu beiden Seiten des Wagens die Fenster nieder und aus jedem sah
ein Frauenkopf hervor. Whrend aber die eine Dame verwirrte Fragen an den
Postillon richtete, befahl die andere, ihr den Wagenschlag zu ffnen, und stieg
aus. Sie berzeugte sich bald von der Unmglichkeit, den Wagen zur Weiterreise
herzustellen, erfuhr, da man etwa in der Mitte der Station, also eine Meile von
den beiden nchsten Posthusern entfernt sei, und fate den Entschlu, in
Begleitung des Dieners bis in das nchste Dorf zu gehen und nachzufragen, wie
man sich dort helfen knne.
    Whrend dessen hatte sich die andere Dame ganz ruhig in die Wagenecke
zurckgelehnt und schien wirklich noch zu schlummern, als die Ausgestiegene sie
freundlich zu ermuntern strebte. Komm Eva, komm! sagte sie, wir wollen uns auf
den Weg machen! Wir mssen vorwrts! Es hilft uns Nichts.
    Auf den Weg machen? - Gehen? - fragte Eva, wir Beide allein, hier in der
fremden Gegend, das ist ja unmglich!
    Der Wille ihrer Freundin mute aber wohl bestimmenden Einflu auf sie ben,
denn trotz ihrer Einwendungen schickte sie sich an, den Wagen zu verlassen,
nachdem sie sich fest in den rothen Plaidmantel gehllt, die seidene Capotte
aufgesetzt und sich berzeugt hatte, da das Spitzenhubchen nicht vom Schlafe
gelitten htte. Die ltere der Beiden lie darauf den Wagen schlieen, befahl
dem Postillon zur Bewachung desselben zurckzubleiben und schritt dann ruhig,
Eva's Arm in den ihren legend, von dem Diener begleitet, die Poststrae hinan.
    Sie schien mit rechter Wonne des schnen Morgens zu genieen, whrend Eva
ber den Thau, ber Ermdung und ber tausend andere Unbequemlichkeiten klagte,
und endlich ganz vergngt ausrief: Ach Gott sei Dank! da hre ich ein Posthorn,
da kommt gewi die Schnellpost, da knnen wir mitfahren, hoffe ich!
    Es fragt sich, ob Pltze fr uns frei sein werden, wendete die Freundin ein.
    Nun, wenn die Post voll ist, so sind doch gewi auch Herren darin, die uns
ihre Pltze abtreten. So ungalant wird doch kein Mann sein, da er in dem groen
Wagen vorberfhrt und uns auf der staubigen Chaussee zurcklt.
    Schnellpostreisende pflegen Eile zu haben, entgegnete Therese, und kein
Gewerbe von ritterlicher Galanterie zu machen. Zudem scheint mir das nicht das
Signal der Schnellpost, sondern das einer Extrapost zu sein, und damit werden
Deine Hoffnungen noch ungewisser.
    Das wre aber schrecklich! Ich bin so mde von dem Fahren in der Nacht. Ich
kann so weit nicht gehen, klagte Eva, von der pltzlichen Heiterkeit wieder in
ihre frhere Verstimmung zurcksinkend.
    Therese sprach ihr Muth ein, Eva hrte es schweigend mit an, und sie gingen
auf's Neue vorwrts, als das Posthorn abermals und ganz in ihrer Nhe ertnte.
Alfred's Wagen hielt vor ihnen, er stieg aus und begrte sie.
    Ich habe Ihren Wagen auf dem Wege liegen gefunden, sagte er, und von dem
Postillon gehrt, da Sie, meine Damen, mit mir dasselbe Ziel verfolgen. Wollen
Sie mir die Ehre erzeigen, meinen Wagen zu benutzen?
    Sie sind sehr liebenswrdig, sagte Eva.
    Sie haben aber in Ihrer Kalesche nur fr zwei Personen Platz, was wird aus
Ihnen? fragte Therese.
    Ich werde mich neben den Postillon setzen, mein Diener mag mit dem Ihrigen
uns bis in das nchste Dorf zu Fu nachkommen. Es wrde mir eine Freude sein,
Ihnen zu dienen. Mein Name ist von Reichenbach.
    
    Der Name schien Therese sehr angenehm zu berraschen. Sie sah Alfred mit
sichtlichem Vergngen an und sagte dann: Wie wre es, wenn wir Alle bis in das
nchste Dorf gingen, dessen Thurm wir schon deutlich sehen? In der groen Stadt
wird uns nicht leicht ein so frischer Morgen zu Theil werden. Finden wir im
Dorfe nicht die Mglichkeit, weiter zu kommen, ohne Herrn von Reichenbach zur
Last zu fallen, so wollen wir dankbar seinen Wagen bis zur nchsten Station
benutzen. Pltzlich, sich an Eva's Klagen erinnernd, fragte sie diese: Aber Du
mchtest wohl lieber gleich einsteigen, Eva? Du warst ermdet.
    Ich? Nicht im geringsten! antwortete diese ganz frhlich und munter, und in
Reichenbach's Begleitung machte man sich auf den Weg.
    Neben den Damen einhergehend, hatte er die Gelegenheit, sie nher zu
betrachten. Die ltere von Beiden war gro und schlank, aber nichts weniger als
schn. Weiches blondes Haar umgab in breiten Flechten eine edle Stirn, die mit
groen, dunkeln Augen dem Gesicht einen anziehenden Charakter gab. Ihr Teint war
zart doch farblos. Sie mochte fast dreiig Jahre alt sein und sah ruhig und
verstndig aus. Ihre sehr einfache Kleidung pate ganz zu ihrer Erscheinung und
fiel deshalb nicht als etwas Besonderes an ihr auf. Alfred war gewi, eine Frau
aus den hhern Stnden in ihr zu sehen, denn in ihrem Betragen gegen ihre
jngere Freundin lag das sichere Bewutsein einer Selbststndigkeit, die dieser
zum Schutze diente.
    Eva war sehr klein und das rosigste Bild der Jugend. Noch heller blond als
Therese, hatte sie schne blaue Augen, die bermthig froh in die Welt blickten.
Ihre kleine Stumpfnase, die ppigen Lippen waren nicht gerade regelmig schn,
aber das ganze Gesicht so voll blhenden Lebens, da man es, mit den tiefen
Grbchen in Wange und Kinn, hchst reizend finden mute.
    Auch war die muntere Eva es, die zuerst eine Unterhaltung begann. Es bleibt
immer ein mislich Ding, sagte sie, wenn Frauen allein reisen. Wie leicht
entsteht ein Unfall und dann steht man hilflos da.
    Und doch warst Du es gerade, die sich sehr darauf freute, ohne mnnliche
Begleitung zu sein, die sogar mit der Schnellpost und ohne Diener reisen wollte,
entgegnete Therese.
    O! das war nur ein Einfall, eine Laune, weil mein Mann immer behauptete,
Frauen knnten und drften sich nicht allein auf Reisen begeben.
    Ihr Mann? fragte Alfred verwundert, der sie fr ein Mdchen gehalten hatte.
    Mein verstorbener Mann, ich bin Witwe! erklrte Eva mit so viel Wehmuth und
Wrde, als sie in sich erzwingen konnte. Sie sah dabei aber so schalkhaft aus,
da Alfred und ihre Freundin wider ihren Willen lchelten.
    Sie haben, nahm die Letztere das Wort, uns Ihren Beistand angeboten, Herr
von Reichenbach, dessen wir, wie ich besorge, nthig haben werden; Sie mssen
also doch erfahren, wer wir sind. Meine Freundin ist Frau von Barnfeld, die
Wittwe des Majors von Barnfeld, und ich - sie hielt inne, sah Alfred freundlich
an und fragte: Erinnern Sie sich meiner nicht, habe ich mich denn so sehr
verndert?
    Therese, Frulein von Brand! rief Alfred lebhaft. Es ist mir unerklrlich,
da ich Sie nicht gleich erkannte; mir war der Ausdruck Ihrer Augen doch so
deutlich in der Seele geblieben, und ich hatte Ihrer erst neuerdings sehr oft
gedacht.
    Ich erkannte Sie gleich, sagte Therese, indem sie dem alten Freunde die Hand
bot, obgleich wir uns mehr als zehn Jahre nicht gesehen haben; denn so lange ist
es sicher her, seit wir uns in Berlin einst trennten.
    Gewi, antwortete er. Als ich drei Jahre spter dorthin zurckkehrte, war
Ihre verehrte Mutter schon gestorben, Julian an den Rhein versetzt und Sie ihm
dorthin gefolgt. Nun hoffe ich ihn in Berlin zu finden.
    Er ist augenblicklich nicht dort. Er hat diesen Sommer eine groe Reise
gemacht, von der er erst in diesen Tagen wiederkehren soll. Deshalb habe ich
Frau von Barnfeld berredet, mit mir aus dem Seebade auch etwas frher nach
Berlin zu gehen, damit Julian mich, wenn er kommt, schon wieder huslich
eingerichtet und in Ordnung findet.
    Von beiden Seiten freute man sich des unerwarteten Begegnens. Fragen und
Antworten folgten einander schnell. Sie waren so lange getrennt gewesen, da sie
viel nachzuholen hatten. Therese fragte, was Alfred nach Berlin fhre, ob er
lange dort verweilen werde? Er antwortete, da sein Sohn in dem Alter sei, in
welchem Schulbesuch fr ihn zum Bedrfni werde, und da die Erziehung seines
Knaben es ihm wnschenswerth mache, knftig in Berlin zu leben.
    Das ist schn, Herr von Reichenbach, das wird Julian sehr glcklich machen,
sagte Therese. Hoffentlich kehren uns dadurch die guten Stunden wieder, in denen
wir uns zuerst Ihrer Arbeiten erfreuen durften. Ich war freilich damals kein
zuverlssiger Richter, bin es wohl auch jetzt noch nicht, doch machte es mir
groe Freude, wenn Sie mich fragten: Ist es so gut? habe ich's so recht gemacht?
    Und Sie haben mir immer den rechten Weg gewiesen, weil Ihr angeborner
Schnheitssinn immer das Wahre und Schne herausfand! Es war mit die
glcklichste Zeit meines Lebens, und ich habe nie mit grerer Lust neue
Arbeiten gelesen, als vor Ihrer Mutter, vor Ihnen und vor Julian. Wir haben
recht frohe Stunden miteinander verlebt, sagte Alfred freundlich.
    Bis dahin hrte Eva ruhig zu, dann aber ertrug sie es nicht lnger,
untheilnehmend bei einer Unterhaltung sein zu mssen, und rief: O, bitte! kommen
Sie ein wenig aus der alten Vergangenheit in die Gegenwart zurck, zu der ich
auch gehre. Ich mchte Ihnen danken, Herr von Reichenbach, fr den Genu, den
mir Ihre Werke gewhrt haben. Mir ist, obgleich ich Sie nie vorher sah, als ob
ich in Ihnen auch einen alten Bekannten wiederfnde.
    Das ist das Schne in dem Leben eines Dichters, da er sich Freunde erwirbt
in weitester Ferne, wenn es ihm gelingt, jene Saiten zu berhren, die in jeder
Brust wiederklingen. Wir senden die Empfindungen unseres tiefsten Innern als
Gru der Menschheit zu, und sie beantwortet ihn mit offnem Herzen, mit
freundlichem Willkommen, wie Sie, meine gndigste Frau! Das ist eine groe
Freude, haben Sie Dank dafr, sagte Alfred.
    Bald darauf erreichte man das Dorf, fand, wie man es erwartet hatte, kein
gengendes Fuhrwerk und fgte sich mit guter Art in Alfred's Anerbieten. Die
Diener beider Herrschaften blieben zurck; man legte ein drittes Pferd vor die
Kalesche, das der Postillon bestieg, die Damen nahmen die Pltze in der
Kalesche, Alfred den Kutschersitz ein. Das Ungewohnte der Lage stimmte die drei
Reisenden sehr heiter. Unter Scherzen mancher Art erreichte man die Station und
lie sich von Alfred berreden, in derselben Weise seine Begleitung nach Berlin
anzunehmen, das nur noch ein paar Stationen entfernt war.
    Als die Damen einige Stunden mit Alfred zusammengewesen waren und
abwechselnd mit ihm und untereinander geplaudert hatten, sagte Eva zu ihrer
Freundin: Mir ist selten ein liebenswrdigerer Mann vorgekommen, als es
Reichenbach zu sein scheint; selbst Dein Bruder ist nicht so angenehm.
    Bist Du schon wieder wankelmthig? fragte Therese neckend. Gestern
erklrtest du mir, Julian sei, obschon er nichts weniger als hbsch, ja
eigentlich sogar hlich sei, der liebenswrdigste Mann, den Du noch je gekannt
httest.
    Das ist auch wahr! denn da Dein Bruder hlich ist, das schadet nichts,
sagte Eva lebhaft, ich liebe ihn dennoch. Er ist so geistreich, so
liebenswrdig, so herablassend - - Siehst Du, das ist es, das ist das Schlimme!
rief sie, sich pltzlich unterbrechend. Julian ist oft so gut, da man sich ganz
sorglos ihm gegenber gehen lt. Er gibt sich jedem Scherz, jeder
Persnlichkeit freundlich hin, aber er thut es, wie Jemand, der sich aus Gnade
dazu herablt. Whrend er ganz freundlich ist, zucken pltzlich seine Lippen,
er kann den innern Spott nicht mehr verbergen, er lacht ber die Andern und ber
seine Herablassung, und dann ist er mir unertrglich.
    Du solltest ihm das einmal sagen, liebe Eva!
    Ich habe ihm das oft gesagt, als ich ihn kennen lernte und er sein
Vetterrecht, ich wei nicht im wievielten Grade, dazu benutzte, mich hufig zu
besuchen. Ich mute mir Muth gegen Euch schaffen, ich hatte kindische Furcht vor
Julian's Spott und vor Deiner Ruhe. Ich konnte nicht begreifen, warum meine
selige Mutter, als auch sie mir starb, durchaus verlangte, da ich in Deiner
Nhe leben und Julian der Verwalter meines Vermgens werden sollte. Jetzt
freilich wei ich, da du mein guter Engel bist! - schlo sie, der Freundin die
Hand bietend, die sie herzlich drckte.
    In dem Augenblick wendete Alfred sich um und machte seine Schtzlinge darauf
aufmerksam, da man die Stadt schon sehen knne. Therese, die wie ihr
Reisegefhrte ein sehr scharfes Auge hatte, entdeckte gleich ihm die Thrme am
Horizonte. Die kurzsichtige Eva nahm ihr Glas zu Hilfe und klagte dann: Es ist
ein Unglck, da ich so klein bin, der groe Kutschersitz raubt mir die
Aussicht. Ich bin der lndlichen Freuden lngst satt gewesen, ich denke mit
Wonne an Berlin und nun kann ich es nicht einmal sehen.
    Alfred, um sie zufrieden zu stellen, bot ihr seine Hnde, sich daran zu
erheben und festzuhalten, falls sie aufstehen wollte. Das nahm sie an und wute
sich vor Freude nicht zu lassen, als auch sie die Stadt erblickte.
    Ach, rief sie der Freundin zu, mir ist unglaublich froh zu Sinne! Als ob uns
jetzt lauter Liebes und Gutes in Berlin begegnen mte und ganz Unerhrtes
obenein. Ich habe noch nie einen Winter in Berlin verlebt, ich denke mir diese
Blle, Feste und Concerte gar zu prchtig! Ich wollte nur, die Bume wren nicht
mehr so sommerlich grn und der Winter wre schon da!
    Sie Glckliche! sagte Alfred, und es war Eva, als ob er ihre Hnde leise in
den seinen drckte. Wer so wie Sie nur Freude erwartet und Feste trumt, dem mu
das Leben seine rosigste Seite gezeigt haben. Mge es immer so bleiben!
    Und Sie erwarten nichts? fragte sie ihn.
    Ich erwarte das Leben zu finden, wie es ist. Ernst mit gebieterischen
Anforderungen, mit viel Leid und Elend, viel Jammer und Schlechtheit, und doch
voll Freude und voll Groem und Erhabenem.
    Eva sah ihn befremdet an. Dann setzte sie sich nieder und versank schweigend
in Nachdenken, bis man die Stadtmauer erreichte. Alfred fuhr Therese erst nach
ihrer Behausung in der Wilhelmsstrae, dann ging es nach Eva's Wohnung unter den
Linden. Mit Freude hrte sie, da ihr Begleiter ganz in ihrer Nhe wohnen werde.
Er mute versprechen, sie gleich am nchsten Morgen zu besuchen, und man trennte
sich herzlich, wie alte Bekannte, weil die gemeinsame Reise die Fremden einander
nher gebracht und ber manche Frmlichkeiten fortgeholfen hatte.

                                       V


Am nchsten Morgen lie sich Alfred bei Frau von Barnfeld melden. Er fand sie in
einem Zimmer, das nach den Forderungen der Mode auf das glnzendste
eingerichtet, voll von gepolsterten Sopha's und Sesseln und so mit Bildern,
Kleinigkeiten, Blumen und Epheuwnden berfllt war, da es dem
Spielzeugschrnkchen eines verwhnten Kindes glich.
    Eva selbst lag in weiem, mit rosa Bndern geziertem Neglige auf einem
dunkelgrnen Plschsopha, das von einer Epheulaube beschattet war. Unwillkrlich
mute Alfred lcheln. Sie sah aus, wie jene Wachspppchen, die man in Nu- oder
Eierschalen verbirgt, und die uns, wenn wir die Hlle ffnen, aus grnem
Bltternetz rosig entgegenlcheln.
    Bei Alfred's Eintritt richtete sie sich ein wenig empor und sagte: Ich wei
wohl, Herr von Reichenbach, da ich Sie, als einen neuen, werthen Gast, mit mehr
Form empfangen mte; ich bin aber mde von der Reise und so froh, mich auf
einem ordentlichen Sopha von den lndlichen Divans des Seebades zu erholen, da
Sie Nachsicht haben mssen.
    Alfred bat sie, sich nicht stren zu lassen. Eine bejahrte Frau, die im
Zimmer mit weiblicher Arbeit beschftigt war, rckte ihm einen Sessel zurecht
und, nachdem er Platz genommen hatte, fragte ihn Eva: Wissen Sie es denn schon,
da der Prsident von Brand auch gestern und noch frher angekommen ist als wir?
Therese hat es mir heute sagen lassen. Damit ist ihr nun die Freude verloren
gegangen, den Bruder zu berraschen.
    So darf ich vielleicht hoffen, ihn bald bei Ihnen zu sehen? fragte
Reichenbach.
    Wo denken Sie hin! rief Eva. Julian schon am ersten Morgen seiner Ankunft
bei mir? Mit nichten! Da kommt erst das parfmirte Bad, ein langes Frhstck,
eine lange Freude mit der Schwester, die er anbetet, und dann die Aktenrevision
und dann die - - nun! davon spricht man nicht, so sehr sie auch zu des
Prsidenten Leben gehrt. Erst spt am Abend komme ich. Die Brocken seines
Geistes, die nach der Tagesarbeit brig bleiben, die wirft er mir dann im
Vorbergehen zu und denkt: Fr die Eva ist es eben noch genug. Er hat's im
Frhjahr, als ich nach Berlin zog, immer so gehalten.
    Erstaunt betrachtete Alfred die reizende Frau. Es schien, als ob sie
scherze, und doch lag eine Bitterkeit in ihrer Stimme, die ihm auffiel, so da
er begtigend sagte: Der glckliche Freund! wenn Sie ihn ahnen lieen, da Sie
ihn gern frher wiedersehen wrden, wie mte er eilen Ihren Wunsch zu erfllen.
    Glauben Sie das nicht. Er ist ja mein Vetter und das Prdikat ist ein
vollauf gengender Grund fr jedes Betragen. Ein junger Mann macht einem Mdchen
leidenschaftlich den Hof und man findet die Auszeichnung in der Ordnung, denn es
ist ja ihr Vetter. Ein Anderer ist rcksichtslos, beleidigend gegen eine Dame
und wieder sagt man entschuldigend: Mit einem Vetter nimmt man es nicht so
genau. Ich wollte, es gbe gar keine Vettern in der Welt.
    Aber Julian ist als Bruder so liebenswrdig, da -
    Eben! Das verschlimmert ihn noch als Vetter! unterbrach ihn Eva. Liebe
Werner, befahl sie dann der arbeitenden Frau, lassen Sie das Frhstck bringen.
    Frau Werner ging hinaus, den Befehl zu vollziehen, und Eva sagte zu Alfred:
Sie kennen ja den Prsidenten, da kann man offener gegen Sie sprechen. Auch
sagte ich Ihnen gleich gestern, Sie kommen mir nicht wie ein Fremder vor. Sie
sind mir durch Ihre Schriften, durch Julian's und Theresen's Erzhlungen wie ein
alter Bekannter und Freund. Sagen Sie mir, wollen Sie mir das sein?
    Alfred's Verwunderung stieg mehr und mehr; aber Eva war so hbsch, da er
dankbar die angebotene Freundschaft annahm und den neuen Bund mit einem Ku auf
die kleine Hand besiegelte, die Eva ihm reichte.
    Ich habe schon lange gewnscht, Jemanden zu finden, dem ich mittheilen
knnte, was mir das Herz bedrckt, meinte Eva. Glauben Sie mir, Herr von
Reichenbach, Julian und Therese machen sich unglcklich. Es ist wahr, Julian
betet Therese an. Er liebt sie wie ein Bruder und wie ein Vater zugleich. Diese
Liebe ist aber der Grund, da Therese nicht die Nothwendigkeit begreift, sich zu
verheirathen, wozu es hohe Zeit wre, denn Therese mu fast dreiig Jahre alt
sein. Andrerseits hlt ihre Anwesenheit im Hause auch Julian vom Heirathen ab
und - eine Frau darf das wohl sagen - dadurch kommt er zu solchen Verbindungen,
wie die mit der Harcourt, durch die er sich zum Stadtgesprche macht. Das thut
mir weh und macht gewi auch der Schwester Kummer, obgleich sie nie darber
spricht. Dagegen sollen Sie Rath schaffen, Herr von Reichenbach, das sollen Sie
ndern.
    Da schrie der Papagei, der whrend des Sprechens von seiner Stange herab und
auf Eva's Schultern gestiegen war, sein: Eva! Eva! die Kanarienvgel
schmetterten dazwischen und das Wachtelhndchen, das bis dahin ruhig zu den
Fen seiner Herrin gelegen, verlangte durch tausend Liebkosungen
Aufmerksamkeit. Eva ward pltzlich von ihrer ernsten Unterhaltung abgezogen, das
Frhstck erschien, sie machte mit groer Zrtlichkeit Alfred's Wirthin, theilte
mit Coco und dem Hndchen ihr Biscuit, trieb tausend Possen und hatte ihre
beglckenden Absichten fr Julian und Therese darber ganz und gar vergessen.
    Bald darauf empfahl sich Alfred, von Eva mit vielen unwesentlichen
Bestellungen fr Therese beauftragt.
    Als er nun allein den Weg zur Wohnung seines alten Freundes antrat, dachte
er an das eben Erlebte zurck und vermochte sich Eva's Wesen nicht zu erklren,
wenn er nicht annahm, da sie, sich selbst unbewut, eine Leidenschaft fr den
Prsidenten nhre, der nach ihren Schilderungen noch ganz der alte Epikurer
sein mute.
    So reizend Eva war, so hatte doch Alfred sich unbehaglich bei ihr gefhlt.
Das Gerusch, das von der Strae herauftnte, erhht durch die Unruhe der
Thiere, und Eva's unsttes Wesen selbst, hatten ihm einen peinlichen Eindruck
gemacht. Um so erquickender erschienen ihm die tiefe Stille und Ruhe im Hause
des Prsidenten, als er es erreicht hatte.
    Er fand Therese allein in groen, rumlichen Zimmern, die nach einem Garten
hinauslagen. Es war nichts Ueberflssiges, keine Modespielereien in dem Gemache,
aber es fehlte auch Nichts, das wahrer Behaglichkeit frderlich sein konnte. Die
Thren zwischen den Zimmern waren geffnet, so auch ein paar von Vorhngen
beschattete Fenster. Einzelne prchtige Kupferstiche zierten die Wnde,
fremdlndische Pflanzen einen Balkon, der aus dem Zimmer in den Garten fhrte.
    Therese war mit dem Ordnen verschiedener Gegenstnde beschftigt, die
whrend ihrer Abwesenheit von der gewohnten Stelle genommen sein mochten. Sie
empfing den Freund heiter, aber doch mit mehr Zurckhaltung, als sie ihm am
vorigen Tage auf der Reise gezeigt hatte. Alfred beklagte sich darber und
beschwichtigend sagte sie: Denken Sie nur, Herr von Reichenbach! welch lange
Reihe von Jahren zwischen unserer ersten Bekanntschaft und unserm Wiedersehen
liegt. Da bildet sich viel an dem Menschen aus, Eigenschaften und Fehler mancher
Art, man wird ein ganz Anderer, man kennt einander nicht mehr und noch nicht,
Sie haben mich gestern selbst uerlich nicht mehr gekannt. So kann es uns auch
geistig leicht geschehen; darum wollen wir uns nicht blind in ein ganz neues
Verhltni strzen, sondern es der Zeit berlassen, das alte Zutrauen
herzustellen, das sich gewi bald finden wird.
    Alfred mifiel diese Aeuerung. Ich will nicht frchten, sagte er, da Sie
eine Andere geworden sind, denn Sie waren gut. Ich fr mein Theil bin ganz der
Alte geblieben und brachte Ihnen und Julian die alte, feste Neigung entgegen. Es
wre traurig, wenn auch er der Zeit bedrfte, den Freund in mir
wiederzuerkennen.
    Indem trat Julian ins Zimmer und die Herzlichkeit, mit der er Alfred
bewillkommte, verscheuchte jeden Zweifel desselben. Die Freunde muten sich viel
zu sagen haben, Therese entfernte sich also unter dem Vorwande huslicher
Geschfte.
    So fanden Julian und Alfred sich nach vieljhriger Trennung zuerst wieder
allein, und es konnte kaum eine grere Verschiedenheit geben, als das Aeuere
dieser beiden Mnner sie darbot. Alfred hatte die edeln, regelmigen Zge, die
man oft bei den alten Familien des deutschen Adels findet. Eine schne krftige
Gestalt ber Mittelgre und dunkelblaue Augen bei reichem, dunklem Haar, das
mit einem ppigen Bartwuchs sein Gesicht umgab, machten ihn zu einer eben so
anziehenden, als schnen Erscheinung. Er sah jung aus, wenngleich leichte Falten
auf der Stirne von tiefem Denken und langer geistiger Thtigkeit zeugten.
    Julian hingegen war, wie es Therese und Eva bereits gesagt, entschieden
hlich. Sehr gro und mager, trug er sich ein wenig gebckt. Schwarzes, schon
mit Grau gemischtes Haar fiel auf eine sehr edle, hohe Stirn herab, unter der
groe schwarze Augen geistreich hervorblickten, obgleich eine Brille ihr Feuer
migte. Starke Backenknochen, eine stumpfe Nase, Lippen, in denen Lavater ein
sinnliches Temperament erkannt htte, gaben ihm etwas von der Physiognomie eines
Mulatten, und sein Gesicht trug in stark ausgeprgten Zgen die Spuren eines
leidenschaftlichen Charakters und reichen Lebensgenusses. Er sah kalt und oft
spttisch aus, wie ihn Eva geschildert hatte. Alfred fand ihn sehr gealtert,
obgleich Julian erst in der Mitte der Vierziger sein konnte.
    Nach den ersten herzlichen Begrungen fragte Julian: Was fhrt Dich endlich
einmal nach der Residenz und wie lange wird man Dich hier behalten?
    Ich denke in Berlin zu bleiben, fr jetzt wenigstens.
    Mit Frau und Kind? das ist vernnftig.
    Mein Felix kommt mir nach, meine Frau nicht, sagte Alfred.
    Deine Frau nicht? fragte Julian pltzlich ernst geworden, was soll das
bedeuten?
    Es bedeutet, antwortete Alfred seufzend, da ich mich nach langer
Ueberlegung und bitterm Kampfe von meiner Frau zu trennen gedenke.
    Also doch! sagte Julian. Armer Freund, das wird Dir schwer werden, wie ich
Dich kenne. Also doch! - Und immer noch Eifersucht und all die Qulereien, die
Dir schon in den ersten Jahren Deiner Ehe Noth gemacht?
    Vor Allem die Unmglichkeit, neben einer Frau zu leben, mit der ich in
keiner Beziehung bereinstimme, der mein ganzes Seelenleben fremd bleibt.
    Es entstand eine Pause, dann zuckte ein leichtes, mephistophelisches Lcheln
um Julian's Lippen und er sagte: Und da kommst Du nun nach Berlin, um Dich hier
mit unsern Schnen in dem Strudel der Residenz von dem einsamen Landleben zu
erholen? Das ist natrlich und vernnftig.
    Du irrst, das ist nicht der Grund. Du weit, das ist es nicht. Ich kam her,
um mir Ruhe zu schaffen vor tglicher Plage, um Menschen zu finden, mit denen
ich geistig leben kann, um Herz und Geist an Edlem und Schnem zu erfrischen.
    Aber was soll Dir das Kind dabei? fragte Julian; soll das auch erfrischt
werden und Menschen finden, Du lieber Phantast?
    Es soll dem katholisch-pietistischen Eifer, dem Einflu der Mutter
berhaupt, entzogen werden, antwortete Jener. Das Erste, was mir hier zu thun
obliegt, ist, einen Gouverneur und eine Schule fr den Knaben zu whlen.
    Ich wrde den Knaben, der an Einsamkeit gewhnt ist, nicht gleich einer
ffentlichen Anstalt anvertrauen, wendete Julian ein, um von der ersten
Unterhaltung abzulenken. Aber ehe Alfred Zeit zur Antwort gewann, erschien ein
Diener, der dem Prsidenten ein Billet in buntverziertem Couvert berbrachte.
Dieser, der sehr kurzsichtig war, fhrte es nahe an die Augen und sagte
kopfschttelnd, nachdem er es betrachtet hatte: Immer dieselbe
Geschmacklosigkeit! da sie sich so etwas nicht abgewhnen lassen!
    Dann las er den Inhalt und sagte zum Diener: Es ist gut, machen Sie meine
Empfehlung, ich werde kommen.
    Der Diener ging hinaus und Julian sprach lchelnd, indem er sich das
Rckenkissen zurechtlegte und die ausgestreckten Beine behaglich kreuzte: Das
Billet kommt von Sophie Harcourt, einer Franzsin, mit der ich liirt bin, lnger
als es sonst zu dauern pflegte. Sie ist hier bei dem Theater angestellt und ich
danke es ihr, noch einmal alle Thorheiten frher Jugend in vollem Ernste
durchgemacht zu haben. Sie galt fr sprde und ich war wie zu zwanzig Jahren,
wie ein Jngling in sie verliebt. Ich schlage Dir vor, Dich zu ihr zu fhren.
    Und Deine Eifersucht lt das zu? oder bin ich schon so ungefhrlich? fragte
Alfred.
    Im Gegentheil! sie betet das Genie an und der gefeierte Dichter wird sie in
Entzcken versetzen. Aber wir - oder vielmehr ich - ich bin nun ber die groe
Leidenschaft fr sie hinweg. Sie ist ewig in Extase und ich bin der groen
affectvollen Scenen etwas mde. Das wird aufreibend mit der Zeit und ich she es
nicht ungern, wenn sie auswrts ein gutes Engagement fnde. Ich unternahm meine
Reise zum Theil, um sie an eine Trennung von mir zu gewhnen.
    Und was zwingt Dich, wenn dem so ist, gleich heute wieder in die alten
Fesseln?
    Die Furcht vor ihrer Rcksichtslosigkeit. Sie bildet sich ein, sie liebe
mich leidenschaftlich und ich mu es fast glauben. Kme ich nicht, so wre sie
im Stande, mich hier aufzusuchen. Das will ich vermeiden und - die Fesseln sind
denn doch so drckend nicht. Ich wollte sie schon noch eine Weile tragen, sie
sind mir in der Gewohnheit sogar lieb geworden; aber ich mchte sie in ein
ruhiges bequemes Band verwandeln. Nur da ich tglich von Leidenschaft hren
soll, da sie verzweifelt, wenn sie mich in irgend einer andern Verbindung
vermuthet, das ist mir lstig. Du spartest mir in der That eine Menge Vorwrfe
ber mein langes Ausbleiben, ber mein Nichtschreiben, wenn Du mich zu ihr
begleiten wolltest.
    Alfred lachte laut auf. Julian! aber Julian! rief er, wie bist Du der Alte
geblieben, ganz und gar. Dieselbe Eitelkeit, dieselbe Furcht vor peinlichen
Errterungen, wie frher. Ist mir's doch, als wren wir wieder der Assessor
Brand und der Lieutenant Reichenbach geworden. Hast Du denn wirklich noch Lust
an solchen Theaterintriguen? Fhlst Du Dich noch glcklich in solchen
Verbindungen?
    Sehr glcklich! antwortete zuversichtlich der Prsident. Es sind die
einzigen, bei denen man nicht Gefahr luft, eine Laune des Herzens durch
lebenslngliches Elend abzuben. Im solid brgerlichen Leben verliebt man sich,
wird getraut und hat nun eine Frau, die man in tausend Fllen wenig kennt. Die
Braut schien ein Engel, denn sie wollte gefallen. Die Frau, deren Loos gesichert
ist, findet das nicht mehr der Mhe werth; der Mann, ebenfalls am Ziel seiner
Wnsche, lt sich in gleicher Bequemlichkeit gehen. Nach wenig Monaten leben
zwei Menschen, die mit einander leben sollten, nur noch neben einander und
vergehen vor Ueberdru und Gleichgltigkeit. Dies ist das treue Bild einer
rechtmigen Ehe! schlo er, mit seinem gewohnten spttischen Lcheln.
    Du malst es in Deiner Weise, mit dem Pinsel der Satire! meinte Alfred. Warum
schilderst Du grade eine unglckliche Ehe?
    Weil es mir im Allgemeinen an Vorbildern fr glcklichere fehlt; weil eine
Ehe auf gegenseitiges Verstehen, auf geistiges Zusammenleben gegrndet, zu den
Seltenheiten gehrt.
    Alfred schwieg und Julian fuhr fort: Wei eine Frau, da wir sie jeden
Augenblick verlassen knnen, so denkt sie jeden Augenblick daran, uns zu
fesseln, scheint uns immer neu und reizend, und wir lieben die Schpferin
unseres Glckes, die dadurch ebenfalls glcklich wird. Dies ist der natrlichste
Erfolg vernnftiger Freiheit. Ich bin in der That gewi, da Sophie mich liebt,
ich habe nie an ihrer Treue gezweifelt, und sie ist mir, trotz meiner Klagen
gegen sie, unendlich werth.
    Aber Du shest es nicht ungern, wenn sie auswrts ein gutes Engagement
fnde, wie Du mir vorhin gesagt, meinte Alfred. Dies spricht nicht sehr fr die
Dauer Deiner Liebe, fr Deine Hingebung an sie. Wer sichert sie und Dich selbst,
da Du nicht jeder ungnstigen Aufwallung gegen sie nachgibst, da Du sie nicht
morgen verlssest, wenn es Dir angemessen scheint? wenn neue Reize Dich
verlocken?
    Ihre eigene Liebenswrdigkeit.
    Und wenn diese ihre Anziehungskraft fr Dich verliert?
    Dann werden wir uns trennen, sagte der Prsident sehr ruhig. Aber glaube
mir, weil Sophie das fhlt, bleiben wir glcklich und vereint. Wrst Du nicht
durch Eide an Caroline gebunden, wte sie sich nicht in sicherem Besitz, sie
wre vielleicht eine treffliche Frau geworden und ihr httet mit einander wie
die Engel gelebt.
    So wenig Alfred Ursache gehabt hatte, mit seiner Frau zufrieden zu sein, so
verletzte es ihn doch, Julian in dieser leichtsinnigen Weise von ihr und seiner
Ehe sprechen zu hren.
    Du selbst glaubst Deinen Worten nicht, mein Freund! sagte er, denn es liegt
Unedles, Unwahres darin. Wer Frauen so hoch zu schtzen vermag, wie Du Deine
Mutter geschtzt hast, Deine Schwester schtzest, der kann die Gattin allein
nicht zum Gegenstande genuschtiger Berechnung erniedrigen, der kann nicht die
treue, liebende Gefhrtin, die Mutter seiner Kinder zur Buhlerin entwrdigen
wollen, die man verstt, wenn man ihrer mde ist. In dem festen
Zusammengehren, in dem Bewutsein der Dauer, liegen die Heiligkeit, die
Schnheit der Ehe, die uns das Leid gemeinsam leichter tragen, Freude doppelt
genieen lassen und die vollste, edelste Entwicklung der menschlichen Natur zur
Blthe bringen. Wenn wir die rechte Wahl getroffen, eine Frau gefunden haben....
    Und wenn nicht? fiel ihm Julian ins Wort, wenn man die rechte Wahl nicht
getroffen hat? Dann bleibt nichts brig, als Leiden, vor denen man sich sichert
durch Ungebundenheit. Das Bewutsein der Freiheit wiegt in jedem Verhltnisse
alles Andere auf; sie ist das hchste, wahrste Glck!
    Wirst Du nie anders denken? Wird der genureiche Wechsel Dich dauernd
beglcken? Wirst Du bei Deinem feinen, lebhaften Gefhl, bei Deiner Eifersucht
nie nach einem treuen, jungfrulichen Wesen verlangen, deren ganzes Sein in Dir
begrndet ist? fragte Alfred sehr ernst und fgte hinzu: Ich frchte, Julian, Du
tuschest Dich ber Dich selbst und erheuchelst Dir ein Glck, das Du nicht
fhlst. Du bist zu stolz, einzurumen, da Du es vielleicht gesucht und nicht
gefunden hast.
    Du irrst! versicherte Julian. Ich habe Alles, was ich wnsche. Eine
Stellung, die mir zusagt; Therese, die ein seltenes Mdchen ist, zur treuen,
nachsichtigen Gefhrtin, eine bequeme Huslichkeit, eine reizende Geliebte und
niemals Langeweile. Mehr werde ich nie verlangen. Ich bin durchaus zufrieden und
gnne Andern das ruhige husliche Glck und die ehelichen Freuden.
    Bei Julian's letzten Worten kehrte seine Schwester wieder zu ihnen zurck,
gesellte sich zu den Mnnern und die Unterhaltung wendete sich bald auf die
erste Zeit ihrer Bekanntschaft zurck.
    Ich erinnere mich noch deutlich des Abends, sagte Julian, da ich Dich einsam
schreibend in Deinem Mansardstbchen fand und gegen Deinen Willen Deine
Schreiberei durchlas. Fr eine poetische Natur hatte ich Dich stets gehalten,
und der lyrische Lieutenant war mir oft ergtzlich gewesen, wenn er mitten in
den Orgien, denen unser Kreis sich damals berlie, sich hinweg sehnte nach Wald
und Flur, nach Ruhe und Stille. Nun ich Deine Verse las, begriff ich Dich
pltzlich ganz, ich rief Dir das Ich hab's gefunden zu. Ich sagte Dir, Du bist
ein Dichter, und ohne mein Dazwischentreten httest Du vielleicht noch lange
Deinen eigentlichen Beruf verkannt.
    Ich habe des Augenblickes spter selbst oft gedacht, sagte Alfred, und mich
gefragt, wann ich wohl eigentlich zu dichten angefangen habe? Ich konnte es aber
nie ergrnden, denn mein erstes Bewutwerden mag ziemlich mit dem ersten Dichten
zusammen gefallen sein. Wie das Meer seit dem Moment der Schpfung sich in
rastlosem Wechsel bewegt, wie es nicht existirt ohne Bewegung und in seiner Ruhe
noch den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen widerspiegelt, also auch in der Ruhe
noch Bilder des Himmels schafft, so ist es mit der Seele des Dichters. - Ich bin
mir jetzt noch schreckhafter Nchte aus meiner ersten Kindheit bewut, fuhr er
nach einer kleinen Pause fort, in denen ich unwillkrlich Das, was ich gehrt
hatte, weiter fortspann; von Krieg und Erdbeben, von dem Tode Derer, die ich
liebte, wachend trumte und es mir mit grlicher Genauigkeit ausmalte, weil ich
die Grenzen des Wahrscheinlichen von denen des Mglichen nicht zu sondern
vermochte. Die schreckhafteste Mglichkeit hielt ich immer fr Das, was sich
ereignen werde und msse.
    Und ist man frh auf Ihre Anlagen und Ihr Treiben aufmerksam geworden?
fragte Therese.
    Nein! antwortete Alfred. Die Qualen jener Nchte verschwieg ich, ohne zu
wissen, weshalb. Spter, als ich anfing, meinen Spielgenossen ganz wunderbare
Geschichten zu erzhlen, die mir oder meinen Eltern begegnet sein sollten, da
wurden die Eltern aufmerksam, schalten mich wegen der Unwahrheiten, die ich
erzhlt hatte, und drohten mit ernster Strafe, falls ich je wieder auf gleichem
Unrecht ertappt werden sollte. Daraus erwuchs mir neue Qual. Ich traute mir
selbst nicht mehr. Da ich nicht fr wahr ausgeben durfte, was sich an Ideen in
mir ausbildete, fing ich auch an, an Dem zu zweifeln, was ich wirklich erlebt
hatte. Aus dieser gnzlichen Verwirrung tauchte als unwiderlegliche Wahrheit
eine Geschichte in mir auf, in der Napoleon und mein Vater die Hauptrollen
spielten.
    Und war das eine wirkliche Begebenheit? fragte der Prsident.
    Nichts weniger als das, antwortete Alfred. Meine Kindheit fiel in die Zeit
nach den Befreiungskriegen, in der die Heldengestalt Napoleon's noch ganz im
Vordergrund der Ereignisse stand. Ich hatte sein Bild oft gesehen, mein Vater,
ein groer Bewunderer des Kaisers, sprach viel von ihm und war einmal in
amtlichen Verhltnissen in der nchsten Umgebung desselben gewesen. Vermuthlich
daraus hatte sich in mir eine lange Geschichte gebildet, die ich besonders gern
erzhlte. Ich behauptete, mich deutlich des Tages zu erinnern, an dem mein Vater
in einer gelben Carosse in groem Aufzuge dem Kaiser entgegen gefahren sei, ihm
auf rothem Sammetkissen die Schlssel der Stadt berreicht habe und was daran
sich noch fabelhaft und kindisch Erfundenes anreihte. - Diese Erzhlung
erreichte auch das Ohr meiner Eltern und zog mir, weil es meine groartigste
Erfindung war, auch die lang versprochene groartige Strafe in tchtigen
Schlgen zu. Dies war der Lohn und das erste Honorar fr mein erstes
Heldengedicht.
    Der Prsident lachte, Therese aber sagte: Es ist recht schlimm, da in den
Seelen der Kinder all ihre Empfindungen, ihnen selbst unklar, oft so lange
verborgen liegen. Wie mich ein krankes Kind immer noch mehr rhrt, als ein
Erwachsener in gleicher Lage, weil es bei zarterer Constitution tiefer leiden
mag, als Jener, und nicht sein Leid zu klagen vermag, so jammern mich Kinder mit
reichem Seelenleben doppelt, denn sie mssen davon gepeinigt werden. Wenn man es
nur verstnde, sie zu errathen, ihnen zu Hilfe zu kommen, man wrde vielleicht
manche groe Anlage entdecken, die jetzt verloren geht.
    Dies ist eine recht haushlterische Sorge, liebe Therese! neckte sie der
Bruder, es soll nichts umkommen, nichts verschwendet werden. Aber sei nur
unbesorgt, die Natur selbst ist die beste Haushlterin. Allem von ihr
Geschaffenen wohnt die Fhigkeit und der Trieb ein, alle Hindernisse zu
berwinden, alle Bande zu sprengen und durch tiefe Nacht zum rechten Lichte zu
dringen. Ein Talent, eine Anlage, die durch Verhltnisse unterdrckt werden,
verdienen kein Gedeihen. Dagegen ist es in der Natur des Genius, da er immer
und berall Sieger ist.
    Das glaube ich auch, bekrftigte Alfred. Es ist gar nicht nthig, den
Menschen in dieser Beziehung beizustehen, es ist mit ihnen grade wie mit den
Pflanzen. Wollen Sie eine Hyazinthe frh zur Blthe bringen, setzen Sie dieselbe
bestndig in das beste Licht, in die behaglichste Wrme, so wird allerdings eine
frhere Blthe Ihnen die Pflege lohnen, aber sie wird oft schwcher und
vergnglicher sein, als die, welche unter Nachtfrost und Schnee sich langsam,
reif und krftig, ohne andern Beistand als den eignen Trieb, aus dunkler Erde
ans Licht hervorringt. Da meine Eltern die Eisesklte der Zweifel und einen
kleinen Hagel von Schlgen ber mich ausgeschttet, hat mir gewi nicht
geschadet.
    Inde war es spt geworden, Alfred erhob sich und schickte sich an, die
Freunde zu verlassen, aber Therese und der Prsident baten ihn, den Mittag mit
ihnen einzunehmen, und Alfred lie sich willig dazu finden.
    In einem mig groen, von Bumen beschatteten Zimmer war der kleine Tisch
fr drei Personen gedeckt, mit Vasen voll frischer Blumen und einem schnen
silbernen Korbe geziert, in dem feines Obst so trefflich geordnet war, da es zu
einem Schmuck der Tafel wurde. Alfred uerte sein Wohlgefallen daran, man nahm
Platz und Julian sagte, whrend die ersten Speisen aufgetragen wurden, zu
Alfred: Du empfindest lebhaft fr das Schne, Du besingst es auf die wrdigste
Weise, wo es Dir begegnet, nur fr Eine Richtung geht Dir der Sinn ab und das
ist ein groer Mangel. Ich glaube, Du hast keinen Sinn fr die rechte
Bequemlichkeit, fr materielles Wohlsein.
    Du irrst! antwortete Alfred. Ich empfinde Unbequemes lebhaft und strend.
    Das glaube ich schon, denn Du mtest kein Mensch sein, wenn Du es nicht
empfndest, sagte der Prsident. Aber vom Empfinden des Unbequemen bis zum
tiefen, bewuten Genieen sinnlichen Wohlseins ist eine groe Entfernung. In
dieser Kunst, denn eine Kunst ist es, sollten die Alten unsere Lehrer sein.
    Es sieht aus, als ob Du schon nicht geringe Studien darin gemacht httest,
meinte Alfred, und ich finde, da Deine Schwester Deinen desfallsigen
Bestrebungen sehr umsichtig entgegenkommt.
    So ist es, besttigte Julian. Ich bilde mir viel darauf ein, mit Verstand an
dies Geschft zu gehen. Es ist mir heiliger Ernst, ein Theil meiner Poesie - ein
Theil meiner Religion sogar.
    Der Religion, Julian! wendete Therese tadelnd ein, die mchte mit Essen und
Trinken schwerlich etwas gemein haben.
    Doch, liebe Schwester! Wie willst Du, da sich der Mensch vortheilhafter von
dem Thiere unterscheide, wie willst Du, da er besser danke fr das
Geschaffensein und fr Das, was fr ihn geschaffen ist, als indem er es so
selbstbewut, so vollkommen geniet, als es ihm mglich ist. Die Griechen, die
einer reinen Gottanbetung viel nher waren, als wir, bekrnzten Haupt und Becher
mit Rosen und opferten Libationen, wenn sie an das hohe Geschft gingen, die
nothwendige Nahrung zu sich zu nehmen. Selbst in den Klstern lie man dem
Krper noch sein Recht widerfahren. Man legte sich Buen, Fasten auf, man
geielte sich, um nachher das Essen desto schmackhafter zu finden, um die
mangelnde Bewegung zu ersetzen, und die Tafeln waren mit hchster Sorgfalt
behandelt. Luther, ein an Krper und Geist durchweg gesunder Mensch, pries
begeistert Wein, Weiber und Gesang, und liebte eine gute Mahlzeit. Ueberall, wo
poetischer oder nur gesunder Sinn war, schtzte man materiellen Genu. Erst der
sptern, am Schreibtisch verkmmerten, kranken Zeit, erst den protestantischen
Gelehrten mit schwacher Verdauung, den schwindschtigen Pietisten gelang es, das
Essen als ein niedriges Bedrfni darzustellen; erst sie sind thricht genug
gewesen, die gesunde Sinnlichkeit ihrer angebornen Poesie zu entkleiden, dem
Krper sein Recht entziehen zu wollen.
    Dafr stehen denn auch in unsern Tagen solche wackere Kmpfer auf als Du,
Julian! sagte Alfred. Du solltest der Stifter eines neuen Cultus werden.
    Und wer sagt Dir, da ich es nicht mchte, wenn die Zeit reif dafr wre?
fragte Julian. Wre es denn nicht ganz poetisch, wenn man, von sinnlichem
Genieen ausgehend, endlich zu einer tiefgefhlten Anbetung des Schaffenden, zu
einer erhabenen Anschauung alles Erschaffenen gelangte? Wre es nicht schn,
wenn jeder Einzelne den Weg ginge, den das Menschengeschlecht ursprnglich
verfolgte, um zur Gotterkenntni zu gelangen? Uns sagt man: Gott hat die Welt
fr uns erschaffen, danke ihm dafr! Aber man hindert uns, seine Gaben zu
genieen, man sagt uns, das sei sogar sndhaft. Die Heiden genossen in vollen
Zgen, und dann in der Freude des hchsten Genusses fand sich das Danken von
selbst. - Ich bitte Dich, mein Freund, das berlege, das besinge einmal und Du
sollst mir der Knig der Dichter heien.
    Seine Zuhrer lachten und freuten sich sein, denn der Prsident besa
wirklich ein besonderes Talent, den Materialismus, dem er huldigte, zu veredeln.
Man mute ihn sehen, wie er sich zur Tafel setzte, sich das Haar von der Stirn
strich, als wolle er zugleich jeden unangenehmen Gedanken verbannen; wie er die
Brille zurechtrckte, die Serviette entfaltete und dann prfend und genieend
das Mahl einnahm, um seine Behauptungen gerechtfertigt zu finden.
    Aber hast Du denn ein wirkliches Vergngen vom Essen und Trinken? fragte
Alfred. Sobald ich das Bedrfni danach befriedigt habe, hrt fr mich der Genu
auf, es wird mir sogar lstig.
    Das Erstere, antwortete der Prsident, war eine ziemlich sonderbare Frage,
lieber Freund! Freilich habe ich eigentliches Vergngen daran und was die
Uebersttigung betrifft, so kommt die nur davon her, da man es als ein
Sattmachen, als eine thierische Ftterung betreibt. Wer, wie ein ordinairer
Mensch, nahrhafte, sttigende Kost it, der wird schlfrig nach dem Essen, der
wird fett und setzt sich einem Schlagflu aus. Anders Derjenige, der die
Mahlzeit knstlerisch behandelt, wie etwa ein Virtuose sein Concert. Dieser wird
Dich, wenn er sein Fach versteht, nicht mit groen Concertstcken, in wilder
Hast auf einander gehuft, belstigen. Er wird Dir abwechselnd Ernstes und
Heiteres, Schweres und Leichtes bieten, damit jeder Deiner Neigungen harmonisch
begegnet werde. Dasselbe verstndige Ma verlange ich von der Hausfrau, die eine
Mahlzeit anordnet. Licht, Wrme, Wohlgerche, Blumen und Gerthe in gehrigem
Verhltni', damit alle Sinne beschftigt, keiner vorzugsweise erregt werde, und
vor Allem Das, um was schon Faust den Mephisto anging, als er fast
Unerreichbares forderte: Speise die nicht sttigt. Wer so lebt, kann lange
leben und genieen. Er wird nie trge, nie stark werden und nie den Schlagflu,
sondern hchstens das Podagra zu frchten haben, das denn doch immer ein
aristokratisches Leiden ist.
    Gleichsam als bereue er die Anstrengung, welche ihm die Auseinandersetzung
verursacht hatte, lehnte sich der Prsident in den Sessel zurck und Alfred
sagte: Du bist freilich schon von Jugend an durch die ganz eigenthmliche
Zierlichkeit Deiner Mutter und Deiner Schwester an die geschmackvollste
Huslichkeit gewhnt worden! Ich habe daran oft gedacht!
    Vermuthlich, weil Ihre Frau denselben Sinn fr das Schne hat, als wir!
meinte Therese.
    Nein, weil er ihr fehlt! sagte Alfred. Aber er erschrak vor seiner
unwillkrlichen Aeuerung und meinte dann ablenkend, da Therese ihn betroffen
anblickte, ihre groe Sorgfalt fr Julian's Tafelgensse sei um so
lobenswerther, als Frauen an denselben gewhnlich keine Lust zu haben pflegten.
    Da irrst Du abermals, widerlegte ihn der Prsident. Meine Schwester hat
allerdings den Fehler, gleichgltig dagegen zu sein, aber unsere kleine Freundin
Eva ist es zum Beispiel ganz und gar nicht. Sie bedarf sehr wenig, um ihren
Hunger zu stillen, sie ist aber so begehrlich nach Leckerbissen und Nschereien,
wei sie so niedlich zu verzehren, da sie dadurch einen neuen Reiz fr mich
gewinnt.
    Sie ist auch darin ein wahres Kind, wendete Therese ein; doch ist das in
meinen Augen keine von ihren guten Eigenschaften, deren sie gar manche hat.
Finden Sie Eva nicht sehr schn, Herr von Reichenbach, und sehr anmuthig?
    Wenn ich die Wahrheit sagen darf, nein. Sie ist schon zu klein und zu
unruhig, um mir schn und anmuthig zu erscheinen. Ich kenne sie freilich erst
seit gestern, aber ich halte sie fr eine kleine Kokette, die Kindlichkeit
vorschtzt, um ihren Launen Duldung zu verschaffen.
    O, das ist schlecht von Ihnen, Herr von Reichenbach! schalt ihn Therese.
Unsere Freundin Eva ist in der That ganz so kindlich und kindisch, als sie
erscheint. Sie war das einzige Kind sehr reicher Eltern, die sie in jedem Sinn
verwhnten. Der Vater starb, die Mutter verheirathete Eva, das fnfzehnjhrige
Mdchen, mit dem Major von Barnfeld, einem Freunde ihres verstorbenen Mannes,
und man zog auf das vterliche Gut, um dort zu leben.
    Das Uebrige, sagte der Prsident, da Therese innehielt, folgt nun von
selbst. Mutter und Gatte verhtschelten die kleine Frau nun vollends um die
Wette, und Beide unterdrckten alle Selbststndigkeit in ihr. Zwischen
Kornblumenkrnzen, Nachbarstchtern, Vo' Idyllen, Landjunkern und andern
unschdlichen Dingen wuchs sie auf; lachend, wo sich Anla dazu bot, froh,
verheirathet zu sein, weil sie nichts mehr zu lernen brauchte, was ihr von jeher
verhat war, und sie hat denn auch gar nichts gelernt.
    Julian, das drftest Du am wenigsten sagen, der Du sie in ihrer Unwissenheit
so reizend findest! bemerkte ihm die Schwester.
    Mache ich ihr denn jetzt einen Vorwurf daraus? fragte der Prsident. Ihre
unglaubliche Unwissenheit ist fr mich ihr schnstes Lob in einer Zeit, in der
es lauter gebildete, geniale Frauen gibt, zur tdtlichen Plage fr den Mann. Eva
hat die seltensten Eigenschaften. Sie ist hbsch, gutmthig, reich und gar nicht
geistreich, also leicht zu beherrschen. Sie ist eitel, kindisch und naschhaft,
also bequem und leicht zu erfreuen. Solch eine Frau ist ein Phnix in unsern
Tagen.
    Seit wann lebt sie denn in Berlin? fragte Alfred.
    Noch nicht lange, erst seit dem Tode ihrer Mutter, antwortete Therese. Herr
von Barnfeld starb, als Eva achtzehn Jahre alt war. Die Mutter verkaufte die
Besitzungen und zog mit Eva in die nchste Stadt, und die kleine junge Wittwe
sah sich so von allen Mnnern umschwrmt, da sie wohl ein wenig bermthig
geworden sein mag. In Zerstreuungen und Huldigungen jeder Art lebte sie frhlich
fort, bis vor sechs Monaten ihre Mutter starb. Seitdem wohnt sie, nach dem
Wunsch der Verstorbenen, in unserer Nhe und Julian ist zu ihrem Vormunde
ernannt. Sie ist uns sehr lieb geworden und wird auch Ihnen gefallen, wenn Sie
hinter dem flchtigen Wesen einen tchtigen Verstand und das offenste Herz
entdecken werden.
    Unter diesen und andern Gesprchen verging die Zeit whrend der Mahlzeit
schnell, man stand auf und der Prsident fragte seine Schwester, welche Entwrfe
sie fr den Abend gemacht habe?
    Ich habe noch Einiges im Hause zu schaffen, sagte Therese, um erst wieder in
die gewohnte Ordnung zu kommen. Ist das beendet, dann will ich ganz still
ausruhen.
    So wirst Du mich nicht vermissen, falls ich vielleicht spter nach Hause
komme. Ich werde mit Reichenbach den Abend zubringen.
    Darauf trennte man sich, nachdem Alfred auf Julian's wiederholte Anfrage es
abgelehnt hatte, ihn zu begleiten, weil er noch fr einige Stunden Geschfte
habe, die er abzumachen wnschte.
    Therese ging nach der Entfernung der Beiden an ihre Arbeiten, aber
unaufhrlich dachte sie dabei an Alfred's Worte: Nein! weil er ihr fehlt! - Ob
Alfred's Ehe nicht glcklich ist? fragte sie sich und wnschte den Morgen
herbei, um von dem Bruder Auskunft ber diese Angelegenheit zu erhalten, die sie
lebhaft beschftigte.

                                       VI


Abends um die neunte Stunde ging der Prsident in ein stattliches Haus der ....
Strae, stieg zwei Treppen hinauf, ffnete mit einem Schlssel, den er mit sich
hatte, einen geschlossenen Corridor und trat bald darauf, ohne anzuklopfen, in
ein kostbar eingerichtetes Zimmer.
    Ein junger Mann in altfranzsischer Tracht stand am Fenster und sah auf die
Strae hinaus. Bei Julian's Eintritt wendete Jener sich pltzlich um und strzte
mit einem Jubelruf ihm entgegen und in seine Arme.
    Es war Sophie Harcourt, die den Geliebten empfing. Er war zu ihr gekommen,
mit dem festen Vorsatz, ihr ernste Vorwrfe zu machen, weil sie gleich am Morgen
seiner Ankunft von derselben unterrichtet gewesen, also nach ihm gefragt, ihn
ausgespht haben mute. Jetzt, als er sie sah, dachte er nicht mehr daran,
sondern zog sie mit sich auf das Sopha und fragte: Hast Du doch spielen mssen
heute Abend? Du bist ja im Costme.
    Ich erwartete Dich schon lange, antwortete sie, und um nicht zu empfinden,
wie lange, probirte ich das Costm an, in dem ich in der nchsten Woche
auftreten will.
    Kokette! sagte scheltend Julian, whrend er sie auf seine Knie nahm und ihre
feine Hand, die aus den breiten Spitzenmanschetten zierlich hervorsah, auf seine
Augen drckte. Kokette! Du wutest wohl, wie reizend Du bist in dieser
Mnnertracht, in der ich Dich zuerst sah. Du wutest, da ich Dir Vorwrfe
machen wrde, und wolltest mich bestechen. Aber ich sehe Dich nicht an! mit
Deinen eigenen Hnden halte ich mir die Augen zu.
    Glcklicherweise ist der Mund frei! rief sie, indem sie einen Ku auf
Julian's Lippen drckte, den er mit vielen andern erwiderte. Dann machte sie
sich los und sagte: Du zerdrckst mir den schnen Sammetrock und hast doch noch
gar nicht gesehen, wie er mich kleidet, so roh und wild bist Du gleich mit
Deiner Zrtlichkeit ber mich hergefallen. Sieh mich an, mein Freund, wie
gefalle ich Dir?
    Sie fing nun an im Zimmer umherzugehen, sich in mancherlei Stellungen bald
vor dem Spiegel, bald vor Julian zu bewegen, und man konnte in der That kaum
hhern Liebreiz finden. Sie war gro, schlank und krftig gebaut, ohne groe
Flle zu haben. Die Mnnerkleidung stand ihr vortrefflich und die schwarzen
Augen sahen blitzend und zrtlich unter der gepuderten Perrcke hervor. Der
Prsident betrachtete sie mit Entzcken. Dessen war sie sich deutlich bewut,
und auf ihren Reiz vertrauend, warf sie den kleinen Stahldegen, mit dem sie
Fechtbungen gemacht hatte, von sich, setzte sich dicht neben den Geliebten,
schmiegte sich an ihn und fragte: Julian! Warum hast Du mir nicht ein einziges
Mal geschrieben? Warum hast Du mich nicht wissen lassen, wann Du wiederkommen
wrdest? Ich habe vor Ungeduld fast tglich in Dein Haus geschickt.
    Diese Frage erinnerte den Prsidenten, da er sich ber seine schne
Freundin zu beklagen habe, und die Gelegenheit benutzend, sagte er: Weil ich die
Absicht hatte, gar nicht wiederzukommen, weil Dein Spioniren und Nachfragen mir
unertrglich ist. Gleich heute wieder! Wie oft habe ich Dir verboten, Deinen
Diener zu mir zu schicken, wie oft Dir gesagt: schreibe nicht auf dem
nrrischen, bunten Papier, das auf zehn Schritte ein billet doux verrth! Nun
thust Du gleich das Alles auf einmal. Ersphst, natrlich durch Bestechung
meiner Leute, wann ich zurckkehre, schickst den baumhohen Diener in mein Haus
und schreibst auf bunt bemaltem Papier, damit vom Kutscher bis zur Kchenmagd
Jeder errathen kann, von wem die Botschaft kommt. Du bist unertrglich
indiscret. - Nimm die Perrcke ab, der Puderstaub belstigt mich.
    Sie that augenblicklich, wie er verlangte, und sagte dann: Indiscret nennst
Du mich, wenn ich vor Sehnsucht nach Dir vergehe? wenn ich den Augenblick nicht
erwarten kann, in dem Du wieder bei mir bist? Du weit es: wie ich Dich liebe,
habe ich keinen Andern je geliebt.
    Eine schne Liebe, die Vergleiche mit frheren anzustellen hat, warf Julian
spottend hin.
    Da trat Sophie dicht vor ihn hin und sagte: Julian! ich schwre nicht, denn
Du wrdest sagen: wer glaubt dem Schwur einer Schauspielerin? Ich mache mich
nicht besser, als ich bin. Ich habe es Dir nicht verborgen, als Du mit glhendem
Verlangen um mich warbst, da Du nicht der Erste bist, dem ich und meine Liebe
gehrten.
    Und ich werde nicht der Letzte sein! rief Julian bitter, das bedarf keines
Schwures, ich glaube es.
    Nun denn, auch das kann sein! - Ich fhle es, Du willst mir wehe thun, mich
verlassen, Du suchst Streit. Vielleicht werde ich nicht ewig trauern, vielleicht
uerlich bald getrstet scheinen, denn ich bin jung und das Leben ist schn;
aber ich werde lange, immerfort leiden um Dich, tief im Herzen, denn so wahr
Gott ber uns lebt, Julian, ich liebe Dich sehr!
    Thorheit! schalt der Prsident. Du willst heute das Ma voll machen, mich
nun noch mit Scenen plagen, die mir verhat sind. Wollte ich mich qulen lassen,
ich htte mich lngst verheirathet.
    Als sie diese Worte hrte, brach Sophie pltzlich in das lauteste Gelchter
aus, nahm seinen Kopf in ihre Hnde, kte ihn auf die Stirne und rief: Das ist
das erste vernnftige Wort, das ich heute von Dir hre. Du hast Recht, eine gute
wackere Frau mu eine entsetzliche Qual sein. Ewig tugendhaft, also ohne
Nachsicht; im Gefhl des Besitzes ruhig, also nicht ein bischen
eroberungsschtig. Wenn ich ein Mann wre, ich heirathete gewi nicht.
    Das ist erhabene Weisheit aus Deinem Munde, sagte der Prsident, der noch
immer den Beleidigten spielte. Und was thtest Du denn? Nicht wahr, Du liebtest
eine Schauspielerin?
    Ich sehe nicht ein, warum nicht? Oder glaubst Du, eine Schauspielerin sei
oft nicht besser, als Eure Tugendheldinnen aus der stillen Huslichkeit? O! es
ist schon bequem, zwischen Vater und Mutter aufzuwachsen, behtet vor jedem
Gedanken, der den Unschuldshauch von den Seraphsschwingen abwischen knnte. Es
mag recht hbsch sein, aus den Armen der Eltern in die des Gatten berzugehen
und in ihm auch wieder den Schutz zu finden, dessen man bedarf, um tugendhaft zu
bleiben. Das heit tugendhaft vor dem Gericht der Welt, trotz der heimlichen
Untreue im Herzen, die oft nicht fehlt.
    Du schwrmst, Mdchen! sagte Julian.
    Aber Sophie achtete die Unterbrechung nicht. Ja! fuhr sie heftig fort, ich
verachte Eure scheinheilige Tugend, Eure gute Gesellschaft. Ich bin mir mit
Stolz des Tadels bewut, den die andern Frauen auf mich werfen. Ich bin
Schauspielerin, ich bin Deine Geliebte! Ja! - Aber ich bin's mit voller
Hingebung, so lange ich es bin. Ich bin nur Dein in Deinen Armen. Bis in die
Ewigkeit reicht mein Gedanke nicht hinber. Es gibt keine Ewigkeit fr
Liebeslust, es braucht ja auch keine zu geben, wo ein Augenblick fr
Jahrhunderte Genu gewhrt.
    Sophie, Sophie! rief der Prsident, der hingerissen ward von der
unwiderstehlichen Anmuth der Knstlerin, die Mnnerkleider machen Dich verwegen.
Kleide Dich um und werde Weib, Sophie!
    Weshalb? fragte sie, bist Du besorgt, ich wolle Dich besiegen, gegen Deinen
Willen? Du willst gar nicht widerstehen, Du kannst nicht von mir lassen, Du
kehrst ja dennoch wieder, sagte sie schmeichelnd. Es liegt nicht im Gewande;
hier tief in der Brust, in meiner und Deiner, steckt der Zauber; die Liebe hlt
Dich fest.
    Inde zog sie den dunklen Sammetrock ab und stand nun in den
Sammetescarpins, weiseidnen Strmpfen und einer Weste von Goldbrokat vor ihm,
die genau Taille und Hften bezeichnete, fast bis an das runde Knie hinabreichte
und ihren wundervollen Wuchs noch mehr hervorhob. Der Prsident sprang auf und
wollte sie umfassen, sie lief aber blitzschnell in das Nebenzimmer, das sie
hinter sich zuschlo, und rief: O, ich kann auch tugendhaft sein, mein Herr
Prsident!
    Julian wute, da man sie gewhren lassen msse, und setzte sich nieder.
Bald wollte er sie erwarten, bald sie verlassen. Sie war ihm noch interessant,
sie fesselte ihn durch die Gewalt ihrer Reize, aber Alfred's Vermuthung war
nicht ungegrndet, die Verbindung mit Sophie fllte die Seele Julian's nicht
aus, sie befriedigte ihn nicht mehr ganz. Ohne da er es sich selbst gestand,
fing er an, sich nach Ruhe, nach festbegrndeter Huslichkeit zu sehnen. Er
dachte bisweilen daran, sich zu verheirathen, aber sein Verhltni zu Sophien
war allgemein bekannt und man hielt es fr bindend. Das war ihm doppelt unbequem
in seiner Stellung. Er war zu ihr gekommen, sie auf eine mgliche Trennung
vorzubereiten, er dachte wohl noch daran, wie aber sollte er dem reizenden Weibe
wehe thun, das ihn so innig liebte? Wie konnte er in dieser Stunde ihr gegenber
kalt bleiben? Er hatte am Morgen verchtlich von dem ruhigen Glck der Ehe
gesprochen, jetzt peinigte ihn Sophiens Ringen um seine Liebe, die sie zu
verlieren frchtete.
    Nach wenig Minuten schon kehrte sie wieder zu ihm zurck. Sie hatte ein
seidenes Gewand bergeworfen, das nur mit einer Schnur um die Taille befestigt
war und Hals und Nacken frei lie. Das Haar war ungeflochten mit einem Kamme
aufgenestelt. In der Hand trug sie ein Kistchen mit Cigarren. Sie war eine ganz
Andere geworden.
    Ruhig setzte sie sich an der Seite ihres Freundes nieder und sagte: Nun
ist's des tollen Spiels genug, wir wollen vernnftig sein. Nimmst Du keine
Cigarre, lieber Julian?
    Der Prsident nahm sie schweigend an, sie reichte ihm Feuerzeug, hing einen
Ueberwurf ber die Lampe, wie er es liebte, und schickte sich an, ihm den Thee
zu bereiten, den man inde hereingebracht hatte. Das Alles geschah so ruhig und
anspruchslos, so dienstbeflissen, da es wohlthuend sein mute.
    Es war ganz stille im Zimmer, man hrte nur das Summen des Samovar. Der
Prsident hatte Tagesbltter vorgefunden, die er durchflog, Sophie strte ihn
nicht. Sie lag ruhig in der Sophaecke und betrachtete den Geliebten. Ihre
Hingebung machte ihn weich, aber er lie es sie nicht merken; er war in einer
jener gereizten Stimmungen, in denen man eine Lust daran findet, Diejenigen zu
qulen, die man liebt. Er lie es geschehen, da Sophie ihm Alles zubereitete,
ihm den Thee einschenkte, wie er es gern hatte, doch er dankte ihr nicht dafr
und las ruhig weiter fort.
    Endlich unterbrach Sophie die Stille. Sie lehnte sich an den Prsidenten und
fragte demthig: Julian! knnte eine Hausfrau Dir es besser machen?
    Ja! antwortete er kalt, sie machte es eben so und absichtslos. Du stellst
dar, wie immer, Du willst gefallen.
    Eine Thrne des Zornes trat in das flammende Auge der Schauspielerin, aber
sie zerdrckte sie schnell und rief: Gefallen? Doch nur Dir will ich gefallen,
Julian, nur Dir! Ist das ein Unrecht? - Sie war jetzt vor den Prsidenten
hingekniet, der, als drauen die eilfte Stunde schlug, sich zum Fortgehen
erheben wollte.
    Sophie, indem sie vor ihm kniete, hielt ihn davon zurck. Ist es ein
Unrecht, fragte sie nochmals, da ich Alles, was ich vermag, anwende, um Dir zu
gefallen? Kann ich dafr, da ich verwaist aufwuchs, da ich die Bhne betrat,
auf die mein Talent mich hinwies? Wer von den Frauen, die sich ihrer Tugend
rhmen und mich mit Verachtung eine Buhlerin nennen, hat wie ich zu sechzehn
Jahren dagestanden, verwaist, arm, schn genug, um Liebe zu erwecken, und
umgeben von der mnnlichen, glnzenden Jugend in Paris?
    Julian sah sie milder an und strich sinnend mit der Hand ber ihren
Scheitel. Dabei glitt der Kamm heraus und das ppige Haar fiel wie ein dichter,
schwarzer Schleier auf sie herab. Sie umfate den Prsidenten mit beiden Armen,
sah ihm zrtlich in die Augen und fragte: Oder ist das mein Verbrechen, da ich
Dich liebe? Da ich Dich festhalten will, da ich Dein bleiben will um jeden
Preis?
    Da konnte Julian nicht lnger widerstehen, nicht lnger sich migen. Mit
heftigster Leidenschaft zog er das reizende Weib zu sich empor und sank an ihre
Brust. Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter und leise bittend fragte sie: Und Du
verlt mich nicht? Du bleibst mein?
    Kannst Du noch fragen?
    Und Du liebst mich wieder? lispelte sie.
    Mehr als alle tugendhaften Weiber der Welt! antwortete er und schlo sie
fest an sich, sie mit seinen heien Kssen bedeckend.

                                      VII


Whrend der Prsident bei Sophien war, sa Alfred einsam in seinem groen Hause.
So allein hatte er auch darin gelebt, bald nachdem es ihm mit der Erbschaft
zugefallen war. Er erinnerte sich des Tages, an dem er von dem palasthnlichen
Gebude Besitz genommen, und eines andern bald darauf, an dem er Julian mit
Mutter und Schwester in demselben zum Frhstck bewirthet hatte. Damals hatte
Therese viel mehr zu werden versprochen, als sie jetzt zu sein schien. Er fand
sie freundlich und verstndig, aber fast matronenhaft ernst; vornehm in der
Form, wenngleich in anderm Sinne gewhnlich. Das verstimmte ihn, ohne da er
selbst es wute.
    Dazu kam ein unbehagliches Gefhl anderer Art. Bei der eiligen Abreise hatte
er nur die Dinge einpacken lassen, deren er am nthigsten zu bedrfen geglaubt.
Jetzt fehlte ihm Vieles, an das er gewhnt war; nichts fand sich, wie er es
wnschte.
    Mimuthig und zerstreut, ging er an den Schreibtisch, um die mitgebrachten
Papiere zu ordnen, und zog mechanisch eine der Schubladen um die andere heraus.
Die Mehrzahl derselben stand leer, in der einen lagen beschriebene Bltter; sie
waren mit einem verblichenen Bande zusammengebunden. Er erkannte sie gleich
wieder. Als er mit Julian an die Herausgabe seiner ersten Gedichte gegangen war,
hatten sie diese Bltter ausgesondert, die sich weniger fr den Druck zu eignen
geschienen hatten. Das verblichene Band, das sie zusammenhielt, hatte Carolinen
gehrt.
    Er las die Papiere durch. Es waren Klagen ber die Trennung von der
Geliebten und Liebeslieder mancher Art. Sie kamen ihm jetzt viel besser vor als
frher. Jetzt lag jene Zeit mit ihrer jugendlichen Schwrmerei abgeschlossen,
beendet vor ihm da. Er urtheilte ber sie, als ber eine geschichtliche
Thatsache, eine Durchgangsepoche, die ihr volles Recht in Anspruch nehmen
durfte; und wie er sich damals des weichen Liebelebens fast geschmt hatte, so
freute es ihn jetzt, da er einst dieses vollen, hingebenden Gefhles fhig
gewesen war.
    Es lag fr ihn ein wehmthiger Reiz darin, sein eigenes vergangenes Leben
prfend zu betrachten; denn so lange man von der Gegenwart beherrscht wird,
kommt man zu keinem Urtheil ber sich selbst. Der Tag macht sein Recht geltend,
wir nehmen Partei fr die Wnsche, die uns bewegen. Nur wenn wir gleichgltig
gegen Etwas geworden sind, beurtheilen wir es unparteiisch. Da ist denn nichts
so gut, nichts so schlimm geworden, als wir es gehofft oder gefrchtet hatten,
was uns strmisch bewegt, ist vollendet, ohne unsere Erwartungen befriedigt zu
haben; was wir mit Angst herannahen gesehen, hat uns gefrdert. Das Leben
erscheint wie eine knstlerisch angelegte Dichtung. Wenn wir die Wirrnisse sich
entwickeln und lsen gesehen, gewinnen wir Zutrauen zu dem schpferischen Geist,
der ber und in uns waltet, und erwarten ruhig das Ende der Erscheinungen.
    Alfred konnte mit ruhigem Gewissen auf sein Leben zurckblicken, mit Freude
auf einzelne Punkte desselben. Er konnte sich nicht freisprechen von mancher
Schwche, manchem Irrthum, aber er hatte stets nach dem Besten gestrebt, es auf
jede Weise zu frdern gesucht. Nichts hatte zu seinem Glcke gefehlt, als eine
glckliche Ehe. Wie Julian in stets wechselnden Verhltnissen Genu zu finden,
hatte nie in seiner Art gelegen, sie htten ihm keine innere Befriedigung
gewhrt. Er verlangte nach dauernder, voller Liebe, nach tiefem, gegenseitigem
Verstndni, nach einer Ehe in ihrer idealsten Bedeutung.
    Er konnte es sich nicht verbergen, da ihm einst die achtzehnjhrige Therese
in seiner Jugend eine lebhafte Neigung eingeflt, da er ihrer im Gegensatz zu
seiner Frau gedacht hatte, als seine Ehe eine so unglckliche Wendung genommen
hatte. Da er nun auch diese Therese nur als eine gewhnliche Frau wiedersah,
machte ihn nachsichtiger gegen Caroline.
    Hier, in diesem Zimmer hatte er mit seiner Frau gelebt, hatte Felix
gespielt. Oft hatten die jungen Gatten es sich ausgemalt, wie hier in dem groen
Gebude Raum sein werde fr sie, fr den verheiratheten Sohn und fr blhende
Enkel, wenn sie selbst an den Grenzen des Lebens stehen wrden, denn die Jugend
liebt es nur zu sehr, im Gefhl ihrer Kraft, der Zeit zu gedenken, in der sie
ihr fehlen wird, und ist doch so voll Lebenslust, da ihr die Gegenwart allein
nicht gengt, da sie das Glck der vergangenen und kommenden Lebensalter in
frhlicher Erinnerung und in ahnendem Vorgenusse auf einmal empfinden will.
    Jetzt, von Caroline getrennt, fhlte er mehr als je, wie eng das Leben der
Gatten ineinander verschlungen sei, wie Felix ein festes, heiliges Band zwischen
ihnen bilde. Caroline schien ihm weniger Unrecht zu haben, da er augenblicklich
nicht mehr von ihr verletzt ward, und in der mildesten Stimmung setzte er sich
nieder, ihr zu schreiben, als er einen Brief von ihr vorfand, der am Abend
angekommen war. Der Diener hatte ihn auf den Schreibtisch gelegt, er war unter
andere Papiere gerathen und Alfred bemerkte ihn erst jetzt. Er lautete also:
    Lieber Alfred! Ich habe die ganze Nacht wachend und in Thrnen zugebracht,
habe Alles berlegt und kann Dein gestriges Betragen gegen mich weder
entschuldigen noch begreifen. Ich bin mir bewut, keine meiner Pflichten gegen
Dich verletzt zu haben, ich habe kein anderes Interesse, als Dein Wohl und das
Wohl von unserm Felix! Das weit Du selbst.
    Unser letzter Streit ist wegen der Untersttzung entstanden, die ich dem
Kloster ohne Deine Erlaubni zukommen lie; aber fragst Du mich denn um Rath,
wenn Du Wohlthaten ertheilst auf Deine Weise? Was heit denn die Unabhngigkeit
einer Frau, wenn ich Dich erst um Alles befragen soll? wenn Du auer Dir
gerthst, sobald ich einmal selbststndig handle? - Und wegen Ruhberg kann und
werde ich nicht nachgeben. Du hast und kannst gegen Ruhberg nichts haben, der
ein edler, guter Mensch, ein treuer Seelsorger ist und den alle Welt achtet.
Dich verdrit es, da ich berhaupt zur Beichte gehe, da ich nicht wie Du, in
stolzer Ueberhebung mir selbst genug bin und dadurch Gott verleugne. Dies kann
und werde ich nie thun, und werde auch bis zum letzten Athemzuge Mutterpflicht
an Felix erfllen und wenigstens ihn vor Deiner Freigeisterei zu bewahren
suchen. Lehre Du ihn, was Du willst; Gott frchten und fromm sein, soll er von
mir lernen. Gib mir nur darin nach und wir werden uns besser vertragen, denn da
Du jenen kleinen Streit so schwer nimmst, das ist sehr unrecht von Dir und nicht
meine Schuld.
    Mein Gott! wenn man in der Ehe jedes Wort auf die Goldwage legen, wenn man
sich vor seinem Manne, wie vor einem Fremden, beherrschen soll, was wre da das
eheliche Vertrauen? Deine Dichterseele reit Dich hin, Alfred, in der Ehe einen
ewigen poetischen Brautstand zu suchen; la mich die Vernnftigere, die Ruhigere
sein und Dir sagen, da das in der Prosa des Alltagslebens nicht bestehen kann.
Man hat im tglichen Leben so viel Verdru, da man nicht immer in guter Laune
sein kann, da man einmal ein hartes Wort sagt; aber gerade Deine Weise ist von
der Art, eine ruhige, verstndige Frau verdrielich und heftig zu machen. Du
bist nicht wie andere Mnner, Du bist gar zu berspannt und wir sind doch schon
eilf Jahre verheirathet, da kann doch eine Frau nicht ewig sich gleich sein.
    Ich hoffe, diese Vorstellungen bringen Dich mir zurck, denn ich sehne mich
nach Dir, als ob Du nicht achtzehn Stunden, sondern achtzehn Monate fort wrest.
Auch Felix fragt unablssig nach Dir, und da in der Wirthschaft ohne den Herrn,
trotz meiner strengen Aufsicht, Alles verkehrt gehen wird, kannst Du Dir denken.
Ich habe nun gesehen, da Du mich verlassen knntest; nun Du mir die harte Lehre
gegeben hast, wird es wohl fr beide Theile genug sein. Ich will vergeben und
vergessen, darum komme nur bald zurck. Zugleich knntest Du mir ein Dutzend
Handschuhe, halb hell, halb dunkel mitbringen, und der B. sagen, da ich einen
Herbsthut in rosa und einige Hauben sptestens kommende Woche haben mu. Adieu,
lieber Alfred! auf baldige Rckkehr! Frage doch auch wegen der Ofenschirme nach,
von denen wir neulich sprachen, und vergi meiner nicht in Berlin, sondern denke
an Deine treue, Dich liebende Caroline.
    Whrend des Lesens verdsterte sich Alfred's Stirne. Der Brief war ein so
treues Bild von Carolinen's unliebenswrdiger Weise, von der Unbildung ihres
Geistes und Herzens, da er ihn nicht zu Ende zu lesen vermochte. Er warf ihn
verdrielich auf den Schreibtisch, ging heftig im Zimmer umher und setzte sich
dann zum Schreiben nieder, tief aufathmend wie Jemand, der an ein schweres
Geschft geht.
    Er schrieb lange. Es ward spt in der Nacht, und als er geendet hatte und
den Brief durchlas, fand er, der das Wort so gewaltig zu brauchen wute, da er
nichts von alle Dem gesagt hatte, was er sagen wollen. Er wnschte Caroline
nicht nur auf eine Trennung, sondern auf eine gnzliche Scheidung vorzubereiten,
die ihn nach dem Empfang ihres Briefes nur noch unerllicher dnkte, weil er
fhlte, da zwei so verschiedene Naturen sich nie verstehen wrden. Aber wo er
mit hchster Schonung zu verfahren gewnscht, klangen seine Worte streng; wo er
zart zu sein gestrebt, schien ihm die Wendung krnkend. An andern Stellen
frchtete er, Caroline knne den Wunsch nach neuer Vereinigung darin angedeutet
finden, die ganz auer seiner Absicht lag.
    Er fhlte, da er in dieser Angelegenheit seine gewohnte Klarheit nicht
besitze, da er nicht Ruhe genug habe, selbst fr sich zu handeln, deshalb
zerri er das Geschriebene wieder und seine Hoffnung richtete sich auf den
Prsidenten. Er nahm sich vor, sobald als mglich mit diesem Rcksprache zu
halten, was er fr Caroline thun und wie man es anfangen solle, die schmerzliche
Angelegenheit so gelinde als mglich zu behandeln und zu erledigen.

                                      VIII


Als Alfred an einem der folgenden Abende in das Zimmer des Freundes trat, fand
er ihn in Aktensten vergraben, mit einem seiner Beamten ber eine Rechtsfrage
verhandelnd. In dem strengen Ernste des Geschftsmannes, in der schlagenden
Krze seiner Beweise erkannte man den Lebemann nicht wieder, der so weitlufig
ber die Bereitung einer Mahlzeit zu sprechen verstand. Er fertigte seinen
Untergebenen schnell, aber sehr zuvorkommend ab und wendete sich dann mit
freundlicher Begrung dem Freunde zu.
    Dieser erklrte ihm gleich, welche Angelegenheit ihn beschftige, und bat um
den Rath des Prsidenten. Ich dachte, sagte er, als ich von Hause schied, nur an
eine Trennung von meiner Frau; ja, ich war in diesen Tagen schon wieder einer
Ausshnung nicht abgeneigt, denn Du kannst Dir denken, da ein solcher Entschlu
mir hart ankommt. Ein Brief, den ich neulich von ihr erhielt, hat mich inde in
meinen Vorstzen befestigt. Ich fhle, da wir uns nie verstehen werden, da ich
in dem ewig schwankenden Zustand nicht leben kann. Ich hoffe nicht auf Glck,
aber ich verlange Ruhe, innere Ruhe und meine Freiheit wieder. Unsere Ehe mu
gerichtlich geschieden werden. Ich kenne die Schwierigkeiten, die man dabei
macht; deshalb komme ich, Dich zu fragen: wie hilft man sich am leichtesten
darber fort?
    Ist Deine Frau mit der Scheidung einverstanden? fragte der Prsident.
    Sieh, lieber Freund, da fangen die Schwierigkeiten gleich an. Du weit es ja
selbst, da Caroline und ich katholisch sind. Nun frchte ich, sie wird nicht in
die Scheidung willigen, einmal, weil sie sich nicht so unglcklich in unserer
Verbindung fhlt, als ich; zweitens, weil ihr die Trennung von Felix schwer sein
wird, und endlich, weil sie nach ihren Begriffen durch die Scheidung eine Snde
begeht, ein Sakrament bricht.
    Nicht zu vergessen, da Du Dich leicht zu einer neuen Ehe entschlieen
drftest, was Deiner Frau von den Pfaffen verwehrt werden mchte, ergnzte
Julian mit seinem ironischen Lcheln.
    Alfred beachtete die Worte nicht und fuhr fort: Ferner habe ich die Gter
von meinem Groonkel, dem Domherrn, ererbt, und das Testament verlangt, da sie
immer von einem der katholischen Religion angehrenden und ergebenen Nachkommen
der Reichenbach'schen Familie besessen werden, wo nicht, der Kirche zufallen
sollen. Ich zweifle keinen Augenblick, da die katholische Geistlichkeit des
betreffenden Klosters, die eine Abschrift des Testaments besitzt, ihre Ansprche
gegen mich erheben wird, wenn sich ihr die Mglichkeit dazu erffnet. Dasselbe
knnte auch von Seiten eines sehr entfernten Agnaten geschehen. Ich fr mein
Theil wrde mich unschwer entschlieen, der Erbschaft zu entsagen, wenn dies das
einzige Mittel wre, mich frei zu machen. Ich habe durch die Fabriken, die ich
angelegt, ein selbststndiges Vermgen erworben, das ich mein nennen darf,
abgesehen davon, da mir meine literarische Thtigkeit ein miges Kapital
abgeworfen, welches ich bis jetzt nie benutzt habe. Die Frage ist nur, ob es
irgendwie bedenklich ist, da mein Felix, als nchster Erbe, die Erbschaft
antritt, wenn ich darauf verzichte?
    Das hngt ganz von dem Testamente ab, meinte der Prsident, und ich wrde
Dich bitten, es mir zur Prfung zu bergeben.
    Ich habe es Dir zu dem Zwecke mitgebracht, hier sind die Papiere. Hast Du
Mue, Dich gleich jetzt damit zu beschftigen, so mchte ich den Bescheid bei
Deiner Schwester abwarten.
    Thue das, lieber Freund! sagte der Prsident, und setzte sich an die Arbeit,
nachdem Alfred sich bei Therese hatte melden lassen.
    Er fand sie schreibend und entschuldigte sich wegen der Strung.
    Es ist mir eine Freude, sagte sie, da Sie kommen und da es berhaupt
diesen Winter recht lebhaft in unserm Hause werden wird. Sie waren der Erste,
der sich uns als einen Gast fr die langen Abende meldete, und Sie scheinen uns
Glck gebracht zu haben. Unser Kreis wird sich noch um eine oder gar um zwei
Personen vergrern.
    Und darf ich fragen, wer diese sein werden?
    Der eine Gast wird ein junger Sternau sein.
    Ein Verwandter von Ihnen? fragte Alfred.
    Nein, antwortete Therese, ich kenne ihn gar nicht und darum bangt mir etwas
bei dem Gedanken an seine Ankunft. Er soll ein liebenswrdiger junger Mann, von
tiefem Gemth, aber sehr krnklich und von der Mutter, deren einziges Kind er
ist, krperlich und geistig verweichlicht worden sein. Der Vater, um ihn ins
Leben einzuweisen, hat ihn angehalten, die juristische Laufbahn zu verfolgen,
whrend des jungen Mannes Neigung ihn zum Landleben hinzog, fr das der reiche
Landbesitz des Vaters, der selbst Landwirth ist, ihn zu bestimmen schien. Das
hat Teophil in mancherlei Zweifel gestrzt und eine unglckliche Liebe soll ihn
in der letzten Zeit noch mehr entmuthigt haben. Er soll krnkeln und einen
Lebensberdru verrathen, der selbst den ruhigen Vater sehr besorgt macht.
Whrend nun der Sohn mehr als je nach der Einsamkeit verlangt, sieht der Vater
fr ihn nur in angestrengter Thtigkeit Rettung, und die Mutter wnscht, da er
sich hier der Behandlung eines bedeutenden Arztes unterziehe. Beide Eltern haben
sich an meinen Bruder gewendet, mit dem sie sehr befreundet sind, und dieser
hat, als ob es von ihm ausginge, den jungen Mann auf seiner Reise besucht. Er
hat sein Vertrauen erworben, ihn berredet, als Hilfsarbeiter bei seinem
Collegium einzutreten und als willkommener Gast in unserm Hause zu leben. Morgen
vielleicht drfen wir ihn bereits erwarten.
    Da sollen Sie also eine Erziehung bernehmen, eine Bekehrung machen! Beides
ist entweder sehr leicht oder sehr schwer, bemerkte Alfred.
    Das empfinde ich so lebhaft, sagte Therese, da ich es fast abgelehnt habe,
einer Freundin gefllig zu sein, die mir ihre sechzehnjhrige Tochter fr einige
Zeit anvertrauen will, damit sie hier Unterricht im Tanzen und im Franzsischen
nehmen knne. Es ist nicht zu berechnen, welchen Eindrcken solch ein junges
Mdchen in ganz ungewohnter Umgebung ausgesetzt ist, und wie sie nachhaltig
wirken knnen. So lieb mir die kleine Agnes war, als ich sie vor Jahren sah, so
habe ich doch noch nichts bestimmt versprochen, weil ich mich vor der
Verantwortung frchte, wenn der Aufenthalt in der Residenz das Mdchen in seinen
Wnschen und Ansprchen verndern sollte.
    Bei diesen Worten Theresen's trat der Prsident in das Zimmer. Ich bin in
der Prfung Deiner Papiere mehrmals durch unabweisliche Besuche gestrt worden,
bester Reichenbach, sagte er, und mu sie nun auf die Frhstunden des nchsten
Morgens verschieben, die immer meine ruhigste Arbeitszeit sind. Gnne mir Frist
bis dahin. Ich bin ermdet von der heutigen endlosen Sitzung, und mehr
aufgelegt, mit Dir und Therese eine Stunde zu verplaudern, als angestrengt eine
so wichtige Sache zu prfen. - Wovon war die Rede, als ich Euch unterbrach?
    Von den Hausgenossen, die man uns fr den Winter zugedacht hat, sagte
Therese, und von all den Bedenken, die sich in mir dagegen regen.
    Ich begreife diese Besorgnisse nicht, meinte der Prsident. Wren wir
Eheleute, ich wrde denken, die Erinnerung an Goethe's Wahlverwandtschaften
mache Dich ngstlich, in denen durch den Zutritt neuer Personen ein altes,
anscheinend wohl begrndetes Verhltni zerstrt wird; denn allerdings hat
unsere Lage mit den dortigen Zustnden eine gewisse Aehnlichkeit.
    Therese lchelte und sagte errthend: Wirst Du mich eine Thrin schelten,
wenn ich Dir bekenne, da gerade dieser Gedanke mir selbst gekommen ist und mich
beunruhigt hat? Wer wei, ob Dir unsere Huslichkeit nicht einsam erscheinen
wird, wenn unsere Gste uns verlassen, ob ich Dir nicht eine zu ernste
Gesellschafterin sein werde, wenn Dich die kleine Agnes an grere Frhlichkeit
gewhnt haben wird.
    Dacht' ich's doch! das ist echte Frauennatur! rief lachend der Prsident.
Sie ist wirklich im voraus eiferschtig auf ein Kind, das ich noch gar nicht
kenne. Aber frchte nichts! sagte er, indem er ihr die Hand bot, lasse die
Kleine immerhin kommen, wie ich den Telemach kommen lasse, zu dessen Mentor man
mich erkoren hat. Mich und Dich trennt Niemand.
    Therese drckte dem Bruder die Hand und sagte dann nach einer kleinen Pause:
Erinnern Sie sich wol, Herr von Reichenbach, da Sie es waren, der mich zuerst
mit den Wahlverwandtschaften bekannt gemacht hat?
    Gewi! antwortete Alfred, und ich wei es gar wohl, da es mir Vorwrfe von
Ihrer Frau Mutter zuzog, weil selbst diese verstndige Frau von dem Glauben
befangen war, da die Tendenz des Romanes eine unsittliche sei.
    Und ist sie dies nicht wirklich? fragte Therese.
    Nichts weniger als das! erwiderte Alfred. Unsittlich ist die Tendenz eines
Buches, wenn Das, was gegen die Moraloder die hergebrachten Sittengesetze
verstt, beschnigt, als Recht dargestellt und vom Glck gekrnt wird, wie das
jetzt oft in den franzsischen und deutschen Romanen geschieht. Davon aber
finden Sie in den Wahlverwandtschaften kein Beispiel!
    Und wie wollen Sie es nennen, fragte Therese, wenn Gatten den Schwur der
Treue brechen, der sie unauflslich an einander bindet? Wie nennen Sie
Charlotten's Liebe zu dem Hauptmann, Eduard's Leidenschaft fr Ottilie? Wie
wollen Sie das entschuldigen?
    Entschuldigen! rief Alfred. Liebe, Leidenschaft entschuldigen? Liebe und
Leidenschaft an sich bedrfen nie und nirgend einer Entschuldigung. Jede
wahrhafte Liebe trgt wie ein Gottesurtheil ihre Freisprechung in sich.
    Und so finden Sie die Personen des Romans frei von aller Schuld? fragte
Therese zweifelnd. Mir scheint, mit dieser Ansicht von dem Recht der Liebe heben
Sie das heilige Recht der Ehe auf. Nach Ihrer Theorie htte jeder das Recht,
eine Ehe aufzulsen, wenn er neue Liebe in seinem Herzen sich regen fhlt und -
- sie stockte, im Bewutsein, einen Gegenstand berhrt zu haben, der dem Gaste
peinlich sein knnte; Alfred selbst aber nahm das Wort.
    Glauben Sie denn nicht, rief er, da in tausend Fllen die Trennung einer
Ehe eine hohe, sittliche That sein knne, ja, das sie in solchen Fllen zu einer
heiligen Pflicht werden kann?
    Gewi! sagte der Prsident, denn im Grunde ehrt jede Ehescheidung den
Gedanken der Ehe.
    Wenn zwei Menschen empfinden, da sie dem Gedanken einer wahren Ehe nicht
gengen knnen, da sie innerlich getrennt sind, da sie eigentlich nie zu
einander gehrten und sich nur aus jugendlichem Misverstehen verbanden, sollen
diese lebenslang zusammengeschmiedet bleiben? Sollen sie mitsammen leben,
Unfrieden, Gram, und vielleicht am Ende noch eine wahre und edle Liebe fr einen
andern Gegenstand im Herzen? fragte Alfred heftig.
    Therese schwieg mit scheuer Zurckhaltung und Alfred fuhr fort: Verbrechen
werden allerdings in den Wahlverwandtschaften begangen. Da Eduard aus
eigensinniger Laune auf eine Verbindung mit der einst geliebten Charlotte
besteht, da diese, ganz gegen ihre bessere Ueberzeugung, aus Eitelkeit
nachgibt, das ist das erste Verbrechen, das begangen wird. Wenn dann die
verstndige Charlotte den Hauptmann, Eduard die himmlische Ottilie liebt, so
folgen sie nur dem Gesetz der Natur, die Ungleiches trennen, Zusammengehrendes
verbinden will. Das fhlen Alle und hier tritt der Fall ein, in dem die Trennung
einer Ehe, wie ich es nannte, zu einer hohen sittlichen That wird. Aber solche
Thaten fordern Muth, fordern ein groes, sittliches Bewutsein. Dies hat in dem
Roman keiner von Allen, die es haben mten. Von Ottilie ist es nicht zu
verlangen; Charlotte hat die Einsicht, aber ngstliche Scheu vor dem Tadel der
Welt, vor groem Aufsehen hlt sie zurck. Der Hauptmann schweigt aus falschem
Stolz, Eduard gibt nach aus kleinlicher Schwche. Das sind die Verbrechen, die
Snden, welche begangen werden in dem Roman, und das ist es, was alle
Betheiligten in die Hnde der vergeltenden Nemesis liefert, die hier, wie in der
antiken Tragdie, furchtbar waltet.
    Ich stimme Dir ganz bei, sagte der Prsident, und habe selbst oft gestrebt,
Therese fr diese Ansicht zu gewinnen. Ich wte kaum eine andere Dichtung, in
der diese Idee so rein und vollendet ausgesprochen wre.
    Denken Sie nur, rief Alfred, der sich um so mehr von dem Gegenstand
hinreien lie, als er sein innerstes Seelenleben so nahe berhrte, denken Sie
nur, meine Freundin; Ottilie, der sanfte, hingebende Engel selbst, mu das
Werkzeug werden zum Tode des Kindes, das aus der verbrecherischen Umarmung der
Gatten entsprang. Sie stirbt verzweifelnd, Eduard folgt ihr nach. Charlotte
steht einsam zwischen den Grbern aller Derer, die sie einst liebte, durch diese
Grber fr immer von dem Hauptmann getrennt. Ihr wird das schwerste Loos, zur
Strafe, weil sie es gewesen ist, welche den Fluch bannen konnte und aus
selbstischen Rcksichten das Zauberwort verschwieg.
    Ich mu Ihnen in gewissem Sinne beistimmen, sagte Therese, und doch kann ich
des Widerwillens gegen diesen Roman nicht Herr werden. Schon auf den ersten
Seiten, schon bei dem ersten Schritt in diesen Zauberkreis fhlt man den Athem
der Dmonen wehen, die hier walten. Man mchte fliehen, sich losreien, weil man
die Nhe eines furchtbaren Geschickes, die Nhe schwerer Schuld empfindet; aber
man ist gebannt durch das allmchtige Wort des Dichters, der uns zu
Mitschuldigen macht, weil wir selbst zuletzt Recht und Unrecht kaum noch von
einander zu scheiden vermgen. Alle Personen des Romans, Ottilie ausgenommen,
sehen die Leidenschaften und die Drangsale hereinbrechen und Jeder berlt sich
in weicher Schwche der unerlaubten Neigung. Darum nenne ich das Buch
unsittlich, darum flt es mir, ungeachtet all Eurer Erkrungen, ein heimliches
Grauen ein, und doppeltes Grauen, weil ich den Sndern nicht zrnen kann, weil
ich mich zuletzt, wie sie selbst, willenlos an die Gewalt ihrer Leidenschaft
hingebe.
    Das gerade ist der Triumph der Wahrheit in der Dichtung, sagte Alfred.
    Oder das Verbrechen des Dichters, meinte Therese.
    Es ist die Wahrheit des Romans und Goethe's vollendete Kunst in der Technik,
die das Werk zu einem Meisterstcke machen. Es beweist fr die tiefe Einsicht
Goethe's in das Menschenherz, bemerkte der Prsident, da wir in seinen Romanen
niemals den ganz unnatrlichen Engels- oder Teufelsfiguren begegnen, die uns so
hufig geboten werden. Wenn dichtende Frauen uns Engelsgestalten vorfhren, die
unter dem Mantel ewiger Entsagung, nicht Fleisch, nicht Blut, sondern nur einen
zarten Teint und eine frische Toilette haben; wenn ihnen jeder Mensch mit heiem
Blut und daraus entspringenden Fehlern gleich wie ein Dmon vorkommt, so liegt
das in einer an sich sehr schnen Eigenschaft des weiblichen Gemths, aber mehr
noch an gnzlicher Unkenntni des Menschen und des Lebens. Diese wrde ich den
Frauen zur Ehre rechnen, falls sie nur nicht schreiben wollten. Da aber auch
Mnner uns mit Engeln und Teufeln behelligen, die immer ganz uninteressant sind,
weil ihnen die Wahrheit fehlt, das hat mich oft berrascht.
    Darin liegt nichts Auffallendes, meinte Alfred; es ist nur ein Zeichen, da
sich auch in der Literatur, wie in allen Knsten, jetzt viel Stmperhaftes
findet. Ein schlechter Maler, unfhig selbstndig zu schaffen, und eben so
unfhig, Das, was er wirklich gesehen hat, treu und schn wiederzugeben, wird
aus jedem Portrait eine Caricatur machen, indem er Schnes sowohl als Unschnes
bertreibt. Das begegnet in unsern Dichtungen ebenfalls tglich. Das Schlimmste
aber scheint mir, wenn das fehlende Interesse an den Gestalten durch die
Sonderbarkeit der Begebenheit ersetzt werden soll. Die fabelhaftesten Ereignisse
werden aneinander gereiht, mit unnatrlichen Verbrechen, mit Verwirrungen, die
ein Wort lsen knnte, strmt man auf uns ein. Man hetzt uns, da das Reisen
Gebrauch ist, durch alle Weltheile, wir mssen mit dem Helden unter den Cedern
des Libanon jauchzen, auf Sibiriens Schneefeldern seufzen und haben wir das
Alles berwunden, sind wir endlich an das Ziel gelangt, so sind wir nur zu oft
herzlich mde und ohne alle innere Anregung, ohne geistige Befriedigung
geblieben. Man hat uns ein Mrchen erzhlt und wir haben die Zeit verloren. Da
Goethe uns in schlichtester Umgebung, in ganz gewhnlichen Ereignissen das
Menschenherz mit seinen Leidenschaften darzulegen wei, da er im Gefhl,
Wahrheit sei Schnheit und Schnheit bedrfe der Zierrathen nicht, stets ebenso
einfach als edel bleibt, das macht seine Dichtungen fr alle Zeiten zu einem
Vorbilde, das macht ihn zu einem classischen Dichter.
    Alfred schwieg nachsinnend, denn obgleich er mit Theilnahme ber die
Schnheit der Wahlverwandtschaften gesprochen hatte, so war es doch vornehmlich
die Tendenz des Buches, die ihn in diesem Augenblick beschftigte. Er war
leidenschaftlich bewegt, seine Freunde fhlten mit ihm und, nachdem man ihm Zeit
zu innerer Beruhigung gegnnt, lenkte man die Unterhaltung andern Gegenstnden
zu und der Abend ging in erheiternden Gesprchen schnell vorber.

                                       IX


Am folgenden Tage langte, wie man es erwartet hatte, Teophil an und fand sich
bald heimisch in dem Hause und der Gesellschaft seiner Gastfreunde. Er war ein
hbscher, blonder Mann mit fast weiblichen Zgen und einem gut durchgebildeten,
stillen Wesen, das auf Therese einen wohlthuenden Eindruck machte, weil sie edle
Formen im Betragen besonders hochschtzte. Man lie dem jungen Manne Zeit, sich
in die neue Huslichkeit und die fremde Umgebung zu finden, man wollte ihn nicht
gewaltsam sich selbst und seiner gewohnten Weise entreien und erst, nachdem er
selbst den Wunsch ausgesprochen, fhrte der Prsident ihn in das Collegium ein.
    Theophil ging mit redlichem Eifer, ja mit einer gewissen Freudigkeit an das
Geschft. Julian's feurige Thtigkeit schien ihn zu beleben und, wenngleich
krperlich ermdet, kam er doch gewhnlich mit ziemlicher Heiterkeit aus den
Sitzungen des Collegiums und von seinen Arbeiten zu Therese zurck, der er bald
ein angenehmer Gesellschafter wurde. Er war sehr viel gereist, hatte Menschen
und Gegenstnde mit Verstand betrachtet, mancherlei Kenntnisse sich zu eigen
gemacht und, wenn man ihn auch in keiner Beziehung als besonders bedeutend
ansprechen konnte, so mute man ihn doch fr einen liebenswrdigen jungen Mann
erklren, der das Talent, angenehm zu plaudern, in hohem Mae besa. Dabei
entwickelte er in nherem Umgange eine solche Geradheit der Gesinnung, eine so
groe, fast kindliche Gutmthigkeit, da man ihm ein herzliches Wohlwollen nicht
versagen konnte und Nachsicht mit seinen Schwchen gewann, die namentlich
Therese nur seiner Krnklichkeit zuschreiben wollte.
    Eva, neugierig und lebhaft, wie die Stammmutter im Paradiese, war gleich
nach Theophil's Ankunft den Gast ihrer Freunde, wie sie es nannte, besehen
gekommen und hatte es nicht verschmht, ihre frhlichste Laune, ihre tollsten
Einflle zur Erheiterung desselben mitzubringen. Die laute Frhlichkeit der
jungen Wittwe schien ihn aber mehr zu peinigen, als zu erfreuen, whrend der
Prsident sich davon zu gleicher Heiterkeit hinreien lie und auch Alfred, der
gegenwrtig war, sich dem belebenden Einflusse der Schalkhaften nicht entzog.
Das hatte einen gar frhlichen Abend gegeben, und je krzer die Tage wurden, je
mehr das schnell wechselnde Wetter den herannahenden Herbst verkndete, um so
mehr gewhnten die Mnner sich, die letzten Stunden des Tages bei Therese
zuzubringen, wo sich denn auch Eva, sicher, die Freunde zu finden, noch hufiger
als sonst einstellte.
    Hier im traulichen Kreise ward es Theresen sehr wohl. Sie liebte die groen
Gesellschaften nicht, ihre ganze Natur hatte etwas in sich Gekehrtes und es war
ihr gradezu peinlich, sich ber Gegenstnde, an denen sie einen wahren Antheil
nahm, mit fremden Personen zu unterhalten. Deshalb galt sie bei Leuten, die sie
nicht kannten, bald fr kalt, bald fr stolz oder gar fr unbedeutend, whrend
Diejenigen, die ihr nahe standen, an ihr die seltensten Eigenschaften des
Herzens und des Geistes verehrten. Von der Mutter zur tchtigen Haushlterin
gebildet, durch Julian's Bequemlichkeitsliebe an hchste Sorgfalt fr husliches
Wohlsein gewhnt, war sie das Ideal einer sorgsamen und angenehmen Wirthin
geworden. Man empfand in ihrem Hause, in ihrer Nhe ein krperliches Behagen,
das sich ganz unmerkbar dem Geiste mittheilte, so da Jeder sich nicht nur frei
und ungehindert, sondern durch die Liebenswrdigkeit der Geschwister selbst
geistig gehoben bei ihnen fhlte.
    Auch Julian fand die neue Lebensweise in seinem Hause sehr angenehm, und
whrend er sonst an jedem Abend, wre es auch nur fr eine Stunde gewesen, zu
Sophie zu gehen pflegte und das franzsische Theater nie zu besuchen versumte,
so oft diese auftrat, unterlie er jetzt bald das Eine, bald das Andere, sich
bei sich selbst und bei der klagenden Geliebten mit Rcksichten fr seine Gste
oder mit andern Grnden entschuldigend. Therese sah das mit groer Freude. Ihr
war des Bruders Verhltni zu Sophien immer ein Gegenstand des Kummers und manch
schmerzlicher Berhrung gewesen, und sie hatte nie aufgehrt, eine Lsung dieser
Verbindung zu wnschen. Aus Widerwillen gegen Sophie hatte sie das franzsische
Theater selten besucht, Julian sie niemals dazu zu berreden gestrebt. Er war
stets allein hingegangen, so sehr er bei allen anderen Anlssen die Begleitung
seiner Schwester geliebt, und hatte seinen Platz zunchst der Bhne gehabt, um
ganz in Sophien's Nhe zu sein.
    Deshalb berraschte es Therese, da Julian an einem Abend den versammelten
Freunden den Vorschlag machte, ob man nicht fr das Benefiz eines beliebten
franzsischen Schauspielers am nchsten Tage eine Loge bestellen und
gemeinschaftlich das Theater besuchen wolle? Alle waren damit einverstanden und
um die bestimmte Zeit fanden sie sich in der Loge zusammen.
    Man gab ein neues Schauspiel, in welchem auch Sophie eine Hauptrolle zu
spielen hatte. Sie trat mit gewohnter Sicherheit und Anmuth auf, und Alfred, der
sie noch nicht gesehen, war von dem edeln Ausdruck ihres Profils, wie von ihrer
ganzen Erscheinung lebhaft angezogen. Sie stellte eine Frau dar, die von ihrem
Gatten verrathen, von ihm aus blinder Eifersucht der Untreue angeklagt wird,
whrend sie ihn leidenschaftlich liebt und in stiller Demuth die ungerechten
Vorwrfe, die bittern Krnkungen ertrgt, nur bemht, dem Auge der Welt das
unwrdige Betragen ihres Mannes zu verbergen, um ihn und seine Ehre nicht dem
Tadel der Fremden preiszugeben.
    Sophien's erster Blick suchte den Prsidenten auf dem gewohnten Platze. Sie
hatte ihn mehrere Tage nicht gesehen, ihn schriftlich gebeten, mindestens im
Theater zu erscheinen, und er hatte es ihr zugesagt. Nun sie ihn vermite,
schien sie unruhig zu werden, und Julian, der jede ihrer Bewegungen kannte, dem
kein Ton ihrer Stimme fremd war, konnte bemerken, da sie ihrer Aufregung kaum
Herr zu bleiben vermochte, als sie ihn mit Therese und Eva in der Loge
erblickte. Sie kannte Eva dem Namen nach; das Gercht einer mglichen Verbindung
zwischen dieser und dem Prsidenten hatte ihr Ohr erreicht und war ihr ein Anla
zu lebhafter Eifersucht geworden. In diesem Augenblick hielt sie ihr Schicksal
fr entschieden und, so sagte sie sich, der Treulose hatte nicht einmal die
Rcksicht fr sie, ihrer glcklichen Nebenbuhlerin den Anblick der Verzweiflung
zu entziehen, die ihre Brust zerri und die, das fhlte sie, aus jedem Worte
widerklingen mute, das sie aussprach. Sie war dem Erliegen nahe. Aber sie
raffte sich empor und mit der edelsten Haltung spielte sie ihre Rolle weiter,
die in vielen Scenen eine verhltnimige Aehnlichkeit mit ihrer eignen Lage
darbot.
    Als sie dem ungetreuen Gatten Vorwrfe machte, als sie von ihrer glhenden
Liebe sprach, von der Unmglichkeit, fr einen Andern zu leben, und ihr
flammendes Auge dabei zu Julian emporblickte, verlie dieser die Loge. Therese
ward tief erschttert. Sie weinte, fast kein weibliches Auge im Theater war ohne
Thrnen und das ganze Publikum berhufte die beliebte Knstlerin mit einem
Beifallssturm, wie ihn nur die wirkliche Bewunderung hervorzurufen vermag.
Alfred war ganz entzckt von der Darstellung. Theophil lehnte sinnend in der
Logenecke und schien Eva's Plaudern gar nicht zu bemerken, die whrend der
rhrendsten Scenen ihn bald dies, bald jenes gefragt hatte und frhlich lachend
auf die Bhne hinabsah, whrend Sophien's Klagen rhrend die Seelen der Hrer
durchzitterten. Wie ein Dolchsto zuckte dies Lachen durch Sophien's Brust, sie
fuhr mit der Hand nach dem Herzen, spielte, immer leiser sprechend, weiter, sank
dann ohnmchtig ihrem Mitspielenden in die Arme und die Vorstellung mute
beendet werden.
    Zeichen der allgemeinsten Theilnahme, des wirklichen Bedauerns wurden laut.
Nie war der gefeierten Knstlerin ein hnlicher Anfall zugestoen. Man blieb
noch in den Logen, man wollte Nachricht von ihrem Ergehen haben, die Ursache des
Zufalls wissen. Therese, der ihr weibliches Gefhl die Lsung des Rthsels
leicht machte, war sichtlich bewegt und wendete sich von Eva ab, die, noch immer
lachend, sagte: Wenn ihr eine Vorstellung httet, wie komisch all das Tragiren
erscheint, wenn man, wie ich, nicht ein Wort Franzsisch versteht, ihr wrdet
lachen wie ich. Ich bin heute zum ersten Mal in einer franzsischen Vorstellung
und es ist ein wahres Glck, da der Prsident uns grade in ein Trauerspiel
gefhrt hat, denn wre es noch obenein ein Lustspiel gewesen, ich htte vor
Lachen sterben mssen.
    Lache nur jetzt nicht, bat Therese verdrielich, wo das ganze Publikum in so
entgegengesetzter Stimmung ist, Du machst Dich dadurch unangenehm auffllig.
    Man hatte einen Augenblick auf Julian gewartet, als man das Theater
verlassen wollte. Da er nicht kam, nahm Therese Alfred's Arm, Theophil fhrte
Eva und man stieg die Treppen hinab.
    Die Harcourt ist in der That die grte Knstlerin in ihrem Fache, die ich
jemals gesehen habe, sagte Alfred, und sie mu berhaupt eine sehr geistreiche
Frau sein. Ich habe Lust bekommen, sie persnlich kennen zu lernen. Welche
Wahrheit in der Darstellung der Leidenschaft! so spielt man nur, was man
vollkommen versteht. Nur etwas mehr Stolz htte ich ihr gewnscht, den
ungerechten Anschuldigungen gegenber, die der Gemahl auf sie huft.
    Therese, im Innern lebhaft mit Sophien und den Ereignissen der letzten
Augenblicke beschftigt, ging schweigend neben Reichenbach her, seine Worte
bedenkend. Pltzlich sagte sie nach langer Pause: Das grade ist das Wahrste in
Sophien's Spiel gewesen! sie mu die Liebe bis zu ihrem Hhepunkte kennen. Ihr
Mnner urtheilt, wie ihr es versteht, ihr sprecht von Stolz in der Liebe. Mein
Gott! Stolz in der Liebe! - wiederholte sie leise.
    Und zweifeln Sie, da es den gbe? fragte Alfred. Zweifeln Sie, da es einen
Grad der Krnkung gibt, dem gegenber es Pflicht wird und Nothwendigkeit, sich
mit dem Gefhl der eigenen Wrde zu waffnen, um sich nicht untergehen zu lassen?
    Ich wei es nicht, entgegnete Therese, ich aber wrde gewi die Kraft dazu
nicht in mir finden, selbst wenn ich sie suchen wollte. Stolz setzt doch immer
Eigenliebe voraus und wahre weibliche Liebe ist ganz Hingebung, ganz Demuth. Wie
kann man Stolz empfinden, wo man in opferfreudiger Liebe sich einem Anderen zu
eigen macht? Da die Harcourt allen Krnkungen gegenber kein anderes Gefhl
darstellt, als den tiefen Kummer, nicht geliebt zu werden, die tiefe Betrbni,
nicht von ihrer Liebe berzeugen, nicht durch sie beglcken zu knnen, das ist
ja eben so gro und so wahr in ihr.
    Sie werden wenig Frauen finden, die diese Ansicht mit Ihnen theilen, meinte
Alfred, so unwiderstehlich diejenigen auch sein wrden, die danach handelten.
    Weil wenig Frauen gro genug sind, sagte Therese mit schner Erhebung, jene
wahre Liebe zu fassen, mit der die Frauen des alten Testamentes sprachen: Herr!
ich bin Deine Magd. - Wie viel Frauen kennen denn das Glck, in einer groen
Liebe aufzugehen, sich ihr ganz ausschlielich hinzugeben und nichts zu wollen,
als nur sie?
    Therese! rief Alfred im Tone reinster Freude, theure Therese, jetzt endlich
finde ich Sie wieder; das ist das warme, das schne Herz, das ich frher kannte,
in das ich blicken durfte, als wir Beide noch gar so wenig vom Leben wuten.
Auch ich, Therese, glaube noch an die groen Ideale unserer Jugend, aber haben
Sie, auer der Ihren, viele Seelen gefunden, die dieser unselbstischen Liebe
fhig gewesen sind?
    Nein, nur wenige! antwortete Therese, doch das war nicht Schuld der
weiblichen Natur, denn dieser wohnt der Trieb inne, aufzugehen in der Liebe zu
dem Manne ihrer Wahl. Es ist die Schuld der weiblichen Erziehung und unserer
migestalteten Verhltnisse. Nicht die Liebe ist es, was die Meisten verlangen,
es ist die eintrgliche Stelle einer Hausfrau, das gesicherte Dasein einer
solchen. Sie heirathen, um den Tand zu besitzen, den Flitter, an dem ihr Herz
hngt, der sie beglckt; sie wollen glcklich sein, nicht glcklich machen. Jene
Liebe, welche die Harcourt uns zeigte, die einzig wahre, die will nichts fr
sich, als lieben und leben drfen fr den Geliebten!
    Nicht auch dem Geliebten ganz zu eigen sein, ihn ganz ihr Eigen nennen?
fragte Alfred. Glauben Sie, da es eine wahre Liebe gibt, die nicht nach
gnzlicher Vereinigung strebt? Ich halte das fr ihr Kennzeichen. Schelten Sie
mich engherzig, eigenschtig - ich mu es ertragen. Ich hasse alle
Entsagungstheorien. Ich will besitzen, was ich liebe, es soll mein sein und
mte ich es der Welt abtrotzen. Ja! ich hasse sie tief, all die blasse
verzichtende Entsagung, denn wir sind sicher zum Glck, nicht zum Entbehren auf
der Welt.
    Der Muth zum Kampfe und die Lust daran mgen in der Natur des Mannes liegen,
ich besitze sie Beide nicht, entgegnete Therese. Der bloe Gedanke an groe
Zerwrfnisse ngstigt mich, ich habe Furcht vor dem Urtheile der Menge; ich wre
untrstlich, mte ich je einen Schritt thun, der die Augen fremder Leute auf
mich zge; und ich begreife nicht, wie eine Frau es berwindet, mit der
Oeffentlichkeit in Berhrung zu treten.
    Und doch haben Sie eben die Harcourt bewundert! Glauben Sie nicht, da diese
einen Beruf erfllt? Sagten Sie nicht eben, da Sie sie einer groen, wahren
Liebe fhig hielten, einer Liebe, die jeder weiblichen Natur den hchsten
Adelsbrief ertheilt?
    Da Therese schwieg, nahm Alfred nach einer Weile das Wort und sagte: Warum
verbergen Sie Ihr besseres Gefhl, warum wollen Sie, die eben in so groer
Seelenschnheit vor mir standen, klein sein und von Vorurtheilen befangen? Ich
wei, was Sie gegen die Harcourt einnimmt - aber gewi, Therese, Sie haben
Unrecht.
    Das kann wohl sein, antwortete sie ihm, aber ich liebe die Frauen nicht,
welche den Muth haben, sich ber Vorurtheile wegzusetzen; denn dieser Muth ist
in meinen Augen eine Feigheit.
    Das ist hart! sagte Alfred.
    Theresen's Arm zitterte in dem seinen und mit bebender Stimme sagte sie:
Begreifen kann ich es, da eine Frau aus Liebe so feig wird, nicht entsagen zu
knnen, sich selbst untreu zu werden - vergeben kann ich es nie.
    So beten Sie, da nie die Stunde der Versuchung fr Sie komme! rief Alfred
ernst, als sie Theresen's Wohnung erreicht hatten und er sich empfahl, whrend
Theophil und Eva mit ihr in das Haus gingen, um den Abend bei ihr zuzubringen.

                                       X


Ich komme, Dich zu fragen, sagte an einem der nchsten Tage Herr von Reichenbach
zu dem Prsidenten, ob Du das Testament geprft hast und was Du davon hltst?
    Der Prsident zog bedenklich die Schultern in die Hhe und meinte: die
Sachen stehen fr Dich nicht eben gnstig. Ich halte es nicht fr unmglich, da
der Clerus in Deiner Ehescheidung, und namentlich, wenn Du daran denken
solltest, Dich anderweit zu verheirathen, diese Handlung als ein Zeichen Deines
Austrittes aus dem Kirchenbunde ansehen knnte, da ihm thrichter Weise von dem
Erblasser eine Art geistlicher Aufsicht ber die Besitzer des Nachlasses
eingerumt ist. Inde fehlen noch die beiden Codicille, von denen Du mir gesagt
hast und ohne die ich Dir darber und wegen der Nachfolge Deines Sohnes keine
bestimmte Auskunft geben kann.
    Alfred bedauerte diese Papiere nicht zur Hand zu haben, sie waren in seinem
Schreibtisch geblieben und er konnte sie nicht gut von einem Andern hervorsuchen
und sich nachsenden lassen. Der Prsident rieth ihm selbst davon ab und fgte
hinzu: Ueberhaupt wrde ich zunchst an Deiner Stelle die Sache nicht auf die
Spitze stellen. Was gewinnst Du bei dem Scheidungsprozesse?
    Welche Frage! rief Alfred, ich lebe in der unglcklichsten Ehe, ich will
mich trennen und Du fragst, was ich dadurch gewinne? - Ich gewinne meine
Freiheit wieder.
    Und fehlt Dir die jetzt? fragte der Prsident. Bist Du nicht frei in diesem
Augenblick? Wrst Du ein armer Brger, der sein kmmerliches Geschft betreibt
und eine Schaar kleiner Kinder hat, die einer Mutter bedrfen, wenn die rechte
Mutter nichts taugt, so begriffe ich Deinen Wunsch, von der einen Frau
geschieden zu werden, wenn Du eine andere nehmen wolltest. Fr Dich aber ist es
ein unkluger Schritt. Du liebst Deine Frau nicht, aber Du liebst vorlufig doch
noch keine Andere. Gut! so lebe Du hier und mag sie dort nach ihrer Neigung
schalten. Der Plan, Dich von Deiner Frau durch den hiesigen Aufenthalt zu
trennen, war vernnftig; er machte Dich von den unangenehmen Berhrungen vllig
frei und gab kein unnthiges Gesprch und Aufsehen. Der Vorsatz, Dich
gerichtlich scheiden zu lassen, ist unpraktisch; er macht Dich nicht freier und
wird groes Gerede geben, da auf Dich, den beliebten Autor, die Augen der Menge
gerichtet sind. Zur Scheidung ist es noch Zeit, wenn Du einmal eine neue Ehe
eingehen wolltest, bis dahin warte damit. Was soll berhaupt die unntze Eile?
    Alfred sa nachdenkend da. Es lag viel Wahrheit in den Behauptungen des
Prsidenten und dennoch war Etwas darin, das ihm widerwrtig und abstoend
erschien. Was ihn leidenschaftlich bewegte, was ihm zu einer Lebensfrage
geworden war, von Andern kalt beurtheilt, es zum Gegenstande einer ruhigen
Erwgung und Berechnung gemacht zu sehen, hatte etwas Schmerzliches und
Verletzendes fr ihn. Zudem verlangte sein Gemth nach Schnheit, nach
vollstndigem Gengen, und in der Halbheit, die der Prsident ihm vorschlug,
fanden auch diese Ansprche sich nicht befriedigt.
    Mir sind gewaltsame Schritte allerdings auch sehr zuwider, sagte Alfred nach
einer Pause, weil sie mein Gefhl beleidigen; das, was Du Aufsehen nennst, ist
mir aber sehr gleichgltig. Ich bin es gewohnt, dem Publikum gegenber zu stehen
mit meinem Dichten und Wirken; ich scheue es nicht, ihm auch meine eigensten
Verhltnisse darzulegen; denn ich thue Nichts, was ich nicht vertreten kann,
nichts als Das, was ich fr mein heiligstes Recht, fr meine Pflicht erachte.
    Wer spricht denn davon, da Du ein Unrecht zu verheimlichen httest?
entgegnete der Prsident. Aber denke Dir nur die Bemerkungen der Fremden, das
Herumschleppen vor den Gerichten und was daran Widerwrtiges noch hngt, und ich
glaube Du stimmst mir bei.
    Das fllt fort, meinte Alfred, wenn Caroline ebenfalls in die Scheidung
willigt.
    Ganz und gar nicht! nur bei kinderlosen Ehen gengt die gegenseitige
Einwilligung zu einer Trennung und Du bist ja der Zustimmung Deiner Frau noch
keineswegs sicher. Folge mir, Alfred! la die Angelegenheit noch eine Weile
schweben. Wer wei, wie sich Carolinen's Ansicht, wie Deine eigene Meinung sich
noch ndert. Das Aeuerste zu thun, bleibt Dir ja immer Zeit.
    Inzwischen schreibt mir Caroline fast alltglich, und in einer Weise, da
ihre Briefe mich immer neu verstimmen, sagte Alfred mimuthig und seufzend.
    Schicke sie unerffnet zurck.
    Das vermag ich nicht, ich kann meiner Frau, so lange sie noch meine Frau
ist, solch eine Beleidigung nicht anthun! erklrte Alfred sehr bestimmt, am
Wenigsten, da Felix jetzt noch bei ihr ist.
    So hole ihn her, sagte der Prsident. Du hast mir, denke ich, schon vor
einiger Zeit gesagt, da Du einen Lehrer fr ihn gefunden und Alles fr seinen
hiesigen Aufenthalt vorbereitet httest.
    Ach, mein Freund! rief Alfred schmerzlich, wenn Du Dir vorstellen knntest,
wie all diese Verhltnisse mir das Herz zerreien, wie sehr ich unter ihnen
leide, Du wrdest mich weniger schwach schelten, als ich Dir offenbar erscheine.
Felix durch einen Fremden von der Mutter abholen zu lassen, scheint mir eine
entsetzliche Hrte; und ich selbst? - Ich kmpfe seit vielen Tagen mit dem
Gedanken, wie ich es anfange, mir den Sohn herzuschaffen, ohne da seine Mutter
es zu schwer empfindet. Ich will selbst nach dem Schlosse gehen, aber mir bangt
vor dem Wiedersehen und vor der Trennung.
    Fasse einen festen Entschlu und gehe morgen, sagte der Prsident.
    Morgen? wiederholte Alfred, nein! morgen nicht, ich wrde dann gerade am
achtundzwanzigsten, an Carolinen's Namenstage eintreffen - das ist unmglich. Er
seufzte und sagte: Aber ich werde bald thun, was gethan sein mu. Ich werde zu
ihr reisen, werde Felix mitbringen und mir ihre Zustimmung zu unserer Scheidung
zu verschaffen suchen. Ich mu der Sache ein Ende machen, dieses bestndige
Schwanken ertrage ich nicht.
    Thue, was Du nicht ndern kannst, meinte der Prsident, und im Grunde kann
ich Dich so hart nicht tadeln, denn auch ich habe heute einen entscheidenden
Schritt gethan, um mich aus peinlichen Verhltnissen zu erlsen. Ich habe mit
der Harcourt gebrochen.
    Heute? fragte Alfred bestrzt, heute? nach dem neulichen Vorfall?
Nimmermehr!
    Gerade deshalb, sagte Julian. Ist ihr Betragen denn nicht hchst verletzend
fr mich gewesen? Wie eine Rasende spielt sie Komdie in der Komdie, macht mich
zum Zielpunkt fr alle Blicke, und weshalb? - Weil irgend ein nrrischer Mensch
ihr vorgeschwatzt, ich wolle Eva heirathen. Ich sah den Sturm heranziehen, ich
verlie die Loge, um sie in ihrer Garderobe aufzusuchen; kaum aber bin ich dort,
so bringt man sie ohnmchtig herein, die andern Schauspielerinnen strzen
hilfeleistend nach, und sie erwacht mit meinem Namen auf den Lippen. Nun geht
die interessante Neuigkeit von der Bhne in's Parterre, von dem Parterre durch
die ganze Stadt und ich bin heute, Dank Eva's Kinderei und Sophien's Wahnsinn,
das Gesprch der Kaffeehuser.
    Er ging verdrielich im Zimmer umher. Und ist sie Dir denn gar nichts mehr?
fragte Alfred. Ich bin berzeugt, da sie Dich leidenschaftlich liebt; gilt Dir
das nichts?
    Wie kann mich freuen, was mich qult? Du sprichst von Liebe, als ob wir
junge Mnner wren, als ob ich Theophil von seiner ungetreuen Schnheit sprechen
hrte. Die Zeiten sind fr mich vorbei. Wer hat denn jetzt noch Mue zu einer
sogenannten groen Liebe? Sophie und ich, wir haben uns nicht verstanden, sie
fordert mehr, als eine Frau verlangen drfte! Ich werde sie nicht wiedersehen.
    Und heute gerade wollte ich Dich zu ihr begleiten. Sie hat mich neulich so
sehr angezogen, da ich begierig bin, sie nher kennen zu lernen.
    Das trifft sich sehr glcklich, sagte der Prsident, denn ich wollte Dich
bitten, zu ihr zu gehen. Ich verlange es sogar als einen Freundesdienst von Dir.
Stelle ihr vor, wie die Sachen stehen. Sieh zu, da Du sie von Uebereilungen,
von Thorheiten abhltst. In Stunden der Aufregung pflegte sie das Unerhrteste
zu lieben, das Ungewhnlichste zu thun. Beruhige sie und rathe ihr sich
verstndig in das Unabnderliche zu fgen. Solche Frauen bedenken nicht, wie
sehr wir den Anstand zu schonen haben, wie die Augen der Vorgesetzten und der
Untergebenen auf uns ruhen, wie die ganze Journalistenmenge nur darauf wartet,
einem hochgestellten Beamten etwas anhaben zu knnen! Sophie hat mir schon die
unangenehmsten Verwickelungen zugezogen und -
    In dem Augenblick klopfte es an die Thr, eine Stimme rief: Ich bitte um
Audienz! und Eva trat herein, Theophil nach sich ziehend.
    Julian's Antlitz erheiterte sich sogleich, er ging der jungen Frau entgegen,
kte ihr die Hand und fhrte sie zum Sopha. Was schafft mir das ganz
unerwartete Glck, theure Cousine! Sie in meinem Zimmer zu sehen? fragte er
galant.
    Man sagte mir, da Sie um diese Zeit Audienz ertheilen und ich komme, Sie in
einer wichtigen Angelegenheit zu Rathe zu ziehen. Hier Ihr Herr Assessor hat
mich schwer verletzt und beleidigt, und Sie, Herr Prsident! sollen mir Recht
verschaffen und eine glnzende Genugthuung; ich werde Sie kniglich dafr
belohnen.
    Ich bestreite aber dem Prsidenten, als Ihrem Verwandten, gndige Frau, das
Recht, Richter in unserer Angelegenheit zu sein. Er ist nicht unparteiisch,
wendete der Assessor scherzend ein.
    Wo fnden Sie denn einen Richter, lieber Theophil! sagte der Prsident, der
nicht augenblicklich fr Ihre schne Gegnerin Partei nhme, sobald sie in Person
die Klage anbringt? - Das ist ein Nachtheil des ffentlichen Verfahrens, welches
jetzt so hei begehrt wird. Aber frchten Sie nichts. Klgerin hat mich selbst
oft so schwer gekrnkt, da die dadurch bewirkte Animositt ein Gleichgewicht
gegen meine sonstige Vorliebe bilden wird. Rechnen Sie Beide auf volle
Unparteilichkeit und, Frau von Barnfeld! beginnen Sie Ihre Klage, ich bin ganz
Ohr!
    Erstens, sagte Eva, hat der junge Herr mich zwei Stunden hindurch immerfort
gelangweilt.
    Wodurch? fragte der Prsident.
    Mein Gott! wodurch - durch Langeweile. Er hat mit Therese sehr ernsthaft
ber Unsterblichkeit gesprochen -
    Sie haben uns nicht dazu kommen lassen, gndige Frau! wendete der Assessor
ein.
    Nicht? fragte Eva - und woher, als von Ihnen, wte ich denn in diesem
Augenblick, da Mendelsohn einen Phaedon - oder wie das Ding sonst heit,
geschrieben hat? Woher wte ich, da Spinoza der Urheber des - Julian, heit's
Pantheismus? fragte sie sich unterbrechend.
    Der Prsident nickte bejahend und sie fuhr fort: da der Spinoza also den
Pantheismus erfunden hat? Glauben Sie, irgend ein anderer Mann wird einer
lebenden Frau von so todten Dingen vorsprechen, wie Unsterblichkeit und Seelen?
Wer es gehrt, htte glauben mssen, der Pastor sei da und Therese oder ich
lgen schon im Sterben.
    Die Mnner lachten, und Eva fuhr dadurch ermuthigt, fort: Als ich es gar
nicht mehr aushalten konnte und, um nur ein vernnftiges Wort zu hren, Therese
fragte, wo sie ihren Winterhut kaufen werde, hat mir der Herr Theophil ein
wthendes Gesicht gemacht und dann mit Beharrlichkeit geschwiegen.
    Das ist mindestens kein Verbrechen! sagte Theophil.
    Mindestens keine Verbalinjurie! meinte der Prsident. Man wrde es hchstens
als eine Unterlassungssnde bezeichnen knnen und die gehrt nicht vor mein
Forum. Aber was haben Sie weiter vorzubringen?
    Darauf, da Herr Theophil eigensinnig schwieg, forderte ich ihn auf, mit mir
vierhndig zu spielen. Er lehnte es ab, weil er Kopfweh habe.
    Das ist allerdings Ihnen gegenber ein wirkliches Verbrechen, sagte der
Prsident; wie kann man denn etwas Anderes empfinden, als heftiges Herzklopfen,
wenn man Sie sieht?
    Sie sind liebenswrdig! rief Eva freudig, ich ahne es, Sie schaffen mir
Genugthuung. Nun hren Sie, nun kommt die Hauptsache. Als er sich hartnckig
geweigert, mit mir zu spielen, habe ich mich beschieden, mich ganz still an das
Clavier gesetzt und Galoppaden gespielt - ganz leise, weil er Kopfschmerz hatte,
so gut war ich. Kaum aber habe ich einige Takte versucht, so sprechen sie wieder
von Unsterblichkeit. Ich bitte sie, stille zu sein, mir zuzuhren, da steht er
hastig auf und will hinaus. Ich springe ihm nach: Halt! mein Herr! habe ich Ihre
langweilige Unsterblichkeit ausgehalten, so halten Sie meine Galoppaden aus!
sagte ich. Ist das nicht recht und billig, Herr von Reichenbach, ich frage Sie?
    Vollkommen! besttigte dieser.
    Und nun hren Sie, was er antwortet. Ich schme mich, es zu wiederholen. Er
sieht mich an, lacht und spricht: Ich mu sterben, wenn ich noch lnger all die
falschen Accorde hren soll, schne Frau! und Sie wollen ja nicht einmal, da
ich mich whrend des martervollen Todes mit dem Gedanken an die Unsterblichkeit
trste.
    Das hat der Angeklagte wirklich gewagt? fragte der Prsident lachend. Was
haben Sie zu Ihrer Vertheidigung zu sagen?
    Ich mu in allen Punkten mein Unrecht eingestehen, antwortete Theophil, ich
fhle mein Verbrechen und wollte gar nicht erscheinen, sondern mich in
contumaciam verurtheilen lassen, aber meine Gegnerin bestand darauf, da ich mit
ihr gehen und in Person mein Urtheil holen sollte.
    So wre denn keine weitere Vernehmung, kein Zeugenverhr nthig, erklrte
der Prsident, die Acten sind geschlossen, das Urtheil kann gefllt werden, und
ich erkenne, da unser Freund sich gegen einen Hherstehenden einer groben
Injurie schuldig gemacht hat, denn Frau von Barnfeld ist ein Engel und der
Assessor wie wir Andern Alle nur ein armer sterblicher Mensch. Deshalb mag er
Frau von Barnfeld demthig um Verzeihung bitten, sich als den rgsten Snder
bekennen und entweder sich fr ihren Gefangenen auf Lebenszeit erklren oder die
Gefngnistrafe auf recht galante Weise abzuben suchen. Zugleich verurtheilen
wir ihn aber nur in die Hlfte der Prozekosten, da er whrend des Streites die
Klgerin schne Frau genannt, was sein Unrecht mindert und von der Klgerin
mit Uebernahme der halben Kosten anerkannt werden mu, und das von Rechts wegen.
    Theophil kniete auf Eva's Verlangen nieder, bat um Vergebung und durfte ihre
kleine Hand zum Zeichen der Vershnung kssen. Dann sprang sie frhlich von
ihrem Platze auf, reichte dem Prsidenten beide Hnde und sagte: Sie sind weise
wie der Knig Salomo, Gott lohne es Ihnen, da Sie einer armen, schwergekrnkten
Wittib zu ihrem Rechte verhelfen, da Sie die verfolgte Unschuld nicht
unterdrcken lassen. Ich danke Ihnen dafr und nun kommen Sie zu Therese, die
uns erwartet.
    So weit sind wir noch nicht, bedeutete der Prsident; Sie haben die Hlfte
der Kosten noch nicht bezahlt und sind mir auch noch die knigliche Belohnung
schuldig, die Sie mir versprochen haben.
    Das ist wahr, rief Eva; was verlangen Sie?
    Knnen Sie fragen, was man von Ihnen verlangt? fragte der Prsident, was Ihr
Cousin von Ihnen fordert?
    Sehen Sie, Herr von Reichenbach, jetzt wird er wieder Cousin! neckte Eva,
whrend eine glhende Rthe ihr Gesicht berzog. Aber daraus wird nichts,
Julian! gewi! daraus wird nichts. Sie sind gar zu anspruchsvoll - sehen Sie
mich nicht so lchelnd an.
    Er hatte ihre Hand ergriffen, sie machte sich los und lief hinaus. Aber im
Abgehen rief sie: Ich fahre in's Theater, leben Sie wohl, Julian? heute sehen
wir uns nicht mehr.
    So werde ich mir morgen meine Gebhren einfordern kommen, antwortete der
Prsident und, gegen die Freunde gewendet, bemerkte er: Dieser ewige Frohsinn
ist fr mich bezaubernd.
    Das begreife ich nicht, meinte Alfred, denn, wie bei dem ersten Begegnen,
lt Eva mich auch jetzt ganz kalt. Ihre unruhige Frhlichkeit ermdet mich.
    Sie haben Recht, Herr von Reichenbach! rief Theophil, eine Frau, wie diese,
knnte ich niemals lieben. Ihr fehlt jene Tiefe des Gemthes, auf deren Boden
allein die Liebe erblht.
    Sind das Thoren! lachte der Prsident, sind das biedere Deutsche! - Aber wer
denkt denn an Liebe, wer denkt denn an Ehe? Wie der Schmetterling nur da ist,
sich und uns zu erfreuen, so gibt es Frauen, geschaffen, zu spielen und zu
entzcken. Auch Champagner stillt den Durst des Verschmachtenden nicht fr
immer; aber sein perlender Schaum belebt die abgespannten Nerven des Leidenden
und zaubert strahlendes Licht in die dstern Nebel, die ihn umlagern. Wit Ihr
denn, ob ich nicht auch einmal solch ein Leidender bin? Knnt Ihr wissen, ob ich
nicht der Erheiterung bedarf? Eva, die blonde, tndelnde Eva ist vielleicht der
Champagnerschaum, in dem ich mich berausche, und dazu ist sie wie geschaffen.
    Egoist! schalt Alfred.
    Sie sind ein zu groer Epikurer, meinte Theophil.
    Als ob von meinem Egoismus die kleine Frau nicht mehr Freude, nicht mehr
Genu htte, als von Eurer Bedchtigkeit und Tugend! Lernt endlich den weisen
Epikur, lernt endlich einmal das Leben verstehen! Ihr sollt genieen und
genieen lassen, das ist der Zweck des Daseins! den erflle ich mit Andacht!
sagte der Prsident, als man sich trennte.

                                       XI


Alfred konnte nicht aufhren, an Sophie zu denken, er hatte Mitleid mit ihr, er
wnschte zu wissen, wie sie die Trennung von dem Prsidenten ertrage; er wollte
dessen Auftrge ausrichten. Er ging also zu ihr und lie um die Erlaubni
bitten, sie zu sehen.
    Sophie nahm seinen Besuch an. Als er bei ihr eintrat, war es hoher Mittag,
darum berraschte ihn die Dunkelheit, welche in dem Zimmer herrschte. Alle
Vorhnge waren heruntergelassen, die Jalousien fast ganz geschlossen. Sophie
hatte in einem Lehnstuhl geruht. Sobald sie Alfred's Schritte hrte, stand sie
auf, ging ihm entgegen und sagte: Sie sind ein Freund des Prsidenten von Brand,
Herr von Reichenbach, Sie kommen von ihm. Was bringen Sie mir?
    Es war nicht allein der Wunsch meines Freundes, entgegnete Alfred, der mich
herfhrte, sondern auch das eigne Verlangen, Sie kennen zu lernen und Ihnen fr
den Genu zu danken, den Sie mir neulich durch Ihre Kunst in so hohem Grade
gewhrt haben.
    Wieder Einer, der mir Weihrauchdampf bietet, wo ich verschmachtend nach
Lebensluft verlange! Wieder Einer, der sich an fremdem Herzblut erfreut! Lieben
Sie den sterbenden Fechter? fragte sie spttisch -
    Ja! sagte Alfred, denn ich sehe in dem Todeskampf desselben, da die starke
Seele das Leid besiegen, da sie den Tod berwinden, da sie rein eingehen wird
in ein schneres Dasein.
    Sophie sah ihn prfend an; ihr groes, dunkles Auge ruhte fest auf ihm, dann
sagte sie: Den Tod zu berwinden, das ist leicht, aber wie ertrgt man das
Leben, mit dem Tode im Herzen? - Ich habe viele Tage und Nchte daran gedacht,
wie ich leben solle ohne Julian's Liebe, ich habe nach einem Gedanken gesucht,
an dem ich mich aufrichten, an den ich mich halten knnte. Ich finde keinen. Man
bricht die Blume, um sich an ihrem Dufte zu erfreuen, und man wirft sie von
sich, wenn sie uns nicht mehr reizt. Aber ein Herz von sich zu stoen, das mit
all seinen Fasern an ihm hngt, das nur in der Liebe zu ihm lebt, das htte ich
ihm niemals zugetraut.
    Sie faltete die Hnde zusammen und groe Thrnen fielen langsam aus ihren
Augen, whrend sich keine Miene ihres Gesichtes verzog. Sie war noch in ihrem
groen Schmerze schn, das ist ein Vorzug, den nur wenig Auserwhlte haben.
    Alfred ehrte ihren Schmerz durch sein Schweigen. Als er sie gefater sah,
sagte er: Gnnen Sie es mir, Sie auf sich selbst zu verweisen. Eine Natur wie
die Ihre mu eine Lebenskraft in sich haben, die sie ber Schmerzen forttrgt,
an welcher gewhnliche Frauen sich verbluten.
    Sie schttelte zweifelnd das Haupt. Gewhnliche Frauen? und was bin ich als
ein gewhnliches Weib ohne Julian's verklrende Liebe? Was bin ich ohne ihn? Was
bleibt mir, wenn ich ihn verliere?
    Die Kunst! antwortete Alfred. Wie Viele haben gleich Ihnen das schwerste
Leid empfunden und besaen nicht, wie Sie, den Genius der Kunst als Trster.
    Ich werde nicht wieder die Bhne betreten, Herr von Reichenbach! sagen Sie
das dem Prsidenten, bis er es von mir fordert. Nur wenn er es verlangt, nur
wenn es ihn noch erfreute wie einst, wrde ich wieder spielen.
    Das wird ihn sehr betrben, bemerkte Alfred, er opfert Sie und seine Liebe
mit blutendem Herzen auf; er hofft, Sie vielleicht spter ruhiger wiederzufinden
- und Sie werden sich ermannen. Ist es nicht -
    Sagen Sie nicht, was Sie selbst nicht glauben! rief Sophie, ihn heftig
unterbrechend, Julian ist kalt, ihn schmerzt das Opfer nicht. O! wie hatte ich
Recht, wie ist das wahr geworden, was ich einstmals sagte! - Sie schien in
Erinnerung verloren, dann sprach sie: Wir fuhren ber Land, Julian und ich. Da
sah ich Farrenkraut neben uns an einem Felsen blhen. Die groen Bltter wuchsen
frhlich aus dem Gestein empor, die ganze reiche Wurzel hing frei in der Luft,
nur die zartesten Aederchen verbanden sie mit dem Felsen, aus dem sie Leben zog.
Das sind wir, sagte ich damals. Du bist der kalte Stein, ich bin das
Farrenkraut; sieh, wie fest es an dem Felsen hngt, wie es sich an den Kalten
schmiegt. Er blickte hin und meinte: Weit Du nicht, da in dem Steine, der Dir
so kalt erscheint, heies, vulkanisches Feuer glht? Fhlst Du nicht, da Du nur
durch dies Feuer leben, nur in der Wrme meiner Liebe blhen kannst? - Und wenn
der Winter kommt? fragte ich scherzend. - Dann mu Alles welken, was blhte,
antwortete Julian, damit Raum werde fr neues Leben, das ist Naturgesetz. Er
hatte es auch nur scherzend gesprochen, aber doch zerri es mir die Seele in
bangem Vorempfinden. Nun ist's geschehen! Es war schon lange Herbst, ich wollte
es nicht bemerken; nun ist der Winter da!
    Es lag ein groes Weh in der Milde, mit der sie die letzten Worte sprach.
Alfred fhlte sich unfhig, ihr einen Trost zu geben. Er war voll Bewunderung,
voll Theilnahme fr sie. Er ergriff ihre Hand und sagte: Der Mann, der das Leid
der ganzen Menschheit wie sein eigenes empfand, der zu sterben vermochte, um der
Menschheit die Freiheit des Gedankens zu erkaufen, Christus sprach das gttliche
Wort: Ich habe die Welt berwunden! - Ueberwinden Sie den Schmerz, begraben Sie
die Vergangenheit! so viel Liebe darf sich nicht eigenschtig in sich selbst
verzehren. Suchen Sie den Weg, auf dem Sie zu wandeln vermgen; und kann die
Sorgfalt eines Sie bewundernden Mannes Sie dorthin fhren, Ihnen Sttze sein, so
nehmen Sie mein Wort darauf, da Ihnen meine Freundschaft niemals fehlen soll,
wenn Sie sie nicht verschmhen.
    Sophie drckte ihm schweigend die Hand. Dann sagte sie nach einer Weile: Sie
geben mir viel, mehr als ich Ihnen danken kann in diesem Augenblick, aber ich
nehme es an. Noch wei ich nicht, was mir frommt. Ich mu allein sein, allein
mit mir fertig werden, das fhle ich. Verlassen Sie mich. Wenn ich Ihrer bedarf,
wenn ich Ihrer wrdig bin, fordre ich Sie auf, zu mir zu kommen. Leben Sie wohl,
Herr von Reichenbach! - Sie reichte ihm nochmals die Hand und ging ohne weitere
Rcksicht auf ihn in das andere Gemach.
    Alfred sah ihr lange nach und blieb sinnend eine Weile in ihrem Zimmer
sitzen. Er konnte sich nicht erklren, wie Julian gleichgltig werden mochte
gegen eine Frau wie diese, wie er Gefallen finden konnte an der leichten
Tndelei Eva's nach dem Besitz von so viel Geist und Herz, als sich in Sophie
vereinigt fand. Er wollte dem Freunde Vorstellungen machen, er wollte versuchen,
ihn wieder mit der einst Geliebten auszushnen, aber er kannte das Menschenherz
zu gut, er kannte Julian zu gut, um an die Dauer einer solchen Vershnung zu
glauben, und es war und blieb ja auch etwas Miliches in dem Verhltni, das bei
des Prsidenten Stellung doppelt in das Gewicht fallen mute. Dazu war Julian's
Charakter ein sehr eigenthmlicher. Bei einer anscheinend kalten Auenseite, die
den Fremden abstie, besa er eine groe Weichheit des Gefhls und eine
Beweglichkeit des Geistes, die ihn jedem neuen und besonders jedem schnen
Eindruck leicht zugnglich machten. Alles Groe und Wahre ergriff ihn tief und
schnell. In solchen Stimmungen war er groer Opfer, war er einer uneigenntzigen
Gromuth fhig, aber eine anhaltende Begeisterung fr denselben Gegenstand, eine
dauernde Liebe lagen nicht in seiner Art. Was er im Augenblick der
Gefhlserregung mit voller Hingebung gethan hatte, konnte oft wenig Stunden
darauf sein zersetzender Verstand als lcherlich besptteln. Diese Charaktere
nennt die Menge Verstandesmenschen, whrend man sie Gefhlsmenschen heien
sollte. Sie gelten fr stark und sind doch schwach, weil sie nicht nach
Ueberzeugungen, sondern nach augenblicklichen Eingebungen handeln.
Conventionelle Begriffe, wie Ehrgefhl und Schicklichkeit mssen bei ihnen das
wahre Pflichtgefhl ersetzen, und dennoch sehen wir gerade solche Menschen oft
Thaten vollbringen, welche dem selbststndigsten, festesten Charakter schwer
fallen wrden.
    Seinen Freunden ein zuverlssiger Freund, seiner Schwester der zrtlichste
Beschtzer, besa er den Frauen gegenber eine Genusucht und einen Leichtsinn,
die schon manches Herz verwundet, manches gebrochen hatten. Wenn ihn weibliche
Anmuth reizte, trieb es ihn unwiderstehlich, nach ihrem Besitz zu streben; und
ohne jemals seine Ansicht von der Flchtigkeit solcher Verbindungen zu
verbergen, errang er fast immer Liebe, wo er sie forderte. Er hatte einen
feurigen, phantasiereichen Geist, eine einschmeichelnde Liebenswrdigkeit und
eine berzeugende Wohlredenheit. Dazu besa er die sicherste Waffe des Mannes
gegen die Frauen, den Ruf, unbestndig und ihrer Ruhe gefhrlich zu sein.
    Solch einen Mann, sagte sich Alfred, wollen alle Frauen kennen lernen, man
beschftigt sich schon im voraus mit ihm. Die Eitele hofft ihn dauernd zu
fesseln; die Edle, ihn zu bessern. Jede traut sich die Kraft und die Klugheit
zu, die Gefahr zu vermeiden, die ihr von dem siegreichen Manne droht.
Leichtsinnig, neugierig strzen sie sich in den ungleichen Kampf und kehren bald
mit zerrissenem Herzen daraus zurck, wie die arme Sophie.
    Von diesen und hnlichen Gedanken bewegt, ging er eilig durch die Straen
und fand sich, ohne da er es beabsichtigte, vor des Freundes Wohnung wieder. Er
hatte den Klingelzug bereits gefat, als er sich fragte, was er eigentlich in
dieser Stunde hier bei ihm wolle? Er wute es nicht und mute sich es endlich
eingestehen, da die Gewohnheit, Therese tglich zu sprechen, wieder feste
Wurzel in ihm geschlagen habe; da ein Tag, an dem er sie nicht gesehen, ihm ein
verlorener scheine. Schon wollte er sich entfernen, als er sich besann, da er
sie heute jedenfalls besuchen msse, um sich von ihr zu beurlauben, ehe er nach
seinem Gute hinausgehe, Felix zu holen, was am nchstfolgenden Abende geschehen
sollte. Sein Gesicht berflog ein Freudenstrahl; er zog schnell die Glocke und
eilte in das Haus.
    Er fand die Freundin daheim wie fast bestndig; sie arbeitete und Theophil
las ihr aus geschriebenen Heften vor. Er war sichtlich erregt und legte die
Bltter aus den Hnden, als Alfred bei ihr eintrat.
    Was lasen Sie? fragte ihn dieser freundlich nach den ersten Begrungen.
    Frulein von Brand erlaubte mir, ihr aus den Aufzeichnungen Einiges
mitzutheilen, welche ich fr mich zu machen pflegte, sagte Theophil.
    Und es war sehr viel Schnes darunter, fgte Therese hinzu. Ich habe whrend
des Lesens mehrmals an die Bemerkung gedacht, welche Sie, Herr von Reichenbach,
uns neulich machten. Es ist wirklich thricht, wenn die Schriftsteller in weiter
Ferne den Stoff fr ihre Arbeiten suchen. In jedem Menschenleben liegt Poesie
verborgen und es kommt nur darauf an, das Blatt zu finden, auf welchem sie
verzeichnet steht.
    Das ist natrlich, sagte Theophil, denn kein Menschenleben ist so arm, da
die Liebe mit ihrem belebenden Strahl es nicht ein Mal erleuchtet htte. Wo sie
nur erscheint, wird es Frhling und Tag in der Menschenbrust, und das Dasein zum
Gedicht und zum Roman. Freilich ist die Nacht um so tiefer, wenn sie nachher
entschwindet. Er seufzte, fuhr mehrmals mit der Hand ber die Stirne und schlo
langsam die Augen, so da man vermuthen mute, sein Kopfweh plage ihn wieder.
    Therese betrachtete ihn mit freundlicher Besorgni. Sie trug einen
starkduftenden Heliotrop, der auf dem Tische vor ihnen gestanden, an einen
entfernteren Platz und lie den Vorhang herunter, um das eindringende
Sonnenlicht zu mildern.
    Whrend de bemerkte Alfred, der Theresen's Theilnahme fr Theophil mit
gespannter Aufmerksamkeit beobachtet: Sie scheinen also auch der Ansicht zu
sein, da die Liebe an sich schon ein ausreichender Stoff fr den Roman sei. Der
Meinung bin ich nicht. Jede wahre Liebe ist bis zu einem gewissen Grade der
andern gleich. Jede hat ihr Glck, ihr Leid und die Freude, das Hoffen und
Verzweifeln mit allen andern gemein. So sehr fr den Einzelnen dies Thema
Lebensfrage sein und bleiben wird, so dnkt mich, ist seit lange die Schilderung
auch der hchsten, reinsten Liebe in einem Romane unfruchtbar und unnthig, wenn
es eben nur die Liebe gilt. Mehr oder weniger anziehend und bedeutend wird sie
nur durch den Menschen, in dessen Seele sie entstanden ist, und aus dessen Natur
heraus sie ihr besonderes Geprge erhlt, ja eigentlich nur durch die Art der
Hindernisse, die sich der Erreichung ihrer Wnsche entgegenstellen.
    Gewi, versicherte Theophil, so hatte ich es auch gemeint. Denn wie unter
den tausend Blttern eines Baumes nicht zwei einander vollkommen gleichen, so
bringt jedes Menschenleben neue Erscheinungen in der Liebe zur Entfaltung,
welche fr einen Beobachter wie Sie zu besondern Erfahrungen Anla geben mssen.
    Sie erinnern mich mit diesen Behauptungen an Ereignisse aus der ersten Zeit
meines ffentlichen Auftretens, sagte Alfred. Als es in dem Kreise meiner
Bekannten zu verlauten anfing, da ich der Verfasser eines Romans sei, drngte
sich Alt und Jung mit geheimnivollem Vertrauen zu mir, um mir aus den eigenen
Erlebnissen Stoff fr meine knftigen Arbeiten mitzutheilen. Jeder Mann, der in
seiner Jugend die Kammerjungfer seiner Mutter geliebt und dann eine andere Frau
geheirathet hatte, kam sich in der Erinnerung wie ein Romanheld vor und
verlangte, da ich diese seine Jugendliebe zum Mittelpunkt einer Dichtung
erheben sollte. Man hat mich ber die Gebhr mit diesen Mittheilungen ermdet
und ich bin manchmal aus Aerger versucht gewesen, den Leuten solche Erzhlungen
zu schreiben, um sie von der Verkehrtheit ihrer Ansicht zu berzeugen, die aus
der kleinlichsten Selbstberschtzung entspringt. Die Liebe an sich ist das
eigentliche Thema des lyrischen Gedichts. Fr den Roman wird sie erst geeignet,
wenn sie mit der Auenwelt in Streit gerth; und mich interessirt sie als Thema
erst dann, wenn die Hindernisse, welche ihr entgegentreten, aus den Ideen oder
Thatsachen hervorgehen, die in das Gebiet der Zeitfragen gehren. Ein Roman, der
nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht, in der er geschrieben ward, wird
selten ein gelungenes Werk sein.
    Und der Werther? und die andern Goethe'schen Romane? wendete Therese fragend
ein.
    Sind sprechende Bilder der Zeit, in der sie entstanden, fiel Alfred ein.
Grade diese sind aus dem dringenden Bedrfnisse hervorgegangen, das der Dichter
hatte, sich und die Mitwelt aufzuklren ber Das, was damals strmisch in Allen
wogte. Weil sie aus Ideen ihr Leben schpften, die damals alle strebsamen
Naturen beschftigten, haben sie Leben gehabt und werden es behalten. Darum ist
ihre Wirkung auch noch fast eine magnetische auf uns Alle. Im Werther spiegelt
sich die schwache Gefhlsschwelgerei der Empfindsamkeitsepoche; in dem Wilhelm
Meister das Illuminatenwesen und jenes Streben des begabten Brgerstandes, die
Stelle einzunehmen, welche ihm spter die franzsische Revolution errang. Jene
Motive lagen Goethe damals als Tagesfragen nahe, darum behandelte er sie und
luterte seine Ansicht von ihnen durch das freie, dichterische Gestalten. Man
sollte es also auch jetzt nicht tadeln, wenn sich die Fragen, welche unsere Zeit
zu lsen hat, ebenfalls in der Dichtkunst spiegeln, wenn wir mit ihrer
reinigenden Kraft uns den Ueberzeugungen dienstbar machen, fr die wir leben.
    Mit der Anforderung, da der Roman sich dem Tage anschliee, dem er gehrt,
bemerkte Theophil, ziehen sie aber die freie Gttin der Poesie in das Gebiet
eines gewhnlichen Arbeiters herab. Sie soll Ihnen fr Ihre Ziele nutzbar
werden; das ist doch aber nicht ihr eigentlicher Beruf.
    Es gibt nur Epochen, in denen Niemand feiern darf, in denen Gtter, wenn sie
noch auf Erden wallten, selbst Hand anlegen wrden, sagte Alfred.
    Erlauben Sie mir den Einwand, entgegnete ihm Theophil, da Diejenigen,
welche die reine Lyrik und den historischen Roman mit dichterischer Begabung und
glcklichem Erfolg bearbeiteten, gegen Sie sprechen. Und auch das Urtheil des
groen Publikums mchte sich nicht fr Ihre Meinung entscheiden, wie wir es an
den Scott'schen und an vielen andern Romanen gesehen haben.
    Die groe Masse will nur unterhalten sein, das ist leider richtig. Sie will
ein paar mige Stunden ohne Nachdenken zu Ende bringen und wer ihr dazu
verhilft, kann leicht ihr Liebling werden. Das aber soll den Dichter nicht
bestechen, sagte Alfred. Ich ehre von Herzen Diejenigen, welche den historischen
Roman in wrdiger Absicht bearbeiten, ich erkenne jede Eigenthmlichkeit an, die
Schnes hervorbringt. Ich meine aber, der Beruf eines Dichters lege ihm in den
verschiedenen Zeitaltern und Lndern verschiedene Pflichten auf. In Lndern, in
denen das Volk selbstregierend Theil nimmt an allen Zeitinteressen, wo die
Unterhaltung darber von dem Palast bis in die Htte dringt, wo Jeder die
Gegenwart kennt, da darf der Dichter sich in poetischer Betrachtung der
Vergangenheit zuwenden, denn die Arbeit des Tages wird gethan. Er darf die
Vergangenheit erlutern und verklren, aus der die beglckende Gegenwart geboren
ward. Das that Scott, aber sehr ausschlielich und entschieden im Sinne der
Partei, der er angehrte; das thaten manche unserer Dichter mit groem Glck und
Erfolg. Doch dnkt es mich augenblicklich in Deutschland eben nicht die Zeit
dazu zu sein.
    Nicht Zeit? fragte Therese und sagte dann, zu Theophil gewendet, leise: Sie
sttzen noch immer den Kopf auf die Hand, Sie haben Schmerzen. Wollen Sie, da
ich ein Fenster ffne?
    Theophil dankte ihr und Alfred antwortete nach einer Pause, in der irgend
ein der Unterhaltung fernliegender Gedanke ihn beschftigt haben mochte: Nein!
wir haben jetzt nicht Zeit, in poetischen Ergssen zu feiern; denn unsere Tage
sind Tage des Kampfes und der Arbeit. Warfen doch alle Dichter die Leier fort,
zu der sie Liebeslieder sangen, um Schlachtgesnge zu jubeln, als es galt, das
Vaterland von den Feinden zu befreien, die seine Grenzen berschwemmten. Die
Welt des Gedankens ist unser wahres Vaterland, die Freiheit des Wollens und
Handelns ein hheres Gut, als die Scholle, auf welcher wir zufllig den Tag
zuerst erblickten. Fr diese Heiligthmer streiten wir jetzt; und Keiner, der
mit geistigen Waffen fr diese heiligsten geistigen Gter zu ringen Kraft fhlt,
darf in migen Trumen feiern. Unser deutsches Volk schwelgt gar zu gern in der
Poesie der Vergangenheit und in nebligen Hoffnungen einer glcklichen Zukunft,
die nicht kommen wird, wenn man sie nicht mit dem Aufwande aller vereinten
Krfte erschafft.
    Theophil lchelte etwas spttisch und Alfred, der es bemerkte, fuhr noch
lebhafter fort: Der Dichter, der sein Volk liebt, dem die Menschheit heilig ist,
soll jetzt mit jedem Worte an die Kammer der Schlafenden pochen. Wie der Ruf
eines Herolds soll seine Stimme durch das Vaterland erschallen. So lange nicht
Dasjenige, was das Volk bedarf, was die Zeit erheischt, von Vertretern des
Volkes berathen wird; so lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf, so
lange mu der Dichter in Bildern fr sein Volk sprechen und in Bildern erklren,
was die Nation bedarf und fordert.
    Aber heit das nicht, wiederholte Theophil, die Poesie vom Himmel zur Erde
ziehen, und den Dichter zum Sklaven der Partei erniedrigen, da er doch ber dem
Leben stehen und mit unparteiischem Auge auf die Welt blicken soll.
    Ueber dem Leben steht Niemand! rief Alfred sehr ernst. Wohl Dem, der auf der
Hhe seiner Zeit steht und sie mit gesundem Auge betrachtet. Ich vermag die
Gegenwart und die Vergangenheit zu berblicken, ich strebe, die Dunkelheit der
Zukunft zu durchdringen; aber immer nur von meinem menschlichen Standpunkte aus,
der innerhalb unserer Zeit, innerhalb des Lebens liegt. Was von dem Punkte, auf
dem ich stehe, mir gerade erscheint, das sieht von einer andern Seite schief
aus; so bilden sich fr Jeden, der in die Ferne blickt, die verschiedenen
Ansichten, die Parteimeinungen. Wer davon frei zu bleiben glaubt, irrt gewi. Es
wre nur fr Denjenigen mglich, der eigenschtig die Augen schlsse, um Nichts
zu empfinden als sich selbst.
    Ich habe, sagte Therese, bisher eine hnliche Ansicht wie Theophil ber den
Beruf des Dichters gehabt. Ich glaubte, es wre seine Aufgabe, das Leben zu
verschnen, die misklingenden Dissonanzen in reine Harmonien aufzulsen und uns
die Dornenpfade des Lebens mit Blumen zu schmcken.
    Mglich, da es einst so war, sagte Alfred, und da noch mancher Dichter es
so empfindet. Ich, der ich von Grund der Seele Partei nehme fr unsere Zeit, ich
vermag es nicht. Wenn ich von den entschwundenen Herrlichkeiten des deutschen
Kaiserreichs, von dem Glanz der Vorzeit oder von ihrer Noth erzhlte, immer
wrde an mein Ohr der Ruf des lebenden Volkes tnen, dem noch so Vielerlei zu
wnschen bleibt. Ich wrde es fr eine Snde halten, zur bloen Belustigung
Mrchen zu schreiben, whrend noch wichtige Arbeit im Vaterlande zu thun ist.
    Mit dem Roman lt sich aber die Welt trotz alle dem nicht reformiren,
meinte Theophil.
    Aber Denen, die sich nicht mit den Ereignissen des Tages beschftigen, denen
die Bestrebungen der Zeit fremd bleiben wrden, wenn man ihnen in
wissenschaftlicher Form davon sprche, den Menschen kann der Roman sagen, was
ihnen zu wissen Noth thut, und das soll er thun. Nicht nur groer Granitblcke
bedarf man, den Bau der Zukunft zu grnden, auch die leichtere Arbeit des
Bildhauers gehrt dazu und frdert, wenn sie an rechter Stelle und zu rechter
Zeit gethan wird.
    Wohin wird man sich nur vor dem Lrm der Arbeitenden flchten? Wie wird man
sich einen Augenblick Ruhe schaffen knnen? fragte Theophil.
    Man wird, wie ich schon vorhin sagte, wenn man nervenschwach ist, sich
selbstschtig in die Vergangenheit versenken und unter Illusionen von der
glcklichen Gegenwart mig auf eine herrliche Zukunft hoffen, die nie kommen
wird, wenn wir sie uns nicht schaffen.
    Theophil erbleichte und eine heftige Entgegnung schwebte auf seinen Lippen,
das sah Therese. Auch Reichenbach war in einer ihr unerklrlichen Aufregung, und
sie fhlte, da es Zeit sei, vermittelnd zwischen die Streitenden zu treten.
    Nun! rief sie, Sie, meine Freunde, stehen mindestens nicht auerhalb der
Zeit und der Partei, das beweist die Lebhaftigkeit Ihres Streites, die es mir
bisher unmglich machte, eine Frage einzuschalten. Ich mchte wissen, Herr von
Reichenbach, ob Sie Ihre eigenen Erlebnisse zum Stoff fr Ihre Arbeiten
benutzen?
    Es bedurfte nur der Erinnerung Theresen's, um beide Mnner empfinden zu
lassen, da sie zu weit gegangen waren. Sie nahmen sich zusammen, verbargen den
Unmuth, der in ihnen herrschte, und Alfred sagte: Darauf kann ich Ihnen ja und
nein antworten. Ich gebe die Erfahrungen, die mich das Leben machen lassen, in
der Form, welche mir die geeignetste dafr scheint. Die Erlebnisse selbst in
nackter Wahrheit darzustellen, wrde ich, falls es nicht eben eine biographische
Arbeit gilt, fr eine Indiscretion gegen mich selbst und gegen Andere halten,
die mit mir auf dem Lebenswege zusammentrafen.
    Aber die Charaktere entnehmen Sie dem Leben? Es scheint mir wenigstens, als
ob ich die Originale zu manchen der Gestalten in Ihren Arbeiten erkennen knnte.
    Da ich mich bis jetzt nur mit den Ereignissen unserer Zeit beschftigte, da
jede Zeit sich ihre eigenen Charaktere schafft, so mssen Sie nothwendig in
meinen Arbeiten auf Erscheinungen stoen, die Ihnen nicht fremd sind, ohne
deshalb Portraits zu sein. Die ueren Verhltnisse bilden den Menschen, wie er
andrerseits die Verhltnisse gestaltet. Sobald ich also neue Verhltnisse
erfinde, mu ich auch die Gestalten der Gegenwart, die mir vorschweben, jenen
erfundenen Verhltnissen so eng anzupassen suchen, da sie sich gegenseitig
bedingen. Gelingt mir das, so gewinnt die Dichtung Wahrheit, den Schein des
Lebens, und dieser ist es, der dann zu dem Glauben verleitet, man schreibe das
Leben ab, man gebe sich selbst und die nchste Umgebung wieder. Freilich kann
ich die Welt nur mit meinen Augen betrachten und daraus entsteht die
Subjectivitt jeder Dichtung; aber ich kann, wenn ich gesunde Augen habe, in die
Weite blicken, ich brauche nicht bestndig meinen Nachbar oder mich selbst im
Spiegel anzusehen.
    Es entstand eine Pause, wie sie nie ausbleibt, wenn sich eine Misstimmung in
einen kleinen Kreis eingeschlichen hat. Theophil benutzte sie, sich mit dem
Bemerken, da er heftiges Kopfweh habe, zu entfernen, aber auch nach seinem
Fortgehen dauerte ein gewisser Zwang fort. Therese besiegte ihn zuerst.
    Mich beunruhigt Theophil's Zustand! sagte sie. Er kann seit einigen Tagen
wieder nicht die geringste Aufregung ertragen, ohne von seinen Nervenleiden
geplagt zu werden. An Arbeiten ist gar nicht zu denken, er ist hufig
niedergeschlagen und ich bin sehr erfreut, da er sich gewhnt, diese beln Tage
bei mir, statt einsam in seinem Zimmer zuzubringen.
    Ihr Mitleid wird ihn noch mehr verweichlichen, als er es schon ist, wendete
Alfred ein. Er ist nur zu trge, sich in ernster und anhaltender Thtigkeit
Kraft zu suchen. Man hat ihm das Leben immer leicht gemacht, das Glck hat ihn
begnstigt, so da er lange nur zu genieen und mit dem Dasein zu spielen
brauchte. Das Tndeln ist ihm darber zu einer andern Natur geworden, und als
dann endlich ein Leid ber ihn kam, spielte er kindisch mit dem Schmerz. Ich
hasse das an Mnnern, wenn schon Sie diese Schwche interessant zu finden
scheinen, schlo er, mit einer Bitterkeit, die ihm sonst nicht eigen war.
    Therese sah ihn lange ruhig an, als wolle sie in seinen Zgen lesen; dann
sagte sie: Was fehlt Ihnen, mein Freund! denn so hart urtheilen Sie nicht, wenn
Ihre Seele ruhig ist. Knnen und wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen geschehen
ist?
    Die Worte sagten nichts mehr, als jede Frau in hnlichem Falle uern wrde;
aber der Ton der Theilnahme, der Besorgni machten sie fr Alfred unschtzbar.
Es schien, als ob er eines qulenden Zweifels ledig wrde. Er ergriff Theresen's
Hand und kte sie. Sie haben Recht, sagte er, ich war einen Augenblick nicht
ich selbst. Vergeben Sie es mir!
    Und wieder stockte die Unterhaltung, bis er endlich nach einer Weile sagte:
Ich komme, Abschied von Ihnen zu nehmen. Ich gehe noch heute nach Rosenthal.
    Sie kommen Abschied nehmen? Sie gehen nach Hause? Und ich hoffte, Sie wrden
den Winter mit uns zubringen, ich frchtete nicht, Sie so schnell zu verlieren!
sagte Therese in einer Weise, die wider ihre Absicht, ihre schmerzliche
Ueberraschung kund gab.
    Alfred ward davon ergriffen. Sie hofften, da ich bleibe, Sie frchteten
nicht, da ich gehe? So bin ich Ihnen also doch etwas? So nimmt Theophil nicht
all Ihre Theilnahme in Anspruch? rief er, berwltigt von der Macht eines
Gefhls, dessen er sich pltzlich bewut worden war, als er, bei Therese
eintretend, sie mit Theophil allein gefunden hatte. Sagen Sie mir, da meine
Rckkehr Sie freut, Therese! Nur das Eine sagen Sie mir, und ich werde
versuchen, die Stunden in Minuten zu verwandeln, die ich von hier entfernt sein
mu.
    Das hatte Therese nicht erwartet, nicht fr mglich gehalten. Ihre Hand, die
Alfred in der seinen hielt, zitterte leise, aber sie bezwang sich und sagte
ruhig: Glauben Sie, da ich den alten geprften Freund ber den neuen vergessen
knne, Herr von Reichenbach? Ich werde mich herzlich freuen, wenn Sie bald
zurckkehren. Sie bringen dann Felix mit, nicht wahr? Sie bringen Ihren Sohn
hieher?
    Ich wrde Ihren Worten glauben, Therese! rief Alfred, wenn Ihre Hand sie
nicht Lgen strafte. Ihre Worte sind sehr ruhig, aber Ihre Hand zittert in der
meinen. Lassen Sie mich Ihnen die liebe Hand dafr kssen. Auf Wiedersehen in
mglichst kurzer Frist, theure Therese! auf recht baldiges Wiedersehen!
    Er drckte ihre Hand an seine Lippen und ging schnell hinaus. Therese blieb
in dumpfer Betubung sitzen, dann faltete sie die Hnde und schien nach langem
lautlosen Brten wieder zu der Ruhe und Klarheit gelangt zu sein, die ein
hervorstechender Zug in ihrem Wesen waren.

                                      XII


In beglckter Erregung legte Alfred den Weg nach seiner Wohnung zurck. Er hatte
endlich sich selbst und sein Herz erkannt, er liebte Therese. Oft hatte er sich
in der letzten Zeit gefragt, woher die Arbeitsfreudigkeit? woher der neue
Liederreichthum in meiner Brust? und immer war er um die rechte Antwort verlegen
gewesen. Jetzt war ihm das Rthsel gelst und alle Zweifel ber das gehoben, was
ihm zu thun obliege. Therese mute sein werden so bald als mglich; er fhlte,
da sie Bedingni seines Glckes sei. Was er fr sie empfand, war weit entfernt
von dem glhenden Rausche jugendlicher Leidenschaft; es war reiner, edler,
erhebender als jene. Therese war nicht jung, nicht schn, keine blendende
Eigenschaft fesselte ihn an sie; aber sein Herz ffnete sich den erhabensten
Gefhlen, sein Geist nahm den freudigsten Aufschwung in ihrer Nhe, weil er
wute, sie fhle tief wie er, sie folge theilnehmend dem Fluge seiner Gedanken.
Ihr grader Charakter war ihm achtungswerth, ihre Art zu sein sagte all seinen
Gewohnheiten und Neigungen zu. Es schien ihm die hchste Lust, sie bestndig zur
Gefhrtin zu haben, denn er hatte die Zuversicht, mit ihr und in ihr das Glck
zu finden, das er bis jetzt so sehr entbehrt hatte. Er liebte sie mit derselben
Innigkeit, die ihn in der Jugend bei ihrem ersten Begegnen zu ihr gezogen hatte,
und mit der Ruhe des reifen Mannes, die festzuhalten strebt, was sie einmal als
das Rechte erkannt hat.
    Mit Lebhaftigkeit ordnete er Alles fr seine Abreise an. Er schrieb Sophien,
da er Berlin auf einige Tage verlasse, da er sie wiederzusehen hoffe und sie
bte, keinen fr ihre Zukunft entscheidenden Schritt zu thun, ohne ihn davon zu
benachrichtigen. Auch von Julian und von Eva nahm er schriftlich Abschied und
nach beendigten Geschften fuhr er den Weg nach Rosenthal zurck, auf dem er vor
zwei Monaten Therese und Eva begegnet war.
    Die Gegend, die er damals im reichen Farbenschmuck des beginnenden Herbstes
gesehen, lag jetzt traurig und de vor ihm; aber so sehr er sonst uern
Eindrcken der Art zugnglich war, so wenig berhrten sie ihn diesmal. All seine
Gedanken weilten bei Therese. Bald machte er sich Vorwrfe, da er sich nicht
entschieden gegen sie ausgesprochen und um ihre Liebe geworben habe, bald freute
es ihn wieder. Noch war er mit einer Andern vermhlt, noch dieses Band zu lsen.
Die Sehnsucht nach Therese, die Vorstellung der Leiden, die er seiner Frau
bereiten, die er selbst bei der Scheidung empfinden wrde, rangen in seiner
Seele miteinander und gewannen abwechselnd die Herrschaft. Das neuerwachte
Gefhl zog ihn zu Therese; lange Gewohnheit, die uns bis zu einem gewissen Grade
Alles werth macht, band ihn an seine Frau, an die Mutter seines Sohnes. Er
prfte sich lange, er schwankte oft, bis er sich mit beruhigtem Gewissen endlich
sagte, da nicht die Liebe fr Therese, sondern die Abneigung gegen Caroline ihn
zu der Scheidung genthigt habe. Das beruhigte ihn in etwas. Er wollte alles
Schwere und Schmerzliche, das ihn noch von einer Verbindung mit Therese trennte,
allein durchkmpfen, und sie dann erst um ihre Hand angehen, wenn er sie in Ruhe
und Frieden zu der Seinen machen konnte. Dann wieder schweifte sein Geist
pltzlich zu den Arbeiten zurck, die er in der letzten Zeit begonnen und die er
Therese noch nicht vorgelegt hatte. Mit Freude dachte er daran, wie sie hier und
dort den Anklang ihrer beiderseitigen Unterredungen, den Widerschein ihres
eignen Wesens wieder finden wrde. Er ahnte, was ihren Beifall haben, was gegen
ihre Ansicht sein knne, und immer lieblicher malte er sich die Zukunft an ihrer
Seite aus.
    So verging ihm der Abend schnell und die Stunden der Nacht. Am Morgen, als
er halten lie, um sein Frhstck einzunehmen, fand er in dem Gasthofe einen
Bekannten, dessen Besitzungen an die seinigen grenzten.
    Nun? kommen Sie endlich doch hinaus? rief der Nachbar ihm entgegen, sobald
er ihn erblickte; Sie sind lange ausgeblieben! Ja! die Residenz lt Einen nicht
leicht los. Aber es ist Zeit, da Sie zusehen! Die Hlfte der Kartoffeln stecken
bei Ihnen noch in der Erde, das sah ich im Vorberfahren.
    Ich wei es, sagte Reichenbach. Mein Inspector schrieb mir, da er sie noch
in der Erde lasse, es ist nur ein ganz kleiner Theil. Ich will sie versuchsweise
wie am Rheine zusammenstampfen lassen, und dafr muten erst Keller zugerichtet
werden. Mit verdoppelten Arbeitern und gutem Lohn ist der Zeitverlust bald
eingebracht.
    Will wnschen, da Sie gut Wetter behalten. Bei mir ist Alles unter Dach,
haben heute schon den ersten November. Sie bleiben doch nun wieder zu Hause? Ich
finde Sie bei meiner Rckkehr? fragte der Gutsbesitzer.
    Es kommt darauf an, wie lange Sie in Berlin verweilen, denn ich denke wieder
dahin zurckzukehren.
    Oho! rief der Andere, also spukt wieder einmal der Poet in Ihnen und lt
dem Landwirth keine Ruhe. Nun, Ihre Frau wird's sich gefallen lassen. Sie haben
die letzten Jahre in der That wie Einsiedler gelebt; hat Niemand etwas von Ihrer
Gesellschaft gehabt, auer den Kaplnen von Maria-Gnad. Der Kaplan Ruhberg ist
ja seit einigen Wochen auch wieder bei Ihnen zur Milchkur. Er sprach bei mir
vor, ehe er zu Ihnen ging. Frommer, charmanter Herr! - Pferde fertig?
abgefttert? fragte er dann den eintretenden Kutscher und nahm mit derbem
Hndedruck und dem Wunsche, ihn bald wiederzusehen, von Alfred Abschied, als man
ihm sagte, da sein Wagen ihn erwarte.
    Auf Alfred hatte die kurze Unterhaltung aber einen peinlichen Eindruck
gemacht. Sie hatte ihn aus den heitern Entwrfen fr seine Zukunft pltzlich in
die Gegenwart zurckgerufen, in der noch so viel Hindernisse vor ihm lagen, noch
so viel Wirren zu lsen waren. Seine Gedanken wendeten sich der Heimat mit immer
grerer Sorge zu, je nher er ihr kam. Endlich erreichte er die Grenze seines
Besitzes. Da fand sich bald hier, bald dort eine Vernachlssigung zu rgen;
Anordnungen, die er vor seiner Abreise getroffen und deren schnellste Ausfhrung
er befohlen hatte, waren nicht befolgt worden; er sah, da er seinen Inspektor
fr zuverlssiger gehalten hatte, als er sich erwies. Mit wachsender Verstimmung
fuhr er durch seinen reichen Besitz. Erst als er sein Schlo erblickte, wich sie
dem Gedanken an den Sohn. Es that ihm leid, da er seine bevorstehende Ankunft
nicht gemeldet, da er nicht den Befehl gegeben hatte, ihm Felix
entgegenzuschicken; aber seine Abreise war so schnell gekommen, da es nicht
thunlich gewesen war.
    Vor dem groen Rasenplatz angelangt, der sich an der einen Seite des
Schlosses befand, hoffte er mit Sicherheit seinen Sohn zu erblicken, der dort in
den Morgenstunden seine Spiele zu treiben pflegte. Er war aber nicht da und das
beunruhigte seinen Vater. Caroline hatte in ihrem letzten Briefe des Knaben
nicht gedacht, Felix nicht, wie er pflegte, ein Blttchen fr den Vater
beigelegt. Er frchtete also den Knaben krank zu finden und, als er das Schlo
erreicht hatte, als die Dienerschaft herbeikam, ihn zu empfangen, war seine
erste Frage nach dem Sohne.
    Die gndige Frau ist mit dem Herrn Kaplan zur Kirche nach Maria-Gnad
gefahren und hat den jungen Herrn mitgenommen, gab man ihm zur Antwort.
    Das beruhigte den Vater, aber sich besinnend fragte er: In die Kirche?
heute?
    Gndiger Herr! es ist Allerheiligen! sagte der eine Diener.
    Ja so! nun gut! Lassen Sie abpacken! Mit den Worten stieg Alfred die Treppe
hinauf und wollte sich in sein Zimmer verfgen. Sein Diener aber bemerkte, da
man des gndigen Herrn Eintreffen nicht erwartet htte, wren seine Zimmer nicht
geheizt.
    So sehen Sie zu, da es gleich geschieht, befahl Alfred und trat inzwischen
in das Wohnzimmer ein. Ungeduldig ging er umher und blieb dann an dem Fenster
sitzen, um die Rckkehr der Seinen zu erwarten. Die Zeit schien ihm still zu
stehen, jede Minute brachte ihm ein neues peinliches Gefhl. Die Diener, von der
unklugen Gebieterin in die Geheimnisse der Eheleute zum Theile eingeweiht,
schlichen scheu und ngstlich umher. Alles kam ihm fremd vor und doch war er in
der Heimat. Die Stille, die Einsamkeit wurden ihm unertrglich: er verlangte den
Sohn zu umarmen und bangte bei dem Gedanken, da die Mutter mit demselben
zugleich erscheinen werde. Er berlegte, was er ihr sagen, wie er es ihr sagen
solle; da schlug fern ein Hund an. Er kannte den Laut, es war sein schner
Neufundlnder, der sich niemals von dem Knaben trennte. Sein Herz klopfte ihm
heftiger als sonst. Er hrte Wagengerassel, Pferdetritte, ging die Treppe hinab,
Felix sprang aus dem Wagen und warf sich dem Vater mit beiden Armen an die
Brust.
    Caroline schrie auf, als sie ihres Mannes ansichtig ward, und fiel ihm um
den Hals. Alfred mute es geschehen lassen, um vor der Dienerschaft keinen
unangenehmen Auftritt zu veranlassen. Er bewillkommte kalt den Kaplan, bot
seiner Frau den Arm und fhrte sie in das Haus.
    Die Freude des Knaben kannte keine Grenzen und ward nur von der lautlosen
Zrtlichkeit des Vaters bertroffen. Man konnte kaum ein schneres Bild sehen,
als den krftigen Mann mit dem blhenden Sohne, wie sie voll Liebe aneinander
hingen.
    Mein Vater ist da! mein lieber Vater ist da! rief Felix. Nun werde ich
wieder auf dem Castor mit Dir ausreiten. Nun werde ich wieder von den tapfern
Rittern bei Dir lernen und nicht immer von den frommen Kindern! nicht wahr,
Vater? fragte er.
    Ja, mein Sohn! antwortete dieser, wir machen Alles wieder so wie sonst.
    Und Du gehst nicht wieder fort, und ich und der Neptun schlafen auch wieder
bei Dir. Du bleibst doch nun wieder ganz zu Hause, lieber Vater? Du gehst nicht
wieder fort?
    Doch, mein Sohn! aber ich nehme Dich mit, entgegnete der Vater.
    Caroline, die in groer Verlegenheit sich mit dem Ablegen ihres Mantels, mit
dem Zurechtrcken von Meubeln beschftigt und mit dem Kaplan gesprochen hatte,
der ihnen in das Wohnzimmer gefolgt war, und schweigend in der Fensterbrstung
sa, weil der Hausherr ihn geflissentlich vermied, trat pltzlich vor ihren
Gatten hin und fragte: Wann willst Du, da wir reisen, Alfred?
    Ich denke nur so lange hier zu bleiben, als es unerllich nthig ist.
Lngstens acht Tage, antwortete dieser.
    Sehen Sie, lieber Kaplan! rief Caroline, die es nthig fand, sich ihres
geistlichen Freundes anzunehmen, sehen Sie, so machen es die Mnner immer. Nun
werden wir in fliegender Eile von hier aufbrechen und ich hatte Sie eingeladen,
unser Gast zu sein, bis Ihre Kur beendet wre.
    Du weit, Caroline, da es ganz in Deinem Willen steht, so lange hier zu
verweilen, als es Dir beliebt, bemerkte Alfred laut; denn ich kam nicht in der
Absicht, Dich zu holen, fgte er leise hinzu.
    Hast Du meinen letzten Brief denn nicht erhalten? fragte Caroline.
    Ja! antwortete Alfred.
    Herr Kaplan! rief Caroline lebhaft, denken Sie nur, mein Mann hat meinen
Brief erhalten und nach all den Demthigungen, nach all den Zugestndnissen, die
ich ihm auf Ihr Anrathen gemacht, beharrt er dennoch auf den alten Vorstzen,
wie es scheint. - Sie htte fr sich und ihren Freund nichts Ungeeigneteres
sagen knnen.
    Alfred fuhr heftig auf. Also daher, sprach er, kamen die guten Lehren? Ich
htte es ahnen knnen. Nun denn! mein Herr Kaplan, da ich Ihnen vermuthlich all
die freundlichen Vorwrfe ber mein Thun und Treiben, und eine Menge von
Ermahnungen verdanke, die mir in den letzten Briefen meiner Frau zu Theil
geworden sind, so erlauben Sie mir Ihnen auch eine gute Lehre zu geben. Stren
Sie nie durch Ihre Gegenwart das Wiedersehen einer Familie, gleichviel ob diese
sich in Frieden oder in Unfrieden begegnet. Der Fremde ist dabei stets
berflssig.
    Der Kaplan, ein groer, hagerer Mann mit scharfen Zgen und schlichtem
blonden Haar, scho einen tckischen Blick auf Alfred, whrend er mit Salbung
sagte: Ich frchtete, wie es sich denn auch bewhrt, da Sie sich nicht in
Frieden begegnen wrden; und ich blieb da, um der gndigen Frau beizustehen, wie
es dem Beichtvater geziemt, in der Stunde der Prfung.
    Ihres Beistandes wird Frau von Reichenbach mir gegenber nie bedrfen, denn
die Mutter meines Sohnes, die meinen Namen trgt, ist mir heilig wie meine Ehre,
sagte Alfred mit Wrde. Was wir aber mit einander abzumachen haben, das kmmert
die Kirche bis jetzt noch nicht, und ich wrde es Ihnen Dank wissen, mein Herr,
wenn Sie sich entschlssen, die wenigen Tage, die ich hier verweile, uns selbst
und unserm eigenen Nachdenken zu berlassen.
    Das war mehr, als der Geistliche erwartet hatte, aber er suchte sich zu
beherrschen, obschon er sich verfrbte. Ich bin nicht aus freiem Antrieb hier,
entgegnete er mit erheuchelter Gelassenheit, ich kam nicht als Gast in Ihrer
Abwesenheit in Ihr Haus, mein Herr von Reichenbach! Ich kam kraft meines Amtes
auf den Ruf der verehrten gndigen Frau, die Trost von mir verlangte, in der
Vereinsamung, zu der Sie sie verdammt. Mit Ihrer Rckkehr ist mein Amt von
selbst zu Ende! sagte er, und wollte sich, nach einer ehrfurchtsvollen
Verbeugung vor der Hausfrau, hochgehobenen Hauptes entfernen; aber Caroline
vertrat ihm rasch den Weg und, seine Hand ergreifend, sagte sie: Bleiben Sie,
verehrter Freund, bleiben Sie und verlassen Sie mich nicht. Lassen Sie sich das
Beispiel der Heiligen vorhalten, die wie Sie Schmhungen litten und
Beleidigungen vergaben. Wie soll ich mir rathen oder wie soll ich Ruhe finden,
ohne Ihren milden Trost, der seit Monaten hier meine einzige Zuflucht gewesen
ist!
    Wenn Sie mein bedrfen, gndige Frau, erwiderte der Kaplan, werde ich Ihnen
niemals fehlen. Dann verneigte er sich wieder, sagte Alfred mit einer Ruhe
Lebewohl, als ob gar nichts Strendes zwischen ihnen vorgefallen wre, und ging
hinaus. Caroline folgte ihm auf dem Fue nach.
    Felix verstand natrlich den Vorgang in seiner wirklichen Bedeutung nicht,
aber er sah, da sein Vater verdrielich sei, schmiegte sich befangen an ihn,
blickte ihm mit seinen groen Augen lange ins Gesicht und sagte dann: Du bist
traurig, lieber Vater! so warst Du auch an dem Abend, als Du abreistest, ohne
mir Lebewohl zu sagen. Bist Du krank, mein Vater?
    Ich habe Kummer, mein Sohn! antwortete er ihm; inde es wird besser werden,
und dann werden wir auch wieder frhlich sein wie sonst.
    Aber Du bist nicht bse auf mich?
    Niemals, mein Felix, wenn Du brav bist, und das warst Du doch, nicht wahr?
    Felix ward roth, wollte sprechen und schwieg dann still. Man sah, da seine
junge Seele mit einem gewaltsamen Entschlusse ringe. Endlich fragte er: Hat's
Dir die Mutter nicht geschrieben?
    Sie hat mir geschrieben, da Du artig und folgsam warst, und das hat mich
gefreut, mein lieber Junge! sagte Alfred und zog den Knaben an sich, um ihn zu
kssen. Da fiel Felix ihm an die Brust und rief, in Thrnen ausbrechend: Es ist
nicht wahr, Vater! ich war nicht brav und nicht artig. Ich war feig, als es
blitzte, ganz feig; und ich habe auch den alten Leonhard geschlagen. Aber Mama
und der Kaplan haben gesagt, sie wollten es Dir nicht schreiben und ich brauchte
es Dir nicht zu erzhlen. Ich solle es nur immer dem Herrn Kaplan sagen, wenn
ich Unrecht gethan htte, der wrde mit mir Paternoster beten und mir Alles
verzeihen.
    Alfred fuhr mit einer Bewegung des Unmuthes empor. Der Knabe, welcher
whnte, dieser Zorn gelte ihm, rief traurig:
    Sei nicht bse, Vater! ich thue es nie wieder. Ich werde nie mehr feig sein
und Niemand schlagen. Ich wollte Dir es lieber verschweigen, aber ich dachte,
wenn der Kaplan mir verzeiht, den ich gar nicht mag, so wrdest Du mir's ja auch
verzeihen.
    Damit schlang er seine krftigen Arme um den Hals des Vaters, der ihn mit
zrtlich ernsten Worten ermahnte und ihn fragte: Hast Du denn den alten Leonhard
um Verzeihung gebeten?
    Nein! zuerst wollte ich es thun, denn es that mir leid, aber die Mutter
sagte, das sei gar nicht nthig; ich sei ein Junker und der Leonhard ein Diener,
dem htte ich nichts abzubitten, antwortete der Knabe.
    Alfred's Unmuth stieg mehr und mehr. Dies war die Weise, in welcher Caroline
und der Kaplan, der sie vollstndig beherrschte, das Gemth und den Verstand des
Knaben verdunkelten; und es hatte ihm Mhe genug gekostet, dagegen anzukmpfen,
ohne dem Kinde die Anhnglichkeit und die Verehrung fr die eigne Mutter zu
rauben. Auch jetzt mute er sich begngen, dem Knaben sein Betragen zu
verweisen, so gern er ihn zu einer Abbitte bei dem alten Diener veranlat htte;
aber das Ereigni bestrkte ihn in dem Vorsatz, so schnell als mglich
abzureisen.
    Vor allen Dingen mute er dazu sich mit seiner Frau verstndigen. Da dies
in mndlicher Unterredung nicht mglich sei, wute er bestimmt. Er kam also auf
den Gedanken, einen alten Geistlichen, einen Freund seines verstorbenen Onkels,
der auch ihm zugethan war, zum Vermittler zu brauchen. Wie der Kaplan, war auch
der Domherr Geistlicher am Domstifte zu Maria-Gnad, das ganz in der Nhe von
Alfred's Gtern lag, und Erbe der Gter werden sollte, falls die
Reichenbach'sche Familie ausstrbe, oder sich durch Austritt aus dem
Katholicismus des Besitzes verlustig machte.
    Alfred schrieb dem geistlichen Freunde, bat ihn, sich zu ihm zu verfgen,
und trat dann eine Wanderung durch seine Besitzungen an, auf der ihn Felix
begleitete.
    In der freien Natur erheiterte sich sein Gemth. Es war spt im Jahre, aber
die Sonne hatte, als sie in ihrem Hhepunkte stand, die Nebel des Herbstes
besiegt und leuchtete warm und freundlich am klaren Himmel. Die Luft war
belebend frisch; ein Theil des Laubes hing in buntfarbiger Pracht noch an den
Bumen; das Gras war noch grn an vielen Stellen und hier und da drngte sich
eine Blume an das Licht hervor. Felix und sein groer Hund sprangen jubelnd
neben Alfred her, der mit der Lust des Besitzers durch die Gegend ging. Des
Feiertages wegen rasteten die Arbeiter; es war still und friedlich umher.
Einzelne Mnner und Frauen, die in behaglicher Sonntagsruhe in ihren Husern
saen, traten, den Herrn erkennend, vor die Thren, um ihn willkommen zu heien.
Jeder hatte ihm Etwas zu erzhlen, ihn um Etwas zu fragen. Der Eine dankte fr
eine Untersttzung, die ihm geworden, der Andere bat um eine solche, mit der
Zuversicht, welche die Gewiheit der Erhrung gibt. Dazwischen wurden denn auch
Klagen laut. Man beschwerte sich, da man auf Befehl des Herrn Kaplan zwei
kleinere Festtage habe rasten mssen, was den Tagelohn verringert. Man machte
dem Inspektor der Fabriken den Vorwurf, da er die Kinder zwei Stunden lnger an
jedem Tage habe arbeiten lassen, als Alfred es festgesetzt, und da er sie
benutzt habe, am Sonntage in seinem Garten zu jten, ohne sie dafr zu
entschdigen. Alfred hrte theilnehmend zu, versprach fr Alles zu sorgen, die
Uebelstnde abzustellen, lobte hier die Ordnung, die er fand, tadelte in andern
Husern manchen Mibrauch. Ueberall aber begegnete ihm ein offenes Zutrauen, ein
williger Gehorsam, denn seine Untergebenen kannten und verehrten ihn als einen
wohlwollenden, gerechten Herrn.
    Das gewhrte ihm eine innige Befriedigung. Hier, das fhlte er, war sein
eigentlicher Wirkungskreis; das Loos dieser Menschen hatte ein gnstiges
Geschick in seine Hnde gelegt, es war seine Pflicht, fr sie nach seiner besten
Einsicht zu sorgen. Er hatte fr die Gter und die Leute schon sehr viel gethan;
die Insassen waren trge, arm und unbrauchbar gewesen. Aus einem dumpfen,
bedrfnilosen Leben hatte er sie zu einem verstndigen Gebrauch ihrer Krfte
und ihrer Mittel erhoben. Hier wandelte er in einer Umgebung, die praktisch den
Werth jener Theorien bewies, fr die seine Feder kmpfte. Alles war ihm hier
lieb und werth und mit freudigem Stolze hatte er oft Denen, die ihn einen
Schwrmer schalten, geantwortet: Kommt zu mir hinaus und seht die Frchte meiner
Schwrmerei. Tragen meine Felder weniger, gedeihen meine Fabriken minder, weil
zufriedene Menschen sie bearbeiten? Fragt nach, ob ich mich ber Ungehorsam zu
beklagen habe, wo Jeder einsehen gelernt hat, da ich nicht eigenschtig nur an
mich denke, sondern da mir das Wohl Derer, die fr mich ihre Krfte anstrengen,
lebhaft am Herzen liegt.
    Es that ihm leid, da die Sorge fr die Erziehung seines Knaben ihn
nthigte, knftig ganz in der Stadt zu leben. Mit Therese, die eben so warm als
er selbst fr die Menschheit empfand, in vereinter Thtigkeit hier zu walten,
schien ihm das neidenswertheste Glck. In der Stadt, nur auf literarische
Beschftigung angewiesen, kam er sich unthtig vor; hier, wo er mit ganzer Kraft
sich der Bewirthschaftung seiner Gter berlie, fhlte er sich doppelt froh, in
den Stunden der Mue sich geistiger Arbeit hinzugeben.
    Eine Stunde und lnger mochte er umhergegangen sein, als die Schloglocke
zum Mittag lutete und Felix ihn mit der Bemerkung aus seinen Gedanken ri, da
die Mutter auf sie warten werde. Anfangs hatte Alfred die Absicht gehabt, schon
jetzt von seiner Frau getrennt, ganz in seinen Zimmern zu leben; allein
Rcksicht auf den Knaben, dem dies befremdlich sein mute, hielt ihn davon
zurck. Er wollte den Schein des guten Einverstndnisses vor Felix bewahren und
verfgte sich mit ihm in das Schlo zur Tafel.
    Die Mahlzeit ging traurig vorber. Caroline, schwankend zwischen dem Wunsche
einer Annherung an Alfred und dem Groll ber die Ausweisung des Kaplans, ging
von freundlichen Scherzen zu bitterer Gereiztheit ber. Sie fragte nach Alfred's
Treiben in der Stadt, nach den Personen, die er dort gesehen hatte. Sie klagte,
da er ihren besten Freund, den Einzigen, wie sie ihn nannte, so schnde
behandelt, und Alfred fhlte sich von diesem gezwungenen Beisammensein mehr als
je gedrckt. Sobald es mglich war, beendete er die Tafel und zog sich auf sein
Zimmer zurck.
    Am Abend traf der Domherr bei ihm ein. Er hatte vermuthet, weshalb Alfred
ihn beschieden, denn durch den Kaplan war er seit Wochen von den Absichten
seines Freundes unterrichtet worden.
    Ich ahnte eine solche Krisis lange, sagte er nach den ersten Besprechungen,
aber wie Ihr Freund, der Prsident von Brand, rathe ich Ihnen von der Scheidung
ab. Sie haben, wie Sie mir sagen, die Nachtrge zu dem Testamente nicht dem
Prsidenten vorgelegt; diese sprechen sich entschieden gegen Sie aus. Sie werden
der Gter verlustig werden.
    Alfred ging an sein Bureau, holte die Papiere hervor und sah sie durch. Als
er es gethan hatte, erklrte er dem Freunde, da er nichts Bedrohliches darin
finde.
    Geben Sie mir den dritten Nachtrag her, lieber Reichenbach, bat der Domherr,
dieser enthlt, was Ihnen gefhrlich ist.
    Den dritten? fragte Reichenbach, es existiren nur zwei.
    So wissen Sie nicht, sagte Fernow verwundert, da Ihr Onkel ein drittes
Codicill in unsern Archiven niedergelegt hat?
    Kein Wort wei ich davon! entgegnete Alfred. Und was enthlt dieses, wenn
ich fragen darf?
    Es bestimmt ausdrcklich, da den Geistlichen unseres Stiftes eine strenge
Beaufsichtigung der Besitzer von Rosenthal zur Pflicht gemacht wird, und da
eine Uebertretung der Satzungen unserer Kirche, Seitens der Besitzer, die Gter
in unsere Hnde liefert, wenn kein katholischer Reichenbach sie bernehmen kann.
    Alfred hatte das nicht vermuthet, er schwieg nachdenkend eine geraume Zeit,
dann sagte er gefat: Im Grunde erfahre ich durch Sie eigentlich Nichts, was ich
nicht wute; denn schon die frheren Nachtrge bestimmen ziemlich dasselbe, und
was Sie mir sagen, darf in meinem Entschlusse keine Aenderung machen.
    Da nahm der Greis, dessen edles Wesen Zutrauen erweckte, Alfred's Hand,
drckte sie herzlich und sagte: Ich wei, da ich nicht in dem Geiste unserer
Kirche verfahre, wenn ich Ihnen Rathschlge gebe, um Ihnen die Gter zu
erhalten, denn unsere Kirche trachtet auch nach weltlichem Besitz. Ich bin es
aber von je gewohnt gewesen, der Stimme meines Innern zu folgen und habe mein
Ohr und mein Auge nie den Anforderungen der gegenwrtigen Zeit verschlossen. Ich
sah Ihr Walten auf diesen schnen Besitzungen mit inniger Freude. Sie haben
durch gutes Beispiel, durch vernnftige Lehren hier mehr gewirkt, als alle meine
Amtsbrder in ihren Dicesen durch die Lehren der Kirche. Sie haben die Menschen
zu dem Gefhl ihrer Menschenwrde herangebildet, indem Sie sie glcklich
machten; Sie haben sie vor Verbrechen bewahrt, indem Sie sie vor Mangel und
Verwilderung schtzten. Mehr soll und kann die Kirche nicht. Alle diese Menschen
sehen mit Zuversicht auf Sie, hoffen eine gesicherte Zukunft von Ihnen, und Sie
denken nur an Ihr eigenes Glck? Darin, mein verehrter Freund! erkenne ich Sie
zum ersten Mal nicht wieder!
    Alfred versank in ernstes Sinnen. Der Domherr lie ihn gewhren, dann sagte
er: Bis zu der Grojhrigkeit Ihres Sohnes wrden wir, ich an der Spitze, die
Verwaltung der Gter bernehmen; aber ich bin alt und kann jeden Augenblick
abgerufen werden von der Erde. Der Kaplan Ruhberg wird, wie voraussichtlich,
mein Nachfolger sein. Sie kennen ihn und seinen fanatischen Eifer. Wollen Sie
ihm Ihr schnes Werk berlassen? - Felix ist zehn Jahre alt, noch vierzehn Jahre
trennen ihn von dem Besitz, und vierzehn Jahre knnen all das Gute zerstren,
das Sie geschaffen haben.
    Mein edler, mein wackrer Freund! rief Alfred bermannt; glauben Sie mir, ich
gehe nicht leichtsinnig von dem Posten, auf den das Geschick mich gestellt hat.
Ich hnge an diesen Verhltnissen wie ein Vater an seinem Kinde. Ich liebe meine
Schpfung hier, wie ein Knstler sein bestes Werk; aber ich habe elf freudlose
Jahre in unglcklicher Ehe verlebt. Ich habe die Frau wiedergefunden, deren
Besitz mich hoch beglcken wrde; ich liebe sie, ich habe sie lngst geliebt,
dessen bin ich mir jetzt bewut. Fhlen Sie, welch schweren Kampf ich kmpfe?
    Sobald Sie kmpfen, meinte der Domherr, werden Sie auch siegen, dafr brgt
mir die Redlichkeit Ihres starken Willens.
    Ich persnlich hnge nicht bermig an Hab und Gut, sagte Alfred, aber ich
wnsche natrlich meinem Sohne den Besitz und den Wirkungskreis, denen ich so
reines Glck verdanke, einst zu hinterlassen. Ich hoffe ihn zu einem Manne zu
erziehen, der mich bei den Kindern meiner Gutsinsassen vertreten, der fr sie
werden soll, was ich den Vtern bin, ein treuer Schutz und Schirm.
    Und glauben Sie, da man Ihnen die Erziehung Ihres Sohnes berlassen werde?
fragte der Domherr.
    Wer kann mir dieses Recht streitig machen? rief Alfred.
    Die Kirche! antwortete der Domherr. Denn jenes Codicill bestimmt fr diesen
Fall ausdrcklich, da ihr die Erziehung eines minorennen Erben zufalle.
    O, das ist zu viel! sagte Alfred im Tone hchster Emprung. Das ist zu viel!
Das ist mehr als Sklaverei. Wie konnten Sie mir dies Dokument bis jetzt
verheimlichen, das mich ganz und gar in Ihre Hnde gibt?
    Ich glaubte Sie davon unterrichtet; ich war berzeugt, da auch Sie eine
Abschrift davon erhalten htten. Ihr verstorbener Onkel bergab es mir nur kurze
Zeit vor seinem Tode. Er hatte mit mir davon gesprochen, da er Sie zu seinem
Erben ernannt habe. Dann war ihm der Gedanke gekommen, da bei Ihren ihm
bekannten Gesinnungen ein Religionswechsel mglich sei, und diese Rcksicht
scheint die Bestimmungen veranlat zu haben, welche das letzte Codicill enthlt.
Ich allein kenne dieses dritte Codicill; ich habe mir nie eine Beaufsichtigung
Ihrer Handlungsweise erlaubt, denn ich kannte und schtzte Sie und Ihre
Absichten und Thaten. Das ganze Stift aber kennt das Testament, und eine
Ehescheidungsklage, von Ihnen angestellt, wrde mehr als genug fr Ruhberg sein,
den Sie oft in seiner geistlichen Eitelkeit verletzt haben, gegen Sie
aufzutreten und den Andern begreiflich zu machen, was man durch einen Angriff
gegen Sie gewinnen knne.
    Welch unwrdige Behandlung, welche verdammenswerthe Tuschung! rief Alfred
mit zorniger Emprung. Man setzt mich unter Vormundschaft wie ein Kind; wie ein
Kind, dem man nicht den freien Gebrauch seiner Krfte gnnt, hlt man mich an
unsichtbaren Banden fest! Mein freudigstes Schaffen, mein redlichstes Bestreben
wende ich fr die Menschen an, denen ich Herr geworden bin; und nun, da Alles
gedeihet und blhet, da ich ernten mchte, was ich geset, nun ruft man mich wie
einen migen Knecht von der Arbeit, die mein Glck und meine Freude war. Und
warum? Weil ich das Recht verlange, das auch dem Niedrigsten zusteht, das Recht,
nach seinem freien Willen zu handeln.
    Der Domherr antwortete ihm nicht, und Alfred fuhr nach einer Pause fort:
Zusehen soll ich, wie blinder Fanatismus und Aberglaube die Vernunft Derer
verdunkeln, die ich mhsam ans Licht gewhnt! Man wird zerstren, was ich fr
eine Zukunft fruchtbringend gehofft; und meinen Sohn, meinen eignen Sohn will
man mir rauben, um ihn zum Werkzeug einer Ansicht zu machen, die ich tief
verdamme! Nimmermehr! Das soll und wird nun und nimmermehr geschehen!
    Er ging heftig im Zimmer umher, der Domherr strte ihn nicht. Pltzlich
blieb Alfred vor ihm stehen und sprach: Vergeben Sie mir, theurer Freund, wenn
ich Sie gekrnkt haben sollte. Ich kann der Emprung noch nicht Herr werden, mit
der mich Ihre Mittheilungen erfllten. Ich bin zu aufgeregt, ich wei mich nicht
zu entscheiden, haben Sie Nachsicht mit mir.
    O! weit mehr als das! ich bedaure Sie, mein Freund! sagte der Greis sehr
mild. Aber suchen Sie mit sich einig zu werden, und vor allen Dingen entscheiden
Sie sich nicht schnell. Bedenken Sie, wie gleichgltig wir oft schon nach wenig
Jahren gegen Dasjenige werden, was wir einst lebhaft gewnscht haben. Urtheilen
Sie in Ihrer Angelegenheit mit dem kalten Blute des Greises, nicht mit Ihrem
heien Herzen, und lassen Sie mich wissen, wofr Sie sich entschieden haben.
    Und was thten Sie? fragte Alfred.
    Ich habe durch vierzig Jahre gelernt, mein Glck in dem Wohle Anderer zu
suchen; ich habe nichts fr mich erstrebt; meine eignen Wnsche frh begraben.
Fragen Sie mich nicht, es mu Jeder aus seiner eignen Natur den rechten Weg
ermitteln. Gott sei mit Ihnen, werther Freund!
    Alfred umarmte den Greis gerhrt und eine Thrne perlte in seinen Augen. Ob
sie der Zorn, ob sie der Schmerz erpret? wer wollte das entscheiden, in einer
Stunde, in der so verschiedene Gefhle ihn bestrmten!

                                      XIII


Die Nacht verging dem heftig Erregten ohne Schlaf. Er legte das Wohl seiner
Untergebenen gegen seine eigenen Wnsche in die Wagschale; er hielt es sich vor,
wie man seinen Sohn von ihm trennen, ihn in einer Richtung erziehen werde, die
ihm verwerflich schien. Bald wollte er Alles opfern, um nur frei zu werden, bald
fhlte er den Muth, dem Glck der Liebe zu entsagen, um in Pflichterfllung Ruhe
und geistige Befriedigung zu erlangen. Je lnger er wachte, je mehr erhitzte
sich seine Phantasie. Jeder Athemzug des schlafenden Knaben berhrte schmerzlich
sein Ohr. Das Kind schlief so ruhig, es ahnte nicht, welch schweren Kampf sein
Vater in sich kmpfte, wie er mit sich rang, dem Sohne das grte Opfer zu
bringen. Alfred konnte keine Ruhe auf dem Lager finden, er stand auf, um dem
Prsidenten den Vorfall zu berichten. Dann schrieb er dem Domherrn und bat, wenn
sie zu schaffen sei, um eine Abschrift des betreffenden Codicills. Darber kam
endlich der Morgen heran, und noch lastete die in bangen Zweifeln verlebte Nacht
schwer auf seinem Geiste. Die Stunden der Dunkelheit hatten seinen Blick in die
Zukunft getrbt; er sah die Welt in den dstersten Farben an, und athmete erst
auf, als der erste Lichtstrahl in sein Auge fiel, als er das Licht wieder in der
Natur erblickte. Damit wachte die Hoffnung in ihm auf, sein Muth belebte sich
und die Fhigkeit zu krftigen Entschlssen fing sich in ihm wieder zu regen an.
    Aber sein Kopf glhte, sein Krper war fieberisch erregt, er ging hinaus ins
Freie, um sich abzukhlen. Ein frischer Reif hatte sich ber den Boden gelegt
und zitterte glitzernd auf Gras und Laub. Es war empfindlich kalt, inde diese
Klte that dem Aufgeregten wohl. Die Gegend erschien ihm doppelt schn, sein
Besitz war ihm doppelt lieb, da er an die Mglichkeit dachte, sich von allem
Diesem trennen zu mssen. Er band im Garten ein paar junge Bume fest, die er
einst selbst gepflanzt hatte; es that ihm leid, da man sie in seiner
Abwesenheit nicht gehrig besorgt hatte. Mitten in der Arbeit hielt er inne: Das
Schicksal eines Baumes bewegt Dich, sagte er, und Du knntest daran denken, das
Loos aller Deiner Untergebenen, das Loos Deines Sohnes einer fremden Hand
anzuvertrauen? Unmglich!
    Sein Entschlu, in seinem bisherigen Wirkungskreise zu bleiben, befestigte
sich in seiner Seele; aber als er ihn gefat, als er ihn ganz durchdacht hatte,
da drngte sich ihm schmerzlich die Frage auf, wie er es tragen werde, auf das
Glck zu verzichten, das er sich in der Vereinigung mit Therese erhofft hatte.
Er wollte ihr schreiben. Was sollte, was konnte er ihr aber sagen? Er zweifelte
nicht an ihrer Liebe, er wute, da sie die seine kenne. Durch Julian mute sie
erfahren, wie es ihm unmglich werde, den Wnschen seines Herzens zu folgen; wie
er sich Dem opfere, was er fr seine Pflicht halte. Zu schreiben fehlte ihm der
Muth, dennoch verlangte er lebhaft sie wiederzusehen.
    Um die Frhstckszeit kehrte er in das Schlo zurck. Er kte Felix und
drckte ihn an sich mit einer Bewegung, die dem Knaben nicht entging. Lange
hielt er ihn in seinen Armen fest, er erkaufte den Sohn mit dem Glck der eignen
Zukunft.
    Sein Begegnen mit Caroline war kalt. So sehr er dagegen kmpfte, er konnte
eines Grolles gegen sie nicht Herr werden, den er frher nicht empfunden hatte.
Es war ihm, als stnde nicht das Testament des Onkels, sondern sie allein
zwischen ihm und seinen Wnschen, als trenne sie allein ihn von seinem Glck.
    Der Tag verging in Thtigkeit mancher Art. Er hatte Berechnungen
durchzusehen, die Arbeiten im Felde und in den Fabriken zu revidiren. Eine
Vermessung des Forstes war nthig, sie sollte am heutigen Tage angefangen
werden, und Alfred wollte dabei sein. Er ritt hinaus, nahm den Knaben mit sich;
aber er konnte die rechte Lust an der Arbeit nicht finden. Er fhlte sich
innerlich gehemmt. Die Leute, mit denen er sprach, fanden ihn nicht so klar und
so bestimmt wie sonst, ihm selber war zu Muthe, als trete er heute den Besitz
aufs Neue an; aber er freute ihn nicht, denn er litt noch zu sehr von dem Opfer,
durch das er sich ihn erwarb und erhielt.
    Ein reitender Bote war zum Domherrn nach Maria-Gnad gesendet. Er kam zurck
und brachte die Antwort, der Domherr werde wieder zu ihm kommen, und der wrdige
Greis hielt ihm sein Wort.
    Alfred ging ihm bis an die Grenze seines Parks entgegen. Des Domherrn Blicke
fragten, was er beschlossen habe? Alfred verstand die stumme Frage und sagte
tiefaufathmend, sobald er mit dem Freunde allein war: Ich bleibe hier, mein
Freund! Aber die Worte klangen so muthlos, da der Domherr ihn bekmmert ansah
und ihn fragte: Und erhebt Sie der schne Entschlu nicht, den Sie gefat haben?
    Nein, antwortete Alfred, ich bringe das Opfer nicht freudig; ich fhle meine
Pflicht wie eine schwere, drckende Brde.
    Das ist der erste Schmerz, meinte der Domherr; Sie werden ihn berwinden,
glauben Sie mir, und Glck und Freude wird Ihnen daraus erwachsen.
    Alfred schttelte unglubig das Haupt und schwieg. Dann sagte er: Nun habe
ich eine Bitte an Sie, theurer Freund! Uebernehmen Sie es, mit meiner Frau die
Maregeln zu besprechen, die fr unsere Zukunft nthig sind. Ich wrde es gern
sehen, wenn sie von Rosenthal, das mir besonders werth ist, fortzge. Sie soll
whlen, ob sie auf Worben oder auf Plessen wohnen will. Das Gut, das sie
vorzieht, will ich ganz nach ihren Wnschen einrichten lassen; gleichviel, ob
sie es fr immer oder nur als Sommeraufenthalt zu bewohnen gedenkt. Sie selbst
soll das Jahrgeld bestimmen, das sie zu bedrfen glaubt, und jede Verfgung
treffen, die ihr fr ihr Leben angenehm scheint. Ich werde in Berlin bleiben,
meines Sohnes wegen, denke aber alle sechs, acht Wochen mindestens ein paar Tage
hieherzukommen. Ohne das Auge des Herrn gedeiht nichts, das sehe ich, und ich
hoffe, auf die Weise, die ich Ihnen andeutete, all meinen Pflichten gengen zu
knnen.
    Der Domherr hrte ihm aufmerksam zu und sagte dann: Es ist mein Beruf, zu
vershnen, nicht zu scheiden. Ihren Gtern habe ich Sie durch meine Bitten
erhalten; wre es mir doch mglich, Sie auch Ihrer Frau zu erhalten! Was Gott
verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen. Bedenken Sie nur, da aller
Vortheil dieser Trennung Ihnen allein zu Gute kommt. Sie behalten den Sohn, Sie
haben ein freies, durch Thtigkeit mancher Art ausgeflltes Leben; was hat eine
Frau zu erwarten, die man von ihrer Familie trennt?
    Kein schlimmer Loos, als ich alle diese Jahre hindurch an ihrer Seite
erduldet habe, sagte Alfred.
    Aber Sie hatten den Sohn, sich zu trsten! wendete der Domherr ein.
    Und was hat das vortreffliche, edle Mdchen, das ich liebe, dem ich entsage,
sich zu trsten, als sich selbst? rief Alfred bitter. Mu dieses, das schuldlos
leiden wird, nicht trachten, mit sich einig zu werden, in sich die Kraft fr ihr
Leben zu finden? Mu ich nicht ein einsames Dasein erdulden? Mu ich nicht
darben, wo ich ein Glck genieen knnte? - Nein, nein, lieber Freund!
verschwenden Sie Ihre wohlgemeinten Bemhungen nicht. Ich wei, was mir frommt,
was uns frommt. Gehen Sie zu meiner Frau und machen Sie meinen Wnschen sie
geneigt. Ich bin zu jedem Zugestndnisse bereit, wenn wir uns auf friedlichem
Wege trennen knnen. Aber trennen mssen wir uns!
    Vergebens machte der Domherr neue Friedensvorschlge, Alfred beharrte auf
seinem Willen und Jener verfgte sich zu Caroline, um ihr die Wnsche ihres
Mannes mitzutheilen. Sie hrte den Greis, der ihr durch sein geistliches Amt
ebenso Ehrfurcht gebot, wie durch seine Person, mit mehr Ruhe an, als ihr sonst
eigen war, beschwerte sich dann bitter ber das Loos, mit einem so
phantastischen, launenhaften Manne verbunden zu sein, klagte Alfred wegen einer
Menge Fehler an, und sagte endlich: sie knne keinen Entschlu fassen, sie wolle
sich erst mit dem Kaplan berathen, da ihr Mann den Domherrn zu seinem Beistand
erwhlt habe. Damit erklrte dieser sich, wiewohl ungern, einverstanden, weil er
dem Kaplan mitraute, und ging zu Alfred zurck, ihn von dem Erfolg seiner
Sendung zu benachrichtigen.
    Im Hause herrschte danach ein sehr peinlicher Zustand. Die Gatten sahen sich
gar nicht, auer whrend der Mahlzeiten. Alfred sa verdstert an der Tafel,
Caroline lie ihren Mimuth an der Dienerschaft aus, die verlegen und
eingeschchtert ihr Amt verrichtete, und selbst Felix ward scheu und unlustig.
Er kam Alfred wie ein Vogel vor, der bei herannahendem Sturm instinktmig die
Gefahr empfindet, bange umherflattert und nicht wei, wie er sich schtzen soll,
da er das Uebel nicht kennt, das ihn bedroht. Das Kind that ihm sehr leid und
machte ihm durch seine sorglosen Fragen Kummer. Alfred erwartete deshalb die
Entscheidung mit Ungeduld; aber der Kaplan war fr ein paar Tage verreist und
man mute sich bis zu seiner Rckkehr bescheiden.

                                      XIV


Sobald der Kaplan heimgekommen war, verfgte er sich zu Caroline. Er hrte ihr
zu, als sie ihm klagte, und hatte, wie es seine Art war, das Gesicht in die Hand
gelehnt, so da er den Ausdruck seiner Zge verbarg. Als sie ihren Bericht
geendet hatte, sagte sie: Nun wissen Sie Alles, nun rathen Sie mir, was soll ich
thun?
    Was wnschen Sie zu thun? fragte er.
    Knnen Sie das fragen? rief Caroline. Ich habe es Ihnen tausend Mal gesagt,
es ist eine wahre Thorheit, da mein Mann an eine Scheidung denkt; es ist gar
kein Grund dazu vorhanden. Mein Gott! ich habe ja nie geleugnet, da es dann und
wann einen Streit zwischen uns gegeben hat, aber wo wre eine Ehe, in der das
nicht vorkme? Mein Vater hat mit beiden Frauen wie die Engel im Himmel gelebt
und nach jedem kleinen Zank ist die Vershnung eine neue Freude geworden. Warum
nimmt mein Mann denn Alles so gar schwer?
    Also wnschen Sie mit ihm vereint zu leben? fragte der Kaplan weiter!
    Natrlich! sagte Caroline. Ich allein habe mich im Grunde zu beklagen. Ich
wei, da mein Mann in der Stadt in vielfachen Verhltnissen lebt, die meine
Rechte beeintrchtigen, whrend ich ihm ganz und gar ergeben bin. Ich habe das
getadelt, ich habe ihm gesagt, da ich eiferschtig sei, aber mu man sich
deshalb trennen? Was gewinne ich denn durch eine Trennung? Mein Sohn wird mir
entzogen, das ist das Schrecklichste fr eine Mutter. Aus einer Frau, die jetzt
die schnste Stellung in der ganzen Provinz hat, die Jeder beneidet, soll ich zu
einer Wittwe werden, die ein Gnadenbrot geniet. Und weshalb? Weil Alfred sich
einbildet, unglcklich zu sein. Aber ich habe mich nicht unglcklich gefhlt,
und ich will es auch nicht werden. Alfred wird allmlig seine poetischen Grillen
vergessen und wir werden wieder ganz zufrieden leben wie bisher. Eigentlich war
es eine Kleinigkeit, ein unbedeutender Streit, der den ganzen Aufruhr
veranlate; ich wre also thricht, wollte ich nachgeben und mich in die
Vorschlge meines Mannes fgen.
    Glauben Sie, da Herr von Reichenbach sich von Ihnen zu einer
Wiedervereinigung bewegen lt? fragte Ruhberg.
    Ich zweifle daran, denn er ist sehr eigensinnig.
    Und Sie wollen sich um keinen Preis von ihm trennen?
    Nein! rief Caroline bestimmt.
    So vertrauen Sie mir, sagte der Kaplan, und folgen Sie unbedingt meinem
Rathe. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Sie allein sollen schwere Opfer bringen,
damit Herr von Reichenbach seinen Neigungen ungehindert nachgeben knne, und
obenein will er sie zwingen, eine Snde zu begehen. Da sei Gott fr, da ich
dies geschehen lasse! Ihre Seele ist vom Himmel meiner Obhut anvertraut, ich mu
jenseits Rechenschaft fr sie ablegen, und ich darf und werde nicht zugeben, da
man Sie dazu drngt, ein Unrecht zu begehen. Er hielt inne und sagte dann nach
einiger Ueberlegung: Verwerfen Sie alle Antrge, die Herr von Reichenbach Ihnen
macht. Erklren Sie fest, da Sie sich nicht von ihm trennen wollen, da Sie
verlangen, er solle Sie in alle Ihre Rechte wieder einsetzen.
    Und wenn er es verweigert?
    So bestehen Sie dennoch darauf. Einstweilen bleiben Sie uerlich in der
Stellung, die Ihnen werth ist, und wir gewinnen Zeit; und Zeit gewonnen, Alles
gewonnen!
    Aber wohin soll das fhren?
    Zu einer Vereinigung Derer, die zueinander gehren, sagte der Kaplan. Zgert
Herr von Reichenbach, sich mit Ihnen auszushnen, so thun wir, als ob Sie eine
gerichtliche Scheidung verlangten oder gnzliche Vereinigung. Zu der Ersten kann
er es aus Grnden, die ich Ihnen seiner Zeit enthllen werde, nicht kommen
lassen; er wird den friedlichern Ausweg whlen und ich hoffe, Sie werden es
nicht zu bereuen haben, da Sie sich mir vertrauten.
    Mein Mann wnscht in einigen Tagen von hier abzureisen und will meinen Sohn
mit sich nehmen, sagte Caroline nachdenkend und zgernd.
    Hindern Sie ihn nicht daran, diese Trennung ist fr den Augenblick
nothwendig. Sie mssen Beide ruhiger werden, um sich mit einander verstndigen
zu knnen.
    Herr Kaplan! rief Caroline, ich habe nur den einzigen Sohn, ich liebe ihn
wie mein Leben; fhlen Sie, wie mir der Gedanke das Herz bricht, mich von ihm zu
trennen?
    Arme Frau! sagte Ruhberg und drckte zrtlich ihre Hand. Mag das Beispiel
der gebenedeiten Gottesmutter Sie strken. Je schwerer der Kampf, desto schner
der Sieg. Sie bringen sich selbst zum Opfer, um Ihren Gatten zu seiner Pflicht
zurckzufhren. Solche Werke gefallen Gott wohl.

                                       XV


Am Abend dieses Tages begab sich Caroline in das Zimmer ihres Mannes, der mit
dem Domherrn ber Land gefahren war. Sie hatte Alfred ihren Entschlu
schriftlich mitgetheilt, Ruhberg den Brief gezeigt und ging jetzt, ihn auf den
Schreibtisch zu legen, damit jener ihn bei seiner Rckkehr fnde. Schon wollte
sie sich wieder entfernen, als ein anderer Brief ihre Aufmerksamkeit fesselte.
Er war an Alfred gerichtet und offenbar von weiblicher Hand geschrieben.
Carolinen's Mistrauen war augenblicklich angefacht. Sie hielt den Brief prfend
gegen das Licht. Das Couvert war von dunklem Papier, sie konnte nichts von dem
Inhalt ersphen. Sie schwankte eine Weile, dann sah sie nach der Uhr,
berechnete, da ihr noch eine lange Zeit bis zu Alfred's Rckkehr bleibe, nahm
den Brief und eilte damit in ihr Zimmer. Dort angekommen, erffnete sie ihn. Er
war franzsisch geschrieben und Sophie Harcourt unterzeichnet. Ihre Eifersucht
flammte hell auf. Der Brief lautete: Mein theurer Freund! Ich habe bis jetzt
vergebens Ihre Rckkehr erwartet, ich habe darauf gehofft, wie auf das einzige
Glck, das mir noch werden kann. Mein Herz verlangt darnach, sich vor Ihnen zu
ffnen, keine Falte meiner Seele soll Ihnen verborgen bleiben; ganz und
ungetheilt sollen Sie mich kennen. Ich bin gewi, Sie werden mich nicht
verdammen, Sie werden den Schritt billigen, den ich zu thun gedenke. O! wten
Sie, was ich fr Sie empfand in der Stunde unseres Begegnens; wten Sie, mit
welchen Gefhlen ich an Sie denke! Sie haben mich vor schwerem Verbrechen
bewahrt. Eifersucht, Verzweiflung durchtobten mich, ich war zu dem Aeuersten
bereit. Da kamen Sie wie mein guter Engel, wie zu meinem Schutzgeist blicke ich
zu Ihnen empor!
    So weit hatte Caroline zitternd gelesen, als sie das Rollen eines Wagens
hrte. Sie steckte den Brief in das Couvert, machte dies geschickt wieder zu und
eilte, es auf den Schreibtisch ihres Mannes zu legen, der gleich darauf in das
Zimmer trat.
    Er langte hastig nach dem Briefe seiner Frau und sah mit Ueberraschung, da
sie alle seine Vorschlge verwarf. Das hatte er nicht erwartet, er begriff
nicht, was sie zu erreichen hoffte, was sie mehr verlangen knne. Die neuen
Hindernisse verstimmten ihn, mehr noch die Art, in welcher der Brief geschrieben
war. Mit der kalten Gewohnheit des Geschftsmannes ffnete er das andere
Schreiben und las es mit immer wachsender Theilnahme und Rhrung. Nach der
ersten Einleitung hie es weiter:
    Ich bin in einer Welt erzogen, in der man die hergebrachten Sitten und
Gewohnheiten geringschtzt, ich habe sie verachten gelernt. Ich habe Frauen und
Mnner gekannt, die unter dem Schein der Zucht und Ehrbarkeit all ihren Lsten
frhnten. Heute sah ich junge Gatten sich vor dem Altare verbinden und schon
wenig Wochen darauf kniete der Mann, der einem Engel der Unschuld Treue gelobt,
zu den Fen eines Weibes, das nicht werth war, jenem Engel die Schuhriemen zu
lsen. Ehrenmnner vertrauten der Tugend ihrer Frauen, die in den Armen junger
Laffen den unbefleckten Namen ihres Gatten preisgaben - und die Welt hielt jene
Frauen fr rein, jene Mnner fr untadelhaft!
    In meinem Beruf darauf angewiesen, durch den Schein die Wahrheit
darzustellen, ist mir der Schein verhat geworden und mein ganzes Dasein ist ein
Streben nach Wahrheit gewesen. Jene Verbindungen, die aus Habsucht und tausend
andern Rcksichten geschlossen, mit dem ehrbaren Namen einer rechtmigen Ehe
die ungezgelte Freiheit des Lasters heiligen, widerten mich an. Mich dnkte die
Fessel unwrdig, die man sich mit einem Eide auferlegt. Waren doch so Viele nur
zu bereit, die drckende Kette zu lockern, sich so frei darin zu bewegen, als
mglich. Ich habe die Ehe in ihrer jetzigen Form tief verachtet. Man setzt einen
Preis fr die gegenseitige Liebe fest, man zgelt dies Gefhl bis zu der Stunde,
in der ein fremder Mann, ein Priester, erlaubt, da man sich angehren drfe.
Dann werden fremde Menschen zu festlichem Gelage vereint; in perlendem Wein
erhitzen sich die Geister, freier und khner werden die Scherze der
glckwnschenden Mnner vor dem beleidigten Ohre der zitternden Braut, und
mitten aus dem wilden Gewhl entfhrt sie der Brutigam zu den Mysterien der
Liebe, wie ein Sultan die Odaliske, und das freche Lcheln der Hochzeitgste
begrt am nchsten Morgen die Neuvermhlte. Das nennt man Sitte, das nennt man
Keuschheit und Civilisation! das heiligt die Kirche, das beschtzt der Staat!
    Wie tief entwrdigt erschien mir in solchen Augenblicken das Weib, wie roh
die Menschen, die solche Hochzeitsfeier heilig nennen! Wie glcklich, wie rein
fhlte ich mich in dem Gedanken, einem geliebten Manne zu gehren, ohne Eid und
Schwur; sein geworden zu sein in einer Stunde seligster Entzckung, in der wir
die Welt im Herzen trugen, die heiligste Welt der Liebe, die keiner geputzten
Hochzeitzeugen bedarf, weil sie das Recht zu gnzlicher Vereinigung in sich
selbst besitzt!
    Ich habe geglaubt, der Mensch bedrfe keines andern Zwanges; die Erkenntni
des Wahren, die Liebe, das Recht, das seien die Gesetze, das sei die Religion
fr den Denkenden. Ich wollte nicht heimlich thun, was ich fr Recht hielt, ich
wollte nicht geduldet werden durch scheinbare Unterwerfung unter die Sitte. Frei
und stolz, habe ich gesagt, so handle ich, und ich handle Recht, weil ich wei,
da ich nie von dem Wege wahrer Pflicht und wahrer Ehre weichen werde.
    Ich habe nie verlangt, da Julian sich mir mit heiligen Schwren gelobe, ich
habe ihm niemals Treue versprochen. Schwrt man denn zu halten, was man nicht
unterlassen kann, ohne in Verzweiflung unterzugehen? Htte ich je aufhren
knnen, Julian zu lieben, so wrde ich mich fr frei gehalten haben. Oft habe
ich ihm das gesagt; oft ihn versichert, er solle frei sein von jedem Bande, das
ihn an mich binde, sobald er mich nicht mehr seiner Liebe wrdig fnde. Ich war
meiner so gewi; ich hielt seine Liebe fr so unwandelbar als die meine.
    Ich habe mich getuscht. Ich habe dem Herkommen, der Sitte Hohn gesprochen,
jetzt rchen sie sich an mir. Julian, den ich frei whnte von den Vorurtheilen
der andern Menschen; Julian, dem ich rckhaltlos vertraute, verlt mich jetzt.
Seine Liebe ist erkaltet. Er lt sich von mir reien durch den Tadel, den die
thrichte Menge auf mich und auf unsere Verbindung wirft. Ich habe ihn verloren,
mein Leben ist damit zu Ende.
    Ich wollte sterben, weil ich nicht zu leben wute, weil auer Julian kein
Mensch fr mich lebte in der Welt; weil Alles mir gleichgltig war auer ihm.
Sterben schien mir das seligste Ruhen nach schwerem Leid.
    Da kamen Sie! - Ein Mensch! rief es in mir. Ihr Wort war mild, Ihr Ton, Ihr
Blick Erbarmen. Gott lohne es Ihnen, Sie haben mich vom Tode gerettet; Sie
wollten mich dem Leben der Kunst wiedergeben, ich folgte Ihnen gern, aber ich
vermag es nicht.
    Wie knnte ich heiter schaffen, wie knnte ich jetzt noch Andere erfreuen?
Was knnte mich belohnen, wenn sein Auge mir nicht mehr folgt, mir nicht mehr
Beifall winkt?
    Die Zeit des Spiels, des Glckes ist vorber, die Tage der Bue sollen ihr
folgen. Ich verma mich im thrichten Uebermuth der Jugend, freier, strker zu
sein, als es dem Menschen gegeben ist. Mein Glck sollte ein Beweis werden, da
nur in der Freiheit der Liebe die Reinheit der Ehe bewahrt bleibe; da der
Mensch die Freiheit verdiene, da sein Gewissen die Gottheit sei, die sich
Gesetze gibt nach dem eigenen Bedrfni.
    In den Stunden des tiefsten Leides, als meine Kraft mich verlie, schlug ich
angstvoll die Hnde zusammen und hob sie empor gen Himmel. Von Oben kam mir
Strkung und Trost. Ich fhlte, da Einer ber den Wolken lebt und da wir Staub
sind. Ich habe beten gelernt.
    Jetzt ist mir wohl, ich bin mde, aber frei von Schmerz und Kampf. Ich wei,
was allein mir fr die Zukunft frommt. Ich habe gefehlt gegen die Gesetze der
Sitte, die Gott und Menschen mit hoher Weisheit zwischen uns und unsere
Leidenschaften stellten. Gott und die Menschen mu ich vershnen, damit ich Ruhe
finde in mir.
    Mein Entschlu steht fest, ich hoffe, Sie werden ihn billigen. Kommen Sie
bald. Gott sei mit Ihnen und mache Sie glcklich!
    Sinnend betrachtete Alfred das Blatt, als er den Brief geendet hatte. Wer
wirft den ersten Stein auf sie? fragte er sich selbst. Das Schicksal der
Verlassenen rhrte ihn sehr. Sophie, die von der Welt, von unsern Sitten
Gebrandmarkte, Sophie, auf welche die Frauen der guten Gesellschaft mit schnder
Verachtung hinabblickten, wie rein und schn stand sie vor ihm! Welche Liebe,
welche Wahrheit und welche khne Seele offenbarten sich in den Fehltritten
dieser Frau!
    Warum stand ihr kein schtzender Vater, keine treue Mutter zur Seite? fragte
es in ihm. Warum ward diese edle Natur hingeschleudert in den Kreis einer
Sittenverderbni, von der sie sich verletzt abwendete, um sich den
misverstandenen Lehren einer Schule zuzuneigen, die zwar Wahrheit und Recht
erstrebt, aber auf falschem Wege? Warum ihr der furchtbare Kampf? Warum ihr das
schwere Leid? Das waren Fragen, fr die er keine Lsung in sich fand, und mit
bewegtem Gemth seufzte er, als er den Brief von sich legte: Gott gebe, da sie
jetzt wirklich richtig erkenne, was ihr frommt, da sie Ruhe und Frieden finde.
    Da strzte Felix in heftiger Aufregung in des Vaters Zimmer: Vater! rief er,
Vater! die Mutter weint und schilt auf Dich. Sie sagt, Du wrst ein schlechter
Mann und Du httest sie betrogen. Ich sage, das ist nicht wahr, denn das thust
Du nicht. Da hat die Mutter mich von sich gestoen und gesagt: ach! Du bist wie
der Vater, gehe zu ihm, ich mag Dich nicht!
    Noch whrend des Knaben Erzhlung trat die Mutter ein. Caroline! rief
Alfred, was hast Du gethan? Ist es meine Schuld, da der Knabe so Schmachvolles
erlebt? Kann eine Mutter so wenig Achtung vor ihrem Kinde haben? Was hat Dich
denn jetzt wieder so ganz verwirrt?
    Und Du kannst noch fragen? Verstoen zu werden um einer Schauspielerin, um
einer Dirne willen? rief Caroline vllig auer sich. Aber ich will es nicht
erleben, da eine solche die Stiefmutter meines Kindes werde, an meiner
Festigkeit sollen alle Deine Rnke scheitern!
    Jetzt erst begriff Alfred, was geschehen war. Geh hinaus, Felix! die Mutter
ist krank, sie redet irre, ich bleibe bei ihr, sagte er, und fhrte den Sohn
hinweg. Dann kehrte er zu seiner Frau zurck.
    Ich wei, woher Dein Argwohn stammt, sagte er, Du hast wieder einmal meine
Briefe zu lesen versucht und mut dabei gestrt worden sein. Du sollst
vollenden, was Du begonnen hast. Hier ist das Blatt, lies es zu Ende.
    Ich finde keine Unterhaltung in Liebesbriefen, die Schauspielerinnen meinem
Manne schreiben! spottete Caroline.
    Nicht von meiner Liebe ist darin die Rede, entgegnete Alfred, sondern von
Julian's, den Verhltnisse zwingen, sich von einer Frau zu trennen, welche
seiner vollen Liebe werth ist. Auf seinen Wunsch habe ich sie einmal gesehen.
Aber lies den Brief, so unrecht es ist, Sophien's Vertrauen preis zu geben, so
kann sie in diesem Falle nur dabei gewinnen, und ich nehme die Verantwortung auf
mich. Lies ihren Brief, ich fordere es von Dir.
    Sie that, wie er's verlangte, aber ihre Hnde zitterten dabei, sie schmte
sich des Unrechts, das sie ihrem Manne angethan, und er wute ihr diese Bewegung
Dank, sie stimmte ihn milder gegen sie. Kaum aber hatte sie den Brief beendet,
kaum sah sie die Spannung, mit der ihr Mann sie betrachtete, als sie sich ihrer
weicheren Gefhle wie einer Schwche anzuklagen begann. Die Geliebte Julian's
schien ihr keines Mitleids werth, jede Beziehung ihres Mannes zu einer
leichtfertigen Schauspielerin eine Snde gegen sie und gegen die eheliche Treue.
    Sie legte den Brief mit kalter Miene aus der Hand, und sagte mit
verchtlichem Achselzucken: Warum verga sie Pflicht und Ehre? Da bleibt die
Reue niemals aus. Verdienen solche Personen es denn anders? Knnen sie Besseres
erwarten? Und um solch elende Geschpfe werden wir verlassen!
    O! da Ihr Alle die Seele dieser Frau beset, da ihr die himmlische Liebe
verstndet, sprach Alfred sehr ernst, die sich in ihrer freien Hingebung
verrth! Ihr wrdet nie verlassen, Ihr wrdet angebetet werden!
    So weit ist es gekommen, rief Caroline auer sich, da Du mir, da Du Deiner
Frau eine verlorene Person zum Vorbild aufzustellen wagst? Liebe, wen Du willst,
aber beleidige mich wenigstens nicht durch solche emprende Vergleiche. Diese
Verachtung verdiene und ertrage ich nicht von Dir.
    Aber knnen wir uns denn gar nicht mehr verstehen? fiel ihr Alfred in die
Rede. Willst Du Dich und mich denn absichtlich nur immer mehr verletzen, leiden
wir nicht schon genug? Wir knnen nicht neben einander leben, das fhle ich mehr
und mehr; aber la uns wenigstens in Frieden scheiden. Wir haben nicht
zusammengehrt, wir werden uns trennen und doch einander nicht vergessen knnen.
La unser letztes Beisammensein denn ruhig enden, la uns von einander scheiden
ohne Ha und Groll.
    Er schwieg, sie weinte. Alfred! rief sie dann ganz pltzlich aus, schwre
mir, da Du Sophie nicht liebst, da Du nicht nach Berlin zurckkehrst, und ich
will Dir alles Andre glauben, Alles soll vergessen sein, Alles soll gut werden,
ich versprech es Dir.
    Was soll gut werden? was war denn gut? Hat Deine Eifersucht jemals
geschwiegen? Hat sie mich nicht gemartert, wo immer und wie immer wir auch
lebten? fragte Alfred.
    Ich will Dein Betragen vergessen aus Liebe fr Dich, fuhr Caroline fort, ich
will Alles verzeihen, aber -
    Was willst Du vergessen und verzeihen? fragte Alfred nochmals; den
ungerechten Argwohn, den Du hegst, obgleich Du den Beweis dagegen in Hnden
hast? - Du willst vergessen, da Deine Launen, Deine Unliebenswrdigkeit mich
aus der Heimat trieben? Denn nur sie, nur unsere unglcklichen Zerwrfnisse
zwangen mich dazu, das schwre ich Dir! - Du willst mir verzeihen, da Du mich
in Gegenwart unseres Sohnes mit niedrigen Vorwrfen berhuftest? - Das ist
gromthig von Dir!
    Ich will vergessen, da Du mich nicht liebst, da Du Dich von der Mutter
Deines Sohnes trennen willst, sagte Caroline erweicht und leise weinend. Alfred
thue das nicht, denn - glaube mir - ich berlebe es nicht.
    Der Ton schlug an sein Herz und der schwere Kampf der letzten Tage erneute
sich in ihm. Alte Erinnerungen sprachen fr die alten Bande, fr Frieden und
Nachsicht; aber Carolinen's falsche Begriffe von der Wrde der Gattin zerstrten
den guten Eindruck wieder. Sie hatte die bittenden Worte kaum gesprochen, als
sie gleich wieder frchtete, sich zu sehr gedemthigt, ihren Rechten Etwas
vergeben zu haben, und mit gewohnter Klte und Heftigkeit fgte sie hinzu: Denn
in die Scheidung, das weit Du, willige ich niemals; ich werde Rosenthal
freiwillig nie verlassen, denn ich wrde es fr ein Verbrechen gegen Felix
halten, meine und damit seine heiligen Rechte zu opfern, nur weil es Dir
bequemer wre, frei und zgellos zu leben wie der Prsident.
    Die Worte emprten Alfred. Ein neuer heftiger Streit entstand, und endete
mit einer gegenseitigen Erbitterung, wie die Gatten sie in solchem Grade noch
nicht gegeneinander empfunden hatten.
    Spt am Abende lie Alfred seine und des Knaben Sachen packen, schrieb
danach dem Domherrn, da noch kein Vergleich zwischen ihm und seiner Frau zu
Stande gekommen sei, und da er ihn also bte, auf einen solchen hinzuwirken.
Dann setzte er die nthigen Verhaltungsbefehle fr den Inspektor der Fabriken
und fr den Wirthschafter auf und schickte seiner Frau folgendes Billet:
    Ich rume Dir das Feld, da Du trotz meiner Bitte darauf beharrst in
Rosenthal zu bleiben. Morgen frh fahre ich mit Felix nach Worben, dann nach
Plessen. Ich habe an beiden Orten noch fr mehrere Tage zu thun und verlange,
da Du nach keinem von beiden kommest, so lange ich dort verweile. Ich kann Dir
nicht verwehren, Felix vor der Abreise zu sehen; aber ich fordere, da Du dem
Kinde keinen hnlichen Auftritt bereitest, wie der heutige es war. Ich habe ihm
gesagt, da ich ihn zu der Geschfts-Reise mit mir nehme; la ihm den Glauben
und beflecke seine junge Phantasie nicht mit den widrigen Bildern unseres
Streites. Fr ihn und fr Dich verlange ich, da Du ihm Dein Andenken rein
erhltst.

                                      XVI


Der Morgen war regnerisch und kalt. Alfred blieb mit Felix in seinem Zimmer, wo
sie allein das Frhstck eingenommen hatten. Das Kind war schlaftrunken und
frstelte. Als Alles zur Abreise bereit war, ging er mit ihm zu Caroline.
    Schon? rief diese erbleichend, als sie bei ihr eintraten.
    Alfred, eben so erschttert und bleich als sie, entgegnete: Ich wnsche
zeitig nach Worben zu kommen. Sage der Mutter Adieu, Felix.
    Der Knabe that es mit gnzlicher Unbefangenheit. Er reichte der Mutter die
Hand und drckte einen Ku auf ihre Lippen. Da rang sich ein Schrei des
Schmerzes aus ihrer Brust, vor dem Alfred erzitterte; es war einer jener
Naturlaute, die der Wilde mit dem civilisirtesten Menschen gemein hat. Sie
prete den Knaben an sich, als ob sie ihn fr ewig halten wollte, und ihre
glhenden Thrnen flossen auf ihn herab.
    Auch Alfred's Augen schwammen in Thrnen, aber er ermannte sich, sagte
leise: komm, mein Sohn! und schritt mit ihm davon.
    Caroline strzte ihnen nach, kniete neben Felix nieder, prfte, ob sein
Anzug warm und fest sitze, zog ihm den Kragen des Mantels in die Hhe und
knpfte diesen mit einem Tuche fest, das sie sich vom Halse nahm. Alfred's Herz
blutete ihm in der Brust.
    Mit abgewendetem Gesicht reichte er seiner Frau die Hand: Wie meinen
Augapfel werde ich ihn behten! sagte er mit dem Tone, mit dem man einen
heiligen Eid schwrt. Sie hielt seine Hand fest, drckte einen Ku darauf und
rief: Lehre ihn nicht, mich zu hassen.
    Da sei Gott vor! entgegnete Alfred und ging schnell mit Felix hinaus, der,
vor Ueberraschung sprachlos, Alles mit sich geschehen lie.
    Mit gerungenen Hnden sank Caroline auf das Sopha; dann eilte sie zum
Fenster und blickte dem fortrollenden Wagen nach, so lange ihre Blicke ihn
erreichen konnten.


                                 Zweiter Theil

                                       I

Gegen das Ende des Octobermonates war die vornehme Gesellschaft von Reisen, aus
den Bdern, und von ihren Landsitzen heimgekehrt und die Winterunterhaltungen
nahmen in der Residenz ihren Anfang.
    Wie ein frhliches Kind in eine blhende Wiese hineinspringt, jauchzend vor
Lust und ungewi, welche Blume es pflcken soll, weil alle ihm gleich schn und
begehrenswerth erscheinen, so strzte Eva sich in die Zerstreuungen, die sich
ihr darboten. Theater, Concerte, Blle und Gesellschaften wurden ihr zu reichen
Quellen der Freude, und um so reicher, als ihre Anmuth und Frhlichkeit einen
groen Kreis von Bewunderern um sie versammelten.
    Da sie fast an jedem Tage in Gesellschaft oder durch andere Zerstreuungen in
Anspruch genommen war, kam sie seltener zu Therese, brachte aber, so oft sie
erschien, einen solchen Schatz von guter Laune mit, da Julian sich hchlich
daran ergtzte. Eines Abends kam sie frher, als sie pflegte, und ihr Diener
trug ihr mehrere Pcke Bcher nach.
    Therese bewillkommte sie, und Theophil, der dabei war, sagte: Meine gndige
Frau! was bedeuten die Folianten, die Sie uns mitbringen? Sollten Sie die
Absicht haben, sich den Wissenschaften zu widmen?
    Komme ich Ihnen so alt und so h ich vor, da ich solch trauriger Zuflucht
bedrfte? entgegnete sie und fgte hinzu: aber eine ernste Angelegenheit ist es
allerdings und Ihr Alle sollt mir Rath geben.
    Therese und Theophil boten bereitwillig ihre Dienste an und wnschten zu
wissen, um was es sich handle.
    Das sage ich nicht eher, als bis Sie, Herr Assessor, mir eine Frage
beantwortet haben. Knnten Sie sich entschlieen, mir einen Dienst zu leisten,
an dem mir sehr viel gelegen ist?
    Von Herzen gern, wenn es in meiner Macht steht.
    O! das ist schon eine Hinterthre, durch die Sie entschlpfen wollen, dies:
wenn es in meiner Macht steht. Da Sie es thun knnen, das wei ich, sonst
forderte ich es ja nicht. Etwas Ueberwindung knnte es Sie kosten, aber dafr
wre es Ihnen auch hchst heilsam.
    Und was ist es denn? fragte Theophil.
    Sie sollen mit mir bei der Baronin Whrstein heute ber drei Wochen in einer
maskirten Quadrille tanzen.
    Sie erzeigen mir zu viel Ehre, sagte Theophil, indem Sie Ihre Wahl auf mich
fallen lieen, aber ich verdiene sie nicht. Ich bin ein schlechter Tnzer,
gehre berhaupt zu derlei Festen nicht und habe das der Baronin selbst gesagt,
die mich dazu eingeladen hat.
    Ach, das wei ich ja Alles! rief Eva ungeduldig, das hat mir die Baronin
erzhlt und doch mssen und werden Sie kommen. Erstens taugt Ihnen das ewige
Studiren, das Lesen und wieder Lesen gar nichts. Aus all den gelehrten Bchern
holen Sie sich Ihre Kopfschmerzen und aus den poetischen Romanen den
Lebensberdru und was Sie sonst noch qult. Sehen Sie, Herr Assessor, ich nehme
nie ein Buch in die Hand; aber ich gehe aus, ich spreche mit vernnftigen
Leuten, ich zerstreue mich alle Tage und davon bin ich gesund und zuletzt eben
so gescheidt als alle Andern. So sollen Sie es auch machen.
    Dies war nur Erstens, sagte Therese lachend, willst Du uns nicht das
Zweitens mittheilen?
    Zweitens, rief Eva, wird kein Cavalier einer Dame solche Bitte abschlagen,
drittens werden wir Beide zusammen vortrefflich sein und viertens will ich es
so, und darum mu es geschehen.
    Dies ist allerdings so entscheidend wie der letzte Beweis der Knige, die
Kanonen. Aber wollen Sie mir nicht wenigstens eine kurze Bedenkzeit gestatten?
fragte Theophil.
    Eva zog die Uhr aus dem Grtel und sagte: Es ist jetzt sechs ein halb Uhr,
um sieben, hat mir heute frh der Prsident gesagt, werde er zu Hause sein, um
an der Berathung Theil zu nehmen; so lange gebe ich Ihnen Frist, dann mssen Sie
sich entschieden haben. Inzwischen erlauben Sie, da ich mit meiner Freundin
eine Privatverhandlung abmache. Nun denken Sie nach, edler Assessor! rief sie
und zog Therese an den Kamin, wo sie sich Beide niederlieen.
    Auf Theresen's Frage, was Eva wnsche, sagte diese: Ach Gott! ich mchte
gern so praktisch sein als Du. Da ist in diesen Tagen eine alte Frau bei mir
gewesen, deren Tochter Wittwe ist und sechs kleine Kinder hat. Der Mann ist
schon vor vier Monaten gestorben und nun soll das siebente Kind geboren werden.
Des Mannes lange Krankheit hat ihr ganzes Hab und Gut aufgezehrt, sie sind im
hchsten Elend, haben nichts zu essen, keine warmen Kleider, nichts, nichts.
Natrlich gab ich gleich Geld, damit sie Nahrungsmittel kaufen konnten und Holz.
Ich wollte auch gern von meinen Kleidern geben, aber was fr nutzlose Lappen
besitzen wir in unserer Garderobe! Ich fand kaum ein vernnftiges Stck, das die
Leute brauchen konnten, nichts als elenden Atlas und Flor und solch dummes Zeug.
    Therese wollte wissen, wie die Frau heie, wer sie an Eva gewiesen und wo
sie wohne? Eva antwortete: Das hatte ich Alles zu fragen vergessen, aber meine
Werner hat es erkundet, weil sie unbarmherziger Weise der Unglcklichen nicht
traute. Sie sagte, man msse sich durch den Augenschein berzeugen. Ich fuhr
also mit ihr hin. Du ahnst es nicht, Beste! welch Elend ich da gesehen habe! ich
habe nie geglaubt, da es solche Noth gbe. Seitdem kann ich an gar nichts
Anderes denken, als an diese Armen, und da ich so etwas gar nicht verstehe,
sollst Du mir sagen, wie ich helfen soll. Ich mchte es gern recht gut, recht
verstndig machen; ich habe nie gearbeitet und bin so glcklich, und die Leute,
die so schwer arbeiten, sind so unglcklich, da ich mich vor Ihnen schme.
    Therese umarmte die junge Frau herzlich, erbot sich, selbst noch mit ihr zu
der unglcklichen Familie zu fahren, um zu sehen, wie man dem Elende am besten
steuern und den Leuten emporhelfen knne, und sagte: So, meine Eva, gefllst Du
mir, darin erkenne ich Dein gutes Herz. Wenn ich Dich ganz und gar von den
schalsten Zerstreuungen ausgefllt sehe, bangt mir oft um Dich. Ich wollte doch,
Du betrachtetest das Leben nicht ganz wie ein Spiel, Du dchtest auch an den
Ernst desselben.
    Das kann ich nicht, rief Eva, das kann ich so wenig, als ein Schmetterling
arbeiten kann. Ich werde traurig, wenn ich ernst sein mu, deshalb probire ich
es gar nicht. Gott hat mir einen frhlichen Sinn gegeben, mit dem ich das Leben
geniee, weil ich jung bin. Werde ich alt und das Leben ist nicht mehr schn,
dann wird sich der Ernst schon finden. Bis dahin lat mich gewhren!
    Bei Eva's letzten Worten erschien der Prsident und reichte ihr die Hand zum
Willkomm. Sie schlug aber die Arme bereinander und wendete sich ab, ohne ihn
anzusehen.
    Sind Sie noch bse, Eva? fragte er leise.
    Was haben Sie denn gethan, Verzeihung zu verdienen? entgegnete sie. Den
ganzen Morgen haben Sie mir Vorwrfe gemacht ber meine Verschwendung, ber
meine Koketterie. Sie waren grade so liebenswrdig als mein seliger Mann, wenn
das Podagra bei ihm im Anzuge war und er ble Laune hatte. Bedrfte ich nicht
Ihres Rathes fr mein Costme und Ihres Beistandes, um den Assessor zu
berreden, ich wre heute gar nicht hergekommen, das knnen Sie mir glauben.
    Der Prsident entschuldigte sich, so gut er konnte, Eva lie sich begtigen
und Jener sagte, nachdem Therese sich entfernt hatte: Sie sollen mich ganz zu
Ihren Diensten finden, Eva; nur das Eine gestehen Sie mir, da Ihnen Theophil
besonders gut gefllt, da Sie ihn vor allen Mnnern auszeichnen.
    Das wre eine Unwahrheit, wenn ich es gestnde! rief Eva. Theophil ist
hbsch, er ist gut und er thut mir leid, weil er oft traurig und krank ist.
    Das Mitleid ist ein Vorlufer der Liebe, man knnte ihn darum beneiden!
    Sie doch nicht etwa, Julian? Sie, der mir heute bewies, die Liebe eines
Mannes beruhe auf dem Grade der Herrschaft, den er ber eine Frau ausbe? Sie
haben mir gesagt, Sie forderten von einer Frau nichts als Unterwerfung, Sie
wrden am meisten eine Frau lieben, die Ihnen Alles verdankte, und Sie knnten
Theophil um das Mitleid einer Frau beneiden?
    Um das Mitleid nicht, antwortete Julian, aber um die Neigung, aus der es
entspringt. Sie lieben Theophil.
    Eva sah ihn lchelnd an, ward verlegen und rief, als des Prsidenten Auge
durchdringend auf ihr ruhte: Und wer will mich daran hindern, wenn ich ihn
liebe?
    Ich gewi nicht! antwortete der Prsident mit einem leichten Anfluge von
Spott.
    Eva schwieg eine Weile, dann wendete sie sich schnell von dem Prsidenten zu
Theophil und fragte, ob er entschlossen sei, mit ihr zu tanzen. Er bejahte es
und nun holte Eva die Folianten hervor, die sie mitgebracht. Es waren Werke ber
Nationaltrachten und Costme. Eine lange Berathung begann, whrend welcher Eva's
Heiterkeit unwiderstehlich war. Tausend Plane wurden gemacht und verworfen;
endlich blieb es dabei, da sie als Oberon und Titania erscheinen sollten, da
durch die Auffhrung des Sommernachtstraumes auf der Bhne das Interesse fr
diese Dichtung lebhaft angeregt worden war. Die Costme wurden gewhlt, alle
nthigen Verabredungen getroffen, Eva war glcklich in der Aussicht auf den
maskirten Ball.
    Nun sehen Sie nur auch ein wenig frhlich aus, lieber Theophil! sagte sie.
Sie wissen gar nicht, was Sie mir fr einen doppelten Dienst leisten. Einmal
freut mich's, da ich gerade Sie zum Partner habe, denn wir Beide passen ganz
prchtig zusammen mit unserm blonden Haar; Sie sind auch nicht so gro, als all
die langen Gardeoffiziere, die sich mir zu Tnzern angetragen haben und gegen
die man so gar klein erscheint. Sehen Sie nur, passen wir nicht gut? rief sie
und zog ihn nach dem Spiegel hin. Dann sagte sie: Ferner verhelfen Sie mir zu
dem schnsten Armbande in Berlin. Frau von Whrstein und ich trafen uns bei dem
Hofjuwelier und handelten Beide um dasselbe Armband, wollten es auch Beide
sogleich besitzen. Inzwischen sprachen wir davon, da Sie nicht auf den Ball
kommen wollten, was der Baronin leid that. Da fiel ich auf einen Ausweg. Ich
wette, sagte ich, da ich Ihnen den Assessor fr die Quadrille schaffe, wenn Sie
das Armband zum Preise aussetzen. Das war sie lachend zufrieden und nun haben
wir alle Beide unsern Willen und sind Ihnen Beide verpflichtet. Aber Sie
scheinen sehr gleichgltig gegen meinen Triumph! - Und in der That theilte
Theophil die Freude der jungen Frau nicht, die sich bald darauf entfernte, um in
eine Gesellschaft zu fahren, in die Julian ihr folgen sollte, denn der ganze
Scherz mifiel ihm.
    Das liebenswrdige Wesen bringt mich aus all meinen Gewohnheiten, sagte der
Prsident, nachdem er Eva an den Wagen begleitet hatte. Es ist eine solche Lust,
einen ganz glcklichen Menschen zu sehen, da ich Eva in Allem nachgebe, ihr
gern berall hin folge, um mich an der seltenen Erscheinung zu ergtzen. Sie
lebt wie die glcklichen Wesen des goldenen Zeitalters, ohne Sorge, ohne Kummer,
ohne Denken mchte man fast sagen, und eben so harmlos und rein, wie jene. Darin
liegt ein hoher Reiz fr den Betrachter. Sie erquickt mich wie Poesie nach einer
ermdenden Arbeit, und ich danke ihr das sehr gern durch Nachgiebigkeit in ihre
Einflle. Es ist mir unbegreiflich, da Sie sie nicht ebenso reizend finden,
Theophil! besonders da sich Eva fr Sie offenbar interessirt. Das wre nun grade
eine Frau fr Sie! die wrde Sie schon erheitern, schlo der Prsident, whrend
er die Brille zurechtrckte und den jungen Freund forschend betrachtete.
    Das ist mir auch eingefallen, whrend Eva neben Ihnen vor dem Spiegel stand
bemerkte Therese. Sie passen wirklich gut zu einander.
    Ihnen? Ihnen ist das eingefallen? fragte Theophil im Tone schmerzlicher
Ueberraschung. Ich htte geglaubt, Sie kennten mich besser, Sie wten, da Eva
mir ganz gleichgltig ist.
    Whrend Therese sehr ernst wurde, schien Julian sich der Erklrung zu
freuen. Beide schwiegen aber, und Jener fuhr fort: Sie glauben es nicht, wie
ungelegen mir dieser Maskenball kommt. Ich liebe dergleichen gar nicht, und da
Frau von Barnfeld mich zum Gegenstand einer thrichten Wette macht, ist mir
vollends so verdrielich, da ich am liebsten mein Versprechen zurcknhme. Es
liegt fr mich etwas Beleidigendes darin.
    Es sollte Ihnen schmeichelhaft sein, da zwei so reizende Frauen an Sie
denken, meinte Therese.
    Wie an ein Spielzeug! fgte Theophil verdrielich hinzu. Frau von Barnfeld
wnscht mich zum Tnzer, wie sie das Armband begehrt, weil ihr die Erreichung
des Wunsches unwahrscheinlich war.
    Verbirgt sich Eitelkeit oder gekrnkte Liebe hinter diesen Worten? fragte
der Prsident.
    Nichts weiter als Langeweile. Ich hasse diese Maskeraden, die bei uns etwas
Gemachtes sind. Wir Deutschen passen nicht dazu. In Italien, wo man sich
gelegentlich wol noch hinter Schleier und Kapuze verbirgt und so verborgen durch
die Straen wandelt, ist eine Maskerade ein aus der Volksgewohnheit
hervorgehender Scherz. Wir, die wir nicht gern mit Jemand sprechen, dessen Namen
und Stand wir nicht kennen, wir taugen mit unserm Ernst nicht dazu, und sind
gewi in dem Domino oder im Panzerhemde eben so unbeholfen und ungesellig, als
im schwarzen Frack.
    Sie sprechen ganz meine Meinung aus, sagte Therese. All diese Maskeraden,
die lebenden Bilder, das Komdienspielen und Musiciren in unsern Gesellschaften
sind nur Beweise, da es an wahrer Geselligkeit fehlt. Wie selten findet man ein
Haus, in dem die Wirthin ihre Gste gewhren lt, in dem die Gleichgestimmten
sich von selbst zusammenfinden und mit einander in ungezwungener Unterhaltung
verkehren drfen! Ueberall will man etwas bedeuten, man will einen
musikalischen, einen besonders geistreichen, einen literarischen Kreis um sich
versammeln. Da werden nun die unbedeutendsten Leistungen von Dilettanten
prsentirt. Eine halbe Stunde geht mit Nthigen und Zurstungen hin, dann hrt
oder sieht man etwas sehr Unvollkommenes, mu sich mit lgnerischem Entzcken
dafr bedanken und am Ende hat man sich gelangweilt. Man mte es mit unserer
Gesellschaft wie mit den Kindern machen. Gewhnt man diese daran, ihre Spiele zu
leiten, so lernen sie nicht allein zu spielen: man kann nichts Besseres fr sie
thun, als sie ganz sich selbst zu berlassen, dann helfen sie sich auch selbst.
    Und wie albern werde ich als Oberon aussehen! wie pat denn ein Mann, der
Tage hindurch bei den Akten sitzt, zu solch luftigem Scherz! sagte Theophil. Ich
begreife nicht, wie Sie Frau von Barnfeld in dem Gedanken bestrken konnte.
    So lange Oberon und Titania nur als poetische Gebilde in unsern Seelen
lebten, meinte der Prsident, mochte eine solche Wahl bedenklich sein. Seitdem
man nun den Sommernachtstraum aber aufgefhrt, ihn aus dem Reich des Ideals in
die grobe Wirklichkeit gezerrt hat, scheint es mir weniger gewagt, und Sie Beide
werden ganz gut aussehen als streitendes Elfenprchen.
    Sie sind also auch gegen die Auffhrung dieses Gedichtes gewesen?
    Ganz und gar, sagte der Prsident. Es gibt Dichtungen, wie eben der
Sommernachtstraum, der gestiefelte Kater, die so sehr in das Gebiet des
Phantastischen streifen, da man sie zerstrt, wenn man sie festhalten will. Dem
Menschen bleibt aus seiner Kindheit die Fhigkeit, sich ein Wunder, ein Mrchen
in der Seele lieblich auszuschmcken, mit der Phantasie alle Lcken auszufllen,
alle Zweifel zu beschwichtigen. Das schne Gebild erfreut ihn, er mag es nicht
zerstren, er hat es lieb, es ist fr ihn wirklich da, so lange es nur in ihm
ist. Will man aber den flchtigen Wellenschaum fassen, will man ihn uns zum
Ansehen hinreichen, so zerfliet er; er wird gewhnliches Seewasser und sein
poetischer Reiz ist dahin. Ich glaube an Puck, ich glaube an den Weber Zettel,
dem ein Eselskopf wchst, ich kann mir das lebhaft denken. Tritt aber Puck auf,
so ist es allerdings eine reizende Schauspielerin, aber nicht mehr mein kleiner
Puck; an den Eselskopf von Papiermach oder Leinwand glaube ich nicht, und das
poetische Gedicht wird zu einer gewhnlichen Zauberposse.
    Du pflegtest Aehnliches auch von der Darstellung des Faust zu sagen,
bemerkte Therese.
    Gewi! sagte Julian, und ich werde jede Darstellung mibilligen, in der man
uns das Unkrperliche verkrpern will. Mephisto ist die Versuchung, die
Verlockung des irdischen Reizes, die einen Menschen, gegen seine bessere
Ueberzeugung, zu Handlungen verfhrt, welche von den gewhnlichen Moralgesetzen,
von der christlichen Religion verdammt werden. Mephisto ist das bse Princip im
Menschen, das Goethe verkrpert darstellt, um sich damit dem alten Volksgedichte
vom Faust anzuschlieen. Mephisto enthllt, wie der griechische Chor, was in der
Seele des Helden vorgeht, seine Wnsche, seine Zweifel, seinen innern Kampf, das
Unterliegen seines Gewissens und seine Reue. Hat nun das Auftreten des
griechischen Chors immer etwas strsam Befremdliches fr uns, so ist die
Erscheinung des Mephisto fr mich fast ebenso strend. Ich habe den Faust auf
den verschiedensten Bhnen auffhren, den Mephisto von den verschiedensten
Schauspielern darstellen sehen, und immer habe ich die Empfindung gehabt, da
man die Dichtung vom Himmel durch die Welt zur Hlle schleppe!
    Und auch hier in Berlin haben Sie das gefunden? fragte Theophil. Mich dnkt,
da man hier das Hchstmgliche dafr gethan hat, ihn wrdig darzustellen.
    Nirgend habe ich die Darstellung plumper, materieller gefunden, als gerade
hier. Ich halte Seidelmann's Talent in Ehren, das sich in vielen Rollen
trefflich bewhrte; aber sein Mephisto war das widerwrtigste Zerrbild von der
Welt. In dem Bestreben, jeden Charakterzug des Bsen zur Anschauung zu bringen,
wurde er so garstig, sein hllisches Grinsen, Blasen und Zhnefletschen so
entsetzlich, da Gretchen's ahnungsvolles Grauen vor ihm einen viel natrlichern
Grund hatte, als den geheimnivollen Schauer einer reinen Seele, wenn sich ihr
das Bse naht. Es bedurfte nicht ihrer instinktmigen Furcht, sie von ihm
zurckzuscheuchen, er war so garstig, da ihn Jeder geflohen htte. Das Bse
aber mu blendend sein, um uns zu verfhren, und ich mchte wol einem
geistreichen Schauspieler rathen, einmal den Mephisto als schnen, jungen
Cavalier mit den feinsten Sitten darzustellen, soweit das mit dem Goetheschen
Bilde vereinbar ist. Durch die schne, gewandte Form mte der teuflische Hohn
durchblitzen, man mte sich wundern, warum Gretchen, warum wir selbst uns vor
dem feinen Ritter scheuen, der uns anzieht und gefllt. Mephisto soll eine
Klapperschlange sein, der die Vgel schaudernd in den Rachen fliegen, nicht ein
Unthier, vor dem Alles flieht, was gesunde Augen hat. Soll und mu der Mephisto
durchaus dargestellt werden, so knnte es nur auf diese Weise mit einer Art von
Wahrscheinlichkeit geschehen. Die Hahnenfeder auf dem Hut, das Mntelchen von
starrer Seide sprechen dafr, und der hinkende Fu ist kein Hinderni dabei,
denn Lord Byron konnte hinkend alle Herzen bezaubern.
    Es ist wahr, sagte Therese, da man im Faust auf der hiesigen Bhne der
Phantasie zu wenig Spielraum lt, da man in dem guten Willen, Alles recht
deutlich zu machen, manches Possierliche zu Wege bringt. So zum Beispiel
verderben sie ganz und gar die wundervolle Scene im Dome, in welcher Gretchen
von dem bsen Geist ihre Snden vorgehalten werden, whrend vom Chore das Dies
irae, dies illa ertnt. Diese Scene, die durchaus in die Kirche gehrt, geht
auf der Strae vor sich; ein wirklicher bser Geist, ein Gnom von Fleisch und
Bein, schiet aus der Erde hervor, hockt sich zusammengekauert Gretchen
gegenber und sagt ihr in's Gesicht, was ihr Gewissen innerlich bewegt. Das ist
lcherlich und dergleichen kommt noch mancherlei in der Auffhrung vor.
    Lcherlich darf aber eben im Faust nichts sein! rief der Prsident. Es ist
so hoher, heiliger Ernst in der Dichtung. Wer es empfunden hat, wie der Geist
oft muthlos verzweifelt im Ringen nach dem Hchsten, wie man es fr unerreichbar
hlt und sich verzweifelnd schadlos halten mchte an den Freuden der Erde, die
allerdings ihre unleugbaren Reize haben und groe Befriedigung gewhren, fgte
er lchelnd hinzu, der wird mir zugestehen, da Jeder sich seinen eignen Faust,
seinen eignen Mephisto innerlich erschafft und da es ein miliches Unternehmen
bleibt, solche Figuren darstellen zu wollen.
    Ich glaube auch, wir bringen den rechten Sinn nicht mehr in das
Schauspielhaus mit, meinte Theophil, wir prfen zu viel, wir beurtheilen zu
viel.
    Darum mu man uns nur Dasjenige bieten, was die Prfung, die Beurtheilung
aushlt, antwortete der Prsident. Unsere Gesinnung, unsere Anforderungen haben
sich mit der Zeit gendert; wir wollen noch unterhalten sein, wie frher, aber
Das, was man uns als Unterhaltung vorschlgt, erfllt den Zweck nicht immer. Wir
sind des ewigen Liebesgewinsels, der kleinlichen Eifersuchtsscenen mde, wir
wollen grere Motive, weil unsere Zeit grere Zwecke hat.
    Wie sehr man dies berall empfindet, bemerkte Theophil, dafr zeugt ja
gerade, da man nach neuen Dingen greift. Die Auffhrung des Sommernachtstraums,
des gestiefelten Katers, die Wiederbelebung des Sophokles, die Versuche, die man
mit Terenz und Plautus angestellt hat, die alle brgen dafr, da man etwas
Anderes, etwas Neues erstrebt.
    Etwas Anderes, das ist wahr, sagte der Prsident, etwas Neues nicht. Oder
nennen Sie Terenz und Plautus neu? - Ich gehre gewi nicht zu den
Neuerungsschtigen, die ohne Kenntnisse der Staatsverhltnisse, ohne Kenntni
der Staatsverwaltung berall Reformen verlangen. Ich bin Beamter und kenne die
Schwierigkeiten, die sich dem raschen Verlangen der sogenannten Liberalen
entgegensetzen. Ich bin ihnen in vielen Beziehungen abgeneigt, ihren
Bestrebungen entgegen, aber deshalb verkenne ich nicht, da sich die Zeit und
die Gesinnung der Menschen nicht knstlich oder gewaltsam zurckschrauben
lassen. Das Alte, das man uns bietet, ist schn, es war doppelt schn, als es
zeitgem war; aber die Alten haben ihre Dichter geehrt, ihnen Raum zu freier
Entwicklung gegnnt, als sie lebten; so ahme man ihnen darin nach und gebe den
Lebenden, was ihnen gebhrt, das freie Wort vor ihrem Volke von der Bhne, und
Dank und Ehre, wenn sie es schn gesagt.
    Theophil stimmte ihm bei und der Prsident fuhr fort: Das Theater, wie es
jetzt beschaffen ist, ist das unerfreulichste, nutzloseste Institut von der
Welt. Ueberall regt sich Leben, berall Fortschritt; nur im Theater, das in
Deutschland Millionen verschlingt, bleibt es bei dem sogenannten guten Alten,
das so schlecht ist. Man sollte die Pforten weit aufmachen, damit das
Tageslicht, damit die Strahlen der Zukunft auch dahineinfallen und die letzte
Vergangenheit hineindringen knne. Die Schweizer, welche ihr Leben in den
Tuilerien einbten, liegen unserer Theilnahme nher als die Spartaner, die bei
Thermopyl fielen; Mirabeau zieht uns lebhafter an als Demosthenes. Friedrich
der Groe und Blcher sind unserm Herzen theurer, wrden ganz andere
Begeisterung hervorrufen als irgend ein Held aus den lngstverwichenen
Jahrhunderten. Htten diese ebenfalls die sonderbare Scheu vor der Gegenwart und
die unwandelbare Anhnglichkeit an die Vergangenheit gehabt, die man jetzt an
den Tag legt, so hielten wir noch bei dem ersten Liede, das irgend ein Schfer
auf der Flte blies, und knnten uns an den ursprnglichsten Rhapsodien
ergtzen, die vielleicht auch ihre Reize gehabt haben mgen.
    Bei diesen Worten erhob sich der Prsident, um sich in die Gesellschaft zu
begeben, in der ihn Eva erwartete.
    Theophil und Therese blieben allein zurck, und so sehr sie sich sonst mit
einander zu unterhalten liebten, heute wollte trotz Theresen's Bemhungen kein
rechtes Gesprch in Gang kommen. Theophil schien zerstreut, antwortete
einsylbig, so da seine Freundin ihn endlich um den Grund seiner Mistimmung
befragte.
    Es ist eine tadelnswerthe Schwche, sagte er, da ich mein Gefhl so wenig
verbergen kann, denn ich wollte es Ihnen eigentlich nicht zeigen, da Sie mir
heute wehe gethan haben.
    Ich? Ihnen wehe gethan? fragte Therese, wie ist das mglich?
    Doch! versetzte er. Wie wenig mssen Sie mich kennen, wie wenig mssen Sie
mich einer nhern Beachtung werth gehalten haben, wenn Sie zu glauben vermgen,
da Frau von Barnfeld und ich zu einander gehren! Scheine ich Ihnen denn so
ganz oberflchlich, so ohne allen tiefern Gehalt zu sein? fragte er im Tone des
Vorwurfs.
    Das nicht, antwortete Therese, dafr brgt Ihnen die lebhafte Freundschaft,
die ich fr Sie fhle und die ich Ihnen offen entgegentrage. Aber Eva steht
Ihnen im Alter gleich, Ihre Eltern wnschen, da Sie sich bald zu einer Heirath
entschlieen, ich halte Eva fr gut und bildungsfhig; da konnte mir leicht ein
solcher Gedanke kommen, gerade weil Sie alle Beide mir werth sind. Eva's
Heiterkeit wrde Sie zerstreuen; das Gefhl, einer des Schutzes durchaus
bedrftigen Frau diesen Schutz zu gewhren, wrde Sie selbst strken; und reich,
wie Sie Beide es sind, wrden Sie jeder Sorge um das Dasein enthoben sein.
    Ist das Ihre wirkliche Meinung? fragte Theophil, glauben Sie, da ich um
irgend eines uern Vortheils willen mich zu einer Ehe entschlieen knnte? -
Und Gleichheit des Alters, was bedeutet die, wenn die Seelen sich nicht
verstehen? Er hielt eine Weile inne, dann sagte er: Ich habe geliebt, ich habe
den hchsten Grad der Leidenschaft kennen gelernt, deren ich fhig bin; wie eine
Gottheit habe ich ein junges Mdchen angebetet und sie hat mich getuscht. Das
hat mich mitrauisch gegen mich selbst gemacht, ich bin eben keine Natur, die
Liebe erweckt. Man kann mir gut sein, mich achten, und mehr begehre ich auch
nicht. Ich kann Niemand beschtzen, ich verlange nach einer Seele, an die ich
mich lehne, denn das Leben macht mich mde; es ist mir eine Arbeit und keine
Lust. So wie jetzt mit Ihnen zu sein, an Ihrem milden und doch so starken Geist
mich zu erheben, Sie und Ihr Wirken tglich vor Augen zu haben, das macht mich
froh und strkt mich mehr, als alle Arzneien des Doctors. Schicken Sie mich nie
von sich, Therese, denn ich wrde nicht gehen.
    Er sprach die letzten Worte mit einer Bewegung, die Therese berraschte,
weil sie nicht wute, wie sie sie deuten sollte. Auch ich, sagte sie, habe mich
so sehr an Ihre Gegenwart gewhnt, mein Freund, da ich Sie ungern scheiden
sehen wrde, wenn Ihre amtlichen Verhltnisse Sie einmal abrufen, oder sonst ein
Ereigni Sie von hier entfernen sollte. Inde, das wird ja unabnderlich nthig
sein und wir sehen uns dann wohl auch wieder.
    Ich gehe nicht fort, Therese! sagte er ernsthaft, ich habe mir das selbst
gelobt. Was soll ich in der Welt suchen nach Glck, nach Ehre? Mein Glck ist
bei Ihnen, mein Stolz, mein hchster Ehrgeiz wre es, Ihnen eben so
unentbehrlich zu sein, als Sie mir. Mein ganzes Streben ist, Ihnen Freude zu
machen, Sie zu erheitern, denn Sie sind traurig seit einiger Zeit. Ich sehe Sie
leiden und ich wei nicht wodurch. Knnten Sie mir doch vertrauen, knnte ich
Ihnen doch Etwas sein.
    Sie sind mir viel, sehr viel! antwortete sie, da sie jetzt pltzlich zu
ahnen begann, welche Gefhle Theophil fr sie hege. Sie sind mir theuer, wie ein
jngerer Bruder, dem man gern vertraut, auf dessen Zukunft man hofft, weil man
sie mit genieen will. Ich rechne darauf, Sie einst froh und stark in das Leben
blicken zu sehen, und da ich Ihnen werth bin, da Sie gern mit mir sind, macht
mich sehr, sehr glcklich. Glauben Sie mir das, mein Freund!
    Aber Sie lieben mich nicht, Therese? fragte er pltzlich.
    Sie schwieg erschreckt. Sie werden mich niemals lieben? fragte er
dringender. Scheine ich Ihnen des Glckes so ganz unwerth?
    Er sprach nicht lauter, nicht lebhafter, als er es sonst pflegte, er sah
sogar ganz ruhig aus und doch hatte die tiefe Innerlichkeit seines Tones etwas
so Klagendes, da sie davon schmerzlich erschttert ward. Sie ergriff seine Hand
und sagte sehr weich: Ich bin sicher, Sie tuschen sich ber sich selbst. Ich
hoffe zuversichtlich, Sie lieben mich nicht, denn ich knnte die Liebe, die Sie
fordern, nicht erwidern, so theuer Sie mir sind. Ich bin nicht frei, nicht Herr
meiner Neigung. Nehmen Sie das Gestndni, das ich mir selbst kaum zu machen
wage, als den hchsten Beweis von Vertrauen, den ich Ihnen geben kann.
    Theophil barg das Gesicht in seinen Hnden und schwieg. Das peinigte sie und
sie fuhr fort: Glauben Sie mir, mein Freund! es ist wie ich Ihnen sage. Denken
Sie nur, ich bin um mehre Jahre lter als Sie; Sie sind so jung, Sie knnen ein
Herz verlangen, das in der Liebe zu Ihnen zum Bewutsein erwacht. Ich habe meine
Jugend frh in Hoffnungslosigkeit verloren, ich bin nicht glcklich gewesen,
Theophil!
    Darum mchte ich versuchen, Sie glcklicher zu machen, rief er. Lassen Sie
mir wenigstens die Hoffnung, da Ihr Sinn sich einst zu mir wendet, da es mir
einst gelingt, Sie ber eine frhere Neigung zu trsten.
    Nein, sagte Therese bestimmt, das knnen Sie nicht; ich liebe heute noch
ganz so und strker, als in den Tagen der frhesten Jugend. Jene Liebe ist mein
Leben. Ich kann der Hoffnung entsagen, glcklich durch sie zu werden, und das
habe ich frh gethan, die Liebe verleugnen kann und - werde ich nie.
    Und ich hatte Ihnen meine Zukunft geweiht, klagte er schmerzlich. In Ihnen,
Therese, ruhte mein Glck und meine Hoffnung! - und Sie stoen mich von sich?
    Nein! nein! rief sie. Ich stoe Sie nicht von mir, ich wnsche vielmehr, da
Sie uns nicht verlassen. Bleiben Sie bei uns, prfen Sie sich selbst und Sie
werden ruhiger werden, als wenn Sie sich gewaltsam von uns trennten. Sie halten
mich fr gut, mein Freund! Die Art, in der ich das Leben erfasse, sagt Ihnen zu;
Sie freuen sich, da ich bei Ihnen bin, wenn Ihre kleinen Leiden Sie muthlos
machen, und weil Sie mich lieb haben, glauben Sie, mir mit Ihrer Liebe danken zu
mssen. Wie unrecht wre es aber, nhme ich dies Geschenk von Ihnen an; es hiee
Wucher treiben, verlangte ich Liebe auch fr die innigste Freundschaft. Ich
bleibe Ihnen ja, ich selbst will Sie glcklich wissen und wie ich Ihr Wort
darauf verlange, da Sie nicht jetzt, nicht pltzlich von uns gehen, so
verspreche ich Ihnen, da Sie in allen Wechselfllen des Lebens die treueste
Freundin in mir finden sollen, die theilnehmendste Vertraute. Wollen Sie mich zu
einer solchen annehmen, Theophil? Wollen Sie mir die hohe Freude machen, mir
einst zu sagen, da Sie sich ber Ihre Gefhle fr mich tuschten, wenn Sie ein
Mdchen gefunden haben werden, das besser fr Sie pat als ich?
    Theophil schttelte schweigend das Haupt, aber er drckte die Hand, die sie
ihm geboten hatte, an seine Lippen und sagte: Ich hre den lieben Ton Ihrer
Stimme, aber ich fasse Ihre Worte nicht. Mir ist, als ob der Boden wankte, auf
dem ich mein Haus gebaut. Ich werde bleiben, Therese! denn in Ihrer Nhe zu
leiden, ist mir noch Labsal gegen die Trennung von Ihnen. Auf Wiedersehen denn!
    Mit den Worten ging er seufzend hinaus.

                                       II


Ich bekomme so eben einen Brief von Reichenbach, der mich beunruhigt, sagte an
einem der nchsten Tage der Prsident zu seiner Schwester, als sie allein bei
dem Frhstck waren. Alfred schreibt mir, da seine Frau nicht darein willige,
sich von ihm zu trennen, da er sich andererseits verpflichtet glaube, die
Gter, die durch den Scheidungsproce fr ihn verloren gehen wrden, fr Felix
zu erhalten, und da er deshalb seine Wnsche seiner Pflicht opfern und sich
nicht von seiner Frau scheiden lassen werde. Das ist mir nun sehr lieb, denn ich
habe ihm selbst schon frher aus vollster Ueberzeugung den Rath gegeben. Er ist
aber bei dem Schreiben des Briefes offenbar in so heftiger Aufregung gewesen,
da ich fr die Ruhe seiner Zukunft sehr besorgt bin. Ich wollte, wir htten ihn
erst wieder bei uns, denn die Einsamkeit in Plessen, wohin er mit Felix gegangen
ist, taugt ihm in seiner Stimmung gar nicht.
    Therese hatte whrend der Erzhlung ihres Bruders mehrmals die Farbe
gewechselt; als er geendet, fragte sie leise: Und er kehrt dennoch wieder?
    Beunruhigt Dich das? fragte der Prsident. Da warf sich Therese an des
Bruders Brust, ohne zu antworten, aber groe, schwere Thrnen fielen aus ihren
Augen, als Julian sie fest an sich drckte und mit groer Zrtlichkeit sagte:
Ach! arme Schwester! blutet die alte Wunde noch? - Er lehnte ihren Kopf an seine
Brust, strich ihr, wie einem Kinde, schmeichelnd mit der Hand ber das Haar und
schien fast eben so bewegt zu sein, als sie. Eine Weile schwiegen Beide, dann
sagte der Prsident, als Therese sich emporrichtete und die Augen trocknete,
whrend sie zu lcheln versuchte: Im Frauenherzen ist die wahre Liebe doch eine
unverwelkliche Blthe. Gnzliche Hoffnungslosigkeit hemmt fr den Augenblick
wohl ihren Wuchs, aber sie vermag sie nicht zu ertdten, und bei dem geringsten
Strahl von Hoffnung schiet sie mchtig wieder empor, und htte sie noch so
lange im Winterschlafe gelegen. Du warst so heiter geworden, Beste, ich glaubte
Dich lngst von dieser Liebe geheilt, die Dich bewog, frher alle Bewerbungen um
Deine Hand abzulehnen. Es schien mir, als shest Du Alfred jetzt ruhig wieder,
als htte sich ein schnes, freundliches Verhltni zwischen Euch gebildet. Aber
Alfred's leidenschaftliche Unruhe, Deine heien Thrnen verrathen mir das
Gegentheil. Was ist denn vorgegangen zwischen Euch? Wie steht Ihr mit einander?
    Sie erzhlte und berichtete ihm treu. Er hrte ihr mit gespannter
Aufmerksamkeit zu. Als sie geendet hatte, fragte er: Und wie willst Du, da wir
es halten, wenn Alfred wiederkehrt?
    Ich mchte, da es bliebe wie bisher, lieber Bruder, antwortete sie ihm. Ich
traue mir die Kraft zu, uerlich ruhig und fest zu bleiben. Alfred wei es ja
nicht, da mein ganzes Dasein ihm gehrt hat, von meiner frhesten Jugend an,
und wenn ich damals den Muth gehabt habe, mich niemals zu verrathen, so hoffe
ich, mir auch jetzt getreu zu bleiben.
    Und traust Du auch Alfred die nthige Ruhe zu? Ihr Frauen, gewohnt, Euch zu
beherrschen, zu dulden, bezwingt Euch leichter als der Mann, der sich die
Verhltnisse zu schaffen verlangt. Wozu soll es fhren, wenn Ihr Euch tglich
begegnet, wenn eine Liebe tief und immer tiefer wurzelt, die keine Zukunft hat?
    Julian, sagte Therese, la mich einmal Deiner Lehre vom Genu des
Augenblickes folgen! La mich Alfred's Gegenwart genieen! Wer wei, wie bald
das Leben uns trennt! Jahre lang habe ich ruhig und glcklich im Andenken der
Vergangenheit gelebt, habe mich gefreut, wenn ich ihn in jedem seiner Werke
grer und herrlicher wiederfand; habe einen frohen Tag gehabt, wenn die
Zeitungen nur seinen Namen nannten.
    Das ist aber doch ein sehr trauriges Glck! unterbrach sie der Bruder.
    Nicht traurig fr ein Frauenherz, antwortete sie, nicht traurig fr mich;
glaube mir das, mein Bruder! Ich hatte Dich, ich hatte das Andenken an ihn, ich
war zufrieden und ganz ausgefllt; ich werde es wieder, werde wieder ganz heiter
sein, wenn Alfred einmal von uns scheidet. So lange er aber bei uns bleibt, so
lange er bleiben will, gnne mir die Freude, ihn zu sehen, es wird mir Glck fr
viele, viele Jahre sein. Willst Du mir das gestatten, Bruder? bat sie. Glaube
mir, ich werde ruhiger sein, wenn ich ihn wiedersehe.
    Der Prsident versuchte noch Einwendungen zu machen, da er seiner Schwester
den Schmerz zu ersparen wnschte, aber ihre Bitten und Gegenvorstellungen
besiegten ihn. Er gab nach und wollte sich entfernen, als ihm Therese
berichtete, was zwischen ihr und Theophil vorgefallen war.
    Theophil ist ein Thor, sagte der Prsident. Er kann ohne Leiden nicht leben
und es hilft nichts, wenn Du ihm klar machst, da er sich seine Neigung fr Dich
nur einbilde, was ich selbst glaube. Es ist ein Bedrfni nach Gefhlserregungen
in ihm. Das Leben gesund und froh zu genieen, ist er zu schwach; da macht er
sich denn ein Liebesleid zurecht, das er betrauern, ber das er seufzen kann,
und das ihm nach seiner Meinung ein Recht gibt, unglcklich zu sein und mssig
das Leben zu vertrumen. Du knntest ihm keinen bessern Dienst erweisen, als
wenn Du seine Liebe erhrtest. Thtest Du ihm den Gefallen, so wrde er bald
einsehen, da er nicht fr Dich pat, da er Dir auf die Lnge geistig nicht
gengt, und eine neue Quelle des Kummers wrde glcklich fr ihn gefunden sein.
Ich kenne solcher Menschen mehr.
    Du beurtheilst ihn zu streng, meinte Therese. Du siehst wohl, da ich in
gewisser Art Deine Ansicht theile, aber -
    Aber, fiel ihr der Prsident lchelnd ein, Du kannst Niemand gram sein,
Niemand verdammen, der Dich zu lieben behauptet. Das ist in der Ordnung und Du
wrst keine Frau, wenn Du es knntest. Sieh zu, was Du mit dem blonden Schfer
anfngst, die Sache berlasse ich Dir; was Du thust, wird gewi das Rechte sein.
    Ich meinte, sagte Therese, ob es nicht gerade jetzt an der Zeit wre, da
ich mich bereit erklrte, Agnes zu uns in das Haus zu nehmen. Wie wir Theophil
kennen, ist es gewi nicht rathsam, wenn wir ihn schnell zu entfernen suchen.
Das gbe ihm Stoff fr seine Melancholie und wir wollen ja ihm und seinen Eltern
so gern ntzen. Aber das hufige Alleinsein mit ihm ist mir nach dem letzten
Vorgange doch nicht angenehm, und darber wrde die Gegenwart von Agnes mir
forthelfen.
    Gewi! und sie wrde Dich zerstreuen, Dir Beschftigung geben, sprach
Julian; so schreibe denn, da die Kleine je frher je besser komme und da wir
uns freuen wrden, sie bei uns zu sehen.

                                      III


Alfred hatte seine nthigsten Geschfte kaum geordnet, als er in die Stadt
zurckeilte. Er verlangte Therese wiederzusehen und doch bangte ihm davor. Und
in hnlicher Weise empfand auch sie selbst, seit sie von seiner Ankunft
unterrichtet war. Mit Herzklopfen blickte sie nach der Thre, so oft die
Hausklingel ertnte. Endlich, es war an einem strmischen Abende, trat er bei
ihr ein, er brachte seinen Knaben mit sich. Das gab Theresen Augenblicks die
Haltung, deren sie bedurfte.
    Mein Sohn! sagte er, ihr den Knaben zufhrend, der sie zuversichtlich mit
seinen groen, dunkeln Augen ansah.
    Sie umarmte den schnen Knaben zrtlich, aber whrend sie eifrig mit ihm
beschftigt war, ihn um seine Reise und um andre Dinge befragte, sa sein Vater
ernst und schweigend in sich versunken neben ihnen. Therese fand ihn in den
wenigen Wochen, die er von ihr entfernt gewesen war, merklich verndert. Er sah
bleich aus und ein dsterer Zug hatte sich auf seine freie Stirne gelagert.
Endlich erwachte er aus seinem Sinnen, reichte der Geliebten die Hand und sagte:
Ich habe in dem Drang des schmerzlichen Augenblickes kaum zu empfinden gewagt,
da im Wiedersehen Freude liegt. Mich bewegt Ihre Gte fr Felix; wie wenig ahnt
er, welche Opfer ich ihm bringe!
    Aber er ist sie werth, und er wird Sie einst reich belohnen! fiel sie
schnell ihm in das Wort. Dies edle Gesicht verspricht eine schne Zukunft. Bauen
Sie darauf und lassen Sie mich Theil daran haben, so weit es mglich ist.
Schicken Sie ihn mir - -
    Der Vater hat gesagt, fiel der Knabe ein, er wrde mich oft mitnehmen zu
Dir, liebe Tante! und wenn ich den Weg erst einmal am Tage gemacht habe, so
finde ich ihn allein und man braucht mich nicht zu schicken. Die Mutter wollte
immer, da ein Diener mit mir ginge, aber der Vater sagt, das sei nicht nthig,
ich sei ein groer Mensch, ich knne allein gehen und ich gehe auch lieber
allein. Aber allein reiten darf ich nicht - hast Du auch Pferde?
    Nein, Felix! antwortete sie, aber schne Blumen habe ich und schne Bilder,
und ich wei allenfalls auch Geschichten fr Dich, wenn Du sie magst.
    Erzhle mir eine! jetzt gleich! bat er dringend.
    Der Vater sagte, das sei fr den Augenblick unmglich.
    So hole mir Deine Bilder! schlug Felix vor und Therese entfernte sich, ihm
seinen Willen zu thun.
    Als sie mit Mappen und Bchern wiederkehrte, beeilte sich Alfred, dieselben
auf einem Tische zurecht zu legen, der in einem Nebenzimmer stand, so jedoch,
da man ihn von dem Sopha der Wohnstube bersehen konnte. Der Knabe sprang
frhlich dorthin, hatte sich bald in den Bilderreichthum vertieft und beachtete
es nicht, da sein Vater Therese aufforderte, mit ihm in das andere Zimmer
zurckzukehren und den Knaben sich selbst zu berlassen.
    Eine Weile saen die Beiden sich schweigend gegenber. Therese beschftigte
sich anscheinend fleiig mit einer Stickerei, die sie in ihren Hnden hielt, und
Alfred sah ihr so gespannt zu, als ob er die Kunstgriffe der Arbeit von ihr
lernen wollte. Dies Schweigen wurde ihr je lnger, je peinlicher, und sie
kmpfte mit sich es zu berwinden. Sie rang nach einem Gedanken, nach einer
gleichgltigen Frage zuletzt, mit der sie die Stille unterbrechen konnte, aber
vergebens. Ein herbes Leid prete ihr Herz zusammen, sie fand nichts in sich,
als einen bittern Schmerz, dem sie keine Worte geben durfte. Es war ihr, als
msse der erste Laut von ihren Lippen ein Aufschrei sein, und doch wollte sie
gern zuerst die Unterhaltung beginnen, weil sie vor demjenigen bangte, was
Alfred ihr zu sagen hatte. Endlich war er es dennoch, der das Schweigen brach.
    Therese! sagte er mit gepreter Stimme, bei Allem, was uns heilig ist,
beschwre ich Sie, sitzen Sie mir nicht so kalt, so fremd gegenber! Sprechen
Sie mit mir, sagen Sie mir, da Sie meinen Entschlu verdammen, da Sie die
Stunde beklagen, die uns wieder zusammenfhrte, nur sprechen Sie mit mir. Ach,
wenn Sie wten, was ich erlitten habe, was ich leide, und wie glcklich ich
bin, Sie wiederzusehen!
    Sie reichte ihm die Hand, die er fest in den seinen drckte, aber zu
antworten vermochte sie noch nicht. Es entstand eine neue Pause, bis Alfred fest
die Frage aufwarf: Und was soll jetzt aus uns werden?
    Da nahm sich Therese gewaltsam zusammen, und mit klarer fester Stimme, ohne
irgend ein Zeichen von Bewegung, sagte sie: Sie sollen nach wie vor mein
theurer, mein werthester Freund bleiben, lieber Alfred! Sie sollen vergessen,
da Sie ein paar Tage lang mehr in mir gesehen haben, als eine Freundin, die Sie
von Herzen bewundert, Ihnen von Jugend an ergeben war und Sie jetzt doppelt und
dreifach verehrt, weil Sie Ihre Pflicht thun. Stren Sie das schne Bild nicht,
Alfred, das ich von Ihnen habe. Sie thten mir zu wehe damit.
    Er sah sie ernst und prfend an, aber keine Miene ihres Gesichtes bekundete
das Opfer, das sie in diesem Augenblicke brachte, und so sehr er nach einem
Zeichen sphte, das ihm verrathen htte, sie wolle ihn gromthig ber ihren
Schmerz tuschen, er konnte keines entdecken. Dennoch mistraute er ihrer Ruhe,
weil ihre leidenschaftliche Erregung vorher ganz unverkennbar gewesen war.
Tuschen Sie sich, oder wollen Sie mich tuschen ber ihr Gefhl? fragte er sie.
Menschen, wie wir Beide, haben Kraft zu leiden und gehen nicht unter, ich wei
das wie Sie. Ich habe entsagt und ich will vollenden, was ich ber mich genommen
habe; aber lassen Sie mich als ein Pfand des Glckes den Glauben in meine de
Zukunft hinbernehmen, da ich Ihnen theuer war. Sagen Sie mir nur einmal, da
Sie mich lieben, und dann fordern Sie von mir, was Sie wollen.
    Mein Freund! antwortete sie, wie traurig wre es, wenn ich wie Sie empfnde?
Wir mten uns trennen ohne Hoffnung, uns wiedersehen zu drfen. Sie haben mir
manchmal den Vorwurf gemacht, ich sei kalt, ich sei keiner Leidenschaft fhig.
Ich glaube es selbst. Ich halte mich fr eine jener Naturen, die mehr fr die
Freundschaft, als fr die Liebe geschaffen sind. Ich wre untrstlich, mte ich
Sie verlieren; ich bin ganz befriedigt, wenn Sie mir, wenn Sie uns bleiben.
Rauben Sie mir dies Glck nicht durch Forderungen, die ich nicht gewhren, durch
Gestndnisse, die ich nicht ewidern kann.
    Er war bestrzt. Theresen's Selbstbeherrschung tuschte ihn und war ihm
schmerzlich, denn er ward irre an ihr und an sich selbst. Konnte er sich so sehr
ber ihre Gefhle verblendet haben? War es nur der lebhafte Wunsch, ihre Liebe
zu besitzen, der ihn zu dem Glauben verleitet hatte, da sie seine Neigung
theile und erwidere? Sie hatte ihm allerdings niemals ein Wort gesagt, das ihn
zu Hoffnungen berechtigen konnte, Sollte er sich wirklich betrogen haben? oder
sollte sie ihn dennoch tuschen? Das Erstere zu glauben, fiel ihm schwer, das
Letztere unmglich, denn er kannte Therese als eine durchaus wahrhafte Natur.
Qulende Zweifel rangen in seiner Seele, und eben wollte er die Geliebte
nochmals dringend um Wahrheit beschwren, als Felix mit einem groen Buche
herbeikam und von dem Vater Aufschlu ber die Bedeutung eines Bildes verlangte.
    Es stellt Luther dar vor der Reichsversammlung zu Worms, erluterte Alfred
und erzhlte dem Sohne kurz, was ihm zur Erklrung nthig war. Luther wute,
sagte Alfred, da ihm sein Gestndni das Leben oder die Freiheit kosten knne;
doch zgerte er nicht, die Wahrheit zu sagen, denn die Wahrheit ist das
Heiligste in der Welt. Er ist abgebildet, wie er vor dem Kaiser, vor den Frsten
und den Cardinlen die unsterblichen Worte ausrief: Hier stehe ich, ich kann
nicht anders, Gott helfe mir, Amen!
    Der Knabe hrte ernsthaft zu. Hast Du niemals eine Unwahrheit gesagt, lieber
Vater? fragte er dann.
    Ich hoffe, da ich es nie wissentlich gethan habe, antwortete der Vater.
    Und du, Tante? fragte Felix weiter.
    Ich habe mich immer bestrebt, das Rechte zu thun; sagte Therese.
    Dann hast Du gewi nie eine Unwahrheit gesagt, meinte Felix.
    Aber die Wahrheit verhehlen, ist auch Snde, rief Alfred mit Bedeutung, und
schwere Snde, wenn das Lebensglck eines Andern daran hngt, der gewohnt ist,
unsern Worten zu glauben, der darauf sein Leben, seine Zukunft baut!
    Der Knabe sah den Vater befremdet an, weil er ihn nicht verstand. Therese
schwieg, Alfred befahl seinem Sohne der Tante Lebewohl zu sagen, und wollte sich
entfernen. Noch in der Thre wendete er sich um, noch einmal sagte er Theresen
gute Nacht und zgerte, so lange er konnte; denn immer noch hoffte er, sie werde
ihm ein Wort, ein Zeichen geben, das ihm verrathe, sie liebe ihn wie er sie
liebte. Aber Therese blieb freundlich wie immer und sagte, als er sich endlich
von ihr trennte, so ruhig ihr Auf Wiedersehen, lieber Reichenbach! da er
davor erschrak.
    Kaum aber hrte sie seine Tritte nicht mehr, als sie sich verzweifelnd in
die Kissen des Sophas warf. Ich konnte nicht anders, Gott helfe mir, Amen! rief
sie aus und unaufhaltsam strmten ihre Thrnen.
    Sie, die so ernst nach Wahrheit strebte, hatte sich zu einer Unwahrheit
entschlossen; sie, die mit Freuden ihr Leben fr Alfred hingegeben htte, hatte
ihm Schmerz bereitet. War das recht gewesen? Hatte es kein anderes Mittel,
keinen edleren Ausweg gegeben? Sie hatte es dem geliebten Manne verbergen
wollen, da sie eben so schwer an ihrem Schicksal trage, als er an dem seinen;
sie hatte ihm die Sorge um sie und ihren Gram ersparen, ihn wo mglich beruhigen
wollen. Er mute sie leichter verschmerzen, wenn er nicht an ihre Liebe glaubte,
er mute sich leichter trsten, leichter glcklich und heiter werden. Und
glcklich sein sollte Alfred um jeden Preis. Um jeden Preis? fragte sie sich.
Auch indem ich ihm den Glauben an mich nehme? indem ich die Ueberzeugung
zerstre, da er einem wrdigen Gegenstande seine Liebe weihte? da ich es werth
war, sein Herz auszufllen? Hat mich allein die Rcksicht auf ihn bestimmt? Habe
ich ihm nicht wehe gethan, mich selbst zur Lge erniedrigt, um das Glck seiner
Gegenwart zu genieen? - Eine glhende Schamrthe berdeckte ihr Gesicht, das
sie weinend in ihre Hnde sttzte.
    Es war still in dem Zimmer. Drauen peitschte der Wind den Regen gegen die
Fenster, die letzten Bltter der Bume raschelten drr gegeneinander und
knarrend bewegten sich die Aeste. Sie stand auf, ging unruhig im Zimmer umher,
trat an das Fenster und blickte in den Garten hinaus. Es war tiefe Nacht, kein
Stern am Himmel, man konnte keinen Gegenstand unterscheiden. Beklommen
aufathmend lie sie den Vorhang fallen und wendete sich in das Zimmer zurck.
    Wie de erschien ihr das! Dort stand der Tisch, an dem Felix gespielt, hier
hatte Alfred neben ihr gesessen, als sein dunkles Auge bittend zu ihr
gesprochen, als er sie um ein trstendes Wort, um ein Liebeszeichen gebeten -
und sie hatte geschwiegen, sie hatte sich fr immer zum Schweigen, zu
schrecklicher Einsamkeit verdammt. Ja! einsam mit ihrer Liebe und mit ihrem
Schmerze war sie gewesen, ihr Leben lang. Sie liebte den Bruder, sein Wohl und
Wehe fand lebhaften Widerhall in ihrem Herzen; fremdes Glck erfreute, fremdes
Leid betrbte sie. Sie hatte Freunde gefunden, Kunst und Wissenschaft hatten ihr
ber manche schwere Stunde fortgeholfen; aber war das Glck? war das ein Glck,
wie sie es in der Jugend gehofft?
    Glck wre es, die Gattin des Geliebten zu sein, in friedlicher Ruhe das
Haupt sttzen an seine breite Brust, den Schlag des Herzens fhlen, das fr mich
klopft, und seine Kinder auf den Knien wiegen! so sprach es in ihr und trostlos
schlug sie die Hnde zusammen und lie sie mde niedersinken in den Schoo. Dies
Glck war unmglich fr sie und es gab doch kein zweites.
    Strmisch und dster wie der Abend war, sah es in ihrem Herzen aus; sie
konnte nicht ruhig verweilen, wo sie eben mit Alfred gelebt hatte; ihr graute
vor der Einsamkeit, sie wollte sich den Qualen entreien, die in ihr tobten, und
eilte in das Zimmer ihres Bruders, um Muth zu fassen in seiner Nhe. Aber das
Zimmer war dunkel, Julian war ausgegangen. Drben in den benachbarten Husern
blitzte helles Licht aus manchen Fenstern, whrend hinter andern ein kleines
Lmpchen schimmerte.
    Lange blickte sie hinber: Wer wei, welche Wunden dort unbeachtet bluten,
welche Thrnen dort flieen? und Jeder von uns hlt sein Leid fr das grte,
sein Glck fr nothwendig, sagte sie sich. Und wir leiden und jauchzen auf dem
groen Ameisenhaufen, den wir stolz die Welt nennen, und ber uns gehen die
Sterne ruhig und kalt ihre ewig unwandelbaren Wege. Ein schmerzliches Lcheln
berflog ihr Gesicht. O! wer auf den Sternen wre, in Ruhe und Frieden! Wer es
wte, was recht sein wird vor dem Geiste, wenn die Schranken des Irdischen
einst fallen, wenn Liebe und Freiheit die einzigen Gesetze sein werden! rief sie
und verstummte vor den heiligen Rthseln.

                                       IV


Die junge erwartete Hausgenossin war angelangt und Therese hatte sie in ihren
eigenen Zimmern eingerichtet. Aus dem Kinde war ein blhendes gesundes Mdchen
von sechzehn Jahren geworden, das mit seinen groen, dunkeln Augen sehr
verstndig umherblickte und sich bald in den fremden Verhltnissen zurecht fand.
Ihre Eltern waren nicht eben reich, hatten viele Kinder, deren ltestes sie war,
und frhe schon hatte die tchtige Mutter die Tochter als Hilfe benutzt, wo es
im Hause etwas zu schaffen gab. Sie hatte die Eltern oft in Sorgen gesehen,
hatte, soweit ihre Einsicht reichte, Theil daran genommen, die jngeren
Geschwister erziehen helfen und in Krankheiten gepflegt. Dadurch war sie
praktisch gewandt und ber ihre Jahre ernst geworden. Um so anmuthiger erschien
es aber, wenn mitten in diesem jungfrulichen Ernst der kindliche Frohsinn zum
Ausbruch kam.
    Therese fand bald Freude an ihrer Gefhrtin und vielerlei Beschftigung
durch und fr sie. Sie mute ihr Lehrer auswhlen, ihr eine Art Zeiteintheilung
machen und auch fr ihre Kleidung Sorge tragen, deren lndliche Einfachheit
nicht fr die Kreise pate, in denen sich Agnes fr jetzt bewegen sollte.
    Auch Julian nahm Theil an seiner Pflegetochter, wie er sie nannte, und es
gefiel ihm gar wohl, wenn er sich Abends nach der Arbeit an den Theetisch
setzte, der jetzt fr vier Personen gedeckt ward. Oft vermehrte Eva die Zahl der
Tischgenossen durch ihre Gegenwart, oder Alfred kam mit seinem Knaben dazu, und
man war uerlich recht heiter beisammen, whrend die verschiedenartigsten
widersprechendsten Empfindungen in den Herzen der Einzelnen sich regten.
    Alfred hatte nach jenem Abende lange geschwankt, ob er Therese wiedersehen
solle, ob nicht. Er war viele Tage ausgeblieben und hatte sie damit in eine
peinliche Ungewiheit gestrzt. Endlich, als die Sehnsucht in ihm zu gro
geworden, hatte er angefangen, ihr Verhalten zu billigen. Er wollte kein
Gestndni mehr von ihr ertrotzen, er ehrte ihr Schweigen, denn eine innere
Ueberzeugung lie ihn nicht an ihrer Liebe zweifeln. Nur ihr, das fhlte er,
dankte er die Mglichkeit, sie sehen und auch knftig in ihrer Nhe leben zu
knnen. So war er ihr bewegt und vershnend entgegengetreten. Keiner Erklrung
hatte es bedurft und ein friedliches, inniges Verhltni stellte sich zwischen
ihnen her. Er besuchte Therese tglich, aber er sah sie nur selten allein. Sein
ganzes Fhlen und Denken sprach er vor ihr aus, die leisesten Regungen seiner
Seele enthllte er ihr, und seine Liebe, seine Verehrung fr sie stiegen noch
mit jedem Tage. Sie schien beglckt durch sein Vertrauen, sie hatte ihre uere
Ruhe wiedergefunden, Jedermann mute sie fr zufrieden, selbst fr glcklich
halten, denn Niemand sah ihre stillen Thrnen, ihr verzagtes Zusammenbrechen in
der Einsamkeit. Alle Zrtlichkeit, die sie fr Alfred hegte und ihm verbarg,
breitete sie ber seinen Sohn aus. Die Nhe des Knaben war ihr eine Wohlthat und
Felix fhlte sich bald so heimisch bei ihr, da er, so oft er durfte, zu ihr
eilte.
    Er und Agnes wurden denn auch bald die besten Freunde von der Welt.
Stundenlang konnte sie sich mit ihm unterhalten und mit ihm wie mit ihren
kleinen Brdern spielen. Dann trat das kindliche Element in ihrem Wesen
entschieden hervor, so da es kaum zu sagen war, wer mehr Lust an dem Spiele
empfnde, ob sie oder der Knabe. Die grte Freude aber machten sie dem
Prsidenten. Er konnte nicht mde werden, ihnen zuzusehen. Er baute mit Felix
die schnsten Festungen aus den Steinen seines Baukastens, hrte eifrig den
Mrchen zu, die Agnes ihm erzhlte, wute daran Belehrungen fr sie und den
Knaben zu knpfen und erschien so liebenswrdig, da Beide ihm von Herzen
zugethan waren und seine Ankunft jedesmal freudig begrten.
    Es gab Stunden, in denen selbst Therese und Alfred ihren heimlichen Gram
vergaen und sich heiter wie Julian dem Frohsinn der Jugend berlieen. Nur
Theophil nahm keinen Theil daran. Lssig und migestimmt betrieb er widerwillig
die Zurstungen fr den Ball, der jetzt schon nahe bevorstand. Sein Unwohlsein
kehrte hufiger wieder, er klagte ber groe Abspannung, mute bisweilen seine
Amtsgeschfte versumen und endlich wieder den Rath des Arztes in Anspruch
nehmen, der ihn, wie immer, auf die eigene Kraft, auf Thtigkeit und Zerstreuung
verwies. Das aber waren Mittel, die eine Natur wie die seine nicht anzuwenden
vermochte.
    Er folgte Therese wie ihr Schatten, schien nur in ihrer Nhe zufrieden;
dennoch wute sie ihn soweit zu beherrschen, da er ihr niemals von seiner Liebe
sprach, die er ziemlich unverhohlen an den Tag legte und als den Grund seines
Leidens bezeichnete. Klagte er ber Gemthsbewegungen, die ihn aufrieben, sprach
er von einer Idee, die ihn ausschlielich erflle und ihm alles Andere zur Last
mache, dann rieth ihm Therese, zu reisen, sich in das Gewhl des Lebens zu
strzen, und machte damit seine Klagen verstummen, bis irgend ein neuer Anla
sie hervorrief. So sehr diese von ihr nicht getheilte Liebe sie bisweilen
peinigte, so gab es doch Augenblicke, in denen sie ihr wohlthat. Wenn sie sich
selbst recht unglcklich, an Freude verarmt erschien, linderte das Bewutsein
ihren Schmerz, da sie in ihrer Liebe einen Schatz besitze, der im Stande sei,
Theophil's Wnsche zu krnen, sein Glck zu machen. Sie verzieh ihm dann gern
seinen Mismuth, seine Klagen; sie that, was sie konnte, ihn zu erfreuen, ohne
ihm jedoch irgend eine Hoffnung zu geben, da sie jemals die Seine werden wolle
oder knne.

                                       V


Der November war nun fast zu Ende und man nherte sich dem Tage, an dem der
Maskenball statthaben sollte. Der Prsident und Therese hatten der Baronin ihre
Gegenwart fr den Abend zugesagt und diese hatte auch Agnes dazu eingeladen, die
den Wunsch ausgesprochen, die ungekannte Freude zu genieen. Therese hatte sich,
trotz Agnes' Bitten, dagegen erklrt, aber als nun der Termin heranrckte, als
Agnes bei Frau von Barnfeld bestndig von dem Feste sprechen hrte, als diese
und Theophil von den Handwerkern die einzelnen Garderobestcke angefertigt
erhielten, da stieg ihre Lust, dem Balle beizuwohnen, hher und immer hher.
    Eines Tages sa sie mit einem Buche in Theresen's Zimmer, whrend diese
ausgegangen war, und dachte wieder lebhaft an den Ball und seine Freuden, als
der Prsident hereintrat und ihr ber die Schultern in das Buch blickte.
    Was lesen Sie, Agnes? fragte er.
    Romeo und Julie, Herr Prsident! Therese hat es mir gegeben.
    Julian nahm das Buch, bltterte darin und fing an, dem jungen Mdchen die
erste Scene vorzulesen, in der Romeo und Julie sich auf dem Balle begegnen. Er
hatte bei seinem regen Gefhl fr Poesie es bald vergessen, da er nur auf einen
Augenblick gekommen war. Die Schnheit des Gedichtes ri ihn hin, und mit seinem
wohlklingenden Organ und aller Begeisterung, die er fr Shakspeare hegte, las er
weiter und immer weiter, bald diese, bald jene Stelle, bis er endlich die
Balkonscene aufschlug. Agnes hatte gespannt zugehrt, doch kam es dem
Prsidenten vor, als erlsche allmlig ihre Theilnahme, und er forderte sie auf,
die Julia selbst zu lesen. Sie gehorchte anfangs zgernd und ein wenig befangen,
dann ward sie wrmer und freier. Der Prsident hrte ihr mit steigender
Ueberraschung zu und las den Romeo mit solchem Eifer, mit so groer Hingebung,
da er sich selbst darber wunderte, als die Scene zu Ende war und er das Buch
zusammenschlug.
    Agnes, durch das Lesen erhitzt, ebenso entzckt als verschmt, hatte
begeistert die glhenden Liebesworte gesprochen und blickte nun mit klopfendem
Herzen und lchelnd den Prsidenten an, der seinen Augen und Ohren nicht traute.
Sie war sehr schn in diesem Augenblick. So konnte Julia ausgesehen haben. Das
glnzend schwarze Haar, das die reine Stirn umgab, die groen unschuldigen Augen
hatten etwas hchst Jugendliches, die Form der Nase und des Mundes etwas
Italienisches. Er wunderte sich, da er dies Alles bis jetzt nicht bemerkt
hatte, da ihm entgangen war, wie viel Geist und Gefhl in dem jungen Mdchen
schlummre. Er nahm sich vor, aufmerksamer auf sie zu werden, und fragte sie, wie
ihr das Gelesene gefallen habe?
    Sehr gut, sehr gut, sagte sie, besonders die Scene auf dem Maskenballe. Ach,
Herr Prsident! Sie glauben nicht, wie glcklich ich wre, wenn Sie Therese
berredeten, mich mitzunehmen.
    Julian mute lachen, weil der Ton ihrer Bitte so gar kindlich klang.
    Sehen Sie, wie ungerecht es in der Welt hergeht! sagte sie. Theophil, der
ewig sthnt und chzt, der kann thun was er mag. Der geht sthnend und kauft
sich den prchtigsten Anzug und wird chzend mit Frau von Barnfeld tanzen, und
ich ganz allein werde zu Hause bleiben und Sie Alle recht beneiden.
    Sie wren lieber an Frau von Barnfeld's Stelle mit dem hbschen Theophil,
liebes Kind! Das glaube ich, sagte Julian neckend, aber dazu haben die Eltern
Sie eigentlich nicht hergeschickt.
    Glauben Sie, da mir der Assessor gefllt? Da irren Sie sehr. Ich kann es
gar nicht leiden, wenn ein Mann immer so unglcklich thut. Mein Vater hat gewi
mehr Sorgen als der Assessor, aber er ist doch immer heiter, wenn er noch so
viel zu thun hat, und so soll doch ein Mann auch sein und nicht wie Theophil.
    Theophil ist krank, begtigte Julian, haben Sie Mitleid mit ihm, suchen Sie
ihn zu zerstreuen.
    Haben mich meine Eltern dazu in die Stadt geschickt? spottete sie und sagte
dann: Gewi, ich will Alles thun, was Therese und die Eltern von mir verlangen,
ich bin ja auch sehr fleiig dabei, aber gegen den Ball htte meine Mutter ganz
bestimmt nichts einzuwenden, und ich wre so glcklich, knnte ich ihn
mitmachen.
    Pltzlich schien ein Gedanke in dem Prsidenten aufzutauchen und er sagte:
Agnes, knnen Sie wohl schweigen?
    Wie das Grab!
    Und wollen Sie mir einen Gefallen thun?
    Von Herzen gern, Herr Prsident.
    So sagen Sie nicht, da Sie mit mir von dem Balle gesprochen haben, sprechen
Sie berhaupt nicht mehr davon.
    Aber weshalb denn nicht? ich mchte so gern hinkommen.
    Haben Sie nie von guten Elfen gehrt, die den frommen Kindern ihre Wnsche
erfllen? Beten Sie nur fleiig, vielleicht kommt der Elf und hilft.
    Herr Prsident, Sie nehmen mich mit! rief Agnes jubelnd.
    Ich bin kein Elf, liebste Agnes, und Theresen's Willen darf ich nicht
entgegenhandeln, antwortete er und ging hinaus.
    Agnes lchelte still vor sich hin.
    Den ganzen Tag sah sie strahlend vor Glck aus, so da Therese sie um den
Grund ihres Frohsinns befragte, aber sie behauptete, es sei ihr gar nichts
begegnet, und freute sich, als am Abend Alfred seinen Felix mitbrachte, mit dem
sie ihrer Lust in den tollsten Schwnken freien Lauf lie.
    War Theresen der ungewhnliche Frohsinn des jungen Mdchens aufgefallen, so
erschreckte sie andrerseits der ungewhnlich trbe Ernst in Alfred's Zgen und,
sobald sie allein miteinander waren, bat sie ihn besorgt, ihr zu sagen, was ihn
beunruhige.
    Ich habe schon einmal, sagte er, mit Ihnen von einer Frau sprechen wollen,
die mir die innigste Theilnahme einflt, von der Harkourt.
    Therese erschrak, Alfred bemerkte es, lie sich aber dadurch nicht stren,
sondern fuhr fort: Sie kennen das Verhltni, in dem Julian zu ihr gestanden
hat. Sie werden wissen, da er sie nicht mehr sieht und jede Beziehung zu ihr
abgebrochen hat. Sie ist aber eine in jedem Betrachte bedeutende Frau, und wenig
Mnner mchten die Kraft haben, ihr gegenber kalt zu bleiben, noch wenigere
wrden sie so schnell verlassen haben als Ihr Bruder, an dem sie noch mit
leidenschaftlicher Liebe hngt. Ich mag ber sein Verhalten zu ihr, ber den
Grund seines jetzigen Betragens nicht urtheilen. Das sind Dinge, die Jeder mit
sich selbst abzumachen hat, die man vor sich selbst rechtfertigen mu, und das
kann Julian nach seiner Ansicht auch gewi. Aber ich mchte Sophie vor dem
Verderben bewahren, dem sie entgegeneilt, und dazu sollen Sie mir Ihren Rath
ertheilen.
    Therese hatte anfangs sich scheu von diesen Mittheilungen abgewendet, die
sie verletzten. Sie zrnte mit Alfred, sie begriff nicht, was diese Errterungen
ihr sollten. Als er aber Sophie eine Unglckliche nannte, als er Beistand fr
sie verlangte, schwand jedes Bedenken in ihr und sie bat ihn, ihr zu sagen, wie
sie helfen mchte.
    Alfred erzhlte, auf welche Weise er Sophie kennen gelernt habe, sprach von
dem Briefe, den sie ihm nach Rosenthal geschrieben, und sagte, da er sie bald
nach seiner Ankunft besucht habe. Ich fand sie die ersten Tage, als ich zu ihr
ging, nicht zu Hause. Sie sei in der Kirche, sagte man mir. Erst bei dem dritten
Besuche traf ich sie selbst. Der Gram hat ihre Wangen gebleicht, sie sieht sehr
leidend aus. Sie empfing mich mit einer Ruhe, die etwas sehr Trauriges hatte,
und erklrte mir, da sie nach langem Kampfe mit sich zu einem Entschlu
gekommen, da sie Willens sei, der Welt zu entsagen und in ein Kloster ihres
Vaterlandes einzutreten.
    Die Harkourt? fragte Therese zweifelnd.
    Es berrascht Sie, bemerkte Alfred, weil Sie sie nicht kennen; mir ist es
ganz begreiflich. Sie hat nach einem hchsten Glck gestrebt; ihr Dasein war
aufgegangen in Liebe. Nun, da diese sie verlt, findet sie keinen Halt in sich.
Die Gesellschaft der Frauen, denen sie sich vertrauend zu nahen vermchte,
weiset sie von sich, da wirft sie sich verzweifelnd der Kirche in die Arme und
hofft Glck hinter den Klosterpforten zu finden, die ihre Phantasie sich wie ein
Asyl voll Ruhe und Frieden ausmalt. - Denken Sie nur: Sophie, die Lebensvolle,
Strahlende, in den grauen Mauern eines Klosters!
    Therese hrte nachdenkend zu, dann sagte sie, als Alfred schwieg: Ich
begreife Sophien's Entschlu vollkommen, wenn sie fhlt, da sie fertig mit dem
Leben ist, da es ihr nichts mehr bieten kann, sie fr ihren Verlust zu
entschdigen.
    Sie billigen es, da man in ein Kloster geht? da man sich lebendig begrbt
und das Leben hinsterbend vertrauert?
    Der Widerwille, den Sie gegen jede Beschrnkung der Freiheit haben, lieber
Reichenbach, wendete Therese ein, macht Sie in diesem Falle ungerecht. Sie
wissen es, wie fern mir der Katholicismus, wie fremd und meiner Natur zuwider
mir Frmmelei ist. Dennoch habe ich oftmals daran gedacht, da es gut wre, wenn
man, besonders fr Frauen, noch jene stillen Zufluchtsorte htte, in denen man,
aller Lebenssorgen enthoben, der Erinnerung, der Selbstbetrachtung leben knnte
und ausruhen von den Strmen der Welt. Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich
nieder, dann fuhr sie fort: Es gibt Schicksalsschlge, die so gewaltsam das
Leben einer Frau zerstren, Leiden, von denen nicht jede Natur sich erholen
kann. Nicht Jede hat einen Wirkungskreis, in dem sie ntzen, Pflichten, die sie
erfllen soll. Was kann es fr eine Frau in dem Falle Beglckenderes geben, als
Einsamkeit und Ruhe?
    Diese Ansicht htte ich bei Ihnen nicht vermuthet, rief Alfred. Sie! Sie
knnten es billigen, da man ohne Zweck dem Grabe entgegenlebt? da man feige
sagt, die Last wird mir zu schwer, ich werfe sie von mir? Therese! das ist nicht
Ihre Ansicht, Sie widersprechen sich seltsam. Und wenn Sophie das Gelbde gethan
hat, wenn sie dann einsieht, da sie sich getuscht hat, da Ruhe und Friede nur
aus der eigenen Seele quellen, was wird sie dann vor dem Verzweifeln bewahren,
wenn es mir nicht gelingt, sie von dem Schritte abzuhalten, den sie zu thun
gedenkt? Glauben Sie, da sie Frieden findet in dem Zwang eines Gelbdes?
    Das kann ich nicht ermessen, da ich die Harkourt nicht kenne, antwortete
Therese, auch spreche ich mehr im Allgemeinen als von ihr. Es sind erst wenige
Tage, da ich in irgend einem Blatte von den Zufluchtshusern las, welche die
Puseyiten in England zu errichten beabsichtigen. Dieser Gedanke schwebte mir vor
und ist mir segensreich erschienen, weil kein Eid zu ewigem Verweilen darin
verpflichtet; weil eine Rckkehr in das Leben offen bleibt, wenn der Wunsch des
Menschen ihn dorthin zurckzieht. - Wie glcklich wre manche Frau, knnte sie
fr einige Jahre in solche Einsamkeit flchten! welche Erleichterung kann es
unter gewissen Verhltnissen sein, einen groen Schmerz ruhig auszuweinen, in
tiefer Stille neue Kraft zu suchen. Ist es doch gar so schwer, ber das blutende
Herz den eiteln Tand einer Gesellschaftskleidung zu legen, die Thrnen hinter
Lcheln zu verbergen und sich umhertreiben zu lassen in den hohlen Genssen der
Gesellschaft, an denen die Seele keinen Theil hat. Wie Vielen, die gramerfllt
unter uns umherwandeln, wrde ein solcher Zufluchtsort willkommen und selbst
heilsam sein.
    Alfred war von ihren Worten sehr ergriffen, er fhlte, welch tiefen Antheil
ihre eigenen Erfahrungen an dem Gesagten hatten. Er sah sie lange traurig an und
drckte dann ihre Hand, ohne zu sprechen, die sie ruhig in der seinen ruhen
lie. Was bedarf es auch der Worte zwischen Seelen, die nur Ein Dasein haben?
Das tiefste Verstndni, das heiligste Glck der Liebe ruht in diesem Schweigen.
Der hchste Schmerz und das grte Glck sind wortlos. Therese und Alfred
empfanden es jetzt; aber Beide gaben sich der Tuschung hin, treu an den
Vorstzen zu halten, die sie gefat hatten, Beide vergaen, da jeder Blick,
jede Miene zum Verrther an ihnen ward und da sie keines Wortes zum Gestndni
ihrer gegenseitigen Liebe bedurften, weil sie Einer in des Andern Seele
empfanden.
    Ein tiefer Seufzer Alfred's ri Therese endlich aus den Gedanken, in die sie
versunken war. Ich fhle die Wahrheit Ihrer Ansicht, sagte er dann, und ich
wrde, falls es solch ein Asyl fr Sophie gbe, sie ruhig dahin gehen sehen,
aber in ein Kloster niemals. Man soll sich nicht durch Eide binden, die unsere
Freiheit beschrnken, man darf nie und nimmer ein Gelbde leisten, das uns zum
Fluche werden, das uns zu einer Zeit fesseln kann, in der wir selbst es als
einen Irrthum betrachten, in der wir sehnschtig nach Freiheit verlangen.
    Eine zweite, noch gefhrlichere Pause entstand, Therese fhlte es und
fragte: Und was denken Sie der Armen zu rathen?
    Ich wei es selbst nicht, antwortete er. Glcklicherweise ist sie hier noch
durch ihr Engagement gebunden. Sie tritt nicht auf, und man mu sich darein
finden, weil sie wirklich leidend ist; aber man will sie nicht frei geben, sie
nicht ihrer Verpflichtungen entlassen. Sie verlangt, da ich mit der Direction
unterhandele, und ich habe die einleitenden Schritte dazu gethan. Da sie hier
bleibt, scheint mir selbst nicht rathsam, dennoch betreibe ich die Angelegenheit
ohne Eile, um Zeit zu gewinnen, um ihr Zeit zu reiflicher Ueberlegung zu lassen.
Wren Sie nicht Julian's Schwester, ich liee nicht mit Bitten nach, bis Sie
sich Sophien nherten, bis Sie sie in Ihren Schutz, in Ihre Pflege nhmen. Eine
solche Natur vor sichrer Reue zu retten, das wre ein schner Beruf fr ein
edles Frauenherz, das sich zu ihr neigen wollte.
    Er sprach mit Wrme, erwartete sichtlich Beistimmung, hoffte vielleicht gar
auf irgend eine Ermuthigung, aber Therese schwieg. Sophie dauerte sie, sie
glaubte an alles Gute, das Alfred von ihr aussagte, dennoch konnte sie sich
nicht berwinden, in irgend eine Beziehung zu ihr zu treten. Sophien's
Verhltni zu ihrem Bruder hatte ihr zu viel Kummer gemacht, sie konnte und
wollte den Unwillen nicht besiegen, den sie gegen jede Uebertretung der Sitte
fhlte, und vielleicht that ihr auch die Theilnahme Alfred's an Sophien wehe.
Ihr besseres Selbst tadelte sie deshalb, aber sie bot den Beistand nicht an, den
Alfred verlangte.
    Felix und Agnes kehrten zurck und eine allgemeine Unterhaltung zog Therese
von den Zweifeln ab, die sie innerlich beunruhigten.

                                       VI


Seit vielen Tagen hatte Alfred einen Brief von seinem Freunde, dem Domherrn,
erwartet. Endlich langte er an. Nach einer kurzen Einleitung hie es in
demselben:
    Ich kann Frau von Reichenbach zu keiner bestimmten Erklrung, zu keinem
Eingehen auf Ihre Wnsche bewegen. Ich mte mich sehr tuschen, wenn diese
Hartnckigkeit nicht von den Rathschlgen des Herrn Kaplan herrhren sollte. Er
ist Ihr entschiedener Feind. Ich wei nicht, womit Sie ihn bei Ihrer letzten
Anwesenheit in Rosenthal verletzt haben mgen, aber er verbirgt seinen
Widerwillen gegen Sie durchaus nicht. Er tadelt berall laut das Verfahren gegen
Ihre Frau, er hat dieser gesagt, da bei einer Ehescheidung Sie allein fr den
schuldigen Theil erklrt werden, da man Sie bslicher Verlassung beschuldigen
wrde und da Frau von Reichenbach viel vortheilhafter bei einer Scheidung
gestellt sein drfte, als bei der Trennung, die Sie ihr vorschlagen. Dies sagte
mir Ihre Frau selbst; zugleich aber auch, da Ruhberg ihr rathe, sich noch nicht
zu entscheiden, sondern Ihre Rckkehr zu hoffen und zu fordern.
    Ruhberg spielt ein schlecht verstecktes Spiel. Mich dnkt, er will Sie
durch den Widerstand Ihrer Frau zu einem Aeuersten treiben; er hofft, da Sie
die gerichtliche Scheidung endlich doch verlangen werden, und sieht sich im
Geiste bereits an meiner Stelle und als Verwalter Ihrer Gter, als Erzieher
Ihres Sohnes. Irgend einen bestimmten Anschlag fhrt er ganz entschieden gegen
Sie im Schilde, darum seien Sie vorsichtig, lieber Freund! Lassen Sie sich nicht
ungeduldig machen, denken Sie an die Vorstze, die Sie gefat, sich fr fremdes
Wohl zu opfern, und beharren Sie fest in Dem, was Sie fr das Rechte erkannt
haben. Ich gebe die Angelegenheit nicht aus den Hnden, vielleicht sende ich
Ihnen bald eine bessere Botschaft. - Seien Sie vorsichtig, mistrauen Sie allen
Vorschlgen, die Ihnen von Ruhberg kommen, und verzeihen Sie es einem alten
Freunde, wenn er Sie vielleicht in bergroer Besorgni mit Rathschlgen
belstigt, deren ein Mann wie Sie sicher nicht bedarf.
    Alfred ward durch diesen Brief in die bitterste, verdrielichste Stimmung
versetzt. Er hatte, als er ihn empfing, mit Lust bei der Arbeit gesessen und in
warmen Worten das Glck getheilter Liebe, das Glck einer Ehe geschildert.
Spttisch sah er jetzt auf die Bltter herab, die vor ihm lagen.
    Welch lcherliches, widerwrtiges Narrenspiel ist das Leben! sagte er zu
sich selbst. Da sitze ich und spreche von einem Glcke, das ich nie gekannt
habe; das mir aus nchster Nhe winkt und das ich nicht erfassen darf. Da male
ich Liebe und fhle nichts als Zorn, whrend die Welt vielleicht einst mich um
das eheliche Glck beneidet, dem ich diese Schilderung nachbildete. O! wenn das
Publikum wte, welche tiefe Wunden, welche heie Sehnsucht sich oft hinter den
Worten verbergen, an denen es sich erfreut! Wenn sie wten, da nur zu oft der
Schmerz es ist, der die Binde von unseren Augen nimmt und uns lehrt nach den
Geheimnissen in der eigenen Brust zu forschen und fremde Seelen zu verstehen!
Wenn sie ahnten, wie schwer wir die Erfahrungen bezahlt haben, wie herb, wie
drckend sie uns gewesen sind, die wir fr sie mit dem Zauber der Dichtkunst
verklren, die wir ihnen darbringen als eine Warnung, gehllt in die duftigen
Schleier der Fabel! - Wie arglose Kinder spielen sie mit der Rose, erfreuen sich
an dem Glanz der Tropfen in ihr und denken, es sei der Thau, der die Blume
erfrischt. Es sind unsere Thrnen, ihr Thoren! heie, bittere Thrnen. Unser
Herzblut ist es, das wir vergossen haben, als die Dornen uns zerrissen, die wir
euch zu vermeiden lehren. O! das Leben thut oft weh; es macht Schmerz, in seine
Tiefen zu schauen, und wie selten erringt man die lichte Hhe, auf der das Glck
thront und die Freiheit und der Friede.
    Er sttzte das Haupt in die Hand und blieb nachdenkend, bis der Schritt
eines Eintretenden ihn aufstrte. Es war der Prsident. Er sah ungemein heiter
aus und rief ihm schon an der Thre zu: Nun! Noch nicht im Costme?
    Alfred stand auf und fragte zerstreut: Wovon sprichst Du da?
    Von dem Balle bei Frau von Whrstein.
    Ja so! den hatte ich im Augenblicke wirklich fast vergessen!
    Du kommst doch hin? fragte der Prsident.
    Ich hatte es mir vorgenommen, weil unser ganzer Kreis daran Theil nimmt; nun
ist mir aber die Lust vergangen. Ich bin verstimmt, habe unangenehme Nachrichten
erhalten und bleibe lieber zu Hause.
    Julian fragte, was dem Freunde begegnet sei, Alfred berichtete und jener
meinte: Das ist nun ein peinlicher Zustand, den Du noch eine Weile zu ertragen
haben wirst. Solche Verhltnisse ordnen sich endlich, wenn auch langsam, und sie
ordnen sich nicht schneller, falls man sich das Leben durch sie verbittern lt.
Uebrigens ist nicht von Deinem Vergngen die Rede, sondern von einem Dienste,
den Du mir leisten sollst. Ich bin pltzlich behindert, durch unabweisliche
Geschfte, den Ball zu besuchen; Therese will deshalb auch zu Hause bleiben. Das
mchte ich nicht, um der Baronin willen, und ich wollte Dich bitten, meine
Schwester zu begleiten. Kann ich es mglich machen, so komme ich vielleicht
spter etwas hin, aber ich zweifle daran.
    Alfred erklrte sich sofort bereit, den Prsidenten zu vertreten, und man
verabredete, da er in seinem Wagen mit dem Assessor, Therese und Eva in dem
Wagen der Letztern fahren und man sich dort zusammenfinden sollte.
    So bleibt Agnes doch zu Hause? fragte Alfred.
    Therese hat es verlangt und sie kann Recht haben, entgegnete Julian. Sie
behauptet, das Mdchen sei anscheinend nicht bestimmt, in der groen Welt zu
leben; deshalb wolle sie es an keinen Luxus gewhnen, und was dergleichen
Rcksichten mehr sind. Uebrigens wrde es mich gar nicht wundern, wenn Agnes
sich hier vortheilhaft verheirathete; denn sie wird tglich schner. Findest Du
das nicht?
    Ich habe nicht darauf geachtet; aber sie ist hbsch und natrlich, meinte
Alfred.
    Das ist fr mich ihr grter Reiz! sagte der Prsident. Wenn ich an
Sophien's Genialitt mit Bewunderung zurckdenke, wenn das tiefe, durch Welt-
und Menschenkenntni gebildete Wesen meiner Schwester mir Achtung gebietet, oder
wenn die neckische Sorglosigkeit Eva's mich belustigt, so mu ich mich oft
wundern, wie der Zufall hier in unserm Kreise gerade drei Frauen nebeneinander
stellte, die man als die Resultate unserer socialen Verhltnisse auf die Bildung
der Frauen in den hheren Stnden bezeichnen knnte.
    
    Ich habe die Bemerkung ebenfalls gemacht, meinte Alfred, mochte sie Dir aber
nicht mittheilen, weil Deine Schwester dabei betheiligt war. Eva ist eins von
den vielen harmlosen Mdchen, die von ihren Mttern fr den Heirathsmarkt
erzogen und mit jenen oberflchlichen Reizmitteln geschmckt worden sind, die
die Kufer anlocken und blenden. Wie leer diese armen, kleinen Odalisken selbst
dabei ausgehen, wie ohne innern Halt sie dabei bleiben, wenn das Leben ihnen
spter eine ernstere Seite zeigt, das bercksichtigen die Mtter eben so wenig,
als die Prediger der Frauenemancipation an das Elend denken, in das sie Naturen,
wie Sophie strzen. Herausgerissen aus der schnen Begrenzung der Sitte, der
Gewalt ihres Liebesbedrfnisses, der wechselsuchenden Leidenschaft des Mannes
berlassen, mssen gerade die reichsten Frauenherzen am schwersten darunter
leiden und ewig sehnsuchtsvoll nach jener reinen Hhe blicken -
    Alfred hielt inne, weil ihn eine unberwindliche Scheu abhielt, von Therese
zu sprechen. Julian bemerkte es und sagte: Du meinst nach der reinen Hhe der
Weiblichkeit, auf der meine Schwester steht?
    Alfred bejahte es und Jener meinte: Damit ist es auch ein eigen Ding! - Ich
fhle, da Therese geschaffen ist, durch ihr Herz, durch ihren Geist das Glck
eines Mannes zu machen, und doch, so sehr ich dies anerkenne und sie liebe,
gestehe ich Dir, ich wrde mir vielleicht eine weniger selbstndige Natur zur
Frau erwhlen. In ihrer selbstndigen Durchbildung liegt mehr Emancipation
verborgen, als in Sophien's ganzer Vergangenheit.
    Das heit, sagte Alfred lebhaft, jene edle Entwicklung aller weiblichen
Seelenkrfte, welche die Frau zur schnen Ergnzung des Mannes, zu seiner
wahrhaft wrdigen Gefhrtin macht und -
    Dem Manne das reizende Vorrecht entzieht, die Geliebte zu beschtzen, ihr
Alles in Allem zu sein, unterbrach ihn Julian. Eben diese Art von weiblicher
Vollendung hat fr mich doch auch ihre Bedenken. Das ist in unsern Verhltnissen
so geworden, es hat sein Gutes, aber man wird manchmal aller Civilisation mde
und verlangt Natur. Solch ein Naturkind ist Agnes. Ich habe Eva einmal scherzend
mit Champagnerschaum verglichen; Agnes ist der klare Bergquell, aus dem ein
Trank uns Labsal wird, wenn unsere berreizten Nerven nach Erfrischung
schmachten; sie ist das helle Wasser, in dem sich Erde und Himmel rein und
unentstellt spiegeln. Du glaubst nicht, welche Anlagen diese Kleine hat. Es
unterhlt mich immer wieder sie zu beobachten, und ich glaube, sie wird mir
fehlen, wenn die Eltern sie einst zurckfordern werden.
    Es scheint mir, als wrdest Du diese einstige Trennung zu verhindern wissen,
bemerkte lchelnd Alfred. Uebrigens sehe ich nicht ein, was Dich davon abhalten
knnte, wenn es Dir wnschenswerth wre.
    Hltst Du mich fr so thricht? rief der Prsident, glaubst Du, ich wrde
mir eine Frau aufbrden? und obenein ein solches junges Kind? Das fllt mir
nicht ein; am wenigsten jetzt, wo man im Staatsrath ernstlich daran denkt, die
goldenen Ketten der Ehe in ganz solide Fesseln zu verwandeln.
    Was heit das? fragte Alfred.
    Nun, ich meine, wir sprachen schon davon, da man wieder die Berathungen
ber das neue Ehescheidungsgesetz aufgenommen hat, das die Trennungen erschwert.
Aber davon ein andermal. Ich mu eilen; mich rufen Geschfte und ich werde
meiner Schwester sagen, da sie und Eva auf Dich rechnen knnen.
    Mit diesen Worten empfahl sich der Prsident.

                                      VII


Die Baronin Whrstein ging, in einen rosa Domino gehllt, am Arme ihres
bedeutend lteren Mannes durch die erleuchteten, blumengeschmckten Gemcher
ihres schnen Hauses. Sie hatte mehr als zweihundert Personen eingeladen und man
war bereingekommen, verlarvt zu erscheinen, um einmal die Freuden eines
Maskenballs in der ruhigen Gewiheit zu genieen, da man sich im Kreise von
Bekannten und in der besten Gesellschaft bewege. Nur die Theilnehmer an der
Quadrille, in der Eva und der Assessor tanzten, hatten eine Verabredung ber das
Costme getroffen; alles Uebrige war dem Zufalle berlassen worden, der heute
die Herrschaft fhren sollte.
    Allmlig fllten sich die Zimmer mit Masken an. Alle Nationen, alle Zeiten
waren vertreten; rauschende Musik empfing die Gste, die sich anfangs mit
deutscher Befangenheit schchtern nebeneinander bewegten, bis der erste Walzer
die Tanzenden in seine Wirbel tauchte und man sich frei und heiter zu fhlen
begann.
    Nach dem Walzer erschien ein Zug von Shakspear'schen Charakteren, unter
ihnen Theophil und Eva, die im Vorbergehen Therese und Alfred begrten, trotz
der Verabredung, da man sich nicht als Bekannte verrathen wolle. Die Letztern
befanden sich unter den Zuschauenden und hatten lange in ruhiger Unterhaltung
bei einander gesessen, als die Quadrille vorberzog und alle Blicke sich ihr
zuwendeten. Pltzlich blickte Alfred nach der Eingangsthre und sagte: Sehen
Sie, das sind ein Paar prchtige Figuren!
    Dabei wies er auf einen Mann in schwarzem Sammtdomino und Federhut, der eine
italienische Buerin von Ischia am Arme fhrte. Der Domino hatte eine edle, hohe
Gestalt, ein entschieden vornehmes Wesen, und die Italienerin, offenbar ein ganz
jugendliches Mdchen, fiel durch ihre feinen und doch krftigen Formen, durch
die Flle ihrer reichen schwarzen Flechten auf, die ber den frischen,
blendenden Nacken herunterfielen.
    Alle Augen wendeten sich auf die eben Angekommenen, die allmlig der Mitte
des Saales zuschritten; auch Therese blickte hin und glaubte einen Moment ihren
Bruder in dem Domino zu erkennen. Da sie ihn aber beschftigt wute, da er
auerdem sich einen weien Domino bestellt hatte und eine ihr fremde Dame am
Arme fhrte, lachte sie ber ihre Vermuthung und sah sich wieder nach einer
Nonne um, die einsam dem frhlichen Treiben zugeschaut und alle Aufforderungen
zu tanzen abgelehnt hatte.
    Die Erscheinung der Nonne, ihre Kleidung waren so ungesucht, die kalte Ruhe,
mit der sie in die laute Lust der Gesellschaft blickte, so ungeknstelt, da
Therese kein Auge von ihr wenden konnte und Alfred auf sie aufmerksam machte.
    Sie ist mir auch seit einiger Zeit aufgefallen, sagte Alfred, und ich habe
bei ihrem Anblick lebhaft an das gedacht, was Sie mir neulich ber die Frauen
sagten, die, ein heimliches Leid im Herzen, genthigt sind, sich in die
Anforderungen der Alltagswelt zu fgen. Jene Nonne sieht wirklich theilnahmlos
aus.
    Das finde ich nicht, entgegnete Therese; es scheint mir im Gegentheil, als
suche sie Jemand, als erwarte sie irgend Etwas. Sehen Sie, jetzt verlt sie
endlich ihren Platz; die Quadrille ist zu Ende, die Nonne verliert sich unter
die brige Gesellschaft.
    Whrend Alfred mit dem Auge der Nonne folgte, trat Eva zu Theresen heran. Es
ist prchtig hier, sagte sie, dies ist endlich einmal ein Fest, wie ich es mir
lange gewnscht habe. Ich schwimme in einem Meer von Wonne und selbst Dein
Theophil ist ganz heiter und galant. Er hat mich eben versichert, da er, wenn
er wirklich Oberon wre, mir nicht nur das Feenkind berlassen, sondern mir sein
ganzes Reich zu Fen legen wrde, wenn ich immer so schn wre als diesen
Abend. Ich versichere Dich, er ist sogar eiferschtig auf all die Complimente,
die man mir macht. - So ein Maskenball ist Dir sehr gesund, ich werde Dich
knftig fter zu dergleichen berreden, theurer Oberon! sagte sie scherzend, als
Theophil in ihre Nhe kam, in Lust und Frohsinn wirst Du schnell genesen und
glcklich sein.
    Bin ich es denn nicht jetzt? fragte er.
    Ist es meine Nhe oder die der stolzen, kalten Knigin Therese, die Dich
glcklich macht?
    Eva! schalt Therese leise.
    Nein! nein! rief sie, er soll und mu es gestehen; oder ich nehme ihn gleich
von Dir fort und fhre ihn der Porzia zu, die dort noch ohne Tnzer steht und
die ich kenne. Ich tanze den nchsten Tanz mit einem prchtigen Malteser. -
Schade, da Dein Bruder nicht auf dem Balle ist, sagte sie im Fortgehen, er
fehlt mir heute recht.
    Ohne Theophil's Antwort abzuwarten, nahm sie den Arm des herantretenden
Maltesers. Die letzten Worte hatte die Nonne gehrt, die bis in Eva's Nhe
gekommen war und jetzt ihr folgte. Dir fehlt er heute, mir wird er ewig fehlen,
schne Feenknigin! sagte sie leise; hte Dich, da Deine Lust nicht auch in
Thrnen ende. Kehre zurck in Dein luftiges Himmelreich, ehe die unbarmherzige
Hand der Erdenshne Deine Schwingen zerknickt und Deine Freude in Jammer
verwandelt.
    Eva fuhr erschreckt zusammen; auch der Malteser, der die Worte gehrt hatte,
sah sich nach der Nonne um, die sich schnell entfernt hatte und bald neben
Therese und Theophil stand.
    So sehe ich Sie gern, lieber Freund! sagte Therese. Mich dnkt, Sie bereuen
es nicht mehr, hierher gegangen zu sein.
    Ich liee mich wol von der allgemeinen Lust tragen, wte ich nur, da Sie
Theil daran nhmen, da auch Sie frhlich wren. Ihre Gedanken sind nicht bei
dem Feste, antwortete Theophil.
    Ich vermag keine Lust von auen in mich aufzunehmen; ich bin zu alt dazu,
glaube ich, oder zu ernst, zu deutsch - nennen Sie es, wie Sie es mgen, sagte
Therese, als er auf ihre Bemerkung, sie sei zu alt, eine Widerlegung machen
wollte. Ich kann nicht aus mir heraus gehen, ich bin immer ich, gleichviel in
welchem Kleide, in welcher Umgebung.
    Und ist Sie selbst sein, nicht das Hchste? Sind Sie, gerade wie Sie sind,
nicht das Ziel, die Ursache -
    Die Ursache, aus der Sie hier sind, ist zu tanzen, unterbrach ihn Therese.
Hier die Nonne feiert mssig wie Sie; warum fhrt der lustige Oberon die ernste
Nonne nicht in das frhliche Leben?
    Weil der Nonne das Leben zur Last ist, weil sie nach Grabesstille, nicht
nach flchtigem Sinnensrausch verlangt, entgegnete sie ernst, whrend Theophil,
von einer Spanierin zum Tanze gewhlt, dahinflog.
    Alfred hatte sich entfernt, als er Therese mit Theophil und Eva gesehen
hatte. Jetzt war sie mit der Nonne allein und diese sagte: Im Leben, in dem
Alles uns lgt, verbirgt man sich am leichtesten in der Maske der Wahrheit; denn
die Wahrheit vermuthet man nirgends.
    Sprichst Du von Deiner Maske, heilige Frau? fragte Therese.
    Nenne mich nicht heilig; Du thtest es nicht, stnde ich auerhalb dieser
Rume vor Dir. Du bist heilig und rein; Du bist der Liebe des Edelsten werth.
Ich wei, da er Dich liebt, da Du all Deine Kraft bedarfst, seinen Wnschen zu
entfliehen und dem Verlangen in der eigenen Brust. Du trgst die Nonnentracht
unter dem farbigen Kleide; Du hast entsagt mitten in dem frhlichen Gewhl der
Welt. O! wre ich gewesen wie Du, dann brauchte ich nicht zu ben, was ich
nicht allein gesndigt.
    Wer sind Sie? Um Gottes willen, wer sind Sie? rief Therese erschttert und
ergriff die Hand der Nonne, damit sie ihr nicht entschlpfe.
    Eine Unglckliche wie Du, deren Herz an hoffnungsloser Liebe verblutet,
antwortete die Nonne, indem sie Theresen's Hand an ihr Herz und dann an ihre
Lippen drckte. Mit diesem Kusse bitte ich Dich um Vergebung, wenn ich Dich je
betrbte. Ich scheide von der Welt, la mich die Gewiheit hinbernehmen in die
Einsamkeit, da Du mich nicht verachtest; da Du mich fr eine Unglckliche,
nicht fr eine Ehrlose hltst.
    Sie sind - - rief Therese -
    Aber die Nonne fiel ihr in das Wort: Du weit wer ich bin, nenne meinen
Namen nicht; sein trauriger Klang pat nicht zu dem heitern Feste. Gib mir Deine
Hand als Segenszeichen, lebe wohl und Gott behte Dich!
    Sie ergriff nochmals Theresen's Hand, die sie bebend drckte, trat schnell
hinter eine Gruppe von Masken, die sich vor ihnen gesammelt hatte, und Therese
vermochte sie nicht zu entdecken, obgleich sie ihr folgte. Man demaskirte sich
in diesem Augenblick, wodurch ein so buntes, frhliches Gewhl entstand, da der
Einzelne sich leicht darin verlieren konnte.
    Viele Herren hatten gespannt auf den schwarzen Domino und die Italienerin
geblickt. Jetzt, da sie die Larven abnahmen, begrte man freundlich den
Prsidenten, whrend man bewundernd Agnes betrachtete, die strahlend vor
Vergngen, Schnheit und Jugend, sich mit kindlicher Schchternheit auf seinen
Arm sttzte. Von allen Seiten fragte man Julian, wer seine Begleiterin wre. Man
wollte ihr vorgestellt sein und er geno heiter den Triumph, das schnste
Mdchen des Balles als seine Dame aufzufhren.
    An jenem Tage, als Agnes so sehnschtig nach dem Balle verlangt hatte, war
der Gedanke an diese Ueberraschung in ihm aufgestiegen. Er war zu dem Schneider
gegangen, der fr Agnes gearbeitet, hatte ein reiches, geschmackvolles Costme
fr sie bestellt, die kostbarsten Spangen und Nadeln gekauft, und als Therese
auf den Ball gefahren, da war er mit seinen Schtzen vor Agnes hingetreten. Sie
hatte den Andern traurig nachgeblickt, keine Hoffnung mehr gehabt und vergebens
berdacht, was jene Worte des Prsidenten bedeutet haben mochten, auf die sie
ihre Aussichten gebaut. Um so grer war nun ihre Ueberraschung, ihr Entzcken
gewesen, als Julian die prchtige Kleidung vor ihr ausgebreitet und ihr die
Kammerjungfer geschickt hatte, sie anzukleiden. Agnes hatte sich nie in so
glnzendem Costme gesehen; ihr schnes Gesicht, ihre volle, frische Gestalt
wurden durch die kleidsame Tracht bedeutend hervorgehoben. Sie selbst empfand
mit stiller Freude, da sie schn sei, was die Kammerjungfer ihr unablssig
versicherte; und als der Prsident sie abzuholen kam, als auch er entzckt
ausrief: Wie schn sehen Sie aus! da konnte sie sich vor Freude und
Erkenntlichkeit nicht helfen und fiel ihm um den Hals, ihm mit einem Kusse fr
seine Gte zu danken. Julian hatte die grte Lust, sie fest an sich zu drcken,
aber das kindlich unbefangene Vertrauen der Jungfrau hielt ihn in
ehrfurchtsvoller Scheu davon zurck. Er wagte nicht, ihre Hingebung zu
misbrauchen; es war ihm, als entweihe er sie durch die leiseste Berhrung, und
nur seinen Augen gnnte er die Lust, sich an ihrer Schnheit zu weiden.
    Er hatte mit Agnes verabredet, da sie sich Therese nicht zu erkennen geben
wollten, bis man allgemein die Larven ablegen wrde. An seinem Arme war sie froh
und stolz durch die Reihen der Tanzenden gewandelt; er hatte sich an ihren
naiven Bemerkungen, an ihrer Freude ergtzt und war unangenehm berhrt, als er
jetzt mit ihr vor seine Schwester hintrat und ein misbilligender Blick
Theresen's ihn in seiner guten Laune strte.
    Therese unterdrckte aber ihren Unwillen schnell. Zu guthmthig, Agnes in
ihrem Glcke zu stren, hatte sie selbst Freude an dem schnen Mdchen und war
innerlich so sehr mit der Erscheinung der Nonne beschftigt, da sie nur
flchtig auf die Erzhlungen ihres Bruders und ihrer Pflegetochter achtete, bis
diese sie fragte, ob sie es wol wagen drfe, auf einem solchen Balle zu tanzen.
    Warum denn nicht? meinte Theophil, der sie um eine Galoppade gebeten hatte.
    Sie wissen es ja, ich habe noch gar nicht tanzen gelernt; ich frchte, man
lacht mich aus, wenn ich es schlecht mache, sagte Agnes.
    Tanzen Sie immerhin! rieth der Prsident. Wen die Natur ausgestattet wie
Sie, ber den lacht man nur vor Wohlgefallen; der macht Alles recht und bedarf
der Kunst nicht.
    Auch Theophil redete ihr zu und sie nahm seine Aufforderung an, whrend Eva
gegen Julian bemerkte: Sie werden dem Kinde noch den Kopf verdrehen. Agnes ist
wirklich hbsch und die Tracht steht ihr sehr gut, aber fr solch junges Mdchen
ist sie doch zu gro und viel zu stark; sie wird kolossal werden und bis jetzt
kann sie weder gehen noch stehen. Sehen Sie nur, sie tanzt wirklich wie eine
Buerin.
    Da neigte der Prsident sich zu Eva hernieder und fragte: Frchtet die
schne Titania, da ein Staubgeborner sich lieber der irdischen Buerin
zuwendet? Frchtet sie, da man ihr treulos werden knnte?
    Eva wurde roth und rief: Wer denkt denn daran? Glauben Sie, da ich mir
jemals eingebildet habe, mit meinen kleinen Elfenhnden einen Riesen wie Sie zu
fesseln?
    Aber den Oberon vielleicht, der jetzt so zrtlich mit meiner Italienerin
spricht und sie mit seinen Elfenhnden recht fest zu halten scheint. Sehen Sie,
wie sie dort hinfliegen! Der Treulose blickt sich nicht einmal nach Ihnen um!
Aber trsten Sie sich und denken Sie, da ich Ihnen bleibe, wenn Jener Sie
verlt; da ein Mann auf Erden eben so gut ist, als ein Elfe in den Wolken.
    Sie sind immer derselbe, Julian! rief Eva lachend, hing sich an seinen Arm
und machte plaudernd einige Gnge mit ihm durch den Saal, bis der Tanz beendet
war, Theophil und Agnes sich zu ihnen gesellten und der Prsident dieser seinen
andern Arm anbot.
    Mit den beiden jungen Schnheiten durchwandelte er die ganze Zimmerreihe, um
sie die geschmackvolle Einrichtung des Hauses bewundern zu lassen, und verweilte
endlich in dem letzten Kabinette, wo er seine Begleiterinnen aufforderte zu
ruhen und sich von der Wrme des Tanzsaales zu erholen.
    Es war ein kleines Gemach, das durch blhende Blumen und Schlingpflanzen in
eine Laube verwandelt war. Der Thre, welche auf den Hausflur fhrte, hatte man
durch das Vorsetzen eines Schirmes, mit eingerahmten Lithophanien, hinter
welchen Licht brannte, das Ansehen eines Fensters gegeben. Es war ein sehr
liebliches Pltzchen und Eva warf sich tiefaufathmend in eine Bergre, die vor
dem Fenster stand. Auch Agnes wollte sich niederlassen, legte aber erst behutsam
den Sammtberwurf, den sie trug, auf die Seite, um ihn nicht zu zerdrcken. Kaum
sah das Eva, der nichts entging, als sie ausrief: Sehen Sie, wie natrlich die
Kleine spielt; man sollte sie wirklich fr eine Buerin halten, so ngstlich
geht sie mit dem Sonntagsstaate um. Schmen Sie sich, Agnes, wissen Sie nicht,
da man in der Gesellschaft niemals an einen Anzug denken darf? Sparsamkeit ist
zu lndlich und pat nicht neben Ihrem Cavalier!
    Ich bin keine Dame, sondern nur ein Landmdchen, und wenn ich etwas
Ungeschicktes thue, sollten Sie es mir nicht so spottend vorhalten, antwortete
Agnes empfindlich ber die Neckereien Eva's. Es wrde mir leid sein, wenn ich
der Gte des Herrn Prsidenten Schande machte.
    Seien Sie unbesorgt, Agnes, beruhigte sie dieser; Titania ist heute bler
Laune, sie mag nicht andere Gtter haben neben sich. Ich freue mich, da ich Sie
hergefhrt habe, und um Ihnen meinen Dank zu zeigen, gebe ich Ihnen, da ich eben
nichts Schneres habe, diese Rose, so frisch und blhend als Sie.
    Dabei brach er eine Rose von einem nahestehenden Strauche, reichte sie Agnes
und schickte sich an fr Eva eine zweite zu pflcken, als eine Stimme dicht
hinter ihnen rief: Es sind nicht die ersten Blumen, die Du brichst!
    Die drei Plaudernden sahen sich verwundert um, eine Nonne trat hinter dem
Schirme hervor und sagte vorberschreitend: Wtest Du, wie schnell gebrochne
Blumen welken, Du wrdest barmherziger werden.
    Julian sprang empor und wollte der Nonne erbleichend folgen, als Alfred ihm
entgegentrat und hastig und leise zu ihm sagte: Sophie ist auf dem Balle.
    Ich wei es, antwortete Julian. Bleibe einen Augenblick bei den Beiden hier.
Wo ist meine Schwester?
    Ich verlie sie im Saale mit Theophil.
    Gut denn! tragt Sorge fr die Frauen und, falls ich nicht gleich
wiederkehre, begleitet sie nach Hause.

                                      VIII


Fast alle Personen unserer Erzhlung waren am Morgen nach der Maskerade
verstimmt oder traurig. Eva's gehoffter Triumph war durch das Erscheinen von
Agnes gestrt, die Aufmerksamkeit Julian's und Theophil's zwischen ihr und Agnes
getheilt gewesen, und das pltzliche Auftreten der Nonne hatte beide junge Damen
unheimlich berhrt.
    Der Prsident hatte Sophie nicht mehr eingeholt, da noch andere Mnner auer
ihm und Alfred sie erkannt, und dieser sie beschworen hatte, den Ball zu
verlassen, zu dem sie sich eine Einladung verschafft. Eine unwiderstehliche
Sehnsucht, Julian noch einmal zu sprechen, Therese und Eva kennen zu lernen, die
sie durch Alfred's Erzhlung auf dem Feste wute, hatte sie zu dem auffallenden
Schritte verleitet, der dem Prsidenten ein peinliches Gerede zugezogen und ein
wiederholtes Stadtgesprch ber dies Verhltni zuwege gebracht hatte.
    In der gereizten Stimmung hatte er noch in der Nacht an Sophie geschrieben,
ihr heftige Vorwrfe gemacht und dem Diener den Brief zur Besorgung bergeben,
der ihn in aller Frhe an seine Adresse befrdert hatte. Jetzt am Morgen bereute
er seine Hrte. Das Andenken an ihre Liebe sprach vershnend fr sie, aber der
Brief war abgesendet, die Sache unabnderlich. Er tadelte sich lebhaft und war
in der Unzufriedenheit mit sich nicht aufgelegt, die Vorstellungen gelassen
hinzunehmen, die ihm seine Schwester machte.
    Wie kann ich von Agnes Vertrauen fordern, wie soll ich mich gegen ihre
Mutter rechtfertigen, sagte Therese, wenn Du selbst sie zu Heimlichkeiten
verleitest?
    Was das nun fr ein Aufhebens ist, liebe Therese, weil ich dem Kinde eine
Freude ohne Deine Erlaubni gemacht habe! Bilde Dir doch nicht ein, da das
Mdchen Dich wie einen Beichtvater betrachtet. Hast Du zu sechszehn Jahren nicht
Deine kleinen Geheimnisse gehabt? Was soll die unnthige Strenge? Agnes war
unter meinem Schutze wohl aufgehoben und ich bernehme die Verantwortung,
entgegnete Julian ablehnend.
    Sie ist aber meinem Schutze anvertraut, bemerkte Therese, und es war Dir
gewi weniger um ihr Vergngen, als um das Deine zu thun. Agnes bedarf so
rauschender Feste noch nicht und ich finde Deine Handlungsweise in diesem Falle
unvorsichtig.
    Qule mich doch nicht mit Gouvernantenmoral! sagte Julian verdrielich,
Agnes ist erwachsen genug, ber sich selbst zu bestimmen, und Eltern, die ihre
Tochter unbedenklich verheirathen, sie ganz selbstndig machen wrden, verlangen
eine Beaufsichtigung, wie Du sie meinst, gewi nicht mehr. Darum verschone mich
mit Vorwrfen, die mir lstig sind, sie klingen wirklich ganz altjngferlich.
Gewhne Dir diese unnthige Strenge doch nicht an.
    Mit den Worten ging er hinaus und lie Therese, die dergleichen Ermahnungen
von dem Bruder nicht gewohnt war, unmuthig zurck.
    Spter am Tage kam Eva, sie zu fragen, ob sie etwas dagegen htte, wenn man
den Abend bei ihr, statt bei Therese zubrchte, wie man es verabredet hatte.
Therese nahm den Vorschlag an und Eva plauderte von dem Balle, von dem
sonderbaren Einfalle des Prsidenten, Agnes gegen Theresen's Willen hinzufhren,
von den Eroberungen, die sie selbst gemacht, und von tausend andern Dingen.
    Uebrigens sei auf Deiner Hut, Therese! sagte sie, Dein Bruder ist von Agnes
wie bezaubert. Ich glaube, er denkt daran, sie zu heirathen.
    Das ist ein thrichter Einfall von Dir, meinte Therese, wie kommst Du nur
darauf? Mein Bruder und das kaum erwachsene Kind, das ist ein unmgliches Paar.
    Nicht so unmglich als Du glaubst, rief Eva eifrig. Du solltest nur hren,
wie er seit Wochen von der reinen Natrlichkeit, von der huslichen Tchtigkeit
und dem Verstande von Agnes spricht; wie er ihre gleichgltigsten Aeuerungen
mir als etwas Besonderes wiederholt; wie er es sich reizend denkt, sie zur
Tochter zu haben, sie zu bilden und zu erziehen - Dir wrde, wie mir, die
Vermuthung kommen, da er noch lieber als eine solche Tochter eine solche Frau
zu haben wnsche.
    Therese hrte nachdenkend zu. Die Mglichkeit, da Julian sich verheirathen,
da er Agnes heirathen wolle, war ihr befremdend. Er hatte so oft seine
Abneigung gegen die Ehe ausgesprochen, sie war an das Zusammenleben mit dem
Bruder so sehr gewhnt, ihre ganze Zukunft so fest darauf gebaut, da sie nicht
an einen Zustand denken mochte, in dem sie von ihm getrennt werden konnte.
    Inde war Eva's Vermuthung nicht unmglich. Sie dachte der groen
Theilnahme, mit der Julian das Mdchen betrachtete, ihr Streit am Morgen fiel
ihr ein und sie selbst fing wider ihren Willen sich der Meinung Eva's zuzuneigen
an. Das regte sehr verschiedene Gefhle in ihrer Seele auf. Sie wnschte nichts
lebhafter, als Julian recht glcklich zu sehen, aber konnte er das in der Ehe
mit einer Frau werden, die dreiig Jahre jnger war als er? Agnes war ein Kind -
    Soweit war Therese in ihren Gedanken gekommen, als Agnes eintrat und beide
Frauen sich berrascht ansahen, denn es war eine ganz merkliche Vernderung mit
ihr vorgegangen. Es schien, als habe sie den Schritt aus der Kindheit in das
jugendliche Alter pltzlich gemacht; als habe das gestrige Fest, die
Bewunderung, die sie gefunden, ihr pltzlich gezeigt, da sie ein Recht habe,
sich den Frauen zuzugesellen, die der Beachtung werth wren. Sie trug sich
grader, trat freier auf, hatte ihre Kleidung sorgfltiger geordnet und begrte
Frau von Barnfeld traulich mit dem Namen Eva, whrend sie sie bis jetzt gndige
Frau zu nennen pflegte.
    Ist Theophil nicht hier gewesen, liebe Therese? fragte sie, er wollte, da
das Wetter so schn ist, uns auffordern einen Spaziergang zu machen. Wenigstens
sagte er mir so, als ich von der franzsischen Stunde kam.
    Die Worte klangen so natrlich als mglich und doch war fr Therese etwas
Ungewohntes darin. Wie Agnes Frau von Barnfeld nicht bei dem Taufnamen genannt,
so hatte sie es auch mit Theophil niemals gethan, niemals sich mit Therese in
gleiche Reihe gestellt.
    Wie kommen Sie mir denn vor, Agnes! rief Eva, die keinen Eindruck zu
verbergen wute, ich glaube, Sie sind gewachsen seit gestern! Sie haben sich
vollstndig gemausert. Sind Sie grer als Therese?
    Nein, sehen Sie nur, sagte Agnes freundlich, indem sie vor Therese hinkniete
und ihr die Hand kte. Ich bin noch immer Dein Kind, nicht wahr, Therese? und
Du bist nicht bse, da ich Dir nichts von dem Balle gesagt habe. Ich wute es
ja nicht bestimmt und ich dachte, wenn Dein Bruder es mir vorschlage, knne es
kein Unrecht sein. Er ist so gut, Dein Bruder.
    Therese kte Agnes, drckte sie an ihr Herz und beruhigte sie durch die
Versicherung, ihr nicht zu zrnen; dann gab sie ihr einige Auftrge fr den
Haushalt, das junge Mdchen entfernte sich dienstfertig und Therese bat Frau von
Barnfeld, gegen Niemanden, am wenigsten gegen Agnes etwas davon zu erwhnen, da
sie an eine Neigung des Prsidenten fr sie glaube.
    Eva versprach es und sagte: Nur das Eine verlange ich zu wissen: glaubst Du,
da ich mich geirrt habe, da mein Verdacht ungegrndet ist?
    Ich wei es nicht, antwortete Therese, aber warum nennst Du es einen
Verdacht? Wre es ein Unrecht, wenn Julian ein gutes, schnes Mdchen zur Frau
nhme?
    Entsetzlich, o, entsetzlich wre es! rief Eva in Thrnen ausbrechend und
eilte mit verhlltem Gesichte hinaus, ohne auf Theresen's dringende Bitte zu
achten, da sie bei ihr bleiben und sich beruhigen solle.
    Therese war in groer Gemthsbewegung. Agnes, die sie von ihrem Bruder
trennen konnte, erschien ihr fremd und doch zog der Gedanke, Julian knne das
Mdchen lieben und glcklich durch dasselbe werden, sie wieder zu ihm hin. Eine
Neigung Eva's fr ihren Bruder hatte sie lange vermuthet; nun hatte die
Gewiheit derselben sie erschreckt. Wohin sie blickte, Trbsal und Verwirrung.
Sie dachte des Tages, an dem sie mit Alfred und dem Bruder ber die mgliche
Ankunft ihrer Hausgenossen gesprochen, und der Besorgnisse, die sie dagegen
gehegt hatte. Jetzt waren sie nahe daran, sich zu erfllen. Jene heitere
Vergangenheit war lngst entschwunden. Alfred's und Theophil's Bilder traten ihr
beunruhigend vor die Seele. Beide waren nicht glcklich, und welch schweres Leid
konnte die Zukunft ihr selbst noch bringen, whrend nirgend eine Aussicht auf
Glck fr sie vorhanden war! Sie fhlte sich geistig mde und traurig und es
erschien ihr fast wie eine Wohlthat, als ein Billet des Bruders ihr meldete, da
ein dringendes Geschft ihn und Teophil nthige, nach einem entfernten
Stadttheile zu fahren, und da sie deshalb auswrts speisen wrden. Der Brief
endete mit den Worten: Ich war heute ungerecht gegen Dich, liebe Schwester; Du
hast entgelten mssen, was mich innerlich qulte. Vergib mir das, Du liebe
Treue! ein reuiger Snder grt Dich mit Wort und Ku.
    Das erquickte Therese. Sie suchte sich, wie es ihre Art war, alle
Mglichkeiten durchzudenken, fate die Zukunft fest ins Auge, stellte sich die
Zeit vor, in der sie einsam ohne Julian leben wrde, und sagte dann lchelnd:
Habe ich ein Recht zu fordern, da er fr mich lebe? Werde ich nicht glcklich
sein in seinem Glcke?
    Aber trotz aller Liebe fr den Bruder, trotz der reiflichsten Ueberlegungen
behielt eine wehmthige Stimmung die Herrschaft ber sie und war nicht gewichen,
als man sich am Abend bei Eva versammelte.
    Mit Agnes bei Eva anlangend, fand sie Alfred schon dort, Eva ein wenig
bleich, aber heiter wie immer, und kurze Zeit darauf erschienen auch Julian und
Theophil. Der Erstere gab Theresen die Hand, und die vollstndigste Vershnung
ward schweigend durch einen Hndedruck besiegelt. Dann begrte er die brigen
Personen und sagte: Uns hat heute ein seltsames Ereigni beschftigt. Wollt Ihr
es, so theile ich es Euch mit, oder besser, Theophil erzhlt es Euch, denn er
ist eine der Hauptpersonen dabei.
    Man bat den Assessor um die Mittheilung. Ich glaube Ihnen schon neulich
gesagt zu haben, hub er an, da die Besorgni vor dem neuen, die Ehescheidungen
erschwerenden Gesetze eine groe Menge von Ehescheidungsklagen zuwege bringt,
weil die Leute, die in unglcklicher Ehe leben, die Klagen auf Trennung
einzureichen wnschen, whrend das alte Gesetz noch in Kraft ist. Unter diesen
Eingaben befand sich auch die Klage einer Frau, deren Mann hier in der Stadt als
ein wster Gesell, ein Spieler von Profession bekannt ist. Es war heute der
zweite Termin in der Sache angesetzt, die ich fhre. Schon das erste Mal fiel
mir das Aeuere der Frau angenehm auf. Sie ist nicht hbsch, etwa in der Hlfte
der dreiiger Jahre, hat aber jenes Aussehen, das auf eine gewisse geistige
Entwickelung schlieen lt. Ihre Kleidung war drftig, doch mit groer
Sauberkeit und Sorgfalt geordnet. Sie erklrte in der Eingabe, da sie, seit
achtzehn Jahren verheirathet, zwei Tchter habe, von denen die lteste siebzehn,
die jngere funfzehn Jahre alt sei, und da sie im Verein mit diesen Tchtern
sich seit Jahren durch Handarbeit ernhre, da ihr Mann nichts erwerbe oder,
falls er etwas erwerben sollte, es auer dem Hause verbrauche. Sie habe seit dem
Beginn ihrer Ehe nicht glcklich mit ihrem Manne gelebt, die Eltern htten sie
zu der Heirath gezwungen. Trotzdem glaube sie, ihre Pflicht erfllt und geduldig
die Rohheit ihres Mannes ertragen zu haben. Jetzt aber, da diese tglich
zunehme, da ihre Kraft durch den Gram gebrochen sei, da ihre Tchter mit von der
Tyrannei zu leiden htten und man ihr sage, die Scheidung solle knftig
erschwert werden, jetzt sehe sie sich genthigt zu verlangen, da man sie von
ihrem Manne trenne. Sie hatte die Klage offenbar selbst gemacht und war auch im
Termine selbst erschienen, weil, wie sie mir sagte, ihr die Mittel fehlten,
einen Justizcommissar zu bezahlen. Da ich mit der grten Schonung gegen die
Frau bei dem Termine verfuhr, darf ich nicht erst versichern. Der Mann, frher
Offizier, dann in einem Civilamte beschftigt und wegen Dienstvergehen
entlassen, will von der Scheidung nichts hren, weil es ihm bequem zu sein
scheint, Wohnung, Speise und Kleidung fr sich erwerben zu lassen, whrend er in
Spielhusern und Weinschenken die Zeit verschwendet, oft betrunken heimkehrt,
bisweilen wste Gesellen mit sich nach Hause bringt und Frau und Tchter auf das
uerste qult. Diese Thatsachen stehen fest. Da er aber seine Frau nie in
Gegenwart von Fremden beschimpft, sie nie geschlagen hat, da sie selbst nicht
wegen Ehebruch klagt und er sich nicht von ihr trennen will, ist die Sachlage
nicht gnstig fr ihre Wnsche. Mann und Frau waren heute im Termine erschienen
und diese Letztere litt sichtlich durch die Errterungen ber ihr eheliches
Verhltni, zu denen der Mann sich erniedrigte. Er klagte sie an, ihn niemals
geliebt zu haben, sie htte ein Verhltni vor Eingehung ihrer Ehe mit einem
Referendarius gehabt, diese Liebe htte gleich anfangs strend zwischen ihnen
gestanden, die Klte und Abneigung seiner Frau htten ihn aus dem Hause
getrieben und dergleichen Dinge mehr, die im Munde dieses Mannes das Geprge der
Unwahrheit trugen. Als er dann immer roher wurde, zuletzt grobe Beschuldigungen
gegen die Treue seiner Frau aussprach und behauptete, da sie noch nach der
Hochzeit in fortgesetztem Verhltni zu ihrem frhern Geliebten gestanden und
diesen oftmals bei sich gesehen habe, sagte die Frau, die schon lange heftig
gezittert hatte: Groer Gott! auch das noch und vor all den Mnnern! und sank in
einer Ohnmacht zusammen, so da man sie hinaustragen mute. Mir that die Frau
sehr leid, der Mann aber schalt sie eine empfindsame Nrrin und eilte, da es
unmglich war, den Termin fortzusetzen, gleichmthig davon.
    Als ich ebenfalls im Nachhausegehen in das Vorzimmer kam, wo verschiedene
Personen sich damit beschftigten, die Ohnmchtige ins Leben zu rufen, traf ich
einen uns gemeinsam bekannten Justizbeamten. Er fragt mich, was das Gewhl
bedeute? ich erzhle es ihm und nenne zufllig den Familiennamen der Frau dabei.
Kaum hat er ihn gehrt, als er sich durch die Menge drngt, die Ohnmchtige
betrachtet und sie mit ihrem Namen anruft. Bei dem ersten Tone seiner Stimme
richtet sie sich pltzlich in die Hhe, ffnet die Augen, sieht ihn an, wie man
eine unirdische Erscheinung betrachten wrde, und sinkt dann in seine Arme,
whrend heie Thrnen aus Beider Augen flieen.
    Niemals habe ich Etwas erlebt, was mich in hnlicher Weise erschttert
htte. Ich suchte die Leute zu entfernen, die umherstanden. Der Beamte bat mich,
nachzusehen, ob er die Leidende nicht in das Sessionszimmer fhren knne. Ich
that es und, da Niemand als der Prsident darin war, kam er selbst, sie dorthin
zu geleiten. Die Frau erholte sich dann und fuhr nach Hause in einem Wagen, den
wir herbeigeschafft hatten.
    Soweit hatte Theophil erzhlt, als der Prsident ihn ablste. Ihr werdet nun
leicht den Zusammenhang errathen, sagte er, wie ihn uns der Beamte nachher
erklrte. Er ist jener Jugendgeliebte der unglcklichen Frau. Beide waren arm,
ohne alle Aussicht, sich verbinden zu knnen, und das Mdchen heirathete, von
den Eltern dazu gezwungen, ihren jetzigen Mann, der damals noch ein nahmhaftes
Vermgen besa, obgleich er den grten Theil seines Erbes schon verspielt
hatte. Der frher Geliebte hat ihr in der ersten Zeit bisweilen geschrieben, wie
er sagt, aber keine Antwort von ihr erhalten. Wiedergesehen hat er sie nie, da
er bis vor wenig Wochen in den stlichen Provinzen angestellt war, whrend die
Frau lange Zeit am Rheine lebte. Heute haben sich nun die Langgetrennten
gefunden und der Beamte konnte der tiefen Erschtterung nicht Herr werden, in
der er sich befand. Das Mdchen, das er in behaglichen Verhltnissen, jung und
frisch verlassen, hatte er als bleiche, verkmmerte Frau unter den Hnden
fremder Menschen wiedergesehen; erliegend unter der Last huslichen Unglcks,
geschmht von einem Manne, der ihr das Leben zur Hlle gemacht hat. Um Gottes
willen, rief er einmal ber das andere, wie stellen wir es an, die Unglckliche
frei zu machen! - Ich schlug ihm vor, ich wolle selbst mit jenem Manne sprechen,
ich wolle ihn berreden, in die Scheidung zu willigen. Der Beamte nahm den
Vorschlag an, erklrte, dem Manne eine nicht unbedeutende Summe zahlen zu
wollen, wenn er darauf eingehe, und wollte selbst zu der Frau eilen, sie davon
zu benachrichtigen. Das widerrieth ich ihm jedoch entschieden, er darf sie nicht
eher wiedersehen, bis die Angelegenheit beendet sein wird. Er ist das ihrer Ehre
und sich selber schuldig. Ich bat Theophil, statt seiner zu ihr zu gehen und sie
von den Vorgngen zu unterrichten, whrend ich in das Gasthaus fuhr, wo ihr Mann
sich gewhnlich aufhlt, und diesem die nthigen Vorstellungen machte; denn der
Beamte beschwor mich, es gleich zu thun, er knne sonst nicht Ruhe finden. Wie
mir scheint, wird die Sache sich fr den Augenblick hinhalten, und man mu
sehen, wie sie enden wird.
    Nun, Ihr Beamter wird doch natrlich seine frhere Geliebte heirathen, rief
Eva.
    Daran zweifle ich, obgleich er unverheirathet ist, meinte der Prsident.
Wenigstens lt mich keine seiner Aeuerungen darauf schlieen, da er diese
Absicht habe. Er hat das Mdchen einst geliebt, es geht ihm nahe, die Frau jetzt
unglcklich, mishandelt zu wissen, er will sie zu retten suchen, das ist ein
sehr natrliches Gefhl. Ob er sie noch liebt? ob sie ihm noch zur Frau
begehrenswerth scheint, da ein langes Leben zwischen jener Zeit und ihrem
Wiedersehen liegt, das wird die Zukunft lehren. Einstweilen wollte ich die Damen
bitten, ob sie der Frau, die augenblicklich, wie mir Theophil sagt, in Noth ist,
nicht Arbeit und Erwerb zu schaffen wten? Mein Beamter wollte auch hier
aushelfen, aber auch davon habe ich abgerathen. Es knnte zu Misdeutungen Anla
geben, und warum soll man Jemand zur Annahme von Wohlthaten zwingen, dem man die
Mittel geben kann, sich selbst zu helfen? Kauft daher Leinwand und andere
Stoffe, Ihr Frauen, und gebt der armen Person Arbeit und Verdienst, mehr ist fr
jetzt nicht nthig.
    Eva und Therese, die, wie Alfred, mit Antheil zugehrt hatten, erklrten
sich sofort zu jedem Beistand gern bereit und Therese fragte: Wenn nun der Mann
auch in die Scheidung willigt, so steht der Trennung doch kein Hinderni im Wege
und die Frau wird frei?
    Nach den bisherigen Gesetzen, sagte Theophil, wrde dann die Scheidung keine
groe Schwierigkeiten verursachen, da die Frau gewi keine Untersttzung von dem
Manne verlangt, und sich und die Tchter wie bisher ernhren wrde. Nach dem
beabsichtigten Gesetz drfte es aber noch vielen Zweifeln unterworfen sein, ob
man diese Ehe berhaupt trennen wrde?
    Aber was geht das den Staat an, ob zwei Menschen, die sich nicht mgen,
miteinander leben oder von einander gehen? fragte Eva. Da der Staat jene Frau
nicht gefragt hat, ob sie ihren Mann auch mge, als die Eltern sie zu einer
Heirath gegen ihre Neigung zwangen, so hat er doch auch jetzt gewi nichts
danach zu fragen, wenn sie den aufgedrungenen Mann nicht mag und sich von ihm
trennt.
    Die Ehe und das Familienleben sind die Grundlage eines Staates und er hat
deshalb die Pflicht, sie zu schtzen, sagte Theophil.
    Was heit das, die Ehen schtzen, wenn man eine Frau so unglcklich werden
lt, als die, von der Sie eben berichtet haben? Die Frauen sollte man
beschtzen, sie sollte man fragen, wenn man neue Gesetze ber die Ehe entwirft,
rief Eva, und nicht Gesetze geben, die einer Unglcklichen befehlen, das harte
Joch zu tragen, wenn es ihr zu schwer wird. Es ist schlimm genug, da Eltern und
Verhltnisse ein Mdchen zwingen knnen, sich gegen ihren Wunsch zu
verheirathen; der Staat braucht nicht die Ungerechtigkeit hinzuzufgen, da er
verlangt, man solle verheirathet bleiben mit einem Manne, den man nicht liebt,
nicht achtet, den die Frau hassen mu, wenn er sie gegen ihren Willen zu fesseln
begehrt.
    Sie machen in Ihrer Entrstung unbefangen einen Theil der Bemerkungen, die
von allen Seiten gegen das neue Gesetz eingewendet werden, das auch mir nicht
wohlbedacht erscheint, besonders weil es den Ehebruch bestrafen will, auch ohne
da der gekrnkte Theil klagbar dagegen wird, sagte der Prsident. Die Ehe ist
ein brgerliches Institut und ein geistiges Band. Jede dieser Richtungen hat
ihre besonderen Rechte. In Frankreich trennt man sie scharf, indem man erst die
brgerliche Ehe vor dem Maire abschliet, die geistige Ehe darauf von dem
Priester segnen lt. Die brgerliche Ehe, als Staatsinstitut, als die schnste,
vollendetste Form menschlicher Vereinigung, zu schirmen und aufrecht zu
erhalten, ist Pflicht des Staates, denn mit Aufhebung unserer jetzt bestehenden
Ehesitten zerfllt die brgerliche Gesellschaft in ein wstes Chaos. Die
Trennung dieser Ehe gehrt entschieden vor sein Gericht, insofern das Eigenthum
und die Rechte des Brgers dabei gefhrdet werden. Die geistige Ehe, die Ehe,
welche der Priester segnet, ist Sache des Einzelnen und nur das Gewissen der
Gatten hat darber zu entscheiden. Glaubt der Staat sich ermchtigt, ber diese
geistige Vereinigung der Gatten zu urtheilen, denkt er daran, Vergehen gegen die
ehelichen Pflichten zu bestrafen, welche der gekrnkte Theil schweigend ertragen
will, so verkennt er seinen Beruf und begeht ein Unrecht. Er drngt sich
unbefugt in die Geheimnisse des Einzelnen und beschrnkt seinen freien Willen.
Dies zu thun ist aber ein Verbrechen, denn die Freiheit eines Menschen darf der
Staat nicht antasten, so lange sich Niemand beschwert, da er sie zum Nachtheil
eines Andern misbrauche.
    Das ganze Gesetz hat darum etwas so Gehssiges, sagte Theophil, weil es
nicht wie ein Schutz- sondern wie ein Strafgesetz aussieht. Es betrachtet die
Personen, die auf Scheidung klagen, wie Uebelthter, die man zu ihrer Pflicht
zwingen, wie Verbrecher, die man bestrafen msse, whrend in den meisten Fllen
mindestens der eine Theil so unglcklich ist, da man ihn so schnell als mglich
erlsen sollte. Die Zahl der Eheleute, die sich aus Leichtsinn trennen, wie es
in den Gesetzentwrfen heit, mchte sehr gering sein; grer ist schon die Zahl
der Ehen, die ohne Ueberlegung geschlossen werden. Dies zu verhindern aber
vermag der Staat nicht und er kann es nicht einmal wollen.
    Was Sie ber Ehescheidungen aus Leichtsinn sagen, ist ganz richtig, bemerkte
der Prsident. Die Ehe gibt den Gatten eine solche Menge gemeinsamer Pflichten
und Lasten, die Interessen derselben sind so fest ineinander verschlungen,
veranlassen bei einer Trennung eine solche Menge von Uebelstnden fr beide
Theile, da wohl der Leichtsinnigste ernst und aufmerksam wird und davor
zurckschreckt, wenn eben nur Leichtsinn ihn zu der Scheidung veranlate. In den
niedern Stnden sind es gewhnlich sittliche Verwahrlosung oder Noth und Armuth,
die unglckliche Ehen zuwege bringen. Diese Noth mildern, das sittliche
Bewutsein, das in unserm Volke vorhanden ist, durch moralische, nicht durch
pietistische Erziehung strken, das ist es allein, was der Staat zur Befrderung
glcklicher Ehen thun kann. Glckliche Ehen mglich zu machen, mu sein Ziel
sein, nicht unglckliche Ehen zusammenzuhalten. Im Gegentheil liee sich eher
behaupten, da, da es vernnftiger Grundsatz des Staates ist, den Uebelthter,
gegen den die groe Staatsfamilie sich beschwert, von der Gesammtheit
auszuscheiden, weil er ihre Rechte krnkt und sie durch sein Beispiel
entsittlicht, so msse der Staat auch, auf Verlangen einer Familie, diese von
einer Person befreien, die ihr Wohlergehen verhindert.
    Die Andern stimmten dem Prsidenten bei und er fuhr fort: Frau von Barnfeld
bemerkte vorhin und Theophil wiederholte es, da der Staat keine Aufsicht ber
die Beweggrnde fhren knne, aus denen sich Ehegatten verbinden. Da er nun die
Eingehung einer Ehe dem freien Willen und dem Ermessen der Betheiligten
anheimstellen mu, so mu ihnen auch die volle Freiheit bleiben, ein Bndni,
das sie eingingen, um glcklich zu werden, aufzulsen, wenn es diesem Zwecke
nicht mehr entspricht, ihm entgegen ist. Mir scheint, der Code Napoleon habe
diese Verhltnisse am vollstndigsten erfat und jeder Richtung ihre gebhrende
Anerkennung gesichert. Ich finde es angemessen, da nach dem Code jede Ehe ohne
Weiteres getrennt wird, wenn nach zweijhriger Dauer derselben beide Gatten
darein willigen und die Eltern oder ein Familienrath die Ordnung der
Vermgensverhltnisse und die Zukunft der Kinder fr gesichert erklren. Dadurch
schtzt sich der Staat davor, da ihm die Ernhrung der Familie zur Last falle,
und lt doch dem Menschen das Recht, frei ber seine heiligsten Interessen zu
entscheiden. - Er hielt inne und sagte dann nach einer Pause: Allerdings kommen
auch Flle vor, in denen eine solche friedliche Lsung unmglich ist; da mu
natrlich der Staat vermittelnd dazwischentreten und das Gesetz die streitenden
Parteien zufrieden zu stellen suchen.
    Solche lange Auseinandersetzungen lagen nicht in der Art des Prsidenten,
heute aber mochte ihn das Interesse dazu bewogen haben, welches die Andern fr
den Gegenstand zeigten.
    Auch Alfred hatte bis dahin schweigend zugehrt, jetzt richtete er sich
empor und sagte: Inwiefern der Staat sich zu bercksichtigen hat, mag ich
augenblicklich nicht errtern. Mir fllt aber, so oft das Thema berhrt wird,
ein Ausspruch Rahel's ein, den man als Motto ber alle Schriften setzen sollte,
welche sich gegen das neue Ehegesetz erklren. Sie sagt: Die hchste Schmach
einer Frau, die tiefste Erniedrigung ist es, da sie Mutter von Kindern werden
kann, deren Vater sie hat und verachtet. Mit den wenigen Worten drckt die
feinfhlende, scharfsichtige Frau Alles aus, was sich gegen die Unsittlichkeit
einer Ehe sagen lt, an der das Gefhl keinen Theil mehr hat, die man gegen den
Wunsch der Gatten zusammenhalten will. Und wenn der Staat die wichtigsten Zwecke
durch Aufrechthaltung einer solchen Ehe zu erreichen glaubte, sie wrden zu
schwer erkauft durch das Elend, das sie ber den Einzelnen verhngen, durch die
Knechtschaft, zu der sie ihn zwingen wollen. Ein Gesetz, das ein groes,
sittliches und verstndiges Volk, wie das unsere, verwirft, kann kein gutes
Recht sein. Gesetze geben ist so schwer! Jeder Mensch trgt sein besonderes
Recht nach seiner Individualitt in sich. Jedes besondere Verhltni schafft und
bedingt sein eigenes Recht. Was in dem einen Falle Verbrechen wre, knnte
hchste Tugend in dem andern sein. Nun will man Menschen von der verschiedensten
geistigen Erkenntni, von den abweichendsten Lebensansichten und den
verschiedensten gesellschaftlichen Stufen unter ein Gesetz beugen, das Alle
verwerfen, das sie sich nicht selbst gegeben haben. Das zu thun, ist eine Snde,
denn dem Menschen ist der freie Wille gegeben, wie kann der Staat ihn vernichten
wollen? Wer durch Befehle unserm Gewissen vorschreiben will, was Recht und
Unrecht sei; wer uns ein Sittengesetz aufdrngt, gegen das unsere Ueberzeugung
sich strubt; wer uns berhaupt in unsrer rechtmigen Freiheit beschrnkt, die
Stimme des Gewissens in uns vertreten will, der versndigt sich an der
Menschheit im Ganzen und an dem Einzelnen, der ist unser Feind und wenn er uns
alle Gter der Welt zum Ersatze bte. Elend werden nach eigner Wahl, ist am Ende
noch ersprielicher als ein Glck, das man uns aufdrngt. Wer mich glcklich
machen will nach seiner Ansicht, ohne die meine zu befragen, tritt mir zu nahe
und Jeder wrde ein aufgedrungenes Glck von sich stoen, wenn er, whrend man
es ihm aufdringt, bedchte, da jede Unfreiheit eine Schande ist.
    Er sprach heftig erregt, denn er kmpfte offenbar fr sein eigenes
Interesse. Ihn drckte das Bewutsein, durch den Willen seines verstorbenen
Onkels, durch Rcksichten auf seinen Sohn und durch Das, was er fr Pflicht
gegen seine Schpfungen hielt, in den Fesseln einer Ehe gebannt zu sein, die er
zu lsen verlangte. Er litt unter der Beschrnkung der Freiheit, darum sprach er
doppelt warm fr das Recht der Andern. Therese hatte sich schon vorher mit Felix
und Agnes entfernt, weil die Errterungen zu traurige Gedanken in ihr erweckten
und sie auch Agnes vor solchen Betrachtungen bewahren wollte. Jetzt, da nach
Alfred's letzten Worten eine lngere Pause eintrat, kehrte sie zurck, der
Prsident wendete sich mit Freundlichkeit gegen das junge Mdchen und die
Unterhaltung nahm eine andere Richtung, obgleich sie noch lange in den Einzelnen
nachklang.

                                       IX


In wechselnden Beschftigungen und Bestrebungen verging die Zeit und man nherte
sich dem Weihnachtsfeste. Therese hatte alle Personen ihres nchsten Kreises fr
den heiligen Abend eingeladen und war rstig dabei, fr Jeden eine Freude zu
bereiten. Sobald die Zeitungen dem Prsidenten gebracht wurden, pflegte sie nach
den verschiedenen Anzeigen zu greifen, um zu sehen, was Luxus und Mode Neues
geschaffen, um darunter fr die Ihrigen zu whlen, was ihnen etwa noch erwnscht
sein konnte.
    Eines Morgens saen die Geschwister ebenfalls friedlich bei einander, Julian
mit den politischen Nachrichten beschftigt, als eine Stelle unter den
vermischten Nachrichten Theresen's Auge fesselte. Sie las sie, das Blatt
zitterte in ihren Hnden und mit den Worten: Wer hat mir das gethan, wie habe
ich das verschuldet? lie sie die Zeitung zur Erde fallen, whrend sie ihr
Gesicht mit den Hnden verhllte. Der Bruder fuhr erschreckt empor und fragte
was es gbe. Aber sie vermochte nicht zu antworten. Schweigend deutete sie auf
das Papier. Er hob es auf und fand bald die Stelle, welche ihre Aufregung
veranlat hatte. Sie war aus der Hauptstadt der Provinz datirt, in der die Gter
des Herrn von Reichenbach lagen, und lautete wie folgt:
    Man spricht in unsern hhern Cirkeln davon, da der gefeierte Dichter
Alfred von Reichenbach, der bedeutende Gter in unserer Provinz besitzt, sich
von seiner Frau trennen werde, mit der er seit elf Jahren in friedlicher Ehe
gelebt hat. Eine Dame von Stande, ein Frulein von B. in der Residenz, zu der er
schon vor Eingehung seiner Ehe ein Herzens-Verhltni gehabt hat, soll es
verstanden haben, ihn aufs Neue zu fesseln, und Ursache der beabsichtigten
Scheidung sein.
    Der Prsident war, wie seine Schwester, von dem unverdienten Angriff hart
getroffen. Er drckte das Papier zusammen und schleuderte es von sich; dann aber
wich der Zorn ber die Krnkung dem Mitleid, das ihm die Schwester einflte,
die durch das Gewicht der Anklage wie vernichtet war.
    Sie weinte nicht, sie klagte nicht. Sie hatte die Hnde gefaltet und sah
starr und regungslos in dumpfem Brten vor sich nieder. Julian neigte sich zu
ihr, zog sie an seine Brust und sagte: Hier findest Du Schutz! hierher zu mir
wende Dich und weine Dich aus. Sieh nicht so starr vor Dich nieder; was thut das
Geschwtz eines Elenden, wenn wir Alle an Dich glauben und Dein eigenes Gewissen
Dich freispricht! Richte Dich auf Therese, sei stark, wie ich Dich immer gekannt
habe. Sieh mich an und fhle, da ich bei Dir bin, da Dein Bruder bei Dir ist,
dem Du heilig bist, wie seine Ehre.
    Er hob ihren Kopf sanft empor und zwang sie, ihm in das Auge zu blicken;
aber trotz der milden Ruhe in seinen Worten trug sein Gesicht so deutlich die
Spuren der Erschtterung, da Therese, davon getroffen, weinend an seine Brust
sank. Er hielt sie lange fest umschlungen und gnnte ihr Zeit, sich innerlich
klar zu machen, was ihr geschehen sei, whrend er selbst sich gewaltsam zu
sammeln strebte und mit sich zu Rathe ging ber Das, was er in diesem Falle
zunchst zu thun habe.
    Theresen's erste Worte, nachdem sie ihres Schreckens Herr geworden, galten
Alfred. Was wird er sagen? Wie wird er mich bedauern, wie tief wird es ihn
selbst verletzen! rief sie aus. Wenn Du mich liebst, Julian, eile zu ihm, sage
ihm, da ich ruhig bin - nein! nein! unterbrach sie sich selbst, das ist eine
Lge, ruhig kann ich darber nicht werden. Wenn ich denke die Eltern htten das
erlebt an ihrer einzigen Tochter! und Du, Julian, da Du beschimpft wirst durch
mich, o das ertrage ich nicht!
    Ein neuer Thrnenstrom erstickte ihre Stimme. Der Bruder hielt noch immer
ihre Hand in der seinen; zuletzt drckte er sie herzlich und sagte: Glaubst Du,
da ich mein Haupt weniger frei erheben werde, weil ein Elender darnach zu
zielen wagt? Wohl Dir und mir, da seine Waffe uns nicht verwunden kann! Dein
Leben ist ohne jeden Fehl! Wo wre die innere Kraft vernnftiger
Selbstschtzung, wenn sie uns in solchem Augenblicke verliee? Wenn wir nicht
den Muth htten, uns ber eine elende Schmhung zu erheben? Richte Dich
innerlich empor Therese, sei getrost, damit ich die Ruhe gewinne, der Auenwelt
die Stirne zu bieten. Sehe ich Dich nur mit Dir selber einig, so wird alles
Andere sich leicht zurechtlegen lassen.
    O, vergib mir, Bruder, vergib mir! rief Therese noch immer in heftiger
Bewegung. Htte ich Dir gefolgt, htte ich Alfred nicht wiedergesehen, so wre
das Alles nicht gekommen. Zrne mir nicht, Julian!
    Ich sollte Dir zrnen, weil Du schuldlos leidest? Wollte der Himmel, ich
htte Dir jeden Kummer ersparen, Dich so glcklich machen knnen, als ich es
wnschte, als Du es verdienst, mein armes Mdchen! mein Kind und meine
Schwester! sagte der Prsident, whrend sein Auge von Thrnen glnzte.
    Therese kte ihm inbrnstig die Hnde und rief: Ich will Alfred nicht
wiedersehen, wenn Du es verlangst.
    Darber wollen wir noch nichts entscheiden, antwortete Julian, ehe ich ihn
selbst gesprochen habe. Da wir uns innerlich frei fhlen und ruhig sein knnen,
darf uns nicht abhalten, uns gegen die Pfeile zu schtzen, die der ble Wille
von Fremden auf Dich schleudern knnte. Ich ahne, von welcher Seite die
Schmhung kam; es knnten ihr neue Angriffe folgen und die Ehre einer Frau mu
durch keinen Verdacht angetastet werden; eine Frau mu auch den Schein eines
Tadels zu vermeiden suchen. Wie wir Dir am sichersten Schutz gewhren, das kann
ich nur mit Alfred gemeinsam berathen, zu dem ich eilen will, um ihn vor
leidenschaftlichen Entschlssen zu bewahren. Sie drften seinem Charakter wohl
zunchst liegen und wrden das Uebel rger machen. Lebe wohl, Schwester! sagte
er, sie umarmend, und mache, da ich Dich ruhig wiederfinde, denn besonnener
Ueberlegung bedrfen wir heute.
    Er entfernte sich und langte bald darauf bei Alfred an, dem er schon an der
Thre seines Hauses begegnete. Ich wollte zu Dir kommen, sagte Alfred, ich mu
Dich sprechen.
    So la uns hineingehen, antwortete Julian mit einer Gelassenheit, die sehr
gegen die Aufregung seines Freundes abstach.
    In dem Arbeitszimmer seines Freundes angelangt legte der Prsident Mantel
und Hut von sich, setzte sich ruhig nieder und sagte, die Zeitung in die Hand
nehmend, die vor ihm auf dem Tische lag: So weit Du es auch schon?
    Meine Frau war bei mir, heute in aller Frhe, rief Alfred, gerade in dem
Augenblick, in dem ich das hllische Machwerk las, das die reinste, edelste
Seele beschimpfen sollte. Das ist der Schlag, vor dem mich Fernow warnte, den
der elende Kaplan beabsichtigt hat. Sie haben es klug ersonnen, da Caroline
gerade heute kommen mute, um sich an der Wirkung ihrer List zu weiden; aber ich
danke es ihnen, denn sie geben mir die Freiheit wieder, indem sie mir neue
Pflichten auferlegen und die alten Bande zerstren. Wte ich nicht, wie hart
Therese von der Unwrdigkeit getroffen sein wird, so knnte ich Jenen danken fr
die Art, in welcher sie mich vorwrts treiben.
    Lasse das, sagte der Prsident, Du bist in einer Aufregung, die nicht
geeignet ist fr die Besprechung, die ich wnsche. Ich kam zu Dir -
    Nein! hre mich, la mich erst sprechen! rief Alfred. Du weit es, da ich
Therese liebe, da ich sie schon in frher Jugend geliebt habe, da der Wunsch,
sie zu besitzen, mir die Fesseln doppelt unertrglich machte, die ich zu
zerbrechen wnschte, ehe ich noch Therese wiedergesehen hatte, und in denen ich
dennoch blieb, weil ich es fr Pflicht hielt. Ich war nicht glcklich, ich
wute, Therese knne es nicht sein, denn eine unwiderlegliche Gewiheit in
meiner Seele sagt mir, da sie mich liebt. Aber ich wute sie geschtzt und
geborgen an Deiner Seite, sie bedurfte meiner nicht und ich wollte mich darein
finden, sie ein Scheindasein fhren zu sehen, wie es das meine war. Nun tritt
Caroline gegen sie auf und der elende Ruhberg lehrt sie die Waffen whlen, die
am tiefsten verwunden. Sie stellen Therese der blen Nachrede, dem falschen
Urtheil preis, sie beschimpfen das reinste Verhltni, das reinste Herz, die
Frau, die ich liebe. Damit legen sie mir die heilige Pflicht auf, Theresen's
Ehre zu retten, damit geben sie mir meine Freiheit wieder. Ich wollte zu Dir
kommen, um noch in dieser Stunde die Hand Deiner Schwester von Dir zu fordern.
Noch heute bergebe ich die Scheidungsklage dem Gerichte und sobald ich frei
bin, wird Therese mein.
    Er hielt inne und der Prsident sagte in seinem khlsten Tone: Und die Leute
ersehen daraus, da jene Nachricht die volle Wahrheit enthielt, da es wirklich
meine Schwester ist, die Dich zu der Scheidung veranlat hat.
    Alfred war berrascht. In der groen Aufregung, in der Besorgni fr die
Geliebte hatte er nur daran gedacht, ihr und sich selbst genug zu thun, und das
Urtheil der Menge gar nicht in Betracht gezogen.
    So beschtzest Du Therese nicht, mein Freund! sagte der Prsident, so gibst
Du sie vielmehr dem Tadel absichtlich anheim, thust, wozu Deine Neigung Dich
fhrt, und versumst, was Du bisher sehr richtig als Deine Pflicht erkannt hast
und was auch thatschlich noch heute Deine Pflicht ist.
    Meine Pflicht ist allein, Theresen's Krnkung zu vergten, den Menschen zu
zeigen, wie schuldlos sie an dem Vorwurfe ist, den man ihr macht, rief Alfred.
    Der Meinung bin ich selbst, entgegnete der Prsident, darum verlange ich,
da Du Dich mit Deiner Frau vereinigst und -
    Unmglich! das kann nicht sein! unterbrach ihn Alfred; verlange, was Du
willst, nur das Eine fordre nicht.
    Es gibt keinen andern Ausweg, es ist das Einzige, was Du fr Therese thun
kannst, sagte der Prsident sehr ernst, eben darum fordre ich es auch von Dir,
und werde weder an Deine Freundschaft fr mich, noch an Deine Liebe fr Therese
glauben, wenn Du Dich weigerst, das Opfer zu bringen.
    Alfred ging, wie es bei heftiger Gemthsbewegung seine Art war, mit
schnellen Schritten im Zimmer umher. Hast Du Caroline gesprochen? fragte der
Prsident.
    Nein! ich habe ihr sagen lassen, ich wolle und wrde sie nicht sehen.
    Und dann? fragte Julian.
    Dann ist sie in das Hotel zurckgekehrt, in dem sie gestern abgestiegen ist,
wie sie dem Diener sagte. Aber was soll die Frage?
    Dich veranlassen, Deine Frau aufzusuchen und sie in Dein Haus zu fhren.
Folge mir, Alfred, bat er dringend, gib mir nach, denn ich bin ruhiger als Du.
Nimm Caroline nachsichtig auf, Du rettest Theresen's Ehre damit, Du vernichtest
Ruhberg's Plane, der Dich mit Gewalt aus Deinem Eigenthume vertreiben, die
Erziehung Deines Sohnes, das Wohl Deiner Gutsinsassen in seine Hnde bekommen
mchte. Kannst Du da noch schwanken?
    Du zeigst nur eine Seite der Medaille, sagte Alfred; das Elend, die Lge und
das Leid der Kehrseite hltst Du wohlweislich verborgen. Ich soll dem falschen
Urtheil der Menge genugthun und mich selbst verachten mssen, wenn ich in den
unwrdigsten Ketten liege. Was kmmert uns das sinnlose Urtheil der thrichten
Welt, wenn Therese und ich endlich das Glck erreichen, das wir erstreben!
    Du schiltst die Welt thricht und ihr Urtheil sinnlos, jetzt, wo Du es gegen
Dich zu haben frchtest. Als es Dich den Liebling des Volkes nannte, als es
Deine Dichtungen bewunderte und Dich wegen der vortrefflichen Einrichtungen auf
Deinen Gtern pries, hast du es hochgeschtzt und anders darber gedacht. Der
heutige Tag wird vergehen, mein Freund, Jahre werden sich ber die Leiden dieser
Zeit hinwlzen, Du wirst ruhig geworden sein ber Das, was Dich jetzt bewegt.
Gegen das Urtheil der Menschen wird eine Natur wie die Deine nie gleichgltig
werden. Ihr Lob, ihre Bewunderung werden Dich freuen, ihr Tadel Dich schmerzen
wie heut; und hegtest Du keine Achtung vor der Reinheit Deines eigenen Namens,
so fordere ich, da Du sie vor dem fleckenlosen Rufe meiner Schwester habest,
den ich zu schtzen verlange.
    Alfred gab sich nicht fr berwunden. Er versuchte vielmehr den Prsidenten
fr seine Ansicht zu gewinnen. Er malte ihm in grellen Farben die Zukunft aus,
der er ihn berantworten wolle, er erinnerte ihn an ihre Unterhaltung ber das
Unglck einer Ehe, die in sich zerfallen sei, bestritt, da der gute Zweck
Julian's das Mittel heilige. Umsonst! der Prsident beharrte bei seiner
Erklrung und wute fr seine Forderung so entscheidende Grnde anzufhren, da
Alfred endlich ausrief: Uns Beide bewegen zu verschiedene Wnsche, wir sind
Beide Partei, unser Urtheil ist befangen. La uns zu Therese gehen; sie mag
entscheiden, und was sie von mir fordert, das kann, das werde ich thun.
    Mit diesem Vorschlage erklrte Julian sich zufrieden und die Freunde machten
sich auf den Weg nach der Wohnung des Prsidenten, in der sich inzwischen neue
Verwicklungen vorbereitet hatten.
    Kaum war nmlich der Prsident von der Schwester hinweggegangen, als der
Diener ihr eine Dame meldete, die ihren Namen nicht nennen wolle, sie aber
dringend zu sprechen verlange. Therese, unfhig, in ihrer Stimmung eine Fremde
zu empfangen, befahl dem Diener, die Dame um Wiederkehr zu einer andern Stunde
zu ersuchen. Trotz dieser ablehnenden Antwort ffnete sich bald darauf die
Thre, eine Frau trat heftig herein und sagte: Um Vergebung, wenn ich Sie stre,
mein Frulein, und gegen Ihre Erlaubni mich bei Ihnen einfhre. Ich bin
genthigt, Sie aufzusuchen, da mein Mann, vermuthlich aus Rcksicht fr Sie,
mich nicht sprechen will. Ich bin die Frau Ihres Freundes, des Herrn von
Reichenbach.
    Therese war keines Wortes mchtig. Carolinen's unerwartetes gewaltsames
Erscheinen, die Art, in welcher sie gegen sie auftrat, nahmen ihr jede Fassung,
und es konnten auch kaum zwei verschiedenere Frauen gedacht werden, als diese
beiden, die sich jetzt zum ersten Male im Leben einander gegenber standen. Die
unschnen, bleichen Zge Theresen's, aus denen jedoch die Wrde einer edlen
Seele, die Ruhe wahrer Weiblichkeit sprachen, selbst ihre schlichte Kleidung,
bildeten einen groen Gegensatz gegen Frau von Reichenbach, die vor Zorn
erglhend, in leidenschaftlicher Unruhe, fast erlag unter der Last ihres
berladenen Anzugs. Beide hatten wohl ein anderes Bild von einander gehabt und
sahen sich einen Moment befremdet an. Da Alfred diese Frau nicht lieben, da er
von ihr nicht verstanden werden konnte, fhlte Therese deutlich und sie beklagte
ihn von Herzen, whrend Caroline sich fragte: Wie kann Alfred mir, eben mir
dieses bleiche, nicht schne Mdchen vorziehen? Was kann ihn an sie fesseln? und
sollte es mir nicht gelingen, ihn zu mir zurckzufhren, wenn er uns neben
einander she? Ein Gefhl von Triumph erhob sich in ihrer Brust, trotz der
Verlegenheit, die immer mehr Herrschaft ber sie gewann, so da sie keine Worte
fr Das zu finden wute, was sie seit lange beschlossen hatte, der verhaten
Nebenbuhlerin zu sagen.
    Endlich war es diese, die sich berwand. Was verschafft mir die Ehre, Sie zu
sehen, gndige Frau? Ich will nicht glauben, da Sie herkamen, sich an meiner
Krnkung zu erfreuen! sagte sie so ruhig als sie es vermochte.
    Ihre Krnkung! rief Caroline, und wodurch sind Sie gekrnkt? Ich verstehe
Sie nicht.
    Therese reichte ihr statt der Antwort das verhngnivolle Blatt. Frau von
Reichenbach durchlas es und sagte mit einem bsen Aufwerfen der Lippen: Ist es
meine Schuld, wenn ein Gercht, das in unserer Gegend allgemein verbreitet ist
und an das ich leider selber glauben mu, den Weg in die Zeitungen findet, da
mein Mann leider zu denen gehrt, die sich als ffentliche Charaktere derlei
auch gelegentlich gefallen lassen mssen.
    Die Worte mein Mann von Carolinen's Lippen ausgesprochen durchzuckten
Therese wie ein Dolchsto und wider ihren Willen schlug sie die Augen zu Boden,
als Caroline heftig ausrief: Sie sagen, da Sie leiden! und was habe ich anders
gethan, als gelitten, seit vielen Jahren und immer nur und ganz allein durch
Sie! Ich hatte einen Brutigam, der mich anbetete, von dem ich das hchste Glck
erwartete. Da traten Sie dazwischen und raubten mir seine Liebe. Das Andenken an
Sie hat mir sein Herz entfremdet, unsere Ehe unglcklich gemacht. Ich war die
Klte meines Mannes endlich gewohnt worden, ich fing an Ersatz in meinem Sohne
zu finden und gab mich endlich darein. Da treten Sie zum zweiten Male zwischen
meinen Mann und mich, da verbannen Sie mich aus seiner Nhe und trennen mich von
ihm und meinem Kinde. Kennen Sie eine Einsamkeit wie die, in der ich gelebt habe
die ganze Zeit hindurch? Ein edler, verstndiger Freund rth mir, Alfred noch
einmal zur Vershnung zu berreden. Auf seine Veranlassung fahre ich hierher.
Ich treffe am Abende hier ein, aber ich wage nicht das Haus meines Mannes, mein
Haus, als das meine zu betrachten, ich mu ein Zimmer in einem Htel beziehen.
Ich bin an demselben Orte mit meinem Manne und meinem Sohne und ich soll Beide
nicht sehen. Mein Mann weiset mich von sich und verweigert mir meinen Sohn, weil
er Sie liebt. Die Leiden, die Sie mir verursachen, sind in der That grer, als
der Verdru, den Sie ber den Bericht empfinden knnen, den ich jetzt bei Ihnen
zum ersten Male sehe.
    Sie htte noch lange fortfahren knnen zu sprechen, ohne von Therese
unterbrochen zu werden. Der Gedanke, da man ihrem Verhltni zu Alfred eine
falsche Deutung geben knne, war ihr bis zu diesem Tage nie gekommen. Die
heimliche Anklage der Zeitung, Carolinen's Vorwrfe fielen wie ein grelles Licht
in ihre Seele und zeigten ihr ihr eignes Bild in vllig vernderter Gestalt.
Gromthig, wie ihre Natur es war, verga sie, da es die blen Eigenschaften
Carolinen's waren, welche Alfred von dieser entfernt hatten. Nur das Gefhl, sie
erstrebe die Liebe, sie besitze das Herz eines Mannes, der einer Andern Treue
geschworen habe, sie stehe trennend zwischen den Eheleuten, war in ihr rege. Sie
fhlte sich tief erniedrigt und beschmt und ihre Thrnen strmten unaufhaltsam.
    Diese unverkennbare Bewegung ihrer Nebenbuhlerin stimmte Frau von
Reichenbach allmlig milder. Sie hatte erwartet, eine Frau in Therese zu finden,
die, stolz in ihrem Glcke, den Anforderungen Hohn sprechen wrde, welche sie zu
machen gekommen war. Theresen's leidendes Aussehen, ihr Schmerz, den Caroline
fr Reue hielt, shnten sie gewissermaen mit ihr aus und gaben ihr Hoffnung.
Sie fate die Hand der Weinenden und sagte nicht ohne eigene Rhrung: Mein Mann
hat Sie mir so oft als gut und edel geschildert, mein Frulein! Zeigen Sie mir,
da Sie es sind. Geben Sie ihn frei! Ich will nicht leugnen, ich trage einen
Theil der Schuld, die unsere Ehe verdarb; aber sind Sie denn fehlerlos? Ich
liebe meinen Mann, ich habe empfinden lernen, wie er mir fehlen wrde berall,
da ich nicht glcklich sein kann ohne ihn, und er ist meines Sohnes Vater.
Geben Sie ihn frei!
    Wollte Gott, ich knnte das! sagte Therese leise.
    Sie knnen es! rief Caroline. Nehmen Sie ihm nur die Hoffnung, sagen Sie ihm
nur, da Sie ihn nie heirathen wrden, und er wird zu mir zurckkehren. Ich
lugne es Ihnen nicht, ich beklage Sie! Ich will glauben, da Sie ihn lieben,
aber was ist Ihre Liebe gegen die Rechte einer Frau? Was ist ein solches
Verhltni wie das Ihre gegen eine Ehe? Was sind Ihre Ansprche gegen die
meinen? Sie opfern einen Liebhaber, der Sie nicht lieben darf, der eine schwere
Snde damit begeht an Frau und Kind: und ich soll meinen Mann und mein Kind
zugleich verlieren? Nimmermehr! aber freilich Sie wissen nicht, was Mutterliebe
ist! Sie wissen nicht, was Sie an mir verbrechen!
    Vor der unedlen Ausdrucksweise zog sich das Herz der armen Therese kalt
zusammen, wie von einer eisigen Hand berhrt. Da eine Frau wie diese ihr solche
Vorstellungen machen durfte, da sie dieselben nicht als ganz grundlos von sich
zu weisen vermochte, das erniedrigte sie in ihren eignen Augen. Sie fhlte an
dem Schmerz, der sie durchwhlte, wie wenig sie seit lange an eine Trennung von
Alfred gedacht, wie sehr sie ihn als zu sich gehrend betrachtet, wie sie sich
betrogen hatte mit dem Glauben, Alfred's Freundschaft genge ihr und sie werde
niemals mehr verlangen. Worauf sie gehofft, was sie erwartet und ersehnt, ward
ihr jetzt unabweisklich klar und Alfred's Ausspruch stand pltzlich wie mit
flammenden Schriftzgen vor ihrem innern Auge: Wahre Liebe strebt nach
gnzlicher Vereinigung! Ja! so war es! Sie liebte Alfred, sie wnschte und
verlangte die Seine zu werden; sie liebte einen Mann, der durch Bande, die er
selbst nicht zu lsen wagte, gefesselt war; und sie hatte sich bis jetzt fr
schuldlos gehalten, whrend sie eine Snde in sich nhrte und diese Snde als
Tugend an sich bewunderte.
    Mit hoher Selbstberwindung und mit dem Tone der Wahrheit sprach sie,
nachdem sie lange schweigend mit sich gerungen: Es soll anders werden, Frau von
Reichenbach! ich will versuchen, Sie mit mir auszushnen. Ich will versuchen,
Sie zufrieden zu stellen. Was ich kann, werde ich thun, Ihnen den huslichen
Frieden wiederzugeben, ohne Rcksicht auf mich; aber haben Sie Mitleid, haben
Sie Nachsicht mit mir und berlassen Sie mich diesen Augenblick mir selbst. Ich
ertrage es nicht lnger; Ihre Gegenwart drckt mich zu Boden.
    Caroline stand auf und betrachtete Therese verwundert: Ist das die Wahrheit
oder ist es nur der Wunsch, mich zu entfernen, der Sie zu den Versprechungen
veranlat? fragte sie.
    Der niedrige Verdacht erhob Therese und ruhig antwortete sie: Ich habe
Niemand getuscht im Leben, als mich selbst. Was daraus erwchst an Leid und
Schmerz, werde ich ertragen und mich nicht schonen aus selbstschtiger Schwche.
Ich konnte irren, aber ich beharre nicht im Irrthum, wenn ich ihn erkannt habe
als solchen. Glauben Sie mir das und leben Sie wohl.
    Und woran werde ich wissen, da Sie Ihren Vorsatz ausfhren?
    Sie sollen noch heute den Beweis davon erhalten, wenn es in meiner Macht
steht, entgegnete Therese, whrend sie Caroline begleitete, die sich entfernte.
    In vlliger Erschpfung fiel sie in den Sessel, der ihr zunchst stand; sie
wollte einen Plan fassen, ihre Gedanken ordnen, aber eine Stumpfheit ihrer
geistigen und krperlichen Krfte hinderte sie daran. Sie htte es fr eine
Gnade des Himmels gehalten, wenn eine Ohnmacht ihr auch nur fr wenige
Augenblicke das Bewutsein des Elends genommen htte, das ber sie
hereingebrochen war und gegen das anzukmpfen ihr die Kraft fehlte. Sie fhlte,
da sie einen Entschlu fassen msse, um sich jene Achtung vor sich selbst zu
erhalten, die im Stande ist, uns ber das schwerste Leid hinwegzutragen. Es war
ihr als msse sie beten um Kraft, aber die Stimme der Vernunft in ihr fragte:
Warum beten um Etwas, das die Natur dir gegeben hat? Warum Hlfe erwarten, wo du
sie dir selbst gewhren kannst? Du mut wollen und du wirst knnen.
    Und der starke Wille, das Rechte zu thun, trug auch jetzt den Sieg ber die
Schwche davon. Sie richtete sich empor und berlegte, wie sie Dasjenige am
besten erreichen knne, was sie fr ihre Pflicht hielt, als Alfred selber sich
bei ihr melden lie. Er hatte den Prsidenten gebeten, ihn mit Therese allein zu
lassen und nicht durch seinen Einflu das Urtheil der Schwester zu bestimmen.
    O gut, da Sie kommen! rief sie ihm entgegen: gut, da ich Sie sehe!
    Pltzlich stockte sie. Was hatte sie denn eigentlich im Sinne? Sie wollte
Alfred bitten, zu seiner Frau zurckzukehren, sie wollte ihm sagen, da sie ihre
gegenseitige Neigung, ihr Verhltni fr ein strafbares halte; aber das hiee
ihm ja eingestehen, da sie ihn liebe, da sie auf die Zukunft unbewut
Hoffnungen gebaut habe, vor denen sie jetzt errthete. So gedemthigt, wie sie
sich vor Caroline gefhlt hatte, so beschmt stand sie vor Alfred, als dieser,
ihr Schweigen benutzend, ihr in raschen beredten Worten nochmals seine Liebe
gestand und sie beschwor, die Seine zu werden.
    Wir waren verblendet, Therese! sagte er, als wir uns strubten, dem Zuge zu
folgen, der unsere Seelen zu einander fhrt. Ich schuf mir eine Welt von
eingebildeten Pflichten, die ich schlecht erfllte, denn mein Herz erkannte sie
nicht an und hatte keinen Theil an ihnen. Wir haben entsagen wollen und haben
davon gelitten. Haben wir zu entsagen vermocht? Glht nicht die heftigste
Leidenschaft fr Sie in meiner Brust? Fhlen Sie nicht, trotz aller Kmpfe, da
Sie mich lieben? da wir nicht glcklich sein knnen ohne einander? da Sie mein
sind und mein bleiben mssen? da ich Sie nicht lassen kann und werde? Sprechen
Sie ein Wort, Therese, nur das eine Wort, und Sie geben mir Leben und Glck und
Ruhe wieder.
    Er hatte sich bei den letzten Worten zu ihr geneigt und schlo sie an seine
Brust. Das erweckte sie aus dem traumhaften Sinnen, mit dem sie auf seine Worte
gelauscht hatte. - Die Sprache seiner Liebe berwltigte ihr Herz, ein nie
gekanntes Glck erfllte sie, alle Vorstze, alle guten Entschlsse waren
vergessen. Vergessen waren Caroline und die Versprechungen, die sie ihr aus
vollster Ueberzeugung geleistet. Alfred war da, sie sah ihn wieder, er liebte
sie, er bot ihr seine Hand! Das Glck winkte ihr, nur ein Wort von ihrem Munde
und sie stand am Ziele ihrer heiesten Wnsche.
    Ihre Arme erhoben sich, den Geliebten zu umfangen, ihre Sehnsucht zog sie,
an seinem Herzen auszuruhen von ihren Leiden, aber hart und mchtig mahnend rief
die Stimme ihres Gewissens sie zurck und erbleichend machte sie sich aus seinen
Armen frei.
    Nicht um solche Worte zu hren, habe ich Sie zu sehen verlangt, sagte sie
seufzend und stockte aufs Neue; nicht dazu! wiederholte sie tiefaufathmend; und
freier und wrmer werdend, fgte sie hinzu: Ich habe Frau von Reichenbach
gesehen, sie war bei mir, sie verlangt, da ich ihre Frsprecherin bei Ihnen
werde.
    Unmglich! rief Alfred, sie htte es gewagt, sich Ihnen zu nhern, nach der
Beleidigung, die sie Ihnen angethan?
    Nein! unterbrach ihn Therese, nein! Sie irren! Ihre Frau ist nicht dabei im
Spiele, sie wute nichts von der Unwrdigkeit, sie war davon berrascht, sie ist
ihr vllig fremd. Aber - Ihre Frau bittet Sie um Vergebung, sie verlangt von
ihrer Gromuth Nachsicht. O, Sie wissen es nicht, wie es mir das Herz zerri,
eine Frau zu sehen, die ihren Gatten, ihren Sohn wiederfordert, von mir
wiederfordert, sagte sie errthend. Wie heilig klang mir der Name einer Gattin,
einer Mutter aus ihrem Munde! Ich fhlte, da diese Bande unauflslich sind, da
sie allein Achtung fordern, da sie Alles ausgleichen, Alles austilgen mssen,
da kein anderes Verhltni vor ihnen bestehen darf. Ich htte mein Herzblut
hingeben mgen, um Ihrer Frau genug zu thun, wenn ich allein es bin, die Sie von
ihr entfernt hat!
    Alfred lchelte mit bitterem Hohn. Wie tuscht Sie Ihr gromthiges Herz!
sagte er. Wie wenig kennen Sie diese Frau, wie wenig verdient sie das Opfer, das
Sie ihr bringen wollen!
    Sie mag gefehlt haben, Fehler haben, unterbrach ihn Therese, die durchaus
vollenden wollte, was sie fr ihre Pflicht hielt, aber sind wir frei von Schuld?
Sie will auf sich wachen. Alfred, haben Sie Erbarmen mit ihr und mit mir! - Sie
ist die Mutter Ihres Sohnes; wie wollen Sie sich an dem geliebten Kinde
erfreuen, ohne liebend der Frau zu denken, die es Ihnen geboren hat? - Sie
bieten mir Ihre Hand, Sie wollen Ihre Frau verstoen. Aber kann ich Ruhe finden
bei dem Bewutsein, da mein Glck auf den Trmmern Ihrer Ehe gegrndet wird und
da Ihre Frau der Stunde flucht, die uns verbindet? Lassen Sie uns das Beispiel
der Seelengre nachahmen, die Sie so oft und so begeistert geschildert haben,
lassen Sie uns entsagen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurck, geben Sie Ihrem Sohne
die Mutter, mir und sich die Achtung vor uns selbst wieder, nehmen Sie den Fluch
der Schuld von uns!
    Alfred hrte ihr lautlos zu. Was sie von ihm verlangte, was sie ihm als
Pflicht vorhielt, er beachtete es kaum. Da sie ihn liebe, hrte er allein in
ihren Worten; sie schien ihm schn und schner zu werden und nie zuvor hatte er
sie strker und zrtlicher geliebt, als in dem Augenblicke, da sie mit solcher
Selbstverleugnung, mit so edler Wrme zu ihm sprach.
    Noch einmal und immer wieder schilderte er ihr das Glck, das sie ihm
gewhren knne, das Leid seiner unglcklichen Ehe mit Caroline. Waren Sie ohne
Schuld daran, haben Sie die Nachsicht fr sie gehabt, die eine solche Frau von
Ihnen fordern durfte? Sie sind mit einem heimlichen Widerstreben die Ehe
eingegangen, hat dies Bewutsein Sie niemals ungerecht gegen Ihre Frau gemacht?
- Und wenn es wirklich wre, wie Ihre Frau behauptet, wenn es mein unseliges
Bild gewesen wre, welches strend zwischen Ihnen und Caroline gestanden htte,
wenn ich unbewut die Schuld trge an Ihrem Unglck, gnnen Sie mir den Trost,
vershnend zwischen Sie und Ihre Frau zu treten. Gnnen Sie mir die Hoffnung,
mein theurer, lieber Freund! da ich es bin, da die Achtung vor mir und vor
sich selbst es ist, die Sie zu Ihrer Frau zurckfhrt, die Ihrem Sohne die
Eltern wieder zusammenfhrt.
    Umsonst! ihre Bitten scheiterten an Alfred's Ueberzeugung, da er mit seiner
Frau nicht glcklich werden knne. Er verbarg der Geliebten die Ansichten ihres
Bruders nicht, aber dennoch forderte er die Erfllung seiner Wnsche, dennoch
beharrte er darauf, da er es nicht ertragen knne, in der Unwahrheit zu leben,
zu der die Vereinigung mit seiner Frau ihn zwinge.
    Glauben Sie nicht, Therese, sagte er, da die Ereignisse des heutigen Tages
mich zu meinen Handlungen bewegen. Schon lange fhle ich, da fr mich kein
Wirken und Schaffen mglich ist, da ich elend und muthlos werde, wenn ich mit
mir selbst nicht einig bin. Ich habe es versucht, mich zufriedenzustellen durch
die Erfllung meiner Pflicht; sie sollte mir Kraft und Ruhe geben, mich ber
Ihren Verlust zu trsten. Ich habe mich getuscht, sie konnte das nicht. Fhlen
Sie nicht, da dem Menschen ein unwiderstehliches Verlangen nach Glck, nach
Wahrheit innewohnt? Ich habe das Unrecht begangen, ein Mdchen zu meiner Frau zu
machen, die ich nicht mehr liebte. Ich habe in guter Absicht gefehlt und schwer
dafr gebt. Wollen Sie, da ich zum Unrecht das Verbrechen fge, in erkanntem
Unrecht zu beharren? Wollen Sie, da ich in den Armen meiner Frau mich nach
Ihnen sehne? Wollen Sie in dem falschen Glauben, ich knnte Sie vergessen, mich
zu einer Tiefe des Elends hinabstoen, von der Ihr reiner Blick sich schaudernd
abwenden wrde, wre ich hart genug, sie Ihnen zu enthllen? Das knnen Sie
nicht wollen, das willst Du nicht, Therese! oder Du hast mich nie geliebt. Wenn
Du fhltest wie ich, wenn nicht kalte Rcksichten auf das Urtheil der Fremden,
wenn nicht die Liebe fr Deinen Bruder mchtiger in Dir wren als die Liebe zu
mir, wie knntest Du zaudern, mein zu werden, wie knntest Du daran denken, mich
von Dir zu stoen, um mich mit einer Frau wie Caroline auf das Neue zu vereinen,
httest Du mich je geliebt.
    Da konnte sie sich nicht lnger berwinden. Und wen habe ich geliebt als
Dich, seit ich zu denken vermag? rief sie und warf sich in die Arme des
Geliebten, die sich ffneten sie zu empfangen, und ruhte weinend an seiner
Brust, whrend seine Ksse auf ihren Lippen brannten.
    Aber mitten in dem Entzcken des Augenblicks ri sie sich aus seinen Armen
los, und das Gesicht in den Hnden bergend, stie sie leise, wie man in
angstvollem Traume zu sich selber spricht, die Worte aus: Das ist Ehebruch, das
ist ein Verbrechen.
    Alfred lie sie erschttert los. Da warf sie sich vor ihm nieder, umfate
seine Knie und rief in leidenschaftlicher Erregung: Du sagst, Du liebst mich,
Alfred! o so rette mich vor dem Schicksal, das ber uns hereinbricht. Du bist
ein Mann, Du hast Muth, Du hast Kraft. Sei stark, berwinde mehr als die Welt,
rette mehr als das Leben - berwinde Dich, rette unsere Seelen vor Verbrechen
und Verzweiflung. Kehre zu Deiner Frau zurck, vergi diese unglckselige
Stunde, la Dein Beispiel mir vorleuchten, ich werde Dir folgen. Sei mehr als
ein Mensch, der unwillig vergibt. Sei Gott hnlich, vergib ihr, und beglcke!
Erhebe Caroline barmherzig bis zu Dir; vergib ihr, damit ich mir und Dir
vergeben darf, und wie zu dem Heiland, der mich erlst von Verdammni, will ich
zu Dir emporblicken und zu Dir beten aus der Ferne. Fhle, wie ich Dich liebe,
Alfred, wie ich Dir vertraue, wenn ich freudig und getrost ein solches Opfer von
Dir fordere, wenn ich Dir die Kraft zutraue, es freudig mir und Deiner Pflicht
zu bringen.
    Er hob sie auf, Thrnen entstrmten seinen Augen und mit tiefer Traurigkeit
sagte er still und ernst zu ihr: Du weit nicht was Du bittest, nicht was Du von
mir forderst; aber es sei, wie Du es willst! Gott gebe, da wir diese Stunde nie
bereuen. Ich gehe zu meiner Frau.
    Langsam schritt er der Thre zu und verlie das Haus, ohne Julian gesehen zu
haben. Als dieser endlich in das Zimmer seiner Schwester trat, nachdem er lange
vergebens die Rckkehr des Freundes erwartet, lag sie matt und keines Wortes
mchtig in dem Sessel, der zunchst der Thre stand. Es war zu viel gewesen fr
ihre Kraft.

                                       X


Zum zweiten Male hatte sich Alfred gegen seine Neigung mit seiner Frau
vereinigt. Noch an dem Abend des Tages, an dem jene Ereignisse stattgefunden,
die wir geschildert, hatte er Caroline in sein Haus gefhrt und nach einer
erschtternden Scene zwischen den Gatten war eine Ausshnung zu Stande gekommen.
    Ermdet von dem Kampfe mit sich selbst, berlie er die Bestimmung der
ueren Verhltnisse dem Prsidenten und seiner Frau. Diese hatte Neigung, auf
das Land zurckzukehren, aber Julian widerrieth es ihr. Er frchtete, wenn die
Eheleute nach den Vorgngen der letzten Zeit sich allein, in der Stille des
Landlebens gegenberstnden, wrde das Andenken an die schmerzliche
Vergangenheit zu mchtig sprechen und zu laut gehrt werden. Es schien ihm
wnschenswerth, da ein gesellig und geistig angeregtes Leben ihnen ber ihre
miliche Lage forthelfe, und beide Gatten erklrten sich bereit, in der Stadt zu
bleiben, da ohnehin nichts schlagender dem gegen Therese verbreiteten Verdachte
widersprechen konnte, als ein gutes Einverstndni der Eheleute und der beiden
Familien untereinander.
    Die Aufregung, die Gemthsbewegungen, die Alfred empfunden, tnten in den
ersten Tagen seines neuen Beisammenseins mit Carolinen lebhaft in ihm nach; aber
edle Naturen haben eine solche Opferfreudigkeit, da sie sich in vielen Fllen
ber sich und ihre Kraft, ja selbst ber die Gre ihres Opfers tuschen. Je
schwerer es ist, je mehr sie darunter leiden, um so mehr erhebt sie das
Bewutsein der Liebe oder der Ueberzeugung, aus der sie es dargebracht haben, um
so fester hngen sie an Demjenigen, fr den es gebracht ward. So empfand es
Alfred, der in sich die Gewiheit trug, ein zerstrtes eheliches Verhltni,
zerstrt durch gnzliche Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, knne nie
zu einem beglckenden Bande werden. Er wute, da er nicht glcklich sein wrde,
und seine ganze Hoffnung war darauf gerichtet, der von ihm geliebten Freundin
die verlorene Ruhe wiederzugeben, und, ungestrt durch Carolinen's Nhe, sich
selbst und seinen Arbeiten zu leben.
    Er ersuchte seine Frau, sich ganz nach ihren Wnschen in der Stadt
einzurichten, er stellte ihr mit verschwenderischer Zuvorkommenheit bedeutende
Summen zur Verfgung, und that Alles, sie uerlich zufriedenzustellen. Er
wollte ihr gewhren, was er ihr gewhren konnte, um sie dafr zu entschdigen,
da er ihr kein Herz zu bieten vermochte.
    Aber diesen Mangel empfand Caroline zum Glck nicht mehr so tief. Sie war
seit Jahren daran gewhnt, da ihr Mann ein in sich abgeschlossenes Dasein
fhrte. Auer bei den gemeinsamen Mahlzeiten, bei einer Spazierfahrt oder einem
Besuche hatten sie sich auch frher oft Tage hindurch nicht gesehen. So blieb es
auch jetzt und Caroline war zufrieden, um so mehr als sie die Zerstreuungen der
Residenz liebte, sie lange entbehrt hatte und nun eine reiche Unterhaltung in
ihnen fand.
    Nicht so war es mit ihrem Gatten. Wenn er einsam trumend in seinem Zimmer
sa, strte ihn die unruhige Geschftigkeit seiner Frau, die bald diese, bald
jene Anordnung zu machen hatte und laut sprechend oder scheltend ihre Befehle
gab, weil ihr, wie den meisten ungebildeten Menschen Ruhe, sowohl krperliche
als geistige, kein Bedrfni, laute Thtigkeit vielmehr ein Labsal war. Sie
empfand und kannte das Glck nicht, durch keine uere Bewegung, durch kein
Gerusch gestrt, den Geist ausruhen zu lassen in der Betrachtung seiner selbst,
die Gedanken zurckkehren zu lassen in die stillen Tiefen der eigenen Seele, in
ihr geheimnivolles Geburtsland, um sie dann erstarkt der Auenwelt und dem
Leben wieder zuwenden zu knnen. Sie wollte wie Menschen von niedriger Stufe der
Entwicklung, wie die Kinder, von Auen her angeregt und beschftigt werden. Sie
mute gehen, schaffen, sprechen und arbeiten, obschon eine zahlreiche
Dienerschaft sie solcher Nothwendigkeit enthob. Versagte der Krper endlich
einmal den Dienst, war sie gezwungen, still und unthtig auf derselben Stelle zu
bleiben, so mute sie ihre Hnde wenigstens beschftigen und jedes Bndchen,
jede Kleinigkeit, die ihr dann zunchst lag, ward ihr zu willkommenem Spiele.
    Sie kannte keine Ruhe und eben deshalb hielt sie sich fr fleiig und fr
thtig. Ihre klappernden Schlssel, ihr bestndiges Kommen, Gehen, Befehlen, die
unruhige Hast, mit der sie arbeitete, hatten Alfred von jeher belstigt. Jetzt,
wo er sich an die gleichmige Ruhe in Theresen's Nhe gewhnt hatte, machte die
Weise seiner Frau ihn so ungeduldig, da er es kaum zu verbergen, kaum zu
ertragen wute.
    Er hatte sich es gelobt, Caroline milder zu beurtheilen, sie zufrieden zu
stellen. Jetzt sah er sie heiter, zu jedem Lebensgenusse gestimmt, und es that
ihm wehe, da sie so leicht zu befriedigen war, da sie glcklich sein konnte
ohne Liebe. Er wrde Mitleid mit ihr gefhlt, dies Mitleid wrde ihn zu ihr
gezogen haben, sagte er sich, wenn sie empfunden htte, wie ganz ihr sein Herz
verschlossen war. Da sie es nicht fhlte, da sie ihn mit Zrtlichkeiten
berhufte, wenn irgend eine ihrer kostspieligen Launen befriedigt war, mit
Zrtlichkeiten, die er weder verlangte noch theilte, das verletzte ihn auf das
Aeuerste und machte sie ihm widerwrtig.
    Verstimmt und innerlich widerstrebend, erfllte er ihr Verlangen, sie bei
den Besuchen, die sie zu machen hatte, bei den Lustbarkeiten, an denen sie Theil
zu nehmen wnschte, zu begleiten. Da sie nicht an die Erschtterungen dachte,
die er erlitten, da sie selbst nichts davon empfand, schien ihm unglaublich;
und wie unzart, wie rcksichtslos mute sie sein, wenn sie so wenig Schonung fr
seine Stimmung hatte, ihn zu Genssen zu berreden, die ihm augenblicklich
unmglich zusagen konnten.
    Er hatte auf des Prsidenten Bitte, der ihn hufig besuchte, Therese noch
nicht wiedergesehen, und Julian hatte ihm nur wenig von der Schwester
gesprochen. So oft er in eine Gesellschaft trat, frchtete er ihr zu begegnen,
und wenn er sie nicht fand, seufzte er ber die getuschte Erwartung. Die
blendend hellen Rume des Theaters, die berfllten Gesellschaftssle konnten
ihn nicht zerstreuen, und bei dem nchsten Anla gestand er seiner Frau, da er
sich zu Vergngungen nicht aufgelegt fhle, da er sich bei seiner Arbeit und in
seinem Hause wohler fhle. Er schlug ihr freundlich vor, den Abend mit ihm
allein zuzubringen, und sie erklrte sich dazu bereit, aber mit einer so
schlecht verhehlten Verdrielichkeit, da er seine Bitte schnell bereute. Sie
blieb den ganzen Tag hindurch in bler Laune, sie schalt die Dienstboten, jede
Bewegung, jede Miene des Sohnes gaben ihr Anla zu Tadel, jede Aeuerung ihres
Mannes einen Grund zum Widerspruch. Endlich am Abend schien der Sturm
besnftigt. Es ward ruhiger im Hause und Alfred verfgte sich in Carolinen's
Zimmer, die eifrig strickend am Theetisch sa, whrend Felix unter Aufsicht
seines Lehrers in einer andern Stube mit den Arbeiten fr den kommenden Tag
beschftigt war.
    Ein paar Fragen seiner Frau, husliche Angelegenheiten betreffend, waren
bald beantwortet und Alfred griff mechanisch nach einem Buche, das vor ihnen
lag. Er schlug es auf, durchbltterte es, der Gegenstand fesselte ihn und er
wollte lesen; aber Carolinen's Stricknadeln hinderten ihn daran. Der kleine,
immer sich wiederholende Ton der gegeneinander schlagenden Nadeln war ihm
lstig. Tausendmal hatte er das seiner Frau gesagt und sie gebeten, die ganz
unnthige Arbeit, wenigstens in seiner Gegenwart, zu unterlassen. Sie aber
strickte gern und konnte, wie sie es nannte, nicht mig sein. Alfred's
Widerwille gegen das Strickzeug galt ihr als eine von seinen rthselhaften
Grillen, und sie strickte denn auch heute, wo sie nach lngerer Trennung zum
ersten Male wieder den Abend mit ihrem Manne allein beisammen war.
    So gut er konnte, kmpfte er die unangenehme Empfindung nieder, er wollte
sie gewhren lassen und sprach es nicht aus, wie ungeduldig sie ihn mache, inde
dabei zu lesen war ihm doch nicht mglich. Er legte das Buch aus den Hnden und
sagte, an das Gelesene denkend, halb zu sich selbst sprechend: Wie schn sind
diese Briefe Yorik's an Elise! welch innige Zrtlichkeit, welche Tiefe des
Gefhls ist in ihnen! So oft ich sie vornehme, erfreue ich mich an der
schlichten Darstellungsart dieser poetischen Schpfung auf's Neue.
    Findest Du das? entgegnete Caroline, mir kommen sie sehr langweilig vor. Ich
nahm sie heute mit, als ich das Ezimmer aufrumen lie, wo Du sie vergessen
haben mut, denn Deine Bcher liegen ja berall umher. Da habe ich beim Stricken
eine Weile darin gelesen, aber es geht ja gar nichts vor sich in dem Buche!
    Mu denn etwas geschehen in einer Dichtung, mu es groe Scenen,
Entfhrungen, mu es Mord und Todtschlag geben, damit sie uns anziehend wird?
Ist die Schnheit des Gedankens und der Empfindung nicht genug?
    Mord und Todtschlag braucht es nicht zu geben, aber Etwas mu doch
geschehen, antwortete Caroline, Liebe oder sonst Etwas mu doch in einem Buche
sein, die bloen Gedanken thun es doch nicht.
    Und was ist das anders als reinste, heiligste Liebe, rief Alfred lebhaft,
nahm das Buch und begann den neunten Brief an Elise zu lesen, den er vorher
angefangen hatte. Nach den ersten Seiten hielt er aber inne: Mchtest Du nicht
wenigstens das Strickzeug fortlegen, whrend ich lese? bat er.
    Caroline that es und er fuhr in dem Briefe fort; aber kaum hatte er noch ein
paar Zeilen gelesen, als er sie leise ghnen hrte. Endlich nahm sie ihr
Arbeitskrbchen zur Hand und fing darin etwas zu suchen an. Das strte Alfred,
doch lie er sich nicht unterbrechen und las weiter. Ich will meine Frau und
Tochter kommen lassen, hie es an der Stelle, die sollen Dich, um zu gesunden,
nach Montpellier, nach Bareges, nach Spaa fhren, oder wohin Du willst. Du
sollst es bestimmen und Ausflge machen, in welchen Winkel der Welt die
Phantasie Dich lockt. Wir wollen an den Gestaden des Arno fischen und uns in den
lieblichen Labyrinthen seiner Thler verlieren, meine Elisa!
    Caroline lachte laut auf. Nun! das wird fr die Frau und die Tochter auch
kein sonderliches Vergngen gewesen sein, rief sie aus, wenn der alte Seladon
und die sentimentale Elisa sich in den Labyrinthen verirren gegangen sind.
    Aber Caroline! wie ist Dir diese Aeuerung mglich! rief Alfred unwillig und
betroffen aus.
    Ich begreife nicht, was Dir daran auffllt! Du weit, fr Ueberspannung habe
ich keinen Sinn. Ich nenne die Dinge beim rechten Namen, und wenn ein
verheiratheter, alter Mann einer fremden Frau solche Briefe schreibt, das finde
ich unsittlich und emprend und diese Briefe sind langweilig trotz alledem. Ich
schlafe dabei ein, wenn ich nicht stricken soll.
    Alfred legte das Buch schweigend nieder. In demselben Augenblicke klapperten
auch schon wieder die verhaten Stricknadeln an sein Ohr und Caroline sagte: Du
magst es glauben oder nicht und magst es kleinbrgerlich nennen, aber gegen
einen guten gestrickten Strumpf kommt der beste gewebte englische nicht auf!
    So lasse welche stricken! man hat mir in diesen Tagen von einer Frau gesagt,
die mit ihren Tchtern dergleichen Arbeit wnscht! meinte Alfred, um sie zu
begtigen.
    Kennst Du die Frau? Sind die Tchter jung? fragte aber Caroline sofort mit
einem Tone des Verdachtes.
    Ich wei es nicht, ich habe sie nie gesehen. Der Prsident interessirt sich
fr sie und sie bedrfen, wie er sagte, dringend einer Untersttzung.
    Dann sind Mutter und Tchter hlich! rief Caroline lachend. Wren sie
hbsch, so sorgte der Prsident allein fr sie.
    Alfred zuckte verchtlich die Schultern und schwieg. Nach einer Weile warf
Caroline, die wieder einmal eine ihrer besonders unliebenswrdigen Launen hatte,
die Frage auf: Ich mchte wohl wissen, wie viel Frau von Barnfeld und die
Brand's jhrlich verausgaben?
    Alfred antwortete nicht darauf, und sie wiederholte die Frage mit dem
Zusatz: Warum antwortest Du mir nicht?
    Weil mir das sehr gleichgltig ist und weil ich es nicht mag, wenn Du Dich
in der Weise um fremde Angelegenheiten kmmerst. Es hat ja Jeder vollauf mit den
eigenen zu thun.
    Ich glaube nicht, da ich die meinigen vernachlssige! rief sie mit
gewohnter Empfindlichkeit. Der Vorwurf trifft mich nicht.
    Wer denkt denn daran, Dir einen Vorwurf zu machen? entgegnete ihr Alfred.
    Es ist mglich, da die Brand weniger bedarf als ich, aber wie armselig ist
sie auch gekleidet! Freilich ist sie auch so verblht, da ihr die glnzendste
Toilette nicht helfen knnte, fuhr Caroline eifrig fort.
    Alfred stand auf und wollte sich entfernen, um seinem Zorne keine Worte zu
geben, als Felix hereinsprang. Er hatte Theresen's Namen gehrt, und als falle
ihm pltzlich Etwas ein, wendete er sich mit der Frage an den Vater: Warum gehen
wir denn nicht mehr zu Tante Therese, Vater? Es war ja immer so hbsch bei ihr
und ich bin ihr gut.
    Du auch? rief Caroline.
    Freilich! versicherte Felix. Sie wei ja so viel Geschichten von alten
Helden und von Elfen! la uns doch morgen hingehn! Aber denke Dir, Vater, wie
die Mutter drollig ist! Sie sagt, sie liebe Tante Therese nicht, und fragt immer
nach ihr, wenn wir allein sind. Immerfort soll ich erzhlen, was sie gesagt hat
und was sie gethan hat, und was Du thust, wenn wir bei ihr sind. Ob sie auch zu
uns herkommt! und heute hat sie mich zuletzt gefragt, ob Du Tante Therese
ktest. Du - die Tante! - Der Knabe lachte dazu, aber Alfred rief im Tone des
hchsten Zornes: das ist emprend! stand heftig auf und verlie das Zimmer.
Seine Frau folgte ihm erschrocken in seine Arbeitsstube nach. Sie versuchte,
sich zu entschuldigen, ein Miverstndni des Knaben vorzuschtzen. Er hrte auf
ihre Worte nicht, und als sie sich weinend an seine Brust lehnte, als sie ihn
kssen wollte, stie er zum erstenmale sie so unsanft von sich, da sie
zurcktaumelte. Die Falschheit wre schlimmer, rief er, wre strafbarer, als die
Ksse, die ich nach Deiner Meinung mit Therese gewechselt haben soll.
    Er lie sie stehen, nahm Hut und Mantel und schritt in die helle Winternacht
hinaus.
    Der Schnee knisterte unter seinen Futritten, als er die Strae hinabging.
Von beiden Seiten leuchtete Licht aus den Fenstern der Lden und Gasthuser. Es
war nur wenig Tage vor dem heiligen Abende und viel frhliches Leben und Treiben
in den Straen. Knaben mit brummenden Waldteufeln liefen umher; Mtter aus den
rmeren Klassen trugen ihre Kinder auf den Armen, die frhlich von den Wundern
des Weihnachtsmarktes erzhlten. Andere hatten sich mit Weihnachtsbumen und
einfachem Spielzeug beladen und guckten in die Fenster der Conditoreien hinein,
an deren Thren die Equipagen der reichen Familien hielten. Eben stieg ein
stattlicher Mann vor einer derselben aus dem Wagen. Er war Alfred nahe
befreundet und glcklich verheirathet. Behutsam hatte er seine Frau
herausgehoben und zhlte nun lachend die Kinder, welche der Diener ihm auf die
Treppe hinaufreichte, damit die kleinen Fe den kalten Boden nicht berhrten.
    Alfred blickte bewegt auf das heitere Bild. Er wollte dem Freunde ausweichen
und hllte sich, schnell vorberschreitend, tiefer in den Mantel. Aber der
Andere hatte ihn erkannt und rief ihm scherzend zu: Wohin so eilig und so allein
in der frhlichen Weihnachtszeit? Sie schmen sich wol vor mir, da Sie ohne
Frau und Kind umherlaufen? Sehen Sie da, ich habe alle Vier mit hergebracht und
war nahe daran, auf Verlangen meiner Frau, sogar die Wrterin mit dem Kleinsten
mitzunehmen. Die Weihnachtszeit gehrt der Familie an. Wo haben Sie die Ihrigen?
    Sie sind zu Hause.
    Und wo gehen Sie hin?
    Ich will mir Bewegung machen, sagte Alfred. Das Bild des lieblichen
Familienlebens that ihm wehe und er suchte zu entkommen, mit der Bemerkung, da
es zu kalt fr die Kleinen sei, und da er sie nicht aufhalten wolle.
    Schnell und immer schneller schritt er vorwrts, je trber die Gedanken in
seiner Brust sich entfalteten. Alles war heiter in dieser Zeit; der Aermste
suchte fr die Weihnacht, fr diesen Lichtblick in dem Familienleben der
Deutschen, Freude zu schaffen in dem Kreise der Seinen. Elternliebe fhrte die
Eheleute enger noch zusammen, aber er selbst hatte noch nicht an das Fest
gedacht, seit er wieder mit seiner Frau unter demselben Dache lebte.
    In dumpfem Mimuth waren seine Tage dahingegangen, ein trbes Weihnachtsfest
stand ihm in seinem Hause jetzt bevor. Wie anders hatte er es zu feiern gehofft,
wie hatte Therese es dem Knaben seit seiner Ankunft anmuthig zu schildern
gewut! Alfred selbst war zum Kinde geworden mit dem Kinde; wie ein Knabe hatte
er sich wieder auf das Fest gefreut. Mit sorgfltiger Liebe hatte er die
Geschenke gewhlt, die er fr Therese bestimmt! Nun lagen sie da, und Therese
sollte sie nicht sehen.
    So widerwrtig als an diesem Abend war ihm Caroline nie gewesen. Er hatte
sie nicht geliebt seit Jahren; heute verabscheute er sie. Er fragte sich, wie es
ihm mglich gewesen sei, sich gegen seine bessere Ueberzeugung wieder mit ihr zu
verbinden? Er klagte sich selbst unverzeihlicher Schwche an, er zrnte dem
Prsidenten und Theresen besonders. Tausend wilde Phantasien durchkreuzten sein
Gehirn. Er wollte, er mute frei werden.
    Was zwang ihn denn, in den unertrglichen Verhltnissen auszudauern?
Rcksichten auf seinen Sohn? Und wenn Felix strbe, ehe er die Frchte dieses
Opfers genossen htte?
    Schaudernd bebte er zusammen; denn der fluchenswerthe Gedanke zuckte in ihm
auf, da der Tod seines Sohnes ihn befreien, der Tod seines einzigen Kindes sein
Glck begrnden knne.
    Er war allein in den fernsten Gngen des Thiergartens, tiefe Stille und
Dunkelheit um ihn her. Der Wind hatte am Tage den Schnee von den Bumen
herabgeschttelt, gespenstisch zeichneten sich die dunkeln Stmme der Bume
gegen die weie Schneeflche des Erdreichs ab, und hoben ihre schwarzen, kahlen
Aeste wie schaurige Wahrzeichen zum Himmel empor. Nur dann und wann schwirrte
ein Vogel, langsam die breiten Flgel bewegend, an ihm vorber, sich auf einem
Baume das Nachtlager zu suchen. Ein leises Knistern der Zweige verrieth den Ort,
an dem er es gefunden, ein paar liegen gebliebene Schneeflckchen glitten unter
seiner Berhrung von den Bumen zur Erde herab, dann regte sich Nichts mehr.
Alfred war bange vor sich selbst, sein eignes Herz war ihm fremd und es graute
ihm vor sich selber. Er ging und ging - und endlich lste sich die Starrheit,
die ihn umfangen hielt.
    In dem heiligen Schweigen, in der Ruhe der Natur fing er sich zu beruhigen,
sich wieder zu sammeln an. Sein Leid lste sich in Thrnen auf, der Sturm der
Leidenschaft besnftigte sich, Kraft und Klarheit kehrten allmlig in seine
gequlte Seele zurck.
    Die frische Klte der Winternacht khlte sein erhitztes Blut und legte sich
wohlthuend um seine brennende Stirn. Er schlug den Mantel zurck, damit der
kalte Strom auch seine Brust berhre, und athmete tief auf, wie Jemand, der eine
zu schwere Brde von sich wirft. Statt scheu in die Zukunft zu sehen, blickte er
fest in seine eigne Brust und eine tiefe Unzufriedenheit, eine beschmende Reue
bemchtigten sich seiner.
    Er hatte Hand an seine Frau gelegt, er hatte sich so tief erniedrigt, ein
Weib die Kraft des Strkern empfinden zu lassen. Sein Glck, er konnte es sich
nicht verbergen, war ihm einen Augenblick hindurch theurer erschienen, als das
Leben seines Kindes. Er hatte sie jetzt kennen lernen, die schaurigen
Geheimnisse, welche die Tiefe der menschlichen Brust verbirgt, und fhlte
deutlicher als je, wohin ein Zustand fhren knne, der uns mit uns selbst in
Widerspruch bringt.
    Je lnger er vorwrtsschritt, je fester bildete sich ein Entschlu in ihm
aus, je zuversichtlicher gelobte er sich, ihn zu halten, aber er war mde
geworden von dem innern Kampfe, er mute einen Augenblick rasten. Trotz der
winterlichen Klte lie er sich auf einer der Bnke nieder. Er schlo die Augen
und ein Gefhl von Erquickung kam ber ihn. Die unnatrliche Spannung seiner
Geistes- und Krperkrfte lie nach, die Schwingungen seines Blutes wurden
gelinder, er konnte freier denken, freier fhlen.
    Wie lange er so gesessen, er wute es nicht. Das ferne Anschlagen eines
Hundes erweckte ihn zur Wirklichkeit. Er erhob sich und schritt der Stadt zu.
    Als er seine Wohnung erreichte, war es tief in der Nacht. Caroline hatte
sich lange zur Ruhe begeben. Er eilte in sein Zimmer und trat vor das Bett
seines Sohnes. Ruhig, mit der blhenden Rthe der Gesundheit auf den Wangen,
schlief der schne Knabe schon seit mehren Stunden. Sein Vater betrachtete ihn
mit tiefer Erschtterung, endlich konnte er es sich nicht versagen, einen Ku
auf die Stirn des Sohnes zu drcken. Das erweckte den Knaben. Schlaftrunken
blickte er auf und sagte freundlich, den Vater erkennend, indem er die Arme nach
ihm ausbreitete: Lieber Vater!
    Ein heier Thrnenstrom brach bei den schlichten Worten aus des Vaters
Augen. Er drckte den Sohn fest an sich, kte ihn und legte ihn dann mit
weiblicher Sorgfalt in die Kissen zurck. Mein geliebter Sohn! - Das war Alles,
was er sagen konnte, und es sagte Alles.
    Am nchsten Tage erwachte er in sehr weicher Stimmung. Er suchte seine Frau
auf, bot ihr vershnend die Hand und bat: La uns des gestrigen Abends
vergessen! Mich reut die Heftigkeit, zu der ich mich hinreien lie, aber auch
Du warst nicht ohne Schuld. Wir wollen Beide schonender werden, damit unsere
neue Vereinigung nicht nur eine leere Form bleibe, damit sie uns endlich zum
Frieden verhelfe.
    Aber Caroline nahm die Hand nicht, die er ihr bot, und antwortete ihm nicht.
Sie nahm ruhig das Frhstck ein, bei dem sie Alfred gefunden hatte. Hrst Du
nicht, was ich Dir sage? Hast Du keine Erwiderung darauf? fragte er.
    Mihandlungen kann ich nicht vergeben; ich kann es nicht vergessen, da Du
mich fortgestoen, da Du mich mihandelt hast! sagte Caroline kalt.
    Und glaubst Du, mich htten Deine Worte, Dein Betragen nicht ebenso arg
verwundet? Caroline! Worte sind oft verletzender als die schrfste Waffe. La
uns den Balsam der Vergebung auf unsere Wunden legen, la uns von Herzen
vergessen. Wir haben Alles, was zum Glcke erforderlich ist, warum verbittern
wir einander das Leben? warum trben wir die Kindheit unsers Felix durch unsern
bestndigen Unfrieden? Komm! la uns vergessen! La uns nur an den Knaben
denken, wir wollen ausfahren, fr seine Weihnachtsbescherung zu sorgen.
    Ich habe in diesem Augenblick nicht Zeit, ich bin auch noch nicht fr eine
Promenade gekleidet, meinte Caroline schmollend.
    So will ich warten; wann denkst Du fertig zu sein?
    Mein Gott! Alfred! qule mich nicht, rief sie heftig aus. Was gestern
geschehen ist, ist geschehen. Redensarten ndern das nun einmal nicht,
Redensarten habt Ihr Dichter billig. Und da Du mich jetzt zum Ausgehen zwingst,
da ich keine Lust dazu habe, ist auch nicht gemacht, mich zu vershnen. Ich
werde schon fr Felix besorgen, was nthig ist, Du brauchst mich nicht dazu zu
treiben. Ich liebe mein Kind so gut als Du.
    Alfred stand auf, da er sah, da seine Frau nicht in der Stimmung war, in
der er sie zu finden gehofft hatte. Als er sich entfernte, sagte sie: Gestern
Abend ist eine Einladung zu heute Mittag von Frau von Barnfeld fr uns abgegeben
worden. Denkst Du sie anzunehmen?
    Ja! sagte Alfred und ging hinaus.
    Sie blickte ihm spttisch nach. Natrlich! rief sie, aber was thuts? frher
oder spter mute das doch geschehen!
    Sie rief ihrem Mdchen und ordnete ihre Kleidung fr den Mittag so glnzend
als mglich an, sie wollte schn und prchtig sein ihrer gehaten Nebenbuhlerin
gegenber. Sie scheute sich vor diesem Begegnen und doch hatte sie es seit lange
gewnscht, um zu sehen, wie Alfred und Therese sich gegen einander verhielten.

                                       XI


Mit ebenso groer Unruhe hatte Therese an das erste Wiedersehen gedacht, das sie
nach jenen schmerzlichen Ereignissen mit Alfred haben wrde. Ihr Bruder war
absichtlich mehrmals mit Reichenbach und seiner Frau im Theater und an andern
ffentlichen Orten erschienen, aber Therese hatte sich davon ausgeschlossen,
weil sie sich nicht die Kraft zugetraut, den herben Eindrcken zu widerstehen,
die ihr daraus erwachsen muten.
    Die Stunden waren ihr langsam hingeflossen und es schienen ihr Jahre
entschwunden zu sein, seit sie den Geliebten nicht mehr gesehen hatte. Ruhig
hatte sie sich in der Erfllung ihrer tglichen Pflichten bewegt, gefllig fr
das Bedrfni eines Jeden gesorgt, aber es war geschehen, als ob sie es nur aus
Gewohnheit thte, als ob nur der Krper mechanisch den Dienst verrichte, an dem
die Seele keinen Theil mehr nahm.
    Das entging den Ihrigen nicht. Julian's Liebe und zrtliche Sorgfalt
verdoppelten sich fr sie; Theophil hing ngstlich beobachtend an ihren Blicken
und auch Agnes litt mit ihr, bedrckt durch die Ahnung eines Kummers, dessen
ganze Gre sie nicht kannte, den sie aber durch die liebenswrdigste
Dienstfertigkeit und Hingebung zu zerstreuen suchte.
    An dem Tage, den wir zuletzt im Reichenbach'schen Hause geschildert, befand
sich Therese im Dmmerlichte mit Agnes und Theophil in ihrem Zimmer. Man hatte
eben zu Mittag gespeist und der Prsident durch den Besuch eines Fremden
abgerufen, hatte sich entfernt. Agnes sa auf einem Fubnkchen vor Therese und
hatte, wie sie es gern that, ihr Haupt auf den Schoo ihrer Beschtzerin gelegt,
whrend sie deren Hnde in den ihren hielt.
    Herr Assessor! sagte sie, pltzlich den Kopf erhebend, helfen Sie mir doch
etwas ersinnen, womit wir Therese erheitern. Wir haben sie Beide so lieb,
besinnen Sie sich, womit machen wir ihr wol eine Freude? Wenn ich denke, wie
froh sie war, wie sie mit mir scherzte, als ich hieherkam, kann ich es nicht
ertragen, sie so traurig zu sehen. Freut Dich's denn nicht mehr, da wir Dich so
lieb haben, Du Beste?
    Von ganzem, ganzem Herzen! entgegnete diese, und es thut mir leid, da mein
Trbsinn auf Dich zurckfllt, mein liebes Kind! - Die Jugend hat ja ein solches
Bedrfni, froh des Lebens zu genieen, ein so heiliges Recht auf Freude, da
man sie darin nicht verkrzen sollte. Ich tadle mich sehr, wenn ich Dich fhlen
lasse, da ich augenblicklich nicht heiter bin. Aber habe nur Geduld, es wird
bald besser werden, recht bald wie ich hoffe.
    Klage ich denn um meinetwegen? fragte Agnes im Tone leisen Vorwurfs. Ich
habe ja am Krankenbette meiner Mutter und bei andern Anlssen, Sorgen und Kummer
kennen gelernt, und ich glaube, ich bin nicht verzagt gewesen. Als ich vierzehn
Jahre alt war, lag die Mutter zum Sterben krank, lie mich an ihr Bett rufen und
befahl mir, auf die Kinder zu wachen, wenn sie sterben sollte, und dem Vater
treu zur Seite zu stehen. Du bist erwachsen genug und wenn Du es redlich willst,
wirst Du es knnen, sagte sie. Wir beide waren ganz allein im Zimmer, denn die
Mutter hatte die Wrterin fortgeschickt. Wie traurig das war, werde ich niemals
vergessen. Ich weinte sehr und versprach es der Mutter fest; und Gott hat mir
denn auch die Kraft gegeben, da ich alles Nthige zu thun wute in den vielen
Monaten, whrend deren meine Mutter daniederlag. Als sie nachher gesund wurde,
da sagte sie selbst, ich kme ihr und dem Vater nicht mehr wie ein Kind vor,
sondern wie eine Freundin, und die Eltern waren noch viel gtiger als je gegen
mich. Ueberhaupt fast aus jedem Leide ist in unserm Hause doch immer etwas Gutes
erwachsen, so da ich immer denke, wenn es einmal recht traurig ist: Gott wei,
was das wieder fr ein Gutes geben soll! Und in dem Gedanken ertrage ich es denn
auch wieder leichter.
    Du gutes Kind! sagte Therese und strich ihr liebkosend die Wangen. Ich habe
auch Muth, ich bin nur mde und unzufrieden mit mir; aber ich will wie Du
hoffen, da Gott mir Gutes vorbereitet, das wird mich heiterer machen, denke
ich.
    Mir fllt immer, wenn ich traurig bin, ein Vers aus dem Zauberring ein,
meinte Agnes, den ich sehr lieb habe. Er heit: Man geht durch Graus zu Wonne,
man geht durch Nacht zu Sonne, durch Tod zum Leben ein. Das habe ich mir schon
oft vorgesagt und immer hat es mich ermuthigt.
    Sie kte bei den letzten Worten Theresen's Hand und ging hinaus, weil sie
einen Lehrer erwartete, der bald kommen mute.
    Welch liebes, und welch tapferes Geschpf ist das! sagte Therese, als Agnes
sich entfernt hatte, und Theophil rief, von Herzen in das Lob einstimmend: sie
ist so gut als schn, ein wahres Kleinod!
    Dann, sich zu Therese neigend, sprach er: Wenn Sie, aus liebender Besorgni,
dem jungen Mdchen verbergen, wie schwer der Schmerz auf Ihrer Seele lastet, so
lassen Sie mich wenigstens mit Ihnen leiden. Mein Auge ist nicht zu tuschen
ber den Grund Ihres Kummers, denn das Herz schrft meinen Blick. Ich habe
gelitten wie Sie und die Wunde ist geheilt und vernarbt; ich habe das Leben
wieder lieben, ich habe wieder wnschen und hoffen gelernt in Ihrer Nhe. Ich
bin nicht mehr krank, ich fhle Kraft, zu leben, Kraft, Sie zu sttzen und zu
halten, Therese! - Seit vielen Tagen sehnte ich den Augenblick herbei, in dem
ich Sie ohne Zeugen sprechen knnte. Nun ist er da und ich wei nicht, wie ich
Ihnen ausdrcken soll, was ich Ihnen zu sagen wnsche.
    Er hielt inne und sann nach in stummer Bewegung, dann fuhr er fort: Ich
verlange nicht, da Sie vergessen sollen, ich wei, das kann man nicht; ich
begehre nicht, ein theures Bild aus Ihrer Seele zu verdrngen, fr das meine
Liebe Ihnen kein gengender Ersatz scheinen mchte. Ich wollte Ihnen nur sagen,
da mein Leben Ihnen geweiht ist, und da ich glcklich wre, wenn Sie mir
vertrauen knnten. Fortfhren mchte ich Sie von hier, wo tausend schmerzliche
Eindrcke Ihrer warten, Sie zu meiner Mutter bringen und geduldig des
Zeitpunktes harren, in dem Sie ruhiger geworden, es empfinden knnten, wie ganz
ich Ihnen gehre, wie es mich beglckt, Sie zu beschtzen, fr Sie zu leben.
    Bester, gromthigster Freund! rief Therese und reichte ihm die Hand, die er
kte, als Agnes, eine Lampe tragend, zurckkehrte. Sie blieb, es gewahrend,
erschrocken in der Thre stehen und sprach sichtlich verwirrt: Ich wollte meine
Stunde nehmen, aber mein Lehrer hat absagen lassen, deshalb komme ich zurck.
    Sie wute nicht, ob sie gehen oder bleiben sollte, und der Eintritt des
Prsidenten erlste sie aus einer qulenden Verlegenheit. Er nahm ihr die Lampe
ab, die sie noch immer hielt, und sagte: Ich komme als Eva's Vorlufer. Sie wird
gleich erscheinen und den Abend bei Dir zubringen, liebe Therese! Da es Dir dann
nicht an Gesellschaft fehlt, mchte ich Dir den Assessor entfhren. Es sind
Freunde von mir aus der Provinz angekommen und ich habe mit ihnen ein
Zusammentreffen auer dem Hause verabredet. Wollen Sie daran Theil nehmen,
Theophil, so werden Sie ein paar gescheidte Mnner kennen lernen.
    Der Assessor nahm die Einladung an, da auf ein ungestrtes Gesprch mit
Therese in Gegenwart der beiden Andern nicht zu rechnen war, und die Mnner
entfernten sich bald nach Eva's Ankunft, die alle Anwesenden aufforderte, am
nchsten Tage ihre Gste zu sein, da sie Alfred mit der Frau ebenfalls
eingeladen habe.

                                      XII


Frau von Barnfeld hatte eine grere Gesellschaft bei sich versammelt. Der
Prsident mit der Schwester und seinen beiden andern Hausgenossen waren unter
den Ersten, die sich einstellten, und man plauderte schon ziemlich lebhaft, als
Alfred mit der Frau und dem Sohne erschien.
    Therese fhlte sich einer Ohnmacht nahe und ihre Hand fate krampfhaft die
Lehne des Sessels, als sie Alfred erblickte. Er trat an sie heran, sie zu
begren, aber die Worte erstarben auf seinen Lippen. Es war ihm nicht mglich
eine gleichgltige Phrase auszusprechen, whrend sein Herz danach verlangte,
sich voll mitzutheilen, sich ganz hinzugeben. Trotz ihrer Gewohnheit, sich in
der Gesellschaft zu beherrschen, fanden sie die Worte nicht, bis Felix ihnen mit
seiner Unbefangenheit zu Hilfe kam.
    Er umfate Therese mit beiden Armen, kte sie und sagte: Tante, ich habe
mich recht nach Dir gebangt! Alle Tage habe ich kommen wollen, aber die Mutter
hat es nicht erlaubt. Willst Du denn nicht, da ich zu Dir komme?
    Von Herzen gern, mein Felix! antwortete Therese, den Knaben liebkosend, ich
will Deine Mutter gleich darum bitten, da sie Dich zu mir schickt.
    Sie stand auf, um Frau von Reichenbach entgegenzugehen, die sie und Alfred
unaufhrlich betrachtet hatte und jetzt auf sie zuschritt. Entschuldigen Sie,
sagte sie, da der Knabe so wild und ungezogen ber Sie herfiel. Ich habe es ihm
unzhlige Male verboten, Fremde in der Weise zu belstigen; aber die Nachsicht
meines Mannes mit des Knaben Fehlern macht es es mir unmglich, ihn zu bndigen.
Schickt sich's, eine fremde Dame so zu belstigen? fragte sie den Knaben.
    Aber die Tante Therese ist ja keine fremde Dame, wendete Felix ihr ein. Als
Du noch nicht hier warst, sind wir ja alle Tage zu ihr gegangen und ich habe
ganz anders mit ihr und mit Agnes herum getollt, als mit Dir, Mama; die Tanten
machen's lange nicht so gefhrlich mit ihren Kleidern und mit ihren Sophas. Ich
konnte thun was ich wollte. La mich doch wieder hingehn!
    Wir wollen sehen, ob Du folgsam sein und die Erlaubni verdienen wirst,
sagte Frau von Reichenbach, verdrielich gemacht durch die Erinnerung an ihres
Mannes hufige Besuche bei Therese. Wenn Du Deine Arbeiten so schlecht machst,
als in dieser Woche, gehst Du gewi nicht hin.
    Der Knabe wurde roth, und sehr verlegen hing er sich an Theresen's Arm, die
begtigend Besserung fr ihn verhie. Als er bald darauf, von Agnes gerufen, zu
dieser ging und die Gesellschaft sich in den Esaal verfgte, sagte Julian, der
besorgt Theresen gefolgt war, als sie mit Frau von Reichenbach sprach, und nun
die Letztere zur Tafel gefhrt hatte: Mir scheint es unrecht, gndige Frau, da
Sie den Knaben ffentlich tadeln. Er hat ein reges Ehrgefhl, Sie thun ihm wehe
damit und bessern Nichts.
    Der Meinung bin ich auch! besttigte Alfred. Es kommt berhaupt durch zu
vieles Erziehen nichts Kluges zu Stande. Man knstelt und biegt an der
menschlichen Natur zu einer Zeit, in der noch alle Anlagen wie die Blume in der
Knospe verhllt sind. Dabei kann man zu leicht strend eingreifen und verderben,
statt zu frdern. Wenn man die Kinder nur vor schdlichen Einflssen bewahrt, so
thut in den meisten Fllen die Natur das Nthige und Alles, was sich aus dem
Individuum selbst entwickelt, ist ihm angemessener, als wir es zu machen
verstehen.
    Es haben allerdings viele bedeutende Mnner ihre Erziehung selbst gemacht,
wie die Geschichte uns lehrt, sagte Therese, die sich zwang, wenigstens mit
einer gleichgltigen Phrase an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
    Was die Geschichte lehrt, wei ich nicht, entgegnete Caroline, gereizt durch
die abweichende Meinung der Uebrigen. Ich habe leider in meinem Leben nicht die
Mue gehabt, mich viel mit Studien zu beschftigen. Meine eigne Erfahrung und
meine Beobachtungen haben mir aber gezeigt, da Kinder, die man nicht streng
erzieht und bestndig berwacht, verwildern und misrathen. Darin ist die
Einsicht einer Mutter, wie ich glaube, sicherer als die Geschichte.
    Es lag eine solche Bitterkeit, ein solcher Spott in ihren Worten, da es
Allen, die sie hrten, auffiel. Wie kann man so unliebenswrdig sein, sagte
Agnes ganz erschrocken zu Theophil, der ihr Nachbar war: Ich frchte mich vor
der Frau, obgleich sie eigentlich schn ist, und ihr Mann und Felix thun mir
immer leid. Ich wei nicht, was es ist, aber sie hat etwas Zurckstoendes.
    Zurckstoend? meinte Frau von Barnfeld, die gute Reichenbach ist ja heute
ganz charmant; was wollen Sie denn, Agnes? Ich habe sie schon ganz anders
gesehen. Da sie ewig von ihrer Wrde als verheirathete Frau und von ihrer
Kindererziehung spricht, wie ein pensionirter General von seinen Feldzgen, das
wollte ich ihr gern verzeihen, das ist nur langweilig. Mich verdriet und
betrbt es aber, da der liebenswrdige Alfred seine ganze Heiterkeit eingebt
hat und fr uns ganz verloren ist, seit der Ankunft seiner Frau. Er ist nicht
mehr derselbe Mann.
    Es ist allerdings das unpassendste Paar von der Welt, sagte Theophil, und
ein Fremder, der die letzten Worte gehrt hatte, fragte: Sprechen Sie von Graf
Alten, der die Tochter eines Kaufmanns heirathet?
    Nein, sagte Theophil, es war von einem andern Verhltnisse die Rede. In der
Heirath des Grafen finde ich nichts Auffallendes. Seine Braut ist ein schnes,
gebildetes Mdchen und es ist eine vieljhrige Liebe von beiden Seiten.
    Die Braut ist aber sehr viel jnger als der Graf, wendete Jemand ein, er ist
mehr als vierzig Jahre alt und hat ganz graues Haar.
    Liebt man denn einen Mann um seines Haares willen? Ich habe nie daran
gedacht, wie alt ein Mann sei, wenn ich ihn liebenswrdig fand, rief Eva
dazwischen. Und wenn es wahr ist, da wir nur in der Welt sind, das Leben der
Mnner zu verschnen, so mten wir ja gerade auch mit unserer Jugend das Alter
eines Mannes schmcken. Sie hatte die Worte mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit
gesprochen. Nun es geschehen war, flog ein brennendes Errthen ber ihr
reizendes Gesicht und sie fragte in anmuthigster Verwirrung; Merken Sie, Herr
von Reichenbach, da Ihre Gegenwart mir poetische Bilder eingibt?
    Es wrde mich nicht wundern, wenn die Grazien einmal die Leier der Musen
borgten, erwiderte Alfred, und der Prsident sagte: Ich finde die Bemerkung
unserer schnen Wirthin vollkommen wahr. Es gibt keine Altersverschiedenheit
zwischen Menschen, die sich lieben. Liebe gleicht jeden Unterschied der Jahre
und des Standes aus.
    Das sagen Sie, fragte eine Dame, der noch vor wenig Monaten erklrte, er
wrde nie eine Brgerliche heirathen?
    Ziehen Sie daraus die Lehre, meine Gndige, da des Menschen Gesinnung
wandelbar ist, versetzte der Prsident. Uebrigens glaube ich nicht, da ich
jemals den sndhaften Gedanken gehabt habe, den Sie mir zumuthen.
    Nein! sagte Alfred, das ist gewi ein Misverstndni. Wer wie der Prsident
durchdrungen ist von den Ideen unserer Zeit, wer so fest an die Rechte des
Menschen glaubt, der - -
    Der kann dennoch, trotz aller unwiderleglichen Theorien von den heiligen
Rechten des Menschen, es praktisch finden, eine Frau aus denjenigen Familien zu
whlen, welche schon im Besitz dieser Rechte waren, ehe man sie in Frankreich
den groen Massen zuerkannte, sagte lchelnd der Prsident. Aber ich glaube
selbst nicht, da ich jene freventliche Gesinnung gehegt habe. Ich kann mir
nicht denken, da ich alle die zrtlichen Seufzer meines Herzens vergessen haben
sollte, welche in meiner Jugend oft genug den schnen blhenden Tchtern des
gesegneten Brgerstandes galten. Mein Herz ist zu viel umfassend, um sich einer
so ausschlielichen Richtung zu berlassen; und wenn mein Kopf ein hochmthiger
Aristokrat wre, wrde mein Herz mit unbegrenztem Freisinn fr Alles klopfen,
was schn ist.
    Kaum hatte er das in scherzendem Frohsinn gesagt, als er es bereute, in
Agnes' Gegenwart sich dergleichen Aeuerungen erlaubt zu haben. Er lenkte
pltzlich mit dem Bemerken ein: Inde jedenfalls haben Sie meine frhere
Behauptung wohl misverstanden. Ich kann Nichts gesagt haben, als da ich nur ein
Mdchen von guter Familie und aus edlem Hause heirathen wrde. Das braucht dann
eben noch keine Dame von Adel zu sein.
    Mir und meiner Gesinnung ist nichts willkommener, meinte Alfred, als wenn
durch Ehen zwischen Personen aus den verschiedensten Stnden eine allmlige
Verschmelzung derselben zu Stande kommt; und ich hoffe es noch zu erleben, da
man die Leute nicht mehr fragt, wer bist du? sondern was bist du?
    Deshalb hat Herr von Reichenbach wol eine Frau genommen, bemerkte Theophil's
andere Nachbarin, die Niemand zu fragen braucht, was sie ist, weil Jeder es ihr
ansieht. - Wie Frau von Reichenbach zu einem Mittagsmahl unter Freunden sich nur
so mit Brillanten beladen kann! Sie ist blendend und schimmernd in allen Farben
des Regenbogens.
    Ein Anderer fragte: So hoffen Sie wol recht alt zu werden, lieber
Reichenbach?
    Sehen Sie denn nicht, sagte Alfred, da wir unaufhaltsam dem groen Ziele
zuschreiten? Ueberall taucht es auf aus den dstersten Klften, reines,
funkelndes Gold! Es will Tag und Frhling werden in der Welt, und wenn die
Gewalthabenden das Dunkel noch so sehr lieben, die krftigen Strahlen der
gesunden Vernunft erhellen die Nacht und erleuchten die Erde. Gehen Sie nach
Frankreich und England, sehen Sie, mit welch sicherer Ruhe der dortige Arbeiter
seine Zwecke verfolgt, wie genau er seine Rechte kennt, mit welcher Migung er
sie fordert, und Sie werden mir zugestehen, da ein Mensch, der sein gutes Recht
so wohl kennt, es fordern darf und es nicht misbrauchen wird. Die politische
Bildung hat in jenen Lndern alle Volksklassen so weit durchdrungen, da die
Arbeitenden nicht mehr an andere angeborne Rechte glauben, als an die, welche
Jedem angeboren sind, und mit diesem Bewutsein ist schon der Unterschied der
Stnde in der That vernichtet. Wenn die Form auch von den Freunden des Alten
noch eine Weile aufbewahrt und festgehalten wird, fr den denkenden Menschen
besteht sie nicht mehr, denn ihr fehlt das Leben und die Wahrheit.
    Mir ist es immer ein trauriges Zeichen der menschlichen Selbstsucht gewesen,
bemerkte Theophil, da so Viele danach streben, etwas vor ihren Mitmenschen
voraus zu haben. Es scheint, als ob mit dem errungenen oder ererbten Besitz die
Lust daran wachse; da Der, dem schon viel gegeben ist, noch mehr fordert;
whrend es einer edeln Natur angemessener wre, Jeden so weit mglich des
Glckes theilhaftig zu machen, das man selbst als solches empfindet. Mich knnte
ein Gut, das ich allein bese, whrend alle Andern darben, nie recht erfreuen,
und am vollkommensten wrde ich es genieen, wte ich Alle eben so zufrieden
als mich selbst.
    Es ist anziehend und lehrreich zugleich, sagte der Prsident, wenn wir die
Beweggrnde kennen lernen, aus denen in den verschiedenen Menschen die
Freisinnigkeit entspringt, die eben noch nicht zu lange unter uns heimisch ist.
Wir knnen uns nicht verbergen, da bis zur Julirevolution Deutschland in seinem
poetischen Halbschlummer sich von den Ereignissen der Jahre dreizehn und
fnfzehn ausruhte und feiernd von den geschehenen Grothaten trumte. Dann
wachte, durch den Hahnenruf im Westen geweckt, unser theures Vaterland auf und
rieb sich zehn Jahre lang die Augen, whrend unsere Nachbarn jenseits des
Rheines ein tchtig Stck Arbeit beendeten und einen weiten Weg zurcklegten.
Nun ist der Tag auch fr uns angebrochen. Jeder sieht die Freiheit in der Ferne
schweben und wnscht sie dem Vaterlande als Schutzgttin zu erobern, denn die
Gttliche findet auf den verschiedensten Wegen Zugang in die Seelen der Besten.
Alfred betet die Freiheit an, weil er den Menschen liebt und die Freiheit schn
ist; Theophil, weil sein weiches Gefhl es nicht duldet, Unglckliche zu sehen,
whrend er glcklich ist. Noch Andere erwarten von ihr Erlsung aus Ketten, die
sie drcken; bei Vielen ist es das angeborne Rechtsgefhl, das sie der Freiheit
entgegenfhrt. Aber fast Alles, was geistig frisch und tchtig ist, wendet sich
ihr zu. Da ist es wol zu hoffen, da sie den Forderungen, den Bitten und
Bestrebungen sich ergibt und da auch wir sie bald als Herrscherin neben dem
kniglichen Beherrscher, dem Verstande, bei uns thronen sehen werden.
    Da Edelleute wie Sie, sich solchen Theorien zuneigen, sagte einer der
Gste, ist mir auffallend. Wie knnen Sie wnschen, da man uns die Vorrechte
entzieht, welche uns das Verdienst unserer Vter erwarb, wenn wir des Erbtheils
wrdig sind? Ich betrachte vielmehr Denjenigen, der sich dieser Rechte
entuert, wie einen Verschwender, der sein Gut leichtsinnig von sich wirft,
wenn Sie den Vergleich entschuldigen wollen.
    Sehr gern, meinte der Prsident, besonders da er uns nicht trifft. Denken
Sie, Sie besen ein Capital, das vor grauen Jahren einer Ihrer Vorfahren
rechtmig erwarb, das aber von den Nachfolgenden durch Unredlichkeit, durch
wucherische Zinsen, die sie von Ununterrichteten erpreten, ins Unendliche
vergrert ward. Nun kme Einer von den Beeintrchtigten und sprche: Ich will
dich nicht arm machen, aber du sollst mir zum Ersatz fr Alles, was die Deinen
mir so lange entzogen, nur so viel geben, als ich bedarf, um durch mein Bemhen
eben so reich zu werden, als Du, wenn ich dieselben Fhigkeiten besitze, die
Deine Ahnen hatten. Knnten und wollten Sie ihm das verweigern, ohne ungerecht
und hart zu sein? Es verlangt ja bei uns Niemand, den Adel aufzuheben, das Recht
des Besitzenden zu beschrnken; es will nur Jeder Raum zu freier Entwicklung
haben, Das gelten drfen, was er ist, und Das erreichen knnen, wozu die
Vernunft ihm den Trieb und die Fhigkeit gibt. Man will denken und sagen drfen,
was man denkt; man will nicht glauben, was vor der Vernunft nicht bestehen kann.
Das ist kein Unrecht, sondern eben nur eine vernnftige Forderung.
    Da Sie in Glaubenssachen eben so leicht denken, als mein Mann, das wute
ich lngst, rief pltzlich Frau von Reichenbach, aber da Sie sich auch sonst zu
seinen bertriebenen Ansichten neigen, htte ich nicht geglaubt, Herr Prsident!
    Alle sahen sie verwundert an und Julian sagte: Ich finde es begreiflich,
gndige Frau, da Sie fest an Ihrem Glauben und an Ihren angestammten Vorrechten
halten! und dabei sah er so ruhig aus, als wte er nichts von dem Spotte, der
in diesen Worten lag. Die Frauen haben eine Vorliebe fr das Conserviren, darum
ist den meisten alles Neue, die Moden ausgenommen, verhat, und auch in diesem
Bereich lieben sie jetzt wieder das Uralte.
    Die Mnner, Herr Prsident, lieben freilich die Abwechslung mehr als wir,
sagte Caroline, gleichsam um dem Prsidenten zu vergelten, und diesem schien
eine scharfe Antwort auf den Lippen zu schweben. Ein Blick auf Alfred aber bewog
ihn, sie zu unterdrcken, und er bemerkte, gegen Therese gewendet: Es gibt doch
andererseits unter den Frauen auch viele Anhnger unserer Lehre. Meine Schwester
hat z.B. die freisinnigsten Ideen.
    Das glaube ich! rief Caroline mit solcher Bosheit lachend, als sie bemerkte,
da Alfred und Therese in ein flchtiges Gesprch mit einander gerathen waren,
da Beide aufschraken, mehr von dem Tone als von den Worten betroffen, die sie
nicht genau gehrt hatten.
    An den bestrzten, misbilligenden Gesichtern der Gesellschaft sahen sie
deutlich, es msse irgend etwas Strendes vorgefallen sein, und Alfred blickte
mit instinktartigem Erschrecken nach seiner Frau hinber. Sie begegnete seinem
Auge mit Sicherheit, wechselte aber pltzlich die Farbe, als Julian sich zu ihr
neigte, ihr ein Glas Champagner einschenkte und mit freundlichster Miene leise
sagte: Sie schaden Niemand als sich selbst; meine Schwester ist unerreichbar fr
Sie, und ich bin da, sie zu beschtzen. Vergessen Sie das nicht, schne, gndige
Frau!
    Sein Mund lchelte dazu wie bei einem Scherze, aber vor dem drohenden Tone
seiner gedmpften Stimme, vor seinem durchbohrenden strengen Blick erschrak
Caroline heftig. Sie fhlte, dieser Mann sei zu dem Aeuersten fhig, wo es
seine Schwester galt, und sie fing an ihn zu frchten.
    Kaum aber hatte er es gesagt, als er sein Glas fllte, Alfred, um dessen
Aufmerksamkeit von Caroline abzuziehen, damit begrte und ausrief: Auf das Wohl
aller jungen Saaten in Deinen Gtern, der geistigen und der wirklichen. Alfred
nickte ihm dankend zu und Julian sprach: Damit soll denn auch dem Ernste
Lebewohl gerufen werden und mit dem Nachtische der Frohsinn beginnen. Wir haben
uns in der That unterhalten, als sen wir unter Fahnen und Siegestrophen bei
irgend einem langweiligen Zweckessen, nicht in Mitte schner Frauen bei der
liebenswrdigsten Wirthin. Wollen die Damen uns das verzeihen?
    Eva meinte, wenn er Besserung gelobe und beweise, solle Gnade fr Recht
ergehen, und von dem Prsidenten angeregt, fand bald die heiterste Stimmung
Eingang in die Gesellschaft. Scherz und Frohsinn gewannen die Herrschaft. Alle
berlieen sich der frhlichsten Laune und Julian war die Seele des Ganzen.
    Aber je heiterer die Gesellschaft wurde, je trauriger und schwerer empfanden
Therese und Alfred ihre Trennung. An dem bewegten Streite ber ernste
Gegenstnde hatten sie Theil zu nehmen vermocht, der laute Frohsinn der
Glcklichen scheuchte sie in sich selbst zurck. Nur die Breite der Tafel
trennte sie von einander, aber es war ihnen, als stnden sie an den beiden Polen
der Erde. Wie Spott klang die Stimme der Scherzenden in ihr Ohr, und es dnkte
sie eine Wohlthat, als Eva, Theresen's Schweigen bemerkend, die Tafel aufhob.
    Whrend man sich nun in den andern Zimmern um die Kamine niederlie, suchte
Caroline Theresen auf und war ganz Freundlichkeit fr sie, ganz Gte. Sie sprach
sehr geflissentlich von der Sorgfalt, mit der das Frulein sich ihres Knaben
angenommen, whrend sie selbst noch auf dem Lande gewesen sei, wo die Arbeiten
des Herbstes sie festgehalten htten. Dann bat sie um die Erlaubni, den Knaben
zu ihr bringen zu drfen, drckte den Wunsch aus, den Prsidenten und die
Schwester whrend der nchsten Tage bei sich zu sehen, und rhmte in solcher
Weise das groe Glck ihrer Huslichkeit, da Alfred dazwischentrat, weil er
fhlte, sie stehe auf dem Punkte, sich und ihn der Spottsucht preiszugeben.
    Er mahnte sie an die Heimkehr und die Gste fingen an aufzubrechen. Dadurch
kam er zufllig in Theresen's Nhe, die er nicht mehr gesucht hatte, weil es ihm
zu wehe that, ihr fremd und kalt gegenberstehen zu mssen. Von dem Gedanken an
sein eigenes Loos bewegt, war ihm die in Ehescheidung begriffene Frau
eingefallen und er fragte Therese, ob sie von derselben Nachricht habe?
    Doch! sagte Therese. Ich habe sie kennen lernen, sie ist eine recht tchtige
Frau. Ich will morgen gegen Mittag zu ihr gehen und hren, wie es ihrer Tochter
ergeht, die krank geworden ist.
    Wo wohnt sie? fragte Alfred.
    Therese nannte die Strae und bezeichnete die Nummer des Hauses. Es ist
nicht zu weit von unserer Wohnung und das ist mir sehr lieb und in vieler
Rcksicht bequem! sagte sie.
    Andere Personen traten dazwischen, Agnes bat um die Erlaubni, noch ein paar
Stunden bei Eva zu bleiben, und Therese erklrte sich damit zufrieden. Man kam
berein, da Julian und Theophil, die mit Alfred noch einen Spaziergang
beabsichtigten, das junge Mdchen abholen sollten, wenn sie ihn beendet haben
wrden.
    Eva und Agnes saen bald darauf, nach Entfernung der Gste, in dem kleinen
Stbchen beisammen, in dem Jene einst Alfred am Morgen nach ihrem ersten
Begegnen empfangen hatte. Die beiden jungen Damen waren sich in den letzten
Tagen nher getreten, ohne zu wissen weshalb oder wodurch. Es schien, als lge
Beiden etwas auf dem Herzen, wofr sie Mittheilung bedurften, und Agnes begann
diese mit der Bitte: Sagen Sie mir, Eva, was geht um mich her vor? Ich habe mich
bei Therese so heimisch gefhlt wie in dem Hause meiner Eltern. Es war auch
Alles so friedlich und ruhig als bei uns. Nun ist das anders geworden. Therese
ist sehr niedergeschlagen, ich sehe den Prsidenten bald heiter und froh wie
sonst, bald von Sorgen bedrckt. Heute ist er gegen mich gut und zrtlich wie
mein Vater, dann kommen Tage, in denen er mich kalt und fremd behandelt. Das
bengstigt mich. Ich ahne, ja ich kenne den Grund dieser allgemeinen
Verstimmung, aber ich begreife nicht, warum das Ereigni die Guten so sehr
betrbt. Knnen Sie mir das Rthsel lsen?
    Erst lassen Sie mich wissen, mein Schatz, was Sie denken, ehe ich mit meiner
Weisheit herausrcke, meinte Eva. Was halten Sie fr den Grund von Theresen's
Trauer?
    Ich glaube, sie liebt -
    Alfred? fiel ihr Eva ins Wort, da glauben Sie leider etwas sehr Wahres.
    Herrn von Reichenbach? fragte Agnes mit dem Erschrecken, mit dem man eine
furchtbare Nachricht erhlt, die man nicht mglich glaubt. Ach! die
Unglckliche! Nein das habe ich nicht geahnt!
    Sie fing zu weinen an und nun kam die Reihe des Ueberraschtseins an Eva. Sie
betrachtete Agnes verwundert und fragte: Aber was haben Sie sich denn
eingebildet?
    Ich glaubte Therese liebe Teophil, denn ich sehe ja, wie er nur fr sie da
ist, Niemand beachtet als sie, und neulich trat ich in das Zimmer, als - Sie
hielt inne, denn mdchenhafte Schchternheit und Achtung vor Therese hinderten
sie, zu erzhlen, wie sie Zeuge einer Scene geworden war, die nach ihrer Meinung
auf ein Herzensverhltni zwischen ihrer Beschtzerin und deren jungem Freunde
hindeuten mute.
    Ich hatte wol manchmal gedacht, Theophil sei zu jung fr Therese, da er aber
so gut und so gescheidt ist, da man ihn lieb haben mu, meinte ich, sie knnte
dennoch sehr glcklich mit ihm werden, und das machte mich ebenfalls glcklich,
denn sie ist ja die Gte selber! sagte sie nach einer Pause.
    Seit wann sind Sie denn eine Bewundrerin von Theophil geworden? fragte Eva.
Ich erinnere mich, da Sie noch vor wenig Wochen ihn wegen seiner eingebildeten
Leiden verspotteten, da Sie seine Weichheit Schwche nannten und ihn gar nicht
mochten.
    Ach, sagte Agnes errthend, ich habe ihm damit ein Unrecht gethan, ich habe
ihn besser kennen lernen. Wenn Sie sehen sollten, wie standhaft er seine Migrne
verbirgt, wie er gar nicht mehr klagt, gar nicht mehr an sich denkt, sondern
immer nur bestrebt ist, Therese aufzurichten und zu erheitern, seit er sie
leidend wei, Sie wrden ihm gut geworden sein wie ich.
    In der That war mit Theophil, wie es Agnes richtig bezeichnete, eine
wesentliche Vernderung vor sich gegangen. Was weder die Mittel der Aerzte, noch
des Prsidenten und Theresen's Ermunterungen zu leisten vermocht, das hatte
seine treue Ergebenheit fr die Letztere bewirkt. In dem dringenden Wunsche, ihr
beizustehen, fand er Kraft, sich und seine Leiden zu vergessen, seine
Hypochondrie zu besiegen. Da er nicht mehr unaufhrlich seiner Krperschmerzen
gedachte, da er sich bestrebte, heiter zu sein, um die Freundin zu zerstreuen,
fand er die verlorene Heiterkeit wieder, seine Gesundheit besserte sich und mit
dem gesteigerten Wohlbefinden kam ihm neuer Lebensmuth und neue Kraft. Er war
ein ganz Anderer geworden und Agnes konnte seines Lobes kein Ende finden.
    Und was sagt der Prsident zu Ihrer Bewunderung des Assessors? zu Ihrem
leidenschaftlichen Liebhaben? fragte Eva.
    Er freut sich Theophil's Genesung und ist ihm herzlich zugethan, das wissen
Sie selbst, liebe Eva! entgegnete Agnes unbefangen.
    Und weiter hatten Sie mir nichts zu sagen? Sonst beunruhigt Sie nichts?
    Theresen's Schicksal thut mir so leid, wiederholte sie, denn ich kann mir
lebhaft denken, wie unglcklich sie ist, und welche Zukunft steht ihr bevor!
    Sie meinen, wenn der Prsident sich verheirathet? fragte Eva und sah das
Mdchen scharf und prfend an.
    Der Prsident? Julian soll heirathen, aber wen denn? davon wei ich ja kein
Wort, rief Agnes und fgte lachend hinzu: Den Vogel Phnix mchte ich brigens
wohl sehen, den der Prsident sich auserkoren hat. An allen Frauen findet er
Mngel, keine ist ihm schn genug. Gewi, des Prsidenten Braut kennen zu
lernen, wrde mich sehr erfreuen.
    Da nahm Eva einen kleinen Spiegel, der auf dem Tische vor ihr lag, umfate
Agnes und hielt das Glas so, da diese ihr Bild erblickte. Was soll das? fragte
sie ganz arglos.
    Ihnen das Mdchen zeigen, das Julian sich auserkoren hat, und das er
heirathen will.
    Agnes lachte hell auf. Sie hielt es fr einen Scherz, aber Eva wute ihr mit
solcher Lebhaftigkeit von der Vorliebe des Prsidenten fr sie zu sprechen, gab
ihr so viel kleine und doch schlagende Beweise dafr, da das arme Mdchen still
und ngstlich wurde und endlich seufzend sagte: Ach! htten mich meine Eltern
doch lieber nicht hieher geschickt. In welche Verwirrung gerathe ich hinein!
Wenn es wahr wre, da der Prsident an mich dchte -
    Nun? fragte Eva, was wre das fr ein Unglck? Da Sie ihm gut sind, werden
Sie ihn heirathen und das glcklichste Loos von der Welt haben.
    Aber liebe Eva, ich bin ja so jung! Freilich! ich schtze den Prsidenten
sehr, aber ich habe mir doch immer gewnscht, einmal einen Mann zu heirathen,
den ich liebe, und lieben kann ich ihn so wenig, als man seinen Vater heirathen
kann. Ich verehre ihn, ich bin ihm von Herzen dankbar, aber er ist ja viel, viel
zu alt fr mich; lieben und heirathen knnte ich ihn nie! sagte Agnes sehr
bestimmt und fest.
    Da fiel ihr Eva um den Hals, kte sie und rief: Du holdes, ses Kind! und
Du hast es gar nicht geahnt, wie er Dir zugethan ist? Du hast nie daran gedacht,
da Julian's Liebe Dich beglcken knnte? Wie entzckt mich Deine Kindlichkeit!
Eine solche Schwester wie Du! das mu ein groes Glck, eine wahre Wonne sein.
Mchtest Du mich wohl zur Schwester haben, lieber Engel? fragte sie, Agnes mit
wahrer Zrtlichkeit liebkosend.
    Gewi, sagte Agnes, denn wenn Sie es wollen, knnen Sie unwiderstehlich sein
und ich liebe Sie, obgleich Sie mir oft recht wehe gethan haben mit Ihren
hlichen Neckereien in Theophil's Gegenwart.
    Es soll nie wieder geschehen, betheuerte Eva. Vergi es, Liebchen! und nenne
mich Du. O! so lieb wie ich Dich habe, so lieb hat Dich Niemand. Wie zeige ich
es Dir nur?
    Sie eilte zu ihrem Toilettentisch, nahm ein kostbares Armband, auf dem sie
als Braut gemalt war und das ihrer Mutter gehrt hatte, legte es Agnes an und
sagte: Nimm das zum Andenken, und wenn Alles wird, wie wir Beide es wnschen,
dann flechte ich Dir bald den Brautkranz in Dein wunderschnes Haar und bin
selbst sehr, sehr glcklich. Aber so sprich doch, sage doch, da Du meine neue
Schwester bist, nenne mich Du, liebe Agnes!
    Die beiden jungen Frauenzimmer umarmten einander, das trauliche Du ward oft
von den blhenden Lippen gesprochen, manch ses Geheimni getauscht, und als
spter Theophil und der Prsident das junge Mdchen abzurufen kamen, erglhten
Eva und Agnes in dunklem Errthen und trennten sich mit der herzlichsten
Umarmung.

                                      XIII


Um die zwlfte Vormittagsstunde des nchsten Tages stieg eine reichgekleidete
Dame die drei Treppen hinauf, welche zu der, von Therese am verwichenen Tage
gegen Alfred genannten Wohnung fhrten.
    Es war Caroline. Sie hatte die letzten Worte gehrt, die Alfred mit Therese
bei Frau von Barnfeld gesprochen, und nicht gezweifelt, da es auf eine
Zusammenkunft zwischen den Liebenden abgesehen sei. In heftiger Eifersucht hatte
sie kaum die Stunde erwarten knnen, in der sie sich Gewiheit ber ihren
Argwohn zu verschaffen dachte, und als sie ihren Mann nach eilf Uhr hatte
ausgehen sehen, hatte sie sich angekleidet und den Weg nach dem bezeichneten
Hause eingeschlagen.
    Sie sagte der dort Wohnenden, da man sie ihr als eine geschickte Arbeiterin
empfohlen habe und da sie gekommen sei, ihr einige Auftrge zu geben. Frau
Berent nahm diese mit groer Beflissenheit an, bedauerte aber, sie vermuthlich
nicht so schnell ausfhren zu knnen, als es verlangt ward, da die Krankheit
ihrer ltern Tochter diese und sie selbst von der Arbeit abhalte. Caroline
erklrte sich mit dem Aufschub einverstanden und Frau Berent whnte nun das
Geschft abgethan, als sie mit Verwunderung bemerkte, da Caroline sich
niedersetzte und Boa und Muff von sich legte.
    Sie wohnen recht behaglich, liebe Frau, fing sie theilnehmend an, waren Sie
immer so gut eingerichtet?
    Ich habe bessere Tage gekannt, gndige Frau, antwortete Jene, und habe mich
bestrebt, mir durch angestrengte Arbeit den uern Anstrich einer Wohlhabenheit
zu erhalten, die nie wiederkehren wird. Meine Tchter und ich haben die Nchte
zu Hilfe genommen, wenn wir Arbeit hatten, um uns nur nicht von den Mbeln zu
trennen, die ich aus dem Hause meiner Eltern mitgebracht habe.
    Und hat der Prsident von Brand sich Ihrer in der letzten Zeit nicht
angenommen?
    Wie ein Schutzgott hat er fr uns gesorgt! rief Frau Berent aus. Er hat es
dahin gebracht, da mein Mann eine andere Wohnung bezogen, er hat uns durch
seine Schwester Arbeit verschafft, die uns seit den letzten Monaten fehlte, und
den Arzt zu meiner kranken Tochter geschickt. Mit wahrer Gromuth erspart er uns
die Demthigung, Almosen annehmen zu mssen, indem er uns das Geld, das er uns
auf die schonendste Weise angeboten, als Darlehn, nicht als Geschenk gegeben -
    Die Frau konnte kein Ende finden in dem Lobe des Prsidenten, so da
Caroline sie mit der Frage unterbrach: Und seine Schwester kommt auch zu Ihnen?
    Ja, sie ist schon mehrmals hier gewesen und hat mir, als sie heute Wein fr
meine Tochter schickte, sagen lassen, da sie um Mittag nach uns sehen wrde.
    Und kommt sie allein, wenn sie sich anmelden lt?
    Der Diener begleitet sie bisweilen.
    Sonst Niemand? Haben Sie nicht gesehen, da sonst Jemand sie begleitete oder
sie erwartete, wenn sie fortging?
    Gndige Frau! versetzte die Berent, warum machen Sie diese Frage? Frulein
von Brand ist meine Wohlthterin und -
    Und Sie halten sich fr verpflichtet, ihr einen Gegendienst zu leisten, das
ist in der Ordnung! meinte Caroline spttisch. Aber wissen Sie, was Sie damit
thun? - Ich hre, Sie wollen sich scheiden lassen, Sie haben einen Mann, der Sie
schlecht behandelt: da mssen Sie verstehen, wie einer Frau zu Muthe ist, die
von ihrem Mann betrogen wird, und Frulein von Brand ist es, die meinen Mann
dazu verleitet.
    In dem Augenblick lutete die kleine Thrglocke, Frau Berent ging hinaus zu
ffnen und sah mit uerster Bestrzung Therese anlangen. Von dieser verehrten
Beschtzerin Arges zu denken, war ihr unmglich; und anzunehmen, da eine so
vornehm scheinende Dame, wie Frau von Reichenbach, absichtlich einer ihr fremden
Frau das Unglck ihrer Ehe und die Ursache desselben mittheilen solle, ohne
mindestens Gewiheit ber diese zu haben, schien ihr ebenso unglaublich. Sie
htte Hab und Gut darum gegeben, um Therese zu entfernen, aber sie wute es
nicht anzufangen. Verwirrt und stotternd sagte sie, als diese bei ihr eintrat:
Seit mehr als einer halben Stunde ist eine Frau von Reichenbach hier, die
unaufhrlich nach Ihnen fragt.
    Nach mir? wiederholte Therese. Sie hat Ihnen also wohl auf meine Empfehlung
an ihren Mann neue Arbeit gebracht? Das freut mich. Wie stehts mit Ihrer
Tochter?
    Mit den Worten wollte Therese in das Zimmer gehen, aber Jene hielt sie mit
angstvoller Geberde zurck und bat: Gehen Sie nicht hinein, folgen Sie mir; ich
bin nur eine schlichte Frau, aber hren Sie meinen Rath und gehen Sie zurck. Es
ist gewi besser, gndiges Frulein, Sie gehen zurck.
    Therese begriff die auffallende Unruhe der Frau nicht und schickte sich zu
neuen Fragen an, als Caroline heraustrat und lchelnd sagte: Sie lassen so lange
auf sich warten, da ich frchten mu, ich bin es, die Sie abhlt, nher zu
treten. Wenn ich Sie stre, will ich mich entfernen.
    Nicht im geringsten! entgegnete Therese, mein Geschft hier ist bald
abgethan.
    Sind Sie hergegangen?
    Ja wohl! das schne Wetter lockte mich dazu.
    Und Sie haben Ihren Diener mit?
    Therese verneinte es. Warum lieen Sie sich denn nicht wie gewhnlich von
Frulein Agnes begleiten?
    Ich dachte daran; es fiel mir aber ein, die Kranke hier mchte einen
Ausschlag oder sonst ein Uebel haben, bei dem ich Agnes einer Ansteckung
aussetzen knnte, deshalb lie ich sie zurck.
    Die vollkommen unbefangenen Antworten des Fruleins schienen Caroline
schwankend zu machen; dennoch fragte sie, ob Therese erlauben wolle, da sie
hier ihre Rckkehr aus dem Krankenstbchen erwarte und sie nach Hause begleite?
    Sie nahm den Vorschlag ohne Weiteres an und ging mit der Hausfrau zu deren
Tochter. Man fand sie schlafend, die Mutter schickte das jngere Mdchen, das
die Kranke bewachte, hinaus, ergriff Theresen's Hnde, kte sie und sagte:
Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie beleidige. Ich wei, es ist unmglich, was jene
Dame mir sagte; aber es knnte sein, da irgend ein unglcklicher Zufall - da
Sie auf der Strae dem Manne der Dame begegneten und sie in der Vermuthung
bestrkt wrde, Sie wren um seinetwillen hergekommen -
    Die arme Frau konnte vor Verlegenheit die Worte nicht finden, sie bat
Therese flehend um Vergebung, falls sie zu weit gegangen sei aus redlicher
Besorgni fr sie. Tief verletzt, suchte diese die gengstete Frau zu beruhigen,
nahm die nthige Rcksprache wegen der Kranken mit ihr und kehrte zu Caroline
zurck, die ihr auf das freundlichste begegnete und mit der sie sich bald darauf
entfernte.
    Schweigend schritten sie nebeneinander her. Aber Therese konnte sich nicht
berwinden, mit Frau von Reichenbach zu sprechen. Sie war zu sehr erschttert
von der neuen Beleidigung, welche diese ihr wieder zugefgt hatte, whrend
Caroline jede Miene ihrer Begleiterin ngstlich bewachte und unruhig
umherblickte, berzeugt, Alfred irgendwo zu begegnen. Aber statt Alfred war es
Felix, der mit seinem Lehrer zu Pferde aus dem Park zurckkehrte, als die Damen
eben in die Hauptstrae eintraten. Er grte freundlich und ritt vorber. Seine
Mutter gerieth dadurch in eine unangenehme Verwickelung. Sie mute frchten, der
Knabe werde sie fragen, wo sie gewesen sei, und diese Frage knne ihrem Manne
den Besuch bei Frau Berent verrathen, den sie ihm zu verbergen wnschte. Auch
durch Therese konnte er davon benachrichtigt werden, deshalb fiel sie auf einen
Ausweg und bat, als sie sich an der Ecke der Wilhelmsstrae trennten: Wenn Sie
meinen Mann sehen sollten, liebes Frulein, verrathen Sie ihm nicht, da wir uns
heute trafen. Ich habe dort eine Arbeit bestellt, mit der ich ihn berraschen
mchte.
    Therese sah sie ruhig an und sagte mit Wrde: Die Bitte konnten Sie
ersparen, Frau von Reichenbach! Durch mich soll Ihr Herr Gemahl es nicht
erfahren, wie Sie Ihren und meinen Namen durch niedrigen Verdacht entehren.
    Caroline wollte etwas erwidern, begtigend einlenken, aber Therese lie es
nicht zu. Sie verbeugte sich kalt und ging davon.
    Unruhig und erbittert, weil sie sich gedemthigt fhlte, legte Frau von
Reichenbach den Weg nach ihrem Hause zurck. Diesmal hatte ihr Verdacht sie
betrogen; dennoch glaubte sie an ein dauerndes Einverstndni Alfred's mit
Theresen und war gewi, da Beide sich oft sehen und sprechen muten. Alfred's
Nachgiebigkeit gegen sie selbst, aus der edelsten Quelle entspringend, nahm sie
fr Zugestndnisse, die er ihr im Bewutsein seiner Schuld gegen sie mache.
Selbst die ruhige Haltung der Beiden am letzten Mittage dnkte sie ein Beweis,
da es nicht das erste Begegnen nach der Trennung gewesen sein knne, und sie
gelobte sich, um jeden Preis die Wahrheit zu erfahren.
    Felix brachte sie mit dem Vorgeben einer Ueberraschung zum Schweigen ber
ihr Zusammentreffen auf der Strae und die nchsten Tage verflossen ohne
besondere Strungen fr die Eheleute.
    Eine Art von Waffenstillstand schien dadurch eingetreten zu sein, der
Weihnachtsabend brach herein, man zndete die Kerzen des Tannenbaumes fr den
Knaben an, und die Bescherung fand statt. Aber war es die trbe, schmerzliche
Stimmung des Vaters, die den frhlichen Knaben bengstigte, oder wirkte das
Andenken an die Freuden, die ihm Therese und Agnes verheien, und die er nun
entbehren sollte, nachtheilig auf ihn ein: er stand gleichgltig, fast traurig
vor seinen neuen Reichthmern. Er betrachtete die Geschenke, die fr ihn
bereitet waren, die reichen Angebinde des Vaters fr die Mutter, und blickte
dabei verstohlen den Vater an, der sinnend in einer Ottomane sa und zerstreut
den schnen Kopf seines groen Hundes streichelte.
    Whrend Frau von Reichenbach der Dienerschaft und einigen armen Personen die
Weihnachtsgaben zutheilte, Jedem die Gre des Geschenkes durch anpreisende
Worte fhlbar machte und, wo es thunlich war, Besserung fordernd, eine Strafrede
hielt, stieg Alfred's Unmuth mehr und mehr. Ihm war diese ble Gewohnheit
Carolinen's, die sie mit allen Engherzigen theilte, verhat. Er liebte es, die
Menschen zu erfreuen, er hielt es fr unerlliche Schuldigkeit, dem Armen von
dem eignen Ueberflusse mitzutheilen, er fhlte sich glcklich, ein trauriges
Antlitz zu erheitern. Mehrmals an diesem Abende hatte er schon Carolinen's
unliebenswrdige Weise durch Winke und mibilligende Bewegungen getadelt. Er
hatte sie gebeten, sich der Ermahnungen zu enthalten, in Folge deren alle
Beschenkten mimuthig und gekrnkt davonschlichen. Endlich ward es ihm zu lstig
und er wollte sich entfernen, als ein Blick auf den Sohn ihn davon zurckhielt.
Die ganze Scene erschien ihm so freudlos, ihn jammerte des Knaben und er ging an
den Weihnachtstisch, um irgend ein Spiel mit Felix zu beginnen, als dieser
fragte: Mama! welches ist denn nun die Ueberraschung, die Du neulich mit Tante
Therese bestelltest, als ich Euch auf der Strae zusammen begegnet bin?
    Alfred horchte auf, Theresen's Namen, die Erwhnung, da seine Frau sie ohne
sein Wissen gesehen, fielen ihm auf und er fragte: Was meint Felix damit?
    Ach! er ist ein Kind! entgegnete sie. Er begegnete mir neulich, als ich von
der Frau Berent kam, bei der ich zufllig das Frulein getroffen hatte.
    Du bei Frau Berent? und was wolltest Du bei ihr?
    Hast Du mich nicht selbst gebeten, ihr Arbeit zu geben und Dich nicht mehr
durch Stricken zu belstigen? antwortete Caroline.
    Aber von welcher Ueberraschung spricht denn Felix? fuhr Alfred fort.
    Ich wei es nicht, von einer Ueberraschung war gar nicht die Rede. Was
sollte ich dort bestellt haben, etwa die Bcher, die ich fr Dich gekauft? oder
das Necessaire? Felix wei nicht, was er spricht.
    Der Knabe betheuerte, die Mutter habe ihm streng verboten, dem Vater vor
Weihnachten zu sagen, da er ihr begegnet sei, weil sie ihm eine Freude machen
wolle. Caroline schalt ihn einen kleinen Lgner, als Alfred pltzlich fragte:
Wann warst Du bei der Berent?
    Am Freitage.
    Den Tag nach dem Mittagsessen bei Frau von Barnfeld, sagte Alfred mit
Bedeutung, da ihm der Zusammenhang klar ward. O! nun verstehe ich's, das ist
Deine alte Art, das ist Deiner wrdig.
    Er that als hre er Carolinen's Worte nicht, die sich spttisch darber
uerte, da er sich des Tages so genau erinnere, wendete ihr den Rcken und
setzte sich mit Felix nieder, ein chinesisches Zusammensetzspiel zu versuchen,
das man ihm beschert hatte.
    Aber seine Gedanken schweiften in die Ferne und er war froh, als die zehnte
Stunde schlug und der Knabe zur Ruhe gehen mute. Das arme Kind hatte keine
rechte Lust von dem Feste gehabt, denn Leid und Freude des Einzelnen theilen
sich elektrisch den Andern mit, und das Unglck seiner Eltern traf auch ihn.

                                      XIV


Im Hause des Prsidenten hatte der Weihnachtsabend heiterer begonnen. Wenn schon
nicht Alle frhlich waren, so herrschte doch das innigste Wohlwollen unter den
Mitgliedern des kleinen Kreises, und Therese war bemht, die Lust der Andern
nicht durch ihre Traurigkeit zu stren.
    Die schnsten Erzeugnisse des Luxus hatte der Prsident mit
verschwenderischer Liebe fr Therese, Eva und Agnes herbeigeschafft; die Freude
der beiden jngern Damen war so ungeknstelt und wahr, da sie die Uebrigen mit
sich fortri.
    Wie frhliche Kinder betrachteten sie bewundernd die verschiedenen Gaben.
Schkernd steckte Eva einen Strau knstlicher Orangenblten in Agnes' Haar, die
Theophil dieser geschenkt, whrend sie sich ein Flacon an kleinem, goldenem
Kettchen umhing und es, ohne da es Jemand gewahrte, leise an ihre Lippen
drckte. Der Prsident hatte es ihr gegeben.
    Mitten unter den Aufforderungen zu Lust und Scherz drngte sich aber heute
ein Bild in Julian's Seele, das er nicht zu verscheuchen vermochte und das sich
unheimlich vor sein Auge stellte, wenn es mit unendlicher Theilnahme an Agnes
hing. Er hatte die sptern Stunden des vorigen Weihnachtsabends mit Sophie
verlebt, sie war so glcklich gewesen, wie diese Frauen um ihn her - wie mochte
es ihr heute wol ergehen?
    Zum ersten Male seit langer Zeit dachte er ihrer mit lebhaftem Bedauern. Er
besa eben so wenig die Willenskraft, dem Begehren zu widerstehen, das ihn zu
einer Frau zog, als es ihm mglich war, ein Verhltni fortzusetzen, wenn es ihm
keinen Genu mehr bot. Er fhlte nicht die geringste Liebe fr Sophie, nicht die
mindeste Sehnsucht nach ihr, aber es schmerzte ihn, sie unglcklich zu wissen,
sie, der er so viel Entzcken verdankt. Er htte nichts fr sie thun mgen, was
zu erneuter Annherung fhren konnte, nur leidend, ohne einen Strahl der Freude,
wollte er sie an dem Feste nicht wissen. Er stellte sich vor, wie sie einsam
vergangener glcklicher Zeiten gedenken werde, und eilte mit einem
gleichgltigen Vorgeben davon, und auf die Strae hinunter.
    Der Laden einer Blumenhndlerin war bald erreicht, ein Rosenstock von
seltener Schnheit gewhlt und ein Bote gefunden, ihn in Sophien's Wohnung zu
tragen. Sie sollte und konnte nicht ahnen, woher ihr die Gabe kme, nur eine
Freude sollte sie empfinden, und beruhigter durch das Bewutsein, sie ihr
bereitet zu haben, kehrte er in seine Behausung zurck, wo er ber die lachende
Gegenwart bald wieder der Vergangenheit verga, und wo die augenblickliche
Wehmuth freudigern Gefhlen wich.
    Agnes, die sich seit einiger Zeit in ngstlicher Befangenheit von dem
Prsidenten entfernt gehalten hatte, was sie ihm nur noch reizender machte,
schien heute mit der Freude an dem Kinderfeste auch die alte Sorglosigkeit
wiedergefunden zu haben. Sie sprach von der Art, in der das Fest in ihrem
vterlichen Hause gefeiert werde, tausend lachende Erinnerungen aus der Kindheit
schwebten ihr vor, und Eva berbot sie noch in lustigen Schwnken, so da man in
frhlichster Stimmung beisammen var, als pltzlich bleich und verstrt Alfred
unter sie trat.
    Alle blickten ihn erschrocken an. Theophil trat an Thereen's Seite, als ob
er sie damit vor der Erschtterung bewahren knne, aber Alfred beachtete es
nicht. Er schritt auf Therese zu, bot ihr die Hand und sagte: Ich mute Sie
heute doch wenigstens noch sehen.
    Erschpft sank er darauf in den Sessel neben Therese, die Andern standen
schweigend umher, er sah so verstrt aus, da selbst der Prsident das rechte
Wort, diesem unerwarteten Ereignisse gegenber, nicht gleich fand, besonders da
ein heftiger Schmerz in Kopf und Brust ihn pltzlich berfiel. Er hatte ihn
schon leicht empfunden, als er von seinem Einkauf fr Sophie zurckgekehrt war,
den er in gewohnter Schnelle auszufhren geeilt, ohne sich gegen die
empfindliche Klte des Abends zu schtzen. Jetzt, durch die Erschtterung schien
das Uebel sich zu verdoppeln und nur mhsam brachte er die Worte hervor: Du
httest nicht kommen sollen, Alfred!
    Zugleich prete er die Hand gegen die Stirne und sagte: Beunruhigt Euch
nicht, es wird vorbergehen, aber mir ist unwohl. Er wollte das Zimmer
verlassen, konnte jedoch, von betubendem Schwindel erfat, die Thre nicht mehr
erreichen und lie sich bewutlos auf das Sopha fallen, zu dem seine
erschreckten Freunde ihn geleiteten.
    Man trug ihn mit Hilfe seines Dieners in sein Zimmer, Theophil eilte den
Arzt herbeizuholen und dieser erklrte, da irgend eine bedeutende Krankheit im
Anzuge sei, da man jedoch nicht bestimmen knne, was es werden wrde. Vor der
Unruhe, welche dies Ereigni mit sich brachte, vor der ngstlichen Sorge um den
Prsidenten trat das unerwartete Erscheinen Alfred's in den Hintergrund. Niemand
dachte mehr daran. Alfred half mit Theophil mancherlei Vorkehrungen treffen, die
fr den Kranken nthig waren, da man die Dienerschaft fortgesendet, um einen
Chirurgen und die Mittel herbeizuschaffen, welche der Arzt schleunig anzuwenden
verordnet hatte. Bei diesen Beschftigungen kam er in Julian's Nhe, der seit
einigen Augenblicken die Besinnung wiedergewonnen hatte; er winkte Alfred zu
sich heran, und sagte, trotz seines Leidens ber sich selbst spttelnd: Ich mu
ben, weil ich so schwach war, Reue zu empfinden. Aus Sentimentalitt kaufte
ich einen Blumenstock fr Sophie, da packte mich der Nordwind in den Straen - -
Heftige Schmerzen schlossen ihm den Mund; als sie nachlieen, wendete er sich
nochmals zu Alfred mit den Worten: Mache die Verwirrung nicht grer; suche Dir
und uns Frieden zu schaffen - und verlasse Sophie nicht -
    Dann fiel er in einen Zustand der Betubung, aus dem ihn die angewendeten
Mittel nicht zu reien vermochten; die Freunde entfernten sich und Therese blieb
allein wachend an dem Lager des theuren Kranken zurck.
    Aengstlich auf seine ungleichen Athemzge lauschend, schwanden ihr die
Stunden hin. Von den traurigsten Bildern der Zukunft wendete sich ihr inneres
Auge den Erlebnissen der letzten Stunden zu. Alfred's unverhoffte Ankunft,
Julian's Erkranken, der eben noch in Flle der Gesundheit dagestanden, das Alles
war so pltzlich und gewaltsam gewesen, da es sie fast unmglich dnkte. Sie
kannte Alfred zu genau, um nicht zu wissen, da er einen langen Kampf gekmpft
hatte, ehe er gekommen war; sie konnte an der Sehnsucht, die sie den ganzen
Abend gehegt, ihn nur einen Augenblick zu sehen, das Verlangen ermessen, das ihn
zu ihr gefhrt hatte. Wie mute er gelitten haben, um so erschpft zu werden,
als sie ihn gesehen? Und wenn auch er erkrankte? Wenn das qualvolle Leben, das
er an der Seite seiner Frau fhrte, ihn aufreiben sollte? Wenn Alfred strbe? -
Sie ertrug den Gedanken nicht, weil eine innere Stimme ihr zurief: Du bist es,
die ihn in den Tod schickt - und sie sah ihn sterben.
    Schaudernd bebte sie zusammen und blickte in dem dunkeln Zimmer umher, sich
zu berzeugen, da nur ihre Phantasie ihr die entsetzlichen Bilder vorspiegele.
Dabei fiel ihr Blick auf ein Pckchen, das sie vorher nicht bemerkt hatte. Sie
glaubte, es knne irgend ein Medikament darin enthalten sein, das man aus
Vorsorge hingelegt, und trat leise an den Tisch, es zu untersuchen.
    Es war an sie adressirt. Beim Oeffnen fielen ihr lose, beschriebene Bltter
entgegen, Gedichte und Aufstze von Alfred's Hand. Dabei lag ein Brief, dessen
flchtige, unregelmige Schriftzge, abweichend von der schnen Regelmigkeit
seiner Schrift, deutlich das Geprge der Aufregung trugen, mit der sie auf das
Papier geworfen waren. Das Schreiben lautete:
    Mein Felix ist zur Ruhe gegangen, ich bin allein in meinem Zimmer. Was sage
ich! allein? - Steht nicht Dein geliebtes Bild mit dem Zauber seiner stillen
Weiblichkeit vor mir? Ich breite meine Arme verlangend nach Dir aus, die
Sehnsucht der letzten qualvollen Zeit, den Schmerz des heutigen Abends
aufzulsen in dem einzigen Gedanken: Ich liebe Dich.
    Eine neue Offenbarung ward, nach dem lieblichen Glauben des Christenthums,
leuchtend geboren in dieser Nacht. Ein Stern ging auf an dem dunkeln Himmel. Du
bist der Stern, der in mein Leben geleuchtet, von Dir wende ich mein Auge nicht
ab, Dir mu ich glubig folgen, wie die Knige aus dem Morgenlande dem Stern im
Osten.
    Ich habe gethan, was Du verlangst. Ich leide in Ketten, die mich erdrcken -
bist Du frei, bist Du glcklich dadurch geworden?
    Mitten aus der kalten Eisregion, in der ich lebe und in der mein Herzblut
stockt, lie das Andenken an Dich diese Blthen entstehen, glhend, wie die
heien Tropfen, die der Schmerz aus meinem Herzen hervorpret.
    Du hast sie geschaffen, Du allein sollst sie sehen. Nimm sie hin!
    In tiefer Erregung kehrte sie an das Krankenbett zurck. Gewi hatte Alfred
ihr diese Bltter senden wollen, dann aber mute der Wunsch, sie zu sehen,
bermchtig geworden sein und er hatte sie ihr gebracht, er war selbst gekommen.
    Was sollte sie beginnen? Alfred von den Pflichten abwendig machen, die er
und Julian fr bindend erklrt, das konnte und durfte sie nicht. Sie sah, da er
die Ruhe nicht gefunden hatte, die sie fr ihn erhofft, sie ward auch ihr nicht
zu Theil, so sehr sie danach strebte. Was erwartete Alfred? Was konnte er
begehren, da sie ihm jede Hoffnung genommen hatte, die Seine zu werden? Aber
scheidet das arme Menschenherz denn von seinen Wnschen, so lange ihm noch der
Schatten einer Mglichkeit bleibt, sie zu erreichen?
    Mit einemmale tauchte in diesem Augenblicke der Gedanke in ihr empor: Wie!
wenn ich eine unumstliche Scheidewand zwischen uns stellte? Theophil's
gromthige Bewerbung fiel ihr ein. Er kannte ihre Liebe fr Alfred seit langer
Zeit, er bot ihr dennoch seine Hand. Wenn sie sie annhme, wenn sie Theophil's
Frau wrde? Wie dankbar wollte sie einem Manne sein, der sie und mit ihr Alfred
von den Leiden erlsete, aus denen sie keinen andern Ausweg sah.
    Alfred mute sich dann beruhigen, er mute sie zu vergessen suchen, er
konnte die Frau eines Andern nicht begehren, sagte sie sich. Aber liebte sie
selbst nicht Carolinen's Gemahl, und hatte sie trotz aller Kmpfe aufgehrt, ihn
zu lieben? - Hier von dem Krankenlager des einzigen Bruders, das sein Todtenbett
werden konnte, schweifte ihre Seele noch zu Alfred hinber. Sie konnte des
Bruders Leiden fr Augenblicke vergessen, sie wollte Theophil's Gattin werden
und trug das Bild eines Andern unauslschlich im Herzen. Theophil, den
hingebenden, vertrauenden Freund wollte sie fr Alfred opfern, sich selbst zu
einer Ehe erniedrigen, die den Keim des Unglcks in sich schlo, weil sie auf
Unwahrheit gegrndet war.
    So weit hatte sie sich schon von der schlichten Pflichterfllung entfernt,
die ihr Ziel gewesen war seit frhester Jugend, und wo war das Ende dieser
Leiden? - Angstvoll prfte sie ihre Handlungen, blickte in die verborgensten
Falten ihrer Seele und der Gedanke, sie knne in redlichster Absicht falsche
Wege gewandelt sein, fing an sie zu martern, als Julian sich unruhig umherwarf
und eine Hilfsleistung von ihr verlangte. Der lethargische Schlummer, der ihn
bis dahin gefesselt, machte einem heftigen Fieber Platz. In bengstigenden
Phantasien ergriff er die Hnde der Schwester, und regungslos, die Augen in
tdtlicher Angst auf Julian's bleiches Gesicht geheftet, kniete sie an seinem
Lager, bis die ersten trben Strahlen des Wintermorgens in das Zimmer fielen und
mit der Nacht die wilden Trume des Kranken zu fliehen schienen.

                                       XV


In den Strmen, welche Alfred's Leben bewegt, hatte er Sophien's weniger gedacht
und sie fast gar nicht gesehen. Julian's Bitte, sie nicht zu verlassen, fiel wie
ein Vorwurf in seine Seele und schon am frhen Morgen des ersten Feiertages
schickte er sich an, sie aufzusuchen. Briefe und Journale, die ihm gebracht
wurden und die er lesen mute, hielten ihn davon ab.
    Der Verwalter sendete ihm den Abschlu der Jahresrechnung, der hchst
gnstig ausgefallen war, als Weihnachtsgabe. Alfred sah die Papiere nicht an,
jede praktische Beschftigung war ihm lstig geworden. Der Besitz groer
Reichthmer hatte so wenig zu seinem Glcke beigetragen, da es ihm gleichgltig
schien, wenn zu den Summen, die er besa, sich noch neue ansammelten. Klagen
seiner Arbeiter, Bitten um Erla von Abgaben blickte er flchtig durch, und
suchte durch Befehle, die er an den Rand schrieb, den Beschwerden abzuhelfen,
die Forderungen zu gewhren. Aber das Alles war ihm nicht mehr Lust und
Bedrfni wie frher; er that es, um es abgethan zu haben. Er fhlte sich kalt
dem Kummer der Armen gegenber, er hatte nur Sinn fr die eigenen Leiden.
    Anfragen seines Buchhndlers, Kritiken seiner letzten Arbeiten legte er
ungelesen von sich. Was war ihm das Urtheil der Menge? Konnte es ihn beglcken?
Konnte Ruhm ihn vergessen machen, was er entbehrte?
    Mit Erschrecken empfand er, wie er gleichgltig geworden sei gegen Alles,
was ihm einst erfreulich und theuer gewesen, weil Ein Wunsch jedes andere
Interesse berwog und ertdtete. Er kam sich abgestorben vor und legte
misgestimmt die Papiere wieder fort, als ihm ein schwarzgesiegelter Brief in die
Hnde fiel, den er noch nicht erffnet hatte. Die Handschrift war ihm fremd, er
sah nach der Unterschrift und fand Ruhberg's Namen. Mit bedauernden Phrasen und
schlechtverhehlter Freude kndete er Alfred den Tod des Domherrn Fernow an und
meldete, da er gleich nach Neujahr in die Stadt kommen werde, wo er die Ehre zu
haben hoffe, Frau von Reichenbach, sein geschtztes Beichtkind zu begren. Er
bat Alfred, den kleinen Streit, der zwischen ihnen vorgefallen sei, zu
vergessen, da der Domherr sterbend den Wunsch ausgesprochen habe, sie mchten
sich zu christlicher Vershnung geneigt finden lassen. Er schlo mit der
Versicherung, wie er den innigsten Antheil an dem guten Einverstndni der
Eheleute nehme, das er zu seiner groen Freude zum Theil als sein Werk
betrachten drfe.
    Die Heuchelei erfllte Alfred mit Verachtung, und die Aussicht, den
verhaten Ruhberg bald in seiner Nhe zu wissen, war ihm eben so unangenehm, als
der Tod des Domherrn schmerzlich. Er hatte einen treuen, zuverlssigen Freund in
ihm verloren, einen liebenswrdigen Gutsnachbar, und seine Besitzungen einen
geistlichen Hirten, der klar die Bedrfnisse der Zeit verstand und nach diesem
Verstndni handelte.
    Er trug den Brief in Carolinen's Zimmer. Sie kam aus der Messe und hatte
dort von andern Damen das pltzliche und gefhrliche Erkranken des Prsidenten
erfahren. Sie theilte es ihrem Manne mit, ohne zu ahnen, da dieser bei dem
Vorfalle gegenwrtig gewesen sei, und fragte ihn, ob er nicht hingehen werde,
den kranken Freund zu besuchen.
    Alfred, von dem Vorschlag aus ihrem Munde berrascht, mochte seine
Befremdung darber nicht genug verbergen, so da Caroline seine Hand ergriff und
sagte: Glaubst Du denn, Alfred, ich htte kein menschliches Gefhl? Therese
dauert mich sehr, sie wird Trost nthig haben, gehe doch zu ihr.
    Er war von diesen Worten bewegt, er wute sie ihr Dank und htte sie umarmen
mgen, wre ihm nicht das Bewutsein strend gewesen, er habe seiner Frau den
gestrigen Besuch in Julian's Hause und die Widmung der Gedichte an Therese zu
verschweigen. Er fhlte, wie die Nachsicht seiner Frau allein im Stande wre,
ihm das Opfer mglich zu machen, das er sich auferlegte. Er sagte ihr das offen,
wie er es ihr bei ihrer ersten Zusammenkunft in Berlin gesagt, aber dies
Vertrauen verstand sie nicht zu wrdigen.
    Sei immer so gut, Caroline! bat er, lehre mich, Dich wieder zu lieben, la
mich eine friedliche Heimath in meinem Hause finden, in der ich ausruhe von dem
Kampf meiner Seele. Wir sind durch unsere Schuld in Verwirrungen mancher Art
gerathen, stehe mir bei, uns daraus zu erlsen; Du kannst es durch Gte und
Sanftmuth. Mein Wille war redlich und gut und mein Kampf ist schwer.
    Sie versprach mit tausend Schwren Alles, was er verlangte. Sie war nicht
bse, aber ihre Seele hatte Schaden genommen in ihrer unglcklichen Ehe. Von
jedem Aufschwung ihres bessern Gefhls sank sie in die Schwchen zurck, die ihr
zur zweiten Natur geworden waren. Sie fhlte nicht, welche Ueberwindung es
Alfred kosten mute, vor ihr seiner Liebe und seines Kampfes zu gedenken; sie
begriff das ehrende Vertrauen nicht, das in seiner Bitte lag, ihm durch Gte und
Nachsicht beizustehen. Es schien ihr, als msse Alfred seine Liebe, die sie seit
lange kannte, vor ihr verbergen; und doch fehlte ihr die Schonung, dasjenige
nicht errathen zu wollen, was er nach ihrer Meinung nicht gestehen durfte.
    Sie gehrte nicht zu den groen Frauenseelen, denen es mglich ist, in
solchen Verwirrungen wie ein rettender Schutzgeist zu helfen und sie zu lsen.
Ihr fehlte das einzige untrgiche Mittel dazu, die Selbstverleugnung und das
rckhaltlose Hingeben an das Herz des Mannes. Htte Caroline das vermocht, htte
sie den Muth und die Liebe besessen, Alfred Zeit zu gnnen, htte sie sich zu
seiner Vertrauten zu machen gesucht, so wrde das Gefhl des gerechten Dankes,
das sie ihm eingeflt, zu einem neuen und dauernden Bande zwischen ihnen
geworden sein. Aber diese Seelengre war ihr nicht gegeben.
    Schon nach wenig Augenblicken bereute sie es, Alfred zu dem Besuche bei
Therese aufgefordert zu haben, und sann auf Mittel, ihn dorthin zu begleiten,
als ihm ein Diener ein Billet berbrachte. Es war von Therese und enthielt nur
die Worte: Julian hat ein Nervenfieber, sein Leben ist in Gefahr. Kommen Sie
nicht zu mir, ich darf und will nichts denken, als ihn. Ich beschwre Sie,
kommen Sie nicht!
    Er las das Blatt und steckte es zu sich, ohne etwas zu sagen. Caroline hatte
in der Adresse eine weibliche Handschrift zu erkennen geglaubt und begehrte in
hellauflodernder Eifersucht zu wissen, was das Billet enthalte. Alfred wich
Anfangs ihren Forderungen aus, endlich, da sie immer dringender ward, gab er ihr
das Blttchen.
    So hast Du sie dennoch wiedergesehen! rief sie aus. O! ich Thrin, ich
glaubte, Du wrdest dazu meiner Erlaubni bedrfen! ich Thrin, die in blinder
Gutmthigkeit Dich bat ihr Trost zu bringen.
    Caroline! sagte Alfred, ich habe Therese nur einmal gesprochen, ohne da Du
es weit. Ich hatte mir's gelobt, sie nur in Deinem Beisein zu sehen; aber der
Unfriede des gestrigen Abends lastete zu schwer auf mir. Das Mistrauen hatte
mich erbittert, mit dem Du Therese und mich auf's Neue beleidigtest; mich
erdrckte gestern Abend die Freud- und Lieblosigkeit in unserm Hause und fast
ohne da ich es wollte, fand ich mich in Theresen's Nhe nach langem einsamen
Umhergehen wieder.
    Spare die Entschuldigung, meinte Caroline, auer sich vor Zorn, ich glaube
Dir nicht mehr, und Du und sie Ihr verdient keinen Glauben.
    Alfred, einer der wahrhaftesten Menschen, empfand diesen Vorwurf schwer, ein
neuer, lebhafter Streit entstand. Er endete mit solcher Erbitterung von beiden
Theilen, da sie sich im Laufe der nchsten Tage zu begegnen vermieden und sich
auswichen, wenn sie zufllig irgendwie zusammentrafen.

                                      XVI


Die Krankheit des Prsidenten hatte einen sehr gefhrlichen Charakter
angenommen. Als Alfred zu Sophien kam, war sie von derselben bereits
unterrichtet und trat ihm mit der Frage entgegen, wie es Julian ergehe? Er
konnte ihr nicht verbergen, da der Zustand sehr bedenklich sei, fgte aber
hinzu, da man dennoch bei seines Freundes krftiger Natur das Beste hoffen
drfe.
    Sie hrte ihm unglubig zu, lchelte schmerzlich und sagte: Ich hoffe
nichts, Julian wird sterben. Sehen Sie, mein Freund! diesen Rosenstock brachte
mir am Weihnachtsabend ein Knabe, als ich in tiefster Wehmuth der Vergangenheit
dachte. Der Bote kannte den Geber nicht, aber mein Herz errieth ihn, meine
innere Freude sagte mir, er kme von ihm. Die Blumen prangten in vollster
Pracht. Glcklich, da er meiner doch gedenke, da ich nicht ausgetilgt sei aus
seiner Seele, trug ich den Topf in mein Zimmer und drckte mein Gesicht in die
Blthen. Mir schien, als lehnte ich mich an sein Herz. Kaum aber war es
geschehen, kaum war der Rosenstock eine kurze Zeit in meinem Besitze, als seine
Bltter sich senkten; er fing an zu welken und ich wute, was mir bevorstand,
als ich am nchsten Morgen von meinem Arzte hrte, Julian sei erkrankt.
    Vergebens stellte ihr Alfred vor, das Welken des Rosenstockes sei ein
durchaus natrliches Ereigni. Er ist in Treibhauswrme erwachsen, sagte er,
dann hat ihn die kalte Nachtluft pltzlich berhrt, ehe er in die warme
Atmosphre Ihres Zimmers gebracht wurde, das hat die Pflanze getdtet. Warum
denn gleich das Schlimmste glauben? Warum in diesem Zufall so trbe Vorbedeutung
suchen?
    Sie sind ein Dichter, wendete Sophie ein, und knnen an das blinde Walten
des Zufalls glauben? Haben Sie nie den wunderbaren Zusammenhang alles
Erschaffenen empfunden? Haben Sie nie gefhlt, wie die Weltseele das All
durchdringt und harmonisch wirkt in uns und in der Pflanze, in den Sternen und
in den Thieren? Ich bin gewi, alles Lebende empfindet mit uns, unsere Liebe
klingt auch in den Geschpfen wieder, denen kalte Philosophen die Empfindung
absprechen. Ich halte fest an der Zuversicht, da ein Theil von der Seele des
Geliebten in allen Gaben lebte, die ich ihm verdanke und von denen ich mich nur
mit blutendem Herzen trennen werde. Es wird mir ein erneuter Abschiedsschmerz
sein und doch mu auch dieser durchlebt werden.
    Ihre frhere Lebhaftigkeit hatte einer stillen Trauer weichen mssen, ihre
Bewegungen waren langsamer und ruhiger geworden, das Feuer ihres einst so
brennenden Auges gedmpft und selbst ihre Kleidung, schwarz und von einfachster
Form, trug dazu bei, sie gnzlich verndert scheinen zu lassen. Alfred hatte
diese Verwandlung gleich bei seinem Eintreten bemerkt und fragte sie, ob sie
denn immer noch bei ihrem frhern Vorsatze beharre. Er hielt ihr die Bedenken
vor, die sich in ihm dagegen regten, er bat sie, noch ein Jahr zu warten, er
stellte ihr die traurige Einsamkeit des Klosterlebens, die Reize der Welt in den
lebhaftesten Farben vor, und ging so weit, sie nochmals auf eine mgliche
Ausshnung mit Julian zu verweisen, um sie nur von ihrem Vorhaben
zurckzuhalten.
    Sie hrte ihm mit dankender Freundlichkeit zu. Die Erwhnung, da Julian
ihrer mitten in den Schmerzen seiner beginnenden Krankheit gedacht habe, fllte
ihr Auge mit Thrnen. Gott lohne es ihm, sagte sie, es sind die reinsten
Freudenthrnen, die ich weine! Da er meiner liebend gedenkt, das ist der
schnste Segen, den ich aus der Welt in die Zukunft hinberzunehmen verlangen
konnte. Ein anderes Glck giebt es fr mich nicht und ich habe nur noch einen
Wunsch: ich mu ihn sehen, ehe er stirbt.
    Er wird nicht sterben und Sie werden ihn noch oft wiedersehen in Flle der
Gesundheit; hoffen Sie es doch mit mir! bat Alfred.
    Schreckt Sie der Gedanke an seinen Tod, entgegnete Sophie, so nehmen Sie
meine Bitte in anderm Sinne. Lassen Sie mich Julian noch ein Mal sehen, ehe ich
sterbe fr die Welt. Ist es Ihnen so lieber? fragte sie mit dem anmuthigen
Lcheln, das noch vor wenig Monaten die kunstliebende Residenzstadt bezauberte.
Ich habe endlich vor einigen Tagen meinen Abschied vom Theater erhalten, ich bin
nun frei und knnte die Stadt verlassen, htte ich ihn noch ein Mal gesehen.
Dazu sollen Sie mir verhelfen. Sie sollen mich in sein Zimmer fhren, auf welche
Art Sie es zu machen wissen; das soll der Dienst sein, den ich von Ihnen
fordere.
    Alfred berichtete ihr, da er selbst das Haus des Freundes nicht besuche,
da Therese ihn aus ihrer Nhe verbannt habe, und unwillkrlich ergo sich der
Strom seiner Leiden in Sophien's theilnehmende Seele. Was er ihr aus Rcksicht
fr seine Gattin und fr Therese verschwieg, ergnzte ihr feines Gefhl. Sie
hatte das feinste Verstndni fr die verborgensten Rthsel in einer fremden
Brust. Sie wute in einer Weise zuzuhren, die mehr erquickte und beruhigte, als
die freundlichsten Trostesworte jedes Andern. Ihr Auge tauchte unter in die
Seele des Leidenden und sein milder, warmer Schein trocknete die Thrnen im
tiefsten Grunde des Herzens, die nicht an das Licht hervorzubrechen wagten.
    Auch Alfred fhlte sich besnftigt und beruhigt in ihrer Nhe. Er sagte ihr,
wie werth sie ihm sei, wie ungern er sie scheiden she. Niemand, der wie Sie die
Macht zu trsten besitzt, sagte er, darf diese heilige Gabe selbstschtig
unbenutzt lassen, Ihr Beruf ist es, die Leidenden zu erquicken - -
    Das will ich ich ja auch thun, rief sie mit groer Erhebung, das will ich
thun, wenn Gott mir die Kraft dazu gibt; das gerade ist ja mein Vorsatz. Ich
habe nicht mehr daran gedacht, in migem Hinbrten mein Leben zu verlieren,
seit ich mich wieder emporgerafft habe aus der stumpfen Betubung meines ersten
Schmerzes. Mir lebte eine Tante in Paris, die ich in meiner Kindheit oft gesehen
habe; spter trennten unsere verschiedenen Lebenswege uns gnzlich. Sie ist
barmherzige Schwester. -
    Alfred schreckte auf, er ahnte, was Sophie ihm sagen wrde. Sie bemerkte
sein Erstaunen und meinte: Wie die Welt wunderlich urtheilt und selbst die
Besten vor ganz natrlichen Dingen erschrecken! Was ist es anders, wenn eine
Mutter die kranken Kinder pflegt, wenn eine Frau gramvolle Nchte am Bette des
Gatten durchwacht? Ich habe Niemand auf der Welt als Julian, der mein nicht mehr
begehrt; ich stehe allein, ein Theil der leidenden Menschheit - sie kann meiner
Dienste bedrfen und ihr will ich sie weihen. Ich bin ein Kind des Volkes, ich
habe die Reichen und Glcklichen entzckt und erfreut, als ich selbst froh und
glcklich war; lassen Sie mich nun zu dem Volke, zu den Armen zurckkehren und
die Unglcklichen und Leidenden erquicken. Das dnkt mich der schnste Beruf,
seit ich empfunden habe, was das Leiden ist. Ich habe meiner Tante geschrieben,
der Brief hat sie noch lebend und rstig gefunden. Sie freut sich meiner
Absicht, sie wirkt noch immer segensreich an den Krankenbetten des Htel Dieu
und unter ihrer Leitung werde ich meine neue Laufbahn beginnen.
    Die sichere, freudige Klarheit, mit der sie sprach, beruhigte Alfred ber
sie. Er fhlte, da nicht alle Naturen auf gleiche Weise zum Ziele, zum Frieden
mit sich selbst gelangen knnen. Der Wirkungskreis, den Sophie jetzt erwhlte,
schien ihm ihrer wrdiger, ihrem Gemthe angemessener, als die klsterliche
Einsamkeit, an die sie frher fr ihre Zukunft gedacht hatte. Er sagte ihr das
und sie bat: Lassen Sie mich denn, nun Sie meinen Vorsatz billigen, sobald als
mglich scheiden. Lieber Freund! nur einen Augenblick lang fhren Sie mich in
Julian's Zimmer, nur noch einmal mu ich vorher seine theuren Zge sehen. Ich
darf ja kein anderes Bild von ihm behalten, als das in meinem Herzen! Gnnen Sie
mir das einzige Glck, das ich fordere! Erfllen Sie die erste Bitte, die ich an
Sie richte. Sie haben mir ihre Freundschaft angeboten, auf diese richtet sich
meine Hoffnung. Ich mu ihn sehen!
    Ihre Bitten, ihre feste Erklrung, sie msse und werde die Erfllung dieses
Wunsches erreichen, machten Alfred ungewi, was er thun solle. Er kannte sie
genug, zu glauben, sie werde nicht von ihrem Verlangen lassen, und er frchtete,
da sie die Erreichung desselben in einer Weise bewirken drfte, die fr Julian
oder Therese nachtheilig werden knnte. Deshalb versprach er ihr, er wolle
versuchen, ihren Wunsch zu erfllen, wenn sie ihm dagegen gelobe, keine Schritte
ohne sein Vorwissen zu thun und geduldig zu warten, bis er es mglich machen
knne, ihr zu willfahren.
    Ich bringe Ihnen Nachricht von Julian, sagte er, ich verheimliche Ihnen
nichts, vertrauen Sie mir. Ich komme noch oft, Sie zu sehen, so lange Sie bei
uns weilen. Lassen Sie mich Muth und Entschlossenheit in Ihrem Beispiel finden.
Mein Herz ist auch wund und mein Geist ist sehr mde; sein Sie auch knftig mir
eine barmherzige Schwester, ein Engel des Trostes, wie Sie es mir heute gewesen
sind.

                                      XVII


Alfred hielt Wort. Fast tglich besuchte er Sophie, aber die Nachrichten, die er
ihr zu bringen hatte, waren wenig erfreulich. Der Zustand des Prsidenten
schwankte anfangs hin und her, dann verschlimmerte er sich bedeutend und die
Aerzte verwiesen, nachdem der siebente Tag vorber war, auf eine Krisis am
vierzehnten oder einundzwanzigsten Tage. Beide, Alfred sowol als Sophie,
empfanden, getrennt von dem Gegenstande ihrer Sorge eine groe Unruhe, und das
Dasein in seinem Hause trug nicht dazu bei, Alfred ber die Sorge fortzuhelfen.
Der Unfriede zwischen den Eheleuten wuchs immer mehr. Caroline ging Tage
hindurch schmollend an ihrem Manne vorber, bis sie pltzlich eine Anwandlung
von Reue empfand und Vershnung suchte. Aber Vershnung setzt gnzliches
Vergessen des geschehenen Unrechts voraus und dies Vergessen erfordert Liebe.
Liebe vergibt und vergit, weil sie zu lieben verlangt. Sie freut sich, wenn es
ihr gelingt, die Fehler des Geliebten verschleiern, sich ber seine Mngel
tuschen zu knnen; sie will nicht Rechte fordern, nicht gerecht sein, sie will
gewhren, Nachsicht ben und, wenn es sein kann, bewundern und beglcken.
    Diese Liebe hatte der Ehe seit ihrem Beginnen gefehlt und sie allein macht
es mglich, da ein Bndni zwischen Menschen, bei den Schwchen der
menschlichen Natur, ein glckliches werde. Alfred zwang sich, gerecht gegen
Caroline zu sein, das mute zu ihrem Nachtheil ausfallen, denn ihre guten
Eigenschaften wurden durch ihre Mngel berwogen. Caroline hingegen fhlte
nicht, da sie sich zur hchsten Wrde einer Frau erhebe durch Milde und
Schonung; sie frchtete, sich zu erniedrigen durch Nachsicht, sie frchtete, in
ihren Rechten gekrnkt zu werden. Die Eheleute, die nur Einen Willen, nur Einen
gemeinsamen Wunsch haben sollten, den Wunsch, zusammen, durch einander glcklich
zu werden, standen sich mit getrennten Wnschen, mit gesonderten Interessen
gegenber. Wo es dahin gekommen ist, wo Eheleute einmal empfunden haben, da sie
nicht Eins sind in unauflslicher Verbindung, wo sie sich als zwei gesonderte
Parteien zu denken angefangen haben, da ist das Glck des Hauses
unwiederbringlich zerstrt. Nur Liebe vermag den menschlichen Egoismus zu
besiegen, ohne sie bricht er hervor und fordert gebieterisch Selbsterhaltung und
Glck.
    Weder die Aufwallungen edlerer Gefhle in Caroline, noch Alfred's gute
Vorstze vermochten die oftmals wiederkehrenden Ausshnungen dauernd zu machen.
Nach kurzem Frieden begann der Streit um so heftiger, und besonders in Alfred,
dem das Unschne dieser Verhltnisse doppelt verletzend war, bildete sich eine
dauernde Erbitterung aus, die sich bald von beiden Seiten zu rcksichtsloser
Hrte steigerte.
    Das Leben in seinem Hause wurde ihm so unertrglich, da er jeden Anla
wahrnahm, der ihn daraus entfernte. Er besuchte Theater und Gesellschaften, um
dem Misbehagen zu entgehen, das ihn plagte, um sich selbst zu entfliehen. Von
Natur huslich und wissenschaftlichem Stillleben geneigt, strzte er sich in
einen Strudel von Vergngungen, um nicht zu empfinden, wie unmglich ihm jede
Arbeit geworden sei, seit er die innere Ruhe dazu verloren hatte. Aber der
Taumel der Zerstreuungen spannte ihn ab, ohne ihn einen Augenblick vergessen zu
machen, was er zu vergessen wnschte. Stumpf und ermdet kehrte er in die
Heimath zurck, wo er Caroline fand, ebenfalls bersttigt von leeren Genssen,
verdrielich und schmollend wie er. Der geringste Anla fhrte in diesen
Stimmungen Mishelligkeiten herbei und Felix fing an, die Eltern zu vermeiden,
wenn er sie allein beisammen fand. Oftmals ward er von Caroline gescholten, nur
weil Alfred ihn gelobt hatte. Sie wute, es thue Alfred wehe, den Knaben leiden
zu sehen; sie litt durch Alfred und in der Aufwallung der gekrnkten Gattin
verga sie die Mutter. Es war das unglckseligste Verhltni von der Welt.
    Nur in Sophien's Nhe besnftigte sich die innere Zerstrtheit Alfred's, die
fieberhafte Unruhe, die ihn umhertrieb, das Elend seiner Ehe zu fliehen, und
Glck und Liebe zu suchen, die fr ihn an Theresen's Seite erblhen muten. Mit
Sophie, der er sein Lieben vertraut, sprach er von seinen Wnschen, von seinen
Vorstzen, bei ihr fand er ein theilnehmendes Herz. Immer lnger dehnten sich
seine Besuche bei ihr aus und wenn sie ihn darauf aufmerksam machte, sagte er
traurig: Lassen Sie mich hier ausruhen, Sophie! bei Ihnen ist der heilige
Tempel, in dessen Mauern die Eumeniden mir nicht zu folgen wagen. Nur so lange
lassen Sie mich verweilen, bis ich die Ruhe gefunden habe, zu wollen, was ich
mu.
    Eines Abends kehrte er von der Freundin zurck und kam in Carolinen's
Zimmer, seinen Sohn zu sehen. Er fand den Kaplan Ruhberg bei ihr, und sie ging
hinaus, bald nachdem ihr Gatte eingetreten war. Der Kaplan kam dem Hausherrn mit
geflissentlicher Freundlichkeit entgegen und bot ihm die Hand. Alfred that, als
bemerke er es nicht. Es war ihm unmglich, einen Mann traulich zu begren, den
er nicht in seinem Hause zu sehen wnschte. Ruhberg brachte ihm Nachrichten aus
der Heimat und sprach von den Angelegenheiten auf Reichenbach's Gtern, soweit
sie die kirchlichen Verhltnisse betrafen. Dann rckte er endlich mit der Bitte
hervor, da Alfred, der mannichfache Bekanntschaften unter den Rthen der
verschiedenen Ministerien besa, seinen Einflu zu Gunsten Ruhberg's verwenden
solle, um dessen Besttigung als Domherr zu erlangen, die noch zweifelhaft
schien. Die Behrden standen an, die auf ihn gefallene Wahl gutzuheien, da
seine hierarchischen Tendenzen nur zu sehr bekannt waren.
    Alfred nahm seine Bitte khl auf und sagte, da Ruhberg dringender wurde: Sie
verkennen einerseits meinen Einflu, mein Herr Kaplan, andererseits mich selbst.
Ersterer reicht nicht so weit, als Sie glauben, und ich kann ihn nicht
unbedenklich fr Jemand anwenden, dessen Grundstze und Ansichten den meinigen
so sehr entgegen sind, als die Ihren. Im Uebrigen, Herr Caplan, denken Sie von
meiner christlich vergebenden Gesinnung besser als ich selbst, denn ich habe
weder vergessen noch kann ich vergeben, was Sie gegen mich verschuldet haben.
    Der Kaplan erbleichte und ein Blick, scharf wie der Stachel einer Schlange,
scho aus seinen Augen auf Alfred, aber keine Muskel seines Gesichtes bewegte
sich. Ich wei nicht, wovon Sie sprechen, Herr von Reichenbach! sagte er. Ich
bin mir bewut, Sie wegen des kleinen Streites in Rosenthal um Vergebung gebeten
zu haben, und was die Milde betrifft, er betonte das Wort scharf, die Sie an
meinem Vorgnger so hoch geschtzt haben, und die Sie in gewissen Fllen
vielleicht selbst bedrfen knnten, so sollen Sie mich so mild als Ihren
verstorbenen Freund, den Domherrn, finden. Mit der kirchlichen Wrde soll mir
die christliche Milde kommen, wie ich hoffe. Es ist schwer in untergeordneter
Stellung sich frei und richtig zu entwickeln, das Amt giebt Kraft und Einsicht
mit dem Beistand Gottes.
    Ich bedarf Ihrer Milde nicht, sagte Alfred stolz, und ich habe Ihnen keine
Milde angedeihen zu lassen, nach der Beleidigung, die Sie, und wie ich erkundet
habe, Sie allein mir mit der gehssigen Zeitungsanzeige zugefgt haben, deren
Sie sich wohl erinnern werden. Damit ist Alles zwischen uns gesagt.
    Er schritt hinaus, lie Ruhberg stehen und ging seine Frau aufzusuchen, der
er verbot, den Kaplan bei sich oder auer ihrem Hause zu empfangen und zu
sprechen.

                                     XVIII


Langsam und drckend schwer gingen die Tage an Therese vorber. Sie hatte gleich
nach des Bruders Erkranken ihre Pflegetochter von sich entfernen, sie zu Frau
von Barnfeld schicken wollen, aber Agnes hatte es mit Bestimmtheit verweigert,
sich von ihr zu trennen. Sie erklrte, da Nichts sie vermgen wrde, die
Freundin, der sie so viel frohe Stunden verdanke, der sie von Herzen ergeben
sei, zu verlassen, nun da diese in Angst und Sorgen sei, und Therese hatte sich
in ihre Ansicht gefgt.
    Mit verstndiger Thtigkeit und groem Geschick bernahm Agnes alle
huslichen Geschfte, die sonst der ltern Freundin oblagen. Sie sorgte fr
Alles, wute fr Alles Rath, was Julian irgend bedrfen konnte, so da Therese
sich mit ruhiger Zuversicht ausschlielich der Pflege des Bruders widmen durfte.
Dabei schien das junge Mdchen sich recht in ihrem Elemente zu fhlen und trotz
wirklicher Sorge um den Prsidenten und mancher krperlichen Anstrengung ihren
ruhigen, klaren Sinn zu behalten. Das machte sie Therese immer werther und ward
fr Eva unschtzbar, die alle Fassung verloren hatte.
    Schon am frhesten Morgen kam sie zu den Freundinnen und verlie sie so spt
als mglich. Wie Agnes wnschte sie helfen und ntzen zu knnen, aber die
gnzliche Unkenntni aller huslichen und wirthschaftlichen Fertigkeiten
hinderte sie daran. Doppelt betrbt durch die Unthtigkeit, zu der sie sich
verdammt fhlte, sa sie tagelang mit verweinten, halbgeschlossenen Augen da.
Sie war ein wahres Bild des Kummers, und Therese sowohl als Agnes und Theophil
empfanden inniges Mitleid mit ihr. Konnte man irgend eine Beschftigung fr sie
ermitteln, die sich auf Julian bezog, dann belebte sie sich pltzlich; war die
kleine Arbeit beendet, so sank sie in die frhere Abspannung zurck. Sie machte
den rhrenden Eindruck eines kranken Kindes und wie ein solches ward sie von
Agnes mit unwandelbarer Gte und Nachsicht behandelt, die, obgleich bedeutend
jnger als Eva, jetzt wie ihre Beschtzerin auftrat.
    Theophil entging die groe Tchtigkeit des jungen Mdchens nicht und er
wute ihr die Erleichterung Dank, welche sie Theresen verschaffte. Unablssig
fr diese besorgt und vorsorgend, dachte er dennoch daran, auch Agnes Beweise
seiner Theilnahme und Achtung zu geben, die sich von Tag zu Tag fr sie
steigerten. Durch Agnes erfuhr er zu jeder Stunde, wie es um Julian stehe, wie
Theresen's Stimmung sei, denn diese selbst war nur fr Augenblicke sichtbar.
    Tag und Nacht an Julian's Lager beschftigt, schien sie fast bermenschliche
Kraft in sich zu finden, um dem Bruder nie zu fehlen, wenn fr kurze Zeit die
Nebel des Fiebers von ihm wichen und er seine Umgebung erkannte. Am
Neujahrsmorgen hatte sie einen Brief von Theophil's Mutter erhalten, die ihr in
den wrmsten Ausdrcken fr die Gte dankte, welche sie dem leidenden und jetzt
genesenen Sohne bewiesen habe. Ein Brief von Theophil war beigelegt, in welchem
er sich erfreut ber die Rckkehr der Gesundheit und voll Sehnsucht nach einem
Glcke aussprach, das er einst vielleicht von der Hand seiner treuen Pflegerin
zu erhalten hoffen drfe. Die zrtliche Mutter beschwor Therese, ihrem Sohne das
Glck, das er nicht nher bezeichnet, das sie aber leicht errathen hatte, nicht
zu versagen. Sie schilderte ihr die tiefe Verehrung ihres Sohnes fr sie, sie
rhmte mit mtterlichem Stolz die Vorzge des Sohnes und hie im Voraus Therese
als die geliebteste Tochter willkommen.
    Der Brief, so wenig ihn Theophil selbst gutgeheien haben wrde, htte er
eine Ahnung von seinem Inhalte gehabt, rhrte Therese sehr. Es gab sich eine
groe Gte darin kund und es that ihr leid, die Hoffnungen nicht erfllen zu
knnen, welche man auf sie baute. Sie begriff die Nothwendigkeit, Theophil nicht
lnger in Zweifel ber seine Aussichten zu lassen, aber die Angst um den Bruder
drngte jeden andern Gedanken in den Hintergrund und die erste Woche des neuen
Jahres war bereits vorber, ohne da sich eine Besserung in dem Zustande des
Kranken gezeigt htte. Der entscheidende einundzwanzigste Tag nahte heran, und
mit ihm die tdtliche Spannung, in der man solche Ereignisse erwartet.
    In der Befrchtung der traurigsten Mglichkeit gewann es Therese ber sich,
mit Theophil zu sprechen. Sie frchtete den Tod des Bruders und der Gedanke,
irgend eine naheliegende Pflicht erfllen zu mssen, nachdem sie den Bruder
verloren haben wrde, kam ihr hart an.
    Sie suchte also Theophil in einem freien Augenblicke auf, dem sie im
Wohnzimmer begegnete. In dem lebhaften Wunsche, sobald als mglich zu Julian
zurckzukehren, fand sie die Kraft, ohne alle Vorbereitung gerade zum Ziele zu
gehen; alle die kleinlichen Rcksichten verschwanden vor der Gre des Kummers,
der von allen Seiten auf sie einstrmte.
    Sie haben von mir noch Antwort auf eine Frage zu erwarten, guter Theophil,
sagte sie, die ich Ihnen lngst htte geben mssen. Sie haben meine Hand
begehrt, aber ich kann die Ihre nicht werden. Ich bin nicht frei, wie ich es
Ihnen schon frher gesagt habe, wie Sie selbst es jetzt wissen. - Da sie an
Theophil's Zgen sah, welch schmerzlichen Eindruck ihre Worte auf ihn machten,
und da sie fhlte, da die Weise, in der sie zu ihm gesprochen, ihn kalt und
herzlos dnken msse, wnschte sie zu begtigen, so weit es in ihrer Macht
stand. Sie sagte ihm, da sie schwankend gewesen sei, was ihr zu thun obliege,
da sie in festem Vertrauen auf seine Gromuth, in der Gewiheit seiner Liebe
daran gedacht htte, seine Frau zu werden, und da nur die Unmglichkeit sie
davon abgehalten, weil sie ihm nur ihre Hand, nicht ihr Herz zu geben habe.
    Glauben Sie mir, Theophil, sagte sie, es kann, es darf nicht sein. Meine
Vergangenheit ist ausgefllt mit dem Bilde, mit der unwandelbarsten Hingebung an
das Andenken eines Mannes, der nie der Meine sein wird -
    Und die Zukunft? fragte Theophil bittend.
    Sagte ich Ihnen nicht, da diese Liebe unwandelbar sei? Sie wird auch meine
Zukunft ausfllen, wie sie hoffnungslos mein ganzes Leben in sich fate. Es ist
ein Geschick und ich klage nicht darber; denn eine groe Liebe, selbst wenn sie
unglcklich ist, ist ein Glck.
    Therese, sagte Theophil, ich mu grausam Ihre Wunden berhren, wie der treue
Arzt, der zu helfen wnscht. Welches Loos erwarten Sie fr sich?
    Sie meinen, welch ein Loos ich erwarte, ergnzte Therese, wenn es im
unerforschlichen Rathe einer hhern Macht beschlossen ist, da ich meinen Bruder
verliere? - Ihre Stimme ging in Thrnen unter, als sie dem Gedanken, den sie
seit Wochen in verschwiegener Brust gehegt, zum Erstenmale Worte gab. Es war
ihr, als wrde das gefrchtete entsetzliche Ereigni dadurch schon jetzt zur
Gewiheit erhoben, als trete es von diesem Augenblicke an in die Reihe der
unumstlichen Thatsachen, und ihr schauderte vor der Gewalt des Wortes. Doch
berwand sie sich und sagte: Ich werde leben in Erinnerungen groer Liebe, in
der Freude, von den edelsten Herzen geliebt worden zu sein. Fr Sie, Theophil,
vermag ich nichts, kann ich nichts sein, denn mir fehlt die Jugend, ein neues
Leben zu beginnen. Glauben Sie mir das.
    Er hrte sie schweigend an, wie man ein Urtheil anhrt, dessen Schwere man
empfindet und das man fr unumstlich hlt. Vergebens erwartete sie irgend ein
Wort von ihm, das ihr verkndete, er zrne ihr nicht. Er hatte den Kopf in die
Hand gesttzt und blickte starr zur Erde nieder, bis der Eintritt des Dieners,
der Therese in das Krankenzimmer zurckzurufen kam, ihn aus seinen Gedanken
aufstrte.
    Sie trat an Theophil und bot ihm die Hand. Knnen Sie mir nicht vergeben,
Theophil? fragte sie. Ich mache Ihnen Kummer und she Sie doch so gern, so gern
recht glcklich.
    Sie wollte fort, aber er prete ihre Hand an seine Lippen, hielt sie zurck
und sagte: Wollen Sie mir eine Gunst gewhren? Ich bitte darum als Zeichen Ihres
Vertrauens, ich fordere sie, als ein Recht der heiligsten Freundschaft. Lassen
Sie mich in Ihrer Nhe bleiben, bis ich beruhigter ber Sie von Ihnen gehen
kann. Bis Julian Sie wieder beschtzt, lassen Sie mich statt seiner, so gut ich
es vermag, Ihnen zur Seite stehen. Ich gehe, sobald Sie meiner nicht mehr
bedrfen. Darf ich bleiben, Therese?
    Sie antwortete nicht, denn ihre ganze Seele war schon bei dem Bruder, aber
der feste, stumme Druck der Hand, mit dem sie Theophil's Rechte erfate, gab ihm
die Gewiheit, da seine Bitte erhrt sei, und da er bleiben drfe.

                                      XIX


In des Kranken Zimmer angelangt, fand sie diesen in wilden Fieberphantasien. Der
Arzt wurde geholt, neue Verordnungen wurden gemacht und Eva sah an der
ngstlichen Eilfertigkeit, mit der sie vollzogen wurden, an dem schnellen und
doch leisen Umhergehen der Frauen, da die Gefahr von Stunde zu Stunde wachse.
    Vllig fassungslos, lag sie auf dem Sopha und hllte das Gesicht in die
Kissen, als Agnes zurckkam und nun, da alles Nthige geschehen war, sich neben
sie setzte. Sie versuchte Eva zu ermuthigen, erzhlte ihr von andern
Krankheitsfllen, die hoffnungslos geschienen und doch einen glcklichen Ausgang
gehabt hatten, aber Eva beachtete es nicht.
    Du gutes Mdchen, sagte sie, sich emporrichtend, Du weit ja nicht, wie mir
zu Muthe ist. Ich war ein Kind bis jetzt. Ich kannte vom Leben nichts als die
Freuden, man hatte mich absichtlich in Sorglosigkeit erhalten. Nun hat mich die
Liebe aus meinem Paradiese erweckt, und statt der blhenden Blumen, von denen
ich getrumt, finde ich welke Krnze, ein geliebtes Grab damit zu schmcken.
    Eva! bat Agnes, fasse Dich doch, nimm Deinen Muth, Deine Liebe fr Therese
zu Hilfe. Was soll sie denken, wenn sie Dich so auer Dir findet? Mu sie nicht
glauben, der Arzt habe uns jede Hoffnung genommen?
    Hat er das gethan? fragte Eva. Sage es mir! o ich wei, da es so ist, und
dann sterbe ich auch. Ich mchte neben Julian begraben werden. Sie hielt inne,
dann bat sie: Agnes! wenn ich todt bin, la mich nicht von fremden Hnden
berhren, kleide Du mich an, ganz schlicht, ganz wei, wie Julian mich gern sah,
und das goldene Kettchen mit dem Flacon, das la mich auch im Grabe behalten, es
war Julian's letztes Geschenk.
    Sie vertiefte sich immer mehr in den Anordnungen fr den Fall ihres Todes
und beweinte diesen bald eben so herzlich und aufrichtig, als sie vorher Julian
beweint hatte. Dann sank sie wieder in die Kissen zurck, und schlummerte eben
auch wie ein Kind, vom Weinen ermdet, ein.
    Es war der Abend, der dem einundzwanzigsten Tage voranging. Die zehnte
Stunde war vorber, Eva's Wagen lange vor der Thre, sie abzuholen, aber Agnes
konnte sich nicht entschlieen, sie zu stren. Seit vielen Nchten hatte der
Schlummer ihre Augen geflohen, sie bedurfte der Ruhe, und auch Therese meinte,
es wrde besser sein, sie ruhig auf dem Sopha schlafen zu lassen, als sie zur
Heimkehr zu erwecken, da leicht die Nacht wieder ohne Schlaf vergehen und die
Einsamkeit ihr qualvoll sein mchte.
    Man verdunkelte die Lampe und Agnes zog sich in die Stube zurck, die dem
Krankenzimmer zunchst lag, um auf den ersten Wink Theresen's zur Hand zu sein,
falls man irgend einen Auftrag auszufhren htte. Vergebens ermahnte Therese
sie, sich zur Ruhe zu begeben, sie blieb beharrlich bei der Bitte, die Freundin
mge sie ihr Theil zu des Kranken Pflege beitragen lassen. Ein Nhzeug in der
Hand, vollstndig angekleidet, sa sie da, als, lange nach Mitternacht, Theophil
in das Zimmer trat, von dem Klingeln der Hausglocke auf die Vermuthung gebracht,
da irgend ein neues bedrohliches Ereigni vorgefallen sei. Ueberrascht blieb er
in der Thre stehen, als er das junge Mdchen erblickte. Sie legte den Finger an
die Lippen, zum Zeichen, da er leise auftreten mge. Sie sah sehr schn aus.
Der Schein der Lampe fiel auf ihr reiches schwarzes Haar, und der Ausdruck von
ruhigem Verstand gab ihr eine auffallende Aehnlichkeit mit der Madonna della
Sedia.
    Sie sind noch wach? fragte Theophil leise, als er an sie herantrat. Ermden
Sie denn nicht? Den ganzen Tag hindurch sehe ich Sie rastlos beschftigt; wird
das Nachtwachen fr Sie nicht zu anstrengend sein? Sie sind noch so jung!
    Haben Sie mich das wol gefragt, als der gute Prsident mich auf die
Maskerade gefhrt hat, von der wir auch erst sehr lange nach Mitternacht
aufgebrochen sind?
    Die Jugend ist die Zeit der Freude, meinte Theophil, mag sie genieen, so
viel sie kann. Zum Leiden findet sich immer spter noch Raum im Leben, und es
bleibt nicht aus.
    Grade darum, wendete Agnes ein, mu man uns schon in der Jugend unsern
Antheil an den Leiden nicht nehmen, wir lernen sonst ja nicht, sie zu ertragen,
wie wir sollen. Sehen Sie, wie unglcklich jetzt die arme Eva ist, da sie
nirgend helfen, nirgend ntzen kann! Ich habe in diesen Tagen es meiner Mutter
innerlich schon oft gedankt, da sie nie schwchliches Mitleid mit mir gehabt
und mich gelehrt hat, auch in schweren Stunden Muth und Kraft zu behalten. Ich
hoffe das Beste fr Julian und ich wollte nur, ich knnte Therese und Ihnen
Allen etwas von meiner Zuversicht geben, denn auch Sie, Theophil, sind gnzlich
niedergeschlagen seit heute Nachmittag. Haben Sie denn alle Hoffnung verloren?
    Alle Hoffnung verloren! wiederholte er trumerisch und sagte dann, als er
das Erschrecken von Agnes bemerkte: Verzeihen Sie, Liebe! ich war nicht bei
Ihren Worten, ich dachte nicht an Julian, ich sprach von mir.
    Sie schwieg und sah lange in sein trauriges Gesicht, wie er so vor sich
niederblickte. Je lnger sie ihn aber ansah, desto schwerer ward ihr das Herz.
Eine ungekannte Angst und Unruhe wurden in ihr wach. Sie wute nicht, ob sie
Theophil liebe, ihn bedauere, oder ob sie ihm zrne und sich beklage. Das Herz
klopfte ihr schwer in der Brust, sie fhlte sich so beklommen und traurig, da
ihr die Thrnen in die Augen traten, und, sich zu Theophil wendend, sagte sie,
als wolle sie ihre Thrnen damit entschuldigen: Es thut mir sehr leid, da Sie
unglcklich sind, lieber Theophil!
    Erstaunt und berrascht blickte er das junge Mdchen an, nahm ihre Hand und
rief: Mu ich denn auch Sie betrben, gutes, liebes Kind!
    Er behielt ihre Hand in der seinen, alles Blut drngte sich Agnes nach dem
Herzen, sie fing heftig zu zittern an und Theophil fragte ngstlich: Um Gottes
willen, was fehlt Ihnen? Sie sind krank, liebe Agnes! wollen Sie, da ich Jemand
rufe? Sie haben sich doch wol zu sehr angestrengt?
    Nein, nein! sagte sie, mir ist schon besser. Sie stand auf, wollte lcheln,
aber sie war so bleich geworden, da Theophil besorgt seinen Arm um sie legte.
Da neigte sich ihr schnes Haupt auf seine Schulter und leise weinend ruhte sie
an seiner Brust.
    Er fhlte das Schlagen ihres Herzens, es herrschte tiefe Stille umher. Agnes
war so jung und schn. Er hatte eben noch trauernd an Therese gedacht und doch
empfand er pltzlich eine ihm selbst befremdliche Neigung fr das junge Mdchen.
Fast ohne es zu wollen, drckte er sie an sein Herz, und ein leiser Ku berhrte
ihre Stirne, als Therese in angstvoller Hast mit den Worten eintrat: Schnell
einen Arzt, mein Bruder stirbt. Ohne Agnes und Theophil zu beachten, eilte sie
an das Krankenbett zurck, wo bald, von Teophil gerufen, der Arzt erschien.
    Das Uebel hatte seinen hchsten Grad erreicht, nach furchtbarer Erregung
trat ein pltzliches Ermatten ein; immer leiser wurden die Athemzge des
Kranken, immer schwcher das Schlagen seiner Pulse. Lautlos sa die Schwester an
des Bruders Bette; das einfrmige Ticken der Uhr ward ihr zur qualvollsten
Marter. In Todesangst zhlte sie die Sekunden, denn jede konnte die letzte fr
den Bruder sein. Sie wagte die Augen nicht von seinem Gesichte zu entfernen,
damit ihr kein Aufschlag der seinen verloren gehe, damit sein letzter Blick auf
sie falle.
    Theophil war bei ihr, der Arzt hielt die Hand des Prsidenten, um die
Pulsschlge zu beobachten. Pltzlich lie er sie los, gab Theophil ein Zeichen,
dieser trat leise an Therese heran und, getroffen von der Vernderung in des
Bruders Zgen, sank sie, Theophil von sich weisend, vor Julian nieder und
drckte ihre Lippen fest auf seine starre, eisigkalte Hand.
    Vergebens waren die Bestrebungen des Arztes und Theophil's, sie von dem
Bette zu entfernen. Sie bat, sie flehte, man mge sie allein lassen, nur allein
knne sie Ruhe und Kraft finden, und man fgte sich ihrem Willen.
    Der Arzt fuhr nach Hause, Theophil zog sich in sein Zimmer zurck, Eva
schlummerte ruhig fort und Agnes sa weinend in der Nebenstube, betubt durch
bas Leiden, das sie umgab, und verwirrt von der eigenen strmischen Erregung.
    Die tiefste Stille folgte der angstvollen Unruhe, die whrend der letzten
Stunden geherrscht. Von Zeit zu Zeit schlich Agnes an die Thre des Zimmers, um
nach Therese zu sehen. Die Unglckliche kniete regungslos auf derselben Stelle,
wie eine Figur auf einem Grabmale anzuschauen. Es schien, als habe das Leben
auch sie verlassen, und doch zerri der herbste Schmerz ihre Seele.
    Stunde auf Stunde schwand dahin, pltzlich war es ihr, als hre sie leise
Athemzge. Sie richtete sich empor, Niemand war im Zimmer. Verwirrt, entsetzt
blickte sie umher. Der Ton wiederholte sich. Sie stand auf, neigte ihr Haupt an
des Bruders Lippen, sie wagte ihrem Ohre nicht zu trauen, das Glck dnkte sie
unmglich. Zitternd in der Furcht, sich getuscht zu haben, blickte sie starr
auf ihn hin, da schlug dieser mhsam die Augen auf und Therese mute sich
gewaltsam zwingen, nicht durch ein unzeitiges Zeichen ihrer Freude den Kranken
zu erschrecken.
    Sie eilte zu Agnes. Es war schon heller Tag. Schnell wurde der Arzt abermals
herbeigerufen, Julian lebte. Ein Starrkrampf, der selbst den erfahrenen Arzt
getuscht hatte, war die Krisis gewesen. Nach vielen Tagen zum Erstenmal
erkannte Julian seine Umgebung wieder. Er reichte Therese die Hand, er nannte
ihren Namen. Sie erlag fast ihrer Freude, der Umschwung war zu gewaltig gewesen;
sie mute einen Augenblick den Bruder verlassen, um sich von den Eindrcken der
letzten Stunden zu erholen.
    Kaum aber sa sie in ihrer Stube, als Alfred bei ihr eintrat. Ganz frh am
Morgen hatte Theophil zu ihm geschickt, ihm den Tod des Prsidenten zu melden,
und noch war die freudige Botschaft der Besserung nicht zu ihm gelangt, als er
herbeigeeilt war, Therese zu sehen.
    Aller Schmerz der letzten Tage, alle Freude dieser Stunde bestrmten sie
aufs Neue, als sie Alfred's ansichtig ward, in dessen Antlitz die Trauer um den
Freund sich unverkennbar aussprach. Zagend ging er der Geliebten entgegen, aber
mit dem Ausruf: Er lebt, Alfred! er lebt! warf sie sich an seine Brust und
weinte ihre Freudenthrnen aus befreitem Herzen.
    Lange hielt er sie umschlungen, und sie entzog sich ihm nicht; sie duldete
und erwiderte seine Ksse, bis sie sich losri, um zu dem Bruder zurckzukehren.
    Inde war Eva erwacht, der Schlaf hatte sie erquickt, die Freude that das
Uebrige. Sie umarmte Agnes, Theophil, Alfred, sie schenkte der Dienerschaft, was
sie von Geld und Schmuck an sich hatte, und erklrte dann, mit einem raschen
Blick in den Spiegel, nun werde sie nach Hause fahren, um ihren Anzug in Ordnung
zu bringen.
    Ein neues Leben schien wie fr Julian, so auch fr alle Andern angebrochen
zu sein. Zwar war der Erstere wieder in die Nacht der Bewutlosigkeit
zurckgesunken, dennoch erklrte der Arzt die Gefahr fr beseitigt, und
versprach mit Zuversicht fortschreitende Genesung.

                                       XX


Ohne Theresen's Erlaubni erhalten zu haben, kehrte Alfred mehrmals im Laufe des
Tages zurck. Sie schien sich de zu freuen, obgleich sie ihn nur ganz flchtig
dabei sah, es erquickte sie, ihn in ihrer Nhe zu wissen.
    Als er spt am Abend nochmals wiederkam, fand er den Arzt bei ihr, der sie
und Agnes dringend bat, nun endlich an sich selbst zu denken, sich die Ruhe zu
gnnen, deren besonders Therese bedrftig war. Alfred vereinigte seine Bitten
mit denen des Doctors und machte den Vorschlag, Frau Berent als Stellvertreterin
zu holen, die mehrmals whrend der Krankheit des Prsidenten ihre Dienste
angeboten hatte.
    Ihre Tochter war hergestellt, der Mann durch Julian's Vermittelung zur
Einwilligung in die Scheidung bewogen, die Frau wnschte lebhaft sich dem
Prsidenten dankbar bezeigen zu knnen, und diese zuverlssige, erfahrene Frau
bei dem Bruder zu wissen, beruhigte Therese. Alfred selbst bernahm es also sie
zu holen.
    Auf dem Wege zu ihr sprach er bei Sophie ein, um auch ihr, wie er verheien
hatte, noch einmal Nachricht von Julian zu bringen. Was sie gelitten, in der
tdtlichen Qual der dauernden Ungewiheit, wer vermchte das zu beschreiben?
Tglich und immer flehender hatte sie Alfred beschworen, ihr den ersehnten
Anblick des Geliebten zu verschaffen, und immer hatte er es fr unausfhrbar
erklrt, immer sie auf eine andere Zeit vertrstet.
    Jetzt, als sie von seinem Auftrag hrte, eine Krankenwrterin fr die
nchste Nacht zu holen, schien pltzlich ein Gedanke in ihr aufzutauchen.
    Und wenn die Frau, die Sie holen wollen, behindert ist, fragte sie, was thun
Sie dann?
    Dann werde ich den Doctor oder sonst Jemand um eine andere zuverlssige
Wrterin fragen, entgegnete Alfred, denn Therese mu ruhen, wenn sie nicht
unterliegen soll.
    Jetzt ist es Zeit! rief Sophie, jetzt oder niemals kann ich ihn wiedersehen!
Ich beschwre Sie, Alfred, lassen Sie mich bei ihm wachen. Sagen Sie, die Frau
sei krank, sagen Sie, was Sie fr Recht halten, und lassen Sie mich ihre Stelle
vertreten.
    Unmglich! sagte Alfred. Wenn Therese, wenn Julian Sie erkennten, wie
peinlich mte es fr die Erstere, wie nachtheilig fr den Letztern sein. Das
ist unmglich, theure Sophie!
    Es soll mich Niemand erkennen, Alfred, versicherte sie, Sie selbst nicht.
Trauen Sie so viel meiner alten Gewohnheit, meiner Kunst, die ich zum
Letztenmal, zu meiner letzten eigenen Befriedigung ben will.
    Aber Sie werden es nicht ertragen. Julian ist sehr verndert, Ihre Bewegung
wird Sie verrathen.
    Und strbe ich des martervollsten Todes und wankte das Weltall um mich her,
kein Wort, keine Bewegung soll ihm verrathen, da ich es bin, die neben ihm
wacht. Bester, theuerster Freund, rief sie, vertrauen Sie mir, vertrauen Sie
meiner Liebe. Alfred! ein Frauenherz bricht eher, als es dem Geliebten ein Leid
zufgt. Knnen Sie Ihrem Freunde, knnen Sie seiner Schwester eine Pflegerin
schaffen, die treuer, liebender ber ihn wachte, als ich? Sie wissen, mein
Frieden hngt daran, ihn noch einmal zu sehen. Seien Sie barmherzig, Alfred! wer
wei, ob noch einmal der Zufall sich mir so gnstig bezeigt. Erfllen Sie meine
Bitte, Sie mssen, Sie werden es thun!
    Es sei! - sagte Alfred, ich wage es im Glauben an die Kraft weiblicher
Liebe. Kleiden Sie sich an. In einer Stunde komme ich, Sie zu holen.
    Sie sprach kein Wort, sondern schlug nur die Hnde zusammen und hob sie gen
Himmel empor, wie um zu danken fr die Erhrung eines heien Gebetes.
    Alfred sah die ausdrucksvolle Geberde mit Rhrung. Nun Muth und Kraft,
Sophie! sagte er, und verlie sie, um sich vorher noch in seine Wohnung zu
verfgen, wo er eine Besorgung hatte.
    Als er die Treppe seines Hauses hinaufstieg, schlich eine groe, in einen
dunkeln Mantel gehllte Figur an ihm vorber. Schon seit einigen Tagen war es
ihm vorgekommen, als folge ihm dieselbe in gemessener Entfernung, wenn er Abends
durch die Straen ging; er hatte es aber nicht sonderlich beachtet. Nun, da der
Schein des Gaslichtes auf den Trger des dunkeln Mantels fiel, erkannte Alfred
den Kaplan, der durch eine Seitenthre nach dem Theile des Hauses ging, in
welchem die Zimmer Carolinen's lagen. In der ersten Aufwallung des Zornes wollte
er ihm nacheilen, ihn zurckhalten; ein anderer Gedanke schien ihm aber zu
kommen, und er lie den Kaplan ungehindert seinen Weg verfolgen, der ihn bald in
Carolinen's Stube fhrte.
    Sie ging dem Kaplan entgegen, der ihre Hand mit einer schlechtverhehlten
Zrtlichkeit kte. Dann nahmen sie nebeneinander Platz und Ruhberg sagte: Ich
frchte, verehrte Freundin, da die Augenblicke, die ich heute bei Ihnen
verweilen darf, uns zugezhlt sind. Irre ich nicht, so ist Herr von Reichenbach
zu Hause und Sie wissen, wie ich es gern vermeide, ihm zu begegnen, wie nur die
innigste Theilnahme fr Sie mich veranlassen kann, Ihr Haus zu besuchen, das
zugleich das seine ist.
    O, ich wei es, rief Caroline; ich wei, da er Sie absichtlich krnkt, weil
er mich dadurch tief verwundet. Er will mich von Allem trennen, was mir werth
ist, er will mich ganz elend machen, damit ich den Zustand unertrglich finde,
damit ich die Scheidung verlange, die er ersehnt. Aber so lange Sie mir bleiben,
bleibe ich standhaft. Ihr Beistand soll mir den Muth und die Ausdauer geben,
mich fest und beharrlich im Guten zu zeigen.
    Wohl mir, wenn ich dazu die Fhigkeit htte, denn ich frchte, Ihnen stehen
harte Proben bevor, sagte Ruhberg. Nicht von mir ist es, da Herr von
Reichenbach Sie zu entfernen wnscht. Was ist dem stolzen Manne der unbedeutende
Priester? Was kann es ihn kmmern, ob seine Gemahlin denselben bei sich sieht,
da er selbst sie kaum seiner Beachtung wrdigt? Nur als Diener der Kirche
frchtet er mich; die geistige Pflege will er Ihnen entziehen, denn er hat den
Katholicismus und mchte Sie demselben entfremden. Das ist es, was meine
Besorgni erregt, und davor mchte ich Sie bewahren.
    Wie wenig kennen Sie Alfred, sagte Caroline, wenn Sie glauben, da er daran
denkt, mich der Kirche abwendig zu machen! Seine Gleichgltigkeit gegen die
Religion -
    Ist in Ha bergegangen, unterbrach sie Ruhberg, seit die Satzungen der
Kirche sich als unbersteigliche Scheidewand zwischen ihn und seine unerlaubte
Neigung stellen. Trauen Sie meinen Worten und dem Urtheil unserer Freunde, die
ihn beobachten. Es ist Alles nicht so, wie es sein sollte, und whrend er Sie
auf jede Weise beschrnkt, berlt er selbst sich einem Leben, das hart gegen
die heiligen Pflichten der Ehe verstt, die wahre, christliche Ehe vernichtet.
    Was meinen Sie damit? fragte Caroline erglhend.
    Was anders als das Verhltni, welches Ihnen so gerechten Kummer macht!
entgegnete Ruhberg mit merklicher Zurckhaltung.
    Nein! nein! sagte Caroline, das ist es nicht, Sie wissen mehr, Sie
verschweigen mir etwas. Bei Ihrem Amte, bei der Pflicht des Seelsorgers
beschwre ich Sie, mich nicht in Zweifel zu lassen. Ich bin auf Alles gefat,
was mir bevorsteht, aber die Ungewiheit ertrage ich nicht.
    Und wenn ich Ihre Bitten aus bergroer Schwche fr Sie erflle, was brgt
mir dafr, da Sie schweigen, da der gerechte Unmuth der beleidigten Ehefrau
Sie nicht hinreit, das Vertrauen zu verrathen, das ich Ihnen beweise?
    Der heiligste Eid, wenn Sie ihn fordern.
    Gut, sagte der Kaplan, so hren Sie denn, da Herr von Reichenbach ein neues
Verhltni mit einer Schauspielerin angeknpft hat, die frher die Freundin des
Prsidenten war. Er besucht Frulein von Brand nicht mehr, aber er bringt seine
Zeit bei der Schauspielerin Sophie Harcourt zu, und so innig und ganz ausfllend
mssen die gegenseitigen Beziehungen sein, da sie ihren Abschied von der Bhne
verlangt hat, vermuthlich um ausschlielich sich und ihrer Liebe zu leben.
    O, unerhrt, unerhrt! rief Caroline und stand auf, um in das Zimmer ihres
Mannes zu eilen.
    Der Kaplan hielt sie zurck. Wo wollen Sie hin? fragte er.
    Zu ihm!
    Ist das die Migung, die Ruhe, die ich forderte? Halten Sie so Ihr
Versprechen?
    Ich mu ihn sehen, ich mu ihm seine Treulosigkeit vorhalten! rief Caroline.
    Haben Sie persnlich Beweise dafr? fragte der Kaplan, oder wollen Sie ihm
sagen, da Sie mich gesehen, da Sie mir die Nachricht verdanken? Es wre ein
schlechter Lohn fr die Dienste, die ich Ihnen leiste in einer Zeit, in der mich
tausend neue Pflichten in Anspruch nehmen, denn es scheint im Rathe des Himmels
beschlossen zu sein, da mir die verantwortungsvolle Wrde unseres verstorbenen
Freundes auferlegt wird.
    Caroline hrte seine letzten Worte nicht. Ja! sagte sie, ich selbst mu mich
davon berzeugen, ich mu selbst Beweise haben fr seine Untreue, dann -
    Nun und was dann? fragte der Kaplan.
    Sie wollte sprechen, hielt aber das Wort zurck und Ruhberg ergnzte fr
sie: Dann werden Sie, schwergeprfte Freundin, sich berechtigt glauben, den
Ehebund zu lsen, der Sie so unglcklich macht, und frei sein, sich selbst und
Ihren Ueberzeugungen zu leben.
    Das sagen Sie, Herr Kaplan! rief Caroline, Sie, der Sie mir die Scheidung
stets als eine Snde vorgehalten haben? Sie, der mich fast gezwungen hat, nicht
einzuwilligen, als ich auf des Domherrn Rath geneigt war, auf den Willen meines
Mannes einzugehen?
    Damals hielt ich es fr mglich, den Frieden Ihrer Ehe herzustellen, damals
glaubte ich an eine Rckkehr Ihres Herrn Gemahls zu seiner Pflicht; aber diese
Zuversicht habe ich lange schon verloren, meinte mit bedauerndem Tone der
Kaplan.
    Da sah ihn Caroline forschend an und sagte: Sie hassen meinen Mann, Herr
Kaplan, das wei ich, und er hat es kaum besser um Sie verdient! Durch den
Prsidenten kenne ich aber auch das Verhltni, in dem unsere Gter zu der
Kirche stehen. Sagten Sie nicht, da Sie sichere Hoffnung htten, Domherr zu
werden an des verstorbenen Fernow Statt?
    Ja, wenn der Herr seinen Segen dazu gibt!
    Und jetzt scheint Ihnen die Scheidung erlaubt, die Sie frher verwarfen?
    Was bezweckt die Frage, gndige Frau!
    Nichts, gar nichts! mein Herr Kaplan, denn ich bedarf Ihrer Antwort nicht,
sagte Caroline spttisch. Aber nun begreife ich den Eifer, mit dem Sie mir die
neue Untreue meines Mannes zu verrathen eilten; nun verstehe ich die dringende
Ueberredung, mit der Sie mich veranlat haben, Sie gegen den Willen meines
Mannes zu sehen! Nun sehe ich ein, weshalb die Trennung unserer Ehe fr Sie
nicht mehr als unzulssig erscheint!
    Es war vergebens, da der Kaplan sie zu unterbrechen suchte, ihre Heftigkeit
lie es nicht dazu kommen.
    Sie selber haben mir die Augen aufgethan, rief sie, und jetzt erst sehe ich
klar! Aber Sie waren damit zu schnell, Herr Kaplan! denn wie sehr ich Sie auch
schtze, ehe ich mich und meinen Sohn vllig in die Abhngigkeit von einem
Dritten berantworte, ehe ich die Reichenbach'schen Gter dem freien Besitze
ihrer Eigenthmer entziehe, ehe ich meinen Sohn und mich, auch dem verehrtesten
Manne, auf Gnade und Ungnade bergebe, will ich lieber all das Leiden noch
lnger ertragen, das meine jetzigen Verhltnisse mir auferlegen.
    In dem Augenblick hrte man den Knaben in dem Vorsaal. Der Kaplan erhob
sich. Er hatte sein ruhiges Lcheln nicht einen Augenblick verlugnet.
Ueberlegen Sie, was Sie mir sagten, prfen Sie meine Behauptungen, theure
Freundin! sprach er, und wenn Sie sich, wie Sie mssen, von meiner
Wahrhaftigkeit berzeugt haben werden, wenn Sie, wie schon so oft, verzweifelnd
nach Beistand und Rath verlangen, dann denken Sie, da ein Diener der Kirche
Nachsicht hat fr die Verblendeten, da er persnliche Krnkungen zu vergeben
wissen mu. Ich darf und will mich nicht an Ihre Worte erinnern, gndige Frau,
denn Sie sind es nicht, es sind die Qualen der Eifersucht, die aus Ihnen
sprechen.
    Er wollte sich entfernen, Caroline blieb stehen, ungewi, was sie beginnen
solle. Pltzlich fragte sie: Wo sagten Sie, wo wohnt die Schauspielerin, derer
Sie gedachten?
    Ich wei es nicht, entgegnete der Kaplan, aber was thut es auch zur Sache,
da Ihre Geduld und Liebe Ihrem Gatten zu verzeihen wnschen.
    Sie wendete sich zornig von ihm ab. Ist Dein Vater schon zu Hause, fragte
sie den Knaben, der eben in das Zimmer trat. Felix bejahte es, und die Mutter
befahl ihm, den Vater zu ihr zu bitten.
    Der Knabe richtete die verlangte Botschaft aus, fgte aber aus eignem
Antriebe die Nachricht hinzu, da der Herr Kaplan dagewesen und eben
fortgegangen sei. Alfred wute das bereits.
    Das ist komisch, sagte Felix, der Herr Kaplan kommt so oft, lieber Vater,
aber immer, wenn Du nicht zu Hause bist. Er kommt immer nur zu der Mutter, nie
zu Dir!
    Alfred sah den Knaben berrascht an, erschrocken vor der sittlichen
Verwahrlosung, die denselben bedrohte. Felix misdeutete die Bestrzung des
Vaters und fgte begtigend hinzu: Ich meine, es ist doch unrecht von Mama, weil
Du es ihr neulich verboten hast, als ich in der Nebenstube war.
    Ein Sohn als Angeber seiner Mutter! ein Kind, eingeweiht in solche
Mishelligkeiten! sagte Alfred schaudernd zu sich selbst, und statt zu Caroline
zu gehen, hie er den Knaben der Mutter sagen, da er behindert sei, sie zu
sprechen, weil ein Geschft ihn zwinge, auszugehen.
    Er eilte, im Innern von dem traurigen Ereigni in seinem Hause beschftigt,
davon, um Sophie zu holen, die seiner bereits lange warten mute. Als er durch
die Sulenhalle vor seinem Hause schritt, vertrat ihm eine Frau den Weg. Es war
Caroline.
    Was willst Du? fragte er, berrascht sie zu sehen.
    Ich mu Dich sprechen, Alfred! sagte sie.
    Jetzt nicht, jetzt nicht! rief er ungeduldig. Hat Dir Felix nicht gesagt,
da ich beschftigt sei? Was soll die unnthige Eile?
    Alfred! man will uns arglistig trennen, der Kaplan -
    Jetzt pltzlich? rief er, aber halte mich nicht auf, spiele nicht Komdie,
Caroline! Ich bin nicht in der Laune, Dir dabei zu helfen, und die Strae ist
kein Ort dazu. Was wir miteinander zu sprechen haben, kann bis morgen ruhen.
    Er wollte an ihr vorbeigehen, sie aber hing sich an seinen Arm und sagte
ngstlich dringend: Alfred! Du gehst zur Harkourt! Woran soll ich mich halten,
wenn mein Mann mich verlt?
    An die Nachrichten und an die guten Lehren des Kaplans, entgegnete er ihr,
den ich Dir zu sehen verboten und dem Du die Nachrichten ber die Harkourt
vermuthlich verdankst.
    Er machte sich gewaltsam los und eilte davon.

                                      XXI


Als Alfred zu Sophien kam, erkannte er selbst sie kaum wieder. Sie hatte zu der
dunkeln, nonnenhaften Kleidung, die sie jetzt bestndig trug, eine Haube
aufgesetzt, die mit breiter Stirnbinde das Gesicht verhllte. Die geschickte
Anwendung von Schminke trug dazu bei, sie vllig unkenntlich zu machen, und
neben Alfred in einen Platzwagen steigend, fuhr sie nach der Wohnung des
Prsidenten.
    Wie sie es verabredet hatten, stellte Alfred sie Theresen als eine Wrterin
vor, die ihm Frau Berent als zuverlssig empfohlen habe, da sie selbst nicht
kommen knne. Therese nahm den Vorwand ohne Mistrauen an und Alfred hoffte,
falls sie jemals die Wahrheit entdecke, eine Entschuldigung in Sophien's Liebe
fr Julian zu besitzen.
    Er sprach Therese nur flchtig und im Beisein von Agnes; dann entfernte sie
sich, um Sophie in das Krankenzimmer zu fhren, wo sie ihr alle vom Arzte
gegebenen Verhaltungsbefehle fr die Nacht ertheilte. Alfred war erstaunt ber
Sophien's Selbstbeherrschung; ihre Bewegungen, der Ton ihrer Stimme waren ein
ganz fremder und sogar den franzsischen Accent, mit dem sie sonst das Deutsche
sprach, wute sie vollkommen zu berwinden. Weder Therese, noch Agnes und
Theophil schpften den geringsten Verdacht gegen sie, und mit vlliger
Selbstbeherrschung trat sie an das Lager des von ihr geliebten Mannes.
    In ngstlicher Gewissenhaftigkeit hrte sie auf Theresen's Anordnungen fr
den Kranken, versprach die grte Wachsamkeit und Sorgfalt und lie sich neben
dem Bette nieder, nachdem Therese sie dem Prsidenten als die Wartfrau
vorgestellt und sich entfernt hatte.
    Ihr sehnlichster Wunsch war erfllt, sie sah ihn wieder. Das starke dunkle
Haar des Prsidenten fiel auf die hohe Stirn herab, aber wie eingesunken waren
seine Schlfen, wie hohl die Augen! O! die unaussprechlich geliebten Augen! rief
es in Sophien's Seele und sie htte ihr halbes Leben darum gegeben, nur einmal
ganz leise ihre Lippen auf diese geschlossenen Lider drcken zu drfen.
    Aber der Kranke hatte keinen Blick fr seine Wrterin. Er lag ruhig da, in
tiefer Ermattung. Nur dann und wann forderte er einen jener kleinen Dienste, die
ihm sonst die Schwester geleistet hatte, und der gebrochene Ton seiner starken
Bruststimme klang traurig an Sophien's Ohr.
    Das war der Mann, den sie so sehr geliebt! Die engsten, heiligsten Bande
ketteten sie an ihn; im Einklang tiefsten Verstndnisses, in vollster Liebe
hatten ihre Seelen sich einst berhrt, sie war sein, ganz sein geworden. Sie
fhlte sich ihm zugehrend, ihm gleich an freier, schner Begeisterung fr das
Groe und Wahre; keine Ehefrau konnte ihrem Manne treuer ergeben sein, keine
aufopfernder lieben, und doch stand sie jetzt da, von dem Geliebten verlassen,
weil sie der Sitte getrotzt, weil die Welt sie tadelte, weil das oberflchliche
Urtheil der gleichgltigen Menge sie verdammte.
    Immer wieder regten sich die Fragen in ihr, die seit der Trennung von dem
Prsidenten der Mittelpunkt ihres Denkens geworden waren. Sie hatte sich
entschlossen, die Welt zu fliehen, welche sie verstie; sie wollte ihr liebendes
Herz der Menschheit weihen, weil Julian ihre Liebe verschmhte, und doch fragte
sie in dieser Nacht sich wieder: Was habe ich denn verbrochen? was gesndigt?
Kann Menschensatzung und Menschenwort verdammen und freisprechen? Kann das Snde
sein, was Tugend wird, wenn ein besoldeter Priester Worte des Segens darber
spricht, die man oft genug, zerstreut und von der mchtigeren Stimme im Innern
bertnt, kaum beachtet? Ich, die nichts verlangte, als das Glck des Geliebten,
bin die Verworfene, und jene Frau, die ihrem Manne das Dasein zu einer Qual
macht, wird von der Gesellschaft geduldet und geschtzt!
    Ihr ganzes Leben zog an ihrem Geiste vorbei. Sie dachte des Abends, da
Julian sich ihr zuerst vorgestellt und durch seine geistvolle Beredsamkeit einen
Eindruck auf sie gemacht, dessen Andenken nur mit ihrem Dasein enden konnte. Der
schmeichelnde, herzgewinnende Ton, mit dem er dann spter sie um Liebe gefleht;
der Jubellaut seiner Brust, als sie, zum ersten Mal an sein Herz gesunken und
hingerissen von der Gewalt ihres Gefhls, ihre Arme fest um seinen Hals
geschlungen - - das Alles war ihr gegenwrtig in diesen Stunden.
    Ihr war, als msse er sich aufrichten in gesunder Kraft, als msse er ihren
Namen rufen und ihr sagen, sie sei es, die in bangen Fiebertrumen das ganz
Unmgliche fr Wahrheit halte. Er konnte nicht die ganze selige Vergangenheit
vergessen haben, und, wenn er ihrer dachte, wie konnte er sie nicht zurcksehnen
als sein hchstes Glck? Jeden Augenblick hoffte sie, er msse wenigstens einmal
trumend von ihr sprechen, wie auf eine Himmelsbotschaft wartete sie darauf mit
der Zuversicht eines Glubigen.
    Aber sein Schlaf war sanft und traumlos, und sie mute sich darber freuen.
Sie wendete den Lichtschirm etwas zur Seite, um ihn besser zu sehen. Ein ruhiger
Friede war ber sein Angesicht verbreitet, der kalte, spttische Zug um seine
Lippen verschwunden, er sah sehr mild und freundlich aus.
    Hast Du denn nicht geahnt, da Du mein Herz gebrochen? fragte sie so leise,
da nur sie selber es vernahm. Wie kannst Du so ruhig sein, so friedlich
aussehen, und ich bin neben Dir und bin so elend?
    Sie kniete an seinem Lager nieder, ihre schwer errungene Fassung und
Entsagung schwanden gnzlich vor dem Anblick des Geliebten. Seine Hand hing
schlaff zur Seite herunter und flchtig wie ein Geisterwehen berhrten ihre
Lippen diese bleiche Hand.
    Aber er mute es doch empfunden haben, denn ein Lcheln glitt ber sein
Gesicht.
    Agnes, ses, liebes Kind! sagte er trumend in dem Augenblick, und der
Schmerzensschrei, der sich aus Sophien's Herzen hervorringen wollte, kehrte
unterdrckt als ein furchtbares Weh in ihre Brust zurck.
    Sie stand auf und nahm ihren Platz neben des Kranken Bette wieder ein. War
sie ihm doch nichts als eine Wrterin, deren er nicht gedachte. Heie Thrnen
strmten aus ihren Augen und fest und fester ruhten ihre Blicke auf seinem
Antlitz, denn es war das letzte, das letzte Mal, da sie ihn sah. Es war ihr
erster schwerer Dienst als barmherzige Schwester.
    So fand sie der Morgen. Erschpft und bleich ging sie Therese entgegen, als
sie sich nach dem Verlauf der Nacht zu erkundigen kam, und gab ihr den nthigen
Bescheid, den Jene mit groer Zufriedenheit anhrte; dann zog sie sich ngstlich
zurck, da Julian erwachte. Sie sah die Zrtlichkeit, mit der er die Schwester
begrte, das Glck in Theresen's Zgen; sie empfand es ebenso warm als diese,
aber wer dachte an sie?
    Ein Wink von Therese forderte sie auf, ihr in das andere Zimmer zu folgen,
wo sie verabschiedet werden sollte. Noch einmal, ehe sie das Gemach verlie,
wendeten sich ihre Blicke nach Julian zurck und klammerten sich mit der
Allgewalt der Liebe an ihm fest. Es war ihr, als trenne sich die Seele von dem
Krper, als sie ihre Augen von ihm losri. Der Kranke mochte ihr Zgern
bemerken, er machte ein leises Zeichen mit der Hand und sagte: Ich danke Ihnen,
Sie waren so sehr achtsam, liebe Frau! ich danke Ihnen! - und mit verhlltem
Angesicht strzte Sophie in dem Nebenzimmer auf die Kniee und rief: es ist
vollbracht!
    Therese wute nicht, wie ihr geschah; aber wie sie die Wrterin nun in der
vollen Beleuchtung des Tages nher ansah, war das Rthsel ihr gelst. Sie trat
an die Kniende heran und legte ihre Hand leise auf deren Schulter. Da richtete
Sophie sich auf und sagte: Es ist vorbei! jetzt kann ich gehen! aber ich mute
ihn noch einmal sehen, vergeben Sie mir! mignnen Sie ihn mir nicht, den
letzten trben Trost!
    Sie hatte ihre Ruhe wiedergefunden, aber die Spuren der Seelenschmerzen,
welche sie in dieser Nacht durchgekmpft, waren deutlich in ihrem Gesichte zu
lesen und sie vermochte kaum, sich aufrecht zu erhalten. Therese fhrte sie zum
Sopha, sie hielt ihre Hand umschlungen und bat sie, sich zu erholen, da sie
dessen bedrftig scheine. Arme, unglckliche Frau, wie sehr mssen Sie gelitten
haben, sagte sie, wie lebhaft empfinde ich mit Ihnen!
    Sie war sehr erschttert und ihre Augen schwammen in Thrnen. Sophie warf
sich an ihre Brust. O! rief sie, Sie weinen! Diese Thrnen sind meine
Freisprechung. Sie knnen, Sie werden mich nicht verdammen, weil ich ihn liebte,
weil ich ihn so sehr liebte, da ich darber Alles verga, Welt und Menschen und
Sitte. Ihn noch einmal zu sehen, und mich vor Ihnen zu rechtfertigen, das war
mein dringendstes Verlangen. Sie, die Julian und Alfred so tief verehren, Sie
waren fr mich der Richter, vor dessen Urtheil ich zitterte und von dessen
Gerechtigkeit ich dennoch Erbarmen erwartete, um meiner Liebe willen. Sie weinen
ber mich! nun kann ich ruhig scheiden, meine Schuld gegen die Sitte ist
getilgt. Sie erlsen mich durch Ihre Thrnen. Leben Sie wohl!
    Sophie! rief Therese schmerzlich, gehen Sie nicht fort, bleiben Sie hier,
bleiben Sie bei uns! Mein Bruder soll durch mich erfahren, was er an Ihnen
verliert; Sie bedrfen nicht der Einsamkeit, sich zurecht zu finden, eine Frau,
wie Sie, findet er nicht wieder. So viel Liebe, so edle Entsagung ist ja Tugend,
ist die hchste, weibliche Tugend. Mein Bruder kann so vieler Liebe nicht
widerstehen -
    Sophie lchelte schmerzlich. Htte ich darauf gehofft, ich wre nicht
gekommen, sprach sie sanft. Nicht um ihn wiederzugewinnen kam ich hieher. Ich
that es, weil ich nicht anders konnte.
    Und wenn mein Bruder genesen nach Ihnen verlangt, nach Ihnen fragt?
    Dann sagen Sie ihm, ich htte das Recht gehabt, mich aus Liebe fr ihn
aufzuopfern, und ich htte das niemals bereut, aber ihn mit mir hinabzuziehen,
meine Schande, den Tadel der Welt auf ihn zu wlzen, das vermag ich nicht, das
leiden weder meine Liebe noch mein Stolz.
    Wunderbares Mdchen! rief Therese.
    Es war mein hchstes Glck ihn zu beglcken, fuhr Sophie fort. Was kmmerte
mich das spttische Lcheln der Frauen, wenn ich an seiner Seite war und der
zrtliche Blick seines Auges mich wie ein undurchdringlicher Schild gegen die
Pfeile ihres Tadels schtzte? Ich war ruhig, ich war stolz in dem Gefhle, meine
Pflicht zu erfllen, denn ihn glcklich zu machen, gleichviel um welchen Preis,
dazu whnte ich mich geboren. Nun wei ich, da ich mich getuscht habe, da ich
es nicht vermochte, und deshalb gehe ich, um wenigstens Leiden zu lindern, da
ich nicht zu beglcken verstand.
    Sie erhob sich, nahm ein Medaillon von ihrem Halse und gab es Therese. Es
ist Julian's Bild, sagte sie weich, nehmen Sie es als ein Andenken von mir an,
als eine Reliquie unwandelbarer Liebe, und bitten Sie ihn, da er mein gedenke.
    Therese war in tiefes Nachdenken versunken; als Sophie sich anschickte sie
zu verlassen, stand sie auf, umarmte sie und sagte, das Haupt an Sophien's
Schulter gelehnt: O! wie viel wahrer, edler und besser sind Sie, als ich, die
ich aus selbstschtiger Scheu vor dem Urtheil einer kalten Menge nicht thue, was
mein Herz mich heit! - Was Sie gefehlt gegen die Sitte, wie gering erscheint es
mir in dieser Stunde gegen das Unrecht, das ich begehe! Dir wird vergeben
werden, Du darfst Dir vergeben, denn Du hast geliebt, whrend ich -
    Sie ruhten Herz an Herz in tiefer Stille. Pltzlich hrte man Schritte.
Sophie ri sich los, prete einen leidenschaftlichen Ku auf Theresens Stirne
und sagte: Gott segne Sie! Gott lohne es Ihnen, machen Sie Alfred glcklich! -
Damit ging sie schnell davon.

                                      XXII


Julian's Genesung schritt sicher, aber nur sehr langsam fort und mit der
Beruhigung ber seinen Zustand kehrten Theresen's Gedanken, nach Sophien's
Entfernung, doppelt lebhaft zu ihren eignen Verhltnissen zurck.
    Sie mute sich gestehen, da die Gewalt der Liebe, die sie zu Alfred zog,
strker war, als ihre festesten Entschlsse. Jeder unbewachte Augenblick fhrte
sie zu ihm zurck und oft schien es ihr, als lge in dieser mchtigen Liebe, wie
Sophie es genannt hatte, ihre Rechtfertigung. Sie kam sich klein und zaghaft
neben Sophien vor, und schalt dann ihre Liebe ohnmchtig und schwach, vor deren
Gre sie wenig Augenblicke vorher sich erschrocken abgewendet hatte.
    Sie wnschte Alfred zu sehen und frchtete sich davor, denn sie war nicht
mehr sicher, ihm gegenber die Ruhe zu bewahren, die sie fr Pflicht hielt. Ein
Zustand angstvoller Verwirrung kam ber sie. Sophien's rckhaltlose Liebe, die
alle Schranken niederwarf, allen brgerlichen Gesetzen Hohn sprach, um den
Geliebten zu beglcken und glcklich zu werden durch ihn, dnkte sie der Beweis
einer Seelenstrke, um die sie die Knstlerin beneidete; und dennoch stand
Sophie als warnendes Beispiel vor ihr und die Stimme der Wahrheit in der eigenen
Seele, die Stimme des Rechtes verwarfen jene Handlungsweise und hieen sie
ausharren und dulden.
    Aus diesem Schwanken rang sich der Gedanke in ihr empor, Alfred zu fliehen.
Sie wollte fort, sobald Julian genesen sein wrde. Sie fhlte, dies sei der
einzige Ausweg aus diesem Labyrinthe, und sie wollte ihn whlen. Aber whrend
sie an Trennung dachte, schienen ihr die Stunden zu Tagen, die Tage zu Jahren zu
werden, denn Alfred lie sich nicht mehr sehen.
    Bald frchtete sie seine Achtung eingebt zu haben durch die Schwche, mit
der sie sich neulich seiner strmischen Zrtlichkeit berlassen, bald whnte
sie, Alfred meide sie und zweifle an ihrer Liebe, weil sie sich bis jetzt
geweigert hatte, seinen Wnschen nachzugeben. Sie schrieb dem Geliebten und
zerri das eben Vollendete wieder, ihre Zweifel erreichten den Gipfel der
angstvollen Unsicherheit. So schwanden ihr drei lange Tage hin, ohne da sie
Alfred sah. Am Morgen des vierten Tages brachte man ihr einen Brief von ihm, der
also lautete:
    Meine Therese! Wenn dieses Blatt in Deine Hnde kommt, ist unser Schicksal
entschieden, ich bin frei und Du wirst mein. - Du wirst mein! fhlst Du die
Seligkeit dieses Gedankens? Erschrick nicht davor, es mute so kommen und ich
empfinde seit lange die ersten Stunden wahren Friedens, des Friedens mit mir
selbst, der aus der Ueberzeugung entspringt, das einzig Richtige, das einzig
Rechte gethan zu haben.
    Denkst Du des Tages, an dem wir ber die Wahlverwandtschaften sprachen? des
Tadels, den ich auf Charlotte warf, weil sie nicht den Muth gehabt hatte, Bande
zu lsen, die zu schmachvollen Fesseln geworden waren? In solchen Banden lagen
wir, und auch wir konnten zgern uns wrdig zu befreien, auch wir standen am
Rande des Verderbens.
    Um Dir genugzuthun, um Das zu erfllen, was ich in thrichter Verblendung
fr Pflicht hielt, strebte ich eine Verbindung aufrecht zu erhalten, die nie
htte geschlossen werden sollen, die innerlich unsittlich geworden war, weil ihr
die Liebe fehlte und das Vertrauen aus ihr entwichen war.
    Wir tragen Beide an der Schuld, Caroline und ich, wir sind Beide unglcklich
geworden, haben viel gelitten. Ich klage sie nicht an, ich spreche mich nicht
frei. Ueble Einflsse mancher Art und menschliche Irrthmer haben uns in diese
Verwirrung gestrzt, aus der wir uns nur gewaltsam befreien knnen. Vershnung,
Friede und Ruhe ist zwischen uns unmglich geworden. Ich war auf Dein Verlangen,
auf Carolinen's Wunsch noch einmal zu ihr zurckgekehrt; aber Mitrauen und
Eifersucht, Lge und Ha wuchsen zwischen uns auf wie rankende Giftpflanzen; sie
umschlangen Felix und drckten auch ihn nieder. Jeder freie Aufschwung des
Geistes ward mir unmglich, so bleiern schwer lag das Leben auf mir.
    Ich hatte mich selbst verloren. In Carolinen's Armen rief mein Herz Deinen
Namen und schaudernd stie ich sie von mir, wenn sie sich zu mir neigte. Ich
hate Caroline, weil sie strend zwischen uns stand, ich konnte einen Augenblick
mit Hoffnung daran denken, durch den Tod meines Sohnes frei zu werden von einer
Knechtschaft, die ich um seinetwillen erduldete.
    Dahin brachte mich das starre Halten an Dem, was ich fr Pflicht hielt und
was Snde war; Snde, Schande und Ehebruch unter dem scheinheiligen Deckmantel
der Pflichterfllung.
    Ich ehre die Ehe in ihrer Reinheit, als die schnste Verbindung des Mannes
und des Weibes. Weil ich das thue, lse ich meine Ehe mit Caroline auf, die eine
Lge ist und die uns herabzieht zu sittlichem Verderben, Dich, mich und sie. -
    Die erste Pflicht des Menschen ist, sich in Frieden zu erhalten mit der
Stimme der Wahrheit in der eigenen Seele. Nur wer das erreicht, darf daran
denken, das Wohl seiner Mitmenschen segensreich zu frdern. Ich whnte, es sei
meine Aufgabe, Felix das Erbe unserer Familie zu erhalten, ein Beschtzer der
Landleute zu bleiben, deren Gebieter ich geworden war, und ich hatte doch
aufgehrt mein eigener Herr zu sein. -
    Priesterherrschaft, und Lust an irdischem Besitz fr meinen Sohn,
beherrschten mich, ich war ihr Sklave geworden, und Lge, Feigheit, Heuchelei,
alle Laster des Unfreien kamen ber mich. Diese Bande sind auf immerdar
zerrissen. Ich bin rmer geworden an Hab und Gut, aber ich habe mich selbst
wieder gewonnen, meinen Sohn befreit, und ich werde Dich erringen.
    Die Scheidungsklage hat der Advokat seit gestern fr mich den Gerichten
bergeben. Er, wie Julian sind der Ansicht, da sie mich zwingt, dem Erbe meines
Onkels zu entsagen. Ich bin darauf gefat, und auch Felix soll dasselbe nie
bernehmen, damit er nicht, wie ich, durch geistige Knechtschaft zu solchen
Qualen gebracht werde, wie ich sie erlitten habe.
    Ich sage mich von dem Katholicismus los und nehme Felix in die Gemeinschaft
der Protestanten hinber. Mein Sohn soll ein freier Mann werden und keinen
Richter ber sein Gewissen haben, als die reinen, einfachen Satzungen des
Christenthums, die Jeder als Gesetz in dem eigenen Herzen findet, so lange er in
der Wahrheit und in der Schnheit lebt.
    Was ich geset in dem Kreise der Menschen, deren Loos das Schicksal fr
wenig Jahre in meine Hnde gelegt hat, wird, ich hoffe es zuversichtlich, nicht
verloren sein. Es wird Frucht tragen, und ich denke bald, wenn schon in kleinerm
Kreise, dasselbe Werk zu beginnen, in neuer, starker Freudigkeit und mit Deinem
Beistande, Du Geliebte!
    Der Advokat kennt meinen Wunsch, sobald als mglich frei zu sein, ich will
jedes Opfer bringen, das mich zu dem ersehnten Ziele fhrt. - Ich werde Berlin
verlassen, um einen kleinen Besitz zu kaufen, auf dem wir vereint leben und
wirken wollen. Sobald ich von Caroline geschieden, sobald ich frei bin, fhre
ich Dich in mein Haus und Du wirst es sicher nicht verschmhen darin zu wohnen,
obschon es kein Schlo mehr sein wird. Ich war ein Sklave und unglcklich in den
Schlssern, die ich besa. Frei und mit Dir! werde ich mich Herr und glcklich
fhlen unter dem bescheidenen Dache eines schlichten Landhauses, und Friede und
Liebe werden schtzend und belebend ber und in uns thronen.
    Muth und Hoffnung, Geliebte! vertraue mir. Seit ich den rechten Weg fr mich
gefunden, habe ich die Gewiheit, auch Du mtest ihn dafr erkennen und ihn
freudig an meiner Hand betreten. Wir haben in redlicher Absicht geirrt, das war
menschlich und verzeihlich. Zu beharren im Irrthum, wenn man die Wahrheit kennt,
ist Snde.
    Ich folge dem Briefe bald. Caroline bleibt, nach ihrem Wunsche, bis zur
erfolgten Trennung hier. Ich komme mit Felix Abschied von Dir zu nehmen und erst
an dem Tage, an dem Du ganz die Meine wirst, sehe ich Dich wieder. Mchte Deine
Seele so ruhig, Dein Herz so freudig sein als das meine. Gott mit Dir und sein
Segen mit uns und unserm Felix.
    Wie eine Himmelsbotschaft beseligend wirkte dieser Brief auf Therese. Die
Ruhe voller Ueberzeugung, welche aus jeder Zeile sprach, machte den tiefsten
Eindruck auf sie. All ihre Zweifel schwanden, sie fhlte sich erlst, und htte
mit dem Jubel der Hoffnung Alfred danken mgen, htte nicht die Erinnerung an
Caroline ihre Freude getrbt, auf deren zerstrter Ehe sich der Tempel ihres
Glckes grnden sollte.
    Ihr Zusammentreffen mit Alfred war ernst, fast feierlich zu nennen. Jene
Leidenschaft, die wie ein wildes Feuer ber ihnen zusammenzuschlagen gedroht, so
lange die Glut ihrer Herzen von Zweifeln, wie von einem gewaltigen Sturme
angefacht worden war, verklrte sich zu milder, erquickender Wrme, nun sie zur
Ruhe und zu einem festen sittlichen Entschlusse gekommen waren. Alfred legte den
Sohn in Theresen's Arme, und der feste mnnliche Druck seiner Hand sagte ihr
mehr, als die Sprache auszudrcken vermag. In Gegenwart des Knaben schieden sie
von einander ohne Ku, fast ohne Worte; aber in dem Tone, in dem Alfred auf
Wiedersehen! sagte, klopften die heiesten Pulse seines Herzens und es lag
darin die Brgschaft einer glcklichen Zukunft, schwer errungen nach langem
Irren, nach heiem Kampfe.
    Therese lebte neu auf in dem Seelenfrieden und in der Freude ber die
Herstellung des Bruders, der ihr mit voller Zrtlichkeit ihre ausdauernde Treue
zu danken strebte. Sobald sein Zustand es ihm erlaubte, an etwas auer sich zu
denken, fragte er nach Alfred und wnschte Agnes zu sehen. Therese sagte ihm,
da der Erstere verreist sei, ohne jedoch der stattgehabten Ereignisse zu
gedenken, die Julian noch unbekannt waren, und holte Agnes herbei.
    Der Prsident war noch schwach und hatte jene weiche, erregbare Stimmung,
die man oft bei Genesenden findet. Er bot Agnes die Hand und sagte, sie mit
sichtlicher Freude betrachtend: Nun, Agnes, lebe ich wieder und bin bald so
weit, da wir nachholen knnen, was Sie durch meine Krankheit entbehrten. Ich
mchte Sie gern recht froh in meinem Hause sehen, Sie recht glcklich machen, um
Sie zu entschdigen fr all die Trauer und Plage, die Sie um meinetwillen
ausgestanden haben. Sie sind mir aber deshalb doch nicht gram geworden, nicht
wahr, mein Kind?
    Agnes versicherte ihn, wie sie nichts entbehrt zu haben glaube, da sie
gewohnt sei, still und huslich zu leben. Bis ich in Ihr Haus und zu Therese
kam, kannte ich die Zerstreuungen der Stdte nicht, sagte sie, und ich werde sie
nicht vermissen, wenn ich wieder bei den Meinen sein werde.
    Und sind wir nicht die Ihren? fragte Julian, Sie denken wirklich daran, uns
im Frhjahr schon zu verlassen?
    Die Eltern bedrfen meiner und Sie wissen ja, da ich nur wenig Monate in
der Stadt bleiben sollte, entgegnete Agnes. Die starken Sonnenstrahlen, die in
das Zimmer fallen, erinnern mich nun sehr daran, da wir nicht lange mehr
beisammen sein werden.
    Sie sprach das mit einer innern Bewegung, die wehmthig aus den Worten
widerklang und die dem Prsidenten nicht entging. Sein Auge belebte sich, es
schien ihn ein angenehmer Gedanke zu beschftigen, er ergriff die Hand des
jungen Mdchens und sagte, sie in der seinen haltend: Es ist brav, Agnes, da
Sie nicht mit zu leichtem Herzen von uns gehen, und wenn es geschieht, so hoffe
ich, wir sehen uns bald wieder und es ist sicher nicht der letzte Winter, den
Sie mit uns zubringen. Wollen Sie wiederkommen? Wollen Sie wieder mit uns leben,
liebe Agnes?
    Gewi! entgegnete sie, Sie sind so gut. Sie stockte, wendete sich errthend
ab, vor dem langen, prfenden Blick des Prsidenten, der sie verwirrte, und
verlie das Zimmer.
    An der Thre desselben begegnete ihr der Assessor und setzte sich im
Nebensaale an ihre Seite, da sie an ihrem Nhtisch Platz nahm. Sie beantwortete
seine Fragen zerstreut und konnte nicht verbergen, da sie innerlich von irgend
einem Gedanken ausschlielich beschftigt sei. Theophil betrachtete sie mit
Ueberraschung und sagte: Ihnen mu etwas Besonderes begegnet sein, Liebe; denn
ich habe Sie selten, wie in diesem Augenblicke, verwirrt und unruhig gesehen.
Sie kommen von dem Prsidenten, was kann da vorgefallen sein? Er ist doch wohl?
    O ja! er denkt bald hergestellt zu sein. Sie seufzte und schwieg. Auch
Theophil's Brust entrang sich ein Seufzer.
    Wir werden nun bald scheiden, sagte er, denn nur bis zur gnzlichen Genesung
des Prsidenten bleibe ich noch hier.
    Agnes sah eifrig auf ihre Arbeit nieder, es entstand eine lange Pause.
Mehrmals versuchten Beide zu sprechen, es war aber, als knnten sie das rechte
Wort nicht finden. Endlich bemerkte Theophil: Wie sonderbar das Leben sich
gestaltet! Krank, gebrochen an Krper und Geist, langte ich bei den Freunden an.
Weder Julian noch Therese waren mir damals Etwas, nur der Wunsch meiner Eltern
fhrte mich her, und welche Reihe von Gefhlen habe ich hier durchlebt! Ich bin
genesen, ich habe Freude, Schmerz und groes Glck hier empfunden, und nun ist
das Alles auch wieder vorber. Das Stck ist ausgespielt, ich gehe fort, und
bald wird Niemand meiner gedenken von Allen, die ich hier verlasse.
    Sie sind ungerecht! sagte Agnes leise.
    Ich hre nur auf, eitel zu sein, entgegnete Theophil. Therese wird an
Alfred's Seite wenig Raum fr mein Andenken haben und Sie, Agnes? -
    Er sah sie fragend an, sie vermochte nicht die Augen aufzuschlagen und nhte
ruhig fort.
    Werden Sie an mich denken, Agnes? wiederholte er.
    Sie stand auf und trat in die Nische eines andern Fensters. Theophil folgte
ihr nach. Sie hatte die Stirne gegen die Scheiben gelehnt; als er sich zu ihr
wendete, sah er, da sie weinte.
    Agnes, rief er, wre es mglich, da diese Thrnen unserm Abschied gelten?
Gute, liebe Agnes! nur ein Wort sprechen Sie aus, bin ich Ihnen werth?
    Sie antwortete nicht und wollte hinauseilen, aber Theophil hielt sie zurck.
Hren Sie mich an, nur wenig Augenblicke! bat er dringend. Sie kennen, ich wei
es, meine Werbung um Therese, Sie kennen auch das Verhltni, in dem ich zu ihr
stehe. Wollte ich Ihnen sagen, ich htte Sie geliebt, seit ich Sie kenne, es
wre unwahr und Sie wrden es nicht glauben. Ausschlielich mit Therese
beschftigt, hatte ich fr nichts Anderes Sinn, war ich blind fr Ihre Vorzge.
Erst jetzt habe ich Sie kennen, Sie schtzen und Sie herzlich lieben lernen. Ich
wei, da ein Mdchen wie Sie die erste heie Liebe eines Mnnerherzens fordern
drfte, und doch biete ich Ihnen meine Hand. Knnten Sie mir vertrauen, Agnes?
Knnten Sie sich entschlieen meine Frau zu werden?
    Lieber Theophil, sagte sie ngstlich, ich mchte nicht - aus Mitleid sollen
Sie nicht -
    Theophil sah sie befremdet an; da nahm Agnes sich zusammen und sagte: Nein!
Theophil! ich mag nicht, da -, sie stockte und stie dann rasch die Worte
heraus: Sie sollen sich nicht aus Mitleid opfern, das wrde mich in meinen
eigenen und in Ihren Augen erniedrigen und dann wre ich sehr elend.
    Ich verstehe Sie nicht, Agnes! sprach er sanft, aber sagen Sie mir nur das
Eine, knnen Sie mich lieben? Nur das eine Wort; denn Sie sprachen in Rthseln
bis jetzt. Wie sollte ich Mitleid mit Ihnen fhlen, mit Ihnen -
    Weil Sie es ja wissen, da ich Sie liebe! Eva hat es Ihnen ja gesagt!
unterbrach ihn Agnes, laut aufweinend, und nun thue ich Ihnen leid.
    Du liebst mich? Du junger, schner Engel liebst mich! rief er in innigster
Freude und zog sie in seine Arme. Sage mir das noch einmal, noch einmal, damit
ich es glaube. Sie ruhte an seiner Brust und er kte die Thrnen von ihren
Wangen.
    Zu Therese, o kommen Sie zu Therese! bat Agnes, sobald sie sich aus dem
ersten Rausche des Entzckens gerissen hatte. Es kommt mir wie ein Unrecht vor,
da Sie mich lieben nach ihr. Was bin ich neben ihr?
    Ein schner, reiner Engel! rief Theophil, und bald mein theures Weib! Wie
wird sich Therese freuen, wie glcklich werden meine Eltern mit der Tochter
sein, die ich ihnen zufhre. Agnes, nur noch einmal sage mir's, da Du mich
liebst.
    Ich liebe Dich, sagte sie schchtern, dann, von ihrem Gefhl gehoben, warf
sie ihre Arme um seinen Hals und rief mit so freudiger Zrtlichkeit: O
unaussprechlich liebe ich Dich! da sein Herz davor erbebte.
    Er fhrte sie zu Therese; diese vermochte anfangs seinen Worten nicht zu
glauben. Denn selbst die klgsten Frauen begreifen es nicht leicht, wie schnell
die Umwlzungen in dem Herzen des Mannes vor sich gehen. Im Frauenherzen gibt es
zwar ein pltzliches Erglhen der Liebe, aber kein pltzliches Welken und neues,
schnelles Werden. Jedes Gefhl lt in dem Frauenherzen seine tiefen Spuren
zurck, der Mann, den eine Frau einmal geliebt, hrt nie vllig auf, in ihrem
Herzen fortzuleben und nur mhsam und schwer vermag ein Anderer den Platz
auszufllen. Anders empfindet der Mann. Theophil schwelgte in dem Gedanken an
die junge, schne Geliebte und er schien es nicht zu ahnen, da, ihr selbst
vielleicht kaum merkbar, ein leises Gefhl von gekrnkter Eitelkeit sich in
Therese regte, als er ihr unverhohlen seine Freude und sein Glck verkndete.
    Und in der That whrte die unbehagliche Empfindung Theresen's nur wenig
Augenblicke. Das Glck des jungen Paares that ihr wohl, wenn schon eine
Besorgni fr des Bruders Zukunft in ihr daraus erwuchs. Sie bat ihre jungen
Schtzlinge, ihr Bndni dem Prsidenten noch zu verschweigen, versprach die
Freiwerberin bei den Eltern des ihr anvertrauten Mdchens zu machen, und
verlangte von Theophil, da er unter irgend einem Vorwande sich entferne, bis
die Antwort derselben angelangt sein wrde.
    Er fgte sich ihrem Wunsche und es ward nun einsam in dem Hause. Agnes trug
ihre stillen Hoffnungen froh in ihrer Brust und vermochte kaum den Jubel ihres
jungen Herzens zu verschweigen. Julian, je wohler und krftiger er sich fhlte,
ward mehr und mehr von der Schnheit und Liebenswrdigkeit des Mdchens
ergriffen, die sich nun in doppeltem Glanze entwickelten, und Therese sah dies
Wohlgefallen ihres Bruders an dem jungen Mdchen mit geheimer Scheu. Es drngte
sie deshalb, Julian vor einer schmerzlichen Tuschung zu bewahren und ihm
zugleich zu verknden, welche Wendung ihr eigenes Schicksal whrend seiner
Krankheit genommen hatte.
    Eines Tages, als sie allein beisammen saen, holte sie Alfred's Brief herbei
und las ihn dem Prsidenten vor. Julian hrte ihn mit sichtlicher Genugthuung.
Als Therese geendet hatte, umarmte er sie und sagte: Alfred hat das Rechte
gethan und Ihr werdet glcklich sein. Es gibt Entschlsse, die aus voller
Ueberzeugung, aus innerster Seele hervorgehen mssen, und Thaten, wegen deren
man Niemand Rechenschaft schuldig ist als sich selbst. Die Trennung einer Ehe
ist eine solche. So lange ich ihn unentschlossen, leidenschaftlich erregt sah
von der Liebe zu Dir, rieth ich ihm ab, sich von der Frau zu trennen. Diese
Liebe konnte vorbergehend sein, er konnte mglicher Weise die Kraft haben, sie
zu berwinden. Der Widerwille gegen Caroline, die Miverhltnisse zwischen den
Gatten aber sind nicht zu vertilgen, und deshalb hat er nur die Pflicht, sich
von seiner Frau zu trennen, und das Recht, Dich und sich glcklich zu machen, so
glcklich, als ich Euch zu sehen wnsche.
    Er fragte Therese nach manchen Vorgngen, welche whrend seiner Krankheit
geschehen waren; man gedachte mehrfach der Vergangenheit und Therese erinnerte
ihn an den Abend, an dem sie mit so banger Besorgni der Ankunft von Agnes und
Theophil entgegengesehen hatte. Nun sind die Beiden uns so werth geworden, sagte
sie, haben uns nur Gutes gebracht, und grade ich, die mein Schicksal mit dem
Deinen unlslich verbunden geglaubt hatte, trenne mich nur von Dir, mein Bruder!
- Da die geschehen knne, htte ich niemals geglaubt und am wenigsten, da ich
so glcklich dabei sein wrde. Ich hatte allen Ansprchen an das Leben entsagt,
ich hielt mich fr zu alt, um hoffen zu drfen.
    Zu alt? fragte Julian. Was wrdest Du denn sagen, wenn ich Dir bekennte, da
ich mich nicht fr zu alt erachte, noch zu hoffen und mir eine neue Zukunft zu
grnden, wenn Du mich verlt. Ich habe - -
    Julian! fiel ihm Therese mit ngstlicher Eile ins Wort, Du stehst noch nicht
am Ende der Ueberraschungen.
    Sie wollte nicht, da er vor ihr seine Neigung fr Agnes gestehe, da sie
unerwidert geblieben war. Ein Gefhl von Stolz fr den Bruder machte ihr
Schmerz. Sie wnschte ihm die Krnkung zu ersparen, die Jeder empfindet, wenn er
von einer verschmhten Liebe sprechen mu.
    Ich bin nicht die einzige Braut in Deinem Hause, sagte sie, auch Agnes hat
sich mit Theophil verlobt.
    Julian wechselte die Farbe und rief: Agnes mit Theophil! das ist seltsam!
sehr seltsam, in der That!
    Therese wagte nicht, ihn anzusehen, es that ihr leid, da sie sich nicht
schnell entfernen konnte; sie wnschte etwas zu zu sprechen, etwas zu thun, um
das eintretende Schweigen zu unterbrechen. Das Erscheinen des Dieners, der Frau
von Barnfeld meldete, war ihr deshalb recht erwnscht.
    Sehr willkommen! sagte der Prsident, tief aufathmend.
    Er hatte Eva nach seiner Genesung noch nicht gesehen, da der Arzt bis jetzt
fast jeden Besuch in dem Krankenzimmer verboten hatte. Bei Eva's Eintritt stand
er auf und ging ihr entgegen, sie mit gewohnter Freundlichkeit zu begren. Eva
aber, sowie sie ihn erblickte, flog auf ihn zu und fiel ihm mit einem
Freudenrufe um den Hals. Dann, noch ehe der Prsident und Therese Zeit gehabt
hatten, sich von ihrer Verwunderung zu erholen, rief sie lachend, whrend ihre
Augen in Thrnen schwammen: Mein Gott, Vetter! stehen Sie doch nicht da wie eine
Salzsule! Ist's denn solch groes Wunder, da ich mich freue Sie wiederzusehen?
Ich bin freilich gegen Sie stets ber Gebhr gtig und liebevoll gewesen.
    Das sind die Himmlischen immer fr die armen Sterblichen und dies allein
gibt uns den Muth, noch mehr Gunst zu fordern, als man uns gewhrt, entgegnete
der Prsident, schnell wieder Herr ber sich geworden und auf den Ton der
schnen Eva eingehend. Er umarmte sie, kte sie noch einmal und sie lie es
lachend geschehen. Dann sprach er anscheinend heiter von den beiden Verlobungen
in seinem Hause.
    Sie sehen, sagte er, das Heirathen wird epidemisch unter uns; nehmen Sie
sich in Acht, Eva! so etwas steckt an.
    Nun dann hten Sie sich doppelt, denn nach Krankheiten ist die
Empfnglichkeit fr Ansteckung noch grer, neckte sie ihn.
    Weil ich das frchte, werde ich, sobald ich es kann, Urlaub fordern und ein
Ende fort, etwa bis nach Paris gehen, meinte der Prsident.
    Geht denn alle Welt jetzt nach Paris? fragte Eva.
    Wer ist denn sonst schon dort?
    Eva schwieg, der Prsident wiederholte seine Frage und Therese sprach
zgernd: Eva meint vielleicht die Harcourt.
    Ist sie dort engagirt? fragte Julian mit sichtlicher Theilnahme.
    Sie ist barmherzige Schwester geworden, wissen Sie das nicht? rief Eva.
    Nein! das wute ich nicht, sagte Julian schmerzlich, und Eva meinte: Wohl
ihr! Ich wollte, ich wre so weit als sie, denn ich habe auch gar keine Freude
mehr an dem leeren Treiben der groen Welt, bei dem oft das Herz bricht, whrend
man vor den Leuten dazu lachen mu.
    Sie haben wohl lange keinen Ball besucht? Die erste Einladung dazu wrde
Ihre Grille verscheuchen, schne Cousine! sprach Julian, dann versank er in
Nachdenken und sagte nach einer Weile leise, mit tiefer Wehmuth: Arme Sophie!
